<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Wissenschaftlicher Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus und Bolschewismus</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Rudolf</forname>
            <surname>Bovensiepen</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1004944497</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        ﻿

&lt;m -ümogriiiii Ilkl 1&amp;4-

B 65943

Nordische VerlagSanstalt R. Hieronyinus, Neumünster-Leipzig

Eine erste, gemeinverständlich-wissenschaftliche
Einführung von Landgerichisrat
Dr. iur. et Phil. Bovenfiepen

in Kiel.



WWsAWer

CvziMsmlls. KmmNiMllS.

^7
        <pb n="2" />
        ﻿WiffensAWer

SsziMsullls. KmUMlsmus,

AnllklhiSWS Vd BsWmsms

(p ii





Eine erste, gemeinverständlich - wissenschaftliche
Einführung von Landgenchtsrat
Dr. iur. et phiDBovenfiepen

in Kiel.

o.\T
,a9 V



7).

6^’



4"~





19 19

Nordische Verlagsanstalt R. Hieronymus, Neumünster-Leipzig.

6 65943
        <pb n="3" />
        ﻿
        <pb n="4" />
        ﻿Vorwort.

An großen systematischen wissenschaftlichen Werken über den wissen-
schaftlichen Sozialismus ist wahrlich kein Mangel, eher fast verwirrender
Ueberfluß, aber wer ist in der Lage, schwere, umfangreiche Wälzer von
400—600 Druckseiten durchzuarbeiten? An einer kurzen, volkstümlich und
gemeinverständlich gehaltenen Darstellung, die in die wichtigsten Probleme
einführt und kurz zu ihnen kritisch Stellung nimmt, fehlt es bisher voll-
ständig. Und doch besteht gerade nach ihr heute nach dem Siege der „so-
zialistischen! Revolution" vom 9. November 1918 ein ganz dringendes Be-
dürfnis. Weiteste Schichten -unseres Volkes verlangen nach einer populären,
kurz gefaßten und dabei doch wissenschaftlich durchaus zuverlässigen Einfüh-
rung. Diesem Bedürfnis sucht die vorliegende kleine Schrift gerecht zu wer-
den. Anspruch aüf Entdeckung neuer wissenschaftlicher Gesetze und auf Aus-
stellung neuer Theoreme erhebt sie in keiner Weise, sie begnügt sich damit,
den Leser die Gedankenwelt des Sozialismus vorzuführen und ihn dazu
zu befähigen, selber zu ihr Stellung zu nehmen. Noch heute herrschen über
di? grundlegendsten Fragen derartige Unklarheiten, selbst in den gebildetsten
Volksschichten, daß ein Versüch, das Dickicht zu lichten, unbedingt geboten ist.
Möchte er dem Verfasser dieses bescheidenen Büchleins, das nicht auf selbstän-
dige Wissenschaftlichkeit, sondern nur auf Zuverlässigkeit und Volkstümlich-
keit Anspruch erhebt, sein Versuch wenigstens in etwas gelungen sein. Die
mit gutem Vorbedacht aus den Werken des großen Sozialphilosophen und
Wirtschaftshistorikers Marx in ziemlichem Umfang wortgetreu mitgeteilten
Stellen werden dem Leser zeigen, daß die Eickfühlung in die Gedankenwelt
des wissenschaftlichen Sozialismus Ünd ihr Verständnis nicht gerade ganz
leicht ist.

Kiel, 19. Juli 1919.

Landgerichtsrat Or. jur. und phil.

Bovensiepen.
        <pb n="5" />
        ﻿I

I

Inhaltsverzeichnis:

Seite

Erst es Kapitel :

Wesen, Bedeutung und Unterschiede vom wissenschaftlichen So-
zialismus, Sozialdemokratie, Kommunismus und Anarchismus .	5

Zweites Kapitel:

Der utopische Sozialismus..................................1t

Drittes Kapittel:

Ferdinand Lasalle und seine Bedeutung für die Arbeiterbewegung 15

1)	Sein Leben......................................■ •	15

2)	Seine Lehren...................................... • •	17

Viertes Kapitel:

Der Anarchismus.......................................	26

Fünftes Kapitel:

Karl Marx und feine Lehren................................. 30

Erster Unterabschnitt: Sein Leben...................... 30

Zweiter Unterabschnitt: Seine Lehren...................33

a)	Der	historische Materialismus...........................33

b)	Die	Klassenkampftheorie.................................38

c)	Die	Wert- und Mehrwerttheorie...........................41

d)	Die	Konzentrationstheorie.............................. 46

e)	Die Akkumulationstheorie............................. .	53

f)	Die	Verelendungstheorie.................................56

g)	Die	Krisen- und Zusammenbruchstheorie...................63

Dritter Unterabschnitt: Kurze Würdigung der Bedeutung von
Karl Marx für die Wissenschaft und Arbeiterbewegung , ...	65

Sechstes Kapitel:

Der Bolschewismus...............................................68

Schlußbetrachtung, Rückblick und Ausblick, die neue Wirtschaft und
ihr Geist........................................................ 75
        <pb n="6" />
        ﻿

I I I I I I I I I I I I I ■ I I I I I I I I I I

IBRIIIIIIIIBIIflllWRIlHlllllBHHIItilllBBIIBVIIIIIII

Erstes Kapitel.

Wesen, Bedeutung und Unterschiede vom wissenschaft-
lichen Sozialismus, Sozialdemokratie, Kommunismus
und Anarchismus.

i.

Schwerlich dürfte es in unseren wildbewegten Zeitläuften ein Wort
geben, das so unendlich oft gebraucht wird wie das Wort „sozial" oder auch
„sozialistisch". In den Reden der öffentlichen Volksversammlungen, in den
Debatten der Volksvertretungen, in den gelehrten Schriften der Juristen und
Nationalökonomen wie in den Aufsätzen der Tagespresse kehrt es unendliche
Male wieder. Das Wort „Sozialisierung" wird nachgerade zur gedankenlos
gebrauchten Floskel, zur abgegriffenen Scheidemünze des Alltags. Fast jeder
wendet es unbesehen an, sodaß man glauben sollte, über seinen wahren Sinn
und Bedeutung herrsche gesicherte Klarheit und restlose Uebereinstimmung
der Meinungen. Aber nichts irriger als dieses. Ganz im Gegenteil herrschen
über Sinn und Tragweite dieser Begriffe die denkbar größten Verschieden-
heiten und Unklarheiten. Selbst in den hoch und höchst gebildeten Schichten
unseres deutschen Volkes werden die Ausdrücke: s o z i a l und s o z i a l i st i s ch,
kommuni st isch und anarchistisch, sozialdemokratisch und
anarchistisch wahllos in buntem Gemenge angewandt. Wie oft hört
man gegen eine wohlgemeinte sozialpolitische Anregung den Vorwurf er-
hoben, sie sei „sozialistisch" und müsse deshalb abgelehnt werden. Als der
extreme wirtschaftliche Individualismus und Liberalismus in den 70er
Jahren des verflossenen Jahrhunderts in seiner Sünden Maienblüte stand,
bekämpften unsere liberalen Freihändler, Ludwig Bamberger an der Spitze,
die Verstaatlichung des Eisenbahnwesens als „Sozialismus". Die sogen,
„große Reichsfinanzreform" und insbesondere die damals geplante Ein-
führung einer Erbschaftssteuer auf die Nachlässe der Eltern und Ehegatten
lehnte der damalige schwarz-blaue Reichstagsblock im Jahre 1908 mit der
Begründung ab: das sei eine gefährliche „sozialistische" Maßnahme. Und das
gleiche widerfuhr einem einmal vor längeren Jahren bereits in einer deut-
schen Stadtverordnetenversammlung gestellten Antrag auf unentgeltliche Be-
speisung armer Schulkinder aus städtischen Mitteln. Namentlich in England
        <pb n="7" />
        ﻿— 6

und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika verficht der allgemeine
Sprachgebrauch jeden Vertreter der Forderung einer Verstaatlichung der
Eisenbahnen, Forsten und Straßenbahnen als Sozialisten.

Solche verschwommene und unklare Ausdrucksweise führt schließlich dazu,
eine jede einigermaßen weitgehende sozialpolitische Wrsorgematznahme zu-
gunsten der weniger bemittelten Volksschichten oder jeden weittragenden
Eingriff des Staates in das Wirtschaftsleben als sozialistisch abzustempeln.
Eine saubere, klare und scharfe Abgrenzung des Begriffs „Sozialismus" tut
daher dringend not. Nur auf dieser Grundlage erschließt sich das Verständnis
für die Forderungen und Bedeutung des Sozialismus und der sozialistischen
Bewegung überhaupt. Denn wie der große Immanuel Kant mit Recht sagt:
„Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Da-
her ist es ebenso notwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen, d. h. ihnen den
Gegenstand in der Anschauung beizufügen, als seine Anschauungen sich ver-
ständlich zu machen, d. h. sie unter Begriffe zu bringen."

Ablehnen müssen wir von vornherein bei Beginn unserer Untersuchungen
den skeptischen Standpunkt des genialen Sozialphilosophen und Ueberwinders
des historischen Materialismus Rudolf Stammler-Berlin, der im Hinblick
auf die ungeheure Verschiedenheit der einzelnen sozialistischen Systeme es für
unmöglich hält, sie alle unter einen Begriff zu bringen. (Wirtschaft und
Recht, 3. Auflage, S. 38 flg.) Scharf zu bekämpfen ist auch die früher selbst
in der deutschen nationalökonomischen zünftigen Wissenschaft (z. B. in Bruno
Hildebrandts berühmten Werke „Nationalökonomie der Gegenwart und Zu-
kunft", 1847) lange Zeit hindurch üblich gewesene fatale völlige Gleichstellung
von „sozial" und „sozialistisch". Wie Rudolf Stammler a. a. O. (S. 638 flg.)
nachweist, hat der so vielfach in allen Farben schillernde Begriff „sozial" nicht
weniger als fünffach verschiedene Bedeutung. Zunächst bedeutet er: äußerlich
geregelt. Soziale Reform heißt eine solche der äußeren Regelung des
gesellschaftlichen Lebens der Menschheit, soziale Aufgaben sind Forderungen
nach einer solchen Reform. „Soziales Zusammenleben ist ein äußerlich
geregeltes Zusammenleben gegenüber einem — freilich in aller Geschichte
gum mindesten äußerst problematischen (Zusatz des Verfassers) — äußerlich
ungeregelten." 2. Gesetzmäßig äußerlich geregeltes Zusammenleben.
3. Direkt befehlend durch planmäßige Zentralregelung. Hierüber
wäre z. Z. die gesamte sogen. „Sozialgesetzgebung" des Deutschen
Reiches insbesondere über den Arbeiterschutz und Arbeiterversicherung zu
rechnen. Diese Regelung bildet den Gegensatz zu einer mehr freiheitlichen,
indirekteren Regelung des menschlichen Gemeinschaftslebens. Die zwei letz-
ten Bedeutungen sind: 4. Sozial gegenüber politisch. Hier besagt es soviel
wie: wirtschaftlich, ökonomisch und 5. Sozial für „gesellschaftlichen" Verkehr
rein konventionaler Art im Gegensatz zu rechtlichen Verhältnissen.
Man denke an die übliche Erußform, die Abstattung von Antritts- und Ab-
schiedsbesuchen und die unendlich vielen, bis in die minutiösesten Einzelheiten
gehenden Vorschriften der konventionellen Satzung und des „Komments".

Vielleicht ließe sich als sechste Bedeutung des meistens gedankenlos hin
und hergeschleuderten Flickworts „sozial" noch „arbeiter-" oder „volksfreund-
lich" anführen. Es liegt nunmehr wohl auf der flachen Hand, daß „so-
zialistisch" und „Sozialismus" einerseits und „sozial" und „soziale Bewegung"
        <pb n="8" />
        ﻿andererseits nicht die geringste Gemeinschaft miteinander besitzen. Unbrauch-
bar und nur verwirrend ist daher die Erläuterung, mit der Werner Sombart
sein sonst ausgezeichnetes und viel geistige Anregungen bietendes volkstüm-
liches Werk „Sozialismus und soziale Bewegung" beginnt. „Sozialismus ist
der geistige Niederschlag der modernen sözialen Bewegung." (S. 1.) Damit
ist der Vegrisfsrahmen viel zu weit gespannt. Wir müssen eben alle Be-
griffsbestimmungen vermeiden, die so allgemein gehalten sind, daß wir zu
keinen klaren Vorstellungen gelangen können. Das abschreckendste Schul-
beispiel hierfür bildet wohl entschieden, die Antwort des berühmten fran-
zösischen Anarchisten Proudhon auf die an ihn gerichtete Frage, wer denn
eigentlich Sozialist sei. „Jeder, der nach der Verbesserung der gesellschaft-
lichen Zustände strebt." In diesem Sinne wäre wohl die weitaus über-
wiegende Mehrheit der ganzen Menschheit seit jeher Sozialisten gewesen.
Für ganz abwegig müssen wir es auch mit Karl Diehl „Ueber Sozialismus,
Kommunismus und Anarchismus" (2. Auflage 1611) erklären, mit „So-
zialismus" alle diejenigen Richtungen zu bezeichnen, welche eine bestimmte
ethische Grundnorm in der Gesellschaftsordnung zur Durchführung bringen
wollen, z. B. das Eemeinschaftsideal, die Menschheitswürde, den Wert der
Einzelpersönlichkeit. So will z. B. der jüngst verstorbene berühmte Mar-
burger Neukantianer Hermann Cohen in seiner tiefgründigen „Ethik des
reinen Willens" (2. Auflage 1910) unter Berufung auf Kants berühmtes
Sittengesetz: „Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person als
in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß
als Mittel gebrauchst", Kant zum Sozialisten abstempeln. Er tut dieses mit
der Begründung: „In diesen Worten ist der tiefste und mächtigste Sinn des
kategorischen Imperativs ausgesprochen, sie enthalten das sittliche Pro-
gramm der neuen Zeit und aller Zukunft der Weltgeschichte ... die Idee
des Zweckvorzuges der Menschheit wird dadurch zur Idee des Sozialismus,
daß jeder Mensch als Endzweck, als Selbstzweck definiert wird." (S. 320.) Eine
größere Verwirrung ist kaum denkbar, Kant und Marx, kantische Ethik und
wissenschaftlicher, d. h. marxistischer Sozialismus sind die denkbar schärfsten kon-
trären Gegensätze: Kants Sittengesetz und Ethik überhaupt wendet sich an
das Innere des Menschen, an sein Gewissen, mit der äußeren Regelung
des menschlichen Eemeinlebens hat sie nicht das geringste zu schaffen. Der
wissenschaftliche Sozialismus, will sagen: der Marxismus, betrifft die
äußere Regelung des menschlichen Zusammenlebens, an die Wirtschafts-,
Staats- und Gesellschaftsordnung wendet er sich. Eine ganz bestimmte Rege-
lung unter ganz bestimmter Form hält er für — naturnotwendig — erforder-
lich, „das kantische Sittengesetz dagegen kann ... in allen möglichen Gesell-
schaftsformen, individualistischen wie sozialistischen befolgt werden." (Diehl
a. a. O. S. 5.)

II.

Mit den im ersten Abschnitt gemachten Feststellungen sind wir der Be-
griffsbestimmung des „Sozialismus" näher gekommen. Wir müssen als ent-
scheidendes Merkmal die realen Ziele ins Auge fassen, welche der Sozialis-
mus verfolgt. Seit Plato und Aristoteles beschäftigen sich alle staatswissen-
schaftlichen Schriftsteller mit der einen Grund- und Kernfrage, welche Form
des menschlichen Gemeinschaftslebens die beste und zweckmäßigste sei. Die
        <pb n="9" />
        ﻿— 8 —

allermeisten gehen von dem Grundgedanken als fast selbstverständlicher Vor-
aussetzung aus, daß irgendeine Art des Rechtszwanges für jegliches mensch-
liches Gemeinschaftsleben durchaus erforderlich sei. Sie bejahen die Rechts-
notwendigkeit des Rechtszwangs, Erst seit Ausgang des 18, Jahrhunderts
unter der Führung des Engländers Godwin treten Schriftsteller auf, welche
das Recht des Rechts in Frage stellen und ein menschliches Gemeinschafts-
leben ohne jeden Rechtszwang für möglich, ja wünschenswert halten, Rur
auf dem Wege freier Vertragschließungen sollen sich die Menschen zu freien
Vereinigungen, aus denen jedem jederzeit der Austritt offenstehen soll, zu-
sammenschließen, Diese Richtung ist der Anarchismus, Er verwirft also
jeden Staat in irgendeiner Form für die Gegenwart und die Zukunft, er ist
der Ausfluß des extremsten ökonomischen und kulturellen Individualismus
und Liberalismus, Der Staat erscheint dem Anarchismus geradezu als Un-
geheuer, Im einzelnen sollen hier seine Lehren nicht dargelegt werden, ihrer
Erörterung wird ein späterer besonderer Aufsatz gewidmet werden.

Wir haben also zwei menschliche Gesellschaftsformen und zwei ver-
schiedene Wirtschaftssysteme gewonnen! die eine mit Rechts zwang, die
andere ohne Rechts zwang. Die Rechtsordnungen und Wirtschafts-
systeme m i t Rechtszwang unterscheiden sich nun wieder je nach der Be-
handlung des Eigentums in zwei grundverschiedene Abarten, in solche,
welche grundsätzlich das Privateigentum als die beste und wünschens-
werteste Grundlage der menschlichen Kultur und Wirtschaft zulassen und in
solche, welche das Eesamteigentum als erstbeste und notwendige
Grundlage für das Aufblühen menschlicher Kultur und Wirtschaft ansehen.
Es sind die individualistischen und die k o l l e k t i v i st i s ch e n
Wirtschaftssysteme und Rechtsordnungen,

Je nach dem Grade der Ausdehnung des Eesamteigentums haben wir
nun drei verschiedene Unterarten des kollektivistischen Wirtschaftssystems zu
scheiden! i. den Agrarsozialismus, Er verwirft nur das Privat-
eigentum, am Grund und Boden, läßt es dagegen am Kapital, an allen be-
weglichen Sachen zu. Er war bis vor kurzem, d, h, bis zur großen russischen
Agrarreform Stolypins in Rußland verwirklicht, wo bekanntlich in den wei-
testen Gebietsteilen das Land in Form des „Mir" der ganzen Dorfgemeinde
und nicht dem einzelnen gehörte, 2, der Sozialismus, Er erklärt die
Abschaffung des Privateigentums an den gesamten Produktionsmitteln
— aber auch nur an ihnen — für wünschenswert oder für naturnotwendig als
durch den ehernen Gang der ökonomischen Entwickelung bedingt und unab-
wendbar, Unter Produktionsmitteln haben wir — auch das muß
beschämender Weise zur Beseitigung mancher Unklarheiten und Verschwom-
menheiten in bürgerlichen Kreisen besonders gesagt werden —, alle diejeni-
gen wirtschaftlichen Güter zu verstehen, die zur Erzeugung neuer wirtschaft-
licher Güter notwendig sind, also den gesamten Grund und Boden, städtischen
wie auch den gesamten ländlichen Besitz, Bergwerke, Fabrikanlagen, Ma-
schinen, Werkzeuge, Rohstoffe, Halbfabrikate, Das Eigentum an allen diesen
Sachen geht älso auf die Gesamtheit, das Reich, den Staat, Gemeinde oder
auch an genossenschaftliche Verbände über. Der Sozialismus läßt also nur
noch persönliches Einkommen aus Arbeit — körperlicher oder geistiger — zu,
nicht dagegen mehr aus Vermögensbesitz, Jedes private Kapital- und Grund-

&gt;
        <pb n="10" />
        ﻿— 9 —

vermögen ist zu beseitigen, eine Ersparung von solchem ist also ganz aus-
geschlossen. Eine Teilung aller vorhandenen Vermögen dagegen, die früher
ihm oft in der vulgären Bekämpfung vorgeworfen wurde, erstrebt er dagegen
ebensowenig als die ihm gleichfalls so oft vorgehaltene, allerdings völlig
undurchführbare Gleichstellung aller. Gar nichts zu tun hat mit diesem
Sozialismus die Sozialdemokratie, Sie ist eine politische
Partei, welche unter anderen politischen Forderungen die Republik für
die beste Staatsform hält und die Herrschaft der unmittelbaren
Demokratie durch Veranstaltung von Plebisziten, Referendum und
Initiative anstrebt, Ihr wirtschaftliches Endziel ist freilich sozialistisch, ihr
wissenschaftliches, wirtschaftliches Programm baut sich ganz auf dem stolzen
Lehrgebäude des Karl Marx auf, wie wir es später noch kennen lernen
werden.

Jeder Sozialdemokrat ist also Sozialist, aber längst nicht jeder
Sozialist auch Sozialdemokrat, Es gab und gibt Gelehrte, welche auf Grund
ihrer Studien davon überzeugt sind, daß das Privateigentum an den Pro-
duktionsmitteln nicht zweckmäßig sei oder doch zufolge naturnotwendiger
wirtschaftlicher Entwicklung dem Gemeindeeigentum weichen müsse, aber
durchaus nicht die politischen Lehren und die ganze Weltanschauung der So-
zialdemokratie teilen. Hierher gehört u, a, insbesondere der berühmte
Agrarpolitiker R o d b e r t u s - Jagetzow (1805 bis 1873), politisch stand er
weit rechts. Auch unser großer deutscher Philosoph Johann Eottlieb Fichte
(1762-^1814) vertrat in seinen Schriften „Beiträge zur,Berichtigung der Ur-
teile über die französische Revolution" (1793), „Grundlagen des Naturrechts
nach den Prinzipien der Wissenschaftslehre" (1796) und „Der geschlossene
Handelsstaat" (1801) was heute selbst in hochgebildeten Kreisen leider fast ganz
unbekannt ist —&lt; durchaus sozialistische Ansichten. Auch den berühmten Fer-
dinand L a s a l l e kann, wie wir später noch in einem besonderen Aufsatz
nachzuweisen hoffen, schwerlich die Sozialdemokratie als einen ihrer geistigen
Väter für sich in Anspruch nehmen,

III.

Der Kommunismus, den wir an dritter Stelle besprechen müssen,
geht noch ganz erheblich weiter als der Sozialismus, Er überträgt der Ge-
samtheit der Volksgenossen das Eigentum „sogar an den verbrauchbaren
Sachen, an den sogenannten „Konsumtibilien". Während also in der so-
zialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung das Individuum wenigstens an
Kleidungsstücken und Haushaltungsgegenständen sowie am Schmuck und
Büchern ein persönliches Eigentum besitzt, läßt dieses der Kommunismus
nicht zu. Die Gesamtheit mißt jedem einzelnen sein Maß an Nahrung,
körperlicher wie geistiger, und Kleidung zu. Hier ist das Individuum nichts
anderes, als der Staats- oder Gesellschaftssklave in der Totalität seiner Be-
ziehungen. Der Kommunismus verpönt sogar das Privateigentum an den
Arbeitserzeugnissen, während der Sozialismus sich mit der Beseitigung des
Privateigentums an den Arbeitsmitteln begnügt. Die meisten Kommunisten

so namentlich die Franzosen Morelly, Mably, Condorcet, Labeuf und
seine Eleichheitsverschwörung 1797, Buonarotti, Labet „Voyage en Icarie“
(1840, und Blanqui „Critique soziale“ verlangen sogar die völlige gleiche
        <pb n="11" />
        ﻿Verteilung aller Eenußmittel an den einzelnen Volksgenossen ohne jede Rück-
sicht auf die Verschiedenartigteit ihrer Stellung im Produktionsprozeß. Es
ist schwer zu verstehen, wie diese roheste und primitivste aller Rechtsordnun-
gen und Gesellschaftssysteme in einem so geistvollen Gelehrten wie dem
Wiener Rechtslehrer Anton Menger („Reue Staatslehre" 1903) einen Ver-
teidiger finden konnte.

Durchaus verschieden vom Sozialismus ist weiter der sogen. „Staats-
f o z i a l i s m u s". Seine Vertreter, zu denen die angefehendsten Lehrer der
nationalökonomischen Wissenschaft gehören wie Adolf Wagner, Gustav v.
Schmoller, Johannes Conrad, v. Schönberg, Lexis, Cohn, Held und zahl-
reiche andere, halten grundsätzlich am Privateigentum an den Produktions-
mitteln fest, nur in einzelnen Fällen ersetzt der Staat aus überwiegenden
Gründen des Gemeinwohles durch das Staatseigentum. Rur da, wo der
freie Arbeitsvertrag zu Mißständen führt, führt er einzelne Beschränkungen
desselben ein, etwa durch Statuierung des Normal- oder Maximalarbeits-
tages, gesetzliche Mindestlöhne, genügenden Arbeiterschutz u. dgl. m. Seit
Jahrzehnten bereits vertritt in Deutschland insbesondere der in Eisenach
in der Pfingstwoche 1872 durch die vorhin erwähnten Männer ins Leben
gerufene äußerst verdienstvolle und segensreiche „Verein für Sozialpolitik",
der sich durch seine bisher veröffentlichten 186 Bände umfassenden „Unter-
suchungen" unserer sozialwirtschaftlichen Verhältnisse einen weithin be-
rühmten Namen erworben und vielfach bahnbrechend und befruchtend aus
die. deutsche Sozialgesetzgebung eingewirkt hat, diese staatssozialistische Rich-
tung. Sie ist in der nationalökonomischen Wissenschaft seit geraumer Zeit
bereits die entschieden vorherrschende geworden. Als anfangs der 70er
Jahre des verflossenen Jahrhunderts zum ersten Male die so gesinnten In-
haber der nationalökonomischen Lehrstühle in Deutschland weitgehende Ein-
griffe des Reiches und Staates in die private Wirtschaft zu Gunsten der
wirtschaftlich Schwachen verlangten, suchte die damals noch herrschende extrem
freihändlerisch-liberalistische Schule vor ihren Bestrebungen dadurch abzu-
schrecken, daß man die Sozialreformer geringschätzig als „Katheder-
fogialisten" bezeichnete. Dieser zuerst von dem liberalen Führer Vamberger
aufgebrachte Spottname ist im Lauf der Zeit seitdem geradezu zu einem
Ehrennamen geworden.

Hinsichtlich der Begründung und Rechtfertigung ihres Zieles einer völli-
gen Neugestaltung der Rechts- und Wirtschaftsordnung zerfällt die große
Zahl der sozialistischen Systeme in zwei große Gruppen: „in den älteren,
sogen, „rationellen" oder „ideologischen" Sozialismus und in den jüngeren
sogen, „wissenschaftlichen", im wesentlichen auf dem Lehrgebäude des Karl
Marx und seines unzertrennlichen Busenfreundes Friedrich Engels be-
ruhenden Sozialismus. Nur dieser wirkt heute als lebendige Kraft auf
die breiteste Arbeiterbewegung der ganzen Welt und die Wirklichkeit der
Dinge ein. Nur mit ihm haben wir uns daher in unseren späteren Dar-
legungen eingehend gu befassen. Nur mehr einleitend haben wir vorher den
nationalen Sozialismus eines Ferdinand Lassalle und die Hauptvertreter
des Anarchismus vor unserem geistigen Auge kurz vorüberziehen zu lassen.
        <pb n="12" />
        ﻿I I I I I ti I I B I I I I I I I I I I I I I I I

Zweites Kapitel.

Der utopische Sozialismus.

i.

Allen älteren sozialistischen Lehren und Systemen bis et-wa zur Mitte
des 19. Jahrhunderts, bis zum Auftreten von Karl Marx und Friedrich
Engels ist ein gemeinschaftlicher Grundzug zu eigen: das absolute Ver-
trauen auf.die Eilte Gottes, des weisen Schöpfers der Welt, der Welt selber
und der ganzen Menschheit. „Alles was Gott machte, machte er gut"
(Fourier). Deshalb ist im Grunde genommen auch der Mensch gut, er
ist entwickelungsfähig, „perfectibel" im höchsten Grade, und ist ebenso
„soziabel". Der Grund für sein zweifellos weit verbreitetes Unglück liegt in
der mangelhaften, verkünstelten Organisation der Gesellschaft. Es gilt, die
ewigen Gesetze der „natürlichen Organisation" der menschlichen Gesellschaft
aufzufinden und wieder in ihre Rechte einzusetzen. „Nur die Wahrheit, die
bisher auf das Heftigste vom wilden Wahne bekämpft worden ist, kann die
Menschheit auf der Bahn des Fortschritts weiter führen." (Droen.) Die
soziale Frage ist also eine Frage des Wissens, der Erkenntnis. Fördert nur
diese und die beste, „natürliche" Gesellschaftsordnung ist auf dem Marsche.
Diese geradezu kindliche, naive Auffassung von der grenzenlosen Ver-
besserungsfähigkeit des Menschen, diese absolute Zuversicht auf die Güte der
Natur und des Menschen, diese Ueberzeugung von dem Primat der theoreti-
schen und praktischen Vernunft, über die Triebe des Willens und des Eigen-
nutzes bildet den Kern und Mittelpunkt des ganzen älteren Sozialismus.

Die wirklichen Triebfedern des sozialen Lebens: Selbstsucht und Eigen-
nutz der verschiedenen Wirtschaftsklassen und ihren Kampf gegeneinander
verkannten diese Systeme vollständig. Mit Recht erklärt Werner Sombart
von ihren Lehren „der Glaube an die Aufklärung, an die Macht des Wis-
sens vom Guten war das Allbeherrschende an ihnen" (S. 45). Daher wegen
der grenzenlosen Ueberschätzung der Macht der Vernunft und der Einsicht
iny wirtschaftlichen und sozialen Leben ihre Bezeichnung als „rationalistische
Sozialisten" und wegen ihrer gänzlichen Verkennung der wirklichen Trieb-
federn des sozialen Lebens ihre Abstempelung zu „utopischen" Sozialisten.
Daher auch ihre Abneigung gegen allen Tageskampf und selbst gegen alle
Politik. Daher die Ablehnung selbst des gewerkschaftlichen Klassen- und
Machtgedankens durch bie geistigen Häupter dieser jetzt längst verklungenen
und versunkenen geistigen Bewegung, denn wozu etwas im schweren Kampfe
mit den widerstrebenden Gewalten, mit dem Unternehmertum insbesondere
erzwingen, wenn man es friedlich durch Belehrung und durch Bekehrung der
Widerstrebenden genau so gut, ja noch besser erreichen kann? Eben deshalb
auch konnte diese die feinsten und besten Köpfe ihrer Zeit erfüllende höchst
        <pb n="13" />
        ﻿12 —

ideale Gedankenwelt auch niemals eine die breitesten Volksschichten be-
geisternde und mit sich fortreißende Massenbewegung wie der heutige wissen-
schaftliche und marxistische Sozialismus werden! Nur ganz kurz konnten
wir daher in diesen Ausführungen, die im wesentlichen praktischen Zwecken
dienen und auf irgendwelche Vollständigkeit naturgemäß nicht den gering-
sten Anspruch erheben, auf die gemeinsamen geistigen Grundlagen dieser
Gedankenwelt eingehen und nur in ganz großen Zügen können wir hier
einige ihrer hauptsächlichsten heute noch bekannten und eine gewisse geistige
Nachwirkung nusübenden Vertreter im Bilde vorführen.

An erster Stelle erwähnen wir den äußerst geistvollen und kenntnis-
reichen 1760 in Paris als Sprosse eines der vornehmsten und reichsten fran-
zösischen Adelsgeschlechter, das seinen Ursprung auf die Kapetinger zurück-
führte, geborenen Grafen Saint Simon. Unter Washington stellte er
sich der amerikanischen Freiheitsbewegung zur Verfügung und trug sich mit
großen praktischen Plänen, z. B. der Anlegung des Panamakauals, ohne
indes ihre Verwirklichung erreichen zu können. Durch die französische große
Revolution verlor er sein ganzes, großes Vermögen, wandte sich nunmehr
schriftstellerischer Betätigung zu, die ihm aber nennenswerte Erträgnisse
nicht abwarf, geriet immer mehr in Bedrängnis und starb schließlich, ohne
Einfluß auf die Massen erlangt und ohne sein System diesen zugänglich ge-
macht zu haben, 1825 in Paris in Armut und Dürftigkeit.

Er vereinigte in sich eine höchst seltsame Mischung eines religiösen
Schwärmers — insofern wohl Tolstoi vergleichbar — und eines idealen
Politikers, der fast nie den Boden der realen Wirklichkeit zu gewinnen ver-
stand. In seinen Hauptwerken „l^eorxaniZation cke !a zoriste europeenno"
(1814) und „Nouveau Christianisme“ (1825) betont er die ungeheure Wich-
tigkeit der Industrie und bejaht er die ungeheures Aufsehen und ihm einen
Prozeß eintragende Frage, ob Frankreich mehr verlieren würde durch den
plötzlichen Tod der 3000 größten Gelehrten und Industriellen als durch den
Tod der 3000 höchsten Würdenträger einschließlich der königlichen Familie.
Das Königtum, als dessen Anhänger er sich bekennt, müsse sich auf die pro-
duktiven Kräfte der gesamten Nation stützen. Die Befähigtsten der Acker-
bauern, Kaufleute und Fabrikanten müßten die Staatsverwaltung in die
Hand nehmen. Der Hauptfehler des Christentums fei seine Verkennung der
leiblichen Bedürfnisse der Menschheit und seine Erklärung: „Mein Reich ist
nicht von dieser Welt." Eine neue Religion müsse gegründet werden, der
Protestantismus fei auf halbem Wege stehen geblieben und habe daher allen
Einfluß auf die Massen verloren. Die Volkssouveränität verwirft er ebenso
wie die schrankenlose Freiheit des einzelnen. Das Privateigentum, auch
das an Produktionsmitteln, verwirft er keineswegs grundsätzlich, wohl aber
das Erbrecht. Nur die Gesamtheit, nicht der einzelne soll Erbe sein. Auf
die Weise würde das Individuum nicht nur für sich, sondern auch für die
Gesamtheit schaffen, so würde die heute zerstörte Harmonie der Gesellschaft
wieder hergestellt werden. Gerade durch diese rücksichtslose Bekämpfung des
Erbrechts hat Saint Simon einen auch heute noch in der Frage der Erb-
rechtsreform nachwirkenden weitgehenden Einfluß ausgeübt. Er ist der erste
moderne Schriftsteller, der die Frage einer Reform des- Erbrechts in den
Fluß gebracht hpt, aus dem sie bis zur gegenwärtigen Stunde nicht wieder
        <pb n="14" />
        ﻿verschwunden ist. Nach seinem Tode haben seine bedeutendsten Schüler
Bazard und Enfantin, auf die wir hier aber aus Raummangel nicht
eingehen können, seine zerstreuten Lehren in ein wohlgeordnetes System,
den sog. „Saint Simonismus", gebracht und ihm eine ziemlich weite Ver-
breitung verschafft. Bemerkenswert ist es, daß Enfantin zum ersten Male
in der Neuzeit die in jeder Hinsicht restlose Gleichstellung der Frau mit dem
Manne und die freie Liebe verkündigte. Enfantin und Bazard prokla-
mierten auch zum ersten Male die Emanzipation des Arbeiters vom Besitz,
die Zuerkennung seines Rechts auf die Produktionsmittel und ihre Asso-
ziation zwecks ihrer gemeinschaftlichen Verwertung.

II.

Zu sehr eigenartigen, höchst utopischen Vorschlägen gelangte der 1772
in Besancon als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns geborene und 1837
im Armut verstorbene phantasiereiche Charles Fourier, dem kein Ge-
ringerer als Bebel eine besondere umfangreiche Monographie gewidmet
hat. Er erstrebt eine Organisation der Arbeit, die sich auf dem Genuß auf-
baut. In seinen Hauptschriften „Theorie des Ouatres rnouvements“ 1908 und
„Tratte de I-’assoziation agricole“ verlangt er die Begründung von etwa 1800
bis 2000 Menschen umfassenden Gemeinden, sie wohnen in Kasernen und
vereinigen sich in freien! Serien Phalansteren zur gewerblichen und landwirt-
lichen Erzeugung. Aktien schaffen das nötige Kapital, Grund und Boden sowie
alle Werkzeuge und Maschinen sind Gefamteigentum. Der Betrieb ist der
Großbetrieb. Der Arbeitsertrag fällt zu fünfzwölftel als Dividende dem
Kapital zu, zu vierzwölftel wird er als Arbeitsanteil und zu dreizwölftel
als Talentanteil ausgeschüttet. Man sieht: von einem grundlegenden „So-
zialismus" im eigentlichen Sinn ist auch Fourier weit entfernt. Die Kinder
werden gemeinsam erzogen, die Frau ist mit dem Mann völlig gleichberech-
tigt. Sein geistvoller Schüler Viktor Considerant brachte die Gedanken des
Meisters in dem drei Bände starken Werke „vestine 8oziale“ (1838) zum
klarsten Ausdruck. Seine Versuche, das Fouriersche Phalangensystem in
Texas von 1854—1863 zu verwirklichen, erlitten indes, wie eine Anzahl
ähnlicher Versuche in Algier und Frankreich selbst, kläglichen Schiffbruch.

