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        <title>Wissenschaftlicher Sozialismus, Kommunismus, Anarchismus und Bolschewismus</title>
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            <forname>Rudolf</forname>
            <surname>Bovensiepen</surname>
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        </author>
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            <idno>1004944497</idno>
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  65943

Nordische  VerlagSanstalt  R.  Hieronyinus,  Neumünster-Leipzig

Eine  erste,  gemeinverständlich-wissenschaftliche
Einführung  von  Landgerichisrat
Dr.  iur.  et  Phil.  Bovenfiepen
in  Kiel.

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CvziMsmlls.  KmmNiMllS.

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        WiffensAWer
SsziMsullls.  KmUMlsmus,
AnllklhiSWS  Vd  BsWmsms

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Eine  erste,  gemeinverständlich  -  wissenschaftliche
Einführung  von  Landgenchtsrat
Dr.  iur.  et  phiDBovenfiepen

in  Kiel.

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19  19

Nordische  Verlagsanstalt  R.  Hieronymus,  Neumünster-Leipzig.
6  65943
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        Vorwort.
An  großen  systematischen  wissenschaftlichen  Werken  über  den  wissenschaftlichen ­
  Sozialismus  ist  wahrlich  kein  Mangel,  eher  fast  verwirrender
Ueberfluß,  aber  wer  ist  in  der  Lage,  schwere,  umfangreiche  Wälzer  von
400—600  Druckseiten  durchzuarbeiten?  An  einer  kurzen,  volkstümlich  und
gemeinverständlich  gehaltenen  Darstellung,  die  in  die  wichtigsten  Probleme
einführt  und  kurz  zu  ihnen  kritisch  Stellung  nimmt,  fehlt  es  bisher  vollständig. ­
  Und  doch  besteht  gerade  nach  ihr  heute  nach  dem  Siege  der  „sozialistischen! ­
  Revolution"  vom  9.  November  1918  ein  ganz  dringendes  Bedürfnis. ­
  Weiteste  Schichten  -unseres  Volkes  verlangen  nach  einer  populären,
kurz  gefaßten  und  dabei  doch  wissenschaftlich  durchaus  zuverlässigen  Einführung. ­
  Diesem  Bedürfnis  sucht  die  vorliegende  kleine  Schrift  gerecht  zu  werden. ­
  Anspruch  aüf  Entdeckung  neuer  wissenschaftlicher  Gesetze  und  auf  Ausstellung ­
  neuer  Theoreme  erhebt  sie  in  keiner  Weise,  sie  begnügt  sich  damit,
den  Leser  die  Gedankenwelt  des  Sozialismus  vorzuführen  und  ihn  dazu
zu  befähigen,  selber  zu  ihr  Stellung  zu  nehmen.  Noch  heute  herrschen  über
di?  grundlegendsten  Fragen  derartige  Unklarheiten,  selbst  in  den  gebildetsten
Volksschichten,  daß  ein  Versüch,  das  Dickicht  zu  lichten,  unbedingt  geboten  ist.
Möchte  er  dem  Verfasser  dieses  bescheidenen  Büchleins,  das  nicht  auf  selbständige ­
  Wissenschaftlichkeit,  sondern  nur  auf  Zuverlässigkeit  und  Volkstümlichkeit ­
  Anspruch  erhebt,  sein  Versuch  wenigstens  in  etwas  gelungen  sein.  Die
mit  gutem  Vorbedacht  aus  den  Werken  des  großen  Sozialphilosophen  und
Wirtschaftshistorikers  Marx  in  ziemlichem  Umfang  wortgetreu  mitgeteilten
Stellen  werden  dem  Leser  zeigen,  daß  die  Eickfühlung  in  die  Gedankenwelt
des  wissenschaftlichen  Sozialismus  Ünd  ihr  Verständnis  nicht  gerade  ganz
leicht  ist.
Kiel,  19.  Juli  1919.
Landgerichtsrat  Or.  jur.  und  phil.
Bovensiepen.
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        I

I

Inhaltsverzeichnis:

Seite
Erst  es  Kapitel  :
Wesen,  Bedeutung  und  Unterschiede  vom  wissenschaftlichen  Sozialismus, ­
  Sozialdemokratie,  Kommunismus  und  Anarchismus  .  5
Zweites  Kapitel:
Der  utopische  Sozialismus  1t
Drittes  Kapittel:
Ferdinand  Lasalle  und  seine  Bedeutung  für  die  Arbeiterbewegung  15
1)  Sein  Leben  ■  •  15
2)  Seine  Lehren  •  •  17
Viertes  Kapitel:
Der  Anarchismus  .  26
Fünftes  Kapitel:
Karl  Marx  und  feine  Lehren  30
Erster  Unterabschnitt:  Sein  Leben  30
Zweiter  Unterabschnitt:  Seine  Lehren  33
a)  Der  historische  Materialismus  33
b)  Die  Klassenkampftheorie  38
c)  Die  Wert-  und  Mehrwerttheorie  41
d)  Die  Konzentrationstheorie  46
e)  Die  Akkumulationstheorie  .  53
f)  Die  Verelendungstheorie  56
g)  Die  Krisen-  und  Zusammenbruchstheorie  63
Dritter  Unterabschnitt:  Kurze  Würdigung  der  Bedeutung  von
Karl  Marx  für  die  Wissenschaft  und  Arbeiterbewegung  ,  ...  65
Sechstes  Kapitel:
Der  Bolschewismus  68

Schlußbetrachtung,  Rückblick  und  Ausblick,  die  neue  Wirtschaft  und
ihr  Geist  75
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IBRIIIIIIIIBIIflllWRIlHlllllBHHIItilllBBIIBVIIIIIII

Erstes  Kapitel.
Wesen,  Bedeutung  und  Unterschiede  vom  wissenschaftlichen ­
  Sozialismus,  Sozialdemokratie,  Kommunismus
und  Anarchismus.
i.
Schwerlich  dürfte  es  in  unseren  wildbewegten  Zeitläuften  ein  Wort
geben,  das  so  unendlich  oft  gebraucht  wird  wie  das  Wort  „sozial"  oder  auch
„sozialistisch".  In  den  Reden  der  öffentlichen  Volksversammlungen,  in  den
Debatten  der  Volksvertretungen,  in  den  gelehrten  Schriften  der  Juristen  und
Nationalökonomen  wie  in  den  Aufsätzen  der  Tagespresse  kehrt  es  unendliche
Male  wieder.  Das  Wort  „Sozialisierung"  wird  nachgerade  zur  gedankenlos
gebrauchten  Floskel,  zur  abgegriffenen  Scheidemünze  des  Alltags.  Fast  jeder
wendet  es  unbesehen  an,  sodaß  man  glauben  sollte,  über  seinen  wahren  Sinn
und  Bedeutung  herrsche  gesicherte  Klarheit  und  restlose  Uebereinstimmung
der  Meinungen.  Aber  nichts  irriger  als  dieses.  Ganz  im  Gegenteil  herrschen
über  Sinn  und  Tragweite  dieser  Begriffe  die  denkbar  größten  Verschiedenheiten ­
  und  Unklarheiten.  Selbst  in  den  hoch  und  höchst  gebildeten  Schichten
unseres  deutschen  Volkes  werden  die  Ausdrücke:  s  o  z  i  a  l  und  s  o  z  i  a  l  i  st  i  s  ch,
kommuni  st  isch  und  anarchistisch,  sozialdemokratisch  und
anarchistisch  wahllos  in  buntem  Gemenge  angewandt.  Wie  oft  hört
man  gegen  eine  wohlgemeinte  sozialpolitische  Anregung  den  Vorwurf  erhoben, ­
  sie  sei  „sozialistisch"  und  müsse  deshalb  abgelehnt  werden.  Als  der
extreme  wirtschaftliche  Individualismus  und  Liberalismus  in  den  70er
Jahren  des  verflossenen  Jahrhunderts  in  seiner  Sünden  Maienblüte  stand,
bekämpften  unsere  liberalen  Freihändler,  Ludwig  Bamberger  an  der  Spitze,
die  Verstaatlichung  des  Eisenbahnwesens  als  „Sozialismus".  Die  sogen,
„große  Reichsfinanzreform"  und  insbesondere  die  damals  geplante  Einführung ­
  einer  Erbschaftssteuer  auf  die  Nachlässe  der  Eltern  und  Ehegatten
lehnte  der  damalige  schwarz-blaue  Reichstagsblock  im  Jahre  1908  mit  der
Begründung  ab:  das  sei  eine  gefährliche  „sozialistische"  Maßnahme.  Und  das
gleiche  widerfuhr  einem  einmal  vor  längeren  Jahren  bereits  in  einer  deutschen ­
  Stadtverordnetenversammlung  gestellten  Antrag  auf  unentgeltliche  Bespeisung
  armer  Schulkinder  aus  städtischen  Mitteln.  Namentlich  in  England
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        —  6

und  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  verficht  der  allgemeine
Sprachgebrauch  jeden  Vertreter  der  Forderung  einer  Verstaatlichung  der
Eisenbahnen,  Forsten  und  Straßenbahnen  als  Sozialisten.
Solche  verschwommene  und  unklare  Ausdrucksweise  führt  schließlich  dazu,
eine  jede  einigermaßen  weitgehende  sozialpolitische  Wrsorgematznahme  zugunsten ­
  der  weniger  bemittelten  Volksschichten  oder  jeden  weittragenden
Eingriff  des  Staates  in  das  Wirtschaftsleben  als  sozialistisch  abzustempeln.
Eine  saubere,  klare  und  scharfe  Abgrenzung  des  Begriffs  „Sozialismus"  tut
daher  dringend  not.  Nur  auf  dieser  Grundlage  erschließt  sich  das  Verständnis
für  die  Forderungen  und  Bedeutung  des  Sozialismus  und  der  sozialistischen
Bewegung  überhaupt.  Denn  wie  der  große  Immanuel  Kant  mit  Recht  sagt:
„Gedanken  ohne  Inhalt  sind  leer,  Anschauungen  ohne  Begriffe  sind  blind.  Daher ­
  ist  es  ebenso  notwendig,  seine  Begriffe  sinnlich  zu  machen,  d.  h.  ihnen  den
Gegenstand  in  der  Anschauung  beizufügen,  als  seine  Anschauungen  sich  verständlich ­
  zu  machen,  d.  h.  sie  unter  Begriffe  zu  bringen."
Ablehnen  müssen  wir  von  vornherein  bei  Beginn  unserer  Untersuchungen
den  skeptischen  Standpunkt  des  genialen  Sozialphilosophen  und  Ueberwinders
des  historischen  Materialismus  Rudolf  Stammler-Berlin,  der  im  Hinblick
auf  die  ungeheure  Verschiedenheit  der  einzelnen  sozialistischen  Systeme  es  für
unmöglich  hält,  sie  alle  unter  einen  Begriff  zu  bringen.  (Wirtschaft  und
Recht,  3.  Auflage,  S.  38  flg.)  Scharf  zu  bekämpfen  ist  auch  die  früher  selbst
in  der  deutschen  nationalökonomischen  zünftigen  Wissenschaft  (z.  B.  in  Bruno
Hildebrandts  berühmten  Werke  „Nationalökonomie  der  Gegenwart  und  Zukunft", ­
  1847)  lange  Zeit  hindurch  üblich  gewesene  fatale  völlige  Gleichstellung
von  „sozial"  und  „sozialistisch".  Wie  Rudolf  Stammler  a.  a.  O.  (S.  638  flg.)
nachweist,  hat  der  so  vielfach  in  allen  Farben  schillernde  Begriff  „sozial"  nicht
weniger  als  fünffach  verschiedene  Bedeutung.  Zunächst  bedeutet  er:  äußerlich
geregelt.  Soziale  Reform  heißt  eine  solche  der  äußeren  Regelung  des
gesellschaftlichen  Lebens  der  Menschheit,  soziale  Aufgaben  sind  Forderungen
nach  einer  solchen  Reform.  „Soziales  Zusammenleben  ist  ein  äußerlich
geregeltes  Zusammenleben  gegenüber  einem  —  freilich  in  aller  Geschichte
gum  mindesten  äußerst  problematischen  (Zusatz  des  Verfassers)  —  äußerlich
ungeregelten."  2.  Gesetzmäßig  äußerlich  geregeltes  Zusammenleben.
3.  Direkt  befehlend  durch  planmäßige  Zentralregelung.  Hierüber
wäre  z.  Z.  die  gesamte  sogen.  „Sozialgesetzgebung"  des  Deutschen
Reiches  insbesondere  über  den  Arbeiterschutz  und  Arbeiterversicherung  zu
rechnen.  Diese  Regelung  bildet  den  Gegensatz  zu  einer  mehr  freiheitlichen,
indirekteren  Regelung  des  menschlichen  Gemeinschaftslebens.  Die  zwei  letzten ­
  Bedeutungen  sind:  4.  Sozial  gegenüber  politisch.  Hier  besagt  es  soviel
wie:  wirtschaftlich,  ökonomisch  und  5.  Sozial  für  „gesellschaftlichen"  Verkehr
rein  konventionaler  Art  im  Gegensatz  zu  rechtlichen  Verhältnissen.
Man  denke  an  die  übliche  Erußform,  die  Abstattung  von  Antritts-  und  Abschiedsbesuchen ­
  und  die  unendlich  vielen,  bis  in  die  minutiösesten  Einzelheiten
gehenden  Vorschriften  der  konventionellen  Satzung  und  des  „Komments".
Vielleicht  ließe  sich  als  sechste  Bedeutung  des  meistens  gedankenlos  hin
und  hergeschleuderten  Flickworts  „sozial"  noch  „arbeiter-"  oder  „volksfreundlich" ­
  anführen.  Es  liegt  nunmehr  wohl  auf  der  flachen  Hand,  daß  „sozialistisch" ­
  und  „Sozialismus"  einerseits  und  „sozial"  und  „soziale  Bewegung"
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        andererseits  nicht  die  geringste  Gemeinschaft  miteinander  besitzen.  Unbrauchbar ­
  und  nur  verwirrend  ist  daher  die  Erläuterung,  mit  der  Werner  Sombart
sein  sonst  ausgezeichnetes  und  viel  geistige  Anregungen  bietendes  volkstümliches ­
  Werk  „Sozialismus  und  soziale  Bewegung"  beginnt.  „Sozialismus  ist
der  geistige  Niederschlag  der  modernen  sözialen  Bewegung."  (S.  1.)  Damit
ist  der  Vegrisfsrahmen  viel  zu  weit  gespannt.  Wir  müssen  eben  alle  Begriffsbestimmungen ­
  vermeiden,  die  so  allgemein  gehalten  sind,  daß  wir  zu
keinen  klaren  Vorstellungen  gelangen  können.  Das  abschreckendste  Schulbeispiel ­
  hierfür  bildet  wohl  entschieden,  die  Antwort  des  berühmten  französischen ­
  Anarchisten  Proudhon  auf  die  an  ihn  gerichtete  Frage,  wer  denn
eigentlich  Sozialist  sei.  „Jeder,  der  nach  der  Verbesserung  der  gesellschaftlichen ­
  Zustände  strebt."  In  diesem  Sinne  wäre  wohl  die  weitaus  überwiegende ­
  Mehrheit  der  ganzen  Menschheit  seit  jeher  Sozialisten  gewesen.
Für  ganz  abwegig  müssen  wir  es  auch  mit  Karl  Diehl  „Ueber  Sozialismus,
Kommunismus  und  Anarchismus"  (2.  Auflage  1611)  erklären,  mit  „Sozialismus" ­
  alle  diejenigen  Richtungen  zu  bezeichnen,  welche  eine  bestimmte
ethische  Grundnorm  in  der  Gesellschaftsordnung  zur  Durchführung  bringen
wollen,  z.  B.  das  Eemeinschaftsideal,  die  Menschheitswürde,  den  Wert  der
Einzelpersönlichkeit.  So  will  z.  B.  der  jüngst  verstorbene  berühmte  Marburger
  Neukantianer  Hermann  Cohen  in  seiner  tiefgründigen  „Ethik  des
reinen  Willens"  (2.  Auflage  1910)  unter  Berufung  auf  Kants  berühmtes
Sittengesetz:  „Handle  so,  daß  du  die  Menschheit  sowohl  in  deiner  Person  als
in  der  Person  eines  jeden  anderen  jederzeit  zugleich  als  Zweck,  niemals  bloß
als  Mittel  gebrauchst",  Kant  zum  Sozialisten  abstempeln.  Er  tut  dieses  mit
der  Begründung:  „In  diesen  Worten  ist  der  tiefste  und  mächtigste  Sinn  des
kategorischen  Imperativs  ausgesprochen,  sie  enthalten  das  sittliche  Programm ­
  der  neuen  Zeit  und  aller  Zukunft  der  Weltgeschichte  ...  die  Idee
des  Zweckvorzuges  der  Menschheit  wird  dadurch  zur  Idee  des  Sozialismus,
daß  jeder  Mensch  als  Endzweck,  als  Selbstzweck  definiert  wird."  (S.  320.)  Eine
größere  Verwirrung  ist  kaum  denkbar,  Kant  und  Marx,  kantische  Ethik  und
wissenschaftlicher,  d.  h.  marxistischer  Sozialismus  sind  die  denkbar  schärfsten  konträren ­
  Gegensätze:  Kants  Sittengesetz  und  Ethik  überhaupt  wendet  sich  an
das  Innere  des  Menschen,  an  sein  Gewissen,  mit  der  äußeren  Regelung
des  menschlichen  Eemeinlebens  hat  sie  nicht  das  geringste  zu  schaffen.  Der
wissenschaftliche  Sozialismus,  will  sagen:  der  Marxismus,  betrifft  die
äußere  Regelung  des  menschlichen  Zusammenlebens,  an  die  Wirtschafts-,
Staats-  und  Gesellschaftsordnung  wendet  er  sich.  Eine  ganz  bestimmte  Regelung ­
  unter  ganz  bestimmter  Form  hält  er  für  —  naturnotwendig  —  erforderlich, ­
  „das  kantische  Sittengesetz  dagegen  kann  ...  in  allen  möglichen  Gesellschaftsformen, ­
  individualistischen  wie  sozialistischen  befolgt  werden."  (Diehl
a.  a.  O.  S.  5.)
II.
Mit  den  im  ersten  Abschnitt  gemachten  Feststellungen  sind  wir  der  Begriffsbestimmung ­
  des  „Sozialismus"  näher  gekommen.  Wir  müssen  als  entscheidendes ­
  Merkmal  die  realen  Ziele  ins  Auge  fassen,  welche  der  Sozialismus ­
  verfolgt.  Seit  Plato  und  Aristoteles  beschäftigen  sich  alle  staatswissenschaftlichen ­
  Schriftsteller  mit  der  einen  Grund-  und  Kernfrage,  welche  Form
des  menschlichen  Gemeinschaftslebens  die  beste  und  zweckmäßigste  sei.  Die
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        &amp;gt;

—  8  —

allermeisten  gehen  von  dem  Grundgedanken  als  fast  selbstverständlicher  Voraussetzung ­
  aus,  daß  irgendeine  Art  des  Rechtszwanges  für  jegliches  menschliches ­
  Gemeinschaftsleben  durchaus  erforderlich  sei.  Sie  bejahen  die  Rechtsnotwendigkeit ­
  des  Rechtszwangs,  Erst  seit  Ausgang  des  18,  Jahrhunderts
unter  der  Führung  des  Engländers  Godwin  treten  Schriftsteller  auf,  welche
das  Recht  des  Rechts  in  Frage  stellen  und  ein  menschliches  Gemeinschaftsleben ­
  ohne  jeden  Rechtszwang  für  möglich,  ja  wünschenswert  halten,  Rur
auf  dem  Wege  freier  Vertragschließungen  sollen  sich  die  Menschen  zu  freien
Vereinigungen,  aus  denen  jedem  jederzeit  der  Austritt  offenstehen  soll,  zusammenschließen, ­
  Diese  Richtung  ist  der  Anarchismus,  Er  verwirft  also
jeden  Staat  in  irgendeiner  Form  für  die  Gegenwart  und  die  Zukunft,  er  ist
der  Ausfluß  des  extremsten  ökonomischen  und  kulturellen  Individualismus
und  Liberalismus,  Der  Staat  erscheint  dem  Anarchismus  geradezu  als  Ungeheuer, ­
  Im  einzelnen  sollen  hier  seine  Lehren  nicht  dargelegt  werden,  ihrer
Erörterung  wird  ein  späterer  besonderer  Aufsatz  gewidmet  werden.
Wir  haben  also  zwei  menschliche  Gesellschaftsformen  und  zwei  verschiedene ­
  Wirtschaftssysteme  gewonnen!  die  eine  mit  Rechts  zwang,  die
andere  ohne  Rechts  zwang.  Die  Rechtsordnungen  und  Wirtschaftssysteme ­
  m  i  t  Rechtszwang  unterscheiden  sich  nun  wieder  je  nach  der  Behandlung ­
  des  Eigentums  in  zwei  grundverschiedene  Abarten,  in  solche,
welche  grundsätzlich  das  Privateigentum  als  die  beste  und  wünschenswerteste ­
  Grundlage  der  menschlichen  Kultur  und  Wirtschaft  zulassen  und  in
solche,  welche  das  Eesamteigentum  als  erstbeste  und  notwendige
Grundlage  für  das  Aufblühen  menschlicher  Kultur  und  Wirtschaft  ansehen.
Es  sind  die  individualistischen  und  die  k  o  l  l  e  k  t  i  v  i  st  i  s  ch  e  n
Wirtschaftssysteme  und  Rechtsordnungen,
Je  nach  dem  Grade  der  Ausdehnung  des  Eesamteigentums  haben  wir
nun  drei  verschiedene  Unterarten  des  kollektivistischen  Wirtschaftssystems  zu
scheiden!  i.  den  Agrarsozialismus,  Er  verwirft  nur  das  Privateigentum, ­
  am  Grund  und  Boden,  läßt  es  dagegen  am  Kapital,  an  allen  beweglichen ­
  Sachen  zu.  Er  war  bis  vor  kurzem,  d,  h,  bis  zur  großen  russischen
Agrarreform  Stolypins  in  Rußland  verwirklicht,  wo  bekanntlich  in  den  weitesten ­
  Gebietsteilen  das  Land  in  Form  des  „Mir"  der  ganzen  Dorfgemeinde
und  nicht  dem  einzelnen  gehörte,  2,  der  Sozialismus,  Er  erklärt  die
Abschaffung  des  Privateigentums  an  den  gesamten  Produktionsmitteln
—  aber  auch  nur  an  ihnen  —  für  wünschenswert  oder  für  naturnotwendig  als
durch  den  ehernen  Gang  der  ökonomischen  Entwickelung  bedingt  und  unabwendbar, ­
  Unter  Produktionsmitteln  haben  wir  —  auch  das  muß
beschämender  Weise  zur  Beseitigung  mancher  Unklarheiten  und  Verschwommenheiten ­
  in  bürgerlichen  Kreisen  besonders  gesagt  werden  —,  alle  diejenigen ­
  wirtschaftlichen  Güter  zu  verstehen,  die  zur  Erzeugung  neuer  wirtschaftlicher ­
  Güter  notwendig  sind,  also  den  gesamten  Grund  und  Boden,  städtischen
wie  auch  den  gesamten  ländlichen  Besitz,  Bergwerke,  Fabrikanlagen,  Maschinen, ­
  Werkzeuge,  Rohstoffe,  Halbfabrikate,  Das  Eigentum  an  allen  diesen
Sachen  geht  älso  auf  die  Gesamtheit,  das  Reich,  den  Staat,  Gemeinde  oder
auch  an  genossenschaftliche  Verbände  über.  Der  Sozialismus  läßt  also  nur
noch  persönliches  Einkommen  aus  Arbeit  —  körperlicher  oder  geistiger  —  zu,
nicht  dagegen  mehr  aus  Vermögensbesitz,  Jedes  private  Kapital-  und  Grund-
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        —  9  —

vermögen  ist  zu  beseitigen,  eine  Ersparung  von  solchem  ist  also  ganz  ausgeschlossen. ­
  Eine  Teilung  aller  vorhandenen  Vermögen  dagegen,  die  früher
ihm  oft  in  der  vulgären  Bekämpfung  vorgeworfen  wurde,  erstrebt  er  dagegen
ebensowenig  als  die  ihm  gleichfalls  so  oft  vorgehaltene,  allerdings  völlig
undurchführbare  Gleichstellung  aller.  Gar  nichts  zu  tun  hat  mit  diesem
Sozialismus  die  Sozialdemokratie,  Sie  ist  eine  politische
Partei,  welche  unter  anderen  politischen  Forderungen  die  Republik  für
die  beste  Staatsform  hält  und  die  Herrschaft  der  unmittelbaren
Demokratie  durch  Veranstaltung  von  Plebisziten,  Referendum  und
Initiative  anstrebt,  Ihr  wirtschaftliches  Endziel  ist  freilich  sozialistisch,  ihr
wissenschaftliches,  wirtschaftliches  Programm  baut  sich  ganz  auf  dem  stolzen
Lehrgebäude  des  Karl  Marx  auf,  wie  wir  es  später  noch  kennen  lernen
werden.
Jeder  Sozialdemokrat  ist  also  Sozialist,  aber  längst  nicht  jeder
Sozialist  auch  Sozialdemokrat,  Es  gab  und  gibt  Gelehrte,  welche  auf  Grund
ihrer  Studien  davon  überzeugt  sind,  daß  das  Privateigentum  an  den  Produktionsmitteln ­
  nicht  zweckmäßig  sei  oder  doch  zufolge  naturnotwendiger
wirtschaftlicher  Entwicklung  dem  Gemeindeeigentum  weichen  müsse,  aber
durchaus  nicht  die  politischen  Lehren  und  die  ganze  Weltanschauung  der  Sozialdemokratie ­
  teilen.  Hierher  gehört  u,  a,  insbesondere  der  berühmte
Agrarpolitiker  R  o  d  b  e  r  t  u  s  -  Jagetzow  (1805  bis  1873),  politisch  stand  er
weit  rechts.  Auch  unser  großer  deutscher  Philosoph  Johann  Eottlieb  Fichte
(1762-^1814)  vertrat  in  seinen  Schriften  „Beiträge  zur,Berichtigung  der  Urteile ­
  über  die  französische  Revolution"  (1793),  „Grundlagen  des  Naturrechts
nach  den  Prinzipien  der  Wissenschaftslehre"  (1796)  und  „Der  geschlossene
Handelsstaat"  (1801)  was  heute  selbst  in  hochgebildeten  Kreisen  leider  fast  ganz
unbekannt  ist  —&amp;lt;  durchaus  sozialistische  Ansichten.  Auch  den  berühmten  Ferdinand ­
  L  a  s  a  l  l  e  kann,  wie  wir  später  noch  in  einem  besonderen  Aufsatz
nachzuweisen  hoffen,  schwerlich  die  Sozialdemokratie  als  einen  ihrer  geistigen
Väter  für  sich  in  Anspruch  nehmen,
III.
Der  Kommunismus,  den  wir  an  dritter  Stelle  besprechen  müssen,
geht  noch  ganz  erheblich  weiter  als  der  Sozialismus,  Er  überträgt  der  Gesamtheit ­
  der  Volksgenossen  das  Eigentum  „sogar  an  den  verbrauchbaren
Sachen,  an  den  sogenannten  „Konsumtibilien".  Während  also  in  der  sozialistischen ­
  Staats-  und  Gesellschaftsordnung  das  Individuum  wenigstens  an
Kleidungsstücken  und  Haushaltungsgegenständen  sowie  am  Schmuck  und
Büchern  ein  persönliches  Eigentum  besitzt,  läßt  dieses  der  Kommunismus
nicht  zu.  Die  Gesamtheit  mißt  jedem  einzelnen  sein  Maß  an  Nahrung,
körperlicher  wie  geistiger,  und  Kleidung  zu.  Hier  ist  das  Individuum  nichts
anderes,  als  der  Staats-  oder  Gesellschaftssklave  in  der  Totalität  seiner  Beziehungen. ­
  Der  Kommunismus  verpönt  sogar  das  Privateigentum  an  den
Arbeitserzeugnissen,  während  der  Sozialismus  sich  mit  der  Beseitigung  des
Privateigentums  an  den  Arbeitsmitteln  begnügt.  Die  meisten  Kommunisten
so  namentlich  die  Franzosen  Morelly,  Mably,  Condorcet,  Labeuf  und
seine  Eleichheitsverschwörung  1797,  Buonarotti,  Labet  „Voyage  en  Icarie“
(1840,  und  Blanqui  „Critique  soziale“  verlangen  sogar  die  völlige  gleiche
        <pb n="10" />
        Verteilung  aller  Eenußmittel  an  den  einzelnen  Volksgenossen  ohne  jede  Rücksicht ­
  auf  die  Verschiedenartigteit  ihrer  Stellung  im  Produktionsprozeß.  Es
ist  schwer  zu  verstehen,  wie  diese  roheste  und  primitivste  aller  Rechtsordnungen ­
  und  Gesellschaftssysteme  in  einem  so  geistvollen  Gelehrten  wie  dem
Wiener  Rechtslehrer  Anton  Menger  („Reue  Staatslehre"  1903)  einen  Verteidiger ­
  finden  konnte.
Durchaus  verschieden  vom  Sozialismus  ist  weiter  der  sogen.  „Staatsf
  o  z  i  a  l  i  s  m  u  s".  Seine  Vertreter,  zu  denen  die  angefehendsten  Lehrer  der
nationalökonomischen  Wissenschaft  gehören  wie  Adolf  Wagner,  Gustav  v.
Schmoller,  Johannes  Conrad,  v.  Schönberg,  Lexis,  Cohn,  Held  und  zahlreiche ­
  andere,  halten  grundsätzlich  am  Privateigentum  an  den  Produktionsmitteln ­
  fest,  nur  in  einzelnen  Fällen  ersetzt  der  Staat  aus  überwiegenden
Gründen  des  Gemeinwohles  durch  das  Staatseigentum.  Rur  da,  wo  der
freie  Arbeitsvertrag  zu  Mißständen  führt,  führt  er  einzelne  Beschränkungen
desselben  ein,  etwa  durch  Statuierung  des  Normal-  oder  Maximalarbeitstages, ­
  gesetzliche  Mindestlöhne,  genügenden  Arbeiterschutz  u.  dgl.  m.  Seit
Jahrzehnten  bereits  vertritt  in  Deutschland  insbesondere  der  in  Eisenach
in  der  Pfingstwoche  1872  durch  die  vorhin  erwähnten  Männer  ins  Leben
gerufene  äußerst  verdienstvolle  und  segensreiche  „Verein  für  Sozialpolitik",
der  sich  durch  seine  bisher  veröffentlichten  186  Bände  umfassenden  „Untersuchungen" ­
  unserer  sozialwirtschaftlichen  Verhältnisse  einen  weithin  berühmten ­
  Namen  erworben  und  vielfach  bahnbrechend  und  befruchtend  aus
die.  deutsche  Sozialgesetzgebung  eingewirkt  hat,  diese  staatssozialistische  Richtung. ­
  Sie  ist  in  der  nationalökonomischen  Wissenschaft  seit  geraumer  Zeit
bereits  die  entschieden  vorherrschende  geworden.  Als  anfangs  der  70er
Jahre  des  verflossenen  Jahrhunderts  zum  ersten  Male  die  so  gesinnten  Inhaber ­
  der  nationalökonomischen  Lehrstühle  in  Deutschland  weitgehende  Eingriffe ­
  des  Reiches  und  Staates  in  die  private  Wirtschaft  zu  Gunsten  der
wirtschaftlich  Schwachen  verlangten,  suchte  die  damals  noch  herrschende  extrem
freihändlerisch-liberalistische  Schule  vor  ihren  Bestrebungen  dadurch  abzuschrecken, ­
  daß  man  die  Sozialreformer  geringschätzig  als  „Kathederfogialisten"
  bezeichnete.  Dieser  zuerst  von  dem  liberalen  Führer  Vamberger
aufgebrachte  Spottname  ist  im  Lauf  der  Zeit  seitdem  geradezu  zu  einem
Ehrennamen  geworden.
Hinsichtlich  der  Begründung  und  Rechtfertigung  ihres  Zieles  einer  völligen ­
  Neugestaltung  der  Rechts-  und  Wirtschaftsordnung  zerfällt  die  große
Zahl  der  sozialistischen  Systeme  in  zwei  große  Gruppen:  „in  den  älteren,
sogen,  „rationellen"  oder  „ideologischen"  Sozialismus  und  in  den  jüngeren
sogen,  „wissenschaftlichen",  im  wesentlichen  auf  dem  Lehrgebäude  des  Karl
Marx  und  seines  unzertrennlichen  Busenfreundes  Friedrich  Engels  beruhenden ­
  Sozialismus.  Nur  dieser  wirkt  heute  als  lebendige  Kraft  auf
die  breiteste  Arbeiterbewegung  der  ganzen  Welt  und  die  Wirklichkeit  der
Dinge  ein.  Nur  mit  ihm  haben  wir  uns  daher  in  unseren  späteren  Darlegungen ­
  eingehend  gu  befassen.  Nur  mehr  einleitend  haben  wir  vorher  den
nationalen  Sozialismus  eines  Ferdinand  Lassalle  und  die  Hauptvertreter
des  Anarchismus  vor  unserem  geistigen  Auge  kurz  vorüberziehen  zu  lassen.
        <pb n="11" />
        I  I  I  I  I  ti  I  I  B  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I

Zweites  Kapitel.
Der  utopische  Sozialismus.
i.
Allen  älteren  sozialistischen  Lehren  und  Systemen  bis  et-wa  zur  Mitte
des  19.  Jahrhunderts,  bis  zum  Auftreten  von  Karl  Marx  und  Friedrich
Engels  ist  ein  gemeinschaftlicher  Grundzug  zu  eigen:  das  absolute  Vertrauen ­
  auf.die  Eilte  Gottes,  des  weisen  Schöpfers  der  Welt,  der  Welt  selber
und  der  ganzen  Menschheit.  „Alles  was  Gott  machte,  machte  er  gut"
(Fourier).  Deshalb  ist  im  Grunde  genommen  auch  der  Mensch  gut,  er
ist  entwickelungsfähig,  „perfectibel"  im  höchsten  Grade,  und  ist  ebenso
„soziabel".  Der  Grund  für  sein  zweifellos  weit  verbreitetes  Unglück  liegt  in
der  mangelhaften,  verkünstelten  Organisation  der  Gesellschaft.  Es  gilt,  die
ewigen  Gesetze  der  „natürlichen  Organisation"  der  menschlichen  Gesellschaft
aufzufinden  und  wieder  in  ihre  Rechte  einzusetzen.  „Nur  die  Wahrheit,  die
bisher  auf  das  Heftigste  vom  wilden  Wahne  bekämpft  worden  ist,  kann  die
Menschheit  auf  der  Bahn  des  Fortschritts  weiter  führen."  (Droen.)  Die
soziale  Frage  ist  also  eine  Frage  des  Wissens,  der  Erkenntnis.  Fördert  nur
diese  und  die  beste,  „natürliche"  Gesellschaftsordnung  ist  auf  dem  Marsche.
Diese  geradezu  kindliche,  naive  Auffassung  von  der  grenzenlosen  Verbesserungsfähigkeit ­
  des  Menschen,  diese  absolute  Zuversicht  auf  die  Güte  der
Natur  und  des  Menschen,  diese  Ueberzeugung  von  dem  Primat  der  theoretischen ­
  und  praktischen  Vernunft,  über  die  Triebe  des  Willens  und  des  Eigennutzes ­
  bildet  den  Kern  und  Mittelpunkt  des  ganzen  älteren  Sozialismus.
Die  wirklichen  Triebfedern  des  sozialen  Lebens:  Selbstsucht  und  Eigennutz ­
  der  verschiedenen  Wirtschaftsklassen  und  ihren  Kampf  gegeneinander
verkannten  diese  Systeme  vollständig.  Mit  Recht  erklärt  Werner  Sombart
von  ihren  Lehren  „der  Glaube  an  die  Aufklärung,  an  die  Macht  des  Wissens ­
  vom  Guten  war  das  Allbeherrschende  an  ihnen"  (S.  45).  Daher  wegen
der  grenzenlosen  Ueberschätzung  der  Macht  der  Vernunft  und  der  Einsicht
iny  wirtschaftlichen  und  sozialen  Leben  ihre  Bezeichnung  als  „rationalistische
Sozialisten"  und  wegen  ihrer  gänzlichen  Verkennung  der  wirklichen  Triebfedern ­
  des  sozialen  Lebens  ihre  Abstempelung  zu  „utopischen"  Sozialisten.
Daher  auch  ihre  Abneigung  gegen  allen  Tageskampf  und  selbst  gegen  alle
Politik.  Daher  die  Ablehnung  selbst  des  gewerkschaftlichen  Klassen-  und
Machtgedankens  durch  bie  geistigen  Häupter  dieser  jetzt  längst  verklungenen
und  versunkenen  geistigen  Bewegung,  denn  wozu  etwas  im  schweren  Kampfe
mit  den  widerstrebenden  Gewalten,  mit  dem  Unternehmertum  insbesondere
erzwingen,  wenn  man  es  friedlich  durch  Belehrung  und  durch  Bekehrung  der
Widerstrebenden  genau  so  gut,  ja  noch  besser  erreichen  kann?  Eben  deshalb
auch  konnte  diese  die  feinsten  und  besten  Köpfe  ihrer  Zeit  erfüllende  höchst
        <pb n="12" />
        12  —

ideale  Gedankenwelt  auch  niemals  eine  die  breitesten  Volksschichten  begeisternde ­
  und  mit  sich  fortreißende  Massenbewegung  wie  der  heutige  wissenschaftliche ­
  und  marxistische  Sozialismus  werden!  Nur  ganz  kurz  konnten
wir  daher  in  diesen  Ausführungen,  die  im  wesentlichen  praktischen  Zwecken
dienen  und  auf  irgendwelche  Vollständigkeit  naturgemäß  nicht  den  geringsten ­
  Anspruch  erheben,  auf  die  gemeinsamen  geistigen  Grundlagen  dieser
Gedankenwelt  eingehen  und  nur  in  ganz  großen  Zügen  können  wir  hier
einige  ihrer  hauptsächlichsten  heute  noch  bekannten  und  eine  gewisse  geistige
Nachwirkung  nusübenden  Vertreter  im  Bilde  vorführen.
An  erster  Stelle  erwähnen  wir  den  äußerst  geistvollen  und  kenntnisreichen ­
  1760  in  Paris  als  Sprosse  eines  der  vornehmsten  und  reichsten  französischen ­
  Adelsgeschlechter,  das  seinen  Ursprung  auf  die  Kapetinger  zurückführte, ­
  geborenen  Grafen  Saint  Simon.  Unter  Washington  stellte  er
sich  der  amerikanischen  Freiheitsbewegung  zur  Verfügung  und  trug  sich  mit
großen  praktischen  Plänen,  z.  B.  der  Anlegung  des  Panamakauals,  ohne
indes  ihre  Verwirklichung  erreichen  zu  können.  Durch  die  französische  große
Revolution  verlor  er  sein  ganzes,  großes  Vermögen,  wandte  sich  nunmehr
schriftstellerischer  Betätigung  zu,  die  ihm  aber  nennenswerte  Erträgnisse
nicht  abwarf,  geriet  immer  mehr  in  Bedrängnis  und  starb  schließlich,  ohne
Einfluß  auf  die  Massen  erlangt  und  ohne  sein  System  diesen  zugänglich  gemacht ­
  zu  haben,  1825  in  Paris  in  Armut  und  Dürftigkeit.
Er  vereinigte  in  sich  eine  höchst  seltsame  Mischung  eines  religiösen
Schwärmers  —  insofern  wohl  Tolstoi  vergleichbar  —  und  eines  idealen
Politikers,  der  fast  nie  den  Boden  der  realen  Wirklichkeit  zu  gewinnen  verstand. ­
  In  seinen  Hauptwerken  „l^eorxaniZation  cke  !a  zoriste  europeenno"
(1814)  und  „Nouveau  Christianisme“  (1825)  betont  er  die  ungeheure  Wichtigkeit ­
  der  Industrie  und  bejaht  er  die  ungeheures  Aufsehen  und  ihm  einen
Prozeß  eintragende  Frage,  ob  Frankreich  mehr  verlieren  würde  durch  den
plötzlichen  Tod  der  3000  größten  Gelehrten  und  Industriellen  als  durch  den
Tod  der  3000  höchsten  Würdenträger  einschließlich  der  königlichen  Familie.
Das  Königtum,  als  dessen  Anhänger  er  sich  bekennt,  müsse  sich  auf  die  produktiven ­
  Kräfte  der  gesamten  Nation  stützen.  Die  Befähigtsten  der  Ackerbauern, ­
  Kaufleute  und  Fabrikanten  müßten  die  Staatsverwaltung  in  die
Hand  nehmen.  Der  Hauptfehler  des  Christentums  fei  seine  Verkennung  der
leiblichen  Bedürfnisse  der  Menschheit  und  seine  Erklärung:  „Mein  Reich  ist
nicht  von  dieser  Welt."  Eine  neue  Religion  müsse  gegründet  werden,  der
Protestantismus  fei  auf  halbem  Wege  stehen  geblieben  und  habe  daher  allen
Einfluß  auf  die  Massen  verloren.  Die  Volkssouveränität  verwirft  er  ebenso
wie  die  schrankenlose  Freiheit  des  einzelnen.  Das  Privateigentum,  auch
das  an  Produktionsmitteln,  verwirft  er  keineswegs  grundsätzlich,  wohl  aber
das  Erbrecht.  Nur  die  Gesamtheit,  nicht  der  einzelne  soll  Erbe  sein.  Auf
die  Weise  würde  das  Individuum  nicht  nur  für  sich,  sondern  auch  für  die
Gesamtheit  schaffen,  so  würde  die  heute  zerstörte  Harmonie  der  Gesellschaft
wieder  hergestellt  werden.  Gerade  durch  diese  rücksichtslose  Bekämpfung  des
Erbrechts  hat  Saint  Simon  einen  auch  heute  noch  in  der  Frage  der  Erbrechtsreform ­
  nachwirkenden  weitgehenden  Einfluß  ausgeübt.  Er  ist  der  erste
moderne  Schriftsteller,  der  die  Frage  einer  Reform  des-  Erbrechts  in  den
Fluß  gebracht  hpt,  aus  dem  sie  bis  zur  gegenwärtigen  Stunde  nicht  wieder
        <pb n="13" />
        verschwunden  ist.  Nach  seinem  Tode  haben  seine  bedeutendsten  Schüler
Bazard  und  Enfantin,  auf  die  wir  hier  aber  aus  Raummangel  nicht
eingehen  können,  seine  zerstreuten  Lehren  in  ein  wohlgeordnetes  System,
den  sog.  „Saint  Simonismus",  gebracht  und  ihm  eine  ziemlich  weite  Verbreitung ­
  verschafft.  Bemerkenswert  ist  es,  daß  Enfantin  zum  ersten  Male
in  der  Neuzeit  die  in  jeder  Hinsicht  restlose  Gleichstellung  der  Frau  mit  dem
Manne  und  die  freie  Liebe  verkündigte.  Enfantin  und  Bazard  proklamierten ­
  auch  zum  ersten  Male  die  Emanzipation  des  Arbeiters  vom  Besitz,
die  Zuerkennung  seines  Rechts  auf  die  Produktionsmittel  und  ihre  Assoziation ­
  zwecks  ihrer  gemeinschaftlichen  Verwertung.
II.
Zu  sehr  eigenartigen,  höchst  utopischen  Vorschlägen  gelangte  der  1772
in  Besancon  als  Sohn  eines  wohlhabenden  Kaufmanns  geborene  und  1837
im  Armut  verstorbene  phantasiereiche  Charles  Fourier,  dem  kein  Geringerer ­
  als  Bebel  eine  besondere  umfangreiche  Monographie  gewidmet
hat.  Er  erstrebt  eine  Organisation  der  Arbeit,  die  sich  auf  dem  Genuß  aufbaut. ­
  In  seinen  Hauptschriften  „Theorie  des  Ouatres  rnouvements“  1908  und
„Tratte  de  I-’assoziation  agricole“  verlangt  er  die  Begründung  von  etwa  1800
bis  2000  Menschen  umfassenden  Gemeinden,  sie  wohnen  in  Kasernen  und
vereinigen  sich  in  freien!  Serien  Phalansteren  zur  gewerblichen  und  landwirtlichen ­
  Erzeugung.  Aktien  schaffen  das  nötige  Kapital,  Grund  und  Boden  sowie
alle  Werkzeuge  und  Maschinen  sind  Gefamteigentum.  Der  Betrieb  ist  der
Großbetrieb.  Der  Arbeitsertrag  fällt  zu  fünfzwölftel  als  Dividende  dem
Kapital  zu,  zu  vierzwölftel  wird  er  als  Arbeitsanteil  und  zu  dreizwölftel
als  Talentanteil  ausgeschüttet.  Man  sieht:  von  einem  grundlegenden  „Sozialismus" ­
  im  eigentlichen  Sinn  ist  auch  Fourier  weit  entfernt.  Die  Kinder
werden  gemeinsam  erzogen,  die  Frau  ist  mit  dem  Mann  völlig  gleichberechtigt. ­
  Sein  geistvoller  Schüler  Viktor  Considerant  brachte  die  Gedanken  des
Meisters  in  dem  drei  Bände  starken  Werke  „vestine  8oziale“  (1838)  zum
klarsten  Ausdruck.  Seine  Versuche,  das  Fouriersche  Phalangensystem  in
Texas  von  1854—1863  zu  verwirklichen,  erlitten  indes,  wie  eine  Anzahl
ähnlicher  Versuche  in  Algier  und  Frankreich  selbst,  kläglichen  Schiffbruch.
Von  den  zahlreichen  Phantasien  und  Phantastereien  Fouriers,  der  u.  a.
das  Salzwasser  des  Ozeans  in  süße  Limonade  verwandeln,  die  Erde  mit
dienstbeflissenen  Antilöwen  bevölkerte  und  die  zukünftigen  Menschen  sich  in
drei  Meter  hohen  Gestalten  vorstellte,  hält  sich  völlig  frei  der  wirklich
praktische  Gegenwartsarbeit  leistende  große  englische  Philantrop  Robert
Owen  (1771—1858).  Als  Sohn  eines  kleinen  Geschäftsinhabers  geboren,
mußte  er  schon  als  zehnjähriger  Knabe  sich  sein  Brot  in  einem  Ladengeschäft
sauer  verdienen,  konnte  sich  aber  bereits  1800  eine  große  Baumwollspinnerei
in  New-Lanark  in  Schottland  kaufen.  Bald  wurde  er  einer  der  ersten  und
angesehensten  Großindustriellen  Englands  und  Inhaber  eines  nach  vielen
Millionen  zählenden  Vermögens.  Durch  zweckmäßige  Arbeitsordnung  und
Wohlfahrtseinrichtungen  aller  Art,  z.  V.  Einführung  eines  Eottage-  (Landhaus-) ­
  Systems  mit  guten  Wohnungen  und  Gärten,  Gründung  von  Arbeiterkonsumvereinen ­
  und  Speisehäusern  hob  er  die  2500  Köpfe  zählende
        <pb n="14" />
        —  14  —

