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        <title>Der Akkordlohn in der großindustriellen Maschinenindustrie</title>
        <author>
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            <forname>Hans</forname>
            <surname>Meidlein</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
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        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1000064808</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
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        WKW
I;  ;r;S;

Der  Akkordlohn  in  der
grotzindujtriellen  Maschinenindustrie.

Inaugural-Dissertation

zur
Erlangung  der  Doktorwürde
der
hohen  Philosophischen  Zakuttät
der

^riedrich-Klexanders-Umversität  Erlangen

vorgelegt  von
Hans  Meidlein
c&amp;gt;U5  Nürnberg.

Tag  der  mündlichen  Prüfung!  lO.  März  ZY14.

M'fr  H  ^31

i

Nürnberg  1914.
Buch-  und  Bunstdruckerei  Benedikt  lzilz.
        <pb n="2" />
        Cr  Cr'

Inhaltsangabe.

©eite
Inhaltsangabe  g
Angabe  der  benützten  Literatur  5
Einleitung  7
®ie  Entlohnung  im  Organismus  eines  Betriebes  g
a)  Entlohnung  und  Ökonomie  10
b)  Entlohnung  und  Selbstkostenberechnung  ig
c)  Entlohnung  und  Statistik  18
Die  Entlohnung  und  der  Arbeitsprozeß  24.
a)  Modellschreinerei  25
b)  Gießerei  27
c)  Einfluß  der  Verhältnisse  von  Arbeitnehmer  zu  Arbeitgeber  84
Die  Entwicklung  des  Akkordlohnes  36
Die  Akkordfestsetzung  44
Die  Akkordgrenze  154
Schluß  70
        <pb n="3" />
        Benützte  Literatur

Untersuchungen  über  die  Entlöhnungsmethoden  in  der  deutschen  Eisen-  und
Maschinenindustrie.  Herausgegeben  im  Namen  des  Zentralvereins  für  da»
Wohl  der  arbeitenden  Klassen.  Nämlich:
Bosselmann,  Die  Entlöhnungsmethoden  in  der  südwcstdeutsch-luxemburgischen ­
  Eisenindustrie.  Berlin  1906.
Günther,  Die  Entlöhnungsmethoden  in  der  süddeutschen  Maschinenund
  Elektrizitätsindustrie.  Berlin  1909.
Heiß,  Die  Entlöhnungsmethoden  in  der  Berliner  Feinmechanik.  Berlin  1909.
I  e  i  d  e  l  s,  Die  Entlöhnungsmethoden  in  der  Eisenindustrie  Rheinlands
und  Westfalens.  Berlin  1908.
R  e  i  ch  e  l  t,  Die  Arbeitsverhältnisse  in  einem  Berliner  Großbetriebe  der
Maschinenindustrie.  Berlin  1907.
Schulte,  Die  Entlöhnungsmethoden  in  der  Berliner  Maschinenindustrie.
Berlin  1907.
T  i  m  m  e  r  m  a  n  n  ,  Die  Entlöhnungsmethoden  in  der  hannoverischen  Eisenindustrie. ­
  Berlin  1906.
Ferner:
L.  Bernhard,  Die  Akkordarbeit  in  Deutschland.  Leipzig  1903.
Schloß  und  L.  Bernhard,  Handbuch  der  Löhnungsmcthoden.  Leipzig ­
  1906.
E.  Bernhard,  Höhere  Arbeitsintensität  bei  kürzerer  Arbeitszeit.  Leipzig ­
  1909.
A.  L  ö  h  r,  Beiträge  zur  Würdigung  der  Akkordlohnmethode.  M.-Gladbach ­
  1912.
A.  Ballewski,  Der  Fabrikbetrieb.  Bearbeitet  von  C.  Lewin.  Berlin ­
  1912.
I.  Lilie  nthal,  Die  Fabrikorganisation,  Fabrikbuchsührung  und  Selbstkostenberechnung
  bei  der  Firma  L.  Löwe  &amp;amp;  Co.,  A.-G.,  Berlin.  Berlin.
G.  Schlesinger,  Selbstkostenberechnung  im  Maschinenbau.  Berlin  1911.
C.  M  a  t  s  ch  o  ß  ,  Die  Entwicklung  der  Dampfmaschine.  Berlin  1908.
F.  W.  Taylor,  Die  Grundsätze  wissenschaftlicher  Betriebsführung.  Deutsche
Ausgabe  von  R.  Roeßler.  1913.
        <pb n="4" />
        6

O.  v.  Z  wiedineck-Südenhorst,  Eine  Verbesserung  des  Systems
gleitender  Lohnskalen.  In:  Annalen  für  soziale  Politik  und  Gesetzgebung ­
  I,  2  u.  3.  Berlin  1911.
Derselbe,  Beiträge  zur  Lehre  von  den  Lehrformen.  Zeitschrift  für  die  '
gesamte  Staatswissenschaft.  Ergänzungsheft  XIV.  Tübingen  1901.
M.  Weber,  Zur  Pfychophysik  der  industriellen  Arbeit.  Archiv  für
Sozialwissenschaft  und  -Politik,  27.  Bd.
O.  v.  Zwiedineck-S.,  Neue  Literatur  über  die  Lohnfrage.  Archiv  sllr
Sozialwissenschaft  und  -Politik,  28.  Bd.  1909.
Bernstein,  Einige  Reformversuche  im  Lohnsystem.  Archiv  für  Sozialwissenschaft. ­
  1902.
Derselbe,  Die  Bedeutung  der  Lohnformen.  Sozialistische  Monatshefte  I.  1901.
W.  P  u  p  k  e  ,  Lohnstatistik  in  Deutschland.  Jnaug.-Diss.  Halle  a.  S.  1907.
F.  N.  Z  a  h  n  b  r  c  ch  e  r,  Lohnstatistik.  Nürnberg  1913.
Zeitschriit  des  Vereins  deutscher  Ingenieure.  1890  bis
1913  passim.
Technik  und  Wirtschaft.  Monatsschrift  des  Vereins  deutscher  Ingenieure. ­
  Sämtliche  Bände.
Werkstattstcchnik,  Herausgegeben  von  A.  Schlesinger,  sämtliche  Bände.
Metallarbeiter-Zeitung,  teiltveise.
        <pb n="5" />
        Einleitung.
An  Arbeiten  über  Entlöhnnngsmethoden  fehlt  es  nicht.  Das
Interesse  für  die  Fragen,  die  das  Lohnwesen  betreffen,  war  in
den  letzten  Jahren  sehr  rege.  Den  grundlegenden  Arbeiten  von
David  Schloß  und  Ludwig  Bernhard  folgte  eine  große  Anzahl
von  meist  kleineren  Arbeiten,  die  das  Problem  der  Entlohnung
von  verschiedenen  Seiten  aus  in  Angriff  nahmen.  Die  wirtschaftliche ­
  und  soziale  Bedeutung  der  verschiedenen  Methoden  wurde
festgestellt,  die  physischen  und  psychischen  Wirkungen  bestimmter
Entlöhnungssysteme  zur  Darstellung  gebracht.  Dabei  ist  aber
das  Lohnsystem  gerne  als  eine  isolierte  Erscheinung  betrachtet  und
der  Tatsache,  daß  es  in  der  Praxis  nur  ein  Teil  eines  lebendigen ­
  Ganzen  ist,  nur  vorübergehend  gedacht  worden.  Die  Form
und  die  Entwicklung  eines  Lohnsystems  sind  aber  abhängig  von
Kräften  und  Einwirkungen,  die  in  der  gesainten  Fabrikorganisation, ­
  in  dem  Geiste  der  Zeit,  in  den  großen  umfassenden
Zielen  der  Entwicklung  einer  ganzen  Industrie  ihre  Ursache
haben.
Die  vorliegende  Arbeit  beschränkt  sich  auf  das  Gebiet  des
großindustriellen  Maschinenbaus  und  untersucht  innerhalb  dieses
Gebiets  nur  den  Akkordlohn,  als  die  neben  dem  Zeitlohn  fast
ausschließlich  benützte  Entlöhnungsmethode.  Die  Arbeit  bemüht
sich  die  Stellung  der  Entlöhnung  im  Rahmen  der  gesamten
Fabrikorganisation  zu  zeigen  und  auf  die  Umbildung  hinzuweisen,
die  der  Akkordlohn  aus  Einflüssen  erfuhr,  die  ihre  Ursache  wieder
in  der  gegenseitigen  Abhängigkeit  der  einzelnen  Organisationsformen ­
  und  deren  Unterordnung  unter  bestimmte  Prinzipien  wirtschaftlicher ­
  oder  betriebstechnischer  Natur  besitzen.
        <pb n="6" />
        8

Dadurch  werden  Schwierigkeiten  kenntlich  gemacht,  die  der
richtigen  Bewertung  eines  Lohnsystems  entgegenstehen;  denn  Wert
und  Unwert  eines  Lohnsystems  sind  mit  abhängig  von  der  Möglichkeit ­
  seiner  Anpassung  und  Einfügung  in  den  gesamten  Fabrikationsprozeß ­
  im  weitesten  Sinn.
Aus  betriebstechnischen  Gründen  ist  ja  in  der  technischen
Literatur  dieser  Erscheinung  mehr  Aufmerksamkeit  geschenkt  worden. ­
  Auch  die  Untersuchungen  über  die  Entlöhnungsmethoden  in
der  deutschen  Eisen-  und  Maschinenindustrie  haben  Material
nicht  nur  über  die  soziale  Bedeutung  sondern  auch  über  die  Stellung ­
  der  Entlöhnung  in  dem  gesamten  Industriebetrieb  gebracht.
Wirklich  eingehende  Darstellungen  dieser  Verhältnisse,  die  mit
Zahlen  und  statistischen  Aufzeichnungen  der  einzelnen  Betriebe
belegt  sind,  sind  sehr  selten.  Der  Unternehmer  wird  sich  fast  nie
bereit  finden.  Außenstehenden  einen  allzu  tiefen  Einblick  in  seine
Verhältnisse  erlangen  zu  lassen.  Läßt  er  wirklich  authentisches
Material  —  kein  idealisiertes  —  in  die  Öffentlichkeit  gelangen,
so  wird  er  sicher  Anstoß  erregen,  denn  Vollkommenes  gibt  es
nirgends;  von  zwei  Seiten  wird  er  meist  Unannehmlichkeiten
erfahren,  von  den  Vereinigungen  der  Arbeitnehmer  und  von
denen  der  Arbeitgeber.
In  neuerer  Zeit  wurden  nun  in  der  Industrie  verschiedene
Versuche  mit  der  Einführung  neuer  Lohnsysteme  gemacht;  bei
der  Besprechung  dieser  Versuche  in  der  Fachliteratur  wurde  auch
der  Schwierigkeiten  mit  der  vorangehenden  Löhnungsmethode,  d.  i.
meistens  dem  Akkordsystem,  gedacht.  Es  ist  kein  Zufall,  daß  diese
Versuche  vorzüglich  ihren  Ausgang  in  der  Maschinenindustrie
nahmen,  denn  gerade  diese  Industrie  stellt  in  ihrer  großindustriellen
  Art,  trotzdem  die  kapitalistische  Entwicklung  in  ihr
nicht  den  Höhepunkt  erreicht  hat,  der  Entlöhnung  neue  Probleme
und  Entwicklungstendenzen  treten  in  ihr  auf,  die  die  Entlohnung
von  Grund  auf  umzugestalten  suchen.
        <pb n="7" />
        9

Die  Entlohnung  im  Organismus  eines
Betriebes.
Jede  Lohnmethode  läßt  sich  theoretisch  mehr  oder  minder
einfach  darstellen,  und  man  kann  theoretisch  leicht  Konstruktionen
von  Lohnsystemen  errichten,  die  eine  ideale  Lösung  aller  bestehenden ­
  Schwierigkeiten  darzustellen  scheinen.  Für  die  praktische ­
  Brauchbarkeit  und  für  die  tatsächliche  Wirkung  der  Methode
ist  damit  meist  wenig  ausgesagt.  In  seiner  Arbeit:  „Beiträge
»  zur  Würdigung  der  Akkordlohnmethode"  untersucht  A.  Löhr  die
Wirkungen  der  Akkordarbeit  „für  Seele  und  Seelenleben  des
Arbeiters"  und  zeigt  dabei  in  bemerkenswerter  Weise  wie  vielseitig ­
  und  vielartig  diese  Wirkungen  allein  nur  in  psychischer
Hinsicht  sind.  Aber  die  Entlöhnnngsform  setzt  nicht  nur  Kräfte
in  Bewegung,  die  auf  alle  möglichen  Verhältnisse  einwirken,
sie  ist  auch  Einwirkungen  ausgesetzt,  die  ihre  Ursache  in  den
verschiedensten  Beziehungen  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer ­
  haben,  in  Prinzipien,  die  in  wirtschaftlicher,  betriebstechnischer ­
  und  organisatorischer  Hinsicht  herrschen,  ferner  in  der
Art  der  Einfügung  der  Entlöhnung  in  den  gesamten  Organismus
eines  Betriebes.
Ich  behandle  das  letztgenannte  Problem  an  erster  Stelle,
weil  mir  die  Besprechung  der  verschiedenen  Organisationsformen ­
  wie  Selbstkostenberechnung,  Kalkulation  und  Statistik
Gelegenheit  gibt,  ein  Bild  der  modernen  Fabrikorganisativn
zu  zeigen.
t  Den  inneren  Zusammenhang  dieser  verschiedenen  Organisationsformen
  erkannte  man  in  früheren  Jahren  sehr  wenig.
Wirtschaftliche  Faktoren,  das  Größerwerden  der  einzelnen  Betriebe, ­
  der  gegenseitige  Konkurrenzkampf  führten  dazu,  der  Orga-*
  nisation  größere  Aufmerksamkeit  zu  widmen  und  ihrem  Zusammenhang ­
  mit  der  wirtschaftlichen  Seite  des  Unternehmens  nachzugehen. ­
  Jetzt  hat  man  der  Auffassung  eines  modernen  Be-
        <pb n="8" />
        —  10  —
triebes  als  eines  Organismus,  dessen  einzelne  Glieder  in
lebendiger  Wechselwirkung  stehen  und  sich  fortwährend  beeinflussen,
nicht  nur  in  betriebstechnischen  Kreisen  Raum  gegeben,  sondern
man  bemüht  sich  auch  von  volkswirtschaftlichen  Gerichtspunkten
aus,  die  Lehre  vom  Betrieb  auf  eine  wissenschaftliche  Höhe
zu  bringen.
a)  Entlohnung  und  Ökonomie.
Der  erste  Grundsatz  eines  Unternehmens  ist:  zu  verdienen.
Diesem  Prinzip  haben  sich  alle  anderen  zu  fügen,  kein  Unternehmen ­
  kann  dauernd  mit  Verlust  arbeiten.  Der  ökonomischen
Seite  des  Unternehmens  wird  also  die  größte  Beachtung  ge-  *  »
schenkt,  und  dadurch  auch  dem  meist  wichtigsten  Teile  desselben,
der  Entlöhnung.
Vergleicht  man  die  verschiedenen  Teile  der  Bilanz  verschiedener ­
  Unternehmungen  oder  verschiedener  Industrien  mit  anderen
Unternehmungen,  so  wird  sich  meist  eine  große  relative  Verschiedenheit ­
  Herausstellen.  Umsatz,  Höhe  der  Aktienkapitalien,
werbende  Kapitalien,  Gewinn,  Arbeitslöhne  usw.  sind  nicht  in
den  gleichen  Verhältnissen  vorhanden.  Es  kann  ein  geringer  Umsatz ­
  bei  hohem  relativen  Gewinn  und  geringen  Ausgaben  für
Arbeitslöhne  vorhanden  sein,  oder  aber  auch  ein  großer  Umsatz
bei  geringem  Gewinn  und  sehr  hohen  Beträgen  für  Löhne.  In
der  Lederindustrie  z.  B.  werden  andere  Verhältnisse  erscheinen,
als  in  der  Schuhwarenfabrikation.
Diese  verschiedenartige  Bedeutung  der  einzelnen  Unkosten
werden  vor  allem  schon  in  der  Gesamtorganisation  und  Anlage
der  betreffenden  Unternehmungen  Ausdruck  finden,  vorzüglich
wird  die  Lohnhöhe  schon  ihren  Einfluß  bei  der  Wahl  der  Stand-  ^  #
orte  zur  Geltung  bringen.  Jede  Industrie  wird  ihre  Organisation ­
  möglichst  vollkommen  zu  gestalten  suchen,  die  Dringlichkeit ­
  dieses  Wunsches,  soweit  er  auf  das  Lohnwesen  Bezug
nimmt,  wird  entschieden  beeinflußt  von  der  Höhe  der  Löhne  *  "
gegenüber  den  übrigen  Unkosten  und  die  Bestrebungen  zur  Verbesserung ­
  des  Lohnwesens  werden  um  so  entschiedener  in  Er-
        <pb n="9" />
        11

scheinung  treten,  je  wichtiger  für  die  Rentabilität  eines  Unternehmens ­
  eine  Minderung  dieser  Angaben  ist.
In  der  gesamten  Maschinenindustrie  spielt  die  Entlohnung
.  eine  wichtige  Rolle,  zumal  die  Rentabilität  dieser  Industrie  keine
übermäßig  hervorragende  ist.  E.  Werner*  hat  in  „Technik  und
Wirtschaft"  261  Aktiengesellschaften  der  Maschinenindustrie,  deren
Gesamtaktienkapital  641  Millionen  Mark  beträgt,  auf  ihre
finanziellen  Ergebnisse  hin  untersucht.  Die  Rentabilitätszahlen
sind  die  folgenden:  Die  ausbezahlte  Dividende  beträgt  8,2o/g
des  gesamten  nominellen  Aktienkapitals,  bezw.  6,5o/g  des  tatsächlich ­
  von  den  Aktionären  einbezahlten  Kapitals,  das  Iahresreinerträgnis
 1  2  betrug  8,6«/o  des  Unternehmungskapitals 3 .  Für
#  den  allgemeinen  Maschinenbau  ohne  Berücksichtigung  von  Spezialfabriken ­
  betrugen  die  Zahlen  6,9  bezw.  5,4  bezw.  8,4»/«.  Diese
Werte  liegen  unter  dem  Durchschnitt.  Die  Werte  geben  wohl  ein
gutes  Bild  der  Rentabilität,  lassen  aber  keinen  Blick  aus  die
«  Höhe  der  einzelnen  Unkosten  tun.
Welcher  Art  diese  einzelnen  Unkosten  sind  und  welche  Höhe
sie  erreichen,  möchte  ich  mit  der  Vorführung  einiger  Zahlen
aus  dem  Geschäftsbericht  einer  Firma  zeigen:

Millionen  Mark
Das  Aktienkapital  der  Firma  betrug  18,0
Das  gesamte  werbende  Kapital  39,1
Der  Gewinn  Z,Z
Der  Bruttogewinn  4,8
Die  Verkaufssumme  63,9
Die  Materialvorräte  und  Halbfabrikate  ....  53,0
Arbeitslöhne  und  Gehälter  24,7

1  Dipl.-Jng.  Ernst  Werner,  Berlin:  Die  finanziellen  Ergebnisse
der  deutschen  Maschinenbau-Aktiengesellschaften  im  Jahre  1911.  Technik
und  Wirtschaft  1912,  S.  711  ss.
2  Jahresreinerträgnis  ist  gleich  der  Summe  aus  sämtlich  gemachten
Rücklagen,  der  Dividendensumme  und  dem  Vortrag  für  das  nächste  Betriebsjahr, ­
  abzüglich  dem  Vortrage  für  das  laufende  Betriebsjahr.
3  Unternchinungskapital  ist  die  Summe  aus  dem  nominellen  Aktienkapital ­
  und  den  echten  Reserven.
        <pb n="10" />
        12

Millionen  Mark

Steuern  0,5
Frachten  und  Zölle  6,1
Versicherung  und  Wohlfahrt  1,0

Ausgeschüttet  wurden  20  o/o  Dividende.
Ich  kann  mir  nichts  eindrucksvolleres  denken,  um  den  Einfluß
der  Organisation  auf  das  Lohnwesen  nachzuweisen,  als  die  Gegenüberstellung ­
  dieser  Werte.  Vor  allem  verdienen  Beachtung
die  drei:  Verkaufssumme,  Gewinn  und  Arbeitslöhne;  das  sind
63,9  zu  3,3  zu  20  Millionen  Mark-r.
Der  Gewinn  macht  nur  5,02o/o  der  Verkaufssnmme  aus,
gewiß  ein  überraschend  niedriger  Betrag,  der  erkennen  läßt,  daß
Sparsamkeit  in  allen  Teilen  des  Betriebes  herrschen  muß.  Für  *  *
unsere  Betrachtung  erheischt  dann  noch  besonderes  Interesse,  daß
für  Gehälter  und  Löhne  fast  25  Millionen  Mark  gezahlt  wurden.
Ein  Betrag,  der  achtmal  so  groß  ist,  als  der  Reingewinn.  Um
12o/o  höhere  Gehälter  und  Löhne  hätten  dessen  Erreichung  unmöglich ­
  gemacht.  Bei  solchen  Verhältnissen  muß  eine  Unternehmung ­
  vorsichtig  in  ihrer  ganzen  Lohnpolitik  vorgehen  und
darf  weder  zu  gewagten  Versuchen  greifen,  noch  sozialpolitischen
Forderungen  allzu  bereitwillig  sich  gefügig  zeigen.
Die  Lohnausgaben  sind  zwar  nur  ein  einzelner  Posten  unter
den  vielen  Ausgaben,  aber  wohl  der  bedeutendste  und  einheitlichste ­
  und  neben  den  allgemeinen  Fabrikationsunkosten  der
wenigstens  theoretisch  —  am  leichtesten  beeinflußbare.  Bei  jeder
allgemeinen  Lohnerhöhung  wird  zuvor  genau  der  Betrag  erwogen, ­
  den  dieselbe  ausmacht.  Eine  Unterscheidung  in  fühlbare
und  nicht  fühlbare  Stundenlöhne  (bei  den  Akkordarbeiten  sind
die  festen  Stundenlöhne,  zu  denen  auch  diese  Arbeiter  eingestellt
sind,  im  allgemeinen  bedeutungslos  für  die  Ausgaben)  läßt  solche  ^  m
Erwägungen  erkennen.
Die  Kenntnis,  der  einzelnen  Unkosten  ist  nicht  nur  für  die
Fabrikleitung  wichtig;  die  Höhe  der  Einnahmen,  die  Ausgaben
für  Löhne,  die  Größe  des  Umsatzes  beeinflußt  auch  die  Arbeiter-  *  '

t  Von  mir  auj  diesen  Betrag  geschätzt.
        <pb n="11" />
        —  13  -
schüft  in  ihrem  lohnpolitischen  Verhalten.  Eine  hohe  Dividende
wird  ihnen  immer  eine  Stütze  wenn  auch  nur  eine  moralische
bei  neuen  Lohnforderungen  gewähren.  Das  ist  um  so  begreiflicher, ­
  als  der  Arbeiter  selten  einen  genauen  Einblick  in  die
wirtschaftlichen  Verhältnisse  eines  Unternehmens  erlangt  und  oft
nur  die  Dividende,  besonders  wenn  sie  eine  hohe  ist,  zu  hören
bekommt.
Als  von  Einfluß  auf  den  Lohn  wären  freilich  auch  noch  die
Ausgaben  für  Wohlfahrtszwecke  zn  erwähnen;  vor  allem  kommt
die  Gewährung  von  Urlaub,  Alterspensionen  und  Gratifikationen
in  Betracht.  Dadurch  erfährt  der  Lohn  oft  eine  wesentliche
Erhöhung.
d)  Entlohnung  und  Selbstkostenberechnung.
Die  summarische  Übersicht  über  die  einzelnen  Ansgabenund
  Einnahmeposten  eines  Geschäftsjahres,  wie  sie  in  den
Bilanzen  und  Jahresberichten  in  Erscheinung  tritt,  eröffnet  dem
Unternehmer  noch  keineswegs  einen  genauen  Einblick  in  die  wirtschaftlichen ­
  Zusammenhänge  der  Fabrikationstätigkeit.  Erst  eine
sorgsame,  ins  Einzelne  gehende  Aufstellung  der  einzelnen  Unkosten
läßt  diese  erkennen 5  6  und  ermöglicht  im  Zusammenhange  damit
eine  fruchtbare  Sparsamkeit  durchzuführen.  An  oft  unbedeutenden ­
  Posten  wie  Abfällen,  Putzwolle,  Schmiermaterialien  lassen
sich  oft  erstaunlich  hohe  Beträge,  Tausende  und  Zehntausende  von
Mark  erübrigen.
Die  Selbstkostenberechnung  lag  i»  früheren  Jahren  recht
im  Argen«.
5  F.  Neuhaus  tritt  in  einem  Artikel:  Technische  Erfordernisse  für
die  Massenfabrikation  (Technik  und  Wirtschaft  1910,  S.  578,  Berlin  1910)
beredt  für  eine  sorgfältige  Kalkulation  ein.  „Zur  Weisung  des  einzuschlagenden ­
  Weges  und  zur  Erkennung  der  Erfolge  und  der  Wirkungen  einer
auf  Massenerzeugung  gerichteten  Konstruktion  und  Werkstatterzeugung  ist
die  unerläßliche  Grundlage  dse  Kalkulation."
6  F.  Neuhaus  schreibt  darüber  (Technische  Erfordernisse  für  Massensabrikation.
  Technik  und  Wirtschaft  3.  1910,  S.  579,  Berlin  1910):  „In
älteren  Betrieben  finden  wir  diese  Statistik  vielfach  in  den  Notiz-
        <pb n="12" />
        14

Das  Gedächtnis  des  Meisters,  sein  Notizbuch  und  ein  Paar
Aufzeichnungen  des  Betriebsingenieurs  waren  die  hauptsächlichsten
Handhaben.
Auf  diesen  Grundlagen  war  keine  genaue  Kalkulation  durchzuführen, ­
  und  wir  werden  später  sehen,  daß  damit  die  schlimmsten ­
  Folgen  für  das  Lohnwesen  verbunden  waren.
Es  war  früher  die  Neigung  vorhanden,  besonders  nur  auf
dem  Gebsete  des  Lohnes  Einsparungen  zu  versuchen,  wenn  inan
Verbilligung  der  Erzeugnisse  anstrebte;  auch  Prinz?  macht
darauf  aufmerksam,  daß  es  ganz  verfehlt  wäre,  nur  die  Löhne
in  den  Vordergrund  zu  rücken,  denn  die  Selbstkosten  bestehen
immer  aus
Materialkosten,
Löhnen  und
allgemeinen  Unkosten.
Die  allgemeinen  Unkosten  setzen  sich  zusammen  aus  den  Unkosten ­
  für  Verwaltung,  Kapitalverzinsung,  Konstruktion,  Steuern
usw.,  ferner  aus  den  Werkstättenunkosten,  nämlich  aus  dem  Materialverbrauch ­
  in  denselben,  den  Kosten  für  Grund  und  Boden,
den  Aufwendungen  für  den  baulichen  Unterhalt,  Beleuchtung,
Löhnen  für  Meister  usw.  und  endlich  den  Maschinenkosten,  nämlich ­
  denen  der  Verzinsung  und  Amortisation  (der  Anschaffungspreise), ­
  der  Unterhaltung  und  des  Kraftbedarfes  der  Maschinen.