Von den zahlreichen Phantasien und Phantastereien Fouriers, der u. a.
das Salzwasser des Ozeans in süße Limonade verwandeln, die Erde mit
dienstbeflissenen Antilöwen bevölkerte und die zukünftigen Menschen sich in
drei Meter hohen Gestalten vorstellte, hält sich völlig frei der wirklich
praktische Gegenwartsarbeit leistende große englische Philantrop Robert
Owen (1771—1858). Als Sohn eines kleinen Geschäftsinhabers geboren,
mußte er schon als zehnjähriger Knabe sich sein Brot in einem Ladengeschäft
sauer verdienen, konnte sich aber bereits 1800 eine große Baumwollspinnerei
in New-Lanark in Schottland kaufen. Bald wurde er einer der ersten und
angesehensten Großindustriellen Englands und Inhaber eines nach vielen
Millionen zählenden Vermögens. Durch zweckmäßige Arbeitsordnung und
Wohlfahrtseinrichtungen aller Art, z. V. Einführung eines Eottage- (Land-
haus-) Systems mit guten Wohnungen und Gärten, Gründung von Ar-
beiterkonsumvereinen und Speisehäusern hob er die 2500 Köpfe zählende
        <pb n="15" />
        ﻿— 14 —

New-Lanarker Arbeiterbevolkerung bald auf eine hohe wirtschaftliche und
geistige Stufe. Frühzeitig erkannte er die großen Gefahren der industriellen
Reservearmee — hierin Karl Marx vorauseilend —, in den Zeiten wirt-
schaftlicher Krisen zahlte er seinen Arbeitslosen den Lohn weiter fort. Seine
sozialpolitischen Wohlfahrtseinrichtungen erlangten bald Weltruf, und aus
allen Teilen Europas eilten Fürsten, Staatsmänner und Gelehrte zu ihrer
Besichtigung herbei. Er ist der Vater der englischen Arbeiterschutzgesetz-
gebung, auf das nachhaltigste haben seine in seinem schon 1812 erschienenen
Hauptwerk „A new view of Society“ niedergelegten Lehren die englische
Wirtschaftsgeschichte und Eeistesentwicklung beeinflußt. Die heutige Geld-
wirtschaft bekämpft er auf das schärfste, das Geld ist nicht der richtige Maß-
stab des Wertes, um die Armut gründlich zu beseitigen, muß eine völlige
Aenderung des Wertmaßstabes vorgenommen werden. Nach ihm — und
auch hierin zeigt er sich als Vorläufer von Karl Marx — ist die Arbeit
die wahre und einzige Quelle alles Wohlstandes und des nationalen Reich-
tums. Der natürliche Maßstab des Wertes (the natural Standard of Value)
ist daher grundsätzlich die menschliche Arbeit. „Es muß daher die Menge
von Arbeit, die in jeder Ware steckt, als Maßstab ihres Wertes und zur
Vergleichung der Werte aller anderen Waren dienen." (Diehl, Sozialismus,
Kommunismus und Anarchismus, S. 384.) Wer glaubt nicht bei diesen
Worten. Sätze aus dem. „Kapital" von Karl Marx zu lesen? Die Ver-
teuerung der Waren durch den Zwischenharüiel will er durch den Zusam-
menschluß der Verbrauchet zu umfassenden Konsumvereinen aus-
schalten, mit Recht bezeichnet man ihn daher als den geistigen Vater der
Konsumvereine und des Genossenschaftswesens überhaupt. Zur Verwirk-
lichung seiner Idee, daß die Arbeit allein Werte schaffe, gründete er eine
„A r b e i t s t a u s ch b a n k" im Jahre 1832 in London, die „Labour Exchange
Bank". Hier sollten alle Produkte ohne irgendwelches Dazwischentreten von
Geld unmittelbar gegeneinander eingetauscht werden. Der Produzent hin-
terlegte, was er abzugeben wünschte, der Verbraucher wählte sich, was er
zu haben wünschte, den gerechten Preis für beide setzte ein uninteressierter
Ausschuß von Taxatoren fest. Der Produzent erhielt sofort einen Schein
(Repräsentatives) für seine Arbeit und für diesen Schein erhielt er einen
gleichen Wert von allen anderen Vorräten der Bank. Nach anfänglichen
entschiedenen Erfolgen scheiterte dieser grandiose Versuch — auf den wir
leider nicht näher eingehen können — in einer individualistischen Wirt-
schaftsordnung bei Aufrechterhaltung des Privateigentums an den Pro-
duktionsmitteln, das Owen keineswegs grundsätzlich verwirft — das Geld
restlos zu ersetzen, vollständig. Bereits am 31. Mai 1834 mußte die Bank
ihre Tätigkeit einstellen. Auch seine Versuche für die englischen Arbeits-
losen kommunistische Kolonien an den verschiedensten Orten Amerikas ein-
zurichten, scheiterten nach kurzer Zeit wegen der Unverträglichkeit ihrer Mit-
glieder. Auf die Eewerkvereine Englands und ihre wirtschaftlichen Metho-
den gewann Owen großen Einfluß, jede Verbindung seiner Lehren mit rein
politischen Tendenzen vermied er ängstlich. Gerade seinem ungeheuren
Einfluß ist es daher zu verdanken, daß die englische Arbeiterbewegung sich
lange Zeit hindurch in durchaus gesunden, maßvollen Schranken hielt.
        <pb n="16" />
        ﻿I I I I I I I I I I I I I I I I I I I I I I I ■

Drittes Kapitel.

Ferdinand Lassalle und seine Bedeutung
für die Arbeiterbewegung.

1. Sein Leb e n.

So bedeutsam auch die in unseren früheren Aufsätzen kurz besprochenen
Systeme für die Geschichte der sozialistischen Gedankenwelt gewesen sein mö-
gen, auf die Entwickelung der sozialistischen Bewegung in Deutschland hatten
sie doch nur recht geringen Einfluß. In die-Massen der Bevölkerung konnten
die sozialistischen Theorien nicht eindringen, sie blieben ihnen im wesent-
lichen unverständliche und unverstandene Theorien. Wie man mit Recht
gesagt hat, es bedurfte unmittelbarer praktische Vorteile gewährender Ziele,
um sie in Bewegung zu setzen. Außerdem gab es bis zur Mitte des vorigen
Jahrhunderts in Deutschland kaum proletarische Arbeiterschichten, die groß-
industrielle Entwickelung Deutschlands steckte noch durchaus in den Kinder-
schuhen, im gewerblichen Leben überwog noch ganz Zünftlertum, der, Klein-
und Mittelbetrieb herrschte vor. Selbst die gewerblichen Arbeiter waren
noch vorwiegend von zünftlerischen Gedankengängen erfüllt, ihr Ideal war
die Erlangung der wirtschaftlichen Selbständigkeit, einer Handwerksmeister-
stellung. Der vorhandene Sozialismus war ein halb mittelalterlicher „Hand-
werksburschensozialismus". Auch die während der Märzrevolution von 1848
unternommenen Versuche, insbesondere von Karl Marx, eine tragkräftige
sozialistische Bewegung hervorzurufen, mißlangen nach einigen spärlichen
Anfangserfolgen, namentlich in den Rheinlanden, gar bald. Sein berühm-
tes 1847 erschienenes „Kommunistisches Manifest" wurde zwar viel gelesen,
übte aber zunächst sehr wenig praktischen Einfluß auf die großen Massen
aus. Diese waren eben noch durchgehend kleinbürgerlich und noch nicht
spezifisch proletarisch.

Eine völlige Wandelung tritt erst mit dem Auftreten Ferdinand
L a s s a l l e s ein. Der Darstellung feiner Hauptlehren — die hier, wie
allenthalben in unseren Aufsätzen, notgedrungen nur kurz sein kann und sich
auf die wesentlichen Züge beschränken muß — schicken wir , eine Schilderung
seines Lebenslaufes in ganz groben Umrissen voraus. Bei ihm wie auch
bei seinem großen Vorbild und Meister Karl Marx ist eine Kenntnis seiner
äußeren Geschicke für das Verständnis seiner Lehren und seines inneren
Wesens einfach unerläßlich.

Ferdinand Lassalle wurde am 11. April 1825 in Breslau als Sohn des
sehr wohlhabenden jüdischen Seidenhändlers Heymann Laffalle geboren.
Nach anfänglichem Besuch des Gymnasiums seiner Vaterstadt, das er aber
        <pb n="17" />
        ﻿— l(i —

bereits im Alter von 15 Jahren wegen schlechter Schulstreiche und Führung
eines geheimen, höchst interessanten, aber auch höchst boshaften Tagebuchs,
das in sein innerstes Wesen die intimsten Einblicke gewährt, verlassen muß,
bezieht er die „öffentliche Handelslehranstalt" zu Leipzig, Auf den dringen-
den Wunsch des jungen Ferdinand nahm ihn sein gutmütiger Vater, der
dem brennend ehrgeizigen Jüngling keinen einzigen Wunsch abschlagen
konnte, nach Breslau zurück, wo er sich mit größtem Eifer auf seine Reife-
prüfung vorbereitete. Schon mit 17 Jahren bezog er die Universität Berlin,
wo er insbesondere Philosophie und Rechtswissenschaft studierte. In den
Jahren 1846 und 1847 hielt er sich längere Zeit in Paris auf, wo er unter
anderem die intime persönliche Bekanntschaft Heinrich Heines machte und
bald dessen derartige Wertschätzung gewann, daß dieser ihn dem Dichter Her-
wegh mit den Worten vorstellte: „Ich stelle Ihnen einen Mirabeau vor,"
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland lernte er im Jahre 1847 die 18 Jahre
ältere Gräfin Sophie v, Hatzfeld kennen, die nun sein Schicksal
wurde und es Zeit seines Lebens blieb. Gegen das Versprechen, ihm nach
günstigem Ausgang eine lebenslängliche bedeutende Rente auszugahlen,
verpflichtete er sich, ihren Ehescheidungsprozeß, in dem sie vielfach mit großen
Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, zu Ende zu führen. Nach jahrelangem
mühseligen Prozessieren gewann denn auch die Gräfin dank seiner Unter-
stützung ihren Ehescheidungsprozetz, unermüdlich hat sie mit Rat und Tat
und durch Hingabe ganz bedeutender Mittel die agitatorische Tätigkeit ihres
Schützers und Schützlings gefördert. In Begleitung der Gräfin verlegte
Lassalle seinen Wohnsitz im Jahre 1848 nach Düsseldorf, Hier schloß er sich
der demokratischen Partei an und trat bald als eifriger Mitarbeiter der
von Karl Marx herausgegebenen neuen Rheinischen Zeitung mit diesem in
enge Berührung, Im August 1848 wurde er von den Düsseldorfer Geschwo-
renen von der Anklage der Aufreizung gegen die öffentliche Gewalt — er
hatte zur organisierten Steuerverweigerung aufgefordert — freigesprochen.
Im November wurde er vom dortigen Zuchtpolizeigericht, weil er in einer
Volksversammlung zum Widerstand gegen die Staatsgewalt aufgefordert
hatte, zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

Die Verbüßung dieser Strafe macbte seine Beteiligung an den letzten
rheinischen Aufstandsversuchen im Frühling 1849 unmöglich und rettete ihn
so vor dem Lose des Exils, das wegen dieser Beteiligung Marx und Engels
traf. Im Jahre 1857 erhielt er nach langen Bemühungen durch die Ver-
mittlung Alexanders v, Humboldt die Erlaubnis zum Aufenthalt in Berlin
„behufs Gebrauchs einer Augenkur und Herausgabe des von ihm verfaßten
Werkes über Heraklit," Nach einer kleinen politischen — aber auch heute
noch lesenswerten — Gelegenheitsschrift „Der italienische Krieg und die
Aufgabe Preußens" (1859) veröffentlichte er im Jahre 1861 fein grundge-
lehrtes, höchst bedeutendes, drei starke Bände umfassendes Werk „Das
System der erworbenen Rechte, Eine Versöhnung des positiven Rechts und
der Rechtsphilosophie,"

In der nun sich anschließenden letzten Periode seines Lebens in den Jah-
ren 1863 und 1864 widmete er sich fast ausschließlich mit einem wahren fieber-
haften Eifer und einer glutvollen Hingabe ohne gleichen einer sich über fast
ganz Nord- und Mittel-Deutschland, insbesondere aber über den Rhein- und
        <pb n="18" />
        ﻿— 17 —

Maingau erstreckenden Agitation für den Allgemeinen deutschen Ar-
beiterverein. Mit einer schier grenzenlosen Begeisterung begrüßte ihn al-
ler Orten die deutsche Arbeiterschaft bei seinem öffentl. Auftreten, wie einen
Messias feierte sie den feurigen Propheten und Vorkämpfer des Proletariats.
Wegen seiner Schrift „Das Arbeiterprogramm. Ueber den besonderen Zu-
sammenhang der gegenwärtigen Eeschichtsperiode mit der Idee des Ar-
beiterstands" wurde er vom Berliner Stadtgericht zu vier 'Monaten Ge-
fängnis verurteilt. Seine Verteidigung vor dem Berliner Kammergericht,
benutzte er zu der glänzenden Rede über „die indirekten Steuern und die
Lage der arbeitenden Klassen." Auf die Geschichte des Allgemeinen deutschen
Arbeitervereins und das traurige Ende Lassalles im Zweikampf mit dem
rumänischen Bojaren v. Racowitza wegen seiner Liebesaffäre mit der leicht-
fertigen Helene v. Dönnings in München am 31. August 1864 hier näher
einzugehen, ist nicht der Ort, denn nicht eine Geschichte der sozialistischen
Bewegung und eine Biographie der wichtigsten sozialistischen Führer zu ver-
fassen, setzen wir uns zur Aufgabe, sondern eine Skizzierung der sozialisti-
schen Ideenwelt! Die Gräfin Hatzfeld wollte Lässalles Leiche im Triumph-
zug durch ganz Deutschland führen lassen, auf Ersuchen seiner Verwandten
aber wurde die Leiche bereits in Köln von der Polizei beschlagnahmt und
unter polizeilicher Ueberwachung nach Breslau übergeführt, wo sie im
Beisein einer ganz kleinen Trauergemeinde, der Verwandten und mehrerer
Polizeibeamten ohne Feierlichkeiten auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt
wurde.

Die deutsche Sozialdemokratie blickt heute noch mit der größten Liebe
und Verehrung zu Lassalle empor, sie betrachtet ihn neben Marx und Engels
als einen ihrer geistigen Väter, noch heute schmücken Breslauer Arbeiter-
deputierte die Gtabstelle des großen deutschen Arbeiterorganisators, die sein
Freund, der große Altertumsforscher Böckh, mit der Inschrift versah: „Hier
ruhet, was stetblich ist, von Ferdinand Lassalle, dem Denker und dem
Kämpfer."

Wir wollen in einer kurzen Besprechung der leitenden Grundgedanken
Lassalles, so wie sie sich aus seinen Hauptwerken ergeben, sehen, inwiefern
unsere deutsche Sozialdemokratie mit Recht Lassalle als geistigen Haupt-
führer für sich in Anspruch nimmt und werden — um das Ergebnis vorweg-
zunehmen — zu dem Schluß gelangen, daß fast seine sämtlichen Gedanken-
gänge so gut wie restlos von der heutigen Sozialdemokratie preisge-
geben sind, sowohl in ihren wissenschaftlichen Lehren, ihrem Parteipro-
gramm und in ihrer praktischen Betätigung.

2. Seine Lehren.

Die allgemeinen geisteswissenschaftlichen Grundlagen, auf denen die
heutige Sozialdemokratie in engster Anlehnung an das große Dioskuren-
paar Karl Marx und Friedrich Engels ihr stolzes Lehrgebäude
aufführt, sind grundverschieden von dem geistigen Nährboden Lassalles,
sie stehen in denkbar schärfstem, völlig konträrem, schlechthin keine Vermitte-
lung duldenden Widerspruch. Für Marx und den heutigen wissenschaftlichen
Sozialisten ist — wie wir später noch eingehender bei Darlegung der Lehren
        <pb n="19" />
        ﻿— 18 —

des Marx sehen werden — die ganze Kultur der Menschheit, Kunst, Religion
und Literatur, weiter nichts als der jeweilige Ueberbau der Wirtschaft und
deren Reflex; ändert sich der Unterbau, so ändert sich naturnotwen-
d i g mit blindem, ehernem Zwange, er mag wollen oder nicht, auch der
Ueberbau. Der Primat der Wirtschaft über das gesamte menschliche Geistes-
leben ist unumstößliche Gewißheit und Elauenssatz des ganzen Marxismus,
des wissenschaftlichen Sozialismus überhaupt und der ganzen Sozialdemo-
kratie. An diesem Dogma zu zweifeln ist Sünde gegen den heiligen Geist
und ist so schwere Eralslästerung, daß sie nur mit dem schwersten Kirchenbann,
mit der Ausstoßung gesühnt werden kann. Auf dem Boden dieses „histori-
schen Materialismus" stehen sie alle, die Radikalen wie die Reformisten, er
ist die große Klammer, die das ganze Lehrgebäude stützt und die innerlich
widerstrebendsten Elemente fest zusammenschweißt! Er ist die Bibel'des So-
zialismus und der (heutigen) Sozialdemokratie! Während Karl Marx auch —
wie wir später noch sehen werden — von Hegelschen Gedanken ausging,, sich
aber später in den denkbar schärfsten Gegensatz zu Hegel stellte, ist Lassalle
sein ganzes Leben hindurch begeisterter Hegelianer geblieben. Ganz deutlich
gibt er diese geistige Wurzel seines Wesens, diesen seinen geistigen Nähr-
boden kund in seiner Vorbemerkung zu dem „System der erworbenen Rechte"
(S. XV Band 4 der von Erich Blum im Verlag von Karl Fr. Pfau-Leipzig
herausgegebenen, 6 Bände umfassenden Gesamtausgabe der Werke Lassalles),
„die Rechtsphilosophie als in das Reich des historischen Geistes, gehörend,
hat es nicht mit logisch-ewigen Kategorien zu tun, sondern die Rechts-
institute sind nur die Realisation historischer Eeistesbegriffe, nur der Aus-
druck des geistigen Inhalts der verschiedenen historischen Volksgeister und
Zeitperioden und daher nur als solche zu begreifen." Bei aller Ablehnung
des Baues und der Architektonik der Philosophie Hegels in ihren Einzel-
heiten erklärt er dann im selben Vorwort auf derselben Seite, „die Grund-
prizipien und ihre Methode" beizubehalten, „es ist immer dieselbe von Hegel
getragene 'Fahne, die nur auf einem anderen Wege zum Siege geführt wer-
den soll. Es sind immer die Grundprinzipien und die Methode der Hegel-
schen Philosophie, die nur gegen Hegel Recht behalten." So war er ganz
in schroffstem Gegensatz zu Marx Idealist durch und durch, felsenfest über-
zeugt von der selbständigen Existenz des Geistes, die Geschichte bedeutet ihm
ganz.wie dem Meister Hegel die schrittweise Verwirklichung des „Absoluten".
Die allgemeine Quelle allen Rechts, sein Ausgangspunkt und seine Stütze ist
nach Lafsalle das gemeinsame Bewußtsein des' ganzen Volkes, der allge-
meine Geist, ändert sich dieses allgemeine Bewußtsein, so ändert sich auch
das aus ihm entflossene Recht. Eine Entschädigungspflicht für den Staat
ist daher — eine heute besonders zeitgemäße Erinnerung — bei grundlegen-
den Rechtsänderungen nicht anzuerkennen, das Sonderinteresse und das
Sonderbewußtsein muß sich aber dem geänderten allgemeinen Bewußtsein
und der hierdurch bedingten Rechtsumgestaltung fügen! Welcher grandiose
Unterschied zu Marx, bei dem das Recht nicht ein Ausfluß des allgemeinen
Geistes, sondern der Diener der jeweiligen Wirtschaft ist.

Unter Anwendnug dieser grundlegenden Gedanken auf die Institution
des Erbrechts zeigt nun Lassalle, wie das römische Erbrecht der Un-
sterblichkeitsidee des römischen Volksgeistes entsprungen sei, der Testaments-
        <pb n="20" />
        ﻿— 19 —

erbe galt als die direkte Fortsetzung der gesamten vermögensrechtlichen Per-
sönlichkeit des Erblassers, .überzeugend weist er dann nach, wie das alt-
germanische Erbrecht in der Vorstellung wurzelte, daß die gesamte Fa-
milie und nicht der gegenwärtige Inhaber Eigentümer des Vermögens sei.
Da heute diese alten Auffassungen längst verschwunden seien, so bedürfe
das private Erbrecht einer grundlegenden Umgestaltung. Das heutige Er-
recht beruhe auf „der Familie als Staatsinstitution", auf „dem die Ver-
mögenshinterlassenschaften regelnden allgemeinen Willen des Staats." Da-
her sei heute „Regelung der Hinterlassenschaft von Sozietätswegen" Natur-
recht. (S. 586, Band V, 2. Teil.) In diesem selben Werke sucht dann Lassalle
auch den Nachweis zu erbringen, daß mit dem Fortschritt der menschlichen
Kultur die Sphäre des Privateigentums immer mehr eingeengt werde und
kommt dann zu dem Schluß „in sozialer Beziehung steht die Welt vor der
Frage, ob heute, wo es kein Eigentum an der unmittelbaren Benutzbarkeit
eines anderen Menschen mehr gibt, ein solches auf seine mittelbare Aus-
beutung existieren T^Ite; d. h. gründlich, ob die freie Betätigung und Ent-
wickelung der eigenen Arbeitskraft ausschließliches Privateigentum des Be-
sitzers vom Arbeitssubstrat und Arbeitsvorschuß (Kapital) sein und ob folge-
weise dem Unternehmer als solchem und abgesehen von der Remuneration
seiner geistigen Arbeit, ein Eigentum am fremden Arbeitswerte (Kapital-
prämie, Kapitalprofit), der sich bildet durch die Differenz zwischen dem Ver-
kaufspreise des Produkts und der Summe der Löhne und Vergütungen sämt-
licher, auch geistiger Arbeiten, die in irgendwelcher Weise zum Zustandekom-
men der Produkte beigetragen haben, zustehen solle."

Hier finden sich also allerdings starke Anklänge an das strengfozialistische
Endziel des Wegfalls des Privateigentums an den Produktionsmitteln, aber
auch hier wieder wird ganz und gar unmarxistisch es als eine diskutable
Frage bezeichnet, ob es wünschenswert sei, solches Privateigentum beizube-
halten oder, abzuschaffen, während Marx und sein Schüler den naturnotwen-
digen Fortfall des Privateigentums an den Produktionsmitteln als von
selbst eintretend voraussagen.

Im übrigen aber hat Lassalle in seinem gesamten öffentlichen Auftreten
stets „in diametralem Gegensatz zu Marx . . . den idealistischen, staats-
sozialistischen, sozialreformerischen Standpunkt im Gegensatz zu dem mate-
rialistischen, antistaatlichen und revolutionären Programm von Karl Marx
vertreten". (Diehl, Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus S. 402.)
Immer und immer wfeder rief &gt;er zwecks Verwirklichung der von ihm ge-
iorderten Reformen die Hilfe des Staates an,, insbesondere, wie wir noch
sogleich sehen, zur Durchführung seiner P r o d u k t i v a s s o z i a t io n e n.
Mit dem Staatsgedanken trieb er förmlichen Kultus. „Das aber ist gerade
die Aufgabe und Bestimmung des Staates, die großen Kulturfortschritte der
Menschheit zu erleichtern und zu vermitteln. Dies ist sein Beruf. Dazu
existiert er, hat immer dazu gedient und dienen müssen." (Offenes Ant-
wortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines Allgemeinen Deut-
schen Arbeiterkongresses in Leipzig, Liafsalles Ges. W. Band l S. 25.) Der
Staat hütet nach ihm „das heilige Vestafeuer der Kultur."

2’
        <pb n="21" />
        ﻿— 20 —

In seiner hochbedeutenden am 12. April 1862 im Handwerkerverein der
Oranienburger Vorstadt in Berlin gehaltenen Rede „Arbeiterpro-
gramm. Ueber den besondere nZusmm menhang der ge-
genwärtigen Eeschichtsperiode mit der Idee des Ar-
tz e i t e r st a n d s" zeigt er, wie jede neue Epoche der Weltgeschichte von
einer neuen Idee «getragen werde. So sei in der französischen Revolution die
Klasse der Kapitalisten, der Bourgeoisie zur Herrschaft gelangt, sie habe den
Zetisus gefchaffen und die politischen Rechte «auf den Besitz beschränkt, sie habe
die indirekten Steuern geschaffen und die Lasten auf die Armeti gewälzt.
Am 24. Februar 1848 sei die Morgenröte einer neuen Geschichtsperiode her-
eingebrochen, sie habe das Prinzip des vierten Standes zum herrschenden
Prinzip in der Gesellschaft erhoben und wolle nun alle ihre Einrichtungen
mit ihrem Geiste durchdringen. Dieser Sieg der Arbeiterschaft werde keines-
wegs zur einseitigen Klassenherrschaft führen. Denn „hier bei der Herrschaft
des vierten Standes findet (im Gegensatz zur Herrschaft der Bourgeoisie) so-
fort der immense Unterschied statt, daß der vierte Stand der letzte und
äußerste, der enterbte Stand der Menschheit ist, welcher keine ausschließende
Bedingung weder rechtlicher noch tatsächlicher Art, weder Adel noch Grund-
besitz, noch Kapitalbefitz mehr aufstellt und aufstellen kann, die er als ein
neues Privilegium gestalten und durch die Einrichtungen der Gesellschaft
hindurchfühlen könnte. -Arbeiter sind wir alle, insofern wir nur eben den
Willen haben, uns in irgendeiner Weife der menschlichen Gesellschaft nütz-
lich zu machen. Dieser vierte Stand, in dessen Herzfalten daher kein Keim
einer neuen Bevorrechtung mehr enthalten ist, ist eben deshalb gleich-
bedeutend mit dem ganzen Menschengeschlecht. Seine Sache ist daher in
Wahrheit die Sache der gesamten Menschheit, seine Freiheit ist die Frei-
heit der Menschheit selber, seine Herrschaft ist die Herrschaft aller. Wer
also die Idee des Arbeiterstandes als das herrschende Prinzip der Gesell-
schaft anruft in dem Sinn, wie ich Ihnen dies entwickelt, der stößt nicht
einen die Klassen der Gesellschaft spaltenden Schrei aus, der stößt vielmehr
einen Schrei der Versöhnung aus, einen Schrei, der die ganze Gesellschaft
umfaßt, einen Schrei der Ausgleichung für alle Gegensätze in den gesellschaft-
lichen Kreisen, einen Schrei der Einigung, in den alle einstimmen sollten,
welche Bevorrechtigung und Unterdrückung des Volkes durch privilegierte
Stände nicht wollen, einen Schrei der Liebe, der, seitdem er sich zum ersten
Male aus dem Herzen des Volkes emporgerungen, für immer der wahre
Schrei des Volkes bleiben und um seines Inhalts willen selbst dann noch
ein Schrei der Liebe sein wird, wenn er als Schlachtruf des Volkes ertönt."
(A. a. O. Band I. S. 187/88.) Man sieht, neben die wirtschaftlich-historische
Begründung des Klaffenkampfes stellt Lassalle in Anlehnung an Fichtesche
Eedankengänge auch durchaus ethische Erwägungen und Begründung. „Die
sittliche Idee des Arbeiterstatides dagegen ist die, baß die ungehinderte und
freie Betätigung der individuellen Kräfte durch das Individuum noch nicht
ausreiche, -sondern daß zu ihr in einem sittlich geordneten Gemeinwesen noch
hinzutreten müsse: die Solidarität der Interessen, die Gemeinsamkeit und
die Gegenseitigkeit der Entwickelung." (A. a. O., S. 196.) Diese Einheit der
Individuen in einem sittlichen Ganzen, eine Freiheit, welche die Kräfte
aller Einzelnen millionenfach vermehre, sei der Staat. Damit aber der Ar-
        <pb n="22" />
        ﻿— 21 —

beiterstand diese hohe ihm zugefallene weltgeschichtliche Ausgabe verwirk-
lichen könne, müsse er „eine ganz neue Haltung annehmen. Die hohe welt-
geschichtliche Ehre dieser Bestimmung muß alle Ihre Gedanken in Anspruch
nehmen. Es ziemen Ihnen nicht mehr die Laster der Unterdrückten und die
müßigen Zerstreuungen der Gedankenlosen, noch selbst der harmlose Leicht-
sinn der Unbedeutenden . . . Der hohe sittliche Ernst dieses Gedanken ist es,
der sich mit einer verzehrenden Ausschließlichkeit Ihres Geistes bemächtigen,
Ihr Gemüt erfüllen und Ihr gesamtes Leben als ein seiner würdiges, ihm
angemessenes und immer auf ihn bezogenes gestalten muß. Sie sind der
Fels, auf welcher die Kirche der Gegenwart gebaut werden soll." (A. a. O.,
S. 198.) Auch in der heutigen wildbewegten Zeit und vielleicht gerade in
ihr sind diese Mahnungen und Beschwörungen höchst angezeigt.

Die Herrschaft könne -aber der Arbeiterstand nur durchsetzen durch Er-
langung der politischen Macht, zu dem Zwecke müsse die deutsche Ar-
beiterschaft, so -beginnt Lafsalle sein berühmtes „offenes Antwortschreiben an
das Zentralkomitee zur Berufung eines Allgemeinen Deutschen Arbeiterver-
eins zu Leipzig" eine eigene politische Partei bilden. Den schärfsten
Kampf predigt er gegen die damals im preußischen Landtage herrschende
Fortschrittspartei, die er als Vertreter eines manchesterlichen „Nachtwächter-
staates", der lediglich für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen habe,
brandmarkt. Bemerkenswert ist seine Anerkennung der staatsmännischen
Fähigkeiten Bismarcks. „Und wenn wir Flintenschüsse mit Herrn
v. Bismarck wechselten, so würde die Gerechtigkeit erfordern, noch während
der Salve einzugestehen: er ist ein Mann, jene aber (die Fortschrittler) sind
— alte Weiber." („Die Feste, die Presse und der Frankfurter Abgeord-neten-
tag", Band I, S. 137.) Die Eroberung des allgemeinen gleichen und direkten
Wahlrechts sei für die Erlangung der politischen Macht unerläßliche Vor-
aussetzung.

Der Kampf gegen die Fortschrittspartei verband die beiden großen
Männer: Lassalle und Bismarck. Er führte sie -^uch zu verschiedenen persön-
lichen Besprechungen in den Jahren 1863 und 1864, über die sich ebenso wie
über die ganze Persönlichkeit Lassalles der Fürstreichskanzler in seiner
Reichstagsrede vom 17. September 187-8 eingehend ausließ. Er erklärt ihn
hierin als einen der geistreichsten und liebenswürdigsten Menschen, mit de-
nen er je verkehrt habe, „einen Mann, der ehrgeizig im großen Stil war,
durchaus nicht Republikaner, er hatte eine sehr ausgeprägte nationale und
monarchische Gesinnung. Seine Idee, der er zustrebte, war das deutsche
Kaisertum und darin hatten wir einen Berührungspunkt ... ob das deut-
sche Kaisertum gerade mit der Dynastie Hohenzollern oder mit der Dynastie
Lassalle abschließen sollte, -das war ihm vielleicht 3X06x161^0^; aber
monarchisch war seine Gesinnung durch und durch." Die Gewährung des all-
gemeinen gleichen und geheimen Reichstagswahlrechts aber im Jahre 1869
läßt sich schwerlich auf Einflüsse und Gedanken-gänge Lassalles zurückführen.
Richt um der Arbeiterklasse zur politischen Herrschaft im Staate zu ver-
helfen, führte Bismarck es ein, sondern zur Festigung des nationalen Ge-
dankens. In einem Gespräch mit dem Franzosen Henry Billard äußerte
Bismarck einmal, er habe das allgemeine Wahlrecht für unumgänglich ge-
        <pb n="23" />
        ﻿— 22 —

halten als „Zement bei der Erbauung des Reichsgebäudes und als Mittel
zur Unterdrückung der traditionell-zentrifugalen Tendenzen einiger unser
kleinen Potentaten und Staaten."

So bahnbrechend und geistvoll Lassalles Leistungen auf dem Gebiete der
Philosophie, der Rechtsphilosophie und des positiven Rechts waren, ein so
wenig origineller Denker war er dagegen als nationalökonomischer und so-
zialpolitischer Schriftsteller. Hier war er durchaus Eklektiker. „Namentlich
durch Marx, Engel, Rodbertus einerseits, die französischen Sozialisten ander-
seits beeinflußt, geben seine Theorien über Zins, Lohn, Rente, Wert Usw.
Gedanken wieder, die vorher schon in besserer und ausgereifterer Weise von
anderen ausgesprochen wurden." (Diehl a. a. O. A. 402.) Die Grundlage
aller wirtschaftlichen und sozialen Uebel erblickt Lassalle in dem sog. „eher-
nen Lohngesetz". Ganz zu Unrecht sieht heute noch weithin die öffentliche
Tagesmeinung in Lassalle den wissenschaftlichen Entdecker dieses angeblichen
Gesetzes. Bereits geraume Zeit vor ihm hatten es der französische Reform-
minister Ludwig des XVI. Tdrgot Und der englische Nationalökonom
David Ricardo (4773—1825) ganz ähnlich formuliert. „Das' eherne
ökonomische Gesetz, „welches unter den heutigen Verhältnissen unter der Herr-
schaft von Angebot und Nachfrage nach Arbeit den Arbeitslohn bestimmt, ist
dieses: daß der durchschnittliche Arbeitslohn immer auf den notwendigen
Lebensunterhalt reduziert bleibt, der in einem Volke gewohnheitsmäßig zur
Fristung der Existenz und zur Fortpflanzung erforderlich ist. Dies ist der
Punkt, um welchen der wirkliche Tagelohn in Pendelschwingungen jederzeit
herum graviert, ohne sich jemals lange weder über denselben erheben noch
unter denselben hinunterfailen zu können. Es kann sich nicht dauernd über
diesen Durchschnitt erheben, denn sonst entstünde durch die leichte, bessere
Lage der Arbeiter eine Vermehrung der Arbeiterbevölkerung und somit des
Angebots von Händen, welche den Arbeitslohn wieder auf und unter seinen
früheren Stand herabdrücken würde. Der Arbeitslohn kann auch nicht dau-
ernd tief unter diesen notwendigen Lebensunterhalt fallen, denn dann ent-
stehen Auswanderung, Ehelosigkeit, Enthaltung von der Kindererzeugüng
und endlich eine durch Elend erzeugte Verminderung der Arbeiterzahl, welche
somit das Angebot von ArbeiterhäNden noch verringert und den Arbeitslohn
daher wieder auf den früheren Stand zurückführt." (Offenes Antwortschrei-
ben, S. 15/16.1

Eine lange Zeit galt dieses sog. „Gesetz" in der deutschen Sozialdemo-
kratie als unerläßliche Wahrheit und dementsprechend als Hauptagitations-
mittel, bis es Wilhelm Liebknecht selber auf dem Erfurter Kongreß
im Jahre 1801 als unhaltbar anerkennen mußte, seitdem ist es aus dem
neuen damals beschlossenen Parteiprogramm restlos ausgemerzt worden. Es
ist in der Tat völlig unhaltbar, wie heute kaum noch bezweifelt wird, Lohn-
erhöhungen selbst recht erhebliche brauchen durchaus nicht mit Notwendigkeit
zu einer Vermehrung der Ehen und gu einer Steigerung der Kinderzahl zu
führen. Im Gegenteil ist es eine der erfreulichsten Kulturerscheinungen der
letzten Jahrzehnte, daß sie vielfach, ja durchaus überwiegend die großen Ar-
beitermassen zu einer besseren Bekleidung, zu besseren gesünderen Wohnun-
gen und deren behaglicherer Einrichtung und zu einer Steigerung ihres
geistigen Gehaltes geführt haben. Der Standard oi life hat sich so in den
        <pb n="24" />
        ﻿23

drei letzten Jahrzehnten vor dem Kriege — von den gewaltigen Lohnsteige-
rungen während des Weltkrieges soll gar nicht geredet werden — ungemein
gehoben. Einzelheiten werden bei der Besprechung der sog. „Ver-
elendungstheorie" des Karl Marx noch später von uns beigebracht
werden. Haben die Arbeiterlöhne aber einmal eine bestimmte Höhe erklom-
men, so hält der Arbeiter mit einer ganz außerordentlichen Zähigkeit an
ihnen fest. Ehrgefühl und Klassengeist verlangen gebieterisch ihre Fest-
haltung, sie und die ungemein machtvollen, gewaltigen Organisationen der
Arbeiter (Gewerkschaften) stemmen sich fast stets erfolgreich ihrer Herab-
setzung entgegen. Diese Imponderabilien spielen eine ganz außerordentliche,
von Lassalle durchaus verkannte Rolle. Mit Recht schreibt Beatrice Webb
(Theorie und Praxis der englischen Gewerkvereine, Band II, S. 291): „Man
könnte einen englischen Maschinenbauer nicht leicht überreden, für wöchent-
lich 13 Schilling in seinem Gewerbe Arbeit zu übernehmen, wenn das An-
gebot von Maschinenbauern auch noch so groß wäre. Ehe er seiner Selbst-
achtung Gewalt antäte, würde er lieber als Tagelöhner arbeiten." Das
gleiche Urteil läßt sich über die Psyche des deutschen geschulten Arbeiters
fällen! An die Stelle des Lassalleschen „ehernen Lohngesetzes" trat es völlig
verdrängend die Lehre des Karl Marx von der „industriellen ^Reservearmee".
Doch davon später!

