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        <title>Einführung in die Kriegswirtschaftslehre</title>
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            <forname>Otto</forname>
            <surname>Neurath</surname>
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        ﻿äcrw ^at	MmV,

VVV fc^/VL /C\jwA l^JUW EWbUvGUwvrVvA^^iw

\'

W^U.
        <pb n="2" />
        ﻿Von Professor Dr. Otto 'N e u r a t h, der neuen Handelsakademie in Wien.

Vorbemerkungen.

Die folgende Artikelserie gibt im großen und
ganzen eine Reihe von Vorlesungen wieder, die in
den Monaten März und April in Wien für Militär-
intendanturbeamte gehalten wurden. Zweck der
Vorlesungen war es, eine allgemeine Orientierung
über die wichtigsten Probleme zu bieten und vor
allem das Wesentliche an den verschiedenen
Fragestellungen und Betrachtungsweisen zu zeigen.
Von einem systematischen Aufbau wurde abge-
sehen. Ein solcher wäre auch heute noch sehr
schwierig zu geben, da die Kriegswirtschaftslehre
eine junge Disziplin ist,*) wird doch im folgenden
das erste Mal der Versuch gewagt, die Kriegs-
wirtschaftslehre prinzipiell als Ganzes theoretisch
zu skizzieren. Wenn auch alle kriegswirtschaft-
lichen Fragegruppen Berücksichtigung fanden, so
war es doch andererseits naheliegend, vor allem
an die Beschaffung der für den Krieg erforder-
lichen Mittel anzuknüpfen. Es sei ausdrücklich
hervorgehoben, daß die folgenden Ausführungen
weder einer Apologie des Friedens, noch einer
des Krieges ihren Ursprung verdanken, sondern
rein objektiven Charakter tragen.**)

I.	Die Kriegswirtschaftslehre als Sonder-
disziplin.

Die Volkswirtschaftslehre beschäftigt sich
mit der Frage, wie der Wohlstand von der Art
der gesellschaftlichen Organisation abhängt, wel-

*) Vgl.: Otto Neurath: Die Kriegswirtschaft. Jahres-
bericht der Neuen Wiener Handelsakademie, 1910, Otto
Neurath, Artikel «Kriegswirtschaft» in Meyers Konversa-
tionslexikon, Ergänzungsband 1913, S. 523 ff. Otto Neu-
rath: Die Kriegswirtschaftslehre als Sonderdisziplin,
Weltwirtschaftliches Archiv, l. Band, April 1913, Heft 2,
S. 342 ff. Otto Neurath: Probleme der Kriegswirtschafts-
lehre. Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft,
Jahrgang 1013, Heft 4, S. 438 ff.

**) Die Veranlassung zur Abhaltung der Vorträge,
die in etwa 6—8 unmittelbaraufeinander folgenden Heften
unseres Blattes zur Veröffentlichung kommen werden,
gipg vom Chef der ökonomischen Sektion des Kriegs-
rninisteriums aus. Die Vorträge dienen in hervorragender
Weise dazu, die für den Beruf des Militärintendantur-
beamten nötigen Kenntnisse auf einem ungemein wich-
tigen Gebiete zu klären, und sind des eingehenden
Studiums wohl ebenso wert, wie das operative Ver-
pflegswesen, dem sie würdig zur Seite gestellt werden
können.

che die Verteilung der Güter und ihre Erzeugung
beeinflußt. Diese Wissenschaft ist noch nicht ge-
nügend durchgebildet, um ausreichend scharf
definiert werden zu können. Aehnlich steht es
begreiflicherweise mit Teilgebieten, die unter der
mangelhaften Entwicklung der Gesamtwissenschaft
mit zu leiden haben. Man kann Wirtschaftsorga-
nisationen verschiedener Art untersuchen und sie
nach verschiedenen Gesichtspunkten klassifizieren.
Eine dieser Abgrenzungen führt uns dazu, die Wir-
kungen des Krieges und der Kriegsrüstungen auf
den Wohlstand der Menschen zu untersuchen.
Ich habe für diese Disziplin den Namen Kriegs-
wirtsch'aftslehre in Vorschlag gebracht. Wenn die
Volkswirtschaftslehre bereits ganz ausgebaut wäre,
müßten alle jene Fragen, die sich auf diesem
Spezialgebiete ergeben, bereits beantwortet vor-
liegen. Dies ist nur teilweise der Fall und man
muß daher vielfach um die Kriegswirtschaftslehre
einigermaßen vollständig abhandeln zu können,
neue Betrachtungen einfügen, die aber schließlich
auch in der Gesamtwissenschaft Aufnahme finden
werden. Die Kriegswirtschaftslehre regt nämlich
zu einer Reihe fruchtbarer Fragestellungen an, da
gerade durch den Krieg sehr auffallende Erschei-
nungen hervorgerufen werden, die einer genauen
Untersuchung wert sind.

Bisher gibt es zwar schon eine Reihe treff-
licher kriegswirtschaftlicher Spezialarbeiten, so von
Riesser, Jöhrs, Voelcker und anderen, aber noch
keine zusammenfassende Darstellung. Dies erklärt
sich zum Teil daraus, daß die Volkswirtschafts-
lehre der neuesten Zeit vom sogenannten eng-
lischen Liberalismus ausging, der die Anschauung
vertrat, die Menschen würden am meisten pro-
duzieren und konsumieren können, wenn es keine
Zollschranken, keine Beschränkungen im Inlande,
wie sie zum Beispiel das Gewerberecht enthält,
geben würde. Dieser Anschauungsweise waren
nur jene Probleme geläufig, welche sich mit der
freien Konkurrenz beschäftigten. Der Krieg war
für sie bloß eine Störung der Produktion und
Konsumtion. Die Frage, ob ein Volk durch einen
Krieg nicht reicher werden könnte, wurde kaum
berührt. JDoch darf man nicht glauben, daß etwa
alle Freihändler gegen den Krieg waren. Es gab
        <pb n="3" />
        ﻿2

manche unter ihnen, welche sich für den Krieg
als Mittel aussprachen, die politische Macht der
Nation zu heben, selbst unter Hintansetzung der
Ernährung, Bekleidung und sonstigen Bedürfnis-
befriedigung. Daß diese durch einen Krieg ge-
winnen könnten, nahmen die meisten von ihnen
nicht an. Die theoretische Volkswirtschaftslehre
der Folgezeit hat nun zwar diese Grundgedanken
mehrfach verworfen, aber dem Kriege dennoch keine
Aufmerksamkeit geschenkt. Nur einzelne Denker,
insbesondere Praktiker haben sich mit kriegs-
wirtschaftlichen Fragen beschäftigt, so zum Bei-
spiel Lowe im Zeitalter der napoleonischen
Kriege. Aber eine wissenschaftliche Tradition
bildete sich so nicht heraus. Im letzten Jahrzehnt
waren es vor allem praktische Gründe, welche
zu kriegswirtschaftlichen Untersuchungen drängten.
Die Rüstungen wuchsen überaus rasch an. Die
Völker litten erheblich unter dem Rüstungsdruck,
die Komplikation des Geld- und Kreditwesens
war so fortgeschritten, daß die Erschütterungen
eines großen Krieges mit steigender Sorge ge-
fürchtet wurden. Insbesondere die Marokkokrise
hat in Deutschland, aber auch in anderen Staaten
zu kriegswirtschaftlichen Schriften Veranlassung
gegeben. Dazu kam noch, daß auf Seiten der
Friedensfreunde die Wirkungen des Krieges und
der Rüstungen auf den Wohlstand immer inten-
siver studiert wurden. Alle diese Bestrebungen
verdichten sich immer mehr und mehr zu geord-
neter Tätigkeit.

Es ist zwar heute noch vielfach die Be-
schäftigung mit dem Kriege eine Sache der per-
sönlichen Zu- oder Abneigung. Die meisten von
denen, die sich über den Krieg in irgend einer
Richtung äußern, treten entweder für ihn auf,
oder bekämpfen ihn. Das ist häufig zu Beginn
einer Wissenschaft so. Wenn die Diskussion aber
etwas fortgeschrittener ist, merkt man allmählich,
daß es einen ganzen Stock von Problemen gibt,
deren Lösung völlig unabhängig von unserem
Gefallen oder Mißfallen ist. Der Friedensfreund
und der Kriegsfreund können sie völlig gleich-
artig beantworten, um dann im weiteren Verlauf,
wenn ihre Wünsche zum Ausdruck kommen, die
tatsächlichen Verhältnisse, ,wie sie die objektive
Wissenschaft feststellt, zu verwenden. Die Kriegs-
wirtschaftslehre ist eine Wissenschaft, wie die
Ballistik, die ebenfalls unabhängig davon ist, ob
man für oder gegen die Verwendung von Kanonen
eintritt. Die Ausbildung einer wissenschaftlichen
Kriegswirtschaftslehre führt dazu, die wissen-
schaftlichen Bestrebungen, die sich heute zer-
streuen, zu konzentrieren und zu gedeihlicher
Kooperation zu bringen.

Die Kriegswirtschaftslehre besitzt bis
jetzt keine Tradition. Die im Laufe
der Zeit erworbenen Erfahrungen gehen daher
fast gänzlich verloren. Nach großen Kriegen, so
nach dem siebenjährigen Krieg, wurde in der
Literatur diesem Gebiete einige Aufmerksamkeit
geschenkt. Dann vergißt man an diese Probleme.

Im Zeitalter der Napoleonischen Kriege wendet
man wieder kriegswirtschaftlichen Fragen durch
die Praxis angeregt, das Augenmerk zu. Aber im
allgemeinen findet man in der Literatur dieser
Zeit kaum einen Nachhall von den Ergebnissen,
welche die Forschungsperiode vorher gezeitigt
hatte. Aehnlich steht es mit den Kriegsperioden
der Folgezeit. So hat man z. B. nach dem Jahre
1870/71 eine Reihe kriegswirtschaftlicher Arbeiten
veröffentlicht, insbesondere wurde ziemlich viel
über die französische Kriegsentschädigung ge-
schrieben. Aber auch dieser Literatur fehlte die
Kraft, eine wirkliche Tradition zu erzeugen. Man
trifft in der Folgezeit selten eine Betrachtung an,
die sich mit dem deutsch-französischen Krieg be-
schäftigt. Erst zu Beginn des XX. Jahrhunderts
beginnt sich eine Tradition herauszubilden. Frei-
lich das Versäumte ist nur schwer nachzuholen.
Man findet denn auch ältere kriegswirtschaftliche
Literatur auffallend selten zitiert, ältere Kriege
auffallend selten berücksichtigt. Es wird wohl
noch eine lange Reihe von Jahren dauern, bis
man die Kriegswirtschaftslehre derart gesichert
hat, daß sie eine Tradition besitzt, welche nicht
mehr abreißt. Es wird dazu die Schaffung eigener
Organisationen nötig werden, welche die kriegs-
wirtschaftliche Forschung zu fördern hätte. Nur
wo Organisationen bestehen, kann man die Kon-
tinuität einigermaßen aufrechterhalten.

Die Entwicklung der Kriegswirtschaftslehre
als Sonderdisziplin wird vor allem dazu führen,
eine geschlossene Theorie mit zweckmäßig ge-
stalteten Begriffen zu schaffen. Es werden sich
allgemeine Vorstellungen entwickeln, deren Aus-
bildung dann Aufgabe weiterer Arbeit sein wird.
Diese allgemeinen Vorstellungen sind einerseits
an sich reizvoll, sie fördern die Erkenntnis und
befriedigen unser Streben nach Erkenntnis, sie
dienen aber auch dazu, die Bedeutung einzelner
Probleme richtig zu erfassen. Man kann keine
Wissenschaft so treiben, daß man Einzelunter-
suchung an Einzeluntersuchung reiht. Um eine
Einzeluntersuchung anstellen zu können, muß man
bereits die allgemeinen Ziele kennen, die man
verfolgt, man muß, wenn auch nur unbestimmt,
sich davon ein Bild zu machen trachten, was
wohl als unwichtig vernachlässigt werden darf,
was als wichtig besonderer Beachtung wert er-
scheint.

Die Wissenschaft gibt uns so weite Perspek-
tiven, sie deutet Entwicklungsrichtungen an, sie
läßt uns aber auch oft Keime des Zukünftigen
erkennen, an denen wir achtlos vorübergegangen
wären, hätte sie unser Auge nicht für das wer-
dende Gebilde geschärft.

II.	Verschiedenartigkeit der Kriegswirkung.

1.	Prinzipielle Organisation sver-
h ä 11 n i s s e.	,or

Wenn wir uns daran machen, die Wirkungen
des Krieges und der Rüstungen zu untersuchen,
so zeigt sich bald, wenn wir nicht in irgend einer
        <pb n="4" />
        ﻿3

Richtung voreingenommen sind, daß wir kaum
so bald dazu gelangen dürften, diese Frage all-
gemein zu beantworten, sind doch die Wirkungen
des Krieges bei den verschiedenen Völkern und
zu verschiedenen Zeiten je nach der Verschieden-
heit der gesellschaftlichen Organisation überaus
verschieden. Die scheinbar naheliegendsten Ar-
gumente erweisen sich als korrekturbedürftig. Die
ersten tastenden Versuche mahnen bereits zur
Vorsicht.

Man versucht zum Beispiel vielfach die
Wirkungen des Krieges etwa in der Weise zu be-
stimmen, daß man alle Menschen, welche der
Krieg tötet, alle Menschen, welche die stehende
Armee absorbiert, nach ihrer Produktionsfähigkeit
abschätzt und die Gesamtheit der so vernichteten
Produktivkräfte als reinen Verlust in Abzug
bringt. Abgesehen davon, daß man außerdem
noch den Gewinn des Krieges in Anrechnung
bringen muß, ist auch die angedeutete Betrach-
tungsweise nicht immer am Platze. Und zwar
deshalb nicht, weil sie davon ausgeht, daß alle
Organisationen, vor allem diejenige, in der wir
leben, eine volle Ausnützung aller Kräfte in nor-
malen Zeiten kennt. Dies ist nun nicht der Fall.
Man kann sich zwar Organisationen denken,
welche alle Kräfte voll ausnützen, unsere Organi-
sation gehört nicht zu ihnen. Jedem ist der Aus-
druck «Ueberproduktion» bekannt. Man erwähnt
eine Ueberproduktion von Büchern, von Tuch,
von Aerzten usw. Was bedeutet dieses Wort?
Offenbar nicht, daß mehr produziert wird, als
man konsumieren kann. Denn es ist doch klar,
daß es immer noch Menschen gibt, welche für
Bücher Verwendung hätten, daß es Menschen
gibt, die eines Arztes bedürfen, daß es Menschen
gibt, welche sich ungenügend bekleiden. Unter
dem Worte Ueberproduktion versteht man etwas
anderes, es bedeutet, daß die weitere Produktion
den Produzenten keine Vermehrung des Rein-
gewinnes bringen würde. Tabelle I zeigt uns,
wie wir uns etwa die Tatsache zu erklären haben,
daß bei steigender Produktion die Rentabilität ab-
nimmt. Das Beispiel stellt nach mehr als einer
Richtung eine Vereinfachung dar, gibt uns aber
ausreichende Aufklärung. Wir sehen deutlich, wie
der Reingewinn des Produzenten im vorliegenden
Falle zwar absolut und prozentuell ansteigt, wenn
der Produzent 150 Stück statt 100 erzeugt, wir
sehen aber auch, daß der Reingewinn sofort fällt,
wenn er die Produktion fortsetzt. Die Ziffern der
Selbstkosten und des Erlöses sind dabei ganz
den tatsächlichen Verhältnissen entsprechend an-
gesetzt. Wir sehen, wie die Stückselbstkosten bei
steigender Produktion fallen, die Gesamtselbst-
kosten aber ansteigen. Sie könnten eventuell auch
konstant bleiben. Wenn ich zum Beispiel Fische
fange, sind die Selbstkosten eines großen Fanges
ebenso hoch wie die eines kleinen Fanges. Aber
bei der Fabrikation von Waren sehen wir immer
ein Ansteigen der Gesamtselbstkosten. Je mehr
Stücke einer Ware auf den Markt kommen, desto

tiefer fällt der Stückpreis, der Gesamterlös kann
dabei steigen, wie dies in unserem Beispiel der
Fall ist.

Tabelle I.

Abhängigkeit des Reingewinnes von der produzierten
Menge:

Anzahl der pro- duzierten Stücke	Selbstkosten		Erlös		Reingewinn		
	pro  Stück	im  ganzen	pro  Stück	im  ganzen	pro  Stück	im  ganzen	in  »Io
100	10	1000	10-50	1050	0-50	50	5
150	8	1200	8-72	1308	0-72	108	9
200	7	1400	7-28	1456	0-28	56	4

Wenn Unternehmer im vorhinein wissen, daß
bei wachsender Produktion der Reingewinn sinken
wird, schränken sie absichtlich die Produktion ein.
Dies tun zum Beispiel sehr viele Kartelle, ja es
gibt solche, die in erster Reihe zu dem Zweck
geschlossen werden, um eine einverständliche
Produktionseinschränkung zu ermöglichen. So
haben zum Beispiel die österreichischen Baum-
wollspinner im Herbst 1912 eine 33prozentige
Betriebsreduktion vogenommen. Ein Teil der
Maschinen mußte ruhen, die Arbeiter, welche sie
sonst bedienten, mußten feiern.

Man hat gelegentlich die Vermutung aus-
gesprochen, der sinkende Reingewinn deute nichts
anderes an, als die Tatsache, daß an anderen
Stellen der Produktion Arbeitskräfte nötiger
wären als gerade dort, wo der Reingewinn sinkt.
Wenn der Reingewinn in derTextilindustrie sinke,
so komme das etwa daher, daß man in der
Landwirtschaft Arbeiter brauche. Dort verzinse
sich das Geld besser. Man kann auf verschiedene
Weise zeigen, daß diese Betrachtung nicht all-
gemein giltig sein kann. Am einfachsten dürfte
man das Ziel erreichen, wenn man ein einfaches
Beispiel betrachtet, in dem die Vernichtung einer
Gütermenge die Rentabilität erhöht, in einem Fall,
in dem die Produktion der größeren und der
kleineren Gütermenge gleich viel kostet. Archen-
holz, dessen Geschichte des siebenjährigen Krieges
recht bekannt ist, hat eine zeitlang regelmäßige
Berichte über englische Verhältnisse veröffentlicht,
ln einem derselben lesen wir nun folgendes*:

«Die Fleischer in London fuhren mit ihrem
abscheulichen Gebrauch fort, große Säcke mit
frischem Fleisch des Nachts in die Themse zu
werfen, um es nicht, wegen des Ueberflusses not-
gedrungen unterm Preise zu verkaufen, oder es
umsonst wegzugeben. Alle Mittel, diesem Unfug
zu steuern, waren vergebens. Die Fischhändler in
London hatten einen ähnlichen Gebrauch. Sie
gaben den auf der Themse ankommenden Fischer-
fahrzeugen, noch ehe sie London erreichten, durch
Signale von dem Zustand des dasigen Fisch-
marktes Nachricht. Befand sich dieser wohl ver-
sehen, so wurden, um keinen Ueberfluß zu er-

* J. W. v. Archenholz, Annalen der Britischen Ge-
schichte des Jahres 1788. I. Bd. Carlsruhe 1790. 10. Ab-
schnitt, S. 362.
        <pb n="5" />
        ﻿4

zeugen, ohnweit Gravesend die ganzen Ladungen
von Fischen ins Wasser geworfen. Dieses zu hin-
dern, wurde auf Befehl des Lord Majors, der die
Jurisdiction über die Themse hat, Gerichtsbeamte
nach Gravesend beordert, solche Frevler auf der
Tat zu ertappen, um sie nach den Gesetzen zu
bestrafen.»

Tabelle II.

Steigerung der Rentabilität durch Gütervernichtung

Anzahl der pro- duzierten Stücke	Selbstkosten		Erlös		Reingewinn		
	pro  Stück	im  Ganzen	pro  Stück	im  Ganzen	pro  Stück	im  Ganzen	in  °lo
100	12	1200	12-60	1260	0-60	60	5
150	8	1200	8.72	1308	0-72	108	9
200	6	1200	6-30	1260	0-30	60	5

Suchen wir diese Schilderung in die Form
eines Schemas zu kleiden. Da es sich im Beispiel
der Fischer um eine Produktion handelt, bei der
die Herstellung der größeren Menge ebenso viel
kostet, wie die Herstellung der kleineren, sind die
Gesamtselbstkosten in Tabelle II als konstant mit
1200 angesetzt. Die Verkaufspreise sinken, wenn
eine größere Menge auf den Markt kommt, und
zwar haben wir unser Beispiel so gewählt, daß
der Gesamterlös zunächst steigt, dann aber fällt.
Wenn die Fischer 100 Mengen Fische auf den
Markt bringen, verdienen sie weniger, als wenn sie 150
auf den Markt bringen, anderseits verdienen sie mit
150 Fischmengen mehr als mit 200. Folglich ist
es im Interesse der Fischer gelegen, 50 Mengen
Fische zu vernichten. Derartige Fälle werden in
der Geschichte oft berichtet, und zwar bis in die
jüngste Zeit herauf. Dies Beispiel zeigt ganz deut-
lich, daß es jedenfalls eine «Ueberproduktion»
geben kann, die zweifellos nichts mit einer un-
zweckmäßigen Verteilung der produktiven Kräfte
zu tun hat, denn durch die Vernichtung der Fische
wird keine Produktion an einer anderen Stelle ge-
fördert.

ln der Gegenwart wird im allgemeinen die
Vernichtung von Produkten seltener Vorkommen,
als die absichtliche Reduktion der Produktion,
weil die Voraussicht größer ist, als früher und
weil vor allem es sich heute in der Mehrzahl der
Fälle um Produktionen handelt, deren Kosten
wachsen, wenn die erzeugte Menge zunimmt.

Wir sehen jedenfalls schon aus den bisherigen
Andeutungen, daß in unserer Organisation keine
vollständige Ausnützung der vorhandenen produk-
tiven Kräfte stattfindet. Dies gilt bezüglich der
Rohstoffe, der Maschinen, des Grundes und Bodens
ebenso wie bezüglich der Menschen. Diese Er-
scheinung ist militärisch von großer Bedeutung,
und zwar mittelbar und unmittelbar. Ich will nur
auf ein und das andere hinweisen. Die ungenügende
Ausnützung der produktiven Kräfte kann dazu
führen, daß wegen der in einem Lande vorhandenen
Anbaumöglichkeiten für Getreide, die vorhandenen
Viehweiden nicht ausgenützt werden, was die

Schlagkraft eines Staates herabzusetzen geeignet
erscheint.

In den Alpen stoßen wir immer wieder auf
Almen, die bis vor kurzem noch der Viehhaltung
dienten, während sie jetzt verlassen sind, weil die
Almenwirtschaft dem Bauer nicht mehr rentabel
genug erscheint. Besonders markant tritt für die
Heeresverwaltung die Tatsache der ungenügenden
Ausnützung der Produktivmittel zutage, wo es
sich um das Produktivmittel «Mensch» handelt.

Ebenso wie es für den Unternehmer Fälle
gibt, in denen es sich ihm nicht rentiert, die im
Lande vorhandenen Rohstoffe nnd Maschinen
auszunützen, so gibt es auch Fälle, in denen es
sich ihm nicht rentiert, die vorhandenen Arbeits-
kräfte voll auszunützen. Die Gegenwart kennt
denn auch Arbeitslosigkeit großer Massen als
eine häufige Erscheinung, die nicht selten Aus-
wanderung zur Folge hat. Wenn die Menschen in
der Heimat keine Möglichkeit haben, Arbeit und
Erwerb zu finden, ziehen sie in die Fremde. Die
Auswanderung, ein Produkt der unvollständigen
Ausnützung produktiver Kräfte in unserer Organi-
sation, macht sich militärisch vor allem durch
den Ausfall bei den Stellungen bemerkbar. Im
Jahre 1913 soll dieser Ausfall weit über 100.000
Mann betragen haben, wobei nach meinen Infor-
mationen etwa 87.000 allein auf die Hauptaus-
wanderungsgebiete Galizien und die Bukowina
entfallen sind. Fehlbeträge über 60% sind in den
Auswanderungsgebieten nichts Seltenes. Diese
Auswanderung ist besonders in den Gebieten des
Großgrundbesitzes sehr stark, der eine der wich-
tigsten Auswanderungsursachen ist. In Galizien
und der Bukowina finden wir riesige Besitzungen
und Parzellen dicht nebeneinander. Bei der starken
Auswanderung spielt auch Abenteuerlust, Furcht
vor dem Militärdienst mit, aber all diese Mo-
mente verschwinden fast völlig hinter dem
Hauptmoment: Mangel an Erwerbsmöglichkeit.
Man sieht dies ganz deutlich, wenn man die
Ueberseewanderung nach der Hafenstatistik ins
Auge faßt.

Tabelle III.

Ueberseewanderung aus Oesterreich nach der Hafen-
statistik.

1906	1907	1908	1909	1910	1911	1912
136.000	154.000	58.000	132 000	142.000	92.000	131.000

Tabelle 111 zeigt deutlich, daß im Jahre 1908
die Auswanderung nach der Hafenstatistik, die
freilich nur einen Teil der Auswanderer erfaßt,
deutlich abnimmt, sie geht fast auf ein Drittel
herunter. Wie erklärt sich diese Tatsache? Im
Jahre 1907 trat in den Vereinigten Staaten eine
große Krise ein. Konkurse, Massenentlassungen
von Arbeitern waren an der Tagesordnung. Sehr
deutlich kann man den Einfluß der Erwerbsver-
hältnisse auf die Wanderbewegung auch aus der
        <pb n="6" />
        ﻿5

Rückwanderungsstatistik entnehmen, die Ta-
belle IV bietet.

Tabelle IV.

Rückwanderung aus den Vereinigten Staaten nach
Oesterreich-Ungarn.

1908	1909	1910	1911	1912
130.000	49.000	47.000	86.000	89.000

Während im Laufe der Krise die Rückwan-
derung 130.000 Personen beträgt, sinkt sie später
auf 49.000 herunter. Wir sehen, es handelt sich
bei der Auswanderung um eine Massenerschei-
nung, welche vor allem durch die Erwerbsver-
hältnisse bedingt ist. Es hat daher die Armeever-
waltung alles Interesse an einer Sanierung der
Wirtschaftsverhältnisse in Galizien. Die Entstehung
großer Industrien, die Entfaltung des Kleinge-
werbes könnte eine gewisse Abhilfe schaffen,
weil auf diese Weise ein erheblicher Teil jener
Bevölkerungsmassen, die durch den Großgrund-
besitz verdrängt werden, im Inlande aufgesaugt
werden könnten. Die Armeeverwaltung selbst
kann nur in geringem Ausmaß auf die Sanierung
einwirken, sofern sie nämlich als Käuferin von
Waren auf den Markt tritt. Dadurch, daß Heeres-
lieferungen, sei es nun durch die Heeresver-
waltung selbst oder durch Vermittlung des Ar-
beitsministeriums, in den Hauptauswanderungs-
gebieten verteilt werden, kann man einen
Teil der Auswanderer zurückhalten. Die Beschaf-
fung des Ausrüstungsmaterials wird so gleichzeitig
dazu verwendet, Soldaten im Lande' zurückzu-
halten. Es sind dies sozialpolitische Gesichts-
punkte, die vielfach hinter rein fiskalischen zu-
rücktreten. Vom Standpunkte des Ressorts aus,
welches die Bedarfsdeckung durchführt, wird man
natürlich nur dort kaufen, wo man die Ware am
billigsten bekommt, vom Standpunkte des Ge-
samtstaates aus kann es möglicherweise ange-
zeigt sein, auch dort zu kaufen, wo die Be-
schaffung teurer kommt. Der höhere Preis ent-
hält gewissermaßen eine Industrie-, Gewerbe- oder
Agrarsubvention in sich. Ob eine solche An-
schauungsweise praktisch zweckmäßig ist, bleibt
eine offene Frage; tauchen doch gleich eine Reihe
neuer Probleme auf. So fragt es sich zum Bei-
spiel, ob die Heeresverwaltung eine solche Maß-
nahme auf eigene Unkosten vornehmen soll, oder
ob ihr eigene Posten nur zu dem Zweck be-
willigt werden müßten, die dazu zu dienen hätten,
Mehrausiagen zu bezahlen, die aus der Industrie-,
Gewerbe- oder Agrarförderung erwachsen. Hier
genügt es wohl, auf die ganze Problemgruppe
prinzipiell hinzuweisen. Was ich von Galizien
und der Bukowina gesagt habe, gilt zum Teil
auch von Dalmatien, wo insbesondere die Aus-
wanderung der Küstenbewohner für die Kriegs-
marine eine schwere Schädigung bedeutet.

Vielfach wird darauf hingewiesen, daß die
Auswanderung zur Besserung der heimischen Ver-
hältnisse beitrage, weil sie Geld ins Land bringe;

dies gilt aber nur teilweise. Gebiete, welche an-
fangs nur Saisonwanderung hatten, gehen bald
zur Dauerauswanderung über. Und wenn auch
anfangs noch Geld in die Heimat geschickt wird,
so hört das in vielen Gegenden bald auf und ein
Teil der Bevölkerung, oft die tüchtigsten Ele-
mente umfassend, ist für immer für den Staat
verloren.

Wir sehen an den wenigen Beispielen, wie
sehr das militärische Interesse mit allgemeinen
Organisationseigentümlichkeiten zusammenhängt.
Je mehr eine Organisation die produktiven Kräfte
auszunützen vermag, umso mehr Lebensmittel,
umso mehr Soldaten sind im Lande. Viele glauben,
unsere Organisation sei ausreichend dadurch
charakterisiert, wenn man feststellt, daß sie eine
ungleiche Verteilung der Güter aufweise, arm
und reich kenne. Dies genügt aber keineswegs.
Die Armee hat zum Beispiel ein überaus großes
Interesse daran, daß man alle produktiven Kräfte,
insbesandere die Menschen im Inlande, auszunutzen
vermag, während sie direkt an einer bestimmten
Form der Vermögensverteilung wenig interessiert
erscheint. Unsere Organisation weist einerseits
eine ungleiche Verteilung des Vermögens auf,
andererseits aber auch eine ungenügende Aus-
nützung der produktiven Kräfte. Es wird daher
weniger konsumiert, als konsumiert werden
könnte.

Die Bevölkerung hat weniger zu essen, als
nach den natürlichen Verhältnissen notwendig ist,
die Armeeverwaltung hat nicht so viel Kriegs-
material, nicht so viel Soldaten zur Verfügung,
als man unter Berücksichtigung der im Lande
vorhandenen produktiven Kräfte und Menschen-
massen erwarten sollte.

Die in Tabelle V. gegebene Uebersicht zeigt
deutlich, wie sich die Organisationen nach den
Gesichtspunkten der Verteilung und der Aus-
nützung klassifizieren lassen.

Wir sehen, daß im Falle der vollständigen
Ausnützung die vorhandenen Güter gleichmäßig
oder ungleichmäßig unter die beiden Klassen A
und B, die aus gleich viel Menschen bestehen
sollen, verteilt werden können. Das gleiche gilt
aber auch von der unvollständigen Ausnützung.
Man kann sich sehr gut eine Gesellschaft denken,
welche die produktiven Kräfte nicht voll ausnützt,
weniger erzeugt als sie könnte, aber das redu-
zierte Gesamtprodukt gleichmäßig verteilt, während
in unserer Organisation einerseits die produktiven
Kräfte nicht voll ausgenützt werden, andererseits
auch die Verteilung der Produktion eine ungleich-
mäßige ist.

Die Tatsache, daß unsere Gesellschaft die
vorhandenen Pröduktivmittel ungenügend aus-
nützt, hat auf dem Gebiete der Kriegsrüstungen
und des Krieges zuweilen Wirkungen, die
man nicht von vornherein erwarten sollte. Wenn
wir hören, daß durch die Kriegsrüstungen
und durch das Kriegführen das Leben der Bevöl-
kerung sich erheblich verschlechtert, so erscheint

5ho... K " fvwG-.,	dL Vv/ '
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        ﻿6

Tabelle V.

Klassifikation der gesellschaftlichen Organisationen nach Verteilung und Ausnützung der Güter				
Aus-  nützung	Produktion 100 Stück			
	gleichmäßige  Verteilung		ungleichmäßige  Verteilung	
	Klasse A	Klasse B	Klasse A	Klasse B
vollständige	konsumiert		konsumiert	
	50	50	20	80
	unkonsumiert  verbleibt		unkonsumiert  verbleibt	
	0		0	
unvoll-  ständige	konsumiert		konsumiert	
	25	25	I  10 I 40  I	
	unkonsumiert  verbleibt		unkonsumiert  verbleibt	
	50		50	

das als etwas selbstverständliches. Die Armee, der
Krieg verwenden eben einen Teil der Produkte,
welche sonst von der Bevölkerung konsumiert
worden wären. Die gelegentlich gehörte Bemer-
kung, daß die Rüstungen Geld unter die Leute
bringen, also nicht schlecht auf das Wirtschaftsleben
wirken, ist in dieser allgemeinen Form keines-
wegs schlagend. Denn man erwidert darauf nicht
mit Unrecht: Die Bevölkerung würde sich wohler
dabei befinden, wenn das Geld auf die Weise
unter die Leute käme, daß man statt der Kriegs-
schiffe Schulen und Theater bauen würde. Daß
möglicherweise der Kriegserfolg die Aufwendungen
lohne, ist eine andere Sache, die bei dieser Er-
wägung gar nicht in Frage kommt.

Der Krieg kann aber auch gelegentlich zur
Folge haben, daß, während er wütet, die Bevöl-
kerung besser lebt als in Friedenszeiten. Ehe ich
diese merkwürdige Tatsache bespreche, will ich
zwei Autoren dieses Faktum mit ihren eigenen
Worten beschreiben lassen. Beide sind keine
Freunde des Krieges. Der erste der beiden Autoren,
die ich zu Worte kommen lassen will, ist Joseph
Lowe, ein englischer Praktiker aus der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts, der ein auch heute
noch überaus lesenswertes Buch über die Wir-
kungen der napoleonischen Kriege auf England

verfaßt hat. Es heißt in demselben unter an-
derem :*

«Nachdem wir in den ersten Jahren des
Kampfes die größte Geldnot erfahren hatten,
schienen sich unsere Hilfsquellen mit den zuneh-
menden Bedürfnissen zu erweitern und fuhren so
lange fort, reichlich zu strömen, daß es einem
ordentlich schwer wurde, sich es als möglich zu
denken, daß je wieder Mangel oder Not eintreten
könnte. Man hielt daher die Verlegenheit, welche
gleich nach dem Ende des Krieges eintrat, für
vorübergehend, und das Publikum sich sträu-
bend den Gedanken von Elend mit so glänzen-
den politischen Resultaten, als uns der Krieg
brachte, im Zusammenhänge zu denken, gab sich
der Erwartung hin, daß alle Not verschwinden
würde, sobald nur erst der Friede recht be-
festigt wäre.» «Das Jahr 1798 wird lange merk-
würdig für uns bleiben, da es sich mitten im
fürchterlichsten Kriege durch einen vorteilhaften
Handel auszeichnet,» «Der Krieg nämlich wird
sonst gewöhnlich als eine Zeit der Verlegenheit
und der Armut betrachtet, und diesmal schien er
unsere Nation mit Glück und Wohlstand zu über-
schütten.» «Das individuelle Einkommen nahm
während des Krieges beträchtlich zu.» «Es fand
eine äußerst merkwürdige Zunahme unserer
inneren Landesindustrie statt.» «Die Armee, die
Seemacht, die Vermehrung der öffentlichen
Aemter, welche der Krieg notwendig machte, er-
öffneten mit einem Male einer großen Menge von
Menschen aus allen Ständen eine größere Lauf-
bahn, und indem die neuen Beschäftigungen eine
große Menge Kandidaten Wegnahmen, brachten
sie zugleich ein starkes Leben in den Ackerbau,
in den Handel und in alle Gewerbe.» «Was waren
die Ursachen unserer großen und unerwarteten
Verlegenheiten nach dem Friedensschluß? Nicht
eine Verminderung unserer Erwerbsmittel an sich
betrachtet, sondern eine allgemeine Veränderung
in der Art und Weise, sie anzuwenden, eine
plötzliche Entfernung des Stachels zur Industrie,
nämlich das Aufhören des Krieges, enthält diese
Ursachen, ln keinem der vorhergehenden Kriege
war unsere Militärmacht bis zu einer solchen
Größe und zu einem solchen Umfang entwickelt
worden. Die Zahl unserer Milizen, Soldaten und
Matrosen, welche plötzlich abgedankt wurden,
beliefen sich auf zwei- bis dreimal Hundert-
tausend; die meisten kehrten zu produktiven Ar-
beiten zurück, während eine große Menge unserer
Manufakturisten, wahrscheinlich auch nicht weniger
als Hunderttausend, plötzlich ihre Beschäftigung
verloren, die sie bisher bei Verfertigung von
Kriegsgerätschaften, Montierungen, Waffen und
anderen zum Kriege nötigen Dingen gehabt
hatten. Daraus entstand eine plötzliche Ueber-
füllung von arbeitenden Leuten und ein nicht

* Joseph Lowe. England nach seinem gegenwär-
tigen Zustande des Ackerbaues, des Handels und der
Finanzen, deutsch von L. H. v. Jakob, Leipzig 1823,
S. II, S. 6, 17, 24, 35, 96, 98.
        <pb n="8" />
        ﻿7

minder plötzliches Fallen des Arbeitslohnes.»
«Während des Krieges gingen alle unsere An-
lagen und Unternehmungen, sowohl private als
auch öffentliche, ins Große; alle diese Unterneh-
mungen waren auf eine solche Nachfrage und auf
solche Zahlungsfähigkeit berechnet, die alles über-
traf, was man im Friedenszustande in dieser Art
zu sehen gewohnt war. Manufakturen, Handels-
häuser, Erziehungsanstalten und eine Menge
unserer Etablissements der verschiedensten Art,
nicht bloß in der Hauptstadt, sondern auch selbst
in den Provinzen, waren fast sämtlich auf eine
Nation berechnet, die nicht nur an Zahl, sondern
auch an Reichtum in stetem Wachstum begriffen ist.»

Der zweite Autor ist Henry George, ein
amerikanischer Nationalökonom, einer der Haupt-
begründer der sog. Bodenreformbewegung. Er
wirkte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
und gab sehr packend die Wirkungen des ameri-
kanischen Sezessionskrieges wieder. Wir lesen
bei ihm folgendes*):

«In Amerika gibt es zu allen Zeiten große
und in schwierigen Zeiten ungeheure Mengen von
Menschen, die mit aller Anstrengung Arbeit und
Gelegenheit suchen, für die durch Arbeit hervor-
gebrachten Dinge Arbeit zu geben; nichts zeigt
vielleicht klarer die beständig vor sich gehende
enorme Verschwendung von produktiven Kräften,
als der Umstand, daß die blühendsten Zeiten,
welche dieses Land erlebt hat, die Zeiten des
Bürgerkrieges waren, als wir große Flotten und
Armeen unterhielten und Millionen unserer indu-
striellen Bevölkerung genug zu tun hatten, um
dieselben mit Gütern zur unproduktiven Kon-
sumtion oder zu leichtsinniger Vernichtung zu
versehen. Es ist vergebens, von einer eingebil-
deten Blüte dieser gedeihlichen Zeiten zu reden.
Die Massen des Volkes lebten besser, kleideten
sich besser, fanden es leichter ihren Lebensunter-
halt zu gewinnen und hatten mehr Ueberfluß
und Vergnügen als in gewöhnlichen Zeiten. Im
Norden war mehr tatsächlicher sichtbarer Reich-
tum am Schlüsse des Krieges vorhanden, als
beim Beginne desselben. Auch war es nicht die
große Ausgabe von Papiergeld oder die Kontra-
hierung der Schuld, welche diese Prosperität her-
vorbrachte. Die Regierungspressen druckten aller-
dings Zahlungsversprechen; aber Schiffe, Kanonen,
Waffen, Werkzeuge, Nahrungsmittel und Kleider
konnten sie nicht drucken. Auch borgten wir
diese Dinge nicht von anderen Ländern oder von
der ,Nachwelt* .... Die von unseren Flotten und
Armeen verbrauchten und vernichteten Güter
kamen von dem damals vorhandenen Gütervor-
rate .... Und dadurch, daß die vom Kriege ver-
anlaßte Nachfrage produktive Kräfte in Tätigkeit
setzte, wurden die enormen Verluste des Krieges
nicht allein wiederersetzt, sondern der Norden
wurde auch reicher. Die Arbeitsvergeudung beim
Hin- und Hermarschieren, beim Graben von

*) Henry George, «Soziale Probleme», Deutsch
von Stöpel, Berlin 1885, S. 70.

Laufgräben, Aufwerfen von Schanzen und Fechten
von Schlachten, die Vergeudung von Gütern, die
durch unsere Armeen und Flotten verbraucht oder
vernichtet wurden, war nicht so groß als die be-
ständig vor sich gehende Vergeudung unbe-
schäftigter Arbeit und stillstehender oder nur teil-
weise benützter Maschinen . . . Die Lähmung,
welche zu allen Zeiten produktive Kräfte ver-
schwendet und in Zeiten industriellen Druckes
mehr Verluste herbeiführt als ein großer Krieg,
entspringt aus der Schwierigkeit, welcher die-
jenigen, die gern durch ihre Arbeit ihre Bedürf-
nisse befriedigen würden, in diesem Bestreben
begegnen.»

Es ist natürlich unmöglich, eine so kompli-
zierte Erscheinung, wie die hier angedeutete mit
wenigen Worten zu erklären, wohl aber läßt sich
andeutungsweise zeigen, wie man sich die Mög-
lichkeit einer Wohlhabenheitsvergrößerung wäh-
rend des Krieges überhaupt vorzustellen vermag.
Gehen wir auf unser Beispiel in Tabelle V zurück.
Wir wählen die Fälle, in denen eine ungleiche
Verteilung vorliegt, setzen aber einmal vollständige,
einmal unvollständige Verteilung voraus. Bei voll-
ständiger Ausnützung aller produktiven Kräfte,
kann auf die Konsumenten nicht die volle Stück-
zahl von 100 Gütermengen entfallen, weil der
Krieg einen Teil absorbiert. Auch im Falle der
unvollständigen Produktionsausnützung kann im
Kriegsfälle oder infolge von Rüstungen eine
Herabsetzung des Friedenskonsums stattfinden,
es dürfte dies auch der häufigere Fall sein, es ist
aber auch möglich, daß gleichzeitig der Kriegs-
verbrauch gedeckt wird und dennoch überdies
auch der Gesamtkonsum steigt, wenn nämlich
auf irgend eine Weise die Lähmungen, welche
sonst vorhanden sind, verschwinden.

Tabelle VI zeigt uns wieder schematisch, wie
diese Veränderungen ziffernmäßig zu denken sind.

Wir sehen aus den bisherigen kurzen An-
deutungen, daß die Wirkungen des Krieges auf
die Lebensverhältnisse der Bevölkerung keines-
wegs gleichartig sind, sondern grundsätzlich
differieren können, je nachdem, ob im kriegfüh-
renden Staat eine vollständige oder unvollständige
Ausnützung aller produktiven Kräfte stattfindet.
Es zeigt übrigens diese Betrachtung auch, wie
schwer es ist, über den Krieg ein allgemeines
Urteil zu fällen. [Daß er in manchen Fällen pro-
duktive Kräfte zur Entfaltung bringt, ist wie wir
sahen nur dadurch möglich, daß es die Friedens-
ordnung in unzulänglicher Weise tut. Andererseits
muß man im Auge behalten, daß man nicht ohne
weiteres über eine Verschwendung der produk-
tiven Kräfte durch den Krieg klagen darf, wenn
man andererseits sieht, wie wenig im Frieden die
vorhandenen Kräfte ausgenützt werden, wie viele
Kräfte direkt zugrunde gehen, um zum Beispiel
Luxusartikel herzustellen. Jedenfalls muß man
sich davor hüten, über den Krieg und den Frieden
schlechthin abzuurteilen.
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        ﻿8 —

Tabelle VI.

Einfluß des Krieges auf die Ausnützung der Güter				
Aus-	Zustand	Produktion 100 Stück		
nützung		Klasse A	Klasse B	Krieg
		Konsumiert		
	Frieden	20	80	
bß		unkonsumiert verbleibt		
"O  c		0		
+-*  C/)		Konsumiert		
o  &gt;	Krieg	15	60	25
		unkonsumiert verbleibt		
		0		
		Konsumiert		
	Frieden	10	40	—
		unkonsumiert verbleibt		
CD		50		
-a		Konsumiert		
c	Krieg, den Friedens-	5	20	25
(/)	konsum  verringernd	unkonsumiert verbleibt		
O  &gt;  n		50		
3		Konsumiert		
	Krieg, den Friedens-	12	48	25
	konsum  erhöhend	unkonsumiert verbleibt		
		15		

2. Einzelne Momente.

Wir haben im vorigen Unterabschnitt ge-
sehen, daß grundsätzliche Organisationsverschie-
denheiten verschiedene Wirkungen des Krieges
bedingen können. Wir werden nun sehen, daß
auch andere Momente die Wirkungen des Krieges
sehr verschieden erscheinen lassen können.

Von größter Bedeutung kann zuweilen das
Wehrsystem sein. Während zum Beispiel in Eng-
land die Einberufungen vor allem jene Menschen
absorbieren, die in den verschiedenen Erwerbs-
zweigen weniger benötigt werden, treffen sie zum

Beispiel in Deutschland wichtige und unwichtige
Arbeitskräfte in gleicher Weise. In England kann
der Fabrikant seinen Arbeiter, der sich anwerben
lassen will, durch Erhöhung des Lohnes zurück-
zuhalten versuchen; anders in Deutschland. Die
Produktion kann daher in England weit eher
während eines Krieges ungestört fortgesetzt wer-
den, als in Deutschland oder in einem anderen
Lande der allgemeinen Wehrpflicht.

In ähnlicher Weise macht es einen wesent-
lichen Unterschied aus, ob der Krieg von einem
Industrie-,' oder von einem Agrarstaat geführt
wird. In Serbien zum Beispiel konnte ich während
des Krieges nur relativ geringe Veränderungen
der landwirtschaftlichen Produktion beobachten.
Da die kräftigen Männer und Bur-schen einberufen
waren, mußten Kinder, Frauen und Greise an die
Stelle der Einberufenen treten. Das war relativ
leicht möglich, weil diese Familienmitglieder auch
sonst gewöhnt waren, sich am landwirtschaftlichen
Betrieb zu beteiligen. Die komplizierten Geld- und
Kreditverhältnisse des Industriestaates fehlten in
Serbien, daher auch die Verwirrungen, welche sie
im Kriege erleiden können. Ganz anders würde
zum Beispiel ein Krieg auf das kleine Belgien
wirken, welches ein hochentwickelter Industrie-
staat ist. Die Einberufungen und die sonstigen
durch den Krieg bedingten Vorkehrungen würden
eine tiefgreifende Erschütterung hervorrufen. Die
einberufenen Arbeiter können schwer ersetzt wer-
den. Dazu kommt noch, daß die Verwirrungen,
welche in Geld- und Kreditwesen auftreten
würden, schwere Lähmungen erzeugen dürften,
denen man nur mit besonderen Mahnahmen wirk-
sam zu begegnen vermöchte.

Aber es genügt nicht, zwischen Industrie-
und Agrarstaat zu unterscheiden. Man muß auch
zum Beispiel Gebiete, die von kleinen und mitt-
leren Bauern bewohnt werden, von jenen trennen,
in denen der Großgrundbesitz vorherrscht. In
Serbien und Bulgarien, die reine Bauernstaaten
sind, hiriterläßt zum Beispiel jeder Mann, der
einberufen ist, auf einem kleinen Stück
Land einige Familienmitglieder, die mit dem
Boden eng verwachsen sind; anders im Gebiete
des Großgrundbesitzes, wie wir ihn zum Beispiel
in Galizien und Rumänien antreffen. Es fehlt nach
der Einberufung leicht an Arbeitskräften, da die
Familienmitglieder zu der bisherigen Arbeit nur
schwer heranzuziehen sind. Vor allem würden sie
aber nicht derart ihre Kräfte anstrengen, um fremden
Boden zu bearbeiten, wie die Familienmitglieder
der Serben und Bulgaren, um den eigenen
Boden zu bestellen. Es dürfte zum Beispiel ein
Gebiet, wie Galizien, unter der Einberufung mehr
leiden als Serbien, obgleich in Galizien infolge der
relativen Uebervölkerung ein Teil des Ausfalles
ausgeglichen werden dürfte. Auch darf man nicht
übersehen, daß Serbien eine viel intensivere Mo-
bilisierung durchführte, als sie voraussichtlich
Oesterreich-Ungarn in einem Kriege nötig haben
würde.
        <pb n="10" />
        ﻿9

3. Größe des Krieges.

Wir dürfen aber bei den bisherigen Unter-
schieden nicht stehen bleiben.

Wesentlich ist es auch, welche Ausdeh-
nung ein Krieg erlangt. Ein Weltkrieg unter-
scheidet sich von einem Krieg zwischen zwei
oder drei Staaten wesentlich. Er ist nicht
nur quantitativ, sondern auch qualitativ etwas
Anderes. Ich weise nur auf den Umstand hin, daß
in einem Weltkrieg keine Neutralen vorhanden
sind, die Geld, Lebensmittel usw. zur Verfügung
stellen können. Aeußere Anleihen gibt es dann
eigentlich nicht, da die Anleihen, die im Gebiet
der verbündeten Staaten aufgenommen werden,
wie innere Anleihen zu beurteilen sind. Die Wir-
kungen eines Weltkrieges lassen sich daher nicht
aus den Wirkungen der kleineren Kriege in der
Weise ableiten, daß man dieselben einfach multi-
pliziert. Die Kriege der letzten
hundert Jahre waren kleine Kriege,
ja sie wurden zu einem erheblichen Teil am
Rande der beteiligten Gebiete oder sogar in
Kolonialländern geführt. Ich erinnere nur an den
russisch-japanischen, an den amerikanisch-spani-
schen Krieg.

Der letzte Weltkrieg fand gerade vor 100
Jahren statt. Wenn wir überhaupt empirische
Beispiele für die Erörterung des Weltkrieges be-
nötigen, müssen wir auf die napoleonischen
Kriege zurückgreifen. Sie werden uns immer
viel Lehrreiches bieten, wenn sich auch freilich
die gesamte gesellschaftliche Organisation seit
jenen Tagen sehr erheblich verändert hat. Aber
jene Kriege geben uns wenigstens die Möglich-
keit, großzügige Maßnahmen, wie die Kontinental-
sperre kennen zu lernen und unsere Vorstellungen
zu weiten. Denn, um den Weltkrieg der Zukunft
sich einigermaßen ausmalen zu können, haben
wir eine etwas gigantische Phantasie nötig. Welche
Momente dabei in Betracht zu ziehen sind,
werden wir noch mehr als einmal zu besprechen
haben.

III.	Das Problem der Reserven.

Die bisherigen Betrachtungen haben uns be-
reits gezeigt, daß der Krieg in sehr verschiedener
Weise die zu seiner Führung erforderlichen Kräfte
der Gesellschaft entnimmt.

Es gibt grundsätzlich verschiedene Methoden,
die für den Krieg nötigen Kräfte bereit zu halten.
Wir wollen auf die wichtigsten derselben hin-
weisen: Es kann zunächst die Schaffung von
Kriegerischen Kräften erst im Augen-
blicke des Krieges erfolgen. Die im
Brieden tätigen Kräfte werden in kriegerisch ver-
wendbare umgewandelt. Der Arm, der sonst den
Speer zur Jagd benützt, wendet ihn nun gegen
den Feind. Es können aber auch Kriegsmittel
w ährend des Friedens bereits vorbe-
reitet werden, schließlich können im Kriege Kräfte
zur Verwendung kommen, die auch während
des Friedens nicht verwendet
* u r d e n, weder für kriegerische

noch für friedliche Zwecke. Es sind
dies natürlich nur extreme Typen; meist werden
die einzelnen Möglichkeiten miteinander, kombiniert
Vorkommen.

Daß Kräfte, die der Krieg benötigt, im Frieden
auch verwendet werden, ist nichts Seltenes. An-
nähernd reine Fälle dieser Art sind freilich selten.
Das Tiroler Aufgebot von 1809 gehörte z. B. we-
sentlich zur ersten Gruppe. Es bestand zum ge-
ringsten Teil aus militärisch vorgebildeten Kräften,
auch die Waffen waren überwiegend auch im
Frieden verwendbar. Sensen, Heugabeln, Jagd-
gewehre spielten eine wichtige Rolle. Aehnlich
organisiert sind die Milizen primitiver Staaten.
So unterscheidet sich z. B. das albanische Kriegs-
aufgebot wenig von der Gesamtheit der waffen-
fähigen Albaner im Frieden.

Sehr wichtig sind jene Fälle, in denen die
Ausbildung bestimmter Fähigkeiten sowohl
für den Krieg als auch für den
Frieden von Nutzen ist. Hieher gehören, alle
Bemühungen, die Jugend in großem Stil im Sport
auszubilden, im Skifahren, Schwimmen usw., die
unter anderem auch die Jugend weh rbewegung
gezeitigt haben. Eine kräftige Jugend ist leistungs-
fähiger in der Industrie, in der Landwirtschaft,
aber ebenso auch in der Armee. Es wäre für
die sozialwissenschaftliche Forschung,
aber auch für die Praxis von erheb-
licher Wichtigkeit, wenn man einmal
systematisch zusammenstellen würde,
in welchen Fällen die Interessen der
Armee mit jenen der übrigen Bürger-
schaft zusammenfallen, soweit die
Ausbildung derverschiedensten Fähig-
keiten in Frage steht.

Derartige Interessengemeinschaft beschränkt
sich aber nicht etwa auf die sportliche Ausbildung,
wir treffen sie, wie wir schon oben bei Erörterung
der Güterausnützung andeuteten, auch sonst an.
Es ist z. B. für eine Kriegsmarine äußerst wichtig,
eine möglichst große Handelsmarine zu haben,
um auf diese Weise zu gut vorgebildeten Matrosen
zu kommen. Die Tätigkeit eines Matrosen kann
nicht rasch gelernt werden. Geldmittel reichen
nicht hin, um eine starke Flotte zu schaffen. Es
ist ja bekannt, wie sehr die Türken darunter
leiden, daß sie nicht genügend viel vorgebildete
Matrosen haben. Dies hängt damit zusammen,
daß die Handelsschiffahrt vorwiegend in Händen
der Grichen ruht. In diesem Sinne ist auch die
Bemerkung Trubetzkois aufzufassen dessen Stimme
insoferne Anspruch auf Gehör hat, als er eine
hervorragende Stellung in der äußeren Politik ein-
nimmt*.

«Als reale Macht wird Amerika noch lange
nicht in der Lage sein, sich mit Japan zu
messen. Mögen in der Neuen Welt ungeheure
Mittel auf den Flottenbau verwendet werden, aber
Geld allein reicht nicht aus, um eine entspre-

* G. Trubetzkoi. Rußland als Großmacht. Stuttgart
und Berlin. 1913, S. 73.
        <pb n="11" />
        ﻿10

chende Wehrkraft zu schaffen. Armee und Flotte
sind nicht nur durch ihre Rüstung allein stark,
sondern auch durch ihre Organisation und ihren
Geist.»

Diese Gesichtspunkte haben denn auch da-
zugeführt, daß ein Adam Smith, der als Vertreter
der Freihandelslehre Zölle und Bevorzugungen
bestimmter Erwerbszweige prinzipiell verwarf,
eine Ausnahme zugunsten der Landes-
verteidigung machte. Er kennt noch eine
zweite Ausnahme, die sog. Retorsionszölle, die
als Repressalie verhängt werden; sie haben für
uns hier kein Interesse. Ueber die im Interesse
der Verteidigung Großbritanniens zugestandenen
Maßnahmen äußert er sich folgendermaßen*:

«Es hängt die Verteidigung Großbritanniens
sehr von der Zahl seiner Seeleute und Schiffe
ab. Die Navigationsacte ist deshalb sehr zweck-
mäßig darauf bedacht, den Seeleuten und der
Rhederei des Landes das Monopol ihres Ge-
werbes zu geben, teils durch unbedingte Verbote,
teils durch schwere Belastung der fremden Rhederei.
Die wichtigsten Vorschriften des Gesetzes sind
folgende:

Erstens ist allen Schiffen, deren Eigner,
Führer und drei Viertel der Mannschaft nicht
britische Untertanen sind, bei Strafe des Verlustes
von Schiff und Ladung, jeder Verkehr mit den
britischen Niederlassungen und Pflanzungen sowie
jeder Küstenhandel in Großbritannien untersagt.

