358 Eisenbahnen: Stadtbahnen. auf Zug rollt in scheinbar endloser Folge an dem Beobachter vorüber. Folgen sich ja auf den Hauptstrecken in den lebhafteren Verkehrsstunden in jeder Fahrtrichtung 19 Personen züge stündlich, also in durchschnittlich je drei Minuten ein Zug. Ein Teil der Züge wird sogar mit nur zweiminutlicher Zwischenzeit gefahren, und zwar auf dem Linienzuge neben der Themse, auf dem die Stationen bis zu 300 in einander benachbart liegen. Für den Fremden ist der Verkehr auf den unterirdischen Linien anfangs gerade nicht sonderlich behaglich. Es gehört auch hier eine gewisse Übung und Gewöhnung dazu, um sich leicht und schnell zurecht zu finden, was durch das sich hier besonders breit machende Reklame-Unwesen ganz erheblich erschwert wird. Dazu kommt die schlechte Lüftung der Bahn, die streckenweise, trotz aller eingebauten Entlüstungsöffnungen und mehrerer Saug räder (Abb. 360), so mangelhaft ist, daß die Reisenden zum Teil Hustenreiz bekommen und die Wagenfenster allseitig schließen müssen, um sich gegen die übelriechenden Lokomotivgase etwas zu schützen. Es gehört die ganze Geduld des Engländers dazu, diesen Mißstand ruhig zu ertragen. Die Züge laufen verhältnismäßig schnell in die Stationen ein und fahren rasch, da bei sanft und stoßfrei, ab. Ersteres wird durch die durchgehenden Bremsen (S. 257), letzteres durch eine straffe Kuppelung aller Fahrzeuge ermöglicht. Die Züge führen Wagen I., II. und III. Klasse und sind in solche für Raucher und Nichtraucher gesondert. In den Wagen für letztere ist das Rauchen bei Strafe bis zu 40 Mark untersagt, ebenso inner halb der Stationen und auf allen Bahnsteigen. Die Fahrpreise sind nichts weniger als einheitlich. Kommt der Zug an dem Bahnsteig zum Halten, so öffnen sich die Reisen den selbst die Thüren, was ja auch auf der Berliner Stadtbahn Gebrauch ist. Fährt ein Reisender über das durch seine Fahr karte bezeichnete Reiseziel hinaus, so kann er auf seinen Wunsch kostenfrei nach der richtigen Station zurückfahren, will er jedoch auf der falschen Station den Zug verlassen, so hat er den Fehlbetrag zu entrichten. Wird dagegen ein Reisender ohne gültige Karte angetroffen, so wird für die durchfahrene Strecke der einfache Fahrpreis er hoben. Nur wenn er sich weigert, diesen zu zahlen, erfolgt eine Geldstrafe bis zu 40 Mark, auch wird sein Name mit entsprechendem Vermerk ans der Station angeschlagen — ein jedenfalls wirksames Abschreckungsmittel! Anderseits werden auch die Bahngesellschaften scharf geahndet, wenn sie sich Übergriffe gegen Reisende zu Schulden kommen lassen und diese gerichtlich gegen sie vorgehen, denn nur der mit Absicht ausgeführte Betrug gibt der Verwaltung ein Recht auf Strafverfolgung. Die Betriebszeit beginnt an Wochentagen morgens um 5 Uhr und endigt kurz nach Mitternacht. An Sonntagen ist der Zugdienst erheblich eingeschränkt. Die durchschnittliche Fahrgeschwindigkeit der Züge ohne Einrechnung des Aufenthalts auf den Stationen beträgt 40 Ion in der Stunde. Die auf dem Jnnenringe verkehrenden Züge durchfahren diese 21 km lange Strecke — die 26 Statiousaufenthalte eingerechnet — in 70 Minuten. Die mittlere Reisegeschwindigkeit beträgt demnach 18 km in der Stunde. Die Zahl der täglichen Züge ist erstaunlich. An Werktagen stärksten Verkehrs werden rund 1700 Personenzüge, 420 Güterzüge und 110 Leerlokomotiven fahrplan mäßig gefahren, also insgesamt 2120 Züge. An Sonntagen wird der Betrieb um mehr 360. Entlüftnngsanlagr in der Cannon Street.