868 Die Weltwirtschaft. anderer, von den unsrigen verschiedener Wirtschaftsformen geneigt sind, von vornherein jene Gesetze auf sie auszudehnen, die wir für unser eigenes Wirtschaftsleben in der Gegenwart anerkennen. Dies kommt auch in der Art zum Ausdruck, wie man die Entwickelung des Wirt schaftslebens geschichtlich zu erfassen bestrebt ist. Die klassische Nationalökonomie setzte die Wirtschaftlichkeit, das ist das Bestreben, mit möglichst geringen Mitteln eine möglichst vollständige Befriedigung der Bedürfnisse zu erlangen, als natürlich gegebene, unter allen Umständen vorhandene Eigenschaft des Menschen voraus. Sie ließ schon den rohen Naturmenschen, von diesem Grundsätze beherrscht, ebenso denken und handeln wie einen westeuropäischen Kulturmenschen der Jetztzeit, ließ ihn Tauschgeschäfte machen, Arbeitslohn zahlen, Grundrente, Zins und Unternehmergewinn beziehen. Nicht viel weiter ist man lange Zeit bei dem Versuche gekommen, aus der Verwertung der über lieferten Nachrichten geschichtliche Entwickelungsstufen unseres Wirtschaftslebens zu konstruieren. So ließ Friedrich List fünf Epochen, die Perioden des Jagdlebens, des Hirtenlebens, des Ackerbaues, die Agrikultur-Manufakturperiode und die Agrikultur- Manufaktur-Handelsperiode, in der Geschichte jedes Volkes folgen, B. Hildebrand unterscheidet nach der Art, in welcher der Tauschverkehr sich abspielt, ein Zeitalter der Naturalwirtschaft, der Geldwirtschaft und der Kreditwirtschaft, beide setzen aber voraus, daß es immer eine Volkswirtschaft gegeben habe, und daß nur die Formen der Erzeugung in dem einen, des Verkehrs in dem anderen Falle zu verschiedenen Zeiten verschieden gewesen seien. Erst Bücher*) hat in neuester Zeit den Grund gelegt zu einer Auffassung des wirtschaftlichen Lebens der Vergangenheit, welche den Lebens bedingungen jener Zeiten gerecht wird und die wirtschaftlichen Erscheinungen aus ihnen heraus zu erklären strebt. Er gelangt dabei zu dem Ergebnisse, „daß die Volkswirtschaft das Produkt einer jahrtausendelangen historischen Entwickelung und nicht älter ist als der moderne Staat; daß vor ihrer Entstehung die Menschheit große Zeiträume hindurch ohne Tauschverkehr oder unter Formen des Austausches von Produkten und Leistungen gewirtschaftet hat, die als Volkswirtschaft nicht bezeichnet werden können". Seinen grund legenden Untersuchungen über diesen Gegenstand folgen auch wir bei der Darstellung des Entwickelungsganges unseres Wirtschaftslebens. Der wirtschaftliche Urzustand. Da geschichtliche Zeugnisse über das Leben und die Wirtschaftsweise der heutigen Kulturvölker in der Urzeit fehlen, ist man in Bezug auf den wirtschaftlichen Urzustand der Menschheit auf das angewiesen, was uns über die Lebensgewohnheiten der noch heute lebenden Naturvölker bekannt geworden ist. Dabei muß man selbstverständlich von solchen Völkerschaften absehen, welche, wie die Bewohner der Polargegenden oder der Steppengebiete Zentralasiens durch die Natur zu einer einseitigen Lebensweise hingedrängt worden sind. Man muß die Untersuchungsgebiete auf Gegenden beschränken, wo die reiche Fülle der Natur Freiheit der Entwickelung gewährte, im wesentlichen also auf die Tropengegeuden und deren Bewohner, und man kann dies umso eher thun, als aller Wahrscheinlichkeit nach die ersten Verbreitungsgebiete der Menschheit in diese Länder fallen. Für die unterste Stufe menschlichen Daseins fehlt uns jedoch auch hier ein un mittelbares Beispiel. Allen bis jetzt entdeckten Stämmen ist wenigstens der Gebrauch des Feuers, die Verwendung der allereinfachsten Werkzeuge und Waffen bekannt. Denkt man jedoch aus dem Leben der niedrigst stehenden Stämme diese einfachsten Kultur- elemente weg, so gibt es immer noch ein anschauliches Bild der untersten Daseinsstufe des Menschen, die man als die Stufe der individuellen Nahrungssuche bezeichnen könnte. Es sind dies die Völker, die man niedere Jäger zu nennen pflegt (z. B. die Buschmänner in Afrika, die Weddas auf Ceylon, die Waldindianer Brasiliens, die Austral- *) „Die Entstehung der Volkswirtschaft", 2. Anst,, Tübingen, Lauppsche Buchhandlung, 1898, „Die Wirtschaft der Naturvölker", Dresden, v. Zahn & Jaensch 1898.