Zweitens darf eine große Zahl der umfäng-
lichsten Einfuhrartikel nur entweder in Schiffen
der bezeichneten Art oder in Schiffen des Erzeu-
gungslandes .. . eingeführt werden; und sind
sie . . . einem doppelten Fremdenzoll unter-
worfen. . . .

Drittens dürfen sehr viele Artikel der um-
fänglichsten Art selbst in britischen Schiffen nur
unmittelbar aus den Erzeugungsländern eingeführt
werden... Diese Vorschrift war vermutlich gegen
Holland gerichtet . ..

Als das Navigationsgesetz erlassen wurde,
befanden sich England und Holland zwar nicht
im Kriege miteinander, doch bestand die heftigste
Erbitterung zwischen beiden Nationen . . . Der
Nationalhaß hatte zu jener Zeit denselben Zweck
im Auge, den der besonnenste Verstand zu emp-
fehlen vermochte: die Verminderung der See-
macht Hollands, der einzigen, welche Englands
Sicherheit zu gefährden imstande war.

Für den auswärtigen Handel und den Zu-
wachs an Reichtum, der aus demselben entstehen
kann, ist das Navigationsgesetz nicht vorteil-
haft . . . Da indessen die Landesverteidigung
wichtiger ist als Reichtum, so dürfte das Navi-
gationsgesetz vielleicht die weiteste aller eng-
lischen Handelsverordnungen sein. Das Navi-
gationsgesetz wurde erst 1847 aufgehoben, als
Englands Seemacht bereits eine weltbeherrschende
Stellung einnahm und die Zahl seiner Handels-

* Ad. Smith. Ueber die Quelle des Volkswohl-
standes, deutsch v. Asher, 1. Bd. Stuttgart 1861, S. 445.

matrosen mehr als ausreichend war. Das be-
weisen denn auch die Daten über die britischen
Schiffsbauten, die nur kurze Zeit eine Reduktion
aufwiesen.

In Oesterreich-Ungarn sind es vor allem die
Küstenbewohner Dalmatiens, die als Matrosen der
Kriegsmarine in Fragen kommen. Wir haben schon
oben bei Besprechung der Auswanderungsfrage
auch dieses Moment berührt. In einer sehr
lesenswerten Broschüre bespricht der frühere
österreichische Handelsminister Baernreither diese
Frage und betont unter Hinweis auf Mitteilungen
des Abgeordneten Lupis, wie wichtig es wäre,
durch eigene Subventionen die Küstenschiffahrt
zu fördern*

«Den ersten großen Anstoß zur Massenaus-
wanderung gab die berüchtigte Weinzollklausel
des italienischen Handelsvertrages. Schon vorher
war der dalmatinische Bauer, der auf den Wein-
bau angewiesen ist, in schlechten finanziellen
Verhältnissen ... er mußte für geliehene Gelder
20% und mehr, in einzelnen Fällen sogar 50%
bezahlen . . . Als dieser Preis infolge des italieni-
schen Handelsvertrages (und. ich darf wohl hin-
zufügen, auch infolge der Abnahme der französi-
schen Nachfrage, als in Frankreich die Zer-
störungen der Phylloxera gutgemacht waren) . . .
sank, die Weinkultur zudem wegen Bekämpfung
der Peronospora kostspielig wurde und im Nor-
den von Dalmatien auch noch die Phylloxera die
Weingärten zerstörte — trat die Katastrophe ein;
ganze Dörfer, ja ganze Bezirke wurden bankerott...
Um diese Zeit blühte in Neuseeland das Aus-
graben des Dammaraharzes. Viele der durch die
Krisis zu Schaden gekommenen Gläubiger borgten
ihren Schuldnern als ein letztes Mittel das Geld
zur Ueberfahrt nach Neuseeland. Jetzt begann
Geld ins Land zu strömen ... ln den darauf-
folgenden Jahren wurden viele Millionen Kronen
v&lt;jn Neuseeland nach Dalmatien geschickt, alte
Schulden bezahlt, neue Häuser gebaut und Land
gekauft... Es wurde zur Uebung auf 2—-4 Jahre
hinüberzugehen, auch wiederholt hinüberzugehen.
Diese Art Auswanderung nahm aber ein Ende.
An ihre Stelle trat eine Auswanderung, die einen
ganz anderen Charakter hatte. Der Stein der
Emigration war eben einmal im Rollen ... es
wendeten sich die Auswanderer nach Nordamerika,
Südafrika, Australien und Südamerika . . . Die
genannten Länder, vor allem Nordamerika, absor-
bieren und assimilieren fremde Einwanderer, be-
sonders wenn sie jung sind, viel leichter, so daß
in der Auswanderung von Kindern und jungen
Personen eine große Gefahr für Dalmatien liegt.
Von 100 jugendlichen Auswanderern sind 80
dem Vaterlande verloren. Sie lernen die Sprache
leicht, finden lohnende Arbeit, befreien sich von
der Militärpflicht, kommen nicht mehr zurück,
senden aber auch ihre Ersparnisse nicht mehr
nach Hause und helfen auch ihren armen Ver-

* J. M. Baernreither. Ein Herbstausflug in die
Dinarischen Alpen. Wien 1913. S. 10 ff.
        <pb n="12" />
        ﻿11 —

wandten in Dalmatien nicht mehr. Gerade in der
letzten Zeit sind Knaben und junge Männer aus
Furcht vor dem Balkankrieg in ungewöhnlicher
Zahl ausgewandert, die spät oder nie wieder-
kommen werden. Die Bewohner der Seeküste
wandern viel leichter aus als die Bewohner aus
dem Innern des Landes und es war ein großer
Fehler der Regierung, daß sie die Küstenschiff-
fahrt, die sie mit einer Subvention von ein paar
100.000 K hätte erhalten können, verfallen ließ.»
Baernreither hebt denn auch besonders hervor*:
«Es ist an eine wesentliche Einschränkung der
Auswanderung nicht zu denken und es nützen
auch bloß repressive Maßregeln nichs, wenn
nicht zugleich die materielle Wohlfahrt des Lan-
des gehoben wird. Die 645.000 Einwohner Dal-
matiens müssen in dem Landbau, im Gewerbe,
im Handel, in der Schiffahrt und in der Fischerei
ihr Auskommen finden. Das zu erreichen, muß
die große Richtlinie aller Maßregeln sein.» Wir
sehen auch in diesem Falle, wie die sozialpoliti-
schen Gesichtspunkte bedeutsam werden können.
Das Interesse am Aufschwung Dalmatiens ist den
Dalmatinern und der Heeresverwaltung ge-
meinsam.

Man hat in den letzten Jahren mehrfach sich
bemüht festzustellen, welche Berufsgruppen der
Armee die besten Soldaten liefern. Diese Unter-
suchungen, welche zeigen würden, welche Berufe
im Interesse der Armee am meisten zu fördern
wären, sind aber bis heute noch nicht so ein-
wandfrei durchgeführt worden, daß man die Er-
gebnisse ohne weiters verwerten könnte. Da man
aber jetzt diese Probleme von vielen Seiten her
in Angriff nimmt, dürfte ihre Lösung nicht mehr
allzu lange auf sich warten lassen. Alle diese
Fragestellungen sind heute sehr modern, da man
sich über das Wesen und den Aufbau des gesell-
schaftlichen Körpers möglichst zuversichtlich zu
unterrichten trachtet.

Neben den großen Berufsgruppen, die gutes
Soldatenmaterial liefern, müssen auch jene Berufe
genannt werden, welche bereits im Frieden mili-
tärisch organisiert sind, aber Friedensaufgaben zu
erfüllen haben. Dahin gehören z. B. das Finanz-
wachkorps und die Militärwachkorps, wie sie in
Galizien bestehen. Eigentlich gehört hieher auch
ein Teil des stehenden Heeres, nämlich jener, der
zur Aufrichterhaltung der inneren Ordnung ver-
wendet wird.

Von großer Bedeutung für den Kriegsfall ist
die Geburtenreserve eines Volkes. Normalerweise
wird die Gebärfähigkeit der Frauen nicht voll
ausgenützt, so daß die Möglichkeit besteht, nach
großen Kriegen einen Bevölkerungsverlust durch
Vermehrung der Geburten auszugleichen. Im all-
gemeinen kann man die Tatsache konstatieren,
daß Völker mit niedriger Kultur eine hohe Ge-
burtlichkeit "und eine hohe Sterblichkeit aufweisen,
während man mit steigender Kultur eine Abnahme

a. a. O. S. 16.

beider Größen konstatieren kann. Je höher also
ein Volk kultiviert ist, desto weniger nützt es die
absolute Gebärfähigkeit seiner Frauen aus. Ta-
belle VII zeigt uns, wie kraß sich die Zahlen-
verhältnisse mit der Kultur ändern :

Besonders kraß tritt der Kulturunterschied
in der Säuglingssterblichkeit zutage, welche für
die genannten Länder der Reihe nach beträgt:
Schweden 100, Deutschland 220, Rußland (Durch-
schnitt) 330 und Kaluga 400. Wir sehen, wie in
Schweden die Säuglingssterblichkeit gegenüber
Kaluga noch schärfer absinkt als die allgemeine
Sterblichkeit.

Tabelle VII.

Oeburtlichkeit, Sterblichkeit und Kultur

Land	Geburtlichkeit	Sterblichkeit
	auf je 1000 Einwohner	
Schweden	16	.27
Deutschland	22	36
Rußland		4R
(Durchschnitt)		
Kaluga	42	54
(in Rußland)		

Die Geburtenreserve kann nach Kriegen in
sehr verschiedener Weise herangezogen werden.
Als nach dem Dreißigjährigen Kriege die Entvölke-
rung in manchen Gegenden allzu groß war, soll
die Vielweiberei gelegentlich gestattet worden
sein. Zum Teil ist nach großen Kriegen eine Zu-
nahme der Geburten auch dadurch hervorgerufen,
daß infolge der Verluste viele Stellungen frei
werden, also die Chance, für sich selbst und die
Kinder den Lebensunterhalt erwerben zu können,
wächst. Zwar ist bei zunehmendem Reichtum im
allgemeinen die Neigung, Kinder zu bekommen,
geringer, aber das gilt im allgemeinen nicht, wenn
Leute plötzlich wohlhabender werden, die noch
die Geburtentradition der früheren Schichte auf-
weisen. Gelegentlich dürfte die Geburtenzunahme
nach Kriegen auch dadurch gefördert werden, daß
viele verlobte Paare die Verehelichung beschleu-
nigen, wenn der Krieg droht. Ich möchte darauf
hinweisen, daß mir in Serbien zur Zeit der Mobi-
lisierung die erhebliche Zahl von Brautpaarbildern
in den Schaufenstern der Photographen auffiel,
welche Männer in Uniform aufwiesen. Es dürften
viele in den Krieg gezogen sein, nachdem sie
vorher ihre Frauen befruchtet hatten. Ein solches
Verhalten wäre gerade bei den Serben nicht un-
verständlich, wenigstens konnte ich aus Gesprächen
mit Serben die Tatsache entnehmen, daß sie die
Fortpflanzung vielfach für eine nationale Pflicht
ansehen. Wir sehen denn auch häufig nach Kriegen
eine statistisch erfaßbare Zunahme der Geburtlich-
keit, so z. B. in Deutschland nach dem Kriege
von 1870/71. Während vorher die Geburtlichkeit
unter 40 700 war, betrug sie nach dem Kriege
über 40 °/00. Alle Momente, welche diese Steige-
rung hervorrufen, kennen wir aber heute noch
nicht, jedenfalls ist es wichtig, diesen Zusammen-
hang im Auge zu behalten.
        <pb n="13" />
        ﻿12

Das Geburtenproblem ist heute überhaupt
noch recht ungeklärt. Während man auf der einen
Seite über Ueberbevölkerung klagt und Hundert-
tausende in die Fremde ziehen läßt, jammert man
gleichzeitig über Geburtenrückgang, der übrigens
im allgemeinen durch einen erheblichen Sterblich-
keitsrückgang kompensiert wird. Letzterer geht
auf verschiedene Momente zurück, unter anderem
auch auf die Fortschritte der Hygiene und der
Medizin.

Die Ursachen des heute zu beobachtenden
Geburtenrückgangs, der vor allem in den Städten
auftritt, aber auch auf dem Lande anzutreffen ist,
sind mannigfacher Art. Zum Teil dürfte auch eine
Abnahme der Zeugungsfähigkeit in manchen Ge-
sellschaftsklassen eine gewisse Rolle spielen, vor
allem aber die absichtliche Verhinderung der Be-
fruchtung durch bestimmte Methoden des Ge-
schlechtsverkehrs oder durch Präventivmittel. Auf
dem Lande spielt besonders die Abtreibung eine
erhebliche Rolle, die aber auch in den Städten
etwas sehr Häufiges ist. Von großer Bedeutung
sind auch die Geschlechtskrankheiten, welche die
Fortpflanzungsfähigkeit sehr schädigen. Ein großer
Teil der Ehen ist dadurch kinderlos, daß der
Mann die Frau mit Tripper infizierte.

Im allgemeinen sind die wohlhabenderen und
rationeller lebenden Kreise am meisten geneigt,
durch geeignete Maßnahmen die Kinderzahl ein-
zuschränken, um so den Lebensstandard der
Kinder aufrechterhalten zu können. Die Ein-
kommen des Mittelstandes, insbesondere der
Beamtenschaft, sind so niedrig, daß eine Familie
schwer mehr als drei Kinder aufziehen kann, wenn
die Ausbildung der Kinder nicht Zurückbleiben
soll. Familien mit vier, fünf Kindern haben bereits
mit Schwierigkeiten zu kämpfen, wenn die Väter
nicht hohen Rangsklassen angehören. Die ärmeren
Kreise leben vielfach dumpf dahin, bekommen
Kinder und lassen sie massenhaft dahinsterben.
Sie überlegen wenig, auch erfordern alle Prä-
ventivmaßregeln Aufmerksamkeit und Disziplin.
Dafür kommen unter Arbeiterinnen Fruchtabtrei-
bungen recht oft vor. Aber auch bei Bauern spielt
die absichtliche Geburtenverringerung keine ge-
ringe Rolle. Ich kenne ein niederösterreichisches
Dorf, in dem die Bauern nur solange Kinder be-
kommen sollen, bis der Erbsohn geboren ist, uiu
auf diese Weise das Vermögen immer in einer
Hand zu belassen.

Neben den bisher erwähnten Reserven gibt
es auch Reserven an Erfindungen und Erfindungs-
kraft, die im Kriege Verwendung finden können.
Es gibt eine Menge von Erfindungen, die im
Frieden nicht verwendet werden, weil sie sich
nicht rentieren. Wir sehen zum Beispiel die Hebe-
maschinen wenig in Benützung. Ein großer Teil
der Transporte von Kisten, Möbeln, Steinen usw.
wird mit Muskelkraft vorgenommen. Wenn man
die Fülle von Erfindungen mit Technik, die
Häufigkeit der Verwendung mit Technizität be-
zeichnet, so muß man sagen, daß in unserem

Zeitalter die Technik zwar sehr weit fortgeschritten
ist, nicht aber die Technizität. Die Alten hatten
zwar weniger Erfindungen, sie nützten dieselben
aber alle aus. Wenn im Kriegsfall die Zahl der
Arbeitskräfte abnimmt und bestimmte Import-
artikel verschwinden, kann es leicht zur Ver-
wendung schon bekannter Erfindungen kommen,
die bisher nicht in Gebrauch genommen wurden.
Eine Gesellschaft für Apparatenbau in Mainz be-
richtet zum Beispiel, daß sie infolge des Ab-
ganges von Arbeitern genötigt war, neue vorher
nicht gekannte Hilfsmaschinen anzuschaffen.

Aber auch die Erfindungskraft selbst wird in
Kriegszeiten durch die Not oft geschärft. So
wurde zum Beispiel die Rübenzuckerfabrikation
während der Kontinentalsperre eingeführt. Na-
poleon I. setzte eigens Preise für die Erfindung
neuer-industrieller Maschinen aus. Und es wurden
denn auch eine Reihe von Erfindungen gemacht
und ausgenützt. Man kennt zwar die Größe dieser
Reserve an Erfindungskraft nicht, aber man muß
sie auch in Rechnung stellen. Die Erfindungs-
reserven kann man aus den Patentpublikationen
zum Teil entnehmen, und es wäre im Interesse
der Kriegsbereitschaft gelegen, im vorhinein fest-
zustellen, welche Erfindungen im Falle einer Ab-
sperrung des Landes vom Weltverkehr verwendet
werden könnten. Es gibt viele Maschinen, die
zwar teurer, aber dennoch in brauchbarer Qualität
Surrogate für wichtige Importartikel zu erzeugen
vermöchten. Sie dürften im Falle eines Weltkrieges
vor allem wohl Verwendung finden.

Zu den bisherigen Reserven kommen noch
die Rohstoffreserven. Es gibt Bergwerke, die in
Friedenszeiten auszunützen nicht rentabel ist. Es
gibt, wie wir schon erwähnten, Land, das für
Ackerbau und Viehzucht in Friedenszeiten nicht
Verwendung findet. All diese Reserven kommen
natürlich für den Kriegsfall in Betracht.

Auf die Warenreserven, insbesondere auf die
Lebensmittelreserven, werde ich noch zurück-
zukommen haben. Sie werden in Friedenszeiten
im allgemeinen sukzessive aufgebraucht. Nur
Waffenreserven und ein Teil der Sanitätsreserven
gehen in Friedenszeiten langsam zugrunde und
müssen erneuert werden.

Von ganz anderer Bedeutung sind die Geld-
reserven. Soweit es sich um Inlandsgeldreserven
handelt, sind sie von geringer Bedeutung, da es
ein Verwaltungsproblem ist, ob man die Kriegs-
mittel im Inlande durch Kauf oder durch Requi-
sition beschafft. Es ist auch denkbar, daß die
Geld- und Kreditordnung im Kriegsfälle über-
haupt suspendiert werden muß. Die Auslands-
geldreserven repräsentieren Forderungsrechte an
das Ausland, ihre Verwertung hängt wesentlich
von der politischen Situation ab. Auch diesen
Reserventypus werden wir eingehend zu be-
sprechen haben.

Die Ausführungen über die ungenügende
Ausnützung der produktiven Kräfte könnte leicht
        <pb n="14" />
        ﻿13

den Eindruck hervorrufen, daß alle Reserven
solcher ungenügender Ausnützung ihren Ursprung
verdanken. Dies ist nun nicht allgemein der Fall.
Keine gesellschaftliche Organisation kann Reserven
ausschalten. Um nur ein Moment hervorzuheben:
Für jeden Menschen, der in der gesellschaftlichen
Ordnung eine bestimmte Stellung einnimmt, muß
immer der Nachfolger bereit sein, der ihn ersetzen
kann, wenn er ausscheiden sollte. Dieser Nach-
folger wird, solange er warten muß, eine Stellung

inne haben, die seinen Fähigkeiten nicht voll
entspricht. Aehnliches sehen wir auf Schritt und
Tritt. Man müßte also die notwendigen Reserven
von jenen trennen, welche nur Ergebnis be-
stimmter Organisationsformen sind. Jedenfalls sehen
wir auch bei der flüchtigen Erörterung des Re-
servenproblems, daß wir nur durch Berücksichti-
gung sehr allgemeiner Gesichtspunkte zu einer	1

einigermassen brauchbaren Urteilsbasis gelangen
können.
        <pb n="15" />
        ﻿Einführung in die Kriegswirtschaftslehre.

(1. Fortsetzung.)

Von Otto Neurath, Wien.

IV.	Arten der kriegswirtschaftlichen Bedarfs-
deckung.

Gehen wir nun zur Güterbeschaffung für den
Kriegsfall über. Es handelt sich sowohl um die
Bereitstellung der Kriegsmittel im engeren Sinne,
als auch um die Beschaffung von Nahrung und
sonstiger Bedarfsartikel für die Armee und Zivil-
bevölkerung. Diese Beschaffung kann entweder
im Rahmen der Geld- und Kreditordnung in kom-
merzieller Weise erfolgen, oder aber mit Hilfe ent-
sprechender Verwaltungsmaßnahmen;
wie denn überhaupt im Falle eines Krieges mit
starken Eingriffen der Staatsgewalt gerechnet
werden muß. Wie weit solche Eingriffe für die
weitere Entwicklung des bürgerlichen Lebens von
Vorteil oder Nachteil sein können, haben wir hier
nicht näher zu erörtern.

Ob man die Güterbeschaffung durch Geld
vorzieht oder die Beschaffung auf dem Ver-
waltungswege, ist nicht nur eine Frage des fis-
k a 1 i s c h en Interesses, sondern auch eine von prin-
zipieller sozialer Bedeutung. Im ganzen kann
man heute die Beobachtung machen, daß gesell-
schaftliche Gesichtspunkte bei der Güterversorgung
eine größere Rolle spielen, als etwa vor einer
Generation. Diese Tendenz macht sich auch auf
kommerziellem Gebiet geltend und wir können
sowohl im Geld- als auch im Kreditwesen erheb-
liche Eingriffe der Regierungen beobachten. Auf
einige derselben werde ich im Folgenden noch
zurückkommen. Auf dem Gebiete der Heeres-
wirtschaft macht sich eine doppelte Tendenz geltend.
Einerseits wird man sich in militärischen
Kreisen immer stärker der Wichtigkeit kom-
merzieller Betriebsformen bewußt und trachtet
darnach interne Einrichtungen dem modernen
Geschäftsleben entsprechend umzugestalten; man
sucht aber auch mit den Banken und son-
stigen Instituten unmittelbarer, als dies früher üb-
lich war, in Kontakt zu treten, um so die In-
teressen der Armee besser wahren zu können.
Andererseits wird heute der fiskalische Gesichts-
punkt in kommerziellen Maßnahmen der Heeres-
verwaltung und mit ihr in Verbindung stehender
Behörden nicht mehr so ausschließlich, wie früher
Angenommen. Sozialpolitische Momente
treten häufig hervor, insbesondere bei der Be-
schaffung von Naturalien und bei der Beschaffung
von Artikeln, die vom Kleingewerbe geliefert
Werden können. Die Förderung der Landwirtschaft
Ist ebenso ein Ziel des Staatsganzen, wie die
Förderung der Armee, die selbst ein Mittel zur
Durchsetzung staatlicher Zwecke darstellt. Es kann

daher ganz gut Vorkommen, daß man den Be-
darf für die Armee so deckt, daß die Landwirt-
schaft dabei möglichst gewinnt. Es kann das
Staatsganze gewinnen, selbst wenn die Armee
möglicherweise teurer einkaufen sollte als sonst.
Die Rentabilität an einer einzelnen Stelle des
Gesellschaftskörpers tritt für viele Politiker gegen-
über jener des Gesamtwohles in den Hintergrund.

Wir sehen derartiges häufig im Staatsleben.
Denken wir uns ein Eisenbahnsystem. Eine wich-
tige Verbindungslinie soll vom Staat gebaut
werden. Es zeigt sich, daß dieselbe unrentabel
ist, das heißt die aufgewendeten Geldsummen
werden nicht durch die Einnahmen entsprechend
verzinst. Trotzdem kann diese Linie für das Eisen-
bahnsystem im ganzen rentabel sein, weil die Ge-
samteinnahmen aller Strecken zusammen durch
die Schaffung dieser Verbindungslinie steigen. Die
Linie kann aber auch möglicherweise dazu beitragen,
die.Einnahmen des Staates zu steigern, ohne
die Einnahmen des Eisenbahnsystems zu erhöhen.
Es wäre ja möglich, daß durch die Schaffung
dieser Linie zwar die Frachteinnahmen nicht ent-
sprechend wachsen, aber dennoch die an den
Eisenbahnen liegenden Industrien derart empor-
blühen, daß sich vermehrte Steuerergebnisse zeigen,
die zwar nicht vom Eisenbahnministerium, wohl
aber vom Finanzministerium ausgewiesen werden.
Aber es sind noch immer wenigstens Mehrein-
nahmen desStaates, welche die Verbindungs-
bahn erzeugt. Es kann aber der Fall Vorkommen,
daß Politiker die Schaffung dieser Linie begrüßen,
selbst wenn durch dieselbe die Staatsein-
nahmen überhaupt nicht zunehmen, sondern,
nur der Volkswohlstand, das Glück und
Wohlbefinden der Bürger steigen.

Wenn wir das allgemeine Wohl als ein Ziel
staatlicher Maßnahmen annehmen, können wir
nicht ohneweiters einer Formulierung zustimmen,
die wir in einem sonst sehr lesenswerten und an-
regenden Aufsatz antreffen*): «Es obliegt der mili-
tärischen Verpflegswirtschaft im Frieden die fis-
kalische Aufgabe, bei allen Maßnahmen dem Prinzip
der Wirtschaftlichkeit volle Geltung zu verschaffen.
Also die Aufgabe, gute aber wohlfeile Ware anzu-
kaufen und den gesamten Betrieb unter dem Ge-
sichtspunkt möglichster Ersparnis an Wirtschafts-
spesen aller Art zu organisieren, zu leiten, durch-
zuführen.» Es kann sich ja auf Grund allgemeiner

*) Fritz Roeder «Die militärische Verpflegswirt-
schaft im Frieden». Annalen des Deutschen Reichs für
Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. 1910
Nr. 2, S. 134 f.
        <pb n="16" />
        ﻿Erwägungen als zweckmäßig erweisen, daß man
die Armee als einen selbständigen Körper auffaßt,
der gewissermaßen als gewöhnlicher Kaufmann
auftritt. Es kann so unter Umständen das Gesamt-
wohl am meisten gewinnen. Es ist aber auch
möglich, daß nur die Berücksichtigung allgemein-
staatlicher Gesichtspunkte diesen Erfolg sicher-
stellt. Ob das eine oder das andere anzustreben
ist, kann nicht von vornherein ent-
schieden werden, es erfordert diese Ent-
scheidung grundsätzliche Erwägungen von Fall
zu Fall.

Allgemeine Gesichtspunkte kommen auch in
Frage, wenn das Prinzip der Zentralisation oder
Dezentralisation erörtert wird. Auch in diesem
Falle reichen rein fiskalische Erwägungen keines-
wegs aus. Die Vorteile und Nachteile beider Or-
ganisationstypen treten besonders im Kriegsfall
zutage.

Diejenigen, welche im Kriegsfälle eine größere
Zentralisation wünschen, werden auch im Frie-
densfall für die Schaffung von Zentralisations-
kaders eintreten, während jene, die im Kriege die
Dezentralisation für nötig erachten, auch im Frieden
analoge Maßnahmen zu befürworten pflegen.
Wenn dies die Armee tut, muß aber auch das
übrige Staatsleben darauf Rücksicht nehmen.
Dadurch greift wieder das Problem über den
Rahmen der Militärwirtschaft weit hinaus und
betrifft bereits die Gesamtwirtschaft. In Oester-
reich-Ungarn werden die militärwirtschaftlichen
Maßnahmen insbesondere durch die staatliche
Struktur bedingt. Der für Heereslieferungen bis
zu einem erheblichen Ausmaß zur Anwendung
kommende Quotenschlüssel, wenn es sich um die
Beteiligung österreichischer und ungarischer Lie-
feranten handelt, veranlaßt bereits Maßnahmen,
die nicht rein fiskalischen Interessen dienen. Und
wenn heute insbesondere seitens Galiziens ge-
fordert wird, daß die einzelnen Kronländer in be-
stimmter Weise zu berücksichtigen seien, so
handelt es sich dabei wieder um Forderungen
zugunsten des öffentlichen Wohls der Monarchie
oder einzelner Gebiete derselben.

Wir sehen, wie schon in Friedenszeiten, die
rein fiskalischen Tendenzen durch andere zurück-
gedrängt werden; noch stärker dürfte das in
Kriegszeiten der Fall sein. Während aber in Frie-
denszeiten eher die Erwägungen zugunsten der
Zivilbevölkerung erfolgen, dürfte im Kriegsfall das
Gegenteil der Fall sein. Die militärischen Ziele
pflegen dann alle anderen in den Hintergrund zu
schieben, wenn auch die leitenden Politiker immer
bemüht sein dürften, die Gesamtheit im Auge zu
behalten. Es gelingt freilich nie ganz, die Fülle
der Probleme immer auf die obersten Ziele hin
zu orientieren. Vieles geschieht durch die Bestre-
bungen einzelner Organe, die zwar durch ihre
Struktur der Gesamtheit angepaßt sind, aber
in den einzelnen Aktionen oft ein unab-
hängiges Dasein besitzen.

Die Frage, wann die Beschaffung der Güter
durch Geld, wann jene durch Verwaltungsmaß-
nahmen im Interesse des Staates vorzuziehen ist,
wann Mischungen beider, kann nicht allgemein
beantwortet werden. Vor allem dürfen wir nicht
vergessen, daß die Beschaffung auf kommer-
ziellem Wege immer den Vorteil voraus hat, daß sie
der Tradition entspricht und damit den zahllosen
Einrichtungen und Gewohnheiten, die sich im
Laufe von Jahrhunderten gebildet haben. Damit
ist nicht gesagt, daß alles Ueberlieferte gut ist,
wohl aber, daß die Beseitigung überkommener
Institutionen mit ihren zahllosen, oft unüberseh-
baren Nebenwirkungen immer ausdrücklich in
Rechnung zu stellen ist.

Wenn im folgenden zunächst die mehr kom-
merziellen Methoden der Bedarfdeckung, sowie
die Beschaffung der Geldmittel behandelt werden,
so geschieht dies deshalb, weil diese Formen,
solange ein Krieg nicht besonders große Dimen-
sionen annimmt, mit mäßigen Modifikationen er-
halten bleiben dürften. Im Weltkrieg freilich ist
das Zurücktreten der Geld- und Kreditwirtschaft
gar nicht unmöglich,dann haben die hier an erster
Stelle gegebenen Betrachtungen geringere Be-
deutung.

V.	Aufgaben und Wesen des Geldes.

Kriegsfinanzielle Probleme kann man im all-
gemeinen ruhig öffentlich besprechen, da es
eigentlich wenig zu verheimlichen gibt. Es sind
mehr Einzelheiten und konkrete Daten, die man
nicht zu veröffentlichen pflegt, die grundsätzlichen
Probleme dagegen — und die sind hier für uns
das wichtigste — können auf Grund der allge-
mein bekannten Daten besprochen werden. Wenn
der finanzielle Apparat im Kriegsfälle gut funk-
tionieren soll, muß eine verhältnismäßig große
Zahl von Menschen über ihr Verhalten orientiert,
auch müssen viele Maßnahmen getroffen werden.
Von den geheim gehaltenen Vorkehrungen ver-
dient übrigens ein erheblicher Teil die Geheim-
haltung kaum, weil sich jeder ohne sonderliche
Schwierigkeit ausmalen kann, worin sie
wohl bestehen dürften. Die öffentliche Erörterung
kriegswirtschaftlicher Fragen ist aber im allge-
meinen ein großer Gewinn, weil prinzipielle
Mängel zutage kommen und weil die Beseitigung
solcher Mängel durch die wissenschaftliche Dis-
kussion meist wertvoller sein dürfte, als die Verheim-
lichung von oft recht untergeordneten Maßnahmen.
Die öffentliche Diskussion kann denkenden Men-
schen, welche außerhalb der militärischen und
zivilen Verwaltung stehen, Gelegenheit bieten,
Anregungen zu geben und vorgeschlagene Maß-
nahmen zu kritisieren. Dies ist deswegen nicht
unwichtig, weil in der Gegenwart in kriegswirt-
schaftlicher Hinsicht wenig geschehen ist und
daher möglichst alle geeigneten Kräfte genützt
werden sollten.

Die Beschaffung von Geld seitens des
Staates dient einem doppelten Zweck. Einerseits
kann das Geld dazu dienen, dem Staat einen
        <pb n="17" />
        ﻿3

Teil der Gütergesamtheit zu sichern, anderseits
kann es dazu verwendet werden, den Güterum-
satz innerhalb der Bevölkerung sicherzustellen,
oder der Bevölkerung die Beschaffung von Aus-
landsgütern zu erleichtern.

Das Geld ist eine Art Anweisung
auf alle möglichen Arten von Gütern,
eine Anweisung, deren Anweisungs-
kraft aber A e n d e r u n ge n un te rli e g t. Wie
man für eine Theaterkarte einen Theatersitz, für
eine Eisenbahnkarte einen Eisenbahnsitz erhält,
so kann man sich für Geld beliebige Güter ver-
schaffen. Wer heutzutage Geld als Bezahlung
annimmt, tut dies, weil er damit rechnet, für das
Geld sicher irgend eine Ware, die er braucht, zu
dem landesüblichen Preise zu bekommen. Die
Ware, welche man für das Geld erhält, ist eigent-
lich die endgiltige Bezahlung.

Woher stammt nun das Vertrauen, daß man
für Geld Waren erhält? Dieses Vertrauen kann
sehr verschiedene Ursachen haben. Es hängt dies
vor allem davon ab, in welchem menschlichen
System das Geld Verwendung findet. Leben wir
in einem wohlgeordneten Staatswesen, so genügt
ein Zettel, der als Anweisung dient. Der Eigen-
tümer des Zettels muß nur die Sicherheit haben,
daß der Verkäufer einer Ware diesen Zettel eben-
so akzeptiert, wie er ihn selbst akzeptiert hat.
Diese Sicherheit kann durch den staatlichen
Zwang garantiert werden, sie kann aber unter
Umständen auch auf rein gesellschaftlichem Ver-
trauen beruhen. Anders wäre dies alles, wenn
Mißtrauen eintreten und man annehmen würde,
daß morgen die Staatsordnung und das allge-
meine Vertrauen zu funktionieren aufhört. Wer
eine Theaterkarte bekommt, müßte zum Beispiel
fürchten, daß er auf seinem Sitz, wenn die Vor-
stellung beginnt, einen anderen antrifft, ohne daß
es ihm gelingen würde, durch die Polizei oder
durch Richterspruch zu seinem Rechte zu kommen.
Wenn dieser Mann, durch diesen Vorfall ge-
witzigt, sich wieder eine Karte beschafft, dürfte
er sich vielleicht vom Theaterdirektor eine Sicher-
heit geben lassen. An der Karte für die Galerie
könnte zum Beispiel ein Stück Schokolade hän-
gen, an der Karte für eine Loge eine Champag-
nerflasche. Findet der Inhaber der Karte seinen
Platz besetzt, so bleibt ihm die Möglichkeit, sich
durch den Genuß des Pfandobjektes schadlos zu
halten, andernfalls gibt er die Karte mit den
daran hängenden Pfandobjekten ab. Es ist ganz
klar, daß die Karten mit den daran hängenden
Pfandobjekten eine geringere soziale Ordnung
voraussetzen, als die Karten ohne Pfandobjekte.
Unser Goldgeld nun ist einer Anweisung zu ver-
gleichen, an der das Pfandobjekt dauernd
hängt. Die Note setzt eben eine höhere Organi-
sationsform voraus, als das vollwertige Metall-
geld. Wir sehen denn auch, daß das vollwertige
Metallgeld vielfach dann als regelmäßiges Zah-
lungsmittel auftritt, wenn Organisationsmängel
vorhanden sind. Die alten Aegypter zum Beispiel

sind lange Zeit ohne eine Geldordnung ausge-
kommen; sie hatten ein Magazinsystem, das einem
Naturaliengiroverkehr zur Grundlage diente. Wer
in Nordägypten in einen Staatsspeicher Naturalien
einzahlte, konnte veranlassen, daß eine gleiche
Getreidemenge in Südägypten ausbezahlt wurde.
Alles dies geschah auf Grund von Anweisungen,
wie sie uns aus spätägyptischer Zeit, aus den
letzten Jahrhunderten vor Christo, erhalten sind.
Die Geldordnung begann erst dann zu domi-
nieren — obgleich das Naturaliengirowesen auch
während der Geldordnung sich weiterentwickelte
— als Aegypten ein erobernder Staat wurde. Wie
kam das? Versetzen wir uns in jene Zeit. Eine
ägyptische Garnison wird z. B. in Damaskus
stationiert. Dort kommen Araber aus dem süd-
lichen Arabien hin, um z. B. Pferde zu verkaufen.
Der Aegypter hat daheim im Speicher Getreide
liegen, das er vielleicht gerne dem Araber über-
weisen würde, zahlbar an irgend einer ägypti-
schen Zahlstelle. Aber der Araber erklärt ihm,
daß er nach Saba zurück müsse und dort kenne
man diese Einrichtung nicht, und selbst wenn
man sie kenne, sei es unmöglich, auf eine Ge-
treideüberweisung einzugehen, weil beim Aus-
bruch eines Krieges alle Forderungsrechte hin-
fällig würden. Der Araber dürfte daher von dem
Aegypter irgend ein Ding verlangen, das er gleich
mitnehmen kann. Es müßte verhältnismäßig
leicht transportabel sein. Außerdem müßte es
entweder für den Araber selbst unmittelbar ver-
wendbar sein oder aber daheim ihm die Mög-
lichkeit geben, sich das zu verschaffen, was er
braucht. Der Aegypter wird ihm Papyrus, Blau-
steinschmuck, Rohsilber oder sonst etwas ge-
geben haben, um ein Pferd zu bekommen. Es
liegt auf der Hand, daß die Vermehrung solcher
Geschäfte zu einem systematischen Verkehr
führte. Es entstanden eigene Kaufleute, welche
den internationalen Handel übernahmen. Dieselben
werden bald bestimmte Eigenschaften der inter-
nationalen Handelsartikel herausgefunden haben.
Zunächst werden sie solche Artikel bevorzugt
haben, die mit einem möglichst geringen Risiko
belastet waren. Dahin gehörten alle Artikel, die
ein weites Absatzgebiet hatten, wie Goldgefäße,
Silberschmuck, Tonwaren, gefärbte Stoffe usw.
Vor allem waren es Schmuck- und Luxus-
gegenstände, nicht Artikel des täglichen Lebens.
Dies erklärt sich in erster Reihe daraus, daß
die Artikel des täglichen Lebens, soweit sie nicht
Konsumartikel sind — und diese eignen sich zum
internationalen Transport in solch frühen Zeiten
sehr schlecht — nur in beschränkter Menge ge-
kauft werden. Schmuck wurde aber insbesondere
im Altertum von den wohlhabenden Menschen
ohne Grenzen angeschafft. Man legte Horte an
und der Schatzhandel ist daher für jene frühe
Periode besonders charakteristisch. Reiche Männer
besaßen nicht einen, sondern zehn, zwanzig Drei-
füße, weit mehr, als sie je verwenden konnten.
Wir können diese Zustände ziemlich deutlich aus
        <pb n="18" />
        ﻿4

den Schilderungen der Ilias und Odyssee kennen
lernen. Auch werden die internationalen Händler
wohl jene Dinge bevorzugt haben, bei denen das
Risiko dadurch verringert wurde, daß der jähr-
liche Zuwachs, der auf den Markt geworfen
wurde, klein war im Verhältnis zur Gesamt-
heit der betreffenden Ware. Wenn z. B. die
Getreideernte eines Jahres doppelt so groß ist
als die des vorhergehenden, so merkt man
das an den Preisen sehr deutlich; wenn die
Goldernte doppelt so groß ist als im vorher-
gehenden Jahr, so merkt man das weit weniger,
weil dieser Zuwachs nur wenig gegenüber den
immer im Verkehr befindlichen Goldmassen ins
Gewicht fällt. Schließlich werden die Händler ge-
merkt haben, daß sie durch das Aufbewahren
von Fertigfabrikaten ein größeres Risiko liefen,
als durch Aufbewahrung von Rohstoffen. Rohes
Silber ließ sich jederzeit in eine Spange oder
in eine Scheibe verwandeln. Aber was sollte
der Händler tun, wenn Silberbroschen gesucht
wurden und er nur bearbeitete Spangen hatte?
Das Ergebnis wird gewesen sein, daß er unver-
arbeitetes Silber vorzog. Auf diese und ähnliche
Weise wurden wohl die Metalle die wichtigsten
internationalen Zahlungsmittel. Die Entstehung der
Münze, des geprägten Metalls, fällt in eine weit
spätere Periode. Die Einführung gemünzten
Geldes war anfänglich von geringer, rein ver-
kehrstechnischer Bedeutung. Von wirklicher
Wichtigkeit war erst die Schaffung minderwer-
tiger Münzen. Das Geld setzte zunächst keine
Organisation voraus. Es vermittelte den Verkehr
zwischen Menschen, die einander nie mehr nahe
traten, wohl gar Ländern angehörten, die mit-
einander im Kriege lagen. Das Edelmetall war
dort ein Bindeglied, wo eine staatliche oder ge-
sellschaftliche Ordnung fehlte.

Wie wirkten nun solche Vorgänge auf das
Inland zurück? Die Händler waren nun darauf
bedacht, im Inland sich die für den internationalen
Handel nötigen Tauschmittel zu verschaffen und
immer häufiger suchte man sich wohl im Inlande
im gewöhnlichen Leben durch die Veräußerung
von Waren des internationalen Handels Güter
zu verschaffen. Die Zahlungsweise, welche im
ungeordneten internationalen Verkehr notwendig
war, fand langsam auch im nationalen
Zahlungsverkehr Eingang, wo sie nicht not-
wendig war. Eine weit höhere Organisation,
die auf der staatlichen Ordnung basierte, die
entstehende Großnaturalwirtschaft, wurde
durch eine Umsatzform verdrängt, die für Feinde und
Fremde geschaffen worden war. Das Geld, welches
auf dem internationalen Markte die Fernsten
einander annäherte, entfernte nun im Inlande die
Nächsten voneinander. Menschen aus verschiedenen
Ländern, die einander gar nicht kannten,
wurden einander angenähert, aber Brüder be-
gannen im Inlande einander nun wie fremde
Kaufleute anzusehen und handelten darnach. Es
ist hier nicht der Ort, die eigenartige Doppel-

funktion des Geldes näher darzustellen, wie es
einerseits verbindet, anderseits trennt, aufbauend
und zersetzend wirkt. Das Gesagte dürfte wohl
genügen, um zu zeigen, daß man der Geld-
ordnung an sich kritisch gegenüberstehen
und vor allem bei Erörterung prinzipieller kriegs-
wirtschaftlicher Fragen sich davor hütten müsse,
sie als eine Selbstverständlichkeit hinzunehmen.
Seine Hauptfunktion hat das vollwertige
Metallgeld dort, wo Vertrauen oder
Organisation oder beide zugleich
mangeln.

Allmählich aber beginnt das Geld eine neue
Wandlung durchzumachen, es wird wieder ein
Etwas, das der organisierenden Kraft der Gesell-
schaft unterliegt. Wir können uns ein Bild von
dieser Wandlung machen, wenn wir uns in das
Feldlager eines antiken Heeres versetzen. Der
Feldherr hat von zu Hause zu wenig Sold be-
kommen. Er prägte nun z. B. neues Geld aus,
das die alte Bezeichnung führte, aber weniger
Edelmetall enthielt. Der neue Denar hatte z. B.
nur halb so viel Gold als der alte. Nichtsdesto-
weniger verkündete der Feldherr, daß alte
Schulden mit den neuen Denaren gezahlt werden
könnten, daß die Händler die neuen Denare so
wie die alten anzunehmen hätten, daß aber sie
ihrerseits wieder ihre Abgaben in neuen Denaren
leisten könnten. Diese Maßnahmen bewährten
sich und fanden vielleicht Verbreitung im ganzen
Lande. Es schien ein Mittel gefunden, den Güter-
umsatz mit weniger Edelmetall als bisher zu er-
möglichen. Vor allem aber konnte die Regierung
sich jederzeit Geld verschaffen, indem sie aus
einer Anzahl alter Geldstücke eine größere An-
zahl neue prägte. Die ersten Schwierigkeiten
ergaben sich wohl im internationalen Ver-
kehr. Wenn einer der Krieger in Damaskus dem
Araber neue Denare als Zahlung anbot, zog dieser
wohl seine Wage heraus, um sie zu wiegen. Für
ihn sind die Denare Dinge, die daheim um-
geschmolzen werden, um als Schmuck zu dienen,
er nimmt sie nur, insoferne sie Gold enthalten,
der Name, den die Münzen führen, ist ihm gleich-
giltig, ebenso ob man damit im Staate, der sie
geprägt hat, Schulden zahlen kann oder nicht.
Wenn der Soldat nun mehr Denare als früher für
ein Pferd zahlen mußte, mag er wohl über
Fälschung geklagt haben. Und so gelangt
bereits das Altertum zu zwei Standpunkten,
der eine sieht in der Münze ein Ding, das seine
Kaufkraft dem Metallgehalt verdankt, der andere
dieht darin ein Ding, das seine Kaufkraft staat-
lichen Verfügungen verdankt. Beide hatten recht,
sie einen, soferne die Münze als inter-
nationales, die anderen, soweit sie nur als
nationales Zahlungsmittel in Anspruch ge-
nommen wurde.

Vollwertiges Geld, das ist solches, für das
man sich ungefähr so viel Metall kaufen kann,
als in ihm enthalten ist, konnte jederzeit auch
national verwendet werden; das minderwertige
        <pb n="19" />
        ﻿5

Zeichengeld dagegen, für das man sich mehr
Metall im Inlande kaufen konnte als es enthielt,
brachte Nachteil, wenn man es international ver-
wenden wollte. Unsere Noten sind nun eine Art
Zeichengeld, das den Endpunkt der Edelmetall-
verringerung repräsentiert, es ist stofflich beinahe
wertlos. Aber auch unsere Silbergulden, unsere
Kronenstücke, kurz alle Geldsorten, außer den
Zehn- und Zwanzigkronenstücken, sind Zeichen-
geld. ln welcher Weise das Zeichengeld auch im
internationalen Verkehr Geltung erlangen kann
und wie man Zeichengeld gegen international
verwendbares Geld umwandeln kann, darüber
werde ich mehrfach Gelegenheit finden, zu
sprechen.

Wir sehen aus diesen kurzen Andeutungen,
daß wir heutzutage scharf zwischen W e 11 g e 1 d und
Inlandsgeld unterscheiden müssen. Ersteressetzt
heute keine Organisation voraus, letzteres wohl.
Wir können aber einmal auch Zeichengeld er-
halten, das Weltgeld wird, w^m entsprechende
internationale Abmachungen getroffen werden.
Alle Bemühungen, eine internationale Banknote zu
schaffen, zielen ja dahin. Die Realisierbarkeit
dieser Projekte scheint freilich heute noch in
weite Ferne gerückt zu sein. Zum Teile infolge
der Befürchtung, daß im Kriegsfälle die inter-
nationale Note völlig versagen könnte, vor allem
deshalb, weil jeder Staat wohl für sich die
Emission von Noten veranlassen würde, ohne auf
die internationalen Abmachungen Rücksicht zu
nehmen. Esgibt daher viele, welche die Weltnote nur
dann für durchführbar halten, wenn die interna-
tionalen Abmachungen eine größere Bedeutung
als heute erlangt haben werden und vor allem
die Kriegsgefahr sehr herabgemindert, wenn nicht
beseitigt erscheint. Mit der scharfen Trennung in
Weltgeld und Inlandsgeld waren im 18. Jahr-
hundert die Gelehrten schon vertraut; Struensee,
der Minister Friedrich des Großen, macht von ihr
in seiner sehr lesenswerten kriegswirtschaftlichen
Arbeit Gebrauch.

Wir begreifen ohneweiters, daß es zwar
Sinn hat, wenn ein Staat für den Kriegsfall Aus-
landsgeld spart, während es hingegen seitens
des Staates sinnlos wäre, Inlandsgeld zu sparen,
da es ja jederzeit gedruckt werden kann. Hin-
gegen vermehrt der einzelne seine Ansprüche auf
die Gütergesamtheit, wenn er Inlandsgeld anhäuft.
Der Goldvorrat des Staates verhält sich gegen-
über den Gütern der Menschheit, so wie der Vor-
rat des Individuums an Inlandsgeld zu den Gütern
der Nation. Wenn wir den Weltkrieg ins Auge
fassen, dessen Wirkungen auf die Gesellschaft
ich immer wieder berühren werde, so verliert das
Ansammeln von Gold seitens des Staates erheb-
lich an Bedeutung. Der Weltkrieg ist ja unter
anderem dadurch charakterisiert, daß er keine
neutralen Staaten kennt. Wenn ein Staat also
Waren erwerben will, die er zur Kriegführung be-
nötigt, so kann er sich nur an seine Bundesge-
nossen wenden. Die Bundesgenossen eines Welt-

krieges dürften aber wohl eine geschlossene
Geldgemeinschaft bilden. Dafür sprechen auch
Erfahrungen während des Balkankrieges. Es wurde
zwischen Serbien und Bulgarien eine Konvention
abgeschlossen, auf Grund deren die beiderseitigen
Geldsorten gegenseitig anerkannt wurden. Diese
Abmachung gestattete den Serben vor Adrianopel
serbisches Zeichengeld zu verwenden und trug
dazu bei, den Goldschatz der Nationalbank zu
schützen. Bei Fehlen einer Konvention hätten die ser-
bischen Truppen in erster Reihe mit Goldfranken
ausgerüstetet werden müssen. Zwischen Serbien
und Bulgarien war eine solche Konvention dadurch
erleichtert, daß beide die Frankenwährung
haben, aber das Fehlen einer gemeinsamen Wäh-
rungseinheit bildet kein sonderliches Hindernis.
Bei einer Konvention zwischen Deutschland und
Oesterreich-Ungarn z. B. würde die Mark wohl einer
Krone und zwanzig Heller gleichgesetzt werden.
Aber nicht nur die Zahlungen der Armee, auch
alle übrigen Zahlungen zwischen eng verbündeten
Staaten dürften im Kriegsfall, wenn die Koope-
ration eine sehr weitgehende ist, in ähnlicher
Weise geregelt werden.

Es kann auf diese Weise der Verkehr im
Bereiche der verbündeten Staaten durch Zeichen-
geld erledigt werden, so daß im Kriegsfall unter
Umständen sogar eine Verringerung des Goldver-
kehrs eintreten könnte. Als Zeichengeld kommt
dabei in Frage: die minderwertige Münze, die
ein Metallzeichen, die Note, die ein Papier-
zeichen und das Girogeld, das ein Buchungs-
zeichen repräsentiert.

Wenn wir von der Emission neuer Geld-
quantitäten sprechen, handle es sich nun um voll-
wertiges Metallgeld, um metallisches, notales oder
girales Zeichengeld, so müssen wir wenigstens
in großen Zügen uns ein Bild davon zu machen
suchen, welche Funktion denn eine solche Emis-
sion auszuüben bestimmt ist, welche Geldmengen
denn notwendig sind, um den Umsatz zu sichern.
Nehmen wir zunächst an, eine bestimmte Preis-
höhe habe die Tendenz zu verharren und die
Geldzirkulation suche sich den Preisen anzupassen.
Wir sehen dann bald ein, daß der Umsatz einer
bestimmten Gütermenge durch verschieden
große Geldmengen in gleicher Weise erfolgen
kann, wenn die zur Verfügung stehende Zeit be-
liebig groß werden darf. In Tabelle VIII ist ange-
nommen, daß der von uns untersuchte Markt
drei Personen A, B, C umfaßt, von denen jede
eine Ware besitzt, die sie um 100 Kronen zu ver-
kaufen bereit ist. Wenn nur ein Zeitteil zur Ver-
fügung steht, so müssen in unserem Falle 300
Kronen zur Verfügung stehen: Fall I. Es genügen
aber 100 Kronen, wenn so viel Zeit vorhanden
ist, daß die 100 Kronen einen ganzen Umlaufzu
vollenden vermögen. A gibt die 100 Kronen dem
B und erhält dafür b, der B gibt sie dem C und
erhält dafür c, der C gibt sie wieder dem A und
erhält dafür a. Alle Güter haben ihren Platz ver-
ändert, die Geldsumme ist wieder an der alten
        <pb n="20" />
        ﻿6

Tabelle VIII.

Z i r k u I a t i o n s z e i t des Geldes			
Personen:	A	B	C
Waren:	a	b	C
Preise:	100	100	100
Fall I.			
Zirkulations-	A	B	c
zeit 1			
ti	a, 100 K	b, 100 K	c, 100 K
^2	b, 100 K	c, 100 K	a, 100 K
Fall II. Zirkulations-	A	B	C
zeit 3			
t,	a, 100 K	b	C
^2	a, b	100 K	c
t3	a, b	c	100 K
t,	b, 100 K	c	a
Fall III. Zirkulations-	A	B	c
■ zeit 6			
t,	a, 50 K	b	C
*2	b  a, 2	b  y 50 K	c
^3	b  a&gt; 2	b c  2&gt; 2	y, 50 K
t4	2’ ~2* ^	b c  2’ 2	c a ~2~’ ~2
t5	a k  2,b	50 K	c a "2’ 2"
^6	a .  2,b	C	50 K
t7	b, 50 K	c	a

Stelle angelangt und hat nur dazu gedient, den
Umsatz zu fördern. Besitzt A nur 50 Kronen, so
kann er nur V2 b kaufen, B natürlich wieder nur
V, c usw. Wir sehen in unserem Schema wieder,
wie Zeitpunkt für Zeitpunkt die Geldstücke und
Waren ihren Platz ändern, bis die Zirkulation
vollendet ist. Wir sehen, daß auch mit 50 Kronen
das Auslangen gefunden werden kann, ln ana-
loger Weise können noch kleinere Geldmengen
genügen, wenn nur die Zirkulationszeit genügend
lang ist. Wir können dies so ausdrücken, daß
wir sagen: die kleinere Geldmenge
leistet dassel be für den Güterumsatz
wie die größere, wenn die Zirkulations-
zeit größer ist. Wir setzen dabei voraus, daß
die Uebertragung des Geldes von einer Person
zur anderen immer in derselben Zeit erfolgt.
Dauert diese Uebertragung z. B. weniger lang,
wenn kleinere Geldmengen verwendet werden, so
können wir sagen: die kleinere Geldmenge
kann dasselbe leisten, wie die größere
u. zw. in der gleichen Zeit, wenn die
Zirkulationsgeschwindigkeit wächst.

Die Verringerung der Geldmenge kann also ;
durch Verlängerung der Zirkulationszeit oder
durch Erhöhung der Zirkulationsgeschwindigkeit
kompensiert werden, es kann aber auch die
Kompensation in der Weise erfolgen, daß die
Preise der Waren fallen. Dann kann die Zirku-
lationsgeschwindigkeit gleich bleiben und dennoch
der Umsatz der Waren bei verringerter Geld-
menge unverändert vor sich gehen. Greifen wir
z. B. Fall III heraus. Denken wir, der Preis sei
auf 50 K pro Ware gefallen, so ist es klar, daß
nun die Zirkulationsgeschwindigkeit eben so groß
wäre, als im Fall II; über den Fall 1 will ich hier
nicht näher sprechen, da er sich anders verhält.
Tabelle IX zeigt uns das deutlich.

Aus den bisherigen skizzenhaften Bemerkungen
sieht man deutlich, daß die Beziehungen
zwischen der Geld- und Warenmenge, die umge-
setzt werden muß, recht schwankend* sind und
nicht ohne weiters präzisiert werden können.
Genauere Nachforschungen zeigen, daß dies in
unserer heutigen Ordnung überhaupt nicht mög-
lich ist. Man kann nie angeben, welche
Geldsumme für ein Staatswesen heute
am günstigsten ist. Veränderungen in der
Kaufkraft des Geldes sucht man möglichst zu
vermeiden, vor allem soweit diese Veränderungen
die Wirkung von Zunahme oder Abnahme der
Geldmenge sind.

