202 VII. Kap.: Selbfthilfe kleinern Betrieb für Schwefternkleidung unter Dach, der immer wieder erneuert wird. Im Frühjahr 1907 war die Organifation mit dem freien, dem Hirfch- Dunckerfchen und dem chriftlichen Schneiderverbande am Abfchlufz von Tarifverträgen in der Herrenkonfektion beteiligt. Im Herbfte desfelben Jahres führte eine mehrwöchige friedliche Lohnbewegung im M.Gladbacher Konfektionsbezirke zwar nicht zu den erfehnten Tarifabfchlüffen, wohl aber zu einer Regulierung und Vereinheitlichung der dort in der Herrenkonfektion gezahlten Löhne. Januar 1912 kam es auch hier zu einem Tarifabfchlujz. Die beiden letzten Jahre (1911 und 1912) endlich brachten noch Tarife in der Herren- und Damenfehneiderei in Königsberg, in der Mafchinenftrickerei ebendort und in der Stickerei in Stolp in Pommern. — Das find gewerkfehaft- liche Erfolge, die aufzer der wirtfchaftlichen Befferftellung der direkt und in direkt Beteiligten auch das Gute haben, dajz die viel angezweifelte Möglichkeit von Tarifen in der Heimarbeit erwiefen ift. Verfchiedene Gruppen des Gewerkvereins vermitteln ihren Mitgliedern Arbeitsaufträge. Zuweilen haben auch Wohltätigkeitsvereine, wie der Verein „Frauenhilfe“ in Berlin, der Katholifche Frauenbund in München Arbeits- vermittlungsftellen für die Heimarbeiterinnen errichtet. Die Arbeitsvermittlung aber fetzt Berufstüchtigkeit voraus, und fo fah man fich zu Lehrkurfen ver anlagt, die in den letzten Jahren von der Leitung des Gewerkvereins energifch gefördert wurden. Man geht dabei von dem gefunden Gedanken aus, dafz die Heimarbeit nur dann würdig ift, empfohlen und überhaupt erhalten zu werden, wenn fie Qualitätsarbeit ift; als Grundlage einer Heimarbeitreform durch Selbfthilfe kann nur die Erziehung der Berufsangehörigen zu hoher Arbeits- leiftung gelten, eine Leiftung, die das Recht in fich fchliejzt, volle volkswirt- fchaftliche Anerkennung und angemeffene Bezahlung zu fordern. So wurden denn Lehrkurfe eingerichtet im einfachen und feinem Wäfchenähen, im Aus- beffern, in der Spitzenanfertigung u. a., wobei nicht feiten ftädtifche und ge werbliche Behörden durch geeignete Lehrkräfte, durch Überlaffen von Räum lichkeiten, durch finanzielle Unterftützung Hilfe leifteten. Das Ideal einer Verbindung von Arbeitsnachweis und Lehrkurfus fuchte der Hauptvorftand in Berlin zu erreichen durch Errichtung einer Betriebs- werkftätte, die den Heimarbeiterinnen genügend Arbeitsaufträge ver- fchaffen und fie zugleich zu guter Ausführung anleiten will. Dem Beifpiele des Hauptvorftandes find die Ortsgruppen in Stolp in Pommern und Leipzig gefolgt. Der erfte Bericht der Betriebswerkftätte für Stickerei in Stolp kann von fehr günftiger Entwicklung erzählen. Es heijzt dort: „Während wir im April 1911, dem erften Monat, für Sticklohn etwa 350 M.