Nur ein Mittel kann dem Arbeiter helfen, jenes eherne und grausame
Gesetz zu beseitigen, nämlich: Den Arbeiterstand zu seinem eigenen Unter-
nehmer zu machen. „Wenn der Arbeiterstand sein eigener Unternehmer ist,
so fällt jene Scheidung zwischen Arbeiterlohn und Unternehmergewinn und
mit ihr der bloße Arbeitslohn überhaupt fort, und an feine Stelle tritt als
Vergeltung der Arbeit, der Arbeitsertrag." Diese Aushebung des Unter-
nehmergewinns in der „friedlichsten, legalsten und einfachsten Weise durch
freiwillige Assoziation des Arbeiterstandes als seines eigenen Unternehmers,
sei die einzige nicht illusionäre Verbesserung seiner wirtschaftlichen Lage.
Mit a. &gt;W. die Bildung von Arbeiterproduktivassoziationen
ist das Heilmittel. Zür Beschaffung der nötigen Mittel, der „Riesenkapita-
lien" zum Erwerb der Eisenbahnen, Maschinenfabriken, Schiffsbauwerkstät-
ten, Baumwollspinnereien, Kattunfabriken usw. müsse der .Gegenwartsstaat
gewaltige Kredite bereit stellen. Düs sei keine Beseitigung, sondern nur
eine Ergänzung der unvermeidlichen Selbsthilfe. „Und ebensowenig lassen
sie sich durch das Geschrei derer irre führen ur&lt;0 täuschen, die hier etwa gar
von Sozialismus oder Kommunismus sprechen und mit derlei billigen Re-
dens ntett dieser ihrer Forderung entgegentreten wollen. Sondern seien sie
von solchen fest überzeugt, daß sie sie nur täuschen wollen oder aber selbst
nicht wissen, was sie sprechen. Nichts ist weiter entfernt von dem sogenann-
ten Sozialismus oder Kommunismus als diese Forderung, bei welcher die
arbeitenden Klassen ganz wie heute. ihre individuelle Freiheit, individuelle
Lebensführung und individuelle Arbeitsvergütung beibehalten und zu dem
Staate in keiner anderen Beziehung stehen, als daß ihnen durch ihn das
erforderliche Kapital respektive der Kredit zu ihrer Assoziation vermittelt
wird." (Offenes Antwortschreiben a. a. O., Band I, S. 26.)

Aus den im letzten Artikel angeführten Gründen steht Lassalle auch —
worauf Sombart a. a. O. S. 238 flg. mit Recht aufmerksam macht — dem
        <pb n="25" />
        ﻿modernen Cenossenschafts- und auch Gewerkschaftsgedanken der Arbeiter
durchaus schroff ablehnend gegenüber. Insbesondere von den Konsum-
vereinen, die später eine so großartige Entfaltung nahmen, daß heure
dem sozialdemokratischen Zentralverband deutscher Konsumvereine rund
2 Millionen Mitglieder angehören, und denen es vielleicht befchieden ist,
den Kapitalismus auf weiten Gebieten feiner Betätigung durch langsamen
Uebergang zur Eigenproduktion das Feld abzugraben, hielt er gar nichts,
ein seltsames, geradezu krasses doktrinäres Unverständnis überkommt ihn bei
ihrer Beurteilung, „Co lange nur einzelne Kreise von Arbeitern zu Kon-
sumvereinen zusammentreten, so lange wird der allgemeine Arbeitslohn
nicht durch dieselben berührt und solange also werden die Konsumvereine
den Arbeitern, die zu ihnen gehören, durch die billige Konsumption nur
zene untergeordnete Erleichterung ihrer gedrückten Lage gewähren , , , Co
wie aber die Konsumvereine mehr und mehr den gesamten Arbeiterstand zu
umfassen beginnen, tritt jetzt vermöge des betrachteten Gesetzes (des eher-
nen Lohngesetzes) die notwendige Konsequenz ein, daß der Arbeitslohn in-
folge des durch die Konsumvereine billiger gewordenen Lebensunterhaltes
um ebensoviel fallen mutz. Dem gesamten Arbeiterstande können die
Konsumvereine niemals auch nur irgendwie helfen und den einzelnen Ar-
beiterkreisen, die sie bilden, können sie die , , , untergeordnete Hilfe gerade
Nur solange gewähren, als das Beispiel dieser Arbeiter noch nicht hin-
reichende Nachahmung gefunden hat. Mit jedem Tage, mit welchem die
Konsumvereine sich mehr und mehr ausbreiten und größere Massen des Ar-
beiterstandes umfassen, fällt mehr und mehr auch jene geringfügige Er-
leichterung auch für die in diesem Vereine befindlichen Arbeiter fort, bis sie
an dem Tage auf Null sinkt, wo die Konsumvereine den größten Teil des
gesamten Arbeiterstandes umfassen würde, (Offenes Antwortschreiben a, a,
S. 222.1	^

Auch diese Forderung von Arbeiterproduktiv -Asso-
ziationen mit Staatskredit ist nicht originales Geisteseigentum Las-
salles, Bereits der französische Sozialist Louis Blanc (1818—1882) hatte
in seiner Schrift „Organisation de travail" im Februar 1848 Arbeiter-
assoziationen mit Staatskredit gefordert. Freilich ging er viel weiter noch
als Last-alle, indem die Assoziationen von der zentralen Leitung des Staates
abhängen sollten, der auch alle Preise und Löhne einseitig zu bestimmen
hatte.

Der praktische Vorschlag der ProdUktiv-Assoziationen hat sich in die
Wirklichkeit nicht umsetzen lassen, als Forderung ist er innerhalb wie
außerhalb der Sozialdemokratie heute allgemein aufgegeben. So hat denn
der gewaltige Agitator und sozialistische Prophet fast restlos Schiffbruch er-
litten, von allen seinen Forderungen und Anregungen ist nur die politische
des allgemeinen und gleichen Wahlrechts durch Bismarck erfüllt worden.
Aber durch Einsetzen seiner ganzen gewaltigen Persönlichkeit war er es, der
zum ersten Male eine selbständige deutsche Arbeiterbewegung hervorgerufen
hach aber nicht für feie Arbeiterschicht, für unser ganzes öffentliches Leben
ist seine Bedeutung ungemein groß, Durch Lassalles Auftreten wurde die
große Menge der Gebildeten erst auf. die Bedeutung der sozialen Probleme
aufmerksam gemacht, und weite Kreise wurden mit der Anschauung erfüllt,
        <pb n="26" />
        ﻿25

daß es Pflicht des Staates sei, zugunsten der Arbeiter gesetzliche Maßnah-
men zu treffen. Mag auch die neuere deutsche sozialpolitische Gesetzgebung
in ihrer praktischen Durchführung noch so -weit von Lassalles Plänen ent-
fernt sein, so indirekt geht sie in vielen Punkten auf Anregungen zurück, die
von ihm ausgingen: vor allem in dem Grundgedanken, daß ohne staatliche
Intervention gegenüber dem freien Arbeitsvertrag eine kulturelle Hebung
der Arbeiterklasse unmöglich sei." Ganz anders als dieses maßvolle, man
kann sagen wohlwollende Urteil eines bürgerlichen Nationalökonomen —
Karl Diehl a. a. O., S. 411 — über die Bedeutung Lassalles lautet die
schroffe Kritik seines großen Zeitgenossen Karl Marx in einem für den so-
zialdemokratischen Parteivorstand bestimmten Briefe vom 5. Mai 1875, an-
läßlich des Entwurfs des Gothaer Programms für die einige „Sozialistische
Arbeiterpartei Deutschlands": „Läsfalle hat im Gegensatz zum kommunisti-
schen Manifest und zu allem früherem Sozialismus die Arbeiterbewegung
vom engsten nationalen Standpunkt gefaßt . . . Das ganze Programm ist
trotz alles demokratischen Geklingels durch und durch vom 'llntertanenglau-
ben der Lasfallefchen Sekte an den Staat verpestet." Marx erkannte eben
mit seiner unerbittlichen Klarheit den gewaltigen Gegensatz zwischen dem
nationalen Sozialismus von Lassalle und den gegenwärtigen, ins-
besondere dem preußischen Staate feindlichen und ihn schroff
negierenden internationalen Sozialismus auf das deutlichste. So
urteilt er in seinem äm Jahre 1868 an den Nachfokgex Lassalles im Vorsitz
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins den Frankfurter Jean Baptiste
v. Schweitzer, gerichteten Schreiben: „Der Staat verwandelte sich ihm in
den preußischen Staat. So wurde er zu Konzessionen an das preußische
Königtum, die preußische Reaktion sdie Feudalparteis und selbst die Kleri-
kalen gezwungen."

#
        <pb n="27" />
        ﻿I £ S 1 I I I I ■ I I I I I t I B I I ■ I I I I

Viertes Kapitel.

Der wissenschaftliche Anarchismus.

Will man sein Wesen recht verstehen, so hat man' sich von zwei —
selbst in den gebildetsten Volksschichten — weit verbreiteten Anschauungen
völlig frei zu machen: nämlich einmal, als ob der Anarchismus weiter nichts
bedeute als die radikalste Richtung -des Sozialismus und der Sozialdemo-
kratie, und ferner, daß er nichts Anderes darstelle als eine verbrecherische
Sekte ähnlich etwa den Nihilisten Rußlands und den praktischen Bolsche-
wisten der Gegenwart. Nichts irrigeres als das. Ein fchärferer grund-
legenderer Gegensatz als zwischen Anarchismus und Sozialismus läßt sich
überhaupt gar nicht denken. Der Sozialismus proklamiert fast die Allmacht
des Staates, der Gesellschaft und der Gesamtheit, jedenfalls dehnt er ihre
Einflußsphäre in gang ungeheurer Weise aus, der Anarchismus dagegen be-
deutet die grundsätzliche Verneinung eines jeden Staates und eines 'jeden
Rechtszwanges überhaupt, und seien sie noch so liberal -und demokratisch, er
negiert' das Recht des 'Rechts und verkündet das weitgehendste Selbst-
bestimmungsrecht des Einzelnen. Die vollste Souveränität foll dem Indi-
viduum zukommen, jedweder Zwang auf ihn wird verpönt und ist tief un-
sittlich, der Anarchismus ist die Verkörperung des extremsten wirtschaftlichen
wie politischen Liberalismus, wie Feuer und Wasser stehen sich Sozialismus
und Individualismus gegenüber. Unüberbrückbare Gegensätze klaffen zwi-
schen ihnen! Und sodann: Mit der Propaganda der Tat hat der Anarchis-
mus als solcher, d. h. als 'sozialphilosophisches Lehrsystem nicht das Mindeste
zu tun-, seine wissenschaftlichen Hauptvertreter, denen wir auf den folgenden
Zeilen eine -kurze Darstellung widmen wollen: Der Franzose Proudhon.
der Deutsche Stirner und der Russe Tolstoy waren schärfste Gegner
jedweder Eemalttätigkeiten und erst recht einer jeden planmäßigen Revo-
lution. Sie weilen durcbaus im Reich der reinen Gedanken! Ganz -anders
die sogen, „praktischen Anarchisten", die Vertreter der Propaganda der Tat,
zu deren geistigen Führern insbesondere die Russen Michael Bakunin
(1814—1876), der dem königlichen Hause der RuriksV entsprossene Fürst
Kropotkin und N et s chaj ew gehören. Sie verherrlichen allerdings
das politische Verbrechen jeder Art -und begünstigen die bewußte, planmäßige
revolutionäre Taktik. Ganz im Gegensatz -zu den wissenschaftlichen An-
archisten, die uns hier allein -ganz kurz -beschäftigen sollen, verlangen sie den
gewaltsanien Abbruch aller bestehenden- Zustände in Staat und in der Ge-
sellschaft. Sie interessieren mehr den Strafrechtler und Staatsanwalt als
den Nationalökonomen und Sozialpolitiker, genau wie es heute beim
„praktischen Bolschewisten" der Fall ist.
        <pb n="28" />
        ﻿— 27 —

Der erste wissenschaftliche Anarchist, der dürch seine Lehren Beachtung
und Einfluß auf die Tagesmeinungen und die Wissenschaft gewann, -war der
als Sohn armer Bauern 1809 in Befancon geborene Pi I. Proudhon, ge-
storben 1865 in Paris. In seiner von der Akademie zu Befancon preis-
gekrönten Schrift „Ou'est cs gus la propriets?" (Was ist das Eigentum?)
scheint er sich auf Grund der von ihm auf diese Frage erteilten Antwort
„La propriete c’est le vol“ (das Eigentum ist der Diebstahl) als ganz er-
bitterter Gegner eines jeden menschlichen Privateigentums W bekennen.
Aber in Wahrheit vertritt er keineswegs diesen extremen Standpunkt, viel-
mehr will er ganz im Gegenteil unter möglichst restloser Ausmerzung all
der zahlreichen heutigen Ungerechtigkeiten der Wirtschaftsordnung mög-
lichst alle Menschen zu Privateigentümern machen. Denn der Begriff der
sozialen Gerechtigkeit bildet für Proudhon den Ausgangspunkt und die
Grundlage seiner gesamten Rechts- und Sozialphilosophie, nur von ihr aus-
gehend gelangt er zum Anarchismus. Man steht: seine Lehre bildet den
denkbar schärfsten Gegensatz zum historischen Materialismus eines Karl
Marx und Friedrich Engels, denen alle Eerechtigkeitsgedanken in ihrer So-
zialphilosophie völlig fremd sind und nur höchst abwegig erscheinen, weil
sie eben die ganze gesellschaftliche und kulturelle Entwickelung der Mensch-
heit als von blinden, ehernen, unerbittlichen Naturgesetzen beherrscht sein
lassen. Auf das Schärfste bekämpft ihn daher Marx in seinem „Wsere äs In
Philosophie“ (Elend der Philosophie). Im gemünzten Gelde und im Zinse
erblickt Proudhon die wirtschaftlichen Hauptgeiseln der Menschheit und
den Keim alles volkswirtschaftlichen Uebels. Nach ihrer schonungslosen
Ausrottung wird sowohl die wirtschaftliche Ausbeutung und Unfreiheit wie
auch die politische Abhängigkeit vollkommen aufhören. Nach ihrer Beseiti-
gung könne im übrigen die freie privatwirtschaftliche Produktionsweise
durchaus beibehalten werden, das Privateigentum könne dann von seinen
Auswüchsen gereinigt als gerechte Grundlage der Wirtschaftsverfassung voll
bestehen bleiben. Durch seine sogen. „Tauschbank" hoffte er diese seine beiden
großen Ziele verwirklichen zu können. Jeder Produzent sollte bei ihr seine
Erzeugnisse gegen Empfang eines entsprechenden Tauschbons abliefern kön-
nen und gegen Abgabe dieses Bons andere Gegenstände, deren er gerade
bedurfte, zum gleichen Wert eintauschen. Bei der Festsetzung der Werte
sollten lediglich die auf die Herstellung der Erzeugnisse verwandten Ar-
beitsleistungen und Auslagen ber'echnet werden, jeder Gewinn »aber weg-
fallen. Die Preise sollten durch Taxatoren der Bank kontrolliert werden.
So würde der drückende und ungerechte Profit des Zwischenhandels ganz
wegfallen, ebenso aber auch die Unentgeltlichkeit des Kredits erreicht wer-
den und auf diese Welse allmählich der Kapitalzins ganz in Wegfall kom-
men. „Auf diese Weise wäre jedem Produzenten ein Recht auf Absatz seiner
Produkte und ein Recht auf Kredit garantiert; von der Tyrannei des Gel-
des und des Kapitals befreit, fei dann der Zeitpunkt für die Menschheit
gekommen, sich auch von der Tyrannei aller Regierungsformen und aller
Gesetze zu entledigen." (Diehl a. a. O. S. 107.) An Stelle aller Gesetze
sollen dann freie Verträge treten. „Der Vertrag an Stelle der Herr-
schaft der Gesetze würde die wahre Regierung des Bürgers und des Men-
schen begründen, die währe Soüveränität des Volkes, die wahre Revo-
        <pb n="29" />
        ﻿— 28 —

lution." (Aus „les confessions d’ un revolutionaire" 1849, Bekenntnisse eines
Revolutionärs.) Alle staatlichen Gerichte und Regierungsgewalten müssen
abgeschafft werden., nur ein einziges Gesetz kann noch gelten, „tue anderen
nichts, was du nicht willst, das man dir tue, und tue anderen, was du
willst, das man dir tue." Am Schluß seines Lebens überzeugte er sich
übrigens selber von der Undurchführbarkeit seiner Lehren. Denn in seinem
1863 erschienenen Werk „Da prinzipe iederatife“ sagt er ausdrücklich: die
Anarchie sei ein Ideal, das nie verwirklicht werden könne, die richtige Re-
gierungsform sei vielmehr der Föderalismus, d. h. eine möglichst dezen-
tralisierte Regierung. In der Bildung möglichst vieler kleiner Gruppen
mit möglichst weitgehender Selbstverwaltung erblickt er das politische Heil!

Den krassesten Egoismus in nacktester Reinkultur als System vertritt
der erst vor kurzem wieder entdeckte und heute wieder mehr gelesene Johann
Kaspar Schmidt, der unter dem Namen Max Stirner 1848 das be-
rühmt gewordene Werk „Der Einzige und sein Eigentum" erscheinen ließ.
Das empirische Ich äst ihm das oberste Gesetz alles Wollens. Jede Autori-
tät in Staat, Recht und Ordnung ist ihm verwerflich, weil es dem einzel-
nen Ich Schranken auferlegt. Unbedingte Freiheit des Individuums ist ihm
das oberste Ziel. 'In' gleicher Weise bekämpft er Liberalismus wie So-
zialismus. Selbst die freiheitlichste Staatsverfassung führe nur einen neuen
Götzen ein, den der Einzelne verehren müsse und errichte ein neues Joch,
dem tzatz absolut sein sollende Individuum sich unterwerfen müsse, die
Herrschaft der Mehrheit.

Sein ganger Ingrimm aber richtet sich gegen den Kommunismus und
Sozialismus. „Wenn wir das persönliche Eigentum abschaffen, dann hat
keiner etwas, dann ist jeder ein Lump . . . vor dem höchsten Eigentümer
(nämlich der Gesamtheit al.ler) werden wir alle gleiche Lumpen . . . Wir
sind allzumal Lumpen und als Gesamtmasse der kommunistischen Gesell-
schaft können wir uns Lumpengesindel nennen." Die Unterdrückung des
absoluten souveränen Einzelwillens dünkt Stirner eben völlig unerträg-
lich. Jeder Rechtszwang ist verwerflich. Der Staat , soll völlig verschwin-
den und durch den Verein der Egoisten ersetzt werden. Der Ein- und der
Austritt «aus diesen Vereinen soll dem Einzelnen beliebig freistehen, .irgend-
welche Befehlsgewalt Mer ihre Mitglieder üben die Vereine nicht aus.

Im schärfsten Gegensatz zu dem durchaus antireligiösen Stirner gelangt
der tiefgläubige und mystische russische Wolksprophet Leo Tolftoy in seinen
Werken „Worin besteht mein Glauben? (1884), „Was sollen wir also tun?"
(1885), „Das Reich Gottes ist in Euch" (1893), zu einem geradezu religiös
fundamentierten Anarchismus. Das wahre Wesen des Christentums wider-
strebe jedem Rechtszwang und jedem Staatsgebot. Der Eid, wie die
Steuern, die Gerichte und der Heeresdienst «verletzten gleichmäßig die obersten
Gebote des Christentums. Das Christentum restlos durchgeführt, zerstöre
den Staat. Zur Erreichung des Zieles aber, d. h. der anarchistischen Ge-
sellschaftsordnung verwirft aber Tolftoy jedwede Gewalt auf das Ent-
schiedenste.

Auch unseren großen deutschen Sprachkünstler Nietzsche (1844—1900) hat
man vielfach als Anarchisten bezeichnet. Unseres Erachtens zu Unrecht. Ge-
wiß finden sich an manchen seiner Werke Stellen, die sich sehr den anarchisti-

V
        <pb n="30" />
        ﻿— 29 —

schen Eedankengängen annähern. So sagt er z. B. in seinem „Also sprach
Zaratustra" vom Staat: „Staat heißt das kälteste aller Ungeheuer . . .
Wo es noch Volk gibt, da versteht es den Staat nicht und haßt ihn, haßt ihn
als bösen Block und Sünde an Sitten und Rechten." Und weiter berührt er
sich mit Stirner in gewisser Weise durch seine Betonung des Millens des
Einzelnen, durch seine Verherrlichung des „llebermenschen". Aber wie Diehl
mit Recht hervorhebt, fremd ist ihm die Hauptprogrammforderung des
theoretischen Anarchismus, die restlose Beseitigung des Staates überhaupt
und jeglicher Rechtsordnung durch Einführung von Egoistenvereinigungen.

Auf eine ausführliche Kritik der Lehren des Anarchismus muß hier
verzichtet werden. Rur das sei hervorgehoben: in ihrer blinden maßlosen
Verherrlichung des absolut souveränen Willens des empirischen Individuums
würden sie letzten Endes einen Krieg aller gegen alle entfesseln und' jede
menschliche Kultur unmöglich machen. Denn alle menschliche Kultur kann
nun einmal erfahrungsgemäß, wie es der Ablauf einer jahrtausendelangen
Entwickelung deutlich gelehrt hat, nur in größeren auf einem gewissen
Rechtszwang beruhenden Verbänden, sich entfalten. Die Rechtsordnung ist
die Klammer und der Mörtel, der die ganze Gesellschaftsordnung und Kul-
tur zusammenhält, ohne Rechtszwang keine menschliche Gesittüng! Der Ge-
danke des möglichen Wegfalls des Staates und der Rechtsordnung über-
haupt ist eine grandiose Utopie, wir können,ihn uns als vollziehbar ebenso-
wenig vorstellen wie den Wegfall der Schrift und Sprache, denn alle diese
Kultursundamente sind nichts künstlich Gemachtes, sondern etwas organisch
Gewordenes.
        <pb n="31" />
        ﻿I I I I

Fünftes Kapitel.

Karl Marx und der Marxismus.

I. Der Lebenslauf von Karl Marx.

Alle bisher von uns besprochenen sozialistischen Eedankentzänge uckd
Systeme, die von Ferdinand Lassalle nicht ausgenommen, gehören ganz
oder doch wenigstens vorwiegend der Geschichte an, sie sind von dem spä-
teren Gang der Ereignisse überholt. Unerhörte Sieghastigkeit dagegen ge-
wannen die fozialphilosophischen und sozialpolitischen Theoreme des Karl
Marx, sie allein bedeuten heute in der sozialistischen Lehre und in der
Praxis Leben und Wirklichkeit. Das heute noch maßgebende Erfurter so-
zialdemokratische Parteiprogramm des Jahres 1891 ist vollkommen und
restlos aufgebaut auf den Theorien des großen Meisters, es bedeutet in
seinem allgemeinen theoretischen Teile im Grunde weiter nichts als einen
ganz kurzen katechismusartigxn Auszug aus dem kommunistischen Manifest
des Jahres 1818 und dem drei Bände umfassenden „Kapital" (1867—1893).
Wir sagen daher nicht zu viel, wenn wir behaupten: Sozialismus ist
Marxismus, und Sozialdemokratie angewandter praktischer Marxismus.
Wenn jemals in einer überragenden Persönlichkeit und in ihrem ganzen
Lebenswerke sich die äußeren Le-bensUmstände, ihre Herkunft und ihre Ge-
schichte sich maßgebend ausprägen und sie bestimmen, so ist es bei Karl
Marx der Fall. In der Tat, ohne eine gründliche Kenntnis seiner ganzen
Umwelt, seines „Milieus" und seiner äußeren Lebensgeschicke läßt sich das
große Werk des geistigen Haupts und wissenschaftlichen Vaters des heutigen
Sozialismus und der heutigen deutschen Sozialdemokratie überhaupt gar
nicht verstehen. Ein etwas ausführlicheres Eingehen auf Beides ist daher
— in Erweiterung unseres sonstigen Rahmens — einfach unerläßlich.

In dem damals einen starken internationalen Zug ausweisenden Trier
wurde Marx am 5. Mai 1818 als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts und
preußischen Justizrats mit dem ursprünglichen Namen Mardechai geboren.
Erst 1821 trat die Familie zum Protestantismus über. Wie Werner Som-
bart (Sozialismus und soziale Bewegung, S. 58) hervorhebt, waren im
Hause der Eltern Geist und weltmännische Bildung heimisch. Die Lieb-
l-ingsschriftfteller der Familie waren Voltaire und Shakespeare, der auch
im späteren Leben der ausgesprochene Lieblingsschriftsteller von Marx blieb.
Ein durchaus kosmopolitischer Zug beherrschte das Leben der Marxischen
Familie. Seine Mutter fühlte sich mehr als Holländerin denn als Deutsche.
Im engsten Verkehr stand die Familie mit dem Ehepaare Baron v. West-
falen, der. Eltern des späteren hochreaktionären preußischen Ministers des
Innern Baron Eduard v. Westfalen und Jenny, Marxens hochgebildeter.
        <pb n="32" />
        ﻿— 31 —

späteren Lebensgefährtin, die auf das getreueste die langen kummervollen
Jahre des Londoner Exils mit ihm teilte. Französisch und englisch be-
herrschte die ganze Familie Marx fließend und sprach beide Sprachen mit
Vorliebe. Seit 3837 studierte er zunächst in Bonn die Rechtswissenschaft nicht
aus eigener Vorliebe, sondern nur dem Wunsch des Vaters .gehorchend, aus
Not und mit innerem Widerstreben. Dann aber wandte er sich dem Stu-
dium der Geschichte und der Philosophie zu und „verschlang Hegel von An-
fang bis Ende samt den meisten seiner Schüler." In Berlin schließt er in-
nige Freundschaft mit dem berühmten freisinnigen Theologen Bruno Bauer.
Im Jahre 1841 promovierte er in Jena zum Doktor der Philosophie mit
der bedeutsamen Schrift „Ueber die Differenz der demokratischen und epi-
kureeischen Naturphilosophie." Im Jahre 1842 steht er im Begriff, sich
in Bonn als Privatdozent der Philosophie zu habilitieren. Allein die
Freundschaft mit dem oben Mel angeschriebenen Bauer gereicht ihm zum
Verhängnis, die reaktionäre Welle, die damals unter Friedrich Wilhelm IV.
in Preußen einsetzte, reißt auch ihn hinweg. Er wird Journalist. Anfangs
1842 wird er Mitarbeiter und im Oktober Chefredakteur der von hervor-
ragenden rheinischen Liberalen, wie Eamphausen und' Hansemann, gegrün-
deten „Rheinischen Zeitung fiir Politik, Handel und Gewerbe." Zufolge
dieser seiner eifrigen redaktionellen Tätigkeit wandte sich Marx zuerst mit
besonderer Vorliebe volkswirtschaftlichen und sozialpolitischen Studien zu.
Bald jedoch kam er in Konflikte mit den Besitzern des Blattes, ihrem Ver-
langen, sich einer gemäßigteren Schreibweise zu befleißigen, kam er nicht
nach, sondern legte die Schriftleitung nieder. Kurz vorher hatte er erst
25jährig seine langjährige heimliche Braut Jenny v. Westfalen geheiratet.
Im November 1843 siedelte das junge Paar, um den Nachstellungen der
preußischen Polizei zu entgehen, nach Paris über, wo Marx mit dem be-
kannten Adolf Rüge zusammen die „Deutsch-französischen Jahrbücher"
herausgab. Hier in diesen Jahrbüchern vollzog er zum ersten Male die
Wandelung zum Sozialismus, in einer ausführlichen Kritik der Hegelschen
Rechtsphilosophie nimmt er die bewußte Abkehr von seinem bisherigen
philosophischen Herrn urid Meister vor. Hier spricht er zum ersten Male von
Äner besonderen Klasse, die sich „im Namen der allgemeinen Rechte der
Gesellschaft die allgemeine Herrschaft vindigieren unh so die positive Mög-
lichkeit einer Emanzipation schaffen könnte, zur Erfüllung des kategorischen
Imperativs alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein er-
niedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.
Diese Klasse ist das Proletariat, und wie die Philosophie im Proletariat
ibre materialen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geisti-
gen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven
Volksboden eingeschlagen ist, würd sich, die Emanzipation der Deutschen
zu Menschen vollziehen." Hiermit hatte sich Marx von den Gedankengängen
der deutschen idealistischen Philosophie, in deren BaUne er bis dahin durch-
aus gestanden hatte, völlig losgelöst und seine eigene Welt- und Lebens-
anschauung eben die materialistische selber gezimmert. Im September 1844
kam Friedrich Engels — nebien Karl Marx der zweite geistige Vater
und Lehrmeister des wissenschaftlichen Sozialismus und der deutschen So-
zialdemokratie — nach Paris und schloß bald mit dem von ihm auf das
        <pb n="33" />
        ﻿— 32

Höchste verehrten zwei Jahre älteren Marx einen Freundschaftsbund, so
schön und innig, wie.ihn die ganze Geschichte der Wissenschaft niemals ge-
kannt hat und kaum je kennen lernen wird. In der selbstlosesten Weise hat
der geistig hochbedeutende und Marx durchaus ebenbürtige Engels alle
seine Kräfte, die des Geistes wie auch des Vermögens Marx restlos zur Ver-
fügung gestellt. Ohne ihn wäre Marx buchstäblich im Elend des Londoner
Exils zu Grunde gegangen. Nur die fortgesetzten Unterstützungen des von
Hans aus sehr wohlhabenden, als Sohn eines reichen Barmer Eroßkauf-
manns am 28. November ,1820 geborenen und 1895 verstorbenen unzertrenn-
lichen Freundes ermöglichten ihm Leben und Vollendung seines großen drei
Bände starken „Kapitals". In der uneigennützigsten Weife ließ er ihm auch
bei der Abfassung dieses Grundwerks des modernen Sozialismus seine un-
geheuer umfassenden Kenntnisse, ganze Abschnitte rühren von ihm her. Auf
Veranlassung der preußischen Regierung, däe er in den Deutsch-französischen
Jahrbüchern heftig angriff, vom Ministerium Euizot aus Frankreich aus-
gewiesen, ging er, begleitet von seinem Dioskuren Engels, bereits im Jahre
1845 nach Brüssel. Dort veröffentlichte er 1847 seine heftige, äußerst tem-
peramentvolle Kampfschrift gegen Proudhons von dürchaUs invidualisti-
schem-kleinbürgerlichen Geiste getragenes Buch „Philosophie de la misere“,
„Misere de la Philosophie“. Im Januar 1848 schleuderte er einer Kampf-
fackel vergleichbar das mit Engels zusammen verfaßte berühmte Pamphlet
„Das Manifest der Kommunistischen Partei" an die Oeffentlichkeit. Ueber
seine allgemeine geistesgeschichlliche Bedeutung und seine Stellung in der
Geschichte des Sozialismus werden später noch einige Worte zu sagen sein.

Bei Ausbruch der Februarrevolution aus Belgien ausgewiesen, begab
er sich mit Engels aüf Einladung der provisorischen Regierung der französi-
schen Republik nach Paris. Im April 1848 wanderte das unzertrennliche
Dioskurenpaar nach Köln und gab dort vom 1. Juni 1848 die „Neue Rhei-
nische Zeitung^ heraus. Deren letzte Nummer erschien bereits am 12. Mai
1849, dann wurde Marx wieder aus Preußen ausgewiesen und wanderte
wieder nach Paris; aber auch hier war seines Bleibens nicht lange. Am
14. Juni 1849 wanderte der llnstäte und Heimatlose nach London, wo er
dann bis zu seinem Lebensende, am 9. Januar 1883, blieb. Dort hat er
seine große und, wie schon hier gesagt werden soll, zum guten Teil un-
vergängliche Lebensarbeit geleistet. Von hier aus hat er auch die Fühlfäden
der ganzen internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung in der Hand
gehabt und sie einheitlich geleitet. Als reife Frucht emsigster und jahre-
langer wissenschaftlicher Studien ließ ev hier 1859 die Schrift „Zur Kritik
der politischen Oekonomie", Heft 1, erscheinen. Die Schrift blieb unvoll-
endet. Statt ihrer Fortsetzung ließ er im Jahre 1867 den ersten grund-
legenden Band des großen, insgesamt drei Bände umfassenden Werkes „Das
Kapital", dessen letzter und dritter Band erst von Engels nach seinem Tode
aus seinem Nachlaß herausgegeben wurde, erscheinen. Es ist die Bibel des
strenggläubigen Marxisten und Sozialdemokraten. Eine ganze äußerst Um-
fangreiche wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Literatur, große und
kleine Kommentare, Monographien und volkstümliche Erläuterungen haben
sich an das Werk wiie an einen Kristallkern angeschlossen.

!
        <pb n="34" />
        ﻿— 33 —

11. Seine Lehren.

a) Der historische Materialismus.

Innerhalb einiger weniger kurzen Aufsätze ist es natürlich ganz
ausgeschlossen, irgendwie näher auf das gewaltige Gedankenyebäude des
Marxischen Riesengeistes einzugeben, nur in ganz groben Zügen, fresken-
haft.gewissermaßen, können wir Die allerwichtigsten Erundlehren von Karl
Marx, diesem. „Gesandten des Gatts der Geschichte", wie ihn der edle Neu-
kantianer Hermann Cohen in seiner prachtvollen „Ethik des reinen Wil-
lens" (2. Auflage, 18Ö7, S. 1312) mit Recht nennt, vorführen und zu ihnen
kritisch Stellung nehmen.

Vorher nür sei im engen Anschluß an den schon mehrfach hier angeführ-
ten Werner S o m b a r t (Sozialismus und soziale Bewegung, S. 88 flg.)
eine ganz kurze Skizzierung seiner Persönlichkeit vorausgeschickt. Sie zeich-
net sich durch ein Uebermaß der Verstandestätigkeit aus. „Sein Wesen ist
das des schonungslosen, illusionsfreien Kritikers." Zu natürlich, daß der
fortgesetzte erbitterte Kampf gegen die obrigkeitlichen Gewalten in fast al-
len Staaten seines Aufenthalts, in Frankreich, Belgien und namentlich in
Preußen, seine vielfachen Verfolgungen und zum größten Teil gehässigen,
kleinlichen Anfeindungen sowie das jahrelange Londoner Exilselend ihn
zum schonungslosen Beurteiler aller staatlichen und gesellschaftlichen Ein-
richtungen gemacht haben, und daß er sich mit einer wahren Vorliebe in der
Rolle des Mephisto gefällt. Ein Ungewöhnlich schärfer Blick für alle
Schwächen und unedlen Seiten des menschlichen Geschlechts ist ihm in ganz
hervorragendem Maße zu eigen. Seine Feder ist eingetaucht in Gift Und
Galle, keinerlei Gütiges, Versöhnendes ist ihm verliehen. Innig überzeugt
ist er von der Richtigkeit des Satzes Hegels, seines großen philosophischen
Antipoden, daß es nur das Böse sei, was alle Entwickelung im Menschen-
geschlechte bewirke. Seine ganze Weltauffassüng drückt sich in dem Satze aus:

„Dem bösen Geist gehört die Erde, nicht
Dem guten: was die Göttlichen uns senden
Bon oben, sind nur allgemeine Güter,

Ihr Licht erfreut, doch macht es keinen reich,

In ihrem Staat erringt sich kein Besitz."

