23 drei letzten Jahrzehnten vor dem Kriege — von den gewaltigen Lohnsteige rungen während des Weltkrieges soll gar nicht geredet werden — ungemein gehoben. Einzelheiten werden bei der Besprechung der sog. „Ver elendungstheorie" des Karl Marx noch später von uns beigebracht werden. Haben die Arbeiterlöhne aber einmal eine bestimmte Höhe erklom men, so hält der Arbeiter mit einer ganz außerordentlichen Zähigkeit an ihnen fest. Ehrgefühl und Klassengeist verlangen gebieterisch ihre Fest haltung, sie und die ungemein machtvollen, gewaltigen Organisationen der Arbeiter (Gewerkschaften) stemmen sich fast stets erfolgreich ihrer Herab setzung entgegen. Diese Imponderabilien spielen eine ganz außerordentliche, von Lassalle durchaus verkannte Rolle. Mit Recht schreibt Beatrice Webb (Theorie und Praxis der englischen Gewerkvereine, Band II, S. 291): „Man könnte einen englischen Maschinenbauer nicht leicht überreden, für wöchent lich 13 Schilling in seinem Gewerbe Arbeit zu übernehmen, wenn das An gebot von Maschinenbauern auch noch so groß wäre. Ehe er seiner Selbst achtung Gewalt antäte, würde er lieber als Tagelöhner arbeiten." Das gleiche Urteil läßt sich über die Psyche des deutschen geschulten Arbeiters fällen! An die Stelle des Lassalleschen „ehernen Lohngesetzes" trat es völlig verdrängend die Lehre des Karl Marx von der „industriellen ^Reservearmee". Doch davon später! Nur ein Mittel kann dem Arbeiter helfen, jenes eherne und grausame Gesetz zu beseitigen, nämlich: Den Arbeiterstand zu seinem eigenen Unter nehmer zu machen. „Wenn der Arbeiterstand sein eigener Unternehmer ist, so fällt jene Scheidung zwischen Arbeiterlohn und Unternehmergewinn und mit ihr der bloße Arbeitslohn überhaupt fort, und an feine Stelle tritt als Vergeltung der Arbeit, der Arbeitsertrag." Diese Aushebung des Unter nehmergewinns in der „friedlichsten, legalsten und einfachsten Weise durch freiwillige Assoziation des Arbeiterstandes als seines eigenen Unternehmers, sei die einzige nicht illusionäre Verbesserung seiner wirtschaftlichen Lage. Mit a. >W. die Bildung von Arbeiterproduktivassoziationen ist das Heilmittel. Zür Beschaffung der nötigen Mittel, der „Riesenkapita lien" zum Erwerb der Eisenbahnen, Maschinenfabriken, Schiffsbauwerkstät- ten, Baumwollspinnereien, Kattunfabriken usw. müsse der .Gegenwartsstaat gewaltige Kredite bereit stellen. Düs sei keine Beseitigung, sondern nur eine Ergänzung der unvermeidlichen Selbsthilfe. „Und ebensowenig lassen sie sich durch das Geschrei derer irre führen ur<0 täuschen, die hier etwa gar von Sozialismus oder Kommunismus sprechen und mit derlei billigen Re dens ntett dieser ihrer Forderung entgegentreten wollen. Sondern seien sie von solchen fest überzeugt, daß sie sie nur täuschen wollen oder aber selbst nicht wissen, was sie sprechen. Nichts ist weiter entfernt von dem sogenann ten Sozialismus oder Kommunismus als diese Forderung, bei welcher die arbeitenden Klassen ganz wie heute. ihre individuelle Freiheit, individuelle Lebensführung und individuelle Arbeitsvergütung beibehalten und zu dem Staate in keiner anderen Beziehung stehen, als daß ihnen durch ihn das erforderliche Kapital respektive der Kredit zu ihrer Assoziation vermittelt wird." (Offenes Antwortschreiben a. a. O., Band I, S. 26.) Aus den im letzten Artikel angeführten Gründen steht Lassalle auch — worauf Sombart a. a. O. S. 238 flg. mit Recht aufmerksam macht — dem