§ I. Gewerkvereine 205 mal der weiblichen, notwendig eine Ausnahme erleiden. Heimarbeiter und Heimarbeiterinnen find aus den foeben angeführten technifchen und fozialen Gründen zwar nicht völlig unorganifierbar, aber doch lange nicht in dem Maße organifationsfähig wie höhere Arbeiterfchichten. Zu einer Organifation muß hier von anderer Seite Hilfe geboten werden, die den in fich fchwachen Bau ftützt. Wie diefe Hilfe naturgemäß ausfieht, zeigt uns die Entftehungsgefchichte des Gewerkvereins der Heimarbeiterinnen. Anfangs waren es Mitglieder der Berliner Frauengruppe der (evangelifchen) „Kirchlich-Sozialen Konferenz“, die Boten-, Mittler- und Aufklärungsdienfte taten, um eine Gewerkvereins gruppe der Heimarbi iterinnen zuftande zu bringen. Später hat derfelbe fo- ziale Geift auch in andern Frauenkreifen fich geregt, und heute ftellen der Katholifche Frauenbund, der Deutfeh-Evangelifche Frauenbund, die Frauen hilfe, der Verein der Freundinnen junger Mädchen, der Allgemeine Deutfche Frauenbund, die verfchiedenen Lehrerinnenvereine u. a. Helferinnen und Förderinnen für die Heimarbeiterinnenfache. Frauen und Töchter von Gelehrten, Beamten, Lehrern, Offizieren, Künftlern, Kaufleuten, Ärzten, Landwirten arbeiten freudig mit, um den als fegensreich erkannten Gewerkverein der Heimarbeiterinnen zu fördern. Zum guten Teil haben fie fich in fogenannten Helferinnenkurfen darauf vorbereitet. Sie gehören dem Verein an als fogenannte außerordentliche Mitglieder und nehmen in der Regel die arbeitsvollften Ämter im Vorftande auf fich, zu denen es den Heimarbeiterinnen gewöhnlich an Vorbildung und Zeit fehlt, und ftellen das, was durch Bildung und Er ziehung ihnen gegeben wurde, willig in den Dienft anderer Frauen. Das Amt einer Vorfitzenden, einer Schriftführerin, einer Kaffenführerin wird mancherorts durch außerordentliche Mitglieder verwaltet. Die Leitung des Vereins ruht deshalb aber nicht ausfchließlich in ihren Händen, da in jedem Vorftande neben drei bis vier Helferinnen fechs bis fieben Heimarbeiterinnen find. Übrigens haben fich die Helferinnen, die außerordentlichen Mitglieder, durch weg fo gut in das Fühlen und Streben der Heimarbeiterinnen eingelebt, daß die Intereffen der letztem von Berufsangchörigen nicht beffer gewahrt werden könnten. Die Verfchmelzung von Frauenarbeit der höhern und der tiefften Gefellfchaftsfchichten hat fich für die außerordentlich fchwierige Organi fation der Heimarbeiterinnen als ftarker Rückhalt erwiefen. Und während die Frauen höherer Stände, die feinerzeit den Anfang mit der Mitarbeit machten, fich damals fagten: „Erft zum Zufammenfchluß helfen und dann uns fo fchncll wie möglich überflüffig machen !“, möchte man heute nirgends auf ihre wert volle Mitarbeit verzichten, die wegen der Eigenart der Heimarbeiterinnen auch in einem Gewerkverein vollauf berechtigt ift. Was den Streik anbelangt, fo nimmt der Gewerkverein der Heim