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        <title>Ist Deutschlands Krieg ein Wirtschaftskrieg?</title>
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            <forname>Friedrich</forname>
            <surname>Lenz</surname>
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        </author>
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            <idno>100530078X</idno>
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        Ist  Deutschlands  Krieg
ein  Wirtschaftskrieg?
Äber  die  ökonomischen
Grundlagen  des  deutsch-britischen  Konflikts.

Von
Friedrich  Lenz
Dr.  jur.  et  phii.
«.  o.  Professor  der  StaalSwiffenschasten  an  der  Technische»  Lochschule
in  Braunschrveig

Zweite  Auflage

Berlin
Verlag  von  Gebrüder  Paetel
(vr.  Georg  Paetel).
        <pb n="3" />
        Vorwort.

Am  Sommer  1914,  kurz  vor  dem  Aufflainmen
  des  Weltbrandes,  zeichnete  ich  mit
kurzen  Strichen  ein  Bild  der  wirtschaftlichen
Kriegsbereitschaft  Deutschlands.  x )  Im  Augenblick ­
  der  Katastrophe  wäre  es  verfehlt,  ihren
wirtschaftlichen  Verlauf  und  alle  Maßnahmen,
die  ihn  gestalten  sollen,  zu  schildern.  Nur  auf
eine  Frage,  die  der  Wissenschaft  und  dem
Leben  zugleich  gestellt  ist,  läßt  sich  bereits  die
Antwort  geben.  Die  Frage  lautet:  Welchen
grundsätzlichen  Anteil  hat  das  wirtschaftliche ­
  Element  an  den  politischen
Gegensätzen  unserer  Feit,  besonders  an
dem  zentralen  deutsch  -  britischen  Konflikt?
Welche  leitenden  Gedanken  verknüpfen  jeden
Wirtschaftskrieg  mit  dem  politischen  Gesamtgeschehen ­
  seiner  Feit?
Hierüber  haben  sich  die  Ansichten  noch  keineswegs ­
  geklärt.  Oder  vielmehr:  die  scheinbare
i)  „Deutschlands  dreifache  Kriegsrüstung",  im  Juniheft
  1914  der  Westermann'schen  Monatshefte.
        <pb n="4" />
        VI

Übereinstimmung,  mit  welcher  die  Mehrzahl
der  Beurteiler  das  ökonomische  Motiv  bei
diesem  Kriege  in  den  Vordergrund  rückt,  bedarf
einer  genaueren  Nachprüfung.  Wenn  in  Einen:
die  Reichsregierung  mit  dem  Wortführer  der
sozialdemokratischen  Fraktion  anläßlich  der
zweiten  Kricgstagung  des  deutschen  Reichstags
übereinstimmte,  so  war  es  in  dem  ürteil,  daß
dieser  Krieg  im  wirtschaftlichen  Wettbewerb  der
Völker  wurzele.  Nur  eine  Erklärung  gibt  es
für  das  Eingreifen  Großbritanniens  in  den
europäischen  Konflikt,  so  meinte  der  Herr-Reichskanzler:
  „Das  Londoner  Kabinett  ließ
diesen  Weltkrieg,  diesen  ungeheuerlichen  Weltkrieg ­
  kommen,  weil  ihm  diese  Gelegenheit
günstig  erschien,  mit  Hilfe  seiner  Ententegenossen ­
  den  Lebensnerv  seines  größten  europäischen ­
  Konkurrenten  auf  dem  Weltmarkt  zu  zerstören." ­
  ünd  der  Vertreter  der  Sozialdemokratie
stellte  in  deren  Auftrag  zweiinal  fest,  daß  ökonomische ­
  Interessengegensätze  die  tiefere  ürsache
des  Krieges  bilden.
Träfen  solche  Argumente  den  Kern  des  Problems, ­
  dann  hätte  England  rein  aus  ökonomischen ­
  Motiven,  kurz  gesagt  aus  Wirtschaftsneid
und  Goldgier  den  Weltkrieg  zu  der  Lohe  angefacht, ­
  die  soviel  menschliche  und  wirtschaftliche
Werte  nun  verzehrt;  und  Deutschlands  Krieg
        <pb n="5" />
        wäre  ein  Wirtschaftskrieg,  in  seiner  Vorbereitung
wie  in  seiner  Durchführung  nun  auch  abhängig
zunächst  von  wirtschaftlichen  Gründen  und  Maßnahmen. ­
  Das  würde  zu  dem  Bilde  paffen,  das
wir  von  Englands  Krämergeist  und  Pennyweisheit ­
  uns  doch  mit  Recht  entwerfen;  es  würde
aber  auch  dem  orthodoxen  sozialistischen  Gedankengang ­
  zur  Stühe  dienen,  nach  welchem
stets  die  ökonomische  Entwicklung  den  Unterbau
alles  Geschehens  ausmacht.  Ist  dem  in  Wahrheit ­
  so,  sind  ökonomische  Gegensätze  und  Interessen ­
  wirklich  das  primäre  Element  in  dem  politischen ­
  Geschehen,  die  Anstifter  und  Leiter  dieses
Weltkriegs?
Eine  Antwort  darauf  soll  die  kurze  Skizze
geben,  deren  Abdruck  hier  erfolgt.  Sie  entstammt ­
  einem  Vortrag  in  der  Aula  der  Braunschweiger ­
  Hochschule.  Daß  sie,  obwohl  vor  dem
Eintritt  Italiens  in  den  Krieg  entstanden,  hier
unverändert  erscheinen  kann,  bestärkt  mich  in
der  Aberzeugung,  mit  meiner  Beweisführung
das  Richtige  zu  treffen.  Manche  Härten  im
Ausdruck,  deren  Beseitigung  nicht  mehr  möglich ­
  war,  werden  dem  Zeitmangel  des  Verfassers ­
  vielleicht  als  Kriegsfolge  zugute  gehalten.
Das  Problem  Macht  und  Wirtschaft,
welches  hier  an  einem  Hauptbeispiel  behandelt
        <pb n="6" />
        VIII

wird,  verdient  durchaus  eine  von  der  zeitgeschichtlichen ­
  Beschränkung  unabhängige  Betrachtung. ­
  Ich  gedenke  sie  zu  geben  in  einen:
größeren  Werk,  dessen  einleitender  Band  „Die
Voraussetzungen  des  neuzeitlichen  Staatenkrieges" ­
  vor  Ablauf  dieses  Jahres  erscheinen
wird.  x )
Bei  der  vorliegenden  Arbeit  hat  Herr  eanck.
phiJ.  Otto  Brandt,  Bibliothekar  des  Historischen ­
  Seminars  der  Anwersität  Heidelberg,  für
mich  die  Drucklegung  überwacht;  ihm  sei  dafür
auch  an  dieser  Stelle  herzlichst  gedankt.
Kummersdorf  Schießplatz,  im  Mai  1915.
Friedrich  Lenz.

l )  Vorderhand  darf  auf  eine  Artikelreihe  verwiesen
werden,  welche  ich  in  der  Deutschen  Rundschau  vom
Oktober  1914  bis  Februar  1915  veröffentlicht  habe.
        <pb n="7" />
        ^cts  Schicksalsjahr  1914  eröffnet  auf  dem
Welttheater  einen  neuen  Aufzug  auch  des  ökonomischen ­
  Geschehens;  es  stellt  die  tragische  unlösbare ­
  Verknüpfung  alles  Wirtschaftens  mit
den  ihm  an  sich  wesensfremden  politisch-militärischen ­
  Vorgängen  hell  ans  Licht.
Die  Türken  und  die  Balkanvölker  rüsteten
nach  kleiner  Pause  abermals  zu  einem  Kampfe,
von  dem  sie  allenfalls  ein  künftiges  Gedeihen
ihrer  ausgezehrten  Wirtschaftskraft  erhoffen  durften. ­
  Ein  Aufatmen  ging  durch  die  Donaumonarchie, ­
  als  plötzlich  das  Juli-Ultimatum  jenen
lähmenden  Bann  der  Ungewißheit  löste,  unter
dem  die  österreichische  Volkswirtschaft  seit  1908
gestanden  hatte.  Frankreich  und  Rußland  wollten ­
  durch  den  Krieg  politischen  Ersah  für  alle
Opfer  und  Enttäuschungen  erhalten,  die  ihnen
beiden  die  Entente  aus  manchem  Felde  seit  1894
eingebracht.  Deutschland  und  England  schließlich ­
  sehten  jedes  unbedenklich  die  Güter  einer
reichen  wirtschaftlichen  Blütezeit  aufs  Spiel;
Lenz.

1
        <pb n="8" />
        2

sie  wollten  unter  sich  in  Abwehr  und  in  Angriff
endlich  einmal  jene  fünfzehnjährige  Spannung
lösen,  durch  die  politisch  und  vor  allem  militärisch
ihr  Nebeneinander  zunehmend  erschwert  worden
war.  And  im  fernen  Osten  folgt  die  japanische
Großmacht  Zielen,  deren  politischer  Amfang  in
einem  seltenen  Mißverhältnis  steht  zur  Kleinheit ­
  ihrer  ökonomischen  Hilfsmittel.
Die  schwächeren  Mitglieder  unserer  streitbaren ­
  Staatenfamilie  halten  sich  zwar  gutenteils
  noch  abseits;  aber  mögen  sie  ihrer  Neutralität ­
  den  militärischen  Respekt  auch  sichern,
sie  müssen  doch  politisch  ihre  Stellung  nehmen,
und  selbst  die  gänzlich  unbeteiligten  spüren  den
wirtschaftlichen  Rückschlag  dieser  kriegerischen
Zeit.  An  den  Dardanellen  und  vor  den  Pyramiden, ­
  am  Kap  la  Hougue  und  an  der  Doggers
Bank,  in  Flanderns  blutgetränkten  Niederungen
ist  unverweilt  der  neue  Kampf  entbrannt.  Mag
immer  der  gewaltige  Welthandel  unseres  zwanzigsten ­
  Jahrhunderts  und  jede  lohnende  Schifffahrt ­
  dort  zugrunde  gehen,  stärker  wirkt  doch  die
dauernde  militärische  Bedeutung  dieser  Gegenden ­
  aus  das  politische  Schicksal  ihrer  Bewohner
und  Interessenten  ein.  Die  strategische  Lage
dieser  Punkte  ist  das  Bleibende  im  Wechsel,  mag
im  übrigen  ihre  kommerzielle  und  gewerbliche
Bedeutung  zur  Zeit  groß  oder  klein  sein.  Auch
        <pb n="9" />
        3

i*

jene  Länder,  welche  —  wie  Schweden,  Dänemark, ­
  Griechenland,  Bulgarien  und  Rumänien  —
zunächst  die  Neutralität  festhalten,  machen  die
Entscheidung  für  oder  gegen  ihre  großen  Nachbarn ­
  keineswegs  von  Fragen  der  wirtschaftlichen
Existenz  abhängig.  Rumäniens  Sympathie  für
die  Zentralmächte  ward  durch  die  Siege  Hindenburgs
  noch  jedesmal  vertieft;  drangen  dagegen
die  Russen  in  Galizien  vor,  dann  versiegten  auch
die  wirtschaftlichen  Quellen  jenseits  der  Karpathen. ­

Die  große  Republik  und  Vormacht  auf  der
andern  Hemisphäre  ließ  gewiß  jegliche  wirtschaftliche ­
  Stärkung  unserer  Gegner  zu,  die  mit  dem
Buchstaben  der  Neutralität  sich  noch  zur  Not
vertrug;  aber  wenn  die  amerikanische  Regierung
ihren  schlecht  beschäftigten  Fabriken  die  Milliarden ­
  -  Kriegsaufträge  auch  gerne  diplomatisch
sicherstellte,  so  geschah  dies  doch  unter  dem  primären ­
  Einfluß  eines  in  ihren  Kreisen  mächtigen
angelsächsischen  Gemeinempsindens  aus  einer
Gemeinsamkeit  von  Rasse  und  Kultur  heraus,
wie  sie  in  einem  Kriege  Englands  gegen
Japan  sich  zweifellos  noch  wirksamer  erweisen
würde.
Die  wirtschaftlichen  Opfer  aber,  welche  der
Krieg  auch  den  Neutralen  auferlegt,  übersteigen
        <pb n="10" />
        4

zunächst  in  allen  Ländern  den  möglichen  Gewinn.
Kriegslieferungen  jederArt  mögen  sich  lohnen,  im
ganzen  überwiegt  doch  der  entgangene  Prosit
und  die  Vernichtung  volkswirtschaftlicher  Werte
durch  den  Feind.  Die  Gleichung:  Krieg  und
Wirtschaft,  geht  rein  zahlenmäßig  nicht  aus.
Weniger  denn  je  sind  in  der  neuzeitlichen  Volksund
  Weltwirtschaft  Kriege  gleich  Beutezügen,
von  denen  der  Eroberer  mit  seinem  Raub  um
so  viel  reicher  heimkehrt.  Wohl  hatten  diejenigen ­
  recht,  die  vor  der  drohenden  Katastrophe
der  Weltwirtschaft  in  einem  Weltkriege  warnten;
unrecht  hatten  sie,  insofern  sie  eine  abschreckende
Wirkung  ihrer  Warnungen  erwarteten.  Denn
wie?  Ist  nicht  der  Krieg  immer  nur  Durchgang ­
  in  neue  Lebensformen,  ein  Wecker  und
Ertöter  nationaler  Kräfte?  Wird  er  doch  um
der  Zukunft  willen  geführt,  die  jedes  Volk
schöner  und  reicher  von  einem  Sieg  erhofft;
gilt  es  doch,  nationale  Opferwilligkeit  zu  üben,
die  aus  der  Tiefe  nationalen  Glaubens  dringt
und  jedes  Gut  der  Gegenwart  den:  Vaterlande
darbringt.
So  finden  denn  die  wirtschaftlichen  Übel,  die
militärischen  Notwendigkeiten  und  die  politischen
Absichten  der  neuzeitlichen  Kriegführung  ihre
gemeinsame  Wurzel  in  dem  erstarkten  Nationalbewußtsein ­
  unserer  Zeit,  das  jeden  Kampf  zur
        <pb n="11" />
        5

Angelegenheit  des  ganzen  Volkes  macht  und  jede
Regung  des  öffentlichen  und  privaten  Lebens
ihm  unterwirft.  Die  nationale  Forderung,
ein  Kind  des  19.  Jahrhunderts,  erhebt  ihr
Haupt,  vor  Fichtes  kategorischem  Imperativ  der
Hingabe  an  das  Vaterland  beugt  sich  das  wirtschaftliche ­
  Werturteil  des  billig  Einlaufens  und
teuer  Verlaufens,  ein  Leitsatz  aus  der  rationalistischen ­
  Philosophie  des  18.  Jahrhunderts.
Gleichwie  das  Volksheer  ethisch  höher  als  das
Söldnerheer,  die  nationale  Politik  über  der
Politik  der  Kabinette  steht,  so  die  Nationalwirtschaft ­
  über  der  Erwerbs-  und  Tauschgefellschast
  des  ökonomischen  Rationalismus.  Freilich
zeigt  die  nationale  Forderung  sich  zumeist  in
der  Vorbereitung,  Durchführung  und  Abwicklung ­
  der  wirtschaftlichen  Kriegsmatznahmen
mächtig,  doch  schon  dem  Frieden  war  sie  nicht
mehr  unbekannt.  „Gesetzlicher  Schutz  der
nationalen  Arbeit"  und  des  nationalen  Arbeiters ­
  gegen  die  fremde  Konkurrenz,  „Boykott"
der  nationalen  Gegner  und  „Jeder  zu  den
Seinen",  Bevorzugung  der  „Mutterländer"  und
schikanöse  Behandlung  mißliebiger  Einwanderer
und  Waren  durch  die  Grenzbehörde  waren  solche
Schlagworte  und  Maßnahmen  von  ökonomisch
vielfach  zweifelhaftem  Nutzen.  Aber  daß  sie
an  verschiedenen  Stellen  auskommen  und  die
        <pb n="12" />
        6

Gemüter  allgemein  bewegen  konnten,  und  daß
sie  dabei  mit  einem  Anspruch  überlegener  sittlicher ­
  Geltung  auftraten,  kennzeichnet  sie  als
eine  notwendige  Auswirkung  jener  großen  nationalen ­
  Bewegung  auf  ökonomischem  Gebiet  und
verbietet  es,  sie  mit  dem  formelhaften  Gegensatze ­
  von  individualistischer  und  sozialistischer  Anschauung ­
  erschöpfen  zu  wollen.
Bereits  erblickte  mancher  Gewerbszweig  in
der  „nationalen"  Etikettierung  einen  Vorzug.
Landwirtschaft  und  Handwerk  betonten  seit
hundert  Jahren  ihre  vaterländische  Bedeutung,
doch  auch  dem  hypothekenverwaltenden  großstädtischen ­
  Grundbesitz  wurde  von  seiten  der
Hypothekarier  ein  „staatserhaltender"  Charakter
plötzlich  beigelegt.  Deckten  in  diesen  und  anderen
Fällen  sich  die  wirtschaftlichen  und  politischen
Bereiche  unserer  spezifisch  sogenannten  „nationalen" ­
  Parteien,  so  wurde  anderseits  den  Banken
durch  die  Forderung  des  Reichsbankpräsidenten,
ihre  Barbestände  zu  erhöhen,  ein  „nationales"
Opfer  zugemutet  und  ihr  Verdienst  an  ausländischen ­
  Papieren  einer  „nationalen"  Kontrolle
der  Börsenzulassungen  von  Staats  wegen  unterworfen. ­
  Die  Sparkassen  und  Versicherungsgesellschaften ­
  verfielen  dem  „nationalen"  Zwang,
ein  Mindestmaß  von  Staatspapieren  zu  besitzen.
Kurz,  liefen  immerhin  „die  nationale  Phrase"
        <pb n="13" />
        7

und  manches  wesensfremde  Interesse  unter,  im
ganzen  läßt  dem  nationalen  Gedanken  eine  auch
wirtschaftlich  umgestaltende  Gewalt  sich  doch  in
Kriegs-  und  Friedenszeiten  nicht  mehr  absprechen. ­

Die  Nationale  Schule  und  jedes  künftige
Nationale  System  der  politischen  Ökonomie
reichen  in  ihrem  deutschen  Arsprung  zurück  in
die  Tage  der  Romantik  und  des  napoleonischen
Weltkampfes  bis  auf  Friedrich  List  und  Adam
Müller.  Mag  nun  der  neue  Weltkamps  die
deutsche  Auffassung  des  Wirtschaftslebens  wie
immer  weiterbilden,  uns  interessiert  hier  nur
der  Ausgangspunkt:  einmal  die  Hochschähung
der  produktiven  Kräfte  und  des  Zukünftigen  im
Wirtschaftsleben,  zweitens  die  Einordnung  des
wirtschaftlichen  Elements  in  die  nationale  und
staatliche  Gesamtkraft.  Dies  bewußte  und  gewollte ­
  Absehen  von  jeder  zeitlichen  und  räumlichen ­
  Isolierung  einmaliger  Wirtschaftsakte,
diese  Ablehnung  jedes  privatwirtschaftlichen  und
individualpsychologischen  Ausgangspunkts  kennzeichnet ­
  Theorie  und  Praxis  der  Nationalen
Schule.  Ihre  geringe  begriffliche  Durchbildung
hängt  an  ihrer  Feindschaft  wider  jede  „rationelle"
und  „merkantilische"  Spekulation;  ihre  wachsende
Wirkung  auf  das  Leben  verdankt  sie  der  zunehmenden ­
  Reife  und  Bedeutung  ihres  erst
        <pb n="14" />
        8  —

mehr  romantisch-feudalen,  dann  schlechtweg
nationalen  Grundgedankens?)
Feder  betrachtende  Mensch  stellt  sich  in  die
Mitte  der  Feit  und  seines  Volkes.  Er  ist  nicht
zu  denken  außerhalb  des  Staates,  der  ein  auf
Tod  und  Leben  verbundenes  Ganzes  ausmacht.
Wir  können  uns  so  wenig  vom  Staate,  wie
von  uns  selbst  losreißen.  Die  Meinung,  daß  der
Reichtum  des  Einzelnen  unabhängig  von  dem
Wohlergehen  des  Staatsganzen  sei,  ist  deshalb
falsch;  die  ganze  produktive  Kraft  einer  Nation
und  ihre  nationale  Eigentümlichkeit  drückt  sich
in  ihrer  besonderen  Industrie  aus,  die  nationale
Marke  und  Qualität  erst  erobert  sich  den  Weltmarkt. ­
  Vor  allem  in  der  feindlichen  Berührung
mit  anderen  Staaten  tritt  die  Idee  der  Nation
hervor;  von  der  sogenannten  politischen  Lage
hängt  das  Steigen  und  Fallen  der  Preise  ab,
insbesondere  der  Kurs  der  Staatspapiere.  Der
Welthandel  ist  nicht  unabhängig  von  der  Politik,
so  wenig  wie  einen  Aniversalstaat  gibt  es  eine
schrankenlose  Weltwirtschaft.  Daher  müssen  wir
festhalten,  daß  Reichtum  und  politische  Unab-*)
  Eine  Einführung  in  Lifts  politische  Gedankenwelt
gibt  K.  Kumpmann,  Friedrich  List  als  Prophet  des
neuen  Deutschland,  1915.  Über  Adam  Müller  vgl.
meine  „Agrarlehre  und  Agrarpolitik  der  deutschen
Romantik",  Berlin  1912.
        <pb n="15" />
        9

hängigkeit  schon  darum  bis  zur  Untrennbarkeit
verbunden  sind,  weil  die  politische  Unabhängigkeit ­
  die  einzig  denkbare  Garantie  alles  Reichtums ­
  ist.  —  „So  ist  es  in  der  Tat:  Macht  ist
wichtiger  als  Reichtum;  warum  aber  ist  sie  die
wichtigere?  Weil  die  Macht  der  Nation  eine
Kraft  ist,  neue  produktive  Hilfsquellen  zu  eröffnen, ­
  und  weil  die  produktiven  Kräfte  der
Baum  sind,  an  welchem  die  Reichtümer  wachsen,
und  weil  der  Baum,  welcher  die  Frucht  trägt,
wertvoller  ist  als  die  Frucht  selbst.  Macht  ist
wichtiger  als  Reichtum,  weil  eine  Nation  vermittels ­
  der  Macht  nicht  bloß  sich  neue  produktive
Quellen  eröffnet,  sondern  sich  auch  im  Besitze
der  alten  und  ihrer  früher  erlangten  Reichtümer ­
  behauptet,  und  weil  das  Gegenteil  von
Macht,  die  Unmacht,  alles,  was  wir  besitzen,
nicht  nur  den  Reichtum,  sondern  auch  unsere
produktiven  Kräfte,  unsere  Kultur,  unsere  Freiheit, ­
  ja  unsere  Nationalselbständigkeit  in  die
Hände  derer  gibt,  die  uns  an  Macht  überlegen
sind  —
Wie  vertraut  klingen  uns,  die  wir  mit  unserer
Macht  und  Unabhängigkeit  zugleich  die  Blüte
unseres  Wirtschaftslebens  schützen,  dergleichen
Worte.  Beinahe  gleichlautend  legen  Adam
Müller  und  Friedrich  List  ihr  Bekenntnis  ab;
aber  als  sie  es  schrieben,  und  lange  noch  nach ­
        <pb n="16" />
        10

dem,  war  es  die  schärfste  Kampfairsage  an  die
orthodoxe  „Schule"  der  Nationalökonomie.  Denn
beide  Autoren  gaben  dem  Krieg  und  dem  Staate,
ferner  den  geistigen  und  sittlichen  Potenzen
ihr  Recht  innerhalb  der  Wirtschaftswissenschaft;
beide  warnten  vor  der  in  Deutschland  üblichen
Überschätzung  der  britischen  Theorie  und  Handelspraxis. ­
  Beide  haben  ihr  eigentümliches
System  nicht  ausgebaut  und  seine  Verwirklichung ­
  nicht  schauen  dürfen.  Der  Berliner
Romantiker  und  Freund  Heinrich  von  Kleists,
Adam  Müller,  endete  als  Vorkämpfer  der
Hörigkeit  und  des  Gewissenszwanges,  ein  anderer
Kritiker  des  Adam  Smith  —  der  reichbegabte
Alexander  von  der  Marwitz  —  blieb  auf
dem  Schlachtfelds  1813.  Friedrich  List,  den
schwäbischen  Herold  deutscher  Einheit  und  Weltgeltung, ­
  trieb  sein  dankbares  Vaterland  über
den  Ozean,  und  der  Kleingeist  seiner  Zeitgenossen
sehte  seinem  Leben  ein  zu  frühes  Ziel.  Aber
beider  Ideen  leben  und  wirken  fort.  In
den  konservativeil  Parteien  und  in  der  spezifisch
katholischen  Auffassung  des  Sozial-  und  Wirtschaftslebens ­
  klingen  Adam  Müllers  Leitsätze
wieder  an.  Aus  Friedrich  List  geht  neben
Zollverein  und  Eisenbahn  auch  alles  mit  zurück,
was  im  modernen  Deutschland  an  organisierter
Interessenvertretung  geschaffen  ward  und  was
        <pb n="17" />
        in  unserer  Weltwirtschaft  und  Kolonialpolitik  an
überschüssiger  Kraft  den  Weg  ins  Freie  fand.
Krieg  und  Friede,  Welt  und  Heimat,  Staat
und  Gesellschaft  verschmelzen  für  diese  Auffassung ­
  der  Volkswirtschaft  letzthin  in  eins.
Hier  berührt  sich  die  deutsche  Schule  unmittelbar
mit  unserer  Gegenwart,  denn  auch  für  uns
entscheidet  der  Krieg  über  das  Ganze  unserer
nationalen  Zukunft  in  Welthandel  und  Kolonialbesitz ­
  sowie  über  die  künftige  Stärke  unserer
heimischen  Produktion  und  Konsumtion;  auch
uns  sind  Staatswohl  und  Privatwohl  nicht
einander  fremd,  auch  uns  ist  Macht  wertvoller
als  Reichtum.  Und  nicht  nur  für  die  Dauer  eines
Krieges.  Der  neuzeitliche  Krieg  bedeutet  nicht,
wie  man  gelehrt  hat,  eine  vorübergehende
Umkehrung  und  Aufhebung  aller  ökonomischen
Erwägungen  der  Friedenszeit,  er  kann  so  wenig
ökonomisch  wie  als  politische  Erscheinung  ein
Widersinn  sein.  Aus  allen  Gebieten  des  nationalen ­
  Lebens,  die  er  sämtlich  ja  sich  untertan
macht,  ist  er  vielmehr  ein  sinnvoller  Leiter  und
Umformer  des  Friedenszustandes,  ein  Wecker
und  Erfüller  nationaler  Lebenskräfte.  Sämtliche ­
  produktiven  Kräfte  der  Nationen  prüft  ja
der  Krieg,  und  politisch  so  gut  wie  ökonomisch
wird  schließlich  die  Idee  der  Macht,  als  Ausdruck ­
  nationaler  Lebenskraft  und  nationalen
        <pb n="18" />
        12

