fullscreen: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

8638) Die Lohnpolitik der Gewerkvereine. Der Beitrittszwang. 405 
die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Arbeiter des Gewerbes. Man hat dem System 
vorgeworfen, es unterdrücke durch die Forderung gleichen Lohnes für alle den Ehrgeiz 
und die Anstrengung, befördere die Mittelmäßigkeit, ja Faulheit. Davon ist keine 
Rede: die Minimalloöhne sind meist Akkordfätze, womit der eine 25, der andere 80, der 
dritle 40 Me. in der Woche verdient; soweit es Zeitlöhne sind, ist ihr Tarif ein ab⸗ 
gestufter; fast stets ist bei der Vereinbarung über Minimalldhne eine thatsächliche 
höhere Bezahlung der besseren Arbeiter nicht ausgeschlossen. Der Kampf um dieses 
System hat in der englischen Gewerkvereinswelt in der Hauptsache die Anwendung der 
anderen äͤlteren Mittel zurückgedrängt; es wirkt ausschließend nur auf geringe Kräfte, 
die den Normallohn nicht verdienen; es erzeugt ein Ausleseverfahren, nötigt die Arbeit⸗ 
geber, nach den Leuten mit dem besten Charakter, der größeren Intelligenz, der höheren 
dechnischen Geschicklichkeit zu suchen. Es ist ein System, das die besten Betriebe, die 
zünstigsten Gewerbszweige des Landes auf Kosten der rückständigen Betriebe, der Ge⸗ 
werbszweige mit geringeren Vorzügen fördert. Es macht wesentlich nur die Konkurrenz, 
die auf buͤlige Löhne spekuliert, unmöglich. Das geforderte Minimum an Lohn und 
Gesundheitsbedingungen und das gesorderte Maximum an Arbeitszeit kann natürlich 
nicht in allen Gewerbszweigen gleich sein; es wird sich der Technik jedes Gewerbes, den 
hier geforderten Körper- und Geisteskräften anpassen. Aber es wird die Folge haben, 
daß den Zweigen der nationalen Arbeit, welche kein solches Minimum verteidigen, die 
schlechteren Arbeitskräfte mit geringerem Lohn und geringerer Leistungsfähigkeit zu— 
geführt werden. 
g) Die Mittel zur Durchführung dieser Gewerkv ereinspolitik sind nun, 
wenn vir von den Gewaltsamkeiten absehen, folgende: 1. die Agitation für den Bei— 
tritt aller Fachgenossen, 2. die Arbeitseinstellung, 3. die Verrufung gewisser Werk—⸗ 
ftällen und Wacen und 4. die Bestrafung der Vereinsmitglieder, die nicht gehorchen. 
Der Wunsch der Vereine, das gesamte Angebot der Arbeiter zu beherrschen, ist 
natürlich; sie erreichen bei der gelernten Facharbeit dieses Ziel, wenn sie einerseits nur 
geschickte und gelernte Arbeiter aufnehmen, andererseits es durch ihre Agitation dahin 
bringen, daß 80 —98 0/0 beigetreten sind. Wer als Mitglied sich den Majoritäts⸗ 
beschlüfssen nicht fügt, muß austreten oder wird ausgeschlossen, verliert seinen Anteil 
an dem VBermögen, ist wirischaftlich meist ein ruinierter Mann. Er findet in größeren, 
besseren Betrieben keine Sielle mehr. In solchen Gewerben dulden die Arbeiter keine 
Nichtunionisten neben sich. Natürlich ist Derartiges nicht möglich, wo die Gewerk⸗ 
— ist überall eine ähn⸗ 
liche; das letzte Ziel ist, wie einst bei den Zünften, der moralische, der thatsächliche, wenn 
auch noch nicht der rechtliche Beitrittszwang. Die Arbeiter sind überzeugt, hierauf im 
Interesse ihres Berufes, ihrer wirtschaftlichen Existenz ein Recht zu haben; fie halten 
deshalb auch die Auwendung von allen möglichen Mitteln, Drohungen, Postenstehen, 
um bei einer Arbeitseinftellung den Zuzug abzuhalten, für erlaubt. Die Webbs sagen, 
wenn Gewerkvereinler behaupieten, daß ihre Leute durchaus auch mit Nichtunionisten 
arbeitelen, so möchten sie in gutem Glauben gewesen sein, wahr sei es nicht. „Die 
Verhängung des Ostrakismos über Nichtunionisten wird mehr und mehr die Seele der 
Bewegung. Ohne gewisse Zwangsmethoden für' die Majoritatsbeschlüfse ist keine wirk— 
same Gewerkvereinspolitik möglich.“ Holyoake, der englische Vorkämpfer für Genossen⸗ 
schaften sagt: „Der schwache Punkt der Unionisten ist ihre Gewalt, ihre Negation der 
persönlichen Freiheit.“ Brassey meint, „der Gewerkverein ist illiberal, kastenartig, ohne 
Verftändnis für andere Interefsen“. Jede Koalition der Arbeiter wie der Arbeitgeber 
muß suchen, ihr ganzes Marktgebiet einheitlich mit ihren Anordnungen zu umspannen. 
Der volle Sieg der Gewerkvereinsbewegung würde, wenn er eintritt, an die 
Stelle der früheren lokalen Meisterzünfte nationale Arbeiterzünfte setzen; ein großes 
Stuck unserer heutigen Gewerbefreiheit und freien Konkurrenz verschwaͤnde damit. Es 
ragte sich dann, wo Gesetz, Verwaltung und Vereinbarung die Grenze des Zwanges 
setzen, das Kompromiß zwischen individueller Freiheit und Vereinszwang errichten. Der 
große leßte Maschinenbauerstreik in England (1897 —1898) endete mit gegenseitigen Zu—
	        
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