Finanzwissenschaft
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Proportionalität kann dort keine Anwendung mehr finden, wo
keine Steuerfähigkeit vorhanden ist. Diese aber verschwindet
unterhalb einer gewissen Grenze *).,
Die Gerechtigkeit verlangt die Proportionalität der Steuer.
Eine Einheitssteuer muß streng proportional sein; wenn aber
mehrere Steuern nebeneinander bestehen, so kann es sein, daß
die Proportionalität der Besteuerung nur dadurch erreicht wird,
daß progressive Steuern neben solche treten, die umgekehrt
progressiv wirken, d. h. die kleinen Einkommen mehr als pro
portional belasten. Solcher Art sind z. B. Verbrauchssteuern.
Besser jedoch als das Korrektiv direkter progressiver Steuern
ist in derartigen Fällen die möglichste Herabsetzung der Ver
brauchssteuern, die das Prinzip der Proportionalität am meisten
verletzen 2 ).
Gauwes ist nicht Anhänger der einzigen Steuer; er würde
aber die von Ménier vorgeschlagene einzige Kapitalsteuer 3 ) der
einzigen allgemeinen Einkommensteuer vorziehen: 1. wegen der
Leichtigkeit der Feststellung des steuerbaren Gegenstandes bei
der Kapitalsteuer, 2. wegen der großen Unsicherheit bei der
Einkommensteuer, auf wen sie schließlich übergewälzt wird.
Indem man den Produzenten nach Maßgabe seiner Kapitalien
besteuert, erreicht man die Befreiung des Verkehrs von jedem
Hemmnis und eine bedeutende Vereinfachung der Steuererhebung.
Die Kapitalsteuer hat ferner im Vergleich zur Verbrauchssteuer
den Vorteil, daß sie eine Fähigkeit trifft, während diese ein
Bedürfnis, und zwar häufig ein wesentliches, belastet. Wenn
auch die Steuer übergewälzt wird, d. h. wenn ein Steuervorschuß
von jemandem gemacht werden muß, so ist es richtiger, ihn
dem Kapitalisten als dem Verbraucher zur Last zu legen 4 ).
Zu der Steuerreform in Frankreich nimmt Gauwès in
folgender Weise Stellung: Es ist eine schwere Unvorsichtigkeit,
ein ganzes Steuersystem in globo zu beseitigen, um ganz neue
und folglich mehr oder minder aleatorische Einnahmen an dessen
Stelle zu setzen. Es würde sich viel eher empfehlen, die be-
*) ibid. p. 274—275 fis.
2 ) ibid. p. 279.
3 ) Charles Ménier, Théorie et Application de l’Impôt sur le Capital,
Paris 1874.
4 ) Cauwès, loc. cit. p. 813 fis.