Lebenswillens,  zum  Zünglein  an  der  Wage  der
Entscheidung.
Rein  arithmetisch,  durch  Addition  und  Subtraktion ­
  der  Werte,  die  der  Krieg  vorfindet  und
bewegt,  würde  die  Rechnung  volks-  und  weltwirtschaftlich ­
  niemals  aufgehen,  so  wesentlich
und  wertvoll  auch  eine  genaue  finanzwirtschaftliche
  „Kriegsrechnung"  in  Einnahme  und  Ausgabe ­
  erscheint?)  Sondern  durchaus  ist  die
Produktivität  der  Volkswirtschaft,  die  Vitalität
des  nationalen  Geistes  hüben  und  drüben  zugleich ­
  Kriegsursache,  Kampfmittel  und  Siegespreis. ­
  Ohne  dies  wäre  wirtschaftlich  der  Kriegszustand ­
  ein  Nonsens?)  Der  Siegerstaat  kann
wohl  die  Industrie  des  Nachbarn  totschlagen,
doch  nie  wie  im  Kartell  und  durch  Fusion  sich
angliedern.  Eine  besiegte  Volkswirtschaft  mag

i)  Vgl.  Julius  Wolf,  Die  Kriegsrechnung.  Berlin
1915.  Franz  Eulenburg,  Das  Geld  im  Kriege  und
Deutschlands  finanzielle  Rüstung,  1915.
a )  Von  der  ökonomische»  Sinnlosigkeit  eines  neuzeitlichen ­
  Krieges  geht  auch  Sch  äffles  Studie  „Der
nächste  Krieg  in  Zahlen"  aus,  welche  den  Reigen  der
neueren  deutschen  Literatur  zum  Thema  1887  eröffnet.
Gleich  seinen  meisten  Vorgängern  und  Nachfolgern  auf
kriegswirtschaftlichem  Gebiet  schreibt  Schäffle  unter
dem  unmittelbaren  Eindruck  politischer  Vorgänge,
aus  der  Kriegsgefahr  1886/87  heraus.  Vgl.  die  Literaturübersicht ­
  am  Schluß  dieser  Arbeit.
        <pb n="19" />
        13

aufhören  ein  unbequemer  Konkurrent  zu  sein;
nie  wird  doch  ihr  Anteil  an  der  Weltwirtschaft
von  anderen  restlos  aufgenommen  werden  können. ­
  Im  Jahre  1907  zählte  Deutschland  rund
28,  Großbritannien  mit  Irland  noch  nicht  18
Millionen  Erwerbstätige.  Könnten  Engländer
je  herstellen,  was  jene  Deutschen  aus  den
Weltmarkt  warfen?  Sie  vermöchten  es  nicht,
selbst  wenn  sie  ihre  ganze  Eigenproduktion  im
Stiche  liehen,  selbst  wenn  sie  alle  Methoden  und
Verfahren  deutscher  Arbeit  kennten.  Kaum,
daß  ihre  Hände  für  den  Iahreszuwachs  ihrer
eigenen  Produktion  genügten.  Die  Arbeitslosigkeit ­
  in  den  Arbeiterberussvereinen  betrug
vom  Hundert  der  Mitglieder
1911  1912  1913
in  Deutschland....  1,7  2,0  2,9
in  Großbritannien.  .  3,0  3,2  2,1.
Nicht  hier  liegen  die  Werte,  um  die  ein  Krieg
begonnen  wird;  nicht  in  der  Gegenwart  noch
in  der  toten  Zahl.  Während  der  Kriegszustand
die  Gesamtkraft  jedes  Volkes  auf  höchste  spannt,
geht  mit  dem  Sieg  oder  aus  der  Niederlage  bald
ein  Wachsen,  bald  ein  Nachlassen  der  nationalen
Lebenskraft  hervor,  werden  für  den  internationalen ­
  Wettlauf  die  Chancen  neu  verteilt.  Die
Rangordnung  unter  den  Nationen  wechselt,  der
Wille  und  die  Kraft  zum  Leben  wird  durch  den
        <pb n="20" />
        14

Kriegsverlaus  auf  neue  Matze,  neue  Ziele  eingestellt. ­
  England  erhob  sich  aus  dem  siebenjährigen ­
  Krieg  und  aus  dem  Kamps  gegen
Napoleon  als  erste  Macht  der  Welt;  Frankreich ­
  wuchs  trotzdem  seit  1815  zur  führenden
kapitalistischen  Macht  des  Kontinents  empor.
Deutschland  schlug  Frankreich  politisch-militärisch
entscheidend  in  den  Jahren  1866/71;  trotzdem
war  die  unmittelbare  wirtschaftliche  Kriegsfolge
ein  weiteres  Ansteigen  Frankreichs  und  eine
Stagnation  der  deutschen  Volkswirtschaft.  Erst
1914,  ein  Halbjahrhundert  nach  Sadowa  und
volle  hundert  Jahre  nach  dem  Wiener  Kongretz,
treten  die  letzten  Folgen  aller  dieser  Kämpfe
klar  hervor:  Frankreich  ist  in  Volkszahl,  Heer
und  Flotte,  Handel  und  Seefahrt,  in  seiner
Industrie  und  letzthin  auch  als  Geldmacht  von
seinen  beiden  großen  Überwindern  überholt,
die  Wurzeln  seines  Daseins  in  der  Heimat  sind
gelockert,  den  Schößlingen  seiner  überseeischen
Kolonisation  in  Nordamerika  und  Vorderindien
sind  fremde  Reiser  aufgepfropft.  Nur  einige
Daten  zur  Bestätigung:
Es  betrug  die  Einwohnerzahl
1816  1860  1013
in  Frankreich  29  37  40  Millionen
in  Großbritannien  u.  Irland  18  29  46
im  Gebiet  des  Deutschen
Reichs  23  37  67
        <pb n="21" />
        15

Es  betrug  die  Ausfuhr

1862

1912

in  Frankreich

212

265  Millionen  £

-  Großbritannien  ....

195

664

-  Deutschland

54

437

Es  betrugen  die  Staatseinnahmen

1862

1912

in  Frankreich

93

180  Millionen  £

•  Großbritannien  ....

70

185

-  Preußen

20

204

Überall  ein  Absinken  Frankreichs  aus  seiner
noch  zur  Zeit  von  Königgrätz  bewahrten  Vormachtstellung ­
  auf  dem  Kontinent;  überall  ein
Aufsteigen  der  beiden  germanischen  Staaten,
die  nun  das  Erbe  des  französisch-englischen  Gegensatzes ­
  antreten.  Deutschland  gegenüber  bekunden
auch  die  sonstigen  Völkergemeinschaften  Mittelund ­
  Westeuropas  ein  relatives  Zurückbleiben
ihrer  Volkskraft.  Greifen  wir  einmal  Österreich-Ungarn,
  sodann  die  drei  romanischen  Länder
Italien,  Spanien,  Portugal  heraus,  so  ergibt ­
  sich:

Es  betrug  die  Einwohnerzahl
1860

1911

im  Deutschen  Reich  .  .  .

37

65  Millionen

in  Österreich-Ungarn  .  .  .
-  Italien,  Spanien,  Por-37



51

tugal

41

60  -  etwa.

Es  betrug  die  Ausfuhr

1862

1912

im  Deutschen  Reich  .  .  .  .

54

437  Millionen  £

in  Österreich-Ungarn.  .  .  .

70

111

'  Italien,  Spanien,  Portugal

64

145
        <pb n="22" />
        16

Es  betrugen  die  Staatseinnahmen
1862  1912
in  Preußen  20  204  Millionen  £
-  Österreich-Ungarn....  31  199
°  Italien,  Spanien,  Portugal  46  165
In  allen  diesen  Zahlen  tritt  gleichmäßig  ein
gesteigerter  Lebensdrang  des  deutschen  Volkes
zutage.  Kein  Wunder,  daß  dies  Wachstum  ein
Gefühl  des  Mißbehagens  und  Empfindungen  der
Eifersucht  auslöste.  Konnten  doch  auch  die  Ausgaben ­
  für  Heer  und  Flotte  seit  der  beginnenden
politischen  Einigung  Deutschlands,  absolut  genommen, ­
  stärker  wachsen  als  im  übrigen  Europa,
wenngleich  nicht  stärker  im  Verhältnis  zur  Bevölkerungszahl ­
  und  schwächer  als  die  maritimen
Aufwendungen  Großbritanniens.
In  absoluten  Summen  ergeben
die  Leeres-  die  Flottenin
  Millionen  £  ausgaben  ausgaben

1862

1912

1862

1912

für  Frankreich....

14,7

31,7

5,1

17,1

-  Deutschland  .  .  .

7,5

34,6

0,15

22,9

-  Österreich-Ungarn  .

.  10,9

22,1

10,5

3,0

°  Großbritannien  .  .

.  15,3

27,9

.

44,1

-  Rußland  ....

15,2

49,3

2,9

15,9

Deutschland  hat  sowohl  Österreich-Ungarn
wie  Frankreich  in  der  Entfaltung  seiner  militärischen ­
  Kräfte  hinter  sich  gelassen.  Würden  wir
die  Beträge  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  um-
        <pb n="23" />
        17

rechnen,  so  ergäbe  sich  jedoch  für  die  beiden
Zentralmächte  1912  eine  geringere  Belastung
als  für  ihre  Gegner;  bekanntlich  ist  in  Deutschland
und  Österreich-Ungarn  auch  das  Staatsschuldenwesen ­
  weniger  entwickelt  als  in  Frankreich.
England  gegenüber,  das  mehr  denn  je  den
stärksten  Rüstungsaufwand  und  eine  starke
Schuldenlast  ausweist,  ist  bemerkenswert  die
Vernachlässigung  der  einst  unter  Tegetthoff  bei
Lissa  siegreichen  Flotte  Österreichs.  Auch  Spanien ­
  tat  1862  für  seine  maritime  Geltung,  absolut ­
  genommen,  mehr  als  1912.  Die  Flottenausgaben ­
  der  Türkei  waren  1862  gleich  groß
wie  1912;  die  Italiens  und  der  kleineren  europäischen ­
  Staaten  wenigstens  verhältnismäßig
damals  stärker?)
Aus  alledem  folgt  von  vornherein  zweierlei:
einmal,  daß  die  Geschichte  des  deutsch-englischen
Gegensatzes  keineswegs  für  sich  allein,  sondern
nur  im  Rahmen  des  europäischen  Gesamti)
  Von  1862  bis  1912  fielen  die  Flottenausgaben
Spaniens  und  Österreich  °  Angarns  um  14  500  000  £,
die  Frankreichs  und  der  Vereinigten  Staaten  stiegen
um  29  000  000  &amp;amp;,  die  Deutschlands  um  22  500  000  £,
—  keineswegs  ging  also  Englands  maritime  Bedrohung
allein  von  Deutschland  aus,  auch  fehlte  es  nicht  an
Gegenwirkungen.  Frankreich  und  Rußland  zusammen
steigerten  ihr  Flottenbudget  um  25  000  000  £,  —  gleichfalls ­
  also  mehr  denn  wir.
Lenz.

2
        <pb n="24" />
        18

geschehens  begriffen  werden  kann;  ferner,  daß
keineswegs  ein  beliebiger  Zweig,  sondern  die
Gesamtheit  unserer  nationalen  Kraftentfaltung
an  dem  Aufkommen  des  Gegensatzes  teil  hat.
Wohl  mag  die  Zunahme  der  deutschen  Volkskraft ­
  das  Schritthalten  mit  ihr  auf  militärischem
Gebiete  von  Jahr  zu  Jahr  mühsamer  haben
werden  lassen;  gilt  doch  ein  Zurückbleiben  auf
diesem  Gebiete  mit  Recht  als  das  Bedenklichste
im  nationalen  Leben.  Anderseits  hat  Deutschland ­
  vor  dem  Weltkriege  gerade  den  militärischen
Teil  seiner  Volkskrast  nicht  bis  zur  vollen
Leistung  ausgenutzt.  Großbritanniens  Seeherrschaft ­
  zählte  in  Europa  zwar  seit  1898
Deutschlands  junge  Flotte  unter  ihren  möglichen ­
  Gegnern;  dafür  aber  waren  alle  andern
Konkurrenten  in  Europa  ausgefallen  oder,  wie
die  französische  Flotte,  praktisch  unschädlich  gemacht, ­
  und  neben  Deutschland  waren  in  fernen
Meeren  Japan  und  die  Union  als  Mitbewerber
um  die  Seemacht  neu  emporgestiegen?)
*)  Der  Neubau  der  nordamerikanischen  Flotte,
die  seit  dem  Bürgerkriege  kaum  erneuert  war,  begann
schon  1883.  Japan  baute  seine  Flotte  seit  dem  Kriege
gegen  China  aus,  seine  1914  ältesten  Panzer  sind  1894
vom  Stapel  gelaufen.  Deutschlands  Lochseeflotte  be*
ginnt  erst  1897.  Der  wirtschaftliche  Aufschwung
der  Anion,  Japans,  Italiens  beginnt  ähnlich  dem
deutschen  in  den  1860  er  Jahren!
        <pb n="25" />
        19

2*

Bestehen  bleibt  der  Aufstieg  Deutschlands
um  die  Wende  des  20.  Jahrhunderts  zur  führenden ­
  Macht  in  Mittel-  und  Westeuropa;  nehmen
wir  das  Bündnis  Deutschlands  mit  der  Habsburgmonarchie ­
  hinzu,  so  leidet  es  keinen  Zweifel,
daß  1914  die  wirtschaftliche,  die  militärische  und
die  politische  Kraft  der  Zentralmächte  jedem
ihrer  einzelnen  Nebenbuhler  auf  dem  Kontinent
entscheidend  überlegen  war.  Die  „Hegemonie"
Deutschlands  auf  dem  europäischen  Kontinent
ist  insofern,  ohne  subjektives  Zutun,  Tatsache  geworden ­
  als  friedliches  Ergebnis  eigener  Vitalität
und  schwächerer  Lebenskraft  der  andern.  Die
Völker  wie  die  Menschen  können  ihrer  Länge
nicht  beliebig  eine  Elle  zusetzen  oder  fortnehmen.
Wollten  wir  Deutschland  auf  eine  Stufe  mit
Frankreich  und  Italien  in  Europa  stellen,  wir
müßten  die  Anschläge  seiner  Feinde  zu  den
unseren  machen,  Österreich  zerstören,  unsere
Marken  abtreten;  begehen  wir  diese  Selbstverstümmelung ­
  nicht,  so  bleiben  wir  politisch,
was  wir  1914  sind:  ein  120-Millionen-Block  mit
einheitlicher  Außenpolitik  und  Waffenrüstung,
im  Inneren  voll  produktivster  Kraft,  das  Herz
Europas.
Der  noch  verschleierte  Gedanke  deutscher  Unbesieglichkeit
  hat  sich  vor  aller  Welt  im  Kampfe
offenbart.  Ein  kleines  Stück  Mitteleuropa
        <pb n="26" />
        20

streitet  wider  eine  doppelte  Abermacht  von
Europäern,  wider  eine  fünffache  Menschenzahl
im  ganzen.  Wir  brauchen  dabei  nicht  in  unserem
militärischen  Vermögen  eine  Spezialität  zu
sehen;  nicht  jenem  Irrwahn  uns  hinzugeben,
daß  solche  militärische  Tugend  mit  politischer
Kraftentwicklung  nichts  zu  schaffen  habe.  Derartige ­
  Zeiten  schreiben  —  sit  venia  verbo  —
nicht  Regimentsgeschichten,  sondern  Weltgeschichte. ­
  Richt  als  Händler  oder  Helden,  um
keinen  vereinzelten  Teil  unserer  Existenz,  sondern
um  des  Ganzen  willen,  als  Staat  und  als  Nation
erbringen  wir  den  Machterweis  des  Krieges.
Wären  wir  als  europäische  Macht  mit  unserer
Amwelt  beschränkt  auf  den  Europa  genannten
Teil  der  Welt,  uns  könnte  vielleicht  bange
werden  vor  der  politischen  Abergewalt,  die  aus
dem  Gesamtwachstum  des  deutschen  Volkes  mit
innerer  Notwendigkeit  entkeimt.  Jedoch,  weit
über  den  Bereich  der  alten  Welt  hinaus  erstreckt
sich  der  Kriegsschauplatz  zu  Land  und  zur  See.
Von  unseren  ebenbürtigen  Gegnern  weitet  ein
jeder  seinen  unmittelbaren  Machtbereich:  Frankreich ­
  zum  Niger,  Rußland  zum  Amur  hin,  England ­
  über  die  Meere.  Deutschland  allein  wäre
mit  seinem  Bruderstaat  Österreich  feindlichem
Druck  von  allen  Seiten  ausgesetzt,  wenn  ihnen
nicht  nun  die  Türkei  zu  Hilfe  käme.  In  dieser
        <pb n="27" />
        21

neuen  Perspektive  wandelt  sich  das  Bild:  der
Zweibund  erscheint  nunmehr  als  diejenige  Macht,
deren  staatlicher  Wirkungskreis  den  stärksten  Anfechtungen
  unterliegt.  Einzig  Deutschland  und
die  Habsburgmonarchie  hatten  im  Frieden  ihren
vollen  Wirkungskreis  noch  nicht  gefunden.  Der
Krieg  erst  wird  auch  hier  zum  Wahrheitskünder;
er  knüpft  die  Ebenbürtigkeit  der  Zentralstaaten
und  den  politischen  Gewinn  des  Kampfes  an
einen  Bund  des  mitteleuropäischen  Kontinents
mit  Vorderasien.  Nicht  zum  Weltreich  des
Eroberers,  vielmehr  zur  Weltmacht  unter  Weltmächten ­
  strebt  die  Entwicklung  unserer  produktiven ­
  Kraft.

Wie  aber  steht  es  mit  jenen,  die  aus  der
Gesamtkraft  Deutschlands  die  wirtschaftlichen
Teile  isolieren,  die  auf  die  Blätter  der  Geschichte ­
  gleichsam  wie  auf  die  Seiten  eines  großen
Hauptbuchs  blicken?  Ihnen  ist  bei  dem  Konflikte
mit  England  der  ökonomische  Wettbewerb  der
beiden  Länder  das  Entscheidende,  aus  ihm  leiten
sie  Ursache,  Verlauf  und  Ausgang  dieses  Weltkriegs ­
  ab.  Wie  oft  ist  nicht  diese  Ansicht  von  der
ökonomischen  Natur  des  Krieges  laut  geworden:
der  Neid  auf  Deutschlands  wirtschaftliche  Blüte,
speziell  auf  Deutschlands  Außenhandel,  habe  den
        <pb n="28" />
        22

Krieg  entflammt.  Wie  oft  ward  nicht  seither
jener  Artikel  der  Saturday  Review  von  1897
bei  uns  zitiert,  daß  unser  Niedergang  vermehrten
Reichtum  Großbritanniens  bedeuten  würde.
Haben  nicht  die  britischen  Minister  während
des  Kampfes  jene  Worte  geprägt  von  dem
„Geschäftskrieg",  von  der  „letzten  Milliarde"  und
den  „silbernen  Kugeln",  die  ihn  entscheiden
müßten?  HatEngland  nicht  den  War  on  German
Trade  eröffnet?  Führt  doch  Großbritannien
den  Krieg  wie  der  Kommanditist  einer  Gesellschaft, ­
  in  der  Rußland  und  Frankreich  das  volle
Risiko  zu  tragen  haben;  es  beteiligt  sich  mit
dem  Einschuß  einiger  100  000  Mann  unmittelbar
am  Kamps,  im  übrigen  finanziert  es  ihn  und
sucht  für  sich  selbst  die  fettesten  Bissen  heraus  —
Cypern,  Ägypten,  Basra,  Lemnos,  Neu-Guinea,
die  deutsche  Südsee  und  Deutsch-Afrika.
Wir  aber  fragen  nicht,  warum  denn  England ­
  derart  politisch  um  sich  greift,  wo  doch
der  Handelsraub  und  der  Boykott  dem  „Krämersinn"
  genügen  könnten;  wir  wenden  jedem
politischen  Machtstreben  hochmütig  den  Rücken
und  zeigen  mit  den  Fingern  aus  Englands
Handelsneid  als  die  alleinige  Wurzel  des  Kriegsübels. ­
  Wir  schlagen  das  Statistische  Fahrbuch
für  das  Deutsche  Reich  auf  und  finden  dort  im
Anhang  angegeben:
        <pb n="29" />
        23

im  Jahre  1900  1912
den  deutschen  Außenhandel  mit  10  000  19  500  Mill.  M
den  Außenhandel  Großbritanniens ­
  mit  .  .  .  .  .  .  .  15  000  23  000  .  .
Großbritanniens  Vorsprung  mit  5  000  3  500  Mill.  M
Verfolgen  wir  diese  Zahlen  weiter,  berücksichtigen ­
  wir  die  starke  Lebensmitteleinfuhr  und
Kohlenausfuhr  Großbritanniens,  so  gelangen
wir  bald  zu  der  Überzeugung,  daß  Deutschlands
Handel  dem  der  Inseln  auf  den  Fersen  sei  und
Großbritanniens  Ausfuhr  demnächst  überflügelt
haben  würde.  Eine  derart  oberflächliche  Betrachtung, ­
  verbunden  mit  einigen  üblichen  Äußerungen ­
  des  Mißbehagens  über  jede  starke  Konkurrenz, ­
  gibt  für  viele  Deutsche  den  zureichenden
Grund  zum  Krieg  ab.
Kein  Wunder,  wenn  viele  so  in  Deutschland ­
  die  Welt  des  Krieges  durch  die  ökonomische
Brille  sehen.  Ward  doch  im  Frieden  die  Expansionskrast
  gerade  unseres  Volkes  immer  mehr
von  der  politischen  Ausbreitung  abgelenkt,  beschränkte ­
  doch  der  Gegensatz  zu  England  durch
anderthalb  Jahrzehnte  unsere  Ausweitung  auf
kulturellen  und  wirtschaftlichen  Neuerwerb.  Und
je  mehr  —  der  Krieg  beweist  es  —  dem  „deutschen ­
  Gedanken  in  der  Welt"  die  politischen
Hemmungen  Licht  und  Luft  versperrten,  desto
eifriger  warfen  wir  uns  auf  die  ökonomische
        <pb n="30" />
        24

Eroberung  der  Erde,  häuften  Zahl  auf  Zahl,
bis  daß  wir  selber  an  die  Realität  einer
solchen  rein  wirtschaftlichen  „Realpolitik"  glauben
lernten.
Doch  selbst  in  solchem,  politisch  harmlosen
Bestreben  stießen  wir  an  und  wurden  wir  gestört.
Nicht  einmal  die  „nur  wirtschaftlichen  Interessen"
durften  wir  pflegen;  in  China,  Persien,  Marokko
vertrat  die  Mißgunst  uns  den  Weg.  Politisch
waren  wir  durch  Bismarck  „saturiert"  und
stellten  unseren  Blick  auf  keine  höheren  Ziele
ein,  als  Ausbau  und  Bewahrung  des  Reichsgebiets ­
  und  seiner  Kolonien  sie  boten.  Was  wir
verlangten,  war  „die  wirtschaftliche  Gleichberechtigung", ­
  die  „offene  Tür",  ein  „Platz  an
der  Sonne"  unserem  ökonomischen  Wettbewerb.
Dies  brauchten  wir  unmittelbar  zum  Leben,
wollten  wir  nicht  an  unserer  Volkszahl  und
Produktivität  ersticken.  Vergeblich  unsere  Bescheidenheit. ­
  Denn  eben  die  politische  Problemstellung ­
  des  20.  Jahrhunderts  widerspricht  einer
solchen  Selbstbeschränkung  aus  das  eine  oder  das
andere  Gebiet  der  nationalen  Expansion.  Die
zunehmende  Bewußtheit  des  nationalen  Volksempfindens
  umfaßt  in  jedem  der  Imperien,  die
uns  umgeben,  das  ökonomische  Leben  mit.
Wenn  auch  keineswegs  die  Formen  und  Äußerungen ­
  feststehen,  so  werden  die  Verbindungen
        <pb n="31" />
        25

zwischen  Weltwirtschaft  und  Weltpolitik  doch
überall  auf  ihren  nationalen  Gehalt  hin  untersucht. ­
  Wer  da  auf  ökonomische  Expansion  allein
das  Augenmerk  richtet,  verliert  leicht  den  Maßstab ­
  für  die  politische  Bedingtheit  alles  wirtschaftlichen ­
  Fortschritts  auf  der  Welt.  Deutschland ­
  litt  politisch  an  ausgesprochener  Appetitlosigkeit. ­
  Wie  es  nun  wohl  solchen  Kranken  geht,
erschien  schließlich  dieser  Zustand  als  der  natürliche, ­
  der  gesunde  politische  Appetit  der  anderen
dagegen  ais  etwas  Anverständliches,  als  ein
Ausdruck  roher  Lebenskraft.  Die  appetitbegabten
Nationen  wiederum  sahen  in  Deutschlands  weltpolitischer ­
  Abstinenz  und  weltwirtschaftlicher  Expansionslust ­
  einen  ungelösten  Gegensatz,  sie
glaubten  uns  einfach  eine  derart  „harmlose"
Gesinnung  nicht,  erklärten  sie  für  Selbsttäuschung
oder  für  Heuchelei.  Der  Weltkrieg  soll  Deutschlands ­
  Politik  und  Deutschlands  Wirtschaft  demütigen. ­

Wollen  wir  demgegenüber  wirklich  an  der
Einbildung  festhalten,  wir  hätten  nur  wirtschaftliche ­
  Ziele  in  der  Politik  und  Englands  Feindschaft, ­
  ja  der  allgemeine  Kampf  entspringe
letzten  Endes  wirtschaftlichen  Gegensätzen?  Wir
brauchen  auf  solchen  politischen  Kleinmut  nur
mit  der  Gegenfrage  zu  antworten:  Waren  denn
die  treibenden  Kräfte  unseres  Wirtschaftslebens
        <pb n="32" />
        überhaupt  andere  als  diejenigen,  welche  in  der
Tiefe  unseres  nationalen  Daseins  ruhen  und  alle
seine  Regungen  gleichmäßig  beseelen?  Waren
die  deutsche  Technik,  der  deutsche  Unternehmergeist,
  die  Umsicht  und  Pflichttreue  der  Angestellten, ­
  waren  Fleiß  und  Disziplin  der
deutschen  Arbeiter  etwa  Tugenden,  die  nur  am
Zeichentisch  und  im  Kontor  oder  im  Werkraum
galten?  Die  Menschen,  denen  wir  den  wirtschaftlichen ­
  Fortschritt  danken,  sind  dieselben,
die  in  Vereinen  und  Verbänden  ihre  sozialen
Interessen  mustergültig  wahrten;  es  sind  die
gleichen,  auf  deren  Schultern  mit  das  Gebäude
unserer  Kultur  und  Zivilisation  beruhte.  Ihr
Wesen,  ihre  Tätigkeit,  soviel  davon  auch  spezialisiert ­
  war,  so  tief  auch  die  sozialen  Gegensätze
schienen,  das  war  dem  Grunde  und  der  Wurzel
nach  doch  einer  Gattung,  eines  Glaubens  mit
dem  übrigen  Ganzen  der  Nation.
Gleichwie  dem  Ausland  gegenüber  wir  in
jedem  Fremden  ein  Abbild  seines  Volkes  sehen,
so  fließen  für  uns  selbst  die  inneren  Trennungen
in  eins,  sobald  wir  unser  Volk  im  Kriegsspiegel
beschauen.  Dem  schärferen  Auge  kehrten  schon
angesichts  der  friedlichen  Durchorganisierung
unserer  Volkskraft  überall  dieselben  Linien  wieder, ­
  im  Kartell  wie  in  Gewerkschaft  und  Genossenschaft, ­
  in  privaten  und  öffentlichen  Unternehmen,
        <pb n="33" />
        27

mit  materiellen  oder  andern  Zwecken.  Der
Krieg  hat  uns  die  Einheit  wohl  bewußt  fassen
gelehrt;  doch  wäre  der  Versuch  der  „Kriegswirtschaft" ­
  gescheitert,  wenn  jene  Einheit  nicht
latent  bereits  der  Friedenswirtschaft  eigen  gewesen ­
  wäre.  Und  da  soll  in  der  wichtigsten  und
umfassendsten  Äußerung  jedes  Staatslebens,  in
seinem  Verhältnis  zu  der  staatlichen  Umwelt,
mithin  in  seiner  äußeren  oder  sogenannten
hohen  Politik  nicht  jene  Einheit  jedes  nationalen
Daseins  sich  am  ersten  widerspiegeln?  Hier
ist  doch,  gleichgültig  ob  Krieg  herrscht  oder  Friede,
stets  die  gegebene  Zusammenfassung  aller  nationalen ­
  Kräfte  zu  wirksamer  Einheit,  zu  lebendigem
Handeln.  Instinkt,  Gefühl,  Erkenntnis,  Wille
der  Nationen  finden  in  ihrer  äußeren  Politik
den  adäquaten  Ausdruck.  Wir  glauben  doch
nicht  jene  Torheit,  die  unsere  Feinde  vor  dem
Weltkriege  schon  ersannen,  daß  Deutschlands
innere  Kraft  zerrissen  sei  vom  Widerstreit  der
Goetheschen  und  Bismarckschen  Tendenzen.  Um
wie  viel  größer  wäre  dann  unsere  eigene  Blindheit, ­
  ja  unsere  Selbstverblendung,  wenn  wir  auf
dem  Gebiete  der  äußeren  Politik  im  Widersprüche ­
  mit  jeder  geläuterten  Geschichtserfahrung,
im  Gegensatze  zu  der  charakteristischen  Eigenart
der  großen  Mächte  unserer  Zeit  verharrten;
wenn  wir  aus  Feigheit  oder  Torheit  leugnen
        <pb n="34" />
        28

wollten,  daß  dieser  Krieg  für  uns  wie  für
die  Gegner  vor  allem  anderen  ein  politischer
Krieg  ist.
Wenn  irgend  das  politische  Geschehen  mit
seinen  wechselnden,  oft  verschwimmenden  Übergängen ­
  von  Krieg  und  Frieden  den  Machtgehalt
der  Völker  ausprägt  in  Sieg  und  Niederlage,
Aufstieg  und  Niedergang,  dann  doch  in  diesem
größten  aller  Kriege.  Wenn  je  die  Macht  das
Wesentliche  und  Bestimmende  des  Staatenlebens
und  des  Völkertodes  war,  dann  doch  in  diesem
Weltschauspiel  voll  nie  gesehener  Tragik,  unerhörtem ­
  Heroismus.  Wenn  jemals  eine  Zeit
die  Fülle  der  Ereignisse  in  ihrem  Schoße  barg
und  weit  über  die  Grenzen  des  Kriegszustandes
sich  fortwirkte,  dann  doch  die  unsere.  Die  Lebenskraft ­
  des  Baumes  bietet  dem  Sturme  Trotz,
der  Zweige  und  Blüten  des  nationalen  Lebens
brechen  darf,  wenn  nur  der  Stamm  erhalten
bleibt  und  mit  ihm  die  Gewähr  fortzeugender
Verjüngung.  Auch  den  entlaubten  Stamm
halten  und  tragen  seine  Wurzeln  hinüber  in  die
mildere  Zukunft;  daß  nur  ihr  Geäder  weit  und
tief  genug  verwurzelt  sei,  daß  nur  genügend
Quellen  den  Boden  speisten,  der  es  nährte.
So  trägt  die  Macht  den  Lebensinhalt  und  die
Zukunft  eines  Volkes  durch  alle  Fährnisse  des
Staatenschicksals;  aus  welchem  Boden  und  aus
        <pb n="35" />
        —  24

welchen  Quellen  immer  vordem  sie  genährt
ward,  stets  mutz  ihr  gegenwärtiges  Vermögen
der  Gegenmacht  der  Feinde  und  dem  Schutzbedürfnis
  ihrer  Pfleglinge  entsprechen;  und  nur
die  tätige  Einheit  dieses  Machtgedankens,  so
vielfach  wieder  seine  Wurzeln  sein  mögen,
sichert  dem  Ganzen  der  Nation  den  Fortbestand
und  eine  Zukunft.