Wir besitzen gewisse Maßnahmen, die dazu
dienen, die zirkulierende Geldmenge den wech- ;
selnden Warenumsätzen anzupassen. Es sei aber
ausdrücklich hervorgehoben, daß alle diese Vor-
kehrungen zwar bis zu einem gewissen Grade
automatisch -wirken, aber äußerst unvollkommen. 1
Diese Unvollkommenheit läßt sich wahrscheinlich
nie ganz beseitigen, sondern ist der Geldordnung
als solcher eigentümlich. Ein Mittel die Geld- j
Zirkulation zu regeln und der Warenzirkulation
anzupassen besteht darin, daß die Notenbanken .
Noten dann emittieren, wenn ihnen Wechsel ver- j
kauft werden. Nehmen wir an, was in Tabelle X. j
schematisch dargestellt ist, der Kaufmann B ver-
kaufe seine Ware b dem Kaufmann A. Dieser
übergibt ihm statt einer Geldsumme, einen
Wechsel auf 100 K lautend — daß in der ’
Praxis der Wechsel in etwas anderer Weise zu-
stande kommt, kommt für uns nicht in Betracht —
nun will B etwas von C kaufen. Er könnte den
Versuch machen, zu diesem Zweck den Wechsel
zu verwenden. Dies ist aber nicht immer möglich,
da ein großer Teil der Bürger keine Wechsel in
Zahlung nimmt. C kann möglicherweise ganz
außerstande sein, sich über die Bonität des A und
des B zu orientieren. Er verlangt daher von B
Geld. B kann nun zur Notenbank gehen und den
Wechsel gegen Geld verkaufen. Die Notenbank
ist damit Gläubigerin des A geworden, und da B
sein Giro auf den Wechsel setzen muß, kann sie
sich auch an B halten, wenn A nicht zahlen sollte.

C erhält nun von B das Geld und gibt B die
Ware c. C kann seinerseits wieder Waren ein-
        <pb n="21" />
        ﻿7

kaufen. Der Einfachheit halber nehmen wir an,
daß er dies bei A tut, der so seinerseits in die
Lage versetzt wird, die Wechselschuld bei der
Notenbank zu bezahlen. Unser Schema zeigt, wie
sich Zeitpunkt für Zeitpunkt die Bilanzen aller
Beteiligten ändern, ln der Praxis wird A die
Ware b sehr oft weiter verarbeiten und dann an C
weiterveräußern. Ein Tischler z. B. der Holz ge-
kauft hat, verkauft die fertigen Tische weiter, so
daß die Anschaffung der ersten Waren, welche
die Entstehung des Wechsels zur Folge hat, selbst
auch die Geldquelle wird, aus der A die Wechsel-
schuld begleichen kann. Wir sehen die Waren
haben ihre Plätze in derselben Weise, wie in
Tabelle VIII. dargestellt ist, vertauscht, ohne daß
diesmal von vornherein Geld vorhanden gewesen
wäre und ohne, daß am Schluß Geld vorhanden
sein müßte. Wir sehen, daß die Menge der zir-
kulierenden Noten im vorliegenden Falle von der
Menge der diskontierten Wechsel abhängig ist,
die wieder von der Menge der umgesetzten
Waren abhängt, wenn nur Warenwechsel dis-
kontiert werden. Nimmt der Warenumsatz ab, so
kommen weniger Wechsel zum Diskont und die
zirkulierende Notenmenge verringert sich auto-
matisch, da ja die Wechselschulden bezahlt werden
müssen. Diese automatische Zirkulation (Fullar-
tonsches Prinzip) spielt im modernen Geld- und
Kreditwesen eine große Rolle, sie ist von
größter Bedeutung für kriegswirtschaftliche Fragen
aller Art.

Ich habe absichtlich die Notenzirkulation
theoretisch in einer Form eingeführt, die deutlich
erkennen läßt, daß die Notenzirkulation als Mittel
des Güterumsatzes nichts, aber auch gar nichts,
mit der in der Oeffentlichkeit so oft erwähnten
Metalldeckung zu tun hat. Vorgreifend möchte
ich nur erwähnen, daß die Metalldeckung heute
zwei Zwecke erfüllt: sie dient dem internationalen
Verkehr und zuweilen auch der Beruhigung det
eigenen Bürger. Wenn ein Bürger im Besitz von
Noten ist und er Auslandszahlungen zu leisten
hat, kann es für ihn von großer Wichtigkeit sein,
sich Auslandsgeld, also bei uns Gold zu ver-
schaffen. Wenn er Mißtrauen gegen den Staat
hat, kann dies Mißtrauen verschieden beruhigt
werden. Zuweilen ist Gold nötig, zuweilen aber
genügt die Abgabe silbernen Zeichengeldes. Dies
war z. B. während der Krise 1912,	1913 in

Galizien und in der Bukowina der Fall, wo die
Menschen massenhaft Silber ansammelten, das
sie zum Teil vergruben. Der im Kriegsfälle er-
forderliche Silbermünzenbedarf hängt so mit
der Dummheit breiter Massen zusammen. Denn,
daß der Staat in eine derartige Verwirrung ge-
raten sollte, daß die Kaufkraft des Silbers, welche
in zehn Einkronenstücken enthalten ist, größer
werden sollte, als die Kaufkraft einer Zehnkronen-
note, ist äußerst unwahrscheinlich. Daran denken
auch die meisten Bürger nicht, welche Silbergeld
thesaurieren. Sie sind nur davon überzeugt,
daß Silber besser als Papier ist, während

Tabelle IX.

	Preise	100	100	100
	Zirkulations- zeit 6	A	B	c
	t,	a, 50 K	b	C
	t 2		T 50 K	C
15  tu	t 3		b c  2’ 2	f 50 K
	t 4	f h50 K	b c  2’ 2	c a  T T
	t5	Tb	1’ 50 K	c a  2 ’ 2
	t 6	Tb	c	f 50K
	t 7	b, 50 K	c	a
	Preise	50	50	50
CtJ	Zirkulations- zeit 3	A	B	C
	t,	a, 50 K	b	C
tu	t 2	a, b	50 K	c
	t3	a, b	c	50 K
	t 4	b, 50 K	c	a

doch gerade der Silbergehalt in diesem Falle
das* Wesentliche ist. Die Tatsache, daß der
Silbergulden und das Zweikronenstück bei gleicher
Kaufkraft verschiedenen Silbergehalt haben, zeigt
ja deutlich, daß beide Zeichengeld sind. Aber
wenn auch diese Betrachtungen mit dem Güter-
umsatz nichts zu tun haben und rein psycho-
logischer Art sind, so ist es doch zweckmäßig,
sie nicht zu vernachlässigen, insbesondere dort
nicht, wo praktische Zwecke verfolgt werden. Es
empfiehlt sich, Studien darüber anzustellen,
welches silberne Zeichengeld — man könnte am
besten von Silbernoten sprechen, zumal
ja denkbar wäre, daß man diese Geldsorten auch
auf dem Wege der Diskontierung emittierte —
den unzureichend orientierten Kreisen zu den
nach meinen Erfahrungen (die ich in Galizien
und der Bukowina gesammelt habe) auch Be-
amte, Offiziere und andere Mitglieder der mitt-
leren Stände gehören, am meisten Vertrauen ein-
flößt. In Czernowitz z. B. waren die Fünfkronen-
stücke wenig beliebt, ebenso lehnte man gerne
Zweikronenstücke ab, während die Silbergulden
und die Kronenstücke gerne akzeptiert wurden.
Bei den Fünfkronenstücken kann man sich dieses
Verhalten vielleicht so erklären, daß die bäuer-
liche Bevölkerung gerne mit Gulden rechnet,
weshalb das Fünfkronenstück für sie eine unge-
eignete Rechenmünze ist. Das Zweikronenstück
dagegen ist offensichtlich kleiner als der altüber-
lieferte Silbergulden, der überhaupt die popu-
lärste Münze in Oesterreich-Ungarn sein dürfte.
        <pb n="22" />
        ﻿8

Diese flüchtigen Andeutungen zeigen uns,
daß ein Münzenagio Verschiedenes bedeuten
kann. Es kann darauf hinweisen, daß viele Aus-
landzahlungen zu leisten sind und die Bevöl-
kerung Auslandgeld dringend benötigt, es kann
aber auch darauf hinweisen, daß Mißtrauen in
der Bevölkerung vorhanden ist. Diese beiden
Dinge haben nicht das Geringste miteinander ge-
mein. Zuweilen treten beide Momente gleich-
zeitig in Wirksamkeit, sie hängen aber nicht
innerlich zusammen.

bis vor kurzem der Ansicht, daß es sehr zweck-
mäßig sei, möglichst viel Gold zirkulieren zu
lassen. Beamtengehälter wurden in Gold ausge-
zahlt usw. Heute dagegen ist auch dort die Tendenz
bemerkbar, die Note populär zu machen und das
Gold als Kriegs- und Krisenschatz anzuhäufen.
In Oesterreich-Ungarn ist das Gold im Verkehr
so gut wie gar nicht vorhanden. Wenn man es
in der Inlandszirkulation gar nicht mehr anträfe,
würde sich nichts ändern, die Bevölkerung würde
dies auch kaum bemerken.

Tabelle X.

			Fullartonsche		s Prinz	p		
Zirkulations-	A		B		C		Notenbank	
zeit	Akt.	Pass.	Akt.	Pass.	Akt.	Pass	Pass.	Akt.
t.	a	—	b			c						
t2	a, b	100 (ffecM)	100 (Wechsel)	—	c	—	-	—
t3	a, b	100 (Wechsel)	100 (Noten)	—	c	—	100 (Wechsel)	100 (Noten)
^4	a, b	100 (Wechsel)	C	-	100 (Noten)	—	100 (Wechsel)	100 (Noten)
t5	b  100 (Noten)	100 (Wechsel)	c	—	a	—	100 (Wechsel)	100 (Noten)
^6	b	—	c	—	a	—	—	—

Personen:
Waren :
Preise:

A,

a,

100,

B,

b,

100,

C,

c,

100,

HC.». rt/X-tsi k olo/l-unv.

u&gt; n,



Die bisherigen Darlegungen zeigen uns deut-
lich, wie an jeder Stelle zwischen dem Geld,
das auf dem öffentlichen Vertrauen beruht, und
jenem, das auf seinem Metallgehalt beruht,
ein grundsätzlicher Unterschied gemacht wer-
den muß, ein Unterschied, dessen Bedeutung
heute wieder allgemeiner richtig gewürdigt
wird. Im Inlande ist das Zeichengeld, das eigent-
liche Zahlungsmittel, nicht ein bloßes Sur-
rogat des vollwertigen Edelmetallgeldes.
Dies ist der Grund, weshalb immer mehr Staaten
daran gehen, die Inlandszirkulation durch Noten und
metallisches Zeichengeld zu befriedigen, soweit
nicht Girozahlungen verwendet werden, während
man das Gold für internationale Zwecke an-
sammelt, um darüber in systematischer Weise
verfügen zu können. In Deutschland war man

ln der Bevölkerung Deutschlands ist das
Goldgeld sehr beliebt. Ich konnte mehrfach bei
Postschaltern die Bemerkung des Publikums
hören: Bitte Gold. In Oesterreich-Ungarn dagegen
sind es nur wenige Gegenden, in denen Bedarf
nach Goldmünzen ist, insbesondere dort, wo die
Frauen Goldmünzen als eine Art Schmuck zu
tragen pflegen. Sonst werden bei Postschaltern im
allgemeinen Goldstücke zurückgewiesen. Man hat
in Oesterreich-Ungarn eine Zeitlang geglaubt, daß
es vorteilhaft wäre, wenn viel Gold zirkulierte
und pumpte gewaltsam Gold in den Verkehr, es
strömte bald wieder zurück. So wurden von 1901
bis 1910 seitens der Notenbank 2 Milliarden Lan-
desgoldmünzen verausgabt, von denen T8 Milli-
arden wieder zurückströmten. Heute ist man
darauf aus, das Gold möglichst zu konzentrieren.
        <pb n="23" />
        ﻿9

Diejenigen, welche für eine Sättigung der Zirku-
lation mit Gold eintraten, hatten die Vorstellung,
daß so das Mißtrauen der Bevölkerung zurück-
gedrängt und im Kriegsfall die Nachfrage nach
Gold geringer sein werde. Ueber die kriegswirt-
schaftliche Bedeutung dieser und anderer Maß-
nahmen auf dem Gebiete des Geldwesens werden
wir noch mehrfach zurückkommen.

VI.	Beschaffung von Zeichengeld.

1.	Allgemeines.

Wir haben gesehen, welch scharfen Unter-
schied man zwischen den Geldsorten machen
muß, die nur im Inlande verwendbar sind, und
jenen, welche auch im internationalen Verkehr
verwendet werden können. Um diesen Unterschied
möglichst markant hervortreten zu lassen, werde ich
die verschiedenen Geldbeschaffungsmethoden, ge-
trennt für inländisches Zeichengeld und für Welt-
geld, erörtern. Es kann zwar unter Umständen
auch Zeichengeld gegen Weltgeld umgetauscht
werden, aber im Kriegsfälle kann man mit diesen
Umtauschmöglichkeiten nicht immer mit Sicher-
heit rechnen und man darf, wenn man vorsichtig
sein will, nur das als Weltgeld in Rechnung
stellen, was in einem bestimmten Augenblick an
Weltgeld vorhanden ist, wobei das Weltgeld in
erster Reihe in Gold, in zweiter auch in Gold-
devisen oder Goldguthaben im Auslande bestehen
kann. Die Trennung in Weltgeld und Inlandsgeld
muß deshalb mit Nachdruck hervorgehoben werden,
Weil, wie die Erfahrung lehrt, nicht selten die
finanzielle Kriegsbereitschaft eines Staates in der
Weise berechnet wird, daß man die Goldbestände,
mit den Staatskassenbeständen — die sowohl aus
^eichengeld, als auch aus vollwertigem Goldgeld
bestehen — und dem Notenemissionsrecht oder
Anleiherecht zu einer Summe vereinigt. Diese
Summe besagt begreiflicherweise nichts über die
finanzielle Kriegsbereitschaft, denn Zeichengeld
^nn ja beliebig vermehrt werden, während dies
für Weltgeld nicht gilt. Wer daher die finanzielle
Kriegsbereitschaft eines Staates zu berechnen
Unternim.mt, muß vor allem ein besonderes Zeichen-
Seldkonto und ein gesondertes Weltgeldkonto

aufstellen.

Zunächst wollen wir uns ganz kurz über die
Quellen orientieren, aus denen der Staat während
bes Krieges seinen Bedarf an Inlandszahlungs-
rmtteln in erster Linie deckt. Es sind dies:

a)	Kriegsschatz,

b)	Anleihen,

c)	Steuern,

d)	Schaffung von Zeichengeld, sei es nun
Papierenes, metallisches oder girales Zeichengeld.

Die Methode d) ist für Weltgeld unanwend-
bar. Wenn der Staat kein Gold vorrätig hat, ist
außerstande, es in Kriegszeiten herzustellen.
D'a Methode c) kann zwar auch dazu dienen,
Weltgeld heranzuziehen, das in der Bevölkerung
Zerstreut ist, sie kann aber nur dort angewendet
Werden, wo die Herrschgewalt des Staates wirk-

sam ist, während z. B. Methode b) sowohl im
Inlande als auch im Auslande Verwendung
finden kann.

2.	Kriegsschatz.

Beginnen wir mit dem Kriegsschatz. Ich be-
zeichne damit jene Geldbestände, die dem Staat
im Kriegsfall tatsächlich zur Verfügung stehen.
Ob eine bestimmte Geldsumme juristisch als
Kriegsschatz ausgesondert erscheint, ist zwar nicht
gleichgiltig, aber doch eine Frage zweiten Ranges.
Der Kriegsschatz hat heute nicht mehr jene Be-
deutung, wie vor Jahrhunderten, aber er kann
noch immer einen Vorsprung von Tagen ver-
schaffen, was in Zukunft ebenso wichtig sein
dürfte, wie es etwa im Deutsch-Französischen Krieg,
war, in dem derErfog der Deutschen zum Teil auf
die Ausnützung des preußischen Kriegsschatzes
zurückzuführen ist, der später in den Kriegs-
schatz des Deutschen Reiches umgewandelt
wurde.

Ob man einen Kriegsschatz anlegen solle
oder nicht, wurde bereits im 18. Jahrhundert viel
diskutiert. Schon damals konnte man mit ihm
allein keinen Krieg mehr führen und war daneben
auf andere Geldquellen angewiesen. Treffliche
Betrachtungen über diesen Gegenstand findet man
bei Struensee, einem Minister Friedrich des Großen,
der eine Arbeit «Ueber die Mittel eines Staates
bei außerordentlichen Bedürfnissen, besonders bei
Kriegszeiten Geld zu erhalten» veröffentlichte.
Gegen einen Kriegsschatz machte man damals in
England geltend, daß er die Regierung zu unab-
hängig vom Geldbewilligungsrecht des Parlaments
mache, ein Argument, das übrigens auch im
19. Jahrhundert gelegentlich verwendet wurde.

Wie ich schon erwähnte, kann ein Kriegs-
schatz entweder offiziell als solcher bestehen oder
aber in offiziell in Form von Geldern der Noten-
bank oder der Staatskassen vorhanden sein.
Wenn eine bestimmte Geldsumme juristisch nicht
als Kriegsschatz bezeichnet ist, so kann der
Staat im Kriegsfall doch manche Schwierigkeiten
haben, das Geld in seine Hand zu bekommen.
Er kann sich möglicherweise genötigt sehen,
Brachialgewalt mindestens formell zur Anwendung
zu bringen, was dem Prestige nicht eben förder-
lich ist. Was für Schwierigkeiten sich ergeben
können, vermag man z. B. daraus zu entnehmen, daß
im Deutsch-Französischen Krieg die französische
Regierung nur nach langem Verhandeln von der
Bank Geld erhalten konnte. Gambetta plante
bereits gewaltsame Eingriffe, als die Bank schließ-
lich doch nachgab und dem Staat unter schweren
und demütigenden Bedingungen — Domänen
mußten verpfändet werden — Gelder zur Ver-
fügung stellte.

Trotz alledem ist aber die Ansammlung von
Inlandsgeld als Kriegsschatz von geringer Be-
deutung, sei es nun, daß man die Absicht habe,
das unterwertige Metallgeld ans Publikum aus-
zugeben oder es, was das österreichisch-ungarische
Bankstatut gestattet, als Notendeckung zu ver-
        <pb n="24" />
        ﻿10

wenden. In letzterem Falle übt es eine wesentlich
formale Funktion aus, wie wir noch sehen werden.
Rein um den gesetzlichen Ansprüchen Genüge
zu leisten, wird dann papierenes Zeichengeld durch
metallenes Zeichengeld gedeckt. Metallnoten sollen
die Zirkulation der Papiernoten fördern. Ueber
diese geringe Bedeutung eines Kriegsschatzes an
Inlandsgeld darf uns die Fülle von Erörterungen
nicht täuschen, die sich in Deutschland an den
Gesetzentwurf anschlossen, der den Zweck ver-
folgte, 120 Millionen Mark Silbermünzen einer
Notreserve und 120 Millionen Mark Goldmünzen
dem Reichskriegsschatz zuzuführen.

Während ein Kriegsschatz, in Silbergeld be-
stehend, immerhin diskutiert werden kann, hat es
gar keinen rechten Sinn, von einem Kriegsschatz
bestehend in Noten zu sprechen, da es prinzipiell
gleichgültig ist, ob man die im Kriegsfall notwen-
digen Notenmassen erst im Kriegsfall druckt oder
bereits in Friedenszeiten gedruckt bereitliegen
hat — was wohl in allen vorsichtigen Staaten der
Fall sein dürfte — daß es nicht immer der Fall
ist, konnte ich in Bulgarien während des Balkan-
krieges beobachten. Bulgarien kennt ebenso wie Ser-
bien neben Goldnoten auch Silbernoten,das heißt, die
einen sind in Gold, die anderen in Silber einlös-
lich. Die bulgarische Nationalbank ist zu einer
Deckung der Noten in Silber respektive in Gold
verpflichtet. Als der Krieg ausbrach, löste sie die
Noten nicht ein, um aber den Deckungsvorschrif-
ten Genüge leisten zu können und um anderer-
seits das Silber zu Zahlungen an das Publikum
bereit halten zu können, sah sie sich plötzlich
genötigt, die Menge der Goldnoten rasch zu ver-
mehren. Da sie aber für diesen Fall keine Vor-
sorgen im Frieden getroffen hatte, mußte sie
gedruckt vorliegende Silbernoten in Goldnoten
umwandeln. Sie tat das in der Weise, daß sie
mit einem primitiven Stempel das Wort «Silber»
durchstrich und rechts und links davon davon
das Wort «Gold» auf die Note druckte. Das ist
freilich nur eine rein technische Angelegenheit.
Gerade dies Beispiel zeigt aber deutlich, daß
solche technische Angelegenheiten immerhin auch
beachtet werden müssen. Nur muß man sich
davor hüten, derartige technische Fragen mit prin-
zipiellen zu verwechseln.

3.	Anleihen.

Weit wichtiger als die geringen Bestände an
Inlandsgeld, welche sich in den offiziellen und
nichtoffiziellen Kriegsschätzen vorfinden, ist die
Geldbeschaffung durch Anleihen und Steuern, ln
beiden Fällen erhält der Staat schon vorhandenes
Inlandsgeld zu seiner Verfügung, ln dem ersten
Fall, indem er einen Vertrag mit seinen Bürgern
abschließt, im zweiten Falle, indem er sein Ho-
heitsrecht geltend macht. Doch gibt es noch ein
Mittelding zwischen den eigentlichen Anleihen und
den eigentlichen Steuern, das sind die sogenannten
Zwangsanleihen, deren Wesen darin besteht, daß
der Staat den einzelnen Bürger einerseits zwingt,
ihm Geld zur Verfügung zu stellen — ähnlich
wie bei den Steuern — während er andererseits

die Zusage macht, die Gelder nach dem Kriege
wieder zurückzuerstatten. Diese Zwangsanleihen
spielten im Altertum eine große Rolle. Das Tri'
butum der Römer war eine derartige Zwangsanleihe.

Ehe wir darauf eingehen, die Funktion der
Anleihen im Kriegsfall näher zu beleuchten, sei
ganz kurz einiges über das Wesen der Anleihen
überhaupt vorausgeschickt. Man kann nicht all-
gemein Staatsanleihen billigen oder verwerfen,
es muß vielmehr jeder individuelle Fall gesondert
analysiert werden, kann man doch auch sonst
nicht allgemein sagen, ob Schulden etwas Gutes
oder etwas Schlechtes sind. Wenn ein Staat An-
leihen aufnimmt, so kann das bedeuten: Die
Kräfte des Staates sind zu schwach. Die Folge
des Schuldenmachens kann eine Erholung sein;
es kann aber auch Vorkommen, daß der Staat
Verpflichtungen eingeht, denen er erst recht nicht
gewachsen ist und daß er durch das Schulden-
aufnehmen die Axt an die Wurzel seines Gedei-
hens legt, indem er nun Jahrzehnte lang für an-
dere roboten muß. Das Schuldenmachen kann
aber auch bedeuten, daß der Staat sich so mächtig
entfaltet, daß er seine Kräfte gar nicht alleinzu ver-
werten vermag. Es kann auch eine Aktiengesell-
schaft derartige Erfolge erzielen, daß sie die
Absatzgelegenheiten nur dann auszunützen, neu«
Bestellungen nur dann zu übernehmen vermag,
wenn sie erweitert wird. Diese Erweiterung kann
im allgemeinen in doppelter Weise erfolgen. Die
Aktiengesellschaft kann ihr Aktienkapital ver-
mehren, indem sie Aktien emittiert, sie kann aber
auch Schulden machen, indem sie z. B. Obliga-
tionen emittiert. Die Aktienbesitzer erhalten einen;
Anteil am Reingewinn, während die Obligationen-
besitzer Anspruch auf fixierte Summen haben. Dem
Staat steht aber nur eine dieser beiden Formen zu!
Verfügung, um eine «Betriebserweiterung» durch'
zuführen: die der Obligationenemission. Der Staat
kann nicht einzelnen Individuen einen Anteil
am Reingewinn des Staates zusprechen, da er ja
kein Erwerbsunternehmen ist, welches ein Maximum
an Reingewinn anstrebt. Es würde auch dem mo-
dernen Empfinden widersprechen, wenn der Gewim1
eines Krieges in Geld berechnet an Aktionäre zu!
Verteilung käme.

Es hat aber wohl schon Kriege gegeben
deren Erfolge unmittelbar in Dividenden zum Aus-
druck kamen; dahin gehören z. B. die Kriege de!
ostindischen Kompagnie, die ein Privatunternehme!1
war, welches Indien als Erwerbsobjekt ausnützt«
und aus diesem Grunde Kriege führte. Def
Staat kann also seinen «Betrieb» im allgemeine!1
nur mit Hilfe von Obligationenemissionen er-
weitern. Der Obligationenbesitzer kann au
diese Weise am Gedeihen des Staates Anteil habet1.

Soweit der Staat Anleihen vorwiegend in In
landsgeld aufnimmt, werden die Gläubiger ih1
inlande sich aufhalten. Anleihen, welche im Aus-
lände begeben werden, liefern im allgemeine11
Weltgeld als Erlös. Die Tatsache, daß eine In-
landsanleihe in Papiergeld aufgenommen wirv
besagt noch nichts überden RückzahlungsmoduS';
        <pb n="25" />
        ﻿11

Es kann Vorkommen, daß der Staat bei der Auf-
nahme der Anleihe Papier erhält, aber sich ver-
pflichtet, die Anleihe in vollwertigem Metallgeld
zu verzinsen und zurückzuzahlen. 1868 haben zum
Beispiel die Nordstaaten während des Sezessions-
krieges eine Anleihe unter diesen Bedingungen
aufgenommen.

Es kommt auch der umgekehrte Fäll vor.
Ein Staat nimmt die Anleihe ganz oder über-
wiegend in Weltgeld auf, verpflichtet sich viel-
leicht sogar auch, sie in Weltgeld zurückzuzahlen,
kann dies aber dann nicht und befriedigt alle
Gläubiger oder zumindest jene, die im Inland
Wohnen, mit Zeichengeld. Man spricht in einem
solchen Fall, insbesondere wenn die Kaufkraft
des Zeichengeldes gegenüber dem Weltgeld sehr
gesunken ist, wohl schon von einem Staatsbankrott.

Ich will nun den Unterschied anzudeuten
versuchen, der zwischen den Wirkungen besteht,
Welche Anleihen, und jenen, welche Steuern zur
Böige haben. Die Steuern werden in ähnlicher
Weise verteilt, wie etwa die allgemeine Wehr-
Pflicht. Jeder wird herangezogen, es wird nicht
gefragt, ob einer Geld eben flüssig hat oder nicht.
Anders bei der Anleihe. Derjenige, welcher Geld
frei hat, wird vielleicht die Gelegenheit verwen-
den, es zinstragend in Staatspapieren anzulegen,
Während ein anderer, der möglicherweise weit
reicher ist, kein Bargeld frei hat, oder es besser
&gt;n Fabriken und anderen Unternehmungen ver-
wenden kann. Wir müssen uns ja darüber klar
sein, daß die Entziehung großer Geldsummen
durch Kriegsanleihen häufig auf Kosten der in-
dustriellen und agrarischen Produktion erfolgt,
die schwer darunter leiden können. Das Auf-
nehmen von	Anleihen	wirkt	ähnlich wie das

Werben von Truppen in England. Wie ich
Schon oben	erwähnt	habe,	werden auf	diese

Weise in erster Reihe jene Kräfte heran-
gezogen, die	in der	Produktion nicht	allzu

rentabel verwertet werden können. Der Fein-
mechaniker wird vielleicht zu seinem Arbeit-
geber gehen und sagen: Der Staat bietet mir
e'ue bestimmte Summe für den Eintritt in die
Armee, wenn Ihr nicht mehr gebt, folge ich
'kui. Der Arbeitgeber hat nun die Wahl.
Aehnlich in	unserem	Fall;	der Staat	bietet

hr eine bestimmte Geldsumme Zinsen, derjenige,
Welcher Geld einem andern geliehen hat, kann
zü dem Schuldner kommen und sagen: Der Staat
bietet mir mehr, wenn du den Zins nicht erhöhst,
gebe ich ihm das Geld. Der Schuldner kann nun
berechnen, ob er das Geld zu dem höheren Zins-
satz behalten kann.

Wir dürfen aber nicht übersehen, daß durch
b'e Anpassung der Anleihen an die Rentabilität
zwar Rentabilitätsstörungen, wie sie bei Steuern
Vorkommen, etwas verringert sind, daß aber
Unternehmen, welche weniger rentabel sind
11 nb daher durch Anleihenaufnahmen, soweit
Sle mit kredidiertem Gelde arbeiten, zunächst
getroffen werden, gesellschaftlich oft von größter
Wichtigkeit sind, da ja die Rentabilität sich

keineswegs mit dem öffentlichen Nutzen
deckt. Es sind dies Probleme sehr prinzipieller
Natur, die ich hier nur kurz anzudeuten vermochte.

Nicht unwichtig ist auch die Erörterung der
Frage, wie die Aufnahme von Anleihen auf die
verschiedenen Einkommenklassen wirkt. An der
Kriegsanleihe, die meist dem Staat nur unter
harten Bedingungen gewährt wird — wir haben
gesehen, welch hohe Zinsen Oesterreich für seine
Anleihen zusichern mußte, die während des Bal-
kankrieges aufgenommen wurden — partizipieren
als Gläubiger in erster Reihe die wohlhabenden
Kreise der Bevölkerung, während die Rückzahlung
und die Zahlung der Zinsen die gesamte Bevöl-
kerung belastet, muß doch das Hauptteil dieser
Beträge durch allgemeine Steuern aufgebracht
werden. Die Aufnahme solcher Kriegsanleihen
kann daher zuweilen die Wirkung ausüben, daß
die ärmere Bevölkerung in erhebliche Abhängig-
keit von der reicheren kommt. Die Steuern
werden von Armen und Reichen gezahlt, die
Reichen bekommen aber einen erheblichen Teil
davon zurückerstattet, weil sie Staatspapiere in
den Händen haben, die sich übernormal verzinsen.

Nach der Befreiung Nordamerikas kam es
bereits 1790 zu einem Konflikt zwischen dem
Norden und dem Süden. Die ärmeren Südstaaten
beschwerten sich darüber, daß sie ohne jede
Entschädigung Steuern zahlen mußten, um
die Kriegsanleihen zu zahlen, während die
reicheren Nordstaaten großen Gewinn erzielten,
zumal es sich um Anleihen handelte, die weit
unter dem Nominale zirkuliert hatten und erst
nach dem Kriege in die Höhe gingen. Damals
wurde den Südstaaten als Entschädigung die
Gründung der neuen Hauptstadt Washington in
ihrem Gebiet zugesichert, die so ihren Standort
Kriegsanleihen verdankt. Das Gesagte erhellt zur
Genüge aus Tabelle XI, welche ganz schematisch
die Belastung durch Kriegsanleihen darstellt. Wir
sehen, wie die Regierung während des Krieges
eine 5°/0ige Steuer auferlegt und gleichzeitig eine
100/oige Anleihe aufnimmt. Von den 600 Geld-
mengen, welche auf diese Weise hereinkommen,
müssen aber nur 500 zurückgezahlt werden, weil
ja 100 durch Steuern aufgebracht werden. Wenn
die Rückzahlung bereits im nächsten Jahre er-
folgt, so erhöht sich die Summe, welche zurück-
gezahlt werden muß, auf 550 Geldmengen. Wenn
wir annehmen, daß die Steuer nicht progressiv
ist — um die Tabelle nicht zu komplizieren —
so kommen wir zu dem Ergebnis, daß zwar
auch die Reichen einen Teil ihrer Anleihezinsen
aufbringen müssen, aber nur einen Teil, der
Rest trifft die übrige Bevölkerung. In welchem
Ausmaß dies der Fall ist, hängt natürlich davon
ab, welche Steuern dazu dienen müssen, Zinsen
und Rückzahlung zu bestreiten. Indirekte Steuern
treffen meist die ärmeren Schichten mehr als
etwa direkte. Dies sind aber Einzelheiten, auf die
ich hier nicht näher eingehen kann.

Wir sehen daraus, daß wichtige soziale Ver-
änderungen mit der Aufnahme von Anleihen in
        <pb n="26" />
        ﻿12

co

7;

H

P

er

£.

re

X

Verbindung stehen können. Dabei muß man aber
noch überdies im Auge behalten, daß in unserem!
Beispiel die Rückzahlung der Anleihe rasch er-
folgte, also solche weniger wohlhabende Kreise!
die Lasten trugen, die den Krieg erlebt hatten!
und wohl auch den Vorteil erkannten, der für sie!
schließlich darin bestanden hatte, daß sie nicht
während des Krieges mit einer schweren Kriegs-
steuer belastet wurden. Wenn aber zwischen der
Rückzahlung der Anleihe und der Aufnahme ein!
langer Zeitraum liegt, dann kann eine Generation j
mit Verpflichtungen belastet sein, welche vielleicht
für die Verhältnisse unter denen die Anleihe auf-]
genommen wurde, kein rechtes Verständnis mehr!
hat oder gar die Ziele des Krieges, zu dessen:
Führung die Anleihe aufgenommen wurde grund-l
sätzlich verwirft. Es kann dann geschehen, daß;
die alten Schulden zu schweren inneren Kon-
flikten Veranlassung geben und breite Massen!
dazu antreiben, die Verteilung der Lasten wesent-
lich zu ändern. Es gibt daher nicht wenige Politiker,!
welche aus diesem Grunde eine zu lange Rück-
zahlungspflicht nicht gutheißen, soweit es sich I
nicht um Erfolge handelt, welche offenbar den ,
folgenden Generationen in erheblichem Maße auch!
zugute kommen. Es ist nicht dasselbe, ob die;
Nachkommen für einen Damm Annuitäten und;
Zinsen zahlen müssen, der wie in Holland ihr
Land dauernd vor Schaden bewahrt, oder für eine;
politische Maßnahme, deren Zweck nur kurze Zeit;
gewürdigt wird und vielleicht auch hur von einem
Teil der Bevölkerung. Dies sind zwar nur psycho- j
logische Momente, doch sie spielen bei Anleihe-
aufnahmen keine unwichtige Rolle. Wenn eine
Anleihe dazu dient, direkt oder indirekt die Pro-
duktion anzuregen, oder die Einkommen eines!
Landes sonstwie zu erhöhen, so kann die Rück-
zahlung und Verzinsung derselben relativ leicht
erfolgen. Das gilt auch, wenn die Anleihe selbst
zwar nicht Produktion anregt, wohl aber zu einer
Zeit aufgenommen wird, in der ohnehin das Ein-
kommen im Anwachsen begriffen ist. Anders,
wenn die Anleihe zu einer Zeit aufgenommen
wird, in der die Einkommen zurückgehen und sie
die Erwerbsverhältnisse nicht verbessern hilft,
dann bedeutet die Rückzahlung eine schwere Last
und hat in erster Reihe nur Einkommensver-
Schiebungen zur Folge; der eine Teil der Bevölke-
rung verliert, was der andere gewinnt.

Wenn man die Anleihen zu berechnen sucht,
welche ein künftiger Weltkrieg nötig machen
könnte, so kommt man oft zu ungeheuerlichen
Ziffern. Manche Schriftsteller glaubten sagen zU
können, daß die Aufbringung solcher Geldmassen
unmöglich sei und daß diese Tatsache allein einen
künftigen Weltkrieg unmöglich mache. Wie ich
schon mehrfach erwähnte, ist letzteres Argument
nicht stichhaltig, weil ja die unmittelbare Be-
schaffung der zur Kriegführung nötigen Mittel
immer noch übrig bleibt, aber auch was die un-
geheure Gesamtsumme anlangt, so muß darauf
hingewiesen werden, daß die Anleihen, welche ein I
        <pb n="27" />
        ﻿13

Krieg notwendig macht, ja nicht auf einmal auf-
genommen werden und daß das Geld, welches
z. B. gelegentlich einer Inlandsanleihe aufgenommen
wird, in kurzer Zeit wieder in den Verkehr zu-
rückströmt und neuerlich von der Anleihepumpe
aufgesaugt werden kann. Es findet ein fort-
währendes Zirkulieren von Geld statt, wie wir es
oben bei Besprechunn des Fullartonschen Prinzips
kennen gelernt haben. Die schematische Tabelle XII
zeigt dies ganz deutlich : Im ersten Zeitpunkt pro-
duzieren die Bürger A, B, C die Produkte a, b, c.
Jeder von den dreien habe 10 Notenmengen und
eine Produktenmenge. Die Regierung habe über-
haupt kein Geld. Sie nimmt nun eine Anleihe von
15 Notenmengen auf. Den drei Produktenmengen
stehen wieder 30 Notenmengen gegenüber, wenn
jede Produktenmenge 10 kostet, so wird sich der
Umsatz etwa in der Weise gestalten, daß jeder
Bürger dem anderen eine halbe Produktenmenge
abkauft, der A dem B, der B dem C, der C dem
A und der Staat ebenfalls. Nach dem Verkauf be-
sitzt jeder Bürger, wie am Anfang wieder 10 Noten-
niengen, aber nur je eine halbe Produktenmenge.
Die Gesamtheit der Bürger hat dem Staat die
Hälfte der Güter geliehen u. zw. auf dem Umweg
über Gelddarlehen und eine Reihe von Kaufver-
trägen. Nun werden die Güter konsumiert — wir
Wollen annehmen, daß es sich um Nahrungsmittel
handle — und die Produktion setzt von neuem
ein. Darauf beginnt der ganze Prozeß von neuem.
Wenn der Prozeß etwa viermal erfolgte, beträgt
die Gesamtsumme der Anleihen 60 Notenmengen,
das ist bereits doppelt so viel als Noten über-
haupt vorhanden sind.

4.	Steuern.

Es kann nicht meine Aufgabe sein, in einem
kurzen Abriß, wie dem vorliegenden, die Steuer-
lehre darzustellen, ich kann nicht einmal auf alle
kriegswirtschaftlich bedeutsamen Momente ein-
zelnen und muß mich damit begnügen, auf ein
und das andere hinzudeuten. Steuern können,
Wie wir gesehen haben, nur im Inlande erhoben
Werden, sie setzen ebenso wie die Zeichengeld-
emission das Hoheitsrecht und vor allem die
Hoheitsgewalt des Staates voraus. Die Steuern
können aber sowohl in inländischem Zeichengeld
als auch in Weltgeld bestehen. Soweit sie Welt-
geld hereinbringen, werde ich auf sie im nächsten
Hauptabschnitt noch zurückkommen.

Damit Geldsteuern einen Ertrag von Be-
deutung hereinbringen, muß entweder ein reger
Güterumsatz oder eine rege Schatzbildung vor-
handen sein. Wenn der Staat eine Inlandssteuer
erhebt und sich dafür Waren kauft, so hat er
eigentlich damit die Gesamtheit der Warenmengen
besteuert. Er hätte aber auch unmittelbar Waren
als Steuer einfordern können. Wir werden sehen,
daß der Staat auch durch Emission von Noten
sich einen Teil der vorhandenen Gütermenge
sichern kann. Es fragt sich nun, ob man nicht
immer mit Geldsteuern zum Ziele kommt, selbst
dann, wenn der Güterverkehr ein geringer und
die Hauswirtschaft, welche das konsumiert, was

sie produziert, noch sehr verbreitet ist. Geld-
steuern in diesem Falle wirken äußerst ungünstig
auf die breiten Massen der Bevölkerung, sie
tragen meist dazu bei, einen Teil der Bevölkerung
in Abhängigkeit von einem anderen zu bringen.

Dies konnten wir sehr gut in Bosnien be-
obachten. Als Oesterreich-Ungarn 1878 Bosnien
okkupierte, schaffte es ohne geeignete Ueber-
gänge die früher bestehende und dem Bauern an-
gemessene Naturalsteuer ab und ersetzte sie
durch eine Geldsteuer, die zu einer schweren
Last wurde. Der bosnische Bauer war bis dahin
nur gelegentlich dazugekommen, seine Boden-
früchte kommerziell zu verwerten, den Zehent
zahlte er in natura. Eine Naturalsteuer kann aber
begreiflicherweise ein Bauer immer zahlen, indem
er eben einen Teil des Fruchtertrages abliefert.
Der Bauer, welcher nun zur Geldsteuerzahlung
verpflichtet war, mußte um jeden Preis ver-
kaufen. Wer war der Abnehmer für ihn? Der
Dorfkaufmann, welcher gleichzeitig Geldgeber der
Gegend zu sein pflegte. Diese Kaufleute nahmen
den Bauern die Ernte zu ungünstigen Bedingungen
ab und vieie von ihnen benützten wohl die Gelegen-
heit, allerlei Nebengeschäfte mit ihnen abzuschließen,
von denen ein Teil als wucherisch bezeichnet
werden kann. Da zur Zeit der Steuerzahlung die
Bauern viel Getreide auf den Markt werfen
mußten, sank gerade um diese Zeit begreiflicher-
weise der Preis des Getreides. Auf andere Nach-
teile der Geldsteuer für die bosnische Landwirt-
schaft will ich hier nicht näher eingehen. Wir
können heute überall in Bosnien kleine Land-
wirte in Abhängigkeit von den Dorfkrämern an-
treffen, die zum größten Teil Serben sind. Wir
sehen aus diesem Beispiel, daß eine in Geld er-
hobene hohe Kriegssteuer in manchen Gegenden
Oesterreich-Ungarns, wo die Hauswirtschaft noch
eine erhebliche Rolle spielt, wie z. B. im Osten,
vielfach nichts anderes zur Folge hätte, als eine
Verschuldung bäuerlicher Gruppen an die üb-
lichen Geldgeber, die der Majorität nach kleine
Kaufleute zu sein pflegen. Man kann nicht all-
gemein die Geldsteuer für ein Uebel erklären —
sondern müßte die einzelnen Gebiete und selbst
Gebietsteile gesonderter Beurteilung unterziehen.
Es kann eine Geldsteuer in Böhmen sich ausge-
zeichnet bewähren, die in Bosnien versagt. Der Scha-
denwird freilich zuweilen erst spät deutlich merkbar.

Wenn aber der Staat aus irgend welchen
Gründen den Geldertrag benötigt, den ihm die
Geldsteuer verschafft und er daher die Natural-
steuer nicht verwenden will, — es können dabei
auch technische Momente gegen dieselbe sprechen,
— so gibt es noch immer Mittel, die Härten der
unmittelbaren Geldsteuererhebung durch spezifische
Hilfsinstitutionen zu mildern. Man hat auch in
Bosnien solche geschaffen, aber freilich erst ein
Vierteljahrhundert nach der Okkupation; es sind
dies die Bezirksgetreidespeicher, die 1905 einge-
führt wurden. Sie geben dem Bauer die Möglich-
keit, sein Getreide, wenn es ihm gut dünkt, ein-
zulagern und später zu veräußern. Auch kann er
        <pb n="28" />
        ﻿Tabelle XII.					
Zirkulation von Anleihen					
Zeitpunkt	Vorgang	Bürger			Regierung
		A	B	C	
t,	Produktion von a, b, c	a  10 Noten	b  10 Noten	c  10 Noten	—
t 2	Anleihe von 15 Noten	a  5 Noten	b  5 Noten	c  5 Noten	15 Noten
^3	Bedarfsdeckung der Bevölke- rung und der Regierung	b  2  10 Noten	c  10 Noten	a  X  10 Noten	a b c  2’ 2’ 2
t«	Konsum von a, b, c	10 Noten	10 Noten	10 Noten	—
t5	Produktion von a, b c	a  10 Noten	b  10 Noten	c  10 Noten	/ ;
t«	Anleihe von 15 Noten	a  5 Noten	b  5 Noten	c  5 Noten	15 Noten
t 7	Bedarfsdeckung der Bevölke- rung und der Regierung	b  2  10 Noten	c  ~2  10 Noten	a  ~2  10 Noten	a b c  2’ 2’ 2
u	Konsum von a, b, c	10 Noten	10 Noten	10 Noten	—
t»	Produktion von a. b, c	a  10 Noten	b  10 Noten	c  10 Noten	=
usw.	usw.	usw.	usw.	usw.	USW.

auf das eingelagerte Getreide Vorschüsse erhalten.
Es ist sofort einleuchtend, daß eine solche Insti-
tution den Bauer vom lokalen Händler unab-
hängig macht und zu Beginn der Steuerreform
von größtem Segen gewesen wäre. Diese Speicher
können das Getreide zu geeigneter Zeit ver-
kaufen und der Bauer kann seine Geldsteuer
entweder aus dem Erlös oder aus den ihm ge-
währten Vorschüssen bezahlen. Es ist diese Me-
thode keine Naturalbesteuerung, sondern eine
Geldbesteuerung mit zentralisierter Veräußerung
der Naturalien. Daß derartige Einrichtungen im
Kriegsfälle besonders geeignet sind, erhellt schon
daraus, daß dann der Markt oft arg verwirrt ist
und jede Zentralisation im Interesse aller Kreise
liegt, insbesondere aber auch im Interesse der
Militärverwaltung, die in den Speichern Reserven
vorfindet. Uebrigens hat die Militärverwaltung
diese Speicher auch im Frieden mit Vorteil be-
nützt, da sie aus ihnen Naturalien, so z. B. Hafer
in großen Quantitäten bezieht. Die Ausschaltung
des Zwischenhandels kann den Landwirten und
der Armee Gewinn bringen.

Alle diese Möglichkeiten: Geldsteuer, Natural-
steuer, Geldsteuer mit zentralisiertem Naturalien-

verkauf sowie manche andere können neben-
einander bestehen. Die üblichen Steuersysteme
sind ursprünglich städtische Steuern, die man
vielfach ohne ausreichende Anpassung aufs Land
übertragen hat.

Neben den angedeuteten prinzipiellsten Pro-
blemen gibt es noch eine ganze Reihe anderer,
die von erheblicher Wichtigkeit sind. So muß
man z. B. die Frage erörtern, wie weit direkte,
wie weit indirekte Steuern am Platze sind, wie
weit Besitzsteuern — mit denen z. B. England j
im Kriegsfälle rechnet. Für die soziale Struktur
ist dann wieder das Ueberwälzungsproblem be-
deutsam, die Feststellung, welche Steuern und in
welchem Ausmaß vom ursprünglichen Steuer-
zahler auf den eigentlichen Steuerträger über- I
gehen. Wenn z. B. der Hausherr eine Steuer j
zahlen muß, überwälzt er sie oft ganz oder teil-
weise auf den Mieter, indem erdie Mietzinse erhöht.

5.	Schaffung von Zeichengeld.

Mit Vorliebe wird in großen Kriegen zur
Schaffung von Zeichengeld geschritten, um die
nötigen Mittel für die Regierung bereitstellen zu
können. Man spricht gemeinhin davon, daß die
Notenpresse in Bewegung gesetzt wird, obgleich
        <pb n="29" />
        ﻿15

dies nicht die einzige Methode ist, Zeichengeld zu
erzeugen. Soweit man die gegenwärtige Ordnung
der Dinge zu überblicken vermag, muß man wohl
annehmen, daß in einem großen Zukunftskrieg die
Schaffung von Zeichengeld eine erhebliche Rolle
spielen kann.

I Beginnen wir mit der Schaffung von Noten.
Dieselben können von der Bank gedruckt und dem
Staat geliehen werden, sie können auch unmittel-
bar vom Staat ausgehen, für den praktischen
Erfolg ist das im wesentlichen dasselbe. Wir
wollen diese Unterschiede zunächst vernach-
lässigen und uns fragen, was denn überhaupt die
Schaffung von Zeichengeld bedeute ? Dadurch
daß Geld erzeugt wird, wird ja die Menge der
vorhandenen Güter zunächst nicht vermehit. Um
alles vorhandene Geld kann man ja nie mehr

j Waren kaufen, als auf dem Markte vorhanden
sind. Das Drucken von Noten verändert daher nur
die Verteilung der Güter. Betrachten wir die Tabelle
XIII, die der Tabelle XII nachgebildet ist, so
sehen wir, wie die Schaffung von Zeichengeld
durch 4ie Regierung im Ausmaße von 30 Noten-
mengen die vorhandene Geldmenge verdoppelt.
Wenn die Regierung keine Noten emittiert, so
zirkulieren die Güter, wie dies Fall I uns zeigt.
Die Produkte a, b, c kosten je 10 Notenmengen.
Nun kommt die Regierung auf den Markt und
im Fall II stehen den drei Warenmengen 60 Noten-
mengen gegenüber. Wir wollen der Einfachheit
halber annehmen, daß die Regierung ebenfalls
von jeder Produktionsmenge gleichviel zu kaufen
wünscht. Die Bürger können mit 30 Notenmengen
auftreten, die Regierung ebenfalls mit 30 Noten-
mengen. Es ist durchaus verständlich, wenn die
Regierung die Hälfte der Waren erhält, die an-
dere Hälfte die Bürgerschaft. Nach Abwicklung
der Kaufgeschäfte zwischen Bürgern und Regie-
rung und der Bürger untereinander besitzt jeder
Bürger 20 Notenmengen, von denen 10 von einem
der anderen Bürger herrühren, 10 von der Re-
gierung. Der Preis der Waren ist also von 10
Notenmengen auf 20 Notenmengen gestiegen.

Es fragt sich nun, welche soziale Bedeutung
es hat, wenn der Staat durch eine Notenemission,
wie in unserem Falle, die Bürger besteuert —
denn was wir hier geschildert haben, läuft schließ-
lich auf ein 50%ige Besteuerung hinaus — und
dadurch die Preise in die Höhe gehen. Wir setzen
dabei zunächst voraus, daß die Notenemission
keine Produktionsvermehrung zur Folge, hat oder
gerade zur Zeit einer Produktionsvermehrung er-
folgt, sondern nehmen an, daß die Produktenmenge
vor und nach der Notenemssion gleich groß ist.

Wenn man sieht, daß die Waren teurer wer-
den, die Kaufkraft des Geldes also sinkt, dann
hört man oft Klagen über das «schlechte» Geld,
welches nun zirkuliert und es gibt nicht wenige,
Welche immer wieder hervorheben, wie notwendig
«gutes» — damit meinen sie kaufkräftiges —
Geld für die Gesamtheit sei. Derartige Aeußerun-
gen findet man in Zeitungen aller Richtungen,

auch zuweilen in solchen, deren Leserkreis eigent-
lich gar nicht am «guten» Geld interessiert ist.
Man kann nämlich nicht allgemein sagen, daß
die Bevölkerung gewinnt, wenn die Kaufkraft des
Geldes steigt, und verliert, wenn die Kaufkraft
des Geldes sinkt. Wie müssen in diesem Falle,
wie so oft, genau differenzieren und die Bevöl-
kerung in verschiedene Gruppen sondern.

Ich will das an einem schematischen Beispiel
erläutern. Ich trenne die Bevölkerung zunächst in
Gläubiger und Schuldner. Zur ersten Gruppe
gehören die Banken, welche Hypothekenforderun-
gen in Händen haben, die Kontokorrentkredite
gewährten oder andere Ansprüche an Dritte be-
sitzen, zu dieser Gruppe gehören aber auch alle
Pensionisten, alle Witwen und Waisen, die be-
stimmte Rentenansprüche haben, zur zweiten Gruppe
gehören alle Hypothekenschuldner, aber zum Bei-
spiel auch der Staat, der die Kupons der Staats-
papierbesitzer bezahlen muß.

Setzen wir nun weiter voraus, die Gläubiger
und Schuldner seien produzierende Individuen,
Industrielle oder Landwirte, und zwar produziere
jeder, wie dies auch aus Tabelle XIV zu entnehmen
ist, 100 Stück irgendwelcher Güterart, Tuch,
Getreide usw. Wir nehmen zunächst an, daß die
Kaufkraft m sei und berechnen für den Schuldner
nun die Selbstkosten, den Erlös und den Rein-
gewinn der Produktion vor Abzug der Schulden.
Dann subtrahieren wir die Schulden und kommen
zum Geldeinkommen des Betreffenden. Dies ge-
nügt uns aber nicht, da wir ja mit Aenderungen
der Kaufkraft zu rechnen haben, gestattet doch
dasselbe Geldeinkommen bei wachsender Kauf-
kraft des Geldes mehr Güter zu kaufen als bei
sinkender. Den einzelnen Bürger interessiert es
aber wenig, wie viel Geld er einnimmt, sondern
was er sich dafür kaufen kann — die Höhe
seines Realeinkommens. Wenn alles doppelt
so teuer geworden ist und das Geideinkommen
konstant blieb, so ist er halb so arm als früher.
Ich nehme der Einfachheit halber an, daß nur ein
Konsumgut in Frage steht, dessen Normalpreis
5 sei. Wir sehen, daß unter den von uns ge-
machten Voraussetzungen das Realeinkommen
des Schuldners 6 Stück beträgt, wenn wir die
normale Kaufkraft m annehmen. Das Real-
einkommen des Gläubigers beträgt dagegen im
gleichen Fall 14 Stück. Ich möchte mit besonderem
Nachdruck darauf hinweisen, daß bei kriegs-
wirtschaftlichenBetrachtungen dem Realeinkommen
immer besonderes Augenmerk zuzuwenden ist.
Es ist immer von Wichtigkeit, aber man kann
es in normalen Zeiten eher vernachlässigen, wenn-
die Preise einigermaßen konstant sind, nicht aber
in Kriegszeiten, in denen die Preise stark
schwanken. Freilich ergeben sich bei der Fest-
stellung des konkreten Realeinkommens, das sich
aus vielen Gütern zusammensetzt, prinzipielle
Schwierigkeiten, auf die ich hier nicht näher ein-
gehen kann. Nun denken wir uns die Kaufkraft des
Geldes auf das Doppelte gestiegen. Was bedeutet
        <pb n="30" />
        ﻿16

Tabelle XIII.

H

Notenemission der Regierung ohne Produktions- vermehrung				
		Fall		
Zeit	Bürger			Regierung emittiert keine Noten
	A	B	C	
t,	a  10 Noten	b  10 Noten	C  10 Noten	—
t2	b  10 Noten	c  10 Noten	a  10 Noten	—
Fall ll				
Zeit	Bürger			Regierung  emittiert  30 Noten
	A	B	c	
t,	a  10 Noten	b  10 Noten	C  10 Noten	30 Noten
^2	b  2  20 Noten	c  2"  20 Noten	a  2  20 Noten	a b c  2" 2" 2“  !

das für den Schuldner, was für den Gläubiger?
Der Schuldner erzielt bei der Produktion nur die
Hälfte des früheren Reingewinnes, da aber die
Kaufkraft des Geldes doppelt so groß ist als
früher, so würde er sich dafür geradesoviel kaufen
kaufen können als früher. Der Reingewinn ist auf
die Hälfte gesunken, da sowohl Selbstkosten als
auch Erlös auf die Hälfte gesunken sind. All-
gemeines Steigen der Kaufkraft bedeutet, daß die
Preise der Rohstoffe und die Löhne sinken, aber
ebenso auch, daß die Preise der Fertigfabrikate
sinken. Alle Preise ändern sich, wenn die Kauf-
kraft sich ändert, die Schulden aber
bleiben konstant! Wer vor vielen
Jahren eine Schuld kontrahierte, als die
Kaufkraft des Geldes niedriger war, muß die
Schuld nach ihrem Nominalbetrag zurück-
zahlen, obzwar sie heute weit mehr bedeutet
als früher. Wir sehen in unserem Fall, wie das
Geldeinkommen des Schuldners von 30 auf 5
fällt. Nun ist zwar die Kaufkraft des Geldes ge-
stiegen, und während er früher für das Geld-
einkommen 5 sich nur ein Stück kaufen konnte,
kann er sich jetzt zwei kaufen, aber für das
Geldeinkommen 30 erstand er früher 6 Stück, so
daß sein Realeinkommen in unserem Beispiel um
66'6°/0 gefallen ist. Umgekehrt sehen wir, daß
der Gläubiger einen Gewinn erzielt.

ln analoger Weise können wir den Fall unter-
suchen, daß die Kaufkraft des Geldes auf die
Hälfte sinkt, etwa unter dem Einfluß einer Noten-
emission im Kriegsfall, wie wir sie oben be-
sprochen haben. Da die Schuldsumme unverändert
bleibt, hat der Schuldner einen erheblichen Ge-
winn, in unserem Falle von 33'3n/0. Der Gläubiger
dagegen hat einen Verlust. (Fortsetzung folgt.)

