34 II. Kap.: Die Entftehung der Hausinduftrie § 2. Die Entwicklung der Hausinduftrie als Neben- befchäftigung der grofzftädtifchen Bevölkerung Ein ganz analoger Prozefz, wie feit Jahrhunderten auf dem Lande, vollzog und vollzieht fich in der modernen Grofzftadt. Auch hier erwuchs viel Haus- induftrie auf dem fonft fo magern Boden der Arheitslofigkeit. Die Familien, die vom Lande in die Stadt zogen, die hohem wie die niedern, erfuhren alle an fich eine durchgreifende Veränderung. Auf dem Lande gab die Familie den meiften ihrer Glieder eine tägliche produzierende Befchäftigung, auch wenn nur ein Häuschen, ein Garten und ein paar Morgen Land das ganze Familiengut bildeten, in der Stadt gab die Familie eine produzierende Tätigkeit nach der andern an Fremde ab, ihr felbft blieb vorwiegend nur die Regelung des Konfums. Viel Arbeitszeit wurde für die Hausfrauen, die Töchter, die Kinder freigefetzt: alfo für Perfonen, die notgedrungen oder gerne im Haufe verblieben. Die erwerbende Arbeit im Haufe, die Heimarbeit, konnte ihnen nur willkommen fein: den Prole- tarierfamilien, weil fie fo der bitterften Not entgingen, den Beamtenfamilien, weil fie fo zu dem fchmalen Gehaltseinkommen etwas hinzuerwerben konnten. Hinfichtlich der alleinftehenden Perfonen verlief der Zug zur Stadt vielfach in folgender Weife:Anfangs, in den erften Entwicklungsftadien der Gro(z- ftadt, wanderten vorwiegend Männer hierher und fanden ausreichende und lohnende Befchäftigung. Bald aber drängten die Frauen nach, wie nicht anders zu erwarten war, und zwar in folcher Anzahl, dafz fie unmöglich alle im eignen Haushalt oder in häuslichen Dienften genügend Befchäftigung fanden. Zu dem wollten viele keine häuslichen Dienfte ais Dienftmädchen verrichten, was fie in der Stadt fuchten, war vor allen Dingen die Freiheit. Fabriken gab cs und gibt es im Innern der Grofzftädte weniger wegen der hohen Boden- und Mictpreife, und die vorhandenen Fabriken find vorwiegend für Männerarbeit eingerichtet. So fahen nun viele Frauen und Mädchen, die in der Grofzftadt reichen Verdienft erhofft hatten, fich bald in die äufzerfte Not verfetzt. Aus den hohen Mietkafernen ftreckten fich Taufende von Frauenhänden nach Arbeit aus. Der g'rojzftädtifche Verleger ergriff fie und gab ihnen Heimarbeit. Aus diefem Vorgänge erklärt fich der ftark weibliche Charakter fo mancher grofzftödtifchen Heiminduftrie. Indes find es nicht ausfchliefzlich Frauen, welche die ausgedehnte Hausinduftrie in der Grofzftadt ermöglichten. Häufig genug war es auch die männliche Überfchufzbevölkerung, die in dem harten Kampf ums Dafein begierig nach der Hausinduftrie als letztem Rettungsanker griff. *) Vgl. Alfr. Weber, Die volkswirtfchaftliche Aufgabe der Hausinduftrie, in Schmollers Jahrbuch 1901; d e r f e 1 b e, Die Entwicklungsgrundlagen der grofzftädti- fchen Frauenhausinduftrie, Sehr. d. V. f. S. 85, 13—60.