Ein  solcher  Glaube  an  den  geschichtlichen
Beruf  der  Macht  setzt  nicht  zum  Fetisch  die
Gewalt,  er  ruft  um  Hilfe  keine  wesenlosen
Schemen  an,  er  kniet  auch  nicht  vor  wirtschaftlichen ­
  Götzen.  Die  metzbaren  Gütermengen
eines  oder  weniger  Wirtschaftsjahre  sind  nicht
der  Matzstab  eines  Kampfes,  der  um  das  Ganze
und  die  Zukunft  unseres  Volkes  geht.  Arithmetisch ­
  betrachtet,  wir  sahen  es  bereits,  erscheint
der  Krieg  als  eine  Subtraktion  von  allen  ökonomischen ­
  Werten  des  Augenblicks  und  ergibt  keine
sinnvolle  Auslösung;  erst  wenn  wir  in  Betracht
ziehen,  daß  die  Staaten  und  die  Völker  lebendige
Organismen  sind,  daß  Krieg  und  Friede  Manifestationen ­
  ihres  Lebens  darstellen,  erhalten  wir
auch  ökonomisch  den  Sinn  des  Kämpfens.  Die
Lebenskraft  des  deutschen  Volkes  selbst  ergab
den  Weltkrieg,  den  Zusammenstoß  der  Mächte;
        <pb n="36" />
        30

die  wirtschaftliche  Produktivität  des  deutschen
Volkes  in  der  Gegenwart,  die  unerzeugten  Werte
seiner  wirtschaftlichen  Zukunft  sind  Gegenstand
und  Preis  des  Ringens.  Am  sie,  als  einen
Ausfluß  seiner  Lebenskraft,  geht  mit  der  Kampf.
Antrennbar  von  dem  Ganzen  der  Nation,  erdulden ­
  sie  mit  ihm  den  Ansturm  fremder  Macht,
erfahren  mit  ihm  Wachstum  oder  Niederbruch.
Für  sich  allein  bedeutet  das  wirtschaftliche
Element  noch  nicht  den  Sinn  des  Krieges.
Kann  denn  überhaupt  die  Vernichtung  wirtschaftlicher ­
  Werte,  die  Minderung  der  wirtschaftlichen ­
  Kraft  des  Gegners,  mithin  das  rein  negative ­
  Einwirken  auf  einen  Teil  der  Gegenwart,
als  positives  Kriegsziel  ökonomischen  Charakters
gelten?  Die  Voraussetzung  des  Saturday-Review-Artikels,
  daß  Großbritanniens  Wirtschaftskraft ­
  um  den  Betrag  der  deutschen
Kriegseinbußen  zunähme,  hat  sich  als  augenscheinlich ­
  falsch  erwiesen;  wird  Deutschlands
Konkurrenz  tödlich  geschlagen,  dann  tritt  im
ganzen  eher  eine  Verringerung  des  wirtschaftlichen ­
  Lebens  auf  dem  Weltmarkt  ein.
Eine  solche  Kriegsfolge  wäre  ökonomisch  zunächst ­
  von  zweifelhaftem  Nutzen  für  den
Sieger;  unzweifelhaft  wäre  wieder  nur  die
allgemeine  Machtverschiebung  zu  Angunsten
des  Anterlegenen,  die  sofortige  Verringerung
        <pb n="37" />
        —  31

seines  politischen  Gewichts  im  Rate  der
Völker.

Daß  wirtschaftliche  Gegensätze  mitspielen  in
dem  allgemeinen  britisch-deutschen  Wettbewerb,
versteht  nach  dem  Gesagten  sich  von  selbst  und
wurde  bereits  angedeutet.  Daß  dieser  britischdeutsche ­
  Wettbewerb  das  Sturmzentrum  im
Weltkrieg  ausmacht,  brauche  ich  nicht  zu  leugnen.
Obgleich  das  wirtschaftliche  Element  bei  England ­
  mehr  als  auf  den  übrigen  Kriegsschauplätzen ­
  mitspielt,  beherrscht  es  den  Konflikt
doch  nicht.
In  unseren  Tagen  hat  man  vielfach  auf  die
bekannte  Kontinuität  der  britischen  Staatskunst
hingewiesen,  darauf,  daß  sie  den  jeweils  stärksten
Gegner  herauszugreifen  pflege  und  ihn  mit  dem
geringsten  möglichen  Aufwand  eigener  Kraft  bekämpfe. ­
  So  seien  Hanseaten,  Spanier,  Holländer, ­
  Franzosen  nacheinander  die  Feinde  und,  sobald ­
  sie  unschädlich  gemacht,  die  Freunde  jenes
Staates  geworden;  wir  Deutschen  seien  nur
die  letzten  dieser  Reihe.  Wobei  es  dahingestellt
bleibt,  welchen  Ausgang  dieser  letzte  Kamps
erhält:  ob  wir  die  Rolle  unserer  Vorgänger
vertauschen  mit  der  eines  Siegers  über  Großbritannien, ­
  ob  wir  es  ganz  zu  Boden  schlagen
        <pb n="38" />
        32

oder,  gleich  Nordamerika,  neben  und  mit  ihm
in  die  Welt  uns  teilen.
In  jedem  Falle  tritt  uns  auf  seiten  Großbritanniens ­
  ein  politisches  Prinzip  entgegen,  das
vier  Jahrhunderte  durchdauert  hat  und  auf  der
allgemeinen  Lage  dieses  Landes  zwischen  See
und  Kontinent  beruht.  Wir  sehen  sofort,  ein
derartiges  politischesVerhalten  hat  mit  dem  englischen ­
  Wirtschaftsleben  höchstens  einen  Grundzug ­
  gemeinsam,  es  kann  nicht  Ausdruck  einer
bestimmten  ökonomischen  Epoche  sein.  Denn
es  gilt  von  den  Zeiten  Elisabeths  und  Cromwells
  wie  für  die  Anhänger  Cobdens  und
Chamberlains,  es  umfaßt  die  „frühkapitalistischen"
Anfänge  des  IS.  Jahrhunderts  so  gut  wie  den
Sozialismus  der  Gegenwart,  den  Merkantilstaat ­
  wie  den  Freihandel.  In  Chamberlains
Person  verkörpert  geradezu  der  Wechsel  vom
Freihandel  zum  Schutzzoll,  von  Deutschfreundschast
  zum  Deutschenhaß  diesen  politischen  Leitgedanken ­
  —  Unschädlichmachen  des  nächststarken
Volkes.  Daß  diese  Politik  ein  konsequenter  Ausdruck ­
  englischer  „Selbstsucht"  ist,  kann  ihr  freilich
nur  in  deutschen  Augen  zum  Vorwurf  gereichen.
Soweit  sie  aber  speziell  von  wirtschaftlichen
Motiven  eingegeben  wird,  können  diese  nicht
z.  B.  in  dem  Gegensatze  von  Kapital  und  Arbeit,
auch  nicht  im  Sozialismus  oder  in  der  freien
        <pb n="39" />
        53

Konkurrenz  gesunden  werden  —,  das  alles  sind
wesentlich  erst  Fragen  des  IS.  Jahrhunderts.
Sondern  zugrunde  liegen  müßte  dann  eine
Spielart  des  allgemeinen  politischen  Eigennutzes, ­
  eben  der  wirtschaftliche  Eigennutz.  Es
würde  auch  nichts  fördern,  wenn  wir  ihn  schlechtweg ­
  als  „kapitalistisch"  stigmatisierten;  denn  nach
dem  Gesagten  wäre  dies  nicht  viel  mehr  als  ein
verwaschenes  Etikett  aus  der  Studierstube.
Eigennutz  ist  ohne  Zweifel  die  einzig  denkbare
und  die  allein  sittlich  erlaubte  Triebfeder  jeder
äußeren  Politik,  jeder  Aktion  der  großen  Mächte.
Das  Gegenteil  zu  behaupten,  wäre  unwissenschaftlich ­
  und  unsittlich  zugleich;  als  Maxime
der  internationalen  Politik  müßte  der  Altruismus
jeden  Staatsmann  auf  die  Bahn  des  Verbrechens
und  der  Katastrophen  führen.  Es  kann  sich  England ­
  gegenüber  nur  darum  handeln,  ob  dieser
Grundsatz  des  „heiligen  Egoismus"  nicht  etwa
von  wirtschaftlichen  Erwägungen  derart  durchsetzt ­
  ist,  daß  der  politische  Gehalt  des  Satzes  dadurch ­
  in  Englands  äußerer  Politik  verdunkelt
wird.  Denn  nur  um  England  handelt  es  sich
hier.  Den  Sah,  daß  generell  Taten  und  Meinungen ­
  der  Völker  bestimmt  werden  von  ökonomischen ­
  Erwägungen,  brauche  ich  nicht  zu  widerlegen; ­
  die  sogenannte  materialistische  Geschichtsauffassung ­
  hat  ihre  Zeit  gehabt,  ihre  Einsargung
Lenz.  z
        <pb n="40" />
        34

darf  ich  getrost  den  Darstellern  der  politischen
Geschichte  überlassen?)  Die  öffentliche  Meinung
Deutschlands  verweist  ja  auch  allein  England
in  die  Rolle  eines  Kriegshetzers  aus  ökonomischen
Motiven.  England  allerdings  habe  schon  immer
seine  Kriege  aus  wirtschaftlichem  Eigennutz  geführt; ­
  die  lange  Reihe  seiner  Kolonial-  und
Handelskriege,  sein  Kampf  um  alle  Schätze  der
neuen  Welt  und  um  die  Handelsherrschaft  in
Europa  spreche  dafür.
In  der  Tat.  Von  jeher  tragen  Kämpfe  um  die
Seeherrschast  mehr  als  andere  ein  ökonomisches
Gepräge.  Einige  wenige,  wie  Englands  Opiumkrieg ­
  gegen  China  1840/41,  entspringen  direkt
einem  bestimmten  ökonomischen  Interesse,  haben
dann  freilich  viel  weiter  reichende  Wirkungen?)
Andere  Konflikte  wieder,  wie  sie  in  dem  Assientovertrag
  mit  Spanien  1713  und  dem  Methuenvertrag
  mit  Portugal  1703  ausliefen,  gaben  dem
Inselvolk  wichtige  Handelsvorteile,  ohne  daß
ihre  Bedeutung  doch  damit  erschöpft  wäre.  Aus
unserer  Zeit  darf  an  die  Vorgänge  in  Mexiko
seit  1911  erinnert  werden;  der  politische  Rieder-*)
  Übrigens  wird  die  Fortsetzung  meines  demnächst
erscheinenden  Werkes  „Macht  und  Wirtschaft"'  den
Epochen  der  beiden  neuzeitlichen  Weltkriege  und  ihrer
vergleichenden  Darstellung  gewidmet  werden.
Hongkong  1842  britisch.
        <pb n="41" />
        55

gang  des  Landes  knüpft  an  englisch-amerikanische
Gegensätze  wirtschaftlicher  Art  an,  steht  aber
durchaus  unter  den  Gesetzen  der  großen  Politik.
Bei  allen  diesen  Beispielen  tritt  das  ökonomische
Moment  hervor;  aber  die  Ausschließung  Chinas
so  gut  wie  der  Niedergang  Spaniens  und  Portugals ­
  sowie  die  Anglisierung  Mittelamerikas  sind
Ereignisse  von  überwiegend  politischem  Belang.
Eine  rein  wirtschaftlich  orientierte  „realistische"
Interessenpolitik,  mit  nur  ökonomischen  Zielen
und  Motiven,  wie  sie  angeblich  das  junge  Deutsche
Reich  treibt,  ist  der  Geschichte  vollends  unbekannt?) ­

Allerdings  hat  der  notwendige  kommerzielle
Einschlag  jeder  überseeischen  Politik,  verbunden
mit  der  besonderen  Begünstigung  des  politischen
Eigennutzes,  welche  aus  Lage  und  Volkscharakter
der  britischen  Nation  folgt,  manche  Beobachter
zu  einem  grundsätzlich  abweichenden  Arteile
veranlaßt.  Von  den  vielen  Bemerkungen,
l )  Auch  bei  dem  Burenkrieg  kann  nicht  erkannt
werden,  daß  sein  Hintergrund  trotz  der  südafrikanischen
Goldlager  wesentlich  politischer  Natur  ist.  Die  Briten
haben  den  Burenrepubliken  nicht  die  Shares  der  Randminen-Industrie
  genommen  —  sie  befanden  sich  bereit«
ähnlich  der  Kimberleyschen  Diamantenindustrie  unter
europäischer  Kontrolle;  sie  nahmen  ihnen  die  Mögliche
keil,  den  Seeweg  nach  Indien  jemals  politisch-militärisch
»u  gefährd«,.
8*
        <pb n="42" />
        36

welche  der  britischen  neueren  Staatskunst  rein
ökonomische  Ziele  und  Motive  unterschieben,
kann  ich  schweigen,  der  Haß  gegen  den  Urheber
des  Weltkriegs  hat  genug  Zeugnisse  beigebracht.
Nur  der  bekannte  Ausspruch  eines  britischen
Historikers  sei  hier  wiederholt,  weil  er  zeigt,  daß
dies  Urteil  nicht  auf  „torei§ners"  beschränkt  ist,
und  weil  er  von  den  Taten  auf  den  Charakter
des  britischen  Volkes  schließt.  Unser  Gewährsmann ­
  sagt  von  seinen  Landsleuten  des  16.  und
17.  Jahrhunderts:  Für  sie  „ist  der  Krieg  eine
Industrie,  eine  der  möglichen  Arten,  reich  zu
werden;  das  blühendste  Geschäft,  die  einträglichste ­
  Geldanlage«.')
Was  aber  lehrt  ein  Blick  auf  die  Geschichte
des  16.  bis  17.  Jahrhunderts?  Wenn  überhaupt,
so  haben  damals  das  politische  Antlitz,  die
Sprachen  und  die  Religionen  der  westlichen  Welt
ihre  für  die  Neuzeit  eigentümlichen  Züge  erhalten. ­

Unmöglich  zunächst,  das  Eingreifen  Englands
auf  dem  Kontinent  zu  sondern  von  den  eminent
politischen  und  konfessionellen  Motiven,  welche
in  jenen  Jahrhunderten  die  europäische  Welt
bewegten!  Hier  müßte  wieder  ein  Historiker
in  die  Lücke  treten:  zeigen,  welchen  Bewegl
 )  Vgl.  im  übrigen  Tönnies,  Englische  Weltpvlitik
in  englischer  Beleuchtung,  1915.
        <pb n="43" />
        37

gründen  der  Niedergang  der  deutschen  Hanse
entsprang  und  die  Befreiung  des  nördlichen
Europa  von  ihrer  Vormundschaft;  welchen  der
Freiheitskampf  der  Niederlande  gegen  Spanien.
Die  reiche  Blüte  der  befreiten  Niederlande  verschaffte ­
  ihnen  bald  den  Hauptanteil  des  europäischen ­
  Seehandels;  als  jedoch  ihre  Kaufleute
den  Bau  besonderer  Schlachtschiffe  verweigerten,
da  ging  die  Seeherrschast  nach  kurzem  Kamps
an  England  über.  Durch  zwei  Jahrhunderte  —
von  1688  bis  letzthin  zum  September  1898  —
hat  Großbritannien  sein  Reich  jenseits  der  Meere
ausgebaut  im  Gegensatze  zu  Frankreich.  Ludwig ­
  XIV.  erwarb  Spanien  und  Sizilien  dem
Hause  Bourbon,  Napoleon  I.  streckte  das  Szepter-Karls
  des  Großen  über  Deutschland  und  Italien,
die  dritte  Republik  beschied  sich  notgedrungen
mit  außereuropäischem  Erwerb.  Sie  alle  folgten
den  Maximen  ihrer  Zeit  und  ihres  Staates,
wir  können  die  bunte  Folge  der  Geschehnisse
auf  keine  ökonomische  Formel  bringen.  Als
beide  Gegner  z.  B.  im  Edenvertrag  1786  den
ersten  ökonomischen  Friedensschluß  besiegelt
hatten,  da  riß  die  Nevolutionierung  Frankreichs
und  Belgiens  sie  bald  erst  recht  in  einen  Streit
aus  Tod  und  Leben.  Als  Napoleon  I.  den  Rheinbund ­
  ins  Leben  rief,  da  kor  er  ihn  politisch  zu
einem  Werkzeuge  seiner  Macht;  ökonomisch  je-
        <pb n="44" />
        —  38

doch  schloß  er  Frankreich  von  den  Vasallenstaaten
  mit  aller  Strenge  ab.  Deutschlands
eigene  Kümpfe,  solange  es  mit  Großbritannien
noch  im  Bunde  war,  lassen  am  wenigsten  aus
ökonomischen  Motiven  sich  erklären.  Gewiß
war  Schlesien  im  18.  Jahrhundert  die  blühendste
Provinz  des  deutschen  Ostens,  Breslau  die
kommerzielle  Metropole.  Doch  die  Eroberungskriege ­
  König  Friedrichs  bezwecken  und  bewirken
mehr  als  dies:  sie  schaffen  eine  neue  Großmacht.
And  so  mit  unseren  anderen  Kriegen.
Fm  16.  und  17.  Jahrhundert  haben  die  außereuropäischen ­
  Gebiete  gleichfalls,  mit  Ausnahme
Australiens,  ihre  entscheidende  Einordnung  in
das  politische  System  der  westlichen  Welt  erhalten. ­
  Ein  Kolonialhistoriker  müßte  uns  über
die  wesentlichen  Einzelheiten  und  über  die
Eingliederung  der  Kolonialvorgänge  in  die  große
Politik  belehren.  Hier  will  ich  nur  das  Beispiel
der  Besiedlung  Nord-  und  Südamerikas  herausgreifen. ­
  Was  immer  die  Beweggründe  gewesen ­
  sind,  von  denen  die  Eroberer  der  neuen
Welt  getrieben  waren,  in  jedem  Falle  verband
die  damals  herrschende  Staatspraxis  des  sogenannten ­
  Merkantilismus  Krieg,  Handel  und
Piraterie  zur  Einheit  und  knüpfte  die  Neue
Welt  durch  Monopole  jeder  Art  fest  an  die  alte.
Mit  vollem  Rechte  hat  jener  englische  Historiker,
        <pb n="45" />
        39

den  ich  anführte,  hervorgehoben,  daß  erst  dies
politische  System  die  wirtschaftlichen  und  die
staatlichen  Rivalitäten  damals  überall  ununterscheidbar ­
  macht  und  einen  rein  wirtschaftlichen
Verkehr  gar  nicht  gestattet.  Aus  der  Verquickung
wirtschaftlicher  und  politischer  Abhängigkeit  haben
ja  dann  die  Vereinigten  Staaten  als  erster  überseeischer ­
  Kolonialstaat  sich  1776  losgelöst.
Die  Wirkungen  des  Kolonialsystems  sind
weniger  noch  als  feine  Motive  rein  wirtschaftlicher ­
  Art  gewesen.  Nehmen  wir  die  vier  bekanntesten ­
  Hasenplähe  Nordamerikas:  Montreal
und  New  Vork  im  Osten,  New  Orleans  im
Süden  und  San  Francisco  im  Westen.  Von
ihnen  ist  Montreal  bis  1763  eine  französische
Siedlung,  ebenso  New  Orleans  noch  1803;
San  Francisco  lag  bis  1848  im  spanischen
Sprachgebiet,  New  Ac&amp;gt;rk  aber  hieß  bis  1664
Neu-Amsterdam.  Diese  Umwandlung  des  nordamerikanischen ­
  Kontinents  aus  einem  überwiegend ­
  spanisch-französischen  in  ein  durchaus
angelsächsisches  Gebiet  ist  selbstverständlich  ein
Vorgang  von  ganz  universaler  Tragweite.  Wir
Deutschen  haben  infolgedessen  z.  B.  im  19.  Jahrhundert ­
  über  5  Millionen  Auswanderer  mit
etwa  10  Milliarden  Mark  wirtschaftlicher  Werte
verloren  an  das  Angelsachsentum  in  der  Union.
Der  Weltkrieg  hat  uns  schmerzlich  daran  ge-
        <pb n="46" />
        40

mahnt,  daß  dieser  Verlust  keineswegs  etwa  nur
materieller  Natur  gewesen  ist,  daß  er  vielmehr
eine  Einbuße  des  Deutschtums  an  Macht  und
Kultureller  Geltung  darstellt.
And  was  bedeutet  dieser  Vorgang  für  Amerika
selbst?  Zwei  Daten  werden  es  erläutern.  In
ganz  Nord-  und  Südamerika  waren  um  1800
noch  volle  zwei  Drittel  der  Bevölkerung  spanischportugiesischer
  Abkunft;  nach  1900  zählt  das
iberische  Element  nur  noch  ein  gutes  Drittel
der  Gesamtzahl,  der  Rest  fällt  —  einschließlich
einem  Dutzend  Millionen  Neger  —  in  den
angelsächsischen  Kultur-  und  Sprachbereich.  Das
bedeutet  zugleich:  Bis  zur  Wende  des  18.  Jahrhunderts ­
  herrschte  der  Katholizismus  über  mindestens ­
  drei  Viertel  der  Menschen  in  der  Neuen
Welt,  er  war  bis  1762  Staatsreligion  in  allem
Land  westlich  und  südwärts  von  den  Alleghany
Mountains.  Anfangs  des  20.  Jahrhunderts  dagegen ­
  gehört  nurmehr  die  gute  Hälfte  aller
Amerikaner  zur  katholischen  Kirche,  und  ihre
herrschende  Stellung  ist  jetzt  auf  Mittel-  und
Südamerika  beschränkt.  And  während  ganz
Amerika  ursprünglich  der  romanischen  Kultur
bestimmt  schien,  gehen  heute  fast  zwei  Drittel
aller  seiner  Bewohner  in  Schulen  mit  englischer
Anterrichtssprache,  werden  erzogen  in  angelsächsischer ­
  Literatur  und  angelsächsischer  Ge ­
        <pb n="47" />
        41

schichtsauffassung  —  bis  zum  14.  Lebensjahre
sogar  zumeist  von  Ladies!
Dies  eine  große  Beispiel  der  anderen  Hemisphäre ­
  zeigt  bereits,  daß  auch  die  britischen
Kolonialkämpfe  in  der  Neuzeit  nicht  als  überwiegend ­
  wirtschaftliche  Ereignisse  anzusprechen
sind.  Vielmehr,  sie  haben  gemeinsam  mit  den
Kämpfen  des  alten  Kontinents  das  Antlitz
unseres  Erdballs  umgestaltet;  auf  ihnen  ruht
mit  jede  gegenwärtige  Gemeinschaft  der  Religionen, ­
  Sprachen  und  Kulturen.  Welche  Früchte
trägt  allein  die  Übersiedlung  jenes  Häufleins
Puritaner  nach  Neu-England!  Wenn  heute  das
Weltreich  ihrer  alten  Heimat  plötzlich  in  Stücke
bräche,  dann  blieben  vielleicht  60  Millionen
Engländer  über  die  Welt  verstreut  die  Zeugen
der  zerstörten  Weltmacht;  doch  neben  ihnen  stände
unerschüttert,  mit  über  SO  Millionen  Bürgern,
die  Union  als  zweite  Weltmacht  angelsächsischen
Gepräges.

