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        <title>Einführung in die Kriegswirtschaftslehre</title>
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            <forname>Otto</forname>
            <surname>Neurath</surname>
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        </author>
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            <idno>1004940505</idno>
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\'

W^U.
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        Von  Professor  Dr.  Otto  'N  e  u  r  a  t  h,  der  neuen  Handelsakademie  in  Wien.

Vorbemerkungen.
Die  folgende  Artikelserie  gibt  im  großen  und
ganzen  eine  Reihe  von  Vorlesungen  wieder,  die  in
den  Monaten  März  und  April  in  Wien  für  Militärintendanturbeamte ­
  gehalten  wurden.  Zweck  der
Vorlesungen  war  es,  eine  allgemeine  Orientierung
über  die  wichtigsten  Probleme  zu  bieten  und  vor
allem  das  Wesentliche  an  den  verschiedenen
Fragestellungen  und  Betrachtungsweisen  zu  zeigen.
Von  einem  systematischen  Aufbau  wurde  abgesehen. ­
  Ein  solcher  wäre  auch  heute  noch  sehr
schwierig  zu  geben,  da  die  Kriegswirtschaftslehre
eine  junge  Disziplin  ist,*)  wird  doch  im  folgenden
das  erste  Mal  der  Versuch  gewagt,  die  Kriegswirtschaftslehre ­
  prinzipiell  als  Ganzes  theoretisch
zu  skizzieren.  Wenn  auch  alle  kriegswirtschaftlichen ­
  Fragegruppen  Berücksichtigung  fanden,  so
war  es  doch  andererseits  naheliegend,  vor  allem
an  die  Beschaffung  der  für  den  Krieg  erforderlichen ­
  Mittel  anzuknüpfen.  Es  sei  ausdrücklich
hervorgehoben,  daß  die  folgenden  Ausführungen
weder  einer  Apologie  des  Friedens,  noch  einer
des  Krieges  ihren  Ursprung  verdanken,  sondern
rein  objektiven  Charakter  tragen.**)
I.  Die  Kriegswirtschaftslehre  als  Sonderdisziplin.

Die  Volkswirtschaftslehre  beschäftigt  sich
mit  der  Frage,  wie  der  Wohlstand  von  der  Art
der  gesellschaftlichen  Organisation  abhängt,  wel-*)
  Vgl.:  Otto  Neurath:  Die  Kriegswirtschaft.  Jahresbericht ­
  der  Neuen  Wiener  Handelsakademie,  1910,  Otto
Neurath,  Artikel  «Kriegswirtschaft»  in  Meyers  Konversationslexikon, ­
  Ergänzungsband  1913,  S.  523  ff.  Otto  Neurath: ­
  Die  Kriegswirtschaftslehre  als  Sonderdisziplin,
Weltwirtschaftliches  Archiv,  l.  Band,  April  1913,  Heft  2,
S.  342  ff.  Otto  Neurath:  Probleme  der  Kriegswirtschaftslehre. ­
  Zeitschrift  für  die  gesamte  Staatswissenschaft,
Jahrgang  1013,  Heft  4,  S.  438  ff.
**)  Die  Veranlassung  zur  Abhaltung  der  Vorträge,
die  in  etwa  6—8  unmittelbaraufeinander  folgenden  Heften
unseres  Blattes  zur  Veröffentlichung  kommen  werden,
gipg  vom  Chef  der  ökonomischen  Sektion  des  Kriegsrninisteriums
  aus.  Die  Vorträge  dienen  in  hervorragender
Weise  dazu,  die  für  den  Beruf  des  Militärintendanturbeamten ­
  nötigen  Kenntnisse  auf  einem  ungemein  wichtigen ­
  Gebiete  zu  klären,  und  sind  des  eingehenden
Studiums  wohl  ebenso  wert,  wie  das  operative  Verpflegswesen,
  dem  sie  würdig  zur  Seite  gestellt  werden
können.

che  die  Verteilung  der  Güter  und  ihre  Erzeugung
beeinflußt.  Diese  Wissenschaft  ist  noch  nicht  genügend ­
  durchgebildet,  um  ausreichend  scharf
definiert  werden  zu  können.  Aehnlich  steht  es
begreiflicherweise  mit  Teilgebieten,  die  unter  der
mangelhaften  Entwicklung  der  Gesamtwissenschaft
mit  zu  leiden  haben.  Man  kann  Wirtschaftsorganisationen ­
  verschiedener  Art  untersuchen  und  sie
nach  verschiedenen  Gesichtspunkten  klassifizieren.
Eine  dieser  Abgrenzungen  führt  uns  dazu,  die  Wirkungen ­
  des  Krieges  und  der  Kriegsrüstungen  auf
den  Wohlstand  der  Menschen  zu  untersuchen.
Ich  habe  für  diese  Disziplin  den  Namen  Kriegswirtsch'aftslehre
  in  Vorschlag  gebracht.  Wenn  die
Volkswirtschaftslehre  bereits  ganz  ausgebaut  wäre,
müßten  alle  jene  Fragen,  die  sich  auf  diesem
Spezialgebiete  ergeben,  bereits  beantwortet  vorliegen. ­
  Dies  ist  nur  teilweise  der  Fall  und  man
muß  daher  vielfach  um  die  Kriegswirtschaftslehre
einigermaßen  vollständig  abhandeln  zu  können,
neue  Betrachtungen  einfügen,  die  aber  schließlich
auch  in  der  Gesamtwissenschaft  Aufnahme  finden
werden.  Die  Kriegswirtschaftslehre  regt  nämlich
zu  einer  Reihe  fruchtbarer  Fragestellungen  an,  da
gerade  durch  den  Krieg  sehr  auffallende  Erscheinungen ­
  hervorgerufen  werden,  di e  einer  genauen
Untersuchung  wert  sind.
Bisher  gibt  es  zwar  schon  eine  Reihe  trefflicher ­
  kriegswirtschaftlicher  Spezialarbeiten,  so  von
Riesser,  Jöhrs,  Voelcker  und  anderen,  aber  noch
keine  zusammenfassende  Darstellung.  Dies  erklärt
sich  zum  Teil  daraus,  daß  die  Volkswirtschaftslehre ­
  der  neuesten  Zeit  vom  sogenannten  englischen ­
  Liberalismus  ausging,  der  die  Anschauung
vertrat,  die  Menschen  würden  am  meisten  produzieren ­
  und  konsumieren  können,  wenn  es  keine
Zollschranken,  keine  Beschränkungen  im  Inlande,
wie  sie  zum  Beispiel  das  Gewerberecht  enthält,
geben  würde.  Dieser  Anschauungsweise  waren
nur  jene  Probleme  geläufig,  welche  sich  mit  der
freien  Konkurrenz  beschäftigten.  Der  Krieg  war
für  sie  bloß  eine  Störung  der  Produktion  und
Konsumtion.  Die  Frage,  ob  ein  Volk  durch  einen
Krieg  nicht  reicher  werden  könnte,  wurde  kaum
berührt.  JDoch  darf  man  nicht  glauben,  daß  etwa
alle  Freihändler  gegen  den  Krieg  waren.  Es  gab
        <pb n="3" />
        2

manche  unter  ihnen,  welche  sich  für  den  Krieg
als  Mittel  aussprachen,  die  politische  Macht  der
Nation  zu  heben,  selbst  unter  Hintansetzung  der
Ernährung,  Bekleidung  und  sonstigen  Bedürfnisbefriedigung. ­
  Daß  diese  durch  einen  Krieg  gewinnen ­
  könnten,  nahmen  die  meisten  von  ihnen
nicht  an.  Die  theoretische  Volkswirtschaftslehre
der  Folgezeit  hat  nun  zwar  diese  Grundgedanken
mehrfach  verworfen,  aber  dem  Kriege  dennoch  keine
Aufmerksamkeit  geschenkt.  Nur  einzelne  Denker,
insbesondere  Praktiker  haben  sich  mit  kriegswirtschaftlichen ­
  Fragen  beschäftigt,  so  zum  Beispiel ­
  Lowe  im  Zeitalter  der  napoleonischen
Kriege.  Aber  eine  wissenschaftliche  Tradition
bildete  sich  so  nicht  heraus.  Im  letzten  Jahrzehnt
waren  es  vor  allem  praktische  Gründe,  welche
zu  kriegswirtschaftlichen  Untersuchungen  drängten.
Die  Rüstungen  wuchsen  überaus  rasch  an.  Die
Völker  litten  erheblich  unter  dem  Rüstungsdruck,
die  Komplikation  des  Geld-  und  Kreditwesens
war  so  fortgeschritten,  daß  die  Erschütterungen
eines  großen  Krieges  mit  steigender  Sorge  gefürchtet ­
  wurden.  Insbesondere  die  Marokkokrise
hat  in  Deutschland,  aber  auch  in  anderen  Staaten
zu  kriegswirtschaftlichen  Schriften  Veranlassung
gegeben.  Dazu  kam  noch,  daß  auf  Seiten  der
Friedensfreunde  die  Wirkungen  des  Krieges  und
der  Rüstungen  auf  den  Wohlstand  immer  intensiver ­
  studiert  wurden.  Alle  diese  Bestrebungen
verdichten  sich  immer  mehr  und  mehr  zu  geordneter ­
  Tätigkeit.
Es  ist  zwar  heute  noch  vielfach  die  Beschäftigung ­
  mit  dem  Kriege  eine  Sache  der  persönlichen ­
  Zu-  oder  Abneigung.  Die  meisten  von
denen,  die  sich  über  den  Krieg  in  irgend  einer
Richtung  äußern,  treten  entweder  für  ihn  auf,
oder  bekämpfen  ihn.  Das  ist  häufig  zu  Beginn
einer  Wissenschaft  so.  Wenn  die  Diskussion  aber
etwas  fortgeschrittener  ist,  merkt  man  allmählich,
daß  es  einen  ganzen  Stock  von  Problemen  gibt,
deren  Lösung  völlig  unabhängig  von  unserem
Gefallen  oder  Mißfallen  ist.  Der  Friedensfreund
und  der  Kriegsfreund  können  sie  völlig  gleichartig ­
  beantworten,  um  dann  im  weiteren  Verlauf,
wenn  ihre  Wünsche  zum  Ausdruck  kommen,  die
tatsächlichen  Verhältnisse,  ,wie  sie  die  objektive
Wissenschaft  feststellt,  zu  verwenden.  Die  Kriegswirtschaftslehre ­
  ist  eine  Wissenschaft,  wie  die
Ballistik,  die  ebenfalls  unabhängig  davon  ist,  ob
man  für  oder  gegen  die  Verwendung  von  Kanonen
eintritt.  Die  Ausbildung  einer  wissenschaftlichen
Kriegswirtschaftslehre  führt  dazu,  die  wissenschaftlichen ­
  Bestrebungen,  die  sich  heute  zerstreuen, ­
  zu  konzentrieren  und  zu  gedeihlicher
Kooperation  zu  bringen.
Die  Kriegswirtschaftslehre  besitzt  bis
jetzt  keine  Tradition.  Die  im  Laufe
der  Zeit  erworbenen  Erfahrungen  gehen  daher
fast  gänzlich  verloren.  Nach  großen  Kriegen,  so
nach  dem  siebenjährigen  Krieg,  wurde  in  der
Literatur  diesem  Gebiete  einige  Aufmerksamkeit
geschenkt.  Dann  vergißt  man  an  diese  Probleme.

Im  Zeitalter  der  Napoleonischen  Kriege  wendet
man  wieder  kriegswirtschaftlichen  Fragen  durch
die  Praxis  angeregt,  das  Augenmerk  zu.  Aber  im
allgemeinen  findet  man  in  der  Literatur  dieser
Zeit  kaum  einen  Nachhall  von  den  Ergebnissen,
welche  die  Forschungsperiode  vorher  gezeitigt
hatte.  Aehnlich  steht  es  mit  den  Kriegsperioden
der  Folgezeit.  So  hat  man  z.  B.  nach  dem  Jahre
1870/71  eine  Reihe  kriegswirtschaftlicher  Arbeiten
veröffentlicht,  insbesondere  wurde  ziemlich  viel
über  die  französische  Kriegsentschädigung  geschrieben. ­
  Aber  auch  dieser  Literatur  fehlte  die
Kraft,  eine  wirkliche  Tradition  zu  erzeugen.  Man
trifft  in  der  Folgezeit  selten  eine  Betrachtung  an,
die  sich  mit  dem  deutsch-französischen  Krieg  beschäftigt. ­
  Erst  zu  Beginn  des  XX.  Jahrhunderts
beginnt  sich  eine  Tradition  herauszubilden.  Freilich ­
  das  Versäumte  ist  nur  schwer  nachzuholen.
Man  findet  denn  auch  ältere  kriegswirtschaftliche
Literatur  auffallend  selten  zitiert,  ältere  Kriege
auffallend  selten  berücksichtigt.  Es  wird  wohl
noch  eine  lange  Reihe  von  Jahren  dauern,  bis
man  die  Kriegswirtschaftslehre  derart  gesichert
hat,  daß  sie  eine  Tradition  besitzt,  welche  nicht
mehr  abreißt.  Es  wird  dazu  die  Schaffung  eigener
Organisationen  nötig  werden,  welche  die  kriegswirtschaftliche ­
  Forschung  zu  fördern  hätte.  Nur
wo  Organisationen  bestehen,  kann  man  die  Kontinuität ­
  einigermaßen  aufrechterhalten.
Die  Entwicklung  der  Kriegswirtschaftslehre
als  Sonderdisziplin  wird  vor  allem  dazu  führen,
eine  geschlossene  Theorie  mit  zweckmäßig  gestalteten ­
  Begriffen  zu  schaffen.  Es  werden  sich
allgemeine  Vorstellungen  entwickeln,  deren  Ausbildung ­
  dann  Aufgabe  weiterer  Arbeit  sein  wird.
Diese  allgemeinen  Vorstellungen  sind  einerseits
an  sich  reizvoll,  sie  fördern  die  Erkenntnis  und
befriedigen  unser  Streben  nach  Erkenntnis,  sie
dienen  aber  auch  dazu,  die  Bedeutung  einzelner
Probleme  richtig  zu  erfassen.  Man  kann  keine
Wissenschaft  so  treiben,  daß  man  Einzeluntersuchung ­
  an  Einzeluntersuchung  reiht.  Um  eine
Einzeluntersuchung  anstellen  zu  können,  muß  man
bereits  die  allgemeinen  Ziele  kennen,  die  man
verfolgt,  man  muß,  wenn  auch  nur  unbestimmt,
sich  davon  ein  Bild  zu  machen  trachten,  was
wohl  als  unwichtig  vernachlässigt  werden  darf,
was  als  wichtig  besonderer  Beachtung  wert  erscheint. ­

Die  Wissenschaft  gibt  uns  so  weite  Perspektiven, ­
  sie  deutet  Entwicklungsrichtungen  an,  sie
läßt  uns  aber  auch  oft  Keime  des  Zukünftigen
erkennen,  an  denen  wir  achtlos  vorübergegangen
wären,  hätte  sie  unser  Auge  nicht  für  das  werdende ­
  Gebilde  geschärft.
II.  Verschiedenartigkeit  der  Kriegswirkung.
1.  Prinzipielle  Organisation  sverh
  ä  11  n  i  s  s  e.  , or
Wenn  wir  uns  daran  machen,  die  Wirkungen
des  Krieges  und  der  Rüstungen  zu  untersuchen,
so  zeigt  sich  bald,  wenn  wir  nicht  in  irgend  einer
        <pb n="4" />
        3

Richtung  voreingenommen  sind,  daß  wir  kaum
so  bald  dazu  gelangen  dürften,  diese  Frage  allgemein ­
  zu  beantworten,  sind  doch  die  Wirkungen
des  Krieges  bei  den  verschiedenen  Völkern  und
zu  verschiedenen  Zeiten  je  nach  der  Verschiedenheit ­
  der  gesellschaftlichen  Organisation  überaus
verschieden.  Die  scheinbar  naheliegendsten  Argumente ­
  erweisen  sich  als  korrekturbedürftig.  Die
ersten  tastenden  Versuche  mahnen  bereits  zur
Vorsicht.
Man  versucht  zum  Beispiel  vielfach  die
Wirkungen  des  Krieges  etwa  in  der  Weise  zu  bestimmen, ­
  daß  man  alle  Menschen,  welche  der
Krieg  tötet,  alle  Menschen,  welche  die  stehende
Armee  absorbiert,  nach  ihrer  Produktionsfähigkeit
abschätzt  und  die  Gesamtheit  der  so  vernichteten
Produktivkräfte  als  reinen  Verlust  in  Abzug
bringt.  Abgesehen  davon,  daß  man  außerdem
noch  den  Gewinn  des  Krieges  in  Anrechnung
bringen  muß,  ist  auch  die  angedeutete  Betrachtungsweise ­
  nicht  immer  am  Platze.  Und  zwar
deshalb  nicht,  weil  sie  davon  ausgeht,  daß  alle
Organisationen,  vor  allem  diejenige,  in  der  wir
leben,  eine  volle  Ausnützung  aller  Kräfte  in  normalen ­
  Zeiten  kennt.  Dies  ist  nun  nicht  der  Fall.
Man  kann  sich  zwar  Organisationen  denken,
welche  alle  Kräfte  voll  ausnützen,  unsere  Organisation ­
  gehört  nicht  zu  ihnen.  Jedem  ist  der  Ausdruck ­
  «Ueberproduktion»  bekannt.  Man  erwähnt
eine  Ueberproduktion  von  Büchern,  von  Tuch,
von  Aerzten  usw.  Was  bedeutet  dieses  Wort?
Offenbar  nicht,  daß  mehr  produziert  wird,  als
man  konsumieren  kann.  Denn  es  ist  doch  klar,
daß  es  immer  noch  Menschen  gibt,  welche  für
Bücher  Verwendung  hätten,  daß  es  Menschen
gibt,  die  eines  Arztes  bedürfen,  daß  es  Menschen
gibt,  welche  sich  ungenügend  bekleiden.  Unter
dem  Worte  Ueberproduktion  versteht  man  etwas
anderes,  es  bedeutet,  daß  die  weitere  Produktion
den  Produzenten  keine  Vermehrung  des  Reingewinnes ­
  bringen  würde.  Tabelle  I  zeigt  uns,
wie  wir  uns  etwa  die  Tatsache  zu  erklären  haben,
daß  bei  steigender  Produktion  die  Rentabilität  abnimmt. ­
  Das  Beispiel  stellt  nach  mehr  als  einer
Richtung  eine  Vereinfachung  dar,  gibt  uns  aber
ausreichende  Aufklärung.  Wir  sehen  deutlich,  wie
der  Reingewinn  des  Produzenten  im  vorliegenden
Falle  zwar  absolut  und  prozentuell  ansteigt,  wenn
der  Produzent  150  Stück  statt  100  erzeugt,  wir
sehen  aber  auch,  daß  der  Reingewinn  sofort  fällt,
wenn  er  die  Produktion  fortsetzt.  Die  Ziffern  der
Selbstkosten  und  des  Erlöses  sind  dabei  ganz
den  tatsächlichen  Verhältnissen  entsprechend  angesetzt. ­
  Wir  sehen,  wie  die  Stückselbstkosten  bei
steigender  Produktion  fallen,  die  Gesamtselbstkosten ­
  aber  ansteigen.  Sie  könnten  eventuell  auch
konstant  bleiben.  Wenn  ich  zum  Beispiel  Fische
fange,  sind  die  Selbstkosten  eines  großen  Fanges
ebenso  hoch  wie  die  eines  kleinen  Fanges.  Aber
bei  der  Fabrikation  von  Waren  sehen  wir  immer
ein  Ansteigen  der  Gesamtselbstkosten.  Je  mehr
Stücke  einer  Ware  auf  den  Markt  kommen,  desto

tiefer  fällt  der  Stückpreis,  der  Gesamterlös  kann
dabei  steigen,  wie  dies  in  unserem  Beispiel  der
Fall  ist.
Tabelle  I.

Abhängigkeit  des  Reingewinnes  von  der  produzierten
Menge:

Anzahl
der  produzierten ­

Stücke

Selbstkosten

Erlös

Reingewinn

pro
Stück

im
ganzen

pro
Stück

im
ganzen

pro
Stück

im
ganzen

in
»Io

100

10

1000

10-50

1050

0-50

50

5

150

8

1200

8-72

1308

0-72

108

9

200

7

1400

7-28

1456

0-28

56

4

Wenn  Unternehmer  im  vorhinein  wissen,  daß
bei  wachsender  Produktion  der  Reingewinn  sinken
wird,  schränken  sie  absichtlich  die  Produktion  ein.
Dies  tun  zum  Beispiel  sehr  viele  Kartelle,  ja  es
gibt  solche,  die  in  erster  Reihe  zu  dem  Zweck
geschlossen  werden,  um  eine  einverständliche
Produktionseinschränkung  zu  ermöglichen.  So
haben  zum  Beispiel  die  österreichischen  Baumwollspinner ­
  im  Herbst  1912  eine  33prozentige
Betriebsreduktion  vogenommen.  Ein  Teil  der
Maschinen  mußte  ruhen,  die  Arbeiter,  welche  sie
sonst  bedienten,  mußten  feiern.
Man  hat  gelegentlich  die  Vermutung  ausgesprochen, ­
  der  sinkende  Reingewinn  deute  nichts
anderes  an,  als  die  Tatsache,  daß  an  anderen
Stellen  der  Produktion  Arbeitskräfte  nötiger
wären  als  gerade  dort,  wo  der  Reingewinn  sinkt.
Wenn  der  Reingewinn  in  derTextilindustrie  sinke,
so  komme  das  etwa  daher,  daß  man  in  der
Landwirtschaft  Arbeiter  brauche.  Dort  verzinse
sich  das  Geld  besser.  Man  kann  auf  verschiedene
Weise  zeigen,  daß  diese  Betrachtung  nicht  allgemein ­
  giltig  sein  kann.  Am  einfachsten  dürfte
man  das  Ziel  erreichen,  wenn  man  ein  einfaches
Beispiel  betrachtet,  in  dem  die  Vernichtung  einer
Gütermenge  die  Rentabilität  erhöht,  in  einem  Fall,
in  dem  die  Produktion  der  größeren  und  der
kleineren  Gütermenge  gleich  viel  kostet.  Archenholz, ­
  dessen  Geschichte  des  siebenjährigen  Krieges
recht  bekannt  ist,  hat  eine  zeitlang  regelmäßige
Berichte  über  englische  Verhältnisse  veröffentlicht,
ln  einem  derselben  lesen  wir  nun  folgendes*:
«Die  Fleischer  in  London  fuhren  mit  ihrem
abscheulichen  Gebrauch  fort,  große  Säcke  mit
frischem  Fleisch  des  Nachts  in  die  Themse  zu
werfen,  um  es  nicht,  wegen  des  Ueberflusses  notgedrungen ­
  unterm  Preise  zu  verkaufen,  oder  es
umsonst  wegzugeben.  Alle  Mittel,  diesem  Unfug
zu  steuern,  waren  vergebens.  Die  Fischhändler  in
London  hatten  einen  ähnlichen  Gebrauch.  Sie
gaben  den  auf  der  Themse  ankommenden  Fischerfahrzeugen, ­
  noch  ehe  sie  London  erreichten,  durch
Signale  von  dem  Zustand  des  dasigen  Fischmarktes ­
  Nachricht.  Befand  sich  dieser  wohl  versehen, ­
  so  wurden,  um  keinen  Ueberfluß  zu  er* ­
  J.  W.  v.  Archenholz,  Annalen  der  Britischen  Geschichte ­
  des  Jahres  1788.  I.  Bd.  Carlsruhe  1790.  10.  Abschnitt, ­
  S.  362.
        <pb n="5" />
        4

zeugen,  ohnweit  Gravesend  die  ganzen  Ladungen
von  Fischen  ins  Wasser  geworfen.  Dieses  zu  hindern, ­
  wurde  auf  Befehl  des  Lord  Majors,  der  die
Jurisdiction  über  die  Themse  hat,  Gerichtsbeamte
nach  Gravesend  beordert,  solche  Frevler  auf  der
Tat  zu  ertappen,  um  sie  nach  den  Gesetzen  zu
bestrafen.»
Tabelle  II.

Steigerung  der  Rentabilität  durch  Gütervernichtung

Anzahl
der  produzierten ­

Stücke

Selbstkosten

Erlös

Reingewinn

pro
Stück

im
Ganzen

pro
Stück

im
Ganzen

pro
Stück

im
Ganzen

in
°lo

100

12

1200

12-60

1260

0-60

60

5

150

8

1200

8.72

1308

0-72

108

9

200

6

1200

6-30

1260

0-30

60

5

Suchen  wir  diese  Schilderung  in  die  Form
eines  Schemas  zu  kleiden.  Da  es  sich  im  Beispiel
der  Fischer  um  eine  Produktion  handelt,  bei  der
die  Herstellung  der  größeren  Menge  ebenso  viel
kostet,  wie  die  Herstellung  der  kleineren,  sind  die
Gesamtselbstkosten  in  Tabelle  II  als  konstant  mit
1200  angesetzt.  Die  Verkaufspreise  sinken,  wenn
eine  größere  Menge  auf  den  Markt  kommt,  und
zwar  haben  wir  unser  Beispiel  so  gewählt,  daß
der  Gesamterlös  zunächst  steigt,  dann  aber  fällt.
Wenn  die  Fischer  100  Mengen  Fische  auf  den
Markt  bringen,  verdienen  sie  weniger,  als  wenn  sie  150
auf  den  Markt  bringen,  anderseits  verdienen  sie  mit
150  Fischmengen  mehr  als  mit  200.  Folglich  ist
es  im  Interesse  der  Fischer  gelegen,  50  Mengen
Fische  zu  vernichten.  Derartige  Fälle  werden  in
der  Geschichte  oft  berichtet,  und  zwar  bis  in  die
jüngste  Zeit  herauf.  Dies  Beispiel  zeigt  ganz  deutlich, ­
  daß  es  jedenfalls  eine  «Ueberproduktion»
geben  kann,  die  zweifellos  nichts  mit  einer  unzweckmäßigen ­
  Verteilung  der  produktiven  Kräfte
zu  tun  hat,  denn  durch  die  Vernichtung  der  Fische
wird  keine  Produktion  an  einer  anderen  Stelle  gefördert. ­

ln  der  Gegenwart  wird  im  allgemeinen  die
Vernichtung  von  Produkten  seltener  Vorkommen,
als  die  absichtliche  Reduktion  der  Produktion,
weil  die  Voraussicht  größer  ist,  als  früher  und
weil  vor  allem  es  sich  heute  in  der  Mehrzahl  der
Fälle  um  Produktionen  handelt,  deren  Kosten
wachsen,  wenn  die  erzeugte  Menge  zunimmt.
Wir  sehen  jedenfalls  schon  aus  den  bisherigen
Andeutungen,  daß  in  unserer  Organisation  keine
vollständige  Ausnützung  der  vorhandenen  produktiven ­
  Kräfte  stattfindet.  Dies  gilt  bezüglich  der
Rohstoffe,  der  Maschinen,  des  Grundes  und  Bodens
ebenso  wie  bezüglich  der  Menschen.  Diese  Erscheinung ­
  ist  militärisch  von  großer  Bedeutung,
und  zwar  mittelbar  und  unmittelbar.  Ich  will  nur
auf  ein  und  das  andere  hinweisen.  Die  ungenügende
Ausnützung  der  produktiven  Kräfte  kann  dazu
führen,  daß  wegen  der  in  einem  Lande  vorhandenen
Anbaumöglichkeiten  für  Getreide,  die  vorhandenen
Viehweiden  nicht  ausgenützt  werden,  was  die

Schlagkraft  eines  Staates  herabzusetzen  geeignet
erscheint.
In  den  Alpen  stoßen  wir  immer  wieder  auf
Almen,  die  bis  vor  kurzem  noch  der  Viehhaltung
dienten,  während  sie  jetzt  verlassen  sind,  weil  die
Almenwirtschaft  dem  Bauer  nicht  mehr  rentabel
genug  erscheint.  Besonders  markant  tritt  für  die
Heeresverwaltung  die  Tatsache  der  ungenügenden
Ausnützung  der  Produktivmittel  zutage,  wo  es
sich  um  das  Produktivmittel  «Mensch»  handelt.
Ebenso  wie  es  für  den  Unternehmer  Fälle
gibt,  in  denen  es  sich  ihm  nicht  rentiert,  die  im
Lande  vorhandenen  Rohstoffe  nnd  Maschinen
auszunützen,  so  gibt  es  auch  Fälle,  in  denen  es
sich  ihm  nicht  rentiert,  die  vorhandenen  Arbeitskräfte ­
  voll  auszunützen.  Die  Gegenwart  kennt
denn  auch  Arbeitslosigkeit  großer  Massen  als
eine  häufige  Erscheinung,  die  nicht  selten  Auswanderung ­
  zur  Folge  hat.  Wenn  die  Menschen  in
der  Heimat  keine  Möglichkeit  haben,  Arbeit  und
Erwerb  zu  finden,  ziehen  sie  in  die  Fremde.  Die
Auswanderung,  ein  Produkt  der  unvollständigen
Ausnützung  produktiver  Kräfte  in  unserer  Organisation, ­
  macht  sich  militärisch  vor  allem  durch
den  Ausfall  bei  den  Stellungen  bemerkbar.  Im
Jahre  1913  soll  dieser  Ausfall  weit  über  100.000
Mann  betragen  haben,  wobei  nach  meinen  Informationen ­
  etwa  87.000  allein  auf  die  Hauptauswanderungsgebiete ­
  Galizien  und  die  Bukowina
entfallen  sind.  Fehlbeträge  über  60%  sind  in  den
Auswanderungsgebieten  nichts  Seltenes.  Diese
Auswanderung  ist  besonders  in  den  Gebieten  des
Großgrundbesitzes  sehr  stark,  der  eine  der  wichtigsten ­
  Auswanderungsursachen  ist.  In  Galizien
und  der  Bukowina  finden  wir  riesige  Besitzungen
und  Parzellen  dicht  nebeneinander.  Bei  der  starken
Auswanderung  spielt  auch  Abenteuerlust,  Furcht
vor  dem  Militärdienst  mit,  aber  all  diese  Momente ­
  verschwinden  fast  völlig  hinter  dem
Hauptmoment:  Mangel  an  Erwerbsmöglichkeit.
Man  sieht  dies  ganz  deutlich,  wenn  man  die
Ueberseewanderung  nach  der  Hafenstatistik  ins
Auge  faßt.
Tabelle  III.

Ueberseewanderung  aus  Oesterreich  nach  der  Hafenstatistik. ­


1906

1907

1908

1909

1910

1911

1912

136.000

154.000

58.000

132  000

142.000

92.000

131.000

Tabelle  111  zeigt  deutlich,  daß  im  Jahre  1908
die  Auswanderung  nach  der  Hafenstatistik,  die
freilich  nur  einen  Teil  der  Auswanderer  erfaßt,
deutlich  abnimmt,  sie  geht  fast  auf  ein  Drittel
herunter.  Wie  erklärt  sich  diese  Tatsache?  Im
Jahre  1907  trat  in  den  Vereinigten  Staaten  eine
große  Krise  ein.  Konkurse,  Massenentlassungen
von  Arbeitern  waren  an  der  Tagesordnung.  Sehr
deutlich  kann  man  den  Einfluß  der  Erwerbsverhältnisse ­
  auf  die  Wanderbewegung  auch  aus  der
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        5

Rückwanderungsstatistik  entnehmen,  die  Tabelle ­
  IV  bietet.
Tabelle  IV.

Rückwanderung  aus  den  Vereinigten  Staaten  nach
Oesterreich-Ungarn.

1908

1909

1910

1911

1912

130.000

49.000

47.000

86.000

89.000

Während  im  Laufe  der  Krise  die  Rückwanderung ­
  130.000  Personen  beträgt,  sinkt  sie  später
auf  49.000  herunter.  Wir  sehen,  es  handelt  sich
bei  der  Auswanderung  um  eine  Massenerscheinung, ­
  welche  vor  allem  durch  die  Erwerbsverhältnisse ­
  bedingt  ist.  Es  hat  daher  die  Armeeverwaltung ­
  alles  Interesse  an  einer  Sanierung  der
Wirtschaftsverhältnisse  in  Galizien.  Die  Entstehung
großer  Industrien,  die  Entfaltung  des  Kleingewerbes ­
  könnte  eine  gewisse  Abhilfe  schaffen,
weil  auf  diese  Weise  ein  erheblicher  Teil  jener
Bevölkerungsmassen,  die  durch  den  Großgrundbesitz ­
  verdrängt  werden,  im  Inlande  aufgesaugt
werden  könnten.  Die  Armeeverwaltung  selbst
kann  nur  in  geringem  Ausmaß  auf  die  Sanierung
einwirken,  sofern  sie  nämlich  als  Käuferin  von
Waren  auf  den  Markt  tritt.  Dadurch,  daß  Heereslieferungen, ­
  sei  es  nun  durch  die  Heeresverwaltung ­
  selbst  oder  durch  Vermittlung  des  Arbeitsministeriums, ­
  in  den  Hauptauswanderungsgebieten
  verteilt  werden,  kann  man  einen
Teil  der  Auswanderer  zurückhalten.  Die  Beschaffung ­
  des  Ausrüstungsmaterials  wird  so  gleichzeitig
dazu  verwendet,  Soldaten  im  Lande'  zurückzuhalten. ­
  Es  sind  dies  sozialpolitische  Gesichtspunkte, ­
  die  vielfach  hinter  rein  fiskalischen  zurücktreten. ­
  Vom  Standpunkte  des  Ressorts  aus,
welches  die  Bedarfsdeckung  durchführt,  wird  man
natürlich  nur  dort  kaufen,  wo  man  die  Ware  am
billigsten  bekommt,  vom  Standpunkte  des  Gesamtstaates ­
  aus  kann  es  möglicherweise  angezeigt ­
  sein,  auch  dort  zu  kaufen,  wo  die  Beschaffung ­
  teurer  kommt.  Der  höhere  Preis  enthält ­
  gewissermaßen  eine  Industrie-,  Gewerbe-  oder
Agrarsubvention  in  sich.  Ob  eine  solche  Anschauungsweise ­
  praktisch  zweckmäßig  ist,  bleibt
eine  offene  Frage;  tauchen  doch  gleich  eine  Reihe
neuer  Probleme  auf.  So  fragt  es  sich  zum  Beispiel, ­
  ob  die  Heeresverwaltung  eine  solche  Maßnahme ­
  auf  eigene  Unkosten  vornehmen  soll,  oder
ob  ihr  eigene  Posten  nur  zu  dem  Zweck  bewilligt ­
  werden  müßten,  die  dazu  zu  dienen  hätten,
Mehrausiagen  zu  bezahlen,  die  aus  der  Industrie-,
Gewerbe-  oder  Agrarförderung  erwachsen.  Hier
genügt  es  wohl,  auf  die  ganze  Problemgruppe
prinzipiell  hinzuweisen.  Was  ich  von  Galizien
und  der  Bukowina  gesagt  habe,  gilt  zum  Teil
auch  von  Dalmatien,  wo  insbesondere  die  Auswanderung ­
  der  Küstenbewohner  für  die  Kriegsmarine ­
  eine  schwere  Schädigung  bedeutet.
Vielfach  wird  darauf  hingewiesen,  daß  die
Auswanderung  zur  Besserung  der  heimischen  Verhältnisse ­
  beitrage,  weil  sie  Geld  ins  Land  bringe;

dies  gilt  aber  nur  teilweise.  Gebiete,  welche  anfangs ­
  nur  Saisonwanderung  hatten,  gehen  bald
zur  Dauerauswanderung  über.  Und  wenn  auch
anfangs  noch  Geld  in  die  Heimat  geschickt  wird,
so  hört  das  in  vielen  Gegenden  bald  auf  und  ein
Teil  der  Bevölkerung,  oft  die  tüchtigsten  Elemente ­
  umfassend,  ist  für  immer  für  den  Staat
verloren.
Wir  sehen  an  den  wenigen  Beispielen,  wie
sehr  das  militärische  Interesse  mit  allgemeinen
Organisationseigentümlichkeiten  zusammenhängt.
Je  mehr  eine  Organisation  die  produktiven  Kräfte
auszunützen  vermag,  umso  mehr  Lebensmittel,
umso  mehr  Soldaten  sind  im  Lande.  Viele  glauben,
unsere  Organisation  sei  ausreichend  dadurch
charakterisiert,  wenn  man  feststellt,  daß  sie  eine
ungleiche  Verteilung  der  Güter  aufweise,  arm
und  reich  kenne.  Dies  genügt  aber  keineswegs.
Die  Armee  hat  zum  Beispiel  ein  überaus  großes
Interesse  daran,  daß  man  alle  produktiven  Kräfte,
insbesandere  die  Menschen  im  Inlande,  auszunutzen
vermag,  während  sie  direkt  an  einer  bestimmten
Form  der  Vermögensverteilung  wenig  interessiert
erscheint.  Unsere  Organisation  weist  einerseits
eine  ungleiche  Verteilung  des  Vermögens  auf,
andererseits  aber  auch  eine  ungenügende  Ausnützung ­
  der  produktiven  Kräfte.  Es  wird  daher
weniger  konsumiert,  als  konsumiert  werden
könnte.
Die  Bevölkerung  hat  weniger  zu  essen,  als
nach  den  natürlichen  Verhältnissen  notwendig  ist,
die  Armeeverwaltung  hat  nicht  so  viel  Kriegsmaterial, ­
  nicht  so  viel  Soldaten  zur  Verfügung,
als  man  unter  Berücksichtigung  der  im  Lande
vorhandenen  produktiven  Kräfte  und  Menschenmassen ­
  erwarten  sollte.
Die  in  Tabelle  V.  gegebene  Uebersicht  zeigt
deutlich,  wie  sich  die  Organisationen  nach  den
Gesichtspunkten  der  Verteilung  und  der  Ausnützung ­
  klassifizieren  lassen.
Wir  sehen,  daß  im  Falle  der  vollständigen
Ausnützung  die  vorhandenen  Güter  gleichmäßig
oder  ungleichmäßig  unter  die  beiden  Klassen  A
und  B,  die  aus  gleich  viel  Menschen  bestehen
sollen,  verteilt  werden  können.  Das  gleiche  gilt
aber  auch  von  der  unvollständigen  Ausnützung.
Man  kann  sich  sehr  gut  eine  Gesellschaft  denken,
welche  die  produktiven  Kräfte  nicht  voll  ausnützt,
weniger  erzeugt  als  sie  könnte,  aber  das  reduzierte ­
  Gesamtprodukt  gleichmäßig  verteilt,  während
in  unserer  Organisation  einerseits  die  produktiven
Kräfte  nicht  voll  ausgenützt  werden,  andererseits
auch  die  Verteilung  der  Produktion  eine  ungleichmäßige ­
  ist.
Die  Tatsache,  daß  unsere  Gesellschaft  die
vorhandenen  Pröduktivmittel  ungenügend  ausnützt, ­
  hat  auf  dem  Gebiete  der  Kriegsrüstungen
und  des  Krieges  zuweilen  Wirkungen,  die
man  nicht  von  vornherein  erwarten  sollte.  Wenn
wir  hören,  daß  durch  die  Kriegsrüstungen
und  durch  das  Kriegführen  das  Leben  der  Bevölkerung ­
  sich  erheblich  verschlechtert,  so  erscheint
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        6

Tabelle  V.

Klassifikation  der  gesellschaftlichen  Organisationen
nach  Verteilung  und  Ausnützung  der  Güter

Ausnützung ­


Produktion  100  Stück

gleichmäßige
Verteilung

ungleichmäßige
Verteilung

Klasse  A

Klasse  B

Klasse  A

Klasse  B

vollständige

konsumiert

konsumiert

50

50

20

80

unkonsumiert
verbleibt

unkonsumiert
verbleibt

0

0

unvollständige ­


konsumiert

konsumiert

25

25

I
10  I  40
I

unkonsumiert
verbleibt

unkonsumiert
verbleibt

50

50

das  als  etwas  selbstverständliches.  Die  Armee,  der
Krieg  verwenden  eben  einen  Teil  der  Produkte,
welche  sonst  von  der  Bevölkerung  konsumiert
worden  wären.  Die  gelegentlich  gehörte  Bemerkung, ­
  daß  die  Rüstungen  Geld  unter  die  Leute
bringen,  also  nicht  schlecht  auf  das  Wirtschaftsleben
wirken,  ist  in  dieser  allgemeinen  Form  keineswegs ­
  schlagend.  Denn  man  erwidert  darauf  nicht
mit  Unrecht:  Die  Bevölkerung  würde  sich  wohler
dabei  befinden,  wenn  das  Geld  auf  die  Weise
unter  die  Leute  käme,  daß  man  statt  der  Kriegsschiffe ­
  Schulen  und  Theater  bauen  würde.  Daß
möglicherweise  der  Kriegserfolg  die  Aufwendungen
lohne,  ist  eine  andere  Sache,  die  bei  dieser  Erwägung ­
  gar  nicht  in  Frage  kommt.
Der  Krieg  kann  aber  auch  gelegentlich  zur
Folge  haben,  daß,  während  er  wütet,  die  Bevölkerung ­
  besser  lebt  als  in  Friedenszeiten.  Ehe  ich
diese  merkwürdige  Tatsache  bespreche,  will  ich
zwei  Autoren  dieses  Faktum  mit  ihren  eigenen
Worten  beschreiben  lassen.  Beide  sind  keine
Freunde  des  Krieges.  Der  erste  der  beiden  Autoren,
die  ich  zu  Worte  kommen  lassen  will,  ist  Joseph
Lowe,  ein  englischer  Praktiker  aus  der  ersten
Hälfte  des  19.  Jahrhunderts,  der  ein  auch  heute
noch  überaus  lesenswertes  Buch  über  die  Wirkungen ­
  der  napoleonischen  Kriege  auf  England

verfaßt  hat.  Es  heißt  in  demselben  unter  anderem ­
  :*
«Nachdem  wir  in  den  ersten  Jahren  des
Kampfes  die  größte  Geldnot  erfahren  hatten,
schienen  sich  unsere  Hilfsquellen  mit  den  zunehmenden ­
  Bedürfnissen  zu  erweitern  und  fuhren  so
lange  fort,  reichlich  zu  strömen,  daß  es  einem
ordentlich  schwer  wurde,  sich  es  als  möglich  zu
denken,  daß  je  wieder  Mangel  oder  Not  eintreten
könnte.  Man  hielt  daher  die  Verlegenheit,  welche
gleich  nach  dem  Ende  des  Krieges  eintrat,  für
vorübergehend,  und  das  Publikum  sich  sträubend ­
  den  Gedanken  von  Elend  mit  so  glänzenden ­
  politischen  Resultaten,  als  uns  der  Krieg
brachte,  im  Zusammenhänge  zu  denken,  gab  sich
der  Erwartung  hin,  daß  alle  Not  verschwinden
würde,  sobald  nur  erst  der  Friede  recht  befestigt ­
  wäre.»  «Das  Jahr  1798  wird  lange  merkwürdig ­
  für  uns  bleiben,  da  es  sich  mitten  im
fürchterlichsten  Kriege  durch  einen  vorteilhaften
Handel  auszeichnet,»  «Der  Krieg  nämlich  wird
sonst  gewöhnlich  als  eine  Zeit  der  Verlegenheit
und  der  Armut  betrachtet,  und  diesmal  schien  er
unsere  Nation  mit  Glück  und  Wohlstand  zu  überschütten.» ­
  «Das  individuelle  Einkommen  nahm
während  des  Krieges  beträchtlich  zu.»  «Es  fand
eine  äußerst  merkwürdige  Zunahme  unserer
inneren  Landesindustrie  statt.»  «Die  Armee,  die
Seemacht,  die  Vermehrung  der  öffentlichen
Aemter,  welche  der  Krieg  notwendig  machte,  eröffneten
  mit  einem  Male  einer  großen  Menge  von
Menschen  aus  allen  Ständen  eine  größere  Laufbahn, ­
  und  indem  die  neuen  Beschäftigungen  eine
große  Menge  Kandidaten  Wegnahmen,  brachten
sie  zugleich  ein  starkes  Leben  in  den  Ackerbau,
in  den  Handel  und  in  alle  Gewerbe.»  «Was  waren
die  Ursachen  unserer  großen  und  unerwarteten
Verlegenheiten  nach  dem  Friedensschluß?  Nicht
eine  Verminderung  unserer  Erwerbsmittel  an  sich
betrachtet,  sondern  eine  allgemeine  Veränderung
in  der  Art  und  Weise,  sie  anzuwenden,  eine
plötzliche  Entfernung  des  Stachels  zur  Industrie,
nämlich  das  Aufhören  des  Krieges,  enthält  diese
Ursachen,  ln  keinem  der  vorhergehenden  Kriege
war  unsere  Militärmacht  bis  zu  einer  solchen
Größe  und  zu  einem  solchen  Umfang  entwickelt
worden.  Die  Zahl  unserer  Milizen,  Soldaten  und
Matrosen,  welche  plötzlich  abgedankt  wurden,
beliefen  sich  auf  zwei-  bis  dreimal  Hunderttausend; ­
  die  meisten  kehrten  zu  produktiven  Arbeiten ­
  zurück,  während  eine  große  Menge  unserer
Manufakturisten,  wahrscheinlich  auch  nicht  weniger
als  Hunderttausend,  plötzlich  ihre  Beschäftigung
verloren,  die  sie  bisher  bei  Verfertigung  von
Kriegsgerätschaften,  Montierungen,  Waffen  und
anderen  zum  Kriege  nötigen  Dingen  gehabt
hatten.  Daraus  entstand  eine  plötzliche  Ueberfüllung
  von  arbeitenden  Leuten  und  ein  nicht

*  Joseph  Lowe.  England  nach  seinem  gegenwärtigen ­
  Zustande  des  Ackerbaues,  des  Handels  und  der
Finanzen,  deutsch  von  L.  H.  v.  Jakob,  Leipzig  1823,
S.  II,  S.  6,  17,  24,  35,  96,  98.
        <pb n="8" />
        7

minder  plötzliches  Fallen  des  Arbeitslohnes.»
«Während  des  Krieges  gingen  alle  unsere  Anlagen ­
  und  Unternehmungen,  sowohl  private  als
auch  öffentliche,  ins  Große;  alle  diese  Unternehmungen ­
  waren  auf  eine  solche  Nachfrage  und  auf
solche  Zahlungsfähigkeit  berechnet,  die  alles  übertraf, ­
  was  man  im  Friedenszustande  in  dieser  Art
zu  sehen  gewohnt  war.  Manufakturen,  Handelshäuser, ­
  Erziehungsanstalten  und  eine  Menge
unserer  Etablissements  der  verschiedensten  Art,
nicht  bloß  in  der  Hauptstadt,  sondern  auch  selbst
in  den  Provinzen,  waren  fast  sämtlich  auf  eine
Nation  berechnet,  die  nicht  nur  an  Zahl,  sondern
auch  an  Reichtum  in  stetem  Wachstum  begriffen  ist.»
Der  zweite  Autor  ist  Henry  George,  ein
amerikanischer  Nationalökonom,  einer  der  Hauptbegründer ­
  der  sog.  Bodenreformbewegung.  Er
wirkte  in  der  zweiten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts
und  gab  sehr  packend  die  Wirkungen  des  amerikanischen ­
  Sezessionskrieges  wieder.  Wir  lesen
bei  ihm  folgendes*):
«In  Amerika  gibt  es  zu  allen  Zeiten  große
und  in  schwierigen  Zeiten  ungeheure  Mengen  von
Menschen,  die  mit  aller  Anstrengung  Arbeit  und
Gelegenheit  suchen,  für  die  durch  Arbeit  hervorgebrachten ­
  Dinge  Arbeit  zu  geben;  nichts  zeigt
vielleicht  klarer  die  beständig  vor  sich  gehende
enorme  Verschwendung  von  produktiven  Kräften,
als  der  Umstand,  daß  die  blühendsten  Zeiten,
welche  dieses  Land  erlebt  hat,  die  Zeiten  des
Bürgerkrieges  waren,  als  wir  große  Flotten  und
Armeen  unterhielten  und  Millionen  unserer  industriellen ­
  Bevölkerung  genug  zu  tun  hatten,  um
dieselben  mit  Gütern  zur  unproduktiven  Konsumtion ­
  oder  zu  leichtsinniger  Vernichtung  zu
versehen.  Es  ist  vergebens,  von  einer  eingebildeten ­
  Blüte  dieser  gedeihlichen  Zeiten  zu  reden.
Die  Massen  des  Volkes  lebten  besser,  kleideten
sich  besser,  fanden  es  leichter  ihren  Lebensunterhalt ­
  zu  gewinnen  und  hatten  mehr  Ueberfluß
und  Vergnügen  als  in  gewöhnlichen  Zeiten.  Im
Norden  war  mehr  tatsächlicher  sichtbarer  Reichtum ­
  am  Schlüsse  des  Krieges  vorhanden,  als
beim  Beginne  desselben.  Auch  war  es  nicht  die
große  Ausgabe  von  Papiergeld  oder  die  Kontrahierung ­
  der  Schuld,  welche  diese  Prosperität  hervorbrachte. ­
  Die  Regierungspressen  druckten  allerdings ­
  Zahlungsversprechen;  aber  Schiffe,  Kanonen,
Waffen,  Werkzeuge,  Nahrungsmittel  und  Kleider
konnten  sie  nicht  drucken.  Auch  borgten  wir
diese  Dinge  nicht  von  anderen  Ländern  oder  von
der  ,Nachwelt*  ....  Die  von  unseren  Flotten  und
Armeen  verbrauchten  und  vernichteten  Güter
kamen  von  dem  damals  vorhandenen  Gütervorr
 ate  ....  Und  dadurch,  daß  die  vom  Kriege  veranlaßte
  Nachfrage  produktive  Kräfte  in  Tätigkeit
setzte,  wurden  die  enormen  Verluste  des  Krieges
nicht  allein  wiederersetzt,  sondern  der  Norden
wurde  auch  reicher.  Die  Arbeitsvergeudung  beim
Hin-  und  Hermarschieren,  beim  Graben  von
*)  Henry  George,  «Soziale  Probleme»,  Deutsch
v on  Stöpel,  Berlin  1885,  S.  70.

Laufgräben,  Aufwerfen  von  Schanzen  und  Fechten
von  Schlachten,  die  Vergeudung  von  Gütern,  die
durch  unsere  Armeen  und  Flotten  verbraucht  oder
vernichtet  wurden,  war  nicht  so  groß  als  die  beständig ­
  vor  sich  gehende  Vergeudung  unbeschäftigter ­
  Arbeit  und  stillstehender  oder  nur  teilweise ­
  benützter  Maschinen  .  .  .  Die  Lähmung,
welche  zu  allen  Zeiten  produktive  Kräfte  verschwendet ­
  und  in  Zeiten  industriellen  Druckes
mehr  Verluste  herbeiführt  als  ein  großer  Krieg,
entspringt  aus  der  Schwierigkeit,  welcher  diejenigen, ­
  die  gern  durch  ihre  Arbeit  ihre  Bedürfnisse ­
  befriedigen  würden,  in  diesem  Bestreben
begegnen.»
Es  ist  natürlich  unmöglich,  eine  so  komplizierte ­
  Erscheinung,  wie  die  hier  angedeutete  mit
wenigen  Worten  zu  erklären,  wohl  aber  läßt  sich
andeutungsweise  zeigen,  wie  man  sich  die  Möglichkeit ­
  einer  Wohlhabenheitsvergrößerung  während ­
  des  Krieges  überhaupt  vorzustellen  vermag.
Gehen  wir  auf  unser  Beispiel  in  Tabelle  V  zurück.
Wir  wählen  die  Fälle,  in  denen  eine  ungleiche
Verteilung  vorliegt,  setzen  aber  einmal  vollständige,
einmal  unvollständige  Verteilung  voraus.  Bei  vollständiger ­
  Ausnützung  aller  produktiven  Kräfte,
kann  auf  die  Konsumenten  nicht  die  volle  Stückzahl ­
  von  100  Gütermengen  entfallen,  weil  der
Krieg  einen  Teil  absorbiert.  Auch  im  Falle  der
unvollständigen  Produktionsausnützung  kann  im
Kriegsfälle  oder  infolge  von  Rüstungen  eine
Herabsetzung  des  Friedenskonsums  stattfinden,
es  dürfte  dies  auch  der  häufigere  Fall  sein,  es  ist
aber  auch  möglich,  daß  gleichzeitig  der  Kriegsverbrauch ­
  gedeckt  wird  und  dennoch  überdies
auch  der  Gesamtkonsum  steigt,  wenn  nämlich
auf  irgend  eine  Weise  die  Lähmungen,  welche
sonst  vorhanden  sind,  verschwinden.
Tabelle  VI  zeigt  uns  wieder  schematisch,  wie
diese  Veränderungen  ziffernmäßig  zu  denken  sind.
Wir  sehen  aus  den  bisherigen  kurzen  Andeutungen, ­
  daß  die  Wirkungen  des  Krieges  auf
die  Lebensverhältnisse  der  Bevölkerung  keineswegs ­
  gleichartig  sind,  sondern  grundsätzlich
differieren  können,  je  nachdem,  ob  im  kriegführenden ­
  Staat  eine  vollständige  oder  unvollständige
Ausnützung  aller  produktiven  Kräfte  stattfindet.
Es  zeigt  übrigens  diese  Betrachtung  auch,  wie
schwer  es  ist,  über  den  Krieg  ein  allgemeines
Urteil  zu  fällen.  [Daß  er  in  manchen  Fällen  produktive ­
  Kräfte  zur  Entfaltung  bringt,  ist  wie  wir
sahen  nur  dadurch  möglich,  daß  es  die  Friedensordnung ­
  in  unzulänglicher  Weise  tut.  Andererseits
muß  man  im  Auge  behalten,  daß  man  nicht  ohne
weiteres  über  eine  Verschwendung  der  produktiven ­
  Kräfte  durch  den  Krieg  klagen  darf,  wenn
man  andererseits  sieht,  wie  wenig  im  Frieden  die
vorhandenen  Kräfte  ausgenützt  werden,  wie  viele
Kräfte  direkt  zugrunde  gehen,  um  zum  Beispiel
Luxusartikel  herzustellen.  Jedenfalls  muß  man
sich  davor  hüten,  über  den  Krieg  und  den  Frieden
schlechthin  abzuurteilen.
        <pb n="9" />
        8  —

Tabelle  VI.

Einfluß  des  Krieges  auf  die  Ausnützung  der  Güter

Aus-Zustand



Produktion  100  Stück

nützung

Klasse  A

Klasse  B

Krieg

Konsumiert

Frieden

20

80

bß

unkonsumiert  verbleibt

"O
c

0

+-*
C/)

Konsumiert

o
&amp;gt;

Krieg

15

60

25

unkonsumiert  verbleibt

0

Konsumiert

Frieden

10

40

—

unkonsumiert  verbleibt

CD

50

-a

Konsumiert

c

Krieg,  den
Friedens-5



20

25

(/)

konsum
verringernd

unkonsumiert  verbleibt

O
&amp;gt;
n

50

3

Konsumiert

Krieg,  den
Friedens-12



48

25

konsum
erhöhend

unkonsumiert  verbleibt

15

2.  Einzelne  Momente.

Wir  haben  im  vorigen  Unterabschnitt  gesehen, ­
  daß  grundsätzliche  Organisationsverschiedenheiten ­
  verschiedene  Wirkungen  des  Krieges
bedingen  können.  Wir  werden  nun  sehen,  daß
auch  andere  Momente  die  Wirkungen  des  Krieges
sehr  verschieden  erscheinen  lassen  können.
Von  größter  Bedeutung  kann  zuweilen  das
Wehrsystem  sein.  Während  zum  Beispiel  in  England ­
  die  Einberufungen  vor  allem  jene  Menschen
absorbieren,  die  in  den  verschiedenen  Erwerbszweigen ­
  weniger  benötigt  werden,  treffen  sie  zum

Beispiel  in  Deutschland  wichtige  und  unwichtige
Arbeitskräfte  in  gleicher  Weise.  In  England  kann
der  Fabrikant  seinen  Arbeiter,  der  sich  anwerben
lassen  will,  durch  Erhöhung  des  Lohnes  zurückzuhalten ­
  versuchen;  anders  in  Deutschland.  Die
Produktion  kann  daher  in  England  weit  eher
während  eines  Krieges  ungestört  fortgesetzt  werden, ­
  als  in  Deutschland  oder  in  einem  anderen
Lande  der  allgemeinen  Wehrpflicht.
In  ähnlicher  Weise  macht  es  einen  wesentlichen ­
  Unterschied  aus,  ob  der  Krieg  von  einem
Industrie-,'  oder  von  einem  Agrarstaat  geführt
wird.  In  Serbien  zum  Beispiel  konnte  ich  während
des  Krieges  nur  relativ  geringe  Veränderungen
der  landwirtschaftlichen  Produktion  beobachten.
Da  die  kräftigen  Männer  und  Bur-schen  einberufen
waren,  mußten  Kinder,  Frauen  und  Greise  an  die
Stelle  der  Einberufenen  treten.  Das  war  relativ
leicht  möglich,  weil  diese  Familienmitglieder  auch
sonst  gewöhnt  waren,  sich  am  landwirtschaftlichen
Betrieb  zu  beteiligen.  Die  komplizierten  Geld-  und
Kreditverhältnisse  des  Industriestaates  fehlten  in
Serbien,  daher  auch  die  Verwirrungen,  welche  sie
im  Kriege  erleiden  können.  Ganz  anders  würde
zum  Beispiel  ein  Krieg  auf  das  kleine  Belgien
wirken,  welches  ein  hochentwickelter  Industriestaat ­
  ist.  Die  Einberufungen  und  die  sonstigen
durch  den  Krieg  bedingten  Vorkehrungen  würden
eine  tiefgreifende  Erschütterung  hervorrufen.  Die
einberufenen  Arbeiter  können  schwer  ersetzt  werden. ­
  Dazu  kommt  noch,  daß  die  Verwirrungen,
welche  in  Geld-  und  Kreditwesen  auftreten
würden,  schwere  Lähmungen  erzeugen  dürften,
denen  man  nur  mit  besonderen  Mahnahmen  wirksam ­
  zu  begegnen  vermöchte.
Aber  es  genügt  nicht,  zwischen  Industrieund
  Agrarstaat  zu  unterscheiden.  Man  muß  auch
zum  Beispiel  Gebiete,  die  von  kleinen  und  mittleren ­
  Bauern  bewohnt  werden,  von  jenen  trennen,
in  denen  der  Großgrundbesitz  vorherrscht.  In
Serbien  und  Bulgarien,  die  reine  Bauernstaaten
sind,  hiriterläßt  zum  Beispiel  jeder  Mann,  der
einberufen  ist,  auf  einem  kleinen  Stück
Land  einige  Familienmitglieder,  die  mit  dem
Boden  eng  verwachsen  sind;  anders  im  Gebiete
des  Großgrundbesitzes,  wie  wir  ihn  zum  Beispiel
in  Galizien  und  Rumänien  antreffen.  Es  fehlt  nach
der  Einberufung  leicht  an  Arbeitskräften,  da  die
Familienmitglieder  zu  der  bisherigen  Arbeit  nur
schwer  heranzuziehen  sind.  Vor  allem  würden  sie
aber  nicht  derart  ihre  Kräfte  anstrengen,  um  fremden
Boden  zu  bearbeiten,  wie  die  Familienmitglieder
der  Serben  und  Bulgaren,  um  den  eigenen
Boden  zu  bestellen.  Es  dürfte  zum  Beispiel  ein
Gebiet,  wie  Galizien,  unter  der  Einberufung  mehr
leiden  als  Serbien,  obgleich  in  Galizien  infolge  der
relativen  Uebervölkerung  ein  Teil  des  Ausfalles
ausgeglichen  werden  dürfte.  Auch  darf  man  nicht
übersehen,  daß  Serbien  eine  viel  intensivere  Mobilisierung ­
  durchführte,  als  sie  voraussichtlich
Oesterreich-Ungarn  in  einem  Kriege  nötig  haben
würde.
        <pb n="10" />
        9

3.  Größe  des  Krieges.
Wir  dürfen  aber  bei  den  bisherigen  Unterschieden ­
  nicht  stehen  bleiben.
Wesentlich  ist  es  auch,  welche  Ausdehnung ­
  ein  Krieg  erlangt.  Ein  Weltkrieg  unterscheidet ­
  sich  von  einem  Krieg  zwischen  zwei
oder  drei  Staaten  wesentlich.  Er  ist  nicht
nur  quantitativ,  sondern  auch  qualitativ  etwas
Anderes.  Ich  weise  nur  auf  den  Umstand  hin,  daß
in  einem  Weltkrieg  keine  Neutralen  vorhanden
sind,  die  Geld,  Lebensmittel  usw.  zur  Verfügung
stellen  können.  Aeußere  Anleihen  gibt  es  dann
eigentlich  nicht,  da  die  Anleihen,  die  im  Gebiet
der  verbündeten  Staaten  aufgenommen  werden,
wie  innere  Anleihen  zu  beurteilen  sind.  Die  Wirkungen ­
  eines  Weltkrieges  lassen  sich  daher  nicht
aus  den  Wirkungen  der  kleineren  Kriege  in  der
Weise  ableiten,  daß  man  dieselben  einfach  multipliziert. ­
  Die  Kriege  der  letzten
hundert  Jahre  waren  kleine  Kriege,
ja  sie  wurden  zu  einem  erheblichen  Teil  am
Rande  der  beteiligten  Gebiete  oder  sogar  in
Kolonialländern  geführt.  Ich  erinnere  nur  an  den
russisch-japanischen,  an  den  amerikanisch-spanischen ­
  Krieg.
Der  letzte  Weltkrieg  fand  gerade  vor  100
Jahren  statt.  Wenn  wir  überhaupt  empirische
Beispiele  für  die  Erörterung  des  Weltkrieges  benötigen, ­
  müssen  wir  auf  die  napoleonischen
Kriege  zurückgreifen.  Sie  werden  uns  immer
viel  Lehrreiches  bieten,  wenn  sich  auch  freilich
die  gesamte  gesellschaftliche  Organisation  seit
jenen  Tagen  sehr  erheblich  verändert  hat.  Aber
jene  Kriege  geben  uns  wenigstens  die  Möglichkeit, ­
  großzügige  Maßnahmen,  wie  die  Kontinentalsperre ­
  kennen  zu  lernen  und  unsere  Vorstellungen
zu  weiten.  Denn,  um  den  Weltkrieg  der  Zukunft
sich  einigermaßen  ausmalen  zu  können,  haben
wir  eine  etwas  gigantische  Phantasie  nötig.  Welche
Momente  dabei  in  Betracht  zu  ziehen  sind,
werden  wir  noch  mehr  als  einmal  zu  besprechen
haben.
III.  Das  Problem  der  Reserven.
Die  bisherigen  Betrachtungen  haben  uns  bereits ­
  gezeigt,  daß  der  Krieg  in  sehr  verschiedener
Weise  die  zu  seiner  Führung  erforderlichen  Kräfte
der  Gesellschaft  entnimmt.
Es  gibt  grundsätzlich  verschiedene  Methoden,
die  für  den  Krieg  nötigen  Kräfte  bereit  zu  halten.
Wir  wollen  auf  die  wichtigsten  derselben  hinweisen:
  Es  kann  zunächst  die  Schaffung  von
Kriegerischen  Kräften  erst  im  Augenblicke ­
  des  Krieges  erfolgen.  Die  im
Brieden  tätigen  Kräfte  werden  in  kriegerisch  verwendbare ­
  umgewandelt.  Der  Arm,  der  sonst  den
Speer  zur  Jagd  benützt,  wendet  ihn  nun  gegen
den  Feind.  Es  können  aber  auch  Kriegsmittel
w  ährend  des  Friedens  bereits  vorbereitet
  werden,  schließlich  können  im  Kriege  Kräfte
zur  Verwendung  kommen,  die  auch  während
des  Friedens  nicht  verwendet
*  u  r  d  e  n,  weder  für  kriegerische

noch  für  friedliche  Zwecke.  Es  sind
dies  natürlich  nur  extreme  Typen;  meist  werden
die  einzelnen  Möglichkeiten  miteinander,  kombiniert
Vorkommen.
Daß  Kräfte,  die  der  Krieg  benötigt,  im  Frieden
auch  verwendet  werden,  ist  nichts  Seltenes.  Annähernd ­
  reine  Fälle  dieser  Art  sind  freilich  selten.
Das  Tiroler  Aufgebot  von  1809  gehörte  z.  B.  wesentlich ­
  zur  ersten  Gruppe.  Es  bestand  zum  geringsten ­
  Teil  aus  militärisch  vorgebildeten  Kräften,
auch  die  Waffen  waren  überwiegend  auch  im
Frieden  verwendbar.  Sensen,  Heugabeln,  Jagdgewehre ­
  spielten  eine  wichtige  Rolle.  Aehnlich
organisiert  sind  die  Milizen  primitiver  Staaten.
So  unterscheidet  sich  z.  B.  das  albanische  Kriegsaufgebot ­
  wenig  von  der  Gesamtheit  der  waffenfähigen ­
  Albaner  im  Frieden.
Sehr  wichtig  sind  jene  Fälle,  in  denen  die
Ausbildung  bestimmter  Fähigkeiten  sowohl
für  den  Krieg  als  auch  für  den
Frieden  von  Nutzen  ist.  Hieher  gehören,  alle
Bemühungen,  die  Jugend  in  großem  Stil  im  Sport
auszubilden,  im  Skifahren,  Schwimmen  usw.,  die
unter  anderem  auch  die  Jugend  weh  rbewegung
gezeitigt  haben.  Eine  kräftige  Jugend  ist  leistungsfähiger ­
  in  der  Industrie,  in  der  Landwirtschaft,
aber  ebenso  auch  in  der  Armee.  Es  wäre  für
die  sozialwissenschaftliche  Forschung,
aber  auch  für  die  Praxis  von  erheblicher ­
  Wichtigkeit,  wenn  man  einmal
systematisch  zusammenstellen  würde,
in  welchen  Fällen  die  Interessen  der
Armee  mit  jenen  der  übrigen  Bürgerschaft ­
  zusammenfallen,  soweit  die
Ausbildung  derverschiedensten  Fähigkeiten ­
  in  Frage  steht.
Derartige  Interessengemeinschaft  beschränkt
sich  aber  nicht  etwa  auf  die  sportliche  Ausbildung,
wir  treffen  sie,  wie  wir  schon  oben  bei  Erörterung
der  Güterausnützung  andeuteten,  auch  sonst  an.
Es  ist  z.  B.  für  eine  Kriegsmarine  äußerst  wichtig,
eine  möglichst  große  Handelsmarine  zu  haben,
um  auf  diese  Weise  zu  gut  vorgebildeten  Matrosen
zu  kommen.  Die  Tätigkeit  eines  Matrosen  kann
nicht  rasch  gelernt  werden.  Geldmittel  reichen
nicht  hin,  um  eine  starke  Flotte  zu  schaffen.  Es
ist  ja  bekannt,  wie  sehr  die  Türken  darunter
leiden,  daß  sie  nicht  genügend  viel  vorgebildete
Matrosen  haben.  Dies  hängt  damit  zusammen,
daß  die  Handelsschiffahrt  vorwiegend  in  Händen
der  Grichen  ruht.  In  diesem  Sinne  ist  auch  die
Bemerkung  Trubetzkois  aufzufassen  dessen  Stimme
insoferne  Anspruch  auf  Gehör  hat,  als  er  eine
hervorragende  Stellung  in  der  äußeren  Politik  einnimmt*. ­

