Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
Henschel, selbständiger Fuhrmann in dem Hotel eines schlesischen 
Bades, ein herkulisch gebauter, gutmütiger, gerader, aber nicht 
weltkluger Mann, hat im Haushalt mehrfach Unglück gehabt 
und ist im Begriff, seine Frau zu verlieren. Diese erschließt, 
hilflos ans Bett gefesselt, aus kleinen Zügen gutmütigen Ent⸗ 
gegenkommens ihres Mannes gegenüber der Dienstmagd Hanne 
eine Neigung zu derselben; eifersüchtig läßt sie sich von Henschel 
versprechen, daß er nach ihrem Tode Hanne nicht heiraten 
werde. Henschel giebt das Versprechen, ohne ihm großen Wert 
beizulegen, da er sich rein fühlt (erster Akt). Die Frau stirbt. 
Henschel entschließt sich auf Zureden des Hotelwirts, Hanne 
gleichwohl zu heiraten, da er von deren hartem, ja grund⸗ 
bösem Charakter trotz langer Möglichkeit der Beobachtung keine 
Ahnung hat (zweiter Akt). Hanne, nun Frau Henschel, ist 
ihrem Mann untreu; ein Kind aus der ersten Ehe, das sie zu 
pflegen hatte, stirbt. Henschel leidet unter der Ehe; in seiner 
Gradheit glaubt er, frohes Leben in sein Heim bringen zu 
kinnen, indem er ein uneheliches Kind seiner Frau, dessen Dasein 
ihn nicht von der Heirat abgehalten hatte, dieser ohne ihr 
Wissen zuführt. Der Eindruck bei der Frau ist der entgegen— 
gesetzte des erwarteten (dritter Akt). Andere Leute kennen die 
Frau besser. Henschel wird an öffentlichem Orte, im Wirts— 
hause, von der Untreue seiner Frau unterrichtet, nachdem er 
schon lange unter der stillen Zurückhaltung früherer Freunde 
gelitten (vierter Akt). Er bricht unter der Wahnvorstellung, 
daß sein Unglück Folge des Bruches des Versprechens an 
seine erste Frau sei, zusammen und giebt sich selbst den Tod 
fünfter Akt). 
Man sieht auf den ersten Blick, daß es sich hier nicht 
bloß um eine der impressionistisch herkömmlichen Katastrophen 
handelt; nicht die zufällige Störung eines labilen Gleichgewichts 
erzeugt plötzliches Verderben, sondern das längere Nebeneinander 
zweier Charaktere reift allmählich das Unglück. Charakteristisch 
hierfür ist schon, daß in dem Stück wohl die Einheit des Ortes 
gewahrt ist, nicht aber mehr die der Zeit. Dabei ist einer 
dieser Charaktere kieselhart und im ganzen darum unveränder—
	        
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