Gewinn  oder  Verlust		Verlust  Gewinn	Gewinn  Verlust
Realein-  kommen  in  Stück		O	CM	00	rh	OO	C0  T—1	T-*	T—
Preis  der  Konsum-  güter  pro  Stück		^	&lt;N	®	■  5  2-5  10
Geld-  ein-  kommen		30  5  80	70  45  120
Schulden  und  Forde-  rungen		-20  -20  -20	oj	S	§  +	+	+
Reingewinn	im  ganzen	o	m	o  Ln	co	o  T-1	50  25  *  100
	pro  Stück	0-50  0-25  1-00	o	in	.	o  Ln	co	o  Ö	©	T-
Erlös	im  ganzen	1050  525  2100	1050  525  2100
	pro  Stück	10-50  5-25  21-00	10-50  5-25  21-00  i
Selbstkosten  1	im  ganzen	1000  500  2000	1000  500  2000
	pro  Stück	o	in o  T-	CO	I 10  5  20
Anzahl der pro- duzierten Stücke		o o	o  o o	o	Q O	O  o o	o
Kaufkraft  der  Geldeinheit		E E Eh  CO	E E Eh  co
Person		jsupjnips	jagiqnpio
        <pb n="31" />
        ﻿Einführung in die Kriegswirtschaftslehre.

(2. Fortsetzung.)

Von Otto Neurath, Wien.

Wir sehen, wie wir bei derartigen Erwägun-
gen immer das Realeinkommen ins Auge fassen
müssen. Wie ich schon flüchtig erwähnte, ist das
in der Praxis sehr schwer zu bewerkstelligen,
Weil die Kaufkraft des Geldes sich verschiedenen
Waren gegenüber in verschiedener Weise ändert
und man diese Veränderungen nicht ohneweiters
addieren kann. Es ist eine viel diskutierte Frage,
ob man überhaupt eine theoretisch völlig unzu-
lässige Methode angeben kann, welche es gestattet,
die «Gesamtkaufkraft» verschiedener Zeitpunkte
miteinander zu vergleichen.

Auch die unmittelbare Vergleichung ver-
schiedener Realeinkommen macht erhebliche, prin-
zipielle Schwierigkeiten, wenn diese Realeinkom-
men aus verschiedenen Bestandteilen zusammen-
gesetzt sind. Es kann ja z. B. das Wohnen teurer,
das Essen billiger geworden sein und daher kön-
nen sich z. B. die Wohnungsverhältnisse ver-
schlechtert, die Nahrungsverhältnisse verbessert
haben. Wie man aber die Aenderung im ganzen
2u bewerten hat, kann fraglich bleiben. Das sind
aber Probleme, auf die ich nur hinweisen wollte,
Um zur Vorsicht zu mahnen.

Nach dem Gesagten ist es uns ganz klar
geworden, daß im Falle einer Kaufkraftverän-
derung des Geldes die Bevölkerung nicht als
einheitlicher Körper betrachtet werden darf. Wir
sehen nun auch, wer aus dem «guten» Geld
Gewinn zieht, wer in seinem Interesse dafür ern-
teten wird, daß die Kaufkraft des Geldes steigt;
es sind dies vor allem die Geldverleiher, die
Bankiers, daneben aber auch andere Bevölkerungs-
Sruppen, deren Interessen mit denen der Bankiers
sonst keineswegs zusammenfallen, nämlich die
Beamten. Vor allem sind es jene Beamten-
schichten, die nicht verschuldet sind. Staats-
beamter und Offizier kann im allgemeinen nicht
damit rechnen, daß sein Einkommen entsprechend
d®r Kaufkraftveränderung geändert wird. Sinkt
d'e Kaufkraft des Geldes, so findet meist nur
nach vielen Verhandlungen und sehr langsam

eine entsprechende Erhöhung der Gehälter statt.
Der Staatsbeamte ist daher während längerer
Zeiträume seinem Einkommen nach mit einem
Rentner vergleichbar, der eine unveränderliche
Geldsumme erhält, unabhängig von der Kaufkraft
des Geldes. Der Beamte könnte unabhängig von
der Kaufkraftveränderung weiterleben, wenn sich
sein Einkommen wenigstens im großen und
ganzen der Kaufkraft anpassen würde.

Der Staatsbeamte kann nicht so leicht Aen-
derungen der Verträge durchsetzen, wie etwa der
Arbeiter. Wenn sich die Kaufkraft des Geldes er-
heblich ändert, so kann der Arbeiter durch Streiks
seine Position verbessern. Streiks der Beamten-
schaft sind im großen und ganzen praktisch nicht
in Rechnung zu ziehen, zum Teil sind sie sogar
durch eigene Bestimmungen unmöglich gemacht
oder sehr erschwert. Die Staatsbeamten und Offi-
ziere sind daher wesentlich auf die Parlamente
angewiesen. Alle diese Momente sind für den
Kriegsfall von größter Wichtigkeit. Wenn be-
stimmte Maßnahmen die Kaufkraft des Geldes
verändern, kann man nie mit einer einheitlichen
Wirkung auf die gesamte Bevölkerung rechnen.
Kompliziert werden diese Veränderungen dadurch,
daß manche Beamte und Offiziere verschuldet
sind und insoferne an der sinkenden Kaufkraft
des Geldes interessiert sein können-.

Es ist nach dem Gesagten verständlich, daß
es zuweilen agrarische Kreise sind, welche der
steigenden Kaufkraft des Geldes wenig freundlich
gegenüberstehen und daher Emissionen von Noten
oder minderwertigem metallischem Zeichengeld
vielfach begrüßen. Es hängt dies zum Teil damit
zusammen, daß ein großer Teil der Landwirte
hypothekarisch belastet ist und die sinkende
Kaufkraft ihnen die Abzahlung der alten Schulden
erleichtert. Wenn daher während eines Krieges
durch Zeichengeldausgabe die Kaufkraft des
Geldes sehr sinkt, kann dies die Entschuldung
der Landwirte fördern.
        <pb n="32" />
        ﻿2

Die Wirkungen der Geldvermehrung auf die
Kaufkraft sind übrigens nicht an das Zeichengeld
gebunden, sie können auch bei vollwertigem Geld
auftreten. Es wäre durchaus denkbar, daß z. B.
die Goldausbeute derart zunimmt, daß in Oester-
reich-Ungarn durch die vermehrten Prägungen
von Zehn- und Zwanzig-Kronenstücken die Kauf-
kraft des Geldes abnimmt. Wir besitzen in dieser
Beziehung bereits wichtige Erfahrungen. In den
Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts wurde in
Oesterreich jedem, der Silber in die Münze
brachte, dasselbe ausgeprägt, das heißt, er erhielt
für eine bestimmte Menge Silber eine bestimmte
Anzahl Silbergulden, so wie man heute für ein Kilo-
gramm Gold in der Münze 3274 K in Goldmünzen
österreichischer oder ungarischer Prägung erhält.
Als nun Ende der Siebzigerjahre in London der
Silbermarkt mit Silber überflutet wurde, sank
plötzlich der Silberpreis, u. zw. so tief, daß es
sich rentierte, in London mit österreichischem
Geld Silber zu kaufen und es in Wien ausprägen
zu lassen. Man erhielt für 100 Gulden mehr
Silber in London, als in 100 österreichischen
Gulden Silber enthalten war. Wie erklärt sich diese
Erscheinung? Sie ist nur dann verständlich, wenn
man sich vor Augen hält, daß die Kaufkraft eines
Geldstückes nicht an seinen Metallgehalt ge-
bunden ist, sie kann ebenso groß sein, wie die
Kaufkraft des Stückes Metall, das in der Münze
enthalten ist, sie kann aber auch weit größer
sein.

Ich betone nachdrücklich, daß diese An-
schauung von der Unabhängigkeit der Kaufkraft
auch des frei ausprägbaren Geldes von seinem
Metallgehalt nicht etwa rein theoretischen Unter-
suchungen ihren Ursprung verdankt, sondern
Ende der siebziger Jahre empirisch beobachtet
wurde. Die Kaufkraft des Silberguldens in Oester-
reich-Ungarn war mit dem gesamten Preisniveau
verknüpft, mit der Eigenschaft als Zahlungsmittel
zu dienen, insbesondere also auch als Schulden-
tilgungsmittel. Silbergulden waren daher gesucht,
während man mit ungeprägtem Silber in Oester-
reich-Ungarn bei Zahlungen nichts anfangen
konnte.

Eine Zeit lang wurde denn auch das oben
geschilderte Geschäft gemacht, man kaufte für
Gulden Silber und prägte es aus. Im allgemeinen
geschah dies wohl auf dem Umwege, daß man
in Wien englische Devisen kaufte und für diese
dann Silber aus London bezog. Dies dauerte aber
nicht lange, da der Staat die freie Ausprägung
sistierte, d. h. für rohes Silber wurde kein be-
stimmter Preis mehr seitens der Münzstätte be-
zahlt. Warum tat das der Staat? Weshalb ließ
er nicht die Silberimporteure weiter verdienen,
zumal er selbst Prägegebühren erhielt? Der Grund
ist u. a. darin zu suchen, daß die Aufrechterhal-
tung der freien Prägung zu einer Senkung der
Kaufkraft des Guldens führen mußte. Vor der
großen Silberausbeute hatte der Silbergulden,
welcher als internationales Zahlungsmittel, wie
heute das Gold, Verwendung finden konnte,

häufig ein Agio gegenüber dem Papiergulden. Als
nun die starken Silberausprägungen einsetzten, ver-
schwand dies Agio, da ja die Kanfkraft des
Silberguldens größer war als die Kaufkraft des
in ihm enthaltenen Rohsilbers. Silbergulden und
Papiergulden standen nun al pari. Zu einem Dis-
agio der Silberguldens, das von Bedeutung hätte
sein können, konnte es aber nicht kommen, da
nicht einzusehen wäre, warum man silbernes
Zeichengeld niedriger einschätzen sollte als pa-
pierenes Zeichengeld. Aber es blieb noch immer
die Möglchkeit übrig, daß die Kaufkraft beider
Geldsorten gegenüber ausländischem Gelde und
gegenüber den inländischen Waren sinken
konnte. Der gesamten Warenmenge standen von
Tag zu Tag größere Geldmengen gegenüber, die
durch die freie Ausprägung immer weiter ver-
mehrt wurden. Freilich, ins Unendliche hätte
dieser Prozeß nicht angedauert. Schließlich wäre
die Kaufkraft des österreichischen Geldes so tief
gesunken, daß die Kaufkraft des in einem Silber-
gulden enthaltenen Rohsilbers mit der des Gul-
dens zusammengefallen wäre. Gleichzeitig mit der
Kaufkraftsenkung des Silberguldens in Oester-
reich-Ungarn wäre eine Erhöhung des Silber-
preises in London infolge der Ankäufe erfolgt, so
daß beide Bewegungen einander entgegenge-
kommen wären.

Dre Staat hätte durch die Aufrechterhaltung
der freien Silberausprägung eine Verschiebung
der Einkommensverhältnisse zugelassen, die
Schuldner hätten gewonnen, die Gläubiger ver-
loren. An sich könnte ja eine solche Veränderung
einmal im Interesse des Staates gelegen sein,
aber nur selten wird ein Staat so schwerwie-
gende Veränderungen von äußerlichen Einflüssen
abhängig machen wollen, wie es in diesem Falle
die Ereignisse auf dem Londoner Silbermarkt ge-
wesen wären. Es hätte übrigens bei den ange-
deuteten Umwälzungen nicht sein Bewenden ge-
habt. Durch die Bemühungen englische Devisen
in Wien zu kaufen, um dafür in London Silber
zu erhalten, trieben die Silberimporteure die eng-
lischen Devisenpreise in die Höhe, was allen
jenen schadete, die aus England Maschinen
oder Rohstoffe beziehen und sich nun eng-
lisches Geld beschaffen mußten, um diese Im-
porte zu bezahlen. Englisches Geld erhielten sie
aber durch Ankauf englischer Devisen, deren
Preis durch die Silberausprägung in die Höhe
ging. Dadurch würden anderseits aber wieder die
Exporteure gewinnen, sowie alle jene, welche im
Inlande jene Waren erzeugten, die man sonst aus
England zu importieren pflegte. Jede Erhöhung
der englischen Devisenpreise wirkte ähnlich wie
ein Schutzzoll.

Wir sehen aus diesem Beispiel, welche Folgen
kriegswirtschaftliche Maßnahmen nach sich ziehen,
die auf eine Vermehrung der Geldmenge hinaus-
laufen. Ich konnte aus dieser Fülle von Neben-
wirkungen nur einige wenige exemplifikativ
herausgreifen.
        <pb n="33" />
        ﻿3

Es fragt sich nun, wie der Staat den uner-
wünschten Nebenwirkungen begegnen soll, welche
die Ausgaben neuer Geldmengen hervorrufen. Wir
wissen aus den Erörterungen über das Fullarton-
sche Prinzip, sowie über die Zirkulation der An-
leihen, daß es vor allem darauf ankomme, die
ins Publikum hinausgeströmten Geldmengen wieder
in die Staatskassen oder Notenbankkassen zu-
rückzupumpen. Das ist nun nicht immer möglich,
und man begnügt sich zuweilen damit, nur das
übermäßige Anschwellen der Noten zu verhin-
dern. Nach dem Jahre 1866, als Oesterreich-
Ungarn zur Aufrechterhaltung der staatlichen
Punktionen Papiergeld ausgeben mußte, half man
sich damit, daß man die Notenmenge, welche
vom Staat emittiert werden durfte, mit 312,000.000
kontingentierte. Wieso hatten wir nun bei Staats-
noten mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen?
Uies rührt daher, daß die Banknoten dann emit-
tiert wurden, wann der Markt Geld benötigte
Und daß die Emission auf dem Wege der Kre-
ditgewährung erfolgte, also ein Rückströmen
garantiert war, während der Staat dann Noten
emittierte, wann er selbst Geld brauchte, un-
abhängig davon, ob auf dem Markte Geldmangel
herrschte oder nicht. Mit der Tatsache, daß die
Zahlungsmittel aus Papier waren, hatten die
drohenden Gefahren nichts zu tun, sondern da-
IT&gt;it, daß ein Mittel fehlt, die Geldmengen wieder
zurückzupumpen — pflegen doch Steuern und
'nnere Anleihen in solchen Zeiten zu ver-
sagen.

Bei Papiergeld ist die Versuchung zu unaufhör-
licher Emission gegeben. Silbergulden kann man
fiicht schrankenlos vermehren, weil man das
Silber erst beschaffen muß. Papier dagegen ist
’u beliebiger Menge vorhanden. Wie weit man
darin gehen kann, zeigt die französische Assig-
^atenwirtschaft in der Zeit der französischen Re-
volution. 1795 gab Frankreich Assignaten bis zum
betrage von 75 Milliarden aus. Dieser Vorgang
ist durchaus verständlich, wenn man sich vor
Augen hält, daß durch die erste Notenemission
bereits die Preise sehr erhöht sein können. Wenn
nun die Möglichkeit fehlt, durch Steuern oder
Anleihen, eventuell durch Kriegskontributionen
einen erheblichen Teil der ausgegebenen Gelder
Nieder zurückzupumpen, so muß der Staat, wenn
er in der Folgezeit dem Markt eine ebenso große
Güterquote entnehmen will, wie im Jahre vorher,
eine größere Notenmenge emittieren und in dieser
^eise steigert sich die Notenmenge, welche
emittiert werden muß, selbst dann, wenn der
Staatsbedarf konstant bleibt.

Wir sehen, daß die Notenemission im Kriegs-

schwere Störungen hervorzurufen vermag und
es fragt sich, ob nicht andere Methoden zweck-
mäßiger sein können. An erster Stelle sei die
Emission von Requisitionsbons genannt. Es wäre
sehr wichtig, wenn man sich eingehend mit dem
r°blem beschäftigen wollte, wie die Ausgabe von
Noten, wie die Ausgabe von Requisitionsbons

Wirke.

Während das Balkankrieges waren beide Me-
thoden zu beobachten. Die Serben suchten möglichst
mit Noten zu bezahlen, während die Bulgaren
bereits im Anfang des Krieges Requisitionsbons
als Zahlungsmittel an die Bevölkerung verwen-
deten. Ich will von den psychologischen Wirkun-
gen absehen. Die Zahlung mit Noten macht auf
die Bevölkerung meist einen besseren Eindruck,
als die Zahlung mit Requsitionsbons. Der Requi-
sitionsbon unterscheidet sich dadurch von der
Note, daß er zunächst kein gesetzlich anerkanntes
Zahlungsmittel ist. Der Bauender Industrielle, der
Kaufmann, welcher Requisitionsbons erhält, hat
damit ein Forderungsrecht an den Staat erwor-
ben, das er nach dem Kriege geltend macht. Da
der Bon kein gesetzliches Zahlungsmittel ist,
hat ein Bauer, der einen auf 20 Francs lautenden
Bon hat, nicht die Sicherheit, daß der Kaufmann
ihn mit 20 Francs in Zahlung nimmt. Der Kauf-
mann wieder kann ihn schwer zu 20 Francs in
Zahlung nehmen, weil er nicht weiß, wie ihn der
Lieferant annimmt. Die Zirkulation der Bons wird
daher erschwert sein und wer nicht unbedingt
muß, wird die Bons aufzuheben trachten. 100.000
Francs Requisitionsbons werden daher auf dem
Markte nicht dieselbe Wirkung ausüben, wie
100.000 Francs Noten. Wenn die Requisitionsbons
innerhalb einer Bevölkerung ausgegeben werden,
die überhaupt zuwarten kann, kommen die Bons
überhaupt nicht in die Zirkulation. Sie sind
Schatzscheinen vergleichbar, die der Staat zwangs-
weise der Bevölkerung aufgedrängt hat, um dafür
Naturalien zu erhalten. Nur wenn der Requisitions-
bon gesetzlich anerkanntes Zahlungsmittel wird,
unterscheidet er sich kaum mehr von der Note.
Dies geschah zum Beispiel während des nordame-
rikanischen Sezessionskrieges.

Der Requisitionsbon ist dann eigentlich eine
von den Militärbehörden ausgegebene Note, die
gelegentlich von Requisitionen ausgegeben wird.
Wir sehen, daß es von dem Bargeldbedarf der
Bevölkerung abhängt, wie die Emission von Re-
quisitionsbons wirkt. Sind die Leute genötigt, die
Bons unter dem Nominale als Zahlungsmittel zu
veräußern, so bedeutet das für sie eine schwere
Schädigung. Den Gewinn haben dann die letzten
Inhaber der Requisitionsbons, denen dieselben nach
Schluß des Krieges zum Nominale eingelöst wer-
den, wenn nicht ein Staatsbankerott dies etwa
verhindern sollte.

Nun könnte man darauf hinweisen, daß zwar
durch die Emission von Requisitionsbons die
Menge der Zahlungsmittel, falls sie in der ersten
Hand verbleiben, nicht augenblicklich vermehrt
würde, wohl aber nach dem Kriege, wenn die
Einlösung einsetzt. Dagegen ist zu bemerken, daß
nach Abschluß des Krieges im allgemeinen eine
Periode aufsteigender Produktion beginnt. Die
gesteigerte Geldmenge trifft mit einer wachsen-
den Produktenmenge zusammen. Außerdem hat
es die Regierung in der Hand, die Einlösung suk-
zessive vorzunehmen, etwa den Ausgabemonaten
der Requisitionsbons entsprechend. Ich will mich
        <pb n="34" />
        ﻿— 4	-

mit diesen Anregungen begnügen, ohne zu einem
endgültigen Urteil über die Verwendbarkeit der
Bons in großem Maßstabe zu kommen.

Zum Schluß will ich noch darauf hinweisen,
daß die Schaffung von Zeichengeld nicht auf die
Emission von Noten aus Papier oder Metall be-
schränkt ist. Es kann auch girales Geld im Kriegs-
fall geschaffen werden, indem sich der Staat
Konten, zum Beispiel bei der Notenbank, eröffnen
läßt, ohne eine Gegenleistung da-
für zu gewähren. Diese Schaffung von
Girogeld ist der von Noten durchaus verwandt.
Wir können uns denken, daß der Staat Girozah-
lungen auf Grund dieser Konten leistet und sich
so Güter beschafft. Es kann dies Girogeld dauernd
als Girogeld in der Zirkulation bleiben, wenn z.
B, durch ein Gesetz verfügt wird, daß eine Ab-
hebung der Konten in Papier oder Metall unzu-
lässig ist. Wir hätten dann uneinlösliches Giro-
geld vor uns, das den uneinlöslichen Noten
entspricht, die uns allen vertraut sind. Ueber die
Bedeutung des uneinlöslichen Girogeldes im Kriegs-
fall werde ich im Zusammenhang mit anderen
Problemen noch weiter unten Näheres ausführen.

Beschaffung von Weltgeld.

1.	Allgemeines.

Ich habe in der bisherigen Darstellung das
im Inlande auf Grund der Staatsintervention
zirkulierende Zeichengeld scharf vom Weltgelde
geschieden. Wie ich in den Erörterungen über das
Wesen des Geldes zu zeigen mich bemühte, ist
das Zeichengeld eine Institution, welche weit mehr
gesellschaftliche Organisation voraussetzt, als das
Weltgeld. Das Weltgeld ist organisatorisch primi-
tiver. Komplizierter und technisch interessanter
sind erst wieder dieMethoden, wie Inlands-
geld in Weltgelt umgewandelt werden kann. Ich
habe die Besprechung derselben absichtlich für
den Abschnitt über das Weltgeld aufgespart, um
die Trennung der beiden Geldarten möglichst
markant hervortreten zu lassen.

Wenn wir von Weltzahlungsmitteln im all-
gemeinen sprechen, so meinen wir damit heute
nicht nur Gold und Goldmünzen, sondern auch
Anweisungen auf Gold, z. B. Golddevisen oder
Schecks auf Länder lautend, welche jederzeit
Noten in Gold einlösen. Bin ich im Besitz einer
englischen Devise, so kann ich für dieselbe vom
Verpflichteten am Fälligkeitstage englische Noten
bekommen, für die mir die Bank von England
wieder jederzeit Goldmünzen auszahlt. In ähn-
licher Weise ist z. B. auch die deutsche Devise
eine Gokldevise, während z. B. eine Devise, auf
Wien lautend, welche ein Kaufmann in Berlin
kauft, ihm nicht die Sicherheit gibt, dafür Gold-
münzen zu erhalten, wohl aber kann er, wie wir
sehen werden, für dieselbe englische oder deutsche
Devisen oder Schecks erhalten, also auf einem
Umwege doch wieder Gold. Die österreichisch-
ungarische Bank kann solche Schecks abgeben,
weil sie im Auslande Goldguthaben besitzt, auf

die ich noch zurückkommen werde. Ich möchte
aber darauf hinweisen, daß manche der Auslands-
guthaben auch Silberguthaben sein können, so
z. B. wenn die Bank ein Guthaben in Mexiko
besitzt, welches die Silberwährung hat.

Die Weltzahlungsmittel, vor allem Gold, aber
auch Golddevisen und Goldschecks, die im Kriegs-
fälle benötigt werden, stammen in erster Reihe aus:

a)	Kriegsschätzen,

b)	Anleihen,

c)	Steuern.

Die Schaffung von Inlandszahlungsmitteln,
welche wir im vorhergehenden Hauptabschnitt be-
sprochen haben, findet natürlich hier keine
Analogie.

2.	Kriegsschatz.

Bei den für den Kriegsfall bereitstehenden
Weltzahlungsmitteln ist es, wie schon erwähnt, von
untergeordneter Wichtigkeit, ob sie, wie in Deutsch-
land, zu einem gewissen Teil unter der ausdrück-
lichen Bezeichnung «Kriegsschatz» im Juliusturm
angesammelt sind oder sich, wie bei uns, vor-
wiegend in den Kassen der österreichisch-unga-
rischen Bank befinden. Auch die russische Noten-
bank weist erhebliche Goldbestände auf, die im
Kriegsfall große Dienste leisten, auch dann, wenn
sie nicht von der Regierung unmittelbar ange-
tastet werden, sondern vorwiegend dazu dienen,
die internationalen Zahlungsbeziehungen aufrecht-
zuerhalten. Ein großer Goldschatz stärkt an und
für sich das Prestige, weshalb er heute von den
Banken sehr sorgfältig gehütet wird.

Die Bedeutung des Goldschatzes ergibt sich
aus den Beziehungen desselben zur gesamten
Währung. Als Oesterreich-Ungarn 1892 zur Gold-
währung überging, geschah dies nicht deswegen-
weil an sich die Zirkulation goldener Münzen im
Inlande besser wäre, als die Zirkulation von
Papiergeld. Bis zum Jahre 1892 hatte Oesterreich-
Ungarn eine Zeichengeldwährung, da sowohl die
Noten, als auch der Silbergulden, dessen frei6
Ausprägung, wie wir oben gesehen haben, ein-
gestellt worden war, Zeichengeld waren. Die
Währungsreform von 1892 war nicht etwa dadurch
besonders bedeutsam, daß nun «Gold» als
Zahlungsmittel eingeführt wurde, sondern, daß
dasselbe Währungsmetall ei'n ge-
führt wurde, welches die andereh
großen Staaten benützen. Daß man
aber in der ganzen Welt daran ging, von der
Silberwährung zur Goldwährung überzugehen,;
hing mit den großen Silberausbeuten zusammen l
und den dadurch hervorgerufenen Veränderungen
aller Preise. Wenn heute massenhaftes Gold ge-
funden würde, könnte dies ebenfalls eine
plötzliche Preisveränderung erzeugen und den
Uebergang zu einem anderen Währungsmetall
veranlassen.

Wie wirkt nun die Gleichheit desWährungs-
metalles auf den internationalen Handel? Wenn
man von einem Staat sagt, er habe Goldwährung»
        <pb n="35" />
        ﻿5

so meint man damit in erster Linie, daß er jeder-
zeit Gold ankauft. Wenn jemand in Oesterreich-
Ungarn ein Kilogramm Gold besitzt, kann er
jederzeit bei der österreichischen oderungarischen
Münze 3274 K in Goldmünzen österreichischer
oder ungarischer Prägung erhalten, oder bei der
österreichisch-ungarischen Bank 3278 K in Noten.
Uiese Differenz von 4 K stellt eine Art Prämie
dar, welche dazu dient, die Verkäufer von Gold
zu veranlassen, lieber Noten statt Goldmünzen
zu akzeptieren. Sie dient der Gold-
sammlungspolitik der Notenbank.
Wenn man aber für ein Kilogramm Gold immer
auf Grund gesetzlicher Bestimmungen einen be-
stimmten Preis ausbezahlt erhält, so bedeutet das,
daß in Wien oder in Budapest auf dem Gold-
^arkt der Preis des Kilogramm Goldes nicht
Unter 3278 K sinken kann. Denn wer würde einem
änderen das Kilogramm Gold unter 3278 K ab-
Seben, wenn er von der Notenbank 3278 K er-
hält? Der Staat kann so den Goldpreis konstant
^halten, wie er etwa den Eisenpreis, den Rohöl-
Preis oder den Preis irgend einer anderen Ware
konstant erhalten könnte.

Derartige Maßnahmen, um irgend welche
Preise konstant zu erhalten, sind zu allen Zeiten
[^gekommen, es fragt sich immer nur in wessen
'uteresse. Alle derartigen Vorkehrungen sind zu-
weilen von erheblicher kriegswirtschaftlicher und
Unlitärwirtschaftlicher Bedeutung. Die Chinesen
haben in alten Zeiten z. B. den Reispreis kon-
tant zu erhalten gesucht. Der Reis ist dort das
hlauptnahrungsmittel und die Konstanterhaltung
des Reispreises daher von erheblicher gesellschaft-
ucher Wichtigkeit. Durch die Preisregulierung
konnte die Regierung einerseits den Reisbauern
hälfen, andererseits den Reiskonsumenten. Wenn
här Reispreis erheblich sank, und die Reisbauern
|u Gefahr kamen, kaufte die Regierung solange
“eis an, bis sie den Preis genügend gehoben
hatte und lagerte die Frucht in Speichern ein, die
teils für Provinzen, teils für das ganze Reich be-
nimmt waren. Stiegen die Preise sehr an, so
^Urde Reis aus den Reichs-Reispreis-Ausgleichungs-
sPeichern wieder abgegeben.

Eine solche Preisausgleichung ist natürlich
pdr dann möglich, wenn gute mit schlechten
Croten in mäßigen Zwischenräumen abwechseln.

ki

Oe ähnliche Einrichtung bestand um die Mitte
s 19. Jahrhunderts in Paris. Um den Brotpreis

'onstant zu erhalten, wurde eine Zwangskasse

für

die Bäcker errichtet. Wenn der Mehlpreis

| J.iedrig war, mußten die Bäcker einen Teil des
| ^Winnes in die Kasse abführen. Dafür erhielten

Sie

wieder einen Zuschuß aus der Kasse, wenn

,	*-&gt;l-*^'-**	WV.1 l\UOOC, WV-AU»

Mehlpreis hoch war und sie dennoch das
r°l zum alten Preis abgeben mußten.

„ Die Regierung des brasilianischen Staates
, ‘ Paolo hat in der jüngsten Zeit die Kaffeepreise
l? Interesse der Produzenten beeinflußt, indem
le große Kaffeemassen einlagerte und dann suk-
pässive verkaufte. Wir sehen, daß es in all diesen
aUen darauf ankam, Reservoirs zu schaffen, im

ersten und dritten Fall aus Naturalien, im zweiten
aus Geld bestehend. Was man in solcher Art beim
Reispreise oder dem Kaffeepreise tun kann, ver -
mag man natürlich auch beim Goldpreise zu tun
Für den internationalen Zahlungsverkehr ist die-
Konstanz des Goldpreises in österreichischen oder
ungarischen Kronen von erheblicher Wichtigkeit.
Wenn nämlich der Preis des Kilogramm Goldes
konstant ist, dann ist auch der Preis konstant,
den die österreichisch-ungarische Bank für deut-
sche Mark, französische Franken und andere Gold-
münzen zahlt. In 2790 Mark ist ebenso ein Kilo-
gramm Feingold enthalten, wie in 3280 Kronen
österreichischer oder ungarischer Goldmünzen —
wer ein Kilogramm Gold verkauft, erhält weniger,
weil die sogenannte Prägegebühr abgezogen wird,
die für die österreichisch-ungarische Bank 2 Kronen
für die österreichische und ungarische Münze
6 Kronen beträgt. Besitzt jemand 2790 Mark in
Gold, die nicht abgenützt sind, so weiß er, daß er
für dieselben 3278 Kronen bei der österreichisch-
ungarischen Bank in Noten oder 3274 Kronen
bei der Münze in Gold erhält. Die Tatsache der
freien Ausprägung von Gold sichert also der
deutschen Mark in Gold einen bestimmten Preis
in Kronen, solange die diesbezüglichen gesetz-
lichen Bestimmungen gelten. Diese Preiskonstanz
ist nicht etwas der Goldmaterie Eigentümliches,
sondern ein Produkt der Gesetzgebung. In der-
selben Weise, wie Oesterreich-Ungarn deutsche
Goldmünzen als Gold ankauft, kauft nun Deutsch-
land österreichische und ungarische Goldmünzen an.

Praktisch stellt sich die Sache aber ein wenig
anders; wenn ein Deutscher in Oesterreich-Ungarn
eine Zahlung im Betrage von 3278 Kronen zu
leisten hat, da genügt es nicht, wenn er 2790
Mark in Gold besitzt.

Dieser Betrag würde ihm die 3278 Kronen
erst dann verschaffen, wenn er sich bei einem
Gold kaufenden Schalter der österreichisch-unga-
rischen Bank befände. Nun lebt er aber in Berlin.
Er müßte daher das Gold in ein Kistchen packen,
müßte die Versandspesen in Rechnung stellen,
ebenso die eventuelle Versicherungsprämie und
da der Transport auch einige Zeit dauert, den in-
zwischen erlittenen Zinsenverlust.

Dabei hätte er darauf zu achten, daß die
Goldmarken nichtabgenützt sind. Denn während im
nationalen Verkehr auch Mark gelten, die abge-
nützt sind — sie verhalten sich dann ähnlich wie
Zeichengeld — gelten im internationalen Verkehr
nur solche für voll, die keinen Gewichtsverlust
aufweisen.

In Wirklichkeit wird der größere Teil der
Zahlungen zwischen Oesterreich-Ungarn und
Deutschland aber nicht in der Weise erledigt, daß
man Gold effektiv verschickt, sondern mit Hilfe
von Devisen. Der Deutsche kauft in Berlin eine
auf Wien lautende Devise. Diese Devise kann
verschieden im Preis stehen. Kommt sie höher
als der effektive Goldversand, dann würde'man
diesen vorziehen, d. h., so lange die Deutschen
        <pb n="36" />
        ﻿6

genug Goldmarken in der Hand haben, die sie ver-
schicken können, kann der Devisenkurs nicht über
jenen Punkt hinaussteigen, der durch die Ver-
sandkosten und die Einlösungskosten des Goldes
in Oesterreich-Ungarn gegeben erscheint. Man
nennt diesen Punkt den oberen Goldpunkt für den
Goldexport. In gleicher Weise existiert ein Punkt,
wo es dem Oesterreicher oder Ungarn, der ge-
nügend Gold in der Hand hat, zweckmäßig er-
scheint, Gold nach Deutschland zu importieren,
statt deutsche Devisen zu kaufen ; das ist dann
der untere Goldpunkt für den Goldimport nach
Deutschland, d. h., dadurch, daß zwei Länder
Gold und damit auch Goldmünzen ankaufen, ist
für die Kursschwankungen der Devisen eine obere
und eine untere Grenze gegeben, solange in beiden
Ländern die ans Ausland zahlenden Kaufleute ge-
nug Goldmünzen in der Hand haben.

Der letzte Zusatz ist wichtig. Wenn ein
deutscher Kaufmann nur Marknoten hat, so kann
er sich jederzeit Gold bei der Deutschen Reichs-
bank besorgen, da dieselbe verpflichtet ist, die
Marknoten in Gold einzulösen. Das Gleiche gilt
aber nicht für Oesterreich-Ungarn, denn die Noten-
bank der Monarchie ist nicht verpflichtet, für die
Noten Gold herzugeben, obgleich diese
Verpflichtung auf jeder Note auf-
gedruckt ist. In dem gleichen Statut, wel-
ches die Bank verpflichtet, auf jede Note aufzu-
drucken, daß sie in Metallgeld eingelöst wird,
befindet sich ein Paragraph, der die Bank von
dieser Verpflichtung entbindet. Das ist historisch
zu erklären. Man nahm an, daß der Zustand der
fehlenden Barzahlung nur ein provisorischer sei.
Aber selbst wenn die österreichisch-ungarische
Bank die Barzahlungen aufnehmen würde, könnte
der Kaufmann nicht damit rechnen, Gold zu er-
halten, da ihm die Bank jederzeit Silbergulden
aufdrängen könnte, weil Silbergulden — obgleich
sie Zeichengeld sind — in unbeschränkter Menge
in Zahlung genommen werden müssen, ohne
daß man für sie Goldmünzen erhalten könnte.

Da nun Oesterreich-Ungarn dem Kaufmann
der eine Zahlung nach Deutschland zu leisten
hat, kein Gold zur Verfügung stellt und wenig
Gold im Umlauf ist, kann der Kaufmann in
Oesterreich-Ungarn nicht wie der Deutsche er-
klären: «wenn der Devisenkurs zu hoch steigt,
exportiere ich Gold». Es könnte daher nach dem
bisher Gesagten der Devisenkurs der englischen,
französischen und deutschen Devisen in Wien
oder Budapest ohne Grenze ansteigen. Damit
dies aber nicht geschieht, hat die Bank die ge-
setzliche Verpflichtung, Devisen zu einem annehm-
baren Kurse abzugeben. Die obere Grenze, zu
der die Bank noch Devisen abgeben darf, ist
aus Geschäftsrücksichten in einem Geheimvertrag
zwischen den Regierungen und der österreichisch-
ungarischen Bank festgesetzt worden.

In Deutschland kann das Schwanken der De-
visenkurse dadurch in zwei Grenzen eingeschlossen
werden, daß ein Kilogramm Gold zu einem be-

stimmten Preis gekauft wird und daß für Noten
jederzeit Gold abgegeben wird, ln Oesterreich-
Ungarn ist das erste Mittel ebenfalls in Verwen-
dung, das zweite ist aber durch die Maßnahme
ersetzt, daß statt Gold Devisen abgegeben
werden.

Die Tatsache, daß die Noten der österrei-
chisch-ungarischen Bank nicht in Gold, sondern in
Golddevisen einlöslich sind, gibt der Bank eine
große Macht auf dem Geldmärkte. Nicht der ein-
zelne Kaufmann kann Goldversendungen vorneh-
men, vielleicht zum Schaden des gesamten
Zahlungswesens, sondern in großem Stil nur die
österreichisch-ungarische Bank, welche den ge-
eigneten Zeitpunkt zu wählen vermag. Die Bank
hat es auch in der Hand, die Devisenspekulation
zu hemmen, die häufig dazu verwendet wurde,
daß einzelne Spekulanten Vorteile, die Importeure
aber z. B. Nachteile hatten. Die Einzelheiten die-
ser verschiedenen Maßnahmen zu schildern, ist
hier nicht Platz. Wir sehen jedenfalls, daß die
Währung eng mit dem internationalen Zahlungs-
wesen zusammenhängt und daß die Inlandszirku-
lation wesentlich andere Vorkehrungen erheischt,
wie die Auslandszirkulation.

Es fragt sich nun, weshalb denn überhaupt
die Aufrechterhaltung der Devisenkurse so wichtig
ist. Wie ich schon andeutete, ist sie im Interesse |
des internationalen Handels gelegen. Wenn die
Devisenkurse stark schwanken, dann ist deU
Kaufmann, der z. B. Waren aus dem Auslande
importiert, um sie zu verkaufen, die Kalkulation
sehr erschwert. Im allgemeinen wird er ja nicht
sofort, sondern erst in einigen Monaten zahlen-
Sind die Schwankungen der Devisenkurse sehr
groß, so kann er unverhofften Gewinn oder un-
verhofften Verlust erleiden, ganz abgesehen davotU
daß er zum Börsenspiel geradezu angereizt wird- j
Er kann sich in der Weise vor den Kursschwan-
kungen schützen, daß er mit einer Bank einet1 J
Vertrag schließt, auf Grund dessen ihm zu einen1
bestimmten Termin, der einige Monate entfernt
ist, die Devise zu einem heute schon be-
stimmten Kurs zugesichert wird. Dafür
muß er aber der Bank eine Entschädigung füG
das Risiko zahlen, welches sie trägt, so daß die
Devisenschwankungen ständig den Import be- [
lasten. Soweit dadurch der Import erschwert wird,
könnte man von einer Art Schutzzoll sprechen,
nur daß dieser Schutzzoll die Eigenschaft hat, I
alle Güter in gleicher Weise zu belasten, diejeni-
gen, welche im Inland dringend zum Aufschwung
nötig sind und daselbst gar nicht erzeugt werden,
ebenso wie die, welche im Inlande produziert
werden.

Wir sehen, daß die Bedeutung der Goldwäh-
rung auf internationalem Gebiet liegt. Der Gold-
schatz der Bank, der Bestand an Golddevise11
ermöglicht im Auslande den Kurs des österreicb'-
schen Geldes zu beeinflussen, vor allem aber ver-
mag die Bank dem Staat in schweren Zeite11
beizuspringen. Insbesondere in Krieg5'
        <pb n="37" />
        ﻿7

Zeiten ist der Bestand an Auslands-
Zahlungsmitteln begreiflicher-
weise von hervorragender Bedeutung.
Wenn allgemeines Mißtrauen herrscht, kann man
nur für Gold im Ausland sicher Waren erhalten.
Das wußte Bulgarien, als es während des Krieges
jeden Export von Gold verhinderte, um Gold-
devisen nur an Kriegslieferanten abzugeben.

Nur nebenbei möchte ich erwähnen, daß mit
Hilfe der Devisenpolitik ein Staatenbund die
Kurse nach allen Richtungen auch dann zu regu-
lieren vermag, wenn verschiedenes Währungs-
metail oder überhaupt nur Zeichengeld verwen-
det wird. Aber diese Möglichkeit kommt in ab-
sehbarer Zeit wohl ebensowenig praktisch in
Frage, wie die Schaffung internationaler Noten.
Letztere wären nur dann denkbar, wenn die
Staaten auf eine individuelle Währungspolitik
verzichten wollten und zu einem internationalen
Institut ausreichendes Vertrauen hätten. Insbe-
sondere im Kriegsfall würde ein solches inter-
nationales Institut schwer seine Wirksamkeit auf-
recht erhalten können, da die kriegführenden
Staaten sich in schwierigen Situationen kaum
dazu verstehen würden, auf die Notenemission
zu verzichten.

Suchen wir uns nun von der geschilderten
Tätigkeit der österreichisch-ungarischen Bank ein
Bild zu machen. Ich möchte dabei bemerken, daß
derartige Maßnahmen den Bankpraktikern des
18. Jahrhunderts wohl vertraut waren und daß
in der Metternichschen Periode die österreichi-
schen Wechselkurse im Ausland durch staatliche
Intervention gehalten wurden. Heute- haben be-
reits viele Banken sich daran gemacht, die Wech-
selkurse zu beeinflussen, insbesondere auch die
Deutsche Reichsbank. Ich nehme an, wir hätten
drei Länder gegeben, Oesterreich-Ungarn und
einen Nachbarstaat, die beide Devisenpolitik
treiben, und einen dritten Staat, an dessen Bürger
die Zahlungen in effektivem Gold geleistet werden
müssen. Ich verwende wieder unsere bisherige
Schematisierungsmethode, indem ich die Bilanz
jedes Individuums und jeder Notenbank aufstelle.
Tabelle XV zeigt uns alle Individuen im Besitze
von Gütern : gt, g2, g3, git g5, g6, g7, g8, g9, g10
Und das Individuum D überdies im Besitze von
Gold*. Zunächst .beschaffe sich die inländische
Notenbank Gold gegen Noten. Die jetzt zirku-
lierende Notenmenge n2 wäre als voll gedeckt
zu charakterisieren. Nun nehmen wir an, daß
ähnlich, wie wir dies bei Besprechung des Ful-
lartonschen Prinzips angenommen haben, ein lndi-
vidium C gegen einen in 7 Zeitteilen fälligen
Wechsel wt von E das Gut g10 bezieht. Die
Wechselforderung des E erscheint als Aktivum,
die Wechselschuld des C als Passivum. Um sich
Waren von D kaufen zu können, diskontiert E
seinen Wechsel bei der Notenbank und erhält

* Zeichen 0

dafür gleichfalls Noten. Die zirkulierende Noten-
menge nt n2 wäre, wenn wir alle in der Ta-
belle vorkommenden Einheiten g, n, w, d, Ö als
gleichgroß in bezug auf ihre Preishöhe annehmen
zur Hälfte durch Golcj, zur Hälfte durch Wechsel
gedeckt. E kauft nun g9 von D mit Hilfe von n2.
D selbst wieder kaufe mit Hilfe der zwei Noten-
mengen zwei Warenmengen von B. Nun be-
trachten wir aber auch den internationalen Waren-
verkehr. A exportiere die Ware g5 nach dem
Auslande II. X zahle mit einer in 9 Zeitteilen
fälligen Devise dj. Die von A erworbene Forde-
rung fungiert natürlich unter den Aktien, wäh-
rend X nun belastet erscheint. A benötigt Geld,
um sich Waren anzuschaffen und verkauft die
Devise an die eigene Notenbank, deren Notenum-
lauf nun zu V3 mit Gold wäre. Mit der Noten-
menge n3 kauft sich nun A bei C die Ware gs.
C ist dadurch in die Lage versetzt, die eben
fällige Wechselschuld zu bezahlen. C erhält seinen
Wechsel zurück und gibt die Noten n3 an die
Bank ab. Während in dem Beispiel Tabelle X
die Noten, welche bei der Wechseldiskontierung
ausgegeben wurden, wieder zur Bank zurück-
kehrten, sind es diesmal Noten, die aus anderen
Geschäften herrühren, mit denen C seine Wech-
selschuld zahlt. Sie sind gelegentlich eines De-
visenkaufes emittiert worden. Die Notenbank
merke nun, daß der lnlandsmarkt Auslandsware
benötige. B suche bereits zwei Devisenmengen
um zwei Rohstoffmengen zu beschaffen, die für
den Betrieb seines Unternehmens notwendig sind.
Es ist aber nur eine Devisenmenge im Inlande
vorhanden, die durch Export von g5 hereinge-
kommen ist. Die Notenbank kann nun, um
diese Devisenmenge zu beschaffen, ihr Gold ex-
portieren. Es gelangt direkt oder auf Umwegen
in die Notenbank des Auslandes II. Die Noten
der inländischen Notenbank wären jetzt metallisch
überhaupt ungedeckt, wohl aber wären sie durch
Devisen vollgedeckt, ein Zustand, der auf Grund
der Statuten der österreich-ungarischen Bank
unzulässig ist. B kaufe nun diese zwei Devisen-
mengen mit Hilfe von zwei Notenmengen nt und
n2, die eine stammt aus einem Goldverkauf, der
im Zeitpunkt t2 stattgefunden hat, die andere
aus einer Wechseldiskontierung, die im Zeit-
punkt t3 stattgefunden hat. Die Devisen ver-
wendet B zur Zahlung an Y im Auslande II.
Y verkauft die Devisen gegen Noten an die Noten-
bank, so wie dies seinerzeit A im Inlande getan
hat. Für die Notenbank des Auslandes sind dies
Wechsel, welche inländische und ausländische
Unterschriften tragen. Der Inkasso erfolgt für
diese Notenbank in ihrem Inland. Die aus dem
Goldimport für die Auslandsbank II resultierende
Wechselschuld ist nun beglichen. Die Devise 1
behält sie noch in ihrem Portefeuille, weil sie
noch nicht fällig ist. Y kauft mit den zwei Noten-
mengen zwei Warenmengen von X, eine, welche
inländischer Herkunft ist, eine, die von X impor-
tiert worden war. X ist nun im Besitze von zwei
Notenmengen. Die eine verwendet es dazu, seine
        <pb n="38" />
        ﻿8

Tabelle XV.

Zirkulationsschema

Zeit-  punkt	Ausland I		Ausland 11						Inland											
	Z		X		Y		Notenbank		Notenbank		A		B		C		D		E	
	Akt.	Pass.	Akt.	Pass.	Akt. 1 Pass.|| Akt.			Pass.	Akt.	Pass.	Akt.	Pass.	Akt.	Pass.	[Akt. |Pass.		Akt. jPass.		Akt.	Pass.
t,	gi		ga		g3  g4						gs		gö  g7		gs		g9  O		gio	
^2	gi		ga		g3  g4				o	ni	gs		gö  g7		gs		g-&gt;  n&lt;		gio	—
t3	gi		ga		g3  g4				o	ni	gs		g6  g7		gs  gio	Wi	g9  ru		Wi	
t«	gi		g2		g3  g4				o  w,	ni  n2	gs		gs  g7		gs  gio	Wi	go  ni		ri2	
t5	gi		ga		g3  g4				o  w,	ni  n2	gs		gs  g7		gs  gio	Wi	Di  n2		g9	
^6	gi		ga		g3  g4				o  w,	ni  na	gs		ni  n2		ga  gio	Wi	gs  g7		g?	
t,	gi		ga  g5	d,	ga  g4				o  w,	ni  n2	di		ni  Ha		gs  gio	Wi	gfi  g7		g9	
^8	gi		ga  gs	d,	g3  g4				o  w,  d,	nt  na  n3	n3		ni  n2		gs  gio	Wi	gs  g7		gs	
^.9	gl		ga  gS	d,	ga  g4				o  W,  d,	ni  n2  n3	gs		ni  n2		gio  n3	Wi	gfi  g7		g9	
t,0	—  gi		ga  ga	di	ga  g4				0  d,  n.a	ni  n2  n3	g8		ni  n2		gio  Wi	wt	gs  g7		g9	
t.l	g1		ga  gi	d,	ga  g4		O	da	di  da	ni  n2	gs		m  n2		gio		gs  g7		gs	
*12	gi		ga  gs	d,	ga  g4		O	da	m  n2	ni  n2	gs		d,  d2		gio		gs  g7		gs	
*13	gi		ga  Kl	d,	d,  ^2		O	^2			g8		g3  g4		gio		gs  g7		gs	-
*14	gi		ga  g5	d,	n4  n5		0  d,  ^2	da  n4  n5			gs		ga  g4		gio		gs  g7		gs	
*15	gi		n4  n5	d,	ga  ga		O  d,	n4  n5			gs		gs  g4		gio		gs  g7		gs	
*16	gi		d,  O	d,	ga  g3		n4  n5	n4  °5			gs		g3  g4		gio		gs  g7		gs	
			gi		ga  ga						gs		ga  g4		gio	1	gs  g7		gs
        <pb n="39" />
        ﻿9

Wechselschuld bei der Notenbank zu zahlen, die
andere präsentiert es zur Barzahlung — wir
wollen annehmen, daß im Auslande 11 die Bar-
zahlung herrsche. Diese Goldmenge dient dem X
dazu, eine Ware gx aus dem Auslande 1 zu
beziehen, wo man nur Gold in Zahlung nimmt.
Wir können uns auch denken, daß z. B. der
Wechselkurs im Auslande 11 gegenüber dem Aus-
lande I so groß ist, daß sich der Goldexport
rentiere.

Das von mir hier vorgeführte Schema zeig-
uns das Inland im Zustand einer passiven Zah-
lungsbilanz, d. h. es muß mehr Zahlungen an
das Ausland leisten, als es von dort her empfängt,
es hat für mehr Kronen Waren gekauft, als ver-
kauft. Den Passivsaldo begleicht die Bank durch
Goldexporte. Es können auch andere Mittel an-
gewendet werden, z. B. man kann auch eine An-
leihe aufnehmen, da; heißt die Differenz schuldig
bleiben. Durch den Goldexport kam die Bank,
wie wir sahen, in den Besitz von Devisen und
konnte daher im Inland den Devisenkurs beein-
flussen. Man könnte nun die Frage aufwerfen,
weshalb es denn besser sei, wenn die Notenbank
Devisen statt Gold abgibt? Wenn Privatleute
oder Privatbanken derartige Goldexporte vor-
nehmen, so werden sie zuweilen Zeitpunkte aus-
wählen, die zwar ihnen persönlich Vorteile
bringen, den Regierungen aber und der Gesamt-
heit schaden. Die Privatspekulanten können durch
Gold- und Devisenarbitragen Geld verdienen auf
Kosten der übrigen Staatsbürger. Während die
Notenbank im Interesse der Gesamtheit auf einen
konstanten Kurs hinzuarbeiten verpflichtet ist, ist
die Kursschwankung für den Spekulanten die
Quelle des Gewinnes. Der Goldexport wird von
der österreichisch-ungarischen Bank zu einer
für den Notendienst möglichst günstigen Zeit
Yorgenommen, während die Privatleute eine solche
Rücksicht nicht kennen.

Da man bei Goldexporten kaum ein per
Mille verdient, müssen große Quanten Gold von
Privaten exportiert werden, um solche Aktionen
einigermaßen rentabel erscheinen zu lassen. Wenn
die Notenbank jedermann Gold abgeben müßte,
kann auch die Arbitrage sich des Goldes be-
mächtigen. Heute ist das nicht möglich. Aber
auch die Devisenabgabe erfolgt nicht immer
ohneweiters. ln Zeiten, in denen die Notenbank
Grund zur Annahme zu haben glaubt, daß eine
&gt;hr unerwünschte Devisenarbitrage einsetzt, er-
schwert sie auch die Devisenabgabe, wobei sie
Wege findet, differenzierend vorzugehen.
Sie gibt die Devise dem Rohstoffimporteur, der sie
2u Zahlungen braucht, dann billiger ab, als etwa
dem Arbritrageur, der mit Devisen nur speku-
lieren will. So erklärt sich zum Teil die Tat-
sche, daß die Devisenkurse gelegentlich über
den oberen Goldpunkt hinausgestiegen sind. Wir
Sehen hier einen Fall vor uns, in dem nicht jeder
Käufer, der gleichviel für eine Ware bietet, die

gleichen Rechte hat, sondern in dem die Käufer
differenziert werden nach ihrer sozialen Funktion.

Die Bank von Frankreich hat eine ähnliche
Politik schon sehr früh verfolgt. Die gesetzlichen
Bestimmungen gaben ihr das Recht, Gold- oder
Silbermünzen abzugeben, wenn jemand Noten
zur Einlösung präsentierte. Sie gab nun zeitweilig,
wenn sie es für zweckmäßig fand, nur Silber-
münzen ab, die als Zeichengeld vor den Noten
keinen Vorzug hatten. Wer Gold wollte, mußte
eine Prämie zahlen. Sie machte aber auch einen
Unterschied. Wer nachwies, daß er das Gold zur
Zahlung von Rohstoffimporten benötigte, wurde
bevorzugt.	*

Derartige Differenzierungen kön-
nen im M o b i 1 i s i e ru ngs - und Kriegs-
fall von entscheidender Bedeutung
sein. Die Notenbank ist aber nicht etwa auf
eine Differenzierung bei der Gold- und Devisen-
abgabe beschränkt, sie kann auch bei der Wech-
seldiskontierung differenzieren, indem sie z. B.
bestimmten Einreichern gegenüber die Zensur
verschärft. Hat eine Notenbank die Barzahlung,
wie z. B. die Deutsche Reichsbank, so wird sie
im Kriegsfall leicht dazu genötigt sein, sie zu
suspendieren, da sonst wahllos Noten präsentiert
werden könnten und die Bank sie in Gold ein-
lösen müßte. Man kann geradezu sagen, die Bar-
zahlungsverpflichtung besteht eigentlich nur so-
lange, als man sie nicht wirklich in Anspruch
nimmt.

Durch die Abhebung von Metall im Kriegs-
fall wird aber auch eine gesetzliche Bestimmung
gefährdet. Manche Notenbanken sind nämlich
durch ein Gesetz verpflichtet, die umlaufenden
Noten nicht durch Wechsel und andere kurz-
fristige Forderungen zu decken, sondern auch
zum Teil durch Metall. In Oesterreich-Ungarn
muß die Notenbank % Deckung liegen haben,
in Deutschland ’/3.

Da aber manche Unterschiede in den übrigen
Deckungsvorschriften bestehen, — so z. B.kann die
österreichisch - ungarische Bank die Lombard-
kredite in die Notendeckung einrechnen, während
die Deutsche Reichsbank das nicht darf — so
kann man nicht einmal sagen, daß unsere
Deckungsvorschriften strenger wären, als die
deutschen. Diese ganzen Deckungsvorschriften
sind ein Ueberbleibsel aus vergangenen Zeiten.
Sie haben nie viel Bedeutung gehabt und sind
heute theoretisch, in der jetzigen Form eigentlich
gar nicht zu halten. Ursprünglich waren die Noten
der privaten Banken eine Art Wechsel, die jeder-
zeit in dem üblichen Metallgelde einlösbar waren.
Wer eine Note akzeptierte, rechnete damit, daß
er für sie Münzen erhalten könne. Um dieser
Anforderung nachkommen, zu können, mußten
natürlich die Banken immer einen Vorrat an
Münzen liegen haben, je größer dieser Vorrat
war, desto mehr Vertrauen konnte der Bank in
bezug auf ihre Einlösungsfähigkeit entgegenge-
        <pb n="40" />
        ﻿10

bracht werden. Aber die Bank hatte nicht nur
Notenschulden, sie hatte auch sonstige Passiven,
die jederzeit fällig waren; auch für diese mußten
Münzen bereit liegen. Da aber nie alle Gläubiger
auf einmal Zahlungen verlangten, brauchte nicht
so viel an Münzen bereit zu liegen, als täglich
zurückgefordert werden konnte. Wäre die Bank
dazu genötigt gewesen, so hätte sie das ihr ge-
liehene Geld nie verwerten und keine Geschäfte
damit machen können. Wie kam man nun zur
V3-Deckung, welche in der Literatur eine beson-
ders große Rolle spielt?