b  ü  ch  e  x  n  der  Betriebsbeamten  und  Meister  durchgeführt,  eine  Form,  die
ja  vielleicht  den  Ansprüchen  früherer  Zeiten  entsprochen  hat.  Es  ist  hiebei
aber  nicht  möglich,  sie  in  die  für  eine  dauernde  Entwicklung  nötige  Form,
nämlich  die  einer  Kartenregistratur,  zu  bringen,  und  ferner  ist  es  äußerst
schwierig,  bei  ihr  die  Erfahrungen,  die  in  einzelnen  Betrieben  eines
Werkes  gemacht  wurden,  auszutauschen  oder  den  anderen  Betrieben  zu
vermitteln.  So  ist  z.  B.  eine  oft  beobachtete  Tatsache,  daß  in  der  einen
Werkstatt  eines  Betriebes  für  eine  Arbeit  ganz  andere  Akkorde  bezahlt
werden  als  für  dieselbe  Arbeit  in  anderen  Werkstätten  desselben  Betriebes,
ein  Zustand,  der  natürlich  sofort  aufgeklärt  und  nach  der  einen  oder
anderen  Richtung  hin  berichtigt  werden  muß."
7  Technik  und  Wirtschaft,  März  1912,  S.  181,  E.  Prinz:  Bestimmung ­
  der  Herstellkosten  im  Werk  Nürnberg  der  Maschinenfabrik  Augsburg-Nürnberg, ­
  A.-G.
        <pb n="13" />
        15

In  der  Praxis  werden  die  Unkosten  der  vorgenannten  drei
Gruppen  nicht  unabhängig  nebeneinander  betrachtet,  sondern
gegenseitig  in  Beziehung  gesetzt  oder  auf  ein  und  dieselbe  Einheit ­
  bezogen.
Damit  entstehen  die  Fragen:  auf  welche  Einheit  ist  die
gesamte  Selbstkostenberechnung  zu  beziehen,  auf  eine  Gewichtseinheit ­
  oder  auf  den  gesamten  Auftrag  oder  nur  auf  jedes  einzelne
Teilstück?  Ferner,  wie  sind  diese  allgemeinen  Unkosten  zu  verrechnen ­
  ?
Zuerst  die  ersten  Fragen:  Die  meisten  Firmen  haben
nicht  aus  lohnpolitischen,  sondern  kalkulatorischen  Gründen
ihren  Standpunkt  geändert  und  gefunden,  daß  nur  große  Genauigkeit ­
  und  die  Möglichkeit,  jede  Ausgabe  auf  ihre  Wirkung
ans  jeden  Einzelteil  zu  verfolgen,  von  Wert  ist.
Das  neue  System,  die  Stückkalkulation,  wurde  gemeinsam
mit  dem  Stück  akkord  eingeführt,  auf  den  wir  später  noch  zu
sprechen  kommen.
Bei  dem  alten  Verfahren  erhielt  jeder  einzelne  Auftrag
eine  fortlaufende  Nummer,  welche  als  Werknummer  bezeichnet
wurde.  Auf  diese  Werknummer  wurden  die  sämtlichen  Selbstkosten ­
  angesammelt  und  zwar:  Kosten  der  Modelle,  Gußstücke,
Schmiedestücke  rc.
Die  Selbstkosten  waren  also  nur  summarisch  für  das
ganze  Objekt  ersichtlich,  die  Kosten  der  Einzelteile  z.  B.
Gestell,  Zylinder  usw.  waren  nur  in  Guß  und  für  Schmiedestücke ­
  erhältlich,  nicht  aber  für  die  Modelle,  die  Bearbeitung
und  das  Nebenmaterial,  Fehlerquellen  waren  daher  nur  sehr
schwer  oder  gar  nicht  zu  finden.
Aus  diesem  Grunde  wurde  eine  Einrichtung  getroffen,
welche  es  ermöglicht,  auch  die  Kosten  der  Einzelteile  einer  Maschine ­
  usw.  anzusammeln.  Außer  der  oben  genannten  Werknummer ­
  für  das  gesamte  Objekt  wurden  die  Einzelteile  oder
-gruppen  mit  laufenden  Nummern  versehen,  welchen  ruan  die
Bezeichnung  Arbeitsnummer  geben  kann.
Auf  diese  Arbeitsnummer  unter  Beifügung  der  Werknummer ­
  findet  die  Ansammlung  der  Selbstkosten  statt.  Je  nach
        <pb n="14" />
        16

der  Organisation  der  betreffenden  Betriebe  entweder  von  einem
besonderen  Büro  aus  oder  von  den  beteiligten  Abteilungen  selbst,
also  vom  Gießereibüro  —  Modell-  und  Gußkosten,
„  Schmiedebüro  —  Kosten  der  Schmiedekosten,
„  Lohnbüro  —  Bearbeitungskosten  usw.
Erhält  diese  Werte  die  kaufmännische  und  die  technische  Zentralstelle, ­
  so  wird  dadurch  eine  spätere  Kontrolle  erzielt.  Ist
nun  damit  auch  die  Frage  der  Verrechnungseinheit  der  gesamten
Selbstkosten  gelöst;  so  stehen  wir  nun  vor  dem  neuen  Dilemma
in  der  Behandlung  der  allgemeinen  Unkosten.  Sie  sind
für  die  einzelnen  Objekte  nur  sehr  schwer  auszuscheiden,  bezw.
in  vielen  Fällen  gar  nicht  zu  ermitteln.  Man  begnügt  sich
deshalb  den  prozentualen  Anteil  zu  ermitteln  und  sie  in  der
Form  von  Zuschlägen  zur  Verrechnung  zu  bringen,  die  auf  verschiedene ­
  Grundlagen  bezogen  werden  können:  Das  Gewicht,  den
Lohn  oder  die  Zeit.  Sie  werden  meist  auf  den  Lohn  bezogen,
manchmal  macht  u.  a.  die  Gießerei  einen  Unterschied,  und  bezieht
die  Kalkulation  auf  das  Gewicht.  Aber  das  ist  ungenau,  denn
ein  Kilo  eines  20  Tonnen  schweren  Gußstückes  kostet  an  Herstellung ­
  7  mal  weniger  als  ein  Kilo  eines  100  Kilo  schweren
Stückes.  (Hier  ist  zu  berücksichtigen,  daß  ein  kleines  Stück  nicht
nur  unverhältnismäßig  mehr  an  Arbeit  und  Zeit  erfordert,  sondern ­
  auch  der  Materialverbrauch  ein  bedeutenderer  ist,  da  der  verhältnismäßige ­
  Anteil  an  Abfällen,  wie  Gußtrichter  usw.  ein
größerer  ist.)  Deshalb  würde  auch  die  Wahl  der  Löhne  als
Basis  keinen  Erfolg  für  richtige  Resultate  sichern;  in  beiden
Fällen  müßte  die  Größe  der  Einzelstücke  mit  zur  Berechnung
verwandt  werden.  In  solchen  Fällen  erfährt  das  verrechnete
Ergebnis  eben  Korrekturen,  die  schließlich,  wenn  eingehende  Aufzeichnungen ­
  über  den  Einfluß  bestehen,  ein  richtiges  Resultat
ergeben  können.
Ich  erwähnte,  daß  im  allgemeinen  der  Zuschlag  zu  den
Löhnen  erfolgt;  es  ist  die  verbreitetste  Art  der  Verrechnung  von
Zuschlägen.  Man  hat  aber  in  den  Abteilungen  der  Betriebe,  in
denen  große  und  teuere  Maschinen  zur  Bearbeitung  benötigt  werden, ­
  Mängel  dieser  Methode  gefunden.  Die  Zuschläge,  die
        <pb n="15" />
        —  17  —
diese  Maschinen  bedingen,  erreichen  eine  Höhe  bis  1000°/o  und
mehr  des  Lohnes,  sind  also  im  Verhältnis  zu  den  übrigen  Werkstätten ­
  sehr  hoch.  Wird  nun  das  zehnfache  des  ausbezahlten  Lohnes
als  Zuschlag  zu  den  Unkosten  eines  bestimmten  Gegenstandes  in
Rechnung  gesetzt,  so  spielt  der  Lohn  selbst  eine  verhältnismäßig
geringe  Rolle.  Es  geht  deshalb  das  Hauptbestreben  dahin,  diese
Zuschläge  zu  verringern,  selbst  wenn  damit  eine  Erhöhung  der
für  die  Bearbeitung  auszusetzenden  Löhne  Hand  in  Hand  geht.
Andererseits  wird  aber  auch  die  Kalkulation  durch  diese
hohen  Zuschläge  in  ihrer  Genauigkeit  gefährdet.  Jeder  Fehler
und  Irrtum,  der  im  Lohn  in  Erscheinung  tritt,  kommt  im  Gesamtpreis ­
  in  zehnfacher  Größe  zum  Ausdruck.
Die  Unkosten,  die  diese  Zuschläge  bedingen,  bestehen  in  der
Verzinsung  und  Amortisation  des  Ankaufspreises  der  Maschinen,-in
  den  Kosten  des  Bodens  und  des  Gebäudes,  in  dem  die  Maschinen ­
  stehen,  dann  aber  auch  in  geringeren  Beträgen  in  den
Kosten  für  Materialverbrauch  und  Kraftbedarf,  sind  also  in  der
Hauptsache  eine  Funktion  der  Zeit;  d.  h.  die  Unkosten,  die  auf
ein  bestimmtes  Arbeitsstück  entfallen,  vermindern  sich  fast  in
demselben  Maße  als  die  Ausnützung  der  Maschine  zunimmt,
bezw.  die  Dauer  der  Bearbeitung  eines  Arbeitsstückes  abnimmt.
Man  legt  der  Selbstkostenberechnung  nun  nicht  mehr  den  Lohn
zu  Grunde,  sondern  die  Zeit  der  Bearbeitungsdauer.  Zwar  bedingt ­
  ja  auch  die  Feststellung  des  Akkordpreises  eine  Kenntnis
der  Zeitdauer,  aber  sie  erscheint  doch  nur  mittelbar;  der  Akkordpreis
hat  einen  viel  stabileren  Charakter  als  die  immer  zu  verändernde ­
  Zeitangabe  allein.  Das  führt  zu  den  oben  erwähnten
Nachteilen.  Andererseits  hat  aber  die  Zeit  als  Grundlage  der
Selbstkostenberechnung  einen  größeren  suggestiven  Einfluß  auf  die
Verkleinerung  der  Arbeitsdauer;  eine  Verschnelligung  der  Arbeitsprozesse ­
  und  eine  Verbesserung  des  Arbeitsverfahrens  tritt  sofort
augenscheinlich  zu  Tage.
Diesen  Vorteilen,  die  in  der  Wahl  der  Zeit  als  Basis  für
die  Zuschläge  erscheinen,  will  man  sich  nicht  verschließen,  und
die  Selbstkostenrechnung  auf  diese  Grundlage  beziehen.  Der
Akkordpreis  selbst  wird  wohl  nicht  bei  jeder  Verkürzung  der  Zeit
        <pb n="16" />
        18

eine  neue  Festsetzung  erfahren,  sondern  man  wird  dem  Arbeiter,  um
eine  größere  Leistungsteigerung  zu  erreichen,  gerne  mehr  verdienen ­
  lassem  Ein  Beamter  erklärte  mir,  es  sei  dem  Werke
gleich,  was  die  Arbeiter  an  den  großen  Bearbeitungsmaschinell
verdienen  und  er  mag  in  diesem  Zusammenhange  nicht  ganz
unrecht  haben.
Ein  Teil  der  Selbstkostenrechnung  ist  die  Nachkalkulation;
die  Vergleichung  des  Voranschlages  mit  den  wirklichen  Unkosten, ­
  bezw.  die  Vergleichung  des  berechneten  Materialverbrauches
und  der  berechneten  Arbeitszeiten  mit  den  tatsächlich  erreichten
Größen.  Diese  Prüfung  und  die  damit  verbundene  Kritik  dehnt
sich  auch  auf  die  Entlöhnung  aus:
Es  wird  der  Anteil  der  Lohnkosten  an  den  Gesamtunkosten
untersucht,  ist  der  Anteil  ein  großer,  wird  man  sich  bemühen
durch  Ändern  der  Fabrikationsverfahren,  durch  Verminderung  der
Bearbeitung,  oder  durch  andere  Konstruktion  eine  Verkleinerung
herbeiführen.  Daneben  erfahren  die  Akkordpreise  eine  spezielle
Kontrolle  und  zwar  1.  untereinander,  ob  sie  gegenseitig  in  richtigem ­
  Verhältnis  stehen,  ob  der  eine  Akkordpreis  nicht  zu  gut,
ob  der  andere  nicht  zu  schlecht  ist;  und  2.  vielfach  in  ihrem
Verhalten  zu  den  festen  Stundenlöhnen.  Es  wird  die  „Spannung"
d.  i.  der  Unterschied  zwischen  dem  Stundenverdienst  im  Akkordlohn ­
  und  dem  festen  Stundenlohn  eines  bestimmten  Arbeiters,
berechnet.  Wird  die  Spannung  in  Prozenten  des  festen  Stundenlohnes ­
  ausgedrückt,  so  kann  ans  dieser  Grundlage  eine  gleichmäßige
Beurteilung  stattfinden.
c)  Entlöhnung  und  Statistik.
Der  rein  bürokratische  Teil  der  Arbeitereinstellung  und  der
Lohnfestsetzung  wird  weder  methodisch  noch  quantitativ  von  besonderem ­
  Einflüsse  auf  den  Lohn  sein.  Höchstens  bei  der  Akkordfestsetzung ­
  ließe  sich  der  Organisation  des  papiernen  Teiles  eine
Einwirkung  zuschreiben.  Mehr  Wert  lege  ich  aber  den  statistischen
Zusammenstellungen  bei,  da  gerade  dabei  von  seiten  des  Lohnbüros ­
  durch  geschickte  Anordnungen,  durch  leichte  Übersicht,  durch
        <pb n="17" />
        19

Hervorheben  besonderer  Punkte,  eine  Einwirkung  auf  die  gesamte ­
  Entlöhnung  ausgeübt  werden  kann.  Den  Wert  einer  eingehenden ­
  Lohnstatistik  beginnt  man  in  Arbeitnehmer-  und  Arbeitgeberkreisen ­
  mehr  und  mehr  einzusehen.  Vom  Syndikus  ^  des
Verbandes  Bayerischer  Metallindustrieller  erschien  erst  vor  kurzem
eine  Arbeit,  in  der  mit  beredten  Worten  für  eine  genaue  und  sachverständige ­
  Lohnstatistik  auf  Unternehmerseite  eingetreten  wird.
Es  waren  die  Arbeitnehmer  jedoch  in  erster  Linie,  die  erstarkt
durch  gewerkschaftlichen  Zusammenschluß  vielseitige  und  zum  Teil
recht  umfassende  Erhebungen  veranstaltet  haben.  Das  Reichsarbeitsblatt ­
  d  bemerkt  über  diese  Tätigkeit  der  Arbeiterschaft:
„Sie  (die  Arbeiterschaft  D.  V.)  hat  erkannt,  daß  zahlenmäßige, ­
  den  Tatsachen  entsprechende  Nachweise  ihrer  Erwerbsverhältnisse ­
  und  Lebensbedingungen  eine  unentbehrliche  Waffe  in
ihrem  Kämpfe  um  Bessergestaltung  ihrer  wirtschaftlichen  Verhältnisse ­
  bilden.  Mit  zielbewußter  Tatkraft  haben  sich  daher  die
Arbeiterverbände  der  Aufgabe  gewidmet,  durch  statistische  Erhebungen ­
  die  Arbeits-  und  Lohnverhältnisse  klarzulegen.  Mit
großem  Fleiße  und  Aufwendung  erheblicher  Mittel  haben  sic  in
überaus  zahlreichen  Veröffentlichungen  die  Ergebnisse  ihrer  lohnstatistischen ­
  Erhebungen  bekannt  gegeben."
Auch  Pupke^v  betont  das  Interesse  und  die  Sorgfalt  der
Arbeiter  bei  solchen  Untersuchungen.  Er  schreibt  (S.  847):
„Die  durchaus  vorherrschende  Sachlichkeit,  die  dringende  stete
Verwarnung  vor  Übertreibungen  und  Entstellungen  der  Tatsachen
wirken  vertrauenerweckend,  das  Gemeinschaftsgefühl  und  das  rege
Verständnis  und  Interesse  für  Statistik,  welche  die  starke  Beteiligung ­
  der  Arbeitsklassen  vereint,  nötigen  uns  zur  Sympathie
und  Achtung.
Man  ist  den  statistischen  Publikationen  der  Arbeiter  erst  mit
Mißtrauen  begegnet  und  hat  eine  parteiisch  geführte  Darstellung
nicht  für  ausgeschlossen  gehalten.  Die  Zahl  und  der  Umfang
8  Lohnstatistik  von  F.  H.  Zahnbrecher,  Nürnberg  1913.
9  Jahrgang  1909,  S.  107.
10  Lohnstatistik  in  Deutschland.  Jnaug.  -  Dissertation  von  Walter
P  n  p  k  e  ,  Halle  a.  S.,  1907.
        <pb n="18" />
        20

statistischer  Untersuchungen,  die  darauf  verwandte  Mühe  und  Kosten
zeigen,  welch  eine  hohe  Meinung  man  in  Arbeiterkreisen  von  der
Statistik  hat,  als  von  einem  Mittel,  sich  die  nötige  Klarheit  über  die
eigene  Lage  und  das  nötige  Material  zu  verschaffen,  um  eine
wirksame  Tätigkeit  in  sozialpolitischer  Hinsicht  zu  entfalten/'
Die  Untersuchungen  der  Arbeiter  erschöpften  sich  früher
besonders  in  Enqueten  und  Erhebungen,  die  meist  zeitlich  sehr
begrenzt  waren,  dagegen  räumlich  zuweilen  sich  sehr  tveit  erstreckten. ­
  In  den  letzten  Jahren  geht  aber  die  Arbeiterschaft
auch  dazu  über,  fortlaufende,  ununterbrochene  Aufzeichnungen  der
tatsächlich  ausgezahlten  Löhne  vorzunehmen.
Die  Arbeiter  verwendeten  natürlich  die  erhaltenen  Daten  als
Unterlagen  zu  lohnpolitischen  Forderungen.  Durch  diese  Angriffe
sahen  sich  aber  auch  die  Unternehmer  veranlaßt,  sich  auch  ihrerseits, ­
  soweit  sie  nicht  aus  betriebstechnischen  Gründen  schon  Aufzeichnungen ­
  besaßen,  über  die  Löhne  zu  orientieren,  um  diese
Forderungen  wirksam  abwehren  zu  können.
Es  ist  sehr  interessant,  daß  auch  der  Syndikus  des  Bayer.
Metallindustriellen-Verbandes  die  Unternehmerstatistik  vor  allem
als  eine  Verteidigungswaffe  ansieht,  mit  der  nicht  nur  allgenieinen ­
  Lohnforderungen  der  Arbeiter,  sondern  auch  allzu  großen,
ungerechtfertigtem  Mitleid  begegnet  werden  könnte.  Er  schreibt
(S.  40);  „Wenn  die  Arbeitgeber  verhältnismäßig  erst  etwas  spät
darangehen,  auch  der  Lohnstatistik  ihr  Augenmerk  zuzuwenden,
so  darf  man  nicht  vergessen,  daß  Arbeitgeberorganisationen  im
großen  und  ganzen  doch  erst  jüngeren  Datums  sind.  Des  Weiteren
darf  man  nicht  außer  acht  lassen,  daß  die  Arbeitnehmerorganisationen ­
  als  die  angreifenden  Organisationen  zuerst  auf  dern  Plan
erschienen  sind,  und  sich  um  die  Waffen  umsehen  mußten,  mit
denen  sie  kämpfen  wollten.  Nirgends  ist  ein  Fall  bekannt,  daß  die
Arbeitgeber  über  die  Arbeitnehmer  hergefallen  wären  und  denselben ­
  den  Brotkorb  höher  gehängt  hätten;  umgekehrt  ist  es  aber
so  und  so  oft  vorgekommen,  daß  die  Arbeitnehmer  ihre  Arbeitgeber ­
  gerade  in  den  Zeiten,  wo  die  Industrie  von  einem  ununterbrochenen ­
  Fortarbeiten  den  größten  Profit  und  damit  die  Arbeitnehmer ­
  den  größten  Vorteil  gehabt  hätten,  bestreikten,  was  nicht
        <pb n="19" />
        21

nur  den  Industriellen,  sondern  auch  den  Arbeitnehmern  selbst  zum
Schaden  gereichen  mußte,  selbst  wenn  der  Not  gehorchend,  "die
*  *  Arbeitgeber  auf  die  Forderungen  der  Arbeitnehmer  auch  unter
den  ungünstigsten  Verhältnissen  eingegangen  sind.  Die  Industriellen ­
  haben  so  viel  zu  tun,  daß  sie  Aufträge  und  Arbeit  für
die  Arbeiterschaft  erobern,  daß  sie  bisher  nicht  daran  denken  tonnten,
ihre  Organisationen  in  dem  Umfange  wie  die  Arbeiter  auszubauen ­
  und  tagelang  in  Verhandlungen  der  eigenen  Organisationen
zu  sitzen,  um  dieselben  zu  stärken  und  mit  Waffen  auszustatten,
welche  für  den  Kampf  mit  den  angreifenden  Arbeiterorganisationen
geschmiedet  werden  müssen.
,  ,  Allein  die  Zeiten,  wo  die  Arbeitgeber  wehrlos  sich  überfallen
ließen,  dürften  doch  allmählich  dem  Ende  zugehen.  Einzelne  größere
Verbände  treffen  bereits  in  größerem  Umfange  Vorsorge  für  die
Zukunft.  Es  ist  dabei  noch  lange  nicht  gesagt,  daß  damit  die
»  •  Organisationen  der  Arbeitgeber  nunmehr  zum  Angriff  auf  die
Organisationen  der  Arbeitnehmer  übergehen  werden;  nein,  es  ist
nur  als  Endziel  anzustreben,  daß  bei  Verhandlungen  der  Arbeitgeber ­
  mit  ihren  Arbeitern  Klarheit  und  Wahrheit  herrscht;  mau
muß  in  der  Lage  sein,  ungerechtfertigte  Angriffe  von  seiten  der
Arbeitnehmer  oder  deren  Organisationen,  welche  oft  unter  Hinweis ­
  auf  nicht  mit  Namen  angegebene  Arbeiterlöhne  unternommen
werden,  ohne  weiteres  sofort  mit  aller  Energie  zurückzuweisen,
während  man  früher  über  die  „Hungerlöhne"  usw.  geschrieben
hat,  dürfte,  wenn  einmal  die  Arbeitgeber  soweit  gekommen  sind,
daß  sie  ihre  Statistiken  ausgebaut  haben,  gerade  die  Öffentlichkeit
mit  größtem  Staunen  beobachten,  daß  die  Löhne  der  Arbeiterschaft ­
  in  einer  Weise  gestiegen  sind,  daß  wohl  ein  großer  Teil
der  Beamten,  Geschäftsleute,  Steuerzahler  usw.  sehr  erfreut  wäre,
wenn  sich  die  eigene  Lage  ebenfalls  so  erheblich  gebessert  hätte."
Und  weiter  (S.  34):  (Es  wird  behauptet,  daß  durch  eine
Lohnstatistik  die  Schwachen  der  Arbeitnehmer  geschützt  werden)
^  „so  darf  man  dem  gegenüber  darauf  hinweisen,  daß  sicherlich
durch  eine  eingehende  Durchführung  einer  Lohnstatistik  gerade
auch  die  Schwachen  in  den  industriellen  Arbeitgeberkreisen  geschützt ­
  werden  und  sicherlich  dann  die  leitenden  Kreise  zur  Er-
        <pb n="20" />
        22

kcnntnis  kommen,  daß  die  Arbeiter  nicht  selten  Lohneinkommen
beziehen,  welche  sich  über  das  Einkommen  vieler  Beanrten  stellen^
wiewohl  letztere  für  ihre  Vorbildung  ungleich  mehr  ausgegeben
haben  wie  die  Arbeiter.  Es  wird  dann  weiter  die  Erkenntnis
verbreitet  werden,  daß  so  und  so  viele  Lohnforderungen  ungerecht ­
  sind  aus  dem  ganz  einfachen  Grunde,  weil  in  einzelnen  Industrien ­
  bereits  Löhne  bezahlt  werden,  welche  in  anderen  noch
nicht  entfernt  in  Übung  sind.  Man  wird  dann  einsehen  lernen,
daß  Streik-  und  Lohnbewegungen  in  Gegenden,  in  welchen  bereits
abnorm  hohe  Löhne  bezahlt  werden,  eine  große  Ungerechtigkeit
sind,  was  man  bis  jetzt  noch  nicht  allgemein  einzusehen  scheint.
Gerade  der  Schutz  der  schwachen  Industrien  und  der  Schutz  jener
Industriellen,  welche  den  „Mittelstand  in  der  Industrie"  darstellen, ­
  darf  in  den  leitenden  Kreisen  nicht  außer  Acht  gelassen
werden.  Werden  Arbeiter  schlecht  bezahlt,  oder  vielleicht  in  der
Heim-  und  Hausindustrie  ab  und  zu  noch  in  einer  Weise  gering
entlohnt,  daß  das  Volk  wohl  darunter  Schaden  leidet,  so  hat
die  Industrie  selbst  das  lebhafteste  Interesse  daran,  daß  derartige
Zustände  beseitigt  werden.  Aber  auf  der  anderen  Seite  ist  es
der  Industrie  nicht  unangenehm,  wenn  die  enorm  hohen  Löhne,,
welche  sie  bereits  gegenwärtig  zahlt,  und  außerdem  die  hohen
Lasten,  welche  sie  für  soziale  Zwecke  ausgibt,  einmal  der  breiten
Öffentlichkeit  und  den  leitenden  Stellen  bekannt  werden."
Dieser  letzte  Gedanke  kommt  noch  einmal  (S.  18)  zuni  Ausdruck. ­
  Dort  wird  eine  Bearbeitung  der  öffentlichen  Meinung
zu  dem  Zwecke  gefordert,  um  sie  über  das  Ausmaß  aufzuklären,
das  eine  Lohnerhöhung  von  ein  paar  Pfennigen  pro  Stunde  für
die  gesamte  Industrie  im  ganzen  Lohn  ausmacht.
Ich  habe  deshalb  die  Begründung  Zahnbrechers  der
Lohnstatistik  so  ausführlich  wiedergegeben,  weil  damit  zugleich
die  politischen  Ziele  des  Verbandes  zur  Darstellung  gelangen.
Der  Zusammenschluß  der  Arbeitgeber  erfolgte  vor  allem,,
um  den  Arbeitsniederlegungen  und  Lohnforderungen  der  Arbeiter
nicht  wehrlos  preisgegeben  zu  sein,  und  ein  Gegengewicht  gegenüber ­
  deren  großen  Verbänden  zu  besitzen.  Aber  während  früher
der  Unternehmer  völlige  Freiheit  in  seinen  Entschlüssen  besaßt
        <pb n="21" />
        23