Die  Politik  der  Gegenwart  ist  vor  allem  die
lebendige  Auswirkung  solcher  geschichtlichen
Kräfte,  sie  wandelt  unsere  Zukunft  in  lebendigem
Umtrieb  unablässig  zur  Vergangenheit.  Eine
jede  Staatskunst,  wenn  anders  sie  des  Namens
        <pb n="48" />
        42

wert  ist,  wird  darum  das  Genie  des  Staatsmanns ­
  mit  dem  Genius  der  Geschichte  zu  erfüllen ­
  streben.
Aber  sind  nicht  gerade  die  Kräfte,  denen  der
deutsch-britische  Konflikt  entsprang,  die  Kinder
ihrer  eigenen  Zeit,  in  der  Vergangenheit  noch
unbewährt  und  dem  Historiker  daher  unauffindbar? ­
  Erschöpft  nicht  doch  die  Staatskunst
dieser  unserer  Gegenwart  sich  im  Auffinden  und
Verwerten  ökonomischer  Motive?  Zum  mindesten ­
  der  deutsch-britische  Konflikt  selbst,  so
hört  man  vielfach  sagen,  sei  aus  dem  „Eintritt
Deutschlands  in  die  Weltwirtschaft"  entstanden.
Daß  diese  „Weltwirtschaft"  so  alt  ist  wie  die
Neuzeit  selbst  und  der  Eintritt  Deutschlands  in
sie  kein  singulärer  Vorgang,  bedarf  nach  meinen
Andeutungen  dem  gegenüber  keiner  Ausführung
Ts  könnte  aber  gerade  Deutschlands  wirtschaft-'
licher  Aufschwung  so  stark  und  so  gehässig  gewesen ­
  sein,  daß  er  in  diesem  einen  Fall  auch
gegen  jede  geschichtliche  Erfahrung  ein  zureichender ­
  Grund  zum  Kriege  ward.  Deutschland ­
  war  eben  ein  Träumer  unter  den  Völkern,
wie  einst  Joseph  —  kein  Wunder,  daß  die  älteren
Brüder  eifersüchtig  wurden  und  ihn,  wie  einst
den  Joseph,  verraten  und  verkaufen  wollten.
Beneideten  sie  uns  doch  auch  um  unseren  bunten
Nock!
        <pb n="49" />
        43

Wäre  dies  richtig,  so  müssen  wir  zunächst
jedenfalls  feststellen:  der  Weltkrieg  von  1914
ist  kein  Kolonialkrieg  mehr.  Einmal  war  Deutschlands ­
  Kolonialbesitz  nicht  derart,  daß  er  die
Habsucht  bis  zum  Kriege  reizen  konnte;  fein
Amfang  übertraf  nicht  den  des  belgischen  Kongogebiets»
  seine  Bewohnerzahl  nicht  die  von  Niederländisch-Fndien.
  Für  die  heimische  Volkswirtschaft ­
  bedeutete  er  gleichfalls  nicht  sehr  viel;
vom  gesamten  deutschen  Außenhandel  entfiel
nur  knapp  einhalb  vom  Hundert  auf  den  Handel
mit  den  eigenen  Kolonien,  vom  Handel  der
Kolonien  wieder  kam  nur  ein  Fünftel  auf  den
Verkehr  mit  der  Heimat.')  Auch  für  die  großen
Kolonialvölker  hat  aber  die  wirtschaftliche  Bedeutung ­
  des  Kolonialbesitzes  im  19.  Jahrhundert
nachgelassen.  Im  Seeverkehr  und  in  der  Weltwirtschaft ­
  stehen  an  erster  Stelle  nicht  mehr  die
Kolonien,  sondern  die  politisch  selbständigen
Staatswesen  daheim  und  Übersee.  Von  Deutschlands ­
  Einfuhr  z.  B.  stammten  1912  beinahe

*)  Der  Gesamthandel  unserer  Kolonien  1012
machte  464  Millionen  Mark  aus:  davon  entfielen
201  Millionen  Mark  allein  auf  Kiautschau,  31  auf  die
Südseekolonien.  Auf  Deutschlands  afrikanischen
Kolonialbesitz  entfällt  also  nur  die  Lälste  unseres
ganzen  Kolonialhandels.  Dies  ist  bei  einer  künftigen
Bewertung  zu  beachten.
        <pb n="50" />
        44

sieben  Achtel  aus  den  politisch  unabhängigen  Gebieten ­
  der  Welt;  nur  gut  ein  Achtel  kam  aus
Kolonialgebieten,  unter  denen  dabei  Britisch-Zndien
  voransteht.  Während  des  Krieges  ist
ja  die  Unabhängigkeit  Zentraleuropas  von  den
Kolonialbezügen  auf  eine  harte  Probe  gestellt
worden,  deren  gutes  Bestehen  die  meisten
überrascht  hat.  Im  Frieden  trat  diese  innere
Stärke  bereits  hervor,  sobald  der  Blick  auf  die
politische  Gliederung  unseres  Außenhandels  fiel.
Ganz  überwiegend  beschränkte  nämlich  Deutschlands ­
  Anteil  an  der  Weltwirtschaft  sich  aus  den
Austausch  mit  Europa  und  den  Vereinigten
Staaten.  Ich  will  hier  nur  auf  eine  Erscheinung
erneut  Hinweisen:  Obgleich  wir  unseren  Außenhandel ­
  jährlich  um  Milliardenwerte  schließlich
steigerten,  gehen  doch  von  unserem  Export  seit
1889  mit  völliger  Regelmäßigkeit  drei  Viertel  in
das  eigentliche  Europa;  Amerika  erhält  zuletzt
ein  gutes  Sechstel,  auf  ganz  Asien,  Afrika  und
Australien  aber  kommt  weniger  als  ein  Zehntel
unserer  Ausfuhr.
Wäre  also  Deutschlands  Krieg  wirklich  ein
Wirtschaftskampf  und  sollte  der  Preis  dem  Einsatz ­
  irgendwie  entsprechen,  dann  dürfte  gerade
um  des  ökonomischen  Vorteils  willen  der  Hauptgewinn ­
  niemals  in  dem  Erwerbe  von  Kolonien
gesucht  werden.  Da  die  Kolonialwirtschaft  im
        <pb n="51" />
        45

19.  und  20.  Jahrhundert  nach  keiner  Richtung
für  unsere  weltwirtschaftlichen  Beziehungen  ausschlaggebend ­
  ist,  so  folgt  daraus,  daß  auch  im
Friedensvertrag  den  Kolonialproblemen  durchaus ­
  der  zweite  Platz  gebührt.  Das  gilt  ebenfalls
hinsichtlich  -er  politischen  Bedeutung.  Auch
dann,  wenn  wir  dem  Weltkrieg  eine  wesentlich
politische  Wurzel  zuerkennen,  tritt  der  Erwerb
von  Kolonien  zurück.  Politisch  sogar  noch  mehr
als  wirtschaftlich  ruht  Deutschlands  Stärke  in
der  Heimat.  Hier  fließen  militärisch  wie  politisch
die  Quellen  seiner  Kraft.  Hier  bringen  Heer  und
Flotte  dem  Gegner  die  entscheidenden  Schläge
bei.  Hier  weitet  das  Drei-Kaiserbündnis  Deutschlands ­
  politische  Grenzen  bis  zum  Sinai  und  bis
zum  Kaukasus,  damit  erst  den  beiden  gewaltigen
Feinden  eine  gleich  starke  und  geschlossene  Front
entgegensetzend.  Hier  auf  dem  Boden  des
Kontinents  und  an  den  Meeresengen,  die  ihn
umgeben,  liegt  Deutschlands  Gegenwart  und
Zukunft  zu  ihrem  wesentlichen  Teil  beschlossen.
Deutschland  wird  zunächst  als  Kontinentalinacht
groß  sein,  oder  es  wird  nicht  sein.
So  wenig  also  der  Weltkrieg  eine  Angelegenheit ­
  des  Kapitalismus  oder  ein  Produkt  des
Sozialismus  ist,  ebensowenig  ist  er  ein  Kolonialkrieg. ­
  Falls  Deutschlands  wirtschaftlicher  Aufschwung ­
  irgendwie  die  Hauptschuld  trägt,  dann
        <pb n="52" />
        46

mutz  auch  der  deutsch-britische  Konflikt  in  eben
diesem  Boden  wurzeln,  dann  kann  mit  anderen
Worten  allein  die  ökonomische  Eifersucht  der
unmittelbar  beteiligten  Volksgemeinschaften  den
Kriegsanstotz  gegeben  haben.  Trifft  dies  denn
wenigstens  zu?
Ganz  gewiß  gilt  es  nicht  hinsichtlich  unserer
anderen  Feinde.  Weder  Russen  noch  Franzosen, ­
  weder  Japaner  noch  die  kleineren  Gegner
führen  diesen  Krieg  vornehmlich  aus  wirtschaftlichen ­
  Gründen.  Wohl  gingen  russische  Drohungen ­
  wegen  des  neuen  Handelsvertrags  sowie
französische  Zollschikanen  dem  bewaffneten  Zusammenstoße ­
  voraus;  doch  war  derlei  ja  nur  die
gewollte  Konsequenz  einer  uns  feindseligen
politischen  Stimmung  beider  Länder.  Ebenso
zog  zwar  der  Schuldnerstaat  Rußland  seinen
Gläubiger  Frankreich  im  entscheidenden  Augenblick ­
  hinter  sich  her;  aber  eben  aus  politischen
Gründen  hatte  ja  Frankreich  sich  so  fest  an  ihn
gekettet.  Den  Franzosen  bedeutete  Revanche
vor  allem  eine  politische  Forderung,  den  Wiedergewinn ­
  verlorenen  Prestiges  und  verlorener
Macht.  Rußland  suchte  zwar  den  Weg  zum
warmen  Wasser.  Aber  eben  politisch  wollte  es
besitzen,  was  ihm  wirtschaftlich  schon  freistand;
und  wenn  es  seinen  Erobererdrang  mit  dem
Panslawismus  und  dem  Testament  Peters  des
        <pb n="53" />
        47

Großen  deckte,  dann  waren  das  eben
wieder  politische  Vorwände  für  eine  politische
Sache.
Schon  diese  wenigen  Worte,  welche  keineswegs ­
  die  überaus  so  beliebte  „Schuldfrage"  des
Weltkriegs  lösen  wollen,  zeigen  eines  mit  voller
Deutlichkeit:  Wirtschaftliche  Vorteile  können  so
wenig  wie  irgend  ein  Kolonialerwerb  dem
inneren  Sinne  des  großen  Kampfes  gerecht
werden.  Nicht  um  den  Kongo,  nicht  um  die
Erzfelder  Französisch-Lothringens,  nicht  um  den
Industriebezirk  von  Russisch-Polen  wird  dieser
Krieg  geführt.  Das  mögen  sehr  annehmbare
Nebengaben  sein  beim  Friedensschluß;  so  lange
aber  die  aggressiven  Pläne  unserer  großen  Nachbarn ­
  von  uns  in  ihrem  politisch-militärischen
eigentlichen  Kern  unangetastet  bleiben,  so  lange
schützt  keine  Kulturgemeinschaft,  kein  wirtschaftlicher ­
  und  kein  kolonialer  Zuwachs  uns  irgendwie ­
  vor  ihrem  Wiederaufleben.
Denen,  welche  „die  Motive  des  Weltkriegs"
drei  Monate  nach  seinem  Ausbruch  mit  aktenmäßiger ­
  Treue  darzustellen  unternehmen,  fei
hier  noch  ein  Hinweis  auf  die  andere  Hemisphäre
dargebracht.  Wir  sehen  Japan  eine  Art  ostasiatischer
  Monroe-Doktrin  begründen,  die  zwar
wirtschaftliche  Zukunstswerte  die  Fülle  verheißt,
iedoch  in  Japans  gegenwärtiger  Volks-  und
        <pb n="54" />
        —  48  —

Staatswirtschast  keinerlei  Grundlagen  findet.
Ökonomisch  betrachtet  ein  Versuch  mit  unzureichenden ­
  Mitteln,  findet  dieser  japanische
Protektoratsanspruch  gegenüber  China  eine
Rechtfertigung  allein  in  dem  gigantischen  Ausmaß ­
  seiner  politischen  Zielsetzung.')  Aus  wirtschaftlichen ­
  Gründen  hatten  eher  die  Vereinigten
Staaten  Deutschland  den  Krieg  erklären  können.
Aber  sie  sind  neutral  geblieben  und  haben  von
England  gelernt,  unblutig  ihren  Vorteil  zu  verfolgen. ­
  Ganz  abgesehen  von  ihren  Waffenlieferungen. ­
  Nichten  sie  doch  mit  schöner
Konsequenz  Mittelamerika  Stück  für  Stück  seit
1895  durch  innere  Wirren  zugrunde,  bis  nach
dem  Ausfall  auch  deutscher  Milliardenwerte  die
ganze  Nestmasse  schließlich  zur  Zwangsverwaltung ­
  reif  sein  wird.  Auch  ihnen  ist  dabei  die  Herrschaft ­
  über  die  Küsten  ihres  Mittelmeers  vor
allem  politisch-militärisch  von  Belang.
England  gegenüber  kommt  im  gegenwärtigen
Konflikt  ausschließlich  das  Eigeninteresse  Deutschlands ­
  und  seiner  Verbündeten  in  Betracht.
Aber  die  in  vielem  analoge  Lage  Deutschlands
und  des  napoleonischen  Frankreichs  gegenüber

')  Vom  Gesamthandel  Chinas  entfielen  1911  auf
Japan  19  l /a  %,  auf  das  britische  Weltreich  43'/,  %,
auf  Deutschland  9 3 /i  %•
        <pb n="55" />
        49

Großbritannien  bringt  es  mit  sich,  daß  selbst
manche  Äußerlichkeiten  des  Kampfes  Ähnlichkeit
ausweisen.  Schon  Napoleon  I.  führte  seine
Kriege  für  die  Freiheit  der  Meere  und  des
Kontinents  von  britischer  Willkür  und  Bedrückung; ­
  die  Sprache  des  Konvents  ist  hierin
keine  andere  als  die  des  Imperators.  Wir
haben  in  unseren  Tagen  die  Aushungerung  des
revolutionären  Frankreichs,  die  Vergewaltigung
der  Neutralen,  die  ethische  Verhüllung  des
Kriegsanlasses  „Belgien",  ja  sogar  die  mißglückten ­
  Mordanschläge  aus  seiten  Eng'ands  in
neuer  Auflage  erlebt.  Kein  Wunder,  daß  aus
seiten  Deutschlands  die  Phraseologie  des  großen
Kampfes  gleichfalls  wiederkehrt.
Vor  allem  darin,  daß  unsere  leitenden
Männer  gleich  den  Männern  von  1792  jede
„Lust  am  Länderraube"  von  sich  weisen;  auch
der  Konvent  versprach  ja  1793  ohne  Erfolg  in
London,  Belgien  wieder  zu  räumen.  Erst  der
politische  Ausgang  des  gegenwärtigen  Ringens
kann  uns  lehren,  ob  Deutschland  diesem  selben
Vorsatz  treu  bleiben  und  auf  anderem  Wege
sein  politisches  Ziel  —  die  Niederzwingung  des
Hauptgegners  England  —  erreichen  wird;
zweifelhaft  ist  es  ja  immerhin,  ob  selbst
Napoleon  I.  mit  einem  britischen  Antwerpen
in  der  Flanke  ein  solches  Ziel  jemals  erreicht
Lrnz.

4
        <pb n="56" />
        —  5Ö

hätte?)  England  seinerseits  wendet  uns  gegenüber ­
  durchaus  die  gleichen  Mittel  an,  mit  denen
es  einst  Frankreich  zu  Boden  geschlagen  bat;  die
Ziele  und  die  Wege  seiner  Politik  sind  1914  nicht
anders  geartet  als  1793.  Grundsätzlich  darf  man
sagen:  Ein  Machtkampf,  der  sich  politisch  auf  der
reinen  Defensive  hält,  wird  auch  im  besten  Falle
politisch  negativ  auslaufen;  führt  er  aber  militärisch ­
  nicht  einmal  zum  vollen  Niederbruch  des
Gegners,  dann  wird  er  politisch  sogar  einen
Rückschritt  gegenüber  dem  früheren  Zustande
bringen.
Nach  dieseni  ihrem  Eigeninteresse,  wie  sie  es
erkennen,  richtet  sich  das  Verhalten  der  Kriegführenden ­
  ferner  in  ihrer  Beziehung  zu  den
neutralen  Staaten.  Es  kann  geraten  scheinen,
ihnen  gegenüber  die  Worte  anders  zu  setzen  als
die  Taten,  das  äußerste  Beispiel  dafür  bietet
die  Proklamation  der  Engländer  vor  und  ihr
freundschaftliches  Verhalten  nach  dem  Bombardement ­
  von  Kopenhagen  1897.  Aber  auch
wo  der  staatliche  Eigennutz  nicht  zu  derart  üblen

*)  Bekanntlich  nannte  Napoleon  !.  Antwerpen
eine  gegen  das  Lerz  Englands  gerichtete  Pistole  und
sagte  von  den  Verhandlungen  im  März  1814,  die  seinem
Sturz  vorangingen:  „Lätte  man  mir  Antwerpen  gelassen, ­
  so  wäre  der  Friedensschluß  zustandegekommen."
(zit.  bei  Peez-Dehn,  Englands  Vorherrschaft,  1412.)
        <pb n="57" />
        51

4 5 ‘ :

Mitteln  greift,  wird  er  auf  seiten  der  Neutralen
doch  mit  keinem  anderen  Motiv  als  mit  dem
eigenen  des  Eigennutzes  rechnen  dürfen.  Er  wird
darnach  feine  Worte  setzen,  seine  Taten  wählen;
das  beste  Beispiel  gibt  wieder  Englands  typisches
Verhalten:  den  „Schutz  der  Schwachen"  führt
es  unentwegt  im  Munde,  mag  schon  die  britische
Faust  dem  Schützling  an  der  Kehle  sitzen.
Auch  wer  den  kleinen  und  neutralen  Staaten
uneigennützig  wohl  will,  tut  gut,  den  Wert  der
Worte  nicht  zu  überschätzen;  wo  sie  politisch
rächt  von  Nutzen  sind,  da  kitten  sie  auch  diplomatisch ­
  keine  Freundschaften.  England  gegenüber ­
  haben  gewiß  sämtliche  Völker,  welche  nicht
die  Seeherrschaft  besitzen,  eine  Art  gemeinschaftliches ­
  Grundinteresse;  doch  ist  es  zu  mittelbar
und  zu  passiv,  um  für  sich  schon  einerr  wirksamen ­
  Anstoß  zu  geben.  Wir  haben  unserem
Bundesgenossen  Italien  von  1899  bis  1914
immer  wieder  versichert,  daß  er  seine  Politik
allein  vom  italienischen  Eigennutz  bestimmen
lassen  dürfe;  wir  sehen  heute  bestätigt,  daß  in
der  Tat  das  Eigeninteresse  dort  wie  überall
ausschlaggebend  ist  und  daß  weder  schöne  Worte
noch  die  englische  Seeherrschast  von  dieser  Linie
des  strengsten  Eigennutzes  ablenken.  Daher
sollten  wir  in  der  Verwertung  solcher  Worte
und  Motive  eine  erwünschte  Vorsicht  beobachten.
        <pb n="58" />
        52  —

Schon  Napoleon  I.  vertrat  ja  aus  seine  Weise  das
gemeinschaftliche  Erundinteresse  des  europäischen
Kontinents  gegen  Englands  See-  und  Handelsherrschaft. ­
  Daß  die  „öffentliche  Meinung"
Europas  ihm  die  Rolle  des  Beschützers  überwiegend ­
  zuerkannte,  das  beweist  die  deutsche
Literatur  von  1799  bis  tief  in  die  Rheinbundszeit ­
  hinein.  Wir  Deutschen  1914  haben  auf
ein  derart  folgsames  Auditorium  nicht  mehr  zu
hoffen;  allein  der  Türke,  der  Napoleon  mißtraute, ­
  traut  1914  uns,  weil  sein  politisches
Interesse  mit  dem  unseren  Hand  in  Hand  geht.
Gewiß  bleibt  es  grundsätzlich  zutreffend,  wenn
beispielsweise  in  einer  Erwiderung  an  Sir  Grey
halbamtlich  gesagt  wird:  Deutschland  „kämpft
auch  um  ein  ideales  Ziel  im  Interesse  der  ganzen
Welt;  es  kämpft  um  die  Freiheit  der  Meere,  es
kämpft  um  die  Befreiung  aller  Völker,  insbesondere ­
  aber  auch  der  kleinen  und  schwachen
Staaten,  von  der  Gewaltherrschaft  der  englischen
Flotte".  Gewiß.  Beinahe  die  gleichen  Worte  gebraucht ­
  Napoleon  I.  vielfach,  weil  ihm  und  uns
insoweit  die  Ausgabe  gemeinsam  war.  Jedoch
nach  dem  Gesagten  hat  diese  ideale  Auffassung ­
  in  unserem  Interesse  1914  keine  politische ­
  Durchschlagskraft;  im  napoleonischen
Interesse  freilich  haben  solche  Worte  Wirkung
ausgeübt  —  bis  zu  dem  Augenblick,  in  dem
        <pb n="59" />
        die  Adler  der  kaiserlichen  Legionen  besiegt  zu
Boden  sanken.
Schließlich  möchte  der  Deutsche  die  bedrohliche ­
  Zuspitzung  des  Interessengegensatzes,  wie
sie  im  Weltkrieg  aus  dem  Eigennutz  der  Mächte
hervorgesprungen  ist,  begreiflicherweise  nicht
dauernd  gegen  sich  gelten  lassen.  Als  Deutscher
sieht  er  aber  die  glückliche  Auflösung  des  Konfliktes ­
  zunächst  nicht,  wie  doch  das  Gegebene
wäre,  in  einer  der  Gegenmacht  gewachsenen
Verstärkung  seines  eigenen  Vermögens,  sondern
vielfach  in  einer  rein  diplomatischen  Trennung
der  verbündeten  gegnerischen  Mächte.')  Daß
die  diplomatischen  Fähigkeiten  des  Deutschen
dem  künftighin  gewachsen  seien,  mag  nicht  bezweifelt ­
  werden.  Ob  aber  die  politischen  Voraussetzungen ­
  eines  militärischen  Konfliktes  in  dem
Eigeninteresse  zweier  Länder  wirksam  gegeben
sind,  hängt  ausschließlich  von  dem  wirklichen
oder  vermeintlichen  Gewicht  ab,  das  ihnen  die
Staatskunst  und  die  öffentliche  Meinung  der
beteiligten  Länder  beilegt.  Beweis  dafür  z.  B.
die  abwartende  Haltung  Amerikas  im  chinejisch-*)
  Dies  Rezept  wurde  begreiflicherweise  schon  vor
dem  Ausbruch  des  Weltkriegs  der  Triple-Entente
gegenüber  bei  uns  empfohlen,  vgl.  noch  die  „Preußischen
Jahrbücher"  vom  Juli  1914;  das  Rezept  ist  also
mindestens  nicht  neu.
        <pb n="60" />
        —  54

japanischen  Konflikt  1915.  Ob  und  wann  ein
englisch-russischer  Konflikt  akut  wird,  bestimmt
sich  daher  ausschließlich  nach  dem  wohlverstandenen ­
  Eigeninteresse  dieser  beiden  Länder.
Deutschland  kann  dabei  nur  zweierlei  tun:  entweder ­
  den  Konfliktstoff  häufen  und  auf  einen
englisch-russischen  Konflikt  nach  Kräften  hinarbeiten, ­
  oder  sich  aus  dem  russisch-englischen
Konfliktsbereich  nach  Möglichkeit  zurückziehen.
Zn  beiden  Fällen  muß  Deutschland  vor  allem
in  sich  stark  genug  sein,  um  bei  dem  schließlichen
Ausbruch  eines  russisch-englischen  Konflikts  die
eigene  Haltung  nach  seinem  Eigeninteresse  frei
bestimmen  zu  dürfen.  Daß  ein  durch  deutsche
Nachgiebigkeit  „versöhntes"  England  oder  Rußland ­
  den  Eigennützen  dann  zurückstellt  und  daß
ein  schwaches  Deutschland  „aus  Dankbarkeit"
nicht  vergewaltigt  werden  würde,  ist  selbstverständlich ­
  eine  ganz  haltlose,  deutsch-sentimentale ­
  Atopie.  Englands  und  Rußlands  Dank  für
Deutschlands  Haltung  im  Burenkrieg  und  während ­
  des  russisch-japanischen  Konflikts  könnten
uns  lehren,  wenn  wir  lernen  wollten.
Ist  der  russisch-englische  Zündstoff  nicht  kräftig
genug,  durch  Selbstentzündung  eine  politische
Explosion  hervorzurufen,  dann  kann  auch  fremdes
diplomatisches  Bemühen  die  Katastrophe  nicht
verursachen.  And  hält  Deutschlands  politisches
        <pb n="61" />
        55

Eigengewicht  nicht  jeder  russisch-englischen
Pressung  stand,  dann  können  wir  ein  zweites  Mal
wider  Willen  in  einen  Weltkrieg  hineingezogen
werden  —  trotz  aller  diplomatischen  Bemühung.
Friede  und  Sicherheit  Deutschlands  ruht  daher
allein  auf  der  politischen  Machtgewinnung.
Derartige  Wahrheiten  gehören,  scheint  mir,
zu  dem  Grundbestand  politischen  Denkens  und
werden  durch  geschichtliche  Erfahrung  nur  bestätigt. ­
  Trotzdem  oder  vielleicht  deshalb  hält
es  so  schwer,  in  Deutschland  über  die  Grundlagen ­
  des  deutsch-britischen  Konflikts  sich  zu
verständigen,  aus  dem  Wust  gefühlsmäßiger
und  theoretisierender  Umhüllung  den  eigentlich
politischen  Kern  der  Dinge  auszuschälen.  Merkwürdig ­
  bleibt  immerhin,  daß  ein  Volk,  welches
List,  Ranke  und  Bismarck  zwischen  1789  und
1815  hervorgebracht  hat,  100  Fahre  später  noch
jedes  politischen  Instinkts  bar  ist.

