§ 1. Der Urfprung der Hausinduftrie 33 ihre heutige Geftaltung noch deutlich erkennen läfzt. Aber auch in vielen Gegenden Deutfchlands hat auf diefe Weife die Hausinduftrie ihren Eingang gefunden. Vor allen Dingen charakteriftifch ift für diefe Art der Entftehung der haus induftrie dasfchlefifche Leinengewerbe, das als Exportinduftrie am Ende des 16. und zu Beginn des 17- Jahrhunderts erfcheint. ln dem am Fufze des Riefengebirges gelegenen Städtchen Jauer hatten die Händler ihren Wohnfitz, während die Weber in den Gebirgsdörfern fajzen und das fertig zu gerichtete Leinen, zu dem fie fich das Garn meiftens felbft befchafft hatten, an die Händler ablieferten, ln ähnlicher Weife wie Jauer für die Leineninduftrie, war Hirfchberg der Mittelpunkt für die Schleierinduftrie, d. h. die Anfertigung der befonders feinen, forgfältig appretierten Leinenftücke. Neben Hirfchberg kamen noch Landshut, Schmiedeberg und Greifenberg als Wohnfitze der Händler und Ablieferungszentralen der häuslichen Gewebe in Betracht. Die Arbeiter aber waren in den Städten nicht anzutreffen, fie blieben in den Dörfern der verfteckten Gebirgstäler. Dort waren es nun teils Weber, denen die Aus übung ihres Gewerbes Hauptberuf und alleinige Einkommensquelle war; zum grojzen Teile aber waren es auch Bauernfamilien, die fich dem Spinnen und Weben zuwandten zur Ausfüllung der langen Winterzeit, wenn das Gebirgs- dorf in tiefem Schnee vergraben lag und alle Feldarbeit ruhte.*) In ähnlicher Weife find als Nebenbefchäftigung der bäuerlichen Bevölke rung verfchiedene Gcbirgsinduftrien entftanden, wie die Berchtesgadener und Oberammergauer Holzfchnitzerei, die Hausweberei im Fichtelgebirge, die Schwarzwälder Uhreninduftrie, ländliche Hausinduftrien, wie die württem- bergifche Trikotinduftrie, die Hausweberei im Elfajz, die Nag lfchmiederei, Filetinduftrie, Perlkranzflechterci, Handfchuhnäherei, Drahtwarenfabrikation auf dem Taunus, die verfchiedenen Hausinduftrien in Thüringen, die Zigarren fabrikation und die Leineninduftrie in den Gegenden von Minden und Bielefeld. Hie und da hat freilich auch —- einem merkantiliftifchen Zuge der Zeit folgend— die Landesregierung auf Einführung der Hausinduftrie gedrungen, um der Landbevölkerung einen neuen Erwerbszweig zu fchaffen, wie auf dem Schwarz wald und auf dem Fichtelgebirge. 2 ) 7 A. Zimmermann, Blüte und Verfall des Leinengewerbes in Schlefien, Breslau 1885, 1 —10; vgl. auch K. B i I I e r, Der Rückgang der Handleinwandinduftrie des Münfterlandes, Leipzig 1906. H. Brauns, Der Übergang von der Handweberei zum Fabril'betrieb in der niederrheinifchen Samt- und Seideninduftrie, Leipzig 1906. 2 ) Vgl. Die deutfehe Hausinduftrie, Sehr. d. V. f. S„ Leipzig 1889, Bd. 40 S. 77. Bd. 41 S. 1 u. 35, Bd. 42 S. 25, 35, 45; ferner: Hausinduftrie in Deutfchland und Öfterreich, Sehr. d. V. f. S„ Bd. 84 S. 20, 106, 192, 251. Koch 3 , Die deutfehe Hausinduftrie 3