«Als  reale  Macht  wird  Amerika  noch  lange
nicht  in  der  Lage  sein,  sich  mit  Japan  zu
messen.  Mögen  in  der  Neuen  Welt  ungeheure
Mittel  auf  den  Flottenbau  verwendet  werden,  aber
Geld  allein  reicht  nicht  aus,  um  eine  entspre* ­
  G.  Trubetzkoi.  Rußland  als  Großmacht.  Stuttgart
und  Berlin.  1913,  S.  73.
        <pb n="11" />
        10

chende  Wehrkraft  zu  schaffen.  Armee  und  Flotte
sind  nicht  nur  durch  ihre  Rüstung  allein  stark,
sondern  auch  durch  ihre  Organisation  und  ihren
Geist.»
Diese  Gesichtspunkte  haben  denn  auch  dazugeführt, ­
  daß  ein  Adam  Smith,  der  als  Vertreter
der  Freihandelslehre  Zölle  und  Bevorzugungen
bestimmter  Erwerbszweige  prinzipiell  verwarf,
eine  Ausnahme  zugunsten  der  Landesverteidigung ­
  machte.  Er  kennt  noch  eine
zweite  Ausnahme,  die  sog.  Retorsionszölle,  die
als  Repressalie  verhängt  werden;  sie  haben  für
uns  hier  kein  Interesse.  Ueber  die  im  Interesse
der  Verteidigung  Großbritanniens  zugestandenen
Maßnahmen  äußert  er  sich  folgendermaßen*:
«Es  hängt  die  Verteidigung  Großbritanniens
sehr  von  der  Zahl  seiner  Seeleute  und  Schiffe
ab.  Die  Navigationsacte  ist  deshalb  sehr  zweckmäßig ­
  darauf  bedacht,  den  Seeleuten  und  der
Rhederei  des  Landes  das  Monopol  ihres  Gewerbes ­
  zu  geben,  teils  durch  unbedingte  Verbote,
teils  durch  schwere  Belastung  der  fremden  Rhederei.
Die  wichtigsten  Vorschriften  des  Gesetzes  sind
folgende:
Erstens  ist  allen  Schiffen,  deren  Eigner,
Führer  und  drei  Viertel  der  Mannschaft  nicht
britische  Untertanen  sind,  bei  Strafe  des  Verlustes
von  Schiff  und  Ladung,  jeder  Verkehr  mit  den
britischen  Niederlassungen  und  Pflanzungen  sowie
jeder  Küstenhandel  in  Großbritannien  untersagt.
Zweitens  darf  eine  große  Zahl  der  umfänglichsten ­
  Einfuhrartikel  nur  entweder  in  Schiffen
der  bezeichneten  Art  oder  in  Schiffen  des  Erzeugungslandes ­
  ..  .  eingeführt  werden;  und  sind
sie  .  .  .  einem  doppelten  Fremdenzoll  unterworfen. ­
  .  .  .
Drittens  dürfen  sehr  viele  Artikel  der  umfänglichsten ­
  Art  selbst  in  britischen  Schiffen  nur
unmittelbar  aus  den  Erzeugungsländern  eingeführt
werden...  Diese  Vorschrift  war  vermutlich  gegen
Holland  gerichtet  .  ..
Als  das  Navigationsgesetz  erlassen  wurde,
befanden  sich  England  und  Holland  zwar  nicht
im  Kriege  miteinander,  doch  bestand  die  heftigste
Erbitterung  zwischen  beiden  Nationen  .  .  .  Der
Nationalhaß  hatte  zu  jener  Zeit  denselben  Zweck
im  Auge,  den  der  besonnenste  Verstand  zu  empfehlen ­
  vermochte:  die  Verminderung  der  Seemacht ­
  Hollands,  der  einzigen,  welche  Englands
Sicherheit  zu  gefährden  imstande  war.
Für  den  auswärtigen  Handel  und  den  Zuwachs ­
  an  Reichtum,  der  aus  demselben  entstehen
kann,  ist  das  Navigationsgesetz  nicht  vorteilhaft ­
  .  .  .  Da  indessen  die  Landesverteidigung
wichtiger  ist  als  Reichtum,  so  dürfte  das  Navigationsgesetz ­
  vielleicht  die  weiteste  aller  englischen ­
  Handelsverordnungen  sein.  Das  Navigationsgesetz ­
  wurde  erst  1847  aufgehoben,  als
Englands  Seemacht  bereits  eine  weltbeherrschende
Stellung  einnahm  und  die  Zahl  seiner  Handels-*
  Ad.  Smith.  Ueber  die  Quelle  des  Volkswohlstandes, ­
  deutsch  v.  Asher,  1.  Bd.  Stuttgart  1861,  S.  445.

matrosen  mehr  als  ausreichend  war.  Das  beweisen ­
  denn  auch  die  Daten  über  die  britischen
Schiffsbauten,  die  nur  kurze  Zeit  eine  Reduktion
aufwiesen.
In  Oesterreich-Ungarn  sind  es  vor  allem  die
Küstenbewohner  Dalmatiens,  die  als  Matrosen  der
Kriegsmarine  in  Fragen  kommen.  Wir  haben  schon
oben  bei  Besprechung  der  Auswanderungsfrage
auch  dieses  Moment  berührt.  In  einer  sehr
lesenswerten  Broschüre  bespricht  der  frühere
österreichische  Handelsminister  Baernreither  diese
Frage  und  betont  unter  Hinweis  auf  Mitteilungen
des  Abgeordneten  Lupis,  wie  wichtig  es  wäre,
durch  eigene  Subventionen  die  Küstenschiffahrt
zu  fördern*
«Den  ersten  großen  Anstoß  zur  Massenauswanderung ­
  gab  die  berüchtigte  Weinzollklausel
des  italienischen  Handelsvertrages.  Schon  vorher
war  der  dalmatinische  Bauer,  der  auf  den  Weinbau ­
  angewiesen  ist,  in  schlechten  finanziellen
Verhältnissen  ...  er  mußte  für  geliehene  Gelder
20%  und  mehr,  in  einzelnen  Fällen  sogar  50%
bezahlen  .  .  .  Als  dieser  Preis  infolge  des  italienischen ­
  Handelsvertrages  (und.  ich  darf  wohl  hinzufügen, ­
  auch  infolge  der  Abnahme  der  französischen ­
  Nachfrage,  als  in  Frankreich  die  Zerstörungen ­
  der  Phylloxera  gutgemacht  waren)  .  .  .
sank,  die  Weinkultur  zudem  wegen  Bekämpfung
der  Peronospora  kostspielig  wurde  und  im  Norden ­
  von  Dalmatien  auch  noch  die  Phylloxera  die
Weingärten  zerstörte  —  trat  die  Katastrophe  ein;
ganze  Dörfer,  ja  ganze  Bezirke  wurden  bankerott...
Um  diese  Zeit  blühte  in  Neuseeland  das  Ausgraben ­
  des  Dammaraharzes.  Viele  der  durch  die
Krisis  zu  Schaden  gekommenen  Gläubiger  borgten
ihren  Schuldnern  als  ein  letztes  Mittel  das  Geld
zur  Ueberfahrt  nach  Neuseeland.  Jetzt  begann
Geld  ins  Land  zu  strömen  ...  ln  den  darauffolgenden ­
  Jahren  wurden  viele  Millionen  Kronen
v&amp;lt;jn  Neuseeland  nach  Dalmatien  geschickt,  alte
Schulden  bezahlt,  neue  Häuser  gebaut  und  Land
gekauft...  Es  wurde  zur  Uebung  auf  2—-4  Jahre
hinüberzugehen,  auch  wiederholt  hinüberzugehen.
Diese  Art  Auswanderung  nahm  aber  ein  Ende.
An  ihre  Stelle  trat  eine  Auswanderung,  die  einen
ganz  anderen  Charakter  hatte.  Der  Stein  der
Emigration  war  eben  einmal  im  Rollen  ...  es
wendeten  sich  die  Auswanderer  nach  Nordamerika,
Südafrika,  Australien  und  Südamerika  .  .  .  Die
genannten  Länder,  vor  allem  Nordamerika,  absorbieren ­
  und  assimilieren  fremde  Einwanderer,  besonders ­
  wenn  sie  jung  sind,  viel  leichter,  so  daß
in  der  Auswanderung  von  Kindern  und  jungen
Personen  eine  große  Gefahr  für  Dalmatien  liegt.
Von  100  jugendlichen  Auswanderern  sind  80
dem  Vaterlande  verloren.  Sie  lernen  die  Sprache
leicht,  finden  lohnende  Arbeit,  befreien  sich  von
der  Militärpflicht,  kommen  nicht  mehr  zurück,
senden  aber  auch  ihre  Ersparnisse  nicht  mehr
nach  Hause  und  helfen  auch  ihren  armen  Ver-*

  J.  M.  Baernreither.  Ein  Herbstausflug  in  die
Dinarischen  Alpen.  Wien  1913.  S.  10  ff.
        <pb n="12" />
        11  —

wandten  in  Dalmatien  nicht  mehr.  Gerade  in  der
letzten  Zeit  sind  Knaben  und  junge  Männer  aus
Furcht  vor  dem  Balkankrieg  in  ungewöhnlicher
Zahl  ausgewandert,  die  spät  oder  nie  wiederkommen ­
  werden.  Die  Bewohner  der  Seeküste
wandern  viel  leichter  aus  als  die  Bewohner  aus
dem  Innern  des  Landes  und  es  war  ein  großer
Fehler  der  Regierung,  daß  sie  die  Küstenschifffahrt, ­
  die  sie  mit  einer  Subvention  von  ein  paar
100.000  K  hätte  erhalten  können,  verfallen  ließ.»
Baernreither  hebt  denn  auch  besonders  hervor*:
«Es  ist  an  eine  wesentliche  Einschränkung  der
Auswanderung  nicht  zu  denken  und  es  nützen
auch  bloß  repressive  Maßregeln  nichs,  wenn
nicht  zugleich  die  materielle  Wohlfahrt  des  Landes ­
  gehoben  wird.  Die  645.000  Einwohner  Dalmatiens ­
  müssen  in  dem  Landbau,  im  Gewerbe,
im  Handel,  in  der  Schiffahrt  und  in  der  Fischerei
ihr  Auskommen  finden.  Das  zu  erreichen,  muß
die  große  Richtlinie  aller  Maßregeln  sein.»  Wir
sehen  auch  in  diesem  Falle,  wie  die  sozialpolitischen ­
  Gesichtspunkte  bedeutsam  werden  können.
Das  Interesse  am  Aufschwung  Dalmatiens  ist  den
Dalmatinern  und  der  Heeresverwaltung  gemeinsam. ­

Man  hat  in  den  letzten  Jahren  mehrfach  sich
bemüht  festzustellen,  welche  Berufsgruppen  der
Armee  die  besten  Soldaten  liefern.  Diese  Untersuchungen, ­
  welche  zeigen  würden,  welche  Berufe
im  Interesse  der  Armee  am  meisten  zu  fördern
wären,  sind  aber  bis  heute  noch  nicht  so  einwandfrei ­
  durchgeführt  worden,  daß  man  die  Ergebnisse ­
  ohne  weiters  verwerten  könnte.  Da  man
aber  jetzt  diese  Probleme  von  vielen  Seiten  her
in  Angriff  nimmt,  dürfte  ihre  Lösung  nicht  mehr
allzu  lange  auf  sich  warten  lassen.  Alle  diese
Fragestellungen  sind  heute  sehr  modern,  da  man
sich  über  das  Wesen  und  den  Aufbau  des  gesellschaftlichen ­
  Körpers  möglichst  zuversichtlich  zu
unterrichten  trachtet.
Neben  den  großen  Berufsgruppen,  die  gutes
Soldatenmaterial  liefern,  müssen  auch  jene  Berufe
genannt  werden,  welche  bereits  im  Frieden  militärisch ­
  organisiert  sind,  aber  Friedensaufgaben  zu
erfüllen  haben.  Dahin  gehören  z.  B.  das  Finanzwachkorps ­
  und  die  Militärwachkorps,  wie  sie  in
Galizien  bestehen.  Eigentlich  gehört  hieher  auch
ein  Teil  des  stehenden  Heeres,  nämlich  jener,  der
z ur  Aufrichterhaltung  der  inneren  Ordnung  verwendet ­
  wird.
Von  großer  Bedeutung  für  den  Kriegsfall  ist
die  Geburtenreserve  eines  Volkes.  Normalerweise
wird  die  Gebärfähigkeit  der  Frauen  nicht  voll
ausgenützt,  so  daß  die  Möglichkeit  besteht,  nach
großen  Kriegen  einen  Bevölkerungsverlust  durch
Vermehrung  der  Geburten  auszugleichen.  Im  allgemeinen ­
  kann  man  die  Tatsache  konstatieren,
daß  Völker  mit  niedriger  Kultur  eine  hohe  Geburtlichkeit
  "und  eine  hohe  Sterblichkeit  aufweisen,
während  man  mit  steigender  Kultur  eine  Abnahme

a.  a.  O.  S.  16.

beider  Größen  konstatieren  kann.  Je  höher  also
ein  Volk  kultiviert  ist,  desto  weniger  nützt  es  die
absolute  Gebärfähigkeit  seiner  Frauen  aus.  Tabelle ­
  VII  zeigt  uns,  wie  kraß  sich  die  Zahlenverhältnisse ­
  mit  der  Kultur  ändern  :
Besonders  kraß  tritt  der  Kulturunterschied
in  der  Säuglingssterblichkeit  zutage,  welche  für
die  genannten  Länder  der  Reihe  nach  beträgt:
Schweden  100,  Deutschland  220,  Rußland  (Durchschnitt) ­
  330  und  Kaluga  400.  Wir  sehen,  wie  in
Schweden  die  Säuglingssterblichkeit  gegenüber
Kaluga  noch  schärfer  absinkt  als  die  allgemeine
Sterblichkeit.
Tabelle  VII.

Oeburtlichkeit,  Sterblichkeit  und  Kultur

Land

Geburtlichkeit

Sterblichkeit

auf  je  1000  Einwohner

Schweden

16

.27

Deutschland

22

36

Rußland

4R

(Durchschnitt)

Kaluga

42

54

(in  Rußland)

Die  Geburtenreserve  kann  nach  Kriegen  in
sehr  verschiedener  Weise  herangezogen  werden.
Als  nach  dem  Dreißigjährigen  Kriege  die  Entvölkerung ­
  in  manchen  Gegenden  allzu  groß  war,  soll
die  Vielweiberei  gelegentlich  gestattet  worden
sein.  Zum  Teil  ist  nach  großen  Kriegen  eine  Zunahme ­
  der  Geburten  auch  dadurch  hervorgerufen,
daß  infolge  der  Verluste  viele  Stellungen  frei
werden,  also  die  Chance,  für  sich  selbst  und  die
Kinder  den  Lebensunterhalt  erwerben  zu  können,
wächst.  Zwar  ist  bei  zunehmendem  Reichtum  im
allgemeinen  die  Neigung,  Kinder  zu  bekommen,
geringer,  aber  das  gilt  im  allgemeinen  nicht,  wenn
Leute  plötzlich  wohlhabender  werden,  die  noch
die  Geburtentradition  der  früheren  Schichte  aufweisen. ­
  Gelegentlich  dürfte  die  Geburtenzunahme
nach  Kriegen  auch  dadurch  gefördert  werden,  daß
viele  verlobte  Paare  die  Verehelichung  beschleunigen, ­
  wenn  der  Krieg  droht.  Ich  möchte  darauf
hinweisen,  daß  mir  in  Serbien  zur  Zeit  der  Mobilisierung ­
  die  erhebliche  Zahl  von  Brautpaarbildern
in  den  Schaufenstern  der  Photographen  auffiel,
welche  Männer  in  Uniform  aufwiesen.  Es  dürften
viele  in  den  Krieg  gezogen  sein,  nachdem  sie
vorher  ihre  Frauen  befruchtet  hatten.  Ein  solches
Verhalten  wäre  gerade  bei  den  Serben  nicht  unverständlich, ­
  wenigstens  konnte  ich  aus  Gesprächen
mit  Serben  die  Tatsache  entnehmen,  daß  sie  die
Fortpflanzung  vielfach  für  eine  nationale  Pflicht
ansehen.  Wir  sehen  denn  auch  häufig  nach  Kriegen
eine  statistisch  erfaßbare  Zunahme  der  Geburtlichkeit,
  so  z.  B.  in  Deutschland  nach  dem  Kriege
von  1870/71.  Während  vorher  die  Geburtlichkeit
unter  40  7 00  war,  betrug  sie  nach  dem  Kriege
über  40  °/ 00 .  Alle  Momente,  welche  diese  Steigerung ­
  hervorrufen,  kennen  wir  aber  heute  noch
nicht,  jedenfalls  ist  es  wichtig,  diesen  Zusammenhang ­
  im  Auge  zu  behalten.
        <pb n="13" />
        12

Das  Geburtenproblem  ist  heute  überhaupt
noch  recht  ungeklärt.  Während  man  auf  der  einen
Seite  über  Ueberbevölkerung  klagt  und  Hunderttausende
  in  die  Fremde  ziehen  läßt,  jammert  man
gleichzeitig  über  Geburtenrückgang,  der  übrigens
im  allgemeinen  durch  einen  erheblichen  Sterblichkeitsrückgang ­
  kompensiert  wird.  Letzterer  geht
auf  verschiedene  Momente  zurück,  unter  anderem
auch  auf  die  Fortschritte  der  Hygiene  und  der
Medizin.
Die  Ursachen  des  heute  zu  beobachtenden
Geburtenrückgangs,  der  vor  allem  in  den  Städten
auftritt,  aber  auch  auf  dem  Lande  anzutreffen  ist,
sind  mannigfacher  Art.  Zum  Teil  dürfte  auch  eine
Abnahme  der  Zeugungsfähigkeit  in  manchen  Gesellschaftsklassen ­
  eine  gewisse  Rolle  spielen,  vor
allem  aber  die  absichtliche  Verhinderung  der  Befruchtung ­
  durch  bestimmte  Methoden  des  Geschlechtsverkehrs ­
  oder  durch  Präventivmittel.  Auf
dem  Lande  spielt  besonders  die  Abtreibung  eine
erhebliche  Rolle,  die  aber  auch  in  den  Städten
etwas  sehr  Häufiges  ist.  Von  großer  Bedeutung
sind  auch  die  Geschlechtskrankheiten,  welche  die
Fortpflanzungsfähigkeit  sehr  schädigen.  Ein  großer
Teil  der  Ehen  ist  dadurch  kinderlos,  daß  der
Mann  die  Frau  mit  Tripper  infizierte.
Im  allgemeinen  sind  die  wohlhabenderen  und
rationeller  lebenden  Kreise  am  meisten  geneigt,
durch  geeignete  Maßnahmen  die  Kinderzahl  einzuschränken, ­
  um  so  den  Lebensstandard  der
Kinder  aufrechterhalten  zu  können.  Die  Einkommen ­
  des  Mittelstandes,  insbesondere  der
Beamtenschaft,  sind  so  niedrig,  daß  eine  Familie
schwer  mehr  als  drei  Kinder  aufziehen  kann,  wenn
die  Ausbildung  der  Kinder  nicht  Zurückbleiben
soll.  Familien  mit  vier,  fünf  Kindern  haben  bereits
mit  Schwierigkeiten  zu  kämpfen,  wenn  die  Väter
nicht  hohen  Rangsklassen  angehören.  Die  ärmeren
Kreise  leben  vielfach  dumpf  dahin,  bekommen
Kinder  und  lassen  sie  massenhaft  dahinsterben.
Sie  überlegen  wenig,  auch  erfordern  alle  Präventivmaßregeln ­
  Aufmerksamkeit  und  Disziplin.
Dafür  kommen  unter  Arbeiterinnen  Fruchtabtreibungen ­
  recht  oft  vor.  Aber  auch  bei  Bauern  spielt
die  absichtliche  Geburtenverringerung  keine  geringe ­
  Rolle.  Ich  kenne  ein  niederösterreichisches
Dorf,  in  dem  die  Bauern  nur  solange  Kinder  bekommen ­
  sollen,  bis  der  Erbsohn  geboren  ist,  uiu
auf  diese  Weise  das  Vermögen  immer  in  einer
Hand  zu  belassen.
Neben  den  bisher  erwähnten  Reserven  gibt
es  auch  Reserven  an  Erfindungen  und  Erfindungskraft, ­
  die  im  Kriege  Verwendung  finden  können.
Es  gibt  eine  Menge  von  Erfindungen,  die  im
Frieden  nicht  verwendet  werden,  weil  sie  sich
nicht  rentieren.  Wir  sehen  zum  Beispiel  die  Hebemaschinen ­
  wenig  in  Benützung.  Ein  großer  Teil
der  Transporte  von  Kisten,  Möbeln,  Steinen  usw.
wird  mit  Muskelkraft  vorgenommen.  Wenn  man
die  Fülle  von  Erfindungen  mit  Technik,  die
Häufigkeit  der  Verwendung  mit  Technizität  bezeichnet, ­
  so  muß  man  sagen,  daß  in  unserem

Zeitalter  die  Technik  zwar  sehr  weit  fortgeschritten
ist,  nicht  aber  die  Technizität.  Die  Alten  hatten
zwar  weniger  Erfindungen,  sie  nützten  dieselben
aber  alle  aus.  Wenn  im  Kriegsfall  die  Zahl  der
Arbeitskräfte  abnimmt  und  bestimmte  Importartikel ­
  verschwinden,  kann  es  leicht  zur  Verwendung ­
  schon  bekannter  Erfindungen  kommen,
die  bisher  nicht  in  Gebrauch  genommen  wurden.
Eine  Gesellschaft  für  Apparatenbau  in  Mainz  berichtet ­
  zum  Beispiel,  daß  sie  infolge  des  Abganges ­
  von  Arbeitern  genötigt  war,  neue  vorher
nicht  gekannte  Hilfsmaschinen  anzuschaffen.
Aber  auch  die  Erfindungskraft  selbst  wird  in
Kriegszeiten  durch  die  Not  oft  geschärft.  So
wurde  zum  Beispiel  die  Rübenzuckerfabrikation
während  der  Kontinentalsperre  eingeführt.  Napoleon ­
  I.  setzte  eigens  Preise  für  die  Erfindung
neuer-industrieller  Maschinen  aus.  Und  es  wurden
denn  auch  eine  Reihe  von  Erfindungen  gemacht
und  ausgenützt.  Man  kennt  zwar  die  Größe  dieser
Reserve  an  Erfindungskraft  nicht,  aber  man  muß
sie  auch  in  Rechnung  stellen.  Die  Erfindungsreserven ­
  kann  man  aus  den  Patentpublikationen
zum  Teil  entnehmen,  und  es  wäre  im  Interesse
der  Kriegsbereitschaft  gelegen,  im  vorhinein  festzustellen, ­
  welche  Erfindungen  im  Falle  einer  Absperrung ­
  des  Landes  vom  Weltverkehr  verwendet
werden  könnten.  Es  gibt  viele  Maschinen,  die
zwar  teurer,  aber  dennoch  in  brauchbarer  Qualität
Surrogate  für  wichtige  Importartikel  zu  erzeugen
vermöchten.  Sie  dürften  im  Falle  eines  Weltkrieges
vor  allem  wohl  Verwendung  finden.
Zu  den  bisherigen  Reserven  kommen  noch
die  Rohstoffreserven.  Es  gibt  Bergwerke,  die  in
Friedenszeiten  auszunützen  nicht  rentabel  ist.  Es
gibt,  wie  wir  schon  erwähnten,  Land,  das  für
Ackerbau  und  Viehzucht  in  Friedenszeiten  nicht
Verwendung  findet.  All  diese  Reserven  kommen
natürlich  für  den  Kriegsfall  in  Betracht.
Auf  die  Warenreserven,  insbesondere  auf  die
Lebensmittelreserven,  werde  ich  noch  zurückzukommen ­
  haben.  Sie  werden  in  Friedenszeiten
im  allgemeinen  sukzessive  aufgebraucht.  Nur
Waffenreserven  und  ein  Teil  der  Sanitätsreserven
gehen  in  Friedenszeiten  langsam  zugrunde  und
müssen  erneuert  werden.
Von  ganz  anderer  Bedeutung  sind  die  Geldreserven. ­
  Soweit  es  sich  um  Inlandsgeldreserven
handelt,  sind  sie  von  geringer  Bedeutung,  da  es
ein  Verwaltungsproblem  ist,  ob  man  die  Kriegsmittel ­
  im  Inlande  durch  Kauf  oder  durch  Requisition ­
  beschafft.  Es  ist  auch  denkbar,  daß  die
Geld-  und  Kreditordnung  im  Kriegsfälle  überhaupt ­
  suspendiert  werden  muß.  Die  Auslandsgeldreserven ­
  repräsentieren  Forderungsrechte  an
das  Ausland,  ihre  Verwertung  hängt  wesentlich
von  der  politischen  Situation  ab.  Auch  diesen
Reserventypus  werden  wir  eingehend  zu  besprechen ­
  haben.
Die  Ausführungen  über  die  ungenügende
Ausnützung  der  produktiven  Kräfte  könnte  leicht
        <pb n="14" />
        13

den  Eindruck  hervorrufen,  daß  alle  Reserven
solcher  ungenügender  Ausnützung  ihren  Ursprung
verdanken.  Dies  ist  nun  nicht  allgemein  der  Fall.
Keine  gesellschaftliche  Organisation  kann  Reserven
ausschalten.  Um  nur  ein  Moment  hervorzuheben:
Für  jeden  Menschen,  der  in  der  gesellschaftlichen
Ordnung  eine  bestimmte  Stellung  einnimmt,  muß
immer  der  Nachfolger  bereit  sein,  der  ihn  ersetzen
kann,  wenn  er  ausscheiden  sollte.  Dieser  Nachfolger ­
  wird,  solange  er  warten  muß,  eine  Stellung

inne  haben,  die  seinen  Fähigkeiten  nicht  voll
entspricht.  Aehnliches  sehen  wir  auf  Schritt  und
Tritt.  Man  müßte  also  die  notwendigen  Reserven
von  jenen  trennen,  welche  nur  Ergebnis  bestimmter ­
  Organisationsformen  sind.  Jedenfalls  sehen
wir  auch  bei  der  flüchtigen  Erörterung  des  Reservenproblems, ­
  daß  wir  nur  durch  Berücksichtigung ­
  sehr  allgemeiner  Gesichtspunkte  zu  einer  1
einigermassen  brauchbaren  Urteilsbasis  gelangen
können.
        <pb n="15" />
        Einführung  in  die  Kriegswirtschaftslehre.
(1.  Fortsetzung.)
Von  Otto  Neurath,  Wien.

IV.  Arten  der  kriegswirtschaftlichen  Bedarfsdeckung. ­

Gehen  wir  nun  zur  Güterbeschaffung  für  den
Kriegsfall  über.  Es  handelt  sich  sowohl  um  die
Bereitstellung  der  Kriegsmittel  im  engeren  Sinne,
als  auch  um  die  Beschaffung  von  Nahrung  und
sonstiger  Bedarfsartikel  für  die  Armee  und  Zivilbevölkerung. ­
  Diese  Beschaffung  kann  entweder
im  Rahmen  der  Geld-  und  Kreditordnung  in  kommerzieller ­
  Weise  erfolgen,  oder  aber  mit  Hilfe  entsprechender ­
  Verwaltungsmaßnahmen;
wie  denn  überhaupt  im  Falle  eines  Krieges  mit
starken  Eingriffen  der  Staatsgewalt  gerechnet
werden  muß.  Wie  weit  solche  Eingriffe  für  die
weitere  Entwicklung  des  bürgerlichen  Lebens  von
Vorteil  oder  Nachteil  sein  können,  haben  wir  hier
nicht  näher  zu  erörtern.
Ob  man  die  Güterbeschaffung  durch  Geld
vorzieht  oder  die  Beschaffung  auf  dem  Verwaltungswege, ­
  ist  nicht  nur  eine  Frage  des  fisk
  a  1  i  s  c  h  en  Interesses,  sondern  auch  eine  von  prinzipieller ­
  sozialer  Bedeutung.  Im  ganzen  kann
man  heute  die  Beobachtung  machen,  daß  gesellschaftliche ­
  Gesichtspunkte  bei  der  Güterversorgung
eine  größere  Rolle  spielen,  als  etwa  vor  einer
Generation.  Diese  Tendenz  macht  sich  auch  auf
kommerziellem  Gebiet  geltend  und  wir  können
sowohl  im  Geld-  als  auch  im  Kreditwesen  erhebliche ­
  Eingriffe  der  Regierungen  beobachten.  Auf
einige  derselben  werde  ich  im  Folgenden  noch
zurückkommen.  Auf  dem  Gebiete  der  Heereswirtschaft ­
  macht  sich  eine  doppelte  Tendenz  geltend.
Einerseits  wird  man  sich  in  militärischen
Kreisen  immer  stärker  der  Wichtigkeit  kommerzieller ­
  Betriebsformen  bewußt  und  trachtet
darnach  interne  Einrichtungen  dem  modernen
Geschäftsleben  entsprechend  umzugestalten;  man
sucht  aber  auch  mit  den  Banken  und  sonstigen ­
  Instituten  unmittelbarer,  als  dies  früher  üblich ­
  war,  in  Kontakt  zu  treten,  um  so  die  Interessen ­
  der  Armee  besser  wahren  zu  können.
Andererseits  wird  heute  der  fiskalische  Gesichtspunkt ­
  in  kommerziellen  Maßnahmen  der  Heeresverwaltung ­
  und  mit  ihr  in  Verbindung  stehender
Behörden  nicht  mehr  so  ausschließlich,  wie  früher
Angenommen.  Sozialpolitische  Momente
treten  häufig  hervor,  insbesondere  bei  der  Beschaffung ­
  von  Naturalien  und  bei  der  Beschaffung
v on  Artikeln,  die  vom  Kleingewerbe  geliefert
Werden  können.  Die  Förderung  der  Landwirtschaft
Is t  ebenso  ein  Ziel  des  Staatsganzen,  wie  die
Förderung  der  Armee,  die  selbst  ein  Mittel  zur
Durchsetzung  staatlicher  Zwecke  darstellt.  Es  kann

daher  ganz  gut  Vorkommen,  daß  man  den  Bedarf ­
  für  die  Armee  so  deckt,  daß  die  Landwirtschaft ­
  dabei  möglichst  gewinnt.  Es  kann  das
Staatsganze  gewinnen,  selbst  wenn  die  Armee
möglicherweise  teurer  einkaufen  sollte  als  sonst.
Die  Rentabilität  an  einer  einzelnen  Stelle  des
Gesellschaftskörpers  tritt  für  viele  Politiker  gegenüber ­
  jener  des  Gesamtwohles  in  den  Hintergrund.
Wir  sehen  derartiges  häufig  im  Staatsleben.
Denken  wir  uns  ein  Eisenbahnsystem.  Eine  wichtige ­
  Verbindungslinie  soll  vom  Staat  gebaut
werden.  Es  zeigt  sich,  daß  dieselbe  unrentabel
ist,  das  heißt  die  aufgewendeten  Geldsummen
werden  nicht  durch  die  Einnahmen  entsprechend
verzinst.  Trotzdem  kann  diese  Linie  für  das  Eisenbahnsystem ­
  im  ganzen  rentabel  sein,  weil  die  Gesamteinnahmen ­
  aller  Strecken  zusammen  durch
die  Schaffung  dieser  Verbindungslinie  steigen.  Die
Linie  kann  aber  auch  möglicherweise  dazu  beitragen,
die.Einnahmen  des  Staates  zu  steigern,  ohne
die  Einnahmen  des  Eisenbahnsystems  zu  erhöhen.
Es  wäre  ja  möglich,  daß  durch  die  Schaffung
dieser  Linie  zwar  die  Frachteinnahmen  nicht  entsprechend ­
  wachsen,  aber  dennoch  die  an  den
Eisenbahnen  liegenden  Industrien  derart  emporblühen, ­
  daß  sich  vermehrte  Steuerergebnisse  zeigen,
die  zwar  nicht  vom  Eisenbahnministerium,  wohl
aber  vom  Finanzministerium  ausgewiesen  werden.
Aber  es  sind  noch  immer  wenigstens  Mehreinnahmen ­
  desStaates,  welche  die  Verbindungsbahn ­
  erzeugt.  Es  kann  aber  der  Fall  Vorkommen,
daß  Politiker  die  Schaffung  dieser  Linie  begrüßen,
selbst  wenn  durch  dieselbe  die  Staatseinnahmen ­
  überhaupt  nicht  zunehmen,  sondern,
nur  der  Volkswohlstand,  das  Glück  und
Wohlbefinden  der  Bürger  steigen.
Wenn  wir  das  allgemeine  Wohl  als  ein  Ziel
staatlicher  Maßnahmen  annehmen,  können  wir
nicht  ohneweiters  einer  Formulierung  zustimmen,
die  wir  in  einem  sonst  sehr  lesenswerten  und  anregenden ­
  Aufsatz  antreffen*):  «Es  obliegt  der  militärischen ­
  Verpflegswirtschaft  im  Frieden  die  fiskalische ­
  Aufgabe,  bei  allen  Maßnahmen  dem  Prinzip
der  Wirtschaftlichkeit  volle  Geltung  zu  verschaffen.
Also  die  Aufgabe,  gute  aber  wohlfeile  Ware  anzukaufen ­
  und  den  gesamten  Betrieb  unter  dem  Gesichtspunkt ­
  möglichster  Ersparnis  an  Wirtschaftsspesen ­
  aller  Art  zu  organisieren,  zu  leiten,  durchzuführen.» ­
  Es  kann  sich  ja  auf  Grund  allgemeiner
*)  Fritz  Roeder  «Die  militärische  Verpflegswirtschaft ­
  im  Frieden».  Annalen  des  Deutschen  Reichs  für
Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Volkswirtschaft.  1910
Nr.  2,  S.  134  f.
        <pb n="16" />
        Erwägungen  als  zweckmäßig  erweisen,  daß  man
die  Armee  als  einen  selbständigen  Körper  auffaßt,
der  gewissermaßen  als  gewöhnlicher  Kaufmann
auftritt.  Es  kann  so  unter  Umständen  das  Gesamtwohl ­
  am  meisten  gewinnen.  Es  ist  aber  auch
möglich,  daß  nur  die  Berücksichtigung  allgemeinstaatlicher ­
  Gesichtspunkte  diesen  Erfolg  sicherstellt. ­
  Ob  das  eine  oder  das  andere  anzustreben
ist,  kann  nicht  von  vornherein  entschieden ­
  werden,  es  erfordert  diese  Entscheidung ­
  grundsätzliche  Erwägungen  von  Fall
zu  Fall.
Allgemeine  Gesichtspunkte  kommen  auch  in
Frage,  wenn  das  Prinzip  der  Zentralisation  oder
Dezentralisation  erörtert  wird.  Auch  in  diesem
Falle  reichen  rein  fiskalische  Erwägungen  keineswegs ­
  aus.  Die  Vorteile  und  Nachteile  beider  Organisationstypen ­
  treten  besonders  im  Kriegsfall
zutage.
Diejenigen,  welche  im  Kriegsfälle  eine  größere
Zentralisation  wünschen,  werden  auch  im  Friedensfall ­
  für  die  Schaffung  von  Zentralisationskaders ­
  eintreten,  während  jene,  die  im  Kriege  die
Dezentralisation  für  nötig  erachten,  auch  im  Frieden
analoge  Maßnahmen  zu  befürworten  pflegen.
Wenn  dies  die  Armee  tut,  muß  aber  auch  das
übrige  Staatsleben  darauf  Rücksicht  nehmen.
Dadurch  greift  wieder  das  Problem  über  den
Rahmen  der  Militärwirtschaft  weit  hinaus  und
betrifft  bereits  die  Gesamtwirtschaft.  In  Oesterreich-Ungarn ­
  werden  die  militärwirtschaftlichen
Maßnahmen  insbesondere  durch  die  staatliche
Struktur  bedingt.  Der  für  Heereslieferungen  bis
zu  einem  erheblichen  Ausmaß  zur  Anwendung
kommende  Quotenschlüssel,  wenn  es  sich  um  die
Beteiligung  österreichischer  und  ungarischer  Lieferanten ­
  handelt,  veranlaßt  bereits  Maßnahmen,
die  nicht  rein  fiskalischen  Interessen  dienen.  Und
wenn  heute  insbesondere  seitens  Galiziens  gefordert ­
  wird,  daß  die  einzelnen  Kronländer  in  bestimmter ­
  Weise  zu  berücksichtigen  seien,  so
handelt  es  sich  dabei  wieder  um  Forderungen
zugunsten  des  öffentlichen  Wohls  der  Monarchie
oder  einzelner  Gebiete  derselben.
Wir  sehen,  wie  schon  in  Friedenszeiten,  die
rein  fiskalischen  Tendenzen  durch  andere  zurückgedrängt ­
  werden;  noch  stärker  dürfte  das  in
Kriegszeiten  der  Fall  sein.  Während  aber  in  Friedenszeiten ­
  eher  die  Erwägungen  zugunsten  der
Zivilbevölkerung  erfolgen,  dürfte  im  Kriegsfall  das
Gegenteil  der  Fall  sein.  Die  militärischen  Ziele
pflegen  dann  alle  anderen  in  den  Hintergrund  zu
schieben,  wenn  auch  die  leitenden  Politiker  immer
bemüht  sein  dürften,  die  Gesamtheit  im  Auge  zu
behalten.  Es  gelingt  freilich  nie  ganz,  die  Fülle
der  Probleme  immer  auf  die  obersten  Ziele  hin
zu  orientieren.  Vieles  geschieht  durch  die  Bestrebungen ­
  einzelner  Organe,  die  zwar  durch  ihre
Struktur  der  Gesamtheit  angepaßt  sind,  aber
in  den  einzelnen  Aktionen  oft  ein  unabhängiges ­
  Dasein  besitzen.

Die  Frage,  wann  die  Beschaffung  der  Güter
durch  Geld,  wann  jene  durch  Verwaltungsmaßnahmen ­
  im  Interesse  des  Staates  vorzuziehen  ist,
wann  Mischungen  beider,  kann  nicht  allgemein
beantwortet  werden.  Vor  allem  dürfen  wir  nicht
vergessen,  daß  die  Beschaffung  auf  kommerziellem ­
  Wege  immer  den  Vorteil  voraus  hat,  daß  sie
der  Tradition  entspricht  und  damit  den  zahllosen
Einrichtungen  und  Gewohnheiten,  die  sich  im
Laufe  von  Jahrhunderten  gebildet  haben.  Damit
ist  nicht  gesagt,  daß  alles  Ueberlieferte  gut  ist,
wohl  aber,  daß  die  Beseitigung  überkommener
Institutionen  mit  ihren  zahllosen,  oft  unübersehbaren ­
  Nebenwirkungen  immer  ausdrücklich  in
Rechnung  zu  stellen  ist.
Wenn  im  folgenden  zunächst  die  mehr  kommerziellen ­
  Methoden  der  Bedarfdeckung,  sowie
die  Beschaffung  der  Geldmittel  behandelt  werden,
so  geschieht  dies  deshalb,  weil  diese  Formen,
solange  ein  Krieg  nicht  besonders  große  Dimensionen ­
  annimmt,  mit  mäßigen  Modifikationen  erhalten ­
  bleiben  dürften.  Im  Weltkrieg  freilich  ist
das  Zurücktreten  der  Geld-  und  Kreditwirtschaft
gar  nicht  unmöglich,dann  haben  die  hier  an  erster
Stelle  gegebenen  Betrachtungen  geringere  Bedeutung. ­

V.  Aufgaben  und  Wesen  des  Geldes.
Kriegsfinanzielle  Probleme  kann  man  im  allgemeinen ­
  ruhig  öffentlich  besprechen,  da  es
eigentlich  wenig  zu  verheimlichen  gibt.  Es  sind
mehr  Einzelheiten  und  konkrete  Daten,  die  man
nicht  zu  veröffentlichen  pflegt,  die  grundsätzlichen
Probleme  dagegen  —  und  die  sind  hier  für  uns
das  wichtigste  —  können  auf  Grund  der  allgemein ­
  bekannten  Daten  besprochen  werden.  Wenn
der  finanzielle  Apparat  im  Kriegsfälle  gut  funktionieren ­
  soll,  muß  eine  verhältnismäßig  große
Zahl  von  Menschen  über  ihr  Verhalten  orientiert,
auch  müssen  viele  Maßnahmen  getroffen  werden.
Von  den  geheim  gehaltenen  Vorkehrungen  verdient ­
  übrigens  ein  erheblicher  Teil  die  Geheimhaltung ­
  kaum,  weil  sich  jeder  ohne  sonderliche
Schwierigkeit  ausmalen  kann,  worin  sie
wohl  bestehen  dürften.  Die  öffentliche  Erörterung
kriegswirtschaftlicher  Fragen  ist  aber  im  allgemeinen ­
  ein  großer  Gewinn,  weil  prinzipielle
Mängel  zutage  kommen  und  weil  die  Beseitigung
solcher  Mängel  durch  die  wissenschaftliche  Diskussion ­
  meist  wertvoller  sein  dürfte,  als  die  Verheimlichung ­
  von  oft  recht  untergeordneten  Maßnahmen.
Die  öffentliche  Diskussion  kann  denkenden  Menschen, ­
  welche  außerhalb  der  militärischen  und
zivilen  Verwaltung  stehen,  Gelegenheit  bieten,
Anregungen  zu  geben  und  vorgeschlagene  Maßnahmen ­
  zu  kritisieren.  Dies  ist  deswegen  nicht
unwichtig,  weil  in  der  Gegenwart  in  kriegswirtschaftlicher ­
  Hinsicht  wenig  geschehen  ist  und
daher  möglichst  alle  geeigneten  Kräfte  genützt
werden  sollten.
Die  Beschaffung  von  Geld  seitens  des
Staates  dient  einem  doppelten  Zweck.  Einerseits
kann  das  Geld  dazu  dienen,  dem  Staat  einen
        <pb n="17" />
        3

Teil  der  Gütergesamtheit  zu  sichern,  anderseits
kann  es  dazu  verwendet  werden,  den  Güterumsatz ­
  innerhalb  der  Bevölkerung  sicherzustellen,
oder  der  Bevölkerung  die  Beschaffung  von  Auslandsgütern ­
  zu  erleichtern.
Das  Geld  ist  eine  Art  Anweisung
auf  alle  möglichen  Arten  von  Gütern,
eine  Anweisung,  deren  Anweisungskraft ­
  aber  A  e  n  d  e  r  u  n  ge  n  un  te  rli  e  g  t.  Wie
man  für  eine  Theaterkarte  einen  Theatersitz,  für
eine  Eisenbahnkarte  einen  Eisenbahnsitz  erhält,
so  kann  man  sich  für  Geld  beliebige  Güter  verschaffen. ­
  Wer  heutzutage  Geld  als  Bezahlung
annimmt,  tut  dies,  weil  er  damit  rechnet,  für  das
Geld  sicher  irgend  eine  Ware,  die  er  braucht,  zu
dem  landesüblichen  Preise  zu  bekommen.  Die
Ware,  welche  man  für  das  Geld  erhält,  ist  eigentlich ­
  die  endgiltige  Bezahlung.
Woher  stammt  nun  das  Vertrauen,  daß  man
für  Geld  Waren  erhält?  Dieses  Vertrauen  kann
sehr  verschiedene  Ursachen  haben.  Es  hängt  dies
vor  allem  davon  ab,  in  welchem  menschlichen
System  das  Geld  Verwendung  findet.  Leben  wir
in  einem  wohlgeordneten  Staatswesen,  so  genügt
ein  Zettel,  der  als  Anweisung  dient.  Der  Eigentümer ­
  des  Zettels  muß  nur  die  Sicherheit  haben,
daß  der  Verkäufer  einer  Ware  diesen  Zettel  ebenso ­
  akzeptiert,  wie  er  ihn  selbst  akzeptiert  hat.
Diese  Sicherheit  kann  durch  den  staatlichen
Zwang  garantiert  werden,  sie  kann  aber  unter
Umständen  auch  auf  rein  gesellschaftlichem  Vertrauen ­
  beruhen.  Anders  wäre  dies  alles,  wenn
Mißtrauen  eintreten  und  man  annehmen  würde,
daß  morgen  die  Staatsordnung  und  das  allgemeine ­
  Vertrauen  zu  funktionieren  aufhört.  Wer
eine  Theaterkarte  bekommt,  müßte  zum  Beispiel
fürchten,  daß  er  auf  seinem  Sitz,  wenn  die  Vorstellung ­
  beginnt,  einen  anderen  antrifft,  ohne  daß
es  ihm  gelingen  würde,  durch  die  Polizei  oder
durch  Richterspruch  zu  seinem  Rechte  zu  kommen.
Wenn  dieser  Mann,  durch  diesen  Vorfall  gewitzigt, ­
  sich  wieder  eine  Karte  beschafft,  dürfte
er  sich  vielleicht  vom  Theaterdirektor  eine  Sicherheit ­
  geben  lassen.  An  der  Karte  für  die  Galerie
könnte  zum  Beispiel  ein  Stück  Schokolade  hängen, ­
  an  der  Karte  für  eine  Loge  eine  Champagnerflasche. ­
  Findet  der  Inhaber  der  Karte  seinen
Platz  besetzt,  so  bleibt  ihm  die  Möglichkeit,  sich
durch  den  Genuß  des  Pfandobjektes  schadlos  zu
halten,  andernfalls  gibt  er  die  Karte  mit  den
daran  hängenden  Pfandobjekten  ab.  Es  ist  ganz
klar,  daß  die  Karten  mit  den  daran  hängenden
Pfandobjekten  eine  geringere  soziale  Ordnung
voraussetzen,  als  die  Karten  ohne  Pfandobjekte.
Unser  Goldgeld  nun  ist  einer  Anweisung  zu  vergleichen, ­
  an  der  das  Pfandobjekt  dauernd
hängt.  Die  Note  setzt  eben  eine  höhere  Organisationsform ­
  voraus,  als  das  vollwertige  Metallgeld. ­
  Wir  sehen  denn  auch,  daß  das  vollwertige
Metallgeld  vielfach  dann  als  regelmäßiges  Zahlungsmittel ­
  auftritt,  wenn  Organisationsmängel
vorhanden  sind.  Die  alten  Aegypter  zum  Beispiel

sind  lange  Zeit  ohne  eine  Geldordnung  ausgekommen; ­
  sie  hatten  ein  Magazinsystem,  das  einem
Naturaliengiroverkehr  zur  Grundlage  diente.  Wer
in  Nordägypten  in  einen  Staatsspeicher  Naturalien
einzahlte,  konnte  veranlassen,  daß  eine  gleiche
Getreidemenge  in  Südägypten  ausbezahlt  wurde.
Alles  dies  geschah  auf  Grund  von  Anweisungen,
wie  sie  uns  aus  spätägyptischer  Zeit,  aus  den
letzten  Jahrhunderten  vor  Christo,  erhalten  sind.
Die  Geldordnung  begann  erst  dann  zu  dominieren ­
  —  obgleich  das  Naturaliengirowesen  auch
während  der  Geldordnung  sich  weiterentwickelte
—  als  Aegypten  ein  erobernder  Staat  wurde.  Wie
kam  das?  Versetzen  wir  uns  in  jene  Zeit.  Eine
ägyptische  Garnison  wird  z.  B.  in  Damaskus
stationiert.  Dort  kommen  Araber  aus  dem  südlichen ­
  Arabien  hin,  um  z.  B.  Pferde  zu  verkaufen.
Der  Aegypter  hat  daheim  im  Speicher  Getreide
liegen,  das  er  vielleicht  gerne  dem  Araber  überweisen ­
  würde,  zahlbar  an  irgend  einer  ägyptischen ­
  Zahlstelle.  Aber  der  Araber  erklärt  ihm,
daß  er  nach  Saba  zurück  müsse  und  dort  kenne
man  diese  Einrichtung  nicht,  und  selbst  wenn
man  sie  kenne,  sei  es  unmöglich,  auf  eine  Getreideüberweisung ­
  einzugehen,  weil  beim  Ausbruch ­
  eines  Krieges  alle  Forderungsrechte  hinfällig ­
  würden.  Der  Araber  dürfte  daher  von  dem
Aegypter  irgend  ein  Ding  verlangen,  das  er  gleich
mitnehmen  kann.  Es  müßte  verhältnismäßig
leicht  transportabel  sein.  Außerdem  müßte  es
entweder  für  den  Araber  selbst  unmittelbar  verwendbar ­
  sein  oder  aber  daheim  ihm  die  Möglichkeit ­
  geben,  sich  das  zu  verschaffen,  was  er
braucht.  Der  Aegypter  wird  ihm  Papyrus,  Blausteinschmuck, ­
  Rohsilber  oder  sonst  etwas  gegeben ­
  haben,  um  ein  Pferd  zu  bekommen.  Es
liegt  auf  der  Hand,  daß  die  Vermehrung  solcher
Geschäfte  zu  einem  systematischen  Verkehr
führte.  Es  entstanden  eigene  Kaufleute,  welche
den  internationalen  Handel  übernahmen.  Dieselben
werden  bald  bestimmte  Eigenschaften  der  internationalen ­
  Handelsartikel  herausgefunden  haben.
Zunächst  werden  sie  solche  Artikel  bevorzugt
haben,  die  mit  einem  möglichst  geringen  Risiko
belastet  waren.  Dahin  gehörten  alle  Artikel,  die
ein  weites  Absatzgebiet  hatten,  wie  Goldgefäße,
Silberschmuck,  Tonwaren,  gefärbte  Stoffe  usw.
Vor  allem  waren  es  Schmuck-  und  Luxusgegenstände, ­
  nicht  Artikel  des  täglichen  Lebens.
Dies  erklärt  sich  in  erster  Reihe  daraus,  daß
die  Artikel  des  täglichen  Lebens,  soweit  sie  nicht
Konsumartikel  sind  —  und  diese  eignen  sich  zum
internationalen  Transport  in  solch  frühen  Zeiten
sehr  schlecht  —  nur  in  beschränkter  Menge  gekauft ­
  werden.  Schmuck  wurde  aber  insbesondere
im  Altertum  von  den  wohlhabenden  Menschen
ohne  Grenzen  angeschafft.  Man  legte  Horte  an
und  der  Schatzhandel  ist  daher  für  jene  frühe
Periode  besonders  charakteristisch.  Reiche  Männer
besaßen  nicht  einen,  sondern  zehn,  zwanzig  Dreifüße, ­
  weit  mehr,  als  sie  je  verwenden  konnten.
Wir  können  diese  Zustände  ziemlich  deutlich  aus
        <pb n="18" />
        4

den  Schilderungen  der  Ilias  und  Odyssee  kennen
lernen.  Auch  werden  die  internationalen  Händler
wohl  jene  Dinge  bevorzugt  haben,  bei  denen  das
Risiko  dadurch  verringert  wurde,  daß  der  jährliche ­
  Zuwachs,  der  auf  den  Markt  geworfen
wurde,  klein  war  im  Verhältnis  zur  Gesamtheit ­
  der  betreffenden  Ware.  Wenn  z.  B.  die
Getreideernte  eines  Jahres  doppelt  so  groß  ist
als  die  des  vorhergehenden,  so  merkt  man
das  an  den  Preisen  sehr  deutlich;  wenn  die
Goldernte  doppelt  so  groß  ist  als  im  vorhergehenden ­
  Jahr,  so  merkt  man  das  weit  weniger,
weil  dieser  Zuwachs  nur  wenig  gegenüber  den
immer  im  Verkehr  befindlichen  Goldmassen  ins
Gewicht  fällt.  Schließlich  werden  die  Händler  gemerkt ­
  haben,  daß  sie  durch  das  Aufbewahren
von  Fertigfabrikaten  ein  größeres  Risiko  liefen,
als  durch  Aufbewahrung  von  Rohstoffen.  Rohes
Silber  ließ  sich  jederzeit  in  eine  Spange  oder
in  eine  Scheibe  verwandeln.  Aber  was  sollte
der  Händler  tun,  wenn  Silberbroschen  gesucht
wurden  und  er  nur  bearbeitete  Spangen  hatte?
Das  Ergebnis  wird  gewesen  sein,  daß  er  unverarbeitetes ­
  Silber  vorzog.  Auf  diese  und  ähnliche
Weise  wurden  wohl  die  Metalle  die  wichtigsten
internationalen  Zahlungsmittel.  Die  Entstehung  der
Münze,  des  geprägten  Metalls,  fällt  in  eine  weit
spätere  Periode.  Die  Einführung  gemünzten
Geldes  war  anfänglich  von  geringer,  rein  verkehrstechnischer ­
  Bedeutung.  Von  wirklicher
Wichtigkeit  war  erst  die  Schaffung  minderwertiger ­
  Münzen.  Das  Geld  setzte  zunächst  keine
Organisation  voraus.  Es  vermittelte  den  Verkehr
zwischen  Menschen,  die  einander  nie  mehr  nahe
traten,  wohl  gar  Ländern  angehörten,  die  miteinander ­
  im  Kriege  lagen.  Das  Edelmetall  war
dort  ein  Bindeglied,  wo  eine  staatliche  oder  gesellschaftliche ­
  Ordnung  fehlte.
Wie  wirkten  nun  solche  Vorgänge  auf  das
Inland  zurück?  Die  Händler  waren  nun  darauf
bedacht,  im  Inland  sich  die  für  den  internationalen
Handel  nötigen  Tauschmittel  zu  verschaffen  und
immer  häufiger  suchte  man  sich  wohl  im  Inlande
im  gewöhnlichen  Leben  durch  die  Veräußerung
von  Waren  des  internationalen  Handels  Güter
zu  verschaffen.  Die  Zahlungsweise,  welche  im
ungeordneten  internationalen  Verkehr  notwendig
war,  fand  langsam  auch  im  nationalen
Zahlungsverkehr  Eingang,  wo  sie  nicht  notwendig ­
  war.  Eine  weit  höhere  Organisation,
die  auf  der  staatlichen  Ordnung  basierte,  die
entstehende  Großnaturalwirtschaft,  wurde
durch  eine  Umsatzform  verdrängt,  die  für  Feinde  und
Fremde  geschaffen  worden  war.  Das  Geld,  welches
auf  dem  internationalen  Markte  die  Fernsten
einander  annäherte,  entfernte  nun  im  Inlande  die
Nächsten  voneinander.  Menschen  aus  verschiedenen
Ländern,  die  einander  gar  nicht  kannten,
wurden  einander  angenähert,  aber  Brüder  begannen ­
  im  Inlande  einander  nun  wie  fremde
Kaufleute  anzusehen  und  handelten  darnach.  Es
ist  hier  nicht  der  Ort,  die  eigenartige  Doppelfunktion ­

  des  Geldes  näher  darzustellen,  wie  es
einerseits  verbindet,  anderseits  trennt,  aufbauend
und  zersetzend  wirkt.  Das  Gesagte  dürfte  wohl
genügen,  um  zu  zeigen,  daß  man  der  Geldordnung ­
  an  sich  kritisch  gegenüberstehen
und  vor  allem  bei  Erörterung  prinzipieller  kriegswirtschaftlicher ­
  Fragen  sich  davor  hütten  müsse,
sie  als  eine  Selbstverständlichkeit  hinzunehmen.
Seine  Hauptfunktion  hat  das  vollwertige
Metallgeld  dort,  wo  Vertrauen  oder
Organisation  oder  beide  zugleich
mangeln.
Allmählich  aber  beginnt  das  Geld  eine  neue
Wandlung  durchzumachen,  es  wird  wieder  ein
Etwas,  das  der  organisierenden  Kraft  der  Gesellschaft ­
  unterliegt.  Wir  können  uns  ein  Bild  von
dieser  Wandlung  machen,  wenn  wir  uns  in  das
Feldlager  eines  antiken  Heeres  versetzen.  Der
Feldherr  hat  von  zu  Hause  zu  wenig  Sold  bekommen. ­
  Er  prägte  nun  z.  B.  neues  Geld  aus,
das  die  alte  Bezeichnung  führte,  aber  weniger
Edelmetall  enthielt.  Der  neue  Denar  hatte  z.  B.
nur  halb  so  viel  Gold  als  der  alte.  Nichtsdestoweniger ­
  verkündete  der  Feldherr,  daß  alte
Schulden  mit  den  neuen  Denaren  gezahlt  werden
könnten,  daß  die  Händler  die  neuen  Denare  so
wie  die  alten  anzunehmen  hätten,  daß  aber  sie
ihrerseits  wieder  ihre  Abgaben  in  neuen  Denaren
leisten  könnten.  Diese  Maßnahmen  bewährten
sich  und  fanden  vielleicht  Verbreitung  im  ganzen
Lande.  Es  schien  ein  Mittel  gefunden,  den  Güterumsatz ­
  mit  weniger  Edelmetall  als  bisher  zu  ermöglichen. ­
  Vor  allem  aber  konnte  die  Regierung
sich  jederzeit  Geld  verschaffen,  indem  sie  aus
einer  Anzahl  alter  Geldstücke  eine  größere  Anzahl ­
  neue  prägte.  Die  ersten  Schwierigkeiten
ergaben  sich  wohl  im  internationalen  Verkehr. ­
  Wenn  einer  der  Krieger  in  Damaskus  dem
Araber  neue  Denare  als  Zahlung  anbot,  zog  dieser
wohl  seine  Wage  heraus,  um  sie  zu  wiegen.  Für
ihn  sind  die  Denare  Dinge,  die  daheim  umgeschmolzen ­
  werden,  um  als  Schmuck  zu  dienen,
er  nimmt  sie  nur,  insoferne  sie  Gold  enthalten,
der  Name,  den  die  Münzen  führen,  ist  ihm  gleichgiltig,
  ebenso  ob  man  damit  im  Staate,  der  sie
geprägt  hat,  Schulden  zahlen  kann  oder  nicht.
Wenn  der  Soldat  nun  mehr  Denare  als  früher  für
ein  Pferd  zahlen  mußte,  mag  er  wohl  über
Fälschung  geklagt  haben.  Und  so  gelangt
bereits  das  Altertum  zu  zwei  Standpunkten,
der  eine  sieht  in  der  Münze  ein  Ding,  das  seine
Kaufkraft  dem  Metallgehalt  verdankt,  der  andere
dieht  darin  ein  Ding,  das  seine  Kaufkraft  staatlichen ­
  Verfügungen  verdankt.  Beide  hatten  recht,
sie  einen,  soferne  die  Münze  als  internationales, ­
  die  anderen,  soweit  sie  nur  als
nationales  Zahlungsmittel  in  Anspruch  genommen ­
  wurde.
Vollwertiges  Geld,  das  ist  solches,  für  das
man  sich  ungefähr  so  viel  Metall  kaufen  kann,
als  in  ihm  enthalten  ist,  konnte  jederzeit  auch
national  verwendet  werden;  das  minderwertige
        <pb n="19" />
        5

Zeichengeld  dagegen,  für  das  man  sich  mehr
Metall  im  Inlande  kaufen  konnte  als  es  enthielt,
brachte  Nachteil,  wenn  man  es  international  verwenden ­
  wollte.  Unsere  Noten  sind  nun  eine  Art
Zeichengeld,  das  den  Endpunkt  der  Edelmetallverringerung ­
  repräsentiert,  es  ist  stofflich  beinahe
wertlos.  Aber  auch  unsere  Silbergulden,  unsere
Kronenstücke,  kurz  alle  Geldsorten,  außer  den
Zehn-  und  Zwanzigkronenstücken,  sind  Zeichengeld. ­
  ln  welcher  Weise  das  Zeichengeld  auch  im
internationalen  Verkehr  Geltung  erlangen  kann
und  wie  man  Zeichengeld  gegen  international
verwendbares  Geld  umwandeln  kann,  darüber
werde  ich  mehrfach  Gelegenheit  finden,  zu
sprechen.
Wir  sehen  aus  diesen  kurzen  Andeutungen,
daß  wir  heutzutage  scharf  zwischen  W  e  11  g  e  1  d  und
Inlandsgeld  unterscheiden  müssen.  Ersteressetzt
heute  keine  Organisation  voraus,  letzteres  wohl.
Wir  können  aber  einmal  auch  Zeichengeld  erhalten, ­
  das  Weltgeld  wird,  w^m  entsprechende
internationale  Abmachungen  getroffen  werden.
Alle  Bemühungen,  eine  internationale  Banknote  zu
schaffen,  zielen  ja  dahin.  Die  Realisierbarkeit
dieser  Projekte  scheint  freilich  heute  noch  in
weite  Ferne  gerückt  zu  sein.  Zum  Teile  infolge
der  Befürchtung,  daß  im  Kriegsfälle  die  internationale ­
  Note  völlig  versagen  könnte,  vor  allem
deshalb,  weil  jeder  Staat  wohl  für  sich  die
Emission  von  Noten  veranlassen  würde,  ohne  auf
die  internationalen  Abmachungen  Rücksicht  zu
nehmen.  Esgibt  daher  viele,  welche  die  Weltnote  nur
dann  für  durchführbar  halten,  wenn  die  internationalen ­
  Abmachungen  eine  größere  Bedeutung
als  heute  erlangt  haben  werden  und  vor  allem
die  Kriegsgefahr  sehr  herabgemindert,  wenn  nicht
beseitigt  erscheint.  Mit  der  scharfen  Trennung  in
Weltgeld  und  Inlandsgeld  waren  im  18.  Jahrhundert ­
  die  Gelehrten  schon  vertraut;  Struensee,
der  Minister  Friedrich  des  Großen,  macht  von  ihr
in  seiner  sehr  lesenswerten  kriegswirtschaftlichen
Arbeit  Gebrauch.
Wir  begreifen  ohneweiters,  daß  es  zwar
Sinn  hat,  wenn  ein  Staat  für  den  Kriegsfall  Auslandsgeld ­
  spart,  während  es  hingegen  seitens
des  Staates  sinnlos  wäre,  Inlandsgeld  zu  sparen,
da  es  ja  jederzeit  gedruckt  werden  kann.  Hingegen ­
  vermehrt  der  einzelne  seine  Ansprüche  auf
die  Gütergesamtheit,  wenn  er  Inlandsgeld  anhäuft.
Der  Goldvorrat  des  Staates  verhält  sich  gegenüber ­
  den  Gütern  der  Menschheit,  so  wie  der  Vorrat ­
  des  Individuums  an  Inlandsgeld  zu  den  Gütern
der  Nation.  Wenn  wir  den  Weltkrieg  ins  Auge
fassen,  dessen  Wirkungen  auf  die  Gesellschaft
ich  immer  wieder  berühren  werde,  so  verliert  das
Ansammeln  von  Gold  seitens  des  Staates  erheblich ­
  an  Bedeutung.  Der  Weltkrieg  ist  ja  unter
anderem  dadurch  charakterisiert,  daß  er  keine
neutralen  Staaten  kennt.  Wenn  ein  Staat  also
Waren  erwerben  will,  die  er  zur  Kriegführung  benötigt, ­
  so  kann  er  sich  nur  an  seine  Bundesgenossen ­
  wenden.  Die  Bundesgenossen  eines  Weltkrieges ­

  dürften  aber  wohl  eine  geschlossene
Geldgemeinschaft  bilden.  Dafür  sprechen  auch
Erfahrungen  während  des  Balkankrieges.  Es  wurde
zwischen  Serbien  und  Bulgarien  eine  Konvention
abgeschlossen,  auf  Grund  deren  die  beiderseitigen
Geldsorten  gegenseitig  anerkannt  wurden.  Diese
Abmachung  gestattete  den  Serben  vor  Adrianopel
serbisches  Zeichengeld  zu  verwenden  und  trug
dazu  bei,  den  Goldschatz  der  Nationalbank  zu
schützen.  Bei  Fehlen  einer  Konvention  hätten  die  serbischen ­
  Truppen  in  erster  Reihe  mit  Goldfranken
ausgerüstetet  werden  müssen.  Zwischen  Serbien
und  Bulgarien  war  eine  solche  Konvention  dadurch
erleichtert,  daß  beide  die  Frankenwährung
haben,  aber  das  Fehlen  einer  gemeinsamen  Währungseinheit ­
  bildet  kein  sonderliches  Hindernis.
Bei  einer  Konvention  zwischen  Deutschland  und
Oesterreich-Ungarn  z.  B.  würde  die  Mark  wohl  einer
Krone  und  zwanzig  Heller  gleichgesetzt  werden.
Aber  nicht  nur  die  Zahlungen  der  Armee,  auch
alle  übrigen  Zahlungen  zwischen  eng  verbündeten
Staaten  dürften  im  Kriegsfall,  wenn  die  Kooperation ­
  eine  sehr  weitgehende  ist,  in  ähnlicher
Weise  geregelt  werden.
Es  kann  auf  diese  Weise  der  Verkehr  im
Bereiche  der  verbündeten  Staaten  durch  Zeichengeld ­
  erledigt  werden,  so  daß  im  Kriegsfall  unter
Umständen  sogar  eine  Verringerung  des  Goldverkehrs ­
  eintreten  könnte.  Als  Zeichengeld  kommt
dabei  in  Frage:  die  minderwertige  Münze,  die
ein  Metallzeichen,  die  Note,  die  ein  Papierzeichen ­
  und  das  Girogeld,  das  ein  Buchungszeichen ­
  repräsentiert.
Wenn  wir  von  der  Emission  neuer  Geldquantitäten ­
  sprechen,  handle  es  sich  nun  um  vollwertiges ­
  Metallgeld,  um  metallisches,  notales  oder
girales  Zeichengeld,  so  müssen  wir  wenigstens
in  großen  Zügen  uns  ein  Bild  davon  zu  machen
suchen,  welche  Funktion  denn  eine  solche  Emission ­
  auszuüben  bestimmt  ist,  welche  Geldmengen
denn  notwendig  sind,  um  den  Umsatz  zu  sichern.
Nehmen  wir  zunächst  an,  eine  bestimmte  Preishöhe ­
  habe  die  Tendenz  zu  verharren  und  die
Geldzirkulation  suche  sich  den  Preisen  anzupassen.
Wir  sehen  dann  bald  ein,  daß  der  Umsatz  einer
bestimmten  Gütermenge  durch  verschieden
große  Geldmengen  in  gleicher  Weise  erfolgen
kann,  wenn  die  zur  Verfügung  stehende  Zeit  beliebig ­
  groß  werden  darf.  In  Tabelle  VIII  ist  angenommen, ­
  daß  der  von  uns  untersuchte  Markt
drei  Personen  A,  B,  C  umfaßt,  von  denen  jede
eine  Ware  besitzt,  die  sie  um  100  Kronen  zu  verkaufen ­
  bereit  ist.  Wenn  nur  ein  Zeitteil  zur  Verfügung ­
  steht,  so  müssen  in  unserem  Falle  300
Kronen  zur  Verfügung  stehen:  Fall  I.  Es  genügen
aber  100  Kronen,  wenn  so  viel  Zeit  vorhanden
ist,  daß  die  100  Kronen  einen  ganzen  Umlaufzu
vollenden  vermögen.  A  gibt  die  100  Kronen  dem
B  und  erhält  dafür  b,  der  B  gibt  sie  dem  C  und
erhält  dafür  c,  der  C  gibt  sie  wieder  dem  A  und
erhält  dafür  a.  Alle  Güter  haben  ihren  Platz  verändert, ­
  die  Geldsumme  ist  wieder  an  der  alten
        <pb n="20" />
        6

Tabelle  VIII.

Z  i  r  k  u  I  a  t  i  o  n  s  z  e  i  t  des  Geldes

Personen:

A

B

C

Waren:

a

b

C

Preise:

100

100

100

Fall  I.

Zirkulations-A



B

c

zeit  1

ti

a,  100  K

b,  100  K

c,  100  K

^2

b,  100  K

c,  100  K

a,  100  K

Fall  II.
Zirkulations-A



B

C

zeit  3

t,

a,  100  K

b

C

^2

a,  b

100  K

c

t 3

a,  b

c

100  K

t,

b,  100  K

c

a

Fall  III.
Zirkulations-A



B

c

■  zeit  6

t,

a,  50  K

b

C

*2

b
a,  2

b
y  50  K

c

^3

b
a &amp;gt;  2

b  c
2&amp;gt;  2

y,  50  K

t 4

2’  ~2*  ^

b  c
2’  2

c  a
~2~’  ~2

t 5

a  k
2 ,b

50  K

c  a
"2’  2"

^6

a  .
2 ,b

C

50  K

t 7

b,  50  K

c

a

Stelle  angelangt  und  hat  nur  dazu  gedient,  den
Umsatz  zu  fördern.  Besitzt  A  nur  50  Kronen,  so
kann  er  nur  V 2  b  kaufen,  B  natürlich  wieder  nur
V,  c  usw.  Wir  sehen  in  unserem  Schema  wieder,
wie  Zeitpunkt  für  Zeitpunkt  die  Geldstücke  und
Waren  ihren  Platz  ändern,  bis  die  Zirkulation
vollendet  ist.  Wir  sehen,  daß  auch  mit  50  Kronen
das  Auslangen  gefunden  werden  kann,  ln  analoger ­
  Weise  können  noch  kleinere  Geldmengen
genügen,  wenn  nur  die  Zirkulationszeit  genügend
lang  ist.  Wir  können  dies  so  ausdrücken,  daß
wir  sagen:  die  kleinere  Geldmenge
leistet  dassel  be  für  den  Güterumsatz
wie  die  größere,  wenn  die  Zirkulationszeit ­
  größer  ist.  Wir  setzen  dabei  voraus,  daß
die  Uebertragung  des  Geldes  von  einer  Person
zur  anderen  immer  in  derselben  Zeit  erfolgt.
Dauert  diese  Uebertragung  z.  B.  weniger  lang,
wenn  kleinere  Geldmengen  verwendet  werden,  so
können  wir  sagen:  die  kleinere  Geldmenge
kann  dasselbe  leisten,  wie  die  größere
u.  zw.  in  der  gleichen  Zeit,  wenn  die
Zirkulationsgeschwindigkeit  wächst.

