354
2. Gehen Sie oft in den Wald? Was denken Sie, wenn Sie auf
dem Waldboden liegen, ringsherum tiefe Einamkeit?
Man könnte der Ansicht zuneigen, daß, je größer die Reibungsflächen
der Kultur, desto intensiver das Naturgefühl. Natur
im Geiste Rousseaus verstanden, als der direkte Gegensatz
zur Kultur, die als eine Entartung des Natürlichen erscheint.
Als solche übergeordnete Gewalt bildet sie nach den Ergebnissen
der Untersuchungen die Zuflucht, zu welcher die
Menschen sich drängen, wenn die Widersprüche des Lebens
sich zu spitzen und häufen. Da liegen Abhandlungen vor von
50 und mehr Seiten, teilweise in poetischer Verklärung, wie
sich diese gehetzten, ruhelosen Menschen mit den Blumen und
Tieren des Waldes unterhalten. Man wird unwillkürlich an eine
Gestalt aus dem Mittelalter erinnert. Es ist Franz von Assisi,
dessen Philosophie die allermerkwürdigste Vermählung zeigt
zwischen christlichem Ideal und dem Gefühl eines alldurchdringenden
Pantheismus. Der Dichter der „Fioretti“ predigt den
Tieren des Feldes, lebt mit ihnen zusammen, horcht auf ihre
Stimmen, als sprächen Freunde zu ihm. Sonne, Mond und
Sterne lächeln wie anteilnehmende Wesen hernieder, die ihm
zuliebe leuchten und glänzen. Ja, die Naturerscheinungen sind
alle so hold Und freundlich, fügen sich so harmonisch zusammen,
daß er unbefangen und furchtlos von „nostra sorella la
morte“ spricht. * Aus der Menge der Naturbetrachtungen, die
das innige Verhältnis zwischen Mensch und Blumen symbolisieren,
die eines Spinners: „Da lag ich an geschützter Stelle
unter hohen Bäumen. Die Sonne sandte freundlich nach einer
kalten Nacht ihre belebenden Strahlen hernieder. Da erblickte
ich fast neben mir im Busche zwei Buschwindröschen, die
trotz der frostigen Nächte der vergangenen Woche ihre milchweißen
Blüten mit einem gelben Stern in der Mitte so jungfroh
der Sonne zum Kusse boten. Wohl überkam mich einen Augenblick
das Verlangen, beide zu brechen und ihnen als ein Geschenk
des Frühlings einen Platz an meiner Brust einzuräumen. Da
klang es mir tieftraurig entgegen: Aber wir werden an Deiner
Brust verdorren. Da schämte ich mich.
* Alexander von Gleichen-Rußwurm,