Daß Marx so ungeheüren Einfluß auf das ganze Geistesleben unserer
heutigen Zeit und zugleich die Entwickelung der Arbeiterbewegung fast der
gesamten Welt gewann, erklärt sich, wie Sombart sehr zutreffend ausführt,
daraus, „daß er die Kenntnis der höchsten Form der Eeschichtsphilosophie
seiner Tage mit der Kenntnis der höchsten Form sozialen Lebens jener
Epoche, daß er Hegel und ^Westeuropa, d. h. Frankreich und England ver-
einigte, daß er wie in einer Linse alle Strahlen, die von fremden Denkern
vor ihm ausgegangen waren, zufaminenzufassen wußte, ynd daß es ihm.—
aus seiner internationalen Lebenssphäre heraus — gelang, von allen Zu-
fälligkeiten nationaler Entwickelung absehen Und das Typische des moder-
nen Gesellschaftslebens, das Allgemeine also im Besonderen erfassen zu kön-
nen." (S. 69.)
        <pb n="35" />
        ﻿34 —

Die Grundlage des ganzen marxistischen Lehrsystems ist nun der sogen,
„geschichtliche, historische Materialismus". Um von vornherein ein grobes
Mißverständnis auszuschließen, so sei mit allem Nachdruck betont, daß diese
große sozialphilosophische Lehre mit dem plattesten philosophischen System,
das es. überhaupt gibt, dem des „Materialismus", wonach alles geistige
Leben lediglich und ausschließlich auf die Bewegung der Materie zurückzu-
führen ist, gar nichts zu tun hat. Dieser philosophische Materialismus sucht
Antwort zu geben, worauf alle geistigen Vorgänge zurückzuführen sind, der
geschichtliche Materialismus dagegen sucht die Triebkräfte der gesellschaft-
lichen Entwickelung zu erklären!. Er will alles und jedes gesellschaftliche
Leben in letzter Linie auf rein wirtschaftliche Vorgänge zurückführen. Er
leugnet keineswegs, wie manche Kritiker gemeint haben, die Ideale restlos
und will noch vüel weniger alles und jedes restlos auf grob materielle Ge-
nüsse zurückführen und diese als höchstes Lebensgut preisen. Auch diese ein-
heitliche und in sich geschlossene Weltanschauung des ökonomischen oder
historischen Materialismus erkennt Ideale als wirksam durchaus an, aber
sie haben nach ihm keinerlei selbständige Bedeutung, haben keine Urkraft
und bilden nicht die,Wurzel der Dinge, alle und jegliche Ideale sind viel-
mehr weiter nichts als die Schatten, bloße Reflexe wirtschaftlicher Vor-
gänge. Ihre klarste und knappste Formulierung hat diese Lehre in der
Vorrede zu der 1859 erschienenen „Kritik der politischen Oekonomie" ge-
funden. Dort sagt Marx ß. XI: „In der gesellschaftlichen Produktion ihres
Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen un-
abhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten
Entwickelungsstufe ihrer materiellen Produktionskräfte entsprechen. Die
Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur
der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer Und politischer
Ueberbau erhebt, und Melcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen
entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den so-
zialen politischen und geistigen Lebe-nsprozeß überhaupt. Es ist nicht das
Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt, ihr gesellschaft-
liches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer
Entwickelung geraten die materiellen Prodüktionskräfte der Gesellschaft in
Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen, oder was nur
ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen,
innerhalb derer sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicke-
lungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln der-
selben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Ver-
änderung der ökonomischen 'Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure
Ueberbau langsamer oder rascher um." Rach großen, ehernen, unerbittlichen
Naturgesetzen müssen wir also alle unseres Daseins Kreise vollenden. Ebenso
wie in der Naturgeschichte, so herrscht auch in der Menschheitsgeschichte, im
ganzen sozialen Leben, nur allein das Kausalitätsgesetz, Zwecke und Ziel-
setzungen gibt es nicht, ebensowenig Ideale. Gänz ausdrücklich erklärt Marx:
„Sie fd- h. die Arbeiterklasse) hat keine Ideale zu verwirklichen, sie hat nur
die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich bereits im
Schoße der zusammenbrechenden Bourgbigesellschaft entwickelt hat." Und
weiter in seiner Vorrede zur zweiten Auflage des „Kapital" (S. XVII) be-
        <pb n="36" />
        ﻿— 35 —’

gründet Marx seine Ablehnung der Hegelschen Philosophie, wonach die Ideen
ein durchaus selbständiges Leben führen und die Schöpfer des Wirklichen
sind mit den Worten „Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts Anderes
als das im Menschenkopf umgesetzte Und übersetzte Materielle." Eine aus-
führliche kritische Auseinandersetzung mit dieser Lehre ist hier nicht am
Platze. Nur einige wenige kritische Bemerkungen, in Anlehnung an das
grundlegende große Werk Rudolf Stammler's „Wirtschaft und Recht" (3.
Auflage 1914), das die endgültige wissenschaftliche Ueberwindung des histori-
schen Materialismus bedeutet. Danach gibt die-Lehre die beste Anregung,
die bisher entstanden ist, in der Wissenschaft überhaupt, aber sie ist unfertig
und unausgedacht. Alles soziale Leben der Menschheit ist ein unter äuße-
ren Regeln stehendes. Diese Regeln aber.rühren -von Menschen her, Men-
schen aber wiederum sind denkende, wollende, Ziele sich setzende und er-
strebende Wesen. Sie bedienen sich einzeln und noch mehr im planmäßigen
bewußtem Zusammenwirken von Vereinen und Parteien bestimmter Mittel
zur Erreichung bestimmter Ziele. Kurz, allenthalben im sozialen Leben der
Menschheit herrscht das Zweckgesetz und nicht wie Marx es gelehrt hat, das
blinde eherne unerbittliche Naturgesetz. Der historische Materialismus teilt
den schweren Fehler, alles und jeden Empirismus, die Erfahrung selber als
absolut bestehend zu nehmen. „Er beschränkte sich grundsätzlich auf die Kon-
statierung desserg-was im sozialen Leben nun wirklich geschieht uNd tat-
sächlich erstrebt wird.-Das aber kann Gesetz und Einheit im menschlichen
Gesellschastsdasein nimmer liefern. Denn dieses ist auf bestimmte äußere
Regelung gegründet, deren eigentümliches Wesen die Zweckverfolgung «aus-
macht." Die angeblich souveränen „Produktionsverhältnisse" des Karl.Marx
sind weiter nichts als „Rechtsverhältnisse", Ausflüsse von Rechtsinsti-
tutioNen und diese wieder sind die Ergebnisse zweck- uickn, zielbewußten
menschlichen Handelns. .Der Mensch ist eben der Bürger zweier Welten:
nicht nur der Körperwelt und dem Naturreich gehört er an, auch des Reichs
des Geistes ist er teilhaftig, in ihm aber gilt das Zweckgefetz und nicht un-
erbittliches NatUrgebot. Aür das Werdende und Seinsollende ist Erfahrung
allein schlechthin unbrauchbar. Wie Kant mit Mcht lehrt: „in Betracht
der Natur gibt uns Erfahrung die Regel an die.Hand und ist.der Quell
der Wahrheit; in Ansehung der sittlichen Gesetze aber ist Crfahtung leider
die Mütter des Scheins und es ist höchst verwerflich, die Gesetze über das,
was ich tun soll, von demjenigen herzunehmen oder einschränken zu wollen,
was getan wird."

Mit aller Entschiedenheit muß besonnene kritische Ueberlegung die ein-
fach fatale Verwechselung von Naturgesetz und sozialem Gesetz, von natür-
lichen Verlauf und .geistig-sozialer Entwickelung zurückweisen. Mit Recht
erklärt daher Cohen (a. a. O. S. 313) die materialistische Geschichtsauffassung
für einen logischen und auch ethischen Fehler. „Wer sich auf die These ver-
steigt, daß der Mensch schlechterdiUgs das Produkt der Wirtschaft und des
Verkehrs sei, gerade weil er als Produzent derselben bedingt und verdingt
sei, der hat sich Mephisto verschrieben ; der hat den Unterschied zwischen der
Materie und dem Geiste Und der Sittlichkeit des Menschen preisgegeben.
Der Geist des Menschen ist seine sittliche Freiheit." Einige wenige praktische
Beispiele aus dem Leben seien zur Erhärtung unserer grundlegenden Bemer-
        <pb n="37" />
        ﻿klingen und zur Widerlegung des historischen Materialismus beigefügt. Der
überzeugte katholische, christgläubige Bergarbeiter und der freigewerkschaftlich
und sozialdemokratisch organisierte Bergarbeiter des Ruhrbezirks oder auch
Oberschlesiens gehört genau dem gleichen sozialen Milieu und derselben Um-
welt an,'unter genau den gleichen ,wirtschaftlichen Bedingungen schaffen Leide
im Produktionsverhältnis, ihr gesellschaftliches „Sein" ist idas Gleiche, aber
trotzdem ist ihr „Bewußtsein" in jeglicher Hinsicht himmelweit verschieden.
Unmöglich,kann also, Me es Marx weint, ihr wirtschaftliches Sein,, ihr
„Bewußtsein" schaffen! Weiter die Industriearbeiter des vielsprachigen
Oesterreichs gehören der gleichen sozialeii Schicht, nämlich dem gewerb-
lichen Proletariat an, diese Gleichheit ihrer LebensLediingUngen hat nun
aber auch in Oesterreich keineswegs dazu geführt, sie zu einer einheitlichen
politischen Partei zusammenzuschließen. Selbst soweit.sie dem Sozialismus
und der Sozialdemokratie zuneigen und soweit sie nicht — was in weitem
Umfang der Fall — den christlich-sozialen sich angeschlossen haben — gibt es
dort eine Reihe sozialdemokratischer Parteien der verschiedenen Rationali-
täten, deutsche, polnische, ruthenische Und tschechische Sozialdemokraten. Wie
im Deutschen Reich das religiöse Empfindungsleben die angeblich in letzter
Linie allein maßgeblichen wirtschaftlichen Bedingungen überwog, so gab
eben in Oesterreich in letzter Linie das nationale Moment und das ab-
sondernde Bewußtsein der Rassenzusammengehörigkeib den Ausschlag.

Und hart an das Komische grenzt es doch an, wenn Marx, Engels und
ihre Schüler, insbesondere Karl Kautsky, auch die Religion restlos auf
die Einwirkungen der jeweiligen Wirtschaft und auf den Stand der Technik
zurückführen wollen. Was soll man beispielsweise dazu sagen, wenn Engels
in einem viel beachteten Aufsatz ip der offiziellen Halbmonatsschrift der
deutschen Sozialdemokratie „Die neue Zeit", Jahrgang 1892/93, Band l,
S. 43, die Behauptung aufstellt: Ealvins Ansichten über die Gnadenivähl
seien der religiöse Ausdruck der Tatsache, daß in der Handelswelt der Kon-
kurrenz Erfolg oder Bankrott nicht abhängt von der Tätigkeit odsr^dem
Geschick des EiUzelnen, sdndern von Umständen, die von ihm Unabhängig
sind. Mit vollstem Recht sagt hierzu der berühmte Wiener Staatsrechts-
lehrer Anton Meng er in seiner „Reuen Staatslehre" (Jena, 1903): „Wer
die Geschichte des Christentums kennt, der weiß, daß jeder wichtigere Ausspruch
Christi oder der Apostel auf das religiöse Bewußtsein der Christen einen
ungleich größeren Einfluß ausgeübt hat als die gange wirtschaftliche Ent-
wickelung." (S. 290.) Und im Rechtsleben wie in der Staatengeschichte spie-
len nicht die wirtschaftlichen Verhältnisse, sondern — wenigstens sehr oft —
die realen Machtfaktoren die entscheidende Rolle. Hundertfach in der Welt-
geschichte ist eine neue dauernde Rechtsordnung durch gewalttätige Enteig-
nung ohne jede Entschädigung begründet worden. Heute noch wirkt nach
Jahrhunderten auf das kräftigste nach die Verteilung des englischen Bo-
dens durch die Normannen unter Wilhelm dem Eroberer (1066), die mas-
senhaften Konfiskationen des Kirchengutes in Deutschland seit dem 16.
Jahrhundert, die Einziehung eines großen Teils der böhmischen Wüter nach
der Schlacht am Weißen Berge (8. November 1620) Und die Einziehung der
Nationalgüter während der französischen Revolution. Schwerlich wird man in
diesen weltgeschichtlichen Ereignissen nur einen Ausfluß der damaligen „Pro-
        <pb n="38" />
        ﻿— 37 —

duktionsverhältnisse" erblicken wollen. Mit Fug weist weiter Menger a. a.
D. darauf hin, wie die französische Gesetzgebung, das Recht eines geistig,
politisch und wirtschaftlich hochentwickelten Volkes, im Gefolge der sieg-
reichen Fahnen Napoleons &gt;1. in Ländern verbreitet wurde, die wie z. V.
Neapel und Polen damals die mittelalterlichen Rechts- und Wirtschafts-
zustände kaum überschritten hatten. Der Briefwechsel Napoleons des I., ins-
besondere mit seinem Bruder Jerome, dem König Westfalens, ergibt ganz
klar, daß er die Veröffentlichung des Locke Napoleon (civile) lediglich als
eine Angelegerheit seines Nein persönlichen Ehrgeizetz betrachtet, irgend-
eine Rücksichtnahme auf die politisch, rechtlichen und wirtschaftlichen Ver-
hältnisse Neapels, Polens und Westfalens waren ihm ganz fern, kannte er
doch diese überhaupt nicht. Sehr kennzeichnend ist es auch, daß seine Gesetz-
gebung gerade in den wirtschaftlich gcknz zurückgebliebenen Ländern Polen
und Neapel auch nach dem Sturze des ,-Imperators unverändert fast bis zur
Gegeniwart in Kraft blieb, während sie in Westfalen bald beseitigt wunde.
„Und nach dem Sturze Napoleons stellten einzelne durch den Wiener Kon-
greß zurückgeführte Fürsten, z. B. der Kurfürst von Hassen und der König
von Sardinien, als wollten sie die materialistische Geschichtsauffassung zum
voraus widerlegen, die Rechts- und Verwaltuntzszustände vom Tage ihrer
Entthronung mit einem Federstriche wieder her, zum klaren Beweise, daß
die Laune eines kleinen Despoten eine ganze Rechtsordnung im Wider-
sprüche mit allen inzwischen herangewachsenen politischen, juristischen und
wirtschaftlichen Verhältnissen umstürzen kann, wenn ihr nur die genügenden
Machtmittel zu Gebote stehen." (Menger a. a. O. S. 293.) Um weiter ein
letztes Beispiel aus der Gegenwart anzuführen: Das industriell ent-
wickeltste Land Deutschlands, das frühere Königreich Sachsen, hatte lange
Jahre hindurch ein Klassenwahlrecht, das den wirtschaftlichen Verhältnissen
des Landes sich in keiner Weise anpaßte, der Arbeiterklasse sogut wie gar
keinen Einfluß in der Volksvertretung gewährte, sondern die 1. Kammer
sogut wie restlos dem — nur ganz schwach vertretenen Großgrundbesitz und
die 2. Kammer den besitzenden Volksschichten auslieferte. Hier in dieser
Hinsicht erwies sich LassalIe viel einsichtsreicher als sein großer Meister
Marx, wenn er in seinem berühmten Vortrag über Verfassungswesen (Band
I seiner Eesamtwerke, herausgegeben von Erich Blüm, S. 40/69) die Ge-
staltung der Verfassung und der staatlichen Organisationen, wie der ganzen
Rechtsordnung überhaupt, nur als einen Ausfluß der tatsächlichen Macht-
verhältnisse bezeichnete! So sehen wir, wie man did materialistische Ge-
schichtsauffassung auch immer kritisch betrachten mag, sie ist unfertig und
unausgedacht, ja positiv falsch. Es ist eben ein Ding der Unmöglichkeit, den
gewaltigen Strom der menschlichen Dinge, die unsagbare Vielgestaltigkeit
der geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse in das Prokrustesbett
der „Produktionsverhältnisse" und der „Technik" einschnüren zu wollen. Die
Wirklichkeit spottet dieser Fesseln!

Und sehr interessant ist es auch, daß in. Praxi fast alle Vertreter des
historischen Materialismus neben dem Gedanken der ursächlichen natur-
gesetzlichen Bedingtheit der wirtschaftlichen Phänomene den Z w e ck g e -
gedanken im weitesten Umfange wieder aufnehmen. Ganz besonders
kennzeichnend für diesen schweren methodologischen Sündenfall ist es, daß
        <pb n="39" />
        ﻿— 38 —

selbst der große Verkünder der reinen Lehre des Marx, her Wächter des
Erälsheiligtums, wie ihn Sombart a. a. O. sehr nett bezeichnet, Karl
Kautsky dieser Sünde nicht bloß ist. So sagt er in seinem Aufsatz „Tolstoi
und Brentano" („Neue Zeit" XIX, 2. Band, S. 20 flg.): „Die hervor-
ragendsten Vertreter des modernen Sozialismus wollen einen Zustand her-
beiführen, in dem die großen Staedte aufhören, sie wollen die Gesellschaft
erneuern . . . durch Reduzierung der notwendigen Arbeit in Landwirtschaft
und Industrie auf wenige Stunden im Tage, um dadurch die Zeit für die
freiwillige Beschäftigung der einzelnen in Spiel und Arbeit, im Forschen
und Sinnen, kurz, die Betätigung als freier Kulturmensch möglichst auszu-
dehnen. Das ist im Gegensatz zu Tolstoi das Ideal des Sozialismus."
Diese Meinung ist aber ^,vor allem der unvereinbare Gegensatz p einer
materialistischen Auffassung des sozialen Lebens, das nach dieser ein natur-
gesetzlich sich entwickelnder Mechanismus sein sollte, und es ist eim unlöslicher
Widerspruch gu Marx, der da gelehrt hatte: „Die Arbeiterklasse hat keine
Ideale zu verwirklichen." .(Stammler a. a. O., S. 669, Anmerk. 220.)

d) D i e K lasse nk am p ftheo ri e.

Nur ein Ausfluß des historischen Materialismus ist die stets mit aller
Schärfe zu allen Zeiten seiner Entwickelung von Marx festgehaltene
Lehre, daß die Arbeiterbewegung sich nur in der Form von Klassenkämpfen
abspielen solle. Alle wesentlichen Grundzüge dieser grandiosen Lehre
finden sich bereits in dem anfangs des Jahres 1848 veröffentlichten gemein-
schaftlich von Marx und Friedrich Engels verfaßten, im Jahre 1847 als
ProgramMschrift dem Bunde der Gerechten in Brüssel unterbreitetem und
von ihm mit Begeisterung angenommenen „Kommunistischen Manifest".
Trotz aller außerordentlichen Einseitigkeiten, Schärfen und verzerrter Ur-
teile findet man, wie Werber Sombart durchaus mit Recht (a. a. O., S. 60)
bemerkt, immer wieder neue unerwartete und unerhörte Wahrheiten in ihm.
Es ist einfach staunenswert, welcher ungeheuere Gedankenreichtum in diesen
wenigen Blättern — das ganze Manifest umffaßt in seiner 1912 im Vor-
wärtsverlag erschienenen 8. autorisierten, mit einem umfangreichen Vor-
worte von Karl Kautsky versehenen Auslage, 56 Seiten — enthalten ist.
„Es ist das seltsamste Schriftstück, das die Weltliteratur kennt. Es strotzt
von Irrtümern, von unreifen Ideen und es ist trotzdem ein unübertroffenes
Meisterstück. Von hinreißendem Schwünge . . . Manche Erkenntnisse, die es
enthält, sind von geradezu hellseherischer Weisheit eingegeben." Die eine
Keimzelle gewissermaßen schließt das Kommunistische Manifest alles Wissen
vom Wdsen der modernen bürgerlichen Gesellschaft in sich, freilich alles nur
in aphoristischer Form, giganten- und freskenhwft hingeworfen. Manche
Sätze muten an, als ob sie im Motfeuer des Bolschewismus geistern oder
heute von Lenin oder Trotzki selber niedergeschrieben chären,; gleich der
erste einleitende Satz beleuchtet blitzartig unsere heutige europäische Lage:
„Ein Gespenst geht um in Europa — das Gespenst des Kommunismus."
(S. 25 der ziterten Ausgabe.) Grundlegend ist gleich der erste Satz des
ersten Abschnitts „Bourgois und Proletarier": „Die Geschichte aller bisheri-
gen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen". (S. 25.) Nur waren
im Altertum und im Mittelalter die Klassengegensätze nicht so nackt und un-
        <pb n="40" />
        ﻿vermittelt wie heute, sie verhüllten sich mehr in patriarchalische Formen
der Ausbeutung, die Klassenkämpfe traten nicht so offen in die Erscheinung
wie heute. Unsere aus dem Untergange der alten feudalen Gesell/Haft her-
vorgegangene bürgerliche moderne Gesellschaft hat die Klassengegensätze un-
gemein vereinfacht. „Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in
zwei große feindliche Lager, in ztoei große einander direkt gegenüber-
stehende Klassen' Bourgoisie und Proletariat." (S. 26.) Diese Bourgoisie
war alles andere als von jeher staatserhaltend, im Gegenteil, sie „hat in
der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt. Die Bourgoisie, wo
sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen
Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Men-
schen an seinen natürlichen Vorgefetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen
und kein anderes Band zwischen. Mensch und Menschen übrig gelassen, als
bas nackte Interesse, als die gefühllose bare Zahlung. Sie hat die heiligen
Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spieß-
büUgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung er-
tränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an
die Stelle der zahllosen verbrieften und wohletworbenen Freiheiten die
eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat mit einem Worte an die
Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung
die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt. Die Bourgoisie
hat alle bisher ehrwürdigen Und mit frommer Scheu betrachteten Tätig-
keiten ihres Heiligenscheines entkleidet. Sie hat den Auzt, den Juristen,
den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten
Lohnarbeiter verwandelt. Die VouUgoisie hat dem Familienverhältnis sei-
nen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geld-
verhältnis zurückgeführt." (S. 28.) Aber buch ihre eigenen Verdienste um
die wirtschaftliche Entwickelung hat diese Bourgoisie. „Die Bourgoisie hat
in ihrer kaum hundertjährigen Klassenherrschaft massenhaftere und kolossa-
lere Produktionskräfte geschaffen, als alle, vergangenen Generationen zu-
sammen. Unterjochung der Näturkräfte, Maschinerie, Anwendung der
Chemie auf Jndüstrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elektri-
sche Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der
Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen — welches
frühere Jahrhundert ahnte, daß solche Prvduktionskräfte im Schoße der ge-
sellschaftlichen Arbeit schlummerten." (S. 30.)

Aber je mehr die moderne bürgerliche Gesellschaft diese gewaltigen Pro-
duktionskräfte schafft, gräbt sie sich selber ihr eigenes Grab, sie „gleicht dem
Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen
vermag, die er heraufbeschwor." (S. 3l.) Das aus ihrem Schoß entsprossene
Proletariat, das nur seine Arbeitskräfte fein eigen nennt, umfaßt die Män-
ner, welche die todbringenden Waffen gegen die Bourgoisie führen werden.
Dieses Proletariat wächst unaufhaltsam,- es umfaßt die ungeheuere Mehr-
heit des ganzen Volkes, immer mehr wächst es geradezu reißend. Deshalb
muß es auch endlich siegen, mögen auch noch soviel einzelne Kämpfe ver-
loren gehen. Lange Zeit wird ein mehr oder weniger versteckter Bürger-
krieg in der modernen bürgerlichen Gesellschaft, vorherrschen, bis das Prole-
tariat durch eine gewaltsame Erhebung die Herrschaft der Bourgoisie stürzt.
        <pb n="41" />
        ﻿— 40 —

Der 2. Abschnitt schildert das Verhältnis der Kommunisten zu den Prole-
tariern. Sie sind keine besondere Partei gegenüber den arÄeren Parteien,
,-die Kommunisten sind praktisch der entschiedenste, immer weiter treibende
Teil der Arbeiterparteien aller Länder, sie haben theoretisch vor der übrigen
Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die
allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus, Die tatsäch-
lichen Verhältnisse des Klassenkampses schassen selber den Kommunismus,
„Ihr entsetzt Euch darüber, daß wir das Privateigentum aufheben wollen.
Aber in Euerer bestehenden Gesellschaft ist das Privateigentum für neun
Zehntel ihrer Mitglieder aufgehoben, es existiert gerade dadurch, daß es
für neun Zehntel nicht existiert. Ihr werft uns also vor, daß wir ein Eigen-
tum aufheben wollen, welches die Eigentumslosigkeit der ungeheuren Mehr-
zahl der Gesellschaft als notwendige Bedingung voraussetzt," (S. 400

Der erste Schritt in der Arbeiterrevolution wird die Erhebung des
Proletariats zur herrschenden Klasse, die Erkämpfung der Demokratie fein,
„Das Proletariat wird feine politische Herrschaft dazu benutzen, der Vour-
goisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstru-
mente in den Händen des Staates, d, h, des als herrschende Klasse organi-
sierten Proletariats zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte
möglichst zu vermehren," &gt;(S, 44.) Diese Diktatur des Proletariats ist aber
— und das kann unseren, Bolschewisten und Spartakisten nicht angelegent-
lich genug zugeschrien werden — nur vorübergehend. Denn, „wenn das
Proletariat im Kampfe gegen die Bourgoifie sich notwendig zur Klasse
vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als
herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so
hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen des
Klassengegensatzes, die Klassen überhaupt und damit seine eigene Herrschaft
als Klasse auf. An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren
Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Ent-
wickelung eines jeden die Bedingung für die freie Entwickelung aller ist,"
(S. 45.) Rach einer Darlegung der sozialistischen und kommunistischen Lite-
ratur im 3, Abschnitt schließt dann der 4, Abschnitt „Stellung der Kommu-
nisten zu den verschiedenen oppositionellen Parteien" das ganze welt-
geschichtliche Dokument mit den berühmten lapidaren Sätzen: „Die Kommu-
nisten verschmähen es, ihre Ansichten zu verheimlichen. Sie erklären es of-
fen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen
Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung, Mögen die herrschenden
Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier ha-
ben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten, Sie haben eine Welt zu
gewinnen, Proletarier aller Länder vereinigt Euch," (S, 86.)

Klassenkampf bedeutet also im marxistischen Sinne nicht etwa einen
Kampf der Arbeiterschichten um bessere- Löhne und überhaupt um materiell
günstigere Daseinsbedingungen, sondern den Kampf für eine völlige Neu-
ordnung der Gesellschaft, -

Und die Behauptung erscheint wohl wahrlich als nicht zu kühn, daß
gerade Märx selber über die heutige Ausgestaltung der „Weltrevolutian"
des Proletariats, die sich immer mehr und mehr in blinde, unvernünftige
        <pb n="42" />
        ﻿— 41 —

Lohnbewegung und wilde, die ganze deutsche Volkswirtschaft zerrüttende
Streiks ausgewachsen hat, einfach entsetzt sein würde!

In der Kritik dieser Klassenkampftheorie können wir uns sehr kurz fas-
sen. Alles, was wir in unseren früheren Aufsätzen über den historischen Ma-
terialismus zu dessen Bekämpfung ausführten, gilt auch hier. Gewiß üben
wirtschaftliche Vorgänge und wirtschaftliche Machtverhältnisse einen sehr
weitgehenden Einfluß auf das Dasein und die geschichtliche Entwickelung .der
einzelnen Menschen sowohl wie ganzer Völker aus, aber es ist eine unge-
heuere Uebertreibung und gewaltige Einseitigkeit, zu lehren, daß der ganze
Ablauf der menschlichen Dinge, die gesamte politische, geistige und auch
religiöse Geschichte weiter nichts sei als ein Kampf der sozialen Klassen um
die Futterplätze und um die Macht. Niemals ist damit menschliche Univer-
salgeschichte identisch und erklärt sich aus ihm restlos! Das ist schon früher
mit allem Nachdrück betont. Nur das sei hier nochmals besonders hervor-
gehoben: Die Religion führt ihre ei!gene von der Wirtschaft und vom je-
weiligen Staate fast losgelöste Sonderexistenz für sich. Ihr Reich ist nach
den Worten des großen Nazareners wahrhaftig nicht von dieser Welt. Die
Religion, deren	wechselvolle Gestalten einen sehr	großen Teil	der

Menschheitsgeschichte ausmachen, erhebt den Gläubigen über das Dies-
seits, sie tröstet ihn über die irdischen Bedrängnisse und bringt ihn in ein
Verhältnis zu Gott und hebt ihn empor über die Schrecken des Todes. Die
Religion verfolgt durchaus überirdische Ziele, die mit staatlichen und wirt-
schaftlichen Dingen schlechterdings nichts, aber auch gar nichts gemein
haben.

Die wissenschaftlichen Schwächen dieser Klassenkampflehre sind denn auch
den besten Köpfen des Sozialismus, insbesondere des Revisionismus"
in der Sozialdemokratie nicht immer verborgen geblieben. Aber
sie konnten sich	leider	nicht dazu entschließen, „diese völlig	ver-
altete Doktrin"	(wie	sie einer der geistvollsten	neueren Sozial-
demokraten Dr.	Paul	L e n s ch in seiner soeben	erschienenen	klei-

nen Schrift „Am Ausgang der deutschen Sozialdemokratie" (S. 25)
nennt) in ihrer „Starrheit und Enge" zu überwinden. Diese schwere „Unter-
lassungssünde" richtete sich nun „mit zerschmetternder Gewalt gegen sie selbst
und gegen Staat und Freiheit." (Lensch a. a. O., S. 23.) Spartakus und
Unabhängige nützten sie trefflich aus. „Mit dieser alten Ideologie haben
Unabhängige Und Spartakisten den Bürgerkrieg in Deutschland entfesselt,
die Kämpfe in Berlin, unter Liebknecht und Luxemburg, in Bremen, Mün-
chen, im Rührgebiet, in Mitteldeutschland, sie alle hatten zur Grundlage
die alte Klassenkämpftheorie." (Lensch, S. 23.) Man hatte schon ganz wieder
vergessen oder richtiger wohl, man war sich überhaupt gar nicht darüber
klar geworden, daß jetzt nach dem 9. November 1918 nicht mehr die Bour-
goisie die herrschende Klasse im Staate ist, sondern die Arbeiterschaft.

c) D i e Marxische Wert- und Mehrwerttheorie.

Nach dem kurzen Aufriß der Fundamente der stolzen sozialphilosophi-
schen Lehren des Karl Marx wollen wir uns nunmehr der Darlegung seiner
wichtigsten einzelnen nationalökonomischen Lehren zuwenden. Wir be-
        <pb n="43" />
        ﻿— 42 —

ginnen mit einer ganz kurzen Darlegung seiner außerordentlich schwer ver-
ständlichen Wert- und Mehrwerttheorie. Gleich eingangs unserer auch hier
getreu unserem Programm nur ganz skizzenhaften Erörterung müssen wir
aber vor der nicht nur in Laienkreisen sehr weit verbreiteten Auffassung
warnen, als ob diese Theorien das Zentrum der ganzen marxischen Na-
tionalökonomie, der Grund- und Eckstein gewissermaßen seines Lehrgebäu-
des wären. Niemals hat bei Marx die Wert- und Mehrwerttheorie die ge-
waltige Bedeutung gehabt wie bei den früheren Sozialisten, etwa Owen,
Rodbertus und Lassalle. Niemals hat Marx gelehrt, die Arbeiter erhielten
unter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung einen zU niedrigen, unge-
rechten Lohn und deshalb müsse eine neue gerechtere Wirtschaftsordnung
geschaffen werden. Derartige ethische Erwägungen sind dem großen Sozial-
philosvphen und Wirtschaftstheoretiker stets durchaus fremd gewesen. Mit
seiner berühmten Wert- und Mehrwerttheorie hat er nur den Halt und das
innere Gefüge der kapitalistischen Wirtschaftsordnung aufzeigen wollen.
Durchaus mit Recht betont Karl Diehl (Sozialismus, Kommunismus,
Anarchismus, 2. Auflage, S. 211), daß auch beim Nachweis der gänzlichen
Unrichtigkeit feiner Wert- und Mehrwerttheorie noch gar nichts bewiesen
wäre gegen die Richtjgkeit der marxischen These der Naturnotwendigkeit
der neuen kommunistischen Wirtschaftsordnung. Engels sagt über das Ver-
hältnis des Wertgesetzes zum Marxischen Sozialismus überhaupt: „Marx
hat nie seine kommunistischen Forderungen hierauf begründet, sondern auf
den notwendig sich vor unseren Augen täglich mehr und mehr vollziehenden
Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise" (Vorwort zum „Elend
der Philosophie")

Die Grundlage alles und jeden Reichtums der privatkapitalistischen
Wirtschaftsordnung, einer Gesellschaftsform, die nicht Gebrauchswerte für sich,
sondern solche für andere, d. h. für den Markt herstellt, ist nach Marx die mensch-
liche Arbeitskraft. Allen Waren ist bei und trotz ihrer unendlichen Mannig-
faltigkeit und Vielgestaltigkeit eine Eigenschaft gemeinsam: die von Ar-
beitsprodukten. ^Abstrahieren wir von dem jeweiligen konkreten Ge-
brauchswert der Waren, .... so verschwinden auch die verschiedenen kon-
kreten Formen dieser Arbeiten, sie unterscheiden sich nicht länger, sondern
sind allzusamt reduziert auf gleiche menschliche Arbeit, abstrakt menschliche
Arbeit." (Marx: „Das Kapital", 8. Auflage, herausgegeben von Friedrich
Engels, Band I, S. 4.) Jedes Gut oder jeder Gebrauchswert hat nach Marx
nur deshalb einen Wert, „weil abstrakt menschliche Arbeit in ihm ver-
gegenständlicht oder materialisiert ist." (S. 5 a. a. O.) Die Größe des Wer-
tes mißt sich durch das Quantum der in dem Gute enthaltenen wertbilden-
den Substanz, eben der Arbeit. Den sehr naheliegenden Einwand, daß die
menschliche Arbeitskraft als unbedingt gültiger Maßstab für den Wert eines
jeglichen Guts schon deshalb völig unbrauchbar fei, weil sie doch je nach
der Beschaffenheit ihrer einzelnen Träger, ob faul oder fleißig, geschickt oder
ungeschickt, sehr verschiedenartig sei und demnach die-Ware, die ein träger
oder ungeschickter Arbeiter in weit längerer Zeit herstelle — demnach auch
wertvoller sein müsse als die in kürzerer Zeit von, einem fleißigen und
tüchtigen Arbeiter hergestellte, weist Marx selber mit dem Hinweise darauf
zurück, daß er nicht die einzelne individuelle Arbeitskraft als Maß-
        <pb n="44" />
        ﻿— 43 —

stab und Wertmesser zu Grunde lege, sondern „die gesellschaftliche Durch-
schnittsarbeitskraft". „Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist Arbeits-
zeit, erheischt, um irgendeinen Gebrauchswert mit dem vorhandenen gesell-
schaftlich normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen
Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität der Arbeit darzustellen . . .
Es ist also nur das QuantUm gesellschaftlich notwendiger Arbeit oder die
zur Herstellung eines Gebrauchswerts gesellschaftlich notwendige Arbeits-
zeit, welche seine Wertgröße bestimmt . . . Als Werte sind alle Waren
nur bestimmte Maße festgeronnener Arbeitszeit." (Marx a. a. O., S. 6.)
Irgendeinen Unterschied zwischen den verschiedenen Arten der Güter und
Waren macht Marx hierbei ebensowenig wie bei den verschiedenen Arten
menschlicher Arbeit. Die Arbeit des schlichten ungelernten Tagelöhners oder
landwirtschaftlichen Arbeiters steht ihm mit den Gemälden eines Rem-
brandt oder Rubens oder mit den Ewigkeitsschöpfungen eines genialen
Dichters oder Philosophen vollkommen gleich. „Kompliziertere Arbeit gilt
nur als potenzierte oder vielmehr multiplizierte einfache Arbeit, so daß ein
kleineres QuantUm komplizierter Arbeit gleich einem größeren QUantum
einfacher Arbeit . . . Eine Ware mag das Produkt der kompliziertesten Ar-
beit sein, ihr Wert setzt sie dem Produkt einfacher Arbeit gleich und stellt
daher selbst nut ein bestimmtes QUantum Einfacher Arbeit dar." (a. a.
O., S. 11.) Das in allen Maren steckende gemeinsame, eben die gesell-
schaftlich notwendige DUrchschnittsarbeitszeit für ihre Herstellung, ermög-
licht auch nur ihren Umtausch am freien -Verkehr.

