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        <title>Der Weltverkehr und seine Mittel</title>
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            <forname>Curt</forname>
            <surname>Merckel</surname>
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        </author>
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            <idno>100624364X</idno>
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        1913

Der  Weltverkehr
und  seine  Mittel

Mit  einer  Übersicht  über  Welthanòel  und  Weltwirtschaft

Bearbeitet

von

Ingenieur  C.  (Berckel,  Geheimer  Ober-Postrat  CDüncb,
Regierungsbaumeifter  Bestie,  Dr.  R.  Ri  eòi,  Oberpostrat ­
  C.  Schmück  er,  Raiferl.  (Barine  =  Oberbaurat
Tj  arò  Schrvarz,  ftgl.  Wafierbauinfpektor  Stecher
unò  Prof.  C.  Troske,  ftgl.  Cifenbahnbauinlpektor  a.  D.
3ebnte,  Òurcb  einen  tlacbtrag  ergänzte  Auflage
(Bit  859  Textabbildungen,  14  teils  farbigen  Tafeln

unò  einer  Weltverkebrskarte

Leipzig
Verlag  van  Otta  Spamer
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        Inhaltsverzeichnis
zu
Der  Weltverkehr  nnd  seine  Mittel.
Neunte  Auflage.

Einleitung.
Von  Ingenieur  Curt  Merckel.
Seite
Dir  geschichtliche  Entwickelung  des  Verkehrswesens  .  .  3
Die  ältesten  Transportmittel  (5).  —  Handel  und  Verkehr  im  Altertum  (11).  —  Die
Handelsstädte  Italiens.  Venedig.  Deutschland.  Bedeutung  der  Kreuzzüge  (17).  —
Deutschland  im  Mittelalter.  Der  Hansabund  (21).  —  Hauptverkehrsstraßen  im  Mittelalter. ­
  Der  Seeweg  nach  Indien.  Die  Entdeckung  Amerikas  (27).  —  Die  niederländischen ­
  Städte  bis  zum  17.  Jahrhundert.  England  (29).  —  Englands  Verkehrswege ­
  im  Mittelalter  (31).  —  England  im  17.  u.  18.  Jahrhundert  (83).  —  Englands
Kanalbauten  (35).  —  Kanal-  und  Wegebauten.  Erfindung  der  Eisenbahn  (38).  —
Einwirkung  der  Eisenbahn  auf  den  Verkehr  (39).  —  Die  Eisenbahnen  Asiens  (45).  —
Ausdehnung  der  Bahnen.  Fluß-  und  Seeverkehr  (49).  —  Seeverkehr  und  Seehäfen.
Stadtverkehr  (51).
Landstraßen.

Von  Ingenieur  Curt  Merckel.
Der  Straßenbau  55
Römerstraßen  (56).  —  Entwickelung  des  Straßenbaues  in  der  Neuzeit  (61).  —  Alpenstraßen ­

  (63).  —  Der  moderne  Wegebau  (67).  —  Straßenmotoren:  Dampfwagen,  Automobilen ­
  (69).  —  Elektrische  Motorwagen  (71).
Die  Eisenbahnen.
Von  L.  Troste,  Kgl.  Eisenbahnbauinspektor  a.  D.  und  Professor  an  der  Tech».  Hochschule  in  Hannover.
Allgemeines  und  Linienführung.
Einleitung  75
Ausbreitung  der  Hahnen  in  den  einzelnen  Landern  78
Deutschlands  erste  Lokomotivbahn  (79).  —  Übersicht  des  Eisenbahnnetzes  der  Erde  (82).  —
Anlagekosten  und  Zahl  der  Bediensteten  (88).
Einteilung  der  Sahnen  89
Spurweiten  (90).  —  Schmalspurbahnen  (92).  —  Einfluß  des  Windes  aus  die  Spurweite ­
  (95).
Kauliches,  Zugwiderstünde  und  Steigungsvrrhältnisse  95
Die  Vorarbeiten  zu  einer  Eisenbahnlinie  (95).  —  Die  Jungfraubahn  (98).  —  Die  höchsten
Eisenbahnen  der  Welt  (100).  —  Bergkrankheit  (101).  —  Bewegungswiderstände  (102).  —
Steigungsverhältnisse  (106).
Linienführung  ....'.  108
Ausfahren  von  Seitenthälern  (109).  —  Semmeringbahn  (109).  —  Brennerbahn  (113).
—  Entwickelung  durch  Spitzkehren  (115).  —  Entwickelung  durch  Schleifen  (117).  —  Die
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        VI

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Triberger  Schleifen  (117).—  Amerikanische  Schleifen  (119).—  Strategische  Schwarzwaldbahn ­
  (120).  —  Offene  und  Tunnel-Schlingen  (123).  —  Schlingen  und  Schleifen  der
Gotthardbahn  (124).  —  Der  große  Gotthardtunnel  (127).
Aiiivciiüuiig  der  Zahnstange  der  Eisenbahnen  130
Zahnbahnen  (132).  —  Rigibahn  (134).  —  Steigungsverhältniffe  der  gahnbahnen  (138).
—  Vereinigte  Reibungs-  und  Zahnbahnen  (135).  —  Pilatusbahn  (140).
Oberbau.
Entwickelung  der  Fahrbahn  141
Gußeiserne  Schienen  (142).  —  Schmiedeiserne  Schienen  (144).  —  Breitfußschienen  (147).  —
Doppelkopf-  oder  Stuhlfchienen  (148).  —  Neuere  Stahlschienen  (149).
Der  Schienenstoß  149
Der  ruhende  und  schwebende  Schienenstoß  (149).  —  Stoßfangschiene  und  Stoßbrücke  (153).
Gleisbau  153
Holzschwellen  (154).  —  Eisenschwellen  (156).  —  Schwellenschienen  (157).  —  Einzelunterlagen ­
  (158).  —  Spurerweilerung  und  Schienenüberhöhung  (159).  —  Weichen  (160).
Sonderheiten  im  Oberbau  der  Steilbahncn  163
Zahnstangenformen  (163).  —  Weichen  für  Zahnbahnen  (167).  —  Oberbau  der  Seilbahnen ­
  (168).

Betriebsmittel.
Die  KoKomotive  169
Grundlagen  für  den  Bau  und  die  Wirkungsweise  der  Lokomotive  (169).  —
Raddruck  und  Schienenreibung  (170).  —  Zugkraft  (172).  —  Verdampfungsfähigkeit  des
Kessels  (173).  —  Außenmaße.  Leistung  der  Lokomotiven  (175).  —  Lokomotivkessel  (176).
—  Blasrohr  (178).  —  Verbrennungs-  und  Dampfwärme  (179).  —  Heizfläche  (180).  —
Kesselausrüstung  (181).  —  Speisung  (182).  —  Einteilung  der  Lokomotiven  (183).
Geschichte  der  Kokomotivr  184
Oliver  Evans  (185).—  Trevithik  (186).  —  Älteste  Eiseubahnlokomotive  (187).  —  Blenkinsop,
Chapman  und  Brunton  (188).  —  Blackett  und  Hedley  (190).  —  Erste  brauchbare  Lokomotive ­
  (191).  —  G.  Stephensons  erste  Lokomotive  (193).  —  Stephensons  zweite  und  dritte
Lokomotive  (195).  —  T.  Hackworth  (197).  —  Robert  Stephenson  und  Seguin.  Wettfahrt
bei  Rainhill  (199).  —  Kessel  der  Rainhiller  Lokomotiven  (201).  —  „Globe"  und  „Planet"
(208).  —  Schwierigkeiten  beim  Bau  der  Liverpool-Manchesterbahn  (205).  —  Die  ersten
amerikanischen  Lokomotiven  (207).  —  Baldwins  Lokomotivfabrik  (208).  —  Deutscher
Lokomotivbau  (209).  —  Die  Crampton  -  Lokomotive  (211).  —  Lokomotiv  -  Wettbewerb  auf
dem  Semmering  (213).  —  Lokomotive  „Wiener-Neustadt"  und  „Seraing".  Fink-  und
Engerth-Lokomotive  (215).  —  Fairlie-  und  Günther-Meyer-Lokomotive  (216).  —  Mallet-Lokomotive
  (218).—  Die  Rauckplage  (219).—  Verbundlokomotiven  (220).  —  Drei-  und
viercylindrige  Verbundlokomotive  (221).  —  Heilmann-Lokomotive  (222).  —  Mastodon-Lokomotive
  (223).
Geschichte  der  Zahnradlokomotivr  227
Die  ersten  Zahnradlokomotiven  (227).  —  Lokomotive  von  Marsh.  Riggenbachs  Lokomotive ­
  (229).  —  Vorteile  großer  Kolbengeschwindigkeit  (230).  —  Ersatz  des  stehenden
Kessels  durch  den  liegenden  (231).  —  Lokomotiven  für  vereinigte  Zahn-  und  Reibungsbahnen ­
  (233).  —  Lokomotive  von  Abt  (235).  —  Verbesserungen  in  den  Lokomotiv-Nebenteilen
  (235).
Magen  236
Personenwagen  (237).  —  Gangart  der  Wagen  (240).  —  Freie  Lenkachsen  (241).  —
Schlaf-  und  Pullmannwagen  (243).  —  Luxuszüge  (248).  —  Drehgestelle  (249).  —
Heizung  der  Wagen.  Wärmflaschen  und  Preßkohlenheizung  (251).  —  Dampfheizung
(252).  —  Lüftung  und  Beleuchtung  (253).  —  Fettgasbeleuchtung.  Elektrische  Wagenbeleuchtung ­
  (255).  —  Acetylen-  und  Mischgas  (256).  —  Hand-  und  durchgehende  Bremsen
(257).  —  Luftsaugebremsen  (258).  -  Luftdruckbremsen  (259).  —  Reibungsbremse  (261).  —
Güterwagen  (261).  —  Wagen  für  Sonderzivecke  (263).  —  Kühl-  und  Heizwagen  (266).  —
Räder  u.  Radreifen  (269).  —  Befestigung  der  Radreifen.  Buffer  (271).  —  Wagenkuppelung.
Selbstthätige  Kuppelung  (273).  —  Verein  deutscher  Eisenbahn-Verwaltungen  (275).
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        Inhaltsverzeichnis.

VII

Signalwcscn  und  Meichensichrrung-  Seite
Signale  27.'»
Sicht-  und  hörbare  Signale  (277).  —  Buntscheckigkeit  der  alteren  deutschen  Signalsormen
  (279).  —  Verschiedenartige  Benutzung  der  Läutewerke  (280).  —  Hand-  und  Mastensignale ­
  (282).  —  Wegesignale  (283).  —  Vorsignale.  Weichensignale  (284).  —  Signale
am  Zuge  (285).  —  Knallsignale  (288).
Weichen-  und  Signalsicherung  288
Stellwerke.  Sicherung  einer  Bahnabzweigung  (289).  —  Wirkungsweise  eines  Stellwerks ­
  (291).  —  Allgemeine  Bauart  der  Stellwerke  (295).  —  Signal-  und  Weichenstellung ­
  mittels  Wasser-  und  Luftdruckes  oder  Elekirizilät  (297).  —  Vcrschlußtafcl  zu
einem  Stellwerk  (300).
Ginwlhriten  zur  Wrichrnstchrrung  302
Weichensicherung  durch  Druckschienen  (303).  —  Verriegelung  der  Spitzweichen  (304).  —
Spitzenverschlüsse  (305).  —  Ansgleichvorrichtungen  der  Signalzüge  u.  Weichengestänge  (307).
Slochvrrfasirrn  .  .308
Verriegelung  der  Mastensignale  durch  das  Blockwerk  (309).  —  Stationsblockung  (311).
—  Ausschließung  feindlicher  Signale  durch  das  Stationsblockwerk  (312).  —  Streckenblockung ­
  (314).  —  Sicherung  der  Züge  auf  der  Strecke  durch  das  verbesserte  Blockverfahren
  (317).  —  Zugstab  (319).
Sicherung  der  Schirnrnübrrgängc  319
Zugdienst  und  Fahrgrsch,uindigkrit.
Reisegeschwindigkeit.  Postzüge  (321).  —  Wassernehmen  während  der  Fahrt  (323).  —  Die
schnellsten  Züge  Europas  (325).  —  Fahrpreise  (326).
Schneepflug!  und  Schnrrschlrudrrmaschinrn  327
Storungen  durch  Schnee  (327).  —  Schneeschleudermaschinen  (329).
Gisrnbahn-Fährbootc  (Trajrktanstaltrn)  331
Eisenbahnfähren  (331).  —  Solanosähre  und  Rheinfähren  (333).  —  Fähre  über  den
Baikalsce  (334).  —  Schiffbrücken  (335).
Besondere  Eisenbahnen.
Seilbahnen  335
Kabelbahnen  (336).  —  Agudios  Scilebene  (338).  —  Seilbahnen  mit  offenem  Seil;  ihre
Betriebsart  und  Steigungsverhältnisse  (389).  —  Ausweichstellen  eingleisiger  Seilbahnen
(345).  —  Sicherung  gegen  Seilbruch.  Wagen  (347).  ,
Stadtbahnen
Vergleich  der  Hoch-  und  Tiesbahnen  (348).  —  Die  Londoner  Untergrundbahnen
(349).  —  Die  elektrische  Tunnelröhrenbahn  in  London  (359).  —  Die  Zentral-Londonbahn
  (368).—  Elektrische  Unterpflasterbahn  in  Budapest  (364).  —  Die
New  Dorker  Hochbahnen  (369).  —  Die  elektrische  Hochbahn  in  Berlin
(372).  —  Hänge-  oder  Schwebebahnen  (374).  —  Die  Elberselder  Schwebebahn  (376).
Brücken  und  Viadnkie.
Bon  Ingenieur  Curt  Merckel.
Brücken  des  Altertums  (381).  —  Brücken  des  Mittelalters  (383).  —  Bauten  der
Brückenbrüder  (385).  —  Mittelalterliche  deutsche  Brücken  (387).  —  Hölzerne  Brücken  (389).  —
Gußeiserne  Bogenbrücken  (391).  —  Eiserne  Balkenbrücken  (393).  —  Firth  os  Forth-Brücke
(395).  —  Schmiedeeiserne  Bogenbrücken'(399).  —  Herstellung  der  Brücken  (401).  —  Steinund
  Betonbrücken  (405).  —  Bewegliche  Brücken  (407).

Wasserstraßen.
Llusitiinfc  und  Flußschiffahrt.
Bon  Ingenieur  Curl  Merckel.
Flußschiffahrt  im  Altertum  (415).  —  Der  Verkehr  auf  der  Elbe  (417).
Schiffahrtsstraßen  (419).  —  Verkehr  auf  Flüssen  (421).

Amerikanische
        <pb n="5" />
        VIII

Inhaltsverzeichnis.

Stromkorrcktiouen.
Bon  Wasser-Bauinspektor  Stecher  und  Regierungsbaumeistcr  Restle.  Seite
Alte  nnd  moderne  Strombauknnst  (423).  —  Flut  und  Ebbe  (425).  —  Korrektionen
im  Flutgebiet  (427).  —  Regulierungsarbeiten  an  dem  Tyne  und  der  Seine  (429).  —
Korrektion  der  Unterweser  (431).  —  Regulierungsarbeilen  am  Mississippi  (433).  —  Die
Regulierung  des  Eisernen  Thores  (435).  —  Die  Rheinschifsahrt  (437).
Flußkanalisierungen.
Bon  Wasser-Baiiinspektor  Stecher  und  Regierungsbaumeister  Nestle.
Technik  der  Flußkanalisierung  (439).—  Verschiedenheit  der  Stauhöhe  (441).—  Schiffsdurchlässe ­
  ,  Wehre  (443).  —  NaLelwehre  (444).  —  Klappen-  und  Trommelwehre  (447).  —
Fischwege  und  Fischtreppen  (449).  —  Aalpässe  (451).
Flußhäfen.
Bon  Wasser-Vaninspektor  Stecher  und  Regicrungsbaumeister  Nestle.
.  Allgemeine  Anordnung  der  Flußhäfen  (453).,—  Form  der  Flußhäfen  (455).  —  Einrichtung
  der  Flußhäfen  (456).
Schiffahrtokanäle.
Von  Ingenieur  Curt  Merckel.
Schiffahrtskanäle  im  Altertum  und  Mittelalter  (467).  —  *  Stau-  uud  Kammerschleusen ­
  (469).  —  Kanäle  in  Holland  und  Frankreich  (471).  —  Kanalbauten  in  Rußland

uud  Schweden  (473).—  Schissahrtskanäle  in  Norwegen  und  England,  (475).  —  Schiffahrtskanäle ­
  in  Amerika  (477).  —  Schiffahrtskanäle  in  Frankreich  und  Deutschland  (481).  —  *Geneigte
  Ebenen  (483).  —  *  Schiffshebewerke  (485).-  —  *  Deutschlands  Schiffahrtskanäle  (491).
Sceüanälc  .  .  i  V.  .  .  .  .  .  . ! '  .  .  .  .  .  494
Suez-Kanal  (496).  —  Manchester  Seekanal  (501).  —  *  Kaiser  Wilhelm-Kanal  (503).  —

St.  Petersburg-Kronstadt«  Kanal  (512).  —  Kanal  von  Korinth  (513),  —  Panamakanal  (5  l  5).!
*)  Von  Wasser-Bauiuspektor  Stecher  und  Regierungsbaumeister  Nestle.
Seehäfen.
Bon  Wasser-Bauinspektor  Stecher  und  Negierungsbaunietster  Nestle.
Seehäfen  des  Altertums  (517).  —  Seehäfen  des  Mittelalters  und  der  neueren  Zeit
(519).  —  Zweck  der  Häfen.  Reede  und  Vorhafen  (521).  —  Anordnung  der  Hafenbecken
(523).  —  Anlage  der  llfermauern  (525).  —  Lösch-  und  Ladevorrichtungen  (527).  —  Trockendocks ­
  (532).,:—  Schwimmdocks  (535).  —  Moderne  Hafenstädte:  Hamburg  (5871.—  Amsterdam
  (538).  —  Odessa  (538).  Triest  (342).  —  Genua  (542).  —  Marseiile  (542). ;
Liverpool  (544).  —  London  (544).  —  New  Dort  (544).
Schiffuhetoseichc».
Sou  Wasser-Bauinspektor  Stecher  und  Regierungsbaumeister  Nestle.
Landmärken  (547).  —  Baken  und  Bojen  (549).  —  Glockenbojen.  Gasbojen.  Leuchttürme ­
  (551).—  Leuchttürme  von  Eordouan  und  Eddystone  (553),  ,—  Rothesand  -  Leuchtturm ­

  (554).  —  Linsenapparate  der  Leuchttürme  (565).  —  Feuerschiffe  (567).  —  Hörsignale.
Zeitbälle  (569).
Die  Taucheekuust  uud  die  Hebung  und  Bergung  verunglückter  Schiffe.
Von  Angenieur  Curt  Merckel.
Die  Tauchcrüunst  \  :  .  j  571
Taucherausrüstung  (571).  —  Verwendung  des  Telephons  und  der  Glühlampe  (577),  —
Taucherglocken.  Taucherschachtc.  Taucherboote  (579).  -r  Submarinegucker.  Pneumatischer
Tunnelbau  (581).
Das  Heden  und  Dergen  verunglückter  Schiffe  .  .  584
Hebung  eines  Baggers  (585).  —  Heben  des  Dampfers  „Ladh  Cathrine"  (589).

Schisfüsu.
Geschichtlicher  und  techuifcheGutmicktclung.
SckMs.!desMter1nms459Ä)Lb-tt&amp;lt;SchisfbMltiMMDelalt«isrdiinidL-iiiEuere!!r-NmtlWch/'
—  Bau  und  Armierung  der  Kriegsschiffe  ichlüch  moilM7JahchnnUWL(599).(944-KrtsgsschWojjichS
        <pb n="6" />
        Inhaltsverzeichnis.

IX
Seite

bau  im  17.  u.  18.  Jahrhundert  (601).  —  Das  erste  Dampfschiff  (603).  —  Einführung  der
Schiffsschraube  (605).  —  Entwickelung  der  Dampfschiffahrt  (607).  —  Eiserne  Schiffe  (608).  —
Der  „Great  Eastern",  (611).  —  Entwickelung  ■  der  Schiffsmaschine  (613),  —  Schnell-.
Kampfer  (615),  —,  Die,  erstgn.Panzerschiffe  (621).  —  Schiffspflnzer.  und  Schiffsgeschütze  (622).  --  ,
Einteilung  der  Kriegsschiffe  (627).
Grundlage«  des  Schiffbaues.
Das  Deplacement  der  Schiffe  (629).  —  Stabilität  (631).-—  Schwingungen  des
Schiffes  im  ruhigen.  Wasser  und  auf  See  (635).—  Besegelung  und  Ruber  (637).
—  Schiffswiderstand  und  Mafchinenkrast  (645).
praktischer  Schiffbau.
Hoitsüiiffimu
Der  Kiel  (651).  —  Die  Spanten  (653).  —  Außenhautbeplankung  (665).  —  Vollendung
des  Rumpfes  (657).  —  Einsetzen  der  Masten  (659).  —  Stehendes  und  laufendes  Tauwerk ­
  (661).  —  Anker  und  Boote  (663).  —  Kompositbau  (665).
Gisrn-  bezio.  Stahlschifftmu  .
Baumaterial  (667).  —  Kiel  und  Spanten  (673).  —  Quer-  und  Längsspanrenfyslem  (675).
—  Außenhaut  und  Decks  (677).  —  Wasserdichte  Schotte  (679).  —  Vorder-  und  Hintersteven ­
  (681).  —  Stapellauf  (683).  —  Hilfsmaschinen  (684).
Schiffsmaschinenbau.
Einleitung  (692).  —  Entwickelung  der  Schifssmaschinen  (693).  —  Schiffskessel  (695).
—  Die  verschiedenen  Systeme  der  Schiffsmaschinen  (699).  —  Pie  verschiedenen  Teile  der
Schiffsmaschinen  (703).  —  Propeller  (705).  —  Schaufelrad.  Schiffsschraube  (707).
Mariue  -  Artillerie.
Entwickelung  der  Schiffsgeschütze  (709).  —  Gezogene  Geschütze  (711).  Rohrkonstruktion ­
  der  Geschütze  (713).  —  Verschluß  der  Geschütze  (715)  —  Lafcttenkonstruktion  (717).
Schnellfeuerkanonen  (721),  —  Munition  und  Geschosse  (723).
:  ■  '  -
Schiffspanzer.
Entwickelung  der  Schiffspanzer  (725),  Compoundplatten.  Nickclstcchlplatten  (727).  —
Leistungsfähigkeit  der  Panzerplatten  (728).
Torpedomesen.  ,b; ;
Seemineu  (733).  —  Automobile  Torpedos  (737).  —  Torpedoboote  (741).  —  Torpedobootzerstörer. ­
  llnterwasserboole  (743).

Posten  und  Postwesen.
Posten  im  Altertum  (747).  —  Postwesen  im  Mittelalter  (749).  —  Das  ältere  deutsche
Postwesen  (751).  —  Posteinrichtungen  Frankreichs  (755).  —  Posteinrichtungen  Englands
(757).  —  Das  Londoner  Hauptpostamt  (763).  —  Englisch-ostindische  Überlandpost.  Postamt
auf  der  Boobyinsel  (765).  —  Entwickelung  des  Postwesens  in  Österreich,  Ungarn,  der
Schweiz  (767),  Italien,  Spanien  (769)  und  den  Niederlanden  (771).  —  Postverkehr  in
anderen  Ländern  Europas  (773).  —  Die  russischen  Postanstalten.  Postwesen  in  der  Türkei
(775).  —  Posten  in  Afrika  und  Asien  (777).  —  Die  Post.  in  den  Vereinigten  Staaten  (781).  —
Postverkehr  in  Amerika  (783).  —  Postverkehr  in  Australien.  Das  ehemalige  Postwesen
Preußens  (785).  —  Der  deutsch-österreichische  Postverein.  Der  Norddeutsche  Bund  (789).  —
Die  deutsche  Reichspost  (791).  —  Postverkehr  in  Deutschland  (795).  —  Postregal  und  Postzwang.
  Das  Briefgeheimnis  (797).  —  Postversendungsgegenstände  (798).  —  Postzeitungsst'ksen
  (801).  —  Versendung  von  Drucksachen.  Postkarten.  Postanweisungen  (803).  —  Postsparkassen. ­
  Postwertzeichen  (805).  —  Postdiensträume.  Postkransportmittel  (809).  —  Das
Landpostwesen  (815).  —  Pie  Feldpost  (816).  —  Taubenpost  (819).  —  Ballonpost.  Rohrbvst
  (821).  —  Das  Reichspostmuseum  (825).  —  Der  Weltpostverein  (826).  —  Postverkehr
Europas  (829).

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Inhaltsverzeichnis.

Telegraph  und  Telephon.
Die  unterseeische  Telegraphie  (882).  —  Die  Unterseekabel  (833).  —  Spiegelgalvanomcter.
Legung  des  Kabels  (835).  —  Festländische  Linien  (839).  —  Die  heutige  Ausdehnung  der
Welttelegraphie  (841).  —  Die  deutsche  Reichstelegraphie  (843).  —  Der  telegraphische  Verkehr
in  Württemberg,  der  Schweiz  und  Großbritannien  (849).  —  Der  telegraphische  Verkehr  in
Rußland.  Internationale  Vertrage  (851).  —  Telegraphische  Bureaus.  Das  Fernsprechwesen ­
  (853).  —  Das  Fernsprechwesen  in  Amerika,  England,  Frankreich  und  Deutschland
(855).  —  Fernsprechverbindungsanlagen  {857).  —  Fernsprechleitungsanlagen.  Stadt-  und
internationaler  Verkehr  (859).  —  Einrichtungen  der  FernsprechvermittelungsaNstalten  (861).  —
Der  Vielfachumschalter  (863).  —  Umschaltesystem  in  Tischform.  Das  Mikrophon  (864).
Die  Weltwirtschaft.
Der  Entwickelungsgang  unseres  Wirtschaftslebens.
Allgemeines  (867).  —  Der  wirtschaftliche  Urzustand  (868).  —  Die  Wirtschaft  der
höheren  Naturvölker  (869).  —  Die  geschlossene  Hauswirtschaft  (872).  —  Die  Stadtwirt»
schüft  (875).  —  Die  Bolkswirtschast  (878).
Volks-  und  Weltwirtschaft  von  heute.
Allgemeines  (887).
Soden  und  Seoülkerung
Flächeninhalt  und  Bevölkerung  der  einzelnen  Staaten  (887).  —  Dichte  und  Bewegung
der  Bevölkerung  und  ihre  Bedeutung  für  das  Wirtschaftsleben  (892).  —  Die  Bevölkerung ­
  nach  Beruf  und  Erwerb  (901  .
Dir  Kandwirtschast  -
Getreidebau  und  Viehzucht  (905).  —  Anbau  von  Wein  und  Handelsgewächsen  (914).
—  Die  landwirtschaftlichen  Gewerbe  (915).  —  Die  Erzeugnisse  der  tropischen  Landwirtschaft ­
  (918).
Industrie  und  Mrwrrdr
Die  Formen  des  modernen  Industriebetriebes  (919).  —  Die  industrielle  Entwickelung
der  wichtigsten  Staaten  (922).  —  Erzeugung  und  Verbrauch  der  wichtigsten  Industrieprodukte
  und  der  zu  ihrer  Herstellung  notwendigen  Rohstoffe  (928).
Gütrrumlauf  und  Gütrrvertrilung  in  der  Weltwirtschaft
Der  Welthandel  (941).  —  Geld-  und  Kreditwesen  (949).  —  Volkseinkommen  und  Wohlstand ­
  (953  &amp;gt;.
Kchlustvrtrachtung
Sochrrgistrr

Weil'  agen.
Zu  gelte

Lagrpian  der  Londoner  Eisenbahnlinien  .  .  86
Nie  Inngfranbahn  100
Nie  Linirnenlwickelnng  der  Goithardhahn  dnrrli  Kchieisen  und  Schlingen  .  .  123
3iuu'  der  Liverpool  -  Manchriler  Eisenbahn  in  der  Zeit  von  1830—1835  .  .  -  236
Signalbilder  für  dir  Eisenbahnen  des  Deutschen  Kelches  2so
Nie  Forthbrnckr  im  Kon  394
Zutage  des  groben  Kagrns  der  Kalter  Wilhelm.Krücke  bei  MilngNen  in  der  Wrrkliüttr
  der  Maschinenbau  -  Kilt.-Ges.  Mrnberg  j«  Gnftavsbnrg  .  .  .  .  400
Ner  Neichskrirgshafcn  und  die  Kaiserliche  Werst  in  Kiel  520
New  Mark  ano  der  Nogetschan  S48
Tunnelbau  nach  der  pnrnmatifchen  Krbritsmethode  ssi
Konstruktionorlffr  verschiedener  Schiffstypen  .632
Kritenanstcht  eines  hölzernen,  alle  Kegel  führenden  Kohschiffs  660
Kchnrttdampfrr  „Kaiser  Wilhelm  der  Große"  686
Deutsches  Linienschiff  „Kaiser  Friedrich  IN."  &amp;lt;i,i  ck  i  „Wilhelm  der  Krähe")  .  .  692
Writvrrhehrskarte  866

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887
905
919-941

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        Mirrleiturrg.

* Dir  geschichtliche  Entwickelung  des  Verkehrswesens.
icaulay,  der  berühmte  englische  Geschichtsforscher,  hat  mit  Recht  die  Ansicht
ausgesprochen,  daß  von  allen  Erfindungen,  Buchstabenschrift  und  Druckerpresse ­
  allein  ausgenommen,  diejenigen,  welche  eine  Abkürzung  der  Entfernungen ­
  herbeiführten,  am  meisten  zu  einer  Förderung  der  Zivilisation
beigetragen  haben  und  noch  beitragen.
Jede  Verbesserung  der  Verkehrsmittel  ist  in  der  That  für  die  Menschheit  ebensowohl
ein  intellektueller  und  moralischer,  wie  ein  materieller  Vorteil  und  erleichtert  nicht  nur
den  Austausch  der  verschiedenen  Natur-  und  Kunsterzeugnisse,  sondern  trägt  gleicherweise
dazu  bei,  nationale  und  provinziale  Gegensätze  zu  beseitigen  oder  doch  wenigstens  auszugleichen, ­
  und  bringt  somit  alle  Zweige  der  großen  Menschenfamilie  einander  näher.  Dem
Verkehrswesen  ist  sonach  eine  hochbedeutsame  Rolle  in  der  Entwickelungsgeschichte  der
Menschheit  zuzuerkennen,  und  es  ist  als  ein  Hauptelement  in  der  Gestaltung  des  jeweiligen
Kulturzustandes  zu  betrachten,  wie  denn  auch  stets  sowohl  das  Blühen  und  Gedeihen  der
Völker,  als  deren  Verfall  auf  das  engste  mit  dem  Entstehen  und  Vergehen  des  Verkehrs
verknüpft  war.
Solange  die  Erde  noch  nicht  in  der  jetzigen  Ausdehnung  dem  Handel  und  dem
gegenseitigen  Verkehr  erschlossen  war,  zeigten  die  Verkehrsrouten  naturgemäß  eine  gebundenere ­
  Form.  Durch  die  Vermittelung  zwischen  denjenigen  Länderkomplexen,  welche
an  den  beiden  jeweiligen  entgegengesetzten  Enden  der  bekannten  Welt  lagen,  entstand  der
Welthandel,  welcher  zu  verschiedenen  Zeiten  ein  verschiedenes  Gepräge  besaß.  Die
Verkehrswege,  auf  welchen  sich  der  Welthandel  bewegt,  bilden  die  Welthandelsstraßen.
Für  die  Geschichte  des  Verkehrs  ist  eine  Geschichte  dieser  Welthandelsstraßen  von  besonderer
Bedeutung.  Den  berührten  Ländern  wird  durch  den  Weltverkehr  ein  großer  Vorzug  zu
teil,  indem  auch  der  provinzielle  und  lokale  Handel  eines  solchen  Landes  eine  sehr  günstige
Beeinflussung  erfährt.  Diese  großen  Vorteile  lassen  die  Bemühungen  der  verschiedenen
Völker,  an  diesem  wertvollen  Gute  einen  gewissen  Anteil  zu  erlangen,  nur  zu  erklärlich
erscheinen.  Die  Gestaltung  der  Verhältnisse,  durch  welche  einer  Handelsstraße  ihre  Bedeutung ­
  entzogen  wird,  liegt  außerhalb  der  Macht  der  Menschen,  und  keine  Nation  vermag ­
  auf  die  Dauer  gegen  etwaige  Veränderungen  anzukämpfen.  Wenn  auch  bei  dem
Niedergänge  Venedigs  die  eigene  Schuld  nicht  ganz  ausgeschlossen  war,  so  muß  doch
dieses  Ereignis  in  der  Hauptsache  als  eine  unabweisbare  Folge  der  Entdeckungen  eines
Kolumbus  und  eines  Vasco  de  Gama  angesehen  werden.
Im  Altertum  war  die  Richtung  der  Welthandelsstraße  von  Ost  nach  West  gerichtet,
die  Phönizier  wiesen  durch  die  Erschließung  Europas  dem  Welthandel  seine  Bahn  an.
Durch  die  Thätigkeit  der  Griechen  und  Römer  trat  allmählich  an  die  Stelle  dieser  einen
Welthandelsstraße  ein  Straßennetz,  das  mit  der  fortschreitenden  Handelsentwickelung  und
der  immer  weiter  ausgedehnten  Erschließung  der  Erde  eine  immer  größere  Ausbreitung
und  dabei  ein  immer  dichteres  Maschenwerk  erhalten  hat.

1
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        4

Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

Welchen  gewaltigen  Einfluß  das  Verkehrswesen  ausübt,  führt  uns  namentlich  unsere
Zeit,  die  in  der  That  im  Zeichen  desselben  steht,  in  besonders  anschaulicher  Weise  vor
Augen.  Gleichsam  über  Nacht  haben  die  Verhältnisse  der  Menschen  durch  die  Erfindung
und  Einführung  der  Eisenbahnen  eine  Umwandlung  erfahren.  Dieser  Einfluß  ist  auch
in  geistiger  Beziehung  ein  so  mächtiger  und  weittragender,  daß  man  mit  Recht  die  Behauptung ­
  aufstellen  konnte,  ein  Watt,  der  Erfinder  der  Dampfmaschine  in  ihrer  heutigen
Gestalt,  und  ein  Stephenson,  der  Erbauer  der  ersten  leistungsfähigen  Lokomotive,  haben
einen  ebenso  großen  Einfluß  auf  die  geistigen  Anschauungen  der  Menschen  ausgeübt  als
ein  Luther  und  Voltaire.
Erfreuliche  Bilder  sind  es  in  der  Mehrzahl,  die  an  unseren  Augen  vorüberziehen,
wenn  wir  die  Entwickelung  des  Verkehrswesens  betrachten.  Der  ungeheuer  große  Unterschied ­
  zwischen  dem  beladenen,  auf  schlechten  Wegen  dahinkeucheuden  Menschen  und  dem
mit  rasender  Geschwindigkeit  dahineilenden,  mit  allem  erdenklichen  Komfort  ausgestatteten
Eilzug  ist  das  Resultat  einer  zwar  Jahrtausende  langen  Arbeit,  aber  trotz  dieses  langen,
für  die  Ausbildung  erforderlich  gewesenen  Zeitraumes  ist  dieser  Unterschied  ein  so  gewaltiger,
daß  er  vollauf  geeignet  ist,  unsere  Genugthuung  über  die  erzielten  Erfolge  hervorzurufen.
In  diesem  Umwandlungsprozeß  spielten  einzelne  Erfindungen,  welche  zu  den  glänzendsten
des  menschlichen  Scharfsinnes  gehören,  eine  hervorragende  Rolle,  so  der  Wagen,  das  Schiff
und  vor  allem,  wie  bereits  ausgesprochen,  die  Eisenbahnen.
Den  Ausgangspunkt  des  Verkehrswesens  bildete  die  Ortsveränderung  des  Menschen.
Dieselbe  erlangte  für  die  Verkehrsentwickelung  jedoch  erst  mit  dem  Augenblicke  Bedeutung,
als  sie  von  einer  Ansiedelung  zur  anderen  stattfand  und  mit  ihr  ein  Austausch  von  Naturprodukten ­
  oder  Erzeugnissen  der  menschlichen  Thätigkeit  verbunden  war.  Dem  Handel
kommt  für  die  erste  Ausbildung  des  Verkehrs  eine  ganz  hervorragende  Bedeutung  zu,
wie  dieser  Einfluß  wohl  für  alle  Zeiten  der  wirksamste  bleiben  wird.  Wir  brauchen  uns
in  dieser  Beziehung  nur  daran  zu  erinnern,  daß  selbst  in  unserer  Zeit  mit  ihrem  gegen
früher  geradezu  enormen  Personenverkehr  dennoch  dieser  gegen  den  Frachtverkehr  weit
zurücksteht,  und  daß  der  letztere  es  ist,  der  in  den  weitaus  meisten  Fällen  sowohl  für  die
Verbindungen  zu  Lande  wie  zu  Wasser  von  ausschlaggebender  Bedeutung  ist.  Durch  seine
Ergiebigkeit  hat  er  zu  einem  nicht  geringen  Teile  den  ausgebildeten  Personentransport
erst  ermöglicht.  Neben  dem  Handel  waren  von  früher  Zeit  an  einige  andere  Momente,
besonders  der  Krieg,  wirksam,  daß  Verbindungen  zwischen  den  verschiedenen  Teilen  der
Erde  hergestellt  wurden.  Das  Erfordernis,  die  Armeen  leicht  von  einem  Ende  des  römischen
Weltreiches  nach  dem  anderen  schaffen  zu  können,  trug  nicht  am  wenigsten  dazu  bei,  jenes
ausgedehnte  Straßennetz  entstehen  zu  lassen,  das  heute  noch  in  seinen  Überresten  unsere
Bewunderung  erregt.  Das  Streben  nach  möglichst  großer  Kriegsbereitschaft  ist  auch  in
unseren  Tagen  noch  auf  die  Entstehung  ausgedehnter  Verbindungen,  besonders  auf  die
Schaffung  von  Schienenwegen,  von  Einfluß.
Selbstgetretene  Pfade,  welche  Flußläufen  und  Thalbildungen  folgten  und  welche
ohne  eigentlichen  Arbeitsaufwand  durch  das  fortwährende  Betreten  während  mehrerer
Generationen  entstanden  waren,  bildeten  die  ersten  Wege.  Es  verstrich  zweifellos  ein  sehr
langer  Zeitraum,  ehe  durch  die  Thätigkeit  der  Menschen  diese  Wege  eine  weitergehende
Ausbildung  erfuhren.  Auf  diese  Ausbildung  hat  die  Entwickelung  der  Transportmittel ­
  einen  sehr  großen  Einfluß  ausgeübt.  In  den  ersten  Anfängen  der  Kultur  war  der
Mensch  sein  eigenes  Lasttier  und  spielte  die  Muskelkraft  der  Menschen  bei  der  Transportvermittelung ­
  eine  große  Rolle.  Auch  heute  finden  wir  diese  primitive  Art  der  Güterbewegung ­
  noch  vielfach,  namentlich  im  Orient  wird  der  Lastträger  noch  lange  nicht  verschwinden, ­
  wie  derselbe  auch  im  Gütertransport  Chinas  und  Mittelafrikas  vorläufig  noch
nicht  verdrängt  werden  wird.  Der  Neger  trägt  auf  seinem  Kopfe  oder  Rücken  bedeutende
Lasten  mit  größter  Leichtigkeit.  In  Amerika  wurden  vor  der  Entdeckung  durch  die  Europäer
fast  alle  Lasten  durch  Träger  befördert,  in  Südamerika  ist  in  den  Anden  auch  heute  noch
der  Lastträger,  der  Carguero,  eine  häufige  Erscheinung.
Frühzeitig  wußte  sich  der  Mensch  jedoch  einzelne  Tiere  für  den  Transport  zu  nutze
zu  machen,  so  das  Kamel,  das  Pferd,  den  Ochsen,  den  Esel,  den  Hund,  den  Elefanten,
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        Die  ältesten  Transportmittel.  5

das  Lama,  das  Renntier.  Die  Leistungsfähigkeit  dieser  verschiedenen  Tiere  ist  eine  sehr
ungleiche.  So  ziehen  sechs  bis  acht  Hunde,  die  neben  den  Renntieren  im  Norden  vorzugsweise ­
  zum  Ziehen  benutzt  werden,  einen  mit  600  bis  800  Pfund  beladenen  Schlitten  in
einem  Tage  sechs  bis  acht  Meilen  weit.  Am  Jenissei  werden  im  Sommer  die  Hunde  auch
zum  Ziehen  der  Flnßfahrzeuge  verwendet.  Das  in  Südamerika  namentlich  unter  den
Inkas  in  Peru  in  großer  Zahl  benutzte  Lama  vermag  100  bis  120  Pfund  etwa  drei
Meilen  weit  zu  tragen.  Das  Rind  ist  seit  den  ältesten  Zeiten  bei  einer  Anzahl  Völker
als  Lasttier  benutzt  worden  und  stand  vielfach  in  hohen  Ehren.  Im  Orient  benutzt  man
den  Ochsen  als  Zugtier  und  das  Pferd  ausschließlich  als  Reittier.  Die  weiten  Grasebenen ­
  Südamerikas,  die  Pampas  und  Llanos,  werden  auch  jetzt  noch  fast  nur  von  Ochsenkarawanen ­
  durchzogen.  Die  Benutzung  des  Elefanten  als  Lasttier  war  und  ist  eine
beschränkte.  Der  Elefant  kann  in  einer  Stunde  Zeit  etwa  anderthalb  Wegstunden  zurücklegen, ­
  hintereinander  jedoch  höchstens  etwa  drei  deutsche  Meilen.  Im  Vordergründe
stehen  das  Pferd,  das  Maultier  und  das  Kamel.  Das  letztere  hat  insbesondere  in  dem

l.  Kleine  Karawane  ans  der  Ktraße  non  Beirut  nach  Damaskus.
Transportwesen  des  Altertums  eine  große  Rolle  gespielt,  und  auch  heute  noch  kommt
ihm  für  manche  Gegenden  eine  sehr  große  Bedeutung  zu.  Die  Benutzung  der  verschiedenen
Lasttiere  ist  von  mancherlei  Umständen  abhängig.  Ganz  allgemein  läßt  sich  sagen,  daß
zwischen  dem  Transportmittel  und  der  geographischen  Beschaffenheit  eines  Landes  ein
sehr  inniger  Zusammenhang  besteht.  Das  Kamel  gehört  gleichsam  zum  Bilde  der  Wüste,
das  Maultier  zu  jenem,  das  uns  diejenigen  Gegenden  bieten,  in  welchen  sich  der  Verkehr
vorzugsweise  auf  Saumwegen  abspielt.
Auf  den  getretenen  Pfaden  zogen  während  Jahrtausenden  die  wohl  bis  zu  2000  und
gar  3000  Kamelen  zählenden  Karawanen  dahin  und  vermittelten  einen  hochbedeutsamen
Handel.  Der  Karawanenhandel  blieb  während  des  ganzen  Altertums  die  hauptsächlichste
und  verbreitetste  Transportweise.  In  einzelnen  Teilen  der  Erde  spielt  der  Karawanenhandel ­
  auch  heute  noch  eine  große  Rolle,  wie  diese  Verkehrsart  beispielsweise  für  Afrika
noch  lange,  vielleicht  immer  üblich  bleiben  wird.  Die  Ausgangspunkte  der  nordafrikanischen
Karawanenwege  sind  Sokoto  in  Haussa  und  Kano  im  Fellatagebiet,  sowie  Kukaua  in
Bornu,  Wara  in  Wadai,  Kobbe  in  Dar  Für,  El  Obeid  in  Kordofan.  Nicht  wenige
dieser  Karawanenstraßen  sind  uralt  und  dienen  bis  heute  diesem  Zweck.
Aber  auch  dem  Karawanenhandel  ist  in  dem  modernen  Verkehrsvermittler,  in  der
Eisenbahn  ein  gefährlicher  Konkurrent  erwachsen.  Das  eiserne  Roß  vermag  anscheinend
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        6

Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

alle  Hindernisse  zu  überwinden.  Auf  der  uralten  Handelsstraße  von  der  Meeresküste
nach  der  heiligen  Stadt  Damaskus,  diesem  bereits  in  dem  hohen  Altertum  berühmten
Stapelplatz  der  kostbarsten  und  kunstvollsten  orientalischen  Waren,  vor  dessen  Thoren  sich
die  Kämpfe  der  Kreuzfahrer  abspielten  und  in  dessen  Mauern  sich  alljährlich  die  heilige
Karawane  versammelt,  die  den  Teppich  des  Sultans  empfängt  und  mit  ihm  hinaus  durch
die  Wüste  nach  Mekka,  zum  Grabe  des  Propheten  zieht,  sehen  wir  heute  die  beiden
Extreme  des  Warentransports,  die  Karawanenbeförderung  und  die  Fortschaffung  der
Frachtzüge  mit  Hilfe  des  Dampfrosses,  unmittelbar  nebeneinander  in  Thätigkeit,  in  der
That  ein  wunderbares  Bild.  Da  die  Karawanenwege  auf  weite  Strecken  durch  uuangebaute,
  zum  Teil  überhaupt  nicht  anbaufähige  Landstriche  führen,  so  war  eine  bestimmte ­
  Route  geboten,  konnte  doch  nur  auf  diesen  durch  Brunnen  für  das  absolut  erforderliche ­
  Wasser  Sorge  getragen  werden.  Die  große  Bedeutung  und  Wichtigkeit  dieser
Brunnen  für  die  Erhaltung  des  Lebens  der  Menschen  und  Tiere  erklärt  die  hervorragende ­
  Rolle,  welche  diese  Anlagen  im  Morgenlande  spielen.
Am  nächsten  an  Bedeutung  gleich  kam  dem  Karawanenhandel  der  Schifftransport.
Der  letztere  war  jedoch  zunächst  ganz  und  gar  an  die  natürlichen  Voraussetzungen,
nämlich  an  das  Vorhandensein  schiffbarer  Flüsse,  Seen  oder  des  Meeres  gebunden.
Künstliche  Wasserstraßen  wurden  erst  im  Laufe  einer  weit  vorgeschrittenen  Kultur  geschaffen. ­
  In  den  Wasserläufen  hat  die  Natur,  soweit  sie  für  Verkehrszwecke  benutzbar
sind,  den  Menschen  ein  außerordentlich  bequemes  und  vorteilhaftes  Verkehrsmittel  gegeben.
Frühzeitig  haben  die  Menschen  es  verstanden,  dieses  Mittel  ihren  Zwecken  dienstbar  zu
machen,  und  zwar  geschah  dieses  unabhängig  voneinander  an  verschiedenen  Stellen  der
Erde.  Vor  Eröffnung  der  großen  Seewege  suchten  die  Haupthandelsstraßen  stets  die
Flußthäler  auf,  und  die  größeren  Ansiedelungen  der  Menschen  standen  in  der  Regel  in
unmittelbarem  Zusammenhang  mit  der  Flußschiffahrt,  beziehungsweise  mit  der  Flößerei.
Auf  den  Flüssen  wurden  und  werden  die  Produkte  des  ackerbautreibenden  Binnenlandes
oder  die  Erzeugnisse  der  Industrie  und  der  Gewerbe  dem  Meere  zugeführt,  um  auf  diesem
die  Reise  in  fremde  Erdteile  anzutreten,  und  umgekehrt  gehen  die  mit  den  Seeschiffen  in
den  Hafenstädten  angelangten  Waren  zu  einem  großen  Teil  auf  den  Strömen  aufwärts
in  das  Binnenland.  Seitdem  die  Eisenbahnen  existieren,  hat  sich  zwischen  diesen  und  der
Schiffahrt  ein  heißer  Kampf  entsponnen,  den  die  frühere  Zeit  nicht  kannte,  wo  der  Lastwagen ­
  hinsichtlich  seiner  Leistungsfähigkeit  weit  hinter  dem  Schiffsfahrzeug  zurückstand.
Da  die  antiken  Schiffe  im  allgemeinen  eine  bescheidene  Größe  besaßen,  so  waren  noch
Flußläufe  von  sehr  geringen  Abmessungen  benutzbar  und  zwar  selbst  für  Seeschiffe.  Die
Kleinheit  der  Schiffe  gestattete  auch  die  ersten  künstlichen  Wasserwege,  die  Kanäle,  welche
zunächst  jedenfalls  zum  Zwecke  der  Landbewässerung  geschaffen  sein  dürften,  in  sehr  bescheidenen ­
  Abmessungen  herzustellen.
Als  Transportmittel  diente  zunächst  das  Floß,  daun  der  Kahn  und  endlich  das
Schiff.  Die  Erfindung  des  Schiffs  darf  gewiß  nicht  einem  Volke  zugeschrieben,  vielmehr ­
  muß  angenommen  werden,  daß  diese  Erfindung  unabhängig  in  verschiedenen  Teilen
der  Erde  gemacht  wurde.  Der  im  Wasser  schwimmende  Baumstamm  kann  als  der  Ausgangspunkt ­
  des  Schiffbaues  betrachtet  werden.  Durch  eine  einfache  Verbindung  mehrerer
Stämme  entstand  das  Floß.  In  China  werden  die  Flöße  von  starkem  Bambus  erbaut
und  dienen  ganzen  Dörfern  als  Unterbau.  Auf  dem  Nil  benutzt  man  seit  undenklichen
Zeiten  sogenannte  Topfflöße,  die  aus  Töpfen  zusammengesetzt  und  mit  leichten  Brettern
belegt  sind.  Auf  dem  Euphrat  und  auf  den  indischen  Strömen  finden  seit  dem  frühesten
Altertum  bis  zum  heutigen  Tage  aufgeblasene  Lederschläuche  bei  der  Herrichtung  der
Flöße  Verwendung,  in  manchen  Gegenden  Afrikas  dienen  Kürbisse  dem  gleichen  Zweck.
Hinsichtlich  der  weiteren  Entwickelung  der  Schiffsfahrzeuge,  von  dem  „Einbaum",  wie  er
sich  in  den  Überresten  der  Pfahldörfer  und  in  dem  moorigen  Untergrund  der  Elb-  und
Weserniederungen  findet,  bis  zu  den  modernen  Riesenschnelldampfern  wird  auf  eine  andere
Stelle  des  Werks  verwiesen.
Die  Schöpfung  künstlicher  Landwege  muß  als  ein  hochbedeutsames  Ereignis  bezeichnet ­
  werden,  über  dessen  genauen  Zeitpunkt  jedoch  undurchdringliches  Dunkel  liegt.  Die
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        Die  ältesten  Transportmittel.  7

Gestaltung  des  Weges  war  und  ist  abhängig  von  dem  auf  demselben  benutzten  Transportmittel. ­
  Solange  der  Mensch  sein  eigenes  Lasttier  ist,  genügen  schmale  Pfade,  wie  wir
sie  heute  zu  diesem  Zwecke  in  Afrika  noch  zahlreich  in  Benutzung  finden.  Die  Ausnutzung
der  Tiere  zum  Tragen  und  nach  Erfindung  geeigneter  Vorrichtungen  zum  Ziehen  der  Lasten,
als  deren  älteste  die  Schleifen  und  Schlitten  (siehe  Abb.  41  Band  VIII)  zu  nennen  sind,
hatte  nach  und  nach  eine  weitergehende  Ausbildung  des  Landweges  im  Gefolge.
Zu  den  ältesten  Transportvorrichtungen  gehörten  neben  den  Schlitten  und  Schleifen,
auf  welch  letzteren  die  alten  Völker  manche  ihrer  großen  Bildsäulen  transportierten,  die
rohgezimmerten  zweirädrigen  Karren  mit  Scheibenrädern  und  ohne  eiserne  Radreifen.

2.  Mer  KoiscrkllinU  irr  Chin».

Die  Römer  benutzten  zum  Landtransport  neben  dem  Maultiere,  welchem  die  Waren
aufgeladen  wurden,  Wagen  mit  einem,  zwei  oder  vier  Rädern.  Zum  Personentransport
dienten  Sänften  und  Tragbetten,  aus  welchen  man  ausgestreckt  lag,  eine  Befördernngsweise,
die  sich  auch  bei  den  Chinesen  und  zahlreichen  anderen  Völkern  findet  und  noch  heute  im
Gebrauch  ist.  Die  zum  Fortschaffen  schwerer  Lasten  dienenden  Wagen  der  Römer  hießen
carni8  und  plaustrum.  Der  carrus  bestand  aus  einer  Holzplatte,  die  auf  einer  fest  in
Scheibenrädern  steckenden  und  mit  diesen  sich  drehenden  Achse  ruhte.  Das  plaustrum  war
diesem  Wagen  ähnlich,  jedoch  auf  höheren  Speichenrädern  gebaut.
Die  ältesten  Kulturländer  Babylonien  und  Ägypten  sind  erklärlicherweise  anch
die  ersten  Länder,  von  welchen  über  Wegeanlagen  berichtet  wird.  Da  sich  in  Ägypten  jedoch
der  Hauptverkehr  fast  ausschließlich  auf  dem  Wasser,  dem  Nil,  abspielte,  so  nahm  hier  die
Herstellung  von  Landstraßen  keinen  großen  Umfang  an.  Der  ausgedehnte  Handel  Mesopotamiens ­
  nach  Westen  und  Osten,  der  durch  die  hochentwickelte  Industrie  Babylons  und
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        8  Entwickelung  des  Verkehrswesens  in  China,  Indien,  Arabien.
Ninives  eine  starke  Förderung  erfuhr,  bedingte  das  Entstehen  einer  großen  Anzahl  Verkehrswege, ­
  über  deren  Konstruktion  jedoch  bis  jetzt  nichts  bekannt  ist.  Es  dürste  sicher
sein,  daß  ihre  Beschaffenheit  durchgängig  eine  sehr  einfache  war.  Babylon  und  Ninive
waren  Knotenpunkte  von  Straßen,  welche  sich  durch  ganz  Westasien,  östlich  bis  Indien
und  Westchina,  südlich  bis  in  das  Land  der  Sabäer  erstreckten.
Im  Osten  Asiens,  in  China,  entwickelte  sich  gleichfalls  früh  ein  reges  Verkehrsleben,
dem  die  Ströme  des  Landes,  künstliche  Wege  und  Kanäle  dienstbar  gemacht  wurden.  Auf
dem  ältesten  Teil  des  Kaiserkanals  wurden  bereits  im  Altertum  Reis  und  andere  Produkte
transportiert,  die  als  Tribut  abzuliefern  waren.  Alle  12  Jahre  hatten  der  Kaiser  und
die  Vasallenfürsten  Visitationsreisen  auszuführen,  die  auf  weite  Strecken  zu  Wagen  zurückgelegt ­
  wurden  und  als  ein  Beweis  anzusehen  sind,  daß  die  Straßen  eine  gute  Beschaffenheit
besaßen.  Bei  Reisen  aus  allen  Provinzen  nach  der  Hauptstadt  konnten  Wagen  benutzt
werden.  Die  Wege  waren  geebnet  und  mit  Bäumen  bepflanzt.  Dieselben  waren  zum  Teil  so
breit,  daß  man  vierspännig  fahren  und  in  eilendem  Fluge  mit  Jagdwagen  über  sie  hinwegrollen ­
  konnte.  Die  geologische  Beschaffenheit  weiter  Flächen  des  chinesischen  Riesenreiches
gestaltet  die  Schaffung  der  Wege  zu  einer  höchst  eigentümlichen  Aufgabe.  Der  Löß,  eine
Bodenart,  die  sich  in  Deutschland  am  Rhein  findet,  führt  infolge  von  Auswaschungen  zu
tief  eingeschnittenen  Hohlwegen,  in  denen  der  Weg  steil  hinunter  führt,  um  nach  einiger
Zeit  wieder  an  die  Oberfläche  hinaufzusteigen.  Die  Lößwände  erheben  sich  an  diesen
Wegen  senkrecht  zu  großer  Höhe,  wie  dieses  die  Abb.  3  zeigt.  Die  bekannte  älteste  und
berühmteste  chinesische  Kunststraße  ist  die  Straße  über  den  Tsin-ling-schan  in  der  Provinz
Shensi.  Diese  Heerstraße  wurde  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  im  dritten  Jahrhundert
v.  Chr.  erbaut,  und  nach  dem  Ausspruche  des  Tirolers  Martini,  der  die  Straße  um  die
Mitte  des  17.  Jahrhunderts  gewandelt  ist,  stellte  dieses  Werk  alles  Ähnliche  aus  der  Welt
in  den  Schatten.  Wenn  auch  diese  Behauptung  eine  Übertreibung  enthält,  so  ist  doch
immerhin  dieser  Heerweg  nach  dem  Urteile  des  bekannten  Geographen  von  Richthofen  eine
sehr  beachtenswerte  Leistung  der  Straßenbautechnik.
In  Indien  ließen  Religion  und  Sitte  frühzeitig  Landstraßen  entstehen  und  war  es
besonders  der  König  Züoka  (300  v.  Chr.),  der  sich  außerordentlich  verdient  um  die  Schaffung
von  Wegen  machte.  Derselbe  ließ  die  Wege  mit  Karawanseraien,  Brunnen  und  Meilenzeigern
versehen.  Zwecks  Schaffung  dieser  Wege  wurden  Bäume  entfernt,  der  Boden  geebnet,  Felsen
durchbrochen,  Brücken  erbaut  und  zum  Abzug  des  Wassers  Kanäle  gegraben.
Schon  für  diese  frühe  Zeit  läßt  sich  erkennen,  wie  der  Welthandel  die  günstigsten
Routen  unter  Ausnutzung  der  jeweilig  zur  Verfügung  stehenden  Transportmittel  aufsuchte.
Zu  allen  Zeiten  lag  es  außerhalb  der  Macht  der  Menschen,  dem  Welthandel  seine  Bahn
vorzuschreiben,  vielmehr  ist  es  diesem  stets  nur  möglich  gewesen,  durch  die  Vervollkommnung
der  Verkehrsmittel  und  durch  die  Beseitigung  von  Verkehrshindernissen,  wie  beispielsweise
durch  die  Durchstechung  von  Landengen  auf  die  Richtung  des  Welthandels  dauernd  einzuwirken. ­
  Während  man  früher  glaubte,  den  Untergang  des  im  Süden  Arabiens  belegenen
Sabäerreiches  dem  Bruch  des  berühmten  Dammes  von  Marib  zuschreiben  zu  müssen,
durch  welches  Ereignis  die  blühenden  Fruchtgärten  zerstört  worden  seien,  neigt  man  sich
heute  der  Ansicht  zu,  daß  dieser  Untergang  die  Folge  eines  langsam  fortschleichenden  Übels,
nämlich  der  Verschiebung  einer  Welthandelsstraße  gewesen  ist.  Solange  die  Schiffahrt
noch  nicht  in  weitergehendem  Maße  ausgebildet  war,  hatten  die  Sabäer  allein  den
Karawanenhandel  vom  südlichen  und  östlichen  Arabien  bis  nach  Ägypten,  Syrien  und
den  Euphratländern  in  Händen  gehabt  und  waren  die  Vermittler  des  indischen  und
afrikanischen  Handels  gewesen.  Mit  der  sich  vervollkommnenden  Schiffahrt  wurden  die
Handelsstraßen  langsam  aber  sicher  aus  dem  Binnenlande  abgelenkt,  wodurch  die  nördlichen ­
  Provinzen  des  Sabäerreiches  immer  mehr  an  Bedeutung  verloren.
Der  von  den  Herrschern  Babyloniens  geschaffenen  Verbindung  mit  dem  Westen  ist
die  Verpflanzung  der  babylonischen  Kultur  nach  Europa  zu  verdanken.  Die  Phönizier
waren  die  Vermittler  und  Verbreiter  der  vorderasiatischen  Kultur,  die  gleichsam  eine
Verschmelzung  der  babylonisch-assyrischen  und  der  ägyptischen  Kultur  darstellte.  Neben
dem  Lande  wurde  das  Meer  fortan  in  ausgedehntem  Maße  dem  Verkehrswesen  dienstbar
        <pb n="14" />
        3.  Chinesischer  Hohlweg.

IX  2
        <pb n="15" />
        10

Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

gemacht.  Zwar  gab  es  bereits  um  die  Mitte  des  vierten  Jahrtausends  v.  Chr.  auf  dem
Persischen  Meerbusen  Schiffahrt,  auch  ist  von  den  Ägyptern  bekannt,  daß  sie  schon  um
das  Jahr  2300  Puntfahrten  (nach  Arabien)  ausführten,  aber  erst  dem  unternehmenden
Geiste  der  Phönizier  blieb  es  vorbehalten,  die  Seeschiffahrt  zu  höherer  Entwickelung  zu
bringen.  Die  Phönizier  überwanden  die  Scheu  vor  der  Unermeßlichkeit  des  Ozeans,  und
mächtige  Flotten  liefen  aus  ihren  berühmten  Hafenstädten,  aus  Sidon,  Tyrus,  Byblus,
Aradus  aus  und  brachten  die  Jndustrieerzeugnisse  dieses  Volkes  sowie  fremde  Waren  nach
den  Ländern  des  Mittelmeeres,  so  das  Gebiet  des  Welthandels  mächtig  erweiternd.  In
den  zahlreichen  Kolonien  fand  der  Handel  feste,  immer  mehr  aufblühende  Stützpunkte,
unter  denen  sich  Karthago  besonders  hervorhob.  Wenn  auch  in  alten  Zeiten  verschiedene
der  an  den  bedeutenden  Karawanenwegen  belegenen  Städte,  wie  Damaskus,  Palmyra,  die
eigenartige  und  bewunderungswerte  im  Norden  der  Halbinsel  Sinai  liegende  Felsenstadt
Petra  und  andere,  sich  als  Handelszentren  zu  großer  Bedeutung  erhoben  und  auch  im
Mittelälter  eine  Anzahl  im  Binnenlande  belegener  Städte  sich  eines  hohen  Ansehens  erfreuten,
so  kann  dennoch  die  Thatsache  nicht  bestritten  werden,  daß  sich  die  an  schiffbaren  Flüssen  oder
unmittelbar  an  der  See  liegenden  Städte  am  leichtesten  zu  ihrer  großen  Handelsbedeutung
für  den  Weltverkehr  erhoben  und  sich  auf  ihrer  Höhe  dauernder  zu  erhalten  vermochten.
Wie  in  vielen  anderen  Dingen,  so  ahmten  die  Griechen  auch  auf  dem  Handelsgebiete ­
  ihre  Lehrmeister,  die  Phönizier,  nach.  Sie  waren  mit  allen  Kräften  bemüht,
sich  von  den  Phöniziern  im  Handel  unabhängig  zu  machen.  Die  kühnen  griechischen
Handelsleute  drangen  nach  dem  Osten  vor,  um  die  aus  dem  Inneren  Asiens  kommenden
Karawanen  sowohl  an  den  Gestaden  des  Schwarzen  Meeres  als  an  der  ägyptischen
Küste  abzufangen.  Durch  die  Schaffung  fester  Handelsstationen  ermöglichten  sie  einen
direkten  Umschlag  der  durch  die  Karawanen  zugeführten  Waren  und  entzogen  diese  dem
phönizischen  Zwischenmarkte.  In  Tanais,  Olbia  und  Odessus  nahmen  sie  die  Waren  der
in  das  Skythenland  ziehenden  asiatischen  Karawanen  entgegen.  Phanagoria,  Theodosia
und  Trapezunt,  Sinope  und  Heraclea  auf  der  Südseite  des  Schwarzen  Meeres  waren
bedeutende  Handelsetappen.  An  dem  afrikanischen  Gestade  waren  die  Faktoreien  in
Kyrene  (mit  dem  Emporium  Apollonia)  und  an  der  Nilmündung  bestimmt,  für  die
Karawanen  einen  Mündungsmarkt  zu  bilden.  Zwischen  dem  Norden  und  Süden  stellten
die  Inselwelt  des  Ägäischen  Meeres  und  die  Küsten  Kleinasiens  die  Verbindung  her.
Hier  erwuchs  eine  große  Zahl  von  Städten,  deren  Namen  ein  außerordentlicher  Glanz
anhaftet,  Ephesos,  Samos,  Rhodos,  Knidos  wurden  angesehene  Stätten  des  Handels
und  der  Kunst.  Große  Binnenmärkte  waren  die  Ausgangspunkte  der  Karawanen,  die
durch  ihre  Waren  die  auswärtigen  griechischen  Handelsstädte  belebten.  In  Kolchis  am
Schwarzen  Meere  erreichte  der  Warenzug,  der  von  Pattala,  an  der  Jndusmündung,
seinen  Ausgang  nahm,  sein  Ende.  Hier  sammelten  sich  die  Waren  vom  Ganges  und
von  Hinterindien  an.  Die  Waren  wurden  den  Indus  und  Kabul  aufwärts  gebracht.
Durch  den  Kabulpaß  stiegen  die  Warenzüge  in  das  Flachland  der  Bucharei  hinab,  &amp;gt;vo
sie  mit  den  mongolischen  Karawanen  aus  dem  Chinesenlande  zusammentrafen.  Auf  den
Märkten  von  Sogdiana  und  Baktrien  vereinigten  sich  somit  die  Warenzüge  von  Indien
und  China.  Zu  jener  Zeit  floß  der  Amu  noch  in  dem  heute  verlassenen  Bett  in  das
Kaspische  Meer  und  stellte  eine  Verbindung  zwischen  diesem  und  dem  Aralsee  her.  Auf
dem  Kur  und  dann  zu  Lande  über  die  Wasserscheide  von  Tiflis  gelangten  die  Waren
an  das  Schwarze  Meer.  Während  in  früheren  Jahrhunderten  Tharschisch,  das  Land,
aus  welchem  die  phönizischen  Flotten  die  Schätze  des  Abendlandes  holten,  der  Inbegriff
des  Reichtums  war,  erlangte  jetzt  Kolchis  am  Schwarzen  Meer  die  gleiche  Bedeutung,
von  dem  die  ersten  Kolchisfahrer  das  „Goldene  Vließ"  aus  dem  Orient  heimbrachten.  —i
Außer  den  bereits  genannten  Kolonien  gründeten  die  Griechen  auch  auf  Sizilien  (Syrakus),
in  Süditalien,  in  Südfrankreich  und  in  Spanien  Niederlassungen,  Orte,  die  in  regem
Handelsverkehr  mit  dem  Mutterlande  blieben.
Die  alten  Bewohner  Italiens,  die  Etrusker,  waren  gleich  den  Griechen  ein
kräftiges  Seevolk,  das  auch  die  Kunst  des  Wegebaues  ausübte  und  so  für  die  Erleichterung ­
  von  Handel  und  Verkehr  Sorge  trug.
        <pb n="16" />
        11

Handel  und  Verkehr  im  Altertum.

Wenngleich  das  Volk  der  Römer  weder  eine  große  Neigung  für  die  Seeschiffahrt
noch  im  allgemeinen  für  den  Handel  an  den  Tag  legte,  fo  war  es  doch  berufen,  für  den
Landverkehr  die  bedeutendsten  Schöpfungen  hervorzubringen,  welche  das  Altertum  auf
diesem  Gebiete  überhaupt  zu  verzeichnen  hat.  In  einem  späteren  Abschnitte  wird  bei
den  Einzelheiten  des  gewaltigen  römischen  Straßennetzes  etwas  eingehender  zu  verweilen
sein,  hier  genüge  es  hervorzuheben,  daß  die  römischen  Heerstraßen  zur  Zeit  des  Kaiserreichs, ­
  nur  durch  das  Meer  unterbrochen,  sich  vom  Piktenwall  in  Britannien  bis  nach
Hierasycaminos  in  Ägypten  (unter  dem  Wendekreis  des  Krebses  belegen)  in  einer  Gesamtausdehnung ­
  von  über  75  000  km  und  von  den  Säulen  des  Herkules  bis  an  den
Euphrat  erstreckten.  In  Anlehnung  an  das  von  den  Persern  gegebene  Vorbild  schufen
die  Römer  im  Anfange  des  Kaisertums  eine  einheitliche  Staatspost,  den  vursus  publions.
Diese  Verkehrseinrichtung  diente  zwar  ausschließlich  den  Interessen  des  Staates,  dennoch
war  sie  für  das  allgemeine  Verkehrswesen  nicht  ohne  Bedeutung.  Sie  zeigte,  welche
Bewegungsleistungen  bei  guten  Vorkehrungen  möglich  waren,  und  sie  trug  somit  zu  der
gesamten  Entwickelung  des  Verkehrs  bei.  War  auch  bei  der  Schaffung  der  gleichsam
für  die  Ewigkeit  bestimmten  römischen  Heerstraßen  das  militärische  Interesse  ausschlaggebend, ­
  so  wurden  doch  diese  Straßen  in  ähnlicher  Weise,  wie  solches  für  die  heiligen
Straßen  Griechenlands  zutrifft,  dem  Handel  dienstbar  gemacht,  und  erwiesen  sich  für
diesen  von  großem  Werte.  Der  Handel  erlitt  nur  durch  die  Zollschranken  der  einzelnen
Provinzen  eine  Hemmung,  im  großen  und  ganzen  konnte  er  sich  unbelästigt  über  eine
ungeheuer  große  Fläche  ausdehnen.  Reges  Leben  herrschte  auf  den  Heerstraßen.  Zu
Fuß,  meistens  jedoch  zu  Pferde  oder  im  Wagen  zogen  die  Reisenden  dahin,  begleitet  von
einer  mehr  oder  minder  großen  Schar  von  Sklaven.  Kostbare,  mit  Gold,  Silber  und
Seide  geschmückte  Wagen  nahmen  die  vornehmen  Reisenden  auf.
Die  Reisen  zu  Roß  wurden  bis  zum  4.  Jahrhundert  auf  ungesatteltem  Pferde
zurückgelegt,  und  hierauf  ist  es  zurückzuführen,  daß  an  den  Straßen  entlang  Steine
aufgestellt  waren,  mit  deren  Benutzung  das  Pferd  bestiegen  werden  konnte.  Sowohl
Männer  wie  Frauen  reisten  zu  Pferde,  wobei  die  letzteren  ebenfalls  rittlings  saßen.
(Erst  Anna  von  Luxemburg,  die  Tochter  Kaiser  Wenzels  und  Gemahlin  Richards  II.
von  England,  führte  aus  Anstandsgründen  um  das  Jahr  1380  die  gegenwärtige  Sitzweise ­
  der  Damen  zu  Pferde  ein.)
Benutzten  die  Frauen  keine  Reittiere,  so  ließen  sie  sich  in  der  Sänfte  tragen.  Das
Reiten  blieb  jedoch  während  des  ganzen  Mittelalters  die  am  meisten  übliche  Reiseweise.
Bis  zum  15.  Jahrhundert,  und  namentlich  nachdem  die  Straßen  verbessert  worden  waren,
reisten  der  Kaiser,  Fürsten,  Adlige  und  Ritter  zu  Pferde.  In  der  goldenen  Bulle  ist
sogar  bestimmt,  daß  die  Kurfürsten  sich  bei  ihren  Reisen  zu  den  Reichstagen,  Kaiserkrönungen ­
  und  ähnlichen  Anlässen  der  Pferde  bedienen  sollten.
Wenn  es  auch  ein  Irrtum  wäre,  zu  glauben,  daß  durch  die  Römer  erst  manche
Länder,  wie  beispielsweise  Deutschland,  dem  Verkehrsleben  erschlossen  worden  sind,  so
hat  dieses  Volk  doch  außerordentlich  viel  zur  Hebung  des  Handels  und  des  Verkehrs  in
den  verschiedensten  Teilen  der  Erde  beigetragen.  So  hat  zwar  auch  schon  in  Deutschland ­
  vor  dem  Eindringen  der  Römer  auf  den  ältesten  Handelsstraßen  des  mittelrheinischen
Gebiets,  auf  dem  Rhein  und  dem  Main,  ein  reges  Leben  geherrscht,  die  Intensität  dieses
Verkehrs  erfuhr  jedoch  durch  das  Erscheinen  der  römischen  Legionen  eine  weitere  Steigerung.
Bis  zur  Zeit  Cäsars  blieb  immerhin  der  Verkehr  zwischen  Italien  und  den  Ländern  jenseits
der  Alpen  ein  sehr  geringer.  Dem  in  sehr  früher  Zeit  betriebenen  Handel  der  griechischen
Händler  mit  den  Kelten  dürste  eine  Straßenverbindung  durch  den  Jura-  und  Vogesenpaß
nach  der  Rhône  gedient  haben.  Der  Ausgangspunkt  war  hier  Massilia,  das  jetzige
Marseille.  Durch  die  Schaffung  eines  leistungsfähigeren  Weges  über  den  St.  Bernhard
nahm  der  gegenseitige  Warenaustausch  zwischen  Italien  und  Deutschland  sehr  zu.  Die
Handelsgegenstände,  welche  über  die  allmählich  in  immer  größerer  Zahl  dem  Verkehre
dienstbar  gemachten  Alpenpässe  ihren  Weg  nahmen,  waren:  Sklaven,  Pelzwerk,  Tuch,
Vieh,  Felle,  Käse,  Wachs  und  Honig.  Das  Tannenholz  der  Gebirge  wurde  zum  Schiffbau
nach  Rom  geschafft.  Auch  Harz  und  Pech,  sowie  Rheinfische  bildeten  ergiebige  Handels-2*
        <pb n="17" />
        12  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

artikel.  Von  Italien  wurden  Öl,  Weine,  feine  Geräte  und  zahlreiche  andere  Erzeugnisse
einer  gesteigerten  Kultur  nach  Deutschland  ausgeführt.
Fassen  wir,  bevor  wir  uns  dem  Mittelalter  zuwenden,  kurz  die  in  dem  Verkehrswesen ­
  im  Altertum  erreichte  Entwickelung  zusammen,  so  muß  betont  werden,  daß  in
mancher  Hinsicht  erst  in  unserem  Jahrhundert  wieder  die  gleiche  Leistungsfähigkeit  erreicht
worden  ist.  Mit  dem  vorderasiatischen  Auslande,  mit  Südarabien  und  Vorderindien
stand  Europa  im  direkten  Verkehr.  In  Europa  war  Germanien  dem  Zustande  der
Barbarei  entrissen,  und  bedeutende  Handelszentren  waren  in  diesem  Lande  entstanden,
die  auch  im  Mittelalter  ihre  Bedeutung  behielten.  Statt  des  Warenaustausches  fand  in
den  germanischen  Ländern  die  Geldbezahlung  Eingang.  Außerordentlich  fördernd  erwies
sich  für  den  Handel  der  Umstand,  daß  in  dem  großen  römischen  Weltreich  es  verhältnismäßig ­
  wenig  Schranken  gab,  wie  denn  auch  die  einheitliche  Reichsmünze  die  Möglichkeit
einer  raschen  und  reellen  Geschäftsabwickelung  ermöglichte.
Da  auch  in  Amerika  in  einzelnen  Teilen,  wie  in  Mexiko  und  Peru,  bereits  künstliche ­
  Wege  in  diesem  Zeitpunkte  existiert  haben  dürften,  so  war  ein  sehr  großer  Teil
unserer  Erde  dem  Verkehr  erschlossen,  doch  standen  nicht  alle  Verkehrsgebiete  untereinander
in  Verbindung.  Erde  und  Wasser  waren  dem  Waren-  und  Personeniransport  nutzbar
gemacht,  Lasttiere,  Fuhrwerke  und  Schiffe  dienten  als  Transportmittel.
Mit  dem  Untergange  des  römischen  Reiches  wurden  viele  Errungenschaften  einer
hochentwickelten  Kultur  zu  Grabe  getragen.  Zerstörung  war  während  eines  längeren  Zeitraumes ­
  innerhalb  weiter  Gebiete  des  einstigen  Weltreichs  die  Losung,  und  der  Zerstörungswut
kraftvoller  aber  barbarischer  Völker  fielen  zahlreiche  Schöpfungen  der  Jngenieurtechnik
aus  dem  Gebiete  des  Verkehrswesens  zum  Opfer.  Die  Verkennung  der  Bedeutung  des
Handels  bewirkte  naturgemäß  eine  Einschränkung  des  Verkehrs,  der  Welthandel  erlitt
eine  ganz  ungeheuere  Einbuße,  wodurch  das  Bedürfnis  nach  großen  Verkehrsrouten  sich
nicht  wie  früher  fühlbar  machte.  Auch  das  Mittelmeer  verlor  zunächst  seinen  Charakter
als  Kulturmeer  und  als  Vermittler  eines  intensiven  Handels.  Jahrhunderte  vergingen,
ehe  sich  wieder  ein  bewegtes  Leben  auf  diesem  hervorragendsten  aller  Binnenmeere  abspielte ­
  und  seine  Küsten  wiederum  der  Schauplatz  des  Kampfes  um  die  Herrschaft  über
dasselbe  und  um  den  durch  es  vermittelten  Welthandel  wurden.
Im  Osten  des  einstigen  römischen  Weltreiches  behauptete  Neu-Rom,  Byzanz,  nach
dem  Zusammenbruche  des  weströmischen  Reiches  eine  hervorragende  Stellung.  Konstantinopel ­
  übernahm,  wie  auf  vielen  anderen  Gebieten,  so  auch  auf  dem  des  Handels,  das
Erbe  Roms,  insbesondere  zog  sich  nach  dem  Emporium  am  Bosporus  der  Handel  mit
Indien,  der  bis  dahin  ein  Monopol  Ägyptens  gewesen  war.
Über  den  Persischen  und  Arabischen  Meerbusen  durch  Mesopotamien  und  Syrien  gelangten ­
  Jahrhunderte  hindurch  die  Produkte  jener  fruchtbaren  Länder,  die  kostbaren,  von
den  Menschen  hochgeschätzten  Gewürze  an  die  Gestade  des  Mittelländischen  Meeres.
Schon  ein  Necho  (und  vor  ihm  vielleicht  schon  Ramses  der  Große  [1386—1328  v.  Chr.j)
war  bemüht  gewesen,  die  Trennung  zwischen  dem  Mittelländischen  und  Roten  Meere  durch
einen  Kanal  zu  beseitigen  und  eine  direkte  Wasserverbindung  mit  dem  arabischen  Kupferlande ­
  und  besonders  mit  Indien  zu  schaffen.  Unter  den  Ptolemäern  (323—30  v.  Chr.)
ward  dieses  Unternehmen  zum  Abschluß  gebracht.  Die  widrigen  Winde,  welche  beinahe
unablässig  die  nördliche  Hälfte  des  arabischen  Golfes  bestreichen,  erschwerten  jedoch  die
Benutzung  des  Nilkanals  sehr.  Bereits  zu  Strabons  Zeiten  (66  v.  Chr.  bis  24  n.  Chr.)
fand  man  es  weniger  kostspielig,  nur  bis  Myos  hormos  zu  fahren  und  von  dort  in  sieben
Tagen  Koptos  am  Nil  zu  erreichen,  oder  man  kürzte  die  Schiffahrt  noch  mehr  ab,  indem
man  bei  Berenice  landete,  von  wo  Ptolemäus  Philadelphus  eine  Straße  mit  Karawanseraien ­
  und  Brunnen  hatte  herstellen  lassen,  auf  der  man  in  12  Tagen  bis  nach
Koptos  gelangte.  Die  alexandrinischen  Zwischenhändler  wurden  durch  ihren  Handel
außerordentlich  reich,  und  dieser  große  Reichtum  ließ  sie  allmählich  nachlässig  werden.  Die
Araber  und  die  Perser  wußten  sich  diesen  Umstand  zu  nutze  zu  machen  und  sich  des
asiatischen  Handels  immer  mehr  zu  bemächtigen.  Die  Perser  lernten  nach  der  Zerstörung
des  parthischen  Reiches  von  den  hindostanischen  Kaufleuten  die  Fahrt  nach  der  mala-
        <pb n="18" />
        14

Entwickelung  des  Verkehrswesens.

barischen  Küste  und  nach  Ceylon  unter  Benutzung  der  regelmäßig  auftretenden  Winde.
Es  war  nämlich  dem  griechischen  Piloten  Hippalus  um  die  Mitte  des  ersten  Jahrhunderts
gelungen,  mit  Benutzung  der  bereits  zu  Alexanders  Zeiten  bekannten  Monsune,  aus  dem
Golf  zu  Aden  quer  über  den  Indischen  Ozean  nach  den  malabarischen  Hafenplätzen  zu
fahren.  Die  bisherige  Küstenfahrt  wurde  dadurch  in  eine  Fahrt  auf  hoher  See  verwandelt. ­
  Seitdem  verließen  die  Jndienfahrer  im  Juli  die  ägyptischen  Häfen,  erreichten  in
30  Tagen  Okelis  am  arabischen  Ufer  des  Bab  el  Mandeb  und  gingen  mit  dem  Südwestmonsun ­
  in  40  Tagen  nach  den  indischen  Küsten.  Im  Golfe  von  Cambaja  warteten  ihrer
vor  dem  Hafenplatz  Barygaza  die  königlichen  Lotsen,  um  die  Kauffahrer  sicher  über
trügerische  Tiefen  zu  bringen,  oder  die  Schiffe  hielten  südlicher,  um  sich  in  den  großen
malabarischen  Stapelplätzen  Muziris  (Mangalore),  Nelkynda  (Nelifferam)  und  Kottonarike
  (Cochin)  mit  Zucker,  Pfeffer  und  Elfenbein  zu  versehen.  Über  das  Kap  Komorin
reichte  damals  die  Schiffahrt  der  hellenischen  Ägypter  in  der  Regel  nicht  hinaus  (80  bis
89  n.  Chr.).  Der  Nordostmonsun,  welcher  bereits  Mitte  Oktober  eintrat,  durfte  zur  Rückreise ­
  nicht  versäumt  werden,  wenn  in  einem  Jahre  Fahrt  und  Rückfahrt  zurückgelegt
werden  sollte.  Gegen  Pferde  und  andere  Erzeugnisse  ihres  Landes  kauften  die  Perser
die  indischen  Waren  ein  und  brachten  sie  auf  dem  Euphrat  über  Assyrien  nach  dem
Pontus,  dem  Schwarzen  Meer.  Ägypten  ging  immer  mehr  seiner  Handelsbedeutung  verlustig, ­
  und  Byzanz  ward  zum  vornehmsten  Zwischenmarkt  Asiens  und  Europas.  Fast  der
gesamte  indische  Handel  gelangte  im  Laufe  des  6.  Jahrhunderts  in  die  Hände  der
arabischen  und  persischen  Kaufleute.
Mit  dem  Vordringen  der  Mohammedaner  (die  Anhänger  des  Propheten  bemächtigten ­
  sich  30  Jahre  nach  der  Hedschra  der  Inseln  Cypern,  Kreta,  Rhodus;  in
den  Jahren  634—636  gelangten  sie  in  den  Besitz  von  Damaskus,  Emessa,  Laodicea,
Antiochien,  Aleppo,  Jaffa  und  Jerusalem;  im  Jahre  640  fiel  Ägypten  in  ihre  Hände;
nach  der  Unterwerfung  Spaniens  besetzten  sie  Sardinien,  Corsika  und  827  Sizilien)
nahmen  die  Beziehungen  Südeuropas  mit  Indien  über  das  Mittelmeer  ein  vollständiges
Ende.  Die  Seeräuberei  ließ  das  Mittelmeer  lange  verödet,  und  einen  langen  Zeitraum ­
  hindurch  trat  die  Schiffahrt  fast  vollständig  in  den  Hintergrund.  Bei  den  Arabern
war  der  Karawanenhandel  zunächst  die  Hauptsache.  Die  Größe  des  nach  und  nach
eroberten  Gebiets  zwang  schließlich  die  Araber,  dem  Verkehrswesen  und  dem  Handel
Beachtung  zuzuwenden.  Der  Handel  mit  Indien  begann  wieder  eine  Hauptrolle  zu  spielen,
und  zu  seiner  Förderung  legte  Kalif  Omar  Basra  oder  Baffora  am  Euphrat  oder
Schat  el  Arab  an.  Der  maritime  Verkehr  erstreckte  sich  allmählich  bis  nach  China  und
den  Sundainseln.  Schiffahrt  und  Karawanenhandel  vereint  ließen  die  Städte  Mekka,
Medina,  Bagdad,  Mossul,  Damaskus,  Baffora  sich  zu  glanzvollen  Handelsstädten  entwickeln ­
  und  die  Stelle  einnehmen,  welche  einst  Babylon,  Ninive,  Persepolis  und  Palmyra
besessen  hatten.
In  den  neu  entstandenen  Handelsstädten  wurden  die  Reichtümer  von  ganz  Asien
aufgehäuft.  Die  Märchen  der  „Tausend  und  eine  Nacht"  geben  ein  Bild  von  dem  damaligen ­
  orientalischen  Glanz  und  Luxus.  Das  im  Koran  enthaltene  Gebot  der  Gastfreundschaft ­
  erleichterte  das  kaufmännische  Reisen.  Auf  den  Hauptstraßen  wurden  Wasserbehälter ­
  und  Karawanseraien  angelegt,  und  zu  einer  Zeit,  in  welcher  im  Abendlande  der
Straßenbau  vielfach  zu  einer  unbekannten  Kunst  wurde,  waren  die  abbasidischen
Kalifen  und  die  Chane  des  großen  mongolischen  Reiches  bemüht,  in  ihren  ungeheuren
Staatsgebieten  die  Verkehrswege  auszubilden  und  dem  Handel  nutzbar  zu  machen.  Zu  den
fünf  großen  Würdenträgern  gehörte  im  Kalifenreich  der  Staatssekretär  für  Kanzlei-  und
Postwesen.  930  Poststatioiien  waren  über  das  ganze  Reich  zerstreut  und  wurden  von  besonderen ­
  Beamten  verwaltet.  Steinsäulen,  auf  denen  die  Höhe  des  Waren-  und  Straßenzolls ­
  verzeichnet  war,  machten  die  Pikettstalion  kenntlich,  10  000  Wachtleute  hatten  für
die  Straßensicherheit  Sorge  zu  tragen.
Die  Einverleibung  Chinas  in  das  ungeheuer  große  Mongolenreich  führte  einen
weiteren  Fortschritt  auf  dem  Gebiete  des  Verkehrs  herbei.  Neben  den  zahlreichen  neu
zur  Erbauung  kommenden  Kanälen  wurden  gepflasterte  Heerstraßen  hergestellt,  die  mit
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        5.  KrmaUandschaft  bri  Kairo  (mit  Aquädukts
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        16

Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

Bäumen  bepflanzt  und  an  welchen  in  bestimmten  Abständen  Gasthäuser  und  Schuppen
aufgestellt  wurden.  Von  Peking  gingen  eine  Anzahl  Radialstraßen  in  verschiedener
Richtung  ab.  Ein  wohlgeordnetes  System  von  Stationen,  welche  mit  berittenen
Kurieren  und  mit  Gespann  ausgestattet  wurden,  ermöglichten  eine  schnelle  und
sichere  Verbindung.  Der  venezianische  Kaufherr  Marco  Polo  spricht  in  seinem  vielgenannten ­
  Werke  von  den  Einzelheiten  dieser  Einrichtung  und  erwähnt  dabei  die  Aufsichtsbeamten, ­
  welche  verpflichtet  waren,  für  die  Ordnung  und  Unterhaltung  der  Wege  zu
sorgen.  Neben  den  gepflasterten  Heerstraßen  lag  ein  ungepflasterter  Streifen,  der  den
Reitern  ein  rasches  Vorwärtskommen  ermöglichte.
Die  beginnenden  langandauernden  Kämpfe  zwischen  den  Arabern  und  Byzanz  erwiesen ­
  sich  für  einige  unternehmende  Städte  Italiens  von  großem  Vorteil.  Venedig,
Genua,  Pisa,  Amalfi  wußten  den  Handel  mit  Ägypten  und  Syrien  immer  mehr  in
ihre  Hände  zu  spielen;  durch  Verträge  mit  dem  griechischen  Hofe  und  mit  den  Sarazenen
sicherten  sich  die  Genuesen  und  Venezianer  den  Zwischenhandel.  Im  gleichen  Maße  wie
die  Schiffe  Konstantinopels  gezwungen  waren,  sich  aus  dem  Ägäischen  und  dem  Mittelmeer
zurückzuziehen,  im  selben  Maße  drangen  die  Fahrzeuge  der  Italiener  vor.  Die  Spuren  der
Venezianer  im  Handel  mit  Konstantinopel  und  auch  in  den  Handelsverhältnissen  nach  Syrien
und  Ägypten  lassen  sich  bis  in  das  neunte  Jahrhundert  znrückverfolgen.  Die  Stellung
der  Italiener  in  Konstantinopel  war  zeitweise  eine  sehr  angesehene,  zeitweise  suchten  sich
die  griechischen  Kaiser  durch  die  schändlichsten  Mittel  dieser  Konkurrenten  zu  entledigen.
Eine  sehr  bedeutungsvolle  Rolle  spielte  jahrhundertelang  in  der  Geschichte  des
Handels  und  damit  in  derjenigen  des  Verkehrs  Venedig.  Ein  Fischerdorf,  gegründet
von  den  vor  Attila  geflüchteten  Bewohnern  von  Aquileja,  Padua  und  Concordia,  war  der
Ausgangspunkt  des  machtvollen  Venedigs.  Schon  unter  Theuderich  (454—526  n.  Chr.)
bediente  sich  Ravenna  der  Fahrzeuge  der  Venezianer.  Im  Jahre  829  drohte  der  Stadt,
die  mit  60  Schiffen  im  Bunde  mit  dem  griechischen  Kaiser  Sizilien  gegen  die  Mauren
verteidigt  hatte,  die  Gefahr  der  Vernichtung.  Die  dem  Kaiser  Karl  dem  Großen  geleistete
Hilfe  gegen  Pavia  verschaffte  Venedig  die  Unabhängigkeit.  Otto  III.  (996)  erteilte  den
Venezianern  die  Befugnis  zum  Besuche  der  deutschen  Messen.  Bis  gegen  Ende  der
Kreuzzüge  war  jedoch  der  Verkehr  mit  Deutschland  ein  sehr  geringer,  und  ein  unmittelbarer ­
  Großhandel  mit  den  italienischen  Städten  existierte  nicht.
Deutschland  war  um  diese  Zeit  von  dem  Weltverkehr  gleichsam  ausgeschlossen.  Es
gehörte  zu  denjenigen  Ländern,  in  welchen  nach  dem  Zusammenbruch  des  Römerreiches
zunächst  eine  sehr  traurige  Periode  des  Verkehrslebens  und  des  Handels  begann.  Die
Zahl  der  Verbindungswege  blieb  zwar  eine  ziemlich  große,  doch  war  ihre  Beschaffenheit
eine  sehr  mangelhafte.  Der  Unverstand  der  Menschen  ließ  die  prachtvollen  Kunststraßen
vielfach  zu  Grunde  gehen,  indem  man  deren  Verfall  thatenlos  zusah.  Karl  der  Große  zeigte
sich  auch  in  dieser  Beziehung  als  ein  Mann  mil  weitem  Blick,  indem  er  wiederholt  Befehle
erließ,  Verbindungsstücke  zwischen  den  einzelnen  Überresten  der  Römerstraßen  herzustellen.
Die  fränkischen  Soldaten  mußten  wie  einst  die  römischen  mit  Hand  ans  Werk  legen.  In
seinen  Kapitularien  verordnete  er  die  Wiederherstellung  der  Kirchen,  Brücken  und  Straßen
und  schrieb  er  den  Handelsleuten  die  Straßen  vor,  um  sie  zu  ihrer  eigenen  Sicherheit
an  seine  Gaugrafen  verweisen  zu  können.  Es  heißt  daselbst:  „Die  Kaufleute  auf  ihrem
Zuge  in  die  Lande  der  Slawen  und  Avaren  sollen  gen  Sachsen  bis  Bardewik  reisen,  wo
Hredi  für  sie  zu  wachen  hat,  zu  Schesla  (an  der  Aller),  wo  sie  Madalgoz  schützt;  zu
Magadoburg  sind  sie  der  Hut  Hattos  anvertraut,  zu  Erpisfurt  dem  Madalgand,  zu  Forchhaim,
  zu  Bremberg,  zu  Ragenisburg  sitzt  Adulph,  zu  Lorch  der  Warnar".  Eine  Hauptstraße ­
  zog  sich  von  dem  Donauthal  in  das  Elbe-  und  Wesergebiet,  eine  zweite  ging  über
Augsburg  und  Ulm,  den  Main  und  Neckar  abwärts,  nach  Frankfurt  und  an  den  Rhein.
Die  Machtausdehnung  der  Araber  hatte  eine  allgemeine  Stockung  des  Welthandels  bewirkt, ­
  die  erst  durch  die  Anknüpfung  neuer  Verbindungen  in  dem  Donauthal  durch  Kölner
und  Mainzer  Kaufleute  einigermaßen  aufgehoben  wurde.  Der  Einbruch  der  Hunnen
sperrte  diesen  Weg  für  den  Durchgang  der  orientalischen  Waren,  die  fortan  nur  über
Kiew  und  Nowgorod  nach  Deutschland  und  zwar  an  die  Ostsee  gelangen  konnten.
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        Die  Handelsstädte  Italiens.  Venedig.  Deutschland.  Bedeutung  der  Kreuzzüge.

17

Die  Küstenbewohner  Deutschlands  hatten  es  zwar  schon  im  Altertum  gewagt,  mit
primitiven  Schiffen  das  Meer  zu  befahren,  aber  weder  diese  noch  die  festgezimmerten,
mit  Schilf  kalfaterten  und  durch  märchenhafte  Tiergestalten  geschmückten  Fahrzeuge
brachten  dem  Handel  Vorteile.  Schon  die  römischen  Kaiser  kämpften  vergebens  gegen  die
Seeräuberbanden  der  Friesen  und  Sachsen,  deren  Raubzüge  als  Wikingerzüge  bekannt
sind,  und  an  welche  noch  die  in  Irland  an  der  Küste  stehenden,  neben  den  Kirchen  errichteten ­
  Aussichtstürme  erinnern.  Bis  ins  zehnte  Jahrhundert  hinein  war  die  ganze
Küste  durch  diese  kühnen  Seefahrer  gefährdet.  Die  Besiedelung  Großbritanniens  durch  die
Angelsachsen  bewirkte  in  Verbindung  mit  der  festeren  Gestaltung  der  Verhältnisse  Galliens
und  Germaniens,  daß  die  Piraten  sich  auf  die  skandinavische  und  cimbrische  Halbinsel
zurückzogen.  Ihre  Kraft  war  jedoch  noch  lange  nicht  gebrochen  und  trat  nicht  selten  mit
elementarer  Gewalt  hervor.  Karl  der  Kahle,  Karl  der  Dicke  und  Karlmann  waren  genötigt, ­
  große  Summen  zu  zahlen,  um  das  Reich  von  den  Skandinaviern  und  den  Normannen ­
  zu  befreien.  Um  die  Mitte  des  9.  Jahrhunderts  gründeten  die  letzteren  in
verschiedenen  Teilen  Europas,  besonders  in  Spanien,  auf  Sizilien  und  in  dem  südlichen
Italien  Herrschaften,  welche  sich  zu  einer  gewissen  Bedeutung  erhoben.  Im  Jahre  1090
eroberten  sie  Malta,  welche  Insel  später  (1530)  von  Kaiser  Karl  Y.  den  Johanniter-Rittern
zum  Geschenk  gemacht  wurde.
Der  bedeutendste  der  Normannenfürsten,  Robert  Guiscard  rief  die  Idee  zu  den
für  die  Gestaltung  des  Welthandels  in  den  folgenden  Jahrhunderten  so  sehr  bedeutungsvollen ­
  Kreuzzügen  ins  Leben,  welche  Idee  seitens  des  Papstes  und  der  italienischen
Seestädte  mit  Lebhaftigkeit  aufgegriffen  wurde.  Die  in  der  Zwischenzeit  dem  Handel  nach
Syrien  und  Ägypten  durch  die  religiösen  Anschauungen,  welche  in  diesem  Handel  mit
den  Ungläubigen  etwas  Unzulässiges  erblickten,  erwachsenen  Hemmnisse  mußten  es  den
italienischen  Hafenstädten  erwünscht  erscheinen  lassen,  am  Jordan  und  am  Nil  wiederum
das  Kreuz  aufgerichtet  zu  sehen.  Um  diese  Zeit  hatte  sich  in  der  Poebene  eine  blühende
Industrie  entwickelt,  welche  erklärlicherweise  auf  den  Handel  der  italienischen  Seestädte
einen  günstigen  Einfluß  ausübte.  Auch  dieser  Umstand  trug  dazu  bei,  den  frommen  Eifer
zur  Zurückeroberung  des  Heiligen  Landes  anzuspornen.  Es  ist  von  besonderem  Interesse,
darauf  hinzuweisen,  daß  selbst  die  Kreuzprediger  in  ihren  Predigten  die  Behauptung  einflochten, ­
  daß  man  durch  die  Eroberung  Ägyptens  zum  unmittelbaren  Besitz  des  indischen
Handels  gelangen  könne,  und  daß  die  Eroberung  Jerusalems  samt  den  umliegenden
Ländern  zur  bequemen  Überführung  der  Waren  nach  Europa  sehr  vorteilhaft  sein  würde.
Die  Venezianer  beteiligten  sich  an  den  Kreuzzügen  als  Handelsmacht.  Sie  betrachteten ­
  die  Niederlassungen  im  Heiligen  Lande  als  Handelsfaktoreien,  welche  ihnen
die  Möglichkeit  gewähren  sollten,  außer  über  der  großen  über  Konstantinopel  führenden
Handelsstraße  auch  einen  unmittelbaren  Verkehr  mit  dem  Morgenlande  zu  unterhalten.
Auch  noch  in  anderer  Weise  erwiesen  sich  die  Kreuzzüge  für  einige  italienische  und  südfranzösische ­
  Seestädte  in  finanzieller  Beziehung  von  Vorteil.  Die  zunehmenden  Pilgerfahrten ­
  führten  nämlich  zu  einem  regelmäßigen  zweimaligen  Postkurs  im  Jahre.  Diese
Fahrten  nahmen  insbesondere  von  Venedig,  Genua,  Pisa,  Amalfi  und  Marseille  ihren
Ausgang.  Mit  dieser  Personenbeförderung  war  ein  geregelter  Frachttransport  verbunden.
Das  sogenannte  Passaginm,  die  Meerfahrt  nach  dem  Heiligen  Lande,  begann  im  Frühjahr ­
  und  um  die  Sonnenwende.  Mit  der  ersten  Fahrt  kam  man  um  Ostern,  mit  der
zweiten  im  August  oder  September  in  Palästina  an.  Durch  den  Vertrag,  welchen
Ludwig  IX.  abschloß,  erhält  man  einen  ungefähren  Anhalt  über  die  Kosten  der  Überfahrt.
Danach  waren  für  einen  Ritter  mit  zwei  Knappen,  ein  Pferd  und  einen  Pferdejungen
etwa  300  Mark  (nach  unserem  Gelde)  zu  zahlen.  Ein  Ritter  zahlte  auf  dem  Kajüttplatz
90  Mark,  ein  Knappe  auf  dem  Deckplatz  35  Mark.  Der  Fahrpreis  für  einen  Pilger  auf
dem  letzteren  Platz  betrug  30  Mark.
Nachdem  die  Pilger  wochenlang  sich  in  den  Hafenstädten  aufgehalten  hatten  und  nachdem
endlich  die  Schiffe  mit  allem  Erforderlichen  ausgerüstet  waren,  begann  die  Einschiffung.
Die  Pilgergcfellschaften  zogen  unter  Vortritt  der  Geistlichen  an  Bord  und  zwar  in  feierlicher
Prozession,  Hymnen  und  Pilgerlieder  singend.  Um  das  Fahrzeug  wurden  an  den  Brustwehren ­
  die  bunten  Schilder  der  Ritter  befestigt  und  aus  dem  Kastell  die  Fahnen  aufgesteckt.
IX  3
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        18

Entwickelung  des  Verkehrswesens  im  Mittelalter.

Im  Namen  Gottes  ließ  der  Kapitän  die  Segel  aufziehen,  und  fort  ging  cs  ins  Gelobte  Land.
In  der  Regel  pflegten  sich  mehrere  Schiffe  zu  vereinen,  und  oft  waren  es  ganze  Geschwader,
die  dem  Osten  zusteuerten.  Bezeichnend  für  den  damaligen  Stand  der  Schiffahrt  ist  es.  den
Kurs  zu  verfolgen,  welchen  die  Schiffe  im  allgemeinen  einschlugen.  Die  Schiffe  hielten  sich
in  der  Regel  an  der  Küste.  Die  Fahrt  ging  an  den  jonischen  Inseln  tind  an  den  Küsten
Griechenlands  entlang.  Nördlich  von  Kreta  schlugen  sie  die  östliche  Richtung  ein.  liefen
nicht  selten  Rhodos  an,  erreichten  dann  Cypern  und  von  hier  aus  ihren  Bestimmungshafen. ­
  Von  Messina  nach  Accon  dauerte  die  Fahrt  vier  Wochen.  Von  Marseille  nach  Syrien
rechnete  man  sünfunddreißig  Tage.
Das  aus  kirchlichen  Motiven  entsprungene  Verbot  des  Warenbezuges  ans  den  in  den
Händen  der  Ungläubigen  befindlichen  Ländern,  veranlaßte  die  Venezianer,  den  asiatischen
Produkten  einen  neuen  Handelslveg  zu  erschließen.  Die  Warenzüge  gingen  fortan  durch
die  Bucharei.  Das  alte  Tanais  am  Don  kam  als  Tana  wieder  zu  großer  Bedeutung,  ans
ihm  entwickelte  sich  das  heutige  Asow.  An  der  neuen  Welthandelsstraße  lagen  Buchara,
Balkh  und  Samarkand.  Orte,  welche  schon  im  Altertum  zum  Teil  eine  angesehene  Stellung
eingenommen  hatten.  Diese  Straße  für  den  Warenbezug  aus  Indien  blieb  bis  zum
Ende  des  14.  Jahrhunderts  von  Bedeutung.  Ihr  Verkehr  wurde  allmählich  schwächer,
als  die  Kirchenverbote  eine  weniger  abschreckende  Wirkung  auszuüben  begannen.  Immer
stärker  erwies  sich  das  Verlangen,  dem  Handel  wiederum  einen  lveniger  kostspieligen  Weg
zu  eröffnen.  Syrien  war  um  diese  Zeit  die  Beute  der  Mameluken  und  Mongolen  geworden,
und  die  Venezianer  waren  durch  die  Genuesen  (1261)  aus  Konstantinopel  und  damit  fast
ganz  aus  dem  Schwarzen  Meer  verdrängt  worden.  Mit  Hilfe  der  Genuesen  war  Michael
Paläologns  auf  den  Kaiserthron  gekommen,  und  er  hatte  seinen  Verbündeten  dadurch
seine  Dankbarkeit  bewiesen,  daß  er  diesen  die  Vorstädte  Galata  und  Pera  einräumte.  Die
Venezianer,  bemüht,  das  Verlorengegangene  möglichst  wieder  an  anderer  Stelle  zu  gewinnen, ­
  sicherten  sich  den  Warenzug  durch  das  mongolische  Vorderasien.  Taurus  ward
ein  wichtiger  Handelsplatz.  Die  indischen  Waren  kamen  per  Schiff  bis  Ormus,  von  wo
ans  der  Weitertransport  zu  Lande  nach  Persien  oder  über  das  Persische  Meer  und  den
Tigris  bis  Bagdad  erfolgte.  Die  morgenländischen  Waren  schaffte  man  auf  einem  nordöstlich ­
  gekrümmten  Umweg  durch  Kleinarmenien  bis  an  das  Mittelländische  Meer  nach
Ajaß.  Um  den  bequemsten  Weg  nach  Indien,  den  über  Ägypten,  benutzen  zu  können,
wurde  vielfach  Schleichhandel  getrieben.  Die  Händler  kamen  von  Ägypten  nach  verschiedenen ­
  einst  im  Altertume  hochberühmten  Orten,  nach  Candelorum  (Side)  und  Attalea,
sowie  nach  Satalia  in  Pamphylien.  Als  der  Papst  Clemens  (1307)  allen  Handel  unter
Androhung  des  Kirchenbannes  verbot,  erklärten  viele  Kaufleute,  sich  genau  an  den  Konzilienbeschluß ­
  vom  Jahre  1179,  der  nur  den  Handel  von  Waren  zum  Kriegsgebrauche  betraf,
halten  zu  wollen,  darüber  hinausgehende  Bestimmungen  aber  für  nicht  gültig  betrachten
zu  können,  und  in  ihrer  Übertretung  glaubten  sie  kein  geistliches  Verbrechen  erblicken  zu
müssen.  Diese  Widerstrebenden  wurden  durch  eine  päpstliche  Bulle  im  Jahre  1326  für
Ketzer  erklärt  und  zum  Schweigen  gebracht.  Durch  dieses  scharfe  Verbot  ward  dem  Lug
und  Trug  Thür  und  Thor  geöffnet.  Um  die  Konkurrenz  der  Geistlichen  zu  hintertreiben,
brachte  Benedict  VI.  die  Erteilung  von  Freibriefen  an  einzelne  venezianische  Handelshäuser ­
  auf.  Im  Jahre  1345  erhielt  der  gesamte  Handelsstand  von  Venedig  auf  fünf
Jahre  Dispensation,  und  diese  wurde  später  verlängert.  Venedig  stieg,  je  mehr  das  Ansehen ­
  seiner  bedeutendsten  Rivalin,  Konstantinopel,  sank,  immer  höher,  und  mit  dem  Ende
des  14.  Jahrhunderts  erreichte  die  mit  Recht  vielgepriesene  Lagunenstadt  den  Gipfelpunkt
ihrer  Macht  und  ihres  Glanzes,  als  dessen  sichtbare  Zeichen  die  Kuppeln  und  die  Paläste
zurückgeblieben  sind.
Die  Verschiebung  des  Handelsschwerpunktes  von  Byzanz  nach  Venedig  hatte  für
Deutschland  weittragende  Folgen.  Der  Weg  von  den  italienischen  Städten  nach  Nordeuropa
  führte  fortan  durch  dieses  Land.  Die  direkten  Handelsbeziehungen  mit  Nürnberg, ­
  Augsburg  und  anderen  deutschen  Städten  nahmen  außerordentlich  zu,  und  die
neuen  Verhältnisse  ließen  diese  Städte  sehr  aufblühen.  Übrigens  hatte  sich  in  Deutschland
während  des  13.  Jahrhunderts  ein  für  die  Verkehrsgeschichte  sehr  wichtiger  Vorgang  vollzogen. ­
  Trotz  der  Eiferung  der  Fürsten  auf  dem  Reichstage  zu  Worms  (1231)  gegen.
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        20

Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

etwaige  Städteverbindungen  schlossen  Hamburg  und  Lübeck  (1241),  vielleicht  in  richtiger
Erkenntnis  der  kommenden  „kaiserlosen  und  schrecklichen"  Zeit,  einen  Vertrag  zur  Sicherung ­
  und  Ausbreitung  ihres  Handels,  eine  Verbindung,  die  sich  später  zu  dem
berühmten  Hansabund  erweiterte.  Lübeck  nahm  um  diese  Zeit,  da  Bardowiek  dem
Zorne  Heinrichs  des  Löwen  zum  Opfer  gefallen  und  Julin  (1130),  sowie  Schleswig  ebenfalls ­
  zerstört  worden  waren,  die  Hauptstellung  an  der  Ostsee  ein.  Für  den  Verkehr  zwischen
Ostsee  und  Nordsee  kam  um  diese  Zeit  die  direkte  Wasserverbindung  um  die  cimbrische
Halbinsel  kaum  in  Betracht,  vielmehr  nahmen  die  Güter  aus  dem  binnenländischen  Norddeutschland ­
  ihren  Weg  zu  Lande  nach  dem  Gestade  der  Ostsee.  Die  Kaufleute  der  Städte
Soest,  Dortmund,  Münster,  Soltwedel  und  Goslar  brachten  ihre  Waren  an  die  Meeresküste, ­
  mieteten  in  Lübeck  Frachtschiffe  und  schafften  auf  diesen  die  Waren  nach  Wisby,
Nowgorod  und  nach  den  übrigen  Plätzen,  an  welchen  Kolonien  angelegt  worden  lvaren.
Die  stetig  wachsende  Gefahr  vor  den  Mongolen  (13.  Jahrhundert)  trug  viel  zur  Festigung
des  Bundes  bei,  dessen  Haupt  im  Jahre  1260  Lübeck  wurde.
Diese  Stadt  besaß  bereits  um  jene  Zeit  eine  an  Wechselfällen  überaus  reiche  Geschichte.
An  der  noch  jetzt  eingenommenen  Stelle  war  sie  1158  von  Heinrich  dem  Löwen  gegründet
worden.  Sie  lag  an  der  Heerstraße  von  Italien  nach  Skandinavien,  einem  bereits  im
11.  Jahrhundert  stark  benutzten  Straßenzuge,  der  schon  in  diesem  Zeitpunkte  genau  nach
Rastorten  und  Stationen  bestimmt  war  und  im  Laufe  der  Zeit  eine  immer  größere  Bedeutung ­
  erlangte.  Die  Straße  ging  von  Italien  über  Trient,  Bozen,  Innsbruck,  Augsburg,
Nürnberg,  Würzburg,  Eisenach,  Osterode,  Goslar  und  Braunschweig  zur  Elbe.  Weiter  führte
sie  über  Mölln  nach  Lübeck,  von  wo  die  Fahrt  nach  Dänemark  und  den  skandinavischen
Ländern  ging.  Auf  dem  Städtetage  zu  Köln  im  Jahre  1367  erhielt  der  Hansabund  ein
festeres  Gefüge.  Das  gesamte  Gebiet  wurde  in  vier  Quartiere  eingeteilt.  Lübeck  stand  au
der  Spitze  des  vandalischen,  Köln  an  der  des  rheinischen,  Braunschweig  an  der  Spitze
des  dritten  Quartiers,  das  Sachsen  und  Westfalen  umfaßte.  Das  vierte  Quartier  stand
unter  Danzig  und  enthielt  u.  a.  Elbing,  Marienburg,  Kulm,  Thorn,  Braunsberg,  Königsberg, ­
  Dorpat  und  Reval,  sowie  Riga.
Dem  inneren  vierfachen  Gefüge  der  Hansa  entsprechend  war  auch  der  auswärtige  Verkehr ­
  gestaltet.  Wohlgeordnete  Niederlagen,  sogenannte  Kontore,  dienten  der  Bermittelung
des  Handels  mit  dem  Auslande.  Diese  Emporien  befanden  sich  zu  Brügge,  London  (hier
Stahlhof  genannt),  Bergen  und  Nowgorod.  Bergen  war,  wie  auch  Wisby  auf  Gotland,
eine  hervorragende  Station  für  den  Heringshandel.  Der  Hering  war  ein  Haupthandelsartikel,
und  selbst  für  eine  Gemeinde  von  der  Bedeutung  Lübecks  blieb  der  Hcringsfang  bis  gegen
Ende  des  Mittelalters  und  selbst  darüber  hinaus  die  Grundlage  des  Handelsbetriebes.
An  der  Ostsee  entwickelten  sich  neben  Lübeck,  gestützt  durch  die  im  13.  und  14.  Jahrhundert ­
  sich  immer  weiter  ausbreitende  Hansa,  Wismar,  Rostock,  Stettin,  sowie  weiter
im  Osten  Danzig  zu  Hauptplätzen  des  Seehandels.  Stettin  vermochte  sich  erst  selbständig
zu  entwickeln,  als  Julin,  d.  h.  Vineta  auf  der  Insel  Wollin,  von  den  Dänen  im  Jahre  1177
zerstört  worden  war.  Durch  Julius  Fall  stieg  auch  der  Handel  Wisbys  auf  Gotland,  dem
Emporium  des  „nordischen  Mittelmeeres".  Die  Blütcperiode  Wisbys  fällt  in  das  12.  Jahrhundert, ­
  in  die  Zeit,  als  der  große  Handelsweg  von  Asien  durch  Rußland  über  Nowgorod
zur  Ostsee  führte,  Wisbys  Reichtum  war  sprichwörtlich.  Der  Überfall  Waldemar  Atterdags
im  Jahre  1361  und  der  Umstand,  daß  sich  der  orientalische  Handel  nach  Südeuropa,  insbesondere ­
  nach  Venedig,  zog,  ließ  Wisby  von  seiner  hohen  Stellung  sinken,  die  es  nie
wieder  erreichte.
Zwischen  den  großen  Handelsbündniffen:  der  Hansa  und  den  niederländischen
Städten  einerseits  und  den  oberitalienischen  Republiken  anderseits  entstand  im
Laufe  des  14.  und  15.  Jahrhunderts  ein  ganz  außergewöhnlich  lebhafter  Verkehr.  Gestützt
auf  die  in  der  Poebene  immer  mehr  aufblühende  Industrie  und  auf  die  ausgebildete
eigene  Reederei  und  Seemacht,  wußten  die  geistig  begabten  und  unternehmenden  Italiener
fast  um  den  ganzen  Erdteil  ein  Netz  von  Handelsbeziehungen  zu  schlingen.  In  Venedig
besaßen  die  Städte  Augsburg,  Ulm,  Regensburg  und  Nürnberg  in  dem  Fondaco  dei
TedescM  ein  gemeinsames  Kaufhaus.  Wien  und  Regensburg  trieben  Handel  mit
Rußland  und  lieferten  dessen  Produkte  weiter  nach  Italien.  Auch  mit  Konstantinopel
standen  Wien,  Regensburg,  Ulm,  Augsburg,  Nürnberg  in  einem  lebhaften  Handelsverkehre.
Nach  Deutschland  kamen  von  Konstantinvpel  Kunstprodukte,  Spezereien  (namentlich  Pfeffer),
rohe  Seide,  Priesterornamente,  Purpurmäntel,  Goldstoffe,  Degenkoppel.  Nach  Konstantinopel
gingen  Leibeigene,  Waffen,  Sattlerarbeiten.  Dieser  Handel  erfuhr  durch  die  Schwierigkeiten, ­
  welche  die  Konstantinopolitaner  in  dem  Bemühen,  sich  den  Zwischenhandel  zu  er-
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        21

Deutschland  im  Mittelalter.  Ter  Hansabund.
halten,  den  mit  ihnen  im  Verkehr  Stehenden  bereiteten,  eine  empfindliche  Einbuße.  Nach
dem  Aufhören  der  Kreuzzüge  nahm  die  Schiffahrt  der  Venezianer,  Pisaner,  Lombarden
und  Florentiner  nach  den  außerhalb  der  Meerenge  von  Gibraltar  belegenen  europäischen
Küstenländern,  insbesondere  nach  Brügge,  Antwerpen  und  England,  einen  großen  Aufschwung. ­
  Gegen  morgenländische  Kostbarkeiten  wurden  flandrische  Tuche  und  britische
Wolle  eingetauscht.
England  war  um  diese  Zeit  und  bis  zum  Schluffe  des  15.  Jahrhunderts  ein  armes
Land,  in  dem  die  Üppigkeit  Flanderns  und  Italiens  vollständig  unbekannt  war.  Die  Gesamtausfuhr ­
  Englands  belief  sich  im  Jahre  1355  auf  294  185  Pfd.  Sterl.,  der  Wert  der
Einfuhr  betrug  38  970  Pfd.  Sterl.  Von  Interesse  ist  der  aus  dem  Jahre  1398  stammende
Bericht  eines  katatonischen  Ritters  über  Irland,  da  er  zeigt,  wie  es  damals  noch  in  einem
Teile  des  späteren  Großbritanniens  aussah.
Dieser  Bericht  lautet  folgendermaßen:  „Große  Herren  tragen  in  Irland  einen  ungefütterten
Rock,  der  oben  weit  wie  ein  Frauenkleid  ausgeschnitten  ist,  darüber  haben  sie  eine  enge  Kapuze,
welche  bis  zum  Gürtel  herabfällt.  Von  Schuhen,  Strümpfen,  Hosen  wissen  sie  nichts.  Den
nackten  Fersen  werden  die  Sporen  angeheftet,  und  ich  habe  in  dergleichen  Aufzug  am  Weihnachtsfeste ­
  den  König,  die  Geistlichen  und  Ritter,  Bischöfe,  Äbte  und  Barone  gesehen.  Der  gemeine
Mann  kleidet  sich  nach  eines  jedweden  Vermögen.  Die  Ansehnlichsten  werfen  wollene  Mäntel
um,  zeigen  aber  darunter  alle  Teile  bloß,  so  Frauen.,wie  Männer.  Arme  Leute  gehen  nackend.
Der  Mantel,  wie  schlecht  er  auch  sein  mag,  wird  als  Überwurf  gebraucht.  Nach  derselben  Mode
waren  die  Damen,  die  Königin,  ihre  Tochter  und  ihre  Schwester,  gekleidet,  nur  daß  ein  Gürtel
den  Anzug  vervollständigte.  Sogar  nicht  eine  von  den  zwanzig  Hoffräulein  der  Königin  trug
Schuhe  an  den  Füßen,  und  sie  ließen  alles,  was  sie  hatten,  so  unbefangen  sehen  als  das
Gesicht.  Am  Hauptsest  hielt  der  König  großen  Hof;  statt  eines  Tisches  dienten  ihm  Binsen,
auf  den  Boden  ausgestreut.  Als  eine  Auszeichnung  hatte  er  neben  sich  ein  Bündel  zarteres
Heu,  um  sich  damit  den  Mund  abzuwischen.  Das  Fleisch  wurde  ihm  auf  Stöcken,  zu  einer
Tragbahre  eingerichtet,  dargebracht.  Gott  weiß,  wie  die  aufwartenden  Pagen  gekleidet  waren."
Aber  auch  in  anderen  Ländern  waren  die  gesellschaftlichen  Verhältnisse  noch  sehr
unentwickelt.  Professor  Roger  hat  über  diesen  interessanten  Gegenstand  auf  Grundlage
von  neueren  Quellen  Aufschlüsse  gegeben,  wonach  das  Leben  an  zahlreichen  adeligen
Herrschaftssitzen  mit  so  vielen  Entbehrungen  verknüpft  war,  daß  heute  ein  Fabrikarbeiter
mehr  Bequemlichkeiten  und  eine  bessere  Nahrung  genießt  als  früher  die  reichen  Grundeigentümer ­
  des  Landes.  Damals  bildeten  eine  Tafel,  die  über  einen  Bock  gelegt  wurde,
wenn  man  sie  als  Tisch  gebrauchen  wollte,  Bänke  mit  Stroh  ausgestopft,  einige  Stühle
und  kupferne  Kessel  zum  Sieden,  sowie  etliche  hölzerne  Schüsseln  und  Teller,  ein  eiserner
Leuchter,  ein  paar  Küchenmesser,  ein  Salzfaß  und  ein  metallenes  Becken  den  gesamten
Hausrat.
Wie  das  Vorstehende  hat  erkennen  lassen,  waren  die  allgemeinen  Verhältnisse  gegen
Ende  des  Mittelalters  der  Entwickelung  des  Handels  und  Verkehrs  in  Deutschland  sehr
günstig.  Leider  muß  auf  die  Frage,  was  von  Seiten  des  Staates  für  die  Förderung  des
Handels  in  Deutschland  im  Mittelalter  geschah,  geantwortet  werden,  daß  sich  die  staatliche
Macht  im  allgemeinen  nur  dann  des  Handels  anzunehmen  pflegte,  wenn  sich  derselbe
als  Finanzquelle  günstig  ausnutzen  ließ.  Die  einzige  Begünstigung  bestand  in  der  Erteilung ­
  von  Privilegien  und  Freibriefen  mannigfacher  Art,  sowie  in  der  Errichtung  von
Kaufhäusern,  Lagerhäusern,  Krauanlagen  u.  s.  w.  Die  Kräne  zu  Worms,  Oppenheim,
Mainz  und  Bingen  sind  sehr  alt.  Manche  staatliche  Einrichtungen  trugen  wenigstens
zur  Belebung  des  Verkehrs  bei,  so  die  Reichsversammlungen.  Auch  die  Kirchenversammlungen, ­
  die  Volksfeste,  Turniere,  Ringstechen  und  die  Märkte  und  Messen  brachten  viele
Menschen  in  Bewegung.  Einen  sehr  lebhaften  Personenverkehr  verursachten  auf  dem
Rhein  vom  14.  bis  zum  17.  Jahrhundert  die  zahlreichen  Wallfahrer,  welche  vorzugsweise
gern  die  Wasserstraßen  benutzten.  Köln,  Trier,  Äacheu,  sowie  auch  verschiedene  Orte
im  Elsaß  und  Einsiedeln  in  der  Schweiz  waren  sehr  aufgesuchte  Stätten.  Für  die  Pilger
waren  ursprünglich  besondere  Fahrten,  die  sogenannten  „Bruderfahrten"  eingerichtet.  Die
Zahl  der  in  Einsiedeln  jährlich  eingetroffenen  Wallfahrer  soll  150000  betragen  haben,
von  welchen  die  größere  Hälfte  aus  dem  Norden  gekommen  und  auf  der  Heimreise  den
Rhein  hinunter  gefahren  sein  dürfte.
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        22

Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

Von  außerordentlichem  Nachteil  für  die  freie  Entfaltung  des  Verkehrs  und  Handels
erwiesen  sich  in  Deutschland  namentlich  die  Zölle,  die  sowohl  auf  den  Land-  wie  den  Wasserstraßen ­
  erhoben  wurden,  und  das  bekannte  Raubritterwesen.  In  den  älteren  Zeiten
waren  in  Deutschland  alle  Flüsse  und  Straßen  im  Reichsbesitz  gewesen,  und  sie  standen
demgemäß  unter  der  Herrschaft  der  Kaiser.  Nach  und  nach  gingen  jedoch  die  Rechte  der
Kaiser  durch  Schenkung,  Verpfändung  oder  Belehnung  auf  andere  Personen  über,  namentlich
gilt  dieses  für  den  Rhein  und  den  Main.  Am  Mittelrhein  besaßen  Kurmainz,  Kurpfalz,
Nassau,  Katzenelnbogen,  Falkeustein,  Klöster  und  Stifte  Eigentums-  oder  Lehnsrechte  auf
den  Strom.  Diese  sehr  verwickelten  Eigentumsverhältnisse  trugen  das  Ihrige  zu  einer  Benachteiligung ­
  des  Handels  bei.  Während  England,  die  Niederlande  und  Frankreich  trotz
den  auch  hier  vorhanden  gewesenen  provinziellen  Binnenzolllinien  und  zahlreichen  lokalen
Zöllen  zu  einem  die  Gesamtheit  des  Staats  umfassenden  Wirtschaftskörper  wurden  und  infolgedessen ­
  die  großen  Vorteile  nationalen  Handels  und  nationaler  Industrie  genossen,  war  in
Deutschland,  dank  der  hier  getriebenen  Reichspolitik  und  der  Handelseifersucht  der  einzelnen
Landschaften  die  Schaffung  einer  wirtschaftlichen  Gemeinsamkeit  leider  ein  Ding  der  Unmöglichkeit. ­
  Je  kleiner  die  Gebiete  waren,  um  so  mehr  waren  ihre  Gebieter  bemüht,  Handel  und
Gewerbe  der  Nachbarländer  zu  stören  und  die  Verkehrsstraßeu  in  ihre  Hände  zu  bekommen.
Die  Zölle  für  die  Benutzung  der  Land-  und  Wasserstraßen  wurden  durchgängig
angeblich  als  Entgelt  für  die  Verbesserung  und  Unterhaltung  dieser  Verkehrsvermittler
erhoben.  Wären  dieselben  thatsächlich  zu  diesem  Zwecke  verwendet  worden,  so  hätte  ihnen
eine  gewisse  Berechtigung  nicht  abgesprochen  werden  können,  in  Wirklichkeit  traf  solches
jedoch  nur  in  verschwindend  wenig  Ausnahmefällen  zu.
Die  Bedeutung  des  Rheins  für  das  Verkehrsleben  ist  sowohl  zur  Römerzeit,  wie  im
Mittelalter  eine  große  gewesen.  Frühzeitig  hat  der  vielbesungene  Rhcinstrom  nicht  nur  im
Lokalverkehr  sondern  auch  im  Welthandel  eine  Rolle  gespielt.  Die  Entstehung  der  Zölle  am
Rhein  läßt  sich  bis  zum  8.  Jahrhundert  zurückversolgen.  Zu  jener  Zeit  fuhren  die  Straßburger ­
  Schiffer  schon  bis  in  die  Rheinmündung.  In  der  Folgezeit  besaßen  reiche  Kaufleute,
sowie  verschiedene  mittelrheinische  Klöster,  wie  beispielsweise  Lorch  und  Eberbach  ihre  eigenen
Handelsschiffe.  Im  12.  Jahrhundert  fuhren  die  Seeschiffe  bis  Köln  und  wahrscheinlich  bis
an  die  Grenze  des  Mittclrheins.
Wie  den  Bewohnern  an  der  Meeresküste,  so  stand  auch  den  Flußbewohnern,  welche
sich  bei  gestrandeten  oder  sonst  verunglückten  Schiffen  der  Sachen  am  ersten  bemächtigten,
alles  zu,  was  verunglückt  war.  Dieses  Recht  ging  später  auf  den  Landesherrn  über.  Auch
die  Stapel-  und  Niederlagsgerechtigkeiten  (am  Rhein:  Speier,  Mainz  und  Köln)
störten  nicht  wenig  die  Entfaltung  des  Handels.  Die  der  Schiffahrt  in  den  Weg  gelegten
Schwierigkeiten  waren  zeitweise  so  groß,  daß  die  rheinischen  Kaufleute  ernsthaft  die
Frage  erwogen,  ob  es  nicht  ratsamer  sei,  die  Schiffahrt  ganz  aufzugeben  und  die  Waren
zu  Lande  zu  transportieren.  Die  hohen  Wehrzölle  und  die  schlechte  Beschaffenheit  der
Straßen  veranlaßten  jedoch  die  Handelsherren,  wieder  zu  der  Schiffahrt  ihre  Zuflucht
zu  nehmen.  Seitdem  die  Zölle  verpfändet  werden  konnten  und  je  mehr  die  Wasserzölle
aus  den  Händen  der  Kaiser  in  die  Hände  der  verschiedenen  Landesherren  resp.  der  au  den
Wasserstraßen  gelegenen  Städte  gelangten,  um  so  mehr  arteten  sie  in  reine  Finanzzölle
aus  und  wurden  zu  einer  wahren  Verkehrsplage.  Seit  dem  Anfang  des  13.  Jahrhunderts
sah  sich  jeder  Fürst,  Graf  oder  Ritter  am  Rhein  als  berechtigt  au,  die  Vorüberfahrenden
zur  Erlegung  eines  Zolles  zwingen  zu  können.  Diese  Zölle  wurden  zwar  mehrmals  durch
kaiserliche  Verfügungen  beseitigt,  sie  entstanden  jedoch  bald  immer  wieder  von  neuem.  Auch
die  Kirche  suchte  durch  Androhung  der  Exkommunikation  die  Erhebung  unrechtmäßiger  Zölle
zu  verhindern,  allein  auch  dieses  Mittel  erwies  sich  nur  für  kurze  Zeit  als  wirksam.
Die  Land-  und  Wasserzölle  wurden  am  Rhein  mit  drakonischer  Strenge  erhoben.  Eine
Regelung  der  Zollsätze  fehlte,  und  so  waren  die  Zollpflichtigen  fast  ganz  und  gar  der  Willkür
der  Zolleinnchmer  ausgesetzt.  Um  noch  größere  Kosten  durch  Aufenthalt  u.  s.  w.  zu  sparen,
zahlten  die  Schiffer  im  allgemeinen  das,  was  verlangt  wurde.  Dem  Kaufmann  war  es  bei
einer  solchen  Sachlage  erst  nach  Ankunft  der  Ware  an  ihrem  Bestimmungsort  möglich,  -deren
Kosten  festsetzen  zu  können.  Am  Ende  des  12.  Jahrhunderts  gab  es  19  Rheinzollstätten,  im
13.  Jahrhundert  44  und  im  14.  Jahrhundert  sogar  62.  Der  folgende  Vers  schildert  anschaulich
diese  Verhältnisse:
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        Deutschland  im  Mittelalter.  23
„Der  König  und  der  Bischof  teilen,
Und  Burg  und  Stadt  und  Stift  und  Dom,
Mehr  Zölle  sind  am  Rhein,  als  Meilen,
Und  Pfasf  und  Ritter  sperrt  den  Strom.
Zollschreiber  ist  zuerst  Empfänger,
Dann  stellt  sich  der  Besetzer  ein,
Ihm  folgt  Nachschreiber,  dann  Nachgänger,
Bier  Mann  hoch  zapfen  sie  am  Wein."
Die  letzten  Zeilen  schildern  die  Art  der  Zollerhebung.  Bis  zum  vorigen  Jahrhundert
ward  nämlich  jeder  Zoll  gewöhnlich  von  vier  Zollbedienten,  dem  Zollschreiber,  Bescher,  Nachschreiber ­
  und  Nachgänger  verwaltet,  so  daß  die  Zollprozednr  viermal  zu  überstehen  war.
Erst  durch  den  Reichsdeputationshauptschlus;  voin  25.  Februar  1805  wurden  für  den  Rhein
die  Zölle  aufgehoben  und  an  ihrer  Stelle  eine  Schifsahrtsoktroi  eingeführt.

