— 33 — 11. Seine Lehren. a) Der historische Materialismus. Innerhalb einiger weniger kurzen Aufsätze ist es natürlich ganz ausgeschlossen, irgendwie näher auf das gewaltige Gedankenyebäude des Marxischen Riesengeistes einzugeben, nur in ganz groben Zügen, fresken- haft.gewissermaßen, können wir Die allerwichtigsten Erundlehren von Karl Marx, diesem. „Gesandten des Gatts der Geschichte", wie ihn der edle Neu kantianer Hermann Cohen in seiner prachtvollen „Ethik des reinen Wil lens" (2. Auflage, 18Ö7, S. 1312) mit Recht nennt, vorführen und zu ihnen kritisch Stellung nehmen. Vorher nür sei im engen Anschluß an den schon mehrfach hier angeführ ten Werner S o m b a r t (Sozialismus und soziale Bewegung, S. 88 flg.) eine ganz kurze Skizzierung seiner Persönlichkeit vorausgeschickt. Sie zeich net sich durch ein Uebermaß der Verstandestätigkeit aus. „Sein Wesen ist das des schonungslosen, illusionsfreien Kritikers." Zu natürlich, daß der fortgesetzte erbitterte Kampf gegen die obrigkeitlichen Gewalten in fast al len Staaten seines Aufenthalts, in Frankreich, Belgien und namentlich in Preußen, seine vielfachen Verfolgungen und zum größten Teil gehässigen, kleinlichen Anfeindungen sowie das jahrelange Londoner Exilselend ihn zum schonungslosen Beurteiler aller staatlichen und gesellschaftlichen Ein richtungen gemacht haben, und daß er sich mit einer wahren Vorliebe in der Rolle des Mephisto gefällt. Ein Ungewöhnlich schärfer Blick für alle Schwächen und unedlen Seiten des menschlichen Geschlechts ist ihm in ganz hervorragendem Maße zu eigen. Seine Feder ist eingetaucht in Gift Und Galle, keinerlei Gütiges, Versöhnendes ist ihm verliehen. Innig überzeugt ist er von der Richtigkeit des Satzes Hegels, seines großen philosophischen Antipoden, daß es nur das Böse sei, was alle Entwickelung im Menschen geschlechte bewirke. Seine ganze Weltauffassüng drückt sich in dem Satze aus: „Dem bösen Geist gehört die Erde, nicht Dem guten: was die Göttlichen uns senden Bon oben, sind nur allgemeine Güter, Ihr Licht erfreut, doch macht es keinen reich, In ihrem Staat erringt sich kein Besitz." Daß Marx so ungeheüren Einfluß auf das ganze Geistesleben unserer heutigen Zeit und zugleich die Entwickelung der Arbeiterbewegung fast der gesamten Welt gewann, erklärt sich, wie Sombart sehr zutreffend ausführt, daraus, „daß er die Kenntnis der höchsten Form der Eeschichtsphilosophie seiner Tage mit der Kenntnis der höchsten Form sozialen Lebens jener Epoche, daß er Hegel und ^Westeuropa, d. h. Frankreich und England ver einigte, daß er wie in einer Linse alle Strahlen, die von fremden Denkern vor ihm ausgegangen waren, zufaminenzufassen wußte, ynd daß es ihm.— aus seiner internationalen Lebenssphäre heraus — gelang, von allen Zu fälligkeiten nationaler Entwickelung absehen Und das Typische des moder nen Gesellschaftslebens, das Allgemeine also im Besonderen erfassen zu kön nen." (S. 69.)