In unserer heutigen privatkapitalistischen Wirtschaftsordnung verwan-
delt sich nun beständi-g Geld in Kapital, in der Weise, daß -zunächst Geld
in Ware verwandelt wird und die vom Gelde beschaffte Ware sich wieder in
Geld zurückverwandelt. Aber' selbstredend hat diese ganze Operation nur
dann Sinn und Verstand -für den Eigentümer des Geldes, wenn das zuletzt
erzielte Geld einen Ueberschuß aufweist über das zunächst.von ihm zur An-
schaffung von Ware verausgabte Geld. Der Zirkulationsprozeß: Geld,
Ware, Geld, Laufen um zu verkaufen, muß mit einem Ueberschuß abschließen.
„Dieses Inkrement oder den Ueberschuß über den ursprünglichen Wext
nenne ich Mehrwert (zurplu8 value) (Marx a. ,a. O. S. 113.) Diese
Bewegung verwandelt den Ueberschuß in Kapital. „Die Bewegung des
Kapitals ist maßlos." (S. 118.) Diese Grundlage seines Mehrwerts wen-
det nun Marx auch speziell auf den Arbeitsprozeß, auf den Kauf und Ver-
kauf der menschlichen Arbeitskraft an. Dabei geht er von der grundlegen-
den Annahme aus, daß auch diese, die menschliche Arbeitskraft nichts an-
deres sei als nur eine „eigentümliche Ware", deren Wert gleich dem jeder
anderen Ware bestimmt sei „durch die zur Produktion, also auch zur Re-
produktion 'dieses spezifischen Artikels notwendige Arbeitszeit." (S. 133)
Zu seiner Erhaltung bedarf nun das lebendige Individuum einer gewissen
Summe von Lebensmitteln. „Der Wert den Arbeitskraft ist also der Wert
der zur Erhaltung ihres Besitzers notwendigen Lebensmittel. Der Betrag
an Lebensmitteln also, die eine Arbeitskraft für sich selber und seine Kinder
täglich gebraucht, würde den Wert einer täglichen Arbeitskraft bedeuten.
        <pb n="45" />
        ﻿— 44 —

Nehmen wir nun an, so sagt Marx, sechs Stunden Arbeit täglich seien
nötig, um, die Arbeitskraft herzustellen und ebensoviel und ebensolche Ar-
beitszeit stecke in drei Schillingen oder einem Taler. Dann kann der Kapi-
talist diese Arbeitskraft zu ihrem Werte, d. h. für drei Mark täglich kaufen.
Nichts aber hindert den Kapitalisten, der ja die Verfügung über die Ar-
beitskraft für einen Tag gekauft hat, sie anstatt sechs Stunden volle 12
Stunden auszunutzen. Dias ergibt einen ^Unterschied von sechs Stunden zu
Gunsten des Kapitalisten. Sechs Stunden nur sind im Lohne bezahlt, der
die Herstellung der Arbeitskraft möglich macht, die anderen sechs Stunden
sind unbezahlte Arbeit, Mehrarbeit, Mehrprodukt, Mehrwert. (S. 135—139
a. a. O.) Der ganze Unternehmergew-inn beruht also nach dieser Lyhre
lediglich darauf, daß der Kapitalist dem Arbeiter nur einen Teil der von
ihm geleisteten Arbeit bezahlt. Für die sozialdemokratische Tagesagitation
bildet zwar diese düstere Lehre eine treffliche Waffe — und -noch heute spielt
sie in der Presse der „Unabhängigen Sozialdemokratie" eine erhebliche
Rolle;— aber entscheidende Schlüsse für seinen Sozialismus hat der Meister
selber aus ihr niemals gezogen.

Diese ganzen stolzen Gedankengebäüde mögen manche einzelne Wahr-
heiten in sich schließen, aber in ihrer Gesamtheit sind sie nichts als luftige
Hegelsche Konstruktionen!. Eine gewaltige Verkennung der blühenden Wirk-
lichkeiten des Wirtschafts- und Geisteslebens will es Zunächst bedeuten, alle
und jegliche, doch so unendlich verschiedene menschliche Arbeitskraft auf eine
„gesellschaftlich notwendige Durchschnittsarbeitskraft und Arbeitszeit" zürück-
führen zu wollen. -Völlig unverständlich ist es, wie man den frei schöperi-
schen Genius eines Dürer oder Goethe, eines Kant oder Luthers mit der
Arbeitskraft eines ehrenwerten Ackerknechts oder Latrinenfegers auch nur
im entferntesten vergleichen wag. Niemals wird man selbst bei der scharf-
sinnigsten Betrachtung anzugehen in der Lage sein, wieviel „gesellschaftlich
notwendige Durchschnittsarbeitszeit" denn zur Schaffung des Abendmahls
oder des Faust erforderlich gewesen sei. Aber wir brauchen nicht einmal
zu den Heroen der Menschheit zu gehen, selbst um die zur Herstellung eines
jeden besseren Romans oder jedes den Durchschnitt einigermaßen über-
ragenden Gedichts oder einer Statue oder eines Gemäldes oder eines
brauchbaren wissenschaftlichen Werkes erforderliche gesellschaftliche Arbeits-
zeit festzustellen, fehlt es an allem und jedem Anhalt. Nur wenn man
geflissentlich wie Marx seine- Augen vor der Bedeutung der leitenden Tätig-
keit des Unternehmers, des Oberingenieurs, des Generaldirektors völlig
verschließt, kann man die einfache ungelernte physische Arbeit als Wertmaß-
stab zu Grunde legen. Stets wird auch das subjektive Moment bei
der Wertschätzung die größte Rolle spielen. Marx wird aber auch in keiner
Weise bei seiner Lehre der ungeheuren Bedeutung der Seltenheitswerte
und insbesondere der natürlichen und rechtlichen Monopole in unserer Wirt-
schaft gerecht. Die Werte und Preise unserer Grundstücke, der städtischen wie
der ländlichen, und der Bergwerke richten sich in nichts nach der auf ihre
Bestellung und Instandhaltung verwandten menschlichen Arbeitskraft, nicht
der Arbeitsaufwand, fei es an körperlicher oder geistiger, erzeugt die ge-
rade in den letzten Jahrzehnten in Deutschland wie allenthalben in der
ganzen Kulturmenschheit sprunghaft in die Höhe schnellenden Grundrenten,
        <pb n="46" />
        ﻿— 45 —

sondern diese völlig unverdienten Wertzuwachse, die in die dutzende von Mil-
lionen gehen, schafft der wirtschaftliche und kulturelle Fortschritt der G e -
s a m t h e i t der Volksgenossen. Nur wenige Beispiele, die sich leicht zu
Dutzenden vermehren ließen (vergl. Damaschke: Aufgaben der Gemeinde-
politik, 26.727. Tausend, 1918, S. 5—11) mögen die gewaltige volkswirt-
schaftliche Bedeutung der steigenden Grundrente, dieses völlig arbeit-
losen, unverdienten Mehreinkommens und reinen Konjunkturgewinnes dar-
legen. Humboldts Haus kostete 1746: 4350 Taler, 1803: 35 000 Taler, 1863:
92 000 Taler, 1875: 140 000 Taler. Irgendein Umbau fand hierbei nicht
statt. Das Palais des Fürsten v. Radziwill in Berlin wurde 1791 für 30 000
Taler, 1795 für 60 000 Taler und 1875 für 2 Millionen Taler verkauft. Das
am 5. Januar 1842 in Berlin vor dem Halleschen Thore eingeweihte Rother-
stift kostete damals nicht ganz &lt;54 000 Mark, im Jahre 1895 erwarb es das
Warenhaus Tietz für 1976 000 Mark nur zum Zweck des Abbruchs. Den
reinen Bodenwert ohne jede Baulichkeiten von Berlin berechnete
der bekannte Nationalökonom der Berliner Universität Professor Julius
Wolff für 1830 auf 17 Millionen, 1850 auf 45 Millionen, 1870 auf 623 Mil-
lionen, 1890 auf 2184 und auf 5000 Millionen im Jahre 1910. Im Jahre
1797 hatte der Magistrat der Stadt Posen das Geburtshaus des Feldmar-
schalls v. HindenbUrg für 4000 Mark verkauft, im Jahre 1903 wurde das
Grundstück, die Gebäude waren zum Abbruch bestimmt, für 600 000 Mark
verkauft. Der Gesamtwert des nackten Grund und Bodens am Charlotten-
burger Kuafllrstenidamm stieg von 100 000 Mark im Jahre 1861 auf 50
Millionen im Jahre 1898. Ebensowenig auf menschliche Arbeitskraft und
auf „Ausbeutung" der in ihr beschäftigten Arbeiter ist das märchenhafte An-
schwellen der Werte der Bergwerke und der Anteile an ihnen(Kuxe und
Aktien) in den letzten Jahrzehnten deutscher Volkswirtschaft zurückzuführen,
sondern auf die gewaltige Blüte der deutschen! Volkswirtschaft und des deut-
schen Staatsvolks als solchem. Aber selbst wenn man von diesen sehr schwer-
wiegenden unerschütterlichen Einwendungen völlig absieht und einräumen
wollte, daß es möglich sei, alle Produktionskosten auf Arbeitsmengen zu-
rückzuführen, so scheitert die ganze Marxische Wert- und Meh'rwerttheorie an
der einfach unumstößlichen Tatsache, daß in der privatkapitalistischen Wirt-
schaftsordnung mit ihrem freien Handel und ihter grundsätzlich unbe-
schränkten Konkurrenz über den Wert der Waren — Und .zwar aller aus-
nahmslos — in letzter Linie die Nachfrage der Verbraucher eütscheidet.
Die jeweilige Marktlage, die Gestaltung der Konjunktur ist ausschlaggebend.
Versteift sich der Absatz, treten Stockungen oder gar Handelskrisen ein, so
sind die Warermaffen trotz aller darauf verwandten fleißigen und an sich
nützlichen Arbeitsleistungen unverkäuflich oder können doch nur zu einem
Preise losgeschlagen werden, der kaum ihre Herstellungskosten deckt. Nur in
einer zwangsläufig geordneten, völlig sozialisierten Volks- und Weltwirt-
schaft könnte die Behauptun'g: allein Wertbestimmend für jegliche Ware sei
die auf ihre Herstellung verwandte gesellschaftlich notwendige Durchschnitts-
arbeitszeit auf Wahrheitsgehalt Anspruch erheben.

Und was nun endlich den vielbesprochenen und vielgelästerten „Mehr-
wert" anbelangt, den angeblich nach Karl Marx restlos der Unterneh-
mer für sich einstreicht, den er persönlich dem Arbeiter entzieht, um sich an
        <pb n="47" />
        ﻿(

— 4li —

ihm zu bereichern, jo ergibt sich, wie Walter Rathenau' in seinen geist-
vollen Schriften „Von kommenden Dingen" (Abschnitt: „Der Weg der
Wirtschaft" und neuestens in seiner Broschüre „Nach der Flut" im Aufsatz
„Sozialisierung und Hein Ende", S. 13 fsg. überzeugend nachgewiesen hat)
das „ganz Ueberrafchende, kaum Glaubliche, daß im Lauf der Jahre das
Unternehmen, selbst wenn es noch so glänzende Erträge erzielt hat, dennoch
mehr Geld empfangen, als ausgezahlt hat. Das Werk hat hohe Gehälter und
Löhne entrichtet und darüber hinaus an seinem eigeneu Wachstume ge-,
arbeitet. Im Zeitraum von dreißig Jahren mutzte die industrielle Anlage
mindestens dreimal erneuert werden, .„Maschinen halten etwa 'zehn Jahre,
Gebäude länger, Werkzeuge und Einrichtungen kürzer, das meiste aber mutz
ersetzt werden, bevor es verbraucht ist, weil es veraltet." (Rathenau: Nach
der Flut, S. 15.) So mutz der Mehrwert größtenteils dem Unternehmen als
solchem wieder zugeführt werden. „Der Sinn des Mehrwerts und Profits
ist Wirtschaftsrücklage. Ganz gleichgültig, wer den Mehrwert in Empfang
nimmt oder verwaltet,, abgeschafft kann er nicht werden, verbraucht werden
darf er nicht. Aus dieser Quelle kann und wird nie der einzelne seine Le-
bensführung verbessern." (Rathenau a. a. O., S. 19.)

Auch das wird unbestreitbar sein, datz die Arbeiter und Angestellten zu-
folge ihrer machtvollen Organisationen, ihrer Gewerkschaften, heute und
schon seit Jahrzehnten sehr wohl in der Lage sind, auf die Höhe des Ar-
beitslohnes einen bestimmenden Einfluß auszuüben, ihn weit über die
Eestellungskosten der Ware „Arbeitskraft" hinauszutreiben und auf die
Weise die durchaus veränderliche Rate des Mehrwerts erheblich zu kürzen.
Auch diese Betrachtungen werden geeignet sein, dem Begriff des „Mehr-
werts" und seiner schlagw'ortähnlichen Anwendung sehr viel von seiner Ge-
hässigkeit zu nehmen.

Die Darstellung von Marx selbst leidet übrigens insofern an einem
schweren klaffenden Widersprüche, als er in seinem fast ein Menschenalter
später — erst 11 Jahre nach seinem Tode 1894 — erschienenen dritten Bande
des „Kapital" (S. 120—179, insbesondere S. 156 flg.) selber des langen und
breiten durchaus zutreffend ausführt, datz im heutigen Zeitalter der kapi-
talistischen Produktionsweise nicht die gesellschaftlich notwendige Durch-
schnittsarbeitszeit, sondern die Produktionskosten zuzüglich des üblichen Ka-
pitalgewinnes den Warenpreis bilden. Damit hat er sein Wertgesetz und
seine Mehrwerttheorie mit eigenen, Händen erwürgt. „Und erklärt mir
Graf Oerindur diesen Zwiespalt der Natur."

ä) Die Konzentrationstheorie.

Entscheidende Folgerungen aber für die „naturnotwendige" nach ehernen
großen Gesetzen sich vollziehende allmähliche Umwandelung unserer privat-
kapitalistischen, auf dem privaten Eigentum an den Produktionsmitteln be-
ruhenden Wirtschaftsordnung in die sozialistische Wirtschaftsordnung, in die
Eemeinwirtschaft, hat Marx selber aus seiner Wert- und Mehrwerttheorie
niemals gezogen. Die an sich gewiß sehs wichtigen und interessanten
Lehren bewegen sich daher nur in den Vorhöfen des Marxischen Tempel-
baus, sie bilden nur ein Vorwerk des Marxismus, aber nicht sein Volks-
        <pb n="48" />
        ﻿— 47

Wirtschaftliches Rückgrat. Als solches und als Kern- und Bollwerk sind viel-
mehr die Ko ng e n t r a t ions-, die A k kü m u l at i o n s die Ver-
elendungs - und die Krisentheorie anzusprechen. Auf ihrer Grund-
lage folgert Marx die Naturnotwendigkeit des Zusammenbruchs der kapi-
talistischen. Wirtschaftsordnung. Wir betrachten zunächst die Konzentrations-
theorie. Unter ihr versteht Marx, daß infolge der gewaltigen technischen
Ueberlegenheit des Großbetriebes auf allen Gebieten der Volkswirtschaft,
sowohl in der Landwirtschaft wie auch in der Industrie als auch im Handel
ausnahmslos die kleineren und mittleren Betriebe restlos aufgesogen
werden und nur noch wenig ganz große Unternehmungen, Riesenbetriebe,
übrig bleiben. Sehr anschaulich sagt hierüber das Kommunistische Manifest:
„Die bisherigen kleinen Mittelstände, die kleinen. Industriellen, Kaufleute
und Rentiers, die Handwerker.und Bauern, alle diese Klassen fallen ins
Proletariat hinab, teils dadurch, daß ihr kleines Kapital für den Betrieb
der Großindustrie nicht ausreicht und der Konkurrenz mit den Großkapita-
listen unterliegt, teils dadurch, daß ihre Geschicklichkeit von neuen Produk-
tionsweisen entwertet wird." (6. 33.) Auch für die ganze Landwirtschaft
findet diese Theorie Anwendung, auch auf ihrem Gebiete vollzieht sich nach
Marx die Zusammenballung der Betriebe unaufhaltsam. Im dritten Band
des „Kapital" gibt Marx als die Ursachen für den Untergang des Eigen-
tums des kleineren und mittleren Bauern folgende an: „Vernichtung der
ländlichen Hausindustrie, Aufsaugung des dieser Kultur unterworfenen
Bodens, Usurpation des Gemeineigentums durch Großgrundeigentümer,
Konkurrenz der kapitalistischen Betriebe, Großkultür. Das Parzellenei.gen-
tum schließt seiner Natur nach aus: Entwickelung der gesellschaftlichen! Pro-
duktionskräfte der Arbeit, gesellschaftliche Form der Arbeit, gesellschaftliche
Konzentration des Kapitals, Viehzucht in großem Maßstabe, progressive An-
wendung der Wissenschaft." Diese Lehre hat auch restlos in dem heute noch
maßgebendem Erfurter sozialdemokratischen Parteiprogramm Aufnahme ge-
funden. Folgende Sätze geben sie programmatisch zugespitzt wieder: „Die
ökonomische Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft führt mit Naturnot-
wendigkeit zum Untergang des Kleinbetriebs, . . . Die Produktionsmittel
werden das Monopol einer verhältnismäßig kleinen Zahl von Kapitalisten
und Großgrundbesitzern; Hand in Hand mit dieser Monopolisierung der
Produktionsmittel geht die Verdrängung, die Zersplitterung kleiner Be-
triebe durch kolossale Großbetriebe, geht die Entwickelung des Werkzeuges
zur Maschine, geht ein riesenhaftes Wachstum der Produktivität der mensch-
lichen Arbeit."

Ganz gewiß hat sich die Richtigkeit dieser Lehre auf dem Gebiete un-
serer Industrie in einem Umfang erwiesen, der dem divinatorischen
Scharfblick ihrer geistigen Väter — Marx und Friedrich Engels — alle
Ehre bereitet. Namentlich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika,
aber auch in England und in unserem deutschen Vaterland hat sich eine Kar-
tellierung und Vertrustung des Kapitals in den letzten drei Jahrzehnten
vollzogen, welche die kühnsten Erwartungen von Marx weit in den Schatten
stellt. Nach Angaben von Werner Sombart (a. a. O., S. 84) hatten bereits zu
Anfang des 20. Jahrhunderts einige wenige Trusts in den Vereinigten Staaten
8664 früher selbständige industrielle Anlagen mit einem Kapital von über 20
        <pb n="49" />
        ﻿— 48 —

Milliarden Dollars, gleich 85 Milliarden Mark, in sich aufgesogen. Davon ent-
fielen allein auf 7 große Jndustrietrusts, in denen insgesamt 1528 früher
selbständige industrielle Werke aufgegangen waren, 2663 Millionen Dol-
lars und auf die 6 großen Eisenbahnkonzerne 9017 Millionen Dollars.
Aber auch bei uns, im Deutschen Reiche sowohl wie in Preußen, macht sich
in Industrie und im Gewerbe auf allen Stufen ein Fortschritt in der Rich-
tung der Vergrößerung der Betriebe stetig und unaufhaltsam bemerkbar. In
einer ganzen Anzahl von Gewerbebetrieben ist bereits heute der Sieg des
Großbetriebes völlig und restlos für immer entschieden und der Widerstand
gegen diese Entwickelung auch gänzlich verschwunden. Diese Tatsache zeigt
sich insbesondere deutlich in der Verteilung der beschäftigten Personen auf
die Betriebe. So kamen bereits im Jahre 1895 auf 1000 in dem betreffen-
den Industriezweige beschäftigte Personen in Großbetrieben mit mehr als
50 Personen: im Steinkohlenbergbau 998, in der Rübenzuckerfabrikation:
991, in der Dampfmaschinenfabrikation: 956 gegenüber 916 im
Jahre 1882, in der Baumwollspinnerei: 928 gegenüber 810, in der Por-
zellanfabrikation: 889 gegen 811, in der Wollspinnerei: 780 gegen 606, im
Wage »bau und in der Fahrrgdfabrikation: 777 gegen 711, in der Blech-
warenfabrikation: 720 gegen 528, in der Baumwollweberei: 672 gegen 155,
in der Wollweberei 638 gegen 476, in der Seidenweberei 573 gegen 178, im-
mer im Jahre 1882.

Und weiter: die industriellen Großbetriebe mit mehr als 50 Arbeitern
vermehrten sich von 1882 bis 1895 im Reich der Zahl nach um 98 v. H., dem
beschäftigten Personal nach um 89 v. H., die Großbetriebe selber wuchsen in
diesen nur 13 Jahren von 9971 auf 18 953, und die in ihnen beschäftigten
Personen von 1613 aus 3 011376. Besonders auffallend aber ist das gewaltige
Wachstum der industriellen Großbetriebe in Preußen zwischen den bei-
den Cewerbezähkungen vom Jahre 1895 und 1907. Mährend dort die Klein-
betriebe mit 1—«5 Personen in diesem Zeitraume von 109 332 auf 181069
anwuchsen, also um 18,3 v. H. zunahmen Und die in ihnen beschäftigten Per-
sonen im gleichen Zeiträume von 1078 396 auf 1231725, also um 11,5 v. H.
sich vermehrten, steigen die Großbetriebe mit 50—1000 Personen im gleichen
Zeitraum »on, 9 955 auf 13 105, d. h. 61,8 v. H. und die ln ihnen beschäftigten
Personen von 111199 auf 317199, also um 64 v. H., und die ganz großen
Betriebe, die Riesenbetriebe mit über 1000 Personen, schwellen an von 189
auf 358 Und die in ihnen tätigen Hilfskräfte vermehren sich won 331 261 auf
682 12i, eine Zunahme also um 89,1 und einhundert und vier vom Hundert!!
Gewiß ergeben diese wenigen Ziffern ein ganz gewaltiges Anwachsen der
Groß- und Riesenbetriebe in der gesamten Industrie und in allen Gewerben,
aber ebenso legen sie auch klar und unwiderleglich Äwr, daß von einer völ-
ligen Zerstörung und AUfreibuüg der kleineren vorkapitalistischen, rein
handwerksmäßigen Betriebe und der mittleren kapitalistischen Unterneh-
mungen gar nicht die Rede sein kann. Roch im Jahre 1907 nach der letzten,
freilich schon über ein volles Dutzend Jahre zurückliegenden amtlichen deut-
schen Industrie-Mnd CewerbezählÜng wurden von de'n in der Industrie ins-
gesamt beschäftigten 11 Millionen Arbeitskräften in Kleinbetrieben (von
1 —5 Personen!) nicht weUiger als 5 353 576 beschäftigt. Mit anderen Wor-
        <pb n="50" />
        ﻿49 —

ien, diese kleinen wesentlich vorkapitalistischen, vorzugsweise hand-
werksmäßigen Betriebe umfassen heute nach über ein Drittel der gesamten
gewerblichen Bevölkerung. Die in Kleingewerben tätige Arbeiterschaft ver-
mehrte sich sogar von 1882^1907 noch um rund 28 v. H. Ebensowenig ist
von einer „restlosen Aufsaugung" der mittleren gewerblichen Betriebe
bei uns die Rede. 1907 waren in industriellen Mittelbetrieben noch fast
4 Millionen Menschen tätig, genau 3,6 Millionen gegen 5,3 Millionen in
Großbetrieben. Bon 1882 bis 1907 verNiehrte sich diese Größenklasse immer-
hin noch um l60 v. H. gegenüber 230 v. H. der Großbetriebe. Gewiß find
unleugbar ungemein zahlreiche dieser kleineren Betriebe weiter nichts als
„Kapitalshörige", worauf nicht nur der bekannte sozialistische Theoreti-
ker Karl Kautsky, insbesondere in seiner Erläuterung des sozialdemokrati-
schen Erfurter Parteiprogramms, sondern auch Merner Sombatt in seinem
unübertrefflichen Meisterwerk „Der moderne Kapitalismus" (1. Auflage,
Band II) mit allem Nachdruck hingewiesen hat. Aber immerhin wirtschaft-
liche Abhängigkeit vom (Groß) Kapital bedeutet durchaus nicht technisches,
ökonomisches und rechtliches Aufgehen im Großbetrieb, nach wie vor bilden
sie für die rechtliche, technische und schließlich auch wirtschaftliche Betrach-
tungsweise der Dinge selbständige Betriebsgrößen und wirtschaftliche Ein-
heiten.

Noch weit, widerstandskräftiger als in der Industrie hat sich
der kleinere und mittlere Betrieb im Handel und im Verkehr erwiesen.
Allein in Preußen! vermehrten sich die Kleinbetriebe im Handel und Ver-
kehr von 1895—1907 weit stärker als die Mittelbetriebe mit 5—50 Hilfs-
kräften, sie wuchsen an von: 252 020 auf: 433 719, also eine Zunahme von
72 v. H. ,währenkudie Mittelbetriebe stch nur um 52 v. H. von: 28737 auf
45 133 vermehrten. Freilich ist auch hier die Zunahme der Großbetriebe mit
mehr als 60—1000 Personen und der Riesenbetriebe mit mehr als 1000
Hilfskräften ganz gewaltig, die Vergrößerungssätze betragen hier nicht we-
niger als: 223,6 und 871,4 v. H. Hinzu kommt, daß die starke Vermehrung
der kleineren Betriebe im Handel und Verkehr keineswegs als erfreu-
liche volkswirtschaftliche und sozialpolitische Erscheinung betrachtet werden
kann. In sehr vielen. Fällen handelt es sich hiev um durchaus minderwertige
Zwergbetriebe, die von ungeschulten Kräften, recht oft Strandgut des Le-
bens begründet werden, um nach kürzer Zeit schon verlustreich zusammen-
zubrechen, Keinem Zweifel kann es unterliegen, daß der .industrielle Groß-
betrieb, aber auch in sehr vielen Fällen der Etoßbetrieb im Handel und
Verkehr dem kleinen Unternehmer technisch, wirtschaftlich und sozial weit
überlegen ist. In ganz anderem Umfange kann er sich die neuesten techni-
schen Fortschritte und Errungenschaften zu Nutze machen, er kann die teuersten
Maschinen, Mdtore und Hilfswerkzeuge einstellen, deren Beschaffung dem
einzelnen Kleinunternehmer so gut wie unmöglich ist, er kann die weitaus
höheren Löhne zahlen und sich hierdurch die besten und tüchtigsten Arbeiter
als Stamm heranziehen, er kann im Großen, in einem gang anderen ge-
waltigeren Mdßstabe die Rohprodukte einkaufen als der Kleinunternehmer,
ihm stehen ganz andere Kredite und sonstige Hilfsquellen zu Gebote als dem
Klein-, ja selbst Mittelunternehmer. Die Herstellung im Großen und der
Massenabsatz ermöglicht ihm die Stellung weit niedrigerer Preise als dem
        <pb n="51" />
        ﻿— 50 —

Kleinunternehmer, dem alle die n'ur ganz kurz erwähnten Vorteile nicht
zu Gebote stehen. Zweifellos steigert der Großbetrieb die Produktivität der
Arbeit gegenüber den Kleinunternehmungen gewaltig, er bewirkt, „daß mit
demselben Aufwand von Kapital oder Arbeit eine größere Menge Güter
geschaffen uüd den Konsumenten zur Verfügung gestellt werden kann . . .
So bildet er unzweifelhaft einen volkswirtschaftlichen Fortschritt" (Lexis
„Großbetrieb und Kleinbetrieb" im Conrad'fchen Handwörterbuch der
Staatswissenschaften, 3. Auflage, Band V, S. 73). Diese möglichst hohe
Steigerung der Produktivität liegt auch vornehmlich im Interesse der Ar-
beiterschichten, eine künstliche Hemmung dieser Fortschritte wäre gleichbedeu-
tend mit der Begünstigung der besitzenden Volksklassen gegenüber den be-
sitzlosen. „Denn wenn der Anteil der Arbeiter an den produzierten Gütern
vermehrt werden soll, so ist die erste zu erfüllende Bedingung, daß die Masse
der von einer gegebenen Dumme von Arbeitskräften erzeugten Güter ver-
größert werde." (Lexis a. a. O.) Tatsächlich weisen auch die fabrikmäßigen
Großbetriebe günstigere Arbeitsverhältnisse — wenigstens im allgemeinen —
auf, sowohl hinsichtlich der Löhne wie hinsichtlich der Länge der Arbeitszeit,,
als auch bezüglich der Beschaffenheit der Arbeitsstätten wie in den kleinen
und selbst mittleren Betrieben. Die mannigfaltigen großzügigen Wohl-
fahrtseinrichtungen, wie Erholungsheime, gesunde Wohnüngen, Werkkonsum-
vereine u. dgl. m. können auch nür von modernen kapitalskräftigen und ka-
pitalgesättigten Eroßunternehmungen geschaffen werden, für Klein- und
Mittelbetriebe im Gewerbe wie im Handel sind sie einfach undenkbar. Aber
trotzdem -wäre es völlig verkehrt auf Grund dieser unleugbaren Tat-
sachen, einen restlosen Untergang des mittleren und kleinen Betriebes zu
Gunsten der Groß- und RiesenUnternehmungen in Handel und in den Ge-
werben vorauszusagen oder ihn auch nur zu wünschen. Schon die oben mit-
geteilten Ziffern würden eine derartige Prophezeiung Lügen strafen. Na-
mentlich die kl starke Bände umfassenden „Untersuchungen über die Lage des
Handwerks .in Deutschland mit besonderer Rücksicht auf seine Konkurrenz-
fähigkeit gegenüber der Großindustrie." Bapd 61—72 der Schriften des Ver-
eins für Sozialpolitik (1885—1897) haben den einwandsfreien wissenschaft-
lichen Nachweis erbracht, daß das Handwerk und der mittlere industrielle
Betrieb durchaus nicht in seiner Gesamtheit als solches zum Tode verurteilt
ist. In den kleineren Städten und in den größeren Dörfern, welche das
flache Land mit gewerblichen Erzeugnissen versorgen, findet der Klein-
betrieb in Industrie und im Handel durchaus gesicherte Lebensbedingungen.
„Aber auch in größeren Städten behalten gewisse Gewerbe eine überwie-
gend lokale Bedeutung und lassen daher einen erfolgreichen Betrieb in klei-
nerem Umfange zu; so dieNahrungsgewerbe, die raschem Verderb ausge-
setzte Lebensmittel liefern; ferner Schuhmacherei und Schneiderei und die
übrigen Bekleidungsgewerbe, bis zu einem gewissen Grade auch Schlosserei,
Buchbinderei usw. Namentlich erweist, sich der Kleinbetrieb in den meisten
Fällen als konkurrenzfähig, &gt;in denen es sich um genaue Anpassung an das
individuelle Bedürfnis, also um Eebrauchsgegenstände handelt, die nach
Maß oder besonderer Vorschrift angefertigt werden." (Lexis a. cr. O., S. 68.)
Hier entscheidet Kunstfertigkeit und Gewissenhaftigkeit des Anfertigers und
ein tüchtiger selbstarbeitender Handwerksmeister wird hier dem großen Un-
        <pb n="52" />
        ﻿— 51 —

■tentcümei, der auf seine Lohnarbeiter angewiesen ist, oft überlegen, min-
destens gewachsen, sein. Ferner aUf dem ganzen großen und immer größer
werdenden Gebiet des K u n st h a n d w e r k s ist der Kleinbetrieb dem
Eroßünternehmertum durchaus konkurrenzfähig. Sicher hat unter den
grauenhaften Einwirkungen dieses verwüstenden Weltkrieges das Deutsche
Handwerk und der gewerbliche Mittelstand überhaupt ganz besonders schwer
gelitten und seine Widerstandskraft gegen das Vorwärtsbringen des Groß-
betriebes 'und des Großkapitals mag erheblich erschüttert sein — in welchem
Umfang werden spätere amniche Erhebungen an den Tag lögen — aber es
liegt auch kein Grund vor zur Verzweiflung. Die oben kurz angeführten
Erwägungen sprechen auch heute nach dem deutschen Zusammenbruch für
seine Fortexi,stenz, ja vielleicht wird ihm sogar die ganz sicher eintretende
gewaltige finanzielle Belastung des Großkapitals eine gewisse Erleichte-
rung im Konkurrenzkampf gegen das Eroßünternehmertum 'und die Groß-
finanz verschaffen. Ohne Zweifel haben wir auch heute noch an der Fort-
existenz eines lebensfähigen, -blühenden gewerblichen Mittelstandes ein
erhebliches sozialpolitisches Interesse. Nur können wir unter den heutigen
Produktions- und Verkehrsverhältnissen in zahlreichen Gewerben die un-
teren Schichten der Kleurunternehmer nicht mehr zu diesem Mittelstand
rechnen. „Ihre Existenz rst häufig unsicherer als die der gewöhnlichen Ar-
beiter, und wenn sie nach einem von vornherein Aussichtslosen Versuch eines
minderwertigen Kleinbetriebes ruiniert werden, so bilden diese Deklassier-
ten ein noch bedenklicheres Element als das unzufriedene Arbeiterprole-
tariat." (Lexis a. a. O., S. 73.)

Durchaus mit Recht schließt Eduard Bernstein in seiner 1899 zuerst
erschienenen, zuletzt 1911 wieder aufgelegten glänzendes Schrift: „Die Vor-
aussetzungen des Sozialismus Und die Aufgaben der Sozialdemokratie",
feine Kritik der Marxischen Konzentrationslehre mit folgenden Sätzen:
„Wenn der unablässige Fortschritt der Technik und Zentralisation der Be-
triebe in einer zunehmenden Zahl von Jndustriegweigen eine Wahrheit ist,
deren Bedeutung sich heute kaum noch verbohrte Reäktionäre verschweigen,
so ist es eine nicht minder feststehende Wahrheit, daß in einer ganzen Reihe
von GewerbszweigeN kleinere und mittlere Betriebe sich neben Großbetrieben
durchaus .lebensfähig erhalten." Unfd weiter: „Wenn der Zusammenbruch
der modernen Gesellschaft vom Schwindender Mittelglieder zwischen der
Spitze und dem Boden der sozialen Pyramide abhängt, wenn er bedingt ist
durch die Aufsaugung dieser Mittelglieder von den Extremen über und un-
ter ihnen, dann ist er in England, Deutschland, Frankreich heute seiner Ver-
wirklichung nicht näher wie zu irgend einer früheren Epoche im 19. Jahr-
hundert."