New-Lanarker  Arbeiterbevolkerung  bald  auf  eine  hohe  wirtschaftliche  und
geistige  Stufe.  Frühzeitig  erkannte  er  die  großen  Gefahren  der  industriellen
Reservearmee  —  hierin  Karl  Marx  vorauseilend  —,  in  den  Zeiten  wirtschaftlicher ­
  Krisen  zahlte  er  seinen  Arbeitslosen  den  Lohn  weiter  fort.  Seine
sozialpolitischen  Wohlfahrtseinrichtungen  erlangten  bald  Weltruf,  und  aus
allen  Teilen  Europas  eilten  Fürsten,  Staatsmänner  und  Gelehrte  zu  ihrer
Besichtigung  herbei.  Er  ist  der  Vater  der  englischen  Arbeiterschutzgesetzgebung, ­
  auf  das  nachhaltigste  haben  seine  in  seinem  schon  1812  erschienenen
Hauptwerk  „A  new  view  of  Society“  niedergelegten  Lehren  die  englische
Wirtschaftsgeschichte  und  Eeistesentwicklung  beeinflußt.  Die  heutige  Geldwirtschaft ­
  bekämpft  er  auf  das  schärfste,  das  Geld  ist  nicht  der  richtige  Maßstab ­
  des  Wertes,  um  die  Armut  gründlich  zu  beseitigen,  muß  eine  völlige
Aenderung  des  Wertmaßstabes  vorgenommen  werden.  Nach  ihm  —  und
auch  hierin  zeigt  er  sich  als  Vorläufer  von  Karl  Marx  —  ist  die  Arbeit
die  wahre  und  einzige  Quelle  alles  Wohlstandes  und  des  nationalen  Reichtums. ­
  Der  natürliche  Maßstab  des  Wertes  (the  natural  Standard  of  Value)
ist  daher  grundsätzlich  die  menschliche  Arbeit.  „Es  muß  daher  die  Menge
von  Arbeit,  die  in  jeder  Ware  steckt,  als  Maßstab  ihres  Wertes  und  zur
Vergleichung  der  Werte  aller  anderen  Waren  dienen."  (Diehl,  Sozialismus,
Kommunismus  und  Anarchismus,  S.  384.)  Wer  glaubt  nicht  bei  diesen
Worten.  Sätze  aus  dem.  „Kapital"  von  Karl  Marx  zu  lesen?  Die  Verteuerung ­
  der  Waren  durch  den  Zwischenharüiel  will  er  durch  den  Zusammenschluß ­
  der  Verbrauchet  zu  umfassenden  Konsumvereinen  ausschalten, ­
  mit  Recht  bezeichnet  man  ihn  daher  als  den  geistigen  Vater  der
Konsumvereine  und  des  Genossenschaftswesens  überhaupt.  Zur  Verwirklichung ­
  seiner  Idee,  daß  die  Arbeit  allein  Werte  schaffe,  gründete  er  eine
„A  r  b  e  i  t  s  t  a  u  s  ch  b  a  n  k"  im  Jahre  1832  in  London,  die  „Labour  Exchange
Bank".  Hier  sollten  alle  Produkte  ohne  irgendwelches  Dazwischentreten  von
Geld  unmittelbar  gegeneinander  eingetauscht  werden.  Der  Produzent  hinterlegte, ­
  was  er  abzugeben  wünschte,  der  Verbraucher  wählte  sich,  was  er
zu  haben  wünschte,  den  gerechten  Preis  für  beide  setzte  ein  uninteressierter
Ausschuß  von  Taxatoren  fest.  Der  Produzent  erhielt  sofort  einen  Schein
(Repräsentatives)  für  seine  Arbeit  und  für  diesen  Schein  erhielt  er  einen
gleichen  Wert  von  allen  anderen  Vorräten  der  Bank.  Nach  anfänglichen
entschiedenen  Erfolgen  scheiterte  dieser  grandiose  Versuch  —  auf  den  wir
leider  nicht  näher  eingehen  können  —  in  einer  individualistischen  Wirtschaftsordnung ­
  bei  Aufrechterhaltung  des  Privateigentums  an  den  Produktionsmitteln, ­
  das  Owen  keineswegs  grundsätzlich  verwirft  —  das  Geld
restlos  zu  ersetzen,  vollständig.  Bereits  am  31.  Mai  1834  mußte  die  Bank
ihre  Tätigkeit  einstellen.  Auch  seine  Versuche  für  die  englischen  Arbeitslosen ­
  kommunistische  Kolonien  an  den  verschiedensten  Orten  Amerikas  einzurichten, ­
  scheiterten  nach  kurzer  Zeit  wegen  der  Unverträglichkeit  ihrer  Mitglieder. ­
  Auf  die  Eewerkvereine  Englands  und  ihre  wirtschaftlichen  Methoden ­
  gewann  Owen  großen  Einfluß,  jede  Verbindung  seiner  Lehren  mit  rein
politischen  Tendenzen  vermied  er  ängstlich.  Gerade  seinem  ungeheuren
Einfluß  ist  es  daher  zu  verdanken,  daß  die  englische  Arbeiterbewegung  sich
lange  Zeit  hindurch  in  durchaus  gesunden,  maßvollen  Schranken  hielt.
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        I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  I  ■

Drittes  Kapitel.
Ferdinand  Lassalle  und  seine  Bedeutung
für  die  Arbeiterbewegung.
1.  Sein  Leb  e  n.
So  bedeutsam  auch  die  in  unseren  früheren  Aufsätzen  kurz  besprochenen
Systeme  für  die  Geschichte  der  sozialistischen  Gedankenwelt  gewesen  sein  mögen, ­
  auf  die  Entwickelung  der  sozialistischen  Bewegung  in  Deutschland  hatten
sie  doch  nur  recht  geringen  Einfluß.  In  die-Massen  der  Bevölkerung  konnten
die  sozialistischen  Theorien  nicht  eindringen,  sie  blieben  ihnen  im  wesentlichen ­
  unverständliche  und  unverstandene  Theorien.  Wie  man  mit  Recht
gesagt  hat,  es  bedurfte  unmittelbarer  praktische  Vorteile  gewährender  Ziele,
um  sie  in  Bewegung  zu  setzen.  Außerdem  gab  es  bis  zur  Mitte  des  vorigen
Jahrhunderts  in  Deutschland  kaum  proletarische  Arbeiterschichten,  die  großindustrielle
  Entwickelung  Deutschlands  steckte  noch  durchaus  in  den  Kinderschuhen, ­
  im  gewerblichen  Leben  überwog  noch  ganz  Zünftlertum,  der,  Kleinund
  Mittelbetrieb  herrschte  vor.  Selbst  die  gewerblichen  Arbeiter  waren
noch  vorwiegend  von  zünftlerischen  Gedankengängen  erfüllt,  ihr  Ideal  war
die  Erlangung  der  wirtschaftlichen  Selbständigkeit,  einer  Handwerksmeisterstellung. ­
  Der  vorhandene  Sozialismus  war  ein  halb  mittelalterlicher  „Handwerksburschensozialismus". ­
  Auch  die  während  der  Märzrevolution  von  1848
unternommenen  Versuche,  insbesondere  von  Karl  Marx,  eine  tragkräftige
sozialistische  Bewegung  hervorzurufen,  mißlangen  nach  einigen  spärlichen
Anfangserfolgen,  namentlich  in  den  Rheinlanden,  gar  bald.  Sein  berühmtes ­
  1847  erschienenes  „Kommunistisches  Manifest"  wurde  zwar  viel  gelesen,
übte  aber  zunächst  sehr  wenig  praktischen  Einfluß  auf  die  großen  Massen
aus.  Diese  waren  eben  noch  durchgehend  kleinbürgerlich  und  noch  nicht
spezifisch  proletarisch.
Eine  völlige  Wandelung  tritt  erst  mit  dem  Auftreten  Ferdinand
L  a  s  s  a  l  l  e  s  ein.  Der  Darstellung  feiner  Hauptlehren  —  die  hier,  wie
allenthalben  in  unseren  Aufsätzen,  notgedrungen  nur  kurz  sein  kann  und  sich
auf  die  wesentlichen  Züge  beschränken  muß  —  schicken  wir  ,  eine  Schilderung
seines  Lebenslaufes  in  ganz  groben  Umrissen  voraus.  Bei  ihm  wie  auch
bei  seinem  großen  Vorbild  und  Meister  Karl  Marx  ist  eine  Kenntnis  seiner
äußeren  Geschicke  für  das  Verständnis  seiner  Lehren  und  seines  inneren
Wesens  einfach  unerläßlich.
Ferdinand  Lassalle  wurde  am  11.  April  1825  in  Breslau  als  Sohn  des
sehr  wohlhabenden  jüdischen  Seidenhändlers  Heymann  Laffalle  geboren.
Nach  anfänglichem  Besuch  des  Gymnasiums  seiner  Vaterstadt,  das  er  aber
        <pb n="16" />
        —  l(i  —

bereits  im  Alter  von  15  Jahren  wegen  schlechter  Schulstreiche  und  Führung
eines  geheimen,  höchst  interessanten,  aber  auch  höchst  boshaften  Tagebuchs,
das  in  sein  innerstes  Wesen  die  intimsten  Einblicke  gewährt,  verlassen  muß,
bezieht  er  die  „öffentliche  Handelslehranstalt"  zu  Leipzig,  Auf  den  dringenden ­
  Wunsch  des  jungen  Ferdinand  nahm  ihn  sein  gutmütiger  Vater,  der
dem  brennend  ehrgeizigen  Jüngling  keinen  einzigen  Wunsch  abschlagen
konnte,  nach  Breslau  zurück,  wo  er  sich  mit  größtem  Eifer  auf  seine  Reifeprüfung ­
  vorbereitete.  Schon  mit  17  Jahren  bezog  er  die  Universität  Berlin,
wo  er  insbesondere  Philosophie  und  Rechtswissenschaft  studierte.  In  den
Jahren  1846  und  1847  hielt  er  sich  längere  Zeit  in  Paris  auf,  wo  er  unter
anderem  die  intime  persönliche  Bekanntschaft  Heinrich  Heines  machte  und
bald  dessen  derartige  Wertschätzung  gewann,  daß  dieser  ihn  dem  Dichter  Herwegh
  mit  den  Worten  vorstellte:  „Ich  stelle  Ihnen  einen  Mirabeau  vor,"
Nach  seiner  Rückkehr  nach  Deutschland  lernte  er  im  Jahre  1847  die  18  Jahre
ältere  Gräfin  Sophie  v,  Hatzfeld  kennen,  die  nun  sein  Schicksal
wurde  und  es  Zeit  seines  Lebens  blieb.  Gegen  das  Versprechen,  ihm  nach
günstigem  Ausgang  eine  lebenslängliche  bedeutende  Rente  auszugahlen,
verpflichtete  er  sich,  ihren  Ehescheidungsprozeß,  in  dem  sie  vielfach  mit  großen
Schwierigkeiten  zu  kämpfen  hatte,  zu  Ende  zu  führen.  Nach  jahrelangem
mühseligen  Prozessieren  gewann  denn  auch  die  Gräfin  dank  seiner  Unterstützung ­
  ihren  Ehescheidungsprozetz,  unermüdlich  hat  sie  mit  Rat  und  Tat
und  durch  Hingabe  ganz  bedeutender  Mittel  die  agitatorische  Tätigkeit  ihres
Schützers  und  Schützlings  gefördert.  In  Begleitung  der  Gräfin  verlegte
Lassalle  seinen  Wohnsitz  im  Jahre  1848  nach  Düsseldorf,  Hier  schloß  er  sich
der  demokratischen  Partei  an  und  trat  bald  als  eifriger  Mitarbeiter  der
von  Karl  Marx  herausgegebenen  neuen  Rheinischen  Zeitung  mit  diesem  in
enge  Berührung,  Im  August  1848  wurde  er  von  den  Düsseldorfer  Geschworenen ­
  von  der  Anklage  der  Aufreizung  gegen  die  öffentliche  Gewalt  —  er
hatte  zur  organisierten  Steuerverweigerung  aufgefordert  —  freigesprochen.
Im  November  wurde  er  vom  dortigen  Zuchtpolizeigericht,  weil  er  in  einer
Volksversammlung  zum  Widerstand  gegen  die  Staatsgewalt  aufgefordert
hatte,  zu  sechs  Monaten  Gefängnis  verurteilt.
Die  Verbüßung  dieser  Strafe  macbte  seine  Beteiligung  an  den  letzten
rheinischen  Aufstandsversuchen  im  Frühling  1849  unmöglich  und  rettete  ihn
so  vor  dem  Lose  des  Exils,  das  wegen  dieser  Beteiligung  Marx  und  Engels
traf.  Im  Jahre  1857  erhielt  er  nach  langen  Bemühungen  durch  die  Vermittlung ­
  Alexanders  v,  Humboldt  die  Erlaubnis  zum  Aufenthalt  in  Berlin
„behufs  Gebrauchs  einer  Augenkur  und  Herausgabe  des  von  ihm  verfaßten
Werkes  über  Heraklit,"  Nach  einer  kleinen  politischen  —  aber  auch  heute
noch  lesenswerten  —  Gelegenheitsschrift  „Der  italienische  Krieg  und  die
Aufgabe  Preußens"  (1859)  veröffentlichte  er  im  Jahre  1861  fein  grundgelehrtes, ­
  höchst  bedeutendes,  drei  starke  Bände  umfassendes  Werk  „Das
System  der  erworbenen  Rechte,  Eine  Versöhnung  des  positiven  Rechts  und
der  Rechtsphilosophie,"
In  der  nun  sich  anschließenden  letzten  Periode  seines  Lebens  in  den  Jahren ­
  1863  und  1864  widmete  er  sich  fast  ausschließlich  mit  einem  wahren  fieberhaften ­
  Eifer  und  einer  glutvollen  Hingabe  ohne  gleichen  einer  sich  über  fast
ganz  Nord-  und  Mittel-Deutschland,  insbesondere  aber  über  den  Rhein-  und
        <pb n="17" />
        —  17  —

Maingau  erstreckenden  Agitation  für  den  Allgemeinen  deutschen  Arbeiterverein. ­
  Mit  einer  schier  grenzenlosen  Begeisterung  begrüßte  ihn  aller ­
  Orten  die  deutsche  Arbeiterschaft  bei  seinem  öffentl.  Auftreten,  wie  einen
Messias  feierte  sie  den  feurigen  Propheten  und  Vorkämpfer  des  Proletariats.
Wegen  seiner  Schrift  „Das  Arbeiterprogramm.  Ueber  den  besonderen  Zusammenhang ­
  der  gegenwärtigen  Eeschichtsperiode  mit  der  Idee  des  Arbeiterstands" ­
  wurde  er  vom  Berliner  Stadtgericht  zu  vier  'Monaten  Gefängnis ­
  verurteilt.  Seine  Verteidigung  vor  dem  Berliner  Kammergericht,
benutzte  er  zu  der  glänzenden  Rede  über  „die  indirekten  Steuern  und  die
Lage  der  arbeitenden  Klassen."  Auf  die  Geschichte  des  Allgemeinen  deutschen
Arbeitervereins  und  das  traurige  Ende  Lassalles  im  Zweikampf  mit  dem
rumänischen  Bojaren  v.  Racowitza  wegen  seiner  Liebesaffäre  mit  der  leichtfertigen ­
  Helene  v.  Dönnings  in  München  am  31.  August  1864  hier  näher
einzugehen,  ist  nicht  der  Ort,  denn  nicht  eine  Geschichte  der  sozialistischen
Bewegung  und  eine  Biographie  der  wichtigsten  sozialistischen  Führer  zu  verfassen, ­
  setzen  wir  uns  zur  Aufgabe,  sondern  eine  Skizzierung  der  sozialistischen ­
  Ideenwelt!  Die  Gräfin  Hatzfeld  wollte  Lässalles  Leiche  im  Triumphzug ­
  durch  ganz  Deutschland  führen  lassen,  auf  Ersuchen  seiner  Verwandten
aber  wurde  die  Leiche  bereits  in  Köln  von  der  Polizei  beschlagnahmt  und
unter  polizeilicher  Ueberwachung  nach  Breslau  übergeführt,  wo  sie  im
Beisein  einer  ganz  kleinen  Trauergemeinde,  der  Verwandten  und  mehrerer
Polizeibeamten  ohne  Feierlichkeiten  auf  dem  jüdischen  Friedhof  beigesetzt
wurde.
Die  deutsche  Sozialdemokratie  blickt  heute  noch  mit  der  größten  Liebe
und  Verehrung  zu  Lassalle  empor,  sie  betrachtet  ihn  neben  Marx  und  Engels
als  einen  ihrer  geistigen  Väter,  noch  heute  schmücken  Breslauer  Arbeiterdeputierte
  die  Gtabstelle  des  großen  deutschen  Arbeiterorganisators,  die  sein
Freund,  der  große  Altertumsforscher  Böckh,  mit  der  Inschrift  versah:  „Hier
ruhet,  was  stetblich  ist,  von  Ferdinand  Lassalle,  dem  Denker  und  dem
Kämpfer."
Wir  wollen  in  einer  kurzen  Besprechung  der  leitenden  Grundgedanken
Lassalles,  so  wie  sie  sich  aus  seinen  Hauptwerken  ergeben,  sehen,  inwiefern
unsere  deutsche  Sozialdemokratie  mit  Recht  Lassalle  als  geistigen  Hauptführer
  für  sich  in  Anspruch  nimmt  und  werden  —  um  das  Ergebnis  vorwegzunehmen ­
  —  zu  dem  Schluß  gelangen,  daß  fast  seine  sämtlichen  Gedankengänge
  so  gut  wie  restlos  von  der  heutigen  Sozialdemokratie  preisgegeben ­
  sind,  sowohl  in  ihren  wissenschaftlichen  Lehren,  ihrem  Parteiprogramm ­
  und  in  ihrer  praktischen  Betätigung.
2.  Seine  Lehren.
Die  allgemeinen  geisteswissenschaftlichen  Grundlagen,  auf  denen  die
heutige  Sozialdemokratie  in  engster  Anlehnung  an  das  große  Dioskurenpaar
  Karl  Marx  und  Friedrich  Engels  ihr  stolzes  Lehrgebäude
aufführt,  sind  grundverschieden  von  dem  geistigen  Nährboden  Lassalles,
sie  stehen  in  denkbar  schärfstem,  völlig  konträrem,  schlechthin  keine  Vermittelung ­
  duldenden  Widerspruch.  Für  Marx  und  den  heutigen  wissenschaftlichen
Sozialisten  ist  —  wie  wir  später  noch  eingehender  bei  Darlegung  der  Lehren
        <pb n="18" />
        —  18  —

des  Marx  sehen  werden  —  die  ganze  Kultur  der  Menschheit,  Kunst,  Religion
und  Literatur,  weiter  nichts  als  der  jeweilige  Ueberbau  der  Wirtschaft  und
deren  Reflex;  ändert  sich  der  Unterbau,  so  ändert  sich  naturnotwend
  i  g  mit  blindem,  ehernem  Zwange,  er  mag  wollen  oder  nicht,  auch  der
Ueberbau.  Der  Primat  der  Wirtschaft  über  das  gesamte  menschliche  Geistesleben ­
  ist  unumstößliche  Gewißheit  und  Elauenssatz  des  ganzen  Marxismus,
des  wissenschaftlichen  Sozialismus  überhaupt  und  der  ganzen  Sozialdemokratie. ­
  An  diesem  Dogma  zu  zweifeln  ist  Sünde  gegen  den  heiligen  Geist
und  ist  so  schwere  Eralslästerung,  daß  sie  nur  mit  dem  schwersten  Kirchenbann,
mit  der  Ausstoßung  gesühnt  werden  kann.  Auf  dem  Boden  dieses  „historischen ­
  Materialismus"  stehen  sie  alle,  die  Radikalen  wie  die  Reformisten,  er
ist  die  große  Klammer,  die  das  ganze  Lehrgebäude  stützt  und  die  innerlich
widerstrebendsten  Elemente  fest  zusammenschweißt!  Er  ist  die  Bibel'des  Sozialismus ­
  und  der  (heutigen)  Sozialdemokratie!  Während  Karl  Marx  auch  —
wie  wir  später  noch  sehen  werden  —  von  Hegelschen  Gedanken  ausging,,  sich
aber  später  in  den  denkbar  schärfsten  Gegensatz  zu  Hegel  stellte,  ist  Lassalle
sein  ganzes  Leben  hindurch  begeisterter  Hegelianer  geblieben.  Ganz  deutlich
gibt  er  diese  geistige  Wurzel  seines  Wesens,  diesen  seinen  geistigen  Nährboden ­
  kund  in  seiner  Vorbemerkung  zu  dem  „System  der  erworbenen  Rechte"
(S.  XV  Band  4  der  von  Erich  Blum  im  Verlag  von  Karl  Fr.  Pfau-Leipzig
herausgegebenen,  6  Bände  umfassenden  Gesamtausgabe  der  Werke  Lassalles),
„die  Rechtsphilosophie  als  in  das  Reich  des  historischen  Geistes,  gehörend,
hat  es  nicht  mit  logisch-ewigen  Kategorien  zu  tun,  sondern  die  Rechtsinstitute ­
  sind  nur  die  Realisation  historischer  Eeistesbegriffe,  nur  der  Ausdruck ­
  des  geistigen  Inhalts  der  verschiedenen  historischen  Volksgeister  und
Zeitperioden  und  daher  nur  als  solche  zu  begreifen."  Bei  aller  Ablehnung
des  Baues  und  der  Architektonik  der  Philosophie  Hegels  in  ihren  Einzelheiten ­
  erklärt  er  dann  im  selben  Vorwort  auf  derselben  Seite,  „die  Grundprizipien
  und  ihre  Methode"  beizubehalten,  „es  ist  immer  dieselbe  von  Hegel
getragene  'Fahne,  die  nur  auf  einem  anderen  Wege  zum  Siege  geführt  werden ­
  soll.  Es  sind  immer  die  Grundprinzipien  und  die  Methode  der  Hegelschen ­
  Philosophie,  die  nur  gegen  Hegel  Recht  behalten."  So  war  er  ganz
in  schroffstem  Gegensatz  zu  Marx  Idealist  durch  und  durch,  felsenfest  überzeugt ­
  von  der  selbständigen  Existenz  des  Geistes,  die  Geschichte  bedeutet  ihm
ganz.wie  dem  Meister  Hegel  die  schrittweise  Verwirklichung  des  „Absoluten".
Die  allgemeine  Quelle  allen  Rechts,  sein  Ausgangspunkt  und  seine  Stütze  ist
nach  Lafsalle  das  gemeinsame  Bewußtsein  des'  ganzen  Volkes,  der  allgemeine ­
  Geist,  ändert  sich  dieses  allgemeine  Bewußtsein,  so  ändert  sich  auch
das  aus  ihm  entflossene  Recht.  Eine  Entschädigungspflicht  für  den  Staat
ist  daher  —  eine  heute  besonders  zeitgemäße  Erinnerung  —  bei  grundlegenden ­
  Rechtsänderungen  nicht  anzuerkennen,  das  Sonderinteresse  und  das
Sonderbewußtsein  muß  sich  aber  dem  geänderten  allgemeinen  Bewußtsein
und  der  hierdurch  bedingten  Rechtsumgestaltung  fügen!  Welcher  grandiose
Unterschied  zu  Marx,  bei  dem  das  Recht  nicht  ein  Ausfluß  des  allgemeinen
Geistes,  sondern  der  Diener  der  jeweiligen  Wirtschaft  ist.
Unter  Anwendnug  dieser  grundlegenden  Gedanken  auf  die  Institution
des  Erbrechts  zeigt  nun  Lassalle,  wie  das  römische  Erbrecht  der  Unsterblichkeitsidee ­
  des  römischen  Volksgeistes  entsprungen  sei,  der  Testaments-
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        —  19  —

2’

erbe  galt  als  die  direkte  Fortsetzung  der  gesamten  vermögensrechtlichen  Persönlichkeit ­
  des  Erblassers,  .überzeugend  weist  er  dann  nach,  wie  das  altgermanische ­
  Erbrecht  in  der  Vorstellung  wurzelte,  daß  die  gesamte  Familie ­
  und  nicht  der  gegenwärtige  Inhaber  Eigentümer  des  Vermögens  sei.
Da  heute  diese  alten  Auffassungen  längst  verschwunden  seien,  so  bedürfe
das  private  Erbrecht  einer  grundlegenden  Umgestaltung.  Das  heutige  Errecht
  beruhe  auf  „der  Familie  als  Staatsinstitution",  auf  „dem  die  Vermögenshinterlassenschaften ­
  regelnden  allgemeinen  Willen  des  Staats."  Daher ­
  sei  heute  „Regelung  der  Hinterlassenschaft  von  Sozietätswegen"  Naturrecht. ­
  (S.  586,  Band  V,  2.  Teil.)  In  diesem  selben  Werke  sucht  dann  Lassalle
auch  den  Nachweis  zu  erbringen,  daß  mit  dem  Fortschritt  der  menschlichen
Kultur  die  Sphäre  des  Privateigentums  immer  mehr  eingeengt  werde  und
kommt  dann  zu  dem  Schluß  „in  sozialer  Beziehung  steht  die  Welt  vor  der
Frage,  ob  heute,  wo  es  kein  Eigentum  an  der  unmittelbaren  Benutzbarkeit
eines  anderen  Menschen  mehr  gibt,  ein  solches  auf  seine  mittelbare  Ausbeutung ­
  existieren  T^Ite;  d.  h.  gründlich,  ob  die  freie  Betätigung  und  Entwickelung ­
  der  eigenen  Arbeitskraft  ausschließliches  Privateigentum  des  Besitzers ­
  vom  Arbeitssubstrat  und  Arbeitsvorschuß  (Kapital)  sein  und  ob  folgeweise ­
  dem  Unternehmer  als  solchem  und  abgesehen  von  der  Remuneration
seiner  geistigen  Arbeit,  ein  Eigentum  am  fremden  Arbeitswerte  (Kapitalprämie, ­
  Kapitalprofit),  der  sich  bildet  durch  die  Differenz  zwischen  dem  Verkaufspreise ­
  des  Produkts  und  der  Summe  der  Löhne  und  Vergütungen  sämtlicher, ­
  auch  geistiger  Arbeiten,  die  in  irgendwelcher  Weise  zum  Zustandekommen ­
  der  Produkte  beigetragen  haben,  zustehen  solle."
Hier  finden  sich  also  allerdings  starke  Anklänge  an  das  strengfozialistische
Endziel  des  Wegfalls  des  Privateigentums  an  den  Produktionsmitteln,  aber
auch  hier  wieder  wird  ganz  und  gar  unmarxistisch  es  als  eine  diskutable
Frage  bezeichnet,  ob  es  wünschenswert  sei,  solches  Privateigentum  beizubehalten ­
  oder,  abzuschaffen,  während  Marx  und  sein  Schüler  den  naturnotwendigen ­
  Fortfall  des  Privateigentums  an  den  Produktionsmitteln  als  von
selbst  eintretend  voraussagen.
Im  übrigen  aber  hat  Lassalle  in  seinem  gesamten  öffentlichen  Auftreten
stets  „in  diametralem  Gegensatz  zu  Marx  .  .  .  den  idealistischen,  staatssozialistischen,
  sozialreformerischen  Standpunkt  im  Gegensatz  zu  dem  materialistischen, ­
  antistaatlichen  und  revolutionären  Programm  von  Karl  Marx
vertreten".  (Diehl,  Sozialismus,  Kommunismus  und  Anarchismus  S.  402.)
Immer  und  immer  wfeder  rief  &amp;gt;er  zwecks  Verwirklichung  der  von  ihm  geiorderten ­
  Reformen  die  Hilfe  des  Staates  an,,  insbesondere,  wie  wir  noch
sogleich  sehen,  zur  Durchführung  seiner  P  r  o  d  u  k  t  i  v  a  s  s  o  z  i  a  t  io  n  e  n.
Mit  dem  Staatsgedanken  trieb  er  förmlichen  Kultus.  „Das  aber  ist  gerade
die  Aufgabe  und  Bestimmung  des  Staates,  die  großen  Kulturfortschritte  der
Menschheit  zu  erleichtern  und  zu  vermitteln.  Dies  ist  sein  Beruf.  Dazu
existiert  er,  hat  immer  dazu  gedient  und  dienen  müssen."  (Offenes  Antwortschreiben ­
  an  das  Zentralkomitee  zur  Berufung  eines  Allgemeinen  Deutschen ­
  Arbeiterkongresses  in  Leipzig,  Liafsalles  Ges.  W.  Band  l  S.  25.)  Der
Staat  hütet  nach  ihm  „das  heilige  Vestafeuer  der  Kultur."
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        —  20  —

In  seiner  hochbedeutenden  am  12.  April  1862  im  Handwerkerverein  der
Oranienburger  Vorstadt  in  Berlin  gehaltenen  Rede  „Arbeiterprogramm. ­
  Ueber  den  besondere  nZusmm  menhang  der  gegenwärtigen ­
  Eeschichtsperiode  mit  der  Idee  des  Artz
  e  i  t  e  r  st  a  n  d  s"  zeigt  er,  wie  jede  neue  Epoche  der  Weltgeschichte  von
einer  neuen  Idee  «getragen  werde.  So  sei  in  der  französischen  Revolution  die
Klasse  der  Kapitalisten,  der  Bourgeoisie  zur  Herrschaft  gelangt,  sie  habe  den
Zetisus  gefchaffen  und  die  politischen  Rechte  «auf  den  Besitz  beschränkt,  sie  habe
die  indirekten  Steuern  geschaffen  und  die  Lasten  auf  die  Armeti  gewälzt.
Am  24.  Februar  1848  sei  die  Morgenröte  einer  neuen  Geschichtsperiode  hereingebrochen, ­
  sie  habe  das  Prinzip  des  vierten  Standes  zum  herrschenden
Prinzip  in  der  Gesellschaft  erhoben  und  wolle  nun  alle  ihre  Einrichtungen
mit  ihrem  Geiste  durchdringen.  Dieser  Sieg  der  Arbeiterschaft  werde  keineswegs ­
  zur  einseitigen  Klassenherrschaft  führen.  Denn  „hier  bei  der  Herrschaft
des  vierten  Standes  findet  (im  Gegensatz  zur  Herrschaft  der  Bourgeoisie)  sofort ­
  der  immense  Unterschied  statt,  daß  der  vierte  Stand  der  letzte  und
äußerste,  der  enterbte  Stand  der  Menschheit  ist,  welcher  keine  ausschließende
Bedingung  weder  rechtlicher  noch  tatsächlicher  Art,  weder  Adel  noch  Grundbesitz, ­
  noch  Kapitalbefitz  mehr  aufstellt  und  aufstellen  kann,  die  er  als  ein
neues  Privilegium  gestalten  und  durch  die  Einrichtungen  der  Gesellschaft
hindurchfühlen  könnte.  -Arbeiter  sind  wir  alle,  insofern  wir  nur  eben  den
Willen  haben,  uns  in  irgendeiner  Weife  der  menschlichen  Gesellschaft  nützlich ­
  zu  machen.  Dieser  vierte  Stand,  in  dessen  Herzfalten  daher  kein  Keim
einer  neuen  Bevorrechtung  mehr  enthalten  ist,  ist  eben  deshalb  gleichbedeutend ­
  mit  dem  ganzen  Menschengeschlecht.  Seine  Sache  ist  daher  in
Wahrheit  die  Sache  der  gesamten  Menschheit,  seine  Freiheit  ist  die  Freiheit ­
  der  Menschheit  selber,  seine  Herrschaft  ist  die  Herrschaft  aller.  Wer
also  die  Idee  des  Arbeiterstandes  als  das  herrschende  Prinzip  der  Gesellschaft ­
  anruft  in  dem  Sinn,  wie  ich  Ihnen  dies  entwickelt,  der  stößt  nicht
einen  die  Klassen  der  Gesellschaft  spaltenden  Schrei  aus,  der  stößt  vielmehr
einen  Schrei  der  Versöhnung  aus,  einen  Schrei,  der  die  ganze  Gesellschaft
umfaßt,  einen  Schrei  der  Ausgleichung  für  alle  Gegensätze  in  den  gesellschaftlichen ­
  Kreisen,  einen  Schrei  der  Einigung,  in  den  alle  einstimmen  sollten,
welche  Bevorrechtigung  und  Unterdrückung  des  Volkes  durch  privilegierte
Stände  nicht  wollen,  einen  Schrei  der  Liebe,  der,  seitdem  er  sich  zum  ersten
Male  aus  dem  Herzen  des  Volkes  emporgerungen,  für  immer  der  wahre
Schrei  des  Volkes  bleiben  und  um  seines  Inhalts  willen  selbst  dann  noch
ein  Schrei  der  Liebe  sein  wird,  wenn  er  als  Schlachtruf  des  Volkes  ertönt."
(A.  a.  O.  Band  I.  S.  187/88.)  Man  sieht,  neben  die  wirtschaftlich-historische
Begründung  des  Klaffenkampfes  stellt  Lassalle  in  Anlehnung  an  Fichtesche
Eedankengänge  auch  durchaus  ethische  Erwägungen  und  Begründung.  „Die
sittliche  Idee  des  Arbeiterstatides  dagegen  ist  die,  baß  die  ungehinderte  und
freie  Betätigung  der  individuellen  Kräfte  durch  das  Individuum  noch  nicht
ausreiche,  -sondern  daß  zu  ihr  in  einem  sittlich  geordneten  Gemeinwesen  noch
hinzutreten  müsse:  die  Solidarität  der  Interessen,  die  Gemeinsamkeit  und
die  Gegenseitigkeit  der  Entwickelung."  (A.  a.  O.,  S.  196.)  Diese  Einheit  der
Individuen  in  einem  sittlichen  Ganzen,  eine  Freiheit,  welche  die  Kräfte
aller  Einzelnen  millionenfach  vermehre,  sei  der  Staat.  Damit  aber  der  Ar-
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        —  21  —

beiterstand  diese  hohe  ihm  zugefallene  weltgeschichtliche  Ausgabe  verwirklichen ­
  könne,  müsse  er  „eine  ganz  neue  Haltung  annehmen.  Die  hohe  weltgeschichtliche ­
  Ehre  dieser  Bestimmung  muß  alle  Ihre  Gedanken  in  Anspruch
nehmen.  Es  ziemen  Ihnen  nicht  mehr  die  Laster  der  Unterdrückten  und  die
müßigen  Zerstreuungen  der  Gedankenlosen,  noch  selbst  der  harmlose  Leichtsinn ­
  der  Unbedeutenden  .  .  .  Der  hohe  sittliche  Ernst  dieses  Gedanken  ist  es,
der  sich  mit  einer  verzehrenden  Ausschließlichkeit  Ihres  Geistes  bemächtigen,
Ihr  Gemüt  erfüllen  und  Ihr  gesamtes  Leben  als  ein  seiner  würdiges,  ihm
angemessenes  und  immer  auf  ihn  bezogenes  gestalten  muß.  Sie  sind  der
Fels,  auf  welcher  die  Kirche  der  Gegenwart  gebaut  werden  soll."  (A.  a.  O.,
S.  198.)  Auch  in  der  heutigen  wildbewegten  Zeit  und  vielleicht  gerade  in
ihr  sind  diese  Mahnungen  und  Beschwörungen  höchst  angezeigt.
Die  Herrschaft  könne  -aber  der  Arbeiterstand  nur  durchsetzen  durch  Erlangung ­
  der  politischen  Macht,  zu  dem  Zwecke  müsse  die  deutsche  Arbeiterschaft, ­
  so  -beginnt  Lafsalle  sein  berühmtes  „offenes  Antwortschreiben  an
das  Zentralkomitee  zur  Berufung  eines  Allgemeinen  Deutschen  Arbeitervereins ­
  zu  Leipzig"  eine  eigene  politische  Partei  bilden.  Den  schärfsten
Kampf  predigt  er  gegen  die  damals  im  preußischen  Landtage  herrschende
Fortschrittspartei,  die  er  als  Vertreter  eines  manchesterlichen  „Nachtwächterstaates", ­
  der  lediglich  für  die  Sicherheit  seiner  Bürger  zu  sorgen  habe,
brandmarkt.  Bemerkenswert  ist  seine  Anerkennung  der  staatsmännischen
Fähigkeiten  Bismarcks.  „Und  wenn  wir  Flintenschüsse  mit  Herrn
v.  Bismarck  wechselten,  so  würde  die  Gerechtigkeit  erfordern,  noch  während
der  Salve  einzugestehen:  er  ist  ein  Mann,  jene  aber  (die  Fortschrittler)  sind
—  alte  Weiber."  („Die  Feste,  die  Presse  und  der  Frankfurter  Abgeord-netentag",
  Band  I,  S.  137.)  Die  Eroberung  des  allgemeinen  gleichen  und  direkten
Wahlrechts  sei  für  die  Erlangung  der  politischen  Macht  unerläßliche  Voraussetzung. ­

Der  Kampf  gegen  die  Fortschrittspartei  verband  die  beiden  großen
Männer:  Lassalle  und  Bismarck.  Er  führte  sie  -^uch  zu  verschiedenen  persönlichen ­
  Besprechungen  in  den  Jahren  1863  und  1864,  über  die  sich  ebenso  wie
über  die  ganze  Persönlichkeit  Lassalles  der  Fürstreichskanzler  in  seiner
Reichstagsrede  vom  17.  September  187-8  eingehend  ausließ.  Er  erklärt  ihn
hierin  als  einen  der  geistreichsten  und  liebenswürdigsten  Menschen,  mit  denen ­
  er  je  verkehrt  habe,  „einen  Mann,  der  ehrgeizig  im  großen  Stil  war,
durchaus  nicht  Republikaner,  er  hatte  eine  sehr  ausgeprägte  nationale  und
monarchische  Gesinnung.  Seine  Idee,  der  er  zustrebte,  war  das  deutsche
Kaisertum  und  darin  hatten  wir  einen  Berührungspunkt  ...  ob  das  deutsche ­
  Kaisertum  gerade  mit  der  Dynastie  Hohenzollern  oder  mit  der  Dynastie
Lassalle  abschließen  sollte,  -das  war  ihm  vielleicht  3X06x161^0^;  aber
monarchisch  war  seine  Gesinnung  durch  und  durch."  Die  Gewährung  des  allgemeinen ­
  gleichen  und  geheimen  Reichstagswahlrechts  aber  im  Jahre  1869
läßt  sich  schwerlich  auf  Einflüsse  und  Gedanken-gänge  Lassalles  zurückführen.
Richt  um  der  Arbeiterklasse  zur  politischen  Herrschaft  im  Staate  zu  verhelfen, ­
  führte  Bismarck  es  ein,  sondern  zur  Festigung  des  nationalen  Gedankens. ­
  In  einem  Gespräch  mit  dem  Franzosen  Henry  Billard  äußerte
Bismarck  einmal,  er  habe  das  allgemeine  Wahlrecht  für  unumgänglich  ge ­
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        —  22  —

halten  als  „Zement  bei  der  Erbauung  des  Reichsgebäudes  und  als  Mittel
zur  Unterdrückung  der  traditionell-zentrifugalen  Tendenzen  einiger  unser
kleinen  Potentaten  und  Staaten."
So  bahnbrechend  und  geistvoll  Lassalles  Leistungen  auf  dem  Gebiete  der
Philosophie,  der  Rechtsphilosophie  und  des  positiven  Rechts  waren,  ein  so
wenig  origineller  Denker  war  er  dagegen  als  nationalökonomischer  und  sozialpolitischer ­
  Schriftsteller.  Hier  war  er  durchaus  Eklektiker.  „Namentlich
durch  Marx,  Engel,  Rodbertus  einerseits,  die  französischen  Sozialisten  anderseits ­
  beeinflußt,  geben  seine  Theorien  über  Zins,  Lohn,  Rente,  Wert  Usw.
Gedanken  wieder,  die  vorher  schon  in  besserer  und  ausgereifterer  Weise  von
anderen  ausgesprochen  wurden."  (Diehl  a.  a.  O.  A.  402.)  Die  Grundlage
aller  wirtschaftlichen  und  sozialen  Uebel  erblickt  Lassalle  in  dem  sog.  „ehernen ­
  Lohngesetz".  Ganz  zu  Unrecht  sieht  heute  noch  weithin  die  öffentliche
Tagesmeinung  in  Lassalle  den  wissenschaftlichen  Entdecker  dieses  angeblichen
Gesetzes.  Bereits  geraume  Zeit  vor  ihm  hatten  es  der  französische  Reformminister ­
  Ludwig  des  XVI.  Tdrgot  Und  der  englische  Nationalökonom
David  Ricardo  (4773—1825)  ganz  ähnlich  formuliert.  „Das'  eherne
ökonomische  Gesetz,  „welches  unter  den  heutigen  Verhältnissen  unter  der  Herrschaft ­
  von  Angebot  und  Nachfrage  nach  Arbeit  den  Arbeitslohn  bestimmt,  ist
dieses:  daß  der  durchschnittliche  Arbeitslohn  immer  auf  den  notwendigen
Lebensunterhalt  reduziert  bleibt,  der  in  einem  Volke  gewohnheitsmäßig  zur
Fristung  der  Existenz  und  zur  Fortpflanzung  erforderlich  ist.  Dies  ist  der
Punkt,  um  welchen  der  wirkliche  Tagelohn  in  Pendelschwingungen  jederzeit
herum  graviert,  ohne  sich  jemals  lange  weder  über  denselben  erheben  noch
unter  denselben  hinunterfailen  zu  können.  Es  kann  sich  nicht  dauernd  über
diesen  Durchschnitt  erheben,  denn  sonst  entstünde  durch  die  leichte,  bessere
Lage  der  Arbeiter  eine  Vermehrung  der  Arbeiterbevölkerung  und  somit  des
Angebots  von  Händen,  welche  den  Arbeitslohn  wieder  auf  und  unter  seinen
früheren  Stand  herabdrücken  würde.  Der  Arbeitslohn  kann  auch  nicht  dauernd ­
  tief  unter  diesen  notwendigen  Lebensunterhalt  fallen,  denn  dann  entstehen ­
  Auswanderung,  Ehelosigkeit,  Enthaltung  von  der  Kindererzeugüng
und  endlich  eine  durch  Elend  erzeugte  Verminderung  der  Arbeiterzahl,  welche
somit  das  Angebot  von  ArbeiterhäNden  noch  verringert  und  den  Arbeitslohn
daher  wieder  auf  den  früheren  Stand  zurückführt."  (Offenes  Antwortschreiben, ­
  S.  15/16.1
Eine  lange  Zeit  galt  dieses  sog.  „Gesetz"  in  der  deutschen  Sozialdemokratie ­
  als  unerläßliche  Wahrheit  und  dementsprechend  als  Hauptagitationsmittel, ­
  bis  es  Wilhelm  Liebknecht  selber  auf  dem  Erfurter  Kongreß
im  Jahre  1801  als  unhaltbar  anerkennen  mußte,  seitdem  ist  es  aus  dem
neuen  damals  beschlossenen  Parteiprogramm  restlos  ausgemerzt  worden.  Es
ist  in  der  Tat  völlig  unhaltbar,  wie  heute  kaum  noch  bezweifelt  wird,  Lohnerhöhungen ­
  selbst  recht  erhebliche  brauchen  durchaus  nicht  mit  Notwendigkeit
zu  einer  Vermehrung  der  Ehen  und  gu  einer  Steigerung  der  Kinderzahl  zu
führen.  Im  Gegenteil  ist  es  eine  der  erfreulichsten  Kulturerscheinungen  der
letzten  Jahrzehnte,  daß  sie  vielfach,  ja  durchaus  überwiegend  die  großen  Arbeitermassen ­
  zu  einer  besseren  Bekleidung,  zu  besseren  gesünderen  Wohnungen ­
  und  deren  behaglicherer  Einrichtung  und  zu  einer  Steigerung  ihres
geistigen  Gehaltes  geführt  haben.  Der  Standard  oi  life  hat  sich  so  in  den
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        23