Die  Verringerung  der  Geldmenge  kann  also  ;
durch  Verlängerung  der  Zirkulationszeit  oder
durch  Erhöhung  der  Zirkulationsgeschwindigkeit
kompensiert  werden,  es  kann  aber  auch  die
Kompensation  in  der  Weise  erfolgen,  daß  die
Preise  der  Waren  fallen.  Dann  kann  die  Zirkulationsgeschwindigkeit ­
  gleich  bleiben  und  dennoch
der  Umsatz  der  Waren  bei  verringerter  Geldmenge ­
  unverändert  vor  sich  gehen.  Greifen  wir
z.  B.  Fall  III  heraus.  Denken  wir,  der  Preis  sei
auf  50  K  pro  Ware  gefallen,  so  ist  es  klar,  daß
nun  die  Zirkulationsgeschwindigkeit  eben  so  groß
wäre,  als  im  Fall  II;  über  den  Fall  1  will  ich  hier
nicht  näher  sprechen,  da  er  sich  anders  verhält.
Tabelle  IX  zeigt  uns  das  deutlich.
Aus  den  bisherigen  skizzenhaften  Bemerkungen
sieht  man  deutlich,  daß  die  Beziehungen
zwischen  der  Geld-  und  Warenmenge,  die  umgesetzt ­
  werden  muß,  recht  schwankend*  sind  und
nicht  ohne  weiters  präzisiert  werden  können.
Genauere  Nachforschungen  zeigen,  daß  dies  in
unserer  heutigen  Ordnung  überhaupt  nicht  möglich ­
  ist.  Man  kann  nie  angeben,  welche
Geldsumme  für  ein  Staatswesen  heute
am  günstigsten  ist.  Veränderungen  in  der
Kaufkraft  des  Geldes  sucht  man  möglichst  zu
vermeiden,  vor  allem  soweit  diese  Veränderungen
die  Wirkung  von  Zunahme  oder  Abnahme  der
Geldmenge  sind.
Wir  besitzen  gewisse  Maßnahmen,  die  dazu
dienen,  die  zirkulierende  Geldmenge  den  wech-  ;
selnden  Warenumsätzen  anzupassen.  Es  sei  aber
ausdrücklich  hervorgehoben,  daß  alle  diese  Vorkehrungen ­
  zwar  bis  zu  einem  gewissen  Grade
automatisch  -wirken,  aber  äußerst  unvollkommen.  1
Diese  Unvollkommenheit  läßt  sich  wahrscheinlich
nie  ganz  beseitigen,  sondern  ist  der  Geldordnung
als  solcher  eigentümlich.  Ein  Mittel  die  Geld-  j
Zirkulation  zu  regeln  und  der  Warenzirkulation
anzupassen  besteht  darin,  daß  die  Notenbanken  .
Noten  dann  emittieren,  wenn  ihnen  Wechsel  ver-  j
kauft  werden.  Nehmen  wir  an,  was  in  Tabelle  X.  j
schematisch  dargestellt  ist,  der  Kaufmann  B  verkaufe ­
  seine  Ware  b  dem  Kaufmann  A.  Dieser
übergibt  ihm  statt  einer  Geldsumme,  einen
Wechsel  auf  100  K  lautend  —  daß  in  der  ’
Praxis  der  Wechsel  in  etwas  anderer  Weise  zustande ­
  kommt,  kommt  für  uns  nicht  in  Betracht  —
nun  will  B  etwas  von  C  kaufen.  Er  könnte  den
Versuch  machen,  zu  diesem  Zweck  den  Wechsel
zu  verwenden.  Dies  ist  aber  nicht  immer  möglich,
da  ein  großer  Teil  der  Bürger  keine  Wechsel  in
Zahlung  nimmt.  C  kann  möglicherweise  ganz
außerstande  sein,  sich  über  die  Bonität  des  A  und
des  B  zu  orientieren.  Er  verlangt  daher  von  B
Geld.  B  kann  nun  zur  Notenbank  gehen  und  den
Wechsel  gegen  Geld  verkaufen.  Die  Notenbank
ist  damit  Gläubigerin  des  A  geworden,  und  da  B
sein  Giro  auf  den  Wechsel  setzen  muß,  kann  sie
sich  auch  an  B  halten,  wenn  A  nicht  zahlen  sollte.
C  erhält  nun  von  B  das  Geld  und  gibt  B  die
Ware  c.  C  kann  seinerseits  wieder  Waren  ein-
        <pb n="21" />
        7

kaufen.  Der  Einfachheit  halber  nehmen  wir  an,
daß  er  dies  bei  A  tut,  der  so  seinerseits  in  die
Lage  versetzt  wird,  die  Wechselschuld  bei  der
Notenbank  zu  bezahlen.  Unser  Schema  zeigt,  wie
sich  Zeitpunkt  für  Zeitpunkt  die  Bilanzen  aller
Beteiligten  ändern,  ln  der  Praxis  wird  A  die
Ware  b  sehr  oft  weiter  verarbeiten  und  dann  an  C
weiterveräußern.  Ein  Tischler  z.  B.  der  Holz  gekauft ­
  hat,  verkauft  die  fertigen  Tische  weiter,  so
daß  die  Anschaffung  der  ersten  Waren,  welche
die  Entstehung  des  Wechsels  zur  Folge  hat,  selbst
auch  die  Geldquelle  wird,  aus  der  A  die  Wechselschuld ­
  begleichen  kann.  Wir  sehen  die  Waren
haben  ihre  Plätze  in  derselben  Weise,  wie  in
Tabelle  VIII.  dargestellt  ist,  vertauscht,  ohne  daß
diesmal  von  vornherein  Geld  vorhanden  gewesen
wäre  und  ohne,  daß  am  Schluß  Geld  vorhanden
sein  müßte.  Wir  sehen,  daß  die  Menge  der  zirkulierenden ­
  Noten  im  vorliegenden  Falle  von  der
Menge  der  diskontierten  Wechsel  abhängig  ist,
die  wieder  von  der  Menge  der  umgesetzten
Waren  abhängt,  wenn  nur  Warenwechsel  diskontiert ­
  werden.  Nimmt  der  Warenumsatz  ab,  so
kommen  weniger  Wechsel  zum  Diskont  und  die
zirkulierende  Notenmenge  verringert  sich  automatisch, ­
  da  ja  die  Wechselschulden  bezahlt  werden
müssen.  Diese  automatische  Zirkulation  (Fullartonsches
  Prinzip)  spielt  im  modernen  Geld-  und
Kreditwesen  eine  große  Rolle,  sie  ist  von
größter  Bedeutung  für  kriegswirtschaftliche  Fragen
aller  Art.
Ich  habe  absichtlich  die  Notenzirkulation
theoretisch  in  einer  Form  eingeführt,  die  deutlich
erkennen  läßt,  daß  die  Notenzirkulation  als  Mittel
des  Güterumsatzes  nichts,  aber  auch  gar  nichts,
mit  der  in  der  Oeffentlichkeit  so  oft  erwähnten
Metalldeckung  zu  tun  hat.  Vorgreifend  möchte
ich  nur  erwähnen,  daß  die  Metalldeckung  heute
zwei  Zwecke  erfüllt:  sie  dient  dem  internationalen
Verkehr  und  zuweilen  auch  der  Beruhigung  det
eigenen  Bürger.  Wenn  ein  Bürger  im  Besitz  von
Noten  ist  und  er  Auslandszahlungen  zu  leisten
hat,  kann  es  für  ihn  von  großer  Wichtigkeit  sein,
sich  Auslandsgeld,  also  bei  uns  Gold  zu  verschaffen. ­
  Wenn  er  Mißtrauen  gegen  den  Staat
hat,  kann  dies  Mißtrauen  verschieden  beruhigt
werden.  Zuweilen  ist  Gold  nötig,  zuweilen  aber
genügt  die  Abgabe  silbernen  Zeichengeldes.  Dies
war  z.  B.  während  der  Krise  1912,  1913  in
Galizien  und  in  der  Bukowina  der  Fall,  wo  die
Menschen  massenhaft  Silber  ansammelten,  das
sie  zum  Teil  vergruben.  Der  im  Kriegsfälle  erforderliche ­
  Silbermünzenbedarf  hängt  so  mit
der  Dummheit  breiter  Massen  zusammen.  Denn,
daß  der  Staat  in  eine  derartige  Verwirrung  geraten ­
  sollte,  daß  die  Kaufkraft  des  Silbers,  welche
in  zehn  Einkronenstücken  enthalten  ist,  größer
werden  sollte,  als  die  Kaufkraft  einer  Zehnkronennote, ­
  ist  äußerst  unwahrscheinlich.  Daran  denken
auch  die  meisten  Bürger  nicht,  welche  Silbergeld
thesaurieren.  Sie  sind  nur  davon  überzeugt,
daß  Silber  besser  als  Papier  ist,  während

Tabelle  IX.

Preise

100

100

100

Zirkulationszeit ­
  6

A

B

c

t,

a,  50  K

b

C

t  2

T  50  K

C

15
tu

t  3

b  c
2’  2

f  50  K

t  4

f  h 50  K

b  c
2’  2

c  a
T  T

t 5

T b

1’  50  K

c  a
2  ’  2

t  6

T b

c

f  50K

t  7

b,  50  K

c

a

Preise

50

50

50

CtJ

Zirkulationszeit ­
  3

A

B

C

t,

a,  50  K

b

C

tu

t  2

a,  b

50  K

c

t 3

a,  b

c

50  K

t  4

b,  50  K

c

a

doch  gerade  der  Silbergehalt  in  diesem  Falle
das*  Wesentliche  ist.  Die  Tatsache,  daß  der
Silbergulden  und  das  Zweikronenstück  bei  gleicher
Kaufkraft  verschiedenen  Silbergehalt  haben,  zeigt
ja  deutlich,  daß  beide  Zeichengeld  sind.  Aber
wenn  auch  diese  Betrachtungen  mit  dem  Güterumsatz ­
  nichts  zu  tun  haben  und  rein  psychologischer ­
  Art  sind,  so  ist  es  doch  zweckmäßig,
sie  nicht  zu  vernachlässigen,  insbesondere  dort
nicht,  wo  praktische  Zwecke  verfolgt  werden.  Es
empfiehlt  sich,  Studien  darüber  anzustellen,
welches  silberne  Zeichengeld  —  man  könnte  am
besten  von  Silbernoten  sprechen,  zumal
ja  denkbar  wäre,  daß  man  diese  Geldsorten  auch
auf  dem  Wege  der  Diskontierung  emittierte  —
den  unzureichend  orientierten  Kreisen  zu  den
nach  meinen  Erfahrungen  (die  ich  in  Galizien
und  der  Bukowina  gesammelt  habe)  auch  Beamte, ­
  Offiziere  und  andere  Mitglieder  der  mittleren ­
  Stände  gehören,  am  meisten  Vertrauen  einflößt. ­
  In  Czernowitz  z.  B.  waren  die  Fünfkronenstücke ­
  wenig  beliebt,  ebenso  lehnte  man  gerne
Zweikronenstücke  ab,  während  die  Silbergulden
und  die  Kronenstücke  gerne  akzeptiert  wurden.
Bei  den  Fünfkronenstücken  kann  man  sich  dieses
Verhalten  vielleicht  so  erklären,  daß  die  bäuerliche ­
  Bevölkerung  gerne  mit  Gulden  rechnet,
weshalb  das  Fünfkronenstück  für  sie  eine  ungeeignete ­
  Rechenmünze  ist.  Das  Zweikronenstück
dagegen  ist  offensichtlich  kleiner  als  der  altüberlieferte ­
  Silbergulden,  der  überhaupt  die  populärste ­
  Münze  in  Oesterreich-Ungarn  sein  dürfte.
        <pb n="22" />
        8

Diese  flüchtigen  Andeutungen  zeigen  uns,
daß  ein  Münzenagio  Verschiedenes  bedeuten
kann.  Es  kann  darauf  hinweisen,  daß  viele  Auslandzahlungen ­
  zu  leisten  sind  und  die  Bevölkerung ­
  Auslandgeld  dringend  benötigt,  es  kann
aber  auch  darauf  hinweisen,  daß  Mißtrauen  in
der  Bevölkerung  vorhanden  ist.  Diese  beiden
Dinge  haben  nicht  das  Geringste  miteinander  gemein. ­
  Zuweilen  treten  beide  Momente  gleichzeitig ­
  in  Wirksamkeit,  sie  hängen  aber  nicht
innerlich  zusammen.

bis  vor  kurzem  der  Ansicht,  daß  es  sehr  zweckmäßig ­
  sei,  möglichst  viel  Gold  zirkulieren  zu
lassen.  Beamtengehälter  wurden  in  Gold  ausgezahlt ­
  usw.  Heute  dagegen  ist  auch  dort  die  Tendenz
bemerkbar,  die  Note  populär  zu  machen  und  das
Gold  als  Kriegs-  und  Krisenschatz  anzuhäufen.
In  Oesterreich-Ungarn  ist  das  Gold  im  Verkehr
so  gut  wie  gar  nicht  vorhanden.  Wenn  man  es
in  der  Inlandszirkulation  gar  nicht  mehr  anträfe,
würde  sich  nichts  ändern,  die  Bevölkerung  würde
dies  auch  kaum  bemerken.

Tabelle  X.

Fullartonsche

s  Prinz

p

Zirkulations-A



B

C

Notenbank

zeit

Akt.

Pass.

Akt.

Pass.

Akt.

Pass

Pass.

Akt.

t.

a

—

b

c

t 2

a,  b

100  (ffecM)

100  (Wechsel)

—

c

—

-

—

t 3

a,  b

100  (Wechsel)

100  (Noten)

—

c

—

100  (Wechsel)

100  (Noten)

^4

a,  b

100  (Wechsel)

C

-

100  (Noten)

—

100  (Wechsel)

100  (Noten)

t 5

b
100  (Noten)

100  (Wechsel)

c

—

a

—

100  (Wechsel)

100  (Noten)

^6

b

—

c

—

a

—

—

—

Personen:
Waren  :
Preise:

A,
a,
100,

B,
b,
100,

C,
c,
100,

HC.».  rt/X-tsi  k  olo/l-unv.
u&amp;gt;  n,

Die  bisherigen  Darlegungen  zeigen  uns  deutlich, ­
  wie  an  jeder  Stelle  zwischen  dem  Geld,
das  auf  dem  öffentlichen  Vertrauen  beruht,  und
jenem,  das  auf  seinem  Metallgehalt  beruht,
ein  grundsätzlicher  Unterschied  gemacht  werden ­
  muß,  ein  Unterschied,  dessen  Bedeutung
heute  wieder  allgemeiner  richtig  gewürdigt
wird.  Im  Inlande  ist  das  Zeichengeld,  das  eigentliche ­
  Zahlungsmittel,  nicht  ein  bloßes  Surrogat ­
  des  vollwertigen  Edelmetallgeldes.
Dies  ist  der  Grund,  weshalb  immer  mehr  Staaten
daran  gehen,  die  Inlandszirkulation  durch  Noten  und
metallisches  Zeichengeld  zu  befriedigen,  soweit
nicht  Girozahlungen  verwendet  werden,  während
man  das  Gold  für  internationale  Zwecke  ansammelt, ­
  um  darüber  in  systematischer  Weise
verfügen  zu  können.  In  Deutschland  war  man

ln  der  Bevölkerung  Deutschlands  ist  das
Goldgeld  sehr  beliebt.  Ich  konnte  mehrfach  bei
Postschaltern  die  Bemerkung  des  Publikums
hören:  Bitte  Gold.  In  Oesterreich-Ungarn  dagegen
sind  es  nur  wenige  Gegenden,  in  denen  Bedarf
nach  Goldmünzen  ist,  insbesondere  dort,  wo  die
Frauen  Goldmünzen  als  eine  Art  Schmuck  zu
tragen  pflegen.  Sonst  werden  bei  Postschaltern  im
allgemeinen  Goldstücke  zurückgewiesen.  Man  hat
in  Oesterreich-Ungarn  eine  Zeitlang  geglaubt,  daß
es  vorteilhaft  wäre,  wenn  viel  Gold  zirkulierte
und  pumpte  gewaltsam  Gold  in  den  Verkehr,  es
strömte  bald  wieder  zurück.  So  wurden  von  1901
bis  1910  seitens  der  Notenbank  2  Milliarden  Landesgoldmünzen ­
  verausgabt,  von  denen  T8  Milliarden ­
  wieder  zurückströmten.  Heute  ist  man
darauf  aus,  das  Gold  möglichst  zu  konzentrieren.
        <pb n="23" />
        9

Diejenigen,  welche  für  eine  Sättigung  der  Zirkulation ­
  mit  Gold  eintraten,  hatten  die  Vorstellung,
daß  so  das  Mißtrauen  der  Bevölkerung  zurückgedrängt ­
  und  im  Kriegsfall  die  Nachfrage  nach
Gold  geringer  sein  werde.  Ueber  die  kriegswirtschaftliche ­
  Bedeutung  dieser  und  anderer  Maßnahmen ­
  auf  dem  Gebiete  des  Geldwesens  werden
wir  noch  mehrfach  zurückkommen.
VI.  Beschaffung  von  Zeichengeld.
1.  Allgemeines.
Wir  haben  gesehen,  welch  scharfen  Unterschied ­
  man  zwischen  den  Geldsorten  machen
muß,  die  nur  im  Inlande  verwendbar  sind,  und
jenen,  welche  auch  im  internationalen  Verkehr
verwendet  werden  können.  Um  diesen  Unterschied
möglichst  markant  hervortreten  zu  lassen,  werde  ich
die  verschiedenen  Geldbeschaffungsmethoden,  getrennt ­
  für  inländisches  Zeichengeld  und  für  Weltgeld, ­
  erörtern.  Es  kann  zwar  unter  Umständen
auch  Zeichengeld  gegen  Weltgeld  umgetauscht
werden,  aber  im  Kriegsfälle  kann  man  mit  diesen
Umtauschmöglichkeiten  nicht  immer  mit  Sicherheit ­
  rechnen  und  man  darf,  wenn  man  vorsichtig
sein  will,  nur  das  als  Weltgeld  in  Rechnung
stellen,  was  in  einem  bestimmten  Augenblick  an
Weltgeld  vorhanden  ist,  wobei  das  Weltgeld  in
erster  Reihe  in  Gold,  in  zweiter  auch  in  Golddevisen ­
  oder  Goldguthaben  im  Auslande  bestehen
kann.  Die  Trennung  in  Weltgeld  und  Inlandsgeld
muß  deshalb  mit  Nachdruck  hervorgehoben  werden,
Weil,  wie  die  Erfahrung  lehrt,  nicht  selten  die
finanzielle  Kriegsbereitschaft  eines  Staates  in  der
Weise  berechnet  wird,  daß  man  die  Goldbestände,
mit  den  Staatskassenbeständen  —  die  sowohl  aus
^eichengeld,  als  auch  aus  vollwertigem  Goldgeld
bestehen  —  und  dem  Notenemissionsrecht  oder
Anleiherecht  zu  einer  Summe  vereinigt.  Diese
Summe  besagt  begreiflicherweise  nichts  über  die
finanzielle  Kriegsbereitschaft,  denn  Zeichengeld
^nn  ja  beliebig  vermehrt  werden,  während  dies
für  Weltgeld  nicht  gilt.  Wer  daher  die  finanzielle
Kriegsbereitschaft  eines  Staates  zu  berechnen
Un ternim.mt,  muß  vor  allem  ein  besonderes  Zeichen-Seldkonto
  und  ein  gesondertes  Weltgeldkonto
aufstellen.
Zunächst  wollen  wir  uns  ganz  kurz  über  die
Quellen  orientieren,  aus  denen  der  Staat  während
bes  Krieges  seinen  Bedarf  an  Inlandszahlungsrmtteln
  in  erster  Linie  deckt.  Es  sind  dies:
a)  Kriegsschatz,
b)  Anleihen,
c)  Steuern,
d)  Schaffung  von  Zeichengeld,  sei  es  nun
Papierenes,  metallisches  oder  girales  Zeichengeld.
Die  Methode  d)  ist  für  Weltgeld  unanwendbar. ­
  Wenn  der  Staat  kein  Gold  vorrätig  hat,  ist
außerstande,  es  in  Kriegszeiten  herzustellen.
D'a  Methode  c)  kann  zwar  auch  dazu  dienen,
Weltgeld  heranzuziehen,  das  in  der  Bevölkerung
Zer streut  ist,  sie  kann  aber  nur  dort  angewendet
Werden,  wo  die  Herrschgewalt  des  Staates  wirksam ­

  ist,  während  z.  B.  Methode  b)  sowohl  im
Inlande  als  auch  im  Auslande  Verwendung
finden  kann.
2.  Kriegsschatz.
Beginnen  wir  mit  dem  Kriegsschatz.  Ich  bezeichne ­
  damit  jene  Geldbestände,  die  dem  Staat
im  Kriegsfall  tatsächlich  zur  Verfügung  stehen.
Ob  eine  bestimmte  Geldsumme  juristisch  als
Kriegsschatz  ausgesondert  erscheint,  ist  zwar  nicht
gleichgiltig,  aber  doch  eine  Frage  zweiten  Ranges.
Der  Kriegsschatz  hat  heute  nicht  mehr  jene  Bedeutung, ­
  wie  vor  Jahrhunderten,  aber  er  kann
noch  immer  einen  Vorsprung  von  Tagen  verschaffen, ­
  was  in  Zukunft  ebenso  wichtig  sein
dürfte,  wie  es  etwa  im  Deutsch-Französischen  Krieg,
war,  in  dem  derErfog  der  Deutschen  zum  Teil  auf
die  Ausnützung  des  preußischen  Kriegsschatzes
zurückzuführen  ist,  der  später  in  den  Kriegsschatz ­
  des  Deutschen  Reiches  umgewandelt
wurde.
Ob  man  einen  Kriegsschatz  anlegen  solle
oder  nicht,  wurde  bereits  im  18.  Jahrhundert  viel
diskutiert.  Schon  damals  konnte  man  mit  ihm
allein  keinen  Krieg  mehr  führen  und  war  daneben
auf  andere  Geldquellen  angewiesen.  Treffliche
Betrachtungen  über  diesen  Gegenstand  findet  man
bei  Struensee,  einem  Minister  Friedrich  des  Großen,
der  eine  Arbeit  «Ueber  die  Mittel  eines  Staates
bei  außerordentlichen  Bedürfnissen,  besonders  bei
Kriegszeiten  Geld  zu  erhalten»  veröffentlichte.
Gegen  einen  Kriegsschatz  machte  man  damals  in
England  geltend,  daß  er  die  Regierung  zu  unabhängig ­
  vom  Geldbewilligungsrecht  des  Parlaments
mache,  ein  Argument,  das  übrigens  auch  im
19.  Jahrhundert  gelegentlich  verwendet  wurde.
Wie  ich  schon  erwähnte,  kann  ein  Kriegsschatz ­
  entweder  offiziell  als  solcher  bestehen  oder
aber  in  offiziell  in  Form  von  Geldern  der  Notenbank ­
  oder  der  Staatskassen  vorhanden  sein.
Wenn  eine  bestimmte  Geldsumme  juristisch  nicht
als  Kriegsschatz  bezeichnet  ist,  so  kann  der
Staat  im  Kriegsfall  doch  manche  Schwierigkeiten
haben,  das  Geld  in  seine  Hand  zu  bekommen.
Er  kann  sich  möglicherweise  genötigt  sehen,
Brachialgewalt  mindestens  formell  zur  Anwendung
zu  bringen,  was  dem  Prestige  nicht  eben  förderlich ­
  ist.  Was  für  Schwierigkeiten  sich  ergeben
können,  vermag  man  z.  B.  daraus  zu  entnehmen,  daß
im  Deutsch-Französischen  Krieg  die  französische
Regierung  nur  nach  langem  Verhandeln  von  der
Bank  Geld  erhalten  konnte.  Gambetta  plante
bereits  gewaltsame  Eingriffe,  als  die  Bank  schließlich ­
  doch  nachgab  und  dem  Staat  unter  schweren
und  demütigenden  Bedingungen  —  Domänen
mußten  verpfändet  werden  —  Gelder  zur  Verfügung ­
  stellte.
Trotz  alledem  ist  aber  die  Ansammlung  von
Inlandsgeld  als  Kriegsschatz  von  geringer  Bedeutung, ­
  sei  es  nun,  daß  man  die  Absicht  habe,
das  unterwertige  Metallgeld  ans  Publikum  auszugeben ­
  oder  es,  was  das  österreichisch-ungarische
Bankstatut  gestattet,  als  Notendeckung  zu  ver ­
        <pb n="24" />
        10

wenden.  In  letzterem  Falle  übt  es  eine  wesentlich
formale  Funktion  aus,  wie  wir  noch  sehen  werden.
Rein  um  den  gesetzlichen  Ansprüchen  Genüge
zu  leisten,  wird  dann  papierenes  Zeichengeld  durch
metallenes  Zeichengeld  gedeckt.  Metallnoten  sollen
die  Zirkulation  der  Papiernoten  fördern.  Ueber
diese  geringe  Bedeutung  eines  Kriegsschatzes  an
Inlandsgeld  darf  uns  die  Fülle  von  Erörterungen
nicht  täuschen,  die  sich  in  Deutschland  an  den
Gesetzentwurf  anschlossen,  der  den  Zweck  verfolgte, ­
  120  Millionen  Mark  Silbermünzen  einer
Notreserve  und  120  Millionen  Mark  Goldmünzen
dem  Reichskriegsschatz  zuzuführen.
Während  ein  Kriegsschatz,  in  Silbergeld  bestehend, ­
  immerhin  diskutiert  werden  kann,  hat  es
gar  keinen  rechten  Sinn,  von  einem  Kriegsschatz
bestehend  in  Noten  zu  sprechen,  da  es  prinzipiell
gleichgültig  ist,  ob  man  die  im  Kriegsfall  notwendigen ­
  Notenmassen  erst  im  Kriegsfall  druckt  oder
bereits  in  Friedenszeiten  gedruckt  bereitliegen
hat  —  was  wohl  in  allen  vorsichtigen  Staaten  der
Fall  sein  dürfte  —  daß  es  nicht  immer  der  Fall
ist,  konnte  ich  in  Bulgarien  während  des  Balkankrieges ­
  beobachten.  Bulgarien  kennt  ebenso  wie  Serbien ­
  neben  Goldnoten  auch  Silbernoten,das  heißt,  die
einen  sind  in  Gold,  die  anderen  in  Silber  einlöslich. ­
  Die  bulgarische  Nationalbank  ist  zu  einer
Deckung  der  Noten  in  Silber  respektive  in  Gold
verpflichtet.  Als  der  Krieg  ausbrach,  löste  sie  die
Noten  nicht  ein,  um  aber  den  Deckungsvorschriften ­
  Genüge  leisten  zu  können  und  um  andererseits ­
  das  Silber  zu  Zahlungen  an  das  Publikum
bereit  halten  zu  können,  sah  sie  sich  plötzlich
genötigt,  die  Menge  der  Goldnoten  rasch  zu  vermehren. ­
  Da  sie  aber  für  diesen  Fall  keine  Vorsorgen ­
  im  Frieden  getroffen  hatte,  mußte  sie
gedruckt  vorliegende  Silbernoten  in  Goldnoten
umwandeln.  Sie  tat  das  in  der  Weise,  daß  sie
mit  einem  primitiven  Stempel  das  Wort  «Silber»
durchstrich  und  rechts  und  links  davon  davon
das  Wort  «Gold»  auf  die  Note  druckte.  Das  ist
freilich  nur  eine  rein  technische  Angelegenheit.
Gerade  dies  Beispiel  zeigt  aber  deutlich,  daß
solche  technische  Angelegenheiten  immerhin  auch
beachtet  werden  müssen.  Nur  muß  man  sich
davor  hüten,  derartige  technische  Fragen  mit  prinzipiellen ­
  zu  verwechseln.
3.  Anleihen.
Weit  wichtiger  als  die  geringen  Bestände  an
Inlandsgeld,  welche  sich  in  den  offiziellen  und
nichtoffiziellen  Kriegsschätzen  vorfinden,  ist  die
Geldbeschaffung  durch  Anleihen  und  Steuern,  ln
beiden  Fällen  erhält  der  Staat  schon  vorhandenes
Inlandsgeld  zu  seiner  Verfügung,  ln  dem  ersten
Fall,  indem  er  einen  Vertrag  mit  seinen  Bürgern
abschließt,  im  zweiten  Falle,  indem  er  sein  Hoheitsrecht ­
  geltend  macht.  Doch  gibt  es  noch  ein
Mittelding  zwischen  den  eigentlichen  Anleihen  und
den  eigentlichen  Steuern,  das  sind  die  sogenannten
Zwangsanleihen,  deren  Wesen  darin  besteht,  daß
der  Staat  den  einzelnen  Bürger  einerseits  zwingt,
ihm  Geld  zur  Verfügung  zu  stellen  —  ähnlich
wie  bei  den  Steuern  —  während  er  andererseits

die  Zusage  macht,  die  Gelder  nach  dem  Kriege
wieder  zurückzuerstatten.  Diese  Zwangsanleihen
spielten  im  Altertum  eine  große  Rolle.  Das  Tri'
butum  der  Römer  war  eine  derartige  Zwangsanleihe.
Ehe  wir  darauf  eingehen,  die  Funktion  der
Anleihen  im  Kriegsfall  näher  zu  beleuchten,  sei
ganz  kurz  einiges  über  das  Wesen  der  Anleihen
überhaupt  vorausgeschickt.  Man  kann  nicht  allgemein ­
  Staatsanleihen  billigen  oder  verwerfen,
es  muß  vielmehr  jeder  individuelle  Fall  gesondert
analysiert  werden,  kann  man  doch  auch  sonst
nicht  allgemein  sagen,  ob  Schulden  etwas  Gutes
oder  etwas  Schlechtes  sind.  Wenn  ein  Staat  Anleihen ­
  aufnimmt,  so  kann  das  bedeuten:  Die
Kräfte  des  Staates  sind  zu  schwach.  Die  Folge
des  Schuldenmachens  kann  eine  Erholung  sein;
es  kann  aber  auch  Vorkommen,  daß  der  Staat
Verpflichtungen  eingeht,  denen  er  erst  recht  nicht
gewachsen  ist  und  daß  er  durch  das  Schuldenaufnehmen
  die  Axt  an  die  Wurzel  seines  Gedeihens ­
  legt,  indem  er  nun  Jahrzehnte  lang  für  andere ­
  roboten  muß.  Das  Schuldenmachen  kann
aber  auch  bedeuten,  daß  der  Staat  sich  so  mächtig
entfaltet,  daß  er  seine  Kräfte  gar  nicht  alleinzu  verwerten ­
  vermag.  Es  kann  auch  eine  Aktiengesellschaft ­
  derartige  Erfolge  erzielen,  daß  sie  die
Absatzgelegenheiten  nur  dann  auszunützen,  neu«
Bestellungen  nur  dann  zu  übernehmen  vermag,
wenn  sie  erweitert  wird.  Diese  Erweiterung  kann
im  allgemeinen  in  doppelter  Weise  erfolgen.  Die
Aktiengesellschaft  kann  ihr  Aktienkapital  vermehren, ­
  indem  sie  Aktien  emittiert,  sie  kann  aber
auch  Schulden  machen,  indem  sie  z.  B.  Obligationen ­
  emittiert.  Die  Aktienbesitzer  erhalten  einen;
Anteil  am  Reingewinn,  während  die  Obligationenbesitzer
  Anspruch  auf  fixierte  Summen  haben.  Dem
Staat  steht  aber  nur  eine  dieser  beiden  Formen  zu!
Verfügung,  um  eine  «Betriebserweiterung»  durch'
zuführen:  die  der  Obligationenemission.  Der  Staat
kann  nicht  einzelnen  Individuen  einen  Anteil
am  Reingewinn  des  Staates  zusprechen,  da  er  ja
kein  Erwerbsunternehmen  ist,  welches  ein  Maximum
an  Reingewinn  anstrebt.  Es  würde  auch  dem  modernen ­
  Empfinden  widersprechen,  wenn  der  Gewim 1
eines  Krieges  in  Geld  berechnet  an  Aktionäre  zu!
Verteilung  käme.
Es  hat  aber  wohl  schon  Kriege  gegeben
deren  Erfolge  unmittelbar  in  Dividenden  zum  Ausdruck ­
  kamen;  dahin  gehören  z.  B.  die  Kriege  de!
ostindischen  Kompagnie,  die  ein  Privatunternehme! 1
war,  welches  Indien  als  Erwerbsobjekt  ausnützt«
und  aus  diesem  Grunde  Kriege  führte.  De f
Staat  kann  also  seinen  «Betrieb»  im  allgemeine! 1
nur  mit  Hilfe  von  Obligationenemissionen  erweitern. ­
  Der  Obligationenbesitzer  kann  au
diese  Weise  am  Gedeihen  des  Staates  Anteil  habet 1.
Soweit  der  Staat  Anleihen  vorwiegend  in  In
landsgeld  aufnimmt,  werden  die  Gläubiger  ih 1
inlande  sich  aufhalten.  Anleihen,  welche  im  Auslände ­
  begeben  werden,  liefern  im  allgemeine 11
Weltgeld  als  Erlös.  Die  Tatsache,  daß  eine  Inlandsanleihe ­
  in  Papiergeld  aufgenommen  wirv
besagt  noch  nichts  überden  RückzahlungsmoduS';
        <pb n="25" />
        11

Es  kann  Vorkommen,  daß  der  Staat  bei  der  Aufnahme ­
  der  Anleihe  Papier  erhält,  aber  sich  verpflichtet, ­
  die  Anleihe  in  vollwertigem  Metallgeld
zu  verzinsen  und  zurückzuzahlen.  1868  haben  zum
Beispiel  die  Nordstaaten  während  des  Sezessionskrieges ­
  eine  Anleihe  unter  diesen  Bedingungen
aufgenommen.
Es  kommt  auch  der  umgekehrte  Fäll  vor.
Ein  Staat  nimmt  die  Anleihe  ganz  oder  überwiegend ­
  in  Weltgeld  auf,  verpflichtet  sich  vielleicht ­
  sogar  auch,  sie  in  Weltgeld  zurückzuzahlen,
kann  dies  aber  dann  nicht  und  befriedigt  alle
Gläubiger  oder  zumindest  jene,  die  im  Inland
Wohnen,  mit  Zeichengeld.  Man  spricht  in  einem
solchen  Fall,  insbesondere  wenn  die  Kaufkraft
des  Zeichengeldes  gegenüber  dem  Weltgeld  sehr
gesunken  ist,  wohl  schon  von  einem  Staatsbankrott.
Ich  will  nun  den  Unterschied  anzudeuten
versuchen,  der  zwischen  den  Wirkungen  besteht,
Welche  Anleihen,  und  jenen,  welche  Steuern  zur
Böige  haben.  Die  Steuern  werden  in  ähnlicher
Weise  verteilt,  wie  etwa  die  allgemeine  Wehr-Pflicht.
  Jeder  wird  herangezogen,  es  wird  nicht
gefragt,  ob  einer  Geld  eben  flüssig  hat  oder  nicht.
Anders  bei  der  Anleihe.  Derjenige,  welcher  Geld
frei  hat,  wird  vielleicht  die  Gelegenheit  verwenden, ­
  es  zinstragend  in  Staatspapieren  anzulegen,
Während  ein  anderer,  der  möglicherweise  weit
reicher  ist,  kein  Bargeld  frei  hat,  oder  es  besser
&amp;gt;n  Fabriken  und  anderen  Unternehmungen  verwenden ­
  kann.  Wir  müssen  uns  ja  darüber  klar
s ein,  daß  die  Entziehung  großer  Geldsummen
durch  Kriegsanleihen  häufig  auf  Kosten  der  industriellen ­
  und  agrarischen  Produktion  erfolgt,
die  schwer  darunter  leiden  können.  Das  Aufnehmen ­
  von  Anleihen  wirkt  ähnlich  wie  das
Werben  von  Truppen  in  England.  Wie  ich
Sc hon  oben  erwähnt  habe,  werden  auf  diese
Weise  in  erster  Reihe  jene  Kräfte  herangezogen,
  die  in  der  Produktion  nicht  allzu
re ntabel  verwertet  werden  können.  Der  Feinmechaniker ­
  wird  vielleicht  zu  seinem  Arbeitgeber ­
  gehen  und  sagen:  Der  Staat  bietet  mir
e 'ue  bestimmte  Summe  für  den  Eintritt  in  die
Armee,  wenn  Ihr  nicht  mehr  gebt,  folge  ich
'kui.  Der  Arbeitgeber  hat  nun  die  Wahl.
Aehnlich  in  unserem  Fall;  der  Staat  bietet
hr  eine  bestimmte  Geldsumme  Zinsen,  derjenige,
Welcher  Geld  einem  andern  geliehen  hat,  kann
z ü  dem  Schuldner  kommen  und  sagen:  Der  Staat
bietet  mir  mehr,  wenn  du  den  Zins  nicht  erhöhst,
gebe  ich  ihm  das  Geld.  Der  Schuldner  kann  nun
berechnen,  ob  er  das  Geld  zu  dem  höheren  Zinssatz ­
  behalten  kann.
Wir  dürfen  aber  nicht  übersehen,  daß  durch
b'e  Anpassung  der  Anleihen  an  die  Rentabilität
zwar  Rentabilitätsstörungen,  wie  sie  bei  Steuern
Vorkommen,  etwas  verringert  sind,  daß  aber
Unternehmen,  welche  weniger  rentabel  sind
11  n b  daher  durch  Anleihenaufnahmen,  soweit
Sle  mit  kredidiertem  Gelde  arbeiten,  zunächst
getroffen  werden,  gesellschaftlich  oft  von  größter
Wichtigkeit  sind,  da  ja  die  Rentabilität  sich

keineswegs  mit  dem  öffentlichen  Nutzen
deckt.  Es  sind  dies  Probleme  sehr  prinzipieller
Natur,  die  ich  hier  nur  kurz  anzudeuten  vermochte.
Nicht  unwichtig  ist  auch  die  Erörterung  der
Frage,  wie  die  Aufnahme  von  Anleihen  auf  die
verschiedenen  Einkommenklassen  wirkt.  An  der
Kriegsanleihe,  die  meist  dem  Staat  nur  unter
harten  Bedingungen  gewährt  wird  —  wir  haben
gesehen,  welch  hohe  Zinsen  Oesterreich  für  seine
Anleihen  zusichern  mußte,  die  während  des  Balkankrieges ­
  aufgenommen  wurden  —  partizipieren
als  Gläubiger  in  erster  Reihe  die  wohlhabenden
Kreise  der  Bevölkerung,  während  die  Rückzahlung
und  die  Zahlung  der  Zinsen  die  gesamte  Bevölkerung ­
  belastet,  muß  doch  das  Hauptteil  dieser
Beträge  durch  allgemeine  Steuern  aufgebracht
werden.  Die  Aufnahme  solcher  Kriegsanleihen
kann  daher  zuweilen  die  Wirkung  ausüben,  daß
die  ärmere  Bevölkerung  in  erhebliche  Abhängigkeit ­
  von  der  reicheren  kommt.  Die  Steuern
werden  von  Armen  und  Reichen  gezahlt,  die
Reichen  bekommen  aber  einen  erheblichen  Teil
davon  zurückerstattet,  weil  sie  Staatspapiere  in
den  Händen  haben,  die  sich  übernormal  verzinsen.
Nach  der  Befreiung  Nordamerikas  kam  es
bereits  1790  zu  einem  Konflikt  zwischen  dem
Norden  und  dem  Süden.  Die  ärmeren  Südstaaten
beschwerten  sich  darüber,  daß  sie  ohne  jede
Entschädigung  Steuern  zahlen  mußten,  um
die  Kriegsanleihen  zu  zahlen,  während  die
reicheren  Nordstaaten  großen  Gewinn  erzielten,
zumal  es  sich  um  Anleihen  handelte,  die  weit
unter  dem  Nominale  zirkuliert  hatten  und  erst
nach  dem  Kriege  in  die  Höhe  gingen.  Damals
wurde  den  Südstaaten  als  Entschädigung  die
Gründung  der  neuen  Hauptstadt  Washington  in
ihrem  Gebiet  zugesichert,  die  so  ihren  Standort
Kriegsanleihen  verdankt.  Das  Gesagte  erhellt  zur
Genüge  aus  Tabelle  XI,  welche  ganz  schematisch
die  Belastung  durch  Kriegsanleihen  darstellt.  Wir
sehen,  wie  die  Regierung  während  des  Krieges
eine  5°/ 0 ige  Steuer  auferlegt  und  gleichzeitig  eine
10 0 / o ige  Anleihe  aufnimmt.  Von  den  600  Geldmengen, ­
  welche  auf  diese  Weise  hereinkommen,
müssen  aber  nur  500  zurückgezahlt  werden,  weil
ja  100  durch  Steuern  aufgebracht  werden.  Wenn
die  Rückzahlung  bereits  im  nächsten  Jahre  erfolgt, ­
  so  erhöht  sich  die  Summe,  welche  zurückgezahlt ­
  werden  muß,  auf  550  Geldmengen.  Wenn
wir  annehmen,  daß  die  Steuer  nicht  progressiv
ist  —  um  die  Tabelle  nicht  zu  komplizieren  —
so  kommen  wir  zu  dem  Ergebnis,  daß  zwar
auch  die  Reichen  einen  Teil  ihrer  Anleihezinsen
aufbringen  müssen,  aber  nur  einen  Teil,  der
Rest  trifft  die  übrige  Bevölkerung.  In  welchem
Ausmaß  dies  der  Fall  ist,  hängt  natürlich  davon
ab,  welche  Steuern  dazu  dienen  müssen,  Zinsen
und  Rückzahlung  zu  bestreiten.  Indirekte  Steuern
treffen  meist  die  ärmeren  Schichten  mehr  als
etwa  direkte.  Dies  sind  aber  Einzelheiten,  auf  die
ich  hier  nicht  näher  eingehen  kann.
Wir  sehen  daraus,  daß  wichtige  soziale  Veränderungen ­
  mit  der  Aufnahme  von  Anleihen  in
        <pb n="26" />
        12

co

7;

H
P
er
£.
re
X

Verbindung  stehen  können.  Dabei  muß  man  aber
noch  überdies  im  Auge  behalten,  daß  in  unserem!
Beispiel  die  Rückzahlung  der  Anleihe  rasch  erfolgte, ­
  also  solche  weniger  wohlhabende  Kreise!
die  Lasten  trugen,  die  den  Krieg  erlebt  hatten!
und  wohl  auch  den  Vorteil  erkannten,  der  für  sie!
schließlich  darin  bestanden  hatte,  daß  sie  nicht
während  des  Krieges  mit  einer  schweren  Kriegssteuer ­
  belastet  wurden.  Wenn  aber  zwischen  der
Rückzahlung  der  Anleihe  und  der  Aufnahme  ein!
langer  Zeitraum  liegt,  dann  kann  eine  Generation  j
mit  Verpflichtungen  belastet  sein,  welche  vielleicht
für  die  Verhältnisse  unter  denen  die  Anleihe  auf-]
genommen  wurde,  kein  rechtes  Verständnis  mehr!
hat  oder  gar  die  Ziele  des  Krieges,  zu  dessen:
Führung  die  Anleihe  aufgenommen  wurde  grund-l
sätzlich  verwirft.  Es  kann  dann  geschehen,  daß;
die  alten  Schulden  zu  schweren  inneren  Konflikten ­
  Veranlassung  geben  und  breite  Massen!
dazu  antreiben,  die  Verteilung  der  Lasten  wesentlich ­
  zu  ändern.  Es  gibt  daher  nicht  wenige  Politiker,!
welche  aus  diesem  Grunde  eine  zu  lange  Rückzahlungspflicht
  nicht  gutheißen,  soweit  es  sich  I
nicht  um  Erfolge  handelt,  welche  offenbar  den  ,
folgenden  Generationen  in  erheblichem  Maße  auch!
zugute  kommen.  Es  ist  nicht  dasselbe,  ob  die;
Nachkommen  für  einen  Damm  Annuitäten  und;
Zinsen  zahlen  müssen,  der  wie  in  Holland  ihr
Land  dauernd  vor  Schaden  bewahrt,  oder  für  eine;
politische  Maßnahme,  deren  Zweck  nur  kurze  Zeit;
gewürdigt  wird  und  vielleicht  auch  hur  von  einem
Teil  der  Bevölkerung.  Dies  sind  zwar  nur  psycho-  j
logische  Momente,  doch  sie  spielen  bei  Anleiheaufnahmen
  keine  unwichtige  Rolle.  Wenn  eine
Anleihe  dazu  dient,  direkt  oder  indirekt  die  Produktion ­
  anzuregen,  oder  die  Einkommen  eines!
Landes  sonstwie  zu  erhöhen,  so  kann  die  Rückzahlung ­
  und  Verzinsung  derselben  relativ  leicht
erfolgen.  Das  gilt  auch,  wenn  die  Anleihe  selbst
zwar  nicht  Produktion  anregt,  wohl  aber  zu  einer
Zeit  aufgenommen  wird,  in  der  ohnehin  das  Einkommen ­
  im  Anwachsen  begriffen  ist.  Anders,
wenn  die  Anleihe  zu  einer  Zeit  aufgenommen
wird,  in  der  die  Einkommen  zurückgehen  und  sie
die  Erwerbsverhältnisse  nicht  verbessern  hilft,
dann  bedeutet  die  Rückzahlung  eine  schwere  Last
und  hat  in  erster  Reihe  nur  Einkommensver-Schiebungen
  zur  Folge;  der  eine  Teil  der  Bevölkerung ­
  verliert,  was  der  andere  gewinnt.
Wenn  man  die  Anleihen  zu  berechnen  sucht,
welche  ein  künftiger  Weltkrieg  nötig  machen
könnte,  so  kommt  man  oft  zu  ungeheuerlichen
Ziffern.  Manche  Schriftsteller  glaubten  sagen  zU
können,  daß  die  Aufbringung  solcher  Geldmassen
unmöglich  sei  und  daß  diese  Tatsache  allein  einen
künftigen  Weltkrieg  unmöglich  mache.  Wie  ich
schon  mehrfach  erwähnte,  ist  letzteres  Argument
nicht  stichhaltig,  weil  ja  die  unmittelbare  Beschaffung ­
  der  zur  Kriegführung  nötigen  Mittel
immer  noch  übrig  bleibt,  aber  auch  was  die  ungeheure ­
  Gesamtsumme  anlangt,  so  muß  darauf
hingewiesen  werden,  daß  die  Anleihen,  welche  ein  I
        <pb n="27" />
        13

Krieg  notwendig  macht,  ja  nicht  auf  einmal  aufgenommen ­
  werden  und  daß  das  Geld,  welches
z.  B.  gelegentlich  einer  Inlandsanleihe  aufgenommen
wird,  in  kurzer  Zeit  wieder  in  den  Verkehr  zurückströmt ­
  und  neuerlich  von  der  Anleihepumpe
aufgesaugt  werden  kann.  Es  findet  ein  fortwährendes ­
  Zirkulieren  von  Geld  statt,  wie  wir  es
oben  bei  Besprechunn  des  Fullartonschen  Prinzips
kennen  gelernt  haben.  Die  schematische  Tabelle  XII
zeigt  dies  ganz  deutlich  :  Im  ersten  Zeitpunkt  produzieren ­
  die  Bürger  A,  B,  C  die  Produkte  a,  b,  c.
Jeder  von  den  dreien  habe  10  Notenmengen  und
eine  Produktenmenge.  Die  Regierung  habe  überhaupt ­
  kein  Geld.  Sie  nimmt  nun  eine  Anleihe  von
15  Notenmengen  auf.  Den  drei  Produktenmengen
stehen  wieder  30  Notenmengen  gegenüber,  wenn
jede  Produktenmenge  10  kostet,  so  wird  sich  der
Umsatz  etwa  in  der  Weise  gestalten,  daß  jeder
Bürger  dem  anderen  eine  halbe  Produktenmenge
abkauft,  der  A  dem  B,  der  B  dem  C,  der  C  dem
A  und  der  Staat  ebenfalls.  Nach  dem  Verkauf  besitzt ­
  jeder  Bürger,  wie  am  Anfang  wieder  10  Notenniengen,
  aber  nur  je  eine  halbe  Produktenmenge.
Die  Gesamtheit  der  Bürger  hat  dem  Staat  die
Hälfte  der  Güter  geliehen  u.  zw.  auf  dem  Umweg
über  Gelddarlehen  und  eine  Reihe  von  Kaufverträgen. ­
  Nun  werden  die  Güter  konsumiert  —  wir
Wollen  annehmen,  daß  es  sich  um  Nahrungsmittel
handle  —  und  die  Produktion  setzt  von  neuem
ein.  Darauf  beginnt  der  ganze  Prozeß  von  neuem.
Wenn  der  Prozeß  etwa  viermal  erfolgte,  beträgt
die  Gesamtsumme  der  Anleihen  60  Notenmengen,
das  ist  bereits  doppelt  so  viel  als  Noten  überhaupt ­
  vorhanden  sind.
4.  Steuern.
Es  kann  nicht  meine  Aufgabe  sein,  in  einem
kurzen  Abriß,  wie  dem  vorliegenden,  die  Steuerlehre ­
  darzustellen,  ich  kann  nicht  einmal  auf  alle
kriegswirtschaftlich  bedeutsamen  Momente  einzelnen ­
  und  muß  mich  damit  begnügen,  auf  ein
und  das  andere  hinzudeuten.  Steuern  können,
Wie  wir  gesehen  haben,  nur  im  Inlande  erhoben
Werden,  sie  setzen  ebenso  wie  die  Zeichengeldemission ­
  das  Hoheitsrecht  und  vor  allem  die
Hoheitsgewalt  des  Staates  voraus.  Die  Steuern
können  aber  sowohl  in  inländischem  Zeichengeld
als  auch  in  Weltgeld  bestehen.  Soweit  sie  Weltgeld ­
  hereinbringen,  werde  ich  auf  sie  im  nächsten
Hauptabschnitt  noch  zurückkommen.
Damit  Geldsteuern  einen  Ertrag  von  Bedeutung ­
  hereinbringen,  muß  entweder  ein  reger
Güterumsatz  oder  eine  rege  Schatzbildung  vorhanden ­
  sein.  Wenn  der  Staat  eine  Inlandssteuer
erhebt  und  sich  dafür  Waren  kauft,  so  hat  er
eigentlich  damit  die  Gesamtheit  der  Warenmengen
besteuert.  Er  hätte  aber  auch  unmittelbar  Waren
als  Steuer  einfordern  können.  Wir  werden  sehen,
daß  der  Staat  auch  durch  Emission  von  Noten
sich  einen  Teil  der  vorhandenen  Gütermenge
sichern  kann.  Es  fragt  sich  nun,  ob  man  nicht
immer  mit  Geldsteuern  zum  Ziele  kommt,  selbst
dann,  wenn  der  Güterverkehr  ein  geringer  und
die  Hauswirtschaft,  welche  das  konsumiert,  was

sie  produziert,  noch  sehr  verbreitet  ist.  Geldsteuern ­
  in  diesem  Falle  wirken  äußerst  ungünstig
auf  die  breiten  Massen  der  Bevölkerung,  sie
tragen  meist  dazu  bei,  einen  Teil  der  Bevölkerung
in  Abhängigkeit  von  einem  anderen  zu  bringen.
Dies  konnten  wir  sehr  gut  in  Bosnien  beobachten. ­
  Als  Oesterreich-Ungarn  1878  Bosnien
okkupierte,  schaffte  es  ohne  geeignete  Uebergänge
  die  früher  bestehende  und  dem  Bauern  angemessene ­
  Naturalsteuer  ab  und  ersetzte  sie
durch  eine  Geldsteuer,  die  zu  einer  schweren
Last  wurde.  Der  bosnische  Bauer  war  bis  dahin
nur  gelegentlich  dazugekommen,  seine  Bodenfrüchte ­
  kommerziell  zu  verwerten,  den  Zehent
zahlte  er  in  natura.  Eine  Naturalsteuer  kann  aber
begreiflicherweise  ein  Bauer  immer  zahlen,  indem
er  eben  einen  Teil  des  Fruchtertrages  abliefert.
Der  Bauer,  welcher  nun  zur  Geldsteuerzahlung
verpflichtet  war,  mußte  um  jeden  Preis  verkaufen. ­
  Wer  war  der  Abnehmer  für  ihn?  Der
Dorfkaufmann,  welcher  gleichzeitig  Geldgeber  der
Gegend  zu  sein  pflegte.  Diese  Kaufleute  nahmen
den  Bauern  die  Ernte  zu  ungünstigen  Bedingungen
ab  und  vieie  von  ihnen  benützten  wohl  die  Gelegenheit, ­
  allerlei  Nebengeschäfte  mit  ihnen  abzuschließen,
von  denen  ein  Teil  als  wucherisch  bezeichnet
werden  kann.  Da  zur  Zeit  der  Steuerzahlung  die
Bauern  viel  Getreide  auf  den  Markt  werfen
mußten,  sank  gerade  um  diese  Zeit  begreiflicherweise ­
  der  Preis  des  Getreides.  Auf  andere  Nachteile ­
  der  Geldsteuer  für  die  bosnische  Landwirtschaft ­
  will  ich  hier  nicht  näher  eingehen.  Wir
können  heute  überall  in  Bosnien  kleine  Landwirte ­
  in  Abhängigkeit  von  den  Dorfkrämern  antreffen, ­
  die  zum  größten  Teil  Serben  sind.  Wir
sehen  aus  diesem  Beispiel,  daß  eine  in  Geld  erhobene ­
  hohe  Kriegssteuer  in  manchen  Gegenden
Oesterreich-Ungarns,  wo  die  Hauswirtschaft  noch
eine  erhebliche  Rolle  spielt,  wie  z.  B.  im  Osten,
vielfach  nichts  anderes  zur  Folge  hätte,  als  eine
Verschuldung  bäuerlicher  Gruppen  an  die  üblichen ­
  Geldgeber,  die  der  Majorität  nach  kleine
Kaufleute  zu  sein  pflegen.  Man  kann  nicht  allgemein ­
  die  Geldsteuer  für  ein  Uebel  erklären  —
sondern  müßte  die  einzelnen  Gebiete  und  selbst
Gebietsteile  gesonderter  Beurteilung  unterziehen.
Es  kann  eine  Geldsteuer  in  Böhmen  sich  ausgezeichnet ­
  bewähren,  die  in  Bosnien  versagt.  Der  Schadenwird ­
  freilich  zuweilen  erst  spät  deutlich  merkbar.
Wenn  aber  der  Staat  aus  irgend  welchen
Gründen  den  Geldertrag  benötigt,  den  ihm  die
Geldsteuer  verschafft  und  er  daher  die  Naturalsteuer ­
  nicht  verwenden  will,  —  es  können  dabei
auch  technische  Momente  gegen  dieselbe  sprechen,
—  so  gibt  es  noch  immer  Mittel,  die  Härten  der
unmittelbaren  Geldsteuererhebung  durch  spezifische
Hilfsinstitutionen  zu  mildern.  Man  hat  auch  in
Bosnien  solche  geschaffen,  aber  freilich  erst  ein
Vierteljahrhundert  nach  der  Okkupation;  es  sind
dies  die  Bezirksgetreidespeicher,  die  1905  eingeführt ­
  wurden.  Sie  geben  dem  Bauer  die  Möglichkeit, ­
  sein  Getreide,  wenn  es  ihm  gut  dünkt,  einzulagern ­
  und  später  zu  veräußern.  Auch  kann  er
        <pb n="28" />
        Tabelle  XII.

Zirkulation  von  Anleihen

Zeitpunkt

Vorgang

Bürger

Regierung

A

B

C

t,

Produktion  von  a,  b,  c

a
10  Noten

b
10  Noten

c
10  Noten

—

t  2

Anleihe  von  15  Noten

a
5  Noten

b
5  Noten

c
5  Noten

15  Noten

^3

Bedarfsdeckung  der  Bevölkerung ­
  und  der  Regierung

b
2
10  Noten

c
10  Noten

a
X
10  Noten

a  b  c
2’  2’  2

t«

Konsum  von  a,  b,  c

10  Noten

10  Noten

10  Noten

—

t 5

Produktion  von  a,  b  c

a
10  Noten

b
10  Noten

c
10  Noten

/  ;

t«

Anleihe  von  15  Noten

a
5  Noten

b
5  Noten

c
5  Noten

15  Noten

t  7

Bedarfsdeckung  der  Bevölkerung ­
  und  der  Regierung

b
2
10  Noten

c
~2
10  Noten

a
~2
10  Noten

a  b  c
2’  2’  2

u

Konsum  von  a,  b,  c

10  Noten

10  Noten

10  Noten

—

t»

Produktion  von  a.  b,  c

a
10  Noten

b
10  Noten

c
10  Noten

=

usw.

usw.

usw.

usw.

usw.

USW.

auf  das  eingelagerte  Getreide  Vorschüsse  erhalten.
Es  ist  sofort  einleuchtend,  daß  eine  solche  Institution ­
  den  Bauer  vom  lokalen  Händler  unabhängig ­
  macht  und  zu  Beginn  der  Steuerreform
von  größtem  Segen  gewesen  wäre.  Diese  Speicher
können  das  Getreide  zu  geeigneter  Zeit  verkaufen ­
  und  der  Bauer  kann  seine  Geldsteuer
entweder  aus  dem  Erlös  oder  aus  den  ihm  gewährten ­
  Vorschüssen  bezahlen.  Es  ist  diese  Methode ­
  keine  Naturalbesteuerung,  sondern  eine
Geldbesteuerung  mit  zentralisierter  Veräußerung
der  Naturalien.  Daß  derartige  Einrichtungen  im
Kriegsfälle  besonders  geeignet  sind,  erhellt  schon
daraus,  daß  dann  der  Markt  oft  arg  verwirrt  ist
und  jede  Zentralisation  im  Interesse  aller  Kreise
liegt,  insbesondere  aber  auch  im  Interesse  der
Militärverwaltung,  die  in  den  Speichern  Reserven
vorfindet.  Uebrigens  hat  die  Militärverwaltung
diese  Speicher  auch  im  Frieden  mit  Vorteil  benützt, ­
  da  sie  aus  ihnen  Naturalien,  so  z.  B.  Hafer
in  großen  Quantitäten  bezieht.  Die  Ausschaltung
des  Zwischenhandels  kann  den  Landwirten  und
der  Armee  Gewinn  bringen.
Alle  diese  Möglichkeiten:  Geldsteuer,  Naturalsteuer, ­
  Geldsteuer  mit  zentralisiertem  Naturalienverkauf ­

  sowie  manche  andere  können  nebeneinander
  bestehen.  Die  üblichen  Steuersysteme
sind  ursprünglich  städtische  Steuern,  die  man
vielfach  ohne  ausreichende  Anpassung  aufs  Land
übertragen  hat.
Neben  den  angedeuteten  prinzipiellsten  Problemen ­
  gibt  es  noch  eine  ganze  Reihe  anderer,
die  von  erheblicher  Wichtigkeit  sind.  So  muß
man  z.  B.  die  Frage  erörtern,  wie  weit  direkte,
wie  weit  indirekte  Steuern  am  Platze  sind,  wie
weit  Besitzsteuern  —  mit  denen  z.  B.  England  j
im  Kriegsfälle  rechnet.  Für  die  soziale  Struktur
ist  dann  wieder  das  Ueberwälzungsproblem  bedeutsam, ­
  die  Feststellung,  welche  Steuern  und  in
welchem  Ausmaß  vom  ursprünglichen  Steuerzahler ­
  auf  den  eigentlichen  Steuerträger  über-  I
gehen.  Wenn  z.  B.  der  Hausherr  eine  Steuer  j
zahlen  muß,  überwälzt  er  sie  oft  ganz  oder  teilweise ­
  auf  den  Mieter,  indem  erdie  Mietzinse  erhöht.
5.  Schaffung  von  Zeichengeld.
Mit  Vorliebe  wird  in  großen  Kriegen  zur
Schaffung  von  Zeichengeld  geschritten,  um  die
nötigen  Mittel  für  die  Regierung  bereitstellen  zu
können.  Man  spricht  gemeinhin  davon,  daß  die
Notenpresse  in  Bewegung  gesetzt  wird,  obgleich
        <pb n="29" />
        15

dies  nicht  die  einzige  Methode  ist,  Zeichengeld  zu
erzeugen.  Soweit  man  die  gegenwärtige  Ordnung
der  Dinge  zu  überblicken  vermag,  muß  man  wohl
annehmen,  daß  in  einem  großen  Zukunftskrieg  die
Schaffung  von  Zeichengeld  eine  erhebliche  Rolle
spielen  kann.
I  Beginnen  wir  mit  der  Schaffung  von  Noten.
Dieselben  können  von  der  Bank  gedruckt  und  dem
Staat  geliehen  werden,  sie  können  auch  unmittelbar ­
  vom  Staat  ausgehen,  für  den  praktischen
Erfolg  ist  das  im  wesentlichen  dasselbe.  Wir
wollen  diese  Unterschiede  zunächst  vernachlässigen ­
  und  uns  fragen,  was  denn  überhaupt  die
Schaffung  von  Zeichengeld  bedeute  ?  Dadurch
daß  Geld  erzeugt  wird,  wird  ja  die  Menge  der
vorhandenen  Güter  zunächst  nicht  vermehit.  Um
alles  vorhandene  Geld  kann  man  ja  nie  mehr
j  Waren  kaufen,  als  auf  dem  Markte  vorhanden
sind.  Das  Drucken  von  Noten  verändert  daher  nur
die  Verteilung  der  Güter.  Betrachten  wir  die  Tabelle
XIII,  die  der  Tabelle  XII  nachgebildet  ist,  so
sehen  wir,  wie  die  Schaffung  von  Zeichengeld
durch  4ie  Regierung  im  Ausmaße  von  30  Notenmengen ­
  die  vorhandene  Geldmenge  verdoppelt.
Wenn  die  Regierung  keine  Noten  emittiert,  so
zirkulieren  die  Güter,  wie  dies  Fall  I  uns  zeigt.
Die  Produkte  a,  b,  c  kosten  je  10  Notenmengen.
Nun  kommt  die  Regierung  auf  den  Markt  und
im  Fall  II  stehen  den  drei  Warenmengen  60  Notenmengen ­
  gegenüber.  Wir  wollen  der  Einfachheit
halber  annehmen,  daß  die  Regierung  ebenfalls
von  jeder  Produktionsmenge  gleichviel  zu  kaufen
wünscht.  Die  Bürger  können  mit  30  Notenmengen
auftreten,  die  Regierung  ebenfalls  mit  30  Notenmengen. ­
  Es  ist  durchaus  verständlich,  wenn  die
Regierung  die  Hälfte  der  Waren  erhält,  die  andere ­
  Hälfte  die  Bürgerschaft.  Nach  Abwicklung
der  Kaufgeschäfte  zwischen  Bürgern  und  Regierung ­
  und  der  Bürger  untereinander  besitzt  jeder
Bürger  20  Notenmengen,  von  denen  10  von  einem
der  anderen  Bürger  herrühren,  10  von  der  Regierung. ­
  Der  Preis  der  Waren  ist  also  von  10
Notenmengen  auf  20  Notenmengen  gestiegen.
Es  fragt  sich  nun,  welche  soziale  Bedeutung
es  hat,  wenn  der  Staat  durch  eine  Notenemission,
wie  in  unserem  Falle,  die  Bürger  besteuert  —
denn  was  wir  hier  geschildert  haben,  läuft  schließlich ­
  auf  ein  50%ige  Besteuerung  hinaus  —  und
dadurch  die  Preise  in  die  Höhe  gehen.  Wir  setzen
dabei  zunächst  voraus,  daß  die  Notenemission
keine  Produktionsvermehrung  zur  Folge,  hat  oder
gerade  zur  Zeit  einer  Produktionsvermehrung  erfolgt, ­
  sondern  nehmen  an,  daß  die  Produktenmenge
vor  und  nach  der  Notenemssion  gleich  groß  ist.
Wenn  man  sieht,  daß  die  Waren  teurer  werden, ­
  die  Kaufkraft  des  Geldes  also  sinkt,  dann
hört  man  oft  Klagen  über  das  «schlechte»  Geld,
welches  nun  zirkuliert  und  es  gibt  nicht  wenige,
Welche  immer  wieder  hervorheben,  wie  notwendig
«gutes»  —  damit  meinen  sie  kaufkräftiges  —
Geld  für  die  Gesamtheit  sei.  Derartige  Aeußerungen
  findet  man  in  Zeitungen  aller  Richtungen,

auch  zuweilen  in  solchen,  deren  Leserkreis  eigentlich ­
  gar  nicht  am  «guten»  Geld  interessiert  ist.
Man  kann  nämlich  nicht  allgemein  sagen,  daß
die  Bevölkerung  gewinnt,  wenn  die  Kaufkraft  des
Geldes  steigt,  und  verliert,  wenn  die  Kaufkraft
des  Geldes  sinkt.  Wie  müssen  in  diesem  Falle,
wie  so  oft,  genau  differenzieren  und  die  Bevölkerung ­
  in  verschiedene  Gruppen  sondern.
Ich  will  das  an  einem  schematischen  Beispiel
erläutern.  Ich  trenne  die  Bevölkerung  zunächst  in
Gläubiger  und  Schuldner.  Zur  ersten  Gruppe
gehören  die  Banken,  welche  Hypothekenforderungen ­
  in  Händen  haben,  die  Kontokorrentkredite
gewährten  oder  andere  Ansprüche  an  Dritte  besitzen, ­
  zu  dieser  Gruppe  gehören  aber  auch  alle
Pensionisten,  alle  Witwen  und  Waisen,  die  bestimmte ­
  Rentenansprüche  haben,  zur  zweiten  Gruppe
gehören  alle  Hypothekenschuldner,  aber  zum  Beispiel ­
  auch  der  Staat,  der  die  Kupons  der  Staatspapierbesitzer ­
  bezahlen  muß.
Setzen  wir  nun  weiter  voraus,  die  Gläubiger
und  Schuldner  seien  produzierende  Individuen,
Industrielle  oder  Landwirte,  und  zwar  produziere
jeder,  wie  dies  auch  aus  Tabelle  XIV  zu  entnehmen
ist,  100  Stück  irgendwelcher  Güterart,  Tuch,
Getreide  usw.  Wir  nehmen  zunächst  an,  daß  die
Kaufkraft  m  sei  und  berechnen  für  den  Schuldner
nun  die  Selbstkosten,  den  Erlös  und  den  Reingewinn ­
  der  Produktion  vor  Abzug  der  Schulden.
Dann  subtrahieren  wir  die  Schulden  und  kommen
zum  Geldeinkommen  des  Betreffenden.  Dies  genügt ­
  uns  aber  nicht,  da  wir  ja  mit  Aenderungen
der  Kaufkraft  zu  rechnen  haben,  gestattet  doch
dasselbe  Geldeinkommen  bei  wachsender  Kaufkraft ­
  des  Geldes  mehr  Güter  zu  kaufen  als  bei
sinkender.  Den  einzelnen  Bürger  interessiert  es
aber  wenig,  wie  viel  Geld  er  einnimmt,  sondern
was  er  sich  dafür  kaufen  kann  —  die  Höhe
seines  Realeinkommens.  Wenn  alles  doppelt
so  teuer  geworden  ist  und  das  Geideinkommen
konstant  blieb,  so  ist  er  halb  so  arm  als  früher.
Ich  nehme  der  Einfachheit  halber  an,  daß  nur  ein
Konsumgut  in  Frage  steht,  dessen  Normalpreis
5  sei.  Wir  sehen,  daß  unter  den  von  uns  gemachten ­
  Voraussetzungen  das  Realeinkommen
des  Schuldners  6  Stück  beträgt,  wenn  wir  die
normale  Kaufkraft  m  annehmen.  Das  Realeinkommen ­
  des  Gläubigers  beträgt  dagegen  im
gleichen  Fall  14  Stück.  Ich  möchte  mit  besonderem
Nachdruck  darauf  hinweisen,  daß  bei  kriegswirtschaftlichenBetrachtungen
  dem  Realeinkommen
immer  besonderes  Augenmerk  zuzuwenden  ist.
Es  ist  immer  von  Wichtigkeit,  aber  man  kann
es  in  normalen  Zeiten  eher  vernachlässigen,  wenndie
  Preise  einigermaßen  konstant  sind,  nicht  aber
in  Kriegszeiten,  in  denen  die  Preise  stark
schwanken.  Freilich  ergeben  sich  bei  der  Feststellung ­
  des  konkreten  Realeinkommens,  das  sich
aus  vielen  Gütern  zusammensetzt,  prinzipielle
Schwierigkeiten,  auf  die  ich  hier  nicht  näher  eingehen
  kann.  Nun  denken  wir  uns  die  Kaufkraft  des
Geldes  auf  das  Doppelte  gestiegen.  Was  bedeutet
        <pb n="30" />
        H

16

Tabelle  XIII.

Notenemission  der  Regierung  ohne  Produktionsvermehrung ­


Fall

Zeit

Bürger

Regierung
emittiert
keine  Noten

A

B

C

t,

a
10  Noten

b
10  Noten

C
10  Noten

—

t 2

b
10  Noten

c
10  Noten

a
10  Noten

—

Fall  ll

Zeit

Bürger

Regierung
emittiert
30  Noten

A

B

c

t,

a
10  Noten

b
10  Noten

C
10  Noten

30  Noten

^2

b
2
20  Noten

c
2"
20  Noten

a
2
20  Noten

a  b  c
2"  2"  2“
!

das  für  den  Schuldner,  was  für  den  Gläubiger?
Der  Schuldner  erzielt  bei  der  Produktion  nur  die
Hälfte  des  früheren  Reingewinnes,  da  aber  die
Kaufkraft  des  Geldes  doppelt  so  groß  ist  als
früher,  so  würde  er  sich  dafür  geradesoviel  kaufen
kaufen  können  als  früher.  Der  Reingewinn  ist  auf
die  Hälfte  gesunken,  da  sowohl  Selbstkosten  als
auch  Erlös  auf  die  Hälfte  gesunken  sind.  Allgemeines ­
  Steigen  der  Kaufkraft  bedeutet,  daß  die
Preise  der  Rohstoffe  und  die  Löhne  sinken,  aber
ebenso  auch,  daß  die  Preise  der  Fertigfabrikate
sinken.  Alle  Preise  ändern  sich,  wenn  die  Kaufkraft ­
  sich  ändert,  die  Schulden  aber
bleiben  konstant!  Wer  vor  vielen
Jahren  eine  Schuld  kontrahierte,  als  die
Kaufkraft  des  Geldes  niedriger  war,  muß  die
Schuld  nach  ihrem  Nominalbetrag  zurückzahlen, ­
  obzwar  sie  heute  weit  mehr  bedeutet
als  früher.  Wir  sehen  in  unserem  Fall,  wie  das
Geldeinkommen  des  Schuldners  von  30  auf  5
fällt.  Nun  ist  zwar  die  Kaufkraft  des  Geldes  gestiegen, ­
  und  während  er  früher  für  das  Geldeinkommen ­
  5  sich  nur  ein  Stück  kaufen  konnte,
kann  er  sich  jetzt  zwei  kaufen,  aber  für  das
Geldeinkommen  30  erstand  er  früher  6  Stück,  so
daß  sein  Realeinkommen  in  unserem  Beispiel  um
66'6°/ 0  gefallen  ist.  Umgekehrt  sehen  wir,  daß
der  Gläubiger  einen  Gewinn  erzielt.
ln  analoger  Weise  können  wir  den  Fall  untersuchen, ­
  daß  die  Kaufkraft  des  Geldes  auf  die
Hälfte  sinkt,  etwa  unter  dem  Einfluß  einer  Notenemission ­
  im  Kriegsfall,  wie  wir  sie  oben  besprochen ­
  haben.  Da  die  Schuldsumme  unverändert
bleibt,  hat  der  Schuldner  einen  erheblichen  Gewinn, ­
  in  unserem  Falle  von  33'3 n / 0 .  Der  Gläubiger
dagegen  hat  einen  Verlust.  (Fortsetzung  folgt.)