Völlig versagt -aber hat die „Konzentrationstheorie" auf dem
Gebiet der Landwirtschaft. Die Entwickelungstendenzen gehen hier in
durchaus entgegengesetzter Richtung als Marx sie prophezeit hat. Klar und
deutlich lehrt uns die amtliche Statistik, daß hier von einer Verdrängung
und Aufsaugung der kleineren Und -mittleren landwirtschaftlichen Betriebe
durch die Grvßgüter absolut keine Rede sein kann. Gang im Gegenteil:
die Entwickelung ist deutlich auf eine Abnahme des ländlichen Groß-
grundbesitzes und eine Verkleinerung der Vetriebseinheiten gerichtet.
        <pb n="53" />
        ﻿— 52

Starke hypothekarische Belastung des Großgrundbesitzes Und großzügige
Binnenkolonisation haben gerade in den .letzten Jahrzehnten seit Erscheinen
des marxischen ,„Kaxitals" mächtig zu dieser Richtung beigetragen. Wir
zählten im Jahre 1882 in Deutschland insgesamt: 5 276 344 landwirtschaft-
liche Betriebe, 1907 dagegen: eine halbe Million mehr, nämlich: 5 736 032.
Davon entfielen auf die,Zweig- und Kleinbetriebe unter 2 Hektar im Jahre
1882: 68 v. H., 1807 dagegen 58,9 v. H.; die bäuerlichen Betriebe von 2 bis
100 Hektar blieben in dem Zeitraum fast stationär: 41,5 und 40,7 v. H.,
während die Großbetriebe von 0,5 v. H. auf 0,4 v. H. abnahmen. Von der
gesamten landwirtschaftlich benutzten Fläche entfielen in den angegebenen
Jahren (1882 und 1907) alif die Kleinbetriebe: 5,7 v.H. und 5,4 v. H., auf
die bäuerlichen Betriebe: 69,0 v. H. und 72,4 v. H., während der Groß-
betrieb ron 24,4 v. H. auf 22,2 v. H. abnahm. So ist denn Deutschland vor-
wiegend ein Bauernland, fast vier Fünftel der gesamten landwirtschaftlich
benutzten Fläche entfällt auf die kleinen und bäuerlichen Betriebe Unter
100 Hektar. Selbst in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, diesem
Lande des hemmungslosen und ungehemmten Kapitalismus san8 pbrass,
läßt sich eher ein Zug zur Verkleinerung als zur Vergrößerung der land-
wirtschaftlichen Vetriebseinheiten, der Farmen, aufzeigen. Die Durch-
schnittsfläche der Farm betrug dort (nach Werner Sombart a. et. D.) in den
Jahren 1850, 1860 und so fort bis 1900: 61,5, 51,9;' 53,7; 57,4; 49,4 aorss.
„Also keine Spur von einer Konzentrationstendenz." (Sombart a. a. O.,
S. 86.) Die völlige Unhaltbarkeit der Marxischen Kongentrationstheorie
gerade für die Ländwirtschäft ist denn auch in den Kreisen der sozialdemokra-
tischen Revisionisten selber nachgerade Gemeingut geworden. Den geradezu
glänzenden Nachweis ihrer Unrichtigkeit erbringt insbesondere das uim-
fangreiche Werk unseres heutigen Reichsministers Dr. David: „Der So-
zialismus und die Landwirtschaft" (Band I, ,1903). Außer dieser grund-
legenden Erscheinung sei noch auf die treffliche Schrift des leider viel zu
früh verstorbenen sozialistischen Agrarpolitikers Dr. Arthur Schültz-Königs-
berg verwiesen: „Oekonomische und politische Entwickelungstendenzen in
Deutschland". Im schärfsten Gegensatz zu Marx erklärt er in ihr den land-
wirtschaftlichen Kleinbetrieb mit dem Großbetrieb für durchaus konkurrenz-
fähig. „In wirtschaftlicher Beziehung garantiert der Kleinbetrieb die höchst-
möglichste Entfaltung der Produktivität der landwirtschaftlichen Arbeit Und
in sozialer Hinsicht schließt er die Möglichkeit der Ausbeutung besitzloser
Menschen in Gestalt von Lohnarbeitern und Pächtern aus. Entscheidend
aber ist, daß der landwirtschaftliche Kleinbetrieb und Kleinbesitz diejenige
Wirtschaftsform ist, der die Entwickelung mit Macht zudrängt." Dieser
geistvolle Sozialist hat vollkommen Recht behalten mit seiner vor mehr als
10 Jahren erfolgten Voraussage. Auch der Weltkrieg mit all seinen sonst
so verheerenden Einwirkungen auf die deutsche Volkswirtschaft hat die Le-
benskraft und die gewaltige Entwickelungsfähigkeit der landwirtschaft-
lichen Klein- und Mittelbetriebe in keiner Weise berührt, sondern ganz im
Gegenteil, stark befestigt. Die Preise für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse,
insbesondere Milch," Vieh, Fleisch, Gemüse, Kartoffeln und Obst sind, wie
männiglich bekannt, ganz gewaltig in die Höhe geschnellt And stehen zu den
vermehrten Produktionskosten auch nicht entfernt im angemessenen Ver-
        <pb n="54" />
        ﻿— 53

Ijöltnis. Ungeheure Gewinne hat unsere deutsche Landwirtschaft wäh-
rend des Krieges erzielt, 'und zwar vorzugsweise gerade die mittleren und
kleineren Landwirte, denn diese vornehmlich stellen/die oben erwähnten Er-
zeugnisse her und sind, wie wissenschaftlich einwandsfrei nachgewiesen ist,
gerade auf diesen Gebieten der Produktion dem Großbetrieb in jeder Hin-
sicht weit überlegen. Ferner aber und vor allem jetzt nach dem Welt-
kriege wird schon wegen des restlosen Abtransports der rund 1600 000
in Deutschland befindlichen, vorzugsweise auf Eroßgütern beschäftigten
russischen Kriegsgefangenen — wenn nicht alles täuscht — eine
gewaltige Krise über den deutschen Erohgrundbesitz hereinbrechen.
Es fehlen einfach hunderttausende und aberhunderttausende von Arbeits-
kräften, ohne die fremdstämmigen, ausländischen russischen und polnischen
Saison- und Wanderarbeiter, die im Jahre 1914 nicht weniger als 436 736,
davon 327 254 aus Galizien betrugen, gegenüber nur 265 485 im
Jahre 1908, aber läßt sich der landwirtschaftliche Großbetrieb einfach nicht
aufrecht erhalten. Er bricht r e t t u n g s l o s in sich selber zusammen. Unter
dieser unheimlichen Leutenot, dem Gespenst und Totengräber des Groß-
grundeigentums, aber leidet der mittlere und kleine Landwirt, der mit sei-
nen gewöhnlich noch recht zahlreichen Familienangehörigen selber mit Hand
anlegt und dessen Arbeitseinkommen von seinem Renteneinkommen un-
trennbar verbunden ist, bei weitem nicht so wie der Großgrundbesitzer.
Dieser Wurm frißt nicht an seinem Mark!

Sicher werden äuch manche Lastdwirte — mit diesem Einwände hat ins-
besondere der Wächter des Gtalsheiligtums Karl Käutsky, der unentwegte
orthodoxe Marxist, dessen ganzes wissenschaftliches Bestreben von dem Leit-
motiv gelenkt wird „das Wort (des Karl Marx) sie sollen kaffen stahn",
die Konzentrationstheorie des giofeen1 Meisters für die Landwirtschaft zu
retten versucht — vom Kapital, insbesondere von den Banken abhängig
sein. Aber keinesfalls ist diese an sich unleugbare Tatsache etwa wie bei
unseren versinkenden kleingewerblichen Schichten ein negatives soziales
Massenphänomen, sondern sie wird immer mehr und mehr ange-
sichts der in jeder Hinsicht glänzenden Entwickelung unserer mittleren und
kleineren landwirtschaftlichen Betriebe zu einer mehr vereinzelten Erschei-
nung. Die großartige Selbsthilseaktrvn der deutschen Landwirte, insbeson-
dere das Eingreifen der Raiffeisen!- und sonstigen landwirtschaftlichen Ge-
nossenschaften haben zudem hie Entschuldung gerade des mittleren und klei-
neren ländlichen Grundbesitzes mächtig gefördert.

e) Die A k ku m u l a t i o n s t h e o r i e.

Anker ihr versteht Marx die .angeblich immer steigende Kapitals-
anhäufung in den Händen Weniger. Die Zahl der Kapitalisten soll be-
ständig und unaufhaltsam abnehmen. Der Zusammenballung der Betriebe
auf dem gesamten Gebiete der Volkswirtschaft, der Industrie, des Handels
und der Landwirtschaft, wie sie Marx irrtümlich lehrt, soll die Konzentra-
tion des Besitzes in immer weniger Händen unH ein immer stärkeres An-
schwellen der Besitzlosen entsprechen. Der Kapitalsbesitz häuft sich, „akkumu-
        <pb n="55" />
        ﻿— 54 —

liext sich" in immer weniger Händen, und mit der Häufung dieses Besitzes
in wenigen Händen wächst die Empörung der Arbeiterschichten gegen diese
einseitige Reichtumsentwickelung.

Zusammenfassend sagt darüber Marx im 24. Kapitel des 7. Abschnitts,
Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, Band I des „Kapitals" (S.
727/28, 6. Auflage) mit einem geradezu dithyrambischen Schwung der
Sprache und mit einer, ästhetisches Entzücken auslösenden Gestaltungskraft:
„Auf einem gewissen Höhegrad bringt sie, d. h. die bürgerliche Gesellschaft,
die materiellen Mittel ihrer eigenen Vernichtung zur Welt. Von diesem
Augenblick regen sich Kräfte und Leidenschaften im Eesellschaftsschotze, welche
sich von ihr gefesselt fühlen. Sie maß vernichtet werden, sie wird vernichtet.
Ihre Vernichtung, die Verwandlung der individuellen und zersplitterten
Produktionsmittel in gesellschaftlich konzentrierte, daher des zwerghaften
Eigentums Vieler in das massenhafte Eigentum Weniger, daher die Expro-
priation der großen Volksmassen von Grund und Boden und Lebensrnitteln
und Arbeitsinstrumenten, diese furchtbare und schwierige Expropriation der
Volksmasse bildet die Vorgeschichte des Kapitals . . . Sobald die kapita-
listische Produktionsweise auf eigenen Füßen steht, gewinnt die weitere
Vergesellschaftung der Arbeit und weitere Verwandlung der Erde und an-
derer Produktionsmittel in gesellschaftlich ausgebeutete, also gemeinschaft-
liche Produktionsmittel, daher die weitere Expropriation der Privateigen-
tümer eine neue Form. Was jetzt zu expropriieren, ist nicht länger der selbst-
wirtschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter explodierende Kapitalist.
Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der imanenten Gesetze der.
kapitalistischen Produktion selber, durch die Zentralisation der Kapitale. Je
ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder
Expropriation vieler Kapitalisten durch Wenige entwickelt sich die korpora-
tive Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die be-
wußte technische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßige Ausbeutung
der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwend-
bare Arbeitsmittel, die Oekonomisierung aller Produktionsmittel durch
ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit,
die Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarktes und damit der
internationale Charakter des kapitalistischen Regimes. Mit der beständig
abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Um-
wandelungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des
Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber
auch der Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus
des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und or-
ganisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Pro-
duktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der
Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen
Punkt, wo sie unerträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle.
Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigen-
tums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert. Die aus der ka-
pitalistischen Produktionsweise hervorragende kapitalistische Aneignungsweise,
daher das kapitalistische Privategentum, ist die erste Negation des indi-
viduellen, auf eigene Arbeit gegründeten Privateigentums. Aber die kapi-

■f
        <pb n="56" />
        ﻿— 55 —

talistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprazesses
ihre eigene Negation. Es ist Negation der Negation. Diese stellt nicht das
Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum aus
Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Aera: der Kooperation
und des Gemeinbesitzes der Erde und der durch die Arbeit selbst produzierten
Produktionsmittel."

Diese Theorie ist unzweifelhast irrig. Ungemein lehrreich sind in dieser
Hinsicht die von Werner Sombart in seiner „Deutschen Volkswirtschaft des
19. Jahrhunderts" (1. Auflage, 1993, S. 508 flg. sowie Sozialismus und
soziale Bewegung, S. 94) gemachten Angaben. Man kann die Grenze für
die reichen Leute ziehen, wo man will, bei 19 000, 20 000, 50 000 oder 100 000
Mark Einkommen, alle diese wohlhabenden und reichen Leute vermehren sich
rascher als irgendeine andere Art von Einkommensbeziehern. Als Beispiel
nehmen wir mit Sombart das reiche Hamburg. Dort hatten 1895 ein Ein-
kommen zwischen 10 000 und 25 000 Mark 3443 Personen, 1899 schon 4082.
Jene erhielten zusammen" 53,5 Millionen, diese: 63,1. Zwischen £5 000
und 50 000 Mark lag das Einkommen von 1054 Hamburgern im Jahre 1895,
1899 aber bereits von 1322 Hamburgern. Jene erzielten jährlich insgesamt:
36,9, diese dagegen schon: 46 Millionen Mark. Zwischen 50 000 und 100 000
Mark Einkommen bezogen 1895: 484 Personen, 1899 dagegen: 585. Mehr
als 100 000 Mark Einkommen hatten in HambUrg in den beiden erwähnten
Jahren ^50 und 3li Personen. Sie vereinnahmten durchschnittlich: 210 000
und 2l9 646 Mark. Aber auch für ganz große Länder und eine lange Reihe
von Jahren reden die trockenen Und nüchternen Zahlen der amtlichen
Einkommensstatistik die gleiche beredte Sprache, daß von einer
„beständigen Abnahme der Zahl der Kapitalmagnaten" gar nicht entfernt
die Rede sein^kann. Rach den verdienstvollen, dem amtlichen Material
entnommenen Forschungen' des bekannten Statistikers Soetbeer betvug die
Zahl der physischen Zensiten in Preußen mit Einkommen von 20 000 bis
100 000 Mark im Jahre 1876: 7501, um bis zum Jahre 1890 auf 12 521 zu
steigen, die ganz großen Steuerzahler mit mehr als 100 000 Mark Einkom-
men vermehrten sich in dem gleichen Zeitraum von 532 auf 1062. Im Kö-
nigreich Sachsen belief sich die Zahl der physischen Zensiten mit mehr als
9600 Mark Einkommen im Jahre 1879 auf: 5293, im Jahre 1890 dagegen
auf: 10 402, sie wuchs also um 96 v. H. In ganz Preußen betrug die Zahl der
physischen Zensiten mit 9600 bis 30 500 Mark im Jahre 1858: 4463, 1896:
47 308, 1902: 64 737 und 1908 sogar: dreiundachtzigtausend (!!!). Also eine
Zunahme um fast das Zwanzigfache!! In den gleichen Jahren wuchsen in
Preußen die physisches Zensiten mit einem Einkommen von 30 500 bis
100 000 Mark — der „mittlere Oberstand" wie sie Adolf Wagner nennt —
wie folgt an: 640, 9265, 13 205 und achtzehntausend. Also Vermehrung mm
fast das Dreißigfache (!!). Die Zahlen für die EiUkommensbezieher mit mehr
als 100 000 Mark — den „obersten Oberstand" — in den nämlichen Jahren
sind: 62, 1699, 2762 und viertausend. Also Zunahme um fast das Sechs-
hundertfache (!!!). „Beständige Abnahme der Kapitalmagnaten??? Auch
in dem letzten seitdem verflossenen Jahrzehnt hat in Preußen wie auch im
übrigen deutschen Reich diese Auftvärtsbewegung in sehr erfreulichem Maße
angehalten (vergl. zum Folgenden: Die Bevölkerung mit besseren Ein-
        <pb n="57" />
        ﻿kommen in Preußen 1916 in der Zeitschrift des statistischen preußischen Lan-
desamts, 87. Jahrgang, 3.—4. Abteilung, S. 52 flg.) Dom Jahre 1908 bis
zum Jahre 1914 hatte sich demnach die Zahl der HäushaltUngsvorstände und
Einzelwirtschafter mit einem Einkommen von über 9500^30 500 Mark von
83 000 auf 116 876 vermehrt, die Angehörigen des „mittleren Oberstandes"
mit einem Einkommen von 30 500 bis 100 000 Mark waren b,is aiuf: 24 551
gestiegen, und die ganz -großen Einkommensbezieher mit mehr als 100 000
Mark Einkommen auf: 5215. Allerdings trat dann im Kriegsjahre 1915
ein kleiner Rückschlag ein, der sich in der Abnahme der Zahlen der Ein-
kommensbegieher der erwähnten Kategorien auf: 107 426, 22 962 und 4968
kundgibt. Aber bereits im folgenden Jahre 1916 war dieser nur unerheb-
liche Rückschlag schon so gut wie restlos überwunden. Die Zahlen! steigen an
auf: 114 843, 26 602 und 6686. Gerade die beiden obersten Einkommens-
schichten mit mehr als 30 500 Mark Einkommen haben also ganz gewaltige
Zuwachse zu verzeichnen. Riesige Kriegsgewinne sind eben den stüuerkräf-
tigen und steuerkräftigsten Zensiten in Preußen zugefallen. Bei einer Ver-
mehrung der Zensiten in Preußen im Zeitraum von 1896 bis 1916 um 'ins-
gesamt 293 v. H. hat sich die Zensitenzahl der Einkommen von mehr als
100 000 Mark fast vervierfacht, während die der Einkommensbezieher von
30 500 bis 100 000 Mark sich fast verdreifachte, und die der Zensiten von
9500—30 500 Mark sich mehr als verdoppelte.

In Sachsen findet sich genäu das gleiche Bild: dort bezogen ein Ein-
kommen von 12 000—100 000 Mark im Jahre 1886: 3400,	1906 dagegen:

12 100 Personen Änd über 100 000 Mark in den gleichen Jahren 70 und 400
Personen.

Man sieht von der Bildung eines „Wasserkopfs" bei den oberen Ein-
kommcnsstüfen ist nicht das Geringste zu verspüren, die Zahl der Empfän-
ger großer Einkommen wird immer größer, der obere und oberste Teil
der Pyramide unseres Gesellschaftsaustaues wird nicht eingeschnürt, son-
dern immer mehr und mehr verstärkt. „Man mag die Ziffern der Statistik
drehen und wenden wie man will. Je näher wir dem Augenblick des Zu-'
sammenbruchs der kapitalistischen Wirtschaftsordnung kommen, destomehr
Expropriateurs wimmeln herum. Das Geschäft der Expropriation wird im-
mer schwieriger werden." (Sonstart, Geschichte der deutschen Volkswirt-
schaft, S. 507.) Angesichts dieser unleugbaren Tatsachen sieht sich denn auch
Eduard Bernstein, der wissenschaftliche Vater des Revisionismus in seinen
„Voraussetzungen des Sozialismus", S. 50, zu dem wertvollen Zugeständnis
genötigt: „Es ist durchaus falsch anzunehmen, daß die gegenwärtige Ent-
wickelung eine relative oder gar absolute Verminderung der Besitzenden auf-
weist. Richt mehr oder minder, sondern schlechtweg mehr, d. h. absolut und
relativ wächst die Zahl der Besitzenden."

i) Die Verelendungstheorie.

Sie ist bekanntlich die Lehre, daß im Zeitalter der privatkapitalistischen
Wirtschaftsordnung, mit dem Aufkommen der Großindustrie und des Groß-
handels, mit der Trennung des Arbeiters von dem Besitz und Eigentum an
den Produktionsmitteln die gesamte wirtschaftliche wie kulturelle Latze des
Arbeiterstandes ausnahmslos und allgemeingültig immer schlechter und
        <pb n="58" />
        ﻿57

elender werde. An zahlreichen Stellen des „Kapital", des „Kommunistischen
Manifests" und anderer Werke -von Marx findet sich diese verzweiflungs-
nolle Ansicht mit aller Schärfe als unumstößliches, ehernes großes Entwicke-
lungsgesetz ausgesprochen. Wir verweisen zunächst auf die bereits oben bei
der Darlegung der Akkumulationstheorie (S. 53) angeführte berühmte
Stelle, wonach mit „der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten
.... wächst die Masse des, Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Ent-
artung, der Ausbeutung." („Kapital", Band I, 24. Kapitel, 7. Unterab-
schnitt, Geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation.) Auf alle
alle die bereits wörtlich angeführten Stellen nochmals einzugehen,
erübrigt sich hier, wir verweisen nur auf sie. In allen Ent-
wickelungsstadien seines Lebens hielt der Meister an dieser düsteren
Auffassung fest. Bereits im „Kommunistischen Manifeste" (achte Ausgabe,
1912, S. 37) hatte er ausgeführt: „Der Leibeigene hat sich zum Mitglied der
Kommune in der Leibeigenschaft herangearbeitet, wie der Kleinbürger zum
Bourgois unter dem Joch des feudalistischen Absolutismus. Der moderne
Arbeiter dagegen, statt sich mit den Fortschritten der Industrie zu heben,
sinkt immer tiefer unter die Bedingungen feiner eigenen Klasse herab. Der
Arbeiter wird zum Pauper, und der Pauperismus entwickelt sich nock&gt; schnel-
ler als Bevölkerung und Reichtum . . . Die Bourgoisie ist unfähig, länger
zu herrschen, weil sie unfähig ist, ihrem Sklaven die Existenz selbst inner-
halb seiner Sklaverei zu sichern." Und auch noch am Ende seines Lebens
hielt er an der Lehre mit voller Ueberzeugung fest und prägt sie in die
lapidaren Worte aus: „Das Proletariat ist das seines Elends bewußte
Elend, die ihrer Entmenschung bewußte und darum sich selbst aufhebende
Entmenschung". (Nachlaß, Band I, S. 397, Band II, S. 132 flg. u. 185.)

Auch zur Verelendungstheorie bekennt sich das Erfurter Partei-Pro-
gramm rückhaltlos und restlos: „Die ökonomische Entwickelung der bürger-
lichen Gesellschaft trennt den Arbeiter von seinen Produktionsmitteln und
verwandelt ihn in einen besitzlosen Proletarier . . . Alle Vorteile der Um-
wandelung der kleinen Betriebe in Großbetriebe werden von den Kapi-
talisten und Großgrundbesitzern monopolisiert; für das Proletariat und dis
versinkenden Mittelschichten — Kleinbürger, Bauern — bedeutet, sie wach-
sende Zunahme der Unsicherheit ihrer Existenz, des Elends, des Drucks, der
Knechtung, der Erniedrigung, der Ausbeutung."

Ein Anhänger des üasfalleschen ehernen Lohngesetzes war Marx nicht,
im Gegenteil hat er seine wissenschaftliche Unzulänglichkeit stets auf das
Schärfste bekämpft, Im „Kapital" gibt er ausdrücklich zu, daß die Arbeits-
löhne über das Existergministerium steigen können, nur sind sie niemals in
der Lage, die Grundlage des kapitalistischen' Systems irgendwie anzutasten.
An die Stelle des ehernen Lohngesetzes setzt Marx die „Lehre von der in-
dustriellen Reservearmee". „Im großen und ganzen sind die allgemeinen
Bewegungen des Arbeitslohnes ausschließlich reguliert durch die Expansion
und Kontraktion der industriellen Reservearmee, welche dem Periodenwechsel
des industriellen Zyklus entsprechen. Sie sind also nicht bestimmt durch die
Bewegung der absoluten Anzahl der Arbeiterbevölkerung, sondern durch das
wechselnde Verhältnis, worin die Arbeiterklasse in aktive Armee und Re-
servearmee zerfällt, durch die Zunahme und Abnahme des relativen Um-
        <pb n="59" />
        ﻿— 58 —

fange der Uebervölkerung, durch den Grad, worin sie bald absorbiert, bald
freigesetzt wird." („Kapital", Band I, 23. Kapitel: das allgemeine Gesetz
der kapitalistischen Akkumulation.) Mit der gewaltigen Entwickelung der
modernen Technik im Bunde mit der minutiösesten Arbeitsteilung setze das
Kapital in seinem unersättlichen Ausdehnungsdrange durch Anwendung von
Maschinen aller Art immer mehr Menschen frei. Diese im technischen sich
vorwärts entwickelnden Arbeitsprozesse auf das Pflaster geworfenen, immer
mehr anschwellenden Menschenmassen bilden eben die erwähnte „industrielle
Reservearmee". Sie vergrößert, sich mit den Fortschritten der Technik.

„Innerhalb des kapitalistischen Systems vollziehen sich alle Methode)!
zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeiter auf Kosten
des individuellen Arbeiters; alle Mittel zur Entwickelung der Produktion
schlagen um in Beherrschung und Exploitationsmittel des Produzenten, ver-
stümmeln den Arbeiter in einen Teilmenschen, entwürdigen ihn zum An-
hänger der Maschine, vernichten mit der Qual seiner Arbeit ihren Inhalt,
entfremden ihm die geistigen Potenzen des Arbeitsprozesses ... Es folgt
daher, daß im Maße, wie Kapital akkumuliert wird, die Lage des Arbei-
ters, welches immer seine Zahlung, hoch oder niedrig sich verschlechtern muß.
Das Gesetz endlich, welches die relative Uebervölkerung oder die industrielle
Reservearmee stets mit Umfang und Energie der Akkumulation in Gleich-
gewicht hält, schmiedet den Arbeiter.fester an das Kapital als der Pro-
metheus die Ke-ile des Hephaistos an den Felsen. Es bedingt eine der Akku-
mulation von Kapital entsprechende Akkumulation von Elend. Die
Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumu-
lation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung
und moralischer Degradation auf dem Gegenpol" . . . und weiter „Die ver-
hältnismäßige Größe der industriellen Reservearmee wächst mit den Po-
tenzen des Reichtums. Je größer aber diese Reservearmee im Verhältnis zur
aktiven Arbeiterarmee, desto massenhafter die konsolidierte Uebervölkerung,
deren Elend im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Arbeitsqnal steht. Je grö-
ßer endlich die Lazarusgeschichte der Arbeiterklasse urid die industrielle Re-
ser. earin^e, desto größer der offizielle Pauperismus. Dies ist das absolute
allgemeine Gesetz Per kapitalistischen Akkumulation." („Kapital", Band I,
S..M9.)

Diese grenzenlose düstere, alles schwarz in schwarz malende Theorie ist
durchaus falsch, die ganze Entwickelung hat die völlig umgekehrte
Richtung genommen wie sie Marx gelehrt hat. Dieser Zentralpunkt des
vulgären Sozialismus und der vulgären sozialdemokratischen Tagesagitation
ist von so ungeheuerer Wichtigkeit, daß wir bei der Widerlegung etwas län-
gere Zeit verweilen müssen.

Den denkbar besten und absolut zuverlässigen Maßstab für die Beurtei-
lung der Wohlhabenheit, der materiellen und auch schließlich der geistigen
Kultur der breitesten VolksmasseN bildet die Verteilung der Bevölkerung
auf die einzelnen Einkommengrtippen. Verteilt man nun (vergl. zum
Folgenden „Zeitschrift des Preußischen Statistischen Landesamtes, 57. Jahr-
gang, 3. u. 4. Abteilung, S. 49) gemäß der amtlichen Einkommenstatistik die
gesamte Bevölkerung Preußens auf die drei Haupteinkommensgrupp.en: bis
900 Mark, niedere Einkommen, über 900—3000 Mark, mittlere Einkommen.
        <pb n="60" />
        ﻿— 59 —

und über 3000 Mark, bessere Einkommen, so ergibt sich folgendes Von
der Eefamtbevölkerung (Haushaltungsvorstände und Einzelwirtschafter nebst
den Familienangehörigen der Ersteren) entfielen auf die Einkommensgrup-
pen bis 900 Mark im Jahre 1896: 21066 453 Personen, gleich 67,2 v. H., 1905
waren es immer noch: 20 483 265, gleich 56,5 d. H., 1910 dagegen nur noch:
16 768154, gleich 42,8 ü. H., seitdem tritt eine weitere Abnahme ein bis
auf 15136 123, gleich 36,7 v. H. im Jahre 1914. Zufolge der ungünstigen
Kriegseinwirkungen der Jahre 1915 und 1916 hebt sich die Zahl der Be-
zieher der geringsten Einkommen bis zu 900 Mark aber nur ganz unwesent-
lich bis auf: 15 380 644, gleich 37,5 v. H. Auf die Einkommensgruppe von
über 900—3000 Acark dagegen entfielen im Jahre 1896 9 144 476, gleich
29,2 v. H., 1905 sind es schon: 14 143 527, gleich 39 V.H., 1910: 20 072 166,
gleich 51,3 v. H., 1914: 23 243 367, gleich 56,4 v. H. Ebenso wie bei der
vorausgehenden Einkommensstufe bis zu 900 Mark tritt dann auch hier in
den beiden ersten Kriegsjahren eine ganz unerhebliche Abnahme, auf:
22 986 948, gleich 56 v. H., ein. Auf die Einkommensgruppe von über 3000
Mark kamen im Jahre 1896 überhaupt: 1 138 354 Personen, gleich 3,6 v. H.,
1905: 1 642 649, gleich 4,5 v. H., .1910: 2 305 215, gleich 5,9 v. H., 1914 waren
es dagegen bereits: 2 849 304 Personen, gleich 6,9 v. H. Die beiden ersten
Kriegsjahre führten hier nur eine- ganz minimale Abnahme auf: 2 679126
Personen, gleich 8,5 v. H. im Jahre 1916 herbei.

Ueber die beiden letzten Kriegsjahre, welche erst die außerordentlichen,
zum großen Teile einfach phantastischen Lohnerhöhungen eines sehr großen
Teils unserer großinÄustriellen Arbeiterschaft herbeiführten und über die
später noch wenige Worte zu sagen sein werden, liegen leider noch keine
amtlichen Ermittelungen vor. Danach ist fortlaufend in der ganzen 20jähri-
gen Periode eine ganz erhebliche Verschiebung zugunsten der mittleren und
besseren Einkommen eingetreten, es hat hocherfreulicherweise ein beständiger
Aufstieg aus der Klasse der niederen Einkommen stattgefunden.

Läßt man die nicht selbständig zu veranlagenden Haushaltungsange-
hörigen weg und berücksichtigt man nur die Einkommensgliederung der
H a u s h a l tu ng s v o r st ä n d e und Einzelwirtschafter, so ergibt
sich folgende Verteilung: Auf die Einkommen bis zu 900 Mark entfielen von
ihnen im Jahre 1896: 8613 994 Personen, gleich 75,1 v. H., 1905: 8 842 215,
gleich 65,2 v. H., 1910: 8199181 Personen, gleich 54,5 v. H., 1914: 7 986 634.
gleich 49,1 v. H., 1916: 7 847 210', gleich 49,3 v. H. Auf die Einkommens-
stufe von über 900—3000 Mark sind die Zahlen: 1896: 2 528 333, gleich 22
v. H.. 1905: 4 233 498, gleich 31,3 v. H., 1910: 6145 356, gleich 40,8 v. H„
1914: 7 379 645, gleich 45,4 v. H. 1916 ist die Verhültniszahl genau die
gleiche, nur die absolute Ziffer ist ganz unmerklich auf: 7 225 485 herab-
gegangen. Für die besseren Einkommen von über 3000 Mark ergibt sich
folgende Verteilung: 1896: 331 091 über 3000 Mark ergibt sich folgende Ver-
teilung: 1896: 331091 Personen, gleich 2,9 v. H., 1905: 501 437, gleich 3,6
v. H., 1910: 703 753, gleich 4,7 v. H., 1914: 888 201, gleich 5,5 o. H.. 1916:
841928, gleich 5,3 v. H. Darnach hat sich die Schicht der Bezieher eines Ein-
kommens von über 3000 Mark nahezu, eines solchen von über 900—3000 M.,
mehr als verdoppelt.

Im Königreich Sachsen bildeten die Personen mit einem Einkommen
        <pb n="61" />
        ﻿60 —

von weniger als 800 Mark im Jahre 1679 noch 81,51 v. H., 1894 nur iroch:
36,89 v. H., 1900 nur noch 28,29 v. §., 1912 dagegen nur noch: 18,4 v. H.
Das Einkommen aus Gehalt und Lohn belief sich dort im Jahre 1880 auf
insgesamt: 379,9 Millionen Mark, 1913 dagegen belief es sich auf: 1966,7
Millionen, es ist also eine Steigerung um nicht weniger als 417,7 v. H.
zu verzeichnen. Weit geringer dagegen find die Steigerungsgesetze im glei-
chen Zeitraume für die anderen Produktionsfaktoren, aus dem Grundbesitze
entflossen nämlich Einnahmen im Jahre 1880: 222,2 Millionen, 1913 452,3
Millionen, also eine Zunahme um 103,6 v. H., aus Handel und Gewerbe:
353,4 und 1913: 995,5 Millionen. Zunahme um 181,7 v. H.

Die Zahl der zur Ergänzungssteuer herangezogenen, also ein
Vermögen von über 6000 Mark besitzenden Personen vermehrte sich in
Preußen von: 1 166 700 im Jahre 1896 auf: 1940 500, im Jahre 1914.
Auch die Sparkasseneinlagen und die Arbeiterlöhne haben in den letzten
Jahrzehnten und Jahren ganz gewaltige Steigerungen aufzuweisen. Wäh-
rend im Deutschen Reiche die Zahl der Einlagen bei den Sparkassen im
Jahre 1876 erst 1869 Millionen Mark betragen hatte, belief sie sich im
Jahre 1913 bereits auf 19 Milliarden .689 Millionen und auf den Kopf der
Bevölkerung berechnet, wuchs die Höhe der Einlage von: 44 Mark auf nicht
weniger als 292 Mark.

Der Schichtlohn der Steinkohlenbergarbeiter im Bezirk Dortmund be-
trug im Jahre 1890 3.98 Mark, im Jahre 1913: 6,47 Mark, heute dagegen
bei achtstündiger Arbeitszeit bei einem Stundenlohne von 2,40 Mark. 19,20
Mark, die durchschnittlichen Tagelöhne für Maurer und Zimmerer in Berlin
stiegen von 3 Mark im Jahre 1882 auf 6,75 Mark, im Jahre 1913, für Maler
und für Installateure von 3,50 Mark im Jahre 1888 auf 5,85 im Jahre 1913.
Heute . d. h. im Mai 1919, finden wir bei einem Stundenlohne von 2,40
Mark bei achtstündiger Arbeitszeit Sätze von 19,20 Mark!!

Die Löhne unserer Eisenbahner sind derzeitig folgende: Ein zwanzig-
jähriger Eisenbahnhandwerker (Schlosser, Tischler usw.) verdient in der
Stunde 2,50 Mark, also bei einem achtstündigen Arbeitstag 20 Mark, d. h.
unter Zugrundelegung von 300 Arbeitstagen int Jahre 6000 Mark. Ein 27-
fähriger nichtqualifizierter Eisenbahnarbeiter erhält in Berlin bei 2,20 M.
Stundenlohn täglich 17,60 Mark. Der geringst besoldete Eisenbahnarbeiter
verdient heute in Berlin für die Stunde 1,75 Mark. Die Gehälter für ein-
fache männliche Hilfskräfte des Berliner Magistrats belaufen sich aUf mo-
natlich 335 bis 405 Mark. Die Einnahmen eines großstädtischen Straßen-
bahnfahrers belaufen sich im Monat auf durchschnittlich 450 Mark,
die des Berliner Müllkutschers auf jährlich 9300 Mark. Ver-
gleichen wir mit diesen Lohnbezügen die Einkommen anderer deutscher Volks-
schichten, so ergibt sich die unumstößliche Tatsache, daß die wirtschaftliche Lage
der Arbeiterschaft weit günstiger ist als diejenige der ihnen unge-
fähr entsprechenden sozialen Volksschichten, wie namentlich diejenigen un-
serer unteren Beamtenschaft. Ja selbst die Gehälter unserer jüngeren höhe-
ren Beamten mit langjähriger, äußerst kostspieliger Vorbereitungszeit werden
durch die Höhe unserer gelernten tüchtigen und hochqualifizierten Arbeiter
in den Schatten gestellt. Das Anfangsgehalt des jungen, etwa 22jährigen
ledigen Volksschullehrers beträgt heute noch in preußischen Großstädten ein-
        <pb n="62" />
        ﻿61 —

schließlich aller Teuerungszulagen und Wohnungsgeldzuschuß ungefähr 2200
Mark, das des 29jährigen Amtsgerichtssekretärs kaum 3400 Mark, die Tage-
gelder des 34jührigen preußischen Eerichtsassessors — wie sie heute zu Hun-
derten anzutreffen sind — soweit er überhaupt kommissarisch beschäftigt ist,
hochgerechnet 12 Mark und sein Gesamteinkommen etwa 4000 Mark, ebenso
hoch odör richtiger trostlos gering ist, das Anfangsgehalt des jungen 30jähri-
gen Pfarrers. Eine derartige Vergleichung aber ermöglicht, wie Lassalle
durchaus mit Recht in seinem offenen Antwortschreiben an das Zentral-
komitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen Arbeitervereins &gt;zu Leipzig ,
(Band I der Gesamtausgabe seiner Werke, S. 19 flg.) hervorhebt, den besten
Maßstab für die Beurteilung der Lage der Arbeiterschaft, Um jedwedem
Mißverständnis die Spitze abzubrechen, so soll mit der Feststellung dieser
Tatsachen in keiner Weise über die Entwickelung der Lohnhöhe ein abfälliges
Werturteil ausgesprochen werden, im Gegenteil erscheint diese Steigerung
vom sozialpolitischeü Standpunkt des Verfassers aus betrachtet, als hoch-
erfreulich, Insbesondere an der geradezu phantastischen, unerhörten auf
einer Ausbeutung weitester Volksschichten beruhenden Kriegsgewinnen durch
skrupellose Ausnutzung der Stellung des Reichs — namentlich beim
Kriegsbeginn — bei der Lieferung des gesamten Kriegsbedarfs und
Ueberteuerung fast aller Waren, ist es das einzig Versöhnende, daß sie we-
nigstens zu einem Bruchteil in Gestalt hoher Arbeitslöhne den breitesten
Volksschichten zugute gekommen sind. Lediglich um die Unrichtigkeit des
Marxischen Verelendungsgesetzes darzulegen, wurden die gewaltig hohen
Lohnsätze der letzten Jahre hier ganz kupz mitgeteilt. Nun erhebt sich frei-
lich — und zwar nicht nur jetzt während der Kriegsjahre, sondern auch schon
in der Vorkriegszeit — der sehr gewichtige und ernstlichste Beachtung ver-
dienende Einwand gegen diese hier vertretene optimistische Auffassung, daß
die Steigerung der Löhne nur scheinbar sei, lediglich der Nominallahn
werde erhöht, der Reallohn aber bleibe gleich, die Kaufkraft des Lohnes
sinke in derartig gewaltigem Maßstab unaufhaltsam, daß hierdurch die
Lohnerhöhungen völlig wettgemacht, wenn nicht gar überkompensiert würden.
Ernsthafter Nachprüfung hält jedoch diese Meinung nicht Stand, Sehr be-
achtenswertes Material hierüber bringt die kleine Schrift von Ashley „Das
Aufsteigen der arbeitenden Klassen Deutschlands im letzten Vierteljahrhun-
dert", 1906, Danach war nach Berichten der Kruppschen Konsumanstalt in
Essen in den Kruppschen Werken der durchschnittliche Tagelohn im Jahre
1871: 3,30 Mark und im Jahre 1900: 4,78, er stieg also von 100 auf 157 v, H,
Die Entwickelung der wichtigsten Lebensmittelpreise dagegen war im glei-
chen Zeitraume die folgende: für Speck .von 100 auf 102 v, H,, für Rind-
fleisch von 100 auf 111 v, H. und von Kalbfleisch von 100 auf 121 v, H„ für
Kartoffeln dagegen ein Preissturz von ]00 auf 69 und für Roggenbrot von
100 auf 83 v, H, Nach Untersuchungen aus dem Ruhrgebiete (vergl, Schniol-
ler: Die soziale Frage, 1918, S, 266) stellt sich der Lebensaufwand,— die Preise
von 1886 auf 100 gesetzt — die Verteuerung des Lebens 1886: 100, 1909: 122,

76, die Steigerung der Bergarbeiterlöhne 1886: 100 und 1909: 174,87. Die
Lohnsteigerung übertrifft demnach die Verteuerung noch um 52,11 v, H, Hoch-
interessant ist das Ergebnis, zu welchem der Revisionist R, Calwer (So-
zialistische Monatshefte, 1908, Band I, S, 479 flg.) gelangt: „Der Nominal-
        <pb n="63" />
        ﻿— 62

lohn des in berufsgenossenschaftlichen Betrieben beschäftigten Vollarbeiters
ist seit 1898 um rund 37—38 v. H., das Warenpreisniveau in der nämlichen
Zeit um rund 28 o. H. gestiegen. Die Differenz zwischen beiden Steige-
rungsziffern gibt die Bewegung des Reallohnes an, der feit 1893 bis ein-
schließlich 1906 um ca. 12—13 v. H. zugenommen hat."

