956 Die Weltwirtschaft. hauptsächlichen Sammelpunkte der großen Vermögen und Einkommen; aber auch die arbeitenden Klassen finden in den Städten günstigere Lebensbedingungen, wie die ge ringere Zahl der städtischen Einkommen unter 900 Mark zeigt. Jedenfalls geht aus diesen Zahlen hervor, daß das Wachstum des Volkseinkommens und des Volksvermögens keineswegs auf die obersten Klassen beschränkt blieb, sondern daß auch die kleinen Einkommen eine günstige Entwickelung verzeichnen. Daß ins besondere das Einkommen des Arbeiters an der allgemeinen Steigerung des Volks einkommens seinen Anteil nimmt, wird auch durch die Statistik der Arbeiter-Jnvaliditäts- und Altersversicherung bestätigt. Die Jnvaliditätsvcrsicherung unterscheidet vier Lohn klassen, von denen die unterste die Jahreslöhne bis 350, die 2.Klasse die von 350—550, die dritte jene von 550—850, die 4. Klasse endlich die Jahreslöhne von mehr als 850 Mark umfaßt. Nun entfallen von den Beitragenden auf die Lohnklasse unter 350 Mark 350—550 Mark 550 - 850 Mark über 850 Mark im Jahre 1891 25,3% 38,4°/« 21,7°/ 0 14,6°/« im Jahre 1897 • 21,4% 37,9°/« 24,2% 16,5% Es hat sich somit in diesen sechs Jahren die Besetzung der beiden oberen Klassen zusammen um 4,4°/« gehoben. Damit stimmt überein, daß der Durchschnittsbetrag der anrechuungsfähigen Löhne bei den Berufsgenossenschaften der Unfallversicherung von 612 Mark im Jahre 1888 auf 704 Mark im Jahre 1897 gestiegen ist. Was die Verwendung des Volkseinkommens betrifft, so werden in Deutsch land jährlich etwa 3 — 4 Milliarden erspart und in Unternehmungen, Papieren oder Sparkassen angelegt. Von den hiernach noch verbleibenden 22 Milliarden Mark werden rund 5 Milliarden in Form von Steuern und Abgaben für die Aufgaben der öffentlichen Verwaltung in Anspruch genommen, der Rest stellt mit ungefähr 17 Mil liarden den jährlichen Verbrauch des Volkes dar; 3—4 Milliarden gehen von dieser Summe für eingeführte Nahrungemittel und Rohstoffe in das Ausland. Alles übrige kommt wieder der heimischen Produktion zu gute, die somit den ganz überwiegenden Vorteil von der Steigerung des Volkseinkommens und des allgemeinen Verbrauches hat. Gegenüber diesem ungeheueren Bedarf der heimischen Bevölkerung erscheint die nur 3,7 Milliarden betragende Ausfuhr an Erzeugnissen der heimischen Industrie und Land wirtschaft eigentlich gering, und dieses Verhältnis hat vielfach zu dem Schluffe geführt, daß es verfehlt sei, das Heil für die Zukunft in der gesteigerten Entwickelung unseres Exportes zu suchen. Viel wichtiger als dieser sei die Steigerung der Kaufkraft des eigenen Volkes, die Hebung des inneren Verbrauches. Hierdurch werde der vater ländischen Produktion ein sicherer, allen Zufälligkeiten entrückter Markt geschaffen, wie ihn der Export nimmer zu bieten vermöge. Man übersieht jedoch hierbei, daß diese Steigerung der Konsumtionskraft nicht anhalten kann, wenn wir auf den Export ver zichten müssen. Gewiß hängt die Blüte unserer Industrie in hohem Grade von der Steigerung des inneren Verbrauches ab. Diese Steigerung erfordert jedoch bei dem raschen Wachstum unserer Bevölkerung eine steigende Zufuhr an Nahrungsmitteln und Rohstoffen von auswärts, die aus unserer Ausfuhr an Fabrikaten, aus unseren Zinsen einnahmen von auswärtigen Kapitalsanlagen und aus dem Verdienst im Transport wesen bezahlt werden müssen. Geben wir unsere Ausfuhr preis, versäumen wir die Sicherung unserer Schiffahrt und unserer auswärtigen Niederlassungen, so wird die passive Handelsbilanz zu einer passiven Zahlungsbilanz, wir müssen Teile des Volks vermögens hingeben, um die auswärtigen Zufuhren zu bestreiten, unsere gestiegene Bevölkerung zu ernähren und unsere Industrie mit Rohstoffen zu versehen. Wohin die Andauer solcher Verhältnisse führt, zeigt uns das Beispiel von Staaten wie Portugal. Trotz der überwiegenden Bedeutung des inneren Marktes für unsere Industrie und Landwirtschaft ist somit unsere Ausfuhr ein unentbehrlicher Bestandteil unserer Volks wirtschaft, unsere künftige Entwickelung abhängig von der Sicherung unserer Stellung in der Weltwirtschaft.