Schon  die  in  Deutschland  übliche  Uberschähung
  des  wirtschaftlichen  Einschlags  in  den
politischen  Konfliktstoff  enthält  ja  eine  Unterschätzung ­
  seiner  eigentlichen  politisch-militärischen
Verkettung.  Daß  der  wirtschaftliche  Eigennutz
hineinspielt  in  den  staatlichen  Eigennutz,  habe
ich  als  selbstverständlich  bereits  anerkannt.
        <pb n="62" />
        56

Warum  die  wirtschaftliche  Eifersucht  gerade  bei
England  den  Konflikt  geschürt  hat,  habe  ich
gleichfalls  angedeutet.  Und  wenn  auch  die
Engländer  keineswegs  nur  Händler,  mehr  noch
ein  Herrenvolk  sind,  so  hat  doch  beides  gewiß
nicht  dazu  beigetragen,  in  ihrem  Nativnalcharakter
  ethische  Feinheit  und  Sozialempfinden
besonders  auszuprägen.  Aber  etwa  psychologisch
zu  folgern,  daß  Deutschlands  ungewöhnlich
rascher  Eintritt  in  die  Weltwirtschaft  die  englische
Politik  geleitet  habe,  ist  darum  nicht  gerechtfertigt. ­

Zunächst  waren  die  beiden  Völker  ökonomisch
auch  verbunden  durch  einen  intensiven  Güteraustausch. ­
  Großbritannien  gab  an  Deutschland
mehr  Waren  als  an  seine  Verbündeten  Frankreich ­
  und  Rußland  zusammengenommen;  wir
sandten  eine  größere  Warenmenge  nach  dem
Vereinigten  Königreich  als  an  unsere  Bundesgenossen ­
  Österreich-Ungarn  und  die  Türkei.
Für  Großbritanniens  Export  stand  Deutschland
nächst  Britisch-Indien  an  zweiter  Stelle;  in
Deutschlands  Ausfuhr  hielt  Großbritannien  den
ersten  Platz.  Gerade  diese  enge  und  lukrative
ökonomische  Verbindung  beider  Länder  galt  vor
dem  Kriege  vielfach  als  einHemmnis  militärischer
Konflikte;  und  in  der  Tat  hat  ja  der  Außenhandel
beider  Länder  unter  der  Kriegszeit  schwer  ge-
        <pb n="63" />
        litten,  hat  Englands  ökonomische  Weltstellung
darüber  hinaus  Einbuße,:  erfahren.
Ans  Deutschen  war,  unter  dem  Gesichtspunkt ­
  des  rechnerischen  Wettbewerbs,  eine  derartige ­
  Doktor-Eisenbart-Kur  in  keinem  Fall
vonnöten.  Nicht  nur,  weil  wir  den  Frieden
lieben  und  mit  der  hohen  Politik  uns  nur  der
Not  gehorchend  plagen;  sondern  wir  brauchten
einfach  keinen  Krieg,  weil  wir  im  Frieden  ja  am
allersichersten  vorankamen,  gar  nichts  von  einem
kriegerischen  Rückschlag  hoffen  konnten.  Auf
unserer  Seite  hat  also  der  ökonomische  Beweggrund ­
  zum  Kriege  keinesfalls  den  Ausschlag
gegeben.
Aber  auch  allgemein  gesprochen,  verfängt
das  Motiv  nicht.  Es  ist  einfach  nicht  wahr,  daß
das  Emporkommen  eines  Konkurrenten  in  der
gegenwärtigen  Weltwirtschaft  notwendig  und
allgemein  zum  Kriege  führe.  Wann  wäre  das
denn  eingetreten?  Etwa  in  den  zwei  Feldzügen
der  Balkanstaaten  um  die  europäische  Erbschaft
der  Türkei?  Erwarb  Italien  die  libysche  Sandwüste ­
  am  Mittelmeer  nicht  wesentlich  um  ihrer
politisch-militärischen  Bedeutung  willen?  War
für  Japan  eine  strategische  Position  auf  chinesischem ­
  Boden  nicht  seit  1894  der  Hauptbeweggrund ­
  zu  den  Kriegen  gegen  China?  Wir
stießen  uns  doch  auch  nicht  an  dem  phäno ­
        <pb n="64" />
        58

menalen  ökonomischen  Wachstum  Frankreichs
von  1850  bis  1870;  sondern  wir  wollten  damals
den  Kyffhäusertraum  des  neuen  Reichs  verwirklichen, ­
  die  Nationaleinheit  im  Feuer  schmieden.
In  jenen  zwei  Jahrzehnten  verdreifachte  sich  der
Außenhandel  des  zweiten  Kaiserreichs,  vervierfachte ­
  sich  der  Wechselbestand  der  Banque  de
France;  die  französische  Kohlenproduktion  verdreifachte ­
  sich  damals  binnen  15  Jahren.  Das
sind  Ziffern,  wie  sie  nicht  einmal  Deutschlands
„amerikanische"  Wirtschaftsgeschichte  zwischen
1890  und  1910  aufweist;  trotzdem  ward
diese  unerhörte  Hochkonjunktur  weder  für
uns  noch  auch  für  England  irgendwie  zum
Kriegsanlaß.
Es  müßten  ganz  besondere,  dem  deutschbritischen ­
  Verhältnis  seit  1870  eigentümliche
Motive  gewesen  fein,  welche  auf  Großbritanniens
Leite  zum  Wirtschaftskriege  trieben.  Im  Wese»
der  modernen  Weltwirtschaft  oder  im  Kapitalismus ­
  liegt  jedenfalls  die  kriegerische  Neigung
nicht.  Wir  fanden  auch  in  der  geschichtlichen  Erfahrung
  das  wirtschaftliche  Element  zwar  mitwirkend, ­
  doch  niemals  ausschlaggebend  bei  den
großen  Entscheidungen.  Der  Weltkrieg  1914
stellt  aber  schon  in  sich  einen  Wendepunkt  der
neueren  Geschichte  dar.  Wahrscheinlich  ist  es
daher  nicht,  daß  gerade  in  diesem  einen  Fall
        <pb n="65" />
        59

und  dabei  ausschließlich  aus  seiten  Englands
gegen  Deutschland  das  ökonomische  Motiv  den
'Ausschlag  gegeben  habe.  Doch  wäre  eine  derartige ­
  Ausnahme  von  der  geschichtlichen  Erfahrung ­
  und  ein  Abweichen  von  den  Grundrichtungen
  der  wirtschaftlichen  Gegenwart  immerhin ­
  möglich  und  denkbar.  Denn  der  Ablauf
politisch-wirtschaftlicher  Ereignisse  gehorcht  ja
keinerlei  Naturgesetzen;  auch  die  ökonomischen
Regelmäßigkeiten  unterliegen  dem  gestaltenden
Zugriff  der  gesellschaftlichen  Faktoren  —nirgends
stärker  sogar  als  vom  Staate  aus  und  im  Kriege.
Spricht,  so  frage  ich  ein  letztes  Mal,  eine  zwingende ­
  oder  wahrscheinliche  Vermutung  dafür,
daß  in  unserem  Fall  Hoffnung  auf  wirtschaftlichen ­
  Gewinn  und  Furcht  vor  ökonomischem
Verlust  der  Moloch  sind,  dem  unser  Blut  fließt?
Ein  letztes  Mal  gebe  ich  zu:  dergleichen  spielt
wohl  mit,  jedoch  den  Sitz  des  Konflikts  treffen
wir  damit  nicht.  Wie  nahe  wir  den  britischen
Inseln  in  unserer  gewerblichen  und  kommerziellen ­
  Entfaltung  gekommen,  wie  stark  der
Anreiz  zur  Eifersucht  damit  geworden  war,
dafür  nur  einige  sprechende  Belege.  Deutschlands ­
  Ausfuhr  im  ganzen  hatte  1914  den  britischen ­
  Export  beinahe  erreicht;  in  der  Einfuhr
bezogen  wir  aus  Europa  wenigstens  mehr  Güter
als  die  Briten.  Wie  man  berechnet  hat,  war
        <pb n="66" />
        60

Deutschlands  Nationaleinkommen  größer  als
das  britische;  unsere  Produktion  in  Landwirtschaft ­
  und  Bergbau  übertraf  diejenige  Englands
um  das  Doppelte.  Grund  genug  also  zur  Eifersucht ­
  für  Großbritannien!
Wollen  wir  aus  diesen  Prämissen  Schlüsse
ziehen,  so  müssen  wir  zunächst  wissen:  vergleichen ­
  wir  die  absoluten  Daten  beider  Länder
oder  die  verhältnismäßige  Zunahme  beider  von
einem  bestimmten  Ausgangsjahr  ab.  Es  versteht ­
  sich  nämlich  ohne  weiteres,  daß  Deutschlands ­
  relative  Zunahme  diejenige  Großbritanniens ­
  in  der  Regel  überschreiten  wird,  da
wir  ja  das  viel  jüngere  Wirtschaftsland  sind;
wäre  es  anders,  so  müßte  Großbritanniens
Wachstum  in  jeder  Beziehung  dem  unseren  ganz
unverhältnismäßig  überlegen  sein.  Sodann
können  wir  das  beiderseitige  Wachstum  in  den
Grundzahlen  betrachten  oder  in  Beziehung  zu
der  Volkszahl  beider  Länder  setzen.  Da  die
Einwohnerzahl  des  Vereinigten  Königreichs  bekanntlich ­
  hinter  der  unsrigen  um  beinahe  ein
Drittel  zurücksteht,  so  wird  Großbritanniens
Anteil,  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  berechnet,
stets  höher  sein  als  seine  wirkliche  Beteiligung;
auch  wenn  z.  B.  Deutschlands  und  Großbritanniens ­
  Außenhandel  gleich  groß  geworden
sind,  hat  England  doch  die  höhere  Kopfquote
        <pb n="67" />
        61

im  Außenhandel  für  sich.  Sollte  endlich  Deutschlands ­
  Entfaltung  die  englische  auf  wichtigen
Gebieten  sogar  absolut  genommen  und  selbst
je  Kopf  der  Bevölkerung  übertroffen  haben,
dann  bleibt  noch  immer  die  dritte  und  eigentlich
entscheidende  Frage  offen:  hat  Deutschlands
Konkurrenz  in  diesem  Fall  die  englische  Beteiligung ­
  aus  dem  Felde  geschlagen,  ihr  eine
nutzbare  Möglichkeit  fortgenommen  und  damit
Englands  volkswirtschaftliche  Entwicklung  an
einem  Punkte  eingeengt  und  zum  Stocken  gebracht; ­
  oder  hat  Deutschlands  Wettbewerb  sich
gleichsam  in  einem  freien  Raum  der  Weltwirtschaft ­
  entfaltet,  den  Großbritanniens  Konkurrenz ­
  in  keinem  Falle  zu  besetzen  die  Kraft
gehabt  hätte.  Könnte  z.  B.  England  die  deutsche
Eisen-  oder  Steinkohlenerzeugung  einfach  mitübernehmen, ­
  von  der  es  überflügelt  wurde?
Ich  habe  die  Antwort  oben  bereits  angedeutet.
Fernerhin  müssen  wir  auseinanderhalten  die
subjektiven  Beschwerden  des  privaten  Wettbewerbs, ­
  die  angesichts  der  „offenen  Tür"  und
halberschlossener  Auslandsmärkte  ja  unausbleiblich ­
  sind,  und  das  objektive  Bild  der  beiden
Länder  in  der  Weltwirtschaft,  in  dem  jene  nur
einzelne  Züge  ausmachen.  Fünftens  und  letztens
dürfen  wir  beim  Vergleichen  nicht  vergessen,
daß  es  ein  Größer-Britannien  und  ein  Gesamt-
        <pb n="68" />
        62

Engländertum  gibt,  ein  British  Empire,  das
nicht  nur  in  der  englischen  Statistik  existiert  und
dessen  Wirtschaftsdaten  im  allgemeinen  keinen
Vergleich  zu  scheuen  haben.
Erst  unter  diesen  Kautelen  und  Voraussetzungen ­
  erhalten  wir  ein  methodologisch  einwandfreies ­
  und  inhaltlich  treffendes  Gesamtbild ­
  unseres  Gegenstandes.  Ich  brauche  nicht  zu
wiederholen,  wie  wenig  diesen  Forderungen  die
Publizistik  einschließlich  mancher  wissenschaftlichen ­
  Betrachtungen  entspricht;  wie  viele  Darsteller ­
  des  Gegenstandes  an  der  Gegenüberstellung ­
  einiger  Prozentberechnungen  ein  sachlich ­
  harmloses  Vergnügen  empfinden.

Greiseil  wir  noch  einmal  auf  die  Vereinigten
Staaten  zurück.  Ihr  wirtschaftliches  Wachstum
in  der  Gegenwart  hat  das  schnellste  Tempo
eingeschlagen,  ihre  ökonomische  Expansion  beherrscht ­
  zunehmend  mindestens  Teile  des  mittleren ­
  und  südlichen  Amerikas.
Der  Gesamtwert  der  amerikanischen
Industrieproduktion  wurde  vom  Census-Bureau
  geschätzt:
für  das  Jahr  1850  auf  1019  000  000  Dollar,
„  „  „  1860  „  1  886  000  000
„  ..  1910  „  22  809  000  000  „
        <pb n="69" />
        Es  betrug  die  Kohlenförderung  in:
Großbrit.  Deutschland  Ver.  Staaten

i  in  Millionen  t:  81  17  15
1860  1  je  Kopf  der
(  Bevölkerung:  2,8  0,4  0,5
l  in  Millionen  t:  260  222  455
1910  J  je  Kopf  der
(  Bevölkerung:  6,0  3,4  5,0

Ls  betrug  die  Roheisenerzeugung  in:
Großbrit.  Deutschland  Ver.  Staaten

1

f  in  Millionen  t:

4

0,5

0,8

1860

je  Kopf  der
[  Bevölkerung:

0,1

0,1

0,03

I  in  Millionen  t:

10,5

15

28

1910]

je  Kopf  der
[  Bevölkerung:

0,2

0,2

0,3

Es  betrug  der  Gesamthandel  Mittel-  und
Südamerikas  1912  an  12  Milliarden  Mark;
davon  entfielen  auf  Großbritannien  22%,
Deutsches  Reick  14  %,  Vereinigte  Staaten
30%.
Schon  diese  wenigen  Daten  zeigen:  Die
Union  hat  unter  den  dreien  am  schnellsten  aufgeholt ­
  und  sogar  Englands  Kopfquote  in  wesentlichen ­
  Punkten  erreicht,  wo  nicht  gar  übertrosfen.
Wie  stellt  nun  England  sich  politisch  zu  seinem
erfolgreichsten  wirtschaftlichen  Wettbewerber?
Grund  zur  Eifersucht  besteht  wahrlich  genug,
        <pb n="70" />
        64

obschon  er  bei  der  relativen  Kleinheit  des
amerikanischen  Außenhandels  nicht  gerade  immer
in  der  allgemeinen  Außenhandelsziffer  hervorzutreten ­
  braucht.  Rein  wirtschaftlich  betrachtet,
liegt  für  England  jedenfalls  keinerlei  Veranlassung ­
  vor  zu  einer  irgendwie  freundschaftlichen ­
  Politik,  im  Gegenteil.  Wie  erklärt  sich
aber  dann  jene  dauernd  rücksichtsvolle  und  nachgiebige ­
  Staatskunst,  welche  das  Verhältnis
Londons  zu  Washington  kennzeichnet?  Hat
etwa  Nordamerika  sein  wirtschaftliches  Vorwärtsdrängen
  wettgemacht  durch  eine  ausgesprochene ­
  politische  Bescheidenheit  und  Anhänglichkeit ­
  an  das  alte  Mutterland?
Die  Anion  hat  Großbritannien  übertroffen
nicht  nur  auf  seinem  eigenen  Gebiet  —  dem
der  Gewinnung  von  Steinkohle,  Eisenerz,  Roheisen ­
  und  Stahl;  sie  beherrscht  nicht  nur  die
Weltproduktion  in  Rohbaumwolle,  Petroleum,
Kupfer;  sie  ist  auch  politisch  keineswegs  ein
dankbarer  Schüler  ihres  alten  Stammlandes.
Ihre  Monroedoktrin  umfaßt  in  immer  extensiverer ­
  Auslegung  von  Pol  zu  Pol  die  andere
Hemisphäre;  darüber  hinaus  greifen  sie  nach
den  Rändern  der  Südsee  und  bewerben  sich
um  China;  den  englischen  Dominions  Kanada
und  Australien  haben  die  Nordamerikaner  ganz
friedlich  angeboten,  sie  sollten  unter  ihre  „Sterne
        <pb n="71" />
        65

und  Streifen"  kommen.  Vor  allem  hat  die
Anion  England  am  Panamakanal  schachmatt
gesetzt,  obgleich  England  dort  unbestritten  ältere
Ansprüche  besaß  und  dem  künftigen  Welthandelsweg ­
  noch  1850  die  völlige  Neutralisierung ­
  gesichert  hatte.  Kurzum,  die  Nordamerikaner ­
  —  politisch  kaum  dem  Kolonialstaat
und  dem  Bürgerkrieg  entwachsen  —  benehmen
sich  höchst  ungeniert  und  ohne  jede  Rücksichtnahme. ­

Deutschland  dagegen?  Kurz  vor  dem  Weltkrieg ­
  ist  eine  anonyme  Broschüre  erschienen  und
viel  belobt  worden,  die  unseren  politischen  Ehrgeiz ­
  aller  Welt  enthüllen  sollte?)  Der  Verfasser, ­
  der  in  Englands  marokkanischer  Drohung
1911  nur  einen  Seitensprung  von  dem  gebahnten ­
  Wege  der  „Verständigung"  erblickt,  befürwortet ­
  entschieden  die  ausschließliche  Konzentration ­
  unseres  weltpolitischen  Ehrgeizes  auf
Mittelafrika.  Ans  fehle  die  Kraft,  gleichzeitig
in  Türkisch-Vorderasien  uns  zu  engagieren,  das
„Deutschlands  Weltpolitik  und  keinKrieg"
(anonym).  —  Anscheinend  ging  der  Anstoß  zu  dieser
deutschen  Mittelafrika-Propaganda,  ebenso  wie  seinerzeit ­
  zur  Propaganda  der  Bagdadbahn,  von  englischer
Seite  aus.  In  diesem  Zusammenhang  gemahnt  die
genannte  Schrift  freilich  einigermaßen  an  die  deutsche
Geschichte  von  Äans  im  Glück  und  seinem  Goldklumpens
Linz.  g
        <pb n="72" />
        66

rein  wirtschaftliche  Unternehmen  der  Bagdadbahn ­
  dort  sei  politisch  aufgebauscht  gewesen;
ja,  er  geht  so  weit,  selbst  in  dem  neuen  deutschen
„Südamerika-Institut"  eine  Gefahr  für  sein
Ziel  zu  wittern.  Dies  „Ziel"  aber  ist  beileibe
nicht  die  politische  Übernahme  des  Kongo-Beckens
  oder  Portugiesisch-Afrikas,  sondern  allein
eine  wirtschaftliche  und  kulturelle  Teilhaberschaft ­
  mit  Engländern  und  Franzosen  unter
belgisch-portugiesischer  Oberhoheit;  damit  habe
der  Ehrgeiz  Deutschlands  außerhalb  der  Reichsgrenzen
  volle  und  ausreichende  Befriedigung
gesunden.  Wahrlich,  selten  ist  vor  einer  weltgeschichtlichen ­
  Entscheidung  der  Wille  zur
Ohnmacht  einem  großen  Volke  eindringlicher
gepredigt  worden!
Mochten  nun  solche  Stimmen  oder  etwa
v.  Bernhardts  Militarist  philosophy  ertönen,
in  keinem  Fall  haben  wir  Englands  tätige  Zustimmung ­
  errungen.  Bon  den  drei  ersten  Wirtschaftsstaaten ­
  der  Welt  blieb  Nordamerika  der
Freund,  Deutschland  der  Feind  des  dritten.
Die  vierte  Wirtschaftsmacht,  Frankreich,  hat
seit  Sedan  das  Wachstum  ihrer  produktiven
Kraft  verlangsamt.  Vielleicht  ward  sie  darum
Englands  Gehilfe,  ihr  alter  Wettbewerb  schien
nunmehr  ungefährlich.  Gewiß.  Aber,  falls
dies  das  ausschlaggebende  Motiv  sein  soll,
        <pb n="73" />
        5»

67

warum  hat  England  dann  den  Krieg  an  Österreich ­
  erklärt?  Von  1862  bis  1913  hat  sich  der
Export  Österreich-Ungarns  ebenso  wie  der  Frankreichs ­
  noch  nicht  um  die  Hälfte  vermehrt,  derjenige ­
  Deutschlands  dagegen  hat  sich  verachtsacht, ­
  die  Ausfuhr  Nordamerikas  stieg  auf  das
Sechseinhalbfache.  Österreich  und  Frankreich
also  blieben  relativ  zurück,  Deutschland  und
Nordamerika  stürmten  voran.  Weshalb  hält
England  mit  Nordamerika  und  Frankreich
Frieden  und  Freundschaft,  mit  Deutschland
und  der  Habsburgmonarchie  Feindschaft?  Wie
kann  es  in  der  politischen  Welt  umgekehrt  zugehen ­
  als  in  der  wirtschaftlichen  Welt?
Aus  wirtschaftlichen  Gründen  finden  derartige ­
  Widersprüche  keine  Aufklärung;  die
Lösung  muß,  wie  die  Erscheinung  selbst,  wohl
auf  politischem  Gebiet  gesucht  werden.  Immerhin ­
  sind  die  wirtschaftlichen  Dinge  wichtig  genug, ­
  um  ihnen  innerhalb  des  deutsch-britischen
Konflikts  noch  einmal  einen  Blick  zu  widmen.
Einige  Daten  mögen  das  Bild  der  Wirtschaftskonkurrenz ­
  vervollständigen.
Großbritanniens  relatives  Zurückbleiben  in
den  Grundlagen  der  gewerblichen  Produktion
wurde  eben  vorgeführt.  Immerhin  lautet  eine
Schätzung  der  sämtlichen  Kraftquellen  (außer
Windkraft)  für  das  Vereinigte  Königreich  (1910)
        <pb n="74" />
        —  68  —

10,8  Millionen  PS.,  für  das  Deutsche  Reich
(1907)  10,4  Millionen  PS.
Die  Ausfuhr  von  Fabrikaten  stieg  von
1901  bis  1910:
Zunahme  in
Mill.  M  %  Mill.  A
in  Großbritannien  von  .  .  4,6  auf  7,0  (54)  2,4
im  Deutschen  Reich  von.  ■  2,9  -  4,8  (66)  1,9
in  den  Vereinigten  Staaten  2,0  -  3,2  (65)  1,2
in  Frankreich  von  ....  1,8  -  2,8  (53)  1,0
Zm  allgemeinen  Außenhandel  stiegen  von
1862  bis  1912:
die  Exporte  des  Ver.  Königreichs  von  195  Mill.  £  auf  664
-  -  der  Anion  of  South

Africa  .  .  .  .  °

2  -

-  -  57

des  Dominion  of  Canada

  -

9  -

-  -  65

Australiens  und  Neuseelands

  ....  -

27  -

-  -  99

Britisch-Asiens  .  .  -

60  -

-  -  235

des  British  Empire  -

309  -

-  -1159

des  Deutschen  Reichs  -

54  -

-  -')  437

der  deutschen  Kolonien



-

-  -  9

der  Vereinigten

Staaten.....

76  -

-  -i)492

l )  Nur  der  Spezialhandel.  Bei  Großbritannien  inkl.
bullion  and  specie  and  re-exports.
        <pb n="75" />
        69  —

Export-  Zunahme  im  Ver.  Königreich  plus  4M  Mill.  £
iiv  seinen  vier  L&amp;gt;auptgebieten
  plus  .  .  .  358  -  -
-  -  des  British  Empire.  .  850
des  Deutschen  Reichs
inkl.  Kolonien  plus  .  302  -  -
der  Vereinigten  Staaten
plus  416  -  -
Von  einer  Berechnung  der  Kopsquoten  wird
dabei  abgesehen?)
Ferner  betrug  der  Anteil  Großbritanniens
und  Deutschlands  am  Bestände  der  Handelsmarine: ­

in  Dampfertons
1870  1000  1013
Großbritannien  .  1  000  000  7  200000  11200000
(plus  6  200  000)  (plus  4  000  000)
Deutsches  Reich  .  100000  1  300000  2800000
(plus  1  200  000)  (plus  1  500  000)
1870  bis  1913  Zunahme  bei
Großbritannien  ....  10200000  Dampfertons
1870  bis  1913  Zunahme  bei
Deutschland  2  700  000

’)  Immerhin  sei  daran  erinnert,  daß  die  Gesamtbevölkerung ­
  des  British  Empire  (1911)  420Millionen ­
  Menschen  betrug,  davon  etwa  60  Millionen  Engländer. ­
  Deutsibland  mit  Kolonien  zählte  (1912)
78  Millionen  Menschen,  darunter  über  60  Millionen
Deutsche.  —  Die  Daten  nach  dem  in  diesen  Dingen
ganz  unentbehrlichen  Statesmans  Vear-Book.
        <pb n="76" />
        70

Danach  ergibt  sich  die  folgende  Reihenfolge
der  großen  Handelsmarinen  für  das  Fahr
1912;
Dampfer-  Segeltons:
  tons:

Großbritannien  .  22  137  000  1  472  000
Vereinigte  Staaten  5  180  000  2  527  000  (inkl.  Binnenschiffahrt) ­

Deutschland  .  .  .  2  514  000  510  000
Japan  1  443  000  779  000
Frankreich  .  .  .  838  000  625  000

Fm  Schiffsbau  behauptet  England,  wie
inan  weiß,  die  Führung  noch  unbestritten.  Beispielsweise ­
  betrug  in  Millionen  Tonnen:
der  Weltschiffbau:  davon  in  England:  andere  Länder:
1906:  2  900  000  1  800  000  1  100  000
1912  :  2  909  000  1  700  000  1  200  000

An  der  politisch  bedeutsamen  Weltstraße  des
Suezkanals  waren  die  beiden  rivalisierenden
Nationen  vor  dem  Weltkrieg  zuletzt  meistbeteiligt.
  Es  durchfuhren  den  Suezkanal:
Schiffe  überhaupt:  davon  englische:  deutsche:
im  Jahre  1900:  3441  (=  100%)  1940  (56  %)  460  (14  %)
-  -  1913:  5085  (=100%)  2951  (58%)  778(15%)
Alle  diese  Daten  seien  dem  Nachdenken  des
Lesers  empfohlen;  sie  berichtigen  das  landesübliche ­
  Bild  des  deutsch-britischen  Wettbewerbs
        <pb n="77" />
        71

nach  mehr  als  einer  Hinsicht.  Zur  Bestätigung
des  früher  Gesagten  und  zur  Ergänzung  der
Tagesliteratur  des  Weltkriegs  sei  ausdrücklich
eine  wirtschaftliche  Betrachtung  namhaft  gemacht, ­
  welche  F.  Diepenhorst  in  Löln  dem
deutsch-englischen  Problem  bereits  1913  gewidmet ­
  hat?)  Dort  wird  u.  a.  hervorgehoben,
daß  die  Ausfuhr  je  Kopf  betrug:
1890  1911  (in  M)
in  Großbritannien  144  205
-  Deutschland  68  123
also  Großbritanniens  Vorsprung  plus  70  plus  82  je  Kopf.
Auch  weist  Diepenhorst  auf  den  Parallelismus
hin,  welcher  die  britische  und  nordamerikanische
Industrieproduktion  kennzeichnet  und  der  eigentlich ­
  einen  viel  schärferen  Wettbewerb  dieser
beiden  Länder  vermuten  lassen  sollte,  während
Englands  deutsche  Konkurrenz  nach  v.  Schulze-Gävernitz
  eher  einen  Englands  Produktion
ergänzenden  Charakter  zeige.
Wie  sehr  das  politische  Moment  unmittelbar
in  alle  diese  Manifestationen  der  nationalen
Wirtschaftskraft  hineinspielt,  dafür  sei  schließlich
vr.  Stresemanns  wohl  überzeugender  Nachweis ­
  beigebracht  hinsichtlich  der  inneren  Gliederung ­
  dieser  Handelskonkurrenzen.  Das  Verl
 )  Jahrgang  1913  der  Sirthschen  „Annalen  des
Deutschen  Reichs".
        <pb n="78" />
        —  72  —
einigte  Königreich  führte  1912  nach  seinen  Besitzungen ­
  aus  für  3830  Millionen  Mark,  Deutschlands ­
  Export  in  dieselben  Besitzungen  betrug
349  Millionen  Mark.  Frankreich  exportierte  in
seine  Kolonien  1913  für  907  Millionen  Mark,
Deutschland  dorthin  für  etwa  15  Millionen  Mark.
Ein  letztes  Mal  sehen  wir  den  Satz  bestätigt:
Macht  geht  vor  Reichtum.