Um das zu verstehen, hilft einem alles Nach-
denken nicht. Man muß die Enqueten durchlesen,
die vor etwa 100 Jahren in England abgehalten
wurden. In diesen befragte man Bankdirektoren
nach ihrer Meinung über die zur Deckung nötigen
Münzenbestände. Die Antworten fielen begreiflicher-
weise sehr verschieden und oft recht unbestimmt
aus. Es waren rohe empirische Angaben, die im
großen und ganzen darauf hinausliefen, daß eine
Deckung aller sofort fälligen Schulden der Bank
durch Vs ro't Münzen wohl als ausreichend zu
bezeichnen sei. Aus dieser V3-Deckung aller so-
fort fälligen Schulden, wurde V3-Deckung der
Notenzirkulation. Denn die sofort fälligen Giro-
guthaben, welche die Noten in ihrer Funktion zum
Teil vertreten können, müssen nach den Bank-
gesetzen Deutschlands und Oesterreich-Ungarns
nicht mit Metall gedeckt sein, obzwar theoretisch
für sie eine Deckung in ähnlicher Weise, wie für
die Noten nötig oder unnötig ist. Wir sehen, wie
man alte Traditionen auf einem so verstandes-
mäßig zu erfassenden Gebiet aufrecht erhält. Daß
man übrigens ohne Gesetz über die Notendeckung
das Auslangen finden kann, beweist die Bank von
Frankreich. Das Notendeckungsgesetz hilft bei
uns im allgemeinen nur der Bank, wenn sie eine
Verweigerung der Notenemission begründen
will. Lange Zeit bestand in Oesterreich-Ungarn
sogar die Bestimmung, daß die österreichich-
ungarische Bank überhaupt nur eine bestimmte
Menge Noten über den Metallschatz hinaus
emittieren dürfe. Da dies doch zu großen
Schwierigkeiten führte, traf man die Bestimmung,
daß die österreichisch - ungarische Bank
600,000.000 K über den Metallschatz hinaus ohne-
weiters emitieren dürfe, wenn damit aber die
2/,-Deckung noch nicht erschöpft ist, auch noch
mehr, jedoch nur gegen eine Steuer von 5%' Der
ursprüngliche Gedanke war der, daß auf diese
Weise die Bank nur dann einen Anreiz fühlen
würde, diese Summe, das sogenannte steuerfreie
Notenkontingent zu überschreiten, wenn der Zins-
fuß über 5% betragen sollte. Denn wenn bei der
Diskontierung die Bank etwa 4% verdient, aber
5°/0 Notensteuer zahlen muß, erleidet sie ja einen
Verlust. Ein Diskontsatz, der 5% übersteigt, er-
schien als das Zeichen wirklich begründeter Geld-
knappheit, welche eine Mehremission von Noten
rechtfertigen dürfte. Es hat sich inzwischen ge-
zeigt, daß die Notenbank im Interesse der Handels-

welt mehrfach genötigt war, besteuerte Noten
auszugeben, ohne daß der Diskontsatz 5°/0 er-
reicht hätte.

Wenn man so die Zufälligkeit sieht, welche
der V3- oder 2/5-Deckung anhaftet, wobei man
sich noch überdies darüber klar sein muß, daß
diese sogenannte Metalldeckung in Oesterreich-
Ungarn zum Teile aus metallischem Zeichengeld
besteht, so muß man sich fragen, ob nicht irgend
ein bedeutsamer Zusammenhang zwischen der
Metalldeckung und der zirkulierenden Notenmenge
besteht. Am meisten dürfte noch folgende Ueber-
legung die Klärung dieser Frage fördern. Wenn
viele Noten zirkulieren, dann ist die Wahrschein-
lichkeit groß, daß Leute Devisen kaufen wollen,
weshalb ein Gold- oder Devisenvorrat bereit ge-
halten werden muß. Man sieht, daß nicht die
Notenmenge an sich einen Bestand an Auslands-
zahlungsmitteln notwendig macht, sondern jener
Teil der Notenmenge, welchsr zur Beschaffung
von Devisen dient. Ob aber viel oder wenig
Devisen angeschafft werden, hängt vom Außen-
handel ab. Und ob es zu Goldexporten kommt,
die dazu dienen, um Devisen herbeizuschaffen,
das hängt wieder davon ab, ob die Zahlungs-
bilanz eines Landes aktiv oder passiv ist. Die
Zahlungsbilanz wieder ist im allgemeinen in erster
Reihe durch die Handelsbilanz bestimmt. Wir
können daher eher eine Beziehung zwischen der
Handelsbilanz und der Golddeckung aufstellen.
Wir sehen daraus auch, daß die Metalldeckung,
soweit sie aus metallischem Zeichengeld besteht —
in Oesterreich-Ungarn aus Silbergulden und Teil-
münzen der Kronenwährung — nicht mit der
Golddeckung zu einem Ganzen vereinigt werden
kann, wie dies so oft geschieht. Das metallische
Zeichengeld hat eher den Charakter von Noten
und es würde manches dafür sprechen, die
Zirkulation von metallischem Zeichengeld ebenso
wie jene von papierenem Zeichengeld zu be-
handeln.

Wird mobilisiert oder beginnt der Krieg, so
benötigt der Staat, wie wir schon erwähnten,
große Mengen an Goldgeld. Dies ist am meisten
der Fall, wenn es sich um einen Krieg mittleren
Umfanges handelt, in dem die neutralen Mächte
Waren zu liefern vermögen. In einem Weltkrieg
hat das Gold wahrscheinlich geringere Bedeutung,
weil ja eine Beschaffung von Waren aus neutralen
Gebieten nicht möglich ist, falls es überhaupt
Mächte geben sollte, die sich in einem Weltkrieg I
neutral verhalten. Um das Gold und die Gold-
devisen dem Staate zu reservieren, werden die
Notenbanken wohl alle Mittel anwenden, um die
Gold- und Golddevisenabgaben möglichst zu
restringieren. Wo die Barzahlung besteht, wird
sie im Kriegsfall meist aufgehoben werden. Dies
war z. B. in Bulgarien der Fall, teilweise auch in
Serbien, wo die Einlösung der Geldnoten nicht
wie bisher in Gold erfolgte, sondern nur zu
drei Vierteln in Gold, zu einem Viertel in
        <pb n="41" />
        ﻿11

Tabelle XVI.

Spezialisierte Bilanz der österreichisch-ungarischen Bank am 31.				Dezember 1913	
Aktiva	Kronen	Kronen	Passiva	Kronen	Kronen
Metallschatz  Goldmünzen der Kronen- währung, dann Gold in Barren, in ausländischen und Handelsmünzen, das Kilo fein zu K 3278'— gerechnet: Landesgoldmünzen  K  Oo/d in Barren  K  Valuten  K  Handelsmünzen  K  Goldwechsel auf aus- wärtige Plätze:  Englische: £ 700.000"- Deutsche:  Mk. 35,027.397-26 Silberkurant- und Teil- münzen :  Si/bergulden: Teilmünzen: Eskomptierte Wechsel, Warrants und Effekten:  Wechsel	  Warrants	  Effekten	  Darlehen geg. Handpfand Eingelöste verfallene Ef- fekten und Kupons . . Staatsverwaltung der im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder Hypothekardarlehen .	.  Börsenmäßig angekaufte Pfandbriefe der Bank . Anlagen des Reservefonds und zwar:  in zinstragenden Wert- papieren 	  in anderen Effekten. . in diskontierten Wech- seln u. sonst. Anlagen Anlage des Pensionsfonds Gebäude und fundus in-  structus	  Andere Aktiva und zwar: Devisen der bankmäßi- gen Deckung und aus- ländische Noten . .	.  Rest der Devisen . . . Auslandsguthaben .	.  Verliehene Devisen und Forderungen .... Verliehene Valuten . Guthaben bei beiden Postsparkassen .	.	.  Saldo der Nebenstellen- verrechnung .... Vorschüsse auf zur Dis- kontierung genehmigte  Wechsel	  Im Lizitationswege er- worbene Realitäten . Vorausbezahlte Gehäl- ter und Vorschüsse an Beamte und Angestellte Vorschüsse bei Goldim-  P orten	  Schwebende Posten . . Diverse		1.240,972.547-45  60 000.000--  261,544.984-33	1.562,517.531-78  925,998.292-51 310,618.800 -  86.945-56  60,000.000-—  299,885.31043  2,615.440-50  5,156.804-31  12,878.420-40  46,838.408-45  86,864.941-87	Aktienkapital	  Reservefonds und zwar: Stand am  Zuwachs vor der Ge- winnverteilung u. zwar: Verjährte Dividenden: Kursgewinne an börsen- mäßig angek. Pfand- briefen und Reserve- fondseffekten .... Einberufene nicht ein- gelöste Banknoten zu  10 Gulden	  Anteil der Reservefonds nach Gewinnverteilung: Umlauf vom Banknoten: Sofort rückzahlbare frem- de Gelder und zwar: Giroguthaben:  Der Privaten  K  Der Regierungen  K  Sonstige Guthaben und Forderungen:  Aus d. Kommissionsge- schäft K  Aus d. Inkassogeschäft K  Aus d. Depositengesch.  K  Ausd. Bankanweisungs- geschätt K  Barerläge K  Sonst.Forderung, d. Re- gierungen K  Verloste, noch nicht ein- gel. fäll Pfandbriefe . . Unbeh. Pfandbriefzinsen Unbeh. Aktiendividenden Pfandbriefe im Umlauf . In das Abschlußjahr ge- hörige noch nicht fällige Zinsen der Pfandbriefe . Pensionsfonds u. zwar: Stand am  Zuwachs vor der Ge- winnverteilung durch Kursgewinne an Pen- sionston dseffekten . . Anteil d. Pensionsfonds nach Gewinnverteilung Sonstige Passiva:  Noch nicht bezahlte  Notensteuer	  Befristete bezahlte Gold- guthaben d. Regierungen Schwebende u. transi- torische Posten .	.	.  Diverse	  Ueberträge a. d. laufend. Erträgnissen u. d. Ein- gängen auf Verzinsung d. Pfandbriefe i. Jahre 1914 Gewinnvortrag vom Vor- jahr und Reinerträgnis im Jahre 1913 .... Hievon verwendet als: Abschlagsdividende . . Anteil des Reservefonds »	» Pensionsfonds  » der Staatsverwal- tungen 		168,403.740-38  18,704.128 11  388.600'— 44.208'— 75.897-—  46,286.893 —  31,120.419-26	210,000.000--  32,159.903 13 2.493,641.100 —  187,616.573-49  231,349.000'-  2,932.750'-  13,636.060-52  61,490 827-91  5,468.20702  15,166.473-74
		3.313,460.895-81			3.313,460.895 81
        <pb n="42" />
        ﻿12

silbernem Zeichengeld. Was soll es für einen Sinn
haben, die Barzahlung, wo sie besteht, um jeden
Preis aufrecht zu erhalten, wie manche Vor-
schlägen? Als 1848 die österreichische National-
bank, die Vorgängerin der österreichisch-unga-
rischen Bank von einem Run heimgesucht wurde,
hat sie die Barzahlungen so lange aufrecht er-
halten, als sie konnte. Sie stellte sie ein, als sie
fast kein Geld mehr in ihren Kassen hatte.

Der Effekt dieser Bereitwilligkeit zur Bar-
zahlung war keine Erhöhung, sondern schließlich
eine Erschütterung des Prestiges. Da die Regie-
rung aber Geld brauchte, um die Truppen in
Italien zu versorgen, mußte das Silber mit großen
Kosten wieder — zum Teil aus dem Auslande—
zurückgekauft werden. Viel zweckmäßiger verfuhr
die Bank von Frankreich, welche im deutsch-
französischen Krieg die Barzahlungen zu einer
Zeit einstellte, als die Noten zu 2/;i metallisch
gedeckt waren. Noch weiter ging die bulgarische
Regierung während des Balkankrieges, indem sie
überhaupt jeden Goldexport unmöglich machte.
Sie verhinderte z. B. auch Zahlungen ans Aus-
land mit der Post. Wollte jemand ins Ausland
verreisen und benötigte dringend Bargeld, so er-
hielt er ein mäßiges Quantum von der National-
bank ausbezahlt, wenn er durch seinen Paß und
andere Dokumente seinen Zweck beweisen
konnte. Hingegen erhielten Lieferanten von Kriegs-
material Gold- und Golddevisen jederzeit anstands-
los ausgefolgt.

Wir sehen, welche Bedeutung im Falle eines
Krieges von mittlerer Ausdehnung die Gold- und
Golddevisenbestände der Notenbank haben. Ich
will an Hand der Bilanz der österreichisch-unga-
rischen Bank die für Kriegszwecke wichtigen
Posten der Reihe nach besprechen. In Tabelle XVI
ist eine ergänzte Bilanz der österreichisch-unga-
rischen Bank veröffentlicht. Die in schiefer Schrift
eingefügten Postentitel sind entweder an anderer
Stelle von der Notenbank selbst veröffentlicht
worden, oder aber sie beruhen auf Vermutungen,
die sich auf die Geschäfte der Bank stützen.

Beginnen wir mit dem Metallschatz. Wie ich
schon mehrfach betonte, muß man den Goldschatz
von jenem Schatz trennen, der nur aus Zeichen-
geld besteht, ln traditioneller Weise bildet die
Bankbilanz noch immer die Summe beider. Außer-
dem finden wir im Metallschatz auch Devisen
verzeichnet. Sie werden nur juristisch dem Metall-
schatz zugezählt, sie gehören mit den übrigen
Devisen zusammen in den Posten «Andere Aktiven».
Würde man aber die Meinung vertreten, die De-
visen seien überhaupt dem Metallschatz zuzu-
zählen, so müßten alle Devisen in den Metall-
schatz eingerechnet sein, nicht nur 60 Mil-
lionen. Diese 60,000.000 werden nämlich auf
Grund des Bankstatuts regelmäßig dem Metall-
schatz zugerechnet. Was bedeutet dies? Die
Deckung der Noten ist mit 2/ä festgesetzt. Sie
wurde aber einmal etwas verringert, indem man
60 Millionen Devisen als Gold rechnete, um

die Notenemission nicht einstellen zu müssen.
Man hätte korrekterweise die Bestimmungen fol-
gendermaßen formulieren müssen: Die Deckung
der österreichischisch ungarischen Bank beträgt
zu mindestens % der umlaufenden Notenmengen,
verringert um 60,000.000. Die bankmäßige Deckung,
besteht dafür aus a/s der Notenmenge, vermehrt
um 60,000.000 aus Wechsel und Devisen. Von
dieser bankmäßigen Deckung muß aber, im Falle
die Metalldeckung weniger als a/5 beträgt, dies
weniger, welches 60,000.000 nicht übersteigen
darf, aus Devisen bestehen. Wir sehen, daß der
Goldschatz aus Gold in gemünztem und unge-
münztem Zustande besteht. Alles Gold, das nicht
österreichische oder ungarische Prägung aufweist,
wird nach dem Kilogramm in die Bilanz gestellt
und zwar das Kilogramm zu 3278 Kronen, da ja
die Prägegebühr für die österreichisch-ungarische
Bank, wie wir oben erwähnt haben, 2 Kronen
beträgt. Unter den Devisen sehen wir englische
und deutsche ausgewiesen.

Diese Devisentypen sind auch im Posten
«Andere Aktiven» vorwiegend vertreten. Früher
spielten auch die französischen eine große Rolle.
Sie sind heute weniger beliebt, weil sie weniger
tragen, dann aber auch, weil die Bank von Frank-
reich mit der Goldabgabe Schwierigkeiten macht.
Uebrigens ist im Kriegsfall der Besitz von Devisen,
die in einem Ort zahlbar gestellt sind, der im
Gebiet einer kriegführenden Partei liegt, keines-
wegs immer mit Sicherheit zur Goldbeschaffung
verwendbar. Der Vorschlag, Oesterreich-Ungarn
möge möglichst viele Devisen der Tripleentente
ansammeln, um im Kriegsfall deren Börsen zu
stören, ist nicht ohneweiters realisierbar, da im
Kriegsfall wohl auch die Tripleentente ein
Moratorium erlassen dürfte, ganz abgesehen
davon, daß es noch viele andere Mittel und Wege
gibt, um die Bezahlung von Wechselsummen
hinauszuschieben. Während des Deutsch-französi-
schen Krieges sank auf ein paar Tage der Kurs
der englischen Devisen in Berlin rapid, weil die
Befürchtung auftauchte, England könnte inter-
venieren und dann die Bezahlung der Devisen
verhindern. Vielleicht wird England im Interesse
seines internationalen Kredites auch an den Feind
Gold abgeben, wenn er englische Devisen präsen-
tiert, aber sicher ist das keineswegs. Jedenfalls
wäre es verfehlt, damit zu rechnen. Der Posten
«Darlehen gegen Handpfand» hat insoferne größeres
kriegswirtschaftliches Interesse, als sich unter den
Pfandobjekten auch Gold befinden kann. Devisen
könnten gelegentlich einmal sich auch unter den
Anlagen des Reservefonds verstecken, der Haupt-
teil befindet sich aber im Posten «Andere Aktiven»,
dessen Schwankungen in erster Reihe mit der
Devisenpolitik Zusammenhängen. Man kann aus
den Veränderungen dieses Postens mancherlei ab-
lesen. Um ein einfaches Beispiel zu erwähnen.
Wenn z. B. der Posten «Andere Aktiven» um
5 Millionen anwächst, der Posten «Goldschatz»
aber um 5 Millionen fällt, dann dürfte dies wohl
        <pb n="43" />
        ﻿— 13

darauf zurückzuführen sein, daß die Bank Gold
exportierte und dafür Devisen erhielt. Die Bank
kann aber auch Auslandsguthaben erworben
haben, über die sie dann mit Hilfe von Schecks
zu disponieren vermag. Die serbische National-
bank hat zu Beginn des Balkankrieges erhebliche
Bestände an Auslandsguthaben in Paris besessen,
die einen Anleiherest repräsentierten. Während
des Krieges konnte die Regierung über diese Be-
stände disponieren.

Unter den Passiven interessieren uns vor
allem die Regierungsguthaben. Sie können aus
der Bilanz der österreichisch-ungarischen Bank
nicht einmal annähernd erschlossen werden, da
sie sich auf viele Posten verteilen. Unter den
Giroguthaben befinden sich Gelderder Regierungen,
aber auch unter den sonstigen Guthaben und
Forderungen. Hieher gehören z. B. solche Gelder,
welche bereits angewiesen, aber noch nicht behoben
wurden. Die Regierungen haben auch verzinsliche
Goldguthaben liegen.

Darunter befinden sich auch jene Gelder
welche die österreichisch-ungarische Bank durch
Verkauf von Zollgoldanweisungen einnimmt. Nomi-
nell wird der Zoll immer mit Gold bezahlt. Die
Bank gibt aber Zollgoldanweisungen, welche die
Regierung ebenso wie Gold annimmt, al pari auch
gegen alle Geldsorten (Noten, Silbergulden usw.)
ab, die in Oesterreich-Ungarn gesetzliche Zahl-
kraft haben. Der Regierung werden aber nicht
diese Zeichengeldsorten gutgeschrieben, die ein-
laufen, sondern entsprechende Goldmengen.

Im Kriegsfall kann die Bank auf Grund ihres
Statuts der Regierung solange Gold und Gold-
devisen abgeben, bis der Notenumlauf zu 2/s mit
Metall und zu 3/s mit Wechseln und Lombard-
forderungen gedeckt erscheint. Soweit die Bank
der Regierung Noten gibt, muß sie immer auch
für einen entsprechenden Metallschatz sorgen.
Sie kann aber der Regierung auch dann noch
reiche Mittel ohne Verletzung der Statuten zur
Verfügung stellen, wenn der Metallschatz nicht
vergrößert werden kann und die Deckungsgrenze
bereits erreicht ist, wenn sie nämlich das Giro-
konto entsprechend vergrößert. Die Regierung
zahlt z. B. Noten ein und läßt sich den Betrag
gutschreiben. In diesem Fall ist durch das Bank-
statut keine Grenze festgesetzt, weil sich die
Deckungsvorschrift nur auf das Notengeld, nicht
aber auf das Girogeld bezieht. Es sind zwar tat-
sächlich beide Geldsorten einander prinzipiell gleich
und die Emission von Notengeld und Girogeld
hat ungefähr dieselbe Bedeutung, aber unser Bank-
statut macht diesen Unterschied. Wenn auch die
juristische Korrektheit nicht das Entscheidende im
Kriegsfall sein dürfte, so ist es doch meist erwünscht,
Wenn man im Kriegsfall unter Beobachtung der
.gesetzlichen Bestimmungen dennoch die Zeichen-
geldemission erhöhen kann, wenn das Noten-
ernissionsrecht bereits erschöpft ist.

3.	Anleihen.

Wenn ein Staat Weltgeld mit Hilfe von An-
leihen beschaffen will, hat er zwei Möglichkeiten;
er kann die Anleihe im Inlande oder im Auslande
aufnehmen. Die im Auslande aufgenommene An-
leihe kann er entweder im Inlande oder im Aus-
lande verausgaben.

Daß ein Staat bei Aufnahme einer Inlands-
anleihe viel Weltgeld in Form von Münzen oder
rohem Golde erhalten dürfte, ist sehr unwahr-
scheinlich. Die Versuche in Kriegszeiten, das in
der Bevölkerung vorhandene Gold aufzusaugen,
sind meist gescheitert. Es wäre ja denkbar, daß
der Staat im Inlande Schatzscheine emittiert, die
nur gegen Gold abgegeben werden, aber erreichen
dürfte er damit wenig.

Anders steht es dagegen mit Ausländsan-
leihen. Sie liefern Gold, Devisen und Auslands-
guthaben. Das von Ausländsanleihen gelieferte
Gold wird heute in Oesterreich-Ungarn im all-
gemeinen nicht dem Verkehr übergeben, sondern
der österreichisch-ungarischen Bank. Die Devisen
und Auslandsguthaben fließen zum Teil auf Um-
wegen den inländischen Kaufleuten, Industriellen
und Agrariern zu, die mit ihrer Hilfe z. B. Roh-
stoffe und Maschinen importieren können. Mit
Hilfe einer Ausländsanleihe beschaffte sich seiner- *
zeit Oesterreich-Ungarn Gold, um die Goldwährung
einführen zu können.

im letzten Jahrzehnt dienen Ausländs-
anleihen immer häufiger dazu, um Waren
im Auslande zu beschaffen. Dies gilt insbesondere
von Anleihen, welche die militärischen Rüstungen
kleinerer Staaten zu fördern bestimmt sind.
Serbien z. B. erhielt von Frankreich Geld unter
der Bedingung, daß Schneider-Creuzot Bestellung
zugewiesen bekomme. Der Gläubigerstaat kredi-
tiert so eigentlich Waren und erhält Geld zu-
rück. Die Anleihe dient so indirekt dem Gläu-
bigerstaat dazu, die eigene Industrie zu heben.
Die des Schuldnerstaates kann darunter
leiden. Diese Beobachtung hat man be-
reits im Zeitalter der Napoleonischen Kriege
gemacht, als England die Subsidien an die Kon-
tinentalstaaten in Waren zahlte. Durch die Mengen
von Kanonen, Gewehren, Patronen, Pulver usw.,
die so auf den Kontinent geschickt wurden, litt
die kontinentale Kriegsmittelfabrikation. Wenn
man die Anleihen in demselben Lande ausgibt,
in dem man sie aufgenommen hat, ändert sich
durch die Anleihenaufnahme der Zinsfuß nicht
wesentlich. Die Gelder, welche ein I eil der
Bürger dem fremden Staat zur Verfügung stellt,
werden von diesem Staate anderen Bürgern
wieder ausbezahlt. Damit aber in dem Zeitraum
zwischen der Anleihenaufnahme und der Ausgabe
der eingenommenen Gelder keine Zinsfußerhöhung
eintritt, kann der Schuldnerstaat — was zum
Beispiel Rußland in Frankreich getan hat — die
Gelder in einer Bank anlegen, welche dieselben
sofort kurzfristig zu verleihen vermag.
        <pb n="44" />
        ﻿14

Wir sehen aus dem Bisherigen, daß die Aus-
ländsanleihen entweder das Gold oder die De-
visen der Notenbank des Schuldnerstaates zu-
führen, oder den Industriellen, Agrariern etc. des
Schuldnerstaates, um ihnen die Beschaffung aus-
wärtiger Waren zu ermöglichen oder schließlich
Ausländern. Dabei kann auch der Fall Vorkommen,
daß Gelder, welche in Frankreich bezogen wurden,
in England zu Zahlungen dienen. Dies würde
dem Zinsfuß in Paris eine steigende, in London
eine sinkende Tendenz geben. Das insbesondere
von Rußland während des russisch-japanischen
Krieges »befolgte Prinzip, Ausländsanleihen zu
Auslandszahlungen zu verwenden, war bereits
dem 18. Jahrhundert bekannt. Struensee, ein
Minister Friedrich des Großen, schreibt z. B.*:

«Zuletzt bleibt kein ander Hilfsmittel, als
eine auswärtige Anleihe nach richtigen Grund-
sätzen zu unternehmen. Es wäre also immer un-
schädlicher und mit geringerem Verluste ver-
bunden gewesen, wenn man sogleich das Geld
zu den erforderlichen Ausgaben in der Fremde
aufgenommen hätte. Alsdann wäre wenigstens
der Verlust aus dem nachteiligen Wechselpreise
ganz weggefallen. . . . Jeder sieht sogleich ein,
daß man in der Fremde nur mit dem Gelde der
t Welt, nicht mit Landesmünze bezahlen kann. In
der Welt gibt es aber gar kein ander Geld als
Gold und Silber, wogegen die Landesmünze ohne
allen Nachteil Papier sein kann.»

Wenn ein Staat in einem anderen eine An-
leihe aufnimmt, so sind die Gläubiger Bankiers
oder sonstige Privatleute; dennoch muß mit der
Regierung dieser Geldgeber verhandelt werden,
weil Anleihen als ein Politikum angesehen
werden. Die Regierung kann dabei intervenieren,
indem sie auf die Bankiers einwirkt, sie kann
aber auch der Anleihe die Notierung an der
Börse verweigern, was den Absatz überaus redu-
ziert. Wie solche Verhandlungen durchgeführt
werden, konnten wir in der letzten Zeit mehr-
fach beobachten. Ich erinnere nur daran, wie
der ungarischen Anleihe der Pariser Markt
verschlossen wurde, weil man in Frankreich
die Rüstungen des Dreibundes nicht, unterstützen
wollte. Bekannt sind auch die Verhandlungen
welche China wegen derFünfmächteanleihe führen
mußte, bei denen die Politik keine geringe Rolle
spielte. Die Geldmärkte sind nicht frei miteinander
kommunizierende Gefäße, wie man sich das zu-
weilen denkt. Es kann ganz gut in einem Lande
der Zinsfuß hoch, im anderen niedrig sein, und
dennoch strömt das Geld nicht in entsprechender
Menge vom Markte mit niedrigem Zinsfuß zum
Markte mit hohem Zinsfuß hin, wenn die poli-
tische Spannung zwischen den beiden Ländern
erheblich ist. Der Zinsfuß kann z. B. hoch sein,

* Struensee. Abhandlungen über wichtige Gegen-
stände der Staatswirtschaft. I. Bd. S. 423. «Lieber die
Mittel eines Staates bei außerordentlichen Bedürfnissen,
besonders in Kriegszeiten, Geld zu erhalten.»

weil der Gläubigerstaat dem kreditsuchenden
Staat nicht entgegenkommen will. Umgekehrt
kann ein Staat Geld billig bekommen, weil der
Gläubigerstaat dessen Absichten fördern will. Der
Gläubigerstaat kann sich dabei gewisse Rechte
ausbedingen, die politisch von größter Bedeutung
sind. Es kommt übrigens nicht nur auf die Rechte
an, sondern auch auf mannigfache tatsächliche
Beziehungen. Der Dreibund entstand zum Teil,
weil Bismarck die Entstehung eines französisch-
russischen Bündnisses voraussah. Das Ergebnis
des französisch-russischen Bündnisses war, daß
Rußland vom deutschen Markte erheblich unab-
hängig wurde. Rußland hat eine Art Anleihenallianz
geschlossen. Dafür haben sich die Franzosen
mehrfach um russische innere Angelegenheiten ge-
kümmert, insbesondere haben sie die militärischen
Vorkehrungen gegen Deutschland und Oesterreich-
Ungarn einer Inspektion unterworfen. Hat doch
Rußland einen Teil der Anleihen nur deshalb zu
günstigen Bedingungen bekommen, weil Frank-
reich durch die Kreditgewährung gewissermaßen
gegen Deutschland rüstet. Ebenso, wie der be-
freundete Staat die Aufnahme einer Anleihe fördert,
ebenso erschwert sie der politisch abgeneigte.
Als Rußland 1906 in Deutschland eine Anleihe
aufnehmen wollte, erklärte die deutsche Regierung
dem Berliner Bankhaus, welches die Sache
machen sollte, daß sie diese Anleihe nicht für
angezeigt halte. Als aber bekannt wurde, daß
einige Banken durch Strohmänner und auf Um-
wegen an der russischen Anleihe partizipieren
wollten, die in Frankreich aufgenommen wurde,
da setzte die deutsche Regierung ihre Autorität
dafür ein, daß dies unterblieb. Die Banken sind
in mehr als einer Richtung von den Regierungenab-
hängig, so daß sie einen Wunsch derselben, wenn
er mit genügendem Nachdruck vorgebracht wird,
zu respektieren pflegen.

Wir sehen, daß die Regierungen in erheb-
lichem Ausmaß die Geld- und Kreditbewegungen
beeinflussen können. Man darf aber diese Beein-
flussungsmöglichkeit wieder nicht überschätzen.
So wurde z. B. der russisch-japanische Krieg von
russischer Seite zum Teil mit japanischem Gelde
geführt. Die Japaner hatten eine Schuld an die
Vereinigten Staaten abzuzahlen. Die Vereinigten
Staaten dagegen hatten an Frankreich eine Quote
zu zahlen, die aus der Uebernahme des Panama-
kanals herrührte. Als diese Gelder in Paris an-
kamen, wurde eben die russische Anleihe bege-
ben, die so einen günstigen Absatz fand. Es wäre
sehr lehrreich, die Möglichkeiten übersichtlich
zusammenzustellen, welche einem Staat zur Ver-
fügung stehen, um den Kreditmarkt zu beein-
flussen. Wir haben erwähnt, daß ein Staat seine
Bürger verhindern kann, einem anderen Staat etwas
zu leihen. Es kann auch der umgekehrte Fall Vor-
kommen. Der Staat kann seine Bürger verhin-
dern, aus dem Auslande in irgend einer Form
Geld für Betriebe hereinzubringen. In den Neun-
zigerjahren des XIX. Jahrhunderts verbot die
        <pb n="45" />
        ﻿15

apanische Regieruug, daß Aktien von Eisenbahnen,
Banken und industriellen Unternehmungen von
Ausländern erworben würden. Man wollte offen-
bar verhindern, daß die inländischen Unterneh-
mungen in fremde Abhängigkeit geraten. Aehn-
liches kann auch bei Schuldenaufnahmen Vor-
kommen. Wir sehen, daß die Regierungen heute
dahin tendieren, die Kreditverhältnisse entscheidend
zu beeinflussen.

Da Anleihen auf lange Zeiträume aufgenom-
men werden, ist das Risiko nicht gering. Ganz
abgesehen von der wechselnden Zahlungsfähig-
keit eines Staates, ändert sich der Zinsfuß und
die Kaufkraft des Geldes in längeren Zeiträumen
recht erheblich. Ist das Risiko groß, so muß die
Regierung meist eine höhere Verzinsung bewil-
ligen. Sie kann aber den Absatz der Anleihe auch
durch Privilegien erleichtern, indem sie z. B. verfügt,
daß bei Kautionen die Anleihen zum Nominale an-
genommen werden, oder daß bestimmte Gelder
ganz oder zum Teil in Renten angelegt werden
müssen. Freilich wird auf diese Weise der Industrie
und Landwirtschaft nicht selten Geld entzogen.

Wenn die Regierung eine Anleihe emittiert
hat, ist sie zunächst am Kursstand der Anleihen
nicht immer interessiert, am meisten dann, wenn
sie neue Anleihen beabsichtigt. Es kommt nicht
selten vor, daß sie Banken beauftragt, den Kurs
der Anleihen zu halten. Dies geschah z. B. wäh-
rend des russisch-japanischen Krieges seitens
Rußlands. Die russischen Renten waren zuweilen
geringeren Kursschwankungen ausgesetzt, als die
Renten anderer Staaten, weil einige Bankhäuser
intervenierten. Man könnte nun meinen, daß dies
Kurshalten keinen Gewinn bringe, da doch der
Kurs nur dadurch gehalten werde, daß man die
Renten selbst zu einem höheren Kurse kauft. Dies
ist aber deshalb nicht richtig, weil ja eine relativ
geringe Quantität von aufgekauften Renten häufig
ausreicht, den Kurs der übrigen zu stützen. Sehen
die Rentenbesitzer, daß sich der Kurs hält, so
verzichten sie auf die Veräußerung der Renten,
während ein geringes Sinken des Kurses oft
rasche Kursstürze zur Folge hat, wenn überhaupt
einmal Mißtrauen auf dem Markte Platz gegriffen
hat. Einige, die das Sinken der Kurse beobachten,
verkaufen rasch, um nicht noch mehr zu verlieren.
Durch diese Verkäufe selbst wird der Kurs weiter
sinken, was wieder neue Verkäufe zur Folge hat.
Umgekehrt treibt das Publikum zuweilen auch
die Kurse in die Flöhe.

Wir sehen schon aus diesen flüchtigen Be-
merkungen, daß man aus der Tatsache der Kurs-
veränderung nur wenig schließen kann, ebenso-
wenig aus der Höhe des Zinsfußes, mit dem ein
Staat seine Anleihen ausstatten muß, um Geld
zu bekommen. Wenn der Rentenkurs niedrig ist,
so glauben viele, daß dies nur daraus zu erklären
sei, daß der Kredit des Staates unterhöhlt ist und
die Zeiten schlecht sind. Dies ist manchmal
richtig, aber keineswegs immer. Der Kurs der
Renten kann gerade deshalb niedrig stehen, weil

ein allgemeines Blühen und Gedeihen einsetzt
welches den Industriellen große Gewinne sichert.
Nehmen wir an, im ersten Zeitpunkt in Tabelle
XVII trage die Staatsrente 4 K jährlich, der Zins-
fuß, zu dem Einlagen verzinst werden, sei mit
4% angesetzt. Das heißt 100 K tragen mir in der
Bank ebensoviel, wie eine Staatsrente; wenn ich
nun mein Geld ebenso gerne in Staatsrenten, wie
als Einlage verzinse, so werde ich eine Staats-
rente, die mir 4 Kronen trägt mit 100 Kronen
zu kaufen bereit sein. Nun steige die Ver-
zinsung in der Bank auf 8 %, die Gründe
können verschiedene sein. Es kann dies damit
Zusammenhängen, daß man sehr schwer Geld be-
kommt, aber möglicherweise auch damit, daß die
Dividenden der Aktiengesellschaften im Steigen
begriffen sind. Die Banken müßten fürchten, ihre
Einleger zu verlieren, da sie ihr Geld lieber zum
Aktienankauf verwenden, als es in die Bank zu
legen, falls der Zinsfuß nicht in die Höhe geht
und dazu anreizt, Geld in die Bank zu tragen.
Die Banken können aber in solchen Zeiten wieder
höhere Zinsen ihren Einlegern Zusagen, weil sie
ja selbst Aktien kaufen und daher an den er-
höhten Gewinnen partizipieren. Dies Steigen des
Zinsfußes, das mit einem Gedeihen der Industrie
zusammenfällt, bewirkt sofort ein Fallen des
Rentenkurses auf die Hälfte. Ein Papier, das mir
4 Kronen trägt, würde ich nur mit 50 Kronen be-
zahlen, wenn ich in der Bank für 100 Kronen
8 Kronen Zinsen bekomme. Wir sehen an diesem
Beispiel, daß zuweilen ein niedriger Rentenkurs
eine Folge allgemeinen Aufschwunges sein kann.
Umgekehrt wie der steigende Zinsfuß, wirkt der
fallende Zinsfuß. Der fallende Zinsfuß selbst kann
wieder verschiedene Ursachen haben. Er kann auf
eine abnehmende Geldknappheit hinweisen, aber
auch auf ein Stagnieren in den Unternehmungen,
die sich nur niedrig verzinsen.

Tabelle XVII.

Abhängigkeit der Rentenkurse vom Zinsfuß

Zeit-  punkt	Staatsrente  trägt  jährlich	Einlagen-  zinsfuß	Kurs  der  Staatsrente
t,	4 K	4°/o	100 K
*2	4 K	8°/0	50 K
t3	4 K	2°/0	200 K

Wir müssen uns eben in allen solchen Fällen
vor allzu schnellen Urteilen hüten.

Das gilt insbesondere auch von der Höhe
des Zinsfußes. Der hohe Zinsfuß kann auf
große Dividenden hindeuten, er kann aber auch
der Ausdruck äußersten Mißtrauens sein. Nehmen
        <pb n="46" />
        ﻿16

wir z. B. an, ein Kaufmann leihe fünf anderen,
wie wir dies in Tabelle XVIII. im Fall I andeuten,
je 100 K, jeder zahlt ihm das Geld mit 4°/0
Zinsen zurück. Der Kaufmann leiht zu einer anderen
Zeit, im Falle II, wieder je 100 K her. Er weiß
aber, daß durchschnittlich jeder fünfte Schuldner
in Konkurs geht. Will er nun eine 4°/0 ige Ver-
zinsung seines Kapitals erzielen, so muß er 30°/0
Zinsen verlangen. Diejenigen, welche dann nicht
Konkurs machen, zahlen gewissermaßen für den-
jenigen, der Konkurs macht, die Risikoprämie an
den Gläubiger, dessen Geld sich freilich nur mit
4°/0 verzinst. Wenn man daher aus dem Zinsfuß
etwas ablesen will, muß man immer den Zinsfuß
risikoloser Geschäfte ins Auge fassen, da derZins-
fuß bei gewöhnlichen Darlehen immer eine Risiko-
prämie von wechselnder Größe enthält. Solche

allzu großen Ertrag erzielen. Man wird sei
also praktisch wohl nur als Notbehelf betrachten
müssen.

VIII.	Organisation der unmittelbaren Realienbe-
schaffung.

Nachdem wir nun die Frage erörtert haben,
in welcher Weise der Staat sich Geldmittel be-
schaffen kann, um im Kriegsfall Realien zu kau-
fen, wollen wir jetzt auf die schon erwähnte
Möglichkeit übergehen, die Realien unmittelbar,
nicht auf dem Umweg durch Geldbeschaffung und
Kauf dem Staat zur Verfügung zu stellen. Wir
sehen auf den ersten Blick, daß die unmittelbare
Realienbeschaffung im Kriegsfall häufiger eine
Rolle spielen wird, als in Friedenszeiten. Wir

Tabelle XVIII.

Zinsfuß und Risikoprämie

		Schuldner					Im	Zinsfuß	
		A	B	C	D	E	ganzen	der  Schuldner	des  Gläubigers
Fall 1	Hergeliehene  Summe	100	100	100	100	100	500	■	4°/0	4°/0
	Zurückgezahlte  Summe	104	104	104	104	104	520		
Fall 11	Hergeliehene  Summe	100	100	100	100	100	500	'	30°/o	4°/0
	Zurückgezahlte  Summe	130	130	130	130	Konkurs	520		

Risikoprämien sind oft auch in den Zinsen ent-
halten, die ein Staat für seine Anleihen be-
willigen muß.

4.	Steuer.

Was eine Steuer anlangt, die Weltgeld be-
schaffen soll, so hat sie wohl ebensowenig Aus-
sicht auf besonderen Erfolg, wie eine Weltgeld-
anleihe im Inland. Wenn man die im Volke vor-
handenen Weltgeldmassen, vor allem Gold, das
zu Schmuck etc. verarbeitet ist, erhalten will, ist
man immer auf den guten Willen der Bevölkerung
angewiesen. In diesem Falle dürfte zuweilen die
Aufforderung zur freiwilligen Ablieferung des Edel-
metalls noch mehr Aussicht auf Erfolg haben-
Wir wissen, daß in den Freiheitskriegen Gold-
schmuck von allen Seiten herbeigebracht wurde:
«Gold gab ich für Eisen». Wir dürfen aber nie
vergessen, daß Leute, die bereit sind, sich im
Felde totschießen zu lassen, eventuell Schwierig-
keiten machen, wenn der Steuerbeamte Gold-
schmuck von ihnen verlangt. Selbst im günstigsten
Falle dürfte eine solche Goldsteuer nicht

müssen dabei die Requisitionen der Armee im
Operationsraum von jenen trennen, die außerhalb
des Operationsraumes zur Verpflegung der Armee
und der Zivilbevölkerung eventuell vorgenommen
werden.

Die Armee im Operationsraum wird heute im
allgemeinen bemüht sein, «vom Lande zu leben»,
ein Verfahren, das auch in früheren Perioden
schon gebräuchlich war, dann aber wieder abkam.
Die Napoleonischen Kriege haben dieser Me-
thode eigentlich erst wieder zur allgemeinen
Anerkennung verholfen. Dies «Leben vom Lande»
kann mit Hilfe des Kaufes oder aber mit Hilfe
der Requisition erfolgen. Da im Operationsraum
Produktion, Export und Import so gut wie ganz
stocken dürften, wird sich die Beschaffung von
Naturalien auf solche beschränken, die als Vor-
räte vorhanden sind. Die Requisition fügt sich dort
nicht einem normalen sozialen Leben ein.

Anders verhält es sich mit der unmittelbaren
Realienbeschaffung hinter der operierenden Armee.
Nehmen wir z. B. an, es werde in Rußland Krieg
geführt, aber in Ungarn zu diesem Zweck requi-
        <pb n="47" />
        ﻿17

riert. Die Requisition wird sich in diesem Falle
dem normalen sozialen Leben eingliedern und es
umgestalten. Nach einiger Zeit wird sich alles
dem Requirieren angepaßt haben. Wir müssen
die Requisition einer operierenden Armee, die im
allgemeinen auf soziale Gesichtspunkte schwer
Rücksicht nehmen kann und so gut wie aus-
schließlich die militärischen Zwecke im Auge
haben wird, von jener im Rücken der Armee
trennen, die sehr wohl auf die Wirkungen Rück-
sicht nehmen kann, welche die Requisition aus-
übt. Es kann z. B. eine bestimmte Quote der
Naturalien requiriert oder eine Art progressiver
Requisition eingeführt werden, derart, daß die Leute,
welche größere Magazine haben, eine größere
Quote herzugeben verpflichtet werden.

Es kann auch ein Minimalvorrat der Re-
quisition entzogen bleiben, kurzum es wäre
denkbar, daß man in den einer geordneten Ver-
waltung unterliegenden Landesteilen — seien sie
nun feindliche oder solche des eigenen Landes
•— eine Art Requisitionsordnung einführt, die der
Steuerordnung zu vergleichen wäre. Soweit gegen
Schein requiriert wird, wäre diese Requisition als
Naturalzwangsanleihe zu charakteri-
sieren. Im allgemeinen wird es verabsäumt, in
Friedenszeiten die eventuelle Requisitionsordnung
systematisch auszuarbeiten, so daß die Requisition
meist mehr Störungen erzeugt, als unbedingt
erforderlich ist. Obgleich man eine Requisitions-
lehre in ähnlicherWeise wie die Steuerlehre aus-
gestalten könnte, ist dies bis jetzt unterblieben.
Selbstverständlich müßte die theoretische Volks-
wirtschaftslehre, wenn sie vollständig ausgebaut
wäre, auch diese Dinge von vornherein in sich
enthalten, das heißt, die allgemeinen Sätze liefern,
die auf diesen konkreten Fall anwendbar sind,
aber sie ist zu einem solchen Grade der Allge-
meinheit noch nicht gelangt, sondern klammert
sich meist noch recht eng an Abstraktionen aus
bestimmten Friedenserscheinungen.

Wenn man die Lehre von der unmittelbaren
Realienbeschaffung ausbaut, muß man auch fest-
zustellen suchen, worin sich die unmittelbare
Realienbeschaffung von der Beschaffung durch
Kauf unterscheidet. Zunächst würde man wohl
den Unterschied darin erblicken, daß die requi-
rierten Güter in dem einen Fall mit in dem
anderen ohne Entschädigung den Leuten ab-
genommen werden, wenn man nicht bei der
Unmittelbaren Beschaffung Quittungen als Zahlung
gibt. Man kann aber Realien durch Kauf be-
schaffen und dennoch keine Entschädigung zahlen.
Dies ist dann der Fall, wenn man das Geld, mit
dem man die Waren kauft, vorher durch Kontri-
butionen beschafft hat. Ja man kann das so aus-
Segebene Geld nochmals mit Hilfe einer Kontri-
bution einheben und den Rest der Realien dafür
beschaffen. Wir sehen hier eine Analogie zur An-
•eihenzirkulation, die wir oben vorgeführt haben.
Wo dort von Anleihe gesprochen wird, haben wir

nun von Kontribution zu sprechen. Im allgemeinen
wird sich wohl die Sache so abspielen, daß man
den Städten die Kontributionen auferlegt und in
den Agrargebieten das so erhaltene Geld ausgibt,
aber es ist auch der Fall denkbar, daß man das
Geld dort ausgibt, wo man es requiriert hat. Esmüßte
eingehend untersucht werden, wie die unmittelbare
Requisition wirkt, wie die Güterbeschaffung durch
Kauf nach vorher vorgenommener Kontribution.
Vor allem liegen wesentliche psychologische Un-
terschiede vor. Im allgemeinen macht man wohl
die Beobachtung, daß bei einer Bevölkerung, die
sich einigermaßen neutral verhält, die Beschaffung
der Realien durch Geld viel für sich hat. Nur
nebenbei möchte ich darauf hinweisen, daß noch
ein ganz anderes Moment die Kontribution nahe-
legt. Die in Feindesland einmarschierende Armee
erhält Geldsorten mit, welche im eigenen Lande
zirkulationsfähig, der feindlichen Bevölkerung aber
unbekannt sind und daher vielfach nicht gerne
genommen werden. Die Kontribution liefert Landes-
geld, was die Naturalienbeschaffung sehr zu er-
leichtern pflegt. Natürlich wäre auch der Fall
denkbar, daß ein Armeekommando zwangsweise
einen Geldwechsel in großem Stile durchführt.
Mir ist nicht bekannt, ob so etwas je vorgekommen
ist, zweckmäßig könnte es unter Umständen wohl
sein. Insbesondere könnte durch die so beschafften
feindlichen Zahlungsmittel auch den eigenen Sol-
daten das einheimische Geld gegen feindliches
umgetauscht werden. Wie mir ein serbischer Ge-
währsmann mitteilte, pflegt nach einer Schlacht das
Konsumbedürfnis der Offiziere und der Mannschaft
ein gesteigertes zu sein. Nichts sei dem Manne
dann lästiger, als die Nötigung zu sparen; er will
sich, was ihn freut, beschaffen können. Nun kann
man natürlich durch eine Verordnung die Bevöl-
kerung zwingen, jede beliebige Geldsorte anzu-
nehmen, man riskiert aber damit einen Teil des
Vorteils, der eben darin besteht, daß man die ge-
wohnten Verkehrsformen möglichst aufrecht erhält.
Insbesondere dem einzelnen Mann, der sich irgend
welche Delikatessen oder sonstiges einkaufen will,
ist es sehr erwünscht, wenn er ohne Hin- und Wider-
rede erhalten kann, was er wünscht. Uebrigens
wurden ähnliche Beobachtungen auch in anderen
Kriegen gemacht Der Sinn für die Zukunft ist beim
Soldaten meist sehr herabgesetzt, der Augenblick
gilt ihm alles, und so besteht wohl einige Wahr-
scheinlichkeit dafür, daß die an die Truppen aus-
zuzahlenden Gebühren zum größten Teil konsu-
miert werden. Nur die von vornherein für die
Familien bestimmte Quote der Gebühren verbleibt
der Inlandszirkulation.

Diejenigen, welche mit Geldrückströmungen
aus dem Operationsraum rechnen, müßten diesem
Problem eingehende Aufmerksamkeit zuwenden.
Eine Form der Beschaffung ausländischen Geldes
bleibe übrigens nicht unerwähnt, zumal sie ge-
legentlich vorgekommen ist; der vorrückende
Staat kann feindliches Zeichengeld selbst erzeugen,
seien es nun Noten oder metallisches Zeichengeld.
        <pb n="48" />
        ﻿18

Napoleon hat z. B. ersteres gelegentlich mit Er-
folg getan. Wenn der vorrückende Staat z. B.
feindliches Silbergeld erzeugt, kann er den Zahlungs-
verkehr im Operationsraum sehr erleichtern. Wie
diese Handlungsweise staatsrechtlich aufzufassen
ist, kann man nicht ohneweiters entscheiden. Der
vorrückende Staat übt so in einem nur okku-
pierten aber noch nicht annektierten Gebiete die
Münzhoheit aus.

Es fragt sich nun, welche Umstände die
unmittelbare Naturalienbeschaffung in den im
Rücken der Armee befindlichen Gebieten nahelegen
können, sei es mit Hilfe einer Naturalien-
zwangsanleihe, oder mit Hilfe einer N a-
turaliensteuer. Denken wir uns z. B., daß
die Regierurg nicht imstande war, durch Anleihen
und Steuern entsprechende Geldmittel aufzubringen;
sie schreitet zu einer massenhaften Notenemission;
wir haben schon gesehen, daß auf diese Weise,
wenn nicht gleichzeitig eine Vermehrung der Pro-
duktion infolge der Notenvermehrung oder unab-
hängig davon stattfindet, eine Erhöhung der Preise
eintreten kann. Um zu den erhöhten Preisen den
weiteren Bedarf beschaffen zu können, muß die
Regierung immer größere Notenmengen emittieren,
falls die Steuerschraube versagt, was in Kriegs-
zeiten nichts Ungewöhnliches ist. Diese Preis-
steigerung tritt selbst dann ein, wenn die Pro-
duktion unverändert bleibt, um wie viel mehr
erst, wenn sie abnimmt, was z. B. im Falle eines
Weltkrieges das Wahrscheinlichere sein dürfte.

Wie die vermehrte Notenmenge immer wieder
die Preise erhöht und die Regierung zu immer
neuen Emissionen zwingt, wenn sie eine konstante
Quote der Produktion erlangen will, zeigt uns
Tabelle XIX, die der Tabelle XIII nachgebildet ist.
Wir sehen zunächst, wie die Bürger in den Zeit-
punkten 1 bis 4 miteinander Handel treiben, pro-
duzieren und konsumieren. Mit 30 Noten wird die
Zirkulation der drei Waren a, b, c bewirkt von
denen jede 10 Notenmengen kosten soll. Nun
will die Regierung die Hälfte der vorhandenen
Güter durch Notenemission in ihre Hand bekommen.
Sie erreicht das, wie wir wissen dadurch, daß sie
30 Notenmengen druckt. Die Preise steigen auf
20, jeder Bürger kann nur die Hälfte der früheren
Warenmenge kaufen, die Regierung kauft die an-
dere Hälfte. Im Zeitpunkt 7 werde die Waren-
menge konsumiert; nehmen wir an, es seien
Nahrungsmittel gewesen. Die Produktion setzt von
neuem ein. Wir nehmen an, sie sei eben so groß,
wie früher. Nun hat jeder Bürger 20 Noten im
Besitz; will die Regierung wieder die Hälfte aller
Waren in die Hand bekommen, so ist sie
genötigt, eben so viele Noten zu drucken,
als die Gesamtheit der Bürger besitzt, d. h. 60
Notenmengen ; wir sehen daß nun derselbe
Vorgang wie vorher erfolgt und daß die Re-
gierung im Zeitpunkt 13 neuerlich die Noten-
emission verdoppeln muß. Dieses sehr verein-
fachte Schema erklärt uns, wie die Assignaten-
wirtschaft wirkte. Wie kann die Regierung dieser
Entwicklung steuern?

Zunächst kann an die Aufstellung von Preis-
t a x e n gedacht werden. Soweit die Preissteigerungen
darauf zurückgehen, daß die Verkäufer die Be-
unruhigung der Bevölkerung und den plötzlichen
Bedarf ausnützen wollen, können solche Preis-
taxen sich wohl realisieren lassen, wenn man mit
genügender Strenge jede Uebertretung bestraft
wie dies z. B. in Bulgarien während des Balkan-
krieges der Fall war. Sowohl Bulgarien als auch
Serbien sind nämlich mit der Verhängung von
Preistaxen vorgegangen, ohne daß aber eine be-
sonders starke Notenemission vorangegangen
wäre. Anders steht aber die Sache im Falle einer
Assignatenwirtschaft. Die Preistaxen nützen dann
oft nichts mehr, weil die Leute lieber überhaupt
darauf verzichten, zu verkaufen, wie dies z. B.
1793 in Frankreich der Fall war. Die Preistaxe
hat daher im allgemeinen noch immer dann ihren
Zweck verfehlt, wenn sie Vorgänge beeinflussen
will, die aus einer plötzlichen Verschiebung auf
dem Gebiet des Zahlungsverkehrs herrühren.

Die Regierung kann in einem solchen Falle,
wenn die Geldordnung versagt, dennoch einen
Ausweg finden, wenn sie die unmittelbare Ver-
sorgung der Bevölkerung und der Armee mit
Nahrungsmitteln verfügt. Es ist nicht anzunehmen,
daß ein führender Staatsmann, um z. B. die
Rechte von Getreidespekulanten zu schonen, die
Bevölkerung hungern lassen wird. Wenn das
Geldsystem nicht ordnungsgemäß funktioniert,
dürfte wohl die Einrichtung einer Großnatural-
wirtschaft das Naheliegendste sein. Denn
schließlich ist es im Kriegsfall der oberste Grundsatz
des Politikers für das öffentliche Wohl und den
Kriegszweck zu sorgen; die traditionelle Ordnung
ist für ihn nur ein Mittel zu diesem Zweck, ver-
sagt sie, so wird in Kriegszeiten ein Versuch mit
anderen Mitteln bekanntlich weit eher gewagt,
als in Friedenszeiten. Gewöhnlich führt man aber
solche Veränderungen in Kriegszeiten übereilt und
ungenügend durch. Man verabsäumt eben in
Friedenszeiten alle Möglichkeiten entsprechend
zu bedenken.

Wie die Großnaturalwirtschaft die Güterver-
teilung im Gegensatz zur Geldwirtschalt durch-
führt, zeigt Tabelle XX.

Die Großnaturalwirtschaft läuft in letzter
Linie darauf hinaus, daß der Staat Naturalien als
Steuern, Anleihen usw. erhält und die Gehälter,
usw. in Naturalien auszahlt.

Wir sehen, wie im Falle der Geldwirtschaft
die Regierung die Zivilbevölkerung im Zeitpunkt 2
besteuert; wie dann die Regierung mit dem Steuer-
erlös und die Bürger mit dem verbliebenen Geld die
Waren kaufen, wie auf diese Weise die Bürger
die eine Hälte der Naturalien erlangen, die Re'
gierung die andere. Die Regierung übergibt die
Naturalien der Armee und im 5. Zeitpunkt wird
alles bereits konsumiert.
        <pb n="49" />
        ﻿19

Tabelle XIX.

Wirkungen der Notenvermehrung

Zeit-	Vorgang	Preis  von  a, b, c,	Bürger			Regierung
punkt			A	B	C	
ti	—	10	a  10 Noten	b  10 Noten	c  10 Noten	—
^2	Verkauf	—	b  10 Noten	c  10 Noten	a  10 Noten	
*3	Konsum	—	10 Noten	10 Noten	10 Noten	—
t4	Produktion	—	a  10 Noten	b  10 Noten	c  10 Noten	—
t5	Regierung emittiert Noten	20	a  10 Noten	b  10 Noten	c  10 Noten	30 Noten
tß	Verkauf		b  2  20 Noten	c  ~2  20 Noten	a  2  20 Noten	a b c  V ~2’ ~2
*7	Konsum	■ —	20 Noten	20 Noten	20 Noten	—
t8	Produktion	—	a  20 Noten	b  20 Noten	c  20 Noten	—
t,	Regierung emittiert Noten	40	a  20 Noten	b  20 Noten	c  20 Noten	60 Noten
*10	Verkauf		b  2  40 Noten	c  ~2  40 Noten	a  2  40 Noten	a b c  V T 2
*11	Konsum	—	40 Noten	40 Noten	40 Noten	—
	Produktion	—	a  40 Noten	b  40 Noten	c  40 Noten	—
*13	Regierung emittiert Noten	80	a  40 Noten	b  40 Noten	c  40 Noten	120 Noten
ÜSW.	usw.	usw.	usw.	usw.	usw.	usw.