7.  Kaub  mit  der  Naubrittcrbucg  Gutrnfrts  und  die  Mal;  im  Utzein.

Die  Beeinträchtigung,  welche  der  Warentransport  durch  das  Raubritterwesen  im
Mittelalter  erlitten  hat,  war  eine  sehr  große.  In  besonderem  Maße  gilt  dieses  für  den
Rhein  und  den  Main.  Am  Rhein  hielten  sich  die  Ritter  nicht  allein  Reisige,  sondern
auch  eigene  Raubschiffe,  um  die  Kaufmaunsschiffe  überfallen  zu  können.  Das  Raubwesen ­
  begann  bereits  in  nachkarolingischer  Zeit.  Den  Höhepunkt  erreichte  das  Unwesen
in  der  ersten  Hälfte  des  13.  Jahrhunderts;  erst  dem  rheinischen  Städtebund  und  insbesondere ­
  der  Thatkraft  eines  Rudolf  von  Habsburg  gelang  es,  unter  den  adeligen
Räubern  gründlich  aufzuräumen.  Um  die  Reisenden  und  die  Haudelszüge  gegen  räuberische
Überfälle  zu  sichern,  diente  das  Geleit.  Dasselbe  bildete  sich  aus  der  Verpflichtung
des  Staates,  die  Land-  und  Wasserstraßen  und  Leinpfade  zu  schützen.  Das  Geleite
wurde  anfangs  nur  auf  besonderen  Wunsch  gewährt;  so  reisten  im  9.  Jahrhundert  bereits
Kaufleute  unter  kaiserlichem  Geleite,  sie  erhielten  Geleitsbriefe,  wofür  eine  gewisse  Gebühr
zu  entrichten  war.  Allmählich  zwang  der  Staat  die  Handelszüge,  unter  Geleit  zu  reisen,
und  stellte  entweder  eine  bewaffnete  Begleitung  oder  erteilte  Geleitsbriefe.  Schiffe  und
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        24

Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

Flöße  mußten  ebenfalls  auf  der  Strecke  Bingen—Bacharach  unter  dem  Geleite  des  Königs
fahren.  Kundige  und  erfahrene  Steuerleute  brachten  die  Fahrzeuge  durch  die  gefährliche
Stromstrecke.  Auch  das  Geleitsrecht  ging,  ähnlich  wie  das  Straßen-  und  Zollrecht
allmählich  auf  die  Laudesfürsten,  Stände  und  Städte  über.  Neben  dem  Staatsgeleite
&amp;gt;var  jedem  Kaufmann  gesetzlich  gestattet,  auf  seinen  Handelsreisen  einen  Degen  zur
Selbstverteidigung  an  den  Sattel  zu  hängen  oder  auf  seinen  Wagen  zu  legen.  Auch  die
Geistlichkeit  erteilte  Geleitsbriefe,  und  diese  erwiesen  sich  oft  wirksamer  als  die  von  der
weltlichen  Macht  ausgestellten.  Die  Geleitsgebühren  wurden  in  der  Regel  mit  dem
Zoll  zusammen  erhoben.  Der  Einnahmen  wegen  wurde  das  Geleite  noch  zu  Zeiten
aufrecht  erhalten,  als  es  eigentlich  praktisch  ohne  jegliche  Bedeutung  geworden  war.  So
wurde  das  mittelrheinische  staatliche  Geleit  erst  im  Jahre  1802  als  entbehrlich  aufgehoben.
Quetsch  gibt  in  seiner  „Geschichte  des  Verkehrswesens  am  Mittelrhein"  die  Höhe  der
Geleitsgebühren  an.  Es  war  zu  zahlen:  „ein  Krist  zu  Fuß  oder  Wasser  fahrend  4  Kreuzer
(ein  jud  10  Kreuzer),  ein  Krist  zu  pferd  oder  fahrend  10  Kreuzer  (ein  jud  20  Kreuzer),
eine  2-  oder  4rädrige  Chaise  20  Kreuzer."  Das  Nichtlösen  von  Geleitszetteln  wurde
bestraft.  Mit  der  Überwachung  waren  „Gardenreiter"  betraut.  Sehr  verkehrshindernd
war  es,  daß  alle  Abgaben  nach  den  willkürlichsten  Tarifen  erhoben  wurden  und  daß  zu
den  Hauptabgabeu  eine  enorme  Menge  von  Nebenabgaben  kamen,  wie:  Lagergeld,
Kranengeld,  Visiergeld,  Stichgeld,  Flaschengeld,  Bendergeld,  Wachtgeld,  Altgeld,  Pflastergeld, ­
  Brückengeld.
Die  Wege,  Stege,  Brücken  und  der  Anban  an  den  Königsstraßen  (eine  Anzahl  Wege
führten  die  stolze  Bezeichnung  „Heer-  oder  Königsstraße",  welcher  Bezeichnung  jedoch
ihre  Beschaffenheit  wenig  entsprach)  waren  ursprünglich  den  Gaugrafen  unterstellt  gewesen.
Diese  hatten  für  ihre  Unterhaltung  Sorge  zu  tragen  gehabt.  Nach  und  nach  ging  diese
Unterhaltungspflicht  auf  die  Landesfürsten  über.  Die  Kosten  des  Straßenbaues  wurden
aus  dem  Erlös  der  Straßenzölle  bestritten.  Um  diese  Einnahmen  möglichst  einträglich
zu  machen,  kam  man  auf  die  verkehrshinderliche  Idee,  den  Straßenzwang  einzuführen,
der  die  Fuhrleute  nötigte,  bestimmt  vorgeschriebene  Straßenrouten  zu  benutzen.  Jede
Station  ließ  sich,  wenn  irgend  erreichbar,  durch  landesherrliche  und  kaiserliche  Privilegien
den  Verkehr  auf  der  sie  berührenden  Straße  als  ein  unantastbares  Recht  zusprechen.  Auf
diese  Weise  wurde  das  Recht  der  gastlichen  Einkehr,  das  der  Benutzung  einer  Niederlage,
der  Ausbesserung  des  Geschirres,  des  Vorspanns  u.  s.  w.  in  einen  Zwang  umgewandelt.
Wer  von  diesen  Vorschriften  abwich,  eine  andere  Straße  fuhr,  eine  andere  als  die  vorgeschriebene ­
  Niederlage  aufsuchte  oder  eines  der  sonstigen  verbürgten  Privilegien  unbeachtet ­
  ließ,  geriet  nicht  allein  wegen  des  Zolles'mit  der  Landesherrschaft,  sondern  auch
wegen  der  althergebrachten  Stationsprivilegien  mit  den  Gemeinden  in  Streit,  der  nicht
selten  zu  einer  Vernichtung  des  Fuhrwerkes  und  zu  einer  Gefangenschaft  führte.  Der
Markgraf  Friedrich  bestätigte  der  Stadt  Freiberg  in  Sachsen  im  Jahre  1318  das  Recht,
demzufolge  kein  Wagen  aus  der  Markgrafschaft  Meißen  eine  andere  Straße  als  über
Freiberg  nach  Böhmen  fahren  durfte.  Bei  der  Feststellung  der  einzuschlagenden  Straßenrouten ­
  gab  fast  ausschließlich  das  Sonderinteresse  den  Ausschlag,  auf  die  Bedürfnisse
des  Handels  wurde  hierbei  keine  Rücksicht  genommen.  So  wurde  z.  B.  auf  dem  „Tag
von  Frauenstadt",  welcher  von  Polen,  Sachsen  und  Pommern  beschickt  war,  bestimmt,
daß  die  Kaufmannsgüter  von  Polen  nach  Leipzig  den  Weg  über  Posen,  Fraustadt,
Glogau,  Sagan,  Görlitz  einzuschlagen  hatten.
Schon  von  alten  Zeiten  her  maßten  sich  einzelne  Städte  das  Recht  an,  daß  alle
Waren,  welche  dieselben  passierten,  zuvor  auf  ihren  Märkten  zum  feilen  Kauf  ansgeboten
werden  mußten,  ehe  der  Weitertransport  geschehen  konnte.  Manche  Städte  erhielten
dieses  Privileg,  das  Stapelrecht,  durch  die  Kaiser.  So  soll  Speier  dasselbe  von
Heinrich  V.  und  Mainz  sogar  von  Karl  dem  Großen  verliehen  worden  sein.  Ebenso
lästig  wie  das  Stapelrecht  war  das  damit  verbundene  Umschlagsrecht.  Nach  diesem
durften  beispielsweise  die  von  Holland  kommenden,  für  Straßburg  bestimmten  Güter,
sofern  es  nicht  Stapel-  oder  Ventgüter  waren,  von  Köln  bis  Mainz  nur  durch  die  dazu
in  beschränkter  Anzahl  berechtigten  Kölner  Schiffer,  von  Mainz  bis  Speier  nur  durch
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        25

Deutschland  im  Mittelalter.

Mainzer  und  von  da  bis  Straßburg  durch  Speierer  Schiffer  in  deren  Schiffen  transportiert ­
  werden.  An  jedem  der  genannten  Plätze  mußten  sonach  die  Güter  in  ein  anderes
Schiff  übergeladen,  d.  h.  umgeschlagen  werden.
Am  Rhein  galten  als  stapelbar  die  folgenden  Artikel:  Salz,  Heringe,  Bücklinge  und
andere  trockene  und  gesalzene  Fische,  Butter,  Käse,  Honig,  Öl,  Fettwaren,  seit  1668
alles  Eisenwerk.
Wie  an  den  Meeresküsten  und  an  den  Flußrändern  das  Strandrecht  galt,  so  ward  auf
den  Landstraßen  das  Grundruhrrecht  ausgeübt.  Hiernach  stand  dem  Grundherrn  das
Recht  zu,  alle  Güter,  welche  bei  einem  Achsenbruch  oder  beim  Umfallen  eines  Wagens  den
Boden  berührten,  wegzunehmen.  Durch  kleine  Räder  suchte  man  nach  Möglichkeit  dem  Eintritt ­
  dieses  Ereignisses  vorzubeugen.  So  heißt  es  in  einem  alten  Handelsregelbuche:  „Farst
du  auf  Jarmark  durch  Herren-Gauen  oder  Wald,  nimm  klaine  Rad  an  dain  Wagen,  und
hüte  dich,  daß  du  käme  Grundruhr  zahlen  must,  sonst  ist  dain  Gewinn  verloren."

8.  Nothenbnrg  ob  der  Tauber.

Derartige  ungewöhnliche  Rechtszustände  waren  wahrlich  nicht  dazu  angethan,  eine
Besserung  der  Wegebeschaffenheit  zu  befördern.  Die  zu  jener  Zeit  in  vielen  Teilen  der
Erde  fast  beständig  herrschende  Kriegsgefahr  hat  jedenfalls  auch  ihr  Teil  dazu  beigetragen,
daß  die  Wegeverhältnisse  so  traurige  blieben.  Man  fürchtete,  durch  gute  Wege  die
Unzugänglichkeit  eines  Ortes  zu  beseitigen  und  Truppendurchzüge  herbeizuführen.
Solange  es  keine  Herbergen  zur  Unterbringung  der  Reisenden  gab,  fanden  diese  in
vielen  Gegenden,  so  besonders  auch  am  Mittelrhein,  unentgeltliche  Aufnahme.  In  dem
im  Jahre  1083  von  Heinrich  IV.  eingeführten  „Gottesfrieden"  war  bestimmt:  Kein
Hausbesitzer  darf  einem  Wanderer  Herberge  verweigern.  Hat  der  Besitzer  das,  was  der
Wanderer  bedarf,  so  soll  er  es  demselben  um  billigen  Preis  verkaufen;  hat  er  das
Nötige  nicht,  so  hole  er  es  von  seinen  Nachbarn  und  verkaufe  es  in  gleicher  Weise  an
oen  Wanderer.  Wenn  er  die  Herberge  verweigert  und  das  Nötige  weder  aus  erster  noch
zweiter  Hand  an  den  Wanderer  verkauft,  so  soll  sich  dieser  an  den  Ortsvorsteher  wenden,
der  sofort  die  Bürger  versammeln  und  den  halsstarrigen  Besitzer  ohne  weiteres  scheren
und  abledern  solle.  Verübte  der  Wanderer  in  der  Herberge  Unverschämtheiten  oder
ewaltthaten,  so  rief  der  Hauswirt  die  Nachbarn  zusammen,  zeigte  ihnen  die  Sache  an
IX  4
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        26  Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.
und  zwang  mit  ihrem  Beirate  den  Wanderer,  Genugthuung  zu  leisten.  Gab  sich  derselbe
nicht  zufrieden,  so  sollte  er  als  Räuber  bestraft  werden.  Vereinzelt  gab  es  Herbergen.
Eine  der  ältesten  Anstalten  dieser  Art  war  das  Hospiz  von  Lyon,  welches  von  dem
König  Childerich  errichtet  worden  ist.
Seit  dem  14.  Jahrhundert  gab  es  bereits  in  Deutschland  in  manchen  Städten,  so
z.  B.  in  Mainz,  ein  eigentliches  Hotelwesen.
Die  deutschen  Hauptverkehrsstraßen  in  diesem  Zeitraume  waren  die  folgenden:
Von  Norden  nach  Süden  erstreckten  sich  vier  bis  fünf  Hauptrouten;  zwei  derselben  gingen
den  Rheinufern  entlang.  Die  östliche  Route  wandte  sich  über  Höchst  der  Bergstraße  zu,
deren  Namen  bereits  im  Jahre  1002  vorkommt;  sie  ging  weiter  über  Cannstatt  nach
Ulm.  Die  westliche  Straße  ging  über  Worms,  Speier,  Straßbnrg,  Breisach  nach  Basel.
Vom  Wesergebiete  ging  die  Hauptstraße  von  Minden  aus.  Die  Route  ging  in  südöstlicher ­
  Richtung  über  Fritzlar  nach  Würzburg.  Von  Würzburg  ging  die  Straße  weiter
über  Rothenburg  ob  der  Tauber  und  Nördlingen  und  vereinigte  sich  bei  Donauwörth
mit  der  Nürnberger  Heerstraße.  Den  nördlichen  Endpunkt  der  Nürnberger  Linie  bildete
zur  Zeit  Karls  des  Großen  Bardowiek;  Braunschweig,  Goslar  waren  bedeutende  Etappen
dieser  Route.  Von  Erfurt  führte  die  Straße  nach  Suhl  und  über  Mellrichstadt  nach
dem  Main  und  über  Bamberg  nach  Nürnberg.  Die  Donau  erreichte  diese  Straße  bei
Regensburg.  Links  der  Elbe  war  Leipzig  ein  wichtiger  Knotenpunkt,  der  von  Schwerin
und  Magdeburg  über  Dessau  erreicht  wurde,  während  die  Straße  von  Stettin  über
Berlin  ging.  Die  Fortsetzung  dieser  Route  spaltete  sich  bei  Hof,  südwestlich  ging  es  nach
Nürnberg,  südöstlich  nach  Regensburg.  Später  erhielt  die  Route  Stettin,  Frankfurt  a.  O.,
Kottbus,  Bautzen  größere  Bedeutung.  Von  Bautzen  ging  es  nach  Prag  und  über  Zittau
und  Reichenberg  nach  dem  Inneren  von  Böhmen.  Sehr  alte  Linien  waren  auch  Salzburg, ­
  Ulm,  Cannstatt,  Pforzheim,  Straßbnrg,  Nancy.  Für  Schlesien  war  besonders  die
große  Mainz-Leipziger  Straße  von  Bedeutung.  Die  Route  Köln-Elbe  ging  über  Altena,
Iserlohn,  Soest,  Lippstadt,  Paderborn,  Höxter,  Einbeck,  Gandersheim,  Wolfenbüttel.
Was  die  Zeitdauer  des  Transports  anbetraf,  so  betrug  diese  beispielsweise  von
Utrecht  nach  Köln  etwa  fünf  Tage,  von  Köln  nach  Braunschweig  acht  Tage.  Ebenso
lange  dauerte  mindestens  der  Transport  von  Köln  nach  Heilbronn,  derjenige  von  Heilbronn ­
  nach  Augsburg  erforderte  etwa  fünf  Tage.  Für  die  Route  Augsburg-Straßburg
sind  acht  Tage  anzusetzen.  Vom  Inn  bis  Wien  betrug  die  Transportdauer  sechs  Tage.
Von  Magdeburg  ausgehende  Waren  langten  in  Hamburg  oder  Lübeck  in  sechs  Tagen  an.
Der  Osten  Europas  wurde  teils  durch  den  von  Byzanz  aus  geübten  Einfluß  in  die
Kulturwelt  einbezogen,  teils  waren  es,  und  zwar  vom  12.  Jahrhundert  an,  Germanen,
insbesondere  der  Schwert-  und  Deutschherrenorden  und  die  Hansa,  welche  von  den
Ostseeufern  aus  die  abendländische  Bildung  den  slawischen  Stämmen  zuführten.  Riga
und  Nowgorod  erhoben  sich  als  Verkehrszentren  zu  großer  Bedeutung,  wozu  hinsichtlich
Rigas  die  Schaffung  von  Straßen  und  die  Einrichtung  einer  Staatspost  durch  den
Deutschherrenorden  manches  beitrug.  Die  bereits  seit  dem  9.  Jahrhundert  bekannte
Stadt  Nowgorod  war  insbesondere  für  den  hanseatischen  Handel  von  Wichtigkeit.  Die
Waren  gingen  von  hier  nicht  nur  auf  dem  Landwege  ab,  sondern  auch  per  Schiff  und
zwar  nach  dem  Ladogasee  und  durch  die  Newa  nach  der  Seeküste;  den  gleichen  Weg
schlugen  die  importierten  Waren  ein.  Bon  Nowgorod  erstreckte  sich  die  Straße  bis  nach
Wjätka  und  nach  der  Hauptstadt  des  silber-  und  pelzreichen  Fürstentums  Perm,  einem
Stapelorte  des  Pelzhandels  des  Kamagebietes.  Im  Wolgabecken  stritten  Twer  an  der
Wolga  und  Wlademir  um  den  Vorrang  miteinander.  Um  die  Mitte  des  l2.  Jahrbunderts
  wurde  Moskau  von  Kiew  aus  gegründet  und  erlangte  infolge  seiner  günstigen
Lage  eine  immer  größere  Bedeutung.  An  der  unteren  Hälfte  der  Wolga  entstanden  die
beiden  hervorragenden  Plätze  Bolgar,  die  bulgarische  Reichshauptstadt,  und  Sarai,  die
mongolische  Residenz  der  Tatarenchane.  Als  östlichster  Sammelpunkt  für  den  Warenaustausch ­
  zwischen  dem  unteren  Wolga-  und  Dongebiet  und  dem  byzantinischen  Reich,
sowie  als  Seehandelsplatz  der  Republiken  Genua  und  Venedig  bildete  sich  Tana  am
Asowschen  Meer,  das  heutige  Asow  aus.  Auf  der  Krim  wurde  Kertsch  und  besonders
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        Hauptverkehrsstraßen  im  Mittelalter.  Der  Seeweg  nach  Indien.  Die  Entdeckung  Amerikas.  27
Soldaja  durch  die  Venezianer  emporgebracht.  Im  Südwesten  Rußlands  entwickelte  sich
Kiew,  das  aus  einem  Fährhause  erwuchs,  zu  einem  bedeutenden  Handelspunkte.  Am
oberen  Dnjepr  erlangte  Smolensk  besondere  Bedeutung.  Der  Transport  zwischen  vorstehend ­
  genannten  Orten  wurde  auf  weiten  Strecken  unter  Benutzung  der  Wasserwege
zurückgelegt.
Die  Entdeckung  des  Kaps  der  guten  Hoffnung  und  die  Erschließung  eines  neuen
Seewegs  nach  Indien  gab  der  alten  schon  im  Niedergang  begriffenen  Herrlichkeit
Venedigs  einen  sehr  empfindlichen  Stoß.  Hatte  sich  auch  'in  einzelnen  der  an  der  atlantischen ­
  Küste  belegenen  Städte  bereits  ein  ausgedehnter  Handel  und  eine  nicht  ganz
unbedeutende  Schiffahrt  entwickelt,  so  konnten  diese  Orte  doch  keinerlei  Vergleich  mit  der
Handelsbedeutung  verschiedener  italienischer  Städte,  namentlich  also  nicht  mit  Venedig
aushalten.  Die  unaufhörlichen,  aus  gegenseitiger  Eifersucht  entsprungenen  Kämpfe
Venedigs  und  Genuas  hatten  für  beide  die  nachteiligsten  Folgen,  welche  auch  für  das
übrige  Europa  nicht  ohne  Einfluß  blieben.  Statt  mit  vereinten  Kräften  das  Vordringen
der  Osmanli  zu  verhindern,  lähmten  sich  die  beiden  Republiken  in  ihrem  blinden  Eifer,
sich  zu  schaden.  Bereits  1350  faßten  die  Türken  festen  Fuß  auf  europäischem  Boden,
aber  selbst  als  von  dem  griechischen  Reich  nur  noch  die  Hauptstadt  bestand  und  der
italienische  Handel  auf  dem  Schwarzen  Meer  eine  außerordentliche  Einschränkung  erlitten
hatte,  glaubte  Genua  noch  seinen  Vorteil  dabei  finden  zu  können,  wenn  es  die  Türken
in  der  Eroberung  Konstantinopels  unterstützte.  Nach  der  Besitznahme  von  Konstantinopel
breiteten  die  Türken  ihre  Herrschaft  in  dem  Gebiet  des  einstigen  byzantinischen  Reiches
immer  weiter  aus,  auch  die  von  den  verschiedenen  italienischen  Städten  besetzten  Inseln
des  Ägäischen  Meeres  fielen  nur  allzubald  in  die  Hände  der  Osmanen.  Der  adriatischen
Republik  blieb  schließlich  nur  der  Handel  nach  Ägypten  übrig.
Das  Vordringen  der  Türken  hatte  die  außerordentliche  Folge,  daß  der  Welthandel
mit  Indien  in  empfindlichster  Weise  gestört  wurde.  Es  kam  hinzu,  daß  etwa  um  dieselbe
Zeit  die  Tataren  die  alten  russisch-indischen  Wege  versperrten.  Von  selbst  mußte  sich
die  Frage  aufdrängen,  ob  kein  anderer  Weg  als  über  die  Levante  oder  durch  Mittelasien
nach  Indien  erschlossen  werden  könnte.  Den  Portugiesen  war  es  beschieden,  diese  große
geographische  Aufgabe  glücklich  ihrer  Lösung  entgegenzuführen.  Portugal  hatte  bisher  von
seiner  günstigen  Lage  am  Meer  wenig  Vorteil  gehabt  und  im  Weltverkehr  eine  nur  sehr
untergeordnete  Rolle  gespielt.  Weder  mit  der  wichtigen  Hansa  noch  mit  den  Handelsstädten ­
  des  Mittelmeers  hatten  die  Portugiesen  bis  dahin  in  Wettbewerb  zu  treten  vermocht. ­
  Streng  achteten  die  Venezianer  darauf,  daß  die  von  ihnen  nach  den  Niederlanden
ausgeführten  Waren  nicht  auf  den  Zwischenmarkt  in  Lissabon  gebracht  wurden.  Mit
einem  Schlag  änderten  sich  die  Verhältnisse,  als  Vasco  de  Gama  im  Jahre  1497  das
Streben  nach  einem  neuen  Weg  nach  Indien  durch  die  Umschiffung  Afrikas  glücklich
erfüllte.  Lissabon  trat  als  Handelsplatz  immer  mehr  in  den  Vordergrund.
Die  Entdeckung  Amerikas  (1492)  hatte  in  Vevbindung  mit  der  5  Jahre  später
eingetretenen  Landung  der  ersten  portugiesischen  Flotte  (unter  Vasco  de  Gama)  in  Kalikuta
eine  weitreichende  Umwälzung  auf  dem  Gebiete  des  Verkehrs,  des  Handels  wie  überhaupt ­
  in  den  Weltverhältuissen  im  Gefolge.  Mit  dem  Hinzutreten  der  Neuen  Welt  und
der  hierdurch  eintretenden  Befahrung  der  gesamten  Erde  mußte  der  Welthandel  im
alten  Sinne,  d.  h.  die  Verkehrsvermittelung  zwischen  den  beiden  äußersten  Enden  des
bis  dahin  bekannt  gewesenen  Länderkreises  sein  Ende  erreichen.  Zu  den  von  den  neuen
Verhältnissen  in  sehr  günstiger  Weise  betroffenen  Ländern  gehörten  neben  Portugal  und
Spanien  namentlich  die  Niederlande  und  England.
Jahrhunderte  hindurch  war  die  Nordsee  von  weit  geringerer  Bedeutung  für  den
Seeverkehr  als  das  baltische  Meer  gewesen.  Noch  im  15.  Jahrhundert  soll  beispielsweise
die  Bürgerschaft  Londons  nur  4  Seeschiffe  besessen  haben,  deren  Tragfähigkeit  120  t
erreichte.  Hatte  Flandern,  sehr  zu  dem  Mißvergnügen  der  italienischen  Seestädte,  bereits
früher  begonnen  mit  Lissabon  in  direkte  Handelsbeziehungen  zu  treten,  so  nahm  dieser
Handel  nunmehr  einen  größeren  Umfang  an.  Als  die  Portugiesen  sich  zum  Herrn  der
gesamten  indischen  Meere  gemacht  hatten  —  in  ihren  Händen  befand  sich  Goa,  Ormns,
4*
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        28  Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

der  Haupthafenplatz  am  Persischen  Meerbusen,  die  Insel  Socotcra  am  Eingang  des  Roten
Meeres  —  war  den  Venezianern  die  Warenzufuhr  abgeschnitten,  und  auch  sie  wurden
auf  den  Markt  von  Lissabon  angewiesen.
Da  auch  die  Mameluken  in  Ägypten  die  Schmälerung  ihrer  Einnahme  stark  verspürten, ­
  so  ward  es  den  Venezianern  nicht  schwer,  die  Herrscher  von  Ägypten,  Jemen,
Arabien  und  Guzerate  zu  einem  Kriegszuge  in  den  indischen  Gewässern  gegen  die  Portugiesen ­
  zu  bewegen.  Das  Unternehmen  war  jedoch  nicht  von  dem  gewünschten  Erfolg
gekrönt.  Mit  dem  Einzug  der  Türken  unter  Selim  in  Kairo  und  dem  Ende  der  Mamelukenherrschaft ­
  am  Nil  erreichte  auch  der  Zwischenhandel  am  Nildelta  sein  Ende.  Das
stolze  Venedig  sank  immer  tiefer,  und  das  Mittelmeer  verödete  mit  seinem  Niedergang
immer  stärker,  wogegen  der  Schiffsverkehr  im  Atlantischen  Ozean,  nicht  am  wenigsten
durch  die  Entdeckung  Amerikas  eine  ständig  wachsende  Bedeutung  gewann.  Die  immensen
Vorteile,  welche  die  Auffindung  des  Seewegs  nach  Ostindien  für  die  Portugiesen  im
Gefolge  hatte,  traten  nicht  in  gleicher  Weise  sofort  für  die  Spanier  durch  die  Entdeckung ­
  Amerikas  hervor.  Die  Bevölkerung  des  neu  entdeckten  Erdteils  stand  ans  einer
weit  niedrigeren  Stufe  der  Kultur  als  die  Bewohner  Ostindiens.  Weder  die  Bebauung
und  die  Ausbeutung  des  Bodens,  noch  die  industriellen  Fertigkeiten  der  Bewohner  ließen
den  Vergleich  mit  jenem  Lande  zu.  Das  Trachten  der  Spanier  ging,  nachdem  die  ersten
Entdecker  als  Frucht  ihrer  Abenteuer  Goldkörner  mit  nach  Hause  gebracht  hatten,  in
immer  stärkerem  Grade  auf  die  Gewinnung  der  edlen  Metalle,  Gold  und  Silber.  Die
Gier  nach  Edelmetallen  überwucherte  alle  anderen  Bestrebungen,  und  von  ihr  wurden
alle  ergriffen,  die  in  spanische  Dienste  traten.  Aber,  wie  so  vielfach  im  Leben,  so  auch
hier,  der  ungeheuere  und  unerwartete  Reichtum  erwies  sich  als  eine  verhängnisvolle  Gabe.
Nicht  länger  als  ein  Jahrhundert  dauerte  die  Periode  des  Glanzes  und  der  Macht,  in
welcher  Spaniens  Handelsbeziehungen  diejenigen  aller  anderen  Länder  an  Wichtigkeit  und
Bedeutung  übertrafen.  Unter  der  schimmernden  Hülle  verödete  das  Land,  verfiel  seine  Industrie, ­
  ging  der  Ackerbau  zu  Grunde,  verbarg  sich  die  Armut  und  das  Elend  des  Volkes.
Während  sowohl  Spanien  als  das  seit  1580  mit  der  spanischen  Krone  vereinte
Portugal  sich  nicht  lange  ihrer  Handelsherrlichkeit  erfreuten,  wußten  die  Niederländer
und  Engländer  sich  die  veränderten  Verhältnisse  dauernder  zu  nutze  zu  machen.  Durch
den  regen  Verkehr  mit  den  Portugiesen  bildeten  sich  die  Häfen  der  Niederlande:  Brügge,
Gent,  Antwerpen  zu  bedeutenden  Stapelorten  aus,  nach  denen  die  spanischen  und
portugiesischen  Schiffe  die  Waren  aus  Indien  und  dem  südlichen  Europa  und  die  Ostseefahrer ­
  die  Waren  aus  Rußland  und  den  nördlichen  Ländern  brachten,  und  nach  welchen
Orten  die  kostbaren  Weine  des  Rheins  und  der  Mosel,  sowie  das  Holz  der  deutschen
Hochwälder  geschafft  wurden.  Antwerpen  wurde  unter  Karl  dem  Fünften  die  erste
Handelsstadt  der  Welt.  Im  ersten  Jahrhundert  scheint  hier  schon  ein  Anladeplatz  gewesen
zu  sein,  am  Ende  des  10.  Jahrhunderts  wurde  eine  Burg  errichtet,  aber  erst  mit  dem
13.  Jahrhundert  nahm  Antwerpen  den  Charakter  als  wirkliche  Stadt  an,  die  infolge  der
günstigen  Wasserverhältnisse  der  Schelde  immer  mehr  aufblühte.  Bis  zum  Ende  des
15.  Jahrhunderts  verdankten  die  niederländischen  Städte  ihren  aufblühenden  Zustand
jedoch  nicht  der  merkantilen  Rührigkeit  sondern  der  Industrie.
Bis  über  die  Mitte  des  Mittelalters  hinaus  waren  Städte,  die  durch  eine  kurze
künstliche  Wasserstraße  mit  dem  Meere  in  Verbindung  standen,  Plätzen  gegenüber,  welche
direkt  am  Meere  oder  an  buchtenartigen  Erweiterungen  von  Flüssen  lagen,  keineswegs
im  Nachteil.  Die  Seeschiffe  dieser  Zeit  besaßen  verhältnismäßig  unbedeutende  Dimensionen, ­
  und  deren  geringer  Tiefgang  bedingte  daher  nicht  den  enormen  Arbeitsaufwand,
wie  solcher  bei  gleicher  Lage  heute  erforderlich  ist,  gehört  doch  jetzt  die  Herstellung  der
großen  Seekanäle  mit  zu  den  bedeutendsten  technischen  Leistungen.  Die  Zeit  selbst  war  in
dieser  Periode  auch  noch  nicht  ein  so  kostbares  Gut  wie  gegenwärtig,  und  man  erblickte
in  einer  Verlängerung  der  Fahrzeit  und  in  der  Vornahme  von  Umladungen  auf  dem
Transport  nicht  einen  so  großen  Nachteil  wie  wir  heutzutage.
Durch  die  Kriege  mit  den  Spaniern  (unter  Philipp  II)  sank  die  Größe  und  Handelsblüte ­
  Antwerpens  dahin,  und  an  die  Stelle  dieser  Stadt  trat  die  Hauptstadt  der  jungen
        <pb n="32" />
        29

Die  niederländischen  Städte  bis  zum  17.  Jahrh.  —  England.

Republik,  Amsterdam.  Während  Antwerpen  nur  immer  Zwischenplatz  gewesen  war,
befand  sich  Amsterdam  bald  im  Besitze  einer  Handelsflotte,  wie  sie  in  Europa  noch  nie
gesehen  worden  war.  In  Holland  fanden  die  vertriebenen  oder  dem  spanischen  Joche
freiwillig  entflohenen  Fabrikanten  und  Handeltreibenden  der  spanischen  Niederlande  Aufnahme. ­
  Der  kühne  Unternehmungsgeist  der  Holländer  ließ  sie  mit  beiden  Indien  direkte
Handelsbeziehungen  anknüpfen.  Amsterdam  wurde  die  Handels-Metropole  Europas,
und  die  Reichtümer,  welche  daselbst  erworben  wurden,  übertrafen  alles  früher  Dagewesene.
Mit  dem  17.  Säkulum  erreichten  Handel  und  Schiffahrt  in  den  Niederlanden  ihre
höchste  Blüte.
In  der  zweiten  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts  sank  die  holländische  Republik  von  ihrem
Höhepunkt  herab.  Die  von  Oliver  Cromwell  im  Jahre  1651  erlassene  Navigationsg.

  Pont  du  Nrguinuyc  ;n  Ariigge.

alte  war  der  härteste  Schlag.  Nach  diesem  Gesetz  durften  fortan  die  in  englischen  Häfen
einlaufenden  fremden  Schiffe  nur  Waren,  welche  in  ihrem  eigenen  Lande  gebaut  oder
verfertigt  waren,  einführen.  Den  Holländern  war  hiermit  die  Möglichkeit  abgeschnitten,
die  bisher  betriebene  lebhafte  Frachtschiffahrt  und  den  Handel  zwischen  England  und
dessen  Kolonien  sowie  mit  den  europäischen  Ländern  fortzusetzen.  England  trat  an  die
Stelle,  welche  bisher  die  Niederlande  im  Welthandel  eingenommen  hatten,  London
besaß  fortan  die  Bedeutung,  die  bisher  Amsterdam  gehabt  hatte.
England  hatte  jahrhundertelang  gleichsam  abseits  von  der  Welthandelsstraße
gelegen.  Weder  seine  Schiffahrt  noch  feine  Industrie  wies  eine  besondere  Leistungsfähigkeit ­
  auf.  Bis  fast  gegen  Ende  des  17.  Jahrhunderts  ward  England  besonders  aus
Schweden  und  Deutschland  mit  Eisen  versorgt.  Kleiderstoffe  bezog  England  bis  zur
Mitte  des  16.  Jahrhunderts  aus  Belgien,  Seide  aus  Frankreich  und  Messerwaren  aiw-Italien.
  Nur  langsam  vollzog  sich  in  diesen  Verhältnissen  eine  Umwandlung.  Durch
die  Vermehrung  der  Beziehungen  mit  den  aufblühenden  Kolonien  in  Nordamerika,  in
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        30

Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.
welchem  Lande  sich  eine  Anzahl  am  Meere  belegene  Orte  wie  Charlestown,  Philadelphia,
New  Jork,  Boston,  Quebek  in  verhältnismäßig  kurzer  Zeit  zu  angesehenen  Handelszentren
entwickelten,  trat  allmählich  eine  Verschiebung  in  den  bisherigen  Handelsverhältnissen
Englands  ein.  An  die  Stelle,  welche  bis  dahin  Bristol  innegehabt  hatte,  trat  Liverpool, ­
  das  sich  in  rascher  Folge  zur  dritten  Stadt  des  Landes  erhob.  Gleichzeitig  mit
der  Entwickelung  Liverpools  nahm  das  Hinterland  dieses  Ortes  einen  außerordentlichen
Aufschwung.  Durch  die  Erfindung  der  Erzausbringuug  mittels  Steinkohle  erhielten  die
„schwarzen  Diamanten"  eine  bis  dahin  nicht  geahnte  Bedeutung.  Diese  wichtige  Erfindung
war  gegen  das  Jahr  1620  von  Dud  Dudley  gemacht  worden,  aber  erst  in  der  Mitte
des  17.  Jahrhunderts  wurde  die  Kohlenverwendung  im  Eiseuhüttenbetricb  allgemeiner.
Die  Steinkohle  wurde  allmählich  ein  Hauptfaktor  für  das  gesamte  Jndustriewesen,  und
deren  Gewinnung  nahm  einen  immer  größeren  Umfang  an.  Im  18.  Jahrhundert  begann
in  England  jene  Entwickelungsperiode,  welche  die  für  die  heutigen  Verhältnisse  grundlegenden ­
  Leistungen  und  Erzeugnisse  schuf.
In  einer  bewunderungswerten  Art  und  Weise  arbeiteten  sich  während  der  hier  in
Betracht  kommenden  Jahrzehnte  in  England  die  einzelnen  Zweige  der  Jngenieurtechnik  in
die  Hände.  Während  1740  die  Eisenproduktion  Englands  nur  17  130  t  betragen  hatte,
stieg  sie  im  Jahre  1796  bereits  auf  127  200  t.  Von  besonders  weitreichendem  Einflüsse
erwies  sich  die  Wattsche  Dampfmaschine;  durch  sie  konnten  die  zahlreichen  in  diese  Zeit
fallenden  Erfindungen,  besonders  diejenigen  auf  dem  Gebiete  des  Spinnens  und  Webens,
voll  ausgenutzt  werden.  Diese  Entwickelung  übte  nach  den  verschiedensten  Richtungen  hin
ihren  Einfluß  aus.  Auf  die  Beschleunigung  dieses  Prozesses  wirkten  die  sich  anbahnenden
Umbildungen  in  den  staatlichen  Anschauungen  mächtig  ein.  Immer  allgemeiner  erkannte
man,  daß  man  in  der  Förderung  von  Handel  und  Industrie  ein  Mittel  zur  Vermehrung
der  staatlichen  Einnahmen  und  zur  Hebung  des  Nationalwohlstandes  besaß,  und  immer
klarer  ward  der  Menschheit  die  Erkenntnis,  daß  die  vorhandene  Armut  auf  das  innigste
mit  den  unausgebildeten  Verkehrsverhältnissen  zusammenhing,  daß  die  Mangelhaftigkeit
derselben  die  Ursache  der  gering  entwickelten  Jndustriethätigkeit  war  und  einem  Gedeihen
der  Landwirtschaft  auf  das  feindlichste  entgegenstand.
Bei  der  Bedeutung  Englands  für  die  Ausbildung  der  modernen  Jngenieurtechnik
und  damit  des  heutigen  Verkehrswesens  ist  es  gerechtfertigt,  die  Verhältnisse  dieses  Landes
etwas  eingehender  zu  betrachten,  um  die  während  der  letzten  beiden  Jahrhunderte  vorgegangenen ­
  Umwandelungen  in  den  Verhältnissen  der  Menschheit  klar  zu  erkennen.
Der  Anblick,  den  England  im  17.  und  während  des  größeren  Teiles  des  18.  Jahrhunderts ­
  darbot,  hebt  sich  gewaltig  von  dem  Bilde  ab,  welches  das  moderne  England
gewährt.  Noch  nirgends  erhoben  sich  in  jener  Zeit  im  Lande  Fabrikschlote,  die  Luft  zeigte
noch  keine  Verunreinigung,  und  die  reine  und  kräftige  Luft  übte  gleichsam  eine  einschläfernde
Wirkung  auf  die  Bevölkerung  aus.  Nirgends  offenbarte  sich  etwas  von  der  Hast  und  Eile
unserer  Tage.  Langsam  und  doch  nicht  sicher  bewegten  sich  die  wenigen  Wagen  auf  den
nicht  zahlreichen  Straßen.  Die  Räuber  spielten  bis  zum  18.  Jahrhundert  eine  große
Rolle,  der  berittene  Räuber  befand  sich  auf  jeder  Hauptstraße,  und  es  ist  nur  zu  erklärlich,
daß  Räubergeschichten  stets  gern  und  gläubig  angehört  wurden.
Wie  in  anderen  Ländern,  so  waren  auch  in  England  die  Flüsse  in  früheren  Zeiten
durch  Wasserfänge  und  Dämme  für  die  Schiffahrt  unbrauchbar  gemacht  worden.  Jedoch
bereits  im  Jahre  1351  war  in  diesem  Lande  in  rücksichtslosester  Weise  die  Entfernung
aller  Schiffahrtshindernisse  zur  Durchführung  gekommen,  ohne  daß  den  Betroffenen
eine  Entschädigung  gewährt  worden  war.  Im  Jahre  1427  wurden  für  die  Regulierung ­
  der  Flüsse  und  zur  Beseitigung  der  Überschwemmungsgefahr  fünf  Kommissionen
eingesetzt,  die  eine  unumschränkte  Vollmacht  erhielten.  Die  Thätigkeit  dieser  Kommissionen
erstreckte  sich  auf  den  Lea,  die  Themse,  den  Severn  und  das  Stour-Flüßchen.  Mit  dem
Regierungsantritte  Marias  (1553)  trat  in  der  Entwickelung  des  englischen  Wasserstraßenwesens ­
  ein  Stillstand  ein,  und  erst  die  Rückkehr  der  Stuarts  nach  Cromwells  Tode  (1658)
brachte  einen  erneuten  Aufschivung.  Die  Regulierung  des  Wiltshire-Avon-Flusses  leitete
die  neue  Ära  eiu.  Die  Schiffbarmachung  des  Medway  ist  deshalb  besonders  erwähnenswert, ­
  weil  hierbei  zum  erstenmal  diejenige  Form  der  „Jnslebenrufung"  derartiger
        <pb n="34" />
        31

Englands  Verkehrswege  im  Mittelalter.
Unternehmungen  Anwendung  fand,  der  in  der  Folgezeit  die  weitaus  größte  Zahl  der
englischen  Wasserstraßen  ihre  Ausnutzungsfähigkeit  verdankte.  Im  Jahre  1660  traten
nämlich  eine  Anzahl  der  an  der  Schiffahrt  auf  dem  Medway  Jnteressierteu  zusammen
und  beantragren  beim  Parlament  die  Genehmigung  zur  Regulierung  durch  Vertiefuug,
Erweiterung  und  Geradelegung  des  Flußbettes.  Als  Äquivalent  erbaten  sich  die  Unternehmer ­
  die  Erlaubnis  zur  Erhebung  gewisser  Zölle.  Im  Jahre  1664  wurde  die  parlamentarische ­
  Sanktion  erteilt.  Im  Anschlüsse  und  in  Anlehnung  an  dieses  Unternehmen
ward  in  der  Folgezeit  die  Regulierung  der  Flüsse  Bure,  Aare,  Avon,  Frome,  Fal,  Val,
Wavenay,  Aire  und  Calder  beschafft.
Englands  Bedeutung  in  der  Geschichte  des  Verkehrs  liegt  zwar  in  erster  Linie
auf  dem  Gebiete  der  Schiffahrt,  immerhin  ist  dieses  Eiland  von  einer  Größe,  daß  auch
der  innere  Verkehr,  wenn  auch  von  untergeordneter  Bedeutung,  die  Schaffung  von  Verbindungswegen ­
  bedingte.  In  früherer  Zeit  war  England  ein  ackerbautreibender  Staat,
und  der  Pflege  der  Landstraßen  mußte  aus  diesem  Grunde  Beachtung  geschenkt  werden.

10.  Uirdrrlagegcbiiudr  in  Birmingham  1780.  Nach  Hagrere.

Die  ältesten  Wege  Englands  waren  die  sogenannten  Spur-  oder  Rainwege.  Dieselben
folgten  den  natürlichen  Rainen  des  Landes  und  mögen  in  früheren  Zeiten  als  örtliche
Grenzen  gedient  haben.  Wie  in  anderen  Ländern,  so  ergingen  auch  in  England  von  den
Herrschern  zahlreiche  Befehle,  welche  sich  auf  die  Anlegung  und  Unterhaltung  der  Wege
bezogen.  Nach  der  Verfügung  Heinrichs  I.  (gest.  1135)  sollten  die  Hauptstraßen  so  breit
sein,  daß  sich  zwei  Wagen  ausweichen  konnten.  Ein  Gesetz  aus  dem  Jahre  1285  ordnete
die  Entfernung  der  Bäume  und  Büsche  längs  der  Straßen  in  einem  beiderseitigen  Abstand
von  200  Fuß  an.  Es  geschah  dieses,  um  die  den  Passanten  durch  Räuber  drohenden
Gefahren  abzuschwächen.  Die  Wegeverhältnisse  Englands  blieben  trotz  aller  Bemühungen
im  allgemeinen  das  ganze  Mittelalter  hindurch  sehr  trostlose  und  ließen  auch  späterhin
sehr  viel  zu  wünschen  übrig.  Selbst  noch  bis  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  waren
die  nach  Birmingham,  eine  der  regsamsten  Städte  des  Königreiches,  führenden  Wege  durch
die  Hufe  der  Packpferde  und  durch  die  Regengüsse  in  dem  sandigen  Boden  derartig  ausgetieft, ­
  daß  sie  stellenweise  12  bis  14  Fuß  unter  Geländefläche  lagen  und  man  von  den
Reisenden  sagte,  sie  näherten  sich  der  Stadt  in  Minen.  Der  Schriftsteller  Arthur  Joung
erklärte  noch  um  das  Jahr  1780,  daß  es  im  Winter  wohl  gleich  viel  kosten  dürfte,  ob
man  die  Wege  fest  oder  schiffbar  mache.  Selbst  auf  den  besten  Verbindungsstraßen  waren
durch  die  Wagen  tiefe  Gleise  eiugeschnitten.  Die  Abhänge  waren  steil  und  der  Weg
meistens  derart,  daß  er  in  der  Dunkelheit  von  dem  anliegenden  Heide-  und  Sumpfland
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Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

kaum  zu  unterscheiden  war.  Nur  bei  schönem  Wetter  war  die  ganze  Wegebreite  für  Räderfuhrwerk ­
  zu  gebrauchen.  Meistens  lag  rechts  und  links  tiefer  Kot,  und  nur  ein  schmaler
Streifen  festen  Bodens  erhob  sich  über  dem  Sumpfe.  Bei  einer  solchen  Wegebeschaffenheit
war  es  unvermeidlich,  daß  häufig  Wegeversperrungen  und  Zänkereien  vorkamen  und  daß
nicht  selten  der  ganze  Weg  lange  Zeit  hindurch  von  Fuhrleuten  besetzt  war,  von  denen
keiner  ausweichen  wollte.  Alltäglich  saßen  die  Kutscher  fest,  aus  einem  benachbarten  Pachthause ­
  mußte  alsdann  ein  Gespann  herbeigeschafft  werden,  um  den  Wagen  aus  dem  Schlamme
herauszuarbeiten.  Das  Reisen  auf  solchen  Wegen  war  mit  den  denkbar  größten  Unbequemlichkeiten ­
  verbunden.  Die  große  Straße  durch  Wales  nach  Holyhead  war  in  einem  solchen
Zustande,  daß  der  Vizekönig  im  Jahre  1685  fünf  Stunden  brauchte,  um  22  */ 3  Kilometer
zurückzulegen.  In  Conway  wurden  die  Wagen  auf  jener  Strecke  gewöhnlich  auseinander
genommen  und  auf  den  Schultern  stämmiger  wallisischer  Bauern  bis  zur  Menaistraße
getragen.  An  dem  schlechten  Zustande  der  Straßen  war  nicht  am  wenigsten  der  Umstand
schuld,  daß  die  Kirchspiele  die  sie  durchziehenden  Straßen  zu  bauen  und  zu  unterhalten
hatten.  Die  Bauernschaft  mußte  sechs  Tage  im  Jahre  unentgeltlich  daran  arbeiten.  Genügte ­
  deren  Leistung  nicht,  so  wurden  gemietete  Arbeitskräfte  benutzt  und  die  Kosten  durch
eine  Kirchensteuer  gedeckt.  Es  war  unleugbar  eine  Ungerechtigkeit,  daß  die  Landstraßen
zwischen  den  Städten  auf  Kosten  der  zwischen  ihnen  liegenden  zerstreuten  ländlichen  Bevölkerung ­
  unterhalten  wurden.  Nach  der  Restauration  wurde  ein  Landstraßengesetz  erlassen, ­
  wonach  von  den  Reisenden  und  für  Waren  eine  Abgabe  zu  entrichten  war.  Gleichzeitig ­
  wurde  durch  Parlamentsbeschluß  die  Einführung  von  Schlagbäumen  festgesetzt.
Das  Volk  wollte  jedoch  den  damit  geschaffenen  Zoll  nicht  tragen  und  zerstörte  die  Schlaggitter ­
  zu  wiederholten  Malen.
Alle  diese  Umstände  trugen  in  England  in  gleicher  Weise,  wie  solches  für  andere
Länder  zutrifft,  dazu  bei,  daß  das  Verkehrsleben  im  Inneren  des  Landes  sehr  wenig
ausgebildet  und  daß  den  wenigsten  Menschen  ein  Hinaustreten  aus  dem  Orte  ihrer  Geburt
beschieden  war.  Der  Mangel  an  brauchbaren  Wegen  beherrschte  das  gesamte  Leben  und
drückte  ihm  seinen  Stempel  auf.  Eng  umgrenzt  war  der  Blick  des  einzelnen,  und  die
Welt  mit  ihrem  Getriebe  Ivar  für  die  meisten  Menschen  ein  unanfgeschlossenes  Land.  Nur
selten  drang  von  auswärts  eine  Kunde,  und  die  Ereignisse  waren  am  Thatorte  fast  vergessen, ­
  wenn  die  Nachricht  davon  nach  den  entlegenen  Stätten  gelangte.  Die  Kirchturmspolitik ­
  und  der  Lokalpatriotismus  konnten  sich  zur  höchsten  Blüte  entfalten,  jeder  konnte
mit  Recht  seine  Ortsverhältnisse  für  die  besten  und  schönsten  der  Welt  halten,  da  er  von
den  übrigen  nichts  sah,  selten  etwas  hörte.  Leicht  war  es,  dem  Leben  einen  patriarchalischen
Charakter  zu  wahren,  Meister  und  Gesellen  wohnten  unter  einem  Dache  und  aßen  aus
einer  Schüssel.  Die  Lebenserfahrungen  des  einzelnen  waren  gering,  Sitten  und  Gewohnheiten ­
  nicht  der  feinsten  Art.
Infolge  der  durch  die  schlechte  Beschaffenheit  der  Wege  verursachten  hohen  Transportkosten ­
  mußte  der  größte  Teil  der  Menschen  auf  Hunderte  von  Gegenständen  verzichten,
deren  Benutzung  heute  als  selbstverständlich  gilt.  Selbst  viele  Edelleute  besaßen  im
17.  Jahrhundert  noch  nicht  viel  mehr  als  Bett,  Tisch,  Stuhl  und  Truhen.  Die  Bequemlichkeit ­
  war  unzähligen  Menschen  ein  nngekannter  Genuß.  Dem  Leben,  welches  gleichmäßig ­
  dahinfloß,  war  zwar  die  Nervosität  unserer  Zeit  nicht  eigen,  ihm  fehlte  aber  auch
das  meiste,  wodurch  uns  dasselbe  reizvoll  erscheint.  Die  wenigen  Gegenstände  des  täglichen ­
  Gebrauches  waren  äußerst  einfach  und  unausgebildet.  Die  Töpferei  befand  sich
aus  ihrer  kunstlosesten  Stufe,  Holz-,  Zinn-  und  selbst  Ledergefäße  bildeten  den  Hauptteil
der  Hausstandsgegenstände  und  die  Tischgeräte  von  wohlhabenderen  und  gebildeten
Familien.  Hausierer,  welche  gleichzeitig  die  Beförderer  der  Nachrichten  von  Ort  zu  Ort
waren,  versahen  die  Bewohner  mit  den  erforderlichen  Waren,  in  den  meisten  Ortschaften
gab  es  keine  Läden.  Die  land-  und  forstwirtschaftlichen  Erzeugnisse  konnten  nur  in  ungenügender ­
  Weise  verwertet  werden.  In  Schottland,  welches  Land  reich  an  gutem  Bauholz ­
  ist,  brachte  man  nur  die  Baumrinden  ans  dem  Rücken  der  Pferde  nach  der  Stadt
und  ließ  das  übrige  verfaulen.  Auf  dem  Rücken  der  Pferde  mußten  Korn  und  Wolle
fortgeschafft  werden,  und  mittels  Tragkörben  empfing  London  einen  erheblichen  Teil  seiner
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        33

England  irrt  17.  u.  18.  Jahrhundert.

Lebensmittel.  In  Körben  schleppte  man  den  Dnng  auf  die  Felder,  und  in  Körben  wurden
die  Steinkohlen  aus  den  Gruben  geholt.  Nicht  selten  herrschte  im  Winter  ein  Mangel  an
Feuerungsmaterial,  trotzdem  ungeheure  Kohlenmengen  im  Boden  Englands  lagerten.
Selbst  Manchester,  in  dessen  fast  unmittelbarer  Nähe  sich  ausgedehnte  Kohlenlager  befinden,
war  nur  zu  oft  nicht  genügend  hiermit  versorgt.  Dem  Transporte  auf  der  wenige  Meilen
langen  Flußstrecke  standen  scheinbar  unüberwindliche  Hindernisse  im  Wege.  Hierdurch
stieg  der  Preis  der  Kohlen  in  Manchester  gewöhnlich  auf  mehr  als  das  Doppelte  ihres
Wertes  an  der  Gewinnungsstelle.  Teuerungen  und  Hungersnot  waren  an  der  Tagesordnung, ­
  und  fast  ausschließlich  müssen  dieselben  den  mangelhaften  Wegeverhältnissen  zugeschrieben ­
  werden.  Die  unaufgeklärte  Menge  machte  nur  zu  häufig  Kornhändler,  Müller
und  Bäcker  dafür  verantwortlich  und  nahm  blutige  Rache  an  denselben.
Nicht  besser  als  die  Wege  waren  die  Transportmittel.  Die  Wagen  besaßen  noch
immer  keine  Federn,  und  diese  eine  Thatsache  läßt  erkennen,  daß  das  Reisen  selbst  bei
besseren  Wegeverhältnissen  kein  Vergnügen  bereitet  hätte,  unter  den  obwaltenden  Umständen
aber  als  eine  heroische  Handlung  zu  betrachten  war.  Wenn  man  konnte,  legte  man  daher
auch  in  England  die  Reise  zu  Pserde  zurück.  Der  Wagen  der  Königin  Elisabeth  soll
einer  der  ersten  in  England  gewesen  sein.  Unter  der  Regierung  Jakobs  wurden  bedeckte
Wagen  eingeführt,  in  welchen  Reisende  befördert  wurden.  Diese  Wagen  durchfuhren
an  den  längsten  Sommertagen  zwei  bis  drei  deutsche  Meilen.  Unmittelbar  nach  der
Restauration  ging  eine  Diligence  von  London  nach  Oxford;  sie  gebrauchte  für  diese  Strecke
zwei  Tage.  Die  Passagiere  übernachteten  in  Beaconsfield.  Im  Jahre  1669  wurde  eine
kühne  Neuerung  versucht.  Die  „fliegende  Kutsche"  legte  die  Reise  zwischen  Sonnenaufgang
und  -Untergang  zurück.  Auch  nach  Einführung  der  sogenannten  Landkutschen  kam  es
noch  häufig  vor,  daß  die  Fahrgäste  ausstiegen  und  den  größten  Teil  des  Weges  marschierten.
Die  Einführung  der  Landkutschen  muß  als  ein  erheblicher  Fortschritt  auf  dem  Gebiete
der  Verkehrsvermittelung  betrachtet  werden,  und  diese  Neuerung  rief,  wie  jede  derartige
Erscheinung,  einen  gewaltigen  Sturm  hervor.  Die  Neuerung  wurde  für  das  größte  Mißgeschick ­
  erklärt,  welches  sich  je  in  England  ereignet  habe.  Nicht  nur  für  das  Publikum
selbst  seien  die  Landkutschen  ein  Unglück,  so  behaupteten  deren  Gegner,  sondern  für  den
gesamten  Handel,  den  sie  unbedingt  zerstören  würden.  Die  Gegner  führten  aus,  daß  sich
die  Reisenden  in  der  Zukunft  keine  Schwerter  und  Pistolen  mehr  zu  kaufen  brauchten
und  daß  deren  Kleider  so  sehr  geschont  würden,  daß  eine  Erneuerung  viel  seltener  erforderlich ­
  wäre,  wie  auch  der  Verbrauch  von  Wein  und  Bier  in  den  Gasthöfen  bedeutend
geringer  werden  müßte.  Die  Menschheit  selbst,  so  hieß  es,  würde  verweichlichen,  da  das
Reiten  abkäme  und  damit  die  Menschen  entwöhnt  würden,  Frost,  Hitze,  Schnee  oder
Regen  zu  ertragen,  wie  dieselben  überhaupt  nicht  mehr  in  die  beneidenswerte  Lage  versetzt ­
  würden,  auf  den  Feldern  kampieren  zu  müssen.  Um  das  Riesenhaftd  des  bevorstehenden
nationalen  Niederganges  darzuthun,  wurde  angeführt,  daß  zwischen  den  Städten  Jork,
Chester,  Exeter  und  London  nicht  weniger  als  36  Personen  wöchentlich  reisten,  was  im
Jahre  die  enorme  Zahl  von  1872  Personen  ergebe!
Direkte  Verbindungen  zwischen  London  und  den  bedeutendsten  Städten  des  Landes
wurden  zum  größten  Teile  erst  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  eingerichtet.  Zwischen
Birmingham  und  London  wurde  1747  eine  solche  geplant.  Eine  Kutsche  sollte  in  zwei
Tagen  den  Weg  zurücklegen,  d.  h.  wenn  dessen  Zustand  es  erlaubte.  Im  Jahre  1755
bestand  noch  keine  Verbindung  zwischen  Glasgow  und  London.  Watt,  welcher  um  diese
Zeit  zwischen  den  beiden  Orten  reiste,  mußte  den  Weg  zu  Pferde  zurücklegen  und  brauchte
vierzehn  Tage  dazu.  Daß  unter  solchen  Umständen  in  Glasgow,  welche  Stadt  keine  eigene
Zeitung  besaß,  eine  Londoner  Zeitung,  die  acht  Tage  alt  war,  als  eine  Neuigkeit  angesehen ­
  wurde,  kann  wohl  als  selbstverständlich  betrachtet  werden.  Zwischen  Liverpool
und  Manchester  lief  erst  1767  eine  Landkutsche.  —  Um  das  Jahr  1700  brauchte  man
nach  London:  von  Jork  acht  Tage,  von  Turnbridge  Wells,  welcher  Ort  jetzt  in  einer
Stunde  erreichbar  ist,  zwei  Tage,  von  Dover  drei  Tage,  von  Exeter  fünf  Tage.  Im
Jahre  1763  brauchte  noch  die  Landkntsche,  welche  monatlich  einmal  von  Edinburg  nach
London  fuhr,  zur  Znrücklegung  des  Weges  zwölf  bis  achtzehn  Tage.
IX  5
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        Z4  Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

11.  Lagepla»  des  Kridgewater-Kanals,  drs  Monchrstrr-Srrkanals  und  drr  Eisenbahn.

Ähnlich  lvaren  die  Verhältnisse  in  anderen  Ländern.  In  Deutschland  war  die
gewöhnliche  Landpost  auch  noch  in  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  ein  sehr  langsames,
unbehilfliches  Beförderungsmittel.  Wer  bequem  reisen  wollte,  nahm  Extrapost.  Kunststraßen ­
  waren  bis  zum  Siebenjährigen  Kriege  nicht  vorhanden,  erst  nach  diesem  Kriege
begann  man  in  Deutschland  Chausseen  zu  bauen.  Zu  weiten  Reisen  wurden  nicht  selten
eigene  Wagen  gekauft  und  nach  deren  Beendigung  wieder  verkauft.  Zwischen  Orten  mit
starker  Verbindung  gingen  außer  der  ordinären  Post  auch  konzessionierte  Landkutschen  an
bestimmten  Tagen  und  vermittelten  vorzugsweise  den  Personenverkehr  des  Volkes.  Von
Dresden  nach  Berlin  ging  im  Jahre  1750  alle  14  Tage,  nach  Altenburg,  Chemnitz,
Freiberg,  Zwickau  einmal  wöchentlich  eine  Kutsche.  Die  durchschnittlich  täglich  zurückgelegte ­
  Wegeslänge  betrug  fünf  Meilen.  Wie  Gustav  Freytag  in  seinen  „Bildern  aus
dem  Leben  des  deutschen  Volkes"  berichtet,  fand  Klopstock,  als  er  im  Juli  1750  mit
Gleim  in  leichtem  Wagen,  durch  vier  Pferde  gezogen,  von  Halberstadt  nach  Magdeburg

6  Meilen  in  6  Stunden  fuhr,  diese  Schnelligkeit  so  außerordentlich,  daß  er  sie  mit  dem
Wettlauf  der  Olympischen  Spiele  verglich.
Im  Jahre  1784  war  es,  daß  die  erste  mail-coacli  (nach  Palmers  System)  zwischen
London  und  Bristol  fuhr  und  eine  neue  Ära  auf  dem  Gebiete  der  Verkchrsvermittelung
einleitete,  nachdem  wenige  Jahrzehnte  früher  auf  gewerblichem  und  industriellem  Gebiet
der  im  Vorangegangenen  erwähnte  bedeutungsvolle  Umschwung  eingetreten  war.  Dem
aufblühenden  Handel  und  der  mächtig  aufstrebenden  Industrie  genügten  die  bisherigen
kümmerlichen  Transportverhältnisse  nicht,  Straßen  und  Kanäle  kamen  in  großer  Zahl
zur  Ausführung.  Im  besonderen  Maße  machte  sich  das  Bedürfnis  nach  einer  allen  Ansprüchen ­
  genügenden  Verbindung  zwischen  Liverpool  und  Manchester  geltend.  Die  Verweigerung ­
  der  Frachtermäßigung  für  die  Boote  des  Herzogs  von  Bridgewater  auf  dem
einer  Gesellschaft  unterstehenden  Mersey  führte  zur  Schaffung  des  Bridgewater-Kanals,
auf  dem  am  17.  Juli  1761  das  erste  Kohlenboot  nach  Manchester  fuhr.  Dieser  Kanal  erwies ­
  sich  für  das  Verkehrswesen  von  besonderer  Bedeutung.  In  England,  in  welchem
Lande  der  Kanalbau  in  der  Folgezeit  einen  außergewöhnlichen  Aufschwung  nahm,  erfolgte ­
  der  Beginn  in  einer  sehr  bescheidenen  Weise.  Zwar  besaß  England  infolge  seines
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        Englands  Kanalbauten.  35
großen  Reichtums  an  Buchten  mit  anschließenden  schiffbaren  Flußstrecken,  d.  h.  seiner
günstigen  natürlichen  Verhältnisse,  frühzeitig  eine  ausgedehnte  Binnenschiffahrt,  doch  war
für  deren  Ausdehnung  tief  in  das  Land  hinein  die  Schiffbarmachung  von  Flüssen  nicht
zu  umgehen.  Derartige  Reguliernngsarbeiten  haben  bereits  auf  S.  30  u.  31  Erwähnung
gefunden.  Im  Jahre  1720  erhielt  eine  Gesellschaft  das  Recht  zur  Schiffbarmachung  des
Jrwell  und  Mersey.  Die  ausgeführten  Arbeiten  bestanden  jedoch  nur  darin,  daß  an  den
ausgewählten  Stellen  hölzerne  Kastenschleusen  angelegt  und  die  seichtesten  Stellen  der
Flußläufe  etwas  ausgetieft  wurden.  An  einigen  wenigen  Stellen  wurden  Ladeplätze  hergestellt. ­
  Weder  eine  Begradigung  des  Flußlaufes  erfolgte,  noch  wurden  Ziehpfade  angelegt.
Trotz  der  schlechten  Beschaffenheit  der  Flußstrecken  bestand  die  Gesellschaft  in  rigoroser
Art  und  Weise  auf  der  Erhebung  der  ihr  vom  Parlament  zugebilligten  Gebühren.
Die  Halsstarrigkeit  der  Mersey  Company,  welche  dem  Herzog  von  Bridgewater,  dem

12.  Alter  Nartlin-Nqnädnlit.

Besitzer  ausgedehnter  Minen,  für  seinen  Gütertransport  keine  Erleichterungen  gewähren
wollte,  führte  zu  der  Anlegung  des  Bridgewaterkanals.  Wenn  auch  dieser  Kanal  nicht
der  erste  in  England  war,  indem  bereits  im  Jahre  1566  John  Trew  einen  solchen
angelegt  hatte,  so  gab  doch  der  genannte  Kanal  erst  den  Anstoß  zu  einer  ausgebreiteten
Thätigkeit  im  Kanalbauwesen.  In  einem  nicht  geahnten  Maße  fand  mit  einem  Schlage
eine  Ausnutzung  der  in  Englands  Boden  aufgehäuften  Schätze  statt,  und  Orte,  die
bisher  außer  aller  Verbindung  mit  der  Außenwelt  gewesen  waren,  entwickelten  sich  in
raschem  Fluge  zu  bedeutenden  Jndustriepunkten.  Muß  auch  dem  Herzog  von  Bridgewater ­
  das  Verdienst  der  Initiative  bezüglich  seines  Kanalprojektes  zugesprochen  werden,
so  trugen  doch  die  Leistungen  des  Ingenieurs  James  Brindley  nicht  wenig  dazu
bei,  die  Aufmerksamkeit  der  damaligen  Welt  ans  diesen  Kanalbau  zu  lenken.  Die  in
ihrer  Entwickelung  mit  Riesenschritten  forteilende  Jngenieurkunst  hat  zwar  seit  der
Erbauung  des,  einst  als  Wunderbau  betrachteten,  den  Kanal  in  einer  Höhe  von  12  in
über  den  Jrwell  führenden  „Barton-Aqnädnkts"  viel  großartigere  und  staunenswertere
Bauten  geschaffen,  doch  darf  bei  der  Beurteilung  der  Leistungen  Brindleys  der  bis
dahin  tiefe  Stand  des  englischen  Jngenieurwesens  nicht  vergessen  werden.  Bevor
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        36

Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

noch  der  Kanal  des  Herzogs  in  der  zuerst  geplanten  Ausdehnung  fertiggestellt  war,
hatte  sein  Besitzer  bereits  erkannt,  daß  es  vorteilhaft  sein  mußte,  einen  Kanal  nach
Manchester  abzuzweigen,  wozu  das  Parlament  1759  seine  Genehmigung  erteilte.  Fortan
entwickelte  Brindley  im  Kaualbau  eine  sehr  ausgedehnte  Thätigkeit,  und  eine  stattliche
Reihe  von  Kanälen  und  anderen  Bauwerken  verdanken  ihm  ihre  Gestaltung.  Brindley
starb  im  Alter  von  56  Jahren  am  27.  September  1772.  Als  seine  Gehilfen  waren
Männer  thätig,  die  durch  ihr  eigenes  späteres  Wirken  ihre  Namen  gleichfalls  unvergeßlich
gemacht  haben;  genannt  seien:  Smeaton,  James  Watt,  Rennie,  Clarke,  Robert
Whitworth,  Jessop,  Telford.
Ein  neues  Arbeits-  und  Ausführungssystem  wurde  in  England  eingeführt.  Große
organisierte  und  disziplinierte  Arbeiterkolonnen  unter  der  Führung  und  im  Dienste  großer
Unternehmer  erschienen  auf  dem  Plane  und  ermöglichten  die  Ausführung  außerordentlicher ­
  Aufgaben,  an  welchen  in  der  folgenden  Zeit  wahrlich  kein  Mangel  war.  In  ununterbrochener ­
  Reihe  und  innerhalb  eines  ungewöhnlich  kleinen  Zeitraumes  traten  Erfindungen ­
  und  Entdeckungen  an  den  Tag  und  bewirkten  auf  den  verschiedenen  Gebieten
Umwandelungsprozesse  von  so  großem  Umfange,  daß  die  Erde  nicht  nur  in  ihren  Berkehrsverhältnissen ­
  eine  neue  Gestaltung  erhielt,  sondern  auch  deren  Bewohner  ein  verändertes
Dasein  begannen.  Wenn  auch  das  Kanalbauwesen  nicht  die  Ursache  dieses  Umwandelungsprozesses ­
  genannt  werden  kann,  so  war  es  doch  ein  Hauptfaktor  bei  dessen  Förderung
und  Begünstigung.  Der  Kanalbau  des  Herzogs  bewirkte  durch  die  durch  ihn  herbeigeführte ­
  Frachtermäßigung  eine  Umgestaltung  des  Transportwesens.  Mit  Recht  wird
daher  diese  Schöpfung  als  ein  Grenzstein  in  dem  Knlturentwickelungsgange  Englands
betrachtet.  Unternehmungsgeist  und  Thatkraft  traten  an  die  Stelle  von  Zaghaftigkeit
und  Unentschlossenheit;  Schöpfungen,  an  welchen  man  bis  dahin  ihrer  Kosten  wegen
nicht  zu  denken  gewagt  hatte,  wurden  nun  in  großer  Zahl  zur  Ausführung  gebracht.
Im  Jahre  1768  begann  unter  Leitung  des  Ingenieurs  Smeaton  mit  einem  Kapitalaufwand ­
  von  3  000  000  Mark  der  größte  Kanal  der  damaligen  Zeit,  der  Kaledonische
Kanal,  der  eine  Verbindung  zwischen  der  Nordsee  und  dem  Atlantischen  Ozean  und  zwar
für  Schottland  schuf.  Dieser  Bau  gilt  als  ein  Meisterwerk  der  Technik.  Watt,  Telford
und  Jessop  waren  als  Ingenieure  thätig.  Bis  1780  wurde  ein  vierfacher  Inlandwasserweg
  von  Meer  zu  Meer  geschaffen.
Durch  die  veränderten  Verhältnisse  konnte  sich  Liverpool  zum  Stapelplatz  des  ganzen
Hinterlandes  entwickeln.  Die  Rohstoffe  wurden  fortan  zu  Wasser  und  billig  aus  dem
Seeschiff  nach  den  verschiedenen  Jndustrieorten  und  die  fertigen  Waren  auf  demselben  Weg
zurückgebracht,  um  nach  allen  Teilen  der  Erde  verschifft  zu  werden.
Der  Ingenieur  Telford  war  der  Mann,  der  auf  dem  Gebiet  des  Wegebaues
reformierend  und  selbstschöpferisch  vorging.  Seine  großen  Straßenbauten  führten  in  den
Verhältnissen  vieler  Gegenden  mancherlei  günstige  Veränderungen  herbei.  Kühne  Brückenbauten ­
  stellten  die  feste  Verbindung  zwischen  bisher  getrennten  Landesteilen  her.  Der
Landstraßenverkehr  erhob  sich  zu  einer  bis  dahin  niemals  erreichten  Höhe.  Die  besten
Wagen  legten  in  der  Stunde  bis  17  */ 4  km  zurück,  zwischen  London  und  Birmingham
soll  sogar  eine  Geschwindigkeit  von  19  —  25  lern  erreicht  worden  sein.
Aber  weder  die  Glanzperiode  der  Kanäle  noch  die  des  Landstraßenverkehrs  war  von
langer  Dauer.  Ein  nach  mancher  Hinsicht  noch  vollkommeneres  Verkehrsmittel,  die
Eisenbahn,  war  berufen,  die  Wege  und  Kanäle  in  den  Hintergrund  zu  drängen.  Das
Jahr  l  820  muß  als  dasjenige  bezeichnet  werden,  in  welchem  sich  der  Sieg  der  Eisenbahn
entschied.  Brindley  hatte  mit  hellsehendem  Blick  bereits  diesen  Entwickclnngsprozeß  vorausgesagt. ­
  „l  866  iniscllick  kor  th6  canals  in  those  tramroacls“  (Ich  sehe  den  Kanälen
ans  jenen  Trambahnen  Unheil  erwachsen)  war  sein  geflügeltes  Wort  gewesen.  Seit  der
Eröffnung  der  Liverpool-Manchester-Eisenbahn  im  Jahre  1830  hat  sich  das  englische
Wasserstraßensystem  räumlich  nur  wenig  mehr  entwickelt,  der  Schwerpunkt  des  Kanalwesens ­
  liegt  in  England  seit  jenem  Jahre  in  den  legislatorischen  Maßnahmen,  die
einerseits  die  Konkurrenzfähigkeit  der  Kanäle  mit  den  Eisenbahnen  stärkten,  anderseits
sie  gegen  die  Macht  der  letzteren  schützten.
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        37

Kanal--  und  Wcgebautcn.  Erfindung  der  Eisenbahn.
Die  Eisenbahnen  haben  zwar  den  Landstraßen  ihre  Bedcntnng  als  Verbindungsmittel
  auf  ausgedehnten  Entfernungen  geraubt,  aber  man  irrt  sehr,  wenn  man  glaubt,
daß  diese  Verkehrsvermittler  vollständig  überflüssig  geworden  sind  und  der  Straßenbau
selbst  eine  Einschränkung  erfahren  hat.  Die  Landstraßen  dienen  zwar  vielfach  nicht  mehr
zum  Transport  schwerer,  weit  zu  befördernder  Lasten,  aber  sie  haben  als  Zubringer  der
Eisenbahnlinien  und  als  Verbindungswege  der  einzelnen  Orte  untereinander  außerordentlich
an  Bedeutung  gewonnen.  Als  Beweis  kann  die  Thatsache  gelten,  daß  z.  B.  in  Deutschland ­
  sich  die  Zahl  der  Landfuhrwerke  nicht  vermindert,  sondern  sogar  erheblich  vermehrt
hat.  In  Baden  hat  der  Verkehr  auf  den  Landstraßen  in  der  Zeit  von  1851  —1873  auf
83  °/ 0  derselben  zugenommen  oder  wenigstens  nicht  abgenommen,  und  nur  für  17  °/ 0  der
Straßen  ist  eine  Verringerung  des  Verkehrs  festgestellt  worden.  Letztere  Straßen  laufen
meistens  Eisenbahnlinien  Parallel.  Den  deutlichsten  Beweis  der  zunehmenden  Bedeutung
der  Straßen  liefert  jedoch  das  immer  dichter  werdende  Landstraßennetz  selbst.  Welche
erhebliche  Mittel  auf  den  Ausbau  und  auf  die  Unterhaltung  der  Straßen  verwendet
werden,  ergibt  sich  beispielsweise  daraus,  daß  in  Preußen  die  Wegebankosten  von  1876
bis  1891  rund  445  Millionen  Mark  betragen  haben.
Während  Frankreich  am  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  26  000  km  Hauptstraßen
besaß,  zählte  es  im  Jahre  1870  etwa  86  000  km  solcher  Straßen,  und  außerdem  bestanden ­
  240  000  km  Vicinalstraßen,  durch  welche  alle  Dörfer  untereinander  in  Verbindung ­
  gesetzt  waren.
Für  Deutschland  ist  über  die  Wegebauten  einzelner  Bundesstaaten  das  folgende  anzuführen.
In  Preußen  gab  es  nach  den  Befreiungskriegen  nur  3150  km  Chausseen,  davon  enifielen
  auf  Ostpreußen  kaum  10  km.  Seit  dem  Jahre  1876  sind  sämtliche  Staatsstraßen  den
Provinzial-  resp.  den  Kommunalverbänden  überwiesen.  Die  Gesamtlänge  der  Kunststraßen
betrug  zu  diesem  Zeitpunkte  rund  65  000  km.  Bis  zum  Jahre  189t  war  dieses  Netz  auf
86  500  km  angewachsen.  Am  dichtesten  ist  das  Straßennetz  in  der  Provinz  Hessen-Nassau,
am  wenigsten  verzweigt  ist  es  in  Pommern  und  Ostpreußen.  Sachsen  hat  3642  km  Staatsstraßen. ­
  In  Württemberg  besaß  das  Staatsstraßcnnetz  im  Jahre  1895  eine  Länge  von
2728  km.  Baden  erfreut  sich  hinsichtlich  seiner  Landstraßen  mit  Recht  eines  besonderen
Rufes.  Bis  zum  Jahre  1898  hatten  die  Kreisstraßen  eine  Länge  von  1187  und  die  Kreisgcmeindcwege
  eine  solche  von  4993  km  erreicht.  In  Hessen  umfaßte  das  Kunststraßcnnetz
im  Jahre  1896  Staatsstraßen  von  1865  und  Kreisstraßen  von  2322  km  Länge.  Bayern
besitzt  Staatsstraßen  von  7000  km  Länge,  daneben  bestehen  16  890  km  Distriktstraßen.
Mit  Recht  wird  die  Erfindung  der  Eisenbahn  immer  wieder  mit  den  schönsten
Worten  gepriesen,  gehört  sie  doch  unstreitig  zu  den  weittragendsten  Leistungen  des
menschlichen  Geistes,  und  sie  ist  als  der  mächtigste  Kulturhebel  des  modernen  Zeitalters
zu  bezeichnen.  In  der  Geschichte  der  Zivilisation  wird  der  Entwickelung  des  Eisenbahnverkehrs ­
  stets  ein  hervorragender  Platz  gesichert  bleiben.  Erst  sieben  Jahrzehnte
sind  dahingegangen,  seitdem  das  Dampfroß  zum  erstenmal  fauchend  über  die  eiserne
Bahn  eilte,  und  schon  kann  behauptet  werden,  daß  zu  keiner  Zeit  je  eine  so  gewaltige
Umgestaltung  in  allen  Verhältnissen  der  Menschen  bewirkt  worden  ist.  Zutreffend  hat
Buckle  in  seiner  „Geschichte  der  Zivilisation"  gesagt:  „Die  Lokomotive  hat  mehr  gethan,
um  die  Menschen  zu  vereinigen,  als  alle  Philosophen,  Dichter  und  Propheten  vor  ihr  seit
Beginn  der  Welt."  Der  eiserne  Kanzler,  Fürst  Bismarck,  sprach  am  1.  April  1890
die  Worte:  „Es  sind  in  unserer  Zeit  zwei  Pole,  um  welche  sich  die  materielle  Entwickelung
bewegt,  Kohle  und  Eisen.  Die  Verschmelzung,  die  Zusammenwirkung  dieser  beiden
Elemente  ermöglichte  das  Eisenbahnwesen,  ohne  dasselbe  würde  diese  enge  Verbindung
nicht  stattfinden.  Erst  durch  dieses  Beförderungsmittel  ist  die  ganze  moderne  Entwickelung
bewirkt  worden,  und  so  sind  die  Eisenbahnen,  ihre  Leiter  und  Beamten  die  eigentlichen
Träger  der  Kultur."  Durch  die  Eisenbahn  ist  nicht  nur  das  Wissen  vermehrt  und
verbreitert,  sondern  auch  ein  starker  Einfluß  auf  die  gesellschaftlichen  Zustände  ausgeübt ­
  worden.
Die  Verbindung  der  Menschen  untereinander  hat  durch  die  eingetretene  außerordentliche ­
  Verbilligung  und  Erleichterung  des  Reifens,  wie  nicht  minder  durch  die  ermäßigten ­
  Postgebühren  eine  früher  für  undenkbar  gehaltene  Förderung  erfahren.  Durch
die  Eisenbahnen  ist  es  erst  für  den  größeren  Teil  der  Menschen  möglich  geworden,  aus
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        38

Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

eigener  Anschauung  fremde  Verhältnisse  und  Einrichtungen  kennen  zu  lernen  und  Persönliche ­
  Beziehungen  anzuknüpfen.  Ohne  Eisenbahnen  würde  die  Verbreitung  der  Zeitungen
in  dem  heutigen  Maße  nicht  ausführbar  gewesen  und  deren  in  geistiger  Beziehung  nicht
gering  anzuschlagender  Einfluß  nicht  zur  Wirksamkeit  gekommen  sein.  Die  modernen
Verkehrsmittel  haben  jedoch  nicht  nur  in  geistiger,  sondern  auch  in  sozialer  und  politischer
Beziehung  eine  ganz  eminente  Umwälzung  in  den  Verhältnissen  herbeigeführt.  Die
wirtschaftliche  Lage  der  unteren  Volksklassen  hat  unleugbar  sowohl  durch  die  vermehrte
Arbeitsgelegenheit  wie  nicht  minder  durch  die  möglich  gewordene  reichlichere  und  billigere
Bedarfsversorguug  eine  große  Besserung  erfahren.  Hungersnöte,  diese  so  häufigen  traurigen ­
  Erscheinungen  früherer  Zeiten,  gehören  heute  in  vielen  Ländern  zu  den  überwundenen
Dingen.  Das  entwickelte  Verkehrswesen  hat  die  entferntesten  Länder  zu  Versorgungsstätten
  der  an  Nahrungsmitteln  ärmeren  Gebiete  umgeschaffen.  Wie  die  Eisenbahnen
gleichsam  eine  Allgegenwart  der  staatlichen  Zentralgewalt  im  Gefolge  gehabt,  so  haben
sie  auch  eine  Beteiligung  der  Völker  an  der  Bearbeitung  der  Staatsangelegenheiten
ermöglicht.  Der  Einfluß  der  Eisenbahnen  macht  sich  jedoch  nicht  nur  auf  allen  Gebieten
des  Völkerlebens  in  friedlichen  Zeiten  geltend,  sondern  dieses  gewaltige  Verkehrsmittel
übt  auch  auf  den  furchtbarsten  Zustand,  in  welchem  sich  die  Völker  befinden  können,  auf
den  Krieg  und  dessen  Führung,  seine  Macht  aus.  In  Verbindung  mit  der  Vervollkommnung ­
  der  Kriegswaffen  trägt  die  Eisenbahn  zur  Abkürzung  der  Kriege  ganz  wesentlich
bei,  da  die  durch  sie  möglich  gewordene  rasche  Zusammenziehung  ganz  ungeheuer  großer
Menschenmengen  mit  Notwendigkeit  eine  schnelle  Entscheidung  bedingt.
Die  Einwirkungen  des  Eisenbahnbaues  lassen  jedoch  auch  noch  nach  anderer  Richtung
hin  die  Eisenbahn  als  einen  außerordentlich  mächtigen  Kulturfaltor  erscheinen.  Man
kann  annehmen,  daß  der  bisherige  Eisenbahnbau  mindestens  1  Million  Arbeiter  beschäftigt
hat.  Die  Eisenbahnbauten  haben  überall  zu  dem  Wohlstände  der  betreffenden  Gegenden
beigetragen.  Ihr  Einfluß  auf  die  Bodenrente  läßt  sich  nach  3  Richtungen  hin  verfolgen.
Die  für  den  Bahnkörper  nötigen  Grundankäufe  bewirken  im  allgemeinen  eine  Wertsteigerung, ­
  der  sogenannte  tote  Boden  gewinnt  nicht  selten  durch  die  Ausnutzung  als
Sand-  und  Lehmlager  Wert,  und  die  Forstrente  erfährt  in  der  Regel  durch  den  Bezug
von  Gerüst-,  Bau-  und  Geräteholz,  sowie  der  Bahnschwellen  einen  Preisaufschwung.
Einen  ganz  besonders  starken  Einfluß  üben  die  Eisenbahnen  auf  den  Geldmarkt  aus,
und  diesem  Einfluß  kommt  eine  große  volkswirtschaftliche  Bedeutung  zu.  Recht  bezeichnend
für  die  Bedeutung  der  Eisenbahnen  ist  der  Ausspruch:  „Die  Menschheit  hat  durch
Stephenson  erst  gehen  gelernt."
Mit  außerordentlicher  Schnelligkeit,  wenn  auch  unter  Überwindung  mancher  sich
entgegenstellender  Hindernisse  hat  die  Eisenbahn  sich  die  Welt  erobert.  Bei  der  Bedeutung
der  Eisenbahnen  erscheint  es  erklärlich,  daß  sie  als  ein  Maßstab  für  den  Kultnrstand  der
einzelnen  Staaten  betrachtet  werden,  und  der  Entwickelung  des  Eisenbahnwesens  bei  den
verschiedenen  Völkern  ist  daher  besondere  Beachtung  zuzuwenden.  Der  einst  von
Stephenson  bei  einem  Mittagsessen  mit  seinem  Sohne  und  dem  Mitinhaber  seiner
Patente,  John  Dixon,  gethane  Ausspruch  ist  zur  Wahrheit  geworden.  Jene  Äußerung
lautete:  „Ich  glaube,  ihr  erlebt  den  Tag,  wo  Eisenbahnen  alle  anderen  Beförderungsarten
im  Lande  ersetzen  werden,  wo  die  Postkutschen  auf  den  Schienen  gehen  und  die  Eisenbahn
die  Hauptstraße  für  König  und  Unterthan  sein  wird.  Die  Zeit  wird  kommen,  wo  man
billiger  mit  dem  Dampswagen  als  zu  Fuß  reisen  kann.  Ich  weiß  es  wohl,  man  wird
fast  unübersteiglichen  Hindernissen  begegnen,  doch  was  ich  gesagt  habe,  kommt,  so  wahr
ich  lebe.  Ich  wünschte  nur,  ich  erblickte  jenen  Tag,  ob  ich  es  gleich  nicht  hoffen  darf,  denn
ich  weiß,  wie  langsam  menschliche  Fortschritte  sich  vollziehen  und  mit  welchen  Schwierigkeiten ­
  ich  zu  kämpfen  gehabt  habe,  ehe  ich  es  dahin  brachte,  meine  Lokomotiven  trotz  ihrer
mehr  als  zehnjährigen  erfolgreichen  Verwendung  in  Killingworth  weiter  benutzt  zu  sehen."
Mit  dem  vom  6.  bis  8.  Oktober  1829  stattgefundenen  Lokomotivwettrennen  zu
Rainhill  und  der  Eröffnung  der  Liverpool-Manchester-Bahn  im  Jahre  1830  begann
der  Siegeslauf  des  neuen  Verkehrsmittels,  dessen  allmähliche  technische  Ausgestaltung  au
einer  anderen  Stelle  dieses  Werkes  geschildert  ist.  Die  Abb.  13  bis  15  geben  einige
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        Einwirkung  dex  Eisenbahn  auf  den  Verkehr.  Z9
Punkte  der  in  der  Kindheitszeit  des  Eisenbahnwesens  erbauten  Bahn  zwischen  Liverpool
und  Manchester  wieder.  Die  Arbeiten  im  Chat  Moß,  ein  wegen  seines  fast  schwimmenden
Bodens  außerordentlich  gefürchtetes  Moor,  erregten  das  Staunen  der  damaligen  Welt.
Nachstehend  sind  einige  Daten  aus  der  Entwickelungsperiode  des  Eisenbahnwesens
angeführt.  Am  21.  Oktober  1830  wurde  die  Pferdebahn  Prag-Lana,  am  1.  August  1832
jene  von  Linz  nach  Budweis,  am  5.  Mai  1835  die  erste  Lokomotivbahn  des  Kontinents,
die  Strecke  von  Brüssel  nach  Mecheln,  am  7.  Dezember  1835  die  erste  Lvkomotivstrecke
Deutschlands,  jene  von  Nürnberg  nach  Fürth,  am  24.  April  1837  die  Strecke  Leipzig-Alten,
  am  26.  August  1837  die  erste  Lokomotivbahn  Frankreichs,  die  Strecke  Paris-St.
  Germain  dem  Verkehr  übergeben.  Am  23.  November  1837  folgte  die  Eröffnung
der  Linie  Florisdorf-Wagram,  am  4.  April  1838  die  der  ersten  russischen  Strecke,  jene
von  St.  Petersburg  bis  Zarskoje  Selo,  und  am  Ende  des  Jahres  1838  (22.  September)
wurde  die  erste  Bahnstrecke  in  Preußen,  die  3,5  Meilen  lange  Bahn  von  Berlin  nach

13.  Sahnhof  Liverpool  der  Liverpool-Manchester  Eisenbahn  im  Jahre  1830.

Potsdam  eröffnet.  Im  September  1839  wurde  die  erste  holländische  Bahn,  nämlich  die
Linie  Amsterdam-Haarlem,  in  Betrieb  genommen  und  am  3.  Oktober  1839  die  erste  Lokomotivbahn ­
  Italiens,  die  Strecke  Neapel-Portici  dem  öffentlichen  Verkehr  übergeben.
Bis  gegen  Ende  des  Jahres  1842  stieg  der  Längenzuwachs  der  Eisenbahnen  Preußens
auf  587  üm.  Diese  ältesten  Verbindungen  waren:  Berlin-Potsdam,  Berlin-Wittenberg-Dessau-Köthen,
  Magdeburg-Köthen-Halle-Leipzig,  Berlin-Angermünde,  Berlin-Frankfurt ­
  a.  O.,  Breslan-Brieg,  Düsseldorf-Elberfeld,  Köln-Aachen.
Es  ist  erklärlich,  daß  sich  das  wichtige  neue  Transportmittel  in  seiner  Ausgestaltung
zunächst  vielfach  an  die  vorhandenen  Formen  anlehnte.  So  nahm  man  für  die  Wagen
zuerst  die  Kutsche  zum  Muster,  und  wie  auf  dem  Wagen  der  Kutscher,  so  saß  der  Schaffner
auf  dem  Bock  der  Eisenbahnwagen.  Die  Wagen  waren  nur  durch  Ketten  miteinander
verbunden,  und  deshalb  wurden  die  Passagiere  ziemlich  durcheinander  gerüttelt.  Beim
Bremsen  und  Anhalten  stieß  ein  Wagen  krachend  auf  den  anderen.  Die  Nachbildung  der
Postkutschen  erstreckte  sich  auch  auf  die  innere  Einrichtung  der  Eisenbahnwagen.  Sie  besaßen ­
  gleich  jenen  mehrere  Abteilungen,  für  die  erste  Klasse  mit  je  vier  Sitzen.  In  der
zweiten  Klasse  gab  es  weder  gepolsterte  Sitze  noch  abgeteilte  Plätze.  Für  die  Reisenden
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        40

Entwickelung  des  Verkehrswesens.

dritter  Klasse  war  anfänglich  noch  gar  nicht  gesorgt.  Ende  der  dreißiger  Jahre  gab  es
jedoch  bereits  auf  mehreren  englischen  Eisenbahnlinien  eine  Abteilung  der  ersten  Klasse,
die  als  Schlafwagen  benutzt  werden  konnte.  Im  allgemeinen  wurde  das  Gepäck  auf  dem
Wagenverdeck  untergebracht,  und  die  Fahrgäste  hatten  das  Recht,  sich  auf  dasselbe  zu  setzen.
Durch  besondere  Brillen  suchten  sich  die  Verdeckpassagiere  gegen  Wind,  Staub  und  den
funkensprühenden  Regen  zu  schützen.  Das  Gepäck  geriet  nicht  selten  durch  Funken  in
Brand.  Die  Züge  zeigten  ein  äußerst  farbenreiches  Bild.  Die  Maschine  besaß  sehr  viel
Messingwerk,  und  die  Wagen  waren  in  schreienden  Farben  gestrichen.  Gewöhnlich  zeigte
die  erste  Klasse  eine  gelbe,  die  zweite  Klasse  eine  weiße,  gelbe  oder  grüne  Farbe;  die
Wagen  dritter  Klasse  wurden  dunkelblau  angestrichen.  Die  Begleitungsmannschaft  war
in  grelles  Rot  gekleidet.  An  den  Zug  gehängte  Privatwagen  waren  womöglich  noch
greller  angemalt.  Viele  Jahre  lang  galt  es  für  ein  vornehmes  Sommervergnügen
wohlhabender  Personen,  in  einem  eigenen  Wagen  einen  Ausflug  zu  unternehmen.
Mit  fortschreitender  Entwickelung  zeigt  dieses  Bild  immer  stärkere  Veränderungen,
und  der  Unterschied  in  dem  Aussehen  der  damaligen  Eisenbahnzüge  und  denen  der  Jetztzeit ­
  ist  ein  sehr  bedeutender.
Auf  der  ersten  preußischen  Bahnstrecke  (Berlin-Potsdam)  war  im  Anfange  der  Betrieb ­
  nur  am  Tage  gestattet.  Erst  am  9.  Dezember  1838  erteilten  die  königliche  Regierung
zu  Potsdam  und  das  Berliner  Polizeipräsidium  der  Berlin-Potsdamer  Eisenbahngesellschaft
die  Erlaubnis,  die  Dampfwagenfahrten  auch  in  den  Stunden  der  Dunkelheit  bei  Erleuchtung ­
  zu  unternehmen.  Diese  Erlaubnis  war  an  allerlei  Bedingungen  und  Vorsichtsmaßregeln ­
  geknüpft,  darunter  die,  daß  bei  Fahrten  in  der  Dunkelheit  die  Schnelligkeit
auf  mindestens  die  Hälfte  der  Tagesgeschwindigkeit  herabgesetzt  werde.  Auch  bei  Mondschein ­
  war  keine  Ausnahme  statthaft,  und  „sollte  starker  Nebel  herrschen  oder  dichter  Schnee
fallen,  so  darf  die  Schnelligkeit  der  Fahrt  unter  keinen  Umständen  den  Trab  eines  Pferdes
übersteigen",  heißt  es  in  der  betreffenden  Verfügung.
Solange  das  Eisenbahnnetz  noch  keine  zusammenhängenden  Strecken  anfwies,  war
eine  Ausnutzung  des  neuen  Transportmittels  für  die  Beförderung  schwerer  Lasten  mit
Unbequemlichkeiten  verbunden,  die  inan  meistens  durch  gänzliche  Vermeidung  der  Eisenbahnen ­
  zu  umgehen  suchte.  So  ivar  es  Anfang  der  fünfziger  Jahre  nichts  Ungewöhnliches,
daß  Dampfkessel  aus  dem  Rheinlaude  nach  Rußland  auf  Wagen  mit  24  Pferden  Vorspann
geschafft  wurden.
Im  Beginn  des  deutschen  Eisenbahnwesens  kam  der  Eisenbahn  eine  selbständige
Bedeutung  nur  für  den  Lokalverkehr  zu,  während  sie  im  Durchgangsverkehr  lediglich
eine  Rolle  als  Zwischenglied  des  zu  jener  Zeit  hochausgebildeten  Postnetzes  spielte.  Die
Post  stand  vor  ihrem  nahen  Untergang  zweifellos  auf  der  Höhe.  Für  die  Strecke  Halle-Frankfurt
  a.  M.  gebrauchte  die  Schnellpost  einschließlich  aller  Aufenthalte  nur  35  Stunden.
In  England  wurden  1834  zusammen  358  290  000  englische  Meilen  von  Passagieren
mittels  der  Post  und  Stellwagen  zurückgelegt.  In  dem  „Preußischen  Post-Course"  vom
Jahre  1841  finden  sich  die  ersten  Angaben  über  die  Eisenbahnrouten.  Es  sind  die
folgenden  Eisenbahnstrecken  angegeben:  a)  Frankfurt  (Main)-Mainz  (als  Teilstrecke  der
bis  dahin  durch  Schnellpost  oder  Mallepost  hergestellten  Verbindung  Frankfurt-Paris),
bl  Berlin-Potsdam,  o)  Berlin-Köthen-Halle  mit  der  Abzweigung  &amp;lt;l)  Köthen-Magdeburg!
Es  ist  von  Interesse  zu  sehen,  wie  man  in  der  Zeit  des  aufkommenden  Eisenbahnwesens
reiste,  und  in  welcher  Weise  man  es  verstand,  die  fertigen  Eisenbahnstrecken  in  den  Fernverkehr ­
  einzuschieben.  Für  die  Reise  von  Berlin  nach  Paris  standen  zwei  Routen  zur
Verfügung.  Der  eine  Verbindungsweg  wurde  durch  die  alte  Postverbindung  über  Frankfurt ­
  a.  M.  gebildet,  der  andere  Weg  führte  über  Köln  und  Brüssel.  Auf  der  letzteren
Route  gab  es  bereits  auf  größeren  Strecken  Eisenbahnen.  Man  fuhr  beispielsweise  um
1  '/ 4  Uhr  mittags  von  Berlin  nach  Halle  mit  der  Eisenbahn  und  kam  alsdann  abends
Uhr  in  letzterer  Stadt  an.  Um  6^/ 4  Uhr  ging  die  Schnellpost  über  Weißenfels  nach
Frankfurt  a.  M.  ab.  In  Frankfurt  a.  M.  langte  man  nach  35stündiger  Fahrt  an,
d.  h.  also  wenn  man  am  Montag  von  Berlin  abfuhr,  kam  man  am  Mittwoch  Morgen
gegen  0  Uhr  in  Frankfurt  a.  M.  an.  Die  Reise  ging  dann  um  7  Uhr  mit  der  Mallepost
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        42  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

weiter  über  Forbach,  Metz,  und  man  kam  in  Paris  nach  88 3 / 4 ftünbiger  Fahrt  am  Freitag
Morgen  gegen  6  Uhr  an.
Die  Kosten  dieser  Fahrt  beliefen  sich  auf  155  Mark.  Die  Route  über  Brüssel  war
infolge  der  längeren  Eisenbahnstrecken  billiger.  Die  Kosten  beliefen  sich  unter  Benutzung
der  ersten  Klasse  auf  121  Mark.  Trotzdem  beanspruchte  die  Reise  mehr  Zeit.  Die  Fahrt
ging  zunächst  mit  der  Eisenbahn  bis  Hannover.  Um  11  Uhr  abends  fuhr  man  alsdann
mit  der  Post  weiter  nach  Minden,  woselbst  man  am  anderen  Morgen  gegen  6  Uhr  eintraf. ­
  Um  8  Uhr  bestieg  man  die  Schnellpost,  welche  die  Reisenden  nach  28  ‘/2  Stunden
in  Köln  absetzte.  Am  Nachmittage  gegen  3  Uhr  fuhr  man  dann  mit  der  Eisenbahn  über
Aachen  nach  Lüttich,  woselbst  man  am  Abend  desselben  Tages  gegen  8  Uhr  50  Minuten
ankam.  Einen  Nachtdienst  kannte  man  in  jener  Zeit  auf  der  Eisenbahn  noch  nicht,  und
daher  konnte  die  Weiterfahrt  erst  am  anderen  Morgen  um  7  Uhr  stattfinden.  In  Lille
traf  man  am  Nachmittag  gegen  1 / i b  Uhr  ein.  Von  Lille  bis  Paris  benutzte  man  die
Schnellpost,  welche  nach  16  Stunden  in  Paris  anlangte,  so  daß  die  ganze  Reise
100  Stunden  in  Anspruch  nahm.  Dank  den  inzwischen  eingetretenen  Verbesserungen  im
Eisenbahnwesen  legt  man  heute  die  Fahrt  in  18  bis  19  Stunden  zurück.  Die  Kosten
betragen  heute  in  der  ersten  Klasse  einschließlich  einer  Znsatzkarte  für  die  Durchgangszüge
und  für  die  Benutzung  des  Schlafwagens  111  Mark.  Die  eingetretene  Verbilligung  ist
im  Verhältnisse  zu  der  Zeitermäßignng  eine  unerhebliche.
Es  war  nichts  Seltenes,  daß  vornehme  Reisende  mit  ihren  eigenen  Wagen  fuhren
und  sich  nur  der  Postpferde  bedienten.  Auf  Strecken  mit  Bahnverbindung  wurden  diese
Privatwagen  nach  feststehenden  Tarifen  befördert.  Auf  der  Berlin-Stettiner  Bahn  waren
zu  zahlen  „Für  viersitzige  oder  ganz  bedeckte  Reisewagen  pro  Station  2 1 j„  Thaler."
Personen,  die  im  Inneren  des  Wagens  Platz  nahmen,  hatten  außerdem  Personenbillets
zweiter  Klasse,  diejenigen,  welche  sich  auf  dem  Bocke  oder  dem  Hintersitze  niederließen,
Billete  dritter  Klasse  zu  lösen.
Wie  die  Eisenbahnen  allmählich  fast  ganz  die  Postfahrten  verdrängten,  so  ließen  sie
auch  auf  manchen  Flüssen  unseres  Vaterlandes  den  Personenverkehr  verschwinden.  So
gab  es  seit  dem  Jahre  1842  bis  zur  Inbetriebnahme  der  Berlin-Hamburger  Eisenbahn
eine  Dampferverbindung  zwischen  diesen  beiden  Städten.  Die  Fahrt  dauerte  bei  der
Thalfahrt  zwei  Tage  mit  einer  Übernachtung  in  Havelberg  und  drei  Tage  bei  der  Bergfahrt. ­
  Von  Potsdam  bis  Berlin  wurde  die  Eisenbahn  benutzt.  Die  Fahrt  kostete  in  der
ersten  Kajüte  8  Thaler,  in  der  zweiten  6  Thaler.  Im  Jahre  1845  fuhren  5285  Personen ­
  zu  Thal  und  3349  Personen  zu  Berg.  In  jeder  Richtung  wurden  pro  Woche
drei  Reisen  unternommen.
Bei  der  vorhandenen  deutschen  Kleinstaaterei  ist  es  erklärlich,  daß  eine  einheitliche
Entwickelung  des  Eisenbahnwesens  in  Deutschland  zunächst  nicht  zu  erreichen  war.  Jeder
Staat  gestaltete  die  Bahnen  innerhalb  seiner  Grenzpfähle  nur  nach  seinen  Interessen,
ohne  denen  des  Grenznachbars  Rechnung  zu  tragen.  Erst  im  Jahre  1854  war  ein
Zusammenhang  der  verschiedenen  Gruppen  hergestellt.  Das  Deutsche  Reich  brachte  auch
auf  dem  Gebiete  des  Eisenbahnwesens  die  erwünschte  Einheitlichkeit.  Im  Jahre  1871
wurde  ein  einheitliches  Bahnpolizeireglement,  1873  das  Reichseisenbahnamt  eingesetzt.
Dem  bereits  im  Jahre  1847  gegründeten  Verein  deutscher  Eisenbahnverwaltungen
muß  das  Verdienst  zugesprochen  werden,  nach  Kräften  bestrebt  gewesen  zu  sein,  die  Nachteile ­
  der  politischen  Spaltung  Deutschlands  beseitigt  zu  haben.
Der  Siegeslauf  der  Eisenbahn  erstreckt  sich  über  immer  weitere  Länderstrecken,
und  wie  immer  mächtigere  Berge  von  ihr  durchdrungen  werden,  so  erklimmt  die  Eisenbahn ­
  auch  immer  höhere  Regionen.  Wenn  seinerzeit  (1854)  mit  Recht  die  Überschienung
des  Semmering  in  einer  Höhe  von  618  m  als  eine  große  That  angesehen  wurde,
so  werden  heute  Höhen  von  der  mehrfachen  Größe  des  genannten  Gebirgssattels  unschwer
überwunden.  Während  in  Europa  mit  dem  Brenner  (1367  m)  die  größte  Höhe  erstiegen ­
  ist,  lassen  die  Eisenbahnen  der  Neuen  Welt  dieses  Maß  als  unbedeutend  erscheinen.
Die  Peruanische  Zentralbahn  erreicht  eine  Höhe  von  4774  m  (Galeratunnel),  also  beinahe ­
  diejenige  des  Montblanc  (4810  m).  In  Südamerika  liegt  die  Grenze  des  ewigen
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        44

Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

17.  Eisenbahn  über  den  Antitibanon:  Eintritt  in  den  Tunnet  bei  Aarada.

Schnees  wesentlich  höher  (4800  bis  5200  m)  als  in  den  europäischen  Alpen  (2700  bis
28OO  in),  wodurch  natürlich  die  Erreichung  der  gewaltigen  Berghöhen  ganz  wesentlich
erleichtert  wird.
Die  außerordentlich  zahlreichen  in  allen  Erdteilen  zur  Ausführung  gekommenen
Durchbohrungen  von  Gebirgen  haben  die  Tunnelbaukunst  zu  hoher  Vollendung  gebracht; ­
  dies  gibt  den  Ingenieuren  den  Mut,  sich  an  immer  größere  Aufgaben  zu  wagen,  so
daß  bereits  der  längste  Tunnel  fast  20  km  erreicht.  Der  Themsetunnel  ist  366  m,  der
große  Tunnel  am  Scheitel  des  Semmering  1408  m  lang.  —  Der  im  Bau  begriffene
Simplontunnel  wird  eine  Länge  von  19  731  in  erhalten!
        <pb n="46" />
        45

Die  Eisenbahnen  Asiens.

Der  Brunelsche  Tunnel  unter  der  Themse  Hut  eine  Reihe  von  Nachahmungen  gefunden,
durch  welche  der  Verkehr  zwischen  den  betreffenden  Städten  eine  große  Förderung  erfahren
hat.  Zu  nennen  sind:  Der  Tunnel  unter  dem  Harlemflusse  bei  New  Jork  (842  in  lang),
der  Tunnel  unter  dem  Mersey  zwischen  Birkenhead  und  Liverpool  (4800  in  lang),  der
Tunnel  unter  dem  Indus  bei  Attok.
Sogar  im  Reiche  des  kranken  Mannes  nimmt  die  Länge  der  Schienenwege,  wenn
auch  der  Natur  der  Türken  entsprechend  nur  langsam,  zu.  Unter  den  neueren  Eisenbahnen
ist  diejenige  von  Beirut  nach  dem  uralten  Damaskus  zu  erwähnen.  Bereits  im  hohen
Altertume  war  dieser  in
der  durch  künstliche  Jrrigationsanlagen
  des  Barada ­
  bewässerten,  vielgepriesenen ­
  Ghuta  belegene
Ort  als  Stapelplatz  der
kostbarsten  und  kunstvollsten ­
  orientalischen  Waren
berühmt.  Von  hier  aus
erstreckten  sich  alte  bedeutende ­
  Karawanenstraßen
nach  dem  Euphrat  und
nach  Phönizien.  Die  Bahn
mußte  die  gewaltigen  Bergzüge ­
  des  Libanon  und
Antilibanon  übersteigen,
und  zwar  mußte  die  Höhe
von  1300  in  bewältigt
werden.  Die  Verhältnisse
bedingten  Steigungen,  die
nur  mittels  einer  Zahnradbahn ­
  zu  überwinden
waren.  Die  Bahn  dient
nicht  allein  dem  Frachtverkehr, ­
  sondern  wird  in
steigendem  Maße  Vergnügungsreisende ­
  anziehen, ­
  da  sie  nicht  nur
nach  altbekannten  Stätten
führt,  sondern  auch  hohe
landschaftliche  Reizpunkte
besitzt.  Während  sich  bei
Beirut  ein  ungemein  fruchtbares ­
  Gelände  mit  zahlreichen ­
  malerischen  Ort-  18,  Strecke  der  Eisenbahn  Beirut-Damaskus:  Im  Thäte  des  Narada.
schäften  und  Klöstern  ausbreitet, ­
  die  sich  terrassenförmig  an  den  Abhängen  hinaufziehen,  gelangt  man  mit  zunehmender ­
  Höhe  in  kahle,  wildzerklüftete  Gebirgspartien.
Ein  bedeutungsvolles  Unternehmen,  die  Bahnverbindung  mit  dem  am  Euphrat  belegenen,
  einst  hochberühmten  Kalifensitz  Bagdad  ist  seiner  Verwirklichung  nahe.  Seit
Jahren  hatten  sich  die  Engländer  um  dieses  Projekt  bemüht,  jetzt  ivird  es  durch  deutsche
Ingenieure  und  mit  deutschem  Kapital  ausgeführt  werden.
Selbst  das  abgeschlossene  Reich  der  Mitte  kann  sich  dem  weiteren  Vordringen  der
Eisenbahnen  gegenüber  nicht  mehr  so  ablehnend  wie  früber  verhalten.  Der  mächtige
Nachbar  Chinas,  Rußland,  hat  die  große  kulturelle  Mission  der  Eisenbahnen  voll  erkannt
und  ist  emsig  bestrebt,  durch  dieses  Mittel  seine  ungeheuren  Landgebiete  auszuschließen.
        <pb n="47" />
        46

Die  Sibirische  Eisenbahn.