Gewinn
oder
Verlust

Verlust
Gewinn

Gewinn
Verlust

Realeinkommen ­

in
Stück

O  CM  00

rh  OO  C0
T— 1  T-*  T—

Preis
der
Konsumgüter ­

pro
Stück

^  &amp;lt;N  ®

■
5
2-5
10

Geldein ­
 ­


30
5
80

70
45
120

Schulden
und
Forderungen ­


-20
-20
-20

oj  S  §
+  +  +

Reingewinn

im
ganzen

o  m  o
Ln  co  o
T- 1

50
25
*
100

pro
Stück

0-50
0-25
1-00

o  in  .  o
Ln  co  o
Ö  ©  T-Erlös



im
ganzen

1050
525
2100

1050
525
2100

pro
Stück

10-50
5-25
21-00

10-50
5-25
21-00
i

Selbstkosten
1

im
ganzen

1000
500
2000

1000
500
2000

pro
Stück

o  in  o
T-  CO

I  10
5
20

Anzahl  der
produzierten ­

Stücke

o  o  o
o  o  o

Q  O  O
o  o  o

Kaufkraft
der
Geldeinheit

E  E  Eh
CO

E  E  Eh
co

Person

jsupjnips

jagiqnpio
        <pb n="31" />
        Einführung  in  die  Kriegswirtschaftslehre.
(2.  Fortsetzung.)
Von  Otto  Neurath,  Wien.

Wir  sehen,  wie  wir  bei  derartigen  Erwägungen ­
  immer  das  Realeinkommen  ins  Auge  fassen
müssen.  Wie  ich  schon  flüchtig  erwähnte,  ist  das
in  der  Praxis  sehr  schwer  zu  bewerkstelligen,
Weil  die  Kaufkraft  des  Geldes  sich  verschiedenen
Waren  gegenüber  in  verschiedener  Weise  ändert
und  man  diese  Veränderungen  nicht  ohneweiters
addieren  kann.  Es  ist  eine  viel  diskutierte  Frage,
ob  man  überhaupt  eine  theoretisch  völlig  unzulässige ­
  Methode  angeben  kann,  welche  es  gestattet,
die  «Gesamtkaufkraft»  verschiedener  Zeitpunkte
miteinander  zu  vergleichen.
Auch  die  unmittelbare  Vergleichung  verschiedener ­
  Realeinkommen  macht  erhebliche,  prinzipielle ­
  Schwierigkeiten,  wenn  diese  Realeinkommen ­
  aus  verschiedenen  Bestandteilen  zusammengesetzt ­
  sind.  Es  kann  ja  z.  B.  das  Wohnen  teurer,
das  Essen  billiger  geworden  sein  und  daher  können ­
  sich  z.  B.  die  Wohnungsverhältnisse  verschlechtert, ­
  die  Nahrungsverhältnisse  verbessert
haben.  Wie  man  aber  die  Aenderung  im  ganzen
2 u  bewerten  hat,  kann  fraglich  bleiben.  Das  sind
aber  Probleme,  auf  die  ich  nur  hinweisen  wollte,
Um  zur  Vorsicht  zu  mahnen.
Nach  dem  Gesagten  ist  es  uns  ganz  klar
geworden,  daß  im  Falle  einer  Kaufkraftveränderung
  des  Geldes  die  Bevölkerung  nicht  als
e inheitlicher  Körper  betrachtet  werden  darf.  Wir
sehen  nun  auch,  wer  aus  dem  «guten»  Geld
Gewinn  zieht,  wer  in  seinem  Interesse  dafür  ernteten ­
  wird,  daß  die  Kaufkraft  des  Geldes  steigt;
es  sind  dies  vor  allem  die  Geldverleiher,  die
Bankiers,  daneben  aber  auch  andere  Bevölkerungs-Sruppen,
  deren  Interessen  mit  denen  der  Bankiers
sonst  keineswegs  zusammenfallen,  nämlich  die
Beamten.  Vor  allem  sind  es  jene  Beamtenschichten, ­
  die  nicht  verschuldet  sind.  Staatsbeamter ­
  und  Offizier  kann  im  allgemeinen  nicht
damit  rechnen,  daß  sein  Einkommen  entsprechend
d®r  Kaufkraftveränderung  geändert  wird.  Sinkt
d'e  Kaufkraft  des  Geldes,  so  findet  meist  nur
nach  vielen  Verhandlungen  und  sehr  langsam

eine  entsprechende  Erhöhung  der  Gehälter  statt.
Der  Staatsbeamte  ist  daher  während  längerer
Zeiträume  seinem  Einkommen  nach  mit  einem
Rentner  vergleichbar,  der  eine  unveränderliche
Geldsumme  erhält,  unabhängig  von  der  Kaufkraft
des  Geldes.  Der  Beamte  könnte  unabhängig  von
der  Kaufkraftveränderung  weiterleben,  wenn  sich
sein  Einkommen  wenigstens  im  großen  und
ganzen  der  Kaufkraft  anpassen  würde.
Der  Staatsbeamte  kann  nicht  so  leicht  Aenderungen
  der  Verträge  durchsetzen,  wie  etwa  der
Arbeiter.  Wenn  sich  die  Kaufkraft  des  Geldes  erheblich ­
  ändert,  so  kann  der  Arbeiter  durch  Streiks
seine  Position  verbessern.  Streiks  der  Beamtenschaft ­
  sind  im  großen  und  ganzen  praktisch  nicht
in  Rechnung  zu  ziehen,  zum  Teil  sind  sie  sogar
durch  eigene  Bestimmungen  unmöglich  gemacht
oder  sehr  erschwert.  Die  Staatsbeamten  und  Offiziere ­
  sind  daher  wesentlich  auf  die  Parlamente
angewiesen.  Alle  diese  Momente  sind  für  den
Kriegsfall  von  größter  Wichtigkeit.  Wenn  bestimmte ­
  Maßnahmen  die  Kaufkraft  des  Geldes
verändern,  kann  man  nie  mit  einer  einheitlichen
Wirkung  auf  die  gesamte  Bevölkerung  rechnen.
Kompliziert  werden  diese  Veränderungen  dadurch,
daß  manche  Beamte  und  Offiziere  verschuldet
sind  und  insoferne  an  der  sinkenden  Kaufkraft
des  Geldes  interessiert  sein  können-.
Es  ist  nach  dem  Gesagten  verständlich,  daß
es  zuweilen  agrarische  Kreise  sind,  welche  der
steigenden  Kaufkraft  des  Geldes  wenig  freundlich
gegenüberstehen  und  daher  Emissionen  von  Noten
oder  minderwertigem  metallischem  Zeichengeld
vielfach  begrüßen.  Es  hängt  dies  zum  Teil  damit
zusammen,  daß  ein  großer  Teil  der  Landwirte
hypothekarisch  belastet  ist  und  die  sinkende
Kaufkraft  ihnen  die  Abzahlung  der  alten  Schulden
erleichtert.  Wenn  daher  während  eines  Krieges
durch  Zeichengeldausgabe  die  Kaufkraft  des
Geldes  sehr  sinkt,  kann  dies  die  Entschuldung
der  Landwirte  fördern.
        <pb n="32" />
        2

Die  Wirkungen  der  Geldvermehrung  auf  die
Kaufkraft  sind  übrigens  nicht  an  das  Zeichengeld
gebunden,  sie  können  auch  bei  vollwertigem  Geld
auftreten.  Es  wäre  durchaus  denkbar,  daß  z.  B.
die  Goldausbeute  derart  zunimmt,  daß  in  Oesterreich-Ungarn ­
  durch  die  vermehrten  Prägungen
von  Zehn-  und  Zwanzig-Kronenstücken  die  Kaufkraft ­
  des  Geldes  abnimmt.  Wir  besitzen  in  dieser
Beziehung  bereits  wichtige  Erfahrungen.  In  den
Siebzigerjahren  des  19.  Jahrhunderts  wurde  in
Oesterreich  jedem,  der  Silber  in  die  Münze
brachte,  dasselbe  ausgeprägt,  das  heißt,  er  erhielt
für  eine  bestimmte  Menge  Silber  eine  bestimmte
Anzahl  Silbergulden,  so  wie  man  heute  für  ein  Kilogramm ­
  Gold  in  der  Münze  3274  K  in  Goldmünzen
österreichischer  oder  ungarischer  Prägung  erhält.
Als  nun  Ende  der  Siebzigerjahre  in  London  der
Silbermarkt  mit  Silber  überflutet  wurde,  sank
plötzlich  der  Silberpreis,  u.  zw.  so  tief,  daß  es
sich  rentierte,  in  London  mit  österreichischem
Geld  Silber  zu  kaufen  und  es  in  Wien  ausprägen
zu  lassen.  Man  erhielt  für  100  Gulden  mehr
Silber  in  London,  als  in  100  österreichischen
Gulden  Silber  enthalten  war.  Wie  erklärt  sich  diese
Erscheinung?  Sie  ist  nur  dann  verständlich,  wenn
man  sich  vor  Augen  hält,  daß  die  Kaufkraft  eines
Geldstückes  nicht  an  seinen  Metallgehalt  gebunden ­
  ist,  sie  kann  ebenso  groß  sein,  wie  die
Kaufkraft  des  Stückes  Metall,  das  in  der  Münze
enthalten  ist,  sie  kann  aber  auch  weit  größer
sein.
Ich  betone  nachdrücklich,  daß  diese  Anschauung ­
  von  der  Unabhängigkeit  der  Kaufkraft
auch  des  frei  ausprägbaren  Geldes  von  seinem
Metallgehalt  nicht  etwa  rein  theoretischen  Untersuchungen ­
  ihren  Ursprung  verdankt,  sondern
Ende  der  siebziger  Jahre  empirisch  beobachtet
wurde.  Die  Kaufkraft  des  Silberguldens  in  Oesterreich-Ungarn ­
  war  mit  dem  gesamten  Preisniveau
verknüpft,  mit  der  Eigenschaft  als  Zahlungsmittel
zu  dienen,  insbesondere  also  auch  als  Schuldentilgungsmittel. ­
  Silbergulden  waren  daher  gesucht,
während  man  mit  ungeprägtem  Silber  in  Oesterreich-Ungarn ­
  bei  Zahlungen  nichts  anfangen
konnte.
Eine  Zeit  lang  wurde  denn  auch  das  oben
geschilderte  Geschäft  gemacht,  man  kaufte  für
Gulden  Silber  und  prägte  es  aus.  Im  allgemeinen
geschah  dies  wohl  auf  dem  Umwege,  daß  man
in  Wien  englische  Devisen  kaufte  und  für  diese
dann  Silber  aus  London  bezog.  Dies  dauerte  aber
nicht  lange,  da  der  Staat  die  freie  Ausprägung
sistierte,  d.  h.  für  rohes  Silber  wurde  kein  bestimmter ­
  Preis  mehr  seitens  der  Münzstätte  bezahlt. ­
  Warum  tat  das  der  Staat?  Weshalb  ließ
er  nicht  die  Silberimporteure  weiter  verdienen,
zumal  er  selbst  Prägegebühren  erhielt?  Der  Grund
ist  u.  a.  darin  zu  suchen,  daß  die  Aufrechterhaltung ­
  der  freien  Prägung  zu  einer  Senkung  der
Kaufkraft  des  Guldens  führen  mußte.  Vor  der
großen  Silberausbeute  hatte  der  Silbergulden,
welcher  als  internationales  Zahlungsmittel,  wie
heute  das  Gold,  Verwendung  finden  konnte,

häufig  ein  Agio  gegenüber  dem  Papiergulden.  Als
nun  die  starken  Silberausprägungen  einsetzten,  verschwand ­
  dies  Agio,  da  ja  die  Kanfkraft  des
Silberguldens  größer  war  als  die  Kaufkraft  des
in  ihm  enthaltenen  Rohsilbers.  Silbergulden  und
Papiergulden  standen  nun  al  pari.  Zu  einem  Disagio ­
  der  Silberguldens,  das  von  Bedeutung  hätte
sein  können,  konnte  es  aber  nicht  kommen,  da
nicht  einzusehen  wäre,  warum  man  silbernes
Zeichengeld  niedriger  einschätzen  sollte  als  papierenes ­
  Zeichengeld.  Aber  es  blieb  noch  immer
die  Möglchkeit  übrig,  daß  die  Kaufkraft  beider
Geldsorten  gegenüber  ausländischem  Gelde  und
gegenüber  den  inländischen  Waren  sinken
konnte.  Der  gesamten  Warenmenge  standen  von
Tag  zu  Tag  größere  Geldmengen  gegenüber,  die
durch  die  freie  Ausprägung  immer  weiter  vermehrt ­
  wurden.  Freilich,  ins  Unendliche  hätte
dieser  Prozeß  nicht  angedauert.  Schließlich  wäre
die  Kaufkraft  des  österreichischen  Geldes  so  tief
gesunken,  daß  die  Kaufkraft  des  in  einem  Silbergulden ­
  enthaltenen  Rohsilbers  mit  der  des  Guldens ­
  zusammengefallen  wäre.  Gleichzeitig  mit  der
Kaufkraftsenkung  des  Silberguldens  in  Oesterreich-Ungarn ­
  wäre  eine  Erhöhung  des  Silberpreises ­
  in  London  infolge  der  Ankäufe  erfolgt,  so
daß  beide  Bewegungen  einander  entgegengekommen ­
  wären.
Dre  Staat  hätte  durch  die  Aufrechterhaltung
der  freien  Silberausprägung  eine  Verschiebung
der  Einkommensverhältnisse  zugelassen,  die
Schuldner  hätten  gewonnen,  die  Gläubiger  verloren. ­
  An  sich  könnte  ja  eine  solche  Veränderung
einmal  im  Interesse  des  Staates  gelegen  sein,
aber  nur  selten  wird  ein  Staat  so  schwerwiegende ­
  Veränderungen  von  äußerlichen  Einflüssen
abhängig  machen  wollen,  wie  es  in  diesem  Falle
die  Ereignisse  auf  dem  Londoner  Silbermarkt  gewesen ­
  wären.  Es  hätte  übrigens  bei  den  angedeuteten ­
  Umwälzungen  nicht  sein  Bewenden  gehabt. ­
  Durch  die  Bemühungen  englische  Devisen
in  Wien  zu  kaufen,  um  dafür  in  London  Silber
zu  erhalten,  trieben  die  Silberimporteure  die  englischen ­
  Devisenpreise  in  die  Höhe,  was  allen
jenen  schadete,  die  aus  England  Maschinen
oder  Rohstoffe  beziehen  und  sich  nun  englisches ­
  Geld  beschaffen  mußten,  um  diese  Importe ­
  zu  bezahlen.  Englisches  Geld  erhielten  sie
aber  durch  Ankauf  englischer  Devisen,  deren
Preis  durch  die  Silberausprägung  in  die  Höhe
ging.  Dadurch  würden  anderseits  aber  wieder  die
Exporteure  gewinnen,  sowie  alle  jene,  welche  im
Inlande  jene  Waren  erzeugten,  die  man  sonst  aus
England  zu  importieren  pflegte.  Jede  Erhöhung
der  englischen  Devisenpreise  wirkte  ähnlich  wie
ein  Schutzzoll.
Wir  sehen  aus  diesem  Beispiel,  welche  Folgen
kriegswirtschaftliche  Maßnahmen  nach  sich  ziehen,
die  auf  eine  Vermehrung  der  Geldmenge  hinauslaufen. ­
  Ich  konnte  aus  dieser  Fülle  von  Nebenwirkungen ­
  nur  einige  wenige  exemplifikativ
herausgreifen.
        <pb n="33" />
        3

Es  fragt  sich  nun,  wie  der  Staat  den  unerwünschten ­
  Nebenwirkungen  begegnen  soll,  welche
die  Ausgaben  neuer  Geldmengen  hervorrufen.  Wir
wissen  aus  den  Erörterungen  über  das  Fullartonsche
  Prinzip,  sowie  über  die  Zirkulation  der  Anleihen, ­
  daß  es  vor  allem  darauf  ankomme,  die
ins  Publikum  hinausgeströmten  Geldmengen  wieder
in  die  Staatskassen  oder  Notenbankkassen  zurückzupumpen. ­
  Das  ist  nun  nicht  immer  möglich,
und  man  begnügt  sich  zuweilen  damit,  nur  das
übermäßige  Anschwellen  der  Noten  zu  verhindern. ­
  Nach  dem  Jahre  1866,  als  Oesterreich-Ungarn
  zur  Aufrechterhaltung  der  staatlichen
Punktionen  Papiergeld  ausgeben  mußte,  half  man
sich  damit,  daß  man  die  Notenmenge,  welche
v om  Staat  emittiert  werden  durfte,  mit  312,000.000
kontingentierte.  Wieso  hatten  wir  nun  bei  Staatsnoten ­
  mit  solchen  Schwierigkeiten  zu  kämpfen?
Uies  rührt  daher,  daß  die  Banknoten  dann  emittiert ­
  wurden,  wann  der  Markt  Geld  benötigte
Und  daß  die  Emission  auf  dem  Wege  der  Kreditgewährung ­
  erfolgte,  also  ein  Rückströmen
garantiert  war,  während  der  Staat  dann  Noten
emittierte,  wann  er  selbst  Geld  brauchte,  unabhängig ­
  davon,  ob  auf  dem  Markte  Geldmangel
herrschte  oder  nicht.  Mit  der  Tatsache,  daß  die
Zahlungsmittel  aus  Papier  waren,  hatten  die
drohenden  Gefahren  nichts  zu  tun,  sondern  da-IT
 &amp;gt;it,  daß  ein  Mittel  fehlt,  die  Geldmengen  wieder
zurückzupumpen  —  pflegen  doch  Steuern  und
'nnere  Anleihen  in  solchen  Zeiten  zu  versagen. ­

Bei  Papiergeld  ist  die  Versuchung  zu  unaufhörlicher ­
  Emission  gegeben.  Silbergulden  kann  man
fiicht  schrankenlos  vermehren,  weil  man  das
Silber  erst  beschaffen  muß.  Papier  dagegen  ist
’u  beliebiger  Menge  vorhanden.  Wie  weit  man
darin  gehen  kann,  zeigt  die  französische  Assig-^atenwirtschaft
  in  der  Zeit  der  französischen  Rev
 olution.  1795  gab  Frankreich  Assignaten  bis  zum
betrage  von  75  Milliarden  aus.  Dieser  Vorgang
ist  durchaus  verständlich,  wenn  man  sich  vor
Augen  hält,  daß  durch  die  erste  Notenemission
bereits  die  Preise  sehr  erhöht  sein  können.  Wenn
n un  die  Möglichkeit  fehlt,  durch  Steuern  oder
Anleihen,  eventuell  durch  Kriegskontributionen
e inen  erheblichen  Teil  der  ausgegebenen  Gelder
Nieder  zurückzupumpen,  so  muß  der  Staat,  wenn
er  in  der  Folgezeit  dem  Markt  eine  ebenso  große
Güterquote  entnehmen  will,  wie  im  Jahre  vorher,
eine  größere  Notenmenge  emittieren  und  in  dieser
^eise  steigert  sich  die  Notenmenge,  welche
e mittiert  werden  muß,  selbst  dann,  wenn  der
Staatsbedarf  konstant  bleibt.
Wir  sehen,  daß  die  Notenemission  im  Kriegsschwere
  Störungen  hervorzurufen  vermag  und
es  fragt  sich,  ob  nicht  andere  Methoden  zweckmäßiger ­
  sein  können.  An  erster  Stelle  sei  die
Emission  von  Requisitionsbons  genannt.  Es  wäre
sehr  wichtig,  wenn  man  sich  eingehend  mit  dem
r °blem  beschäftigen  wollte,  wie  die  Ausgabe  von
Noten,  wie  die  Ausgabe  von  Requisitionsbons
Wirke.

Während  das  Balkankrieges  waren  beide  Methoden ­
  zu  beobachten.  Die  Serben  suchten  möglichst
mit  Noten  zu  bezahlen,  während  die  Bulgaren
bereits  im  Anfang  des  Krieges  Requisitionsbons
als  Zahlungsmittel  an  die  Bevölkerung  verwendeten. ­
  Ich  will  von  den  psychologischen  Wirkungen ­
  absehen.  Die  Zahlung  mit  Noten  macht  auf
die  Bevölkerung  meist  einen  besseren  Eindruck,
als  die  Zahlung  mit  Requsitionsbons.  Der  Requisitionsbon ­
  unterscheidet  sich  dadurch  von  der
Note,  daß  er  zunächst  kein  gesetzlich  anerkanntes
Zahlungsmittel  ist.  Der  Bauender  Industrielle,  der
Kaufmann,  welcher  Requisitionsbons  erhält,  hat
damit  ein  Forderungsrecht  an  den  Staat  erworben, ­
  das  er  nach  dem  Kriege  geltend  macht.  Da
der  Bon  kein  gesetzliches  Zahlungsmittel  ist,
hat  ein  Bauer,  der  einen  auf  20  Francs  lautenden
Bon  hat,  nicht  die  Sicherheit,  daß  der  Kaufmann
ihn  mit  20  Francs  in  Zahlung  nimmt.  Der  Kaufmann ­
  wieder  kann  ihn  schwer  zu  20  Francs  in
Zahlung  nehmen,  weil  er  nicht  weiß,  wie  ihn  der
Lieferant  annimmt.  Die  Zirkulation  der  Bons  wird
daher  erschwert  sein  und  wer  nicht  unbedingt
muß,  wird  die  Bons  aufzuheben  trachten.  100.000
Francs  Requisitionsbons  werden  daher  auf  dem
Markte  nicht  dieselbe  Wirkung  ausüben,  wie
100.000  Francs  Noten.  Wenn  die  Requisitionsbons
innerhalb  einer  Bevölkerung  ausgegeben  werden,
die  überhaupt  zuwarten  kann,  kommen  die  Bons
überhaupt  nicht  in  die  Zirkulation.  Sie  sind
Schatzscheinen  vergleichbar,  die  der  Staat  zwangsweise ­
  der  Bevölkerung  aufgedrängt  hat,  um  dafür
Naturalien  zu  erhalten.  Nur  wenn  der  Requisitionsbon ­
  gesetzlich  anerkanntes  Zahlungsmittel  wird,
unterscheidet  er  sich  kaum  mehr  von  der  Note.
Dies  geschah  zum  Beispiel  während  des  nordamerikanischen ­
  Sezessionskrieges.
Der  Requisitionsbon  ist  dann  eigentlich  eine
von  den  Militärbehörden  ausgegebene  Note,  die
gelegentlich  von  Requisitionen  ausgegeben  wird.
Wir  sehen,  daß  es  von  dem  Bargeldbedarf  der
Bevölkerung  abhängt,  wie  die  Emission  von  Requisitionsbons ­
  wirkt.  Sind  die  Leute  genötigt,  die
Bons  unter  dem  Nominale  als  Zahlungsmittel  zu
veräußern,  so  bedeutet  das  für  sie  eine  schwere
Schädigung.  Den  Gewinn  haben  dann  die  letzten
Inhaber  der  Requisitionsbons,  denen  dieselben  nach
Schluß  des  Krieges  zum  Nominale  eingelöst  werden, ­
  wenn  nicht  ein  Staatsbankerott  dies  etwa
verhindern  sollte.
Nun  könnte  man  darauf  hinweisen,  daß  zwar
durch  die  Emission  von  Requisitionsbons  die
Menge  der  Zahlungsmittel,  falls  sie  in  der  ersten
Hand  verbleiben,  nicht  augenblicklich  vermehrt
würde,  wohl  aber  nach  dem  Kriege,  wenn  die
Einlösung  einsetzt.  Dagegen  ist  zu  bemerken,  daß
nach  Abschluß  des  Krieges  im  allgemeinen  eine
Periode  aufsteigender  Produktion  beginnt.  Die
gesteigerte  Geldmenge  trifft  mit  einer  wachsenden ­
  Produktenmenge  zusammen.  Außerdem  hat
es  die  Regierung  in  der  Hand,  die  Einlösung  sukzessive ­
  vorzunehmen,  etwa  den  Ausgabemonaten
der  Requisitionsbons  entsprechend.  Ich  will  mich
        <pb n="34" />
        —  4  -

mit  diesen  Anregungen  begnügen,  ohne  zu  einem
endgültigen  Urteil  über  die  Verwendbarkeit  der
Bons  in  großem  Maßstabe  zu  kommen.
Zum  Schluß  will  ich  noch  darauf  hinweisen,
daß  die  Schaffung  von  Zeichengeld  nicht  auf  die
Emission  von  Noten  aus  Papier  oder  Metall  beschränkt ­
  ist.  Es  kann  auch  girales  Geld  im  Kriegsfall ­
  geschaffen  werden,  indem  sich  der  Staat
Konten,  zum  Beispiel  bei  der  Notenbank,  eröffnen
läßt,  ohne  eine  Gegenleistung  dafür ­
  zu  gewähren.  Diese  Schaffung  von
Girogeld  ist  der  von  Noten  durchaus  verwandt.
Wir  können  uns  denken,  daß  der  Staat  Girozahlungen ­
  auf  Grund  dieser  Konten  leistet  und  sich
so  Güter  beschafft.  Es  kann  dies  Girogeld  dauernd
als  Girogeld  in  der  Zirkulation  bleiben,  wenn  z.
B,  durch  ein  Gesetz  verfügt  wird,  daß  eine  Abhebung ­
  der  Konten  in  Papier  oder  Metall  unzulässig ­
  ist.  Wir  hätten  dann  uneinlösliches  Girogeld ­
  vor  uns,  das  den  uneinlöslichen  Noten
entspricht,  die  uns  allen  vertraut  sind.  Ueber  die
Bedeutung  des  uneinlöslichen  Girogeldes  im  Kriegsfall ­
  werde  ich  im  Zusammenhang  mit  anderen
Problemen  noch  weiter  unten  Näheres  ausführen.
Beschaffung  von  Weltgeld.
1.  Allgemeines.
Ich  habe  in  der  bisherigen  Darstellung  das
im  Inlande  auf  Grund  der  Staatsintervention
zirkulierende  Zeichengeld  scharf  vom  Weltgelde
geschieden.  Wie  ich  in  den  Erörterungen  über  das
Wesen  des  Geldes  zu  zeigen  mich  bemühte,  ist
das  Zeichengeld  eine  Institution,  welche  weit  mehr
gesellschaftliche  Organisation  voraussetzt,  als  das
Weltgeld.  Das  Weltgeld  ist  organisatorisch  primitiver. ­
  Komplizierter  und  technisch  interessanter
sind  erst  wieder  dieMethoden,  wie  Inlandsgeld ­
  in  Weltgelt  umgewandelt  werden  kann.  Ich
habe  die  Besprechung  derselben  absichtlich  für
den  Abschnitt  über  das  Weltgeld  aufgespart,  um
die  Trennung  der  beiden  Geldarten  möglichst
markant  hervortreten  zu  lassen.
Wenn  wir  von  Weltzahlungsmitteln  im  allgemeinen ­
  sprechen,  so  meinen  wir  damit  heute
nicht  nur  Gold  und  Goldmünzen,  sondern  auch
Anweisungen  auf  Gold,  z.  B.  Golddevisen  oder
Schecks  auf  Länder  lautend,  welche  jederzeit
Noten  in  Gold  einlösen.  Bin  ich  im  Besitz  einer
englischen  Devise,  so  kann  ich  für  dieselbe  vom
Verpflichteten  am  Fälligkeitstage  englische  Noten
bekommen,  für  die  mir  die  Bank  von  England
wieder  jederzeit  Goldmünzen  auszahlt.  In  ähnlicher ­
  Weise  ist  z.  B.  auch  die  deutsche  Devise
eine  Gokldevise,  während  z.  B.  eine  Devise,  auf
Wien  lautend,  welche  ein  Kaufmann  in  Berlin
kauft,  ihm  nicht  die  Sicherheit  gibt,  dafür  Goldmünzen ­
  zu  erhalten,  wohl  aber  kann  er,  wie  wir
sehen  werden,  für  dieselbe  englische  oder  deutsche
Devisen  oder  Schecks  erhalten,  also  auf  einem
Umwege  doch  wieder  Gold.  Die  österreichischungarische ­
  Bank  kann  solche  Schecks  abgeben,
weil  sie  im  Auslande  Goldguthaben  besitzt,  auf

die  ich  noch  zurückkommen  werde.  Ich  möchte
aber  darauf  hinweisen,  daß  manche  der  Auslandsguthaben ­
  auch  Silberguthaben  sein  können,  so
z.  B.  wenn  die  Bank  ein  Guthaben  in  Mexiko
besitzt,  welches  die  Silberwährung  hat.
Die  Weltzahlungsmittel,  vor  allem  Gold,  aber
auch  Golddevisen  und  Goldschecks,  die  im  Kriegsfälle ­
  benötigt  werden,  stammen  in  erster  Reihe  aus:
a)  Kriegsschätzen,
b)  Anleihen,
c)  Steuern.
Die  Schaffung  von  Inlandszahlungsmitteln,
welche  wir  im  vorhergehenden  Hauptabschnitt  besprochen ­
  haben,  findet  natürlich  hier  keine
Analogie.
2.  Kriegsschatz.
Bei  den  für  den  Kriegsfall  bereitstehenden
Weltzahlungsmitteln  ist  es,  wie  schon  erwähnt,  von
untergeordneter  Wichtigkeit,  ob  sie,  wie  in  Deutschland, ­
  zu  einem  gewissen  Teil  unter  der  ausdrücklichen ­
  Bezeichnung  «Kriegsschatz»  im  Juliusturm
angesammelt  sind  oder  sich,  wie  bei  uns,  vorwiegend ­
  in  den  Kassen  der  österreichisch-ungarischen ­
  Bank  befinden.  Auch  die  russische  Notenbank ­
  weist  erhebliche  Goldbestände  auf,  die  im
Kriegsfall  große  Dienste  leisten,  auch  dann,  wenn
sie  nicht  von  der  Regierung  unmittelbar  angetastet
  werden,  sondern  vorwiegend  dazu  dienen,
die  internationalen  Zahlungsbeziehungen  aufrechtzuerhalten.
  Ein  großer  Goldschatz  stärkt  an  und
für  sich  das  Prestige,  weshalb  er  heute  von  den
Banken  sehr  sorgfältig  gehütet  wird.
Die  Bedeutung  des  Goldschatzes  ergibt  sich
aus  den  Beziehungen  desselben  zur  gesamten
Währung.  Als  Oesterreich-Ungarn  1892  zur  Goldwährung ­
  überging,  geschah  dies  nicht  deswegenweil
  an  sich  die  Zirkulation  goldener  Münzen  im
Inlande  besser  wäre,  als  die  Zirkulation  von
Papiergeld.  Bis  zum  Jahre  1892  hatte  Oesterreich-Ungarn
  eine  Zeichengeldwährung,  da  sowohl  di e
Noten,  als  auch  der  Silbergulden,  dessen  frei 6
Ausprägung,  wie  wir  oben  gesehen  haben,  eingestellt ­
  worden  war,  Zeichengeld  waren.  Die
Währungsreform  von  1892  war  nicht  etwa  dadurch
besonders  bedeutsam,  daß  nun  «Gold»  als
Zahlungsmittel  eingeführt  wurde,  sondern,  daß
dasselbe  Währungsmetall  ei'n  geführt ­
  wurde,  welches  die  andereh
großen  Staaten  benützen.  Daß  man
aber  in  der  ganzen  Welt  daran  ging,  von  der
Silberwährung  zur  Goldwährung  überzugehen,;
hing  mit  den  großen  Silberausbeuten  zusammen  l
und  den  dadurch  hervorgerufenen  Veränderungen
aller  Preise.  Wenn  heute  massenhaftes  Gold  gefunden ­
  würde,  könnte  dies  ebenfalls  eine
plötzliche  Preisveränderung  erzeugen  und  den
Uebergang  zu  einem  anderen  Währungsmetall
veranlassen.
Wie  wirkt  nun  die  Gleichheit  desWährungsmetalles
  auf  den  internationalen  Handel?  Wenn
man  von  einem  Staat  sagt,  er  habe  Goldwährung»
        <pb n="35" />
        5

so  meint  man  damit  in  erster  Linie,  daß  er  jederzeit ­
  Gold  ankauft.  Wenn  jemand  in  Oesterreich-Ungarn
  ein  Kilogramm  Gold  besitzt,  kann  er
jederzeit  bei  der  österreichischen  oderungarischen
Münze  3274  K  in  Goldmünzen  österreichischer
oder  ungarischer  Prägung  erhalten,  oder  bei  der
österreichisch-ungarischen  Bank  3278  K  in  Noten.
Uiese  Differenz  von  4  K  stellt  eine  Art  Prämie
dar,  welche  dazu  dient,  die  Verkäufer  von  Gold
zu  veranlassen,  lieber  Noten  statt  Goldmünzen
zu  akzeptieren.  Sie  dient  der  Goldsammlungspolitik
  der  Notenbank.
Wenn  man  aber  für  ein  Kilogramm  Gold  immer
a uf  Grund  gesetzlicher  Bestimmungen  einen  bestimmten ­
  Preis  ausbezahlt  erhält,  so  bedeutet  das,
daß  in  Wien  oder  in  Budapest  auf  dem  Gold-^arkt
  der  Preis  des  Kilogramm  Goldes  nicht
Unter  3278  K  sinken  kann.  Denn  wer  würde  einem
änderen  das  Kilogramm  Gold  unter  3278  K  ab-Seben,
  wenn  er  von  der  Notenbank  3278  K  erhält? ­
  Der  Staat  kann  so  den  Goldpreis  konstant
^halten,  wie  er  etwa  den  Eisenpreis,  den  Rohöl-Preis
  oder  den  Preis  irgend  einer  anderen  Ware
konstant  erhalten  könnte.

Derartige  Maßnahmen,  um  irgend  welche
Preise  konstant  zu  erhalten,  sind  zu  allen  Zeiten
[^gekommen,  es  fragt  sich  immer  nur  in  wessen
'uteresse.  Alle  derartigen  Vorkehrungen  sind  zuweilen ­
  von  erheblicher  kriegswirtschaftlicher  und
Unlitärwirtschaftlicher  Bedeutung.  Die  Chinesen
haben  in  alten  Zeiten  z.  B.  den  Reispreis  kontant ­
  zu  erhalten  gesucht.  Der  Reis  ist  dort  das
hlauptnahrungsmittel  und  die  Konstanterhaltung
de s  Reispreises  daher  von  erheblicher  gesellschaftucher
  Wichtigkeit.  Durch  die  Preisregulierung
konnte  die  Regierung  einerseits  den  Reisbauern
hälfen,  andererseits  den  Reiskonsumenten.  Wenn
här  Reispreis  erheblich  sank,  und  die  Reisbauern
|u  Gefahr  kamen,  kaufte  die  Regierung  solange
“eis  an,  bis  sie  den  Preis  genügend  gehoben
hatte  und  lagerte  die  Frucht  in  Speichern  ein,  die
teils  für  Provinzen,  teils  für  das  ganze  Reich  benimmt ­
  waren.  Stiegen  die  Preise  sehr  an,  so
^Urde  Reis  aus  den  Reichs-Reispreis-Ausgleichungss
 Peichern  wieder  abgegeben.

Eine  solche  Preisausgleichung  ist  natürlich
p dr  dann  möglich,  wenn  gute  mit  schlechten
Cr oten  in  mäßigen  Zwischenräumen  abwechseln.

ki

Oe  ähnliche  Einrichtung  bestand  um  die  Mitte
s  19.  Jahrhunderts  in  Paris.  Um  den  Brotpreis

'onstant  zu  erhalten,  wurde  eine  Zwangskasse

für

die  Bäcker  errichtet.  Wenn  der  Mehlpreis

|  J. ied rig  war,  mußten  die  Bäcker  einen  Teil  des
|  ^Winnes  in  die  Kasse  abführen.  Dafür  erhielten

Sie

wieder  einen  Zuschuß  aus  der  Kasse,  wenn

,  *-&amp;gt;l-*^'-**  WV.1  l\UOOC,  WV-AU»
Mehlpreis  hoch  war  und  sie  dennoch  das
r °l  zum  alten  Preis  abgeben  mußten.
„  Die  Regierung  des  brasilianischen  Staates
,  ‘  Paolo  hat  in  der  jüngsten  Zeit  die  Kaffeepreise
l ?  Interesse  der  Produzenten  beeinflußt,  indem
le  große  Kaffeemassen  einlagerte  und  dann  sukpässive
  verkaufte.  Wir  sehen,  daß  es  in  all  diesen
a Uen  darauf  ankam,  Reservoirs  zu  schaffen,  im

ersten  und  dritten  Fall  aus  Naturalien,  im  zweiten
aus  Geld  bestehend.  Was  man  in  solcher  Art  beim
Reispreise  oder  dem  Kaffeepreise  tun  kann,  ver  ­
mag  man  natürlich  auch  beim  Goldpreise  zu  tun
Für  den  internationalen  Zahlungsverkehr  ist  die-Konstanz
  des  Goldpreises  in  österreichischen  oder
ungarischen  Kronen  von  erheblicher  Wichtigkeit.
Wenn  nämlich  der  Preis  des  Kilogramm  Goldes
konstant  ist,  dann  ist  auch  der  Preis  konstant,
den  die  österreichisch-ungarische  Bank  für  deutsche ­
  Mark,  französische  Franken  und  andere  Goldmünzen ­
  zahlt.  In  2790  Mark  ist  ebenso  ein  Kilogramm ­
  Feingold  enthalten,  wie  in  3280  Kronen
österreichischer  oder  ungarischer  Goldmünzen  —
wer  ein  Kilogramm  Gold  verkauft,  erhält  weniger,
weil  die  sogenannte  Prägegebühr  abgezogen  wird,
die  für  die  österreichisch-ungarische  Bank  2  Kronen
für  die  österreichische  und  ungarische  Münze
6  Kronen  beträgt.  Besitzt  jemand  2790  Mark  in
Gold,  die  nicht  abgenützt  sind,  so  weiß  er,  daß  er
für  dieselben  3278  Kronen  bei  der  österreichischungarischen ­
  Bank  in  Noten  oder  3274  Kronen
bei  der  Münze  in  Gold  erhält.  Die  Tatsache  der
freien  Ausprägung  von  Gold  sichert  also  der
deutschen  Mark  in  Gold  einen  bestimmten  Preis
in  Kronen,  solange  die  diesbezüglichen  gesetzlichen ­
  Bestimmungen  gelten.  Diese  Preiskonstanz
ist  nicht  etwas  der  Goldmaterie  Eigentümliches,
sondern  ein  Produkt  der  Gesetzgebung.  In  derselben ­
  Weise,  wie  Oesterreich-Ungarn  deutsche
Goldmünzen  als  Gold  ankauft,  kauft  nun  Deutschland ­
  österreichische  und  ungarische  Goldmünzen  an.
Praktisch  stellt  sich  die  Sache  aber  ein  wenig
anders;  wenn  ein  Deutscher  in  Oesterreich-Ungarn
eine  Zahlung  im  Betrage  von  3278  Kronen  zu
leisten  hat,  da  genügt  es  nicht,  wenn  er  2790
Mark  in  Gold  besitzt.
Dieser  Betrag  würde  ihm  die  3278  Kronen
erst  dann  verschaffen,  wenn  er  sich  bei  einem
Gold  kaufenden  Schalter  der  österreichisch-ungarischen ­
  Bank  befände.  Nun  lebt  er  aber  in  Berlin.
Er  müßte  daher  das  Gold  in  ein  Kistchen  packen,
müßte  die  Versandspesen  in  Rechnung  stellen,
ebenso  die  eventuelle  Versicherungsprämie  und
da  der  Transport  auch  einige  Zeit  dauert,  den  inzwischen ­
  erlittenen  Zinsenverlust.
Dabei  hätte  er  darauf  zu  achten,  daß  die
Goldmarken  nichtabgenützt  sind.  Denn  während  im
nationalen  Verkehr  auch  Mark  gelten,  die  abgenützt ­
  sind  —  sie  verhalten  sich  dann  ähnlich  wie
Zeichengeld  —  gelten  im  internationalen  Verkehr
nur  solche  für  voll,  die  keinen  Gewichtsverlust
aufweisen.
In  Wirklichkeit  wird  der  größere  Teil  der
Zahlungen  zwischen  Oesterreich-Ungarn  und
Deutschland  aber  nicht  in  der  Weise  erledigt,  daß
man  Gold  effektiv  verschickt,  sondern  mit  Hilfe
von  Devisen.  Der  Deutsche  kauft  in  Berlin  eine
auf  Wien  lautende  Devise.  Diese  Devise  kann
verschieden  im  Preis  stehen.  Kommt  sie  höher
als  der  effektive  Goldversand,  dann  würde'man
diesen  vorziehen,  d.  h.,  so  lange  die  Deutschen
        <pb n="36" />
        6

genug  Goldmarken  in  der  Hand  haben,  die  sie  verschicken ­
  können,  kann  der  Devisenkurs  nicht  über
jenen  Punkt  hinaussteigen,  der  durch  die  Versandkosten ­
  und  die  Einlösungskosten  des  Goldes
in  Oesterreich-Ungarn  gegeben  erscheint.  Man
nennt  diesen  Punkt  den  oberen  Goldpunkt  für  den
Goldexport.  In  gleicher  Weise  existiert  ein  Punkt,
wo  es  dem  Oesterreicher  oder  Ungarn,  der  genügend ­
  Gold  in  der  Hand  hat,  zweckmäßig  erscheint, ­
  Gold  nach  Deutschland  zu  importieren,
statt  deutsche  Devisen  zu  kaufen  ;  das  ist  dann
der  untere  Goldpunkt  für  den  Goldimport  nach
Deutschland,  d.  h.,  dadurch,  daß  zwei  Länder
Gold  und  damit  auch  Goldmünzen  ankaufen,  ist
für  die  Kursschwankungen  der  Devisen  eine  obere
und  eine  untere  Grenze  gegeben,  solange  in  beiden
Ländern  die  ans  Ausland  zahlenden  Kaufleute  genug ­
  Goldmünzen  in  der  Hand  haben.
Der  letzte  Zusatz  ist  wichtig.  Wenn  ein
deutscher  Kaufmann  nur  Marknoten  hat,  so  kann
er  sich  jederzeit  Gold  bei  der  Deutschen  Reichsbank ­
  besorgen,  da  dieselbe  verpflichtet  ist,  die
Marknoten  in  Gold  einzulösen.  Das  Gleiche  gilt
aber  nicht  für  Oesterreich-Ungarn,  denn  die  Notenbank ­
  der  Monarchie  ist  nicht  verpflichtet,  für  die
Noten  Gold  herzugeben,  obgleich  diese
Verpflichtung  auf  jeder  Note  aufgedruckt ­
  ist.  In  dem  gleichen  Statut,  welches ­
  die  Bank  verpflichtet,  auf  jede  Note  aufzudrucken, ­
  daß  sie  in  Metallgeld  eingelöst  wird,
befindet  sich  ein  Paragraph,  der  die  Bank  von
dieser  Verpflichtung  entbindet.  Das  ist  historisch
zu  erklären.  Man  nahm  an,  daß  der  Zustand  der
fehlenden  Barzahlung  nur  ein  provisorischer  sei.
Aber  selbst  wenn  die  österreichisch-ungarische
Bank  die  Barzahlungen  aufnehmen  würde,  könnte
der  Kaufmann  nicht  damit  rechnen,  Gold  zu  erhalten, ­
  da  ihm  die  Bank  jederzeit  Silbergulden
aufdrängen  könnte,  weil  Silbergulden  —  obgleich
sie  Zeichengeld  sind  —  in  unbeschränkter  Menge
in  Zahlung  genommen  werden  müssen,  ohne
daß  man  für  sie  Goldmünzen  erhalten  könnte.
Da  nun  Oesterreich-Ungarn  dem  Kaufmann
der  eine  Zahlung  nach  Deutschland  zu  leisten
hat,  kein  Gold  zur  Verfügung  stellt  und  wenig
Gold  im  Umlauf  ist,  kann  der  Kaufmann  in
Oesterreich-Ungarn  nicht  wie  der  Deutsche  erklären: ­
  «wenn  der  Devisenkurs  zu  hoch  steigt,
exportiere  ich  Gold».  Es  könnte  daher  nach  dem
bisher  Gesagten  der  Devisenkurs  der  englischen,
französischen  und  deutschen  Devisen  in  Wien
oder  Budapest  ohne  Grenze  ansteigen.  Damit
dies  aber  nicht  geschieht,  hat  die  Bank  die  gesetzliche ­
  Verpflichtung,  Devisen  zu  einem  annehmbaren ­
  Kurse  abzugeben.  Die  obere  Grenze,  zu
der  die  Bank  noch  Devisen  abgeben  darf,  ist
aus  Geschäftsrücksichten  in  einem  Geheimvertrag
zwischen  den  Regierungen  und  der  österreichischungarischen ­
  Bank  festgesetzt  worden.
In  Deutschland  kann  das  Schwanken  der  Devisenkurse ­
  dadurch  in  zwei  Grenzen  eingeschlossen
werden,  daß  ein  Kilogramm  Gold  zu  einem  bestimmten ­

  Preis  gekauft  wird  und  daß  für  Noten
jederzeit  Gold  abgegeben  wird,  ln  Oesterreich-Ungarn
  ist  das  erste  Mittel  ebenfalls  in  Verwendung, ­
  das  zweite  ist  aber  durch  die  Maßnahme
ersetzt,  daß  statt  Gold  Devisen  abgegeben
werden.
Die  Tatsache,  daß  die  Noten  der  österreichisch-ungarischen ­
  Bank  nicht  in  Gold,  sondern  in
Golddevisen  einlöslich  sind,  gibt  der  Bank  eine
große  Macht  auf  dem  Geldmärkte.  Nicht  der  einzelne ­
  Kaufmann  kann  Goldversendungen  vornehmen, ­
  vielleicht  zum  Schaden  des  gesamten
Zahlungswesens,  sondern  in  großem  Stil  nur  die
österreichisch-ungarische  Bank,  welche  den  geeigneten ­
  Zeitpunkt  zu  wählen  vermag.  Die  Bank
hat  es  auch  in  der  Hand,  die  Devisenspekulation
zu  hemmen,  die  häufig  dazu  verwendet  wurde,
daß  einzelne  Spekulanten  Vorteile,  die  Importeure
aber  z.  B.  Nachteile  hatten.  Die  Einzelheiten  dieser ­
  verschiedenen  Maßnahmen  zu  schildern,  ist
hier  nicht  Platz.  Wir  sehen  jedenfalls,  daß  die
Währung  eng  mit  dem  internationalen  Zahlungswesen
  zusammenhängt  und  daß  die  Inlandszirkulation
  wesentlich  andere  Vorkehrungen  erheischt,
wie  die  Auslandszirkulation.
Es  fragt  sich  nun,  weshalb  denn  überhaupt
die  Aufrechterhaltung  der  Devisenkurse  so  wichtig
ist.  Wie  ich  schon  andeutete,  ist  sie  im  Interesse  |
des  internationalen  Handels  gelegen.  Wenn  die
Devisenkurse  stark  schwanken,  dann  ist  deU
Kaufmann,  der  z.  B.  Waren  aus  dem  Auslande
importiert,  um  sie  zu  verkaufen,  die  Kalkulation
sehr  erschwert.  Im  allgemeinen  wird  er  ja  nicht
sofort,  sondern  erst  in  einigen  Monaten  zahlen-Sind
  die  Schwankungen  der  Devisenkurse  sehr
groß,  so  kann  er  unverhofften  Gewinn  oder  unverhofften
  Verlust  erleiden,  ganz  abgesehen  davotU
daß  er  zum  Börsenspiel  geradezu  angereizt  wird-  j
Er  kann  sich  in  der  Weise  vor  den  Kursschwankungen ­
  schützen,  daß  er  mit  einer  Bank  einet 1  J
Vertrag  schließt,  auf  Grund  dessen  ihm  zu  einen 1
bestimmten  Termin,  der  einige  Monate  entfernt
ist,  die  Devise  zu  einem  heute  schon  bestimmten ­
  Kurs  zugesichert  wird.  Dafür
muß  er  aber  der  Bank  eine  Entschädigung  füG
das  Risiko  zahlen,  welches  sie  trägt,  so  daß  di e
Devisenschwankungen  ständig  den  Import  be-  [
lasten.  Soweit  dadurch  der  Import  erschwert  wird,
könnte  man  von  einer  Art  Schutzzoll  sprechen,
nur  daß  dieser  Schutzzoll  die  Eigenschaft  hat,  I
alle  Güter  in  gleicher  Weise  zu  belasten,  diejenigen, ­
  welche  im  Inland  dringend  zum  Aufschwung
nötig  sind  und  daselbst  gar  nicht  erzeugt  werden,
ebenso  wie  die,  welche  im  Inlande  produziert
werden.
Wir  sehen,  daß  die  Bedeutung  der  Goldwährung ­
  auf  internationalem  Gebiet  liegt.  Der  Goldschatz ­
  der  Bank,  der  Bestand  an  Golddevise 11
ermöglicht  im  Auslande  den  Kurs  des  österreicb'-schen
  Geldes  zu  beeinflussen,  vor  allem  aber  vermag ­
  die  Bank  dem  Staat  in  schweren  Zeite 11
beizuspringen.  Insbesondere  in  Krieg 5 '
        <pb n="37" />
        7

Zeiten  ist  der  Bestand  an  Auslands-Zahlungsmitteln
  begreiflicherweise ­
  von  hervorragender  Bedeutung.
Wenn  allgemeines  Mißtrauen  herrscht,  kann  man
nur  für  Gold  im  Ausland  sicher  Waren  erhalten.
Das  wußte  Bulgarien,  als  es  während  des  Krieges
jeden  Export  von  Gold  verhinderte,  um  Golddevisen ­
  nur  an  Kriegslieferanten  abzugeben.
Nur  nebenbei  möchte  ich  erwähnen,  daß  mit
Hilfe  der  Devisenpolitik  ein  Staatenbund  die
Kurse  nach  allen  Richtungen  auch  dann  zu  regulieren ­
  vermag,  wenn  verschiedenes  Währungsmetail
  oder  überhaupt  nur  Zeichengeld  verwendet ­
  wird.  Aber  diese  Möglichkeit  kommt  in  absehbarer ­
  Zeit  wohl  ebensowenig  praktisch  in
Frage,  wie  die  Schaffung  internationaler  Noten.
Letztere  wären  nur  dann  denkbar,  wenn  die
Staaten  auf  eine  individuelle  Währungspolitik
verzichten  wollten  und  zu  einem  internationalen
Institut  ausreichendes  Vertrauen  hätten.  Insbesondere ­
  im  Kriegsfall  würde  ein  solches  internationales ­
  Institut  schwer  seine  Wirksamkeit  aufrecht ­
  erhalten  können,  da  die  kriegführenden
Staaten  sich  in  schwierigen  Situationen  kaum
dazu  verstehen  würden,  auf  die  Notenemission
zu  verzichten.
Suchen  wir  uns  nun  von  der  geschilderten
Tätigkeit  der  österreichisch-ungarischen  Bank  ein
Bild  zu  machen.  Ich  möchte  dabei  bemerken,  daß
derartige  Maßnahmen  den  Bankpraktikern  des
18.  Jahrhunderts  wohl  vertraut  waren  und  daß
in  der  Metternichschen  Periode  die  österreichischen ­
  Wechselkurse  im  Ausland  durch  staatliche
Intervention  gehalten  wurden.  Heute-  haben  bereits ­
  viele  Banken  sich  daran  gemacht,  die  Wechselkurse ­
  zu  beeinflussen,  insbesondere  auch  die
Deutsche  Reichsbank.  Ich  nehme  an,  wir  hätten
drei  Länder  gegeben,  Oesterreich-Ungarn  und
einen  Nachbarstaat,  die  beide  Devisenpolitik
treiben,  und  einen  dritten  Staat,  an  dessen  Bürger
die  Zahlungen  in  effektivem  Gold  geleistet  werden
müssen.  Ich  verwende  wieder  unsere  bisherige
Schematisierungsmethode,  indem  ich  die  Bilanz
jedes  Individuums  und  jeder  Notenbank  aufstelle.
Tabelle  XV  zeigt  uns  alle  Individuen  im  Besitze
von  Gütern  :  g t ,  g 2 ,  g 3 ,  g it  g 5 ,  g 6 ,  g 7 ,  g 8 ,  g 9 ,  g 10
Und  das  Individuum  D  überdies  im  Besitze  von
Gold*.  Zunächst  .beschaffe  sich  die  inländische
Notenbank  Gold  gegen  Noten.  Die  jetzt  zirkulierende ­
  Notenmenge  n 2  wäre  als  voll  gedeckt
zu  charakterisieren.  Nun  nehmen  wir  an,  daß
ähnlich,  wie  wir  dies  bei  Besprechung  des  Fullartonschen
  Prinzips  angenommen  haben,  ein  lndividium
  C  gegen  einen  in  7  Zeitteilen  fälligen
Wechsel  w t  von  E  das  Gut  g 10  bezieht.  Die
Wechselforderung  des  E  erscheint  als  Aktivum,
die  Wechselschuld  des  C  als  Passivum.  Um  sich
Waren  von  D  kaufen  zu  können,  diskontiert  E
seinen  Wechsel  bei  der  Notenbank  und  erhält

*  Zeichen  0

dafür  gleichfalls  Noten.  Die  zirkulierende  Notenmenge ­
  n t  n 2  wäre,  wenn  wir  alle  in  der  Tabelle ­
  vorkommenden  Einheiten  g,  n,  w,  d,  Ö  als
gleichgroß  in  bezug  auf  ihre  Preishöhe  annehmen
zur  Hälfte  durch  Golcj,  zur  Hälfte  durch  Wechsel
gedeckt.  E  kauft  nun  g 9  von  D  mit  Hilfe  von  n 2 .
D  selbst  wieder  kaufe  mit  Hilfe  der  zwei  Notenmengen ­
  zwei  Warenmengen  von  B.  Nun  betrachten ­
  wir  aber  auch  den  internationalen  Warenverkehr. ­
  A  exportiere  die  Ware  g 5  nach  dem
Auslande  II.  X  zahle  mit  einer  in  9  Zeitteilen
fälligen  Devise  dj.  Die  von  A  erworbene  Forderung ­
  fungiert  natürlich  unter  den  Aktien,  während ­
  X  nun  belastet  erscheint.  A  benötigt  Geld,
um  sich  Waren  anzuschaffen  und  verkauft  die
Devise  an  die  eigene  Notenbank,  deren  Notenumlauf ­
  nun  zu  V 3  mit  Gold  wäre.  Mit  der  Notenmenge ­
  n 3  kauft  sich  nun  A  bei  C  die  Ware  g s .
C  ist  dadurch  in  die  Lage  versetzt,  die  eben
fällige  Wechselschuld  zu  bezahlen.  C  erhält  seinen
Wechsel  zurück  und  gibt  die  Noten  n 3  an  die
Bank  ab.  Während  in  dem  Beispiel  Tabelle  X
die  Noten,  welche  bei  der  Wechseldiskontierung
ausgegeben  wurden,  wieder  zur  Bank  zurückkehrten, ­
  sind  es  diesmal  Noten,  die  aus  anderen
Geschäften  herrühren,  mit  denen  C  seine  Wechselschuld ­
  zahlt.  Sie  sind  gelegentlich  eines  Devisenkaufes ­
  emittiert  worden.  Die  Notenbank
merke  nun,  daß  der  lnlandsmarkt  Auslandsware
benötige.  B  suche  bereits  zwei  Devisenmengen
um  zwei  Rohstoffmengen  zu  beschaffen,  die  für
den  Betrieb  seines  Unternehmens  notwendig  sind.
Es  ist  aber  nur  eine  Devisenmenge  im  Inlande
vorhanden,  die  durch  Export  von  g 5  hereingekommen ­
  ist.  Die  Notenbank  kann  nun,  um
diese  Devisenmenge  zu  beschaffen,  ihr  Gold  exportieren. ­
  Es  gelangt  direkt  oder  auf  Umwegen
in  die  Notenbank  des  Auslandes  II.  Die  Noten
der  inländischen  Notenbank  wären  jetzt  metallisch
überhaupt  ungedeckt,  wohl  aber  wären  sie  durch
Devisen  vollgedeckt,  ein  Zustand,  der  auf  Grund
der  Statuten  der  österreich-ungarischen  Bank
unzulässig  ist.  B  kaufe  nun  diese  zwei  Devisenmengen ­
  mit  Hilfe  von  zwei  Notenmengen  n t  und
n 2 ,  die  eine  stammt  aus  einem  Goldverkauf,  der
im  Zeitpunkt  t 2  stattgefunden  hat,  die  andere
aus  einer  Wechseldiskontierung,  die  im  Zeitpunkt ­
  t 3  stattgefunden  hat.  Die  Devisen  verwendet ­
  B  zur  Zahlung  an  Y  im  Auslande  II.
Y  verkauft  die  Devisen  gegen  Noten  an  die  Notenbank, ­
  so  wie  dies  seinerzeit  A  im  Inlande  getan
hat.  Für  die  Notenbank  des  Auslandes  sind  dies
Wechsel,  welche  inländische  und  ausländische
Unterschriften  tragen.  Der  Inkasso  erfolgt  für
diese  Notenbank  in  ihrem  Inland.  Die  aus  dem
Goldimport  für  die  Auslandsbank  II  resultierende
Wechselschuld  ist  nun  beglichen.  Die  Devise  1
behält  sie  noch  in  ihrem  Portefeuille,  weil  sie
noch  nicht  fällig  ist.  Y  kauft  mit  den  zwei  Notenmengen ­
  zwei  Warenmengen  von  X,  eine,  welche
inländischer  Herkunft  ist,  eine,  die  von  X  importiert ­
  worden  war.  X  ist  nun  im  Besitze  von  zwei
Notenmengen.  Die  eine  verwendet  es  dazu,  seine
        <pb n="38" />
        8

Tabelle  XV.

Zirkulationsschema

Zeitpunkt ­


Ausland  I

Ausland  11

Inland

Z

X

Y

Notenbank

Notenbank

A

B

C

D

E

Akt.

Pass.

Akt.

Pass.

Akt.  1  Pass.||  Akt.

Pass.

Akt.

Pass.

Akt.

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Akt.

Pass.

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Akt.  jPass.

Akt.

Pass.

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        9

Wechselschuld  bei  der  Notenbank  zu  zahlen,  die
andere  präsentiert  es  zur  Barzahlung  —  wir
wollen  annehmen,  daß  im  Auslande  11  die  Barzahlung ­
  herrsche.  Diese  Goldmenge  dient  dem  X
dazu,  eine  Ware  g x  aus  dem  Auslande  1  zu
beziehen,  wo  man  nur  Gold  in  Zahlung  nimmt.
Wir  können  uns  auch  denken,  daß  z.  B.  der
Wechselkurs  im  Auslande  11  gegenüber  dem  Auslande ­
  I  so  groß  ist,  daß  sich  der  Goldexport
rentiere.
Das  von  mir  hier  vorgeführte  Schema  zeiguns
  das  Inland  im  Zustand  einer  passiven  Zahlungsbilanz, ­
  d.  h.  es  muß  mehr  Zahlungen  an
das  Ausland  leisten,  als  es  von  dort  her  empfängt,
es  hat  für  mehr  Kronen  Waren  gekauft,  als  verkauft. ­
  Den  Passivsaldo  begleicht  die  Bank  durch
Goldexporte.  Es  können  auch  andere  Mittel  angewendet ­
  werden,  z.  B.  man  kann  auch  eine  Anleihe ­
  aufnehmen,  da;  heißt  die  Differenz  schuldig
bleiben.  Durch  den  Goldexport  kam  die  Bank,
wie  wir  sahen,  in  den  Besitz  von  Devisen  und
konnte  daher  im  Inland  den  Devisenkurs  beeinflussen. ­
  Man  könnte  nun  die  Frage  aufwerfen,
weshalb  es  denn  besser  sei,  wenn  die  Notenbank
Devisen  statt  Gold  abgibt?  Wenn  Privatleute
oder  Privatbanken  derartige  Goldexporte  vornehmen, ­
  so  werden  sie  zuweilen  Zeitpunkte  auswählen, ­
  die  zwar  ihnen  persönlich  Vorteile
bringen,  den  Regierungen  aber  und  der  Gesamtheit ­
  schaden.  Die  Privatspekulanten  können  durch
Gold-  und  Devisenarbitragen  Geld  verdienen  auf
Kosten  der  übrigen  Staatsbürger.  Während  die
Notenbank  im  Interesse  der  Gesamtheit  auf  einen
konstanten  Kurs  hinzuarbeiten  verpflichtet  ist,  ist
die  Kursschwankung  für  den  Spekulanten  die
Quelle  des  Gewinnes.  Der  Goldexport  wird  von
der  österreichisch-ungarischen  Bank  zu  einer
für  den  Notendienst  möglichst  günstigen  Zeit
Yorgenommen,  während  die  Privatleute  eine  solche
Rücksicht  nicht  kennen.
Da  man  bei  Goldexporten  kaum  ein  per
Mille  verdient,  müssen  große  Quanten  Gold  von
Privaten  exportiert  werden,  um  solche  Aktionen
einigermaßen  rentabel  erscheinen  zu  lassen.  Wenn
die  Notenbank  jedermann  Gold  abgeben  müßte,
kann  auch  die  Arbitrage  sich  des  Goldes  bemächtigen. ­
  Heute  ist  das  nicht  möglich.  Aber
auch  die  Devisenabgabe  erfolgt  nicht  immer
ohneweiters.  ln  Zeiten,  in  denen  die  Notenbank
Grund  zur  Annahme  zu  haben  glaubt,  daß  eine
&amp;gt;hr  unerwünschte  Devisenarbitrage  einsetzt,  erschwert ­
  sie  auch  die  Devisenabgabe,  wobei  sie
Wege  findet,  differenzierend  vorzugehen.
Sie  gibt  die  Devise  dem  Rohstoffimporteur,  der  sie
2 u  Zahlungen  braucht,  dann  billiger  ab,  als  etwa
dem  Arbritrageur,  der  mit  Devisen  nur  spekulieren ­
  will.  So  erklärt  sich  zum  Teil  die  Tatsche, ­
  daß  die  Devisenkurse  gelegentlich  über
den  oberen  Goldpunkt  hinausgestiegen  sind.  Wir
Se hen  hier  einen  Fall  vor  uns,  in  dem  nicht  jeder
Käufer,  der  gleichviel  für  eine  Ware  bietet,  die

gleichen  Rechte  hat,  sondern  in  dem  die  Käufer
differenziert  werden  nach  ihrer  sozialen  Funktion.
Die  Bank  von  Frankreich  hat  eine  ähnliche
Politik  schon  sehr  früh  verfolgt.  Die  gesetzlichen
Bestimmungen  gaben  ihr  das  Recht,  Gold-  oder
Silbermünzen  abzugeben,  wenn  jemand  Noten
zur  Einlösung  präsentierte.  Sie  gab  nun  zeitweilig,
wenn  sie  es  für  zweckmäßig  fand,  nur  Silbermünzen ­
  ab,  die  als  Zeichengeld  vor  den  Noten
keinen  Vorzug  hatten.  Wer  Gold  wollte,  mußte
eine  Prämie  zahlen.  Sie  machte  aber  auch  einen
Unterschied.  Wer  nachwies,  daß  er  das  Gold  zur
Zahlung  von  Rohstoffimporten  benötigte,  wurde
bevorzugt.  *
Derartige  Differenzierungen  können ­
  im  M  o  b  i  1  i  s  i  e  ru  ngs  -  und  Kriegsfall ­
  von  entscheidender  Bedeutung
sein.  Die  Notenbank  ist  aber  nicht  etwa  auf
eine  Differenzierung  bei  der  Gold-  und  Devisenabgabe ­
  beschränkt,  sie  kann  auch  bei  der  Wechseldiskontierung ­
  differenzieren,  indem  sie  z.  B.
bestimmten  Einreichern  gegenüber  die  Zensur
verschärft.  Hat  eine  Notenbank  die  Barzahlung,
wie  z.  B.  die  Deutsche  Reichsbank,  so  wird  sie
im  Kriegsfall  leicht  dazu  genötigt  sein,  sie  zu
suspendieren,  da  sonst  wahllos  Noten  präsentiert
werden  könnten  und  die  Bank  sie  in  Gold  einlösen ­
  müßte.  Man  kann  geradezu  sagen,  die  Barzahlungsverpflichtung ­
  besteht  eigentlich  nur  solange, ­
  als  man  sie  nicht  wirklich  in  Anspruch
nimmt.
Durch  die  Abhebung  von  Metall  im  Kriegsfall ­
  wird  aber  auch  eine  gesetzliche  Bestimmung
gefährdet.  Manche  Notenbanken  sind  nämlich
durch  ein  Gesetz  verpflichtet,  die  umlaufenden
Noten  nicht  durch  Wechsel  und  andere  kurzfristige ­
  Forderungen  zu  decken,  sondern  auch
zum  Teil  durch  Metall.  In  Oesterreich-Ungarn
muß  die  Notenbank  %  Deckung  liegen  haben,
in  Deutschland  ’/ 3 .
Da  aber  manche  Unterschiede  in  den  übrigen
Deckungsvorschriften  bestehen,  —  so  z.  B.kann  die
österreichisch  -  ungarische  Bank  die  Lombardkredite ­
  in  die  Notendeckung  einrechnen,  während
die  Deutsche  Reichsbank  das  nicht  darf  —  so
kann  man  nicht  einmal  sagen,  daß  unsere
Deckungsvorschriften  strenger  wären,  als  die
deutschen.  Diese  ganzen  Deckungsvorschriften
sind  ein  Ueberbleibsel  aus  vergangenen  Zeiten.
Sie  haben  nie  viel  Bedeutung  gehabt  und  sind
heute  theoretisch,  in  der  jetzigen  Form  eigentlich
gar  nicht  zu  halten.  Ursprünglich  waren  die  Noten
der  privaten  Banken  eine  Art  Wechsel,  die  jederzeit ­
  in  dem  üblichen  Metallgelde  einlösbar  waren.
Wer  eine  Note  akzeptierte,  rechnete  damit,  daß
er  für  sie  Münzen  erhalten  könne.  Um  dieser
Anforderung  nachkommen,  zu  können,  mußten
natürlich  die  Banken  immer  einen  Vorrat  an
Münzen  liegen  haben,  je  größer  dieser  Vorrat
war,  desto  mehr  Vertrauen  konnte  der  Bank  in
bezug  auf  ihre  Einlösungsfähigkeit  entgegenge ­
        <pb n="40" />
        10

bracht  werden.  Aber  die  Bank  hatte  nicht  nur
Notenschulden,  sie  hatte  auch  sonstige  Passiven,
die  jederzeit  fällig  waren;  auch  für  diese  mußten
Münzen  bereit  liegen.  Da  aber  nie  alle  Gläubiger
auf  einmal  Zahlungen  verlangten,  brauchte  nicht
so  viel  an  Münzen  bereit  zu  liegen,  als  täglich
zurückgefordert  werden  konnte.  Wäre  die  Bank
dazu  genötigt  gewesen,  so  hätte  sie  das  ihr  geliehene ­
  Geld  nie  verwerten  und  keine  Geschäfte
damit  machen  können.  Wie  kam  man  nun  zur
V 3 -Deckung,  welche  in  der  Literatur  eine  besonders ­
  große  Rolle  spielt?
Um  das  zu  verstehen,  hilft  einem  alles  Nachdenken ­
  nicht.  Man  muß  die  Enqueten  durchlesen,
die  vor  etwa  100  Jahren  in  England  abgehalten
wurden.  In  diesen  befragte  man  Bankdirektoren
nach  ihrer  Meinung  über  die  zur  Deckung  nötigen
Münzenbestände.  Die  Antworten  fielen  begreiflicherweise ­
  sehr  verschieden  und  oft  recht  unbestimmt
aus.  Es  waren  rohe  empirische  Angaben,  die  im
großen  und  ganzen  darauf  hinausliefen,  daß  eine
Deckung  aller  sofort  fälligen  Schulden  der  Bank
durch  Vs  ro't  Münzen  wohl  als  ausreichend  zu
bezeichnen  sei.  Aus  dieser  V 3 -Deckung  aller  sofort ­
  fälligen  Schulden,  wurde  V 3 -Deckung  der
Notenzirkulation.  Denn  die  sofort  fälligen  Giroguthaben, ­
  welche  die  Noten  in  ihrer  Funktion  zum
Teil  vertreten  können,  müssen  nach  den  Bankgesetzen ­
  Deutschlands  und  Oesterreich-Ungarns
nicht  mit  Metall  gedeckt  sein,  obzwar  theoretisch
für  sie  eine  Deckung  in  ähnlicher  Weise,  wie  für
die  Noten  nötig  oder  unnötig  ist.  Wir  sehen,  wie
man  alte  Traditionen  auf  einem  so  verstandesmäßig ­
  zu  erfassenden  Gebiet  aufrecht  erhält.  Daß
man  übrigens  ohne  Gesetz  über  die  Notendeckung
das  Auslangen  finden  kann,  beweist  die  Bank  von
Frankreich.  Das  Notendeckungsgesetz  hilft  bei
uns  im  allgemeinen  nur  der  Bank,  wenn  sie  eine
Verweigerung  der  Notenemission  begründen
will.  Lange  Zeit  bestand  in  Oesterreich-Ungarn
sogar  die  Bestimmung,  daß  die  österreichichungarische
  Bank  überhaupt  nur  eine  bestimmte
Menge  Noten  über  den  Metallschatz  hinaus
emittieren  dürfe.  Da  dies  doch  zu  großen
Schwierigkeiten  führte,  traf  man  die  Bestimmung,
daß  die  österreichisch  -  ungarische  Bank
600,000.000  K  über  den  Metallschatz  hinaus  ohneweiters
  emitieren  dürfe,  wenn  damit  aber  die
2 /,-Deckung  noch  nicht  erschöpft  ist,  auch  noch
mehr,  jedoch  nur  gegen  eine  Steuer  von  5%'  Der
ursprüngliche  Gedanke  war  der,  daß  auf  diese
Weise  die  Bank  nur  dann  einen  Anreiz  fühlen
würde,  diese  Summe,  das  sogenannte  steuerfreie
Notenkontingent  zu  überschreiten,  wenn  der  Zinsfuß ­
  über  5%  betragen  sollte.  Denn  wenn  bei  der
Diskontierung  die  Bank  etwa  4%  verdient,  aber
5°/ 0  Notensteuer  zahlen  muß,  erleidet  sie  ja  einen
Verlust.  Ein  Diskontsatz,  der  5%  übersteigt,  erschien ­
  als  das  Zeichen  wirklich  begründeter  Geldknappheit, ­
  welche  eine  Mehremission  von  Noten
rechtfertigen  dürfte.  Es  hat  sich  inzwischen  gezeigt, ­
  daß  die  Notenbank  im  Interesse  der  Handelswelt ­

  mehrfach  genötigt  war,  besteuerte  Noten
auszugeben,  ohne  daß  der  Diskontsatz  5°/ 0  erreicht ­
  hätte.
Wenn  man  so  die  Zufälligkeit  sieht,  welche
der  V 3 -  oder  2 / 5 -Deckung  anhaftet,  wobei  man
sich  noch  überdies  darüber  klar  sein  muß,  daß
diese  sogenannte  Metalldeckung  in  Oesterreich-Ungarn
  zum  Teile  aus  metallischem  Zeichengeld
besteht,  so  muß  man  sich  fragen,  ob  nicht  irgend
ein  bedeutsamer  Zusammenhang  zwischen  der
Metalldeckung  und  der  zirkulierenden  Notenmenge
besteht.  Am  meisten  dürfte  noch  folgende  Ueberlegung
  die  Klärung  dieser  Frage  fördern.  Wenn
viele  Noten  zirkulieren,  dann  ist  die  Wahrscheinlichkeit ­
  groß,  daß  Leute  Devisen  kaufen  wollen,
weshalb  ein  Gold-  oder  Devisenvorrat  bereit  gehalten ­
  werden  muß.  Man  sieht,  daß  nicht  die
Notenmenge  an  sich  einen  Bestand  an  Auslandszahlungsmitteln ­
  notwendig  macht,  sondern  jener
Teil  der  Notenmenge,  welchsr  zur  Beschaffung
von  Devisen  dient.  Ob  aber  viel  oder  wenig
Devisen  angeschafft  werden,  hängt  vom  Außenhandel ­
  ab.  Und  ob  es  zu  Goldexporten  kommt,
die  dazu  dienen,  um  Devisen  herbeizuschaffen,
das  hängt  wieder  davon  ab,  ob  die  Zahlungsbilanz ­
  eines  Landes  aktiv  oder  passiv  ist.  Die
Zahlungsbilanz  wieder  ist  im  allgemeinen  in  erster
Reihe  durch  die  Handelsbilanz  bestimmt.  Wir
können  daher  eher  eine  Beziehung  zwischen  der
Handelsbilanz  und  der  Golddeckung  aufstellen.
Wir  sehen  daraus  auch,  daß  die  Metalldeckung,
soweit  sie  aus  metallischem  Zeichengeld  besteht  —
in  Oesterreich-Ungarn  aus  Silbergulden  und  Teilmünzen ­
  der  Kronenwährung  —  nicht  mit  der
Golddeckung  zu  einem  Ganzen  vereinigt  werden
kann,  wie  dies  so  oft  geschieht.  Das  metallische
Zeichengeld  hat  eher  den  Charakter  von  Noten
und  es  würde  manches  dafür  sprechen,  die
Zirkulation  von  metallischem  Zeichengeld  ebenso
wie  jene  von  papierenem  Zeichengeld  zu  behandeln. ­

Wird  mobilisiert  oder  beginnt  der  Krieg,  so
benötigt  der  Staat,  wie  wir  schon  erwähnten,
große  Mengen  an  Goldgeld.  Dies  ist  am  meisten
der  Fall,  wenn  es  sich  um  einen  Krieg  mittleren
Umfanges  handelt,  in  dem  die  neutralen  Mächte
Waren  zu  liefern  vermögen.  In  einem  Weltkrieg
hat  das  Gold  wahrscheinlich  geringere  Bedeutung,
weil  ja  eine  Beschaffung  von  Waren  aus  neutralen
Gebieten  nicht  möglich  ist,  falls  es  überhaupt
Mächte  geben  sollte,  die  sich  in  einem  Weltkrieg  I
neutral  verhalten.  Um  das  Gold  und  die  Golddevisen ­
  dem  Staate  zu  reservieren,  werden  die
Notenbanken  wohl  alle  Mittel  anwenden,  um  die
Gold-  und  Golddevisenabgaben  möglichst  zu
restringieren.  Wo  die  Barzahlung  besteht,  wird
sie  im  Kriegsfall  meist  aufgehoben  werden.  Dies
war  z.  B.  in  Bulgarien  der  Fall,  teilweise  auch  in
Serbien,  wo  die  Einlösung  der  Geldnoten  nicht
wie  bisher  in  Gold  erfolgte,  sondern  nur  zu
drei  Vierteln  in  Gold,  zu  einem  Viertel  in
        <pb n="41" />
        11

Tabelle  XVI.