Herrscht im Kriegsfall dagegen die Groß-
naturalwirtschaft und übernimmt die Regierung
aüch die Verpflegung der Bevölkerung, so erhält
s'e zunächst die produzierten Waren, soweit sie
n'cht von den Produzenten etwa selbst konsumiert
Werden und verteilt sie zur Hälfte an die Be-
völkerung, zur Hälfte an die Armee. Wir sehen,

daß das Ergebnis der Güterbewegung mit jenem
identisch sein kann, das wir im ersten Fall erhielten.

Selbstverständlich sind noch eine Reihe an-
derer Momente ins Auge zu fassen; dies Schema
soll nur ungefähr zeigen, wie man sich den Vor-
gang vereinfacht vorstellen kann.
        <pb n="50" />
        ﻿2&lt;J

Tabelle XX.

Güterbewegung in der Geld- und Naturalwirtschaft

Fall	Zeitpunkt	Vorgang	Zivilbevölkerung			Regierung	Armee  				
			A	B	C		
	t,	Produktion	a  10 Noten	b  10 Noten	C  10 Noten	—	
-4-&gt;	t 2	Geldsteuer von 50°/o	a  5 Noten	b  5 Noten	c  5 Noten	15 Noten	—
o  -4-*  V-  XJ	t 3	Verkauf	b  2  10 Noten	c  2  10 Noten	a  T  10 Noten	a b c 2» 2’ 2	—
&lt;L&gt;  o	14	Abgabe an die Armee	b  2  10 Noten	c  2"  10 Noten	a  2  10 Noten	—	a	b	C_  ~2&gt; 2~&gt; 2
	t,	Konsum	10 Noten	10 Noten	10 Noten	—	... 	 —
-«-J	t,	Produktion	a	b	c	—	
kJ  o  (/)  i-	t 2	Naturalsteuer von 100°/0	—	—	—	a, b, c	—
jä  kJ  i—  3  'S  z	t 3	Abgabe an die Armee und Zivilbevölkerung	b  2	c  ~2	a  ~2	—	a b _c  T’ ~2&gt; 'i
	t 4	Konsum	—	—	—	—	—

Wenn während eines Weltkrieges die Geld-
und Kreditordnung versagen sollte, dürfte es wohl
genügen, wenn nur die wichtigsten Bedarfsartikel
von Staats wegen beschafft und abgegeben werden.

Die zahlreichen Uebergänge von einer Geld-
wirtschaft mit völlig freier Konkurrenz, zu einer
staatlich kontrollierten und zu einer Na-
turalwirtschaft können hier nicht näher erörtert
werden. Ausdrücklich sei nur hervorgehoben,
daß an sich auch eine Naturalwirtschaft
mit freier Konkurrenz denkbar ist, daß dieselbe
aber im Kriegsfälle kaum sehr viele Vorzüge vor
der Geldwirtschaft mit freier Konkurrenz haben
dürfte.

Die Großnaturalwirtschaft mit Naturalanleihen
und Naturalsteuern ist insbesondere dort am
Platze, wo die Bauern wenig Geld zur Verfügung
haben und der Staat auch kein Geld in den
Kassen hat. In manchen Fällen wird es ge-
nügen, wenn der Staat Naturalanleihen aufnimmt
und sie in Geld zurückzuzahlen zusagt, in ande-
ren Fällen wird er vielleicht auch die Zurück-
zahlung nach Wahl in Geld oder in Naturalien
zusichern, wie dies z. B. bei einer Geldanleihe
der Fall war, welche die Südstaaten während des
Sezessionskrieges in Paris aufgenommen haben.
Die Rückzahlung sollte in Geld oder aber in
Baumwolle erfolgen. Wenn die Geldordnung

überall erschüttert ist, würde man es sehr g^
begreifen, wenn die Anleihe selbst in Naturalien
z. B. in Form von Getreide oder Kriegsschiffe11
aufgenommen und vielleicht in Roheisen zurück'
gezahlt wird. Als die Südstaaten nur mehr über
ein arg zerrüttetes Geldwesen verfügten und
Möglichkeit für die einzelnen Pflanzer, ihre Wäret1
gut zu verkaufen, sehr gering war, half man si^
damit, daß man eine Naturalsteuer einhob. Jeder
Pflanzer und Pächter mußte nach Abzug eines
für den eigenen Gebrauch bestimmten Vorräte5
V10 aller seiner Vorräte an Getreide, Erdäpfel11'
Futterstoffen, Zucker, Zuckersaft, Baumwolle
Wolle, Tabak in natura der Regierung abliefert1!
ferner ’/io von allen geschlachteten Schweinet1’
u. zw. in Form von Schinken, wobei 60 Pfund
Schinken für 1 Zentner Schwein gerechne
wurden. Wir sehen aus diesen Bestimmunget1’
daß die Regierung nicht nur solche Artikel be'
schaffte, welche sie zur Armeeverpflegung be'
nötigte, sondern auch solche, die offenbar daZjj
bestimmt waren, von Regierungs wegen verkamt
zu werden. Den Ertrag konnte dann die Regif
rung verwenden. Wir sehen hier ein Beispiel ^
jene Konzentration des Verkaufes, die wir scho11
oben erwähnten. Eine derartige Kombination 15
z. B. überall dort sehr am Platze, wo naturalwk ^
schaftliche Staaten in die Geldwirtschaft überge
        <pb n="51" />
        ﻿21

geführt werden sollen. Man könnte sich denken,
daß auf diese Weise z. B. Albanien der Geld-
Wirtschaft zugeführt werden könnte. Legt man
unmittelbar eine	Geldsteuer	auf,	so wird	das

Land von den Zwischenhändlern und Geldgebern
abhängig. Wenn	hingegen	die	Naturalsteuer

dngehoben wird,	der Ertrag	aber	von der	Re-

gierung verkauft wird, entfällt diese Gefahr. Die
Einhebung von Naturalsteuern im Kriegsfälle
wird daher besonders in den östlichen und süd-
lichen Gebieten der Monarchie sehr in Frage
kommen. Uebrigens haben die Südstaaten im
Jahre 1864 der Regierung noch außer der Steuer
Und den Requisitionen ein	Kaufrecht auf	ein

Weiteres Zehntel aller Waren gesichert.

Ich erörtere die Frage der Großnaturalwirt-
schaft immer wieder und mit einigem Nachdruck,
Weil ein weit verbreitetes Vorurteil die Natural-
wirtschaft für primitiver und unentwickelter als
Jie Geldwirtschaft ansieht, was aber keineswegs
Jer Fall ist. Es gibt zwar Naturalwirtschaftszu-
stände sehr primitiver Art, aber es gibt natural-
Wirtschaftliche Organisationstypen, die höher
stehen als irgendwelche geldwirtschaftliche Or-
ganisationstypen.

Daß man in leitenden Kreisen die Möglich-
keit jns Auge faßt, in einem Kriege in das Pri-
vateigentumsrecht eingreifen zu müssen, beweist
Jas österreichische Kriegsleistungsgesetz. Es ist
^merkenswert, wie geringen Widerstand dieses
Gesetz eigentlich gefunden hat. Vor einer Generation
hätte man vielleicht analoge Bestimmungen im
Kriegsfälle auf dem Verordnungswege erlassen
Und dabei einen Sturm der Entrüstung erregt.
Eeute ist man an Staatsintervention weit mehr
Gewöhnt, ein großer Teil der Bevölkerung be-
wußt sie sogar. Unternehmer wie Arbeiter rufen
s'e nicht selten an. Das Kriegsleistungsgesetz
Jenkt in erster Reihe an die Bedarfsdeckung der
Armee, doch wird man wohl nicht fehlgehen,
Venn man für den Fall eines Weltkrieges auch
Uiit der Anwendung dieses Gesetzes zur Bedarfs-
deckung der Zivil bevölkerung rechnet, wenig-
stens was Lebensmittel, Kohlen und einige andere
nichtige Artikel anbelangt. Der Regierung gibt
Jas Kriegsleistungsgesetz die Handhabe, Pro-
duktionsmittel und Arbeitskräfte für sich zu ver-
wenden. Die individuelle Freiheit wird auf solche

sehr eingeschränkt; daß sich aber diese
Einschränkung auch auf die Disziplinarordnung
^strecken müsse, welche den Militärbehörden
Unvertraut wurde, wird von manchen Seiten
bestritten. Das Kriegsleistungsgesetz ist ein
Glied in einer Kette. Es deutet darauf hin,
daß im Kriegsfälle die Versorgung der Groß-
städte und anderer Gebiete wohl von Staats-
^egen erfolgen dürfte, sobald die normalen
arsorgungsmechanismen die ersten Schwächen
j^lgen. Ob es freilich nicht zweckmäßiger wäre,
d'ese im Falle eines Weltkrieges wohl kaum ver-
d^idliche Organisation schon in Friedenszeiten
thematisch vorzubereiten, ist eine andere
Prage.

Welche Folgen die Verwendung von Nicht-
kombattanten im Kriegsfälle auf Grund des
Kriegsleistungsgesetzes haben kann, läßt sich
heute noch nicht übersehen. Es werden wohl
Fälle Vorkommen, in denen der Feldherr es für
zweckmäßig erachten kann, die Hilfskräfte der
feindlichen Armee, welche das Kriegsleistungs-
gesetz ihr zur Verfügung stellt, unschädlich zu
machen, eventuell durch Gefangennahme. Wenn
eine Armee zurückmarschieren muß, wird sie
vielleicht in einem Weltkriege nicht nur die
Eisenbahnlinien zerstören, sondern auch die Ar-
beitskräfte mit in die Gefangenschaft schleppen,
welche geeignet wären, diese Linien in kurzer
Zeit wieder herzustellen. Man kann diese Konse-
quenzen nicht genau voraussehen, daß aber die
Angliederung von Zivilpersonen an die Armee
irgend welche Folgen zeitigen wird, kann man
wohl als sicher annehmen. Man wird schließlich
so weit kommen, Zivilarbeiter als eine Art Kon-
terbande zu betrachten. Vor allem wird man die
Zivilarbeiter des Feindes, die bereit waren, auf
Grund eines Kriegsleistungsgesetzes für ihn zu
arbeiten, falls man sie gefangennehmen sollte, für
sich selbst arbeiten lassen. Wenn man dadurch
die eigene Bevölkerung entlastet und dies wäh-
rend eines Weltkrieges in großem Maßstabe tut,
könnte eine Umgestaltung des Arbeitsverhältnisses
überhaupt die Folge sein.

Die ganze Struktur des Kriegsleistungsge-
setzes bringt es deutlich zum Ausdruck, wie innig
im Kriegsfall das Zusammenwirken von Militär-
und Zivilverwaltung sich gestalten wird. Die Er-
fahrungen aus dem Balkankriege lassen schließen,
daß die scharfen Unterschiede während des Krieges
selbst vielfach ganz verwischt werden dürften.
Persönliche Tüchtigkeit wird bei Anordnungen,
die auf Grund des Kriegsleistungsgesetzes erlassen
werden, oft entscheiden, ob das Zivil oder das
Militär die Ausführung bestimmter Maßnahmen
auf sich nimmt. Sobald die Notwendigkeit dieser
Zusammenarbeit allgemeiner zum Bewußtsein ge-
kommen sein wird, dürfte die Ausbildung der
Zivil- und Militärbeamten eine gewisse Umbildung
erfahren. Man wird dann mehr Gewicht als bisher
darauf legen, daß die Militärbeamten die Zivil-
verwaltung praktisch und theoretisch kennen
lernen, sowie daß die Verwaltungsbeamten genauer
als bisher über die Organisation der Armee im
Kriegsfall orientiert sind. Gemeinsame Uebungen
auf dem Verwaltungsgebiet werden wohl nicht
ausbleiben und es wäre gar nicht so unmöglich,
daß einmal eine Art von Verwaltungsmanöver
abgehalten wird, um zu erproben, wie die Zu-
sammenarbeit von Zivil- und Militärverwaltung
unter kriegsmäßigen Bedingungen vor sich geht.
Bei den Manövern, wie sie bis jetzt abgehalten
werden, wird auf dieses Moment relativ wenig
Gewicht gelegt; vor allem deshalb, weil ja die
Verwaltungsbehörden nicht kriegsmäßig arbeiten.
Die Kooperation der Militär- mit der Zivilver-
waltung dürfte auch manche Kraftverschwendung
beseitigen, die heute vorkommt. Das Zusammen-
        <pb n="52" />
        ﻿22

wirken von Militär- und Zivilverwaltung nimmt
offenbar zu, die Ressortautonomie wird dadurch
unwillkürlich verringert. Alle Bemühungen zwischen
der Militärverwaltung und den Produzenten dau-
ernde Beziehungen herzustellen, gehören beispiels-
weise hieher.

Die Armee interessiert sich begreiflicher-
weise heute mehr als früher für Zivil-Ange-
legenheiten, aber gleichzeitig sehen wir auch
eine Zunahme des Interesses für militärische An-
gelegenheiten bei der Zivilbevölkerung. Zwar sind
auch deutliche antimilitärische Strömungen vor-
handen, aber es ist eine historisch mehrfach be-
obachtete Tatsache, daß Bewegung und Gegen-
bewegung, Religiosität und Atheismus usw. einander
gegenseitig ablösen. Es ist z. B. bemerkenswert,
daß das interessante Buch «Die neue Armee»,
worin das Milizsystem auf seine Anwendbarkeit
in Frankreich untersucht wird, von einem So-
zialisten stammt. Er opponiert, aber seine Oppo-
sition legt Zeugnis davon ab, daß der Verfasser
sich eingehend mit militärischen Fragen beschäf-
tigt hat.

Heute nimmt jedenfalls unter den Politikern
aller Parteien die Lieberzeugung zu, daß man der
Beschäftigung mit militärischen Problemen nicht
aus dem Wege gehen kann. Kurzum, die Not-
wendigkeit, im Kriegsfälle die gesamte Bevölkerung
Zusammenwirken zu lassen, dürfte dazu führen,
daß die Militär- und Zivilbevöl-
kerung sich ein immer größeres
Gebiet politischer und militäri-
scher Einsicht schafft, das Ge-
meingut aller wird.

Wir sahen wie die Tendenzen, die auch im
Kriegsleistungsgesetz zum Ausdruck kommen,
dahin zielen, das öffentlich-rechtliche Verhältnis
in ernsten Zeiten immer häufiger an die Stelle
des privatrechtlichen treten zu lassen. Wir sahen,
daß es sich dabei um keine Zufälligkeiten handelt,
sondern um Veränderungen, die durchaus im
Geiste der Zeit gelegen sind. Die Betonung des
öffentlichen Interesses drängt aber von vornherein
die Wertschätzung der Geldwirtschaft zurück, da
diese im wesentlichen ein Produkt unorganisierter,
individualistischer Klassen und Zeitalter ist. Das
patriarchalische Verhältnis zwischen Bauer und
Knecht wurde durch die Geldordnung vielfach
auch dort aufgelöst oder zumindest gelockert, wo
eine entsprechende Veränderung der Produktion
gar nicht vorliegt. Die patriarchalischen Zustände,
die Bedeutung der öffentlichen Gewalten für Pro-
duktion und Konsumtion, wie sie in früheren
Perioden schon vorkam, ist der Gegenwart ver-
trauter als den eben verflossenen Epochen. Die
Gegenwart beginnt wieder die Zeit vor hundert
Jahren zu verstehen. Vater und Sohn sind eben
häufig einander fremder als Großväter und Enkel.
Die Bemühungen, den Staat als ein Ganzes auf-
zufassen, sind vor hundert Jahren ähnlich lebendig
gewesen, wie heute. Damals hat ein hervorragen-
der Denker, Adam Müller, zu zeigen gesucht, daß

innerhalb der Geldordnung, die sozialere Zeichen-
geldorganisation, welche die unsozialere Ein-
richtung des vollwertigen Metallgeldes zurückzu-
drängen bestimmt war, ein Produkt großer Kriege
war.*) «Wir erinnern uns aus der Geschichte eines
Zustandes von Europa, wo nur der bei weitem
kleinere Teil alles Verkehres der Menschen
untereinander mit barem Gelde betrieben wurde.
Ich möchte sagen: in allen Verhältnissen des
Lebens, wo die Menschen einander unmittelbar
berühren und erreichen konnten, da waren sie
einander ohne Dazwischenkunft des entfremdenden
Metallgeldes gewiß: nur für Relationen mit ganz
fremden Gegenden und Menschen waren die
spärlich vorhandenen Metalle notwendig. Man er-
laube mir zuförderst diesen Zustand der Dinge
natürlicher zu finden, als den späteren. Die
nächsten Verhältnisse des Lebens wurden be-
handelt wie die entferntesten, weil die entferntesten
durch die Beweglichkeit und Allgemeingiltigkeit
der Metalle zu nahe gerückt wurden. Die notwendige
Folge war einerseits ein flaches weltbürgerliches
Interesse an der Menschheit im ganzen, d. h. in-
wiefern diese empfänglich war für den Reiz der
edlen Metalle, und andererseits eine völlige Ent-
fremdung von den näheren, gründlicheren, vater-
ländischen Angelegenheiten.» Und Müller weist
darauf hin, daßder Uebergangvon dermetallistischen
Geldordnung zum Papiergeld Kriege nötig hatte:
«Die Rückkehr der Menschen von dem Zustande
metallischer Erstarrung, in den durch lange Ge-
wohnheit zuletzt alle ihre gesellschaftlichen Ver-
hältnisse übergegangen waren, mußte mit unge-
heueren Revolutionen verknüpft sein. In lang-
wierigen Kriegen mußten die vernachläßigten
Heiligtümer der Menschheit, Recht, Sitte, Freiheit
wieder erworben werden. Diese Revolutionen und
Kriege mußten die Emanzipation von Amerika,
d. h. eine Unterbrechung der Metallflut von Westen
nach Osten herbeiführen.» Ohne eine Prophe-
zeiung wagen zu wollen, möchte ich noch darauf
hinweisen, daß manche Anzeichen dafür sprechen,
daß ein Weltkrieg die Geld- und Kreditordnung
in ihrer heutigen Form wohl wesentlich beein-
flussen dürfte, und zwar in der Richtung auf
die staatlich kontrollierte Großnaturalwirtschaft
hin. Ich werde bei mehr als einer Gelegenheit
darauf noch hinzuweisen haben.

IX.	Sicherung des Realienbedarfes für den
Kriegsfall.

Bisher haben wir eigentlich nur die Organi'
sationsform als solche besprochen und zu zeiget1
versucht, wie mit Hilfe der Geld- oder Natural-
wirtschaft die vorhandenen Realienbestände def
Armee oder der Bevölkerung zur Verfügung ge'
stellt werden können. Nun müssen wir auch d,e
Frage berühren, wie denn dafür Sorge getragen
werden kann, daß überhaupt die nötigen Realie11

*) Adam Müller: Verm. Sehr. Band I., Nr. 4. VorU
Papiergelde, S. 59.
        <pb n="53" />
        ﻿23

vorhanden sind. Was hilft die schönste Organi-
sation, was hilft das weitgehendste Recht die
Realien zu beschaffen, wenn sie nicht in genügender
Menge vorhanden sind. Was hilft gewissermaßen
die schönste Kanonengießerei, wenn kein Roh-
material vorhanden ist.

Ich möchte diese Frage für noch viel wichtiger
halten, als die bisher erörterten Organisations-
probleme; man geht fehl, wenn man sie als
nebensächlich abtut. Die kriegerische Stimmung
der letzten Jahre hat alle Staaten dazu veranlaßt,
mehr oder weniger ausreichende Berechnungen
darüber anzustellen, wie weit jedes Land
im Kriegsfall imstande sein könnte, die
erforderlichen Güter zu produzieren
oder zu beschaffen. Es genügt aber nicht, die
Berechnung für das eigene Land anzustellen, man
muß auch alje jene Länder mit ins Kalkül ziehen,
von denen wir im Kriegsfall Realien zu er-
warten haben, oder denen wir Realien li efern
müssen: Was hilft es z. B. den Engländern, wenn
sie in einem Krieg gegen Deutschland für sich
genug Getreide beschafft haben, aber die mit
ihnen verbündeten Franzosen im Vorrücken ge-
hemmt sind, weil sie an Getreide Mangel leiden.
Die Engländer müßten daher den Franzosen, um
die Erreichung des Kriegszieles zu ermöglichen,
einen Teil ihres Getreides abgeben, wodurch ihr
ganzer Verpflegsplan für die Zivil- und Militär-
bevölkerung in Unordnung geraten kann. Es dürfte
sich daher empfehlen, alle derartigen Pläne auf
die verschiedenen Bündnisfälle zu beziehen. Es
finden ja gelegentlich über derartige Punkte diplo-
matische Verständigungen zwischen verbündeten
Staaten wohl statt, doch scheinen sie über gelegent-
liche Erörterungen noch nicht hinauszugehen.

Es genügt aber nicht, etwa die Realien als
solche ins Auge zu fassen, man muß auch auf
die Transportmittel und Magazine
bei diesen Berechnungen Rücksicht nehmen, ins-
besondere dann, wenn man feststellen will, inner-
halb welcher Zeit z. B. eine bestimmte Menge
von Nahrungsmitteln an die Konsumorte gebracht
werden kann. Man muß z. B., wenn man Rumä-
nien als Getreideland des Dreibundes betrachtet
die Molos in Rechnung stellen, welche etwa in
Deutschland zur Entladung von Getreideschiffen
längs der Donau zur Verfügung stehen.

Die Berechnungen über die Möglichkeit, einen
Staat oder einen Staatenbund während eines
Krieges mit Realien, insbesondere mit Nahrungs-
mitteln zu versorgen, sind weit schwieriger anzu-
stellen, als man auf den ersten Blick meinen
sollte. Auf ein und die andere Schwierigkeit werde
ich noch hinweisen. Vorweg kann ich konstatieren,
daß die Ergebnisse weder für Deutschland noch
für Oesterreich-Ungarn sehr günstig zu sein
scheinen. Für Deutschland ist Ballod bei seinen
Betrachtungen zu recht unerfreulichen Resultaten
für den Kriegsfall gekommen. Wie weit sich
Deutschland in günstigen Jahren auf Oesterreich-

Ungarns Hilfe verlassen kann, müßte noch genau
festgestellt werden.

Zunächst muß man bei den Berechnungen
auf den Ernteausfall Rücksicht nehmen, also ver-
schiedene Möglichkeiten erwägen, eventuell auch
eine gute Ernte in Deutschland mit einer schlechten
in Oesterreich-Ungarn usw. kombinieren.

Aber auch das genügt noch nicht. Man kann
die normale Realienverwertung nicht ohne weiters
in Rechnung stellen, sondern muß darauf Rück-
sicht nehmen, daß viele Rohstoffe im Kriegs-
fall anders als in Friedenszeiten ver-
wendet werden können. Die Kartoffeln,
welche sonst zur Schnapsbereitung dienen, dürfte
man in Kriegszeiten, wenn Nahrungsmangel
herrscht, direkt konsumieren. Man müßte syste-
matisch festzustellen trachten, welche Rohstoffe
irgendwie für Nahrungszwecke überhaupt Ver-
wendung finden können.

Abgesehen davon, daß die übliche Produktion
durch eine andere ersetzt werden kann, muß
man auch die Einführung von Surrogaten
aller Art in Erwägung ziehen. Es kann die Er-
nährung im Kriegsfall wesentliche Modifikationen
erleiden.

Schließlich muß man mit dem Verbrauch von
Reserven rechnen, wie sie insbesondere im Vieh
gegeben erscheinen. Während des Balkankrieges
z. B. lebten die Balkanstaaten zum Teil von dem
Fleisch, das durch vermehrte Schlachtungen ge-
wonnen wurde. Die Schlachtungen nahmen dort
deshalb sehr zu, weil die Soldaten im Frieden
seltener Fleisch essen als dies während des Feld-
zuges der Fall war.

Schließlich muß noch die Frage erörtert
werden, in welcher Weise denn überhaupt die
Produktion während eines Weltkrieges fortgeführt
werden kann. Während man bis vor kurzem der
Meinung war, ein Zukunftskrieg werde rasch zu
Ende sein, beginnt sich jetzt wieder die An-
schauung zu festigen, daß ein Weltkrieg von
längerer Dauer nicht etwas Unmögliches sei, zu-
mal man ja nicht mit einer kontinuierlichen Kriegs-
führungrechnen dürfe. Pausen während des Krieges,
die dennoch keine Rückkehr zur Friedensarbeit
gestatten, müßten mit in Rechnung gezogen
werden. In diesem Fall kommen alle Produktions-
reserven in Frage, die wir in Form von Natur-
schätzen, Erfindungen usw. besitzen. Vergessen
wir nicht, daß dann viele extensiv bebaute Boden-
flächen vielleicht einer intensiven Bearbeitung zu-
geführt werden könnten. Almen, die heute ver-
lassen werden, um Jagdzwecken zu dienen, werden
während eines Weltkrieges vielleicht wieder Vieh
ernähren. Und sollte die Almwirtschaft nicht ren-
tabel sein, so kann sie die Regierung wohl trotz-
dem erzwingen, um die Armee und die Zivil-
bevölkerung entsprechend zu versorgen. Wir
können mit einer Erweiterung des Gemüseanbaues,
mit einer Entwicklung der Konservenindustrie
        <pb n="54" />
        ﻿24

rechnen. Die Arbeitskräfte, die in den Luxus-
industrien tätig sind, werden vielleicht — soweit
sie nicht einberufen werden — in der Lebens-
mittelindustrie Verwendung finden.

Es sind dies alles Fragen, die einer ein-
dringenden Bearbeitung harren. Vergessen wir
nicht, daß wir bis jetzt nur eine unzureichende
Produktionsstatistik besitzen, und daß es großer
Mühe bedarf, um dieselbe auch nur in grober An-
näherung für den Kriegsfall umzurechnen.

Praktische Fragen dringendster Art treten an
die Zivil- und Militärverwaltung heran; an erster
Stelle steht die Versorgung der Bevölkerung mit
Nahrungsmitteln und Kohlen. Insbesondere muß
die Frage historisch und systematisch studiert
werden, wie die Großstädte entsprechend ver-
sorgt werden können. Im allgemeinen werden
diese Studien immer von Fall zu Fall angestellt,
ohne daß ausreichende Vorarbeiten vorliegen
würden; fehlen doch bis jetzt geeignete kriegs-
wirtschaftliche Institute. Wenn die Verpflegung
der Großstädte in Betracht gezogen wird, muß
man einerseits die Möglichkeit der Zufuhr, ander-
seits die Möglichkeit der Magazinierung erwägen.
Je größer die Magazine und die eingelagerten
Nahrungsmengen sind, desto später werden die
Bahnlinien für die Großstadtverpflegung in An-
spruch genommen werden, desto länger stehen
sie der Mobilisierung ungestört zur Verfügung.
Sind die aufgestapelten Warenmengen zu gering,
so muß schon während der Mobilisierung die
Einschaltung von Lebensmittelzügen für die Zi-
vilbevölkerung veranlaßt werden. Es ergibt sich
so die Notwendigkeit, einen allgemeinen Mobili-
sierungsplan auszuarbeiten, der nicht nur die
Armee umfaßt, sondern die gesamte soziale
Struktur und auch auf die verbündeten Staaten
Rücksicht nimmt. Wie wichtig für den militäri-
schen Widerstand entsprechende Vorsorgen sein
können, beweist eine Erfahrung aus dem russisch-
japanischen Kriege. Rußland hatte bereits im Jahre
1904 einen zweijährigen Lebensmittelvorrat auf
der Insel Sachalin angehäuft. Der Vorrat reichte
für die Zivil- und Militärbevölkerung aus. Hätte
er z. B. nur für die Militärbevölkerung allein aus-
gereicht, so würde die Insel bald dem Feinde in
die Hände gefallen sein. Dies alles läßt die For-
derung gerechtfertigt erscheinen, die insbesondere
in Deutschland von Kriegswirtschaftlern vertreten
wird, daß gemischte Kommissionen, bestehend
aus Zivil- und Militärpersonen, ständig die Ge-
samtmobilisierungsvorkehrungen beraten und er-
gänzen.

Im Weltkriege der Zukunft dürfte insbeson-
dere die Getreideversorgung eine große Rolle
spielen und daher auch das Vorhandensein von
Magazinen.

Wir sehen deutlich im modernen Staat
wieder das Bestreben auftauchen, die Getreide-
versorgung der staatlichen Kontrolle zu unter-
stellen oder sogar dem Staate direkt zu über-

tragen. Zu Ende des 19. Jahrhunderts haben der-
artige Anträge die Agrarier Deutschlands und die
Sozialisten Frankreichs gestellt, augenblicklich
denkt man in Rußland eifrig über diese Frage
nach. Die Entwicklung des landwirtschaftlichen
Genossenschaftswesens dürfte mit dazu beitragen,
die Schaffung von Magazinssystemen, die ganze
Reiche umspannen, zu beschleunigen. Wir sehen
die landwirtschaftlichen Genossenschaften heute
in der ganzen Monarchie in reger Tätigkeit be-
griffen, sie erleichtern dem Bauer durch Ver-
kaufsgelegenheiten den Absatz seiner Waren und
können durch Schaffung geeigneter Lagerhäuser
auch der Heeresverwaltung von großem Vorteil
sein. In Serbien scheint das Vorhandensein von
Dorfspeichern der Armee willkommen gewesen
zu sein, auch sollen die Genossenschaften sich in
mancher Richtung bewährt haben.

ln welcher Weise könnte die Heeresver-
waltung diese 'Entwicklung des Genossenschafts-
und Lagerhauswesens für sich ausnützen? Die
Heeresverwaltung ist an zwei Dingen vor allem
interessiert, an der Lage, eventuell auch an der
Ausführung des Magazins und an dem Vorhan-
densein von Minimalvorräten. Bis jetzt sind nur
einzelne Fälle vorgekommen, daß die Aimeever-
waltung mit Genossenschaften Lieferungsverträge
abgeschlossen hat, in denen z. B. ausdrücklich be-
züglich des von der Genossenschaft zu errich-
tenden Lagerhauses eine Minimaldistanz von
dem Verpflegsmagazin angegeben erscheint. Es
wäre sehr gut denkbar, daß die Armeeverwaltung
prinzipiell mit allen neu zu gründenden
Lagerhäusern Verträge abschließt, durch welche
bestimmt wird, wo und in welcher Weise die
Magazine anzulegen sind, aus denen die Armee-
verwaltung Lieferungen bezieht.

Für einen garantierten Minimalvorrat könnte
die Armeeverwaltung z. B. eine bestimmte Ver-
zinsung Zusagen. Es ist hier nicht der Platz, auf
einzelne Schwierigkeiten einzugehen, die sich ins-
besondere aus den verschiedenen Bedingungen
ergeben, unter denen die gemeinsame Intendanz
und unter welchen die beiden Landwehrinten-
danzen arbeiten. Bis jetzt fehlt jedenfalls eine
systematische Ueberprüfung der Frage, wie sich
eine Subventionierung bestimmter Lagerhaustypen,
nach Analogie der Subventionierung von Motor-
fahrzeugen, bewähren würde.

Ein Budgetposten dieser Art könnte leicht
von den Delegationen und den Parlamenten be-
willigt werden, weil er indirekt eine Förderung
des Genossenschaftswesens bedeutet. Freilich
müßte dann für eine Kontrolle der Genossen-
schaften, welche für die Armee liefern, durch Re-
gierungs- oder Armeekommissäre Sorge getragen
werden. Aber das sind Einzelheiten, die hier nicht
näher erörtert werden können.

Es handelt sich dabei um Maßnahmen, wel-
che nicht beliebig aufgeschoben werden können-
Es besteht ja gar keine Garantie, daß die heute
        <pb n="55" />
        ﻿25 —

zufällig entstehenden Lagerhäuser sich schließlich
zu einem für Kriegszwecke brauchbares System
werden ergänzen lassen. Später ist eine Remedur
schwer und nur mit großen Kosten möglich,
während bei Neugründungen Eingriffe relativ leicht
möglich sind.

Aber die Heeresverwaltung kann durch
Förderung der Genossenschaftslagerhäuser nicht
nur dafür Sorge tragen, daß das vorhandene
Getreide unmittelbar zu ihrer Verfügung steht,
sie kann dadurch geradezu zur Vermehrung
der Produktion beitragen, das heißt, die Schlag-
kraft des Landes mächtig heben. Sind Lager-
häuser vorhanden, so kann der Bauer unter weit
günstigeren Umständen als sonst verkaufen.

Freilich kommen bei der Schaffung eines
Lagerhaussystems auch rein militärische Punkte
in Frage. Nehmen wir z. B. Ostgalizien an. Wir
sehen, daß nur Westgalizien durch Krakau, Ja-
roslau, Przemysl, vollwertig gedeckt erscheint, die
weniger bedeutenden Befestigungen, welche weiter
nach Osten vorgeschoben sind, beschränken sich
aber im allgemeinen auf die Dnjesterlinie und auf
einige Punkte nördlich von Lemberg, Der äußer-
ste Osten ist so gut wie unbefestigt. Es fragt
sich nun, ob es zweckmäßig ist, auch in jenen
Gebieten, die dem Gegner leichter zugänglich
sind, Magazine zu errichten und anzufüllen. Anderer-
seits wieder würde die Entblößung bestimmter Ge-
biete von Magazinen den Gegner über den Kriegs-
plan unterrichten, sowie die Bevölkerung empfind-
lich beunruhigen. Es hat z. B. 1912 und 1913 sehr
deprimierend gewirkt, daß manche Aemter und
Banken Wertgegenstände und Akten nach dem
Westen abtransportierten und es gibt manche, die
im Interesse des Prestiges dafür sind, solche Objekte
aufzuopfern. Es wäre denkbar, daß man auch dort,
wo ein Einfall des Gegners leichter möglich ist,
Magazine anlegt und füllt, um sie gegebenenfalls
in die Luft zu sprengen; es ist ein militärpoliti-
sches Problem, ob man für das Prestige so große
Opfer bringen will. Ich habe auf diese sehr
verwickelten Fragen hingewiesen, um zu zeigen,
welche Momente bei den oben berührten Berech-
nungen mit zu berücksichtigen sind, wenn sie
wirklich praktische Bedeutung erlangen sollen.

Das hier skizzierte Magazinssystem hat aber
nicht nur militärische, sondern vor allem auch
allgemeine Bedeutung. Es würde dazu beitragen,
die Preise der Lebensmittel stärker als dies heute
möglich ist zu regulieren. Dies wäre insbeson-
dere dann der Fall, wenn, wie dies Graf Kanitz
im deutschen Reichstag verlangt hat, der Staat
den Getreideimport in die Hand nimmt. Es sei
übrigens ausdrücklich hervorgehoben, daß Graf
Kanitz in der Begründung seines Vorschlages
auch die militärische Wichtigkeit desselben her-
vorhob.

Daß große Unternehmungen dieser Art
öffentlichen Charakter tragen, ist heute nichts
Seltenes. Wir sehen insbesondere die Gemeinden

immer häufiger, Gaswerke, Elektrizitätswerke usw.
aber auch Brauhäuser, Hotels übernehmen. In
Italien wird insbesondere auch die Broterzeugung
kommunalisiert. In Oesterreich-Ungarn weist nur
Welschtirol zahlreiche Gemeindebäckereien auf.
Es handelt sich dabei um ältere Rechte
welche sogar die Gewerbeordnung überdauert
haben. Die Gemeinden besitzen häufig das Back-
monopol, gelegentlich auch das Fleischaus-
schrotungsmonopol. Diese Zentralisation des Back-
betriebes wurde in jüngster Zeit dazu ausgenützt
in den Gegenden, welche besonders stark unter
der Pelagra leiden, durch Bereitung guten Brotes
die Bevölkerung hygienisch zu fördern. Es wurden
sogenannte Pelagrabäckereien geschaffen, welche
das alte Monopolrecht erwarben. Diese Bäckereien
— eine befindet sich z. B. in Riva — sind ganz
modern eingerichtet und besitzen elektrischen
Betrieb. Es ist eine wichtige Frage, wie weit im
Zukunftskriege die Zentralisation der Brotberei-
tung eine Rolle spielen wird. Soweit diese großen
Bäckereien an wichtigen Aufmarschstraßen liegen,
können sie sicher gute Dienste leisten, zumal sie
ihre Leistungsfähigkeit steigern können. Aber im
großeu und ganzen scheint die Tendenz vorzu-
herrschen im Operationsraum selbst zu backen
und die Bäckereien möglichst nahe an die Truppe
selbst heranzuschieben — erspart man doch so
unter anderem den Transport der im Brot ent-
haltenen nicht unerheblichen Wassermassen. Die
Serben haben während des Balkankrieges in
Nisch große Bäckereien errichtet gehabt und
sollen mit dem Nachschub nicht gerade schlechte
Erfahrungen gemacht haben, solange es ihnen
überhaupt gelang, das Brot den Truppen, welche
im Gebirge manövrierten, zukommen zu lassen.
Die Neigung, das Backen möglichst nahe der
Front vorzunehmen, hat ja auch dazu geführt,
daß die Handbäckerei im militärischen Friedens-
betriebe notwendigerweise eine so große Rolle
spielen muß, trotz seiner erheblichen Unappetit-
lichkeit und geringeren Leistungsfähigkeit.

Ebenso wie der Staat die Lagerhäuser für
den Kriegsfall durch Subventionierung fördern
kann, unterstützt er bereits in reger Weise auch
das Transportwesen. Bisher sind es vor allem
Lastenautomobile, die dabei in Betracht kommen.
Wir können uns aber sehr wohl denken, daß
diese Subventionierungspolitik viel größere Dimen-
sionen annehmen und sich insbesondere auch
auf die landesüblichen Fuhrwerke er-
strecken könnte, auf welche die moderne Armee
heute unter allen Umständen angewiesen ist. Es
wäre sehr viel erreicht, wenn für jedes der cha-
rakteristischen Gebiete bestimmte Typen als mili-
tärisch subventionierbar erklärt würden. Man
könnte dann, ohne den Gebräuchen der einzel-
nen Teile Oesterreich-Ungarns zu nahe zu treten,
was einen erheblichen Widerstand der Landbe-
völkerung hervorrufen würde, erreichen, daß we-
nigstens die neu zu erbauenden Wagen inner-
halb der landesüblichen Form bestimmte Bedin-
gungen erfüllen könnten.
        <pb n="56" />
        ﻿26

Es käme da insbesondere die Dimensionierung
der Ladefläche in Betracht: Es wäre von größtem
Vorteil für die Armee, wenn diese Vehikel solche
Ausmaße hätten, daß man die wichtigsten Kisten-
formen, welche die Armee verwendet, ohne
Schwierigkeit unterbringen kann. Eine solche
Einführung würde auch dazu führen, daß man
bei der Armee die Kistenformen auf einige Ein-
heitstypen reduzieren könnte, welche untereinander
komensurabel sind, etwa in der Weise, daß die
größte Kiste das Doppelte, Dreifache oder Vierfache
der kleinsten darstellt.

Wir sehen ja heute eine solche Tendenz zur
Vereinheitlichung auf dem Gebiete der Reise-
koffer, die — um im Eisenbahnwaggon zugelassen
zu werden — eine bestimmte Größe nicht über-
schreiten dürfen. Auch auf dem Gebiete der
Papierformate ist heute eine solche Bewegung
modern. Daß aber die Vereinheitlichung der
Wagentypen bei den landesüblichen Fuhrwerken,
soweit die Ladefläche in Frage kommt, keine
reine Utopie ist, beweisen die Erfahrungen, welche
man mit dieser Institution im fernen Osten ge-
macht hat.

Der Geograph Richthofen erzählt1: «Man
fährt in zweirädrigen Karren, die von zwei Maul-
tieren, eines vor das andere gespannt, gezogen
werden. Die Karren sind in ganz China genau
gleich und von denselben Abmessungen. Dies
ist bequem. Ich habe mir eine Anzahl Ge-
päckstücke machen lassen, die nach dem Zoll
bemessen sind und auf jedem neuen Karren
genau ihren Platz ausfüllen. . . .»

Daß die Armee solche Einrichtungen zu ver-
wenden wüßte, kann man aus dem sehr lesens-
werten Werke des Feldmarschalleutnants v. Meixner
entnehmen.2 Es heißt dort von den Japanern
während des russisch-japanischen Krieges: «Der
Armeetrain umfaßte lediglich die aus einspän-
nigen Einheitskarren formierten Divisionstrains . .
Die einheitliche Wagentype gab der Trainorgani-
sation den Charakter großer Einfachheit und ge-
stattete eine vielseitige Verwendung der Fuhr-
werke. So kam es vor, daß Karren der Muni-
tionskolonne Reissäcke führten. Meldete dann
der Geschützdonner die Einleitung eines Gefechtes,
so wurde der Reis abgeworfen, um die vorüber-
gehend deponierte Munition abzuholen. . . . Muni-
tion und Konserven wurden in Kisten zu 40 bis
50 kg, Reis, Gerste und Hafer in Strohmatten-
paketen zu 15 kg versendet und äußerlich durch
die verschiedene Farbe der Schnürung kenntlich
gamacht. Die kleinen Einheitspakete erleichterten
die Beladung der Karren, da der Trainsoldat im-
stande war, seinen Karren allein zu beladen, und
da ferner die Länge des Einheitssattels der Trag-

1	Richthofen-Tagebücher, Auswahl von Gansberg,
Seite 17.

2	Otto v. Meixner, Histor. Rückblick auf die Ver-
pflegung der Armeen im Felde. VI. Lieferung, S. 46 ff.

tiere der Breite der Ladefläche des Einheits-
karrens entsprach, konnte schon bei deren Be-
ladung der Zusammenstellung von Tragtierladungen
Rechnung getragen werden . . .»

Ich habe dieses eine Moment herausgegriffen,
um zu zeigen, welche Ausdehnung die Ein-
griffe der Militärverwaltung in die Technik des
Verkehrswesens nehmen können. Es ist durchaus
denkbar, daß im Interesse der militärischen Rü-
stungen das gesamte soziale Leben an manchen
Stellen rationeller als bisher, auch in Hinblick
auf den Friedenserfolg, ausgestaltet werden kann.
Das Militärwesen ist an sich überaus rationalistisch
organisiert und kann, da es die Gesamtheit durch-
dringt, Rationalismus verbreiten helfen. Freilich darf
man wieder nicht übersehen, daß die Tradition und
der antirationalistische Geist auch viel Lebens-
förderndes in sich enthält und daß der rasche
Wechsel, der oft die Folge rationellen Vorgehens
ist, das durch die Ueberlieferung wenig gehemmt
wird, bedenkliche Folgen nach sich ziehen kann.
Es würde besonderer soziologischer Betrachtungen
bedürfen, um die rationalistische Rolle des Militär-
wesens für das gesamte soziale Leben richtig zu
würdigen.

Aber die Fürsorge für die Realien kann sich
nicht allein darauf beschränken, die innerhalb des
Landes erlangbaren Quanten zu berücksichtigen.
Man muß auch mit dem Import rechnen. Ins-
besondere Lebensmittel, wie Fleisch, wird man
in Kriegszeiten in Oesterreich-Ungarn gerne zu
importieren suchen. Auch was die Frage des Im-
ports anlangt, hat man mit schwierigen Problemen
verschiedenster Art zu kämpfen. So wird von
manchen Seiten nicht mit Unrecht darauf hin-
gewiesen, daß man nur dann im Kriegsfälle mit
Fleischimport rechnen kann, wenn er bereits in
Friedenszeiten organisiert ist, da die Bereit-
stellung geeigneter Schiffe, die Organisation des
Fleischverkehres immerhin erhebliche Zeit in An-
spruch nimmt, vor allem müssen immer erst Er-
fahrungen gesammelt werden. Dagegen wird von
der anderen Seite erwidert, daß die Organisation
des Fleischimports in Friedenszeiten den ein-
heimischen Fleischproduzenten eine derartige
Konkurrenz mache, daß die inländische Pro-
duktion darunter schwer leiden würde. Man würde
den Import ermöglichen, aber nur auf Kosten der
eigenen Erzeugung. Dies sei aber insbesondere
deswegen sehr gefährlich, weil in einem größeren
Kriege das Adriatische Meer wohl gesperrt werden
dürfte.

Selbstverständlich bringt ein großer Krieg
Ausfuhrverbote aller Art, sowohl was Kriegs-
material, als auch was Lebensmittel anbelangt. Auch
im Vorbereitungsstadium sind Pferdeausfuhrver-
bote nichts Seltenes. Von manchen Seiten wird
gewünscht, daß man diese Ausfuhrverbote mög-
lichst weit ausdehnt und auch Glasflaschen, Tuch-
sorten usw. darunter begreift, wogegen von
anderer Seite eingewendet wird, daß dies Artikel
        <pb n="57" />
        ﻿27

seien, welche auf dem internationalen Markte, so-
lange kein Weltkrieg ausgebrochen sei, leicht be-
schafft werden könnten, so daß das Resultat weit-
gehender Ausfuhrverbote nur die Folge hätte, daß
die Kaufleute dritter Staaten statt jener des
eigenen Vorteile hätten. Manche sind daher der
Meinung, man solle Ausfuhrverbote im allgemeinen
auf Artikel beschränken, die man selber benötige,
oder die der Staat, den man zu hemmen sucht,
sich anderswo gar nicht oder nur sehr schwer
beschaffen kann.

Das Problem des Imports führt uns zu der
Frage, in welchem Ausmaße man im Kriegsfall
auf die Neutralität mancher Einfuhrwege rechnen
kann, wie sehr man durch die internationalen
Abmachungen gedeckt ist. Die Erfahrungen aus der
Vergangenheit sprechen dafür, daß in einem Welt-
krieg das Völkerrecht nicht allzusehr beachtet
werden dürfte. In den militärischen Kreisen aller
Staaten bringt man ihm verhältnismäßig wenig
Ehrfurcht entgegen; gerade auf die Stimmung
militärischer Kreise kommt es aber im Kriegsfälle
wesentlich an, da der Wille der kommandierenden
Feldherrn begreiflicherweise dann weit mehr in
die Wagschale fällt als in Friedenszeiteti. Wenn
man daher die Bedarfsdeckung für den Kriegsfall
ins Auge faßt, muß man immer auch den Fall
berücksichtigen, daß der Staatenbund, dem man
angehört, im Kriegsfall auf sich selbst gestellt
sein kann.

Bekanntlich ist das Prinzip, daß das Privat-
eigentum zur See zu respektieren sei, noch immer
nicht durchgedrungen — aber auch wenn es
durchgedrungen wäre, müßte man vorsichtiger-
weise mit seiner Verletzung rechnen. Im Jahre 1866
wurde das Privateigentum zur See von Deutsch-
land, Italien und Oesterreich-Ungarn respektiert,
1871 haben die Franzosen das Privateigentum
zur See nicht respektiert, weshalb es dann auch
die Deutschen nicht respektierten.

Aber selbst wenn genaue Bestimmungen über
die Respektierung neutralen Privateigentums be-
stehen, das nicht absolute Konterbande ist, hat
der feindliche Admiral noch immer die Möglichkeit,
daß er gegen die Bestimmungen des Völker-
rechtsdie Schiffe wegnimmt und sie daheim abliefert.
Die Regierung zahlt dann eventuell später eine
Entschädigungssumme. Für den Augenblick ist aber
der eine kriegführende Staat um eine Sendung
Lebensmittel gekommen. Der Schaden, den er
dadurch vielleicht in seinen militärischen Operationen
erleidet, wird durch eine Geldentschädigung, die
später einmal ausgezahlt wird, nicht wettgemacht.
Kurzum, man muß allen internationalen Vereinbarun-
gen heute noch mit größtem Mißtrauen gegenüber-
stehen. Am genauesten werden sie dann eingehalten,
wenn dritte Mächte daran interessiert sind.Wenn aber
keine Macht den Exekutor spielen will, können
die flagrantesten Verstöße gegen das Völkerrecht
ungestraft Vorkommen. Dafür liefert der Balkan-
krieg mehr als ein Beispiel. Daß die Großmächte

in der Lage gewesen wären, gegenüber den kleinen
Balkanstaaten das Völkerrecht durchzusetzen,
unterliegt wohl keinem Zweifel, es fehlte aber der
Wille dazu. Um wie viel mehr muß man mit Ver-
letzungen des Völkerrechts in einem Weltkrieg
rechnen, der keine starken Neutralen kennt und
wo alles dazu drängt, das Völkerrecht auf Schritt
und Tritt zu verletzen. Daß wir seit der napoleo-
nischen Aera eine Zunahme der internationalen
Rechtssicherheit beobachten können, kann auf eine
wirkliche Entwicklung in dieser Richtung hin-
deuten.

Aber nicht nur die Zufuhr zur See ist durch
internationale Abmachungen unzureichend ge-
sichert, auch die Neutralität einzelner Staaten,
wie der Schweiz, ist nicht so unbedingt gesichert,
wie vielfach geglaubt wird. Es wurden vor einigen
Jahren, wie von schweizerischer Seite behauptet
wurde, in Frankreich Pläne ausgearbeitet, welche
dahin abzielten, Deutschland nach einem Durch-
märsche durch das Juravorland in die Flanke
zu fallen. In der Schweiz selbst kam es damals
zu einer erregten Debatte darüber, ob man in
einem solchen Falle das Juravorland aufgeben
solle, um die Höhen zu verteidigen, oder ob man
dem Feinde am Fuße des Gebirges entgegentreten
könne. Aehnliches ist ja auch aus anderen Ge-
bieten bekannt. Wir wissen, daß man in Deutsch-
land und England immer auf Holland acht hat
und ein Staat den anderen verdächtigt, er wolle
die Neutralität dieses Gebietes im Kriegsfälle nicht
respektieren.

Kurzum, wir sehen, daß die Studien über
die gesamten Kriegsvorbereitungen, sowohl jener
für die Armee als auch jener für die Zivilbevöl-
kerung, den Importfall berücksichtigen, aber immer
auch die Möglichkeit ins Auge fassen müssen, daß
die einzelnen in Betracht kommenden Staaten-
bünde auf sich selbst gestellt sein könnten. Auf
die Notwendigkeit solche Studien systematisch
vorzunehmen, möchte ich hier mit allen Nachdruck
hinweisen.

X.	Rückwirkungen des Krieges und der
Rüstungen auf Geld und Kredit.

Nachdem wir in den bisherigen Abschnitten
in großen Umrissen festzustellen versuchten, wie
organisatorisch und effektiv für den Bedarf
der Armee und der Zivilbevölkerung gesorgt
werden kann, sollen nun die Rückwirkungen des
Krieges auf die Geld- und Kreditwirtschaft flüchtig
skizziert werden.

Als erste charakteristische Wirkung kriegeri-
scher Verwicklungen macht sich die Kündigung
der Kredite seitens des Auslandes bemerkbar. Wie
ich schon oben erwähnt habe, kann man von
einer Solidarität der Geld- und Kreditmärkte
nicht ohneweiters sprechen und muß sich davor
hüten, sie wie frei kommunizierende Gefäße auf-
zufassen, die nach einigen Schwankungen eine
        <pb n="58" />
        ﻿28

gleiche Diskonthöhe aufweisen. Gerade in kriti-
schen Zeiten kann die Isolierung der Geldmärkte
eine recht erhebliche sein. Ich erinnere nur an
die bereits angeführten Kündigungen der Wechsel-
pensionen seitens der Franzosen während der
Marokkokrise in Deutschland und Oesterreich-
Ungarn. Die Zurückziehung dieser internationalen,
kurzfristigen Kredite erfolgte sehr plötzlich und
löste unangenehme Nebenwirkungen in den
beiden Staaten aus.

Aber nicht nur das Ausland kündigt, weil
es Mißtrauen hat, oder politisch verstimmt ist,
auch die Inländer sind vielfach in Sorge. Selbst
wenn sie dem eigenen Staate ganz wohlgesinnt
sind, wollen sie doch vor allen Eventualitäten
sichergestellt sein und legen ihre Gelder vielleicht
in der Schweiz an. Während der Balkankrise
nahmen die Depositen der Schweizer Banken
rasch zu. Aus Gesprächen mit Personen, die ihre
Gelder ins Ausland bringen wollten, konnte ich
nur entnehmen, daß es sich dabei oft um recht
phantastische Vorstellungen von den Wirkungen
eines Weltkrieges auf Oesterreich-Ungarn handelte.
Daß freilich durch einen Krieg die Gelder gefährdet
werden können, ist nicht zu leugnen, aber daß
die Zurückziehung größerer Guthaben und ihre
Dislozierung im Auslande unbedingt schädlich auf
die Gesamtheit wirkt, ist sicher. Der Patriotismus
ist bei Geldsachen nur sehr unzureichend ent-
wickelt, insbesondere in den breiten Kreisen des
Publikums.

Die angedeuteten Zurückziehungen von
Geldern sind nicht eine Folge eines bestimmten
Geldbedarfes, sondern nur die Folge der Politik
oder des Mißtrauens. In Zeiten kriegerischer Ver-
wicklungen tritt aber auch ein effektiver Geld-
bedarf ein. Das Ausland, welches rüstet, sucht
Gelder herbeizuziehen. Dies kann indirekt eine
schwere Schädigung von Handel und Industrie
bei uns bedeuten. Ein Land wie Frankreich kann
seine Produktion ziemlich schonen, weil e§ als
Gläubiger von ganz Europa zunächst die sonsti-
gen Reserven anzutasten vermag. Die großen
Banken haben im ganzen die Neigung, die In-
dustrie, mit der sie näher verbunden sind, zu
berücksichtigen. Dies erklärt wohl auch die von
vielen Seiten behauptete Tatsache, daß 1912 und 1913
die Banken Westösterreichs mit der Kündigung
der Kredite in Galizien und in der Bukowina
rascher vorgingen als in Böhmen oder Nieder-
österreich. Die Banken standen letzteren Gebieten
eben näher als ersteren.

Aber auch ohne daß die Banken so planvoll
vorgehen, kann die Zurückziehung der Gelder
ziemlich automatisch erfolgen, wenn die Zinsfuß-
differenz sich gegen früher geändert hat. Wenn
in einem Lande der Zinsfuß 3, in einem anderen
dagegen 6°/0 beträgt, so werden die Banken des
zuerst genannten Landes ihr Geld gern in dem
Lande anlegen, in welchem der Zinsfuß 6°/0 ist.
Wenn nun im Falle einer politischen Krise der
Zinsfuß von 3% auf 5*/a steigt, der von 6 auf 7,

dann wird möglicherweise ein Anreiz zur Zurück-
ziehung der Gelder gegeben erscheinen. Denn
wenn auch noch immer eine Differenz besteht,
so ist sie doch möglicherweise zu klein, um das
erhöhte Risiko zu tragen, von anderen Momenten
ganz abgesehen.

Wenn die angedeuteten Vorgänge überall
einsetzen, so kündigen die verschiedenen Länder
einander ihre Kredite, das gleiche tun die Staats-
bürger untereinander. Statt daß die Staatsbürger
in so schweren Zeiten einander helfen und för-
dern, lähmen und schädigen sie einander oft aufs
empfindlichste. Man zwingt die Gesamtheit zu
einer Art Liquidation, die in ruhigen Zeiten nicht
glatt durchführbar ist, geschweige denn in Kriegs-
zeiten. Was ist die Folge davon, daß man z. B.
in einer Sparkasse Gelder behebt? Sie gibt zu-
nächst Geld aus ihren Kassen ab, dann leiht sie
sich Geld bei der österreichisch-ungarischen Bank
aus, möglicherweise gegen Hinterlegung von
Staatspapieren; genügt das auch nicht, so muß
sie daran gehen, Kredite zu kündigen, die sie
selbst gewährt hat, mindestens aber wird sie
keine neuen Kredite gewähren, was 1912 und
1913 allenthalben zu beobachten war. In Frie-
denszeiten sind die Schuldner nicht immer
in der Lage, Annuitäten und Zinsen gleich zu
zahlen, geschweige denn in Kriegszeiten. Da nun
die Sparkassen wichtige soziale Aufgaben als
Geldgeber zu erfüllen haben und eigentlich ihre
Schuldner nicht bedrücken sollen, werden sie
durch die Kündigungen in die peinlichste Lage
versetzt.

