§ 2. Lohnverhältniffe 77 von andern ökonomifchen und ethifchen Tendenzen durchkreuzt werden kann. Am ftärkften kommt er zur Auswirkung, wo die Hausinduftrie in direkter Konkurrenz mit der modernen Fabrik fteht. Da gerät der Verlagsbetrieb in folche Bedrängnis, daß er fich nur noch auf der Bafis geringfter Löhne halten kann, bis er gänzlich untergeht. Diefen allmäh lichen Abfterbeprozeß kann man feit Jahrzehnten in der Spinnerei und Haus weberei, jetzt auch in der Mafchinenftrickerei beobachten. Ebenfo verhängnisvoll wie die konkurrierende Fabrik können auf den ein- zelnen Verlag fremdeVerleger wirken, die durch gewiffenlofe Preis- und Lohndrückerei den ganzen Induftriezweig zwingen, auf den tiefften Lohnfatz herabzugehen, wenn fich der Betrieb überhaupt noch rentieren foll. Die anftändige Gefchäftswelt hat fich diefer Schmutzkonkurrenten bisher aus eigner Kraft nicht erwehren können. Bezeichnend ift, daß diefe Konkurrenz weniger vom Auslande als vom Inlande zu befürchten ift. Wenigftens find in den eigentlichen Elendsinduftrien, wie Konfektion und Spielwarenherftellung, die Deutfchen als die billigften Produzenten auf dem Weltmarkt bekannt. Damit ift ein weiteres Moment berührt, das auf die Lohngeftaltung einen hemmenden Einfluß ausübt: der von den breiten Volksmaffen ausgehende Zwang, minderwertige Stapelartikel, namentlich in der Bekleidungsinduftrie, in großer Menge herzuftellen. Es ift eine von Kauf leuten wie von Berichten der Handelskammern bezeugte Tatfache, daß bei geringen Qualitäten Preisauffchläge fchwer durchzufetzen find; denn folche Waren werden meiftens von Leuten gekauft, die mit dem Pfennig zu rechnen haben. Lohnerhöhungen für die Herftellung diefer Waren ftoßen natürlich auf diefelben Schwierigkeiten. Außerdem ift — und dies ift das wichtigfte Moment — in den untern Qualitäten, wo Stoff und Zutaten gering find, die Quote des Arbeitslohnes an den gefamten Produktionskoften verhältnismäßig groß. ^Die überragende, ja ausfchlaggebende Bedeutung des Produktions faktors Arbeit tritt hier außerordentlich fcharf in die Erfcheinung, indem jede Preisveränderung, jede Koftenerfparnis in der Bewertung der Arbeit, im Lohn zum Ausdruck kommt. x ) All diefe fachlichen Lohnmomente find dem Gewinnftreben der Unternehmer und Zwifchenmeifter, das ohnehin fehr leicht in den Fehler - iner geringen Entlohnung fällt, zu Hilfe gekommen und haben die niedrigen Heimarbeits löhne mit verurfacht. Können die Lohnfaktoren ihre Kraft nicht ganz entfalten, *) Vgl. Kt 0 a e b e 1, Die Lage der Heimarbeiterinnen 37; E. Schmidt, Arbeitslohn und Produktionstechnik in der Heimarbeit, „Zeitfchrift für Sozialwiffen- (chaft“ 1912, 851 ff.