War  schließlich  Großbritanniens  Anteil  an
der  Welt  im  großen  ganzen  wirklich  bedroht?
Daß  Deutschlands  prozentualer  Anteil  am  Welthandel ­
  um  einige  Hundertteile  seit  der  Reichsgründung ­
  gestiegen  ist,  der  Großbritanniens  relativ ­
  gesunken,  sagt  uns  nichts  wesentliches.  In
absoluten  Zahlen  wuchs  von  1862,  also  seit  dem
Eintritt  Deutschlands  in  seine  hochkapitalistische
Blütezeit,  bis  zur  Wende  des  19.  Jahrhunderts
hin  der  Gesamthandel  des  Britischen  Mutterlandes ­
  um  10  Milliarden  Mark,  der  Deutschlands ­
  nur  um  7  Milliarden  Mark;  von  1900
bis  1912  stiegen  die  beiderseitigen  Handelsumsätze ­
  noch  um  je  10  Milliarden  Mark.  Also
bis  an  den  Vorabend  des  Weltkriegs  vermehrte
Großbritannien  allein  seinen  Außenhandel  um
20  gegen  bei  uns  17  Milliarden  Mark,  abgesehen
von  dem  Handel  aller  Kolonien  und  abgesehen
        <pb n="79" />
        75

davon,  daß  das  Mutterland  45  Millionen  Einwohner ­
  zählt  gegen  65  im  Deutschen  Reich.
Daß  übrigens  das  schnellere,  wenn  schon  relativ
immer  noch  geringere  Wachstum  des  deutschen
Außenhandels  von  I960  ab  keinerlei  Einfluß  auf
die  Gestaltung  der  politischen  Beziehungen  mehr
haben  konnte,  werden  wir  sogleich  feststellen.
Zusammengefaßt  nahm  der  Welthandel  des  gesamten ­
  British  Empire  von  1862  bis  1912  um
55 l h  Milliarden  Mark  zu,  der  Welthandel
Deutschlands  und  der  deutschen  Kolonien  reichlich ­
  um  17  Milliarden  Mark;  mithin  eine
Handelszunahme  bei  dem  alten  britischen  Welthandelsimperium, ­
  die  doppelt  so  stark  ist  als
das  Handelswachstum  seines  so  viel  jüngeren
weltwirtschaftlichen  Rivalen  Deutschland.
Industriell  allerdings  weist  Großbritanniens
Entwicklung  in  dieser  Zeit  eine  merkliche  Verlangsamung ­
  aus.  Aber  ganz  abgesehen  wiederum
von  der  industriellen  Entfaltung  seines  Kolonialbesitzes, ­
  von  der  geringeren  Volkszahl  und  von
der  Konkurrenz  der  Vereinigten  Staaten:  war
denn  diese  Erscheinung  etwas,  das  in  seinen
Grundlagen  durch  einen  Krieg  gebessert  werden
konnte?  Wenn  die  Steinkohlenlager  unter  den
britischen  Inseln  stärker  abgebaut  sind  und  früher
erschöpft  fein  werden  als  die  der  Konkurrenz,
dann  kann  kein  Krieg  doch  jemals  daran  etwas
        <pb n="80" />
        74

ändern!  Die  englischen  Staatsmänner  mutzten
wahrhaftig  so  töricht  sein,  wie  manche  Deutsche
sie  sich  vorzustellen  lieben,  wenn  derartige  Erwägungen ­
  sic  vorwiegend  bestimmt  hätten;
wenn  das  Ziel  des  Krieges  ihnen  wäre,  einen
Raubzug  durch  Deutschland  zu  veranstalten
unter  dem  Motto  König  Kroks:  „Es  mutz  alles
verrungenieret  sein."
Eine  Schätzung  der  „Dresdner  Bank"  gibt
die  schwer  bestimmbare  Lebensdauer  der  deutschen ­
  Steinkohlenlager  mit  1000  Jahren,  die
der  englischen  Steinkohlenlager  mit  300  Fahreil
an.  Die  Engländer  haben  es  längst  verstanden,
die  unabänderlichen  natürlichen  Voraussetzungen
jeder  ökonomischen  Tätigkeit  zu  ihren  Gunsten
umzubiegen,  weniger  durch  unmittelbare  wirtschaftliche ­
  Vernichtung  der  Konkurrenten,  als
indem  sie  die  politischen  Quellen  jedes  Reichtums ­
  der  Konkurrenz  absperrten.  Mit  dem
Erfolge,  datz  sie  gemeinsam  mit  Deutschland
und  der  Union  von  ihrer  kleinen  Inselgruppe
aus  —  zumeist  an  erster  oder  zweiter  Stelle  —
zwei  Drittel  bis  vier  Fünftel  der  gesamten  Weltwirtschaft ­
  in  Händen  halten.  Auf  ihrem  eigensten
Gebiete  vollends  —  als  die  Vermittler  dieser
Weltwirtschaft  in  Reederei,  Versicherung,  Kommission, ­
  Bevorschussung  —  schien  ihre  Stellung
bis  zum  Weltkrieg  unerschüttert.  Während  der
        <pb n="81" />
        75

bankmäßige  Industriekredit  zum  Beispiel  von
den  Deutschen  mustergültig  ausgebildet  war,
standen  die  Briten  unerreicht  da  in  der  Kreditgewährung ­
  an  den  internationalen  Warenhandel,'
hierin  scheint  erst  der  Krieg  selbst  Wandel
schaffen  zu  wollen  zugunsten  Deutschlands  und
New  Borks  —  eine  Einbuße,  wie  sie  gleicherweise
im  fortdauernden  Frieden  den  Engländern  zunächst ­
  erspart  geblieben  wäre!
Überschauen  wir  mit  einem  Blick  Großbritanniens ­
  wirtschaftliche  Herrschaft  auf  dem
Weltmeer,  so  erhalten  wir  für  das  l9.  Jahrhundert, ­
  das  durch  Deutschlands  Aufstieg  gekennzeichnet ­
  wird:
den  Gesamthandel  der  Erde
mit  1802  etwa  6  Milliarden  M
.  1862  40
-  1012  160
Großbritanniens  Gesamteigenhandel
mit  1802  etwa  .  .  1,2  Milliarden  M  (rund  1/5)
-  1862  ...  9,1  -  -  (1/4  bis  1/5)
.  1912  -  .  .  27,4  -  -  (gut  1/6)
den  Gesamthandel  der  Erde
mit  1862  etwa  40  Milliarden  m
.  1912  -  160
Eesamteigenhandel  des  British  Empire
mit  1862  etwa  .  .  13,8  Milliarden  «ft  (rund  1/3)
.  1912  -  ,  .  49/3  -  -  (knapp  1/3)
Heißt  dies  wirtschaftlicher  Niedergang?
        <pb n="82" />
        76

Der  Wirtschaftskomplex  Gröher-Britanniens
umfaßt  den  fünften  Teil  des  festen  Landes;
jedes  zweite  oder  dritte  Schiff  auf  dem  Weltmeer ­
  führt  die  britische  Flagge;  jeder  vierte
Mensch  auf  Erden  untersteht  dem  Anion  Jack.
Seit  1862,  seit  der  beginnenden  Einigung
Deutschlands  also,  haben  sich  Fläche  und  Bevölkerung ­
  des  britischen  Imperiums  weit  über
verdoppelt.  Damals  zählte  das  Imperium
knapp  das  45fache  der  Fläche  und  das  Siebenfache ­
  der  Bevölkerung  seines  Mutterlandes;
heute  ist  die  Fläche  des  Imperiums  hundertmal
größer,  seine  Bevölkerung  zehnmal  zahlreicher
als  das  Mutterland.  Es  ist  das  gewaltigste  Reich
geworden,  welches  die  Geschichte  je  gesehen  hat
und  sehen  wird.  Das  gewaltigste  Weltreich
des  klassischen  Altertums  —  das  Imperium
Romanum  des  Augustus  —  umfaßte  an  Areal
und  Volkszahl  nur  den  zehnten  Teil  des  britischen
Imperiums.
Heißt  dies  politischer  Niedergang?
Das  Evangelium  erzählt  von  der  Versuchung
Jesu:  Satan  führte  ihn  auf  einen  hohen  Berg
und  zeigte  ihm  alle  Reiche  der  Welt  und  ihre
Herrlichkeit  und  sprach:  Diese  Macht  will  ich
Dir  geben;  denn  sie  ist  mir  übergeben  und  ich
gebe  sie,  welchem  ich  will.
        <pb n="83" />
        77

Mochte  Deutschlands  wirtschaftliche  Konkurrenz ­
  zunehmen  oder  nicht,  in  jedem  Fall
blieb  Großbritannien  die  erste  Macht  der  Welt;
wir  hatten  wahrlich  nicht  den  Wunsch,  darin
mit  ihm  zu  wetteifern.  Wissen  wir  doch  während
des  Krieges  kaum,  für  welcher  Art  politische  Notwendigkeit ­
  wir  kämpfen.  England  hingegen
sah  nur  ein  Hemmnis  auf  dem  Weg  zur  vollen
Weltherrschaft;  das  war  ihm  nicht  die  englisch
sprechende  Union,  der  es  politisch  fügsam  blieb,
das  war  allein  das  „stammverwandte"  und  doch
in  jeder  wesentlichen  Hinsicht  ihm  so  fremde
Deutschland.  Dies  „tumbe"  Deutschland,  wenn
es  den  Schlaf  sich  aus  den  Augen  rieb  und
klaren  Blickes  in  die  Welt  sah,  mochte  der  wahren
Kraft  bewußt  werden,  die  seinem  waffenfrohen
Arme  innewohnt.  Oft  und  mit  Recht  hat  man
in  diesen  Tagen  unser  Deutschland  verglichen  mit
dem  Sonnensohne  Sigfrid,  der  seine  Kraft  nicht
kennt,  freilich  sein  Schwert  lieb  hat  und  vom
Fürchten  nichts  weiß.  Mime  aber,  der  ihn
einstmal  zum  Werkzeug  seiner  eigenen  Weltherrschaft ­
  erkor,  fürchtet  den  jungen  Recken  und
plant  ihm  jetzt  Verderben.  Daß  Deutschlands
Schwert  den  Drachen  töten,  den  Anstifter  des
Unheils  treffen  wird,  ist  unser  Glaube.  Möchte
doch  auch  die  „Tumbheit"  endlich  schwinden,
der  deutsche  Sigfrid  durch  das  Blut  des
        <pb n="84" />
        78

Drachen  hellhörig  werden  für  die  Dinge
dieser  Welt!
Das  vielerfahrene  England  jedenfalls  weiß,
warum  und  wofür  dieser  Kampf  geführt  wird.
Mit  vollstem  Recht  hat  man  gesagt:  Gewinnt
England  den  Krieg,  den  letzten  und  umfassendsten
der  Kämpfe  um  die  Weltherrschaft,  erschöpfen
sich  die  Völker  des  Kontinents  im  mörderischen
Ringen  abermals,  dann  bleibt  kein  Feind,  den
England  fürchten  müßte,  übrig,  dann  liegen  in
der  Tat  ihm  alle  Reiche  der  Welt  und  ihre  Herrlichkeit ­
  zu  Füßen?)  Dann  bleiben  wir  Deutschen
selbst  so  wenig  seine  Feinde,  wie  es  die  Hanseaten,
Spanier,  Holländer,  Franzosen  einst  geblieben
sind.  Nicht  Rußland,  auch  nicht  Japan  vermöchte
wider  Großbritannien  mit  Aussicht  auf  Erfolg
den  Kampf  zu  wagen.  Wir  Deutschen  wären
kaum  ein  zweites  Mal  dazu  imstande,  auch

*)  Demgegenüber  wirkt  es  wahrhaft  aufreizend,  wenn
deutscherseits  hier  und  da  in  bestimmter  Absicht  Sir-Edward
  Grey  als  dummer  Tölpel  hingestellt  wird,
der  zu  seiner  Verzweiflung  und  gegen  jedes  vernünftige
Interesse  Englands  in  den  Krieg  hineingezerrt  worden
ist,  als  machtloses  Opfer  seiner  eigenen  unmoralischen
Ränke  und  Schliche.  Einmal  wird  dies  durch  die
diplomatische  Vorgeschichte  des  Kriegsausbruchs  widerlegt,
  sodann  zeigt  derlei  völlige  Ahnungslosigkeit  im
politischen  Kernpunkt;  endlich  ist  es  nicht  hübsch,  diese
Ahnungslosigkeit  aus  den  Gegner  abzuschieben..
        <pb n="85" />
        79

unsere  Kraft  wäre  geschwächt,  wir  wären
bündnisreif  für  Großbritannien  geworden.  Dann
also  stände  England  wahrhaft  auf  dem  Gipfel
seiner  Macht.  Geht  Deutschland  ohne  einen
wesentlichen  politischen  Gewinn  auch  nur  aus
diesem  Kamps  hervor,  so  haben  wir  erfüllt,  was
England  einst  von  uns  verlangt  hat  und  wofür
es  damals  noch  uns  hohen  Preis  geboten  hat:
Wir  hätten  als  Englands  Schwert  den  Kontinent
geschwächt  und  uns  dazu.  Ein  Stück  Weltgeschichte ­
  1914,  mit  vertauschten  Rollen,  jedoch
mit  dem  gleichen  Ausgang,  wie  ihn  England
um  1900  für  das  deutsch-britische  Bündnis
wider  Rußland  beabsichtigt  hatte.  So  oder  so,
England  bliebe  der  Herr  der  Küsten  und  der
Meere,  wir  blieben  künftig  auf  dem  Kontinent
ein  gleicher  unter  gleichen.  Dieser  gewaltigen
Versuchung,  die  eine  politische  Versuchung  ist,
hat  Großbritannien  nicht  widerstehen  wollen.
Hier  liegt  die  Schuld,  hier  muß  die  Sühne  liegen.
Dem  Dämon  des  Weltkriegs  hat  Großbritannien
sein  Schicksal  überantwortet.  Jahrzehnte,  ja
Jahrhunderte  hat  England  mit  anderen  Nationen
um  das  gleiche  Ziel  gestritten.  Wir  Deutsche
sind  nicht  feig,  wir  wollen  auch  nicht  schwach
werden.  Was  die  Union  in  zwei  verhältnismäßig ­
  leichten  Kriegen  sich  erkämpft  hat,  das
werden  wir  im  Abwehrkampf,  den  unser
        <pb n="86" />
        80

nationales  Wachstum  uns  aufgezwungen  hat,
erstreiten:  Freiheit  von  Großbritannien,  eine
politische  Stellung  neben  ihm,  die  uns  künftighin ­
  erlaubt,  gleich  der  Anion  als  wahre  Großmacht ­
  unser  politisches  Schicksal  in  eigener  Hand
zu  halten.  Hier  ist  der  Schatz  zu  heben,  der  mit
der  Macht  zugleich  den  Frieden  birgt.  Hier  lag
das  treibende  Motiv,  hier  muß  das  Schlußwort
dieses  Krieges  gesprochen  werden.  Wo  und  bei
wem  wir  diese  Garantien  unserer  künftigen
politischen  Autarkie  zu  finden  haben,  ist  nicht
mein  Amt  und  nicht  die  Zeit  zu  untersuchen.
In  diesem  Fall  bleibt  Großbritannien  genug
von  seiner  Macht.  Wir  Deutschen  hätten  den
Sinn  dieses  den  Krieg  beherrschenden  Konflikts
gelöst.  And  einzig  unter  dieser  Voraussetzung
allein  kann  früher  oder  später  eine  Annäherung
der  beiden  Mächte  stattfinden,  die  jeder  gibt
und  jeder  läßt,  was  ihr  gebührt.  *)
*)  Nach  den  Äußerungen  und  Andeutungen  ernsthafter
Gegner  hätte  österreich-Angarn  und  Deutschland  im  März
1915  den  Frieden  etwa  auf  der  Grundlage  bekommen
können:  Austausch  Ostgaliziens  gegen  ein  Stück  Kongreßpolen, ­
  Austausch  Belgiens  gegen  Mittelafrika.  Man  sieht,
vom  Standpunkt  unserer  Gegner  aus  kein  schlechter  Abschluß: ­
  keine  eigenen  Einbußen,  überdies  eine  für  England
sehr  erfreuliche  Schwächung  sämtlicher  Kontinentalnationen! ­
  Demgegenüber  ist  eine  Erörterung  des  deutschen
Kriegsziels  z.  Zt.  mit  vollem  Recht  nicht  freigegeben.
        <pb n="87" />
        81

Die  letzten  Betrachtungen  lausen  bereits  in
die  Probleme  des  Kriegsjahres  selbst  aus.  Aber
wie  es  nicht  anders  sein  kann,  weist  jede  derartige ­
  historisch-genetische  Betrachtung  eines
gegenwärtigen  Konflikts  aus  sich  heraus  in  das
Morgen.  Wer  von  ihren  Grundlinien  sich  entfernen, ­
  sein  Heil  auf  Sonderwegen  finden  will,
der  wird  leicht  die  geschichtliche  Erfahrung  mißachten ­
  oder  willkürlich  behandeln;  wer  sich  im
Nebel  der  „öffentlichen  Meinung",  des  Gefühls,
des  Vorurteils  oder  der  Urteilslosigkeit  schlechthin
verirrt,  mag  sehen,  daß  er  den  Boden  der  geschichtlichen ­
  Gegebenheiten  nicht  unter  dem  Fuß
verliere,  der  Blinde  wird  sonst  sich  und  anderen
zum  Führer  in  den  Abgrund.  Ein  schlechter
Gärtner,  wer  die  Wurzel  nicht  gesund  erhält,
aus  der  die  künftige  Blüte  sprießt,  der  nur  das
pflegt,  was  zutage  liegt.  Konstruktive  Staatskunst ­
  erwächst  niemals  auf  solchem  Boden.
Und  zu  keiner  Zeit  vielleicht  bedurfte  je  ein
Volk  der  aufbauenden  Staatsmannschaft  so
sehr  wie  Deutschlands  Volk  1914.  x )
')  Ähnlich  jetzt  Graf  Reventlow  unter  dem  Titel
„Der  Vampyr  des  Festlandes",  1415.  Vgl.  auch  sein
Buch  „Deutschlands  Auswärtige  Politik  1888—1413",
1414.  —  Obwohl  dieser  kenntnisreiche  Veurteiler  des
Lenz.  g
        <pb n="88" />
        82

Wie  die  Zuspitzung  des  politischen  Konflikts
unsere  Nation  in  ihre  gegenwärtige  Lage  hineingeführt ­
  hat,  entzieht  sich  bis  auf  weiteres  einer
geschichtsgetreuen  Darlegung  und  ist  für  meinen
Gegenstand  von  keiner  unmittelbaren  Wichtigkeit. ­
  Daß  die  politische  Geschichte  des  deutschbritischen ­
  Verhältnisses  keineswegs  unter  jenem
wirtschaftlichen  Gesichtspunkt  steht,  dessen  sekundäre ­
  Natur  wir  nunmehr  kennen,  dafür  nur
zwei  Hinweise.
Zweimal  in  hundert  Jahren  hat  Grotzbritannien
  uns  ein  Hände  weg!  zugerufen,  sind
britische  Minister  in  amtlicher  Eigenschaft  der
Ehre  einer  befreundeten  Nation  nahegetreten.
Lord  Palmerston  erklärte  1849,  er  werde  eine
deutsche  Flagge  aus  dem  Weltmeer  als  Piratenflagge ­
  ansehen  und  behandeln  lassen.  Mr.  Lloyd
George  —  nächst  Sir  Edward  Grey  der  bei
uns  meistbelobte  fremde  Staatsmann  in  den
deutsch-britischen  Verhältnisses,  gleich  den  meisten
Deutschen,  von  dem  Wirtschastsncid  als  treibendem
Motiv  der  englischen  Geschichte  und  Politik  ausgeht,
begrüße  ich  doch  seine  Darlegungen.  Denn  eine  nicht
erschöpfend  motivierte  Einsicht  in  den  Gang  der  hohen
Politik  ist  besser  als  gar  keine  Einsicht;  und  der  in
politicis  fast  hoffnungslose  Durchschnittsdeutsche,  an  den
sich  der  Verfasser  wendet,  wird  etwas  politische  Einsicht
noch  am  ehesten  lernen,  wenn  sie  an  eine  ihm  geläufige
Vorstellung  angeknüpft  wird.
        <pb n="89" />
        85

6*

letzten  Fahren  —  drohte  im  deutsch-französischen
Marokkostreit  1911  von  Kabinetts  wegen,  England ­
  werde  eine  deutsche  Festsetzung  in  dem
französischen  Südmarokko  zum  Kriegsgrund
nehmen.  Beide  Male  handelt  es  sich  um  Seegeltung, ­
  d.  h.  um  Flottengewalt  und  Küstengewalt ­
  aus  dem  Weltmeere.  Furcht  wirkt  seit
jeher  stärker  als  der  Neid.  Deutschlands  Handelsflotte ­
  mag  die  See  durchfurchen;  sie  tut  im
Ernstfall  England  keinen  wesentlichen  Abbruch.
Deutschlands  Kriegsflotte  dagegen  vermag  —
wir  erleben  es  —  den  Britenschreck  der  Invasion
und  Aushungerung  schon  heute  wahrzumachen;
sie  schickt  die  stolzen  men  of  war  zur  Tiefe,  verheert ­
  die  Küsten,  erschwert  jeden  Transport  der
Truppen  und  der  Nahrungsmittel.  Was  dies
bedeutet  für  die  Inselstadt,  dafür  ein  Beispiel:
Lebensmittel  stellten  vor  dem  Kriege  die  Hälfte
bis  drei  Viertel  der  gesamten  britischen  Einfuhraus
  Kanada,  Australien  und  Neuseeland;  an
der  britischen  Weizeneinfuhr  waren  die  Kolonien
und  das  Ausland  je  zur  Hälfte  mit  beteiligt.
So  wenig  aber  Englands  allgemeiner  Anspruch ­
  auf  Seeherrschast  erst  an  seinen  überseeischen ­
  Lebensmittelbedarf  anknüpft,  ebenso
wenig  steht  die  Geschichte  seines  Konflikts  mit
Deutschland  unter  einem  bestimmten  ökonomischen ­
  Gesichtspunkt.  Gewiß  hat  Deutschlands
        <pb n="90" />
        84

Reichtum  seit  der  Jahrhundertwende  schneller
denn  jemals  zugenommen;  aber  nicht  daher
rührt  die  Verschärfung  der  politischen  Gegensätze.
Von  1895  bis  1911  stiegen  in  Preußen:
das  steuerbare  Vermögen  von  ZI  aus
107  Milliarden  Mark;
die  Fahl  der  Fensiten  von  1,1  auf
2  Millionen.
Vergleichsweise  schätzte  man  das  Volksvermögen ­
  je  Kopf  1912:
in  Frankreich  auf  ...  ■  5100  Mark
„  Großbritannien  auf  .  .  7700  „
„  Deutschland  aus.  .  .  .  4000  „  .
Unabhängig  davon  läuft  die  Linie  der  politischen ­
  Entwicklung.  Warum  hat  1898  und  1899
Chamberlain  Deutschland  mit  England  und
Japan  wider  Rußland  zu  einigen  versucht?  Und
uns  seitdem  mit  Gegnerschaft  verfolgt?  Bis  1900
scheute  Chamberlain  Rußlands  politische  Absichten ­
  auf  China  mehr  als  Deutschlands  ökonomische ­
  Konkurrenz;  als  er  dann  aber  das
Steuer  wider  uns  herumgeworfen,  da  konnten
keine  handelspolitischen  Daten  mehr  die  neue
Politik  Englands  beeinflussen.  Seit  der  Hochkonjunktur ­
  von  1900  seht  erst  die  eigentlich
charakteristische  Reichtums»  ermehrung  bei  uns
Deutschen  ein;  unser  Jahres-Außenhandel  steigt
        <pb n="91" />
        85

von  10  auf  21  Milliarden  Mark,  unser  Volksvermögen ­
  um  jährlich  4  Milliarden  Mark,  für
etwa  20  Milliarden  Mark  neue  Wertpapiere
werden  emittiert.  Nichts  von  alledem  konnte
mehr  den  Lauf  der  politischen  Dinge  hemmen
oder  beschleunigen.
Amgekehrt  hat  das  ökonomische  Moment  vor
1900  zwar  gewiß  die  Chamberlainsche  Staatskunst
mit  beeinflußt;  jedoch  mit  den  wesentlichen  Einschränkungen: ­
  Es  galt  ihm  nur  als  Ausdruck  von
Deutschlands  allgemeiner  Lebenskraft,  er  schätzte
die  Lebenskraft  des  britischen  Mutterlandes  erheblich ­
  geringer  ein  als  diejenige  Deutschlands,
er  stellte  den  politischen  Gegensatz  zu  Rußland
über  den  beginnenden  ökonomischen  Gegensatz
zu  Deutschland;  die  Politik  seines  Landes  konnte
daher  gelegentlich  gegen  Deutschland  gleichzeitig
ökonomisch  feindlich  und  politisch  freundlich  sein.
Tin  Beispiel:  England  erließ  1887  das  bekannte
Made  in  Germany-Gesetz  und  begrüßte  gleichzeitig ­
  mit  ungeheuchelter  Genugtuung  die  Befestigung ­
  des  Dreibundes,  dem  es  seinen  inaritimen ­
  Schuh  lieh.  Damals  (1887)  zählte  der
deutsche  Außenhandel  S  Milliarden  Mark,  der
des  Vereinigten  Königreichs  gut  das  Doppelte.
Von  1888  bis  gegen  1900  setzt  sich  nun  freilich ­
  eine  Entwicklung  durch,  welche  den  britischdeutschen ­
  Wettbewerb  verschärft.  And  zwar
        <pb n="92" />
        86

tritt  weniger  ein  ungestümes  Wachsen  auf
deutscher  Seite,  als  eine  Stagnation  der  britischen ­
  Wirtschaftskraft  zutage!  Aus  ihr  entsteht
der  Chamberlainsche  Plan  eines  zollpolitisch  geeinten ­
  Größer-Britanniens  und  die  Propaganda
für  Tarifreform  in  Groh-Britannien.  Diese
Pläne  scheitern  deshalb,  weil  seit  1900  das
britische  Wirtschaftsleben  wieder  überraschend
kräftig  auflebt.  Nunmehr  bleibt  bis  1914  der
Freihandel  in  England  bestehen,  trotzdem  die
deutsche  Konkurrenz  jetzt  gleichfalls  vorwärts
eilt.  Bestehen  bleibt  aber  auch  die  vonChamberlain
  1900  vollzogene  politische  Schwenkung,
nachdem  Deutschland  seine  Bündnisanerbieten
ein  für  allemal  abgelehnt  und  damit  eine  neue
politische  Epoche  eingeleitet  hatte.  Die  geplante
wirtschaftliche  Reichseinigung  erhält  nach  Chamberlains
  Abgang  mehr  einen  militärischen  Akzent.
Die  handelspolitischen  Vorgänge  jener  Jahre
spiegeln  sich  in  der  Statistik  folgendermaßen:
im  Jahr  1890  1894  1895  1898  1899
(in  Milliarden  Mark)

Englands  Gesamt

Ausfuhr  -  .  -

6.7

5,6

5.8

6,0

6.7

Deutschlands  Gesamt-Ausfuhr ­
  .  .

3.7

3,3

3.7

4.1

4.5

Englands  Gesamt-Einfuhr

  ....

8.6

3.3

8,5

9.6

9.9

Deutschlands  Gesamt-Einfuhr

  .  .

4,5

4.2

4.4

5.4

5,8
        <pb n="93" />
        —  87  —

im  Jahr

1901

1905

1913

Englands  Gesamt-Ausfuhr
  .  .  .

(in  Milliarden
7,1  8,3

Mark)
13,0

Deutschlands  Gesamt-Ausfuhr ­
  .  .

4,7

6,1

10,9

Englands  Gesamt-Einfuhr
  ....

10,6

11,5

15,7

Deutschlands  Gesamt-Einfuhr ­
  .  .