Spezialisierte  Bilanz  der  österreichisch-ungarischen  Bank  am  31.

Dezember  1913

Aktiva

Kronen

Kronen

Passiva

Kronen

Kronen

Metallschatz
Goldmünzen  der  Kronenwährung, ­
  dann  Gold  in
Barren,  in  ausländischen
und  Handelsmünzen,  das
Kilo  fein  zu  K  3278'—
gerechnet:
Landesgoldmünzen
K
Oo/d  in  Barren
K
Valuten
K
Handelsmünzen
K
Goldwechsel  auf  auswärtige ­
  Plätze:
Englische:  £  700.000"-Deutsche:

Mk.  35,027.397-26
Silberkurant-  und  Teilmünzen ­
  :
Si/bergulden:
Teilmünzen:
Eskomptierte  Wechsel,
Warrants  und  Effekten:
Wechsel
Warrants
Effekten
Darlehen  geg.  Handpfand
Eingelöste  verfallene  Effekten ­
  und  Kupons  .  .
Staatsverwaltung  der  im
Reichsrate  vertretenen
Königreiche  und  Länder
Hypothekardarlehen  .  .
Börsenmäßig  angekaufte
Pfandbriefe  der  Bank  .
Anlagen  des  Reservefonds
und  zwar:
in  zinstragenden  Wertpapieren ­

in  anderen  Effekten.  .
in  diskontierten  Wechseln ­
  u.  sonst.  Anlagen
Anlage  des  Pensionsfonds
Gebäude  und  fundus  instructus

Andere  Aktiva  und  zwar:
Devisen  der  bankmäßigen ­
  Deckung  und  ausländische ­
  Noten  .  .  .
Rest  der  Devisen  .  .  .
Auslandsguthaben  .  .
Verliehene  Devisen  und
Forderungen  ....
Verliehene  Valuten  .
Guthaben  bei  beiden
Postsparkassen  .  .  .
Saldo  der  Nebenstellenverrechnung ­
  ....
Vorschüsse  auf  zur  Diskontierung ­
  genehmigte
Wechsel
Im  Lizitationswege  erworbene ­
  Realitäten  .
Vorausbezahlte  Gehälter ­
  und  Vorschüsse  an
Beamte  und  Angestellte
Vorschüsse  bei  Goldim-P
  orten
Schwebende  Posten  .  .
Diverse

1.240,972.547-45
60  000.000--261,544.984-33


1.562,517.531-78
925,998.292-51
310,618.800  -
86.945-56
60,000.000-—
299,885.31043
2,615.440-50
5,156.804-31
12,878.420-40
46,838.408-45
86,864.941-87

Aktienkapital
Reservefonds  und  zwar:
Stand  am
Zuwachs  vor  der  Gewinnverteilung ­
  u.  zwar:
Verjährte  Dividenden:
Kursgewinne  an  börsenmäßig ­
  angek.  Pfandbriefen ­
  und  Reservefondseffekten ­
  ....
Einberufene  nicht  eingelöste ­
  Banknoten  zu
10  Gulden
Anteil  der  Reservefonds
nach  Gewinnverteilung:
Umlauf  vom  Banknoten:
Sofort  rückzahlbare  fremde ­
  Gelder  und  zwar:
Giroguthaben:
Der  Privaten
K
Der  Regierungen
K
Sonstige  Guthaben  und
Forderungen:
Aus  d.  Kommissionsgeschäft ­
  K
Aus  d.  Inkassogeschäft
K
Aus  d.  Depositengesch.
K
Ausd.  Bankanweisungsgeschätt
  K
Barerläge  K
Sonst.Forderung,  d.  Regierungen ­
  K
Verloste,  noch  nicht  eingel.
  fäll  Pfandbriefe  .  .
Unbeh.  Pfandbriefzinsen
Unbeh.  Aktiendividenden
Pfandbriefe  im  Umlauf  .
In  das  Abschlußjahr  gehörige ­
  noch  nicht  fällige
Zinsen  der  Pfandbriefe  .
Pensionsfonds  u.  zwar:
Stand  am
Zuwachs  vor  der  Gewinnverteilung ­
  durch
Kursgewinne  an  Pensionston ­
  dseffekten  .  .
Anteil  d.  Pensionsfonds
nach  Gewinnverteilung
Sonstige  Passiva:
Noch  nicht  bezahlte
Notensteuer
Befristete  bezahlte  Goldguthaben ­
  d.  Regierungen
Schwebende  u.  transitorische ­
  Posten  .  .  .
Diverse
Ueberträge  a.  d.  laufend.
Erträgnissen  u.  d.  Eingängen ­
  auf  Verzinsung  d.
Pfandbriefe  i.  Jahre  1914
Gewinnvortrag  vom  Vorjahr ­
  und  Reinerträgnis
im  Jahre  1913  ....
Hievon  verwendet  als:
Abschlagsdividende  .  .
Anteil  des  Reservefonds
»  »  Pensionsfonds
»  der  Staatsverwaltungen ­


168,403.740-38
18,704.128  11
388.600'—
44.208'—
75.897-—
46,286.893  —
31,120.419-26

210,000.000--32,159.903
  13
2.493,641.100  —
187,616.573-49
231,349.000'-2,932.750'-


61,490  827-91
5,468.20702
15,166.473-74

3.313,460.895-81

3.313,460.895  81
        <pb n="42" />
        12

silbernem  Zeichengeld.  Was  soll  es  für  einen  Sinn
haben,  die  Barzahlung,  wo  sie  besteht,  um  jeden
Preis  aufrecht  zu  erhalten,  wie  manche  Vorschlägen? ­
  Als  1848  die  österreichische  Nationalbank, ­
  die  Vorgängerin  der  österreichisch-ungarischen ­
  Bank  von  einem  Run  heimgesucht  wurde,
hat  sie  die  Barzahlungen  so  lange  aufrecht  erhalten, ­
  als  sie  konnte.  Sie  stellte  sie  ein,  als  sie
fast  kein  Geld  mehr  in  ihren  Kassen  hatte.
Der  Effekt  dieser  Bereitwilligkeit  zur  Barzahlung ­
  war  keine  Erhöhung,  sondern  schließlich
eine  Erschütterung  des  Prestiges.  Da  die  Regierung ­
  aber  Geld  brauchte,  um  die  Truppen  in
Italien  zu  versorgen,  mußte  das  Silber  mit  großen
Kosten  wieder  —  zum  Teil  aus  dem  Auslande—
zurückgekauft  werden.  Viel  zweckmäßiger  verfuhr
die  Bank  von  Frankreich,  welche  im  deutschfranzösischen ­
  Krieg  die  Barzahlungen  zu  einer
Zeit  einstellte,  als  die  Noten  zu  2 / ;i  metallisch
gedeckt  waren.  Noch  weiter  ging  die  bulgarische
Regierung  während  des  Balkankrieges,  indem  sie
überhaupt  jeden  Goldexport  unmöglich  machte.
Sie  verhinderte  z.  B.  auch  Zahlungen  ans  Ausland ­
  mit  der  Post.  Wollte  jemand  ins  Ausland
verreisen  und  benötigte  dringend  Bargeld,  so  erhielt ­
  er  ein  mäßiges  Quantum  von  der  Nationalbank ­
  ausbezahlt,  wenn  er  durch  seinen  Paß  und
andere  Dokumente  seinen  Zweck  beweisen
konnte.  Hingegen  erhielten  Lieferanten  von  Kriegsmaterial ­
  Gold-  und  Golddevisen  jederzeit  anstandslos ­
  ausgefolgt.
Wir  sehen,  welche  Bedeutung  im  Falle  eines
Krieges  von  mittlerer  Ausdehnung  die  Gold-  und
Golddevisenbestände  der  Notenbank  haben.  Ich
will  an  Hand  der  Bilanz  der  österreichisch-ungarischen ­
  Bank  die  für  Kriegszwecke  wichtigen
Posten  der  Reihe  nach  besprechen.  In  Tabelle  XVI
ist  eine  ergänzte  Bilanz  der  österreichisch-ungarischen ­
  Bank  veröffentlicht.  Die  in  schiefer  Schrift
eingefügten  Postentitel  sind  entweder  an  anderer
Stelle  von  der  Notenbank  selbst  veröffentlicht
worden,  oder  aber  sie  beruhen  auf  Vermutungen,
die  sich  auf  die  Geschäfte  der  Bank  stützen.
Beginnen  wir  mit  dem  Metallschatz.  Wie  ich
schon  mehrfach  betonte,  muß  man  den  Goldschatz
von  jenem  Schatz  trennen,  der  nur  aus  Zeichengeld ­
  besteht,  ln  traditioneller  Weise  bildet  die
Bankbilanz  noch  immer  die  Summe  beider.  Außerdem ­
  finden  wir  im  Metallschatz  auch  Devisen
verzeichnet.  Sie  werden  nur  juristisch  dem  Metallschatz ­
  zugezählt,  sie  gehören  mit  den  übrigen
Devisen  zusammen  in  den  Posten  «Andere  Aktiven».
Würde  man  aber  die  Meinung  vertreten,  die  Devisen ­
  seien  überhaupt  dem  Metallschatz  zuzuzählen, ­
  so  müßten  alle  Devisen  in  den  Metallschatz ­
  eingerechnet  sein,  nicht  nur  60  Millionen. ­
  Diese  60,000.000  werden  nämlich  auf
Grund  des  Bankstatuts  regelmäßig  dem  Metallschatz ­
  zugerechnet.  Was  bedeutet  dies?  Die
Deckung  der  Noten  ist  mit  2 / ä  festgesetzt.  Sie
wurde  aber  einmal  etwas  verringert,  indem  man
60  Millionen  Devisen  als  Gold  rechnete,  um

die  Notenemission  nicht  einstellen  zu  müssen.
Man  hätte  korrekterweise  die  Bestimmungen  folgendermaßen ­
  formulieren  müssen:  Die  Deckung
der  österreichischisch  ungarischen  Bank  beträgt
zu  mindestens  %  der  umlaufenden  Notenmengen,
verringert  um  60,000.000.  Die  bankmäßige  Deckung,
besteht  dafür  aus  a /s  der  Notenmenge,  vermehrt
um  60,000.000  aus  Wechsel  und  Devisen.  Von
dieser  bankmäßigen  Deckung  muß  aber,  im  Falle
die  Metalldeckung  weniger  als  a / 5  beträgt,  dies
weniger,  welches  60,000.000  nicht  übersteigen
darf,  aus  Devisen  bestehen.  Wir  sehen,  daß  der
Goldschatz  aus  Gold  in  gemünztem  und  ungemünztem
  Zustande  besteht.  Alles  Gold,  das  nicht
österreichische  oder  ungarische  Prägung  aufweist,
wird  nach  dem  Kilogramm  in  die  Bilanz  gestellt
und  zwar  das  Kilogramm  zu  3278  Kronen,  da  ja
die  Prägegebühr  für  die  österreichisch-ungarische
Bank,  wie  wir  oben  erwähnt  haben,  2  Kronen
beträgt.  Unter  den  Devisen  sehen  wir  englische
und  deutsche  ausgewiesen.
Diese  Devisentypen  sind  auch  im  Posten
«Andere  Aktiven»  vorwiegend  vertreten.  Früher
spielten  auch  die  französischen  eine  große  Rolle.
Sie  sind  heute  weniger  beliebt,  weil  sie  weniger
tragen,  dann  aber  auch,  weil  die  Bank  von  Frankreich ­
  mit  der  Goldabgabe  Schwierigkeiten  macht.
Uebrigens  ist  im  Kriegsfall  der  Besitz  von  Devisen,
die  in  einem  Ort  zahlbar  gestellt  sind,  der  im
Gebiet  einer  kriegführenden  Partei  liegt,  keineswegs ­
  immer  mit  Sicherheit  zur  Goldbeschaffung
verwendbar.  Der  Vorschlag,  Oesterreich-Ungarn
möge  möglichst  viele  Devisen  der  Tripleentente
ansammeln,  um  im  Kriegsfall  deren  Börsen  zu
stören,  ist  nicht  ohneweiters  realisierbar,  da  im
Kriegsfall  wohl  auch  die  Tripleentente  ein
Moratorium  erlassen  dürfte,  ganz  abgesehen
davon,  daß  es  noch  viele  andere  Mittel  und  Wege
gibt,  um  die  Bezahlung  von  Wechselsummen
hinauszuschieben.  Während  des  Deutsch-französischen ­
  Krieges  sank  auf  ein  paar  Tage  der  Kurs
der  englischen  Devisen  in  Berlin  rapid,  weil  die
Befürchtung  auftauchte,  England  könnte  intervenieren ­
  und  dann  die  Bezahlung  der  Devisen
verhindern.  Vielleicht  wird  England  im  Interesse
seines  internationalen  Kredites  auch  an  den  Feind
Gold  abgeben,  wenn  er  englische  Devisen  präsentiert, ­
  aber  sicher  ist  das  keineswegs.  Jedenfalls
wäre  es  verfehlt,  damit  zu  rechnen.  Der  Posten
«Darlehen  gegen  Handpfand»  hat  insoferne  größeres
kriegswirtschaftliches  Interesse,  als  sich  unter  den
Pfandobjekten  auch  Gold  befinden  kann.  Devisen
könnten  gelegentlich  einmal  sich  auch  unter  den
Anlagen  des  Reservefonds  verstecken,  der  Hauptteil ­
  befindet  sich  aber  im  Posten  «Andere  Aktiven»,
dessen  Schwankungen  in  erster  Reihe  mit  der
Devisenpolitik  Zusammenhängen.  Man  kann  aus
den  Veränderungen  dieses  Postens  mancherlei  ablesen. ­
  Um  ein  einfaches  Beispiel  zu  erwähnen.
Wenn  z.  B.  der  Posten  «Andere  Aktiven»  um
5  Millionen  anwächst,  der  Posten  «Goldschatz»
aber  um  5  Millionen  fällt,  dann  dürfte  dies  wohl
        <pb n="43" />
        —  13

darauf  zurückzuführen  sein,  daß  die  Bank  Gold
exportierte  und  dafür  Devisen  erhielt.  Die  Bank
kann  aber  auch  Auslandsguthaben  erworben
haben,  über  die  sie  dann  mit  Hilfe  von  Schecks
zu  disponieren  vermag.  Die  serbische  Nationalbank ­
  hat  zu  Beginn  des  Balkankrieges  erhebliche
Bestände  an  Auslandsguthaben  in  Paris  besessen,
die  einen  Anleiherest  repräsentierten.  Während
des  Krieges  konnte  die  Regierung  über  diese  Bestände ­
  disponieren.
Unter  den  Passiven  interessieren  uns  vor
allem  die  Regierungsguthaben.  Sie  können  aus
der  Bilanz  der  österreichisch-ungarischen  Bank
nicht  einmal  annähernd  erschlossen  werden,  da
sie  sich  auf  viele  Posten  verteilen.  Unter  den
Giroguthaben  befinden  sich  Gelderder  Regierungen,
aber  auch  unter  den  sonstigen  Guthaben  und
Forderungen.  Hieher  gehören  z.  B.  solche  Gelder,
welche  bereits  angewiesen,  aber  noch  nicht  behoben
wurden.  Die  Regierungen  haben  auch  verzinsliche
Goldguthaben  liegen.
Darunter  befinden  sich  auch  jene  Gelder
welche  die  österreichisch-ungarische  Bank  durch
Verkauf  von  Zollgoldanweisungen  einnimmt.  Nominell ­
  wird  der  Zoll  immer  mit  Gold  bezahlt.  Die
Bank  gibt  aber  Zollgoldanweisungen,  welche  die
Regierung  ebenso  wie  Gold  annimmt,  al  pari  auch
gegen  alle  Geldsorten  (Noten,  Silbergulden  usw.)
ab,  die  in  Oesterreich-Ungarn  gesetzliche  Zahlkraft ­
  haben.  Der  Regierung  werden  aber  nicht
diese  Zeichengeldsorten  gutgeschrieben,  die  einlaufen,
  sondern  entsprechende  Goldmengen.
Im  Kriegsfall  kann  die  Bank  auf  Grund  ihres
Statuts  der  Regierung  solange  Gold  und  Golddevisen ­
  abgeben,  bis  der  Notenumlauf  zu  2 /s  mit
Metall  und  zu  3 / s  mit  Wechseln  und  Lombardforderungen ­
  gedeckt  erscheint.  Soweit  die  Bank
der  Regierung  Noten  gibt,  muß  sie  immer  auch
für  einen  entsprechenden  Metallschatz  sorgen.
Sie  kann  aber  der  Regierung  auch  dann  noch
reiche  Mittel  ohne  Verletzung  der  Statuten  zur
Verfügung  stellen,  wenn  der  Metallschatz  nicht
vergrößert  werden  kann  und  die  Deckungsgrenze
bereits  erreicht  ist,  wenn  sie  nämlich  das  Girokonto ­
  entsprechend  vergrößert.  Die  Regierung
zahlt  z.  B.  Noten  ein  und  läßt  sich  den  Betrag
gutschreiben.  In  diesem  Fall  ist  durch  das  Bankstatut ­
  keine  Grenze  festgesetzt,  weil  sich  die
Deckungsvorschrift  nur  auf  das  Notengeld,  nicht
aber  auf  das  Girogeld  bezieht.  Es  sind  zwar  tatsächlich ­
  beide  Geldsorten  einander  prinzipiell  gleich
und  die  Emission  von  Notengeld  und  Girogeld
hat  ungefähr  dieselbe  Bedeutung,  aber  unser  Bankstatut ­
  macht  diesen  Unterschied.  Wenn  auch  die
juristische  Korrektheit  nicht  das  Entscheidende  im
Kriegsfall  sein  dürfte,  so  ist  es  doch  meist  erwünscht,
Wenn  man  im  Kriegsfall  unter  Beobachtung  der
.gesetzlichen  Bestimmungen  dennoch  die  Zeichengeldemission ­
  erhöhen  kann,  wenn  das  Notenernissionsrecht
  bereits  erschöpft  ist.

3.  Anleihen.
Wenn  ein  Staat  Weltgeld  mit  Hilfe  von  Anleihen ­
  beschaffen  will,  hat  er  zwei  Möglichkeiten;
er  kann  die  Anleihe  im  Inlande  oder  im  Auslande
aufnehmen.  Die  im  Auslande  aufgenommene  Anleihe ­
  kann  er  entweder  im  Inlande  oder  im  Auslande ­
  verausgaben.
Daß  ein  Staat  bei  Aufnahme  einer  Inlandsanleihe ­
  viel  Weltgeld  in  Form  von  Münzen  oder
rohem  Golde  erhalten  dürfte,  ist  sehr  unwahrscheinlich. ­
  Die  Versuche  in  Kriegszeiten,  das  in
der  Bevölkerung  vorhandene  Gold  aufzusaugen,
sind  meist  gescheitert.  Es  wäre  ja  denkbar,  daß
der  Staat  im  Inlande  Schatzscheine  emittiert,  die
nur  gegen  Gold  abgegeben  werden,  aber  erreichen
dürfte  er  damit  wenig.
Anders  steht  es  dagegen  mit  Ausländsanleihen. ­
  Sie  liefern  Gold,  Devisen  und  Auslandsguthaben. ­
  Das  von  Ausländsanleihen  gelieferte
Gold  wird  heute  in  Oesterreich-Ungarn  im  allgemeinen ­
  nicht  dem  Verkehr  übergeben,  sondern
der  österreichisch-ungarischen  Bank.  Die  Devisen
und  Auslandsguthaben  fließen  zum  Teil  auf  Umwegen ­
  den  inländischen  Kaufleuten,  Industriellen
und  Agrariern  zu,  die  mit  ihrer  Hilfe  z.  B.  Rohstoffe ­
  und  Maschinen  importieren  können.  Mit
Hilfe  einer  Ausländsanleihe  beschaffte  sich  seiner-  *
zeit  Oesterreich-Ungarn  Gold,  um  die  Goldwährung
einführen  zu  können.
im  letzten  Jahrzehnt  dienen  Ausländsanleihen ­
  immer  häufiger  dazu,  um  Waren
im  Auslande  zu  beschaffen.  Dies  gilt  insbesondere
von  Anleihen,  welche  die  militärischen  Rüstungen
kleinerer  Staaten  zu  fördern  bestimmt  sind.
Serbien  z.  B.  erhielt  von  Frankreich  Geld  unter
der  Bedingung,  daß  Schneider-Creuzot  Bestellung
zugewiesen  bekomme.  Der  Gläubigerstaat  kreditiert ­
  so  eigentlich  Waren  und  erhält  Geld  zurück. ­
  Die  Anleihe  dient  so  indirekt  dem  Gläubigerstaat ­
  dazu,  die  eigene  Industrie  zu  heben.
Die  des  Schuldnerstaates  kann  darunter
leiden.  Diese  Beobachtung  hat  man  bereits ­
  im  Zeitalter  der  Napoleonischen  Kriege
gemacht,  als  England  die  Subsidien  an  die  Kontinentalstaaten ­
  in  Waren  zahlte.  Durch  die  Mengen
von  Kanonen,  Gewehren,  Patronen,  Pulver  usw.,
die  so  auf  den  Kontinent  geschickt  wurden,  litt
die  kontinentale  Kriegsmittelfabrikation.  Wenn
man  die  Anleihen  in  demselben  Lande  ausgibt,
in  dem  man  sie  aufgenommen  hat,  ändert  sich
durch  die  Anleihenaufnahme  der  Zinsfuß  nicht
wesentlich.  Die  Gelder,  welche  ein  I  eil  der
Bürger  dem  fremden  Staat  zur  Verfügung  stellt,
werden  von  diesem  Staate  anderen  Bürgern
wieder  ausbezahlt.  Damit  aber  in  dem  Zeitraum
zwischen  der  Anleihenaufnahme  und  der  Ausgabe
der  eingenommenen  Gelder  keine  Zinsfußerhöhung
eintritt,  kann  der  Schuldnerstaat  —  was  zum
Beispiel  Rußland  in  Frankreich  getan  hat  —  die
Gelder  in  einer  Bank  anlegen,  welche  dieselben
sofort  kurzfristig  zu  verleihen  vermag.
        <pb n="44" />
        14

Wir  sehen  aus  dem  Bisherigen,  daß  die  Ausländsanleihen ­
  entweder  das  Gold  oder  die  Devisen ­
  der  Notenbank  des  Schuldnerstaates  zuführen, ­
  oder  den  Industriellen,  Agrariern  etc.  des
Schuldnerstaates,  um  ihnen  die  Beschaffung  auswärtiger ­
  Waren  zu  ermöglichen  oder  schließlich
Ausländern.  Dabei  kann  auch  der  Fall  Vorkommen,
daß  Gelder,  welche  in  Frankreich  bezogen  wurden,
in  England  zu  Zahlungen  dienen.  Dies  würde
dem  Zinsfuß  in  Paris  eine  steigende,  in  London
eine  sinkende  Tendenz  geben.  Das  insbesondere
von  Rußland  während  des  russisch-japanischen
Krieges  »befolgte  Prinzip,  Ausländsanleihen  zu
Auslandszahlungen  zu  verwenden,  war  bereits
dem  18.  Jahrhundert  bekannt.  Struensee,  ein
Minister  Friedrich  des  Großen,  schreibt  z.  B.*:
«Zuletzt  bleibt  kein  ander  Hilfsmittel,  als
eine  auswärtige  Anleihe  nach  richtigen  Grundsätzen ­
  zu  unternehmen.  Es  wäre  also  immer  unschädlicher ­
  und  mit  geringerem  Verluste  verbunden ­
  gewesen,  wenn  man  sogleich  das  Geld
zu  den  erforderlichen  Ausgaben  in  der  Fremde
aufgenommen  hätte.  Alsdann  wäre  wenigstens
der  Verlust  aus  dem  nachteiligen  Wechselpreise
ganz  weggefallen.  .  .  .  Jeder  sieht  sogleich  ein,
daß  man  in  der  Fremde  nur  mit  dem  Gelde  der
t  Welt,  nicht  mit  Landesmünze  bezahlen  kann.  In
der  Welt  gibt  es  aber  gar  kein  ander  Geld  als
Gold  und  Silber,  wogegen  die  Landesmünze  ohne
allen  Nachteil  Papier  sein  kann.»
Wenn  ein  Staat  in  einem  anderen  eine  Anleihe ­
  aufnimmt,  so  sind  die  Gläubiger  Bankiers
oder  sonstige  Privatleute;  dennoch  muß  mit  der
Regierung  dieser  Geldgeber  verhandelt  werden,
weil  Anleihen  als  ein  Politikum  angesehen
werden.  Die  Regierung  kann  dabei  intervenieren,
indem  sie  auf  die  Bankiers  einwirkt,  sie  kann
aber  auch  der  Anleihe  die  Notierung  an  der
Börse  verweigern,  was  den  Absatz  überaus  reduziert. ­
  Wie  solche  Verhandlungen  durchgeführt
werden,  konnten  wir  in  der  letzten  Zeit  mehrfach ­
  beobachten.  Ich  erinnere  nur  daran,  wie
der  ungarischen  Anleihe  der  Pariser  Markt
verschlossen  wurde,  weil  man  in  Frankreich
die  Rüstungen  des  Dreibundes  nicht,  unterstützen
wollte.  Bekannt  sind  auch  die  Verhandlungen
welche  China  wegen  derFünfmächteanleihe  führen
mußte,  bei  denen  die  Politik  keine  geringe  Rolle
spielte.  Die  Geldmärkte  sind  nicht  frei  miteinander
kommunizierende  Gefäße,  wie  man  sich  das  zuweilen ­
  denkt.  Es  kann  ganz  gut  in  einem  Lande
der  Zinsfuß  hoch,  im  anderen  niedrig  sein,  und
dennoch  strömt  das  Geld  nicht  in  entsprechender
Menge  vom  Markte  mit  niedrigem  Zinsfuß  zum
Markte  mit  hohem  Zinsfuß  hin,  wenn  die  politische ­
  Spannung  zwischen  den  beiden  Ländern
erheblich  ist.  Der  Zinsfuß  kann  z.  B.  hoch  sein,

*  Struensee.  Abhandlungen  über  wichtige  Gegenstände ­
  der  Staatswirtschaft.  I.  Bd.  S.  423.  «Lieber  die
Mittel  eines  Staates  bei  außerordentlichen  Bedürfnissen,
besonders  in  Kriegszeiten,  Geld  zu  erhalten.»

weil  der  Gläubigerstaat  dem  kreditsuchenden
Staat  nicht  entgegenkommen  will.  Umgekehrt
kann  ein  Staat  Geld  billig  bekommen,  weil  der
Gläubigerstaat  dessen  Absichten  fördern  will.  Der
Gläubigerstaat  kann  sich  dabei  gewisse  Rechte
ausbedingen,  die  politisch  von  größter  Bedeutung
sind.  Es  kommt  übrigens  nicht  nur  auf  die  Rechte
an,  sondern  auch  auf  mannigfache  tatsächliche
Beziehungen.  Der  Dreibund  entstand  zum  Teil,
weil  Bismarck  die  Entstehung  eines  französischrussischen ­
  Bündnisses  voraussah.  Das  Ergebnis
des  französisch-russischen  Bündnisses  war,  daß
Rußland  vom  deutschen  Markte  erheblich  unabhängig ­
  wurde.  Rußland  hat  eine  Art  Anleihenallianz
geschlossen.  Dafür  haben  sich  die  Franzosen
mehrfach  um  russische  innere  Angelegenheiten  gekümmert, ­
  insbesondere  haben  sie  die  militärischen
Vorkehrungen  gegen  Deutschland  und  Oesterreich-Ungarn
  einer  Inspektion  unterworfen.  Hat  doch
Rußland  einen  Teil  der  Anleihen  nur  deshalb  zu
günstigen  Bedingungen  bekommen,  weil  Frankreich ­
  durch  die  Kreditgewährung  gewissermaßen
gegen  Deutschland  rüstet.  Ebenso,  wie  der  befreundete ­
  Staat  die  Aufnahme  einer  Anleihe  fördert,
ebenso  erschwert  sie  der  politisch  abgeneigte.
Als  Rußland  1906  in  Deutschland  eine  Anleihe
aufnehmen  wollte,  erklärte  die  deutsche  Regierung
dem  Berliner  Bankhaus,  welches  die  Sache
machen  sollte,  daß  sie  diese  Anleihe  nicht  für
angezeigt  halte.  Als  aber  bekannt  wurde,  daß
einige  Banken  durch  Strohmänner  und  auf  Umwegen ­
  an  der  russischen  Anleihe  partizipieren
wollten,  die  in  Frankreich  aufgenommen  wurde,
da  setzte  die  deutsche  Regierung  ihre  Autorität
dafür  ein,  daß  dies  unterblieb.  Die  Banken  sind
in  mehr  als  einer  Richtung  von  den  Regierungenabhängig, ­
  so  daß  sie  einen  Wunsch  derselben,  wenn
er  mit  genügendem  Nachdruck  vorgebracht  wird,
zu  respektieren  pflegen.
Wir  sehen,  daß  die  Regierungen  in  erheblichem ­
  Ausmaß  die  Geld-  und  Kreditbewegungen
beeinflussen  können.  Man  darf  aber  diese  Beeinflussungsmöglichkeit ­
  wieder  nicht  überschätzen.
So  wurde  z.  B.  der  russisch-japanische  Krieg  von
russischer  Seite  zum  Teil  mit  japanischem  Gelde
geführt.  Die  Japaner  hatten  eine  Schuld  an  die
Vereinigten  Staaten  abzuzahlen.  Die  Vereinigten
Staaten  dagegen  hatten  an  Frankreich  eine  Quote
zu  zahlen,  die  aus  der  Uebernahme  des  Panamakanals ­
  herrührte.  Als  diese  Gelder  in  Paris  ankamen, ­
  wurde  eben  die  russische  Anleihe  begeben, ­
  die  so  einen  günstigen  Absatz  fand.  Es  wäre
sehr  lehrreich,  die  Möglichkeiten  übersichtlich
zusammenzustellen,  welche  einem  Staat  zur  Verfügung ­
  stehen,  um  den  Kreditmarkt  zu  beeinflussen. ­
  Wir  haben  erwähnt,  daß  ein  Staat  seine
Bürger  verhindern  kann,  einem  anderen  Staat  etwas
zu  leihen.  Es  kann  auch  der  umgekehrte  Fall  Vorkommen. ­
  Der  Staat  kann  seine  Bürger  verhindern, ­
  aus  dem  Auslande  in  irgend  einer  Form
Geld  für  Betriebe  hereinzubringen.  In  den  Neunzigerjahren ­
  des  XIX.  Jahrhunderts  verbot  die
        <pb n="45" />
        15

apanische  Regieruug,  daß  Aktien  von  Eisenbahnen,
Banken  und  industriellen  Unternehmungen  von
Ausländern  erworben  würden.  Man  wollte  offenbar ­
  verhindern,  daß  die  inländischen  Unternehmungen ­
  in  fremde  Abhängigkeit  geraten.  Aehnliches
  kann  auch  bei  Schuldenaufnahmen  Vorkommen. ­
  Wir  sehen,  daß  die  Regierungen  heute
dahin  tendieren,  die  Kreditverhältnisse  entscheidend
zu  beeinflussen.
Da  Anleihen  auf  lange  Zeiträume  aufgenommen ­
  werden,  ist  das  Risiko  nicht  gering.  Ganz
abgesehen  von  der  wechselnden  Zahlungsfähigkeit ­
  eines  Staates,  ändert  sich  der  Zinsfuß  und
die  Kaufkraft  des  Geldes  in  längeren  Zeiträumen
recht  erheblich.  Ist  das  Risiko  groß,  so  muß  die
Regierung  meist  eine  höhere  Verzinsung  bewilligen. ­
  Sie  kann  aber  den  Absatz  der  Anleihe  auch
durch  Privilegien  erleichtern,  indem  sie  z.  B.  verfügt,
daß  bei  Kautionen  die  Anleihen  zum  Nominale  angenommen ­
  werden,  oder  daß  bestimmte  Gelder
ganz  oder  zum  Teil  in  Renten  angelegt  werden
müssen.  Freilich  wird  auf  diese  Weise  der  Industrie
und  Landwirtschaft  nicht  selten  Geld  entzogen.
Wenn  die  Regierung  eine  Anleihe  emittiert
hat,  ist  sie  zunächst  am  Kursstand  der  Anleihen
nicht  immer  interessiert,  am  meisten  dann,  wenn
sie  neue  Anleihen  beabsichtigt.  Es  kommt  nicht
selten  vor,  daß  sie  Banken  beauftragt,  den  Kurs
der  Anleihen  zu  halten.  Dies  geschah  z.  B.  während ­
  des  russisch-japanischen  Krieges  seitens
Rußlands.  Die  russischen  Renten  waren  zuweilen
geringeren  Kursschwankungen  ausgesetzt,  als  die
Renten  anderer  Staaten,  weil  einige  Bankhäuser
intervenierten.  Man  könnte  nun  meinen,  daß  dies
Kurshalten  keinen  Gewinn  bringe,  da  doch  der
Kurs  nur  dadurch  gehalten  werde,  daß  man  die
Renten  selbst  zu  einem  höheren  Kurse  kauft.  Dies
ist  aber  deshalb  nicht  richtig,  weil  ja  eine  relativ
geringe  Quantität  von  aufgekauften  Renten  häufig
ausreicht,  den  Kurs  der  übrigen  zu  stützen.  Sehen
die  Rentenbesitzer,  daß  sich  der  Kurs  hält,  so
verzichten  sie  auf  die  Veräußerung  der  Renten,
während  ein  geringes  Sinken  des  Kurses  oft
rasche  Kursstürze  zur  Folge  hat,  wenn  überhaupt
einmal  Mißtrauen  auf  dem  Markte  Platz  gegriffen
hat.  Einige,  die  das  Sinken  der  Kurse  beobachten,
verkaufen  rasch,  um  nicht  noch  mehr  zu  verlieren.
Durch  diese  Verkäufe  selbst  wird  der  Kurs  weiter
sinken,  was  wieder  neue  Verkäufe  zur  Folge  hat.
Umgekehrt  treibt  das  Publikum  zuweilen  auch
die  Kurse  in  die  Flöhe.
Wir  sehen  schon  aus  diesen  flüchtigen  Bemerkungen, ­
  daß  man  aus  der  Tatsache  der  Kursveränderung ­
  nur  wenig  schließen  kann,  ebensowenig ­
  aus  der  Höhe  des  Zinsfußes,  mit  dem  ein
Staat  seine  Anleihen  ausstatten  muß,  um  Geld
zu  bekommen.  Wenn  der  Rentenkurs  niedrig  ist,
so  glauben  viele,  daß  dies  nur  daraus  zu  erklären
sei,  daß  der  Kredit  des  Staates  unterhöhlt  ist  und
die  Zeiten  schlecht  sind.  Dies  ist  manchmal
richtig,  aber  keineswegs  immer.  Der  Kurs  der
Renten  kann  gerade  deshalb  niedrig  stehen,  weil

ein  allgemeines  Blühen  und  Gedeihen  einsetzt
welches  den  Industriellen  große  Gewinne  sichert.
Nehmen  wir  an,  im  ersten  Zeitpunkt  in  Tabelle
XVII  trage  die  Staatsrente  4  K  jährlich,  der  Zinsfuß, ­
  zu  dem  Einlagen  verzinst  werden,  sei  mit
4%  angesetzt.  Das  heißt  100  K  tragen  mir  in  der
Bank  ebensoviel,  wie  eine  Staatsrente;  wenn  ich
nun  mein  Geld  ebenso  gerne  in  Staatsrenten,  wie
als  Einlage  verzinse,  so  werde  ich  eine  Staatsrente, ­
  die  mir  4  Kronen  trägt  mit  100  Kronen
zu  kaufen  bereit  sein.  Nun  steige  die  Verzinsung ­
  in  der  Bank  auf  8  %,  die  Gründe
können  verschiedene  sein.  Es  kann  dies  damit
Zusammenhängen,  daß  man  sehr  schwer  Geld  bekommt, ­
  aber  möglicherweise  auch  damit,  daß  die
Dividenden  der  Aktiengesellschaften  im  Steigen
begriffen  sind.  Die  Banken  müßten  fürchten,  ihre
Einleger  zu  verlieren,  da  sie  ihr  Geld  lieber  zum
Aktienankauf  verwenden,  als  es  in  die  Bank  zu
legen,  falls  der  Zinsfuß  nicht  in  die  Höhe  geht
und  dazu  anreizt,  Geld  in  die  Bank  zu  tragen.
Die  Banken  können  aber  in  solchen  Zeiten  wieder
höhere  Zinsen  ihren  Einlegern  Zusagen,  weil  sie
ja  selbst  Aktien  kaufen  und  daher  an  den  erhöhten ­
  Gewinnen  partizipieren.  Dies  Steigen  des
Zinsfußes,  das  mit  einem  Gedeihen  der  Industrie
zusammenfällt,  bewirkt  sofort  ein  Fallen  des
Rentenkurses  auf  die  Hälfte.  Ein  Papier,  das  mir
4  Kronen  trägt,  würde  ich  nur  mit  50  Kronen  bezahlen, ­
  wenn  ich  in  der  Bank  für  100  Kronen
8  Kronen  Zinsen  bekomme.  Wir  sehen  an  diesem
Beispiel,  daß  zuweilen  ein  niedriger  Rentenkurs
eine  Folge  allgemeinen  Aufschwunges  sein  kann.
Umgekehrt  wie  der  steigende  Zinsfuß,  wirkt  der
fallende  Zinsfuß.  Der  fallende  Zinsfuß  selbst  kann
wieder  verschiedene  Ursachen  haben.  Er  kann  auf
eine  abnehmende  Geldknappheit  hinweisen,  aber
auch  auf  ein  Stagnieren  in  den  Unternehmungen,
die  sich  nur  niedrig  verzinsen.
Tabelle  XVII.

Abhängigkeit  der  Rentenkurse  vom  Zinsfuß

Zeitpunkt ­


Staatsrente
trägt
jährlich

Einlagenzinsfuß ­


Kurs
der
Staatsrente

t,

4  K

4°/o

100  K

*2

4  K

8°/ 0

50  K

t 3

4  K

2°/ 0

200  K

Wir  müssen  uns  eben  in  allen  solchen  Fällen
vor  allzu  schnellen  Urteilen  hüten.
Das  gilt  insbesondere  auch  von  der  Höhe
des  Zinsfußes.  Der  hohe  Zinsfuß  kann  auf
große  Dividenden  hindeuten,  er  kann  aber  auch
der  Ausdruck  äußersten  Mißtrauens  sein.  Nehmen
        <pb n="46" />
        16

wir  z.  B.  an,  ein  Kaufmann  leihe  fünf  anderen,
wie  wir  dies  in  Tabelle  XVIII.  im  Fall  I  andeuten,
je  100  K,  jeder  zahlt  ihm  das  Geld  mit  4°/ 0
Zinsen  zurück.  Der  Kaufmann  leiht  zu  einer  anderen
Zeit,  im  Falle  II,  wieder  je  100  K  her.  Er  weiß
aber,  daß  durchschnittlich  jeder  fünfte  Schuldner
in  Konkurs  geht.  Will  er  nun  eine  4°/ 0  ige  Verzinsung ­
  seines  Kapitals  erzielen,  so  muß  er  30°/ 0
Zinsen  verlangen.  Diejenigen,  welche  dann  nicht
Konkurs  machen,  zahlen  gewissermaßen  für  denjenigen, ­
  der  Konkurs  macht,  die  Risikoprämie  an
den  Gläubiger,  dessen  Geld  sich  freilich  nur  mit
4°/ 0  verzinst.  Wenn  man  daher  aus  dem  Zinsfuß
etwas  ablesen  will,  muß  man  immer  den  Zinsfuß
risikoloser  Geschäfte  ins  Auge  fassen,  da  derZinsfuß
  bei  gewöhnlichen  Darlehen  immer  eine  Risikoprämie ­
  von  wechselnder  Größe  enthält.  Solche

allzu  großen  Ertrag  erzielen.  Man  wird  sei
also  praktisch  wohl  nur  als  Notbehelf  betrachten
müssen.
VIII.  Organisation  der  unmittelbaren  Realienbeschaffung. ­

Nachdem  wir  nun  die  Frage  erörtert  haben,
in  welcher  Weise  der  Staat  sich  Geldmittel  beschaffen ­
  kann,  um  im  Kriegsfall  Realien  zu  kaufen, ­
  wollen  wir  jetzt  auf  die  schon  erwähnte
Möglichkeit  übergehen,  die  Realien  unmittelbar,
nicht  auf  dem  Umweg  durch  Geldbeschaffung  und
Kauf  dem  Staat  zur  Verfügung  zu  stellen.  Wir
sehen  auf  den  ersten  Blick,  daß  die  unmittelbare
Realienbeschaffung  im  Kriegsfall  häufiger  eine
Rolle  spielen  wird,  als  in  Friedenszeiten.  Wir

Tabelle  XVIII.

Zinsfuß  und  Risikoprämie

Schuldner

Im

Zinsfuß

A

B

C

D

E

ganzen

der
Schuldner

des
Gläubigers

Fall  1

Hergeliehene
Summe

100

100

100

100

100

500

■  4°/ 0

4°/ 0

Zurückgezahlte
Summe

104

104

104

104

104

520

Fall  11

Hergeliehene
Summe

100

100

100

100

100

500

'  30°/ o

4°/ 0

Zurückgezahlte
Summe

130

130

130

130

Konkurs

520

Risikoprämien  sind  oft  auch  in  den  Zinsen  enthalten, ­
  die  ein  Staat  für  seine  Anleihen  bewilligen ­
  muß.
4.  Steuer.
Was  eine  Steuer  anlangt,  die  Weltgeld  beschaffen ­
  soll,  so  hat  sie  wohl  ebensowenig  Aussicht ­
  auf  besonderen  Erfolg,  wie  eine  Weltgeldanleihe ­
  im  Inland.  Wenn  man  die  im  Volke  vorhandenen ­
  Weltgeldmassen,  vor  allem  Gold,  das
zu  Schmuck  etc.  verarbeitet  ist,  erhalten  will,  ist
man  immer  auf  den  guten  Willen  der  Bevölkerung
angewiesen.  In  diesem  Falle  dürfte  zuweilen  die
Aufforderung  zur  freiwilligen  Ablieferung  des  Edelmetalls ­
  noch  mehr  Aussicht  auf  Erfolg  haben-Wir
  wissen,  daß  in  den  Freiheitskriegen  Goldschmuck ­
  von  allen  Seiten  herbeigebracht  wurde:
«Gold  gab  ich  für  Eisen».  Wir  dürfen  aber  nie
vergessen,  daß  Leute,  die  bereit  sind,  sich  im
Felde  totschießen  zu  lassen,  eventuell  Schwierigkeiten ­
  machen,  wenn  der  Steuerbeamte  Goldschmuck ­
  von  ihnen  verlangt.  Selbst  im  günstigsten
Falle  dürfte  eine  solche  Goldsteuer  nicht

müssen  dabei  die  Requisitionen  der  Armee  im
Operationsraum  von  jenen  trennen,  die  außerhalb
des  Operationsraumes  zur  Verpflegung  der  Armee
und  der  Zivilbevölkerung  eventuell  vorgenommen
werden.
Die  Armee  im  Operationsraum  wird  heute  im
allgemeinen  bemüht  sein,  «vom  Lande  zu  leben»,
ein  Verfahren,  das  auch  in  früheren  Perioden
schon  gebräuchlich  war,  dann  aber  wieder  abkam.
Die  Napoleonischen  Kriege  haben  dieser  Methode ­
  eigentlich  erst  wieder  zur  allgemeinen
Anerkennung  verholfen.  Dies  «Leben  vom  Lande»
kann  mit  Hilfe  des  Kaufes  oder  aber  mit  Hilfe
der  Requisition  erfolgen.  Da  im  Operationsraum
Produktion,  Export  und  Import  so  gut  wie  ganz
stocken  dürften,  wird  sich  die  Beschaffung  von
Naturalien  auf  solche  beschränken,  die  als  Vorräte ­
  vorhanden  sind.  Die  Requisition  fügt  sich  dort
nicht  einem  normalen  sozialen  Leben  ein.
Anders  verhält  es  sich  mit  der  unmittelbaren
Realienbeschaffung  hinter  der  operierenden  Armee.
Nehmen  wir  z.  B.  an,  es  werde  in  Rußland  Krieg
geführt,  aber  in  Ungarn  zu  diesem  Zweck  requi ­
        <pb n="47" />
        17

riert.  Die  Requisition  wird  sich  in  diesem  Falle
dem  normalen  sozialen  Leben  eingliedern  und  es
umgestalten.  Nach  einiger  Zeit  wird  sich  alles
dem  Requirieren  angepaßt  haben.  Wir  müssen
die  Requisition  einer  operierenden  Armee,  die  im
allgemeinen  auf  soziale  Gesichtspunkte  schwer
Rücksicht  nehmen  kann  und  so  gut  wie  ausschließlich ­
  die  militärischen  Zwecke  im  Auge
haben  wird,  von  jener  im  Rücken  der  Armee
trennen,  die  sehr  wohl  auf  die  Wirkungen  Rücksicht ­
  nehmen  kann,  welche  die  Requisition  ausübt. ­
  Es  kann  z.  B.  eine  bestimmte  Quote  der
Naturalien  requiriert  oder  eine  Art  progressiver
Requisition  eingeführt  werden,  derart,  daß  die  Leute,
welche  größere  Magazine  haben,  eine  größere
Quote  herzugeben  verpflichtet  werden.
Es  kann  auch  ein  Minimalvorrat  der  Requisition ­
  entzogen  bleiben,  kurzum  es  wäre
denkbar,  daß  man  in  den  einer  geordneten  Verwaltung ­
  unterliegenden  Landesteilen  —  seien  sie
nun  feindliche  oder  solche  des  eigenen  Landes
•—  eine  Art  Requisitionsordnung  einführt,  die  der
Steuerordnung  zu  vergleichen  wäre.  Soweit  gegen
Schein  requiriert  wird,  wäre  diese  Requisition  als
Naturalzwangsanleihe  zu  charakterisieren. ­
  Im  allgemeinen  wird  es  verabsäumt,  in
Friedenszeiten  die  eventuelle  Requisitionsordnung
systematisch  auszuarbeiten,  so  daß  die  Requisition
meist  mehr  Störungen  erzeugt,  als  unbedingt
erforderlich  ist.  Obgleich  man  eine  Requisitionslehre ­
  in  ähnlicherWeise  wie  die  Steuerlehre  ausgestalten ­
  könnte,  ist  dies  bis  jetzt  unterblieben.
Selbstverständlich  müßte  die  theoretische  Volkswirtschaftslehre, ­
  wenn  sie  vollständig  ausgebaut
wäre,  auch  diese  Dinge  von  vornherein  in  sich
enthalten,  das  heißt,  die  allgemeinen  Sätze  liefern,
die  auf  diesen  konkreten  Fall  anwendbar  sind,
aber  sie  ist  zu  einem  solchen  Grade  der  Allgemeinheit ­
  noch  nicht  gelangt,  sondern  klammert
sich  meist  noch  recht  eng  an  Abstraktionen  aus
bestimmten  Friedenserscheinungen.
Wenn  man  die  Lehre  von  der  unmittelbaren
Realienbeschaffung  ausbaut,  muß  man  auch  festzustellen ­
  suchen,  worin  sich  die  unmittelbare
Realienbeschaffung  von  der  Beschaffung  durch
Kauf  unterscheidet.  Zunächst  würde  man  wohl
den  Unterschied  darin  erblicken,  daß  die  requirierten ­
  Güter  in  dem  einen  Fall  mit  in  dem
anderen  ohne  Entschädigung  den  Leuten  abgenommen ­
  werden,  wenn  man  nicht  bei  der
Unmittelbaren  Beschaffung  Quittungen  als  Zahlung
gibt.  Man  kann  aber  Realien  durch  Kauf  beschaffen ­
  und  dennoch  keine  Entschädigung  zahlen.
Dies  ist  dann  der  Fall,  wenn  man  das  Geld,  mit
dem  man  die  Waren  kauft,  vorher  durch  Kontributionen ­
  beschafft  hat.  Ja  man  kann  das  so  aus-Segebene
  Geld  nochmals  mit  Hilfe  einer  Kontribution ­
  einheben  und  den  Rest  der  Realien  dafür
beschaffen.  Wir  sehen  hier  eine  Analogie  zur  An-•eihenzirkulation,
  die  wir  oben  vorgeführt  haben.
Wo  dort  von  Anleihe  gesprochen  wird,  haben  wir

nun  von  Kontribution  zu  sprechen.  Im  allgemeinen
wird  sich  wohl  die  Sache  so  abspielen,  daß  man
den  Städten  die  Kontributionen  auferlegt  und  in
den  Agrargebieten  das  so  erhaltene  Geld  ausgibt,
aber  es  ist  auch  der  Fall  denkbar,  daß  man  das
Geld  dort  ausgibt,  wo  man  es  requiriert  hat.  Esmüßte
eingehend  untersucht  werden,  wie  die  unmittelbare
Requisition  wirkt,  wie  die  Güterbeschaffung  durch
Kauf  nach  vorher  vorgenommener  Kontribution.
Vor  allem  liegen  wesentliche  psychologische  Unterschiede ­
  vor.  Im  allgemeinen  macht  man  wohl
die  Beobachtung,  daß  bei  einer  Bevölkerung,  die
sich  einigermaßen  neutral  verhält,  die  Beschaffung
der  Realien  durch  Geld  viel  für  sich  hat.  Nur
nebenbei  möchte  ich  darauf  hinweisen,  daß  noch
ein  ganz  anderes  Moment  die  Kontribution  nahelegt. ­
  Die  in  Feindesland  einmarschierende  Armee
erhält  Geldsorten  mit,  welche  im  eigenen  Lande
zirkulationsfähig,  der  feindlichen  Bevölkerung  aber
unbekannt  sind  und  daher  vielfach  nicht  gerne
genommen  werden.  Die  Kontribution  liefert  Landesgeld, ­
  was  die  Naturalienbeschaffung  sehr  zu  erleichtern ­
  pflegt.  Natürlich  wäre  auch  der  Fall
denkbar,  daß  ein  Armeekommando  zwangsweise
einen  Geldwechsel  in  großem  Stile  durchführt.
Mir  ist  nicht  bekannt,  ob  so  etwas  je  vorgekommen
ist,  zweckmäßig  könnte  es  unter  Umständen  wohl
sein.  Insbesondere  könnte  durch  die  so  beschafften
feindlichen  Zahlungsmittel  auch  den  eigenen  Soldaten ­
  das  einheimische  Geld  gegen  feindliches
umgetauscht  werden.  Wie  mir  ein  serbischer  Gewährsmann ­
  mitteilte,  pflegt  nach  einer  Schlacht  das
Konsumbedürfnis  der  Offiziere  und  der  Mannschaft
ein  gesteigertes  zu  sein.  Nichts  sei  dem  Manne
dann  lästiger,  als  die  Nötigung  zu  sparen;  er  will
sich,  was  ihn  freut,  beschaffen  können.  Nun  kann
man  natürlich  durch  eine  Verordnung  die  Bevölkerung ­
  zwingen,  jede  beliebige  Geldsorte  anzunehmen, ­
  man  riskiert  aber  damit  einen  Teil  des
Vorteils,  der  eben  darin  besteht,  daß  man  die  gewohnten ­
  Verkehrsformen  möglichst  aufrecht  erhält.
Insbesondere  dem  einzelnen  Mann,  der  sich  irgend
welche  Delikatessen  oder  sonstiges  einkaufen  will,
ist  es  sehr  erwünscht,  wenn  er  ohne  Hin-  und  Widerrede ­
  erhalten  kann,  was  er  wünscht.  Uebrigens
wurden  ähnliche  Beobachtungen  auch  in  anderen
Kriegen  gemacht  Der  Sinn  für  die  Zukunft  ist  beim
Soldaten  meist  sehr  herabgesetzt,  der  Augenblick
gilt  ihm  alles,  und  so  besteht  wohl  einige  Wahrscheinlichkeit ­
  dafür,  daß  die  an  die  Truppen  auszuzahlenden ­
  Gebühren  zum  größten  Teil  konsumiert ­
  werden.  Nur  die  von  vornherein  für  die
Familien  bestimmte  Quote  der  Gebühren  verbleibt
der  Inlandszirkulation.
Diejenigen,  welche  mit  Geldrückströmungen
aus  dem  Operationsraum  rechnen,  müßten  diesem
Problem  eingehende  Aufmerksamkeit  zuwenden.
Eine  Form  der  Beschaffung  ausländischen  Geldes
bleibe  übrigens  nicht  unerwähnt,  zumal  sie  gelegentlich ­
  vorgekommen  ist;  der  vorrückende
Staat  kann  feindliches  Zeichengeld  selbst  erzeugen,
seien  es  nun  Noten  oder  metallisches  Zeichengeld.
        <pb n="48" />
        18

Napoleon  hat  z.  B.  ersteres  gelegentlich  mit  Erfolg ­
  getan.  Wenn  der  vorrückende  Staat  z.  B.
feindliches  Silbergeld  erzeugt,  kann  er  den  Zahlungsverkehr ­
  im  Operationsraum  sehr  erleichtern.  Wie
diese  Handlungsweise  staatsrechtlich  aufzufassen
ist,  kann  man  nicht  ohneweiters  entscheiden.  Der
vorrückende  Staat  übt  so  in  einem  nur  okkupierten ­
  aber  noch  nicht  annektierten  Gebiete  die
Münzhoheit  aus.
Es  fragt  sich  nun,  welche  Umstände  die
unmittelbare  Naturalienbeschaffung  in  den  im
Rücken  der  Armee  befindlichen  Gebieten  nahelegen
können,  sei  es  mit  Hilfe  einer  Naturalienzwangsanleihe, ­
  oder  mit  Hilfe  einer  N  aturaliensteuer.
  Denken  wir  uns  z.  B.,  daß
die  Regierurg  nicht  imstande  war,  durch  Anleihen
und  Steuern  entsprechende  Geldmittel  aufzubringen;
sie  schreitet  zu  einer  massenhaften  Notenemission;
wir  haben  schon  gesehen,  daß  auf  diese  Weise,
wenn  nicht  gleichzeitig  eine  Vermehrung  der  Produktion ­
  infolge  der  Notenvermehrung  oder  unabhängig ­
  davon  stattfindet,  eine  Erhöhung  der  Preise
eintreten  kann.  Um  zu  den  erhöhten  Preisen  den
weiteren  Bedarf  beschaffen  zu  können,  muß  die
Regierung  immer  größere  Notenmengen  emittieren,
falls  die  Steuerschraube  versagt,  was  in  Kriegszeiten ­
  nichts  Ungewöhnliches  ist.  Diese  Preissteigerung ­
  tritt  selbst  dann  ein,  wenn  die  Produktion ­
  unverändert  bleibt,  um  wie  viel  mehr
erst,  wenn  sie  abnimmt,  was  z.  B.  im  Falle  eines
Weltkrieges  das  Wahrscheinlichere  sein  dürfte.
Wie  die  vermehrte  Notenmenge  immer  wieder
die  Preise  erhöht  und  die  Regierung  zu  immer
neuen  Emissionen  zwingt,  wenn  sie  eine  konstante
Quote  der  Produktion  erlangen  will,  zeigt  uns
Tabelle  XIX,  die  der  Tabelle  XIII  nachgebildet  ist.
Wir  sehen  zunächst,  wie  die  Bürger  in  den  Zeitpunkten ­
  1  bis  4  miteinander  Handel  treiben,  produzieren ­
  und  konsumieren.  Mit  30  Noten  wird  die
Zirkulation  der  drei  Waren  a,  b,  c  bewirkt  von
denen  jede  10  Notenmengen  kosten  soll.  Nun
will  die  Regierung  die  Hälfte  der  vorhandenen
Güter  durch  Notenemission  in  ihre  Hand  bekommen.
Sie  erreicht  das,  wie  wir  wissen  dadurch,  daß  sie
30  Notenmengen  druckt.  Die  Preise  steigen  auf
20,  jeder  Bürger  kann  nur  die  Hälfte  der  früheren
Warenmenge  kaufen,  die  Regierung  kauft  die  andere ­
  Hälfte.  Im  Zeitpunkt  7  werde  die  Warenmenge ­
  konsumiert;  nehmen  wir  an,  es  seien
Nahrungsmittel  gewesen.  Die  Produktion  setzt  von
neuem  ein.  Wir  nehmen  an,  sie  sei  eben  so  groß,
wie  früher.  Nun  hat  jeder  Bürger  20  Noten  im
Besitz;  will  die  Regierung  wieder  die  Hälfte  aller
Waren  in  die  Hand  bekommen,  so  ist  sie
genötigt,  eben  so  viele  Noten  zu  drucken,
als  die  Gesamtheit  der  Bürger  besitzt,  d.  h.  60
Notenmengen  ;  wir  sehen  daß  nun  derselbe
Vorgang  wie  vorher  erfolgt  und  daß  die  Regierung ­
  im  Zeitpunkt  13  neuerlich  die  Notenemission ­
  verdoppeln  muß.  Dieses  sehr  vereinfachte ­
  Schema  erklärt  uns,  wie  die  Assignatenwirtschaft ­
  wirkte.  Wie  kann  die  Regierung  dieser
Entwicklung  steuern?

Zunächst  kann  an  die  Aufstellung  von  Preist
  a  x  e  n  gedacht  werden.  Soweit  die  Preissteigerungen
darauf  zurückgehen,  daß  die  Verkäufer  die  Beunruhigung ­
  der  Bevölkerung  und  den  plötzlichen
Bedarf  ausnützen  wollen,  können  solche  Preistaxen ­
  sich  wohl  realisieren  lassen,  wenn  man  mit
genügender  Strenge  jede  Uebertretung  bestraft
wie  dies  z.  B.  in  Bulgarien  während  des  Balkankrieges ­
  der  Fall  war.  Sowohl  Bulgarien  als  auch
Serbien  sind  nämlich  mit  der  Verhängung  von
Preistaxen  vorgegangen,  ohne  daß  aber  eine  besonders ­
  starke  Notenemission  vorangegangen
wäre.  Anders  steht  aber  die  Sache  im  Falle  einer
Assignatenwirtschaft.  Die  Preistaxen  nützen  dann
oft  nichts  mehr,  weil  die  Leute  lieber  überhaupt
darauf  verzichten,  zu  verkaufen,  wie  dies  z.  B.
1793  in  Frankreich  der  Fall  war.  Die  Preistaxe
hat  daher  im  allgemeinen  noch  immer  dann  ihren
Zweck  verfehlt,  wenn  sie  Vorgänge  beeinflussen
will,  die  aus  einer  plötzlichen  Verschiebung  auf
dem  Gebiet  des  Zahlungsverkehrs  herrühren.
Die  Regierung  kann  in  einem  solchen  Falle,
wenn  die  Geldordnung  versagt,  dennoch  einen
Ausweg  finden,  wenn  sie  die  unmittelbare  Versorgung ­
  der  Bevölkerung  und  der  Armee  mit
Nahrungsmitteln  verfügt.  Es  ist  nicht  anzunehmen,
daß  ein  führender  Staatsmann,  um  z.  B.  die
Rechte  von  Getreidespekulanten  zu  schonen,  die
Bevölkerung  hungern  lassen  wird.  Wenn  das
Geldsystem  nicht  ordnungsgemäß  funktioniert,
dürfte  wohl  die  Einrichtung  einer  Großnaturalwirtschaft ­
  das  Naheliegendste  sein.  Denn
schließlich  ist  es  im  Kriegsfall  der  oberste  Grundsatz
des  Politikers  für  das  öffentliche  Wohl  und  den
Kriegszweck  zu  sorgen;  die  traditionelle  Ordnung
ist  für  ihn  nur  ein  Mittel  zu  diesem  Zweck,  versagt ­
  sie,  so  wird  in  Kriegszeiten  ein  Versuch  mit
anderen  Mitteln  bekanntlich  weit  eher  gewagt,
als  in  Friedenszeiten.  Gewöhnlich  führt  man  aber
solche  Veränderungen  in  Kriegszeiten  übereilt  und
ungenügend  durch.  Man  verabsäumt  eben  in
Friedenszeiten  alle  Möglichkeiten  entsprechend
zu  bedenken.
Wie  die  Großnaturalwirtschaft  die  Güterverteilung
  im  Gegensatz  zur  Geldwirtschalt  durchführt, ­
  zeigt  Tabelle  XX.
Die  Großnaturalwirtschaft  läuft  in  letzter
Linie  darauf  hinaus,  daß  der  Staat  Naturalien  als
Steuern,  Anleihen  usw.  erhält  und  die  Gehälter,
usw.  in  Naturalien  auszahlt.
Wir  sehen,  wie  im  Falle  der  Geldwirtschaft
die  Regierung  die  Zivilbevölkerung  im  Zeitpunkt  2
besteuert;  wie  dann  die  Regierung  mit  dem  Steuererlös
  und  die  Bürger  mit  dem  verbliebenen  Geld  die
Waren  kaufen,  wie  auf  diese  Weise  die  Bürger
die  eine  Hälte  der  Naturalien  erlangen,  die  R e '
gierung  die  andere.  Die  Regierung  übergibt  die
Naturalien  der  Armee  und  im  5.  Zeitpunkt  wird
alles  bereits  konsumiert.
        <pb n="49" />
        19

Tabelle  XIX.

Wirkungen  der  Notenvermehrung

Zeit-Vorgang



Preis
von
a,  b,  c,

Bürger

Regierung

punkt

A

B

C

ti

—

10

a
10  Noten

b
10  Noten

c
10  Noten

—

^2

Verkauf

—

b
10  Noten

c
10  Noten

a
10  Noten

*3

Konsum

—

10  Noten

10  Noten

10  Noten

—

t 4

Produktion

—

a
10  Noten

b
10  Noten

c
10  Noten

—

t 5

Regierung
emittiert  Noten

20

a
10  Noten

b
10  Noten

c
10  Noten

30  Noten

tß

Verkauf

b
2
20  Noten

c
~2
20  Noten

a
2
20  Noten

a  b  c
V  ~2’  ~2

*7

Konsum

■  —

20  Noten

20  Noten

20  Noten

—

t 8

Produktion

—

a
20  Noten

b
20  Noten

c
20  Noten

—

t,

Regierung
emittiert  Noten

40

a
20  Noten

b
20  Noten

c
20  Noten

60  Noten

*10

Verkauf

b
2
40  Noten

c
~2
40  Noten

a
2
40  Noten

a  b  c
V  T  2

*11

Konsum

—

40  Noten

40  Noten

40  Noten

—

Produktion

—

a
40  Noten

b
40  Noten

c
40  Noten

—

*13

Regierung
emittiert  Noten

80

a
40  Noten

b
40  Noten

c
40  Noten

120  Noten

ÜSW.

usw.

usw.

usw.

usw.

usw.

usw.

Herrscht  im  Kriegsfall  dagegen  die  Großn
 aturalwirtschaft  und  übernimmt  die  Regierung
a üch  die  Verpflegung  der  Bevölkerung,  so  erhält
s ' e  zunächst  die  produzierten  Waren,  soweit  sie
n 'cht  von  den  Produzenten  etwa  selbst  konsumiert
Werden  und  verteilt  sie  zur  Hälfte  an  die  Bev
 ölkerung,  zur  Hälfte  an  die  Armee.  Wir  sehen,

daß  das  Ergebnis  der  Güterbewegung  mit  jenem
identisch  sein  kann,  das  wir  im  ersten  Fall  erhielten.
Selbstverständlich  sind  noch  eine  Reihe  anderer ­
  Momente  ins  Auge  zu  fassen;  dies  Schema
soll  nur  ungefähr  zeigen,  wie  man  sich  den  Vorgang ­
  vereinfacht  vorstellen  kann.
        <pb n="50" />
        2&amp;lt;J

Tabelle  XX.

