Object : Die Arbeiterfrage

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2.  Gehen  Sie  oft  in  den  Wald?  Was  denken  Sie,  wenn  Sie  auf
dem  Waldboden  liegen,  ringsherum  tiefe  Einamkeit?

Man  könnte  der  Ansicht  zuneigen,  daß,  je  größer  die  Reibungsflächen ­
  der  Kultur,  desto  intensiver  das  Naturgefühl.  Natur ­
  im  Geiste  Rousseaus  verstanden,  als  der  direkte  Gegensatz
zur  Kultur,  die  als  eine  Entartung  des  Natürlichen  erscheint.
Als  solche  übergeordnete  Gewalt  bildet  sie  nach  den  Ergebnissen ­
  der  Untersuchungen  die  Zuflucht,  zu  welcher  die
Menschen  sich  drängen,  wenn  die  Widersprüche  des  Lebens
sich  zu  spitzen  und  häufen.  Da  liegen  Abhandlungen  vor  von
50  und  mehr  Seiten,  teilweise  in  poetischer  Verklärung,  wie
sich  diese  gehetzten,  ruhelosen  Menschen  mit  den  Blumen  und
Tieren  des  Waldes  unterhalten.  Man  wird  unwillkürlich  an  eine
Gestalt  aus  dem  Mittelalter  erinnert.  Es  ist  Franz  von  Assisi,
dessen  Philosophie  die  allermerkwürdigste  Vermählung  zeigt
zwischen  christlichem  Ideal  und  dem  Gefühl  eines  alldurchdringenden ­
  Pantheismus.  Der  Dichter  der  „Fioretti“  predigt  den
Tieren  des  Feldes,  lebt  mit  ihnen  zusammen,  horcht  auf  ihre
Stimmen,  als  sprächen  Freunde  zu  ihm.  Sonne,  Mond  und
Sterne  lächeln  wie  anteilnehmende  Wesen  hernieder,  die  ihm
zuliebe  leuchten  und  glänzen.  Ja,  die  Naturerscheinungen  sind
alle  so  hold  Und  freundlich,  fügen  sich  so  harmonisch  zusammen, ­
  daß  er  unbefangen  und  furchtlos  von  „nostra  sorella  la
morte“  spricht.  *  Aus  der  Menge  der  Naturbetrachtungen,  die
das  innige  Verhältnis  zwischen  Mensch  und  Blumen  symbolisieren, ­
  die  eines  Spinners:  „Da  lag  ich  an  geschützter  Stelle
unter  hohen  Bäumen.  Die  Sonne  sandte  freundlich  nach  einer
kalten  Nacht  ihre  belebenden  Strahlen  hernieder.  Da  erblickte
ich  fast  neben  mir  im  Busche  zwei  Buschwindröschen,  die
trotz  der  frostigen  Nächte  der  vergangenen  Woche  ihre  milchweißen ­
  Blüten  mit  einem  gelben  Stern  in  der  Mitte  so  jungfroh
der  Sonne  zum  Kusse  boten.  Wohl  überkam  mich  einen  Augenblick ­
  das  Verlangen,  beide  zu  brechen  und  ihnen  als  ein  Geschenk
des  Frühlings  einen  Platz  an  meiner  Brust  einzuräumen.  Da
klang  es  mir  tieftraurig  entgegen:  Aber  wir  werden  an  Deiner
Brust  verdorren.  Da  schämte  ich  mich.

*  Alexander  von  Gleichen-Rußwurm,
            
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