29 testen ist, wo die Kassen klein sind. Man kann ein paar Dutzend Leute in einem Gasthaus versammeln ­ und ihnen darlegen, was sie eigentlich damit tun, wenn sie die Gelder kündigen; dies ist bei einer großen Einlegerzahl nicht mehr möglich. Aus diesem Grunde sind in Kriegszeiten in mancher Richtung die kleinen Kassen den großen vorzuziehen. Nichts erhöht eine Panik mehr, als der suggestive Anblick tobender nnd drängender Menschen. Nicht selten heben dann auch Leute Geld ab, die vorher nie daran gedacht hätten, sie sagen: «Der Nachbar tuts auch.» Dazu kommt noch, daß tatsächlich der zurückhaltendere Teil fürchten muß, zu kurz zu kommen, wenn die Sparkasse all ihr Bargeld an die Aengstlichen abgegeben hat und keines übrig behält, wenn schließlich wirklich einer Geld benötigt, etwa zu einer Reise oder zu geschäftlichen ­ Zwecken. Es ist für unsere Geld- und Kreditordnung charakteristisch, daß die Aengstlichen, ­ die Unsozialen auf die Mutigen und Sozialen einen Druck ausüben. Die Ruhigen werden gezwungen, ­ die Kopflosigkeit mitzumachen, soll es ihnen nicht nach dem bekannten Spruch ergehen: ­ «Den Letzten beißen die Hunde!» Das Gesagte zeigt uns, daß die Banken und Sparkassen in kritischen Zeiten immer damit rechnen müssen, daß die sofort fälligen Gelder behoben werden können. Andere Gelder, welche gegen Kündigung hinterlegt wurden, werden gekündigt, ­ aber für diese Kündigungen das nötige Bargeld zu besorgen, bleibt der Bank einige Zeit. Doch um dem ersten Ansturm gewachsen zu sein, muß bares Geld bereit liegen, oder es müssen mindestens Guthaben z. B. bei der österreichischungarischen ­ Bank vorhanden sein, welche die betreffende ­ Bank jeden Augenblick in Anspruch nehmen kann. Das Verhältnis der baren oder leicht realisierbaren Mittel zu den sofort fälligen Schulden bezeichnet man als die Liquidität einer Bank. Man kann, wenn man genau sein will, die Schulden der Bank ebenso wie ihre Forderungen nach Fälligkeitsterminen unter Berücksichtigung der erfahrungsgemäßen Einhaltung ordnen und einander gegenüberstellen. Wenn eine Bank bei 500.000 K sofort fälligen ­ Forderungen 80.000 K in bar liegen hat, ist sie liquider, als wenn sie nur 60.000-K liegen hat. Eine Bank kann sehr illiquid sein, das heißt, die Forderungen der Liquidität nicht erfüllen und dennoch durchaus aktiv sein. Dies zeigt uns Tabelle XXI zur Genüge: Tabelle XXI. Illiquide, aktive Bank Aktiva Passiva Häuser . . . 25.000 K Aktienkapital . 10.000 K Effekten . . 4.000 » Sofort fällige Kassa . . . 1.000 » 30.000 K Forderungen Saldo . . . 15.000 » 5.000 » 30.000 K Die Bank hat zwar einen Saldo von 5000 K zu ihren Gunsten, aber sie kann ihre Gläubiger nicht befriedigen, welche ihre Forderungen geltend machen. Trotzdem ist die Bank im Besitz von Eigentum, ­ das verkauft einen weit größeren Betrag liefern würde. Aktivität und Liquidität sind eben durchaus verschiedene Dinge. Wenn wir nun daran gehen, uns die Bedeutung ­ der Liquidität im Kriegsfall klar zu machen, so genügt es nicht, die einzelnen Banken zu untersuchen. Wir werden nämlich sehen, daß die Liquidität der Banken und Unternehmungen ein System bildet. Die erste Bank ist an die zweite, diese an die dritte, usw. verschuldet. Die Liquidität ­ der einen Bank hängt dann von derjenigen der anderen bis zu einem erheblichen Grade ab. Hat eine Bank Wechsel in der Hand, die den Giro einer anderen tragen, so wechselt die Realisierbarkeit ­ des Wechsels mit der Zahlungsfähigkeit ­ der girierenden Bank, die selbst wieder das Produkt von Zahlungsfähigkeiten anderer Institute sein kann. Leider ist bis jetzt die volkswirtschaftliche ­ Theorie noch nicht so weit vorgeschritten, ­ um eine ausreichende Analyse über die Liquidität einer Gesellschaft auch nur schematisch ­ geben zu können. Ich will im folgenden nur versuchen, ein und das andere Problem anzudeuten, ­ das auch praktisch von Bedeutung ist Die Liquidität eines Systems hängt von den verschiedensten Umständen ab. ln erster Reihe von der Zeit, welche bei der Abwicklung von Geschäften zur Verfügung steht. Die Erwägungen, die wir an Tabelle XXII. anzustellen vermögen, erinnern uns in vielem an die Betrachtungen, welche sich an die Tabelle VUI anschlossen. Es seien uns vier Personen, A, B, C, D, gegeben. A sei im Besitze von 100 K, in Gold O 100 K habe er überdies von D zu fordern, während er selbst an B 100 K schuldig sei, die anderen Personen B, C, D, seien der Reihe nach 100 K schuldig und hätten gleichzeitig 100 K Forderungen im Besitz. Wie im Falle der Warenzirkulation, den Tabelle VIII darstellt, können alle Verpflichtungen glatt abgewickelt werden, wenn fünf Zeitpunkte zur Verfügung stehen. Sollten alle Schulden am gleichen Tage fällig sein, so müßten entsprechende Prolongationen vorgenommen werden. Wird in Krisenzeiten die sofortige Bezahlung verlangt, so kann A noch gerade dem B zahlen, aber C ist bereits bankerott. Wir sehen, wie in diesem schematischen Falle die Liquidität eines Systems von Personen von der Zeit abhängt, welche zur Bezahlung der Schulden zu Verfügung steht. Diese Abhängigkeit der Liquidität von der zur Verfügung stehenden Zeit kann bereits in den Bilanzen vorweggenommen erscheinen und dadurch ­ die Situation von vornherein verschlimmern. D, der voraussieht, daß C vielleicht nicht zahlen kann, wird den Schuldschein oder Wechsel des C dann gar nicht zum vollen Betrag in die Bilanz