22 wirken von Militär- und Zivilverwaltung nimmt offenbar zu, die Ressortautonomie wird dadurch unwillkürlich verringert. Alle Bemühungen zwischen der Militärverwaltung und den Produzenten dauernde ­ Beziehungen herzustellen, gehören beispielsweise ­ hieher. Die Armee interessiert sich begreiflicherweise ­ heute mehr als früher für Zivil-Angelegenheiten, ­ aber gleichzeitig sehen wir auch eine Zunahme des Interesses für militärische Angelegenheiten ­ bei der Zivilbevölkerung. Zwar sind auch deutliche antimilitärische Strömungen vorhanden, ­ aber es ist eine historisch mehrfach beobachtete ­ Tatsache, daß Bewegung und Gegenbewegung, ­ Religiosität und Atheismus usw. einander gegenseitig ablösen. Es ist z. B. bemerkenswert, daß das interessante Buch «Die neue Armee», worin das Milizsystem auf seine Anwendbarkeit in Frankreich untersucht wird, von einem Sozialisten ­ stammt. Er opponiert, aber seine Opposition ­ legt Zeugnis davon ab, daß der Verfasser sich eingehend mit militärischen Fragen beschäftigt ­ hat. Heute nimmt jedenfalls unter den Politikern aller Parteien die Lieberzeugung zu, daß man der Beschäftigung mit militärischen Problemen nicht aus dem Wege gehen kann. Kurzum, die Notwendigkeit, ­ im Kriegsfälle die gesamte Bevölkerung Zusammenwirken zu lassen, dürfte dazu führen, daß die Militär- und Zivilbevölkerung ­ sich ein immer größeres Gebiet politischer und militärischer ­ Einsicht schafft, das Gemeingut ­ aller wird. Wir sahen wie die Tendenzen, die auch im Kriegsleistungsgesetz zum Ausdruck kommen, dahin zielen, das öffentlich-rechtliche Verhältnis in ernsten Zeiten immer häufiger an die Stelle des privatrechtlichen treten zu lassen. Wir sahen, daß es sich dabei um keine Zufälligkeiten handelt, sondern um Veränderungen, die durchaus im Geiste der Zeit gelegen sind. Die Betonung des öffentlichen Interesses drängt aber von vornherein die Wertschätzung der Geldwirtschaft zurück, da diese im wesentlichen ein Produkt unorganisierter, individualistischer Klassen und Zeitalter ist. Das patriarchalische Verhältnis zwischen Bauer und Knecht wurde durch die Geldordnung vielfach auch dort aufgelöst oder zumindest gelockert, wo eine entsprechende Veränderung der Produktion gar nicht vorliegt. Die patriarchalischen Zustände, die Bedeutung der öffentlichen Gewalten für Produktion ­ und Konsumtion, wie sie in früheren Perioden schon vorkam, ist der Gegenwart vertrauter ­ als den eben verflossenen Epochen. Die Gegenwart beginnt wieder die Zeit vor hundert Jahren zu verstehen. Vater und Sohn sind eben häufig einander fremder als Großväter und Enkel. Die Bemühungen, den Staat als ein Ganzes aufzufassen, ­ sind vor hundert Jahren ähnlich lebendig gewesen, wie heute. Damals hat ein hervorragender ­ Denker, Adam Müller, zu zeigen gesucht, daß innerhalb der Geldordnung, die sozialere Zeichengeldorganisation, ­ welche die unsozialere Einrichtung ­ des vollwertigen Metallgeldes zurückzudrängen bestimmt war, ein Produkt großer Kriege war.*) «Wir erinnern uns aus der Geschichte eines Zustandes von Europa, wo nur der bei weitem kleinere Teil alles Verkehres der Menschen untereinander mit barem Gelde betrieben wurde. Ich möchte sagen: in allen Verhältnissen des Lebens, wo die Menschen einander unmittelbar berühren und erreichen konnten, da waren sie einander ohne Dazwischenkunft des entfremdenden Metallgeldes gewiß: nur für Relationen mit ganz fremden Gegenden und Menschen waren die spärlich vorhandenen Metalle notwendig. Man erlaube ­ mir zuförderst diesen Zustand der Dinge natürlicher zu finden, als den späteren. Die nächsten Verhältnisse des Lebens wurden behandelt ­ wie die entferntesten, weil die entferntesten durch die Beweglichkeit und Allgemeingiltigkeit der Metalle zu nahe gerückt wurden. Die notwendige Folge war einerseits ein flaches weltbürgerliches Interesse an der Menschheit im ganzen, d. h. inwiefern ­ diese empfänglich war für den Reiz der edlen Metalle, und andererseits eine völlige Entfremdung ­ von den näheren, gründlicheren, vaterländischen ­ Angelegenheiten.» Und Müller weist darauf hin, daßder Uebergangvon dermetallistischen Geldordnung zum Papiergeld Kriege nötig hatte: «Die Rückkehr der Menschen von dem Zustande metallischer Erstarrung, in den durch lange Gewohnheit ­ zuletzt alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse ­ übergegangen waren, mußte mit ungeheueren ­ Revolutionen verknüpft sein. In langwierigen ­ Kriegen mußten die vernachläßigten Heiligtümer der Menschheit, Recht, Sitte, Freiheit wieder erworben werden. Diese Revolutionen und Kriege mußten die Emanzipation von Amerika, d. h. eine Unterbrechung der Metallflut von Westen nach Osten herbeiführen.» Ohne eine Prophezeiung ­ wagen zu wollen, möchte ich noch darauf hinweisen, daß manche Anzeichen dafür sprechen, daß ein Weltkrieg die Geld- und Kreditordnung in ihrer heutigen Form wohl wesentlich beeinflussen ­ dürfte, und zwar in der Richtung auf die staatlich kontrollierte Großnaturalwirtschaft hin. Ich werde bei mehr als einer Gelegenheit darauf noch hinzuweisen haben. IX. Sicherung des Realienbedarfes für den Kriegsfall. Bisher haben wir eigentlich nur die Organi' sationsform als solche besprochen und zu zeiget 1 versucht, wie mit Hilfe der Geld- oder Naturalwirtschaft ­ die vorhandenen Realienbestände de f Armee oder der Bevölkerung zur Verfügung g e ' stellt werden können. Nun müssen wir auch d ,e Frage berühren, wie denn dafür Sorge getragen werden kann, daß überhaupt die nötigen Realie 11 *) Adam Müller: Verm. Sehr. Band I., Nr. 4. VorU Papiergelde, S. 59.