mußte  er  jetzt  Rücksicht  auf  die  Gesamtlage  der  Industrie  nehmen,
derjenige,  der  hohe  Löhne  zahlt,  muß  aus  Gründen  der  Solidarität ­
  erwarten,  Widerstand  von  Seiten  seiner  Kollegen  zu  finden,
ebenso  wie  der,  der  übermäßig  niedrige  Löhne  zahlt.
Wenn  Zahnbrecher  wiederholt  aus  den  Schutz  der  Schwachen
durch  Forderung  nicht  allzu  hoher  Löhne,  zu  sprechen  kommt,
so  sehe  ich  volkswirtschaftlich  gar  keinen  Vorteil  in  solchen  Forderungen. ­
  Firmen,  die  nicht  leistungsfähig  sind  und  ihre  Rentabilität ­
  n  u  r  durch  niedrige  Löhne  und  schlechte  Arbeitsbedingungen
erhalten  können,  lasse  man  doch  zu  Grunde  gehen.  Ihre  Arbeit
wird  von  leistungsfähigeren  besser  organisierten  Werken  übernommen ­
  werden,  es  werden  entsprechend  mehr  Arbeiter  bei  diesen
Unterkommen  finden  und  dann  ist  erreicht,  daß  die  soziale  Lage
derselben  sich  bessert.
Der  Verband  Bayerischer  Metallindustrieller  bringt  folgende
Lohnstatistik  zur  Durchführung:
Als  oberster  Grundsatz  wurde  festgestellt:  sämtliche
wirklich  bezahlte  Löhne  und  Verdienste  sämtlicher  Arbeitnehmer
der  verschiedenen  Firmen  müssen  miteinander  nach  einzelnen
Arbeiterkategorien  jederzeit  verglichen  werden  können."  Für  jeden
Arbeiter  ist  für  jede  Lohnperiode  der  Eintrag  für  die  ausbezahlten
Löhne  zu  niachen.  Und  zwar  ist  der  feste  Stundenlohn,  zu  dein
der  Arbeiter  angestellt  ist,  und  der  Verdienst  aus  Lohnstunden,
bezw.  Akkordstunden,  ferner  die  darauf  verwendete  Arbeitszeit
einzutragen.  Die  Arbeiter  werden  dann  nach  einzelnen  Kategorien ­
  zusaminengefaßt  (für  jede  Firma)  und  das  Resultat  wird
wieder  in  ein  Formular  eingetragen,  das  Rubriken  für  den  festen
Stundenlohn,  ferner  für  den  Gesamtverdienst  je  aus  Lvhnstunden,
Akkvrdstunden,  gemischten  Stunden  und  der  Summe  daraus  enthält. ­
  Die  Zahl  der  Arbeiter  wird  für  jeden  Betrag  (nach  1  Pfennig
abgestuft)  und  für  jede  diese  Rubriken  ebenfalls  eingetragen.  In
den  einzelnen  Unternehmen  bestehen  vielfach  auch  noch  weitergehende ­
  Statistiken.  Oft  werden  nicht  nur  die  vierteljährlichen,
sondern  sogar  die  wöchentlichen  Schwankungen  der  Verdienste  und
Löhne  verfolgt,  auch  den  Überstunden  und  der  Nacharbeit  wird
gesonderte  Aufmerksamkeit  geschenkt.  Ferner  tritt  eine  Schei-
        <pb n="22" />
        24

buug  in  produktive  und  unproduktive  Löhne  ein.  Eine  Vecminderung
  der  letzteren  wird  besonders  erstrebt.
Die  Anwendung  der  Statistik  in  den  verschiedenen  Unternehmungen ­
  ist  nicht  überall  gleichmäßig  weit  fortgeschritten,  aber
die  Arbeitgeberverbände  haben  in  dieser  Beziehung  vor  allem
auch  in  Rücksicht  auf  ihre  eigenen  politischen  Ziele  fruchtbringend
gewirkt.  Große  Unternehmungen,  wie  Krupp,  haben  vereinzelnt
schon  seit  vielen  Jahren  Aufzeichnungen  über  die  Löhne  durchgeführt, ­
  aber  in  wissenschaftlich  genaue,  weite  Kreise  umfassende
Bahnen  ist  die  Lohnstatistik  erst  in  den  letzten  Jahren  geleitet
worden.

Die  Entlöhnung  und  der  Arbeitsprozeß.
In  den  vorhergehenden  Kapiteln  ist  nur  von  den  Einwirkungen
der  Organisationsformen  auf  den  Lohn  gesprochen  worden.  Das
Akkordsystem  ist  eine  Lohnform,  die  in  Verbindung  gesetzt  ist
mit  der  Leistung  des  Arbeiters.  Es  ist  also  auch  der  Faktoren
zu  gedenken,  die  unmittelbar  ohne  Vermittlung  der  Lohnform
diese  Leistung  und  damit  auch  die  Akkordarbeit  beeinflussen.
Es  wird  sich  dabei  zeigen,  daß  der  leistungssteigernde  Faktor
des  Akkordlohnes  eine  starke  Abhängigkeit  von  der  Art  der  Arbeit
zeigt;  Vergebung  der  Arbeit  an  einzelne  Arbeiter  oder  an  Gruppen
von  ihnen,  werden  ebenso  von  Einfluß  sein,  wie  Dauer  der  Arbeit,
wie  Ordnung  und  Geräumigkeit  in  den  Werkstätten.  Ich  kann
mich  über  die  dabei  zu  behandelnden  Fragen  kurz  fassen,  Bernhard, ­
  Löhr  und  die  Untersuchungen  über  Entlöhnungsmethoden
  haben  schon  viel  Material  gebracht.  Deshalb  sollen
an  dieser  Stelle  nicht  alle  die  verschiedenen  Probleme  besprochen
werden,  sondern  cs  soll  nur  an  einigen  Beispielen  gezeigt  werden,
welche  Probleme  in  Frage  kommen;  dazu  genügt  es,  die  Arbeit
in  nur  einigen  Werkstätten  zu  besprechen.
        <pb n="23" />
        25

a)  Modellschreinerei.
,  %  In  der  Modellschreinerei  werden  die  Modelte  für  den  Gußprozeß ­
  hergestellt.  Der  Modellschreiner  hat  aus  den  zweidimensionalen ­
  Unterlagen:  den  Zeichnungen,  eine  dreidimensionale  Wiedergabe ­
  in  Holz  auszuführen.  Von  Beginn  bis  zu  Ende  hat
er  die  Arbeitsstücke  in  seinen  Händen.  Ganz  verschieden  von  den
übrigen  Werkstätten  hat  er  nie  ein  und  dieselbe  Sache  zweimal
anzufertigen.  Das  ist  ein  nicht  zu  unterschätzender  Faktor,  denn
es  ist  einleuchtend,  daß  das  Arbeitsinteresse,  die  geistige  Regsamkeit ­
  in  höherem  Maße  bestehen  bleibt,  wenn  der  Arbeiter
sich  vor  täglich  neuen  Aufgaben  findet,  die  nie  ganz  schablonenhaft ­
  zu  lösen  sind.  In  der  Modellschreinerei  behält  er  auch
seine  Arbeit  so  ziemlich  bis  zur  Fertigstellung  in  den  Händen
und  bekommt  damit  den  Arbeitserfolg  zu  Gesicht.  Es  ist  eine
^  bekannte  Tatsache,  daß  jeder  Konstrukteur  oder  Arbeiter  die  Sache,
an  der  er,  wenn  auch  nur  eine  kleine  Teilarbeit  getan  hat,  mit
Interesse  weiterhin  verfolgt  und  daß  es  von  Wert  sein  kann,  diese
Interessen  wirtschaftlich  auszunützen.  So  wird  auch  hier  den
Modellschreinern  die  Arbeit  viel  mehr  Befriedigung  gewähren,
weil  ihre  Tätigkeit  mit  der  Fertigstellung  der  Modelle  zu  einem
gewissen  Abschluß  gelangt.  Die  Tätigkeit  des  Modellschreiners
erfordert  vor  allem  bei  den  schwierigeren  und  komplizierten  Modellen ­
  sehr  viel  Dispositionstalent  und  Geschick.  Um  ein  gegenseitiges ­
  Verändern  der  Lage  der  einzelnen  Teile,  ein  Schrumpfen
oder  Biegen  der  ja  immer  aus  Holz  verfertigten  Teile  zu  verhüten,
ist  ein  sehr  sorgfältiges  und  planmäßiges  Zusammensetzen  aus
vielen  Teilen  notwendig.
Eine  fabrikmäßige  Herstellung  kann  also  eigentlich  gar  nicht
»  *  stattfinden  und  handwerksmäßige  Formen  konnten  sich  hier  leicht
erhalten.  Es  ist  keine  seltene  Erscheinung,  daß  Modellschreiner,
wenn  sie  Erfahrungen  gesammelt  haben,  selbst  eine  kleine  Werkstatt
eröffnen  und  sich  selbständig  machen.
Der  Vorgang  bei  der  Herstellung  der  Modelle
ist  folgender:
Der  Werkmeister  sieht  event,  zusammen  mit  dem  Betriebs-
        <pb n="24" />
        26

Ingenieur  die  Zeichnungen  durch  und  setzt  die  Mordpreise  im
Einverständnis  mit  diesem  fest.  Er  wird  natürlich  in  Zweifelfällen ­
  den  Arbeiter  auch  anhören  und  dessen  Vorschläge  entgegennehmen. ­
  In  schwierigen  Fällen  wird  er  dann  die  Zeichnungen
mit  dem  Arbeiter  nach  den  Gesichtspunkten  der  Bearbeitung
durchsprechen.
Das  Zuschneiden  der  benötigten  Bretter  erfolgt  in  manchen
Fällen  von  den  Hilfsarbeitern;  diese  Leute  haben  oft  nur  kleine
Arbeiten  auszuführen,  deren  Art  und  Größe  rasch  wechselt;  vielfach
sind  sie  in  Abhängigkeit  von  dem  angelieferten  Material  und
haben  nicht  beständig  an  den  Maschinen  zu  tun.  Ihre  Entlohnung ­
  findet  also  meist  in  Tagelohn  statt.
Der  Modellschreiner  hat  nun  den  Aufbau  des  Modelles,
das  genaue  Zurechtschneiden  der  Bretter,  das  Abhobeln,  das  Verleimen ­
  derselben  und  schließlich  das  Glätten  des  fertigen  Stückes
zu  besorgen.  Eine  Arbeitsteilung  nach  bestimmten  Arbeitsfunktionen ­
  durch  Zerlegung  des  Arbeitsauftrages  in  mehrere  ist
dabei  nicht  möglich.  Es  gibt  nicht  wie  in  der  Massenfabrikation
immer  genau  gleich  wiederkehrende  Teilarbeiten,  sondern  sie  ändern
sich  bei  jedem  neuen  Modell;  außerdem  erfordern  die  oft  reichlich
schwierigen  Zeichnungen  sehr  viel  Zeit  zum  jedesmaligen  Neueinarbeiten. ­

Die  Entlohnung  der  Modellschreiner  erfolgt  im  Akkord  per
Stück.  Man  könnte  sich  zwar  eine  Berechnung  nach  Gewicht  oder
eine  Berechnung,  die  sich  auf  Elemente  der  Tätigkeit  aufbaut,
vorstellen;  aber  erstere  würde  in  keiner  Weise  den  Schwierigkeiten
der  Herstellung  und  den  tatsächlichen  Arbeitsleistungen  gerecht
werden,  und  diese  wäre  zu  umständlich  und  praktisch  fast  nicht
ausführbar.  Wie  schon  erwähnt  kann  ja  eine  größere  Arbeitsteilung ­
  gar  nicht  Platz  greifen,  sie  beschränkt  sich  darauf,  daß  nur
das  Zuschneiden  der  Bretter  und  das  Lackieren  der  Modelle  von
besonderen  Gruppen  ausgeführt  wird.  Die  umfangreichen  Arbeiten
werden  natürlich  an  eine  Kolonne  vergeben,  bei  der  vorzüglich
ein  Nebeneinanderarbeiten  der  einzelnen  Glieder  stattfindet,  obwohl
in  kleinem  Umfange  je  nach  gegenseitiger  Verständigung  der  Arbeiter
eine  Arbeitsteilung'  entsprechend  der  Eignung  der  betreffenden
        <pb n="25" />
        Arbeiter  vorkommen  kann.  Die  Kolonne  besitzt  einen  Führer,
der  zwar  keine  nominellen  Rechte  besitzt,  aber  doch  als  Repräsentant
der  Kolonne  eine  gewisse  überragende  Stellung  einnimmt,  die
noch  gehoben  wird  durch  seine  meist  größere  persönliche  Tüchtigkeit.
Die  Verteilung  des  Akkordverdienstes  erfolgt  in  verschiedener
Weise.  Der  Kolonnenführer,  der  die  Ausschreibungen  für  die
übrigen  Mitglieder  besorgt,  ist  wohl  fast  immer  im  Besitze  des
höchsten  Lohnsatzes  und  deshalb  auch  am  meisten  an  der  Ausführung ­
  interessiert.
Nach  Fertigstellung  wird  das  Modell  dann  kontrolliert,  ob
alle  Abmessungen  genau  eingehalten  sind,  und  dann  von  den
Lackierern  mit  Farbe  bestrichen.  Die  Entlöhnung  geschieht  hier
ebenfalls  im  Akkord  pro  Stück.
d)  Gießerei".
Bei  der  Formerei  und  Gießerei  finden  wir  nun  nicht  mehr
dieselbe  Einheitlichkeit  der  Fabrikation  wie  in  der  Modellschreinerei.
Eine  ziemlich  weitgehende  Arbeitsteilung  —  allerdings  nicht  nach
Teilprozessen  des  Formens  -  hat  stattgefunden.  Äußerlicher
Natur  und  durch  den  Gußprozeß  vor  allem  bedingt  ist  die  Scheidung ­
  in  Metall-  und  Eisengießerei.  Die  Metallgießerei  ist  ineist
bedeutend  kleiner  und  hat  nur  Sachen  geringeren  Umfanges
herzustellen.
Die  Gießerei  hat  als  Eigentümlichkeit,  daß  ihre  Fabrikate
selten  ein  Fertigprodukt  11  12  bilden,  sondern  erst  noch  weitgehender
Bearbeitung  harren,  um  ihrem  Zwecke  zugeführt  zu  werden.
Die  Tätigkeit  des  Formers  hat  mit  der  des  Modellschreiners
gemein,  daß  sie  erst  ein  neues  Produkt  schafft,  und  daß  der
Arbeiter  auch  hier  auf  den  Gegenstand  seiner  Arbeit  von  seiner

11  Ich  fasse  unter  dem  Namen  „Gießerei"  die  Formerei  »nd  Gießerei
zusaiumen:  beide  Prozesse  gehen  ja  in  derselben  Werkstatt  vor  und  werden
meist  durch  die  gleichen  Arbeiter  ausgeführt.  Nur  die  Durchführung  der
Schmelzprozesse  obliegt  besonderen  Arbeitern.
12  Ausgenommen  die  Gießereien,  die  Gußteilc  für  Bau-  oder  Beleuchtungszwecke ­
  Herstellen  und  diese  Gegenstände  unbearbeitet  verkaufen.
        <pb n="26" />
        28

Entstehung  bis  wenigstens  seiner  vorläufigen  Vollendung  Einfluß
nimmt.
Die  Former  müssen  die  erhaltenen  Modelle  in  Formsand  oder
Lehm  abbilden  und  dann  die  Hohlräume,  die  sie  mittelst  derselben ­
  hergestellt  haben,  mit  dem  flüssigen  Eisen  ausgießen:  bei
letzterer  Tätigkeit  wird  ihnen  von  Hilfsarbeitern  geholfen.
Ihre  Tätigkeit  ist  eine  sehr  verantwortungsvolle,  durch  einen
kleinen.Fehler  kann  der  Gesamterfolg  in  Frage  gestellt  werden.
Deshalb  ist  große  Sorgfalt  bei  der  Herstellung  der  Formen  erforderlich. ­
  Sie  müssen  einen  gewissen  Grad  von  Fertigkeit  besitzen ­
  und  ein  praktischer  Sinn  darf  ihnen  nicht  abgehen.  Ähnlich
wie  bei  den  Modellschreinern  besitzen  sie  im  Rahmen  ihrer  Arbeit
noch  eine  gewisse  Selbständigkeit  und  haben  mancherlei  Entscheidungen ­
  im  Laufe  der  Herstellung  zu  treffen.  Gerade  diese
Seite  ihrer  Tätigkeit  bewahrt  sie  vor  einer  rein  mechanischen  Ausübung ­
  ihrer  Funktion  und  gestattet  ihnen  eilte  gewisse  Geistesübung, ­
  obwohl  nicht  zu  leugnen  ist,  daß  sie  dadurch  bei  dem
schnellen  Arbeitstempo  nicht  zu  unterschätzende  Anstrengungen  zu
erleiden  haben.
Man  teilt  die  Former  nach  der  Art  ihrer  Tätigkeit  ein  in
Großfarmer,  Kleinformer  und  Lehmformer,  oder
in  M  a  s  ch  i  n  e  n  f  o  r  m  e  r  und  H  a  n  d  f  o  r  m  e  r.
Die  Großfarmer  machen  die  schweren  Arbeitsstücke  bis  60
Tonnen  Gewicht.  Die  Herstellung  bedingt  gute  gußtechnische  Kenntnisse ­
  und  eine  Beachtung  allgemeiner  Richtlinien,  während  die
Herstellung  selbst  nicht  allzuschwierig  und  gröberer  Art  ist,  als
die  der  Kleinformer.  Sie  sind  geistig  nicht  so  angestrengt,  als
ihre  übrigen  Kollegen;  das  Ausschaufeln  der  Grube,  das  Feststampfen ­
  des  Sandes  sind  Arbeiten,  die  lange  Zeit  benötigen  und
gewissermaßen  mechanisch  verrichtet  werden  können.  Sie  könnten
hierbei  in  weitgehendem  Maße  von  Hilfsarbeitern  unterstützt  werden. ­
  Was  die  Großfarmer  zu  genauer  Überlegung  und  steter
Sorgfalt  veranlaßt,  ist  der  Gedanke,  daß  durch  einen  Mangel
der  Erfolg  ihrer  ganzen  Arbeit  in  Frage  gestellt  wird.
Sie  beziehen  ebenso  wie  die  Kleinformer  Stückakkvrd,  in
manchen  Werken  beziehen  sie  einen  Akkord  pro  Kilogramm.
        <pb n="27" />
        29

-  Die  Kleinformer  haben  unstreitig  die  schwierigsten  forinertechnischen
  Aufgaben  zu  lösen.  Ihre  Aufgabe  verlangt  vor  allem
geschickte  Finger  und  Sorgfalt  in  der  Ausführung.  Der  rasche
Wechsel  ihre  Manipulationen  ist  unstreitig  anstrengender,  als
das  gleichmäßigere  Fortarbeitenkönnen  an  einer  von  derselben,
sei  es  Sandschaufeln  oder  Stampfen  oder  Glätten,  wie  es  bei
den  Großformen  möglich  ist;  sie  find  mit  dem  Formen  der  Modelle
ziemlich  rasch  fertig  und  können  leicht  übersehen,  wie  groß  ihre
Produktion  an  einem  Tage  ausfällt  und  was  sie  damit  verdienen.
Der  Erfolg  ihrer  Arbeit  ist  für  sie  viel  sichtbarer  als  bei  den
Großformern,  und  das  veranlaßt  sie  auch  zu  einem  ungleich
schnelleren  Arbeitstempo.  ■
Ich  habe  selbst  praktisch  an  beiden  Stellen  gearbeitet  und
kann  diese  Erscheinung  auch  an  mir  bestätigen.  Die  kurze  Arbeitsdauer
  zur  Fertigstellung,  die  Übersicht  über  die  tägliche  Produktion
wirken  ungemein  suggestiv  auf  die  Steigerung  der  Arbeitsfähigkeit:
neben  der  Möglichkeit,  diese  Steigerung  in  Geld  ausgedrückt  zu
erhalten,  spielt  natürlich  auch  der  Ehrgeiz  eine  ungleich  größere
Rolle  als  bei  den  Großformern,  während  auf  der  anderen  Seite
das  fast  tagelange  Ausüben  ein  und  derselben  Tätigkeit  langweilig ­
  wirkt  und  fortgesetzt  Anpeitschungen  infolge  des  ziemlich
gedankenlosen  Arbeitens  bedarf.
Natürlich  kann  man  scharf  beide  Arten  der  Arbeit  nicht
trennen;  es  wird  immer  Übergänge  geben.  Auch  die  Unterschiede
gelten  nicht  immer  unbedingt;  so  erfordert  das  Formen  der  Dampfturbinenräder ­
  viel  formertechnisches  Können.
Die  Lehmformer  haben  meist  mit  Hilfe  von  Schablonen
Formen  von  Hohlkörpern,  Zylindern  oder  ähnliches  —  also
ziemlich  einfache  Rotationskörper  aus  Lehm  und  Ziegelsteinen
herzustellen,  die  noch  eine  Versteifung  mit  Flacheisen  und  Eisen-«
  K  bändern  erfahren.  Ihre  Tätigkeit  ist  keine  allzu  schwierige,  meist
arbeiten  zwei  oder  drei  Mann  zusammen,  die  Entlöhnung  geschieht ­
  im  Akkord  pro  Stück.
In  der  Gießerei  arbeiten  nur  die  an  den  kleineren  Sachen
beschäftigten  Arbeiter  allein,  während  an  größeren  Stücken  in
Kolonnen  gearbeitet  wird.  Jeder  ist  gleichmäßig  an  der  Arbeit
        <pb n="28" />
        30

beteiligt,  eine  Arbeitsteilung  nach  bestimmten  Funktionen  findet  nicht
statt,  obwohl  natürlich  auch  hier  der  eine  Arbeiter  gewisse  Funktionen ­
  vielleicht  besser  beherrscht  wie  ein  anderer  und  diese  dann
bevorzugt.  Auch  hier  hat  der  Kolonnenführer  selten  offizielle
Rechte,  es  ergibt  sich  aber  aus  seiner  größeren  Geschicklichkeit,
oft  größeren  Intelligenz,  eine  Art  von  Autorität  gegenüber  seinen
Mitarbeitern.  Am  wenigsten  ausgebildet  fand  ich  bei  meiner
praktischen  Tätigkeit  diese  autoritative  Stellung  bei  den  Großformerkolonnen, ­
  Leute  von  verschiedener  Geschicklichkeit  sind  hier
gar  nicht  ain  Platze,  weil  jeder  genau  dieselbe  Arbeit  ausführen
muß,  wie  sein  Nebenmann  und  nur  Alter  und  die  damit  verbundene ­
  große  gußtechnische  Gewandtheit  verlieh  einem  Arbeiter
eine  etwas  überragende  Stellung.  Aber  die  Gleichheit  der  Arbeit
würde  es  nur  als  Anmaßung  empfinden  lassen,  wenn  ein  Arbeiter ­
  eine  leitende  Stellung  einnehmen  würde  und  die  Entscheidung ­
  wurde  dann  auch  immer  kollegial  getroffen.  Anders
ist  es  bei  der  Kleinformerkolonne,  wie  sie  z.  B.  bei  dem  sehr
komplizierten  Arbeiten  an  Zylinderköpfen  in  Verwendung  ist.
Dort  erheischt  die  sich  rasch  ändernde  Manipulation  fast  stetige
Anordnungen  und  gegenseitige  Verständigung  in  der  Verteilung,
so  sdaß  eine  Führung  nur  wohltuend  und  arbeitsverschnelligend
empfunden  wird.  Aber  es  ist  keine  systematische  Festsetzung  über
diese  Punkte  getroffen,  sondern  es  muß  eine  mehr  oder  minder
personelle  Eignung  dazu  vorhanden  sein;  die  Führer  werden
natürlich  nicht  von  den  Arbeitern,  sondern  vom  Werk  dazu  bestimmt.
Neben  den  Sand-  und  Lehmformern,  die  unter  dein  einen
Namen  Handformer  zusammengefaßt  werden,  wären  noch  die
M  a  s  ch  i  n  e  n  f  o  r  m  e  r  zu  erwähnen.  Sie  stellen  diejenigen
meist  kleineren  Gußstücke  her,  die  oftmals  verlangt  werden  und
für  die  dann  oft  statt  der  hölzernen  Modelle,  Modelle  aus
Metall  gefertigt  werden.  Ihre  Tätigkeit  ist  eine  mehr  mechanische,
die  Aufnahme  der  Gußkästen,  das  Füllen  mit  Formsand,  das
Bedienen  der  Maschine,  find  die  fortwährend  gleichen  Manipulationen, ­
  die  besonderes  formtechnisches  Können  nicht  erfordern; ­
  Diese  Tatsache  wird  auch  durch  die  Entlohnung  anerkannt;
sie  ist  meist  geringer  als  die  der  Handformer.
        <pb n="29" />
        31