Durch  die  in  verhältnismäßig  kurzer  Zeit  zur  Ausführung  gekommene  Transkaspische
Eisenbahn  wird  ein  früher  hochkultiviertes  Gebiet,  mit  den  einst  vielgepriesenen  und  gerühmten ­
  Städten  Samarkand,  Buchara,  Merw  dem  Kulturleben  wieder  zurückgegeben  werden.
Ein  noch  riesenhafteres  Unternehmen  ist  die  von  Rußland  geplante  und  zu  einem  guten
Teile  schon  fertiggestellte  Sibirische  Eisenbahn  (Abb.  19).  Die  Bahn  erstreckt  sich  von
Tscheljabinsk  am  Ostabhange  des  Urals  bis  nach  Wladiwostok  am  Japanischen  Meere.  Die
Längenausdehnung  beträgt  7609  km.  Die  gesamte  Sibirische  Eisenbahn  ist  in  Unterabteilungen ­
  zerlegt  worden,  in  die  Westsibirische  Linie  von  Tscheljabinsk  bis  zum  Ob
-  -1411  km,  die  Mittelsibirische  Linie  vom  Ob  bis  Irkutsk  =  1848  km,  die  Baikalringlinie
von  Irkutsk  nach  Mysowskaja  ---312  km,  die  Transbaikallinie  von  Mysowskaja  nach
Strjetensk  an  der  Schilka  =  1128  km,  die  Amurlinie  von  Strjetensk  bis  Chabarowsk
am  Amur  =  2132  km  und  die  Ussuri-Eisenb  ahn  von  Chabarowsk  nach  Wladiwostok
---  778  km.  Der  Eisenbahnbau  ist  von  beiden  Endpunkten  aus  im  Jahre  1891  in  Angriff
genommen,  und  man  hofft  die  gesamten  Arbeiten  bis  1904  vollenden  zu  können.  Statt
der  aufgegebenen  Amurlinie  wird  direkt  durch  die  Mandschurei  eine  Eisenbahn  zwischen
Onon  über  Kirin  nach  Nikolskoje  gebaut,  und  die  einst  ohne  Zweifel  von  dieser  Linie  sich
abzweigenden  Bahnen  werden  in  dem  AufschließungsProzesse  des  chinesischen  Reiches  eine
große  Rolle  spielen.
Während  die  Eisenbahnen  in  den  alten  Kulturländern  neues  Leben  und  einen  wohl
nie  für  möglich  gehaltenen  Aufschwung  der  wirtschaftlichen  Thätigkeit  im  Gefolge  hatten,
dienten  und  dienen  sie  in  den  neuen  Ländern  zur  Erschließung.  In  Amerika  und
Australien  ermöglichten  sie  die  Besiedelung  weit  ausgedehnter,  vorher  fast  unbewohnter
Länderstrecken.  In  Asien  und  Afrika  werden  durch  die  jetzt  zur  Ausführung  kommenden
Eisenbahnen  die  reichen  Naturschätze  der  von  ihnen  durchzogenen  Gebiete  für  die  Menschheit ­
  nutzbar  gemacht,  und  in  allen  Verhältnissen  werden  Änderungen  hervorgerufen,  die
ihren  Einfluß  auch  auf  die  anderen  Länder  erstrecken.
Daß  die  Eisenbahnen  mit  ihrem  weiteren  Vordringen  den  Postverkehr  immer  mehr
verdrängen,  erscheint  selbstverständlich,  da  auch  die  bestausgestatteten  Posten  keine  genügende
Anziehungskraft  mehr  auszuüben  vermögen,  sobald  sie  mit  einer  Eisenbahnlinie  in  Wettbewerb ­
  treten  müssen.  So  wird  auch  bald  die  Tagespost  (Abb.  20)  von  Beirut  nach
Damaskus  ihre  letzte  Reise  zurücklegen,  nachdem  zwischen  diesen  beiden  Orten  eine  Eisenbahn ­
  entstanden  ist.
Die  vorteilhaften  Wirkungen  der  Eisenbahnen  lassen  es  erklärlich  erscheinen,  daß  das
Eisenbahnnetz  der  Erde  an  Ausdehnung  beständig  zunimmt.  Die  Eisenbahnen  der  Erde
hatten  zu  Ende  1897  eine  Länge  von  rund  732255  km  gegen  654528  km  Ende  1892.
Diese  Länge  übertrifft  das  18  fache  des  Erdumfangs  am  Äquator  und  das  1,gfache  der
mittleren  Entfernung  des  Mondes  von  der  Erde  noch  um  etwa  12000  km.  Der  jährliche ­
  durchschnittliche  Zuwachs  beträgt  14  500  km.  Der  in  Amerika  eingetretene  Rückgang ­
  in  dem  Eisenbahnbau  wird  durch  die  großen  Fortschritte  desselben  in  Sibirien
und  Kleinasien  mehr  als  ausgeglichen.  Im  Jahre  1893  sind  die  ersten  kurzen  Strecken
der  Sibirischen  Bahn,  108  km,  fertiggestellt,  Ende  1896  waren  3038  km  dieser  Bahn
vollendet.  Das  kleinasiatische  Eisenbahnnetz  ist  auf  2509  km  angewachsen.  In  Amerika
waren  im  Jahrfünf  1885/89  52  179  km  ausgeführt  worden,  im.  Jahrfünf  1892/96
kamen  nur  12  860  km  zur  Herstellung,  wodurch  eine  Besserung  der  wirtschaftlichen  Lage
der  amerikanischen  Eisenbahnen  herbeigeführt  worden  ist.  Amerika  ist  jedoch  nach  wie  vor
der  an  Eisenbahnen  reichste  Erdteil  mit  380  384  km,  die  Vereinigten  Staaten  besitzen
296  745  km  und  damit  mehr  als  ganz  Europa,  welches  263  145  km  auszuweisen  hat.
In  Asien  sind  49  764  km,  in  Australien  22  372  km,  in  Afrika  14  798  km  Eisenbahnen.
Unter  den  europäischen  Staaten  nimmt  Deutschland  mit  48  116  km  die  erste  Stelle  ein.
Es  folgen  Rußland  mit  45  576  km,  Frankreich  mit  41342  km,  Großbritannien  und  Irland
mit  34  445  km,  Österreich-Ungarn  mit  33  668  km.  Das  Anlagekapital  sämtlicher  Eisenbahnen ­
  der  Erde  wird  auf  144^  Milliarden  Mark  berechnet,  die  Anzahl  der  Lokomotiven
wird  auf  131219  Stück  mit  etwa  280  Millionen  Pferdekräften,  die  Gesamtzahl  der
unmittelbar  beim  Betriebe  der  Eisenbahnen  beschäftigten  Personen  auf  5  Millionen  geschätzt.
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        ..  .
K\,  Seetúmen  di'rgi'OSSCR  Sibirischen.  Eisenbahn.  ^
^  I  VVestsibirische  Eisenbahn  ~V  -Amur  Eis  ent  aim.
^  St//»®  I  u  Mittel.  »  "  "  "VI  Ussuri  «  »  (îTordruss.Section)
JITBaikalsee-Uingelnm^sbahn.  "VU  "  "  »  (Siici  -  »  »  )

IUTramsbaikalisehe  Eisenbahn.  Vili  OstcMnesisek-russischeEisent.
■  irrtBetrieb  -  im.  Bazo  ■  .  .  .  izvFörbereLzmg  zioriBauJbeflnxRidui  Strecken/-Die-
  Endpunkte-  der  Scctionen,  sind/  unterstrichen./.
Maßstab  1:27000  000.  ?  J  t—î.  _t—?  V4 1  Ml.

ÖstÜcheLänse  100  von  Greenwich

19.  Karte  der  Sibirischen  Eisenbahn.
        <pb n="49" />
        48

Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

Die  Ausdehnung  der  sämtlichen  deutschen  Bahnen  betrug  Ende  1897  48  116  km,  1896
47  348,  mithin  betrug  die  Zunahme  768  km.
Gemäß  der  vom  Reichseisenbahnamt  bearbeiteten  Statistik  für  das  Jahr  1896/97  hatten
die  Hauptbahnen  eine  Länge  von  31891  km,  die  Nebenbahnen  eine  svlche  von  14  280  km,
die  Länge  der  Privatbahnen  betrug  3021  km,  die  der  Preußischen  Staatsbahnen  27  691  km.
Für  das  Deutsche  Reich  ergibt  sich  die  Ausstattung  mit  Eisenbahnen  auf  100  gkm  zu
8,ss  km,  und  auf  je  10000  Einwohner  entfallen  8,74  km  Eisenbahnen.
Für  einzelne  deutsche  Staaten  stellt  sich  dieser  Wert:  für  Preußen  auf  8,58  km,  für
Bayern  auf  10,5v  km,  für  Sachsen  auf  6,is  km,  für  Württemberg  auf  6,4g  km,  für  Baden
auf  9,gi  km.
Es  betrug  die  Anzahl  der  Viadukte  372  mit  einer  Gesamtlänge  vcu  51501  m,  die  der
Tunnel  510;  davon  besaßen:  37  368  m  Tunnellänge  1  Gleis,  146  684  m  Tuunellänge
2  Gleise.
Die  Anzahl  der  Stationen  belief  sich  auf  8893;  hiervon  waren  4083  Bahnhöfe,  3068
Haltestellen  und  1742  Haltepunkte.
Tie  Kosten  der  Erhaltung  und  Erneuerung  der  Bahnanlagen  erreichten  eine  Höhe  von
145,4  Millionen  Mark.

20.  Tagespost  von  Beirut  nach  Damaskus.

An  Betriebsmitteln  waren  vorhanden:  16  350  Lokomotiven,  32  391  Personenwagen,
346  392  Gepäck-  und  Güterwagen  und  2070  Postwagen.
Der  Gesamtwert  dieser  Betriebsmittel  ist  1988,g  Millionen  Mark.
Seit  Bestehen  der  deutschen  Bahnen  sind  insgesamt  für  Betriebsmittel  aufgewandt
2481,4  Millionen  Mark.
Die  Kosten  der  Z  ugkraft  (Lokomotivbetriebj  betrugen  für  das  Jahr  1896/97  232  Millionen  Mark.
An  Einnahmen  erzielte»  die  deutschen  Eisenbahnen  aus  den,  Personenverkehr  444,8  Millionen ­
  Mark.  Im  Jahre  1895/96  betrug  dieselbe  421,i  Millionen  Mark,  so  daß  sich  die  Mehreinnahmen ­
  auf  23,5  Millionen  Mark  belaufen.
Die  Anzahl  der  beförderten  Personen  betrug  1895/96  592,5  Millionen  1896/97
646,8  Millionen.
Im  Durchschnitt  hat  jede  beförderte  Person  23,88  km  zurückgelegt.
Die  Ausnutzung  der  Plätze  betrug  für  die  erste  Klasse  8,77°/«,  für  die  zweite  Klasse  19,73°/«,
für  die  dritte  Klasse  24,ss°/«,  für  die  vierte  Klasse  34,87°/«,  im  Durchschnitt  25,67°/«.
Durch  den  Güterverkehr  wurde  eine  Einnahme  von  1071,g  Millionen  Mark  erzielt,  d.  h.  also
mehr  als  das  doppelte  der  Einnahmen  des  Personenverkehrs.
Die  gesäurte  beförderte  Gütermenge  belief  sich  auf  270,6  Millionen  Tonnen.  Jede  Tonne
Gut  wurde  durchschnittlich  98,56  km  weit  befördert.
Während  die  Eisenbahnbeförderung  dem  Transport  auf  der  Landstraße  gegenüber
durch  die  Ersparnisse  an  Frachtkosten  und  an  Zeit  weit  überlegen  ist,  besitzt  die  letztere
Transportmethode  den  Vorzug,  daß  eine  Umladung  der  zu  versendenden  Güter  nicht
erforderlich  wird.  Die  ständige  Vergrößerung  des  Landstraßennetzcs  ist,  wie  oben  bereits
angeführt  wurde,  als  ein  Beweis  dafür  anzusehen,  daß  der  Frachttransport  auf  der
        <pb n="50" />
        49

Ausdehnung  der  Bahnen.  Fluß-  und  Seeverkehr.

Landstraße  keineswegs  mit  den  Eisenbahnen  verschwunden  ist.  Der  gegenwärtige  Verkehr
auf  den  Landstraßen  hat  jedoch  gegen  die  gute  alte  Zeit  eine  weitgehende  Veränderung
erfahren  und  ist  in  einer  weiteren  Umwandlung  begriffen.  In  immer  stärkerem  Maße
macht  auch  er  sich  die  neuesten  Erfindungen  zu  nutze,  und  statt  der  früheren  ausschließlichen ­
  Verwendung  von  Zugtieren  sehen  wir  bereits  Dampf-  und  andere  Motorwagen
in  Benutzung.  Daneben  bemächtigen  sich  die  Kleinbahnen  immer  mehr  der  Kunststraßen. ­
  Sie  durchziehen  in  großer  Zahl  die  engen  gewerblichen  Thäler,  die  bergigen
Gegenden  und  beginnen  sich  auf  den  Straßen  der  Niederungen  auszubreiten.  Diese
Kleinbahnen  besitzen  in  der  Regel  keinen  besonderen  Bahnkörper,  sondern  die  Schienen
sind  direkt  in  der  Landstraße  eingebettet.
Wie  der  Landverkehr,  so  hat  auch  der  Verkehr  auf  dem  Wasser  durch  die  Ausnutzung ­
  der  Dampfkraft  mannigfache  Veränderungen  erlitten.  Die  Ausnutzbarkeit  der
Flußläufe  erfährt  durch  Regulierungen  oder  Kanalisierungen  eine  stete  Vergrößerung,
wie  auch  in  vielen  Ländern  die  Anzahl  der  künstlichen  Wasserstraßen,  der  Kanäle,  eine
beständig  wachsende  ist.  Dem  Seeverkehr  hat  die  Dampfkraft  gleichfalls  ihren  Stempel
aufgedrückt,  welcher  Einfluß  auch  aus  den  eingetretenen  Veränderungen  der  diesem  Verkehr
dienenden  Anlagen  deutlich  erkennbar  ist.
Während  die  Unsicherheit  der  früheren  Zeiten  den  Kaufmann  zwang,  seine  Waren
unter  eigener  Obhut  und  meistens  mit  Waffengeleit  an  den  Bestimmungsort  zu  schaffen
und  in  gleicher  Weise  mit  den  am  Tauschplatze  eingenommenen  Waren  zu  verfahren,  ist
das  heutige  Bild  des  Wassertransports  ein  vollständig  anderes.  Nicht  nur  war  früher  die
Abwickelung  der  Geschäfte,  infolge  der  unausgebildeten  Transportmittel  und  des  unentwickelten ­
  Nachrichtenwesens,  eine  weit  langsamere  und  schwierigere,  sondern  auch  das
Risiko  des  Geschäftes  war  bei  dem  Fehlen  des  Versicherungswesens  und  des  Bankwesens
ein  weit  größeres.  Es  war  daher  eine  durch  die  Verhältnisse  bedingte  Erscheinung,  daß
lauge  Zeit  der  überseeische  Handel  sich  in  wenigen  Händen  befand.  Nur  der  Besitz  eigener
Schiffe  gab  dem  Kaufmann  die  Gewähr  einer  Verschiffung  seiner  Güter  in  einer  seinen
Interessen  entsprechenden  Art  und  Weise.  In  diesen  Verhältnissen  ist  heute  durch  die  auch
hier  eingetretene  Arbeitsteilung  ein  vollständiger  Umschwung  eingetreten.  Neben  dem
Kaufmann  haben  die  Transportunternehmer,  der  Spediteur,  der  Bankier  und
der  Assekurateur  eine  selbständige  Bedeutung  erlangt.  Inden  Seestädten  war  der  Kaufmann ­
  der  alten  Zeit  meistens  auch  Reeder.  Einerseits  war  er  hierzu,  wie  oben  bemerkt,
durch  die  Verhältnisse  gezwungen,  anderseits  gestattete  das  verhältnismäßig  einfache  und
nicht  sehr  kostspielige  Schiffsmaterial  eine  solche  Geschäftsverbindung.  Mit  der  fortgeschrittenen ­
  Dampfschiffahrt,  dem  Anwachsen  der  Schiffszahl  und  deren  Fassungsvermögen
ist  die  Aktienreederei  immer  mehr  in  den  Vordergrund  getreten,  und  das  Reedereigeschäft
hat  sich  zu  einer  eigenen  Geschäftsthätigkeit  entwickelt.
Die  Steigerung  des.Handelsverkehrs  und  die  Veränderungen  in  den  Formen  des
Handels  stellen  große  Anforderungen  an  die  Ausstattung  der  Häfen.  Sowohl  hierdurch, ­
  wie  nicht  minder  infolge  der  durch  die  Eisenbahnen  und  die  Dampfschiffahrt  direkt
bewirkten  Beschleunigung  des  Verkehrs  hat  die  Ausgestaltung  der  Seehäfen  eine  gegen
früher  vollständig  veränderte  Form  angenommen.  In  den  früheren  Jahrhunderten  dienten
die  Seehäfen  vorzugsweise  als  Stapelplätze  für  alle  Arten  Waren,  die  aus  allen  Teilen
der  Erde  eingeführt  wurden  und  für  längere  oder  kürzere  Zeit  in  den  Speichern  der
Seestädte  lagerten.  Diese  Speicher  lagen  in  großer  Zahl  an  kleineren  Flußarmen,  und
sie  boten  in  vielen  Städten  ein  sehr  malerisches  Bild,  von  dem  sich  hier  und  da  noch
einzelne  Teile  erhalten  haben  (f.  Abb.  21).
Die  Schiffe  waren  klein  und  hatten  einen  geringen  Tiefgang.  Sie  bedurften  keiner
besonderen  Landungsstellen,  da  die  Waren  an  Bord  des  Schiffes  verkauft  und  mit  Kähnen
ans  Land  gebracht  wurden.  Noch  im  Jahre  &amp;gt;793  betrug  die  Gesamtlänge  der  Londoner
Kaianlagen  nur  3676  Fuß  (ca.  1100  m)  gegen  eine  heutige  Länge  von  ca.  45  000  m.
Nach  einer  indischen  Reise  takelten  die  Schiffe  nicht  selten  ab,  es  dauerte  Wochen,  oft
Monate,  ehe  die  Ladung  gelöscht  war  und  eine  neue  Reise  angetreten  wurde.  Selbst  dre
Ostseefahrer  überwinterten  nicht  selten  in  den  Häfen,  in  denen  sie  beheimatet  waren.  Die
IX  7
        <pb n="51" />
        50

Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

Einführung  der  Eisenbahnen  und  besonders  der  Dampfschiffe  hat  in  allen  diesen  Verhältnissen ­
  eine  vollständige  Umwandlung  hervorgebracht.  Durch  die  Ausbildung  der
Dampfschiffahrt,  welche  durch  immer  zahlreicher  werdende  Linien  eine  immer  größere
Anzahl  Hafenplätze  miteinander  in  direkte  Verbindung  bringt,  werden,  wie  nicht  minder
durch  die  ständig  fortschreitende  Entwickelung  der  Binnenschiffahrt  auf  Flüssen  und  Kanälen
und  durch  das  immer  dichter  werdende  Eisenbahnnetz  die  Produzenten  und  Konsumenten
gleichsam  einander  näher  gebracht.
Die  großen  Transportunternehmungen,  die  Dampferkompagnien  und  die  Eisenbahngesellschaften ­
  sind  zu  Verbänden  zusammengetreten,  so  daß  der  Übergang  von  einem
Transportmittel  zu  dem
anderen  auch  ohne  Dazwischentreten ­
  vonMittelpersonen
  erfolgt.  Der
Verkehr  zwischen  den
Produzenten  und  Konsumenten ­
  wird,  namentlich ­
  soweit  es  sich  um
Rohstoffe  handelt,  ein
immer  direkterer,  und  an
die  Stelle  des  Importeurs ­
  tritt  in  einem
immer  größeren  Umfange
der  Agent.  Die  Interessen ­
  des  binnenländischen ­
  Empfängers  nimmt,
soweit  sie  sich  auf  den
Empfang  der  Waren  an
dem  Seehandelsorte  erstrecken, ­
  der  „Spediteur" ­
  wahr.  Dieser  bezahlt ­
  sowohl  die  Warenfracht ­
  ,  wie  er  auch  in
Streitfällen  mit  der  Reederei ­
  den  Empfänger
vertritt.  Er  lagert  für
diesen  gegebenenfalls  in
seinen  Speichern  die
Waren,  er  gibt  im  Bedarfsfall ­
  Vorschuß,  vermittelt ­
  einen  etwaigen
Verkauf  oder  besorgt  zu
dem  gewünschten  Terse. ­
  Erotzrs  Fleet  in  Hamburg.  min  den  Transport
an  den  Bestimmungsort.
Durch  diesen  immer  weiter  fortschreitenden  Umwandlungsprozeß  sind  die  Seehäfen
nicht  mehr  in  demselben  Umfange  wie  früher  Verteilungsorte  im  Güterweltverkehr, ­
  sondern  Durchgangsorte.  Ihre  Bedeutung  hat  hierdurch  jedoch  keine  Einbuße ­
  erlitten,  im  Gegenteil,  ihr  äußerer  Umfang  ist  in  einem  bewunderungswerten  Grade
gewachsen.
Recht  zutreffend  hat  Bastian,  der  berühmte  Forscher,  bemerkt:  „Vergleicht  man  die
Häfen  des  griechischen  und  phönizischen  Altertums  mit  denen  unserer  jetzigen  Handelsmetropolen, ­
  Athen,  Sidon,  Tyrus  mit  Sydney,  St.  Francisco,  Bombay,  so  erscheinen
sie  als  ein  Puppenspielzeug  für  die  Kindheit  der  Geschichte  in  richtigen  Proportionen  zu
den  Dimensionen  des  damaligen  und  des  jetzigen  Verkehrs."
        <pb n="52" />
        51

Seeverkehr  und  Seehäfen.  Stadtverkehr.
Die  Seehäfen  haben  sich  immer  mehr  in  Kreuzungspunkte  des  Verkehrs  umgewandelt, ­
  von  welchen  dieser  sich  in  verschiedenen  Richtungen  abzweigt.  Derjenige  Hafen,
welcher  günstig  belegen  ist  und  durch  seine  Ausstattung  sowie  seine  sonstigen  Verhältnisse
am  meisten  den  Bedürfnissen  des  Verkehrs  Rechnung  trägt,  wird  am  leichtesten  seine
Stellung  in  dem  intensiven  Wettbewerbe  zu  bewahren  vermögen,  und  von  ihm  werden
die  meisten  Verkehrsradien  ausgehen.  Diese  Radien  sind  dreierlei  Art:  Seelinien,
Bahnlinien  und  die  Linien  der  Binnenschiffahrt.
Die  eingetretene  Steigerung  des  Seeverkehrs  ist  eine  sehr  bedeutende.  Dieses
Anwachsen  ist  zu  einem  Teile  der  engen  Berührung  und  der  steigenden  großgewerblichen
Entwickelung  der  die  Seeschiffahrt  betreibenden  Völker  zu  verdanken,  zu  einem  anderen
Teile  beruht  die  Zunahme  des  Seeverkehrs  auf  dem  Fortschritte  im  Schiffbau  und
Schiffsmaschinenbau,  welcher  zu  einer  ganz  wesentlichen  und  fast  stetig  fortschreitenden
Herabsetzung  der  Frachtsätze  geführt  hat.  Hierdurch  treten  neue  Warengattungen  in  die
Zahl  der  transportfähigen  Güter  ein,  die  Transportweite  der  schon  früher  in  den  Seeverkehr ­
  aufgenommenen  Güter,  also  ihr  Absatzgebiet,  und  damit  ihre  Menge,  wird  hierbei

22.  Ktrastrnvrrkrhr  im  18.  Iichrhnndrrt  (Porte-Chaise).  Nach  W.  F.  Deaines.

eine  immer  größere.  Dabei  hat  sich  natürlich  auch  der  Kreis  der  von  der  Seeschiffahrt
mit  Gütern  versorgten  und  der  ihr  Waren  liefernden  Länder  entsprechend  erweitert.
Der  im  Laufe  der  Jahrhunderte  in  den  Anschauungen  eingetretene  Umschwung  hat
dazu  geführt,  die  Küsten  und  Flußmündungen  in  immer  vollkommenerer  Weise  mit
Leuchtfeuern  und  sonstigen  Schiffahrtszeichen  auszustatten.  Die  Zeiten,  in  welchen  die
Küstenbewohner  es  als  ihr  gutes  Recht  betrachteten,  ein  gestrandetes  Schiff  als  ihre
Beute  zu  erklären,  in  denen  es  nichts  Ungewöhnliches  war,  daß  falsche  Lichter  aufgestellt
wurden,  um  Schiffe  zum  Stranden  zu  bringen,  sie  sind  dahin,  und  während  früher  die
stürmische  Jahreszeit  von  den  Küstenbewohnern  als  ihre  Erntezeit  bezeichnet  wurde,
sind  diese  jetzt  auf  der  Wacht,  um  die  Schiffe  vor  Schaden  zu  bewahren,  und  sie  wagen
ihr  Leben,  um  in  Not  befindlichen  Schiffen  Rettung  zu  bringen.
Der  Stadtverkehr.  Um  das  von  der  Verkehrsentwickelung  gegebene  Bild  zu  vervollständigen, ­
  bedarf  es  einer  Schilderung  der  Entwickelung  des  städtischen  Verkehrs,
soweit  derselbe  sich  unter  der  Benutzung  von  Personenbeförderungsmitteln  vollzieht.
Dieser  Verkehr  hat  in  der  neueren  Zeit  eine  Ausdehnung  und  damit  eine  Bedeutung
gewonnen,  die  früheren  Zeiten  unbekannt  war.  Im  Altertume  übten  die  Anschauungen
einen  geradezu  lähmenden  Einfluß  in  dieser  Beziehung  aus.  In  vielen  Ländern,  und
so  besonders  im  römischen  Reiche,  war  das  Fahren  auf  den  städtischen  Straßen  im
allgemeinen  verboten.  Durch  dieses  Verkehrsverbot,  das  in  zahlreichen  Städten  bei  der
7»
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        52

Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.
Schmalheit  der  Straßen.allerdings  eine  Notwendigkeit  gewesen  sein  mag,  mußte  naturgemäß ­
  die  Wohnungsnot  sehr  gesteigert  werden,  da  die  Ausbreitungsfähigkeit  der  Städte
unter  dem  unentwickelten  Verkehrsivesen  sehr  leiden  mußte.  Wir  wissen  denn  auch,  daß
die  Wohnungsnot  in  manchen  antiken  Großstädten  zu  ebenso  schlimmen,  wenn  nicht  noch
schlechteren  Verhältnissen  geführt  hat,  als  in  der  Jetztzeit.
In  den  antiken  Städten,  und  so  auch  in  denen  des  Römerreiches,  dienten  zum
Personentransport  die  Sänften.  Nur  einzelnen  hervorragenden  Personen  und  Priesterinnen
  toar  die  Benutzung  von  Wagen  gestattet.
Aus  der  Zeit  des  Mittelalters  liegen  einige  bemerkenswerte  Mitteilungen  über  die
Abwickelung  des  Personenverkehrs  in  den  chinesischen  Städten  vor.  In  den  hochinteressanten ­
  Nachrichten  des  kühnen  venezianischen  Reisenden  Marco  Polo  über  die
Stadt  Quinsai  (jetzt  Hang-tschou)  ist  eine  Beschreibung  des  Fährverkehrs  daselbst  enthalten. ­
  Die  Hauptstraße  der  genannten  Stadt  reichte  von  einem  Ende  zum  anderen.
Sie  war  auf  jeder  Seite  zehn  Schritte  breit,  mit  Kieseln  und  Backsteinen  gepflastert,
während  der  zwischenliegende  Teil  mit  Sand  bedeckt  und  mit  gewölbten  Rinnen  versehen
war,  um  das  Regenwasser  in  die  benachbarten  Kanäle  zu  führen,  damit  die  Straße  immer
trocken  blieb.  Auf  dem  Sandstreisen  fuhren  beständig  Wagen  auf  und  ab.  Dieselben
lvaren  lang  und  bedeckt  und  konnten  sechs  Personen  aufnehmen.  Die  Vorhänge  und
Kissen  waren  aus  Seide  angefertigt.  Männer  und  Frauen,  die  eine  Luftfahrt  machen
wollten,  mieteten  die  Wagen,  von  denen  man  eine  große  Anzahl  dahinfahren  sah.
In  den  europäischen  Städten  kamen  in  dem  späteren  Mittelalter  für  den  Personentranspvrt
  wiederum  Sänften  zur  Verwendung.  Adelige  und  besonders  vornehme  Damen
wurden  mittels  derselben  zu  Hof,  zu  Bällen  und  ins  Theater  getragen.  Fast  das  ganze
Mittelalter  hindurch  uud  vielfach  auch  darüber  hinaus  ließen  die  Straßenverhältnisse
sehr  viel  zu  wünschen  übrig.  Erst  ganz  allmählich  kam  die  Pflasterung  der  Straßen
zur  Durchführung.  Selbst  Städte  wie  Paris  und  London  wiesen  in  dieser  Beziehung
sehr  schlechte  Zustände  auf.  So  mußten  beispielsweise  in  London  noch  um  das  Jahr
1350,  wenn  der  König  nach  dem  Parlament  fahren  wollte,  in  die  von  den  Wagen  eingefahrenen ­
  Geleise  der  Kingstreet  Reisigbündel  geworfen  werden,  damit  der  königliche  Zug
überhaupt  sein  Ziel  erreichen  konnte.  Paris  hat  das  erste  Straßenpflaster  im  Jahre
1184  unter  Philipp  II.  erhalten.
Während  die  Sänften  früher  von  Frauen  und  schwächlichen  Personen  auch  auf
weiteren  Strecken  benutzt  worden  waren,  wurden  sie,  als  man  bequeme  Reisewagen  bauen
lernte,  von  den  Landstraßen  verdrängt.  In  den  Städten  war  bis  zum  19.  Jahrhundert
die  Beförderung  von  Personen  mittels  Sänften  sehr  allgemein.  In  London  und  Paris
standen  auf  den  Plätzen  numerierte  Uaoünsx-vbairo  und  Uorts-ollaisss.  In  Frankfurt ­
  a.  M.  wurden  im  Jahre  1709  die  Stadttragstühle  eingeführt.  Auch  in  Mainz
waren  derartige  Tragstühle  sehr  stark  im  Gebrauche.  In  letzterer  Stadt  betrug  beispielsweise ­
  der  Tragelohn  nach  einem  Orte  außerhalb  der  Stadt  oder  nach  Castel  (auf
der  anderen  Rheinseite)  24  Kreuzer.
Im  18.  Jahrhundert  wurden  zur  Bequemlichkeit  des  Publikums  in  Wien  und  in
anderen  vornehmen  Städten  Chaisen  oder  Fiaker  an  bestimmten  Stellen  für  die  allgemeine ­
  Benutzung  aufgestellt.  In  Paris  war  dieses  Beförderungsmittel  bereits  zur  Zeit
Ludwigs  XIV.  (1643—1715)  zur  Einführung  gekommen.  Berlin  erhielt  1739  die
erste  öffentliche  Fahrgelegenheit.  Bis  dahin  war  man  daselbst  mit  Sänften  ausgekommen.
Die  ersten  fünfzehn  Wagen  ließ  der  König  auf  seine  Kosten  bauen  und  verschenkte  sie
an  eine  Gesellschaft  von  Fuhrleuten.  Die  Wagen  hießen  bis  zum  Jahre  1814  Fiaker.
Dieselben  waren  olivfarben  gestrichen  und  trugen  hinten  eine  weiße  Nummer.  Innen
tvaren  die  Wagen  mit  grauem  Tuche  ausgeschlagen;  sie  besaßen  ein  schwarzledernes
Verdeck.  Die  Kutscher  trugen  Dreimaster  und  lange  Schoßröcke.  Die  Taxe  für  die
einfache  Tour  betrug  vier  Groschen.  Die  Wagen  waren  von  morgens  6  resp.  7  bis
abends  10  Uhr  in  Dienst.
Einen  vollständig  anderen  Charakter  nahm  der  städtische  Verkehr  durch  die  Einführung ­
  von  Omnibussen  an.  Der  erste  Omnibus  fuhr  im  Jahre  1819  durch  die
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        53

Der  Stadtverkehr.

Straßen  von  Paris  und  verdankte  dem  Bankier  Lafitte  sein  Dasein.  In  London  begann
der  Omnibusverkehr  im  Jahre  1829.
Die  Idee,  das  Eisenbahngeleis  auch  dem  städtischen  Verkehre  dienstbar  zu  machen,
war  eine  sehr  glückliche  und  erfolgreiche,  denn  die  Straßeneisenbahnen  haben  sich  für
die  Entwickelung  der  Städte  als  von  sehr  großer  Bedeutung  erwiesen.  Die  erste  Straßeneisenbahn ­
  in  Deutschland  kam  in  Berlin  im  Jahre  1865  am  22.  Juni  in  Betrieb.  Nur
unter  Aufwendung  ganz  außergewöhnlicher  Mühe  und  nur  durch  eine  große  Beharrlichkeit
war  es  dem  dänischen  Ingenieur  Möller  möglich  gewesen,  seinen  Plan  durchzusetzen.
Nach  Berlin  erhielt  Hamburg  eine  Pferdebahn  (16.  Aug.  1866),  dann  Stuttgart  (29.  Juli
1868).  Im  Jahre  1872  folgten  Dresden,  Frankfurt  a.  M.,  Hannover  und  Leipzig.
Die  Ersetzung  der  Pferdebahnen  durch  solche  mit  mechanischem  Antrieb  (Dampf,
Gas  und  neuerdings  in  immer  zunehmenderem  Umfange  Elektrizität)  bezeichnen  weitere
Etappen  auf  dem  bedeutungsvollen  Gebiete  des  städtischen  Verkehrs,  zu  dessen  Abwickelung ­
  es  in  vielen  Städten  bereits  erforderlich  geworden  ist,  besondere  Stadtbahnen
anzulegen,  deren  mannigfache  Formen  in  dem  Abschnitte  Eisenbahnen  zur  Vorführung
gelangen.  Die  Ersetzung  der  Fuhrwerke  durch  Motorwagen  befindet  sich  zwar  an  vielen
Orten  erst  im  Entwickelungsstadium,  dürfte  aber  eines  Tages  eine  ziemlich  vollständige
werden.  Die  zunehmende  Bedeutung  dieses  Transportmittels  läßt  es  gerechtfertigt
erscheinen,  auf  dasselbe  weiterhin  zurückzukommen.
Um  die  Bedeutung  des  städtischen  Schuellverkehrs  recht  klar  hervortreten  zu  lassen,
mögen  nachstehend  einige  besonders  bemerkenswerte  Zahlen  gegeben  werden.  Während  für
New  Pork  diese  Verkehrsziffer  im  Jahre  1871  rund  130  Millionen  betrug,  war  sie  im
Jahre  1895  auf  469  Millionen  gestiegen,  so  daß  hier  täglich  durchschnittlich  Istz  Millionen
Menschen  befördert  wurden.  Das  mächtige  Anwachsen  Berlins  seit  1870  spiegelt  sich
auch  in  seinem  Berkehrsleben  wieder,  und  es  ist  von  Interesse,  einzelne  Ziffern  aus
diesem  anzuführen.
Der  Omnibusverkehr  betrug:
1877:  13000000,  1881:  97  000000,  1894:  36000000  Passagiere.
Der  Verkehr  der  Straßeneisenbahnen:
1877:  27000000,  1881:  90000000  Passagiere.
Im  Jahre  1897  wurden  mit  den  Pferdebahnen  befördert:
189  429  439  Passagiere.
Im  Jahre  1882  fand  die  Inbetriebnahme  der  Stadtbahn  statt,  deren  Züge  mit
Lokomotiven  betrieben  werden.  Die  Verkehrsziffer  betrug:
1882:  9  347  850,  1890:  33  891  912,  1897:  87  746  914  Personen.
Durch  sämtliche  Transportanlagen  wurden  1897  bei  einer  Bevölkerung  von
1  753  834  Einwohnern  330  697  459  Passagiere  befördert.
In  den  orientalischen  Städten  beginnt  die  Straßeneisenbahn  gleichfalls  immer  mehr
einzudringen,  wie  es  denn  auch  nur  eine  Frage  der  Zeit  ist,  daß  selbst  die  chinesischen
Städte  von  Geleisen  durchzogen  sein  werden.  Heute  spielt  in  den  letzteren  Städten  neben
den  sogenannten  Männerkraftwagen,  den  Jinrickshaws,  noch  die  einräderige  Schubkarre ­
  für  den  Personentransport  eine  Rolle.  Der  Männerkraftwagen  besitzt  zwei  Räder
und  trägt  seinen  Namen  davon,  daß  diese  leichten  Gefährte  von  einem  Manne  gezogen
werden.  Auf  dem  einräderigen  Schubkarren  nehmen  die  Fahrgäste,  in  Shanghai  beispielsweise ­
  vielfach  chinesische  Arbeiterinnen,  beiderseits  des  Rades  auf  hier  befindlichen
Bänken  Platz.
-l-  *
*
An  dieser  Stelle  darf  nicht  vergessen  werden,  auch  auf  die  große  Bedeutung  hinzuweisen, ­
  welche  in  verkehrlicher  Beziehung  die  Post,  der  Telegraph  und  das
Telephon  besitzen,  wie  auch  nicht  verkannt  werden  kann,  daß  sich  das  Fahrrad  zu
einem  Verkehrsmittel  entwickelt  hat,  das  bei  einer  Aufzählung  der  Transportmittel
nicht  übergangen  werden  darf.
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        54

Einleitung:  Entwickelung  des  Verkehrswesens.

Zum  Schlüsse  dieses  Kapitels  muß  nochmals  die  große  volkswirtschaftliche  Bedeutung ­
  des  Verkehrs  und  die  Wichtigkeit  seiner  möglichst  weitgehenden  Erleichterung
hervorgehoben  werden.
Bis  Ende  des  vorigen,  ja  selbst  noch  im  Anfange  dieses  Jahrhunderts  war  in
Europa  der  Gütertransport  ein  sehr  langsamer  und  infolgedessen  ein  so  kostspieliger,  daß
nur  Manufakturen  und  ganz  leichte  Waren  die  Frachtspesen  auf  weitere  Entfernungen
zn  tragen  vermochten.  So  betrug  z.  B.  der  Preis  der  Wagenfracht  von  London  nach
Leeds  260  Mark  per  Tonne,  d.  h.  pro  Tonne  und  Meile  13h'2  Pence--  1,15  Mark.
Schwere  Artikel,  wie  Kohlen  und  Eisen,  konnten  im  Handel  nur  rentieren,  wenn  sie  zur
See  verschifft  wurden.  Handelswaren,  welche  1763,  d.  h.  vor  der  Verbesserung  der
englischen  Transportverhältnisse  13V 8  Pence  pro  Tonne  und  Meile  kosteten,  legen  jetzt
diese  Wegeslänge  für  drei  bis  vier  Pence  zurück.  Die  Verringerung  der  Frachtspesen
hat  naturgemäß  einen  größeren  Konsum  im  Gefolge  gehabt,  da  hierdurch,  wie  nicht
minder  durch  die  durch  den  Maschinenbetrieb  ermöglichte  billigere  Herstellung  vieler
Gegenstände  nicht  nur  mehr  Artikel  exportfähig  geworden  sind,  sondern  auch  der  Kreis
der  Konsumenten  ganz  außerordentlich  gewachsen  ist.
Der  Satz,  daß  die  Transportsteuer  die  erste  und  schwerste  ist,  welche  ein  Land  und
die  Arbeit  zu  entrichten  hat,  enthält  viel  Wahres.  Die  Erkenntnis  dieser  Wahrheit  hat
sich  jedoch  seltsamerweise  nur  mühsam  Bahn  zu  brechen  vermocht.
Wenn  man  auch,  wie  wir  gesehen  haben,  bereits  in  früheren  Zeiten  einen  Welthandel ­
  kannte,  d.  h.  einen  Handel,  den  einzelne  Völker  über  ihre  Landesgrenzen  und
die  Meere  hinaus  betrieben,  so  sticht  dieser  Welthandel  doch  weit  von  der  Weltwirtschaft ­
  ab,  wie  sie  sich  etwa  seit  der  Mitte  dieses  Jahrhunderts  entwickelt  hat.  Erst  die
vervollkommneten  Transportmittel  zu  Wasser  und  zu  Lande,  in  Verbindung  mit  einem
außerordentlich  rasch  und  sicher  funktionierenden  Nachrichtenwesen  ermöglichten  es,  daß
der  Absatzkreis  aller  Güter  enorm  erweitert  werden  konnte.  Die  rasche  Orientierung
gestattet  es,  in  Verbindung  mit  den  zur  Verfügung  stehenden,  nach  allen  Teilen  unserer
Erde  sich  erstreckenden  Verbindungen,  zu  übersehen,  wo  Überfluß  an  irgend  welchen
Produkten  ist  und  wo  dieselben  mangeln,  um  mit  Hilfe  der  zahlreichen  leistungsfähigen
Transportmittel  rasch  einen  Ausgleich  herbeizuführen.
Der  Handel  hat  mit  der  fortschreitenden  Verkehrsentwickelung  eine  immer  größere
Bedeutung  und  einen  immer  mächtigeren  Einfluß  erlangt,  wie  die  steigenden  Umsatzziffern ­
  deutlich  erkennen  lassen,  welche  vom  Jahre  1860  bis  zum  Jahre  1891  von  29
auf  73  Milliarden  gewachsen  sind.  Durch  die  dem  Handel  und  Verkehr  zur  Verfügung
stehenden  Hilfsmittel  ist  an  die  Stelle  des  lokalen  Marktes  immer  mehr  und  mehr  der
Weltmarkt  getreten,  und  die  örtliche  Preisbildung  wird  in  einem  erheblichen  Maße  durch
den  Weltmarktpreis  reguliert.
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        Landstraßen.
Der  Stratzenbau.
ie  Wegebauten  einiger  alten  Völker  sind  in  der  Einleitung  bereits  besprochen.
Eine  besondere  Förderung  erfuhr  der  Straßenbau  im  Altertum  durch  die
Phönizier,  Perser,  Griechen  und  namentlich  durch  die  Römer.
Die  Phönizier  erwarben  sich  ein  bedeutendes  Verdienst  durch  die  Anlegung
der  ersten  künstlichen  Wege  in  Europa  und  zwar  in  Griechenland.  Diese
Wege  dienten  vornehmlich  dem  Holztransport  aus  den  griechischen  Urwaldungen
an  das  Meeresgestade.  Die  günstige  Gestaltung  des  Landes,  an  dessen  Küstenrand  sich
eine  Meeresbucht  an  die  andere  reiht,  ließ  das  Bedürfnis  nach  Transportwegen  hier  nicht
in  gleich  hohem  Maße  wie  in  anderen  Ländern  hervortreten.  Wenn  dennoch  Griechenland ­
  von  einer  größeren  Anzahl  Straßen  durchschnitten  war,  so  hatten  hierzu  in  erster
Linie  religiöse  Einflüsse  den  Anstoß  gegeben.  Die  Heiligtümer  wurden  von  allen  Griechen
gemeinsam  verehrt,  und  die  Wallfahrten  nach  denselben  ließen  Straßen  entstehen,  die
durch  das  verhältnismäßig  geringe  Bedürfnis  des  Handels  allein  nicht  geschaffen  worden
wären.  Diese  Straßen  erhielten  eine  eigenartige  Ausbildung.  Die  Festwagen,  die  Hauptobjekte,
  mit  welchen  diese  Wege  befahren  wurden  und  auf  denen  den  Göttern  die  heiligen
Gegenstände  zugeführt  wurden,  sollten  ohne  Unfall  ihren  Bestimmungsort  erreichen  können.
Um  dem  Transport  dieser  hochgebauten,  geschmückten  und  beladenen  Festwagen  jegliche
Störung  fernzuhalten,  stellten  die  Griechen  in  dem  felsigen  Untergrund  eine  genaue  Bahn
für  die  Wagenräder  her,  indem  sie  Spurrinnen  im  Boden  einarbeiteten.  Diese  Spuren
bestanden  aus  sauber  ausgehauenen  kleinen  Rinnen,  deren  Überbleibsel  noch  heute  vorhanden ­
  sind.  Diese  Spurwege  pflegt  man  als  die  erste  Entwickelungsstufe  unserer  modernen
Schienenwege  zu  bezeichnen.  Das  Einschneiden  der  Geleisfurchen  war  die  Hauptarbeit  des
griechischen  Wegebaues,  und  ans  diese  Thätigkeit  ist  die  den  alten  Sprachen  eigene  Ausdrucksweise ­
  „den  Weg  schneiden"  zurückzuführen.
Die  nach  den  Heiligtümern  führenden  Wege  wurden  als  heilige  Straßen  betrachtet,
nach  dem  Glauben  der  Griechen  waren  auf  ihnen  die  Götter  gewandelt,  als  sie  in  das  Land
kamen.  Die  Schicksale  dieser  Götter  wurden  durch  Denkmäler  veranschaulicht,  welche  an  den
Straßenseiten  aufgestellt  wurden.  Auch  das  Andenken  an  jene  Heroen,  die  im  Dienste  der  Gottheiten ­
  gehandelt  oder  gelitten  hatten,  wurde  auf  gleiche  Weise  geehrt.  Die  heiligen  Straßen
nahmen  ihren  Anfang  an  einem  heiligen  Thor.  Durch  dieses  zogen  die  Prozessionen  ans,  um
nach  dem  am  anderen  Ende  der  Straße  liegenden  Heiligtume  zu  wallfahren.  Die  Anschauung,
daß  diese  Heerstraßen  gottgeweihte  Anstalten  waren,  hatte  zur  Folge,  daß  sie  auch  im  öffentlichen ­
  Recht  und  im  Völkcrverkehr  als  solche  anerkannt  wurden,  und  daß  die  ältesten  Völkerverträge ­
  sich  auf  die  Unverletzlichkeit  der  Pilger  bezogen.  Mit  dieser  Heiligkeit  der  Straßen
hängt  es  zusammen,  daß  die  Alten  mit  Vorliebe  am  Wegrande  bestattet  werden  wollten.
Den  Familiengräbern  kam  an  dieser  Stelle  außer  dem  allgemeinen  Schutz,  deu  Sitte  und
Religion  hinsichtlich  der  Grabstätten  vorschrieben,  noch  die  besondere  Heiligkeit  der  Belegenheu
zu  gute.  Für  besonders  ehrenvoll  galten  die  Gräber  an  den  Kreuzungspunkten  verschiedener
Straßen.  Manche  dieser  Denkmäler  hatten  eine  besondere  Weihe  und  Wichtigkeit,  indem  sie
in  dem  Rufe  wunderthätiger  Einwirkung  standen.  So  gab  es  solche,  an  denen  ungtucktlch
Liebende  Abhilfe  ihrer  Not  suchten,  oder  die  für  Fieberkranke  hilfebringend  waren,  ¿ue
Tempelzugänge  wurden  frühzeitig  gepflastert,  bereits  in  der  Odyssee  wird  der  gepflasterten  Hose
und  Märkte  Erwähnung  gethan.
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        56  Straßenbau:  Römerstraßen.
Die  Anzahl  der  heiligen  Straßen  war  eine  sehr  grvße;  als  die  hervorragendsten  sind
zu  nennen:  die  Straßen  von  Delphi,  Eleusis,  Olympia,  Miletos,  Anaphe  und  die
Apollonische  Straße  des  Battos  in  Kyrene  (in  Afrika).
Bon  besonderer  Bedeutung  für  den  Wegebau  und  namentlich  für  die  Ausbildung
des  auf  diesen  Straßen  stattfindenden  Verkehrs  erwies  sich  die  Thätigkeit  des  persischen
Volkes.  Die  Schaffung  des  großen  persischen  Reiches  gab  die  Möglichkeit  zur  Herstellung
ausgedehnter  Verkehrswege,  auf  welchen  der  Warentransport  ohne  Selbstschutz  und  ohne
Furcht  vor  willkürlicher  Belastung  erfolgen  konnte.  Die  Einteilung  des  Reichs  in  Satrapien
  rief  das  Bedürfnis  nach  regelmäßiger  und  schneller  Verbindung  zwischen  der  Hauptstadt ­
  des  Landes  und  denjenigen  der  einzelnen  Provinzen  hervor.  Von  Susa,  der  Residenzstadt, ­
  erstreckten  sich  Straßen  nach  Kleinasien,  Ekbatana,  nach  Persepolis  und  Babylon.
Von  Susa  nach  Sardes  und  Ephesus  führte  die  Königstraße  in  einer  Länge  von  2600  Km,
und  diese  Straße  war  geschmückt  mit  zahlreichen  Skulpturen,  Palästen,  Feuertempeln  und
Brücken.  Die  Straßen  waren  nach  Parasangen  (Längenmaß  =  etwa  5300  m)  eingeteilt
und  diese  Entfernungen  durch  Meilensteine  kenntlich  gemacht.  Die  Ausbildung  des  Schnellverkehrs ­
  auf  diesen  Straßen  diente  den  späteren  römischen  Leistungen  als  Vorbild.
Die  Römerstraßen.  Die  Schöpfungen  aller  antiken  Völker  auf  dem  Gebiete  des
Wegebaues  wurden  bekanntlich  durch  die  Straßenbauten  der  Römer  übertroffen.  Einerseits ­
  ist  es  die  außerordentliche  Gediegenheit  der  Ausführung,  anderseits  die  ungeheuere
Ausdehnung  des  Straßennetzes  der  Römer,  die  immer  wieder  von  neuem  den  Menschen
das  Gefühl  der  Bewunderung  und  des  Erstaunens  entlockt.  Zweck  und  Ziel  dieser
Straßenanlagen  waren  sowohl  das  Streben  nach  einer  möglichst  großen  Erhöhung  der
Kriegsbereitschaft  als  auch  der  Wunsch  einer  weitgehenden  Erleichterung  des  Handelsverkehrs.
Der  Eigenart  der  Römer  entsprach  es,  diese  Straßen  im  allgemeinen  unbekümmert  um
die  durch  natürliche  Verhältnisse  gebildeten  Hindernisse  zur  Ausführung  zu  bringen.  Sie
scheuten  weder  vor  der  Durchstechung  mächtiger  Höhenrücken  noch  vor  der  Überbrückung
breiter  Thäler  zurück,  wenn  es  galt,  ihr  Tracierungsprinzip,  die  Verbindung  zweier  Orte
Ivomöglich  durch  die  gerade  Linie  zwischen  denselben  zu  bewirken,  zur  Geltung  zu  bringen.
Ganz  im  Gegensatz  hierzu  schmiegten  sich  die  Griechen  den  gegebenen  Bodenverhältnissen ­
  an  und  folgten  mit  ihren  Straßen  den  Thalwindungen,  überall  vor  einem  gewaltsamen ­
  Eingreifen  in  die  Naturverhältnisse  zurückschreckend,  jedoch  nicht  aus  Furcht  vor
der  etwaigen  Größe  der  zu  bewältigenden  Arbeit,  sondern  veranlaßt  dnrch  ein  fein  ansgebildetes ­
  Gefühl,  das  sich  in  technischer  Beziehung  häufig  als  ein  guter  Berater  erwies.
Um  ein  anschauliches  Bild  von  dem  außerordentlichen  Umfange  der  Römerstraßen
zu  gewinnen,  sollen  kurz,  in  Anlehnung  an  die  von  dem  berühmten  verstorbenen  Generalpostmeister
  Stephan  vorgenommene  Einteilung  der  römischen  Straßen  in  5  Gruppen,  die
Hauptrouten  Erwähnung  finden.
Sämtliche  Straßen  gingen  von  dem  Mittelpunkt  der  Welt,  dem  Koruna  romanum  aus,
woselbst  durch  Augustus  ein  vergoldeter  Meilenstein  (Milliarium  aureum)  errichtet  worden
war.  Die  erste  Hauptroute  bildete  die  Verbindung  Rom-Afrika.  Die  Straße  ging  von
Rom  über  Capua  nach  Rhegium.  Hier  fand  die  Überfahrt  nach  Sizilien  statt,  an  dessen
Nordrand  die  Straße  nach  Lilybäum  führte,  von  wo  aus  man  in  24  Stunden  nach  Karthago
segelte.  Von  Karthago  erstreckten  sich  die  Straßen  westwärts  bis  zu  den  Säulen  des  Herkules,
ostwärts  bis  Alexandria  und  Pelusinm.  —  Tie  zweite  Hauptroute  war  hie  Straße  Rom-Asien.
Die  Straße  führte  von  Rom  über  Capua  nach  Brundisium,  dem  Überfahrtsort  nach  Makedonien. ­
  Ein  großer  Zweig  erstreckte  sich  südlich,,  bis  nach  Thessalien  und  Griechenland,  ein
anderer  östlich  bis  zum  Chersonnes.  An  die  Überfahrt  über  den  Hellespont  schlossen  sich
Straßen  an,  die  sich  verzweigten  a)  nach  Armenien  und  dem  Phasis,  b)  bis  zum  Euphrat,
o)  durch  Syrien,  Palästina  über  die  Landenge  von  Suez  nach  Alexandria.  —  Die  dritte
Hauptroute  bildete  die  Verbindung  Roni-Byzanz.  Die  Straße  führte  von  Roni  über  Ariminum
  und  Aquileja  durch  Istrien,  Jllyrien,  Pannonien,  Mösien,  Thrakien  nach  Byzanz,  von
hier  über  den  Bosporus  nach  Asien.  —  Die  vierte  Hauptroute  war  der  Straßenzug  Rom-Hispanieu.
  Die  Route  ging  über  Centumcellä  (den  berühmten  Hafenort  Trajans),  Pisa,
Genua,  Massilia,  Narbo  und  über  die  Pyrenäen  nach  Hispanien,  welches  Land  von  einer
großen  Zahl  Straßen  durchzogen  war.  —  Die  fünfte  Hauptroute  bildeten  die  Straßenzüge
von  Rom  nach  Germanien  und  Britannien.
Die  Route  Rom-Afrika  enthielt  die  oft  genannte  und  viel  gerühmte,  von  den  Dichtern
als  die  „Königin  der  Straßen"  gepriesene  Via  Appia,  von  welcher  Abb.  23  eine  Ansicht
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        23.  Die  Via  Appia  bci  Nom.

24.  Die  Traiansltratzr  am  Dajanpatz.

IX  8
        <pb n="59" />
        58

Der  Straßenbau.

mit  den  an  dieser  Straße  belegenen  Grnbdenkniälern  gibt.  Diese  Straße  wurde  auf  Veranlassung ­
  des  Zensors  Appius  Claudius  erbaut  und  zwar  aus  militärischen  Gründen;  sie
durchschnitt  die  oft  geschilderte  Campagna,  deren  Hauptreiz  nicht  zum  mindesten  in  dem  in
ihr  erstorbenen  Leben  besteht.  Die  Königin  der  Straßen  führte  in  gerader  Richtung  aus
das  Albaner  Gebirge  und  weiter  nach  Campanien  und  nach  den  beiden  während  einer  langen
Zeit  wichtigsten  Häfen  Italiens:  Puteoli  und  Brundusium.  Viel  wurde  diese  Heerstraße  im
Altertum  zu  Luftfahrten  benutzt,  wobei  die  Römer  und  Römerinnen  ihre  glänzenden  Gespanne ­
  oder  auch  sich  selbst  bewundern  ließen.  Zahlreiche  römische  Patrizier  fuhren  auf  derselben ­
  von  ihren  Landsitzen  nach  der  Stadt,  um  in  dieser  ihren  Pflichten  als  Mitglied  der
Behörden  oder  des  Gerichts,  als  Hofmann  oder  als  Senator  nachzukommen.
Von  der  dritten  Route  verdient  besonders  die  Trajansstraße  auf  dem  rechten  Donauufer
  Erwähnung.  In  der  Gegend  des  Eisernen  Thores  war  dieselbe  teils  in  die  Felsen  eingearbeitet, ­
  teils  ruhte  sie  auf  Auslegern,  welche  aus  den  Felswänden  hervorragten.  Die  Erinnerung ­
  an  die  von  den  Römern  hier  sowohl  am  Lande  wie  im  Strom  geschaffenen  Bauten  haben
mehrere  Jnschristentaseln  wachgehalten.  Abb.  24  zeigt  die  Tabula  Traiana  am  Kasanpaß.
Der  kunstvoll  verziert  gewesene  Rahmen  und  die  geflügelten  Geniusgestalten  sind  zwar  im
Laufe  der  Jahrhunderte  verschwunden,  der  Text  ist  jedoch  noch  ziemlich  erhalten.

26.  Querschnitt.
25  u.  26.  Muiischrr  Kohlenwrg.

Der  Straßenzug  Rom-Germanien  umfaßte  eine  Anzahl  Alpenftraßen.  Die  Römer  benutzten
bereits  folgende  Päsfe:  Großer  St  Bernhard,  Simplon,  Julier  und  Septimer,  Splügen,  Brenner,
Mont  Cenis,  Mont  Genèvre.  Die  keltischen  Stämme  dürften  auf  ihrem  Zuge  nach  Italien  eine
uralte  Völkerstraße  benutzt  haben,  die  von  der  mittleren  Rhone  über  Chambéry  und  durch  das
obere  Thal  der  Isère  an  dem  kleinen  St.  Bernhard  vorüber  und  weiter  in  das  Thal  der  Doria  nach
Aosta  und  Jvrea  führte.  Die  römischen  Alpenstraßen  sind  sehr  gut  geführt.  Sie  folgen  den
sonnigen  Seiten  der  Berge,  schmiegen  sich  dem  Terrain  an  und  vermeiden  große  Thalübergängc.
Die  Römerstraßen  sind  in  sehr  verschiedener  Art  und  Weise  konstruiert;  die  Römer
wußten  sich  sehr  wohl  den  Verhältnissen  der  einzelnen  Länder  anzupassen  und  bauten
ihre  Straßen  je  nach  dem  vorhandenen  Materiale  aus.  Während  auf  vielen  Strecken
die  Römerstraßen  aus  einer  so  festen  Steinmasse  bestanden,  daß  man  sie  mit  Recht  mit
umgelegten  Mauern  verglichen  hat,  nötigten  die  Verhältnisse  in  den  Niederungen
Germaniens  (an  dem  unteren  Rhein  und  der  Weser,  besonders  auch  im  Oldenburgischen)
die  Römer  zu  einer  vollständig  abweichenden  Konstruktion.  Noch  heute  finden  &amp;gt;vir  in  den
Moorgegenden  die  Überreste  der  römischen  Bohlenwege,  wie  solche  in  den  Abb.  25  u.  26
dargestellt  sind.  Neuerdings  taucht  allerdings  die  Ansicht  auf,  daß  diese  Anlagen  nicht
römischen  Ursprungs  sein  könnten.  Man  hat  nämlich  auch  östlich  der  Elbe  bis  nach  Westpreußen ­
  hin  ganz  ähnliche  Anlagen  gefunden,  d.  h.  in  Gegenden,  welche,  wie  man  mit
Bestimmtheit  weiß,  nicht  von  den  Römern  betreten  worden  sind.
Man  kann  im  allgemeinen  bei  den  Römerstraßen  vier  Lagen  des  Unterbaues  unterscheiden ­
  (s.  Abb.  27).  Die  unterste  Lage  hieß  „Statumen“;  sie  bestand  aus  einer  oder
zwei  Schichten  flacher  Steine,  die  nicht  selten  in  Mörtel  verlegt  waren.  Die  zweite  Lage
führte  die  Bezeichnung  „Rmlsratio".  Sie  wurde  durch  faustgroße,  in  Mörtel  verlegte
Kiesel  gebildet.  Die  Bezeichnung  der  dritten  Schicht  war  „Nucleus“.  Hierzu  fanden
        <pb n="60" />
        59

Römerstraßen.
nußgroße  Kiesel  Verwendung.  Die  vierte  Lage  bildete  die  Abdeckung  der  Straße.
Diese  Schicht  wurde  „Summa  crusta“  genannt  und  bestand  aus  Pflaster  oder  Beschotterung. ­
  Die  Straße  wurde  der  Breite  nach  in  drei  Teile  getrennt.  Der  mittlere,
meist  etwas  gewölbte  Teil  hieß  „Agger“.  Derselbe  war  von  den  Seitenwegen  durch
Bordsteine  abgesondert.  An  den  Fahrbahnen  standen  besondere  Steine  zum  Aufsteigen
der  Reiter.  Diese  Vorkehrung  war  nötig,  da  man  die  Steigbügel  nicht  kannte.  Diese
Erfindung  wurde  in  Europa  erst  im  4.  Jahrhundert  bekannt.
Die  oben  angegebenen  fünf  Hauptrouten  bildeten  die  Hauptmaschen  des  römischen
Straßennetzes,  das  durch  Straßen  untergeordneter  Bedeutung  in  eine  große  Anzahl
engerer  Maschen  zerlegt  wurde.  Man  schied  die  Straßen  in  Heer-  und  Provinzialstraßen, ­
  Gemeindewege,  Fußpfade  und  Hohlwege.  Der  französische  Gelehrte  Bergier  hat
die  Gesamtlänge  auf  10000  geographische  Meilen  geschätzt,  eine  Zahl,  welche  die  neuere
Forschung  als  etwas  zu  hoch  ansieht.  Die  Aufsicht  über  dieses  wichtige  Gebiet  lag
besonderen  Kommissionen  ob.  Es  galt  für  eine  sehr  hohe  Ehre,  mit  der  Oberaufsicht
(curatorss)  betraut  zu  werden.  Die  Unterhaltung  erfolgte  aus  öffentlichen  Mitteln  und
wurde  in  den  meisten  Fällen  dem  Mindestfordernden  übertragen.  Julius  Cäsar  ordnete  eine
allgemeine  Straßenvermessung  an,  ein  Unternehmen,  das  erst  unter  Augustus  vollendet  wurde.
Hervorragende  Verdienste  auf  dem  Gebiete  des  Straßenbaues  fanden  durch  Errichtung ­
  von  Ehrenbogen  einen  sichtbaren
Ausdruck.  So  wurde  im  Jahre  27  v.  Chr.
Augustus  in  Rimini  ein  solcher  Bogen  errichtet. ­
  Aus  gleicher  Veranlassung  errichtete
man  Kaiser  Trajan  einen  Ehrenbogen  in
Benevent.  Mit  dem  römischen  Straßenbau
hängt  ans  das  engste  die  Ausbildung  des
römischen  Postwesens,  des  cursus  publicus,
zusammen.  In  den  Zeiten  der  Republik  wurden ­
  die  Regierungs-Depeschen  lediglich  durch
Eilboten  (viatorcs)  übermittelt.  Zur  Be-  27.  Gurrschnitt  -in«  N-merstrußc.
schleunigung  ihrer  Beförderung  wurde  ein
ausgebildetes  Vorspannwesen  eingeführt.  Die  Entstehung  des  eigentlichen  enrens  publicus
fällt  in  die  Kaiserzeit.  Augustus  ivurde  auch  bei  dieser  Schöpfung  von  seinem  Freund  und
Schwiegersohn  Agrippa  thatkräftig  unterstützt.  Das  gesamte  Straßennetz  wurde  in  bestimmte
Wegestrecken  eingeteilt.  An  diesen  Teilpunkten  befanden  sich  Stationen,  die  man  nach  ihrer
Bedeutung  in  naansionss  und  inutationes  unterschied.  Die  Entfernung  zwischen  je  zwei
mansiones,  die  nicht  selten  mit  prächtig  eingerichteten  Wvhngemächern  der  Kaiser  ausgestattet ­
  waren,  betrug  eine  Tagesreise.  Die  mntationes  waren  Fntterstationen.  Auf
den  Stationen  befand  sich  die  nötige  Anzahl  Pferde  (etwa  40),  damit  jederzeit  ein
Pferdewechsel  eintreten  konnte.  Zum  Ziehen  der  Wagen,  die  eine  sehr  verschiedene
Gestalt  aufwiesen,  wurden  Pferde,  Ochsen,  Maulesel  und  Esel  benutzt,  der  eigentliche
Postreisewagen,  die  rlieda  currens,  konnte  2  bis  4  Personen  aufnehmen.  Alle  Einzelheiten ­
  des  gesamten  Betriebs  waren  auf  das  genaueste  geregelt.  Die  oberste  Leitung  des
euren»  publicus  lag  in  den  Händen  des  Praefectus  praetorii.  Die  Geschichte  hat  die
von  einzelnen  hervorragenden  Persönlichkeiten  auf  den  Römerstraßen  zurückgelegten
Schnellfahrten  verzeichnet.  Cäsar  namentlich  war  wegen  seiner  raschen  Reisen  berühmt,
nach  Sueton  legte  er  mittels  Wagen  in  einem  Tage  148  km  zurück,  d.  h.  also  bei  einer
13  bis  14  ständigen  täglichen  Fahrzeit  etwa  11  km  in  der  Stunde.  Als  durchschnittlich
erzielte  Geschwindigkeit  kann  die  von  6  bis  8  Meilen  Pro  Tag  bezeichnet  werden.  Im
großen  und  ganzen  diente  der  euren»  ptiblicus  ausschließlich  Staatszwecken.  Die  Reisenden ­
  waren  Staatsbeamte,  Militärpersonen,  Veteranen  und  solche  Personen,  denen  ausnahmsweise ­
  ein  Fahrschein  (evsctio)  erteilt  worden  war.  Die  Unterhaltung  dieser
Verkehrseinrichtung  lag  den  Provinzbewohnern  ob,  die  auch  für  die  Versorgung  der
Reisenden  aufkommen  mußten.  Die  Belastung  der  Betroffenen  war  eine  sehr  erhebliche,
und  hierauf  ist  es  zurückzuführen,  daß  im  Gegensatz  zu  unserer  Zeit  nicht  selten  Proteste
gegen  die  geplante  Durchführung  des  euren»  publicus  durch  irgend  eine  Gegend  von
8*
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        60

Der  Straßenbau.

Seren  Bewohnern  erhoben  wurden.  Die  Blütezeit  des  römischen  Staatspostwesens  war
von  der  Mitte  des  1.  bis  zum  Schluffe  des  3.  Jahrhunderts.  Zn  jener  Zeit  erstreckte  sich
der  cui'sus  publicus  von  dem  Piktenwall  in  Britannien  bis  zum  Wendekreis  des  Krebses
und  von  den  Säulen  des  Herkules  bis  zum  Euphrat.
Über  das  gesamte  Hauptstraßennetz  gab  es  Karten,  Jtinerarien,  auf  welchen
alle  Stationen  aufgeführt  waren.  Am  berühmtesten  von  den  auf  uns  gekommenen  Karten
ist  die  Peutingersche  Tafel,  so  genannt  nach  ihrem  einstigen  Besitzer,  dem  Augsburger
Stadtschreiber  Konrad  Peutinger  (gest.  1547).  Dieser  Karte  liegt  ein  Jtinerarium  aus
dem  4.  Jahrhundert  zu  Grunde.
Der  Niedergang  und  Zusammenbruch  des  römischen  Weltreichs  übte  erklärlicherweise
auch  auf  die  wichtige  Staatseinrichtung  des  cursus  publicus  einen  ungünstigen  Einfluß  aus.
Durch  Kaiser  Leo  (457bis474n.  Chr.)  erfuhr  dieselbe  bereits  eine  weitgehende  Einschränkung.
Der  cursus  publicus  ging  zwar  in  der  Folgezeit  noch  nicht  völlig  unter,  und  sowohl  die
Merowinger  wie  die  Westgoten  versuchten  die  Vorteile,  welche  diese  Einrichtung  der  Obrigkeit ­
  auf  Kosten  der  Provinzbewohner  bot,  zu  erhalten,  allein  die  Benutzung  fand  nur
zeitweilig  statt,  und  dieser  Umstand  mußte  naturgemäß  die  Leistungsfähigkeit  bedeutend
herabdrücken.  Karl  der  Große  scheint  ein  Gesetz  erlassen  zu  haben,  nach  welchem  für  die
königlichen  Kommissarien  Stationen  zu  erhalten  waren,  der  Post-  und  Fährverkehr  in  der
früheren  Form  erhielt  sich  nicht.  Erst  1464,  also  am  Ende  des  Mittelalters,  wurde  wiederum
eine  Staatspost  und  zwar  durch  Ludwig  XI  (1461  bis  1483)  in  Frankreich  eingerichtet.
Während  die  Straßen  in  Europa  das  ganze  Mittelalter  hindurch  viel  zu  wünschen
übrig  ließen,  trafen  die  spanischen  Eroberer  in  dem  neueutdeckten  Erdteil,  in  Amerika,
in  Peru  und  Mexiko  auf  zahlreiche,  gebahnte  und  wohlerhaltene  Straßen,  auf  denen
in  Peru  eine  gut  organisierte  Kurierpost  verkehrte.  Die  Straßen  des  Jnkareiches,
besonders  die  in  einer  Länge  von  400  bis  500  Meilen  hergestellte  große  Jnkastraße,
sind  geeignet,  auch  heute  noch  unsere  Bewunderung  zu  erregen.  Der  Straßenkörper  war
aus  mächtigen  Hausteinen  und  sorgfältig  aneinandergefügten  Deckplatten  hergestellt.  Auf
außerordentlich  großen  zusammenhängenden  Strecken  ist  diese  Straße  in  die  Felsen  eingehauen. ­
  Über  die  Flüsse  und  tiefe  Schluchten  führten  hängende  Brücken,  deren  Tragekonstruktion ­
  aus  Weidengeflecht  hergestellt  war  und  deren  Fahrbahn  durch  Bohlen  gebildet
wurde.  In  Entfernungen  von  2 1 / 2  bis  3  Meilen  befanden  sich  Unterkunftsräume  für  die
stets  bereitstehenden  Postläufer.  Auf  diesen  Straßen  wurden  Tagesleistungen  von  36
bis  40  Meilen  erreicht.  Gleich  dem  römischen  cursus  publicus  dienten  auch  diese  Einrichtungen ­
  lediglich  dem  Staatsinteresse.
Auf  die  Inkas  von  Peru  glaubt  man  auch  die  Überreste  sehr  schöner  Straßen  zurückführen ­
  zu  können,  welche  man  auf  der  Llano  del  Pullal,  deren  Höhe  die  des  Pie  von  Teneriffa
übersteigt,  aufgefunden  hat.  Diese  Straßen  sind  von  großen  behauenen  Steinen  begrenzt,  und
Alexander  von  Humboldt  stellte  sie  auf  eine  Stufe  mit  den  besten  Römerstraßen  Italiens,
Galliens  und  Hispaniens.  Die  Fahrbahn  ist  vollständig  eben  und  hat  aus  eine  Länge  von
6  bis  7  französischen  Meilen  die  gleiche  Richtung.  Die  Spuren  desselben  Weges  glaubte
Alexander  von  Humboldt  bei  Caxamorea,  120  Meilen  südlich  von  Assuay  wiedergefunden  zu
haben,  und  die  Ansicht  herrscht,  daß  die  Straße  nach  Cuzeo  führte.
An  der  Nordküste  von  Columbia  in  der  Sierra  Nevada  hat  man  die  Überbleibsel  von
Straßen  der  Arhuaeo-Jndianer  aufgefunden.  Diese  alten  gepflasterten  indianischen  Straßen,
die  von  Masinga  la  Nueva  ausgehen,  bestehen  ans  behauenen  runden  Granitblöcken  von
40  era  Länge  und  20  cm  Breite,  und  drei  solche  Steine  liegen  nebeneinander.  Das  Ganze
ist  durch  Kantsteine  eingefaßt.  Diese  Straße  zieht  sich  in  schnurgerader  Richtung  zwei  Stunden
weit  hin  und  geht  über  ein  300  m  hohes  Hügelland.  Wahrscheinlich  führte  dieser  Weg  nach
einem  zur  Abhaltung  von  Festen  und  religiösen  Zeremonien  dienenden  Versammlungsort.
Eine  eben  solche  Straße  ist  zwischen  Mamatoeo  und  Minea  vorhanden.  Auch  noch  an  anderen
Stellen  hat  man  im  Gebirge  Spuren  derartiger  Straßenanlagen,  deren  Breite  3  bis  4  Fuß
beträgt,  gefunden.  Brücken  sind  gleichfalls  vorhanden,  können  jedoch  nur  von  Menschen  und
Hunden  passiert  werden,  Pferde  und  sonstige  Saumtiere  müssen  die  Furten  benutzen.
In  den  meisten  Distrikten  Amerikas  blieb  für  lange  Zeit  die  Benutzung  von  Lasttieren ­
  im  Gebrauch.  In  Nordamerika  entstanden  erst  nach  1800  die  ersten  Straßen  und
zwar  nach  der  Methode  von  Mae  Adam,  auf  welche  bei  Beschreibung  des  englischen
Straßenwesens  in  neuerer  Zeit  zurückzukommen  sein  wird.
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        61

Entwickelung  des  Straßenbaues  in  der  Neuzeit.
In  Europa  blieben  bis  über  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  hinaus  die  Wegeverhältnisse ­
  iui  allgemeinen  sehr  traurige.  In  Brabant  und  Flandern  ging  man  zuerst
damit  vor,  dem  Wegekörper  eine  feste  Beschaffenheit  zu  geben.  In  Deutschland  erwies  sich
die  Kleinstaaterei  erklärlicherweise  als  ein  sehr  hemmendes  Element  in  der  Förderung  eines
durchgehenden  einheitlichen  Wegenetzes,  welche  Bestrebungen  in  Frankreich,  begünstigt
durch  die  Zentralisation  der  Staatsgewalt,  neben  welcher  die  Verwaltung  der  einzelnen
Staatsgebiete  bis  zur  Revolution  eine  sehr  dezentralisierte  war,  einen  viel  günstigeren
Erfolg  aufwiesen.  Der  erste  französische  kunstgemäße  Straßenbau  kam  im  Jahre  15b6
zur  Ausführung,  ohne  jedoch  zunächst  weitere  Anlagen  dieser  Art  nach  sich  zu  ziehen.
Der  Wegekörper  der  genannten  Straße  ward  in  einer  Breite  von  2,5  Toisen  =  4,87  m
aus  Steinmaterial  hergestellt,  die  Seitenflächen  blieben  in  ihrem  losen  Naturzustand.
Die  unablässig  erlassenen  Mandate  der  Könige  bewirkten  wenigstens  so  viel,  daß  das
Land  mit  einem  zusammenhängenden  Netz  von  Straßen  und  den  erforderlichen  Brücken
überzogen  wurde.  Im  Jahre  1576  wurde  die  Benutzung  der  Post,  die  bis  dahin  ausschließlich ­
  staatlichen  Zwecken  diente,  den  Privatpersonen  freigegeben,  1605  wurde  diese
privatseitige  Benutzung  auch  auf  die  Beförderung  von  Personen  und  Gepäckstücken  ausgedehnt. ­
  Die  Beschaffenheit  der  Straßeuoberfläche  war  jedoch  noch  während  langer  Zeit
eine  ziemlich  primitive,  und  der  Hauptuuierschied  zwischen  den  sogenannten  „grands
cliemins“  uni)  den  Straßen  untergeordneter  Bedeutung  bestand  lediglich  in  der  verschiedenen
Breiteuabmessung.  Erst  mit  dem  17.  Jahrhundert  begann  eine  merkliche,  jedoch  sehr
langsame  Besserung.  Heinrich  IV.
(1589  bis  1610)  übertrug  seinem
Minister  Sully  das  Amt  eines  Oberaufsehers ­
  über  alle  Straßen.  Sully
schlug  dem  König  vor,  jährlich  eine
gewisse  Summe  auf  die  Wege  zn
verwenden.  Im  Jahre  1  600  wurden  28.  Franköstschrr  KtraHeimnterbair.
für  diesen  Zweck  18  000  Frank  ausgeworfen, ­
  1606  betrug  die  Summe  bereits  3  Millionen.  Colbert  führte  das  von
Sully  Begonnene  weiter.  Nicht  selten  wurden  besondere  Maßregeln  ergriffen,  so  bei
dem  Bau  der  Straße  von  Paris  nach  Orleans,  einer  der  ersten  gepflasterten  Straßen
Frankreichs.  Der  Bau  begann  1675,  die  Fuhrleute,  welche  gewöhnlich  Wein  von
Orleans  nach  Paris  brachten  und  leer  zurückfuhren,  mußten  Sand  und  Pflastersteine
auf  ihre  Karren  laden  und  sie  nach  der  Stelle  bringen,  an  welcher  an  dem  Wege  gebaut
wurde.  Die  Mehrzahl  der  Wege  blieb  jedoch  auch  jetzt  noch  in  einem  wenig  befriedigenden
Zustande,  an  dem  die  Unterhaltungsweise  der  Straßen  durch  Frondienste  einen  nicht  geringen ­
  Anteil  hatte.  Sämtliche  Landbewohner  von  16  bis  65  Jahren  mußten  20,  30,
in  manchen  Gegenden  40  Tage  im  Jahre  unentgeltlich  an  der  Herstellung  der  Straßen
arbeiten,  und  die  nächstgelegenen  Gemeinden  mußten  die  Arbeiter  verpflegen.  Als  die
Verarmung  der  Landbewohner  zu  sehr  zunahm,  wurde  endlich  im  Februar  1776  der
Frondienst  abgeschafft  und  an  dessen  Stelle  eine  allgemeine  Geldsteuer  eingeführt.
In  Deutschland  war  seit  1516  eine  Posteiurichtung  vorhanden,  die  Franz  von  Taxis
übernommen  hatte.  Die  von  den  Posten  benutzten  Straßen  erhielten  den  übrigen
gegenüber  eine  erhöhte  Bedeutung,  und  ihrer  Beschaffenheit  mußte  naturgemäß  eine
weitergehende  Beachtung  wie  früher  zugewandt  werden,  doch  war  diese  Pflege  zunächst
noch  eine  sehr  wenig  weitreichende.  Der  übliche  Einwurf  von  Reisig  und  Steinen  in
etwaige  Vertiefungen  bezeugt  zur  Genüge  den  tiefen  Stand  der  Straßcubantechuik.  Ter
Dreißigjährige  Krieg  wirkte  in  dieser  Beziehung  sehr  nachteilig,  und  so  ist  es  zu  erklären,
daß  erst  seit  der  zweiten  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts  eine  Wandlung  zum  Guten  zu
bemerken  ist.
Zu  diesem  Zeitpunkte  begann  man  in  Europa  erst  wieder  mit  dem  Ausbaue  besteiuter
Straßen  außerhalb  der  Städte,  und  zwar  ging  die  Anregung  von  Fürsten  aus,  welche
in  der  Nähe  ihrer  Hauptstädte  breite  Wege  mit  schmalen  Steinbahneu  und  stattlichen
Banmreihen  herstellen  ließen.  Für  den  Straßenunterbau  kam  zunächst  namentlich  die
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        62

Der  Straßenbau.

alte  französische  Bauweise  in  Betracht,  welche  in  Abb.  28  veranschaulicht  ist.MHierbei
wurden  auf  einer  Unterlage  von  großen  flachen  Steinen  kleine  zerschlagene  Steine  und
auf  diese  zerschlagene  Kiesel  aufgebracht.  Die  letzte  Lage  wurde  an  der  Oberfläche  gewölbt, ­
  damit  das  Wasser  abfließen  konnte.  n  Die  Breite  der  Fahrbahn  betrug  etwa  5  in.
Ähnlicher  Bauart  waren  die  Straßen  in  Österreich  und  Preußen.  Die  aufkommenden
„Wegeordnungen,  Straßen-  und  Wegereglcments"  beschäftigten  sich  jedoch  in  der  Hauptsache ­
  mit  der  Breitenbestimmung  und  mit  der  Freihaltung  der  Wege  von  Bäumen  und
Gebüsch,  sowie  mit  den
Forderungen  von  Seitengräben ­
  und  Durchlässen.
Was  dem  Straßenbau ­
  hauptsächlich  mangelte,
war  eine  rationelle  Herstellungsweise. ­
  Neben  den
französischen  Ingenieuren
ist  in  erster  Linie  dem
berühmten  englischen  Ingenieur ­
  Telford  die  Lösung ­
  dieserAufgabe  zudanken. ­
  Derselbelegte  1200iriu
Hauptwege  an  und  baute
über  1200  Brücken,  von
denen  viele  allerdings  unbedeutend ­
  sind,  unter  welchen ­
  sich  jedoch  auch  sehr
bedeutende  Werke,  wie  die
Menai-  und  Cornwaybrücke
  befinden.  Namentlich
für  Schottland  erwiesen  sich
die  Telfordschen  Bauten
von  weittragendem  Einfluß
und  hatten  eine  vollständige
Veränderung  des  schottischen ­
  Lebens  im  Gefolge.
Die  einzigen  wirklichen  bis
dahin  im  Lande  vorhanden
gewesenen  Straßen  waren
in  den  Jahren  1715  und
1745  von  Soldaten  hergestellt ­
  worden.  Dieselben
wurden  im  allgemeinen
wenig  benutzt,  denn  die
Hochländer  waren  stolz  darauf, ­
  Fischer,  Jäger  oder
29.  Kolysbriickr  iiblr  die  zutmla  «m  Kchynpatz.  Viehdiebe  zu  fein,  und
dankten  Gott  dafür,  daß
in  ihren  Adern  kein  Tropfen  von  dem  Blute  der  Marschbewohner  floß,  sie  benutzten
lieber  die  alten  sogenannten  Cattie  tracks  längs  der  Berge.  In  Diese  Lebensweise  griffen
Telsords  große  Straßenbauten  mächtig  ein.  Bei  ihrer  Ausführung  lernten  die  Leute
arbeiten  und  gute  Werkzeuge  gebrauchen,  Werkzeuge,  von  deren  Vorhandensein  sie  bisher
keine  Ahnung  gehabt  hatten.  Der  zuletzt  erwähnte  günstige  Einfluß  der  Ausführung  großer
Jngenienrwerke  läßt  sich  in  vielen  Fällen  nachweisen  und  darf  nicht  unterschätzt  werden.
Der  englische  Straßenbau  erfuhr  in  unserem  Jahrhundert  durch  Mac  Adam  (1820)
eine  weitere  Förderung.  Nach  diesem  schottischen  Ingenieur  haben  die  makadamisierten
        <pb n="64" />
        Alpenstraßen.  63

Straßen  ihre  Bezeichnung  erhalten,  obgleich  der  Genannte  in  Wirklichkeit  nicht  der
Erfinder  dieser  Straßenbauweise  ist,  die  bereits  früher  in  verschiedenen  Ländern,  so
namentlich  in  Schweden,  zur  Anwendung  gekommen  war.  Mac  Adam  erwarb  sich  durch
die  Verbesserung  des  englischen  Straßenbauwesens  große  Verdienste.  Die  sogenannten
makadamisierten  Straßen  bestehen  nur  aus  kleinzerschlagenen  Steinen  ohne  einen  aus
größeren  Stücken  hergestellten  Unterbau.  Patterson  bildete  diese  Methode  weiter  ans.
Die  im  Jahre  1747  gegründete  Ecole  des  ponts  et  chaussees,  deren  erster  Direktor
der  Ingenieur  Perronet  war,  trug  zur  Hebung  der  technischen  Fächer  ganz  außerordentlich
viel  und  so  auch  zur  Förderung  des  Straßen-  und  Brückenbaues  bei.  Frankreich  wurde
mit  einer  stattlichen  Anzahl  von  Heerstraßen  bedacht.  Durch  die  Revolution  trat  auch  auf
diesem  Gebiete  ein  Stillstand  ein,  welchem  Napoleon  wiederum  ein  Ende  bereitete.  Waren

so.  Dir  ArrnKratzr  am  Dirrwaldstätter  Kre.
es  auch  meistens  zunächst  militärische  Gründe,  welche  den  Anstoß  zu  den  ausgedehnten
Straßenbauten  gaben,  so  war  doch  dieser  Herrscher  viel  zu  weitschauend,  um  nicht  die
große  allgemeine  Bedeutung  guter  Verkehrswege  zu  erkennen.  Nicht  nur  in  Frankreich,
sondern  auch  in  allen  jenen  Gebieten,  welche  in  die  Hände  dieses  Eroberers  fielen,  entstanden ­
  neue  Straßen.  Anzuführen  find  die  Verbindungen  zwischen  Grenoble  und  Brianxon,
von  St.  Esprit  nach  Turin  über  den  Mont  Geuevre,  von  Antwerpen  nach  Amsterdam,
verschiedene  Straßen  in  Deutschland,  von  Bordeaux  nach  Bayonne,  von  Nizza  nach  Rom,
von  Genua  nach  Piacenza,  von  Spezzia  nach  Porto-Benere,  von  Florenz  nach  Parma,
von  Savona  nach  Alessandria,  von  Carcare  nach  Ceva,  von  Genua  nach  Novi,  vom
Mittelländischen  zum  Adriatischen  Meere.  Unter  den  zahlreichen  auf  Napoleons  Anregung
geschaffenen  Straßenbauten  nehmen  die  Alpenstraßen,  namentlich  die  Straße  über  den
Simplon,  den  ersten  Rang  ein.
Wie  in  so  vielen  anderen  Landstrichen,  so  waren  auch  in  der  Schweiz  die  Kunststraßen ­
  mit  dem  Zurückdrängen  der  Römer  ihrem  Verfall  entgegengegangen.  Erst  im
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        61

Der  Straßenbau:  Alpenstraßen.

10.  Jahrhundert  begann  sich  der  Straßenban  hier  wieder  ganz  allmählich  zu  regen.  Durch
die  Wallfahrten  nach  bestimmten  Gnadenorten  und  namentlich  durch  die  Pilgerfahrten
und  Kreuzzüge  erlangten  die  Verkehrswege  in  den  Alpenregionen  wieder  eine  größere
Bedeutung.  Außerordentlich  zahlreich  sind  die  an  die  Alpenstraßen  und  an  die  Tiroler
Pässe  sich  anknüpfenden  Erinnerungen.  Auf  diesen  Bergübergängen  zog  eine  große  Zahl
deutscher  Fürsten  nach  Italien;  Pipin  überschritt  die  Alpen,  um  dem  Papst  Stephan  III.
zu  Hilfe  zu  eilen,  Karl  der  Große  brachte  die  Kaiserkrone  mit,  als  er  in  die  Lombardei
eingefallen  war  und  das  Römische  Reich  Deutscher  Nation  begründet  hatte.  In  einem
Dorfe  an  der  Fernstraße  starb  Lothar  der  Sachse,  als  er  nach  Wiederherstellung  des  kaiserlichen ­
  Ansehens  aus  Italien  heimkehrte.  Kaiser  Ludwig  der  Bayer  zog  diesen  Weg,  und
Konradin  schlug  die  gleiche  Straße  ein,  als  er  nach  Neapel  reiste,  um  in  dem  „Lande
der  Sehnsucht"  unter  dem  Beile  sein  Leben  auszuhauchen.  Tausende  jener  Ritter,  die
das  Kreuz  genommen  hatten,  zogen  unter  Bonifaz  von  Montferrat  über  den  Mont  Cenis
und  unter  Balduin  von  Flandern  über  die  Tiroler  Pässe  nach  Venedig.  Jahrhunderte
später  fanden  an  diesen  die  Kämpfe  eines  mutigen  Volkes  gegen  den  gewaltigen  Unterdrücker ­
  der  europäischen  Nationen  statt.
Bis  zum  Beginn  unseres  Jahrhunderts  blieben  die  Alpenstraßen  durchgängig  in
einer  schlechten  Beschaffenheit.  Nur  die  Fernstraße  wurde  schon  im  16.  Jahrhundert  in
fahrbaren  Zustand  versetzt.  Für  die  großen  Armeebewegungen  über  die  Alpen  mußten
ganz  außerordentliche  Hilfsmittel  angewandt  werden.  Im  Mittelalter  wurde  der  Frachtverkehr ­
  fast  ausschließlich  durch  Saumtiere  beschafft.  Es  galt  als  ein  gewagtes  Unternehmen, ­
  die  Alpen  anders  als  mit  Maultieren  oder  Saumrossen  zu  überschreiten.  Die
Unterhaltung  der  Bergpässe  war  sehr  mangelhaft.  Sie  wurde  von  den  Anwohnern
kümmerlich  besorgt  und  geschah  meistens  als  Gegenleistung  für  kaiserliche  Privilegien.
An  den  großen  mittelalterlichen  Hauptstraßen  entwickelte  sich  ein  ganzes  System  von  Geleitsrechten, ­
  Zöllen,  Fürleitrechten,  Wegerechten,  Lad-  und  Abladrechten  und  Suchtenrechten.
In  Graubünden  gelangten  diese  Rechte  in  den  Besitz  von  sogenannten  Portens-Gemeinden,
  welche  das  ausschließliche  Recht  des  Transportes  von  Waren  und  Reisenden
in  Anspruch  nahmen  und  dafür  die  Straßenunterhaltung  besorgten.  Abb.  29  zeigt
eine  Partie  der  von  Thusis  längs  der  Albula  nach  Tiefenkasten  führenden  Kunststraße ­
  dieses  Kantons  und  zwar  die  Solysbrücke  über  die  Albula  am  Schynpaß.
Am  Albulapasse  wurde  im  Jahre  1696  über  dem  Bergünerstein  ein  Stück  Straße
in  den  Felsen  gesprengt,  welche  Arbeit  deshalb  besonders  bemerkenswert  ist,  weil  bei
diesem  Anlasse  zum  erstenmal  das  Pulver  zum  Sprengen  beim  Straßenbau  verwandt ­
  wurde.
Seit  dem  Jahre  1797  wendete  General  Bonaparte  dem  Simplon  seine  ganz  besondere ­
  Aufmerksamkeit  zu.  Die  Ausführung  dieser  ersten  modernen  Kunststraße  über  die
schweizerischen  Bergpässe  wurde  am  7.  September  1800  von  Frankreich,  Italien  und  Wallis
als  gemeinsames  Werk  beschlossen.  Wallis  beteiligte  sich  an  diesem  Unternehmen  durch
die  Übernahme  von  Frondiensten.  Die  Kosten  der  182  km  langen  Strecke  vom  Genfer
See  bis  an  den  Lago  maggiore  wurden  zu  12  116  000  Frank  veranschlagt.  Bereits
im  Jahre  1805  konnte  das  Werk  seiner  Bestimmung  übergeben  werden.  Während  fünf
Sommer  waren  5000  Arbeiter  mit  dem  Bau  beschäftigt,  611  größere  und  kleinere  Brücken
und  525  m  Tunnel  Ivurden  ausgeführt.  Die  Simplonstraße  ist  die  schönste  und  kostbarste
aller  schweizerischen  Alpenstraßen,  und  das  Andenken  ihres  Entwerfers,  des  Divisions-Inspektors
  Ceard,  verdient  erhalten  zu  bleiben.  Der  höchste  Punkt  der  Straße  liegt
2010  m  über  dem  Meere.
Ein  Erfordernis  all  jener  Straßen,  welche  die  Schneeregion  erreichen  oder  Schneestürzen ­
  (Lawinen)  ausgesetzt  sind,  ist  die  Erbauung  von  Galerien.  Diese  Galerien  werden
entweder  in  die  Felsen  gesprengt  oder  gemauert  (Abb.  31),  vielfach  zeigen  dieselben  beide
Bauweisen.  In  gewissen  Abständen  werden  in  der  freiliegenden  Galeriewand  Öffnungen,
Fenster,  hergestellt,  um  dem  Gange  Licht  zuzuführen.  Die  gleiche  Konstruktion  zeigt  die
jährlich  von  Tausenden  Touristen  benutzte,  am  Vierwaldstätter  See  entlang  führende
Axenstraße,  von  welcher  Abb.  30  einen  der  bekanntesten  Teile  wiedergibt.
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        81.  Die  Scho  cil  en  en  (Goithardstratzr!.

32.  Die  Stilsscriochlìrahe  non  der  Frnnrenshöhe  ano  gesehen.
IX  9
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        66

Der  Straßenbau.

Die  Straße  über  den  Mont  Cenis  verdankt  ebenfalls  Napoleon  I.  ihre  Entstehung.
Der  Entwurf  rührt  von  dem  Ingenieur  Dausse  her.  Diese  Straße,  deren  Länge  ungefähr
9  Stunden  beträgt,  hat  einen  Kostenaufwand  von  fast  5  Millionen  Mark  erfordert.  Auf
derselben  wurde  im  Jahre  1812  Papst  Pius  VII.  von  Gendarmen  nach  dem  ihm  von
Napoleon  angewiesenen  Ort  Fontainebleau  geleitet.
Bereits  früher  als  die  vorstehend  genannten  Alpenstraßen  war  eine  andere  Gebirgsstraße ­
  entstanden,  welche  aus  dem  Etschthal  in  Tirol  über  das  Stilfser  Joch  durch  das
Beltlin  längs  dem  Comer  See  nach  Mailand  führt.  Diese  Verbindung  wurde  unter
Kaiser  Franz  I.  (1745  bis  1765)  begonnen.  Für  ihre  Entstehung  waren  ebenfalls  in  erster
Linie  militärische  Gesichtspunkte  maßgebend.  Diese  Schöpfung  ist  ein  Werk  der  Ingenieure
Domigani  und  Dominici.  Tausende  von  Arbeitern  waren  drei  Jahre  lang  an  dem  Werke
beschäftigt.  Vielfach  hingen  dieselben  während  der  Arbeit  an  Stricken  oder  schwebten  auf
kleinen  Stellagen  über  den  Abgründen.  Die  malerischsten  Partien  der  Straße  befinden
sich  bei  Trafoi  und  Bormio.  Abb.  32  zeigt  das  Bild,  welches  die  Straße  von  der
Franzenshöhe  aus  gewährt.  Bei  Bozen  vereinigt  sich  die  Stilfserjochstraße  mit  der  großen
Straße,  welche  von  Innsbruck  über  den  Brenner  nach  Italien  führt.  Die  von  der
Stilfserjochstraße  erreichte  Paßhöhe  übertrifft  die  der  übrigen  Alpenstraßen.  Es  liegt
der  höchste  Punkt  der  Simplonstraße  2010  in,  der  Bernhardinstraße  2063  in,  der  Mont-Cenisstraße
  2071  in,  der  St.  Gotthardstraße  2114  m,  der  Splügenstraße  2117  rn,  der
Julierstraße  2287  m,  der  Septimerstraße  2311  m,  der  Straße  über  das  Stilfser  Joch
2930  in  über  dem  Meeresspiegel.
Der  Bau  der  Splügenstraße  ist  als  ein  denkwürdiges  Ereignis  in  der  Ingenieurwelt
  zu  bezeichnen,  da  bei  demselben  infolge  des  ungemein  steil  abfallenden  Bergteiles
auf  italienischer  Seite  vom  Splügenpaß  bis  nach  Chiavenna  ganz  außerordentliche
Terrainschwierigkeiten  zu  überwinden  waren.  Um  einer  gänzlichen  Ablenkung  des  Verkehres ­
  von  ihrem  Gebiete  vorzubeugen,  schritten  die  inneren  Kantone  der  Schweiz  zur
Ausführung  der  Gotthardstraße.  Diese  Straße  (Abb.  31)  erfreute  sich  ihrer  Felsengewölbe
  und  ihrer  schwindelnden  Brücken  wegen,  wie  nicht  minder  infolge  ihrer  kühnen
Sprengungen  und  ihrer  künstlichen  Linienführung  einst  eines  hohen  Ruhmes.  In  dem
Jahre  ihrer  Vollendung  (1830)  fand  auf  englischem  Boden  jenes  weltbewegende  Ereignis,
die  Eröffnung  der  Bahn  von  Liverpool  nach  Manchester,  statt,  das  wenige  Jahrzehnte
später  auch  in  der  Schweiz  Schienenwege  entstehen  ließ,  die  gleichsam  mit  magnetischer
Kraft  den  Verkehr  an  sich  zogen  und  den  Alpenstraßen  einen  nicht  geringen  Teil  ihrer
Bedeutung  entzogen.
In  Deutschland  datiert  der  moderne  Straßenbau  aus  dem  Anfange  dieses  Jahrhunderts, ­
  die  Klagen  über  schlechte  Wege  gehörten  bis  dahin  zu  den  alltäglichen  Er-,
scheinungen.  So  beschwerte  sich  ein  Reisender,  der  den  1784  .neueröffneten  holsteinischen
Kanal  (Eiderkanal)  in  Augenschein  nehmen  wollte,  über  die  barbarischen  Wege  in  Holstein
und  äußerte  den  frommen  Wunsch,  daß  denen,  die  sie  vernachlässigten,  auferlegt  werden
möchte,  sie  zu  befahren,  damit  ein  gewisser  Teil  ihres  Körpers  sie  beim  Durchstoßen
belehre,  was  Gemeinnützigkeit  und  Menschlichkeit  von  ihnen  forderten.
Auf  Napoleons  Geheiß  wurde  im  Jahre  1804  die  Straße  von  Mainz  nach  Koblenz
und  1806  eine  solche  von  Mainz  nach  Metz  gebaut,  1809  wurden  Chausseen  von  Mainz
nach  Paris,  von  Nymwegen  nach  Basel,  von  Mainz  nach  Straßburg  und  von  Oppenheim
nach  Kreuznach  angelegt.
Ebenso  kam  auf  Napoleons  Befehl  die  Heerstraße  zwischen  Wesel  und  Hamburg  zur
Ausführung.  Durch  diese  Straße  sollte  eine  schnelle  Verbindung  mit  den  nördlichen
Departements  geschaffen  werden.  Napoleon  erteilte  1811  den  Auftrag  zu  den  Arbeiten,
die  unter  dem  Divisions-Inspektor  Tarbe  begannen.  Die  Straße  wurde  über  Scharnbeck,
Dülmen,  Münster,  Telgte,  Iburg,  Osnabrück,  Bohmte,  Diepholz,  Bassum,  Bremen,  Ottersberg, ­
  Rothenburg,  Tostedt  und  Harburg  nach  Hamburg  geführt.  Innerhalb  zwei  Jahren
wurde  der  Bau  vollendet.  Abb.  33  zeigt  den  Querschnitt  dieser  Straße  etwa  7  üm  westlich
von  Harburg.  Über  die  beiden  Elbarme  wurden  große  hölzerne  Brücken  geschlagen.
Später  wurde  die  Straße  von  Wesel  nach  Venlo  verlängert.
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        Alpenstraßen.  Der  moderne  Wegebau.

67

Von  den  sonstigen  zahlreichen  in  unserem  Jahrhundert  in  Europa  zur  Ausführung
gekommenen  Straßen  sei  noch  der  folgenden  Erwähnung  gethan,  die  zu  den  interessantesten
Bauobjekten  dieser  Gattung  zählt.  Es  f  2
ist  die  in  den  dreißiger  Jahren  erbaute  |  g&amp;gt;  2  c  i  =  l  |
Szechenyistraße  an  der  unteren  e  j  ,|S  ||  §  f  «i
Donau  in  der  Gegend  des  Eisernen  öS  if  n  i”  «  &amp;lt;2
Thores.  von  welcher  Abb.  34  ein  ,  i
Stück  zeigt.  Die  Herstellung  dieser
von  Bäsärhelyi  entworfenen  und  ^  f
ausgeführten  Straße  bereitete  außer-  ^
ordentliche  Schwierigkeiten.  Die  Straße  ^  d»  ziap-i-onsstrahe.
besitzt  eine  Breite  von  4,vs  bis  7,58  in.
Für  das  Ausweichen  zweier  sich  begegnender  Wagen  sind  besondere  Ausweichstellen  vorgesehen. ­
  Der  größere  Teil  der  Arbeit  bestand  aus  Felsensprengnngen,  die  direkt  vom

34.  Die  Krr'chcnyiñrrltze  mt  der  unteren  Donau.

Strome  aus  vorzunehmen  waren.  Für  die  Arbeiter  wurden  auf  Schiffen  Gerüste  erbaut,
von  welchen  aus  sie  die  Bohrlöcher  in  das  Gestein  einzuarbeiten  hatten.  Im  Jahre  1837
konnte  ein  Teil  der  Straße  dem  Verkehre  übergeben  werden.
Die  Vollkommenheit  des  heutigen  Chansseebaues  ist  besonders  durch  die  Anwendung
von  Chausseewalzen  erreicht  worden.  Durch  die  Walzung  wird  die  Straßenoberfläche
fester  und  somit  dauerhafter,  und  hierdurch  findet  eine  außerordentliche  Schonung  der  Zugtiere ­
  und  der  Fuhrwerke  statt,  da  dieselben  nicht,  wie  früher  sehr  allgemein  üblich  war,
die  lose  liegende  Steinschüttung  festzufahren  nötig  haben.  Die  ersten  Walzversuche  gehen
zwar  bis  zum  Jahre  1787  zurück,  doch  kam  die  Walze  erst  seit  1830,  namentlich  durch  die
Bemühungen  des  französischen  Ingenieurs  Polonceau,  in  größerem  Umfange  zur  Anwendung. ­
  Während  früher  zum  Ziehen  der  Walzen  ausschließlich  Pferde  benutzt  wurden,
wird  jetzt  bei  größeren  Arbeiten  meistens  von  Dampfwalzen  Gebrauch  gemacht,  da^  mit
denselben  eine  etwa  30  %  größere  Leistung  erzielt  werden  kann.  Auf  die  Art  des  Walz-9*
        <pb n="69" />
        68  Der  Straßenbau.

Verfahrens  und  auf  die  dabei  benutzte  Dampfstraßenwalze  können  wir  hier  nicht  näher
eingehen.
Noch  andere  Maschinen  kommen  bei  dem  modernen  Wegebau  zur  Anwendung.  So
benutzt  man  zum  Abschlämmen  der  Steinbahnen  Straßenabschlämmmaschinen  und
Straßenkehrmaschinen.  Zur  Herstellung  des  Steinschlages  dienen  Steinbrechmaschinen,
daneben  ist  jedoch  das  Schlagen  mit  der  Hand  noch  vielfach  in  Gebrauch.
Für  manche  Gegenden,  so  namentlich  für  Niederdeutschland,  haben  die  Klinkerchausseen ­
  eine  erhöhte  Bedeutung  erlangt.  Man  versteht  unter  Klinkern  Backsteine,  die
bis  zum  Sintern  gebrannt  sind  und  daher  eine  größere  Wetterbeständigkeit  und  Festigkeit
als  Ziegelsteine  besitzen.  Die  Klinkerchausseen  werden  in  der  folgenden  Weise  hergestellt.

sr.  Ktinkcrstratze.

36.  Kchirnrnrinkmmng  in  einer
Landstraße.

Auf  einer  Sandbettung  von  30  bis  40  cm  Stärke,  die  durch  Walzen  und  Rammen  gedichtet ­
  wird,  werden  die  Klinker  versetzt,  und  zwar  an  den  Fahrbahnkantcn  die  Reihen
parallel  mit  dem  Randsteine  und  dazwischen  rechtwinkelig  zur  Straßenrichtung.  Die
Versetzung  erfolgt  im  Verbände,  d.  h.  in  der  Weise,  daß  die  Fugen  gegeneinander  verschoben ­
  sind.  Abb.  35  zeigt  diese  Anordnungsweise.
Statt  der  Klinker  werden  neuerdings  vielfach  Pflastersteine  verwendet,  ein  Zeichen
des  zunehmenden  Volkswohlstandes,  der  es  erlaubt,  nunmehr  selbst  die  Verbindungswege
zwischen  den  einzelnen  Orten  in  einer  Weise  herzustellen,  deren  Kosten  früher  nicht  einmal
für  das  Innere  der  Ortschaften  erschwungen  werden  konnten.
Bei  den  Chausseen  unterscheidet  man  wie  bei  den  städtischen  Straßen  die
eigentliche,  in  der  Mitte  liegende  Fahrbahn  und  die  Seitenwege.  Erfordert  der  Verkehr ­
  nicht  die  Befestigung  der  Fahrbahn  in  ganzer  Breite,  so  läßt  man  einen  Teil
unbefestigt  liegen,  welchen  man  als  Sommerweg  bezeichnet.  Der  Sommerweg  bietet
den  Vorteil  einer  bequemen  Benutzung  durch  Reitpferde  und  unbeschlagene  Zugtiere,  und

derselbe  wird  bei  trockenem  Wetter  mit  Vorliebe  von  dem  leichteren  landwirtschaftlichen
Verkehre  aufgesucht.
Die  üblichen  Straßenbreiten  für  Chausseen  mit  Obstbäumen  sind  die  folgenden:
Steinbahn  3,»  bis  7,o  m,  Sommerweg  3,2  bis  5,3  m,  Fußweg  2,o  bis  2,9  m,  Gesamtbreite
8,7  bis  15,2  m.  Diese  Maße  schwanken  je  nach  der  Bedeutung  des  Verkehres  und  den
Verhältnissen  der  einzelnen  Länder.
Da  die  von  den  Zugtieren  bei  gleicher  Schwere  des  zu  ziehenden  Wagens  aufzuwendende ­
  Kraft  um  so  größer  wird,  je  rauher  die  Fahrbahn  ist,  so  wird  umgekehrt  bei
gleicher  Kraftaufwendung  die  zu  ziehende  Last  um  so  größer  gewählt  werden  können,
je  glatter  die  Fahrbahn  für  die  Wagenräder  ist.  Daher  ist  bei  einer  Eisenbahn  das
Verhältnis  zwischen  der  Kraftaufwendung  und  der  bewegten  Last  am  günstigsten.  Man
hat  in  neuerer  Zeit  begonnen,  diesen  Vorteil  auch  auf  den  Landstraßen  auszunutzen,  und
zu  diesem  Zwecke  auf  den  letzteren  Schienen  gelegt.  Hierdurch  reiht  sich  der  Entwickelungsgang ­
  gewissermaßen  wieder  dem  griechischen  Straßenbau,  mit  seinen  in  die  Felsen
eingearbeiteten  Geleisen  an,  nur  daß  die  modernen  eisernen  Schienen  den  antiken  steinernen
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        Straßenmotoren:  Dampfwagen.  69
Rinnen  durch  die  Verringerung  des  Zugwiderstandes  außerordentlich  überlegen  sind.  Die
ersten  Versuche  mit  derartigen  Straßengeleisen  sind  in  Deutschland  von  dem  Baurat
Gravenhorst  in  der  Provinz  Hannover  angestellt  worden,  woselbst  im  Jahre  1894
zwischen  Stade  und  Hollern  die  erste  Geleisstraße  hergestellt  wurde.
Die  Abb.  36  u.  37  veranschaulichen  die  Anordnung  eines  solchen  in  einer  Landstraße ­
  verlegten  Straßengeleises.
Hinsichtlich  der  Unterhaltung  der  Landstraßen  unterscheidet  man  das  Decksystem
und  das  Flicksystem.  Bei  ersterem  erfolgt  die  Befestigung  des  Kleingeschläges  mittels  der
Dampfwalze,  bei  der  letzteren  Unterhaltungsweise  wird  die  Befestigung  des  Einbettungsmaterials ­
  dem  über
dasselbe  hinweggehenden ­
  Verkehr  überlassen.
Das  erstere  System  verdient ­
  den  Vorzug,  da
hierbei  die  Beanspruchung ­
  der  Zugtiere
und  der  Fuhrwerke  eine
viel  geringere  ist.
Was  die  sonstigen  SS.  Cugnots  Dompfwagen,  1769.
Arbeiten  zur  Herstellung ­
  von  Straßen  anbetrifft,  so  kommt  von  diesen  in  erster  Linie  das  Tracieren
derselben  in  Betracht.  Man  versteht  hierunter  die  Festlegung  der  Straßen  sowohl'  in
Bezug  ans  ihre  Richtung  wie  auf  ihre  Höhenlage  unter  Berücksichtigung  der  natürlichen
Gestaltung  des  Geländes.  Während  diese  Arbeit  in  einem  flachen  Gelände  eine  verhältnismäßig ­
  wenig  Mühe  erfordernde  ist,  bedingt  sie  in  gebirgigen  Gegenden  nicht  nur
eine  große  Übung  und  Erfahrung,  sondern  auch  einen  großen  Zeitaufwand.  Die  Straße
muß,  um  die  Erd-  und  Felsarbeiten  auf  das  geringste  Maß  einzuschränken,  möglichst  dem
Gelände  angepaßt,  und  sie  muß  anderseits  so  geführt  tverden,  daß  ihr  Gefälle  nicht  das
zulässige  Maß  überschreitet,  da
sonst  die  Zugtiere  zu  sehr  angestrengt ­
  werden.  Dieselben
Punkte,  welche  bei  dem  Straßenbau ­
  zu  beachten  sind,  müssen
auch  bei  dem  Eisenbahnbau  berücksichtigt ­
  werden.  Um  Wiederholungen ­
  zu  vermeiden,  wird
daher  auf  das  Kapitel  „Eisenbahnen" ­
  verwiesen.
Straßenmotoren  (Automobilen). ­

Seit  langer  Zeit  ist  man
bestrebt,  die  Benutzung  der
Landstraßen  durch  Krastma-  gg,  Trrvithiks  Londoner  Ktrastenlokomotior,  1808.
fchinen  zu  ermöglichen,  ohne
besondere  Geleise  in  dieselben  betten  zu  müssen.  Diese  Bestrebungen  lassen  sich  bis  in
die  Kindheit  der  Dampfmaschine  zurückverfolgen.  So  hegte  bereits  Savery  die  Ansicht,
daß  die  Dampfkraft  zur  Bewegung  von  Wagen  müsse  ausgenutzt  werden  können.  Derselben ­
  Ansicht  war  vr.  Robison,  dem  James  Watt  mancherlei  Anregungen  zu  danken
hat.  In  Frankreich  baute  Cugnot  eine  solche  Maschine,  die  1769  die  Gassen  von  Paris
durchfuhr  und  welche  Abb.  38  veranschaulicht.  Diese  Maschine  war  so  mangelhaft,  daß
sie  nur  15  Minuten  lang  arbeiten  konnte.  Trotz  der  vorgenommenen  Verbesserungen
blieb  die  Benutzung  der  Maschine  so  gefährlich,  daß  sie  in  den  Straßen  nicht  verwandt
werden  konnte.  Die  Ingenieure  Symington  und  Watt  arbeiteten,  jedoch  vergeblich.
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        70

Straßenmotoren.

40.  Londoner  elektrisches  Cab.

an  der  Vervollkommnung  dieser  Idee.  In  Amerika  waren  es  namentlich  Read  (1790)  und
Evans,  die  dem  Straßendampfwagen  große  Beachtung  zuwandten.  Im  Jahre  1804  bewegte ­
  sich  des  letzteren  Straßenlokomotive  durch  die  Straßen  Philadelphias.  Von  diesem
Ingenieur  rührt  die  nachstehend  wiedergegebene  Prophezeiung  her:  „Die  jetzige  Generation
will  sich  mit  Kanälen  begnügen, ­
  die  nächste  wird
Eisenbahnen  und  Pferde
vorziehen,  aber  ihre  aufgeklärteren ­
  Nachkommen
werden  meinen  Dampfwagen ­
  als  die  vollkommenste ­
  Transportweise ­
  anwenden."  Der
schlechteZustandderStraßen
  jener  Zeit  trug  nicht
wenig  zu  den  geringen
Erfolgen  der  Straßenlokomotiven ­
  bei.  Im
Jahre  1802  baute  der
Ingenieur  Trevithik
eine  Dampfdroschke.  Dieselbe ­
  erregte  in  London
viel  Aufsehen;  aber  trotz
aller  vorgenommenen
Verbesserungen  blieb  sie
unvollkommen.  Abb.  3  9
zeigt  die  Form  der  aus  dem  Jahre  1808  stammenden  Londoner  Straßenlokomotive.
Die  Unvollkommenheit  der  damaligen  Straßen  hatte  mancherlei  Defekte  an  den
Kesseln  und  den  übrigen  Teilen  der  Straßenlokomotive  im  Gefolge,  wie  auch  umgekehrt
deren  großes  Gewicht  die  Straßen  stark  mitnahm.  Man  suchte  dem  letzteren  Übelstande
durch  Verbreiterung  der  Radreifen
zu  begegnen,  was  zur  Konstruktion ­
  der  Dampfstraßenwalzen
führte.  Die  in  dieser  Zeitperiode
entstandenen  Eisenbahnen  thaten
den  Bestrebungen  zur  Ausbildung
von  Straßenlokomotiven  starken
Abbruch.  Der  letzte  Betrieb  dieser
Art  wurde  im  Jahre  1833  eingestellt. ­

Die  großen  Vorteile  der  mechanischen ­
  Betriebskraft:  größere
Regelmäßigkeit  und  Beschleunigung ­
  der  Fahrt,  bequemere  und
exaktere  Einrichtungen,  keine  Belästigung ­
  durch  Ausdünstungen  der
Zugtiere,  saubere  Straßen,  lassen
es  erklärlich  erscheinen,  daß  man
bei  vorgeschrittenem  Maschinenbau ­
  einer  Ausnutzung  mechanischer  Kräfte  für  den  Fuhrverkehr  wiederum  näher  trat.
Unserer  Zeit  scheint  es  Vorbehalten  zu  sein,  das  schwierige  Problem  seiner  Lösung
einen  bedeutenden  Schritt  näher  zu  bringen.  Im  Jahre  1873  traten  in  Frankreich  neue
Konstruktionen  von  Dampfstraßenwagen  auf.  Bollee  in  Le  Maus  baute  drei  Dampfomnibusse, ­
  welche  auf  der  Straße  nach  Paris  in  Betrieb  gesetzt  wurden.

41.  Amerikanischer  elektrischer  Magen.
        <pb n="72" />
        Dampfwagen.  Elektrische  Motorwagen.  71
Seitdem  ist  auf  diesem  Gebiete  eine  überraschende  Thätigkeit  entfaltet  worden.
Namentlich  in  Frankreich  und  Amerika  ist  den  Automobilen,  mit  welchem  Ausdrucke  die
Straßenmotoren  vielfach  bezeichnet  werden,  eine  ungewöhnlich  große  Beachtung  geschenkt
worden,  und  die  Benutzung  derartiger  Wagen  hat  in  diesen  Ländern  bereits  einen  sehr
bedeutenden  Umfang  angenommen.  In  Deutschland  ist  diese  Benutzung  in  stetem  Wachsen
begriffen.  Der  Daimlersche  Motor  ist  dem  Bau  dieser  Wagen  sehr  zu  nutze  gekommen, ­
  wird  dieser  im  Jahre  1885  von  dem  deutschen  Ingenieur  Daimler  erfundene
Motor  doch  auch  im  Auslande  in  ausgedehnter  Weise  zu  dem  vorliegenden  Zwecke
verwendet.  Unter  Benutzung  eines  schnell  laufenden  derartigen  Benzinmotors  wurde  bei
einer  Wettfahrt  in  Frankreich  im  Jahre  1895  der  Weg  von  Paris  nach  Bordeaux  und

42.  K  Hävers  Dampf-Motorwagen.

43.  Simons  Dampf-Motorwagen.

44.  Dateys  Gafotinr-Motorwagen.

45.  Senton-Karlrors  Gafotinr-Motorwagen.

zurück,  d.  h.  eine  Strecke  von  1200  km  Länge,  in  einer  ununterbrochenen  Fahrt  von
40  Stunden  und  40  Minuten  zurückgelegt.  Neben  Daimler  ist  der  Ingenieur  Benz  als
einer  der  Pioniere  auf  dem  Gebiete  des  Ölmotorenbaues  für  Transportzwecke  zu  bezeichnen.
Von  ihm  stammt  einer  der  ersten  neueren  Motorwagen  her,  der  im  Jahre  1885  entstand.
Der  Umstand,  daß  sich  der  Sport  der  Motorwagen  bemächtigte,  hat  außerordentlich  viel
zu  deren  Verbreitung  und  so  zur  Förderung  des  Motorwagenbaues  selbst  beigetragen.
Alle  Motorwagen  setzen  eine  gute  Beschaffenheit  der  zu  befahrenden  Strecken  voraus,
da  sonst  an  ein  Fortkommen  mit  denselben  auf  die  Dauer  nicht  zu  denken  ist.  Daß  man
bemüht  ist,  auch  die  Elektrizität  diesen  Motorwagen  dienstbar  zu  machen,  dürfte  selbstverständlich ­
  sein.  In  London  sind  bereits  eine  Anzahl  derartiger  Cabs  in  den  öffentlichen
Fuhrverkehr  eingestellt,  deren  Form  Abb.  40  wiedergibt.  Die  Akkumulatorenbatterie,  durch
welche  der  für  die  Bewegung  des  Wagens  erforderliche  Strom  erzeugt  wird,  befindet  sich
in  dem  unter  dem  eigentlichen  Wagenkasten  angebrachten  Behälter.  Die  Bewegung  des
elektrischen  Motors  auf  die  Wagenräder  erfolgt  mittels  Zahnräder.
        <pb n="73" />
        72  Straßenmotoren.

