32 Einleitung: Entwickelung des Verkehrswesens. kaum zu unterscheiden war. Nur bei schönem Wetter war die ganze Wegebreite für Räder fuhrwerk zu gebrauchen. Meistens lag rechts und links tiefer Kot, und nur ein schmaler Streifen festen Bodens erhob sich über dem Sumpfe. Bei einer solchen Wegebeschaffenheit war es unvermeidlich, daß häufig Wegeversperrungen und Zänkereien vorkamen und daß nicht selten der ganze Weg lange Zeit hindurch von Fuhrleuten besetzt war, von denen keiner ausweichen wollte. Alltäglich saßen die Kutscher fest, aus einem benachbarten Pacht hause mußte alsdann ein Gespann herbeigeschafft werden, um den Wagen aus dem Schlamme herauszuarbeiten. Das Reisen auf solchen Wegen war mit den denkbar größten Unbequem lichkeiten verbunden. Die große Straße durch Wales nach Holyhead war in einem solchen Zustande, daß der Vizekönig im Jahre 1685 fünf Stunden brauchte, um 22 */ 3 Kilometer zurückzulegen. In Conway wurden die Wagen auf jener Strecke gewöhnlich auseinander genommen und auf den Schultern stämmiger wallisischer Bauern bis zur Menaistraße getragen. An dem schlechten Zustande der Straßen war nicht am wenigsten der Umstand schuld, daß die Kirchspiele die sie durchziehenden Straßen zu bauen und zu unterhalten hatten. Die Bauernschaft mußte sechs Tage im Jahre unentgeltlich daran arbeiten. Ge nügte deren Leistung nicht, so wurden gemietete Arbeitskräfte benutzt und die Kosten durch eine Kirchensteuer gedeckt. Es war unleugbar eine Ungerechtigkeit, daß die Landstraßen zwischen den Städten auf Kosten der zwischen ihnen liegenden zerstreuten ländlichen Be völkerung unterhalten wurden. Nach der Restauration wurde ein Landstraßengesetz er lassen, wonach von den Reisenden und für Waren eine Abgabe zu entrichten war. Gleich zeitig wurde durch Parlamentsbeschluß die Einführung von Schlagbäumen festgesetzt. Das Volk wollte jedoch den damit geschaffenen Zoll nicht tragen und zerstörte die Schlag gitter zu wiederholten Malen. Alle diese Umstände trugen in England in gleicher Weise, wie solches für andere Länder zutrifft, dazu bei, daß das Verkehrsleben im Inneren des Landes sehr wenig ausgebildet und daß den wenigsten Menschen ein Hinaustreten aus dem Orte ihrer Geburt beschieden war. Der Mangel an brauchbaren Wegen beherrschte das gesamte Leben und drückte ihm seinen Stempel auf. Eng umgrenzt war der Blick des einzelnen, und die Welt mit ihrem Getriebe Ivar für die meisten Menschen ein unanfgeschlossenes Land. Nur selten drang von auswärts eine Kunde, und die Ereignisse waren am Thatorte fast ver gessen, wenn die Nachricht davon nach den entlegenen Stätten gelangte. Die Kirchturms politik und der Lokalpatriotismus konnten sich zur höchsten Blüte entfalten, jeder konnte mit Recht seine Ortsverhältnisse für die besten und schönsten der Welt halten, da er von den übrigen nichts sah, selten etwas hörte. Leicht war es, dem Leben einen patriarchalischen Charakter zu wahren, Meister und Gesellen wohnten unter einem Dache und aßen aus einer Schüssel. Die Lebenserfahrungen des einzelnen waren gering, Sitten und Gewohn heiten nicht der feinsten Art. Infolge der durch die schlechte Beschaffenheit der Wege verursachten hohen Transport kosten mußte der größte Teil der Menschen auf Hunderte von Gegenständen verzichten, deren Benutzung heute als selbstverständlich gilt. Selbst viele Edelleute besaßen im 17. Jahrhundert noch nicht viel mehr als Bett, Tisch, Stuhl und Truhen. Die Bequem lichkeit war unzähligen Menschen ein nngekannter Genuß. Dem Leben, welches gleich mäßig dahinfloß, war zwar die Nervosität unserer Zeit nicht eigen, ihm fehlte aber auch das meiste, wodurch uns dasselbe reizvoll erscheint. Die wenigen Gegenstände des täg lichen Gebrauches waren äußerst einfach und unausgebildet. Die Töpferei befand sich aus ihrer kunstlosesten Stufe, Holz-, Zinn- und selbst Ledergefäße bildeten den Hauptteil der Hausstandsgegenstände und die Tischgeräte von wohlhabenderen und gebildeten Familien. Hausierer, welche gleichzeitig die Beförderer der Nachrichten von Ort zu Ort waren, versahen die Bewohner mit den erforderlichen Waren, in den meisten Ortschaften gab es keine Läden. Die land- und forstwirtschaftlichen Erzeugnisse konnten nur in un genügender Weise verwertet werden. In Schottland, welches Land reich an gutem Bau holz ist, brachte man nur die Baumrinden ans dem Rücken der Pferde nach der Stadt und ließ das übrige verfaulen. Auf dem Rücken der Pferde mußten Korn und Wolle fortgeschafft werden, und mittels Tragkörben empfing London einen erheblichen Teil seiner