— 65 — III. Kurze Würdigung der Bedeutung von Karl Marx für Wissenschaft und Arbeiterbewegung. Bereits in den früheren Abschnitten sahen wir bei Besprechung der wichtigsten einzelnen Theorien von Karl Marx, daß seine Lehren größten teils der tragenden Grundkraft entbehren und durch die Tatsachen »infach widerlegt worden sind Und es noch heute täglich werden, die wirtschaftliche, soziale und allgemein kulturelle Entwickelung der Arbeiterschichten nahm einen ganz anderen Verlauf als ihn der verdüsterte, alles schwarz in schwarz malende Marx vorausgesagt hatte. Nicht nach unten, in ein immer größe res Elend hinein, sondern aufwärts gu lichten, sonnigen Höhen führte die Entwickelung. Wir mußten die grundlegende sozialphilosophische Lehre des „Historischen Materialismus" nicht als leuchtende und wärmende Zentral sonne. sondern als trügerisches, in den Sumpf lockendes Irrlicht erkennen. Die soziale Entwickelung vollzieht sich unter Menschen, diese vollziehen die Entwickelung, diese setzen sich Zwecke und handeln nach ihnen. Restlos durch dacht Und bis zum äußersten angewandt, führt die Marxische Lehre von der blinden, ehernen „Naturnotwendigkeit" alles sozialen Werdens zu einer stumpfen Ergebenheit und blinden Fatalismus! Durchaus ry'it Recht er klärt Sombart alles soziale Geschehen für einen zu bewirkenden Zustand. „Es ist rfien 1 ganz verkehrt, die Vorstellung vom naturgesetzlichen Prozeß blindlings auf das soziale Leben zu übertragen; also in unserem Falle zu sagen, der Sozialismus müsse mit Naturnotwendigkeit kommen. Er denkt gar nicht daran. Warum beispielsweise die Entwickelung des Kapitalismus nicht ebensogut zu einem Untergänge der modernen Kultur soll führen kön nen ... ist nicht einzusehen." (Sozialismus und soziale Bewegung, S. 106). AIs verfehlt erwiesen sich uns auch die Klassenkampftheorie, sowie die Akku- mulations-, die Verelendungs- und die Krisen- (Zusammenbruchs-) Theorie. In sehr weitem Umfang dagegen als richtig stellte sich — wenigstens auf gewerblichem Gebiete — die Konzentrationsthevris heraus. Wir sehen, daß die Großindustrie in Deutschland in unaufhaltsamem Vorrücken begriffen ist und unter Zurüädrängung — wenn auch keineswegs unter völliger Beseiti gung und Vernichtung — des Handwerks und kleingewerblichen Betriebes — das kennzeichnende Merkmal unserer industriellen Entwickelung überhaupt ist und unserer Jndustrieverfassung den beherrschenden Stempel aufprägt. Unendlich schwierig ist es, über Marx ein objektives, abschließendes Wert urteil, über die Bedeutung seines Lebenswerkes für die Geschichte der Wis senschaft abzugeben. Gerade für ihn gilt das Dichterwort: „Von der Par teien Hatz ünd Gunst verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Ge schichte." Aber eins ist mit allem Nachdruck zu betonen: Aller sachlicher Wider spruch zu Marx und alle bewußte Ablehnung seiner Hauptlehren — wie es hier geschah — darf den überzeugten wissenschaftlichen Gegner nicht von dem rückhaltlosen Zugeständnis abhalten: Marx gehört zu den ganz großen so zialphilosophischen und wirtschaftsgeschichtlichen Denkern aller Zeiten! Durch seine Lehre vom geschichtlichen Materialismus suchte er als Erster das bunte erdrückende Wirrsal des historischen Abflusses aller menschlichen Dinge nach einem großen einheitlichen und unerbittlichen Grundgesetz zu