Die  Form  dieser  elektrisch  betriebenen  Motorwagen  ist  eine  äußerst  mannigfache,
zum  Teil  sehr  geschmackvolle.  In  Abb.  41  ist  ein  amerikanischer  elektrisch  betriebener
Wagen  dargestellt.  Dieser  Motorwagen  hat  die  Form  eines  kleinen  Post-Phaetons.  Seine
Räder  besitzen  Kugellager  und  Gummireifen.  Die  32  im  Wageninneren  befindlichen  Zellen
vermögen  sechs  Stunden
lang  3 1 /a  Pferdekraftzu  entwickeln. ­
  Die  Motoren  sind
zwischen  den  beiden  Hinterrädern ­
  eingebaut  und  zwar
unabhängig  voneinander,
wodurch  erreicht  ist,  daß
der  verschiedenen  Umdrehungsgeschwindigkeit ­

der  Räder  beim  Durchfahren ­
  von  Kurven,  Wendungen ­
  und  um  Ecken  kein
Hindernis  entgegensteht.
Die  Bremse  ist  so  angeordnet, ­
  daß  durch  deren  Thätigkeit ­
  nicht  nur  der  Motor
gehemmt  wird,  sondern  auch
16.  Elektrisch  betriebener  Ersellschaftswagen  für  12  Personen.  zugleich  sich  automatisch  ein
Kontrollapparat  einschaltet.
Die  Elektrizität  ist  auch  hier,  wie  in  so  vielen  anderen  Fällen,  als  die  angenehmste
Kraftquelle  zu  betrachten.  Das  Fahren  in  einem  elektrisch  betriebenen  Motorwagen  ist
angenehmer  als  in  einem  Benzinmotorwagen,  da  ersterer  ruhiger  läuft  und  keine
lästigen  Dünste  verbreitet.  Die  der  rationellen  Ausnutzung  dieser  Kraft  entgegenstehenden
Hindernisse  sind  jedoch  noch  nicht  überwunden.  Es  gilt  vor  allen  Dingen,  das  Gewicht
der  Akkumulatorenbatterie
zu  ermäßigen  und  die  Erzeugungskvsten
  der  Elektrizität ­
  zu  verringern.  Bis
dieses  Ziel  erreicht  sein
wird,  machen  die  durch  Petroleum ­
  oder  Benzin  bewegten ­
  Motorwagen  den
elektrisch  betriebenen  Wagen ­
  eine  erfolgreiche  Konkurrenz. ­
  Zwar  findet  noch
hier  und  da  namentlich  in
England  dieDampfkraftfür
den  vorliegenden  Zweck
Verwendung,  Abb.  42  u.  43
zeigen  derartige  moderne
Motorwagen,  und  zwar
den  Dampf-Motorwagen,
47.  Elektrisch  betriebener  Geschaftsmngrn.  V0N  ShaVer  resp.  SilNVN,
doch  ist  kaum  anzunehmen,
daß  dem  Dampf  die  Zukunft  gehört.  Die  Abb.  44  u.  45  zeigen  verschiedene  Formen
ausländischer  Petroleum-  und  Benzin-Motorwagen.
Nicht  nur  für  Personenfuhrwerke,  sondern  besonders  auch  für  Frachtwagen  finden
heute  diese  Motoren  bereits  eine  ausgedehnte  Verwendung.  Mit  ihrer  weiteren  Vervollkommnung ­
  wird  ihre  Benutzung  zweifellos  einen  außerordentlichen  Umfang  annehmen, ­
  und  die  Motorwagen  werden  eines  Tages  in  vielen  Gegenden  die  Zugtiere  fast
        <pb n="74" />
        Elektrische  Motorwagen.  73
vollständig  verdrängen.  Die  Abb.46  bis  49  veranschaulichen  einige  neuere  deutsche  Motorwagen. ­
  Neben  kleinen  zweisitzigen  Selbstkntschierwagen  kommen  Omnibusse  für  dreißig
Personen  vor.  Abb.  46  zeigt  einen  elektrisch  betriebenen  Gesellschaftswagen  für  zwölf
Personen,  erbaut  von  der  Gesellschaft  für  Verkehrsunternehmungen  (Berlin).  Die  Gesellschaft ­
  hat  ein  Normaluntergestell  konstruiert,  auf  welches  man  verschiedene  Oberteile  ohne
weiteres  aufsetzen  kann,  so  daß  dasselbe  Gestell  für  Postpaket-  und  Geschäftswagen  (Abb.  47),
Hotelomnibusse  und  Kremser  benutzt  werden  kann.  Die  Akkumulatoren  sind  im  Kutscherbocke ­
  untergebracht.  Die  Ladung  erfolgt  mittels  Steckanschlusses  und  beweglichen  Kabels,
d.  h.  in  der  Weise  wie  elektrische  Boote  und  dergleichen  geladen  werden.  Während
früher  die  Steuerung  und  der  Kontroller  getrennt  angeordnet  wurden,  wie  solches  auch
Abb.  47  erkennen  läßt,  sind  beide  bei  den  neuesten  Wagen  vereint.  Die  Steuerung  bewirkt

48.  Clrktrisch  betricbriirr  Postwagen.

die  Lenkung  des  Wagens.  In  den  meisten  Fällen  erfolgt  die  Lenkung  mittels  Schwenkachsen
der  Vorderräder,  seltener  durch  die  Ausführung  von  Drehgestellen.  Der  Kontroller  dient
zur  Einstellung  der  gewünschten  Geschwindigkeit.  Derselbe  hat  gewöhnlich  6  Stellungen,
4  für  Vorwärts-,  1  für  Rückwärtsfahrt  und  1  für  elektrische  Kurzschlußbremsung  in  Notfällen. ­
  Die  Akkumulatoren  besitzen  eine  Kapazität  für  eine  normale  Fahrt  von  25  —  30  km.
Zum  Anhalten  sind  kräftig  wirkende  Bremsen,  vielfach  mechanische  Fußbremsen  im  Gebrauch.
Abb.  48  zeigt  einen  Postwagen  der  Gesellschaft  für  Automobil-Wagenbau  (Berlin).
Der  Wagenkasten  hat  einen  Inhalt,  der  dem  der  kleinsten  Karriolen  der  Reichspost  entspricht. ­
  Das  Gefährt  wird  von  einem  zweicylindrigen  Motor  von  5  Pferdestärken  getrieben,
und  zwar  ist  die  Kraftübertragung  von  der  Motorachse  auf  die  Hinterachse  des  Wagens
eine  direkte.  Sie  besteht  aus  zwei  Übersetzungen,  die  eine  ist  eine  Zahnradübersetzung  von
1:10,  die  andere  eine  Art  Triebstockverzahnung  von  1:18.
Die  letztere  Übersetzung  wird  hauptsächlich  dann  eingeschaltet,  wenn  Steigungen  zu
überwinden  sind.  Die  Einschaltung  erfolgt  durch  Reibungskuppelungen.
In  recht  geschickter,  ja  vollkommener  Weise  sind  alle  Steuernngsorgane  an  einer
Stelle  vereinigt.  Die  Lenkung  der  Vorderräder  erfolgt  durch  ein  Handrad,  welches  auf
IX  10
        <pb n="75" />
        74  Straßenmotoren.

der  Steuersäule  montiert  ist  und  die  Bewegung  mittels  Kettenrades  auf  jene  Räder  überträgt. ­
  Ein  unterhalb  des  Lenkrades  angebrachter  Hebel  gestattet  einerseits  durch  Verstellen ­
  nach  rechts  oder  links  die  eine  oder  die  andere  Übersetzung  einzuschalten,  anderseits
befinden  sich  an  diesem  Hebel  zwei  Handgriffe,  durch  welche  der  Zufluß  der  Luft  und  der
Zufluß  des  Gases  zum  Motor  geregelt  werden  können.  Dicht  unter  dem  vorerwähnten
Hebel  befindet  sich  noch  ein  kleinerer  zur  Einstellung  und  Regelung  des  Kontaktes  auf
Bor-  und  Nachzündung.  Den  oberen  Abschluß  der  Steuersäule  bildet  ein  elektrisches
Läutewerk,  das  sich  durch  einen  leichten  Druck  in  Thätigkeit  setzen  läßt.
Die  Ingangsetzung  des  Motores  erfolgt  vom  Wagensitze  aus,  indem  man  den  Motor
mittels  eines  Schaltwerkes  durch  ein  paar  Hebelhübe  anratscht;  um  dies  etwas  zu  erleichtern,
drückt  man  zugleich  mit  dem  Fuße  auf  einen  kleinen  am  Boden  befindlichen  Hebel,  wodurch ­
  der  Gegendruck  im  Cylinder  vorübergehend  aufgehoben  wird,  so  daß  die  Gase  freien
Abzug  haben.  Während  der  Fahrt  ruht  die  eine  Hand  auf  dem  Lenkrade,  während  die
andere  die  Geschwindigkeit  regelt;  nachdem  die  gewünschte  Fahrgeschwindigkeit  erzielt  ist,
wird  letztere  Hand  wieder  frei.  Will  man  plötzlich  halten,  so  rückt  man  zunächst  die  Kupp-4».

  Daimlerschcr  Motorfrachtwogcn.

lung  aus,  wodurch  gleichzeitig  die  Zündung  unterbrochen  wird,  so  daß  der  Motor  keine
Arbeit  mehr  verrichten  kann;  außerdem  stehen  aber  noch  zwei  Fußbremsen  zur  Verfügung,
eine  Brandbremse  für  die  Hinterachse  und  eine  auf  die  Räder  wirkende  Blockbremse.
Unter  dem  Postsitze  sind  der  20—25  1  fassende  Benzinbehälter,  sowie  die  zur  Zündung
erforderlichen  Akkumulatoren  und  der  Induktor  untergebracht.  Der  Wasserbehälter,  ein
vollständiger  Rippenkörper,  befindet  sich  vorn  vor  dem  Postkasten,  verdeckt  durch  einen
bronzenen  Reichsadler.  Eine  von  der  Motorwelle  angetriebene  kleine  Zentrifugalpumpe
saugt  das  heiße  Wasser  vom  Cylinderkopfe  her  und  bewirkt  dessen  Zurückführung  durch
lange  mit  Rippen  versehene  Kupferrohre  zum  Kühlbehälter.  Der  Wagen  ist  3,«  m  lang,
1,25  m  breit  und  1,40  m  hoch;  er  kann  mit  7  Zentnern  belastet  werden  und  erreicht  eine
größte  Geschwindigkeit  von  25  km  in  der  Stunde.
Einen  von  der  Daimler  Motoren-Gesellschaft  erbauten  Motorfrachtwagen  veranschaulicht ­
  Abb.  49.  Solche  Geschäftswagen  werden  für  den  Transport  einiger  hundert  Kilo
und  mit  einer  Tragfähigkeit  bis  zu  5000  kg  erbaut.  Das  Eigengewicht  eines  derartigen ­
  Wagens  beträgt  3300  kg,  so  daß  das  Gesamtgewicht  8300  kg  ist.  Zur  Fortbewegung ­
  eines  solchen  Wagens  ist  ein  Daimler-Motor  von  zehn  Pferdestärken  erforderlich.
Für  eine  Stunde  und  eine  Pferdekraft  werden  nach  den  bisherigen  Erfahrungen  0,so  kg
Benzin  verbraucht.
Es  erscheint  nicht  ausgeschlossen,  daß  die  neue  Erfindung,  Luft  zu  verflüssigen,  auch  für
den  Betrieb  von  Motorwagen  und  Motorrädern  Verwendung  finden  wird.
        <pb n="76" />
        Aach  dem  Echterschen  Wandgemälde  im  Staatsbahnhof  zu  München.

Die  Eisenbahnen.  -
Und  donnernd  rollt  der  Wagenzug
Borbei  den  alten  Meilensteinen,
Wie  Blitz  des  Zeus  und  Geisierflug,
Der  Erde  Völker  zu  vereinen.
Hermann  Lingg  (Die  Römerstraße).
Allgemeines  und  Linienführung.
Einleitung.
um  70  Jahre  sind  seit  der  ersten,  durch  Dampfkraft  betriebenen  Eisenbahn  mit
Personenbeförderung  verflossen,  und  welche  Fülle  umwälzender  Wirkungen  hat
diese  segensreiche  Erfindung  dem  Menschengeschlechte  schon  beschert.  Wie  hat
sie  alle  Lebensverhältnisse  umgewandelt  und  die  Menschen  auf  eine  gegen  früher
wesentlich  höhere  Kulturstufe  gestellt!  Raum  und  Zeit  sind  überspannt,  in
wenigen  Tagen  läßt  sich  der  Güteraustausch  weit  auseinander  gelegener  Festlandsbezirke ­
  bewirken,  kann  der  Reisende  weite  Ländergebiete  durcheilen,  vermag  die
Landesverteidigung  ihre  Heere  an  die  bedrohten  Landesgrenzen  zu  senden  und  für  schnellen
Nachschub  des  Ersatzes  jeglicher  Art  zu  sorgen.  Waren  früher  beispielsweise  zu  einer
Reise  von  Berlin  nach  Paris  mit  der  Schuellpost  etwa  5  Tage  erforderlich,  so  legt  man
heute  die  Strecke  in  dem  mit  allem  Komfort  ausgestatteten  Eilzuge  in  16 1 / 2  Stunden
zurück.  Gewaltig  und  ungeahnt  ist  der  Aufschwung,  den  Handel  und  Gewerbe  durch  die
die  Transportkosten  ermäßigenden  Eisenbahnen  genommen  haben.  Diese  sind  im  Verein
niit  den  Dampfschiffen  die  Lebensadern  des  modernen  Weltverkehrs,  die  Bindeglieder  der
Walker  und  Länder.  Sie  erschließen  die  abseits  gelegenen  Gegenden,  wecken  Gewerbethätigkeit
ln  ihnen,  führen  deren  Städten  und  Ortschaften  neues  Leben,  neue  Triebkraft  zu,  bringen
jie  zur  Entwickelung  und  zur  Blüte.  Sie  verbilligen  und  verbessern  die  wirtschaftlichen
Güter,  vermehren  die  Annehmlichkeiten  des  Lebens  und  erhöhen  somit  den  Lebensgenuß.
        <pb n="77" />
        76

Die  Eisenbahnen.

Und  welcher  Art  sind  dabei  die  Wege,  die  das  Dampfroß  wählt!  Bald  durcheilt
es  mit  großen  Lasten  die  sonnendnrchglänzten  Fluren  des  Flachlandes,  bald  klettert  es
schwer  beladen  an  den  Berglehnen  entlang  hoch  in  die  Alpenwelt,  in  die  Region  der
Lawinen  hinauf,  der  Gebirge  breiten  Rücken  in  langem  Tunnel  durchziehend.  Bald
rasselt  es  über  kühn  geschwungene  Viadukte  und  Brücken,  tiefe  Thäler,  Ströme  und
Schluchten  überschreitend,  oder  es  rollt  auf  langer  Hochbahn  über  den  Straßenverkehr
unserer  Großstädte  hin  (Abb.  55  und  56).  Es  steigt  hinab  in  der  Erde  Schoß  und  fährt
unter  Straßen,  Kirchen,  Häusern,  Docks  und  Flüssen  her,  oder  erklimmt  endlich  der  Berge
Gipfel,  um  der  wanderlustigen  Menschheit  den  mühelosen  Anblick  erhabenster  Naturschönheiten ­
  zu  gewähren.
Wahrlich,  vielseitig  ist  sein  Weg,  sein  Nutzen  und  Zweck!  Besonders  nützlich  haben
die  Eisenbahnen  in  unserem  deutschen,  vielstaatlichen  Vaterlande  eingewirkt,  denn  sie  durchbrachen ­
  zuerst  die  dichten  Grenzzäune  eines  engherzigen  Partikularismus,  der  vor  wenigen
Jahrzehnten  noch  in  so  vielen  Ländchen  üppig  wucherte,  und  halfen  diesen  damit  glücklich
zu  Falle  zu  bringen.  Sie  haben  alte  Vorurteile  verschwinden  lassen,  die  deutschen
Stämme  wirksam  einander  näher  gebracht  und  den  Wunsch  nach  politischer  Einheit  dadurch ­
  lebendiger  gestaltet.  Goethe  sagt  schon  in  seinem  Gespräch  mit  Eckermann  1828,
also  noch  zu  einer  Zeit,  wo  36  verschiedenfarbige  Grenzpfähle  das  deutsche  Land  in  eben
so  viele  Gegensätze  zerlegten:  „Mir  ist  nicht  bange,  daß  Deutschland  nicht  eins  werde,
unsere  guten  Chausseen  und  künftigen  Eisenbahnen  werden  schon  das  ihrige  thun."  Nun,
sie  haben  das  ihrige  in  der  Vorbereitung  zur  Einigung  gethan,  deren  Verwirklichung
freilich  nur  durch  das  unvergleichliche  Walten  Bismarcks  und  durch  die  glänzenden  Erfolge ­
  der  preußischen  Heere  auf  den  dänischen  und  böhmischen,  später  der  deutschen  Heere
auf  den  französischen  Schlachtfeldern  ermöglicht  werden  konnte.
Diese  Einigung  des  deutschen  Volkes  war  sodann  rückwirkend  wiederum  fruchtbar
für  dessen  gesamte  gewerbliche  Verhältnisse,  insbesondere  auch  für  das  Eisenbahnwesen.
Dieses  erhielt  teils  infolge  ungeahnter  Verkehrssteigerung,  teils  auch  aus  strategischen
Gründen  eine  erhebliche  Ausdehnung,  begleitet  von  zahlreichen  Verbesserungen  seiner
Einrichtungen  und  Anlagen.  Infolge  des  gewaltigen  Aufschwunges  auf  allen  Gebieten
seines  Handels  und  Gewerbelebens  und  dank  dem  vielmaschigen,  gut  betriebenen  Eisenbahnnetze ­
  konnte  Deutschland,  reich  an  wissenschaftlich  auf  unseren  technischen  Hochschulen ­
  ausgebildeten  Ingenieuren,  Architekten  und  technischen  Chemikern,  auf  dem  Weltmärkte ­
  bald  in  Wettbewerb  treten  mit  den  älteren  Jndustrievölkern,  vor  allem  mit
England,  dem  Vaterlande  der  Dampfmaschinen  und  der  Eisenbahnen.  Vor  4  bis  5  Jahrzehnten ­
  noch  ein  vorzugsweise  ackerbautreibendes  Volk,  entsendet  es  heute  seine  gewerblichen ­
  Erzeugnisse,  vor  allem  die  der  Chemie,  Weberei  und  des  Maschinenbaues  nach
fünf  Weltteilen.  Die  schnellsten  Dampfschiffe,  die  jetzt  die  Meere  unseres  Erdballes  durchfurchen, ­
  sind  ans  deutschem  Material  und  auf  deutschen  Werften  erbaut.  Die  deutschen
Eisenbahnen  gehören,  was  Sicherheit  des  Betriebes,  Pünktlichkeit  der  Züge  und  Bequemlichkeiten ­
  für  die  Reisenden  aller  Gesellschaftsklassen  anbelangt,  unbestritten  zu  den
besten  der  Welt  und  haben  das  Urteil  keines  anderen  Eisenbahnlandes  zu  scheuen.
Deutschlands  Zukunft  beruht  zum  wesentlichen  Teil  auf  der  weiteren  Entwickelung  seiner
Industrie  und  vor  allem  seiner  Technik.  Beide  werden  allgemein  im  20.  Jahrhundert
noch  weit  mehr  als  im  vergangenen  der  Maßstab  für  die  Größe  eines  Volkes  sein.
Wer  ist  nun  der  eigentliche  Schöpfer  der  Eisenbahnen,  wer  hat  sie  erfunden?  Nach
Goethes  treffendem  Ausspruch  ist  Erfinden  der  Abschluß  des  Gesuchten.  Die  meisten
wichtigen  Erfindungen  sind  niemals  urplötzlich  spruchreif  entstanden,  sondern  haben  sich,
auf  vorangegangenen  Bestrebungen  ähnlicher  Art  nach  und  nach  aufbauend,  im  Laufe
der  Zeit  ausgereift,  bis  sie  endlich  durch  einen  genialen  Kopf  zu  einem  zeitweisen  Abschluß ­
  gebracht  wurden.  So  haben  sich  auch  die  Eisenbahnen  langsam  und  allmählich
aus  den  alten  Holzbahnen  der  Kohlengegenden  Englands  entwickelt.  (Vergl.  näheres  im
Abschnitt  „Oberbau".)  So  ist  vor  allem  die  Lokomotive,  die  Seele  des  Eisenbahnwesens, ­
  durch  den  unermüdlichen  Erfindungssinn  einer  ganzen  Anzahl  von  denkenden
Ingenieuren  aus  den  bescheidensten  Anfangsformen  heraus  zu  ihrer  heutigen  hohen
        <pb n="78" />
        Einleitung.  77
Durchbildung  geführt  worden)  (vergl.  den  Abschnitt  „Lokomotiven").  Eine  besondere
Stellung  in  dieser  langen  Erfinderkette  nimmt  G.  Stephenson  ein,  dem  es  1829
durch  Befolgung  des  Ratschlags  eines  Nichttechnikers  (Booth)  gelang,  diejenige  Kesselart ­
  der  Lokomotive  einzufügen,  durch  welche  diese  für  gesteigerte  Verkehrsansprüche
lebensfähig  wurde.  Neben  Stephenson  war  T.  Hackworth  ein  Hauptförderer  der  Lokomotive ­
  damaliger  Zeit.  Daran  schließt  sich  eine  weitere  Schar  von  Ingenieuren  aller
Länder,  die  Verbesserungen  und  Abänderungen  der  Lokomotive  und  ihrer  Einzelteile  anstreben, ­
  sie  den  verschiedensten  Betriebsverhältnissen  anzupassen  sich  bemühen  und  namentlich ­
  auch  ihre  Leistungsfähigkeit  unter  Wahrung  des  wirtschaftlichen  Gesichtspunktes  zu
heben  suchen.
Hand  in  Hand  damit  ging  gleichzeitig  auch  die  Ausbildung  der  Fahrbahn  vor  sich.
Auch  sie  hat  von  den  ersten  eisenbelegten  Holzbahnen  an  bis  zu  den  heutigen  schweren
Oberbau-Anordnungen  eine  lange,  vielgestaltige  Entwickelungsreihe  zp  verzeichnen.  Lokomotivrad
  und  Gleis  stehen  in  innigster  Wechselbeziehung  zu  einander  und  gehören  nach
einem  Ansspruche  Stephensons  zusammen  wie  Mann  und  Frau.  Als  „Dritter  im  Bunde"
gesellte  sich  dann  schließlich  die  Telegraphie  hinzu,  um  als  unübertroffene,  schnellfüßige
Dienerin  die  Zeichengabe  auszuüben,  durch  die  dem  rasch  dahinsausenden  Dampfroß  der
Weg  frei  gehalten  wird.
Doch  kehren  wir  zur  Werdezeit  der  Eisenbahnen  zurück.
G.  Stephensons  Sieg  über  seine  drei  Mitbewerber  in  dem  denkwürdigen  Wettstreit
—  „tlie  battle  of  locomotives“  —  auf  der  Ebene  von  Rainhill  am  6.  Oktober  1829
(vergl.  S.  200)  machten  ihn  gleichsam  zum  Vater  der  Eisenbahnen,  um  so  mehr,  als  ihm
die  schwierige  Aufgabe  gelang,  die  Bahnstrecke  von  Manchester  nach  Liverpool  mit  ihrem
tiefen  Felseinschnitte  (Abb.  206),  langen  Tunnel  und  ihrer  breiten  Moordurchguerung
ohne  Vorbilder  für  diese  völlig  neuen  Bauarbeiten  fertigzustellen.  Ihm  glückte  das  für
die  damalige  Zeit  gewaltige  Werk  durch  seine  Thatkraft  und  Ausdauer,  durch  seinen
Glauben  an  sein  Können  und  an  sich  selbst,  wodurch  er  auch  alle  die  sonstigen  Widerwärtigkeiten ­
  und  Schwierigkeiten  besiegte,  die  ihm  Vorurteile  und  Kurzsichtigkeit  so  vieler  seiner
Landsleute  vom  adligen  Großgrundbesitzer  bis  zum  Fuhrknecht  herab  bereiteten.  Alle
diese  Leute  glaubten  sich  damals  in  ihrem  Vermögen  oder  in  ihrem  Einkommen  durch
die  Dampfbahn  bedroht  und  geschädigt.  Später  freilich  änderte  sich  auch  dieses  Bild,  und
Stephenson  wurde  als  Wohlthäter  gepriesen.
Am  15.  September  1830  fand  die  Eröffnung  vorgenannter  Bahn  statt,  und  zum
erstenmal  wurden  Personenzüge  mit  einer  derzeit  beträchtlichen  Fahrgeschwindigkeit  durch
Dampflokomotiven  befördert.  G.  Stephenson  selbst  führte  die  Lokomotive  des  ersten  Zuges
(vergl.  Abschnitt  „Lokomotiven").  Bewundernd  blickte  England  auf  dieses  Werk  und  seinen
Schöpfer;  staunend  vernahm  die  Welt  die  Leistungen  des  Dampfrosses.  Von  da  an  hielt
das  letztere  —  anfangs  langsam,  später  immer  schneller  und  ausgedehnter  —  seinen
Siegeszug  durch  alle  zivilisierten  Länder,  um  heute,  nach  70  Jahren,  seinerseits  die  Errungenschaften ­
  moderner  Kultur  durch  die  dunkelsten  Länder  zu  tragen.  Gegenwärtig
ist  Rußland  im  Begriff,  seine  große,  die  asiatischen  Steppen  durchquerende  transsibirische
Bahn  nach  Port  Arthur  und  Wladiwostock  zu  vollenden,  wodurch  ein  ununterbrochener
Schienenweg  von  der  Westküste  Europas  bis  zur  Ostküste  Asiens  geschaffen  wird.
Deutsche,  Engländer,  Franzosen  senden  vom  Stillen  Ozean  aus  die  Eisenspur  nach  dem
Inneren  Chinas,  um  der  heimischen  Industrie  die  notwendigen  neuen  Absatzgebiete  zu
verschaffen.  In  Afrika  herrscht  nicht  minder  ein  wahres  Wettlaufen  im  Eisenbahnbau.
Von  der  West-  nach  der  Ostküste  planen  und  bauen  die  Völker  für  das  Dampfroß  den
Weg,  der  sich  bereits  vom  Norden  her  tief  in  den  Sudan  und  vom  Fuß  des  Tafelbergs
bis  hoch  nach  Betschnanaland  hinein  erstreckt.  Die  Bahn  „vom  Kap  bis  Kairo"  wird  bald
kein  Traum  mehr  sein.
        <pb n="79" />
        78

Die  Eisenbahnen.

Ausbreitung  der  Bahnen  in  den  einzelnen  Ländern.

Zehn  Jahre  nach  den  unvergleichlichen  Erfolgen  der  Liverpool-Manchesterlinie  gab
es  in  England  etwa  3000  lein  Bahnen,  und  in  den  vierziger  Jahren  brach  dort  ein  wahres
Eisenbahnfieber  aus,  das  in  schneller  Folge  zahlreiche  Bahnen  erstehen  ließ.  Auch  in
Nordamerika  erkannte  man  nach  Überwindung  der  ersten  Vorurteile  frühzeitig  die  Bedeutung ­
  des  neuen  Verkehrsmittels  und  baute  um  1830  die  erste  Bahn,  deren  Lokomotive
allerdings  noch  aus  England  bezogen  war.  Seit  1832  erstand  daselbst  auch  ein  eigener,
bald  völlig  selbständig  vorgehender  Lokomotivbau,  und  1835  gab  es  dort  über  1700  km
Lokomotivbahnen.  Auf  dem  europäischen  Festlande  hatten  die  Fürsprecher  der  Eisenbahnen
anfangs  schweren  Stand  und  auch  mit  Vorurteilen  und  schiefen  Ansichten  aller  Art  zu
kämpfen.  Wohl  waren  hier  schon  seit  der  Niederwerfung  Napoleons  I.  einsichtsvolle  Männer
bemüht,  die  Vorteile  der  Schienenwege  ihren  Landsleuten  klarzulegen  und  Stimmung
für  ihre  Einführung  zu  machen.  So  trat  namentlich  seit  1813  in  Österreich  ein  weitblickender ­
  Ingenieur,  Ritter  Franz  v.  Gerstner,  Direktor  des  Polytechnischen  Instituts  zu
Prag,  lebhaft  durch  Wort  und  Schrift  für  diese  mit  Pferden  zu  betreibenden  Kunststraßen
ein  und  wies  ihre  Überlegenheit  gegenüber  den  gewöhnlichen  Landstraßen  nach.  Wie  in

öN  NrrsonrntrMlsport  der  Lrnl-Nndwciftr  Eisenbahn  1828.
Nach  einem  Original  von  Mathias  Schönerer.

dem  großen,  kürzlich  erschienenen  Werke  „Geschichte  der  Eisenbahnen  der  österr.-ungar.
Monarchie"  ausführlich  erörtert  ist,  gelang  es  Gerstners  Sohne  Franz,  Professor  am
Polytechnischen  Institut  in  Wien,  ein  Jahrzehnt  später  die  Bauerlaubnis  für  die  122  km
lange  Linie  von  Linz  nach  Budweis  zu  erhalten  und  daraufhin  die  nötigen  Geldmänner
zusammenzubringen.  Im  Jahre  1828  wurde  die  Bahn  in  Angriff  genommen  und  vier  Jahre
danach  eröffnet.  Abb.  51,  welche  nebst  einigen  anderen  der  ebengenannten  Quelle  entnommen ­
  ist,  geigt  den  Betrieb  mit  Personenwagen  auf  dieser  denkwürdigen  Schienenstraße,
der  ältesten  Österreichs.  Eigentümlich  berührt  uns  heute  die  damalige  Anschauung  über  die
zweckmäßigste  Bauart  solcher  Bahnen.  Man  getraute  sich  noch  nicht,  die  Dämme  als  reine
Erdschüttung  herzustellen,  sondern  mauerte  einen  Steinkern  auf  und  hüllte  diesen  dann  mit
Erde  ein.  Auf  diese  Weise  vergeudete  man  freilich  infolge  mangelnder  Erfahrung  große
Kapitalien  und  baute  nicht  nur  unnötig  teuer,  sondern  auch  langsam.  Die  erste  Lokomotivbahn
  Österreichs  erstand  im  Jahre  1837.
In  Deutschland  bemühten  sich  besonders  zwei  Oberbergräte  um  das  Zustandekommen
von  Bahnen:  v.  Baader  in  Bayern  und  Henschel  in  Kassel.  Ersterer  schlug  schon
1814  u.  a.  den  Bau  einer  Bahn  von  Nürnberg  nach  Fürth  vor,  ohne  aber  Erfolg  zu
haben.  Henschel,  ein  um  die  Entwickelung  des  deutschen  Maschinenbaues  hochverdienter,
vielseitiger  Mann  und  Begründer  der  Henschelschen  Maschinenfabrik  in  Kassel,  aus  der
später  die  bekannte  Lokomotivfabrik  hervorgegangen  ist,  die  Anfang  1899  ihre  fünftausendste ­
  Lokomotive  fertigstellte,  trat  namentlich  seit  den  zwanziger  Jahren  für  die  Beförderung ­
  von  Etsenbahnwagenlasten  durch  Seilzüge  und  Lustkompressoren  ein.  Sein
damaliger  Entwurf  zu  einer  Preßlufteisenbahn  kam  mangelnder  Unterstützung  wegen  nicht
        <pb n="80" />
        79

Deutschlands  erste  Lokomotivbahn.

zur  Ausführung.  Etwa  zur  selbigen  Zeit  bemühte  sich  in  Westfalen,  damals  schon  ein
Sitz  blühender  Industrie,  Harkort  lebhaft  um  den  Bau  von  Schienenstraßen.  Es  glückte
ihm,  einige  kurze  Schmalspurbahnen  für  Kohlentransport  ins  Leben  zu  rufen.  Ja,  im
Jahre  1830  bildete  sich  auf  sein  Betreiben  eine  Aktiengesellschaft  —  die  erste  in  Deutschland ­
  —  um  „mittels  einer  Eisenbahn  den  Absatz  der  Ruhrkohlen  nach  dem  Wnpperthale
und  ins  Bergische  zu  vermitteln,  bezw.  die  bergischen  Fabriken  wohlfeil  mit  Kohlen  zu
versehen".  Sie  baute  eine  Schmalspurbahn,  die  erst  20  Jahre  später  in  eine  mit
Dampflokomotiven  betriebene  Hauptbahn  umgewandelt  wurde.  Alle  diese  damaligen
kleinen  Kohlenbahnen  im  Ruhr-  und  im  Saargebiet,  deren  Gesamtlänge  etwa  60  km
betrug,  waren  nur  für  Pferdebetrieb  bestimmt.
Um  1830  trat  auch  der  hervorragendste  deutsche  Vorkämpfer  in  dieser  Frage  auf,
Friedrich  List,  Professor  der  Nationalökonomie  in  Leipzig.  Er  veröffentlichte  im  Jahre  1832
einen  Plan  zu  einem  einheitlichen  deutschen  Eisenbahnnetze,  wonach  alle  größeren  Städte
unseres  Vaterlandes  durch  den  Schienenweg  miteinander  verbunden  werden  sollten.  Doch
Unverstand,  Partikularismus,  Kurzsichtigkeit  und  mangelnder  Unternehmungsgeist  traten
dem  klaren  Blickes  weit  vorausschauenden  Manne  entgegen.  Sein  genialer  Plan  fiel
gänzlich  ins  Wasser,  um  einige  Jahrzehnte  später  stückweise  nach  und  nach  verwirklicht  zu
werden.  List  blieb  unverstanden  und  ohne  Unterstützung.
Deutschlands  erste  Lokomotivbahn.  Einsichtigen  Bürgern  Nürnbergs,  an  deren
Spitze  der  unermüdliche  I.  Scharrer  stand,  gelang  es  um  1834,  eine  Gesellschaft  für
den  Bau  einer  Bahn  zwischen  Nürnberg  und  Fürth  zu  gründen  und  trotz  mancherlei
Schwierigkeiten  die  Bauerlaubnis  zu  erhalten.  Bezeichnend  für  den  Geist  damaliger
Zeit  ist  das  Gutachten,  welches  das  bayrische  Ober-Medizinal-Kollegium  in  dieser
Sache  abgab.  Es  äußerte  sich  dahin:  „Die  schnelle  Bewegung  muß  bei  den  Reisenden  unfehlbar ­
  eine  Gehirnkrankheit,  eine  besondere  Art  des  Delirium  furiosum,  erzeugen.  Wollen
aber  dennoch  Reisende  dieser  gräßlichen  Gefahr  trotzen,  so  muß  der  Staat  wenigstens  die
Zuschauer  schützen,  denn  sonst  verfallen  diese  beim  Anblicke  des  schnell  dahinfahrenden
Dampfwagens  genau  derselben  Gehirukrankheit.  Es  ist  daher  notwendig,  die  Bahnstrecke ­
  auf  beiden  Seiten  mit  einem  hohen,  dichten  Bretterzäune  einzufassen."  Glücklicherweise ­
  ließen  sich  Landesfürst  und  Regierung  durch  dieses  seltsame  Gutachten  nicht  beeinflussen, ­
  und  ersterer  erteilte  der  Gesellschaft  die  Bauerlaubnis.  Doch  wie  den  Bahnban
ausführen?  Man  schrieb  an  R.  Stephenson,  den  Leiter  der  von  seinem  Vater  in
Newcastle-on-Tyne  gegründeten  Lokomotivfabrik  (vergl.  Abschnitt  „Lokomotiven"),  um
Überlassung  eines  erfahrenen  Ingenieurs.  Ein  solcher  verlangte  aber  außer  den  Reisekosten ­
  12  000  Mark  Gehalt,  etwas  für  die  damaligen  bayrischen  Verhältnisse  ganz  Unerhörtes. ­
  Zudem  forderte  er  noch  4000  Mark  Gehalt  für  einen  deutschen  Begleiter,  der
ihm  als  Dolmetsch  dienen  sollte.  Dazu  fehlten  aber  die  Mittel.  Da  lernte  Scharrer,
einer  der  Direktoren  der  Nürnberg-Fürther  Eisenbahn-Gesellschaft*),  in  München  den
Regierungs-Ingenieur  Denis  kennen,  der  kurz  zuvor  in  Amerika  und  England  den
Eisenbahnbau  eingehend  besichtigt  hatte.  Dieser  arbeitete  Anfang  1835  in  drei  Monaten
das  Bahnprojekt  aus,  und  der  Bahnbau  konnte  so  gefördert  werden,  daß  noch  am  7.  Dezember
jenes  Jahres  die  Eröffnung  der  Bahn  erfolgte  (Abb.  52).  Deutschland  erhielt  damit  seine
erste  Lokomotiv-  Eisenbahn.
Die  Lokomotive  „Adler"  getauft  stammte  samt  ihrem  Tender  aus  England.  Sie
war  aus  der  Fabrik  von  Stephenson  &amp;amp;  Co.  zum  Preise  von  13930  Gulden  =  rund  23700  Mark
(einschließlich  des  Transportes  von  Rotterdam  nach  Nürnberg)  bezogen.  Sie  wog  nur  6000  kg
und  leistete  gegen  12  bis  15  Pferdestärken.  Heutigestags  erhält  man  für  diesen  Preis
eine  mindestens  zwölsmal  so  starke  Lokomotive.  Auch  der  Führer  des  „Adlers"  war  aus
England.  Er  erhielt  1500  Gulden  Gehalt  und  war  somit  der  bestbezahlte  Beamte,  denn  der
erste  Direktor  empfing  nur  1200  Gulden.  Besonders  bemerkenswert  ist  noch,  daß  die  Schienen
auf  einem  deutschen  Walzwerke  hergestellt  waren.  Der  im  ersten  Betriebsjahre  auf  der  Lokomotive ­
  verfeuerte,  aus  Saarbrücken  bezogene  Koks  kostete  6  Mark  der  Zentner.  Später  wurden
böhmische  Steinkohlen  verbrannt,  die  sich  etwa  halb  so  teuer  stellten.  Die  gesamten  Baukosten ­
  der  6,2  km  langen,  fast  wagerechten  und  bis  ans  zwei  Endbögen  genau  geradlinigen

*)  Vergl.  Joh.  Scharrer,  „Deutschlands  erste  Eisenbahn  mit  Dampfkraft".  Nürnberg.  1836.
        <pb n="81" />
        80  Die  Eisenbahnen:  Vorurteile  gegen  dieselben.
Bahn  betrugen  einschließlich  Betriebsnüttel  und  aller  sonstigen  Zubehörteile  175  469  Gulden,
also  rund  350  000  Mark.  Das  ist  nicht  viel,  freilich  erhielten  die  bei  diesem  Bahnbaue  besäiäftigten
  Arbeiter  auch  nur  etwa  40  Pfennige  Tagelohn,  und  die  Baustoffe  außer  Schienen
und  Lokomotive  -  konnten  wohlfeil  beschafft  werden.
Die  Personenznge  wurden  in  der  ersten  Betriebszeit  teils  durch  Dampfkraft,  teils  durch
Pferde  befördert.  Ihre  Benutzung  war  eine  sehr  starke  und  belief  sich  durchschnittlich  auf
1200  Reisende  für  den  Tag.  Die  erstere  Beförderungsart  zeigte  sich  nach  Jahresfrist  als  die
billigere.  Güterverkehr  wurde  erst  1838  eingerichtet.  Die  ersten  Güter,  die  zum  Versand
gelangten,  waren  —  zwei  Faß  Bier!
Die  Betriebsausweise  des  jungen,  neuartigen  Unternehmens  waren  recht  günstige.
Die  Eisenbahngesellschaft  konnte  schon  nach  einem  Jahre  20  °/ 0  Dividende  verteilen,  ein
gewiß  glänzendes  Ergebnis  und  auch  eine  Genugthuung  nach  dieser  Seite  hin  für  die
Männer,  die  die  Bahn  ins  Leben  gerufen  und  unentwegt  allen  Schwierigkeiten  getrotzt
hatten.  Bayern  aber  gebührt  das  unvergängliche  Lob,  in  Deutschland  zuerst  dieses  hochgeschätzte ­
  Verkehrsmittel  eingeführt  zu  haben  und  den  anderen  Bundesstaaten  vorbildlich
im  Eisenbahnwesen  geworden  zu  sein.

52.  Eröffnung  der  ersten  deutschen  Eisenbahn  zinrndcrg-Fiirtl,  am  7.  Dexember  1835.
Und  dennoch  währte  es  geraume  Zeit,  ehe  weitere  Bahnen  in  Deutschland  gebaut
wurden.  Heute  sind  wir  gewohnt,  von  einer  Erfindung,  in  welchem  Erdteile  sie  auch
gemacht  wird,  in  kurzer  Zeit  Kenntnis  zu  erhalten.  Telegraph  und  Eisenbahn  bringen
baldige  Kunde  in  Wort  und  Bild.  Damals  fehlte  beides  noch  in  deutschen  Landen,  auch
stand  das  Zeitungswesen  auf  einer  wenig  entwickelten  Stufe:  Erfindungen  und  Fortschritte
konnten  sich  nur  langsam  verbreiten.  Bei  den  Eisenbahnen  kam  dazu  noch  erschwerend
das  schon  erwähnte  Vorurteil,  das  nicht  nur  der  großen  Menge,  sondern  auch  den  führenden ­
  Persönlichkeiten  den  Blick  verschleierte.  Nach  Marggraff  („Der  Sammler",  1885)
warnte  anläßlich  der  Eröffnung  der  Eisenbahn  von  Berlin  bis  Potsdam  1839  der  alte
Pfarrer  Goßuer  in  seiner  Predigt  „die  Schäflein  inständigst,  sich  ja  von  dem  höllischen
Drachen,  dem  Dampfwagen,  um  ihrer  Seligkeit  willen  fernzuhalten".  Treffend  kennzeichnete ­
  Fürst  Bismarck  die  damaligen  Zustände  in  einer  Ansprache,  die  er  am  1.  April  1890
an  die  Beamten  der  Direktion  Altona  hielt,  als  diese  ihm  zu  seinem  fünfundsiebzigsten
Geburtstage  einen  Fackelzng  in  Friedrichsruh  brachten.  Er  sagte  u.  a.:  „Von  den  Anwesenden ­
  werden  sich  wohl  nur  wenige  der  eisenbahnlosen  Zeit  erinnern,  ich  aber  kann
es.  Ich  weiß,  wie  ich  in  meiner  Heimat  wie  ein  Wunder  angestaunt  wurde,  als  ich  erzählte, ­
  daß  ich  —  es  war  wohl  1837  oder  1838  —  in  Belgien  auf  einer  Eisenbahn
gefahren  sei.  Und  dann  kam  die  erste  Eisenbahn  in  Preußen,  von  Berlin  nach  Potsdam,  1839.
Aber  da  wurde  nur  ein  Gleis  gebaut,  denn  auf  einen  größeren  Verkehr  wurde  nicht  gerechnet, ­
  und  auch  sonst  lvar  man  in  dieser  Beziehung  etwas  engherzig  gesinnt."  Und  wie
in  Deutschland,  so  auch  in  den  übrigen  Ländern.  Minister  Thiers  äußerte  am  21.  April  1836
im  französischen  Parlament:  „Wir  haben  einen  hohen'Grad  von  Zivilisation  erreicht.
        <pb n="82" />
        81

Ausbreitung  der  Bahnen  in  den  einzelnen  Ländern.

Man  schätzt  das  Menschenleben  hoch,  man  möchte  nicht  gern  durch  die  Anlage  von  Eisenbahnen ­
  das  Leben  aufs  Spiel  setzen."  Vergl.  Fr.  List,  „Eisenbahn-Journale",  1836.
Kein  Wunder,  daß  der  Bahnbau  auf  dem  europäischen  Festlande  sich  nur  langsam  Eingang ­
  verschaffte.
Nachstehend  seien  die  Eröffnungszeiten  der  ersten  europäischen  Eisenbahnen  mit
Lokomotivbetrieb  in  zeitlicher  Reihenfolge  gegeben:

England:  Manchester-Liverpool  .  .  .  .
Frankreich:  St.  Etienne  -  Lyon
Belgien:  Brüssel  -  Mecheln
Bayern:  Nürnberg  -  Fürth
Sachsen:  Leipzig  -  Althen*)  .  .  .  .  .
Österreich:  Floridsdorf-Wagram  .  .  .  .
Rußland:  St.  Petersburg  -  Krasnoje-Selo
Preußen:  Berlin-Zehlendorf**)  .  .  .  .
Braunschweig:  Braunschweig  -  Wolfenbüttel  (erste
Staatsbahn)
Hannover:  Hannover-Lehrte***)  .  .  .  .
Ungarn:  Pest-Waitzen

.  .  .  15.  September  1830.
.  .  .  Juli  1832.
...  5.  Mai  1835.
.  .  .  7.  Dezember  1835.
.  .  ..  24.  April  1837.
.  .  .  23.  November  1837.
...  4.  April  1838.
.  .  .  1.  September  1838.
deutsche
.  .  .  1.  Dezember  1838.
.  .  .22.  Oktober  1843.
.  .  .15.  Juli  1846.

Alle  diese  Linien  waren  verhältnismäßig  kurz.  Berlin  wurde  1843  mit  Stettin,
1846  mit  Hamburg,  Breslau  und  Magdeburg  verbunden  und  zwei  Jahre  später  mit
Köln  und  Dresden.  Nach  1850  kam  der  Bahnbau  in  schnelleren  Fluß,  und  nachdem  die
neueren  Kriege  beider  Welten  die  hervorragende  Bedeutung  der  Eisenbahnen  für  die
Kriegführung  hatten  erkennen  lassen,  nahm  das  Eisenbahnwesen  gewaltigen  Aufschwung.
Am  Ende  des  Jahres  1865  gab  es  145  500  Ion  Bahnen  auf  der  Erde.  Heute  ist  unser
Planet  mit  einem  fünfmal  so  großen  Eisenbahnnetze  überzogen.  Beträgt  doch  die  Gesamtlänge ­
  aller  im  Betriebe  befindlichen  Lokomotivbahnen  732  255  km,  d.  i.  nahezu  das
Doppelte  der  mittleren  Entfernung  des  Mondes  von  der  Erde  (384  420  km).  Der
Äquator,  dessen  Umfang  40  070  km  mißt,  kann  mit  dieser  Länge  mehr  als  achtzehnmal
umgürtet  werden.  Eine  mit  der  Durchschnitts-Fahrgeschwindigkeit  des  schnellsten  deutschen
Zuges,  des  Berlin-Hamburger  Schnellzuges  (82,8  km  in  der  Stunde)  fahrende  Lokomotive
würde,  wenn  sie  so  lange  zu  laufen  vermöchte,  diesen  achtzehnfachen  Riesengürtel  in
rund  einem  Jahre  durcheilen.
Nach  dem  aus  amtlichen  Quellen  schöpfenden  „Archiv  für  Eisenbahnwesen",  1899,
verteilt  sich  diese  Eisenbahnlänge  nach  folgenden  Übersichten,  die  zugleich  auch  die  Ausbreitung ­
  des  Netzes  seit  1836  erkennen  lassen.

Länge  in  km  der  im  Betriebe  befindlichen  Eisenbahnen.

Am  Ansange  bc@  Jahre»

Erdteil

1836

1846

1856

1866

1876

1886

1896

1898

Europa........

673

8  235

34  185

75  882

142  494

195  833

251  421

263  145

Amerika

1758

7  683

32  417

62  534

134  098

249  246

370  321

380  384

Asien

—

—

350

5  489

11  332

22  285

43  375

49  764

Afrika

—

—

144

755

2  576

7  032

13  147

15  948

Australien  .  ...

—

—

38

825

3  738

12  947

22  349

23  014

Zusammen

2  431

15  918

67  134

145  485

294  238

487  343

700  613

732  255

*)  Teilstrecke  der  Leipzig-Dresdener  Bahn.  Die  ganze  Linie  wurde  am  7.  April  1839  eröffnet.
**)  Teilstrecke  der  Berlin-Potsdamer  (Magdeburger)  Eisenbahn.  .  ..  .  o
***)  Teilstrecke  der  Bahn  von  Hannover  nach  Braunschweig.  1847  wurde  die  strecke  Lehrte-Harburg
  eröffnet,  aber  lange  Jahre  ohne  Anschluß  an  —  Hamburg  gelassen,  auch  em  o el J fn
des  damaligen  Sondergeistes  in  deutschen  Landen,  der  sich  besonders  in  der  hannoverschen
Eisenbahnpolitik  gegenüber  Preußen  und  Oldenburg  offenbarte.  ^
        <pb n="83" />
        82

Tie  Eisenbahnen.

In  Bezug  auf  Gesamtlänge  nimmt  sonach  Amerika  die  erste,  Afrika  die  letzte
Stelle  ein.  Ersteres  Land  besitzt  mehr  als  die  Hälfte  aller  Eisenbahnen.
Das  Bild  ändert  sich  aber,  sobald  die  Flächenausdehnung  der  einzelnen  Erdteile
zu  Grunde  gelegt  wird.  Europa  tritt  dann  an  die  Spitze,  was  bei  seiner  älteren  und
höheren  Kulturstufe  auch  ganz  natürlich  ist.  Seine  Bahnen,  insbesondere  die  von
Deutschland,  England,  Frankreich  und  Belgien,  übertreffen  aber  diejenigen  der  anderen
Erdteile  nicht  nur  durch  das  enger  gewebte  Gleisnetz,  sondern  auch  durch  höhere  Leistungsfähigkeit, ­
  hervorgerufen  durch  reicheren  Ausbau  der  Linien  mit  zwei,  drei  und  selbst
vier  Gleisen,  sowie  durch  größere  Zahl  und  Schnelligkeit  der  Züge;  ferner  durch  bessere
Sicherheitsvorkehruugeu  und  bequemere  Reiseeinrichtungen.  Nur  im  Osten  der  Vereinigten ­
  Staaten  zeigt  Amerika  eine  gleich  hohe  Entwickelung  des  Eisenbahnwesens,  das
sogar  in  jüngster  Zeit  vorbildlich  für  manche  Neuerungen  auf  europäischen  Bahnen
gewesen  ist.
Nachstehende  Übersicht  veranschaulicht  für  sämtliche  Eisenbahnländer  der  einzelnen
Erdteile  die  Verteilung  des  Bahnnetzes,  und  zwar  bezogen  einmal  auf  je  100  güin  Bodenfläche ­
  und  sodann  auch  auf  je  10  000  Einwohner.

Übersicht  des  Eisenbahnnetzes  der  Erde
zu  Anfang  des  Jahres  1898  und  das  Verhältnis  der  Eiscnbahnlänge  zur  Flächengröße  und
Bevölkerungszahl  der  einzelnen  Länder.

I.  Europa.

Länder:'  Berriebslänge  der  Eisenbahnen

Name

Flächenqröbe

BcvölkerungSzahl

insgesamt

au
100  qkm

i«
10  000  Einwohner ­


Deutschland

540  700

52  280  000

48116

8,9

9,2

Österreich-Ungarn  ....

676  600

44  906  000

33  668

5,0

7,4

England

616  800

40  390  000

34  445

10,9

8,5

Frankreich

536  400

38  269  000

41  342

7,8

10,8

Rußland

5  390  000

106  234  000

40  262

0,7

3,8

Italien

286  600

31  479  000

15  643

5,5

5,0

Belgien

29  500

6  587  000

5  904

20,0

9,1

Holland  und  Luxemburg

35  600

5  222  000

3129

8,8

6,1

Schweiz

41  400

3  030  000

3  646

8,8

12,0

Spanien

514  000

18  280  000

12  916

2,5

7,1

Portugal

92  100

5  102  000

2  358

2,5

4,6

Dänemark

38  300

2  300  000

2  543

6,5

11,1

Norwegen

322  300

2  112  000

1  938

0,6

9,2

Schweden

450  600

5  010  000

10  169

2,3

20,5

Serbien  ...  ...

48  300

2  314  000

570

1,2

2,6

Rumänien

160  000

6  000  000

2  880

1,7

4,7

Griechenland

65  100

2  447  000

952

1,4

3,8

Türkei  und  Bulgarien  .  .

275  200

9  468  000

2  554

0,9

2,7

Malta,  Jersey,  Man  .  .  .

1  100

325  000

110

10,0

3,4

Zusammen

9  820  600

381  755  000

263  145

2,7

6,9

Deutsche  Bundesstaaten:

Preußen

348  600

31  855  000

28  498

8,1

8,9

Bayern

75  900

5  819  000

6  283

8,2

10,7

Sachsen

15  000

3  788  000

2  752

18,3

7,3

Württemberg

19  500

2  081  000

1632

8,3

7.8

Baden

15100

1  725  000

1861

12,3

10,8

Elsaß-Lothringen  ....

14  500

1  641  000

1  735

11,9

10,5

Übrige  deutsche  Staaten.  .

52  100

5  371  000

5  355

10,2

10,0

Deutschland  zusammen

540  700

62  280  000

48116

8,9

9,2
        <pb n="84" />
        Ausbreitung  der  Bahnen  in  den  einzelnen  Ländern.
II.  Amerika.

83

Länder:

Betriebslänge  der  Ebendahin»

Name

Flächengröße

Bevölleeungszahl

insgesamt

au|
100  qkm

je
10000  Ein-IDDUnrr


Berein.  Staaten  von  Amerika

7  752  800

70  302  000

296  745

3,8

42,2

8  768  000

5  186  000

26  866

0,8

51,8

Neufundland

110  800

208  000

911

0,8

43,3

Mexiko  .  .  .
Mittelauierika  .

1  987  300

12  620  000

11  890

0,5

9,4

428  400

2  379  000

1038

0,2

4,3

Verein.  Staaten  v

Columbien

1  330  800

4  500  000

557

0,o

1,2

Cuba  ....

l  l  8  800

1  632  000

1  778

l,-&amp;gt;

10,9

Venezuela  .  .
Dominikanische  R
Brasilien  .  .  .
Argentinien.  .
Paraguay
Uruguay  .  .  .
Chile  .  .  .
Peru

1  043  900

2  445  000

1  020

0,1

4,1

epublik.

48  600
8  361  400

504  000
16  969  000

188
13  941

0,3
0,1

3,7
8,2

2  885  600
253  100

4  531  000
502  000

15172
253

0,5
0,1

33,5
5,0

178  700

827  000

1800

1,0

21,0

776  000

3  200  000

4  286

0,8

13,4

1  137  000

2  980  000

1  667

0,i

5,5

1  334  200

2  443  000

1000

0,0

4,1

299  600

1  204  000

300

0,o

0,8

Britisch  Guyana

229  600

278  000

35

0,0

1,3

Zusammen

37  044  600

132  710  000 l )

379  447  *)[  1,01

28,6

III.  Asien.

Britisch  Indien
Ceylon.  .  ■  ■  ■  •  •
Kleinasien  mit  Syrien  .  .
Russisches  transkasp.  Gebiet
Sibirien
Persien  ......
Niederländisch  Indien
Japan  .  .  ..  ■  •
Portugiesisch  Indien  .
Malaiische  Staaten  (Borneo,
Celebes  u.  s.  w  )  .  .  .  .
China  &amp;gt;
Siani
Cochinchina  (82  km)  .  .  .
Pondichery  (95  km),  Tonkin
l114  km),  Malakka  i92  km)

5  131  300
63  900
1  778  200
554  900
12  518  500
1  645  000
599  000
417  000
3  700
86  200
11  081  000
633  000

291  381  000
3  336  000
15  478  000
700  000
5  773  000
9  000  000
27  172  000
44  750  000
514  000
719  000
357  250  000
9  000  000

33  820
478
2  509
1513
3  801
54
2  082
4  032
82
259
482
269
383

0,6
0,7
0,i
0,2
0,.)
0,o
0,3
0,9
2,2
0.3

1,1
1.4
1,6
21,6
6.5
0,o
0,7
0,9
1.6
3,6

Zusammen

IV

-
.  Afrika.

49  764

Ägypten

994  300

9  750  000

2  824

0,2

2,9

Algier  und  Tunis  .

897  400

6  375  000

4  355

0,4

6,9
20,7

Kapland

756  800

1  765  000

3  634

0,4

Natal

70  900

778  000

739

1,0

9,4

Südafrikanische  Republik

308  600

867  900

1142

0,3

13,1

Oranje-Freistaat  ....
Mauritius  &amp;lt;169  km),  Reunion ­
  &amp;lt;127  km),  Senegalgebiet ­
  (396  km),  Angola
&amp;lt;364  km),  Mozambique
(435  km),  Kongo  &amp;lt;264  km),

131100

208  000

1  340

1,0

63,8

Sudan  (159  km)  .  .  .

—

—

1  914

Zusammen

—

—

15  948

—

*)  Ohne  die  unter  2 )  genannten  sechs  Inseln.  .  ,  ,  ,  crwfmSn?  rqq
2 )  Hierzu  konnnen  noch  937  Ir»,  Bahnlänge  der  Inseln:  Jamaica  (29  )-  ,  în  baft  die
Trinidad  (98  Km),  Martinique  (194  Km),  Portorico  (195  Km),  Salvador  (117  Km),  so  datz
Gesamtsumme  der  amerikanischen  Eisenbahnen  380  384  Km  betragt.

11'
        <pb n="85" />
        84

Die  Eisenbahnen.
V.  Australien.

Sätiber:  j  Beiriebsliinge  der  Eisenbahnen

Name

Flächengröße

Bevölkerungszahl

tnsgelamt

aus  je
100  qkm  I  10  000  Etn-^
  1  wobner

Neuseeland

271  000

714  000

3  528

1,3

49,8

Viktoria

229  000

1  175  000

5  035

2,2

43,0

Neu-Südwales

799  000

1  298  000

4  383

0,5

33,9

Süd-Australien

2  841  600

360  000

3  038

O.i

84,3

Queensland

1  731  400

472  000

3  934

0,2

83,7

Tasmanien

67  900

166  000

764

i,i

47,9

West-Australien

2  527  300

138  000

2190

0,0

158,7

Hawai

17  700

109  000

142

0,8

12,9

Zusammen

7  984  900

4  432  000

23  014

0,2

51,9

Man  ersieht  aus  dieser  Zusammenstellung,  wie  ungleich  die  Eisenbahnen  verteilt
sind.  Nach  dem  bekannten  Ausspruche  James  Watts,  des  Erfinders  der  Dampfmaschine,
ist  die  Straßenkarte  eines  Landes  das  Spiegelbild  seiner  Wohlfahrt.  Heute  können  wir
sagen,  die  Eisenbahnkarte  eines  Volkes  ist  das  Spiegelbild  seiner  Wohlfahrt  und  ein  Maßstab ­
  nicht  nur  seines  Handels  und  Gewerbelebens,  sondern  im  allgemeinen  auch  seines  Kulturstandes. ­
  So  steht  in  obiger  Übersicht  das  industriereiche  Belgien  mit  seinem  blühenden
Handel  und  Verkehre  obenan.  Auf  je  100  qkm  seiner  Fläche  weist  es  20  km  Eisenbahnen
auf.  Ihm  kommt  Sachsen  mit  18,s  km  Bahnlänge  nahe,  während  England  unter  dem  Einflüsse ­
  des  zurückgebliebenen  Irlands  es  auf  10,s  km,  Deutschland  auf  8,9  km  u.  s.  w.  bringt.
Im  Gegensatze  hierzu  steht  Österreich-Ungarn  mit  nur  5,o  km,  Rußland  gar  mit  0,7  km  aus
je  100  qkm  seiner  Bodenausdehnung.  Die  Länder  der  anderen  Erdteile  zeigen  sämtlich
verhältnismäßig  niedrige  Werte.  Selbst  in  den  Deutschland  au  Größe  vierzehnmal  übertreffenden ­
  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  finden  wir  nur  3,8  km.  Freilich  ist  Nordamerika ­
  ein  kräftig  aufstrebendes  und  noch  in  der  Entwickelung  begriffenes  Land,  dessen
gesamte  wirtschaftliche  Verhältnisse,  besonders  jetzt  nach  dem  erfolgreichen  Kriege  mit
Spanien,  blühenden  Aufschwung  nehmen  werden.  In  wenigen  Jahrzehnten  wird  jene
Zahl  von  3,8  km  weit  überholt  sein,  während  andererseits  die  bereits  hochentwickelten
Staaten  Europas  schon  jetzt  ein  sehr  vollkommenes  Eisenbahnnetz  aufweisen  und  nur  noch
verhältnismäßig  geringe  Längenvermehrung  erfahren  werden.  Ebenso  werden  zahlreiche
andere  Länder,  die  gegenwärtig  noch  ungenügend  erschlossen  sind,  demnächst  eine  lebhafte
Thätigkeit  ans  dem  Gebiete  des  Bahnbaues  entfalten.
Die  Zahl  der  Bahnkilometer,  die  auf  die  Flächeneinheit  entfallen,  liefert  nun  aber
für  sich  allein  noch  kein  richtiges  Bild,  es  muß  auch  die  Bevölkerungszahl  in  Betracht
gezogen  werden.  Nach  dieser  Richtung  hin  gibt  die  obige  Übersicht  und  zwar  in  ihrer
letzten  Reihe  bemerkenswerten  Aufschluß.  So  zeigt  Westaustralien  158,7  km  Eisenbahnen
auf  je  10  000  seiner  Einwohner,  die  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  42,2  km,
Deutschland  9,2  km  u.  s.  w.  Je  dünner  das  Land  bevölkert  ist,  desto  größer  erscheint  die
Eisenbahnlänge,  desto  mehr  also  ist  im  Verhältnisse  zur  Bevölkeruugszahl  die  Schienenstraße ­
  hier  schon  entwickelt,  desto  weniger  allerdings  das  Land  in  seiner  wirtschaftlichen
Allgemeinheit.  Wie  schnell  das  Wachstum  der  Eisenbahnen  in  einem  Lande  letzterer  Art
in  unserer  Zeit  vor  sich  gehen  kann,  zeigt  besonders  Australien.  Während  das  Bahnnetz
Europas  in  den  letzten  zweiundzwanzig  Jahren  —  bezogen  auf  je  10  000  Einwohner  —
sich  nur  um  6O°/ 0  vergrößerte,  war  dies  in  den  australischen  Kolonien  um  737  °/ 0  der
Fall,  wie  folgende  Zusammenstellung  besagt.  Auf  je  10  000  Einwohner  entfielen  km
Eisenbahnen:  1875  1885  1897  Zunahme  in
seil  1875
Europa  .  .  .4,3  km  5,8  km  6,9  km  60  °/ 0
Australien  .  .  6,2  „  29,5  „  51,9  „  737  °/ 0
Einen  sehr  zuverlässigen  Maßstab  sowohl  für  die  Dichtigkeit  des  Verkehres  und  das
Blühen  der  Gewerbe  als  auch  für  die  Leistungsfähigkeit  der  Eisenbahnen  bietet  die  Zahl
der  Betriebsmittel,  mit  denen  die  letzteren  ausgerüstet  sind.  Je  mehr  Handel  und  Gewerbe
        <pb n="86" />
        85

Ausbreiiung  der  Bahnen  in  den  einzelnen  Ländern.
blühen,  desto  reger  ist  der  Güternustausch,  desto  lebhafter  der  Personenverkehr,  und  um
so  leistungsfähiger  müssen  die  Eisenbahnen  sein,  um  so  mehr  Betriebsmittel  müssen  in
Benutzung  stehen.  Auch  hierin  sind  die  europäischen  Bahnen  den  übrigen  weit  überlegen, ­
  wie  die  folgende  Übersicht  zeigt:

Land

Zahl  der  Lokomotiven
.  „  ,  .  |  auf  je  10  km
tnsqesamt  1  Belriebilänae

Europa

79  500

3,02

Vereinigte  Staaten  von  Amerika

36  000

1,21

Australien

2  200

1,95

Brilisch  Indien

4  800

1,24

Die  übrigen  Länder  ....

11  000

1,00

Zusammen  auf  der  Erde  .  .  .

133  000

1,82

Besonderes  Interesse  verdienen  die  diesbezüglichen  Vergleichszahlen  der  einzelnen  europäischen ­
  Länder,  sowie  namentlich  die  der  deutschen  Bundesstaaten.  Nachstehende  Zusammenstellung ­
  enthält  diese  Angaben  für  je  sieben  Bezirke.  Sie  sind  der  Arbeit  des  Verfassers
über  „Eisenbahn  Hauptwerkstätten"*  **) )  entlehnt  unter  Berücksichtigung  der  neuesten  Statistik.
Vergleichende  Übersicht  der  Betriebsmittel,
mit  denen  die  Eisenbahnen  für  je  10  km  Betriebslänge  durchschnittlich  ausgerüstet ­
  sind.  ,
Länder  Europas  1898.

Land

Lokomotiven

Personenwagen

Güter-  und
Gepäckwagen

Deutschland

3,58

7,11

76,4

Frankreich

2,58

6,82

68,1

England

5,65

12,77

192,8

Rußland

2,34

2,59

58,3

Österreich-Ungarn  ....

1,08

5,02

37,4

!  f!S&amp;amp;  :

6,92

13,55

146,1

3,82

6,72

94,0

Dänemark

2,05

5,60

30,2

Ländei

Deutschlands  1899“).

Preußen

4,04

7,34

91,59

Bayern

2,77

6,43

40,07

Sachsen  .

4,32

11,43

108,04

Württemberg

3,09

6,87

44,91

Baden.  .  .

3,98

10,62

76,56

Mecklenburg-Schwerin  .  .

1,50

2,97

27,27

Oldenburg

2,32

4,07

28,24

Man  stelle  hieraus  wieder  einmal  die  Zahlen  der  deutschen,  englischen  oder  belgischen
Bahnen  denen  von  Österreich-Ungarn,  Rußland  oder  Dänemark  gegenüber.  Welche
Unterschiede  treten  da  in  der  Stärke  der  verschiedenen  Fuhrparke  auf!  Daß  ein  Land
mit  verhältnismäßig  geringer  Zahl  an  Lokomotiven  und  Wagen  auch  in  Kriegszeiten
einem  Staate  mit  starker  Bahnausrüstung  nachsteht,  vollends  gar,  wenn  die  Maschen
des  Gleisnetzes  recht  weite  sind,  bedarf  wohl  kaum  der  Erwähnung.  Das  Zusammenziehen ­
  der  Truppen,  das  Befördern  an  die  bedrohte  Grenze,  der  Nachschub  ans  dem
Inneren  u.  s.  w.,  alles  das  vollzieht  sich  bei  ihnen  weit  langsamer,  als  in  einem  Lande
mit  leistungsfähigen  Bahnen.  Man  vergleiche  nur  in  obiger  Zusammenstellung  Rußland
und  Frankreich  mit  England  oder  Deutschland.  Die  einzelnen  deutschen  Bundesstaaten
sind  sehr  ungleich  bedacht.  Während  Preußen  ans  je  10  km  seiner  Linien  durchschnittlich
4  Lokomotiven  und  92  Güterwagen  zählt,  Sachsen  noch  höhere  Werte  aufweist,  hat  Bayern
*)  „Die  Eisenbahn-Technik  der  Gegenwart"  von  Blum,  v.  Borries  und  Barkhansen.
**)  Die  Angaben  beziehen  sich  auf  Staatsbahnen  mit  1435  mm  Spurweite.
        <pb n="87" />
        86

Die  Eisenbahnen:  Verkchrsstärke.
nur  2,7  Lokomotiven  und  40  Güterwagen,  Mecklenburg-Schwerin  sogar  noch  erheblich
weniger.  Preußen  hat  demnach  seine  Bahnen  1V 2  mal  so  stark  mit  Lokomotiven  und
2 1 [ i  mal  so  stark  mit  Güterwagen  besetzt  wie  Bayern,  Sachsen  sogar  2 1 /,  bis  3  mal  so
stark  als  letzteres  Land.  Und  dabei  tritt  doch  noch  alljährlich  in  Preußen  zur  Zeit  des
stärksten  Verkehrs,  d.  i.  im  Herbst  während  der  Zuckerrüben-  und  Kartoffelernte  sowie  der
vermehrten  Kohlentransporte,  desgleichen  nach  Zufrieren  der  Wasserstraßen  Wagenmangel
ein.  Die  Anforderungen  an  die  Bahnverwaltungen  sind  in  der  Zeit  auch  ganz  gewaltige.
Wurden  doch  im  November  1898  allein  im  Kohlenrevier  von  Rheinland-Westfalen  Tag
für  Tag  rund  14500  Wagen,  an  einzelnen  Tagen  sogar  18000  den  Zechen  und  Kokereien
gestellt*),  Riesenzahlen,  die  sich  auch  1899  nicht  vermindert  haben.

53  Lagrptan  der  drei  «ntirirdischrn  Gütrrgationrn  in  London.

Das  Eisenbahnnetz  der  einzelnen  Länder  ist  natürlich  in  den  eigentlichen  Industriegegenden
  am  dichtesten  gesponnen.  Man  vergleiche  nur  in  Preußen  die  Eisenbahnkarte
von  Rheinland-Westfalen  mit  der  von  Ostpreußen  oder  Posen,  die  des  Manchester-Liverpooler
  Gebietes  mit  Irland.  Auch  die  großen  Städte  sind  Sitze  eines  regen  Bahnverkehrs.
Allen  voran  und  in  der  Welt  unerreicht  in  Bezug  auf  Stationen  und  Reisende  steht
London.  Unsere  Tafel  veranschaulicht  das  Eisenbahnnetz,  das  diese  fast  6  Millionen  Einwohner ­
  zählende  Riesenstadt  umspinnt  und  durchzieht.  Innerhalb  einer  Fläche,  die  von
einem  vom  Londoner  Hauptpostamt  mit  19  300  m  Halbmesser  beschriebenen  Kreise  begrenzt ­
  wird,  zählt  man  nicht  weniger  als  418  Eisenbahnstationen,  darunter  über  100

*)  Nach  derZeitschrift  des  „Vereins  Deutscher  Eisenbahn-Verwaltungen"  sind  im  November  1898
im  Ruhrbezirk  für  die  Abfuhr  von  Kohlen  und  Koks  362  289  offene  Wagen  von  je  10  t  Tragkraft ­
  gestellt  worden,  in  Oberschlesien  148110  Wagen  gleicher  Tragkraft.  Nicht  rechtzeitig  gestellt
wurden  ini  Ruhrgebiet  9447  Wagen,  in  Oberschlesien  868  Wagen.  Es  herrschte  in  jenem  Monat
mehrere  Tage  lang  starker  Nebel,  der  dem  riesenhaften  Eisenbahnverkehr  in  jenem  in  der  Welt
unerreicht  dastehenden  Industriegebiet  hinderlich  war.  An  gedeckten  Wagen  (für  Stückgüter,
Getreide,  Zucker,  Futter-  und  Düngemittel  u.  s.  w.)  sind  in  jenem  Monat  auf  den  preußischen
Staatsbahnen  750006  Stück  gestellt  worden,  während  nur  2 1 / 2 °/o  der  angeforderten  Wagen  nicht
rechtzeitig  gestellt  werden  konnten.
        <pb n="88" />
        Massstab  1:68640
e  Z

Lageplan  der  Londoner  Eisenbahnlinien
        <pb n="89" />
        87

Ausbreitung  der  Bahnen  in  den  einzelnen  Ländern.

besondere  Güter-  und  Kohlenbahnhöfe,  während  sich  ans  einer  mit  halb  so  großem  Halbmesser ­
  vom  Hauptpostamt  beschriebenen  Kreisfläche  (=  72  qkm)  gar  275  Stationen
vorfinden.  Berlin,  das  unter  den  übrigen  Großstädten,  abgesehen  von  New  Jork,  in
Bezug  auf  das  Eisenbahnwesen  obenan  steht,  besitzt  mit  seiner  Umgebung  auf  einer  Fläche
von  275  qkm  rund  72  Stationen,  einschließlich  11  besonderer  Güterbahnhöfe.
Es  ergeben  sich  hieraus  folgende  bemerkenswerte  Vergleichszahlen:
London:  275  Stationen  auf  72  qkm  oder  1  Station  auf  rund  1 l i  qkm,
Berlin:  72  „  „  275  „  „  1  „  „  „  4  „  .
Unsere  Tafel  zeigt  so  recht  das  Bestreben  der  Engländer,  dem  Handel  und  Verkehr  möglichst
Erleichterung  zu  gewähren.  Ihre  nicht  von  bureaukratischen,  sondern  von  kaufmännischen
Gesichtspunkten  geleiteten  Eisenbahnen  tragen  dem  in  vollstem  Maße  Rechnung.
Dieses  tritt  noch  deutlicher  durch  die  Abb.  53  zu  Tage,  die  einen  der  bemerkenswertesten ­
  Punkte  des  Londoner  Gleisnetzes  wiedergibt.  In  engster  Nachbarschaft  sind  hier
—  bald  ober-,  bald  unterirdisch  —  sieben  Personenstationen  und  drei  Güterbahnhöfe
—  letztere  unterirdisch  —  zur  Ausführung  gebracht,  um  dem  Massenverkehr  im  Herzen

von  London  genügen  zu  können.  Und  wie  stark  sind  alle  diese  Stationen,  namentlich  auch
die  drei  für  den  Güterverkehr:  White  Croß,  Smithfield  Market  und  Farringdon  Street-Station,
  belastet!  Nicht  minder  lehrreich  nach  dieser  Richtung  ist  Abb.  54.  Sie  zeigt
uns  nicht  weniger  als  5  Güterbahnhöfe  im  Hafengebiet  von  Liverpool,  die  sämtlich  der
London  and  North  Western  Bahn  gehören.
Schließlich  mögen  noch  die  Anlagekosten  und  die  Zahl  der  im  Bahndienst  Beschäftigten ­
  Erwähnung  finden,  da  sie  für  die  wirtschaftliche  Bedeutung  der  Eisenbahnen
zeugen.  Die  Kosten  für  Ban  und  Ausrüstung  sämtlicher  Eisenbahnen  der  Erde  sind  in
abgerundeten  Zahlen  im  Jahre  1867  auf  37,  1875  auf  65,  1885  auf  105  Milliarden
Mark  zu  veranschlagen,  während  dieser  Betrag  am  Anfange  des  Jahres  1898  bereits
mit  rund  145  Milliarden  Mark  anzunehmen  ist.  Zur  Veranschaulichung  dieser  Summe
denke  man  sich  dieselbe  als  eine  Rolle  von  Thalern.  Sie  würde  eine  Länge  von
121439  km  besitzen,  somit  den  Äquator  mehr  als  dreimal  umspannen.  Zu  ihrem  Versande ­
  ans  der  Eisenbahn  wären  18  000  Güterzüge  längster  Art  erforderlich.  Wollte  man
die  ganze  Summe  aus  den  Betriebsüberschüssen  der  Bahnen  mit  4°/ 0  verzinsen,  so  bedürfte ­
  es  einer  täglichen  Reineinnahme  von  16  Millionen  Mark.
        <pb n="90" />
        88  Die  Eisenbahnen:  Anlagekosten  und  Zahl  der  Bediensteten.
Die  Anlagekosten  für  1  Lin  Bahnlänge  sind  sehr  verschieden.  Örtliche  Verhältnisse
wie  Geländebildung,  Preis  des  Bodens,  Zahl  und  Größe  der  Kunstbauten  beeinflussen
sie  sehr,  ferner  Größe  der  Bahnhofsanlagen,  Ausstattung  mit  mehrfachen  Gleisen,
Sicherheitseinrichtungen  u.  s.  w.  Die  englischen  Bahnen  sind  durchschnittlich  am
teuersten  gebaut.  Ein  Kilometer  Bahnlinie  hat  gekostet  in  England  rund  600  000  Mark,
in  Deutschland  252  000  Mark,  in  Österreich-Ungarn  218  000  Mark,  in  Holland
494  000  Mark,  in  Frankreich  314000  Mark,  in  Dänemark  107000  Mark  und
durchschnittlich  in  Europa
288000  Mark,  in  den  Vereinigten ­
  Staaten  von  Nordamerika ­
  158400  Mark.
Zahl  der  Eisenbahn-Bediensteten. ­

Nach  der  vom  Reichseisenbahnamt ­
  alljährlich
herausgegebenen  Statistik
der  Eisenbahnen  Deutschlands ­
  waren  bei  diesen  im
Jahre  1898/99  insgesamt
511000  Beamte  und  Arbeiter ­
  beschäftigt.  Es  entfällt ­
  somit  durchschnittlich
auf  je  102  Bewohner
Deutschlands  ein  im  Eisenbahndienst ­
  Beschäftigter.
Schätzungsweise  kann  man
unter  Einrechnung  der
Familienangehörigen  annehmen, ­
  daß  im  Deutschen
Reiche  etwa  2  Millionen
Menschen  unmittelbar
durch  die  Eisenbahnen
ihren  Unterhalt  finden.
Von  der  oben  genannten
Zahl  der  Arbeiter  und
Beamten  entfallen  durchschnittlich ­
  10,8  derselben
auf  1  km  Bahnlänge.
Rechnet  man  vorsichtigerweise ­
  für  alle  Eisenbahnen
der  Erde  nur  70°/o  dieses
öS.  Eornrrgratdrürke  über  den  Findclenbach.  Wertes,  so  ergeben  sich
Nach  einer  Ausnahme  der  Photographen  F.  gume  n.  Co.  in  Zermatt.  hxj  7ZZ  ()00  km  Gesamtlänge ­
  etwa  5  Vs  Millionen
Beamte  und  Arbeiter,  die  im  Solde  des  geflügelten  Rades  stehen  und  einschließlich  der
Angehörigen  mindestens  20  Millionen  Menschen,  die  von  ihm  unmittelbar  abhängig  sind.
Zählt  man  hierzu  noch  alle  diejenigen,  die  an  den  Lieferungen  von  Eisenbahnfahrzeugen,
Radreifen,  Schienen,  Stellwerken  und  all  den  sonstigen  mannigfachen  Ausrüstungsstücken
der  Strecken  und  Werkstätten,  sowie  von  Roh-  und  Hilfsstoffen  aller  Art  beteiligt  sind,
die  ferner  bei  Bahnbauten  und  Unterhaltungsarbeiteu  Beschäftigung  finden,  so  erkennt
man,  von  welch  einschneidender  Bedeutung  das  Eisenbahnwesen  für  die  wirtschaftlichen
Verhältnisse  der  Völker  ist  —  ganz  zu  geschweigen  von  den  in  der  Einleitung  oben  kurz
erörterten  ungeheuren  Vorteilen  der  Bahnen  für  Handel,  Gewerbe  und  Verkehr,  sowie
für  die  Landesverteidigung.
        <pb n="91" />
        89

Einteilung  der  Bahnen.
Das  Riesennetz  der  Eisenbahnen  zeigt  in  seinen  einzelnen  Maschen  eine  mannigfache
Verschiedenheit  und  vielseitige  Ausbildung.  Den  gewichtigsten  Einfluß  auf  die  äußere
Gestaltung  übt  naturgemäß  das  Gelände  aus.  Eine  Bahn  durch  die  norddeutsche  Tiefebene. ­
  ungarische  Pußta  oder  die  Savannen  Argentiniens  stellt  sich  einfacher  in  Anlage
und  Ausführung  dar  als  eine  Alpenbähn  oder  eine  durch  oder  unter  das  Häusermeer  der
Großstädte  zu  legende  Stadtbahn.  Demgemäß  unterscheidet  man:  Flachland-,  Hügelland-,
Gebirgs-,  Berg-  und  Stadtbahnen  (Hoch-  oder  Tiefbahn).  In  dieser  Reihenfolge  haben
sich  auch  die  Eisenbahnen  im  allgemeinen  nacheinander  entwickelt.
Bei  den  Flachlandbahnen  sind  Kunstbauten  (Thalbrücken,  Tunnel,  Stützmauern  u.  s.  w.)
selten,  die  Halbmesser  der  Gleiskrümmungen  groß,  die  Steigungen  gering;  bei  den  Gebe. ­

  Kochbuhn  in  Chicago.
birgsbahnen  dagegen  findet  das  Gegenteil  statt.  Hier  muß  oft  die  Linie  künstlich  entwickelt ­
  werden,  um  die  Steigung  nicht  zu  groß  zu  erhalten.  Stadtbahnen  bilden
auf  ihrer  ganzen  Länge  eine  fast  ununterbrochene  Reihe  von  Kunstbauten.  Sind  sie
Hochbahn,  so  ruht  das  Gleis  auf  einem  Steinviadukt  (Berlin,  Wien)  oder  wird  von
eisernen  Säulen  und  Trägern  gestützt  (New  Jork,  Chicago,  Liverpool,  Berlin  (Elektrische
Hochbahn),  Elberfeld  (Schwebebahn)  u.  s.  w.).  Sind  sie  Tief-  oder  Untergrundbahn,  so
bildet  ihre  Linie  entweder  einen  einzigen  Tunnel  tief  im  Schoß  der  Erde  (elektrische
Untergrundbahnen  in  London)  oder  dicht  unter  dem  Straßenpflaster  liegend  (Unterpflasterbahn ­
  in  Glasgow,  Berlin,  Budapest  u.  s.  w.),  oder  sie  besteht  aus  einer  Kette  von  abwechselnden ­
  Tunneln  und  Einschnitten  (London,  Glasgow  u.  s.  w.).  Ist  das  von  der  Bahn
unterfahrene  Gelände  der  betreffenden  Stadt  stark  hügelig,  so  schmiegt  sich  der  Gleiszug
dieser  Bodengestaltung  im  allgemeinen  auch  an.  So  bilden  z.  B.  die  älteren  Untergrundbahnen ­
  der  englischen  Hauptstadt  einen  stetig  gebrochenen  Linienzug  mit  Steigungen  von
1:100,  1:44  und  selbst  1:39,  besitzen  also  fast  den  Charakter  einer  Gebirgsbahn.
Aber  auch  die  Verkehrsstärke,  Bedeutung  und  Zweck  der  Bahn  schaffen  unterscheidende
Merkmale.  Linien  des  großen  durchgehenden  Verkehrs  mit  lebhaftem  Schnellzugsdienst
IX  12
        <pb n="92" />
        90

Die  Eisenbahnen:  Einteilung.

erfordern  (neben  einheitlicher  Spurweite)  kräftigeren  Unterbau,  festere  Gleise  und  leistungsfähigere ­
  Betriebsmittel  als  Strecken,  die  täglich  nur  von  wenigen  leichten  Zügen  langsam
befahren  werden  oder  die  lediglich  einem  schwachen  Güterverkehr  dienen.  Derartige
Bahnen  untergeordneter  Bedeutung  erhalten  vielfach  auch  der  Kostenersparnis  wegen  eine
kleinere  Spurweite  als  die  ersteren,  die  Vollbahnen.  Auch  ihr  Oberbau  wird  leichter
gehalten  und  ruht  häufig,  statt  auf  einem  besonderen  Bahnkörper,  auf  dem  Fahrdamm
der  Landstraßen.
Wir  unterscheiden  daher  nach  diesen  Gesichtspunkten:  Hauptbahnen  sPrimärbahnen),
Nebenbahnen  (Sekundärbahnen),  Kleinbahnen  (Tertiärbahnen)  und  nach  dem  Verkehrszwecke: ­
  Personen-  und  Güterbahnen,  Personenbahnen  (Touristenbahnen),  Güterbahnen
(Schlepp-,  Industrie-,  Feld-,  Waldbahnen  u.  s.  w.).  Auch  die  reinen  Militärbahnen  (Festungsbahnen ­
  u.  s.  w.)  gehören  hierher.
Nach  der  Größe  der  Spurweite  zerfallen  die  Bahnen  in  solche  mit  Breit-,  Normaloder ­
  Schmalspur,  nach  der  Art  der  Triebkraft*)  in:  a)  Dampf-,  Luft-,  Gas-,  Druckwasserund
  elektrische  Bahnen,  b)  Bakmen  durch  die  Muskelkraft  des  Menschen  oder  der  Tiere
(Ochsen,  Pferde,  Maultiere)  bewegt,  o)  durch  die  Schwerkraft  betrieben;  nach  der  Kraftausnutzung ­
  in  Reibungs-  (Adhäsions-),  Zahn-  und  Seilbahnen,  und  nach  der  Zahl  der
Fahrschienen  in  ein-,  zwei-  und  mehrschienige  Bahnen  (Langesche  Schwebebahn,  Bahn
von  Lartigue,  Meigs,  Enos,  Behr  u.  s.  w.);  endlich  nach  dem  Besitzer  in  Staats-  und
Privatbahnen.
Als  G.  Stephenson  seine  erste  Lokomotive  für  englische  Kohlenbahnen  baute,  hatte
er  sie  der  Spurweite  der  bestehenden  Gleise  anzupassen.  Diese  betrug  4'  8'/g"  engl.
=  1435  mm,  ein  Maß,  das  er  auch  der  von  ihm  erbauten  Stockton-Darlingtoner
Bahn  —-  der  ersten  dem  öffentlichen  Verkehre  dienenden  Lokoinotiveisenbahu  —  gab.  Es
wurde  auch  für  alle  von  ihm  später  erbauten  englischen  Bahnen  beibehalten  und  ist  somit
rein  zufällig**)  entstanden.  Jsambart  Brunel,  der  berühmte  Erbauer  des  ersten  Themsetunnels, ­
  durch  den  sich  jetzt  ein  lebhafter  Zugverkehr  unter  der  Themse  abspielt,  schlug
1833  eine  Spurweite  von  7'  engt.  =  2135  mm  vor,  für  die  er  verschiedene  Vorteile
ins  Feld  führte.  Sie  wurde  für  die  von  ihm  erbaute  Great  Western-Bahn  angenommen
und  zur  Unterscheidung  von  der  Stephensonschen  Spur  Broadgauge  (Breitspur)  genannt.
Auch  auf  einigen  anderen  Linien  wurde  sie  angewendet.  Verschiedene  Spurweiten  auf
den  Hauptbahnen  eines  Landes  führen  aber  zu  argen  Unzuträglichkeiten.  Die  Fahrzeuge
können  nicht  von  einer  Linie  auf  die  andere  übergehen,  ein  Durchgangsverkehr  ist  also
unmöglich.  Dies  ist  nicht  nur  für  Handel  und  Verkehr  lästig  und  kostspieliger  wegen  des
mehrfachen  Umladens  der  Güter,  sondern  auch  in  militärischer  Hinsicht  (Landesverteidigung)
nachteilig.  In  der  mehrjährigen  lebhaften  Preßfehde  über  die  Zweckmäßigkeit  der  Brunelund ­
  der  Stephenson-Spurweite,  the  fight  of  gauges  genannt,  blieb  die  letztere  Siegerin.

*)  An  dieser  Stelle  sei  die  in  der  Entscheidung  des  deutschen  Reichsgerichts  vom  17.  März  1879
enthaltene  Erklärung  über  den  Begriff  „Eisenbahn"  wiedergegeben:  „Eine  Eisenbahn  ist  ein  Unternehmen, ­
  gerichtet  auf  wiederholte  Fortbewegung  von  Personen  oder  Sachen  über  nicht  ganz
unbedeutende  Raumstrecken  auf  metallener  Grundlage,  welche  durch  ihre  Konsistenz,  Konstruktion
und  Glätte  den  Transport  großer  Gewichtsmassen,  bezw.  die  Erzielung  einer  verhältnismäßig
bedeutenden  Schnelligkeit  der  Transportbewegung  zu  ermöglichen  bestimmt  ist  und  durch  diese
Eigenart,  in  Verbindung  mit  den  außerdem  zur  Erzeugung  der  Transportbewegung  benutzten
NatUrkräften  (Dampf,  Elektrizität,  tierischer  oder  menschlicher  Muskelthätigkeit,  bei  geneigter  Ebene
der  Bahn  auch  schon  der  eigenen  Schwere  der  Transportgesäße  und  deren  Ladung  u.  s.  w.),  bei
dem  Betriebe  des  Unternehmens  auf  derselben  eine  verhältnismäßig  gewaltige,  je  nach  den  Umständen ­
  nur  in  bezweckter  Weise  nützliche  oder  auch  Menschenleben  vernichtende  und  die  menschliche ­
  Gesundheit  verletzende  Wirkung  zu  erzeugen  fähig  ist."  Der  Ingenieur  sagt  dagegen  etwas
einfacher:  „Eine  Eisenbahn  ist  eine  Spur-  oder  Gleisbahn,  auf  der  Fahrzeuge  zum  Zweck  der
Personen-  oder  Güterbeförderung  durch  eine  Triebkraft  bewegt  werden."
**)  Die  in  der  neueren  Litteratur  zu  findende  Angabe,  die  Kohlenbahnen  hätten  eine  Spur
von  4'  6 11  besessen,  und  Stephenson  hätte  das  um  2 x / 2 "  größere  Maß  gewählt,  „weil  er  sich  in
dem  Raume  zur  Unterbringung  der  Dampscyliuder  beengt  sah",  ist  schon  deshalb  haltlos,  weit  bis
zum  Jahre  1828,  also  fast  noch  drei  Jahre  nach  der  Eröffnung  der  eben  genannten  Bahn,  alle
bis  dahin  von  Stephenson  gebauten  Lokomotiven  ihre  zwei  Dampfcylinder  oben  auf  dem  Kessel
und  zwar  hintereinander  trugen.
        <pb n="93" />
        Spurweiten.  g  1
Ein  eigens  zur  Prüfung  dieser  Frage  1845  eingesetzter  Parlamentsausschuß  erkannte
zwar  die  Richtigkeit  des  Bruneischen  Hauptgedankens:  daß  die  Breitspur  eine  größere
Fahrgeschwindigkeit  ermögliche  als  die  enge  Spur,  an,  gab  aber  aus  technischen  und
wirtschaftlichen  Gründen  der  letzteren  den  Vorzug,  „da  sie  den  Ban  von  Eisenbahnen  erleichtere ­
  und  weniger  Kosten  verursache".  Das  Parlament  nahm  daraufhin  ein  Gesetz  an,
daß  alle  zukünftigen  Bahnen  Englands  und  Schottlands  mit  der  engen  Spur  herzustellen
seien.  In  Irland,  wo  eine  ganze  Anzahl  verschiedener  Spurweiten  zur  Ausführung  gekommen ­
  waren,  wurde  ein  einheitliches  Maß  von  5'  3"  —  1600  mm  vorgeschrieben.  Mit
Ausnahme  der  Great.Western-Bahn  wurden  die  anderen  breiten  Spurweiten  in  England
auf  das  hinfort  als  normale  Spur  geltende  Maß  von  1435  mm  umgebaut,  und  die
Brunelsche  Spur  blieb  auf  die  erstere  Bahnlinie  beschränkt.  Die  Verwaltung  derselben

57.  Pie  Festiiii-gtuchn  in  Mutes.  Spurweite  59  um.

sah  sich  später  gezwungen,  ihr  Netz  auch  den  normalspurigen  Fahrzeugen  anzupassen.  Es
wurde  zu  dem  Zwecke  in  die  Breitspur  eine  dritte  Schiene  eingelegt  (Abb.  117  im  Abschnitt
„Oberbau"),  so  daß  auf  diesem  dreischienigen  Oberbaue  breit-  und  schmalspurige  Fahrzeuge ­
  laufen  konnten.*)  Im  Jahre  1892  wurde  die  Breitspur  endgültig  beseitigt,  so  daß
seitdem  die  Bahnen  Englands  und  Schottlands  einheitliches  Spurmaß  besitze».  Durch
Lieferung  englischer  Lokomotiven  (zumeist  aus  der  Stephensonschen  Fabrik)  an  die  ersten
belgischen  und  deutschen  Bahnen  kam  jenes  Maß  von  1435  mm  auch  auf  dein  Festlande
zur  Geltung  —  leider,  wie  wir  heute  bekennen  müssen,  denn,  wie  im  Abschnitt  „Lokomotiven"
näher  dargelegt,  ist  es  heute  infolge  der  durch  diese  enge  Spur  begrenzten  Konstruktionsbreite ­
  äußerst  schwierig,  die  Leistungsfähigkeit  der  Lokomotive  den  fortwährend  wachsenden
Verkehrsanforderungen  anzupassen.  Unsere  stärksten  Lokomotiven  zeigen  zur  Zeit  bereits
Kesselabmessungen,  die  in  zweckmäßiger  Weise  kaum  noch  gesteigert  werden  können.

*)  Nach  Mitteilung  der  Bahnverwaltung  an  den  Verfasser  im  Jahre  1891  zeigten  die  auf
der  doppelspurigen  Strecke  verkehrenden  Züge  auch  in  der  Neuzeit  noch  zu  gnnsten  der  Breitspur ­
  einen  kleinen  Unterschied  in  der  Fahrgeschwindigkeit.

12
        <pb n="94" />
        92

Die  Eisenbahnen:  Schmalspurbahnen.

In  Europa  und  Nordamerika  ist  das  englische  Spnrmaß  (1435  mm)  vorherrschend,
das  sich  überhaupt  auf  etwa  Dreiviertel  aller  Eisenbahnen  in  der  Welt  vorfindet.  Nur
Länder,  denen  von  Natur  ein  Durchgangsverkehr  mit  den  Nachbarstaaten  unmöglich
gemacht  oder  erschwert  ist  (Irland,  Spanien),  oder  die  ihn  aus  politischen  bezw.  militärischen ­
  Gründen  ablehnten,  wählten  eine  andere  Spur.  Sie  beträgt  in  Rußland  1525  mm,
in  Irland  1600  mm,  in  Spanien  1676  mm.  Letzteres  Maß  zeigt  auch  ein  Teil  der  ostindischen ­
  Bahnen.
Schmalspurbahnen.  Große  Spurweiten  bedingen  naturgemäß  flache  Gleiskurven
und  breite  Bahnkörper,  machen  somit  die  Anlage  teuer.  Man  ist  deshalb  für  Bahnen
mit  schwachem  Verkehre  oder  aus  finanziellen  Gründen  vielfach  zu  einer  kleineren  Spurweite
als  1435  mm  übergegangen  (Schmalspurbahnen).  Der  hierbei  zulässige  kleinere  Kurvenhalbmesser ­
  und  die  wegen  der  leichteren  Züge  auch  ermöglichte  stärkere  Steigung  gestatten
nun  im  Hügel-  und  Gebirgskunde  ein  viel  besseres  Anschmiegen  der  Bahnlinie  an  die
Bodeugestaltung.  Die  stets  kostspieligen  Kunstbauten  und  Erdarbeiten  werden  bei  enger
Spur  wesentlich  eingeschränkt.  Schmalspurbahnen  fallen  deshalb  für  das  laufende  Kilometer ­
  etwa  30  000  Mark  im  Mittel  billiger  aus  als  eine  Vollbahn,  auch  Betrieb,  Unterhaltung ­
  und  Bewachung  erfordern  wesentlich  geringere  Summen.  Sie  sind  daher  in
dünnbevölkerten  Gegenden,  wo  kein  lebhafter  Verkehr  zu  erwarten  steht,  sehr  am  Platze.
In  unserer  Zeit  finden  sie  als  Kleinbahnen  eine  stark  wachsende  Verbreitung.  Die  Spurweite ­
  der  deutschen  Schmalspurbahnen  beträgt  1000,  750  oder  600  mm.  Abweichungen
kommen  vielfach  im  Auslande  vor,  so  zeigen  schwedische  und  norwegische  Bahnen  871
und  1067  mm,  bosnische  Bahnen  760,  die  Linie  Beirut-Damaskus  1050,  die  Wengernalpbahn ­
  800  mm  u.  s.  w.  Das  kleinste  Maß,  nämlich  1'  IIV4"  —  590  mm,  besitzen  zwei
Bahnen  in  Wales,  darunter  die  Festiuiogbahn,  die  zugleich  die  älteste  der  Schmalspurbahnen ­
  ist.  Die  Engländer  konnten  sich  somit  bis  1892  rühmen,  die  größte  und  auch  die
kleinste  aller  Spurweiten,  welche  bei  den  dem  öffentlichen  Verkehre  dienenden  Bahnen
vorkommen,  in  ihrem  Lande  zu  besitzen.  Die  Festiniogbahn  verbindet  den  Hafenplatz
Portmadoc  mit  der  214  m  höher  gelegenen  Ortschaft  Dinas.  Von  der  fast  23  km
langen  Linie  liegen  20  km  in  Steigungen,  die  im  Mittel  11  °/ 00  (1  :  92),  tut  Höchstwerte
14 1 / 2  % 0  (1:69)  betragen.  Gleisbögen  sind  sehr  zahlreich,  ihr  kleinster  Halbmesser
beträgt  35  m.
Ursprünglich  für  den  Schiefertransport  der  zahlreichen  um  Dinas  gelegenen  Schieferbrüche
bestimmt,  die  durch  Bremsberge  der  Neigung  200 ü /oo  (1:5)  bis  1300 u / 00  (1: 3 / 4 )  mit  der
Bahn  in  Verbindung  stehen,  wurde  bis  zum  Anfange  der  sechziger  Jahre  der  Betrieb  durch
Pferde  bewirkt.  Dieselben  zogen  die  Wagen  ins  Gebirge  hinauf  und  wurden  mit  den  infolge
der  Schwerkraft  thalwärts  gehenden  Lastzügen  wieder  abwärts  befördert.  Auch  jetzt  noch
werden  die  beladenen  Schiefcrwagen,  zu  langen  Zügen  zusammengestellt,  unter  Begleitung
einiger  Bremser  lediglich  durch  ihre  Schwerkraft  zu  Thal  gesandt.
Die  Pferde  wurden  1863  durch  Lokomotiven  abgelöst,  was  seiner  Zeit  wegen  der  außerordentlich ­
  kleinen  Spurweite  dieser  Bahn  großes  Aufsehen  erregte,  das  noch  gesteigert  wurde,
als  sechs  Jahre  später  die  langgebautcn  Fairlie-Lokomotiven  eingeführt  wurden?  Die  erste
derselben  führte  auch  den  bezeichnenden  Namen  „Little  Wonder“  (vergl.  Abb.  219  im  Abschnitt ­
  „Lokomotiven").
Das  Bähnchen  erfreut  sich  eines  großen  Verkehres,  beförderte  es  doch  bereits  im
Jahre  1869  nicht  weniger  als  97  000  Reisende,  welche  Zahl  jetzt  auf  rund  140  000  angewachsen ­
  ist,  daneben  werden  jährlich  etwa  115  Millionen  kg  Güter,  meistens  Schiefer,  aber
auch  Kohlen,  Holz  u.  s.  w.,  befördert.  Sonntags  ruht  der  Betrieb.
Eigenartig  sind  die  kleinen  3  m  langen  älteren  Personenwagen,  die  oberhalb  des  Fußbodens ­
  nur  aus  Dach  und  zwei  Stirnwänden  mit  zwei  Längssitzen  in  der  Mitte  bestehen
und  an  den  Seiten  durch  einen  Lederschurz  abgeschlossen  werden.  Sie  fassen  zwölf  Personen.
Ihr  Fußboden  liegt  20  cm  über  den  Schienen,  daher  eigentliche  Bahnsteige  auf  den  Stationen
fehlen.  Die  Schieferwagen  sind  rohe  Holzkarren  ohne  Federung,  von  ihnen  stehen  etwa
1100  Stück  in  Benutzung  Abb.  57  zeigt  eine  Station  dieser  Bahn  mit  zwei  zur  Abfahrt
bereitstehcnden  Zügen.  Sie  scheinen  für  Zwerge  gebaut  zu  fein,  bieten  jedoch  dem  Reisenden
in  den  neueren  Wagen  erster  Klasse  volle  Bequemlichkeit.
Die  Bauart  der  ganzen  Bahnanlage  mit  ihren  Dämmen,  Tunneln,  Einschnitten  und  ihr
Betrieb  sind  höchst  eigenartig  durchgeführt.  Die  laudschaftliche  Umrahmung  ist  höchst  malerisch,
und  eine  Fahrt  auf  dieser  Linie,  zumal  auf  der  Lokomotive,  offenbart  die  ganze  Wildheit  der
schluchtenreichen  Gebirgswelt  von  Wales.
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        58.  Feldbahn  mit  gandbctrieb  in  Neuguinea.

SO.  Feldbahn  mit  Dampfbetrieb  in  Jana.

Rach  Aufnahmen  von

59.  Feldbahn  mit  Tirrdrtrieb  in  Niederländisch  -  Indien.

St.  Feldbahn  mit  elektrischem  Betrieb  in  Transvaal.
:.  Koppel  in  Berlin.
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        94

Die  Eisenbahnen:  Schmalspurbahnen.

Die  Erfahrung  hat  gezeigt,  daß  für  Gebirgsbahnen  mit  so  lebhaftem  Personen-  und
Güterverkehrs,  wie  ihn  diese  Liliputbahn  aufweist,  derartig  schmale  Gleise  nicht  zweckmäßig ­
  sind.  Man  geht  heutigestags  nur  ausnahmsweise  bei  den  namentlich  für  Personenverkehr ­
  bestimmten  Bahnen  mit  der  Spurweite  auf  60  cm  herab,  wendet  sie  dagegen
für  Sonderzwecke,  wie  Ausstellungsbahnen,  Militärbahnen,  vor  allem  für  Industrie-,
Feld-  und  Waldbahnen  häufig  an.  Decauville  in  Frankreich  bildete  bereits  vor  zwanzig
Jahren  für  die  eben  genannten  Zwecke  Schmalspurbahnen  in  vielseitigster  Weise  aus,  sowohl
was  die  Gleise  als  auch  die  Fahrzeuge  anbetrifft.  Für  vorübergehende  Zwecke,  wie
Wald-  und  Landwirtschaftsbahnen  (Rübenbau  u.  s.  w.),  für  Erdarbeiten,  Materialbeschaffungen ­
  zu  größeren  Bauten  u.  s.w.  stellt  man  den  Oberbau  aus  tragbaren  Gleisjochen ­
  her.  Die  Schienen  von  2  bis  6  in  Länge  sind  hier  bereits  in  der  Fabrik  mit  den
Eisenschwellen  fest  verbunden,  so  daß  nicht  nur  das  Verlegen  des  Gleises  schnell  erfolgen
kann,  sondern  auch  feine  Wiederaufnahme  und  sein  Umlegen  an  anderer  Stelle.  Decauville ­
  erregte  auf  der  Pariser  Weltausstellung  1889  mit  einer  solchen,  dem  besonders
lebhaften  Personenverkehre  auf  dem  Ausstellungsplatze  dienenden  Bahn  von  60  cm  Spurweite ­
  Aufsehen.  Die  Linie  war  3  bin  lang,  ihre  größte  Steigung  betrug  25  °/ 0O  (1:40),
der  kleinste  Gleisbogen  hatte  nur  30  m  Halbmesser.  Die  Gleise  bestanden  aus  5  in  langen
Jochen.  Lokomotiven  und  Wagen  waren  kurvenbeweglich  (vergl.  „Lokomotiven").  Heutigestags ­
  haben  sich  eine  ganze  Anzahl  von  Bauarten  für  diese  so  nützlichen  Bahnen  herausgebildet. ­
  Es  seien  hier  nur  diejenigen  von  Krupp  in  Essen,  vom  Osnabrücker  Stahlwerk
und  von  Koppel  in  Berlin  genannt.  Einige  bemerkenswerte  Ausführungen  der  letztgenannten ­
  Firma  sind  in  Abb.  58  bis  61  zusammengestellt.  Sie  zeigen  nicht  nur  die
vielseitigen  Verwendungszwecke  der  Schmalspur,  sondern  auch  die  verschiedenartige  Ausbildung ­
  der  Wagen,  sowie  die  mannigfache  Art  ihrer  Triebkraft.
Auch  eine  deutsche  Kleinbahn  von  60  cm  Spurweite  sei  hier  genannt.  Es  ist  die
1897  vollendete  17  km  lauge  Bahn  von  Kirchlengern  nach  Wallücke  nahe  der  Porta.
Diese  von  dem  Osnabrücker  Stahlwerk  erbaute  und  vornehmlich  dem  Erztransporte,
aber  auch  dem  Personen-  und  sonstigen  Güterversande  dienende  Bahn  weist  einen  sehr
kräftigen  Oberbau  (Abb.  125),  kurvenbewegliche  Lokomotiven  (Abb.  221)  und  geräumige
Drehgestellwagen  auf.  Die  größte  Steigung  beträgt  32  °/ 00  (1  :  31),  der  kleinste  Krümmungshalbmesser ­
  auf  freier  Strecke  60  m.  Diese  Bahn,  in  der  Spurweite  nur  1  cm
größer  als  die  vielbewunderte  Festiniogbahn,  dieser  aber  betreffs  des  Oberbaues  und
der  Güterwagen  überlegen,  zeigt  aufs  neue,  wie  wirtschaftlich  vorteilhaft  das  in
unserer  Zeit  so  gepflegte  Kleinbahnwesen  für  abgelegene  oder  dünnbevölkerte  Gegenden
sein  kann.
Die  aus  tragbaren  Jochen  hergestellten,  von  Zwillingslokomotiven  befahrenen  Feldbahnen ­
  der  deutschen  Eisenbahntrnppen  haben  ebenfalls  60crn-Spur.  Mit  gleichem  Gleisbaue ­
  wird  bekanntlich  zur  Zeit  in  Westafrika  die  300  km  lange  Bahnlinie  Swakopmund-Windhoek
  durch  ein  Kommando  dieser  Truppen  versehen,  deren  erster  fertiggestellter  Abschnitt ­
  sich  bereits  höchst  nützlich  für  unsere  dortige  Kolonie  erwiesen  hat.
Die  kühne  Darjeeling-Bahn  am  Himalaja,  welche  in  82  km  langem  Laufe  2104  m
Höhe  ersteigt,  hat  2'  =  61  cm  Spurweite  und  vermittelt  den  Verkehr  zwischen  diesem
als  Sommerfrische  viel  benutzten  Höhcnorte  und  Siliguri,  dem  anderen  Endpunkte  dieser
kühnen  Bergbahn.  Sie  dürfte  unter  allen  60ern-Schmalspurbahnen  wohl  die  bedeutendste
sein,  sowohl  was  Höhengewinn  als  auch  namentlich  die  technische  Anlage  betrifft.  In
kühnen  Windungen,  oft  in  Schleifen  und  Zickzacklinien  (vergl.  S.  117),  auf  denen  die
Lokomotive  den  Zug  bald  zieht,  bald  vor  sich  hinschiebt,  klettert  die  Zwergbahn  an  den
Berglehnen  empor,  dem  Reisenden  ein  fesselndes  Panorama  auf  den  8580  m  hohen
Kantschindschinga  und  die  schneebedeckten  Himalajaketteu  entrollend.
Die  kleinste  von  Lokomotiven  befahrene  und  dauerndem  Zwecke  dienende  Schienenstraße ­
  dürfte  die  Schmalspur  in  der  Eisenbahnwerkstätte  zu  Erewe  (England)  sein.  Sie
hat  nur  1  '¡2  engl.  =  457  mm  Spurweite.  Winzig  kleine  Dampflokomotiven  vermitteln
auf  ihr  den  Materialtrausport  zwischen  den  einzelnen  Arbeitsräumen  und  den  Speichern
dieser  6500  Arbeiter  zählenden  Riesenwerkstatt.
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        95

Einfluß  des  Windes.

Auf  die  Wahl  der  Spurweite  haben  übrigens  die  Windverhältnisse  der  betreffenden
Gegend  bestimmenden  Einfluß.  Je  schmaler  das  Gleis,  desto  geringer  ist  auch  die  Standfähigkeit ­
  der  Wagen  bei  heftigem  Sturmwinde,  desto  eher  können  sie  um  die  eine  Schiene
durch  Sturm  umgekippt  werden.*)  Im  Hochgebirge  hat  man  mehrfach  die  80cm»  und
76  cm-Spur  gewählt  (Berner  Oberland,  Südamerika).  Neuerdings  zieht  man  hier  jedoch
der  erwähnten  Sturmwirkung  wegen  die  Meterspur  vor;  so  sind  z.  B.  die  beiden  1898
eröffneten  und  elektrisch  betriebenen  Zahnbahnen,  die  auf  den  Gornergrat  und  die  offene
Zufuhrstrecke  Scheidegg-Eigergletscher  der  Jungfraubahn  mit  100  cm  Spurweite  gebaut.
Auch  ungewöhnliche  Schwierigkeiten  im  Bau  und  in  der  Geldbeschaffung  können  die
Spurweite  beeinflussen.  Ein  beredtes  Beispiel  hierfür  bietet  die  zur  Zeit  noch  unvollendete
südamerikanische  Überlandbahn,  die  sogenannte  Transandinische  Eisenbahn  zwischen
Argentinien  und  Chile.  Die  Anschlußlinien  des  ersteren  Landes  —  bis  Mendoza(724  m  über
dem  Meeresspiegel)  reichend  —  haben  1676  mm  Spur,  die  chilenischen  dagegen  —  bis
Santa  Rosa  (825  m  über  dem  Meeresspiegel)  laufend  —  1435  mm  Spur.  Es  lag  sonach ­
  nahe,  dem  Schlnßstücke  eines  dieser  beiden  Spurmaße,  mindestens  das  letztere  zu  geben,
damit  ein  doppeltes  Umsteigen  und  doppelte  Umladung  der  Güter  vermieden  wurde.  Aus
den  vorgenannten  Gründen  entschloß  man  sich  für  eine  Schmalspur  von  100  cm.  Die
Linie  Buenos  Ayres-Valparaiso  (1416  km)  weist  sonach  dreierlei  Spurweiten  auf,  was
einen  Durchgangsverkehr  unmöglich  macht.  Die  Transandino-Bahn  ist  bezw.  wird  teils
als  Reibungsbahn  mit  25°/ 00  (1:40)  Steigung,  teils  (auf  den  Scheitelstrecken)  als  Zahnbahn ­
  mit  Steigungen  von  8O°/ 00  (1:12 l / 2 )  gebaut.  Der  höchste  Punkt  liegt  bei  La  Combre
fast  3300  m  über  dem  Meeresspiegel.  Groß  ist  die  Zahl  der  Kunstbauten.  Die  Tunnel,
durch  harten  Fels  getrieben,  haben  16  km  Gesamtlänge.  Hätte  man  die  Bahn  mit  der
breiten  Spur  ausführen  wollen,  so  würden  ihre  Anlagekosten  eine  solche  Höhe  erreicht
haben,  daß  der  Bau  in  jenen  stets  geldknappen  Ländern  auf  absehbare  Zeiten  nicht  in
Angriff  genommen  sein  würde.  Die  Zahnstrecken  dieser  Überlandbahn  sind  in  Abb.  94
durch  gezahnte  Linien  hervorgehoben.
Bauliches,  Zugividerstände  und  Skeigungsverhältnifle.
Eine  Bahnlinie  so  nun  durch  das  Gelände  zu  führen,  daß  sie  nicht  nur  den  Verkehrsbedürfnissen ­
  gerecht  wird,  sondern  auch  unter  den  verschiedenen  möglichen  Linien
die  billigste  in  Bezug  auf  Anlage-  und  Betriebskosten  ist,  erfordert  sorgfältige  Voruntersuchungen ­
  technischer  und  volkswirtschaftlicher  Art  und  eingehende  Berechnungen.
Im  Flachlande  gestaltet  sich  natürlich  die  Sache  einfacher  als  im  Hügellande  oder  gar  im
Gebirge.  Setzen  wir  den  letzteren  Fall  voraus.  Da  gibt  es  u.  a.  den  mutmaßlichen
Verkehr  der  Bahn  nach  ihren  beiden  Fahrrichtungen  hin,  auf  Grund  der  wirtschaftlichen
und  Verkehrsverhältnisse  der  zu  durchfahrenden  und  anzuschließenden  Gegenden,  abzuschätzen, ­
  um  Ertragsberechnungen  aufstellen  zu  können,  da  sind  geologische  Bodenuntersuchuugen
  vorzunehmen  zwecks  Klarlegung  der  anzutreffenden  Gesteinsschichten  nach  Art,
Steigen  und  Fallen;  denn  danach  richtet  sich  wieder  die  Beschaffenheit  und  der  Preis
der  Erdarbeiten  u.  s.  w.,  werden  gefährliche  Schichtenbildungen  erkannt,  die  später  zu
Rutschungen  Anlaß  geben  könnten  und  die  daher  durch  Verlegen  der  Linie  umgangen,
sonst  aber  durch  besondere  Bauten  abgefangen  werden  müssen.  Der  Wert  der  Nutzläudereien
  ist  festzustellen,  damit  erforderlichenfalls  wertvollen  Grundstücken  —  Grubeu-*)

  Auf  der  schmalspurigen  Nipponbahn  wurde  am  7.  Oktober  1899  der  hintere,  aus  acht
Personenwagen  bestehende  Teil  eines  gemischten  Zuges  durch  einen  Orkan  von  einer  Brücke  in
den  Fluß  hinabgeweht.  Die  Fahrbahn  der  274  m  langen  über  den  Hokifluß  führenden  Brücke
liegt  oben  auf  den  Hauptträgern  und  ist  durch  keinerlei  Geländer  geschützt.  Die  Reisenden  wurden
teils  getötet,  teils  schwer  verletzt.  Die  Personenwagen  wiegen  7000  bis  7500  kx,  und  es  genügt
zu  ihrem  Umkippen  ein  Winddruck  von  122  bis  130  kp  ans  1  qm.  Japan  wird  häufig  von
schweren  Orkanen  lTaifun)  heimgesucht.  Für  die  Staatsbahnen  jenes  Landes  besteht  seit  kurzem
die  Vorschrift,  daß  während  besonders  heftiger  Stürme  die  Züge  nicht  von  den  Stationen  abgelassen ­
  werden  dürfen.  An  obigem  Unfalltage  wurden  in  der  kritischen  Zeit  drei  Züge  m  den
Stationen  zurückgehalten,  wodurch  sie  wahrscheinlich  der  Gefahr  des  Umkippens  entronnen  find.
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        96

Die  Eisenbahnen:  Bauliches.

selbem,  Steinbrüchen  u.  s.  w.  —  durch  Bahnkrümmungen  aus  dem  Wege  gegangen  oder
die  dafür  zu  zahlende  Entschädigungssumme  in  Ansatz  gebracht  werden  kann.  Die  Hochwasserverhältnisse ­
  der  Wasserläuse  müssen  wegen  der  Brücken,  Dämme,  Durchlässe  u.  s.  w.
klargestellt  werden,  desgleichen  die  Entnahmestellen  für  das  Kesselspeisewasser  (Wasserstationen) ­
  und  die  Absturzstellen  von  Lawinen.  Alle  Senkungen  und  Erhebungen  des
Geländes  sind  in  entsprechender  Breitenerstreckung  sorgfältig  zu  vermessen  und  genaue
Karten  danach  anzufertigen  (mit  Höhenlinien),  welche  ein  getreues  Spiegelbild  des  Geländes ­
  mit  allen  Bauten,  etwaigen  Sümpfen,  Mooren,  Hochwassergrenzen  u.  s.  w.  liefert.
Aus  dieser  Karte  ist  dann  der  vorteilhafteste  Verlauf  der  Bahnlinie  zu  entnehmen,  wobei
es  ganz  besonders  auf  das  zweckmäßigste  Steigungsverhältnis  ankommt,  das  ihr  unter
den  vorliegenden  Umständen  zu  geben  ist.
Dann  kommt  die  Prüfung  und  Bearbeitung  der  rein  technischen  Punkte,  wie  Anordnung ­
  des  Bahnkörpers  (Dämme,  Ein-  und  Anschnitte,  vergl.  Abb.  62)  mit  den  Stütz-  und
Futtermauern,  den  Böschungsabdeckungen  und  Durchlässen,  der  Brücke»,  Tunnels,  Thalbrücken, ­
  Schutzgalerien  gegen  Steinstürze  und  Lawinen  u.  s.  w.,  der  Entwässerung,  Flußuud
  Wegeverlegung,  Senkung  der  Thalsohle  und  des  Wasserlaufes,  Wegeübergänge,  Bahnhöfe, ­
  Signale,  Wärlerhäuser,  Werkstätten,  des  Oberbaues  u.  s.  w.  Wechseln  Einschnitte  und
Dämme  miteinander  ab,  so  ist  noch  zu  prüfen,  ob  das  aus  ersteren  gewonnene  Material
(der  „Abtrag")  für  das  Schütten  des  letzteren  (der  „Auftrag")  ausreicht.  Wenn  nicht,
wird  die  Linie  unter  Umständen  noch  etwas  gesenkt  oder  höher  gelegt,  bis  der  Abtrag  gleich
dem  Auftrag  geworden  ist.  Man  nennt  dieses  Verfahren,  zu  dem  umständliche  Rechnungen
und  zeichnerische  Arbeiten  nötig  sind,  den  Massenausgleich.  Durch  ihn  werden  unnötige
Kosten  für  die  sonst  erforderliche  Gewinnung  von  Schütlmaterial  aus  besonderen  Entnahmestellen ­
  vermieden.
Jeder  Eisenbahnentwurf  bedarf  der  staatlichen  Genehmigung.  Behufs  ihrer  Erlangung ­
  ist  ein  nach  bestimmten  Vorschriften  bearbeiteter  Plan  aufzustellen.  Hierzu  benötigt ­
  es  der  „allgemeinen  Vorarbeiten".  Nach  erfolgter  Genehmigung  wird  die  Linie
im  Gelände  genauer  abgesteckt  und  auf  Grund  der  nun  auszuführenden  „besonderen"
oder  „ausführlichen  Vorarbeiten"  ein  endgültiger  Plan  mit  allen  Einzelheiten  ausgearbeitet.
Der  Unterschied  beider  Arten  von  Vorarbeiten  ergibt  sich  ohne  weiteres  schon  aus  ihren
Beiwörtern.  Er  ist  in  den  vorstehenden  Erörterungen  nicht  zum  besonderen  Ausdruck
gelangt,  da  es  hier  darauf  ankam,  ein  knappes  Gesamtbild  von  den  zur  Festlegung  einer
Eisenbahnlinie  erforderlichen  Hauptarbeiten  zu  geben.
Eingehende  Überlegung  verursachen  noch  diejenigen  Bauwerke,  deren  Herstellung
längere  Zeit  in  Anspruch  nimmt.  Vor  ihrer  Inangriffnahme  wird  ein  sorgsam  durchdachtes ­
  Bauprogramm  aufgestellt,  das  ein  übersichtliches  Bild  von  den  demnächstigen  einzelnen ­
  Vorgängen  geben  muß,  namentlich  noch  hinsichtlich  ihrer  mutmaßlichen  Zeitdauer.
Nur  dann  kann  ein  solcher  Bau  ordnungsgemäß  und  sparsam  erstellt  werden.  Da  müssen
rechtzeitig  Arbeiter  angeworben  und  untergebracht  werden,  Zugangswege  für  sie  und  die
Fuhrwerke  erstellt,  Schüttgerüste,  Hilfsbrücken  u.  s.  w.  angelegt,  maschinelle  Einrichtungen
getroffen  und  für  Beschaffung  der  Betriebskraft  Sorge  getragen  werden.  Kein  größeres
Bauwerk  kann  heutigestags  der  Maschinenthätigkeit  entraten.  Gewaltige  Grabmaschinen
bearbeiten  die  Einschnitte,  soweit  nicht  die  Härte  des  Bodens  zu  anderen  Mitteln  zwingt,
Bohrmaschinen  —  durch  Preßluft,  Druckwasser  oder  Elektrizität  angetrieben  —  wirken  in  den
Tunneln,  Bläser  (Ventilatoren)  und  Sauger  (Aspiratoren)  sorgen  für  gute  Luft  in  den
letzteren,  Mörtel-,  Hebe-  und  Pumpmaschinen  u.a.sind  au  den  verschiedenen  Baustellen  thätig,
während  Lokomotiven  durch  Dampf,  Druckluft  oder  Elektrizität  bewegt,  oder  auch  Seilbahnen ­
  die  Materialientransporte  übernehmen.  Von  besonderer  Wichtigkeit  ist  hierbei  die
Schaffung  der  Betriebskraft.  In  den  Bergen  hat  ja  meistens  die  Natur  selbst  hierfür
gesorgt  durch  Wasserfälle  und  stark  fließende  Flußläufe.  Der  Jngeuieur  weiß  sie  nutzbringend ­
  in  seinen  Dienst  zu  stellen.  Er  leitet  durch  Röhren,  oft  von  beträchtlicher  Länge,
das  Wasser  auf  Turbinen  und  Wassersäulenmaschine»,  setzt  die  Energie  in  diesen  um  in
mechanische  Arbeit,  die  ihm  Luftkompressoreu,  Druckpumpen  oder  Dynamomaschinen  antreibt,
je  nachdem  Druckluft,  Preßwasser  oder  Elektrizität  Verwendung  finden  soll.
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        98

Die  Eisenbahnen:  Bauliches.

