959 zz Die Luftschiffahrt. konnte sich auf einer Fahrt nicht weniger als 11 1 / 2 Stunden ununterbrochen in der Luft halten. Kürzlich, am 8./9. Juni 1912, ist der Parseval-Ballon in 11 Stunden 40 Minuten von Berlin-Tegel bis in die Nähe von Königsberg geflogen, hat also bei Übertvindung einer Entfernung von 550 km die recht ansehnliche Stundengeschwindigkeit von beinahe 50 km entfaltet. — Alle drei deutschen Luftschiffe haben sich als vollauf brauchbar erwiesen; jedes hat seine Vorteile und seine Nachteile, aber eine Zukunft dürfte ihnen allen ge sichert sein. Auch außerhalb Deutschlands war man bei der beginnenden Eroberung der Luft nicht untätig; doch nur in Frankreich konnte man im Luftschiffbau Erfolge aufweisen, die sich den deutschen an die Seite stellen konnten. Alberto Santos-Dumont, ein in Paris lebender, schwerreicher Brasilianer, baute eine Reihe von Luftschiffen und konnte am 19. Ok tober 1901 eine Fahrt rund um den Eiffelturm unternehmen und dann gegen den Wind zur Ausgaugsstelle zurückkehren. Auch Severot und Julliot schufen französische Luftschiffe, hattet: aber nur geringe Erfolge. Nachdem ein von Julliot erbautes, halbstarres Luftschiff „La Patrie", auf das man sehr große Hoffnungen gesetzt hatte, am 1. Dezember 1907 vom Winde entführt und im Ozean versunken war, hat neuerdings ein von Kapperer erbautes, 62 m und 3200 odm fassendes, mit sehr eigenartigen Stabilisierungsballons versehenes Luftschiff „Bille de Paris" beachtenswerte Erfolge zu verzeichnen gehabt. ■— In England hat man es auf dem Gebiete des nationalen Luftschiffbaus über sehr hochmütige Ankündi gungen und einen sehr schönen Namen für das Luftschiff („Nullt secundus") noch kaum hinausgebracht. Auch in andren Ländern sind bisher tiur bescheidene Erfolge erzielt worden. Die Ehre, dem lenkbaren Luftschiff zum Dasein verholfeu zu haben, kommt im vollen Um fang Deutschland und Frankreich allein zu. Es ist bemerkenswert, daß auch die grundlegenden Erfindungen auf dem Gebiete der Flugschiffahrt überwiegend in Deutschland gemacht worden sind. Wenn trotzdem Deutsch land heute ganz und gar nicht die Führung in der «Aviatik hat, so ist daran ausschließlich der alte Erbfehler der Teutschen schuld, ihr hervorragend unpraktisches Wesen, das die Tragweite neuer technischer Ideen meist viel zu spät und in der Regel erst dann erkennt, wenn das Ausland sich anschickt, die in Deutschland geborenen Gedanken materiell nutzbar zu machen und in klingende Münze umzusetzen. So galt auch für die Schaffung der Flug apparate das alte, tadelnde: „Vinosrs scis, victoria uti nescis“. Gelegentliche Flugversuche sind vermutlich so alt, wie die Menschheit selbst; die ungeheure Menge der über die ganze Erde verbreiteten Flugsagen zeigt zur Genüge, daß der Traum, den Vögeln gleich emporschweben und davonfliegen zu können, die Menschenseele von jeher beschäftigt hat, und wo dieser Traum die Gedanken gepackt hat, da reizt er immer und immer wieder wagemutige Idealisten, Leib und Leben an seine Verwirklichung zu wagen. In den letzten tausend Jahren ist kaum ein Jahrhundert vergangen, in dem sich nicht mindestens ein stets sehr ernst gemeinter, wenn auch oft mit primitivsten Mitteln unter nommener Versuch zur Nachahmung des Vogelfluges historisch nachweisen läßt. Noch vor 100 Jahren wurde zum letztenmal in Deutschland der Versuch gemacht, mit Hilfe künst licher Vogelschwingen das Flugrätsel zu lösen, als der „Schneider von Ulm", Albr. Ludwig Berblinger, am 31. Mai 1811 vom Nlmer Donauufer einen stolzen Flug antrat, der freilich noch in derselben Minute in den Wellen des Stromes endete. 1852 ereignete sich ein ähnlicher Fall in Paris. Im 19. Jahrhuitdert hinderte die Konzentrierung der Aufmerksamkeit auf die Luft ballons lange Zeit hindurch weitere Versuche, das Flugproblem für den Menschen zu lösen. In Deutschland, Österreich und Frankreich lebte erst in den letzten zwei Jahrzehnten das alte Streben abermals auf. 1878 begann der Wiener Ingenieur Wilhelm Kreß, auf mathematisch-wissenschaftlichen Berechnungen basierend, das Studium des Vogelfluges; er konnte aber seine durchaus gesunden Ideen nicht verwirklichen, teils aus Mangel an Mitteln, teils, weil eS damals noch nicht genügend leichte Motoren gab, und als solche schließlich geschaffen wurden, fehlte es Kreß an Geld, so daß er nur ein befruchtender Anreger, nicht ein wirklicher Pfadweiser geworden ist. — Ähnlich erging es dem Franzosen Ader, der