38 Einleitung: Entwickelung des Verkehrswesens. eigener Anschauung fremde Verhältnisse und Einrichtungen kennen zu lernen und Persön liche Beziehungen anzuknüpfen. Ohne Eisenbahnen würde die Verbreitung der Zeitungen in dem heutigen Maße nicht ausführbar gewesen und deren in geistiger Beziehung nicht gering anzuschlagender Einfluß nicht zur Wirksamkeit gekommen sein. Die modernen Verkehrsmittel haben jedoch nicht nur in geistiger, sondern auch in sozialer und politischer Beziehung eine ganz eminente Umwälzung in den Verhältnissen herbeigeführt. Die wirtschaftliche Lage der unteren Volksklassen hat unleugbar sowohl durch die vermehrte Arbeitsgelegenheit wie nicht minder durch die möglich gewordene reichlichere und billigere Bedarfsversorguug eine große Besserung erfahren. Hungersnöte, diese so häufigen trau rigen Erscheinungen früherer Zeiten, gehören heute in vielen Ländern zu den überwundenen Dingen. Das entwickelte Verkehrswesen hat die entferntesten Länder zu Versorgungs- stätten der an Nahrungsmitteln ärmeren Gebiete umgeschaffen. Wie die Eisenbahnen gleichsam eine Allgegenwart der staatlichen Zentralgewalt im Gefolge gehabt, so haben sie auch eine Beteiligung der Völker an der Bearbeitung der Staatsangelegenheiten ermöglicht. Der Einfluß der Eisenbahnen macht sich jedoch nicht nur auf allen Gebieten des Völkerlebens in friedlichen Zeiten geltend, sondern dieses gewaltige Verkehrsmittel übt auch auf den furchtbarsten Zustand, in welchem sich die Völker befinden können, auf den Krieg und dessen Führung, seine Macht aus. In Verbindung mit der Vervollkomm nung der Kriegswaffen trägt die Eisenbahn zur Abkürzung der Kriege ganz wesentlich bei, da die durch sie möglich gewordene rasche Zusammenziehung ganz ungeheuer großer Menschenmengen mit Notwendigkeit eine schnelle Entscheidung bedingt. Die Einwirkungen des Eisenbahnbaues lassen jedoch auch noch nach anderer Richtung hin die Eisenbahn als einen außerordentlich mächtigen Kulturfaltor erscheinen. Man kann annehmen, daß der bisherige Eisenbahnbau mindestens 1 Million Arbeiter beschäftigt hat. Die Eisenbahnbauten haben überall zu dem Wohlstände der betreffenden Gegenden beigetragen. Ihr Einfluß auf die Bodenrente läßt sich nach 3 Richtungen hin verfolgen. Die für den Bahnkörper nötigen Grundankäufe bewirken im allgemeinen eine Wert steigerung, der sogenannte tote Boden gewinnt nicht selten durch die Ausnutzung als Sand- und Lehmlager Wert, und die Forstrente erfährt in der Regel durch den Bezug von Gerüst-, Bau- und Geräteholz, sowie der Bahnschwellen einen Preisaufschwung. Einen ganz besonders starken Einfluß üben die Eisenbahnen auf den Geldmarkt aus, und diesem Einfluß kommt eine große volkswirtschaftliche Bedeutung zu. Recht bezeichnend für die Bedeutung der Eisenbahnen ist der Ausspruch: „Die Menschheit hat durch Stephenson erst gehen gelernt." Mit außerordentlicher Schnelligkeit, wenn auch unter Überwindung mancher sich entgegenstellender Hindernisse hat die Eisenbahn sich die Welt erobert. Bei der Bedeutung der Eisenbahnen erscheint es erklärlich, daß sie als ein Maßstab für den Kultnrstand der einzelnen Staaten betrachtet werden, und der Entwickelung des Eisenbahnwesens bei den verschiedenen Völkern ist daher besondere Beachtung zuzuwenden. Der einst von Stephenson bei einem Mittagsessen mit seinem Sohne und dem Mitinhaber seiner Patente, John Dixon, gethane Ausspruch ist zur Wahrheit geworden. Jene Äußerung lautete: „Ich glaube, ihr erlebt den Tag, wo Eisenbahnen alle anderen Beförderungsarten im Lande ersetzen werden, wo die Postkutschen auf den Schienen gehen und die Eisenbahn die Hauptstraße für König und Unterthan sein wird. Die Zeit wird kommen, wo man billiger mit dem Dampswagen als zu Fuß reisen kann. Ich weiß es wohl, man wird fast unübersteiglichen Hindernissen begegnen, doch was ich gesagt habe, kommt, so wahr ich lebe. Ich wünschte nur, ich erblickte jenen Tag, ob ich es gleich nicht hoffen darf, denn ich weiß, wie langsam menschliche Fortschritte sich vollziehen und mit welchen Schwierig keiten ich zu kämpfen gehabt habe, ehe ich es dahin brachte, meine Lokomotiven trotz ihrer mehr als zehnjährigen erfolgreichen Verwendung in Killingworth weiter benutzt zu sehen." Mit dem vom 6. bis 8. Oktober 1829 stattgefundenen Lokomotivwettrennen zu Rainhill und der Eröffnung der Liverpool-Manchester-Bahn im Jahre 1830 begann der Siegeslauf des neuen Verkehrsmittels, dessen allmähliche technische Ausgestaltung au einer anderen Stelle dieses Werkes geschildert ist. Die Abb. 13 bis 15 geben einige