Nach  dem  bahnbrechenden  Gesetz  von  der  Erhaltung  der  Energie,  das  der  Heilbronner
Arzt  Robert  Mayer  1841  entdeckte,  sind  ja  mechanische  Arbeit,  Elektrizität,  Licht,  Wärme,
Magnetismus,  chemische  Energie  lediglich  verschiedene  Formen  ein  und  derselben  ursprünglichen ­
  Energie,  hier  in  unserem  Falle  der  durch  die  Sonnenwärme  in  dem  Wasserfalle ­
  aufgespeicherten.  Auf  diesem  hochwichtigen  Gesetze  beruht  der  wirtschaftliche  Segen,
den  in  unserer  Zeit  der  Ingenieur  durch  Nutzbarmachung  der  Naturkräfte  (Wasser,  Wind,
Wärme)  vermittelst  mechanischer  und  elektrischer  Kraftübertragung  überall  zur  Geltung
bringt.  Am  St.  Gotthard  hatte  man  (1873—1882)  an  beiden  Mündungsstellen  des  großen
Tunnels  umfangreiche  Kraftstationen  errichtet,  in  denen  das  Wasser  der  Reuß  und  des
Tessin  Turbinen  antrieb,  die  ihrerseits  Luftkompressoren  bewegten  zur  Erzeugung  von
Druckluft,  die  in  großen  eisernen  Behältern  angesammelt  wurde.  Diese  trieb  die  Luftbohrmaschinen ­
  im  Tunnel,  setzte  die  Lokomotiven  der  Materialzüge  in  Bewegung,  lüftete
die  Tunnelstrecken  u.  s.  w.  Mit  ihnen  war  je  eine  Maschinenwerkstätte  verbunden  für  die
Ausbesserung  von  Schäden,  Prüfung  der  Bohrmaschinen  u.  s.  w.  Eine  große  Brücke  über
die  Reuß  diente  bei  Göschenen  zur  Verbindung  mit  dem  Zufahrtswege.  Nach  Fertigstellung ­
  des  Tunnels  wurden  die  beiden  Maschinenanlagen  mit  Zubehör  wieder  beseitigt.
Am  großen  Arlbergtunuel  hatte  man  ähnliche  ausgedehnte  Maschinenanlagen  für
die  Tnnnelarbeiten  geschaffen,  nur  wurde  auf  der  einen  Seite  Druckluft  wie  am  Gotthard,
auf  der  anderen  Druckwasfer  benutzt,  um  die  Bohrmaschinen  u.  s.  w.  in  Bewegung  zu  setzen.
Auf  beiden  Seiten  des  seit  Herbst  1898  in  Angriff  genommenen  Simploutunnels  sind
großartige  Maschinenanlagen  geschaffen.  Ihre  Kostspieligkeit  erhellt  schon  aus  dem
Umstande,  daß  insgesamt  4400  Pferdestärken  durch  Turbinen  für  Beleuchtung,  Lüftung,
Bohr-  und  andere  Arbeitszwecke  nutzbar  gemacht  werden,  wohl  das  Höchste,  das  bisher  im
Tunnelbau  geleistet  worden  ist.  Die  teils  in  Beton,  teils  in  Eisen  hergestellte  Wasserzuleitung
aus  der  Rhone  bei  Brig  und  Diveria  bei  Jselle  hat  eine  Gesamtlänge  von  9  km.  Bei  der
jetzt  im  Bau  befindlichen  Jungfraubahn,  deren  offene  Zufahrtsstrecke  Kleine  Scheidegg-Eigergletscher
  (einschließlich  eines  84  m  langen  Tunnels)  am  19.  September  1898  feierlich
eröffnet  wurde,  setzt  man  die  in  einer  Turbinenanlage  aus  der  weißen  Lütschine  unten  im
Thal  bei  Lauterbrunnen  gewonnene  Energie  durch  Dynamomaschinen  in  Elektrizität  um,
die  auch  zum  Betriebe  der  Bahn  dient.  Eine  1350  in  lange  und  1,8  in  weite  Röhrenleitung ­
  liefert  das  Druckwasser  für  die  Turbinen,  die  bis  2650  Pferdestärken  nutzbar  machen
können.  Die  Turbinen  sind  mit  den  Dynamos  direkt  gekuppelt.  Der  mit  7000  Volt  Spannung ­
  erzeugte  Drehstrom  wird  mittels  dreier  blanker  Kupferdrähte  nach  einer  Transformatorstation ­
  auf  der  Kleinen  Scheidegg  (2064  m  über  dem  Meeresspiegel)  geleitet;  desgleichen
nach  einer  solchen  auf  der  Station  Eigergletscher  (2319  m  über  dem  Meeresspiegel).  Hier,
im  Bereich  des  ewigen  Eises,  ist  eine  Maschinenstation  mit  Werkstätte  und  Magazinen  errichtet, ­
  von  der  aus  die  elektrischen  Bohrmaschinen  im  Tunnel  (früher  auch  die  Pumpe  für
Druckwasser  zum  Ausspülen  der  Bohrlöcher*)  und  der  Ventilator  zum  Lüften  nach  den
Sprengungen  angetrieben  und  von  wo  aus  auch  die  Glühlampen  im  Tunnel  und  an  der

*)  Bis  1899  standen  elektrische  Drehbohrmaschinen  in  Benutzung.  Sie  arbeiteten  geräuschlos
und  recht  zufriedenstellend,  waren  jedoch  zu  kostspielig  in  der  Unterhaltung  und  sind  deshalb  durch
die  dauerhafteren  Stoßbohrmaschincn  der  „Union-Gesellschaft  Berlin"  ersetzt  worden.  Diese  Maschinen
machen  400  Stöße  in  der  Minute,  bedürfen  keiner  Ausspülung  ihrer  Bohrlöcher,  erzeugen  aber
Lärm,  wenn  auch  schwächer  als  der  der  Ferrouxschen  Luftdruck-Bohrmaschinen,  welche  den
Gotthardtunnel  (S.  128)  erbohrt  haben.  Im  Sommer  1899  war  der  große  Jungsrautunnel
auf  etwa  900  m  Länge  fahrbar  und  erfreute  sich  einer  starken  Benutzung  durch  die  Reisenden.
An  seinem  oberen  Ende  liegt  die  erste  Tunnelstation  „Rothstock"  auf  2520  na  Höhe  über  dem
Meeresspiegel,  von  der  die  Rothstockwand  bequem  zu  ersteigen  ist.  Nahe  der  Station  sind  zwei
Felskammern  für  Werkstatt-  und  Schmiedezweckc  ausgesprengt,  sowie  ein  Scitenstollen,  um  das
losgesprengte  Tunnelgestein  durch  ihn  in  den  Abgrund  stürzen  zu  können  Die  hohe  Stromspannung ­
  von  7000  Volt  wird  bei  weiterem  Vortreiben  des  Tunnels  in  Abständen  von  etwa
1  km  auf  die  für  den  Zugbetrieb  erforderliche  Nntzspannung  von  600  Volt  herabgemindert.  Die
elektrischen  Lokomotiven  entwickeln  300  Pferdestärken  und  vermögen  2  Personenwagen  mit
80  Reisenden  auf  250  °/ 00  bergauf  mit  etwa  8  km  Stundengcschwindigkeit  zu  befördern.  Bis  zum
Gipselaufzuge  mißt  der  zu  erbohrende  Tunnel  rund  10  km.  Täglich  können  3  bis  4  m  Tunnellänge ­
  hergestellt  werden.  Die  Bauarbeiten  erstrecken  sich  somit  noch  über  eine  Reihe  von  Jahren.
        <pb n="100" />
        99

Die  Jungfraubahn.

Arbeitsstätte  vor  Ort  gespeist  werden  (vergl.  S.  128).  So  sehen  wir  an  der  Jungfrau  die
Energie  des  Gletscherwassers  aus  dem  Thale  zurückgeleitet  nach  der  Gletscherhöhe,  um
hier  im  Dienste  der  Menschen  nützliche  Arbeit  zu  verrichten.  Zur  Unterbringung  der
Arbeiter,  deren  Zahl  sich  im  Sommer  1898  auf  etwa  250  belief,  hat  man  Baracken  zwischen
der  Kleinen  Scheidcgg  und  dem  Eigergletscher  errichtet,  desgleichen  ein  großes  Magazin
für  Lebensmittel,  da  im  Winter  alle  Zufahrtswege  tief  verschneit  sind,  somit  aller  Transport ­
  von  den  Thälern  aus  aufhört  und  nur  ein  Verkehr  auf  Schneeschuhen  noch  möglich
ist.  In  dieser  Zeit  steht  die  Hauptbaracke,  in  der  auch  die  Ingenieure  ihre  Wohnung
haben,  durch  einen  gedeckten  Gang  mit  dem  Tunnel  in  Verbindung.  Sommer  und  Winter
muß  das  Koch-  und  Nutzwasser  aus  dem  hartgefrorenen  Gletscherschnee  gewonnen  werden.

63.  Lagrplan  und  Längenfchnitt  der  Iungfrautxchn  nach  dem  älteren  Entwürfe.
Nach  dem  „Certralblait  der  Bauverwaltung".

Es  sind  zu  dem  Zwecke  oben  am  Tunnel  sechs  Fässer  aufgestellt,  in  welche  der  anittels
Tragkiepen  herbeigeschaffte  Schnee  gefüllt  und  in  denen  er  durch  elektrischen  Strom  geschmolzen ­
  wird.
Abb.  63  zeigt  uns  die  Linienführung  dieser  von  Guyer-Zeller  in  Zürich  kühn  erdachten ­
  Bahn.  Sie  soll  in  starker  Steigung  (250  °/ 00  =  1:4)  durch  einen  10  km  langen,
Eiger,  Mönch  und  Jungfrau  durchfahrenden  Tunnel  bis  nahe  zum  Jungfraugipfel  geführt ­
  iverden.  Ter  Aufstieg  zu  letzterem  (4166  m  über  dem  Meeresspiegel)  ist  mittels
eines  senkrechten  Aufzuges  von  90  in  Hubhöhe  gedacht.  Der  Längenschnitt  der  Abb.  63
zeigt  noch  den  älteren  Entwurf.  Hiernach  sollte  das  stark  von  Eis  überlagerte  Jungfraujoch
  durch  ein  Gegeugefälle  unterfahren  werden.  Spätere  Untersuchungen  und  Erwägungen
haben  aber  zu  einer  neuen  Linie  ohne  Knick  geführt,  die  nunmehr  in  teilweise  schwächerer,
aber  dafür  steter  Steigung  bis  zum  Fuße  des  Gipfelanfzuges  verlaufen  soll.  Es  ist  für
den  etwa  4  km  laugen  Abschnitt  Station  „Eismeer  (Kalifirn)-Jungfraujoch"  eine  Steigung
15*
        <pb n="101" />
        100  Die  Eisenbahnen:  Die  Jungfraubahn.

von  nur  62  Vz  °/ 00  vorgesehen.  Nunmehr  ist  die  Möglichkeit  gegeben,  einen  Zug  beim
Versagen  des  elektrischen  Stromes  durch  seine  Schwerkraft  zu  Thale  fahren  zu  können.
Der  Seitentunnel  von  der  Station  „Mönch"  nach  der  Station  „Oberes  Mönchjoch"  ist  in
Wegfall  gekommen,  gleichwie  die  letztere  Station.  Auf  der  Tafel  der  Jungfraubahn  ist
diese  neue  Linienführung  berücksichtigt.  Das  erste  Kilometer  des  großen  Tunnels  war
noch  nicht  fertiggestellt,  als  Guyer-Zeller,  der  den  kostspieligen  Bau  aus  seinen  Privatmitteln ­
  bestritten  hatte,  im  April  1899  plötzlich  am  Herzschlag  verstarb.  Seine  Erben
beabsichtigen,  die  Bahn  durch  eine  Gesellschaft  zunächst  bis  zur  Station  Eismeer  (Kalifirn),
3160  m  über  dem  Meeresspiegel,  fortzuführen  und  von  da  aus  den  700  m  höher  gelegenen
Eigergipfel  durch  eine  Weganlage  bequem  zugänglich  zu  machen  und  dann  die  Bahnlinie
streckenweise,  zunächst  bis  zum  Jungfraujoch  (3420  m  über  dem  Meeresspiegel),  vorzutreiben.

64.  xlrbritrrzus  der  Inngstaubatzn.
Nach  einer  Ausnahme  der  Gesellschaft  „Photoglob"  in  Zürich.
Der  Tunnel  erhält  4,25  m  Höhe  und  3,6  m  Breite.  Das  großartige,  von  der  ganzen
zivilisierten  Welt  mit  lebhaftem  Interesse  begleitete  Unternehmen  wird  nach  seiner  Vollendung ­
  den  Zugang  zu  der  wunderbaren  Hochgebirgswelt  der  Jungfraugruppe  mit  ihren
Riesengletschern,  Schneefeldern  und  unvergleichlichen  Ausblicken,  vor  allem  nach  Nord
und  Süd,  der  wanderlustigen  Menschheit  ganz  wesentlich  erleichtern.  —
Die  höchsten,  von  Eisenbahnen  erstiegenen  Wasserscheiden  finden  sich  in  Amerika
und  zwar  bei  einer  ganzen  Anzahl  von  Linien.  Während  in  Europa  der  höchste  Punkt
einer  Hauptbahn  mit  1367  m  am  Brenner,  1338  m  im  Mont  Cenis,  1311  m  im
Arlberg  und  1154  m  im  Gotthardtunnel,  der  einer  Schmalspurbahn  mit  3018  m  am
Gornergrat  bei  Zermatt  und  demnächst  mit  4075  m  im  Tunnel  der  Jungfraubahn
sich  vorfindet,  ersteigt  in  Südamerika  die  922  kin  lauge  Schmalspurbahn  Autofogasta-Oruro
  vom  Meere  aus  eine  Höhe  bis  3956  in  über  dem  Meeresspiegel,  während
die  230  km  lange  Peruanische  Zentralbahn  Callao-Oroya  im  Galeratunnel  sogar
eine  Höhe  von  4  7  74  in  erreicht,  das  ist  fast  die  Höhe  des  Montblanc  (4810  in)!
        <pb n="102" />
        Eiger  3975  m

Mönch  4105  m

Jungfraujoch.

Jungfrau  4166  m

#  Silberhorn  3705  m

Station  Eismeer
3160  m
Station  Eigerwand
  2815  in
Station  Gletscher
2319  in

Nach  -&amp;lt;—m
Grindelwald.

Station
Jungfrau-Kulm
4166  in
Jungfrau-Aufzug
4075  in

—

Station
Juugfranjoch
3420  m
Station  Mönch
3352  m

Kleine  Scheidegg  2064  m

Lokomotiv  und  Wngenschnppen  nebst  Transformatorstation.

Die  Inngfraubahn
        <pb n="103" />
        101

Die  höchsten  Eisenbahnen  der  Welt.

In  langen  Steigungen  bis  zu  4O% 0  (1:25)  klettert  diese  Bahn  von  dem  Gestade  des
Stillen  Ozeans  aus  über  Lima  und  die  alte  Jnkastadt  Chosica  an  den  steilen  Kordillerenhängen ­
  empor,  zum  Teil  in  gewaltigen  Zickzacklinien  (Spitzkehren),  um  in  der  Puno-Region
bei  Oroya  zu  enden.  Falls  demnächst  wirtschaftlich  bessere  Zeiten  über  Peru  kommen,
wird  die  Linie  vielleicht  an  dem  Ostabhange  des  Gebirges  weiter  und  in  die  ungemein
fruchtbaren,  doch  erst  wenig  angebauten,  wasserreichen  Thäler  dieser  Andenseite  hinabgeführt ­
  werden.  Sie  würde  dann  den  Anschluß  an  das  Seengebiet  des  Amazonenstromes
finden  und  so  ihren  eigentlichen  Zweck  erfüllen:  die  auch  an  Mineralien  reichen  Ostgefilde
Perus  der  Westküste  erschließen  und  sodann  des  weiteren  auch  den  Austausch  der  Verkehrsgüter ­
  zwischen  dem  transatlantischen  und  dem  Großen  Ozean  ermöglichen  helfen.  Die
zerklüfteten,  steilen  Gebirgsmassen  zwangen  nicht  nur  zu  einer  kühnen  Linienführung,
sondern  auch  zu  zahlreichen,  oft  höchst  kostspieligen  Kunstbauten.  Über  30  Tunnel  und
ebenso  viele  Brücken  mußten  erstellt  werden.  Es  sei  hier  nur  der  große  Verruga-Viadukt
genannt,  dessen  Ansicht  Abb.  65  wiedergibt.  Die  Bahn  gehört  in  erster  Linie  zu  den
gewaltigen  und  kühnen  Werken  der  Jngenieurkunst,  an  denen  unser  Zeitalter  so  reich  ist.
Eine  andere,  nicht  minder  kühne  und  hochstrebende  Bahn  ist  die  522  km  lange  Peruanische ­
  Südbahn,  die  sich  bei  Portez  bei  Cruzera  in  dem  l  173  in  langen  Scheiteltunnel
ans  4470  in  über  dem  Meeresspiegel  erhebt  und  damit  die  Alpeubahnen  der  Alten  Welt
ebenfalls  recht  beträchtlich  übertrifft.  Allerdings  ist  zu  beachten,  daß  die  Schneegrenze  in
den  Kordilleren  weit  höher  liegt  (5000  in)  als  in  den  Schweizer  Alpen  (2700—2800  m),
was  ja  den  Bau  und  Betrieb  der  Bahnen  erleichtert.  Immerhin  aber  sind  in  jenen
Ländern  und  Höhen  die  klimatischen  Verhältnisse  doch  derart,  daß  solche  Bahnbauten  mit
ungemein  großen  Schwierigkeiten  zu  kämpfen  haben.  Sowohl  die  häufigen,  mit  gewaltigen
Wassermengen  niedergehenden  Platzregen,  durch  die  vorher  trockene  oder  kleine  Wildbäche
in  reißende  Ströme  verwandelt  werden,  als  auch  die  verherenden  Schneestürme  sind
gar  arge  Feinde  des  Bahnbaues,  wie  nicht  minder  die  ungemein  dünne  Luft  in  jenen
Höhen  und  die  oft  herrschende  empfindliche  Kälte.  In  solchen  überaus  wilden  und  einsamen
Hochgebirgen  Eisenbahnen  über  und  durch  die  Gebirgskämme  zu  führen  und  in  sicherer  Weise
anzulegen,  geschützt  gegen  niedergehende  Lawinen  und  Felsstürze,  erfordert  seitens  der  bauleitenden ­
  Ingenieure  besondere  Sachkenntnis,  Ansdauer,  eisernen  Willen  und  stellt  sie  würdig
in  die  Reihe  derer,  die  in  so  genialer  und  zweckdienlicher  Weise  die  europäischen  Alpenbahnen
erdacht  und  erbaut  und  dadurch  dem  Handel  und  Verkehr  neue  Wege  erschlossen  haben.
Bergkrankheit.  Auf  Hochgebirgsbahnen  tritt  in  etwa  4000  m  Höhe  häufig  die  bekannte ­
  „Bergkrankheit"  auf.  Nach  einem  Berichte  des  „Engineering"  1894  äußert  sich  die
dünne  Höhenluft  auf  dem  letzten  Teile  der  Fahrt  von  Lima  nach  Oroya  höchst  nachteilig
auf  viele  Reisende.  Die  ganze  Fahrdauer  beträgt  11  Stunden.  Die  Reisenden  durchkosten ­
  also  in  kurzer  Zeit  alle  Übergänge  vom  heißen  Küstenklima  Limas  bis  zum  kalten
Höhenklima.  Die  sehr  dünne  Luft  verursacht  bei  zahlreichen  Fahrgästen  die  Bergkrankheit, ­
  dort  Soroche  genannt.  Ihre  Begleiterscheinungen  sind  Atemnot,  starkes  Herzklopfen,
Ohrensausen  und  Mattigkeit  in  den  Gliedern,  die  sich  oftmals  bis  zu  Ohnmachten  steigert;
häufig  treten  sogar  Blutungen  aus  Mund,  Nase  und  Ohren  ein.  Nach  Ankunft  eines  Zuges
in  Oroya  gleicht  das  Hotel  daselbst  recht  oft  „einem  Krankenhause",  in  welchem  die  Klagelante
der  an  der  Soroche  Erkrankten  während  der  ganzen  Nacht  ertönen.  Als  Linderungsniittel  werden
in  Oroya  Nasenumschläge  aus  gekochtem  Knoblauch,  sowie  gleichzeitiges  Einnehmen  des  Abgusses
hiervon  empfohlen.  Das  Mittel  soll  aber  ebenso  scheußlich  sein,  wie  der  ganze  Krankheitsznstand
  selbst.  Viele  Reisende  bringen  von  Oroya  statt  der  Erinnerung  an  den  Genuß  der
erhofften  Hochgebirgswunder  eine  solche  an  die  „unangenehmsten  Stunden  ihres  Daseins"  zurück.
Sobald  tiefere  Geländelagen  erreicht  sind,  verschwindet  das  Leiden,  das  wiederum  nicht  so  leicht
eintritt,  wenn  der  Reisende  die  Fahrt  an  einer  in  mittlerer  Höhe  gelegenen  Station  vor
Oroya  einige  Tage  unterbricht,  um  seinen  Körper  hier  an  die  verdünnte  Luft  zu  gewöhnen
und  die  Lungen-  und  Herzthätigkeit  ihr  anzupassen.  Die  Bahnbeamten  bleiben  infolge  ihrer
Gewöhnung  von  ihr  verschont.  Auch  der  Genuß  ungekochten  Wassers  soll  in  jenen  Höhen  nach
obiger  Quelle  äußerst  schädlich  sein.
Ähnliche  Krankheitserscheinnngcn  treten  bekanntermaßen  auf  der  wegen  ihrer  herrlichen
Aussichten  viel  befahrenen  Manitou  and  Pikes  Peak-Za  hub  ahn  in  Colorado  auf.  Die
Fahrt  von  dem  2000  m  über  dem  Meeresspiegel  gelegenen  Manitou  nach  dem  4330  m  hohen
Gipfel  währt  nur  l'/ 2  Stunden,  so  daß  der  Übergang  zur  dünnen  Höhenluft  noch  erheblich  schneller
erfolgt  als  auf  der  Oroyabahn.  Infolgedessen  gehören  Ohnmachtsanfällc  aus  dem  Pikes  Peak
nicht  zu  den  Seltenheiten  und  haben  zahlreiche  Touristen  hier  unter  der  Bergkrankheit  zu  leiden.
        <pb n="104" />
        102  Die  Eisenbahnen:  Bewegungswiderstände.
Es  dürste  hiernach  auch  nicht  unwahrscheinlich  sein,  daß,  wenn  dereinst  der  Gipsel  der
Jungfrau  durch  Zahnstange  und  Aufzug  der  Allgemeinheit  zugänglich  gemacht  werden  sollte,
mindestens  schwächliche  Personen  auf  ihm  unter  den  geschilderten  Krankheitserscheinungen  zu
leiden  haben  werden.  In  dem  Guyer-Zellerschen  Entwürfe  ist  für  das  Durchfahren  des
großen  Jungfrautunnels  eine  Fahrzeit  von  etwa  IZg  Stunden  vorgesehen,  eine  wohl  zu
kurze  Zeit,  um  in  ihr  den  Körper  dem  stark  verminderten  Luftdruck  anpassen  zu  können.  —
Bewcgungswiderstände.  Wir  wir  oben  sahen,  kommt  es  bei  einer  Bahn  wesentlich
aus  die  richtige  Wahl  ihrer  Steigungsverhältnisse  an,  da  hiervon  Anlage-und  Betriebs^
kosten,  also  die  Wirtschaftlichkeit  des  Betriebes  stark  beeinstußt  werden  und  die  Leistungsfähigkeit
der  Bahn,  ihre  Betriebsart  und  ihr  Charakter  abhängen.  Um  diesen  hochwichtigen  Punkt  klar
zu  legen,  bedarf  es  einer  kurzen  technischen  Erörterung  der  Grundlage  unseres  Eisenbahnwesens, ­
  der  Feststellung  des  zur  Beförderung  der  Fahrzeuge  nötigen  Aufwandes  an  Kraft.
Aus  ihr  wird  man  dann  auch  unschwer  die  wirtschaftliche  Überlegenheit  der  Eisenbahnen  über
andere  feste  Transporlstraßen  erkennen,  sowie  die  Bedingungen  ersehen,  die  die  Anlage  einer
gewöhnlichen  Schienenbahn  mit  glatten  Schienen  —  Adhäsions-  oder  Reibungsbahu  genannt
—  gestatten  oder  aber  den  Bau  einer  Zahnbahn  oder  gar  Seilbahn  notwendig  machen.  Wir
müssen  hierbei  die  Fahrzeuge  in  unsere  Betrachtung  einbeziehen,  da  Fahrbahn  und  Fahrzeug
in  Wechselwirkung  zu  einander  stehen  und  zusammen  untersucht  werden  müssen,  wenn  es  sich
um  Feststellung  der  Kraftverhältnisse  bestu  Befördern  der  Fahrzeuge  handelt.
Zur  Bewegung  von  Fahrzeugen  ist  eine  Kraft  nötig,  die  deren  Widerstand  überwindet.
Dieser  besteht  bei  Windstille  oder  mäßig  bewegter  Luft  und  langsamer  Fahrt  auf  gerader,
wagerechter  Strecke  aus  der  rollenden  Reibung  zwischen  Äadumfang  und  Fahrbahn
(=;  Rollwiderstand)  und  der  gleitenden  Reibung  der  Radachsen  in  ihren  Lagern  (—  Zapfenreibung). ­
  Rollwiderstand  und  Zapfenreibung  bilden  den  Eigenwiderstand  eines  Fahrzeuges. ­
  Er  hängt  ab  sowohl  von  der  Beschaffenheit  der  Bahn,  wie  von  der  des  Fahrzeuges
und  ist  um  so  kleiner,  je  ebener  und  härter  die  Fahrbahn  ist,  je  größer  die  Räder  und  je
glatter  und  besser  geschmiert  die  Achs-  oder  Radzapfen  sind.  Man  kann  ihn  für  mittlere
Berhältnisse  als  Bruchteil  vom  Gesamtgewichte  des  Fahrzeuges  und  dessen  Belastung  ausdrücken. ­
  Diese  Bruchzahl  heißt  der  Widerstandskoeffizient.  Bezeichnet  man  letzteren
nist  s,  und  wiegt  das  Fahrzeug  mit  seiner  Last  Q  Kilogramm,  so  ist  allgemein  der  Zugwiderstand ­
  oder  die  zum  Fortbewegen  des  Wagens  erforderliche  Kraft  P  in  Kilogrammen:
P  =  f  X  Q.  Je  kleiner  hiernach  f  ist,  eine  desto  größere  Last  Q,  kann  durch  dieselbe  Zugkraft ­
  P  befördert  werden,  f  fällt  für  die  verschiedenen  Fahrbahnen  und  deren  Beschaffenheit
sehr  ungleich  aus.  Man  kann  bei  Wagen  im  allgemeinen  als  Durchschnittswert  von  krechnen  für:
schlechte  Erdwege  1 / 5
mittelgute  ■  1 / (0
gute  &amp;gt;/ 20
makadamisierte  Landstraßen  V, 0 — 1 L 0
Asphaltbahn  7„o-Vao
gutes  Steinpflaster  7 e0 —775
Straßenbahnen  {  !  !  ]  ]  .'  !  !  !  !  [  fczfc
Eisenbahnen  7u&amp;lt;H7»*o
Auf  gutem  Steinpflaster  läßt  sich  hiernach  mit  derselben  Zugkraft  etwa  das  dreifache  befördern,
wie  aus  guten  Erdwegen,  auf  Pferdebahnen  das  zehn-  bis  zwölfsache  und  auf  Eisenbahnen
gar  das  25fache.  Diese  Zahlen  verdeutlichen  so  recht  den  Fortschritt,  der  im  Laufe  der  Zeiten
im  Verkehrswesen  gemacht  ist.  Sie  begründen  überzeugend  die  in  der  Einleitung  geschilderte
Thatsache,  daß  man  in  Deutschland,  Österreich  und  England  schon  frühzeitig  für  den  Kohlentransport ­
  die  Eisenspur  mit  Pferdebetrstb  wählte  und  sie  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  auch
auf  die  Güter-  und  dann  auf  die  Personenbeförderung  ausdehnte.  Sie  zeigen  ferner  schlagend
die  Überlegenheit  der  heutigen  Eisenbahnen  über  alle  anderen  Fahrbahnen.
Das  Gelände  läßt  aber  nur  selten  gerade  Gleisstrecken  zu.  Die  notwendig  werdenden
Gleiskrümmungen  zwingen  die  Fahrzeuge  zu  einer  stetigen  Richtungsänderung,  setzen  ihrer
Bewegung  also  ebenfalls  Widerstand  entgegen.  Dieser  „Kurvenwiderstand"  ist  naturgemäß^ ­
  um  so  größer,  je  schärfer  die  Gleise  gekrümmt  und  je  länger  die  Fahrzeuge  gebaut
sind,  je  weniger  Sorgfalt  ferner  auf  eine  gewisse  Beweglichkeit  der  Radachsen  gelegt  ist.
Gleisbögen  von  etwa  1200  m  Krümmungshalbmesser  auswärts  sind  jedoch  schon  so  flach,  daß
sie  kaum  noch  einen  nennenswerten  Widerstand  erzeugen.  Im  Flachlande  kann  man  den
Halbmesser  erheblich  größer  wählen  als  im  Gebirge,  wo  man  durch  die  anzufahrenden  Gesteinsmassen ­
  der  Bergsalten  und  Thalkrümmungen  oft  recht  beengt  ist.  Im  allgemeinen  nimmt
man  ihn  bei  Hauptbahnen
im  Flachlande  nicht  gern  unter  1000  m
„  Hügellande  „  „  „  600  „
„  Gebirge  „  „  „  300  „
Mitunter  ist  man  gezwungen,  ihn  wesentlich  kleiner  als  300  m  zu  nehmen  (vergl.  Abschnitt
„Oberbau").  Die  englischen  Bahnen  weisen  durchschnittlich  auf  freier  Bahn,  d.  h.  außerhalb
        <pb n="105" />
        65.  Strecke  der  Peruanischen  Zentraibahn:  Der  Nerruga-Uiadnkt  zwischen  Sima  und  Groya.
        <pb n="106" />
        104

Die  Eisenbahnen.

der  Stationen,  flachere  Gleisbögen  auf,  als  die  anderen  Länder.  Amerika  steht  hier  an
letzter  Stelle.  Bei  Neben-  und  Kleinbahnen  kann  man  —  je  nach  Spurweite  und  Zweck  der
Linie  —  mehr  oder  weniger  kleine  Gleisbögen  zulassen.
Ein  besonderer  Feind  des  Eisenbahnbetriebes  ist  heftiger  Wind.  Weht  solcher  der  Fahrrichtung ­
  des  Zuges  entgegen  oder  von  der  Seite,  so  erwächst  dem  Zuge  ein  neuer  Widerstand, ­
  der  sogenannte  Luftwiderstand.  Dieser  tritt  auch  stets  auf,  wenn  die  Fahrzeuge
mit  größerer  Geschwindigkeit  fortbewegt  werden.  Beispielsweise  ist  auf  gerader,  wagerechter
Gleisstrecke  und  bei  mäßig  bewegter  Lust  der  Widerstand  eines  mit  etwa  10  km  Slundengeschwindigkeit
  fahrenden  Wagens  Vsso  seines  Gewichtes;  der  Luftwiderstand  ist  hierbei  winzig
klein.  Wird  derselbe  Wagen  aber  unter  sonst  gleichen  Verhältnissen  mit  90  lein  in  der  Stunde
gefahren,  so  ist  nach  neueren  Versuchen  dazu  eine  Zugkraft  von  etwa  Vis«  seines  Gewichtes
erforderlich.  Die  letztere  ist  also  allein  durch  den  Luftwiderstand  beinahe  vervierfacht!  Der
Widerstand  fahrender  Lokomotiven  ist  infolge  ihrer  Bauart  und  der  großen  dem  Luftdruck
ausgesetzten  Fläche  wesentlich  höher,  als  derjenige  der  Wagen.  Er  beträgt  auf  gerader,
wagerechter  Strecke  bei  mäßiger  Geschwindigkeit  (bis  etwa  10  km  in  der  Stunde)  und  Windstille ­
  rund  '/so«  des  Lokomotivgewichtes,  wächst  schnell  mit  zunehmender  Fahrgeschwindigkeit
und  beträgt  bei  90  km  Fahrt  in  der  Stunde  ungefähr  */75,  das  ist  das  vierfache  des  ersteren
Wertes  und  schon  so  viel,  wie  der  Widerstand  eines  gleichschweren  Wagens,  der  auf  gepflasterter ­
  Straße  sich  bewegt!  Dieser  große  Einfluß  des  Luftwiderstandes  ist  bei  den

66.  Kchnabctlokomotioe.

jetzigen  großen  Fahrgeschwindigkeiten  —  in  Deutschland  bis  zu  90  km,  in  England  und
Amerika  bis  zu  110  km  und  mehr  —  gegen  früher  um  so  empfindlicher  geworden.  Der
französische  Ingenieur  Ricour  stellte  hierüber  Ende  der  achtziger  Jahre  besondere  Versuche
an.  Er  fand  nach  Anbringung  einer  Schnabelvorrichtuna  an  der  Vorderseite  der  Lokomotive
(zwecks  leichteren  Durchschneidens  der  Lust)  den  Widerstand  merklich  gemindert,  was  sich  in
Kohlencrsparnisseu  sichtbar  ausdrückte  und  auch  durch  „Schnabellokomotiven"  anderer  Länder
bestätigt  wurde.  In  Frankreich  sind  zur  Zeit  auf  der  Staatvbahn  die  neueren  Schnellzuglokomotiven ­
  nach  Abb.  66  allgemein  mit  solchem  Schnabel  vor  der  Rauchkammer  und  dem
Führerhause  ausgerüstet,  desgleichen  auf  der  Nordbahn.  Das  schnelle  Anwachsen  des  Laufwiderstandes ­
  der  Eisenbahnfahrzeuge  mit  zunehmender  Fahrgeschwindigkeit  (bis  90  km  in  der
Stunde)  veranschaulicht  Abb.  67  in  sehr  übersichtlicher  Weise.  Die  Kurve  L  gilt  für  Lokomotiven, ­
  Wi  für  zweiachsige  Wagen,  W 2  für  Drehgestellwagen.  Für  letztere  fällt  er  am
kleinsten  aus,  was  durch  die  bessere  Lagerung  und  Schmierung  der  Radachsen,  sowie  durch
die  lange  und  schwere  Bauart  dieser  Wagen  bedingt  wird.  Beispielsweise  ergibt  sich  nach
Abb.  67  für  jede  Tonne  (=  1000  kg)  Eigengewicht  einschließlich  Nutzlast  bei  45  km  Fahrgeschwindigkeit ­
  in  der  Stunde  der  Laufwiderstand  für

Lokomotiven  7  kg
zweiachsige  Wagen  3,2  kg
Drehgestellwagen  2,6  kg.

Die  Werte  der  Abb.  67  legt  der  Eisenbahn-Ingenieur  seinen  Berechnungen  zu  Gruude.
Man  kann  den  bei  Windstille  oder  mäßig  bewegter  Luft  auftretenden  Luftwiderstand  fahrender ­
  Lokomotiven  auch  nach  der  im  Seewesen  allgemein  maßgebenden  Beaufortschen  Windskala
        <pb n="107" />
        Bewcgnngswidcrstände.  105
berechnen,  indem  man  die  gesamte  Druckfläche  der  Lokomotive  mit  dem  der  sekundlichen  Fahrgeschwindigkeit ­
  (—  Windgeschwindigkeit  jener  Skala)  entsprechenden  Winddruck  mal  nimmt.
Als  letzter,  auf  Bergstreckcn  auch  gewichtigster  Widerstand  ist  der  auf  Steigungen
auftretende  zu  nennen;  er  wird  durch  die  Schwerkraft  hervorgerufen.  Bezieht  nian  die
Steigung  der  Bahn  nach  Abb.  68  auf  1000  m  Horizontallänge  und  drückt  sie  durch  einen
echten  Bruch  des  Nenners  1000  aus,  z.  B.  i°  gibt  nach  einem  Gesetze  der  Mechanik
der  Zahler  x  die  Größe  des  Widerstandes  an,  den  die  Hebung  von  je  einer  Tonne  (1000  kg)
Wagenlast  auf  dieser  Strecke  verursacht.  Statt  -  Pflegt  man  gewöhnlich  x°/ 00  zu  schreiben.

to  io  ¿0  W  SO  60  jo  »0  pokmStd.
67.  Versuche  von  JlcaStmiie  über  LuufunderstiinLc  der  Lokomotiven  und  Wogen
uns  uluserrchter  gerudrr  Strecke.

Wagen  über  eine  Steigung  von  250  °/ 00  (1:4)  gebracht  werden,  so  bedingt  das  eine  Zugkraft ­
  von  250  X  20  =  5000  kg  (nur  für  das  Heben!)  ohne  Berücksichtigung  des  Eigenwiderstandes. ­
  Aus  diesem  erheblichen  Einfluß  der  Steigungen  auf  die  Größe  der  Zugwiderständc
folgt  ohne  weiteres,  daß  eine  Lokomotive,  welche  im  Flachlande  lange  Züge  mit  gewisser
Geschwindigkeit  befördert,  über  steile  Gebirgsstrecken  nur  wenige  Wagen  mit  gleicher
Geschwindigkeit  zu  ziehen  vermag.  Bei  einer  bestimmten  Steigung  kann  sie  keinerlei  Nutzlast
mehr  befördern,  sondern  nur  noch  sich  selbst,  darüber  hinaus  hört  auch  letzteres  auf.  So
vermag  beispielsweise  die  38  500  kg  schwere,  dreiachsige  Güterzuglokomotive  der  preußischen
Staatsbahnen  bei  15  km  Geschwindigkeit  in
der  Stunde  folgende  Wagenlasten  in  Tonnen
(—  je  1000  kg)  zu  befördern:
Aus  wagerechtcr  Strecke  2800  t
-----  =1:500  .  1380  „
=  1:100.  .  415  „
25  %ö  =  1:  40  .  .  148  „
84°/ot  =  1 :  12  •  ■  0„

Auf  der  Steigung  2  "l 00
10°/o„-SteigmrgsvrrKöttnis

  x  “

Auf  einer  Rampe  von  1:12  Steigung  ist  die  Lokomotive  also  nur  noch  imstande,  sich  selbst
und  ihren  etwa  28'/-  t  schweren  Tender  hinaufzufahren.  Vorstehende  Werte  vermindern  sich
noch  mit  zunehmender  Fahrgeschwindigkeit  und  auf  kurvenreichen  Gleisabschnitten.  Bei  45  km
IX  14
        <pb n="108" />
        106

Die  Eisenbahnen:  Steigungsverhältnisse.

Geschwindigkeit  ergibt  sich  z.  B.  auf  der  Steigung  von  10°/E  und  einer  Bahn  nach  Art  der
Abb.  86  (Krümmungswiderstand  —  rund  2  kg-  für  jede  Tonne  Zuggewicht)  eine  Wagenlast  von
300  t.  Starke.Steigungen  sind  somit  für  den  Eisenbahnbetrieb  höchst  nachteilig.  Sie  verlangen
besonders  leistungsfähige  Lokomotiven,  deren  Brennstoffverbrauch  im  Verhältnis  zur  geförderten
Transportmenge  groß  ausfällt.  Zudem  können  die  Züge  im  allgemeinen  doch  nicht  so  lang  sein
wie  ans  schwach  geneigten  Linien  und  können  nicht  mit  gleicher  Geschwindigkeit  gefahren  werden.
Zum  Befördern  bestimmter  Güter-  und  Truppenmassen  sind  sonach  mehr  Züge  zu  fahren,
was  die  Betriebskosten  erhöht  und  ausgedehntere  Anlagen  für  das  Unterbringen  und  die
Ausbesserung  der  Lokomotiven  notwendig  macht.  Diesen  Nachteilen  starker  Steigung  steht
allerdings  der  Vorteil  gegenüber,  daß  durch  sie  die  Linie  verkürzt  wird.
Bei  Wahl  einer  schwächeren  Steigung  sinken  die  Betriebskosten,  aber  die  Anlagckosten
werden  infolge  der  größeren  Länge  höher.  Die  zweckinäßigstc  Steigung  nun  ausfindig  zu
machen,  ist  eine  Hauptaufgabe  der  Vorarbeiten.  Es  genüge  hier  anzuführen,  daß  im  allgemeinen ­
  bei  Bahnen  mit  starkem  Verkehr  mehr  auf  Ermäßigung  der  unmittelbaren  Betriebskosten ­
  als  des  Anlagekapitals  zu  halten  ist,  während  Bahnen  mit  schwachem  Verkehr  nur
geringe  Anlagekosten  vertragen,  dagegen  wohl  etwas  höhere  unmittelbare  Betriebskosten.
Je  nach  der  Bedeutung  der  Bahn  für  den  Verkehr  und  die  Landesverteidigung
(S.  120),  sowie  je  nach  den  klimatischen  Verhältnissen  wird  man  zweckmäßig  eine  gewisse
Steigungsgrenze  nicht  überschreiten.  Sie  liegt  für  die  großen  verkehrsreichen  Hauptlinien ­
  bei  25°/ 00  bis  allenfalls  30°/ on  (1:40  bis  1:33).  So  hat  z.  B.  die  Brennerbahn
i&amp;gt;i§25°/ 00 ,  die  Gotthardbahn  bis  27°/ 00 ,  die  Neuenburger  Jurabahn  bis  27°l 00l  die
Arlbergbahn  gar  bis  30°/ n o:  die  Northern  Paeificbahn  im  Felsengebirge  und  in  der
Sierra  Nevada  bis  22  °/ 00  Steigung.
Bei  den  Nebenbahnen  und  Linien  mit  schwachem  Verkehr  geht  man  in  der  Regel
nicht  über  40°/oo  (1:25).  Ausnahmen  kommen  natürlich  auch  hier  mehrfach  vor.  Es
zeigen  unter  anderen  die  Gebirgsbahnen  in  Colorado  bis  40°/ 00 ,  die  Lima-Oroyabahn
bis  400/00,  die  Averdon-St.  Croix  Bahn  in  der  Westschweiz  bis  440/00,  die  Strecke
Landquart-Davos  bis  450,0g,  die  Strecke  Wädensweil-Einsiedeln  (Schweizer  Südostbahn) ­
  bis  50  0/00  Steigung.
Bei  reinen  Touristenbahnen  hat  man  in  einem  Falle  sogar  7O°/ 00  (1:14)  zugelassen.
Es  ist  dies  die  Ütlibergbahn  bei  Zürich,  hier  handelt  es  sich  aber  auch  nur  um  leichte
Züge,  die  mit  geringer  Geschwindigkeit  gefahren  werden.  Auch  auf  einer  dem  Minenverkehr ­
  dienenden  Gebirgsstrecke  in  Colorado,  der  Calumetabzweigung,  kommt  diese
Steigung  von  70  0/00  vor.  Die  höchsten  Steigungswerte  für  Reibungsbahnen  finden  sich
bei  elektrischen  Straßenbahnen  mit  106°/ 00  in  Remscheid,  109% 0  in  Zürich  und  116°/og
in  Lausanne.  Es  sind  dies  aber  nur  kurze  Strecken.
Will  man  für  längere  Strecken  bezw.  größere  Lasten  stärkere  Steigungen  als  vielleicht
50  0/00  zulassen,  so  muß  man  von  den  Adhäsions-  oder  Reibungsbahnen  Abstand  nehmen
und  für  die  Fahrzeuge  einen  künstlichen  Stützpunkt  durch  eine  Zahnstange  oder  ein
Drahtseil  schaffen.  Im  ersteren  Falle  liegt  eine  Zahnstange  mit  ausrechtstehenden  oder
liegenden  Zähnen  inmitten  des  Gleises.  Von  der  Lokomotive  angetriebene  Zahnräder
wälzen  sich  in  ihr  ab  und  ziehen  dadurch  deu  ganzen  Zug  hoch  bezw.  sichern  ihm  die
Thalfahrt.
Es  werden  mittels  der  Zahnbahn,  auch  Zahnstangen-  oder  Zahnradbahn  genannt,
Rampen  bis  480  0/00  =  rund  1:2  erstiegen.  Die  Fahrgeschwindigkeit  ist  allerdings  nur
gering.  Näheres  vergl.  am  Schlüsse  dieses  Abschnittes.
Hängt  man  die  Fahrzeuge  an  ein  Drahtseil,  das  durch  eine  Kraftmaschine  oder
durch  die  Schwerkraft  eines  Übergewichts  bewegt  wird,  so  lassen  sich  noch  größere
Steigungen  überwinden.  Es  fällt  hier  im  Gegensatze  zu  den  Lokomotivbahnen  die  sehr
erhebliche  Arbeit  fort,  die  für  das  Heben  der  Lokomotive  selbst  notwendig  ist.  Man  ist
jetzt  bei  längeren  Steigungen  bis  zu  620  0/00  —  1:1,«  gegangen,  wie  bei  der  Stanserhornbahn
  und  der  Grütschalpbahn  bei  Lauterbrunnen.  Abb.  69  zeigt  einen  solch  steilen
Bahnabschnitt.  Für  kürzere  Strecken  hat  man  noch  größere  Steigungen  zugelassen,  so
z.  B.  auf  der  1897  erbauten  Seilbahn  Pilar-Bahia  780"/oo  —  1:1,8.'  Die  Fahrgeschwindigkeit ­
  und  die  tote  Last  sind  klein,  um  nicht  zu  schwere  Drahtseile  und  zu
große  Triebkräfte  zu  erhalten.  Die  Leistungsfähigkeit  der  Seilbahnen  ist  daher  eine  beschränkte. ­
  Näheres  vergl.  im  Abschnitt  „Seilbahnen".
        <pb n="109" />
        108

Die  Eisenbahnen:  Linienführung.

Linienführung.
Oftmals  ist  nun  die  Geländebildung  derart,  daß  man  die  Bahnlinie  nicht  mit  der
zweckmäßigsten  oder  „maßgebenden"  Steigung  auf  thunlichst  direktem  Wege  hindurchlegen
kann.  Das  natürliche  Gefälle  des  zu  durchfahrenden  Thales  oder  Passes  kann  so  stark
sein,  daß  die  bergaufwärts  geführte  Bahn  bald  in  die  Sohle  eiuschneiden  würde  und  dann
im  Tunnel  weitergeleitet  werden  müßte,  was  meistens  nicht  angängig  ist.  Auch  kann  der
Fall  vorliegen,  daß  ein  Gebirgsstock  vorgelagert  ist  und  durchtunnelt  werden  muß,  die
Bahn  ihn  aber  mit  der  maßgebenden  Steigung  noch  so  tief  trifft,  daß  der  Tunnel  viel
zu  lang  und  zu  teuer  ausfallen  würde.  Man  muß  dann  danach  trachten,  die  Bahn  in
höherer  Lage  an  den  Thalhängen  hinzuleiten,  so  daß  der  Gebirgszug  an  einer  wesentlich
schmaleren  Stelle  angeschnitten  wird.  Freilich  darf  anderseits  wiederum  die  Bahnlinie
auch  nicht  zu  hoch  über  der  ganzen  Thalsohle  sich  hinziehen;  denn  unten  liegen  die  Ortschaften, ­
  die  bequemen  Zugang  zu  den  Stationen  haben  müssen.  Beide  widerstreitende
Forderungen  sind  miteinander  zweckmäßig  in  Einklang  zu  bringen.  Man  sucht  in  solchem
Falle  der  Bahn  an  geeigneten  Stellen  durch  Ablenkung  vom  direkten  Wege  absichtlich

eine  größere  Länge  zu  geben,  damit  sie  dadurch  —  ohne  Erhöhung  des  Steigungs-Verhältnisses
  —  die  gewünschte  Höhenlage  erlangt.  Man  nennt  dieses  Verfahren:  die
künstliche  Entwickelung  der  Linie.  Hierfür  haben  sich  nach  und  nach  mehrere  Weisen
ausgebildet,  die  wegen  ihrer  sinnreich  erdachten  Art  verdienen,  kurz  erörtert  zu  werden.
Das  älteste  Mittel  zur  Höhengewinnung  ist  das  des  Ausfahrens  von  Seitenthälern. ­
  Schließen  solche  an  das  von  der  Bahn  durchzogene,  stark  ansteigende  Hauptthal ­
  an,  so  wird  jene  an  der  Lehne  eines  derselben  entlang  geführt,  übersetzt  dann  mittels
einer  Brücke  das  Nebenthal  und  kehrt  an  dem  gegenüberliegenden  Hange  in  das  Hauptthal ­
  zurück  und  zwar  in  wesentlich  höherer  Lage  als  vorher  beim  Verlassen  desselben.
In  dieser  Weise  sind  namentlich  die  beiden  ersten  Alpenbahnen,  die  über  den  Semmering
und  über  den  Brenner,  durchgeführt  worden.
Die  Semmeringbahn  wurde  1848—1854  unterGhegasLeitung  erbaut.  Überaus
reich  an  landschaftlich  hervorragenden  Bildern  und  Naturreizen,  gehört  diese  im  Zuge  der
Wien-Triester  Linie  liegende  älteste  Gebirgsbahn  nicht  nur  zu  den  schönsten  Bahnen,
sondern  auch  zu  den  denkwürdigsten.  Sie  bildet  einen  bedeutungsvollen  Merkstein  in  der
Entwickelung  der  Eisenbahnen.  Ihr  Bau  —  noch  heute  bewundert  —  hat  seiner  Zeit
völlig  neue  Gesichtspunkte  eingeführt.  Er  hat  gezeigt,  daß  sich  Hauptbahnen  mit  langen
Steigungen  von  25°/og  (1:40)  und  scharfen  Krümmungen  durchführen  lassen,  wenn
genügend  leistungsfähige  und  für  das  Durchfahren  der  Gleisbögen  geeignete  Loko-
        <pb n="110" />
        Ausfahren  von  Seitenthälern.  109
Motiven  zur  Verfügung  stehen.  Diese  fehlten  aber  bis  1850,  weshalb  auch  die  Überschienung
  des  Semmerings  von  vielen  angezweifelt,  von  anderen  nur  mittels  einer  Seilbahn ­
  oder  gar  einer  atmosphärischen  Eisenbahn  für  möglich  gehalten  wurde,  v.  Ghega
drang  aber  schließlich  mit  seinem  Entwurf  einer  Reibungsbahn  durch.  Die  österreichische
Regierung  erließ  1850  ein  Preisausschreiben  auf  die  Herstellung  der  für  den  Betrieb
der  Semmeringbahn  geeignetsten  Lokomotive.  Die  hierdurch  hervorgerufenen  neuartigen
Bauarten  führten  nicht  nur  zu  brauchbaren  Gebirgslokomotiven,  sondern  wirkten  auch
befruchtend  auf  die  Ausbildung  der  Lokomotiven  für  Flachlandbahnen  zurück  (vergl.  Abschnitt ­
  „Lokomotiven").  Anderseits  hatte  man  auch  erkannt,  wie  Alpenbahnen  anzulegen
waren.  Zehn  Jahre  später  (1864—1867)  folgte  die  zweite  Gebirgsbahn,  die  über  den
Brenner.  Zu  gleicher  Zeit  überschiente  man  in  Nordamerika  das  Felsengebirge  und  die
Sierra  Nevada  und  verband  so  unter  Aufwendung  großer  Kapitalien  und  vieler  Arbeit
den  Atlantischen  mit  dem  Stillen  Ozean,  erschloß  mit  dieser  ersten,  1869*)  eröffneten

71.  Die  Weinzrttlwand  &amp;lt;Krmmcrinsl&amp;gt;ahn1.  Roch  einer  Ausnahme  von  Würthle  &amp;amp;  Co.  in  Salzburg.
Pacificbahn  (Zentral  Pacific)  der  Kultur  und  dem  Weltverkehr  weite  Gebiete.  Ihr  folgten
später  die  anderen  bekannten  Überlandbahnen  der  Neuen  Welt,  die  Northern,  die  Southern,
die  Canadian  Pacificbahn  u.  s.  w.,  die  wie  die  erstgenannte  Linie  sich  alle  durch  eine
hochinteressante  Linienentwickelung  in  den  Gebirgsstrecken  auszeichnen.  Es  sei  hier  nur
an  die  berühmte  Horseshoekurve  erinnert,  in  welcher  zwischen  Altoona  und  Gallitzin  die
Schluchtenhänge  des  Alleghanygebirges  kurz  vor  dessen  Scheiteltunnel  übersetzt  werden.
Die  Kurve  hat  Hufeisenform  und  ruht  zum  Teil  auf  hohen  Dämmen;  die  Steigung
beträgt  18°/o&amp;lt;&amp;gt;.
Die  Semmeringbahn  schmiegt  sich  thunlichst  den  Berglehnen  an,  infolgedessen  sie
auch  zur  Hälfte  in  Krümmungen  —  von  oftmals  kleinem  Halbmesser  (190  in)  —  liegt,
was  freilich  die  Fahrt  infolge  der  fortwährend  wechselnden  Ausblicke  in  die  Thäler  und
Schluchten,  auf  die  Bergkuppen  und  Gipfel  sehr  lohnend  macht.  Die  künstliche  Linien-*)

  Die  letzte  Schiene  dieser  große»,  die  Sierra  Nevada  in  2110  m  Höhe  überschreitenden
Bahn  wurde  unter  besonderer  Feierlichkeit  am  &amp;gt;0.  Mai  1869,  mit  goldenem  Nagel  aus  einer
Schwelle  von  Zedernholz  befestigt.  Für  Nordamerika  war  diese  Überlandbahn  von  hervorragender
Bedeutung.  In  vier  Tagen  durcheilt  jetzt  das  Dampfroß  diese  über  5000  km  lange  Bahnstrecke
(New  Uork-San  Francisco).
        <pb n="111" />
        110  Die  Eisenbahnen:  Linienführung.
entwickelmig  durch  Ausfahren  von  Seitenthälern  ist  hier,  wie  das  Kärtchen  der  Abb.  70*)
zeigt,  wiederholt  zur  Anwendung  gebracht.  So  wird  z.  B.  das  liebliche  Schwarzathal
durchzogen  und  mittels  des  auf  13  Steinbogen  ruhenden,  228  m  langen  Payerbach-Viaduktes
  übersetzt.  Die  Linie  gewinnt  durch  diese  Seitenabschwenkung  zwischen  den  in
der  Luftlinie  nahe  benachbarten  Stationen  Gloggnitz  und  Eichberg  171  in  Höhe.  Die
Wasserscheide  des  Semmerings  überschreitet  die  Bahn  zwecks  Vermeidung  des  noch  87  in
höher  gelegenen  Paßscheitels  in  einem  1430  in  langen  Tunnel,  dessen  Scheitelpunkt
896  in  über  dem  Meeresspiegel  liegt.  Trotz  dieser  verhältnismäßig  geringen  Meereshöhe
sind  die  klimatischen  Verhältnisse  doch  derart,  daß,  um  das  Vereisen  des  Tunnels  zu  verhüten, ­
  dieser  im  Winter  an  beiden  Mündungen  durch  Thore  geschlossen  gehalten  und
durch  einige  Öfen  geheizt  werden  muß.  Die  Thore  werden  nur  bei  Durchfahrt  der

72.  Galerie  der  Wrinxettlwand  (Semmeringbahn).

Züge  geöffnet.  An  Kunstbauten  besitzt  die  nur  42  km  lange  Linie  zwischen  Gloggnitz  und
Mürzzuschlag  15  Tunnel  mit  4500rnGesamtlänge  und  135  Brücken,  darunter  16Thalbrücken,
  die,  zumeist  auch  in  scharfen  Krümmungen  liegend,  stattliche  Bauwerke  darstellen.
Eine  der  schwierigsten  Baustellen  war  die  an  der  steil  abfallenden  etwa  300  rn  hohen
Weinzettlwand  (Abb.  71).  Es  folgen  sich  hier  drei  Tunnel  in  kurzem  Abstande,  die  durch
zwei  gemauerte,  mit  Seitenöffnungen  versehene  Galerien  nach  Abb.  72  verbunden  sind.
Diese  hochinteressante,  695  m  lange  Strecke  liegt  teils  in  der  Geraden,  teils  in  einem
Bogen  von  190  m  Halbmesser.  Unter  den  Viadukten  ist  der  über  die  Kalte  Rinne
der  hervorragendste.  Inmitten  einer  großartigen  Gebirgswelt  errichtet,  ist  er  technisch
dadurch  bemerkenswert,  daß  er  bei  184  m  Länge  gänzlich  in  einer  Krümmung  von  nur
190  rn  Halbmesser  und  mit  einer  Steigung  der  Fahrbahn  von  25  °/ 00  erstellt  wurde.  Er
besteht  aus  zwei,  zusammen  46  rn  hohen  Stockwerken,  von  denen  das  untere  mit  fünf  Bogen

*)  Der  Lageplan  enthält  auch  in  punktierten  Linien  alle  die  anderen  in  damaliger  Zeit
aufgestellten  Vorschläge  zu  einer  Reibungsbahn  über  den  Semmering.  So  war  eine  Nordlinie
(b,  b)  von  Payerbach  über  Prein  am  Raxenbach  entlang  geplant,  mährend  ein  anderer  Entwurf ­
  (a,  a)  einen  6000  m  langen  Tunnel  zwischen  Prein  und  Spital  vorsah.  Da  man  aber
derzeit  noch  die  Herstellung  so  langer  Tunnel  scheute,  so  schied  diese  sonst  vorteilhafte  Linie
von  vornherein  aus.  Vergl.  damit  S.  128.
        <pb n="112" />
        112

Die  Eisenbahnen:  Linienführung.

aus  Quadermauerwerk,  das  obere  mit  zehn  Bogen  aus  Ziegeln  errichtet  ist,  also  eigentlich
zwei  Brücken  übereinander.  Abb.  73  läßt  den  Ban,  wenn  auch  stark  verkürzt,  erkennen
und  zeigt  auch  das  der  Semmeringbahn  eigentümliche  enge  Anschmiegen  der  Linie  an
das  Gelände.  Vielfach  wird  sie  durch  hohe  und  lange  Stützmauern  gesichert,  selbst
getragen.  Man  hat  sie  ihrer  vielen  Kunstbauten  wegen  nicht  mit  Unrecht  eine  gemauerte
Bahn  genannt.  Ihre  Anlagekosten  einschließlich  der  Ausgaben  für  Ausrüstung  betragen
  denn  auch  rund  50  Millionen  Mark,  das  macht  über  1  Million  Mark  für  das
laufende  Kilometer.
In  dieser  Ausführung  hat  sie  keine  Nachahmung  gefunden,  wie  schon  die  ihr  wenige
Jahre  später  folgende,  demselben  Lande  angehörige  Brennerbahn  zeigt.  Namentlich  führt
man  heutigestags  so  ausgedehnte  und  hohe  Thalübergänge*)  wohl  kaum  noch  stockwerkartig ­
  aus,  zieht  auch  der  Kostenersparnis  wegen  häufig  Eisen  vor.  Ein  solches  Beispiel
neuerer  Art  ist  außer  der  in  Abb.  65  u.  86  gezeigten  Anordnung,  die  1897  fertiggestellte
Müngstener  Thalbrücke  zwischen  Remscheid  und  Solingen  (Westfalen).  Ihre  Ansicht
ist  in  Abb.  74  wiedergegeben  (vergl.  auch  die  Tafel  beim  Abschnitt  „Brückenbau"),  um
einen  Vergleich  zwischen  einst  und  jetzt  auch  auf  diesem  Gebiete  zu  ermöglichen.  Sie  ist
die  ziveitgrößte  Brücke  auf  dem  europäischen  Festlande.  Ihr  170  m  weiter  Mittelbogen
liegt  im  Scheitel  mit  seiner  Unterkante  107  in  hoch  über  der  Wupper  und  ist  von  überwältigender ­
  Wirkung.  Ihr  Entwurf  und  ihre  Ausführung  rührt  von  der  Nürnberger
Maschinenbau-Gesellschaft  her,  die  damit  dem  deutschen  Brückenbau  zu  neuen  Ehren  verhelfen ­

  hat.  Überholt  wird  dieses  Kunstwerk  nur  von  der  Thalbrücke  über  den  Biaur
in  Frankreich,  deren  Mittelöffnung  220  in  Spannweite  und  116  in  Höhe  über  Thalsohle
besitzt.  An  Gesamtlänge  steht  sie  der  500  in  langen  Müngstener  Brücke  allerdings  nach.
England  übertrifft  bis  jetzt  durch  die  gewaltige  Firth  of  Forth-Brücke  (vergl.  Abb.  75
und  die  Abbildungen  im  folgenden  Abschnitte  über  Brückenbau)  alle  anderen  Eisenbahnbrücken ­
  der  Welt,  wie  es  auch  seiner  Zeit  die  erste  schmiedeeiserne  Eisenbahnbrücke  erstellte,
die  berühmte  Röhrenbrücke  über  die  Menai-Strait  im  Zuge  der  Eisenbahn  Chester-Holyhead(Abb.
  76).  Erbauer  dieser  Britanniabrücke  war  Robert  Stepheuson,  langjähriger
Leiter  der  von  seinem  Vater  George  gegründeten  Lokomotivfabrik  in  Newcastle-on-Tyne.
Die  Brücke  gilt  heute  noch  als  ein  Meisterwerk  der  Jngenieurkunst,  das  ein  unvergängliches ­
  Denkmal  seines  Schöpfers  bildet.  Gern  weilt  der  Fachmann  bei  ihrem  gewaltigen,
eigenartigen  Bau,  betrachet  sinnend  die  einfache,  aber  inhaltreiche  Inschrift  am  Portal:
„Robert  Stepheuson,  Engineer"  und  läßt  die  50  Jahre,  die  seit  ihrem  Bau  verflossen
sind,  an  seinem  geistigen  Auge  vorüberziehen.  Was  ist  in  ihnen  nicht  alles  ans  dem
Gebiete  des  Jngenieurweseus  geschaffen,  entwickelt  und  ausgereift,  wie  ist  dadurch  die
Kultur  gehoben  und  verallgemeinert,  wie  sind  dadurch  unsere  äußeren  Lebensverhältnisse
gründlich,  aber  segensreich  umgestaltet  worden!

*&amp;gt;  Besonders  hohe  Steinviadukte  früherer  Jahre  finden  sich  in  Sachsen,  wo  ihre  Höhe  über
Thalsohle  bis  80  in  erreicht,  wie  z.  B.  die  Muldenthalbrücke  der  Leipzig-Chemnitzer  Bahn
=  68  m)  und  der  berühmte  Göltzschthalviad  ukt  der  sächsischen  Staatsbahnen  (=  80  m).  —
Im  allgemeinen  kann  man  annehmen,  daß  bei  einer  Gleishohe  über  Thal  von  etwa  25  m  eine
Thalbrücke  einem  geschütteten  Damm  der  Kosten  und  Sicherheit  wegen  vorzuziehen  ist.  Örtliche
Verhältnisse  führen  auch  hier  zu  Ausnahmen;  so  finden  sich  in  Süddeutschland  mehrfach  Erddämme
von  etwa  30  in  Höhe,  während  der  Tamm  durch  das  Kohlbachthal  im  Zuge  der  Deggendorf-Eisenstein
  Bahn  sogar  45  in  hoch  ist.  Er  hat  mehr  als  l l 2  Million  Kubikmeter  Schüttmasse
erfordert.  Über  hölzerne  Thalbrücken  vergl.  S.  119.
        <pb n="113" />
        Ausfahren  von  Seitenthälern.  113
Das  vorstehend  erörterte  Ausfahren  von  Seitenthälern  ist  auf  der  Brennerbahn,
erbaut  1864  —  1867  nach  v.  Etzels  Entwurf,  zweimal  im  größeren  Maßstabe  zur  Anwendung
  gebracht,  bei  Stafflach  und  bei  Gosseusaß.  Bei  ersterem  Orte  biegt  die  Bahn
nach  Abb.  77  aus  dem  Hauptthale  der  Sill  in  das  hier  auslaufeude  Schmirner  Thal
ein.  Man  erblickt  vom  Wagen  aus  hoch  oben  auf  der  anderen  Thalseite  die  Mündung
des  Tunnels,  der  die  Richtnngsänderung  vermittelt.  Rechts  öffnet  sich  ein  herrlicher  Blick
in  das  Valser  Thal,  dessen  Hintergrund  durch  Gletscher  abgeschlossen  ist.  Nach  Durchfahren ­
  des  Tunnels  wird  dasselbe  übersetzt  und  jetzt  zur  Linken  erblickt.  Die  Bahn  zieht
sich  60  in  über  der  eben  passierten  Linie  weiter  am  Südhang  des  Schmirner  Thales
empor,  um  schließlich  wieder  mittels  eines  stark  gewundenen  Tunnels  in  das  Sillthal  einzubiegen ­
  und  dieses  weiter  zu  verfolgen.  —  Auf  dem  Abstiege  der  Brennerbahn  in  das

76.  Die  Sritanniabrückr  über  die  Mrnrnstratzr.  Älteste  größere  Eisenbahnbilleke  aus  Schmiedeisin.
Eisackthal  fällt  das  Gelände  zwischen  den  Stationen  Schellenberg  und  Gosseusaß  (Gotensitz
  [?])  steil  ab.  Beide  Punkte  liegen  in  der  Wagerechten  etwa  1100  m  voneinander  entfernt, ­
  in  der  Senkrechten  dagegen  176  in  untereinander,  was  bei  direkter  Linienführung
die  Neigung  von  167  °/ 00  (1:  6)  ergäbe,  also  nur  durch  eine  Zahnbahn  erreichbar  wäre.
Durch  Ausfahren  des  durch  seine  Gletscher  weitbekannten  Pflerschthales  (Abb.  78),  wobei ­
  die  Bahn  mit  ihren  zwei  untereinander  liegenden  Entwickelungsstreckeu  an  derselben
Thalseite  bleibt,  ist  erreicht  worden,  daß  die  Neigung  an  keiner  Stelle  22  °/ 00  (1:45)
überschreitet.  Die  Bahnlinie  ist  freilich  dafür  auch  um  mehr  als  7  Km  länger  geworden.
Man  gelangt  daher  auch  zu  Fuß  schneller  von  Schellenberg  nach  Gosseusaß  als  mittels
des  Zuges.  Der  am  Ende  des  Pflerschthales  gelegene  Tunnel  ist  die  erste  Anwendung
eines  längeren  halbkreisförmig  sich  hinziehenden  Kehr-  oder  Spiraltnnnels,  wie  solcher
später  an  der  Schwarzwald-  und  vor  allem  an  der  Gotthardbahn  in  größerem  Maßstabe
und  fast  kreisförmig  verlaufend  zur  Anwendung  gelangt  ist.  Die  Fahrt  auf  derartig
entwickelten  Bahnen  gestaltet  sich  meistens  äußerst  genußreich  infolge  der  wechselnden
        <pb n="114" />
        114

Die  Eisenbahnen:  Linienführung.

Niederblicke  auf  die  malerischen  Thalgrüude  und  Aussichten  auf  die  hehre  Gebirgswelt
mit  ihrem  Trümmergestein,  ihren  ewig  jungen  Gletschern  und  blendend  weißen  Schneefeldern. ­
  Die  Brennerbahn,  welche  allerdings  in  dieser  Hinsicht  der  Semmeringlinie  nachsteht, ­
  ist  134  km  lang.  Sie  enthält  30
Tunnels,  60  größere  und  viele  kleinere
Brücken.  Ihre  größte  Steigung  von  Innsbruck ­
  bis  zur  1367  in  über  dem  Meeresspiegel ­
  gelegenen  Paßhöhe,  der  Wasserscheide ­
  zwischen  Sill  und  Eisack,  beträgt
25 0 / 00  (1:40),  von  da  bis  Sterzing
22  °/ on  (1:  44).  Die  Baukosten  betrugen
56,4  Millionen  Mark,  was  in  Anbetracht
der  geleisteten  Arbeiten  nicht  sehr  hoch
ist,  hat  man  doch  sogar  bei  Matrei  die
Sill  an  stark  gekrümmten  Stellen  durch
einen  Tunnel  abgelenkt  (desgleichen  bei
St.  Peter  den  Mühlthalbach),  allerdings
zu  dem  Zwecke,  die  sonst  erforderlichen
Brücken  zu  ersparen  und  dafür  das  alte
Sillbett  mittels  Dammes  zu  übersetzen.
Im  Vergleiche  zur  Semmeringbahn  kann
sie  eine  brückeuarme  Linie  genannt  werden, ­
  wie  überhaupt  ihr  Bau  durch  sehrgeschickte
  Ausnutzung  des  Geländes  verhältnismäßig ­
  sparsam  ausgefallen  ist.  Es
77.  Führung  der  Krcnnerbuhn  ii»  Srhmirncr  Thal.  gekostet  1  Kill  Brennerbahn  420900
Mark,  dagegen  1  km  Semmeringbahn
1  190000  Mark.  Auch  auf  den  nordamerikanischen  Gebirgsbahnen  und  an  anderen
Orten  ist  das  Ausfahren  von  Seitenthälern  ausgenutzt  worden.
Eine  bemerkenswerte  Anwendung  dieser  Art  der  Linienentwickelung  auf  kleine  Bahnen
zeigt  die  1893  eröffnete  Iverdon-St.  Croix  Bahn  in  der  Westschweiz.  Beide  Endpunkte
haben  in  der  Geraden ­
  etwa  10Km
Abstand,  während ­
  die  Bahnlinie ­
  24,3  Km.
mißt.  Letztere  erreicht ­
  mit  durchschnittlich ­
  26°/ 00
Steigung  und
auf  einer  mehrere
Kilometer  langen ­
  Steilrampe
von  440(00  das
632  m  über
Iverdon  gelegene ­
  St.  Croix.
Die  Spurweite
beträgt  1  m.  Die
78.  Führung  der  Nrennrrbahu  im  Mcrschihale.  Züge  werden
durch  viercylindrige
  Wallet-Verbundlokomotiven  (S.  218)  befördert.  Die  Bergstrecke  gewährt  einen
prächtigen  Überblick  über  die  Hochebene  des  Waadt  bis  zu  der  alles  überragenden
Montblancgruppe.
        <pb n="115" />
        Entwickelung  durch  Spitzkehren.

115

Wir  kommen  nunmehr  zu  dem  zweiten  Verfahren  der  künstlichen  Linienentwickelnng:
Anlage  von  Serpentinen.  Die  Poststraßen  in  den  Gebirgsländern  sind  vielfach  in
zahlreichen  Windungen  von  der  Höhe  in  das
anschließende  Thal  hinabgeführt.  Berühmt  ist
der  gewundene  Abstieg  der  alten  Gotthardstraße
in  das  Val  Tremola,  ferner  die  von  Napoleon
angelegte  Zaberner  Steige  bei  Zabern  im  Elsaß,
die  ihren  Namen  von  den  vielen  Windungsstufen ­
  erhalten  hat,  mittels  derer  die  breite
Heerstraße  die  Höhe  am  „Karlssprung"  überwindet. ­
  Der  neben  dem  Rhonegletscher  durchgeführte  Abstieg  der  alten  Furkastraße,
ebenso  der  benachbarte  der  neuen  Grimselstraße  in  das  Wallis  wird  durch  sieben  zusammen-Einfache

  Kpitzketzrr.

so.  Doppelte  Spitzkehre  der  Eisenbahiitiine  Taug«-Muhesa.
Nach  dem  „Centratblolt  der  Bauveiwaltmig".

hängende  Serpentinen  bewerkstelligt,  während  die  neue,  vom  Chamonix  nach  dem  Wallis
führende  Fahrstraße  unweit  Triquent  in  etwa  30,  zwischen  Salvan  und  Vernayaz
sogar  in  50  Windungen  sich  senkt.  In  solchen  Zickzacklinien  kann  man  auch  eine  Bahnlinie ­
  an  einem  Hange  hinaufführen.  Die  erforderlichen  Richtungsänderungeu  an  den
Wendepunkten  werden  hierbei  entweder  durch  Bogen  oder  durch  Winkelspitzen  bewirkt,
und  demgemäß  unterscheidet  man  die  Schleife  und  die  Spitzkehre.  Das  letztere  Verfahren ­
  ist  das  einfachere  und  billigere,  da  sich  die  Kurven,  namentlich  bei  den  größeren
Spurweiten,  kaum  ohne  kostspielige  Kunstbauten  (Brückengerüste,  Kehrtunnel  u.  s.  w.)  durchführen ­
  lassen.  Die  einfache  Spitzkehre  ist  in  Abb.  79  schematisch  dargestellt.  Gesetzt,
es  sei  der  Punkt  a  durch  eine  Reibungsbahn  mit  dem  um  100  in  höher  und  in  der  Wagerechten ­
  1000  in  entfernt  liegenden  Punkte  b  zu  verbinden.  Die  unmittelbare  Schienenstraße ­
  würde  dann  die  Steigung  100  °/ 00  (1  :  10)  erhalten,  also  nicht  angängig  sein.
Führen  wir  dagegen  die  Linie  zunächst  mit  beispielsweise  40  °/ 00  (1:  25)  nach  einem  sert-15*
        <pb n="116" />
        136

Die  Eisenbahnen:  Linienführung.

wärts  und  1250  in  entfernt  liegenden  Punkte  c  und  von  hier  sodann  mit  derselben
Steigung  nach  b,  so  ist  die  Aufgabe  gelöst.  Die  Steigung  ist  ziveiundeinhalbmal
schwächer  geworden,  die  Bahnlinie  von  a  nach  b  dafür  freilich  um  ebensoviel  länger.
Es  gilt  auch  hier  der  alte  Grundsatz  der  Mechanik:  Was  an  Steigung  und  somit  an
Zugkraft  erspart  wird,  geht  an  Weg  verloren  und  umgekehrt.  Punkt  c,  der  alsdann
50  m  über  a  und  50  m  unter  b  liegt,  ist  als  Kopfstation  auszubilden.  Die  einfache
Spitzkehre  findet  sich  in  Deutschland  bei  Elm  an  der  Wasserscheide  zwischen  Main  und
Fulda,  ferner  bei  der  Harzbahn  Blankenburg-Tanne  (Station  Bast).  Im  Auslande
kommt  sie  mehrfach  vor,  z.  B.  ans  der  Neuenburger  Jurabahn,  bei  Chambrelien  und
Convers,  zwei  höchst  einsam  gelegenen  Bergstationen,  bei  Klosters  an  den  Rhätischen
Bahnen  u.  s.  w.
Abb.  80  zeigt  die  doppelte  Spitzkehre,  wie  sie  unter  anderem  auf  der  mit
1  Meter  Spur  angelegten  Usambara-Bahn  unserer  ostasrikanischen  Kolonie  vorkommt.
Durch  sie  wurde  hier  mit  4O°/ 00  (1:25)  Steigung  der  Osthang  des  Gebirges  überwunden
und  ein  beträchtlicher  Hvhengewinn  erzielt.
Vervielfältigt  man  die  Kehre,  so  haben  wir  die  eingangs  erwähnte  vielstufige
Serpentine.  Mehrfache  Spitzkehren  kommen  in  Deutschland  nicht  vor,  wohl  aber  in
Österreich  (Klostergrab  -  Moldau),  in  Australien,  Asien  (Darjeeling-Eisenbahn),  in
        <pb n="117" />
        117

Entwickelung  durch  Schleifen.
Nord-*)  und  Südamerika.  In  ausgedehntestem  Maße  sind  sie  bei  der  oben  schon  besprochenen ­
  Peruanischen  Zentralbahn  Lima-Oroya  zur  Anwendung  gebracht.  In  kühnen
Zickzacklinien  sind  hier  die  steilen  Kordillerenabhänge  genommen,  wohl  das  großartigste
Beispiel  dieser  Art  von  Linienentwickelung.  Jede  der  Kopfstationen  ist  hier  mit  einer
Drehscheibe  ausgestattet,  auf  der  die  Zuglokomotive  „gedreht"  wird,  so  daß  sie  stets
mit  dem  Schornsteine  voran  den  Zug  befördert.  Fehlt  die  Drehscheibe,  so  muß  auf  jeder
Station  ein  Umsetzen  der  Lokomotive  erfolgen,  oder  diese  zieht  und  schiebt  abwechselnd  den
Zug  (S.  94).  Die  Kopfstationen  sind  ein  Übelstand.  Sie  verlangsamen  nicht  nur  den
Betrieb,  sondern  machen  ihn  auch  unbequem  und  nicht  ungefährlich.
Für  Gebirgsbahnen  des  durchgehenden  Verkehres  stellt  sich  deshalb  die  Serpentine
mit  Wendekurven,  das  ist  die  Schleife,  im  allgemeinen  zweckmäßiger,  wenngleich  meistens
teurer  in  der  Anlage  durch  die  erforderlich  werdenden  Kunstbauten  an  den  Wendepunkten.
Eine  derartige  Schleife  beginnt  in  der  Regel  in  einem  stark  ansteigenden  Thale,  da,  wo

82.  Dir  Triberger  Kchtrifcn  aus  der  Vogelschau.

die  Linie  nur  noch  wenig  über  der  Thalsohle  oder  dem  Hochwasserspiegel  liegt,  wo  sie
also  tiefer  nicht  mehr  angeordnet,  aber  doch  noch  mit  dem  zulässig  kleinsten  Krümmungshalbmesser ­
  aus  ihrer  Richtung  in  die  Umkehr  abgelenkt  werden  kann.  Gewöhnlich  erfolgt
diese  Richtungsumkehr  (um  180°)  durch  einen  Kehrtuunel,  da  eine  offene  Führung  seltener
möglich  ist.  Die  Bahnlinie  zieht  sich  nun  rückwärts,  d.  h.  thalabwärts,  jedoch  unter  stetigem
Steigen,  bis  sie  in  einer  Seitenschlucht  mittels  eines  stark  gekrümmten  Einschnittes  oder
Tunnels  sich  wieder  um  180°  wenden  und  in  die  ursprüngliche  Richtung  thalanfwärts
einbiegen  kann.  In  dieser  verläuft  sie  nun  weiter,  aber  in  wesentlich  höherer  Lage  als
in  den  beiden  ersten  Strecken.  Denkt  man  sich  die  Schleife  senkrecht  durch  eine  Ebene
durchschnitten,  so  trifft  diese  dreimal  die  Bahn.  Bei  der  Fahrt  durch  eine  Schleife  macht
es  einen  eigentümlichen  Eindruck,  an  gewissen  Stellen  des  Thales  drei  Bahnlinien  in  ganz
verschiedener  Höhenlage  zu  erblicken.  Fährt  man  gerade  über  den  mittleren  Schleifenzug,
so  sieht  man  hier  und  da  die  untere  eben  verlassene  Gleisbahn  und  über  sich  den  noch  zu
passierenden  Bahnkörper.  Wer  eine  solche  Stelle  ohne  Eisenbahnkarte  zum  erstenmal  be-*)
  Die  Northern  Pacificbahn  überwand  früher  den  1210  m  über  betn  Meeresspiegel  gelegenen ­
  Stampedepaß  in  der  Sierra  Nevada  durch  Spitzkehren.  Sie  unterfährt  ihn  jetzt  in  einem
330  m  tiefer  gelegenen  3  bin  langen  Tunnel.
        <pb n="118" />
        118

Die  Eisenbahnen:  Linienführung.
fährt,  kann  sich  den  Zusammenhang  der  drei  Linien  nicht  klar  machen,  da  dieser  in  Tunneln
und  Seitenschluchten  verborgen  liegt.  Den  Anfang  zur  Schleifenbildung  sahen  wir  bereits
auf  der  Brennerbahn  gemacht.  In  ihrer  vollständigen  Entwickelung  finden  wir  sie  zuerst
auf  der  Mitte  der  sechziger  Jahre  in  Angriff  genommenen  Schwarzwaldbahn  Offenburg-Singen
  in  den  Triberger  Schleifen.  Sie  wurde  hier  gleich  in  einer  so  großartigen  und
wahrhaft  genialen  Weise  —  zweimal  dicht  hintereinander  —  zur  Ausführung  gebracht,  daß
sie  berechtigtes  Aufsehen  in  der  gesamten  Eisenbahnwelt  erregt  und  zur  Nachahmung  in
verschiedenen  Erdteilen  Anlaß  gegeben  hat.  Abb.  81  zeigt  den  Lageplan  dieser  beiden
in  der  Nähe  der  bekannten  Triberger  Wasserfälle  gelegenen  Schleifen.  Die  Steigung  in
ihnen  beträgt  fast  durchweg  20  °/ 00  (1:  50),  der  kleinste  Krümmungshalbmesser  300  in.

Da  die  Thäler  und  Schluchten  tief  in  die  steilen  Hänge  des  Schwarzwaldes  eingeschnitten
sind,  so  hat  mau  mit  Vorteil  die  Bahn  mehr  in  die  Berge  hineinverlegt,  hat  dadurch  viele
kostspielige  Thalbrücken  gespart,  mußte  dafür  freilich  recht  viele  Tunnel  anlegen.  Abb.  82
läßt  diese  meisterhaft  erdachte  Linienführnng  in  dem  schluchtenreichen  Waldgebirge  recht
klar  erkennen.  Auf  der  nur  28,7  km  langen  Strecke  Hornberg-St.  Georgen  finden  sich
nicht  weniger  als  34  Tunnel  mit  einer  Gesamtlänge  von  8,8  Lm,  darunter  der  1680  in
lange  Scheiteltunnel  bei  Sommerau,  in  welchem  die  Bahn  die  Wasserscheide  übersetzt.
Erfinder  der  Schleife  ist  der  verstorbene  Baudirektor  Gerwig.  Ihm  ist  in  Triberg,
dem  stark  besuchten  Glanzpunkte  des  Schwarzwaldes,  ein  wohlverdientes  Denkmal  errichtet, ­
  ähnlich  wie  es  Ghega  auf  dem  Semmering,  v.  Etzel  hoch  oben  auf  dem  Brenner
erhalten  hat.
Eine  besondere,  ganz  an  die  vorerwähnten  Serpentinen  der  Poststraßen  erinnernde
Anwendung  ohne  Kehrtunnel  hat  die  Schleife  mehrfach  in  Nordamerika  gefunden,  u.  a.  auch
        <pb n="119" />
        Amerikanische  Schleifen.  119
in  Colorado,  jenem  allbekannten,  an  wilden,  tiefen  und  besonders  langen  Schluchten,  erzreichen ­
  Minen,  wie  an  kühnen  Eisenbahnbauten  merkwürdig  reichen  Lande.  Durch  fünf
Stufen  (Abb.  88)  wird  hier  die  Ostseite  des  in  3  500  in  Meereshöhe  gelegenen  Hagermanpasses
  erstiegen*).  Diese  offene  Schleifenbildung  gehört  einer  Abzweigung  der  Denver
und  Rio  Grande  Bahn  an,  Nordamerikas  berühmtester  Bahnlinie**).  Das  Durchfahren
der  ziemlich  scharfen  Wendekurven  wird  durch  die  Bauart  der  amerikanischen  Wagen  (mit
Drehgestellen)  erleichtert.  Die  Linie  liegt  in  24  bis  33°/ 00  Steigung  und  mußte  mehrfach,
namentlich  in  den  Gleisbögen,  durch  Gerüstbauten  gestützt  werden.  Hierzu  wird  in  den
holzreichen  Gegenden  Amerikas  vielfach  das  billige  Holz  genommen.  Derartige  Holzbauten
werden  drüben  llrsstls  works  genannt.  Sie  bilden  eine  Eigentümlichkeit  amerikanischer
Eisenbahnen  und  Ursache,  daß  dort  häufiger  Brückeneinstürze  zu  verzeichnen  sind  als
anderswo.  Auch  durch
Brand  werden  solche
Anlagen  nicht  allzu
selten  zerstört.  Aufden
wichtigeren  Linien  sind
sie  vielfach  schon  durch
Eisenbrücken  oder
Erddämme  ersetztworden. ­
  Zur  Zeit  bestehen
aber  noch  etwa
117000  solcher  Holzwerke ­
  in  einer  Gesamtlänge ­
  von
8000  km***).  Zur
Veranschaulichung
dieser  in  Europa  nicht
üblichen  Bauweise
diene  Abb.  83.  Eine
andere  hierher  gehörige ­
  Sonderheit  in
der  äußeren  Erscheinung ­
  jener  Bahnen
bilden  die  zum  Schutze
derGleisegegenLawinensturz
  und  Schneeverwehungen ­
  nach  Art
der  Abb.  84  errichte-  Si.  Kchncedach  ;um  Kchutie  btt  Eisenbahnen,
len  Schneedächer.  Dachbelag  ist  der  Deutlichlett  wegen  fortgelassen.
*)  Die  Kehren  werden  durch  einen  in  der  Abbildung  angedeuteten  Tunnel  unterfahren,
der  von  den  Güterzügcn  und  bei  Verspätung  auch  von  Persouenzügen  benutzt  wird,
**)  So  durchzieht  z.  B,  diese  Bahn  zwischen  Pueblo  und  Salida  den  13  km  langen
Engpaß  des  Arkansas.  In  diesem  schmalen  Canon  kämpfen  überall  Bahn  und  Fluß  um  den
Platz.  Die  bis  800  ui  senkrecht  aufragenden  Felswände  scheinen  überall  den  Weg  zu  sperren.
An  einer  Stelle,  wo  der  wildbrauscnde  Fluß  die  ganze  Breite  dieser  Ricsenklamm  ausfüllt,  kreuzt
ihn  die  Bahn  auf  einer  Brücke,  die  au  zwei  in  die  Bergwände  eingelassenen  Eisengerüsten  aufgehängt ­
  werden  mußte.  Nachdenl  die  Bahn  mit  40  Steigung  den  kurvenreichen  Anstieg  zum
3309  m  hoch  gelegenen  Marshallpaß  und  in  gleicher  Weise  den  Abstieg  von  da  bewirkt  hat,  wobei ­
  sehr  lange  Schneegalerien  durchfahren  werden,  durchzieht  sie  sodann  das  Black  Canon,  eine
24  km  lange  wildromantische  und  sehr  enge  Schlucht,  die  mit  dem  vorgenannten  Canon  an
Schroffheit  und  Wechsel  der  Felsgruppcn  eisert.  Der  Reiseilde  kommt  in  dieser  unvergleichlichen
Gebirgswelt  aus  dem  Staunen  und  Bewundern  nicht  heraus.
***)  Die  Northern  Pacificbahn  ist  besonders  reich  an  diesen  Holzbauten.  Ihre  3312  um
lange  Hauptlinie  Portland-St,  Paul  besitzt  solche  in  einer  Gesamtlänge  von  rund  80  km  uno
bis  40  m  Höhe.  Ein  erheblicher  Teil  hiervon  liegt  auf  den  beiden  Hängen  des  ^lscugebirges,
die  sie  in  vielen  Serpentinen  überwindet.  Am  Osthauge  zählt  mau  auf  einer  32  km  langen
Strecke  45  dieser  hölzernen,  vielfach  in  den  Kehren  errichteten  Brückenwerke.
        <pb n="120" />
        120

Die  Eisenbahnen:  Linienführung.

Diese  langen  plumpen  Dächer  bezw.  Schutzgalerien  verleihen  den  Bahnen  gerade  kein
anmutiges  Gepräge,  sichern  aber  in  jenen  rauhen  Gegenden  wirksam  den  Bahnbetrieb.
Auch  in  offener  Spirale  kann  eine  Bahn  zur  Ersteigung  von  Höhen  geführt
werden,  wie  die  1898  eröffnete  Brockenbahu  zeigt.  Abb.  85  gibt  die  eigenartige,  durch
Schleife  und  Spirale  bewirkte  Entwickelung  dieser  höchsten  deutschen  Eisenbahn  wieder.
Die  Gipfelstation  liegt  1142  in  über  dem  Meeresspiegel.
Nicht  weit  von  der  Triberger  Linie  findet  sich,  ebenfalls  im  Schwarzwalde,  eine
neuere  Bahn,  die  in  Bezug  auf  künstliche  Entwickelung  in  Deutschland  ohnegleichen  dasteht. ­
  Es  ist  dies  die  1891  eröffnete  strategische  Bahn,  die  von  Jmmendingen  kommend
den  südlichen  Schwarzwald  im  Buchbergpaß  überschreitet  und  bei  Oberlauchringen  nahe
Waldshut  in  die  alte  Bahn  Singen-Basel  mündet.  Diese  Linie  wurde  im  Interesse  der

Landesverteidigung  erbaut  und  zwar  gleichzeitig  mit  der  an  das  elsässische  Netz  angeschlossenen ­
  Umgehungsbahn  bei  Basel  (I  in  Abb.  81)  und  der  ihre  östliche  Fortsetzung
bildenden  Douauthalbahn  Jmmendingen  bezw.  Tuttlingen-Sigmaringen.  Hierdurch  werden
sowohl  aus  der  badischen  Bahn  Singen-Basel  die  auf  Schweizer,  also  in  Kriegszeiten  auf
neutralem  Gebiet  belegenen  und  dann  für  Deutschland  nicht  benutzbaren  beiden  Strecken
a)  zwischen  Singen  und  Waldshut,  d)  bei  Basel  ausgeschaltet,  als  auch  direkte  Verbindungen
des  südlichen  Elsaß  und  Baden  über  Jmmendingen  mit  Ulm  geschaffen,  so  daß  jene
Landstriche  in  eine  unmittelbare,  dabei  nur  deutschen  Boden  berührende  Bahnverbindung
mit  dem  übrigen  Süddentschland  gebracht  sind.  Die  strategische  Bahn  Jmmendingen-Weizen,
  deren  Anschlußstrecke  nach  Oberlauchringen  schon  vorhanden  war,  ist  rund  45  ünr
lang  und  hat  einschließlich  der  beiden  26  iciu  langen  Neubaustrecken  der  Baseler  Umgehungsbahn ­
  (Leopoldshöhe-Lörrach  und  Schopfheim-Säckingen)  35  Millionen  Mark  gekostet, ­
  welche  Summe  zum  weitaus  größten  Teile  vom  Reiche  getragen  wurde.  Die
Militärbehörde  stellte  die  Bedingung,  daß  diese  Bahn  zwecks  ungehinderter  Durchführung
        <pb n="121" />
        BLumberg.

Restaurant

K  :

St.  Ottilien..

.Randen

Blumegg

Klaus  Auhof.

Steii  nlrach.

SchlaUerhof.

|£immelshofen

86.  Kagrplan  der  jlrritrgischur  SchwarWaldbahn  (Abschnitt  Weizen-Zollhaus).
IX  16
        <pb n="122" />
        122

Die  Eisenbahnen:  Linienführung.

langer  Militärzüge  durchweg  als  Reibungsbahn  mit  einer  Steigung  von  höchstens  10°/ 00
(1:100)  und  mit  Gleisbögen  von  mindestens  350  m  erbaut  würde.  Ihr  bemerkenswertester ­
  Abschnitt  ist  die  südliche  Bergstrecke  Weizen-Zollhaus  (Paßhöhe).  Sie  ist  in  der
Luftlinie  10  km  lang,  mit  einem  Höhenunterschiede  der  beiden  Endstationen  von  231  m.
Es  ergibt  dieses  eine  durchschnittliche  Steigung  von  23°/ 0n  (1:43),  wobei  aber  zu  beachten
ist,  daß  das  Gelände  an  einzelnen  Stellen  erheblich  stärker  ansteigt.  Um  daher  der
Forderung  der  Landesverteidigung  gerecht  zu  werden,  mußte  die  Linie  künstlich  erweitert
werden,  was  nach  Abb.  86  durch  mehrfache  Schleifenbildungen,  Ausfahren  eines  Thales
und  eine  ausgedehnte  Tunnelschlinge  erreicht  worden  ist.  Die  Bahnlänge  ist  dadurch  auf
25,5  km  gewachsen,  was  eine  Dnrchschnittssteigung  von  9  °/ 00  (1:111)  ergibt.  An  größeren
Kunstbauten  waren  auf  dieser  Strecke  sechs  Tunnel  mit  4600  in  und  vier  Thalbrücken
mit  780  in  Gesamtlänge  auszuführen.  Abb.  87  zeigt  zwei  größere  Bauwerke.  Das
obere  stellt  den  153  m  langen  Thalübergang  bei  Fützen  dar.  Die  Fischbauchträger
liegen  mit  ihrer  Fahrbahn  30  in  über  Thalsohle.

87.  Thalbrnckr  und  Tmiiirlschliuge  der  strutegischrn  Kchwarzwaldbahn.

Der  hervorragendste  Punkt  ist  unstreitig  die  große  Tnnnelschlinge  oberhalb  der
Station  Grimmelshofen.  Die  natürliche  Geländebildung  gestattete  hier  keine  offene  Linienentwickelung, ­
  ein  Seitenthal  fehlte,  man  mußte  sonach  seitlich  in  den  Berg  hineingehen,
d.  h.  die  Linie  durch  einen  spiralförmig  gestalteten,  stetig  ansteigenden  Tunnel  führen.
Nach  der  „Engineering"  entnommenen  Abb.  87  beschreibt  die  Bahn  hier  einen  vollen  Kreis,
sie  wird  also  um  360°  abgelenkt.  Ihr  unterer  Punkt  liegt  an  dieser  Stelle  22  m  senkrecht ­
  unter  dem  oberen  Gleiszuge.  Es  ist  dieses  die  einzige  Tunnelschlinge  (Spiraltunnel),
die  das  große  deutsche  Eisenbahnnetz  auszuweisen  hat.  Sie  selbst  ist  auch  die  größte  bis
jetzt  ausgeführte,  beträgt  doch  ihr  Durchmesser  nicht  weniger  als  700  iu.  Von  ihrem
2200  in  langen  Umfange  liegen  1700  iu  im  Tunnel.
Schlingen  können  auch  in  offener  Bahnlinie  zur  Anwendung  gebracht  werden,
dann  überschreitet  die  höher  gelegene  Strecke  auf  hoher  Brücke  die  untere.  Eine  derartig
ausgeführte  Linie  findet  sich  in  Colorado.  Abb.  88  gibt  in  einfacher  Linie  diese  in  2700  m
Meereshöhe  gelegene  hochinteressante  Schleifen-  und  Schlingenstrecke  der  Union  Pacific,
Denver  und  Gulf-Bahn  wieder,  durch  welche  zwei  Bergstädte  (Georgetown  und  Silver
Plume)  verbunden  werden,  die  in  der  Luftlinie  nur  etwa  1600  m  voneinander  entfernt
sind,  während  ihr  Höhenunterschied  2l3Uzin  beträgt.  Eine  direkte  Eisenbahnverbindung
        <pb n="123" />
        .Maß  stai)  1:25.000

Schleife  bei  Wasen.

Surùtù

Kehrtunnel  im  Tessinthale  bei  Faido  und  Dazio  Grande,

Kehrtunnel  in  der  Biaschinaschlucht,

Stati 1

Artoito-T.

Dazio  'grande

Dre  Linienentwickelung  der  Gotthardbahn  durch  Schleifen  und  Schlingen.
        <pb n="124" />
        123

Offene  und  Tunnel-Schlingen.

wäre  mit  einer  Steigung  von  133  '/2  °/oo»  also  nur  mittels  Zahnstange  möglich  gewesen.
Da  die  Anschlußbahnen  aber  als  Reibungsbahnen  ausgeführt  sind,  so  mußte  dieses  dem
Durchgangsverkehre  dienende  Stück  in  gleicher  Weise  betrieben  werden.  Es  gelang  durch
eine  höchst  eigenartig  durchgeführte  Entwickelung  der  Linie,  wodurch  freilich  die  Gleislänge ­
  auf  das  Vierfache  (6500  m)  angewachsen  ist,  die  Steigung  aber  auf  32 1 / 2 °/ co
beschränkt  wurde.  Die  Bahn  übersetzt  hier  viermal  das  enge  Clear  Creek  Canon;
die  Brücke  am  Schlingenschluß  liegt  mit  ihrer  Fahrbahn  50  m  über  dem  unteren
Gleisznge.
Die  Tunnelschlinge  nach  Art  der  Abb.  87  wendet  man  zweckmäßig  da  an,  wo  die
Enge  der  Thalschlucht  oder  auch  die  klimatischen  Einflüsse  die  offene  Entwickelung  der
Linie  nicht  gestatten.  Je  nach  Geländebeschaffenheit  und  Erfordernis  kann  durch  Wahl  des
Schlingendurchmessers  ein  größerer  oder  kleinerer  Höhengewinn  erreicht  werden.  Die
Möglichkeit,  den  wie  eine  Schraubenlinie  ansteigenden,  stetig  gekrümmten  Tunnel  noch
lüften  zu  können,  zieht  allerdings  die  Grenze.  Die  Tnnnelschlingen  sind  zuerst  bei  der

Gotthardbahn  unter  der  Bauleitung  von  Hellwag  angewendet  worden.  Gleichzeitig
wurde  bei  dieser  auch  die  Schleifenbildung  in  einer  einzig  in  der  Welt  dastehenden  Großartigkeit ­
  für  die  Linienentwickelung  benutzt.  Wir  sehen  auch  hier  wiederum,  wie  eine
Bahn  das  Vorbild  für  die  andere  abgibt:  Semmering  und  Brenner  für  die  Schwarzwaldbahn, ­
  und  diese  bezüglich  ihrer  Schleifen  für  die  Gotthardbahn,  letztere  wieder  mit
ihren  Tunnelschlingen  für  die  strategische  Schwarzwaldbahn  Weizen-Zollhaus.  Die
Gotthardbahn  hat  durch  ihren  kühnen  Entwurf  und  ihre  ungemein  schwierige  Bauausführung, ­
  namentlich  auch  bei  Herstellung  des  15  Icm  langen  Haupttunnels  in  der
ganzen  Welt,  nicht  bloß  in  technischen  Kreisen,  berechtigtes  Aufsehen  erregt.  Sie
bildet  einen  unvergänglichen  Merkstein  in  der  neueren  Geschichte  des  Eisenbahnwesens
und  soll  daher  auch  hier  in  ihren  wichtigen  Neuerungen  kurz  besprochen  werden.  Vor
allem  verdienen  die  gewaltigen  Tnnnelschlingen  mit  der  Wasener  Schleife  eingehendere
Würdigung.
Die  Gotthardbahn  ist  mit  einer  höchsten  Steigung  von  25°/ 00  (1  :40)  bis  21 0 [ 00
(1  :37)  durch  das  Reuß-  und  südlich  vom  großen  Tunnel  durch  das  Tessinthal  hindurchgeführt ­
  worden.  Auf  der  Vorderrampe  steigt  aber  das  Reußthal  aufwärts  mit
30  bis  40  °/ 00  und  selbst  68°/ 00  an,  also  wesentlich  stärker  als  die  Bahnlinie.  Jnfolge-16*
        <pb n="125" />
        124

Die  Eisenbahnen:  Schlingen  und  Schleifen  der  Gotthardbahn.

dessen  schneidet  die  letztere  mehrfach  die  Thalsohle  dicht  über  der  Hochwasserlinie  an.
50  liegt  sie  oberhalb  Gurtnellen,  am  sogenannten  Pfaffensprung,  eine  der  engsten  Stellen
der  Reuß,  die  hier  einen  30  in  hohen  Sturz  bildet,  über  den  der  Sage  nach  ein  wohlbeleibter ­
  Mönch  mit  einer  hübschen  Älplerin  im  Arm  gesprungen  sein  soll,  nur  noch  10  in
über  dem  Wasser.  Bei  der  starken  Thalsteigung  blieb  hier  nichts  anderes  übrig,  als  die
Linie  künstlich  zu  entwickeln.  Zu  dem  Zwecke  ist  nach  unserer  Tafel  der  Pfaffensprung-Spiraltunnel
  mit  280  bis  500  in  Halbmesser  angelegt.  Sein  unteres  Portal  liegt  ans
774  in  Meereshöhe,  seine  obere  Mündung  auf  809  in.  Durch  den  Tunnel  sind  also  35  in
Höhe  gewonnen,  wozu  noch  16  in  durch  die  offene  Strecke  bis  zu  dem  senkrecht  über  der
unteren  Tunnelmündung  gelegenen  Gleispunkte  kommen,  so  daß  durch  diese  Schlinge
51  in  an  Höhe  gewonnen  wurden.  Es  konnte  somit  die  Bahnlinie  von  hier  aus  ungefähr
3  km  in  dem  Thal  weiter  aufwärts  geführt  werden,  ehe  sie  oberhalb  Wasen  bei  Wattingen
dessen  Sohle  wieder  nahezu  erreichte.
In  dieser  ihrer  tiefsten  Lage  überschreitet  sie  die  Reuß  noch  eben  über  Hochwasser.
Eine  Schlinge  hätte  hier  zur  Wetterführung  nicht  genügt  oder  bei  größerer  Ausdehnung
Schwierigkeiten  für  die  Lüftung  bereitet,  es  mußte  deshalb  zur  Schleifenbildung  übergegangen
werden.  Diese  beginnt  beim  Reußübergang,  895  m  über  dem  Meeresspiegel,  mit  dem
1090  in  langen  Wattinger  Kehrtunnel,  übersetzt  23  m  höher  wieder  die  Reuß,  kehrt,am
linken  Ufer  in  Richtung  auf  Wasen  zurück  und  unterfährt  mittels  Kehrtuunels  (1095  in  lang)
den  Leggistein,  darin  25  in  sich  erhebend.  Nunmehr  zieht  sich  die  Bahn  oberhalb  der
Station  Wasen  —  am  Berghang  nach  Göschenen  hin,  wobei  sie  in  dem  1563  in  langen
Naxbergtunnel  drei  besonders  gefährliche  Lawinenthäler  unterfährt.  In  der  Schleife
kommen  noch  fünf  kleinere  Tunnel  vor.  Die  Neigung  in  ihren  offenen  Strecken  beträgt,
abgesehen  vom  Bahnhof  Wasen,  25°/o 0 .  Die  Krümmungshalbmesser  der  beiden  letztgenannten ­
  Kehrtunnels  betragen  300  in.  Die  beigefügte  Tafel  läßt  die  Längen-  und
Höhenverhältnisse  klar  erkennen.  Die  den  einzelnen  Tunuelmündungen  beigesetzten  Zahlen
bedeuten  deren  Höhenlage  über  dem  Meeresspiegel.
Die  Wasener  Schleife,  durch  die  (von  der  unteren  Mündung  des  Pfaffenspruugtunnels
  bis  zu  der  in  der  Geraden  3  km  entfernten  des  Naxbergtunnels  gerechnet)  256  m
Höhe  gewonnen  werden,  ist  eine  der  großartigsten  und  am  genialsten  angelegten  Strecken
im  neueren  Eisenbahnbau.  Außer  der  Reuß  übersetzt  sie  hier  dreimal  die  in  tiefer
Schlucht  wild  schäumende  Maienreuß  auf  hochgelegenen  Brücken.  Die  mittlere  hiervon,
wohl  jedem  Touristen  der  Gotthardstraße  durch  ihre  malerische  Wirkung  bekannt,  liegt
79  m  über  Wasser  und  ist  65  m  lang.
Jni  Gegensatz  zu  den  Schwarzwaldschleifen  sind  hier  alle  drei  Stufen  in  denselben
Thalhang  übereinander  eingeschnitten.  Dreimal  geht  die  Fahrt  an  der  auf  einem
Bergkegel  thronenden  Wasener  Kirche  vorbei,  nachdem  sie  zuvor  durch  diesen  Kirchberg
mittels  eines  300  m  langen  Tunnels  ihren  Weg  genommen  hat.  Bald  erblickt  man
die  Kirche  auf  der  rechten,  bald  auf  der  linken  Seite,  bald  vor  sich,  bald  hinter  sich,
anfangs  hoch  oben  auf  dem  Berge,  zuletzt  tief  unten  im  Thal.  Der  Reisende  glaubt
kaum  von  der  Stelle  zu  kommen.  Da  die  Kehren  in  den  finsteren  Tunneln  liegen,  so  erscheint ­
  die  Rundfahrt  um  den  Kirchberg  dem  Unkundigen  noch  rätselhafter.  Ist  man
schließlich  auf  der  obersten  Stufe  am  Dorfe  Wasen  vorbei,  so  sieht  man  unter  sich  die
eben  durchfahrenen  Strecken  und  erkennt  den  Zusammenhang.  112  m  tiefer  liegt  die  alte
Gotthardstraße,  die  zuvor  vom  Zuge  gekreuzt  wurde.  Auch  derjenige,  der  wiederholt
diese  Bahnlinie  durchfährt,  staunt  immer  aufs  neue  über  die  Eigenart  der  Anlage,  bis
nach  kurzer  Weiterfahrt  der  nahezu  15  km  lange  Riesentunnel  von  Göschenen  nach  Airolo
neuen  Stoff  zu  solchen  Betrachtungen  liefert  und  die  dann  folgenden,  in  ungemein  großartiger ­
  Hochgebirgswelt  gelegenen  Tunnelschlingen  der  Südrampe  ihm  nochmals  vollste
Überraschung  bereiten.  Sind  doch  hier  im  Tessinthal  vier  Kreisschlingen  zur  Ausführung
gebracht:  je  eine  bei  Faido  und  Dazio  Grande  und  zwei  in  der  engen,  steilen  Biaschinaschlucht. ­
  Hier  bilden  sie  sogar  nach  unserer  Tafel  eine  Doppelschlinge,  so  dicht  sind  hier
ihrer  zwei  neben-  und  übereinander  gelagert  —  eine  Riesenwendeltreppe  gleichsam  bildend,
über  die  der  Weltverkehr  seinen  Weg  nimmt.  Abb.  89  u.  90  zeigen  die  wilde  Tessin-
        <pb n="126" />
        89.  Dir  Kehren  ürr  Ciotthardlwhn  in  der  Dinschinaschlucht  nus  der  Vogelschau.
Nach  einer  Aufnahme  der  Gesellschaft  „Photoglob"  in  Zürich.
        <pb n="127" />
        126

Die  Eisenbahnen:  Linienführung.
schlucht  mit  den  offenen  Strecken  der  Doppelschlinge*).  Durch  diese  vier  Schlingen  wird
das  Tessinthal  in  ebenso  vielen  Stufen  nacheinander  genommen,  während  im  Reußthal
  bei  Wasen  außer  der  Pfaffensprnngschlinge,  wie  oben  erörtert,  drei  Höhenstufen
nebeneinander  angeordnet  liegen.  Der  durch  jede  der  fünf  Schlingen  erzielte  Höhengewinn ­
  beträgt  35—50  rn.  Wegen  der  in  Tunneln  stets  feuchten  Schienen,  daher  geringeren ­
  Reibung  zwischen  Lokomotivrad  und  Schiene,  ist  die  Steigung  in  den  Tunnelschlingen, ­
  ebenso  auch  in  den  Kehrtunneln  auf  22  bis  23  °/ 00  ermäßigt.  Die  stärkste
Steigung  von  270/00  findet  sich  im  Tessinthal  bei  Giornico.
An  Kunstbauten  ist  die  Gotthardbahn  überaus  reich.  Ein  Sechstel  von  ihr  liegt  in
Tunneln  und  Galerien,  deren  65  Stück  mit  einer  Gesamtlänge  von  42  km  vorhanden

90.  Die  Siaschrnaschlucht  bei  Giornico.  (Drei  Gleisstrecken  übereinander.)
Nach  einer  Aufnahme  des  Artistischen  Instituts  Orell  Füßli  in  Zürich.

sind,  d.  i.  mehr  als  die  Hälfte  der  Länge  aller  deutschen  Bahntunnel.  1046  Fluß-  und
Thalbrücken,  Straßenüberführungen  und  Durchlässe  mußten  hergestellt  werden;  kein
Wunder  bei  den  zahlreichen  Thälern,  Schluchten  und  Wasserläufen,  die  durchschnitten
wurden.  Und  welche  Summe  von  Arbeit  und  Kapital  liegt  in  den  vielen  Nebenbauten
begraben,  die  sich  dem  Auge  des  Reisenden  meist  entziehen!  Da  waren  mächtige  Schuttkegel ­
  und  Wildbäche  zu  unterfahren,  da  mußte  die  Bahn  gegen  Steinstürze  und  Lawinen,
gegen  Eisblöcke  und  Baumstämme  durch  Galerien,  Mauern  und  sonstige  Schutzbauteu
gesichert,  angeschnittenes  Felsgestein  durch  Mauerklötze  abgefangen  werden  u.  s.  w.
Die  höchste  Stelle  (1154  in  über  dem  Meeresspiegel)  liegt  in  der  Mitte  des  großen
Tunnels,  welcher  nach  Göschenen  (Nordseite)  zu  mit  5% 0 ,  nach  Airolo  mit  2°/ 00  abfällt.
Dieses  Gefälle  nach  beiden  Enden  hin  ist  der  Förderung  und  namentlich  der  Wasser*) ­
  Der  Zusammenhang  der  Gleisstrecken  in  der  Abb.  89  wird  ohne  weiteres  klar,  wenn
man  den  auf  der  Tafel  dargestellten  Lageplan  der  „Kehrtunnel  in  der  Biaschinaschlucht"  aus
der  oberen  linken  Ecke  betrachtet.  Abb.  90  deckt  sich  unmittelbar  mit  diesem  Lageplaue.  Die
offenen  Strecken  sind  als  starke,  volle  Linien  gezeichnet,  die  Tunnel  als  gestrichelte.
        <pb n="128" />
        127

Der  große  Gotthardtunnel.

abführung  wegen  erforderlich.  Der  Tunnel  ist  bis  auf  ein  kurzes  Stück  am  Südende  geradlinig ­
  durchbohrt.  Sieben  Jahre  und  fünf  Monate  waren  die  Mineure  auf  beiden  Seiten
in  angestrengtester  Arbeit  thätig  gewesen.  Als  dann  endlich  der  Durchschlag  tief  im  Gebirge ­
  —  7800  m  von  der  Nordmündung  entfernt  —  erfolgte,  da  wichen  die  Mittellinien
der  Tunnelhälften  sowohl  in  der  Breite  wie  in  der  Höhe  nur  wenige  Zentimeter  voneinander ­
  ab,  ein  gewiß  glänzendes  Ergebnis  und  ein  tadelloses  Zeugnis  sowohl  für  die
sorgfältige  trigonometrische  Vermessung  der  Tunnellinie,  bei  der  sogar  der  Polarstern  als
unverrückbarer  Punkt  herangezogen  war,  als  auch  für  die  genaue  Festlegung  der  Achse
im  Tunnelinneren.
Auf  die  hochinteressanten  Arbeiten  im  Tunnel,  zu  denen  ein  ganzes  Heer  von  Arbeitern
herangezogen  war,  näher  einzugehen,  ist  nicht  Zweck  dieser  Arbeit.  Es  genüge  hier  anzuführen, ­
  daß  zeitweilig  die  Arbeiten  durch  Wasserandrang  sehr  erschwert  wurden.  Es  wurden
einmal  Wasseradern  angeschlagen,  die  1200  cbm  in  der  Stunde  lieferten.  An  anderen  Stellen
wiederum  war  der  Druck  des  Gebirges  so  gewaltig,  daß  die  ungemein  starke  Holzzimmeruug
wiederholt  zerknickt,  die  Ausmauerung  später  zerstört  wurde.  Namentlich  unter  der  Andermatter ­
  Gegend  war  dieser  Druck  besonders  heftig.  Die  Gewölbemauerung  von  1  in  Stärke
wurde  dreimal  zertrümmert,  bis  man  sie  im  Scheitel  1,4  m  und  im  Widerlager  2 1 / 2  in  dick
aus  hartem  Granit  herstellte.  Sodann  war  die  Wärme  im  Tunnel  lästig.  Sie  nahm  mit
wachsender  Länge  desselben  zu.  Ws  Verfasser  1878  die  Bauarbeiten  besichtigte,  herrschte  in
einem  Abstande  von  etwa  3  km  vom  Nordeingange  bereits  eine  Temperatur  von  23°  0.
(Die  Verschiedenheit  der  Außentemperatur  hat,  wie  sich  auch  jetzt  wieder  im  Eigertunnel  gezeigt ­
  hat,  keinen  nennenswerten  Einfluß  auf  die  Wärme  im  Tunnel,  solange  dieser  nicht
durchgeschlagen  ist).  Nahe  der  1700  m  hoch  vom  Gebirge  überlagerten  Tunnelmittc  stieg  die
natürliche  Gesteinswärme  später  aus  ungefähr  31°  0.  Die  Luftwärme  steigerte  sich  hier  infolge
der  menschlichen  Thätigkeit  (Sprenggase,  Lampenlicht  u.  s.  w.)  auf  ungefähr  34°  0.  bei  —5°
Außentemperatur.  Die  Tunnelarbeiter  konnten  auch  nur  sehr  leicht  bekleidet  thätig  sein.  Die
hohe  Wärme  war  ihr  ärgster  Feind.  Nach  der  Vollendung  des  Tunnels  sank  sic  infolge  der
natürlichen  Luftströmung  auf  etwa  17°  0.  im  Mittel.  Im  September  1872  hatten  die  Arbeiten
im  Tunnel  bei  Göschenen  auf  der  Nord-  und  bei  Airolo  ans  der  Südseite  begonnen.  Im
Frühling  1873  nahm  die  Maschinenbohrung  ihren  Anfang.  Mehrere  Tausend  Arbeiter  —
meistens  Italiener  —  waren  seitdem  ständig  in  Thätigkeit  gewesen.  Am  Abend  des  28.  Februar
1880  endlich  drang  der  Bohrer  einer  Bohrmaschine  von  der  Südseite  her  durch  die  letzte
noch  trennende  Gesteinswand:  eine  Verbindung  zwischen  den  beiden  Tunnclhälften  war  geschaffen. ­
  Als  ersten  Gruß  vom  Süden  schickte  man  das  Bild  Louis  Favres  hindurch,  des
thatkräftigen  und  sachkundigen  Unternehmers  der  Tunnelarbeiten,  der  plötzlich  am  19.  Juli
1879  im  Tunnel  am  Schlagfluß  verstorben  war.  Ihm  galt  darum  dieser  stumme  Gruß,  ein
rührendes  Zeichen  der  Anhänglichkeit  und  Anerkennung  von  seiten  seiner  ehemaligen  Untergebenen. ­
  Am  29.  Februar  1880  fiel  sodann  die  Scheidewand  vollends.  Der  Durchschlag  war
geschehen,  freudig  begrüßt  von  der  ganzen  zivilisierten  Welt.
Am  1.  Juni  1882,  nach  zehnjähriger  Bauzeit,  konnte  die  Gotthardbahn  den:  Verkehr  übergeben ­
  werden.  Ihr  damals  240  km  langes  Netz  —  Jmmensce-Chiasso  und  zwei  Abzweigungen
bei  Bellinzona  —  hat  einschließlich  Ausstattung  180  573  000  Mark  gekostet,  das  macht
752  386  Mark  für  das  Kilometer.  Zu  dieser  Summe  haben  die  drei  an  der  Bahn  interessierten ­
  Staaten  95,2  Millionen  Mark  als  Zuschuß  &amp;amp;  fonds  perdu  beigetragen  und  zwar:

Deutschland  24  Millionen  Mark,
die  Schweiz  24,8  „  „  ,
Italien  46,4  „  „  .

Das  übrige  ist  durch  Ausgabe  von  Aktien  und  Schuldscheinen  ausgebracht  worden.  Die  Gotthardbahn ­
  ist  in  den  letzten  Jahren  mit  einem  weiteren  Kostcnaufwande  von  30  Millionen
Mark  zweigleisig  ausgebaut  und  von  Jmmensee  nach  Luzern  erweitert  worden.  Der  Kostenersparnis ­
  wegen  war  die  Bahn  nur  eingleisig  hergestellt  worden.  Der  Einbau  des  zweiten
Gleises  begegnete  besonderen  Schwierigkeiten,  zumal  er  ohne  Störung  des  Betriebes  bewirkt
werden  mußte.  Nur  der  große  Tunnel  war  von  Haus  aus  für  zwei  Gleise  ausgebrochen
worden.  Die  aus  ihm  entsernte  Gestcinsmenge  beläuft  sich  auf  etwa  800  000  cbm.  Diese
Masse,  auf  offene  Güterwagen  verladen,  würde  einen  Riesenzug  bilden,  der  von  Hannover
über  Köln  bis  Hcrbesthal  reichte.
Durch  den  Bau  der  Gotthardbahn  ist  das  Eisenbahnwesen  ungemein  bereichert
worden.  Die  bei  ihm  gesammelten  vielseitigen  Erfahrungen  haben  fruchtbringend  auf  die
Technik  zurückgewirkt.  Vor  allem  ist  dem  Tunnelbau,  der  noch  nie  zuvor  eine  solch  ausgedehnte ­
  Nutzanwendung  gefunden  hat,  eine  ganz  besondere  Förderung  widerfahren.  Die
Fortschritte,  die  mit  der  Zeit  hierin  zu  verzeichnen  sind,  zeigen  sich  recht  deutlich  bei  den
großen  Tunneln  der  europäischen  Alpenbahnen  sowohl  in  der  Länge  ihrer  Bauzeit,  als  auch
in  der  Höhe  der  Baukosten.  Nachstehende  Übersicht  gibt  die  betreffenden  Vergleichszahlen:
        <pb n="129" />
        128

Die  Eisenbahnen:  Linienführung.

Name  des  Tunnels

Bauzeit

Länge  in
Metern
rund

Gesanukosten  in  Mark
für
den  ganzen  j  „  ^
Tunnel

Art  der  Tunnelbohrung

Mont  Cenis.  .  .