drei  letzten  Jahrzehnten  vor  dem  Kriege  —  von  den  gewaltigen  Lohnsteigerungen ­
  während  des  Weltkrieges  soll  gar  nicht  geredet  werden  —  ungemein
gehoben.  Einzelheiten  werden  bei  der  Besprechung  der  sog.  „Verelendungstheorie" ­
  des  Karl  Marx  noch  später  von  uns  beigebracht
werden.  Haben  die  Arbeiterlöhne  aber  einmal  eine  bestimmte  Höhe  erklommen, ­
  so  hält  der  Arbeiter  mit  einer  ganz  außerordentlichen  Zähigkeit  an
ihnen  fest.  Ehrgefühl  und  Klassengeist  verlangen  gebieterisch  ihre  Festhaltung, ­
  sie  und  die  ungemein  machtvollen,  gewaltigen  Organisationen  der
Arbeiter  (Gewerkschaften)  stemmen  sich  fast  stets  erfolgreich  ihrer  Herabsetzung ­
  entgegen.  Diese  Imponderabilien  spielen  eine  ganz  außerordentliche,
von  Lassalle  durchaus  verkannte  Rolle.  Mit  Recht  schreibt  Beatrice  Webb
(Theorie  und  Praxis  der  englischen  Gewerkvereine,  Band  II,  S.  291):  „Man
könnte  einen  englischen  Maschinenbauer  nicht  leicht  überreden,  für  wöchentlich ­
  13  Schilling  in  seinem  Gewerbe  Arbeit  zu  übernehmen,  wenn  das  Angebot ­
  von  Maschinenbauern  auch  noch  so  groß  wäre.  Ehe  er  seiner  Selbstachtung ­
  Gewalt  antäte,  würde  er  lieber  als  Tagelöhner  arbeiten."  Das
gleiche  Urteil  läßt  sich  über  die  Psyche  des  deutschen  geschulten  Arbeiters
fällen!  An  die  Stelle  des  Lassalleschen  „ehernen  Lohngesetzes"  trat  es  völlig
verdrängend  die  Lehre  des  Karl  Marx  von  der  „industriellen  ^Reservearmee".
Doch  davon  später!
Nur  ein  Mittel  kann  dem  Arbeiter  helfen,  jenes  eherne  und  grausame
Gesetz  zu  beseitigen,  nämlich:  Den  Arbeiterstand  zu  seinem  eigenen  Unternehmer ­
  zu  machen.  „Wenn  der  Arbeiterstand  sein  eigener  Unternehmer  ist,
so  fällt  jene  Scheidung  zwischen  Arbeiterlohn  und  Unternehmergewinn  und
mit  ihr  der  bloße  Arbeitslohn  überhaupt  fort,  und  an  feine  Stelle  tritt  als
Vergeltung  der  Arbeit,  der  Arbeitsertrag."  Diese  Aushebung  des  Unternehmergewinns ­
  in  der  „friedlichsten,  legalsten  und  einfachsten  Weise  durch
freiwillige  Assoziation  des  Arbeiterstandes  als  seines  eigenen  Unternehmers,
sei  die  einzige  nicht  illusionäre  Verbesserung  seiner  wirtschaftlichen  Lage.
Mit  a.  &amp;gt;W.  die  Bildung  von  Arbeiterproduktivassoziationen
ist  das  Heilmittel.  Zür  Beschaffung  der  nötigen  Mittel,  der  „Riesenkapitalien" ­
  zum  Erwerb  der  Eisenbahnen,  Maschinenfabriken,  Schiffsbauwerkstätten,
  Baumwollspinnereien,  Kattunfabriken  usw.  müsse  der  .Gegenwartsstaat
gewaltige  Kredite  bereit  stellen.  Düs  sei  keine  Beseitigung,  sondern  nur
eine  Ergänzung  der  unvermeidlichen  Selbsthilfe.  „Und  ebensowenig  lassen
sie  sich  durch  das  Geschrei  derer  irre  führen  ur&amp;lt;0  täuschen,  die  hier  etwa  gar
von  Sozialismus  oder  Kommunismus  sprechen  und  mit  derlei  billigen  Redens ­
  ntett  dieser  ihrer  Forderung  entgegentreten  wollen.  Sondern  seien  sie
von  solchen  fest  überzeugt,  daß  sie  sie  nur  täuschen  wollen  oder  aber  selbst
nicht  wissen,  was  sie  sprechen.  Nichts  ist  weiter  entfernt  von  dem  sogenannten ­
  Sozialismus  oder  Kommunismus  als  diese  Forderung,  bei  welcher  die
arbeitenden  Klassen  ganz  wie  heute.  ihre  individuelle  Freiheit,  individuelle
Lebensführung  und  individuelle  Arbeitsvergütung  beibehalten  und  zu  dem
Staate  in  keiner  anderen  Beziehung  stehen,  als  daß  ihnen  durch  ihn  das
erforderliche  Kapital  respektive  der  Kredit  zu  ihrer  Assoziation  vermittelt
wird."  (Offenes  Antwortschreiben  a.  a.  O.,  Band  I,  S.  26.)
Aus  den  im  letzten  Artikel  angeführten  Gründen  steht  Lassalle  auch  —
worauf  Sombart  a.  a.  O.  S.  238  flg.  mit  Recht  aufmerksam  macht  —  dem
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        modernen  Cenossenschafts-  und  auch  Gewerkschaftsgedanken  der  Arbeiter
durchaus  schroff  ablehnend  gegenüber.  Insbesondere  von  den  Konsumvereinen, ­
  die  später  eine  so  großartige  Entfaltung  nahmen,  daß  heure
dem  sozialdemokratischen  Zentralverband  deutscher  Konsumvereine  rund
2  Millionen  Mitglieder  angehören,  und  denen  es  vielleicht  befchieden  ist,
den  Kapitalismus  auf  weiten  Gebieten  feiner  Betätigung  durch  langsamen
Uebergang  zur  Eigenproduktion  das  Feld  abzugraben,  hielt  er  gar  nichts,
ein  seltsames,  geradezu  krasses  doktrinäres  Unverständnis  überkommt  ihn  bei
ihrer  Beurteilung,  „Co  lange  nur  einzelne  Kreise  von  Arbeitern  zu  Konsumvereinen ­
  zusammentreten,  so  lange  wird  der  allgemeine  Arbeitslohn
nicht  durch  dieselben  berührt  und  solange  also  werden  die  Konsumvereine
den  Arbeitern,  die  zu  ihnen  gehören,  durch  die  billige  Konsumption  nur
zene  untergeordnete  Erleichterung  ihrer  gedrückten  Lage  gewähren  ,  ,  ,  Co
wie  aber  die  Konsumvereine  mehr  und  mehr  den  gesamten  Arbeiterstand  zu
umfassen  beginnen,  tritt  jetzt  vermöge  des  betrachteten  Gesetzes  (des  ehernen ­
  Lohngesetzes)  die  notwendige  Konsequenz  ein,  daß  der  Arbeitslohn  infolge ­
  des  durch  die  Konsumvereine  billiger  gewordenen  Lebensunterhaltes
um  ebensoviel  fallen  mutz.  Dem  gesamten  Arbeiterstande  können  die
Konsumvereine  niemals  auch  nur  irgendwie  helfen  und  den  einzelnen  Arbeiterkreisen, ­
  die  sie  bilden,  können  sie  die  ,  ,  ,  untergeordnete  Hilfe  gerade
Nur  solange  gewähren,  als  das  Beispiel  dieser  Arbeiter  noch  nicht  hinreichende ­
  Nachahmung  gefunden  hat.  Mit  jedem  Tage,  mit  welchem  die
Konsumvereine  sich  mehr  und  mehr  ausbreiten  und  größere  Massen  des  Arbeiterstandes ­
  umfassen,  fällt  mehr  und  mehr  auch  jene  geringfügige  Erleichterung ­
  auch  für  die  in  diesem  Vereine  befindlichen  Arbeiter  fort,  bis  sie
an  dem  Tage  auf  Null  sinkt,  wo  die  Konsumvereine  den  größten  Teil  des
gesamten  Arbeiterstandes  umfassen  würde,  (Offenes  Antwortschreiben  a,  a,
S.  222.1  ^
Auch  diese  Forderung  von  Arbeiterproduktiv  -Assoziationen ­
  mit  Staatskredit  ist  nicht  originales  Geisteseigentum  Lassalles, ­
  Bereits  der  französische  Sozialist  Louis  Blanc  (1818—1882)  hatte
in  seiner  Schrift  „Organisation  de  travail"  im  Februar  1848  Arbeiterassoziationen ­
  mit  Staatskredit  gefordert.  Freilich  ging  er  viel  weiter  noch
als  Last-alle,  indem  die  Assoziationen  von  der  zentralen  Leitung  des  Staates
abhängen  sollten,  der  auch  alle  Preise  und  Löhne  einseitig  zu  bestimmen
hatte.
Der  praktische  Vorschlag  der  ProdUktiv-Assoziationen  hat  sich  in  die
Wirklichkeit  nicht  umsetzen  lassen,  als  Forderung  ist  er  innerhalb  wie
außerhalb  der  Sozialdemokratie  heute  allgemein  aufgegeben.  So  hat  denn
der  gewaltige  Agitator  und  sozialistische  Prophet  fast  restlos  Schiffbruch  erlitten, ­
  von  allen  seinen  Forderungen  und  Anregungen  ist  nur  die  politische
des  allgemeinen  und  gleichen  Wahlrechts  durch  Bismarck  erfüllt  worden.
Aber  durch  Einsetzen  seiner  ganzen  gewaltigen  Persönlichkeit  war  er  es,  der
zum  ersten  Male  eine  selbständige  deutsche  Arbeiterbewegung  hervorgerufen
hach  aber  nicht  für  feie  Arbeiterschicht,  für  unser  ganzes  öffentliches  Leben
ist  seine  Bedeutung  ungemein  groß,  Durch  Lassalles  Auftreten  wurde  die
große  Menge  der  Gebildeten  erst  auf.  die  Bedeutung  der  sozialen  Probleme
aufmerksam  gemacht,  und  weite  Kreise  wurden  mit  der  Anschauung  erfüllt,
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        25

daß  es  Pflicht  des  Staates  sei,  zugunsten  der  Arbeiter  gesetzliche  Maßnahmen ­
  zu  treffen.  Mag  auch  die  neuere  deutsche  sozialpolitische  Gesetzgebung
in  ihrer  praktischen  Durchführung  noch  so  -weit  von  Lassalles  Plänen  entfernt ­
  sein,  so  indirekt  geht  sie  in  vielen  Punkten  auf  Anregungen  zurück,  die
von  ihm  ausgingen:  vor  allem  in  dem  Grundgedanken,  daß  ohne  staatliche
Intervention  gegenüber  dem  freien  Arbeitsvertrag  eine  kulturelle  Hebung
der  Arbeiterklasse  unmöglich  sei."  Ganz  anders  als  dieses  maßvolle,  man
kann  sagen  wohlwollende  Urteil  eines  bürgerlichen  Nationalökonomen  —
Karl  Diehl  a.  a.  O.,  S.  411  —  über  die  Bedeutung  Lassalles  lautet  die
schroffe  Kritik  seines  großen  Zeitgenossen  Karl  Marx  in  einem  für  den  sozialdemokratischen ­
  Parteivorstand  bestimmten  Briefe  vom  5.  Mai  1875,  anläßlich ­
  des  Entwurfs  des  Gothaer  Programms  für  die  einige  „Sozialistische
Arbeiterpartei  Deutschlands":  „Läsfalle  hat  im  Gegensatz  zum  kommunistischen ­
  Manifest  und  zu  allem  früherem  Sozialismus  die  Arbeiterbewegung
vom  engsten  nationalen  Standpunkt  gefaßt  .  .  .  Das  ganze  Programm  ist
trotz  alles  demokratischen  Geklingels  durch  und  durch  vom  'llntertanenglauben
  der  Lasfallefchen  Sekte  an  den  Staat  verpestet."  Marx  erkannte  eben
mit  seiner  unerbittlichen  Klarheit  den  gewaltigen  Gegensatz  zwischen  dem
nationalen  Sozialismus  von  Lassalle  und  den  gegenwärtigen,  insbesondere ­
  dem  preußischen  Staate  feindlichen  und  ihn  schroff
negierenden  internationalen  Sozialismus  auf  das  deutlichste.  So
urteilt  er  in  seinem  äm  Jahre  1868  an  den  Nachfokgex  Lassalles  im  Vorsitz
des  Allgemeinen  Deutschen  Arbeitervereins  den  Frankfurter  Jean  Baptiste
v.  Schweitzer,  gerichteten  Schreiben:  „Der  Staat  verwandelte  sich  ihm  in
den  preußischen  Staat.  So  wurde  er  zu  Konzessionen  an  das  preußische
Königtum,  die  preußische  Reaktion  sdie  Feudalparteis  und  selbst  die  Klerikalen ­
  gezwungen."

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        I  £  S  1  I  I  I  I  ■  I  I  I  I  I  t  I  B  I  I  ■  I  I  I  I

Viertes  Kapitel.
Der  wissenschaftliche  Anarchismus.
Will  man  sein  Wesen  recht  verstehen,  so  hat  man'  sich  von  zwei  —
selbst  in  den  gebildetsten  Volksschichten  —  weit  verbreiteten  Anschauungen
völlig  frei  zu  machen:  nämlich  einmal,  als  ob  der  Anarchismus  weiter  nichts
bedeute  als  die  radikalste  Richtung  -des  Sozialismus  und  der  Sozialdemokratie, ­
  und  ferner,  daß  er  nichts  Anderes  darstelle  als  eine  verbrecherische
Sekte  ähnlich  etwa  den  Nihilisten  Rußlands  und  den  praktischen  Bolschewisten ­
  der  Gegenwart.  Nichts  irrigeres  als  das.  Ein  fchärferer  grundlegenderer ­
  Gegensatz  als  zwischen  Anarchismus  und  Sozialismus  läßt  sich
überhaupt  gar  nicht  denken.  Der  Sozialismus  proklamiert  fast  die  Allmacht
des  Staates,  der  Gesellschaft  und  der  Gesamtheit,  jedenfalls  dehnt  er  ihre
Einflußsphäre  in  gang  ungeheurer  Weise  aus,  der  Anarchismus  dagegen  bedeutet ­
  die  grundsätzliche  Verneinung  eines  jeden  Staates  und  eines  'jeden
Rechtszwanges  überhaupt,  und  seien  sie  noch  so  liberal  -und  demokratisch,  er
negiert'  das  Recht  des  'Rechts  und  verkündet  das  weitgehendste  Selbstbestimmungsrecht
  des  Einzelnen.  Die  vollste  Souveränität  foll  dem  Individuum ­
  zukommen,  jedweder  Zwang  auf  ihn  wird  verpönt  und  ist  tief  unsittlich, ­
  der  Anarchismus  ist  die  Verkörperung  des  extremsten  wirtschaftlichen
wie  politischen  Liberalismus,  wie  Feuer  und  Wasser  stehen  sich  Sozialismus
und  Individualismus  gegenüber.  Unüberbrückbare  Gegensätze  klaffen  zwischen ­
  ihnen!  Und  sodann:  Mit  der  Propaganda  der  Tat  hat  der  Anarchismus ­
  als  solcher,  d.  h.  als  'sozialphilosophisches  Lehrsystem  nicht  das  Mindeste
zu  tun-,  seine  wissenschaftlichen  Hauptvertreter,  denen  wir  auf  den  folgenden
Zeilen  eine  -kurze  Darstellung  widmen  wollen:  Der  Franzose  Proudhon.
der  Deutsche  Stirner  und  der  Russe  Tolstoy  waren  schärfste  Gegner
jedweder  Eemalttätigkeiten  und  erst  recht  einer  jeden  planmäßigen  Revolution. ­
  Sie  weilen  durcbaus  im  Reich  der  reinen  Gedanken!  Ganz  -anders
die  sogen,  „praktischen  Anarchisten",  die  Vertreter  der  Propaganda  der  Tat,
zu  deren  geistigen  Führern  insbesondere  die  Russen  Michael  Bakunin
(1814—1876),  der  dem  königlichen  Hause  der  RuriksV  entsprossene  Fürst
Kropotkin  und  N  et  s  chaj  ew  gehören.  Sie  verherrlichen  allerdings
das  politische  Verbrechen  jeder  Art  -und  begünstigen  die  bewußte,  planmäßige
revolutionäre  Taktik.  Ganz  im  Gegensatz  -zu  den  wissenschaftlichen  Anarchisten, ­
  die  uns  hier  allein  -ganz  kurz  -beschäftigen  sollen,  verlangen  sie  den
gewaltsanien  Abbruch  aller  bestehenden-  Zustände  in  Staat  und  in  der  Gesellschaft. ­
  Sie  interessieren  mehr  den  Strafrechtler  und  Staatsanwalt  als
den  Nationalökonomen  und  Sozialpolitiker,  genau  wie  es  heute  beim
„praktischen  Bolschewisten"  der  Fall  ist.
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        —  27  —

Der  erste  wissenschaftliche  Anarchist,  der  dürch  seine  Lehren  Beachtung
und  Einfluß  auf  die  Tagesmeinungen  und  die  Wissenschaft  gewann,  -war  der
als  Sohn  armer  Bauern  1809  in  Befancon  geborene  Pi  I.  Proudhon,  gestorben ­
  1865  in  Paris.  In  seiner  von  der  Akademie  zu  Befancon  preisgekrönten ­
  Schrift  „Ou'est  cs  gus  la  propriets?"  (Was  ist  das  Eigentum?)
scheint  er  sich  auf  Grund  der  von  ihm  auf  diese  Frage  erteilten  Antwort
„La  propriete  c’est  le  vol“  (das  Eigentum  ist  der  Diebstahl)  als  ganz  erbitterter ­
  Gegner  eines  jeden  menschlichen  Privateigentums  W  bekennen.
Aber  in  Wahrheit  vertritt  er  keineswegs  diesen  extremen  Standpunkt,  vielmehr ­
  will  er  ganz  im  Gegenteil  unter  möglichst  restloser  Ausmerzung  all
der  zahlreichen  heutigen  Ungerechtigkeiten  der  Wirtschaftsordnung  möglichst ­
  alle  Menschen  zu  Privateigentümern  machen.  Denn  der  Begriff  der
sozialen  Gerechtigkeit  bildet  für  Proudhon  den  Ausgangspunkt  und  die
Grundlage  seiner  gesamten  Rechts-  und  Sozialphilosophie,  nur  von  ihr  ausgehend ­
  gelangt  er  zum  Anarchismus.  Man  steht:  seine  Lehre  bildet  den
denkbar  schärfsten  Gegensatz  zum  historischen  Materialismus  eines  Karl
Marx  und  Friedrich  Engels,  denen  alle  Eerechtigkeitsgedanken  in  ihrer  Sozialphilosophie ­
  völlig  fremd  sind  und  nur  höchst  abwegig  erscheinen,  weil
sie  eben  die  ganze  gesellschaftliche  und  kulturelle  Entwickelung  der  Menschheit ­
  als  von  blinden,  ehernen,  unerbittlichen  Naturgesetzen  beherrscht  sein
lassen.  Auf  das  Schärfste  bekämpft  ihn  daher  Marx  in  seinem  „Wsere  äs  In
Philosophie“  (Elend  der  Philosophie).  Im  gemünzten  Gelde  und  im  Zinse
erblickt  Proudhon  die  wirtschaftlichen  Hauptgeiseln  der  Menschheit  und
den  Keim  alles  volkswirtschaftlichen  Uebels.  Nach  ihrer  schonungslosen
Ausrottung  wird  sowohl  die  wirtschaftliche  Ausbeutung  und  Unfreiheit  wie
auch  die  politische  Abhängigkeit  vollkommen  aufhören.  Nach  ihrer  Beseitigung ­
  könne  im  übrigen  die  freie  privatwirtschaftliche  Produktionsweise
durchaus  beibehalten  werden,  das  Privateigentum  könne  dann  von  seinen
Auswüchsen  gereinigt  als  gerechte  Grundlage  der  Wirtschaftsverfassung  voll
bestehen  bleiben.  Durch  seine  sogen.  „Tauschbank"  hoffte  er  diese  seine  beiden
großen  Ziele  verwirklichen  zu  können.  Jeder  Produzent  sollte  bei  ihr  seine
Erzeugnisse  gegen  Empfang  eines  entsprechenden  Tauschbons  abliefern  können ­
  und  gegen  Abgabe  dieses  Bons  andere  Gegenstände,  deren  er  gerade
bedurfte,  zum  gleichen  Wert  eintauschen.  Bei  der  Festsetzung  der  Werte
sollten  lediglich  die  auf  die  Herstellung  der  Erzeugnisse  verwandten  Arbeitsleistungen ­
  und  Auslagen  ber'echnet  werden,  jeder  Gewinn  »aber  wegfallen. ­
  Die  Preise  sollten  durch  Taxatoren  der  Bank  kontrolliert  werden.
So  würde  der  drückende  und  ungerechte  Profit  des  Zwischenhandels  ganz
wegfallen,  ebenso  aber  auch  die  Unentgeltlichkeit  des  Kredits  erreicht  werden ­
  und  auf  diese  Welse  allmählich  der  Kapitalzins  ganz  in  Wegfall  kommen. ­
  „Auf  diese  Weise  wäre  jedem  Produzenten  ein  Recht  auf  Absatz  seiner
Produkte  und  ein  Recht  auf  Kredit  garantiert;  von  der  Tyrannei  des  Geldes ­
  und  des  Kapitals  befreit,  fei  dann  der  Zeitpunkt  für  die  Menschheit
gekommen,  sich  auch  von  der  Tyrannei  aller  Regierungsformen  und  aller
Gesetze  zu  entledigen."  (Diehl  a.  a.  O.  S.  107.)  An  Stelle  aller  Gesetze
sollen  dann  freie  Verträge  treten.  „Der  Vertrag  an  Stelle  der  Herrschaft ­
  der  Gesetze  würde  die  wahre  Regierung  des  Bürgers  und  des  Menschen ­
  begründen,  die  währe  Soüveränität  des  Volkes,  die  wahre  Revo ­
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        —  28  —

V

lution."  (Aus  „les  confessions  d’  un  revolutionaire"  1849,  Bekenntnisse  eines
Revolutionärs.)  Alle  staatlichen  Gerichte  und  Regierungsgewalten  müssen
abgeschafft  werden.,  nur  ein  einziges  Gesetz  kann  noch  gelten,  „tue  anderen
nichts,  was  du  nicht  willst,  das  man  dir  tue,  und  tue  anderen,  was  du
willst,  das  man  dir  tue."  Am  Schluß  seines  Lebens  überzeugte  er  sich
übrigens  selber  von  der  Undurchführbarkeit  seiner  Lehren.  Denn  in  seinem
1863  erschienenen  Werk  „Da  prinzipe  iederatife“  sagt  er  ausdrücklich:  die
Anarchie  sei  ein  Ideal,  das  nie  verwirklicht  werden  könne,  die  richtige  Regierungsform ­
  sei  vielmehr  der  Föderalismus,  d.  h.  eine  möglichst  dezentralisierte ­
  Regierung.  In  der  Bildung  möglichst  vieler  kleiner  Gruppen
mit  möglichst  weitgehender  Selbstverwaltung  erblickt  er  das  politische  Heil!
Den  krassesten  Egoismus  in  nacktester  Reinkultur  als  System  vertritt
der  erst  vor  kurzem  wieder  entdeckte  und  heute  wieder  mehr  gelesene  Johann
Kaspar  Schmidt,  der  unter  dem  Namen  Max  Stirner  1848  das  berühmt ­
  gewordene  Werk  „Der  Einzige  und  sein  Eigentum"  erscheinen  ließ.
Das  empirische  Ich  äst  ihm  das  oberste  Gesetz  alles  Wollens.  Jede  Autorität ­
  in  Staat,  Recht  und  Ordnung  ist  ihm  verwerflich,  weil  es  dem  einzelnen ­
  Ich  Schranken  auferlegt.  Unbedingte  Freiheit  des  Individuums  ist  ihm
das  oberste  Ziel.  'In'  gleicher  Weise  bekämpft  er  Liberalismus  wie  Sozialismus. ­
  Selbst  die  freiheitlichste  Staatsverfassung  führe  nur  einen  neuen
Götzen  ein,  den  der  Einzelne  verehren  müsse  und  errichte  ein  neues  Joch,
dem  tzatz  absolut  sein  sollende  Individuum  sich  unterwerfen  müsse,  die
Herrschaft  der  Mehrheit.
Sein  ganger  Ingrimm  aber  richtet  sich  gegen  den  Kommunismus  und
Sozialismus.  „Wenn  wir  das  persönliche  Eigentum  abschaffen,  dann  hat
keiner  etwas,  dann  ist  jeder  ein  Lump  .  .  .  vor  dem  höchsten  Eigentümer
(nämlich  der  Gesamtheit  al.ler)  werden  wir  alle  gleiche  Lumpen  .  .  .  Wir
sind  allzumal  Lumpen  und  als  Gesamtmasse  der  kommunistischen  Gesellschaft ­
  können  wir  uns  Lumpengesindel  nennen."  Die  Unterdrückung  des
absoluten  souveränen  Einzelwillens  dünkt  Stirner  eben  völlig  unerträglich. ­
  Jeder  Rechtszwang  ist  verwerflich.  Der  Staat  ,  soll  völlig  verschwinden ­
  und  durch  den  Verein  der  Egoisten  ersetzt  werden.  Der  Ein-  und  der
Austritt  «aus  diesen  Vereinen  soll  dem  Einzelnen  beliebig  freistehen,  .irgendwelche ­
  Befehlsgewalt  Mer  ihre  Mitglieder  üben  die  Vereine  nicht  aus.
Im  schärfsten  Gegensatz  zu  dem  durchaus  antireligiösen  Stirner  gelangt
der  tiefgläubige  und  mystische  russische  Wolksprophet  Leo  Tolftoy  in  seinen
Werken  „Worin  besteht  mein  Glauben?  (1884),  „Was  sollen  wir  also  tun?"
(1885),  „Das  Reich  Gottes  ist  in  Euch"  (1893),  zu  einem  geradezu  religiös
fundamentierten  Anarchismus.  Das  wahre  Wesen  des  Christentums  widerstrebe ­
  jedem  Rechtszwang  und  jedem  Staatsgebot.  Der  Eid,  wie  die
Steuern,  die  Gerichte  und  der  Heeresdienst  «verletzten  gleichmäßig  die  obersten
Gebote  des  Christentums.  Das  Christentum  restlos  durchgeführt,  zerstöre
den  Staat.  Zur  Erreichung  des  Zieles  aber,  d.  h.  der  anarchistischen  Gesellschaftsordnung ­
  verwirft  aber  Tolftoy  jedwede  Gewalt  auf  das  Entschiedenste. ­

Auch  unseren  großen  deutschen  Sprachkünstler  Nietzsche  (1844—1900)  hat
man  vielfach  als  Anarchisten  bezeichnet.  Unseres  Erachtens  zu  Unrecht.  Gewiß ­
  finden  sich  an  manchen  seiner  Werke  Stellen,  die  sich  sehr  den  anarchisti ­
        <pb n="29" />
        —  29  —

schen  Eedankengängen  annähern.  So  sagt  er  z.  B.  in  seinem  „Also  sprach
Zaratustra"  vom  Staat:  „Staat  heißt  das  kälteste  aller  Ungeheuer  .  .  .
Wo  es  noch  Volk  gibt,  da  versteht  es  den  Staat  nicht  und  haßt  ihn,  haßt  ihn
als  bösen  Block  und  Sünde  an  Sitten  und  Rechten."  Und  weiter  berührt  er
sich  mit  Stirner  in  gewisser  Weise  durch  seine  Betonung  des  Millens  des
Einzelnen,  durch  seine  Verherrlichung  des  „llebermenschen".  Aber  wie  Diehl
mit  Recht  hervorhebt,  fremd  ist  ihm  die  Hauptprogrammforderung  des
theoretischen  Anarchismus,  die  restlose  Beseitigung  des  Staates  überhaupt
und  jeglicher  Rechtsordnung  durch  Einführung  von  Egoistenvereinigungen.
Auf  eine  ausführliche  Kritik  der  Lehren  des  Anarchismus  muß  hier
verzichtet  werden.  Rur  das  sei  hervorgehoben:  in  ihrer  blinden  maßlosen
Verherrlichung  des  absolut  souveränen  Willens  des  empirischen  Individuums
würden  sie  letzten  Endes  einen  Krieg  aller  gegen  alle  entfesseln  und'  jede
menschliche  Kultur  unmöglich  machen.  Denn  alle  menschliche  Kultur  kann
nun  einmal  erfahrungsgemäß,  wie  es  der  Ablauf  einer  jahrtausendelangen
Entwickelung  deutlich  gelehrt  hat,  nur  in  größeren  auf  einem  gewissen
Rechtszwang  beruhenden  Verbänden,  sich  entfalten.  Die  Rechtsordnung  ist
die  Klammer  und  der  Mörtel,  der  die  ganze  Gesellschaftsordnung  und  Kultur ­
  zusammenhält,  ohne  Rechtszwang  keine  menschliche  Gesittüng!  Der  Gedanke ­
  des  möglichen  Wegfalls  des  Staates  und  der  Rechtsordnung  überhaupt ­
  ist  eine  grandiose  Utopie,  wir  können,ihn  uns  als  vollziehbar  ebensowenig ­
  vorstellen  wie  den  Wegfall  der  Schrift  und  Sprache,  denn  alle  diese
Kultursundamente  sind  nichts  künstlich  Gemachtes,  sondern  etwas  organisch
Gewordenes.
        <pb n="30" />
        I  I  I  I

Fünftes  Kapitel.
Karl  Marx  und  der  Marxismus.
I.  Der  Lebenslauf  von  Karl  Marx.
Alle  bisher  von  uns  besprochenen  sozialistischen  Eedankentzänge  uckd
Systeme,  die  von  Ferdinand  Lassalle  nicht  ausgenommen,  gehören  ganz
oder  doch  wenigstens  vorwiegend  der  Geschichte  an,  sie  sind  von  dem  späteren ­
  Gang  der  Ereignisse  überholt.  Unerhörte  Sieghastigkeit  dagegen  gewannen ­
  die  fozialphilosophischen  und  sozialpolitischen  Theoreme  des  Karl
Marx,  sie  allein  bedeuten  heute  in  der  sozialistischen  Lehre  und  in  der
Praxis  Leben  und  Wirklichkeit.  Das  heute  noch  maßgebende  Erfurter  sozialdemokratische ­
  Parteiprogramm  des  Jahres  1891  ist  vollkommen  und
restlos  aufgebaut  auf  den  Theorien  des  großen  Meisters,  es  bedeutet  in
seinem  allgemeinen  theoretischen  Teile  im  Grunde  weiter  nichts  als  einen
ganz  kurzen  katechismusartigxn  Auszug  aus  dem  kommunistischen  Manifest
des  Jahres  1818  und  dem  drei  Bände  umfassenden  „Kapital"  (1867—1893).
Wir  sagen  daher  nicht  zu  viel,  wenn  wir  behaupten:  Sozialismus  ist
Marxismus,  und  Sozialdemokratie  angewandter  praktischer  Marxismus.
Wenn  jemals  in  einer  überragenden  Persönlichkeit  und  in  ihrem  ganzen
Lebenswerke  sich  die  äußeren  Le-bensUmstände,  ihre  Herkunft  und  ihre  Geschichte ­
  sich  maßgebend  ausprägen  und  sie  bestimmen,  so  ist  es  bei  Karl
Marx  der  Fall.  In  der  Tat,  ohne  eine  gründliche  Kenntnis  seiner  ganzen
Umwelt,  seines  „Milieus"  und  seiner  äußeren  Lebensgeschicke  läßt  sich  das
große  Werk  des  geistigen  Haupts  und  wissenschaftlichen  Vaters  des  heutigen
Sozialismus  und  der  heutigen  deutschen  Sozialdemokratie  überhaupt  gar
nicht  verstehen.  Ein  etwas  ausführlicheres  Eingehen  auf  Beides  ist  daher
—  in  Erweiterung  unseres  sonstigen  Rahmens  —  einfach  unerläßlich.
In  dem  damals  einen  starken  internationalen  Zug  ausweisenden  Trier
wurde  Marx  am  5.  Mai  1818  als  Sohn  eines  jüdischen  Rechtsanwalts  und
preußischen  Justizrats  mit  dem  ursprünglichen  Namen  Mardechai  geboren.
Erst  1821  trat  die  Familie  zum  Protestantismus  über.  Wie  Werner  Sombart
  (Sozialismus  und  soziale  Bewegung,  S.  58)  hervorhebt,  waren  im
Hause  der  Eltern  Geist  und  weltmännische  Bildung  heimisch.  Die  Liebl-ingsschriftfteller
  der  Familie  waren  Voltaire  und  Shakespeare,  der  auch
im  späteren  Leben  der  ausgesprochene  Lieblingsschriftsteller  von  Marx  blieb.
Ein  durchaus  kosmopolitischer  Zug  beherrschte  das  Leben  der  Marxischen
Familie.  Seine  Mutter  fühlte  sich  mehr  als  Holländerin  denn  als  Deutsche.
Im  engsten  Verkehr  stand  die  Familie  mit  dem  Ehepaare  Baron  v.  Westfalen, ­
  der.  Eltern  des  späteren  hochreaktionären  preußischen  Ministers  des
Innern  Baron  Eduard  v.  Westfalen  und  Jenny,  Marxens  hochgebildeter.
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        —  31  —

späteren  Lebensgefährtin,  die  auf  das  getreueste  die  langen  kummervollen
Jahre  des  Londoner  Exils  mit  ihm  teilte.  Französisch  und  englisch  beherrschte ­
  die  ganze  Familie  Marx  fließend  und  sprach  beide  Sprachen  mit
Vorliebe.  Seit  3837  studierte  er  zunächst  in  Bonn  die  Rechtswissenschaft  nicht
aus  eigener  Vorliebe,  sondern  nur  dem  Wunsch  des  Vaters  .gehorchend,  aus
Not  und  mit  innerem  Widerstreben.  Dann  aber  wandte  er  sich  dem  Studium ­
  der  Geschichte  und  der  Philosophie  zu  und  „verschlang  Hegel  von  Anfang ­
  bis  Ende  samt  den  meisten  seiner  Schüler."  In  Berlin  schließt  er  innige ­
  Freundschaft  mit  dem  berühmten  freisinnigen  Theologen  Bruno  Bauer.
Im  Jahre  1841  promovierte  er  in  Jena  zum  Doktor  der  Philosophie  mit
der  bedeutsamen  Schrift  „Ueber  die  Differenz  der  demokratischen  und  epikureeischen
  Naturphilosophie."  Im  Jahre  1842  steht  er  im  Begriff,  sich
in  Bonn  als  Privatdozent  der  Philosophie  zu  habilitieren.  Allein  die
Freundschaft  mit  dem  oben  Mel  angeschriebenen  Bauer  gereicht  ihm  zum
Verhängnis,  die  reaktionäre  Welle,  die  damals  unter  Friedrich  Wilhelm  IV.
in  Preußen  einsetzte,  reißt  auch  ihn  hinweg.  Er  wird  Journalist.  Anfangs
1842  wird  er  Mitarbeiter  und  im  Oktober  Chefredakteur  der  von  hervorragenden ­
  rheinischen  Liberalen,  wie  Eamphausen  und'  Hansemann,  gegründeten ­
  „Rheinischen  Zeitung  fiir  Politik,  Handel  und  Gewerbe."  Zufolge
dieser  seiner  eifrigen  redaktionellen  Tätigkeit  wandte  sich  Marx  zuerst  mit
besonderer  Vorliebe  volkswirtschaftlichen  und  sozialpolitischen  Studien  zu.
Bald  jedoch  kam  er  in  Konflikte  mit  den  Besitzern  des  Blattes,  ihrem  Verlangen, ­
  sich  einer  gemäßigteren  Schreibweise  zu  befleißigen,  kam  er  nicht
nach,  sondern  legte  die  Schriftleitung  nieder.  Kurz  vorher  hatte  er  erst
25jährig  seine  langjährige  heimliche  Braut  Jenny  v.  Westfalen  geheiratet.
Im  November  1843  siedelte  das  junge  Paar,  um  den  Nachstellungen  der
preußischen  Polizei  zu  entgehen,  nach  Paris  über,  wo  Marx  mit  dem  bekannten ­
  Adolf  Rüge  zusammen  die  „Deutsch-französischen  Jahrbücher"
herausgab.  Hier  in  diesen  Jahrbüchern  vollzog  er  zum  ersten  Male  die
Wandelung  zum  Sozialismus,  in  einer  ausführlichen  Kritik  der  Hegelschen
Rechtsphilosophie  nimmt  er  die  bewußte  Abkehr  von  seinem  bisherigen
philosophischen  Herrn  urid  Meister  vor.  Hier  spricht  er  zum  ersten  Male  von
Äner  besonderen  Klasse,  die  sich  „im  Namen  der  allgemeinen  Rechte  der
Gesellschaft  die  allgemeine  Herrschaft  vindigieren  unh  so  die  positive  Möglichkeit ­
  einer  Emanzipation  schaffen  könnte,  zur  Erfüllung  des  kategorischen
Imperativs  alle  Verhältnisse  umzuwerfen,  in  denen  der  Mensch  ein  erniedrigtes, ­
  ein  geknechtetes,  ein  verlassenes,  ein  verächtliches  Wesen  ist.
Diese  Klasse  ist  das  Proletariat,  und  wie  die  Philosophie  im  Proletariat
ibre  materialen,  so  findet  das  Proletariat  in  der  Philosophie  seine  geistigen ­
  Waffen,  und  sobald  der  Blitz  des  Gedankens  gründlich  in  diesen  naiven
Volksboden  eingeschlagen  ist,  würd  sich,  die  Emanzipation  der  Deutschen
zu  Menschen  vollziehen."  Hiermit  hatte  sich  Marx  von  den  Gedankengängen
der  deutschen  idealistischen  Philosophie,  in  deren  BaUne  er  bis  dahin  durchaus ­
  gestanden  hatte,  völlig  losgelöst  und  seine  eigene  Welt-  und  Lebensanschauung ­
  eben  die  materialistische  selber  gezimmert.  Im  September  1844
kam  Friedrich  Engels  —  nebien  Karl  Marx  der  zweite  geistige  Vater
und  Lehrmeister  des  wissenschaftlichen  Sozialismus  und  der  deutschen  Sozialdemokratie ­
  —  nach  Paris  und  schloß  bald  mit  dem  von  ihm  auf  das
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        !

—  32

Höchste  verehrten  zwei  Jahre  älteren  Marx  einen  Freundschaftsbund,  so
schön  und  innig,  wie.ihn  die  ganze  Geschichte  der  Wissenschaft  niemals  gekannt ­
  hat  und  kaum  je  kennen  lernen  wird.  In  der  selbstlosesten  Weise  hat
der  geistig  hochbedeutende  und  Marx  durchaus  ebenbürtige  Engels  alle
seine  Kräfte,  die  des  Geistes  wie  auch  des  Vermögens  Marx  restlos  zur  Verfügung ­
  gestellt.  Ohne  ihn  wäre  Marx  buchstäblich  im  Elend  des  Londoner
Exils  zu  Grunde  gegangen.  Nur  die  fortgesetzten  Unterstützungen  des  von
Hans  aus  sehr  wohlhabenden,  als  Sohn  eines  reichen  Barmer  Eroßkaufmanns
  am  28.  November  ,1820  geborenen  und  1895  verstorbenen  unzertrennlichen ­
  Freundes  ermöglichten  ihm  Leben  und  Vollendung  seines  großen  drei
Bände  starken  „Kapitals".  In  der  uneigennützigsten  Weife  ließ  er  ihm  auch
bei  der  Abfassung  dieses  Grundwerks  des  modernen  Sozialismus  seine  ungeheuer ­
  umfassenden  Kenntnisse,  ganze  Abschnitte  rühren  von  ihm  her.  Auf
Veranlassung  der  preußischen  Regierung,  däe  er  in  den  Deutsch-französischen
Jahrbüchern  heftig  angriff,  vom  Ministerium  Euizot  aus  Frankreich  ausgewiesen, ­
  ging  er,  begleitet  von  seinem  Dioskuren  Engels,  bereits  im  Jahre
1845  nach  Brüssel.  Dort  veröffentlichte  er  1847  seine  heftige,  äußerst  temperamentvolle ­
  Kampfschrift  gegen  Proudhons  von  dürchaUs  invidualistischem-kleinbürgerlichen
  Geiste  getragenes  Buch  „Philosophie  de  la  misere“,
„Misere  de  la  Philosophie“.  Im  Januar  1848  schleuderte  er  einer  Kampffackel ­
  vergleichbar  das  mit  Engels  zusammen  verfaßte  berühmte  Pamphlet
„Das  Manifest  der  Kommunistischen  Partei"  an  die  Oeffentlichkeit.  Ueber
seine  allgemeine  geistesgeschichlliche  Bedeutung  und  seine  Stellung  in  der
Geschichte  des  Sozialismus  werden  später  noch  einige  Worte  zu  sagen  sein.
Bei  Ausbruch  der  Februarrevolution  aus  Belgien  ausgewiesen,  begab
er  sich  mit  Engels  aüf  Einladung  der  provisorischen  Regierung  der  französischen ­
  Republik  nach  Paris.  Im  April  1848  wanderte  das  unzertrennliche
Dioskurenpaar  nach  Köln  und  gab  dort  vom  1.  Juni  1848  die  „Neue  Rheinische ­
  Zeitung^  heraus.  Deren  letzte  Nummer  erschien  bereits  am  12.  Mai
1849,  dann  wurde  Marx  wieder  aus  Preußen  ausgewiesen  und  wanderte
wieder  nach  Paris;  aber  auch  hier  war  seines  Bleibens  nicht  lange.  Am
14.  Juni  1849  wanderte  der  llnstäte  und  Heimatlose  nach  London,  wo  er
dann  bis  zu  seinem  Lebensende,  am  9.  Januar  1883,  blieb.  Dort  hat  er
seine  große  und,  wie  schon  hier  gesagt  werden  soll,  zum  guten  Teil  unvergängliche ­
  Lebensarbeit  geleistet.  Von  hier  aus  hat  er  auch  die  Fühlfäden
der  ganzen  internationalen  sozialistischen  Arbeiterbewegung  in  der  Hand
gehabt  und  sie  einheitlich  geleitet.  Als  reife  Frucht  emsigster  und  jahrelanger ­
  wissenschaftlicher  Studien  ließ  ev  hier  1859  die  Schrift  „Zur  Kritik
der  politischen  Oekonomie",  Heft  1,  erscheinen.  Die  Schrift  blieb  unvollendet. ­
  Statt  ihrer  Fortsetzung  ließ  er  im  Jahre  1867  den  ersten  grundlegenden ­
  Band  des  großen,  insgesamt  drei  Bände  umfassenden  Werkes  „Das
Kapital",  dessen  letzter  und  dritter  Band  erst  von  Engels  nach  seinem  Tode
aus  seinem  Nachlaß  herausgegeben  wurde,  erscheinen.  Es  ist  die  Bibel  des
strenggläubigen  Marxisten  und  Sozialdemokraten.  Eine  ganze  äußerst  Umfangreiche ­
  wissenschaftliche  und  populärwissenschaftliche  Literatur,  große  und
kleine  Kommentare,  Monographien  und  volkstümliche  Erläuterungen  haben
sich  an  das  Werk  wiie  an  einen  Kristallkern  angeschlossen.
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        —  33  —

11.  Seine  Lehren.
a)  Der  historische  Materialismus.
Innerhalb  einiger  weniger  kurzen  Aufsätze  ist  es  natürlich  ganz
ausgeschlossen,  irgendwie  näher  auf  das  gewaltige  Gedankenyebäude  des
Marxischen  Riesengeistes  einzugeben,  nur  in  ganz  groben  Zügen,  freskenhaft.gewissermaßen,
  können  wir  Die  allerwichtigsten  Erundlehren  von  Karl
Marx,  diesem.  „Gesandten  des  Gatts  der  Geschichte",  wie  ihn  der  edle  Neukantianer ­
  Hermann  Cohen  in  seiner  prachtvollen  „Ethik  des  reinen  Willens" ­
  (2.  Auflage,  18Ö7,  S.  1312)  mit  Recht  nennt,  vorführen  und  zu  ihnen
kritisch  Stellung  nehmen.
Vorher  nür  sei  im  engen  Anschluß  an  den  schon  mehrfach  hier  angeführten ­
  Werner  S  o  m  b  a  r  t  (Sozialismus  und  soziale  Bewegung,  S.  88  flg.)
eine  ganz  kurze  Skizzierung  seiner  Persönlichkeit  vorausgeschickt.  Sie  zeichnet ­
  sich  durch  ein  Uebermaß  der  Verstandestätigkeit  aus.  „Sein  Wesen  ist
das  des  schonungslosen,  illusionsfreien  Kritikers."  Zu  natürlich,  daß  der
fortgesetzte  erbitterte  Kampf  gegen  die  obrigkeitlichen  Gewalten  in  fast  allen ­
  Staaten  seines  Aufenthalts,  in  Frankreich,  Belgien  und  namentlich  in
Preußen,  seine  vielfachen  Verfolgungen  und  zum  größten  Teil  gehässigen,
kleinlichen  Anfeindungen  sowie  das  jahrelange  Londoner  Exilselend  ihn
zum  schonungslosen  Beurteiler  aller  staatlichen  und  gesellschaftlichen  Einrichtungen ­
  gemacht  haben,  und  daß  er  sich  mit  einer  wahren  Vorliebe  in  der
Rolle  des  Mephisto  gefällt.  Ein  Ungewöhnlich  schärfer  Blick  für  alle
Schwächen  und  unedlen  Seiten  des  menschlichen  Geschlechts  ist  ihm  in  ganz
hervorragendem  Maße  zu  eigen.  Seine  Feder  ist  eingetaucht  in  Gift  Und
Galle,  keinerlei  Gütiges,  Versöhnendes  ist  ihm  verliehen.  Innig  überzeugt
ist  er  von  der  Richtigkeit  des  Satzes  Hegels,  seines  großen  philosophischen
Antipoden,  daß  es  nur  das  Böse  sei,  was  alle  Entwickelung  im  Menschengeschlechte ­
  bewirke.  Seine  ganze  Weltauffassüng  drückt  sich  in  dem  Satze  aus:
„Dem  bösen  Geist  gehört  die  Erde,  nicht
Dem  guten:  was  die  Göttlichen  uns  senden
Bon  oben,  sind  nur  allgemeine  Güter,
Ihr  Licht  erfreut,  doch  macht  es  keinen  reich,
In  ihrem  Staat  erringt  sich  kein  Besitz."
Daß  Marx  so  ungeheüren  Einfluß  auf  das  ganze  Geistesleben  unserer
heutigen  Zeit  und  zugleich  die  Entwickelung  der  Arbeiterbewegung  fast  der
gesamten  Welt  gewann,  erklärt  sich,  wie  Sombart  sehr  zutreffend  ausführt,
daraus,  „daß  er  die  Kenntnis  der  höchsten  Form  der  Eeschichtsphilosophie
seiner  Tage  mit  der  Kenntnis  der  höchsten  Form  sozialen  Lebens  jener
Epoche,  daß  er  Hegel  und  ^Westeuropa,  d.  h.  Frankreich  und  England  vereinigte, ­
  daß  er  wie  in  einer  Linse  alle  Strahlen,  die  von  fremden  Denkern
vor  ihm  ausgegangen  waren,  zufaminenzufassen  wußte,  ynd  daß  es  ihm.—
aus  seiner  internationalen  Lebenssphäre  heraus  —  gelang,  von  allen  Zufälligkeiten ­
  nationaler  Entwickelung  absehen  Und  das  Typische  des  modernen ­
  Gesellschaftslebens,  das  Allgemeine  also  im  Besonderen  erfassen  zu  können." ­
  (S.  69.)
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        34  —