Nachdem  die  Formen  fertiggestellt  sind,  bedürfen  sie  mit
Ausnahme  der  ganz  kleinen  einer  längeren  Austrocknung.  Dies
geschieht  mit  Hilfe  von  Ventilatoren,  die  heiße  Luft  hindurchdrücken ­
  oder  durch  eigene  Trockenöfen,  in  die  die  Formen  hineingeschafft ­
  werden,  in  denen  sie  1  bis  2  Tage  in  der  heißen
Luft  stehen  bleiben.
Neben  der  Tätigkeit  des  Forniens  haben  die  Arbeiter  auch
das  Gießen  zu  besorgen,  das  im  Akkordpreis  mit  eingeschlossen
ist.  Es  ist  eine  Arbeit,  die  im  Verhältnis  zum  Formen  sehr
wenig  Zeit  beansprucht.  Eigene  Arbeiter  dafür  anzustellen  ist
nicht  gut  möglich,  und  alle  verfügbaren  Kräfte  helfen  zusammen: ­
  denn  ist  einmal  der  Ofen  angestochen,  so  muß  die  Verteilung ­
  aus  der  großen  Gußpfanne  rasch  vor  sich  gehen.  Es
erfordert  keine  übermäßige  Geschicklichkeit  und  wird  von  den  Taglöhnern ­
  ebenso  gut  wie  von  den  Formern  besorgt.  Es  findet
meist  Mittags  oder  im  Laufe  des  Nachmittags  statt.  Die  kleineren
Stücke  sind  dann  schon  bis  zum  nächsten  Morgen  genügend  ausgekühlt, ­
  um  aus  der  Form  genommen  zu  werden;  bei  den
großen  und  größten  Gußstücken  benötigt  aber  das  Abkühlen  einen
Zeitraum  bis  zu  8  Tagen.
Zum  Schmelzen  des  benötigten  Roheisens  stehen  Kupolöfen ­
  zur  Verfügung.  Vom  Lagerplatz  gelangt  das  Eisen  über  die
Beschickungsbühne  in  die  Öfen,  abwechselnd  mit  Koks  und  den
Zuschlägen.  Die  Arbeit  wird  von  den  Ofenarbeitern  ausgeführt,
die  im  Akkord  pro  Tonne  Eisenerzeugung  entlöhnt  werden.  Die
Arbeiter  haben  hier  natürlich  auf  die  Produktion  gar  keinen
Einfluß.  Die  Firma  reguliert  das  Arbeitstempo,  indem  sie
so  wenig  wie  möglich  Arbeiter  einstellt.  Aus  die  Arbeitsintensität ­
  wird  es  von  Einfluß  sein,  ob  der  Arbeiter  im  Einzelakkord
  steht,  oder  ob  die  Arbeiter  im  Gesamtakkord  stehen,  da
nach  festem  Lohn  mal  Zeit  verteilt  wird.
Da  die  Eisenproduktion  sehr  verschieden  ist,  werden  diese
Arbeiter  in  ruhigen  Perioden  auch  für  Taglöhnerarbeiten  verwendet. ­

Auch  das  Ausmauern  und  Verputzen  der  Öfen
wird  im  Akkord  vergeben.
        <pb n="30" />
        32

Die  Aufbereitung  des  Sandes  findet  größtenteils  maschinell ­
  statt  und  die  Tätigkeit  der  Arbeiter  beschränkt  sich
daraus,  das  Material  heranzuschaffen.  Entlöhnt  werden  sie  pro
Ladung  ihres  Wagens.  Ihre  Tätigkeit  richtet  sich  nach  den
Ansprüchen  der  Former  und  sie  wird  ziemlich  stabil  sein,
besonders  da  man  ja  durch  Vorräte  Reserven  schaffen  kann  und
die  Tendenz  geht  daher  dahin,  mit  möglichst  wenig  Arbeitern
auszukommen,  um  aus  den  vorhandenen  eine  möglichst  große
Leistung  herauszuholen.
Die  Stellung  der  Former  hat  sich  im  Laufe  der
Jahre  geändert.  In  den  früheren  Zeiten  des  Maschinenbaues
nahmen  sie  unstreitig  mit  die  erste  Stellung  ein,  was  Geschicklichkeit ­
  betraf.  Und  je  schwieriger  mit  der  Zeit  die  Aufgaben
wurden,  um  so  sicherer  behielten  sie  diese  Stellung  auch.  Dazu
kommt,  daß  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  ein  scharfer  Wettbewerb ­
  mit  anderen  Firmen  einsetzte,  der  zur  Folge  hatte,  daß
der  wirtschaftlichen  Seite  besondere  Sorgfalt  geschenkt  wurde,
und  mit  allen  Mitteln  darnach  getrachtet  wurde,  die  Rentabilität
der  Gießerei  zu  heben.
Die  Tüchtigkeit  der  Arbeiter  der  Formerei  ist  auf  den  wirtschaftlichen ­
  Erfolg  mehr  von  Einfluß,  als  in  den  übrigen  Werkstätten. ­
  Es  kommt  häufig  vor,  daß  Gießereien  schwierige  Stücke
wegen  mangelndem  Können  der  Arbeiter  überhaupt  nicht  herstellen ­
  können  und  die  Herabsetzung  der  Ausschußziffern,  die  auf
das  Erträgnis  sehr  von  Einwirkung  ist,  ist  ein  möglichst  erstrebtes ­
  Ziel  aller  Gießereien.  Je  mehr  aber  die  Fertigkeit
stieg  und  auf  einem  befriedigenden  Punkte  anlangte,  um  so  mehr
nahm  die  relative  Geltung  der  Gießereiarbeit  ab.
Es  wird  vielfach  behauptet,  daß  das  Akkordsystem  nicht  für
Arbeiten  eingeführt  werden  könne,  die  Sorgfalt  und  Genauigkeit ­
  in  der  Herstellung  verlangen.  Daß  das  System  auch  für
solche  Arbeiten  brauchbar  ist  und  schon  lange  brauchbar  dafür
erkannt  wurde,  zeigt  dies  Beispiel  der  Gießerei.
Die  Gußputzer  haben  die  Kerne,  die  Gußgrate  und  Eingüsse ­
  zu  entfernen  und  die  Oberfläche  der  Gußstücke  von  anhaftender ­
  Unreinigkeit  zu  säubern.  Das  erledigt  sich  bei  den  ein-
        <pb n="31" />
        33

fachen  Sachen  ziemlich  leicht,  das  Sandstrahlgebläse  und  die
Schmirgelscheibc  erlaubt  eine  rasche  und  mühelose  Säuberung
der  Oberflächen;  schwieriger  ist  die  Sache  bei  den  großen  Stücken.
Das  Abhauen  der  Grate  und  überflüssigen  Kanten  erfolgt  durch
Meißel  entweder  mit  der  Hand  oder  mittelst  Preßluftbctrieb.
Die  Entfernung  der  Kerne  ist  eine  unangenehme  Aufgabe,  die  die
damit  beschäftigten  Arbeiter  in  Wolken  von  Schmutz  hüllt.
Die  Tätigkeit  selbst  ist  keine  schwierige  und  es  genügten
hier  auch  angelernte  Taglöhner  oder  Hilfsarbeiter.
Die  Lohnfestsetzung  geschieht  häufig  in  Akkord  nach  dem
Gewichte  des  verarbeiteten  Materials.  Der  Arbeiter  erhält  jede
Woche  den  Verdienst,  der  sich  aus  Stundenlohn  mal  Anzahl
der  Stunden  ergibt,  der  Akkordüberschuß  kommt  gleichmäßig  nach
dem  Verhältnis  der  geleisteten  Stunden  monatlich  zur  Auszahlung ­
  n .
Mir  ist  ein  Fall  aus  der  Praxis  bekannt,  in  dem  die  Entlohnung ­
  in  dieser  Gestalt  erfolgte.  Mit  der  Zeit  wurden  jedoch
die  Arbeiter  an  den  großen  Stücken  unzufrieden,  weil  sie  in
Rücksicht  auf  die  Schwere  ihrer  Tätigkeit  weniger  verdienten,
als  die  Arbeiter  an  den  kleinen  Stücken.  Die  Schwere  ihrer
Arbeit  verlangte  eine  bessere  Bezahlung.  Jetzt  werden  die  kleineren ­
  Stücke  nach  Gewicht,  die  größeren  jedoch  nach  Stück  bezahlt.
Es  ist  interessant,  festzustellen,  daß  dort  die  Initiative  zu
diesem  Ausgleich  von  den  Arbeitern  ausgegangen  ist,  die  eine
individuelle  Cntlöhnung  entsprechend  der  Leistung  wünschten;  ob
allerdings  die  Stückentlöhnung  an  Stelle  der  Gewichtsentlöhnung
nicht  mit  der  Zeit  von  Nachteil  sein  wird,  ist  eine  Frage.  Es
ist  überraschend,  zu  sehen,  wie  bei  dieser  Firma  die  Gußputzer
rasch  mit  ihrem  Verdienst  in  die  Höhe  stiegen.  Ich  gebe  die
Schuld  nur  der  Entlöhnungsmethode.  Die  Berechnungsgrundlage
18  Es  soll  durch  die  Verteilung  nicht  mit  dem  Prinzip  gebrochen  werden,
dos;  die  Stundcnlöhne  nicht  der  Tätigkeit  des  Arbeiters  entsprechen,  sondern
die  Verschiedenheit  der  Löhne  soll  beim  Gußputzen  wegen  der  Leichtigkeit
der  Arbeit  nicht  zum!  Ausdruck  kommen,  um  so  mehr,  als  ja  nicht  die
Einzelproduktion,  sondern  nur  die  Produktion  der  ganzen  Belegschaft  zur
Akkordverrechnung  herangezogen  wird.

8

As»*

»rwm#
Bibliothek

‘•'S
        <pb n="32" />
        34

der  Gewichte  erlaubt  der  Leitung  nicht,  streng  an  einer  Akkordgrenze
  festzuhalten  und  jede  Leistungssteigerung  der  Arbeiter
durch  eine  Herabsetzung  des  Akkords  wett  zu  machen.  Ferner
fehlen  bei  den  Gußputzern  maschinelle  Einrichtungen  größeren
Umfanges,  das  Sandstrahlgebläse  und  die  durch  Preßluft  angetriebenen ­
  Meißel  bestehen  schon  ziemlich  lange,  sonst  hätte
die  Leitung,  sich  auf  Verbesserungen  der  Maschineneinrichtung
stützend,  Herabsetzung  erzwingen  können.
c)  Einfluß  der  Verhältnisse  von  Arbeitnehmer  zu
Arbeitgeber.
Im  Zusammenhange  mit  diesem  Kapitel  möchte  ich  auch
auf  die  Wichtigkeit  des  Bestehens  von  persönlichem  Vertrauen
zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  hinweisen.  Die  Interessen ­
  beider  Teile  sind  immer  verschieden  und  auch  noch  so  geschickt ­
  durchkonstruierte  Lohnsysteme  werden  die  Gegensätze  nicht
völlig  verwischen  können.  Ein  erfolgreiches  Zusammenarbeiten
ist  nur  durch  ein  Entgegenkommen  von  beiden  Seiten  möglich.
Das  ist  um  so  notwendiger,  als  im  allgemeinen  in  industriellen
Werken  die  Tätigkeit  der  Arbeitnehmer  nur  durch  wenige  Bestimmungen ­
  festgelegt  ist.  Speziell  bei  der  Entlöhnung  ist  es
gar  nicht  möglich,  alle  Verhältnisse  und  Beziehungen  genau  zu
fixieren.  Die  Entscheidungen  über  diese  Fragen  hängen  meist
von  den  persönlichen  Anschauungen  der  daran  beteiligten  Personen ­
  ab.  Deshalb  ist  der  Erfolg  eines  Lohnsystems  durch  rein
menschliche  Beziehungen  stark  bedingt  und  abhängig  von  der
Klugheit  und  dem  Taktgefühl  der  Beamten.
Die  Entlöhnung  wäre  etwas  verhältnismäßig  Einfaches  und
wohl  auch  etwas  relativ  Vollkommenes,  wenn  man  bei  der  Beurteilung ­
  nur  die  Anordnungen  und  Bestimmungen  der  Direktionen ­
  zu  Grunde  legen  würde.  Die  Mängel,  die  Schwierigkeiten
der  Durchführung  einer  bestimmten  Lohnform  werden  erst  in  der
Praxis  sichtbar.  Die  oft  eines  gewissen  theoretischen  Anfluges
nicht  entbehrenden  Anordnungen  der  Direktion  sind  praktisch  oft
gar  nicht  durchführbar.  Sie  stoßen  außerdem  vielfach  bei  den
mit  der  Durchführung  beauftragten  Beamten  auf  unrichtiges  Vec-
        <pb n="33" />
        35

standnis.  Die  Arbeiterschaft  schaut  im  allgemeinen  wenig  auf
prinzipielle  Entscheidungen,  sondern  ist  bei  einem  gewissen  Entgegenkommen ­
  leicht  zufrieden.  Sie  legt  Wert  auf  gegenseitiges
Vertrauen  und  läßt  strenge  Bestimmungen  ohne  Widerspruch,
wenn  sie  in  den  mit  der  Anwendung  betrauten  Personen  Garantien
für  eine  entgegenkommende  Handhabung  erblickt.  In  Protokollen
über  Arbeiterausschußsitzungen  konnte  ich  diese  Wahrnehmung  bestätigt ­
  finden.  Die  Arbeitervertreter  protestierten  gegen  gewisse
Bestimmungen,  gaben  sich  aber  zufrieden,  als  versprochen  wurde,
keine  rigorose  Anwendung  von  ihnen  zu  machen.
Es  bildet  sich  oft  mit  der  Zeit  eine  gewisse  traditionelle
Handhabung  speziell  des  Lohnsystems  heraus,  die  seine  Fehler
und  Schwächen  übergeht,  den  theoretischen  Inhalt  unberücksichtigt
läßt  und  sich  mit  den  Formen  begnügt,  die  die  praktische  Anwendung ­
  des  Systems  gezeitigt  hat.  Die  zufriedenstellenden
Resultate,  die  das  Akkordsystem  in  manchen  Werken  erzielt  hat,
sind  häufig  bedingt  durch  diese  Erscheinungen.
Im  allgemeinen  ist  ja  der  Arbeiter  über  das  Akkordsystem
sehr  oberflächlich  unterrichtet.  A.  Löhr"  geht  in  seinem  Buche
auf  „die  Auffassung  des  Arbeiters  über  die  Akkordlohnmethode"
näher  ein  und  sagt  dort:  „daß  es  auch  heute  noch  in  weiten
Schichten  der  Arbeiterschaft  an  tiefem  Verständnis  für  das  Akkordsystem, ­
  an  wirklicher  Einsicht  in  seine  Licht-  und  Schattenseiten ­
  fehlt,  ist  sicher.  Über  die  eigentlichen  Probleme  des  Akkordsystems ­
  haben  viele  noch  gar  nicht  nachgedacht,  die  Tag  für
Tag  unter  seiner  Herrschaft  arbeiten  und  Tag  um  Tag  unter
den  Mängeln  seiner  Handhabung  leiden."
Die  Arbeiterorganisationen  waren  anfänglich  schroffe  Gegner
des  Akkordsystems  und  hoben  einseitig  die  Nachteile  des  Akkordsystems
  hervor.  Die  damaligen  Schlagwörter  sind  heute  noch
nicht  vergessen.  Praktisch  änderten  sich  ja  die  feindlichen  Ansichten
rasch,  wenn  auch  an  dieser  Stellungnahme  oft  nur  die  höheren
Verdienste  die  Schuld  hatten.  Wie  sehr  diese  Gegnerschaft

11  i.  Löhr:  Beiträge  zur  Würdigung  der  Akkordlvhumethobe,
M.-Gladbach  1912,  S.  35.
        <pb n="34" />
        36

geradezu  in  das  Gegenteil  umgeschlagen  ist,  davon  gibt  eine
Äußerung  eines  Nürnberger  Arbeitersekretärs  des  Metallarbeiterverbandes ­
  Zeugnis.  Er  erklärte,  daß  seine  Organisation  das
Akkordsystem  an  sich  nicht  bekämpfe,  er  sei  der  Meinung,  daß  Fälle
eintreten  können,  wo  die  Arbeiter  zur  Erhaltung  des  Akkordsystems ­
  in  den  Streik  eintreten  würden.  Er  halte  den  Akkord
für  die  richtigste  Form  der  Arbeitvergebung.

Die  Entwicklung  des  Akkordlohnes.
In  Deutschland  begann  die  eigentliche  industrielle  Entwicklung ­
  erst  in  den  dreißiger  und  vierziger  Jahren  des  vorigen
Jahrhunderts.  Zwar  wurde  die  Dampfmaschine  bereits  seit  Anfang ­
  des  Jahrhunderts  in  Deutschland  benützt  und  auch  hergestellt, ­
  aber  die  Entwicklung  der  Industrie  war  bis  dorthin  eine
langsame  gewesen;  erst  der  Bau  der  Eisenbahnen  und  die  Begründung ­
  der  deutschen  Zollvereine  wirkten  fördernd  auf  sie  ein 15 .
In  dieser  frühen  Zeit  waren  von  den  Unternehmern  vor
allem  konstruktive  Fragen  zu  lösen.  Es  dauerte  lange  Zeit  bis
die  Maschinen  aus  den  Versuchsstadien  heraus  waren  und  eine
wirklich  brauchbare  konstruktive  Durchbildung  erfahren  hatten.
Naturgemäß  machte  die  Herstellung  der  werkstatttechnisch  oft  noch
sehr  schwierigen  Stücke  der  jungen  Industrie  viele  Schwierigkeiten
und  die  Abnehmer  hatten  oft  wegen  der  schlechten  Ausführung
ihrer  Bestellungen  begründeten  Anlaß  zu  klagen.  Wichtiger  als
der  Preis  der  Erzeugnisse  war  daher  ihre  Güte  und  Brauchbarkeit. ­


15  C.  Matschoß,  Die  Entwicklung  der  Dampfmaschine,  Berlin  1908,
S.  179.  Borsig  gründete  sein  Unternehmen  1837  in  Berlin,  Schwartzkopf
1852,  Hartmann  (Sächsische  Maschinenfabrik)  in  Chemnitz  1837.  Das  Nürnberger ­
  Werk  der  Maschinenfabrik  Augsburg-Nürnberg  A.-G.  wurde  1838
begründet,  das  in  Augsburg  etwas  später.  Masfei  (München)  stellte
1811  seine  erste  Lokomotive  her.
        <pb n="35" />
        37

Die  Fabriken  entwickelten  sich  damals  aus  kleinen  Anfängen.
Die  Tüchtigkeit  der  einzelnen  Arbeiter  war  noch  in  großem  Umfange ­
  für  das  Gelingen  des  Werkes  maßgebend.
,  .  Ein  patriarchalisches  Verhältnis  zwischen  Arbeiter  und
Unternehmer  ist  das  Kennzeichen  der  damaligen  Zeit.  Das
ganze  Unternehmen  hängt  in  allen  Teilen  noch  eng  zusammen,
der  Besitzer  ist  meist  auch  der  Leiter  der  Fabrik  und  es  kommt
gar  nicht  so  selten  vor,  daß  er  bei  der  Arbeit  in  den  Werkstätten  auch
selbst  mit  Hand  anlegt.  Mit  allen  seinen  Untergebenen  stand  der
Unternehmer  in  persönlichen  Beziehungen  und  die  Lage  der  Arbeiterschaft ­
  hing  stark  von  den  persönlichen  Eigenschaften  des
Arbeitgebers  ab.
Das  Größerwerden  der  Betriebe,  das  Anwachsen  der  Arbeiterzahl ­
  hatte  zur  Folge,  daß  der  Unternehmer  zur  Leitung
der  Werkstätten  sich  Mittelpersonen  bedienen  mußte:  Der  Meister. ­
  Sie  waren  fast  durchweg  aus  den  Arbeiterkreisen  hervor-*
  ,  gegangen  und  hatten  durch  größere  Tüchtigkeit  und  Zuverlässigkeit ­
  vermocht,  sich  zu  übergeordneten  Stellen  aufzuschwingen.
Neben  der  Leitung  der  Werkstätten  oblag  ihnen  noch  die  Einstellung ­
  der  Arbeiter,  die  Feststellung  der  Löhne  und  die  Kontrolle ­
  der  Arbeit.  Reichelt  sagt  darüber  bei  der  Besprechung
dieser  früheren  Zustände:  „Bei  der  Gründung  brauchte  die  Unternehmung ­
  unbedingt  einige  besonders  geschickte  Männer,  welche
die  anderen  Arbeiter  erst  anlernen  und  einrichten  mußten.  Als
sich  die  Fabrik  dann  mehr  und  mehr  ausdehnte  und  vervollkommnete, ­
  übergab  man  diesen  Personen  die  Leitung  der  verschiedenen ­
  Abteilungen,  da  sie  gleichsam  die  Grundlagen  der  Fabrik
mitgelegt  hatten,  die  Arbeitsmethoden  am  besten  kannten  und  zu
dem  inneren  Ausbau  des  Betriebes  am  meisten  beigetragen  hatten.
In  den  leitenden  Stellen  eigneten  sie  sich  bald  eine  große  Selb-•
  *  ständigkeit  an  und  verstanden  es  natürlich,  auch  sich  ein  entsprechendes ­
  Einkommen  zu  sichern 16 ."
16  Dr.  H.  Reichelt:  Die  Arbeitsoerhältnisse  in  einem  Berliner
♦  ,  Großbetriebe  der  Maschinenindustrie.  Berlin  1906,  S.  46  ff.  (Hest  4  der
Untersuchungen  über  die  Entlöhnungsmcthode  in  der  deutschen  Eiseu  und
Maschinenindustrie.)
        <pb n="36" />
        38

Die  Entlöhn  ung  geschah  wohl  in  dieser  Zeit  selten  in  Form
des  Akkordlohnes.  Die  Arbeiter  arbeiteten  meist  in  festem
Stundenlohn.
Reichelt  weist  darauf  hin,  daß  in  dem  von  ihm  untersuchten ­
  Unternehmen  der  Akkordlohn  in  Verbindung  init  dem
Zwischenmeistersystem  zur  Einführung  gelangt  war.  Ich  glaube
jedoch  nicht,  daß  dieser  Modus  allzu  häufig  in  Deutschland  war.
Bei  dem  von  Reichelt  erwähnten  Falle  war  die  ganze  Fabrik
in  4  selbständige  Abteilungen  gegliedert,  die  einem  „Unternehmer"
(früheren  Arbeiter)  unterstanden.  Die  Firma  übergab  diesen
Unternehmern  die  ihr  gewordene  Bestellung  aus  eine  Maschine
zu  einem  bestimmten  Preis,  sie  stellte  die  Werkstätten  und  deren
Einrichtungen,  während  der  Unternehmer  für  die  Herstellung  zu
sorgen  hatte.  Jede  der  4  größeren  Abteilungen  gliederte  sich
nun  weiter  in  verschiedene  kleinere,  die  man  Kolonnen  nannte
und  denen  die  Kolonnenführer  vorstanden.  In  der  Maschinenbauabteilung ­
  gab  es  zuin  Beispiel  eine  Schlosserkolonne,  eine
Fräserkolonne,  eine  Dreherkolonne  usw.  Hatte  ein  Unternehmer
von  der  Firma  einen  Auftrag  erhalten,  so  vergab  er  seinerseits
die  einzelnen  auszuführenden  Operationen  im  Akkord  an  seine
Kolonnenführer.  Diese,  gleichsam  eine  zweite  Kategorie  von
Zwischenmeistern,  waren  erst  die  direkten  Vorgesetzten  der  Arbeiter. ­
  Die  Kolonnenführer  nahmen  die  Arbeiter  an  und  entließen ­
  sie.  Sämtliche  Arbeiter  waren  ausschließlich  im  Stundenlohn ­
  beschäftigt,  der  einem  jeden  von  seinem  Kolonnenführer
festgesetzt,  d.  h.  zudiktiert  wurde.  Die  Arbeiter  selbst  hatten  nicht
den  geringsten  Einfluß  auf  die  Lohnhöhe.  Sie  mußten  unbedingt
zu  den  ihnen  angebotenen  Löhnen  arbeiten,  andernfalls  wurden
sie  entlassen  oder  nicht  eingestellt.  Die  Firma  und  die  Unternehmer ­
  kämen  also  mit  den  Arbeitern  gar  nicht  in  nähere  Berührung, ­
  sie  kümmerten  sich  in  keiner  Hinsicht  um  die  Behandlung ­
  der  Arbeiter,  sondern  überließen  dies  vollständig  den
Kolonnenführern.  „Das  Streben  der  Kolonnenführer  ging  nun
dahin,  möglichst  bald  mit  der  Arbeit  fertig  zu  werden,  um  dafür
recht  wenig  Löhne  an  ihre  Arbeiter  zahlen  zu  müssen  und  einen
desto  höheren  Akkordgewinn  zu  erhalten.  Und  dies  Streben  war
        <pb n="37" />
        um  so  größer,  weil  die  Arbeiter  nicht  an  dem  Akkordgewinn
beteiligt  waren,  sondern  eben  nur  ihre  festen  Stundenlöhne  erhielten, ­
  so  daß  der  Kolonnenführer  den  ganzen  Akkordgewinn
in  seine  Tasche  steckte."
Die  Ausnützung  der  Arbeiter  war  am  größten  bei  diesem
Zwischenmeistersystem,  und  Bernhard  weist  nach,  daß  diese  große
Selbständigkeit  der  Meister  allen  jungen  Industrien  gemeinsam ­
  ist.  Er  erinnert  u.  a.  an  Stellung  der  Akkordmeister  in
der  englischen  Textilindustrie,  an  die  Einführung  des  Akkordsystems ­
  in  der  englischen  Maschinenindustrie,  die  ebenfalls  in
Form  des  Akkordmeistersystems  vor  sich  ging.  Die  Verhältnisse, ­
  die  in  solchen  Fällen  den  Akkvrdmeistern  eine  entscheidende
Machtstellung  im  Arbeitsprozeß  verschaffen,  sind,  wie  sich  ganz
deutlich  beobachten  läßt:  erstens  die  geringe  Ausbildung  der
meisten  Arbeiter  und  zweitens  die  wenig  entwickelte  Arbeitsteilung ­
  17 .
Auch  in  den  Unternehmungen,  wo  dieses  Zwischenmeistersystem ­
  nicht  zur  Anwendung  gelangte  und  wo  vor  allem  die
Ausbezahlung  des  Lohnes  direkt  an  die  Arbeiter  erfolgte,  kam
es  zu  einer  Herrschaft  der  Meister  und  damit  im  Laufe  der  Jahre
zu  Unträglichkeiten  und  zu  Unzufriedenheiten.  Bei  den  meisten
Unternehmungen  wurde  wohl  nur  geringer  Gebrauch  von  dem
Akkordlohn  gemacht.
Ich  hatte  Gelegenheit  die  Lohnlisten  der  Maschinenfabrik
Augsburg-Nürnberg,  Werk  Nürnberg,  einzusehen;  sie  reichen
teilweise  bis  zum  Ende  des  Jahres  1860  zurück.  Der  Akkordlohn ­
  fand  sich  nur  vereinzelt  bis  zu  diesem  Jahre  zurück:  in  der
Gießerei  z.  B.  wurden  häufig  überhaupt  keine  Arbeiter  nach