Güterbewegung  in  der  Geld-  und  Naturalwirtschaft

Fall

Zeitpunkt

Vorgang

Zivilbevölkerung

Regierung

Armee

A

B

C

t,

Produktion

a
10  Noten

b
10  Noten

C
10  Noten

—

-4-&amp;gt;

t  2

Geldsteuer  von  50°/ o

a
5  Noten

b
5  Noten

c
5  Noten

15  Noten

—

o
-4-*
V-XJ


t  3

Verkauf

b
2
10  Noten

c
2
10  Noten

a
T
10  Noten

a  b  c
2»  2’  2

—

&amp;lt;L&amp;gt;
o

14

Abgabe  an  die  Armee

b
2
10  Noten

c
2"
10  Noten

a
2
10  Noten

—

a  b  C_
~2&amp;gt;  2~&amp;gt;  2

t,

Konsum

10  Noten

10  Noten

10  Noten

—

...  —

-«-J

t,

Produktion

a

b

c

—

kJ
o
(/)
it

  2

Naturalsteuer
von  100°/ 0

—

—

—

a,  b,  c

—

jä
kJ
i—
3
'S
z

t  3

Abgabe  an  die  Armee
und  Zivilbevölkerung

b
2

c
~2

a
~2

—

a  b  _c
T’  ~2&amp;gt;  'i

t  4

Konsum

—

—

—

—

—

Wenn  während  eines  Weltkrieges  die  Geldund
  Kreditordnung  versagen  sollte,  dürfte  es  wohl
genügen,  wenn  nur  die  wichtigsten  Bedarfsartikel
von  Staats  wegen  beschafft  und  abgegeben  werden.
Die  zahlreichen  Uebergänge  von  einer  Geldwirtschaft ­
  mit  völlig  freier  Konkurrenz,  zu  einer
staatlich  kontrollierten  und  zu  einer  Naturalwirtschaft ­
  können  hier  nicht  näher  erörtert
werden.  Ausdrücklich  sei  nur  hervorgehoben,
daß  an  sich  auch  eine  Naturalwirtschaft
mit  freier  Konkurrenz  denkbar  ist,  daß  dieselbe
aber  im  Kriegsfälle  kaum  sehr  viele  Vorzüge  vor
der  Geldwirtschaft  mit  freier  Konkurrenz  haben
dürfte.
Die  Großnaturalwirtschaft  mit  Naturalanleihen
und  Naturalsteuern  ist  insbesondere  dort  am
Platze,  wo  die  Bauern  wenig  Geld  zur  Verfügung
haben  und  der  Staat  auch  kein  Geld  in  den
Kassen  hat.  In  manchen  Fällen  wird  es  genügen, ­
  wenn  der  Staat  Naturalanleihen  aufnimmt
und  sie  in  Geld  zurückzuzahlen  zusagt,  in  anderen ­
  Fällen  wird  er  vielleicht  auch  die  Zurückzahlung ­
  nach  Wahl  in  Geld  oder  in  Naturalien
zusichern,  wie  dies  z.  B.  bei  einer  Geldanleihe
der  Fall  war,  welche  die  Südstaaten  während  des
Sezessionskrieges  in  Paris  aufgenommen  haben.
Die  Rückzahlung  sollte  in  Geld  oder  aber  in
Baumwolle  erfolgen.  Wenn  die  Geldordnung

überall  erschüttert  ist,  würde  man  es  sehr  g^
begreifen,  wenn  die  Anleihe  selbst  in  Naturalien
z.  B.  in  Form  von  Getreide  oder  Kriegsschiffe 11
aufgenommen  und  vielleicht  in  Roheisen  zurück'
gezahlt  wird.  Als  die  Südstaaten  nur  mehr  übe r
ein  arg  zerrüttetes  Geldwesen  verfügten  und
Möglichkeit  für  die  einzelnen  Pflanzer,  ihre  Wäret 1
gut  zu  verkaufen,  sehr  gering  war,  half  man  si^
damit,  daß  man  eine  Naturalsteuer  einhob.  Jeder
Pflanzer  und  Pächter  mußte  nach  Abzug  eines
für  den  eigenen  Gebrauch  bestimmten  Vorräte 5
V 10  aller  seiner  Vorräte  an  Getreide,  Erdäpfel 11 '
Futterstoffen,  Zucker,  Zuckersaft,  Baumwolle
Wolle,  Tabak  in  natura  der  Regierung  abliefert 1 !
ferner  ’/io  v on  allen  geschlachteten  Schweinet 1 ’
u.  zw.  in  Form  von  Schinken,  wobei  60  Pfund
Schinken  für  1  Zentner  Schwein  gerechn e
wurden.  Wir  sehen  aus  diesen  Bestimmunget 1 ’
daß  die  Regierung  nicht  nur  solche  Artikel  b e '
schaffte,  welche  sie  zur  Armeeverpflegung  b e '
nötigte,  sondern  auch  solche,  die  offenbar  daZjj
bestimmt  waren,  von  Regierungs  wegen  verkamt
zu  werden.  Den  Ertrag  konnte  dann  die  Regif
rung  verwenden.  Wir  sehen  hier  ein  Beispiel  ^
jene  Konzentration  des  Verkaufes,  die  wir  scho 11
oben  erwähnten.  Eine  derartige  Kombination  15
z.  B.  überall  dort  sehr  am  Platze,  wo  naturalwk  ^
schaftliche  Staaten  in  die  Geldwirtschaft  überg e
        <pb n="51" />
        21

geführt  werden  sollen.  Man  könnte  sich  denken,
daß  auf  diese  Weise  z.  B.  Albanien  der  Geld-Wirtschaft
  zugeführt  werden  könnte.  Legt  man
unmittelbar  eine  Geldsteuer  auf,  so  wird  das
Land  von  den  Zwischenhändlern  und  Geldgebern
abhängig.  Wenn  hingegen  die  Naturalsteuer
dngehoben  wird,  der  Ertrag  aber  von  der  Regierung ­
  verkauft  wird,  entfällt  diese  Gefahr.  Die
Einhebung  von  Naturalsteuern  im  Kriegsfälle
wird  daher  besonders  in  den  östlichen  und  südlichen ­
  Gebieten  der  Monarchie  sehr  in  Frage
kommen.  Uebrigens  haben  die  Südstaaten  im
Jahre  1864  der  Regierung  noch  außer  der  Steuer
Und  den  Requisitionen  ein  Kaufrecht  auf  ein
Weiteres  Zehntel  aller  Waren  gesichert.
Ich  erörtere  die  Frage  der  Großnaturalwirts
 chaft  immer  wieder  und  mit  einigem  Nachdruck,
Weil  ein  weit  verbreitetes  Vorurteil  die  Naturalwirtschaft ­
  für  primitiver  und  unentwickelter  als
Jie  Geldwirtschaft  ansieht,  was  aber  keineswegs
Jer  Fall  ist.  Es  gibt  zwar  Naturalwirtschaftszus
 tände  sehr  primitiver  Art,  aber  es  gibt  natural-Wirtschaftliche
  Organisationstypen,  die  höher
s tehen  als  irgendwelche  geldwirtschaftliche  Organisationstypen. ­

Daß  man  in  leitenden  Kreisen  die  Möglichkeit ­
  jns  Auge  faßt,  in  einem  Kriege  in  das  Priv
 ateigentumsrecht  eingreifen  zu  müssen,  beweist
Jas  österreichische  Kriegsleistungsgesetz.  Es  ist
^merkenswert,  wie  geringen  Widerstand  dieses
Gesetz  eigentlich  gefunden  hat.  Vor  einer  Generation
hätte  man  vielleicht  analoge  Bestimmungen  im
Kriegsfälle  auf  dem  Verordnungswege  erlassen
Und  dabei  einen  Sturm  der  Entrüstung  erregt.
Eeute  ist  man  an  Staatsintervention  weit  mehr
Gewöhnt,  ein  großer  Teil  der  Bevölkerung  bewußt ­
  sie  sogar.  Unternehmer  wie  Arbeiter  rufen
s 'e  nicht  selten  an.  Das  Kriegsleistungsgesetz
Jenkt  in  erster  Reihe  an  die  Bedarfsdeckung  der
Armee,  doch  wird  man  wohl  nicht  fehlgehen,
Venn  man  für  den  Fall  eines  Weltkrieges  auch
Uiit  der  Anwendung  dieses  Gesetzes  zur  Bedarfsdeckung ­
  der  Zivil  bevölkerung  rechnet,  wenigstens ­
  was  Lebensmittel,  Kohlen  und  einige  andere
nichtige  Artikel  anbelangt.  Der  Regierung  gibt
Jas  Kriegsleistungsgesetz  die  Handhabe,  Produktionsmittel ­
  und  Arbeitskräfte  für  sich  zu  verwenden. ­
  Die  individuelle  Freiheit  wird  auf  solche
sehr  eingeschränkt;  daß  sich  aber  diese
Einschränkung  auch  auf  die  Disziplinarordnung
^strecken  müsse,  welche  den  Militärbehörden
Unvertraut  wurde,  wird  von  manchen  Seiten
bestritten.  Das  Kriegsleistungsgesetz  ist  ein
Glied  in  einer  Kette.  Es  deutet  darauf  hin,
daß  im  Kriegsfälle  die  Versorgung  der  Großs
 tädte  und  anderer  Gebiete  wohl  von  Staats-^
 e gen  erfolgen  dürfte,  sobald  die  normalen
arsorgungsmechanismen  die  ersten  Schwächen
j^lgen.  Ob  es  freilich  nicht  zweckmäßiger  wäre,
d'ese  i m  Falle  eines  Weltkrieges  wohl  kaum  verd^idliche
  Organisation  schon  in  Friedenszeiten
thematisch  vorzubereiten,  ist  eine  andere
Pr age.

Welche  Folgen  die  Verwendung  von  Nichtkombattanten ­
  im  Kriegsfälle  auf  Grund  des
Kriegsleistungsgesetzes  haben  kann,  läßt  sich
heute  noch  nicht  übersehen.  Es  werden  wohl
Fälle  Vorkommen,  in  denen  der  Feldherr  es  für
zweckmäßig  erachten  kann,  die  Hilfskräfte  der
feindlichen  Armee,  welche  das  Kriegsleistungsgesetz ­
  ihr  zur  Verfügung  stellt,  unschädlich  zu
machen,  eventuell  durch  Gefangennahme.  Wenn
eine  Armee  zurückmarschieren  muß,  wird  sie
vielleicht  in  einem  Weltkriege  nicht  nur  die
Eisenbahnlinien  zerstören,  sondern  auch  die  Arbeitskräfte ­
  mit  in  die  Gefangenschaft  schleppen,
welche  geeignet  wären,  diese  Linien  in  kurzer
Zeit  wieder  herzustellen.  Man  kann  diese  Konsequenzen ­
  nicht  genau  voraussehen,  daß  aber  die
Angliederung  von  Zivilpersonen  an  die  Armee
irgend  welche  Folgen  zeitigen  wird,  kann  man
wohl  als  sicher  annehmen.  Man  wird  schließlich
so  weit  kommen,  Zivilarbeiter  als  eine  Art  Konterbande ­
  zu  betrachten.  Vor  allem  wird  man  die
Zivilarbeiter  des  Feindes,  die  bereit  waren,  auf
Grund  eines  Kriegsleistungsgesetzes  für  ihn  zu
arbeiten,  falls  man  sie  gefangennehmen  sollte,  für
sich  selbst  arbeiten  lassen.  Wenn  man  dadurch
die  eigene  Bevölkerung  entlastet  und  dies  während ­
  eines  Weltkrieges  in  großem  Maßstabe  tut,
könnte  eine  Umgestaltung  des  Arbeitsverhältnisses
überhaupt  die  Folge  sein.
Die  ganze  Struktur  des  Kriegsleistungsgesetzes ­
  bringt  es  deutlich  zum  Ausdruck,  wie  innig
im  Kriegsfall  das  Zusammenwirken  von  Militärund
  Zivilverwaltung  sich  gestalten  wird.  Die  Erfahrungen ­
  aus  dem  Balkankriege  lassen  schließen,
daß  die  scharfen  Unterschiede  während  des  Krieges
selbst  vielfach  ganz  verwischt  werden  dürften.
Persönliche  Tüchtigkeit  wird  bei  Anordnungen,
die  auf  Grund  des  Kriegsleistungsgesetzes  erlassen
werden,  oft  entscheiden,  ob  das  Zivil  oder  das
Militär  die  Ausführung  bestimmter  Maßnahmen
auf  sich  nimmt.  Sobald  die  Notwendigkeit  dieser
Zusammenarbeit  allgemeiner  zum  Bewußtsein  gekommen ­
  sein  wird,  dürfte  die  Ausbildung  der
Zivil-  und  Militärbeamten  eine  gewisse  Umbildung
erfahren.  Man  wird  dann  mehr  Gewicht  als  bisher
darauf  legen,  daß  die  Militärbeamten  die  Zivilverwaltung ­
  praktisch  und  theoretisch  kennen
lernen,  sowie  daß  die  Verwaltungsbeamten  genauer
als  bisher  über  die  Organisation  der  Armee  im
Kriegsfall  orientiert  sind.  Gemeinsame  Uebungen
auf  dem  Verwaltungsgebiet  werden  wohl  nicht
ausbleiben  und  es  wäre  gar  nicht  so  unmöglich,
daß  einmal  eine  Art  von  Verwaltungsmanöver
abgehalten  wird,  um  zu  erproben,  wie  die  Zusammenarbeit ­
  von  Zivil-  und  Militärverwaltung
unter  kriegsmäßigen  Bedingungen  vor  sich  geht.
Bei  den  Manövern,  wie  sie  bis  jetzt  abgehalten
werden,  wird  auf  dieses  Moment  relativ  wenig
Gewicht  gelegt;  vor  allem  deshalb,  weil  ja  die
Verwaltungsbehörden  nicht  kriegsmäßig  arbeiten.
Die  Kooperation  der  Militär-  mit  der  Zivilverwaltung ­
  dürfte  auch  manche  Kraftverschwendung
beseitigen,  die  heute  vorkommt.  Das  Zusammen ­
        <pb n="52" />
        22

wirken  von  Militär-  und  Zivilverwaltung  nimmt
offenbar  zu,  die  Ressortautonomie  wird  dadurch
unwillkürlich  verringert.  Alle  Bemühungen  zwischen
der  Militärverwaltung  und  den  Produzenten  dauernde ­
  Beziehungen  herzustellen,  gehören  beispielsweise ­
  hieher.
Die  Armee  interessiert  sich  begreiflicherweise ­
  heute  mehr  als  früher  für  Zivil-Angelegenheiten, ­
  aber  gleichzeitig  sehen  wir  auch
eine  Zunahme  des  Interesses  für  militärische  Angelegenheiten ­
  bei  der  Zivilbevölkerung.  Zwar  sind
auch  deutliche  antimilitärische  Strömungen  vorhanden, ­
  aber  es  ist  eine  historisch  mehrfach  beobachtete ­
  Tatsache,  daß  Bewegung  und  Gegenbewegung, ­
  Religiosität  und  Atheismus  usw.  einander
gegenseitig  ablösen.  Es  ist  z.  B.  bemerkenswert,
daß  das  interessante  Buch  «Die  neue  Armee»,
worin  das  Milizsystem  auf  seine  Anwendbarkeit
in  Frankreich  untersucht  wird,  von  einem  Sozialisten ­
  stammt.  Er  opponiert,  aber  seine  Opposition ­
  legt  Zeugnis  davon  ab,  daß  der  Verfasser
sich  eingehend  mit  militärischen  Fragen  beschäftigt ­
  hat.
Heute  nimmt  jedenfalls  unter  den  Politikern
aller  Parteien  die  Lieberzeugung  zu,  daß  man  der
Beschäftigung  mit  militärischen  Problemen  nicht
aus  dem  Wege  gehen  kann.  Kurzum,  die  Notwendigkeit, ­
  im  Kriegsfälle  die  gesamte  Bevölkerung
Zusammenwirken  zu  lassen,  dürfte  dazu  führen,
daß  die  Militär-  und  Zivilbevölkerung ­
  sich  ein  immer  größeres
Gebiet  politischer  und  militärischer ­
  Einsicht  schafft,  das  Gemeingut ­
  aller  wird.
Wir  sahen  wie  die  Tendenzen,  die  auch  im
Kriegsleistungsgesetz  zum  Ausdruck  kommen,
dahin  zielen,  das  öffentlich-rechtliche  Verhältnis
in  ernsten  Zeiten  immer  häufiger  an  die  Stelle
des  privatrechtlichen  treten  zu  lassen.  Wir  sahen,
daß  es  sich  dabei  um  keine  Zufälligkeiten  handelt,
sondern  um  Veränderungen,  die  durchaus  im
Geiste  der  Zeit  gelegen  sind.  Die  Betonung  des
öffentlichen  Interesses  drängt  aber  von  vornherein
die  Wertschätzung  der  Geldwirtschaft  zurück,  da
diese  im  wesentlichen  ein  Produkt  unorganisierter,
individualistischer  Klassen  und  Zeitalter  ist.  Das
patriarchalische  Verhältnis  zwischen  Bauer  und
Knecht  wurde  durch  die  Geldordnung  vielfach
auch  dort  aufgelöst  oder  zumindest  gelockert,  wo
eine  entsprechende  Veränderung  der  Produktion
gar  nicht  vorliegt.  Die  patriarchalischen  Zustände,
die  Bedeutung  der  öffentlichen  Gewalten  für  Produktion ­
  und  Konsumtion,  wie  sie  in  früheren
Perioden  schon  vorkam,  ist  der  Gegenwart  vertrauter ­
  als  den  eben  verflossenen  Epochen.  Die
Gegenwart  beginnt  wieder  die  Zeit  vor  hundert
Jahren  zu  verstehen.  Vater  und  Sohn  sind  eben
häufig  einander  fremder  als  Großväter  und  Enkel.
Die  Bemühungen,  den  Staat  als  ein  Ganzes  aufzufassen, ­
  sind  vor  hundert  Jahren  ähnlich  lebendig
gewesen,  wie  heute.  Damals  hat  ein  hervorragender ­
  Denker,  Adam  Müller,  zu  zeigen  gesucht,  daß

innerhalb  der  Geldordnung,  die  sozialere  Zeichengeldorganisation, ­
  welche  die  unsozialere  Einrichtung ­
  des  vollwertigen  Metallgeldes  zurückzudrängen
  bestimmt  war,  ein  Produkt  großer  Kriege
war.*)  «Wir  erinnern  uns  aus  der  Geschichte  eines
Zustandes  von  Europa,  wo  nur  der  bei  weitem
kleinere  Teil  alles  Verkehres  der  Menschen
untereinander  mit  barem  Gelde  betrieben  wurde.
Ich  möchte  sagen:  in  allen  Verhältnissen  des
Lebens,  wo  die  Menschen  einander  unmittelbar
berühren  und  erreichen  konnten,  da  waren  sie
einander  ohne  Dazwischenkunft  des  entfremdenden
Metallgeldes  gewiß:  nur  für  Relationen  mit  ganz
fremden  Gegenden  und  Menschen  waren  die
spärlich  vorhandenen  Metalle  notwendig.  Man  erlaube ­
  mir  zuförderst  diesen  Zustand  der  Dinge
natürlicher  zu  finden,  als  den  späteren.  Die
nächsten  Verhältnisse  des  Lebens  wurden  behandelt ­
  wie  die  entferntesten,  weil  die  entferntesten
durch  die  Beweglichkeit  und  Allgemeingiltigkeit
der  Metalle  zu  nahe  gerückt  wurden.  Die  notwendige
Folge  war  einerseits  ein  flaches  weltbürgerliches
Interesse  an  der  Menschheit  im  ganzen,  d.  h.  inwiefern ­
  diese  empfänglich  war  für  den  Reiz  der
edlen  Metalle,  und  andererseits  eine  völlige  Entfremdung ­
  von  den  näheren,  gründlicheren,  vaterländischen ­
  Angelegenheiten.»  Und  Müller  weist
darauf  hin,  daßder  Uebergangvon  dermetallistischen
Geldordnung  zum  Papiergeld  Kriege  nötig  hatte:
«Die  Rückkehr  der  Menschen  von  dem  Zustande
metallischer  Erstarrung,  in  den  durch  lange  Gewohnheit ­
  zuletzt  alle  ihre  gesellschaftlichen  Verhältnisse ­
  übergegangen  waren,  mußte  mit  ungeheueren ­
  Revolutionen  verknüpft  sein.  In  langwierigen ­
  Kriegen  mußten  die  vernachläßigten
Heiligtümer  der  Menschheit,  Recht,  Sitte,  Freiheit
wieder  erworben  werden.  Diese  Revolutionen  und
Kriege  mußten  die  Emanzipation  von  Amerika,
d.  h.  eine  Unterbrechung  der  Metallflut  von  Westen
nach  Osten  herbeiführen.»  Ohne  eine  Prophezeiung ­
  wagen  zu  wollen,  möchte  ich  noch  darauf
hinweisen,  daß  manche  Anzeichen  dafür  sprechen,
daß  ein  Weltkrieg  die  Geld-  und  Kreditordnung
in  ihrer  heutigen  Form  wohl  wesentlich  beeinflussen ­
  dürfte,  und  zwar  in  der  Richtung  auf
die  staatlich  kontrollierte  Großnaturalwirtschaft
hin.  Ich  werde  bei  mehr  als  einer  Gelegenheit
darauf  noch  hinzuweisen  haben.
IX.  Sicherung  des  Realienbedarfes  für  den
Kriegsfall.
Bisher  haben  wir  eigentlich  nur  die  Organi'
sationsform  als  solche  besprochen  und  zu  zeiget 1
versucht,  wie  mit  Hilfe  der  Geld-  oder  Naturalwirtschaft ­
  die  vorhandenen  Realienbestände  de f
Armee  oder  der  Bevölkerung  zur  Verfügung  g e '
stellt  werden  können.  Nun  müssen  wir  auch  d ,e
Frage  berühren,  wie  denn  dafür  Sorge  getragen
werden  kann,  daß  überhaupt  die  nötigen  Realie 11

*)  Adam  Müller:  Verm.  Sehr.  Band  I.,  Nr.  4.  VorU
Papiergelde,  S.  59.
        <pb n="53" />
        23

vorhanden  sind.  Was  hilft  die  schönste  Organisation, ­
  was  hilft  das  weitgehendste  Recht  die
Realien  zu  beschaffen,  wenn  sie  nicht  in  genügender
Menge  vorhanden  sind.  Was  hilft  gewissermaßen
die  schönste  Kanonengießerei,  wenn  kein  Rohmaterial ­
  vorhanden  ist.
Ich  möchte  diese  Frage  für  noch  viel  wichtiger
halten,  als  die  bisher  erörterten  Organisationsprobleme; ­
  man  geht  fehl,  wenn  man  sie  als
nebensächlich  abtut.  Die  kriegerische  Stimmung
der  letzten  Jahre  hat  alle  Staaten  dazu  veranlaßt,
mehr  oder  weniger  ausreichende  Berechnungen
darüber  anzustellen,  wie  weit  jedes  Land
im  Kriegsfall  imstande  sein  könnte,  die
erforderlichen  Güter  zu  produzieren
oder  zu  beschaffen.  Es  genügt  aber  nicht,  die
Berechnung  für  das  eigene  Land  anzustellen,  man
muß  auch  alje  jene  Länder  mit  ins  Kalkül  ziehen,
von  denen  wir  im  Kriegsfall  Realien  zu  erwarten ­
  haben,  oder  denen  wir  Realien  li  efern
müssen:  Was  hilft  es  z.  B.  den  Engländern,  wenn
sie  in  einem  Krieg  gegen  Deutschland  für  sich
genug  Getreide  beschafft  haben,  aber  die  mit
ihnen  verbündeten  Franzosen  im  Vorrücken  gehemmt ­
  sind,  weil  sie  an  Getreide  Mangel  leiden.
Die  Engländer  müßten  daher  den  Franzosen,  um
die  Erreichung  des  Kriegszieles  zu  ermöglichen,
einen  Teil  ihres  Getreides  abgeben,  wodurch  ihr
ganzer  Verpflegsplan  für  die  Zivil-  und  Militärbevölkerung ­
  in  Unordnung  geraten  kann.  Es  dürfte
sich  daher  empfehlen,  alle  derartigen  Pläne  auf
die  verschiedenen  Bündnisfälle  zu  beziehen.  Es
finden  ja  gelegentlich  über  derartige  Punkte  diplomatische ­
  Verständigungen  zwischen  verbündeten
Staaten  wohl  statt,  doch  scheinen  sie  über  gelegentliche ­
  Erörterungen  noch  nicht  hinauszugehen.
Es  genügt  aber  nicht,  etwa  die  Realien  als
solche  ins  Auge  zu  fassen,  man  muß  auch  auf
die  Transportmittel  und  Magazine
bei  diesen  Berechnungen  Rücksicht  nehmen,  insbesondere ­
  dann,  wenn  man  feststellen  will,  innerhalb ­
  welcher  Zeit  z.  B.  eine  bestimmte  Menge
von  Nahrungsmitteln  an  die  Konsumorte  gebracht
werden  kann.  Man  muß  z.  B.,  wenn  man  Rumänien ­
  als  Getreideland  des  Dreibundes  betrachtet
die  Molos  in  Rechnung  stellen,  welche  etwa  in
Deutschland  zur  Entladung  von  Getreideschiffen
längs  der  Donau  zur  Verfügung  stehen.
Die  Berechnungen  über  die  Möglichkeit,  einen
Staat  oder  einen  Staatenbund  während  eines
Krieges  mit  Realien,  insbesondere  mit  Nahrungsmitteln ­
  zu  versorgen,  sind  weit  schwieriger  anzustellen, ­
  als  man  auf  den  ersten  Blick  meinen
sollte.  Auf  ein  und  die  andere  Schwierigkeit  werde
ich  noch  hinweisen.  Vorweg  kann  ich  konstatieren,
daß  die  Ergebnisse  weder  für  Deutschland  noch
für  Oesterreich-Ungarn  sehr  günstig  zu  sein
scheinen.  Für  Deutschland  ist  Ballod  bei  seinen
Betrachtungen  zu  recht  unerfreulichen  Resultaten
für  den  Kriegsfall  gekommen.  Wie  weit  sich
Deutschland  in  günstigen  Jahren  auf  Oesterreich-Ungarns

  Hilfe  verlassen  kann,  müßte  noch  genau
festgestellt  werden.
Zunächst  muß  man  bei  den  Berechnungen
auf  den  Ernteausfall  Rücksicht  nehmen,  also  verschiedene ­
  Möglichkeiten  erwägen,  eventuell  auch
eine  gute  Ernte  in  Deutschland  mit  einer  schlechten
in  Oesterreich-Ungarn  usw.  kombinieren.
Aber  auch  das  genügt  noch  nicht.  Man  kann
die  normale  Realienverwertung  nicht  ohne  weiters
in  Rechnung  stellen,  sondern  muß  darauf  Rücksicht ­
  nehmen,  daß  viele  Rohstoffe  im  Kriegsfall ­
  anders  als  in  Friedenszeiten  verwendet ­
  werden  können.  Die  Kartoffeln,
welche  sonst  zur  Schnapsbereitung  dienen,  dürfte
man  in  Kriegszeiten,  wenn  Nahrungsmangel
herrscht,  direkt  konsumieren.  Man  müßte  systematisch ­
  festzustellen  trachten,  welche  Rohstoffe
irgendwie  für  Nahrungszwecke  überhaupt  Verwendung ­
  finden  können.
Abgesehen  davon,  daß  die  übliche  Produktion
durch  eine  andere  ersetzt  werden  kann,  muß
man  auch  die  Einführung  von  Surrogaten
aller  Art  in  Erwägung  ziehen.  Es  kann  die  Ernährung ­
  im  Kriegsfall  wesentliche  Modifikationen
erleiden.
Schließlich  muß  man  mit  dem  Verbrauch  von
Reserven  rechnen,  wie  sie  insbesondere  im  Vieh
gegeben  erscheinen.  Während  des  Balkankrieges
z.  B.  lebten  die  Balkanstaaten  zum  Teil  von  dem
Fleisch,  das  durch  vermehrte  Schlachtungen  gewonnen ­
  wurde.  Die  Schlachtungen  nahmen  dort
deshalb  sehr  zu,  weil  die  Soldaten  im  Frieden
seltener  Fleisch  essen  als  dies  während  des  Feldzuges ­
  der  Fall  war.
Schließlich  muß  noch  die  Frage  erörtert
werden,  in  welcher  Weise  denn  überhaupt  die
Produktion  während  eines  Weltkrieges  fortgeführt
werden  kann.  Während  man  bis  vor  kurzem  der
Meinung  war,  ein  Zukunftskrieg  werde  rasch  zu
Ende  sein,  beginnt  sich  jetzt  wieder  die  Anschauung ­
  zu  festigen,  daß  ein  Weltkrieg  von
längerer  Dauer  nicht  etwas  Unmögliches  sei,  zumal ­
  man  ja  nicht  mit  einer  kontinuierlichen  Kriegsführungrechnen ­
  dürfe.  Pausen  während  des  Krieges,
die  dennoch  keine  Rückkehr  zur  Friedensarbeit
gestatten,  müßten  mit  in  Rechnung  gezogen
werden.  In  diesem  Fall  kommen  alle  Produktionsreserven ­
  in  Frage,  die  wir  in  Form  von  Naturschätzen, ­
  Erfindungen  usw.  besitzen.  Vergessen
wir  nicht,  daß  dann  viele  extensiv  bebaute  Bodenflächen ­
  vielleicht  einer  intensiven  Bearbeitung  zugeführt ­
  werden  könnten.  Almen,  die  heute  verlassen ­
  werden,  um  Jagdzwecken  zu  dienen,  werden
während  eines  Weltkrieges  vielleicht  wieder  Vieh
ernähren.  Und  sollte  die  Almwirtschaft  nicht  rentabel ­
  sein,  so  kann  sie  die  Regierung  wohl  trotzdem ­
  erzwingen,  um  die  Armee  und  die  Zivilbevölkerung ­
  entsprechend  zu  versorgen.  Wir
können  mit  einer  Erweiterung  des  Gemüseanbaues,
mit  einer  Entwicklung  der  Konservenindustrie
        <pb n="54" />
        24

rechnen.  Die  Arbeitskräfte,  die  in  den  Luxusindustrien ­
  tätig  sind,  werden  vielleicht  —  soweit
sie  nicht  einberufen  werden  —  in  der  Lebensmittelindustrie ­
  Verwendung  finden.
Es  sind  dies  alles  Fragen,  die  einer  eindringenden ­
  Bearbeitung  harren.  Vergessen  wir
nicht,  daß  wir  bis  jetzt  nur  eine  unzureichende
Produktionsstatistik  besitzen,  und  daß  es  großer
Mühe  bedarf,  um  dieselbe  auch  nur  in  grober  Annäherung ­
  für  den  Kriegsfall  umzurechnen.
Praktische  Fragen  dringendster  Art  treten  an
die  Zivil-  und  Militärverwaltung  heran;  an  erster
Stelle  steht  die  Versorgung  der  Bevölkerung  mit
Nahrungsmitteln  und  Kohlen.  Insbesondere  muß
die  Frage  historisch  und  systematisch  studiert
werden,  wie  die  Großstädte  entsprechend  versorgt ­
  werden  können.  Im  allgemeinen  werden
diese  Studien  immer  von  Fall  zu  Fall  angestellt,
ohne  daß  ausreichende  Vorarbeiten  vorliegen
würden;  fehlen  doch  bis  jetzt  geeignete  kriegswirtschaftliche ­
  Institute.  Wenn  die  Verpflegung
der  Großstädte  in  Betracht  gezogen  wird,  muß
man  einerseits  die  Möglichkeit  der  Zufuhr,  anderseits ­
  die  Möglichkeit  der  Magazinierung  erwägen.
Je  größer  die  Magazine  und  die  eingelagerten
Nahrungsmengen  sind,  desto  später  werden  die
Bahnlinien  für  die  Großstadtverpflegung  in  Anspruch ­
  genommen  werden,  desto  länger  stehen
sie  der  Mobilisierung  ungestört  zur  Verfügung.
Sind  die  aufgestapelten  Warenmengen  zu  gering,
so  muß  schon  während  der  Mobilisierung  die
Einschaltung  von  Lebensmittelzügen  für  die  Zivilbevölkerung ­
  veranlaßt  werden.  Es  ergibt  sich
so  die  Notwendigkeit,  einen  allgemeinen  Mobilisierungsplan ­
  auszuarbeiten,  der  nicht  nur  die
Armee  umfaßt,  sondern  die  gesamte  soziale
Struktur  und  auch  auf  die  verbündeten  Staaten
Rücksicht  nimmt.  Wie  wichtig  für  den  militärischen ­
  Widerstand  entsprechende  Vorsorgen  sein
können,  beweist  eine  Erfahrung  aus  dem  russischjapanischen ­
  Kriege.  Rußland  hatte  bereits  im  Jahre
1904  einen  zweijährigen  Lebensmittelvorrat  auf
der  Insel  Sachalin  angehäuft.  Der  Vorrat  reichte
für  die  Zivil-  und  Militärbevölkerung  aus.  Hätte
er  z.  B.  nur  für  die  Militärbevölkerung  allein  ausgereicht, ­
  so  würde  die  Insel  bald  dem  Feinde  in
die  Hände  gefallen  sein.  Dies  alles  läßt  die  Forderung ­
  gerechtfertigt  erscheinen,  die  insbesondere
in  Deutschland  von  Kriegswirtschaftlern  vertreten
wird,  daß  gemischte  Kommissionen,  bestehend
aus  Zivil-  und  Militärpersonen,  ständig  die  Gesamtmobilisierungsvorkehrungen ­
  beraten  und  ergänzen. ­

Im  Weltkriege  der  Zukunft  dürfte  insbesondere ­
  die  Getreideversorgung  eine  große  Rolle
spielen  und  daher  auch  das  Vorhandensein  von
Magazinen.
Wir  sehen  deutlich  im  modernen  Staat
wieder  das  Bestreben  auftauchen,  die  Getreideversorgung ­
  der  staatlichen  Kontrolle  zu  unterstellen ­
  oder  sogar  dem  Staate  direkt  zu  übertragen. ­

  Zu  Ende  des  19.  Jahrhunderts  haben  derartige ­
  Anträge  die  Agrarier  Deutschlands  und  die
Sozialisten  Frankreichs  gestellt,  augenblicklich
denkt  man  in  Rußland  eifrig  über  diese  Frage
nach.  Die  Entwicklung  des  landwirtschaftlichen
Genossenschaftswesens  dürfte  mit  dazu  beitragen,
die  Schaffung  von  Magazinssystemen,  die  ganze
Reiche  umspannen,  zu  beschleunigen.  Wir  sehen
die  landwirtschaftlichen  Genossenschaften  heute
in  der  ganzen  Monarchie  in  reger  Tätigkeit  begriffen, ­
  sie  erleichtern  dem  Bauer  durch  Verkaufsgelegenheiten ­
  den  Absatz  seiner  Waren  und
können  durch  Schaffung  geeigneter  Lagerhäuser
auch  der  Heeresverwaltung  von  großem  Vorteil
sein.  In  Serbien  scheint  das  Vorhandensein  von
Dorfspeichern  der  Armee  willkommen  gewesen
zu  sein,  auch  sollen  die  Genossenschaften  sich  in
mancher  Richtung  bewährt  haben.
ln  welcher  Weise  könnte  die  Heeresverwaltung ­
  diese  'Entwicklung  des  Genossenschaftsund ­
  Lagerhauswesens  für  sich  ausnützen?  Die
Heeresverwaltung  ist  an  zwei  Dingen  vor  allem
interessiert,  an  der  Lage,  eventuell  auch  an  der
Ausführung  des  Magazins  und  an  dem  Vorhandensein ­
  von  Minimalvorräten.  Bis  jetzt  sind  nur
einzelne  Fälle  vorgekommen,  daß  die  Aimeeverwaltung
  mit  Genossenschaften  Lieferungsverträge
abgeschlossen  hat,  in  denen  z.  B.  ausdrücklich  bezüglich ­
  des  von  der  Genossenschaft  zu  errichtenden ­
  Lagerhauses  eine  Minimaldistanz  von
dem  Verpflegsmagazin  angegeben  erscheint.  Es
wäre  sehr  gut  denkbar,  daß  die  Armeeverwaltung
prinzipiell  mit  allen  neu  zu  gründenden
Lagerhäusern  Verträge  abschließt,  durch  welche
bestimmt  wird,  wo  und  in  welcher  Weise  die
Magazine  anzulegen  sind,  aus  denen  die  Armeeverwaltung ­
  Lieferungen  bezieht.
Für  einen  garantierten  Minimalvorrat  könnte
die  Armeeverwaltung  z.  B.  eine  bestimmte  Verzinsung ­
  Zusagen.  Es  ist  hier  nicht  der  Platz,  auf
einzelne  Schwierigkeiten  einzugehen,  die  sich  insbesondere ­
  aus  den  verschiedenen  Bedingungen
ergeben,  unter  denen  die  gemeinsame  Intendanz
und  unter  welchen  die  beiden  Landwehrintendanzen ­
  arbeiten.  Bis  jetzt  fehlt  jedenfalls  eine
systematische  Ueberprüfung  der  Frage,  wie  sich
eine  Subventionierung  bestimmter  Lagerhaustypen,
nach  Analogie  der  Subventionierung  von  Motorfahrzeugen, ­
  bewähren  würde.
Ein  Budgetposten  dieser  Art  könnte  leicht
von  den  Delegationen  und  den  Parlamenten  bewilligt ­
  werden,  weil  er  indirekt  eine  Förderung
des  Genossenschaftswesens  bedeutet.  Freilich
müßte  dann  für  eine  Kontrolle  der  Genossenschaften, ­
  welche  für  die  Armee  liefern,  durch  Regierungs- ­
  oder  Armeekommissäre  Sorge  getragen
werden.  Aber  das  sind  Einzelheiten,  die  hier  nicht
näher  erörtert  werden  können.
Es  handelt  sich  dabei  um  Maßnahmen,  welche ­
  nicht  beliebig  aufgeschoben  werden  können-Es
  besteht  ja  gar  keine  Garantie,  daß  die  heute
        <pb n="55" />
        25  —

zufällig  entstehenden  Lagerhäuser  sich  schließlich
zu  einem  für  Kriegszwecke  brauchbares  System
werden  ergänzen  lassen.  Später  ist  eine  Remedur
schwer  und  nur  mit  großen  Kosten  möglich,
während  bei  Neugründungen  Eingriffe  relativ  leicht
möglich  sind.
Aber  die  Heeresverwaltung  kann  durch
Förderung  der  Genossenschaftslagerhäuser  nicht
nur  dafür  Sorge  tragen,  daß  das  vorhandene
Getreide  unmittelbar  zu  ihrer  Verfügung  steht,
sie  kann  dadurch  geradezu  zur  Vermehrung
der  Produktion  beitragen,  das  heißt,  die  Schlagkraft ­
  des  Landes  mächtig  heben.  Sind  Lagerhäuser ­
  vorhanden,  so  kann  der  Bauer  unter  weit
günstigeren  Umständen  als  sonst  verkaufen.
Freilich  kommen  bei  der  Schaffung  eines
Lagerhaussystems  auch  rein  militärische  Punkte
in  Frage.  Nehmen  wir  z.  B.  Ostgalizien  an.  Wir
sehen,  daß  nur  Westgalizien  durch  Krakau,  Jaroslau,
  Przemysl,  vollwertig  gedeckt  erscheint,  die
weniger  bedeutenden  Befestigungen,  welche  weiter
nach  Osten  vorgeschoben  sind,  beschränken  sich
aber  im  allgemeinen  auf  die  Dnjesterlinie  und  auf
einige  Punkte  nördlich  von  Lemberg,  Der  äußerste ­
  Osten  ist  so  gut  wie  unbefestigt.  Es  fragt
sich  nun,  ob  es  zweckmäßig  ist,  auch  in  jenen
Gebieten,  die  dem  Gegner  leichter  zugänglich
sind,  Magazine  zu  errichten  und  anzufüllen.  Andererseits ­
  wieder  würde  die  Entblößung  bestimmter  Gebiete ­
  von  Magazinen  den  Gegner  über  den  Kriegsplan ­
  unterrichten,  sowie  die  Bevölkerung  empfindlich ­
  beunruhigen.  Es  hat  z.  B.  1912  und  1913  sehr
deprimierend  gewirkt,  daß  manche  Aemter  und
Banken  Wertgegenstände  und  Akten  nach  dem
Westen  abtransportierten  und  es  gibt  manche,  die
im  Interesse  des  Prestiges  dafür  sind,  solche  Objekte
aufzuopfern.  Es  wäre  denkbar,  daß  man  auch  dort,
wo  ein  Einfall  des  Gegners  leichter  möglich  ist,
Magazine  anlegt  und  füllt,  um  sie  gegebenenfalls
in  die  Luft  zu  sprengen;  es  ist  ein  militärpolitisches ­
  Problem,  ob  man  für  das  Prestige  so  große
Opfer  bringen  will.  Ich  habe  auf  diese  sehr
verwickelten  Fragen  hingewiesen,  um  zu  zeigen,
welche  Momente  bei  den  oben  berührten  Berechnungen ­
  mit  zu  berücksichtigen  sind,  wenn  sie
wirklich  praktische  Bedeutung  erlangen  sollen.
Das  hier  skizzierte  Magazinssystem  hat  aber
nicht  nur  militärische,  sondern  vor  allem  auch
allgemeine  Bedeutung.  Es  würde  dazu  beitragen,
die  Preise  der  Lebensmittel  stärker  als  dies  heute
möglich  ist  zu  regulieren.  Dies  wäre  insbesondere ­
  dann  der  Fall,  wenn,  wie  dies  Graf  Kanitz
im  deutschen  Reichstag  verlangt  hat,  der  Staat
den  Getreideimport  in  die  Hand  nimmt.  Es  sei
übrigens  ausdrücklich  hervorgehoben,  daß  Graf
Kanitz  in  der  Begründung  seines  Vorschlages
auch  die  militärische  Wichtigkeit  desselben  hervorhob. ­

Daß  große  Unternehmungen  dieser  Art
öffentlichen  Charakter  tragen,  ist  heute  nichts
Seltenes.  Wir  sehen  insbesondere  die  Gemeinden

immer  häufiger,  Gaswerke,  Elektrizitätswerke  usw.
aber  auch  Brauhäuser,  Hotels  übernehmen.  In
Italien  wird  insbesondere  auch  die  Broterzeugung
kommunalisiert.  In  Oesterreich-Ungarn  weist  nur
Welschtirol  zahlreiche  Gemeindebäckereien  auf.
Es  handelt  sich  dabei  um  ältere  Rechte
welche  sogar  die  Gewerbeordnung  überdauert
haben.  Die  Gemeinden  besitzen  häufig  das  Backmonopol, ­
  gelegentlich  auch  das  Fleischausschrotungsmonopol.
  Diese  Zentralisation  des  Backbetriebes ­
  wurde  in  jüngster  Zeit  dazu  ausgenützt
in  den  Gegenden,  welche  besonders  stark  unter
der  Pelagra  leiden,  durch  Bereitung  guten  Brotes
die  Bevölkerung  hygienisch  zu  fördern.  Es  wurden
sogenannte  Pelagrabäckereien  geschaffen,  welche
das  alte  Monopolrecht  erwarben.  Diese  Bäckereien
—  eine  befindet  sich  z.  B.  in  Riva  —  sind  ganz
modern  eingerichtet  und  besitzen  elektrischen
Betrieb.  Es  ist  eine  wichtige  Frage,  wie  weit  im
Zukunftskriege  die  Zentralisation  der  Brotbereitung ­
  eine  Rolle  spielen  wird.  Soweit  diese  großen
Bäckereien  an  wichtigen  Aufmarschstraßen  liegen,
können  sie  sicher  gute  Dienste  leisten,  zumal  sie
ihre  Leistungsfähigkeit  steigern  können.  Aber  im
großeu  und  ganzen  scheint  die  Tendenz  vorzuherrschen ­
  im  Operationsraum  selbst  zu  backen
und  die  Bäckereien  möglichst  nahe  an  die  Truppe
selbst  heranzuschieben  —  erspart  man  doch  so
unter  anderem  den  Transport  der  im  Brot  enthaltenen ­
  nicht  unerheblichen  Wassermassen.  Die
Serben  haben  während  des  Balkankrieges  in
Nisch  große  Bäckereien  errichtet  gehabt  und
sollen  mit  dem  Nachschub  nicht  gerade  schlechte
Erfahrungen  gemacht  haben,  solange  es  ihnen
überhaupt  gelang,  das  Brot  den  Truppen,  welche
im  Gebirge  manövrierten,  zukommen  zu  lassen.
Die  Neigung,  das  Backen  möglichst  nahe  der
Front  vorzunehmen,  hat  ja  auch  dazu  geführt,
daß  die  Handbäckerei  im  militärischen  Friedensbetriebe ­
  notwendigerweise  eine  so  große  Rolle
spielen  muß,  trotz  seiner  erheblichen  Unappetitlichkeit
  und  geringeren  Leistungsfähigkeit.
Ebenso  wie  der  Staat  die  Lagerhäuser  für
den  Kriegsfall  durch  Subventionierung  fördern
kann,  unterstützt  er  bereits  in  reger  Weise  auch
das  Transportwesen.  Bisher  sind  es  vor  allem
Lastenautomobile,  die  dabei  in  Betracht  kommen.
Wir  können  uns  aber  sehr  wohl  denken,  daß
diese  Subventionierungspolitik  viel  größere  Dimensionen ­
  annehmen  und  sich  insbesondere  auch
auf  die  landesüblichen  Fuhrwerke  erstrecken ­
  könnte,  auf  welche  die  moderne  Armee
heute  unter  allen  Umständen  angewiesen  ist.  Es
wäre  sehr  viel  erreicht,  wenn  für  jedes  der  charakteristischen ­
  Gebiete  bestimmte  Typen  als  militärisch ­
  subventionierbar  erklärt  würden.  Man
könnte  dann,  ohne  den  Gebräuchen  der  einzelnen ­
  Teile  Oesterreich-Ungarns  zu  nahe  zu  treten,
was  einen  erheblichen  Widerstand  der  Landbevölkerung ­
  hervorrufen  würde,  erreichen,  daß  wenigstens ­
  die  neu  zu  erbauenden  Wagen  innerhalb ­
  der  landesüblichen  Form  bestimmte  Bedingungen ­
  erfüllen  könnten.
        <pb n="56" />
        26

Es  käme  da  insbesondere  die  Dimensionierung
der  Ladefläche  in  Betracht:  Es  wäre  von  größtem
Vorteil  für  die  Armee,  wenn  diese  Vehikel  solche
Ausmaße  hätten,  daß  man  die  wichtigsten  Kistenformen, ­
  welche  die  Armee  verwendet,  ohne
Schwierigkeit  unterbringen  kann.  Eine  solche
Einführung  würde  auch  dazu  führen,  daß  man
bei  der  Armee  die  Kistenformen  auf  einige  Einheitstypen ­
  reduzieren  könnte,  welche  untereinander
komensurabel  sind,  etwa  in  der  Weise,  daß  die
größte  Kiste  das  Doppelte,  Dreifache  oder  Vierfache
der  kleinsten  darstellt.
Wir  sehen  ja  heute  eine  solche  Tendenz  zur
Vereinheitlichung  auf  dem  Gebiete  der  Reisekoffer, ­
  die  —  um  im  Eisenbahnwaggon  zugelassen
zu  werden  —  eine  bestimmte  Größe  nicht  überschreiten ­
  dürfen.  Auch  auf  dem  Gebiete  der
Papierformate  ist  heute  eine  solche  Bewegung
modern.  Daß  aber  die  Vereinheitlichung  der
Wagentypen  bei  den  landesüblichen  Fuhrwerken,
soweit  die  Ladefläche  in  Frage  kommt,  keine
reine  Utopie  ist,  beweisen  die  Erfahrungen,  welche
man  mit  dieser  Institution  im  fernen  Osten  gemacht ­
  hat.
Der  Geograph  Richthofen  erzählt 1 :  «Man
fährt  in  zweirädrigen  Karren,  die  von  zwei  Maultieren, ­
  eines  vor  das  andere  gespannt,  gezogen
werden.  Die  Karren  sind  in  ganz  China  genau
gleich  und  von  denselben  Abmessungen.  Dies
ist  bequem.  Ich  habe  mir  eine  Anzahl  Gepäckstücke ­
  machen  lassen,  die  nach  dem  Zoll
bemessen  sind  und  auf  jedem  neuen  Karren
genau  ihren  Platz  ausfüllen.  .  .  .»
Daß  die  Armee  solche  Einrichtungen  zu  verwenden ­
  wüßte,  kann  man  aus  dem  sehr  lesenswerten ­
  Werke  des  Feldmarschalleutnants  v.  Meixner
entnehmen. 2  Es  heißt  dort  von  den  Japanern
während  des  russisch-japanischen  Krieges:  «Der
Armeetrain  umfaßte  lediglich  die  aus  einspännigen ­
  Einheitskarren  formierten  Divisionstrains  .  .
Die  einheitliche  Wagentype  gab  der  Trainorganisation ­
  den  Charakter  großer  Einfachheit  und  gestattete ­
  eine  vielseitige  Verwendung  der  Fuhrwerke. ­
  So  kam  es  vor,  daß  Karren  der  Munitionskolonne ­
  Reissäcke  führten.  Meldete  dann
der  Geschützdonner  die  Einleitung  eines  Gefechtes,
so  wurde  der  Reis  abgeworfen,  um  die  vorübergehend ­
  deponierte  Munition  abzuholen.  .  .  .  Munition ­
  und  Konserven  wurden  in  Kisten  zu  40  bis
50  kg,  Reis,  Gerste  und  Hafer  in  Strohmattenpaketen ­
  zu  15  kg  versendet  und  äußerlich  durch
die  verschiedene  Farbe  der  Schnürung  kenntlich
gamacht.  Die  kleinen  Einheitspakete  erleichterten
die  Beladung  der  Karren,  da  der  Trainsoldat  imstande ­
  war,  seinen  Karren  allein  zu  beladen,  und
da  ferner  die  Länge  des  Einheitssattels  der  Trag1 ­

  Richthofen-Tagebücher,  Auswahl  von  Gansberg,
Seite  17.
2  Otto  v.  Meixner,  Histor.  Rückblick  auf  die  Verpflegung ­
  der  Armeen  im  Felde.  VI.  Lieferung,  S.  46  ff.

tiere  der  Breite  der  Ladefläche  des  Einheitskarrens ­
  entsprach,  konnte  schon  bei  deren  Beladung ­
  der  Zusammenstellung  von  Tragtierladungen
Rechnung  getragen  werden  .  .  .»
Ich  habe  dieses  eine  Moment  herausgegriffen,
um  zu  zeigen,  welche  Ausdehnung  die  Eingriffe ­
  der  Militärverwaltung  in  die  Technik  des
Verkehrswesens  nehmen  können.  Es  ist  durchaus
denkbar,  daß  im  Interesse  der  militärischen  Rüstungen ­
  das  gesamte  soziale  Leben  an  manchen
Stellen  rationeller  als  bisher,  auch  in  Hinblick
auf  den  Friedenserfolg,  ausgestaltet  werden  kann.
Das  Militärwesen  ist  an  sich  überaus  rationalistisch
organisiert  und  kann,  da  es  die  Gesamtheit  durchdringt, ­
  Rationalismus  verbreiten  helfen.  Freilich  darf
man  wieder  nicht  übersehen,  daß  die  Tradition  und
der  antirationalistische  Geist  auch  viel  Lebensförderndes ­
  in  sich  enthält  und  daß  der  rasche
Wechsel,  der  oft  die  Folge  rationellen  Vorgehens
ist,  das  durch  die  Ueberlieferung  wenig  gehemmt
wird,  bedenkliche  Folgen  nach  sich  ziehen  kann.
Es  würde  besonderer  soziologischer  Betrachtungen
bedürfen,  um  die  rationalistische  Rolle  des  Militärwesens ­
  für  das  gesamte  soziale  Leben  richtig  zu
würdigen.
Aber  die  Fürsorge  für  die  Realien  kann  sich
nicht  allein  darauf  beschränken,  die  innerhalb  des
Landes  erlangbaren  Quanten  zu  berücksichtigen.
Man  muß  auch  mit  dem  Import  rechnen.  Insbesondere ­
  Lebensmittel,  wie  Fleisch,  wird  man
in  Kriegszeiten  in  Oesterreich-Ungarn  gerne  zu
importieren  suchen.  Auch  was  die  Frage  des  Imports ­
  anlangt,  hat  man  mit  schwierigen  Problemen
verschiedenster  Art  zu  kämpfen.  So  wird  von
manchen  Seiten  nicht  mit  Unrecht  darauf  hingewiesen, ­
  daß  man  nur  dann  im  Kriegsfälle  mit
Fleischimport  rechnen  kann,  wenn  er  bereits  in
Friedenszeiten  organisiert  ist,  da  die  Bereitstellung ­
  geeigneter  Schiffe,  die  Organisation  des
Fleischverkehres  immerhin  erhebliche  Zeit  in  Anspruch ­
  nimmt,  vor  allem  müssen  immer  erst  Erfahrungen ­
  gesammelt  werden.  Dagegen  wird  von
der  anderen  Seite  erwidert,  daß  die  Organisation
des  Fleischimports  in  Friedenszeiten  den  einheimischen ­
  Fleischproduzenten  eine  derartige
Konkurrenz  mache,  daß  die  inländische  Produktion ­
  darunter  schwer  leiden  würde.  Man  würde
den  Import  ermöglichen,  aber  nur  auf  Kosten  der
eigenen  Erzeugung.  Dies  sei  aber  insbesondere
deswegen  sehr  gefährlich,  weil  in  einem  größeren
Kriege  das  Adriatische  Meer  wohl  gesperrt  werden
dürfte.
Selbstverständlich  bringt  ein  großer  Krieg
Ausfuhrverbote  aller  Art,  sowohl  was  Kriegsmaterial, ­
  als  auch  was  Lebensmittel  anbelangt.  Auch
im  Vorbereitungsstadium  sind  Pferdeausfuhrverbote ­
  nichts  Seltenes.  Von  manchen  Seiten  wird
gewünscht,  daß  man  diese  Ausfuhrverbote  möglichst ­
  weit  ausdehnt  und  auch  Glasflaschen,  Tuchsorten ­
  usw.  darunter  begreift,  wogegen  von
anderer  Seite  eingewendet  wird,  daß  dies  Artikel
        <pb n="57" />
        27

seien,  welche  auf  dem  internationalen  Markte,  solange ­
  kein  Weltkrieg  ausgebrochen  sei,  leicht  beschafft ­
  werden  könnten,  so  daß  das  Resultat  weitgehender ­
  Ausfuhrverbote  nur  die  Folge  hätte,  daß
die  Kaufleute  dritter  Staaten  statt  jener  des
eigenen  Vorteile  hätten.  Manche  sind  daher  der
Meinung,  man  solle  Ausfuhrverbote  im  allgemeinen
auf  Artikel  beschränken,  die  man  selber  benötige,
oder  die  der  Staat,  den  man  zu  hemmen  sucht,
sich  anderswo  gar  nicht  oder  nur  sehr  schwer
beschaffen  kann.
Das  Problem  des  Imports  führt  uns  zu  der
Frage,  in  welchem  Ausmaße  man  im  Kriegsfall
auf  die  Neutralität  mancher  Einfuhrwege  rechnen
kann,  wie  sehr  man  durch  die  internationalen
Abmachungen  gedeckt  ist.  Die  Erfahrungen  aus  der
Vergangenheit  sprechen  dafür,  daß  in  einem  Weltkrieg ­
  das  Völkerrecht  nicht  allzusehr  beachtet
werden  dürfte.  In  den  militärischen  Kreisen  aller
Staaten  bringt  man  ihm  verhältnismäßig  wenig
Ehrfurcht  entgegen;  gerade  auf  die  Stimmung
militärischer  Kreise  kommt  es  aber  im  Kriegsfälle
wesentlich  an,  da  der  Wille  der  kommandierenden
Feldherrn  begreiflicherweise  dann  weit  mehr  in
die  Wagschale  fällt  als  in  Friedenszeiteti.  Wenn
man  daher  die  Bedarfsdeckung  für  den  Kriegsfall
ins  Auge  faßt,  muß  man  immer  auch  den  Fall
berücksichtigen,  daß  der  Staatenbund,  dem  man
angehört,  im  Kriegsfall  auf  sich  selbst  gestellt
sein  kann.
Bekanntlich  ist  das  Prinzip,  daß  das  Privateigentum ­
  zur  See  zu  respektieren  sei,  noch  immer
nicht  durchgedrungen  —  aber  auch  wenn  es
durchgedrungen  wäre,  müßte  man  vorsichtigerweise ­
  mit  seiner  Verletzung  rechnen.  Im  Jahre  1866
wurde  das  Privateigentum  zur  See  von  Deutschland, ­
  Italien  und  Oesterreich-Ungarn  respektiert,
1871  haben  die  Franzosen  das  Privateigentum
zur  See  nicht  respektiert,  weshalb  es  dann  auch
die  Deutschen  nicht  respektierten.
Aber  selbst  wenn  genaue  Bestimmungen  über
die  Respektierung  neutralen  Privateigentums  bestehen, ­
  das  nicht  absolute  Konterbande  ist,  hat
der  feindliche  Admiral  noch  immer  die  Möglichkeit,
daß  er  gegen  die  Bestimmungen  des  Völkerrechtsdie
  Schiffe  wegnimmt  und  sie  daheim  abliefert.
Die  Regierung  zahlt  dann  eventuell  später  eine
Entschädigungssumme.  Für  den  Augenblick  ist  aber
der  eine  kriegführende  Staat  um  eine  Sendung
Lebensmittel  gekommen.  Der  Schaden,  den  er
dadurch  vielleicht  in  seinen  militärischen  Operationen
erleidet,  wird  durch  eine  Geldentschädigung,  die
später  einmal  ausgezahlt  wird,  nicht  wettgemacht.
Kurzum,  man  muß  allen  internationalen  Vereinbarungen ­
  heute  noch  mit  größtem  Mißtrauen  gegenüberstehen. ­
  Am  genauesten  werden  sie  dann  eingehalten,
wenn  dritte  Mächte  daran  interessiert  sind.Wenn  aber
keine  Macht  den  Exekutor  spielen  will,  können
die  flagrantesten  Verstöße  gegen  das  Völkerrecht
ungestraft  Vorkommen.  Dafür  liefert  der  Balkankrieg ­
  mehr  als  ein  Beispiel.  Daß  die  Großmächte

in  der  Lage  gewesen  wären,  gegenüber  den  kleinen
Balkanstaaten  das  Völkerrecht  durchzusetzen,
unterliegt  wohl  keinem  Zweifel,  es  fehlte  aber  der
Wille  dazu.  Um  wie  viel  mehr  muß  man  mit  Verletzungen ­
  des  Völkerrechts  in  einem  Weltkrieg
rechnen,  der  keine  starken  Neutralen  kennt  und
wo  alles  dazu  drängt,  das  Völkerrecht  auf  Schritt
und  Tritt  zu  verletzen.  Daß  wir  seit  der  napoleonischen
  Aera  eine  Zunahme  der  internationalen
Rechtssicherheit  beobachten  können,  kann  auf  eine
wirkliche  Entwicklung  in  dieser  Richtung  hindeuten. ­

Aber  nicht  nur  die  Zufuhr  zur  See  ist  durch
internationale  Abmachungen  unzureichend  gesichert, ­
  auch  die  Neutralität  einzelner  Staaten,
wie  der  Schweiz,  ist  nicht  so  unbedingt  gesichert,
wie  vielfach  geglaubt  wird.  Es  wurden  vor  einigen
Jahren,  wie  von  schweizerischer  Seite  behauptet
wurde,  in  Frankreich  Pläne  ausgearbeitet,  welche
dahin  abzielten,  Deutschland  nach  einem  Durchmärsche ­
  durch  das  Juravorland  in  die  Flanke
zu  fallen.  In  der  Schweiz  selbst  kam  es  damals
zu  einer  erregten  Debatte  darüber,  ob  man  in
einem  solchen  Falle  das  Juravorland  aufgeben
solle,  um  die  Höhen  zu  verteidigen,  oder  ob  man
dem  Feinde  am  Fuße  des  Gebirges  entgegentreten
könne.  Aehnliches  ist  ja  auch  aus  anderen  Gebieten ­
  bekannt.  Wir  wissen,  daß  man  in  Deutschland ­
  und  England  immer  auf  Holland  acht  hat
und  ein  Staat  den  anderen  verdächtigt,  er  wolle
die  Neutralität  dieses  Gebietes  im  Kriegsfälle  nicht
respektieren.
Kurzum,  wir  sehen,  daß  die  Studien  über
die  gesamten  Kriegsvorbereitungen,  sowohl  jener
für  die  Armee  als  auch  jener  für  die  Zivilbevölkerung, ­
  den  Importfall  berücksichtigen,  aber  immer
auch  die  Möglichkeit  ins  Auge  fassen  müssen,  daß
die  einzelnen  in  Betracht  kommenden  Staatenbünde ­
  auf  sich  selbst  gestellt  sein  könnten.  Auf
die  Notwendigkeit  solche  Studien  systematisch
vorzunehmen,  möchte  ich  hier  mit  allen  Nachdruck
hinweisen.
X.  Rückwirkungen  des  Krieges  und  der
Rüstungen  auf  Geld  und  Kredit.
Nachdem  wir  in  den  bisherigen  Abschnitten
in  großen  Umrissen  festzustellen  versuchten,  wie
organisatorisch  und  effektiv  für  den  Bedarf
der  Armee  und  der  Zivilbevölkerung  gesorgt
werden  kann,  sollen  nun  die  Rückwirkungen  des
Krieges  auf  die  Geld-  und  Kreditwirtschaft  flüchtig
skizziert  werden.
Als  erste  charakteristische  Wirkung  kriegerischer ­
  Verwicklungen  macht  sich  die  Kündigung
der  Kredite  seitens  des  Auslandes  bemerkbar.  Wie
ich  schon  oben  erwähnt  habe,  kann  man  von
einer  Solidarität  der  Geld-  und  Kreditmärkte
nicht  ohneweiters  sprechen  und  muß  sich  davor
hüten,  sie  wie  frei  kommunizierende  Gefäße  aufzufassen, ­
  die  nach  einigen  Schwankungen  eine
        <pb n="58" />
        28

gleiche  Diskonthöhe  aufweisen.  Gerade  in  kritischen ­
  Zeiten  kann  die  Isolierung  der  Geldmärkte
eine  recht  erhebliche  sein.  Ich  erinnere  nur  an
die  bereits  angeführten  Kündigungen  der  Wechselpensionen ­
  seitens  der  Franzosen  während  der
Marokkokrise  in  Deutschland  und  Oesterreich-Ungarn.
  Die  Zurückziehung  dieser  internationalen,
kurzfristigen  Kredite  erfolgte  sehr  plötzlich  und
löste  unangenehme  Nebenwirkungen  in  den
beiden  Staaten  aus.
Aber  nicht  nur  das  Ausland  kündigt,  weil
es  Mißtrauen  hat,  oder  politisch  verstimmt  ist,
auch  die  Inländer  sind  vielfach  in  Sorge.  Selbst
wenn  sie  dem  eigenen  Staate  ganz  wohlgesinnt
sind,  wollen  sie  doch  vor  allen  Eventualitäten
sichergestellt  sein  und  legen  ihre  Gelder  vielleicht
in  der  Schweiz  an.  Während  der  Balkankrise
nahmen  die  Depositen  der  Schweizer  Banken
rasch  zu.  Aus  Gesprächen  mit  Personen,  die  ihre
Gelder  ins  Ausland  bringen  wollten,  konnte  ich
nur  entnehmen,  daß  es  sich  dabei  oft  um  recht
phantastische  Vorstellungen  von  den  Wirkungen
eines  Weltkrieges  auf  Oesterreich-Ungarn  handelte.
Daß  freilich  durch  einen  Krieg  die  Gelder  gefährdet
werden  können,  ist  nicht  zu  leugnen,  aber  daß
die  Zurückziehung  größerer  Guthaben  und  ihre
Dislozierung  im  Auslande  unbedingt  schädlich  auf
die  Gesamtheit  wirkt,  ist  sicher.  Der  Patriotismus
ist  bei  Geldsachen  nur  sehr  unzureichend  entwickelt, ­
  insbesondere  in  den  breiten  Kreisen  des
Publikums.
Die  angedeuteten  Zurückziehungen  von
Geldern  sind  nicht  eine  Folge  eines  bestimmten
Geldbedarfes,  sondern  nur  die  Folge  der  Politik
oder  des  Mißtrauens.  In  Zeiten  kriegerischer  Verwicklungen ­
  tritt  aber  auch  ein  effektiver  Geldbedarf ­
  ein.  Das  Ausland,  welches  rüstet,  sucht
Gelder  herbeizuziehen.  Dies  kann  indirekt  eine
schwere  Schädigung  von  Handel  und  Industrie
bei  uns  bedeuten.  Ein  Land  wie  Frankreich  kann
seine  Produktion  ziemlich  schonen,  weil  e§  als
Gläubiger  von  ganz  Europa  zunächst  die  sonstigen ­
  Reserven  anzutasten  vermag.  Die  großen
Banken  haben  im  ganzen  die  Neigung,  die  Industrie, ­
  mit  der  sie  näher  verbunden  sind,  zu
berücksichtigen.  Dies  erklärt  wohl  auch  die  von
vielen  Seiten  behauptete  Tatsache,  daß  1912  und  1913
die  Banken  Westösterreichs  mit  der  Kündigung
der  Kredite  in  Galizien  und  in  der  Bukowina
rascher  vorgingen  als  in  Böhmen  oder  Niederösterreich. ­
  Die  Banken  standen  letzteren  Gebieten
eben  näher  als  ersteren.
Aber  auch  ohne  daß  die  Banken  so  planvoll
vorgehen,  kann  die  Zurückziehung  der  Gelder
ziemlich  automatisch  erfolgen,  wenn  die  Zinsfußdifferenz ­
  sich  gegen  früher  geändert  hat.  Wenn
in  einem  Lande  der  Zinsfuß  3,  in  einem  anderen
dagegen  6°/ 0  beträgt,  so  werden  die  Banken  des
zuerst  genannten  Landes  ihr  Geld  gern  in  dem
Lande  anlegen,  in  welchem  der  Zinsfuß  6°/ 0  ist.
Wenn  nun  im  Falle  einer  politischen  Krise  der
Zinsfuß  von  3%  auf  5*/a  steigt,  der  von  6  auf  7,

dann  wird  möglicherweise  ein  Anreiz  zur  Zurückziehung ­
  der  Gelder  gegeben  erscheinen.  Denn
wenn  auch  noch  immer  eine  Differenz  besteht,
so  ist  sie  doch  möglicherweise  zu  klein,  um  das
erhöhte  Risiko  zu  tragen,  von  anderen  Momenten
ganz  abgesehen.
Wenn  die  angedeuteten  Vorgänge  überall
einsetzen,  so  kündigen  die  verschiedenen  Länder
einander  ihre  Kredite,  das  gleiche  tun  die  Staatsbürger ­
  untereinander.  Statt  daß  die  Staatsbürger
in  so  schweren  Zeiten  einander  helfen  und  fördern, ­
  lähmen  und  schädigen  sie  einander  oft  aufs
empfindlichste.  Man  zwingt  die  Gesamtheit  zu
einer  Art  Liquidation,  die  in  ruhigen  Zeiten  nicht
glatt  durchführbar  ist,  geschweige  denn  in  Kriegszeiten. ­
  Was  ist  die  Folge  davon,  daß  man  z.  B.
in  einer  Sparkasse  Gelder  behebt?  Sie  gibt  zunächst ­
  Geld  aus  ihren  Kassen  ab,  dann  leiht  sie
sich  Geld  bei  der  österreichisch-ungarischen  Bank
aus,  möglicherweise  gegen  Hinterlegung  von
Staatspapieren;  genügt  das  auch  nicht,  so  muß
sie  daran  gehen,  Kredite  zu  kündigen,  die  sie
selbst  gewährt  hat,  mindestens  aber  wird  sie
keine  neuen  Kredite  gewähren,  was  1912  und
1913  allenthalben  zu  beobachten  war.  In  Friedenszeiten ­
  sind  die  Schuldner  nicht  immer
in  der  Lage,  Annuitäten  und  Zinsen  gleich  zu
zahlen,  geschweige  denn  in  Kriegszeiten.  Da  nun
die  Sparkassen  wichtige  soziale  Aufgaben  als
Geldgeber  zu  erfüllen  haben  und  eigentlich  ihre
Schuldner  nicht  bedrücken  sollen,  werden  sie
durch  die  Kündigungen  in  die  peinlichste  Lage
versetzt.
Die  Gesamtheit  des  Publikums  kündigt
auf  Umwegen  eigentlich  sich  selbst  die  Kredite.
Die  Geldgeber  und  die  Geldnehmer  sind  zwar
nicht  dieselben  Personen,  aber  sie  gehören  der
gleichen  Gemeinschaft  an.  Indirekt  bekommen
es  alle  zu  spüren.  Es  würden  vielleicht  manche
glauben,  daß  eben  auf  dem  Gebiete  des  Geldwesens ­
  die  Menschen  notwendigerweise  eine
zügellose  Rotte  sein  müssen  und  man  nichts
dagegen  tun  kann.  Dies  gilt  nun  nicht  so  unbedingt. ­
  Es  ist  zwar  sicher,  daß  in  Geldsachen  bei
den  meisten  leider  die  Gemütlichkeit  aufhört,
aber  Ausnahmen  kommen  vor.  So  hatte  ich  bei
meinen  Reisen  in  Bosnien  Gelegenheit,  zu  erfahren, ­
  daß  in  den  Kassen  der  deutschen  Kolonisten ­
  während  des  Krieges  die  Einlagen  zugenommen ­
  haben,  u.  zw.  infolge  einer  dringenden
Aufforderung  der  Leitung,  die  darauf  hinwies,  daß
eine  Kündigung  der  Gelder  die  Kassen  zwinge,
arbeitsamen  Landwirten  die  zum  landwirtschaftlichen ­
  Betriebe  nötigen  Gelder  zu  entziehen.  Wer
Geld  einlege,  fördere  damit  die  Landwirtschaft
der  eigenen  Nation,  wer  Geld  behebe,  schädige
sie.  Daß  dieser  Appell  bei  den  auf  einer  hohen
Stufe  stehenden  Kolonisten  Bosniens  wirkte,  begreift ­
  man  leicht.  Aber  auch  in  Galizien  gelang  es
vielen  Raiffeisenkassen-Vorständen,  beruhigend  zu
wirken.
Wir  sehen  aus  diesen  wenigen  Andeutungen,
daß  die  Beruhigung  der  Einleger  dort  am  leich ­
        <pb n="59" />
        29

testen  ist,  wo  die  Kassen  klein  sind.  Man  kann
ein  paar  Dutzend  Leute  in  einem  Gasthaus  versammeln ­
  und  ihnen  darlegen,  was  sie  eigentlich
damit  tun,  wenn  sie  die  Gelder  kündigen;  dies
ist  bei  einer  großen  Einlegerzahl  nicht  mehr
möglich.  Aus  diesem  Grunde  sind  in  Kriegszeiten
in  mancher  Richtung  die  kleinen  Kassen
den  großen  vorzuziehen.  Nichts  erhöht
eine  Panik  mehr,  als  der  suggestive  Anblick
tobender  nnd  drängender  Menschen.  Nicht  selten
heben  dann  auch  Leute  Geld  ab,  die  vorher  nie
daran  gedacht  hätten,  sie  sagen:  «Der  Nachbar
tuts  auch.»  Dazu  kommt  noch,  daß  tatsächlich
der  zurückhaltendere  Teil  fürchten  muß,  zu  kurz
zu  kommen,  wenn  die  Sparkasse  all  ihr  Bargeld
an  die  Aengstlichen  abgegeben  hat  und  keines
übrig  behält,  wenn  schließlich  wirklich  einer  Geld
benötigt,  etwa  zu  einer  Reise  oder  zu  geschäftlichen ­
  Zwecken.  Es  ist  für  unsere  Geld-  und
Kreditordnung  charakteristisch,  daß  die  Aengstlichen, ­
  die  Unsozialen  auf  die  Mutigen  und  Sozialen
einen  Druck  ausüben.  Die  Ruhigen  werden  gezwungen, ­
  die  Kopflosigkeit  mitzumachen,  soll  es
ihnen  nicht  nach  dem  bekannten  Spruch  ergehen: ­
  «Den  Letzten  beißen  die  Hunde!»
Das  Gesagte  zeigt  uns,  daß  die  Banken  und
Sparkassen  in  kritischen  Zeiten  immer  damit
rechnen  müssen,  daß  die  sofort  fälligen  Gelder
behoben  werden  können.  Andere  Gelder,  welche
gegen  Kündigung  hinterlegt  wurden,  werden  gekündigt, ­
  aber  für  diese  Kündigungen  das  nötige
Bargeld  zu  besorgen,  bleibt  der  Bank  einige  Zeit.
Doch  um  dem  ersten  Ansturm  gewachsen  zu  sein,
muß  bares  Geld  bereit  liegen,  oder  es  müssen
mindestens  Guthaben  z.  B.  bei  der  österreichischungarischen ­
  Bank  vorhanden  sein,  welche  die  betreffende ­
  Bank  jeden  Augenblick  in  Anspruch
nehmen  kann.  Das  Verhältnis  der  baren  oder
leicht  realisierbaren  Mittel  zu  den  sofort  fälligen
Schulden  bezeichnet  man  als  die  Liquidität  einer
Bank.  Man  kann,  wenn  man  genau  sein  will,  die
Schulden  der  Bank  ebenso  wie  ihre  Forderungen
nach  Fälligkeitsterminen  unter  Berücksichtigung
der  erfahrungsgemäßen  Einhaltung  ordnen  und
einander  gegenüberstellen.
Wenn  eine  Bank  bei  500.000  K  sofort  fälligen ­
  Forderungen  80.000  K  in  bar  liegen  hat,
ist  sie  liquider,  als  wenn  sie  nur  60.000-K  liegen
hat.  Eine  Bank  kann  sehr  illiquid  sein,  das  heißt,
die  Forderungen  der  Liquidität  nicht  erfüllen  und
dennoch  durchaus  aktiv  sein.  Dies  zeigt  uns
Tabelle  XXI  zur  Genüge:
Tabelle  XXI.