Die  Grundlage  des  ganzen  marxistischen  Lehrsystems  ist  nun  der  sogen,
„geschichtliche,  historische  Materialismus".  Um  von  vornherein  ein  grobes
Mißverständnis  auszuschließen,  so  sei  mit  allem  Nachdruck  betont,  daß  diese
große  sozialphilosophische  Lehre  mit  dem  plattesten  philosophischen  System,
das  es.  überhaupt  gibt,  dem  des  „Materialismus",  wonach  alles  geistige
Leben  lediglich  und  ausschließlich  auf  die  Bewegung  der  Materie  zurückzuführen ­
  ist,  gar  nichts  zu  tun  hat.  Dieser  philosophische  Materialismus  sucht
Antwort  zu  geben,  worauf  alle  geistigen  Vorgänge  zurückzuführen  sind,  der
geschichtliche  Materialismus  dagegen  sucht  die  Triebkräfte  der  gesellschaftlichen ­
  Entwickelung  zu  erklären!.  Er  will  alles  und  jedes  gesellschaftliche
Leben  in  letzter  Linie  auf  rein  wirtschaftliche  Vorgänge  zurückführen.  Er
leugnet  keineswegs,  wie  manche  Kritiker  gemeint  haben,  die  Ideale  restlos
und  will  noch  vüel  weniger  alles  und  jedes  restlos  auf  grob  materielle  Genüsse ­
  zurückführen  und  diese  als  höchstes  Lebensgut  preisen.  Auch  diese  einheitliche ­
  und  in  sich  geschlossene  Weltanschauung  des  ökonomischen  oder
historischen  Materialismus  erkennt  Ideale  als  wirksam  durchaus  an,  aber
sie  haben  nach  ihm  keinerlei  selbständige  Bedeutung,  haben  keine  Urkraft
und  bilden  nicht  die,Wurzel  der  Dinge,  alle  und  jegliche  Ideale  sind  vielmehr ­
  weiter  nichts  als  die  Schatten,  bloße  Reflexe  wirtschaftlicher  Vorgänge. ­
  Ihre  klarste  und  knappste  Formulierung  hat  diese  Lehre  in  der
Vorrede  zu  der  1859  erschienenen  „Kritik  der  politischen  Oekonomie"  gefunden. ­
  Dort  sagt  Marx  ß.  XI:  „In  der  gesellschaftlichen  Produktion  ihres
Lebens  gehen  die  Menschen  bestimmte,  notwendige,  von  ihrem  Willen  unabhängige ­
  Verhältnisse  ein,  Produktionsverhältnisse,  die  einer  bestimmten
Entwickelungsstufe  ihrer  materiellen  Produktionskräfte  entsprechen.  Die
Gesamtheit  dieser  Produktionsverhältnisse  bildet  die  ökonomische  Struktur
der  Gesellschaft,  die  reale  Basis,  worauf  sich  ein  juristischer  Und  politischer
Ueberbau  erhebt,  und  Melcher  bestimmte  gesellschaftliche  Bewußtseinsformen
entsprechen.  Die  Produktionsweise  des  materiellen  Lebens  bedingt  den  sozialen ­
  politischen  und  geistigen  Lebe-nsprozeß  überhaupt.  Es  ist  nicht  das
Bewußtsein  der  Menschen,  das  ihr  Sein,  sondern  umgekehrt,  ihr  gesellschaftliches ­
  Sein,  das  ihr  Bewußtsein  bestimmt.  Auf  einer  gewissen  Stufe  ihrer
Entwickelung  geraten  die  materiellen  Prodüktionskräfte  der  Gesellschaft  in
Widerspruch  mit  den  vorhandenen  Produktionsverhältnissen,  oder  was  nur
ein  juristischer  Ausdruck  dafür  ist,  mit  den  Eigentumsverhältnissen,
innerhalb  derer  sie  sich  bisher  bewegt  hatten.  Aus  Entwickelungsformen ­
  der  Produktivkräfte  schlagen  diese  Verhältnisse  in  Fesseln  derselben ­
  um.  Es  tritt  dann  eine  Epoche  sozialer  Revolution  ein.  Mit  der  Veränderung ­
  der  ökonomischen  'Grundlage  wälzt  sich  der  ganze  ungeheure
Ueberbau  langsamer  oder  rascher  um."  Rach  großen,  ehernen,  unerbittlichen
Naturgesetzen  müssen  wir  also  alle  unseres  Daseins  Kreise  vollenden.  Ebenso
wie  in  der  Naturgeschichte,  so  herrscht  auch  in  der  Menschheitsgeschichte,  im
ganzen  sozialen  Leben,  nur  allein  das  Kausalitätsgesetz,  Zwecke  und  Zielsetzungen ­
  gibt  es  nicht,  ebensowenig  Ideale.  Gänz  ausdrücklich  erklärt  Marx:
„Sie  fd-  h.  die  Arbeiterklasse)  hat  keine  Ideale  zu  verwirklichen,  sie  hat  nur
die  Elemente  der  neuen  Gesellschaft  in  Freiheit  zu  setzen,  die  sich  bereits  im
Schoße  der  zusammenbrechenden  Bourgbigesellschaft  entwickelt  hat."  Und
weiter  in  seiner  Vorrede  zur  zweiten  Auflage  des  „Kapital"  (S.  XVII)  be ­
        <pb n="35" />
        —  35  —’

gründet  Marx  seine  Ablehnung  der  Hegelschen  Philosophie,  wonach  die  Ideen
ein  durchaus  selbständiges  Leben  führen  und  die  Schöpfer  des  Wirklichen
sind  mit  den  Worten  „Bei  mir  ist  umgekehrt  das  Ideelle  nichts  Anderes
als  das  im  Menschenkopf  umgesetzte  Und  übersetzte  Materielle."  Eine  ausführliche ­
  kritische  Auseinandersetzung  mit  dieser  Lehre  ist  hier  nicht  am
Platze.  Nur  einige  wenige  kritische  Bemerkungen,  in  Anlehnung  an  das
grundlegende  große  Werk  Rudolf  Stammler's  „Wirtschaft  und  Recht"  (3.
Auflage  1914),  das  die  endgültige  wissenschaftliche  Ueberwindung  des  historischen ­
  Materialismus  bedeutet.  Danach  gibt  die-Lehre  die  beste  Anregung,
die  bisher  entstanden  ist,  in  der  Wissenschaft  überhaupt,  aber  sie  ist  unfertig
und  unausgedacht.  Alles  soziale  Leben  der  Menschheit  ist  ein  unter  äußeren ­
  Regeln  stehendes.  Diese  Regeln  aber.rühren  -von  Menschen  her,  Menschen ­
  aber  wiederum  sind  denkende,  wollende,  Ziele  sich  setzende  und  erstrebende ­
  Wesen.  Sie  bedienen  sich  einzeln  und  noch  mehr  im  planmäßigen
bewußtem  Zusammenwirken  von  Vereinen  und  Parteien  bestimmter  Mittel
zur  Erreichung  bestimmter  Ziele.  Kurz,  allenthalben  im  sozialen  Leben  der
Menschheit  herrscht  das  Zweckgesetz  und  nicht  wie  Marx  es  gelehrt  hat,  das
blinde  eherne  unerbittliche  Naturgesetz.  Der  historische  Materialismus  teilt
den  schweren  Fehler,  alles  und  jeden  Empirismus,  die  Erfahrung  selber  als
absolut  bestehend  zu  nehmen.  „Er  beschränkte  sich  grundsätzlich  auf  die  Konstatierung ­
  desserg-was  im  sozialen  Leben  nun  wirklich  geschieht  uNd  tatsächlich ­
  erstrebt  wird.-Das  aber  kann  Gesetz  und  Einheit  im  menschlichen
Gesellschastsdasein  nimmer  liefern.  Denn  dieses  ist  auf  bestimmte  äußere
Regelung  gegründet,  deren  eigentümliches  Wesen  die  Zweckverfolgung  «ausmacht." ­
  Die  angeblich  souveränen  „Produktionsverhältnisse"  des  Karl.Marx
sind  weiter  nichts  als  „Rechtsverhältnisse",  Ausflüsse  von  RechtsinstitutioNen
  und  diese  wieder  sind  die  Ergebnisse  zweck-  uickn,  zielbewußten
menschlichen  Handelns.  .Der  Mensch  ist  eben  der  Bürger  zweier  Welten:
nicht  nur  der  Körperwelt  und  dem  Naturreich  gehört  er  an,  auch  des  Reichs
des  Geistes  ist  er  teilhaftig,  in  ihm  aber  gilt  das  Zweckgefetz  und  nicht  unerbittliches ­
  NatUrgebot.  Aür  das  Werdende  und  Seinsollende  ist  Erfahrung
allein  schlechthin  unbrauchbar.  Wie  Kant  mit  Mcht  lehrt:  „in  Betracht
der  Natur  gibt  uns  Erfahrung  die  Regel  an  die.Hand  und  ist.der  Quell
der  Wahrheit;  in  Ansehung  der  sittlichen  Gesetze  aber  ist  Crfahtung  leider
die  Mütter  des  Scheins  und  es  ist  höchst  verwerflich,  die  Gesetze  über  das,
was  ich  tun  soll,  von  demjenigen  herzunehmen  oder  einschränken  zu  wollen,
was  getan  wird."
Mit  aller  Entschiedenheit  muß  besonnene  kritische  Ueberlegung  die  einfach ­
  fatale  Verwechselung  von  Naturgesetz  und  sozialem  Gesetz,  von  natürlichen ­
  Verlauf  und  .geistig-sozialer  Entwickelung  zurückweisen.  Mit  Recht
erklärt  daher  Cohen  (a.  a.  O.  S.  313)  die  materialistische  Geschichtsauffassung
für  einen  logischen  und  auch  ethischen  Fehler.  „Wer  sich  auf  die  These  versteigt, ­
  daß  der  Mensch  schlechterdiUgs  das  Produkt  der  Wirtschaft  und  des
Verkehrs  sei,  gerade  weil  er  als  Produzent  derselben  bedingt  und  verdingt
sei,  der  hat  sich  Mephisto  verschrieben  ;  der  hat  den  Unterschied  zwischen  der
Materie  und  dem  Geiste  Und  der  Sittlichkeit  des  Menschen  preisgegeben.
Der  Geist  des  Menschen  ist  seine  sittliche  Freiheit."  Einige  wenige  praktische
Beispiele  aus  dem  Leben  seien  zur  Erhärtung  unserer  grundlegenden  Bemer-
        <pb n="36" />
        klingen  und  zur  Widerlegung  des  historischen  Materialismus  beigefügt.  Der
überzeugte  katholische,  christgläubige  Bergarbeiter  und  der  freigewerkschaftlich
und  sozialdemokratisch  organisierte  Bergarbeiter  des  Ruhrbezirks  oder  auch
Oberschlesiens  gehört  genau  dem  gleichen  sozialen  Milieu  und  derselben  Umwelt ­
  an,'unter  genau  den  gleichen  ,wirtschaftlichen  Bedingungen  schaffen  Leide
im  Produktionsverhältnis,  ihr  gesellschaftliches  „Sein"  ist  idas  Gleiche,  aber
trotzdem  ist  ihr  „Bewußtsein"  in  jeglicher  Hinsicht  himmelweit  verschieden.
Unmöglich,kann  also,  Me  es  Marx  weint,  ihr  wirtschaftliches  Sein,,  ihr
„Bewußtsein"  schaffen!  Weiter  die  Industriearbeiter  des  vielsprachigen
Oesterreichs  gehören  der  gleichen  sozialeii  Schicht,  nämlich  dem  gewerblichen ­
  Proletariat  an,  diese  Gleichheit  ihrer  LebensLediingUngen  hat  nun
aber  auch  in  Oesterreich  keineswegs  dazu  geführt,  sie  zu  einer  einheitlichen
politischen  Partei  zusammenzuschließen.  Selbst  soweit.sie  dem  Sozialismus
und  der  Sozialdemokratie  zuneigen  und  soweit  sie  nicht  —  was  in  weitem
Umfang  der  Fall  —  den  christlich-sozialen  sich  angeschlossen  haben  —  gibt  es
dort  eine  Reihe  sozialdemokratischer  Parteien  der  verschiedenen  Rationalitäten, ­
  deutsche,  polnische,  ruthenische  Und  tschechische  Sozialdemokraten.  Wie
im  Deutschen  Reich  das  religiöse  Empfindungsleben  die  angeblich  in  letzter
Linie  allein  maßgeblichen  wirtschaftlichen  Bedingungen  überwog,  so  gab
eben  in  Oesterreich  in  letzter  Linie  das  nationale  Moment  und  das  absondernde ­
  Bewußtsein  der  Rassenzusammengehörigkeib  den  Ausschlag.
Und  hart  an  das  Komische  grenzt  es  doch  an,  wenn  Marx,  Engels  und
ihre  Schüler,  insbesondere  Karl  Kautsky,  auch  die  Religion  restlos  auf
die  Einwirkungen  der  jeweiligen  Wirtschaft  und  auf  den  Stand  der  Technik
zurückführen  wollen.  Was  soll  man  beispielsweise  dazu  sagen,  wenn  Engels
in  einem  viel  beachteten  Aufsatz  ip  der  offiziellen  Halbmonatsschrift  der
deutschen  Sozialdemokratie  „Die  neue  Zeit",  Jahrgang  1892/93,  Band  l,
S.  43,  die  Behauptung  aufstellt:  Ealvins  Ansichten  über  die  Gnadenivähl
seien  der  religiöse  Ausdruck  der  Tatsache,  daß  in  der  Handelswelt  der  Konkurrenz ­
  Erfolg  oder  Bankrott  nicht  abhängt  von  der  Tätigkeit  odsr^dem
Geschick  des  EiUzelnen,  sdndern  von  Umständen,  die  von  ihm  Unabhängig
sind.  Mit  vollstem  Recht  sagt  hierzu  der  berühmte  Wiener  Staatsrechtslehrer ­
  Anton  Meng  er  in  seiner  „Reuen  Staatslehre"  (Jena,  1903):  „Wer
die  Geschichte  des  Christentums  kennt,  der  weiß,  daß  jeder  wichtigere  Ausspruch
Christi  oder  der  Apostel  auf  das  religiöse  Bewußtsein  der  Christen  einen
ungleich  größeren  Einfluß  ausgeübt  hat  als  die  gange  wirtschaftliche  Entwickelung." ­
  (S.  290.)  Und  im  Rechtsleben  wie  in  der  Staatengeschichte  spielen ­
  nicht  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse,  sondern  —  wenigstens  sehr  oft  —
die  realen  Machtfaktoren  die  entscheidende  Rolle.  Hundertfach  in  der  Weltgeschichte ­
  ist  eine  neue  dauernde  Rechtsordnung  durch  gewalttätige  Enteignung ­
  ohne  jede  Entschädigung  begründet  worden.  Heute  noch  wirkt  nach
Jahrhunderten  auf  das  kräftigste  nach  die  Verteilung  des  englischen  Bodens ­
  durch  die  Normannen  unter  Wilhelm  dem  Eroberer  (1066),  die  massenhaften ­
  Konfiskationen  des  Kirchengutes  in  Deutschland  seit  dem  16.
Jahrhundert,  die  Einziehung  eines  großen  Teils  der  böhmischen  Wüter  nach
der  Schlacht  am  Weißen  Berge  (8.  November  1620)  Und  die  Einziehung  der
Nationalgüter  während  der  französischen  Revolution.  Schwerlich  wird  man  in
diesen  weltgeschichtlichen  Ereignissen  nur  einen  Ausfluß  der  damaligen  „Pro-
        <pb n="37" />
        —  37  —

duktionsverhältnisse"  erblicken  wollen.  Mit  Fug  weist  weiter  Menger  a.  a.
D.  darauf  hin,  wie  die  französische  Gesetzgebung,  das  Recht  eines  geistig,
politisch  und  wirtschaftlich  hochentwickelten  Volkes,  im  Gefolge  der  siegreichen ­
  Fahnen  Napoleons  &amp;gt;1.  in  Ländern  verbreitet  wurde,  die  wie  z.  V.
Neapel  und  Polen  damals  die  mittelalterlichen  Rechts-  und  Wirtschaftszustände ­
  kaum  überschritten  hatten.  Der  Briefwechsel  Napoleons  des  I.,  insbesondere ­
  mit  seinem  Bruder  Jerome,  dem  König  Westfalens,  ergibt  ganz
klar,  daß  er  die  Veröffentlichung  des  Locke  Napoleon  (civile)  lediglich  als
eine  Angelegerheit  seines  Nein  persönlichen  Ehrgeizetz  betrachtet,  irgendeine ­
  Rücksichtnahme  auf  die  politisch,  rechtlichen  und  wirtschaftlichen  Verhältnisse ­
  Neapels,  Polens  und  Westfalens  waren  ihm  ganz  fern,  kannte  er
doch  diese  überhaupt  nicht.  Sehr  kennzeichnend  ist  es  auch,  daß  seine  Gesetzgebung ­
  gerade  in  den  wirtschaftlich  gcknz  zurückgebliebenen  Ländern  Polen
und  Neapel  auch  nach  dem  Sturze  des  ,-Imperators  unverändert  fast  bis  zur
Gegeniwart  in  Kraft  blieb,  während  sie  in  Westfalen  bald  beseitigt  wunde.
„Und  nach  dem  Sturze  Napoleons  stellten  einzelne  durch  den  Wiener  Kongreß ­
  zurückgeführte  Fürsten,  z.  B.  der  Kurfürst  von  Hassen  und  der  König
von  Sardinien,  als  wollten  sie  die  materialistische  Geschichtsauffassung  zum
voraus  widerlegen,  die  Rechts-  und  Verwaltuntzszustände  vom  Tage  ihrer
Entthronung  mit  einem  Federstriche  wieder  her,  zum  klaren  Beweise,  daß
die  Laune  eines  kleinen  Despoten  eine  ganze  Rechtsordnung  im  Widersprüche ­
  mit  allen  inzwischen  herangewachsenen  politischen,  juristischen  und
wirtschaftlichen  Verhältnissen  umstürzen  kann,  wenn  ihr  nur  die  genügenden
Machtmittel  zu  Gebote  stehen."  (Menger  a.  a.  O.  S.  293.)  Um  weiter  ein
letztes  Beispiel  aus  der  Gegenwart  anzuführen:  Das  industriell  entwickeltste ­
  Land  Deutschlands,  das  frühere  Königreich  Sachsen,  hatte  lange
Jahre  hindurch  ein  Klassenwahlrecht,  das  den  wirtschaftlichen  Verhältnissen
des  Landes  sich  in  keiner  Weise  anpaßte,  der  Arbeiterklasse  sogut  wie  gar
keinen  Einfluß  in  der  Volksvertretung  gewährte,  sondern  die  1.  Kammer
sogut  wie  restlos  dem  —  nur  ganz  schwach  vertretenen  Großgrundbesitz  und
die  2.  Kammer  den  besitzenden  Volksschichten  auslieferte.  Hier  in  dieser
Hinsicht  erwies  sich  LassalIe  viel  einsichtsreicher  als  sein  großer  Meister
Marx,  wenn  er  in  seinem  berühmten  Vortrag  über  Verfassungswesen  (Band
I  seiner  Eesamtwerke,  herausgegeben  von  Erich  Blüm,  S.  40/69)  die  Gestaltung ­
  der  Verfassung  und  der  staatlichen  Organisationen,  wie  der  ganzen
Rechtsordnung  überhaupt,  nur  als  einen  Ausfluß  der  tatsächlichen  Machtverhältnisse ­
  bezeichnete!  So  sehen  wir,  wie  man  did  materialistische  Geschichtsauffassung ­
  auch  immer  kritisch  betrachten  mag,  sie  ist  unfertig  und
unausgedacht,  ja  positiv  falsch.  Es  ist  eben  ein  Ding  der  Unmöglichkeit,  den
gewaltigen  Strom  der  menschlichen  Dinge,  die  unsagbare  Vielgestaltigkeit
der  geistigen,  sozialen  und  wirtschaftlichen  Verhältnisse  in  das  Prokrustesbett
der  „Produktionsverhältnisse"  und  der  „Technik"  einschnüren  zu  wollen.  Die
Wirklichkeit  spottet  dieser  Fesseln!
Und  sehr  interessant  ist  es  auch,  daß  in.  Praxi  fast  alle  Vertreter  des
historischen  Materialismus  neben  dem  Gedanken  der  ursächlichen  naturgesetzlichen ­
  Bedingtheit  der  wirtschaftlichen  Phänomene  den  Z  w  e  ck  g  e  -
gedanken  im  weitesten  Umfange  wieder  aufnehmen.  Ganz  besonders
kennzeichnend  für  diesen  schweren  methodologischen  Sündenfall  ist  es,  daß
        <pb n="38" />
        —  38  —

selbst  der  große  Verkünder  der  reinen  Lehre  des  Marx,  her  Wächter  des
Erälsheiligtums,  wie  ihn  Sombart  a.  a.  O.  sehr  nett  bezeichnet,  Karl
Kautsky  dieser  Sünde  nicht  bloß  ist.  So  sagt  er  in  seinem  Aufsatz  „Tolstoi
und  Brentano"  („Neue  Zeit"  XIX,  2.  Band,  S.  20  flg.):  „Die  hervorragendsten ­
  Vertreter  des  modernen  Sozialismus  wollen  einen  Zustand  herbeiführen, ­
  in  dem  die  großen  Staedte  aufhören,  sie  wollen  die  Gesellschaft
erneuern  .  .  .  durch  Reduzierung  der  notwendigen  Arbeit  in  Landwirtschaft
und  Industrie  auf  wenige  Stunden  im  Tage,  um  dadurch  die  Zeit  für  die
freiwillige  Beschäftigung  der  einzelnen  in  Spiel  und  Arbeit,  im  Forschen
und  Sinnen,  kurz,  die  Betätigung  als  freier  Kulturmensch  möglichst  auszudehnen. ­
  Das  ist  im  Gegensatz  zu  Tolstoi  das  Ideal  des  Sozialismus."
Diese  Meinung  ist  aber  ^,vor  allem  der  unvereinbare  Gegensatz  p  einer
materialistischen  Auffassung  des  sozialen  Lebens,  das  nach  dieser  ein  naturgesetzlich ­
  sich  entwickelnder  Mechanismus  sein  sollte,  und  es  ist  eim  unlöslicher
Widerspruch  gu  Marx,  der  da  gelehrt  hatte:  „Die  Arbeiterklasse  hat  keine
Ideale  zu  verwirklichen."  .(Stammler  a.  a.  O.,  S.  669,  Anmerk.  220.)
d)  D  i  e  K  lasse  nk  am  p  ftheo  ri  e.
Nur  ein  Ausfluß  des  historischen  Materialismus  ist  die  stets  mit  aller
Schärfe  zu  allen  Zeiten  seiner  Entwickelung  von  Marx  festgehaltene
Lehre,  daß  die  Arbeiterbewegung  sich  nur  in  der  Form  von  Klassenkämpfen
abspielen  solle.  Alle  wesentlichen  Grundzüge  dieser  grandiosen  Lehre
finden  sich  bereits  in  dem  anfangs  des  Jahres  1848  veröffentlichten  gemeinschaftlich ­
  von  Marx  und  Friedrich  Engels  verfaßten,  im  Jahre  1847  als
ProgramMschrift  dem  Bunde  der  Gerechten  in  Brüssel  unterbreitetem  und
von  ihm  mit  Begeisterung  angenommenen  „Kommunistischen  Manifest".
Trotz  aller  außerordentlichen  Einseitigkeiten,  Schärfen  und  verzerrter  Urteile ­
  findet  man,  wie  Werber  Sombart  durchaus  mit  Recht  (a.  a.  O.,  S.  60)
bemerkt,  immer  wieder  neue  unerwartete  und  unerhörte  Wahrheiten  in  ihm.
Es  ist  einfach  staunenswert,  welcher  ungeheuere  Gedankenreichtum  in  diesen
wenigen  Blättern  —  das  ganze  Manifest  umffaßt  in  seiner  1912  im  Vorwärtsverlag
  erschienenen  8.  autorisierten,  mit  einem  umfangreichen  Vorworte ­
  von  Karl  Kautsky  versehenen  Auslage,  56  Seiten  —  enthalten  ist.
„Es  ist  das  seltsamste  Schriftstück,  das  die  Weltliteratur  kennt.  Es  strotzt
von  Irrtümern,  von  unreifen  Ideen  und  es  ist  trotzdem  ein  unübertroffenes
Meisterstück.  Von  hinreißendem  Schwünge  .  .  .  Manche  Erkenntnisse,  die  es
enthält,  sind  von  geradezu  hellseherischer  Weisheit  eingegeben."  Die  eine
Keimzelle  gewissermaßen  schließt  das  Kommunistische  Manifest  alles  Wissen
vom  Wdsen  der  modernen  bürgerlichen  Gesellschaft  in  sich,  freilich  alles  nur
in  aphoristischer  Form,  giganten-  und  freskenhwft  hingeworfen.  Manche
Sätze  muten  an,  als  ob  sie  im  Motfeuer  des  Bolschewismus  geistern  oder
heute  von  Lenin  oder  Trotzki  selber  niedergeschrieben  chären,;  gleich  der
erste  einleitende  Satz  beleuchtet  blitzartig  unsere  heutige  europäische  Lage:
„Ein  Gespenst  geht  um  in  Europa  —  das  Gespenst  des  Kommunismus."
(S.  25  der  ziterten  Ausgabe.)  Grundlegend  ist  gleich  der  erste  Satz  des
ersten  Abschnitts  „Bourgois  und  Proletarier":  „Die  Geschichte  aller  bisherigen ­
  Gesellschaft  ist  die  Geschichte  von  Klassenkämpfen".  (S.  25.)  Nur  waren
im  Altertum  und  im  Mittelalter  die  Klassengegensätze  nicht  so  nackt  und  un-
        <pb n="39" />
        vermittelt  wie  heute,  sie  verhüllten  sich  mehr  in  patriarchalische  Formen
der  Ausbeutung,  die  Klassenkämpfe  traten  nicht  so  offen  in  die  Erscheinung
wie  heute.  Unsere  aus  dem  Untergange  der  alten  feudalen  Gesell/Haft  hervorgegangene ­
  bürgerliche  moderne  Gesellschaft  hat  die  Klassengegensätze  ungemein
  vereinfacht.  „Die  ganze  Gesellschaft  spaltet  sich  mehr  und  mehr  in
zwei  große  feindliche  Lager,  in  ztoei  große  einander  direkt  gegenüberstehende ­
  Klassen'  Bourgoisie  und  Proletariat."  (S.  26.)  Diese  Bourgoisie
war  alles  andere  als  von  jeher  staatserhaltend,  im  Gegenteil,  sie  „hat  in
der  Geschichte  eine  höchst  revolutionäre  Rolle  gespielt.  Die  Bourgoisie,  wo
sie  zur  Herrschaft  gekommen,  hat  alle  feudalen,  patriarchalischen,  idyllischen
Verhältnisse  zerstört.  Sie  hat  die  buntscheckigen  Feudalbande,  die  den  Menschen ­
  an  seinen  natürlichen  Vorgefetzten  knüpften,  unbarmherzig  zerrissen
und  kein  anderes  Band  zwischen.  Mensch  und  Menschen  übrig  gelassen,  als
bas  nackte  Interesse,  als  die  gefühllose  bare  Zahlung.  Sie  hat  die  heiligen
Schauer  der  frommen  Schwärmerei,  der  ritterlichen  Begeisterung,  der  spießbüUgerlichen
  Wehmut  in  dem  eiskalten  Wasser  egoistischer  Berechnung  ertränkt. ­
  Sie  hat  die  persönliche  Würde  in  den  Tauschwert  aufgelöst  und  an
die  Stelle  der  zahllosen  verbrieften  und  wohletworbenen  Freiheiten  die
eine  gewissenlose  Handelsfreiheit  gesetzt.  Sie  hat  mit  einem  Worte  an  die
Stelle  der  mit  religiösen  und  politischen  Illusionen  verhüllten  Ausbeutung
die  offene,  unverschämte,  direkte,  dürre  Ausbeutung  gesetzt.  Die  Bourgoisie
hat  alle  bisher  ehrwürdigen  Und  mit  frommer  Scheu  betrachteten  Tätigkeiten ­
  ihres  Heiligenscheines  entkleidet.  Sie  hat  den  Auzt,  den  Juristen,
den  Pfaffen,  den  Poeten,  den  Mann  der  Wissenschaft  in  ihre  bezahlten
Lohnarbeiter  verwandelt.  Die  VouUgoisie  hat  dem  Familienverhältnis  seinen ­
  rührend-sentimentalen  Schleier  abgerissen  und  es  auf  ein  reines  Geldverhältnis
  zurückgeführt."  (S.  28.)  Aber  buch  ihre  eigenen  Verdienste  um
die  wirtschaftliche  Entwickelung  hat  diese  Bourgoisie.  „Die  Bourgoisie  hat
in  ihrer  kaum  hundertjährigen  Klassenherrschaft  massenhaftere  und  kolossalere ­
  Produktionskräfte  geschaffen,  als  alle,  vergangenen  Generationen  zusammen. ­
  Unterjochung  der  Näturkräfte,  Maschinerie,  Anwendung  der
Chemie  auf  Jndüstrie  und  Ackerbau,  Dampfschiffahrt,  Eisenbahnen,  elektrische ­
  Telegraphen,  Urbarmachung  ganzer  Weltteile,  Schiffbarmachung  der
Flüsse,  ganze  aus  dem  Boden  hervorgestampfte  Bevölkerungen  —  welches
frühere  Jahrhundert  ahnte,  daß  solche  Prvduktionskräfte  im  Schoße  der  gesellschaftlichen ­
  Arbeit  schlummerten."  (S.  30.)
Aber  je  mehr  die  moderne  bürgerliche  Gesellschaft  diese  gewaltigen  Produktionskräfte ­
  schafft,  gräbt  sie  sich  selber  ihr  eigenes  Grab,  sie  „gleicht  dem
Hexenmeister,  der  die  unterirdischen  Gewalten  nicht  mehr  zu  beherrschen
vermag,  die  er  heraufbeschwor."  (S.  3l.)  Das  aus  ihrem  Schoß  entsprossene
Proletariat,  das  nur  seine  Arbeitskräfte  fein  eigen  nennt,  umfaßt  die  Männer, ­
  welche  die  todbringenden  Waffen  gegen  die  Bourgoisie  führen  werden.
Dieses  Proletariat  wächst  unaufhaltsam,-  es  umfaßt  die  ungeheuere  Mehrheit ­
  des  ganzen  Volkes,  immer  mehr  wächst  es  geradezu  reißend.  Deshalb
muß  es  auch  endlich  siegen,  mögen  auch  noch  soviel  einzelne  Kämpfe  verloren ­
  gehen.  Lange  Zeit  wird  ein  mehr  oder  weniger  versteckter  Bürgerkrieg ­
  in  der  modernen  bürgerlichen  Gesellschaft,  vorherrschen,  bis  das  Proletariat ­
  durch  eine  gewaltsame  Erhebung  die  Herrschaft  der  Bourgoisie  stürzt.
        <pb n="40" />
        —  40  —

Der  2.  Abschnitt  schildert  das  Verhältnis  der  Kommunisten  zu  den  Proletariern. ­
  Sie  sind  keine  besondere  Partei  gegenüber  den  arÄeren  Parteien,
,-die  Kommunisten  sind  praktisch  der  entschiedenste,  immer  weiter  treibende
Teil  der  Arbeiterparteien  aller  Länder,  sie  haben  theoretisch  vor  der  übrigen
Masse  des  Proletariats  die  Einsicht  in  die  Bedingungen,  den  Gang  und  die
allgemeinen  Resultate  der  proletarischen  Bewegung  voraus,  Die  tatsächlichen ­
  Verhältnisse  des  Klassenkampses  schassen  selber  den  Kommunismus,
„Ihr  entsetzt  Euch  darüber,  daß  wir  das  Privateigentum  aufheben  wollen.
Aber  in  Euerer  bestehenden  Gesellschaft  ist  das  Privateigentum  für  neun
Zehntel  ihrer  Mitglieder  aufgehoben,  es  existiert  gerade  dadurch,  daß  es
für  neun  Zehntel  nicht  existiert.  Ihr  werft  uns  also  vor,  daß  wir  ein  Eigentum ­
  aufheben  wollen,  welches  die  Eigentumslosigkeit  der  ungeheuren  Mehrzahl ­
  der  Gesellschaft  als  notwendige  Bedingung  voraussetzt,"  (S.  400
Der  erste  Schritt  in  der  Arbeiterrevolution  wird  die  Erhebung  des
Proletariats  zur  herrschenden  Klasse,  die  Erkämpfung  der  Demokratie  fein,
„Das  Proletariat  wird  feine  politische  Herrschaft  dazu  benutzen,  der  Vourgoisie
  nach  und  nach  alles  Kapital  zu  entreißen,  alle  Produktionsinstrumente ­
  in  den  Händen  des  Staates,  d,  h,  des  als  herrschende  Klasse  organisierten ­
  Proletariats  zu  zentralisieren  und  die  Masse  der  Produktionskräfte
möglichst  zu  vermehren,"  &amp;gt;(S,  44.)  Diese  Diktatur  des  Proletariats  ist  aber
—  und  das  kann  unseren,  Bolschewisten  und  Spartakisten  nicht  angelegentlich ­
  genug  zugeschrien  werden  —  nur  vorübergehend.  Denn,  „wenn  das
Proletariat  im  Kampfe  gegen  die  Bourgoifie  sich  notwendig  zur  Klasse
vereint,  durch  eine  Revolution  sich  zur  herrschenden  Klasse  macht  und  als
herrschende  Klasse  gewaltsam  die  alten  Produktionsverhältnisse  aufhebt,  so
hebt  es  mit  diesen  Produktionsverhältnissen  die  Existenzbedingungen  des
Klassengegensatzes,  die  Klassen  überhaupt  und  damit  seine  eigene  Herrschaft
als  Klasse  auf.  An  die  Stelle  der  alten  bürgerlichen  Gesellschaft  mit  ihren
Klassen  und  Klassengegensätzen  tritt  eine  Assoziation,  worin  die  freie  Entwickelung ­
  eines  jeden  die  Bedingung  für  die  freie  Entwickelung  aller  ist,"
(S.  45.)  Rach  einer  Darlegung  der  sozialistischen  und  kommunistischen  Literatur ­
  im  3,  Abschnitt  schließt  dann  der  4,  Abschnitt  „Stellung  der  Kommunisten ­
  zu  den  verschiedenen  oppositionellen  Parteien"  das  ganze  weltgeschichtliche ­
  Dokument  mit  den  berühmten  lapidaren  Sätzen:  „Die  Kommunisten ­
  verschmähen  es,  ihre  Ansichten  zu  verheimlichen.  Sie  erklären  es  offen, ­
  daß  ihre  Zwecke  nur  erreicht  werden  können  durch  den  gewaltsamen
Umsturz  aller  bisherigen  Gesellschaftsordnung,  Mögen  die  herrschenden
Klassen  vor  einer  kommunistischen  Revolution  zittern.  Die  Proletarier  haben ­
  nichts  in  ihr  zu  verlieren  als  ihre  Ketten,  Sie  haben  eine  Welt  zu
gewinnen,  Proletarier  aller  Länder  vereinigt  Euch,"  (S,  86.)
Klassenkampf  bedeutet  also  im  marxistischen  Sinne  nicht  etwa  einen
Kampf  der  Arbeiterschichten  um  bessere-  Löhne  und  überhaupt  um  materiell
günstigere  Daseinsbedingungen,  sondern  den  Kampf  für  eine  völlige  Neuordnung ­
  der  Gesellschaft,  -
Und  die  Behauptung  erscheint  wohl  wahrlich  als  nicht  zu  kühn,  daß
gerade  Märx  selber  über  die  heutige  Ausgestaltung  der  „Weltrevolutian"
des  Proletariats,  die  sich  immer  mehr  und  mehr  in  blinde,  unvernünftige
        <pb n="41" />
        —  41  —

Lohnbewegung  und  wilde,  die  ganze  deutsche  Volkswirtschaft  zerrüttende
Streiks  ausgewachsen  hat,  einfach  entsetzt  sein  würde!
In  der  Kritik  dieser  Klassenkampftheorie  können  wir  uns  sehr  kurz  fassen. ­
  Alles,  was  wir  in  unseren  früheren  Aufsätzen  über  den  historischen  Materialismus ­
  zu  dessen  Bekämpfung  ausführten,  gilt  auch  hier.  Gewiß  üben
wirtschaftliche  Vorgänge  und  wirtschaftliche  Machtverhältnisse  einen  sehr
weitgehenden  Einfluß  auf  das  Dasein  und  die  geschichtliche  Entwickelung  .der
einzelnen  Menschen  sowohl  wie  ganzer  Völker  aus,  aber  es  ist  eine  ungeheuere ­
  Uebertreibung  und  gewaltige  Einseitigkeit,  zu  lehren,  daß  der  ganze
Ablauf  der  menschlichen  Dinge,  die  gesamte  politische,  geistige  und  auch
religiöse  Geschichte  weiter  nichts  sei  als  ein  Kampf  der  sozialen  Klassen  um
die  Futterplätze  und  um  die  Macht.  Niemals  ist  damit  menschliche  Universalgeschichte ­
  identisch  und  erklärt  sich  aus  ihm  restlos!  Das  ist  schon  früher
mit  allem  Nachdrück  betont.  Nur  das  sei  hier  nochmals  besonders  hervorgehoben: ­
  Die  Religion  führt  ihre  ei!gene  von  der  Wirtschaft  und  vom  jeweiligen ­
  Staate  fast  losgelöste  Sonderexistenz  für  sich.  Ihr  Reich  ist  nach
den  Worten  des  großen  Nazareners  wahrhaftig  nicht  von  dieser  Welt.  Die
Religion,  deren  wechselvolle  Gestalten  einen  sehr  großen  Teil  der
Menschheitsgeschichte  ausmachen,  erhebt  den  Gläubigen  über  das  Diesseits, ­
  sie  tröstet  ihn  über  die  irdischen  Bedrängnisse  und  bringt  ihn  in  ein
Verhältnis  zu  Gott  und  hebt  ihn  empor  über  die  Schrecken  des  Todes.  Die
Religion  verfolgt  durchaus  überirdische  Ziele,  die  mit  staatlichen  und  wirtschaftlichen ­
  Dingen  schlechterdings  nichts,  aber  auch  gar  nichts  gemein
haben.
Die  wissenschaftlichen  Schwächen  dieser  Klassenkampflehre  sind  denn  auch
den  besten  Köpfen  des  Sozialismus,  insbesondere  des  Revisionismus"
in  der  Sozialdemokratie  nicht  immer  verborgen  geblieben.  Aber
sie  konnten  sich  leider  nicht  dazu  entschließen,  „diese  völlig  veraltete ­
  Doktrin"  (wie  sie  einer  der  geistvollsten  neueren  Sozialdemokraten ­
  Dr.  Paul  L  e  n  s  ch  in  seiner  soeben  erschienenen  kleinen ­
  Schrift  „Am  Ausgang  der  deutschen  Sozialdemokratie"  (S.  25)
nennt)  in  ihrer  „Starrheit  und  Enge"  zu  überwinden.  Diese  schwere  „Unterlassungssünde" ­
  richtete  sich  nun  „mit  zerschmetternder  Gewalt  gegen  sie  selbst
und  gegen  Staat  und  Freiheit."  (Lensch  a.  a.  O.,  S.  23.)  Spartakus  und
Unabhängige  nützten  sie  trefflich  aus.  „Mit  dieser  alten  Ideologie  haben
Unabhängige  Und  Spartakisten  den  Bürgerkrieg  in  Deutschland  entfesselt,
die  Kämpfe  in  Berlin,  unter  Liebknecht  und  Luxemburg,  in  Bremen,  München, ­
  im  Rührgebiet,  in  Mitteldeutschland,  sie  alle  hatten  zur  Grundlage
die  alte  Klassenkämpftheorie."  (Lensch,  S.  23.)  Man  hatte  schon  ganz  wieder
vergessen  oder  richtiger  wohl,  man  war  sich  überhaupt  gar  nicht  darüber
klar  geworden,  daß  jetzt  nach  dem  9.  November  1918  nicht  mehr  die  Bourgoisie
  die  herrschende  Klasse  im  Staate  ist,  sondern  die  Arbeiterschaft.
c)  D  i  e  Marxische  Wert-  und  Mehrwerttheorie.
Nach  dem  kurzen  Aufriß  der  Fundamente  der  stolzen  sozialphilosophischen ­
  Lehren  des  Karl  Marx  wollen  wir  uns  nunmehr  der  Darlegung  seiner
wichtigsten  einzelnen  nationalökonomischen  Lehren  zuwenden.  Wir  be-
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        —  42  —

ginnen  mit  einer  ganz  kurzen  Darlegung  seiner  außerordentlich  schwer  verständlichen ­
  Wert-  und  Mehrwerttheorie.  Gleich  eingangs  unserer  auch  hier
getreu  unserem  Programm  nur  ganz  skizzenhaften  Erörterung  müssen  wir
aber  vor  der  nicht  nur  in  Laienkreisen  sehr  weit  verbreiteten  Auffassung
warnen,  als  ob  diese  Theorien  das  Zentrum  der  ganzen  marxischen  Nationalökonomie, ­
  der  Grund-  und  Eckstein  gewissermaßen  seines  Lehrgebäudes ­
  wären.  Niemals  hat  bei  Marx  die  Wert-  und  Mehrwerttheorie  die  gewaltige ­
  Bedeutung  gehabt  wie  bei  den  früheren  Sozialisten,  etwa  Owen,
Rodbertus  und  Lassalle.  Niemals  hat  Marx  gelehrt,  die  Arbeiter  erhielten
unter  der  kapitalistischen  Wirtschaftsordnung  einen  zU  niedrigen,  ungerechten ­
  Lohn  und  deshalb  müsse  eine  neue  gerechtere  Wirtschaftsordnung
geschaffen  werden.  Derartige  ethische  Erwägungen  sind  dem  großen  Sozialphilosvphen
  und  Wirtschaftstheoretiker  stets  durchaus  fremd  gewesen.  Mit
seiner  berühmten  Wert-  und  Mehrwerttheorie  hat  er  nur  den  Halt  und  das
innere  Gefüge  der  kapitalistischen  Wirtschaftsordnung  aufzeigen  wollen.
Durchaus  mit  Recht  betont  Karl  Diehl  (Sozialismus,  Kommunismus,
Anarchismus,  2.  Auflage,  S.  211),  daß  auch  beim  Nachweis  der  gänzlichen
Unrichtigkeit  feiner  Wert-  und  Mehrwerttheorie  noch  gar  nichts  bewiesen
wäre  gegen  die  Richtjgkeit  der  marxischen  These  der  Naturnotwendigkeit
der  neuen  kommunistischen  Wirtschaftsordnung.  Engels  sagt  über  das  Verhältnis ­
  des  Wertgesetzes  zum  Marxischen  Sozialismus  überhaupt:  „Marx
hat  nie  seine  kommunistischen  Forderungen  hierauf  begründet,  sondern  auf
den  notwendig  sich  vor  unseren  Augen  täglich  mehr  und  mehr  vollziehenden
Zusammenbruch  der  kapitalistischen  Produktionsweise"  (Vorwort  zum  „Elend
der  Philosophie")
Die  Grundlage  alles  und  jeden  Reichtums  der  privatkapitalistischen
Wirtschaftsordnung,  einer  Gesellschaftsform,  die  nicht  Gebrauchswerte  für  sich,
sondern  solche  für  andere,  d.  h.  für  den  Markt  herstellt,  ist  nach  Marx  die  menschliche ­
  Arbeitskraft.  Allen  Waren  ist  bei  und  trotz  ihrer  unendlichen  Mannigfaltigkeit ­
  und  Vielgestaltigkeit  eine  Eigenschaft  gemeinsam:  die  von  Arbeitsprodukten. ­
  ^Abstrahieren  wir  von  dem  jeweiligen  konkreten  Gebrauchswert ­
  der  Waren,  ....  so  verschwinden  auch  die  verschiedenen  konkreten ­
  Formen  dieser  Arbeiten,  sie  unterscheiden  sich  nicht  länger,  sondern
sind  allzusamt  reduziert  auf  gleiche  menschliche  Arbeit,  abstrakt  menschliche
Arbeit."  (Marx:  „Das  Kapital",  8.  Auflage,  herausgegeben  von  Friedrich
Engels,  Band  I,  S.  4.)  Jedes  Gut  oder  jeder  Gebrauchswert  hat  nach  Marx
nur  deshalb  einen  Wert,  „weil  abstrakt  menschliche  Arbeit  in  ihm  vergegenständlicht ­
  oder  materialisiert  ist."  (S.  5  a.  a.  O.)  Die  Größe  des  Wertes ­
  mißt  sich  durch  das  Quantum  der  in  dem  Gute  enthaltenen  wertbildenden ­
  Substanz,  eben  der  Arbeit.  Den  sehr  naheliegenden  Einwand,  daß  die
menschliche  Arbeitskraft  als  unbedingt  gültiger  Maßstab  für  den  Wert  eines
jeglichen  Guts  schon  deshalb  völig  unbrauchbar  fei,  weil  sie  doch  je  nach
der  Beschaffenheit  ihrer  einzelnen  Träger,  ob  faul  oder  fleißig,  geschickt  oder
ungeschickt,  sehr  verschiedenartig  sei  und  demnach  die-Ware,  die  ein  träger
oder  ungeschickter  Arbeiter  in  weit  längerer  Zeit  herstelle  —  demnach  auch
wertvoller  sein  müsse  als  die  in  kürzerer  Zeit  von,  einem  fleißigen  und
tüchtigen  Arbeiter  hergestellte,  weist  Marx  selber  mit  dem  Hinweise  darauf
zurück,  daß  er  nicht  die  einzelne  individuelle  Arbeitskraft  als  Maß-
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        —  43  —

stab  und  Wertmesser  zu  Grunde  lege,  sondern  „die  gesellschaftliche  Durchschnittsarbeitskraft". ­
  „Gesellschaftlich  notwendige  Arbeitszeit  ist  Arbeitszeit, ­
  erheischt,  um  irgendeinen  Gebrauchswert  mit  dem  vorhandenen  gesellschaftlich ­
  normalen  Produktionsbedingungen  und  dem  gesellschaftlichen
Durchschnittsgrad  von  Geschick  und  Intensität  der  Arbeit  darzustellen  .  .  .
Es  ist  also  nur  das  QuantUm  gesellschaftlich  notwendiger  Arbeit  oder  die
zur  Herstellung  eines  Gebrauchswerts  gesellschaftlich  notwendige  Arbeitszeit, ­
  welche  seine  Wertgröße  bestimmt  .  .  .  Als  Werte  sind  alle  Waren
nur  bestimmte  Maße  festgeronnener  Arbeitszeit."  (Marx  a.  a.  O.,  S.  6.)
Irgendeinen  Unterschied  zwischen  den  verschiedenen  Arten  der  Güter  und
Waren  macht  Marx  hierbei  ebensowenig  wie  bei  den  verschiedenen  Arten
menschlicher  Arbeit.  Die  Arbeit  des  schlichten  ungelernten  Tagelöhners  oder
landwirtschaftlichen  Arbeiters  steht  ihm  mit  den  Gemälden  eines  Rembrandt
  oder  Rubens  oder  mit  den  Ewigkeitsschöpfungen  eines  genialen
Dichters  oder  Philosophen  vollkommen  gleich.  „Kompliziertere  Arbeit  gilt
nur  als  potenzierte  oder  vielmehr  multiplizierte  einfache  Arbeit,  so  daß  ein
kleineres  QuantUm  komplizierter  Arbeit  gleich  einem  größeren  QUantum
einfacher  Arbeit  .  .  .  Eine  Ware  mag  das  Produkt  der  kompliziertesten  Arbeit ­
  sein,  ihr  Wert  setzt  sie  dem  Produkt  einfacher  Arbeit  gleich  und  stellt
daher  selbst  nut  ein  bestimmtes  QUantum  Einfacher  Arbeit  dar."  (a.  a.
O.,  S.  11.)  Das  in  allen  Maren  steckende  gemeinsame,  eben  die  gesellschaftlich ­
  notwendige  DUrchschnittsarbeitszeit  für  ihre  Herstellung,  ermöglicht ­
  auch  nur  ihren  Umtausch  am  freien  -Verkehr.
In  unserer  heutigen  privatkapitalistischen  Wirtschaftsordnung  verwandelt ­
  sich  nun  beständi-g  Geld  in  Kapital,  in  der  Weise,  daß  -zunächst  Geld
in  Ware  verwandelt  wird  und  die  vom  Gelde  beschaffte  Ware  sich  wieder  in
Geld  zurückverwandelt.  Aber'  selbstredend  hat  diese  ganze  Operation  nur
dann  Sinn  und  Verstand  -für  den  Eigentümer  des  Geldes,  wenn  das  zuletzt
erzielte  Geld  einen  Ueberschuß  aufweist  über  das  zunächst.von  ihm  zur  Anschaffung ­
  von  Ware  verausgabte  Geld.  Der  Zirkulationsprozeß:  Geld,
Ware,  Geld,  Laufen  um  zu  verkaufen,  muß  mit  einem  Ueberschuß  abschließen.
„Dieses  Inkrement  oder  den  Ueberschuß  über  den  ursprünglichen  Wext
nenne  ich  Mehrwert  (zurplu8  value)  (Marx  a.  ,a.  O.  S.  113.)  Diese
Bewegung  verwandelt  den  Ueberschuß  in  Kapital.  „Die  Bewegung  des
Kapitals  ist  maßlos."  (S.  118.)  Diese  Grundlage  seines  Mehrwerts  wendet ­
  nun  Marx  auch  speziell  auf  den  Arbeitsprozeß,  auf  den  Kauf  und  Verkauf ­
  der  menschlichen  Arbeitskraft  an.  Dabei  geht  er  von  der  grundlegenden ­
  Annahme  aus,  daß  auch  diese,  die  menschliche  Arbeitskraft  nichts  anderes ­
  sei  als  nur  eine  „eigentümliche  Ware",  deren  Wert  gleich  dem  jeder
anderen  Ware  bestimmt  sei  „durch  die  zur  Produktion,  also  auch  zur  Reproduktion ­
  'dieses  spezifischen  Artikels  notwendige  Arbeitszeit."  (S.  133)
Zu  seiner  Erhaltung  bedarf  nun  das  lebendige  Individuum  einer  gewissen
Summe  von  Lebensmitteln.  „Der  Wert  den  Arbeitskraft  ist  also  der  Wert
der  zur  Erhaltung  ihres  Besitzers  notwendigen  Lebensmittel.  Der  Betrag
an  Lebensmitteln  also,  die  eine  Arbeitskraft  für  sich  selber  und  seine  Kinder
täglich  gebraucht,  würde  den  Wert  einer  täglichen  Arbeitskraft  bedeuten.
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        —  44  —

