X . — 66 — durchleuchten, eine das bisherige Dunkel vielfach erhellende,, wenn auch nicht restlos erklärende Fackel der Erkenntnis entziindete er hier. In seinen Werken, ­ insbesondere in den drei Riesenbänden des „Kapital" ist eine schier verschwenderische ­ Fülle von Geist ausgegossen. Ueberall schöpft Marx bei der Konzeption seiner Cedanlengänge aus erster Hand, die kleinsten Einzelheiten ­ aller parlamentarischen Blaubücher über die wirtschaftliche Lage der englischen Arbeiterklasse sind ihm wohlbekannt. Unermüdlich sammelt er alles, ­ rastlos durcharbeitet er alles, auf das Scharfsinnigste durchdenkt er alles. Namentlich das „Kapital" „enthüllt eine solche Fülle wirtschafts-theoretifcher, wirtschaftsgeschichtlicher und wirtschaftspolitifcher Ideen, stellt eine solche Fundgrube nationalökonom'ischen Wissens dar, daß jeder, auch wenn er die einseitigen Gesichtspunkte, aus denen das ganze Material verarbeitet und gesichtet ist, sich nicht zu eigen macht, die reichste Anregung und Belehrung ­ aus diesem Werke erhält." (D'iehl a. a. O., S. 414.) Sein großes Verdienst ist es insbesondere, daß er auf die außerordentlich schweren Gefahren, die unser ganzes Wirtschaftsleben zufolge des Vorhandenseins ­ der industriellen Reservearmee — deren Existenz in der Tat als Signatur unserer privatkapitalistischen Wirtschaftsordnung nicht gut in Abrede ­ gestellt werden kann — bedrohen, mit furchtbarem Ernst hingewiesen hat. Irrig freilich ist es, wenn er hierbei lehrt, daß die „industrielle Reservearmee" ­ sich immer wieder von neuem aus sich selber erzeuge. Denn diese, die durch ihr Ueberangebot auf dem Wirtschaftsmarkt die Löhne herabdrückt, ­ hat ihren Ursprung und ihr Rekrutierungsgebiet, wie dieses der berühmte ­ Soziologe Franz Oppenheimer in seinen verdienstvollen Werken („Die Siedelungsgenossenschaft", 2. Auflage, 1913, „Das Großgrundeigentum und die soziale Frage", 1898, „Die soziale Frage und der Sozialismus", 1919) einwandsfrei erwiesen hat, auf dem Lande in den Eroßgllterbezirken. Von dort setzt die massenhafte Abwanderung ein, die in die gewerblichen Zentren einströmt und dort auf die Löhne drückt. Aus den Großgüterbegirkenj, den Gebieten des wirtschaftlichen Hochdrucks strömen die Menschenmassen zu ungezählten ­ Tausenden jahrein, jahraus in die Gebiete des wirtschaftlichen Niederbruchs, um dort verwüstend zu wirken. Eine Bekämpfung der Großgüter ­ muß daher zur Gesundung des sozialen Lebens in allererster Linie beitragen. Diese großen Zumsammenhänge hat Marx verkannt, seine Betrachtung ­ heftete sich zu ausschließlich an dem einen Produktionsfaktor: menschliche Arbeit, er vergaß hierbei die gewaltige Bedeutung des anderen Produktionsfaktors: Grund und Boden so gut wie vollkommen! Vor allem aber hat Marx den Arbeiter erst gewissermaßen für sich selbst gewonnen und ihm das Verständnis für seine gewaltige Bedeutung im Produktionsprozesse beigebracht, er hat ihn hingewiesen mit flammenden Worten auf das Unwürdige ­ seiner Stellung, daß ihn der Unternehmer nur als dienendes Teilrädchen ­ im Produktionsprozeß betrachte. Schon ihm war letzten Endes die Hebung der ganzen Persönlichkeit des Wirtschaftsmenschen, seine Heraushebung ­ aus dem bloßen Objekt der Wirtschaft zu ihrem Subjekt, Menschenökonomie ­ und nicht Steigerung der Produktivität das Primäre! So hat er den wissenschaftlichen Sozialismus auf das Tiefste begründet. Gewiß auch er war nur ein Kind seiner Zeit, ein irrender Mensch und kein Gott, seine angeblichen „ehernen Gesetze" der menschlichen Wirtschaft passen durch-