§ 3. Bereitftellung von Kapital und motorifcher Kraft 239 findet fich z. B. auch in der niederrheinifchen Textilinduftrie, in der Nagel- fchmiederei auf dem Taunus und im Kreife Schmalkalden. Hier wird den Naglerföhnen auf Betreiben des Landrats durch Stipendien bis zu 400 M. jährlich der Befuch einer Königlichen Fachfchule für die Kleineifen- und Stahlwareninduftrie ermöglicht, (o dafz fic als gelernte Metallarbeiter ihr Aus kommen finden können. 1 ) Es wäre aber verfehlt, jede Heimarbeit bedingungslos austilgen zu wollen, auch wo fie noch durchaus lebensfähig ift. Soll fie dies jedoch fein und bleiben, fo mufz fie mit verbefferten Methoden und Hilfsmitteln der Neuzeit ausgerüftet fein. Hier bietet fich ein dankbares Feld fozialer Hilfstätigkeit. Zu diefen Be gebungen ift derVereinzur Hebungder Drechfler-Haus- induftrie im Herzogtum Gotha in Gotha zu zählen. Unter dem Vorfitze des verdienten Gründers und Leiters des Thüringer Webervereins, Kommerzienrats Carl Grübe 1, erftrebt er, das Drechfler-Hausgewerbe durch Einführung neuer, gangbarer und lohnender Artikel, durch Beihilfen zu Motoren ufw. zu kräftigen und zu heben. Ein ähnlicher Vorgang vollzieht fich im benachbarten Hohenfteiner Weberverein, der binnen 15 bis 20 Jahren die Handweberei völlig durch mechanifche mit Motorantrieb zu erfetzen hofft. 1913 waren noch 60 Prozent Handweber befchäftigt. Doch ift diefer Verein gänzlich auf die eigne Kraft der Heimarbeiter angewiefen. Für verfchiedene Unternehmungen ift das Vorhandenfein und die Bereit- ftellung elektrifcher Kraft von größter Bedeutung. Einer der be kannteren Verfuche, durch Zuführung elektrifcher Kraft die eigentliche produktive Arbeit leiftungsfähiger zu machen, wurde in der Seiden bandweberei in Anrath bei Crefeld gemacht. Der Abfatz liegt nach wie vor in den Händen der Crefelder Fabrikanten, für die in Anrath gewebt wird. * 2 ) Die Bewohner des Dorfes, in welchem keine Fabrik profperieren wollte, waren bis vor kurzem bei der hausinduftriellen Hand weberei geblieben und von Jahr zu Jahr in ein wahres „Weberelend“ immer tiefer hineingeraten. Die Gemeinde verarmte derartig, dafz auch Geld- zufchüffe von Kreis und Provinz den Kommunaletat nicht ins Gleichgewicht bringen konnten. Da fchuf der neue Bürgermeifter ein Elektrizitätswerk und ermöglichte es fo den Webern, zu Haufe modern mechanifch zu produzieren. Die Geldfummezudiefem Unternehmen liehen Staat und Provinz gegen 3 Prozent Verzinfung und 1 Prozent Amortifationsquote. Freilich mufzten auch die Hausweber, welche die elektrifche Kraft benutzen wollten, ein Kapital von 1200 bis 1300 M. verzinfen, um fich einen modernen Bandwebftuhl zu befchaffen. *) Vgl. M. Weber, Die Nagelfchmiederei bei Arndt, Die Heimarbeit 11. 2 ) W i 1 b r a n d t, Die Weber 95 ff.