Nehmen  wir  nun  an,  so  sagt  Marx,  sechs  Stunden  Arbeit  täglich  seien
nötig,  um,  die  Arbeitskraft  herzustellen  und  ebensoviel  und  ebensolche  Arbeitszeit ­
  stecke  in  drei  Schillingen  oder  einem  Taler.  Dann  kann  der  Kapitalist ­
  diese  Arbeitskraft  zu  ihrem  Werte,  d.  h.  für  drei  Mark  täglich  kaufen.
Nichts  aber  hindert  den  Kapitalisten,  der  ja  die  Verfügung  über  die  Arbeitskraft ­
  für  einen  Tag  gekauft  hat,  sie  anstatt  sechs  Stunden  volle  12
Stunden  auszunutzen.  Dias  ergibt  einen  ^Unterschied  von  sechs  Stunden  zu
Gunsten  des  Kapitalisten.  Sechs  Stunden  nur  sind  im  Lohne  bezahlt,  der
die  Herstellung  der  Arbeitskraft  möglich  macht,  die  anderen  sechs  Stunden
sind  unbezahlte  Arbeit,  Mehrarbeit,  Mehrprodukt,  Mehrwert.  (S.  135—139
a.  a.  O.)  Der  ganze  Unternehmergew-inn  beruht  also  nach  dieser  Lyhre
lediglich  darauf,  daß  der  Kapitalist  dem  Arbeiter  nur  einen  Teil  der  von
ihm  geleisteten  Arbeit  bezahlt.  Für  die  sozialdemokratische  Tagesagitation
bildet  zwar  diese  düstere  Lehre  eine  treffliche  Waffe  —  und  -noch  heute  spielt
sie  in  der  Presse  der  „Unabhängigen  Sozialdemokratie"  eine  erhebliche
Rolle;—  aber  entscheidende  Schlüsse  für  seinen  Sozialismus  hat  der  Meister
selber  aus  ihr  niemals  gezogen.
Diese  ganzen  stolzen  Gedankengebäüde  mögen  manche  einzelne  Wahrheiten ­
  in  sich  schließen,  aber  in  ihrer  Gesamtheit  sind  sie  nichts  als  luftige
Hegelsche  Konstruktionen!.  Eine  gewaltige  Verkennung  der  blühenden  Wirklichkeiten ­
  des  Wirtschafts-  und  Geisteslebens  will  es  Zunächst  bedeuten,  alle
und  jegliche,  doch  so  unendlich  verschiedene  menschliche  Arbeitskraft  auf  eine
„gesellschaftlich  notwendige  Durchschnittsarbeitskraft  und  Arbeitszeit"  zürückführen
  zu  wollen.  -Völlig  unverständlich  ist  es,  wie  man  den  frei  schöperischen
  Genius  eines  Dürer  oder  Goethe,  eines  Kant  oder  Luthers  mit  der
Arbeitskraft  eines  ehrenwerten  Ackerknechts  oder  Latrinenfegers  auch  nur
im  entferntesten  vergleichen  wag.  Niemals  wird  man  selbst  bei  der  scharfsinnigsten ­
  Betrachtung  anzugehen  in  der  Lage  sein,  wieviel  „gesellschaftlich
notwendige  Durchschnittsarbeitszeit"  denn  zur  Schaffung  des  Abendmahls
oder  des  Faust  erforderlich  gewesen  sei.  Aber  wir  brauchen  nicht  einmal
zu  den  Heroen  der  Menschheit  zu  gehen,  selbst  um  die  zur  Herstellung  eines
jeden  besseren  Romans  oder  jedes  den  Durchschnitt  einigermaßen  überragenden ­
  Gedichts  oder  einer  Statue  oder  eines  Gemäldes  oder  eines
brauchbaren  wissenschaftlichen  Werkes  erforderliche  gesellschaftliche  Arbeitszeit ­
  festzustellen,  fehlt  es  an  allem  und  jedem  Anhalt.  Nur  wenn  man
geflissentlich  wie  Marx  seine-  Augen  vor  der  Bedeutung  der  leitenden  Tätigkeit ­
  des  Unternehmers,  des  Oberingenieurs,  des  Generaldirektors  völlig
verschließt,  kann  man  die  einfache  ungelernte  physische  Arbeit  als  Wertmaßstab
  zu  Grunde  legen.  Stets  wird  auch  das  subjektive  Moment  bei
der  Wertschätzung  die  größte  Rolle  spielen.  Marx  wird  aber  auch  in  keiner
Weise  bei  seiner  Lehre  der  ungeheuren  Bedeutung  der  Seltenheitswerte
und  insbesondere  der  natürlichen  und  rechtlichen  Monopole  in  unserer  Wirtschaft ­
  gerecht.  Die  Werte  und  Preise  unserer  Grundstücke,  der  städtischen  wie
der  ländlichen,  und  der  Bergwerke  richten  sich  in  nichts  nach  der  auf  ihre
Bestellung  und  Instandhaltung  verwandten  menschlichen  Arbeitskraft,  nicht
der  Arbeitsaufwand,  fei  es  an  körperlicher  oder  geistiger,  erzeugt  die  gerade ­
  in  den  letzten  Jahrzehnten  in  Deutschland  wie  allenthalben  in  der
ganzen  Kulturmenschheit  sprunghaft  in  die  Höhe  schnellenden  Grundrenten,
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        —  45  —

sondern  diese  völlig  unverdienten  Wertzuwachse,  die  in  die  dutzende  von  Millionen ­
  gehen,  schafft  der  wirtschaftliche  und  kulturelle  Fortschritt  der  G  e  -
s  a  m  t  h  e  i  t  der  Volksgenossen.  Nur  wenige  Beispiele,  die  sich  leicht  zu
Dutzenden  vermehren  ließen  (vergl.  Damaschke:  Aufgaben  der  Gemeindepolitik, ­
  26.727.  Tausend,  1918,  S.  5—11)  mögen  die  gewaltige  volkswirtschaftliche ­
  Bedeutung  der  steigenden  Grundrente,  dieses  völlig  arbeitlosen, ­
  unverdienten  Mehreinkommens  und  reinen  Konjunkturgewinnes  darlegen. ­
  Humboldts  Haus  kostete  1746:  4350  Taler,  1803:  35  000  Taler,  1863:
92  000  Taler,  1875:  140  000  Taler.  Irgendein  Umbau  fand  hierbei  nicht
statt.  Das  Palais  des  Fürsten  v.  Radziwill  in  Berlin  wurde  1791  für  30  000
Taler,  1795  für  60  000  Taler  und  1875  für  2  Millionen  Taler  verkauft.  Das
am  5.  Januar  1842  in  Berlin  vor  dem  Halleschen  Thore  eingeweihte  Rotherstift ­
  kostete  damals  nicht  ganz  &amp;lt;54  000  Mark,  im  Jahre  1895  erwarb  es  das
Warenhaus  Tietz  für  1976  000  Mark  nur  zum  Zweck  des  Abbruchs.  Den
reinen  Bodenwert  ohne  jede  Baulichkeiten  von  Berlin  berechnete
der  bekannte  Nationalökonom  der  Berliner  Universität  Professor  Julius
Wolff  für  1830  auf  17  Millionen,  1850  auf  45  Millionen,  1870  auf  623  Millionen, ­
  1890  auf  2184  und  auf  5000  Millionen  im  Jahre  1910.  Im  Jahre
1797  hatte  der  Magistrat  der  Stadt  Posen  das  Geburtshaus  des  Feldmarschalls ­
  v.  HindenbUrg  für  4000  Mark  verkauft,  im  Jahre  1903  wurde  das
Grundstück,  die  Gebäude  waren  zum  Abbruch  bestimmt,  für  600  000  Mark
verkauft.  Der  Gesamtwert  des  nackten  Grund  und  Bodens  am  Charlottenburger ­
  Kuafllrstenidamm  stieg  von  100  000  Mark  im  Jahre  1861  auf  50
Millionen  im  Jahre  1898.  Ebensowenig  auf  menschliche  Arbeitskraft  und
auf  „Ausbeutung"  der  in  ihr  beschäftigten  Arbeiter  ist  das  märchenhafte  Anschwellen ­
  der  Werte  der  Bergwerke  und  der  Anteile  an  ihnen(Kuxe  und
Aktien)  in  den  letzten  Jahrzehnten  deutscher  Volkswirtschaft  zurückzuführen,
sondern  auf  die  gewaltige  Blüte  der  deutschen!  Volkswirtschaft  und  des  deutschen ­
  Staatsvolks  als  solchem.  Aber  selbst  wenn  man  von  diesen  sehr  schwerwiegenden ­
  unerschütterlichen  Einwendungen  völlig  absieht  und  einräumen
wollte,  daß  es  möglich  sei,  alle  Produktionskosten  auf  Arbeitsmengen  zurückzuführen, ­
  so  scheitert  die  ganze  Marxische  Wert-  und  Meh'rwerttheorie  an
der  einfach  unumstößlichen  Tatsache,  daß  in  der  privatkapitalistischen  Wirtschaftsordnung ­
  mit  ihrem  freien  Handel  und  ihter  grundsätzlich  unbeschränkten ­
  Konkurrenz  über  den  Wert  der  Waren  —  Und  .zwar  aller  ausnahmslos ­
  —  in  letzter  Linie  die  Nachfrage  der  Verbraucher  eütscheidet.
Die  jeweilige  Marktlage,  die  Gestaltung  der  Konjunktur  ist  ausschlaggebend.
Versteift  sich  der  Absatz,  treten  Stockungen  oder  gar  Handelskrisen  ein,  so
sind  die  Warermaffen  trotz  aller  darauf  verwandten  fleißigen  und  an  sich
nützlichen  Arbeitsleistungen  unverkäuflich  oder  können  doch  nur  zu  einem
Preise  losgeschlagen  werden,  der  kaum  ihre  Herstellungskosten  deckt.  Nur  in
einer  zwangsläufig  geordneten,  völlig  sozialisierten  Volks-  und  Weltwirtschaft ­
  könnte  die  Behauptun'g:  allein  Wertbestimmend  für  jegliche  Ware  sei
die  auf  ihre  Herstellung  verwandte  gesellschaftlich  notwendige  Durchschnittsarbeitszeit ­
  auf  Wahrheitsgehalt  Anspruch  erheben.
Und  was  nun  endlich  den  vielbesprochenen  und  vielgelästerten  „Mehrwert" ­
  anbelangt,  den  angeblich  nach  Karl  Marx  restlos  der  Unternehmer ­
  für  sich  einstreicht,  den  er  persönlich  dem  Arbeiter  entzieht,  um  sich  an
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        (

—  4li  —

ihm  zu  bereichern,  jo  ergibt  sich,  wie  Walter  Rathenau'  in  seinen  geistvollen ­
  Schriften  „Von  kommenden  Dingen"  (Abschnitt:  „Der  Weg  der
Wirtschaft"  und  neuestens  in  seiner  Broschüre  „Nach  der  Flut"  im  Aufsatz
„Sozialisierung  und  Hein  Ende",  S.  13  fsg.  überzeugend  nachgewiesen  hat)
das  „ganz  Ueberrafchende,  kaum  Glaubliche,  daß  im  Lauf  der  Jahre  das
Unternehmen,  selbst  wenn  es  noch  so  glänzende  Erträge  erzielt  hat,  dennoch
mehr  Geld  empfangen,  als  ausgezahlt  hat.  Das  Werk  hat  hohe  Gehälter  und
Löhne  entrichtet  und  darüber  hinaus  an  seinem  eigeneu  Wachstume  ge-,
arbeitet.  Im  Zeitraum  von  dreißig  Jahren  mutzte  die  industrielle  Anlage
mindestens  dreimal  erneuert  werden,  .„Maschinen  halten  etwa  'zehn  Jahre,
Gebäude  länger,  Werkzeuge  und  Einrichtungen  kürzer,  das  meiste  aber  mutz
ersetzt  werden,  bevor  es  verbraucht  ist,  weil  es  veraltet."  (Rathenau:  Nach
der  Flut,  S.  15.)  So  mutz  der  Mehrwert  größtenteils  dem  Unternehmen  als
solchem  wieder  zugeführt  werden.  „Der  Sinn  des  Mehrwerts  und  Profits
ist  Wirtschaftsrücklage.  Ganz  gleichgültig,  wer  den  Mehrwert  in  Empfang
nimmt  oder  verwaltet,,  abgeschafft  kann  er  nicht  werden,  verbraucht  werden
darf  er  nicht.  Aus  dieser  Quelle  kann  und  wird  nie  der  einzelne  seine  Lebensführung ­
  verbessern."  (Rathenau  a.  a.  O.,  S.  19.)
Auch  das  wird  unbestreitbar  sein,  datz  die  Arbeiter  und  Angestellten  zufolge ­
  ihrer  machtvollen  Organisationen,  ihrer  Gewerkschaften,  heute  und
schon  seit  Jahrzehnten  sehr  wohl  in  der  Lage  sind,  auf  die  Höhe  des  Arbeitslohnes ­
  einen  bestimmenden  Einfluß  auszuüben,  ihn  weit  über  die
Eestellungskosten  der  Ware  „Arbeitskraft"  hinauszutreiben  und  auf  die
Weise  die  durchaus  veränderliche  Rate  des  Mehrwerts  erheblich  zu  kürzen.
Auch  diese  Betrachtungen  werden  geeignet  sein,  dem  Begriff  des  „Mehrwerts" ­
  und  seiner  schlagw'ortähnlichen  Anwendung  sehr  viel  von  seiner  Gehässigkeit ­
  zu  nehmen.
Die  Darstellung  von  Marx  selbst  leidet  übrigens  insofern  an  einem
schweren  klaffenden  Widersprüche,  als  er  in  seinem  fast  ein  Menschenalter
später  —  erst  11  Jahre  nach  seinem  Tode  1894  —  erschienenen  dritten  Bande
des  „Kapital"  (S.  120—179,  insbesondere  S.  156  flg.)  selber  des  langen  und
breiten  durchaus  zutreffend  ausführt,  datz  im  heutigen  Zeitalter  der  kapitalistischen ­
  Produktionsweise  nicht  die  gesellschaftlich  notwendige  Durchschnittsarbeitszeit, ­
  sondern  die  Produktionskosten  zuzüglich  des  üblichen  Kapitalgewinnes ­
  den  Warenpreis  bilden.  Damit  hat  er  sein  Wertgesetz  und
seine  Mehrwerttheorie  mit  eigenen,  Händen  erwürgt.  „Und  erklärt  mir
Graf  Oerindur  diesen  Zwiespalt  der  Natur."
ä)  Die  Konzentrationstheorie.
Entscheidende  Folgerungen  aber  für  die  „naturnotwendige"  nach  ehernen
großen  Gesetzen  sich  vollziehende  allmähliche  Umwandelung  unserer  privatkapitalistischen, ­
  auf  dem  privaten  Eigentum  an  den  Produktionsmitteln  beruhenden ­
  Wirtschaftsordnung  in  die  sozialistische  Wirtschaftsordnung,  in  die
Eemeinwirtschaft,  hat  Marx  selber  aus  seiner  Wert-  und  Mehrwerttheorie
niemals  gezogen.  Die  an  sich  gewiß  sehs  wichtigen  und  interessanten
Lehren  bewegen  sich  daher  nur  in  den  Vorhöfen  des  Marxischen  Tempelbaus, ­
  sie  bilden  nur  ein  Vorwerk  des  Marxismus,  aber  nicht  sein  Volks-
        <pb n="47" />
        —  47

Wirtschaftliches  Rückgrat.  Als  solches  und  als  Kern-  und  Bollwerk  sind  vielmehr ­
  die  Ko  ng  e  n  t  r  a  t  ions-,  die  A  k  kü  m  u  l  at  i  o  n  s  die  Verelendungs
  -  und  die  Krisentheorie  anzusprechen.  Auf  ihrer  Grundlage ­
  folgert  Marx  die  Naturnotwendigkeit  des  Zusammenbruchs  der  kapitalistischen. ­
  Wirtschaftsordnung.  Wir  betrachten  zunächst  die  Konzentrationstheorie. ­
  Unter  ihr  versteht  Marx,  daß  infolge  der  gewaltigen  technischen
Ueberlegenheit  des  Großbetriebes  auf  allen  Gebieten  der  Volkswirtschaft,
sowohl  in  der  Landwirtschaft  wie  auch  in  der  Industrie  als  auch  im  Handel
ausnahmslos  die  kleineren  und  mittleren  Betriebe  restlos  aufgesogen
werden  und  nur  noch  wenig  ganz  große  Unternehmungen,  Riesenbetriebe,
übrig  bleiben.  Sehr  anschaulich  sagt  hierüber  das  Kommunistische  Manifest:
„Die  bisherigen  kleinen  Mittelstände,  die  kleinen.  Industriellen,  Kaufleute
und  Rentiers,  die  Handwerker.und  Bauern,  alle  diese  Klassen  fallen  ins
Proletariat  hinab,  teils  dadurch,  daß  ihr  kleines  Kapital  für  den  Betrieb
der  Großindustrie  nicht  ausreicht  und  der  Konkurrenz  mit  den  Großkapitalisten ­
  unterliegt,  teils  dadurch,  daß  ihre  Geschicklichkeit  von  neuen  Produktionsweisen ­
  entwertet  wird."  (6.  33.)  Auch  für  die  ganze  Landwirtschaft
findet  diese  Theorie  Anwendung,  auch  auf  ihrem  Gebiete  vollzieht  sich  nach
Marx  die  Zusammenballung  der  Betriebe  unaufhaltsam.  Im  dritten  Band
des  „Kapital"  gibt  Marx  als  die  Ursachen  für  den  Untergang  des  Eigentums ­
  des  kleineren  und  mittleren  Bauern  folgende  an:  „Vernichtung  der
ländlichen  Hausindustrie,  Aufsaugung  des  dieser  Kultur  unterworfenen
Bodens,  Usurpation  des  Gemeineigentums  durch  Großgrundeigentümer,
Konkurrenz  der  kapitalistischen  Betriebe,  Großkultür.  Das  Parzellenei.gentum
  schließt  seiner  Natur  nach  aus:  Entwickelung  der  gesellschaftlichen!  Produktionskräfte ­
  der  Arbeit,  gesellschaftliche  Form  der  Arbeit,  gesellschaftliche
Konzentration  des  Kapitals,  Viehzucht  in  großem  Maßstabe,  progressive  Anwendung ­
  der  Wissenschaft."  Diese  Lehre  hat  auch  restlos  in  dem  heute  noch
maßgebendem  Erfurter  sozialdemokratischen  Parteiprogramm  Aufnahme  gefunden. ­
  Folgende  Sätze  geben  sie  programmatisch  zugespitzt  wieder:  „Die
ökonomische  Entwickelung  der  bürgerlichen  Gesellschaft  führt  mit  Naturnotwendigkeit ­
  zum  Untergang  des  Kleinbetriebs,  .  .  .  Die  Produktionsmittel
werden  das  Monopol  einer  verhältnismäßig  kleinen  Zahl  von  Kapitalisten
und  Großgrundbesitzern;  Hand  in  Hand  mit  dieser  Monopolisierung  der
Produktionsmittel  geht  die  Verdrängung,  die  Zersplitterung  kleiner  Betriebe ­
  durch  kolossale  Großbetriebe,  geht  die  Entwickelung  des  Werkzeuges
zur  Maschine,  geht  ein  riesenhaftes  Wachstum  der  Produktivität  der  menschlichen ­
  Arbeit."
Ganz  gewiß  hat  sich  die  Richtigkeit  dieser  Lehre  auf  dem  Gebiete  unserer ­
  Industrie  in  einem  Umfang  erwiesen,  der  dem  divinatorischen
Scharfblick  ihrer  geistigen  Väter  —  Marx  und  Friedrich  Engels  —  alle
Ehre  bereitet.  Namentlich  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika,
aber  auch  in  England  und  in  unserem  deutschen  Vaterland  hat  sich  eine  Kartellierung ­
  und  Vertrustung  des  Kapitals  in  den  letzten  drei  Jahrzehnten
vollzogen,  welche  die  kühnsten  Erwartungen  von  Marx  weit  in  den  Schatten
stellt.  Nach  Angaben  von  Werner  Sombart  (a.  a.  O.,  S.  84)  hatten  bereits  zu
Anfang  des  20.  Jahrhunderts  einige  wenige  Trusts  in  den  Vereinigten  Staaten
8664  früher  selbständige  industrielle  Anlagen  mit  einem  Kapital  von  über  20
        <pb n="48" />
        —  48  —

Milliarden  Dollars,  gleich  85  Milliarden  Mark,  in  sich  aufgesogen.  Davon  entfielen ­
  allein  auf  7  große  Jndustrietrusts,  in  denen  insgesamt  1528  früher
selbständige  industrielle  Werke  aufgegangen  waren,  2663  Millionen  Dollars ­
  und  auf  die  6  großen  Eisenbahnkonzerne  9017  Millionen  Dollars.
Aber  auch  bei  uns,  im  Deutschen  Reiche  sowohl  wie  in  Preußen,  macht  sich
in  Industrie  und  im  Gewerbe  auf  allen  Stufen  ein  Fortschritt  in  der  Richtung ­
  der  Vergrößerung  der  Betriebe  stetig  und  unaufhaltsam  bemerkbar.  In
einer  ganzen  Anzahl  von  Gewerbebetrieben  ist  bereits  heute  der  Sieg  des
Großbetriebes  völlig  und  restlos  für  immer  entschieden  und  der  Widerstand
gegen  diese  Entwickelung  auch  gänzlich  verschwunden.  Diese  Tatsache  zeigt
sich  insbesondere  deutlich  in  der  Verteilung  der  beschäftigten  Personen  auf
die  Betriebe.  So  kamen  bereits  im  Jahre  1895  auf  1000  in  dem  betreffenden ­
  Industriezweige  beschäftigte  Personen  in  Großbetrieben  mit  mehr  als
50  Personen:  im  Steinkohlenbergbau  998,  in  der  Rübenzuckerfabrikation:
991,  in  der  Dampfmaschinenfabrikation:  956  gegenüber  916  im
Jahre  1882,  in  der  Baumwollspinnerei:  928  gegenüber  810,  in  der  Porzellanfabrikation:
  889  gegen  811,  in  der  Wollspinnerei:  780  gegen  606,  im
Wage  »bau  und  in  der  Fahrrgdfabrikation:  777  gegen  711,  in  der  Blechwarenfabrikation: ­
  720  gegen  528,  in  der  Baumwollweberei:  672  gegen  155,
in  der  Wollweberei  638  gegen  476,  in  der  Seidenweberei  573  gegen  178,  immer ­
  im  Jahre  1882.
Und  weiter:  die  industriellen  Großbetriebe  mit  mehr  als  50  Arbeitern
vermehrten  sich  von  1882  bis  1895  im  Reich  der  Zahl  nach  um  98  v.  H.,  dem
beschäftigten  Personal  nach  um  89  v.  H.,  die  Großbetriebe  selber  wuchsen  in
diesen  nur  13  Jahren  von  9971  auf  18  953,  und  die  in  ihnen  beschäftigten
Personen  von  1613  aus  3  011376.  Besonders  auffallend  aber  ist  das  gewaltige
Wachstum  der  industriellen  Großbetriebe  in  Preußen  zwischen  den  beiden ­
  Cewerbezähkungen  vom  Jahre  1895  und  1907.  Mährend  dort  die  Kleinbetriebe ­
  mit  1—«5  Personen  in  diesem  Zeitraume  von  109  332  auf  181069
anwuchsen,  also  um  18,3  v.  H.  zunahmen  Und  die  in  ihnen  beschäftigten  Personen ­
  im  gleichen  Zeiträume  von  1078  396  auf  1231725,  also  um  11,5  v.  H.
sich  vermehrten,  steigen  die  Großbetriebe  mit  50—1000  Personen  im  gleichen
Zeitraum  »on,  9  955  auf  13  105,  d.  h.  61,8  v.  H.  und  die  ln  ihnen  beschäftigten
Personen  von  111199  auf  317199,  also  um  64  v.  H.,  und  die  ganz  großen
Betriebe,  die  Riesenbetriebe  mit  über  1000  Personen,  schwellen  an  von  189
auf  358  Und  die  in  ihnen  tätigen  Hilfskräfte  vermehren  sich  won  331  261  auf
682  12i,  eine  Zunahme  also  um  89,1  und  einhundert  und  vier  vom  Hundert!!
Gewiß  ergeben  diese  wenigen  Ziffern  ein  ganz  gewaltiges  Anwachsen  der
Groß-  und  Riesenbetriebe  in  der  gesamten  Industrie  und  in  allen  Gewerben,
aber  ebenso  legen  sie  auch  klar  und  unwiderleglich  Äwr,  daß  von  einer  völligen ­
  Zerstörung  und  AUfreibuüg  der  kleineren  vorkapitalistischen,  rein
handwerksmäßigen  Betriebe  und  der  mittleren  kapitalistischen  Unternehmungen ­
  gar  nicht  die  Rede  sein  kann.  Roch  im  Jahre  1907  nach  der  letzten,
freilich  schon  über  ein  volles  Dutzend  Jahre  zurückliegenden  amtlichen  deutschen ­
  Industrie-Mnd  CewerbezählÜng  wurden  von  de'n  in  der  Industrie  insgesamt ­
  beschäftigten  11  Millionen  Arbeitskräften  in  Kleinbetrieben  (von
1  —5  Personen!)  nicht  weUiger  als  5  353  576  beschäftigt.  Mit  anderen  Wor-
        <pb n="49" />
        49  —

ien,  diese  kleinen  wesentlich  vorkapitalistischen,  vorzugsweise  handwerksmäßigen ­
  Betriebe  umfassen  heute  nach  über  ein  Drittel  der  gesamten
gewerblichen  Bevölkerung.  Die  in  Kleingewerben  tätige  Arbeiterschaft  vermehrte ­
  sich  sogar  von  1882^1907  noch  um  rund  28  v.  H.  Ebensowenig  ist
von  einer  „restlosen  Aufsaugung"  der  mittleren  gewerblichen  Betriebe
bei  uns  die  Rede.  1907  waren  in  industriellen  Mittelbetrieben  noch  fast
4  Millionen  Menschen  tätig,  genau  3,6  Millionen  gegen  5,3  Millionen  in
Großbetrieben.  Bon  1882  bis  1907  verNiehrte  sich  diese  Größenklasse  immerhin ­
  noch  um  l60  v.  H.  gegenüber  230  v.  H.  der  Großbetriebe.  Gewiß  find
unleugbar  ungemein  zahlreiche  dieser  kleineren  Betriebe  weiter  nichts  als
„Kapitalshörige",  worauf  nicht  nur  der  bekannte  sozialistische  Theoretiker ­
  Karl  Kautsky,  insbesondere  in  seiner  Erläuterung  des  sozialdemokratischen ­
  Erfurter  Parteiprogramms,  sondern  auch  Merner  Sombatt  in  seinem
unübertrefflichen  Meisterwerk  „Der  moderne  Kapitalismus"  (1.  Auflage,
Band  II)  mit  allem  Nachdruck  hingewiesen  hat.  Aber  immerhin  wirtschaftliche ­
  Abhängigkeit  vom  (Groß)  Kapital  bedeutet  durchaus  nicht  technisches,
ökonomisches  und  rechtliches  Aufgehen  im  Großbetrieb,  nach  wie  vor  bilden
sie  für  die  rechtliche,  technische  und  schließlich  auch  wirtschaftliche  Betrachtungsweise ­
  der  Dinge  selbständige  Betriebsgrößen  und  wirtschaftliche  Einheiten. ­

Noch  weit,  widerstandskräftiger  als  in  der  Industrie  hat  sich
der  kleinere  und  mittlere  Betrieb  im  Handel  und  im  Verkehr  erwiesen.
Allein  in  Preußen!  vermehrten  sich  die  Kleinbetriebe  im  Handel  und  Verkehr ­
  von  1895—1907  weit  stärker  als  die  Mittelbetriebe  mit  5—50  Hilfskräften, ­
  sie  wuchsen  an  von:  252  020  auf:  433  719,  also  eine  Zunahme  von
72  v.  H.  ,währenkudie  Mittelbetriebe  stch  nur  um  52  v.  H.  von:  28737  auf
45  133  vermehrten.  Freilich  ist  auch  hier  die  Zunahme  der  Großbetriebe  mit
mehr  als  60—1000  Personen  und  der  Riesenbetriebe  mit  mehr  als  1000
Hilfskräften  ganz  gewaltig,  die  Vergrößerungssätze  betragen  hier  nicht  weniger ­
  als:  223,6  und  871,4  v.  H.  Hinzu  kommt,  daß  die  starke  Vermehrung
der  kleineren  Betriebe  im  Handel  und  Verkehr  keineswegs  als  erfreuliche ­
  volkswirtschaftliche  und  sozialpolitische  Erscheinung  betrachtet  werden
kann.  In  sehr  vielen.  Fällen  handelt  es  sich  hiev  um  durchaus  minderwertige
Zwergbetriebe,  die  von  ungeschulten  Kräften,  recht  oft  Strandgut  des  Lebens ­
  begründet  werden,  um  nach  kürzer  Zeit  schon  verlustreich  zusammenzubrechen, ­
  Keinem  Zweifel  kann  es  unterliegen,  daß  der  .industrielle  Großbetrieb, ­
  aber  auch  in  sehr  vielen  Fällen  der  Etoßbetrieb  im  Handel  und
Verkehr  dem  kleinen  Unternehmer  technisch,  wirtschaftlich  und  sozial  weit
überlegen  ist.  In  ganz  anderem  Umfange  kann  er  sich  die  neuesten  technischen ­
  Fortschritte  und  Errungenschaften  zu  Nutze  machen,  er  kann  die  teuersten
Maschinen,  Mdtore  und  Hilfswerkzeuge  einstellen,  deren  Beschaffung  dem
einzelnen  Kleinunternehmer  so  gut  wie  unmöglich  ist,  er  kann  die  weitaus
höheren  Löhne  zahlen  und  sich  hierdurch  die  besten  und  tüchtigsten  Arbeiter
als  Stamm  heranziehen,  er  kann  im  Großen,  in  einem  gang  anderen  gewaltigeren ­
  Mdßstabe  die  Rohprodukte  einkaufen  als  der  Kleinunternehmer,
ihm  stehen  ganz  andere  Kredite  und  sonstige  Hilfsquellen  zu  Gebote  als  dem
Klein-,  ja  selbst  Mittelunternehmer.  Die  Herstellung  im  Großen  und  der
Massenabsatz  ermöglicht  ihm  die  Stellung  weit  niedrigerer  Preise  als  dem
        <pb n="50" />
        —  50  —

Kleinunternehmer,  dem  alle  die  n'ur  ganz  kurz  erwähnten  Vorteile  nicht
zu  Gebote  stehen.  Zweifellos  steigert  der  Großbetrieb  die  Produktivität  der
Arbeit  gegenüber  den  Kleinunternehmungen  gewaltig,  er  bewirkt,  „daß  mit
demselben  Aufwand  von  Kapital  oder  Arbeit  eine  größere  Menge  Güter
geschaffen  uüd  den  Konsumenten  zur  Verfügung  gestellt  werden  kann  .  .  .
So  bildet  er  unzweifelhaft  einen  volkswirtschaftlichen  Fortschritt"  (Lexis
„Großbetrieb  und  Kleinbetrieb"  im  Conrad'fchen  Handwörterbuch  der
Staatswissenschaften,  3.  Auflage,  Band  V,  S.  73).  Diese  möglichst  hohe
Steigerung  der  Produktivität  liegt  auch  vornehmlich  im  Interesse  der  Arbeiterschichten, ­
  eine  künstliche  Hemmung  dieser  Fortschritte  wäre  gleichbedeutend ­
  mit  der  Begünstigung  der  besitzenden  Volksklassen  gegenüber  den  besitzlosen. ­
  „Denn  wenn  der  Anteil  der  Arbeiter  an  den  produzierten  Gütern
vermehrt  werden  soll,  so  ist  die  erste  zu  erfüllende  Bedingung,  daß  die  Masse
der  von  einer  gegebenen  Dumme  von  Arbeitskräften  erzeugten  Güter  vergrößert ­
  werde."  (Lexis  a.  a.  O.)  Tatsächlich  weisen  auch  die  fabrikmäßigen
Großbetriebe  günstigere  Arbeitsverhältnisse  —  wenigstens  im  allgemeinen  —
auf,  sowohl  hinsichtlich  der  Löhne  wie  hinsichtlich  der  Länge  der  Arbeitszeit,,
als  auch  bezüglich  der  Beschaffenheit  der  Arbeitsstätten  wie  in  den  kleinen
und  selbst  mittleren  Betrieben.  Die  mannigfaltigen  großzügigen  Wohlfahrtseinrichtungen, ­
  wie  Erholungsheime,  gesunde  Wohnüngen,  Werkkonsumvereine
  u.  dgl.  m.  können  auch  nür  von  modernen  kapitalskräftigen  und  kapitalgesättigten ­
  Eroßunternehmungen  geschaffen  werden,  für  Klein-  und
Mittelbetriebe  im  Gewerbe  wie  im  Handel  sind  sie  einfach  undenkbar.  Aber
trotzdem  -wäre  es  völlig  verkehrt  auf  Grund  dieser  unleugbaren  Tatsachen, ­
  einen  restlosen  Untergang  des  mittleren  und  kleinen  Betriebes  zu
Gunsten  der  Groß-  und  RiesenUnternehmungen  in  Handel  und  in  den  Gewerben ­
  vorauszusagen  oder  ihn  auch  nur  zu  wünschen.  Schon  die  oben  mitgeteilten ­
  Ziffern  würden  eine  derartige  Prophezeiung  Lügen  strafen.  Namentlich ­
  die  kl  starke  Bände  umfassenden  „Untersuchungen  über  die  Lage  des
Handwerks  .in  Deutschland  mit  besonderer  Rücksicht  auf  seine  Konkurrenzfähigkeit ­
  gegenüber  der  Großindustrie."  Bapd  61—72  der  Schriften  des  Vereins ­
  für  Sozialpolitik  (1885—1897)  haben  den  einwandsfreien  wissenschaftlichen ­
  Nachweis  erbracht,  daß  das  Handwerk  und  der  mittlere  industrielle
Betrieb  durchaus  nicht  in  seiner  Gesamtheit  als  solches  zum  Tode  verurteilt
ist.  In  den  kleineren  Städten  und  in  den  größeren  Dörfern,  welche  das
flache  Land  mit  gewerblichen  Erzeugnissen  versorgen,  findet  der  Kleinbetrieb ­
  in  Industrie  und  im  Handel  durchaus  gesicherte  Lebensbedingungen.
„Aber  auch  in  größeren  Städten  behalten  gewisse  Gewerbe  eine  überwiegend ­
  lokale  Bedeutung  und  lassen  daher  einen  erfolgreichen  Betrieb  in  kleinerem ­
  Umfange  zu;  so  dieNahrungsgewerbe,  die  raschem  Verderb  ausgesetzte ­
  Lebensmittel  liefern;  ferner  Schuhmacherei  und  Schneiderei  und  die
übrigen  Bekleidungsgewerbe,  bis  zu  einem  gewissen  Grade  auch  Schlosserei,
Buchbinderei  usw.  Namentlich  erweist,  sich  der  Kleinbetrieb  in  den  meisten
Fällen  als  konkurrenzfähig,  &amp;gt;in  denen  es  sich  um  genaue  Anpassung  an  das
individuelle  Bedürfnis,  also  um  Eebrauchsgegenstände  handelt,  die  nach
Maß  oder  besonderer  Vorschrift  angefertigt  werden."  (Lexis  a.  cr.  O.,  S.  68.)
Hier  entscheidet  Kunstfertigkeit  und  Gewissenhaftigkeit  des  Anfertigers  und
ein  tüchtiger  selbstarbeitender  Handwerksmeister  wird  hier  dem  großen  Un-
        <pb n="51" />
        —  51  —

■tentcümei,  der  auf  seine  Lohnarbeiter  angewiesen  ist,  oft  überlegen,  mindestens ­
  gewachsen,  sein.  Ferner  aUf  dem  ganzen  großen  und  immer  größer
werdenden  Gebiet  des  K  u  n  st  h  a  n  d  w  e  r  k  s  ist  der  Kleinbetrieb  dem
Eroßünternehmertum  durchaus  konkurrenzfähig.  Sicher  hat  unter  den
grauenhaften  Einwirkungen  dieses  verwüstenden  Weltkrieges  das  Deutsche
Handwerk  und  der  gewerbliche  Mittelstand  überhaupt  ganz  besonders  schwer
gelitten  und  seine  Widerstandskraft  gegen  das  Vorwärtsbringen  des  Großbetriebes ­
  'und  des  Großkapitals  mag  erheblich  erschüttert  sein  —  in  welchem
Umfang  werden  spätere  amniche  Erhebungen  an  den  Tag  lögen  —  aber  es
liegt  auch  kein  Grund  vor  zur  Verzweiflung.  Die  oben  kurz  angeführten
Erwägungen  sprechen  auch  heute  nach  dem  deutschen  Zusammenbruch  für
seine  Fortexi,stenz,  ja  vielleicht  wird  ihm  sogar  die  ganz  sicher  eintretende
gewaltige  finanzielle  Belastung  des  Großkapitals  eine  gewisse  Erleichterung ­
  im  Konkurrenzkampf  gegen  das  Eroßünternehmertum  'und  die  Großfinanz ­
  verschaffen.  Ohne  Zweifel  haben  wir  auch  heute  noch  an  der  Fortexistenz ­
  eines  lebensfähigen,  -blühenden  gewerblichen  Mittelstandes  ein
erhebliches  sozialpolitisches  Interesse.  Nur  können  wir  unter  den  heutigen
Produktions-  und  Verkehrsverhältnissen  in  zahlreichen  Gewerben  die  unteren ­
  Schichten  der  Kleurunternehmer  nicht  mehr  zu  diesem  Mittelstand
rechnen.  „Ihre  Existenz  rst  häufig  unsicherer  als  die  der  gewöhnlichen  Arbeiter, ­
  und  wenn  sie  nach  einem  von  vornherein  Aussichtslosen  Versuch  eines
minderwertigen  Kleinbetriebes  ruiniert  werden,  so  bilden  diese  Deklassierten ­
  ein  noch  bedenklicheres  Element  als  das  unzufriedene  Arbeiterproletariat." ­
  (Lexis  a.  a.  O.,  S.  73.)
Durchaus  mit  Recht  schließt  Eduard  Bernstein  in  seiner  1899  zuerst
erschienenen,  zuletzt  1911  wieder  aufgelegten  glänzendes  Schrift:  „Die  Voraussetzungen ­
  des  Sozialismus  Und  die  Aufgaben  der  Sozialdemokratie",
feine  Kritik  der  Marxischen  Konzentrationslehre  mit  folgenden  Sätzen:
„Wenn  der  unablässige  Fortschritt  der  Technik  und  Zentralisation  der  Betriebe ­
  in  einer  zunehmenden  Zahl  von  Jndustriegweigen  eine  Wahrheit  ist,
deren  Bedeutung  sich  heute  kaum  noch  verbohrte  Reäktionäre  verschweigen,
so  ist  es  eine  nicht  minder  feststehende  Wahrheit,  daß  in  einer  ganzen  Reihe
von  GewerbszweigeN  kleinere  und  mittlere  Betriebe  sich  neben  Großbetrieben
durchaus  .lebensfähig  erhalten."  Unfd  weiter:  „Wenn  der  Zusammenbruch
der  modernen  Gesellschaft  vom  Schwindender  Mittelglieder  zwischen  der
Spitze  und  dem  Boden  der  sozialen  Pyramide  abhängt,  wenn  er  bedingt  ist
durch  die  Aufsaugung  dieser  Mittelglieder  von  den  Extremen  über  und  unter ­
  ihnen,  dann  ist  er  in  England,  Deutschland,  Frankreich  heute  seiner  Verwirklichung ­
  nicht  näher  wie  zu  irgend  einer  früheren  Epoche  im  19.  Jahrhundert." ­

Völlig  versagt  -aber  hat  die  „Konzentrationstheorie"  auf  dem
Gebiet  der  Landwirtschaft.  Die  Entwickelungstendenzen  gehen  hier  in
durchaus  entgegengesetzter  Richtung  als  Marx  sie  prophezeit  hat.  Klar  und
deutlich  lehrt  uns  die  amtliche  Statistik,  daß  hier  von  einer  Verdrängung
und  Aufsaugung  der  kleineren  Und  -mittleren  landwirtschaftlichen  Betriebe
durch  die  Grvßgüter  absolut  keine  Rede  sein  kann.  Gang  im  Gegenteil:
die  Entwickelung  ist  deutlich  auf  eine  Abnahme  des  ländlichen  Großgrundbesitzes ­
  und  eine  Verkleinerung  der  Vetriebseinheiten  gerichtet.
        <pb n="52" />
        —  52