5,7

7,6

11,6

Wir  sehen:  auch  dort,  wo  das  ökonomische
Element  unmittelbar  mitbestimmend  auf  einen
Staatsmann  wirkt,  stellt  sich  seine  Teilnahme  am
politischen  Geschehen  keineswegs  so  unkompliziert
  dar,  wie  die  Anhänger  dieser  These  glauben
machen  wollen.  Zog  doch  Chamberlain  sogar
aus  dem  Zurückbleiben  des  britischen  Außenhandels ­
  mit  die  Folgerung,  sich  Deutschland  zu
verbinden;  als  aber  Deutschlands  und  Englands
Aufschwung  wieder  parallel  gingen,  da  war  von
Bündnisplänen  trotzdem  keine  Rede  mehr?)
Im  Gegenteil.  Ganz  konsequent  hat  Großbritannien ­
  seit  1900  den  einmal  gewählten
politisch-militärischen  Standpunkt  festgehalten.
Helgoland  in  deutschen  Händen  schien  ihm  1890
keine  Gefahr  zu  bergen.  Nie  aber  hätte  es  jetzt

i)  Vgl.  hierzu  wieder  die  instruktive  Darlegung  bei
Diepenhorst  a.  a.  O.  Seite  561—566.
        <pb n="94" />
        88

eine  deutsche  Kohlen-  und  Kreuzerstation  am
Atlantischen  Ozean  geduldet,  in  Südmarokko
oder  auch  in  jenem  Fetzen  von  Portugiesisch-Guinea
  —  dort,  wo  die  Dampserlinien  nach
Mittel-  und  Südamerika,  ums  Kap  und  nach
Gibraltar  vorbei  führen  an  der  äußersten  Westküste ­
  Afrikas.  Denn  dort  stehen  wahrhaft
politische  Interessen  für  England  wie  für  Deutschland ­
  auf  dem  Spiel,  nicht  bloß  Kulturmissionen
an  der  „Negerpsyche"  oder  „rein  wirtschaftliche"
Interessen.  Wie  sehr  oder  wie  wenig  schließlich
der  äußere  Anlaß  zum  Konfliktsausbruch,  die
Mordtat  von  Serajewo,  den  Machthabern  der
hohen  Politik  willkommen  gewesen  sein  mag,
in  keinem  Fall  war  doch  die  ganze  serbische
Frage  irgend  vorwiegend  ökonomischer  Natur.
Während  in  diesen  letzten  Jahren  vor  dem  Weltkrieg ­
  die  politischen  Stützen  unserem  Neichsbau
eine  nach  der  anderen  entzogen  wurden,  fügten
wir  noch  ruhig  Stein  auf  Stein  zu  seinem  wirtschaftlichen ­
  Ausbau.  Unser  Export  erreichte  im
ersten  Semester  1914  erstmals  5  Milliarden,  die
Konkurse  nahmen  ab,  die  Konjunktur  zog  an.
Der  englische  Arbeitsmarkt  im  Juli  1914  zeigt
gleichfalls  ein  gesundes  Aussehen  und  war  von
Krisen  längere  Zeit  als  wir  verschont  geblieben.
Diese  charakteristische  Zusammenhangslosigkeit
von  Weltwirtschaft  und  Weltpolitik  erfährt  erst
        <pb n="95" />
        durch  den  Weltkrieg  ihre  nun  vollständige  Verkehrung ­
  in  das  Gegenteil.
Wollen  wir  mit  einem  Blick  die  entscheidenden
Momente  des  deutsch-britischen  Verhältnisses  in
den  Jahren  des  reisenden  Konflikts  übersehen,
so  tritt  die  völlige  Unabhängigkeit  des  diplomatischen ­
  Verlaufs  von  ökonomischer  Einwirkung ­
  hervor;  auf  Deutschlands  Seite  politisch
zugleich  die  Einschnürung,  welche  wir  uns  im
Verlause  unserer  „Politik  der  freien  Hand"  von
Großbritannien  gefallen  lassen  mußten.  Die
entscheidenden  Daten  dieser  Jahre  sind  sämtlich
politischer  Natur.  Mag  der  erste  Anstoß  und
ebenso  der  kriegerische  Auslauf  einer  politischen
Aktion  immerhin  von  wirtschaftlichen  Erwägungen ­
  notwendig  mit  beeinflußt  sein,  so  doch
nicht  ihre  diplomatische  Durchführung.  Ist  dies
richtig,  dann  wäre  hier  der  Hinweis  angebracht,
daß  für  den  Diplomaten  vielleicht  eine  technische
Berussschulung  ausreicht,  eine  ökonomische  jedenfalls ­
  nicht  unbedingt  notwendig  ist;  daß  dagegen
dem  Staatsmann  ökonomische  und  noch  mehrhistorische
  Bildungselemente  unerläßlich  sind.
Das  diplomatische  Geschick  mag  jeden  Mangel
tieferer  Bildung  überdecken;  dem  Staatsmann
hingegen  kann  nur  ein  ganz  seltener  intuitiver
Staatssinn  das  Fehlen  solcher  Bildung  wettmachen. ­
        <pb n="96" />
        90

Am  tabellarischen  Aufriß  stellt  die  diplomatische ­
  Geschichte  des  deutsch-britischen  Konflikts
sich  wie  folgt  dar:
1894:  Französisch-russischesBündnis.
1897:  Deutsche  Konzession  in  Kiautschou.
1898:  Faschoda-Zwischenfall.
1898:  Deutsch-englischer  Angola-Vertrag.
1898:  Deutsche  Hochseeflotte  geschaffen.
1899:  Deutschland  erwirbt  die  spanischen
Südsee-Inseln.
1899:  Deutsch-englischer  Samoa-Vertrag.
&amp;gt;899:  Deutsche  Konzession  zur  Bagdadbahn. ­

1899:  Deutsch-englischer  Togo-Vertrag.
1900:  Deutsch-englischer  Pangtse-Vertrag.
1898/1901:  Wiederholte  deutsche  Ablehnung ­
  eines  deutsch-britischen
Bündnisses.
1902:  Französisch-italienische  Annäherung.
1902:  Englisch-japanisches  Bündnis.
1902:  Englische  hörne  fleet  geschaffen.
1903:  Englische  Nvrdseebasis  Rosyth  geschaffen. ­

1903:  Deutsch-kanadischer  Zollkrieg.
1903:  Lord  Curzon  erklärt  das  Persische
Meer  zum  britischen  Binnensee.
&amp;gt;903:  Österreichisch-russische  Annäherung.
        <pb n="97" />
        91

1904:  England  nimmt  Koweit  (Endpunkt
der  Bagdadbahn)  unter  Protektorat.
1904:  Englisch-französisches  Abkommen ­
  (Teilung  Nordafrikas).
1905:  Englisch-italienische  Annäherung.
1905:  Englands  Flottenrüstung  in  der
Nordsee  konzentriert.
1906:  Englisch-belgisches  Militärabkommen.
1907:  Englisch-russisches  Abkommen
(Teilung  Persiens).
1907:  England  veranlaßt  französisch-japanische ­
  Verständigung.
1908:  Englisch-russische  Verständigung  betreffend ­
  Teilung  der  Türkei  (türkische
Revolution).
1908:  England  protegiert  Serbien  gegen
Österreich-Ungarn  (I.  Balkankrisis,Schwächung ­
  der  Türkei  in  Europa).
1909:  Englisch-deutsche  Entspannung.
1909:  Russisch-italienische  Annäherung.
1910:  England  veranlaßt  russisch-japanische
Verständigung.
1911:  England  verspricht  Kiautschau  an
Japan  (?).
1911:  England  greift  in  die  deutsch-französische ­
  Marokko-Verhandlung  ein.
1911:  Französisch-deutsche  Verständigung
(Marokko,  Kongo).
        <pb n="98" />
        1911:  Russisch-deutsche  Verständigung.
1912/14:  Englisch-deutsche  Verständigung
(II.  Balkankrisis,  Verdrängung  der  Türkei
aus  Europa).
1912:  Englisch-französisches  Heeresabkommen.

1912:  England  lehnt  Reutralitätsabkommen
  mit  Deutschland  ab.
1913:  Englisch-französisches  Flottenabkommen. ­

1914:  Englisch-russisches  Flottenabkommen
(unvollendet  geblieben).
1914:  England  nimmt  die  Euphratmündung ­
  (Schat-el-Arab)  unter  Protektorat.
&amp;gt;914:  Englisch-deutsche  Abkommen  über
Dorderasien  und  Mittelafrika  (unvollendet ­
  geblieben).
1914/15:  Weltkrieg.  Eingreifen  Englands ­
  und  Japans  gegen  die  Zentralmächte, ­
  Abkehr  Italiens  vom  Dreibund, ­
  Anschluß  der  Türkei  an  die
Zentralmächte.
Die  völlige  Neuorientierung  der  englischen
Politik  gegenüber  Deutschland  erscheint  hier
nachträglich  als  eine  Kette  von  Maßnahmen,
denen  eine  fast  logisch  reine  Konsequenz  innewohnt. ­
  Die  „Einkreisung"  gleicht  dem  lang ­
        <pb n="99" />
        95

samen  Zuschnüren  eines  Sackes,  in  dem  Deutschland ­
  weltpolitisch  steckt;  wobei  es  letzten  Endes
gleichgültig  bleibt,  ob  die  Prozedur  bis  zur
völligen  Luftabschnürung  („Aushungerung")  fortgesetzt ­
  wird  oder  ob  dem  Patienten  zwei  kleine
Luftlöcher  in  den  Sack  geschnitten  werden  („Verständigung") ­
  —  rühren  kann  sich  Deutschland  in
keinem  Fall  mehr.  Entsprechend  sehen  wir
1897/1900  ein  kraftvolles  Ausgreifen  Deutschlands ­
  auf  den  verschiedensten  Gebieten  der  Weltpolitik, ­
  eine  erfolgreiche  Festsetzung  in  Ostasien,
in  der  Südsee,  in  der  Türkei  und  Mittelafrika.
Dagegen  1901  bis  1914  finden  wir  Deutschland
weltpolitisch  in  der  reinen  Defensive.  Seine
politischen  Zielsetzungen  orientieren  sich  jetzt  an
denen  seiner  Gegner:  entweder  strebt  es,  ihre
Vereinigung  zu  hindern  durch  eine  isolierende
Übereinkunft,  sei  es  mit  Frankreich,  Rußland
oder  England;  oder  es  setzt  ihrem  Machtstreben
sein  ausgesprochenes  Desinteressement  entgegen,
z.  B.  in  der  Mandschurei,  in  Persien,  im  Mittelmeer, ­
  in  Mazedonien;  einmal  nur,  in  der
Marokkofrage,  hält  es  seinen  Gegnern  Widerpart
und  erreicht  um  den  Preis  der  Kriegsgefahr  ein
Kompromiß.  Im  übrigen  beschränkt  Deutschland ­
  sich  seit  1900  auf  seinen  weltpolitischen
Besitzstand;  allein  die  Unversehrtheit  Österreich-Ungarns
  erklärt  es  für  eine  Lebensfrage  und
        <pb n="100" />
        94

muh  sie  1908,  gleichfalls  unter  Kriegsgefahr,
bejahen.  Das  erneute  Auswerfen  dieser  Frage
1914  zwingt  dann  Deutschland  in  den  Krieg
hinein.  Der  Krieg  erweist,  wie  stets,  die  Überlegenheit ­
  der  politischen  Offensive  über  die  reine
Defensive:  die  Glieder  des  britischen  Systems
greisen  zunächst  geschlossen  ineinander,  die
trennenden  Gegenmatznahmen  Deutschlands  und
der  auf  Freundschaft  mit  England  abgestellte
Dreibund  fallen  auseinander.
Dieser  notgedrungene  vierzehnjährige  Verzicht ­
  aus  jede  eigene  politische  Zielsetzung  in  der
Welt  und  die  wiederholte  Kriegsgefahr  selbst
angesichts  der  strengsten  Defensive  haben  nicht
verfehlt,  ihre  Wirkung  auf  die  öffentliche  Meinung ­
  Deutschlands  auszuüben.  Die  Wirkung
war  zwiefach:  einerseits  ein  Aufbegehren  der
spezifisch  nationalen  Strömung,  ein  Drängen
auf  Wiederaufnahme  der  politischen  Offensive;
Beispiele  sind  die  dauernde  Feindschaft  zwischen
Auswärtigem  Amt  und  Alldeutschem  Verband
sowie  das  Duell  v.  Bethmann-  v.  Heydebrand
in  der  Marokkodebatte  1911.  Auf  der  anderen
Seite  geht  mit  der  wohlberechtigten  Friedenssehnsucht ­
  jedes  Volkes  und  dem  gleich  wohlberechtigten ­
  Verantwortungsgefühl  jeder  leitenden ­
  Stelle  eine  politische  Richtung  Hand  in
Hand,  welche  aus  der  Not  des  Vaterlandes  eine
        <pb n="101" />
        95

Tugend  macht  und  seine  erzwungene  Abkehr
von  jeder  politischen  Offensive  mit  deutscher
Gründlichkeit  zu  einer  Theorie  der  politischen
Defensive  ausbaut.  Danach  wäre  das  Streben
nach  politischer  Macht,  wie  es  Deutschlands
Gegner  doch  zu  gleicher  Zeit  so  kräftig  ausgekostet ­
  haben,  eine  grundsätzlich  überwundene
Lebensform  der  Staaten;  maßgebend  für  die
Stärke  des  nationalen  Gedankens  wären  vielmehr ­
  die  wirtschaftliche  und  die  kulturelle  Expansion. ­
  Diese  Auffassung  bedeutet  also  eine
bewußte  Absage  an  Deutschlands  eigene  bis
&amp;gt;900  offensive  Machtpolitik,  einen  gewollten
Verzicht  auf  ihre  künftige  Wiederaufnahme.
Folgerichtig  sieht  diese  Meinung  auch  unter  der
neuen  Konstellation  des  Weltkriegs  das  Ziel
„in  einer  Verbindung  höchster  eigener  militärischer ­
  Macht  mit  politischer  Mäßigung,  die
das  Mißtrauen,  welches  die  militärische  Macht
erweckt,  wieder  entwaffnet",  mithin  in  eben  den
gleichen  Maßnahmen,  welche  während  jener
kritischen  fünfzehn  Jahre  vergeblich  der  politischen
Offensive  Großbritanniens  entgegengesetzt  worden ­
  sind.  Für  denjenigen,  dem  die  eigentlich
politische  Auswirkung  jeglicher  Politik  nichts
als  „rohe  Gewalt"  und  „brutale  Eroberungsgier", ­
  nur  ein  aus  „Neid  oder  Rachsucht"  geborener ­
  Reiz  ist,  für  den  muß  in  der  Tat  die
        <pb n="102" />
        SS

politische  Abstinenz  im  Fall  des  Sieges  genau
ebenso  wie  im  Fall  der  Niederlage  das  einzig
richtige  Rezept  sein.
Eine  solche,  im  Deutschland  von  1914  vielverbreitete
  Auffassung  entsetzt  mit  der  Verwerfung ­
  des  Machtgewinns  als  politischen  Endzieles ­
  zugleich  Krieg  und  Sieg  ihres  einzigen
politischen  Sinnes:  Macht  zu  vermitteln.  Wenn
Krieg  nach  Clausewitz  wirklich  eine  Fortführung
der  Politik  ist,  wenn  Krieg  und  Friede  die
beiden  denkbaren  Mittler  jeder  Staatskunst  sind,
wenn  nach  Ranke  wirklich  Machtgewinn  und
Machtbehauptung  Inhalt  und  Ziel  des  Staatenlebens
  geben,  dann  kann  und  mutz  die  Ausmünzung
  und  Amsetzung  des  Machtgewinns  aus
Krieg  und  Sieg  in  dauerhafte  Formen  der
Staatskunst,  vielfach  auch  des  Staatsrechts,  die
einzig  sinnvolle,  die  wesentliche  und  die  bleibende
Funktion  des  Kampfes  im  Völkerleben  sein.
In  den  seltensten  Fällen  enthält  bereits  die
militärische  Tatsache  des  Sieges  den  politischen
Zweck  in  sich:  so  bestätigt  teilweise  1763  das
Ergebnis  von  1741,  1915  bestätigt  aus  seiten
Frankreichs  1871.  Meist  gelangt  doch  eine
völlige  politische  Neugestaltung  ans  Licht:  so
1806/67  und  1813/15  in  Preutzen,  1866  und
1871  für  Deutschland.  Die  Gegenwart  lehrt,
datz  im  guten  oder  bösen  vor  allem  das  deutsch-
        <pb n="103" />
        97

englische  Verhältnis  von  einer  politischen  Stabilität ­
  vor  1915  weit  entfernt  war,  daß  vielmehr ­
  die  inneren  Machtverschiebungen  zunehmend ­
  nach  politischer  Feststellung  verlangten,
wie  sie  am  sichersten  eben  ein  Krieg  ermöglicht?)
Wir  finden  historisch-politisch  somit  bestätigt,
was  schon  die  ökonomisch-politische  Betrachtung
des  Konflikts  ergab:  Der  Wiedergewinn  unserer
von  Großbritannien  uns  entrissenen  politischen
Aktivität  ist  das  selbstverständliche  Ziel  des  Krieges;
ein  Machtzuwachs,  der  dies  frei  von  diplomatischen
Schwankungen  und  Gruppierungen  in  machtpolitischer ­
  Anabhängigkeit  künftighin  ermöglicht,
gewährt  die  Mittel.  Die  Durchsetzung  des  Zieles
ist  Aufgabe  des  Krieges,  die  Wahl  der  Mittel
der  Gewinn  des  Sieges.  Somit  steht  jetzt  der
deutsch-britische  Konflikt  ganz  in  der  Konstellation ­
  des  Kampfes.  Angesichts  der  Schwere
und  der  Dauer  des  Zusammenstoßes  muß  der
Friede  die  von  uns  bezeichnete  Gewähr  der  Dauer
und  der  Sicherheit  den  beiden  Ländern  geben.
Wohl  möglich,  daß  die  britische  Regierung  die
kriegerische  Lösung  des  Konflikts,  selbst  für  das
kritische  Jahr  1916,  nicht  fest  geplant  hatte;
vielleicht  hat  sie  die  friedliche  „Verständigung"
*)  Für  das  Grundsätzliche  in  dieser  Erörterung  muh
ich  auf  mein  demnächst  erscheinendes  Werk  „Macht  und
Wirtschaft"  verweisen.

7
        <pb n="104" />
        98

für  die  Erreichung  ihres  Zieles  vorläufig  sogar
vorgezogen.  Das  wäre  ja  ein  schlechter  Staats'
mann,  der  nicht  stets  Krieg  und  Frieden  in
den  Falten  seiner  Toga  trüge.  Waren  wir  wie
die  Karthager,  gaben  wir  dem  Gegner  politische
Macht  um  friedlichen  Erwerb,  dann  um  so  besser
und  vorteilhafter  für  die  Briten;  wählten  sie
später  einen  günstigen  Augenblick  zum  Kriege,
keines  Hannibals  Feldherrnkunst  hätte  uns  mehr
errettet.

So  aber  ward  der  gegenwärtige  Krieg  zum
Richter,  der  Friedensschluß  zum  Wahrspruch  der
Parteien.  Wer  zweifelt  daran,  daß  die  Durchkämpfung
  des  Konflikts  vor  allem  anderen  eine
Bewährung  der  kriegerischen  Tugenden,  in
zweiter  Linie  erst  der  wirtschaftlichen  Kräfte
fordert;  daß  dieser  Kampf  ein  Kampf  der
Heere  und  Flotten,  in  zweiter  Reihe  erst  ein
wirtschaftlicher  Krieg  ist?
Wohl  erinnert  unser  Ringen  an  jenen  napoleonischen
  Höhepunkt  des  britisch-französischen  Konflikts, ­
  an  die  Kontinentalsperre,  als  das  Musterbeispiel ­
  eines  mit  wirtschaftlichen  Mitteln  durchgeführten ­
  Kampfes.  Wir  wissen  längst,  daß
nicht  Napoleon  I.  der  Urheber  jenes  Planes  ist,
daß  die  Aushungerung  vielmehr  aus  älteren
        <pb n="105" />
        Arsenalen  1793  schon  hervorgeholt  und  gegen
die  französische  Revolution  gerichtet  wurde.
Erst  als  im  November  1805  Napoleons  letzte
Hochseeflotte  bei  Kap  Trafalgar  vernichtet  worden ­
  war  und  damit  seine  Absicht  einer  Invasion
der  Inseln  endgültig  gescheitert,  —  erst  dann
hat  der  Imperator  den  Wirtschaftskampf  zu
voller  Flamme  entfacht;  mit  der  englischen
Deklaration  vom  März  1806  und  mit  dem  Dekret
von  Berlin,  vom  November  1806,  beginnt  die
eigentliche  sogenannte  Kontinentalsperre.
Keineswegs  besaßen  die  Engländer  vorher
die  volle  Seeherrschast;  als  sie  ihnen  1805
jedoch  durch  Nelson  zugefallen  war,  vermochte
auch  Napoleons  gigantischer  Versuch,  das  Festland ­
  abzusperren,  nicht  mehr  zu  seinen  Gunsten
zu  entscheiden.  Nicht  einmal  der  britische  Außenhandel ­
  weist  jetzt  einen  übermäßigen  Rückgang
auf.  Bis  1797  hingegen  hatten  die  Franzosen
2266  englische  Schisse  durch  Kaperei  genommen,
die  Engländer  aber  noch  nicht  400  französische.
Von  1798,  dem  Jahre  von  Aboukir,  bis  1800
wendet  sich  das  Blatt:  Beim  Frieden  von
Amiens  1801  haben  die  Engländer  bereits  im
ganzen  fast  6400  französische  Kaper  und  Kauffahrer ­
  aufgebracht.  Bis  zum  Pariser  Frieden
vollends  sind  von  den  Engländern  allein  1100
fremde  Kriegsschiffe  vernichtet  worden.
        <pb n="106" />
        100

Entscheidend  also  ist  in  diesem  Wirtschastskampf
  der  militärische  Erfolg;  vor  1805,  geschweige ­
  vor  1801,  behaupten  sich  die  Engländer
zur  See  nur  mühsam  neben  den  Franzosen.
Lehrreich  erscheint  der  Anlatz,  aus  dem  in  jener
ersten,  für  Napoleon  glücklichen  Periode  vor
Amiens  das  britische  Wirtschaftsleben  einmal
völlig  zusammenzubrechen  drohte.  Durch  Sturm
gezwungen  landeten  nämlich  Ende  Februar
1797  volle  1400  Franzosen  an  der  Küste
von  Wales,  worauf  sie  kapitulierten.  Sobald
die  Nachricht  von  dieser  Landung  in  Cardigan
Bay  an  der  Londoner  Börse  bekannt  geworden,
stürzten  die  Konsols  auf  50  %,  während  amerikanische ­
  Effekten  stiegen,  und  stellte  die  Bank
von  England,  der  ihre  Kolleginnen  folgten,
ihre  Barzahlungen  ein.  Es  wurde  ein  Unglücksjähr
  für  England:  Fm  März  schränkte  die  Bank
ihr  Diskontgeschäft  vorübergehend  ganz  ein,
eine  Adresse  der  Stadt  London  forderte  Pitts
Absetzung;  im  April  kamen  zu  dem  Aufstand
der  ckekenäers  in  Ulster  noch  schwere  Meutereien
auf  der  Flotte,  welche  die  Themsemündung
blockierte,  und  in  der  englischen  Artillerie;  die
Stocks  sielen  im  Mai  und  wieder  am  1.  Juni
1797  auf  47 3 / 4  °ch;  Österreichs  Leobener  Separatfriede ­
  mit  Napoleon  war  am  1.  Mai  bekannt
geworden,  am  4.  Füll  begannen  auf  Englands
        <pb n="107" />
        101

Wunsch  eingeleitete  Friedensunterhandlungen
zu  Lille,  am  8.  Juli  starb  Edmund  Burke.  Die
Bank  von  England  löste  ihre  Noten  erst  1821
wieder  ein;  wie  weit  lag  nun  die  militärischpolitische
  Entscheidung  aller  wirtschaftlichen  Bedrängnisse ­
  schon  zurück.
Die  Nutzanwendung  für  die  Gegenwart  zu
ziehen,  erübrigt  sich.  Durch  Hunger  sind  wohl
Festungen  bezwungen  worden,  niemals  ein
ganzes  Volk.  Der  Kampf  wider  Napoleon  hat
Englands  Budget  mit  17  Milliarden  Mark  in
damaligem  Geld  belastet;  unter  jedem  Gesichtspunkt ­
  haben  die  Opfer  sich  gelohnt,  welche  dies
„Krämervolk"  seinem  politischen  Ziel  gebracht
hat.  Dies  weist  auch  uns  von  neuem  auf  das
noch  ferne  Ziel  hin.  Wir,  die  wir  Englands
„Krämerpolitik"  verwerfen,  werden  denn  doch
am  wenigsten  mit  wirtschaftlichen  Gewinnen
uns  begnügen  wollen!  So  wenig  wir  einen
nicht  ehrenvollen  Frieden  schließen  werden,  solange ­
  noch  ein  Atem  in  uns  ist,  so  wenig  können
wir  mit  einem  bloß  wirtschaftlichen  Abschluß  uns
zufrieden  geben,  so  lange  noch  von  fern  sich
eine  Siegeshosfnung  zeigt.  Dies  Ziel,  ganz
gleich  wie  man  es  später  einmal  formulieren
möge,  kann  und  darf  ganz  allein  als  ein
politisches  angesehen  werden.  In  diesem  Kardinalpunkt ­
  herrscht  Einigkeit.
        <pb n="108" />
        j

102

_
^  ■

Welcher  Art  und  Dauer  der  wirtschaftliche
Aufschwung  sein  wird,  der  ohne  Zweifel  den
Krieg  mit  seiner  Vernichtung  vieler  produktiver
Werte  abschließt,  entzieht  sich  der  Voraussage.
In  keinem  Fall  liegen  die  Voraussetzungen  der
neuen  Konjunktur  für  uns  gleich  günstig  wie
1871;  abgesehen  von  der  allgemeinen  Betrachtung, ­
  daß  Technik  und  Kapitalismus  seit
jenem  Jahr  dem  Gipfel  ihrer  Aufwärtsbewegung
erheblich  näher  gekommen  find.  Für  Deutschland ­
  stellt  sich  die  Verstrickung  seines  Außenhandels ­
  in  den  Krieg  wie  folgt  dar:

Deutsche
Einfuhr
1913

Deutsche  Im  Durch
Ausfuhr  schnitt
1913  1913

44  v.  Jö.  44  v.  K&amp;gt;.
7 l /a  v.  Jo.  12  v.  Jo.