17  S.  Bernhard:  Die  Akkordarbeit  in  Deutschland,  Leipzig  1903,
S.  183.  (Bernhard  weist  ferner  daraus  hin,  daß  in  allen  jüngeren  Industrien ­
  die  Unternehmer  Wert  daraus  legen  mußten,  besonders  tüchtige
Arbeiter  als  Leiter  der  Arbeit  zu  besitzen.  „Daher  ist  leicht  zu  verstehen,
daß  die  Unternehmer  den  Vorarbeitern  eine  weitgehende  Selbständigkeit  ließen.
Die  Vorarbeiter  sollten  die  Verantwortung  für  den  gesamten  Arbeitsprozeß
tragen;  mit  den  Vorarbeitern  schlossen  die  Unternehmer  deshalb  Akkordverträge ­
  und  überließen  auch  den  Vorarbeitern  den  Akkordgewinn.")
        <pb n="38" />
        40

diesem  System  entlohnt;  wnrde  iin  Akkord  gearbeitet,  so  sanden
nur  5—10o/o  der  Belegschaft  im  Maximum  darin  Beschäftigung,
in  den  80er  Jahren  erhöht  sich  diese  Ziffer  bis  20o/o.  Das
sporadische  Auftreten  spricht  dagegen  als  ob  man  von  seiner
Nützlichkeit  allzusehr  überzeugt  gewesen  märe;  erst  in  den  neunziger ­
  Jahren  kommt  er  zur  allgemeinen  Einführung,  trotzdem
sich  in  den  technischen  Voraussetzungen  nichts  geändert  hat.
Allerdings  haben  die  übrigen  Verhältnisse  der  Maschinenbauindustrie ­
  in  der  Zwischenzeit  manchen  Umschwung  erfahren.
Der  Konkurrenzkampf  ist  schärfer  geworden,  die  einzelnen  Fabriken ­
  sind  untereinander  in  Wettbewerb  getreten,  der  um  so
schärfere  Formen  annahm,  als  die  Rentabilität  mancher  Unternehmungen ­
  sehr  zu  wünschen  übrig  ließ.  Das  Bestreben  möglichst ­
  billig  zu  arbeiten  trat  mehr  und  mehr  in  den  Vordergrund ­
  und  wurde  vor  allem  im  Lohnwesen  in  die  Tat  umzusetzen ­
  versucht.
In  den  neunziger  Jahren  erlebte  dev  deutsche  Maschinenbau ­
  einen  großen  Aufschwung.  Die  Fabriken  waren  größer  geworden, ­
  die  Arbeiterzähl  gewachsen  und  eine  schärfere  Trennung
zwischen  Verwaltung,  Konstruktionsbüros  und  Werkstätten  war
infolgedessen  eingetreten.  Der  patriarchalische  Ton  verschwand,
sachliche  Beziehungen  traten  an  die  Stelle  der  persönlichen.  Die
Löhne  und  die  übrigen  Unkosten  waren  gestiegen.  Dadurch  wurde
die  Erfindung  arbeitsparender  Maschinen  veranlaßt  und  deren
Benützung  zu  einer  wirtschaftlichen  Notwendigkeit.  Die  Einführung ­
  dieser  teuren  Hilfs-  und  Bearbeitungsmaschinen  lehrte
den  Unternehmern  ein  schärferes  Rechnen  und  Kalkulieren.  Nicht
allein  in  der  Maschinenindustrie  traten  Bestrebungen  ein,  die
gesamte  Organisation  eines  Unternehmens  klar,  deutlich  und
übersichtlich  zu  gestalten,  die  Beziehungen  mechanischer  und  zwang
läufiger  zu  machen,  um  damit  von  persönlichen  Irrtümern  und
Abhängigkeiten  frei  zu  werden.  So  wurde  vor  allem  die  Organisation, ­
  beeinflußt  auch  durch  das  Bekanntwerden  amerikanischer
Mithoden,  überall  zu  verbessern  und  aus  den  primitiven  Zuständen ­
  heraus  zu  heben  versucht.  Das  Bestreben  wirtschaftlich
und  mit  möglichster  Herabsetzung  der  Kosten  zu  arbeiten  wird
        <pb n="39" />
        41

aus  Rücksichten  aus  die  Konkurrenz  größer  und  nun  setzte  auf
allen  Gebieten  eine  Prüfung  der  Ausgaben  ein.  Eine  Minderung
wurde  erreicht,  als  mau  sich  bestimmten  Fabrikationsmethoden
^  m  unterordnete,  und  eine  Massenfabrikation  durchzuführen  verstund.
Damit  gelang  es  auch  das  Selbstkosten-  und  das  Lohnwesen  in
bestimmte  Formen  zu  bringen.  Die  nähere  Erörterung  dieser
letztgenannten  Dinge  folgt  später.  Mit  diesen  Zeilen  sollte  nur
die  Entwicklung  des  Maschinenbaues  kurz  skizziert  werden.  Ich
fasse  kurz  zusammen:  Ein  industrielles  Unternehmen  wird  gegründet, ­
  um  den  Unternehmern  einen  Verdienst  oder  Gewinn  zu
schaffen.  Der  wirtschaftliche  Gedanke  ist  fast  immer  vorhanden
und  wird  nie  beiseite  gestellt  werden  können.  Aber  dieser
wirtschaftliche  Gedanke  tritt  mit  verschiedener  Intensität  auf,  er
nimmt  verschiedene  Formen  an.  Um  sich  durchzusetzen,  benötigt
er  die  Hilfe  verschiedener  Prinzipien,  die  abhängig  von  der  Größe
des  Betriebes,  von  Fabrikationsbedingungen,  vom  Weltmarkt  sind.
,  ,  Bald  sucht  er  auf  diesem  Gebiete  seine  Hauptbetätigung,  bald
auf  jenem.  Das  Anwachsen  der  Betriebe  brachte  eine  große  Kompliziertheit ­
  mit  sich,  !die  nur  durch  Ausbildung  neuer  Organisationsformen ­
  zu  beherrschen  war.  Die  scharfe  Konkurrenz  dagegen  zwingt
den  Unternehmer  zu  einer  Neugestaltung  des  Fabrikationsverfahrens. ­
  So  sind  eine  Unmenge  von  Kräften  am  Werke,  das  Wesen
dieser  Unternehmungen  umzugestalten.  Umänderungen  in  der
Organisation  haben  in  der  Ausgestaltung  der  Fabrikation  ihre
Ursache  und  umgekehrt.  Alle  Gebiete  stehen  in  steten  Wechselwirkungen, ­
  ein  mannigfaltiges  Leben  mit  vielgestaltigen  Beziehungen ­
  herrscht.
In  den  ersten  Anfängen  der  industriellen  Entwicklung  war  kein
besonderes  Interesse  für  die  Form  der  Entlohnung  vorhanden.
Das  Vordringen  wirtschaftlicher  Prinzipien  machte  auch  die  Unter-*&amp;gt;
  •  nehmer  geneigt,  den  Akkordlohn  auf  seine  Brauchbarkeit  und  auf
seine  Vorteile  für  den  Betrieb  hin  zu  untersuchen.  Die  Hauptmängel
  des  Zeitlohns,  das  Fehlen  eines  leistungssleigernden
Momentes  und  das  Vertiefen  des  Gegensatzes  zwischen  Arbeitgeber,
der  rasche  Arbeit  verlangte  und  dem  Arbeitnehmer,  der  wenig
        <pb n="40" />
        42

und  langsam  arbeiten  wollte,  waren  bereits  unliebsam  in  Erscheinung ­
  getreten.
Es  kam  eine  Zeit,  in  der  man  den  Akkord  als  das  Heilmittel
dieser  Gegensätze  ansah.  Bei  oberflächlichem  Hinsehen  hat  dieses
Lohnsystem  einen  idealen  Inhalt:  Der  Arbeiter  wird  entsprechend
seiner  Leistung  bezahlt.  Die  Formel,  auf  die  man  damals  den
Inhalt  des  Werklohnes  brachte  und  mit  der  man  bei  den  Arbeitern
warb,  sah  ungefähr  so  aus:  Der  Arbeiter  hat  das  Interesse  möglichst ­
  viel  zu  verdienen,  und  wird  deshalb  schnell  arbeiten,  da  er
entsprechend  seiner  Leistung  entlohnt  wird.  Deshalb  sei  auch
der  höhere  Verdienst  dem  Unternehmer  nur  von  Nutzen,  denn  er
tausche  dafür  schnelle  Arbeit  und  alle  die  damit  verbundenen  Vorteile ­
  ein.
Schneeloch 18  zitiert  eine  Stelle  aus  einem  Buche  vom  Jahre
1854,  iu  dem  folgende  Empfehlung  des  Akkordlohnes  enthalten
ist;  der  Akkordlohn  soll:
„l.  Den  Fleiß  der  Arbeiter  ohne  mündliche  Anregung  heben.
2.  Die  ängstliche  Kontrolle  über  die  Tätigkeit  der  Arbeiter
entbehrlich  machen  und
3.  Dem  Arbeiter  Mittel  in  die  Hand  geben,  durch  Fleiß
seinen  gewöhnlichen  Schichtlohn  zu  verbessern."
In  dieser  Empfehlung  ist  die  Einfachheit  des  Lohnsystems
gar  nicht  erwähnt,  und  doch  ist  dies  ein  Vorzug,  der  ganz  wesentlich
zur  Verbreitung  des  Akkordlohnes  beigetragen  hat  und  auch  heute
noch  nicht  seine  geringste  Stütze  ist.  Denn  seine  Anwendung  erfordert ­
  keine  umständliche  Rechenarbeit,  kein  Aufstellen  von
Tabellen  und  Formeln,  wie  es  bei  einigen  der  Prämiensysteme
nötig  ist,  er  ist  auch  für  den  unintelligentesten  Arbeiter  verständlich.
Für  den  Arbeitgeber  vereinfacht  und  verbessert  er  im  Vergleich  mit
dem  Zeitlohn  die  Kalkulations-  und  Selbstkostenrechnung,  ein
Moment  allerdings,  das  in  der  ersten  Zeit  erst  nur  eine  kleine
Bedeutung  hotte.
Die  Einführung  des  Akkordlohnes  brachte  nun  fast  immer  eine
Reihe  von  Vorteilen  mit.  Die  Arbeitsleistung  wurde  gesteigert

Technik  und  Wirtschaft  1910,  S.  -19.
        <pb n="41" />
        43

und  vielfach  konnte  für  dieselbe  Arbeit  eine  Minderung  der  Lohnausgaben
  eintreten.  Ungefähr  30  o/g  soll  die  Erhöhung  der
Leistung  der  Arbeiter  betragen  haben 19  beim  Übergang  vom  Zeitlohn ­
  zum  Akkordlohn.  Verdankt  man  aber  dies  direkt  und  ausschließlich ­
  dem  Lohnsystem?
Wird  ein  neues  Lohnsystem  zur  Einführung  gebracht,  so
geht  daraus  zum  mindesten  hervor,  daß  man  der  Entlöhnung  Aufmerksamkeit ­
  schenkte.  Man  diskutierte  und  kritisierte  die  daraus
im  Zusammenhang  stehenden  Fragen  und  bemühte  sich  dann  die
erkannten  Mängel  abzustellen.  Das  neue  Lohnsystem  gab  einen
begründeten  Anlaß  Maßregeln  durchzuführen,  die  diesem  Zwecke
dienten,  und  inmitten  eines  neuen  Milieus  fanden  sich  auch  Arbeiter
und  Beamte  leichter  in  die  Neuordnung  der  Dinge.  Diese  Punkte
sind  hervorzuheben,  denn  man  begegnet  häufig  Feststellungen  erhöhter ­
  Arbeitsleistung,  von  Verbesserungen  und  Erleichterungen
der  Fabrikation,  die  der  Neneinführung  eines  bestimmten  Lohnsystems ­
  zu  verdanken  wären,  die  aber  direkt  mit  diesem  Lohn,-system
  gar  nichts  zu  tun  haben,  sondern  ihren  Ursprung  nur  darin
haben,  daß  man  die  Arbeitsbedingungen  und  die  Arbeitsprozesse
gründlich  durchdachte  und  vor  allem  den  Willen  besaß,  diese  Bedingungen ­
  und  Prozesse  zu  verbessern.
Man  kann  nicht  eine  bestimmte  Zeit  angeben,  von  wo  an  eine
Umwandlung  der  Entlöhnung  beginnt,  das  hängt  von  der  Lage
jedes  einzelnen  Betriebes,  von  Personenfragen  und  von  Rücksichten ­
  auf  die  vorhandenen  Leiter  ab.  Es  kann  jetzt  noch  vorkommen, ­
  daß  einzelne  Werkstätten  ganz  modern  in  der  Organisation
sind,  während  in  anderen  desselben  Unternehmens,  wo  ein  älterer
konservativer  Beamter  an  der  Spitze  steht,  es  noch  sehr  altmodisch
zugeht.  In  der  frühesten  Zeit  des  deutschen  Maschinenbaues  hat
der  Akkordlohn  noch  keine  ausgedehnte  Anwendung  gefunden.  Ich
habe  bereits  Gelegenheit  gehabt,  die  Maschinenfabrik  Augsburg-Nürnberg
  als  Beispiel  zu  erwähnen.  In  dessen  Nürnberger  Werk
'*  S.  Be  r  n  h  a  r  d  ,  Handbuch  der  Löhnungsmethoden,  S.  39.
„Ich  habe  in  Fällen,  die  zu  zahlreich  sind,  um  sie  zu  erwähnen,  festgestellt,
daß  die  Steigerung  des  Arbeitertrages,  welche  beim  Übergang  zum  Stücklohn ­
  ermöglicht  wurde,  sich  aus  30—50  o/o  beläuft."
        <pb n="42" />
        44

ist  der  Akkordlohn  erst  in  den  neunziger  Jahren,  bei  den  Modellschreinern ­
  erst  in  diesem  Jahrhundert  eingeführt  worden.  Ich
möchte  nicht  versäumen,  auf  die  letzte  Erscheinung  hinzuweisen,
denn  in  diesem  Falle  war  nur  die  Stellung  des  Holzarbeiterverbandes, ­
  dem  die  Modellschreiner  angegliedert  sind,-  an  der  späten
Einführung  des  Akkordlohnes  schuld.
Die  weitere  Entwicklung  des  Akkordlohnes  ist  nur  zu  behandeln, ­
  wenn  man  eine  Trennung  in  die  zwei  Probleme  der
A  k  k  o  r  d  f  e  st  s  e  tz  u  n  g  und  der  Akkordgrenze  vornimmt.

Die  Akkordfestsetzung.
Die  Akkordfestsetzung  war  früher  eine  Aufgabe  der  Meister.
Selter?»  schreibt  darüber:  „Der  springende  Punkt  bei
dem  Akkordsystem  ist  die  Festsetzung  der  einzelnen  Akkorde.  Bisher
kannte  man  mit  ganz  geringen  Ausnahmen  in  den  Fabriken
nur  eine  Festsetzung  der  Akkorde  durch  Schätzung  und  zwar  durch
den  Werkstattmeister.  Der  Vorgang  hierbei  war  und  ist  folgender:
Ist  das  betreffende  Arbeitsstück  noch  nicht  gefertigt,  so  sucht  der
Meister  nach  einem  jenem  am  meisten  ähnelnden  Stück,  welches
bereits  hergestellt  worden  ist.  Auf  Grund  der  hierfür  verwendeten ­
  Arbeitszeit  schätzt  er  die  dann  für  das  neue  Stück  zu
verwendende  Zeit  und  hiernach  den  neuen  Akkordpreis  ab.  Ist
aber  kein  ähnliches  Stück  vorhanden,  so  schätzt  er  den  Preis
entweder  so  ab,  oder  aber  er  läßt  den  Arbeiter  erst  ruhig  einige
Stücke  ohne  Angabe  der  Preise  fertigmachen.  In  letzterem  Falle
sucht  der  Arbeiter  natürlich  auf  alle  mögliche  Weise  die  Arbeitszeit ­
  zu  verlängern,  denn  hiernach  wird  ja  sein  späterer
Akkord  festgesetzt."  Die  Beispiele  für  diese  ungenaue  Festsetzung
der  Akkorde  kann  man  ins  Endlose  fortsetzen.  Nicht  allein  die

20  Selter,  Tarifverträge  in  Maschinenbaugroßbetrieben,  Werkstattstechnik ­
  1911,  S.  10.
        <pb n="43" />
        45

Meister  hatten  Schuld  an  diesen  Zuständen,  sondern  auch  die
Arbeiter  zeigten  säst  überall  das  Bestreben,  ihren  Vorgesetzten
den  Einblick  in  den  Umfang  der  Arbeit  zu  erschweren.  Sie
suchten  zu  erreichen,  daß  eine  möglichst  lange  Dauer  der  Arbeit
dem  Akkord  zugrunde  gelegt  wurde.  Die  Mittel  hiezu  waren  das
„Bremsen",  das  absichtlich  langsame  arbeiten  und  das  „Schieben" ­
  der  Akkorde 21  d.  h.  die  ungenaue  Angabe  über  die  verwendete ­
  Zeit  auf  bestimmte  einzelne  Akkorde.  Das  Bemühen
der  Arbeiter  die  Verhältnisse  bei  der  Akkordfestsetzung  für  sich
möglichst  günstig  zu  gestalten,  ist  konstant  geblieben  bis  auf  den
heutigen  Tag.
Von  dem  Bremsen  des  Arbeiters  und  dem  Einhalten  seines
Durchschnittslohnes  spricht  auch  F.  Siebenfreund.  Er  hebt
hervor,  daß  der  Arbeiter  es  auch  dann  tun  wird,  „wenn  die
Lohnherabsetzung  bei  dem  gleichen  Stück  vertragsmäßig  erst  nach
längerer  Zeit,  nach  einem  halben,  einem  ganzen  oder  gar  zwei
Jahren  durchgeführt  wird,  wie  dies  in  manchen  Werken  gebräuchlich ­
  ist,  in  dem  falschen  Glauben,  damit  diesem  ilbelstand  wirkungsvoll ­
  entgegenzutreten.  Es  ist  dies  schon  deshalb  nicht  stichhaltig, ­
  weil,  wie  oben  bereits  angedeutet,  diese  Herabsetzung  will
sagen,  das  Tieferveranschlagen  des  Lohnes  bezw.  der  Zeit  bei
ähnlichen  Stücken  sofort  vorgenommen  wird 22 ."
Die  Zitate  darüber  kann  man  beliebig  mehren;  wohl  jeder,  der
über  Akkordlohn  schreibt,  macht  von  diesen  Verhältnissen  Mit-21

  W.  Schneeloch:  Die  Behandlung  der  Zeit  in  der  Lohn-  und
Selbstkostenberechnung.  Technik  und  Wirtschaft  1910,  S.  49,  Berlin  1910.
Tort  ist  zu  lesen:  „Die  heutige  Praxis  ist  folgende:  Der  Arbeiter  sucht
die  Zeiten  der  Einzelleistungen  zu  verheimlichen  und  zu  verwischen,  um  den
Einblick  in  seine  Akkordverhältnisse  zu  vereiteln.  Der  Meister  als  Zuschauer
muß  cs  vermeiden,  Fragen  anzuschneiden,  deren  sachgemäße  Lösung  ec  gar
nicht  in  der  Hand  hat.  .  .
22  F.  Sieben  freund  :  Studie  über  Löhnungsmethoden,  Werkstattstcchnik
  II.  1908,  S.  535.  —  Ähnliches  sagt  auch:  Elsner,  Die  Berechnung
der  Lohnkosten  in  der  Fabrik  von  Ludwig  Löwe  &amp;amp;  Co.,  A.-G.,  Berlin.  Zeitschrift ­
  des  Vereins  deutscher  Ingenieure  1904,  S.  55,  ferner  Zeitschrift  des
Vereins  deutscher  Ingenieure  1906,  S.  915,  und  Selter,  Werkstattstechnik
IV.,  1910,  S.  139.
        <pb n="44" />
        46

teUung.  Dieser  Widerstand  der  Arbeiter  erschwerte  den  Meistern
das  Festsetzen  der  Akkorde.  Aber  die  Stellung  der  Meister,  die
sich  mehr  und  mehr  Autorität  angeeignet  hatten,  führte  zu  verschiedenen ­
  Unzuträglichkeiten.
Wie  wenig  sich  die  unabhängige  Stellung  der  Meister  bewährte, ­
  mögen  folgende  Auslassungen  zeigen.
Richard  Blum  23,  der  Direktor  der  Berlin-Anhaltischen  Maschinenfabrik, ­
  sagt  darüber:  „Meisterwirtschaft  heißt  auf  Deutsch:
Festhalten  an  dem  Althergebrachten,  möglichst  große  Bequemlichkeit, ­
  passiven  Widerstand  gegen  alte  Neuerungen,  Nie  —  Zeithaben ­
  und  Günstlingswirtschaft.  Wer  von  den  Fabrikanten,  die
sich  bemüht  haben,  Neuerungen  einzuführen  und  die  gezwungen
waren,  zuerst  mit  alten  jahrzehntelangen  angestellten  Meistern  zu
arbeiten,  hat  nicht  hundertfach  gehört:  „Es  ist  doch  so  lange
gut  bei  uns  gegangen,  was  brauchen  wir  zu  ändern?"  Wer  von
den  Fabrikleitern  hat  nicht  von  seinen  Arbeitern  wiederholt  Klage
gehört,  daß  der  eine  oder  andere  Arbeiter  von  den  Meistern  bevorzugt ­
  werde,  daß  Vertuschen  von  in  der  Werkstatt  gemachten
Fehlern  und  Versehen,  die  erst  an  den  Aufstellungsplätzen  bemerkt ­
  werden,  von  den  Meistern  gewünscht  und  verlangt  werde;
das  Betriebsbüro  in  Verbindung  mit  dem  Akkordwesen,  die  Aufstellung ­
  durch  unbeteiligte  Beamte  steuern  diesem  Unwesen  am
zweckmäßigsten,  namentlich  wenn  auch  die  außerhalb  beschäftigten
Richtmeister  ihre  Berichte  an  eine  besondere  Abteilung  zu  leiten
haben,  die  wiederum  Fühlung  mit  dem  Betriebsbüro  hat."
Diesen  Mängeln  des  Systems  suchte  man  abzuhelfen.  Das
konnte  auf  zweierlei  Art  geschehen.  Man  konnte  eine  personelle
Änderung  herbeiführen  und  die  Aufgaben  der  Meister  an  Beamte
übertragen,  bezw.  die  Tätigkeit  der  Meister  einer  schärferen  Kontrolle ­
  unterziehen.  Oder  aber  man  setzte  an  die  Stelle  des  alten
System  ein  neues.  Denn  mit  der  Übertragung  der  Aufgaben  der
Meister  an  Beamte  war  im  Grunde  wenig  Neues  geschehen,  die
Akkordpreisfestsetzung,  die  uns  hier  speziell  interessiert,  war  damit

28  Slum,  Richard:  Die  Gesamtorganisatioii  der  Berlin-Aiihaltischrn
Maschinenbau  A.--G.,  Technik  und  Wirtschaft  1011,  S.  218,  Berlin  1.911.
        <pb n="45" />
        47

wvhl  unparteiischeren  Personen  übergeben  worden,  aber  auch
Personen,  die  dem  Fabrikationsprozeß  ferner  standen  wie  die
Meister  und  deshalb  doch  auf  deren  Rat  angewiesen  waren.
Außerdem  widersetzten  sich  die  Meister  meist  energisch  einer  Verringerung ­
  ihrer  Autorität,  und  erschwerten  die  Arbeit  der  Beamten ­
  dadurch  bedeutend 2i .  Den  fortwährenden  Erscheinungen
der  Unehrlichkeit,  Begünstigung  und  Vertuschung,  wie  sie  die
„Meisterwirtschaft"  im  Gefolge  hatte,  wurde  erst  ein  Ende  bereitet ­
  als  die  persönlich  interessierten  Meister  und  Beamte  durch
unparteiische  Instanzen  ersetzt  wurden,  die  ihre  Urteile  auf
systematisch  festgestellte  Unterlagen  gründeten.  Mit  der  Gründung ­
  der  Akkordbüros,  das  sind  diese  Instanzen,  war  auch  in
diesem  Betriebszweige  das  Prinzip  zum  Durchbruch  gekommen,
in  alle  Verhältnisse  Durchsichtigkeit,  Genauigkeit  und  Übersichtlichkeit ­
  zu  bringen  und  alle  Erscheinungen  auf  ihre  Wirtschaftlichkeit ­
  zu  untersuchen
Den  Akkordbüros 26  obliegt  es  nun  systematisch  Berechnungen
über  die  Leistungen  vorzunehmen  und  die  Resultate  übersichtlich