Starke  hypothekarische  Belastung  des  Großgrundbesitzes  Und  großzügige
Binnenkolonisation  haben  gerade  in  den  .letzten  Jahrzehnten  seit  Erscheinen
des  marxischen  ,„Kaxitals"  mächtig  zu  dieser  Richtung  beigetragen.  Wir
zählten  im  Jahre  1882  in  Deutschland  insgesamt:  5  276  344  landwirtschaftliche ­
  Betriebe,  1907  dagegen:  eine  halbe  Million  mehr,  nämlich:  5  736  032.
Davon  entfielen  auf  die,Zweig-  und  Kleinbetriebe  unter  2  Hektar  im  Jahre
1882:  68  v.  H.,  1807  dagegen  58,9  v.  H.;  die  bäuerlichen  Betriebe  von  2  bis
100  Hektar  blieben  in  dem  Zeitraum  fast  stationär:  41,5  und  40,7  v.  H.,
während  die  Großbetriebe  von  0,5  v.  H.  auf  0,4  v.  H.  abnahmen.  Von  der
gesamten  landwirtschaftlich  benutzten  Fläche  entfielen  in  den  angegebenen
Jahren  (1882  und  1907)  alif  die  Kleinbetriebe:  5,7  v.H.  und  5,4  v.  H.,  auf
die  bäuerlichen  Betriebe:  69,0  v.  H.  und  72,4  v.  H.,  während  der  Großbetrieb ­
  ron  24,4  v.  H.  auf  22,2  v.  H.  abnahm.  So  ist  denn  Deutschland  vorwiegend ­
  ein  Bauernland,  fast  vier  Fünftel  der  gesamten  landwirtschaftlich
benutzten  Fläche  entfällt  auf  die  kleinen  und  bäuerlichen  Betriebe  Unter
100  Hektar.  Selbst  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika,  diesem
Lande  des  hemmungslosen  und  ungehemmten  Kapitalismus  san8  pbrass,
läßt  sich  eher  ein  Zug  zur  Verkleinerung  als  zur  Vergrößerung  der  landwirtschaftlichen ­
  Vetriebseinheiten,  der  Farmen,  aufzeigen.  Die  Durchschnittsfläche ­
  der  Farm  betrug  dort  (nach  Werner  Sombart  a.  et.  D.)  in  den
Jahren  1850,  1860  und  so  fort  bis  1900:  61,5,  51,9;'  53,7;  57,4;  49,4  aorss.
„Also  keine  Spur  von  einer  Konzentrationstendenz."  (Sombart  a.  a.  O.,
S.  86.)  Die  völlige  Unhaltbarkeit  der  Marxischen  Kongentrationstheorie
gerade  für  die  Ländwirtschäft  ist  denn  auch  in  den  Kreisen  der  sozialdemokratischen ­
  Revisionisten  selber  nachgerade  Gemeingut  geworden.  Den  geradezu
glänzenden  Nachweis  ihrer  Unrichtigkeit  erbringt  insbesondere  das  uimfangreiche
  Werk  unseres  heutigen  Reichsministers  Dr.  David:  „Der  Sozialismus ­
  und  die  Landwirtschaft"  (Band  I,  ,1903).  Außer  dieser  grundlegenden ­
  Erscheinung  sei  noch  auf  die  treffliche  Schrift  des  leider  viel  zu
früh  verstorbenen  sozialistischen  Agrarpolitikers  Dr.  Arthur  Schültz-Königsberg
  verwiesen:  „Oekonomische  und  politische  Entwickelungstendenzen  in
Deutschland".  Im  schärfsten  Gegensatz  zu  Marx  erklärt  er  in  ihr  den  landwirtschaftlichen ­
  Kleinbetrieb  mit  dem  Großbetrieb  für  durchaus  konkurrenzfähig. ­
  „In  wirtschaftlicher  Beziehung  garantiert  der  Kleinbetrieb  die  höchstmöglichste ­
  Entfaltung  der  Produktivität  der  landwirtschaftlichen  Arbeit  Und
in  sozialer  Hinsicht  schließt  er  die  Möglichkeit  der  Ausbeutung  besitzloser
Menschen  in  Gestalt  von  Lohnarbeitern  und  Pächtern  aus.  Entscheidend
aber  ist,  daß  der  landwirtschaftliche  Kleinbetrieb  und  Kleinbesitz  diejenige
Wirtschaftsform  ist,  der  die  Entwickelung  mit  Macht  zudrängt."  Dieser
geistvolle  Sozialist  hat  vollkommen  Recht  behalten  mit  seiner  vor  mehr  als
10  Jahren  erfolgten  Voraussage.  Auch  der  Weltkrieg  mit  all  seinen  sonst
so  verheerenden  Einwirkungen  auf  die  deutsche  Volkswirtschaft  hat  die  Lebenskraft ­
  und  die  gewaltige  Entwickelungsfähigkeit  der  landwirtschaftlichen ­
  Klein-  und  Mittelbetriebe  in  keiner  Weise  berührt,  sondern  ganz  im
Gegenteil,  stark  befestigt.  Die  Preise  für  die  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse,
insbesondere  Milch,"  Vieh,  Fleisch,  Gemüse,  Kartoffeln  und  Obst  sind,  wie
männiglich  bekannt,  ganz  gewaltig  in  die  Höhe  geschnellt  And  stehen  zu  den
vermehrten  Produktionskosten  auch  nicht  entfernt  im  angemessenen  Ver-
        <pb n="53" />
        —  53

Ijöltnis.  Ungeheure  Gewinne  hat  unsere  deutsche  Landwirtschaft  während ­
  des  Krieges  erzielt,  'und  zwar  vorzugsweise  gerade  die  mittleren  und
kleineren  Landwirte,  denn  diese  vornehmlich  stellen/die  oben  erwähnten  Erzeugnisse ­
  her  und  sind,  wie  wissenschaftlich  einwandsfrei  nachgewiesen  ist,
gerade  auf  diesen  Gebieten  der  Produktion  dem  Großbetrieb  in  jeder  Hinsicht ­
  weit  überlegen.  Ferner  aber  und  vor  allem  jetzt  nach  dem  Weltkriege ­
  wird  schon  wegen  des  restlosen  Abtransports  der  rund  1600  000
in  Deutschland  befindlichen,  vorzugsweise  auf  Eroßgütern  beschäftigten
russischen  Kriegsgefangenen  —  wenn  nicht  alles  täuscht  —  eine
gewaltige  Krise  über  den  deutschen  Erohgrundbesitz  hereinbrechen.
Es  fehlen  einfach  hunderttausende  und  aberhunderttausende  von  Arbeitskräften, ­
  ohne  die  fremdstämmigen,  ausländischen  russischen  und  polnischen
Saison-  und  Wanderarbeiter,  die  im  Jahre  1914  nicht  weniger  als  436  736,
davon  327  254  aus  Galizien  betrugen,  gegenüber  nur  265  485  im
Jahre  1908,  aber  läßt  sich  der  landwirtschaftliche  Großbetrieb  einfach  nicht
aufrecht  erhalten.  Er  bricht  r  e  t  t  u  n  g  s  l  o  s  in  sich  selber  zusammen.  Unter
dieser  unheimlichen  Leutenot,  dem  Gespenst  und  Totengräber  des  Großgrundeigentums, ­
  aber  leidet  der  mittlere  und  kleine  Landwirt,  der  mit  seinen ­
  gewöhnlich  noch  recht  zahlreichen  Familienangehörigen  selber  mit  Hand
anlegt  und  dessen  Arbeitseinkommen  von  seinem  Renteneinkommen  untrennbar ­
  verbunden  ist,  bei  weitem  nicht  so  wie  der  Großgrundbesitzer.
Dieser  Wurm  frißt  nicht  an  seinem  Mark!
Sicher  werden  äuch  manche  Lastdwirte  —  mit  diesem  Einwände  hat  insbesondere ­
  der  Wächter  des  Gtalsheiligtums  Karl  Käutsky,  der  unentwegte
orthodoxe  Marxist,  dessen  ganzes  wissenschaftliches  Bestreben  von  dem  Leitmotiv ­
  gelenkt  wird  „das  Wort  (des  Karl  Marx)  sie  sollen  kaffen  stahn",
die  Konzentrationstheorie  des  giofeen 1  Meisters  für  die  Landwirtschaft  zu
retten  versucht  —  vom  Kapital,  insbesondere  von  den  Banken  abhängig
sein.  Aber  keinesfalls  ist  diese  an  sich  unleugbare  Tatsache  etwa  wie  bei
unseren  versinkenden  kleingewerblichen  Schichten  ein  negatives  soziales
Massenphänomen,  sondern  sie  wird  immer  mehr  und  mehr  angesichts ­
  der  in  jeder  Hinsicht  glänzenden  Entwickelung  unserer  mittleren  und
kleineren  landwirtschaftlichen  Betriebe  zu  einer  mehr  vereinzelten  Erscheinung. ­
  Die  großartige  Selbsthilseaktrvn  der  deutschen  Landwirte,  insbesondere ­
  das  Eingreifen  der  Raiffeisen!-  und  sonstigen  landwirtschaftlichen  Genossenschaften ­
  haben  zudem  hie  Entschuldung  gerade  des  mittleren  und  kleineren ­
  ländlichen  Grundbesitzes  mächtig  gefördert.
e)  Die  A  k  ku  m  u  l  a  t  i  o  n  s  t  h  e  o  r  i  e.
Anker  ihr  versteht  Marx  die  .angeblich  immer  steigende  Kapitalsanhäufung
  in  den  Händen  Weniger.  Die  Zahl  der  Kapitalisten  soll  beständig ­
  und  unaufhaltsam  abnehmen.  Der  Zusammenballung  der  Betriebe
auf  dem  gesamten  Gebiete  der  Volkswirtschaft,  der  Industrie,  des  Handels
und  der  Landwirtschaft,  wie  sie  Marx  irrtümlich  lehrt,  soll  die  Konzentration ­
  des  Besitzes  in  immer  weniger  Händen  unH  ein  immer  stärkeres  Anschwellen ­
  der  Besitzlosen  entsprechen.  Der  Kapitalsbesitz  häuft  sich,  „akkumu-
        <pb n="54" />
        —  54  —

liext  sich"  in  immer  weniger  Händen,  und  mit  der  Häufung  dieses  Besitzes
in  wenigen  Händen  wächst  die  Empörung  der  Arbeiterschichten  gegen  diese
einseitige  Reichtumsentwickelung.
Zusammenfassend  sagt  darüber  Marx  im  24.  Kapitel  des  7.  Abschnitts,
Die  sogenannte  ursprüngliche  Akkumulation,  Band  I  des  „Kapitals"  (S.
727/28,  6.  Auflage)  mit  einem  geradezu  dithyrambischen  Schwung  der
Sprache  und  mit  einer,  ästhetisches  Entzücken  auslösenden  Gestaltungskraft:
„Auf  einem  gewissen  Höhegrad  bringt  sie,  d.  h.  die  bürgerliche  Gesellschaft,
die  materiellen  Mittel  ihrer  eigenen  Vernichtung  zur  Welt.  Von  diesem
Augenblick  regen  sich  Kräfte  und  Leidenschaften  im  Eesellschaftsschotze,  welche
sich  von  ihr  gefesselt  fühlen.  Sie  maß  vernichtet  werden,  sie  wird  vernichtet.
Ihre  Vernichtung,  die  Verwandlung  der  individuellen  und  zersplitterten
Produktionsmittel  in  gesellschaftlich  konzentrierte,  daher  des  zwerghaften
Eigentums  Vieler  in  das  massenhafte  Eigentum  Weniger,  daher  die  Expropriation ­
  der  großen  Volksmassen  von  Grund  und  Boden  und  Lebensrnitteln
und  Arbeitsinstrumenten,  diese  furchtbare  und  schwierige  Expropriation  der
Volksmasse  bildet  die  Vorgeschichte  des  Kapitals  .  .  .  Sobald  die  kapitalistische ­
  Produktionsweise  auf  eigenen  Füßen  steht,  gewinnt  die  weitere
Vergesellschaftung  der  Arbeit  und  weitere  Verwandlung  der  Erde  und  anderer ­
  Produktionsmittel  in  gesellschaftlich  ausgebeutete,  also  gemeinschaftliche ­
  Produktionsmittel,  daher  die  weitere  Expropriation  der  Privateigentümer ­
  eine  neue  Form.  Was  jetzt  zu  expropriieren,  ist  nicht  länger  der  selbstwirtschaftende ­
  Arbeiter,  sondern  der  viele  Arbeiter  explodierende  Kapitalist.
Diese  Expropriation  vollzieht  sich  durch  das  Spiel  der  imanenten  Gesetze  der.
kapitalistischen  Produktion  selber,  durch  die  Zentralisation  der  Kapitale.  Je
ein  Kapitalist  schlägt  viele  tot.  Hand  in  Hand  mit  dieser  Zentralisation  oder
Expropriation  vieler  Kapitalisten  durch  Wenige  entwickelt  sich  die  korporative ­
  Form  des  Arbeitsprozesses  auf  stets  wachsender  Stufenleiter,  die  bewußte ­
  technische  Anwendung  der  Wissenschaft,  die  planmäßige  Ausbeutung
der  Erde,  die  Verwandlung  der  Arbeitsmittel  in  nur  gemeinsam  verwendbare ­
  Arbeitsmittel,  die  Oekonomisierung  aller  Produktionsmittel  durch
ihren  Gebrauch  als  Produktionsmittel  kombinierter,  gesellschaftlicher  Arbeit,
die  Verschlingung  aller  Völker  in  das  Netz  des  Weltmarktes  und  damit  der
internationale  Charakter  des  kapitalistischen  Regimes.  Mit  der  beständig
abnehmenden  Zahl  der  Kapitalmagnaten,  welche  alle  Vorteile  dieses  Umwandelungsprozesses ­
  usurpieren  und  monopolisieren,  wächst  die  Masse  des
Elends,  des  Drucks,  der  Knechtschaft,  der  Entartung,  der  Ausbeutung,  aber
auch  der  Empörung  der  stets  anschwellenden  und  durch  den  Mechanismus
des  kapitalistischen  Produktionsprozesses  selbst  geschulten,  vereinten  und  organisierten ­
  Arbeiterklasse.  Das  Kapitalmonopol  wird  zur  Fessel  der  Produktionsweise, ­
  die  mit  und  unter  ihm  aufgeblüht  ist.  Die  Zentralisation  der
Produktionsmittel  und  die  Vergesellschaftung  der  Arbeit  erreichen  einen
Punkt,  wo  sie  unerträglich  werden  mit  ihrer  kapitalistischen  Hülle.
Sie  wird  gesprengt.  Die  Stunde  des  kapitalistischen  Privateigentums ­
  schlägt.  Die  Expropriateurs  werden  expropriiert.  Die  aus  der  kapitalistischen ­
  Produktionsweise  hervorragende  kapitalistische  Aneignungsweise,
daher  das  kapitalistische  Privategentum,  ist  die  erste  Negation  des  individuellen, ­
  auf  eigene  Arbeit  gegründeten  Privateigentums.  Aber  die  kapi-■f
        <pb n="55" />
        —  55  —

talistische  Produktion  erzeugt  mit  der  Notwendigkeit  eines  Naturprazesses
ihre  eigene  Negation.  Es  ist  Negation  der  Negation.  Diese  stellt  nicht  das
Privateigentum  wieder  her,  wohl  aber  das  individuelle  Eigentum  aus
Grundlage  der  Errungenschaft  der  kapitalistischen  Aera:  der  Kooperation
und  des  Gemeinbesitzes  der  Erde  und  der  durch  die  Arbeit  selbst  produzierten
Produktionsmittel."
Diese  Theorie  ist  unzweifelhast  irrig.  Ungemein  lehrreich  sind  in  dieser
Hinsicht  die  von  Werner  Sombart  in  seiner  „Deutschen  Volkswirtschaft  des
19.  Jahrhunderts"  (1.  Auflage,  1993,  S.  508  flg.  sowie  Sozialismus  und
soziale  Bewegung,  S.  94)  gemachten  Angaben.  Man  kann  die  Grenze  für
die  reichen  Leute  ziehen,  wo  man  will,  bei  19  000,  20  000,  50  000  oder  100  000
Mark  Einkommen,  alle  diese  wohlhabenden  und  reichen  Leute  vermehren  sich
rascher  als  irgendeine  andere  Art  von  Einkommensbeziehern.  Als  Beispiel
nehmen  wir  mit  Sombart  das  reiche  Hamburg.  Dort  hatten  1895  ein  Einkommen ­
  zwischen  10  000  und  25  000  Mark  3443  Personen,  1899  schon  4082.
Jene  erhielten  zusammen"  53,5  Millionen,  diese:  63,1.  Zwischen  £5  000
und  50  000  Mark  lag  das  Einkommen  von  1054  Hamburgern  im  Jahre  1895,
1899  aber  bereits  von  1322  Hamburgern.  Jene  erzielten  jährlich  insgesamt:
36,9,  diese  dagegen  schon:  46  Millionen  Mark.  Zwischen  50  000  und  100  000
Mark  Einkommen  bezogen  1895:  484  Personen,  1899  dagegen:  585.  Mehr
als  100  000  Mark  Einkommen  hatten  in  HambUrg  in  den  beiden  erwähnten
Jahren  ^50  und  3li  Personen.  Sie  vereinnahmten  durchschnittlich:  210  000
und  2l9  646  Mark.  Aber  auch  für  ganz  große  Länder  und  eine  lange  Reihe
von  Jahren  reden  die  trockenen  Und  nüchternen  Zahlen  der  amtlichen
Einkommensstatistik  die  gleiche  beredte  Sprache,  daß  von  einer
„beständigen  Abnahme  der  Zahl  der  Kapitalmagnaten"  gar  nicht  entfernt
die  Rede  sein^kann.  Rach  den  verdienstvollen,  dem  amtlichen  Material
entnommenen  Forschungen'  des  bekannten  Statistikers  Soetbeer  betvug  die
Zahl  der  physischen  Zensiten  in  Preußen  mit  Einkommen  von  20  000  bis
100  000  Mark  im  Jahre  1876:  7501,  um  bis  zum  Jahre  1890  auf  12  521  zu
steigen,  die  ganz  großen  Steuerzahler  mit  mehr  als  100  000  Mark  Einkommen ­
  vermehrten  sich  in  dem  gleichen  Zeitraum  von  532  auf  1062.  Im  Königreich ­
  Sachsen  belief  sich  die  Zahl  der  physischen  Zensiten  mit  mehr  als
9600  Mark  Einkommen  im  Jahre  1879  auf:  5293,  im  Jahre  1890  dagegen
auf:  10  402,  sie  wuchs  also  um  96  v.  H.  In  ganz  Preußen  betrug  die  Zahl  der
physischen  Zensiten  mit  9600  bis  30  500  Mark  im  Jahre  1858:  4463,  1896:
47  308,  1902:  64  737  und  1908  sogar:  dreiundachtzigtausend  (!!!).  Also  eine
Zunahme  um  fast  das  Zwanzigfache!!  In  den  gleichen  Jahren  wuchsen  in
Preußen  die  physisches  Zensiten  mit  einem  Einkommen  von  30  500  bis
100  000  Mark  —  der  „mittlere  Oberstand"  wie  sie  Adolf  Wagner  nennt  —
wie  folgt  an:  640,  9265,  13  205  und  achtzehntausend.  Also  Vermehrung  mm
fast  das  Dreißigfache  (!!).  Die  Zahlen  für  die  EiUkommensbezieher  mit  mehr
als  100  000  Mark  —  den  „obersten  Oberstand"  —  in  den  nämlichen  Jahren
sind:  62,  1699,  2762  und  viertausend.  Also  Zunahme  um  fast  das  Sechshundertfache ­
  (!!!).  „Beständige  Abnahme  der  Kapitalmagnaten???  Auch
in  dem  letzten  seitdem  verflossenen  Jahrzehnt  hat  in  Preußen  wie  auch  im
übrigen  deutschen  Reich  diese  Auftvärtsbewegung  in  sehr  erfreulichem  Maße
angehalten  (vergl.  zum  Folgenden:  Die  Bevölkerung  mit  besseren  Ein-
        <pb n="56" />
        kommen  in  Preußen  1916  in  der  Zeitschrift  des  statistischen  preußischen  Landesamts, ­
  87.  Jahrgang,  3.—4.  Abteilung,  S.  52  flg.)  Dom  Jahre  1908  bis
zum  Jahre  1914  hatte  sich  demnach  die  Zahl  der  HäushaltUngsvorstände  und
Einzelwirtschafter  mit  einem  Einkommen  von  über  9500^30  500  Mark  von
83  000  auf  116  876  vermehrt,  die  Angehörigen  des  „mittleren  Oberstandes"
mit  einem  Einkommen  von  30  500  bis  100  000  Mark  waren  b,is  aiuf:  24  551
gestiegen,  und  die  ganz  -großen  Einkommensbezieher  mit  mehr  als  100  000
Mark  Einkommen  auf:  5215.  Allerdings  trat  dann  im  Kriegsjahre  1915
ein  kleiner  Rückschlag  ein,  der  sich  in  der  Abnahme  der  Zahlen  der  Einkommensbegieher
  der  erwähnten  Kategorien  auf:  107  426,  22  962  und  4968
kundgibt.  Aber  bereits  im  folgenden  Jahre  1916  war  dieser  nur  unerhebliche ­
  Rückschlag  schon  so  gut  wie  restlos  überwunden.  Die  Zahlen!  steigen  an
auf:  114  843,  26  602  und  6686.  Gerade  die  beiden  obersten  Einkommensschichten ­
  mit  mehr  als  30  500  Mark  Einkommen  haben  also  ganz  gewaltige
Zuwachse  zu  verzeichnen.  Riesige  Kriegsgewinne  sind  eben  den  stüuerkräftigen
  und  steuerkräftigsten  Zensiten  in  Preußen  zugefallen.  Bei  einer  Vermehrung ­
  der  Zensiten  in  Preußen  im  Zeitraum  von  1896  bis  1916  um  'insgesamt ­
  293  v.  H.  hat  sich  die  Zensitenzahl  der  Einkommen  von  mehr  als
100  000  Mark  fast  vervierfacht,  während  die  der  Einkommensbezieher  von
30  500  bis  100  000  Mark  sich  fast  verdreifachte,  und  die  der  Zensiten  von
9500—30  500  Mark  sich  mehr  als  verdoppelte.
In  Sachsen  findet  sich  genäu  das  gleiche  Bild:  dort  bezogen  ein  Einkommen ­
  von  12  000—100  000  Mark  im  Jahre  1886:  3400,  1906  dagegen:
12  100  Personen  Änd  über  100  000  Mark  in  den  gleichen  Jahren  70  und  400
Personen.
Man  sieht  von  der  Bildung  eines  „Wasserkopfs"  bei  den  oberen  Einkommcnsstüfen
  ist  nicht  das  Geringste  zu  verspüren,  die  Zahl  der  Empfänger ­
  großer  Einkommen  wird  immer  größer,  der  obere  und  oberste  Teil
der  Pyramide  unseres  Gesellschaftsaustaues  wird  nicht  eingeschnürt,  sondern ­
  immer  mehr  und  mehr  verstärkt.  „Man  mag  die  Ziffern  der  Statistik
drehen  und  wenden  wie  man  will.  Je  näher  wir  dem  Augenblick  des  Zu-'
sammenbruchs  der  kapitalistischen  Wirtschaftsordnung  kommen,  destomehr
Expropriateurs  wimmeln  herum.  Das  Geschäft  der  Expropriation  wird  immer ­
  schwieriger  werden."  (Sonstart,  Geschichte  der  deutschen  Volkswirtschaft, ­
  S.  507.)  Angesichts  dieser  unleugbaren  Tatsachen  sieht  sich  denn  auch
Eduard  Bernstein,  der  wissenschaftliche  Vater  des  Revisionismus  in  seinen
„Voraussetzungen  des  Sozialismus",  S.  50,  zu  dem  wertvollen  Zugeständnis
genötigt:  „Es  ist  durchaus  falsch  anzunehmen,  daß  die  gegenwärtige  Entwickelung ­
  eine  relative  oder  gar  absolute  Verminderung  der  Besitzenden  aufweist. ­
  Richt  mehr  oder  minder,  sondern  schlechtweg  mehr,  d.  h.  absolut  und
relativ  wächst  die  Zahl  der  Besitzenden."
i)  Die  Verelendungstheorie.
Sie  ist  bekanntlich  die  Lehre,  daß  im  Zeitalter  der  privatkapitalistischen
Wirtschaftsordnung,  mit  dem  Aufkommen  der  Großindustrie  und  des  Großhandels, ­
  mit  der  Trennung  des  Arbeiters  von  dem  Besitz  und  Eigentum  an
den  Produktionsmitteln  die  gesamte  wirtschaftliche  wie  kulturelle  Latze  des
Arbeiterstandes  ausnahmslos  und  allgemeingültig  immer  schlechter  und
        <pb n="57" />
        57

elender  werde.  An  zahlreichen  Stellen  des  „Kapital",  des  „Kommunistischen
Manifests"  und  anderer  Werke  -von  Marx  findet  sich  diese  verzweiflungsnolle
  Ansicht  mit  aller  Schärfe  als  unumstößliches,  ehernes  großes  Entwickelungsgesetz ­
  ausgesprochen.  Wir  verweisen  zunächst  auf  die  bereits  oben  bei
der  Darlegung  der  Akkumulationstheorie  (S.  53)  angeführte  berühmte
Stelle,  wonach  mit  „der  beständig  abnehmenden  Zahl  der  Kapitalmagnaten
....  wächst  die  Masse  des,  Elends,  des  Drucks,  der  Knechtschaft,  der  Entartung, ­
  der  Ausbeutung."  („Kapital",  Band  I,  24.  Kapitel,  7.  Unterabschnitt, ­
  Geschichtliche  Tendenz  der  kapitalistischen  Akkumulation.)  Auf  alle
alle  die  bereits  wörtlich  angeführten  Stellen  nochmals  einzugehen,
erübrigt  sich  hier,  wir  verweisen  nur  auf  sie.  In  allen  Entwickelungsstadien ­
  seines  Lebens  hielt  der  Meister  an  dieser  düsteren
Auffassung  fest.  Bereits  im  „Kommunistischen  Manifeste"  (achte  Ausgabe,
1912,  S.  37)  hatte  er  ausgeführt:  „Der  Leibeigene  hat  sich  zum  Mitglied  der
Kommune  in  der  Leibeigenschaft  herangearbeitet,  wie  der  Kleinbürger  zum
Bourgois  unter  dem  Joch  des  feudalistischen  Absolutismus.  Der  moderne
Arbeiter  dagegen,  statt  sich  mit  den  Fortschritten  der  Industrie  zu  heben,
sinkt  immer  tiefer  unter  die  Bedingungen  feiner  eigenen  Klasse  herab.  Der
Arbeiter  wird  zum  Pauper,  und  der  Pauperismus  entwickelt  sich  nock&amp;gt;  schneller ­
  als  Bevölkerung  und  Reichtum  .  .  .  Die  Bourgoisie  ist  unfähig,  länger
zu  herrschen,  weil  sie  unfähig  ist,  ihrem  Sklaven  die  Existenz  selbst  innerhalb ­
  seiner  Sklaverei  zu  sichern."  Und  auch  noch  am  Ende  seines  Lebens
hielt  er  an  der  Lehre  mit  voller  Ueberzeugung  fest  und  prägt  sie  in  die
lapidaren  Worte  aus:  „Das  Proletariat  ist  das  seines  Elends  bewußte
Elend,  die  ihrer  Entmenschung  bewußte  und  darum  sich  selbst  aufhebende
Entmenschung".  (Nachlaß,  Band  I,  S.  397,  Band  II,  S.  132  flg.  u.  185.)
Auch  zur  Verelendungstheorie  bekennt  sich  das  Erfurter  Partei-Programm ­
  rückhaltlos  und  restlos:  „Die  ökonomische  Entwickelung  der  bürgerlichen ­
  Gesellschaft  trennt  den  Arbeiter  von  seinen  Produktionsmitteln  und
verwandelt  ihn  in  einen  besitzlosen  Proletarier  .  .  .  Alle  Vorteile  der  Umwandelung ­
  der  kleinen  Betriebe  in  Großbetriebe  werden  von  den  Kapitalisten ­
  und  Großgrundbesitzern  monopolisiert;  für  das  Proletariat  und  dis
versinkenden  Mittelschichten  —  Kleinbürger,  Bauern  —  bedeutet,  sie  wachsende ­
  Zunahme  der  Unsicherheit  ihrer  Existenz,  des  Elends,  des  Drucks,  der
Knechtung,  der  Erniedrigung,  der  Ausbeutung."
Ein  Anhänger  des  üasfalleschen  ehernen  Lohngesetzes  war  Marx  nicht,
im  Gegenteil  hat  er  seine  wissenschaftliche  Unzulänglichkeit  stets  auf  das
Schärfste  bekämpft,  Im  „Kapital"  gibt  er  ausdrücklich  zu,  daß  die  Arbeitslöhne ­
  über  das  Existergministerium  steigen  können,  nur  sind  sie  niemals  in
der  Lage,  die  Grundlage  des  kapitalistischen'  Systems  irgendwie  anzutasten.
An  die  Stelle  des  ehernen  Lohngesetzes  setzt  Marx  die  „Lehre  von  der  industriellen ­
  Reservearmee".  „Im  großen  und  ganzen  sind  die  allgemeinen
Bewegungen  des  Arbeitslohnes  ausschließlich  reguliert  durch  die  Expansion
und  Kontraktion  der  industriellen  Reservearmee,  welche  dem  Periodenwechsel
des  industriellen  Zyklus  entsprechen.  Sie  sind  also  nicht  bestimmt  durch  die
Bewegung  der  absoluten  Anzahl  der  Arbeiterbevölkerung,  sondern  durch  das
wechselnde  Verhältnis,  worin  die  Arbeiterklasse  in  aktive  Armee  und  Reservearmee ­
  zerfällt,  durch  die  Zunahme  und  Abnahme  des  relativen  Um-
        <pb n="58" />
        —  58  —

fange  der  Uebervölkerung,  durch  den  Grad,  worin  sie  bald  absorbiert,  bald
freigesetzt  wird."  („Kapital",  Band  I,  23.  Kapitel:  das  allgemeine  Gesetz
der  kapitalistischen  Akkumulation.)  Mit  der  gewaltigen  Entwickelung  der
modernen  Technik  im  Bunde  mit  der  minutiösesten  Arbeitsteilung  setze  das
Kapital  in  seinem  unersättlichen  Ausdehnungsdrange  durch  Anwendung  von
Maschinen  aller  Art  immer  mehr  Menschen  frei.  Diese  im  technischen  sich
vorwärts  entwickelnden  Arbeitsprozesse  auf  das  Pflaster  geworfenen,  immer
mehr  anschwellenden  Menschenmassen  bilden  eben  die  erwähnte  „industrielle
Reservearmee".  Sie  vergrößert,  sich  mit  den  Fortschritten  der  Technik.
„Innerhalb  des  kapitalistischen  Systems  vollziehen  sich  alle  Methode)!
zur  Steigerung  der  gesellschaftlichen  Produktivkraft  der  Arbeiter  auf  Kosten
des  individuellen  Arbeiters;  alle  Mittel  zur  Entwickelung  der  Produktion
schlagen  um  in  Beherrschung  und  Exploitationsmittel  des  Produzenten,  verstümmeln ­
  den  Arbeiter  in  einen  Teilmenschen,  entwürdigen  ihn  zum  Anhänger ­
  der  Maschine,  vernichten  mit  der  Qual  seiner  Arbeit  ihren  Inhalt,
entfremden  ihm  die  geistigen  Potenzen  des  Arbeitsprozesses  ...  Es  folgt
daher,  daß  im  Maße,  wie  Kapital  akkumuliert  wird,  die  Lage  des  Arbeiters, ­
  welches  immer  seine  Zahlung,  hoch  oder  niedrig  sich  verschlechtern  muß.
Das  Gesetz  endlich,  welches  die  relative  Uebervölkerung  oder  die  industrielle
Reservearmee  stets  mit  Umfang  und  Energie  der  Akkumulation  in  Gleichgewicht ­
  hält,  schmiedet  den  Arbeiter.fester  an  das  Kapital  als  der  Prometheus ­
  die  Ke-ile  des  Hephaistos  an  den  Felsen.  Es  bedingt  eine  der  Akkumulation ­
  von  Kapital  entsprechende  Akkumulation  von  Elend.  Die
Akkumulation  von  Reichtum  auf  dem  einen  Pol  ist  also  zugleich  Akkumulation ­
  von  Elend,  Arbeitsqual,  Sklaverei,  Unwissenheit,  Brutalisierung
und  moralischer  Degradation  auf  dem  Gegenpol"  .  .  .  und  weiter  „Die  verhältnismäßige ­
  Größe  der  industriellen  Reservearmee  wächst  mit  den  Potenzen ­
  des  Reichtums.  Je  größer  aber  diese  Reservearmee  im  Verhältnis  zur
aktiven  Arbeiterarmee,  desto  massenhafter  die  konsolidierte  Uebervölkerung,
deren  Elend  im  umgekehrten  Verhältnis  zu  ihrer  Arbeitsqnal  steht.  Je  größer ­
  endlich  die  Lazarusgeschichte  der  Arbeiterklasse  urid  die  industrielle  Reser.
  earin^e,  desto  größer  der  offizielle  Pauperismus.  Dies  ist  das  absolute
allgemeine  Gesetz  Per  kapitalistischen  Akkumulation."  („Kapital",  Band  I,
S..M9.)
Diese  grenzenlose  düstere,  alles  schwarz  in  schwarz  malende  Theorie  ist
durchaus  falsch,  die  ganze  Entwickelung  hat  die  völlig  umgekehrte
Richtung  genommen  wie  sie  Marx  gelehrt  hat.  Dieser  Zentralpunkt  des
vulgären  Sozialismus  und  der  vulgären  sozialdemokratischen  Tagesagitation
ist  von  so  ungeheuerer  Wichtigkeit,  daß  wir  bei  der  Widerlegung  etwas  längere ­
  Zeit  verweilen  müssen.
Den  denkbar  besten  und  absolut  zuverlässigen  Maßstab  für  die  Beurteilung ­
  der  Wohlhabenheit,  der  materiellen  und  auch  schließlich  der  geistigen
Kultur  der  breitesten  VolksmasseN  bildet  die  Verteilung  der  Bevölkerung
auf  die  einzelnen  Einkommengrtippen.  Verteilt  man  nun  (vergl.  zum
Folgenden  „Zeitschrift  des  Preußischen  Statistischen  Landesamtes,  57.  Jahrgang, ­
  3.  u.  4.  Abteilung,  S.  49)  gemäß  der  amtlichen  Einkommenstatistik  die
gesamte  Bevölkerung  Preußens  auf  die  drei  Haupteinkommensgrupp.en:  bis
900  Mark,  niedere  Einkommen,  über  900—3000  Mark,  mittlere  Einkommen.
        <pb n="59" />
        —  59  —

und  über  3000  Mark,  bessere  Einkommen,  so  ergibt  sich  folgendes  Von
der  Eefamtbevölkerung  (Haushaltungsvorstände  und  Einzelwirtschafter  nebst
den  Familienangehörigen  der  Ersteren)  entfielen  auf  die  Einkommensgruppen ­
  bis  900  Mark  im  Jahre  1896:  21066  453  Personen,  gleich  67,2  v.  H.,  1905
waren  es  immer  noch:  20  483  265,  gleich  56,5  d.  H.,  1910  dagegen  nur  noch:
16  768154,  gleich  42,8  ü.  H.,  seitdem  tritt  eine  weitere  Abnahme  ein  bis
auf  15136  123,  gleich  36,7  v.  H.  im  Jahre  1914.  Zufolge  der  ungünstigen
Kriegseinwirkungen  der  Jahre  1915  und  1916  hebt  sich  die  Zahl  der  Bezieher ­
  der  geringsten  Einkommen  bis  zu  900  Mark  aber  nur  ganz  unwesentlich ­
  bis  auf:  15  380  644,  gleich  37,5  v.  H.  Auf  die  Einkommensgruppe  von
über  900—3000  Acark  dagegen  entfielen  im  Jahre  1896  9  144  476,  gleich
29,2  v.  H.,  1905  sind  es  schon:  14  143  527,  gleich  39  V.H.,  1910:  20  072  166,
gleich  51,3  v.  H.,  1914:  23  243  367,  gleich  56,4  v.  H.  Ebenso  wie  bei  der
vorausgehenden  Einkommensstufe  bis  zu  900  Mark  tritt  dann  auch  hier  in
den  beiden  ersten  Kriegsjahren  eine  ganz  unerhebliche  Abnahme,  auf:
22  986  948,  gleich  56  v.  H.,  ein.  Auf  die  Einkommensgruppe  von  über  3000
Mark  kamen  im  Jahre  1896  überhaupt:  1  138  354  Personen,  gleich  3,6  v.  H.,
1905:  1  642  649,  gleich  4,5  v.  H.,  .1910:  2  305  215,  gleich  5,9  v.  H.,  1914  waren
es  dagegen  bereits:  2  849  304  Personen,  gleich  6,9  v.  H.  Die  beiden  ersten
Kriegsjahre  führten  hier  nur  eine-  ganz  minimale  Abnahme  auf:  2  679126
Personen,  gleich  8,5  v.  H.  im  Jahre  1916  herbei.
Ueber  die  beiden  letzten  Kriegsjahre,  welche  erst  die  außerordentlichen,
zum  großen  Teile  einfach  phantastischen  Lohnerhöhungen  eines  sehr  großen
Teils  unserer  großinÄustriellen  Arbeiterschaft  herbeiführten  und  über  die
später  noch  wenige  Worte  zu  sagen  sein  werden,  liegen  leider  noch  keine
amtlichen  Ermittelungen  vor.  Danach  ist  fortlaufend  in  der  ganzen  20jährigen
  Periode  eine  ganz  erhebliche  Verschiebung  zugunsten  der  mittleren  und
besseren  Einkommen  eingetreten,  es  hat  hocherfreulicherweise  ein  beständiger
Aufstieg  aus  der  Klasse  der  niederen  Einkommen  stattgefunden.
Läßt  man  die  nicht  selbständig  zu  veranlagenden  Haushaltungsangehörigen ­
  weg  und  berücksichtigt  man  nur  die  Einkommensgliederung  der
H  a  u  s  h  a  l  tu  ng  s  v  o  r  st  ä  n  d  e  und  Einzelwirtschafter,  so  ergibt
sich  folgende  Verteilung:  Auf  die  Einkommen  bis  zu  900  Mark  entfielen  von
ihnen  im  Jahre  1896:  8613  994  Personen,  gleich  75,1  v.  H.,  1905:  8  842  215,
gleich  65,2  v.  H.,  1910:  8199181  Personen,  gleich  54,5  v.  H.,  1914:  7  986  634.
gleich  49,1  v.  H.,  1916:  7  847  210',  gleich  49,3  v.  H.  Auf  die  Einkommensstufe ­
  von  über  900—3000  Mark  sind  die  Zahlen:  1896:  2  528  333,  gleich  22
v.  H..  1905:  4  233  498,  gleich  31,3  v.  H.,  1910:  6145  356,  gleich  40,8  v.  H„
1914:  7  379  645,  gleich  45,4  v.  H.  1916  ist  die  Verhültniszahl  genau  die
gleiche,  nur  die  absolute  Ziffer  ist  ganz  unmerklich  auf:  7  225  485  herabgegangen. ­
  Für  die  besseren  Einkommen  von  über  3000  Mark  ergibt  sich
folgende  Verteilung:  1896:  331  091  über  3000  Mark  ergibt  sich  folgende  Verteilung: ­
  1896:  331091  Personen,  gleich  2,9  v.  H.,  1905:  501  437,  gleich  3,6
v.  H.,  1910:  703  753,  gleich  4,7  v.  H.,  1914:  888  201,  gleich  5,5  o.  H..  1916:
841928,  gleich  5,3  v.  H.  Darnach  hat  sich  die  Schicht  der  Bezieher  eines  Einkommens ­
  von  über  3000  Mark  nahezu,  eines  solchen  von  über  900—3000  M.,
mehr  als  verdoppelt.
Im  Königreich  Sachsen  bildeten  die  Personen  mit  einem  Einkommen
        <pb n="60" />
        60  —

von  weniger  als  800  Mark  im  Jahre  1679  noch  81,51  v.  H.,  1894  nur  iroch:
36,89  v.  H.,  1900  nur  noch  28,29  v.  §.,  1912  dagegen  nur  noch:  18,4  v.  H.
Das  Einkommen  aus  Gehalt  und  Lohn  belief  sich  dort  im  Jahre  1880  auf
insgesamt:  379,9  Millionen  Mark,  1913  dagegen  belief  es  sich  auf:  1966,7
Millionen,  es  ist  also  eine  Steigerung  um  nicht  weniger  als  417,7  v.  H.
zu  verzeichnen.  Weit  geringer  dagegen  find  die  Steigerungsgesetze  im  gleichen ­
  Zeitraume  für  die  anderen  Produktionsfaktoren,  aus  dem  Grundbesitze
entflossen  nämlich  Einnahmen  im  Jahre  1880:  222,2  Millionen,  1913  452,3
Millionen,  also  eine  Zunahme  um  103,6  v.  H.,  aus  Handel  und  Gewerbe:
353,4  und  1913:  995,5  Millionen.  Zunahme  um  181,7  v.  H.
Die  Zahl  der  zur  Ergänzungssteuer  herangezogenen,  also  ein
Vermögen  von  über  6000  Mark  besitzenden  Personen  vermehrte  sich  in
Preußen  von:  1  166  700  im  Jahre  1896  auf:  1940  500,  im  Jahre  1914.
Auch  die  Sparkasseneinlagen  und  die  Arbeiterlöhne  haben  in  den  letzten
Jahrzehnten  und  Jahren  ganz  gewaltige  Steigerungen  aufzuweisen.  Während ­
  im  Deutschen  Reiche  die  Zahl  der  Einlagen  bei  den  Sparkassen  im
Jahre  1876  erst  1869  Millionen  Mark  betragen  hatte,  belief  sie  sich  im
Jahre  1913  bereits  auf  19  Milliarden  .689  Millionen  und  auf  den  Kopf  der
Bevölkerung  berechnet,  wuchs  die  Höhe  der  Einlage  von:  44  Mark  auf  nicht
weniger  als  292  Mark.
Der  Schichtlohn  der  Steinkohlenbergarbeiter  im  Bezirk  Dortmund  betrug ­
  im  Jahre  1890  3.98  Mark,  im  Jahre  1913:  6,47  Mark,  heute  dagegen
bei  achtstündiger  Arbeitszeit  bei  einem  Stundenlohne  von  2,40  Mark.  19,20
Mark,  die  durchschnittlichen  Tagelöhne  für  Maurer  und  Zimmerer  in  Berlin
stiegen  von  3  Mark  im  Jahre  1882  auf  6,75  Mark,  im  Jahre  1913,  für  Maler
und  für  Installateure  von  3,50  Mark  im  Jahre  1888  auf  5,85  im  Jahre  1913.
Heute  .  d.  h.  im  Mai  1919,  finden  wir  bei  einem  Stundenlohne  von  2,40
Mark  bei  achtstündiger  Arbeitszeit  Sätze  von  19,20  Mark!!
Die  Löhne  unserer  Eisenbahner  sind  derzeitig  folgende:  Ein  zwanzigjähriger ­
  Eisenbahnhandwerker  (Schlosser,  Tischler  usw.)  verdient  in  der
Stunde  2,50  Mark,  also  bei  einem  achtstündigen  Arbeitstag  20  Mark,  d.  h.
unter  Zugrundelegung  von  300  Arbeitstagen  int  Jahre  6000  Mark.  Ein  27-fähriger
  nichtqualifizierter  Eisenbahnarbeiter  erhält  in  Berlin  bei  2,20  M.
Stundenlohn  täglich  17,60  Mark.  Der  geringst  besoldete  Eisenbahnarbeiter
verdient  heute  in  Berlin  für  die  Stunde  1,75  Mark.  Die  Gehälter  für  einfache ­
  männliche  Hilfskräfte  des  Berliner  Magistrats  belaufen  sich  aUf  monatlich ­
  335  bis  405  Mark.  Die  Einnahmen  eines  großstädtischen  Straßenbahnfahrers ­
  belaufen  sich  im  Monat  auf  durchschnittlich  450  Mark,
die  des  Berliner  Müllkutschers  auf  jährlich  9300  Mark.  Vergleichen ­
  wir  mit  diesen  Lohnbezügen  die  Einkommen  anderer  deutscher  Volksschichten, ­
  so  ergibt  sich  die  unumstößliche  Tatsache,  daß  die  wirtschaftliche  Lage
der  Arbeiterschaft  weit  günstiger  ist  als  diejenige  der  ihnen  ungefähr ­
  entsprechenden  sozialen  Volksschichten,  wie  namentlich  diejenigen  unserer ­
  unteren  Beamtenschaft.  Ja  selbst  die  Gehälter  unserer  jüngeren  höheren ­
  Beamten  mit  langjähriger,  äußerst  kostspieliger  Vorbereitungszeit  werden
durch  die  Höhe  unserer  gelernten  tüchtigen  und  hochqualifizierten  Arbeiter
in  den  Schatten  gestellt.  Das  Anfangsgehalt  des  jungen,  etwa  22jährigen
ledigen  Volksschullehrers  beträgt  heute  noch  in  preußischen  Großstädten  ein-
        <pb n="61" />
        61  —

