— 21 — beiterstand diese hohe ihm zugefallene weltgeschichtliche Ausgabe verwirk lichen könne, müsse er „eine ganz neue Haltung annehmen. Die hohe welt geschichtliche Ehre dieser Bestimmung muß alle Ihre Gedanken in Anspruch nehmen. Es ziemen Ihnen nicht mehr die Laster der Unterdrückten und die müßigen Zerstreuungen der Gedankenlosen, noch selbst der harmlose Leicht sinn der Unbedeutenden . . . Der hohe sittliche Ernst dieses Gedanken ist es, der sich mit einer verzehrenden Ausschließlichkeit Ihres Geistes bemächtigen, Ihr Gemüt erfüllen und Ihr gesamtes Leben als ein seiner würdiges, ihm angemessenes und immer auf ihn bezogenes gestalten muß. Sie sind der Fels, auf welcher die Kirche der Gegenwart gebaut werden soll." (A. a. O., S. 198.) Auch in der heutigen wildbewegten Zeit und vielleicht gerade in ihr sind diese Mahnungen und Beschwörungen höchst angezeigt. Die Herrschaft könne -aber der Arbeiterstand nur durchsetzen durch Er langung der politischen Macht, zu dem Zwecke müsse die deutsche Ar beiterschaft, so -beginnt Lafsalle sein berühmtes „offenes Antwortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines Allgemeinen Deutschen Arbeiterver eins zu Leipzig" eine eigene politische Partei bilden. Den schärfsten Kampf predigt er gegen die damals im preußischen Landtage herrschende Fortschrittspartei, die er als Vertreter eines manchesterlichen „Nachtwächter staates", der lediglich für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen habe, brandmarkt. Bemerkenswert ist seine Anerkennung der staatsmännischen Fähigkeiten Bismarcks. „Und wenn wir Flintenschüsse mit Herrn v. Bismarck wechselten, so würde die Gerechtigkeit erfordern, noch während der Salve einzugestehen: er ist ein Mann, jene aber (die Fortschrittler) sind — alte Weiber." („Die Feste, die Presse und der Frankfurter Abgeord-neten- tag", Band I, S. 137.) Die Eroberung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechts sei für die Erlangung der politischen Macht unerläßliche Vor aussetzung. Der Kampf gegen die Fortschrittspartei verband die beiden großen Männer: Lassalle und Bismarck. Er führte sie -^uch zu verschiedenen persön lichen Besprechungen in den Jahren 1863 und 1864, über die sich ebenso wie über die ganze Persönlichkeit Lassalles der Fürstreichskanzler in seiner Reichstagsrede vom 17. September 187-8 eingehend ausließ. Er erklärt ihn hierin als einen der geistreichsten und liebenswürdigsten Menschen, mit de nen er je verkehrt habe, „einen Mann, der ehrgeizig im großen Stil war, durchaus nicht Republikaner, er hatte eine sehr ausgeprägte nationale und monarchische Gesinnung. Seine Idee, der er zustrebte, war das deutsche Kaisertum und darin hatten wir einen Berührungspunkt ... ob das deut sche Kaisertum gerade mit der Dynastie Hohenzollern oder mit der Dynastie Lassalle abschließen sollte, -das war ihm vielleicht 3X06x161^0^; aber monarchisch war seine Gesinnung durch und durch." Die Gewährung des all gemeinen gleichen und geheimen Reichstagswahlrechts aber im Jahre 1869 läßt sich schwerlich auf Einflüsse und Gedanken-gänge Lassalles zurückführen. Richt um der Arbeiterklasse zur politischen Herrschaft im Staate zu ver helfen, führte Bismarck es ein, sondern zur Festigung des nationalen Ge dankens. In einem Gespräch mit dem Franzosen Henry Billard äußerte Bismarck einmal, er habe das allgemeine Wahlrecht für unumgänglich ge