38 einmal Gelegenheit festzustellen. Wir besitzen eben keine kriegswirtschaftliche Zentralstelle, welche die wichtigsten Vorkommnisse der Gegen wart evident hielte und die Vergangenheit durchforschen könnte. Dies ist mit eine Ur sache, weshalb die kriegswirtschaftliche Or ganisation, die Ordnung des Verkehrswesens und der Produktion für den Kriegsfall so schwer durchzuführen ist. Diese wenigen Hinweise auf den inneren Markt und die innere Verkehrslage mögen ge nügen. Es seien mir nun noch einige Bemerkun gen über den internationalen Markt gestattet. Der Krieg verändert häufig die Absatz wege bestimmter Warengruppen. Aber es werden nicht nur die Wege verschoben, vielfach werden bestimmte Konsumenten überhaupt ausgeschaltet. Um nur ein Beispiel hervorzuheben. Frankreich verkauft Konfektionswaren an die ganze Welt. Als der Deutsch-französische Krieg dazu führte, daß Paris eingeschlossen wurde, nahmen die Be stellungen Hollands, Italiens, Rußlands usw. ihren Weg nach Berlin statt nach Paris und die mili tärischen Erfolge hatten unmittelbare Einkommens vermehrung hervorgerufen. Damals ging auch der französische Champagnerhandel zurück, während Deutschland für seinen Champagner neue Absatz gebiete eroberte. In ähnlicher Weise kann der Handel dritter Staaten durch einen Krieg beein flußt werden. Ich komme nun zu Problemen von noch größerer Tragweite. Ein Krieg von längerer Dauer kann, wenn sich die Produktion an die geänder ten Verhältnisse anzupassen vermag, ähnlich wie ein Schutzzoll wirken. Derartige Wirkungen von einiger Erheblichkeit dürfte im allgemeinen nur ein Weltkrieg, wie jener vor hundert Jahren, aus üben. Was für Vorkommnisse den Weltkrieg charakterisieren werden, wissen wir nicht genau. Sehr wahrscheinlich ist es, daß der Boykott eine erhebliche Rolle spielen wird, wie er z. B. in der Türkei und in Serbien gegen österreichisch-unga rische Waren zeitweilig geübt wurde. Der Boykott verengt den Absatz des Gegners, er fördert den Absatz der eigenen Industrie, die nun nicht mehr mit jener des Auslandes konkurrieren muß. Der Boykott wirkt wie ein Prohibitivzoll, nur daß er nicht formell von der Regierung ausgeht. Freilich dürfte man in Zukunft für einen Boykott der Privatpersonen die Regierungen verantwortlich machen. Es wäre denkbar, daß man, im Falle man die Macht dazu hat, sie zur Abnahme bestimmier Warenquanten zwingt, die sie dann an die Be völkerung nach ihrem Ermessen weiter veräußern kann. Derartige und andere Pressionen gegenüber Regierungen wird man umso leichter anwenden, als in der Mehrzahl der Fälle ein großzügig or ganisierter Boykott von der Regierung zumindest geduldet, wenn nicht gefördert zu sein pflegt. Wir leben heute in einem Zeitalter, das schutzzöllnerischen Gedankengängen stark an hängt. Es ist dies eine von Zeit zu Zeit wieder kehrende Denkweise. Wenn ein Zeitalter dem Staat keine Eingriffe gestattete und infolge der ungezügelten Konkurrenz schwere Schäden sich bemerkbar machten, pflegte man in der Forderung nach Regierungshilfe und Schutzmaßnahmen aller Art keine Grenze finden zu können; wenn dann durch übermäßige Kontrolle der Unternehmungs geist gelähmt und vielfach Unfähige privilegiert werden, wendet sich der Zorn aller gegen die Aufsicht der Regierung. Da die Menschen wenig aus der Geschichte zu lernen pflegen, begnügt man sich meist nicht mit der Beseitigung der Schäden, sondern geht von einem Extrem ins andere über. Die schrankenlose Gewerbefreiheit wird durch eine Gewerbeordnung abgelöst, der zufolge eine Konditorei ohne besondere Konzession zwar kalte, nicht aber warme Limonaden ver kaufen darf, weil letzteres nur einem Kaffeehaus zukommt. Den Schutzzoll verteidigen viele als Erziehungszoll. Sie weisen darauf hin, daß der unentwickelten Industrie geholfen werden müsse. Daß sie hilfsbedürftig sei spreche nicht gegen ihre tatsächlichen Fähigkeiten. Ein dreißigjähriger Schwächling könne mit Leichtigkeit einen fünf jährigen Athleten erdrosseln. Es war bekannt lich der Schutzzoll, der Deutschlands Industrie der englischen gegenüber konkurrenzfähig ge macht hat. Es gibt aber freilich Schutzzölle, die nicht dazu beitragen, die Produktion zu vergrößern und zu vervollkommnen, sondern einer kleinen Gruppe von energischen Männern die Möglichkeit geben, Waren minderer Qualität zu hohen Preisen zu verkaufen, ohne die Konkurrenz des Auslandes fürchten zu müssen. In Zeiten, die dem Frei handel gewogen sind, wird man für die schutz- zöllnerische Wirkung des Krieges kein rechtes Verständnis haben. Der Krieg ist für Freihändler, wie ich schon einmal erwähnte, nur eine Stö rung der Produktion, während der Schutzzöllner in ihm unter Umständen eine Anregung zur Pro duktion sieht. Freilich muß dafür Sorge getragen werden, daß Fabriken, die während eines Krieges errichtet wurden, nach dem Kriege nicht schutz los dem Auslande preisgegeben werden, wie dies nach den Napoleonischen Kriegen zum Teil der Fall war, als die Kontinentalsperre aufgehoben wurde, ohne durch entsprechende Schutzzölle er setzt zu werden, die als Uebergang hätten dienen können. Wir besitzen eine ausgezeichnete Schilderung der Kontinentalsperre von Peetz und Dehn. Napoleon wollte den englischen Handel treffen, soweit er Industrie- und Kolonialartikel betraf; merkwürdigerweise verhinderte er nicht die Zufuhr von Getreide nach England, was wohl eine der ersten Taten eines modernen Napoleon gewesen wäre. Auch in einem modernen Welt kriege würde eine Kontinentalsperre der Industrie manche Förderung, aber auch manche Lähmung bringen. Die Lyoner Seidenindustrie beschäftigte im Jahre 1788 ungefähr 9000 Webstühle; deren Zahl ging infolge der Revolution auf ungefähr 3000 zurück, während die Kontinentalsperre sie