schließlich  aller  Teuerungszulagen  und  Wohnungsgeldzuschuß  ungefähr  2200
Mark,  das  des  29jährigen  Amtsgerichtssekretärs  kaum  3400  Mark,  die  Tagegelder ­
  des  34jührigen  preußischen  Eerichtsassessors  —  wie  sie  heute  zu  Hunderten ­
  anzutreffen  sind  —  soweit  er  überhaupt  kommissarisch  beschäftigt  ist,
hochgerechnet  12  Mark  und  sein  Gesamteinkommen  etwa  4000  Mark,  ebenso
hoch  odör  richtiger  trostlos  gering  ist,  das  Anfangsgehalt  des  jungen  30jährigen
  Pfarrers.  Eine  derartige  Vergleichung  aber  ermöglicht,  wie  Lassalle
durchaus  mit  Recht  in  seinem  offenen  Antwortschreiben  an  das  Zentralkomitee ­
  zur  Berufung  eines  allgemeinen  deutschen  Arbeitervereins  &amp;gt;zu  Leipzig  ,
(Band  I  der  Gesamtausgabe  seiner  Werke,  S.  19  flg.)  hervorhebt,  den  besten
Maßstab  für  die  Beurteilung  der  Lage  der  Arbeiterschaft,  Um  jedwedem
Mißverständnis  die  Spitze  abzubrechen,  so  soll  mit  der  Feststellung  dieser
Tatsachen  in  keiner  Weise  über  die  Entwickelung  der  Lohnhöhe  ein  abfälliges
Werturteil  ausgesprochen  werden,  im  Gegenteil  erscheint  diese  Steigerung
vom  sozialpolitischeü  Standpunkt  des  Verfassers  aus  betrachtet,  als  hocherfreulich, ­
  Insbesondere  an  der  geradezu  phantastischen,  unerhörten  auf
einer  Ausbeutung  weitester  Volksschichten  beruhenden  Kriegsgewinnen  durch
skrupellose  Ausnutzung  der  Stellung  des  Reichs  —  namentlich  beim
Kriegsbeginn  —  bei  der  Lieferung  des  gesamten  Kriegsbedarfs  und
Ueberteuerung  fast  aller  Waren,  ist  es  das  einzig  Versöhnende,  daß  sie  wenigstens ­
  zu  einem  Bruchteil  in  Gestalt  hoher  Arbeitslöhne  den  breitesten
Volksschichten  zugute  gekommen  sind.  Lediglich  um  die  Unrichtigkeit  des
Marxischen  Verelendungsgesetzes  darzulegen,  wurden  die  gewaltig  hohen
Lohnsätze  der  letzten  Jahre  hier  ganz  kupz  mitgeteilt.  Nun  erhebt  sich  freilich ­
  —  und  zwar  nicht  nur  jetzt  während  der  Kriegsjahre,  sondern  auch  schon
in  der  Vorkriegszeit  —  der  sehr  gewichtige  und  ernstlichste  Beachtung  verdienende ­
  Einwand  gegen  diese  hier  vertretene  optimistische  Auffassung,  daß
die  Steigerung  der  Löhne  nur  scheinbar  sei,  lediglich  der  Nominallahn
werde  erhöht,  der  Reallohn  aber  bleibe  gleich,  die  Kaufkraft  des  Lohnes
sinke  in  derartig  gewaltigem  Maßstab  unaufhaltsam,  daß  hierdurch  die
Lohnerhöhungen  völlig  wettgemacht,  wenn  nicht  gar  überkompensiert  würden.
Ernsthafter  Nachprüfung  hält  jedoch  diese  Meinung  nicht  Stand,  Sehr  beachtenswertes ­
  Material  hierüber  bringt  die  kleine  Schrift  von  Ashley  „Das
Aufsteigen  der  arbeitenden  Klassen  Deutschlands  im  letzten  Vierteljahrhundert", ­
  1906,  Danach  war  nach  Berichten  der  Kruppschen  Konsumanstalt  in
Essen  in  den  Kruppschen  Werken  der  durchschnittliche  Tagelohn  im  Jahre
1871:  3,30  Mark  und  im  Jahre  1900:  4,78,  er  stieg  also  von  100  auf  157  v,  H,
Die  Entwickelung  der  wichtigsten  Lebensmittelpreise  dagegen  war  im  gleichen ­
  Zeitraume  die  folgende:  für  Speck  .von  100  auf  102  v,  H,,  für  Rindfleisch ­
  von  100  auf  111  v,  H.  und  von  Kalbfleisch  von  100  auf  121  v,  H„  für
Kartoffeln  dagegen  ein  Preissturz  von  ]00  auf  69  und  für  Roggenbrot  von
100  auf  83  v,  H,  Nach  Untersuchungen  aus  dem  Ruhrgebiete  (vergl,  Schnioller:
  Die  soziale  Frage,  1918,  S,  266)  stellt  sich  der  Lebensaufwand,—  die  Preise
von  1886  auf  100  gesetzt  —  die  Verteuerung  des  Lebens  1886:  100,  1909:  122,
76,  die  Steigerung  der  Bergarbeiterlöhne  1886:  100  und  1909:  174,87.  Die
Lohnsteigerung  übertrifft  demnach  die  Verteuerung  noch  um  52,11  v,  H,  Hochinteressant ­
  ist  das  Ergebnis,  zu  welchem  der  Revisionist  R,  Calwer  (Sozialistische ­
  Monatshefte,  1908,  Band  I,  S,  479  flg.)  gelangt:  „Der  Nominal-
        <pb n="62" />
        —  62

lohn  des  in  berufsgenossenschaftlichen  Betrieben  beschäftigten  Vollarbeiters
ist  seit  1898  um  rund  37—38  v.  H.,  das  Warenpreisniveau  in  der  nämlichen
Zeit  um  rund  28  o.  H.  gestiegen.  Die  Differenz  zwischen  beiden  Steigerungsziffern ­
  gibt  die  Bewegung  des  Reallohnes  an,  der  feit  1893  bis  einschließlich ­
  1906  um  ca.  12—13  v.  H.  zugenommen  hat."
Die  Arbeiterschutzgesetzgebüng  zwang  die  Unternehmer  im  Interesse  des
Arbeiters  Anlagen  zu  errichten,  um  seine  Gesundheit  zu  schützen,  er  müßte
sich  mit  kürzerer  Arbeitszeit  begnügen,  besondere  Kinderschutzgesetze  minderten ­
  die  gewerbliche  Beschäftigung  der  Kinder  und  Jugendlichen  beträchtlich ­
  oder  verboten  sie  sogar  gänzlich,  die  gewaltigen  Arbeitnehmerorganisationen ­
  mit  ihren  Hunderttausenden  und  Millionen  Mitgliedern  und  zum
Teil  Riesenvermögen  —  die  freien  Gewerkschaften  Deutschlands  allein  verfügen ­
  Aber  ein  Vermögen  von  rund  100  Millionen  Mark  —  stärkest  das
Selbstbewußtsein  und  die  wirtschaftliche  Macht  der  Arbeiter  ungemein,  und
hoben  ihre  Intelligenz  und  allgemeine,  politische  wie  kulturelle  Reife
außerordentlich!  Zweifelsohne  war  die  gange  Kültürentwickelung  der  letzten ­
  Jahrzehnte  der  Arbeiterklasse  nicht  abträglich  und  verderblich,  wie  Marx
es  lehrte,  sondern  in  höchstem  Grade  förderlich!  Ein  ganz  gewaltiger  Fortschritt ­
  hat  sich  seit  der  Abfassung  des  „Kommunistischen  Manifestes"  und  des
„Kapitals"  in  der  staatsbürgerlichen  Stellung  des  Arbeiters  vollzogen!.  Er
gibt  bei  fast  allen  politischen  Wahlen  den  Ausschlag,  und  bildet  heute  die
herrschende  Schicht  Deutschlands.  Da  klingt  es  abgeschmackt  und  grotesk  noch
von  „Sklaverei"  und  zunehmender  „Ausbeutung"  zu  reden  und  zu  schreiben.
Die  Unhaltbarkeit  der  Verelendüngstheorie  liegt  klar  zu  Tage.  Die  Revisionisten, ­
  insbesondere  Eduard  Bernstein  und  Kampfmeyer  —  haben  sie
deutlich  erkannt  und  restlos  aufgegeben.  Bernstein  sagt  es  offen  (Voraussetzungen, ­
  S.  43,  103  und  172  flg.):  „Die  moderne  Lohnarbeiterschaft  ist  nicht
die  gleichgeartete,  in  bezug  auf  Eigentum,  Familie  usw.  gleich  ungebundene
Masse,  die  im  „Kommunistischen  Manifest"  vorausgesehen  wird.  Große
Schichten  heben  sich  uns  ihr  zu  kleinbürgerlichen  Existenzen  empor."  Aber
selbst  in  strenggläubigen  altmarxistischen  Kreisen  sah  man  sich  zu  einer
Preisgabe  der  Theorie  in  ihrer  absoluten  Gestalt  genötigt,  die  Tatsachen
redeten  eben  eine  zu  deutliche  Sprache.  So  muß  selbst  Kautsky  in  feinem
Juni  1906  verfaßten  Vorwort  zur  achten  Ausgabe  des  „Kommunistischen
Manifestes"  offen  einräumen  (S.  6),  in  den  Reihen  der  Arbeiter  wachse  die
Zahl  derjenigen,  „deren  Lebens-  und  Arbeitsbedingungen  sich  über  die  der
kleinen  Handwerker,  Händler  und  Bauern  erheben.  Die  Lage  vieler  Schich-'
len  der  besitzlosen  Arbeiter  erhebt  sich  heute  über  die  weiter  Kreise  von  besitzenden, ­
  d.  h.  im  Besitze  ihrer  Produktionsmittel  befindlichen  Arbeitern.
Man  kann  daher  heute  nicht  mehr  mit  dem  „Kommunistischen  Manifeste"
sagen:  Der  Arbeiter  wird  zum  Pauper,  er  sinkt  immer  tiefer  unter  die  Bedingungen ­
  seiner  eigenen  Klasse  herab."  Rur  durch  recht  künstliche  Umdeutung ­
  in  einem  pfychologifchen-subjektiven  Sinne,  der  Arbeiter  empfände  heute
zufolge  der  Steigerung  seines  Selbstbewußtseins  und  seiner  gehobenen  kulturellen ­
  Stellung  seine  Abhängigkeit,  seinen  „Drück",  seine  „Ausbeutung"
und  „Knechtschaft",  besonders  tief  und  schmerzlich,  sucht  er  im  übrigen!  die
Lehre  aufrecht  zu  erhalten.  Aber  er  tut  damit  dem  klaren  und  deutlichen
Wortlaut  des  kommunistischen  Manifestes  und  des  Kapitals  (vergl.  die  oben
        <pb n="63" />
        —  63  —

von  uns  mitgeteilten  Stellen)  offenkundigen  Zwang  an,  zweifelsohne  haben
Marx  und  Engels  ihrer  Theorie  eine  ganz  andere,  sehr  reale  Bedeutung  beigelegt ­
  und  „Elend",  Druck,  Ausbeutung  und  Sklaverei  sehr  handgreiflich,  materiell ­
  verstanden.
g )  Die  Krisen-  und  Zusammenbruchstheorie.
Sie  geht  dahin:  Aus  dem  Schatze  der  bürgerlichen  Gesellschaft ­
  wachsen  die  Kräfte  hervor,  die  sie  langsam  aber  sicher
dem  Untergange  zuführen.  Die  völlig  anarchische  Produktionsweise,
die  immer  steigende  Prositsucht,  die  fehlende  Uebersicht  über  die
Absatzmärkte  und  die  Gestaltung  des  Absatzes  machten  das  Mitzverhältnis
  zwischen  der  Menge  der  '  Warenvorräte  und  ihrer  Absatzfähigkeit
  immer  krasser.  Immer  mehr  und  mehr  würden  die  Krisen  zunehmen, ­
  gleichsam  immer  wiederkehrende  Bankerotte  der  bürgerlichen  Gesellschaft ­
  seien  sie,  die  schlietzlich  zu  einer  Weltkrisis  und  zu  einem  völligen.Zusammenbruch ­
  der  ganzen  kapitalistischen  Produktionsweise  führen  werden.
Im  „Kommunistischen  Manifeste"  lesen  wir  (S.  30/31)  hierüber:  „Die  bürgerlichen ­
  Eigentumsverhältüisse,  die  moderne  bürgerliche  Gesellschaft,  die  so
gewaltige  Produktions-  und  Verkehrsmittel  hervorgezaubert  hat,  gleicht  dem
Hexenmeister,  der  die  unterirdischen  Gewalten  nicht  mehr,  zu  beherrschen  vermag, ­
  die  er  heraufbeschwor.  Seit  Dezennien  ist  die  Geschichte  der  Industrie
uUd  des  Handels  nür  die  Geschichte  der  Empörung  her  modernen  Produktivkräfte ­
  gegen  die  modernen/  Produktionsverhältnisse,  gegen  die  Eigentumsverhältnisse, ­
  welche  die  Lebensbedingungen  der  Vourgoiste  und  ihrer  Herrschaft ­
  sind.  Es  genügt  die  Handelskrisen  zu  nennen,  welche  in  ihrer  periodischen ­
  Wiederkehr  immer  drohender  die  Existenz  der  ganzen  bürgerlichen  Gesellschaft ­
  in  Frage  stellen.  In  den  Handelskrisen  wird  ein  großer  Teil  nicht
nur  der  erzeugten  Produkte,  sondern  der  bereits  geschaffenen.Produktivkräfte
regelmäßig  vernichtet.  In  den  Krisen  bricht  eine  gesellschaftliche  Epidemie
aüs,  welche  allen  früheren  Epochen  als  ein  Widersinn  erschienen  wäre  —
die  Epidemie  der  Ueberproduktion.  Die  Gesellschaft  findet  sich  plötzlich  in
einen  Zustand  momentaner  Barbarei  zurückversetzt/  eine  Hungersnot,  ein
allgemeiner  Vernichtungskrieg  scheinen  ihr  alle  Lebensmittel  abgeschnitten
zü  haben,  die  Industrie,  der  Handel  scheinen  vernichtet,  unh  warum?  Weil
sie  zu  viel  Zivilisation,  zu  viel  Lebensmittel,  zu  viel  Industrie,  zu  viel
Handel  besitzt.  Die  Produktivkräfte,  die  ihr  zur  Verfügung  stehen,  dienen
nicht  mehr  zur  Beförderung  der  bürgerlichen  Eigentumsverhältnisse,  im  Gegenteil, ­
  sie  sind  zu  gewaltig  für  diese  Verhältnisse  geworden,  sie  werden
von  ihnen  gehemmt,,  und  sobald  sie  diese  Hemmnis  überwinden,  bringen  sie
die  Existenz  des  bürgerlichen  Eigentums.  Die  bürgerlichen  Verhältnisse
sind  zu  eng  geworden,  um  den  von  ihnen  erzeugten  Reichtum  zu  fassen.  Wodurch ­
  überwindet  die  Bourgoisie  die  Krisen?  Einerseits  durch  die  erzwungene ­
  Vernichtung  einer  Masse  von  Produktivkräften;  andererseits  durch  die
Eroberung  neuer  Märkte  und  die  gründlichere  Ausbeutung  alter  Märkte.
Wodurch  also?  Dadurch,  daß  sie  allseitigere  mnd  gewaltigere  Krisen  vorbereitet ­
  und  die  Mittel,  den  Krisen  vorzubeugen,  vermindert."
Auch  hier  hat  das  Erfurter  sozialdemokratische  Parteiprogramm  vom
Jahre  1891  sich  restlos  dem  Meister  verschrieben.  Es  heißt  hier  Über  die
Krisen:  „Der  Abgrund  zwischen  Besitzenden  und  Besitzlosen/  wird  noch  er-
        <pb n="64" />
        64  —

weitert  durch  'btc  im  Wesen  der  kapitalistischen  Produktionsweise  begründeten ­
  Krisen,  die  immer  Umfangreicher  und  verheerender  werden,  die  allgemeine ­
  Unsicherheit  zum  Normalzustand  der  Gesellschaft  erheben  und  den  Beweis ­
  liefern,  daß  die  Produktivkräfte  der  heutigen  Gesellschaft  über  den
Kopf  gewachsen  find,  daß  das  Privateigentum  an  Produktionsmitteln  unvereinbar ­
  geworden  ist  mit  deren  zweckentsprechenden  Anwendung  und  voller
Entwickelung,"
feie  geschichtliche  Entwickelung  hat  auch  auf  diesem  Gebiete  gegen  Marx
entschieden.  Nicht  häufiger,  sondern  immer  seltener  sind  die  Krisen  geworden ­
  und  ihr  Verlauf  immer  schonender  und  milder,  an  die  Stelle  schwerer
explosionsartiger  Störungen  der  Volkswirtschaft  sind  eher  schleichende  chronische
Depressionen  getreten.  Die  Rückschläge  der  Konjunktur,  die  auch  heute  noch
besonderen  blühenden  Aufschwungsperioden  nachfolgen,  nehmen  an  Heftigkeit ­
  nicht  zu,  sondern  ab,  „Noch  niemals  hat  die  kapitalistische  Wirtschaft
eine  auch  nur  annähernd  so  mächtige  Hausse  erlebt  wie  seit  Mitte  der  1890er
'Jahre  bis  zum  Schlüsse  des  Jahrhunderts.  Gleichwohl  ist  der  Rückschlag
(der  erste  seit  25  Jahren)  milder  gewesen  wie  je  einer  zuvor.  Don  all  den
Schrecknissen,  von  welchen  Marx  und  Engels  auf  Grund  ihrer  Erfahrungen
(Ktisen  von  1836,  1837,  1857,  1873)  zu  berichten  wissen,  findet  sich  in  den
Jahren  1900  flg,  nur  ein  verschwindender  Teil"  (SomLart,  Sozialismus,
S,  97),  Zu  einer  wirksamen  Bekämpfung  der  Krisen  haben  insbesondere  die
großen  kartellierten  Jndustrieverbände  und  die  weitaus  bessere  Organisation ­
  des  Bankkredits  beigetragen,  sie  sind  ein  treffliches  Gegenmittel  gegen
die  Ueberproduktion,  Mit  Recht  erklärt  Bernstein  (Voraussetzungen  des  Sozialismus, ­
  S,  92):  Mit  viel  weniger.Gefahr  als  der  Privatunternehmer
kann  er  (d,  h,  der  kartellierte  Jndüstrieverband)  in  Zeiten  der  Ueberfüllung
des  Marktes  zur  zeitweisen  Einschränkung  der  Produktion  übergehen.  Besser
als  Dieser  ist  er  in  der  Lage,  der  Schleuderkvnkurrenz  des  Auslandes  zu  begegnen, ­
  Dies  leugnen,  heißt,  die  Vorzüge  der  Organisation  vor  der
anarchischen  Konkurrenz  leugnen.  Das  tut  man  aber,  wenn  man  prinzipiell
in  Abrede  stellt,  daß  die  Kartelle  aus  die  Natur  und  Häufigkeit  der  Krisen
modifizierend  einwirken  können,"
Man  sage  auch  nicht,  daß  der  Krieg  und  in  Deutschland  in  seinem  unheilvollen ­
  Gefolge  die  Revolution  die  ungeheuerste,  Marx's  Voraussetzungen
weit  übertreffende,  die  grandioseste  Krise  bedeute,  die  je  über  die  Weltwirtschaft ­
  und  die  Menschheit  hereingebrochen  sei  und  die  restlos  den  Zusammenbruch ­
  der  kapitalistischen  Wirtschaftsordnung  herbeiführen  werde.  Ganz
abgesehen  davon,  daß  dieses  zur  Zeit  der  Niederschrift  dieser  Zeilen  noch
mindestens  gänzlich  unbeweisbar  und  völlig  unübersehbar  ist  —  nur  die
Kommunisten  und  Unabhängigen  glauben  heute  an  einen  raschen  Fortschritt
der  Weltrevolution  —  so  würde  die  Verwirklichung  dieser  —  u,  E,  utopischen
Hoffnungen  auf  eine  Weltkatastrophe  zurückzuführen  sein,  die
weder  Marx  noch  Engels  in  den  Bereich  ihrer  ErwartungeU  eingestellt  hatten, ­
  Denn  nur  von  Handelskrisen  sprechen  sie  in  ihrer  Zusammenbruchs-  und
Krisentheorie,  an  einen  Weltkrieg  und  einen  —  uns  allerdings  ernstlich
drohenden  —  völligen,  Zusammenbruch  europäischer  Kultur  dachten  sie  nicht,
diese  tellurischen  Ereignisse  zogen  sie  nicht  in  Betracht,
        <pb n="65" />
        —  65  —

III.  Kurze  Würdigung  der  Bedeutung  von  Karl  Marx
für  Wissenschaft  und  Arbeiterbewegung.
Bereits  in  den  früheren  Abschnitten  sahen  wir  bei  Besprechung  der
wichtigsten  einzelnen  Theorien  von  Karl  Marx,  daß  seine  Lehren  größtenteils ­
  der  tragenden  Grundkraft  entbehren  und  durch  die  Tatsachen  »infach
widerlegt  worden  sind  Und  es  noch  heute  täglich  werden,  die  wirtschaftliche,
soziale  und  allgemein  kulturelle  Entwickelung  der  Arbeiterschichten  nahm
einen  ganz  anderen  Verlauf  als  ihn  der  verdüsterte,  alles  schwarz  in  schwarz
malende  Marx  vorausgesagt  hatte.  Nicht  nach  unten,  in  ein  immer  größeres ­
  Elend  hinein,  sondern  aufwärts  gu  lichten,  sonnigen  Höhen  führte  die
Entwickelung.  Wir  mußten  die  grundlegende  sozialphilosophische  Lehre  des
„Historischen  Materialismus"  nicht  als  leuchtende  und  wärmende  Zentralsonne. ­
  sondern  als  trügerisches,  in  den  Sumpf  lockendes  Irrlicht  erkennen.
Die  soziale  Entwickelung  vollzieht  sich  unter  Menschen,  diese  vollziehen  die
Entwickelung,  diese  setzen  sich  Zwecke  und  handeln  nach  ihnen.  Restlos  durchdacht ­
  Und  bis  zum  äußersten  angewandt,  führt  die  Marxische  Lehre  von  der
blinden,  ehernen  „Naturnotwendigkeit"  alles  sozialen  Werdens  zu  einer
stumpfen  Ergebenheit  und  blinden  Fatalismus!  Durchaus  ry'it  Recht  erklärt ­
  Sombart  alles  soziale  Geschehen  für  einen  zu  bewirkenden  Zustand.
„Es  ist  rfien 1  ganz  verkehrt,  die  Vorstellung  vom  naturgesetzlichen  Prozeß
blindlings  auf  das  soziale  Leben  zu  übertragen;  also  in  unserem  Falle  zu
sagen,  der  Sozialismus  müsse  mit  Naturnotwendigkeit  kommen.  Er  denkt
gar  nicht  daran.  Warum  beispielsweise  die  Entwickelung  des  Kapitalismus
nicht  ebensogut  zu  einem  Untergänge  der  modernen  Kultur  soll  führen  können ­
  ...  ist  nicht  einzusehen."  (Sozialismus  und  soziale  Bewegung,  S.  106).
AIs  verfehlt  erwiesen  sich  uns  auch  die  Klassenkampftheorie,  sowie  die  Akkumulations-,
  die  Verelendungs-  und  die  Krisen-  (Zusammenbruchs-)  Theorie.
In  sehr  weitem  Umfang  dagegen  als  richtig  stellte  sich  —  wenigstens  auf
gewerblichem  Gebiete  —  die  Konzentrationsthevris  heraus.  Wir  sehen,  daß
die  Großindustrie  in  Deutschland  in  unaufhaltsamem  Vorrücken  begriffen  ist
und  unter  Zurüädrängung  —  wenn  auch  keineswegs  unter  völliger  Beseitigung ­
  und  Vernichtung  —  des  Handwerks  und  kleingewerblichen  Betriebes  —
das  kennzeichnende  Merkmal  unserer  industriellen  Entwickelung  überhaupt
ist  und  unserer  Jndustrieverfassung  den  beherrschenden  Stempel  aufprägt.
Unendlich  schwierig  ist  es,  über  Marx  ein  objektives,  abschließendes  Werturteil, ­
  über  die  Bedeutung  seines  Lebenswerkes  für  die  Geschichte  der  Wissenschaft ­
  abzugeben.  Gerade  für  ihn  gilt  das  Dichterwort:  „Von  der  Parteien ­
  Hatz  ünd  Gunst  verwirrt,  schwankt  sein  Charakterbild  in  der  Geschichte." ­

Aber  eins  ist  mit  allem  Nachdruck  zu  betonen:  Aller  sachlicher  Widerspruch ­
  zu  Marx  und  alle  bewußte  Ablehnung  seiner  Hauptlehren  —  wie  es
hier  geschah  —  darf  den  überzeugten  wissenschaftlichen  Gegner  nicht  von  dem
rückhaltlosen  Zugeständnis  abhalten:  Marx  gehört  zu  den  ganz  großen  sozialphilosophischen ­
  und  wirtschaftsgeschichtlichen  Denkern  aller  Zeiten!
Durch  seine  Lehre  vom  geschichtlichen  Materialismus  suchte  er  als  Erster
das  bunte  erdrückende  Wirrsal  des  historischen  Abflusses  aller  menschlichen
Dinge  nach  einem  großen  einheitlichen  und  unerbittlichen  Grundgesetz  zu
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        X  .

—  66  —

durchleuchten,  eine  das  bisherige  Dunkel  vielfach  erhellende,,  wenn  auch  nicht
restlos  erklärende  Fackel  der  Erkenntnis  entziindete  er  hier.  In  seinen  Werken, ­
  insbesondere  in  den  drei  Riesenbänden  des  „Kapital"  ist  eine  schier  verschwenderische ­
  Fülle  von  Geist  ausgegossen.  Ueberall  schöpft  Marx  bei  der
Konzeption  seiner  Cedanlengänge  aus  erster  Hand,  die  kleinsten  Einzelheiten ­
  aller  parlamentarischen  Blaubücher  über  die  wirtschaftliche  Lage  der
englischen  Arbeiterklasse  sind  ihm  wohlbekannt.  Unermüdlich  sammelt  er  alles, ­
  rastlos  durcharbeitet  er  alles,  auf  das  Scharfsinnigste  durchdenkt  er  alles.
Namentlich  das  „Kapital"  „enthüllt  eine  solche  Fülle  wirtschafts-theoretifcher,
  wirtschaftsgeschichtlicher  und  wirtschaftspolitifcher  Ideen,  stellt  eine
solche  Fundgrube  nationalökonom'ischen  Wissens  dar,  daß  jeder,  auch  wenn
er  die  einseitigen  Gesichtspunkte,  aus  denen  das  ganze  Material  verarbeitet
und  gesichtet  ist,  sich  nicht  zu  eigen  macht,  die  reichste  Anregung  und  Belehrung ­
  aus  diesem  Werke  erhält."  (D'iehl  a.  a.  O.,  S.  414.)
Sein  großes  Verdienst  ist  es  insbesondere,  daß  er  auf  die  außerordentlich
schweren  Gefahren,  die  unser  ganzes  Wirtschaftsleben  zufolge  des  Vorhandenseins ­
  der  industriellen  Reservearmee  —  deren  Existenz  in  der  Tat  als
Signatur  unserer  privatkapitalistischen  Wirtschaftsordnung  nicht  gut  in  Abrede ­
  gestellt  werden  kann  —  bedrohen,  mit  furchtbarem  Ernst  hingewiesen
hat.  Irrig  freilich  ist  es,  wenn  er  hierbei  lehrt,  daß  die  „industrielle  Reservearmee" ­
  sich  immer  wieder  von  neuem  aus  sich  selber  erzeuge.  Denn
diese,  die  durch  ihr  Ueberangebot  auf  dem  Wirtschaftsmarkt  die  Löhne  herabdrückt, ­
  hat  ihren  Ursprung  und  ihr  Rekrutierungsgebiet,  wie  dieses  der  berühmte ­
  Soziologe  Franz  Oppenheimer  in  seinen  verdienstvollen  Werken
(„Die  Siedelungsgenossenschaft",  2.  Auflage,  1913,  „Das  Großgrundeigentum
und  die  soziale  Frage",  1898,  „Die  soziale  Frage  und  der  Sozialismus",  1919)
einwandsfrei  erwiesen  hat,  auf  dem  Lande  in  den  Eroßgllterbezirken.  Von
dort  setzt  die  massenhafte  Abwanderung  ein,  die  in  die  gewerblichen  Zentren
einströmt  und  dort  auf  die  Löhne  drückt.  Aus  den  Großgüterbegirkenj,  den
Gebieten  des  wirtschaftlichen  Hochdrucks  strömen  die  Menschenmassen  zu  ungezählten ­
  Tausenden  jahrein,  jahraus  in  die  Gebiete  des  wirtschaftlichen
Niederbruchs,  um  dort  verwüstend  zu  wirken.  Eine  Bekämpfung  der  Großgüter ­
  muß  daher  zur  Gesundung  des  sozialen  Lebens  in  allererster  Linie
beitragen.  Diese  großen  Zumsammenhänge  hat  Marx  verkannt,  seine  Betrachtung ­
  heftete  sich  zu  ausschließlich  an  dem  einen  Produktionsfaktor:
menschliche  Arbeit,  er  vergaß  hierbei  die  gewaltige  Bedeutung  des  anderen
Produktionsfaktors:  Grund  und  Boden  so  gut  wie  vollkommen!  Vor  allem
aber  hat  Marx  den  Arbeiter  erst  gewissermaßen  für  sich  selbst  gewonnen  und
ihm  das  Verständnis  für  seine  gewaltige  Bedeutung  im  Produktionsprozesse
beigebracht,  er  hat  ihn  hingewiesen  mit  flammenden  Worten  auf  das  Unwürdige ­
  seiner  Stellung,  daß  ihn  der  Unternehmer  nur  als  dienendes  Teilrädchen ­
  im  Produktionsprozeß  betrachte.  Schon  ihm  war  letzten  Endes  die
Hebung  der  ganzen  Persönlichkeit  des  Wirtschaftsmenschen,  seine  Heraushebung ­
  aus  dem  bloßen  Objekt  der  Wirtschaft  zu  ihrem  Subjekt,  Menschenökonomie ­
  und  nicht  Steigerung  der  Produktivität  das  Primäre!  So  hat
er  den  wissenschaftlichen  Sozialismus  auf  das  Tiefste  begründet.  Gewiß
auch  er  war  nur  ein  Kind  seiner  Zeit,  ein  irrender  Mensch  und  kein  Gott,
seine  angeblichen  „ehernen  Gesetze"  der  menschlichen  Wirtschaft  passen  durch-
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        —  67  —

aus  nicht  für  jede  privatkapitalistische  Wirtschaftsordnung,  sondern  im  wesentlichen ­
  nur  für  die  zurzeit  des  'Erscheinens  des  „Kapital"  (1867)  herrschende, ­
  fast  völlig  ungebundene  manche  st  erlich-liberali  st  ische
  freie  Unternehmer  ausbeutungswirtschaft.  Diese  in  ihrer  Sünden
Maienblüte  aber  hatten  wir  bereits  in  Deutschland  vor  dem  Zusammenbruch
des  ancieme  regime  fast  restlos  durch  eine  weitgehende  soziale  Schutzgesetzgebung ­
  überwunden.  Der  1.  Band  seines  „Kapitals"  ist  das  düster  flammende ­
  Fanal,  wie  es  hätte  kommen  können,  wenn  eben  nicht  der  —  von  ihm
sozial  geschmähte  „bürgerliche"  Staat  —  helfend  und  abwehrend  in  die  Entwickelung ­
  eingegriffen  hätte.  Gewiß  war  Marx  ein  Prophet  des  Hasses,
seine  Werke  —  insbesondere  das  „Kommunistische  Manifest"  und  der  1.  Band
des  „Kapital"  —  sind  mit  beißender  Ironie  und  ätzender  Geringschätzung  der
Bourgoisie  geschrieben.  Aber  wie  Gustav  v.  Schmoller  in  seiner  „Sozialen
Frage"  (S.  287)  mit  Recht  bemerkt,  „er  hat  den  1.  Band  seines  „Kapitals"
unter  den  schrecklichsten  Qualen  schwerer  Krankheit  und  dem  herzzerreißenden
häuslichen  Elende  geschrieben,  in  einer  Lage,  in  der  sein  ohnedies  galliger
Sinn  sich  bis  zum  krankhaften  Haß  gegen  die  oberen  Klassen  steigerte,  die
ihn  nach  seiner  Empfindung  aus  der  Heimat  in  das  Elend  gejagt  hatten."
Wenn  auch  seine  Offenbarungen  großenteils  Chimäre  und  grandiose  Vision
sein  und  bleiben  werden,  zu  den  großen  Anregern  und  Bahnbrechern  der
Wissenschaft  und  noch  mehr  der  ganzen  Menschheitsgeschichte  gehört  er  zweifelsohne. ­
  Ohne  ihn  keine  moderne  Arbeiterbewegung,  ohne  ihn  kein  wissenschaftlicher ­
  Sozialismus,  ohne  ihn  keine  deutsche  Sozialdemokratie,  ohne  ihn
keine  „Internationale",  ohne  ihn  letzten  Cndes  auch  kein  9.  November  1918
und  keine  deutsche  Republik.  Er  war  ein  Lichtbringer  und  Fackelträger  der
Menschheit,  wenn  auch  ganz  gewiß  nicht  ein  Heros  des  reinen  Lichts,  sondern ­
  Künder  grimmen  Hasses,  er  war,  ist  und  wird  für  immer  bleiben
einer  der  großen  Wegkünder  und  Wegbereiter  der  heutigen  Arbeiterklasse.
        <pb n="68" />
        IIIIIIIIBIIIIIIIIIIIIIII

Sechstes  Kapitel.

Der  Bolschewismus.

In  Karl  Marx  wurzeln  —  dieses  zur  Evidenz  nachgewiesen  zu  haben,
ist  das  Hauptverdienst  Werner  Sombarts  in  seinen!  hier  wiederholt  angeführten ­
  Werken  —■  zwei  grundverschiedene,  sich  so  feindlich  wie  Feuer  und
Wasser  gegenüberstehende  Weltanschauungen:  eine  evolutionistische  —
realistisch-historische  und  eine  utopistische-revolutionäre.  Diese  ist  besonders
in  den  Erstlingswerken  des  jungen  Marx  ausgeprägt  insbesondere  im  „Kommunistischen ­
  Manifest",  im  Verlauf  seiner  späteren  Studien  hat  er  sie  fast
restlos  überwunden,  insbesondere  im  „Kapital"  tritt  sie  durchaus  in  den
Hintergrund,  nur  bisweilen  bricht  sie  noch  wie  ein  züngelnder  Blitz  hervor.
Nus  dieser  durchaus  überwundenen  und  insbesondere  von  Friedrich  Engels
stets  auf  das  Schärfste  bekämpften  Ausgangsstufe  des  Karl  Marx  baut  sich
nun  der  Bolschewismus  eines  Lenin  und  Trotzkis  in  Rußland  auf,  wie  ihn
„mit  einer  ans  Pathologische  grenzenden  Genauigkeit"  (Sombart)  ihre
Jünger  allenthalben,  insbesondere  aber  die  Spartakisten  Deutschlands  nachäffen. ­
  Gläubig  beten  die  Bolschewisten  den  jugendlichen  Marx  an,  sie  schwören ­
  auf  die  Worte  des  „Kommunistischen'  Manifestes",  dieses  ist  für  sie
„Tabu"  und  eine  Gotteslästerung,  eine  Sünde  gegen  den  heiligen  Geist  seinen ­
  ewigen  Wahrheitsgehalt  irgendwie  anzuzweifeln.  Nur  mit  den  spanischen ­
  Kroßinquisitionen  vom  Schlag  eines  Torquemadas  ist  ihre  Dogmenanbetung ­
  und  ihre  bluttriefende  Verfolgungssucht  zu  vergleichen.  Es  sind
rasende,  vom  finsteren  Hasse  besessene,  rein  negativ  ausgerichtete  Menschen.
Die  Sozialisten,  selbst  die  radikalen,  hassen  sie  am  meisten.  „Das  Verhalten
Kautskys,  den  die  Sozialisten  aller  Ländervor  dem  Kriege  als  Hohenpriester ­
  des  Marxismus  allgemein  verehrten,  ist  eine  unerhörte  Besudelung
des  Marxismus."  (E.  Zinojew—Lenin:  „Sozialismus  und  Krieg",  1915,
S.  8.)  „Er  ist  ein  Virtuose  der  internationalen  Heuchelei,  er  falsifiziert  den
Marxismus  in  den  Jmperalismus  um.“  (ebenda,  S.  19  und  39.)  Renner
und  Viktor  Adler  sind  „Spießgesellen  des  Kapitals",  „Betrüger",  „Schwindler", ­
  „Knechte  den  Bourgoisie".  Der  eigenartige  Name  der  Bolschewisten,
d.  h.  Mehrheitsleute,  erklärt  sich  daraus,  daß  eine  Gruppe  der  vormals  einigen ­
  russischen  Sozialisten  1903  auf  dem  Vrüsseler-Londoner  Kongreß  die
Mehrheit  erhielt,  die  unterlegene  Minderheit  führt  seitdem  den  Namen
Menschewiki.
Auf  die  Einzelheiten  ihres  umfangreichen  Programms  können  wir  hier
nicht  eingehen,  nur  einen  kurzen  lleberblick  zu  geben  ist  vielmehr  hier  wie
allenthalben  unsere  Aufgabe.  Genau  wiedergegeben  und  erläutert  ist  es  in
der  von  N.  Bucharin  verfaßten  und  von  K.  Radek  mit  einem  interessanten
Vorwort  versehenes,  1918  im  Züricher  Verlag  Union  erschienenen  umfang-
        <pb n="69" />
        —  «9  —

reichen  Schrift  -„Das  Programm  der  Kommunisten"  (Volsche-wiki).  Wertvolles ­
  Material  bringt  auch  die  kleinere  Schrift  Lenins  „Die  nächsten  Aufgaben ­
  der  Sowjet-Macht"  (Berlin,  Verlag  der  Aktion).  Trefflich  unterrichtet ­
  auch  das  umfangreiche  6.  Kapitel  des  „Sozialismus  und  soziale  Bewegung" ­
  von  Werner  Sombart  (S.  143—193)  über  diese  neueste  sozialpathologische
  Massenerscheinung.  Einleitend  und  zusammenfassend  sei  jetzt  schon
betont,  daß  der  Gesamtgeift  des  Bolschewismus  weiter  nichts  ist  als  der  alte
Revolutionsgeist,  der  Geist  des  jugendlichen  revolutionären  Marx.  Grundsätzlich ­
  verfechten  die  Bolschewisten  die  Diktatur  des  Proletariats  bis  zum
äußersten,  der  Gedanke  der  Herrschaft  der  Mehrheit,  also  der  Demokratie,  ist
ihnen  völlig  fremd.  „Wie  jeder  andere  Staat,  ist  der  proletarische  Staat
eine  Organisation  der  herrschenden  Klasse  .  .  .  und  eine  Organisation  der
Gewalt."  (Bucharin,  Programm,  S.  17).  Das  Ziel  ist  „die  Bourgoifie  völlig
zu  erwürgen"  (Bucharin,  S.  25).  Daher  predigt  der  Bolschewismus  den
schärfsten  und  erbittertsten  Klassenkampf  mit  allen  Mitteln.  „Der  Bürgerkrieg, ­
  den  die  revolutionäre  Sozialdemokratie  in  dieser  Epoche  zu  ihrer  Losung ­
  macht,  das  ist  der  Kampf  des  Proletariats  mit  den  Waffen  in  der
Hand  gegen  die  Bourgoifie  für  die  Expropriation  der  kapitalistischen  Klasse
in  den  führenden  kapitalistischen  Ländern"  (Bucharin,  S.  34).  „Nur  durch
den  Bürgerkrieg  und  die  eiserne  Diktatur  des  Proletariats  kann  man  zur
kommunistisch-genossenschaftlichen  Produktion  gelangen"  (S.  85).  „Marxismus ­
  ist  kein  Pazifizismus"  (S.  21).  „Wir  sagen:  unsere  Losung  ist  Entwaffnung ­
  der  Bourgoifie,  Bewaffnung,  allgemeine  und  unbedingte,  der  Arbeiterklasse." ­
  (S.  72.)  „Parlamentarismus  ist  Kretinismus",  an  seine  Stelle
tritt  die  Rate-Regierung,  der  Sowjet.  Die  Reste  sind  die  Vertreterschaft  des
arbeitenden  Volkes.  Wahlberechtigt  und  wählbar  find  nach  dem  Art.  64  der
„Verfassung  der  russischen  sozialistischen  föderativen  Räte-Repüblik"  (in
deutscher  Uebersetzung  im  Züricher  Verlag  Union  erschienen  1918)  alle  achtzehn ­
  Jahre  alten  Männer  und  Frauen,  „die  sich  die  Mittel  zum  Leben  durch
produktive  und  gemeinnützige  Arbeit  verdienen,"  die  Soldaten  der  roten
Armee  und  Arbeitsunfähige.  Richt  wählen  und  nicht  gewählt  werden  können: ­
  die  Unternehmer,  Rentner,  Händler,  Mönche  und  Geistliche,  -Polizeibeamte, ­
  Geisteskranke,  Verbrecher  und  die  Mitglieder  des  früheren  Herrscherhauses. ­
  Das  wirtschaftspolitische  Programm  ist  auf  rascheste
Sozialisierung  gerichtet.  Die  wichtigsten  Forderungen  sind:  Zuerst  werden
die  sämtlichen  Banken  zentralisiert  und  nationalisiert.  Die  Zentralvolksbank
soll  werden  eine  „gesellschaftliche  Büchhalterei  der  sozialistischen  genossenschaftlichen ­
  Produktion".  Dann  werden  die  syndizierten  Industriezweige  nationalisiert, ­
  es  folgt  die  übrige  Großindustrie  „durch  den  Uebergang  der
Großindustrie  in  die  Hände  des  Arbeiterstaates  wird  auch  der  Kleinbetrieb
davon  abhängig  gemacht."  Gleichzeitig  erfolgt  die  Vergefellfchaftlichung  des
Grund  und  Bodens  und  Einführung  der  gemeinsamen  Bodenbearbeitung.
Die  früher  großen  Eütsbezirke  werden  in  Zukunft  genossenschaftlich  bewirtschaftet. ­
  Es  wird  eine  zentralisierte  Volkswirtschaft  eingeführt,  in  der  alle
Arbeit  und  Verteilung  nach  einem  genauen  Plane  geregelt  ist.  Zur  Durchführung ­
  dieser  Zentralisation  werden  für  alle  Industrien  und  Betriebe  besondere ­
  volkswirtschaftliche  Räte  eingeführt,  die  mit  den  Arbeiterräten  und
der  Rüteregierung  stets  in  engster  Fühlung  stehen.  Es  wird  eine  Arbeite-
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        —  70