1861-1871

12  200

60  000  000

4  900

Preßluft

St.  Gotthard  .  .

1872—1881

15  000

48  000  000

3  200

Preßluft

Arlberg  ....

9&amp;gt;!o  Jahre
1880-1884

10  250

32  440  000

3165

Auf  einer  Seite  Preßluft,
auf  der  anderen  Preßwasser.

Simplon  ....

1898-1904?
öpe  Jahre

19  800

55  600  000

2  800*)

Preßwasser

Der  Mont  Cenistunnel  ist  der  erste  durch  Mnschinenkraft  erbohrte  Tunnel.  Bis
dahin  kannte  man  nur  die  viel  weniger  leistungsfähige  und  weit  kostspieligere  Handbohrung.
Der  Herbst  1898  in  Angriff  genommene  Simplontunnel  im  Zuge  der  Eisenbahn  von
Brig  (Wallis)  nach  Domo  Dossola  (Italien)  soll  vertragsmäßig  in  5ftz  Jahren  fertiggestellt ­
  werden,  was  eine  ganz  ungewöhnlich  kurze  Banzeit  ist.  Für  jeden  Tag  früherer
Vollendung  erhält  der  Unternehmer  4000  Mark  Prämie,  welche  Summe  er  anderseits
der  Jura-Simplon-Eisenbahngesellschaft  für  jeden  Tag  späterer  Fertigstellung  zu  zahlen
hat.  Vertraglich  ist  ferner  als  Bausumme  einschließlich  aller  Nebenkosten  der  Betrag  von
rund  2800  Mark  für  das  laufende  Meter  Tunnellänge  festgesetzt.  Das  ist  noch  weniger
als  beim  Arlberg-Tunnel  und  obgleich  am  Simplon  die  Transportlängen  fast  doppelt  so
groß  sind.  Man  arbeitet  demnach  heute  dreimal  so  schnell  und  gleichzeitig  43  °/ 0  billiger
als  wie  vor  30  Jahren  am  Mont  Cenis!  Dabei  muß  am  Simplon  über  1  Million
Kubikmeter  Gestein  losgebrochen  und  auf  durchschnittlich  5  km  Länge  fortgeschafft  werden.
Diese  Riesenarbeit  wird  unter  Zuhilfenahme  von  Preßwasser  für  den  Betrieb  der  zuerst
beim  Pfaffensprungtunnel  der  Gotthardbahn  benutzten  Brandtschen  Gesteinsbohrmaschinen,
von  Dynamit  für  das  Sprengen,  sowie  von  Preßluft  für  den  Transport  der  Gesteinsmengen ­
  bewältigt  werden,  während  Preßluft  auch  in  das  Tunnelinnere  geleitet  wird,  um  zu
lüften.  Man  rechnet  in  der  Nähe  der  Tunnelmitte  auf  eine  Wärme  von  mindestens  40°  6.
Hierbei  würde  sich  elektrische  Glühlichtbelenchtung,  wie  sie  zur  Zeit  auch  im  Eigertunnel
eingerichtet  ist,  besonders  vorteilhaft  erweisen.  Sie  verdirbt  nicht  die  Luft  durch  Brenngase
und  Erhitzung  und  bietet  eine  wesentlich  größere  Helligkeit.  Ihrer  Anwendung  statt  der
zur  Zeit  noch  benutzten  Öllämpchen  soll  die  leichte  Beschädigung  der  Zuleitungskabel
entgegenstehen.  Es  ist  ein  großer  Gegensatz  in  den  äußeren  Verhältnissen  der  Arbeitsstelle ­
  vor  Ort,  wie  sie  früher  noch  im  Gotthardtunnel  durch  die  knatternden  Ferrouxbohrmaschinen
  und  die  trübseligen  Öllampen  der  Mineure  geschaffen  waren  und  wie  sie
jetzt  im  Eiger  und  Simplon  vorliegen.  Hier  herrscht  während  der  Bohrarbeit  Ruhe
(Simplon)  und  Helligkeit  (Eiger),  und  es  war,  verglichen  mit  dem  Gotthard,  ein  wahres
Vergnügen,  sich  im  Eigertunnel  „vor  Ort"  inmitten  der  Bohrmaschinen  aufzuhalten
und  zuzuschauen,  wie  die  Stahlbohrer  in  das  seit  Erschaffung  der  Welt  unberührte  Felsgestein
  eingetrieben  werden,  um  Raum  zu  schaffen  für  die  Sprengmittel,  diese  gewaltigen
Energieträger,  die  der  menschliche  Geist  geschaffen  hat  und  deren  plötzliche  Arbeitsentwickelung ­
  das  härteste  Gestein  zu  Falle  bringt.  Bei  den  wirkungsvollen  Hilfsmitteln,
die  der  Ingenieur  am  Eiger  und  am  Simplon  in  seine  Dienste  gestellt  hat,  steht  zu  hoffen,
daß  beide  Unternehmungen  erfolgreich  durchgeführt  werden  —  wenn  nur  für  die  erstere
auch  das  Geld  stets  zur  Stelle  ist.
Wie  stolz  war  doch  vor  130  Jahren  der  Erzbischof  von  Salzburg  auf  die  Fertigstellung ­
  des  bekannten  Tunnels  („Neuthor")  jener  Stadt,  den  er  in  den  Jahren  1765
bis  1767  durch  die  Nagelflue  des  Mönchbergs  brechen  ließ.  Er  glaubte  in  diesem  kurzen

*)  Die  Bausumme  ist  für  zwei  eingleisige  Tunnel  veranschlagt.  Zunächst  wird  ein  solcher
Tunnel  hergestellt  und  gleichzeitig  in  17  m  Abstand  davon  ein  durch  Querschläge  mit  ihm  verbundener
Stollen  vorgetrieben,  durch  den  u.  a.  den  Arbeitsstrecken  die  nötige  Frischluft  zugeführt  wird.
Hierfür  sind  insgesamt  43,8  Millionen  Mark  vorgesehen,  während  der  spätere  Ausbruch  des  Stollens
auf  den  vollen  Tunnelquerschnitt  für  12  Millionen  Mark  durch  die  Unternehmung  bewirkt  werden
muß.  Als  Vollenduugstag  des  ersten  Tunnels  ist  der  13.  Mai  1904  festgesetzt.
        <pb n="130" />
        91.  Beginn  eines  Tunnelbaues  an  der  Gorncrgratbahn.
Nach  einer  Aufnahme  der  Photographen  Fume  &amp;amp;  Co.  in  Zermatt.

92.  Fertiges  Tunnelportal  der  Gornrrgratbahn.
Nach  einer  Aufnahme  der  Photographen  Fume  &amp;amp;  Co.  in  Zermatt.
IX  17
        <pb n="131" />
        130  Die  Eisenbahnen:  Linienführung.
Felsengange  ein  gewaltiges  Werk  geschaffen  zu  haben  und  brachte  deshalb  auch  an  der
Stadtseite  sein  Bildnis  an  mit  der  Überschrift:  „Te  saxa  loquuntur“  (Von  dir  reden
die  Felsen!).  Und  doch,  wie  winzig  erscheint  uns  heute  diese  durch  festes,  trocknes  Gestein
getriebene  Tunnelstrecke!  Wie  ist  unser  Maßstab,  den  wir  an  die  Arbeiten  und  Leistungen
der  Jngenieurkunst  zu  legen  gewohnt  sind,  seitdem  gewachsen!  Heute  werden  Tunnel
nicht  nur  durch  Hochgebirge  getrieben,  sondern  auch  unter  dem  Flußbett  der  Ströme  hin,
mag  dieses  aus  festem  oder  wasserdurchlässigem  Gestein,  aus  Thon  oder  aus  Schlamm
bestehen.  Die  Eisenbahntunnel  unter  dem  Mersey  (Liverpool),  Severn  (Bristol),  Hudson
(New  Aork),  der  Themse  (London)  und  viele  andere  sind  beredte  Beispiele  hierfür.  Auch
der  kürzlich  vollendete  Spreetunnel  bei  Berlin,  der  durch  das  lockere  Schlammbett  der
Spree  getrieben  ist  und  elektrischem  Straßenbahnbetriebe  dient,  gehört  hierher.
Wie  mühsam  im  Hochgebirge  meistens  die  einleitenden  Arbeiten  zum  Tunnelausbruch
sind,  möge  Abb.  91  veranschaulichen.  Die  Arbeiter  haben  hier  die  ersten  Steinbohrcr
in  die  Wand  getrieben,  um  darauf  vermittelst  Rundhölzer  oder  Bretter  einen  Standpunkt
beim  Anbohren  bezw.  Ausbrechen  des  oberen  Gesteins  zw  finden.  Ein  fertiggestelltes
Portal  derselben  Bahn  zeigt  Abb.  92.  Noch  unbequemer  sind  häufig  die  Vermessungen
an  steilen  hohen  Felswänden  auszuführen,  in  die  hoch  oben  die  Linie  eingeschnitten  werden
soll.  Hier  müssen  die  Arbeiter  oftmals  an  den  Seilen  heruntergelassen  werden,  um  so,
schwebend  zwischen  Himmel  und  Erde,  die  Zeichenfestlegung  vorzunehmen.  In  dieser
Weise  ist  z.  B.  die  Arth-Rigibahn  an  der  530  m  langen  senkrechten  „Kräbelwand",  deren
Höhe  über  Thalsohle  bis  zu  150  iw  reicht,  vermessen  worden.  Seile  und  Strickleitern
gaben  hier  den  Technikern  den  ersten  schwankenden  Halt.  Auch  am  Semmering,  Brenner
und  anderen  Orten  konnten  die  oft  recht  schwierigen  Vermessungsarbeiten  vielfach  nur  am
Seil  durchgeführt  werden.
Anwendung  der  Zahnstange  bei  Eisenbahnen.
Die  im  Vorstehenden  erörterten  vier  Mittel,  welche  für  die  Überwindung  starker
Steigungen  bei  Wasserscheiden  und  Gebirgssätteln,  bei  steilen  Hängen  und  Thälern  in
Frage  kommen  können,  als  Ausfahren  von  Seitenthälern,  Spitzkehren,  Schleifen,  Schlingen,
finden  in  erster  Linie  bei  Reibungsbahnen  Verwendung,  deren  Steigungen,  wie  früher
erörtert,  im  allgemeinen  nicht  über  40°/oo  (1:25),  bei  Hauptbahnen  sogar  nicht  gern
über  250/00  (1:40)  gewählt  werden.  Handelt  es  sich  nun  darum,  wesentlich  stärkere
Steigungen  als  vorstehend  angegeben,  unmittelbar  zu  überwinden,  so  greift  man  zu  dem
Mittel,  das  bereits  zu  Anfang  der  Entwickelung  des  Eisenbahnwesens,  im  Jahre  1812
von  Blenkinsop  benutzt  worden  war  —  zur  Zahnstange.  Damals  wurde  sie  allerdings
infolge  irrtümlicher  Anschauungen  auch  für  wagercchte  oder  schwach  geneigte  Strecken  in
Vorschlag  gebracht,  bis  man,  wie  auf  S.  189  geschildert,  erkannte,  daß  hierbei  die  Reibung
zwischen  dem  genügend  belasteten  Lokomotivrad  und  der  Fahrschiene  auch  für  das  Fortschaffen ­
  großer  Lasten  ausreichte.  Die  Zahnstange  verschwand  sehr  bald,  abgesehen
von  der  66  a / s  °/ 00  (1:15)  Steigung  besitzenden  Middleton  -  Kohlenbahn,  aus  der  die
Blenkinsop-Lokomotive  bis  zum  Jahre  1839  benutzt  wurde.  Man  begnügte  sich  allerdings
auch  bei  den  ersten  Reibungsbahnen  mit  verhältnismäßig  schwachen  Steigungen  oder  überwand ­
  etwaige  Steilrampen  mittels  Seilbetriebes.  Erst  35  Jahre  nach  Blenkinsops  Versuch
tauchte  die  Zahnstange  in  Nordamerika  wieder  auf.  Cathcart  benutzte  sie  zur  Ersteigung
einer  langen  Steilrampe  von  6O°/ 00  (1:17)  Steigung  im  Zuge  der  Madison-  und
Jndianopolisbahn.  Im  Gegensatz  zu  seinem  Vorgänger,  der  die  Zahnstange  mit  der  einen
gußeisernen  Fahrschiene  vereinigt  hatte,  verwendete  Cathcart  bereits  eine  besondere,  freilich
auch  noch  gußeiserne  Zahnstange  mit  aufrecht  stehenden  Zähnen,  die  in  der  Mitte  zwischen
den  Schienen  befestigt  wurde.  Sie  stand  bis  1868  in  Benutzung,  fand  jedoch  Weiler  keine
Nachahmung,  hauptsächlich  wohl,  weil  die  gußeisernen  Zähne  nicht  sicher  genug  erschienen
und  die  Zahnradlokomotiven  dieser  Bahn  (Abb.  229  im  Abschnitt  „Betriebsmittel")  zu
verwickelte  Bauart  auswiesen.  Erst  als  die  Walztechnik  weiter  fortgeschritten  war  und  die
Herstellung  von  zähem  Formeisen  gestattete,  war  auch  die  Anfertigung  völlig  betriebs-
        <pb n="132" />
        '  -L  MZ  ?

Rigi-Kulm
(l800müb.  d.M.).
Station
Rigi-Kulm
(l75Omüd.d.M.).

Station
Rigi-Staffelhöhe.

Nigi-Kaltbad.
Eisenbahn  nach
Scheideck.

Station  Nomiti-Felsenlhor.


Station
Freibergen.

Schnur-Tobel-,
Brücke.

Tunnel.

Vitznau.

Rigi-Bahnhof.

Vierwaldstätter
See
(437  m  üb.  d.  M.).

93.  Dir  Mgibahn  von  Dihnau  nach  Kigi-Knim.
Nach  einer  Ausnahme  des  Art.  Instituts  Orell  Fühlt  in  Zürich.

17
        <pb n="133" />
        132

Die  Eisenbahnen:  Zahnbahnen.
sicherer  Zahnstangen  ermöglicht.  Die  Zahnstange  hat  der  gewöhnlichen  Reibungsschiene
gegenüber  den  Vorteil,  daß  sie  nicht  wie  diese  von  den  Witterungseinflüssen  beeinflußt
wird.  Die  Zahnradlokomotive  leistet  daher  stets  dasselbe,  während  die  Reibungslokomotive
bei  Glatteis  u.  s.  w.  erheblich  einbüßt  (vergl.  S.  170).
Marsh  baute  im  Jahre  1866—1869  eine  Zahnbahn  auf  den  in  den  Weißen
Bergen  Nordamerikas  gelegenen  1904  in  hohen  Mount  Washington,  einen  beliebten
Aussichtspunkt  in  der  „amerikanischen  Schweiz".  Hier  ist  zum  erstenmal  eine  schmiedeiserne ­
  Leiterzahnstange  (Abb.  155)  verwendet,  die  wie  bei  Cathcart  mitten  zwischen  den
Laufschienen  (Spurweite  1411  nun)  liegt  und  in  die  das  von  den  Dampfcylindern  angetriebene ­
  Zahnrad  der  Lokomotive  eingreift.  Damit  war  die  erste  lebensfähige  Zahnbahn ­
  geschaffen,  allerdings  nur  für  den  Touristenverkehr  bestimmt  und  für  kleine  Zuglasten
(bis  6500  kg)  geeignet,  letzteres  deshalb,  weil  die  größte  Steigung  dieser  denkwürdigen
4,54  km  langen  Bahn  377°/ 00  (1:2,5)  und  die  durchschnittliche  240  °/ 00  (1:  4,2)  beträgt.
Die  beiden  Endstationen  haben  1093  m  Höhenabstand.
Schon  1858  hatte  Marsh  die  behördliche  Bauerlaubnis  zu  dieser  Zahnbahn  erhalten.
Schwierigkeiten  in  der  Geldbeschaffung  verzögerten  die  Ausführung  um  acht  Jahre,  und
auch  dann  mußte  mit  größter  Sparsamkeit  gearbeitet  werden.  Hierdurch  wird  die
durch  die  Abb.  150  bis  153  veranschaulichte  eigentümliche  Gleisunterstützung  erklärlich.
Im  Sommer  1869  wurde  die  Bahn  dem  Verkehre  eröffnet.  Die  Züge  bestehen  seit  jener
Zeit  aus  einer  Lokomotive  und  einem  Personenwagen  mit  50  Sitzplätzen.  Die  Lokomotive ­
  ist  nicht  mit  dem  Wagen  gekuppelt  und  befindet  sich  an  dessen  unterem  Ende,
so  daß  sie  bei  der  Bergfahrt  den  Wagen  schiebt,  während  sich  dieser  bei  der  Thalfahrt
gegen  jene  lehnt.  Die  Festigkeit  der  Wagenkupplungen  kommt  dann  nicht  in  Frage,
was  die  Betriebssicherheit  erhöht.  Dieses  Verfahren  ist  seitdem  auf  alle  Lokomotiv-Steilbahnen
  übertragen  (vergl.  Abb.  94).  Für  die  ohne  Dampf,  lediglich  unter  der
eigenen  Schwerkraft  zu  Thale  gehenden  Züge  hatte  Marsh  bereits  die  heute  noch  gebräuchliche ­
  Luftgegendruckbremse  (S.  228)  erdacht  und  zur  Ausführung  gebracht.  Gerade
durch  dieses  Mittel  wird  dem  Betriebe  solcher  Bahnen  die  nötige  Sicherheit  gegen  Überschreitung ­
  der  zulässigen  Fahrgeschwindigkeit  wirksam  verliehen.
Wenige  Jahre  später  führte  der  Schweizer  Maschinen-Jngenieur  Riggenbach  (gest.
25.  Juli  1899)  die  erste  Zahnbahn  in  Europa  aus.  Es  ist  dies  die  weltbekannte,  am
21.  Mai  1871  bis  Staffel  (1600  m  über  dem  Meeresspiegel)  eröffnete  Rigibahn,  die
mit  250°/ov  (1:4)  größter  und  190°/og  (1:5)  mittlerer  Steigung  von  Vitznau  (440  in
über  dem  Meeresspiegel)  aus  den  Rigi  ersteigt  (Abb.  93).  Die  Bahnlänge  bis  Rigi-Kulm
beträgt  6858  m,  die  Zahnstange  enthält  68  580  Zähne.  In  diesem  Riesengebiß  muß  sich
das  mit  20  Zähnen  ausgestattete  Treibzahnrad  der  Lokomotive  3429  mal  abwälzen,  um
den  Zug  hinauszuschieben.
Riggenbach  hatte  schon  1863  ein  französisches  Patent  ans  eine  Zahnradlokomotive  und
eine  schmiedeiserne  Leiterzahnstange  genommen,  das  er  für  stark  geneigte  Bahnen  zu  verwerten
gedachte.  Er  war  damals  Leiter  der  Eisenbahnwerkstätten  in  Olten  und  lernte  als  solcher  die
Schwierigkeiten  kennen,  die  der  kurz  zuvor  eröffnete  2530  m  lange  und  mit  26  °/ 00  geneigte
Hauensteintunnel  &amp;lt;Olten-Basel)  dem  Zugbetriebe  bereitete.  Die  derzeit  noch  leichten  Lokomotiven ­
  schleuderten  auf  dieser  Strecke  oft  und  stark,  so  daß  vielfache  Betriebsstörungen
vorkamen.  Das  übliche  Sandstreuen  zwecks  Erhöhung  der  Schieucnreibung  (S.  170)  half
hier  wenig.  Dies  brachte  Riggenbach  nach  seinen  eigenen  Angaben  ans  den  Gedanken,  für
derartig  stark  ansteigende  Strecken  Zahnstangenbetrieb  zu  verwerten.  An  die  Ersteigung  hoher
Berge  durch  Zahnbahncn  hat  er  damals  noch  nicht  gedacht,  denn  dagegen  spricht  die  ganze
Kesselanordnnng  seiner  Patentlokomotiven.  Seit  1864  aber  suchte  er  auch  diese  Aufgabe  zu
lösen  und  zwar  durch  eine  Schraubenlokomotive,  deren  AntriebSschranbe  in  eine  Art  Zahnstange ­
  eingreift.  Im  Jahre  1866  von  einer  halbjährigen  Reise  nach  Nordamerika  zurückgekehrt, ­
  auf  der  er  die  Zähigkeit  der  Aankees  in  der  Verfolgung  ihrer  Pläne  kennen  lernte,
fertigte  er  Modelle  seiner  Zahnrad-  und  Schraubenlokomotive  an  und  führte  sie  mit  gleicher
Zähigkeit  zahlreichen  Ingenieuren  und  Geldleuten  vor.  Doch  nirgends  fand  er  Unterstützung
in  seinen  für  abenteuerlich  gehaltenen  Plänen.  Das  Blatt  wandte  sich  erst  zu  seinen  Gunsten,
als  1867  durch  einen  Bericht  des  in  Nordamerika  thätigen  Schweizer  Konsuls  Hitz  die  im  Bau
begriffene  Zahnbahn  auf  den  Mount  Washington  bekannt  wurde  und  auch  die  Frage  der  Gotthardbahn ­
  jetzt  verstärkt  auftauchte.  Riggenbach  gab  1868  im  Verein  mit  dem  Ingenieur  Zschokke
eine  Schrift:  „Überschienung  der  Alpen  mit  Zahnradbetrieb"  heraus,  in  der  der  wirtschaftliche
        <pb n="134" />
        134

Die  Eisenbahnen:  Zahnbahnen.

Nutzen  der  Zahnbahnen  nachgewiesen  wurde,  und  baute,  um  ihre  Brauchbarkeit  praktisch  klarznlegen,
  in  der  Oltener  Werkstätte  auf  einem  schrägen  hohen  Gerüste  eine  Probestrecke.  Auf
Anraten  von  Hitz  wurde  der  Rigi  für  die  erste  Ausführung  in  Aussicht  genommen,  da  dieser
durch  seinen  regen  Besuch  die  beste  Gewähr  für  die  Kostendeckung  bot.  Der  Ingenieur
Grüninger  wurde  zum  Mount  Washington  gesandt,  um  die  dortige  Bahnanlage  zu  studieren.
Sein  eingehender  Bericht  hat  viel  zur  Kräftigung  des  Unternehmens,  sowie  auf  die  Wahl  von
technischen  Einzelheiten  beigetragen.
In:  Jahre  1869  holte  Riggenbach  im  Verein  mit  seinen  Berufsgenossen  Zschokke  und
Raff  die  Baugenehmigung  (bis  Staffel)  ein,  worauf  das  Kapital  von  1  Million  Mark  sehr
bald  aufgebracht  war.  Noch  im  Herbste  jenes  Jahres  begannen  die  Bauarbeiten,  die  jedoch
durch  den  französischen  Krieg  1870/71  eine  Verzögerung  erlitten,  da  die  in  Ars  bei  Metz
gewalzten  Schienen  von  den  Deutschen  für  Kriegszwecke  beschlagnahmt  und  erst  im  Januar  1871
wieder  freigegeben  wurden.  Im  Mai  desselben  Jahres  erfolgte  dann  die  Betriebseröffnung
bis  Staffelhöhe.  Da  der  Verkehr  schnell  wuchs,  so  mußte  1873  ein  zweites  Gleis  von  Freibergen ­
  aufwärts  (Abb.  93)  angelegt  werden.  Die  Anlagekosten  einschließlich  der  später  vermehrten ­
  Ausrüstung  belaufen  sich  auf  1842  000  Mark.  Von  Staffel  nach  Kulm  konnte  die
Bahn  nicht  ausgebaut  werden,  da  die  Bauerlanbnis  dafür  mittlerweile  einer  anderen  Gesellschaft ­
  (Arth-Rigi)  erteilt  worden  war.  Durch  Pachtvertrag  wurde  die  Mitbenutzung  des
Gipfelgleises  gesichert.  Der  Einfluß  der  Mount  Washington-Bahn  aus  die  Rigiaulage  ist
unschwer  zu  erkennen,  nur  ist  alles  am  Rigi  besser  durchdacht  und  ausgereifter.  An  der
technischen  Ausbildung  der  Zahnstange  haben  übrigens  auch  die  beiden  Prosessoren  der  technischen
Hochschule  Zürich,  Culmann  und  Reuleaux  durch  ihren  Rat  bestimmend  mitgewirkt  und  zu
ihrer  vortrefflichen  Bauart  nicht  wenig  beigetragen.
Riggenbachs  Zahnbahn  wurde  schnell  bekannt;  denn  nun  wurde  Rigi-Külm  der  Mittelpunkt ­
  des  Schweizer  Fremdenverkehrs.  Hatten  ihn  früher  schon  etwa  40000  Personen  jährlich
erstiegen,  so  verdoppelte  sich  diese  Zahl  mit  Eröffnung  der  Bahn.  In  den  ersten  Jahren,  als
nur  3  Lokomotiven  zur  Verfügung  standen,  war  der  Andrang  der  Reisenden  oft  so  stark,
daß  viele,  darunter  namentlich  Engländer,  von:  Morgen  bis  znm  Abend  auf  Beförderung
geduldig  warten  mußten.  Jetzt  hat  die  Bahngesellschaft  ihren  Fahrpark  auf  10  Lokomotiven
und  12  Wagen  mit  je  54  Sitzplätzen  verstärkt,  und  alljährlich  fahren  in  rund  3700  Zügen
90  bis  100000  Personen  allein  auf  dieser  Bahn  hinauf,  um  sich  auf  dem  1800  m  über  dem
Meeresspiegel  liegenden  Gipfel  der  nach  allen  Seiten  frei  abfallenden  Rigipyramide  der  schönen
Rundsicht  zu  erfreuen.  Die  Auffahrt  selbst  mit  ihrem  fortwährend  sich  erweiternden  Rundblick
auf  die  malerischen  Seen  und  Matten,  auf  die  formenreichen  Thäler  und  Berge,  vor  allem
auf  die  Schnee-  und  Eisfelder  der  Hochalpen,  die,  je  höher  der  Zug  klettert,  immer  gewaltiger
hervortreten,  ist  schon  an  sich  ein  lohnender  Genuß.
Zu  dem  Riesenstrom  der  Reisenden  dieser  Bahn  kommen  dann  noch  etwa  40  bis
50000  Reisende  der  zweiten,  1875  eröffneten  Zahnbahn  Arth-Rigi,  so  daß  jetzt  130  bis
150  000  Personen  allein  durch  die  beiden  Bahnen  befördert  werden.  An  Tagen  beständiger,
klarer  Witterung  bietet  der  Rigi  das  Schauspiel  des  Sonnenauf-  und  Unterganges  in  einer
seltenen  Pracht  und  Umrahmung.  Dann  findet  eine  wahre  Völkerwanderung  nach  Rigi-Kulm
statt.  Es  fahren  in  der  Sonntag  Nacht  besondere  Züge  von  Zürich  u.  s.  w.  über  Arth  nach
dem  Rigi,  die  den  Fremden  pünktlich  zum  Beginn  des  Sonnenaufganges  auf  den  Kulm
hinausschaffen.  Stellt  sich  dann  die  Sonne  programmgemäß  ein,  so  wird  man  für  die  Mühen
der  Nachtfahrt  überreich  entschädigt,  zumal  die  Rundsicht  vom  Rigi  bekanntlich  in  ihrer  Art
unerreicht  dasteht.
Bei  einer  steilen  Zahnbahn  müssen  naturgemäß  besondere  Sicherheitsmaßregeln
für  den  Zugverkehr  getroffen  werden.  Zahnstange  und  Treibrad  sind  aus  bestem,  zähem
Material  anzufertigen,  die  Gleise  gegen  das  Abwärtswandern  zu  sichern  (vergl.  Abschnitt
„Oberbau")  und  die  Züge  mit  besonders  wirksamen  Bremsen  auszurüsten.  Gewöhnlich
besteht  ein  Zug  aus  Lokomotive  und  einem  Wagen.  Zur  Regelung  der  Fahrgeschwindigkeit ­
  sowie  zum  Anhalten  dienen  in  der  Regel  vier  verschiedene  Bremsen  an  der  Lokomotive,
darunter  die  schon  genannte  Luft-Gegendruckbremse,  welche  durch  Ansaugen  und  Zusammenpressen ­
  von  Luft  in  den  Dampfcylindern  die  Thalfahrt  sicher  und  kräftig  regelt.  Außer
zwei  Handbremsen  ist  meistens  noch  eine  selbstthätige  Bremse  vorhanden,  die  ohne  Zuthun
des  Personales  in  Wirksamkeit  tritt,  wenn  die  normale  Fahrgeschwindigkeit  von  z.  B.  7  km
auf  10  km  angewachsen  ist.  Auch  besondere  Fangklauen  sind  vorhanden,  die  die  Zahnstange ­
  umfassen  und  ein  Hochheben  der  Lokomotive  verhindern  sollen.  Für  viele  später
erbaute  Bergbahnen  sind  die  bewährten  Einrichtungen  der  ersten  Rigibahn,  namentlich  ihre
Lokomotive  und  Zahnstange,  vorbildlich  gewesen.
Die  erwähnte  zweite  Rigibahn  auf  dem  Osthange  des  Berges  ist  ebenfalls  von
Riggenbach  erbaut  und  hat  11,2  km  Länge  und  wie  die  erstere  Bahn  1435  mm  Spurweite.
Auf  ihrer  unteren,  1400  m  langen  Strecke  hat  sie  nur  24  °/ 00  Steigung.  Hier  wird  sie
        <pb n="135" />
        135

Steigungsverhältnisse  der  Zahnbahnen.

deshalb  ohne  Zahnstange  als  Reibungsbahn  mit  gewöhnlicher  Lokomotive  betrieben.  Die
Verwendung  zweier  verschiedener  Lokomotiven  bei  so  leichten  Zügen  und  aus  so  kurzer
Strecke  wie  hier  am  Rigi  macht  den  Betrieb  umständlich  und  teuer,  läßt  sich  aber  nur
dann  zweckmäßig  umgehen,  wenn  die  Zahnstangenrampen  weniger  steil  angelegt  sind.  In
solchem  Falle  kann,  nach  Riggenbachs  Vorgang  im  Jahre  1875*)  auf  der  Rorschach-Heiden
Bahn,  gemischter  Betrieb  eingeführt  werden,  d.  h.  die  entsprechend  gebaute  Lokomotive
arbeitet  auf  den  schwach  geneigten  Strecken  als  gewöhnliche  Reibungslokomotive,  wirkt
dagegen  auf  den  Steilrampen  als  Zahnradlokomotive,  unterstützt  durch  die  Reibung  zwischen
den  glatten  Treibrädern  und  Fahrschienen.  In  dieser  Weise  wird  z.  B.  auch  die  Gebirgsstrecke
  Giswyl-Meiringen  der  1888  eröffneten  Brünigbahn  betrieben  (vergl.  Abb.  62).  Die
Riggenbachschen  Lokomotiven  vermögen  jedoch  auch  auf  den  Reibungsstrecken  infolge  ihrer
Met.üb.  Meer

Bauart  nur  mit  mäßiger  Geschwindigkeit  zu  fahren,  was  sie  für  Bahnen  mit  starkem
Verkehre  weniger  geeignet  macht.
Es  war  deshalb  ein  erheblicher  Fortschritt,  als  im  Jahre  1882  Roman  Abt  in
Luzern  eine  Lokomotive  ersann,  die  auf  der  Zahnstrecke  recht  kräftig  zu  arbeiten,  auf  der
Reibungsstrecke  schnell  zu  fahren  vermochte.  Damit  war  die  Anwendung  von  Zahnradbahnen ­
  auch  auf  Strecken  stärkeren  Verkehres  ermöglicht.  Um  aber  diese  „gemischte"
Lokomotive  stets  voll  ausnutzen  zu  können,  was  wirtschaftliche  Vorteile  ergibt,  ist  freilich
Vorbedingung,  daß  die  Steilrampen  eine  gewisse,  sich  nach  der  Verkehrsstärke  richtende
Steigungsgrenze  nicht  überschreiten.  Im  allgemeinen  kann  man  als  ihren  ungefähren
Wert  annehmen:  1)  für  stark  benutzte  Touristenbahnen  125  °/ 0P ,  2)  für  Bahnen  mit  lebhaftem
Personen-  und  Güterverkehre  60  bis  80  o / 00 ,  3)  für  Bahnen  mit  starkem  Personen-  und

*)  Die  erste  vereinigte  Zahnrad-  und  Reibungslokomotive  hat  Riggenbach  bereits  1870  für
eine  V/ 2  km  lange  Steinbruchbahn  bei  Ostermundingen  (Bern)  entworfen  und  ausgeführt,  w  o
Bauart'hat  aber  keine  Nachahmung  gefunden.  Die  Zahnstange  ist  hier  ^e  von  Marsh.  e,
Lokomotive  nebst  einer  beweglichen  Zahnstangeneinfahrt  ließ  sich  Riggenbach  1872  m  umerim
patentieren.  In  seinem  ersten  Patente  von  1863  ist  bereits  der  Gedanke  zu  einer  solchen  Lokomottv
art  niedergelegt.
        <pb n="136" />
        136  Die  Eisenbahnen:  Zahnbahnen.
Güterverkehre  50°/ 00 .  Ein  Beispiel  für  den  ersten  Fall  ist  die  35  km  lange  Schmalspurbahn ­
  (Ina-Spur)  von  Visp  nach  dem  von  Freunden  erhabenster  Hochgebirgswelt(Matterhorn,
Gornergrat  u.  s.  w.)  so  viel  besuchten  Zermatt  im  Wallis  (Abb.  95).  Die  größte  Steigung  in
der  Reibungsstrecke  beträgt  28  °/ 00  (1:  36),  diejenige  der  insgesamt  7,5  km  langen  Zahnstangenrampen ­
  dagegen  125°/o 0  (1:8).  Die  29  000  kg  schwere  Abtlokomotive  befördert
45  000  kg  Zuglast.  Für  2)  diene  als  Beispiel  die  bosnische  Staatsbahn  Serajewv-Konjica
  (76ein-Spur.)  Größte  Steigung  auf  der  Adhäsionslinie  15  % 0  (1:67),  auf
der  Zahnstangenstrecke  6O°/ 0o  (1  :  16 a / 3 ).  Gewicht  der  Abtlokomotive  30  000  kg,  das
der  Zuglast  75  000  kg.  Ein  Beispiel  der  dritten  Art  bildet  die  Karpathen-Bahn  Tiszolcz-Zolyom
  brezo  (1435mm-Spur).  Größte  Steigung  auf  der  Reibungslinie  22  °/ 00  (1;  45),
auf  den  Steilrampen  50  °/ 00  (1:  20).  Lokomotivgewicht  71  000  kg,  Zuglast  175  000  kg
Met.ub.Meer  &amp;amp;et  10  km  stündlicher  Fahrgeschwindigkeit ­
  auf  der  Zahnstrecke.
Abts  Verdienst  um  die  Entwickelung ­
  der  Zahnbahnen  beschränkt
sich  übrigens  nicht  auf  die  Lokomotive ­
  allein,  sondern  erstreckt  sich  auch
auf  die  Zahnstange  und  Weichenanordnung
  (vergl.Abb.  155bis  158).
Öffentliche  Anerkennung  wurde  ihm
hierfür  durch  Verleihung  des  seitens
des  Vereins  Deutscher  Eisenbahn-Verwaltungen
  für  Verbesserungen
im  Eisenbahnwesen  ausgesetzten  ersten
Preises.
Die  erste  gemischte  Bahn  nach
Bauart  Abt  ist  die  1885  eröffnete
30  V 2  km  lange  Harzbahn  Blankenburg-Tanne. ­
  Ihre  insgesamt  7  km
langen  Steilrampen  haben  6O 0 / 00
(1:16,6)  Steigung.  Seitdem  sind
32  Bahnen  Abtscher  Bauart  (ohne
die  Seilbahnen  mit  Abtscher  Zahnstange) ­
  in  Betrieb  gesetzt,  darunter
12  reine  Zahnlinien  (vergl.  Abb.  95
u.96),  während  nach  Bauart  Riggenbach ­
  41  Bahnen,  davon  19  mit
reinem  und  22  mit  gemischtem  Betriebe,  sowie  20  Seilbahnen  ausgeführt  sind.  Auch
Bissinger  (Höllenthalbahn  im  Schwarzwald,  Abb.  82),  Klose  (St.  Gallener  Bahn),
Telfener  (Balombrosabahn  in  Italien),  Strub  (Jungfraubahn)  und  andere  haben  sich
um  die  Ausbildung  der  Zahnbahnen  bemüht.
Zahnbahnen  in  Verbindung  mit  Reibungsstrecken  finden  sich  in  fast  allen  Weltteilen. ­
  In  Australien,  in  Japan,  in  den  Silberminen  Mexikos,  in  Sumatra  und
in  vielen  anderen  Ländern  vermitteln  sie  Personenverkehr  und  Güteraustausch.  Sie
werden  zum  Segen  einer  Gebirgsgegend,  die  ohne  sie  den  Anschluß  an  andere  Bahnen
noch  lange  entbehren  müßte  und  weltabgeschieden  bliebe.  Werden  sie  wie  die  Harzbahn, ­
  die  bosnischen  Staatsbahnen  u.  s.  w.  angelegt  und  betrieben,  so  vermögen  sie
unter  Ersparnis  wesentlicher  Anlagekosten  einen  namhaften  Verkehr  zu  bewältigey,
zumal  sie  das  Befahren  mit  Wagen  etwa  benachbarter  gleichspuriger  Reibungsbahnen
gestatten.
Ob  eine  längere  Reibungsbahn  oder  eine  kürzere,  aber  steilere  Zahnstangenlinie  vorzuziehen ­
  ist,  hängt  von  der  Geländebildung,  den  Anforderungen  des  Verkehres  u.  s.  w.,
auch  von  militärischen  Rücksichten  ab  und  kann  nur  durch  rechnerische  Untersuchung  bezüglich ­
  der  wirtschaftlichen  Gesichtspunkte  an  der  Hand  genauer  Pläne  beantwortet  werden.
        <pb n="137" />
        Vereinigte  Reibungs-  und  Zahnbahnen.  137

Finanziell  ist  diejenige  Bahn  vorteilhaft,  die  für  die  vorliegende  Verkehrsstärke  die  geringste
Summe  für  Verzinsung  und  Abschreibung  des  Anlagekapitals,  sowie  für  unmittelbare
Betriebskosten  einschließlich  Unterhaltung  ergibt.
Ein  bemerkenswertes  Beispiel  hierfür  bildet  die  Bahn  Beirut-Damaskus.  Ihre
eigentliche  Gebirgsstrecke  am  Libanon  ist  62  km  lang,  wovon  30  km  als  Reibungsbahn  mit
25  “/„o  größter  Steigung,  32  km  als  Zahnbahn  —  verteilt  auf  30  Rampen  —  mit  707 00
angelegt  sind.  Diese  62  km  haben  rund  8  Millionen  Mark  gekostet.  Hätte  man  die  Gebirgslinie
  durchweg  als  Reibnngsbahn  mit  25  °/ 00  Steigung  gebaut,  so  wäre  sie  112  km  lang
geworden  und  hätte  etwa  12  Millionen  Mart  gekostet.  Bei  dieser  wesentlich  größeren  Länge
wären  aber  die  Betriebskosten  gerade  so  hoch  ausgefallen,  wie  für  die  genannten  62  km.  Die
Zahnstange  hat  also  hier  eine  namhafte  Ersparnis  ergeben.

97.  Erke  elektrische  Aahnlmstn  mrf  den  Mont  Kaleoe  der  Eens  (Ltromdioros  -  Irsirs  Lrbros).
Zuführung  des  eleklrischen  Stromes  durch  eine  erhöht  liegende  Settenschienc.
(Größte  Steigung  2so°s«&amp;gt;,  kleinste  Krümmung  85  m  Halbmesser,  Spurweite  i  m.)
Nicht  minder  lehrreich  ist  auch  die  normalspurige  20  km  lange  Bahn  Vordernberg-Eisenerz.
  5,8  km  sind  als  Reibungsbahn  mit  25%,  größter  Steigung  ausgebaut,  14,s  km
dagegen  sind  mit  der  Zahnstange  belegt  und  weisen  Steigungen  bis  71  °/ 00  auf.  Die  Baukosten ­
  betrugen  ungefähr  9  Millionen  Mark,  während  die  einer  Reibungsbahn  sich  auf  rund
20  Millionen  Mark  berechneten.
Durchgangslinien  für  den  großen  Verkehr  wird  man  zweckmäßig  wohl  stets  als
Reibungsbahnen  ausbauen,  wie  ja  solche  auch  am  Semmering,  Brenner,  Mont  Cenis,
St.  Gotthard,  im  Schwarzwald  n.s.  w.  zur'Ausführung  gelangt  sind.  Kleinere,  durch
Gebirgszüge  voneinander  getrennte  Gebiete,  welche  durch  den  Schienenweg  miteinander
verbunden  und  unter  Umständen  auch  an  Durchgangslinien  angeschlossen  werden  sollen,
eignen  sich  für  den  gemischten  Betrieb,  namentlich  auch  Länder  wie  Griechenland,  die
Türkei,  Kleinasien,  Japan,  Südamerika  u.  s.  w.
Bei  reinen  Zahnbahnen  ohne  eingeschaltete  Reibungsstrecken  handelt  es  sich  naturgemäß ­
  stets  um  kleine  Zuglasten  und  geringe  Fahrgeschwindigkeiten  —  5  bis  8  km  in
der  Stunde.  —  Hier  liegt  die  obere  Steigungsgrenze  zweckmäßig  bei  etwa  250  °/oo-Darüber
  hinaus  ist  mau  selten  gegangen:  mit  260  °/ 00  bei  der  Zahnbahn  auf  den  Peters-IX
  18
        <pb n="138" />
        -

Wj^rai.

Mmm

mmmmm

98.  Die  Pilatusdahn:  Gselspartie.
Nach  einer  Ausnahme  der  Gesellschaft  „Photoglob"  in  Zürich.
        <pb n="139" />
        140

Die  Eisenbahnen:  Zahnbahnen.

berg  (Siebengebirge),  mit  300°l 00  in  den  Green  Mountains  (Nordamerika)  und  der
Corcovadobahn  in  Brasilien,  mit  377  °/ 00  bei  der  schon  genannten  Mount  Washington^
Bahn.  Steigungen  über  300°/ 00  empfehlen  sich  nicht,  da  sonst  bei  der  Thalfahrt,  namentlich ­
  bei  schnellem  Bremsen,  der  sichere  Eingriff  des  Zahnrades  in  die  Zahnstange  gefährdet
und  damit  eine  Entgleisung  herbeigeführt  werden  kann.
Will  man  eine  steilere  Bahn  zulassen,  so  muß  man  von  der  Zahnstange  mit  aufrechtstehenden ­
  Zähnen  Abstand  nehmen  und  eine  solche  mit  liegenden  Zähnen  —  Fischgrätenanordnung ­
  —  wählen,  in  die  dann  von  beiden  Seiten  liegend  angeordnete  Zahnräder
der  Lokomotive  eingreifen.  Diese  Zahnstange  gestattet  selbst  senkrechte  Förderung.  Sie
wurde  für  Steilbahnen  bereits  1868  von  Stehlin-Basel  in  Vorschlag  gebracht,  der  sie
aus  der  Fellschen  Anordnung  (Mittelschiene  mit  vier  wagerechten  Druckrollen)  ableitete.
Die  liegende  Zahnstange  wurde  zum  erstenmal  1886/88  von  dem  Ingenieur  Locher
bei  der  Pilatusbahn  nach  Abb.  155  zur  Ausführung  gebracht.  Die  stärkste  Steigung
beträgt  hier  480  °/ 00 ,  das  ist  fast  1:  2,  das  höchste,  was  bis  jetzt  für  Zahnbahnen  zugelassen
ist  und  auch  wohl  nicht  mehr  übertroffen  werden  wird.  Die  Fahrgeschwindigkeit  beträgt
hier  1  in  in  der  Sekunde,  also  nur  3,6  kni  in  der  Stunde,  und  zwar  bergauf  wie  bergab.
Da  nach  früher  Erläutertem  auf  so  stark  ansteigender  Bahn  je  1000  kg  Last  allein  zum
Heben  bereits  480  kg  Zugkraft,  das  sind  48  °/ 0  oder  rund  '/»  der  geförderten  Last,
erfordern,  so  muß  man  das  Eigengewicht  der  Fahrzeuge,  die  sogenannte  tote  Last,
möglichst  gering  halten.  Zu  dem  Zwecke  hat  man  hier  den  Wagenkasten  auf  das  verlängerte ­
  Radgestell  der  Lokomotive  gestellt  (Abb.  230).  Die  tote  Last  wiegt  9200  kg,
die  Nutzlast  (34  Reisende)  etwa  2400  kg,  während  die  Lokomotive  eine  Zugkraft
bis  6500  kg  leisten  muß,  das  ist  fast  dreimal  so  viel  wie  das  Gewicht  der  Nutzlast! ­
  Man  ersieht  hieraus,  daß  sich  der  Betrieb  steiler  Bahnen  auch  nur  bei  hohen
Fahrpreisen  lohnen  kann,  zumal  jener  meistens  auf  die  gute  Jahreszeit  beschränkt  bleibt
und  die  Anlagekosten  hohe  sind.  Die  mit  nur  80  cm  Spurweite  angelegte  4,5  km  lange
Pilatusbahn  hat  rund  1  520  000  Mark  gekostet.  Neun  Lokomotiven  versehen  den  Dienst.
Nächst  der  Rigi-  und  Gornergratbahn  verdient  diese  Linie  unter  den  europäischen  Bergbahnen ­
  den  Vorzug.  An  Großartigkeit  der  Anlage  und  in  technischer  Hinsicht  gebührt
aber  der  Pilatusbahn  der  Vorrang,  wie  auch  schon  die  Abb.  98  u.  99  ohne  weiteres
erkennen  lassen  dürften.
In  Bezug  auf  Höhengewinn  werden  alle  drei  allerdings  von  der  Pike's  Peak-Bahn
  in  Colorado  weit  übertroffen.  Während  der  Rigi  bis  1750  m,  Pilatus  bis  2070  m,
Goruergrat  bis  3018  m  über  dem  Meeresspiegel  mit  der  Zahnstange  belegt  ist,  die  Jungfrau ­
  demnächst  bis  4075  bezw.  4166  m  durch  sie  erklommen  werden  soll,  ersteigt  seit  1890
die  vorgenannte  amerikanische  Zahnbahn  in  15  km  langer  Linie  mit  1435  mm  Spurweite ­
  und  250  0/00  größter  Steigung  auf  Abtscher  Zahnstange  den  4320  m  über  dem
Meeresspiegel  gelegenen  Bergesgipfel,  seinen  Besuchern  oft  eine  wunderbare  Rund-  und
Fernsicht  bietend,  aber  manchen  von  ihnen  auch  die  arg  zusetzende  Bergkrankheit  (S.  102)
bescherend.
Vor  90  Jahren  ein  fehlgeschlagener  Versuch  Blenkinsops,  bildet  in  unseren  Tagen
die  Zahnstange  ein  viel  benutztes  Mittel,  sowohl  Güterlasten  über  der  Gebirge  Rücken
zu  befördern,  als  auch  die  für  die  schöne  Gottesnatur  schwärmende  Menschheit  mühelos
zu  der  Berge  lichten  Höhen  hinaufzuführen  und  ihr  Genuß  und  Freude  an  der  unvergleichlichen, ­
  nie  den  Reiz  der  Neuheit  verlierenden  Hochgebirgswelt  zu  verschaffen.  Die  genialen
Pioniere  aber,  die  mit  ihrer  Hilfe  dem  auch  von  ihnen  neugestalteten  Dampfroß  den
sicheren  Weg  über  die  steilen,  noch  so  hohen  Felsenhänge  ermöglicht  haben,  sind,  wie
wir  sahen,  Marsh,  Riggenbach  und  Abt.  —
        <pb n="140" />
        Ausbildung  ber  Fahrbahn.

141

Oberbau.
.Eisenbahnen  sind  Spnrbahnen.  Verschiedentlich  findet  man  in  der  Litteratur  ihre
Anfänge  zurückverfolgt  bis  in  die  graue  Vorzeit,  als  die  Ägypter  ihre  Pyramiden,  die
Inder  ihre  Riesentempel  bauten  und  die  alten  Griechen  ihre  Opferfeste  und  nationalen
Volksspiele  feierten.  Bei  jenen  Völkern  sehen  wir  allerdings  schon  Spurwege,  d.  h.  durch
Plattenreihen  gebildete  Fahrbahnen  oder  in  Stein  gearbeitete  Rillen,  auf  bezw.  in  denen
am  Nil  Lastfuhrwerke,  im  Hellas  Fest-  und  Opferwagen  sich  bewegten.  Die  in  den  felsigen
Berghängen  Griechenlands  erhaltenen  Spurwege  zeigen  in  der  Umgebung  von  Delphi,
Eleusis  u.  s.  w.  eine  Tiefe  von  5  bis  7  am;  sie  sind  an  verschiedenen  Stellen  sogar  mit
regelrechten  Ausweichrillen  versehen.  Dieses  scheint  auf  eine  künstliche  Herstellung  hinzudeuten, ­
  wenngleich  es  noch
wahrscheinlicher  sein  wird,  daß
alle  diese  Rillen  durch  natürliche ­
  Abnutzung  hervorgerufen
wurden.  Auch  in  unserer  Zeit
sehen  wir  derartige  Rillenbildungen ­
  vor  sich  gehen.  So
zeigte  beispielsweise  eine  verkehrsreiche ­
  Londoner  Straße,
welche  mit  Granitplatten  belegt
worden  war,  schon  nach  drei
Jahren  die  Rillenspur.  Die
Wegeanlagen  der  Alten  gerieten
mit  dem  Verfall  jener  Völker
in  Vergessenheit  und  können
daher  nicht  als  die  Vorläufer
der  späteren  eisernen  Spurbahnen ­
  angesehen  werden.  Als
solche  könnten  eher  schon  die  im
Mittelalter  in  den  deutschen
Bergwerken,  im  Elsaß,  Harz,
in  Sachsen  und  anderen  Orten
benutzten  Holzgleise  betrachtet
werden,  wie  dies  auch  zahlreiche
Schriftsteller  thun.  Derartige  100  golibaljn  in  einem  deutschen  KerswerKe  des  18.  Jahrhunderts.
Holzbahnen  bestanden  aus  zwei  Aus  der  Cosmographey  von  Sebastian  Màster,  isso.
Längsbalken,  die  in  gleichem
Abstande  voneinander  auf  Querhölzern  befestigt  und  an  manchen  Orten  zur  Schonung  des
Holzes  entweder  in  ganzer  Länge  oder  nur  in  den  Krümmungen  mit  Eisenstreifen  beschlagen
waren.  Auf  ihnen  wurden  die  kleinen  Erz-  undKohlenwagen,  Hunde  genannt,  durch  Menschenkraft ­
  geschoben  (Abb.  100).  Außer  Sebastian  Münster  überliefert  unsdie  allgemeine  Anordnung
dieser  Bahnen  unter  Beifügung  von  Abbildungen  das  „Bergwerksbuch"  von  Ettonhardi
(1556),  sowie  das  von  Agricola  (Chemnitz  1557).  Hier  ist  von  einem  Reibuagel  die  Rede,
durch  den  die  Wagen  in  den  dunklen  Stollen  und  Gängen  der  Berge  sicher  geführt  wurden.
Eine  der  ursprünglichsten  Gleisarten  —  hölzerne  Laufbahn  ohne  jegliches  Eisen  —
steht  noch  heute  in  der  Apostelgrube  Brad-Siebenbürgen  in  Benutzung.  Rundstämme
bilden  die  Schienen,  auf  denen  plumpe  „Hunde"  laufen,  deren  kleine,  aber  breite  Räder
(richtiger  Rollen)  zwecks  Spurhaltens  in  der  Mitte  ausgekehlt  sind.  Die  Weichen  besitzen
nur  eine  Zunge  (um  einen  Endpunkt  drehbares  Rundholz),  sind  also  von  denkbar  einfachster ­
  Bauart.  Die  Bewegung  der  Hunde  erfordert  wegen  der  starken  Reibung  und
der  kleinen  Laufrollen  große  Kraftanstrengung.  Das  Osnabrücker  Gleismnseum  besitzt
eine  derartige  alte,  aus  Ungarn  stammende  Weiche  mit  Karren.
        <pb n="141" />
        142

Die  Eisenbahnen:  Oberbau.

101.  goljkaljit  zuMciocastle-on-Tinie  int  17.  bis  18.  Jahrhundert.

Damals  stand  der  deutsche  Bergbau  in  hoher  Blüte  und  überragte  weit  den  englischen ­
  bis  zu  dem  für  Deutschlands  Wohlfahrt  und  Gewerbethätigkeit  so  verhängnisvollen ­
  Dreißigjährigen  Kriege.  Deutsche  Bergleute  wurden  Ende  des  16.  Jahrhunderts
nach  England  berufen,  um  dort  nach  deutscher  Art  die  Kohlengewinnung  in  den  reichen
Kohlenfeldern  einzurichten.  Damit  wurden  die  Holzbahnen  in  Englands  Bergwerken
bekannt  und  verbreitet.  Sie  wurden  später  auch  —  vielleicht  von  hier  entlehnt,  wahrscheinlicher ­
  aber  von  anderer  Seite  selbständig  erdacht  —  als  einfache  Bohlenbahu  in
den  Straßenkörper  gelegt,  um  die  Fortschaffung  von  Wagen-  und  Karrenlasten  zu  erleichtern. ­
  Auf  ihnen  wurden  durch  Zugtiere  Kohlen  von  einzelnen  Orten  des  seeumgürteten
Jnselreiches  bis  an  die  Küste  zu  den  Frachtschiffen  geschafft.  Auch  in  den  Straßen  der
Städte  der  englischen  Kohlenreviere  und  deren  Umgebung  finden  wir  bald  hölzerne  Spurwege ­
  für  die  Lastwagen.
Abb.  101  zeigt  eine  solche
Holzbahn,  wie  sie  im  17.  und
18.  Jahrhundert  in  größerer
Ausdehnung  in  der  noch  heutigestags
  durch  ihren  ungemein ­
  großen  Kohlenversand
berühmten  Gegend  von  Newcastle-on-Tyne
  in  Benutzung
stand.  Diese  Kohlenbahnen
wurden  dasVorbild  derEisenbahnen.
  Für  die  verkehrsreicheren ­
  Wege  nahm  man  in
der  Folge  Längsbalken  statt  der  Bohlen  und  verkämmte  sie  der  Spurerhaltung  wegen
auf  Querschwellen.  Auch  legte  man  die  Langhölzer  wohl  in  ganzer  Breite  etwas  vertieft ­
  in  das  Straßenbett,  so  daß  beiderseits  vorstehende,  durch  Bohlen  begrenzte  Ränder
gebildet  wurden,  die  den  Rädern  der  schweren  Kohlenkarreu  zur  Führung  dienten.
Aber  alle  diese  Holzbahnen,  so  kräftig  man  sie  auch  zuletzt  baute,  erwiesen  sich
infolge  ihrer  Abnutzung  und  Vergänglichkeit  doch  recht  teuer.  Da  kam,  wie  Nicholas
Wood  in  einer  1825  erschienenen  „Abhandlung  über  Eisenbahnen"  angibt,  Reynolds,
Mitbesitzer  der  Coalbrookdale-Eisenwerke,  1767  auf  den  Gedanken,  die  Langhölzer  einer
Bahn  versuchsweise  mit  gußeisernen  Platten  belegen  zu  lassen.  Der  Preis  des  Gußeisens ­
  stand  damals  gerade  sehr  niedrig,  und  die  Eisenwerke  verfügten  über  große  Lagerbestände. ­
  Es  wurden  |_jsförmige  Platten  von  etwa  1 1 j 2  m  Länge,  11  cm  Breite  und
3  V 2  cm  Dicke  gegossen;  jede  hatte  drei  Löcher  zwecks  Befestigung  auf  den  Längshölzern
(Abb.  102).  Der  Versuch

  brachte  einen  vollständigen ­
  Erfolg.  Die
eiserne  Spur  war  nicht
nur  widerstandsfähiger
gegen  Abnutzung,  sondern ­
  zeigte  auch  eine
geringere  Reibung,  so  daß  man  mit  einem  Pferde  größere  Lasten  als  vordem  und  dabei
noch  schneller  befördern  konnte.  Die  ersten  Eisenbahnen  waren  geschaffen!
Die  Schienenplatten  fanden  bald  weitere  Verbreitung.  Sie  hatten  allerdings  den
Übelstand,  daß  wegen  ihrer  niedrigen  Ränder  die  Wagen  leicht  von  der  Spur  abkamen.
Um  dieses  zu  vermeiden,  stellte  Curr  1776  für  die  Spnrbahuen  der  Sheffielder  Zechen
gußeiserne  Winkelschienen  her  (Abb.  103),  deren  senkrechter  Rand  das  Entgleisen  wirksam
verhinderte.  Auf  manchen  Bahnen  lag  dieser  Rand  nach  innen,  aus  anderen  umgekehrt
an  der  Außenseite.  Anfangs  lagen  auch  diese  Schienen  in  ganzer  Länge  auf  den  Langhölzern ­
  auf,  bis  man  beim  Ersatz  derselben  an  einzelnen  Stellen  durch  Querhölzer
zufällig  entdeckte,  daß  diese  eine  genügende  Unterstützung  der  Schienen  abgaben:  der
Querschwellenobcrbau  mit  freitragenden  Schienen  war  gefunden  (Abb.  104).  Noch

102.  Ury»olds'  sirsxrisrrner  Schicnenkclag,  1767.
        <pb n="142" />
        Gußeiserne  Schienen.

143

103.  ffiicrs  gußeiserne
Winkeischirne,  1776.

heute  sind  derartige  Schienenwege  in  einigen  Gegenden  Englands  für  Kohlenbahnen  im
Gebrauche.  Sie  haben  den  Vorteil,  daß  die  Lastwagen  ohne  weiteres  auch  auf  gewöhnlicher ­
  Straße  laufen  können.  Dieses  hörte  zwar  auf,  als  im  Jahre  1789  Jessop  die
in  Abb.  105  wiedergegebene  Form  einführte,  in  der  wir  unschwer  einen  Vorläufer  der
heutigen  Eisenbahnschiene  erkennen  können,  sowohl  was  den
verdickten  Kopf  als  den  hohen,  tragfähigen  Steg  anbetrifft.
Dafür  war  aber  eine  Schiene  für  größere  Wagenlasten  geschaffen. ­
  Infolge  des  pilzartigen  Kopfes  mußten  die  Räder
die  Führung  des  Fahrzeuges  im  Gleise  allein  übernehmen,
daher  einen  überragenden  Rand  —  Spurkranz  -—-  erhalten.
Um  das  Gleis  noch  kräftiger  zu  gestalten,  gab  Jessop
dem  Stege  später  Fischbauchform,  und  weil  die  breiten  Fußenden ­
  im  Betriebe  leicht  brachen,  ließ  er  diese  fort  und  legte
die  Schienenenden  in  gußeiserne,  auf  den  Schwellen  festgelagerte ­
  Stühle,  in  denen  sie  durch  Schraubbolzen  sicher
gehalten  wurden.  —  Statt  der  Holzschwellen  versuchte  man  es  bald  mit  den  haltbareren
Steinwürfeln  und  kam  so  im  Jahre  1798  zu  der  in  Abb.  106  dargestellten  Anordnung*).
Die  Abbildung,  in  der  der  Deutlichkeit  wegen  die  Bettung  zwischen  den  Steinwürfeln  fortgelassen ­
  ist,  wurde  nebst  einigen  anderen  Abbildungen  dieses  Abschnittes  Findlays  „Betrieb ­
  und  Leitung  einer  englischen
Eisenbahn"  entnommen.  Wir  haben
hier  bereits  ein  sehr  durchgebildetes
Gleis  vor  uns,  das  noch  im  Jahre
1825  für  die  halbe  Länge  der
Stockton-Darlingtoner  Bahn  Verwendung ­
  fand,  während  für  die
andere  Hälfte  auf  G.  Stephensons
Vorstellungen  hin  schmiedeiserne
Fischbauchschienen  verlegt  wurden.
JessopsErfindung  hatte  eine  völlige
Umwälzung  in  der  Anlage  der
Eisenbahnen  im  Gefolge.  Sie  war
gleichsam  eine  „technische  Revolution", ­
  in  ihren  Wirkungen  ebenso
bedeutungsvoll  wie  die  gleichzeitig  IO«.  Currs  Kchirnrnwcg,  1776.
vor  sich  gehende  politische.  Sie
schuf  eine  Fahrbahn,  die  dem  Lastenverkehr  so  große  Vorteile  bot,  daß  ihre  Verbreitung
und  Nutzanwendung  für  Betriebe  mit  Pferden,  Seil  u.  s.  w.  von  Anfang  an  sicher  gestellt
war.  Auch  wenn  in  den  nächsten  Jahrzehnten  die  Dampflokomotive  noch  nicht  erfunden
worden  wäre,  würde  sich  Jessops  Eisenweg  doch  nach  allen  Hauptverkehrsgegenden  Bahn
gebrochen  haben.  Die  Lokomotive  dagegen  hätte  ohne  das  Gleis  niemals ­
  nennenswerte  Bedeutung  gewonnen.  Darum  waren  auch  alle  die
in  den  Jahren  1820—30  besonders  lebhaft  vor  sich  gehenden  Bemühungen ­
  auf  Schaffung  einer  brauchbaren  Straßenlokomotive,  auch
Dampswagen,  Dampfkutsche  genannt,  von  vornherein  *  aussichtslos.
Lokomotive  und  Gleisbahn  sind,  wie  schon  in  der  Einleitung  S.  77  er-  m
wähnt,  unzertrennlich  voneinander.
Mit  der  gußeisernen  Fischbauchschiene  ist  der  erste  Abschnitt  in  der
Entwickelung  der  Eisenbahnen  abgeschlossen.  Der  folgende  betrifft  neben  dem  Ersätze
der  gußeisernen  Schiene  durch  die  schmiedeiserne  die  Einführung  der  Dampfkraft,  der

Jessops  gußeiserne ­
  Nililchrrne,
1789.

*)  Auch  die  Curr-Schiene  ist  um  1800  aus  Steinwürfeln  verlegt  worden  und  zwar  auf
der  Merthyr-Tydvil-Bahn  in  Wales.  Das  weiter  unten  näher  genannte  Osnabrückcr  Gleismuseum
  enthält  ein  Stück  dieses  Oberbaues,  auf  dem  1804  R.  Trevithik  seine  im  folgenoen
Abschnitte  besprochene  Lokomotive  versuchte.
        <pb n="143" />
        144  Die  Eisenbahnen:  Oberbau.

letzte  die  Ausbildung  der  Lokomotive  und  Gestaltung  des  Gleises  in  seinen  heutigen
Formen  mit  Stahlschienen  und  Eisenschwelleu.
Die  Steinwürfelunterstützung  der  Abb.  106  hat  in  den  ersten  Jahrzehnten  der
Lokomotiveisenbahnen  ausgedehnte  Anwendung  gefunden,  in  Deutschland  hat  sie  sich  auf
einigen  Linien  bis  1880  erhalten.  Dem  modernen  Eisenbahnverkehre  sind  die  Einzelunterlagen ­
  nicht  gewachsen.  Bei  den  hohen  Fahrgeschwindigkeiten  und  großen  Radkasten
unserer  Zeit  sichern  sie  nicht  genügend  die  Gleislage  und  verursachen  zudem  viele  Unterhaltungskosten; ­
  auch  fährt  es  sich  hart  und  geräuschvoll  auf  ihnen.  Ehe  man  in  England
die  Steintvürfel  endgültig  aufgab,  klärte  man  dort  die  Frage  durch  einen  gründlichen
praktischen  Versuch.  Nach  Clark,  „Railway  MaeMnery“,  welcher  Quelle  auch  die
Abb.  120,  127  u.  141  entstammen,  wurde  auf  einem  Abschnitte  der  Leeds-Manchester
Bahn  der  Felsgruud  geebnet  und  unmittelbar  auf  ihm  die  gußeisernen  Stühle  wie  kt.
den  Einzelwürfeln  verlegt.  Auf  dieser  festen  starren  Bahn  fuhr  es  sich  aber  so  hart  und
unangenehm,  litten  Gleis  und  Fahrzeuge  so  stark,  daß  dieses  Felsbett  sehr  bald  durch
Aufbringen  von  Bettung  und  Holzschwellen  weicher  gemacht  werden  mußte.  Ebenso  sind
aus  gleichem  Grunde
auch  Versuche  mit
Mauerkörpern  als
Unterlagen  fehlgeschlagen. ­

Bereits  im  Jahre
1803  hatte  Nixon
auf  einer  Zechenbahn ­
  bei  Newcastleon-Tyne
  schmiedeiserne
  Schienen
von  quadratischem
Querschnitte  und
zwei  Fuß*)  =  61cm
Länge  in  Anwendung ­
  gebracht,  die
zwar  haltbar  sich  er-106.
  Iessops  gußeiserne  Fischtmuchschiene  uns  Kteinwürfctunterlagc,  1798.  wiesen,  aber  Durchbiegungen ­
  zeigten
und  dadurch  den  Widerstand  der  Fahrbahn  erhöhten.  Erst  als  Berkinshaw,  Ingenieur
der  Bedlington  Eisenwerke,  1820  das  Schienenwalzen  erfand  —  der  eigentliche  Walzprozeß ­
  war  seit  langem  bekannt,  beschränkte  sich  jedoch  nur  auf  rechteckige  Eisenstäbe ­
  —  und  Pilzschienen  in  Länge  von  12—15  Fuß  englisch  anfertigen  konnte,  war
die  Möglichkeit  gegeben,  ein  tragfähiges,  dauerhaftes  Gleis  für  Lokomotivbetrieb  herzustellen. ­
  Die  Walzschienen  stellten  sich  anfangs  nicht  billig,  zumal  man  in  England  an
der  für  Gußeisen  bewährten  Fischbauchform  festhielt.  Diese  konnte  aber  durch  den  Walzprozeß ­
  nicht  erzeugt  werden,  mußte  vielmehr  nachträglich  durch  Handarbeit  ans  dem.
wahrscheinlich  mit  gleichbleibender  Höhe  gewalzten  Schienenstabe  erstellt  werden,  wie  dies
Haarmann,  Generaldirektor  des  Osnabrücker  Stahlwerkes,  in  seinem  1891  erschienenen
Buche  „Das  Eisenbahngeleise"  nachgewiesen  hat.  In  dem  von  ihm  gegründeten  reichhaltigen ­
  Oberbaumuseum  dieses  Werkes,  das  eine  nahezu  vollständige  Zusammenstellung
der  meisten  bis  jetzt  in  Benutzung  gewesenen  wichtigeren  Oberbauanordnungen  enthält
und  ohne  gleichen  dasteht,  das  auch  auf  der  Weltausstellung  in  Chicago  wohlverdiente
Anerkennung  fand,  ist  ein  Fischbauchschienenstück  aus  dem  ältesten  Gleise  der  Stockton-Darliugton-Bahu
  (eröffnet  1825)  enthalten.  Seine  Beschaffenheit  deutet  nicht  aufalleinige
  Herstellung  im  Walzprozeß,  vergl.  auch  Abb.  107  u.  108.  Neben  der  größeren.
Haltbarkeit  besaß  die  4,57  ra  lange  schmiedeiserne  Schiene  den  großen  Vorteil,  daß  beb

*)  1  Fuß  englisch  =  0,805  m.
        <pb n="144" />
        Schmiedeiserne  Schienen.

145

ihr  die  Zahl  der  Schienenverbindungen  —  Schienenstöße  —  auf  1 j i  der  Zahl  bei  gußeisernen ­
  Schienen  sank,  was  das  Fahren  ganz  wesentlich  verbesserte  und  Schienen  wie
Räder  mehr  schonte.
Trotzdem  hatte  G.  Stephenson,  wie  schon  erwähnt,  nur  mit  Mühe  die  Verwendung ­
  der  Walzschiene  durchsetzen  können.  Die  Erfahrung  gab  ihm  sehr  bald  recht,
und  die  von  ihm  erbaute,  im  Herbste  1830  eröffnete  48  km  lange  Liverpool-Manchester ­
  Bahn  erhielt  einen  vollständig  schmiedeisernen  Schienenstrang. ­
  Die  Abb.  108  u.  109  veranschaulichen  das  Eigentümliche  dieses
Gleisbaues:  diagonal  gelegte  Steinwürfel,  auf  denen  die  gußeisernen
Stühle  mittels  Holzdübel  und  Bolzen  befestigt  sind,  während  die  4,57  in
langen  Schienen  in  den  Stühlen  durch  schmiedeiserne  Keile  festgehalten  shmvs  gewalkte
werden.  Auf  Dämmen  und  in  nachgiebigem  Gelände  waren  die  Stein-  itnt*  1820  *
unterlagen  durch  eichene  Querschwellen  ersetzt,  um  die  gleichmäßige  Höhenlage ­
  beider  Schienen  zu  sichern.  Das  Schienengewicht  war  auf  17,3  kg  für  das  laufende
Meter  erhöht,  während  auf  der  Stockton-Darlington  Bahn  nur  13,g  kg/m  schwere
Schienen  lagen.  Die  Fischbauchfvrm  von  Stuhl  zu  Stuhl  war  übrigens  bei  diesen
langen  Schienen  verfehlt,  denn  sie  setzt  die  gleiche  Höhenlage  aller  eine  Schiene  stützenden
Stühle  voraus.  Diese  Bedingung  läßt  sich  aber  in  der  Praxis,  zumal  bei  den  Steinros.

  Kchmicbeiserne  Fisehbaurhsthienc  der  Liverpool-Manchester  Eisenbahn,  1830.

würfeln,  dauernd  nie  erreichen,  ein  Verbiegen  der  Schienen  ist  die  Folge.  Bei  den
nur  von  Stuhl  zu  Stuhl  reichenden  gußeisernen  Schienen  war  die  Fischbauchform  ganz
am  Platze.
Die  Fischbauch-Pilzschiene,  welche  auch  auf  der  ersten  europäischen  Festlandbahn
Brüssel-Mecheln,  verlegt  worden  &amp;gt;var,  wurde  denn  auch  bald  verdrängt  durch  die  Pilzschiene ­
  von  gleichbleibender
Höhe,  deren  Unterkante  jedoch ­
  zur  Verstärkung  ihrer
Widerstandsfähigkeit  und
zum  Schutze  gegen  Herausheben ­
  der  Schienen  aus  den
Stühlen  mit  einer  Verdickung ­
  oder  auch  zwecks
besserer  Befestigung  in  den
Schienenstühlen  mit  beiderseits ­
  des  Steges  angewalzten
Leisten  versehen  waren.
Diese  Schienen  bedurften
keiner  Handarbeit  mehr,
ivaren  daher  weit  billiger.  109.  Snljiciuuutcg  dev  Liverpool  -  Manchester  Eisenbahn,  1830-Sie
  wurden  auf  der
ersten  deutschen  Eisenbahn  von  Nürnberg  nach  Fürth  verlegt  und  zwar  ganz  nach  Art
des  oben  geschilderten  Oberbaues  der  Abb.  108,  nur  mit  dem  Unterschied,  daß  in  Abständen ­
  von  300  bayrischen  Fuß  =  87,6  m  eine  2  m  lange  Steinquerschwelle  von
stärkerem  Querschnitt  nach  Abb.  111  unter  dem  Schienenstöße  eingebettet  wurde.  Die
Schienenlänge  betrug  15  bayerische  Fuß  —  4,38  m.  Die  Schienen  waren  in  gußeisernen,
IX  19
        <pb n="145" />
        146

Die  Eisenbahnern  Oberbau.

Krhienentefestignng  der  Eisenbahn
Nürnberg  -  Fürth,  1835.

4—4,8  kg  schweren  Stühlen  nach  Abb.  110  durch  Eisenkeile  gehalten,  die  Stühle
selbst  mittels  geteerter  Filzunterlagen  auf  den  Steinen  elastisch  gelagert  und  durch  Holzdübel ­
  und  Spitzbolzen  mit  Widerhaken  befestigt.  Abb.  110  u.  111  geben  nach  Scharrer
(„Deutschlands  erste  Eisenbahn  mit  Dampfkraft",  1836)  die  bemerkenswerten  Einzelheiten ­
  dieses  Oberbaues  wieder.  Zwischen
den  Schienen  war  die  Bettung  abgepflastert, ­
  da  anfangs  die  Bahn  mit
Pferden  betrieben  wurde.  Die  Schienen
wogen  nur  11  kg/m.  Sie  waren  auf  dem
Remyschen  Walzwerke  in  Rasselstein  bei
Neuwied  angefertigt  und  sind  somit  die
ersten  in  Deutschland  gewalzten  Eisenbahnschienen. ­
  Auch  die  gußeisernen
Stühle  und  die  Eisenkeile  nebst  den
Nägeln  wurden  auf  heimischen  Werken
hergestellt.  Nur  die  Lokomotive  war  aus
England  bezogen  (S.  79);  sie  wog
6000  kg.  Bei  diesen  schwachen  Radbelastungen ­
  zeigte  sich  der  Oberbau  recht
dauerhaft.  Seine  Pilzschienen  fanden
aber  trotzdem  auf  der  nächsten  deutschen
Bahn  —  der  von  Leipzig  nach  Dresden
—  keinen  Eingang.  Hier  wählte  man
vielmehr  für  einen  Teil  der  Strecke
Holzquerschwellen  und  die  weiter  unten
genannte  Stevenssche  Breitfußschiene,  den
anderen  Teil  belegte  man  mit  hölzernen  Eichen-Langschwellen,  auf  denen  nach  Abb.  112
eine  schmiedeeiserne  Flachschiene  befestigt  wurde:  billig  und  schlecht!  Diese  Bauart
erwies  sich  denn  auch  als  sehr  mangelhaft  und  wurde  bald  wieder  beseitigt.  —  Die  Eisenbahn ­
  von  Braunschweig  über  Wolfenbüttel  nach  Harzburg  hatte  ebenfalls  auf  ihrem  letzten
Abschnitte  eine  solche
Gleisanordnung.  Sie
genügte,  solaugePferdebetrieb
  bestand,  sobald
aber  Anfang  der  40  er
Jahre  die  Züge  durch
Lokomotiven  befördert
wurden,  offenbarte  sich
ihre  Schwäche  und  sie
mußte  baldigst  beseitigt
werden.  Diese  Erscheinung ­
  zeigte  sich  wieder
1866  bei  der  Zahnbahn
auf  den  Mount  Washington ­
  (Abb.  151).
In  Amerika  hat
der  hölzerne  Langschwellenoberbau ­
  mit
Flachschienenbesatz  ausgedehntere ­
  Anwendung
gefunden.  Holz  hatte  man  dort  im  Überfluß,  Eisenschienen  waren  aber  recht  teuer,  da
sie  derzeit  noch  aus  England  bezogen  werden  mußten.  Zudem  war  bekanntlich  in  den
Anfängen  des  Eisenbahnwesens  Geld  für  Bahnbauten  sehr  schwierig  zu  beschaffen.  Der
Vertreter  jeder  neuen  Bahnanlage  hatte  mit  einer  Welt  voller  Vorurteile  zu  kämpfen.

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ill.  ©tertian  ter  Eisenbahn  Nürnberg  -  Fürth,  1835.
        <pb n="146" />
        Breitfußschienen.

147

Kein  Wunder,  daß  man  bestrebt  war,  möglichst  billig  zu  bauen.  Erfahrungen  darüber,
ob  die  Anlage  auch  langen  Bestand  haben  würde,  fehlten  derzeit.  Nach  Ringwalts
„Transportation  Systems  in  the  United  States“  war  1840  die  schmiedeeiserne  Flachschiene ­
  die  vorherrschende  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika.  Sie  liegt  noch  jetzt,
allerdings  durch  recht  kräftige  hölzerne  Lang-  und  Querschwellen  gestützt,  auf  einigen
verkehrsarmen  Strecken  der  Savannahbahn  (Georgia).  Trotz  der  großen  Mängel  dieser
Flachschienen  verschaffte  sich  die  Schiene  mit  hohem  Steg  nur  langsam  drüben  Eingang.
Anfang  der  30er  Jahre  ließ  der  Amerikaner  Robert  Stevens,  Sohn  des  weiter
unten  in  der  Geschichte  der  Lokomotive  genannten  John  Stevens,  auf  einem  englischen
Walzwerke  eine  ganz  neue  Schienenform  für  die  Camden-Amboybahn  Herstellen.  Sie
hatte  im  oberen  Teile  Pilzform,  die  Unterkante  war  jedoch  zu  einem  breit  ausragenden
Fuße  ausgestaltet,  der  eine
unmittelbare  Befestigung  (ohne
Stühle)  auf  den  Schwellen
gestattete.  Es  ist  dieses  die
erste  „Breitfußschiene"
(Abb.  113).  Sie  war  etwa
20  kg  schwer  aus  1  na  Länge
und  wurde  ,  wie  noch  jetzt
gebräuchlich,  durch  sogenannte  Hakennägel  (Abb.  129)  auf  den  Schwellen  oder  Steinunterlagen
  festgehalten.  Der  Engländer  Vignoles,  dem  gemeiniglich,  aber  mit  Unrecht,
die  Erfindung  der  breitfüßigen  Schiene  zugeschrieben  wird,  führte  einige  Jahre  nach
Stevens  die  in  Abb.  114  dargestellte  Schiene,  die  der  vorigen  zweifellos  nachgebildet  ist,
ein.  Es  ist  hiernach  nicht  richtig,  die  Breitfußschiene  als  Vignolesschiene  zu  bezeichnen,
wie  solches  in  Deutschland,  England  u.  s.  w.  vielfach  üblich  ist.
Nach  und  nach  gestaltete  man  den  Steg  höher,  den  Kopf  breiter  und  nach  unten
keilförmig  und  gelangte  so  zu  der  heutigen,  am  meisten  verbreiteten  Form  der  Breitfuß  -
schiene.  Abb.  115  zeigt  uns  die  seit  1885  für  die  preußischen  Staatsbahnen  vorgeschriebene
Querschnittsform,  die  später  für  die  Strecken  des  großen  Schnellzugverkehrs  durch  die
verstärkte  Form  (Abb.  137)  ersetzt  worden  ist.  In  Belgien  ist  man  für  stark  befahrene

I

112.  Flachlchiene
der  Leipzig-Dresdener  Sahn,  1837.

ns  Stevens'älteste
SrritfuUchirne,  1832.

114.  Nignoles'  SreitfiiUchienc,
  1836.

iis.  Schiene  der
preußischen  Stantsiinhnen,
  1885.

i  ie.  Snndbcrgs
Molinthschiene  der  Belgischen ­
  Staatsdahn,
1887.

Strecken  nach  dem  Vorschläge  des  schwedischen  Ingenieurs  Sandberg  1887  dazu  übergegangen, ­
  eine  sogenannte  Goliathschiene  (Abb.  116)  zu  verwenden.  Sie  hat  eine
Höhe  von  145  mm,  eine  Kopfbreite  von  72  mm,  ist  im  Fuße  135  mm  breit,  im  Steg
17  mm  dick  und  wiegt  52,7  kg  auf  1  m  Länge;  sie  war  bis  zu  den  90er  Jahren  die
schwerste  Breitfußschiene,  die  für  Lokomotiveisenbahnen  Verwendung  gefunden  hatte  (vergl.
S.  158).  Auch  in  England  wurde  die  Breitfußschiene  auf  einigen  Bahnen  erprobt,  doch
wurde  sie  durch  die  weiter  unten  erörterte  Doppelkopfform  nahezu  verdrängt.
Etwa  gleichzeitig  mit  Vignoles'  Einführung  der  Stevensschen  Schiene  schlug  1834
der  amerikanische  Ingenieur  Strickland  eine  neue  Schienenform  vor,  die  sogenannte
Brückschiene,  die  später  Jsambart  Brunel  beim  Ban  der  breitspurigen  (7'  =  2135  mm)
Great  Westernbahn  verwendete.  Sie  ist  auch  auf  dem  europäischen  Festlande  zur  Einführung ­
  gelangt  und  unter  dem  Namen  Brnnelsche  Brückschiene  allgemein  bekannt  geworden. ­
  Abb.  117  zeigt  ihren  Querschnitt.  Gewöhnlich  wurde  sie  nach  Abb.  118  ans
        <pb n="147" />
        148

Tie  Eisenbahnen:  Oberbau.

Langschwellen  verlegt.  Die  Great  Westernbahn  baute  später  aus  Verkehrsrücksichten  eine
dritte  Schiene  mit  Langschwelle  ein,  so  daß  ihre  Strecken  sowohl  von  den  breit-,  als  auch
normalspurigen  Fahrzeugen  befahren  werden  konnten.  Die  letzten  mit  der  Brückschiene
belegten  Strecken  standen  in  England  noch  bis  zum  Jahre  1892  —  bis  zur  vollständigen
Beseitigung  der  Great  Western-Breitspur  —  in  Benutzung.  Die  1900  eröffnete  unteraiss

  -
k  —  -  «35  &amp;gt;,

117.  Schienenstoß  für
Srüchschienen.

118.  Strick1anL-(Srnnel-)Schiene.

(elektrische  Tunnelbahn)  hat  wieder  Brückschienen  mit

irdische  „Central-Londonbahn"
Langschwellen  erhalten.
Aus  der  Brückschiene  leitete  1849  W.  Barlow  die  „Sattelschiene"  lAbh.  119)  ab,
bei  der  jegliche  Schwellenunterstützung  gespart  werden  sollte.  Der  Erfinder  nahm  an,  daß
die  mit  330  mm  breiten  Auflagerflächen  versehenen  Schienen  bei  guter  Ausfüllung  des  Hohlraumes ­
  mit  Bettungsmaterial  den  Druck  der  Radlasten  auf  die  Bettung  unmittelbar  zu  übertragen ­
  geeignet  seien.  Die
Schienen  waren  46—62H2
kg/m  schwer,  20'  —  6,1  m
lang  und  an  den  Stößen
ISspsSJ  durch  untergenietete  Eisen-Platten

  starr  miteinander
verbunden.  Zur  Erhaltung
jpggpÜfcixF  der  Spurweite  dienten  ansanglich
  zwischengenietete
Winkeleisen,  die  (ans  der
^  Sf  Midlandbahn)  später,  weil
zu  schwach,  durch  eiserne
Querschwellen,  schließlich
m.  Stimme  Triiserschirnr,  1854.  rmrch  hölzerne  Querschwelleu
  ersetzt  wurden.  Es
sind  damals  in  England,  Frankreich  und  Amerika  lange  Strecken  mit  dieser  Schiene  ausgerüstet
worden,  sie  bewährte  sich  aber  nicht  auf  die  Dauer,  und  es  blieb  bei  diesen  Versuchen.  —■
Adams  suchte  denselben  Zweck  mit  der  1854  von  ihm  eingeführten  Trägerschiene  (Abb.  120)
zu  erreichen,  war  aber  auch  nicht  erfolgreicher.  In  diesen  beiden  Schienenformen  erblicken
wir  die  Vorläufer  der  seit  Mitte  der  70er  Jahre  in  Deutschland  wiederholt  aufgetauchten
verschiedenen  Schwellcnschienen  (S.  157).

119.  Nartowe  Kottclschirnr,  1849.

121.  Lockre  NopprUiopflckirnc.  122.  Ocklrnkopllcktrnr
der  rngtischril  Aichneii,
1898.
Im  Gegensatz  hierzu  fand  die  1835  von  I.  Locke  (nicht  von  R.  Stephenson,  wie
die  deutsche  Litteratur  angibt)  in  Vorschlag  gebrachte  und  von  ihm  zuerst  auf  der
damaligen  englischen  Grand  Junction  Eisenbahn  erprobte  doppelköpfige  Schiene*)
*)  Sie  hatte  nach  einem  im  Februar  1852  von  dem  um  die  Entwickelung  des  Eisenbahngleises ­
  verdienten  Ingenieur  Bridges  Adams  gehaltenen  Vortrage  über  Oberbau  114  mm  Höhe,
64  mm  Kopfbreite  und  bereits  ein  Gewicht  von  31  kg/m.
        <pb n="148" />
        149

Neuere  Stahlschienen.

vielseitige  Verwendung  (Abb.  121).  Der  leitende  Gedanke  bei  Ausführung  dieser  Doppelkopfschiene ­
  war  der  ihrer  zweifachen  Ausnutzung.  War  der  obere  Kopf  abgenutzt,  so  sollte
die  Schiene  gewendet  werden  und  der  bis  dahin  untere,  genau  gleiche  Kopf  als  Lauffläche
dienen.  Es  zeigte  sich  aber  im  Laufe  der  Jahre,  daß  mit  einem  Verschleiß  des  oberen
Kopfes  gleichzeitig  ein  Verdrücken  des  unteren  an  den  Stuhlauflagerflächen  vor  sich  ging.
Das  Wenden  mußte  unterbleiben,  und  mit  der  erhofften  doppelten  Betriebsdauer  war  es
nichts.  Aber  man  hatte  jetzt  doch  eine  sehr  widerstandsfähige  Schiene,  die  dem  größeren
Lokomotivgewicht  und  der  höheren  Fahrgeschwindigkeit  besser  zu  widerstehen  vermochte,  als
die  anderen  bis  dahin  in  England  erprobten  Formen.  Die  doppelköpfige  Schiene,  wegen
ihrer  Auflagerung  in  Stühlen  auch  kurz  Stuhlschiene  genannt,  fand  nunmehr  ausgedehnte,
schließlich  fast  alleinige  Benutzung  auf  den  Bahnen  jenes  Landes.
Um  an  Eisen  zu  sparen,  gab  man  in  der  Folge  den  Schienen  nur  einen  Fahrkopf,
der  stärker  war  als  der  untere,  in  den  Stühlen  anfruhende  Kopf,  und  gelangte  so  zu  der
noch  heute  üblichen  ungleichen  doppelköpfigen  Schiene,  der  bull  lieaded  oder  Ochsenkopfform. ­
  Abb.  122  zeigt  sie  in  neuerer  Ausführung  im  Verein  mit  den  beiden  die  Verbindung ­
  der  Schienenenden  bewirkenden  Laschen.
Das  aus  das  laufende  Meter  entfallende  Gewicht  und  die  heute  übliche  Länge  der  allgemein
aus  Stahl  gefertigten  Schienen  verschiedener  Eiseubahnländer  ergibt  nachstehende  Übersicht:

Bahnverwaltung  und  Jahr  der
Einführung

Gewicht  von
1  lfd.  m  Schiene
m  kg

Schienenlänge
m

Preußische  Staatsbahnen  1885  .  .

33,4
41,0

12

„  „  1891*,  .

12

„  „  1895*)  .

43,4

15

Sächsische  „  1896.  .

46,0

10  it.  15

Gotthardbahn  1894**,

46,4

12

Holländische  Eisenbahnen  1891  .  .

47,0

12

Belgische  Staatsbahnen  1887  .  .

o2,7

9

Paris-Lyon-Mittelmeer  1889  .  .

47,0

12

New  York-Central  1892  ....

49,7

9,15

London  und  North  Western***)  .

44,6

9,16

Londoner  Untergrundbahnen  (Distrikt,***)



43,2

9,15

Midlandbahn  (England)***)  1896

49,7

11

Drr  Schienenffotz.
Laschen.  Die  ersten  gußeisernen  Schienen  waren  mit  den  unmittelbar  auf  den
Steinwürfeln  oder  Schwellen  ruhenden  Enden  nur  mit  diesen,  nicht  aber  untereinander
verbunden.  Ais  man  gußeiserne  Anflagerstühle  einführte,  dienten  diese  zugleich  als  Verbindungsmittel ­
  der  Schienenenden  (Abb.  106).  Die  Schienenstöße  ivaren  also  unmittelbar
unterstützt.  Diese  Anordnung  wurde  „fester"  oder  „ruhender"  Stoß  genannt.  Man
behielt  ihn  auch  bei  den  Walzschienen  lange  Jahre  bei.  Die  ersten  Breitfußschienen
wurden  bereits  von  Stevens  durch  flache  Eisenstücke,  Laschen  genannt,  und  Schraubbolzen ­
  miteinander  verbunden.  Ihr  Stoß  war  durch  eine  Schwelle  unmittelbar  unterstützt.
Im  Jahre  1847  führte  Bridges  Adams  den  „schwebenden"  Stoß  (Abb.  123)
ein.  Die  auf  beiden  Seiten  der  Schienen  eingelegten  Laschen  waren  mit  den  Schienenenden ­
  nicht  weiter  verbunden,  wurden  vielmehr  durch  die  beiden  Stühle  gehalten.  Die
Schienen  konnten  sich  hierbei  zwar  ungehindert  ausdehnen  und  zusammenziehen,  aber  man
hatte  einen  besonderen  Laschenstuhl  nötig,  was  unbequem  war.  Barlow  verband  deshalb
später  die  Laschen  mit  den  Schienen  durch  vier  Schraubbolzen.  Die  Schienenlöcher  wurden
der  genannten  Schienenbewegung  wegen  größer  gemacht  als  die  Laschenlöcher.  Schließlich

*)  Bis  jetzt  nur  auf  wenigen  Schnellzugstrecken  mit  besonders  starkem  Verkehr  verlegt,,
aber  nach  den  Parlamentsverhandlungen  vom  Frühjahr  1899  für  17  000  km  Hauptstrecke  in  .luvsicht ­
  genommen.  ,  ..
**)  In  den  Tunnels  wird  der  stärkeren  Rostbildung  wegen  eine  48,5  kg/m  iqwere
Schiene  verlegt.
***)  Stuhlschieneuoberbau.
        <pb n="149" />
        150

Die  Eisenbahnen:  Oberbau.

wurden  die  gußeisernen  Laschen  durch  schmiedeiserne  ersetzt.  Damit  war  um  das  Jahr
1849  eine  wesentliche  Verbesserung  im  Oberbau  erreicht  und  die  nach  Verlauf  von  50
Jahren  auch  heute  noch  verbreitetste  Form  des  Schienenstoßes  geschaffen.  Seine  Vorzüge: ­
  Elastizität  des  Gleises  und  infolgedessen  sanfteres  Fahren,  sowie  Schonung  der
Radreifen  und  Schienen  verdrängten  den  ruhenden  Stoß  nach  und  nach  fast  völlig.
Eine  wirksame  Verlaschung  konnte  allerdings  erst  Platz  greifen,  nachdem  die  birnenförmige ­
  Gestalt  des  Schienenkopfes  (Abb.  110  u.  121)  durch  die  scharf  unterschnittene
ersetzt  wurde;  denn  nunmehr  wirken  die  Laschen  wie  Keile  und  sichern  die  gegenseitige
Lage  der  beiden  Schienenenden,  wenigstens  so  lange,  wie  keine  Zerstörung  und  Verdrückung ­
  des  Eisens  oder  Stahles  am  Stoße  erfolgt  ist,  und  solange  die  Laschen  den
Schienensteg  nicht  berühren.  Anfangs  nur  dünn  und  kurz,  sind  die  Laschen  immer  länger
(bis  zu  90  ein)  und  kräftiger ­
  gestaltet  worden.
Die  einfache  Stabform
ist  bei  Hauptbahnen
ziemlich  allgemein  durch
die  viel  widerstandsfähigere ­
  Winkel-  und
Haken-  oder  Lasche
verdrängt  worden  (vgl.
Abb.  122  u.  131).  Die  Laschen  müssen  aus  gleichem  Material  wie  die  Schienen  bestehen
(Stahl),  damit  sie  ebenso  hart  wie  diese  sind  und  nicht  in  ihrer  Höhe  abgenutzt  werden.
Zur  Verbindung  dienen  mindestens  vier  Schrauben,  mitunter  auch  sechs.
Trotz  aller  Laschenverstärkung  und  des  verringerten  Abstandes  der  Stoßschwellen  sind
die  Schienenstöße  doch  nach  wie  vor  der  schwache  Punkt  im  Gleise.  Eine  anfangs  sehr
geringe  Senkung  des  einen  Schienenendes  gegen  das  andere  beim  Darüberrollen  der
Räder  tritt  dennoch  ein,  auch  beim  ruhenden  Stoß  (Abb.  124),  die  Folge  ist  ein  harter
Schlag  des  Rades  gegen  das  höherstehende  Schienenende.  Durch  die  ständige  Einwirkung
dieser  Schläge  tritt  allmählich  Lockerung  in  der  Stoßverbindung  ein,  und  die  Radschläge
werden  heftiger  und  hörbarer.  Es  ist  dieses  das  bekannte  „Tacke-Tacke"-Geräusch,  das
bei  der  Fahrt  von  den  Reisenden  wahrgenommen  wird,  das  tagsüber  die  Nerven  angreift, ­
  nachts  oft  den  Schlaf  raubt,  mindestens  aber  eine
sehr  unangenehme  Reisezugabe,  namentlich  in  den  nicht
gepolsterten  Personenwagen  ist.  Hunderte  von  Stoßverbindungen ­
  sind  schon  in  den  verschiedenen  Eisenbahnländern ­
  vorgeschlagen  und  auf  sie  teilweise  Patente  genommen, ­
  Hunderte  von  Verbesserungsvorschlägen  sind  schon
gemacht  und  in  großer  Zahl  ausprobiert.  Noch  haben  wir
keinen  allen  Anforderungen  auf  die  Dauer  standhaltenden
Schienenstoß.  Liegt  auch  neu  verlegt  das  Gleis  gut,  und
fährt  es  sich  sanft  über  dessen  Stöße,  mit  der  Zeit  kommt
doch  die  unvermeidliche  Abnutzung  hinein  und  der  alte  Zustand ­
  früherer  Gleise  ist  wieder  da.  Könnte  man  die  Stöße  ganz  vermeiden,  so  wäre
das  Übel  beseitigt.  Schon  Berkinshaw  wollte  durch  Zusammenschweißen  seiner  löfnßigen
Walzschienen  größere  Schienenlängen  zwecks  Verminderung  der  Stoßzahl  einbauen.  Diese
Verbindung  ist  aber  bei  Lokomotivbahnen  unstatthaft,  da  die  Gleise  sich  im  Sommer  stark
verwerfen  (krumm  werden)  und  im  Winter  häufig  abreißen  würden.
In  Amerika  hat  man  vor  wenigen  Jahren  auf  einzelnen  Straßenbahnen  die  Schienenstöße ­
  elektrisch  zusammengeschweißt.  Bei  diesen  Bahnen  liegen  die  Schienen  im  Gegensatz
zu  den  Lokomotivbahnen  bis  an  die  Kopffläche  in  dem  Straßenkörper,  sind  also  besser  gegen
die  Wärmeeinwirkung  geschlitzt.  Immerhin  ist  diese  doch  noch  so  stark,  daß  im  Winter  beim
Zusammenziehen  des  Schienenstranges  ein  Abreißen  desselben  an  mehreren  Stellen  eintritt,
dagegen  im  heißen  Sommer  ein  seitliches  Ausbauchen.  Letzteres  hat  Lockerungen  im  Pflaster,
Verdrückungen  in  der  Asphaltbahn  zur  Folge.  Auch  in  Lyon  und  1898  in  Berlin  hat  man
Versuchsstrecken  mit  verschweißten  Schienen  verlegt,  deren  Verhalten  abzuwarten  bleibt.  Das

I2g.  Schändender  Schienenstoß  oo»  Aridgcs  Adams,  1847.
        <pb n="150" />
        151

Der  Schienenstoß.

Schweißen  in  Berlin  ist  nicht  elektrisch  erfolgt,  sondern  durch  Umgießen  der  gereinigten
Schienenenden  am  Fuß  und  Steg  mit  Gußeisen  bewirkt  (Falkscher  Stoß).  Hierbei  bediente
man  sich  eines  fahrbaren  Gießofens,  für  den  die  Gebläseluft  durch  ein  mittels  Dampfturbine
angetriebenes  Gebläse  erzeugt  wurde.  Die  Gießform  ist  zweiteilig.  Die  Schienenenden  werden
bei  diesem  Verfahren  sehr  innig  und  kräftig  miteinander  verbunden.  Übrigens  ist  dieses
Vergießen  der  Schienenenden  durchaus  nichts  Neues.  Schon  1852  wandte  der  Engländer
S.  Norris  dieses  Verfahren  bei  Eisenbahngleisen  an.  Auch  er  bediente  sich  hierbei  eines
fahrbaren  Gießofens.
Für  kleinere  Brücken,  ebenso  für  Drehscheiben  und  Schiebebühnen  verwendet  man
in  der  Neuzeit  zwecks  Vermeidung  der  Stöße  Schienenlängen  bis  zu  18  in.  Versuchsweise ­
  sind  auch  auf  einzelnen  Bahnstrecken  Gleise  mit  18  in  langen  Schienen  eingebaut ­
  worden,  doch  anscheinend  ohne  befriedigendes  Ergebnis.  Nicht  nur  wächst  mit
zunehmender  Länge  die  Schwierigkeit  des  Transportes  und  Verlegens,  sondern  auch
die  Breite  der  der  Wärmeausdehnung  wegen  unerläßlichen  Stoßfugen,  das  ist  der  freie
Zwischenraum  zwischen  zwei  benachbarten  Schienenenden.
Stoßfugen.  Ein  Stahlstab  dehnt  sich  bei  einer  Erwärmung  von  0  auf  100°  0.
um  Vsoo  seiner  Länge  aus,  also  bei  9  in  Länge  um  10  mm.  Nimmt  man  einen  Wärmeunterschied
  von  —  25  bis  -f-  55°  C,  also  =  80°  an,  so  dehnt  sich  eine  9  ni  lange  Schiene
nm  a, 7 100  mal  10  =  8  mm  aus,  eine  18  m  lange  Schiene  aber  um  16  inin.  Bei  großer
Kälte  müßten  also  die  Stoßfugen  solch  langer  Schienen  wenigstens  16  mm  breit  sein.  Wegen
unvermeidlicher  geringer  Längenunterschiede  u.  s.  w.  muß  die  Lücke  etwa  2  mm  größer
genommen  werden;  das  gibt  bei  scharfer  Kälte  für  die  18rn-Schiene  18  mm  Fugenbreite!
Je  weiter  aber  diese  Fugen  sind,  desto  heftiger  stoßen  die  Räder  gegen  die  höherstehenden
Schienenenden.  18m-Schienen  sind  deshalb  in  Preußen  auf  längere  Tunnel  beschränkt,  da
es  in  diesen  nie  so  kalt  oder  so  warm  wird  wie  im  Freien,  hier  also  kleine  Stoßlücken  zulässig ­
  sind.  Die  Stoßfugen  müssen  nun  beim  Einbau  des  Gleises  der  dabei  herrschenden
Lufttemperatur  angepaßt  werden,  müssen  also  im  Sommer  kleiner  gewählt  werden  als
im  Winter.  Um  den  Arbeitern  die  Sache  zu  erleichtern,  wendet  man  hierfür  sogenannte
Dilatations-  oder  Ausdehnungsplättchen  an.  Diese  bestehen  ans  Holz  oder  Eisenblech ­
  und  sind  in  Bezug  auf  ihre  Dicke  durch  Farbenanstrich  unterschiedlich  gemacht,  z.B.für
heiß  =  weiß,
lau  =  blau,
Frost  =  rost  (Launhardt).
Die  Zwischenplättchen  bleiben  so  lauge  sitzen,  bis  eine  größere  Gleislänge  verlegt  und
mit  Bettungsmaterial  versehen  ist.  Um  der  Ausdehnung  der  Schienen  trotz  der  festen
Laschenverbindung  Rechnung  zu  tragen,  werden  bei  uns  die  Schraubenlöcher  in  den  Laschen
länglich  (oval),  in  den  Schienen  jedoch  kreisrund  gestaltet.
Die  Stoßfugen  liegen  einander  gegenüber,  was  einen  ruhigeren  Gang  der  Fahrzeuge ­
  zur  Folge  hat,  als  wenn  jene  versetzt  sind.  Da  aber  in  Gleisbögen  der  Außenstraug
  eine  größere  Länge  als  der  innere  besitzt,  so  müssen  in  den  letzteren  einige
kürzere  Schienen  —  Ansgleichschienen  genannt  —  eingelegt  werden.  Ihre  Zahl  und
Länge  richtet  sich  nach  dem  Krümmungshalbmesser  und  der  Länge  des  Bogens.  Sämtliche
Kurvenschienen  müssen  vor  dem  Verlegen  entsprechend  durchgebogen  werden.  In  Amerika
versetzt  man  die  Stöße,  nm  die  Ausgleichschienen  zu  ersparen.
Man  hat  sich  vielfach  bemüht,  das  Befahren  der  Stöße  durch  besondere  Gestaltung
der  Schiencnenden  weniger  unangenehm  und  kostspielig  zu  machen.  Die  älteste,  auch  jetzt
noch  fast  allgemein  gebräuchliche  Stoßfngenform  ist  die  in  Abb.  125  a  dargestellte.  Dieser
„stumpfe"  Stoß  hat  aber  den  vorerwähnten  großen  Nachteil,  daß  das  Rad  stets  nur
von  einer  Schiene  getragen  wird,  diese  sich  daher  stark  durchbiegt,  was  den  heftigen
Schlag  des  Rades  gegen  das  höhere  Schienenende  zur  Folge  hat.  Um  eine  günstigere  Radunterstützung ­
  zu  erzielen,  d.  h.  das  Rad  zugleich  auf  beiden  Schienenenden  ruhen  zu  lassen,
schlug  der  Gießereibesitzer  William  Losh  schon  1809  den  „schrägen"  Stoß  nach  Art  der
Abb.  125c  vor,  den  1816  G.  Stephenson  bei  den  gußeisernen  Schienen  der  Killingworther
Zechenbahn  benutzte.  Losh  verbesserte  später  diesen  Stoß  für  schmiedeeiserne  Schienen,
indem  er  den  Steg  jeder  Schiene  an  beiden  Enden  abbog,  so  daß  im  Stoß  zwei
        <pb n="151" />
        152  Die  Eisenbahnen:  Oberbau.

volle  Stege  schräg  nebeneinander  lagen.  Diese  Anordnung  ist  in  den  30  er  Jahren  in
England  viel  angewandt  worden.  Der  einfache  schräge  Stoß  (Abb.  125b)  ist  wiederholt
vorgeschlagen.  Schon  die  schmiedeeiserne  Nachschiene  der  Leipzig-Dresdener  Bahn  1837
hatte  schräge  Enden.  Diese  Form  bewährte  sich  aber  bei  dem  damaligen  weichen  Schieneneisen ­
  nicht.  Etwa  um  die  Mitte  der  80  er  Jahre  wurde  sie  bei  den  harten  Stahlschienen
in  Amerika  erprobt  und  ist  seitdem  verschiedentlich,  namentlich  bei  Straßenbahnen,  in
Anwendung  gebracht.  Auch  für  die  zur  Zeit  im  Bau  begriffene  Jungfraubahn  hat  man
den  schrägen  Stoß  gewählt.  Bei  Hauptbahnen  hat  er  sich  nicht  bewährt,  bei  Straßenbahnen ­
  mit  geringem  Raddruck  und  kleiner  Fahrgeschwindigkeit  leidlich.
Bei  den  Walzschienen  der  1835  von  Stephenson  erbauten  London-Birmingham
Bahn  kam  zum  erstenmal  der  in  Abb.  125ci  gezeichnete  „Blattstoß"  zur  Verwendung.
Er  war  auch  für  die  in  jenem  Jahre  eröffnete  Nürnberg-Fürther  Bahn  vorgesehen,  wurde
aber  der  Kostenersparnis  halber  zu  gunsten  des  stumpfen  Stoßes  fallen  gelassen.  Mitte
der  40  er  Jahre  war  er  auf  der  bayerischen  Staatsbahn  benutzt.  Der  Blattstoß  ist  die
beste  aller  bisher  erprobten  Stoßfvrmen.  Er  ist  in  der  Neuzeit  wiederholt  in  Ausführung
gebracht.  Im  Jahre  1887  wurde  er  vom  Osnabrücker  Stahlwerk  für  Schienen  mit  einseitig
zum  Kopfe  sitzendem  Steg  (Stegschienen)  durchgebildet  und  zuerst  1890  bei  der  Hüggelbahn
  dieses  Werkes  angewendet.  Unabhängig  davon  wurde
er  1890  von  Rüppell  und  Kohn  in  Köln  bei  der  linksrheinischen ­
  und  etwas  später  in  ähnlicher  Form  bei  der
österreichischen  Staatsbähn  für  Schienen  mit  dickem  Steg
(Dickstegschienen)  verwendet.  Die  Rüppellsche  Bauart
erfordert  nämlich  Schienen  von  18  mm  Stegstärke,  damit
außer  Kopf  und  Fuß  auch  der  Steg  auf  die  ganze  Stoßlänge ­
  (=  23  cm)  in  der  Mitte  geteilt,  d.  h.  zur  Hälfte
fortgenommen  werden  kann.  Beide  Schienenenden  treten
also  im  Stoß  mit  je  dem  halben  Querschnitt  zusammen,  so
daß  hier  der  Steg  wieder  18  min  dick  ist.  Mau  büßt  bei
dem  Blattstoß  zwar  an  jeder  Schiene  23  cm  Sänge  ein,  das
läßt  sich  aber  bei  Verwendung  von  15  m  langen  Schienen
gegen  9  oder  12  in  lange  durch  Ersparnisse  am  sogenannten
Kleineisenzeug  (Laschen,  Schrauben  u.  s.  w.)  wieder  einbringen; ­
  mindestens  aber  hat  man  eine  vorzügliche  Schienengeringeren ­
  Verschleiß  und  kleinere  Unterhaltungskosten  die
teuerere  Anlage  mehr  oder  weniger  ausgleicht,  ganz  abgesehen  von  dem  besseren  Gang
der  Fahrzeuge.
Die  Osnabrücker  Stegschiene  wird  so  verlegt,  daß  der  Steg  nach  Abb.  126  abwechselnd
rechts  und  links  vom  Stoße  liegt.  Auf  der  ganzen  Stoßlänge  liegen  somit  2  volle  Stege
nebeneinander,  was  im  Verein  mit  den  kräftigen  langen  Laschen  die  Verbindung  sehr  widerstandsfähig ­
  macht.  Haarmann  hat  den  Wechselsteg-Blattstoß  für  die  verschiedensten  Oberbauarten ­
  durchgebildet.  Er  ist  auf  Hauptbahnen  zwar  erst  versuchsweise  verlegt  worden,  dagegen
schon  in  470  km  Länge  auf  Kleinbahnen  einschließlich  Straßenbahnen  (Hannover  n.  s.  w.),
ferner  in  26  km  Länge  auf  der  elektrischen  Schwebebahn  Barmen-Elberfeld.
Die  bisherigen  Erfahrungen  mit  dem  Blattstoße  sind  bis  jetzt  recht  gute.  Die
preußischen  Staatsbahnen  verwenden  ihn  nach  Rüppell-Kohn  für  die  Gleise  eiserner
Brücken,  um  das  Geräusch  der  überfahrenden  Züge  zu  dämpfen.  Leider  soll  er  im  übrigen
aus  Ersparnisgründen  nur  auf  Strecken  mit  lebhaftem  Schnellzugsverkehr  und  ungünstigem
Bettungsmaterial  beschränkt  bleiben.
Auf  amerikanischen  Bahnen  hat  man  neuerdings  sich  bemüht,  die  Stoßmängel  durch
brückenartige  Laschen,  welche  auf  den  beiden,  der  Schienenfuge  benachbarten  Stoßschwellen
fest  ausruhen,  zu  beseitigen.  Auch  diese  Anordnung  ist  alt.  Schon  1849  führte  I.  Fowler
auf  der  East  Lincolnshirebahn  eine  kräftige  gußeiserne  Stoßbrücke  nach  Abb.  127  ein.
Sie  hatte  verschiedene  ähnliche  Bauarten  im  Gefolge,  aber  alle  verschwanden  wieder  aus
dem  Gleisbau,  um  etwa  drei  Jahrzehnte  später  in  verbesserter  Form  in  Nordamerika  als
„Fischerstoß"  neu  zu  erstehen.  Die  vorzeitigen  Erfolge  desselben  zeitigten  zahlreiche

125.  Verschiedene  KtnUarnirii.
a  stumpfer  Stoß,  b  schräger  Stoß,
o  schräger  Blattstoß,  d  gerader  Blattstoß

Verbindung  erzielt,  die  durch
        <pb n="152" />
        Stoßsangschiene  und  Stoßbrücke.

153

Abarten  in  jenem  Lande.  Ein  um  1890  auf  den  preußischen  Staatsbahnen  mit  der
amerikanischen  Stoßbrücke  gemachter  Versuch  schlug  fehl.
Hierher  gehört  auch  die  Stoßfangschiene,  wie  sie  seit  einigen  Jahren  u.  a.  ans
den  Stadtbahnen  in  Berlin  und  Wien  in  Anwendung  ist.  Sie  besteht  auf  der  letztgenannten ­
  Bahn  nach  Abb.  128  ans  einem  auf  den  Stoßschwellen  ruhenden  Schienenstück,
das  an  beiden  Enden  abgeschrägt ­

  ist  und  sich
gegen  die  Außenseite
der  Fahrschienen  lehnt.
Infolgedessen  laufen  die
Räder  sanft  und  allmählich ­
  aus  sie  über  —  wodurch ­
  die  Fahrschienen
entlastet  werden  —  um
nach  Passieren  der  Stoßfuge ­
  ebenso  wieder  auf
die  Fahrschiene  überzutreten. ­
  Stoßfang-  und
Fahrschiene  sind  durch  eine
Doppelkopf-  und  Winkellasche ­
  nebst  Schraubbolzen ­
  miteinander  verbunden. ­
  Beide  Schienen
stützen  sich  auf  den
Schwellen  auf  eine  gemeinsame ­
  Unterlags  -
platte.  Solange  keine
nennenswerte  Abnutzung
eingetreten  ist,  wirkt  diese
Stoßverbindnng  günstig:  das  hämmernde  Geräusch  ist  beseitigt,  und  die  Fahrzeuge  rollen
sanft  über  sic  fort.  Für  die  Nachbarhäuser  der  Stadtbahnen  ist  dieses  von  ganz  besonderer
Bedeutung.  Ihr  Verhalten  auf  der  Wiener  Stadtbahn,  auf  der  8000  Stoßfangschienen
seit  1898  in  Benutzung  sind,  wird  zwar  gelobt,  aber  wenn  irgendwo  das  alte  Wort:
„Nur  Erfahrung  ist  der  Meister"  gilt,  so  ist  dieses  gerade  beim  Eisenbahn-Oberbau  der
Fall.  Langjährige  Erprobungen  können  hier  allein  zu  einem  endgültigen  Urteil  führen,
und  diese  liegen  bei  der  Stoßfangschiene  noch  nicht  genügend  vor.

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126.  Kaarmanns  WechfelstrgKIattstotz  für  die  Kleinbahn
Kirchlrngern-Maüückr.

127.  Älteste  Form  der  Ktohbrücke,  1849.

Gleisbau.
Je  nach  der  Schienenunterstützung  unterscheidet  man:  1)  Querschwellen-Oberbau,
2)  Langschwellen-Oberbau,  3)  Oberbau  mit  Einzelstützen,  4)  Oberbau  ohne  besondere  Unterstützung ­
  (Schwellenschienen),  und  nach  der  Schienenform:  a)  Breitfußschienengleise,  b)  Stuhlschienengleise. ­
  a)  u.  b)  finden  heutigestags  bei  1)  u.  3)  Verwendung,  2)  u.  4)  werden  mit  der
Breitfußschiene  verlegt.  Hölzerne  Querschwellen  haben  sich  am  besten  bewährt  und  sm
auch  zur  Zeit  noch  vorherrschend.  Die  Schienen  ruhen  auf  ihnen  elastischer  als  auf  Ei)en,
IX  20
        <pb n="153" />
        154

Die  Eisenbahnen:  Oberbau.

dabei  lassen  sich  die  Schwellen  gut  und  sicher  mit  Bettungsmaterial:  Kies*),  Steinschlag,
Hochofenschlacke  unterstopfen,  so  daß  ein  solcher  Oberbau  auch  fest  in  der  Bettung  liegt.
Um  das  Holz  gegen  Fäulnis  zu  schützen,  tränkt  man  es  nach  Austreibung  seines  Saftes
mit  schützenden  Flüssigkeiten  (Kreosot,  Teeröl,  Zinkchlorid),  die  unter  starkem  Drucke  hineingepreßt ­
  werden.  Hierzu  dienen  besondere  Schwellen-Tränkungsanstalten.  Eiche  hat  sich
am  besten  bewährt,  dann  kommt  Lärche,  Kiefer  (namentlich  nordische),  sodann  Fichte,  während
Buche  die  geringste  Lebensdauer  zeigt.  Durch  das  Tränken  wird  letztere  wesentlich  erhöht, ­
  wie  nachstehende  Übersicht  ergibt:

Mittlere  Lebensdauer  der  Schwellen:

Holzart

Ohne  Tränkung

Mit  Tränkung

Eiche

14

21

Lärche

9

17

Kiefer

7

16

Fichte

4

13

Buche

3

12—15

Bei  dem  großen  Bedarf  an  Schwellen  kann  Deutschland  genügend  Eichenholz  hierfür
nicht  mehr  liefern  und  ist  auf  den  Bezug  aus  Ungarn  u.  s.  w.  angewiesen.  Dagegen  gestatten ­
  seine  ausgedehnten  Kiefern-  und  Buchenwälder  eine  Deckung  des  Bedarfs.  Da
Kiefernholz  etwa  halb  so  teuer  wie  Eiche  ist,  Buche  ebenfalls  billiger  als  diese,  so  ist  die
Verwendung  von  Kiefern-  und  Bnchenschwelleu
von  hervorragender  Bedeutung  für  die  deutsche
Forstwirtschaft.
Früher  besaßen  die  Querschwellen  in  Deutschland ­
  2,5  m  Länge  bei  etwa  25X^6  ona  Querschnitt ­
  und  lagen  weiter  auseinander  als  jetzt.  Nach
englischem  Vorbilde  verwendet  man  sie  seit  einigen
Jahren  2,7  m  lang  und  gibt  ihnen  auch  einen  geringeren ­
  Abstand  voneinander.  Auf  den  preußischen ­
  Staatsbahnen  werden  bei  12  in  langen
Schienen  je  nach  dem  Schienenprofil  13  bis  16
Schwellen  auf  eine  Schienenlänge  verlegt  und  19
bis  20  bei  15  in  langen  Schienen.  An  den  Stößen
wird  der  Schwellenabstand  bis  auf  50  cm  herabgemindert. ­

Die  Schienen  werden  durch  die  Seitenstöße  der
Räder  sowohl  auf  Kippen  um  die  äußere  Fnßkante,
als  auch  auf  Verschiebung  nach  außen  beansprucht.
Sie  müssen  deshalb  sehr  sicher  auf  den  Unterlagen
befestigt  werden.  Hierzu  dienen  bei  der  Breitfnßschiene
entweder  Hakennägel  (Abb.  129)  oder  die  aus
Frankreich  stammenden  Schrauben  (tirs-koncks)  (Abb.  130).  Erstere  sind  mit  einer  Schneide
ausgestattet,  die  senkrecht  zur  Faserrichtung  des  Holzes  eingetrieben  wird,  damit  die  Nägel
fester  in  letzterem  haften.  Auf  den  preußischen  Staatsbahncn  werden  bei  Neuanlagcn  Nägel
nicht  mehr  verwendet,  sondern  nur  noch  Schrauben.  Die  Löcher  für  letztere  werden
vorgebohrt  und  zwar  durch  die  ganze  Schwelle.  Damit  die  Schienen  unter  den  starken  Radlasten ­
  (in  Deutschland  bis  8000  kg,  in  England  bis  9500  kg  und  in  Amerika  vereinzelt
bis  über  10000  kg)  nicht  die  Schwellen  zu  sehr  angreifen,  legt  man  vielfach  unter  sie
schmiedeeiserne  Unterlagsplatten.  Zweckmäßig  stellt  man  deren  obere  Begrenzung  mit  1:20
gegen  die  Wagerechte  geneigt  her,  damit  die  Schienen  gegen  die  Senkrechte  um  '/ 20  geneigt

129.  Hakennagel.  130.  Schiencnschranbc.

*)  Der  Kies  muß  thunlichst  frei  von  Sand  sein,  da  er  sonst  u.  a.  zu  Staubbildung  in  den
trockenen  Monaten  Anlaß  gibt,  eine  der  unangenehmsten  Plagen  zur  sommerlichen  Reisezeit.
Gewaschener  Flußkies  ist  empfehlenswert.  Auf  amerikanischen  Bahnen  wird  häufig  ein  höchst
mangelhafter  Kies  (spöttisch  Schlammkies  genannt)  zur  Bettung  genommen.  Haben  dortige  Bahnen
den  besseren,  freilich  auch  teueren  Steinschlag  oder  Schlacken  u.  s.  w.  benutzt,  so  heben  sie  diesen
Vorzug  in  ihren  zwecks  Reklame  u.  s.  w.  überall  kostenlos  ausgegebenen  Fahrplänen  ganz  besonders ­
  hervor  und  preisen  ihn  als  eine  hohe  Annehmlichkeit  des  Fahrens  auf  ihrer  Linie.
        <pb n="154" />
        Stuhlschienen.  155

stehen.  Abb.  131  zeigt  die  Befestigungsart  der  preußischen  Staatsbahnen.  Die  Unterlagsplatte ­
  besitzt  hier  eine  Auflagerungsfläche  von  16X19  cm  =  304  qcm,  was  eine  gute
Druckverteilung  auf  die  Schwellen  ergibt.  Durch  die  Schrägstellung  der  Schienen  wird  eine
bessere  Führung  der  Räder  int  Gleise  und  ein  ruhigerer  Gang  der  Fahrzeuge  gesichert  (vergl.
Abschnitt  „Wagen"),  auch  widerstehen  hierbei  die  Schienen  besser  dem  Kippen.  Wo  man
keine  Unterlagsplattcn  mit  schräger  Fläche  verwendet,  müssen  die  hölzernen  Querschwellen
unter  dem  Schienenfuß  durch  Hobeln  oder  „Kappen"  schräg  ausgearbeitet  (gedexelt)  sein,
während  eiserne  Querschwellen  an  beiden  Enden  entsprechend  gebogen  werden.  Bon  manchen
Seiten  wird  übrigens  dieser  Schienenlage  kein  Wert  beigcmessen.  So  ist  z.  B-  die  früher
hierfür  bestehende  Borfchrift  in  den  „Normen  für  den  Bau  der  Eisenbahnen  Deutschlands"
seit  1892  in  Fortfall  gekommen.  Dennoch  sind  senkrecht  gestellte  Schienen  bis  jetzt  selten
(Kleinbahn  Kirchlengern-Wallücke).