Die Arbeiterschutzgesetzgebüng zwang die Unternehmer im Interesse des
Arbeiters Anlagen zu errichten, um seine Gesundheit zu schützen, er müßte
sich mit kürzerer Arbeitszeit begnügen, besondere Kinderschutzgesetze min-
derten die gewerbliche Beschäftigung der Kinder und Jugendlichen beträcht-
lich oder verboten sie sogar gänzlich, die gewaltigen Arbeitnehmerorganisa-
tionen mit ihren Hunderttausenden und Millionen Mitgliedern und zum
Teil Riesenvermögen — die freien Gewerkschaften Deutschlands allein ver-
fügen Aber ein Vermögen von rund 100 Millionen Mark — stärkest das
Selbstbewußtsein und die wirtschaftliche Macht der Arbeiter ungemein, und
hoben ihre Intelligenz und allgemeine, politische wie kulturelle Reife
außerordentlich! Zweifelsohne war die gange Kültürentwickelung der letz-
ten Jahrzehnte der Arbeiterklasse nicht abträglich und verderblich, wie Marx
es lehrte, sondern in höchstem Grade förderlich! Ein ganz gewaltiger Fort-
schritt hat sich seit der Abfassung des „Kommunistischen Manifestes" und des
„Kapitals" in der staatsbürgerlichen Stellung des Arbeiters vollzogen!. Er
gibt bei fast allen politischen Wahlen den Ausschlag, und bildet heute die
herrschende Schicht Deutschlands. Da klingt es abgeschmackt und grotesk noch
von „Sklaverei" und zunehmender „Ausbeutung" zu reden und zu schreiben.
Die Unhaltbarkeit der Verelendüngstheorie liegt klar zu Tage. Die Re-
visionisten, insbesondere Eduard Bernstein und Kampfmeyer — haben sie
deutlich erkannt und restlos aufgegeben. Bernstein sagt es offen (Voraus-
setzungen, S. 43, 103 und 172 flg.): „Die moderne Lohnarbeiterschaft ist nicht
die gleichgeartete, in bezug auf Eigentum, Familie usw. gleich ungebundene
Masse, die im „Kommunistischen Manifest" vorausgesehen wird. Große
Schichten heben sich uns ihr zu kleinbürgerlichen Existenzen empor." Aber
selbst in strenggläubigen altmarxistischen Kreisen sah man sich zu einer
Preisgabe der Theorie in ihrer absoluten Gestalt genötigt, die Tatsachen
redeten eben eine zu deutliche Sprache. So muß selbst Kautsky in feinem
Juni 1906 verfaßten Vorwort zur achten Ausgabe des „Kommunistischen
Manifestes" offen einräumen (S. 6), in den Reihen der Arbeiter wachse die
Zahl derjenigen, „deren Lebens- und Arbeitsbedingungen sich über die der
kleinen Handwerker, Händler und Bauern erheben. Die Lage vieler Schich-'
len der besitzlosen Arbeiter erhebt sich heute über die weiter Kreise von be-
sitzenden, d. h. im Besitze ihrer Produktionsmittel befindlichen Arbeitern.
Man kann daher heute nicht mehr mit dem „Kommunistischen Manifeste"
sagen: Der Arbeiter wird zum Pauper, er sinkt immer tiefer unter die Be-
dingungen seiner eigenen Klasse herab." Rur durch recht künstliche Umdeu-
tung in einem pfychologifchen-subjektiven Sinne, der Arbeiter empfände heute
zufolge der Steigerung seines Selbstbewußtseins und seiner gehobenen kul-
turellen Stellung seine Abhängigkeit, seinen „Drück", seine „Ausbeutung"
und „Knechtschaft", besonders tief und schmerzlich, sucht er im übrigen! die
Lehre aufrecht zu erhalten. Aber er tut damit dem klaren und deutlichen
Wortlaut des kommunistischen Manifestes und des Kapitals (vergl. die oben
        <pb n="64" />
        ﻿— 63 —

von uns mitgeteilten Stellen) offenkundigen Zwang an, zweifelsohne haben
Marx und Engels ihrer Theorie eine ganz andere, sehr reale Bedeutung bei-
gelegt und „Elend", Druck, Ausbeutung und Sklaverei sehr handgreiflich, ma-
teriell verstanden.

g) Die Krisen- und Zusammenbruchstheorie.

Sie geht dahin: Aus dem Schatze der bürgerlichen Gesell-
schaft wachsen die Kräfte hervor, die sie langsam aber sicher
dem Untergange zuführen. Die völlig anarchische Produktionsweise,
die immer steigende Prositsucht, die fehlende Uebersicht über die
Absatzmärkte und die Gestaltung des Absatzes machten das Mitz-
verhältnis zwischen der Menge der ' Warenvorräte und ihrer Absatz-
fähigkeit immer krasser. Immer mehr und mehr würden die Krisen zuneh-
men, gleichsam immer wiederkehrende Bankerotte der bürgerlichen Gesell-
schaft seien sie, die schlietzlich zu einer Weltkrisis und zu einem völligen.Zu-
sammenbruch der ganzen kapitalistischen Produktionsweise führen werden.
Im „Kommunistischen Manifeste" lesen wir (S. 30/31) hierüber: „Die bür-
gerlichen Eigentumsverhältüisse, die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so
gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem
Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr, zu beherrschen ver-
mag, die er heraufbeschwor. Seit Dezennien ist die Geschichte der Industrie
uUd des Handels nür die Geschichte der Empörung her modernen Produktiv-
kräfte gegen die modernen/ Produktionsverhältnisse, gegen die Eigentums-
verhältnisse, welche die Lebensbedingungen der Vourgoiste und ihrer Herr-
schaft sind. Es genügt die Handelskrisen zu nennen, welche in ihrer periodi-
schen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen Ge-
sellschaft in Frage stellen. In den Handelskrisen wird ein großer Teil nicht
nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits geschaffenen.Produktivkräfte
regelmäßig vernichtet. In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie
aüs, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre —
die Epidemie der Ueberproduktion. Die Gesellschaft findet sich plötzlich in
einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt/ eine Hungersnot, ein
allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten
zü haben, die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, unh warum? Weil
sie zu viel Zivilisation, zu viel Lebensmittel, zu viel Industrie, zu viel
Handel besitzt. Die Produktivkräfte, die ihr zur Verfügung stehen, dienen
nicht mehr zur Beförderung der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, im Ge-
genteil, sie sind zu gewaltig für diese Verhältnisse geworden, sie werden
von ihnen gehemmt,, und sobald sie diese Hemmnis überwinden, bringen sie
die Existenz des bürgerlichen Eigentums. Die bürgerlichen Verhältnisse
sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu fassen. Wo-
durch überwindet die Bourgoisie die Krisen? Einerseits durch die erzwun-
gene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; andererseits durch die
Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte.
Wodurch also? Dadurch, daß sie allseitigere mnd gewaltigere Krisen vorbe-
reitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert."

Auch hier hat das Erfurter sozialdemokratische Parteiprogramm vom
Jahre 1891 sich restlos dem Meister verschrieben. Es heißt hier Über die
Krisen: „Der Abgrund zwischen Besitzenden und Besitzlosen/ wird noch er-
        <pb n="65" />
        ﻿64 —

weitert durch 'btc im Wesen der kapitalistischen Produktionsweise begründe-
ten Krisen, die immer Umfangreicher und verheerender werden, die allge-
meine Unsicherheit zum Normalzustand der Gesellschaft erheben und den Be-
weis liefern, daß die Produktivkräfte der heutigen Gesellschaft über den
Kopf gewachsen find, daß das Privateigentum an Produktionsmitteln unver-
einbar geworden ist mit deren zweckentsprechenden Anwendung und voller
Entwickelung,"

feie geschichtliche Entwickelung hat auch auf diesem Gebiete gegen Marx
entschieden. Nicht häufiger, sondern immer seltener sind die Krisen gewor-
den und ihr Verlauf immer schonender und milder, an die Stelle schwerer
explosionsartiger Störungen der Volkswirtschaft sind eher schleichende chronische
Depressionen getreten. Die Rückschläge der Konjunktur, die auch heute noch
besonderen blühenden Aufschwungsperioden nachfolgen, nehmen an Heftig-
keit nicht zu, sondern ab, „Noch niemals hat die kapitalistische Wirtschaft
eine auch nur annähernd so mächtige Hausse erlebt wie seit Mitte der 1890er
'Jahre bis zum Schlüsse des Jahrhunderts. Gleichwohl ist der Rückschlag
(der erste seit 25 Jahren) milder gewesen wie je einer zuvor. Don all den
Schrecknissen, von welchen Marx und Engels auf Grund ihrer Erfahrungen
(Ktisen von 1836, 1837, 1857, 1873) zu berichten wissen, findet sich in den
Jahren 1900 flg, nur ein verschwindender Teil" (SomLart, Sozialismus,
S, 97), Zu einer wirksamen Bekämpfung der Krisen haben insbesondere die
großen kartellierten Jndustrieverbände und die weitaus bessere Organi-
sation des Bankkredits beigetragen, sie sind ein treffliches Gegenmittel gegen
die Ueberproduktion, Mit Recht erklärt Bernstein (Voraussetzungen des So-
zialismus, S, 92): Mit viel weniger.Gefahr als der Privatunternehmer
kann er (d, h, der kartellierte Jndüstrieverband) in Zeiten der Ueberfüllung
des Marktes zur zeitweisen Einschränkung der Produktion übergehen. Besser
als Dieser ist er in der Lage, der Schleuderkvnkurrenz des Auslandes zu be-
gegnen, Dies leugnen, heißt, die Vorzüge der Organisation vor der
anarchischen Konkurrenz leugnen. Das tut man aber, wenn man prinzipiell
in Abrede stellt, daß die Kartelle aus die Natur und Häufigkeit der Krisen
modifizierend einwirken können,"

Man sage auch nicht, daß der Krieg und in Deutschland in seinem un-
heilvollen Gefolge die Revolution die ungeheuerste, Marx's Voraussetzungen
weit übertreffende, die grandioseste Krise bedeute, die je über die Weltwirt-
schaft und die Menschheit hereingebrochen sei und die restlos den Zusam-
menbruch der kapitalistischen Wirtschaftsordnung herbeiführen werde. Ganz
abgesehen davon, daß dieses zur Zeit der Niederschrift dieser Zeilen noch
mindestens gänzlich unbeweisbar und völlig unübersehbar ist — nur die
Kommunisten und Unabhängigen glauben heute an einen raschen Fortschritt
der Weltrevolution — so würde die Verwirklichung dieser — u, E, utopischen

Hoffnungen auf eine Weltkatastrophe zurückzuführen sein, die
weder Marx noch Engels in den Bereich ihrer ErwartungeU eingestellt hat-
ten, Denn nur von Handelskrisen sprechen sie in ihrer Zusammenbruchs- und
Krisentheorie, an einen Weltkrieg und einen — uns allerdings ernstlich
drohenden — völligen, Zusammenbruch europäischer Kultur dachten sie nicht,
diese tellurischen Ereignisse zogen sie nicht in Betracht,
        <pb n="66" />
        ﻿— 65 —

III. Kurze Würdigung der Bedeutung von Karl Marx
für Wissenschaft und Arbeiterbewegung.

Bereits in den früheren Abschnitten sahen wir bei Besprechung der
wichtigsten einzelnen Theorien von Karl Marx, daß seine Lehren größten-
teils der tragenden Grundkraft entbehren und durch die Tatsachen »infach
widerlegt worden sind Und es noch heute täglich werden, die wirtschaftliche,
soziale und allgemein kulturelle Entwickelung der Arbeiterschichten nahm
einen ganz anderen Verlauf als ihn der verdüsterte, alles schwarz in schwarz
malende Marx vorausgesagt hatte. Nicht nach unten, in ein immer größe-
res Elend hinein, sondern aufwärts gu lichten, sonnigen Höhen führte die
Entwickelung. Wir mußten die grundlegende sozialphilosophische Lehre des
„Historischen Materialismus" nicht als leuchtende und wärmende Zentral-
sonne. sondern als trügerisches, in den Sumpf lockendes Irrlicht erkennen.
Die soziale Entwickelung vollzieht sich unter Menschen, diese vollziehen die
Entwickelung, diese setzen sich Zwecke und handeln nach ihnen. Restlos durch-
dacht Und bis zum äußersten angewandt, führt die Marxische Lehre von der
blinden, ehernen „Naturnotwendigkeit" alles sozialen Werdens zu einer
stumpfen Ergebenheit und blinden Fatalismus! Durchaus ry'it Recht er-
klärt Sombart alles soziale Geschehen für einen zu bewirkenden Zustand.
„Es ist rfien1 ganz verkehrt, die Vorstellung vom naturgesetzlichen Prozeß
blindlings auf das soziale Leben zu übertragen; also in unserem Falle zu
sagen, der Sozialismus müsse mit Naturnotwendigkeit kommen. Er denkt
gar nicht daran. Warum beispielsweise die Entwickelung des Kapitalismus
nicht ebensogut zu einem Untergänge der modernen Kultur soll führen kön-
nen ... ist nicht einzusehen." (Sozialismus und soziale Bewegung, S. 106).
AIs verfehlt erwiesen sich uns auch die Klassenkampftheorie, sowie die Akku-
mulations-, die Verelendungs- und die Krisen- (Zusammenbruchs-) Theorie.
In sehr weitem Umfang dagegen als richtig stellte sich — wenigstens auf
gewerblichem Gebiete — die Konzentrationsthevris heraus. Wir sehen, daß
die Großindustrie in Deutschland in unaufhaltsamem Vorrücken begriffen ist
und unter Zurüädrängung — wenn auch keineswegs unter völliger Beseiti-
gung und Vernichtung — des Handwerks und kleingewerblichen Betriebes —
das kennzeichnende Merkmal unserer industriellen Entwickelung überhaupt
ist und unserer Jndustrieverfassung den beherrschenden Stempel aufprägt.
Unendlich schwierig ist es, über Marx ein objektives, abschließendes Wert-
urteil, über die Bedeutung seines Lebenswerkes für die Geschichte der Wis-
senschaft abzugeben. Gerade für ihn gilt das Dichterwort: „Von der Par-
teien Hatz ünd Gunst verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Ge-
schichte."

Aber eins ist mit allem Nachdruck zu betonen: Aller sachlicher Wider-
spruch zu Marx und alle bewußte Ablehnung seiner Hauptlehren — wie es
hier geschah — darf den überzeugten wissenschaftlichen Gegner nicht von dem
rückhaltlosen Zugeständnis abhalten: Marx gehört zu den ganz großen so-
zialphilosophischen und wirtschaftsgeschichtlichen Denkern aller Zeiten!
Durch seine Lehre vom geschichtlichen Materialismus suchte er als Erster
das bunte erdrückende Wirrsal des historischen Abflusses aller menschlichen
Dinge nach einem großen einheitlichen und unerbittlichen Grundgesetz zu
        <pb n="67" />
        ﻿— 66 —

X .

durchleuchten, eine das bisherige Dunkel vielfach erhellende,, wenn auch nicht
restlos erklärende Fackel der Erkenntnis entziindete er hier. In seinen Wer-
ken, insbesondere in den drei Riesenbänden des „Kapital" ist eine schier ver-
schwenderische Fülle von Geist ausgegossen. Ueberall schöpft Marx bei der
Konzeption seiner Cedanlengänge aus erster Hand, die kleinsten Einzel-
heiten aller parlamentarischen Blaubücher über die wirtschaftliche Lage der
englischen Arbeiterklasse sind ihm wohlbekannt. Unermüdlich sammelt er al-
les, rastlos durcharbeitet er alles, auf das Scharfsinnigste durchdenkt er alles.

Namentlich das „Kapital" „enthüllt eine solche Fülle wirtschafts-theore-
tifcher, wirtschaftsgeschichtlicher und wirtschaftspolitifcher Ideen, stellt eine
solche Fundgrube nationalökonom'ischen Wissens dar, daß jeder, auch wenn
er die einseitigen Gesichtspunkte, aus denen das ganze Material verarbeitet
und gesichtet ist, sich nicht zu eigen macht, die reichste Anregung und Beleh-
rung aus diesem Werke erhält." (D'iehl a. a. O., S. 414.)

Sein großes Verdienst ist es insbesondere, daß er auf die außerordentlich
schweren Gefahren, die unser ganzes Wirtschaftsleben zufolge des Vorhan-
denseins der industriellen Reservearmee — deren Existenz in der Tat als
Signatur unserer privatkapitalistischen Wirtschaftsordnung nicht gut in Ab-
rede gestellt werden kann — bedrohen, mit furchtbarem Ernst hingewiesen
hat. Irrig freilich ist es, wenn er hierbei lehrt, daß die „industrielle Re-
servearmee" sich immer wieder von neuem aus sich selber erzeuge. Denn
diese, die durch ihr Ueberangebot auf dem Wirtschaftsmarkt die Löhne herab-
drückt, hat ihren Ursprung und ihr Rekrutierungsgebiet, wie dieses der be-
rühmte Soziologe Franz Oppenheimer in seinen verdienstvollen Werken
(„Die Siedelungsgenossenschaft", 2. Auflage, 1913, „Das Großgrundeigentum
und die soziale Frage", 1898, „Die soziale Frage und der Sozialismus", 1919)
einwandsfrei erwiesen hat, auf dem Lande in den Eroßgllterbezirken. Von
dort setzt die massenhafte Abwanderung ein, die in die gewerblichen Zentren
einströmt und dort auf die Löhne drückt. Aus den Großgüterbegirkenj, den
Gebieten des wirtschaftlichen Hochdrucks strömen die Menschenmassen zu un-
gezählten Tausenden jahrein, jahraus in die Gebiete des wirtschaftlichen
Niederbruchs, um dort verwüstend zu wirken. Eine Bekämpfung der Groß-
güter muß daher zur Gesundung des sozialen Lebens in allererster Linie
beitragen. Diese großen Zumsammenhänge hat Marx verkannt, seine Be-
trachtung heftete sich zu ausschließlich an dem einen Produktionsfaktor:
menschliche Arbeit, er vergaß hierbei die gewaltige Bedeutung des anderen
Produktionsfaktors: Grund und Boden so gut wie vollkommen! Vor allem
aber hat Marx den Arbeiter erst gewissermaßen für sich selbst gewonnen und
ihm das Verständnis für seine gewaltige Bedeutung im Produktionsprozesse
beigebracht, er hat ihn hingewiesen mit flammenden Worten auf das Un-
würdige seiner Stellung, daß ihn der Unternehmer nur als dienendes Teil-
rädchen im Produktionsprozeß betrachte. Schon ihm war letzten Endes die
Hebung der ganzen Persönlichkeit des Wirtschaftsmenschen, seine Heraus-
hebung aus dem bloßen Objekt der Wirtschaft zu ihrem Subjekt, Menschen-
ökonomie und nicht Steigerung der Produktivität das Primäre! So hat
er den wissenschaftlichen Sozialismus auf das Tiefste begründet. Gewiß
auch er war nur ein Kind seiner Zeit, ein irrender Mensch und kein Gott,
seine angeblichen „ehernen Gesetze" der menschlichen Wirtschaft passen durch-
        <pb n="68" />
        ﻿— 67 —

aus nicht für jede privatkapitalistische Wirtschaftsordnung, sondern im we-
sentlichen nur für die zurzeit des 'Erscheinens des „Kapital" (1867) herr-
schende, fast völlig ungebundene manche st erlich-liberali st i-
sche freie Unternehmer ausbeutungswirtschaft. Diese in ihrer Sünden
Maienblüte aber hatten wir bereits in Deutschland vor dem Zusammenbruch
des ancieme regime fast restlos durch eine weitgehende soziale Schutzgesetz-
gebung überwunden. Der 1. Band seines „Kapitals" ist das düster flam-
mende Fanal, wie es hätte kommen können, wenn eben nicht der — von ihm
sozial geschmähte „bürgerliche" Staat — helfend und abwehrend in die Ent-
wickelung eingegriffen hätte. Gewiß war Marx ein Prophet des Hasses,
seine Werke — insbesondere das „Kommunistische Manifest" und der 1. Band
des „Kapital" — sind mit beißender Ironie und ätzender Geringschätzung der
Bourgoisie geschrieben. Aber wie Gustav v. Schmoller in seiner „Sozialen
Frage" (S. 287) mit Recht bemerkt, „er hat den 1. Band seines „Kapitals"
unter den schrecklichsten Qualen schwerer Krankheit und dem herzzerreißenden
häuslichen Elende geschrieben, in einer Lage, in der sein ohnedies galliger
Sinn sich bis zum krankhaften Haß gegen die oberen Klassen steigerte, die
ihn nach seiner Empfindung aus der Heimat in das Elend gejagt hatten."
Wenn auch seine Offenbarungen großenteils Chimäre und grandiose Vision
sein und bleiben werden, zu den großen Anregern und Bahnbrechern der
Wissenschaft und noch mehr der ganzen Menschheitsgeschichte gehört er zwei-
felsohne. Ohne ihn keine moderne Arbeiterbewegung, ohne ihn kein wissen-
schaftlicher Sozialismus, ohne ihn keine deutsche Sozialdemokratie, ohne ihn
keine „Internationale", ohne ihn letzten Cndes auch kein 9. November 1918
und keine deutsche Republik. Er war ein Lichtbringer und Fackelträger der
Menschheit, wenn auch ganz gewiß nicht ein Heros des reinen Lichts, son-
dern Künder grimmen Hasses, er war, ist und wird für immer bleiben
einer der großen Wegkünder und Wegbereiter der heutigen Arbeiterklasse.
        <pb n="69" />
        ﻿IIIIIIIIBIIIIIIIIIIIIIII

Sechstes Kapitel.

Der Bolschewismus.

In Karl Marx wurzeln — dieses zur Evidenz nachgewiesen zu haben,
ist das Hauptverdienst Werner Sombarts in seinen! hier wiederholt ange-
führten Werken —■ zwei grundverschiedene, sich so feindlich wie Feuer und
Wasser gegenüberstehende Weltanschauungen: eine evolutionistische —
realistisch-historische und eine utopistische-revolutionäre. Diese ist besonders
in den Erstlingswerken des jungen Marx ausgeprägt insbesondere im „Kom-
munistischen Manifest", im Verlauf seiner späteren Studien hat er sie fast
restlos überwunden, insbesondere im „Kapital" tritt sie durchaus in den
Hintergrund, nur bisweilen bricht sie noch wie ein züngelnder Blitz hervor.
Nus dieser durchaus überwundenen und insbesondere von Friedrich Engels
stets auf das Schärfste bekämpften Ausgangsstufe des Karl Marx baut sich
nun der Bolschewismus eines Lenin und Trotzkis in Rußland auf, wie ihn
„mit einer ans Pathologische grenzenden Genauigkeit" (Sombart) ihre
Jünger allenthalben, insbesondere aber die Spartakisten Deutschlands nach-
äffen. Gläubig beten die Bolschewisten den jugendlichen Marx an, sie schwö-
ren auf die Worte des „Kommunistischen' Manifestes", dieses ist für sie
„Tabu" und eine Gotteslästerung, eine Sünde gegen den heiligen Geist sei-
nen ewigen Wahrheitsgehalt irgendwie anzuzweifeln. Nur mit den spani-
schen Kroßinquisitionen vom Schlag eines Torquemadas ist ihre Dogmen-
anbetung und ihre bluttriefende Verfolgungssucht zu vergleichen. Es sind
rasende, vom finsteren Hasse besessene, rein negativ ausgerichtete Menschen.
Die Sozialisten, selbst die radikalen, hassen sie am meisten. „Das Verhalten
Kautskys, den die Sozialisten aller Ländervor dem Kriege als Hohen-
priester des Marxismus allgemein verehrten, ist eine unerhörte Besudelung
des Marxismus." (E. Zinojew—Lenin: „Sozialismus und Krieg", 1915,
S. 8.) „Er ist ein Virtuose der internationalen Heuchelei, er falsifiziert den
Marxismus in den Jmperalismus um.“ (ebenda, S. 19 und 39.) Renner
und Viktor Adler sind „Spießgesellen des Kapitals", „Betrüger", „Schwind-
ler", „Knechte den Bourgoisie". Der eigenartige Name der Bolschewisten,
d. h. Mehrheitsleute, erklärt sich daraus, daß eine Gruppe der vormals eini-
gen russischen Sozialisten 1903 auf dem Vrüsseler-Londoner Kongreß die
Mehrheit erhielt, die unterlegene Minderheit führt seitdem den Namen
Menschewiki.

Auf die Einzelheiten ihres umfangreichen Programms können wir hier
nicht eingehen, nur einen kurzen lleberblick zu geben ist vielmehr hier wie
allenthalben unsere Aufgabe. Genau wiedergegeben und erläutert ist es in
der von N. Bucharin verfaßten und von K. Radek mit einem interessanten
Vorwort versehenes, 1918 im Züricher Verlag Union erschienenen umfang-
        <pb n="70" />
        ﻿— «9 —

reichen Schrift -„Das Programm der Kommunisten" (Volsche-wiki). Wert-
volles Material bringt auch die kleinere Schrift Lenins „Die nächsten Auf-
gaben der Sowjet-Macht" (Berlin, Verlag der Aktion). Trefflich unterrich-
tet auch das umfangreiche 6. Kapitel des „Sozialismus und soziale Bewe-
gung" von Werner Sombart (S. 143—193) über diese neueste sozialpatholo-
gische Massenerscheinung. Einleitend und zusammenfassend sei jetzt schon
betont, daß der Gesamtgeift des Bolschewismus weiter nichts ist als der alte
Revolutionsgeist, der Geist des jugendlichen revolutionären Marx. Grund-
sätzlich verfechten die Bolschewisten die Diktatur des Proletariats bis zum
äußersten, der Gedanke der Herrschaft der Mehrheit, also der Demokratie, ist
ihnen völlig fremd. „Wie jeder andere Staat, ist der proletarische Staat
eine Organisation der herrschenden Klasse . . . und eine Organisation der
Gewalt." (Bucharin, Programm, S. 17). Das Ziel ist „die Bourgoifie völlig
zu erwürgen" (Bucharin, S. 25). Daher predigt der Bolschewismus den
schärfsten und erbittertsten Klassenkampf mit allen Mitteln. „Der Bürger-
krieg, den die revolutionäre Sozialdemokratie in dieser Epoche zu ihrer Lo-
sung macht, das ist der Kampf des Proletariats mit den Waffen in der
Hand gegen die Bourgoifie für die Expropriation der kapitalistischen Klasse
in den führenden kapitalistischen Ländern" (Bucharin, S. 34). „Nur durch
den Bürgerkrieg und die eiserne Diktatur des Proletariats kann man zur
kommunistisch-genossenschaftlichen Produktion gelangen" (S. 85). „Marxis-
mus ist kein Pazifizismus" (S. 21). „Wir sagen: unsere Losung ist Ent-
waffnung der Bourgoifie, Bewaffnung, allgemeine und unbedingte, der Ar-
beiterklasse." (S. 72.) „Parlamentarismus ist Kretinismus", an seine Stelle
tritt die Rate-Regierung, der Sowjet. Die Reste sind die Vertreterschaft des
arbeitenden Volkes. Wahlberechtigt und wählbar find nach dem Art. 64 der
„Verfassung der russischen sozialistischen föderativen Räte-Repüblik" (in
deutscher Uebersetzung im Züricher Verlag Union erschienen 1918) alle acht-
zehn Jahre alten Männer und Frauen, „die sich die Mittel zum Leben durch
produktive und gemeinnützige Arbeit verdienen," die Soldaten der roten
Armee und Arbeitsunfähige. Richt wählen und nicht gewählt werden kön-
nen: die Unternehmer, Rentner, Händler, Mönche und Geistliche, -Polizei-
beamte, Geisteskranke, Verbrecher und die Mitglieder des früheren Herr-
scherhauses. Das wirtschaftspolitische Programm ist auf rascheste
Sozialisierung gerichtet. Die wichtigsten Forderungen sind: Zuerst werden
die sämtlichen Banken zentralisiert und nationalisiert. Die Zentralvolksbank
soll werden eine „gesellschaftliche Büchhalterei der sozialistischen genossen-
schaftlichen Produktion". Dann werden die syndizierten Industriezweige na-
tionalisiert, es folgt die übrige Großindustrie „durch den Uebergang der
Großindustrie in die Hände des Arbeiterstaates wird auch der Kleinbetrieb
davon abhängig gemacht." Gleichzeitig erfolgt die Vergefellfchaftlichung des
Grund und Bodens und Einführung der gemeinsamen Bodenbearbeitung.
Die früher großen Eütsbezirke werden in Zukunft genossenschaftlich bewirt-
schaftet. Es wird eine zentralisierte Volkswirtschaft eingeführt, in der alle
Arbeit und Verteilung nach einem genauen Plane geregelt ist. Zur Durch-
führung dieser Zentralisation werden für alle Industrien und Betriebe be-
sondere volkswirtschaftliche Räte eingeführt, die mit den Arbeiterräten und
der Rüteregierung stets in engster Fühlung stehen. Es wird eine Arbeite-
        <pb n="71" />
        ﻿— 70

Pflicht eingeführt, zunächst für Personen mit mehr als S00 Rubel monatliches
Einkommen, später für alle. Die Arbeiter erhalten ihren Lohn nicht in
Geld, denn dieses wird völlig beseitigt, sondern durch Zuweisung eines Ar-
beitskonsumbüchleins, unter dessen Vorlegung er laut der von ihm verrich-
teten dort eingetragenen Arbeit die von ihm benötigten Waren erhält. All-
gemeine Arbeiterkataster dirigieren das Riefenheer der Arbeiter von der
Zentrale an die einzelnen Arbeitsplätze in Industrie, Handel und Landwirt-
schaft. Spekulation und Handel werden gänzlich ausgeschaltet, die „regel-
mäßige Verteilung des Produkts erfolgt auf Grundlage einer Regiftration
der Bedürfnisse und Vorräte" (man denke an die Verteilung der rationierten
Lebensmittel durch unser Kartensystem in Deutschland). Zwecks Durchfüh-
rung dieser Verteilung wird die Bevölkerung allenthalben in „Konsum-
kommunen" gusam'mengeschlossen. Die Einzelhauswirtschaft wird zwecks bes-
serer Verteilung und Befreiung der Frau von ihrer Haussklaverei aufge-
hoben, an ihre Stelle tritt die soziale Hauswirtschaft, die Zentralküche.
Auch die Hauseigentümer werden enteignet, und zwar ohne jede Entschädi-
gung. Die Arbeiterräte ergreifen von den Häusern Besitz, sie registrieren die
Häuser und Wohnungen und verteilen sie nach Vertreibung der bisherigen
Hauseigentümer je nach Bedarf. Zuletzt soll auch der auswärtige Handel
vergesellschaftet werden. Kein Russe darf mehr mit ausländischen -Kapi-
talisten Handelsgeschäfte abschließen. Den ganzen Handel betreibt die Sow-
jetrepublik. Diese Programmforderungen sind größtenteils verwirklicht,
durch Dekret vom 17. Dezember 1917 wurden zuerst die..Banken nationalisiert,
zuletzt durch Dekret vom 28. Juni 1918 die gesamte Industrie, auch der
Handel, der binnenländische sowohl wie der ausländische ist verstaatlicht.
Zu einem guten Teil ist aber die Durchführung der „Sozialisierung" nur
auf dem Papiere stehen geblieben, man sah sich genötigt, der verhaßten pri-
vatkapitalistischen Wirtschaftsordnung ganz bedeutende Zugeständnisse zu
machen. Hochinteressant' sind hierüber die Ausführungen Lenins in seinem
dem allrussischest zentralen Vollzugsausschuß der Arbeiter-, Soldaten-,
Bauern- und Kreisdeputierten erstatteten Bericht: „Die nächsten Aufgaben
der Sowjet-Macht", dem dieser in seiner am 29. April 1918 gefaßten Reso-
lution rückhaltlos beistimmte. Da lesen wir (S. IS flg.), daß ohne die An-
leitung von Fachleuten der verschiedenen Zweige des Wissens, der Technik,
der Erfahrungen, der Uebergang zum Sozialismus unmöglich fei, „wir muß-
ten daher zu dem alten bürgerlichen Mittel greifen, und auf eine sehr
hohe Bezahlung der Dienstleistungen der größten unter den bürger-
lichen Fachleuten eingehen ... Es ist klar, daß solch eine Maßnahme ein
Kompromiß ist, ein Abrücken von denPrinzipien derPariser
Kommune und jeder proletarischen Macht, die eine Gleich-
stellung der Gehälter mit der EntlöhnUng eines Durchschnittsarbeiters ver-
langen . . . Gehälter von 2S 000 Rubel für Sterne erster Größe seien nicht
zu hoch und" müßten unbedingt bezahlt werden. Interessant ist auch das sehr
wichtige Zugeständnis, das Lenin den' Eenofsenfchqften und Konsumvereinen
auch deU bürgerlichen gemacht hat, die Sowjetmacht verzichtete auf das Recht
des unentgeltlichen Eintritts in eine Genossenschaft, „das einzige konsequent
proletarische Prinzip", wie auch auf die Vereinigung der gesamten Bevölke-
rung einer gegebenen Oertlichkeit in eine einzige Genossenschaft. Sie mutzte
        <pb n="72" />
        ﻿also mit den bürgerlichen Genossenschaften unter Verleugnung ihres Prinzips
direkt paktieren. „Indem wir die bürgerlichen Elemente leiten, sie benutzen,
ihnen gewisse einzelne Zugeständnisse machen, schaffen wir -ie Bedingungen
für eine Vorwärtsbewegung, die etwas langsamer als wir ursprünglich an-
nahmen, sein wird, aber gleichzeitig gefestigter, mit solider Sicherung der
Basis und der Verbindungslinien, mit besserer Verschanzung der zu erobern-
den Positionen, Die Sowjets können und müssen ihre Erfolge in der Sache
des sozialistischen Aufbaues, unter anderem an außerordentlich klaren, ein-
fachen und praktischen Massen ermessen (nämlich in welcher Zahl von Gemein-
den, Kommunen oder Ansiedelungen, städtischen Quartieren usw.) und in-
wieweit sich die Entwickelung der Genossenschaften dem Ideale nähert, die
gesamte Bevölkerung zu umfassen (Lenin, S. 26/27). In der Tat, die Ver-
gesellschaftung kann sich nur insoweit verwirklichen, als der Bedarf befestigt
und genossenschaftlich organisiert wird. Das größte Gewicht legt Lenin
vollkommen mit Recht auf die Erhöhung der Produktivität der Arbeit:
„Hierbei wird es mit einem .Male sichtbar, daß, wenn man sich der zentralen
Staatsmacht in einigen Tagen bemächtigen kann ... die dauerhafte Lö-
sung der Aufgabe, die Arbeitsproduktivität zu heben, jedenfalls (besaiÄrers
nach dem.qualvollsten und zerstörendsten aller Kriege) einige Jahre erfor-
dert." (S. 28.) Sehr wahre Worte, die sich besonders unsere deutschen Bol-
schewisten, Kommunisten, Spartakisten, aber auch Unabhängige Sozialdemo-
kraten mit ihren wahnsinnigen volkszerrüteftden Massenstreiks gesagt lassen
sein sollten. Eine Erhöhung der Disziplin der Werktätigen bezeichnet Lenin
als Bedingung für den ökonomischen Aufstieg als unerläßlich. „Die Revo-
lution erfordert, und zwar im Interesse des Sozialismus.die widersprAchs-
lose Untere,rdmmng der Massen unter den, einmütigen Willen der Leiter des
Arbeitsprozesses (von Lenin selber fett gedruckt) . . . Man muß lernen, den
stürmischen, in Frühlingsü'berschwemmung eilenden, die Ufer übertretenden
Meetings-Demokratismus der arbeitenden Massen mit der Eisernen Diszi-
plin während der Arbeit, mit dem widerspruchslosen Gehorsam (von Lenin
selber im Druck hervorgehoben), dem Willen einer einzigen Person, des
Sowjet-Leiters während der Arbeit zu vereinigen. Wir haben das noch nicht
gelernt." (S. 47/48.) Mit allen Mitteln muß die Produktivität der Arbeit
gefördert werden. „Auf die Tagesordnung muß gestellt, praktisch angewandt
und versucht werden: der Akkordlohn, die Anwendung von vielem, was
an Wissenschaftlichem und Fortschrittlichem im Taylor-System vorhanden ist,
die Anpassung des Verdienstes entsprechend den Endsummen der Produk-
tionsauebeute oder der Exploitierungsrefultate des Transportes durch Eisen-
bahnen und Wasserwege usw." &lt;S. 29/30.) Man staunt auf das äußerste:
Eine Empfehlung des Akkordlohns, den die organisierte Arbeiterschaft im
Zeitalter des Kapitalismus stets als „Mordlohn" auf /das schroffste be-
kämpft hat, zwangsweise Einführung des Taylor-Systems, dieser feinsten
Blüte eines raffinierten Hochkapitalismus und schonungslos ausbeutenden
Industrialismus, eines über die Maßen fein ausgeklügelten Systems, das
den Arbeiter rücksichtslos ausquetscht wie eine Zitrone uitd ihn als ausge-
mergeltes Abfallsprodukt einer Knochenmühle und Strandgut in einem Al-
ter auf den Kehrichthaufen der Wirtschaft schleudert, in dem er sich nach den
        <pb n="73" />
        ﻿Gesetzen der Natur im ungeschwächten Vollbesitze seiner Gesundheit befinden
sollte. Wahrlich, schwer ist es, hierüber keine Satire zu schreiben!