Die Gesamtheit des Publikums kündigt
auf Umwegen eigentlich sich selbst die Kredite.
Die Geldgeber und die Geldnehmer sind zwar
nicht dieselben Personen, aber sie gehören der
gleichen Gemeinschaft an. Indirekt bekommen
es alle zu spüren. Es würden vielleicht manche
glauben, daß eben auf dem Gebiete des Geld-
wesens die Menschen notwendigerweise eine
zügellose Rotte sein müssen und man nichts
dagegen tun kann. Dies gilt nun nicht so unbe-
dingt. Es ist zwar sicher, daß in Geldsachen bei
den meisten leider die Gemütlichkeit aufhört,
aber Ausnahmen kommen vor. So hatte ich bei
meinen Reisen in Bosnien Gelegenheit, zu er-
fahren, daß in den Kassen der deutschen Kolo-
nisten während des Krieges die Einlagen zuge-
nommen haben, u. zw. infolge einer dringenden
Aufforderung der Leitung, die darauf hinwies, daß
eine Kündigung der Gelder die Kassen zwinge,
arbeitsamen Landwirten die zum landwirtschaft-
lichen Betriebe nötigen Gelder zu entziehen. Wer
Geld einlege, fördere damit die Landwirtschaft
der eigenen Nation, wer Geld behebe, schädige
sie. Daß dieser Appell bei den auf einer hohen
Stufe stehenden Kolonisten Bosniens wirkte, be-
greift man leicht. Aber auch in Galizien gelang es
vielen Raiffeisenkassen-Vorständen, beruhigend zu
wirken.

Wir sehen aus diesen wenigen Andeutungen,
daß die Beruhigung der Einleger dort am leich-
        <pb n="59" />
        ﻿29

testen ist, wo die Kassen klein sind. Man kann
ein paar Dutzend Leute in einem Gasthaus ver-
sammeln und ihnen darlegen, was sie eigentlich
damit tun, wenn sie die Gelder kündigen; dies
ist bei einer großen Einlegerzahl nicht mehr
möglich. Aus diesem Grunde sind in Kriegszeiten
in mancher Richtung die kleinen Kassen
den großen vorzuziehen. Nichts erhöht
eine Panik mehr, als der suggestive Anblick
tobender nnd drängender Menschen. Nicht selten
heben dann auch Leute Geld ab, die vorher nie
daran gedacht hätten, sie sagen: «Der Nachbar
tuts auch.» Dazu kommt noch, daß tatsächlich
der zurückhaltendere Teil fürchten muß, zu kurz
zu kommen, wenn die Sparkasse all ihr Bargeld
an die Aengstlichen abgegeben hat und keines
übrig behält, wenn schließlich wirklich einer Geld
benötigt, etwa zu einer Reise oder zu geschäft-
lichen Zwecken. Es ist für unsere Geld- und
Kreditordnung charakteristisch, daß die Aengst-
lichen, die Unsozialen auf die Mutigen und Sozialen
einen Druck ausüben. Die Ruhigen werden ge-
zwungen, die Kopflosigkeit mitzumachen, soll es
ihnen nicht nach dem bekannten Spruch er-
gehen: «Den Letzten beißen die Hunde!»

Das Gesagte zeigt uns, daß die Banken und
Sparkassen in kritischen Zeiten immer damit
rechnen müssen, daß die sofort fälligen Gelder
behoben werden können. Andere Gelder, welche
gegen Kündigung hinterlegt wurden, werden ge-
kündigt, aber für diese Kündigungen das nötige
Bargeld zu besorgen, bleibt der Bank einige Zeit.
Doch um dem ersten Ansturm gewachsen zu sein,
muß bares Geld bereit liegen, oder es müssen
mindestens Guthaben z. B. bei der österreichisch-
ungarischen Bank vorhanden sein, welche die be-
treffende Bank jeden Augenblick in Anspruch
nehmen kann. Das Verhältnis der baren oder
leicht realisierbaren Mittel zu den sofort fälligen
Schulden bezeichnet man als die Liquidität einer
Bank. Man kann, wenn man genau sein will, die
Schulden der Bank ebenso wie ihre Forderungen
nach Fälligkeitsterminen unter Berücksichtigung
der erfahrungsgemäßen Einhaltung ordnen und
einander gegenüberstellen.

Wenn eine Bank bei 500.000 K sofort fäl-
ligen Forderungen 80.000 K in bar liegen hat,
ist sie liquider, als wenn sie nur 60.000-K liegen
hat. Eine Bank kann sehr illiquid sein, das heißt,
die Forderungen der Liquidität nicht erfüllen und
dennoch durchaus aktiv sein. Dies zeigt uns
Tabelle XXI zur Genüge:

Tabelle XXI.

Illiquide, aktive Bank

	Aktiva	Passiva	
Häuser	. . . 25.000 K	Aktienkapital .	10.000 K
Effekten	. .	4.000 »	Sofort fällige	
Kassa	. . . 1.000 »  30.000 K	Forderungen Saldo	. . .	15.000 » 5.000 »  30.000 K

Die Bank hat zwar einen Saldo von 5000 K
zu ihren Gunsten, aber sie kann ihre Gläubiger
nicht befriedigen, welche ihre Forderungen geltend
machen. Trotzdem ist die Bank im Besitz von Eigen-
tum, das verkauft einen weit größeren Betrag
liefern würde. Aktivität und Liquidität sind eben
durchaus verschiedene Dinge.

Wenn wir nun daran gehen, uns die Bedeu-
tung der Liquidität im Kriegsfall klar zu machen,
so genügt es nicht, die einzelnen Banken zu
untersuchen. Wir werden nämlich sehen, daß die
Liquidität der Banken und Unternehmungen ein
System bildet. Die erste Bank ist an die zweite,
diese an die dritte, usw. verschuldet. Die Liqui-
dität der einen Bank hängt dann von derjenigen
der anderen bis zu einem erheblichen Grade ab.
Hat eine Bank Wechsel in der Hand, die den
Giro einer anderen tragen, so wechselt die Re-
alisierbarkeit des Wechsels mit der Zahlungs-
fähigkeit der girierenden Bank, die selbst wieder
das Produkt von Zahlungsfähigkeiten anderer
Institute sein kann. Leider ist bis jetzt die volks-
wirtschaftliche Theorie noch nicht so weit vor-
geschritten, um eine ausreichende Analyse über
die Liquidität einer Gesellschaft auch nur sche-
matisch geben zu können. Ich will im folgenden
nur versuchen, ein und das andere Problem an-
zudeuten, das auch praktisch von Bedeutung ist

Die Liquidität eines Systems hängt von den
verschiedensten Umständen ab. ln erster Reihe
von der Zeit, welche bei der Abwicklung von
Geschäften zur Verfügung steht.

Die Erwägungen, die wir an Tabelle XXII.
anzustellen vermögen, erinnern uns in vielem an
die Betrachtungen, welche sich an die Tabelle VUI
anschlossen.

Es seien uns vier Personen, A, B, C, D, gegeben.
A sei im Besitze von 100 K, in Gold O 100 K habe
er überdies von D zu fordern, während er selbst
an B 100 K schuldig sei, die anderen Personen
B, C, D, seien der Reihe nach 100 K schuldig
und hätten gleichzeitig 100 K Forderungen im
Besitz. Wie im Falle der Warenzirkulation, den
Tabelle VIII darstellt, können alle Verpflichtungen
glatt abgewickelt werden, wenn fünf Zeitpunkte
zur Verfügung stehen. Sollten alle Schulden am
gleichen Tage fällig sein, so müßten entsprechende
Prolongationen vorgenommen werden. Wird in
Krisenzeiten die sofortige Bezahlung verlangt, so
kann A noch gerade dem B zahlen, aber C ist
bereits bankerott. Wir sehen, wie in diesem
schematischen Falle die Liquidität eines Systems
von Personen von der Zeit abhängt, welche zur
Bezahlung der Schulden zu Verfügung steht.

Diese Abhängigkeit der Liquidität von der
zur Verfügung stehenden Zeit kann bereits in den
Bilanzen vorweggenommen erscheinen und da-
durch die Situation von vornherein verschlimmern.
D, der voraussieht, daß C vielleicht nicht zahlen
kann, wird den Schuldschein oder Wechsel des C
dann gar nicht zum vollen Betrag in die Bilanz
        <pb n="60" />
        ﻿30

Tabelle XXII.

Liquiditätsschema

Zeitpunkt	A		B		C		D	
	Akt.	Pass.	Akt.	Pass.	Akt.	Pass.	Akt.	Pass.
t,	100 D  100 K ©	100 B	100 A	100 C	100 B	100 D	100 C	100 A
^2	100 D	—	100 K ©	100 C	100 B	100 D	100 C	100 A
^3	100 D	—	—	—	100 K ©	100 D	100 C	100 A
t4	100 D	—	—	—	—	—	100 K ©	100 A
t5	100 K ©	—	—	—	—	—	—	—
								

einstellen, sondern vielleicht nur mit 50 K be-
werten. Ebenso wird vielleicht C gegenüber der
Forderung des B vorgehen, auch A wird gegen-
über D das gleiche tun. Es können dann zu einer
Zeit, in der die Schulden noch gar nicht fällig
sind, die Gesamtpassiven des Systems durch diese
Antizipationen bereits größer sein, als die Ge-
samtaktiven! Selbstverständlich ist der vorliegende
Fall sehr schematisiert. Es ist angenommen, daß
B gegen C zahlungsunfähig wird, in demselben
Augenblicke, in dem er von A Geld bekommt.
Aber dies ändert an der Brauchbarkeit der ganzen
Betrachtung nichts. Es gibt immer eine praktisch
bedeutsame Dauer der Zahlungsabwicklung, welche
an irgend einer Stelle der Personenkette ein
Abreißen bewirken muß.

Diejenigen, welche die Aufrechterhaltung der
Geld- und Kreditordnung als eine der Hauptauf-
gaben der Politik ansehen, treten dafür ein, die
Banken und Sparkassen mit derartigen Reserven
auszustatten, daß sie allen Anforderungen ge-
wachsen sein können. Sie übersehen dabei nicht
selten, daß eine volle Kriegsbereitschaft, die Ge-
schäftsbereitschaft erheblich heruntersetzt. Es
könnte dazukommen, daß man aus Angst vor
einem Kriege, der vielleicht in dreißig Jahren
ausbricht, eine ganze Generation lang die Pro-
duktion und Konsumtion lähmt. Andere wieder
sind der Meinung, daß die Liquidität nur ein
Mittel zu einem Zwecke sei, nämlich zu dem

das Wohlsein aller zu erhöhen. Es könne
daher angemessener sein, die Banken nur
mäßig für den Kriegsfall vorzubereiten, dafür
aber organisatorische Abänderungen der Geld-
und Kreditordnung für den Kriegsfall ins Auge
zu fassen. Insbesondere rechnen viele mit der
Verhängung eines Moratoriums im Kriegsfall,
wie es z. B. in Serbien und Bulgarien während
des Balkankrieges erlassen wurde. Es wird in
einem Weltkrieg ein Moratorium wohl kaum zu
vermeiden sein, und es empfiehlt sich daher wohl,
dies Moratorium von vornherein in Rechnung zu
stellen. Damit ist ja noch lange nicht gesagt, daß
die Banken keine Kriegsvorbereitungen treffen
müssen; nur sind dadurch gewisse Grenzen
gegeben.

Es ist wohl zweckmäßiger, man macht sich
das alles vorher klar, als daß man von den Banken
und Finanzministerien wirkliche Kriegsbereitschaft
erwartete, um dann im Ernstfall — oft zu spät
— zu erfahren, daß doch diesen Erwartungen
nicht genügt werden konnte. Derartige peinliche
Eröffnungen in kritischen Zeiten sind nichts Sel-
tenes, sie sind vor allem eine Folge der zu weit
getriebenen Ressortautonomie ; der eine Teil der
Gesellschaft weiß nicht genau, was der andere
tut, und die Gesamtheit ist sich über ihr Ver-
halten erst recht nicht im klaren. Jeder vertraut
auf den anderen und schließlich können arge
Enttäuschungen das Resultat sein.
        <pb n="61" />
        ﻿31

Es gibt eine Reihe von Vertretern der Bank-
kreise, welche mit großem Nachdruck darauf hin-
weisen, daß die Banken im Kriegsfall allen An-
forderungen genügen könnten, und dennoch sollen
die Auskünfte, welche seitens der Banken während
der Marokkokrise dem Deutschen Kaiser gemacht
wurden, ihn nicht befriedigt haben. Auch seitens
der Heeresverwaltungen wird wohl in vielen Län-
dern zeitweilig mit einer Leistungsfähigkeit der
Finanzverwaltungen gerechnet — die selbst wieder
von jener der Banken abhängt — die nicht
immer ganz den Tatsachen entspricht. Die Ten-
denz, die Geld- und Kreditordnung in Schutz zu
nehmen, führt auch dazu, daß der Börse
in Kriegszeiten eine Verteidigung zuteil wird,
während von anderer Seite gerade die Börse als
Herd der Panik charakterisiert wird. Man weist
dabei darauf hin, daß die tollsten und unmoti-
viertesten Paniken in Friedenszeiten gerade an
den Börsen sich gezeigt haben und daß es
schlimm um einen Staat bestellt sei, der in Kriegs-
zeiten allein auf die Aufnahmefähigkeit der Börse
für Renten angewiesen ist.

Selbst wenn man einen Kriegsplan aus-
arbeitet, der das glatte Funktionieren der Banken
und Börsen voraussetzt, sollte man auch einen
zweiten ausarbeiten, der ihr Versagen in Rechnung
stellt. Nichts rächt sich mehr, als das übertriebene
Vertrauen in die Geld- und Kreditordnung. Es ist
schon allzuoft getäuscht worden. Ueberhastete Re-
formen waren das Ergebnis.

Wir haben gesehen, daß eine wesentliche
Störung der Geld- und Kreditordnung durch die
Zurückziehung ausländischer Gelder erfolgt. Manche
treten nun dafür ein, daß ein entwickeltes
Börsen- und Banksystem diesen Zurückziehungen
durch Ansammlung fremder Effekten und Devisen
Vorarbeiten solle.

Ueberdies sei einem durch den Besitz fremder
Papiere die Möglichkeit gegeben, im Kriegsfall die
feindliche Börse zu beunruhigen. Abgesehen da-
von, daß diese Maßnahmen große Kosten ver-
ursachen, ist es mehr als fraglich, ob die feind-
liche Börse wirklich auf diese Weise geschädigt
werden kann. Wird seitens des Feindes ein Mora-
torium erlassen, so versagt diese Vorkehrung voll-
ständig. Ich erinnere nochmals daran, daß zu Be-
ginn des Deutsch-französischenKrieges eine Zeit-
lang in Berlin englische Devisen nicht verkauft
werden konnten, weil man fürchtete, England
werde, um Frankreich zu Hilfe zu kommen, die
Einlösung der englischen Devisen entweder ver-
weigern oder mindestens wesentlich verzögern.
Es ist übrigens strittig, wie weit England als krieg-
führender Staat zur Einlösung verpflichtet wäre;
aber selbst wenn die völkerrechtliche Verpflichtung
bestünde, müßte die Möglichkeit, daß sie nicht
eingehalten würde, ins Auge gefaßt werden.

Selbstverständlich kann England im Interesse
seines Prestiges auf dem Geld- und Kreditmarkt

sich ganz korrekt verhalten, aber nur darauf zu
bauen, ist nicht unbedenklich. Jedenfalls wäre es
ein mehr als gewagtes Manöver, größere Be-
stände an Devisen der Tripleentente anzusammeln.
Die bloße Hinausschleppung der Zahlung bedeutet
schon eine empfindliche Schädigung. In welcher
Weise unter Umständen Gerichtsverhandlungen
sich hinausziehen können, kann ich aus einem
mir vorliegenden Akt entnehmen. In einem be-
nachbarten Staat haben Auswanderer im Jahre
1902 eine Vermögensschädigung erfahren, im
Jahre 1911 ist das endgiltige Urteil erflossen, das
den einzelnen Personen einen Anspruch zuer-
kannte. Wenn solche Dinge im Frieden Vorkommen,
um wie viel eher im Kriegsfall, wo man alles da-
ran setzt, den Gegner auf möglichst empfindliche
Weise zu schädigen.

Zu den wichtigsten Modifikationen der Geld-
und Kreditordnung im Kriegsfall gehört, wie schon
erwähnt, das Moratorium; es verschiebt die Zah-
lungsverpflichtung bestimmter Klassen oder der
ganzen Bevölkerung entweder für alle oder nur
für bestimmte ausstehende Schulden. Das Mora-
torium zwingt den Einleger der Bank Kredit zu
gewähren, es zwingt die Bank ihren Schuldnern
den Kredit zu belassen. Kurzum, es wirkt im
wesentlichen darauf hin, die Solidarität zu er-
höhen. Für Serbien und Bulgarien war das Mo-
ratorium ein Glück; während z. B. Galizien und
die Bukowina unter der Kriegsgefahr furchtbar zu
leiden hatten, da kein Moratorium erlassen wurde.
Gerade in der schwierigsten Zeit mußten Leute
Zahlungen leisten, die dies kaum in normalen
Zeiten gekonnt hätten.

Ein Hauptzweck des Moratoriums besteht
darin, die Schulder der Banken und Sparkassen
zu schützen, es soll aber auch ein Kaufmann
gegen den anderen, ein Industrieller gegen
den anderen geschützt werden. Es ist nicht
nur im Interesse des Schuldners, sondern
auch des Gläubigers, dem dadurch vielfach ein
zahlungsfähigerer Schuldner nach dem Kriege
gesichert wird. Es kommt ja oft vor, daß ein
Gläubiger gerne warten würde, damit der Schuld-
ner sich erholen kann und nur deshalb zugreift,
damit ihm nicht ein anderer Gläubiger mit einer
Exekution zuvorkommt. Es ist ein analoger Fall,
wie bei den Abhebungen der Einlagen. Der rück-
sichtslose, der unvernünftige Gläubiger gibt den
Ton an. Der rücksichtsvolle, der bedächtige Gläu-
biger wird geschädigt, wenn er nicht mittut. Das
Moratoriumhilftsodem vorausdenkenden Gläubiger.

Wir sehen aber nach einer kurzen Ueber-
Iegung, daß ein Moratorium auch sehr bedenk-
liche Nebenwirkungen zur Folge hat. Nehmen
wir an, ein Fabrikant hat Geld bei einer Bank
liegen und benötigt es, um einen Rohstoffliefe-
ranten zu zahlen. Er kann das Geld nicht be-
heben, da ein Moratorium verhängt ist. Es fragt
sich nun, wie in einem solchen Falle geholfen
werden kann.
        <pb n="62" />
        ﻿32

Wir sahen, daß das Moratorium vor allem
auch dazu dient, die Gesamtheit der von allen
Banken gewährten Kredite nicht plötzlich zu re-
duzieren. Wenn also dieser Kaufmann etwa
10.000 Kronen benötigt, so würde es sich darum
handeln, zu bewirken, daß sie den Schuldnern
nicht gekündigt werden müssen. Dies kann in
der Weise etwa erfolgen, daß die Zahlung an den
Rohstofflieferanten nicht in Noten oder Metall-
geld erfolgt, sondern nur durch Ueberschreibung
in den Büchern der Bank. Dem Rohstofflieferan-
ten müßte eventuell ein neues Konto eröffnet
werden.

Man könnte sich aber auch denken, daß
alle großen Banken, die Notenbank an der Spitze,
ein Konsortium bilden, das für alle Einlagen ge-
meinsam haftet und Ueberweisungen von Konto
zu Konto zuläßt, mit der ausdrücklichen Bestim-
mung, daß eine Barabhebung nicht erfolgen darf.
Das heißt, das Moratorium würde nur insoferne
Geltung haben, als man diesem Banksystem Geld
entziehen will, nicht aber insoweit
man innerhalb des Banksystems
Girozahlungen leistet. Es würde ge-
wissermaßen nur Schecks zur Verrechnung, nicht
aber Schecks zur Barabhebung ausgestellt werden
dürfen. Die Gesamtheit der Gelder,
welche bei dem Banksystem als
Einlagen vorhanden sind, bliebe
konstant. Wenn jeder verpflichtet wäre,
solche Zahlungen anzunehmen und sich die zwangs-
weise Eröffnung eines Kontos gefallen lassen
müßte — da ja nicht jeder, dem gezahlt wird,
bereits Kontoinhaber sein würde — und der Staat
diese Zahlungen mit seiner Autorität deckt, hätten
wir es mit staatlich organisiertem uneinlös-
lichem Girogeld zu tun.

Erfahrungen dieser Art hat man im Jahre
1907 während der nordamerikanischen Krise ge-
macht, die auch wir zu spüren bekamen. Damals
schloß sich eine Gruppe von Banken zusammen
und schuf ein Garantiesystem, welches eigene
Zertifikate ausgab. Während aber dieses unein-
lösliche Girogeld, das als Privatgeld zu bezeich-
nen wäre, nur unvollständig mit Metall gedeckt
war, — der Rest war durch die Forderungen der
Banken gedeckt — gab es im 17. Jahrhundert
bei der Bank von Amsterdam vollständig mit
Metall gedecktes, uneinlösliches Girogeld. Wer
Wechselschulden über eine bestimmte Summe zu
zahlen hatte, mußte dies in der Weise tun, daß
er, falls er nicht bereits ein Konto bei der Bank
von Amsterdam besaß, durch Hinterlegung von
Silber eines erhielt. Durch Giroüberweisung konnte
er dann die Wechselschuld begleichen. Der Emp-
fänger konnte über das Geld giromäßig verfügen,
aber er durfte das Silber nicht beheben. Wohl
aber konnte er sein Konto einem Dritten ver-
kaufen. Auf diese Weise wollte man in den
Niederlanden die kommerziellen Zahlungen mög-
lichst konzentrieren. Da es für den internatio-
nalen Verkehr sehr wichtig war, in Amsterdam
ein Konto zu haben, konnte es Vorkommen,

daß Amsterdamer uneinlösliches Girogeld mit
einem Agio gegenüber dem gewöhnlichen Gelde
notierte.

Das uneinlösliche Girogeld ist gar keine so
sonderbare Geldsorte, wie viele glauben, sind wir
doch in Oesterreich-Ungarn an uneinlösliches
Zeichengeld gewöhnt, da wir doch uneinlösliche
Noten besitzen. Prinzipiell sind diese beiden Geld-
typen durchaus gleichartig. Das uneinlösliche
Girogeld hat nur den großen Vorteil, daß man
es genau in seiner Zirkulation kontrollieren kann,
was gerade in Kriegszeiten von erheblicher
Wichtigkeit ist. Seine Deckung ist faktisch nach
geltendem Recht freilich eine anders geartete.
Vor allem bestehen für dasselbe keine Deckungs-
vorschriften. Während die österreichisch-ungarische
Bank ihr Notengeld mit 2/s in Metall decken
muß, hat sie bezüglich der Girokonten keine
besondere Verpflichtung. Dies ist eigentlich eine
gewisse Inkonsequenz, da die Girokonten ebenso
wie die Notenemission durch Wechseldiskontierung
vergrößert werden können. Diskontiert einer einen
Wechsel bei der Bank, so kann er die ihm zu-
kommende Summe sich entweder bar auszahlen
oder aber seinem Girokonto gutschreiben lassen.
Diese verschiedene Behandlung von Girogeld und
Notengeld kann es der österreichisch-ungarischen
Bank in Kriegszeiten ermöglichen, der Regierung
größere Kredite in Form von Girogeld zu ge-
währen, wenn sie dies auf dem Wege der Noten-
emission nicht kann. Sie vermag dies zu tun,
ohne die formellen gesetzlichen Bestimmungen zu
verletzen, was ja vielfach als ein großer Vorteil
empfunden wird.

Der Ausbau des Giroverkehrs ist so von
großer Bedeutung für den Kriegsfall, und es ist
durchaus im Interesse der Heeresverwaltung ge-
legen, das Girowesen möglichst auszubauen. In
welcher Weise dies geschehen kann, ist eine
Detailfrage. Es kann dabei die österreichisch-
ungarische Bank mitwirken, oder aber die Post-
sparkasse, welche durch ihre weite Verbreitung
viele Vorteile aufweist. Wie man im Kriegsfälle
die Giroüberweisung bis zur Armee hinausträgt,
welche Rolle dabei die Feldpost pielen könnte,
will ich hier nicht weiter erörtern; der Hinweis
auf diese Probleme mag genügen.

Wenn es zur Schaffung uneinlöslichen Giro-
geldes im Kriegsfälle kommen sollte — wobei
selbstverständlich zunächst nur an solche Zah-
lungen zu denken ist, die größere Be-
träge ausmachen — würde wohl vor
allem die Postsparkasse herangezogen werden,
da ja das Postsparkassenkonto durch die Ein-
lagenbüchel weitesten Kreisen vertraut ist. In
welcher Weise die Spareinlagen in Girokonten
umzuwandeln wären und in welchem Ausmaße,
ist ebenfalls eine Detailfrage. Jedenfalls sehen
wir, daß die Basis für eine Popularisierung des
uneinlöslichen Girogeldes wohl gegeben erscheint.

Durch die Einführung des uneinlöslichen
Girogeldes wird die Menge des für Zahlungen
        <pb n="63" />
        ﻿33

erforderlichen Geldes nicht variiert, denn es
macht grundsätzlich keinen Unterschied aus, ob
10.000 K auf dem Wege der Ueberweisung oder
mit Noten gezahlt werden. Hingegen wird Geld
jeder Art gespart, wenn die Organisation des
Clearingverkehrs Verwendung findet. Das Wesen
des Clearing besteht darin, daß eine Gruppe von
Personen alle Forderungen untereinander kom-
pensieren, ganz gleich, welchen Charakter sie
tragen. Im Falle der Tabelle XXII würde die
Kompensation der Forderungen, die in einem
Zeitpunkte zu erledigen wäre, ergeben, daß keiner
keinem etwas zu zahlen hätte, die Geldsumme
100 K bliebe unverändert bei A. ln welcher
Weise aber eine Kompensation wirkt, die einen
Saldo ergibt, zeigt uns Fall II in Tabelle XXI11:

Durch die Verwendung von Girogeld erspart
man Metallgeld und Notengeld, sowie man durch
die Verwendung von Notengeld Girogeld und Me-
tallgeld erspart; der Clearing dagegen erspart,
wie wir eben gesehen haben, jede Art von Geld.
Soweit zu Beginn kriegerischer Verwicklungen
der Mangel an Zahlungsmitteln störend empfunden
wird, kann durch Ausdehnung des Clearings Ab-
hilfe geschaffen werden. Freilich funktioniert diese
Organisation im allgemeinen nur dann gut, wenn
sie bereits in Friedenzzeiten entspreckend populär
gemacht, wurde. In Oesterreich-Ungarn ist der
Clearing auf einen recht kleinen Kreis von Per-
sonen und Banken beschränkt.

Diese Andeutungen führen uns zu dem Er-
gebnis, daß die Liquidität eines Systems nicht

Tabelle XXIII.

Clearing

Fall	Zustand	A		B		C		D		Nötige  Geldmenge
		Akt.	Pass.	Akt.	Pass.	Akt.	Pass.	Akt.	Pass.	
l	Vor der Kompensation	100 D	100 B	100 A	100 C	100 B	100 D	100 C	100 A	400 K
	Nach der Kompensation	—	—	—	—	—	—	—	. —	0
II	Vor der Kompensation	100 D	300 B	300 A	500C	500 B	100 D	100 c	100 A	1000 K
	Nach der Kompensation	—	200	—	200	400	—	—	—	400 K
										

Wir sehen, daß in dem uns bekannten
Fall I durch Einführung des Clearing keine Geld-
zahlung erforderlich wird. Im Fall II dagegen
wären ohne Clearing, wenn die Zahlungen im
selben Augenblicke erfolgen müßten, 1000 K
nötig; wenn dagegen der Clearing eingeführt wird,
kompensieren sich die Zahlungen. C bekommt
von der Gesamtheit 400 K, A und B zahlen
an die Gesamtheit je 200 K. Die Zahlung
wickelt sich in der Weise ab, daß A und B
je 200 K dem C übergeben, so daß mit 400 K
das Auslangen gefunden wird. Diese Zahlung
von 400 K kann in vollwertigem Metallgeld, in
metallischem Zeichengeld, in Notengeld oder in
Girogeld erfolgen. Daß die Girogeldzahlung die
Zahlungsmenge nicht verringert, sehen wir aus
Tabelle XXIV.

nur von der zur Verfügung stehenden Zeit ab-
hängig ist, sondern auch von der Organisa-
tionsform. Es kann beim Vorhandensein einer
Clearingorganisation eine Gruppe von Konkursen
vermieden werden, die sonst eingetreten wäre.
Eine gute Organisation kann, wie wir sehen, von
größter Wichtigkeit sein. Sie vermag zwar nicht
den Mangel von Nahrungsmitteln, Kanonen usw.
zu ersetzen, aber verhindern, daß nicht trotz
Vorhandenseins genügender Produktions- und
Konsumtionsquellen alles darbt und jede Operation
gelähmt wird. Manche wollen sich mit dem Hin-
weis darauf beruhigen, daß es in allen Ländern in
dieser Richtung gleich schlecht bestellt sei. Das trifft
wohl nicht mehr ganz zu. In Deutschland und Frank-
reich werden Organisationen für den Kriegsfall bereits
eifrig erörtert, für Oesterreich-Ungarn wären sie aber
        <pb n="64" />
        ﻿34

Tabelle XXIV.

Begleichung des Clearingsaldos durch Noten- und Oirozahlung.

Fall	A		B		C		D	
	Aktiva	Passiva	Aktiva	Passiva	Aktiva	Passiva	Aktiva	Passiva
i bJD  n c  &lt;L&gt; ;3	1000 Noten	200	1000 Noten	200	1000 Noten 400	—	1000 Noten	--
o jd  2 rcj  N	800 Noten	—	800 Noten	—	1400 Noten	-	1000 Noten	— .
hß  c  JC	1000 Giro- konto	200	1000 Giro- konto	200	1000 Giro- konto  400		1000 Giro- konto	—
N  O  Ö	800 Giro- konto	—	800 Giro- konto	—	1400 Giro- konto		1000 Giro- konto	-

besonders wichtig, weil wir in Hinblick auf unsere
Gesamtentwicklung, insbesondere was die In-
dustrie anbelangt, manches schwere Manko aufzu-
weisen haben. Wir sollten wenigstens bemüht
sein, jene Mängel möglichst rasch zu beseitigen,
weiche aus einer mangelhaften Organisation her-
rühren.

Die Beschaffung der für den Krieg erforder-
lichen Ware kann auch in der Weise erfolgen,
daß Noten emittiert werden oder das Girogeld
vermehrt wird. Ich habe bereits darüber ge-
sprochen. welche Wirkungen dies auf die Preise
ausübt und wie die Realeinkommen der Bevöl-
kerung dadurch beeinflußt werden. Es ist für
kriegswirtschaftliche Untersuchungen selbstver-
ständlich von der größten Wichtigkeit, die Ver-
änderungen in der Kaufkraft des Geldes nachzu-
weisen.

Aber dies allein genügt nicht, ich muß auch
festzustellen suchen, wie sich die Löhne verändert
haben. Da ergeben sich nun mannigfache Schwierig-
keiten. Vielfach geht man in der Weise vor, daß
man die Löhne bestimmter Arbeitertypen zu einer
Zeit feststellt und dann die Löhne derselben
Typen zu einer anderen Zeit. Diese Methode ist
aber ungeeignet, wenn starke Verschiebungen vor-
gekommen sind.

Ich will dies ganz kurz anzudeuten versuchen,
ln Tabelle XXV sehen wir drei Typen von Ar-
beitern : arbeitslose, ungelernte und gelernte Ar-
beiter vertreten. In jeder Klasse sei eine bestimmte
Anzahl von Individuen enthalten, der Reallohn
werde für jede Kategorie festgestellt. Im ersten
Zeitpunkt sind die Reallöhne der Reihe nach :
0, 10, 20. Im zweiten Zeitpunkt dagegen : 0, 6,12'
Wir sehen, daß die Reallöhne der einzelnen
Klassen gesunken sind. Dennoch hat der Wohl-
stand der Bevölkerung zugenommen. Wir nahmen
nämlich in unserem Schema an, daß alle Arbeits-
losen Arbeit gefunden haben und alle Ungelernten
zu gelernten Arbeitern aufgerückt sind. Wer früher
als Individuum gar nichts erhielt, bekommt jetzt 6,

wer früher als Individuum 10 erhielt, erhält jetzt
12; für die verschiedenen Arten der Arbeits-
leistungen sind die Leute jetzt freilich schlechter
bezahlt; während früher die ungelernten 10 be-
kamen, erhalten sie jetzt nur 6. Die Gesamt-
bevölkerung erhält aber jetzt 54 Reallohn statt wie
früher 30. Dieser eine Hinweis zeigt zur Ge-
nüge, wie es schwer ist, die Rückwirkungen der
Veränderungen, welche das Geld- und Kreditwesen
betreffen, richtig zu würdigen. Wir sehen, welche
Fülle von Komplikationen sich im Geld- und
Kreditwesen ergeben, die zum Teil aus dessen
Unübersichtlichkeit herrühren.

Dies ist ein weiteres Moment, welches dafür
spricht, daß im Kriegsfälle die Schaffung einer
Großnaturalwirtschaft von leitenden Politikern ge-
wünscht werden kann. Wenn sie sich auch nur
auf Nahrungsmittel, Kohle und einige wichtige
andere Bedarfsartikel erstreckt, so ist damit doch
sehr viel für die Durchsichtigkeit der Güterzirku-
lation geschehen und gerade sie erleichtert viele
Maßnahmen. Nichts ist störender als die Unmög-
lichkeit, sich über das Schicksal der Geldsummen
und Güter zu orientieren.

IX. Rückwirkungen des Krieges und der
Rüstungen auf Produktion und Handel.

Ich habe schon gelegentlich darauf hinge-
wiesen, daß die Ausgaben für Rüstungen und
Kriegszwecke auf die Produktion und den Handel
in sehr verschiedener Weise wirken können. Sie
vermögen unter Umständen den Handel, die Land-
wirtschaft, die Industrie erheblich zu schädigen.
Man entzieht ihnen Geld, das sie zur Erweiterung
ihrer Betriebe brauchen und führt es nur jenen
Industriellen und Landwirten zu, welche für die
Armee liefern.

Gewiß kommt das Geld wieder in Zirkulation,
aber nachdem vorher die Geldentziehungen bereits
Betriebsreduktionen zurFolge gehabthaben können,
nachdem bereits Arbeitskräfte der Landwirtschaft
und der Industrie entzogen wurden. Die Geld-
        <pb n="65" />
        ﻿35

Tabelle XXV.

Steigender Gesamtreallohn bei fallendem Reallohn der einzelnen Kategorien

Zeitpunkt	Kategorien :	Arbeitslose	ungelernte Arbeiter	gelernte Arbeiter	Summe
	Reallohn jeder Kategorie	0	10	20	—
t,	Individuen	A, B, C	D, E, F	0	6
	Gesamtreallohn	0	30	0	30
	Reallohn jeder Kategorie	0	6	12	—
^2	Individuen	0	A, B, C	D, E, F	6
	Gesamtreallohn	0	18	36	54

summen, welche für die Armee verwendet werden,
drücken zum Teil einen Entgang an Schulbildung,
eine Verschlechterung der Hygiene, eine Reduktion
der Produktion aus. Es gibt Völker, welche durch
die Auferlegung von Steuern nur zu einer e r-
höhten Produktion angeregt werden.
In ihrem Bemühen, den alten Lebenstandard
wieder zu erreichen, erweitern sie ihn nicht selten,
andere wieder zahlen die Steuern und schränken sich
mehr ein. Dies letztere ist vor allem bei südlicheren
Völkern nichts Seltenes, auch Osteuropäer weisen
häufig dieses Verhalten auf. Indirekt kann so die
Militärmacht empfindlich geschädigt werden. Denn
eine vermehrte Sterblichkeit, der Analphabetismus
wirkt ungünstig auf die Armee zurück. Es bedarf
konkreter Nachforschungen, ob die Aufnahme vorr
Anleihen oder Steuern auf ein Land lähmend oder
anregend wirkt.

Die indirekten Wirkungen auf Produktion
und Gesundheit müssen immer im Auge behalten
werden; oft beachtet man sie erst, wenn es bereits
zu spät ist. Der Vorteil, der unmittelbar für die
Armee erlangt wird, kann mittelbar ihr wieder
verloren gehen. Es kann schließlich dazu kommen,
daß die Förderung der Hygiene, des Schulwesens,
der Produktion von der Armee intensiv gefordert
wird, um die indirekten Schädigungen zu paraly-
sieren. Wir haben dafür ein Vorbild in der Ge-
schichte. Die ersten Anregungen zur deutschen
Arbeiterschutzgesetzgebung, die sich in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte, gehen
zum Teil auf die Beobachtungen eines Offiziers
zurück, der in den Rheinlariden, wo sich die In-
dustrie überaus rasch ausgebreitet hatte, erschre-
ckende Rückgänge der Tauglichkeit bei den Stellun-
gen beobachtete. Es war klar, daß durch Fürsorge für
die Arbeiter, Reduktion der Arbeitszeit, Verbesse-
rung der Arbeitsbedingungen usw. Abhilfe ge-
schaffen werden konnte. Wir sehen, daß die Ar-
mee an einer gesunden, gutgestellten Bevölkerung

überaus interessiert ist; heute, wo man die mili-
tärischen Kräfte der Bevölkerung noch mehr aus-
zunützen sucht als früher, in immer steigendem
Maße.

Für Oesterreich-Ungarn sind solche Erwä-
gungen von größter Wichtigkeit, weil die Mon-
archie unter den Rüstungen weit schwerer leidet,
als etwa Deutschland, das in lebhaftestem Auf-
schwung begriffen ist. Wenn man die gröbsten
statistischen Schätzungen zur Hand nimmt, ist
die Ungleichheit der Entwicklung Deutschlands
und Oesterreich-Ungarns auf den ersten Blick zu
erkennen. Manche glauben, daß diese üble Lage
nicht allzu pessimistisch beurteilt werden dürfe,
da man ja Anleihen im Auslande aufnehmen
könne. Man darf aber dabei nicht übersehen, daß
eine Anleihe oft Knechtschaft bedeutet. Das Aus-
land zehrt auf Jahrzehnte hinaus von unserem
Mark, wenn wir nicht durch eine besonders rege
Entfaltung aller produktiven Kräfte die Zinsen und
Annuitäten aufbringen.

Soweit diese Anleihen aber militärischen
Zwecken dienen, fördern sie die Gesamtentwick-
lung der Produktion nur sehr wenig. Da man
bisher nicht systematisch darauf aus ist, bei den
Ausgaben für die Armee die Wege einzuschlagen,
welche der Industrie und Landwirtschaft am
meisten Förderung bringen, nützen sie noch
weniger als es vielleicht bei entsprechenden Maß-
nahmen denkbar wäre. Oesterreich-Ungarn ent-
wickelt sich an sich langsamer als Deutschland,
durch die Aufwendungen für die Armee wird die
Entwicklung nicht beschleunigt. Die Armee
hat aber das allergrößte Inter-
esse daran, daß sich die Industrie
und Landwirtschaft Oesterreich-
Ungarns mächtig entfaltet. Man ist
sich dieser Solidarität heute sowohl in Kreisen
der Produzenten als auch der Armee nicht
        <pb n="66" />
        ﻿36

genügend bewußt, oder zieht daraus nicht die
Konsequenzen. Oesterreich-Ungarn muß heute
alle Kräfte anspannen, um nicht ins Hintertreffen
zu kommen. Es ist fast beleidigend, wie man
in den Kreisen hoher deutscher Beamten, die
mit dem auswärtigen Dienst zu tun haben, über
Oesterreich - Ungarns Wirtschaftspolitik spricht.
Das gleiche gilt von den Chefs der großen Ban-
ken. Wie durch Kooperation der Armee mit der
übrigen Bevölkerung dem einigermaßen abzuhelfen
wäre, wird eine von Tag zu Tag drängendere
Frage. Je größere Ansprüche die Armee im In-
teresse der Monarchie stellt, desto mehr wird sie
unwillkürlich dazu gedrängt, sich mit der Gesamtbe-
völkerung eins zu fühlen, deren Sorgen und
Nöten möglichst genau kennen zu lernen und an
ihrer Beseitigung, soweit es an ihr ist, mitzu-
wirken.

Durch Eingriffe der Armee in sozialpolitischer
und wirtschaftspolitischer Richtung würden auch
manche Gegensätze schwinden, die heute im An-
wachsen begriffen sind. Es ist zweifellos möglich,
daß die Armee ihre Stärke durch eine Art Hyper-
trophie erhöhen kann, aber dauernd kann sie nur
ein kraftvolles Organ des Staates sein, wenn
sie der gesamten Organisation
angepaßt ist. Ihre größte Förderung erfährt
sie dann durch die Stärkung des Gesamtorga-
nismus, wie wir dies z. B. in Deutschland beob-
achten können. Wo die Grenzen zu ziehen sind,
läßt sich freilich im Konkreten schwer fest-
stellen.

Die Bemühungen, den gesamten sozialen
Körper zu einer regern Produktion anzutreiben,
werden zum Teil durch natürliche Eigenschaften
der Bevölkerung, zum Teil durch organisatori-
sche Mängel gehemmt. Wie ich bereits zu Beginn
dieser ganzen Darstellung hervorgehoben habe,
leben wir in einer Ordnung, welche das Gespenst
der sogenannten Ueberproduktion fürchtet und
immer darauf losgeht, nur ja zu verhindern, daß
nicht so viel produziert wird, als man verzehren
könnte, da dadurch der Reingewinn sinken würde,
und damit auch die Entwicklungsmöglichkeit der
Industrie und Landwirtschaft. Wie dieser Orga-
nisationsdefekt zu beseitigen wäre, ist eine viel
diskutierte Frage. Es ist nicht ausgeschlossen,
daß der während eines Weltkrieges aufs höchste
angespannte Rationalismus auch hier einen Aus-
weg findet. Denn darüber kann wohl kein Zweifel
herrschen, der Staat, dem es während eines
Weltkrieges gelingt, alle vorhandenen produktiven
Kräfte aufs äußerste auszunützen, hat große Chan-
cen für sich.

Ich will nun noch mit wenigen Worten die
Wirkungen des Krieges auf die Marktpreise be-
rühren. Die einzelnen Warengruppen verhalten
sich ungleichartig. Während die Nahrungsmittel-
preise leicht steigen können, dürften die Grund-
stückpreise meist plötzlich sinken. Erfahrungs-
gemäß ist der Grundstückmarkt in kriegerischen
Zeiten den Grundstückverkäufern sehr ungünstig.

Es wäre aber verfehlt, anzunehmen, daß auto-
matisch die geringere Nachfrage nach Grund-
stücken auch den Preis der Grundstücke senken
muß. Ich hatte während des Balkankrieges Ge-
legenheit, in einigen Gegenden Syrmiens zu
erfahren, daß die Grundstückpreise trotz der
bedrohlichen Situation nicht gesunken waren, nur
wurden Grundstücke seltener als sonst gekauft.
Woher rührte diese Erscheinung? Die wohl-
situierten Bauern dieser Gegenden hatten es nicht
unbedingt nötig, ihre Grundstücke zu verschleudern,
und erklärten, zuwarten zu wollen, bis der Preis
wieder in die Höhe gehe. Das heißt, im Kriegs-
fall wird im allgemeinen bei konstantem Umsatz
von Grundstücken der Preis sinken, bei ab-
nehmendem aber eventuell der Preis gleich
bleiben.

Während die Veränderung der Grundstück-
preise im allgemeinen nur kleine Kreise der Be-
völkerungtrifft, haben unter einer Erhöhung der Le-
bensmittelpreise alle schwer zu leiden. Abgesehen
davon, daß infolge einer Absperrung der Zufuhr
effektiver Mangel eintreten kann, ist mit der An-
sammlung von Vorräten durch die Armee und
durch Privatpersonen zu rechnen, insbesondere
aber mit den Bemühungen der Kaufleute, durch
spekulative Anhäufung von Reserven und da-
durch erzeugte Preissteigerungen erhebliche Ge-
winne zu erzielen. Der Umstand, daß dieNahrungs-
mittel von allen benötigt werden, legt der Re-
gierüng die Kontrolle über den Lebensmittelmarkt
überaus nahe.' Eine solche Kontrolle ist sowohl
im Interesse der Armee, als auch in jenem der
Zivilbevölkerung gelegen. Ich wies schon darauf
hin, daß der Staat die Möglichkeit hat, Preistaxen
zu erlassen, ln Oesterreich dient diesem Zwecke
eine Bestimmüng der Gewerbeordnung, deren
Anwendung bereits vor einiger Zeit ernstlich in
Erwägung gezogen wurde. Freilich bezieht sich
diese Bestimmung nur auf die Erlassung von
Preistaxen für den Kleinhandel. Aber es ist klar,
daß, wenn der Kleinhandel bestimmte Maximal-
preise nicht überschreiten darf, er auf den Groß-
handel drückt und ihn zur Herabsetzung der
Preise zwingt. In Serbien und Bulgarien wurden
während des Balkankrieges Preistaxen verhängt
und deren Durchführung zum Teile mit großer
Strenge erzwungen. Wir sehen auch auf diesem
Gebiet, daß der Staat im Kriegsfall eine größere
organisierende Kraft als im Frieden entfalten
dürfte, selbst wenn er nicht dazu schreiten sollte,
die Nahrungsmittel oder wenigstens die wichtigsten
derselben selbst zu verkaufen und sie dem Privat-
umsatz ganz zu entziehen.

Mit wenigen Worten will ich den Einfluß der
Rüstungen und der Kriegsführung auf die Ver-
kehrsmittel streifen. Wir sehen, daß in allen
Staaten ein nicht unerheblicher Teil der Eisen-
bahnlinien entweder vorwiegend, aus strategischen
Gründen erbaut wurde, oder mindestens bei der
Errichtung auf strategische Momente Rücksicht
genommen wurde. Wenn Eisenbahnlinien nicht
allen strategischen Anforderungen entsprechen,
        <pb n="67" />
        ﻿37

so kann dies unter Umständen schwere Be-
lastungen der Bevölkerung zur Folge haben.
Das Schmalspursystem Bosniens war eine der
Hauptursachen, weshalb Oesterreich-Ungarn da-
selbst größere Truppenmassen frühzeitig an-
sammeln mußte, um im Kriegsfall bereit zu sein.
Abgesehen davon, daß der Verkehr doch auch
einige Störungen erlitt, müssen die großen Aus-
gaben ins Auge gefaßt werden, welche eine solche
Truppenkonzentration nach sich zieht. Schwere
Verluste erlitt ein großer Teil der Einberufenen,
da für die Sicherung der Anstellungen solcher
Einberufener bis heute keine entsprechenden
Maßnahmen seitens des Staates getroffen wurden.
Auch darf man nicht vergessen, daß die dauernde
Dislozierung großer Truppenmassen, in Gebieten,
die nicht dafür eingerichtet sind, eine erhebliche
Steigerung der Krankheitsziffer zur Folge hat.
Die Unterbringung von solchen Truppenmassen
ist fast schwieriger durchzuführen, als die
einer marschierenden Armee, die täglich ihren
Rayon wechselt.





Im Kriegsfälle kann die Heeresverwaltung
das rollende Material der Eisenbahnen entweder
zum Transport von Mannschaft und Kriegsmaterial
oder zum Transport von Lebensmitteln verwen-
den. Zu letzterem Zweck wird sie an dem Vor-
handensein verschiedener Spezialtypen von
Waggons sehr interessiert sein. Insbesondere seien
hier die Kühlwaggons erwähnt, welche z. B. die
serbische Armee während des Balkankrieges ver-
wendete. Sie bewährten sich im engeren Bereichsehr
gut, weniger gut aber in einem größeren, weil in
letzterem Falle das Fleisch häufig verdorben an-
kam. Solchen Uebelständen kann durch ent-
sprechende Vorsorgen, insbesondere durch Schaf-
fung genügend zahlreicher Eiserzeugungsstellen
und Eisfüllungsstationen abgeholfen werden. Ruß-
land scheint in dieser Richtung große Vorkeh-
rungen getroffen zu haben. Auch in Oesterreich-
Ungarn nimmt die Zahl der Kühlwaggons
zu. Es ist klar, daß die Heeresverwaltung der
Vermehrung des Kühlwaggonparks ähnliche Auf-
merksamkeit schenkt, wie den Lastautomobilen.

Der normale Verkehr erleidet im Kriegsfall
meist sehr erhebliche Störungen. Nicht immer
werden aber ausreichende Maßnahmen getroffen,
dieselben auf das Minimum zu reduzieren. Es
soll im Jahre 1870/71 mehrfach vorgekommen
sein, daß Fabriken feiern mußten, weil die Kohlen
infolge Waggonmangels nicht transportiert werden
konnten. Daran soll bei mehr als einer Gelegen-
heit nicht der effektive Mangel an Waggons
schuld' gewesen sein, sondern die unzu-
längliche Instradierung. Angeblich war bei der
Ausarbeitung der Transportpläne für die Armee
auf die Bedürfnisse der Industrie an der West-
grenze nicht immer ausreichend Sorge getragen
worden.

Jedenfalls dürfte die rasche Entwicklung der
Industrie und der Landwirtschaft dazu führen,
daß der Mobilisi rungsplan auf die Unternehmungen
aller Art möglichst Rücksicht nehmen wird ; ins-

|L_

besondere dort, wo die militärischen Zwecke da-
durch gar nicht gefährdet erscheinen. Es gibt im
Staatsleben mehr als eine Gelegenheit, wo Schaden
dadurch vermieden werden kann, daß bestimmte
Probleme nur überhaupt /berücksichtigt werden.
Es wird nicht bei einzelnen Beratungen in dieser
Hinsicht verbleiben, man wird einmal daran gehen
müssen, das gesamte Verkehrssystem, sowie
überhaupt das ganze Wirtschaftssystem in Hin-
blick auf den Kriegsfall einheitlich zu organi-
sieren.

Dann wird man auch /ernstlich die Frage
behandeln, wie weit Rohstoffreserven im Friedens-
fall am Platze sind, insbesondere Kohlenreserven.
Im Kriegsfall werden solche Dinge allzu leicht
überstürzt. Vorkehrungen, die in Friedenszeiten
relativ billig zu treffen sind, verlangen dann leicht
einen unverhältnismäßig großen Kostenaufwand,
wenn man dann überhaupt noch gute Arbeit zu
leisten imstande ist. Man vergißt von einer
Mobilisierung zur nächsten, was man an wirt-
schaftlichen Erfahrungen gesammelt hat, während
die rein militärischen Erfahrungen recht zuverlässig
aufbewahrt zu werden pflegen.

Die Kontinuität der kriegswirtschaftlichen
Erfahrung fehlt. Während in früheren wirtschaft-
lichen und staatswissenschaftlichen Handbüchern
sich noch Artikel über Heer u. dgl. fanden, die
freilich meist recht unzulänglich waren, fehlen
dieselben in den modernen Standardwerken voll-
kommen. Im Wörterbuch der Volkswirtschaft
oder im Handwörterbuch der Staatswissenschaften
sucht man vergeblich nach den Schlagworten Heer,
Krieg usw. Daß nicht Platzmangel daran schuld ist,
beweist das Vorhandensein von Artikeln über,
Wasenmeisterei, Hebammen usw. Wir vergessen
daher rasch die wirtschaftlichen Ereignisse der
letzten Kriege. Wo findet man zuverlässiges Ma-
terial über die Runs im Jahre 1870/71 gesam-
melt? Es ist manchmal nicht einmal möglich, mit
Sicherheit festzustellen, ob in einer deutschen
Stadt in dieser Zeit eine Kriegslombaidkasse
funktionierte oder nicht, geschweige denn, daß
man immer über ihre Geschäftsführung unter-
richtetwäre. Wie anders wären wir heute daran, wenn
alle einschlägigen Beobachtungen sofort gemacht
und aufgezeichnet worden wären, wenn sie etwa
in der Art wie die militärischen Beobachtungen
gemacht und notiert worden wären. Wie wichtig
wäre es, wenn neben die detaillierten historischen
strategischen Studien auch solche kriegswirt-
schaftlicher und verpflegstechnischer Art träten.

Auch die kriegswirtschaftlich bedeutsamen
Vorkommnisse der Gegenwart werden nirgends
systematisch gesammelt. Recht gute Nachweise
findet man bei den Friedensfreunden, die bemüht
sind, wenigstens die Zeitschriften und wichtigsten
Zeitungsartikel über diese Materie bibliographisch
zu sammeln. Aber wenn man sich auf reine
Zeitungsnachrichten verlassen muß, ist man ver-
loren. Was für Fehlberichte Vorkommen können,
hatte ich während des Balkankrieges mehr als
        <pb n="68" />
        ﻿38

einmal Gelegenheit festzustellen. Wir besitzen
eben keine kriegswirtschaftliche Zentralstelle,
welche die wichtigsten Vorkommnisse der Gegen-
wart evident hielte und die Vergangenheit
durchforschen könnte. Dies ist mit eine Ur-
sache, weshalb die kriegswirtschaftliche Or-
ganisation, die Ordnung des Verkehrswesens und
der Produktion für den Kriegsfall so schwer
durchzuführen ist.

Diese wenigen Hinweise auf den inneren
Markt und die innere Verkehrslage mögen ge-
nügen. Es seien mir nun noch einige Bemerkun-
gen über den internationalen Markt
gestattet. Der Krieg verändert häufig die Absatz-
wege bestimmter Warengruppen. Aber es werden
nicht nur die Wege verschoben, vielfach werden
bestimmte Konsumenten überhaupt ausgeschaltet.
Um nur ein Beispiel hervorzuheben. Frankreich
verkauft Konfektionswaren an die ganze Welt.
Als der Deutsch-französische Krieg dazu führte,
daß Paris eingeschlossen wurde, nahmen die Be-
stellungen Hollands, Italiens, Rußlands usw. ihren
Weg nach Berlin statt nach Paris und die mili-
tärischen Erfolge hatten unmittelbare Einkommens-
vermehrung hervorgerufen. Damals ging auch der
französische Champagnerhandel zurück, während
Deutschland für seinen Champagner neue Absatz-
gebiete eroberte. In ähnlicher Weise kann der
Handel dritter Staaten durch einen Krieg beein-
flußt werden.

Ich komme nun zu Problemen von noch
größerer Tragweite. Ein Krieg von längerer Dauer
kann, wenn sich die Produktion an die geänder-
ten Verhältnisse anzupassen vermag, ähnlich wie
ein Schutzzoll wirken. Derartige Wirkungen von
einiger Erheblichkeit dürfte im allgemeinen nur
ein Weltkrieg, wie jener vor hundert Jahren, aus-
üben. Was für Vorkommnisse den Weltkrieg
charakterisieren werden, wissen wir nicht genau.
Sehr wahrscheinlich ist es, daß der Boykott eine
erhebliche Rolle spielen wird, wie er z. B. in der
Türkei und in Serbien gegen österreichisch-unga-
rische Waren zeitweilig geübt wurde. Der Boykott
verengt den Absatz des Gegners, er fördert den
Absatz der eigenen Industrie, die nun nicht mehr
mit jener des Auslandes konkurrieren muß. Der
Boykott wirkt wie ein Prohibitivzoll, nur daß er
nicht formell von der Regierung ausgeht. Freilich
dürfte man in Zukunft für einen Boykott der
Privatpersonen die Regierungen verantwortlich
machen. Es wäre denkbar, daß man, im Falle man
die Macht dazu hat, sie zur Abnahme bestimmier
Warenquanten zwingt, die sie dann an die Be-
völkerung nach ihrem Ermessen weiter veräußern
kann. Derartige und andere Pressionen gegenüber
Regierungen wird man umso leichter anwenden,
als in der Mehrzahl der Fälle ein großzügig or-
ganisierter Boykott von der Regierung zumindest
geduldet, wenn nicht gefördert zu sein pflegt.

