907 Getreidebau und Viehzucht. den Speichern mittels Warrants bis zu 80 und 90 % seines Wertes bankmäßig belehnen zu lassen und so sein Kapital rasch wieder verfügbar zu erhalten. Bis in das Herz der Getreidegebiete des Westens geführte Bahnen, reichlich vorhandene natürliche Wasserwege und ein sich daran schließendes großartiges Kanalnetz ermöglichen die rasche und billige Beförderung des Getreides aus dem Inneren an die atlantischen Häfen, nach New Aork, Baltimore, Philadelphia und Boston, neben denen in neuerer Zeit New Orleans und Montreal zu wichtigen Stapelplätzen für Getreide sich entwickelten, ersteres durch seine Lage an der Mündung des nunmehr auch für Seeschiffe fahrbar gemachten Mississippi, letzteres infolge seiner Kanalverbindung mit den großen Seen und des Baues der kanadischen Überlandbahn. Die Frachtsätze haben durch die Konkurrenz und die Ver vollkommnung der Verkehrsmittel eine unglaubliche Erniedrigung erfahren. So kostete die Beförderung eines Bushels Weizen von Chicago nach New Aork im Jahre 1868 zu Wasser (See und Kanal) 22,79, bei kombinierter Fracht (See und Eisenbahn) 29 Cents, bei ausschließlicher Benützung der Eisenbahn 29,so Cents, 1898 jedoch nur noch 4,42 bezw. 9,so und 11,52 Cents, und die Seefracht von New Aork nach Liverpool ist im gleichen Zeitraume von 14,5 auf 5,02s Cents zurückgegangen. Dem entsprechen auch die Ziffern für die Ausfuhr; sie betrug im Jahre 1897 für Weizen 40,s, für Roggen 2,6, für Gerste 3,4, für Hafer 7,5 und für Mais 48 Millionen Meterzentner. Daszweite große Exportland für den europäischen Getreidehandel ist Rußland. Bereits in den sechziger Jahren zu einer Zeit, wo sich der amerikanische Wettbewerb kaum fühl bar machte, erschien es mit bedeutenden Getreidemassen auf dem europäischen Markte. Seine Ausfuhr betrug bereits im Jahre 1871 17,9 Millionen Meterzentner Weizen. Im Jahre 1897 führte es an Weizen 34,9 Millionen, Roggen 12, Gerste 14,6, Hafer 7,1, Mais 3,4 Millionen Meterzentner aus. Auch hier war der Ausbau des Bahnnetzes im Inneren des Reiches und die Entwickelung der Schiffahrt nach den baltischen und süd russischen Häfen maßgebend für die Entwickelung der Ausfuhr. In neuerer Zeit suchte die Regierung diese dadurch zu begünstigen, daß sie durch Einstellung von Export tarifen die Transportkosten von jedem Punkte des weiten Reiches nach der Grenze gleich hoch stellte und so allen Produktionsgebieten die Ausfuhr unter gleichen Bedingungen ermöglichte. Die Anbaufläche hat in Rußland nicht dieselbe sprunghafte Entwickelung genommen wie in Nordamerika. Sie ist von 64,6 Millionen im Jahre 1881 nur auf 67,6 Millionen im Jahre 1897, das ist um 4,5°/g gewachsen. Die schnelle Zu nahme der russischen Ausfuhr liegt eben weniger in der fortschreitenden Ausdehnung des Getreidebaues als in der zunehmenden Nutzbarmachung der vorhandenen Ernten für die Ausfuhr. Ungefähr seit 1876, in größerem Umfange seit 1881 erscheint auch Britisch-Ost- indien mit bedeutenden Weizenmengen ans dem europäischen Markte, wenn auch die Höhe seiner Weizenausfuhr stark wechselt, da infolge der klimatischen Verhältnisse periodische Mißernten eintreten und überdies die Einfuhr ostiudischen Weizens wegen seiner höheren Frachtkosten nur lohnend erscheint, sobald der amerikanische Weizenpreis eine gewisse Höhe erreicht hat. Als Getreideausfuhrländer kommen ferner für den europäischen Markt noch in Betracht die Balkanländer, Ägypten, Algier, Kanada und Australien, in neuerer Zeit auch die La Plata-Staaten, namentlich Argentinien. Seine Weizenausfuhr hat sich mit beispielloser Schnelligkeit entwickelt. 1889 betrug sie erst 229 000, 1894 hatte sie bereits den Betrag von 16,1 Millionen Hektoliter erreicht. Dabei ist von der gesamten auf 16 Millionen Hektar geschätzten, für den Weizenbau geeigneten Fläche dieses Landes nicht viel mehr als eine Million Hektar unter den Pflug genommen. Der Boden ist von einer unvergleichlichen Fruchtbarkeit, die Urbarmachung bei dem Mangel an Baumwuchs leicht, das Klima gestattet zwei Ernten im Jahre und die Vornahme landwirtschaftlicher Arbeiten das ganze Jahr hindurch, so daß die Gunst der natürlichen Verhältnisse kaum von irgend einem Erdstrich übertroffen werden kann. Dazu kommt noch der die Ausfuhr fördernde Einfluß einer tief entwerteten, schwankenden Papier-