36  v.  S.  33  v.  Jo.
12'/aO.Jö.  11  v.L.
        <pb n="109" />
        103

Feinde;  unter  den  Neutralen  steht  unser  Geschäftsverkehr ­
  mit  Nordamerika  weitaus  an
erster  Stelle.  Alles  hängt  hier  künftig  von  dem
politischen  Ergebnis  unseres  Kampfes  ab,  ein
Vergleich  mit  dem  deutsch-französischen  Konflikt
ergibt  keine  ökonomische  Parallele?)  Wir
wollen  im  großen  und  ganzen  froh  sein,  wenn
wir  nach  dem  ersten  Wiederaufschwung  das
ökonomische  Gedeihen  der  vergangenen  Friedenstage ­
  wiederfinden.  Schon  unser  Verlangen  nach
der  „offenen  Tür"  zum  Weltmarkt  wird  künftig
größerem  Widerstand  begegnen;  die  internationale ­
  Handelsfreiheit  ist  keine  ethische,  sie
ist  angesichts  der  imperialistischen  Tendenz  nicht
einmal  eine  politisch  sehr  hoffnungsreiche  Zielsetzung. ­

And  die  „Freiheit  der  Meere",  für  die  mit
einem  richtigen  Instinkt  bei  uns  geworben  wird?
Der  politische  Instinkt  zeigt  dem  Deutschen
wenigstens  einen  Teil  der  Wahrheit,  wenn  er
ihn  den  Sinn  des  Kampfes  einer  „Vernichtung
der  englischen  Seeherrschaft"  sehen  läßt.  Freilich ­
  bleibt  die  Betrachtung  meist  auf  halbem

i)  Der  deutsch-französische  Krieg  forderte  auf
unserer  Seite  einen  Anleiheaufwand  von  noch  nicht
800  Millionen  Mark  in  Bundes-  und  Einzelstaaten.
Allein  die  beiden  ersten  Reichsanleihen  1914/15  brachten
14  Milliarden  Mark.
        <pb n="110" />
        104

Wege  stehen.  Was  ich  meine,  sagt  ein  Wort
des  Nordamerikaners  Homer  Lea:  „Die  Beherrschung ­
  der  See  bedeutet  nicht  die  See,
sondern  die  Nationen,  die  an  ihren  Küsten  gelegen ­
  sind."  Genau  ausgedrückt:  Seegewalt
heißt  Flottengewalt  plus  Küstengewalt.
Küstenmacht  ohne  eine  geeignete  Flotte,  aber
auch  Flottenmacht  ohne  eine  geeignete  Küste
genügen  nicht.  Einzeln  genommen  Bruchstücke,
ergeben  sie  vereint  erst  den  Begriff  der  Seemacht. ­
  Dies  gehört  wieder  zu  jenen  politischen
Grundwahrheiten,  die  —  eben  weil  sie  politisch
gedacht  sind  —  in  Deutschland  so  überaus  schwer
erfaßt  werden.
Jeder  Blick  in  die  Welt  bestätigt  es  aber.
Was  bedeuten  „freie  Meere"  angewandt  z.  B.
auf  ein  Mittelländisches  Meer,  das  strategisch
mit  Suez,  Malta  und  Gibraltar  der  ersten
Flottenmacht  der  Welt  gehört?  Die  Forderung
bleibt  hier  Schlagwort.  Was  vermochten  ohne
eigene  Flottenbasen  unsere  tapferen  Auslandkreuzer, ­
  denen  bestimmungsgemäß  der  Flottenschutz ­
  des  Auslandshandels  obliegt?  Sie  waren
mangels  einer  deutschen  Küstengewalt  der  wilden
Hetzjagd  britischer  und  anderer  Geschwader
überantwortet.  Was  könnten  uns  das  innere
Afrika,  was  ein  papierner  Friedensparagraph  da
helfen?  Was  konnte  schließlich  auf  der  deutschen
        <pb n="111" />
        105

Nordseebasis  die  Heimatflotte  für  das  Offenbleiben ­
  unserer  Handelsrouten  wirken?  Soll
das  „Gleichgewicht  zur  See"  nicht  eine  üble
Phrase  werden,  so  darf  es  niemals  diese  seine
doppelte  Natur  vergessen,  sie  ist  so  elementar
wie  unbestreitbar.
Allerdings  gibt  es  Wege,  zu  deren  Beherrschung ­
  keinerlei  Seegewalt  vonnöten  ist,  es
sind  die  Landwege.  Sie  machen  ihre  Eigner
unabhängig  sogar  von  Großbritanniens  Seewillkür. ­
  Rußland  z.  B.  besitzt  den  Überlandweg
nach  ganz  Asien,  den  keine  Seemacht  je  ihm
streitig  machen  wird.  Aber  ebenso  die  Transpacificbahnen
  der  Union  und  Kanadas,  die
Transandenbahn  in  Südamerika  entziehen  sich
einer  maritimen  Kontrolle.  Großbritanniens  geplante ­
  Zukunftswege  Kap—Kairo  und  Kairo—
Kalkutta  würden  es  gleichfalls  tun.  Hinsichtlich
Mitteleuropas  sagt  Homer  Lea:  „Heute  erreicht
Europa  Asien  und  Afrika  zu  Lande,  nicht  zur
See."  In  der  Tat!  Der  Bosporus  und  der
Kanal  von  Suez  sind  diejenigen  Brücken,  welche
Mitteleuropa  unmittelbar  mit  der  Hauptländermasse ­
  dieser  Welt  zu  Lande  verbinden;  wer  sie
strategisch  für  sich  zählt,  der  braucht  für  das
gewaltige  Gebiet,  das  sie  erschließen,  den  Angriff ­
  keiner  Seemacht  mehr  zu  fürchten.  Es  ist
darum  schlechtweg  unmöglich,  die  strategisch-
        <pb n="112" />
        106

politische  Bedeutung  dieser  beiden  Punkte  für
Mitteleuropa  zu  erschöpfen.  Sie  geben  ihm  die
Schlüssel  zu  den  Kulturnationen  Asiens  wie  zu
den  Kolonialgebieten  Afrikas  in  feine  Hand.
Sie  ersehen  politisch  hundertfach,  was  Mittel'
europas  Position  zum  Weltmeer  von  Natur
so  ungünstig  macht.  Wer  etwa  diese  zentrale
Bedeutung  der  Türkei  für  Mitteleuropas
Staatskunst  auch  jetzt  noch  nicht  begreifen  sollte,
wer  etwa  in  dem  Bündnis  der  drei  Kaisermächte
wider  ihre  Feinde  ein  Abenteuer  oder  eine
vorübergehende  Konstellation  oder  eine  Frage
der  bloßen  Zweckmäßigkeit  erblicken  möchte,  der
täte  gewiß  besser,  seineHände  ein  für  allemal  von
deutscher  Politik  zu  lassen.  Er  hätte  ihres  Geistes
keinen  Hauch  verspürt.
Das  Bündnis  Deutschlands  und  Österreich-Ungarns
  mit  der  Türkei,  in  der  Orientpolitik
unseres  kaiserlichen  Herrn  seit  langem  vorbereitet, ­
  erscheint  daher  als  das  eine  wünschenswerte, ­
  dem  Krieg  verdankte  und  ihn  überdauernde ­
  Ergebnis  des  Konflikts.  Es  gäbe
uns  jene  zentrale  Position  England  und  auch
Rußland  gegenüber,  die  wir  im  Gleichgewicht
der  Macht  und  unserer  besonderen  Bestimmung
nach  vonnöten  haben.  Der  Krieg  hat  diese
Meinung  unter  uns  zunehmend  bestärkt;  sie
ist  augenblicklich  zur  ausgesprochenen  Wirklichkeit
        <pb n="113" />
        107

geworden  in  der  jungen  deutsch-türkischen  Waffenbrüderschaft, ­
  deren  Erfolge  und  Mißerfolge  die
unseren  und  umgekehrt  die  Englands  sind.
Immer  von  neuem  tritt  der  politische  Gehalt
des  Krieges  als  der  beherrschende  hervor.  Nicht
einmal  das  rein  militärische  Element,  das  ihm
am  ersten  noch  gerecht  wird,  drückt  ihn  ganz
aus,  die  Dardanellen  sind  —  wir  haben  es  gelesen ­
  und  erlebt  —  ein  Punkt  von  durchaus
kombiniert  politisch-strategischer  Bedeutung.  Rein
militärisch  steht  ja  nichts  im  Wege,  die  eigene
Kraft  Deutschlands  in  Heer  und  Flotte  für  die
Zukunft  aufs  höchste  anzuspannen,  kein  Feind
wird  es  verwehren  dürfen;  jedoch  erst  in  der
künftigen  politischen  Verwertungsmöglichkeit
dieser  unserer  Machtmittel  wird  sich  der  Friedensschluß ­
  erproben  können.  Armee  und  Flotte,  wie
wir  sie  besaßen,  lassen  uns  diesen  aufgedrungenen
.Krieg  bestehen;  daß  sie  auch  ohne  diese  fürchterliche ­
  Probe  uns  den  künftigen  Frieden  schützen,
daß  unser  Schwert  auch  in  der  Scheide  uns  den
Frieden  künftig  wahrt,  setzt  eine  dementsprechende
politische  Autarkie  und  Eigengewalt  des  Deutschen
Reiches  voraus.
Ich  habe  den  ökonomischen  Sinn  des  Konflikts, ­
  in  dem  wir  stehen,  darzustellen  unternommen; ­
  die  Betrachtung  selbst  hat  uns  in
        <pb n="114" />
        108

den  politischen  Zusammenhang  der  Dinge  eingeführt. ­
  Der  Zwang  zum  politischen  Denken,
den  uns  unser  Konflikt  mit  England  auferlegt,
würde  in  jeder  weiteren  Betrachtung  nur
immer  neu  begründet  werden  können.  Er
wird  aus  der  Erkenntnis  heraus  zum  praktischen ­
  Postulat.  England  selbst  hat  seine  Konflikte ­
  noch  stets  zum  bitteren  Ende  durchgedacht
und  durchgeführt.  Wiewohl  es  mit  Söldnern
und  Subsidien  kämpfte,  hat  es  den  Gegner
immer  erst  im  Augenblick  des  politisch  entscheidenden ­
  Erfolges  losgelassen,  dann  allerdings ­
  mit  voller  Rücksichtslosigkeit  die  Front
gewechselt.  Das  Beispiel  Friedrichs  des  Großen,
den  der  ältere  Pitt  1761  im  Stich  lieh,  ist  bekannt ­
  genug.
Erinnern  wir  uns  aber  auch  jenes  Friedens
von  Amiens,  der  1801  das  Ringen  Napoleons  I.
mit  dem  jüngeren  Pitt  auf  kaum  ein  volles  Fahr
ablöst.  Anterm  5.  März  1802  schon,  noch  vor
der  Unterzeichnung  des  englisch-französischen
Friedensinstruments,  läßt  sich  das  erste  Blatt
des  Kontinents  von  seinem  Londoner  Korrespondenten ­
  melden:  „Man  will  nicht  zugeben,
daß  die  Franzosen  erst  mächtig  in  West-  und
Ostindien  werden  und  dann  weiter  herrschen
können."  Kaum  hat  Napoleon  die  Wiedereroberung
  St.  Domingos  begonnen,  kaum  ist
        <pb n="115" />
        10Ö

das  erste  französische  Schiff  in  Hamburg  eingelaufen ­
  und  die  Bank  von  Amsterdam  neu
eröffnet,  da  beginnen  von  neuem  die  Reibereien
aus  beiden  Seiten.  Wohl  hielten  sich  im  Herbst
1802  an  1500  Engländer  allein  in  Brüssel  auf,
waren  die  3  %  Konsols  von  48  %  wieder  bis  auf
70  %  gestiegen;  jedoch  bereits  die  Parlamentseröffnung
  im  November  war  kriegerisch  gestimmt,
der  März  1803  brachte  die  einstimmige  Annahme
einer  englischen  Rüstungsvorlage,  im  Mai  verließ ­
  der  britische  Botschafter  endgültig  Paris.
Die  Nutzanwendung  für  die  Gegenwart  liegt
wieder  auf  der  Hand.  Für  Englands  Gegner
ist  „niemals  wieder  ein  Moment  eingetreten,
der  ihm  das  letzte  Ziel  seiner  Politik  näher  gebracht ­
  hätte",  als  eben  jenes  Jahr  1801.  Der
Friede  selbst,  in  jenem  Augenblick  geschlossen,
entwand  Napoleon  den  Siegespreis.  Sein
Gegner  Pitt  ward  vor  dem  Friedensschluß  gestürzt. ­
  Napoleon  ließ  sich  bald  daraus  zum  Kaiser
krönen.  Doch  alle  späteren  Siege  auf  dem  Festlande, ­
  auch  nicht  Napoleons  Kultur-  und  Wirtschaftspolitik ­
  hemmten  den  letzten  Ausgang:
Pitt,  nicht  Napoleon  blieb  der  Sieger.
England  hatte  die  Seeherrschaft  errungen
und  den  Kontinent  gespalten,  das  Primat  der
Wirtschaft  siel  ihm  damit  ohne  weiteres  zu.
Hüten  wir  uns  vor  dem  verkehrten  Gedanken-
        <pb n="116" />
        110

gange,  umgekehrt  zuerst  nach  wirtschaftlichen
Gütern  auszublicken,  den  politi  chen  Sinn  des
Kampfes  in  sein  wirtschaftliches  Nebenwerk
hineinzulegen.  Wir  würden  eine  Enttäuschung
erleben,  die  mit  Scham  gepaart  sein  müßte.
England,  das  diesen  neuen  Kampf  begonnen
hat,  will  uns  in  den  politischen  Exponenten
unserer  Volkskraft  treffen.  Verlangt  es  nur
nach  unserem  Handel,  unserer  Schiffahrt?  Nein.
Wir  haben  es  in  seinem  Parlament  vernommen:
Helgoland,  Kiel,  der  Kaiser-Wilhelmkanal,  die
Kolonien  und  vor  allem  unsere  Flotte  würden
ihm  der  volle  Preis  des  Krieges  gewesen  sein.
Ein  Wille  zur  Macht,  der  alles  andere  als
„kramerhaft"  ist,  spricht  daraus.  Wie  immer
wir  den  Kurs  der  eigenen  Staatskunst  wählen
werden,  ihr  Element  ist  jedem  Staat  das  gleiche;
obwohl  wir  wahrlich  von  napoleonifchem  Beginnen ­
  den  Deutschen  frei  wissen,  an  allen
Orten  und  zu  jeder  Zeit  steht  doch  der  Staaten
Schicksal  unter  gleichen  Sternen:  Macht  oder
Anmacht,  Wille  zur  Macht  oder  Hinneigen  zur
Ohnmacht,  es  gibt  in  der  politischen  Welt  kein
Drittes.  Wer  es  anders  meint,  wer  in  den
„wirtschaftlichen  Interessen",  in  Austausch
und  Bereicherung  das  Ziel  der  Politik
sieht,  wem  Deutschlands  weltgeschichtliche  Bestimmung ­
  auch  in  dem  größten  Kampfe  rein
        <pb n="117" />
        111

ökonomischer  Natur  ist,  der  spreche  wenigstens
nicht  mehr  von  Englands  „Krämervolk"  und
„Handelsgeist".  Denn  er  ist  selbst  der  erste
aller  Krämer?)
Ethisch  ist  eine  solche  Auffassung  gewiß  nicht.
Ein  Kriegergrab  in  Feindesland,  ein  Kriegsverletzter ­
  in  der  Heimat  lehren  uns  Besseres.
Doch  auch  die  kulturelle  Bedeutung  unseres
Volkes  und  dieses  Krieges  entbindet  uns  nicht
von  der  jetzt  ersten  aller  Pflichten,  politisch  zu
denken  und  zu  handeln.  Vieles  Gute,  manches
Überschwengliche,  einiges  Törichte  ist  über  Krieg
und  Kultur  bei  uns  geschrieben  worden.  Der
Kardinalpunkt,  das  gegenseitige  Verhältnis  von
Macht  und  Kultur,  liegt  außerhalb  der  Sphäre
meiner  Darstellung.  Nur  hinweisen  will  ist)
auf  den  oberflächlichen  Mißbrauch,  der  bei  uns
im  Schwange  ist:  Macht  und  Kultur  in  einen
Gegensatz  zu  bringen,  die  politische  Mission  des
deutschen  Volkes  als  etwas  seiner  Kulturmission
Fremdes  oder  gar  Abträgliches  hinzustellen.  An
diesem  entscheidenden  Punkte  stehen  wir  in

i)  Wiedenfeld,  Der  Sinn  deutschen  Kolonialbesitzes, ­
  1915,  weist  diese  in  der  letzten  Friedenszeit  verbreitete ­
  Auffassung  einer  „bloß  wirtschaftlichen"  Interesienpolitik
  Deutschlands,  soweit  ich  sehe,  erstmals  mit
Entschiedenheit  zurück,  auch  hinsichtlich  der  Kolonialpolitik. ­
        <pb n="118" />
        112

Gefahr,  über  allen  kulturellen  Besinnungen
unsere  politische  Besinnung  einzubüßen?)
Deutsche  Politik,  wenn  anders  sie  des  Namens
würdig  ist,  wird  aus  dem  Wesen  des  Staates  zu
schöpfen  sein.  Kulturpolitik  und  Wirtschaftspolitik ­
  find  allein  Teilfunktionen,  nicht  einmal
die  wesentlichsten,  des  Staates  als  historischpolitischer ­
  Erscheinung.  In  den  Kern  des
Staatenlebens  führt  uns  Deutschlands  Geschichte,
deren  reiches  Erbe  unsere  Gegenwart  der  fernsten
Zukunft  zu  erhalten  schuldig  ist;  die  Nation
Friedrichs  des  Großen  und  Bismarcks,  das  Volk,
das  Leopold  Ranke  und  Friedrich  List  gebar,
bedarf  keines  anderen  Vorbildes.  Der  würde
zum  hochmütigen  Verächter  ihrer  Lehren,  der
den  treibenden  Kräften  der  politischen  Geschichte
sich  verschlösse;  die  Geschichte  selbst  in  ihrer
lebendigen  Auswirkung,  ihre  politische  Gegenwart ­
  unter  uns  würde  uns  zum  Gericht  werden,
wenn  wir  den  Meinungen  des  Tages,  der  Schulen
und  Parteien  nachjagten.  Eigenes  Fortschreiten
auf  uns  gewiesener  Bahn,  eine  staatlich  gedachte
deutsche  Politik  verbürgt  allein  so  Gegenwart
wie  Zukunft  unseres  Volkes.
‘)  Des  Kulturhistorikers  Lamprecht  „Amt  für  auswärtige ­
  Kulturpolitik",  des  Soziologen  Goldscheid
„  Kulturgesandtschaften".
        <pb n="119" />
        115

Literaturangabe.
(Die  folgende  kleine  Übersicht  mag  dem  einen  oder
dem  anderen  Leser  in  dieser  Kriegszeit  dienlich  sein.
Berücksichtigt  ist  nur  die  deutsche  Literatur,  soweit  sie
selbständig  erschienen  ist;  eine  Gewähr  für  Vollständigkeit ­
  ist  schon  aus  diesem  Grunde  nicht  beabsichtigt.)

Bibliographie  der  Kriegswirtschaft:
Blaustein  im  „Weltwirtschaftlichen  Archiv"  Band  Hl,
Lest  2.
Literatur  zur  Geschichte  des  30jährigen  Krieges
und  Napoleons  I.:
Drottbohm,  Wirtschaftsgeographische  Betrachtungen
über  die  Wirkungen  der  Napoleonischen  Kontinentalsperre, ­
  Bonner  Dissertation  1906.
Gothein,  Die  deutschen  Kreditverhältnisse  und  der
30jährige  Krieg,  1893.
Äoeniger,  Die  Kontinentalsperre,  1905.
Kiesselbach,  Die  Kontinentalsperre,  1850.
König,  Die  sächsische  Baumwollindustrie  während  der
Kontinentalsperre,  1899.
v.  Peez  und  Dehn,  Englands  Vorherrschaft,  Aus  der
Zeit  der  Kontinentalsperre,  1912.
Schmitter,  Die  Wirkungen  der  Kontinentalsperre  auf
Frankfurt  am  Main,  Gießener  Dissertation  1910.
Linz.  8
        <pb n="120" />
        114

Sombart,  Krieg  und  Kapitalismus,  1913.
Wohlwill,  Neuere  Geschichte  der  Freien  und  Lansestadt
  Äamburg,  insbesondere  von  1789—1815,  1914.
Literatur  zum  19.  Jahrhundert:
a)  Allgemeine  Fragen  der  Kriegswirtschaft  und
Äeereswirtschaft:
Angell,  Die  falsche  Rechnung.  Was  bringt  der
Krieg  ein?  1913.
v.  Bloch,  Der  Krieg,  Band  IV:  Die  ökonomischen  Erschütterungen ­
  und  materiellen  Verluste  des  Zukunftskrieges, ­
  deutsch  1899.
Braumann,  Der  Nutzen  des  Heerwesens  für  die
deutsche  Volkswirtschaft,  1911.
Dietzel,  Kriegssteuer  oder  Kriegsanleihe?  1912.
Föhr,  Die  Volkswirtschaft  der  Schweiz  im  Kriegsfall,
2.  Auflage,  1912.
Gothein,  Krieg  und  Wirtschaft,  Heidelberger  Prorektoratsrede ­
  vom  21.  November  1914.
Hausmann,  Der  Goldwahn,  1911.
Äoeniger,  Die  wirtschaftliche  Bedeutung  des  deutschen
Militärwesens,  1913.
Kob  ätsch.  Die  Volks-  und  staatswirtschaftliche  Bilanz
der  Rüstungen,  1911.
.Krieg  und  Wirtschaft,  Kriegshefte  des  Archivs  für
Sozialwissenschast  und  Sozialpolitik,  1914  f.
F.  X  Neumann,  Volkswirtschaftslehre,  1873.
Neurath,  Die  Kriegswirtschaft,  Jahresbericht  der
Neuen  Wiener  Handelsakademie,  1919.
        <pb n="121" />
        Plenge,  Von  der  Diskontpolitik  zur  Herrschaft  über
den  Geldmarkt,  1913.
Rieß  er.  Finanzielle  Kriegsbereitschaft  und  Kriegführung, ­
  2.  Auflage,  1913.
Schmid,  Kriegswirtschaftslehre,  1915.
v.  Stein,  Die  Lehre  vom  Leerwesen  als  Teil  der
Staatswissenschast,  1872.  Versicherung  und  Krieg,
1914.
R.  Wagner,  Die  Grundlagen  der  Kriegstheorie,  1912.
b)  Krieg  1870/71:
Bonn,  Die  Vorgänge  am  Edelmetallmarkt  in  den
Jahren  1870-1873,  1900.
Budde,  Die  französischen  Eisenbahnen  im  Kriegsbetriebc
1870/71,  1877.
Engel,  Zeitschrift  und  Mitteilungen  des  Königlich
Preußischen  Statistischen  Bureaus,  1872.
Gutmann,  Das  französische  Geldwesen  im  Kriege
(1870-1878),  1913.
Lelfferich,  Geschichte  der  deutschen  Geldreform,  1898.
F.  Äoeniger,  Der  Einfluß  des  Krieges  auf  den
Grundbesitz,  1910.
Soetbeer,  Die  fünf  Milliarden,  1874.
Die  Finanzverwaltung  Preußens  in  den  Jahren  1870,
1871,  1872.  Immediatbericht  1873.
c)  Sonstige  Kriege:
Äelfferich,  Das  Geld  im  russisch-japanischen  Kriege,
1906.
Lilsenbeck,  Die  Deckung  der  Kosten  des  Krieges  in
Südafrika,  1904.

8‘
        <pb n="122" />
        Kambe,  Der  russisch-japanische  Krieg  und  die  japanische
Volkswirtschaft,  1806.
Graf  Reutern,  Die  finanzielle  Sanierung  Rußlands
nach  der  Katastrophe  des  Krimkrieges,  1914.

Literatur  zur  Vorbereitung  des  Weltkriegs:
Biermer,  Die  finanzielle  Mobilmachung,  1913.
Blaustein,  Deutschlands  wirtschaftliche  Kriegsbereitschaft, ­
  1914.
v.  Blume,  Die  Lriegsbereitschaft  der  Sparkassen.
Dehn,  Der  Reichskriegsschah,  1901.
(Mikes  Ferrarius),  Die  Eisenbahnen  und  die  Kriegführung, ­
  1890.
Finanzwirtschaftliche  Zeitfragen,  Lest  5,  7,  8.
(1913/14.)
v.  Flöckher,  Ist  Deutschland  finanziell  gerüstet?  1907.
.Hausmann,  Ist  ein  deutsch-englischer  Krieg  eine  volkswirtschaftliche ­
  Notwendigkeit?  1913.
!?eller,  Deutschlands  finanzielle  Kriegsbereitschaft  und
Kriegführung,  1914.
Koch,  Die  Mobilisierung  und  ihre  Folgen,  1912.
Müller,  Die  deutsche  Volksernährung  unter  dem  Gesichtspunkt ­
  der  wirtschaftlichen  Kriegsbereitschaft.
Neubürger,  Die  Kriegsbereitschaft  des  deutschen  Geldund
  Kapitalmarkts,  1913.
v.  Renauld,  Die  finanzielle  Mobilmachung  der  deutschen ­
  Wehrkraft,  1901.
Schäffle,  Der  nächste  Krieg  in  Zahlen,  1887.
Schneider,  Hungersnot  nach  der  Mobilmachung?  1914.
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        117

v.  Ströll,  Das  deutsche  Geldwesen  im  Kriegsfall,  1899.
Voelcker,  Die  deutsche  Volkswirtschaft  im  Kriegsfall,
1909.
Marburg,  Finanzielle  Kriegsbereitschaft  und  Börsengesetz, ­
  1907.

Literatur  zur  Durchführung  des  Weltkriegs:
a)  Allgemeine  und  wirtschaftliche  Fragen:
Apt,  Der  Krieg  und  die  Weltmachtstellung  des  Deutsehen
  Reichs.
Binz,  Die  chemische  Industrie  und  der  Krieg.
v.  Braun,  Kann  Deutschland  durch  Lunger  besiegt
werden?
Denkschrift  des  Bundesrats  über  die  wirtschaftlichen
Maßnahmen  aus  Anlaß  des  Krieges;  Nachträge
hierzu.
Diehl,  Zur  Frage  eines  Zollbündnisses  zwischen  Deutschland ­
  und  Österreich-Ungarn.
Dietrich,  Unser  Lande!  mit  unseren  Feinden.
Dix,  Der  Weltwirtschastskricg.
Dominicus,  Der  Kampf  um  den  Weltmarkt  und  der
Völkerkrieg  1914.
Eltzbacher  u.  a..  Die  deutsche  Volksernährung  und  der
englische  Aushungerungsplan.
England  und  die  Sperrung  der  See.
Fischer,  Der  internationale  Nachrichtenverkehr  und  der
Krieg.
Lerkner,  Krieg  und  Volkswirtschaft.
IasfS,  Volkswirtschaft  und  Krieg.
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        11S

Jastrow,  Im  Kriegszustand.
Kirchrath,  Krieg  dem  deutschen  Lande!  (aus  dem
Englischen).
Landsberger,  Der  Krieg  und  die  Volkswirtschaft.
Lohmann,  Der  Zusammenbruch  Englands.
Lohmann,  Die  wirtschaftlichen  Folgen  des  Weltkriegs.
Losch,  Englands  Schwäche  und  Deutschlands  Stärke.
Losch,  Der  mitteleuropäische  Wirtschastsblock  und  das
Schicksal  Belgiens.
Marbod,  Wie  erhalten  wir  der  Zukunft  die  erhebenden
Kräfte  dieses  Krieges?
Oppenheimer,  Weltwirtschaft  und  Nationalwirtschaft.
v.  Philippovich,  Ein  Wirtschafts-  und  Zollverband
zwischen  Deutschland  und  Österreich-Ungarn.
Plen  ge,  Der  Krieg  und  die  Volkswirtschaft.
Potthoff,  Krieg  und  Sozialpolitik.
Rathgen,  Deutschlands  wirtschaftliche  Lage.
Rießer,  England  und  wir.
Der  englische  Seeräuber  und  sein  Handelskrieg.
Stieda,  Krieg  und  Sozialpolitik.
Slresemann,  Englands  Wirtschaftskrieg  gegen  Deutschland. ­

Wygodzinski,  Der  englische  Äandelskrieg.
b)  Finanzielle  Fragen:
Bvttger,  Das  Geld  im  Kriege.
Eulenburg,  Das  Geld  im  Kriege  und  Deutschlands
finanzielle  Rüstung.
Hartung,  Die  finanzielle  Rüstung  der  kriegführenden
Staaten.
        <pb n="125" />
        —  ns  —
Äelfferich,  Kriegsfinanzen.
Meisel  und  Spiethoff,  Österreichs  Finanzen  und  der
Krieg.
Steinberg,  Geld  und  Kredit  im  Kriege.
Wolf,  Die  Kriegsrechnung.
v.  Zedlitz-Neukirch,  Reichs-  und  Staatsfinanzen  im
Kriege.

(Abgeschlossen  am  31.  März  1915.)
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        Von  Friedrich  Lenz  erschienen  im  41.  Jahrgang ­
  der  „Deutschen  Rundschau"  die  Aufsätze:
Die  geschichtlichen  Voraussetzungen
des  modernen  Krieges.
Die  wirtschaftlichen  Voraussetzungen
des  modernen  Krieges.
Die  politischen  Voraussetzungen  des
modernen  Krieges.

Verlag  von  Gebrüder  Paetel
(vr.  Georg  Paetel)  in  Berlin  W.
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        8

i;l

ii

—  101  —
|  leleitete  Friedensunterhandlungen
8.  Juli  starb  Edmund  Burke.  Die
ngland  löste  ihre  Noten  erst  1821
wie  weit  lag  nun  die  militärischscheidung
  aller  wirtschaftlichen  Beon
  zurück.
■:  mwendung  für  die  Gegenwart  zu
igt  sich.  Durch  Hunger  sind  wohl
gezwungen  worden,  niemals  ein
Der  Kampf  wider  Napoleon  hat
idget  mit  17  Milliarden  Mark  in
eld  belastet;  unter  jedem  Gesichts-!&amp;gt;ie
  Opfer  sich  gelohnt,  welche  dies
seinem  politischen  Ziel  gebracht
-eist  auch  uns  von  neuem  auf  das
iel  hin.  Wir,  die  wir  Englands
k"  verwerfen,  werden  denn  doch
i  nrit  wirtschaftlichen  Gewinnen
i  wollen!  So  wenig  wir  einen
len  Frieden  schließen  werden,  so-J
  i  Atem  in  uns  ist,  so  wenig  können
bloß  wirtschaftlichen  Abschluß  uns
en,  so  lange  noch  von  fern  sich
rsfnung  zeigt.  Dies  Ziel,  ganz
m  es  später  einmal  formulieren
ftr-  und  darf  ganz  allein  als  ein
!esehen  werden.  Zn  diesem  Kar-A
  :rscht  Einigkeit.
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