Wir leben heute in einem Zeitalter, das
schutzzöllnerischen Gedankengängen stark an-
hängt. Es ist dies eine von Zeit zu Zeit wieder-

kehrende Denkweise. Wenn ein Zeitalter dem
Staat keine Eingriffe gestattete und infolge der
ungezügelten Konkurrenz schwere Schäden sich
bemerkbar machten, pflegte man in der Forderung
nach Regierungshilfe und Schutzmaßnahmen aller
Art keine Grenze finden zu können; wenn dann
durch übermäßige Kontrolle der Unternehmungs-
geist gelähmt und vielfach Unfähige privilegiert
werden, wendet sich der Zorn aller gegen die
Aufsicht der Regierung. Da die Menschen wenig
aus der Geschichte zu lernen pflegen, begnügt
man sich meist nicht mit der Beseitigung der
Schäden, sondern geht von einem Extrem ins
andere über. Die schrankenlose Gewerbefreiheit
wird durch eine Gewerbeordnung abgelöst, der
zufolge eine Konditorei ohne besondere Konzession
zwar kalte, nicht aber warme Limonaden ver-
kaufen darf, weil letzteres nur einem Kaffeehaus
zukommt. Den Schutzzoll verteidigen viele als
Erziehungszoll. Sie weisen darauf hin, daß der
unentwickelten Industrie geholfen werden müsse.
Daß sie hilfsbedürftig sei spreche nicht gegen
ihre tatsächlichen Fähigkeiten. Ein dreißigjähriger
Schwächling könne mit Leichtigkeit einen fünf-
jährigen Athleten erdrosseln. Es war bekannt-
lich der Schutzzoll, der Deutschlands Industrie
der englischen gegenüber konkurrenzfähig ge-
macht hat. Es gibt aber freilich Schutzzölle, die nicht
dazu beitragen, die Produktion zu vergrößern und zu
vervollkommnen, sondern einer kleinen Gruppe von
energischen Männern die Möglichkeit geben,
Waren minderer Qualität zu hohen Preisen zu
verkaufen, ohne die Konkurrenz des Auslandes
fürchten zu müssen. In Zeiten, die dem Frei-
handel gewogen sind, wird man für die schutz-
zöllnerische Wirkung des Krieges kein rechtes
Verständnis haben. Der Krieg ist für Freihändler,
wie ich schon einmal erwähnte, nur eine Stö-
rung der Produktion, während der Schutzzöllner
in ihm unter Umständen eine Anregung zur Pro-
duktion sieht. Freilich muß dafür Sorge getragen
werden, daß Fabriken, die während eines Krieges
errichtet wurden, nach dem Kriege nicht schutz-
los dem Auslande preisgegeben werden, wie dies
nach den Napoleonischen Kriegen zum Teil der
Fall war, als die Kontinentalsperre aufgehoben
wurde, ohne durch entsprechende Schutzzölle er-
setzt zu werden, die als Uebergang hätten dienen
können.

Wir besitzen eine ausgezeichnete Schilderung
der Kontinentalsperre von Peetz und
Dehn. Napoleon wollte den englischen Handel
treffen, soweit er Industrie- und Kolonialartikel
betraf; merkwürdigerweise verhinderte er nicht
die Zufuhr von Getreide nach England, was wohl
eine der ersten Taten eines modernen Napoleon
gewesen wäre. Auch in einem modernen Welt-
kriege würde eine Kontinentalsperre der Industrie
manche Förderung, aber auch manche Lähmung
bringen. Die Lyoner Seidenindustrie beschäftigte
im Jahre 1788 ungefähr 9000 Webstühle; deren
Zahl ging infolge der Revolution auf ungefähr
3000 zurück, während die Kontinentalsperre sie
        <pb n="69" />
        ﻿39

im Jahre 1810 auf ungefähr 14.000 ansteigen
machte. In 20 Jahren hatte sich die Anzahl ver-
fünffacht. Auch die nordfranzösische Tuchindustrie
florierte während der Kontinentalsperre. Es gab
damals Nationalökonomen, die sich dieser Wir-
kungen voll bewußt waren; sie erklärten mit
aller Präzision, die man nur wünschen kann,
Frankreich habe durch die Kontinentalsperre eine
eigene Industrie bekommen und Mitteleuropa sei
industriell von England unabhängig geworden.
Napoleon soll zu einem Textilfabrikanten die
Aeußerung gemacht haben: «Wir beide führen
gegen England Krieg.» Während der Kontinental-
sperre entstanden, wie ich schon erwähnte, zahl-
reiche Rübenzuckerfabriken. Wie rasch sich die-
selben entfaltet haben müssen, kann man daraus
entnehmen, daß nach der Aufhebung der Konti-
nentalsperre in Frankreich allein deren 200 zu-
grundegehen konnten.

Während der Napoleon'ischen Kriege hat
aber Frankreich auch schwere Verluste erlitten.
Es büßte fast den ganzen Kolonialhandel ein,
den Handel mit Zucker, Kaffee, Baumwolle, Indigo.
Zum Teil wurde freilich gerade dadurch die Ent-
wicklung der Zuckerindustrie gefördert. Schwere
Verluste erlitt auch die deutsche Exportindustrie,
die zu Beginn des 19. Jahrhunderts ohnedies
nicht sehr entwickelt war. Vor allem war es die
Sonneberger Spielwarenindustrie, die Schaden zu
verzeichnen hatte, ebenso die schlesische Leinen-
industrie, die Portugal, Spanien usw. mit ihren
Produkten versorgte. Auch Hamburg, als ein
Zwischenhandelszentrum, hatte große Verluste.
Ebenso die ostdeutsche Landwirtschaft, die nach
England Getreide, Holz, Hanf und Flachs expor-
tierte.

Wie sehr der Zwischenhandel durch Kriege
leiden kann, zeigen die Ziffern der Tabelle XXVI
für 1869 und 1870.

Tabelle XXVI.

Import nach Hamburg

Ware	Quantitäts-  bezeichnung	1869	1870
Baumwolle	Paket	253.000	187.000
Kaffee	Pfund	130,000.000	78,600.000
Zedernholz	Quadratfuß	986.000	451.000
Reis	Säcke	283.000	172.000

Dieser Rückgang der Warenziffern entspricht
dem Rückgang der Schiffahrt, der freilich in einem
Weltkriege noch ganz andere Dimensionen an-
nehmen dürfte. Tabelle XXVII gibt eine Uebersicht
für Hamburg und Bremen. Noch instruktiver sind
Zusammenstellungen, welche die Veränderungen
monatsweise geben.

Tabelle XXVII.

Lähmung der Schiffahrt durch den Krieg:

Hafen	Jahr	Angekommene	Abgefahrene
		Seeschiffe ca.	
Hamburg	1869	. 5200	5200
«	1870	4100	4100
Bremen	1869	3000	3200
«	1870	2400	2400

Es gibt nun Leute, welche die Anschauung
vertreten, daß jener, der eine Kontinentalsperre
verhänge, sich selbst ebensosehr schädige, wie den
Gegner. Man kann zwar ohneweiters zugeben, daß
durch derartige Eingriffe in den internationalen
Handel im allgemeinen beide beteiligten Parteien
zu leiden haben ; ob aber beide gleich viel
leiden, das ist eine durchaus konkrete Frage; eine
allgemeine Antwort läßt sich auf dieselbe nicht
geben. Norman Angell hat in seinem Buche die
«Große Täuschung», diese Behauptung aufgestellt,
ohne daß es ihm aber gelungen wäre, sie zu be-
weisen. Seine sehr lesenswerten Ausführungen
zeigen nur, daß die Komplikation des heutigen.
Weltmarktes eine isolierte Beeinflussung in einer
einzigen Richtung schwer, ja unmöglich macht.
Daß aber der Vorteil durch den Nachteil immer
kompensiert wird, das zu beweisen ist Norman
Angell begreiflicherweise nicht imstande. Es wird
zweifellos Fälle geben, in denen derjenige, der den
anderen schädigen will, selbst sogar den größeren
Schaden erleidet.

Wenn wir von den Schädigungen sprechen,
die ein Weltkrieg der Zukunft nach sich ziehen
kann, empfiehlt es sich, einen Blick auf die Ziffern
des internationalen Handelsverkehrs zu werfen.
Denken wir uns einen Zusammenprall zwischen
Tripelentente und Dreibund.

Welche Handelsentwicklung Deutschlands Ruß-
land gegenüber steht auf dem Spiele, welche Vor-
teile kann eventuell England dadurch erringen,
daß Deutschland zeitweilig ausgeschaltet wird?
Tabelle XXVIll gibt uns davon einen, wenn auch
nur ungefähren, Begriff. Die zunehmende Beteili-
gung Deutschlands am russischen Außenhandel
trägt natürlich nicht dazu bei, einen Krieg mit
Rußland besonders wünschenswert erscheinen zu
lassen, zumal Deutschlands Politik überhaupt da-
rauf aus ist, es sich mit Rußland nicht ganz zu ver-
derben. In einem Weltkrieg kann England unter
Umständen Deutschlands Seehandel völlig lahm
legen und Rußland allein mit Waren versorgen.
Zwar wissen wir, daß auch kleine Flotten Erfolge
erzielen können, wie dies bei Lissa der Fall war
        <pb n="70" />
        ﻿40

Tabelle XXVIII.

Rußlands Handel mit Deutschland und England

in Millionen Rubel

Einfuhr aus:	1906	1907	1908	1909	1910	1911
Deutschland	270	316-	320	363	450	488
England	104	115	121	127	154	155
Ausfuhr nach:	1906	1907	1908	1909	1910	1911
Deutschland	284	291	279	387	391	490
England	225	228	220	289	315	337

aber solche Erfolge sind überaus unwahrscheinlich.

Freilich, wenn der Krieg siegreich für Deutsch-
land endigt, kann es den Handelsvertrag mit
Rußland zu seinen Gunsten einrichten ; aber ob
die während des Krieges erlittenen Schäden damit
ausreichend gedeckt sind, bleibt fraglich, zumal
man selbst nach e;nem siegreichen Kriege kaum
alle jene Beziehungen beseitigen könnte, welche
die Engländer inzwischen in Rußland angeknüpft
haben dürften. Dazu kommt noch, daß in solchen
Fällen auch dritte Staaten Boden gewonnen haben
können und auf deren Tätigkeit hat selbst der
Sieger begreiflicherweise nur geringen Einfluß.
Die Intervention Dritter läßt Zollkriege also über-
aus bedenklich erscheinen. Oesterreich-Ungarn ist
aus dem Zollkrieg mit Rumänien geschädigt her-
vorgegangen, es hat auch durch den Zollkrieg mit
Serbien schwer gelitten. Die Italiener und Deutschen,
die politischen und militärischen Bundesgenossen
der Monarchie haben die Gelegenheit benützt und
haben sich in Serbien sofort festgesetzt. Als der
Zollkrieg zu Ende war, hat Oesterreich-Ungarn
nur einen Teil der früheren Position wieder-
gewonnen.

XII. Der Kriegserfolg.

1. Eroberung und Einflußsphäre.

Wir müssen uns nun darüber orientieren,
welche Wirkungen denn ein siegreicher Krieg aus-
übt. Beginnen wir mit der Okkupation eines
Gebietsteiles. Norman Angell behauptet einfach:
«Reichtum, Wohlfahrt und Wohlbefinden einer
Nation hängen in keiner Weise von ihrer politi-
schen Macht ab.» Dies wäre dann der Fall, wenn
es keine Zollgrenzen geben und man keine
Bevorzugung bestimmter Bevölkerungsgruppen
kennen würde. Durch die Verschiebung der Zoll-
grenzen kann man aber erhebliche Vorteile er-
zielen; man kann Absatzgebiete bekommen, die
einem früher verschlossen waren. Bevor Oester-
reich-Ungarn Bosnien okkupierte, mußte es beim
Import nach diesem Lande die türkischen Zölle
zahlen, nach der Okkupation fielen dieselben weg.

Die Eroberung eines Gebietsteiles kann aber
auch schwere Schäden für den Eroberer nach
sich ziehen. In der Literatur Rußlands und
Oesterreich-Ungarns bespricht man häufig die
Wirkungen eines Krieges zwischen diesen beiden
Staaten. Angenommen Oesterreich-Ungarn wäre
siegreich und ein Teil von Russisch-Polen würde
annektiert. Das Resultat wäre, daß Russisch-Polen,
welches jetzt den ganzen Osten mit Waren ver-
sorgt und eine gewaltige Industrie besitzt, vom
Osten durch Zölle ferngehalten würde. Es wäre
für Rußland Ausland, wie heute etwa Eng-
land. Innerhalb Oesterreich-Ungarns müßte die
polnische Industrie einen Ersatz suchen. Sie
müßte hier mit der österreichischen und ungar-
ischen Industrie kämpfen. Galizien dürfte ihr
sofort als Absatzgebiet zufallen. Die westöster-
reichische Industrie könnte sich einer polni-
schen gegenüber dort kaum halten. Ich
weise nur flüchtig auf solche Probleme hin und
lasse andere Fragen ganz aus dem Spiel. So
würde z. B. die Angliederung größerer Polen-
massen in Deutschland zweifellos Mißstimmung
erregen, da man dort jede Stärkung des Polen-
tums in Deutschland oder in der Monarchie
fürchtet. Wir sehen an diesem einen Beispiel, daß
man sich gleichzeitig mit der militärischen Er-
oberung die Folgen derselben auf Produktion und
Handel ausmalen muß, soll man nicht nachträglich
Probleme lösen müssen, von denen man im vor-
hinein nicht weiß, ob man ihnen gewachsen ist.

Von größter Wichtigkeit ist auch die An-
gliederung von Rohstoffgebieten. Es ist
z. B. für Deutschland sehr bedeutsam, die Baum-
wollgebiete Mesopotamiens seiner Einflußsphäre
einzugliedern. Nur so kann es hoffen, vom nord-
amerikanischen Baumwollmarkt unabhängig zu
werden. Nicht nur im Kriegsfall, auch im Falle
eines wirtschaftlichen Konfliktes ist Deutschlands
Abhängigkeit von Amerika eine Bedrohung der
Industrie. Die Vereinigten Staaten könnten z. B.
als Repressalie einen erheblichen Ausfuhrzoll auf
Baumwolle legen. Daß Ausfuhrzölle Vorkommen,
ist ja bekannt. So kennen wir in der Monarchie
einen Ausfuhrzoll auf Hadern, die zur Papier-
fabrikation benötigt werden; es ist dies ein in-
dustriefördernder Zoll, während der Ausfuhrzoll
Chiles auf Salpeter ein Finanzzoll ist. Um von den
Vereinigten Staaten in Krieg und Frieden unab-
hängig zu sein, aber auch aus einigen anderen
Gründen, ist Deutschland bestrebt, Berlin mit
Bagdad zu verbinden. Es ist aus diesem Grunde
für Deutschland sehr wichtig, daß der ganze
Schienenstrang von Berlin bis Bagdad über Ge-
biete läuft, die deutschem Einfluß zugänglich sind.
Deutschland braucht die Freundschaft der Türkei,
es ist an einem dreibundfreundlichen Bulgarien
und Rumänien ebenfalls direkt interessiert. Diese
großzügigen Ideen sind aber nicht etwa erst ein
Ergebnis der letzten Zeit. Schon der große
deutsche Nationalökonom Friedrich List hat Klein-
asien als die prädestinierte Interessensphäre
Deutschlands angesehen. Ich habe diesen einen
        <pb n="71" />
        ﻿41

Gedankengang hervorgehoben, um zu zeigen,
welche Dimensionen internationale Pläne an-
nehmen können. Bei uns ist man wenig gewöhnt,
derartige Ideen zu verfolgen, da wir selbst nur
geringe internationale Interventionsmöglichkeiten
haben. In England sind weit gewaltigere Pläne,
offizielle und nichtoffizielle, an der Tagesordnung.
Auch Rußland beschäftigt sich immer mehr mit
derartigen Kombinationen größten Stils.

Es fragt sich nun, wie kann ein Staat er-
obertes Gebiet oder Interessensphären ausnützen ?
I Er kann seinen Bürgern weitgehendste Vorteile
verschaffen. Eine bekannte Bevorzugung kommt
bei der Vergebung von Eisenbahnkonzessionen
vor. Gerade in dem eben erwähnten Gebiet
Kleinasiens geht der Kampf der Mächte um die
Eisenbahnkonzessionen. Rußland hat ein Grenz-
gebiet der Türkei gegen fremde Eisenbahnkon-
zessionen sperren lassen. Würde Rußland in
einem Kriege besiegt, so wäre das Recht, an der
russisch-türkischen Grenze Eisenbahnen zu bauen,
auch ein Kampfpreis.

Aber die Eroberungen müssen sich nicht un-
mittelbar auf kommerzielle Ausnützungsobjekte
beziehen. Oft genügt es, gewisse wichtige Posi-
tionen in die Hand zu bekommen; ich erinnere
nur an die Besetzung Maltas, Gibraltas, Zyperns
durch die Engländer, an die zahlreichen Positionen,
welche die Engländer sich längs der arabischen
Küste verschafft haben. Der persische Meerbusen
ist heute ganz von englischen Stationen einge-
rahmt, während die Scheichs des arabischen
Hinterlandes zum Teil eine Art Vasallen Englands
sind, das ihnen Gewehre usw. liefert. Der Besitz
oder Verlust dieser Positionen bedeutet sehr viel
in kommerzieller Beziehung.

Es handelt sich bei all diesen Dingen um
die Aufteilung der Erde unter einige große Mächte.
So sollen bereits Verhandlungen im Gange sein, die
darauf abzielen, Afrika gänzlich unter Deutschland,
Frankreich und England aufzuteilen, soweit nicht
Italien bereits sich festgesetzt hat. Man hört von
Bemühungen, die darauf abzielen, einen Teil der
portugiesischen Kolonien für Deutschland zu ge-
winnen. Der Anteil, den die Naturvölker an diesen
Vorgängen nehmen, ist sehr untergeordnet, weil
sie schwer patriotische Neigungen für den einen
oder den anderen europäischen Staat empfinden
können. Dies ist auch die Ursache, daß die Er-
| oberer selbst wenig Sinn für die unterjochten
Stämme haben. Es gibt genug leitende Politiker in
Deutschland, welche von einer Eingeborenennutzung
im selben Sinne denken, wie von der Bodennutzung.
Es ist das Empfinden den Negern gegenüber oft
nicht viel von dem verschieden, das man früher
den Sklaven entgegenbrachte.

Um die kommerzielle Bedeutung der Ein-
flußsphären verfolgen zu können, empfiehlt es
sich, häufiger als dies heute geschieht, Karten zu
entwerfen, welche die Einflußsphären verschie-
denen Grades zum Ausdruck bringen. Die überaus
wichtige Frage der Interessenspähren wird über-

haupt bis jetzt viel zu wenig systematisch er-
forscht. Man bevorzugt ungebühriich die formell
fixierten politischen Verhältnisse gegenüber den
faktisch bestehenden.

Aber der Staat, der ein Gebiet erobert oder
sich eine Interessensphäre schafft, kann seinen
Bürgern auch noch andere Vorteile verschaffen.
Er kann ihnen die Beamten- und Offiziersstellen
geben, wie dies z. B. seitens Rußlands in den
polnischen Landesteilen geschieht. Oesterreich-
Ungarn hat seine Position in Bosnien zugunsten
seiner Bürger ausgenützt; nur langsam konnten
die einheimischen Bosniaken in Landesämter ein-
rücken. England nützt in dieser Weise seine Macht
vor allem in Indien aus, das die hohe Schule
vieler Militärs und Beamten ist. Es ist wohl nicht
nötig, auf derartige Fälle weiter hinzuweisen.
Norman Angell und seine Anhänger werden auf
derartige Argumente erwidern, die insbesondere
auch durch den Balkankrieg eine Stütze erfahren,
daß die Unmöglichkeit, durch Kriege einen wirk-
lichen wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen, nur für
Völker gelte, die vollkommen kultiviert sind. Es
fragt sich nur, für welche Völker dann die Angell
Normansche Annahme eigentlich Geltung hat?
Für einen Weltkrieg schon nicht, denn Rußland
und Deutschland würden sich wohl nicht scheuen,
mit Expropriationen vorzugehen; haben wir doch
in Friedenszeiten in Preußisch-Polen entsprechende
Beispiele dafür, daß der moderne Staat die Ex-
propriation unter sein politisches Rüstzeug auf-
genommen hat.

Daß kommerzielle Vorteile mit dem Sieg
verbunden sind, kann man aus einer Reihe von
Friedensverträgen mit aller Deutlichkeit ent-
nehmen. Ich verweise nur auf den russisch-japa-
nischen Frieden. Rußland gesteht auf Grund des-
selben den Japanern ausdrücklich in Korea vor-
wiegende militärische und wirtschaftliche Interessen
zu. Die russische Regierung erklärte weiter, daß sie
keineterritorialenBegünstigungeninderMandschurei
besitze, noch sonstige Konzessionen, welche das
Hoheitsrecht von China berühren. Auch wurden
den Japanern längs der russischen Küste Fisch-
fangrechte eingeräumt, um die fast ein neuer
Krieg heraufbeschworen worden wäre. Die Russen
haben keinen so entwickelten Fischfang, wie die
Japaner, welche die Fische nicht nur als Nah-
rungsmittel, sondern auch zur Düngung verwen-
den. Der Fischfang ist daher von hoher agrari-
scher Bedeutung für Japan. Derartige Beispiele
ließen sich leicht vermehren.

2.	Beute und sonstige Kriegser-
folge.

Daß durch Okkupation und Schaffung von
Interessensphären der siegreiche Staat seinen
Bürgern erhebliche Vorteile verschaffen kann,
haben wir zur Genüge gesehen; das ist auch im
allgemeinen bekannt. Weniger klar pflegt man
sich darüber zu sein, daß kriegerische Erfolge oder
militärische Pressionen auch unmittelbar dazu
führen können, daß Gegenstände dom Feindo weg-
        <pb n="72" />
        ﻿42

genommen werden oder er zu konkreten Handels-
geschäften gezwungen wird. Daß es in einem
Kriege nicht ohne Beutemachen abgeht, isi leicht
begreiflich. Die Seele der Menschen wird durch
den Krieg wesentlich umgewandelt und aus allen
Kriegen können wir mehr oder weniger krasse
Fälle von Beutemachen zusammenstellen. Aber
dieses Beutemachen der Soldaten verbleibt in
relativ engen Grenzen, zumal ihm schon um der
Disziplin willen entgegengewirkt werden muß.
Anders steht es aber mit der Wegnahme von
Waren, Schiffen usw. in großem Maßstabe. Daß
derlei in solchen Dimensionen möglich ist, daß
man den Gegner dadurch empfindlich zu schädi-
gen vermag, ist heute vielfach vergessen, weil
seit den Napoleonischen Kriegen, in denen diese
Methoden reichlich zur Anwendung kamen, bald
hundert Jahre vorüber sind.

In welcher Weise z. B. die Engländer vor
hundert Jahren operierten, zeigt Tabelle XXIX,
die ich dem trefflichen Werk von Peez und
Dehn entnehme. Sie sehen aus derselben, daß

Tabelle XXIX.

Von den Engländern weggenommene und in ihre Flotte
eingestellte Schiffe

1801 . . .		. 2800	1807 . .	.... 2800
1802 . . .		. 2800	1808 . .	.... 3200
1803 . . .		. 2300	1809 . .	.... 3500
1804 . . .		. 2500	1810 . .	.... 3900
1805 . . .		. 2500	1811 . .	.... 4000
1806 . . .		. 2600	1812 . .	.... 3900
die Engländer jährlich etwa 3000 Schiffe weg- genommen haben, in zwölf Jahren also ungefähr 32.000, das ist sehr viel, selbst wenn die kleinsten				

gekaperten Segelboote in diese Ziffer mitein-
geschlossen sind. Mit solchen Vorkommnissen,
vielleicht in noch größerem Maßstabe muß man
im Weltkriege der Zukunft rechnen. Wenn die
Engländer Gelegenheit dazu finden, werden sie
die großen Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie
möglichst rasch in ihre Hand zu bekommen
suchen. Eine derartige Kaperung ist umso nahe-
liegender, als die meisten großen Dampfer ihre
eigene Kriegsbestimmung haben, also einen Teil
der Kriegsflotte bilden dürften.

Die Engländer haben ebenso wie andere
Staaten immer jene Bestimmungen des Seekriegs-
rechtes anerkannt, die ihnen den meisten Vorteil
brachten. Daß sie diesen Standpunkt einnehmen,
kann man aus allen öffentlich geführten Verhand-
lungen über diesen Gegenstand entnehmen. 1778
vertraten die Engländer die Anschauung, die neu-
trale Flagge decke die Ware nicht. Erst nach dem
Krimkriege wurde diese Bestimmung abgeändert.
Aber wenn auch die Tendenz da ist, im See-
kriegsrecht möglichst viele neutrale Positionen
anzuerkennen, so wird doch schließlich immer der-
jenige, welcher die Seemacht hat, auch das See-
recht bestimmen.

Aber auch mit der Wegnahme von Waren-
lagern muß man rechnen, selbst wenn da-
durch die Neutralität und das Völkerrecht
verletzt werden sollten. Es wäre ja ein großer
Fortschritt auf dem Gebiete der internationalen
Organisation, wenn das Völkerrecht sich durch-
zusetzen vermöchte, aber viele Erfahrungen zeigen,
daß man vorsichtigerweise mit dem Bruch des-
selben rechnen muß. Vergessen wir nie darauf,
daß die europäischen Truppen, die in China als
Repräsentanten der europäischen Zivilisation auf-
traten, nicht nur gegenüber der Bevölkerung sich
manchen Uebergriff erlaubten, sondern auch aus
dem Palast Gegenstände wegführten, die nicht
militärischen Zwecken dienten. Die so erbeuteten
astronomischen Instrumente, deren Wegnahme
Bülow im Reichstag zugestand, wurden auch nicht
zurückerstattet, sondern als nachträgliches Ge-
schenk der chinesischen Regierung behalten. In
solchen Dingen gibt übrigens meist derjenige den
Ton an, der die brutalere und rücksichtslosere
Kampfmethode wählt. Wenn z. B. die Feinde in
ein Land eindringen und auf völkerrechtswidrigen
Widerstand stoßen, üben sie leicht Repressalien,
und dann bleibt es bekanntlich nicht beim Aug’
um Aug’, Zahn um Zahn stehen, sondern es
heißt bald Leben um Aug’, Arm um Finger.
Die Brutalität, die Völkerrechtswidrigkeit wird
rasch überboten, es dauert nicht lange, und
eine allgemeine Verwilderung reißt ein. Diese Ver-
wilderung droht insbesondere dort, wo man mit
Menschen einer fremden Kultur zusammenstößt,
deren Verhalten von dem unseren abweicht.

Wie man in der Napoleonischen Zeit gegen
kommerzielles Eigentum verfuhr, ist sehr lehr-
reich. Die Eingriffe kannten bald keine Grenzen
mehr und veranlaßten Luden zu dem Ausspruch:
«Wehrlosigkeit führt zur Knechtschaft.» Im Ok-
tober 1806 beschlagnahmten die Franzosen für
8 Millionen Mark Waren in Sachsen und ver-
kauften sie um 5'6 Millionen Mark im April 1807
an die Sachsen zurück. Das heißt, sie zogen
eigentlich diese Summe für die Kontributions-
kasse ein. Aehnlich gingen sie in Hamburg und
1809 in Triest vor. Es würde ermüden, wollte
ich die zahllosen Eingriffe hier zusammenstellen.
Es wäre sehr verfehlt, zu glauben, daß derartiges
heute unmöglich wäre, ln 100 Jahren ändert sich
die Welt nicht so grundsätzlich. Freilich, solange
neutrale Mächte da sind, die nur darauf warten,
zu intervenieren, sind solche Liebergriffe riskanter;
aber wir sehen, daß im Balkankrieg die neutralen
Mächte im Interesse des Völkerrechtes, das mehr
als einmal schwer verletzt wurde, nicht ein-
schritten. Die französischen Zolleinnahmen gingen
von 54 Millionen Mark im Jahre 1807 auf 21
Millionen Mark im Jahre 1809 zurück, aber der
einmalige Ertrag aus der Beschlagnahme, Ver-
steigerung etc. von Kolonialwaren betrug 120
Millionen Mark. Man sieht bereits aus diesen
Ziffern, um was für Warenmassen es sich ge-
handelt hat. Diese Massenkonfiskationen drängten
dazu, die Zirkulation dieser Warenmengen im
        <pb n="73" />
        ﻿43

Interesse der Napoleonischen Herrschaft auch
ohne Handelsweg zu ermöglichen. Sehr bezeich-
nend ist in dieser Richtung ein Brief Napoleons
an Bernadotte: «Ich werde Ihnen für 20 Millionen
Francs Kolonialwaren geben, die ich in Hamburg
habe. Sie geben mir für 20 Millionen Francs
Eisen. Sie werden in Schweden für die Ausfuhr
kein Geld haben. Treten Sie die Kolonialwaren
den Kaufleuten ab, die den Zoll zahlen, und Sie
können sich dann des Eisens entledigen. Ich
brauche in Antwerpen Eisen und habe Ueberfluß
an Kolonialwaren.» Das ist der Ton, in dem in
einem Weltkrieg geschrieben wurde und wohl auch
wieder geschrieben würde, wenn es zu einem
solchen kommen sollte.

Man hört zuweilen, daß ein Staat keine
Armee brauche, denn was könne der Sieger tun?
Das was Napoleon getan hat. Hamburg mußte
vom Mai 1813 bis zum Mai 1814 gegen 40 Mil-
lionen Mark an Napoleon zahlen. Ein zeitge-
nössischer Schriftsteller hat berechnet, daß die
Hamburger in diesem Zeitraum für 5 Millionen
Mark bereits 10.000 Mann hätten auf die Beine
stellen können, d. h. eine Armee, die bei der
Abwehr des Napoleonischen Angriffes wohl in
Betracht gekommen wäre. Wenn ich es auch
nicht für zulässig halte, so leichthin von einer
Versichernng des Handels gegen den Feind durch
Aufwendung von Rüstungsgeldern zu sprechen,
weil der Versicherungsbegriff doch heute schon
eine zu präzise Bedeutung hat, um zu einer so
vagen Analogie verwendet werden zu dürfen, so
zeigt dies vorliegende Beispiel, daß es doch wohl
lohnt, darüber nachzudenken, was für Konsequenzen
militärische Wehrlosigkeit haben kann.

Wie wenig Neutralität hilft, zeigt das Ver-
fahren der Engländer während der Napoleonischen
Kriege. Sie befürchteten, Napoleon könne in Däne-
mark einfallen. Daraufhin erscheinen sie vor
Kopenhagen, bombardierten, ohne daß ein Krieg
gewesen wäre, die Stadt, nahmen die Flotte weg
und schleppten an Bauholz und anderen Ma-
terialien weg, was sie erlangen konnten.

Die Neigung der Menschen, im Kriege Gegen-
stände dem Feinde wegzunehmen, ist uralt. Der
Philosoph Aristoteles vertritt auf einer hohen
Kulturstufe die Anschauung, daß die Kriegskunst
eine Form der Erwerbskunst sei, die mit der Jagd
und derLandwirtschaft zu den natürlichen Erwerbs-
künsten gehöre. Zu den unnatürlichen rechnete
er, was heute vielen sonderbar erscheinen dürfte,
das Geldgeschäft und den Handel.

Heute beginnt man in der Theorie den Krieg
wieder mehr als früher als Erwerbszweig anzu-
sehen. Man darf in dem kriegerischen Verhalten
der Menschen nicht zu rasch an einen konti-
nuierlichen Fortschritt glauben. Gerade auf diesem
Gebiet ist ein Auf und Ab die Regel. Wie oft
glaubte man nicht schon, daß die völkerrechtlichen
Bindungen allgemeine Anerkennung gefunden
hätten. Nach dem dreißigjährigen Kriege begann
eine Milderung der Kriegssitten und der politischen
Feindschaften. In den Siebzigerjahren des 18. Jahr-

hunderts konnte noch Iselin1 schreiben, daß nun
das Kriegführen weit milder geworden, und daß
überhaupt, wer die anderen in Ruhe lasse, auch
selbst in Ruhe gelassen werde. «Ludwig XIV. hatte
von seinen Nachbarn alle die Uebel zu befürchten,
welche er ihnen zugefügt hat. Er hat sie auch
nachher zum Teile von ihnen erlitten. Es war also
natürlich, daß in solchen Zeiten, wo ein offen-
barer oder verdeckter Haß alle Völker beseelte,
jedes trachten mußte, sich zu verstärken und
andere zu schwächen. Zu Ende des 18. Jahr-
hunderts verhalten sich die Sachen ganz anders.
Keine Macht, die ruhig sein will, hat von der
anderen das Geringste mehr zu befürchten. Es
kann also keine mehr mit Gerechtigkeit erobern.»
Wie anders verhält sich das Napoleonische Zeit-
alter2. «Während der Kriege von 1792 bis 1815
war das Völkerrecht auf das geringste zusammen-
geschwunden.»

Ich habe bisher die Wegnahme beweglicher
Güter ins Auge gefaßt. Aber der Sieger kann
auch zur Expropriation von Grundeigentum
schreiten. Der Balkankrieg gibt gleich ein gutes
Beispiel. Die Serben haben in Altserbien Land
parzelliert und verteilen 12 Joch pro Familie an
Leute aus Altserbien, aus dem ehemaligen Reichs-
serbien und an Südslaven aus Oesterreich-Ungarn.
Der Zehent, der früher den türkischen Vakufs zu-
geflossen ist, wurde abgeschafft; den Serben
wurde ein Vorkaufsrecht eingeräumt, wenn tür-
kische Vakufsgüter veräußert werden sollten.
Kurzum wir haben einen Fall von Bevorzugung
der eigenen Bürger vor uns, der sich im un-
mittelbaren Erwerb von Grundstücken äußert.
Wir sehen so Methoden auftauchen, welche im
alten Rom gang und gäbe waren. Diese Ver-
teilung von Grundbesitz schwebte vielen Serben
bereits vor, als der Balkankrieg begann.

Wie ich schon erwähnt habe, ist dies Vor-
gehen aber nicht etwas Isoliertes. Wir sahen, daß
in Preußen polnische Güter zugunsten der
Deutschen expropriiert wurden. Was heute die
Deutschen den Polen tun, können morgen die
siegreichen Russen den Deutschen tun. Die Russen
suchen bei den Ruthenen Ostgaliziens den Glauben
wach zu halten, daß im Falle einer russischen
Invasion eine Expropriation der Polen und
Juden zugunsten der Ruthenen erfolgen werde.
Aber die Parzellierung liegt heute überhaupt
in der Luft, sie ist für viele ein soziales
Postulat und nicht nur für eine kleine radi-
kale Gruppe. Es gibt heute sehr konservativ ge-
sinnte Leute, welche der Ansicht sind, den hun-
gernden Massen Galiziens könne nur durch eine
teilweise Parzellierung des Großgrundbesitzes ge-
holfen werden. Nur so könne man diese Menschen
wirklich an das Vaterland fesseln. Es gibt bereits
Großgrundbesitzer, welche es für eine patriotische

1	J. Iselin, Träume eines Menschenfreundes. Orig.
Baseo 1776. (Vorliegendes nach dem Nachdruck 1784,
Carlsruhe.) 11. Bd. S. 221.

2	Peez und Dehn. Englands Vorherrschaft. I. Bd,
Leipzig 1912. S. 170.
        <pb n="74" />
        ﻿44

Pflicht der Großgrundbesitzer ansehn, daß ein
Teil der Bodenfläche an die bodenlose Agrar-
bevölkerung abgegeben werde. Wir sehen denn
auch in Rumänien die Bodenreform auf dem
Marsche, ebenso in England, wo bekanntlich Lloyd
George für sie eintritt. Wenn solche Ideen in
Friedenszeiten einen großen Einfluß ausüben, um
wie viel mehr in Kriegszeiten, wenn der eine
kriegführende Teil durch Versprechungen hin-
sichtlich zukünftiger Parzellierungen einen Teil
der gegnerischen Bevölkerung auf seine Seite zu
bringen vermag, sowie man die eigenen Leute
durch Versprechungen anzuspornen vermag. Es
wurde in der letzten Zeit immer schwerer Kriegs-
begeisterung zu erregen, weil der Kriegsgewinn
für breite Massen nicht unmittelbar genug zutage
trat. Am offenbarsten war meist nur, daß die
Lieferanten von Kanonen und anderem Kriegs-
material riesige Gewinne einstreichen konnten.
Wenn man wieder, wie ehedem Bauernhufen an
die Sieger verteilt, wird der Einzelne, ähnlich wie
in alten Zeiten, aus patriotischen und egoistischen
Gründen in den Kampf ziehen. Manche öster-
reichische und ungarische Politiker weisen darauf
hin, wie wichtig für Oesterreich-Ungarn die
Lösung der Agrarfrage sei, in Bosnien vor allem
jene der Kmetenfrage, damit nicht eines Tages
die Russen und Serben als Befreier der armen
agrarischen Bevölkerung sich einen Anhang im
eigenen Lande zu verschaffen wüßten.

Nur nebenbei möchte ich die Zerstörungen
erwähnen, welche der Krieg zur Folge haben kann.
Sie bleiben meist in engen Grenzen und pflegen
sich auf einen relativ engen Bereich zu beschrän-
ken. Zerstörte Häuser und Fabriken pflegen bald
wieder neu zu erstehen. Nur wenn ein Land be-
reits im Niedergang begriffen ist, können solche
Zerstörungen dauernde Lähmungen im Gefolge
haben.

3.	Einfluß auf den Warenabsatz.

Durch Kriegserfolge oder entsprechende mili-
tärische Pressionen kann man aber auch den
Warenabsatz fördern. Ein überaus krasses Bei-
spiel, ist der im XIX. Jahrhundert geführte Opium-
krieg. Einer der chinesischen Kaiser sah ein, daß
sein. Volk unter dem Opiumgenuß zugrunde gehe.
Opium wirkt bekanntlich unvergleichlich zerstören-
der als Alkohol. Er verbot also den Opiumimport.
Dadurch wurden vor allem englische Kaufleute
betroffen, die das Opium aus Indien importierten.
Es wurde nun das Gesetz umgangen und Opium
eingeschmuggelt. Dies veranlaßte die chinesische
Regierung zu einem energischen Schritt. Es wurde
gegen die Schmuggler eingeschritten und eine
größere Quantität Opium ins Meer geworfen.

Die Engländer intervenierten zugunsten der
Schmuggler. Es kam zu einem Notenwechsel. Das
Ergebnis war ein Krieg, in welchem die Engländer
nicht nur Schadenersatz für die Schmuggler er-
langten, sondern auch die Opiumeinfuhr durch-
setzten. Es gab damals zahlreiche englische Poli-
tiker, welche in diesem Kriegserfolg eine unerhörte

Verletzung jeglicher Moral erblickten. Wurde doch
eine um dasWohl des Volkes besorgte Regierung
gezwungen, die Verseuchung desselben durch ein
gefährliches Gift zuzugestehen.

Aber ein Staat kann seine Macht noch weiter
ausnützen, indem er von einem anderen Staate
z. B. geradezu verlangt, daß er bestimmte Waren
von seinen Bürgern kaufe. Eine derartige diplo-
matische Aktion hat Oesterreich-Ungarn den
Serben gegenüber unternommen, ln den Forde-
rungen, welche Oesterreich-Ungarn am 5. April
1906 gegenüber Serbien geltend machte, heißt
es: «Um zu einem billigen Ausgleich zu ge-
langen, stellt daher die österreichisch-ungarische
Delegation folgende Forderungen fest:

1.	tunlichste Vereinfachung der Tarifsyste-
matik;

2.	sorgfältige Revision des Tariftextes . . .

3.	Vereinbarung der künftigen Zollquote . .

4.	Sicherstellung des Prinzips, daß bei staat-
lichen Lieferungen die österreichischen und un-
garischen Erzeugnisse bei Parität von Preis und
Qualität nicht ausgeschaltet werden. Letzteres
hätte namentlich zu gelten, bezüglich der eben im
Zuge befindlichen Frage der Lieferung von Ge-
schützen, sowie bezüglich der Zuwendung der
Salzlieferungen, in welch beiden Fragen weder
Preis noch auch Qualität zu Ungunsten der Er-
zeugnisse Oesterreich-Ungarns berufen werden
können.» Wir sehen, wie die ersten Forderungen
sichauf Punkte beziehen, welche in Verträgen seit
jeher geregelt werden, Punkt 4 dagegen stellt
eine weitgehende Einschränkung der freien Ent-
schließung dar. In der ersten Hälfte handelt es
sich noch um Feststellung eines Lieferungsgrund-
satzes, im zweiten dagegen um Einführung eines
Kaufzwanges.

Die Serben waren bereit, in allen Punkten
zuzustimmen, nur bezüglich der Anschaffung der
Artillerie und des Artilleriematerials weigerten sie
sich und erklärten, «durch das fachmännische Gut-
achten der Artilleriekommission gebunden zu sein».

ln einem späteren Schreiben heißt es noch-
mals: «Die königliche Regierung behält sich
daher das Recht vor, die Kanonen- und Muni-
tionsbestellung dann und dort zu placieren, wann
und wo dies die Staatsinteressen erfordern.»

Die serbische Antwortnote wies insbeson-
dere darauf hin, daß die serbische Regierung der
österreichischen und ungarischen Industrie Liefe-
rungen im Betrage von 26 Millionen Dinars in
Aussicht stelle, d. h. von 500/o aller bevorstehen-
den Staatsbestellungen. Bekanntlich folgte ein
Zollkrieg, in dem es Oesterreich nicht gelang,
den Sieg über Serbien davonzutragen. Wir
sehen, was ein Staat heutzutage überhaupt
von einem anderen fordern kann. Wir können
uns selbstverständlich auch Friedensverträge
denken, in denen der eine Staat vom anderen
bestimmte Waren zu beziehen sich verpflichtet.
        <pb n="75" />
        ﻿45

4.	Kriegsentschädigung.

Ehe ich die flüchtige Skizze schließe, möchte
ich noch auf die Bedeutung von Kriegsentschädi-
gungen hinweisen. ln der Gegenwart bestehen
Kriegsentschädigungen im allgemeinen aus Geld
oder Anweisungen auf Geld: Devisen, Schecks
usw. Sie kann in verschiedener Weise Verwen-
dung finden. Man kann einen Teil als Schatz
hinterlegen, das taten z. B. die Deutschen nach
dem Kriege mit Frankreich und die Japaner nach
dem Kriege mit China. Ein Teil wird aber wohl
immer bald in die Zirkulation des eigenen Landes
übergehen. Es strömen viele Auslandsdevisen
herein und das Ergebnis kann eine Senkung der
Devisenkurse im Inlande sein, während die eigenen
Devisen im Auslande steigen. Das heißt, der Im-
port ausländischer Waren wird sehr erleichtert,
der Export sehr erschwert. Dies kann der In-
dustrie des beteiligten Staates zum Vorteil, der
eigenen zum Nachteil gereichen.

Eine der wichtigsten Wirkungen der Kriegs-
entschädigungen besteht darin, daß noch lange
ehe die Anleihe in die Zirkulation gelangt ist,
alle Preise steigen. Dies konnte man nach 1870/71
deutlich beobachten. Diese Preissteigerungen be-
wirken, daß die Industrie unter schweren Be-
lastungen die Produktion beginnt und daß da-
durch Krisen heraufbeschworen werden können,
die auf verringerte Reingewinne bei starker
Schuldenbelastung zurückzugehen pflegen. Die Krise
von 1873 wütete in Deutschland wohl deshalb
besonders stark, weil die Kriegsentschädigung zu
Preissteigerungen und zu riskanten Geschäften
Veranlassung gab. Wir sehen, daß eine Kriegs-
entschädigung eine recht riskante Sache ist.

Wir begreifen, daß eine in Geld be-
stehende Kriegsentschädigung die Verhältnisse
der Staaten zueinander immer nur in einem
mäßigen Grade zu beeinflussen vermag. Man
darf nicht annehmen, daß jedes Quantum an
Kriegsentschädigung mehr, auch einen entspre-
chenden Vorteil für den Sieger und einen ent-
sprechenden Nachteil für den Besiegten bedeute.
In Frankreich bewirkte die Entziehung der großen
Geldmassen, daß, wo es irgend anging, Zeichen-
geld in Verwendung genommen wurde. Ueberdies
wirkte die Kriegsentschädigung teilweise wie ein
Schutzzoll. Die französische Industrie wurde zu
erneuter Tätigkeit angeregt. Auch in Japan trug
die chinesische Kriegsentschädigung zur Ent-
stehung der Krise bei.

Ganz anders ist die Wirkung, wenn die
Kriegsentschädigung sich auf viele Jahre erstreckt,
wenn sie in Form von Aktien oder Obligationen
gegeben wird. Noch schwerer ist die Wirkung,
wenn nicht Geld, sondern Waren als Kriegsent-
schädigung weggenommen werden oder Produk-
tionsstätten, Kohlengruben, Fabriken und der-
gleichen.

Wenn ich die Gefahren einer Kriegsentschä-
digung besonders hervorhebe, so geschieht dies
deshalb, weil man dieselben leicht übersieht. Ich
möchte abes nicht unerwähnt lassen, daß selbst

die Krise nicht all das zerstört, was vor ihr ent-
standen ist. Und der Aufschwung Deutschlands
nach dem Deutsch-französischen Krieg, der er-
halten blieb, geht wohl zum Teil auf die Kriegs-
entschädigung zurück. Vor allem muß man sich
über eins klar sein. Wenn in einer Krise
200 Fabriken zugrunde gehen, so muß das
nicht bedeuten, daß diese Fabriken ihren Be-
trieb einstellen und verfallen. Es kann nur heißen,
daß sie den Eigentümer wechseln. Der erste
Eigentümer macht Konkurs, der nächste über-
nimmt die Fabrik zu einem geringeren Preis und
kann nun viel leichter rentabel produzieren.

Jedenfalls sehen wir aber, daß eingehende
Forschungen erforderlich sind, um jene Form der
Kriegsentschädigung ausfindig zu machen, die
dem Sieger den größten Vorteil bringt. Tribute,
die früher allgemein verbreitet waren, widerspre-
chen dem heute so stark entwickelten Souveräni-
tätsgefühl. Es fragt sich aber, ob es nicht Sieger
geben kann, die dies Gefühl nicht weiter
schonen. Jedenfalls sehen wir auch hier, daß der
Wissenschaft und der Praxis viel zu tun übrig
bleibt.

Schlußbemerkungen.

Ich hoffe, daß es mir gelungen ist, zu zeigen,
welcher Reichtum von Problemen sich eröffnet,
wenn man daran geht, die Kriegswirtschaftslehre
als Ganzes ins Auge zu fassen. Ich habe lieber
manche Probleme etwas ausführlicher behandelt,
um zu zeigen, wie man ihnen zu Leibe rücken
kann, statt allzuviele nur zu erwähnen. Freilich
von einer ausreichenden Darstellung sind diese
Ausführungen weit entfernt, dazu mangelte der
Raum.

Es handelte sich mir auch mehr darum hervor-
zuheben, wie alles untereinander zusammenhängt
und darauf hinzuweisen daß man einzelne Fragen
der Kriegswirtschaftslehre nur schwer behandeln
kann, wenn man nicht das ganze kriegswirt-
schaftliche System immer wieder ins Auge faßt.
Mit einer Stellungnahme zum Problem des Krie-
ges und Friedens hat die Kriegswirtschaftslehre
zunächst nichts zu tun. Das möchte ich am
Schluß nochmals mit allem Nachdruck wieder-
holen. Sie untersucht Zusammenhänge, sie sucht
aber nicht Stimmung zu machen. Nach Feststellung
der Tatbestände bleibt dem Kriegsfreund die Mög-
lichkeit zu sagen: aus diesen Ausführungen ent-
nehme ich, daß es auf Grund meiner Anschauungen
am besten ist, von Zeit zu Zeit einen Krieg zu
führen oder mindestens immer zum Kriege zu
rüsten, während der Friedensfreund sagen kann:
aus den Ergebnissen der Kriegswirtschaftslehre
ergibt sich mir die Notwendigkeit, das Kriegführen
besonders heftig zu bekämpfen.

Ich habe aber vor allem auch zu zeigen ge-
sucht, daß es sich um überaus komplizierte Zu-
sammenhänge handelt und es überhaupt ein
Wagnis ist, sich ohne eingehende Untersuchungen
und sehr reifliche Ueberlegungen für irgend einen
Standpunkt zu entscheiden. Bei jedem einzelnen
Problem konnte ich meist auf wesentliche und

f
        <pb n="76" />
        ﻿46

und kaum zu lösende Schwierigkeiten hinweisen.
Freilich die Wirklichkeit wartet nicht darauf, daß
man alle Probleme löst, ehe man handelt und
immer wieder ist der Mensch gezwungen, energisch
und ohne Zögern auf Gebieten vorzugehen, die
er keineswegs übersieht. Aber wenn er schon ohne
ausreichende Einsicht handeln muß, dann soll er
dies wenigstens wissen.

Dann wird die Tendenz Zurückbleiben, un-
aufhörlich an der Erringung von Einsicht zu ar-
beiten. Daran können alle Parteien in gleicher
Weise mitwirken. Man kann den Mechanismus
von Gewehren studieren, ohne sich damit für
oder gegen die Benützung der Gewehre zur Tötung
von Menschen auszusprechen.

Ich kann am Schluß nur nochmals wieder-
holen, daß die Kriegswirtschaftslehre vor allem
eine kontinuierliche Pflege benötigt. Alle Kultur
beruht auf Erfahrungen und deren den Verhält-
nissen entsprechende Verwertung. Die Kriegswirt-
schaftslehre wird immer bedeutsamer, weil die
Kriegslasten immer stärker anwachsen, weshalb
man ihre Einwirkung auf dem Volkskörper syste-
matisch studieren muß, soll nicht einmal ein Zu-
sammenbruch stattfinden, den man nicht voraus-
gesehen hat.

Man ist heute mehr als früher darauf aus»
die Belastungen der Bevölkerung, möglichst zweck-
mäßig zu verteilen. Es gibt Fälle, in denen die
Kriegsrüstung anregend, andere in denen sie
lähmend wirkt. Diese Wirkungen genau zu unter-
suchen und festzustellen, wann das eine, wann
das andere geschieht, ist eine Hauptaufgabe der
Kriegswirtschaftslehre.

Alle diese Probleme haben dazu geführt,
daß ich die Gesamtorganisation in den Mittel-
punkt der Betrachtung gerückt habe. Insbeson-
dere auch die Organisation der internationalen
Welt. Nur wenn man ganze Staatenverbände be-
rücksichtigt, kann man die Wirkungen eines
Weltkrieges einigermaßen richtig prophezeien
lernen. Aber auch das kann nicht die Arbeit ein-

zelner sein. Nur emsige Kooperation wird Erfolg
in dieser Richtung bringen. Insbesondere dürfte
das Zusammenwirken von Armee- und Zivilver-
waltung in der nächsten Zeit eine größere Rolle
spielen als bisher. Armee- und Zivilverwaltung
haben ihr eigenes Leben. Das hat einen be-
stimmen sozialen Zweck, aber diese Selbständig-
keit kann auch zu Reibungen führen und zu un-
nützer Kraftverschwendung. Derartige Konflikte
kommen aber nicht nur zwischen Zivil und
Armee vor. Auch innerhalb der Armeeverwaltung
und innerhalb der Zivilverwaltung gibt es Ri-
valitäten, die zuweilen lähmend wirken. Diese
lähmenden Wirkungen sind umso stärker, je
fremder man einander gegenübersteht, je seltener
gemeinsam gearbeitet wird. Wird die Kriegs-
organisation zu etwas, das alle Teile der Armee-
und Zivilverwaltung angeht, an der also gemein-
same Kommissionen dauernd mitwirken, dann
nimmt auch das gegenseitige Verstehen zu,
und es wird allen klar, daß eine
starke Armee sich dauernd nur in einem starken
Volkskörper erhält. Eine Armee, die auf Kosten
der Volksgesundheit sich erhält, treibt Raubbau.
Freilich in welchem Falle die Armee den Volks-
körper zu stark in Anspruch nimmt, wann da-
gegen durch eine Schwächung der Armee die
Gesamtheit leidet, das kann man allgemein kaum
angeben. Aber das man überhaupt diesen grund-
legenden Fragen dauernde Aufmerksamkeit zu-
wendet, wäre bereits ein gewisser Erfolg. Wenn
das Verständnis für den Volkskörper zunimmt,
dann werden auch die einzelnen Institutionen
richtiger gewertet werden, als dies heute vielfach
der Fall ist.

Alle Teile des Staates haben ein Interesse
daran, daß die übrigen Teile gedeihen, ln diesem
Interesse für einander besteht das wahre Staats-
gefühl. Die Einheit des Staates besteht vor allem
darin, daß man sich gegenseitig kennt. Diese
gegenseitige Kenntnis fördert alle Wissenschaften
diesich mit dem Staatsorganismus beschäftigten.
Zu ihnen gehört auch die Kriegswirtschaftslehre.
        <pb n="77" />
        ﻿C' -X-Cv-V-

— 33

erforderlichen Geldes nicht variiert, denn es
macht grundsätzlich keinen Unterschied aus, ob
10.000 K auf dem Wege der Ueberweisung oder
mit Noten gezahlt werden. Hingegen wird Geld
jeder Art gespart, wenn die Organisation des
Clearingverkehrs Verwendung findet. Das Wesen
des Clearing besteht darin, daß eine Gruppe von
Personen alle Forderungen untereinander kom-
pensieren, ganz gleich, weichen Charakter sie
tragen. Im Falle der Tabelle XXII würde die
Kompensation der Forderungen, die in einem
Zeitpunkte zu erledigen wäre, ergeben, daß keiner
keinem etwas zu zahlen hätte, die Geldsumme
100 K bliebe unverändert bei A. In welcher
Weise aber eine Kompensation wirkt, die einen
Saldo ergibt, zeigt uns Fall II in Tabelle XXIII:

Durch die Verwendung von Girogeld erspart
man Metallgeld und Notengeld, sowie man durch
die Verwendung von Notengeld Girogeld und Me-
tallgeld erspart; der Clearing dagegen erspart,
wie wir eben gesehen haben, jede Art von Geld.
Soweit zu Beginn kriegerischer Verwicklungen
der Mangel an Zahlungsmitteln störend empfunden
wird, kann durch Ausdehnung des Clearings Ab-
hilfe geschaffen werden. Freilich funktioniert diese
Organisation im allgemeinen nur dann gut, wenn
sie bereits in Friedenzzeiten entspreckend populär
gemacht, wurde, ln Oesterreich-Ungarn ist der
Clearing auf einen recht kleinen Kreis von Per-
sonen und Banken beschränkt.

Diese Andeutungen führen uns zu dem Er-
gebnis, daß die Liquidität eines Systems nicht

Tabelle XXIII.

Clearing

Fall

Zustand

Vor der
Kompensation

Nach der
Kompensation

Vor der
Kompensation

Nach der
Kompensation

Akt.

100 D

Pass.

100 B

100 D

300 B

200

Akt.

100 A

300 A

Pass.

100 C

500C

200

Akt.

100 B

500 B

400

Pass.

100 D

100 D

Akt.

100 C

100 C

Pass.

100 A

100 A

Nötige

Geldmenge

400 K

1000 K

400 K

Wir sehen, daß in dem uns bekannten
Fall I durch Einführung des Clearing keine Geld-
zahlung erforderlich wird. Im Fall II dagegen
wären ohne Clearing, wenn die Zahlungen im
selben Augenblicke erfolgen müßten, 1000 K
nötig; wenn dagegen der Clearing eingeführt wird,
kompensieren sich die Zahlungen. C bekommt
von der Gesamtheit 400 K, A und B zahlen
an die Gesamtheit je 200 K. Die Zahlung
wickelt sich in der Weise ab, daß A und B
je 200 K dem C übergeben, so daß mit 400 K
das Auslangen gefunden wird. Diese Zahlung
von 400 K kann in vollwertigem Metallgeld, in
metallischem Zeichengeld, in Notengeld oder in
Girogeld erfolgen. Daß die Girogeldzahlung die
Zahlungsmenge nicht verringert, sehen wir aus
Tabelle XXIV.

nur von der zur Verfügung stehenden Zeit ab-
hängig ist, sondern auch von der Organisa-
tionsform. Es kann beim Vorhandensein einer
Clearingorganisation eine Gruppe von Konkursen
vermieden werden, die sonst eingetreten wäre.
Eine gute Organisation kann, wie wir sehen, von
größter Wichtigkeit sein. Sie vermag zwar nicht
den Mangel von Nahrungsmitteln, Kanonen usw.
zu ersetzen, aber verhindern, daß nicht trotz
Vorhandenseins genügender Produktions- und
Konsumtionsquellen alles darbt und jede Operation
gelähmt wird. Manche wollen sich mit dem Hin-
weis darauf beruhigen, daß es in allen Ländern in
dieser Richtung gleich schlecht bestellt sei. Das trifft
wohl nicht mehr ganz zu. In Deutschland und Frank-
reich werden Organisationen für den Kriegsfall bereits
eifrig erörtert, für Oesterreich-Ungarn wären sieaber
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