LaschrnverbinLniir,  der  prelchilchcn  Ktaatsbahnen.

Der  Stuhlschienen-Oberbau  ist  in  England  nahezu  alleinherrschend.  Auch  in
Frankreich  wird  er  vielfach  benutzt.  In  Deutschland  sind  seiner  Zeit  umfassende  Versuche
damit  angestellt  und  längere  Strecken,  wie  z.  B.  auf  der  Potsdam-Magdeburger  Bahn,
mit  ihm  belegt  worden.  Man  wählte  hier  aber  zu  leichte  Stühle,  auch  trat  ein  häufiges
Lockerwerden  der  Schienen  ein,  so  daß  sich  dieser  Oberbau  bei  uns  keines  guten  Namens
erfreute.  Vor  wenigen  Jahren  hat  dann  wieder  die  Badische  Bahn  und  die  Eisenbahn-Direktion
  Hannover  Versuchsstrecken  mit  dem  schweren  Oberbau  der  Midlandbahn  belegen
lassen.  Die  Versuche  sind  noch  nicht  abgeschlossen.  In  England  und  in  Frankreich  hat
man  jedoch  die  besten  Erfahrungen  mit  diesem  Oberbau
gemacht.  Bei  ihm  werden  die  Schienen  in  den  Stühlen
durch  prismatische  Keile  aus  hartem,  mit  Kreosot  getränktem
Holze  gehalten.  Schon  Locke  hatte  sie  seit  etwa  Mitte
der  30  er  Jahre  verwendet,  zuerst  aus  der  Liverpool-Manchester ­
  Bahn.  Das  von  ihm  damals  angegebene  Verfahren,
sie  vor  ihrem  Verlegen  auf  kräftigen  Wasserdruckpressen  in
eisernen  Formen  stark  zusammenzudrücken,  um  sie  zwecks
leichteren  Eintreibens  in  die  Stühle  auf  thunlichst  gleiche
Gestalt  zu  bringen,  wird  heute  noch  in  England  allgemein
geübt.  Scharf  zwischen  Stuhl  und  Schiene  eingetrieben,
sichern  diese  Keile  deren  Lage,  zumal  in  feuchtem  Klima.
Gewöhnlich  liegen  sie  an  der  Außenseite  der  Schienen,  so
daß  die  Seitenstöße  der  Räder  durch  das  elastische  Holz
aufgefangen  werden.
Abb.  132  zeigt  einen  neueren  Schienenstuhl.  Seine
Auflagerfläche  ist  beträchtlich,  33X16  cm  =  528  qcm,  liefert  also  eine  sehr  gute  Druckverteilung. ­
  Dabei  wird  er  recht  kräftig  ausgeführt  und  wiegt  auf  den  verkehrsreichen  englischen ­
  Hauptlinien  über  20  kg;  einzelne  Bahnen  verwenden  seit  1896  bis  25,4  kg  schwere
Stühle.  Man  vergleiche  damit  die  11  kg  schweren  Stühle  der  Magdeburg-Potsdamer  Bahn
oder  die  4  bis  4,8  kg  schweren  Stühle  der  Nürnberg-Fürther  Linie  oder  auch  die  englischen
Stühle  vom  Jahre  1832,  welche  nur  6  kg  Gewicht  besaßen,  um  die  neuen  Fortschritte  auch
auf  diesem  Gebiete  recht  zu  würdigen.  Beachtet  man  nun,  daß  auf  den  englischen  Bahnen  feit
vielen  Jahren  schon  die  Querschwellen  aus  nordischem  Kiefernholze  hergestellt  9'  =  2/74  m
lang  genommen  —  und  eng  verlegt  sind,  daß  sie  infolge  der  hohen  Stühle  gut  mit  Be  iing
überdeckt  sind,  also  verhältnismäßig  fest  in  dieser  liegen,  daß  ferner  die  Schienen  stflver
20*

Untrrgrundlxihncii.
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        156

Die  Eisenbahnen:  Oberbau.

und  durch  die  Stühle  wirksam  gegen  Kippen  geschützt  werden,  so  wird  klar,  warum  die
Züge  der  englischen  Hauptbahnen  sich  von  jeher  durch  so  ruhigen,  sanften  Gang  auszeichnen. ­
  Die  Engländer  haben  eben  frühzeitig  erkannt,  daß,  je  schneller  gefahren  wird,  desto
heftiger  die  Radstöße,  namentlich  die  der  Lokomotiv-Treibräder  auftreten  und  desto  widerstandsfähiger ­
  und  schwerer  der  Oberbau  sein  muß.  In  Bezug  auf  Eigengewicht  desselben
steht  England  und  seit  kurzem  auch  Nordamerika  obenan.  Dort  sind  freilich  auch  die

183.  Hhxcnutztrr
Kchicnenstnhtnogct.

134.  Holzdübel  für
Kchieneriftützle.

ISS.  Englischer  Holzdübel
mit  Etfrnnogel.

Radbelastungen  stellenweise  am  größten.  Beispielsweise  wiegt  ein  laufendes  Meter  des.
Oberbaues  mit  hölzernen  Querschwellen:

Londoner  Untergrundbahnen  (1886)
Midlandbahn  (1896)  ....

Französische  Westbahn  (Stuhlschiene)  (1889)  .  .  253  „
Preußische  Staatsbahnen  (1885)  ....  140  bis  180  „
„  „  (1894)  ....  151  bis  237  „.
Befestigt  werden  die  Stühle  auf  den  Schwellen  gewöhnlich  durch  zwei  eiserne  Schrauben
bezw.  Rundnägel  und  zwei  hölzerne  Dübel,  die  übereck  angeordnet  werden,  so  daß  ans  jeder

Schicncnseite  je  ein  Nagel  und
ein  Dübel  sich  befinden.  Die
Befestigung  nur  durch  Eisennägel ­
  hat  sich  nicht  bewährt,
da  letztere  nach  Abb.  163  bald
durch  die  Seitenstöße  und  durch
Rost  stark  abgenutzt  werden.
Die  Holzdübel  aus  Eichenholz ­
  hergestellt,  scharf  gepreßt
und  vielfach  auch  getränkt  -
sollen  die  Seitenstöße  aufnehmen, ­
  die  Nagel  dagegen  die
Stühle  fest  gegen  die  Schwellen
halten.  Abb.  134  zeigt  die
übliche  Dübelforiu  vor  und  nach
dein  Pressen.  Sic  wurden  1841
von  Ransomes  &amp;amp;  May  zuerst
angewendet.  Manche  Bahnen
treiben  auch  durch  den  vorgebohrten ­
  Dübel  noch  einen  eisernen ­
  Nagel  (Abb.  135),  befestigen ­
  auch  wohl  neue  Stühle

136.  Stuhtfrhieurii-Ohrrdau
der  London  und  North  Mrstcrn  Eifenbohn,  1890.

nur  in  zwei  Punkten.  Die  Sicherung  der  Schienen  in  den  Stühlen  durch  Keile  gestattet  ein
schnelles  Auswechseln  schadhafter  Schienen,  was  für  Strecken  mit  lebhaftem  Tages-  und  Nachtverkehre ­
  besonders  wichtig  ist.  Auf  den  von  London  auslaufendcn  Hauptlinien  Verkehren
am  Tage  vorzugsweise  Personenzüge,  nachts  dagegen  Güterzüge,  beider  Zahl  ist  eine  ungemein ­
  große.  Abb.  136  zeigt  den  Stuhlschienen-Oberbau  der  London  und  North  Western
Bahn,  einer  der  ersten  Bahnen  Englands.
Die  Bestrebungen,  Eisenschweklen  zu  verwenden,  sind  schon  vierzig  Jahre  alt.
Die  ersten  Versuche  scheiterten  aber  alle  an  zu  geringen  Abmessungen  der  Schwellen,  die
der  Billigkeit  wegen  gewählt  wurden.  Die  Eisenschwellen  werden  in  größeren  Längen
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        Schwellenschienen.

157

gewalzt,  auf  der  Kreissäge  zerteilt,  auf  großen  Pressen  dnrchgebogen  und  mit  Löchern
für  die  Schieneubefestigung  versehen.  In  England  werden  sie  zum  Schutze  gegen  Rost
in  warmem  Zustande  mit  Teer  überzogen.  —  Eiserne  Schwellen  finden  namentlich  in
holzarmen  Gegenden  und  in  Ländern  Verwendung,  wo  das  Holz  durch  Ameisen  und
klimatische  Einflüsse  bald  zerstört  würde.  Sie  haben  auch  in  Deutschland,  Österreich  und
der  Schweiz  vielfach  Anwendung  gefunden.
Das  Festhalten  des  Schienenfußes  durch  Klemmplättchen ­
  nach  Abb.  131  u.  137  ist  bei  eisernen  Oberbauarten ­
  beliebt.  Neben  einer  sehr  wirksamen  Verbindung
gestatten  sie  durch  Wahl  verschiedener  Zapfenbreite  eine
einfache  Herstellung  der  weiter  unten  erörterten  Spurerweiterung ­
  und  verhindern  durch  eine  einfache  Ausklinkung
  der  Laschen,  in  die  sie  gesetzt  werden,  das  Wandern ­
  der  Schienen.  Wir  finden  sie  deshalb  bei  Haupt-  wie
bei  Neben-  und  Kleinbahnen.  Die  beiden  höchstgelegenen
europäischen  Bergbahnen,  die  Gornergrat-  und  die  Jungfraubahn ­
  wenden  sie  ebenso  an,  wie  die  mit  Eisenguerschwellen
  belegten  Strecken  unserer  Hauptbahnen  oder  die  llOain-Kleinbahn  bei  Wallücke.
Haarmann,  der  sich  um  die  Ausbildung  des  eisernen  Oberbaues  große  Verdienste  erworben ­
  hat,  verbesserte  die  Querschwellenanordnung  durch  die  1882  zur  Einführung
gelangte  und  nach  ihm  benannte  Hakenplatte.  Dieselbe  besitzt  nach  Abb.  137  mehrere
Haken,  die  eine  höchst  einfache  Befestigung  der  Schienen  mit  der  Schwelle  gestatten.  Sie
hat  namentlich  auf  deutschen ­
  Bahnen  größere  Ver-137.

  Kchremmükfestigaiig  durch  Hake»-plttttt
  und  Atrnmiptättchrn  (K).

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breitung  gefunden  und
in  ihrer  neuesten  Form  als
„Zapfenplatte"  1899  izg.  Kartwichs  Schwrltralchiene.
auch  in  China  zur  Anwendung ­
  gebracht.  Bis  zum  Frühjahre  1899  waren  von  der  Hakenplatte  24  200  000  Stück,
entsprechend  einem  Gleis  von  rund  11  000  Länge,  hergestellt.
Stuhlschienen  findet  man  selten  durch  Eisenschwellen  gestützt.  Tie  Engländer  ziehen
im  allgemeinen  Holzschwellen  vor,  gleiches  gilt  von  dem  an  Wäldern  reichen  Nordamerika.
Nach  dem  oben  geschilderten  Vorgänge  Barlows  sind  auch  für  die  stetige  Unterstützung ­
  der  Fahrschienen  durch  Langschwellen  eine  Anzahl  verschiedenartiger  Oberbau-139.

  Kaarmanns  Ktratzrnbahri  -  Oberbau  mit  Kchnhschicne.

HO.  Niiten-  oder  PhiiniLschicnc
  für  Straßenbahnen

Unordnungen  zu  mehr  oder  weniger  ausgedehnter  Anwendung  gelangt.  Wir  nennen  hier
nur  die  Bauarten  Hilf,  Hohenegger,  Haarmann.  Keine  derselben  hat  aus  die  Dauer  den
Erwartungen  entsprochen,  keine  hat  sich  den  mannigfaltigen  Angriffen  im  Betriebe  als
genügend  widerstandsfähig  erwiesen.  Teils  sind  sie  wieder  entfernt  und  durch  Querschwellenoberbau ­
  ersetzt,  teils  werden  sie  noch  einstweilen  aufgebraucht.  Deutschland
und  Österreich  sind  die  Hauptversuchsländer  hierfür  gewesen.
Bildet  man  Fahrschicne  und  Langschwelle  als  ein  Ganzes  aus,  so  erhält  man  die  einteilige ­
  Schwellenschiene,  wie  sie  nach  früherem  schon  1849  von  Barlow  all  „  -  '
        <pb n="157" />
        158

Die  Eisenbahnen:  Oberbau.

1854  von  Adams  als  „Trägerschiene"  zur  Ausführung  gebracht  ist.  Im  Jahre  1865  erstand
sie  neu  durch  Hartwich,  der  eine  Breitfußschiene  mit  sehr  hohem  Stege  verwendete.  Dieselbe ­
  ruhte  unmittelbar  in  der  Bettung.  Die  Spurweite  wurde  nach  Abb.  138  durch  Querstangen ­
  gesichert.  Die  Hartwich-Schienen  sind  am  Rhein  und  in  Snddeutschland  mehrfach  in
Benutzung  genommen,  erfüllten  aber  die  aus  sie  gesetzten  Hoffnungen  ebensowenig  wie  ihre
englischen  Vorläufer  .  .  .  „da  es  hart  sich  fuhr  auf  ihnen,  und  das  Gleis  zur  Seite  wich".
Dasselbe  Los  teilte  eine  dreiteilige  Schwellenschiene  von  Scheffler  in  Braunschweig.
Ebenso  hat  sich  auch  die  zweiteilige  Schwellenschiene  von  Haarmann  1884  erfunden
und  später  verbessert  —  trotz  ihrer  Vorzüge  bis  jetzt  keinen  nennenswerten  Eingang  verschaffen ­
  können  und  ist  auf  Hauptbahnen  ein  interessanter  Versuch  geblieben,  ebenso  die
1892  von  demselben  in  Vorschlag  gebrachte  einteilige  Schwellenschicne,  die  sogenannte
Herkulesschiene,  welche  63  kg/m  wiegt  und  eine  Fußbreite  von  200  mm  besitzt.
Bei  allen  Schwellenschienen  ist  die  erforderliche  gute  Entwässerung  der  Bettung  eine
schwierige  Sache.  Wegen  der  großen  Höhe  dieser  Schienen  (150—200  mm)  lassen  sich
auf  Strecken,  die  gepflastert  werden  müssen,  die  Pflastersteine  sicher  und  gut  bis  dicht  an  die
Schiene  legen  (Abb.  139).  Sie  haben  deshalb  auch  bei  Straßen-  und  Hafenbahnen  (Hannover,
Hamburg,  Köln,  Triest)  häufiger  Verwendung  gesunden.  Die  hier  erforderliche  Spurkranzrille
wird  durch  eine  Schutz  schiene  gebildet,  der  in  den  Gleisbögen  durch  stärkere  Zwischenstücke
leicht  der  nötige  größere  Abstand  von  der  Hauptschiene  gegeben  werden  kann.  Der  Zwischenraum ­
  beider  Schienen  wird  mit  Zement  n.  s.  w.  vergossen.  Vielfach  wird  sür  solche  Bahnen
auch  die  Phönix  schiene
benutzt,  bei  der  die  Rille  gleich
eingewalzt  ist  (Abb.  i40).
Diese  Form  ist  aus  der  englischen ­
  Rillenschwellenschicne
von  Winby  &amp;amp;  Levick  hervor  ^
gegangen,  die  Ende  der  70  er
Jahre  zuerst  auf  der  Straßenbahn ­
  in  Chemnitz  verlegt
wurde.  Die  älteste  Form  einer
Rillenschiene  für  Straßenbahnen ­
  stammt  von  B.  Adams.
Die  Rillenbreite  ist  für  diese
Bahnen  im  geraden  Gleis
meistens  etwa  30  rau,.  Sie
muß  so  gewählt  sein,  daß  die
Hufe  der  Tiere  nicht  darin
eingeklemmt  werden.
Da  in  Tropengegenden,
wie  schon  erwähnt,  Holzschwellen ­
  durch  Termiten
und  Witterungseinflüsse  schnell  zerstört  werden,  so  verwendet  man  dort  vielfach  auch  eiserne
Einzelunterlagen  in  Glocken-  oder  Plattenform.  Sie  wurden  zuerst  1846  von
Greaves  als  gußeiserne  Glocken  und  fast  gleichzeitig  von  Poncelet  in  flacher  Form,
beide  für  Stuhlschienen,  in  Vorschlag  gebracht.  Letzterer  verlegte  sie  1848  auf  der
Mecheln-Antwerpener  Bahn,  Greaves  1859  in  Ägypten.  Beide  Bauarten  haben  bis  in
die  Neuzeit  eine  ganze  Schar  von  Nachahmungen  gefunden.  In  den  70  er  Jahren
stellte  Livesey  solche  Unterlagen  aus  gepreßtem  Eisenblech  für  eine  ostindische  Bahn  her.
Die  plattenförmigen  Anordnungen  erleichtern  das  Unterstopfen  mit  Bettungsmaterial)
bei  den  Glocken  wird  es  zudem  durch  Regengüsse  leichter  ausgespült.  Einzelunterlagen
liegen  aber  nie  so  fest  in  der  Bettung  wie  Schwellen,  namentlich  Holzschwellen,  die  nach
Ansicht  alter,  erfahrener  Eisenbahningenieure  immer  noch  den  besten  Oberbau  bei  sachgemäßer ­
  Herstellung  ergeben.  Jene  müssen  deshalb  nach  Abb.  141,  die  die  erste  Ausführung ­
  von  Greaves  mit  ruhendem  Stoß  und  einfacher  Keillasche  zeigt,  paarweise  durch
Querstangen  in  ihrer  gegenseitigen  Stellung  gesichert  werden,  damit  die  Spurweite
nicht  verloren  geht.  Dieser  Oberbau  hat  große  Verbreitung  in  Ägypten,  Indien,
Argentinien  u.  s.  w.  gefunden.
Spurerweiternng.  Um  das  Durchfahren  der  Gleisbögen  zu  erleichtern  und  gleichzeitig ­
  die  Abnutzung  der  Räder  und  Schienen  herabzuziehen,  gibt  man  den  Gleiskrümmungen ­
  unter  1000m  Halbmesser  auf  vielen  Bahnen  eine  Spurerweiterung,  d.  h.  vergrößert ­
  den  Schienenabstand  durch  Hinausrücken  eines  Schienenstranges  um  ein  bestimmtes

141.  Greavrs'  Glockenunterlagrn,  1859.
        <pb n="158" />
        159

Spurerweiterung  unb  Schieucnüberhöhung.

Maß.  Letzteres  darf  im  Gebiete  des  Vereins  Deutscher  Eisenbahn-Verwaltungen  höchstens
30  mm  betragen.  Die  preußischen  Staatsbahnen  zeigen  folgende  Werte:
Krümmungshalbmesser  800  500  400  300  200  180  m
Spurerweiterung  ..0  9  12  14  21  22  mm.
In  England  und  Frankreich  ist  die  Spurerweiterung  eine  geringere.
Schienenüberhöhung.  In  Gleisbögen,  welche  mit  großer  Geschwindigkeit  durchfahren ­
  werden,  sucht  die  Fliehkraft  die  Fahrzeuge  nach  außen  zu  drängen,  so  daß  die
Räder  von  dem  Jnnenstrange  abgezogen  und  gegen  die  Außenschiene  gepreßt  werden.
Bei  gleicher  Fahrgeschwindigkeit  ist  die  Wirkung  dieser  Kraft  um  so  größer,  je  kleiner  der
Kurvenhalbmesser  ist.  Um  ihren  Einfluß  auszugleichen,  überhöht  man  den  äußeren
Schienenstrang  gegen  den  inneren,  so  daß  die  Räder  an  der  Außenseite  des  Fahrzeuges
gehoben  werden.  Der  damit  gleichzeitig  gehobene  Teil  des  Lokomotiv-  oder  Wagengewichtes ­
  hält  jener  Kraft  das  Gleichgewicht.  Für  das  Vereinsgebiet  ist  durch  die  technischen
Vereinbarungen  von  1897  vorgeschrieben,  daß.diese  Erhöhung  in  Krümmungen  von
500  m  abwärts  Platz  zu  greifen  hat.  Der  kleinste  zulässige  Bogenhalbmesser  auf  Stationen
ist  in  Deutschland  180  m,  auf  freier  Strecke  300  m.  Bei  Festsetzung  des  Überhöhungsmaßes ­
  ist  die  Geschwindigkeit  des  schnellsten  Zuges  dieser  Strecke  zu  Grunde  zu  legen,
also  in  der  Regel  die  der  Schnellzüge.  Für  die  Güterzüge  dieser  Strecke  fällt  dann  zwar
die  Überhöhung  zu  groß  aus  und  ihre  Räder  werden  die  Jnnenschiene  zu  stark  pressen.
Das  ist  aber  das  kleinere  Übel  und  in  Bezug  auf  sichere  Gleislage  einer  geringeren  Überhöhung ­
  vorzuziehen.  Die  höchste  zulässige  Fahrgeschwindigkeit  wird  durch  die  jeweiligen
Reigungs-  und  Krümmungsverhältnisse  begrenzt.  Sie  ist  nach  der  „Betriebsordnung  für
die  Haupteisenbahnen  Deutschlands  vom  5.  Juli  1893"  wie  folgt  anzunehmen:

Höchste  Fahrgeschwindigkeit ­

km/St.

Auf  Gefällen
von  °loo

In  Gleisbögen
mit  einem  Halbmesser ­
  von  IN

90

2,5

1000

80

5

800

75

10

700

70

12,5

600

65

15

500

60

17,5

400

55

20

300

45

25

200

40

—

O
CO

Liegt  eine  Gefällstrecke  zugleich  in  einer  Krümmung,  so  ist  der  kleinere  Wert  der
beiden  entsprechenden  Geschwindigkeiten  vorstehender  Zusammenstellung  maßgebend.  Das
Ausland,  namentlich  Amerika,  ist  weniger  ängstlich  und  gestattet  in  solchen  Krümmungen
unbedenklich  höhere  Geschwindigkeiten.  So  gilt  für  österreichische  Bahnen  folgende  Bestimmung: ­

Höchste  Fahrgeschwindigkeit  80  75  70  65  60  55  50  45  lern  in  der  Stunde
Kleinster  Kurvenhalbmesser  500  450  375  325  280  240  200  160  m.
Hier  dürfen  also  z.  B.  375m-Bögen  mit  70  km  in  der  Stunde  durchfahren  werden,
auf  deutschen  Bahnen  dagegen  nur  mit  55  km;  und  während  auf  letzteren  mit  90  km  nur
Kurven  von  1000  m  aufwärts  zu  befahren  gestattet  ist,  geschieht  dieses  in  Österreich
bereits  von  600  m  an.  Ebenso  werden  die  Gefälle  im  Auslande  schneller  durchfahren,
z.  B.  solche  von  10°/ 00  mit  85  bis  90  km,  bei  uns  sind  höchstens  75  km  zulässig.
Dadurch  wird  die  mittlere  Fahrgeschwindigkeit  der  Züge  in  Deutschland  herabgezogen.
Zwangsschienen  in  Gleisbögen.  In  England  sucht  man  das  Durchfahren
besonders  scharfer  Gleisbögen  außer  durch  die  Schienenüberhöhnng  dadurch  noch  wirksam
zu  sichern,  daß  in  allen  Kurven  von  200  m  abwärts  neben  dem  inneren  Strange  eine
in  ganzer  Länge  der  Krümmung  sich  erstreckende  Führungsschiene  (Check  rail)  eingelegt ­
  wird.  Sie  soll  den  Seitendruck  der  Spurkränze  gegen  den  äußeren  Schienenstrang
mildern  und  gleichzeitig  auch  die  Räder  am  Aufsteigen  auf  die  Außenschiene  hindern,  was
        <pb n="159" />
        160

Die  Eisenbahnen:  Oberbau.

142.  Awangsschirnc  in  Gleisbögen.

bei  dem  die  Schiene  anschneidenden  Vorderrade  der  Fahrzeuge  unter  Umständen  möglich
sein  kann.  Die  Mhrungs-  oder  Zwangsschiene  ist  gegen  die  Fahrschiene  um  13  nun  höher
gelegt,  mit  ihr  in  gemeinschaftlichen  Stühlen  gelagert  und  durch  Holzkeile  gehalten  (Abb.  142).
Die  Spurkränze  der  Räder  schleifen  oft  mit  kreischendem  Geräusche  an  diesen  Zwangsschienen
  her,  das  namentlich  auf  den  mit  vielen  scharfen  Gleisbögen  angelegten  Londoner
Untergrundbahnen  eine  unangenehme  Reisezugabe  bildet.  Derartige  Führungsschienen
finden  sich  vielfach  auch  auf  den  Hauptbahnen,  namentlich  im  Gebirge  und  auf  deren
Nebenstrecken  (Schottische  Hochlandbahn  Perth-Jnverneß  u.  s.  w.).  Sie  verraten  sich
dem  Reisenden  durch  das  erwähnte  Geräusch.  —  Die  als  Hochbahn  angelegte  Berliner
Stadtbahn,  deren  Betrieb  sich  in  manchen  Punkten  an  den  der  Londoner  Untergrundbahnen ­
  anlehnt,  hat  ebenfalls  in
ihren  zahlreichen  scharfen  Gleisbögen
von  diesen  Führungsschienen  Gebrauch
gemacht.
Weichen.  Der  Übergang  der
Fahrzeuge  von  einem  Gleis  auf  das
andere  wird  gewöhnlich  durch  Weichen, ­
  seltener  durch  Drehscheiben  oder
Schiebebühnen  bewirkt.  Die  Weichen
wurden  anfangs  als  sogenannte
Schleppweichen  nach  Abb.  143  gebaut. ­
  Die  Bauart  ist  höchst  einfach,  aber  es  ist  ein  Schienenstrang  stets  unterbrochen,  so
daß  bei  falscher  Weichenstellung  eine  Entgleisung  unvermeidlich  wird.  Heutigestags  findet
sich  diese  Weiche  in  Europa  nur  noch  vereinzelt  in  Fabrikgleisen  und  bei  kleinen  Industriebahnen, ­
  namentlich  solchen  mit  tierischer  Zugkraft,  in  Amerika  dagegen  kommt  sie  auch  in
Hauptbahngleisen  vor.  Nach  Abb.  144  u.  145  legt  man  in  der  Regel  Rechts-  und  Linksweichen, ­
  seltener  dreifache  Weichen  (Abb.  146)  an.  Abb.  147  zeigt  eine  symmetrische  Weiche,
bei  der  beide  Gleise  von  der  Weichenmitte  aus  gleich  stark  abgebogen  sind.  Kreuzen  sich
zwei  Gleise,  so  kann  man  sie,  nach  Abb.  148,  durch  eine  doppelte  Kreuzungsweiche,  auch
„ganze  englische  Weiche"  genannt,  derart  miteinander  in  Verbindung  bringen,  daß  die
Fahrzeuge  auf  einen  beliebigen  Strang  übergehen  können.  8  in  Abb.  146  u.  148  wird
Herzstück  genannt.  Die
bmvffhrhesc/uene  ,  inneren  beiden  Schienen
sind  an  der  Weichenspitze ­
  unterbrochen.  Die
Stützung  des  Rades  beim
Übergang  über  diese  Lücke
erfolgt  durch  eine  der
beiden  kurzen  Flügelschienen ­
  neben  der  Spitze,
während  die  sichere  Führung ­
  durch  die  Zwangsschiene ­
  2  und  das  andere
Rad  erzielt  wird.  2  wird
auch  Radlenker  genannt  und  besitzt  entweder  gleichen  Querschnitt  wie  die  Fahrschiene
oder  neuerdings  vielfach  auch  Winkelform.  Damit  das  Fahrzeug  möglichst  sanft  durch  die
Weiche  abgelenkt  wird,  schärft  man  die  beweglichen  Weichenschienen  (Weichenzungen)  nach
dem  freien  Ende  hin  zu.
Die  Weichen  werden  entweder  einzeln  unmittelbar  an  Ort  und  Stelle  von  Hand  gestellt
oder  von  einem  gemeinsamen  erhöhten  Punkte,  dem  sogenannten  Weichentnrme  aus  mittels
langer  eiserner  Gestänge  oder  Drahtzüge  (Weichenstellwerke).  Hierfür  kann  man  auch  Preßluft, ­
  Druckwasser  oder  Elektrizität  zu  Hilfe  nehmen  (vergl.  hierüber  Abschnitt  „Signalwesen").
Sicherheitsweichen  nach  Abb.  149  u.  150  bezwecken  die  Ablenkung  von  Fahrzeugen, ­
  die  irrtümlicherweise  aus  einem  Seitenstrange  oder  ohne  Vorlvissen  des  Signalbeweg

  liclw  Schixi/ie

CD!

143.  Schlrppwriche,  1838
        <pb n="160" />
        IX  21
        <pb n="161" />
        i

i

Zahnstangenformen.

163

Wärters*)  nach  einem  Hauptgleis  sich  bewegen,  zu  einer  Zeit,  wo  letzteres  befahren  wird.  Die
Weiche  (8  in  Abb.  149)  steht  dann  so,  daß  die  Verbindung  mit  dem  Hauptgleis  h  aufgehoben
ist.  Jedes  Fahrzeug  des  Seitcnstranges  n,  das  jetzt  in  die  Weiche  s  gelangt,  wird  hier  auf
einen  toten  Strang  geleitet,  der  frei  oder  in  eine  Sandschüttung  ausläuft.  Nach  Abb.  150
würde  ein  solches  Fahrzeug  in  der  Sicherheitsweiche  zum  Entgleisen  gebracht  werden.
Nur  nach  Entriegelung  und  Umstellung  der  Weiche  s  durch  den  Signalwärter  ist  ein  Übergang ­
  von  dem  Neben-  auf  den  Hauptstrang  möglich.  Der  Betrieb  des  Hauptgleises  kann
sonach  nicht  gefährdet  werden.  Derartige  Sicherheitsweichen  finden  sich  vielfach  auf  englischen ­
  Bahnen.  Sie  sind  seit  langen  Jahren  für  Neuanlageu  dort  vorgeschrieben.

Sonderheiten  im  Oberbau
der  Skeilbshnrn.
Zahnbahnen.  Marsh  war  bei
Anlage  der  ihm  bereits  1858  regierungsseitig ­
  genehmigten,  doch  erst  1866
in  Angriff  genommenen  Zahnbahn  auf
den  Mount  Washington  infolge  knapper
Geldmittel  gezwungen,  möglichst  billig
zu  bauen.  Infolgedessen  glich  er  alle
stärkeren  Höhenunterschiede  an  der  Felslehne ­
  durch  hölzerne  Gerüstbautcn  nach
Art  der  Abb.  151  bis  153  aus  und  stellte
sogar  das  Gleis  aus  Flacheisen  mit
Langschwellen  -  Unterlage  her.  Die
Gleisauordnung  war  eine  verfehlte  und
als  solche  anderswo  schon  seit  fast  30
Jahren  bekannt.  Auch  Marsh  sollte
dieses  bald  erkennen,  als  nach  Fertigstellung ­
  der  ersten  Teilstrecke  die  Lokomotive ­
  in  Thätigkeit  trat.  Die  Flacheisenschienen ­
  mußten  schleunigst  gegen
die  Breitfußschieuen  ausgewechselt  werden, ­
  um  die  durch  Schienenbruch  veranlaßten ­
  zahlreichen  Betriebsstörungen  zu
vermeiden.  Die  Holzgerüste  wechselten
in  ihrer  Höhe  von  : / 2  bis  8  m.  Letzteres ­
  Maß  wurde  auf  der  Steilrampe
von  377  °/ 00  erforderlich.  Die  Bauschwierigkeiten
  waren  nicht  gering.  Die
Arbeiter  konnten  an  den  steilen,  nackten
Felshängen  nur  mit  Steigeisen  thätig
sein.  Abb.  153  zeigt  einen  Gleisabschnitt
der  mittleren  Steigung  (240  0 / 00 ).
ein  Abheben  der  Lokomotivräder  von
ihren  Schienen  zu  hindern,  stützen  sich
am  Lokomotivgestell  befestigte  Rollen
gegen  die  untere  Fläche  der  frei  überragenden ­
  Zahnstangen-Winkeleisen.  Die

J=4_

0?t.atolv  &amp;gt;86^.

o

3=E

crtiy&amp;lt;$crJ&amp;gt;a&amp;lt;h  1S71.

$i£ovnq.&amp;lt;Js.  &amp;amp;  cKiese  1S0S.

Stt4vC  180S.

155.  EntwirKelmigsformrn  der  Zahnstange.

*)  Der  Signalwärter  nimmt  in  England  eine  besondere  Stellung  im  Eisenbahndienste  ein.
Nicht  nur  bedient  er  das  Stellwerk  ini  Weichenturme  -  vergl.  Abschnitt  „Signalwcsen"  —  sondern
er  stellt  auch  selbständig  und  unabhängig  von  dem  Stationsvorsteher  die  Ein-  und  Abfahrtssignale ­
  für  die  Züge.'  Dem  Stationsvorsteher  liegt  nur  die  Sorge  um  den  Verkehr  der
Reisenden  am  Bahnsteige  ob.
21  *
        <pb n="162" />
        Das  Wandern  der  Gleise.

runden  Zähne  sind  in  diesen  Winkeleisen  vernietet.  Ihr  Abstand  von
Mitte  zu  Mitte  beträgt  100  mm,  welchen  Wert  die  meisten  Zahnbahnen
beibehalten  haben.
Beim  Bau  der  Rigibahn  1869/71  wandte  Riggenbach  hölzerne  Querschwellen ­
  an,  über  die  an  beiden  Enden  Langschwellen  aus  Qnadratholz
gestreckt  waren.  Das  ganze  Gleis  wurde  außer  durch  Schienen  und  Zahnstange ­
  auch  noch  durch  diese  verschraubten  Langschwellen  fest  zusammengehalten. ­
  Holz  ist  aber  nicht  nur  vergänglich,  sondern  verzieht  sich  auch
im  Freien.  Die  Lage  der  Zahnstange  zu  den  Fahrschienen  ist  daher  Änderungen ­
  unterworfen,  die  den  Eingriff  des  Zahnrades  ungünstig  beeinflussen.
Deshalb  verwendet  man  jetzt  für  Zahnbahnen  nur  eiserne  Querschwellen
und  hat  solche  demgemäß  auch  später  am  Rigi  unter  Fortlassung  der  hölzernen ­
  Langschwellen  eingebaut.  Das  Wandern  des  Gleises,  d.  i.  eine
Längsverschiebung  des  Gleises  infolge  der  Kräftewirkung  der  Fahrzeuge,
das  auch  bei  Reibungsbahnen  auf  wagerechter  Strecke,  und  zwar  beim
Oberbau  mit  hölzernen  Querschwellen,  namentlich  wenn  dieser  nur  in  einer
Richtung  befahren  wird,  vorkommt,*)  kann  auf  steilen  Rampen  in  verstärktem
Maße  auftreten,  und  zwar  ist  es  bergabwärts  gerichtet.  Die
eiserne  Zahnstange  gibt  wohl  eine  gute  Verankerung  aller
Querschwellen  ab,  doch  bringt  man  zur  größeren  Sicherheit
gegen  Rutschen  noch  Betonklötze  oder  Eisenstützeu  —  gewöhnlich
paarweise  und  senkrecht  zur  Gleisneigung  —  an  (Abb.  154).
Je  nach  der  Bahnneigung  liegen  diese  Sicherheitsstützen  in
größerem  oder  kleinerem  Abstande  voneinander.  Außerdem
sucht  man  durch  geeignete  Form  und  Länge  der  sich  an  die
Querschwellen  anlehnenden  Laschen,  sowie  durch  besondere
Stützwinkel  und  dergl.  das  Wandern  zu  verhindern.
Über  die  Form  der  Zahnstange  ist  im  vorigen  Abschnitt ­
  das  Wesentliche  schon  gesagt.  Bemerkenswerte  Einzelheiten ­
  in  ihrer  Bauart  ergeben  sich  aus  der  Zusammenstellung
in  Abb.  155,  in  der  die  Entwickelung  der  Zahnstange  mit
ihren  neueren  erprobten  Abarten  zeichnerisch  zur  Anschauung
gebracht  ist.

Solange  bei  der  Leiterzahnstange  runde  Zähne  benutzt
wurden,  genügte  ihre  Besestigung  in  den  beiden  Wangeneisen
durch  Vernieten  der  ebenfalls  kreisrunden  Zapfen.  Als  aber
Riggenbach  die  bessere  Evolventenverzahnung  einführte,  mußten  ^
die  trapezförmigen  Zähne  gegen  Verdrehen  geschützt  werden.  Er
erreichte  dieses  durch  die  in  Abb.  155  angedeutete  längliche  Form  der  Zapfenlöcher. ­
  Bissinger  und  Klose  verhindern  diese  Drehung  durch  eine  den
Waugeneiscn  angewalzte  Leiste,  auf  die  sich  die  Zähne  mit  ihrer  unteren  Fläche
legen.  Bei  Abt,  Locher  und  Strub  sind  dieselben  aus  der  vollen  Stange
herausgearbeitet.  Es  sind  dies  einheitliche  Zahnstangen  im  Gegensatze  zu
den  anderen,  die  aus  vielen  Teilen  zusammengesetzt  sind.  Abt  verwendet  je
nach  der  Bahnneigung  und  Zuglast  eine  oder  zwei  Zahnstangen  nebeneinander
(mehrteilige  Stange),  bei  älteren  Ausführungen,  wie  Harzbahn  u.  s.  w„  nahm
er  auch  drei.  Die  Treibachse  der  Lokomotive  trägt  dementsprechend  ein  oder
zwei  bezw.  drei  Zahnräder  nebeneinander.  Bei  mehrteiliger  Stange  sind  sie,  wie
Abb.  236  erkennen  läßt,  etwas  gegeneinander  verdreht,  so  daß  sie  sogenannte
Stufenräder  bilden;  ebenso  sind  die  Zahnstangen  entsprechend  versetzt.  Es
wird  hierdurch  nach  einem  alten,  in  der  Maschinenbaukunst  mehrfach  angewendeten
Mittel  der  Zahneingriff  verbessert,  hier  somit  der  Gang  der  Lokomotive  und
dadurch  auch  derjenige  der  Wagen  etwas  ruhiger  und  sanfter  gestaltet.
Wichtig  ist  die  Baulänge  und  Stoßfuge  der  Zahnstange.  Letztere
muß  sich  gleich  den  Fahrschienen  beim  Wärmewechsel  ungehindert  ausdehnen

*)  Bei  Eisenschwellen  wird  das  Wandern  durch  die  Klemmplättchen  verhindert, ­
  wenn  diese  nach  Abb.  131  in  einer  Ausklinkung  der  Laschen  liegen.
        <pb n="163" />
        166

Die  Eisenbahnen:  Oberbau  der  Steilbahnen.

161.  Strubs  Aabnstuilgcnwciche  der  Junzfruubahn.
bezw.  zusammenziehen  können,  ohne  jedoch  an  den  Stößen  eine  Änderung  in  dem  Abstande
der  beiden  Nachbarzähne  (Zahnteilnng)  zu  erleiden,  denn  sonst  könnte  sich  das  Lokomotivzahnrad
  nicht  zwanglos  auf  der  Stange  abwickeln.  Damit  nun  die  unvermeidlichen
Längenänderungen  möglichst  klein  gehalten  werden,  macht  man  die  Zahnstangenstücke  kurz,
gleich  2^2  bis  etwa  3 l / 2 m.  Stets  bildet  die  Fahrschienenlänge  ein  Vielfaches  eines  solchen
Stangenstückes.  So  ist  z.  B.  am:

Rigi  .  .  .  .

Baulänge  der
Schienen  Zahnstange

9  m

3  m

Pilatus  .  .  .

6  „

3

Gornergrat  .  .

•  10,8  „

2,1  „

Eiger  .  .  .  .

10,8  „

3,6  „

160.  Kchienrnxangr  der  Jungfranbahn.

159.  Gderdmr  der  Jungfraudalin.
        <pb n="164" />
        167

Weichen  für  Zahnbahnen.

Die  Stöße  der  Fahrschienen  werden  gegen  die  der  Zahnstange  versetzt.  In  Krümmungen ­
  muß  auch  die  Leiterzahnstange  entsprechend  durchgebogen  sein,  was  ihre  Herstellung ­
  verteuert,  bei  der  Abtschen  Stange  ist  dieses  nicht  erforderlich.  Man  sucht  mit
möglichst  wenigen  Krümmungshalbmessern  verschiedener  Größe  auszukommen,  so  sind  an
der  Gornergratbahn  (Im-Spur)  alle  Gleisbögen  einheitlich  mit  80  in  Halbmesser  angelegt, ­
  an  der  Rigibahn  (1435nun-Spur)  zumeist  mit  180  in.
Der  Bau  betriebssicherer  Zahnbahnweichen  machte  anfangs  Schwierigkeiten.
Auf  den  Rigibahnen  wurde  deshalb  an  den  Ausweichestellen
eine  Schiebebühne  mit  Zahnstange  zum  Umsetzen  ganzer  Züge
eingelegt.  Auch  die  Pilatusbahn  macht  von  solcher  Bühne  Gebrauch. ­
  Später  gab  Abt  eine  einfache  Bauart  an,  die  häufig
auch  für  die  Riggenbachschen  Bahnen  zur  Ausführung  gekommen ­
  ist  (Abb.  156).  Damit  die  Zahnräder  in  den  Ausweichestellen ­
  ungehindert  über  die  Fahrschienen  kommen,  legt
man  die  Zahnstangen,  wie  es  schon  1847  Cathcart  gethan
hatte,  nach  Abb.  158  u.  159  stets  höher  als  die  letzteren.  Es
lassen  sich  dann  auch  leichter  etwa  in  die  Zahnlücken  gefallene
Steine  beseitigen.
Bei  den  vereinigten  Zahnstangen-  und  Reibungsbahnen
ist  das  Anfangsstück  einer  jeden  Zahnstangenstrecke,  die  Zahn-  162 .  Kchi-n-n--mdZ-«g-nd--«se
stangeneinfahrt,  besonders  zu  gestalten,  damit  die  Zähne  s-r  Stanirriiorntmhn.
der  Lokomotiv-Treibzahnräder  während  der  (verlangsamten)
Fahrt,  möglichst  stoßfrei  und  sanft  zum  Eingriff  gelangen.  Ist  dieser  erfolgt,  so  setzt  der
Führer  auch  die  Zahnradmaschine  in  Thätigkeit.  Nach  Abts  Vorgang  bei  der  Harzbahn
Blankenburg-Tanne  im  Jahre  1885  werden  diese  Einfahrtstrecken  jetzt  nach  Abb.  157  u.
158  angelegt.  In  ihnen  ist  das  Zahnstangenstück  an  einem  Ende  drehbar  und  ruht  mit
den  Fahrschienen  und  Querschwellen  auf  kräftigen  Federn.  Die  Zähne  des  beweglichen
Stückes  sind  nach  dem  Einfahrtsende  hin  abgeflacht,  damit  die  einfahrende  Lokomotive

2300

&amp;lt;sA  y/'A

&amp;lt;*f  VH

163.  ©btrbnu  drr  MrahtseiUmhn  Lauterbrriiinen-Erütschalp.  &amp;lt;Gröhte  Steigung  eov°jm.)

leichter  zum  Eingriffe  gelangt;  gegebenenfalls  drückt  das  Triebzahnrad  die  Stange  nieder,
wobei  es  langsam  gedreht  wird,  so  daß  die  Zähne  schließlich  richtig  in  die  Lücken  greifen.
Der  Schweizer  Ingenieur  Strub  hat  für  die  Jungfraubahn  eine  neue  Zahnstangenform ­
  erdacht  (Abb.  159).  Sie  ist  bereits  seit  1898  auf  der  offenen  Strecke:  Kleine
Scheidegg-Großer  Tunnel  in  Anwendung,  desgleichen  seit  dem  Sommer  1899  bis
zu  der  ersten  Tunnelstation  (Rothstock).  Eigentümlich  an  ihr  sind  die  seitlich  schräg
begrenzten  Außenflächen.  Diese  dienen  als  Führung  einer  Schienenzange,  deren  Maulenden ­
  nach  Abb.  160  bis  nahe  an  die  Keilflächen  der  Zahnstange  eingestellt  sind.  Hierdurch
wird  das  Fahrzeug  wirksam  gegen  das  Aufsteigen  an  den  Zahnflanken  der  Stange
        <pb n="165" />
        168

Die  Eisenbahnen:  Oberbau.

und  somit  gegen  Entgleisen  geschützt.  —  Derartige  Zangen  kamen  zum  erstenmal  bei
der  Seilbahn  auf  das  Stanserhorn  (Abb.  69)  zur  Anwendung.  —  Abb.  161  zeigt  die
Strubsche  Weiche  für  Zahnbahnen.  Mit  den  beiden  Weichenzungen  sind  hier  drei
Zahnstangenzungen  gleichzeitig  zu  bewegen,  wovon  zwei  miteinander  gekuppelt  und
nahe  dem  Herzstück  gelegen  sind,  während  die  dritte  zwischen  den  Fahrschienenzungen
sich  befindet.  Beim  Umstellen  der  Weiche  legt  sich  stets  eine  der  gekuppelten  Zahnzungen
über  die  eine  innere  nicht  benutzte  Fahrschiene  und  stellt  dadurch  einen  fortlaufenden
Eingriff  für  das  Lokomotivzahnrad  her.  In  Abb.  161  zeigt  die  Weiche  auf  die  linksseitige ­
  Abzweigung,  daher  die  im  geraden  Strang  liegende  Zahnstange  zweimal  unterbrochen ­
  erscheint.
Seilbahnen.  Während  man  sonst  den  Oberbau  der  Seilbahnen  genau  wie  den
der  Zahnradbahnen  herstellte,  also  mit  einer  Zahnstange  im  Gleise  (Abb.  163),  in  die
hier  ein  zum  Bremsen  dienendes  Zahnrad,  das  auf  einer  Radachse  der  Fahrzeuge  befestigt
ist,  eingreift,  hat  man  bei  der  Stanserhornbahn  diese  Zahnstange  fortgelassen.  Hierdurch
wurden  die  Baukosten  wesentlich  vermindert.  Da  aber  im  Falle  eines  Seilbruchs  die
Wagen  mit  Sicherheit  zum  Halten  gebracht  werden  müssen,  so  ersetzten  mit  bestem  Erfolge
1893  Bücher  und  Dürrer,  die  Erbauer  jener  Bahn,  die  Zahnstange  durch  die  erwähnte
Zangenbremse,  deren  „Maul"  sich  beim  Bremsen  gegen  die  Keilflächen  des  Schienenkopfes
(Abb.  162)  legt.  Die  Schweizer  Aufsichtsbehörde  gab  die  Bauerlaubnis  hierzu  erst  nach
dem  guten  Ausfall  eingehender  praktischer  Versuche  auf  einer  mit  70°/ 00  angelegten
Probestrecke.  Im  Falle  eines  Seilbruchs  tritt  diese  Zangenbremse  sofort  selbstthätig  in
Wirksamkeit.  Näheres  über  diese  bemerkenswerte  Bahn  befindet  sich  im  Abschnitt
„Seilbahnen".
Als  Beispiel  eines  Seilbahnenoberbaues  möge  Abb.  163  (Steilstrecke  der  Mürrenbahn)
  dienen.  Das  natürliche  Felslager  ist  hier  treppenartig  abgestuft  und  mit  zwei  in
ganzer  Bahnlänge  durchlaufenden  50  cm  breiten  Betonkörpern  versehen.  Auf  diesen
ruhen  die  hölzernen  Langschwellen,  gegen  Abrutschen  (Wandern)  durch  Eisenanker  und
40  cm  starke  Betonklötze  wirksam  gesichert.  Die  weiteren  Einzelheiten  dieses  dreischienigen
Oberbaues  mit  seinen  beiden  Zahnstangen  und  Drahtseilen  —  für  jede  Fahrrichtung  eine
Zahnstange  —  sind  aus  den  Abbildungen  ersichtlich.  Die  eingetragenen  Maße  hat
Verfasser  an  Ort  und  Stelle  aufgenommen.  Das  Abheben  der  Wagen  dieser  kühn  angelegten ­
  Bahn  wird  durch  Fangeisen  verhindert,  welche,  wie  bei  vielen  Zahnbahnen,
zangenartig  unter  die  beiden  Flansche  der  Zahnstangenwangen  greifen.  Andere  Drahtseilbahnen ­
  (Bürgenstock,  Stanserhorn  u.s.  w.)  zeigen  die  Querschwellen  völlig  mit  Beton
umhüllt,  so  daß  ein  fester  Unterbau  geschaffen  ist.  Diese  Bauart  hat  sich  bei  geringen
Fahrgeschwindigkeiten  bis  zu  1 1 / 2  m/sec.  bewährt,  bei  größerer  Schnelligkeit  fährt  es  sich
aber  zu  hart.  —
        <pb n="166" />
        Bau  und  Wirkungsweise  der  Lokomotiven.

169

Betriebsmittel.
Dir  Lokomotive.
Grundlagen  für  den  Bau  und  die  Wirkungsweise  der  Lokomotive.
Um  die  geschichtliche  Entwickelung  der  Lokomotive  klarer  verfolgen  und  die  nach  und
nach  getroffenen  wichtigeren  Verbesserungen  derselben  eingehender  würdigen  zu  können,
bedarf  es  zunächst  einer  Darlegung  derjenigen  Grundlagen,  die  für  den  Bau  und  die
Wirkung  der  Lokomotive  allgemein  maßgebend  sind.  Erst  nach  ihrer  Erörterung  wird'
sich  zweckmäßig  das  Geschichtliche,  das  gerade  hier  von  besonderem  Interesse  ist,  angliedern ­
  können.
An  jeder  Lokomotive  unterscheidet  man  drei  Hauptteile:  den  Dampfkessel,  die
Dampfmaschine  und  den  Wagen  oder  das  Rahmengestell.  Der  Kessel  dient  zur  Erzeugung
hochgespannten  Wasserdampfes,  dessen  Energie  in  der  Dampfmaschine  nutzbar  gemacht
und  in  Arbeit  (Zugkraft  mal  Geschwindigkeit)  umgesetzt  wird.  Kessel  und  Maschine
werden  von  dem  Wagen  getragen,  der  das  Ganze  lausfähig  macht  und  die  gewonnene
Arbeit  an  die  Treibräder  bezw.  den  Zughaken  der  Lokomotive  zwecks  Beförderung  ihrer
selbst,  sowie  der  Wagenlast  abgibt.  —  Abb.  164  bis  169  zeigen  die  vortrefflich  durchgebildete
neuere  Schnellzuglokomotive  der  preußischen  Staatsbahnen.  Zur  Erläuterung  diene  in  etwas
abgekürzter  Wiedergabe  die  Beschreibung  der  Lokomotive,  wie  sie  von  keinem  Geringeren
denn  dem  Grafen  Moltke*)  im  Jahre  1843  in  klarer  und  bündiger  Weise  verfaßt  ist.
„Dem  Kesseldampf  bieten  sich  zwei  Auslaßwege:  durch  das  Sicherheitsventil  und,  wenn
die  Maschine  arbeitet,  durch  die  Cylinder.  In  den  letzteren  befindet  sich  ein  Kolben,  welcher
vorwärts  und  rückwärts  verschoben  wird,  wenn  mittels  des  Regulators  dem  Dampf  der  Zutritt ­
  in  den  Cylinder  vor  oder  hinter  den  Kolben  gewährt  wird.  Bevor  aber  der  letztere  den
Grund  des  Cylinders  erreicht,  schließt  sich  mittels  einer  einfachen  und  sinnreichen  Vorrichtung
die  Öffnung,  durch  welche  der  Dampf  eingedrungen  war,  und  es  öffnet  sich  ein  Ausweg  für
denselben  nach  dem  Rauchfang,  durch  welchen  er  alsbald  entweicht.  Durch  dieses  wechselseitige
Eintreten  von  frischem  Dampf  und  Austreten  des  verbrauchten  bald  an  einem,  bald  am
anderen  Cylindercnde  bleibt  der  Kolben  in  einer  beständigen  und  zwar  sehr  raschen  Bewegung
vorwärts  und  rückwärts.  Die  Lokomotive  ruht  auf  vier,  sechs  oder  acht  Rädern,  von  denen
die  Leit-  und  Treibräder  unterschieden  werden  müssen.  Die  ersteren  sind  kleiner  und  dienen
nur  dazu,  die  Last  der  Maschine  zu  tragen,  die  letzteren,  von  bedeutend  größerem  Durchmesser, ­
  sollen  sic  fortbewegen.  Die  Kolben  in  den  Cylindern  nun  stehen  mittels  Stangen  in
Verbindung  mit  Kurbeln  an  den  Treibrädern,  so  daß  jede  Bewegung  einmal  rückwärts  und
einmal  vorwärts  der  ersteren  eine  volle  Umdrehung  der  letzteren  zur  Folge  hat.
Überall,  wo  zwei  Körper  sich  in  unmittelbarer  Berührung  einer  über  den  anderen  fortbewegen, ­
  entsteht  Reibung.  Auf  sie  ist  die  Anwendung  von  Lokonlvtiven  zum  Fortziehen  von
Lasten  basiert.  Die  Elastizität  der  im  Kessel  entwickelten  Dämpfe  treibt  in  den  Cylindern,  wie
wir  sahen,  den  Kolben  hin  und  her,  und  diese  Bewegung  teilt  sich  zunächst  den  Treibrädern
mit,  welche  das  Bestreben  erlangen,  sich  umzudrehen.  Weil  sie  auf  den  Eisenschienen,  auf
welchen  sie  ruhen,  einen  Widerstand  finden,  den  man  gewöhnlich  Adhäsion  nennt  und  welcher
sie  hindert,  sich  frei  um  ihre  Achse  zu  drehen,  so  treiben  sie  diese  Achse  selbst  vorwärts,  d.  h.
sie  rollen  fort  und  ziehen  die  Last,  welche  angehängt  sein  möchte,  mit."  —
Zugkraft  der  Lokomotive.  Befördert  die  Lokomotive  einen  Wagenzug  mit
gleichmäßiger  Geschwindigkeit,  so  ist  ihre  Zugkraft  gleich  dem  Widerstande  des  gesamten ­
  Zuges  einschließlich  Lokomotive.  Nach  früherem  hängt  dieser  Widerstand  ab
von  der  Neigung  und  Krümmung  der  Bahn,  der  Fahrgeschwindigkeit,  der  Bauart
der  Fahrzeuge  und  den  Witterungsverhältnissen.  Er  schwankt  sonach.  Seinem  größeren
oder  geringeren  Werte  muß  der  Lokomotivführer  die  von  der  Lokomotive  zu  äußernde
Zugkraft  anpassen.  Zu  dem  Zwecke  ist  die  Maschine  mit  einer  Coulissensteuerung  ausgestattet, ­
  die  in  einfachster  Weise  nicht  nur  jeden  gewünschten  Füllungsgrad  der  Dampfcylinder ­
  (stärkere  oder  schwächere  Speisung  mit  Kesseldampf)  und  damit  eine  Änderung
der  Zugkraft  ermöglicht,  sondern  auch  das  Vor-  und  Rückwärtsfahren.
*)  Vergl.  „Moltkes  gesammelte  Schriften",  Bd.  II.  Verlag  von  Mittler  und  Sohn,
Berlin,  1892.  S.  230—274.

IX  22
        <pb n="167" />
        170

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

Bekanntlich  ist  nun  die  Reibung  der  Ruhe  größer  als  diejenige  der  Bewegung.
Der  Widerstand,  den  ein  in  Ruhe  befindliches  Fahrzeug  seiner  Bewegung  auf  den
Schienen  entgegensetzt,  ist  daher  auch  größer,  als  wenn  letzteres  bereits  in  Bewegung
sich  befindet  und  weitergezogen  werden  soll.  Die  Ingangsetzung  eines  Zuges  erfordert
deshalb  unter  gleichen  Verhältnissen  eine  stärkere  Zugkraft,  als  seine  Beförderung  während
der  Fahrt.  Dieser  größere  Wert  muß  von  der  Maschine  geleistet  werden:  ihm  müssen
die  Dampfcylinder,  der  Durchmesser  der  Treibräder,  sowie  der  zulässige  Dampfdruck  des
Kessels  angepaßt  sein.  Die  Lokomotive  vermag  aber  nur  dann  den  Zug  wirklich  in  Bewegung ­
  zu  setzen,  wenn  auch  die  Reibung  zwischen  ihren  Treibrädern  und  den  Schienen
—  die  sogenannte  Adhäsion  —  mindestens  ebenso  groß  ist.  Ist  dieselbe  kleiner  als  die
auf  die  Treibräder  übertragene  Kraft  der  Dampfmaschine,  so  drehen  sich  die  letzteren  auf
der  Stelle,  sie  gleiten  auf  der  Schienenfläche,  ohne  daß  ein  Fortrücken  des  Zuges  erfolgt.
Man  sagt,  die  Lokomotive  „schleudert"*).  Es  ist  das  eine  bei  feuchten  Schienen  häufig  zu
beobachtende  Erscheinung,  sowohl  bei  Abfahrt  des  Zuges,  als  auch  auf  Steigungen.  Dicke
Dampfwolken  entströmen  dabei  mit  lautem  Getöse  und  großer  Schnelligkeit  dem  Schornsteine. ­
  Der  Lokomotivführer  muß  in  solchem  Falle  durch  sofortiges  Schließen  des  Regulators, ­
  d.  i.  des  Absperrschiebers  am  Kessel,  den  Dampfzufluß  zu  den  Cylindern  absperren,
die  Schienen  mit  Sand  bestreuen  und  sodann  vorsichtig  aufs  neue  den  Regulator  öffnen.
Ist  dagegen  die  Schienenreibung  genügend  groß,  wird  sie  nicht  von  der  Maschinenkrast
übertroffen,  so  drehen  sich  zwar  die  Treibräder  auch  um  ihre  Achse,  aber  sie  gleiten  jetzt
nicht  mehr  auf  den  Schienen,  sondern  wälzen  sich  auf  ihnen  ab,  rollen  über  sie  fort  und
nehmen  die  Lokomotive  und  den  Wagenzug  mit.  Die  größte  Zugkraft,  welche  die  Lokomotive ­
  ausüben  kann,  ist  nach  vorstehendem  gleich  der  Schienenreibung.  Diese  schwankt
nun  zwischen  */ 4  und  '/20  des  von  den  Treibrädern  auf  die  Schienen  ausgeübten  Druckes.
Sie  ist  am  ungünstigsten,  d.  h.  am  kleinsten  bei  Glatteis,  desgleichen  wenn  Fett,  Schleim,
oder  nasses  Laub  sich  auf  ihnen  abgelagert  hat;  sie  ist  ferner  gering  bei  schwachem  Regen,
wenn  die  Schienen  vorher  staubbedeckt  waren.  Ganz  nasse  (rein  gewaschene)  Schienen
dagegen  ergeben  eine  fast  ebenso  große  Reibung  wie  trockene.  Deshalb  reinigen  einige
Bahnverwaltungen,  wie  die  der  Gotthardbahn  und  der  österreichischen  Slaatsbahnen  die
Schienen  gewisser  Strecken  durch  einen  Wasserstrahl,  der  durch  eine  kleine  Pumpe  an
der  Lokomotive  vor  deren  Vorder-  oder  Treibrädern  auf  die  Schienen  geleitet  wird.
Unter  mittleren  Verhältnissen  beträgt  die  größte  Schienenreibung  1 / e  bis  a / 7 ,  im
Mittel  1 / 6 , 5  des  gesamten  Raddruckes  einer  Achse.
Hiernach  erscheint  es  vorteilhaft,  auf  den  Treibachsen  recht  viel  Lokomotivgewicht
ruhen  zu  lassen.  Dem  sind  aber  doppelte  Grenzen  gezogen.  Einmal  darf  der  Druck  auf
die  Flächeneinheit  des  Rad-  und  Schienenmaterials  nicht  zu  groß  sein,  damit  dasselbe
nicht  seine  Festigkeit  einbüßt  und  zerdrückt  wird,  sodann  auch  gestattet  die  Tragfähigkeit

^  *)  Die  Erscheinung  des  Schleuderns  wird  mitunter  sogar  durch  Raupen  und  Heuschreckenschwärme ­
  hervorgerufen,  wenn  diese  die  Schienen  dicht  bedecken  und  dann  von  den  Lokomotivrädern
zerdrückt  werden.  Aus  diesem  Grunde  ist  z.  B.  ein  von  ungeheuren  Heujchreckenschwärmen  nicht
selten  heimgesuchter  Abschnitt  der  Strecke  la  Entrada-Valencia  der  Venezuelabahn  mit  Zahnstange
ausgestattet,  obwohl  die  Steigungsverhältnisse  diese  nicht  unbedingt  erfordert  hätten.  In  dem
alten  Giovitunnel  in  Norditalien,  der  wegen  seiner  starken  Neigung  und  äußerst  mangelhaften
Lüftung  berüchtigt  ist,  sind  es  wiederum  Mengen  von  Schnecken,  die  die  Lokomotivrädcr  ins
Schleudern  bringen.
Zur  Erhöhung  der  Schieucnreibung  im  Falle  des  Schleuderns  führt  jede  Lokomotive  einen
oder  mehrere  Behälter  mit  gut  getrocknetem,  möglichst  scharfem  Sand,  sogenannte  Sandstreuer
mit  sich.  Dieselben  werden  vom  Führer  bethätigt  und  lassen  den  Sand  durch  tief  herabgchende
Röhren  vor  den  Treibrädern  auf  die  Schienen  fallen.  Bei  vielen  Schnellznglokomotivcn,  namentlich ­
  englischen,  findet  man  seit  etwa  10  Jahren  Dampf-  oder  Preßluftsandstreuer  angebracht.
Hier  wird  der  Sand  durch  einen  Dampf-  oder  Luftstrahl  aus  dem  Sandkasten  angesaugt  und
dicht  vor  die  Berührungsstelle  der  Treibräder  und  Schienen  geworfen.  Ihre  Wirkung  ist  eine
so  gute,  daß  in  England  neuerdings  noch  Schnellzuglokomotiven  nur  mit  einer  Treibachse  („freie
Treibachse")  gebaut  werden,  sogenannte  Single-Maschinen.  Deren  Adhäsion  wird  durch  das  Befanden ­
  so  erhöht,  daß  sie  nicht  zu  schwere  Züge  anstandslos  anfahren  und  befördern  können.  Da
durch  das  sonst  übliche  Kuppeln  der  Räder  der  Eigenwiderstand  der  Lokomotive  erhöht  wird,  so
arbeiten  die  Lokomotiven  mit  freier  Treibachse  vorteilhafter.
        <pb n="168" />
        172

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

des  Gleises  (Schienenstöße)  und  der  Brücken  nicht  die  Überschreitung  eines  gewissen  Raddruckes. ­
  In  England  geht  man  wegen  des  dort  üblichen  kräftigen  und  geradezu  vorzüglichen ­
  Oberbaues  mit  dem  Treibraddruck  bis  auf  9500  kg.  In  einzelnen  Fällen  ist  man
in  Nordamerika  sogar  auf  10000  kg,  ja  selbst  auf  10950  kg  (Illinois  Zentralbahn,  vergl.
S.  226)  gegangen.  In  Deutschland  waren  bisher  nur  7000  kg  Radbelastung  zulässig.
Bei  denjenigen  Strecken  jedoch,  die  endlich  einen  schwereren  Gleisbau  erhalten  haben,
bezw.  in  Zukunft  bekommen,  und  deren  Brücken  natürlich  auch  kräftig  genug  sind,  ist  seit
Herbst  1898  ein  Raddruck  von  8000  kg  zugelassen  worden.
Die  Abmessungen  der  Lokomotivmaschine,  der  zulässige  Dampfdruck  und  der  Durchmesser ­
  der  Treibräder  müssen  der  aus  der  Achsbelastung  sich  ergebenden  Adhäsionszugkraft ­
  genügen,  anderenfalls  kann  nur  die  durch  sie  begrenzte  größte  Anzugskraft  ausgeübt ­
  werden.  Die  Lokomotive  mit  einer  Treibachse  vermag  daher  auf  deutschen  Bahnen
eine  größte  Anzugskraft  von  =  2154  kg  zu  äußern,  welcher  Wert  bei  den  neuen
Lokomotiven  auf  2462  kg  anwachsen  kann.
Sind  die  Züge  kurz,  so  daß  ihr  Widerstand  gegen  die  Bewegung  kleiner  ist  als
obiger  Zahlenwert,  so  können  sie  von  einer  Lokomotive  in  Gang  gebracht  werden.  Sind
sie  aber  schwerer,  und  genügt  auch  die  durch  Besandung  des  Gleises  hervorgerufene  Adhäsion ­
  nicht,  so  muß  man  noch  eine  zweite  Lokomotive  vor  den  Zug  spannen  oder  diesen
durch  eine  solche  nachschieben  lassen.  Dieselbe  wird  Vorspann-  bezw.  Schiebelokomotive ­
  genannt.  Ein  Betrieb  mit  2  Lokomotiven  ist  aber  umständlich  und  vor
allem  unwirtschaftlich.
Die  heutigen  Personen-  und  Schnellzüge  sind  fast  immer,  die  Güterzüge  wohl  stets
so  schwer,  daß  eine  Treibachse  für  das  Anziehen  nicht  genügt.  Darum  verbindet  man
zwei  oder  mehr  Radachsen  durch  steife  Kuppelstangen  mit  der  Treibachse,  wobei  selbstverständlich ­
  alle  Raddurchmesser  genau  gleiches  Maß  haben  müssen,  überträgt  also  die
Dampfarbeit  statt  auf  zwei  nunmehr  auf  vier,  sechs  oder  noch  mehr  Räder.  Bei  entsprechenden ­
  Abmessungen  kann  nun  die  Lokomotive  eine  größte  Anzugskraft  äußern,  die
im  Mittel  dem  6,s  ten  Teile  des  Gesamtdruckes  aller  gekuppelten  Räder  entspricht.  Abb.  170
zeigt  die  größte  Güterzuglokomotive  der  preußischen  Staatsbahnen,  bestimmt  für  deren
Gebirgsstrecken.  Die  8  gekuppelten  Räder  pressen  die  Schienen  mit  insgesamt  55  500  kg,
die  größte  Anzugskraft  beträgt  sonach  hier  im  Mittel  8540  kg.  Die  zur  Zeit
schwerste  und  kräftigste  Lokomotive  der  Welt  ist  die  16rädrige  Doppellokomotive  der
Mexikanischen  Zentralbahn.  Sie  wiegt  dienstbereit  113  500  kg,  wovon  95  300  kg  den
12  gekuppelten  Rädern  zufallen.  Diese  Rtesenlokomotive  kann  daher  eine  größte  Anzugskraft ­
  von  14  660  kg  äußern.
Der  Kessel  muß  so  berechnet  und  bemessen  sein,  daß  er  während  der  Fahrt  die
nötige  Dampfmenge  andauernd  und  sicher  liefert.  Die  zur  Zeit  stärksten  Lokomotiven
erfordern  stündlich  über  10000  kg  Dampf,  die  vierachsigen  Schnellzuglokomotiven  der
preußischen  Staatsbahnen  bei  schnellster  Fahrt  (90  kni  in  der  Stunde)  gegen  8500  kg
und  die  dreiachsige  Güterzuglokomotive  dieser  Bahnen  etwa  5500  kg.  Solche  gewaltigen
Dampfmassen  lassen  sich  aber  nur  durch  schnelle  Verbrennung  einer  großen  Menge  guter
Kohlen  erzeugen,  was  wiederum  eine  große  Heizfläche  und  künstlichen  Zug  zwecks  lebhafter ­
  Feueranfachung  bedingt.
Aus  vorstehendem  ersieht  man,  daß  die  Leistungsfähigkeit  einer  Lokomotive,  das  ist
das  Produkt  aus  Zugkraft  (Z)  und  Geschwindigkeit  (v),  von  dreierlei  abhängt:
1)  von  der  Zahl  der  gekuppelten  Räder  oder  genauer  von  dem  Adhäsionsgewicht  der
Lokomotive,  das  ist  nach  obigem  dasjenige  Gewicht,  mit  welchem  die  Treib-  und  Kuppelräder ­
  auf  die  Schienen  drücken,
2)  von  der  Verdampfungsfähigkeit  des  Kessels,
3)  von  den  Abmessungen  der  Dampfmaschine  (Cylinderdurchmesser,  Kolbenhub,
Dampfdruck)  und  des  Treibraddurchmessers.
Alle  drei  Gesichtspunkte  erfordern  bei  einer  neu  zu  entwerfenden  Lokomotive  sorgfältige ­
  Berücksichtigung.  Sie  müssen  sich  in  Rechnung  und  Entwurf  wiederspiegeln.
        <pb n="169" />
        173

Raddruck.  Berdampfungsfähigkeit  des  Kessels.
Aus  1)  bestimmt  sich,  wie  wir  sahen,  die  größte  Zugkraft  beim  Aufahren,  aus  2)  diejenige
Zugkraft,  die  bei  andauernder  Beanspruchung  der  Lokomotive,  das  ist  beim  Durchfahren
längerer  Strecken,  vorhanden  sein  soll,  während  der  aus  3)  sich  ergebende  Wert  den  beiden
vorgenannten  entsprechen  muß.
Von  besonderer  Wichtigkeit  ist  die  Verdampfungsfähigkeit  des  Kessels.  Die  Dampfentwickelung ­
  wechselt  mit  der  Fahrgeschwindigkeit.  Je  schneller  gefahren  wird,  desto  lebhafter ­
  brennt  das  Feuer,  und  desto  kräftiger  geht  die  Dampfbildung  vor  sich,  allerdings  nur
bis  zu  einer  gewissen  Grenze.  Je  schneller  aber  ein  Zug  von  gegebenem  Gewichte  befördert
wird,  desto  stärkerhat  dieLokomotive  zu  arbeiten,  desto  mehrDampf  wird  also  andererseits  auch
verbraucht.  Während  der  Fahrt  sollen  Dampferzeugung  und  Dampfverbrauch  sich  das  Gleichgewicht ­
  halten,  der  Wasserstand  und  Dampfdruck  des  Kessels  auf  normaler  Höhe  verbleiben.
Ist  ersteres  nicht  der  Fall,  so  sinken  die  beiden  letzteren  unter  das  zulässige  Maß  und
die  Lokomotive  ist  erschöpft  und  nicht  mehr  im  stände,  den  Zug  mit  der  betreffenden  Geschwindigkeit ­
  zu  fahren.  Die  Leistung  des  Kessels  und  damit  die  der  Lokomotive  kann

170.  Fünfachstge  viergekuppelte  Eüterzuglokoniotivc  der  prriis;.  Ktaatsbatzucn.
(Hannoversche  Maschinenbau-A.-G.  vorm.  Georg  Egestorfs.)

sonach  einen  bestimmten  Wert  nicht  überschreiten.  Drückt  man  die  Zugkraft  Z,  wie  üblich,
in  kg,  die  Geschwindigkeit  v  in  Metern  bezogen  auf  die  Sekunde  aus  und  teilt  das  Produkt ­
  durch  75,  so  erhält  man  die  Zahl  (N)  der  Pferdestärken,  welche  die  Lokomotive  leisten
kann.  Es  ist  N  =  .  Hieraus  folgt  nun  ohne  weiteres,  daß  dasselbe  N  geleistet
werden  kann:  1)  mit  einem  kleinen  Werte  von  Z  und  einem  großen  von  v  oder  auch
2)  mit  einem  großen  Werte  von  Z  und  einem  kleinen  von  v.  Das  Produkt  Z  mal  v
muß  eben  gleich  bleiben  (—75  mal  N).
Fall  1  trifft  für  Schnellzuglokomotiven,  Fall  2  für  Güterzuglokomotiven  zu.  Schnellzüge ­
  haben  im  allgemeinen  ein  wesentlich  geringeres  Gewicht  als  Güterzüge,  müssen  aber
weit  rascher  gefahren  werden  als  letztere.  Bei  ihnen  ist  also  die  kleine  Zugkraft  mit
großer  Geschwindigkeit  gepaart,  bei  den  Güterzügen  ist  es  umgekehrt.  Großes  v  bedingt
aber  große  Treibräder,  während  bei  mäßiger  Geschwindigkeit  kleine  genügen;  denn
während  der  Fahrt  legt  die  Lokomotive  bezw.  der  Zug  bei  jeder  Treibradnmdrehung
eine  Wegstrecke  gleich  dem  Radumfange  zurück,  also  ---  -y-X  D,  wenn  D  den  Durchmesser
des  Treibrades  bezeichnet.  Mit  größerem  D  nimmt  folglich  bei  gleicher  Fahrgeschwindststeit
die  Zahl  der  in  derselben  Zeit  erforderlichen  Radumdrehungen  ab  und  damit  auch  im
allgemeinen  die  Unruhe  des  Ganges  der  Lokomotive  und  ferner  die  Abnutzung  ihrer  eweglichen
  Teile,  sowie  diejenige  des  Oberbaues.  Deshalb  weisen  die  Schnellzuglokomo  iven
        <pb n="170" />
        174  Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

auf  deutschen  Bahnen  Treibräder  bis  zu  2  m  Durchmesser,  in  England  bis  zu  2  &amp;gt;/ 2  m
auf,  während  Güterzuglokomotiven  gewöhnlich  Raddurchmesser  von  1  bis  l^in  haben.
Wollte  man  die  Räder  größer  als  2  x / 2  m  nehmen,  so  erhielte  der  Kessel  bereits
eine  so  hohe  Lage  über  den  Schienen,  daß  eine  Anzahl  Lokomotivteile  in  das  wegen  der
Brücken,  Tunnel,  Bahnsteighallen  u.  s.  w.  für  alle  Bahnen  vorgeschriebeneUrngrenzungsprofil
  der  Fahrzeuge  hineinragen  würde.  Dieses  Profil,  das  in  Abb.  171  dargestellt
und  in  Abb.  168  bis  169  ringsum  eingezeichnet  ist,  schreibt  die  Umgrenzung  vor,  bis  zu
der  sich  die  festen  Teile  der  Eisenbahnfahrzeuge  höchstens  erstrecken  dürfen.  Es  weicht  in
den  einzelnen  Ländern  etwas  voneinander  ab.  So  ist  z.  B.  das  französische  Höhenmaß
geringer  als  das  deutsche,  was  im  Deutsch-französischen  Kriege  1870/71  zu  manchen  Unzuträglichkeiten ­
  bei  der  Beförderung  der  Militärzüge  durch  deutsche  Lokomotiven  geführt  hat.

171.  Umgrenzung  der  grössten  zntässigen
zweiten-  und  Köhenmntzr  der  Eiscniiichiifntzrzeuge.


172.  Umgrenzung  des  lichten  Raumes  für
die  Aanpteisendahnrn  Deutschlands.

Auf  den  deutschen  Bahnen  müssen  ferner  sämtliche  Gleise  der  freien  Bahn,  sowie
innerhalb  der  Stationen  alle  Personenzuggleise  von  baulichen  Anlagen  mindestens  bis  zu
der  in  Abb.  168  rechts,  sowie  in  Abb.  172  wiedergegebenen  „Umgrenzung  des  lichten
Raumes"  freigehalten  werden,  wobei  auf  die  Krümmungen,  aus  die  Spurerweiterung
und  die  Überhöhung  der  äußeren  Schiene  Rücksicht  zu  nehmen  ist.  Für  die  übrigen
Stationsgleise  ist  das  untere  Höhenmaß  von  0,?s  in  der  Abb.  172  auf  1,120  m  vergrößert,
damit  bequeme  Laderampen  für  die  Güterwagen,  deren  Fußboden  etwa  1,2  m  über  den
Schienen  liegt,  angelegt  werden  können:  vergl.  hierüber  auch  Abb.  168  u.'169.
Man  hat  im  Jahre  1855  in  Frankreich  versuchsweise  die  Radachsen  über  den  Kessel
gelegt  bezw.  in  eine  Einsattelung  desselben,  wie  dies  schon  1847  Trevithik,  der  Sohn
des  in  der  „Geschichte  der  Lokomotive"  rühmlichst  genannten  Erfinders,  bei  einer  englischen ­
  Lokomotive  (mit  2,6  m  großen  Treibrädern)  gethan  hatte  und  so  zwar  die  Verwendung ­
  ungewöhnlich  großer  Räder  (bis  2,85  in!)  ohne  erhebliches  Hinaufrücken  des
Gesamtschwerpunktes  der  Lokomotive  ermöglicht,  allein  der  Kessel  bekam  hierbei  eine  so
unzweckmäßige  Form,  daß  seine  Nachteile  den  Nutzen  der  großen  Räder  reichlich  überwogen.
Ungünstig  auf  die  Ausgestaltung  der  Lokomotive  ist  übrigens  auch  die  enge  Spurweite
von  1435  mm  gewesen.  Sie  legt  den  lichten  Abstand  der  beiden  Räder  einer  Achse
        <pb n="171" />
        175

Außenmaße.  Leistung  der  Lokomotiven.
(1360  mm)  fest.  Zwischen  den  Rädern  liegt  aber  der  Kessel.  Je  größer  nun  jene  sind,
desto  mehr  umschließen  sie  diesen,  wie  Abb.  167  (links)  erkennen  läßt,  und  hindern  seine
Breitenausdehnung.  Wäre  seinerZeitdie  Brunelsche  Breitspur  (2135mm)  durchgedrungen,
so  könnten  die  Lokomotivkessel  geräumiger  und  somit  leistungsfähiger  gebaut  werden  und
wären  dem  Ingenieur  in  dieser  Sache  die  Hände  nicht  so  gebunden.  Denn  auch  die
Kessellänge  kann  nicht  mehr  wesentlich  gesteigert  werden,  da,  abgesehen  von  der  Vermehrung ­
  des  Gewichtes  und  der  dadurch  bedingten  größeren  Zahl  von  Radachsen,  der  über
5  m  reichende  vordere  Teil  des  Kessels  erfahrungsgemäß  nur  wenig  zur  Dampferzeugung
beitragen  würde,  somit  von  sehr  geringem  Nutzen  wäre.  Muß  man  große  wirksame
Heizflächen  einbauen,  so  bleibt  nichts  anderes  übrig,  als  Doppellokomotiven  (Zwillingsund ­
  Fairlielokomotiven)  zu  verwenden,  oder  nach  amerikanischem  Vorbilde  den  Kessel  recht
hoch  zu  legen  und  erforderlichenfalls  auch  noch  die  Feuerbüchse  über  dem  Radgestell  zu
verbreitern  (Woottenkessel);  beides  hat  aber  wieder  mancherlei  Übelstände  im  Gefolge.
Lange  Zeit  galt  eine  tiefe  Schwerpunktlage  der  Lokomotive  für  höchst  vorteilhaft.  Die
Kesselmitte  wurde  möglichst  niedrig  gelegt  und  hatte  bei  der  Crampton-Lokomotive  der
Abb.  215  z.  B.  einen  Abstand  von  1,8  na  von  der  Schienenoberkante.  Über  2 1 / i  m
ging  man  ungern,  bis  zu  Anfang  der  90  er  Jahre  die  Nordamerikaner  sie  zwecks  Unterbringung ­
  größerer  Kessel  wesentlich  höher  legten  und  zwar  bis  2,8,  selbst  2,g  m  über  SO.
Man  vergleiche  daraufhin  die  Abb.  174  u.  215  mit  224  u.  228.  Damit  wurde  auch
die  alte  Anschauung  von  der  Notwendigkeit  einer  tiefen  Schwerpunktlage  über  Bord  geworfen, ­
  denn  diese  neuen  amerikanischen  Lokomotiven  zeigten  eine  durchaus  befriedigende,
ruhige  Gangart.  Bei  der  im  Jahre  1899  erbauten  schweren  Schnellzuglokomotive  der
Arlbergbahn  liegt  die  Kesselmitte  auch  bereits  2,6  m  über  SO.
Die  vorhin  erwähnte  andauernde  größte  Leistung  einer  Lokomotive  ermittelt  man
im  Betriebe  mittels  des  Indikators  und  aus  der  geförderten  Zuglast  oder  auch  mittels
des  Zugdynamometers.  Die  so  für  die  einzelnen  Lokomotivgattungen  bei  verschiedenen
Geschwindigkeiten  ermittelte  Zahl  der  Pferdestärken  bezieht  man  zweckmäßig  ans  die  Heizfläche ­
  und  erhält  so  eine  Anzahl  Werte,  die  ergeben,  wie  viele  Pferdestärken  durch  1  gm  Heizfläche ­
  im  Mittel  entwickelt  werden.  Einfluß  auf  die  Höhe  dieser  Werte  haben  außer  der
Fahrgeschwindigkeit  bezw.  Zahl  der  sekundlichen  Treibradumdrehungen  die  Größe  der
Rostfläche,  die  Art  der  Dampfausnntzung  (ob  Zwilling-  oder  Verbundwirkung),  die  Blasrohr- ­
  und  Schornsteinverhältnisse,  sowie  die  Beschaffenheit  des  Brennstoffes.

Nach  neueren  Erfahrungen  kann  man  als  Zahl  der  Pferdestärken,  die  durch  1  gm  Heizfläche ­
  erzeugt  werden,  folgendes  annehmen:

Umdrehungszahl  der  Treibachse  in  1  Sekunde

1

2

3

4

Personen  und  Schnellzuglokomotive  }  Verbund
Guterzuglokomotrve  }  £*
Tenderlokomotive

3,5
3.5
2.6
3,0

4,7
5,2
3,6
4,1
4,1

5.5
6,3
4,2
4,8
4.5

^  II  1

Hierbei  ist  vorausgesetzt,  daß  die  Rostfläche  in  angemessenem  Verhältnis  zur  Heizfläche
steht,  also  bei  Personen-  und  Schnellzuglokomotivcn  etwa  '/ 60 ,  bei  Güterzuglokomotiven  ungefähr
V 80  und  bei  Tenderlokomotiven  etwa  ’/bo  derselben  ausmacht.  Ist  die  Rostfläche  zu  klein  im
Verhältnis  zur  Heizfläche,  so  wird  die  Leistung  der  Lokomotive  kleiner,  als  in  der  Tabelle
angegeben,  während  sie  bei  besonders  guter  Kohle  größer  ausfallen  kann,  wie  8  3  zeigt.
Beispiel.  Eine  ff,-Verbund-Schnellzuglokomotive  mit  120  gm  Heizfläche,  deren  2  m
große  Treibräder  in  der  Sekunde  sich  viermal  umdrehen,  entsprechend  einer  Fahrgeschwindigkeit ­
  v  —  90  km  in  der  Stunde  —  25  m  in  der  Sekunde,  entwickelt  auf  1  gm  Heizfläche
nach  obiger  Tabelle  7  Pferde,  mithin  insgesamt  17  —  120  X  7  =  840  Pferdestärken.  Ihre
Zugkraft  Z  bei  90  km  Fahrt  beträgt,  da  17  —  -,  also  840  =  Üß  ^  —  2520  kg.
Soll  dieselbe  Lokomotive  einen  Zug  mit  45  km  in  der  Stunde  (=  2  Treibachsumdrehungen
  in  1  Sekunde)  befördern,  so  kann  sie  jetzt  nach  der  Tabelle  120  X  5,2  —  624  Pferde-75
  ■  624
stärken  leisten  und  ihre  Zugkraft  beträgt  Z  —  ‘  ^  -  -  —  3744  kg.
        <pb n="172" />
        176

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

Die  Lokomotive  vermag  also  jetzt  bei  der  geringeren  Fahrgeschwindigkeit  einen  schwereren
Zug  zu  befördern,  was  sich  oben  ans  der  allgemeinen  Formel  bereits  ergab.  Neuere  Lokomotiven^) ­
  leisten  bei  voller  Beanspruchung:
A.  Lokomotiven  der  preußischen  Staatsbahnen:  1.  ff^-Schnellzuglokomotive
(90  Ina/St.  Abb.  164  bis  169)  a)  Zwilling  (Heizfläche  118  qm)  700  Pferdestärken;  b)  Verbund
(Heizfläche  118  qm)  820  Pferdestärken.  2.  "/g-Güterzuglokomotive  (40  km/@t.)  a)  Zwilling
(Heizfläche  124  qm)  500  Pferdestärken;  b)  Verbund  (Heizfläche  116  qm)  560  Pferdestärken.
3.  ^--Verbund-Güterzuglokomotive  (40  km/St.,  Heizfläche  144  qm,  Abb.  170)  700  Pferdestärken. ­
  4.  -Nebenbahn-Tenderlokouiotive  (Heizfläche  60  qm)  bei  40  km/St.  250  Pferdestärken. ­
  —  B.  Ausländische  Lokomotiven:  1.  -  Verbund  -  Schnellznglokomotive  der
französischen  Nordbahn  (4  Dampfcylindcr,  Heizfläche  175^2  qm)  bei  90  krn/St.  1200  Pferdestärken. ­
  2.  °/t-Verbund-Schnellznglokomotive  der  Jnra-Simplonbahn  (Schweiz)  (3  Cylinder,
Heizfläche  140,3  qm)  bei  50  km/St.  1000  Pferdestärken.  3.  ffz-Verbuud-Schnellzuglokoinotive  der
Gotthardbahn  (Abb.  223,  4  Cylinder,  Heizfläche  165  qm)  bei  90  km/St.  1200  Pferdestärken.
4.  b/z-Berbund-Schnellzuglokomotive  der  österreichischen  Staatsbahn  (Abb.  225,  2  Cylinder,
Heizfläche  207,g  qm)  bei  65  km/St.  1300  Pferdestärken.  5.  ffz-Verbund-Schnellzuglokomotive
der  Philadelphia  und  Readingbahn  (Abb.  224,  4  Cylinder,  Heizfläche  171  qm)  bei  100  km/St.
1300  Pferdestärken.  6.  ^/g-Berbuud-Güterzuglokomotive  der  Northern-Pacificbahn  (Amerika)
(2  cylindrig,  Heizfläche  274  qm)  bei  26  km/St.  1200  Pferdestärken.
Aus  vorstehender  Zusammenstellung  erkennt  man,  wie  leistungsfähig,  namentlich  im
Auslande,  die  heutigen  Lokomotiven  sind.
Der  Lokomotivkessel.  Der  Kessel,  von  dem  Abb.  165  einen  Längsschnitt  durch
die  Mitte  gibt,  besteht  in  der  Hauptsache  aus  einem  cylindrischen,  von  einem  Bündel
enger  Röhren  —  Heiz-,  Feuer-  oder  Siederöhren  genannt  —  durchzogenen  Vorderteil,
dem  Langkessel,  und  einem  kistenartigen  hinteren  Teile,  der  Feuerkiste.  Diese  enthält
im  Inneren  eine  ähnlich  gestaltete,  unten  offene  Feuerbüchse  mit  dem  Rost,  unter  den
der  Aschenkasten  gehängt  ist.  Liegen  alle  Räder  vor  der  Feuerkiste,  wie  in  der  Regel
bei  den  Güterzuglokomotiven,  so  liegt  auch  der  Rost  gewöhnlich  wagerecht.  Ist  ein
Räderpaar  unterhalb  der  Feuerbüchse  angeordnet,  was  der  Lastverteilung  und  des  ruhigen
Ganges  wegen  bei  den  Schnellzuglokomotiven  (Abb.  165)  und  manchen  anderen  üblich
ist,  so  muß  der  Rost  geneigt  liegend  eingebaut  werden,  falls  man  nicht  dem  Kessel  eine
besonders  hohe  Lage  giebt,  wie  dies  bei  neueren  amerikanischen  Lokomotiven  der  Fall
ist  (Abb.  224  u.  228),  deren  Kessel  dann  nach  Abb.  173  auch  eine  wagerecht  begrenzte
Feuerkiste  erhalten  kann.  An  das  vordere  Ende  des  Langkessels  ist  die  durch  eine  Thür
verschließbare  Rauchkammer  mit  dem  Schornstein  angeschlossen.  In  sie  münden  die
Heizröhren  sowie  die  Ausströmungsrohre  des  in  oen  Cylindern  verbrauchten  Dampfes.
Unten  ist  sie  gewöhnlich  mit  einem  besonderen  Aschenfallrohr  (mit  Deckelverschluß)
versehen  (vergl.  Abb.  165).  Oberhalb  der  Heizrohrmündungen  ist  ein  Drahtsieb  oder
eine  durchlöcherte  Blechtafel  (Funkenfänger)  gelegt,  um  das  Aussprühen  von  Funken
durch  den  Schornstein  zu  mildern.  Gar  oftmals  sind  durch  den  Funkenauswurf  Brandschäden, ­
  namentlich  in  Wald-  und  Heidegegenden  entstanden,  für  die  dann  die  betreffende ­
  Bahnverwaltung  Entschädigung  zu  zahlen  hat.  Je  schwerer  eine  Lokomotive
arbeitet,  desto  mehr  uuverbrannte  Kohlenteilchen  (Flugasche)  werden  durch  die  Heizröhren
hindurchgerissen.  Sie  sammeln  sich  unten  in  der  Rauchkammer  an  und  können  beim
Stillstand  der  Lokomotive  leicht  durch  das  Aschenfallrohr  entfernt  werden.  Seit  einigen
Jahren  wird  nach  amerikanischem  Vorbilde  die  Rauchkammer  wesentlich  länger  als  sonst
üblich  war,  gemacht,  namentlich  bei  denjenigen  Lokomotiven,  die  lange  Strecken  zu  durchfahren ­
  haben  (vergl.  Abb.  225).  Dadurch  wird  der  Funkenauswurf  und  das  Verstopfen
der  unteren  Siederöhren  gemildert.
Die  Ausströmungsrohre  der  Dampfcylinder  tragen  oben  in  der  Rauchkammer  ein
gemeinsames,  nach  oben  hin  trichterförmig  verengtes  Mundstück,  das  Blasrohr.  Dieser
an  sich  so  einfache  Rohrstutzen  ist  für  den  Lokomotivbetrieb  von  besonderer  Wichtigkeit,
er  ist  die  Lunge  der  Lokomotive.  Infolge  der  Verengung  der  Ausströmung  erhält  der
in  den  Schornstein  entweichende  Auspuffdampf  eine  größere  Spannung,  so  daß  er  mit

*)  1)  Man  pflegt  die  Gesamtzahl  der  Radachsen  als  Nenner,  die  der  gekuppelten  Achsen  als
Zähler  eines  echten  Bruches  auszudrücken.  "/^-Lokomotive  bedeutet  also,  daß  von  den  vorhandenen ­
  4  Radachsen  2  gekuppelt  sind.  2)  Über  Vcrbundlokomotiven  vergl.  näheres  auf  S.  219.
        <pb n="173" />
        Lokomotivkessel.  177
großer  Geschwindigkeit  aus  der  Blasrohrmündung  entweicht  und  dabei  die  ihn  umgebenden
Feuergase  mit  sich  fortreißt.  Hierdurch  tritt  eine  Lustverdünnung  in  der  Rauchkammer
und  damit  in  den  Heizröhren  und  im  Feuerraum  ein.  Die  atmosphärische  Luft  ihrerseits ­
  dringt  nun  infolge  ihrer  größeren  Pressung  kräftig  durch  die  Rostspalten  in  das
Brennmaterial,  gibt  ihren  Sauerstoff  an  die  Kohlenteilchen  ab,  erzeugt  dadurch  eine  lebhafte ­
  Verbrennung  mit  hoher  Temperatur  und  strömt,  in  Feuergase  umgewandelt,  durch
die  Siederöhren  nach  der  Rauchkammer  hin  ab,  um  von  hier  mit  dem  Dampfstrahl  durch
den  Kamin  hindurch  ins  Freie  befördert  zu  werden.  Man  nennt  diesen  Verbrennungsvorgang ­
  eine  Verbrennung  mit  künstlichem  Zuge,  im  Gegensatz  zu  einer  solchen  mit
natürlichem  Zuge,  den  man  durch  hohe  Schornsteine  bei  feststehenden  Dampfkesseln  und
sonstigen  Feuerungsanlagen  erzeugt.  Beim  natürlichen  Zuge  kann  man  auf  1  qm  Heizfläche ­
  höchstens  20—30  kg  verdampftes  Wasser  in  der  Stunde  rechnen,  läßt  aus  wirtschaftlichen ­
  Gründen  aber  in  der  Regel  nur  12  bis  15  kg  zu,  während  man  bei  Lokomotiven

173.  Kcffiet  einer  neueren  amerikanischen  Niesenlakoinative.
Abi.  173  ll.  175  gehören  nach  ,.The  Engineer“  einer  1898  erbauten  zehnrädrlgcn  Lnlömotive  von  104400  kg  Gewicht  an.  Der  Kessel  ist  einschließlich ­
  Rauchkammer  10  m  lang  und  an  der  F-u-rbüchse  2,5  m  hoch.  Der  Lanatessel  hat  2,1  m  Durchmesser,  enthalt  355  Heizröhren  und
ist  für  -inen  Dampfdruck  von  14  Atmosphären  bestimm».  Die  Rostfiäche  ist  3  m  lang  und  I  m  breit.  Die  gesamte  H-t,stach-  ist  309  -&amp;gt;m
Das  Gewicht  des  Kessels  beträgt  26  920  kg.

40—60  kg,  ja  bei  den  stärksten  neueren  Schnellzuglokomotiven  selbst  bis  zu  65  kg  Dampf
stündlich  auf  1  qm  Heizfläche  entwickeln  muß.  Eine  derartige  starke  Verdampfung  kann
nur  durch  künstlichen  Zug  erreicht  werden.
Auch  der  Schornstein  ist  von  erheblichem  Einfluß  auf  die  Feueranfachung.  Diese  kann
durch  Verengern  oder  Erweitern  desselben  verstärkt  oder  verringert  werden,  desgleichen  durch
Verlängern  oder  Verkürzen  des  Schornsteines,  endlich  auch  durch  Tiefer-  oder  Höhersetzen
des  Blasrohres.  Grundregel  bleibt  aber  in  jedem  Falle  die  genaue  zentrale  Lage  der  Blasrohrmündung ­
  zum  Schornsteinquerschnitt,  sonst  sinkt  die  Blasrohrwirkung  erheblich  herab,
und  die  Dampfentwickelnng  der  Lokomotive  ist  wesentlich  verschlechtert.  Mau  sieht,  die  gute
Feueranfachung  hängt  von  einer  ganzen  Reihe  sorgfältig  zu  bemessender  Größen  ab,  und
die  Aufgabe,  hier  das  Richtige  zu  treffen  und  Klarheit  in  den  Zusammenhang  zwischen
Blasrohr-  und  Schornsteinwirkung  zu  bringen,  ist  schwierig.  An  der  Lösung  derselben
haben  sich  zahlreiche  Ingenieure  schon  in  der  ersten  Zeit  nach  Einführung  der  Eisenbahnen ­
  versucht.
Deutsche  Gelehrte  haben  auch  theoretisch  die  Sache  behandelt,  gestützt  auf  die  Resultate,
die  der  Obermaschinenmcister  Prüsmanu  1861  in  Lingen  bei  seinen  Versuchen  erzie  e,  e
ein  konischer  Schornstein  besser  wirken  sollte  als  ein  cylindrischer.  Dieses  Ergebn
auch  die  Theorie  über  die  bessere  Wirkung  des  konischen  Schornsteins  ist  aber^mcht  stichhaltig,
        <pb n="174" />
        178

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

da  die  grundlegenden  Versuche  des  Jahres  1861  leider  fehlerhaft  sind.  Verfasser  dieses  hat
in  den  Jahren  1892—1896  umfassende  Versuche  über  die  Blasrohrwirkungen  angestellt  und
dabei  gesunden,  daß  die  Form  der  Esse  gleichgültig  ist,  wenn  diese  nur  die  richtige  Weite
zur  Höhe  hat,  und  das  Blasrohr  zu  ihr  richtig  sitzt  —  ein  Ergebnis,  das  durch  Lokomotiven
der  verschiedensten  Länder  bestätigt  wird.  Zu  welch  absonderlichen  Blüten  eine  irrige  Auffassung ­
  der  Schornsteinfrage  geführt  hat,  möge  Abb.  174  zeigen.  Man  vergleiche  den  Riesenkamin ­
  derselben  mit  den  äußerst  kurzen  neuerer  Lokomotiven  in  Abb.  224  u.  227.
Eine  der  wertvollsten  Eigenschaften  des-Blasrohres  ist  die,  daß  es  die  Feueranfachung
nnd  dadurch  die  Dampfentwickelung  je  nach  dem  Grade  der  Beanspruchung  der  Lokomotive
von  selbst  regelt.  Gebraucht  die  letztere  mehr  Dampf,  z.  B.  auf  Steigungen,  so  strömt
auch  mehr  Dampf  durch  das  Blasrohr  aus.  Die  Feuergase  werden  infolge  der  größeren

174.  Amerikanische  SchneUruglokomotive  1848,  gebaut  von  Morris  in  Philadelphia.

Ausflußgeschwindigkeit  des  Abdampfes  schneller  aus  der  Rauchkammer  abgesaugt,  und  die
Außenluft  dringt  um  so  kräftiger  in  das  Feuer  ein.  Es  verbrennt  infolgedessen  mehr
Kohle,  und  eine  stärkere  Dampfbildung  geht  vor  sich.
Je  größer  nun  die  Rostfläche  ist,  desto  mehr  Brennstoff  kann  auf  ihr  in  der  Zeiteinheit ­
  verbrannt  werden.  Der  menschliche  Arm  vermag  jedoch  eine  Rostlänge  von  höchstens ­
  3  in  zu  beherrschen,  darüber  hinaus  wird  der  Kohleneinwurf  zu  schwierig  und
ungleich.  Rostlängen  von  3  m  hat  man  auf  belgischen  und  amerikanischen  Bahnen  vor
einigen  Jahren  eingeführt,  namentlich  zwecks  Verfeuerung  von  feiner  Kohle.  Auf  anderen
Bahnen  geht  man  nicht  gern  über  2 1 / a  m  Länge.  Die  Rostbreite  ist  durch  die  Spurweite ­
  der  Gleise  begrenzt,  man  kann  sie  also  bei  der  Normalspur  (1435  mm)  in  der
Regel  höchstens  etwa  1  m  wählen,  falls  man  nicht,  wie  beim  Wootten-Kessel,  die  Rostfläche
  über  das  Radgestell  legt.  In  Europa  ist  diese  Bauart  jedoch  nur  bei  einer  beschränkten ­
  Anzahl  belgischer  Lokomotiven  gewählt  worden.  Die  deutschen  und  englischen
Personen-  und  Güterzuglokomotiven  zeigen  Rostflächen  von  etwa  1 1 / 2  bis  2 1 / 4  qm.
        <pb n="175" />
        Blasrohr.  Verbrenmmgs-  und  Dampfwärme.  179
Amerikanische  Lokomotiven  sind  vereinzelt  sogar  mit  7  qm  und  selbst  8  qm  großen  Rostflächen ­
  ausgeführt  worden.  Neuerdings  hat  man  nach  englischem  Vorbilde  ziemlich  allgemein ­
  die  Feuerbüchse  unterhalb  der  Heizröhren  mit  einem  kurzen  Gewölbe  aus  feuerfesten ­
  Steinen  ausgestattet,  wodurch  eine  bessere  Verbrennung,  Schutz  der  Siederohrenden
und  geringerer  Funkenauswurf  erzielt  wird.
Die  Verbrennungstemperaturen  in  der  Feuerbüchse  sind  sehr  hohe,  man  kann  bei
Koksfeuerung  1300°  0,  bei  Steinkohlenfeuerung  1150°  6  annehmen.  In  die  Rauchkammer ­
  treten  die  Heizgase  je  nach  Bauart  des  Kessels  und  der  Fahrgeschwindigkeit  mit
etwa  250  °  bis  500  °  0.  ein.  Es  werden  ihnen  also  im  Mittel  800  °  Wärme  entzogen.

175.  Kchmolspvr-Tcndcrlokomotive  von  5675  kg  Gewicht  auf  dem  8135  kg  schweren  Gußstück
der  pamvfrytinder  einer  neueren  amerikanischen  Nieseniokomotive.

Wo  bleiben  diese?  Feuerbüchse  und  Heizröhren  sind  ringsum  von  Wasser  umgeben,  und
Wasser  verdampft  bei  100  °  6.  Um  das  Erglühen  der  Bleche  und  die  Gefahr  einer
Kesselexplosion  zu  verhüten,  muß  das  Wasser  mindestens  10  am  über  dem  höchsten  Punkte
der  Feuerbüchsdecke  stehen.  Da  heutigestags  in  den  Lokomotivkesseln  ein  Dampfdruck  von
10  bis  12  Atmosphären  Überdruck  (—  10  bis  12  kg  auf  1  qcm),  auf  manchen  Bahnen  sogar
von  15  kg  auf  1  qcm  erzeugt  wird,  so  herrscht  im  Kesselinnereu  —  je  nach  dem  Drucke  —
eine  Temperatur  von  180  bis  200°  0.  Mithin  gehen  die  großen  Wärmemengen,  die
die  Heizgase  abgeben,  in  das  Kesselwasser  über  und  verwandeln  es  rasch  in  Dampf  von
verlangter  Spannung  (vergl.  hierüber  auch  S.  220).
Als  Baustoff  für  die  Feuerbüchse  nimmt  man  der  guten  Wärmeleitung  wegen  in
Europa  Kupfer;  in  Amerika  wird  meistens  Flußeisen  (in  geringer  Wandstärke)  verwendet.
Für  die  Heizröhren  wird  dünnes  Messing  (England)  oder  besser  Eisenblech  von  2  b,s
23*
        <pb n="176" />
        180

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

Z  mm  Dicke  genommen.  Eine  so  geringe  Wandstärke  ist  zulässig,  weil  man  den  Durchmesser ­
  der  Röhren  klein  (40  bis  55  mm)  wählt.  Aus  diesem  Grunde  können  auch  recht
viele  der  engen  Röhren  in  einem  Kessel  untergebracht  werden,  wodurch  die  wasserbespülte
Heizrohrfläche  größer  ausfällt,  als  wenn  wenige  Röhren  von  größerer  Weite  eingebaut
würden.  Unsere  heutigen  Lokomotiven  enthalten  180  bis  250  Heizröhren  von  3^/gbis4&amp;gt;/g,
zuweilen  auch  5  m  Länge.  In  besonders  starken  Lokomotiven  steigt  ihre  Zahl  sogar  auf  400
und  mehr.  Die  durch  die  Heizröhren  gegebene  Heizfläche  nennt  man  die  indirekte,  diejenige ­
  der  Feuerbüchse  die  direkte  und  die  Summe  beider  die  Gesamtheizfläche.  Diese
betrug  bei  dem  im  Jahre  1829  siegreichen  „Rocket"  (25  Heizröhren!)  nur  12,8  gm,  bei
unseren  heutigen  großen  Lokomotiven  schwankt  sie  zwischen  100  und  175  gm  und  beträgt
bei  den  neuen  ^-Lokomotiven  der  Arlbergbahn  250  gm,  bei  einer  Anzahl  amerikanischer
Lokomotiven  300  gm  und  mehr.  Man  sieht,  die  Lokomotive  ist  in  70  Jahren  gewaltig
gewachsen.  Dieses  veranschaulicht  auch  so  recht  Abb.  175,  auf  der  eine  Fabrik-Tenderlokomotive ­
  von  5675  kg  Gewicht  dargestellt  ist,  wie  sie  bequem  Platz  findet  auf  dem
8135  kg  schweren  Gußstücke  der  beiden  Dampfcyliuder  einer  neueren  amerikanischen
Riesenlokomotive.  „Rocket"  wog  nur  4572  kg.

Wegen  des  hohen  Dampfdruckes  muß  der  Kessel  sehr  kräftig  gebaut  werden.  Der  Langkessel ­
  hat  Walzenform,  ist  daher  in  sich  steif,  wenn  nur  die  Blechstärke  genügend  groß  ist.
Der  Hinterkessel  dagegen  zeigt,  abgesehen
von  seiner  äußeren  Decke,  ebene  Wände.  Diese
würden  aber  unter  der  Wirkung  des  Dampfdruckes ­
  ihre  Form  verlieren,  sich  ausbauchen  und
aufreißen,  zumal  in  der  kupfernen  Feuerbüchse.
Man  muß  sie  deshalb  aussteifen  und  schraubt
zu  dem  Zwecke  nach  Abb.  176  in  etwa  je  10  cm
Abstand  kupferne  „Stehbolzen"  in  die  Kupserund
  Eisenwände,  so  daß  nur  noch  kleine  freie
Flächen  von  ungefähr  10  qcm  Größe  dem
Dampfdrücke  ausgesetzt  sind.  Der  Hinterkessel
enthält  einige  Hundert  dieser  Stehbolzen,  der
Riesenkessel  der  Abb.  173  sogar  gegen  1100.
Ebenso  wird  die  flache  Decke  der  inneren  Feuerbüchse ­
  entweder  durch  sogenannte  Deckenbarren
oder  häufiger  durch  eiserne  Schraubenbolzen
hier  Deckenanker  genannt  —  gegen  die  äußere
gewölbte  Eisendecke  wirksam  versteift,  was  auch  mit  allen  sonstigen  schwachen  Stellen,  sei  es
durch  Anker,  sei  es  durch  besondere  Blechkonstruktionen,  geschieht  (Abb.  165  bis  167).
Da  infolge  der  Wärmewirkung  beim  Anheizen  bezw.  Erkalten  der  Lokomotive  die  kupferne
Feuerbüchse  sich  etwas  gegen  die  Eisenhülle  verschiebt,  so  erleiden  die  Stehbolzen  starke
Biegungsspannnngen,  infolge  deren  sie  an  einzelnen  Stellen  im  Laufe  der  Zeit  brechen  und
zwar  nahe  der  Blechwand.  Da  dieses  aber  für  die  Sicherheit  des  Kessels  höchst  nachteilig  ist,
so  gibt  man  durch  Anbohren  der  beiden  Bolzenenden  (Abb.  176)  dem  Führer  ein  Mittel  an
die  Hand,  solche  Brüche  sofort  erkennen  zu  können.  Es  wird  nämlich  das  Kesselwasser  im
Falle  eines  Bruches  durch  den  inneren  Druck  als  kleiner,  aber  kräftiger  Strahl  durch  die
Bohrung  nach  außen  oder  in  das  Feuerbüchsinnere  getrieben.  Derartige  Bohrungen  werden
baldigst  verkeilt  und  die  schadhaften  Bolzen  in  der  Werkstatt  ausgewechselt.

176.  Ktehbslzen.

Die  vorgenannte  Wärmewirkung  beeinflußt  auch  in  sehr  kräftiger  Weise  die  Kessellänge,
die  sie  um  10  mm  und  mehr  vergrößert  (Anheizen)  und  wieder  verkleinert  (Abkühlen).  Der
Kessel  darf  deshalb  nur  an  dem  einen  Ende  und  zwar  an  dem  kühlsten  (Rauchkammer)  fest  mit
dem  Rahmengestell  verbunden  werden  und  muß  im  übrigen  frei  in  der  Längsrichtung  verschiebbar ­
  auf  diesem  ausruhen,  anderenfalls  würde  der  Zusammenhang  der  Lokomotive  bald  gelockert ­
  und  der  Kessel  in  den  Nietnähten  überhaupt  nicht  dampf-  und  wasserdicht  zu  halten  sein.
Bei  der  starken  Dampfentwickelung  innerhalb  der  ganzen  Wasserschicht  im  Kessel
wallt  das  kochende  Wasser  an  seiner  Oberfläche,  wodurch  dem  Dampfe  viel  Wasser  beigemengt ­
  wird.  Dieses  darf  aber  nicht  in  die  Arbeitscylinder  gelangen.  Es  ist  nicht
zusammendrückbar,  würde  also,  wenn  zwischen  Dampfkolben  und  Cylinderdeckel  in  größerer
Menge  eingeschlossen,  letzteren  oder  gar  den  Cylinder  leicht  zertrümmern  können,  wie
wiederholt  schon  vorgekommen  ist.  Man  versieht  deshalb  den  Langkessel  nach  dem  Vorgänge ­
  von  Hackworth  (1830)  mit  einem  hohen  Aufsatz,  Dom  genannt,  und  entnimmt  aus
diesem  den  Dampf  für  den  Cylinder,  da  er  hier  am  trockensten  ist.  Häufig  scheidet  man
        <pb n="177" />
        Heizfläche:  Kesselausrüstung.  181
das  Dominnere  von  dem  Kessel  noch  durch  durchlöcherte  Blechplatten  oder  dergl.  (vergl.
Abb.  165)  ab,  damit  das  Kesselwasser  noch  mehr  von  der  Dampfentnahmestelle  zurückgehalten ­
  wird.  An  den  Dampfcylindern  sitzen  zudem  Hähne  oder  Ventile,  um  etwa  in
ihnen  vorhandenes  Wasser  schleunigst  ins  Freie  ablassen  zu  können.
Kesselausrüstung.  Jeder  Lokomotivkessel  muß  nach  gesetzlicher  Vorschrift  mit  besonderen ­
  Teilen  ausgerüstet  sein,  die  stets  die  Höhe  des  Dampfdruckes,  die  Wasserfüllung,
namentlich  den  zulässig  tiefsten  Stand  des  Wasserspiegels  anzeigen,  die  ferner  das  verbrauchte ­
  Kesselwasser  ersetzen  und  ein  zu  starkes  Anwachsen  des  Dampfdruckes  thunlichst
verhindern.  Hierzu  dienen  die  Dampfdruckmesser  (Manometer),  die  Wasserstandszeiger,
die  Speisevorrichtungen  (Pumpen)  und  die  Sicherheitsventile.  Letztere  öffnen  sich  selbstthätig ­
  und  lassen  den  überschüssigen  Dampf  ins  Freie  entweichen,  sobald  der  Dampfdruck
die  für  jeden  Kessel  vorgeschriebene  Grenze  überschreitet.  Außerdem  muß  jede  Lokomotive
eine  Dampfpfeife  für  die  Signalgebung  besitzen,  sowie  eine  Bremsvorrichtung  zum  Anhalten.
Durch  den  Verbrauch  des  Dampfes  in  der  Maschine  sinkt  der  Wasserspiegel  im  Kessel.
Führer  und  Heizer  erkennen  dieses  mit  Hilfe  der  Wasserstandszeiger,  die  in  der  Regel

177.  Explodierte  Lokomotive  bei  Lninge»  nahe  Kitdroheim,  29.  Juni  1894.

aus  einem  Wasferstandsglase  (Glasröhre)  und  2  bis  3  Probierhähnen  bestehen  (vergl.
W  u.  P  in  Abb.  169).  Zerspringt  das  Glas,  so  treten  die  in  verschiedener  Höhenlage
angebrachten  Probierhähne  in  Benutzung.  Der  obere  Hahn  soll,  geöffnet,  bei  richtigem
Wasserstande  stets  Dampf  geben,  der  untere  dagegen,  der  in  der  Linie  des  zulässig  niedrigsten
Wasserstandes  sitzt,  stets  Wasser.  Gibt  auch  er  Dampf,  so  liegt  Wassermangel  im  Kessel
vor.  War  kurz  zuvor  das  Wasser  im  Glase  noch  sichtbar  oder  durch  den  Hahn  nachgewiesen, ­
  so  kaun  die  Gefahr  durch  Speisen  des  Kessels  abgewendet  werden.  In  zweifelhaften ­
  Fällen  muß  aber  das  Feuer  sofort  vom  Roste  entfernt  werden,  denn  es  können
möglicherweise  die  vom  Wasser  entblößten  Wandungen  bereits  erglüht  sein.  Füllt  in  solchem
Falle  der  Maschinist  Wasser  auf,  so  erfolgt  plötzlich  eine  starke  Dampfentwickelung.
Können  dann  die  Sicherheitsventile  den  überschüssigen  Dampf  nicht  entweichen  lassen,  so
steigert  sich  der  Dampfdruck  über  den  normalen  oft  erheblich.  Falls  nun  die  schwächste
Stelle  des  Kessels  dem  Drucke  nicht  mehr  gewachsen  ist,  gibt  sie  nach,  und  die  Explosion
mit  ihren  oft  gräßlichen  Folgen  tritt  ein.  Die  Zertrümmerung  eines  so  zerstörten  Kessels
ist  meistens  recht  gründlich.  Die  einzelnen  Kesselteile  werden  weit  weggeschleudert  und
richten  oftmals  auf  ihrer  Flugbahn  noch  viel  Unheil  an.  Abb.  177  zeigt  das  Bild  einer
im  Jahre  1894  explodierten  Güterzuglokomotive.  Der  Mantel  des  Langkessels,  der
Schornstein  und  Dom  waren  hier  in  mehrere  Stücke  gerissen  und  lagen  über  60  ur  wei
zerstreut  umher.  Die  Heizröhren  waren  infolge  des  plötzlich  ringsum  fehlenden  Dru  e»
durch  das  aus  dem  Inneren  des  Kessels  hervorschießende  Kesselwasser  ausgebaucht,  wahren»
        <pb n="178" />
        182

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.
sie  an  ihren  Enden  in  den  beiden  Rohrwänden  festgehalten  wurden.  —  Infolge  sehr
gründlicher  Kesselbeaufsichtigung  von  Amts  wegen  kommen  in  Deutschland  weniger  Explosionen ­
  vor  als  im  Auslande.  Die  amerikanischen  Bahnen  können  sich  rühmen,  bislang ­
  die  zahlreichsten  Explosionen  verzeichnet  zu  haben.
Zum  Kesselspeisen,  d.  i.  Auffüllen  des  Kessels  mit  Wasser,  besaßen  die  älteren
Lokomotiven  je  zwei  mit  Kolben  und  Ventilen  versehene  Speisepumpen  unter  oder  neben
dem  Kessel,  die  von  der  Treibachse  oder  dem  Kreuzkopfe  der  Kolbenstange  angetrieben
wurden.  Sie  saugten  das  Wasser  aus  dem  Tender  an  und  drückten  es  in  den  Kessel.
Während  der  Fahrt  konnten  sie  durch  einfache  Handgriffe  leicht  in  und  außer  Thätigkeit
gesetzt  werden.  Beim  Stillstand  der  Lokomotive  hörte  aber  das  Pumpen  auf.  Der  Führer
mußte  im  Bedarfsfälle  eigens  eine  Zeitlang  auf  dem  Bahnhöfe  spazieren  fahren.  Um  die
hiermit  —  namentlich  auf  größeren  Stationen  —  verbundenen  Unbequemlichkeiten  und
Störungen  zu  beschränken,  trafen  einzelne  Verwaltungen  die  Einrichtung,  daß  die  Lokomotiven ­
  zwecks  Kesselspeisung  mit  ihren  Treibrädern  auf  ein  in  das  Gleise  einer  Feuergrube ­
  eingebautes  Rollenpaar  fahren  konnten.  Die  Treibachse  und  damit  die  Pumpen
ließen  sich  nun  bewegen,  ohne  daß  die  Lokomotive  ihren  Platz  verließ.  Anderswo  wieder
rüstete  man  die  Lokomotive  mit  einer  Handpumpe  aus,  die  vom  Personale  während  des
Stillstandes  in  Thätigkeit  gesetzt  werden  konnte.  Ein  wesentlicher  Fortschritt  schon  war
es,  als  Anfang  der  50er  Jahre  kleine  Dampfpumpen  (von  Borsig-Berlin  u.  a.)  zur
Einführung  gelangten,  die  durch  den  Kesseldampf  betrieben  wurden.  Die  Pumpen  versagten ­
  aber  oft  und  waren  nicht  selten  reparaturbedürftig.  Auch  förderten  sie  das  Wasser  —
von  wenigen  Ausnahmen  abgesehen  —  kalt  in  den  Kessel.  Das  war  auch  ein  böser  Übelstand, ­
  wie  wir  weiter  nuten  noch  sehen  werden.
Mit  großer  Freude  wurde  es  daher  begrüßt,  als  1858  der  Franzose  Giffard  die
Kesselspeisung  in  gänzlich  neuer  Weise  bewirkte.  Die  schon  lange  vor  ihm  bekannte  und
mehrfach  zu  anderen  Zwecken  ausgenutzte  Eigenschaft  eines  Wasser-  oder  Dampfstrahles
beim  Durchströmen  von  Düsen  —  vergl.  auch  das  über  „Blasrohr"  oben  Gesagte  —
verwertete  er  in  einer  höchst  einfachen  Vorrichtung,  Jnjekteur  oder  Injektor,  später
Dampfstrahlpumpe  genannt.  Indem  er  hiermit  das  Wasser  vermöge  der  lebendigen
Kraft  eines  Dampfstrahles  in  den  Kessel  trieb,  gab  er  dem  Lokomotivbetriebe  nicht  nur
eine  erhebliche  Vereinfachung,  sondern  auch  die  unerläßliche  Betriebssicherheit.  Der
Giffard-Jnjektor  erfuhr  in  den  folgenden  Jahren  bis  auf  die  Neuzeit  hinein  mannigfache
Abänderungen.  Wohl  kein  anderer  Lokomotivteil  ist  von  den  Maschineningenieuren  so
oft  durchgearbeitet  und  umgeformt  worden,  wenngleich  sein  Grundgedanke  stets  unverändert ­
  blieb.  Etwa  Mitte  der  70er  Jahre  waren  die  Kolbenpumpen  nahezu  vollständig
auf  den  Lokomotiven  durch  den  Injektor  verdrängt,  der  seitdem  unbestrittener  Alleinherrscher ­
  geblieben  ist.
Fast  alles  Speisewasser  enthält  neben  mechanisch  beigemengten  Verunreinigungen  aufgelösten ­
  Kalk,  Gips  oder  Magnesia.  Diese  Stoffe  schlagen  sich  nun  in  hoher  Temperatur,
wie  sie  das  Kesselwasser  zeigt,  sofort  nieder  und  bilden  dann  Kesselstein,  diesen  ärgsten
Feind  der  Lokomotivkessel.  Wollte  man  daher  das  Speisewasser  zwecks  schnellerer  Erwärmung
an  der  Feuerkiste  einführen,  weil  hier  die  relativ  höchste  Temperatur  ini  Kesselwasser  herrscht,
so  entständen  in  dem  schmalen  Wasscrraume  um  die  Feuerbüchse  heruni  in  kurzer  Zeit  starke
Kesselstein-  und  Schlammablagerungen,  die  nicht  nur  die  Wärmeabgabe  der  Feuergase  an
das  Wasser  behindern  würden,  sondern  auch  ein  Abbrennen  der  Feuerbüchsbleche,  Abbrechen
der  Stehbolzen  u.  s.  w.  zur  Folge  hätten.  Man  läßt  deshalb  das  Speisewasser  jetzt  auch
stets  nahe  der  Rauchkammer  in  den  Kessel  eintreten  und  sucht  möglichst  reines  Wasser  zu  verwenden, ­
  erforderlichenfalls  verschafft  man  sich  solches  durch  vorherige  künstliche  Reinigung.
Mechanisch  beigemengte  Verunreinigungen  können  durch  Filter  (Sand,  Kies  u.  s.  w.s
beseitigt  werden.  Die  aufgelösten  Stoffe  entfernt  man  in  verschiedener  Weise,  und  zwar
fällt  man  z.  B.  den  kohlensauren  Kalk  und  die  Magnesia  durch  Kalk  oder  Ätznatron,  den
Gips  durch  Soda.  Die  oft  marktschreierisch  angepriesenen  Geheimmittel  zur  Verhinderung
der  Kesselsteinbildung  sind  ziemlich  wertlos.  Petroleum  leistet  mitunter  gute  Dienste,  indem
es  das  Ansetzen  von  Kesselstein  an  die  Wandungen  und  sein  Festbrennen  verhindert,  so  daß
er  bei  dem  Reinigen  (Auswaschen)  des  Kessels,  das  in  manchen  Bezirken  allwöchentlich  vorzunehmen ­
  ist,  leicht  entfernt  werden  kann.  Es  ist  oft  erstaunlich,  welche  Kesselsteinmengen
und  in  welcher  dicken  Schicht  trotzdem  aus  manchen  Lokomotiven  entfernt  werden.
Reines  Speisewasser  ist  für  die  Lebensdauer  der  Kessel  von  hervorragender  Bedeutung,
wie  anderseits  unreines  die  Kessel  zerstört,  zu  kostspieligen  Ausbesserungen  derselben  Anlaß
        <pb n="179" />
        Speisung.  Einteilung  der  Lokomotiven.  183

gibt  und  ihre  Verdampsungsfähigkeit  sehr  beeinträchtigt.  Manche  Eisenbahnvcrwaltungen
haben  darum  oftmals  lange,  teuere  Wasserleitungen  gelegt,  um  ihre  Lokomotivstationen  mit
gutem  Wasser  (Fluß-  oder  Gebirgswasser)  versehen  zu  können.  Die  Wirkung  solcher  Anlagen
spiegelt  sich  in  den  geringeren  Kcsselreparaturen  ihrer  Hauptwerkstättcn  vorteilhast  wieder.
Einteilung  der  Lokomotiven.  Aus  den  Ausführungen  des  ersten  Abschnittes
erkennt  man  schon  ohne  weiteres,  daß  wir  je  nach  der  Betriebsart  der  Bahn  Reibungsund ­
  Zahnradlokomotiven  zu  unterscheiden  haben,  und  bei  letzteren  wieder  reine  Zahnradlokomotiven ­
  und  vereinigte  Zahnrad-  und  Reibungslokomotiven.  Die  Reibungslokomotiven ­
  sind  verschieden  in  ihrer  Bauart  und  ihren  Abmessungen,  je  nachdem  sie
bestimmt  sind  für  Haupt-,  Neben-  oder  Kleinbahnen.  Die  Hauptbahnlokomotiven  zerfallen ­
  wiederum  in  solche  für  Schnellzüge,  Personenzüge,  Güterzüge,  gemischte  Züge
(d.  h.  Güterzüge  mit  Personenbeförderung)  und  für  den  Rangier-  oder  Verschiebedienst.
Alle  Lokomotiven  sind  entweder  solche  mit  besonderem  Vorratswagen  für  Wasser  und
Kohle  (Schlepptender  oder  kurz  Tender  genannt),  oder  solche,  die  diese  Vorräte  über,
unter,  neben  und  hinter  dem  Kessel  mitführen.  Letztere  heißen  Tenderlokomotiven

17».  Ansicht  rinrr  3/3  Personrnniglokomotivi  mit  vorderer  Loufachse  und  Nichcnrahmen.