Der Versuch der russischen Bolschewisten, dem Sozialismus von heute
auf morgen zu verwirklichen, indem sie ihn einfach dekretierten und mit Waf-
fengewalt einführen wollten, scheiterte vollkommen, er verwandelte die
blühende russische Volkswirtschaft in einen großen Trümmerhaufen, und ganz
Rußland, insonderheit die Großstädte, in eine Schädelstätte und ein wahres
Golgatha.

Einem gewiß unverdächtigen und unvoreingenommenen Beurteiler der
Verhältnisse, der sich bereits seit sechzehn Jahren an leitender Stelle in
der russischen sozialistischen Bewegung betätigt und überzeugter internationa-
ler revolutionärer Sozialist ist, Dimitry Kawronsky erteilen wir zum Be-
weise dessen das Wort. In seiner ergreifenden Schrift:, „Die.Bilanz des
russischen Bolschewismus" (Berlin 1919) lesen wir über die wahrhaft chi-
liastischen Hoffnungen, welche der Bolschewismus über die fanatisierten un-
gebildeten russischen Volksmassen ausgoß: „Auch die Arbeiter glaubten, daß
die Bolschewiki ihnen sofort das Paradies auf Erden verschaffen würden.
Und die Sozialisten, die alle ihre Kräfte darauf richteten, die Massen &gt;vor
dem Bolschewismus zu schützen, um diese alles unterspülende Welle . der
Anarchie und des unorganisierten Raubes erfolgreich bekämpfen zu können,
befanden sich in der Lage von Pkenschen, die etwa versuchen wollten, einem
seit langen Zeiten hungernden Menschenhaufen klar zu machen, daß es nicht
angehe, den ganzen Vorrat an Korn zu verzehren, den ihnen plötzlich ein
glücklicher Zufall zuteil werden ließ, und daß man etwas Saatgut übrig las-
sen müsse, um im nächsten Jahre nicht zu verhungern." (S. 36.) Nachdem
sich im November 1917 die Bolschewiki der Staatsgewalt bemächtigt hatten,
„führte die schiefe Ebene, auf der die russische Revolution in den Abgrund
hinabglitt, sprunghaft in die Tiefe. In den ersten zwei Wochen der bolsche-
wistischen Herrschaft fielen die Eetreidelieferungen an der Front und für
die Städte auf 45 v. H. ihrer bisherigen Höhe. Ueberall ging eine mächtige
Welle der Zerstörung und Verwüstung der gutsherrlichen Besitzungen über
das Land. Einzelne Kreise, Dörfer, fa sogar Privatpersonen, ergriffen eigen-
mächtig Besitz vom freien Boden. Die Intensität der Arbeit sank noch wei-
ter .. . &gt;(S. 39.) Durch die Entfesselung des inneren, des Bürgerkrieges,
haben die Bolschewiki eine Reihe von Fehlern, nein von den schlimm-
sten Verbrechen begangen . . . Dabei wird der Bürgerkrieg bei uns
nicht von zwei verschiedenen Klassen, sondern von zwei verschiedenen Grup-
pen derselben revolutionären Demokratie geführt . . . . (S. 42.) Das ist die
innere Logik des Bolschewismus. Nachdem er einmal den Versuch gewagt,
den Sozialismus auf seine Art gegen den klär ausgesprochenen Willen der
Mehrheit durchzuführen, und hierfür zu dem einzigen Mittel, über das er
verfügte, zur Gewalt gegriffen hatte, vermochte er es nicht mehr, sich auf
dieser schiefen Ebene zu halten. (S. 43.) Ein gewaltiger Feldzug gegen die
sozialistische Presse setzte ein, nun setzte die Zerstörung der sozialistischen Or-
ganisation ein, und die Gefängnisse begannen aufs neue, sich mit Angehöri-
gen der sozialistischen Partei zu füllen . . . Erst begannen Füsiladen ein-
zelner Sozialisten, dann folgten die Massenhinrichtungen von
Arbeitern in Kolpino, in Moskau, in Petersburg . . . Gegen die Strei-
        <pb n="74" />
        ﻿Bag 917“"“*«24.3.64.

ä — 73 —

kenden wurde dicht nur Waffengewalt angewandt, man entzog ihnen
auch die Lebensmittel und gab sie dem Hungertode preis...
Es fetzte ein richtiger Kreuzzug gegen die gesamte Bevölkerung ein. lleber-
all fanden Massenhinrichtungen von Bauern, Arbeitern und In-
tellektuellen statt. Die sozialistischen Parteien wurden für vogelfrei er-
klärt, ihre Mitglieder auf der Stelle erschossen oder als Eeisseln in Kon-
zentrationslagern untergebracht. Eine blutige Welle des politischen Ter-
rors, die eine selbst im Vergleich zu den Zeiten des Zarismus unerhörte
Ausdehnung annahm, schwoll immer mehr an und überschwemmte das
unglückliche Land, das ohnmächtig in den Fesseln der wirtschaftlichen Des-
organisation, Anarchie und Hungersnot schmachtete." (S. 45/46.) Wahrhaft
erschütternde Einzelheiten entrollt auf Crund bolschewistischer Quellen sel-
ber der 4. Abschnitt des Buches „Das Bild des heutigen Rußlands." Da-
nach müssen die Bolschewisten für das Gouvernement Petersburg selber ein-
räumen, daß der Verpflegungszustand verzweifelt ist. In der Gegend, von
der die Rede ist, konnte vom 21. Dezember 1917 bis anfangs September 1918
von dem Proviantamt nicht ein einziges Stück Brot verteilt werden." (Pe-
tersburger Wahrheit vom 30. Oktober 1918.) An Giern kamen während des
ganzen Sommers 1918 acht Stück auf den Kopf der Bevölkerung. Ueber die
Gouvernements Olonez und Nowgorod schreibt der Kommunist Eolubew:
„Ich selbst war Augenzeuge, wie die Menschen dazu übergingen, sich nach
Art von Tieren zu nähren, wie sie auf den Feldern wilden Klee suchten,
trockneten, zerrieben und aus ihm Fladen buken" . . . Auch im Gouverne-
ment Wologda wird die Lage gänzlich unhaltbar, die Hungersnot hat schon
begonnen. Aehnliche Mitteilungen kann man in der bolschewistischen Presse
über alle Gouvernements, die auf Einfuhr angewiesen sind, d. h. über die
Hälfte des ganzen Sowjet-Rußlands, hören ... In einem Lande, in dem
man so Hunger leidet, daß die Menschen in Massen vor Hunger sterben und
auf der Straße vor Erschöpfung hinfallen, läßt sich eben die Wahrheit nicht
verheimlichen . . . Aber die Lage der Arbeiter in bezug auf die Lebensmit-
telverteilung ist noch weit schlechter .... Im Gouvernement Twer, Wladi-
mir, Nowgorod, Kostroma u. a. haben die Post- und Telegraphenarbeiter
schon drei Monatelang von nirgendher irgendwelche Lebensmittel er-
halten ... (S. 52/53.) Die großen Industrien, die Metallindustrie, die
Textilindustrie, die Gummi-, Zement- und Naphtaindustrie&gt;sind so gut wie
ganz zerrüttet. „Man kann jede beliebige Jndustriebranche nehmen, die
Zuckerindüstrie, die Papierindustrie, die Streichholzindustrie, kurz, welche
man auch ins Auge fassen will, überall ertzibt sich das gleiche Bild einer
traurigen Zerstörung, rapiden Zerrüttung, ja einer völligen Vernichtung.
Das „Oekonomische Leben" (Nr. 12) schreibt in einer Charakteristik der wirt-
schaftlichen Gesamtlage: Die Lage unserer Industrie kann im gegebenen
Momente mit dem einem Wort „katastrophal" charakterisiert werden (S.
54).... „Das Transportwesen ist in Rußland völlig zerrüttet ...das
Land stirbt d e n H u n g e r t &gt;o d. (S. 55) Selbst das wenige, w!as über-
haupt noch produziert wird, gelangt nur mit äußerster Mühe zur Verteilung.
Die bolschewistischen Organisatoren sind unfähig und bestechlich in hohem
Grade, ihre Amtsgeschäfte dienen ihnen zur Selbstbereicherung. &gt;(S. 57—61.)
„Der Zerfall der Industrie Und die Lebensmittelkrise lasten schwer auf der
        <pb n="75" />
        ﻿74 —

Arbeiterschaft." Zum größten Teil ist sie aus einandergelaufen, hat sich in
die Dörfer zerstreut." (S. 63.) .„In Wahrheit vollzieht sich nicht der Auf-
bau des sozialistischen Staates in Rußland, sondern etwas ganz anderes,
der völlige Zerfall der ,Volkswirtschaft, und zwar nicht ein einfacher Zer-
fall, sondern ein typischer und deutlicher Zerfall ins Kleinbürgerliche."
(S. 68.) „Wie Schnee schmelzen in den Hcinden der russischen Arbeiterklasse
die industriellen Unternehmungen dahin. Die Arbeitslosigkeit
wächst, der Hunger in den Städten verschärft sich, und
auch sie selbst als Klasse schmilzt zusammen und löst sich über ganz Rußland
auf. Rur kleineren Gruppen von ihnen und -einzelnen parasitenhaften Ele-
menten gelingt es, aus diesem völligen Zerfall, aus dieser gänzlichen Ver-
nichtung der Industrie und ihres Hauptträgers, der Arbeiterklasse Vorteil
zu ziehen." (S. 70.) Auf dem Lande ging der Boden in den faktischen Besitz
unzähliger kleiner Eigentümer über. Für lange Zeit ist damit jede
Hoffnung auf die planmäßige Sozialisierung des Bodens, diesen Eck-
stein des Agrarsozialismus untergraben . . . Schnell verarmt die ganze
Masse des rustschen Bauerntums und wiederum bereichern sich
nur einzelne Gruppen, die Spekulanten und die Agenten der
bolschewistischen Regierung." (S. 70.) Seine schwarz in schwarz
gehaltene Schilderung schließt Gawronsky mit folgendem trostlosen Ver-
gleich: „Bei der Plünderung eines großen Gutes fiel einmal den Bauern ein
alter außerordentlich wertvoller Spiegel in die Hände. Lange wußten sie
nicht, was sie mit ihm anfangen sollten; schließlich aber entschlossen sie sich,
ihn zu zerschlagen, und jeder nahm ein kleines Stückchen an sich. Das ist
das Bild und das Symbol dessen, was jetzt in Rußland unter dem Regime
des Bolschewismus ,vor sich geht." (S. 71.) So schaut in Rußland die Praxis
des Bolschewismus aus! Möchten die hier mitgeteilten wahrheitsgemäßen
bolschewistischen Quellen entnommenen Bilder unsere deutschen radikalen
Heißsporne zur Vernunft bringen, jeder Versuch einer llebertragung der
russischen vielgerühmten Bestrebungen und Vorbilder würde unsern hochent-
wickelten Industriestaat in ein noch weit fürchterlicheres Elend hineinstürzen
wie das fast rein agrarisch aufgebaute russische Volk mit seiner durchaus
rAckständigen Volkswirtschaft. Der verhängnisvolle Fehler des Bolschewis-
mus, den Sozialismus sofort zu verwirklichen, ihn dekretieren zu wollen und
mit der Gewalt der Waffen durchzusetzen, würde in Deutschland wiederholt
unsere Gauen in eine Schädelstätte verwandeln und unsere ganze Volks-
wirtschaft in eine Trümmerstätte zerschlagen. Rur ganz langsam, im Laufe
von Jahrzehnten, wächst der Sozialismus, nur organisch kann er sich, soweit
er überhaupt realisierbar ist, gestalten im langsamen Wachstum und in
schrittweiser Entwickelung. Revolutionen als solche haben noch nie Wirt-
schaftssysteme geschaffen und.werden sie auch niemals schaffen.
        <pb n="76" />
        ﻿I I I I I i I I I k a i ■ l I l I ■ I I I 1 ■ I

Siebentes Kapitel.

Schlutzbetrachtung, Rückblick und Ausblick. Die neue
Wirtschaft und ihr Geist.

Ausführliche und grundlegende Betrachtungen über den Aufbau der
neuen Wirtschaft und die Wirtschaftliche Weiterentwickelung der Dinge hier
anzustellen, ist nicht unsere Absicht, sie würden den Rahmen unserer Arbeit,
die nur die großen sozialistischen Systeme in ihren Erundzügen anschaulich
darstellen und ganz kurz ,zu ihnen kritisch Stellung nehmen wollte, völlig
sprengen. Unsere Eedankengänge waren rückwärts gerichtet und sollten es
sein. Mißlich in hohem Grade und fast unmöglich ist es für die wissenschaft-
liche Schau die künftige Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse zu
schildern. Wenn jemals Zurückhaltung und Vorsicht in der Stellung des
politischen und wirtschaftlichen Horoskops geboten erscheint, so ist es in
den gegenwärtigen Tagen (Mitte Juli 1919), angesichts der völligen Un-
gewißheit über unseres unglücklichen tief am Boden liegenden deutschen Va-
terlandes Zukunft, in einer Zeit, in der der Bilden unter unseren Füßen
wankt und alles zusammenzubrechen droht. Nur folgende Sätze dürfen ge-
wagt werden: Das marxistische Endziel: die völlige Verstaatlichung oder
auch Vergesellschaftlichung aller Produktionsmittel ohne jede Ausnahme
muß für jetzt und für lange Zeiten, Jahrzehnte und Jahrhunderte hinaus,
als undurchführbar abgelehnt werden. Namentlich die Millionen kleinster,
kleinerer und auch mittlerer bäuerlicher wie auch gewerblicher Betriebe spotten
jeder „Sozialisierung", am antikollektivistischen Dickschädel der Millionen un-
serer kleineren und mittleren Landwirte wird der Sozialisterungswille wie die
Flut an einem steilen Felsen sich brechen. Bei ihnen allen liegt kein arbeits-
loses reines Nenteneinkommen! vor, sie arbeiten selber mit, in ihrem Ein-
kommen steckt ein gutes Teil Arbeitseinkommen, das die auch ihnen zufal-
lende reine Grundrente weit übersteigt und sich von dieser reinlich gar nicht
trennen läßt. Aber die bisherige, nach reinen privatwirtschaftlichen Er-
werbsrllcksichten ausgerichtete profitlüsterne nur egoistische Ziele verfolgende
Privatwirtschaft in ihrer bisherigen Form und mit ihrem bisherigen Hcknd-
lergeist ist durchaus unhaltbar unds steht unweigerlich auf dem Aussterbe-
etat. Z u n ä ch st muß und wird die ausbeutende Willkür privater Mono-
pole restlos gebrochen werden, die Bergwerke müssen endlich, wie dieses alle
fortgeschrittenen bürgerlich-sozialpolitischen Kreise unter der Führung des
konservativ gerichteten ehrwürdigen Führers der deütschen Staats- und Ka-
        <pb n="77" />
        ﻿— 7fi —

thedersyzialisten Adolf Wagner und des Höchst verdienstvollen Kodenrefor-
mers Adolf Damaschke feit langen Jahren schon gefordert haben —, ver-
staatlicht, die städtischen Wohnböden, insbesondere die in den Großstädten,
müssen, langsam aber sicher, in das Eigentum der Gemeinden überführt wer-
den — eine Forderung, die «kein geringerer als Gustav v. Schmoller bereits
vor 19 Jahren in seinem Grundriß der Nationalökonomie als sehr diskutabel
bezeichnet hat :— die Tributpflichtigkeit, ja Hörigkeit der weitaus größten
Massen der städtischen Bevölkerung gegenüber verhältnismäßig wenigen
Hauseigentümern (in «Berlin wohnen 99 u. H. der «Bevölkerung zur Miete)
muß aufhören) die Gemeinde muß in absehbarer.Zeit zur Herrin aller künf-
tigen Bodenwertsteigerungen gemacht werden, lleberhaupt soll und wird die
Grundrente mit ihrer in den letzten Jahrzehnten fortgesetzten sprunghaften,
riesigen Steigerung der Grund- und Bodenwerte restlos der Gesamtheit zu-
geführt werden, s i e hat die riesigen Wertsteigerungen (vergl. über sie ins-
besondere Damaschke: „Die Bodenreform", 89,—95. Tausend, 1919: „Die
Aufgaben der Gemeindepölitik", 7. Auflage, 1918 und „Geschichte der Na-
tionalökonomie", 11. Auslage, 2 Bände, 1919) erzielt ihr gebühren sie da-
her auch. Jedem Einzelnen der Ertrag seiner ehrlichen Arbeit, mag er durch
geistige oder körperliche Arbeit geschaffen sein, der Gesamtheit aber muß
und wird das &gt;zlugute kommen, was sie geschaffen hat, die Grundrente. Das
ist eben das Programm der deutschen Bodenreform and ihr Ziel: Ausgleich
zwischen Individualismus und Sozialismus.

Das schrankenlose gesetzliche Erbrecht auch der entferntesten
Erben ist ganz erheblich zu beschneiden, nur zugunsten der Ehe-
gatten, Abkömmlinge und Voreltern ist es zuzulassen, selbst für
Geschwister ist es- heute angesichts der völligen Lockerung und Los-
löstmg der nahen verwandtschaftlichen Beziehungen nicht mehr aufrecht zu
erhalten. Dem Fortfall der gesetzlichen Unterhaltspflicht für Geschwister
würde der Fortfall des gesetzlichen Erbrechts nur Entsprechen. Keinesfalls
aber darf das gesetzliche Erbrecht noch den Geschwisterkindern eingeräumt
werden, Neffen und Nichten bilden die Hauptkatetzorie der „lachenden Er-
ben", diese unerfreuliche antisoziale Mafsenerscheinung muß schleunigst ver-
schwinden, sie paßt nicht mehr in die heutige Zeit hinein . . .

Dringendes Erfordernis ist die Steigerung der Produktivität unserer Volks-
wirtschaft. Sie läßt sich nur erreichen durch angestrengteste und gewissenhafteste
Arbeitsleistung, Arbeitszwang ist daher unvermeidlich und seine Durch-
führung gegen arbeitsscheue Arbeitslose unbedingt erforderlich, kein Deut-
scher, er mag so wohlhabend und reich sein wie er wolle, darf sich außerhalb
der Arbeitsgemeinschaft seines Volkes stellen, er muß eine seinen Fähig-
keiten entsprechende Arbeitsstellung annehmen. Technisch rückständige und
überflüssige Betriebe müssen möglichst ausgeschaltet werden, zu dem Zwecke
müssen unsere Industrien nach den ausgezeichnet durchdachten Vorschlägen
Walter Rathenaus (Neue Wirtschaft, S. 64 flg.) in große Berufs- und Ge-
werbeverbände zusammengefaßt werden. Unser Handel, insbesondere der
Kleinhandel ist maßlos überfüllt, zersplittert und zu einem großen Teil
gänzlich unproduktiv, wie «dieses erst nduestens Rathenau in seinen ver-
schiedenen Schriften (Neue Wirtschaft" „Von kommenden Dingen" und „Pro-
bleme der Friedenswirtschaft") überzeugend und geradezu drastisch nachge-
        <pb n="78" />
        ﻿- 77 —

miesen hat. In jeder Großstadt alle paar hundert Schritt ein Zigarrenge-
schäft. „Das bedeutet, daß die Arbeit eines Armeekorps allein in Berlin
dazu nötig ist, um Taback zu verteilen". (Friedenswirtschaft, S. 37. In ein-
zelnen. Stadtteilen -gibt es kaum ein Hädserviereck, das nicht ein Seifen-
geschäft oder einen Papierladen in sich birgt. Konsumvereine werden in
immer wachsendem Maße die volkswirtschaftlichen. Verteilungsaufgaben
dieses verteuernden Kleinhandels an sich ziehen und ihn allmählich bis auf
einzelne Reste ganz ausschalten. Die Konsumvereine werden auch Unmittel-
bar mit den Erzeugern in Verbindung treten und so den bisher viel zu
langen, umständlichen und kostspieligen Weg der Waren vom Erzeuger bis
zum Verbraucher ganz wesentlich abkürzen und verbilligen. Wahrscheinlich,
daß der Anteil des Verbrauchers als solchen und seiner Vereinigungen,
der Konsumvereine an der gänzlichem Umgestaltung der Volkswirtschaft
Zufolge allmählich llebergang zur Eigenwirtschaft durch Gründung von
Fabriken, Bäckereien, Schlächtereien, Druckereien sowie Ankauf uUd Be-
wirtschaftung von Landgütern ebenso groß sein wird wie der der Produzen-
ten durch Bildung von Produktivassoziationen und des unmittelbaren Ein-
griffs der Gesetzgebung. Der Eenossenschaftsgesdanke wird weitere unge-
ahnte Fortschritte erzielen, lleberhaupt wird der Wille zur menschlichen
Solidarität, der wirtschaftliche und ethische Gemeinschaftsgedanke mächtig
um sich greifen. „In Wahrheit brennt die alte Wirtschaftsordnung nieder
und es naht die Zeit, wo der alte Unterbau Iber Gesellschaftsordnung sich
entzündet" (Rathenau, „Die neue Wirtschaft", S. 84). Ein neuer Geist
aber tut uns.vor allem dringend not. Die ganz einseitige materialistische
Betrachtungsweise der Dinge, wie sie Marx und mit ihm dem wissenschaft-
lichen Sozialismus und der deutschen Sozialdemokratie zu eigen 'war, muß
einer geistigen Blickrichtung Platz machen. Zurück auf ^Kant muß die Lo-
sung sein, wir find nicht nur wirtschaftliche Wesen, wie uns der Marxismus
in seiner Reinkultur glauben machen will, sondern auch, ja sogar in erster
Linie, denkende, geistige uns Zwecke ünd Ziele setzende Wesen, nicht nur
von blindem Kausalitätsgesetz getriebene Glieder des Naturreichs, sondern
Bürger zweier Welten. Der Wille zur Gemeinschaft muß uns alle
durchdringen- und als edles Feuer durchlodern, als Einzelne sind wir nichts,
als Gesamtheit alles, bei Konflikten muß das Einzelinteresse dem der Ge-
samtheit unbedingt weichen. Alles Privatrecht ist nur durch den Willen
der Gesamtheit verliehen, eiü angeborenes, heiliges und unverletzliches Pri-
vateigentlum gibt es nicht, es ist nur,ein von der Allgemeinheit -stuf
Widerruf verliehenes Amt, das bei schwerem Mißbrauch jederzeit soll ent-
zogen werden können. Das war von je gut altdeutsche Rechtsauffassung.
Wir müssen uns durchaus freimachen von der Auffassung, als ob das Eigen-
tum an allen Produktionsmitteln für alle Zeiten dem Einzelnen zukom-
men, müsse, ewige ökonomische Kategorien gibt es überhaupt nicht, auch für
die Wirtschaftlichen Dinge gilt das Entwickelungsgesetz, „aller fließt" und
nichts ist beständig als der Wechsel.

Nur die restlose Verwirklichung dieses neuen Eemeinfchaftswilltns,
dieser Bereitschaft alle unsere kleinen Privatinteressen dem Wohl der Ge-
samtheit bedingungslos unterzuordnen und, wenn es fein muß,
        <pb n="79" />
        ﻿restlos 0» opfern, bei allen, aber auch allen deutschen Volksschichten, nur
diese Erneuerung des Geistes kann uns vor dem völligen Zusammenbruch
unserer in schwerster Erschütterung befindlichen Wirtschaft, ja noch mehr vor
dem völligen Chaos bewahre n. Ohne sie kein Neuaufbau der Wirt-
schaft, ohne sie die Sintflut! Die Zeiten einer ganz vorwiegend
privatkapitalistischen Epoche dürften, wenn nicht alles trügt, endgültig ab-
gelaufen sind, Klio trägt sie mit ihrem Griffel in das Buch der Vergangen-
heit ein, zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.
        <pb n="80" />
        ﻿Anhang.

Verzeichnis der wichtigsten Literatur.

Das Schrifttum Wer den Wissenschaftlichen Sozialismus ist derartig un-
geheuerlich in die Breite Mp Tiefe angeschwollen, daß es nach Hunderten,
za Tausenden zählt und ganze Bibliotheken anfüllt. Nur ganz wenige, be-
sonders wichtige und grundlegende Erscheinungen können daher hier zur
TrmöglichUng weiteren Studiums angeführt werden.

Erstes Kapitel:	^	r	.

Wern r Sombart: Sozialismus und Sozrale Bewegung, ,. Aus-
laqe 44—49 Tausend, Jena. 1919, blendend, geistvoll, wie alles von Som-
bart Verfaßtes, aber auch stark persönlich und subjektiv. Objektiver und „so-
lider" 3arl D &gt; ehl : Sozialismus, Kommunismus und Anarchismus, 2.
Auflage 1911, in jeder Hinsicht äußerst empfehlenswert. Herkner: Die
Arbeiterfrage, 6. Auflage 1916, 2 starke Bände. Muckle: Die Geschichte der
sozialistischen Ideen im 19. Jahrhundert, 2 Bändchen der bekannten Samm-
lung aus Natur und Eeisteswelt, Nr. 270 u. 271, Leipzig 1918, 2. Auflage
(sozialistisch). Erünberg: Artikel „Sozialismus in Elsters Wörterbuch
der Volkswirtschaft", 3. Auflage, 1911. Bebel: „Die Frau und der So-
zialismus", 150. Auflage, 1919, mit starken Rückfällen in den utopischen So-
zialismus. Adler: Artikel „Sozialismus in Conrads großem, acht Bände
starken Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 3. Auflage, 1910.
Schäffle: „Quintessenz des Sozialismus", 22. Auflage, 1919. Robert
AZilbrandt: Sozialismus (1919). Apotheose des Sozialismus.

Zweites Kapitel:

Bebel: Fourier, Helene Simon: Robert Owen, Jena 1915,
Mückle: St. Simon, 1908.

DrittesKapitel:

Lassalle: Zunächst Lassälles Gesamtwerte, herausgegeben von Erich
Blum, 6 Bände, Verlag Ludwig Pfau, Leipzig. H. Oncken: Lassalle
1901. Georg Brandes: Lassalle, 2. Aufläge, 1899, sowie die kleine aber
sehr inhaltsreiche Schrift von Bernhard Harms: Ferdinand Lasfalle, 2.
Auflage, 1919, Jena.

Viertes Kapitel:

Anarchismus: Stirner: Der Einzige und sein Eigentum
Rcklams Universalbibliothek. E l tz b a ch e r : Der Anarchismus 1900.
Stammler: Die Theorie des Anarchismus, 1891.	^

Fünftes Kapitel:

Marx und der M a r xi s m u s : Zu 1) Karl Marx: Das kommu-
nistische Manifest, 1818, das Kapitel Band I in einer ausgezeichneten, mit
Einleitung, zahlreichen erläuternden Anmerkungen und einem Inhaltsver-
zeichnis versehenen, von Karl Knutsky veranstalteten Volksausgabe 1913
Band II und III (1893). Friedrich En g e l s: Herrn Eugen Dühring's Um-
wälzung der Wissenschaft, 3. Auflage, 1891. Engels: Der Ursprung der
psamrlre, des Staates und des Privateigentums, 18. .Auflage, Stuttgart
Biographren von John Spargo, 1912, von Franz Mehring 1918
ganz ausgezeichnet, trefflich in das verwickelte Eedänkenspstein von

in

R.

Eine

Marx einführende k l e i n e B i o g r a p h i e ist die vom Tübinger National
okonomen R. W r l brand t, 3 Auflage, Leipzig, 1919, Band 021 der Samm-
lung aus Natur und Gersteswelt.
        <pb n="81" />
        ﻿80 -

UJC-H- -utvtuwiuvuuy	y	*. wy ^	WVQI.W

mus: Rudolf Stammlet: Wirtschaft und Recht, 3. Auflage, Leipzig, 1!
Kammacher: Das philosophische und ökonomische System des Mar:
nrus, 1909. P l e n g e ; Die Revolutionierung, der Revolutionär, 1918.
Tugan-Baranowski: Theoretische Eründlagen des Marxism
Kritisch-revisionistisch. Edmund Bernstein : Die Voraussetzungen des
zialismus, Stuttgart, 1899. Einfach unentbehrlich. Ueber die eing&gt;
nen Theorien von Marx, vergl. zur Mehrwerttheorie und
dustrielle Reservearmee: Franz Oppenheimer: die Siedelungsgei
senschaft, 2. Auflage, Jena 1913, Großgrundeigentum und soziale Fre
1896, Die soziale Frage und der Sozialismus, 7./9. Tausend, Jena li
Ueber die marxische Agrartheorie am besten: das große Werk vonD a v i
Sozialismus und Landwirtschaft, Band	l.	1908.	,-

Sektes Kapitel:	; r0

Bolschewismus: Lenin:	Staat	und	Revolution, Berlin, 19 H

Verlag der Aktion (Hauptwerk): Die nächsten Aufgaben der Sowjet-Ma
Berlin, 1918: Lenin-Zinojew : Sozialismus, 1915; B u ch a r i n : 5 i
Programm der Kommunisten mit Vorwort von Radek, Zürich, Ver lc&gt;
Union, 1918. Dimitry Eawronski : Die Bilanz des Bolschewismus, $ h?
lin, 1919.	Ij

Siebentes Kapitell.:	sj-

Schluß bet rach tungen: Adolf Damaschke: Die Bodenrefo U
16. Auflage, 94.—46. Tausend, 1919, Jena: Die Aufgaben ider Gemeindep, so
tik, 25—27. Tausend, Jena, 1918; Die Geschichte der Nationalökonomie Ir
Bände, 11. Auflage, Jena, 1919. Rathenau: „Die Reue Wirtscha (s,
1917; „Probleme der Friedenswirtschaft", 1916; „Rach der Flut," 1919; „8- d-'
kommenden Dingen", 1915; Der Geist der neuen Volksgemeinschaft, e zi
Denkschrift für das deutsche Volk, herausgegeben von der' Zentrale für 5 zi'
matdienst, Berlin, 1919. Len sch: Am Ausgang der Sozialdemokn st



;
        <pb n="82" />
        ﻿47

i Rückgrat. Als solches und als Kern- und Bollwerk sind viel-

-	zentrations-, die Akkumulations-, die V e r -
J-und die Krisentheorie anzusprechen. Auf ihrer Grund-

die Naturnotwendigkeit des Zusammenbruchs der kapi-
; chaftsordnnng. Wir betrachten zunächst die Konzentrations-
»■: ihr versteht Marx, daß infolge der gewaltigen technischen
&gt;es Großbetriebes auf allen Gebieten der Volkswirtschaft,
^mdwirtschaft wie auch in der Industrie als auch im Handel
’i: s die kleineren und mittleren Betriebe restlos aufgesogen
noch wenig ganz große Unternehmungen, Riesenbetriebe,
f -ieljr anschaulich sagt hierüber das Kommunistische Manifest:
7 kleinen Mittelstände, die kleinen Industriellen, Kaufleute
i ie Handwerker und Bauern, alle diese Klassen fallen ins
-7:b, teils dadurch, daß ihr kleines Kapital für den Betrieb
-- e nicht ausreicht und der Konkurrenz mit den Eroßkapita-
■; teils dadurch, daß ihre Geschicklichkeit von neuen Produk-
*■: oertet wird." (S. 33.) .Auch für die ganze Landwirtschaft
urie Anwendung, auch auf ihrem Gebiete vollzieht sich nach
i: menballung der Betriebe unaufhaltsam. Im dritten Band
l ibt Marx als die Ursachen für den Untergang des Eigen-
en und mittleren Bauern folgende an: „Vernichtung der
industrie, Aufsaugung des dieser Kultur unterworfenen

-	ion des Gemeineigentums durch Eroßgrundeigentümer,
kapitalistischen Betriebe, Eroßkultur. Das Pavzelleneigen-

r\. n Natur nach aus: Entwickelung der gesellschaftlichen! Pro-
7 t Arbeit, gesellschaftliche Form der Arbeit, gesellschaftliche
f: :s Kapitals, Viehzucht in großem Maßstabe, progressive An-
7 sserschaft." Diese Lehre hat auch restlos in dem heute noch
&gt; furter sozialdemokratischen Parteiprogramm Aufnahme ge-
k: e Sätze geben sie programmatisch zugespitzt wieder: „Die
--Uickelung der bürgerlichen Gesellschaft führt mit Naturnot-
Untergang des Kleinbetriebs, . . . Die Produktionsmittel
s;: wpol einer verhältnismäßig kleinen Zahl von Kapitalisten
st esitzern: Hund in Hand mit dieser Monopolisierung der
j; el geht die Verdrängung, die Zersplitterung kleiner Be-
ssale Großbetriebe, geht die Entwickelung des Werkzeuges
! ht ein riesenhaftes Wachstum der Produktivität der mensch-
ij--

hat sich die Richtigkeit dieser Lehre auf dem Gebiete un-
i e in einem Umfang erwiesen, der dem divinatorischen
geistigen Väter — Marx und Friedrich Engels — alle
lamentlich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika,
zs: stand und ist unserem deutschen Vaterland hat sich eine Kar-
vertrustung des Kapitals in den letzten drei Jahrzehnten
i ° die kühnsten Erwartungen von Marx weit in den Schatten
ben von Werner Sombart (a. a. O., S. 84) hatten bereits zu
: thrhunderts einige wenige Trusts in den Vereinigten Staaten
st indige industrielle Anlagen mit einem Kapital von über 20
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
