§ 4. Die Rückentwicklung der Fabrik zur Hausinduftrie 41 trieben wurde. Es fand eine Rückentwicklung der Fabrik in die hausinduftrie ftatt, die man als weitere Entftehungs- form der hausinduftrie bezeichnet hat. 1 ) Ein Beifpie! dafür bietet die Stickerei im fächfifchen Vogtlande. * 2 ) Bald nachdem die Mafchinenftickerei aufgekommen war, herrfchte das gefchloffene Etabliffement vor. Es war ein bedeutendes Stickereigefchäft in Plauen, welches bald nach Erfindung der Stickmafchine im Jahre 1858 42 folcher Mafchinen in gefchloffenem Raume in Gang gefetzt hatte. Bald aber kauften fich einzelne Arbeiter felbft eine Stickmafchine, ftellten fie in ihrer Wohnung auf und be- ftickten hier die ihnen vom Verleger übergebenen Stoffe nach vorgefchriebenen Muftern. Verleger wie Arbeiter fchienen diefe Dezentralifation vorzuzieben, die auch längere Zeit in derfelben Richtung ftetig voranfchritt. Neueftens macht die 1865 erfundene leiftungsfähigere Schiffliftickmafchine eine ähn liche Wanderung aus dem gefchloffenen Fabrikraum in die hausgewerblichen Einzelbetriebe, ln den letzten 10 Jahren hat in Sachfen die elektrifche Überlandzentrale den Betrieb der Schiffliftickmafchine im eignen Haufe außerordentlich erleichtert, fo daß di: Zahl der Einzellohnfticker in Sachfen, ähnlich wie in der Schweiz und im Vorarlberg, merklich geftiegen ift. Vgl. „Soziale Praxis“ XXI 45, fowie die „Denkfchrift über eine internationale Regelung der Arbeitsbedingungen in der Schiffliftickerei“ (1908). Auch die heute noch in Berlin, freilich nicht in fo großem Umfange, bc- ftehende Zigarreninduftrie ift aus der Fabrik in die Wohnungen der Zigarren arbeiter übergegangen. Es war um die Mitte der 30er Jahre des vorigen Jahr hunderts, als die Fabrikation von Zigarren von Bremen aus nach Berlin ver pflanzt wurde. Sie wurde anfangs nur von Großfabrikanten in ihren Fabrik räumen betrieben. Als nun aber diefer Fabrikationszweig auch in Süddeutfch- land immer mehr Verbreitung fand, und infolge der Konkurrenz die Preife der Zigarren immer weiter herabgefetzt wurden, fanden die Fabrikanten in Berlin die Herftellungskoften viel zu teuer und fchränkten entweder die Produktion erheb lich ein oder gaben die erforderlichen Deckblätter und Einlagen an frühere Tabak arbeiter ab, welche fie dann neben einer andern Berufsarbeit (etwa der eines Portiers) unter Zuziehung von Frauen und Kindern zu Haufezu Zigarren ver arbeiten ließen. Sohabenauchhierdie Fabrikräume zugunften der Hausinduftrie fich allmählich entleeren müffen. 3 ) Überhaupt hat fich öieTabakinduftrie faft überall bis in die neuefte Zeit hinein aus der Fabrikinduftrie entwickelt. ') S t i d a a. a. 0. 108 ff. 2 ) L. Bein, Die Induftrie des fächfifchen Vogtlandes, Leipzig 1884, II 394—397- 3 ) von Stülpnagel, Über Hausinduftrie in Berlin und den nächftgelegencn Kreifen. Sehr. d. V. f. S. 42, 19-