28 gleiche Diskonthöhe aufweisen. Gerade in kriti schen Zeiten kann die Isolierung der Geldmärkte eine recht erhebliche sein. Ich erinnere nur an die bereits angeführten Kündigungen der Wechsel pensionen seitens der Franzosen während der Marokkokrise in Deutschland und Oesterreich- Ungarn. Die Zurückziehung dieser internationalen, kurzfristigen Kredite erfolgte sehr plötzlich und löste unangenehme Nebenwirkungen in den beiden Staaten aus. Aber nicht nur das Ausland kündigt, weil es Mißtrauen hat, oder politisch verstimmt ist, auch die Inländer sind vielfach in Sorge. Selbst wenn sie dem eigenen Staate ganz wohlgesinnt sind, wollen sie doch vor allen Eventualitäten sichergestellt sein und legen ihre Gelder vielleicht in der Schweiz an. Während der Balkankrise nahmen die Depositen der Schweizer Banken rasch zu. Aus Gesprächen mit Personen, die ihre Gelder ins Ausland bringen wollten, konnte ich nur entnehmen, daß es sich dabei oft um recht phantastische Vorstellungen von den Wirkungen eines Weltkrieges auf Oesterreich-Ungarn handelte. Daß freilich durch einen Krieg die Gelder gefährdet werden können, ist nicht zu leugnen, aber daß die Zurückziehung größerer Guthaben und ihre Dislozierung im Auslande unbedingt schädlich auf die Gesamtheit wirkt, ist sicher. Der Patriotismus ist bei Geldsachen nur sehr unzureichend ent wickelt, insbesondere in den breiten Kreisen des Publikums. Die angedeuteten Zurückziehungen von Geldern sind nicht eine Folge eines bestimmten Geldbedarfes, sondern nur die Folge der Politik oder des Mißtrauens. In Zeiten kriegerischer Ver wicklungen tritt aber auch ein effektiver Geld bedarf ein. Das Ausland, welches rüstet, sucht Gelder herbeizuziehen. Dies kann indirekt eine schwere Schädigung von Handel und Industrie bei uns bedeuten. Ein Land wie Frankreich kann seine Produktion ziemlich schonen, weil e§ als Gläubiger von ganz Europa zunächst die sonsti gen Reserven anzutasten vermag. Die großen Banken haben im ganzen die Neigung, die In dustrie, mit der sie näher verbunden sind, zu berücksichtigen. Dies erklärt wohl auch die von vielen Seiten behauptete Tatsache, daß 1912 und 1913 die Banken Westösterreichs mit der Kündigung der Kredite in Galizien und in der Bukowina rascher vorgingen als in Böhmen oder Nieder österreich. Die Banken standen letzteren Gebieten eben näher als ersteren. Aber auch ohne daß die Banken so planvoll vorgehen, kann die Zurückziehung der Gelder ziemlich automatisch erfolgen, wenn die Zinsfuß differenz sich gegen früher geändert hat. Wenn in einem Lande der Zinsfuß 3, in einem anderen dagegen 6°/ 0 beträgt, so werden die Banken des zuerst genannten Landes ihr Geld gern in dem Lande anlegen, in welchem der Zinsfuß 6°/ 0 ist. Wenn nun im Falle einer politischen Krise der Zinsfuß von 3% auf 5*/a steigt, der von 6 auf 7, dann wird möglicherweise ein Anreiz zur Zurück ziehung der Gelder gegeben erscheinen. Denn wenn auch noch immer eine Differenz besteht, so ist sie doch möglicherweise zu klein, um das erhöhte Risiko zu tragen, von anderen Momenten ganz abgesehen. Wenn die angedeuteten Vorgänge überall einsetzen, so kündigen die verschiedenen Länder einander ihre Kredite, das gleiche tun die Staats bürger untereinander. Statt daß die Staatsbürger in so schweren Zeiten einander helfen und för dern, lähmen und schädigen sie einander oft aufs empfindlichste. Man zwingt die Gesamtheit zu einer Art Liquidation, die in ruhigen Zeiten nicht glatt durchführbar ist, geschweige denn in Kriegs zeiten. Was ist die Folge davon, daß man z. B. in einer Sparkasse Gelder behebt? Sie gibt zu nächst Geld aus ihren Kassen ab, dann leiht sie sich Geld bei der österreichisch-ungarischen Bank aus, möglicherweise gegen Hinterlegung von Staatspapieren; genügt das auch nicht, so muß sie daran gehen, Kredite zu kündigen, die sie selbst gewährt hat, mindestens aber wird sie keine neuen Kredite gewähren, was 1912 und 1913 allenthalben zu beobachten war. In Frie denszeiten sind die Schuldner nicht immer in der Lage, Annuitäten und Zinsen gleich zu zahlen, geschweige denn in Kriegszeiten. Da nun die Sparkassen wichtige soziale Aufgaben als Geldgeber zu erfüllen haben und eigentlich ihre Schuldner nicht bedrücken sollen, werden sie durch die Kündigungen in die peinlichste Lage versetzt. Die Gesamtheit des Publikums kündigt auf Umwegen eigentlich sich selbst die Kredite. Die Geldgeber und die Geldnehmer sind zwar nicht dieselben Personen, aber sie gehören der gleichen Gemeinschaft an. Indirekt bekommen es alle zu spüren. Es würden vielleicht manche glauben, daß eben auf dem Gebiete des Geld wesens die Menschen notwendigerweise eine zügellose Rotte sein müssen und man nichts dagegen tun kann. Dies gilt nun nicht so unbe dingt. Es ist zwar sicher, daß in Geldsachen bei den meisten leider die Gemütlichkeit aufhört, aber Ausnahmen kommen vor. So hatte ich bei meinen Reisen in Bosnien Gelegenheit, zu er fahren, daß in den Kassen der deutschen Kolo nisten während des Krieges die Einlagen zuge nommen haben, u. zw. infolge einer dringenden Aufforderung der Leitung, die darauf hinwies, daß eine Kündigung der Gelder die Kassen zwinge, arbeitsamen Landwirten die zum landwirtschaft lichen Betriebe nötigen Gelder zu entziehen. Wer Geld einlege, fördere damit die Landwirtschaft der eigenen Nation, wer Geld behebe, schädige sie. Daß dieser Appell bei den auf einer hohen Stufe stehenden Kolonisten Bosniens wirkte, be greift man leicht. Aber auch in Galizien gelang es vielen Raiffeisenkassen-Vorständen, beruhigend zu wirken. Wir sehen aus diesen wenigen Andeutungen, daß die Beruhigung der Einleger dort am leich