: Entwickelung der Luftschiffahrt. 959 w~\v hervorragendes Verkehrsmittel werden können, aber gegenwärtig kann man in ihnen, auch bei optimistischer Beurteilung, nicht mehr sehen als ein wahrscheinlich ausnehmend zukunfts reiches Mittel sportlicher Betätigung, und die verschiedenen Versuche, einen regelmäßigen Luftverkehr der einen oder andren Art ins Leben zu rufen, halten bis jetzt zumeist nur einen Kuriositätswert. — Die Luftschiffe werden sich ja wohl noch zuerst in den Dienst der regelmäßigen Verkehrsabwickelung stellen, obwohl einstweilen die notwendigerweise noch sehr hohen Benutzungskosten die Fahrt darin zu einem Luxusvergnügen stempeln, das sich recht merklich von jeder andren Benutzung irgendwelcher Verkehrsmittel unterscheidet. Das Ideal des Zukunftsverkehrs sind aber doch dieFlugapparate, und mancher schwärmte schon in Gedanken von einer nahen Zukunft, wo jeder, der über einen entsprechenden Geld beutel verfügt, sich einen eignen Flugapparat würde anschaffen können, wie man sich in den letzten Jahren wohl ein Zweirad oder ein Automobil kaufte. Nun, mit der Verwirklichung dieser Träume hat es noch gute Weile. Einstweilen werden die Flugapparate nach wie vor rein sportliche Instrumente bleiben, und obwohl sie in mannigfacher Hinsicht geradezu ideale Verkehrsmittel darstellen, obwohl ihre Geschwindigkeit und Landefähigkeit sich außer ordentlich rasch vervollkommnet haben, so fehlen ihnen doch noch einige Eigenschaften, die vollkommen unentbehrlich für ein richtiges Verkehrsmittel sind, vor allem die unbedingt sichere Gleichgewichtshaltung, die zurzeit in Luftwirbeln und Böen doch zuweilen noch recht fühlbar versagt, und die unvermeidliche Unzuverlässigkeit der Motoren. Gefahren bringtjeder neu aufkommende Fortschritt anfangs in hohem Maße mit sich, und Todesopfer heischt jede großartige Verbesserung im Verkehrsleben zunächst in nicht geringer Anzahl — dennoch aber übersteigen die Gefahren des Flugsports alle andren, aus mannigfachen Gründen, recht erheblich, und die erschreckend große Hekatombe von Leichen, die der Tod alljährlich aus der Schar der Jünger dieses Sports fordert, lehrt zur Genüge, daß den Flugapparaten eben noch eine Voraussetzung jedes ordnungsmäßigen Verkehrsmittels fehlt: die leidliche Betriebs sicherheit. Dennoch wäre es mehr als Unrecht, wenn man an diese offenbar vorhandenen Mängel pessimistische Betrachtungen knüpfen wollte. Wie Rom nicht in einem Tage erbaut worden ist, so wird auch der Flugapparat nicht von heute auf morgen ein vollwertiges Verkehrsmittel werden können; aber die Anfänge hierzu sind glücklich gemacht worden, viel schöner und herrlicher gemacht, als es noch vor wenigen Jahren die üppigste Phantasie zu hoffen wagte. — Daher ist es auch an dieser Stelle angebracht, wenigstens die bedeutsamsten Tatsachen zu erwähnen, die in der bisherigen Geschichte eines so wichtigen Weltverkehrsmittels der Zukunft zu ver zeichnen waren. Die ersten Bemühungen zur Herstellung eines Lenkballons gehen bis auf das große Epochejnhr der Luftschiffahrt, 1783, zurück. Zahlreiche bald mehr bald minder ernste Projekte haben die nachfolgenden Jahrzehnte gezeitigt. Der erste größere Erfolg wurde von den französischen Offizieren Renard und Krebs am 9. August 1884 erreicht: mit einem Motorluftschiff von 50,42 m Länge, 8,4 m Durchmesser und 1864 cbm Inhalt gelang es, eine Fahrt von 25 Minuten Tauer am Ausgangspunkte wieder enden zu lassen. Die mit Unterstützung der Regierung vorgenommenen, sehr verheißungsvollen Fahrten mußten aber nach Jahresfrist eingestellt werden, als neue Männer ans Ruder kamen, die kein Ver ständnis für die Bedeutung der Sache hatten und die Gelder nicht weiter bewilligten. Auch in Deutschland regten sich ähnliche Bestrebungen. Von den ziemlich unbedeutenden Leistungen Ganswindts abgesehen, ist hier der Buchhändler Wolfert aus Leipzig zu erwähnen, der seit 1887 dem Problem des lenkbaren Ballons nachging. Er unternahm am 28. und 29. August 1896 auf der Berliner Gewerbeausstellung mit gutem Erfolg kleine Probefahrten, die im nächsten Jahr wiederholt wurden. Auf einer Fahrt aber, am 12. Juni 1897, geriet das Luftschiff in Brand, und Wolfert kam ums Leben. Etwa gleichzeitig führte der ungarische Holzhändler David Schwarz mit einem von ihm ersonnenen Aluminiumluftschiff zwei er folgreiche, kleine Fahrten in Petersburg aus. Als ihm aber glaubhaft hinterbracht wurde, daß die russische Regierung, wenn die entscheidende dritte Probefahrt gelang, sich des Luft schiffs bemächtigen und ihn selbst als Spion verschwinden lassen wolle, zerstörte er sein Luftschiff und flüchtete aus Rußland nach Deutschland. Hier nahm er seine Arbeit wieder XI 1204