2t  Siehe  Anmerkung  Seite  57.
2; "’  L.  Bernhard  aaO.,  S.  189:  „Eine  ähnliche  Einrichtung  (die
eines  Rechnungsbüros)  ist  in  der  deutschen  elektrischen  Industrie,  soweit  ich
feststellen  konnte,  in  allen  großen  Betrieben  eingeführt.  Dort  wurden  die
Betriebsleiter  durch  die  Notwendigkeit  genauer  Preiskalkulationen  veranlaßt,
eine  Reform  der  Akkordberechnung  vorzunehmen,  indem  sie  die  Festsetzung
der  Akkorde  den  Werkmeistern  entzogen  und  statt  dessen  besondere  Kalkulationsbüros ­
  einführten,  in  denen  auf  Grund  genauer  Akkordtabellen  die  Löhne
berechnet  wurden."  —  Den  Übergang  zum  Akkordbüro  bespricht  auch:  R.
Walther:  Rechnerische  Bestimmung  von  Maschincnakkvrden.  Werkstattstechnik ­
  IV.,  1912,  S.  93.
20  Auch  bei  der  Einführung  der  Akkordbüros  war  der  Widerstand  der
Meister  zu  überwinden.  Selter  schreibt  darüber:  (Selter:  Über  einen
Versuch  mit  dem  Taylor-Kalkulationssystem  in  Deutschland.  Werkstattstechnik
IV.,  1910,  S.  14.)  „Schwerer  als  das  Mißtrauen  und  der  Widerwille  der
Arbeiter  war  der  Widerstand  der  alten  Werkstattmeister  zu  beseitigen.  Diese,
die  bisher  allein  die  Akkorde  festgesetzt  hatten,  sahen  natürlich  in  dem  neuen
System  nur  eine  Einbuße  ihrer  früheren  Macht  und  glaubten  schon  im  Interesse ­
  ihrer  alten  Autorität  den  Arbeitern  gegenüber  Widerstand  leisten  zu
müssen."
        <pb n="46" />
        48

in  Tabellen  und  Kurven  zusammenzustellen.  Eine  stete  Kontrolle
der  Daten  mit  Hilfe  der  ansgeführten  Arbeiten  sorgt  dafür,  daß
die  Ergebnisse  mit  der  Zeit  eine  hohe  Genauigkeit  erreichen.
Zur  Errichtung  bot  sich  am  ehesten  in  den  Abteilungen  für
Dreherei  und  überall  dort,  wo  Maschinenarbeit  geleistet  wurde,
Gelegenheit,  denn  dort  ist  die  Leistung  der  Arbeiter  stark  abhängig ­
  von  der  Arbeit  der  Maschine  und  deshalb  leichter  zu
beobachten  und  festzustellen.  Sie  ist  ferner  verhältnismäßig  einfach ­
  und  gleichartig,  sodaß  sich  Tabellen  aufstellen  lassen,  nach
denen  dann  die  Zeitdauer  der  Bearbeitung  der  verschiedensten
Maschinenteile  sich  angeben  läßt.
Das  Bohren,  Fräsen,  Hobeln  usw.  bestimmter  Maschinenteile ­
  wird  sich  vielfach  auf  eine  Einheit  (Flächenmaß)  beziehen
lassen,  abgestuft  für  bestimmte  Größen  und  Formen,  sodaß  ohne
viel  Mühe  und  mit  großer  Genauigkeit  die  Arbeitsdauer  neu
zu  bearbeitender  Stücke  angegeben  werden  kann.
Mit  größeren  Schwierigkeiten  ist  die  Angabe  von  Bearbeitungszciten
  bei  solchen  Arbeiten  verknüpft,  bei  denen  man  es
immer  mit  neuen,  von  früheren  verschieden  geformten  Arbeitsstücken, ­
  die  eine  ziemlich  individuelle  Behandlung  verlangen,
zu  tun  hat.  Also  vor  allem  bei  Arbeiten  der  Formerei  und
Modellschreinerei;  für  diese  Betriebe  ist  die  Errichtung  von  Akkordbüros ­
  mit  Schwierigkeiten  verknüpft  und  eine  Mitwirkung
der  Meister  bei  der  Akkordfestsetzung  am  längsten  zu  erwarten.
Die  Einrichtung  von  Akkordbüros  wird  ganz  wesentlich  erleichtert, ­
  wenn  das  Prinzip  der  Normalisierung  und  Typen-  und
Serienfabrikation  bei  der  Herstellung  der  Maschinen  Platz  greift.
Es  wird  dann  nicht  für  jeden  Auftrag  eine  neue  individuelle
Maschine  hergestellt,  sondern  es  gelangen  nur  bestimmte,  in  bestimmten ­
  Abständen  von  einander  verschiedene  Maschinen  zur
Fabrikation,  die  alle  wieder  auf  denselben  Konstruktionsgedanken
aufgebaut  sind.
Normalisierung  dagegen  heißt,  für  die  verschiedensten  Einzelheiten ­
  nur  ganz  bestimmte  normale  Teile,  d..  h.  Teile,  deren  Konstruktion ­
  und  Abmessungen  in  bestimmten  Stufen  festgelegt  wurde,
zu  benützen.  Es  dürfen  z.  B.  nur  ganz  bestimmte  Schrauben  von
        <pb n="47" />
        —  49  —

,  ,  vorgeschriebenen  Durchmessern,  und  von  vorgeschriebenen  Längen
verwandt  werden.  Die  Normalisierung  kann  sich  auch  weiter
erstrecken  und  Ventile,  Zahnräder,  Schwungräder  und  Wellen
umfassen.  Dadurch  wird  ermöglicht,  eine  Massenfabrikation  oft
'*  -  kleineren  Umfangs  durchzuführen.
Diese  Veränderung  in  den  Grundlagen  der  Fabrikation
machte  es  unmöglich,  jedes  Arbeitsstück  nur  für  eine  bestimmte
Maschine  herzustellen.  Es  wurde  daher  das  sogen.  Austauschverfahren ­
  in  der  Fabrikation  zur  Anwendung  gebracht.  Wurden  von
einer  bestimmten  Maschine  mehrere  Exemplare  hergestellt,  so  muß
nun  jedes  Teil  dieser  Maschine  auch  für  die  anderen  derselben  Art
passen.  Das  erfordert  eine  große  Genauigkeit  in  der  Herstellung
und  Bearbeitung  der  Maschinen,  zumal  außerdem  jedes  nachträg-,
  »  liche  Anpassen  und  Nachbcarbeitcn  unverhältnismäßig  hohe  Kosten
verursacht.  Die  Erreichung  dieser  hohen  Genauigkeit  wurde  erinöglicht
  durch  Einführung  eines  neuen  Meßverfahrens  auf  Grund
der  Grenzlehren  oder  Toleranzen 27 .
'  -  Die  Kontrolle  der  Arbeit  ist  mit  Hilfe  der  Lehren  sehr  rasch
und  gibt  zu  Mißverständnissen,  zu  Reibereien  mit  dem  Arbeiter
keine  Gelegenheit.  Es  ist  immer  einwandfrei  festzustellen,  ob  die
vorgeschriebene  Genauigkeit  eingehalten  wurde  oder  nicht.
Diese  Umwandlung  der  Fabrikation  hatte  bedeutende  Folgen,
vorzüglich  auf  wirtschaftlichem  Gebiete.  Sie  brachte  für  viele
Arbeiten  den  Übergang  zur  Maschinenarbeit,  zur  antomatenmäßigen
Herstellung  von  Arbeitsstücken  und  erlaubte  damit  auch  vielfach
in  gemischten  Betrieben  die  Massenfabrikation.  Sie  hatte  ferner
zur  Folge,  daß  durch  die  Einschränkung  der  Verschiedenartigkeit  der
Arbeitsstücke  und  durch  die  Vermehrung  einander  gleicher  Stücke
21  Das  Wesen  der  Grenzlehren  mag  an  einem  Beispiel  erläutert  werden.
Gin  Arbeiter  hat  eine  Welle  auf  100  Millimeter  abzudrehen,  eine  Ab-4,
  t  weichung  von  1  o/o  »ach  oben  und  nach  unten  ist  zulässig.  Es  kommen
hier  für  das  Abmessen  der  Welle  zwei  „Toleranzen"  (Kaliber,  Stahlstücke  mit
Löchern  oder  sonstwie  gestaltete  Formen)  in  Betracht,  von  denen  das  eine
eine  Entfernung  der  beiden  messenden  Flächen  von  99  Millimeter,  das  andere
eine  von  101  Millimeter  besitzt.  Bei  der  Anwendung  wird  nun  daraus
gesehen,  das;  die  Welle  kleiner  ist  als  101  Millimeter  und  größer  als  99
Millimeter,  was  leicht  durch  stetes  Abtasten  erreicht  werden  kann.
4
        <pb n="48" />
        50

die  Anwendung  des  Akkordsystems  erweitert  und  die  Errichtung  von
Akkordbüros  erleichtert  wurde;  besonders  das  Grenzlehrensystem
machte  viele  Streitigkeiten  über  die  Güte  der  Bearbeitung  unmöglich ­
  und  ermöglichte  auch  eine  Anwendung  des  Akkords
auf  Gebieten,  wo  man  früher  durch  die  Anwendung  des  Akkordsystems ­
  für  die  Genauigkeit  der  Arbeit  gefürchtet  hatte.
Die  größere  Genauigkeit  in  der  Herstellung  und  Bearbeitung
der  Maschinen  hatte  ferner  zur  Folge,  daß  die  .Kontrolle  der
Arbeiten  sehr  schwierig  wird  und  oft  mit  feinen  Meßinstrumenten
ausgeführt  werden  muß,  deren  Bedienung  besondere  Geschicklichkeit
erfordert.  Der  Meister  kann  diese  Kontrolle  nicht  mehr  ausführen ­
  und  so  übertrug  man  sie  besonders  dafür  angestellten
Männern.  Dies  war  ein  weiterer  Schritt,  die  Tätigkeit  der
Ukkvrdbüros  unabhängig  von  den  Meistern  zu  gestalten,  und
unparteiische  Resultate  bei  der  Prüfung  der  Arbeitsstücke  zu  erzielen. ­
  Das  Vordrängen  des  wirtschaftlichen  Gedankens  hatte
auch  —  wie  bereits  erwähnt  —  eine  Ausgestaltung  der  Selbst
kostenrechnung  erfordert.  Eine  Maßnahme,  die  ebenfalls  durch
die  Errichtung  von  Akkordbüros  erleichtert  wurde.
Eine  weitere  Verbesserung  der  Übersichtlichkeit  der  Kostenverhältnisse
  brachte  die  aus  lohntechnischen  und  kalkulatorischen
Gründen  erfolgte  Einführung  des  Einzelakkordes,  auf  den  ich
bereits  in  der  Besprechung  über  die  Kalkulation  hingewiesen  habe.
Der  Einzelakkord  war  noch  nicht  das  Ende  der  Entwicklung
der  Akkorde.  Angeregt  von  amerikanischer  Seite  ging  man  an
eine  weitere  Zerlegung  der  Einzelarbeiten  und  berechnet  nun  den
Umfang  der  Arbeit  aus  kleinen  Einzelprozessen  der  Arbeit.  Diese
Elementenberechnung 28  erlaubt  genaue  Einsicht  in  den  Fabrikationsprozeß ­
  und  gestattet  genaue  Ermittlung  der  Zeitdauer
der  Arbeit.  Die  Zerlegung  in  Elemente  gestattet  eine  weitgehende ­
  Vergleichung  verschiedener  Arbeiten,  bei  denen  einzelne
gleiche  Manipulationen  wiederkehren.

28  L.  Bernhard  aaO.,  S.  149.  —  Eingeführt  wurde  die  Elementenberechnung
  von  F.  W.  Taylor,  der  1896  zuerst  seine  Erfahrungen
damit  veröffentlichte.
        <pb n="49" />
        51

*  -  So  wird  bei  Dreherarbeiten  z.  B.  die  Zeit  ermittelt,  die
beansprucht  wird  von  dem  Durchlesen  der  Anordnung,  dem  Ausspannen ­
  des  Arbeitsstückes,  von  dem  Einspannen  der  Werkzeuge,
zum  Bearbeiten  jeder  einzelnen  Teile  des  Arbeitsstückes,  zum
Messen  der  Genauigkeit,  zum  Entfernen  von  Werkzeug  und  Arbeitsstück, ­
  zum  Reinigen  der  Maschine.  Also  eine  weitgehende  Zerteilung ­
  der  Arbeit,  die  einen  praktisch  kaum  noch  zu  erhöhenden
Grad  von  Genauigkeit  erreicht.  Diese  Berechnung  ist  nicht  überall
in  allen  Werkstätten  eingeführt,  sondern  beschränkt  sich  auf  die
Werkstätten  mit  viel  Maschinenarbeit,  während  andere,  z.  B.
Gießerei  und  Schmiede,  noch  primitive  Methoden  der  Festsetzung
ausweisen.  Aber  die  Prinzipien,  die  in  der  Elementenbecechnung
zum  Durchbruch  kommen,  wirken  auch  auf  die  übrigen  Werk-*
  *  statten,  ohne  vorerstige  formelle  Annahme  dieser  Methode  ein.
Die  Entwicklung  hat  nun  diese  Folgen  gehabt:  Das  persönliche ­
  Moment,  wie  es  noch  stark  unter  der  Meisterherrschaft ­
  vertreten  war,  hat  sachlichen,  unpersönlichen  Beziehungen ­
  Platz  machen  müssen.  Durch  viele  und  lange
Beobachtungen,  durch  Vergleiche  und  genaue  Messungen  wird  die
Leistung  exakt  festzusetzen  versucht,  ein  Abschätzen  wird  nur  noch
für  untergeordnete  Tätigkeiten,  für  die  kein  Berechnen  möglich
ist,  vorgenommen.  Die  Zusammenfassung  der  Erfahrungen  in
Tabellen  und  Kurven  schematisiert  die  Festsetzung  und  macht
sie  st  a  b  i  l.
Die  Akkordfestsetzung  der  Meister  bezog  sich  immer  nur  ans
den  Preis  der  Einheit  (Stück,  Gewicht  und  Fläche),  wobei  natürlich
auch  immer  zuerst  die  Zeit  geschätzt  wurde,  dann  Anzahl  der  Stunden,
die  für  die  Arbeit  benötigt  wurden,  mal  Verdienst  pro  Stunde
gab  den  Akkordpreis.  Dabei  hatte  der  Meister  es  in  der  Hand,
wie  hoch  er  den  Stundenverdienst  ansetzen  wollte;  praktisch  hielt
*  »  er  sich  an  einen  gewissen  normalen  durchschnittlichen  Betrag.
Der  Akkordlohn  ermöglicht  eine  einfache  Selbstkostenberechnung
und  ich  habe  im  Kapitel  über  Selbstkostenberechnung  ausgeführt,
wie  gerade  die  Selbstkostenberechnung  das  Interesse  des  Unternehmens ­
  von  dem  Lohnbetrag  hinweg  zu  der  Angabe  der  Zeitdauer ­
  der  Arbeit  lenkte,  die  dann  erst  eine  genaue  Verrechnung
        <pb n="50" />
        52

aller  Unkosten  gestattete.  Die  Schaffung  von  Akkordbüros  arbeitete
in  derselben  Richtung  weiter;  dort  werden  systematisch  die  Bearbeitungs-
  rc.  Zeiten  aller  Werkstücke  ermittelt.  Damit  aber  ist  der
Akkordpreis  selbst  noch  nicht  gefunden;  sondern  es  werden  noch
zwei  weitere  Daten  dazu  benötigt.  Soll  ein  Arbeiter  mit  hoher,
geringer  oder  mittlerer  Leistung  als  Norm  gelten  und  seine  maximale ­
  oder  durchschnittliche  Leistungsfähigkeit  in  Berücksichtigung  gezogen ­
  werden,  und  endlich,  wieviel  soll  der  ausgewählte  Arbeiter
mit  der  betreffenden  Leistungsfähigkeit  verdienen?
Der  zweite  Punkt  wird  nie  eine  exakte  Lösung  finden  und
individuellen  Unterschieden  zugänglich  sein.  Es  wird  nie  eine
völlige  Übereinstimmung  bei  allen  Berechnungen  möglich  sein,
denn  man  wird  nicht  alle  Prozesse  und  alle  Arbeiten  von  einem
und  demselben  Arbeiter  durchführen  lassen  können.  Praktisch  ist
ja  die  Bedeutung  dieser  Frage  nicht  so  groß,  man  wird  eben  immer
einem  tüchtigen  Arbeiter  die  Arbeit  ausführen  lassen  und  dann
bei  der  Preisfestsetzung  des  Akkordes  Zuschläge  machen,  um  auch
weniger  geschickten  Arbeitern  etwas  verdienen  zu  lassen.  Diese
Festsetzung  wird  erleichtert  durch  die  ziemliche  Gleichheit  der  Arbeiten ­
  in  den  Maschinenwerkstätten;  sorgfältige  Aufzeichnungen,
Tabellen  und  Kurven  führen  mit  der  Zeit  zu  einer  praktisch  völlig
gerechten  Preisbestimmung.
Die  zweite  Variable  ist  der  S  t  u  n  d  e  n  l  o  h  n.  Über  dessen
Höhe  muß  auch  eine  Vereinbarung  getroffen  werden,  denn  es
wird  auch  hier  so  vorgegangen,  daß  für  den  Arbeiter  ein  bestimmter ­
  Verdienst  erreichbar  sein  soll.  Aber  dieser  Stundenlohn
kann  generell  festgesetzt  werden  und  bleibt  für  alle  Arbeiter  auf
eine  bestimmte  Zeit  hin  bestehen.  Gerade  die  Festsetzung  dieses
Stundcnlohnes  gestattet  gegenüber  der  Einzelfestsetzung  jedes
Akkordpreises  eine  ungleich  größere  Beweglichkeit  des  Verdienstes
der  Arbeiter  dadurch,  daß  der  Arbeitnehmer  viel  weniger  zu
fürchten  hat,  daß  die  Akkorde  ihm  gekürzt  werden  und  jede
Leistungssteigerung  sofort  der  Fabrik  zugute  kommt,  denn  hier
werden  wohl  immer  die  Akkorde  längere  Zeit  Geltung  haben  und
nur  generell  abzuändern  sein,  eine  Maßregel,  gegen  die  sich  der
Arbeiter  dann  schon  viel  leichter  wehren  kann.  Das  System  ist
        <pb n="51" />
        auch  wegen  der  Genauigkeit  der  Preisfestsetzung  und  deren  Stabilität ­
  und  Seltenheit,  mit  welcher  Unterschiede  in  den  Akkorden,
„gute"  und  „schlechte"  Akkorde  vorkommen,  sehr  beliebt  und
Reibereien  mit  den  Meistern  gehören  zur  Seltenheit.  Dies  ist
umso  höher  anzuschlagen,  als  die  Arbeiter  damit  manche  Vorteile ­
  aufgeben  mußten,  die  sie  bei  der  alten  Methode  noch  besaßen. ­
  Ihr  Mitbestimmungsrecht,  das  noch  im  „Handeln"  mit
dem  Meister  oft  ganz  erfolgreich  ausgeübt  werden  konnte,  ist  nun
fast  völlig  verschwunden;  di.e  Preise  werden  ihnen  zudiktiert.
Dann  erhält  die  Firma  aber  auch  durch  ihre  Beobachtungen  ein
genaues  Bild  der  Leistungsfähigkeit  der  Arbeiter  und  kann  sie  zu
einer  iniensiveren  Ausnützung  der  Arbeiter  benützen.  Diese  Gefahr
der  stärkeren  Ausnützung  der  Arbeitskraft  ist  schon  wiederholt  besprochen ­
  worden,  praktisch  wird  aber  fast  immer  eine  solche
Leistungsfähigkeit  des  Arbeiters  zu  Grunde  gelegt,  die  seine
Kräfte  nicht  bis  an  die  äußerste  Grenze  beansprucht,  sondern
ihm  auch  Zeit  für  Ruhepausen  usw.  läßt.  Die  Zufriedenheit  der
Arbeiter  mit  diesem  System  zeigt  seine  höhere  Vollkommenheit.
Der  Unterschied  zwischen  schlechten  und  guten  Akkorden  tritt  nicht
in  dem  Maße  hervor,  wie  in  den  übrigen  Werkstätten  und  Akkordherabsetzungen ­
  finden  nicht  mehr  statt.  Durch  die  Verschiebung  des
instanzenmäßigen  Aufbaues  der  Akkordsestsetzungen  wird  höheren
Instanzen  der  Einfluß  leicht  gemacht  und  die  Mitwirkung  der
Meister  besteht  nur  im  geringen  Umfange  noch  weiter.  Damit
aber  sind  wir  schon  auf  ein  Gebiet  gekommen,  das  erst  im  nächsten
Absätze  näher  behandelt  werden  soll.
Diese  Entwicklung  der  Akkordfestsetzung  findet  in  dem
„papiernen  Apparat"  sichtbaren  Ausdruck.
Ich  möchte  hier  nicht  näher  auf  diesen  Teil  eingehen,  sondern
auf  die  Jeidelschen  Ausführungen  hiemit  verweisen.  Der  Entwicklungsgang ­
  ist  kurz  folgender:  Früher  war  die  Festsetzung  der
Akkorde  meist  mündlich,  der  Meister  trug  sie  in  sein  Notizbuch
ein  und  teilte  den  Preis  den  Arbeitern  mit.  Mit  der  zunehmenden
Entwicklung  der  Betriebe  in  organisatorischer  Hinsicht  wurde  eine
weitgehende  schriftliche  Fixierung  der  Preise  angestrebt.  Die  Verschiebung ­
  der  Akkordfestsetzungsinstanzcn,  die  in  anderen  Betrieben
        <pb n="52" />
        54

herrschende  Ordnung  und  Kontrolle  erweiterten  noch  den  Umfang
dieser  schriftlichen  Niederlegung,  die  allerdings  durch  die  modernen
Methoden  der  Vervielfältigung  technisch  sehr  erleichtert  wurde.
3,  4  ja  5  Kopien  der  Akkordzettel  werden  jetzt  oft  von  der
Stelle,  an  der  die  Akkorde  festgesetzt  werden,  an  dafür  in  Betracht
kommende  Stellen  (Kalkulationsbüro,  Arbeiter,  Betriebsbüro  und
Terminbüro)  weitergegeben;  da  die  Anordnungen  meist  in  Zettelform
  (Karten)  geschehen,  ermöglichen  Karteien  überall  eine  schnelle
und  übersichtliche  Kontrolle.  Lilienthal^  schreibt  darüber:
„Die  Akkordvereinbarung  sollte  nie  mündlich,  sondern  stets  schriftlich ­
  geschehen;  indem  man  sich  hierzu  der  Akkordbücher  oder
Akkordzettel  bedient.  Letztere  verdienen  den  Vorzug  besonders  dort,
wo  es  angebracht  ist,  den  Akkordzettel  bei  Beendigung  des  Akkords
zurückzuverlangen,  um  ihn  bei  der  Nachprüfung  der  Selbstkostenrechnung ­
  als  Unterlage  zu  benützen.  Es  ist  außerdem  sehr  dringend
zu  empfehlen,  den  Akkordschein  doppelt  auszustellen;  ein  Stück
wird  den  Lohnbeamten  zugestellt,  während  das  andere  der  Arbeiter
erhält.  Bedient  man  sich  hiebei  des  Durchschreibeverfahrens  mittels
Kohleupapier,  so  ist  eine  Arbeitsvermehrung  nicht  entstanden,  der
Lohnbeamte  aber  hat  ein  Mittel  zur  Überwachung  in  den  Händen,
was  zuweilen  sehr  viel  zu  bedeuten  hat,  zumal  der  Meister,
an  den  die  Akkordscheine  bei  Fertigstellung  der  Arbeit  abgegeben
werden,  sowie  der  Lohnbeamte  die  leider  ab  und  zu  vorkommenden
Änderungen  der  Akkordbeträge  nicht  entdecken  können.  Auch  können
abhanden  gekommene  Scheine  leicht  an  Hand  des  zweiten  Scheines
ersetzt  werden."

