— 41 — Lohnbewegung und wilde, die ganze deutsche Volkswirtschaft zerrüttende Streiks ausgewachsen hat, einfach entsetzt sein würde! In der Kritik dieser Klassenkampftheorie können wir uns sehr kurz fas sen. Alles, was wir in unseren früheren Aufsätzen über den historischen Ma terialismus zu dessen Bekämpfung ausführten, gilt auch hier. Gewiß üben wirtschaftliche Vorgänge und wirtschaftliche Machtverhältnisse einen sehr weitgehenden Einfluß auf das Dasein und die geschichtliche Entwickelung .der einzelnen Menschen sowohl wie ganzer Völker aus, aber es ist eine unge heuere Uebertreibung und gewaltige Einseitigkeit, zu lehren, daß der ganze Ablauf der menschlichen Dinge, die gesamte politische, geistige und auch religiöse Geschichte weiter nichts sei als ein Kampf der sozialen Klassen um die Futterplätze und um die Macht. Niemals ist damit menschliche Univer salgeschichte identisch und erklärt sich aus ihm restlos! Das ist schon früher mit allem Nachdrück betont. Nur das sei hier nochmals besonders hervor gehoben: Die Religion führt ihre ei!gene von der Wirtschaft und vom je weiligen Staate fast losgelöste Sonderexistenz für sich. Ihr Reich ist nach den Worten des großen Nazareners wahrhaftig nicht von dieser Welt. Die Religion, deren wechselvolle Gestalten einen sehr großen Teil der Menschheitsgeschichte ausmachen, erhebt den Gläubigen über das Dies seits, sie tröstet ihn über die irdischen Bedrängnisse und bringt ihn in ein Verhältnis zu Gott und hebt ihn empor über die Schrecken des Todes. Die Religion verfolgt durchaus überirdische Ziele, die mit staatlichen und wirt schaftlichen Dingen schlechterdings nichts, aber auch gar nichts gemein haben. Die wissenschaftlichen Schwächen dieser Klassenkampflehre sind denn auch den besten Köpfen des Sozialismus, insbesondere des Revisionismus" in der Sozialdemokratie nicht immer verborgen geblieben. Aber sie konnten sich leider nicht dazu entschließen, „diese völlig ver altete Doktrin" (wie sie einer der geistvollsten neueren Sozial demokraten Dr. Paul L e n s ch in seiner soeben erschienenen klei nen Schrift „Am Ausgang der deutschen Sozialdemokratie" (S. 25) nennt) in ihrer „Starrheit und Enge" zu überwinden. Diese schwere „Unter lassungssünde" richtete sich nun „mit zerschmetternder Gewalt gegen sie selbst und gegen Staat und Freiheit." (Lensch a. a. O., S. 23.) Spartakus und Unabhängige nützten sie trefflich aus. „Mit dieser alten Ideologie haben Unabhängige Und Spartakisten den Bürgerkrieg in Deutschland entfesselt, die Kämpfe in Berlin, unter Liebknecht und Luxemburg, in Bremen, Mün chen, im Rührgebiet, in Mitteldeutschland, sie alle hatten zur Grundlage die alte Klassenkämpftheorie." (Lensch, S. 23.) Man hatte schon ganz wieder vergessen oder richtiger wohl, man war sich überhaupt gar nicht darüber klar geworden, daß jetzt nach dem 9. November 1918 nicht mehr die Bour- goisie die herrschende Klasse im Staate ist, sondern die Arbeiterschaft. c) D i e Marxische Wert- und Mehrwerttheorie. Nach dem kurzen Aufriß der Fundamente der stolzen sozialphilosophi schen Lehren des Karl Marx wollen wir uns nunmehr der Darlegung seiner wichtigsten einzelnen nationalökonomischen Lehren zuwenden. Wir be-