Illiquide,  aktive  Bank

Aktiva

Passiva

Häuser

.  .  .  25.000  K

Aktienkapital  .

10.000  K

Effekten

.  .  4.000  »

Sofort  fällige

Kassa

.  .  .  1.000  »
30.000  K

Forderungen
Saldo  .  .  .

15.000  »
5.000  »
30.000  K

Die  Bank  hat  zwar  einen  Saldo  von  5000  K
zu  ihren  Gunsten,  aber  sie  kann  ihre  Gläubiger
nicht  befriedigen,  welche  ihre  Forderungen  geltend
machen.  Trotzdem  ist  die  Bank  im  Besitz  von  Eigentum, ­
  das  verkauft  einen  weit  größeren  Betrag
liefern  würde.  Aktivität  und  Liquidität  sind  eben
durchaus  verschiedene  Dinge.
Wenn  wir  nun  daran  gehen,  uns  die  Bedeutung ­
  der  Liquidität  im  Kriegsfall  klar  zu  machen,
so  genügt  es  nicht,  die  einzelnen  Banken  zu
untersuchen.  Wir  werden  nämlich  sehen,  daß  die
Liquidität  der  Banken  und  Unternehmungen  ein
System  bildet.  Die  erste  Bank  ist  an  die  zweite,
diese  an  die  dritte,  usw.  verschuldet.  Die  Liquidität ­
  der  einen  Bank  hängt  dann  von  derjenigen
der  anderen  bis  zu  einem  erheblichen  Grade  ab.
Hat  eine  Bank  Wechsel  in  der  Hand,  die  den
Giro  einer  anderen  tragen,  so  wechselt  die  Realisierbarkeit ­
  des  Wechsels  mit  der  Zahlungsfähigkeit ­
  der  girierenden  Bank,  die  selbst  wieder
das  Produkt  von  Zahlungsfähigkeiten  anderer
Institute  sein  kann.  Leider  ist  bis  jetzt  die  volkswirtschaftliche ­
  Theorie  noch  nicht  so  weit  vorgeschritten, ­
  um  eine  ausreichende  Analyse  über
die  Liquidität  einer  Gesellschaft  auch  nur  schematisch ­
  geben  zu  können.  Ich  will  im  folgenden
nur  versuchen,  ein  und  das  andere  Problem  anzudeuten, ­
  das  auch  praktisch  von  Bedeutung  ist
Die  Liquidität  eines  Systems  hängt  von  den
verschiedensten  Umständen  ab.  ln  erster  Reihe
von  der  Zeit,  welche  bei  der  Abwicklung  von
Geschäften  zur  Verfügung  steht.
Die  Erwägungen,  die  wir  an  Tabelle  XXII.
anzustellen  vermögen,  erinnern  uns  in  vielem  an
die  Betrachtungen,  welche  sich  an  die  Tabelle  VUI
anschlossen.
Es  seien  uns  vier  Personen,  A,  B,  C,  D,  gegeben.
A  sei  im  Besitze  von  100  K,  in  Gold  O  100  K  habe
er  überdies  von  D  zu  fordern,  während  er  selbst
an  B  100  K  schuldig  sei,  die  anderen  Personen
B,  C,  D,  seien  der  Reihe  nach  100  K  schuldig
und  hätten  gleichzeitig  100  K  Forderungen  im
Besitz.  Wie  im  Falle  der  Warenzirkulation,  den
Tabelle  VIII  darstellt,  können  alle  Verpflichtungen
glatt  abgewickelt  werden,  wenn  fünf  Zeitpunkte
zur  Verfügung  stehen.  Sollten  alle  Schulden  am
gleichen  Tage  fällig  sein,  so  müßten  entsprechende
Prolongationen  vorgenommen  werden.  Wird  in
Krisenzeiten  die  sofortige  Bezahlung  verlangt,  so
kann  A  noch  gerade  dem  B  zahlen,  aber  C  ist
bereits  bankerott.  Wir  sehen,  wie  in  diesem
schematischen  Falle  die  Liquidität  eines  Systems
von  Personen  von  der  Zeit  abhängt,  welche  zur
Bezahlung  der  Schulden  zu  Verfügung  steht.
Diese  Abhängigkeit  der  Liquidität  von  der
zur  Verfügung  stehenden  Zeit  kann  bereits  in  den
Bilanzen  vorweggenommen  erscheinen  und  dadurch ­
  die  Situation  von  vornherein  verschlimmern.
D,  der  voraussieht,  daß  C  vielleicht  nicht  zahlen
kann,  wird  den  Schuldschein  oder  Wechsel  des  C
dann  gar  nicht  zum  vollen  Betrag  in  die  Bilanz
        <pb n="60" />
        30

Tabelle  XXII.

Liquiditätsschema

Zeitpunkt

A

B

C

D

Akt.

Pass.

Akt.

Pass.

Akt.

Pass.

Akt.

Pass.

t,

100  D
100  K  ©

100  B

100  A

100  C

100  B

100  D

100  C

100  A

^2

100  D

—

100  K  ©

100  C

100  B

100  D

100  C

100  A

^3

100  D

—

—

—

100  K  ©

100  D

100  C

100  A

t 4

100  D

—

—

—

—

—

100  K  ©

100  A

t 5

100  K  ©

—

—

—

—

—

—

—

einstellen,  sondern  vielleicht  nur  mit  50  K  bewerten. ­
  Ebenso  wird  vielleicht  C  gegenüber  der
Forderung  des  B  vorgehen,  auch  A  wird  gegenüber ­
  D  das  gleiche  tun.  Es  können  dann  zu  einer
Zeit,  in  der  die  Schulden  noch  gar  nicht  fällig
sind,  die  Gesamtpassiven  des  Systems  durch  diese
Antizipationen  bereits  größer  sein,  als  die  Gesamtaktiven! ­
  Selbstverständlich  ist  der  vorliegende
Fall  sehr  schematisiert.  Es  ist  angenommen,  daß
B  gegen  C  zahlungsunfähig  wird,  in  demselben
Augenblicke,  in  dem  er  von  A  Geld  bekommt.
Aber  dies  ändert  an  der  Brauchbarkeit  der  ganzen
Betrachtung  nichts.  Es  gibt  immer  eine  praktisch
bedeutsame  Dauer  der  Zahlungsabwicklung,  welche
an  irgend  einer  Stelle  der  Personenkette  ein
Abreißen  bewirken  muß.
Diejenigen,  welche  die  Aufrechterhaltung  der
Geld-  und  Kreditordnung  als  eine  der  Hauptaufgaben ­
  der  Politik  ansehen,  treten  dafür  ein,  die
Banken  und  Sparkassen  mit  derartigen  Reserven
auszustatten,  daß  sie  allen  Anforderungen  gewachsen ­
  sein  können.  Sie  übersehen  dabei  nicht
selten,  daß  eine  volle  Kriegsbereitschaft,  die  Geschäftsbereitschaft ­
  erheblich  heruntersetzt.  Es
könnte  dazukommen,  daß  man  aus  Angst  vor
einem  Kriege,  der  vielleicht  in  dreißig  Jahren
ausbricht,  eine  ganze  Generation  lang  die  Produktion ­
  und  Konsumtion  lähmt.  Andere  wieder
sind  der  Meinung,  daß  die  Liquidität  nur  ein
Mittel  zu  einem  Zwecke  sei,  nämlich  zu  dem

das  Wohlsein  aller  zu  erhöhen.  Es  könne
daher  angemessener  sein,  die  Banken  nur
mäßig  für  den  Kriegsfall  vorzubereiten,  dafür
aber  organisatorische  Abänderungen  der  Geldund
  Kreditordnung  für  den  Kriegsfall  ins  Auge
zu  fassen.  Insbesondere  rechnen  viele  mit  der
Verhängung  eines  Moratoriums  im  Kriegsfall,
wie  es  z.  B.  in  Serbien  und  Bulgarien  während
des  Balkankrieges  erlassen  wurde.  Es  wird  in
einem  Weltkrieg  ein  Moratorium  wohl  kaum  zu
vermeiden  sein,  und  es  empfiehlt  sich  daher  wohl,
dies  Moratorium  von  vornherein  in  Rechnung  zu
stellen.  Damit  ist  ja  noch  lange  nicht  gesagt,  daß
die  Banken  keine  Kriegsvorbereitungen  treffen
müssen;  nur  sind  dadurch  gewisse  Grenzen
gegeben.
Es  ist  wohl  zweckmäßiger,  man  macht  sich
das  alles  vorher  klar,  als  daß  man  von  den  Banken
und  Finanzministerien  wirkliche  Kriegsbereitschaft
erwartete,  um  dann  im  Ernstfall  —  oft  zu  spät
—  zu  erfahren,  daß  doch  diesen  Erwartungen
nicht  genügt  werden  konnte.  Derartige  peinliche
Eröffnungen  in  kritischen  Zeiten  sind  nichts  Seltenes, ­
  sie  sind  vor  allem  eine  Folge  der  zu  weit
getriebenen  Ressortautonomie  ;  der  eine  Teil  der
Gesellschaft  weiß  nicht  genau,  was  der  andere
tut,  und  die  Gesamtheit  ist  sich  über  ihr  Verhalten ­
  erst  recht  nicht  im  klaren.  Jeder  vertraut
auf  den  anderen  und  schließlich  können  arge
Enttäuschungen  das  Resultat  sein.
        <pb n="61" />
        31

Es  gibt  eine  Reihe  von  Vertretern  der  Bankkreise, ­
  welche  mit  großem  Nachdruck  darauf  hinweisen,
  daß  die  Banken  im  Kriegsfall  allen  Anforderungen ­
  genügen  könnten,  und  dennoch  sollen
die  Auskünfte,  welche  seitens  der  Banken  während
der  Marokkokrise  dem  Deutschen  Kaiser  gemacht
wurden,  ihn  nicht  befriedigt  haben.  Auch  seitens
der  Heeresverwaltungen  wird  wohl  in  vielen  Ländern ­
  zeitweilig  mit  einer  Leistungsfähigkeit  der
Finanzverwaltungen  gerechnet  —  die  selbst  wieder
von  jener  der  Banken  abhängt  —  die  nicht
immer  ganz  den  Tatsachen  entspricht.  Die  Tendenz, ­
  die  Geld-  und  Kreditordnung  in  Schutz  zu
nehmen,  führt  auch  dazu,  daß  der  Börse
in  Kriegszeiten  eine  Verteidigung  zuteil  wird,
während  von  anderer  Seite  gerade  die  Börse  als
Herd  der  Panik  charakterisiert  wird.  Man  weist
dabei  darauf  hin,  daß  die  tollsten  und  unmotiviertesten ­
  Paniken  in  Friedenszeiten  gerade  an
den  Börsen  sich  gezeigt  haben  und  daß  es
schlimm  um  einen  Staat  bestellt  sei,  der  in  Kriegszeiten ­
  allein  auf  die  Aufnahmefähigkeit  der  Börse
für  Renten  angewiesen  ist.
Selbst  wenn  man  einen  Kriegsplan  ausarbeitet, ­
  der  das  glatte  Funktionieren  der  Banken
und  Börsen  voraussetzt,  sollte  man  auch  einen
zweiten  ausarbeiten,  der  ihr  Versagen  in  Rechnung
stellt.  Nichts  rächt  sich  mehr,  als  das  übertriebene
Vertrauen  in  die  Geld-  und  Kreditordnung.  Es  ist
schon  allzuoft  getäuscht  worden.  Ueberhastete  Reformen ­
  waren  das  Ergebnis.
Wir  haben  gesehen,  daß  eine  wesentliche
Störung  der  Geld-  und  Kreditordnung  durch  die
Zurückziehung  ausländischer  Gelder  erfolgt.  Manche
treten  nun  dafür  ein,  daß  ein  entwickeltes
Börsen-  und  Banksystem  diesen  Zurückziehungen
durch  Ansammlung  fremder  Effekten  und  Devisen
Vorarbeiten  solle.
Ueberdies  sei  einem  durch  den  Besitz  fremder
Papiere  die  Möglichkeit  gegeben,  im  Kriegsfall  die
feindliche  Börse  zu  beunruhigen.  Abgesehen  davon, ­
  daß  diese  Maßnahmen  große  Kosten  verursachen, ­
  ist  es  mehr  als  fraglich,  ob  die  feindliche ­
  Börse  wirklich  auf  diese  Weise  geschädigt
werden  kann.  Wird  seitens  des  Feindes  ein  Moratorium ­
  erlassen,  so  versagt  diese  Vorkehrung  vollständig. ­
  Ich  erinnere  nochmals  daran,  daß  zu  Beginn ­
  des  Deutsch-französischenKrieges  eine  Zeitlang ­
  in  Berlin  englische  Devisen  nicht  verkauft
werden  konnten,  weil  man  fürchtete,  England
werde,  um  Frankreich  zu  Hilfe  zu  kommen,  die
Einlösung  der  englischen  Devisen  entweder  verweigern ­
  oder  mindestens  wesentlich  verzögern.
Es  ist  übrigens  strittig,  wie  weit  England  als  kriegführender
  Staat  zur  Einlösung  verpflichtet  wäre;
aber  selbst  wenn  die  völkerrechtliche  Verpflichtung
bestünde,  müßte  die  Möglichkeit,  daß  sie  nicht
eingehalten  würde,  ins  Auge  gefaßt  werden.
Selbstverständlich  kann  England  im  Interesse
seines  Prestiges  auf  dem  Geld-  und  Kreditmarkt

sich  ganz  korrekt  verhalten,  aber  nur  darauf  zu
bauen,  ist  nicht  unbedenklich.  Jedenfalls  wäre  es
ein  mehr  als  gewagtes  Manöver,  größere  Bestände ­
  an  Devisen  der  Tripleentente  anzusammeln.
Die  bloße  Hinausschleppung  der  Zahlung  bedeutet
schon  eine  empfindliche  Schädigung.  In  welcher
Weise  unter  Umständen  Gerichtsverhandlungen
sich  hinausziehen  können,  kann  ich  aus  einem
mir  vorliegenden  Akt  entnehmen.  In  einem  benachbarten ­
  Staat  haben  Auswanderer  im  Jahre
1902  eine  Vermögensschädigung  erfahren,  im
Jahre  1911  ist  das  endgiltige  Urteil  erflossen,  das
den  einzelnen  Personen  einen  Anspruch  zuerkannte. ­
  Wenn  solche  Dinge  im  Frieden  Vorkommen,
um  wie  viel  eher  im  Kriegsfall,  wo  man  alles  daran ­
  setzt,  den  Gegner  auf  möglichst  empfindliche
Weise  zu  schädigen.
Zu  den  wichtigsten  Modifikationen  der  Geldund
  Kreditordnung  im  Kriegsfall  gehört,  wie  schon
erwähnt,  das  Moratorium;  es  verschiebt  die  Zahlungsverpflichtung ­
  bestimmter  Klassen  oder  der
ganzen  Bevölkerung  entweder  für  alle  oder  nur
für  bestimmte  ausstehende  Schulden.  Das  Moratorium ­
  zwingt  den  Einleger  der  Bank  Kredit  zu
gewähren,  es  zwingt  die  Bank  ihren  Schuldnern
den  Kredit  zu  belassen.  Kurzum,  es  wirkt  im
wesentlichen  darauf  hin,  die  Solidarität  zu  erhöhen. ­
  Für  Serbien  und  Bulgarien  war  das  Moratorium ­
  ein  Glück;  während  z.  B.  Galizien  und
die  Bukowina  unter  der  Kriegsgefahr  furchtbar  zu
leiden  hatten,  da  kein  Moratorium  erlassen  wurde.
Gerade  in  der  schwierigsten  Zeit  mußten  Leute
Zahlungen  leisten,  die  dies  kaum  in  normalen
Zeiten  gekonnt  hätten.
Ein  Hauptzweck  des  Moratoriums  besteht
darin,  die  Schulder  der  Banken  und  Sparkassen
zu  schützen,  es  soll  aber  auch  ein  Kaufmann
gegen  den  anderen,  ein  Industrieller  gegen
den  anderen  geschützt  werden.  Es  ist  nicht
nur  im  Interesse  des  Schuldners,  sondern
auch  des  Gläubigers,  dem  dadurch  vielfach  ein
zahlungsfähigerer  Schuldner  nach  dem  Kriege
gesichert  wird.  Es  kommt  ja  oft  vor,  daß  ein
Gläubiger  gerne  warten  würde,  damit  der  Schuldner ­
  sich  erholen  kann  und  nur  deshalb  zugreift,
damit  ihm  nicht  ein  anderer  Gläubiger  mit  einer
Exekution  zuvorkommt.  Es  ist  ein  analoger  Fall,
wie  bei  den  Abhebungen  der  Einlagen.  Der  rücksichtslose, ­
  der  unvernünftige  Gläubiger  gibt  den
Ton  an.  Der  rücksichtsvolle,  der  bedächtige  Gläubiger ­
  wird  geschädigt,  wenn  er  nicht  mittut.  Das
Moratoriumhilftsodem  vorausdenkenden  Gläubiger.
Wir  sehen  aber  nach  einer  kurzen  Ueber-Iegung,
  daß  ein  Moratorium  auch  sehr  bedenkliche ­
  Nebenwirkungen  zur  Folge  hat.  Nehmen
wir  an,  ein  Fabrikant  hat  Geld  bei  einer  Bank
liegen  und  benötigt  es,  um  einen  Rohstofflieferanten ­
  zu  zahlen.  Er  kann  das  Geld  nicht  beheben, ­
  da  ein  Moratorium  verhängt  ist.  Es  fragt
sich  nun,  wie  in  einem  solchen  Falle  geholfen
werden  kann.
        <pb n="62" />
        32

Wir  sahen,  daß  das  Moratorium  vor  allem
auch  dazu  dient,  die  Gesamtheit  der  von  allen
Banken  gewährten  Kredite  nicht  plötzlich  zu  reduzieren. ­
  Wenn  also  dieser  Kaufmann  etwa
10.000  Kronen  benötigt,  so  würde  es  sich  darum
handeln,  zu  bewirken,  daß  sie  den  Schuldnern
nicht  gekündigt  werden  müssen.  Dies  kann  in
der  Weise  etwa  erfolgen,  daß  die  Zahlung  an  den
Rohstofflieferanten  nicht  in  Noten  oder  Metallgeld ­
  erfolgt,  sondern  nur  durch  Ueberschreibung
in  den  Büchern  der  Bank.  Dem  Rohstofflieferanten ­
  müßte  eventuell  ein  neues  Konto  eröffnet
werden.
Man  könnte  sich  aber  auch  denken,  daß
alle  großen  Banken,  die  Notenbank  an  der  Spitze,
ein  Konsortium  bilden,  das  für  alle  Einlagen  gemeinsam ­
  haftet  und  Ueberweisungen  von  Konto
zu  Konto  zuläßt,  mit  der  ausdrücklichen  Bestimmung, ­
  daß  eine  Barabhebung  nicht  erfolgen  darf.
Das  heißt,  das  Moratorium  würde  nur  insoferne
Geltung  haben,  als  man  diesem  Banksystem  Geld
entziehen  will,  nicht  aber  insoweit
man  innerhalb  des  Banksystems
Girozahlungen  leistet.  Es  würde  gewissermaßen ­
  nur  Schecks  zur  Verrechnung,  nicht
aber  Schecks  zur  Barabhebung  ausgestellt  werden
dürfen.  Die  Gesamtheit  der  Gelder,
welche  bei  dem  Banksystem  als
Einlagen  vorhanden  sind,  bliebe
konstant.  Wenn  jeder  verpflichtet  wäre,
solche  Zahlungen  anzunehmen  und  sich  die  zwangsweise ­
  Eröffnung  eines  Kontos  gefallen  lassen
müßte  —  da  ja  nicht  jeder,  dem  gezahlt  wird,
bereits  Kontoinhaber  sein  würde  —  und  der  Staat
diese  Zahlungen  mit  seiner  Autorität  deckt,  hätten
wir  es  mit  staatlich  organisiertem  uneinlöslichem ­
  Girogeld  zu  tun.
Erfahrungen  dieser  Art  hat  man  im  Jahre
1907  während  der  nordamerikanischen  Krise  gemacht, ­
  die  auch  wir  zu  spüren  bekamen.  Damals
schloß  sich  eine  Gruppe  von  Banken  zusammen
und  schuf  ein  Garantiesystem,  welches  eigene
Zertifikate  ausgab.  Während  aber  dieses  uneinlösliche ­
  Girogeld,  das  als  Privatgeld  zu  bezeichnen ­
  wäre,  nur  unvollständig  mit  Metall  gedeckt
war,  —  der  Rest  war  durch  die  Forderungen  der
Banken  gedeckt  —  gab  es  im  17.  Jahrhundert
bei  der  Bank  von  Amsterdam  vollständig  mit
Metall  gedecktes,  uneinlösliches  Girogeld.  Wer
Wechselschulden  über  eine  bestimmte  Summe  zu
zahlen  hatte,  mußte  dies  in  der  Weise  tun,  daß
er,  falls  er  nicht  bereits  ein  Konto  bei  der  Bank
von  Amsterdam  besaß,  durch  Hinterlegung  von
Silber  eines  erhielt.  Durch  Giroüberweisung  konnte
er  dann  die  Wechselschuld  begleichen.  Der  Empfänger ­
  konnte  über  das  Geld  giromäßig  verfügen,
aber  er  durfte  das  Silber  nicht  beheben.  Wohl
aber  konnte  er  sein  Konto  einem  Dritten  verkaufen. ­
  Auf  diese  Weise  wollte  man  in  den
Niederlanden  die  kommerziellen  Zahlungen  möglichst ­
  konzentrieren.  Da  es  für  den  internationalen ­
  Verkehr  sehr  wichtig  war,  in  Amsterdam
ein  Konto  zu  haben,  konnte  es  Vorkommen,

daß  Amsterdamer  uneinlösliches  Girogeld  mit
einem  Agio  gegenüber  dem  gewöhnlichen  Gelde
notierte.
Das  uneinlösliche  Girogeld  ist  gar  keine  so
sonderbare  Geldsorte,  wie  viele  glauben,  sind  wir
doch  in  Oesterreich-Ungarn  an  uneinlösliches
Zeichengeld  gewöhnt,  da  wir  doch  uneinlösliche
Noten  besitzen.  Prinzipiell  sind  diese  beiden  Geldtypen ­
  durchaus  gleichartig.  Das  uneinlösliche
Girogeld  hat  nur  den  großen  Vorteil,  daß  man
es  genau  in  seiner  Zirkulation  kontrollieren  kann,
was  gerade  in  Kriegszeiten  von  erheblicher
Wichtigkeit  ist.  Seine  Deckung  ist  faktisch  nach
geltendem  Recht  freilich  eine  anders  geartete.
Vor  allem  bestehen  für  dasselbe  keine  Deckungsvorschriften. ­
  Während  die  österreichisch-ungarische
Bank  ihr  Notengeld  mit  2 /s  in  Metall  decken
muß,  hat  sie  bezüglich  der  Girokonten  keine
besondere  Verpflichtung.  Dies  ist  eigentlich  eine
gewisse  Inkonsequenz,  da  die  Girokonten  ebenso
wie  die  Notenemission  durch  Wechseldiskontierung
vergrößert  werden  können.  Diskontiert  einer  einen
Wechsel  bei  der  Bank,  so  kann  er  die  ihm  zukommende ­
  Summe  sich  entweder  bar  auszahlen
oder  aber  seinem  Girokonto  gutschreiben  lassen.
Diese  verschiedene  Behandlung  von  Girogeld  und
Notengeld  kann  es  der  österreichisch-ungarischen
Bank  in  Kriegszeiten  ermöglichen,  der  Regierung
größere  Kredite  in  Form  von  Girogeld  zu  gewähren, ­
  wenn  sie  dies  auf  dem  Wege  der  Notenemission ­
  nicht  kann.  Sie  vermag  dies  zu  tun,
ohne  die  formellen  gesetzlichen  Bestimmungen  zu
verletzen,  was  ja  vielfach  als  ein  großer  Vorteil
empfunden  wird.
Der  Ausbau  des  Giroverkehrs  ist  so  von
großer  Bedeutung  für  den  Kriegsfall,  und  es  ist
durchaus  im  Interesse  der  Heeresverwaltung  gelegen, ­
  das  Girowesen  möglichst  auszubauen.  In
welcher  Weise  dies  geschehen  kann,  ist  eine
Detailfrage.  Es  kann  dabei  die  österreichischungarische ­
  Bank  mitwirken,  oder  aber  die  Postsparkasse, ­
  welche  durch  ihre  weite  Verbreitung
viele  Vorteile  aufweist.  Wie  man  im  Kriegsfälle
die  Giroüberweisung  bis  zur  Armee  hinausträgt,
welche  Rolle  dabei  die  Feldpost  pielen  könnte,
will  ich  hier  nicht  weiter  erörtern;  der  Hinweis
auf  diese  Probleme  mag  genügen.
Wenn  es  zur  Schaffung  uneinlöslichen  Girogeldes ­
  im  Kriegsfälle  kommen  sollte  —  wobei
selbstverständlich  zunächst  nur  an  solche  Zahlungen ­
  zu  denken  ist,  die  größere  Beträge ­
  ausmachen  —  würde  wohl  vor
allem  die  Postsparkasse  herangezogen  werden,
da  ja  das  Postsparkassenkonto  durch  die  Einlagenbüchel ­
  weitesten  Kreisen  vertraut  ist.  In
welcher  Weise  die  Spareinlagen  in  Girokonten
umzuwandeln  wären  und  in  welchem  Ausmaße,
ist  ebenfalls  eine  Detailfrage.  Jedenfalls  sehen
wir,  daß  die  Basis  für  eine  Popularisierung  des
uneinlöslichen  Girogeldes  wohl  gegeben  erscheint.
Durch  die  Einführung  des  uneinlöslichen
Girogeldes  wird  die  Menge  des  für  Zahlungen
        <pb n="63" />
        33

erforderlichen  Geldes  nicht  variiert,  denn  es
macht  grundsätzlich  keinen  Unterschied  aus,  ob
10.000  K  auf  dem  Wege  der  Ueberweisung  oder
mit  Noten  gezahlt  werden.  Hingegen  wird  Geld
jeder  Art  gespart,  wenn  die  Organisation  des
Clearingverkehrs  Verwendung  findet.  Das  Wesen
des  Clearing  besteht  darin,  daß  eine  Gruppe  von
Personen  alle  Forderungen  untereinander  kompensieren, ­
  ganz  gleich,  welchen  Charakter  sie
tragen.  Im  Falle  der  Tabelle  XXII  würde  die
Kompensation  der  Forderungen,  die  in  einem
Zeitpunkte  zu  erledigen  wäre,  ergeben,  daß  keiner
keinem  etwas  zu  zahlen  hätte,  die  Geldsumme
100  K  bliebe  unverändert  bei  A.  ln  welcher
Weise  aber  eine  Kompensation  wirkt,  die  einen
Saldo  ergibt,  zeigt  uns  Fall  II  in  Tabelle  XXI11:

Durch  die  Verwendung  von  Girogeld  erspart
man  Metallgeld  und  Notengeld,  sowie  man  durch
die  Verwendung  von  Notengeld  Girogeld  und  Metallgeld ­
  erspart;  der  Clearing  dagegen  erspart,
wie  wir  eben  gesehen  haben,  jede  Art  von  Geld.
Soweit  zu  Beginn  kriegerischer  Verwicklungen
der  Mangel  an  Zahlungsmitteln  störend  empfunden
wird,  kann  durch  Ausdehnung  des  Clearings  Abhilfe ­
  geschaffen  werden.  Freilich  funktioniert  diese
Organisation  im  allgemeinen  nur  dann  gut,  wenn
sie  bereits  in  Friedenzzeiten  entspreckend  populär
gemacht,  wurde.  In  Oesterreich-Ungarn  ist  der
Clearing  auf  einen  recht  kleinen  Kreis  von  Personen ­
  und  Banken  beschränkt.
Diese  Andeutungen  führen  uns  zu  dem  Ergebnis, ­
  daß  die  Liquidität  eines  Systems  nicht

Tabelle  XXIII.

Clearing

Fall

Zustand

A

B

C

D

Nötige
Geldmenge

Akt.

Pass.

Akt.

Pass.

Akt.

Pass.

Akt.

Pass.

l

Vor  der
Kompensation

100  D

100  B

100  A

100  C

100  B

100  D

100  C

100  A

400  K

Nach  der
Kompensation

—

—

—

—

—

—

—

.  —

0

II

Vor  der
Kompensation

100  D

300  B

300  A

500C

500  B

100  D

100  c

100  A

1000  K

Nach  der
Kompensation

—

200

—

200

400

—

—

—

400  K

Wir  sehen,  daß  in  dem  uns  bekannten
Fall  I  durch  Einführung  des  Clearing  keine  Geldzahlung ­
  erforderlich  wird.  Im  Fall  II  dagegen
wären  ohne  Clearing,  wenn  die  Zahlungen  im
selben  Augenblicke  erfolgen  müßten,  1000  K
nötig;  wenn  dagegen  der  Clearing  eingeführt  wird,
kompensieren  sich  die  Zahlungen.  C  bekommt
von  der  Gesamtheit  400  K,  A  und  B  zahlen
an  die  Gesamtheit  je  200  K.  Die  Zahlung
wickelt  sich  in  der  Weise  ab,  daß  A  und  B
je  200  K  dem  C  übergeben,  so  daß  mit  400  K
das  Auslangen  gefunden  wird.  Diese  Zahlung
von  400  K  kann  in  vollwertigem  Metallgeld,  in
metallischem  Zeichengeld,  in  Notengeld  oder  in
Girogeld  erfolgen.  Daß  die  Girogeldzahlung  die
Zahlungsmenge  nicht  verringert,  sehen  wir  aus
Tabelle  XXIV.

nur  von  der  zur  Verfügung  stehenden  Zeit  abhängig ­
  ist,  sondern  auch  von  der  Organisationsform. ­
  Es  kann  beim  Vorhandensein  einer
Clearingorganisation  eine  Gruppe  von  Konkursen
vermieden  werden,  die  sonst  eingetreten  wäre.
Eine  gute  Organisation  kann,  wie  wir  sehen,  von
größter  Wichtigkeit  sein.  Sie  vermag  zwar  nicht
den  Mangel  von  Nahrungsmitteln,  Kanonen  usw.
zu  ersetzen,  aber  verhindern,  daß  nicht  trotz
Vorhandenseins  genügender  Produktions-  und
Konsumtionsquellen  alles  darbt  und  jede  Operation
gelähmt  wird.  Manche  wollen  sich  mit  dem  Hinweis ­
  darauf  beruhigen,  daß  es  in  allen  Ländern  in
dieser  Richtung  gleich  schlecht  bestellt  sei.  Das  trifft
wohl  nicht  mehr  ganz  zu.  In  Deutschland  und  Frankreich ­
  werden  Organisationen  für  den  Kriegsfall  bereits
eifrig  erörtert,  für  Oesterreich-Ungarn  wären  sie  aber
        <pb n="64" />
        34

Tabelle  XXIV.

Begleichung  des  Clearingsaldos  durch  Noten-  und  Oirozahlung.

Fall

A

B

C

D

Aktiva

Passiva

Aktiva

Passiva

Aktiva

Passiva

Aktiva

Passiva

i  bJD
n  c
&amp;lt;L&amp;gt;  ;3

1000  Noten

200

1000  Noten

200

1000  Noten
400

—

1000  Noten

--o

  jd
2  rcj
N

800  Noten

—

800  Noten

—

1400  Noten

-

1000  Noten

—  .

hß
c
JC

1000  Girokonto ­


200

1000  Girokonto ­


200

1000  Girokonto ­

400

1000  Girokonto ­


—

N
O
Ö

800  Girokonto ­


—

800  Girokonto ­


—

1400  Girokonto ­


1000  Girokonto ­


-

besonders  wichtig,  weil  wir  in  Hinblick  auf  unsere
Gesamtentwicklung,  insbesondere  was  die  Industrie ­
  anbelangt,  manches  schwere  Manko  aufzuweisen ­
  haben.  Wir  sollten  wenigstens  bemüht
sein,  jene  Mängel  möglichst  rasch  zu  beseitigen,
weiche  aus  einer  mangelhaften  Organisation  herrühren. ­

Die  Beschaffung  der  für  den  Krieg  erforderlichen ­
  Ware  kann  auch  in  der  Weise  erfolgen,
daß  Noten  emittiert  werden  oder  das  Girogeld
vermehrt  wird.  Ich  habe  bereits  darüber  gesprochen. ­
  welche  Wirkungen  dies  auf  die  Preise
ausübt  und  wie  die  Realeinkommen  der  Bevölkerung ­
  dadurch  beeinflußt  werden.  Es  ist  für
kriegswirtschaftliche  Untersuchungen  selbstverständlich ­
  von  der  größten  Wichtigkeit,  die  Veränderungen ­
  in  der  Kaufkraft  des  Geldes  nachzuweisen. ­

Aber  dies  allein  genügt  nicht,  ich  muß  auch
festzustellen  suchen,  wie  sich  die  Löhne  verändert
haben.  Da  ergeben  sich  nun  mannigfache  Schwierigkeiten. ­
  Vielfach  geht  man  in  der  Weise  vor,  daß
man  die  Löhne  bestimmter  Arbeitertypen  zu  einer
Zeit  feststellt  und  dann  die  Löhne  derselben
Typen  zu  einer  anderen  Zeit.  Diese  Methode  ist
aber  ungeeignet,  wenn  starke  Verschiebungen  vorgekommen ­
  sind.
Ich  will  dies  ganz  kurz  anzudeuten  versuchen,
ln  Tabelle  XXV  sehen  wir  drei  Typen  von  Arbeitern ­
  :  arbeitslose,  ungelernte  und  gelernte  Arbeiter ­
  vertreten.  In  jeder  Klasse  sei  eine  bestimmte
Anzahl  von  Individuen  enthalten,  der  Reallohn
werde  für  jede  Kategorie  festgestellt.  Im  ersten
Zeitpunkt  sind  die  Reallöhne  der  Reihe  nach  :
0,  10,  20.  Im  zweiten  Zeitpunkt  dagegen  :  0,  6,12'
Wir  sehen,  daß  die  Reallöhne  der  einzelnen
Klassen  gesunken  sind.  Dennoch  hat  der  Wohlstand ­
  der  Bevölkerung  zugenommen.  Wir  nahmen
nämlich  in  unserem  Schema  an,  daß  alle  Arbeitslosen ­
  Arbeit  gefunden  haben  und  alle  Ungelernten
zu  gelernten  Arbeitern  aufgerückt  sind.  Wer  früher
als  Individuum  gar  nichts  erhielt,  bekommt  jetzt  6,

wer  früher  als  Individuum  10  erhielt,  erhält  jetzt
12;  für  die  verschiedenen  Arten  der  Arbeitsleistungen ­
  sind  die  Leute  jetzt  freilich  schlechter
bezahlt;  während  früher  die  ungelernten  10  bekamen, ­
  erhalten  sie  jetzt  nur  6.  Die  Gesamtbevölkerung ­
  erhält  aber  jetzt  54  Reallohn  statt  wie
früher  30.  Dieser  eine  Hinweis  zeigt  zur  Genüge, ­
  wie  es  schwer  ist,  die  Rückwirkungen  der
Veränderungen,  welche  das  Geld-  und  Kreditwesen
betreffen,  richtig  zu  würdigen.  Wir  sehen,  welche
Fülle  von  Komplikationen  sich  im  Geld-  und
Kreditwesen  ergeben,  die  zum  Teil  aus  dessen
Unübersichtlichkeit  herrühren.
Dies  ist  ein  weiteres  Moment,  welches  dafür
spricht,  daß  im  Kriegsfälle  die  Schaffung  einer
Großnaturalwirtschaft  von  leitenden  Politikern  gewünscht ­
  werden  kann.  Wenn  sie  sich  auch  nur
auf  Nahrungsmittel,  Kohle  und  einige  wichtige
andere  Bedarfsartikel  erstreckt,  so  ist  damit  doch
sehr  viel  für  die  Durchsichtigkeit  der  Güterzirkulation ­
  geschehen  und  gerade  sie  erleichtert  viele
Maßnahmen.  Nichts  ist  störender  als  die  Unmöglichkeit, ­
  sich  über  das  Schicksal  der  Geldsummen
und  Güter  zu  orientieren.
IX.  Rückwirkungen  des  Krieges  und  der
Rüstungen  auf  Produktion  und  Handel.
Ich  habe  schon  gelegentlich  darauf  hingewiesen, ­
  daß  die  Ausgaben  für  Rüstungen  und
Kriegszwecke  auf  die  Produktion  und  den  Handel
in  sehr  verschiedener  Weise  wirken  können.  Sie
vermögen  unter  Umständen  den  Handel,  die  Landwirtschaft, ­
  die  Industrie  erheblich  zu  schädigen.
Man  entzieht  ihnen  Geld,  das  sie  zur  Erweiterung
ihrer  Betriebe  brauchen  und  führt  es  nur  jenen
Industriellen  und  Landwirten  zu,  welche  für  die
Armee  liefern.
Gewiß  kommt  das  Geld  wieder  in  Zirkulation,
aber  nachdem  vorher  die  Geldentziehungen  bereits
Betriebsreduktionen  zurFolge  gehabthaben  können,
nachdem  bereits  Arbeitskräfte  der  Landwirtschaft
und  der  Industrie  entzogen  wurden.  Die  Geld-
        <pb n="65" />
        35

Tabelle  XXV.

Steigender  Gesamtreallohn  bei  fallendem  Reallohn  der  einzelnen  Kategorien

Zeitpunkt

Kategorien  :

Arbeitslose

ungelernte  Arbeiter

gelernte  Arbeiter

Summe

Reallohn  jeder  Kategorie

0

10

20

—

t,

Individuen

A,  B,  C

D,  E,  F

0

6

Gesamtreallohn

0

30

0

30

Reallohn  jeder  Kategorie

0

6

12

—

^2

Individuen

0

A,  B,  C

D,  E,  F

6

Gesamtreallohn

0

18

36

54

summen,  welche  für  die  Armee  verwendet  werden,
drücken  zum  Teil  einen  Entgang  an  Schulbildung,
eine  Verschlechterung  der  Hygiene,  eine  Reduktion
der  Produktion  aus.  Es  gibt  Völker,  welche  durch
die  Auferlegung  von  Steuern  nur  zu  einer  e  rhöhten
  Produktion  angeregt  werden.
In  ihrem  Bemühen,  den  alten  Lebenstandard
wieder  zu  erreichen,  erweitern  sie  ihn  nicht  selten,
andere  wieder  zahlen  die  Steuern  und  schränken  sich
mehr  ein.  Dies  letztere  ist  vor  allem  bei  südlicheren
Völkern  nichts  Seltenes,  auch  Osteuropäer  weisen
häufig  dieses  Verhalten  auf.  Indirekt  kann  so  die
Militärmacht  empfindlich  geschädigt  werden.  Denn
eine  vermehrte  Sterblichkeit,  der  Analphabetismus
wirkt  ungünstig  auf  die  Armee  zurück.  Es  bedarf
konkreter  Nachforschungen,  ob  die  Aufnahme  vorr
Anleihen  oder  Steuern  auf  ein  Land  lähmend  oder
anregend  wirkt.
Die  indirekten  Wirkungen  auf  Produktion
und  Gesundheit  müssen  immer  im  Auge  behalten
werden;  oft  beachtet  man  sie  erst,  wenn  es  bereits
zu  spät  ist.  Der  Vorteil,  der  unmittelbar  für  die
Armee  erlangt  wird,  kann  mittelbar  ihr  wieder
verloren  gehen.  Es  kann  schließlich  dazu  kommen,
daß  die  Förderung  der  Hygiene,  des  Schulwesens,
der  Produktion  von  der  Armee  intensiv  gefordert
wird,  um  die  indirekten  Schädigungen  zu  paralysieren. ­
  Wir  haben  dafür  ein  Vorbild  in  der  Geschichte. ­
  Die  ersten  Anregungen  zur  deutschen
Arbeiterschutzgesetzgebung,  die  sich  in  der  zweiten
Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  entwickelte,  gehen
zum  Teil  auf  die  Beobachtungen  eines  Offiziers
zurück,  der  in  den  Rheinlariden,  wo  sich  die  Industrie ­
  überaus  rasch  ausgebreitet  hatte,  erschreckende ­
  Rückgänge  der  Tauglichkeit  bei  den  Stellungen ­
  beobachtete.  Es  war  klar,  daß  durch  Fürsorge  für
die  Arbeiter,  Reduktion  der  Arbeitszeit,  Verbesserung ­
  der  Arbeitsbedingungen  usw.  Abhilfe  geschaffen ­
  werden  konnte.  Wir  sehen,  daß  die  Armee ­
  an  einer  gesunden,  gutgestellten  Bevölkerung

überaus  interessiert  ist;  heute,  wo  man  die  militärischen ­
  Kräfte  der  Bevölkerung  noch  mehr  auszunützen ­
  sucht  als  früher,  in  immer  steigendem
Maße.
Für  Oesterreich-Ungarn  sind  solche  Erwägungen ­
  von  größter  Wichtigkeit,  weil  die  Monarchie ­
  unter  den  Rüstungen  weit  schwerer  leidet,
als  etwa  Deutschland,  das  in  lebhaftestem  Aufschwung ­
  begriffen  ist.  Wenn  man  die  gröbsten
statistischen  Schätzungen  zur  Hand  nimmt,  ist
die  Ungleichheit  der  Entwicklung  Deutschlands
und  Oesterreich-Ungarns  auf  den  ersten  Blick  zu
erkennen.  Manche  glauben,  daß  diese  üble  Lage
nicht  allzu  pessimistisch  beurteilt  werden  dürfe,
da  man  ja  Anleihen  im  Auslande  aufnehmen
könne.  Man  darf  aber  dabei  nicht  übersehen,  daß
eine  Anleihe  oft  Knechtschaft  bedeutet.  Das  Ausland ­
  zehrt  auf  Jahrzehnte  hinaus  von  unserem
Mark,  wenn  wir  nicht  durch  eine  besonders  rege
Entfaltung  aller  produktiven  Kräfte  die  Zinsen  und
Annuitäten  aufbringen.
Soweit  diese  Anleihen  aber  militärischen
Zwecken  dienen,  fördern  sie  die  Gesamtentwicklung ­
  der  Produktion  nur  sehr  wenig.  Da  man
bisher  nicht  systematisch  darauf  aus  ist,  bei  den
Ausgaben  für  die  Armee  die  Wege  einzuschlagen,
welche  der  Industrie  und  Landwirtschaft  am
meisten  Förderung  bringen,  nützen  sie  noch
weniger  als  es  vielleicht  bei  entsprechenden  Maßnahmen ­
  denkbar  wäre.  Oesterreich-Ungarn  entwickelt ­
  sich  an  sich  langsamer  als  Deutschland,
durch  die  Aufwendungen  für  die  Armee  wird  die
Entwicklung  nicht  beschleunigt.  Die  Armee
hat  aber  das  allergrößte  Interesse ­
  daran,  daß  sich  die  Industrie
und  Landwirtschaft  Oesterreich-Ungarns
  mächtig  entfaltet.  Man  ist
sich  dieser  Solidarität  heute  sowohl  in  Kreisen
der  Produzenten  als  auch  der  Armee  nicht
        <pb n="66" />
        36

genügend  bewußt,  oder  zieht  daraus  nicht  die
Konsequenzen.  Oesterreich-Ungarn  muß  heute
alle  Kräfte  anspannen,  um  nicht  ins  Hintertreffen
zu  kommen.  Es  ist  fast  beleidigend,  wie  man
in  den  Kreisen  hoher  deutscher  Beamten,  die
mit  dem  auswärtigen  Dienst  zu  tun  haben,  über
Oesterreich  -  Ungarns  Wirtschaftspolitik  spricht.
Das  gleiche  gilt  von  den  Chefs  der  großen  Banken. ­
  Wie  durch  Kooperation  der  Armee  mit  der
übrigen  Bevölkerung  dem  einigermaßen  abzuhelfen
wäre,  wird  eine  von  Tag  zu  Tag  drängendere
Frage.  Je  größere  Ansprüche  die  Armee  im  Interesse ­
  der  Monarchie  stellt,  desto  mehr  wird  sie
unwillkürlich  dazu  gedrängt,  sich  mit  der  Gesamtbevölkerung ­
  eins  zu  fühlen,  deren  Sorgen  und
Nöten  möglichst  genau  kennen  zu  lernen  und  an
ihrer  Beseitigung,  soweit  es  an  ihr  ist,  mitzuwirken. ­

Durch  Eingriffe  der  Armee  in  sozialpolitischer
und  wirtschaftspolitischer  Richtung  würden  auch
manche  Gegensätze  schwinden,  die  heute  im  Anwachsen ­
  begriffen  sind.  Es  ist  zweifellos  möglich,
daß  die  Armee  ihre  Stärke  durch  eine  Art  Hypertrophie ­
  erhöhen  kann,  aber  dauernd  kann  sie  nur
ein  kraftvolles  Organ  des  Staates  sein,  wenn
sie  der  gesamten  Organisation
angepaßt  ist.  Ihre  größte  Förderung  erfährt
sie  dann  durch  die  Stärkung  des  Gesamtorganismus, ­
  wie  wir  dies  z.  B.  in  Deutschland  beobachten ­
  können.  Wo  die  Grenzen  zu  ziehen  sind,
läßt  sich  freilich  im  Konkreten  schwer  feststellen. ­

Die  Bemühungen,  den  gesamten  sozialen
Körper  zu  einer  regern  Produktion  anzutreiben,
werden  zum  Teil  durch  natürliche  Eigenschaften
der  Bevölkerung,  zum  Teil  durch  organisatorische ­
  Mängel  gehemmt.  Wie  ich  bereits  zu  Beginn
dieser  ganzen  Darstellung  hervorgehoben  habe,
leben  wir  in  einer  Ordnung,  welche  das  Gespenst
der  sogenannten  Ueberproduktion  fürchtet  und
immer  darauf  losgeht,  nur  ja  zu  verhindern,  daß
nicht  so  viel  produziert  wird,  als  man  verzehren
könnte,  da  dadurch  der  Reingewinn  sinken  würde,
und  damit  auch  die  Entwicklungsmöglichkeit  der
Industrie  und  Landwirtschaft.  Wie  dieser  Organisationsdefekt ­
  zu  beseitigen  wäre,  ist  eine  viel
diskutierte  Frage.  Es  ist  nicht  ausgeschlossen,
daß  der  während  eines  Weltkrieges  aufs  höchste
angespannte  Rationalismus  auch  hier  einen  Ausweg ­
  findet.  Denn  darüber  kann  wohl  kein  Zweifel
herrschen,  der  Staat,  dem  es  während  eines
Weltkrieges  gelingt,  alle  vorhandenen  produktiven
Kräfte  aufs  äußerste  auszunützen,  hat  große  Chancen ­
  für  sich.
Ich  will  nun  noch  mit  wenigen  Worten  die
Wirkungen  des  Krieges  auf  die  Marktpreise  berühren. ­
  Die  einzelnen  Warengruppen  verhalten
sich  ungleichartig.  Während  die  Nahrungsmittelpreise ­
  leicht  steigen  können,  dürften  die  Grundstückpreise ­
  meist  plötzlich  sinken.  Erfahrungsgemäß ­
  ist  der  Grundstückmarkt  in  kriegerischen
Zeiten  den  Grundstückverkäufern  sehr  ungünstig.

Es  wäre  aber  verfehlt,  anzunehmen,  daß  automatisch ­
  die  geringere  Nachfrage  nach  Grundstücken ­
  auch  den  Preis  der  Grundstücke  senken
muß.  Ich  hatte  während  des  Balkankrieges  Gelegenheit, ­
  in  einigen  Gegenden  Syrmiens  zu
erfahren,  daß  die  Grundstückpreise  trotz  der
bedrohlichen  Situation  nicht  gesunken  waren,  nur
wurden  Grundstücke  seltener  als  sonst  gekauft.
Woher  rührte  diese  Erscheinung?  Die  wohlsituierten ­
  Bauern  dieser  Gegenden  hatten  es  nicht
unbedingt  nötig,  ihre  Grundstücke  zu  verschleudern,
und  erklärten,  zuwarten  zu  wollen,  bis  der  Preis
wieder  in  die  Höhe  gehe.  Das  heißt,  im  Kriegsfall ­
  wird  im  allgemeinen  bei  konstantem  Umsatz
von  Grundstücken  der  Preis  sinken,  bei  abnehmendem ­
  aber  eventuell  der  Preis  gleich
bleiben.
Während  die  Veränderung  der  Grundstückpreise ­
  im  allgemeinen  nur  kleine  Kreise  der  Bevölkerungtrifft, ­
  haben  unter  einer  Erhöhung  der  Lebensmittelpreise ­
  alle  schwer  zu  leiden.  Abgesehen
davon,  daß  infolge  einer  Absperrung  der  Zufuhr
effektiver  Mangel  eintreten  kann,  ist  mit  der  Ansammlung ­
  von  Vorräten  durch  die  Armee  und
durch  Privatpersonen  zu  rechnen,  insbesondere
aber  mit  den  Bemühungen  der  Kaufleute,  durch
spekulative  Anhäufung  von  Reserven  und  dadurch ­
  erzeugte  Preissteigerungen  erhebliche  Gewinne ­
  zu  erzielen.  Der  Umstand,  daß  dieNahrungsmittel
  von  allen  benötigt  werden,  legt  der  Regierüng
  die  Kontrolle  über  den  Lebensmittelmarkt
überaus  nahe.'  Eine  solche  Kontrolle  ist  sowohl
im  Interesse  der  Armee,  als  auch  in  jenem  der
Zivilbevölkerung  gelegen.  Ich  wies  schon  darauf
hin,  daß  der  Staat  die  Möglichkeit  hat,  Preistaxen
zu  erlassen,  ln  Oesterreich  dient  diesem  Zwecke
eine  Bestimmüng  der  Gewerbeordnung,  deren
Anwendung  bereits  vor  einiger  Zeit  ernstlich  in
Erwägung  gezogen  wurde.  Freilich  bezieht  sich
diese  Bestimmung  nur  auf  die  Erlassung  von
Preistaxen  für  den  Kleinhandel.  Aber  es  ist  klar,
daß,  wenn  der  Kleinhandel  bestimmte  Maximalpreise ­
  nicht  überschreiten  darf,  er  auf  den  Großhandel ­
  drückt  und  ihn  zur  Herabsetzung  der
Preise  zwingt.  In  Serbien  und  Bulgarien  wurden
während  des  Balkankrieges  Preistaxen  verhängt
und  deren  Durchführung  zum  Teile  mit  großer
Strenge  erzwungen.  Wir  sehen  auch  auf  diesem
Gebiet,  daß  der  Staat  im  Kriegsfall  eine  größere
organisierende  Kraft  als  im  Frieden  entfalten
dürfte,  selbst  wenn  er  nicht  dazu  schreiten  sollte,
die  Nahrungsmittel  oder  wenigstens  die  wichtigsten
derselben  selbst  zu  verkaufen  und  sie  dem  Privatumsatz ­
  ganz  zu  entziehen.
Mit  wenigen  Worten  will  ich  den  Einfluß  der
Rüstungen  und  der  Kriegsführung  auf  die  Verkehrsmittel ­
  streifen.  Wir  sehen,  daß  in  allen
Staaten  ein  nicht  unerheblicher  Teil  der  Eisenbahnlinien ­
  entweder  vorwiegend,  aus  strategischen
Gründen  erbaut  wurde,  oder  mindestens  bei  der
Errichtung  auf  strategische  Momente  Rücksicht
genommen  wurde.  Wenn  Eisenbahnlinien  nicht
allen  strategischen  Anforderungen  entsprechen,
        <pb n="67" />
        37

so  kann  dies  unter  Umständen  schwere  Belastungen ­
  der  Bevölkerung  zur  Folge  haben.
Das  Schmalspursystem  Bosniens  war  eine  der
Hauptursachen,  weshalb  Oesterreich-Ungarn  daselbst ­
  größere  Truppenmassen  frühzeitig  ansammeln ­
  mußte,  um  im  Kriegsfall  bereit  zu  sein.
Abgesehen  davon,  daß  der  Verkehr  doch  auch
einige  Störungen  erlitt,  müssen  die  großen  Ausgaben ­
  ins  Auge  gefaßt  werden,  welche  eine  solche
Truppenkonzentration  nach  sich  zieht.  Schwere
Verluste  erlitt  ein  großer  Teil  der  Einberufenen,
da  für  die  Sicherung  der  Anstellungen  solcher
Einberufener  bis  heute  keine  entsprechenden
Maßnahmen  seitens  des  Staates  getroffen  wurden.
Auch  darf  man  nicht  vergessen,  daß  die  dauernde
Dislozierung  großer  Truppenmassen,  in  Gebieten,
die  nicht  dafür  eingerichtet  sind,  eine  erhebliche
Steigerung  der  Krankheitsziffer  zur  Folge  hat.
Die  Unterbringung  von  solchen  Truppenmassen
ist  fast  schwieriger  durchzuführen,  als  die
einer  marschierenden  Armee,  die  täglich  ihren
Rayon  wechselt.

Im  Kriegsfälle  kann  die  Heeresverwaltung
das  rollende  Material  der  Eisenbahnen  entweder
zum  Transport  von  Mannschaft  und  Kriegsmaterial
oder  zum  Transport  von  Lebensmitteln  verwenden. ­
  Zu  letzterem  Zweck  wird  sie  an  dem  Vorhandensein ­
  verschiedener  Spezialtypen  von
Waggons  sehr  interessiert  sein.  Insbesondere  seien
hier  die  Kühlwaggons  erwähnt,  welche  z.  B.  die
serbische  Armee  während  des  Balkankrieges  verwendete. ­
  Sie  bewährten  sich  im  engeren  Bereichsehr
gut,  weniger  gut  aber  in  einem  größeren,  weil  in
letzterem  Falle  das  Fleisch  häufig  verdorben  ankam. ­
  Solchen  Uebelständen  kann  durch  entsprechende ­
  Vorsorgen,  insbesondere  durch  Schaffung ­
  genügend  zahlreicher  Eiserzeugungsstellen
und  Eisfüllungsstationen  abgeholfen  werden.  Rußland ­
  scheint  in  dieser  Richtung  große  Vorkehrungen ­
  getroffen  zu  haben.  Auch  in  Oesterreich-Ungarn
  nimmt  die  Zahl  der  Kühlwaggons
zu.  Es  ist  klar,  daß  die  Heeresverwaltung  der
Vermehrung  des  Kühlwaggonparks  ähnliche  Aufmerksamkeit ­
  schenkt,  wie  den  Lastautomobilen.

Der  normale  Verkehr  erleidet  im  Kriegsfall
meist  sehr  erhebliche  Störungen.  Nicht  immer
werden  aber  ausreichende  Maßnahmen  getroffen,
dieselben  auf  das  Minimum  zu  reduzieren.  Es
soll  im  Jahre  1870/71  mehrfach  vorgekommen
sein,  daß  Fabriken  feiern  mußten,  weil  die  Kohlen
infolge  Waggonmangels  nicht  transportiert  werden
konnten.  Daran  soll  bei  mehr  als  einer  Gelegenheit ­
  nicht  der  effektive  Mangel  an  Waggons
schuld'  gewesen  sein,  sondern  die  unzulängliche ­
  Instradierung.  Angeblich  war  bei  der
Ausarbeitung  der  Transportpläne  für  die  Armee
auf  die  Bedürfnisse  der  Industrie  an  der  Westgrenze ­
  nicht  immer  ausreichend  Sorge  getragen
worden.
Jedenfalls  dürfte  die  rasche  Entwicklung  der
Industrie  und  der  Landwirtschaft  dazu  führen,
daß  der  Mobilisi  rungsplan  auf  die  Unternehmungen
aller  Art  möglichst  Rücksicht  nehmen  wird  ;  ins-|L_


besondere  dort,  wo  die  militärischen  Zwecke  dadurch ­
  gar  nicht  gefährdet  erscheinen.  Es  gibt  im
Staatsleben  mehr  als  eine  Gelegenheit,  wo  Schaden
dadurch  vermieden  werden  kann,  daß  bestimmte
Probleme  nur  überhaupt  /berücksichtigt  werden.
Es  wird  nicht  bei  einzelnen  Beratungen  in  dieser
Hinsicht  verbleiben,  man  wird  einmal  daran  gehen
müssen,  das  gesamte  Verkehrssystem,  sowie
überhaupt  das  ganze  Wirtschaftssystem  in  Hinblick ­
  auf  den  Kriegsfall  einheitlich  zu  organisieren. ­

Dann  wird  man  auch  /ernstlich  die  Frage
behandeln,  wie  weit  Rohstoffreserven  im  Friedensfall ­
  am  Platze  sind,  insbesondere  Kohlenreserven.
Im  Kriegsfall  werden  solche  Dinge  allzu  leicht
überstürzt.  Vorkehrungen,  die  in  Friedenszeiten
relativ  billig  zu  treffen  sind,  verlangen  dann  leicht
einen  unverhältnismäßig  großen  Kostenaufwand,
wenn  man  dann  überhaupt  noch  gute  Arbeit  zu
leisten  imstande  ist.  Man  vergißt  von  einer
Mobilisierung  zur  nächsten,  was  man  an  wirtschaftlichen ­
  Erfahrungen  gesammelt  hat,  während
die  rein  militärischen  Erfahrungen  recht  zuverlässig
aufbewahrt  zu  werden  pflegen.
Die  Kontinuität  der  kriegswirtschaftlichen
Erfahrung  fehlt.  Während  in  früheren  wirtschaftlichen ­
  und  staatswissenschaftlichen  Handbüchern
sich  noch  Artikel  über  Heer  u.  dgl.  fanden,  die
freilich  meist  recht  unzulänglich  waren,  fehlen
dieselben  in  den  modernen  Standardwerken  vollkommen. ­
  Im  Wörterbuch  der  Volkswirtschaft
oder  im  Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften
sucht  man  vergeblich  nach  den  Schlagworten  Heer,
Krieg  usw.  Daß  nicht  Platzmangel  daran  schuld  ist,
beweist  das  Vorhandensein  von  Artikeln  über,
Wasenmeisterei,  Hebammen  usw.  Wir  vergessen
daher  rasch  die  wirtschaftlichen  Ereignisse  der
letzten  Kriege.  Wo  findet  man  zuverlässiges  Material ­
  über  die  Runs  im  Jahre  1870/71  gesammelt? ­
  Es  ist  manchmal  nicht  einmal  möglich,  mit
Sicherheit  festzustellen,  ob  in  einer  deutschen
Stadt  in  dieser  Zeit  eine  Kriegslombaidkasse
funktionierte  oder  nicht,  geschweige  denn,  daß
man  immer  über  ihre  Geschäftsführung  unterrichtetwäre. ­
  Wie  anders  wären  wir  heute  daran,  wenn
alle  einschlägigen  Beobachtungen  sofort  gemacht
und  aufgezeichnet  worden  wären,  wenn  sie  etwa
in  der  Art  wie  die  militärischen  Beobachtungen
gemacht  und  notiert  worden  wären.  Wie  wichtig
wäre  es,  wenn  neben  die  detaillierten  historischen
strategischen  Studien  auch  solche  kriegswirtschaftlicher ­
  und  verpflegstechnischer  Art  träten.
Auch  die  kriegswirtschaftlich  bedeutsamen
Vorkommnisse  der  Gegenwart  werden  nirgends
systematisch  gesammelt.  Recht  gute  Nachweise
findet  man  bei  den  Friedensfreunden,  die  bemüht
sind,  wenigstens  die  Zeitschriften  und  wichtigsten
Zeitungsartikel  über  diese  Materie  bibliographisch
zu  sammeln.  Aber  wenn  man  sich  auf  reine
Zeitungsnachrichten  verlassen  muß,  ist  man  verloren. ­
  Was  für  Fehlberichte  Vorkommen  können,
hatte  ich  während  des  Balkankrieges  mehr  als
        <pb n="68" />
        38

einmal  Gelegenheit  festzustellen.  Wir  besitzen
eben  keine  kriegswirtschaftliche  Zentralstelle,
welche  die  wichtigsten  Vorkommnisse  der  Gegenwart ­
  evident  hielte  und  die  Vergangenheit
durchforschen  könnte.  Dies  ist  mit  eine  Ursache, ­
  weshalb  die  kriegswirtschaftliche  Organisation, ­
  die  Ordnung  des  Verkehrswesens  und
der  Produktion  für  den  Kriegsfall  so  schwer
durchzuführen  ist.
Diese  wenigen  Hinweise  auf  den  inneren
Markt  und  die  innere  Verkehrslage  mögen  genügen. ­
  Es  seien  mir  nun  noch  einige  Bemerkungen ­
  über  den  internationalen  Markt
gestattet.  Der  Krieg  verändert  häufig  die  Absatzwege ­
  bestimmter  Warengruppen.  Aber  es  werden
nicht  nur  die  Wege  verschoben,  vielfach  werden
bestimmte  Konsumenten  überhaupt  ausgeschaltet.
Um  nur  ein  Beispiel  hervorzuheben.  Frankreich
verkauft  Konfektionswaren  an  die  ganze  Welt.
Als  der  Deutsch-französische  Krieg  dazu  führte,
daß  Paris  eingeschlossen  wurde,  nahmen  die  Bestellungen ­
  Hollands,  Italiens,  Rußlands  usw.  ihren
Weg  nach  Berlin  statt  nach  Paris  und  die  militärischen ­
  Erfolge  hatten  unmittelbare  Einkommensvermehrung ­
  hervorgerufen.  Damals  ging  auch  der
französische  Champagnerhandel  zurück,  während
Deutschland  für  seinen  Champagner  neue  Absatzgebiete ­
  eroberte.  In  ähnlicher  Weise  kann  der
Handel  dritter  Staaten  durch  einen  Krieg  beeinflußt ­
  werden.
Ich  komme  nun  zu  Problemen  von  noch
größerer  Tragweite.  Ein  Krieg  von  längerer  Dauer
kann,  wenn  sich  die  Produktion  an  die  geänderten ­
  Verhältnisse  anzupassen  vermag,  ähnlich  wie
ein  Schutzzoll  wirken.  Derartige  Wirkungen  von
einiger  Erheblichkeit  dürfte  im  allgemeinen  nur
ein  Weltkrieg,  wie  jener  vor  hundert  Jahren,  ausüben. ­
  Was  für  Vorkommnisse  den  Weltkrieg
charakterisieren  werden,  wissen  wir  nicht  genau.
Sehr  wahrscheinlich  ist  es,  daß  der  Boykott  eine
erhebliche  Rolle  spielen  wird,  wie  er  z.  B.  in  der
Türkei  und  in  Serbien  gegen  österreichisch-ungarische ­
  Waren  zeitweilig  geübt  wurde.  Der  Boykott
verengt  den  Absatz  des  Gegners,  er  fördert  den
Absatz  der  eigenen  Industrie,  die  nun  nicht  mehr
mit  jener  des  Auslandes  konkurrieren  muß.  Der
Boykott  wirkt  wie  ein  Prohibitivzoll,  nur  daß  er
nicht  formell  von  der  Regierung  ausgeht.  Freilich
dürfte  man  in  Zukunft  für  einen  Boykott  der
Privatpersonen  die  Regierungen  verantwortlich
machen.  Es  wäre  denkbar,  daß  man,  im  Falle  man
die  Macht  dazu  hat,  sie  zur  Abnahme  bestimmier
Warenquanten  zwingt,  die  sie  dann  an  die  Bevölkerung ­
  nach  ihrem  Ermessen  weiter  veräußern
kann.  Derartige  und  andere  Pressionen  gegenüber
Regierungen  wird  man  umso  leichter  anwenden,
als  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  ein  großzügig  organisierter ­
  Boykott  von  der  Regierung  zumindest
geduldet,  wenn  nicht  gefördert  zu  sein  pflegt.
Wir  leben  heute  in  einem  Zeitalter,  das
schutzzöllnerischen  Gedankengängen  stark  anhängt. ­
  Es  ist  dies  eine  von  Zeit  zu  Zeit  wiederkehrende ­

  Denkweise.  Wenn  ein  Zeitalter  dem
Staat  keine  Eingriffe  gestattete  und  infolge  der
ungezügelten  Konkurrenz  schwere  Schäden  sich
bemerkbar  machten,  pflegte  man  in  der  Forderung
nach  Regierungshilfe  und  Schutzmaßnahmen  aller
Art  keine  Grenze  finden  zu  können;  wenn  dann
durch  übermäßige  Kontrolle  der  Unternehmungsgeist ­
  gelähmt  und  vielfach  Unfähige  privilegiert
werden,  wendet  sich  der  Zorn  aller  gegen  die
Aufsicht  der  Regierung.  Da  die  Menschen  wenig
aus  der  Geschichte  zu  lernen  pflegen,  begnügt
man  sich  meist  nicht  mit  der  Beseitigung  der
Schäden,  sondern  geht  von  einem  Extrem  ins
andere  über.  Die  schrankenlose  Gewerbefreiheit
wird  durch  eine  Gewerbeordnung  abgelöst,  der
zufolge  eine  Konditorei  ohne  besondere  Konzession
zwar  kalte,  nicht  aber  warme  Limonaden  verkaufen ­
  darf,  weil  letzteres  nur  einem  Kaffeehaus
zukommt.  Den  Schutzzoll  verteidigen  viele  als
Erziehungszoll.  Sie  weisen  darauf  hin,  daß  der
unentwickelten  Industrie  geholfen  werden  müsse.
Daß  sie  hilfsbedürftig  sei  spreche  nicht  gegen
ihre  tatsächlichen  Fähigkeiten.  Ein  dreißigjähriger
Schwächling  könne  mit  Leichtigkeit  einen  fünfjährigen ­
  Athleten  erdrosseln.  Es  war  bekanntlich ­
  der  Schutzzoll,  der  Deutschlands  Industrie
der  englischen  gegenüber  konkurrenzfähig  gemacht ­
  hat.  Es  gibt  aber  freilich  Schutzzölle,  die  nicht
dazu  beitragen,  die  Produktion  zu  vergrößern  und  zu
vervollkommnen,  sondern  einer  kleinen  Gruppe  von
energischen  Männern  die  Möglichkeit  geben,
Waren  minderer  Qualität  zu  hohen  Preisen  zu
verkaufen,  ohne  die  Konkurrenz  des  Auslandes
fürchten  zu  müssen.  In  Zeiten,  die  dem  Freihandel ­
  gewogen  sind,  wird  man  für  die  schutzzöllnerische
  Wirkung  des  Krieges  kein  rechtes
Verständnis  haben.  Der  Krieg  ist  für  Freihändler,
wie  ich  schon  einmal  erwähnte,  nur  eine  Störung ­
  der  Produktion,  während  der  Schutzzöllner
in  ihm  unter  Umständen  eine  Anregung  zur  Produktion ­
  sieht.  Freilich  muß  dafür  Sorge  getragen
werden,  daß  Fabriken,  die  während  eines  Krieges
errichtet  wurden,  nach  dem  Kriege  nicht  schutzlos ­
  dem  Auslande  preisgegeben  werden,  wie  dies
nach  den  Napoleonischen  Kriegen  zum  Teil  der
Fall  war,  als  die  Kontinentalsperre  aufgehoben
wurde,  ohne  durch  entsprechende  Schutzzölle  ersetzt ­
  zu  werden,  die  als  Uebergang  hätten  dienen
können.
Wir  besitzen  eine  ausgezeichnete  Schilderung
der  Kontinentalsperre  von  Peetz  und
Dehn.  Napoleon  wollte  den  englischen  Handel
treffen,  soweit  er  Industrie-  und  Kolonialartikel
betraf;  merkwürdigerweise  verhinderte  er  nicht
die  Zufuhr  von  Getreide  nach  England,  was  wohl
eine  der  ersten  Taten  eines  modernen  Napoleon
gewesen  wäre.  Auch  in  einem  modernen  Weltkriege ­
  würde  eine  Kontinentalsperre  der  Industrie
manche  Förderung,  aber  auch  manche  Lähmung
bringen.  Die  Lyoner  Seidenindustrie  beschäftigte
im  Jahre  1788  ungefähr  9000  Webstühle;  deren
Zahl  ging  infolge  der  Revolution  auf  ungefähr
3000  zurück,  während  die  Kontinentalsperre  sie
        <pb n="69" />
        39

im  Jahre  1810  auf  ungefähr  14.000  ansteigen
machte.  In  20  Jahren  hatte  sich  die  Anzahl  verfünffacht. ­
  Auch  die  nordfranzösische  Tuchindustrie
florierte  während  der  Kontinentalsperre.  Es  gab
damals  Nationalökonomen,  die  sich  dieser  Wirkungen ­
  voll  bewußt  waren;  sie  erklärten  mit
aller  Präzision,  die  man  nur  wünschen  kann,
Frankreich  habe  durch  die  Kontinentalsperre  eine
eigene  Industrie  bekommen  und  Mitteleuropa  sei
industriell  von  England  unabhängig  geworden.
Napoleon  soll  zu  einem  Textilfabrikanten  die
Aeußerung  gemacht  haben:  «Wir  beide  führen
gegen  England  Krieg.»  Während  der  Kontinentalsperre ­
  entstanden,  wie  ich  schon  erwähnte,  zahlreiche ­
  Rübenzuckerfabriken.  Wie  rasch  sich  dieselben ­
  entfaltet  haben  müssen,  kann  man  daraus
entnehmen,  daß  nach  der  Aufhebung  der  Kontinentalsperre ­
  in  Frankreich  allein  deren  200  zugrundegehen ­
  konnten.
Während  der  Napoleon'ischen  Kriege  hat
aber  Frankreich  auch  schwere  Verluste  erlitten.
Es  büßte  fast  den  ganzen  Kolonialhandel  ein,
den  Handel  mit  Zucker,  Kaffee,  Baumwolle,  Indigo.
Zum  Teil  wurde  freilich  gerade  dadurch  die  Entwicklung ­
  der  Zuckerindustrie  gefördert.  Schwere
Verluste  erlitt  auch  die  deutsche  Exportindustrie,
die  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  ohnedies
nicht  sehr  entwickelt  war.  Vor  allem  war  es  die
Sonneberger  Spielwarenindustrie,  die  Schaden  zu
verzeichnen  hatte,  ebenso  die  schlesische  Leinenindustrie, ­
  die  Portugal,  Spanien  usw.  mit  ihren
Produkten  versorgte.  Auch  Hamburg,  als  ein
Zwischenhandelszentrum,  hatte  große  Verluste.
Ebenso  die  ostdeutsche  Landwirtschaft,  die  nach
England  Getreide,  Holz,  Hanf  und  Flachs  exportierte. ­

Wie  sehr  der  Zwischenhandel  durch  Kriege
leiden  kann,  zeigen  die  Ziffern  der  Tabelle  XXVI
für  1869  und  1870.
Tabelle  XXVI.