Die  Kkkordgrenze.
Es  liegt  im  Wesen  des  Akkords,  leistungssteigernd  zu  wirken,
es  ist  seine  Aufgabe.  Wenn  diese  Fähigkeit  völlig  ausgenützt  werden ­
  soll,  so  darf  dem  Arbeiter  nicht  vorgeschrieben  werden,  wieviel
er  verdienen  darf  und  es  ist  ihm  darin  völlige  freie  Hand  zu  lassen.
29  Die  Fabrikbuchsührung.  Werkstattstechnik  l.,  k907,  Seite  14,
Berlin  1907,
        <pb n="53" />
        55

Aber  die  Unternehmung  kommt  bei  Verfolgung  dieses  Grundsatzes
in  Schwierigkeiten  mit  ihren  wirtschaftlichen  Aufgaben.  Sie  verliert ­
  die  Konkurrenzfähigkeit,  wenn  sie  die  Löhne  nicht  herabsetzt,
&amp;gt;  .  verringert  sie  aber  die  Akkordpreise,  so  wirkt  das  Akkordsystem
nicht  mehr  leistungssteigernd.  „Diesen  Zwiespalt,  aus  dem  noch
niemand  einen  klaren  und  sicheren  Weg  gefunden  hat,  dieser
Zwiespalt  ist  der  tiefste  Kern  aller  Lohnschwierigkeitcn,  aller
Differenzen  in  der  deutschen  Großindustrie."'"
Das  Problem  des  Gegensatzes  zwischen  Arbeitgeber  und
nehmer  ist  mit  dem  Akkordlohn  praktisch  nicht  völlig  zu  lösen,
es  bildet  sich  aber  mit  der  Zeit  ein  modus  vivendi  heraus,  der
beide  Teile  zu  befriedigen  sucht.
Der  Verdienst  des  Arbeiters  erfährt  überall  eine  Grenze,
und  überall  werden  die  Akkorde,  wenn  sie  zu  Verdiensten  führen,
die  der  Fabrikleitung  zu  hoch  erscheinen,  gekürzt.  Es  steht  zwar
in  den  Arbeitsordnungen  meist,  Akkorde  dürfen  nur  gekürzt  wer-^
  ,  den,  wenn  Fabrikationsverbesserungen  oder  Niedergang  der  Konjunktur ­
  dazu  Anlaß  gibt.  Aber  die  tatsächliche  Praxis  steht  mit
diesem  Versprechen  in  Widerspruch.  Die  Kürzung  von  zu  hohen
Akkorden  wird  zwar  in  dem  einen  Betrieb  vorsichtiger  vorgenommen, ­
  in  dem  andern  rücksichtsloser;  aber  sie  ist  wohl  überall  zu
einer  Einrichtung  geworden,  die  ohne  besonderen  Widerstand  auch
von  den  Arbeitern  hingenommen  wird.  Man  mag  vielleicht  die
Stücke,  die  einander  völlig  gleich  sind,  davon  unberührt  lassen,
das  nächste  Stück  aber,  das  nur  eine  geringfügige  Abänderung
zeigt,  wird  dann  um  so  härter  davon  betroffen.
Es  kommt  in  der  Praxis  so  und  so  oft  vor,  daß  der  Betriebsbeamte ­
  mit  den  Arbeitern  ruhig  über  zu  hohe  Akkorde
spricht  und  ihnen  erklärt,  es  liege  ein  Versehen  der  Kalkulation  vor
und  der  Akkord  müsse  reguliert  werden.  Ich  führe  ein  paar
**  Aussprüche  an,  die  das  eben  Gesagte  beweisen":  „Eine  Art  der
30  A.  Bernhard  bei  L.  Be  r  »  h  a  r  d  aaO.,  S.  74  sf.
31  Otto  Eichberg  aaO.,  S.  9.  —  Vom  Herabsetzen  des  Akkordes
c&amp;gt;  -  spricht  auch  N.  Blum  aaO.,  S.  223.  Ebenso  W.  Schneeloch:  Die
Behandlung  der  Zeit  in  der  Lohn  und  Selbstkostenberechnung.  Technik  und
Wirtschaft  197  0,  S.  49.
        <pb n="54" />
        56

Lohnberechnung,  der  ein  Teil  der  Fehler  des  Kontrakt-  und  Zeitlohnsystems ­
  nicht  anhaftet,  ist  das  Akkordlohnsystem.  Hier  fällt
dem  Arbeiter  die  allenfalls  ersparte  Zeit  als  Gewinn  zu;  scheinbar ­
  liegt  es  also  in  seiner  Hand,  seinen  Lohn  bezw.  Verdienst
kräftig  zu  erhöhen.  Dem  steht  jedoch  entgegen,  daß  fast  überall
Akkorde,  bei  welchen  große  Überschüsse  erzielt  wurden,  nackkürzerer
  oder  längerer  Zeit  ermäßigt  werden.  Die  Furcht  vor
einer  solchen  Akkordherabsetzung  hält  den  Mann  ab,  seine  Höchstleistung ­
  zu  geben;  im  Gegenteil  wird  er  ängstlich  bemüht  bleiben, ­
  den  Akkord  in  einem  Zeitraum  fertig  zu  stellen,  welcher  den
Preis,  der  dafür  ausgesetzt  ist,  noch  am  angemessensten  erscheinen ­
  läßt?'
Der  Unternehmer  erlaubt  seinen  Arbeitern  eine  bestimmte
Höhe  des  Verdienstes,  die  die  Arbeiter  kennen.  Bis  zu  dieser
Höhe  werden  sie  trachten  zu  kommen.
„Mit  der  Ersetzung  des  Zeitlohnes  durch  die  Akkordarbeit
verwandelt  sich  in  der  Vorstellung  der  Fabrikinstanzen  der  Preis
der  Arbeitskraft  in  den  Lohn,  den  der  Arbeiter  verdienen  soll,
in  der  Vorstellung  des  Arbeiters  in  den  Lohn,  über  den  er  nicht
dauernd  hinauskommen  kann."  32
Diese  Grenze  im  Verdienst  braucht  nun  nicht  jede  Leistungssteigerung ­
  hintanzuhalten;  ja  im  Interesse  jedes  Betriebes  liegt
cs,  daß  die  Wirkung  nicht  eintritt.  Die  Gefahr  dazu  liegt  näher,
wenn  die  Durchführung  der  Akkordgrenze  eine  rein  schematische
ist,  d.  h.  wenn  eine  bestimmte  Verdienstgrenze  für  den  Arbeiter
besteht  und  die  Akkorde  herabgesetzt  werden,  wenn  diese  Grenze
überschritten  wird.  Besonders  in  großen,  gut  organisierten  Fabriken, ­
  wo  die  Leistungsfähigkeit  der  Arbeiter  schon  eine  hohe
Stufe  erreicht  hat,  tritt  es  gar  nicht  selten  ein,  daß  der  Akkordlohn
nicht  mehr  leistungssteigernd  wirkt.  Die  Verwaltung  hat  hier
keine  besondere  Beweglichkeit  in  der  Festsetzung  der  Lohnhöhe.
Arbeiter  in  der  Werkstatt  A  vergleichen  sorgfältig  die  Löhne

^Jeidels  aaO.,  S.  INI.  Ich  fasse  mich  über  das  Wesen  der
Aklordgrenze  kürz.  Jeidels  geht  i»  seinem  Bache  ausführlich  auf  die
verschiedenen  Beziehungen  und  Unterschiede  ein.
        <pb n="55" />
        57

der  Arbeiter  in  Werkstatt  B  und  wünschen,  oft  auch  wenn  sie
einer  anderen  Kategorie  angehören,  Gleichstellung  der  Löhne.
Die  Gewerkschaften  vertreten  den  Standpunkt,  daß  die  Arbeiter
t&amp;gt;  *  möglichst  gleichmäßig  verdienen,  daß  bessere  Arbeiter  nicht  zu
hoch  über  Arbeiter  mit  geringerem  Können  stehen  sollen.  Auch
die  starke  Fluktuation  der  Arbeiterschaft  stört  die  Beobachtung
der  Leistungen.  Alles  Faktoren,  die  einer  Fabrik  erschweren,
die  Akkorde  so  zu  handhaben,  daß  eine  Leistungssteigerung  stetig
eintritt.  Das  kann  natürlich  geschehen,  wenn,  wie  Jeidels  sagt,
die  Akkordpreise  „systematisch"  beobachtet  werden  und,  wo  möglich,
herabgesetzt  werden,  so  daß  der  Arbeiter,  um  seinen  durchschnittlichen ­
  Verdienst  zu  erreichen,  schärfer  arbeiten  muß.  Und  zwar
herabgesetzt  werden,  bevor  eine  Erhöhung  des  Verdienstes  über
das  erlaubte  Maß  hin  erreicht  ist.  Erfolgt  dieses  Herabsetzen
planmäßig  und  nach  sorgfältiger  Auswahl  der  einzelnen  Arbeiter, ­
  so  ist  von  dieser  Tätigkeit  sicher  ein  Erfolg  zu  erwarten,
«  .  aber  es  erfordert  auf  alle  Fälle  sehr  viel  Tätigkeit  und  Verständnis, ­
  und  nicht  alle  Beamte  werden  dazu  geeignet  sein.  Eine
erfolgreiche  Handhabung  der  Akkordgrenze  wird  bereits  durch  die
Art  der  Einführung  des  Akkordsystems  und  der  dem  Akkord  zu
Grunde  liegenden  Einheit  vorbereitet.
Findet  die  Einführung  bei  tiefstehender  Konjunktur  und  bei
geringer  Beschäftigung  der  Arbeiter  statt,  so  werden  diese  geringen ­
  Akkordpreisen  wenig  Widerstand  entgegensetzen,  ihre  Leistung ­
  entsprechend  aber  zu  erhöhen  suchen',  um  auf  einen  auskömmlichen ­
  Verdienst  zu  kommen.  Das  Interesse  des  Arbeiters
wird  am  meisten  gewürdigt,  wen»  die  Einheit,  auf  die  sich  der
Akkordpreis  bezieht,  eine  stabile,  gleichmäßige  ist,  also  eine  Gewichts- ­
  oder  Maßeinheit  (Fläche  und  Länge).  Ist  die  Einheit
das  Stück,  so  kann  eine  Herabsetzung  des  Akkordpreises  motiviert
m  werden  mit  Änderung  der  Konstruktion,  Vereinfachung  der
Fabrikation  und  der  Arbeiter  kann  dabei  gar  nicht  merken ­
  ,  daß  die  Erhöhung  seiner  Leistung  die  wahre  Ursache ­
  ist.  Anders  in  dem  erst  genannten  Falle.  Mag
auch  irgend  ein  formeller  Grund  gefunden  werden,  so  ist  er
doch  dem  Arbeiter  gegenüber  nicht  so  leicht  zu  vertreten.  Der  Ar ­
        <pb n="56" />
        beiter  kann  genau  seine  Leistungssteigerung  kontrollieren.  Herabsetzungen ­
  nehmen  deshalb  eine  viel  brutalere  Form  an  und  sind
deshalb  seltener.  Die  Gußputzer  z.  B.  werden  vielfach  per
100  Kilo  entlohnt;  Herabsetzungen  der  Akkorde  sind  in  einem
solchen  Falle  viel  sorgfältiger  zu  begründen  und  nur  von  Zeit
zu  Zeit  durchführbar,  wenn  vielleicht  eine  neue  Putzmaschine
oder  Krananlage  eingeführt  wurde.  Ich  führe  in  dem  noch  mitzuteilenden ­
  Beispiel  die  starke  Steigerung  der  Gußputzerverdienste
auf  diese  Verhältnisse  zurück.  Die  Akkordgrenze  kann  formell
in  verschiedener  Weise  durchgeführt  werden.  Einmal  durch
systematisches  Beobachten  der  Leistungssteigerung,  und  durch
jedesmaliges  s  y  st  e  m  a  t  i  s  ch  e  s  Herabsetzen  der  einzelnen  Akkordsätze, ­
  die  dabei  ganz  individuell  behandelt  werden  können.
Von  dieser  vollkommensten  Art  der  Handhabung  habe  ich  bereits
am  Beginne  gesprochen  und  zugleich  darauf  hingewiesen,  daß
es  auch  die  schwierigste  ist.  Sie  kann  aber  auch  in  der  folgenden
Form  stattfinden:
Es  wird  festgestellt,  um  wieviel  der  Akkordverdienst  für  die
Stunde  den  festen  Stundenlohnsatz  übersteigt,  das  Verhältnis
wird  prozentual  zum  Stundenlohn  ausgedrückt.  Als  angemessene
„Spannung"  wird  meist  30  -  50o/o  angesehen.  Diese  Spannung
wird  nun  bei  jedem  Akkordsatz  geprüft  und,  wenn  zu  groß,  wird
der  Akkord  herabgesetzt.  Der  Vorteil  dieser  sehr  schematischen
Akkordherabsetzung  ist  die  Einfachheit  des  Verfahrens.  Diese
Kontrolle  der  Akkorde  können  auch  höhere  Instanzen  vornehmen.
Diese  Prüfung  gibt  keine  einwandfreien  Resultate,  weil  die
zugrunde  liegenden  Stundenlöhne  sehr  oft  nur  fiktiven  Charakter
besitzen 33 .  Arbeiter,  die  stets  im  Akkord  arbeiten,  sind  nicht
besonders  an  diesen  festen  Löhnen  interessiert  und  bemühen  sich
sehr  wenig  um  deren  Steigerung.  Arbeiter  jedoch,  die  nur,  oder
häufig  im  Zeitlohn  arbeiten,  erstreben  eine  Steigerung  dieser
Löhne.  Diese  Löhne  bilden  also  nicht  den  Maßstab  dafür,  was
33  Auch  F.  Günther  erwähnt  in  „Die  Entlöhnungsmethoden  in
der  Bayerischen  Eisen-  und  Maschinenindustrie",  1908,  S.  74  sf.  den  fiktiven
Charakter  der  Lohnsätze,  und  den  verschiedenen  Charakter,  die  sie  für  Zeitlohn- ­
  und  Akkordarbeit  besitzen.
        <pb n="57" />
        59

c  ein  Arbeiter  im  Zeitlohn  verdienen  darf.  Akkordarbeiter,  die
gelegentlich  im  Zeitlohn  arbeiten,  erhalten  fast  regelmäßig  eine
Zulage  oder  Vergütung  für  diese  Zeit;  diese  Lohnsätze  haben
,  t  jedoch  einen  relativen  Wert,  wo  es  sich  um  Gruppenarbeit  handelt ­
  und  die  Verteilung  des  Akkords  im  Verhältnis  zu  diesem
Lohn  erfolgt.  Die  Entwicklung  der  Akkordgrenze  geht  parallel
mit  der  Entwicklung  der  Akkordfestsetzung.  Die  Mitwirkung  der
Arbeiter  wird  auch  hier  mehr  und  mehr  auszuschalten  gesucht.
Während  der  Arbeiter  in  den  Zeiten  der  Meisterwirtschaft  noch
oft  seine  Ansicht  persönlich  vertreten  konnte  und  dadurch  manchmal ­
  für  sich  einige  Vorteile  erringen  konnte,  gehen  jetzt  die
Befugnisse  des  Meisters  an  höhere  Fabrikinstanzen  über,  die  sie
möglichst  unpersönlich  auszuüben  trachten,  damit  verschwinden
*  °  bann  auch  all  die  Unzuträglichkeitcn,  die  persönlichen  Schikanen
der  Meisterwirtschaft.  Für  das  individuelle  Mitbestimmungsrecht ­
  der  Arbeiter  ist  kein  Platz  mehr  und  vielfach  tritt  jetzt  gegen
^  ^  eine  scharfe  Handhabung  der  Akkordgrenze  die  Arbeiterschaft
einer  ganzen  Werkstatt  geschlossen  auf.
Die  Zentralisierung  der  Akkordfestsetzung  und  ihre  Umwandlung ­
  in  eine  autoritative  Form  hatte  dieselben  Erscheinungen
für  die  Ausübung  der  Akkvrdgrenze  im  Gefolge;  aber  im  Wesen
der  Akkordgrenze  brauchte  sich  damit  nicht  allzu  viel  zu  ändern.
Sie  hat  vorzüglich  die  eine  Wandlung  durchgemacht:  Die  Akkordgrenze ­
  wurde  früher  durch  ein  regelloses,  willkürliches  Herabsetzen ­
  einzelner  Akkorde  einzuhalten  versucht.  Die  Arbeiter
sollten  nur  bis  zu  einer  gewissen  Verdiensthöhe  gelangen.  Diese
Herabsetzung  ging  nicht  mit  einer  eingehenden  Prüfung  und  Vergleichung ­
  der  verschiedenen  Leistungen  Hand  in  Hand.  Das  hat
zu  vielen  Streitigkeiten  mit  der  Arbeiterschaft,  oftmals  gerade  zu
einer  gegenteiligen  Wirkung  geführt.  Die  Arbeiter  bremsten  und
ö  e*  setzten  oft  ihre  Leistung  künstlich  herab.  Dann  kam  die  Erkenntnis,
daß  nur  mit  einer  wirklich  systematischen  Handhabung  der  Akkordgrenze, ­
  die  sich  auf  eingehende  Kenntnisse  der  Leistungsmöglichkeiten ­
  von  Arbeiter  und  Maschinen  stützt,  Steigerungen  der
« ,0  Leistung  zu  erzielen  sind.  Durch  die  Kalkulationsbüros,  durch
die  Akkordbüros  ist  diese  Kenntnis  der  Leistungsmöglichkeiten
        <pb n="58" />
        —  60

hervorragend  gefördert  worden.  Diese  Kenntnis  allein  es
ist  dasselbe  jetzt  bei  der  Einführung  des  Taylorsystems  —  hat
auch  zu  Leistungssteigerungen  geführt,  das  Lohnsystein  mag  im
beschränkten  Umfang  förderlich  gewesen  sein  die  Erkenntnisse  in
die  Wirklichkeit  umzusetzen,  aber  in  Wirklichkeit  mar  es  doch
nur  eigentlich  die  F  o  r  m  dieser  Umsetzung.
Die  Stellung  des  Arbeitgebers  ist  bis  heute  eine  solche
autoritative,  gegenüber  dem  Arbeitnehmer  eine  derartig  stärkere,
daß  auch  sicherlich  unter  der  Herrschaft  des  Zeitlohns  diese
Leistungssteigerungen  hätten  durchgeführt  werden  können.  Mir
ist  ein  Fall  in  einer  Sägerei  in  einer  Maschinenfabrik  bekannt,
wo  die  Leistung  um  V 3  stieg,  nachdem  ein  Beamter  genau  die
Fabrikation  kontrolliert  hatte  und  den  Arbeitern  schnellere  Geschwindigkeiten ­
  an  den  Maschinen,  größeren  Vorschub  usw.  vorschrieb. ­
  Die  Akkorde  wurden  natürlich  herabgesetzt  und  helfen
dann  wohl  auch  mit,  den  Anordnungen  Gehorsam  zu  schaffen,
aber  die  Akkordgrenze  hatte  früher  doch  so  stark  gewirkt,  um  die
Steigerung  der  Produktion  unmöglich  zu  nmchen.  Die
Maschinen  waren  früher  dieselben  gewesen.
Die  Zerlegung  der  Arbeit  in  Elemente,  die  auf  gewissen
Gebieten  unabhängig  vom  Taylorsystem  auch  im  deutschen  Maschinenbau ­
  eingeführt  wurde,  fördert  die  Kenntnis  der  Arbeit
noch  weiter.  Sie  ermöglicht  nicht  nur  eine  genaue  Akkordfestsctzung
  sondern  durch  die  Kenntnis  der  Fabrikationsbedingungen,
der  genau  verrechneten  Arbeitszeiten  auch  eine  genaue  Handhabung ­
  der  Akkordgrenze.  Werden  die  Einzclzeiten  der  Teilarbeiten ­
  mitgeteilt,  so  ist  eine  Herabsetzung  schwieriger,  weil  sie
eine  genaue  Begründung  verlangt  und  dem  Arbeiter  gesagt  werden ­
  muß,  bei  welcher  Teilarbeit  er  eine  Einsparung  noch  vornehmen ­
  kann.
Je  kleiner  ein  Akkord^,  u,n  so  größer  ist  die  Bemühung
des  Arbeiters  schnell  zu  arbeiten,  ich  habe  darüber  schon  in  dem
Kapitel  über  die  Gießerei  gesprochen.  Das  gilt  natürlich  auch
für  die  Elementenberechnung,  wo  eine  Verkleinerung  des  Akkords

34  Auch  Günther  naO.,  S.  191  erwähnt  diesen  Einfluß.
        <pb n="59" />
        61

-  »  durch  die  Aufteilung  in  Teiloperationen  stattfindet.  An  Hand
der  angegebenen  Zeiten  kann  der  Arbeiter  seine  Tätigkeit  viel
leichter  kontrollieren.  Diese  Zerteilung  wird  aber  auch  erziehen
  ß  risch  auf  ihn  wirken,  weil  er  leicht  den  Einfluß  jedes  Zeitverlustes
kontrollieren  kann.  Die  Zeiten  müssen  knapp  berechnet  werden
(von  dem  Akkordbüro),  denn  der  Arbeiter  wird  sich  wohl  nie
Mühe  geben,  bessere  Zeiten  zu  erringen,  es  sei  denn,  er  weiß  aus
Erfahrung,  daß  ihm  Akkordkürzungen,  vor  allem  auch  bei  neuen
Arbeiten,  nicht  bevorstehen.  Denn  bei  der  Elementenberechnung
ist  leicht  dem  Faktor  nachzuspüren,  der  diese  Leistungssteigerung
hervorgerufen  hat  oder  die  Teiloperation  zu  entdecken,  die  zu
hoch  berechnet  war.
Da  sich  Arbeiten  einer  bestimmten  Art  immer  aus  den
-  &amp;gt;  °  gleichen  Elementen  zusammensetzen,  hat  eine  Steigerung  der
Leistung,  die  bei  irgend  einer  Arbeit  festgestellt  wurde,  weitgehende ­
  Folgen;  denn  nun  läßt  sich  auf  Grund  dieser  Feststellung
leicht  diese  Steigerung  generell  für  alle  Arbeiten  fördern.  Wie
sehr  aber  allein  die  Durchdenkung  der  Arbeit,  die  Kentnisse  aller
damit  verbundenen  Probleme  eine  Steigerung  der  Leistung  herbeiführen ­
  kann,  dafür  sind  auch  bei  der  Einführung  des  Taylorschen
  Lohnsystems  sehr  bemerkenswerte  Beispiele  bekannt  geworden. ­
  Das  Wesen  des  Taylorschen  Gedankens  beruht  nicht  in  dein
Prämiensystem,  sondern  in  der  Forderung  einer  wissenschaftlich
genauen  Durchdringung  des  gesamten  Fabrikationsprozesses.  Die
Zerteilung  in  Einzelelemente  soll  hierfür  vor  allem  den  Weg
bilden  und  die  Möglichkeit  bieten,  neue  Arbeitserleichterungen
zu  bringen.  Taylor  stellte  z.  B.  die  „ermüdende  Wirkung
schwerer  Arbeit  auf  einen  erstklassigen  Arbeiter"  systematisch  fest.
Ein  Beispiel  erklärt  am  besten 35 :  Taylor  geht  von  der
Ansicht  aus,  „daß  in  jeder  kleinsten  Handlung,  jedem  Tritt  eines
Arbeiters  eine  Wissenschaft  steckt."  Er  betrachtet  in  dieser  Weise
das  Schaufeln  von  Erzen.  Es  wird  zuerst  festgestellt,  welche
Gewichtslast  der  Arbeiter  jedesmal  mit  der  Schaufel  heben  soll,
um  ein  Maximum  seiner  Leistung  zu  ermöglichen.  Ferner  die

35  F-  W.  Taylor:  Die  Grundsätze  wissenschaftlicher  Betriebssührung.
  Deutsche  Ausgabe  von  R.  Rüsler,  1913.
        <pb n="60" />
        62

Art  und  Form  der  Schaufel,  die  die  ermittelte  Gewichtslast  tragen
soll.  Das  sind  kleine  Schaufeln  für  schwere  Materialien,  große
für  leichte.
Es  wurde  dann  weiter  bestimmt,  wie  die  Aufnahme  der
Materialien  am  leichtesten  erfolgt,  auf  Blcchboden  oder  Holzboden ­
  oder  aus  dem  Material  mitten  heraus  und  endlich  noch
die  Entfernung  des  Arbeiters  vom  Material  und  Wagen,  um
eine  möglichst  rasche  Übertragung  zu  sichern.
Man  sieht  eine  Reihe  von  Einzelheiten,  die  der  Arbeiter
für-  sich  allein  nie  einwandfrei  feststellen  kann.
Taylor  gibt  die  Ersparnis  an  Löhnen  auf  ca.  300  000  Mk.
an,  die  er  durch  die  Einführung  dieses  neuen  Systems  erzielte.
Ähnliche  Fälle  beschreibt  er  noch  mehr.
Taylor  will  aber  nicht  nur  die  Erkenntnis  der  Leistungsfähigkeit ­
  des  Arbeiters,  sondern  auch  den  Verlauf  der  Fabrikation
den  Arbeitern  von  eigenen  Beamten  vorschreiben.  Diese  Beamten
haben  nicht  nur  für  die  Verteilung  der  Arbeiten,  sondern  auch
für  die  rechtzeitige  Anlieferung  der  Arbeitsstücke  und  Werkzeuge, ­
  die  für  jede  Bearbeitung  genau  vorgeschrieben  sind,
zu  sorgen.  Besondere  Beamte  bestimmen  die  Schnelligkeit  der
Arbeit,  den  Vorschub,  die  Umdrehzahlen  usw.  Den  Arbeitern
wird  ein  großer  Teil  ihrer  Bestimmungsrechte  genommen,  und
Beamten  übertragen,  die  auf  Grund  ihrer  genauen  Studien,  ihrer
besseren  Übersicht  erwarten  lassen,  der  Intensität  der  Arbeit
mehr  Rechnung  zu  tragen  als  die  Arbeiter.
Es  ist  interessant,  festzustellen,  daß  das  Taylorsystem  auch
eine  weitgehende  Beseitigung  des  Risikos  des  Arbeiters  mit  sich
bringt.  Zwiedineck-Südenhorst 3fi  weist  darauf  hin,  daß  die  Einführung ­
  des  Akkordsystems  gerade  dadurch  erleichtert  wurde,  daß
das  Akkordsystem  „eine  Befreinng  des  Unternehmers  von  einem
Moment  der  Unsicherheit"  mit  sich  bringt,  „dem  seine  ganze  Kalkulation ­
  im  Falle  der  Durchführung  seines  Unternehmens  mit

36  Zwiedineck-Südenhorst:  Beiträge  zur  Lehre  von  den  Lohnformen. ­
  Zeitschrift  für  die  gesamten  Staatswissenschaften.  Ergänzungshcft  XIV.
Tübingen  1901.  S.  31  ss.
        <pb n="61" />
        63

der  Lohnbemessung  nach  Maßgabe  der  aufgewendeten  Arbeitszeit ­
  unterliegt."  (S.  28.)
Das  Risiko  des  Arbeiters  besteht  nach  Zwiedineck-Südenhorst
  in:
„1.  Abhängigkeit  des  Arbeitserfolges  vom  Material,
2.  Abhängigkeit  des  Arbeitserfolges  vom  Werkzeug  (Maschine), ­

3.  Einfluß  der  Zeitausnützung  und  im  Zusammenhange  damit,
4.  Abhängigkeit  von  anderen,  außerhalb  des  Willens  des
Arbeiters  liegenden  Faktoren,  die  den  Zeitaufwand  des
Arbeiters  erhöhen,
5.  Abhängigkeit  der  ökonomischen  Ergebnisse  der  Arbeitsverhältnisse ­
  von  der  Richtigkeit  der  Kalkulation  über  das
Kraft-  und  Zeiterfordernis."
Die  Abschaffung  sämtlicher  5  Punkte  setzt  sich  das  Taylorsystem ­
  zum  Ziel  und  nimmt  zu  diesem  Zwecke  eine  weitgehende
Arbeitsteilung  vor.  Durch  die  Übertragung  bestimmter  einzelner
Funktionen  an  bestimmte  Beamte,  die  ich  oben  erwähnte,  wird  auch
die  Beseitigung  jedes  Risikos  angestrebt.  Jede  Hennnung,  die  der
Arbeiter  in  seiner  Tätigkeit  erfahren  kan»,  verkleinert  die
Leistungsfähigkeit.
Diese  Arbeitsteilung  ermöglicht  ein  intensives  Eindringen  der
Beamten  in  ihr  spezielles  Arbeitsgebiet  und  bewahrt  dadurch
die  Unternehmung  von  einer  rein  schematisch  durchgeführten  Tätigkeit, ­
  die  im  Gegensatz  dazu  die  Bewältigung  eines  großen  Gebietes ­
  leicht  mit  sich  bringt.
Gerade  die  Akkordgrenze  verträgt  im  Interesse  des  Arbeitgebers ­
  keine  schematische  Durchführung,  auch  Jeidels  führt  zwar
aus,  daß  der  „systematisch  modifizierte  Akkord"  eine  höhere
Organisationsform  ist,  aber  er  erkennt  sehr  richtig,  daß  diese  Sachlage ­
  „auch  in  der  Praxis  der  vollkommensten  Fabriken  nicht  sehr
häufig  eintritt."  Eine  solche  Handhabung  des  Akkordsystems  verlangt ­
  Beamte,  die  lohntechnisch  sehr  gut  durchgebildet  sind  und
die  Arbeiter  sehr  taktvoll  behandeln  können.  Denn  dieses  System
vertritt  viel  weniger  die  Interessen  der  Arbeiter  als  das  alte
System,  bei  dem  schematisch  ihnen  eine  Grenze  ihres  Verdienstes
        <pb n="62" />
        64

festgesetzt  war.  (Ieidels,  S.  141.)  In  dev  Praxis  zwar
kommt  der  letzteren  Handhabung  noch  immer  die  größte  Bedeutung
zu  und  fast  immer  wird  Von  der  Verwaltung  ein  bestimmter  Verdienstsatz ­
  gut  geheißen,  an  den  sich  die  untergeordneten  Organe
dann  meist  ziemlich  genau  halten.
Ich  habe  die  Verdienste  einiger  Arbeiterkategorien  wiedergegeben. ­
  In  Tafel  I  *  ist  die  Verteilung  des  Verdienstes  pro
Stunde  im  Jahre  1911  auf  die  verschiedenen  Stufen  (um  je
1  Pfennig  Unterschied)  bei  verschiedenen  Arbciterkategorien  angegeben. ­

