92 genossenschaft zu decken verpflichtet sind. Die Bestimmung wird aber nur insoweit durchgeführt, als diejenigen Mitglieder, die während einer bestimmten Zeit keine Bedarfsgüter im Konsumverein entnehmen, aus der Genossenschaft ausgeschlossen werden. Würde das Statut aber streng durchgeführt, so würden wir den oben geschilderten Zustand haben. Man sagt, daß die Konsumgenossenschaft nur den Bedarf decken will, nicht aber den Bedarf wecke n. Ich kann hinzufügen, daß es sogar Fälle gibt, wo die Konsumgenossenschaft den Bedarf einzu schränken oder wie in einem mir bekannten Falle den Bedarf ihrer Abnehmer zu vereinheitlichen sucht, um die Bedarfsgüterver- mittluug rationeller zu gestalten. Das trifft z. B. beim Konsumverein Ludwigshafen auf die von ihm unter großen Schwierigkeiten durchge führte größere Qualitätsvereinheitlichung von Brot zu. Im allge meinen aber läßt sich die Behauptung nicht aufrecht erhalten, daß der Konsumverein nur auf Bedarfsdeckung ausgehe. Er sucht auch Bedürf nisse, die bisher noch latent waren, zu wecken. Er wird dies z. B. überall da tun, wo ein Bedürfnis im a l l g e m e i u e n nicht mehr latent genannt werden kaun, das aber bei einzelnen noch latent ist. Selbst wenn man sich im Konsumverein mit puritanischen Ideen plagte, könnte die Konsumgenossenschaft hier, da sie den Kreis der be reits vorhandenen Bedürfnisse der einzelnen Konsumenten nicht kennt, die Weckung latenter Bedürfnisse umgehen. Wie ist es aber dort, wo es sich um die Weckung von Bedürfnissen handelt, die die Mehrheit einer Konsumentenschicht nicht kennt oder vielleicht sogar für alle Konsumenten eines bestimmten Distrikts, eines Landes, ja vielleicht für alle Menschen noch latent sind? Auch da kann unter Umständen die Konsumgenossenschaft zum Wecker von Bedürfnissen werden. Als Beispiel dafür glaube ich folgenden Fall anführen zu dürfen: Der Breslauer Konsumverein errichtete im Jahre 1912 in seiner Mühle eine Aufschließanlage für Getreide, die erste derartige Anlage in Deutschland. Diese Aufschließanlage erzeugt ein Vollkorn- mehl von hohem Gehalt an Eiweiß und Mineralsalzen. Das ist mög lich durch Zerkleinerung desganze n Getreidekorns (ausschließlich der wertlosen Spitzen und Hülsen) unter möglichster Vermeidung der Er wärmung des Mahlguts; denn gerade die Randzone des Korns ent hält das meiste Eiweiß und die wichtigsten Mineralstoffe. Diese neue Brotsorte suchte nun der Verein bei seinen Mitgliedern einzuführen, d. h. er suchte ein noch latentes Bedürfnis zu wecken oder vielleicht besser gesagt ein noch nicht vorhandenes Bedürfnis hervorzurufen; das scheint ihm auch zu gelingen, obwohl er schwer gegen alte Ge wohnheiten anzukämpfen hat.