Import  nach  Hamburg

Ware

Quantitätsbezeichnung ­


1869

1870

Baumwolle

Paket

253.000

187.000

Kaffee

Pfund

130,000.000

78,600.000

Zedernholz

Quadratfuß

986.000

451.000

Reis

Säcke

283.000

172.000

Dieser  Rückgang  der  Warenziffern  entspricht
dem  Rückgang  der  Schiffahrt,  der  freilich  in  einem
Weltkriege  noch  ganz  andere  Dimensionen  annehmen ­
  dürfte.  Tabelle  XXVII  gibt  eine  Uebersicht
für  Hamburg  und  Bremen.  Noch  instruktiver  sind
Zusammenstellungen,  welche  die  Veränderungen
monatsweise  geben.

Tabelle  XXVII.

Lähmung  der  Schiffahrt  durch  den  Krieg:

Hafen

Jahr

Angekommene

Abgefahrene

Seeschiffe  ca.

Hamburg

1869

.  5200

5200

«

1870

4100

4100

Bremen

1869

3000

3200

«

1870

2400

2400

Es  gibt  nun  Leute,  welche  die  Anschauung
vertreten,  daß  jener,  der  eine  Kontinentalsperre
verhänge,  sich  selbst  ebensosehr  schädige,  wie  den
Gegner.  Man  kann  zwar  ohneweiters  zugeben,  daß
durch  derartige  Eingriffe  in  den  internationalen
Handel  im  allgemeinen  beide  beteiligten  Parteien
zu  leiden  haben  ;  ob  aber  beide  gleich  viel
leiden,  das  ist  eine  durchaus  konkrete  Frage;  eine
allgemeine  Antwort  läßt  sich  auf  dieselbe  nicht
geben.  Norman  Angell  hat  in  seinem  Buche  die
«Große  Täuschung»,  diese  Behauptung  aufgestellt,
ohne  daß  es  ihm  aber  gelungen  wäre,  sie  zu  beweisen. ­
  Seine  sehr  lesenswerten  Ausführungen
zeigen  nur,  daß  die  Komplikation  des  heutigen.
Weltmarktes  eine  isolierte  Beeinflussung  in  einer
einzigen  Richtung  schwer,  ja  unmöglich  macht.
Daß  aber  der  Vorteil  durch  den  Nachteil  immer
kompensiert  wird,  das  zu  beweisen  ist  Norman
Angell  begreiflicherweise  nicht  imstande.  Es  wird
zweifellos  Fälle  geben,  in  denen  derjenige,  der  den
anderen  schädigen  will,  selbst  sogar  den  größeren
Schaden  erleidet.
Wenn  wir  von  den  Schädigungen  sprechen,
die  ein  Weltkrieg  der  Zukunft  nach  sich  ziehen
kann,  empfiehlt  es  sich,  einen  Blick  auf  die  Ziffern
des  internationalen  Handelsverkehrs  zu  werfen.
Denken  wir  uns  einen  Zusammenprall  zwischen
Tripelentente  und  Dreibund.
Welche  Handelsentwicklung  Deutschlands  Rußland ­
  gegenüber  steht  auf  dem  Spiele,  welche  Vorteile ­
  kann  eventuell  England  dadurch  erringen,
daß  Deutschland  zeitweilig  ausgeschaltet  wird?
Tabelle  XXVIll  gibt  uns  davon  einen,  wenn  auch
nur  ungefähren,  Begriff.  Die  zunehmende  Beteiligung ­
  Deutschlands  am  russischen  Außenhandel
trägt  natürlich  nicht  dazu  bei,  einen  Krieg  mit
Rußland  besonders  wünschenswert  erscheinen  zu
lassen,  zumal  Deutschlands  Politik  überhaupt  darauf ­
  aus  ist,  es  sich  mit  Rußland  nicht  ganz  zu  verderben. ­
  In  einem  Weltkrieg  kann  England  unter
Umständen  Deutschlands  Seehandel  völlig  lahm
legen  und  Rußland  allein  mit  Waren  versorgen.
Zwar  wissen  wir,  daß  auch  kleine  Flotten  Erfolge
erzielen  können,  wie  dies  bei  Lissa  der  Fall  war
        <pb n="70" />
        40

Tabelle  XXVIII.

Rußlands  Handel  mit  Deutschland  und  England

in  Millionen  Rubel

Einfuhr  aus:

1906

1907

1908

1909

1910

1911

Deutschland

270

316-320



363

450

488

England

104

115

121

127

154

155

Ausfuhr  nach:

1906

1907

1908

1909

1910

1911

Deutschland

284

291

279

387

391

490

England

225

228

220

289

315

337

aber  solche  Erfolge  sind  überaus  unwahrscheinlich.
Freilich,  wenn  der  Krieg  siegreich  für  Deutschland ­
  endigt,  kann  es  den  Handelsvertrag  mit
Rußland  zu  seinen  Gunsten  einrichten  ;  aber  ob
die  während  des  Krieges  erlittenen  Schäden  damit
ausreichend  gedeckt  sind,  bleibt  fraglich,  zumal
man  selbst  nach  e ; nem  siegreichen  Kriege  kaum
alle  jene  Beziehungen  beseitigen  könnte,  welche
die  Engländer  inzwischen  in  Rußland  angeknüpft
haben  dürften.  Dazu  kommt  noch,  daß  in  solchen
Fällen  auch  dritte  Staaten  Boden  gewonnen  haben
können  und  auf  deren  Tätigkeit  hat  selbst  der
Sieger  begreiflicherweise  nur  geringen  Einfluß.
Die  Intervention  Dritter  läßt  Zollkriege  also  überaus ­
  bedenklich  erscheinen.  Oesterreich-Ungarn  ist
aus  dem  Zollkrieg  mit  Rumänien  geschädigt  hervorgegangen, ­
  es  hat  auch  durch  den  Zollkrieg  mit
Serbien  schwer  gelitten.  Die  Italiener  und  Deutschen,
die  politischen  und  militärischen  Bundesgenossen
der  Monarchie  haben  die  Gelegenheit  benützt  und
haben  sich  in  Serbien  sofort  festgesetzt.  Als  der
Zollkrieg  zu  Ende  war,  hat  Oesterreich-Ungarn
nur  einen  Teil  der  früheren  Position  wiedergewonnen. ­

XII.  Der  Kriegserfolg.
1.  Eroberung  und  Einflußsphäre.
Wir  müssen  uns  nun  darüber  orientieren,
welche  Wirkungen  denn  ein  siegreicher  Krieg  ausübt. ­
  Beginnen  wir  mit  der  Okkupation  eines
Gebietsteiles.  Norman  Angell  behauptet  einfach:
«Reichtum,  Wohlfahrt  und  Wohlbefinden  einer
Nation  hängen  in  keiner  Weise  von  ihrer  politischen ­
  Macht  ab.»  Dies  wäre  dann  der  Fall,  wenn
es  keine  Zollgrenzen  geben  und  man  keine
Bevorzugung  bestimmter  Bevölkerungsgruppen
kennen  würde.  Durch  die  Verschiebung  der  Zollgrenzen ­
  kann  man  aber  erhebliche  Vorteile  erzielen; ­
  man  kann  Absatzgebiete  bekommen,  die
einem  früher  verschlossen  waren.  Bevor  Oesterreich-Ungarn ­
  Bosnien  okkupierte,  mußte  es  beim
Import  nach  diesem  Lande  die  türkischen  Zölle
zahlen,  nach  der  Okkupation  fielen  dieselben  weg.

Die  Eroberung  eines  Gebietsteiles  kann  aber
auch  schwere  Schäden  für  den  Eroberer  nach
sich  ziehen.  In  der  Literatur  Rußlands  und
Oesterreich-Ungarns  bespricht  man  häufig  die
Wirkungen  eines  Krieges  zwischen  diesen  beiden
Staaten.  Angenommen  Oesterreich-Ungarn  wäre
siegreich  und  ein  Teil  von  Russisch-Polen  würde
annektiert.  Das  Resultat  wäre,  daß  Russisch-Polen,
welches  jetzt  den  ganzen  Osten  mit  Waren  versorgt ­
  und  eine  gewaltige  Industrie  besitzt,  vom
Osten  durch  Zölle  ferngehalten  würde.  Es  wäre
für  Rußland  Ausland,  wie  heute  etwa  England. ­
  Innerhalb  Oesterreich-Ungarns  müßte  die
polnische  Industrie  einen  Ersatz  suchen.  Sie
müßte  hier  mit  der  österreichischen  und  ungarischen ­
  Industrie  kämpfen.  Galizien  dürfte  ihr
sofort  als  Absatzgebiet  zufallen.  Die  westösterreichische ­
  Industrie  könnte  sich  einer  polnischen ­
  gegenüber  dort  kaum  halten.  Ich
weise  nur  flüchtig  auf  solche  Probleme  hin  und
lasse  andere  Fragen  ganz  aus  dem  Spiel.  So
würde  z.  B.  die  Angliederung  größerer  Polenmassen ­
  in  Deutschland  zweifellos  Mißstimmung
erregen,  da  man  dort  jede  Stärkung  des  Polentums
  in  Deutschland  oder  in  der  Monarchie
fürchtet.  Wir  sehen  an  diesem  einen  Beispiel,  daß
man  sich  gleichzeitig  mit  der  militärischen  Eroberung ­
  die  Folgen  derselben  auf  Produktion  und
Handel  ausmalen  muß,  soll  man  nicht  nachträglich
Probleme  lösen  müssen,  von  denen  man  im  vorhinein ­
  nicht  weiß,  ob  man  ihnen  gewachsen  ist.
Von  größter  Wichtigkeit  ist  auch  die  Angliederung ­
  von  Rohstoffgebieten.  Es  ist
z.  B.  für  Deutschland  sehr  bedeutsam,  die  Baumwollgebiete
  Mesopotamiens  seiner  Einflußsphäre
einzugliedern.  Nur  so  kann  es  hoffen,  vom  nordamerikanischen ­
  Baumwollmarkt  unabhängig  zu
werden.  Nicht  nur  im  Kriegsfall,  auch  im  Falle
eines  wirtschaftlichen  Konfliktes  ist  Deutschlands
Abhängigkeit  von  Amerika  eine  Bedrohung  der
Industrie.  Die  Vereinigten  Staaten  könnten  z.  B.
als  Repressalie  einen  erheblichen  Ausfuhrzoll  auf
Baumwolle  legen.  Daß  Ausfuhrzölle  Vorkommen,
ist  ja  bekannt.  So  kennen  wir  in  der  Monarchie
einen  Ausfuhrzoll  auf  Hadern,  die  zur  Papierfabrikation ­
  benötigt  werden;  es  ist  dies  ein  industriefördernder ­
  Zoll,  während  der  Ausfuhrzoll
Chiles  auf  Salpeter  ein  Finanzzoll  ist.  Um  von  den
Vereinigten  Staaten  in  Krieg  und  Frieden  unabhängig ­
  zu  sein,  aber  auch  aus  einigen  anderen
Gründen,  ist  Deutschland  bestrebt,  Berlin  mit
Bagdad  zu  verbinden.  Es  ist  aus  diesem  Grunde
für  Deutschland  sehr  wichtig,  daß  der  ganze
Schienenstrang  von  Berlin  bis  Bagdad  über  Gebiete ­
  läuft,  die  deutschem  Einfluß  zugänglich  sind.
Deutschland  braucht  die  Freundschaft  der  Türkei,
es  ist  an  einem  dreibundfreundlichen  Bulgarien
und  Rumänien  ebenfalls  direkt  interessiert.  Diese
großzügigen  Ideen  sind  aber  nicht  etwa  erst  ein
Ergebnis  der  letzten  Zeit.  Schon  der  große
deutsche  Nationalökonom  Friedrich  List  hat  Kleinasien ­
  als  die  prädestinierte  Interessensphäre
Deutschlands  angesehen.  Ich  habe  diesen  einen
        <pb n="71" />
        41

Gedankengang  hervorgehoben,  um  zu  zeigen,
welche  Dimensionen  internationale  Pläne  annehmen ­
  können.  Bei  uns  ist  man  wenig  gewöhnt,
derartige  Ideen  zu  verfolgen,  da  wir  selbst  nur
geringe  internationale  Interventionsmöglichkeiten
haben.  In  England  sind  weit  gewaltigere  Pläne,
offizielle  und  nichtoffizielle,  an  der  Tagesordnung.
Auch  Rußland  beschäftigt  sich  immer  mehr  mit
derartigen  Kombinationen  größten  Stils.
Es  fragt  sich  nun,  wie  kann  ein  Staat  erobertes ­
  Gebiet  oder  Interessensphären  ausnützen  ?
I  Er  kann  seinen  Bürgern  weitgehendste  Vorteile
verschaffen.  Eine  bekannte  Bevorzugung  kommt
bei  der  Vergebung  von  Eisenbahnkonzessionen
vor.  Gerade  in  dem  eben  erwähnten  Gebiet
Kleinasiens  geht  der  Kampf  der  Mächte  um  die
Eisenbahnkonzessionen.  Rußland  hat  ein  Grenzgebiet ­
  der  Türkei  gegen  fremde  Eisenbahnkonzessionen ­
  sperren  lassen.  Würde  Rußland  in
einem  Kriege  besiegt,  so  wäre  das  Recht,  an  der
russisch-türkischen  Grenze  Eisenbahnen  zu  bauen,
auch  ein  Kampfpreis.
Aber  die  Eroberungen  müssen  sich  nicht  unmittelbar ­
  auf  kommerzielle  Ausnützungsobjekte
beziehen.  Oft  genügt  es,  gewisse  wichtige  Positionen ­
  in  die  Hand  zu  bekommen;  ich  erinnere
nur  an  die  Besetzung  Maltas,  Gibraltas,  Zyperns
durch  die  Engländer,  an  die  zahlreichen  Positionen,
welche  die  Engländer  sich  längs  der  arabischen
Küste  verschafft  haben.  Der  persische  Meerbusen
ist  heute  ganz  von  englischen  Stationen  eingerahmt, ­
  während  die  Scheichs  des  arabischen
Hinterlandes  zum  Teil  eine  Art  Vasallen  Englands
sind,  das  ihnen  Gewehre  usw.  liefert.  Der  Besitz
oder  Verlust  dieser  Positionen  bedeutet  sehr  viel
in  kommerzieller  Beziehung.
Es  handelt  sich  bei  all  diesen  Dingen  um
die  Aufteilung  der  Erde  unter  einige  große  Mächte.
So  sollen  bereits  Verhandlungen  im  Gange  sein,  die
darauf  abzielen,  Afrika  gänzlich  unter  Deutschland,
Frankreich  und  England  aufzuteilen,  soweit  nicht
Italien  bereits  sich  festgesetzt  hat.  Man  hört  von
Bemühungen,  die  darauf  abzielen,  einen  Teil  der
portugiesischen  Kolonien  für  Deutschland  zu  gewinnen. ­
  Der  Anteil,  den  die  Naturvölker  an  diesen
Vorgängen  nehmen,  ist  sehr  untergeordnet,  weil
sie  schwer  patriotische  Neigungen  für  den  einen
oder  den  anderen  europäischen  Staat  empfinden
können.  Dies  ist  auch  die  Ursache,  daß  die  Er-|
  oberer  selbst  wenig  Sinn  für  die  unterjochten
Stämme  haben.  Es  gibt  genug  leitende  Politiker  in
Deutschland,  welche  von  einer  Eingeborenennutzung
im  selben  Sinne  denken,  wie  von  der  Bodennutzung.
Es  ist  das  Empfinden  den  Negern  gegenüber  oft
nicht  viel  von  dem  verschieden,  das  man  früher
den  Sklaven  entgegenbrachte.
Um  die  kommerzielle  Bedeutung  der  Einflußsphären ­
  verfolgen  zu  können,  empfiehlt  es
sich,  häufiger  als  dies  heute  geschieht,  Karten  zu
entwerfen,  welche  die  Einflußsphären  verschiedenen ­
  Grades  zum  Ausdruck  bringen.  Die  überaus
wichtige  Frage  der  Interessenspähren  wird  überhaupt ­

  bis  jetzt  viel  zu  wenig  systematisch  erforscht. ­
  Man  bevorzugt  ungebühriich  die  formell
fixierten  politischen  Verhältnisse  gegenüber  den
faktisch  bestehenden.
Aber  der  Staat,  der  ein  Gebiet  erobert  oder
sich  eine  Interessensphäre  schafft,  kann  seinen
Bürgern  auch  noch  andere  Vorteile  verschaffen.
Er  kann  ihnen  die  Beamten-  und  Offiziersstellen
geben,  wie  dies  z.  B.  seitens  Rußlands  in  den
polnischen  Landesteilen  geschieht.  Oesterreich-Ungarn
  hat  seine  Position  in  Bosnien  zugunsten
seiner  Bürger  ausgenützt;  nur  langsam  konnten
die  einheimischen  Bosniaken  in  Landesämter  einrücken. ­
  England  nützt  in  dieser  Weise  seine  Macht
vor  allem  in  Indien  aus,  das  die  hohe  Schule
vieler  Militärs  und  Beamten  ist.  Es  ist  wohl  nicht
nötig,  auf  derartige  Fälle  weiter  hinzuweisen.
Norman  Angell  und  seine  Anhänger  werden  auf
derartige  Argumente  erwidern,  die  insbesondere
auch  durch  den  Balkankrieg  eine  Stütze  erfahren,
daß  die  Unmöglichkeit,  durch  Kriege  einen  wirklichen ­
  wirtschaftlichen  Erfolg  zu  erzielen,  nur  für
Völker  gelte,  die  vollkommen  kultiviert  sind.  Es
fragt  sich  nur,  für  welche  Völker  dann  die  Angell
Normansche  Annahme  eigentlich  Geltung  hat?
Für  einen  Weltkrieg  schon  nicht,  denn  Rußland
und  Deutschland  würden  sich  wohl  nicht  scheuen,
mit  Expropriationen  vorzugehen;  haben  wir  doch
in  Friedenszeiten  in  Preußisch-Polen  entsprechende
Beispiele  dafür,  daß  der  moderne  Staat  die  Expropriation ­
  unter  sein  politisches  Rüstzeug  aufgenommen ­
  hat.
Daß  kommerzielle  Vorteile  mit  dem  Sieg
verbunden  sind,  kann  man  aus  einer  Reihe  von
Friedensverträgen  mit  aller  Deutlichkeit  entnehmen. ­
  Ich  verweise  nur  auf  den  russisch-japanischen ­
  Frieden.  Rußland  gesteht  auf  Grund  desselben ­
  den  Japanern  ausdrücklich  in  Korea  vorwiegende ­
  militärische  und  wirtschaftliche  Interessen
zu.  Die  russische  Regierung  erklärte  weiter,  daß  sie
keineterritorialenBegünstigungeninderMandschurei
besitze,  noch  sonstige  Konzessionen,  welche  das
Hoheitsrecht  von  China  berühren.  Auch  wurden
den  Japanern  längs  der  russischen  Küste  Fischfangrechte ­
  eingeräumt,  um  die  fast  ein  neuer
Krieg  heraufbeschworen  worden  wäre.  Die  Russen
haben  keinen  so  entwickelten  Fischfang,  wie  die
Japaner,  welche  die  Fische  nicht  nur  als  Nahrungsmittel, ­
  sondern  auch  zur  Düngung  verwenden. ­
  Der  Fischfang  ist  daher  von  hoher  agrarischer ­
  Bedeutung  für  Japan.  Derartige  Beispiele
ließen  sich  leicht  vermehren.
2.  Beute  und  sonstige  Kriegserfolge. ­

Daß  durch  Okkupation  und  Schaffung  von
Interessensphären  der  siegreiche  Staat  seinen
Bürgern  erhebliche  Vorteile  verschaffen  kann,
haben  wir  zur  Genüge  gesehen;  das  ist  auch  im
allgemeinen  bekannt.  Weniger  klar  pflegt  man
sich  darüber  zu  sein,  daß  kriegerische  Erfolge  oder
militärische  Pressionen  auch  unmittelbar  dazu
führen  können,  daß  Gegenstände  dom  Feindo  weg-
        <pb n="72" />
        42

genommen  werden  oder  er  zu  konkreten  Handelsgeschäften ­
  gezwungen  wird.  Daß  es  in  einem
Kriege  nicht  ohne  Beutemachen  abgeht,  isi  leicht
begreiflich.  Die  Seele  der  Menschen  wird  durch
den  Krieg  wesentlich  umgewandelt  und  aus  allen
Kriegen  können  wir  mehr  oder  weniger  krasse
Fälle  von  Beutemachen  zusammenstellen.  Aber
dieses  Beutemachen  der  Soldaten  verbleibt  in
relativ  engen  Grenzen,  zumal  ihm  schon  um  der
Disziplin  willen  entgegengewirkt  werden  muß.
Anders  steht  es  aber  mit  der  Wegnahme  von
Waren,  Schiffen  usw.  in  großem  Maßstabe.  Daß
derlei  in  solchen  Dimensionen  möglich  ist,  daß
man  den  Gegner  dadurch  empfindlich  zu  schädigen ­
  vermag,  ist  heute  vielfach  vergessen,  weil
seit  den  Napoleonischen  Kriegen,  in  denen  diese
Methoden  reichlich  zur  Anwendung  kamen,  bald
hundert  Jahre  vorüber  sind.
In  welcher  Weise  z.  B.  die  Engländer  vor
hundert  Jahren  operierten,  zeigt  Tabelle  XXIX,
die  ich  dem  trefflichen  Werk  von  Peez  und
Dehn  entnehme.  Sie  sehen  aus  derselben,  daß
Tabelle  XXIX.

Von  den  Engländern  weggenommene  und  in  ihre  Flotte
eingestellte  Schiffe

1801  .  .  .

.  2800

1807  .  .

....  2800

1802  .  .  .

.  2800

1808  .  .

....  3200

1803  .  .  .

.  2300

1809  .  .

....  3500

1804  .  .  .

.  2500

1810  .  .

....  3900

1805  .  .  .

.  2500

1811  .  .

....  4000

1806  .  .  .

.  2600

1812  .  .

....  3900

die  Engländer  jährlich  etwa  3000  Schiffe  weggenommen ­
  haben,  in  zwölf  Jahren  also  ungefähr
32.000,  das  ist  sehr  viel,  selbst  wenn  die  kleinsten

gekaperten  Segelboote  in  diese  Ziffer  miteingeschlossen ­
  sind.  Mit  solchen  Vorkommnissen,
vielleicht  in  noch  größerem  Maßstabe  muß  man
im  Weltkriege  der  Zukunft  rechnen.  Wenn  die
Engländer  Gelegenheit  dazu  finden,  werden  sie
die  großen  Dampfer  der  Hamburg-Amerika-Linie
möglichst  rasch  in  ihre  Hand  zu  bekommen
suchen.  Eine  derartige  Kaperung  ist  umso  naheliegender, ­
  als  die  meisten  großen  Dampfer  ihre
eigene  Kriegsbestimmung  haben,  also  einen  Teil
der  Kriegsflotte  bilden  dürften.
Die  Engländer  haben  ebenso  wie  andere
Staaten  immer  jene  Bestimmungen  des  Seekriegsrechtes ­
  anerkannt,  die  ihnen  den  meisten  Vorteil
brachten.  Daß  sie  diesen  Standpunkt  einnehmen,
kann  man  aus  allen  öffentlich  geführten  Verhandlungen ­
  über  diesen  Gegenstand  entnehmen.  1778
vertraten  die  Engländer  die  Anschauung,  die  neutrale ­
  Flagge  decke  die  Ware  nicht.  Erst  nach  dem
Krimkriege  wurde  diese  Bestimmung  abgeändert.
Aber  wenn  auch  die  Tendenz  da  ist,  im  Seekriegsrecht ­
  möglichst  viele  neutrale  Positionen
anzuerkennen,  so  wird  doch  schließlich  immer  derjenige, ­
  welcher  die  Seemacht  hat,  auch  das  Seerecht ­
  bestimmen.

Aber  auch  mit  der  Wegnahme  von  Warenlagern ­
  muß  man  rechnen,  selbst  wenn  dadurch ­
  die  Neutralität  und  das  Völkerrecht
verletzt  werden  sollten.  Es  wäre  ja  ein  großer
Fortschritt  auf  dem  Gebiete  der  internationalen
Organisation,  wenn  das  Völkerrecht  sich  durchzusetzen ­
  vermöchte,  aber  viele  Erfahrungen  zeigen,
daß  man  vorsichtigerweise  mit  dem  Bruch  desselben ­
  rechnen  muß.  Vergessen  wir  nie  darauf,
daß  die  europäischen  Truppen,  die  in  China  als
Repräsentanten  der  europäischen  Zivilisation  auftraten, ­
  nicht  nur  gegenüber  der  Bevölkerung  sich
manchen  Uebergriff  erlaubten,  sondern  auch  aus
dem  Palast  Gegenstände  wegführten,  die  nicht
militärischen  Zwecken  dienten.  Die  so  erbeuteten
astronomischen  Instrumente,  deren  Wegnahme
Bülow  im  Reichstag  zugestand,  wurden  auch  nicht
zurückerstattet,  sondern  als  nachträgliches  Geschenk ­
  der  chinesischen  Regierung  behalten.  In
solchen  Dingen  gibt  übrigens  meist  derjenige  den
Ton  an,  der  die  brutalere  und  rücksichtslosere
Kampfmethode  wählt.  Wenn  z.  B.  die  Feinde  in
ein  Land  eindringen  und  auf  völkerrechtswidrigen
Widerstand  stoßen,  üben  sie  leicht  Repressalien,
und  dann  bleibt  es  bekanntlich  nicht  beim  Aug’
um  Aug’,  Zahn  um  Zahn  stehen,  sondern  es
heißt  bald  Leben  um  Aug’,  Arm  um  Finger.
Die  Brutalität,  die  Völkerrechtswidrigkeit  wird
rasch  überboten,  es  dauert  nicht  lange,  und
eine  allgemeine  Verwilderung  reißt  ein.  Diese  Verwilderung ­
  droht  insbesondere  dort,  wo  man  mit
Menschen  einer  fremden  Kultur  zusammenstößt,
deren  Verhalten  von  dem  unseren  abweicht.
Wie  man  in  der  Napoleonischen  Zeit  gegen
kommerzielles  Eigentum  verfuhr,  ist  sehr  lehrreich. ­
  Die  Eingriffe  kannten  bald  keine  Grenzen
mehr  und  veranlaßten  Luden  zu  dem  Ausspruch:
«Wehrlosigkeit  führt  zur  Knechtschaft.»  Im  Oktober ­
  1806  beschlagnahmten  die  Franzosen  für
8  Millionen  Mark  Waren  in  Sachsen  und  verkauften ­
  sie  um  5'6  Millionen  Mark  im  April  1807
an  die  Sachsen  zurück.  Das  heißt,  sie  zogen
eigentlich  diese  Summe  für  die  Kontributionskasse ­
  ein.  Aehnlich  gingen  sie  in  Hamburg  und
1809  in  Triest  vor.  Es  würde  ermüden,  wollte
ich  die  zahllosen  Eingriffe  hier  zusammenstellen.
Es  wäre  sehr  verfehlt,  zu  glauben,  daß  derartiges
heute  unmöglich  wäre,  ln  100  Jahren  ändert  sich
die  Welt  nicht  so  grundsätzlich.  Freilich,  solange
neutrale  Mächte  da  sind,  die  nur  darauf  warten,
zu  intervenieren,  sind  solche  Liebergriffe  riskanter;
aber  wir  sehen,  daß  im  Balkankrieg  die  neutralen
Mächte  im  Interesse  des  Völkerrechtes,  das  mehr
als  einmal  schwer  verletzt  wurde,  nicht  einschritten. ­
  Die  französischen  Zolleinnahmen  gingen
von  54  Millionen  Mark  im  Jahre  1807  auf  21
Millionen  Mark  im  Jahre  1809  zurück,  aber  der
einmalige  Ertrag  aus  der  Beschlagnahme,  Versteigerung ­
  etc.  von  Kolonialwaren  betrug  120
Millionen  Mark.  Man  sieht  bereits  aus  diesen
Ziffern,  um  was  für  Warenmassen  es  sich  gehandelt ­
  hat.  Diese  Massenkonfiskationen  drängten
dazu,  die  Zirkulation  dieser  Warenmengen  im
        <pb n="73" />
        43

Interesse  der  Napoleonischen  Herrschaft  auch
ohne  Handelsweg  zu  ermöglichen.  Sehr  bezeichnend ­
  ist  in  dieser  Richtung  ein  Brief  Napoleons
an  Bernadotte:  «Ich  werde  Ihnen  für  20  Millionen
Francs  Kolonialwaren  geben,  die  ich  in  Hamburg
habe.  Sie  geben  mir  für  20  Millionen  Francs
Eisen.  Sie  werden  in  Schweden  für  die  Ausfuhr
kein  Geld  haben.  Treten  Sie  die  Kolonialwaren
den  Kaufleuten  ab,  die  den  Zoll  zahlen,  und  Sie
können  sich  dann  des  Eisens  entledigen.  Ich
brauche  in  Antwerpen  Eisen  und  habe  Ueberfluß
an  Kolonialwaren.»  Das  ist  der  Ton,  in  dem  in
einem  Weltkrieg  geschrieben  wurde  und  wohl  auch
wieder  geschrieben  würde,  wenn  es  zu  einem
solchen  kommen  sollte.
Man  hört  zuweilen,  daß  ein  Staat  keine
Armee  brauche,  denn  was  könne  der  Sieger  tun?
Das  was  Napoleon  getan  hat.  Hamburg  mußte
vom  Mai  1813  bis  zum  Mai  1814  gegen  40  Millionen ­
  Mark  an  Napoleon  zahlen.  Ein  zeitgenössischer ­
  Schriftsteller  hat  berechnet,  daß  die
Hamburger  in  diesem  Zeitraum  für  5  Millionen
Mark  bereits  10.000  Mann  hätten  auf  die  Beine
stellen  können,  d.  h.  eine  Armee,  die  bei  der
Abwehr  des  Napoleonischen  Angriffes  wohl  in
Betracht  gekommen  wäre.  Wenn  ich  es  auch
nicht  für  zulässig  halte,  so  leichthin  von  einer
Versichernng  des  Handels  gegen  den  Feind  durch
Aufwendung  von  Rüstungsgeldern  zu  sprechen,
weil  der  Versicherungsbegriff  doch  heute  schon
eine  zu  präzise  Bedeutung  hat,  um  zu  einer  so
vagen  Analogie  verwendet  werden  zu  dürfen,  so
zeigt  dies  vorliegende  Beispiel,  daß  es  doch  wohl
lohnt,  darüber  nachzudenken,  was  für  Konsequenzen
militärische  Wehrlosigkeit  haben  kann.
Wie  wenig  Neutralität  hilft,  zeigt  das  Verfahren ­
  der  Engländer  während  der  Napoleonischen
Kriege.  Sie  befürchteten,  Napoleon  könne  in  Dänemark ­
  einfallen.  Daraufhin  erscheinen  sie  vor
Kopenhagen,  bombardierten,  ohne  daß  ein  Krieg
gewesen  wäre,  die  Stadt,  nahmen  die  Flotte  weg
und  schleppten  an  Bauholz  und  anderen  Materialien ­
  weg,  was  sie  erlangen  konnten.
Die  Neigung  der  Menschen,  im  Kriege  Gegenstände ­
  dem  Feinde  wegzunehmen,  ist  uralt.  Der
Philosoph  Aristoteles  vertritt  auf  einer  hohen
Kulturstufe  die  Anschauung,  daß  die  Kriegskunst
eine  Form  der  Erwerbskunst  sei,  die  mit  der  Jagd
und  derLandwirtschaft  zu  den  natürlichen  Erwerbskünsten ­
  gehöre.  Zu  den  unnatürlichen  rechnete
er,  was  heute  vielen  sonderbar  erscheinen  dürfte,
das  Geldgeschäft  und  den  Handel.
Heute  beginnt  man  in  der  Theorie  den  Krieg
wieder  mehr  als  früher  als  Erwerbszweig  anzusehen. ­
  Man  darf  in  dem  kriegerischen  Verhalten
der  Menschen  nicht  zu  rasch  an  einen  kontinuierlichen ­
  Fortschritt  glauben.  Gerade  auf  diesem
Gebiet  ist  ein  Auf  und  Ab  die  Regel.  Wie  oft
glaubte  man  nicht  schon,  daß  die  völkerrechtlichen
Bindungen  allgemeine  Anerkennung  gefunden
hätten.  Nach  dem  dreißigjährigen  Kriege  begann
eine  Milderung  der  Kriegssitten  und  der  politischen
Feindschaften.  In  den  Siebzigerjahren  des  18.  Jahrhunderts ­

  konnte  noch  Iselin 1  schreiben,  daß  nun
das  Kriegführen  weit  milder  geworden,  und  daß
überhaupt,  wer  die  anderen  in  Ruhe  lasse,  auch
selbst  in  Ruhe  gelassen  werde.  «Ludwig  XIV.  hatte
von  seinen  Nachbarn  alle  die  Uebel  zu  befürchten,
welche  er  ihnen  zugefügt  hat.  Er  hat  sie  auch
nachher  zum  Teile  von  ihnen  erlitten.  Es  war  also
natürlich,  daß  in  solchen  Zeiten,  wo  ein  offenbarer ­
  oder  verdeckter  Haß  alle  Völker  beseelte,
jedes  trachten  mußte,  sich  zu  verstärken  und
andere  zu  schwächen.  Zu  Ende  des  18.  Jahrhunderts ­
  verhalten  sich  die  Sachen  ganz  anders.
Keine  Macht,  die  ruhig  sein  will,  hat  von  der
anderen  das  Geringste  mehr  zu  befürchten.  Es
kann  also  keine  mehr  mit  Gerechtigkeit  erobern.»
Wie  anders  verhält  sich  das  Napoleonische  Zeitalter ­
 2 .  «Während  der  Kriege  von  1792  bis  1815
war  das  Völkerrecht  auf  das  geringste  zusammengeschwunden.» ­

Ich  habe  bisher  die  Wegnahme  beweglicher
Güter  ins  Auge  gefaßt.  Aber  der  Sieger  kann
auch  zur  Expropriation  von  Grundeigentum
schreiten.  Der  Balkankrieg  gibt  gleich  ein  gutes
Beispiel.  Die  Serben  haben  in  Altserbien  Land
parzelliert  und  verteilen  12  Joch  pro  Familie  an
Leute  aus  Altserbien,  aus  dem  ehemaligen  Reichsserbien ­
  und  an  Südslaven  aus  Oesterreich-Ungarn.
Der  Zehent,  der  früher  den  türkischen  Vakufs  zugeflossen ­
  ist,  wurde  abgeschafft;  den  Serben
wurde  ein  Vorkaufsrecht  eingeräumt,  wenn  türkische ­
  Vakufsgüter  veräußert  werden  sollten.
Kurzum  wir  haben  einen  Fall  von  Bevorzugung
der  eigenen  Bürger  vor  uns,  der  sich  im  unmittelbaren ­
  Erwerb  von  Grundstücken  äußert.
Wir  sehen  so  Methoden  auftauchen,  welche  im
alten  Rom  gang  und  gäbe  waren.  Diese  Verteilung ­
  von  Grundbesitz  schwebte  vielen  Serben
bereits  vor,  als  der  Balkankrieg  begann.
Wie  ich  schon  erwähnt  habe,  ist  dies  Vorgehen ­
  aber  nicht  etwas  Isoliertes.  Wir  sahen,  daß
in  Preußen  polnische  Güter  zugunsten  der
Deutschen  expropriiert  wurden.  Was  heute  die
Deutschen  den  Polen  tun,  können  morgen  die
siegreichen  Russen  den  Deutschen  tun.  Die  Russen
suchen  bei  den  Ruthenen  Ostgaliziens  den  Glauben
wach  zu  halten,  daß  im  Falle  einer  russischen
Invasion  eine  Expropriation  der  Polen  und
Juden  zugunsten  der  Ruthenen  erfolgen  werde.
Aber  die  Parzellierung  liegt  heute  überhaupt
in  der  Luft,  sie  ist  für  viele  ein  soziales
Postulat  und  nicht  nur  für  eine  kleine  radikale ­
  Gruppe.  Es  gibt  heute  sehr  konservativ  gesinnte ­
  Leute,  welche  der  Ansicht  sind,  den  hungernden ­
  Massen  Galiziens  könne  nur  durch  eine
teilweise  Parzellierung  des  Großgrundbesitzes  geholfen ­
  werden.  Nur  so  könne  man  diese  Menschen
wirklich  an  das  Vaterland  fesseln.  Es  gibt  bereits
Großgrundbesitzer,  welche  es  für  eine  patriotische

1  J.  Iselin,  Träume  eines  Menschenfreundes.  Orig.
Baseo  1776.  (Vorliegendes  nach  dem  Nachdruck  1784,
Carlsruhe.)  11.  Bd.  S.  221.
2  Peez  und  Dehn.  Englands  Vorherrschaft.  I.  Bd,
Leipzig  1912.  S.  170.
        <pb n="74" />
        44

Pflicht  der  Großgrundbesitzer  ansehn,  daß  ein
Teil  der  Bodenfläche  an  die  bodenlose  Agrarbevölkerung ­
  abgegeben  werde.  Wir  sehen  denn
auch  in  Rumänien  die  Bodenreform  auf  dem
Marsche,  ebenso  in  England,  wo  bekanntlich  Lloyd
George  für  sie  eintritt.  Wenn  solche  Ideen  in
Friedenszeiten  einen  großen  Einfluß  ausüben,  um
wie  viel  mehr  in  Kriegszeiten,  wenn  der  eine
kriegführende  Teil  durch  Versprechungen  hinsichtlich ­
  zukünftiger  Parzellierungen  einen  Teil
der  gegnerischen  Bevölkerung  auf  seine  Seite  zu
bringen  vermag,  sowie  man  die  eigenen  Leute
durch  Versprechungen  anzuspornen  vermag.  Es
wurde  in  der  letzten  Zeit  immer  schwerer  Kriegsbegeisterung ­
  zu  erregen,  weil  der  Kriegsgewinn
für  breite  Massen  nicht  unmittelbar  genug  zutage
trat.  Am  offenbarsten  war  meist  nur,  daß  die
Lieferanten  von  Kanonen  und  anderem  Kriegsmaterial ­
  riesige  Gewinne  einstreichen  konnten.
Wenn  man  wieder,  wie  ehedem  Bauernhufen  an
die  Sieger  verteilt,  wird  der  Einzelne,  ähnlich  wie
in  alten  Zeiten,  aus  patriotischen  und  egoistischen
Gründen  in  den  Kampf  ziehen.  Manche  österreichische ­
  und  ungarische  Politiker  weisen  darauf
hin,  wie  wichtig  für  Oesterreich-Ungarn  die
Lösung  der  Agrarfrage  sei,  in  Bosnien  vor  allem
jene  der  Kmetenfrage,  damit  nicht  eines  Tages
die  Russen  und  Serben  als  Befreier  der  armen
agrarischen  Bevölkerung  sich  einen  Anhang  im
eigenen  Lande  zu  verschaffen  wüßten.
Nur  nebenbei  möchte  ich  die  Zerstörungen
erwähnen,  welche  der  Krieg  zur  Folge  haben  kann.
Sie  bleiben  meist  in  engen  Grenzen  und  pflegen
sich  auf  einen  relativ  engen  Bereich  zu  beschränken. ­
  Zerstörte  Häuser  und  Fabriken  pflegen  bald
wieder  neu  zu  erstehen.  Nur  wenn  ein  Land  bereits ­
  im  Niedergang  begriffen  ist,  können  solche
Zerstörungen  dauernde  Lähmungen  im  Gefolge
haben.
3.  Einfluß  auf  den  Warenabsatz.
Durch  Kriegserfolge  oder  entsprechende  militärische ­
  Pressionen  kann  man  aber  auch  den
Warenabsatz  fördern.  Ein  überaus  krasses  Beispiel, ­
  ist  der  im  XIX.  Jahrhundert  geführte  Opiumkrieg. ­
  Einer  der  chinesischen  Kaiser  sah  ein,  daß
sein.  Volk  unter  dem  Opiumgenuß  zugrunde  gehe.
Opium  wirkt  bekanntlich  unvergleichlich  zerstörender ­
  als  Alkohol.  Er  verbot  also  den  Opiumimport.
Dadurch  wurden  vor  allem  englische  Kaufleute
betroffen,  die  das  Opium  aus  Indien  importierten.
Es  wurde  nun  das  Gesetz  umgangen  und  Opium
eingeschmuggelt.  Dies  veranlaßte  die  chinesische
Regierung  zu  einem  energischen  Schritt.  Es  wurde
gegen  die  Schmuggler  eingeschritten  und  eine
größere  Quantität  Opium  ins  Meer  geworfen.
Die  Engländer  intervenierten  zugunsten  der
Schmuggler.  Es  kam  zu  einem  Notenwechsel.  Das
Ergebnis  war  ein  Krieg,  in  welchem  die  Engländer
nicht  nur  Schadenersatz  für  die  Schmuggler  erlangten, ­
  sondern  auch  die  Opiumeinfuhr  durchsetzten. ­
  Es  gab  damals  zahlreiche  englische  Politiker, ­
  welche  in  diesem  Kriegserfolg  eine  unerhörte

Verletzung  jeglicher  Moral  erblickten.  Wurde  doch
eine  um  dasWohl  des  Volkes  besorgte  Regierung
gezwungen,  die  Verseuchung  desselben  durch  ein
gefährliches  Gift  zuzugestehen.
Aber  ein  Staat  kann  seine  Macht  noch  weiter
ausnützen,  indem  er  von  einem  anderen  Staate
z.  B.  geradezu  verlangt,  daß  er  bestimmte  Waren
von  seinen  Bürgern  kaufe.  Eine  derartige  diplomatische ­
  Aktion  hat  Oesterreich-Ungarn  den
Serben  gegenüber  unternommen,  ln  den  Forderungen, ­
  welche  Oesterreich-Ungarn  am  5.  April
1906  gegenüber  Serbien  geltend  machte,  heißt
es:  «Um  zu  einem  billigen  Ausgleich  zu  gelangen, ­
  stellt  daher  die  österreichisch-ungarische
Delegation  folgende  Forderungen  fest:
1.  tunlichste  Vereinfachung  der  Tarifsystematik; ­

2.  sorgfältige  Revision  des  Tariftextes  .  .  .
3.  Vereinbarung  der  künftigen  Zollquote  .  .
4.  Sicherstellung  des  Prinzips,  daß  bei  staatlichen ­
  Lieferungen  die  österreichischen  und  ungarischen ­
  Erzeugnisse  bei  Parität  von  Preis  und
Qualität  nicht  ausgeschaltet  werden.  Letzteres
hätte  namentlich  zu  gelten,  bezüglich  der  eben  im
Zuge  befindlichen  Frage  der  Lieferung  von  Geschützen, ­
  sowie  bezüglich  der  Zuwendung  der
Salzlieferungen,  in  welch  beiden  Fragen  weder
Preis  noch  auch  Qualität  zu  Ungunsten  der  Erzeugnisse ­
  Oesterreich-Ungarns  berufen  werden
können.»  Wir  sehen,  wie  die  ersten  Forderungen
sichauf  Punkte  beziehen,  welche  in  Verträgen  seit
jeher  geregelt  werden,  Punkt  4  dagegen  stellt
eine  weitgehende  Einschränkung  der  freien  Entschließung ­
  dar.  In  der  ersten  Hälfte  handelt  es
sich  noch  um  Feststellung  eines  Lieferungsgrundsatzes, ­
  im  zweiten  dagegen  um  Einführung  eines
Kaufzwanges.
Die  Serben  waren  bereit,  in  allen  Punkten
zuzustimmen,  nur  bezüglich  der  Anschaffung  der
Artillerie  und  des  Artilleriematerials  weigerten  sie
sich  und  erklärten,  «durch  das  fachmännische  Gutachten ­
  der  Artilleriekommission  gebunden  zu  sein».
ln  einem  späteren  Schreiben  heißt  es  nochmals: ­
  «Die  königliche  Regierung  behält  sich
daher  das  Recht  vor,  die  Kanonen-  und  Munitionsbestellung ­
  dann  und  dort  zu  placieren,  wann
und  wo  dies  die  Staatsinteressen  erfordern.»
Die  serbische  Antwortnote  wies  insbesondere ­
  darauf  hin,  daß  die  serbische  Regierung  der
österreichischen  und  ungarischen  Industrie  Lieferungen ­
  im  Betrage  von  26  Millionen  Dinars  in
Aussicht  stelle,  d.  h.  von  50 0 / o  aller  bevorstehenden ­
  Staatsbestellungen.  Bekanntlich  folgte  ein
Zollkrieg,  in  dem  es  Oesterreich  nicht  gelang,
den  Sieg  über  Serbien  davonzutragen.  Wir
sehen,  was  ein  Staat  heutzutage  überhaupt
von  einem  anderen  fordern  kann.  Wir  können
uns  selbstverständlich  auch  Friedensverträge
denken,  in  denen  der  eine  Staat  vom  anderen
bestimmte  Waren  zu  beziehen  sich  verpflichtet.
        <pb n="75" />
        45

4.  Kriegsentschädigung.
Ehe  ich  die  flüchtige  Skizze  schließe,  möchte
ich  noch  auf  die  Bedeutung  von  Kriegsentschädigungen ­
  hinweisen.  ln  der  Gegenwart  bestehen
Kriegsentschädigungen  im  allgemeinen  aus  Geld
oder  Anweisungen  auf  Geld:  Devisen,  Schecks
usw.  Sie  kann  in  verschiedener  Weise  Verwendung ­
  finden.  Man  kann  einen  Teil  als  Schatz
hinterlegen,  das  taten  z.  B.  die  Deutschen  nach
dem  Kriege  mit  Frankreich  und  die  Japaner  nach
dem  Kriege  mit  China.  Ein  Teil  wird  aber  wohl
immer  bald  in  die  Zirkulation  des  eigenen  Landes
übergehen.  Es  strömen  viele  Auslandsdevisen
herein  und  das  Ergebnis  kann  eine  Senkung  der
Devisenkurse  im  Inlande  sein,  während  die  eigenen
Devisen  im  Auslande  steigen.  Das  heißt,  der  Import ­
  ausländischer  Waren  wird  sehr  erleichtert,
der  Export  sehr  erschwert.  Dies  kann  der  Industrie ­
  des  beteiligten  Staates  zum  Vorteil,  der
eigenen  zum  Nachteil  gereichen.
Eine  der  wichtigsten  Wirkungen  der  Kriegsentschädigungen ­
  besteht  darin,  daß  noch  lange
ehe  die  Anleihe  in  die  Zirkulation  gelangt  ist,
alle  Preise  steigen.  Dies  konnte  man  nach  1870/71
deutlich  beobachten.  Diese  Preissteigerungen  bewirken, ­
  daß  die  Industrie  unter  schweren  Belastungen ­
  die  Produktion  beginnt  und  daß  dadurch ­
  Krisen  heraufbeschworen  werden  können,
die  auf  verringerte  Reingewinne  bei  starker
Schuldenbelastung  zurückzugehen  pflegen.  Die  Krise
von  1873  wütete  in  Deutschland  wohl  deshalb
besonders  stark,  weil  die  Kriegsentschädigung  zu
Preissteigerungen  und  zu  riskanten  Geschäften
Veranlassung  gab.  Wir  sehen,  daß  eine  Kriegsentschädigung ­
  eine  recht  riskante  Sache  ist.
Wir  begreifen,  daß  eine  in  Geld  bestehende ­
  Kriegsentschädigung  die  Verhältnisse
der  Staaten  zueinander  immer  nur  in  einem
mäßigen  Grade  zu  beeinflussen  vermag.  Man
darf  nicht  annehmen,  daß  jedes  Quantum  an
Kriegsentschädigung  mehr,  auch  einen  entsprechenden ­
  Vorteil  für  den  Sieger  und  einen  entsprechenden ­
  Nachteil  für  den  Besiegten  bedeute.
In  Frankreich  bewirkte  die  Entziehung  der  großen
Geldmassen,  daß,  wo  es  irgend  anging,  Zeichengeld ­
  in  Verwendung  genommen  wurde.  Ueberdies
wirkte  die  Kriegsentschädigung  teilweise  wie  ein
Schutzzoll.  Die  französische  Industrie  wurde  zu
erneuter  Tätigkeit  angeregt.  Auch  in  Japan  trug
die  chinesische  Kriegsentschädigung  zur  Entstehung ­
  der  Krise  bei.
Ganz  anders  ist  die  Wirkung,  wenn  die
Kriegsentschädigung  sich  auf  viele  Jahre  erstreckt,
wenn  sie  in  Form  von  Aktien  oder  Obligationen
gegeben  wird.  Noch  schwerer  ist  die  Wirkung,
wenn  nicht  Geld,  sondern  Waren  als  Kriegsentschädigung ­
  weggenommen  werden  oder  Produktionsstätten, ­
  Kohlengruben,  Fabriken  und  dergleichen. ­

Wenn  ich  die  Gefahren  einer  Kriegsentschädigung ­
  besonders  hervorhebe,  so  geschieht  dies
deshalb,  weil  man  dieselben  leicht  übersieht.  Ich
möchte  abes  nicht  unerwähnt  lassen,  daß  selbst

die  Krise  nicht  all  das  zerstört,  was  vor  ihr  entstanden ­
  ist.  Und  der  Aufschwung  Deutschlands
nach  dem  Deutsch-französischen  Krieg,  der  erhalten ­
  blieb,  geht  wohl  zum  Teil  auf  die  Kriegsentschädigung ­
  zurück.  Vor  allem  muß  man  sich
über  eins  klar  sein.  Wenn  in  einer  Krise
200  Fabriken  zugrunde  gehen,  so  muß  das
nicht  bedeuten,  daß  diese  Fabriken  ihren  Betrieb ­
  einstellen  und  verfallen.  Es  kann  nur  heißen,
daß  sie  den  Eigentümer  wechseln.  Der  erste
Eigentümer  macht  Konkurs,  der  nächste  übernimmt ­
  die  Fabrik  zu  einem  geringeren  Preis  und
kann  nun  viel  leichter  rentabel  produzieren.
Jedenfalls  sehen  wir  aber,  daß  eingehende
Forschungen  erforderlich  sind,  um  jene  Form  der
Kriegsentschädigung  ausfindig  zu  machen,  die
dem  Sieger  den  größten  Vorteil  bringt.  Tribute,
die  früher  allgemein  verbreitet  waren,  widersprechen ­
  dem  heute  so  stark  entwickelten  Souveränitätsgefühl. ­
  Es  fragt  sich  aber,  ob  es  nicht  Sieger
geben  kann,  die  dies  Gefühl  nicht  weiter
schonen.  Jedenfalls  sehen  wir  auch  hier,  daß  der
Wissenschaft  und  der  Praxis  viel  zu  tun  übrig
bleibt.
Schlußbemerkungen.
Ich  hoffe,  daß  es  mir  gelungen  ist,  zu  zeigen,
welcher  Reichtum  von  Problemen  sich  eröffnet,
wenn  man  daran  geht,  die  Kriegswirtschaftslehre
als  Ganzes  ins  Auge  zu  fassen.  Ich  habe  lieber
manche  Probleme  etwas  ausführlicher  behandelt,
um  zu  zeigen,  wie  man  ihnen  zu  Leibe  rücken
kann,  statt  allzuviele  nur  zu  erwähnen.  Freilich
von  einer  ausreichenden  Darstellung  sind  diese
Ausführungen  weit  entfernt,  dazu  mangelte  der
Raum.
Es  handelte  sich  mir  auch  mehr  darum  hervorzuheben, ­
  wie  alles  untereinander  zusammenhängt
und  darauf  hinzuweisen  daß  man  einzelne  Fragen
der  Kriegswirtschaftslehre  nur  schwer  behandeln
kann,  wenn  man  nicht  das  ganze  kriegswirtschaftliche ­
  System  immer  wieder  ins  Auge  faßt.
Mit  einer  Stellungnahme  zum  Problem  des  Krieges ­
  und  Friedens  hat  die  Kriegswirtschaftslehre
zunächst  nichts  zu  tun.  Das  möchte  ich  am
Schluß  nochmals  mit  allem  Nachdruck  wiederholen. ­
  Sie  untersucht  Zusammenhänge,  sie  sucht
aber  nicht  Stimmung  zu  machen.  Nach  Feststellung
der  Tatbestände  bleibt  dem  Kriegsfreund  die  Möglichkeit ­
  zu  sagen:  aus  diesen  Ausführungen  entnehme ­
  ich,  daß  es  auf  Grund  meiner  Anschauungen
am  besten  ist,  von  Zeit  zu  Zeit  einen  Krieg  zu
führen  oder  mindestens  immer  zum  Kriege  zu
rüsten,  während  der  Friedensfreund  sagen  kann:
aus  den  Ergebnissen  der  Kriegswirtschaftslehre
ergibt  sich  mir  die  Notwendigkeit,  das  Kriegführen
besonders  heftig  zu  bekämpfen.
Ich  habe  aber  vor  allem  auch  zu  zeigen  gesucht, ­
  daß  es  sich  um  überaus  komplizierte  Zusammenhänge ­
  handelt  und  es  überhaupt  ein
Wagnis  ist,  sich  ohne  eingehende  Untersuchungen
und  sehr  reifliche  Ueberlegungen  für  irgend  einen
Standpunkt  zu  entscheiden.  Bei  jedem  einzelnen
Problem  konnte  ich  meist  auf  wesentliche  und

f
        <pb n="76" />
        46

und  kaum  zu  lösende  Schwierigkeiten  hinweisen.
Freilich  die  Wirklichkeit  wartet  nicht  darauf,  daß
man  alle  Probleme  löst,  ehe  man  handelt  und
immer  wieder  ist  der  Mensch  gezwungen,  energisch
und  ohne  Zögern  auf  Gebieten  vorzugehen,  die
er  keineswegs  übersieht.  Aber  wenn  er  schon  ohne
ausreichende  Einsicht  handeln  muß,  dann  soll  er
dies  wenigstens  wissen.
Dann  wird  die  Tendenz  Zurückbleiben,  unaufhörlich ­
  an  der  Erringung  von  Einsicht  zu  arbeiten. ­
  Daran  können  alle  Parteien  in  gleicher
Weise  mitwirken.  Man  kann  den  Mechanismus
von  Gewehren  studieren,  ohne  sich  damit  für
oder  gegen  die  Benützung  der  Gewehre  zur  Tötung
von  Menschen  auszusprechen.
Ich  kann  am  Schluß  nur  nochmals  wiederholen, ­
  daß  die  Kriegswirtschaftslehre  vor  allem
eine  kontinuierliche  Pflege  benötigt.  Alle  Kultur
beruht  auf  Erfahrungen  und  deren  den  Verhältnissen ­
  entsprechende  Verwertung.  Die  Kriegswirtschaftslehre ­
  wird  immer  bedeutsamer,  weil  die
Kriegslasten  immer  stärker  anwachsen,  weshalb
man  ihre  Einwirkung  auf  dem  Volkskörper  systematisch ­
  studieren  muß,  soll  nicht  einmal  ein  Zusammenbruch ­
  stattfinden,  den  man  nicht  vorausgesehen ­
  hat.
Man  ist  heute  mehr  als  früher  darauf  aus»
die  Belastungen  der  Bevölkerung,  möglichst  zweckmäßig ­
  zu  verteilen.  Es  gibt  Fälle,  in  denen  die
Kriegsrüstung  anregend,  andere  in  denen  sie
lähmend  wirkt.  Diese  Wirkungen  genau  zu  untersuchen ­
  und  festzustellen,  wann  das  eine,  wann
das  andere  geschieht,  ist  eine  Hauptaufgabe  der
Kriegswirtschaftslehre.
Alle  diese  Probleme  haben  dazu  geführt,
daß  ich  die  Gesamtorganisation  in  den  Mittelpunkt ­
  der  Betrachtung  gerückt  habe.  Insbesondere ­
  auch  die  Organisation  der  internationalen
Welt.  Nur  wenn  man  ganze  Staatenverbände  berücksichtigt, ­
  kann  man  die  Wirkungen  eines
Weltkrieges  einigermaßen  richtig  prophezeien
lernen.  Aber  auch  das  kann  nicht  die  Arbeit  einzelner ­

  sein.  Nur  emsige  Kooperation  wird  Erfolg
in  dieser  Richtung  bringen.  Insbesondere  dürfte
das  Zusammenwirken  von  Armee-  und  Zivilverwaltung ­
  in  der  nächsten  Zeit  eine  größere  Rolle
spielen  als  bisher.  Armee-  und  Zivilverwaltung
haben  ihr  eigenes  Leben.  Das  hat  einen  bestimmen ­
  sozialen  Zweck,  aber  diese  Selbständigkeit ­
  kann  auch  zu  Reibungen  führen  und  zu  unnützer ­
  Kraftverschwendung.  Derartige  Konflikte
kommen  aber  nicht  nur  zwischen  Zivil  und
Armee  vor.  Auch  innerhalb  der  Armeeverwaltung
und  innerhalb  der  Zivilverwaltung  gibt  es  Rivalitäten, ­
  die  zuweilen  lähmend  wirken.  Diese
lähmenden  Wirkungen  sind  umso  stärker,  je
fremder  man  einander  gegenübersteht,  je  seltener
gemeinsam  gearbeitet  wird.  Wird  die  Kriegsorganisation ­
  zu  etwas,  das  alle  Teile  der  Armeeund
  Zivilverwaltung  angeht,  an  der  also  gemeinsame ­
  Kommissionen  dauernd  mitwirken,  dann
nimmt  auch  das  gegenseitige  Verstehen  zu,
und  es  wird  allen  klar,  daß  eine
starke  Armee  sich  dauernd  nur  in  einem  starken
Volkskörper  erhält.  Eine  Armee,  die  auf  Kosten
der  Volksgesundheit  sich  erhält,  treibt  Raubbau.
Freilich  in  welchem  Falle  die  Armee  den  Volkskörper ­
  zu  stark  in  Anspruch  nimmt,  wann  dagegen ­
  durch  eine  Schwächung  der  Armee  die
Gesamtheit  leidet,  das  kann  man  allgemein  kaum
angeben.  Aber  das  man  überhaupt  diesen  grundlegenden ­
  Fragen  dauernde  Aufmerksamkeit  zuwendet, ­
  wäre  bereits  ein  gewisser  Erfolg.  Wenn
das  Verständnis  für  den  Volkskörper  zunimmt,
dann  werden  auch  die  einzelnen  Institutionen
richtiger  gewertet  werden,  als  dies  heute  vielfach
der  Fall  ist.
Alle  Teile  des  Staates  haben  ein  Interesse
daran,  daß  die  übrigen  Teile  gedeihen,  ln  diesem
Interesse  für  einander  besteht  das  wahre  Staatsgefühl. ­
  Die  Einheit  des  Staates  besteht  vor  allem
darin,  daß  man  sich  gegenseitig  kennt.  Diese
gegenseitige  Kenntnis  fördert  alle  Wissenschaften
diesich  mit  dem  Staatsorganismus  beschäftigten.
Zu  ihnen  gehört  auch  die  Kriegswirtschaftslehre.
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        C'  -X-Cv-V-—

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erforderlichen  Geldes  nicht  variiert,  denn  es
macht  grundsätzlich  keinen  Unterschied  aus,  ob
10.000  K  auf  dem  Wege  der  Ueberweisung  oder
mit  Noten  gezahlt  werden.  Hingegen  wird  Geld
jeder  Art  gespart,  wenn  die  Organisation  des
Clearingverkehrs  Verwendung  findet.  Das  Wesen
des  Clearing  besteht  darin,  daß  eine  Gruppe  von
Personen  alle  Forderungen  untereinander  kompensieren, ­
  ganz  gleich,  weichen  Charakter  sie
tragen.  Im  Falle  der  Tabelle  XXII  würde  die
Kompensation  der  Forderungen,  die  in  einem
Zeitpunkte  zu  erledigen  wäre,  ergeben,  daß  keiner
keinem  etwas  zu  zahlen  hätte,  die  Geldsumme
100  K  bliebe  unverändert  bei  A.  In  welcher
Weise  aber  eine  Kompensation  wirkt,  die  einen
Saldo  ergibt,  zeigt  uns  Fall  II  in  Tabelle  XXIII:

Durch  die  Verwendung  von  Girogeld  erspart
man  Metallgeld  und  Notengeld,  sowie  man  durch
die  Verwendung  von  Notengeld  Girogeld  und  Metallgeld ­
  erspart;  der  Clearing  dagegen  erspart,
wie  wir  eben  gesehen  haben,  jede  Art  von  Geld.
Soweit  zu  Beginn  kriegerischer  Verwicklungen
der  Mangel  an  Zahlungsmitteln  störend  empfunden
wird,  kann  durch  Ausdehnung  des  Clearings  Abhilfe ­
  geschaffen  werden.  Freilich  funktioniert  diese
Organisation  im  allgemeinen  nur  dann  gut,  wenn
sie  bereits  in  Friedenzzeiten  entspreckend  populär
gemacht,  wurde,  ln  Oesterreich-Ungarn  ist  der
Clearing  auf  einen  recht  kleinen  Kreis  von  Personen ­
  und  Banken  beschränkt.
Diese  Andeutungen  führen  uns  zu  dem  Ergebnis, ­
  daß  die  Liquidität  eines  Systems  nicht

Tabelle  XXIII.

Clearing

Fall

Zustand

Vor  der
Kompensation

Nach  der
Kompensation

Vor  der
Kompensation

Nach  der
Kompensation

Akt.

100  D

Pass.

100  B

100  D

300  B

200

Akt.

100  A

300  A

Pass.

100  C

500C

200

Akt.

100  B

500  B

400

Pass.

100  D

100  D

Akt.

100  C

100  C

Pass.

100  A

100  A

Nötige
Geldmenge

400  K

1000  K

400  K

Wir  sehen,  daß  in  dem  uns  bekannten
Fall  I  durch  Einführung  des  Clearing  keine  Geldzahlung ­
  erforderlich  wird.  Im  Fall  II  dagegen
wären  ohne  Clearing,  wenn  die  Zahlungen  im
selben  Augenblicke  erfolgen  müßten,  1000  K
nötig;  wenn  dagegen  der  Clearing  eingeführt  wird,
kompensieren  sich  die  Zahlungen.  C  bekommt
von  der  Gesamtheit  400  K,  A  und  B  zahlen
an  die  Gesamtheit  je  200  K.  Die  Zahlung
wickelt  sich  in  der  Weise  ab,  daß  A  und  B
je  200  K  dem  C  übergeben,  so  daß  mit  400  K
das  Auslangen  gefunden  wird.  Diese  Zahlung
von  400  K  kann  in  vollwertigem  Metallgeld,  in
metallischem  Zeichengeld,  in  Notengeld  oder  in
Girogeld  erfolgen.  Daß  die  Girogeldzahlung  die
Zahlungsmenge  nicht  verringert,  sehen  wir  aus
Tabelle  XXIV.

nur  von  der  zur  Verfügung  stehenden  Zeit  abhängig ­
  ist,  sondern  auch  von  der  Organisationsform. ­
  Es  kann  beim  Vorhandensein  einer
Clearingorganisation  eine  Gruppe  von  Konkursen
vermieden  werden,  die  sonst  eingetreten  wäre.
Eine  gute  Organisation  kann,  wie  wir  sehen,  von
größter  Wichtigkeit  sein.  Sie  vermag  zwar  nicht
den  Mangel  von  Nahrungsmitteln,  Kanonen  usw.
zu  ersetzen,  aber  verhindern,  daß  nicht  trotz
Vorhandenseins  genügender  Produktions-  und
Konsumtionsquellen  alles  darbt  und  jede  Operation
gelähmt  wird.  Manche  wollen  sich  mit  dem  Hinweis ­
  darauf  beruhigen,  daß  es  in  allen  Ländern  in
dieser  Richtung  gleich  schlecht  bestellt  sei.  Das  trifft
wohl  nicht  mehr  ganz  zu.  In  Deutschland  und  Frankreich ­
  werden  Organisationen  für  den  Kriegsfall  bereits
eifrig  erörtert,  für  Oesterreich-Ungarn  wären  sieaber
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