Bei  den  Taglöhnern,  Drehern,  Maschinenschlossern,  Maschinisten, ­
  Schmieden,  Malern  und  Lackierern,  Gußputzern  tritt  der
meistbezahlte  Verdienst  ganz  deutlich  in  Erscheinung,  weniger  bei
den  Handformern,  bei  denen  zu  großer,  auch  von  der  Leitung  anerkannter ­
  Unterschied  in  der  Arbeit  besteht.  Ebenso  bei  den
Modellschreinern;  der  Anlaß  dazu  ist  ihr  spätes  Eintreten  in
die  Atkvrdentlöhnung,  sie  wurden  bis  zum  Jahre  1906  im  Zeitlohn ­
  beschäftigt.
Auch  bei  der  Gesamtarbeiterschaft  tritt  trotz  des  großen
Unterschiedes  in  der  Entlöhnung  der  einzelnen  Arbeiterkätegorien
der  meistbezahlte  Verdienst  stark  hervor.  Interessant  ist  an  diesen
Kurven  (Tafel  II),  daß  1903  noch  der  Mindestverdienst  eine  starke
praktische  Bedeutung  hatte,  während  1914  die  Kurve  den
umgekehrten  Verlauf  zeigt  und  praktisch  der  .Höchstverdienst  eine
größere  Rolle  spielt,  womit  auch  der  Akkordgrinze  eine  höhere
Bedeutung  zugesprochen  wird.
Aus  diesen  Beispielen  geht  hervor,  daß  die  Akkordgrenze
nirgends  in  der  Art  gehandhabt  wird,  daß  eine  bestimmte  Verdiensthöhe ­
  der  Arbeiter  unverrückt  beibehalten  wird,  sondern  die
Arbeiter  vermochten  wohl  überall  eine  Steigerung  ihres  Verdienstes ­
  herbeizuführen.  Ob  diese  Steigerung  der  Steigerung  der
Preise  der  Waren-  und  Lebensbedürfnisse  überlegen  ist,  ob  also  die
Kaufkraft  ihres  Verdienstes  eine  größere  geworden  ist,  das  zu
*  Die  Veröffentlichung  der  Daten  wurde  in  dieser  Form  von  der
Firma,  die  nnr  dieselben  überließ,  gewünscht.
        <pb n="63" />
        65

5

Tafel  I.
        <pb n="64" />
        67

1

-*  t

♦  |  »

*  t

beantworten  gehört  nicht  in  den  Rahmen  meiner  Untersuchung.
Diese  Steigerung  des  Verdienstes  war  zwar  fast  immer  geringer,
als  die  Leistungssteigerung;  aber  der  Umstand,  daß  die  Akkordgrenze ­
  stetig  nach  oben  rückt,  macht  den  Arbeitern  die  Beschränkung
und  Herabsetzung  ihres  Verdienstes  doch  nicht  übermäßig  fühlbar
und  söhnt  sie  in  vielen  Fällen  mit  dem  Akkordsystem  aus.
Eine  interessante  Übersicht  veröffentlicht  A.  tsr  Meer  über  die
Preis-  und  Leistungssteigerungen  in  der  Hannoverschen  Maschinenbau ­
  A.-G^ü  Das  Verdienst  der  Arbeiter  ist  seit  1897  bis  1912
um  45  o/o  gestiegen  (pro  Stunde),  die  Leistungssteigerung  für
die  Arbeitsstunde  ist  noch  größer,  nämlich  48  o/o  in  dem  gleichen
Zeitraum  und  zwar  geht  nach  der  dort  veröffentlichten  Übersicht
die  Leistungssteigerung  der  Verdienststeigerung  ein  wenig  zeitlich
voraus.
In  diesem  Falle  ist  also  die  prozentuale  Verdienststeigerung
geringer  als  die  prozentuale  Leistungssteigerung.  An  dieser  Leistungssteigerung ­
  sind  aber  die  Arbeiter  auf  keinen  Fall  allein
schuld,  Verbesserungen  der  Organisation  und  Fabrikation  sind
in  weitem  Umfange  zu  berücksichtigen.
Deutlicher  tritt  das  in  dem  von  mir  mitgeteilten  Beispiel
einer  Gießerei  hervor  (s.  n.  S.)  3S .
Die  Lohnkosten  für  100  kg  Guß  sinken  von  100  3»  im
Jahre  1901/02  auf  66  im  Jahre  1910/11;  die  Verdienste  für
eine  Stunde  stiegen  dagegen  um  62  o/o.  Trotz  der  höheren  Verdienste ­
  wurde  eine  Minderung  der  Unkosten  erreicht.
Bei  den  Formern  sinken  die  Lohnkosten  für  100  kg  um
38  o/o,  die  Lohnkosten  pro  Stunde  steigen  trotzdem  um  30  o/o.
Auffällig  ist  die  Steigerung  bei  den  Kernmachern  und  Gußputzern,
trotzdem  die  Stundenlöhne  um  über  70  o/o  steigen,  tritt  doch  eine
Minderung  der  Kosten  für  100  kg  ein,  bei  den  Meistern  dagegen

37  Technik  und  Wirtschaft  1913,  S.  283.
88  Seit  betn  Jahre  1905  tritt  der  Schwerguß  in  den  Vordergrund;
das  ist  bei  der  Betrachtung  der  Zahlen  zu  berücksichtigen,  die  Tendenz  der
Entwicklung  bleibt  trotzdem  die  gleiche.
39  Die  nominellen  Werte  sind  in  Beziehung  gebracht  tvorden  zu  dem
Wert  in  der  Periode  1901/02,  der  gleich  100  gesetzt  wurde.
        <pb n="65" />
        68

Entwicklung  der  Löhne  in  der  Gießerei  pro  100  KANN ­
  d  pro  Stunde  in  Prozenten:  1901  —  1910/11.
1901/02  =  100.

Jahrgang

Former

Meister  i

Kern-  ,
macher

Gußputzer ­


Hilfsarbeiter ­


Summe

bß
P
°-8

P  P

bß
O  J*
*§

Q  od

bß  1
Q  * v ‘  Q  JZi
»■8
tH  1

pro
100kg

n-W)

pro  i
100  kg  j

S-®

pro  i
100kg1

1901/02

100

100

100

100

100

100

100

100

100

100

100

100

1902/08

94

102

91

106

91

99

94

113

128

87

97

99

1908/04

86

110

105

79

75

109

89

106

160

90

50

102

1904/05

02

110

114

82

71

145

86

111

148

92

68

106

1905/06

85

110

116

93

75

153

86

134

126

101

84

112

1906/07

71

125

109

101

62

164

70

168

103

113

76

146

1907/08

68

124

110

102

62

161

75

163

125

116

69

160

1908/09

67

121.

110

106

64

159

77

161

130

120

84

160

1909/10

63

121

113

100

73

175

70

160

128

121

75

170

1910/11

62

180

120

109

73

175

66

172

139

127

60

162

Die  Zahle»  bedeute»  Verhältniswahlen  (Indexziffern),  die  Werte  für
1901/02  wurden  gleich  100  gesetzt.

ist  es  umgekehrt,  das  läßt  darauf  schließen,  daß  die  Anzahl  derselben ­
  unverhältnismäßig  vergrößert  wurde.  Die  stärkere  Aussicht
und  die  Verwendung  einer  größeren  Anzahl  von  Hilfsarbeitern
half  zur  Erzielung  der  günstigen  Gesamtresultate  mit;  eine  Verminderung ­
  der  Unkosten  pro  100  kg  tritt  trotz  der  Steigerung
der  Löhne  stetig  ein.
Der  Akkordgrenze  werden  durch  diese  Verdiensterhöhungen,
die  fortwährend  langsam  erfolgen,  die  schärfsten  Seiten  genommen,
die  Arbeiterschaft  empfindet  die  Bemühungen  der  Verwaltung  nach
einer  Erhöhung  der  Leistung,  bezw.  um  das  Heruntersetzen  der
Akkorde  nicht  so  drückend,  wenn  sie  beobachten  kann,  daß  auch  die
Verdienste  eine,  wenn  auch  meist  langsamere  Steigerung  erfahren.
Der  autoritativen  Festsetzung  der  Verdienfthöhe  von  seiten
der  Arbeitgeber  kommt  die  größte  Bedeutung  zu,  d.  h.  von  der
        <pb n="66" />
        69

i

Verwaltung  wird  für  jede  Arbeiterkategorie  ein  bestimmter  Verdienstsatz, ­
  der  nicht  iminer  der  tatsächlichen  Leistungsfähigkeit
entspricht,  gutgeheißen.  Und  dieser  Verdienstsatz  wird  nun  ziemlich
*  •  genau,  besonders  bei  den  in  der  Akkordentlöhnung  am  weitesten
fortgeschrittenen  Kategorien  festgehalten.
Gerade  in  den  großen  Betrieben  des  Maschinenbaues  hat  die
Politik  der  Leistungssteigerung  durch  Herabsetzung  der  Preise
oder  Höhersetzen  der  Akkordgrenze  große  Schwierigkeiten.
Tausende,  ja  Zehntausende  von  Akkorden  einer  stets  wechselnden
Arbeiterschaft,  die  immer  neu  anzulernen  ist,  eine  große  Schar
von  Beamten,  die  in  den  verschiedenen  Betriebsabteilungen  mit
dem  Lohnwesen  zu  tun  haben,  und  personelle  Unterschiede  und
Ansichten  erschweren  eine  solche  Politik  ganz  ungeheuer;  sodaß
die  leistungssteigernde  Wirkung  doch  stark  herabgesetzt  ist  und
wohl  vielfach  einer  schematischen  Anwendung  Platz  gemacht  hat.
Wie  die  vorgenannten  Beispiele  zeigen,  ist  auch  bereits  bei
*  »  uns  und  vielfach  ohne  Zusammenhang  mit  den  amerikanischen
Ideen  dte  Kontrolle  über  die  Leistungsfähigkeit  an  die  Arbeitgeber ­
  übergegangen.  Die  Steigerung  der  Leistung  ist  nicht
mehr  allein  der  Initiative  des  Arbeiters  überlassen  geblieben.  Es
hat  vielfach  Enttäuschung  hervorgerufen,  daß  das  Lohnsystem  in
der  leistungssteigernden  Wirkung  so  sehr  versagt  hat,  ich  habe  darauf
hingewiesen,  daß  die  Arbeitgeber  durch  die  Schaffung  der  Akkordgrenze ­
  so  notwendig  sie  sein  mag  —  an  dieser  Wirkung  einen
Teil  der  Schuld  tragen.  Diese  Akkordgrenze  schränkt  aber  noch
weiter  das  Wesen  des  Akkordsystems  ein.  Die  praktische  Durchführung ­
  widerspricht  dem  theoretischen  Inhalt,  ein  Zwiespalt,  der
unerträglich  ist  mit  den  modernen  Organisationsproblemen,  die
Klarheit,  Genauigkeit,  ein  Übereinstimmen  von  Form  und  Inhalt
fordern.
*  %  Was  ist  schließlich  vom  Akkordsystem  übrig,  wenn  die  Leistungssteigerung ­
  ungenügend  in  Wirkung  tritt  und  die  Entlohnung
nach  der  Leistung  durch  die  Akkordgrenze  illusorisch  gemacht  wird?
,  ,  Man  frage  einmal  in  großen,  gut  organisierten  Betrieben
Beamte,  die  vertraut  mit  der  Löhnung  sind,  nach  dem  Entlöhnungssystem.
  Man  wird  zu  seiner  Überraschung  hören,  daß  es  trotz
        <pb n="67" />
        70

der  offiziellen  ausgedehnten  Benützung  des  sogenannten  Akkordlohnes ­
  „eigentlich  nur  Zeitlöhne  gebe".
In  einer  Studie  über  Löhnungsniethoden  schreibt  Siebenfreunt
  40:  „.  .  .,  baji  wenn  dieses  System  (oer  Akkordlohn)  auch
so  manche  Fehler  der  vorbesprochenen  Lösung  (des  Zeitlohns)  nicht
in  sich  birgt,  es  immerhin  so  bedentende  Nachteile  hat,  daß
seine  Anwendung  als  ein  Mangel  in  einer  Fabrikorganisation  bezeichnet ­
  werden  muß.  Weder  den  Bestrebungen  der  Unternehmer
noch  den  Wünschen  der  Arbeiter  kann  dieses  Lösungssystem  gemeinsam ­
  gerecht  werden."  Er  ist  nicht  der  einzige,  der  so  denkt.
An  anderer  Stelle  ist  zu  lesen":  „Der  Vorteil,  den  das  Spiel
bietet,  kann  von  den  Arbeitern  nur  in  beschränktem  Maße  ausgenützt ­
  werden,  für  den  Arbeitgeber  hat  das  Akkordsystem  nur
wenig  Wert."  Das  sind  Urteile,  die  sich  scharf  gegen  eine  Brauchbarkeit ­
  des  Akkordlohnes  wenden.  Worin  liegt  aber  der  Grund
dieser  Verdammung?  Das  Akkordsystem  hat  sicher  einmal  seine
Nützlichkeit  bewiesen,  aber  neben  ihm  sind  die  übrigen  Teile  der
Organisation  gewachsen  und  komplizierter  und  schematischer  geworden, ­
  so  daß  jetzt  das  Akkordsystem  trotz  aller  Umänderungen
und  Anspannungen  als  ein  Fremdkörper  im  Organismus  einer
Fabrik  empfunden  wird,  der  nur  zuviel  Reibungsflächen  bietet.

Schluß.
Die  Steigerung  der  Leistung  der  Arbeiter  hat  auch  eine  größere
Ausnützung  ihrer  Arbeitskraft  im  Gefolge  gehabt.  Die  Einführung ­
  kürzerer  Arbeitszeiten  und  die  Erhöhung  des  Verdienstes
paralysieren  nur  teilweise  die  Schäden,  die  aus  dieser  größeren
Ausnützung  entspringen.  Durch  die  Herrschaft  des  Taylor-Systems
  scheint  diese  Entwicklung  noch  schärfere  Formen  anzu-40

  Werkstattstechnik  1908,  S.  535.  Berlin  1908.
11  Otto  Fischberg:  Über  eine  Art  amerikanischer  Werkstattorganisation.
Werfftattstechnik  II,  S.  9,  Berlin  1908.
        <pb n="68" />
        71

nehmen.  Die  systematische  Auslese  von  Arbeitern  für  ganz  bestimmte ­
  Arbeiten,  die  zu  einer  größtmöglichen  Leistung  angespornt
werden  sollen,  Dinge,  die  Taylor  fordert,  bedingen  unstreitig
einen  schnelleren  Verbrauch  des  Menschenmaterials  und  man  hat
mit  Recht  soziale  Bedenken  dagegen  geltend  gemacht.  Deshalb
aber  die  ganze  Entwicklung  der  Entlöhnung  und  der  Steigerung
der  Arbeitsleistung  zu  verurteilen,  ist  kein  Grund  vorhanden.
An  der  ganzen  Entwicklung  ist  ja  das  Lohnsystem  selbst
wenig  beteiligt,  aber  gerade  die  Formen,  die  die  Entlöhnung  im
Betriebsorganismus  angenommen  hat,  werden  der  Arbeiterschaft
eine  Lösung  dieser  Schwierigkeiten  erleichtern.  Ich  habe  gezeigt,
daß  die  persönliche  Mitwirkung  des  einzelnen  Arbeitnehmers  immer
mehr  auf  dem  Gebiete  der  Entlöhnung  eingeschränkt  wird.  Die
systematische  Akkordfestsetzung,  die  unparteiische  Bestimmung  der
Arbeitsdauer,  die  Zentralisierung  der  Festsetzung  und  Kontrolle
der  Akkorde  in  besonderen  Büros,  die  Einwirkung  höherer  Instanzen ­
  bei  der  systematischen  Handhabung  der  Akkordgrenze,  die
Einfügung  des  gesamten  Lohnwesens  in  ein  gewisses  Schema
sind  alles  Faktoren,  die  die  kollektive  Mitwirkung  der  Arbeiterschaft ­
  vorbereiten.  Ich  denke  dabei  weniger  an  Akkordtarife,  denn
in  einem  nicht  völlig  auf  Massenfabrikation  eingerichteten  Betriebe ­
  ist  ein  Akkordtarif  ein  ungemein  kompliziertes  Ding,  sondern ­
  an  eine  Mitwirkung  der  Arbeiterschaft  in  der  Form  der
Akkordfestsetzung  wie  ich  sie  auf  Seite  62  ff.  geschildert  habe.
Dort  erfolgt  die  Festsetzung  der  Zeitdauer  einer  Arbeit,  des  Verdienstes ­
  pro  Stunde  und  der  Leistung  des  Arbeiters  bereits  getrennt ­
  voneinander;  der  Stundenverdienst,  der  der  Berechnung  des
Akkordpreises  zu  Grunde  gelegt  wird,  wird  bereits  von  den  höheren
Instanzen  bestimmt.  Nicht  jeder  einzelne  Akkordpreis  wird  nunmehr ­
  bewilligt,  sondern  es  wird  eine  generelle  Bestimmung  der
Grundlage  erlassen.  Das  erleichtert  auch  eine  Mitwirkung  anderer
Parteien.  Zwar  ist  hiemit  nur  eine  Bestimmung  der,  Verdiensthöhe ­
  getroffen,  aber  auch  über  die  Bestimmung  einer  Durchschnittsleistung ­
  ist  wohl  auf  diesem  Wege  ein  Übereinkommen  zu  treffen.
Unsere  großen  Werke  haben  ja  bereits  eingesehen,  daß  es
vorteilhaft  ist,  nur  mit  bestimmten  Vertretern  der  Arbeiterschaft
        <pb n="69" />
        72

zu  verhandeln.  Günther  schreibt  darüber^:  „Schon  jetzt  haben
sich  die  Verhandlungen  mit  den  sachkundigen  Mitgliedern  der
Mkordkommissionen  oder  den  Verbandsvertretern  regelmäßig  viel
leichter  führen  lassen,  als  mit  den  einzelnen  Arbeitern.  Der  i
einzelne  Mann  wittert  eben  hinter  jeder  noch  so  gerechtfertigten
Akkordpreisreduzierung,  die  ihn  trifft,  ein  schweres  Unrecht,  die
erfahrenen,  nicht  persönlich  interessierten  Kommissivnsmitglieder
dagegen  sind  eher  imstande,  auch  die  Feinde  unparteiischer  zu
prüfen."
Die  Verhandlungen  werden  noch  weiter  erleichtert  werden,
da  sich  eine  Ausgestaltung  der  rechtlichen  Grundsätze  anzubahnen
scheint.
Zwiedineck-Südenhorst i3  macht  darauf  aufmerksam,  daß  die
Entwicklung  des  Rechts  dahin  geht,  dem  Arbeiter  mehr  Sicherheiten ­
  zu  geben  und  sein  Risiko  einzuschränken.  Eine  Bewegung,
die  ja  in  der  Betriebsorganisation  ihr  Spiegelbild  findet.  Erinnert ­
  man  sich  ferner,  daß  alle  möglichen  Gebiete,  die  mittelbar ­
  oder  unmittelbar,  mit  der  Entlöhnung  im  Zusammenhange
stehen,  auf  ihren  Einfluß  auf  den  Arbeiter  und  damit  auch  auf
die  Entlöhnung  untersucht  wurden  (und  diese  Untersuchungen
lieferten  vielfach  sehr  bemerkenswerte  Resultate),  so  wird  man
eine  lebendige  Fortentwicklung  auf  dem  gesamten  Gebiet  nicht
allein  der  Entlöhnung,  sondern  der  gesamten  Arbeiterfrage  erblicken. ­

Zwar  sind  diese  Erkenntnisse  vorerst  noch  vielfach  nur
theoretischer  Natur,  aber  sie  finden  mehr  und  mehr  ihre
Anwendung  in  der  Praxis.  Die  Verkürzung  der  Arbeitszeit,
der  schon  vielfach  eingeführte  freie  Samstagnachmittag,  die  Errichtung ­
  von  Arbeitexausschüssen,  die  soziale  Fürsorge  in  Versicherungen ­
  und  Wohltätigkeitsstiftungen,  der  Bau  von  Arbeiter-42

  F.  Günther,  Die  Entlöhnungsmethoden  in  der  bayerischen  Eisenniid
  Maschinenindustrie.  Berlin  1908.  S.  60.
*3  Zwiedineck-Südenhorst:  Beiträge  zur  Lehre  von  den  Lohnforinen.
  Zeitschr.  für  die  ges.  Staatswissenschaften.  Ergänzungsheft  XIV,
Tübingen  1904,  S.  31  ff.
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        73

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Häusern,  die  Laubenkolonien,  die  verschiedenen  Bildungsmöglichkeiten ­
  durch  Bibliotheken  und  Schulen  sind  Früchte  dieser  Erkenntnisse ­
  und  des  zunehmenden  sozialen  Verantwortlichkeitsgefühles. ­

In  der  Industrie  ist  es  nicht  immer  möglich,  Neuerungen
und  neue  Erkenntnisse  sofort  in  der  Praxis  einzuführen  und
wünschen  wir  auch  oft,  daß  die  Entwicklung  zum  Vorteile  der
Arbeitnehmer  und  damit  schließlich  auch  der  Arbeitgeber  rascher
vorwärts  gehe,  leugnen  können  wir  nicht,  daß  ein  Vorwärtsschreiten ­
  stattfindet.

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        Lebenslauf.

Ich,  Hans  Stephan  Meidlein,  evangelischer  Konfession  und
bayerischer  Staatsangehörigkeit,  ältester  Sohn  des  Oberingenieurs,
Dipl.-Jng.  Hans  Meidlein  und  seiner  Gattin  Rosa,  geb.  Süß,
bin  am,  6.  Dezember  1886  in  Nürnberg  geboren.  Nach  Absolvierung ­
  des  Realgymnasiums  Nürnberg  besuchte  ich  9  Semester
die  Technische  Hochschule  in  München.  Ich  verließ  sie  1911  mit
dem  Grade  eines  Diplom-Ingenieurs  der  Maschinenbau-Abteilung.
Vom  Frühjahr  1911  bis  Frühjahr  1912  war  ich  in  Berlin
bei  den  Siemens-Schuckert-Werken  in  Stellung  und  besuchte
während  meines  dortigen  Aufenthaltes  auch  einige  Vorlesungen
der  Universität.  Vom  Sommersemester  1912  an  war  ich  während
dreier  Semester  an  der  Universität  Erlangen  immatrikuliert.
Bei  folgenden  Herren  habe  ich  Vorlesungen  aus  dem  Gebiete ­
  der  Volkswirtschaft  und  aus  benachbarten  Gebieten  gehört:
v.  Gottl-Ottlilienfeld,-  Cohen,  Dorn,  Schmoll  er,
Wagner,  Oppenheimer,  v.  Eheberg,  Neuburg.
An  den  Seminarübungen  der  Herren  v.  Gottl-Ottlilienfeld, ­
  v.  Eheberg  und  Neuburg  war  mir  gestattet  teilzunehmen. ­

Allen  diesen  Herren,  meinen  hochverehrten  Lehrern,  sage
ich  meinen  aufrichtigen  Dank.  Ganz  besonderen  Dank  bin  ich
Herrn  Geheimen  Rat  Dr.  v.  Eheberg  schuldig,  dem  ich  das
Thema  zu  vorliegender  Arbeit  verdanke.
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Die  systematische  Auslese  von  Arbeitern  für  ganz  be-Arbeiten,
  die  zu  einer  größtmöglichen  Leistung  angespornt
sollen,  Dinge,  die  Taylor  fordert,  bedingen  unstreitig
"chnelleren  Verbrauch  des  Menschenmaterials  und  man  hat
cht  soziale  Bedenken  dagegen  geltend  gemacht.  Deshalb
e  ganze  Entwicklung  der  Entlöhnung  und  der  Steigerung
leitsleistung  zu  verurteilen,  ist  kein  Grund  vorhanden,
l  der  ganzen  Entwicklung  ist  ja  das  Lohnsystem  selbst
-beteiligt,  aber  gerade  die  Formen,  die  die  Entlöhnung  im
Morganismus  angenommen  hat,  werden  der  Arbeiterschaft
sung  dieser  Schwierigkeiten  erleichtern.  Ich  habe  gezeigt,-persönliche
  Mitwirkung  des  einzelnen  Arbeitnehmers  immer
uf  dem  Gebiete  der  Entlöhnung  eingeschränkt  wird.  Die
ische  Akkordfestsetzung,  die  unparteiische  Bestimmung  der
fairer,  die  Zentralisierung  der  Festsetzung  und  Kontrolle
orde  in  besonderen  Büros,  die  Einwirkung  höherer  Jnbei
  der  systematischen  Handhabung  der  Akkordgrenze,  die
mg  des  gesamten  Lohnwesens  in  ein  gewisses  Schema
es  Faktoren,  die  die  kollektive  Mitwirkung  der  Arbeiterorbereiten.
  Ich  denke  dabei  weniger  an  Akkordtarife,  denn
n  nicht  völlig  auf  Massenfabrikation  eingerichteten  Beit ­
  ein  Akkordtarif  ein  ungemein  kompliziertes  Ding,  soni
  eine  Mitwirkung  der  Arbeiterschaft  in  der  Form  der
htsetzung  wie  ich  sie  auf  Seite  62  ff.  geschildert  habe,
folgt  die  Festsetzung  der  Zeitdauer  einer  Arbeit,  des  Ver-*
  pro  Stunde  und  der  Leistung  des  Arbeiters  bereits  gewneinander;
  der  Stundenverdienst,  der  der  Berechnung  des
reifes  zu  Grunde  gelegt  wird,  wird  bereits  von  den  höheren
:n  bestimmt.  Nicht  jeder  einzelne  Akkordpreis  wird  nunwilligt, ­
  sondern  es  wird  eine  generelle  Bestimmung  der
s  ige  erlassen.  Das  erleichtert  auch  eine  Mitwirkung  anderer
m.  Zwar  ist  hiemit  nur  eine  Bestimmung  derVerdienstcoffen,
  aber  auch  über  die  Bestimmung  einer  Durchschnittsist ­
  wohl  auf  diesem  Wege  ein  Übereinkommen  zu  treffen,
sere  großen  Werke  haben  ja  bereits  eingesehen,  daß  es
ist  ist,  nur  mit  bestimmten  Vertretern  der  Arbeiterschaft
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