Pflicht  eingeführt,  zunächst  für  Personen  mit  mehr  als  S00  Rubel  monatliches
Einkommen,  später  für  alle.  Die  Arbeiter  erhalten  ihren  Lohn  nicht  in
Geld,  denn  dieses  wird  völlig  beseitigt,  sondern  durch  Zuweisung  eines  Arbeitskonsumbüchleins,
  unter  dessen  Vorlegung  er  laut  der  von  ihm  verrichteten ­
  dort  eingetragenen  Arbeit  die  von  ihm  benötigten  Waren  erhält.  Allgemeine ­
  Arbeiterkataster  dirigieren  das  Riefenheer  der  Arbeiter  von  der
Zentrale  an  die  einzelnen  Arbeitsplätze  in  Industrie,  Handel  und  Landwirtschaft. ­
  Spekulation  und  Handel  werden  gänzlich  ausgeschaltet,  die  „regelmäßige ­
  Verteilung  des  Produkts  erfolgt  auf  Grundlage  einer  Regiftration
der  Bedürfnisse  und  Vorräte"  (man  denke  an  die  Verteilung  der  rationierten
Lebensmittel  durch  unser  Kartensystem  in  Deutschland).  Zwecks  Durchführung ­
  dieser  Verteilung  wird  die  Bevölkerung  allenthalben  in  „Konsumkommunen"
  gusam'mengeschlossen.  Die  Einzelhauswirtschaft  wird  zwecks  besserer ­
  Verteilung  und  Befreiung  der  Frau  von  ihrer  Haussklaverei  aufgehoben, ­
  an  ihre  Stelle  tritt  die  soziale  Hauswirtschaft,  die  Zentralküche.
Auch  die  Hauseigentümer  werden  enteignet,  und  zwar  ohne  jede  Entschädigung. ­
  Die  Arbeiterräte  ergreifen  von  den  Häusern  Besitz,  sie  registrieren  die
Häuser  und  Wohnungen  und  verteilen  sie  nach  Vertreibung  der  bisherigen
Hauseigentümer  je  nach  Bedarf.  Zuletzt  soll  auch  der  auswärtige  Handel
vergesellschaftet  werden.  Kein  Russe  darf  mehr  mit  ausländischen  -Kapitalisten ­
  Handelsgeschäfte  abschließen.  Den  ganzen  Handel  betreibt  die  Sowjetrepublik. ­
  Diese  Programmforderungen  sind  größtenteils  verwirklicht,
durch  Dekret  vom  17.  Dezember  1917  wurden  zuerst  die..Banken  nationalisiert,
zuletzt  durch  Dekret  vom  28.  Juni  1918  die  gesamte  Industrie,  auch  der
Handel,  der  binnenländische  sowohl  wie  der  ausländische  ist  verstaatlicht.
Zu  einem  guten  Teil  ist  aber  die  Durchführung  der  „Sozialisierung"  nur
auf  dem  Papiere  stehen  geblieben,  man  sah  sich  genötigt,  der  verhaßten  privatkapitalistischen ­
  Wirtschaftsordnung  ganz  bedeutende  Zugeständnisse  zu
machen.  Hochinteressant'  sind  hierüber  die  Ausführungen  Lenins  in  seinem
dem  allrussischest  zentralen  Vollzugsausschuß  der  Arbeiter-,  Soldaten-,
Bauern-  und  Kreisdeputierten  erstatteten  Bericht:  „Die  nächsten  Aufgaben
der  Sowjet-Macht",  dem  dieser  in  seiner  am  29.  April  1918  gefaßten  Resolution ­
  rückhaltlos  beistimmte.  Da  lesen  wir  (S.  IS  flg.),  daß  ohne  die  Anleitung ­
  von  Fachleuten  der  verschiedenen  Zweige  des  Wissens,  der  Technik,
der  Erfahrungen,  der  Uebergang  zum  Sozialismus  unmöglich  fei,  „wir  mußten ­
  daher  zu  dem  alten  bürgerlichen  Mittel  greifen,  und  auf  eine  sehr
hohe  Bezahlung  der  Dienstleistungen  der  größten  unter  den  bürgerlichen ­
  Fachleuten  eingehen  ...  Es  ist  klar,  daß  solch  eine  Maßnahme  ein
Kompromiß  ist,  ein  Abrücken  von  denPrinzipien  derPariser
Kommune  und  jeder  proletarischen  Macht,  die  eine  Gleichstellung ­
  der  Gehälter  mit  der  EntlöhnUng  eines  Durchschnittsarbeiters  verlangen ­
  .  .  .  Gehälter  von  2S  000  Rubel  für  Sterne  erster  Größe  seien  nicht
zu  hoch  und"  müßten  unbedingt  bezahlt  werden.  Interessant  ist  auch  das  sehr
wichtige  Zugeständnis,  das  Lenin  den'  Eenofsenfchqften  und  Konsumvereinen
auch  deU  bürgerlichen  gemacht  hat,  die  Sowjetmacht  verzichtete  auf  das  Recht
des  unentgeltlichen  Eintritts  in  eine  Genossenschaft,  „das  einzige  konsequent
proletarische  Prinzip",  wie  auch  auf  die  Vereinigung  der  gesamten  Bevölkerung ­
  einer  gegebenen  Oertlichkeit  in  eine  einzige  Genossenschaft.  Sie  mutzte
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        also  mit  den  bürgerlichen  Genossenschaften  unter  Verleugnung  ihres  Prinzips
direkt  paktieren.  „Indem  wir  die  bürgerlichen  Elemente  leiten,  sie  benutzen,
ihnen  gewisse  einzelne  Zugeständnisse  machen,  schaffen  wir  -ie  Bedingungen
für  eine  Vorwärtsbewegung,  die  etwas  langsamer  als  wir  ursprünglich  annahmen, ­
  sein  wird,  aber  gleichzeitig  gefestigter,  mit  solider  Sicherung  der
Basis  und  der  Verbindungslinien,  mit  besserer  Verschanzung  der  zu  erobernden ­
  Positionen,  Die  Sowjets  können  und  müssen  ihre  Erfolge  in  der  Sache
des  sozialistischen  Aufbaues,  unter  anderem  an  außerordentlich  klaren,  einfachen ­
  und  praktischen  Massen  ermessen  (nämlich  in  welcher  Zahl  von  Gemeinden, ­
  Kommunen  oder  Ansiedelungen,  städtischen  Quartieren  usw.)  und  inwieweit ­
  sich  die  Entwickelung  der  Genossenschaften  dem  Ideale  nähert,  die
gesamte  Bevölkerung  zu  umfassen  (Lenin,  S.  26/27).  In  der  Tat,  die  Vergesellschaftung ­
  kann  sich  nur  insoweit  verwirklichen,  als  der  Bedarf  befestigt
und  genossenschaftlich  organisiert  wird.  Das  größte  Gewicht  legt  Lenin
vollkommen  mit  Recht  auf  die  Erhöhung  der  Produktivität  der  Arbeit:
„Hierbei  wird  es  mit  einem  .Male  sichtbar,  daß,  wenn  man  sich  der  zentralen
Staatsmacht  in  einigen  Tagen  bemächtigen  kann  ...  die  dauerhafte  Lösung ­
  der  Aufgabe,  die  Arbeitsproduktivität  zu  heben,  jedenfalls  (besaiÄrers
nach  dem.qualvollsten  und  zerstörendsten  aller  Kriege)  einige  Jahre  erfordert." ­
  (S.  28.)  Sehr  wahre  Worte,  die  sich  besonders  unsere  deutschen  Bolschewisten, ­
  Kommunisten,  Spartakisten,  aber  auch  Unabhängige  Sozialdemokraten ­
  mit  ihren  wahnsinnigen  volkszerrüteftden  Massenstreiks  gesagt  lassen
sein  sollten.  Eine  Erhöhung  der  Disziplin  der  Werktätigen  bezeichnet  Lenin
als  Bedingung  für  den  ökonomischen  Aufstieg  als  unerläßlich.  „Die  Revolution ­
  erfordert,  und  zwar  im  Interesse  des  Sozialismus.die  widersprAchslose
  Untere,rdmmng  der  Massen  unter  den,  einmütigen  Willen  der  Leiter  des
Arbeitsprozesses  (von  Lenin  selber  fett  gedruckt)  .  .  .  Man  muß  lernen,  den
stürmischen,  in  Frühlingsü'berschwemmung  eilenden,  die  Ufer  übertretenden
Meetings-Demokratismus  der  arbeitenden  Massen  mit  der  Eisernen  Disziplin ­
  während  der  Arbeit,  mit  dem  widerspruchslosen  Gehorsam  (von  Lenin
selber  im  Druck  hervorgehoben),  dem  Willen  einer  einzigen  Person,  des
Sowjet-Leiters  während  der  Arbeit  zu  vereinigen.  Wir  haben  das  noch  nicht
gelernt."  (S.  47/48.)  Mit  allen  Mitteln  muß  die  Produktivität  der  Arbeit
gefördert  werden.  „Auf  die  Tagesordnung  muß  gestellt,  praktisch  angewandt
und  versucht  werden:  der  Akkordlohn,  die  Anwendung  von  vielem,  was
an  Wissenschaftlichem  und  Fortschrittlichem  im  Taylor-System  vorhanden  ist,
die  Anpassung  des  Verdienstes  entsprechend  den  Endsummen  der  Produktionsauebeute
  oder  der  Exploitierungsrefultate  des  Transportes  durch  Eisenbahnen ­
  und  Wasserwege  usw."  &amp;lt;S.  29/30.)  Man  staunt  auf  das  äußerste:
Eine  Empfehlung  des  Akkordlohns,  den  die  organisierte  Arbeiterschaft  im
Zeitalter  des  Kapitalismus  stets  als  „Mordlohn"  auf  /das  schroffste  bekämpft ­
  hat,  zwangsweise  Einführung  des  Taylor-Systems,  dieser  feinsten
Blüte  eines  raffinierten  Hochkapitalismus  und  schonungslos  ausbeutenden
Industrialismus,  eines  über  die  Maßen  fein  ausgeklügelten  Systems,  das
den  Arbeiter  rücksichtslos  ausquetscht  wie  eine  Zitrone  uitd  ihn  als  ausgemergeltes ­
  Abfallsprodukt  einer  Knochenmühle  und  Strandgut  in  einem  Alter ­
  auf  den  Kehrichthaufen  der  Wirtschaft  schleudert,  in  dem  er  sich  nach  den
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        Gesetzen  der  Natur  im  ungeschwächten  Vollbesitze  seiner  Gesundheit  befinden
sollte.  Wahrlich,  schwer  ist  es,  hierüber  keine  Satire  zu  schreiben!
Der  Versuch  der  russischen  Bolschewisten,  dem  Sozialismus  von  heute
auf  morgen  zu  verwirklichen,  indem  sie  ihn  einfach  dekretierten  und  mit  Waffengewalt ­
  einführen  wollten,  scheiterte  vollkommen,  er  verwandelte  die
blühende  russische  Volkswirtschaft  in  einen  großen  Trümmerhaufen,  und  ganz
Rußland,  insonderheit  die  Großstädte,  in  eine  Schädelstätte  und  ein  wahres
Golgatha.
Einem  gewiß  unverdächtigen  und  unvoreingenommenen  Beurteiler  der
Verhältnisse,  der  sich  bereits  seit  sechzehn  Jahren  an  leitender  Stelle  in
der  russischen  sozialistischen  Bewegung  betätigt  und  überzeugter  internationaler ­
  revolutionärer  Sozialist  ist,  Dimitry  Kawronsky  erteilen  wir  zum  Beweise ­
  dessen  das  Wort.  In  seiner  ergreifenden  Schrift:,  „Die.Bilanz  des
russischen  Bolschewismus"  (Berlin  1919)  lesen  wir  über  die  wahrhaft  chiliastischen
  Hoffnungen,  welche  der  Bolschewismus  über  die  fanatisierten  ungebildeten ­
  russischen  Volksmassen  ausgoß:  „Auch  die  Arbeiter  glaubten,  daß
die  Bolschewiki  ihnen  sofort  das  Paradies  auf  Erden  verschaffen  würden.
Und  die  Sozialisten,  die  alle  ihre  Kräfte  darauf  richteten,  die  Massen  &amp;gt;vor
dem  Bolschewismus  zu  schützen,  um  diese  alles  unterspülende  Welle  .  der
Anarchie  und  des  unorganisierten  Raubes  erfolgreich  bekämpfen  zu  können,
befanden  sich  in  der  Lage  von  Pkenschen,  die  etwa  versuchen  wollten,  einem
seit  langen  Zeiten  hungernden  Menschenhaufen  klar  zu  machen,  daß  es  nicht
angehe,  den  ganzen  Vorrat  an  Korn  zu  verzehren,  den  ihnen  plötzlich  ein
glücklicher  Zufall  zuteil  werden  ließ,  und  daß  man  etwas  Saatgut  übrig  lassen ­
  müsse,  um  im  nächsten  Jahre  nicht  zu  verhungern."  (S.  36.)  Nachdem
sich  im  November  1917  die  Bolschewiki  der  Staatsgewalt  bemächtigt  hatten,
„führte  die  schiefe  Ebene,  auf  der  die  russische  Revolution  in  den  Abgrund
hinabglitt,  sprunghaft  in  die  Tiefe.  In  den  ersten  zwei  Wochen  der  bolschewistischen ­
  Herrschaft  fielen  die  Eetreidelieferungen  an  der  Front  und  für
die  Städte  auf  45  v.  H.  ihrer  bisherigen  Höhe.  Ueberall  ging  eine  mächtige
Welle  der  Zerstörung  und  Verwüstung  der  gutsherrlichen  Besitzungen  über
das  Land.  Einzelne  Kreise,  Dörfer,  fa  sogar  Privatpersonen,  ergriffen  eigenmächtig ­
  Besitz  vom  freien  Boden.  Die  Intensität  der  Arbeit  sank  noch  weiter ­
  ..  .  &amp;gt;(S.  39.)  Durch  die  Entfesselung  des  inneren,  des  Bürgerkrieges,
haben  die  Bolschewiki  eine  Reihe  von  Fehlern,  nein  von  den  schlimmsten ­
  Verbrechen  begangen  .  .  .  Dabei  wird  der  Bürgerkrieg  bei  uns
nicht  von  zwei  verschiedenen  Klassen,  sondern  von  zwei  verschiedenen  Gruppen ­
  derselben  revolutionären  Demokratie  geführt  .  .  .  .  (S.  42.)  Das  ist  die
innere  Logik  des  Bolschewismus.  Nachdem  er  einmal  den  Versuch  gewagt,
den  Sozialismus  auf  seine  Art  gegen  den  klär  ausgesprochenen  Willen  der
Mehrheit  durchzuführen,  und  hierfür  zu  dem  einzigen  Mittel,  über  das  er
verfügte,  zur  Gewalt  gegriffen  hatte,  vermochte  er  es  nicht  mehr,  sich  auf
dieser  schiefen  Ebene  zu  halten.  (S.  43.)  Ein  gewaltiger  Feldzug  gegen  die
sozialistische  Presse  setzte  ein,  nun  setzte  die  Zerstörung  der  sozialistischen  Organisation ­
  ein,  und  die  Gefängnisse  begannen  aufs  neue,  sich  mit  Angehörigen ­
  der  sozialistischen  Partei  zu  füllen  .  .  .  Erst  begannen  Füsiladen  einzelner ­
  Sozialisten,  dann  folgten  die  Massenhinrichtungen  von
Arbeitern  in  Kolpino,  in  Moskau,  in  Petersburg  .  .  .  Gegen  die  Strei-
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        Bag  917“"“*«24.3.64.
ä  —  73  —
kenden  wurde  dicht  nur  Waffengewalt  angewandt,  man  entzog  ihnen
auch  die  Lebensmittel  und  gab  sie  dem  Hungertode  preis...
Es  fetzte  ein  richtiger  Kreuzzug  gegen  die  gesamte  Bevölkerung  ein.  lleberall
  fanden  Massenhinrichtungen  von  Bauern,  Arbeitern  und  Intellektuellen ­
  statt.  Die  sozialistischen  Parteien  wurden  für  vogelfrei  erklärt, ­
  ihre  Mitglieder  auf  der  Stelle  erschossen  oder  als  Eeisseln  in  Konzentrationslagern ­
  untergebracht.  Eine  blutige  Welle  des  politischen  Terrors, ­
  die  eine  selbst  im  Vergleich  zu  den  Zeiten  des  Zarismus  unerhörte
Ausdehnung  annahm,  schwoll  immer  mehr  an  und  überschwemmte  das
unglückliche  Land,  das  ohnmächtig  in  den  Fesseln  der  wirtschaftlichen  Desorganisation, ­
  Anarchie  und  Hungersnot  schmachtete."  (S.  45/46.)  Wahrhaft
erschütternde  Einzelheiten  entrollt  auf  Crund  bolschewistischer  Quellen  selber ­
  der  4.  Abschnitt  des  Buches  „Das  Bild  des  heutigen  Rußlands."  Danach ­
  müssen  die  Bolschewisten  für  das  Gouvernement  Petersburg  selber  einräumen, ­
  daß  der  Verpflegungszustand  verzweifelt  ist.  In  der  Gegend,  von
der  die  Rede  ist,  konnte  vom  21.  Dezember  1917  bis  anfangs  September  1918
von  dem  Proviantamt  nicht  ein  einziges  Stück  Brot  verteilt  werden."  (Petersburger ­
  Wahrheit  vom  30.  Oktober  1918.)  An  Giern  kamen  während  des
ganzen  Sommers  1918  acht  Stück  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung.  Ueber  die
Gouvernements  Olonez  und  Nowgorod  schreibt  der  Kommunist  Eolubew:
„Ich  selbst  war  Augenzeuge,  wie  die  Menschen  dazu  übergingen,  sich  nach
Art  von  Tieren  zu  nähren,  wie  sie  auf  den  Feldern  wilden  Klee  suchten,
trockneten,  zerrieben  und  aus  ihm  Fladen  buken"  .  .  .  Auch  im  Gouvernement ­
  Wologda  wird  die  Lage  gänzlich  unhaltbar,  die  Hungersnot  hat  schon
begonnen.  Aehnliche  Mitteilungen  kann  man  in  der  bolschewistischen  Presse
über  alle  Gouvernements,  die  auf  Einfuhr  angewiesen  sind,  d.  h.  über  die
Hälfte  des  ganzen  Sowjet-Rußlands,  hören  ...  In  einem  Lande,  in  dem
man  so  Hunger  leidet,  daß  die  Menschen  in  Massen  vor  Hunger  sterben  und
auf  der  Straße  vor  Erschöpfung  hinfallen,  läßt  sich  eben  die  Wahrheit  nicht
verheimlichen  .  .  .  Aber  die  Lage  der  Arbeiter  in  bezug  auf  die  Lebensmittelverteilung ­
  ist  noch  weit  schlechter  ....  Im  Gouvernement  Twer,  Wladimir, ­
  Nowgorod,  Kostroma  u.  a.  haben  die  Post-  und  Telegraphenarbeiter
schon  drei  Monatelang  von  nirgendher  irgendwelche  Lebensmittel  erhalten ­
  ...  (S.  52/53.)  Die  großen  Industrien,  die  Metallindustrie,  die
Textilindustrie,  die  Gummi-,  Zement-  und  Naphtaindustrie&amp;gt;sind  so  gut  wie
ganz  zerrüttet.  „Man  kann  jede  beliebige  Jndustriebranche  nehmen,  die
Zuckerindüstrie,  die  Papierindustrie,  die  Streichholzindustrie,  kurz,  welche
man  auch  ins  Auge  fassen  will,  überall  ertzibt  sich  das  gleiche  Bild  einer
traurigen  Zerstörung,  rapiden  Zerrüttung,  ja  einer  völligen  Vernichtung.
Das  „Oekonomische  Leben"  (Nr.  12)  schreibt  in  einer  Charakteristik  der  wirtschaftlichen ­
  Gesamtlage:  Die  Lage  unserer  Industrie  kann  im  gegebenen
Momente  mit  dem  einem  Wort  „katastrophal"  charakterisiert  werden  (S.
54)....  „Das  Transportwesen  ist  in  Rußland  völlig  zerrüttet  ...das
Land  stirbt  d  e  n  H  u  n  g  e  r  t  &amp;gt;o  d.  (S.  55)  Selbst  das  wenige,  w!as  überhaupt ­
  noch  produziert  wird,  gelangt  nur  mit  äußerster  Mühe  zur  Verteilung.
Die  bolschewistischen  Organisatoren  sind  unfähig  und  bestechlich  in  hohem
Grade,  ihre  Amtsgeschäfte  dienen  ihnen  zur  Selbstbereicherung.  &amp;gt;(S.  57—61.)
„Der  Zerfall  der  Industrie  Und  die  Lebensmittelkrise  lasten  schwer  auf  der
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        74  —

Arbeiterschaft."  Zum  größten  Teil  ist  sie  aus  einandergelaufen,  hat  sich  in
die  Dörfer  zerstreut."  (S.  63.)  .„In  Wahrheit  vollzieht  sich  nicht  der  Aufbau ­
  des  sozialistischen  Staates  in  Rußland,  sondern  etwas  ganz  anderes,
der  völlige  Zerfall  der  ,Volkswirtschaft,  und  zwar  nicht  ein  einfacher  Zerfall, ­
  sondern  ein  typischer  und  deutlicher  Zerfall  ins  Kleinbürgerliche."
(S.  68.)  „Wie  Schnee  schmelzen  in  den  Hcinden  der  russischen  Arbeiterklasse
die  industriellen  Unternehmungen  dahin.  Die  Arbeitslosigkeit
wächst,  der  Hunger  in  den  Städten  verschärft  sich,  und
auch  sie  selbst  als  Klasse  schmilzt  zusammen  und  löst  sich  über  ganz  Rußland
auf.  Rur  kleineren  Gruppen  von  ihnen  und  -einzelnen  parasitenhaften  Elementen ­
  gelingt  es,  aus  diesem  völligen  Zerfall,  aus  dieser  gänzlichen  Vernichtung ­
  der  Industrie  und  ihres  Hauptträgers,  der  Arbeiterklasse  Vorteil
zu  ziehen."  (S.  70.)  Auf  dem  Lande  ging  der  Boden  in  den  faktischen  Besitz
unzähliger  kleiner  Eigentümer  über.  Für  lange  Zeit  ist  damit  jede
Hoffnung  auf  die  planmäßige  Sozialisierung  des  Bodens,  diesen  Eckstein ­
  des  Agrarsozialismus  untergraben  .  .  .  Schnell  verarmt  die  ganze
Masse  des  rustschen  Bauerntums  und  wiederum  bereichern  sich
nur  einzelne  Gruppen,  die  Spekulanten  und  die  Agenten  der
bolschewistischen  Regierung."  (S.  70.)  Seine  schwarz  in  schwarz
gehaltene  Schilderung  schließt  Gawronsky  mit  folgendem  trostlosen  Vergleich: ­
  „Bei  der  Plünderung  eines  großen  Gutes  fiel  einmal  den  Bauern  ein
alter  außerordentlich  wertvoller  Spiegel  in  die  Hände.  Lange  wußten  sie
nicht,  was  sie  mit  ihm  anfangen  sollten;  schließlich  aber  entschlossen  sie  sich,
ihn  zu  zerschlagen,  und  jeder  nahm  ein  kleines  Stückchen  an  sich.  Das  ist
das  Bild  und  das  Symbol  dessen,  was  jetzt  in  Rußland  unter  dem  Regime
des  Bolschewismus  ,vor  sich  geht."  (S.  71.)  So  schaut  in  Rußland  die  Praxis
des  Bolschewismus  aus!  Möchten  die  hier  mitgeteilten  wahrheitsgemäßen
bolschewistischen  Quellen  entnommenen  Bilder  unsere  deutschen  radikalen
Heißsporne  zur  Vernunft  bringen,  jeder  Versuch  einer  llebertragung  der
russischen  vielgerühmten  Bestrebungen  und  Vorbilder  würde  unsern  hochentwickelten ­
  Industriestaat  in  ein  noch  weit  fürchterlicheres  Elend  hineinstürzen
wie  das  fast  rein  agrarisch  aufgebaute  russische  Volk  mit  seiner  durchaus
rAckständigen  Volkswirtschaft.  Der  verhängnisvolle  Fehler  des  Bolschewismus, ­
  den  Sozialismus  sofort  zu  verwirklichen,  ihn  dekretieren  zu  wollen  und
mit  der  Gewalt  der  Waffen  durchzusetzen,  würde  in  Deutschland  wiederholt
unsere  Gauen  in  eine  Schädelstätte  verwandeln  und  unsere  ganze  Volkswirtschaft ­
  in  eine  Trümmerstätte  zerschlagen.  Rur  ganz  langsam,  im  Laufe
von  Jahrzehnten,  wächst  der  Sozialismus,  nur  organisch  kann  er  sich,  soweit
er  überhaupt  realisierbar  ist,  gestalten  im  langsamen  Wachstum  und  in
schrittweiser  Entwickelung.  Revolutionen  als  solche  haben  noch  nie  Wirtschaftssysteme ­
  geschaffen  und.werden  sie  auch  niemals  schaffen.
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        I  I  I  I  I  i  I  I  I  k  a  i  ■  l  I  l  I  ■  I  I  I  1  ■  I

Siebentes  Kapitel.
Schlutzbetrachtung,  Rückblick  und  Ausblick.  Die  neue
Wirtschaft  und  ihr  Geist.
Ausführliche  und  grundlegende  Betrachtungen  über  den  Aufbau  der
neuen  Wirtschaft  und  die  Wirtschaftliche  Weiterentwickelung  der  Dinge  hier
anzustellen,  ist  nicht  unsere  Absicht,  sie  würden  den  Rahmen  unserer  Arbeit,
die  nur  die  großen  sozialistischen  Systeme  in  ihren  Erundzügen  anschaulich
darstellen  und  ganz  kurz  ,zu  ihnen  kritisch  Stellung  nehmen  wollte,  völlig
sprengen.  Unsere  Eedankengänge  waren  rückwärts  gerichtet  und  sollten  es
sein.  Mißlich  in  hohem  Grade  und  fast  unmöglich  ist  es  für  die  wissenschaftliche ­
  Schau  die  künftige  Gestaltung  der  wirtschaftlichen  Verhältnisse  zu
schildern.  Wenn  jemals  Zurückhaltung  und  Vorsicht  in  der  Stellung  des
politischen  und  wirtschaftlichen  Horoskops  geboten  erscheint,  so  ist  es  in
den  gegenwärtigen  Tagen  (Mitte  Juli  1919),  angesichts  der  völligen  Ungewißheit ­
  über  unseres  unglücklichen  tief  am  Boden  liegenden  deutschen  Vaterlandes ­
  Zukunft,  in  einer  Zeit,  in  der  der  Bilden  unter  unseren  Füßen
wankt  und  alles  zusammenzubrechen  droht.  Nur  folgende  Sätze  dürfen  gewagt ­
  werden:  Das  marxistische  Endziel:  die  völlige  Verstaatlichung  oder
auch  Vergesellschaftlichung  aller  Produktionsmittel  ohne  jede  Ausnahme
muß  für  jetzt  und  für  lange  Zeiten,  Jahrzehnte  und  Jahrhunderte  hinaus,
als  undurchführbar  abgelehnt  werden.  Namentlich  die  Millionen  kleinster,
kleinerer  und  auch  mittlerer  bäuerlicher  wie  auch  gewerblicher  Betriebe  spotten
jeder  „Sozialisierung",  am  antikollektivistischen  Dickschädel  der  Millionen  unserer ­
  kleineren  und  mittleren  Landwirte  wird  der  Sozialisterungswille  wie  die
Flut  an  einem  steilen  Felsen  sich  brechen.  Bei  ihnen  allen  liegt  kein  arbeitsloses ­
  reines  Nenteneinkommen!  vor,  sie  arbeiten  selber  mit,  in  ihrem  Einkommen ­
  steckt  ein  gutes  Teil  Arbeitseinkommen,  das  die  auch  ihnen  zufallende ­
  reine  Grundrente  weit  übersteigt  und  sich  von  dieser  reinlich  gar  nicht
trennen  läßt.  Aber  die  bisherige,  nach  reinen  privatwirtschaftlichen  Erwerbsrllcksichten
  ausgerichtete  profitlüsterne  nur  egoistische  Ziele  verfolgende
Privatwirtschaft  in  ihrer  bisherigen  Form  und  mit  ihrem  bisherigen  Hckndlergeist
  ist  durchaus  unhaltbar  unds  steht  unweigerlich  auf  dem  Aussterbeetat. ­
  Z  u  n  ä  ch  st  muß  und  wird  die  ausbeutende  Willkür  privater  Monopole ­
  restlos  gebrochen  werden,  die  Bergwerke  müssen  endlich,  wie  dieses  alle
fortgeschrittenen  bürgerlich-sozialpolitischen  Kreise  unter  der  Führung  des
konservativ  gerichteten  ehrwürdigen  Führers  der  deütschen  Staats-  und  Ka-
        <pb n="76" />
        —  7fi  —

thedersyzialisten  Adolf  Wagner  und  des  Höchst  verdienstvollen  Kodenreformers
  Adolf  Damaschke  feit  langen  Jahren  schon  gefordert  haben  —,  verstaatlicht, ­
  die  städtischen  Wohnböden,  insbesondere  die  in  den  Großstädten,
müssen,  langsam  aber  sicher,  in  das  Eigentum  der  Gemeinden  überführt  werden ­
  —  eine  Forderung,  die  «kein  geringerer  als  Gustav  v.  Schmoller  bereits
vor  19  Jahren  in  seinem  Grundriß  der  Nationalökonomie  als  sehr  diskutabel
bezeichnet  hat  :—  die  Tributpflichtigkeit,  ja  Hörigkeit  der  weitaus  größten
Massen  der  städtischen  Bevölkerung  gegenüber  verhältnismäßig  wenigen
Hauseigentümern  (in  «Berlin  wohnen  99  u.  H.  der  «Bevölkerung  zur  Miete)
muß  aufhören)  die  Gemeinde  muß  in  absehbarer.Zeit  zur  Herrin  aller  künftigen ­
  Bodenwertsteigerungen  gemacht  werden,  lleberhaupt  soll  und  wird  die
Grundrente  mit  ihrer  in  den  letzten  Jahrzehnten  fortgesetzten  sprunghaften,
riesigen  Steigerung  der  Grund-  und  Bodenwerte  restlos  der  Gesamtheit  zugeführt ­
  werden,  s  i  e  hat  die  riesigen  Wertsteigerungen  (vergl.  über  sie  insbesondere ­
  Damaschke:  „Die  Bodenreform",  89,—95.  Tausend,  1919:  „Die
Aufgaben  der  Gemeindepölitik",  7.  Auflage,  1918  und  „Geschichte  der  Nationalökonomie", ­
  11.  Auslage,  2  Bände,  1919)  erzielt  ihr  gebühren  sie  daher ­
  auch.  Jedem  Einzelnen  der  Ertrag  seiner  ehrlichen  Arbeit,  mag  er  durch
geistige  oder  körperliche  Arbeit  geschaffen  sein,  der  Gesamtheit  aber  muß
und  wird  das  &amp;gt;zlugute  kommen,  was  sie  geschaffen  hat,  die  Grundrente.  Das
ist  eben  das  Programm  der  deutschen  Bodenreform  and  ihr  Ziel:  Ausgleich
zwischen  Individualismus  und  Sozialismus.
Das  schrankenlose  gesetzliche  Erbrecht  auch  der  entferntesten
Erben  ist  ganz  erheblich  zu  beschneiden,  nur  zugunsten  der  Ehegatten, ­
  Abkömmlinge  und  Voreltern  ist  es  zuzulassen,  selbst  für
Geschwister  ist  es-  heute  angesichts  der  völligen  Lockerung  und  Loslöstmg
  der  nahen  verwandtschaftlichen  Beziehungen  nicht  mehr  aufrecht  zu
erhalten.  Dem  Fortfall  der  gesetzlichen  Unterhaltspflicht  für  Geschwister
würde  der  Fortfall  des  gesetzlichen  Erbrechts  nur  Entsprechen.  Keinesfalls
aber  darf  das  gesetzliche  Erbrecht  noch  den  Geschwisterkindern  eingeräumt
werden,  Neffen  und  Nichten  bilden  die  Hauptkatetzorie  der  „lachenden  Erben", ­
  diese  unerfreuliche  antisoziale  Mafsenerscheinung  muß  schleunigst  verschwinden, ­
  sie  paßt  nicht  mehr  in  die  heutige  Zeit  hinein  .  .  .
Dringendes  Erfordernis  ist  die  Steigerung  der  Produktivität  unserer  Volkswirtschaft. ­
  Sie  läßt  sich  nur  erreichen  durch  angestrengteste  und  gewissenhafteste
Arbeitsleistung,  Arbeitszwang  ist  daher  unvermeidlich  und  seine  Durchführung ­
  gegen  arbeitsscheue  Arbeitslose  unbedingt  erforderlich,  kein  Deutscher, ­
  er  mag  so  wohlhabend  und  reich  sein  wie  er  wolle,  darf  sich  außerhalb
der  Arbeitsgemeinschaft  seines  Volkes  stellen,  er  muß  eine  seinen  Fähigkeiten ­
  entsprechende  Arbeitsstellung  annehmen.  Technisch  rückständige  und
überflüssige  Betriebe  müssen  möglichst  ausgeschaltet  werden,  zu  dem  Zwecke
müssen  unsere  Industrien  nach  den  ausgezeichnet  durchdachten  Vorschlägen
Walter  Rathenaus  (Neue  Wirtschaft,  S.  64  flg.)  in  große  Berufs-  und  Gewerbeverbände ­
  zusammengefaßt  werden.  Unser  Handel,  insbesondere  der
Kleinhandel  ist  maßlos  überfüllt,  zersplittert  und  zu  einem  großen  Teil
gänzlich  unproduktiv,  wie  «dieses  erst  nduestens  Rathenau  in  seinen  verschiedenen ­
  Schriften  (Neue  Wirtschaft"  „Von  kommenden  Dingen"  und  „Probleme ­
  der  Friedenswirtschaft")  überzeugend  und  geradezu  drastisch  nachge-
        <pb n="77" />
        -  77  —

miesen  hat.  In  jeder  Großstadt  alle  paar  hundert  Schritt  ein  Zigarrengeschäft. ­
  „Das  bedeutet,  daß  die  Arbeit  eines  Armeekorps  allein  in  Berlin
dazu  nötig  ist,  um  Taback  zu  verteilen".  (Friedenswirtschaft,  S.  37.  In  einzelnen. ­
  Stadtteilen  -gibt  es  kaum  ein  Hädserviereck,  das  nicht  ein  Seifengeschäft ­
  oder  einen  Papierladen  in  sich  birgt.  Konsumvereine  werden  in
immer  wachsendem  Maße  die  volkswirtschaftlichen.  Verteilungsaufgaben
dieses  verteuernden  Kleinhandels  an  sich  ziehen  und  ihn  allmählich  bis  auf
einzelne  Reste  ganz  ausschalten.  Die  Konsumvereine  werden  auch  Unmittelbar ­
  mit  den  Erzeugern  in  Verbindung  treten  und  so  den  bisher  viel  zu
langen,  umständlichen  und  kostspieligen  Weg  der  Waren  vom  Erzeuger  bis
zum  Verbraucher  ganz  wesentlich  abkürzen  und  verbilligen.  Wahrscheinlich,
daß  der  Anteil  des  Verbrauchers  als  solchen  und  seiner  Vereinigungen,
der  Konsumvereine  an  der  gänzlichem  Umgestaltung  der  Volkswirtschaft
Zufolge  allmählich  llebergang  zur  Eigenwirtschaft  durch  Gründung  von
Fabriken,  Bäckereien,  Schlächtereien,  Druckereien  sowie  Ankauf  uUd  Bewirtschaftung ­
  von  Landgütern  ebenso  groß  sein  wird  wie  der  der  Produzenten ­
  durch  Bildung  von  Produktivassoziationen  und  des  unmittelbaren  Eingriffs ­
  der  Gesetzgebung.  Der  Eenossenschaftsgesdanke  wird  weitere  ungeahnte ­
  Fortschritte  erzielen,  lleberhaupt  wird  der  Wille  zur  menschlichen
Solidarität,  der  wirtschaftliche  und  ethische  Gemeinschaftsgedanke  mächtig
um  sich  greifen.  „In  Wahrheit  brennt  die  alte  Wirtschaftsordnung  nieder
und  es  naht  die  Zeit,  wo  der  alte  Unterbau  Iber  Gesellschaftsordnung  sich
entzündet"  (Rathenau,  „Die  neue  Wirtschaft",  S.  84).  Ein  neuer  Geist
aber  tut  uns.vor  allem  dringend  not.  Die  ganz  einseitige  materialistische
Betrachtungsweise  der  Dinge,  wie  sie  Marx  und  mit  ihm  dem  wissenschaftlichen ­
  Sozialismus  und  der  deutschen  Sozialdemokratie  zu  eigen  'war,  muß
einer  geistigen  Blickrichtung  Platz  machen.  Zurück  auf  ^Kant  muß  die  Losung ­
  sein,  wir  find  nicht  nur  wirtschaftliche  Wesen,  wie  uns  der  Marxismus
in  seiner  Reinkultur  glauben  machen  will,  sondern  auch,  ja  sogar  in  erster
Linie,  denkende,  geistige  uns  Zwecke  ünd  Ziele  setzende  Wesen,  nicht  nur
von  blindem  Kausalitätsgesetz  getriebene  Glieder  des  Naturreichs,  sondern
Bürger  zweier  Welten.  Der  Wille  zur  Gemeinschaft  muß  uns  alle
durchdringen-  und  als  edles  Feuer  durchlodern,  als  Einzelne  sind  wir  nichts,
als  Gesamtheit  alles,  bei  Konflikten  muß  das  Einzelinteresse  dem  der  Gesamtheit ­
  unbedingt  weichen.  Alles  Privatrecht  ist  nur  durch  den  Willen
der  Gesamtheit  verliehen,  eiü  angeborenes,  heiliges  und  unverletzliches  Privateigentlum
  gibt  es  nicht,  es  ist  nur,ein  von  der  Allgemeinheit  -stuf
Widerruf  verliehenes  Amt,  das  bei  schwerem  Mißbrauch  jederzeit  soll  entzogen ­
  werden  können.  Das  war  von  je  gut  altdeutsche  Rechtsauffassung.
Wir  müssen  uns  durchaus  freimachen  von  der  Auffassung,  als  ob  das  Eigentum ­
  an  allen  Produktionsmitteln  für  alle  Zeiten  dem  Einzelnen  zukommen, ­
  müsse,  ewige  ökonomische  Kategorien  gibt  es  überhaupt  nicht,  auch  für
die  Wirtschaftlichen  Dinge  gilt  das  Entwickelungsgesetz,  „aller  fließt"  und
nichts  ist  beständig  als  der  Wechsel.
Nur  die  restlose  Verwirklichung  dieses  neuen  Eemeinfchaftswilltns,
dieser  Bereitschaft  alle  unsere  kleinen  Privatinteressen  dem  Wohl  der  Gesamtheit ­
  bedingungslos  unterzuordnen  und,  wenn  es  fein  muß,
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        restlos  0»  opfern,  bei  allen,  aber  auch  allen  deutschen  Volksschichten,  nur
diese  Erneuerung  des  Geistes  kann  uns  vor  dem  völligen  Zusammenbruch
unserer  in  schwerster  Erschütterung  befindlichen  Wirtschaft,  ja  noch  mehr  vor
dem  völligen  Chaos  bewahre  n.  Ohne  sie  kein  Neuaufbau  der  Wirtschaft, ­
  ohne  sie  die  Sintflut!  Die  Zeiten  einer  ganz  vorwiegend
privatkapitalistischen  Epoche  dürften,  wenn  nicht  alles  trügt,  endgültig  abgelaufen ­
  sind,  Klio  trägt  sie  mit  ihrem  Griffel  in  das  Buch  der  Vergangenheit ­
  ein,  zu  neuen  Ufern  lockt  ein  neuer  Tag.
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        Anhang.
Verzeichnis  der  wichtigsten  Literatur.
Das  Schrifttum  Wer  den  Wissenschaftlichen  Sozialismus  ist  derartig  ungeheuerlich ­
  in  die  Breite  Mp  Tiefe  angeschwollen,  daß  es  nach  Hunderten,
za  Tausenden  zählt  und  ganze  Bibliotheken  anfüllt.  Nur  ganz  wenige,  besonders ­
  wichtige  und  grundlegende  Erscheinungen  können  daher  hier  zur
TrmöglichUng  weiteren  Studiums  angeführt  werden.
Erstes  Kapitel:  ^  r  .
Wern  r  Sombart:  Sozialismus  und  Sozrale  Bewegung,  ,.  Auslaqe
  44—49  Tausend,  Jena.  1919,  blendend,  geistvoll,  wie  alles  von  Sombart
  Verfaßtes,  aber  auch  stark  persönlich  und  subjektiv.  Objektiver  und  „solider" ­
  3arl  D  &amp;gt;  ehl  :  Sozialismus,  Kommunismus  und  Anarchismus,  2.
Auflage  1911,  in  jeder  Hinsicht  äußerst  empfehlenswert.  Herkner:  Die
Arbeiterfrage,  6.  Auflage  1916,  2  starke  Bände.  Muckle:  Die  Geschichte  der
sozialistischen  Ideen  im  19.  Jahrhundert,  2  Bändchen  der  bekannten  Sammlung ­
  aus  Natur  und  Eeisteswelt,  Nr.  270  u.  271,  Leipzig  1918,  2.  Auflage
(sozialistisch).  Erünberg:  Artikel  „Sozialismus  in  Elsters  Wörterbuch
der  Volkswirtschaft",  3.  Auflage,  1911.  Bebel:  „Die  Frau  und  der  Sozialismus", ­
  150.  Auflage,  1919,  mit  starken  Rückfällen  in  den  utopischen  Sozialismus. ­
  Adler:  Artikel  „Sozialismus  in  Conrads  großem,  acht  Bände
starken  Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften,  3.  Auflage,  1910.
Schäffle:  „Quintessenz  des  Sozialismus",  22.  Auflage,  1919.  Robert
AZilbrandt:  Sozialismus  (1919).  Apotheose  des  Sozialismus.
Zweites  Kapitel:
Bebel:  Fourier,  Helene  Simon:  Robert  Owen,  Jena  1915,
Mückle:  St.  Simon,  1908.
DrittesKapitel:
Lassalle:  Zunächst  Lassälles  Gesamtwerte,  herausgegeben  von  Erich
Blum,  6  Bände,  Verlag  Ludwig  Pfau,  Leipzig.  H.  Oncken:  Lassalle
1901.  Georg  Brandes:  Lassalle,  2.  Aufläge,  1899,  sowie  die  kleine  aber
sehr  inhaltsreiche  Schrift  von  Bernhard  Harms:  Ferdinand  Lasfalle,  2.
Auflage,  1919,  Jena.
Viertes  Kapitel:
Anarchismus:  Stirner:  Der  Einzige  und  sein  Eigentum
Rcklams  Universalbibliothek.  E  l  tz  b  a  ch  e  r  :  Der  Anarchismus  1900.
Stammler:  Die  Theorie  des  Anarchismus,  1891.  ^
Fünftes  Kapitel:
Marx  und  der  M  a  r  xi  s  m  u  s  :  Zu  1)  Karl  Marx:  Das  kommunistische ­
  Manifest,  1818,  das  Kapitel  Band  I  in  einer  ausgezeichneten,  mit
Einleitung,  zahlreichen  erläuternden  Anmerkungen  und  einem  Inhaltsverzeichnis ­
  versehenen,  von  Karl  Knutsky  veranstalteten  Volksausgabe  1913
Band  II  und  III  (1893).  Friedrich  En  g  e  l  s:  Herrn  Eugen  Dühring's  Umwälzung ­
  der  Wissenschaft,  3.  Auflage,  1891.  Engels:  Der  Ursprung  der
psamrlre,  des  Staates  und  des  Privateigentums,  18.  .Auflage,  Stuttgart
Biographren  von  John  Spargo,  1912,  von  Franz  Mehring  1918
ganz  ausgezeichnet,  trefflich  in  das  verwickelte  Eedänkenspstein  von

in
R.

Eine

Marx  einführende  k  l  e  i  n  e  B  i  o  g  r  a  p  h  i  e  ist  die  vom  Tübinger  National
okonomen  R.  W  r  l  brand  t,  3  Auflage,  Leipzig,  1919,  Band  021  der  Sammlung ­
  aus  Natur  und  Gersteswelt.
        <pb n="80" />
        ;

80  -

UJC-H-  -utvtuwiuvuuy  y  *.  wy  ^  WVQI.W
mus:  Rudolf  Stammlet:  Wirtschaft  und  Recht,  3.  Auflage,  Leipzig,  1!
Kammacher:  Das  philosophische  und  ökonomische  System  des  Mar:
nrus,  1909.  P  l  e  n  g  e  ;  Die  Revolutionierung,  der  Revolutionär,  1918.
Tugan-Baranowski:  Theoretische  Eründlagen  des  Marxism
Kritisch-revisionistisch.  Edmund  Bernstein  :  Die  Voraussetzungen  des
zialismus,  Stuttgart,  1899.  Einfach  unentbehrlich.  Ueber  die  eing&amp;gt;
nen  Theorien  von  Marx,  vergl.  zur  Mehrwerttheorie  und
dustrielle  Reservearmee:  Franz  Oppenheimer:  die  Siedelungsgei
senschaft,  2.  Auflage,  Jena  1913,  Großgrundeigentum  und  soziale  Fre
1896,  Die  soziale  Frage  und  der  Sozialismus,  7./9.  Tausend,  Jena  li
Ueber  die  marxische  Agrartheorie  am  besten:  das  große  Werk  vonD  a  v  i
Sozialismus  und  Landwirtschaft,  Band  l.  1908.  ,-Sektes
  Kapitel:  ;  r 0
Bolschewismus:  Lenin:  Staat  und  Revolution,  Berlin,  19  H
Verlag  der  Aktion  (Hauptwerk):  Die  nächsten  Aufgaben  der  Sowjet-Ma
Berlin,  1918:  Lenin-Zinojew  :  Sozialismus,  1915;  B  u  ch  a  r  i  n  :  5  i
Programm  der  Kommunisten  mit  Vorwort  von  Radek,  Zürich,  Ver  lc&amp;gt;
Union,  1918.  Dimitry  Eawronski  :  Die  Bilanz  des  Bolschewismus,  $  h?
lin,  1919.  Ij
Siebentes  Kapitell.:  sj-Schluß
  bet  rach  tungen:  Adolf  Damaschke:  Die  Bodenrefo  U
16.  Auflage,  94.—46.  Tausend,  1919,  Jena:  Die  Aufgaben  ider  Gemeindep,  so
tik,  25—27.  Tausend,  Jena,  1918;  Die  Geschichte  der  Nationalökonomie  Ir
Bände,  11.  Auflage,  Jena,  1919.  Rathenau:  „Die  Reue  Wirtscha  (s,
1917;  „Probleme  der  Friedenswirtschaft",  1916;  „Rach  der  Flut,"  1919;  „8-  d-'
kommenden  Dingen",  1915;  Der  Geist  der  neuen  Volksgemeinschaft,  e  zi
Denkschrift  für  das  deutsche  Volk,  herausgegeben  von  der'  Zentrale  für  5  zi'
matdienst,  Berlin,  1919.  Len  sch:  Am  Ausgang  der  Sozialdemokn  st
        <pb n="81" />
        47

i  Rückgrat.  Als  solches  und  als  Kern-  und  Bollwerk  sind  viel--
  zentrations-,  die  Akkumulations-,  die  V  e  r  -
J-und  die  Krisentheorie  anzusprechen.  Auf  ihrer  Grunddie
  Naturnotwendigkeit  des  Zusammenbruchs  der  kapi-;
  chaftsordnnng.  Wir  betrachten  zunächst  die  Konzentrations-»■:
  ihr  versteht  Marx,  daß  infolge  der  gewaltigen  technischen
&amp;gt;es  Großbetriebes  auf  allen  Gebieten  der  Volkswirtschaft,
^mdwirtschaft  wie  auch  in  der  Industrie  als  auch  im  Handel
’i:  s  die  kleineren  und  mittleren  Betriebe  restlos  aufgesogen
noch  wenig  ganz  große  Unternehmungen,  Riesenbetriebe,
f  -ieljr  anschaulich  sagt  hierüber  das  Kommunistische  Manifest:
7  kleinen  Mittelstände,  die  kleinen  Industriellen,  Kaufleute
i  ie  Handwerker  und  Bauern,  alle  diese  Klassen  fallen  ins
-7:b,  teils  dadurch,  daß  ihr  kleines  Kapital  für  den  Betrieb
--  e  nicht  ausreicht  und  der  Konkurrenz  mit  den  Eroßkapita-■;
  teils  dadurch,  daß  ihre  Geschicklichkeit  von  neuen  Produk-*■:
  oertet  wird."  (S.  33.)  .Auch  für  die  ganze  Landwirtschaft
urie  Anwendung,  auch  auf  ihrem  Gebiete  vollzieht  sich  nach
i:  menballung  der  Betriebe  unaufhaltsam.  Im  dritten  Band
l  ibt  Marx  als  die  Ursachen  für  den  Untergang  des  Eigenen ­
  und  mittleren  Bauern  folgende  an:  „Vernichtung  der
industrie,  Aufsaugung  des  dieser  Kultur  unterworfenen
-  ion  des  Gemeineigentums  durch  Eroßgrundeigentümer,
kapitalistischen  Betriebe,  Eroßkultur.  Das  Pavzelleneigenr
 \.  n  Natur  nach  aus:  Entwickelung  der  gesellschaftlichen!  Pro-7
  t  Arbeit,  gesellschaftliche  Form  der  Arbeit,  gesellschaftliche
f :  :s  Kapitals,  Viehzucht  in  großem  Maßstabe,  progressive  An-7
  sserschaft."  Diese  Lehre  hat  auch  restlos  in  dem  heute  noch
&amp;gt;  furter  sozialdemokratischen  Parteiprogramm  Aufnahme  gek:
  e  Sätze  geben  sie  programmatisch  zugespitzt  wieder:  „Die
--Uickelung  der  bürgerlichen  Gesellschaft  führt  mit  Naturnot-Untergang
  des  Kleinbetriebs,  .  .  .  Die  Produktionsmittel
s ;:  wpol  einer  verhältnismäßig  kleinen  Zahl  von  Kapitalisten
st  esitzern:  Hund  in  Hand  mit  dieser  Monopolisierung  der
j;  el  geht  die  Verdrängung,  die  Zersplitterung  kleiner  Bessale
  Großbetriebe,  geht  die  Entwickelung  des  Werkzeuges
!  ht  ein  riesenhaftes  Wachstum  der  Produktivität  der  menschij--


  sich  die  Richtigkeit  dieser  Lehre  auf  dem  Gebiete  uni
  e  in  einem  Umfang  erwiesen,  der  dem  divinatorischen
geistigen  Väter  —  Marx  und  Friedrich  Engels  —  alle
lamentlich  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika,
zs:  stand  und  ist  unserem  deutschen  Vaterland  hat  sich  eine  Karvertrustung
  des  Kapitals  in  den  letzten  drei  Jahrzehnten
i  °  die  kühnsten  Erwartungen  von  Marx  weit  in  den  Schatten
ben  von  Werner  Sombart  (a.  a.  O.,  S.  84)  hatten  bereits  zu
:  thrhunderts  einige  wenige  Trusts  in  den  Vereinigten  Staaten
st  indige  industrielle  Anlagen  mit  einem  Kapital  von  über  20
        <pb n="82" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
