98 IV. Kap.: Wirtfchaftliche und foziale Zuftände in der Hausinduftrie TvCv kommensquote zu Wohnzwecken gegenüberftehen. machen eine ausreichende Ernährung in den meiften Fällen ganz unmöglich. *) Der Vers, der in dem ftark hausinduftriellen Meininger Oberland gefungen wird: „Kartoffeln in der Früh — zu Mittag in der Brüh — des Abends mit|amt dem Kleid — Kartoffeln in Ewigkeit!“ gibt für zahlreiche hausinduftrielle Familien den wefentlichen Teil des täglichen Küchenzettels ab. Kartoffeln machen die Hauptnahrung aus. Die Einzelheiten des Küchenzettels und die lokal abweichenden Methoden, mit denen die Ärmften ihr tägliches Gericht dem Gaumen fchmackhafter zu machen verfuchen, find geradezu deprimierend: Zichorienkaffee, Kaffee- waffer, Brot, Butterbrot, bisweilen mit Käfe oder Flei|ch belegt, Gemüfe, wenig Hülfenfrüchte, mitunter Reis, Bier, Milch find dazu auserfehen, Ab- wechflung in die einförmige Nahrung zu bringen. Statt der Fleifchkoft, die in vielen Heimarbeiterfamilien feiten und fpärlich ift, dient häufig der Hering; und felbft diefer ift für manche ein Seltenheitsgericht. Das Weberelend, das Gerhart Hauptmann in feinem Schaufpiel „Die Weber“ mit photogra- phifcher Treue gefchildert hat, gehört noch durchaus nicht der Vergangen heit an. Das belegt u. a. v. Rechenberg, der die E r n ä h r u n g s w e i | e der Zittauer Handweber ausführlich fchildert. * 2 ) Ihre Koft befteht im wefent lichen aus Brot und Kartoffeln. Die Kartoffeln, die mittags das Hauptgericht bilden, außerdem aber auch öfters abends und fogar morgens auf dem Tifch erfcheinen, find faft das einzige warme Gericht in der Koft und drücken diefer damit ein eigenartiges Gepräge auf. Das Brot macht 55 Prozent, Kartoffeln etwa 18 bis 19 Prozent, Butter 9 Prozent, Roggenmehl 7 Prozent der gefamten zugeführten Energie aus, fo dafz annähernd 90 Prozent des Stoffwechfels durch Roggenbrot, Roggenmehl, Kartoffeln und Butter beftritten werden. Nächft den genannten Nahrungsmitteln wird am regelmäßigften noch etwas Milch und bisweilen nur Fleifch genoffen. Nur gelegentlich wird etwas Hering vorgefetzt. Alle übrigen Nahrungsmittel, wie Käfe, Eier, Zucker, Obft, kommen fo feiten auf den Tifch, dafz fie keinen nennenswerten Anteil zu dim Kraft- und Stoffwechfel beitragen. Die Merkmale diefer Koft find Armut an Genufzmitteln und geringe Abwechflung, da Gemüfe, wie Bohnen, Kohl rüben, nur etwa dann genoffen werden, wenn ein eignes Gärtchen vorhanden ') S. Orandke a. a. 0. 275—295; Glücksmann a. a. 0. 498; Baum a. a. 0. 16; S t i 1 I i c h a. a. 0. 73. 2 )v. Rechenberg, Die Ernährung der Handwerker in der Amtshauptmann- fchaft Zittau, Leipzig 1890; vgl. F. Hirfchfeld, Einfluß der Ernährung auf Krank heit und Sterblichkeit in dem Sammelwerk „Krankheit und foziale Lage“ von Moffe und Tugendreich, München 1912.