(Abb.  175),  im  Gegensatze  zu  den  Lokomotiven  mit  Schlepptender  (Abb.  226).  Tenderlokomotiven ­
  finden  auf  Hauptbahnen  für  den  Verschiebedienst  Verwendung,  desgleichen
für  das  Befördern  von  Personen-  und  Güterzügen  auf  kurzen  Linien.  Auf  Nebenbahnen
sind  sie  die  vorherrschend,  auf  Kleinbahnen  die  ausschließlich  benutzte  Gattung,  soweit
nicht  andere  Betriebsarten,  wie  Preßluft,  Gas  und  Elektrizität  hier  gewählt  sind.
Ferner  hat  man  sie  nach  gewissen  Einzelheiten  in  der  Bauart  zu  unterscheiden,  die
der  Lokomotive  ein  besonderes  Gepräge  verleihen,  so  z.  B.  nach  der  Lage  der  Cylinder,  ob
innerhalb  oder  außerhalb  der  Rahmen,  d.  h.Lokomotiven  mit  Innen-  oder  Außencylindern*);
nach  der  Lage  der  Rahmen,  ob  diese  innerhalb  oder  außerhalb  der  Räder  angeordnet  sind,
d.  h.  Lokomotiven  mit  Jnnenrahmen  (Abb.  164  u.  170)  oder  mit  Außenrahmen  (Bauart
Hall,  Abb.  178  u.  225);  nach  der  Zahl  und  Gruppierung  der  Radachsen,  z.  B.  dreiachsige
Lokomotiven  mit  einer  Laufachse  (Abb.  178),  desgl.  vierachsige  mit  Drehgestell  (Abb.  164
u.  227)  desgl.  nur  mit  Treib-  und  Kuppelachsen  (Abb.  175,  218,  221  u.  222)  u.  s.  w.
Nach  der  Art  der  Dampfausnutznng  endlich  teilt  man  sie  ein  in  solche  mit  einfacher
Dampfdehnung,  das  sind  Lokomotiven  mit  Zwillingswirknng  und  solche  mit  zweifacher
Dampfdehnung,  das  sind  Lokomotiven  mit  Verbundwirkung  (Verbundlvkomotwen).
Hierüber  vergl.  näheres  auf  S.  219.
*)  Jnnencylinder  sind  in  England  beliebt,  die  übrigen  Eisenbahnländer  ziehen  Außencylinder
  vor.
        <pb n="180" />
        184

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

Geschichte  der  Lokomotive.
Noch  ehe  James  Watt  1769  seine  erste  auf  die  Arbeiten  Papins  und  die  atmosphärische ­
  oder  Feuer-Maschine  Newcomens  gegründete  Dampfmaschine  der  Welt  übergeben ­
  hatte,  und  ihre  gewaltigen  Vorteile  zunächst  für  Bergwerkszwecke,  sodann  für  das
gewerbliche  Leben  zu  Tage  traten,  war  jener  von  seinem  Freunde  Robison  (1759)  darauf
aufmerksam  gemacht  worden,  daß  die  Dampfkraft  zum  Bewegen  von  Straßenwagen  dienen
könne.  Watt,  dem  es  bekanntlich  zuerst  gelang,  die  hin  und  her  gehende  geradlinige
Kolbenbewegung  durch  den  einfachen  (am  Spinnrocken  und  an  der  Drechslerbank  schon
längst  benutzten)  Kurbelmechanismus  in  eine  Drehbewegung  umzusetzen,  nahm  25  Jahre
später  (1784)  ein  Patent  auf  einen  Dampfwagen  mit  hölzernem,  durch  Eisenbänder  verstärktem ­
  oder  auch  aus  dünnem  Blech  gefertigtem  Kessel  mit  innerem  Flammrohr,  verfolgte ­
  die  Sache  aber  nicht  weiter.  Die  Ausbildung  der  Kondensations-Niederdruckdampfmaschine ­
  und  ihre
wirtschaftliche  Verwertung
nahmen  ihn  ganz  in
Anspruch.
In  anderen  Ländern
hatten  mittlerweile  erfinderische ­
  Köpfe  schon  versucht,
die  Dampfkraft  für  Fahrzeuge ­
  auszunutzen.  Es
gelang  zum  erstenmal  dem
französischen  Militäringenieur ­
  Cugnot,  der  1769
ein  dreiräderiges  Straßenfuhrwerk ­
  durch  Dampf
antrieb.  Dasselbe  vermochte ­
  mit  vier  Personen
belastet  eine  Fahrgeschwindigkeit ­
  von  3 1 / a  km  in  der
Stunde  zu  erreichen.  Die
Dampscylinder  waren  einfach ­
  wirkend,  mit  einem
Vierweghahn  als  Dampfsteuerorgan, ­
  eine  Anordi79.
  uiurboiko  Lokomotive,  1784.  nung,  die  bereits  von
Leopold  in  seinem  1720
in  Kassel  erschienenen  „Theatrum  Machinarum“  angegeben  worden  ist.  Die  Drehbewegung
für  das  Treibrad  bewirkte  Cugnot  durch  eine  sogenannte  Ratsche  (Sperrad  mit  Klinkhebel).
  Der  Dampfkessel  dieser  ersten  Ausführung  erwies  sich  jedoch  zu  klein.  Nach
Cugnots  Plänen  ließ  daun  die  französische  Regierung  mit  einem  Aufwande  von
16  000  Mark  eine  größere,  zum  Fortschaffen  schwerer  Geschütze  bestimmte  Straßenlokomotive ­
  herstellen.  Dieselbe  endete  aber  schon  nach  wenigen  Fahrten  durch  die
Straßen  von  Paris  infolge  eines  Zusammenstoßes  mit  einer  Mauer  und  fand  dann
eine  Ruhestätte  im  Conservatoire  des  arts  et  des  metiers,  wo  sie  noch  jetzt  gezeigt  wird.
Im  Jahre  1784  fertigte  Murdock,  Assistent  von  Watt,  ein  Modell  eines  Dampfwagens ­
  an,  das  von  ihm  in  Thätigkeit  gesetzt  wurde  und  einige  Fahrten  ausführte.
Abb.  179  gibt  eine  Ansicht  dieses  Modellwägelchens  wieder.  Aus  dem  senkrechten  Dampfkessel ­
  ragt  der  Arbeitscylinder  heraus,  dessen  Kolbenstange  einen  einarmigen  langen  Hebel
bewegt,  der  seinerseits  durch  eine  Lenkstange  die  Radachse  in  Umdrehung  versetzt  —  eine
Übertragungsform,  die  wir  in  etwas  verbesserter  Art  1801  bei  Evans  (Abb.  180),
1813  bei  Hedley  (Abb.  186  u.  187)  und  1828  bei  Foster,  Rastrick  &amp;amp;  Co.  (Abb.  207)
wiederfinden.
        <pb n="181" />
        Geschichte  der  Lokomotive.  Oliver  Evans.

185

180.  Evans'  Vampfniaschine.

Murdock  hat  seine  immerhin  brauchbare  Idee  seltsamerweise  nicht  weiter  verfolgt.
Sein  Bersuchsmodell  war  1851  auf  der  Weltausstellung  in  London  von  der  Firma
I.  Watt  &amp;amp;  Co.  in  Soho  zur  Schau  gestellt.
Eine  wesentliche,  wenn  auch  nur  mittelbare  Förderung  fand  die  Dampflokomotive
durch  den  Amerikaner  Oliver  Evans.  Im  Jahre  1784  nahm  dieser  ein  Patent  auf  die
Hochdruckdampfmaschine,  bei  der  er  hochgespannten  Wasserdampf  von  zehn  Atmosphären
Pressung  verwenden  wollte.  Hiermit
erst  war  die  Grundlage  für  eine  gedeihliche ­
  Entwickelung  des  Dampfwagens ­
  geschaffen.  Man  kannte  —
abgesehen  von  den  beiden  vorgenannten ­
  kurzlebigen  Versuchen  Cugnots
und  Murdocks  —  bis  dahin  nur
die  Koudensationsdampfmaschine  von
Watt,  die  mit  einem  Dampfdruck  betrieben ­
  wurde,  der  kaum  den  Druck
der  natürlichen  Atmosphäre  überschritt.
Diese  Wattschen  Niederdruckmaschinen
waren  aber  für  den  Betrieb  von
Straßenwagen  nicht  nur  viel  zu
schwerfällig,  sondern  wegen  der  für
das  Kondensieren  des  Dampfes  erforderlichen ­
  großenWassermenge  völlig
ungeeignet.  Die  Hochdruckmaschine
von  Evans  war  daher  ein  großer
Fortschritt.  Sie  besaß  außerdem  im  Verhältnis  zu  ihrer  Leistung  geringes  Gewicht  und
ließ  sich  daher  auf  einem  Wagen  bequem  unterbringen.  Evans  bewarb  sich  1786  in
Pennsylvanieu  um  ein  Patent  auf  eine  Dampfstraßenlokomotive,  wurde  aber  von  seinen
Landsleuten  als  an  der  „Dampfkrankheit"  leidend  verlacht,  sein  Plan  für  ein  Hirngespinst
erklärt  und  das  Patent  ihm  verweigert.  Im  folgenden  Jahre  erhielt  er  jedoch  ein  solches
im  Staate  Maryland.  Er  verfolgte  zähe  seine  Idee.  Im  Jahre  1801  führte  er  eine  Hochdruckdampfmaschine ­
  aus,  bei  der
die  geradlinig  hin  und  her  gehende
Kolbenbewegung  nach  Art  der
Modellfigur  (Abb.  180)  durch
einen  um  einen  Endpunkt  drehbaren ­
  Schwinghebel  —  einen
sogenannten  Grasshopper  beam
—  mittels  Lenkstange  in  die
Drehbewegung  umgesetzt  wird,
also  ähnlich  wie  bei  Murdock.
Im  Jahre  1804  baute  Evans
einen  Dampfbagger  für  den  Hafen
von  Philadelphia,  den  Oruetor
Amphibolus  (Grabmaschine  zu
Wasser  und  zu  Lande),  aus  dem
manche  Schriftsteller  nachher  einen  Dampfwagen  gemacht  haben.  Diese  Legende  ist
höchstwahrscheinlich  dadurch  entstanden,  daß  Evans  den  Bagger  auf  Räder  setzte  und
diese  durch  die  Dampfmaschine  desselben  mittels  Seile  antreiben  ließ  (Abb.  181),  um  ihn
vom  Herstellungsorte  durch  eigene  Kraft  2 1 / 2  km  weit  an  den  Fluß  zu  schaffen.  Wegen
dieser  Beweglichkeit  zu  Laude  und  zu  Wasser  hatte  Evans  auch  die  vorerwähnte  doppelsinnige ­
  Bezeichnung  gewählt.  Der  Transport  dieses  Dampfungetüms  ging  damals  „im
Angesichte  von  wenigstens  20  000  Zuschauern  durch  die  Straßen  von  Philadelphia  biv
an  den  Schuylkillfluß"  vor  sich.  Evans  selbst  hat  wohl  niemals  einen  eigentlichen
IX  24

181.  Evmiü'  Dampfüuggcr  „Wrurtor  Kniphiliolus",  1804.
        <pb n="182" />
        186  Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

Dampfwagen  gebaut.  In  einer  von  ihm  um  das  Jahr  1805  zu  Philadelphia  veröffentlichten ­
  Schrift:  „Führer  des  jungen  Ingenieurs",  legte  er  zwar  die  Grundzüge
seiner  Dampfmaschine,  mit  besonderer  Berücksichtigung  ihrer  Verwendung  für  Schiffsund ­
  Wagenantrieb  dar,  beschreibt  jedoch  nirgends  die  Bauart  eines  Dampfwagens.
Er  empfiehlt  in  seiner  Abhandlung  zum  Betriebe  seiner  Hochdruckmaschine  bereits  starke
schmiedeeiserne  Kessel  mit  einem  Flammrohr  im  Inneren,  und  macht  ferner  sehr  viele,
damals  höchst  wertvolle  Angaben  über  hochgespannten  Dampf,  bemerkt  auch,  daß  ihm
die  Arbeiten  Watts  und  seiner  Vorgänger  wohl  bekannt  seien.
In  England  hatte  mittlerweile  Richard  Trevithik  im  Verein  mit  seinem  Vetter
Vivian  1802  ein  Patent  auf  eine  Hochdruckdampfmaschine  und  ihre  Anwendung  aus
Dampfwagen  genommen.  Vivian  gab  nach  Colburns  „Geschichte  der  Lokomotive"  das
Geld  her  zu  dem  Bau  einer  Dampfdroschke,  die  nach  London  zur  Schau  gebracht  wurde.
Sie  hatte  aber  keinen  rechten  Erfolg.  Ein
von  Trevithik  1802  angefertigtes  Modell
einer  Straßenlokomotive  befindet  sich  im
South-Kensington-Museum  in  London,
woselbst  eine  Anzahl  der  denkwürdigsten
Erfindungen  auf  dem  Gebiete  des  Maschinenbaues ­
  in  ihrer  ersten  Ausführung  zusammengestellt ­
  sind.  Besonders  merkwürdig
an  dieser  Versuchslokomotive,  die  Abb.  182
wiedergibt,  ist  das  große  Schwungrad,  das
die  Drehbewegung  der  Radachse  gleichförmiger ­
  gestalten  sollte,  da  nur  ein
Dampfcylinder  vorhanden  war.  Doch  erst
als  Trevithik  1804  einen  zweiten,  für
Spurbahnen  bestimmten  Dampfwagen
baute,  glückte  ihm  die  Sache  leidlich.  Die
noch  jetzt  im  genannten  Londoner  Museum
aufbewahrte  Entwurfszeichnung  hierzu
wurde  im  Dezember  1803  vollendet.  Nach
ihr  ist  die  „Engineering"  entnommene
Abb.  183  gefertigt.  Beide  Radachsen
werden  von  der  Schwungradwelle  durch
Zahnräder  angetrieben.  Am  vorderen
Kesselende  liegt  der  sehr  lange  Cylinder
mit  dem  Kolben,  die  Feuerthür  und  auch
der  Schornstein.  Das  die  Feuerung  aufnehmende ­
  „Flammrohr"  durchzieht  hier
bereits  das  Kesselinnere  in  v-Form,  also  zweimal.  Es  besitzt  daher  eine  große  Heizfläche,
welche  die  Wärme  der  Feuergase  recht  wirksam  an  das  umgebende  Kesselwasser  abgeben  kann.
Der  verbrauchte  Dampf,  Abdampf  genannt,  wurde  durch  ein  Rohr  in  den  Schornstein  ge
leitet  und  diente  so  zur  Verstärkung  des  für  die  Verbrennung  erforderlichen  Luftzuges.  Die
bei  Trevithiks  erstem  Dampfwagen  angebrachten  Blasebälge  waren  dadurch  wirksam  beseitigt.
Auf  diese  Art  der  Feueranfachung,  wohl  die  erste  Anwendung  des  „künstlichen  Zuges",  wird
durch  Gilbert  in  Nicholsons  „philosophischer  Zeitschrift"  vom  Jahre  1805  ausdrücklich  aufmerksam ­
  gemacht.  Es  ist  dies  ein  um  so  wichtigerer  Vermerk,  als  später,  wie  wir  sehen
werden,  eine  ganze  Anzahl  von  Männern  Anspruch  auf  die  erste  Anwendung  des  künstlichen ­
  Zuges  durch  Abdampf  erheben.  Der  Dampfdruck  der  Trevithikschen  Lokomotive
betrug  ungefähr  drei  Atmosphären,  war  also  gegenüber  den  damaligen  Wattschen  Niederdruckmaschinen ­
  immerhin  schon  hoch.  Die  Lokomotive  diente  kurze  Zeit  auf  der  Merthyr
Tidvil-Bahn  in  Südwales  zur  Roheisenbeförderung  und  vermochte  mehrere  mit  insgesamt
10  000  kg  Eisen  belastete  Wagen  zu  ziehen.  Sie  fand  wohl  eine  große  Zahl  von
Bewunderern,  aber  keine  weitere  Nachahmung.

182.  Trevithiks  Kchwungradiokomotive,  1802.
        <pb n="183" />
        Trevithik.  Älteste  Eisenbahnlokomotive.

187

Bemerkenswert  an  dieser  ältesten  Eisenbahnlokomotive  ist  noch  der  Umstand,  das;  die
Räder  an  der  Lauffläche  in  Breite  der  Fahrschienen  glatt,  daneben  aber  durch  Nagelköpse
rauh  gemacht  waren.  Neben  die  Eisenspur  war  eine  Holzbahn  gelegt,  in  die  sich  die  Köpfe
der  Radnägel  beim  Fahren  eindrückten.  Durch  die  künstlich  so  vermehrte  Reibung  war  die
Lokomotive  im  stände,  Wagenlasten  fortzuziehen.  In  seiner  Patentschrift  vom  Jahre  1802
wies  Trevithik  darauf  hin,  daß  in  gewissen  Fällen  der  Umfang  der  Treibräder  uneben  zu
machen  sei,  etwa  durch  vorstehende  Bolzen,  Nagelköpfe  oder  durch  Querfurchcn.  Er  setzt  jedoch
ausdrücklich  hinzu,  daß  im  allgemeinen  die  gewöhnliche  Beschaffenheit  oder  Form  der  Außenfläche ­
  dieser  Räder  für  den  beabsichtigten  Zweck  genügen  würde,  das  ist  aber  der  glatte
cylindrische  Radumfang!  Ihm  war  also  im  Gegensatz  zu  der  in  der  späteren,  auch  neuzeitigen
Litteratur  allgemein  verbreiteten  Ansicht  schon  bekannt,  daß  die  Reibung  zwischen  Treibrad
und  Radbahn  unter  Umständen  für  das  Ziehen  von  Lasten  genüge.  Wenn  er  dennoch  die
vorgenannten  Kunstnnttel  zur  Vermehrung  der  Adhäsion  vorschlug  und  anwandte,  so  war
er  dazu  gezwungen,  weil  die  Treibrädcr  seiner  Lokomotive  viel  zu  gering  belastet  waren.

183.  Trevithiks  verbesserte  Kchmnngrad-Lokomotive,  180314.
(Älteste  Lokomotive  für  Eisenbahnen.)

Aus  dem  zu  Anfang  dieses  Abschnitts  über  Schienenreibung  Gesagten  geht  aber  hervor,  daß,
wenn  eine  Lokomotive  beim  Anfahren  einen  bestimmten  Widerstand  überwinden  soll,  ihre
Treibräder  mit  etwa  dem  6,sfachen  desselben  belastet  sein  müssen.  Dieses  einfache  Grundgesetz ­
  war  aber  derzeit  noch  nicht  erkannt.  Für  die  damalige  Zeit  kam  noch  erschwerend
hinzu,  daß  die  Spnrwege  vielfach  in  den  unebenen  und  oft  steilen  Straßenzügen  lagen,  auf
die  so  schwache  Lokomotiven  wie  es  die  Trevithiksche  war,  mittels  glatter  Räder  Wagenlasten
nicht  hinauf  befördern  konnten,  zumal  wenn  die  Schienen  durch  schmelzenden  Schnee,
Schlamm  u.  s.  w.  schlüpfrig  geworden  waren.
Von  dieser  Trevithikschen  Lokomotive,  die  übrigens  ihrem  Erfinder  weder  Erfolg
noch  dauernde  Anerkennung  einbrachte,  auch  nicht  einbringen  konnte,  da  sie  nicht  genügend
ausgereift  und  das  gußeiserne  Gleis,  auf  dem  sie  lief,  auch  nicht  widerstandsfähig  genug
war,  leitete  sich  wohl  die  falsche  Anschauung  jener  Zeit  her,  daß  zwischen  glatten  Treibrädern ­
  und  Eisenschienen  nicht  so  viel  Reibung  vorhanden  sei,  wie  für  das  Fortziehen
von  Lasten  notwendig  ist.  Und  so  sehen  wir,  wie  die  nächsten,  von  anderer  Seite  unternommenen ­
  Versuche  auf  Herstellung  eines  brauchbaren  Dampfwagens  sich  alle  mit  der
künstlichen  Reibung  abmühen.  Sie  alle  waren  sonach  von  vornherein  nicht  lebensfähig.
Am  aussichtsvollsten  war  noch  die  Zahnradlokomotive,  auf  die  1811  I.  Blenkinsop,
24*
        <pb n="184" />
        188

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

In

Inspektor  einer  Kohlenzeche  zu  Middleton  bei  Leeds,  ein  Patent  genommen  hatte,
dessen  Aufträge  baute  der  Ingenieur  Murray  in  Leeds  eine  derartige  Lokomotive,  die  im
Sommer  1812  in  Betrieb  gesetzt  wurde.  Abb.  184  zeigt  uns  diese  erste  Zahnradlokomotive.
Die  Zahnstange  war  seitlich  an  einer  der  Fahrschienen  angegossen.  In  sie  griff  ein  von
zwei  oben  auf  dem  gußeisernen  Dampfkessel  befindlichen  Dampfcylindern  durch  Lenkstangen, ­
  Kurbeln  und  Zahnräder  angetriebenes  Zahnrad  ein,  dessen  Zähne  der  Lokomotive
einen  künstlichen  Stützpunkt  beim  Ziehen  gaben.  In  dem  Kessel  lag  das  Feuer-  oder
Flammrohr  aus  Eisenblech.  Die  Cylinder  ragten  zum  Teil  in  den  Kessel  hinein.  Die
beiden  Krummzapfen  eines  jeden  Antriebscylinders,  durch  welche  die  Zahnradachse  in
Drehung  versetzt  wird,  sind  hier  bereits  um  90°  gegen  die  des  anderen  Cylinders  versetzt, ­
  und  diese  Winkelstellung  der  Kurbeln  wird  gleichzeitig  durch  die  drei  unter  dem  Kessel
liegenden  Zahnräder  aufrecht  erhalten.  Steht  sonach  der  eine  Dampfkolben  am  Ende
seines  Weges,  also  im  „toten  Punkte",  in  welchem  er  keine  Arbeit  leisten  kann,
so  befindet  sich  der  andere  gerade  in  der  Mitte  seines  Hubes,  kann  also  recht
kräftig  wirken.  Wir  haben  hier  somit  eine  Zwillingsmaschine  —  wohl  die  erste
Zwillingsdampfmaschine  überhaupt  —  die  ein  Anfahren
  der  Lokomotive  in  jeder  Stellung  ermöglicht.
!  If  I  II  Diese  Versetzung  der  Kurbeln,  die  ihrem  Erfinder
Murray  alle  Ehre  macht,  ist  seitdem  bei  allen
Lokomotiven  beibehalten  worden.
Nach  Clark,  „Railway
Machinery“  konnte  diese  etwa
5000  kg  schwere  Lokomotive
auf  der  5,6  km  langen  Middleton-Kohlenbahn
  Lasten  von
15  000  kg  auf  einer  Steigung
von  66  % 0  (1:15)  überwinden. ­
  Die  Fahrgeschwindigkeit ­
  betrug  etwa  5  km  in  der
Stunde.  Sie  kam  noch  für
einige  andere  Zechenbahnen
zur  Ausführung,  so  z.  B.  auf
der  Coxlodgegrube,  ohne  jedoch ­
  auf  diesen  eine  längere
Betriebsdauer  zu  erreichen.*)
Sie  war  wohlauf  starken  Steigungen ­
  zweckdienlich,  nicht
aber  auf  flach  geneigter  oder  gar  wagerechter  Bahn.  Hier  fuhr  sie  viel  zu  langsam,  zudem ­
  entstand  durch  das  dreifache  Zahngetriebe  viel  Lärm  beim  Fahren,  vor  allem  aber
war  sie  zu  kostspielig  in  der  Unterhaltung,  nutzte  auch  den  Gleisbau,  der  durch  die  Zahnstange ­
  einseitig  beansprucht  wurde,  arg  ab  und  gab  zu  vielen  Schienenbrüchen  Anlaß.
Immerhin  hat  die  Blenkinsop-Mnrray-Lokomotive  trotz  aller  Mängel  das  Verdienst,  auf
stark  geneigter  Bahn  sich  als  brauchbar  erwiesen  zu  haben  und  die  Vorläuferin  unserer
heute  so  stark  verbreiteten  Zahnradlokomotiven  zu  sein.
Eine  Lokomotive  dieser  Bauart  ist  auch  um  1816  in  der  Kgl.  Eisengießerei  zu  Berlin
für  eine  km  lange  Koblenbahn  an  der  Saar  hergestellt  worden.  Es  ist  dieses  die  erste
deutsche  Lokomotive,  allerdings  nach  den  in  England'  gemachten  Aufnahmen  eines  deutschen
Bergbeamten  angeordnet.  Nach  ihrer  Vollendung  vermochte  sie  auf  einer  Versuchsstrecke  im
Hofe  der  Eisengießerei  Wagen  mit  80  Zentner  Belastung  zu  ziehen.  Wohlverpackt  in  Kisten
wurde  sie  auf  dem  Wasserwege  über  Amsterdam  die  Saar  hinauf  versandt.  An  ihrem  Bestimmungsorte ­
  angelangt,  machte  das  Zusammenbauen  große  Schwierigkeiten.  Nach  langen
Bemühungen  gelang  es  endlich,  die  Lokomotive  in  Bewegung  zusetzen;  —  Wagen  wollte  sie
aber  nicht  ziehen.  Die  Zahnbahn  wurde  abgebrochen  und  Pfcrdebetrieb  an  die'Stelle  gesetzt.

181.  Nlenkinsops  Alltinradlokoiiiotivr,  erbaut  von  Murray.  1812.

*)  Auf  der  Coxlodgegrube  fand  dieser  Lokomotivbetrieb  infolge  einer  Kesselexplosion  ein  frühzeitiges ­
  Ende;  auf  der  Middletongrube  dagegen  stand  er  bis  zum  Jahre  1839  in  Benutzung.
        <pb n="185" />
        189

Geschichte  der  Lokomotive.  Blenkinsop,  Chapman  und  Brunton.

Im  Erüffnungsjahre  der  ersten  deutschen  Eisenbahn  (1835)  wanderte  die  Zahnradlokomotive
nach  langer  Ruhepause  ins  alte  Eisen.  Das  in  Berlin  erschienene  „Museum  des  Neuesten
und  Wissenswürdigsten"  gibt  in  seinem  Oktoberheft  vom  Jahre  1816  eine  ausführliche  Beschreibung ­
  von  ihr,  die  sich  ganz  mit  der  Abb.  184  deckt.
Im  Jahre  1812  versuchten  die  Gebrüder  William  und  Edward  Chapman,  von  denen
ersterer  Zivilingenieur  war,  die  Aufgabe  dadurch  zu  lösen,  daß  sie  statt  der  Zahnstange  eine
an  beiden  Enden  der  Bahn  fest  verankerte  Kette  wählten,  an  der  sich  die  Lokomotive  mittels
einer  durch  Dampf  angetriebenen  Rolle  oder  Windetrommel  entlang  ziehen  sollte,  wie  das
heutigestags  noch  bei  der  Kettenschiffahrt  auf  der  Elbe,  Saale  u.  s.  w.  und  in  ähnlicher
Weise  bei  der  Seilfahrt  auf  Flüssen  zur  Anwendung  kommt.  Auch  ließen  sie  sich  gleichzeitig ­
  hiermit  eine  künstliche  Feueranfachung  durch  ein  von  der  Lokomotive  getriebenes
Gebläse  patentieren  und  sahen  für  scharf  gekrümmte  Bahnen,  desgleichen  für  leichte
Schienen  —  damals  stets  aus  Gußeisen  in  kurzen  Stücken  hergestellt  —  Drehgestelle  für
ihre  Lokomotiven  vor.  Ihren  Kettenantrieb  bildeten  sie  auch  dahin  aus,  daß  mittels  einer
endlosen  Kette  von  begrenzter  Länge  eine  beliebig  lange  Bahnlinie  befahren  werden  konnte.
Es  wurde  eine  Kettenlokomotive  auf  der  Hettonbahn  in  der  Nähe  von  Newcastle-on-Tyne
zwar  erprobt,  aber  zu  brauchbaren  praktischen ­
  Ausführungen  haben  sich  diese
Chapmanschen  Vorschläge  nicht  verdichtet. ­
  Das  Drehgestell  allein  war
lebensfähig,  wurde  jedoch  erst  zwei
Jahrzehnte  später  und  zwar  von  amerikanischer ­
  Seite  nutzbar  gemacht.
Brunton,  Ingenieur  derBatterley
  Eisenwerke,  kam  1813  sogar  auf
den  abenteuerlichen  Gedanken,  „die
Natur  nachzuahmen",  indem  er  seine
Lokomotive  hinten  mit  zwei  Giraffenbeinen ­
  ausstattete,  deren  Gelenke  nach
Abb.  185  abwechselnd  durch  die  Kolbenstange ­
  eines  wagerecht  liegenden  Dampfcylinders
  hin  und  her  bewegt  bezw.
geknickt  wurden.  Die  unten  mit  Gelenkklauen ­
  versehenen  Eisenstelzen  oder
Krücken  fanden  dabei  abwechselnd  am  Bahnkörper  festen  Stützpunkt  und  konnten  daher  die
Lokomotive  fortdrücken.  Jede  um  den  oberen  Punkt  pendelnde  Krücke  war  etwas  oberhalb
ihres  Knickpunktes  mit  einer  wagerechten  Zahnstange  verbunden,  die  in  ein  oben  auf  dem
gußeisernen  Dampfkessel  gelagertes  Zahnrad  eingriff.  Dadurch  waren  beide  Krücken  miteinander ­
  gekuppelt,  ging  die  eine  vorwärts,  so  mußte  die  andere  sich  entgegengesetzt  bewegen.
Durch  eine  Schnur  wurden  die  Klauen  beim  Zurückholen  der  Stelzen  vom  Boden  abgehoben.
Es  ist  hier  also  thatsächlich  die  Bewegung  des  Tierbeines  nachgeahmt.  Die  Lokomotive  vermochte ­
  sich  mit  etwa  4  km  Geschwindigkeit  in  der  Stunde  fortzuschleichen  und  entwickelte  etwa
5  Pferdestärken.  Eine  Kesselbeschädigung  setzte  ihrem  Wirken  ein  baldiges  Ziel.  (Brunton
hatte  sich  diese  Krückenbewegung  auch  für  die  Beförderung  von  Schiffen  unter  Nr.  3700
patentieren  lassen!)  Noch  andere  seltsame  Anordnungen  wurden  in  jener  Zeit  erdacht.
Aber  alle  diese  zum  Ersatz  der  angeblich  mangelnden  Schienenreibung  ersonnenen  Künsteleien ­
  konnten  nimmermehr  eine  brauchbare  Lokomotive  für  dauernden  Betrieb  abgeben.
Erst  als  Blackett,  Inspektor  der  bei  Newcastle-on-Tyne  gelegenen  Wylamzechen
auf  der  Wylam-Lemingtonbahn  im  Verein  mit  William  Hedley,  ebenfalls  Inspektor  bei
den  vorgenannten  Kohlengruben,  durch  besondere  eingehende  Versuche  an  einem  mittels
Handwinden  angetriebenen  Eisenbahnwagen  feststellte,  daß  bei  entsprechender  Belastung
der  glatten  Eisenräder  die  Reibung  zwischen  Treibrad  und  Schiene  völlig  ausreichend  sei
für  das  Anfahren  und  Fortziehen  von  Fahrzeugen,  war  auch  die  Grundlage  geschaffen,
auf  der  sich  eine  lebensfähige  Lokomotive  weiter  entwickeln  konnte.  Blackett  selbst  mühte
        <pb n="186" />
        186.  Erste  brauchbare  Kokomativr,  erbaut  von  Aedley  1813.
Nach  einer  Aufnahme  von  R.  H.  Bleasdale  In  Birmingham
        <pb n="187" />
        191

Geschichte  der  Lokomotive.  Blackett  und  Hedley.

sich  wiederholt,  aber  stets  vergeblich  ab,  eine  brauchbare  Lokomotive  herzustellen.  Hedley
aber  nahm  im  Jahre  1813  ein  Patent  auf  eine  Lokomotive  und  führte  eine  solche  nach
mancherlei  Versuchen  und  Änderungen  für  die  Wylam-Kohlenbahn  aus.  Sie  ist  die  erste
brauchbare  Dampflokomotive  mit  glatten  Rädern.*)  Ihre  Gesamtanordnung  ist  in  Abb.  186
wiedergegeben.  Zu  beiden  Seiten  des  vorderen  Kesselendes  befindet  sich  ein  ans  Eisenblech ­
  zusammengenieteter  1  m  langer  Dampfcylinder  von  300  mm  äußerem  Durchmesser ­
  und  915  mm  Hub.  Jede  Kolbenstange  greift  an  einem  langen,  oberhalb  des
Kessels  gelagerten  Schwinghebel  an,  der  hinten  am  Schornsteinende  abgestützt  ist.  Von
jedem  dieser  Hebel  wird  die  Auf-  und  Abwärtsbewegung  mittels  Lenkstange  und  Krummzapfen ­
  auf  eine  unter  dem  Kessel  befindliche  Blindachse  übertragen  und  hier  in  eine  Drehbewegung ­
  umgesetzt.  Ein  auf  dieser  Achse  sitzendes  Zahnrad  treibt  nun  nach  beiden  Seiten
durch  je  zwei  Zahnräder  die  in  je  900  min  Abstand  von  ihm  gelagerten  Treibachsen  mit
ihren  980  mm  großen  Rädern  an,  und  zwar  mit  vergrößerter  Geschwindigkeit,  da  das
Achsenzahnrad  einen  kleineren  Durchmesser  als  das  treibende  besitzt.
Gleichzeitig  dient  das  letztere  aber  auch  dazu,  die  beiden  um  90»  gegeneinander ­
  versetzten  Krummzapfen  in  dieser  Lage  zu  erhalten,  damit  die
Lokomotive  als  Zwillingsmaschine  arbeiten ­
  kann.
Bemerkenswert  ist  ferner  die  Umsteuerung ­
  der  Dampfcylinder,  die  in  sehr
einfacher  Weise  durch  je  zwei  Knaggen
einer  vom  Schwinghebel  auf  und  ab  bewegten ­
  Stange  bewirkt  wird,
die  ähnlich  wie  bei  den  älteren
Wassersäulen-  und  Wasserhaltungsmaschinen ­
  einen  den
Dampfzu-  und  -abflnß  regelnden ­
  wagerechten  Steuerhebel
verstellen.  Mit  richtigem  Blick
hatte  Hedley,  wie  s.  Zt.  auch
Trevithik,  als  Verbrennungsund ­
  Heizkammer  ein  U-förmig
gebogenes  Flammrohr  gewählt,
in  welchem  der  Rost  mit  der
Feuerthür  an  der  Schornsteinseite ­
  lag.  Es  mußten  daher
die  Rauchgase  zweimal  den  Kessel  durchziehen  und  konnten  so  mehr  Wärme  an  das  das
Flammrohr  einhüllende  Kesselwasser  abgeben.  Es  war  dieses  für  die  damalige  Zeit  eine
durchaus  wirkungsvolle  Anordnung.

N8.  Kcdleys  8-Niidrrlokomotivr,  1815.

Eine  dieser  Hedlcy-Lokomotiven,  Namens  Puffing  Billy,  that  bis  zum  6.  Juni  1862  aus
der  Wylambahn  Dienst;  dann  wurde  sie  nach  fast  öOjähriger  Benutzung  für  das  Sonth-Kensington-Museum
  angekauft,  in  welchem  sie  neben  der  Siegeslokomotive  Stephensons  einen
Ehrenplatz  gefunden  hat.  Abb.  186  zeigt  sie  uns  nach  einer  älteren  Photographie  in  Verbindung ­
  mit  ihrem  ursprünglichen  Tender,  dessen  Wasserbehälter  nach  damaliger  Art  durch
ein  gewöhnliches  Faß  gebildet  wird.  Später  wurde  dieses  durch  einen  Kasten  ersetzt,  wie
ihn  das  South-Kensington-Museum  erhalten  hat.  Die  oben  gegebenen  Abmessungen  hat  Verfasser ­
  an  jenem  Orte  durch  Messung  entnommen.  Unsere  Abbildung  läßt  auch  die  Abführung
des  verbrauchten  Dampfes  durch  den  Schornstein,  also  künstliche  Zugwirknng  durch  ein  Blasrohr ­
  erkennen.  Wann  dieses  von  Hedley  angebracht  ist,  ist  unbekannt.  Seine  Patentschrift
vom  Jahre  1813  enthält  nichts  darüber.  Später  hat  ein  Neffe  desselben  die  erste  Verwendung
des  Blasrohrs  an  Lokomotiven  für  William  Hedley  in  Anspruch  genommen  —  ob  mit  Recht,
ist  nicht  nachweisbar.
W.  Hedley  baute  1815  eine  ähnliche  Lokomotive,  der  er  nach  Abb.  187  acht  Räder
gab,  um  durch  Verminderung  des  Raddruckes  die  damaligen  zerbrechlichen,  gußeisernen

*)  Die  auch  in  der  neuesten  Fachlitteratur  so  oft  zu  findende  Bemerkung:  Stephenson
habe  1814  die  erste  brauchbare  Lokomotive  geschaffen,  ist  hiernach  grnndirrig.
        <pb n="188" />
        192

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

Schienen  mehr  zu  schonen  und  die  Unterhaltungskosten  herabzuziehen.  Es  werden  hier
die  vier  Achsen  durch  nicht  weniger  als  acht  Zahnräder  angetrieben,  was  gerade  nicht  zum
Vorteil  der  Arbeitsübertragung  ist.  Diese  Bauart,  bei  der  je  zwei  Achsen  in  einem  besonderen ­
  Rahmen  gelagert  waren,  hat  Anlaß  zu  der  in  der  deutschen  Litteratur  verbreiteten ­
  Legende  gegeben,  daß  die  Lokomotive  zwei  um  einen  Mittelzapfen  einstellbare
Drehgestelle  besessen  hätte,  Hedley  also  der  Erfinder  derselben  sei.  Das  ist  nicht  richtig.
Schon  die  in  einer  Ebene  liegenden  acht  Zahnräder  und  die  durch  Abb.  187  wiedergegebene ­
  Bauart  der  Rahmengestelle  verbieten  eine  solche  Anordnung.  Oben  sind  die
Gebrüder  Chapman  auf  Grund  ihrer  Patentschrift  vom  Jahre  1812  als  die  ersten  Verwender ­
  von  Lokomotivdrehgestellen  genannt  worden.  Auffallend  ist  die  Dampfabführung
in  Abb.  187.  Der  Abdampf ­
  gelangt  erst  in
einen  geräumigen  Zwischenbehälter ­
  und  aus
diesem  in  den  Schornstein. ­
  Nach  Smiles  hatte
Hedley  diese  Anordnung
getroffen,  um  das  vordem
vorhandene  laute  Geräusch ­
  des  ausströmenden
Dampfes,  durch  das  die
Anwohner  der  Bahn  zu
sehr  belästigt  und  die
Pferde  scheu  geworden
waren,  zu  beseitigen.
Eine  wirksame  Feueranfachung ­
  durch  den  Abdampf ­
  war  freilich  damit
aufgegeben.
Um  das  Jahr  1814
greift  auch  George  Stephenson ­
  in  den  Entwickelungsgang ­
  der  Lokomotive ­
  ein.  Mit  glücklicher ­
  Hand  und  sicherem
praktischen  Blick  bildet  er
sie  weiter  aus  und  gibt
ihr  im  Verlauf  von  15
Jahren  unter  wesentlicher ­
  Beihilfe  anderer
erfahrener  Männer  diejenige ­
  Anordnung,  die  sie  zum  Kulturträger  unserer  Zeit  befähigen  sollte.  —  Stephenson
(vergl.  Abb.  188)  hatte  sich  durch  rastlosen  Eifer  allmählich  vom  Pferdetreiber  einer
Kohlenbahn  zum  Maschinenwärter  emporgearbeitet.  Im  Jahre  1811  gelang  es  ihm,
eine  Verbesserung  an  einer  Newcomenschen  Feuermaschine  sowie  an  einer  Bergwerkspumpe ­
  zu  treffen,  was  ihm  die  Stelle  eines  Maschinenmeisters  des  bei  Newcastle  gelegenen ­
  Killingworth-Bergwerks  verschaffte.  Ein  Jahr  später  wurde  er  bereits  infolge
seiner  Kenntnisse  im  praktischen  Maschinenwesen  und  seines  scharfen  Blickes  für  maschinelle ­
  Betriebe  zum  Grubeninspektor  ernannt.  Als  solcher  konnte  er  seine  Begabung
und  seinen  inneren  Drang  freier  entfalten,  und  besonders  eifrig  arbeitete  er  u.  a.  an  der
Verbesserung  der  Lokomotive,  deren  Mängel  er  an  der  Hedley-  und  Blenkinsopschen
Bauart  wiederholt  kennen  gelernt  hatte.  Die  nötigen  Geldmittel  gab  ihm  der  Besitzer
des  vorgenannten  Bergwerkes,  Lord  Ravensworth.  Am  25.  Juli  1814  setzte  Stephenson
seine  erste  Lokomotive  auf  der  Killingworth-Eisenbahn  in  Betrieb.  Zu  Ehren  des  alten

188.  George  Stephenlon.
Geboren  am  9.  Juni  1781  in  Wylam  bei  Newcastle-on-Tmie.
Gestorben  am  12.  August  1848  in  Tapton  Hause  bei  Chesterfieid.
        <pb n="189" />
        193

G.  Stephenson.  Stephensons  erste  Lokomotive.

Blücher,  für  den  damals  ganz  England  schwärmte,  war  sie  auf  den  Namen  dieses  ruhmreichen ­
  deutschen  Feldherrn  getauft.  Sie  bewährte  sich  aber  nicht.  Wohl  hatte  sie  glatte
Treibräder,  nutzte  also  die  Schienenreibung  aus,  aber  dieselben  wurden  nach  Abb.  189
durch  Zahnradgetriebe  in  Umdrehung  versetzt,  von  denen  das  mittelste  zur  Regelung  der
gegenseitigen  Umdrehungen  der  beiden  Radachsen,  bezw.  zur  Aufrechterhaltung  der
90  Grad-Versetzung  der  beiden  Drehkurbeln  diente.  Diese  Bauart  war  eine  Abänderung
der  Hedley-  und  der  Blenkinsop-Lokomotive.  Sie  entlehnte  von  der  letzteren  die  Lage
der  Dampfcylinder  und  die  Lenkstangenanordnung,  von  der  ersteren  dagegen  die  Beivegungsübertragung
  auf  die  Treibachsen.  Nur  war  jetzt  die  Übersetzung  „ins  Langsame"
gewählt,  indem  die  Radachsen  je  ein  60  am  großes  Zahnrad  besaßen,  während  die  drei
treibenden  Zahnräder  kleiner  waren.  Der  Kessel  war  mit  einem  einfachen  geraden  Flammrohr ­
  ausgestattet,  das  unmittelbar  in  den  weiten  Schornstein  mündete.  Auch  hier  gab
es  während  der  Fahrt  durch  die  fünf  Zahnräder  viel  klappernden  Lärm,  der  mit  der  starken
Abnutzung  der  Getriebe  zunahm.  Die  Lokomotive  leistete  etwa  6—7  Pferdestärken  und
vermochte  eine  Wagenlast  von  30  500  kg  über  eine  Steigung  von  2,2  °/ 00  (1  :  450)
mit  höchstens  6  km  Stundengeschwindigkeit  zu  ziehen.  Smiles,  der  das  Leben  und
Wirken  G.  und  R.  Stephensons  sehr  liebevoll  und  eingehend  geschildert  hat,*)  sagt,  daß  die
mittlere  Fahrgeschwindigkeit  dieser  Lokomotive  ungefähr  4  englische  Meilen,  also  etwa
6  km  in  der  Stunde  gewesen
sei  und  daß  nach  Verlauf
des  ersten  Betriebsjahres  sich
kein  Vorteil  gegenüber  dem
bisherigen  Pferdetransport
ergeben  habe.  Stephensons
erste  Lokomotive  muß  darum
nach  allem  als  eine  verfehlte
Bauart  bezeichnet  werden,  die
Hedleylokomotioe  war  besser
durchdacht.  Der  Kessel  krankte
an  zwei  Hauptübeln:  an  dem  1S9.  Stephensons  Zahnradantrieb  für  dir  Lokomotive
einfachen  Flammrohr  und  an  „stüch-r",  1814.
dem  viel  zu  weiten  Schornstein. ­
  Ersteres  besaß  nicht  wärmeabgebende  Fläche  genug,  und  der  letztere  erzeugte  nur
schwachen  Zug.  Er  hatte  einen  Durchmesser  von  510  mm,  das  ist  ein  Maß,  wie  es  unsere
jetzigen  Lokomotiven  stärkster  Bauart  erfordern,  das  aber  für  die  Zwerglokomotiven  damaliger ­
  Zeit  durchaus  falsch  war.  Selbst  wenn  Stephenson  an  seiner  Lokomotive  den
Abdampf  in  richtiger  Weise  in  den  Schornstein  geleitet  hätte  —  was  aber  aus  der  einschläglichen
  Litteratur  nicht  nachzuweisen  ist,  und  worüber  auch  seine  eigenen  Patentschriften  vom
Jahre  1815  und  1816  nichts  verlauten  lassen  —  konnte  die  kleine  Mündung  des  Abdampfrohres ­
  in  dem  sehr  langen  und  510  mm  weiten  Schornstein  eine  kräftige  Wirkung  auf  die
Feueranfachung  nicht  äußern,  zumal  bei  der  geringen  Fahrgeschwindigkeit  von  höchstens
6  km  in  der  Stunde.  Die  Stephensonmaschine  stand  deshalb  auch  in  der  Leistung  der
Hedleylokomotive  nach,  nach  Colburn  sogar  auch  der  Blenkinsoplokomotive.  Das  stolze  Wort,
das  vorher  G.  Stephenson  beim  Anblick  der  schleichenden  Lokomotiven  der  beiden  vorgenannten ­
  Männer  hatte  fallen  lassen,  „er  glaube,  eine  bessere  Maschine  machen  zu
können",  hatte  sich  hier  noch  nicht  erfüllt.  Die  Kesselanlage  seines  Erstlingswerkes  war
eher  ein  Rückschritt  als  ein  Fortschritt.  An  dieser  krankten  auch  alle  seine  wetteren  bis
zum  Jahre  1829  erbauten  Lokomotiven.
In  Bezug  auf  Antrieb  der  Treibräder  zeigt  dagegen  Stephensons  zweite  Lokomotive
vom  Jahre  &amp;gt;815  eine  Vervollkommnung.  Alle  Zahnräder  sind  hier  fortgelassen  und  die
Treibräder  nach  einem  von  Stephenson  und  dem  Ingenieur  Dodds  gemeinsam  genommenen ­
  Patente  unmittelbar  durch  Lenkstangen  und  Kurbeln  angetrieben.  Damit  war  auch

*)  Samuel  Smiles,  „Lives  of  the  Engineers“,  Bd.  Ill  G.  und  R.  Stephenson.
IX  25
        <pb n="190" />
        194  Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

die  Möglichkeit  für  ein  schnelleres  Fahren  gegeben,  das  ausgeschlossen  war,  solange  Zahnräder ­
  in  Benutzung  standen.
Die  Dampfarbeit  jedes  Cylinders  wird  wie  bei  Blenkinsop-Murray  (Abb.  184)  durch
die  Kolbenstange  an  ein  senkrecht  geführtes  Querhaupt,  auch  Kreuzkopf  genannt,  abgegeben ­
  und  von  diesem  durch  zwei  Lenkstangen  —  je  eine  auf  jeder  Lokomotivseite  —  nach
unten  übertragen  und  zwar  hier  jetzt  unmittelbar  auf  die  beiden  Kurbeln  jeder  Radachse.
Der  eine  Cylinder  treibt  die  Vorderräder,  der  andere  die  Hinterräder  an.  Die  notwendige
rechtwinkelige  Versetzung  der  Kurbeln  beider  Radachsen  gegeneinander  zwecks  Sicherung
des  Anfahrens  der  Lokomotive  aus  jeder  Kolbenstellung,  die  bei  Blenkinsop,  Hedley  und
Stephensons  erster  Lokomotive  durch  ein  zwischengeschaltetes  Zahnrad  gesichert  wurde,
wurde  hier  durch  eine  endlose  Kette  aufrecht  erhalten,  die  sich  um  zwei  am  Umfange  mit
Vorsprüngen  versehene  Rollen  schlang,  die  in  der  Mitte  der  Treibachsen  auf  diesen
befestigt  waren.  Diese  Kettenkupplung  ist  zum  zweitenmal  1851  bei  der  Preislokomotive
„Bavaria"  der  Semmeringbahn  (S.  214)  von  Maffei  angewendet  worden  —  mit  gleich
schlechtem  Erfolge  wie  hier.

Statt  der  Kette  hatte  Stephenson  in  dem  Patente  vom  Jahre  1815  (Abb.  190)  auch
zwei  Kuppelstangen  vorgesehen,  die  innerhalb  der  Räder  die  zu  diesem  Zwecke  je  doppelt
durchgekröpften  Treibachsen  in  ihrer  gegenseitigen  Lage  zu  einander  erhalten  sollten.  Diese
an  sich  wirksame  Anordnung  konnte  sich  bei  dem  damaligen  Stande  des  Schmiedehandwerks
nicht  bewähren,  da  die  doppelt  gekröpften  Achsen  betriebssicher  kaum  herzustellen  waren,
und  gelangte  daher  nicht  zur  Ausführung.
Ein  Mangel  aller  bisherigen  Lokomotiven  war  das  gänzliche  Fehlen  elastischer  Tragfedern, ­
  was  sich  bei  dem  schwachen  und  wenig  sorgfältig  verlegten  Oberbau  jener  Tage
doppelt  fühlbar  machte.  Noch  kannte  man  derzeit  keine  Federn  aus  Stahl,  wie  sie  heute
bei  den  Eisenbahnfahrzeugen  aller  Länder  üblich  sind.  Jede  Unebenheit  im  Gleise,  jeder
Unterschied  in  der  Höhenlage  der  einen  Schiene  gegen  die  andere  und  jede  Schienenlücke
mußte  sich  daher  aus  die  Lokomotive  als  harter  Stoß  übertragen.  Diesen  hatte  das  ganze
Fahrzeug  aufzunehmen,  worunter  der  Zusammenhang  der  Lokomotivteile  sehr  leiden
mußte.  Reparaturen  über  Reparaturen  waren  die  unvermeidliche  Folge,  nicht  nur  an  der
Maschine  und  dem  Kessel,  sondern  auch  am  Oberbau,  dessen  gußeiserne  Schienen  nur
allzuhäufig  zerbrachen.  Ebensowenig  wie  man  empfindliche  Waren  über  holpriges  Pflaster
in  einem  federlosen  Ackerwagen  versendet,  sondern  sich  dazu  gut  abgefederter  Frachtwagen
bedient,  darf  man  Eisenbahnfahrzeuge,  vollends  gar  Lokomotiven  mit  genietetem  Dampfkessel, ­
  ohne  elastische  Stützung  benutzen.  Auch  das  Fahrpersonal  würde  die  heftigen
        <pb n="191" />
        195

Stephensons  zweite  und  dritte  Lokomotive.

Erschütterungen  auf  die  Dauer  nicht  ertragen  können.  —  Im  Herbst  1816  nahm
Stephenson  im  Verein  mit  Losh*)  ein  Patent  auf  „Dampffedern",  um  den  vorerwähnten
Übelstand  zu  beseitigen.  Zu  dem  Zweck  wurden  zwischen  Kessel  und  Treibachsen  kleine
Dampfcylinder  —  für  jedes  Rad  einer  —  eingeschaltet,  deren  Kolben  sich  mit  ihrer
Stange  auf  die  Achslager  stützten.  Die  mit  dem  Kessel  fest  verbundenen  Cylinder  waren
oben  offen  und  standen  mit  dem  Kesselinneren  in  unmittelbarer  Verbindung,  so  daß  der
Dampf  und  das  Wasser  auf  die  feststehenden  Kolben  drückten  und  das  Kesselgewicht  bei
richtiger  Wahl  des  Kolbendurchmessers  ausglichen.  Der  ganze  Kessel  schwebte  gleichsam
vermittelst  Dampfdrucks  auf  diesen  Kolben.  Hierdurch  waren  ebenso  viele  sehr  elastische
Kissen  geschaffen,  die  die  Stöße  zwischen  Rad  und  Schiene  auffingen  und  sie  milderten.
Abb.  191,  in  welcher  das  Wasserfaß  auf  dem  Tender  fortgelassen  ist,  zeigt,  wie  die
Stephensonsche  Patentschrift  vom  Jahre  1816,  drei  durch  Gliederketten  gekuppelte  Radachsen ­
  unter  dem  Lokomotivkessel.  Die  „Federcylinder"  sind  in  ihrer  tiefsten  Lage  gezeichnet, ­
  in  der  sie  sich  beim  Anheizen  der  Lokomotive  befinden.  Bei  Eintritt  einer  genügend ­
  starken  Dampfpressung  muß  ein  solcher  Kessel  sich  in  dem  Radgestell  heben,  da
der  Dampfdruck  auf  seine  obere  Wandung  größer  ist  als  auf  die  untere,  durchbrochene.
Theoretisch  ist  die  Sache  leidlich,  praktisch  ist  sie  unbrauchbar,  denn  die  Federung  war
nicht  nur  von  dem  jemaligen  Dampfdruck  abhängig,  sondern  sie  mußte  auch
zu  fortwährenden  Undichtigkeite
dann  später  Wood  die  für  bes
Stahl  für  Eisenbahnfahrzeuge
verwendbar  gestaltete,  wurden
diese  dauernd  in  den  Lokomotivbau
  eingeführt.  Solange

die  Dampfcylinder  aber  senkrecht ­
  gestellt  blieben,  war  der
Vorteil  der  Federung  teuer
erkauft,  wie  weiter  unten  nachgewiesen ­
  ist.  Letztere  kam  erst
dann  zur  Geltung,  als  die
Cylinder  wagerecht  gelegt
wurden.

Stephenson  baute  in  den
nächsten  Jahren  eine  Anzahl

I9l.  Ktephensons  Lokomotive.  Dritte  Danari,  1816.

Lokomotiven  für  verschiedene
Kohlenbahnen  Englands.  Nach  seiner  Angabe  vor  dem  Parlamentsausschuß  anläßlich
der  Prüfung  des  Entwurfs  der  Liverpool-Manchesterbahn  im  April  1825  hatte  er  bis
zu  letzterem  Zeitpunkt  16  Lokomotiven  fertiggestellt.  Clark  berichtet,  daß  die  Leistung
dieser  Lokomotiven  etwa  gleich  derjenigen  von  7—8  lebenden  Pferden  gewesen  wäre.
Unsere  heutigen  Lokomotiven  entwickeln  bis  1300  Maschinen-Pferdestärken,  was  der
Leistung  einer  noch  weit  größeren  Zahl  lebender  Pferde  entspricht,  ganz  abgesehen  von
der  durch  letztere  nicht  zu  erzielenden  großen  Fahrgeschwindigkeit  und  lange»  Fahrdauer.
Man  war  damals  schon  mit  jener  geringen  Leistung  zufrieden  und  betrachtete  die  „Iran
Horsss",  wie  die  Lokomotiven  vom  Volksmunde  getauft  worden  waren,  mit  Recht  als
einen  staunenswerten  Fortschritt  im  Verkehrswesen.
Im  Jahre  1823  wurde  G.  Stephenson  zum  bauleitenden  Ingenieur  der  für  Pferdebetrieb ­
  vorgesehenen  Stockton-Darlington  Eisenbahn  berufen.  Seinen  beredten,  eindringlichen ­
  Vorstellungen  gelang  es,  drei  Lokomotiven  für  dieselbe  in  Bestellung  zu  erhalten. ­
  Mit  finanzieller  Hilfe  des  Hauptbeteiligten  an  dieser  Bahn,  Edward  Pease,
*)  Daß  Stephenson  seine  Patente  mehrfach  im  Verein  mit  einem  anderen  nahm,  hat  seinen
Grund  wohl  in  seiner  schlechten  Vermögenslage  und  in  der  Kostspieligkeit  der  Patente.  Die
Kosten  eines  englischen  Patentes  beliefen  sich  derzeit  auf  100  Pfund  Stcrl.,  also  etwa  2^.00  Mt.
Stephenson  bedurfte  damals  noch  eines  Geldmanncs.  Nach  den  Tagen  von  Ramhill  getaugte
er  mit  dem  Aufblühen  seiner  Lokomotivfabrik  schnell  zu  Reichtum.

2b*
        <pb n="192" />
        196  Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

und  einiger  anderer  gründete  er  1823  die  später  Weltruf  genießende  Lokomotivfabrik  in
Newcastle-on-Tyne.  Im  September  1825  wurde  die  erste  der  vorgenannten  drei  Lokomotiven ­
  an  die  Stockton-Darlingtonbahn  abgeliefert.  Der  Räderantrieb  ist  hier  der
gleiche  wie  im  Jahre  1815;  die  Kuppelung  der  Räder,  bezw.  die  Aufrechterhaltung  des
Kurbelwinkels  von  90°  ist  jedoch  nicht  mehr  durch  die  Kette  bewirkt,  die  sich  im  Betriebe
bald  reckte  und  dann  ihre  wichtige  Aufgabe  nicht  mehr  erfüllen  konnte,  sondern  durch
außen  an  den  Rädern  angebrachte  Kuppelstangen  in  Verbindung  mit  einer  rechtwinkelig
abgebogenen  Gegenkurbel.  Abb.  192  gibt  ihre  äußere  Ansicht  wieder.  Es  ist  das  die
denkwürdige  Lokomotive  „Locomotion",  später  „Nr.  1"  genannt.*)  Noch  liegt  bei  dieser  der
Verbrennungsraum  in  dem  einzigen,  den  Kessel  nur  einmal  durchziehenden  Flammrohr
von  560  mm  Weite,  das  die  winzige  Heizfläche  von  3  qm  darbietet  (gegen  60  —  325  qm
unserer  heutigen  Lokomotiven).  Noch  sind  die  beiden  Dampfcylinder  oben  senkrecht  in

3  92.  Stephrnsons  Lokomotive  „Locomotion"  (¡Sir.  1)  für  die  Storkton-Dorlington  Aatzn,  1825.
den  Kessel  eingebaut  und  treibt  ein  jeder  von  ihnen  durch  Gestänge  unmittelbar  die  beiden
Räder  je  einer  Achse  an,  eine  Anordnung,  die  für  den  Dampf-  und  Kohlenverbrauch
höchst  nachteilig  war.  Denn  nun  mußte  der  Zwischenraum  zwischen  der  Endstellung  des
Kolbens  und  dem  Cylinderdeckel  verhältnismäßig  groß  genommen  werden,  damit  bei  dem
während  des  Fahrens  infolge  der  Federschwingungen  veränderlichen  Abstand  des  Kessels
gegen  die  Radkurbeln  die  Kolben  nicht  gegen  die  Deckel  stießen  und  diese  nebst  den  Cylindern
zertrümmerten.  Infolge  dieses  mehrere  Zentimeter  hohen  „schädlichen  Raumes"  war  aber
der  Dampfverbrauch  bei  einem  Kolbenspiel  ganz  ungewöhnlich  groß.  Heutigestags
kann  man  bei  der  wagerechten  Cylinderlage  den  Abstand  zwischen  Kolben  und  Deckel  bis
auf  wenige  Millimeter  beschränken  und  derart  den  Dampfverbrauch  sehr  herabmindern.

*)  Sie  ist  der  Nachwelt  erhalten  geblieben  und  steht  jetzt  auf  kräftigem  Steinsockel  als
Denkmal  ihres  Schöpfers  und  der  damaligen  Werdezeit  des  Eisenbahnwesens  in  der  durch  Abb.  192
veranschaulichten  Art  vor  dem  Bahnhöfe  zu  Darlington.  Auch  das  alte  Stationsgebäude,  an
dem  einst  die  ersten  Eisenbahnzügc  abgefertigt  wurden,  ist  noch  erhalten  geblieben.  Einstöckig,
klein  und  unscheinbar  ist  dieses  älteste  Bahnhofsgebäude  der  Welt,  nicht  größer  als  unsere  heutigen
mit  einer  Familienwohnung  vereinigten  Bahnwärterhäuscr.
        <pb n="193" />
        Lokomotive

nung  der  Lokomotive  ein,
Timothy  Hackworth,
derzeit  Betriebsleiter  der
letztgenannten  Bahn,  zuvor
  Mitarbeiter  von
Hedley  beim  Ban  des
„Puffmg  Billy“  und  dann
Ingenieur  in  der  Stephensonschen
  Lokomotivfabrik.
  Hackworth  baute
1827  eine  von  Wilson  in
Newcastle  ein  Jahr  zuvor ­
  für  die  vorerwähnte
Bahn  gelieferte  Lokomotive ­
  erfolgreich  um.  Er
gab  vor  allem  die  bisherige ­
  Cylinderanordnnng
  oben  auf  dem  Kessel
auf  und  brachte  nach
Abb.  193  die  Cylinder  zu  beiden  Seiten  des  letzteren  an,  derart,  daß  sie  vereint  nur
eine  Rad  ach  se  antrieben  und  zwar  mit  rechtwinklig  versetzten  Kurbeln.  Das  war  ein
wichtiger  Fortschritt.  Um  sodann  das  ganze  Lokomotivgewicht  für  die  Zugkraft  ausnutzen
zu  können,  verband  er  die  übrigen  vier  Räder  mit  den  beiden  Treibrädern  durch  Kuppelstangen,
  deren  Köpfe  der  Abnutzung  wegen  mit  nachstellbaren  Lagern  versehen
waren.  Dieser  ganze  Räderantrieb  ist  —  abgesehen  von  der  senkrechten  Cylinderlage ­
  —  seitdem  allgemein  zur
Anwendung  gelangt  und  bis  auf
den  heutigen  Tag  beibehalten
worden.  Um  die  bei  der  erwähnten ­
  Cylinderstellung  unvermeidlichen ­
  Auf-  und  Abwärtsschwingungen ­
  des  Kessels  und  der  Maschine ­
  zu  vermeiden,  erhielt  die
Treibachse  keine  Federn,  sondern
nur  die  Kuppelachsen.  Unter  den
sonstigen  Neuerungen  an  dieser
„Royal  George"  genannten
Lokomotive  ist  das  zum  erstenmal ­
  hier  richtig  angeordnete
Blasrohr,  die  Seele  des  Lokomotivkessels,
  besonders  zu  erwähnen.  Dasselbe  besaß  bereits  eine  trichterförmig  verengte
Mündung  —  angeblich  von  Gurney  1826  zuerst  an  einer  Straßenlokomotive  bezw.
Dampfdroschke  angewandt  —  und  lag  genau  in  der  Mitte  des  Schornsteinquerschnitts.
Nur  bei  solcher  Lage  und  Form  kann  es,  wie  in  der  Einleitung  dieses  Abschnitts  dargelegt ­
  wurde,  richtig  wirken.  Stephenson  war  dieses  noch  unbekannt.  Er  führte  zwar,
wie  es  Trevithik  1804  schon  gemacht  hatte,  den  Abdampf  in  den  Schornstein,  allein  nach

7

194.  Stepyenions  Lokomotive  „Ameriro",  1828.
        <pb n="194" />
        198

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

Colburns  Angaben  mittels  zwei  Röhren,  deren  Mündungen  ganz  einseitig  in  dem  viel  zu
weiten  Schornsteinrohre  saßen,  welch  mangelhafte  Anordnung  sogar  noch  bei  seiner
späteren  Preislokomotive  „Rocket"  zu  finden  war.  Die  Leistungsfähigkeit  des  „Royal
George",  sowohl  was  Geschwindigkeit  als  geförderte  Wagenlast  anbetrifft,  war  denn  auch
eine  größere  als  die  der  Stephensonschen  Lokomotiven,  von  denen  vier  auf  der  Stockton-Darlingtonbahn
  liefen.  (Eine  hiervon  explodierte  im  Jahre  1828  infolge  nachlässiger
Wartung  durch  den  Heizer.)  Kein  Wunder,  daß  die  Hackworthsche  Bauart  wegen  ihrer
Vorzüge  Nachahmung  in  anderen  englischen  Fabriken  fand,  vermochte  doch  der  „Royal
George"  auf  wagerechter  Strecke  gegen  130  000  kg  mit  8  km  Stundengeschwindigkeit
zu  ziehen.  Er  that  bis  zum  Jahre  1842  Dienst.  Ein  Modell  dieser  Lokomotive,  das
T.  Hackworth  vor  dem  Umbau  anfertigte,  befindet  sich  seit  1898  in  dem  South-Kensington-Museum,
  dem  es  die  Familie  jenes  unermüdlichen  Erfinders  überlassen  hat.
Anfang  1828  hatte  G.  Stephenson  die  Leitung  seiner  Fabrik  in  Newcastle  seinem
einzigen,  1803  geborenen  Sohne  Robert  übertragen,  der  von  1825—1827  in  technischen
Betrieben  Amerikas  thätig  gewesen  war.  Dieser  wandte  bei  den  im  Jahre  1828  von  ihm
gebauten  Lokomotiven  den  Hackworthschen  Achsenantrieb  an,  gestaltete  ihn  aber  dadurch
etwas  günstiger,  daß  er  die  Dampfcylinder  geneigt  legte,  wodurch  der  schädliche  Raum
und  damit  der  Dampfverbrauch  etwas  verringert  und  die  Federung  der  Treibachse  ermöglicht ­
  wurde.  Abb.  194  zeigt  diese  Bauart  und  zwar  die  „America",  die  1828  nach
Nordamerika  geliefert
wurde.  Die  Abbildung
ist  „The  Engineer“  1898
entnommen  und  nach
einer  alten  Arbeitszeichnung ­
  der  Stephensonschen ­
  Fabrik  gefertigt.
Die  Räder  sind  hier  von
Holz  mit  Eisenbeschlag.
Sonst  wurden  auch  in
einem  Stück  gegossene
gußeiserne  Räder  verwendet, ­
  bis  Wood  1827  die  schmiedeeisernen  Radreifen  erfand,  die  nicht  nur  viel  widerstandsfähiger ­
  gegen  Stöße  als  die  gußeisernen  Laufflächen  waren,  sondern  sich  auch,
wenn  abgenutzt,  leicht  ersetzen  ließen.  Heutigestags  werden  diese  Reifen  aus  dem  weit
härteren  und  zäheren  Stahl  gefertigt,  vergl.  hierüber  näheres  im  Abschnitt  „Güterwagen".
Ein  Vergleich  der  Abb.  194  u.  196  zeigt,  daß  die  „America"  den  Übergang  zu  der  ein
Jahr  später  erbauten  „Rocket"  bildet.  In  der  Leistung  stand  sie  dieser  aber  wegen  zu
geringer  Dampfentwickelung  noch  nach,  wozu  ihr  510  min  weiter,  dabei  zu  niedrig
gehaltener  Schornstein  nicht  wenig  beitrug.  Die  Heizfläche  war  allerdings  wesentlich
größer  als  sonst,  indem  2  Flammrohre  im  Kessel  lagen.
Durch  mangelhafte  Dampfentwickelung  zeichneten  sich  noch  zwei  Lokomotiven  aus,  die
Stephenson  im  Sommer  1829  für  die  Lyon-St.  Etiennebahn  nach  Frankreich  geliefert
hatte.  Nach  Clark  soll  hier  sogar  die  Einführung  des  Abdampfes  in  den  Schornstein
unterblieben  sein.  Ihre  Fahrgeschwindigkeit  ließ  sich  nicht  über  etwa  6  km  in  der  Stunde
steigern.  Sie  entsprachen  darum  auch  nicht  den  Erwartungen  ihrer  Besteller.  Marc
Siguin,  Ingenieur  dieser  französischen  Bahn,  baute  ihren  Kessel  nach  einem  eigenen,
Anfang  1828  für  stationäre  Dampfkessel  genommenen  Patente  um.  Er  ersetzte  die  großen
Flammrohre  durch  eine  Anzahl  enger,  den  Kessel  durchziehender  Heizröhren  und  legte
die  vom  Wasser  umspülte  Verbrennungskammer,  die  er  bei  seinem  stationären  Kessel  —  in
Mauerwerk  ausgeführt  —  vor  den  Langkessel  stellte  (Abb.  199),  hier  unter  denselben.
Die  Feuergase  mußten  nun  nach  Bestreichen  der  unteren  Kesselfläche  dieses  Röhrenbündel ­
  durchziehen,  das  im  Verein  mit  der  Wasserkammer  eine  wesentlich  größere  Heizfläche ­
  darbot,  als  die  Flammrohre.  Da  die  engen  Röhren  ferner  weit  dünnwandiger
sein  konnten,  als  die  letzteren,  so  gaben  sie  auch  die  Wärme  schneller  an  das  jedes  Rohr

195.  Krgnins  des  Alteren  Lokomotive  »nt  Nehrenkellet  und  Gektiilr,  1829/30.
        <pb n="195" />
        199

Robert  Stephenson  und  Seguin.  Wettfahrt  bei  Rainhill.
einhüllende  Kesselwasser  ab.  Die  Dampsentwickelung  des  „Röhrenkessels"  mußte  also  bei
genügender  Zugwirkung  des  Schornsteins  eine  wesentlich  bessere  sein  als  die  des  Flammrohrkessels; ­
  mithin  konnte  auch  die  Fahrgeschwindigkeit  bei  seiner  Benutzung  gesteigert
werden.  Um  den  nötigen  Luftzug  für  die  Verbrennung  zu  erzeugen,  der  bei  den  Röhrenbündeln ­
  noch  kräftiger  sein  mußte  als  bei  dem  Flammrohr,  stattete  Seguin  die  Lokomotive
mit  einem  auf  dem  Tender  angebrachten  und  von  der  Hinteren  Radachse  angetriebenen
Kreiselgebläse  aus,  das  die  Luft  in  die  Rostspalten  einblies  (Abb.  195).  Dasselbe  wurde
jedoch  bald  durch  das  Blasrohr  ersetzt,  das  Pelletan  unabhängig  von  Hackworth  in  Frankreich ­
  erfunden  haben  soll,  wie  Loblet  in  seinem  Buche  „vss  Obsinins  äs
Uranos"  1845  angibt.  Die  Erfindung  des  Blasrohrs  wird  sonach  für
Trevithik,  Hedley,  Gurney,  Hackworth,  G.  Stephenson  und  Pelletan  beansprucht! ­
  So  gut  auch  dieser  Seguinsche  Kessel  in  seiner  Wirkung  war,
so  wenig  geeignet  war  dessen  Lokomotivmaschine.  Die  Cylinder  saßen
senkrecht  an  der  Kesselseite  und  übertrugen  ihre  Arbeit  auf  die
Treibachse  durch  ein  Gewirre  von  Hebeln  und  Stangen.  Für
dauernde  Schnellfahrten  war  deshalb  auch  diese  Lokomotive
ungeeignet,  aber  sie  lehrte,  daß  Röhrenkessel  und  Blasrohr
zwei  unzertrennliche  Bestandteile  der  Lokomotive  sind.  Nur
deren  gleichzeitige  Anordnung  im  Verein  mit  einer  einfach
gehaltenen  Maschine  kann  allein  die  Lokomotive  lebensfähig
machen,  wie  auch  beide  Stephenson ­
  noch  erkennen  sollten.
Die  Gelegenheit  hierzu  bot  die
Betriebseröffnung  der  Liverpool-Manchesterbahn. ­

G.  Stephenson  war  auf
Grund  seiner  erfolgreichen
Thätigkeit  beim  Bau  der
Stockton  -  Darlingtonbahn
1826  zum  leitenden  Ingenieur ­
  der  zu  erbauenden  48  km
langen  Bahn  von  Manchester
nach  Liverpool  mit  einem
Jahresgehalt  von  20000Mk.
berufen  worden,  in  welcher
verautwortungsreichen  Stellung ­
  er  eine  höchst  verdienst-  196.  Nobcrt  Ktcphlnsons  Preistokomotivc  „Nockrt",  1829.
Volle  Thätigkeit  entwickelte.  Nach  „Engineering".
Zum  Befördern  der  Materialzüge ­
  während  des  Baus  dieser  Linie  hatte  seine  Fabrik  auf  Bestellung  eine  Lokomotive
geliefert.  Die  an  dieser  gesammelten  Erfahrungen  sprachen  aber  nicht  zu  gunsten  der
allgemeinen  Einführung  des  Lokomotivbetriebes.  Die  Direktoren  der  Bahn  hatten  deshalb, ­
  bestärkt  durch  ein  von  2  hervorragenden  Ingenieuren  eingeholtes  Gutachten  über
die  beste  Betriebsart  ihrer  Linie,  in  Aussicht  genommen,  die  Züge  durch  21  an  verschiedenen ­
  Stellen  der  Bahn  aufgestellte  stehende  Dampfmaschinen  mittels  Seiltriebes
befördern  zu  lassen.  Eine  derartige  Betriebsweise  stand  auf  einigen  Kohlenbahnen  mit
gutem  Ergebnis  in  Anwendung  und  gestattete  die  Wagenzüge  doppelt  so  rasch  zu  befördern, ­
  wie  es  bei  den  damaligen  Lokomotiven  der  Fall  war.  Auf  G.  Stephensons
Bemühungen  hin  erließ  jedoch  die  Bahnverwaltung  vor  ihrer  endgültigen  Entscheidung
ein  öffentliches  Preisausschreiben  auf  eine  geeignete  Lokomotive.  Dieselbe  sollte  nicht
über  6  t  engl.  =  6096  kg  wiegen,  bis  zu  einem  Gewicht  von  4570  kg  auf  4,  darüber
hinaus  auf  6  Rädern  ruhen,  das  dreifache  ihres  Eigengewichtes  mit  16  km  Stundengeschwindigkeit ­
  zu  ziehen  vermögen,  auf  Federn  ruhen,  einen  Kesseldrnck  von  höchstens
31/2  Atmosphären  besitzen  und  ihren  Rauch  selbst  verzehren.  Letzteres  war  in  der  ge-
        <pb n="196" />
        200  Eisenbahnen:  Die  Lokomotive

197.  Kackworttzs  Lokomotiur  „Kansparrit",  1829.

schlichen  Genehmigungsurkunde  der  Bahn  bereits  vorgeschrieben.  Die  Ablieferung  mußte
zum  1.  Oktober  1829  in  Liverpool  bewirkt  sein,  und  die  Beschaffungskosten  durften
11000  Mark  nicht  überschreiten.  Für  die  beste  Lokomotive  war  ein  Preis  von
10000  Mark  ausgesetzt.  Zum  Wettbewerb  wurden  5  Lokomotiven  angemeldet,  von  denen
4  rechtzeitig  erschienen  und  3  zugelassen  wurden.
Es  waren  dieses  die:  „Rocket"  (Rakete)  von
Robert  Stephenson  in  Newcastle*),  „Sanspareil"
  (die  Unvergleichliche)  von  Hackworth
in  Darlington,  „Novelty"  (Neuheit)  von
Braithwaite  und  Ericsson  in  London.  Die
äußere  Ansicht  dieser  drei  denkwürdigen  Lokomotiven ­
  ist  in  den  Abb.  196  bis  198  wiedergegeben. ­
  Die  „Rocket"  und  „Sanspareil"
waren  mit  besonderem  Tenderwagen  fürKoksund
  Wasservorräte  ausgestattet,  die  „Novelty"
dagegen  führte  dieselben  auf  ihrem  Gestell
mit  sich,  den  Koks  in  Körben,  das  Wasser  in
einem  unten  am  Gestell  befestigten  Behälter.
Sie  war  also  eine  Tenderlokomotive.  Ihre
Maschine  war  wenig  glücklich  durchgeführt.
Die  beiden  Dampfcylinder  standen  aufrecht
und  übertrugen  in  umständlicher  Weise  durch
Winkelhebel  und  Stangen  ihre  Arbeit  auf  die
am  Feuerraum  gelegene  Achse.  Die  Anfachung ­
  des  Feuers  erfolgte  durch  ein  in  dem
vorderen  Behälter  der  Abb.  198  befindliches
Gebläse.  Auch  die  „Sanspareil"  hatte  senkrechte  Cylinder,  während  die  der  „Rocket"
unter  45"  Grad  geneigt  waren.  Die  letztere  allein  besaß  auch  Röhrenkessel,  den  Stephenson
auf  Anraten  von  Booth,  Sekretär  der  Liverpool-  und  Manchesterbahn,  gewählt
hatte.  Ob  Stephenson  oder  Booth  von  der  Seguinschen  1  Jahr  zuvor  durch  die
Patentschrift  veröffentlichten ­
  Erfindung  Kenntnis ­
  gehabt  haben,  ist  unbekannt**). ­
  Es  zeigt  aber
die  Anordnung  des  vor  den
Langkessel  gesetzten  Feuerraumes ­
  bei  der  „Rakete"
Vorzüge  gegenüber  Segnins
  Bauart,  Vorzüge,
die  die  Beibehaltung  ihres
Grundgedankens  auch  bei
den  heutigen  Lokomotiven
größter  Art  zur  Folge  gehabt ­
  haben.
Einen  senkrecht  durch
den  Verbrennungsraum
der  „Rakete"  geführten
Schnitt  gibt  Abb.  201  wieder.  Wir  erkennen  darin  die  zwei  kistenartigen,  übereinander
gestülpten  Kesselteile;  die  innere,  unten  durch  den  Rost  abgeschlossene  „Feuerbüchse"  (englisch

*)  Nach  Ausweis  der  noch  erhaltenen  Geschäftsbücher  sind  in  Stephensons  Fabrik  von
1824  bis  Oktober  1829  19  Lokomotiven  erbaut  worden;  die  19.  war  die  weltgeschichtliche  „Rakete".

**)  Die  Erfindung  des  Röhrenkessels  ist  seiner  Zeit  viel  umstritten  und  erörtert  worden.
Die  ältesten  Ansprüche  hat  der  Amerikaner  Nathan  Read,  der  1791  ein  Patent  ans  einen  Röhrenkessel ­
  in  seinem  Vaterlande  nahm.  Die  Bauart  weicht  jedoch  erheblich  von  der  Seguinschen  und

198.  Aroithwaitrs  und  Ericssons  Lokomotiur  „flourtty",  1829.
        <pb n="197" />
        Wettfahrt  bei  Rainhill.  Kessel  der  Rainhiller  Lokomotiven.
fire-box)  und  die  äußere  „Feuerkiste".  In  dem  schmalen  Zwischenraum  beider  befindet  sich
Wasser,  das  infolge  seiner  dünnen  Schicht  durch  die  heiße  Feuerluft  schnell  zum  Sieden
gebracht  werden  kann,  während  der  von  25  kupfernen  Heizröhren  (von  76  mm  Durchmesser) ­
  durchsetzte,  1,8  m  lange  Langkessel  die  Dampfentwickelung  äußerst  wirksam  unterstützt.
Der  Wasserraum  des  Langkessels  stand  mit  demjenigen  der  Feuerkiste  allerdings  nur  durch
2  Röhren  in  Verbindung,  wie  in  der  Abb.  201  erkennbar  ist.  —  Die  wagerechte  Probestrecke ­
  bei  Rainhill  war  2,4  km  lang  und  sollte  in  jeder  Richtung  zwanzigmal  durchfahren ­
  werden,  entsprechend  der  Entfernung  zwischen  Manchester  und  Liverpool  (48  km).
Die  Versuche  begannen  am  6.  Oktober  1829,  jedoch  war  nur  die  „Rakete"  betriebsfähig,  da
an  den  beiden  anderen  Lokomotiven  sich  kleine  Schäden  gezeigt  hatten.  Jene  wurde  mit
zwei  durch  Steine  beschwerten  Wagen  belastet  und  erfüllte  alle  Bedingungen  an  diesem  Tage.
Die  „Novelty"  fuhr  am  10.,  die  „Sanspareil"  am  13.  Oktober;  beide  konnten  aber  wegen

199.  stationärer  Nöbrenkessel  von  Krgnin,  1828.

200.  Kegel  der  Lokomotive  „Sonspareit"
von  Kackwortk,  1829.

Querschnitt.  Seitenansicht.
20  l.  Nöhrcnkesset  der  Lokomotive  „Nockrt"
von  Kteptzcnson,  1829.

202.  Kissel  der  Lokomotlvr  „Novelty"
von  Nroithivaitr  nnd  Eriksson,  1829.

Plötzlich  eintretender  Beschädigung  der  Kesselspeisepumpe  die  Fahrten  nicht  vollenden.
Hackworths  Lokomotive  hatte  (nach  Colburn)  zudem  noch  das  Mißgeschick,  daß  einer  ihrer
Dampfcylinder  eine  Fehlstelle  besaß,  durch  die  der  einströmende  Dampf  unmittelbaren
Ausgang  in  das  Ausblaserohr  und  damit  in  den  Schornstein  fand.  Die  Cylinder  waren
aus  der  Stephensonschen  Fabrik  bezogen,  waren  hier  fünfmal  beim  Gießen  mißlungen
und  auch  die  abgelieferten  waren  nicht  fehlerfrei,  wie  sich  beim  Probefahren  zeigte.

Stephensonschen  ab.  In  einem  1870  in  New  Dort  von  einem  Verwandten  Reads  herausgegebenen ­
  Buche  über  dessen  Verdienste  um  den  Röhrenkessel  wird  nirgends  erwähnt,  daß  jener
je  einen  solchen  Kessel  ausgeführt  hat.  Am  14.  März  1826  erhielt  der  englische  Ingenieur
Neville  ein  Patent  auf  einen  Röhrcnkessel  mit  senkrecht  stehenden  Heizröhren,  die  aber  nach
der  Patentschrift  unter  Umständen  auch  wagerecht  oder  geneigt  eingebaut  werden  sollten.  Am
22.  Februar  1828  wurde  Seguin  das  französische  Patent  erteilt.  In  des  letzteren  Patentschrift
heißt  es  u.  a  :  „Diese  unsere  Erfindung  besteht,  wie  aus  der  Zeichnung  (Abb.  199)  ersichtlich,  in
der  Anwendung  einer  größeren  oder  kleineren  Zahl  von  Röhren,  durch  welche  die  heiße  Feuerluft ­
  zieht.  Diese  Röhren  sind  von  Wasser  umgeben  und  bieten  eine  sehr  ausgedehnte  Heizfläche
dar."  Im  Sommer  1829  baute  R.  Stephenson  auf  Anraten  Booths  den  Röhrenkessel  seiner  Prcwlokomotive,
  bei  dem  die  Verbrennungskammer  die  gleiche  Lage  zum  Langkessel  hat  wie  beim
Seguin-Kessel  der  Abb.  199.  Die  Engländer  halten  Booth,  einen  Nichttechniker,  für  den  Q
sinder  dieser  Kesselbauart.
IX  26
        <pb n="198" />
        202

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

Infolgedessen  war  auch  der  Koksverbrauch  der  „Sanspareil"  ungewöhnlich  groß.
Dennoch  zeigte  sich  diese,  solange  sie  fahren  konnte,  in  Bezug  auf  Leistungsfähigkeit ­
  der  „Rakete"  mindestens  ebenbürtig.  Ihre  Dampfentwickelung  war
trotz  der  kleineren  Heizfläche
um  etwa  1 / 3  größer  als  die
der  letztgenannten  Lokomotive.
Auch  die  „Novelty"  erfüllte,
solange  sie  fuhr,  die  Bedingungen. ­
  Sie  fand  wegen
ihrer  zierlichen  Bauart  sogar
die  meisten  Anhänger,  aber
„Rocket"  allein  hatte  von  Anfang ­
  an  genügt.  Ihr  wurde
der  Preis  zuerkannt  und  dieser
von  den  Direktoren  je  zur
Hälfte  an  R.  Stephenson  und
an  Booth  ausgezahlt.  —
Nach  diesen  Probefahrten  ersetzte ­
  Stephenson  die  beiden
einseitigen  Ausblasemündungen ­
  der  Abdampfröhren
durch  ein  nach  Art  der  „Sanspareil"
  angeordnetes  Blasrohr. ­
  Dessen  Wirkung  steigerte
die  Dampfentwickelung  so  sehr,
daß  die  „Rakete"  nunmehr
das  dreifache  wie  vordem  zu  leisten  vermochte.  Auch  „Sanspareil"  und  „Novelty"  erzielten ­
  später  nach  gründlicher  Ausbesserung  höhere  Leistungen  als  am  Rainhiller  Tage,
wie  nachstehende  Übersicht  lehrt.

Dampfcylinder

Gewicht

Aus  ebener  Strecke:

Heiz-Rost-



  Tender

durchschnittbeförderte



Lokomotive

fläche

fläche

Durch-.
meffer

Hub

•Sag
S

(betriebsfähig) ­


liche  Fahrgeschwindigkeit ­


Wagenlast
einschl.  des
Tenders

qm

qm

mm

mm

mm

kg

km

kg

s  ursprünglich

12,8

0,51

203

419

1435

4572

22,2

12  954

Rocket:  &amp;lt;  mit  richtigem

s  Blasrohr

„

„

„

„

„

21,6
22,g
16,1

40  640

Sanspareil^ursprmrgl'ch

8,1g

©

178

457

1372

4850

14  478
60  960

Novelty:  {  ursprünglich

3,88

0,16

152

305

1270

2743

24,1
12,9

8128
28  956

Nach  der  Entscheidung  der  „Lokomotivschlacht",  wie  die  Engländer  gern  das  Wettfahren ­
  bei  Rainhill  nennen,  wurden  seitens  der  Verwaltung  der  Liverpool-Manchesterbahn ­
  8  Lokomotiven,  darunter  „Northumbrian"  (S.  204),  der  Stephensonschen  Fabrik  in
Bestellung  gegeben.  Sie  erhielten  bereits  eine  Rauchkammer  und  80  bis  90  Feuerrohre
von  51  min  Weite,  was  die  Heizfläche  auf  28  gm  hob.  Ferner  wurden  die  Dampfcylinder
etwas  flacher  geneigt,  als  bei  der  „Rakete",  um  die  bei  letzterer  während  einer  jeden  Radumdrehung ­
  auftretenden  heftigen  Federschwingungen  zu  ermäßigen  und  eine  ruhigere  Gangart ­
  bei  höherer  Fahrgeschwindigkeit  herbeizuführen,  woran  es  jene  noch  sehr  fehlen  ließ.
Auch  Hackworth  arbeitete  alsbald  einen  neuen  Entwurf  für  eine  Personcnzuglokomotive
  aus.  Nach  Colburn  übergab  er  ihn  am  3.  März  1830  der  Fabrik  von
Stephenson  L  Co.  zur  Ausführung.  Die  Anordnung  dieser  Lokomotive,  „Glob  e"  genannt,
ist  für  den  Lokomotivbau  von  maßgebender  Bedeutung  geworden.  Die  Dampfcylinder
waren  wage  recht  unter  den  Kessel  und  innerhalb  der  Räder  gelegt,  so  daß  die  Treib-
        <pb n="199" />
        203

Geschichte  der  Lokomotive.  „Globe"  und  „Planet".
achse  nach  Abb.  203  zweimal  (unter  90«  versetzt)  gekröpft  werden  mußte.  Auch  war  der
Kessel  mit  einem  erhöhten  Dampfraum,  dem  „Dom",  ausgestattet,  um  trocknen  Dampf
für  die  Cylinder  zu  erhalten.  Die  wagerechte  Lage  der  Cylinder  ist  die  allein  zweckmäßige ­
  und  seitdem  die  allgemein  übliche,  von  einer  ganz  schwachen  Neigung  bei  einzelnen
Lokomotivarten  abgesehen.  Die  „Jnnencylinder"  sind  noch  heutigestags  in  England  vorherrschend, ­
  während  bei  uns  und  anderswo  „Außencylinder"  beliebt  sind.  Auch  der  Kesseldom
ist  unentbehrlich  geblieben.  —  Der  „Globe"  soll  häufig  eine  Fahrgeschwindigkeit  bis  zu
80  km  i.  d.  Stunde  erreicht  haben,  was  für  damalige  Verhältnisse  außerordentlich  hoch  ist.
R.  Stephenson  baute  1830  die  neunte  Lokomotive  für  die  Liverpool-Manchesterbahn, ­
  den  „Planet"*).  Dieselbe  trat  am  4.  Oktober  1830  auf  der  genannten  Bahn  in
Dienst  und  besaß  alle  bis  dahin  erzielten  Verbesserungen:  Röhrenkessel,  Blasrohr,  wagerecht ­
  liegende  Jnnencylinder,  Dampfdom  u.  s.  w.  Die  Heizfläche  war  auf  38  qm  gewachsen, ­
  das  Dienstgewicht  (Eigengewicht  nebst  Brennstoff  auf  dem  Rost,  Wasser  mit
Kessel)  auf  9145  kg  (ohne  Tender).  Der  „Planet"  zeichnete  sich  durch  Leistungsfähigkeit

204.  Nob.  Kteptzriitons  Lokomotive  „planet",  1830.

aus  und  wurde  vorbildlich  für  andere  Fabriken.  Abb.  204  zeigt  eine  nach  ihm  erstellte
Lokomotive,  aus  der  wir  unschwer  schon  die  heutige  Form  erkennen**).  Hiermit  schließt
der  erste  Entwickelungsabschnitt  der  Lokomotiven.  Was  nun  kommt,  ist  ein
ferneres  Weiterbilden  und  Verbessern  auf  Grund  der  nach  und  nach  gewonnenen  Erfahrungen ­
  und  die  Einführung  neu  erdachter  Lokomotiv-Einzelheiten.
Auch  „Rocket"  und  „Planet"  stellen,  wie  man  aus  vorstehenden  Ausführungen  ersieht,
nur  eine  Stufe  in  dem  Entwickelungsgänge  der  Lokomotive  dar.  Die  vielfach  angetroffene

*)  Während  alle  älteren  englischen  Schriftsteller  die  Priorität  der  wagerechten  Cylinderlage
Hackworth  zuerkennen,  ist  neuerdings  (Engineering  1894  S.  295)  Stretton  niit  der  Ansicht  hervorgetreten, ­
  daß  zuerst  Stephenson  diese  Anordnung  und  zwar  beim  „Planet"  und  nach  ihm  dann
Hackworth  beim  „Globe"  angewendet  habe.  Die  in  Abb.  204  nach  Colburn  dargestellte  Bauart
des  „Planet"  ist  auch  von  Pouillct  und  le  Blanc  im  „Portefeuille  industriel“  1834  in  ausführlichen ­
  Zeichnungen  veröffentlicht.  Im  Gegensatz  hierzu  besagt  Engineering  1894,  die  Radachsen
hätten  oberhalb  des  (hölzernen  und  mit  Eisenblech  verkleideten)  Rahmens  gelegen.
**)  Die  erste,  1835  für  die  Nürnberg-Fürther  Bahn  von  Stephenson  gelieferte  ^okomotive
„Adler"  glich  noch  ganz  dem  „Planeten",  nur  war  bei  ihr  die  Feuerkistc  etwas  länger  bemessen
und  unter  dem  Führerstande  lag  eine  zweite  Laufachse  (vergl.  Abb.  52  im  ersten  Abschnitt).
26*
        <pb n="200" />
        204

Eisenbahnen:  Tie  Lokomotive.

Ansicht,  daß  die  „Rakete"  das  fast  alleinige  Verdienst  Stephensons  sei,  entspricht  nicht  den
Thatsachen,  und  wenn  der  um  das  Eisenbahnwesen  und  dessen  Litteratur  verdienstvolle
Max  Maria  von  Weber  vom  Tage  von  Rainhill  sagt:  „Was  von  nun  an  geschah,
das  war  Ausbildung,  Vervollkommnung,  Verstärkung,  Entwickelung  von  Keimen,  die  fast
alle  schon  in  Stephensons  großer  Schöpfung  lagen",  so  ist  dem  zu  entgegnen,  daß  auch  die
„Rakete"  nichts  anderes  war,  als  die  Ausbildung  und  Entwickelung  von  Keimen,  die
größtenteils  bereits  von  anderen  Männern  gepflanzt  worden  waren,  die  durch  Stephenson
weitergepflegt  und  veredelt,  später  dann  zur  Blüte  getrieben  wurden.  G.  und  R.  Stephensons
Verdienst  ist  die  Beseitigung  der  Zahnräder  (1815)  und  die  Benutzung  des  Röhrenkessels ­
  (1829)  in  Verbindung  mit  einer  einfach  gehaltenen  Maschine.  Seguins  Maschine
und  Hackworths  Kessel  waren  wesentlich  gesteigerten  Leistungen  nicht  anpassungsfähig,  das
war  nur  der  Röhrenkessel  des  ersteren  und  die  Maschine  des  letzteren.  Die  beiden
Stephensons  erkannten  diese  einzelnen  Vorzüge,  brachten  sie  vereint  zur  Anwendung  und
schufen  damit  die  Grundlage  unseres  heutigen  Lokomotivbaues.
Mit  innerster  Berechtigung  durfte  daher  auch
R.Stephenson  selbst  später  aussprechen:  „Die  Lokomotive ­
  ist  nicht  die  Erfindung  eines  einzelnen,
sondern  die  einer  Nation  von  Ingenieuren".
Die  beiden  Rainhiller  Lokomotiven  „Rocket"
und  „Sanspareil"  haben  übrigens  noch  lange  Jahre
Dienste  gethan,  die  erstere  als  Lokomotive,  die  letztere
als  Betriebsmaschine  für  Pumpen-  und  Förderzwecke
in  dem  Kohlenbergwerk  von  I.  Hargreaves.  Beide
ehemaligen  Wettbewerberiunen  stehen  neben  dem
„Puffing  Billy"  im  South-Kensington-Museum  zu
London:  ein  sprechendes  Beispiel  für  das  Streben
menschlichen  Erfindungsgeistes,  aber  auch  für  das
verschieden  gestaltete  Erfinderlos.  H  ed  ley  ist  fast
vergessen.  Hackworth  mühte  sich  Jahre  hindurch  mit
der  Vervollkommnung  der  Lokomotive  ab,  ohne  zu
einem  durchschlagenden  Erfolge  zu  gelangen.  Er,  der
in  Bezug  auf  Lokomotiv-Neuerungen  den  Stephensons ­
  entschieden  überlegen  war  und  in  dem  Ersinnen
und  Ausbilden  von  Lokomotiv-Einzelteilen  mindestens
so  viel  wie  jene  geleistet  hat,  vermochte  der  Lokomotive ­
  nur  einige,  allerdings  sehr  ausgeprägte  Züge
zu  verleihen,  während  die  beiden  Stephenson  freilich  sie  lebensfähig  gestalteten.  Deren
Verdienste  liegen  aber  nicht  allein  auf  dem  Gebiete  des  Maschineningenieurs,  sondern  greifen
stark  auf  dasjenige  des  Bauingenieurs  über.  Aus  diesem  haben  beide  Männer  eine  fruchtbare,
nicht  genug  anzuerkennende  Thätigkeit  entfaltet.  Namentlich  hat  die  Bauausführung  der
Liverpool-Manchesterbahn  den  Namen  G.  Stephenson  unvergeßlich  gemacht.  Große  Schwierigkeiten ­
  technischer  Art  waren  hier  zu  überwinden,  viele  Vorurteile  zu  besiegen  und  der  Widerstand
zahlreicher  Personen  zu  brechen,  die  sich  durch  die  Einführung  der  Eisenbahnen  in  ihrer
wirtschaftlichen  Lage  bedroht  glaubten,  und  die  oftmals,  namentlich  beim  Vermessen  der  Linie,
offenen  Widerstand  den  Bahnbediensteten  entgegensetzten.  Vor  dem  Parlamentsausschuß  hatte
Stephenson  einen  harten  Kampf  mit  den  einflußreichen  Eisenbahngegnern  zu  bestehen,  die  dem
Unternehmen  namentlich  aus  den  Kreisen  der  drei,  den  Verkehr  zwischen  Liverpool  und
Manchester  beherrschenden  Kanalgesellschafteil  erwuchsen.  Doch  jener  beteiligte  sich  mit  Ausdauer, ­
  Geschick  und  Erfolg  erst  an  den  Vorverhandlungen  aller  Art  und  führte  dann  den
Bahnbau  selbst  durch.  Am  15.  September  1830  wurde  die  Linie  dem  öffentlichen  Verkehr
mit  großem  Gepränge  übergeben.
In  acht  Festzügen,  deren  ersten  G.  Stephenson  mit  der  Lokomotive  „Northumbrian"
fuhr,  wurden  etwa  600  Reisende,  darunter  der  Herzog  von  Wellington  und  Sir  Robert  Peel,
von  Liverpool  nach  Manchester  befördert,  auf  dem  ganzen  Wege  von  dichten  Zuschauermengen
freudig  begrüßt.  Hierbei  ereignete  sich  ein  beklagenswerter  Unglücksfall.  Einer  der  Festteilnehmer, ­
  das  Parlamentsmitglied  Huskisson,  einer  der  eifrigsten  Förderer  dieser  Bahnlinie,
wurde  in  Parkside  überfahren,  nachdem  er  gerade  mit  dem  im  Wagen  sitzen  gebliebenen  Herzog
von  Wellington  einen  Händedruck  gewechselt  hatte.  Die  Lokomotiven  hatten  derzeit  noch
keine  Dampfpfeifen  und  konnten  daher  bei  ihrer  Annäherung  kein  weit  hörbares  Signal
geben.  G.  Stephensou  beförderte  den  Verunglückten  mit  deni  „Northumbrian"  in  schnellster
Fahrt  nach  seinem  Wohnsitz,  wobei  die  24  km  lange  Strecke  in  2b  Minuten  zurückgelegt
wurde,  das  sind  68  km  Stundengeschwindigkeit,  ein  Fahrergebnis,  das  damals  in  der  Welt
angestaunt  wurde.  —  Die  Dampfpseife  stand,  soweit  bekannt,  im  Jahre  1833  aus  den  Dow-205.

  Dampftrompete  (1833),  Kartäuser  der
Dampfpfeife.  Zuerst  angewendet  bei  der
Lotomoiioe..Camion"  (England).
        <pb n="201" />
        205

Schwierigkeiten  beim  Bau  der  Liverpool-Manchesterbahn.
lais-Eisenwcrkcn  in  Benutzung.  Im  Jahre  1835  wurde  sie  zum  erstenmal  an  einer  Lokomotive ­
  angebracht  und  ist  seitdem  das  weltbekannte,  wirksame  Signalmittel  aller  Dampflokomotiven ­
  geblieben.  Einige  englische  Lokomotiven  jener  Zeit  besaßen  allerdings  eine  sogenannte
Dampstrompete  nach  Art  der  Abb.  205.  Sie  gab  einen  markerschütternden  Ton.  (Bergl.
hierüber  auch  Abschnitt  „Signalwesen.")
Musterleistungen  bei  dem  Bau  der  Liverpool-Manchester  Bahn  sind  die  Durchquerung
des  über  6  km  breiten  Chat  -  Moores,  die  Anlage  des  unter  Liverpool  sich  hinziehenden ­
  2000  m  langen  Tunnels  und  der  gewaltige  Felseinschnitt  bei  Olive  -  Mount
(Abb.  206*).  Letzterer  ist  in  einer  Länge  von  mehr  als  3000  m  senkrecht  in  den  Sandsteinfelsen ­
  geschnitten  und  über  30  m  tief.  Die  Hauptschwierigkeit  bereitete  jedoch  das  tiefe  Chat-Moor,
  das  eine  Unmenge  von  Schüttmaterial  verschlang,  ehe  der  Bahndamm  festen  Grund
faßte  und  Gestalt  annahm.  Doch  „Perseverance“  war  Stephensons  Losungswort,  mit  dem  er
seine  oft  verzagenden  Untergebenen
anzufeuern  verstand,  und  es  gelang
ihm  schließlich,  die  von  allen  anderen
Ingenieuren  für  unmöglich  gehaltene ­
  Überschienung  des  Chat-Moores
durchzuführen  (vergl.Abb.  14).  Diese
Leistungen  sind  um  so  höher  anzuschlagen, ­
  als  damals  fast  jegliche  Erfahrung ­
  in  solchen  Bausachen  fehlte
und  ebenso  die  Hilfsmittel  zu  ihrer
Durchführung,  die  heute  dem  bauleitenden ­
  Ingenieur  durch  die  hochentwickelte ­
  Maschinentechnik  so  vielseitig ­
  und  leistungsfähig  an  die  Hand
gegeben  werden.  G.  Stephenson  standen ­
  damals  nur  die  Kenntnisse  zur
Verfügung,  die  er  sich  früher  in  den
Kohlenbergwerken  erworben.  Nunmehr ­
  hatte  er  sich  zum  Altmeister
der  Jngenieurkunst  emporgeschwungen. ­
  Er  starb  in  Tapton-House  am
12.  August  1848  in  Glanz  und
Reichtum  und  wurde  nahe  seinem
Landgute  in  der  Dreieinigkeitskirche
zu  Chesterfield  begraben.  Mehrere
Denkmäler  sind  ihm  gesetzt  worden.
—  Sein  Sohn  Robert  (gest.  1859),
nachmals  auch  auf  dem  Gebiete  des
Brückenbaus  bahnbrechend  (vergl.
S.  112  und  Abb.  77),  ruht  in  der
Westminster-Abtei  zu  London,  jener
Ruhmeshalle  Englands,  die  dem
Andenken  so  vieler  großer  Männer
jenes  Volkes,  wessen  Berufs  sie  auch
sein  mögen,  geweiht  ist.  In  ihr
haben  neben  den  Herrscherfamilien
Großbritanniens,  inmitten  von  Feldherren, ­
  Staatsmännern  und  großen
Naturforschern,  auch  die  um  ihr  Vaterland  so  hochverdienten  Ingenieure  James  Watt,  Jsambart
  Brunel,  Robert  Stephenson  und  Telford  ihren  Ehrenplatz  gefunden.  Die  letzte  und
höchste  Ehre,  die  das  für  vaterländische  Verdienste  stets  dankbare  englische  Volk  seinen
hervorragenden  Söhnen  erweist,  ist  ein  Grab  und  ein  Denkmal  in  diesem  Nationalheiligtum
zu  Westminster.  Das  große  Marmorbildwerk  von  Watt,  das  nahe  dem  Grabmal  der  jungfräulichen ­
  Königin  Elisabeth  errichtet  ist,  trägt  die  vielsagende  Inschrift:  „James  Watt,  der
Wohlthäter  der  Menschheit".
England  versorgte  in  den  nächsten  Jahrzehnten  die  eisenbahnbauenden  Länder  mit
Lokomotiven.  Neben  der  Stephensonschen  Fabrik  entstanden  dort  bald  weitere  Lokomotivbauanstalten,
  die  den  immer  größer  werdenden  Bedarf  deckten.
Amerikanischer  Lokomotivbau.  Auch  nach  Nordamerika  wurden  in  den
Jahren  1828—1838,  laut  „Engineering"  1898,  insgesamt  141  Lokomotiven  verschiedener
Bauart  geliefert.  Anfangs  dienten  diese  den  entstehenden  amerikanischen  Lokomotiv-*)

  Nach  Smiles,  „Life  of  G.  and  R.  Stephenson“.

206.  Gtivc-Wonnt-Einschnitt
der  Liverpool-Manchester  Eisenbahn.
        <pb n="202" />
        206

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

fabriken  mehr  oder  weniger  als  Vorbild,  sehr  bald  jedoch  verfolgten  die  letzteren  eine
völlig  selbständige  Richtung.  Schon  1825  soll  John  Stevens  in  Hoboken  bei  New  Aork
eine  kleine  Zahnbahn  mit  Lokomotive  im  Modell  erstellt  und  im  Betrieb  vorgeführt  haben.
Die  Sache  hatte  aber  keine  weiteren  Folgen,  obschon  Stevens  ein  eifriger
Verfechter  der  Lokomotiv-Eisenbahnen  war  und  seit  Jahren  ihnen  das
Wort  redete.  Er  war,  wie  kurz  zuvor  Evans,  von  seinen  Zeitgenossen
verlacht  worden.  Man  nannte  auch  ihn  höhnisch  einen  „Llaniao".  Als
dann  Ende  der  20  er  Jahre  die  Kunde  von  den  Erfolgen  der  englischen
Lokomotivbahnen  nach  Amerika  drang,
entsandte  die  Delaware-Hudson-Kanalgesellschaft
  1828  ihren  banleitenden  Ingenieur ­
  Horatio  Allan  nach  England,
um  die  dortigen  Eisenbahnverhältnisse

207.  Lokomotive  „Ktonrbridgc  Lome",  1828.

X  (
Tür

zu  studieren  und  Schienen  nebst  Lokomotiven  für  ihre  Kohlen-  und  Güterbahnen  anzukaufen. ­
  Allan  erwarb  vier  Lokomotiven,  eine  davon,  die  oben  bereits  besprochene  und
in  Abb.  194  wiedergegebene  „America",  stammte  aus  der  Fabrik  von  R.  Stephenson  L  Co.,
die  drei  anderen,  darunter  der  in  Abb.  207  dargestellte  „Stourbridge
Löwe",  aus  der  von  Foster,  Rastrick  und  Co.  in  Stourbridge.  Diese
letzten  drei  Lokomotiven  lehnen  sich  offenbar  eng  an  die  Hedley-Ausführung ­
  (Abb.  186)  an,  nur  daß  hier  die  beiden  Treibachsen  in
zweckmäßigerer  Weise
durch  Kuppelstangen  statt
durch  Zahnräder  gekuppelt ­
  sind.
Allan  fuhr  zuerst
mit  dem  „Stourbridge
Löwen"  Probe,  die  Lokomotive ­
  konnte  aber  nicht
in  dauernde  Benutzung
genommen  werden,  da
der  Oberbau,  auf  dem
sie  lief,  viel  zu  schwach
war.  Man  hatte  noch
nicht  erkannt,  daß  beide
Teile  zusammengehören
und  einander  angepaßt
sein  müssen  nach  dem
heute  allgemein  gültigen  Grundsätze:  Je  größer  der  Raddruck  und  je  schneller  die  Fahrt,
desto  kräftiger  das  Gleis!  Der  „Löwe"  trat  nicht  weiter  in  Thätigkeit,  ebensowenig  sein
Schwesternpaar,  er  fand  später  Aufnahme  in  dem  Washington-Museum.  Die  konstruktiv
besser  durchgebildete  „America"  wurde  etwas  später  in  Dienst  gesetzt,  krankte  aber  an

LOS.  Lokomotive  von  Anry  &amp;amp;  Co,  1830.
        <pb n="203" />
        207

Die  ersten  amerikanischen  Lokomotiven.
dem  erwähnten  Dampfmangel.  Auch  manche  der  anderen  nach  Amerika  gelieferten  Lokomotiven, ­
  bei  deren  Bestellung  keine  Rücksicht  auf  den  Gleisbau  genommen  war,  konnte
nicht  in  Betrieb  genommen  werden.
Die  mangelhafte  Gleisbeschaffenheit  in  Amerika  beruhte  teils  auf  Unkenntnis,  teils
auf  Geldmangel.  Bei  dem  Mißtrauen,  das  auch  dort  anfänglich  den  Eisenbahnen  entgegengebracht ­
  wurde,  waren  die  erforderlichen  Kapitalien  schwer  zu  beschaffen.  Äußerste
Einschränkung  in  allen  Bausachen  war  daher  geboten.  Infolgedessen  stellte  man  die
Bahn  so  billig  wie  möglich  her  und  legte  lieber  scharfe  Gleiskrümmungen  zur  Umgehung
von  Hindernissen  an,  als  daß  man  durch  Kunstbauten,  Einschnitte,  Dämme  u.  s.  w.  eine
zweckmäßigere  Linienführung  schaffte.  Auf  den  Oberbau  selbst,  die  Schienen  und
Schwellen,  war  wenig  Sorgfalt  verwendet.  Größere  Radbelastungen  waren  deshalb  unzulässig, ­
  daher  das  erwähnte  Versagen  so  mancher  englischen  Lokomotive  und  die  Anordnung ­
  einer  größeren  Zahl  von  Rädern  an  den  später  in  Amerika  erbauten  Lokomotiven.
Wegen  der  scharfen  Krümmungen  war  aber  ein  langer  starrer  Radstand,  d.  i.  die  Entfernung ­
  der  beiden  äußeren  Radachsen  voneinander,  ausgeschlossen,  man  war  gezwungen,
zum  Drehgestell  zu  greifen.  Dieses  war  also  eine  notwendige  Vorbedingung  für  den
amerikanischen  Eisenbahnbetrieb,  und  deshalb  finden  wir  es  drüben  schon  nach  wenigen
Jahren  überall  in  Benutzung,  bei  Lokomotiven  und  bei  Wagen.

209.  Erste  Fahrt  der  Lokomotive  „Ikö  deot  sriend  of  Charlestown“,  1830.

Unter  den  vorerwähnten  nach  Amerika  gelieferten  Lokomotiven  sind  mehrere  Bauarten
von  unverkennbarem  Einfluß  auf  den  amerikanischen  (und  teilweise  auch  deutschen)  Lokomotivbau
  gewesen;  eine  davon  sei  hier  genannt.
E.  Bury  in  Liverpool  hatte  1830  eine  neue  Kesselform  eingeführt,  indem  er  die  Feuerkiste ­
  nicht  wie  sonst  vierseitig  im  Grundriß,  sondern  cylindrisch  gestaltete  und  ihr  eine  kuppelartige
  Erhöhung  gab,  um  den  Dampfraum  über  der  Feuerbüchse  größer  zu  bemessen.  Bury
lieferte  20  Lokomotiven  dieser  Art  an  amerikanische  und  eine  größere  Zahl  an  englische
Bahnen.  Die  chlindrische  Feuerkiste  hat  zwar  den  Vorteil  großer  Steifigkeit,  ist  dafür  aber
schwieriger  herzustellen  und  bietet  auch  eine  kleinere  Heizfläche  dar.  Dennoch  war  sie  eine
Zeitlang  beliebt.  Auch  in  Deutschland  fand  sie  ausgedehnte  und  lange  Anwendung.  Abb.  208
zeigt  nach  „Th«  Engineer“  die  erste  nach  Amerika  gesandte  Bury-Lokomotive.
Stephenson  L  Co.  in  Newcastle  lieferten  1831  eine  geschichtlich  gewordene  Lokomotive
an  die  Camden-  und  Amboybahn.  Die  Feuerkiste  war  hier  aus  Wunsch  des  Bestellers  nach
der  vorgenannten  Bauart  cylindrisch  und  überhöht.  In  Amerika  wurde  diese  „John  Bull"
getaufte  Lokomotive  mehrfach  abgeändert  und  that  dann  lange  Jahre  Dienst.  Im  Jahre  1876
erschien  sie  als  Veteran  des  Eisenbahnwesens  auf  der  Weltausstellung  in  Philadelphia,  1883
desgleichen  auf  der  Eisenbahnausstellung  in  Chicago,  bis  sie  endlich  1893  ihre  denkwürdige
Fahrt,  trotz  ihrer  62  Jahre  noch  unter  eigenem  Dampf  lausend  zur  Weltausstellung  in
Chicago  machte.  Sie  legte  mit  zwei  Personenwagen  alter  Bauart  die  &amp;gt;468  km  lange  Strecke
von  Jersey  City  nach  Chicago  in  einer  Woche,  von  Montag  Vormittag  (10  Uhr)  bis  Sonnabend
Nachmittag  &amp;gt;3  Uhr)  zurück.  Während  der  Ausstellung  beförderte  sic  50  000  Besucher  derselben
und  dampfte  nach  Schluß  der  ersteren  nach  Washington,  um  im  Staatsmuseum,  in  Nachbarschaft ­
  des  „Stourbridge  Löwen",  endlich  die  wohlverdiente  Ruhe  zu  finden.
Die  ersten  in  Amerika  hergestellten  Lokomotiven  waren  nur  leichter  Bauart.  Peter
Cooper  führte  um  1828  eine  kleine  Versuchslokomotive  mit  stehendem  Kessel  aus;  ihm
folgten  noch  andere  Erfinder.  Alle  diese  kleinen,  oft  höchst  seltsamen  Lokomotiven  hatten
keinen  Erfolg.  So  baute  noch  um  das  Jahr  1830  E.  Miller  eine  Lokomotive  mit  stehen-
        <pb n="204" />
        208

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

dem  Kessel.  Sie  trug  den  stolzen  Namen  „The  best  seiend  of  Charlestown“  und  ist  in
Abb.  209,  welche  Grothes  „Industrie  Amerikas"  entnommen  ist,  wiedergegeben.  Ihre
erste  Fahrt  war  vom  Sternenbanner  undKanonendonner  begleitet.  „Der  beste  Freund"  endete
jedoch  1831  durch  Kesselexplosion,  die  erste  in  Amerika,  der  leider  später  noch  andere  oft
genug  gefolgt  sind.  Im  Jahre  1832  stellte  der  schon  genannte  Horatio  Allan  eine
achträdrige  Doppellokomotive,  die  „South  Carolina"  in  Betrieb.  Sie  fand  zwar  keine
Nachahmung,  wir  erblicken  aber  bereits  in  ihr  einen  Vorläufer  der  Fairlielokomotive.
John  Jervis  führte  in  dem  gleichen  Jahre  die  erste  amerikanische  Drehgestelllokomotive
für  die  Mohawk-  und  Hudsonbuhn  aus,  nachdem  ein  Jahr  früher  Roß  Wiuans,  wie
Brown  in  seiner  „History  of  the  first  Locomotive  in  America“  berichtet,  Personenwagen ­
  mit  Drehgestellen  ausgerüstet  hatte.  (Der  erste  Vorschlag  für  Verwendung  von
Drehgestellen  überhaupt  bei  Eisenbahnfahrzeugen  rührt  1812  von  den  Gebr.Chapman  her,
wie  oben  nachgewiesen.)  Nach  Jervis'Zeichnungen  bauten  dann  1833  Stephenson  und  Co.
mehrere  Lokomotiven  mit  Drehgestell  für  die  Saratoga-  und  Schenectadybahn.  Auch  andere
englische  Firmen  haben  um  das  Jahr  1833  Drehgestelllokomotiven  nach  Amerika  geliefert.
Doch  der  1831  mit  Gründung  der  Baldwin-Lokomotivwerke  in  Philadelphia
ins  Leben  gerufene  einheimische  Lokomotivbau,  der  anfangs  zwar  auch  nach  englischen
Vorbildern  sich  richtete,  wandelte  nach  kurzer  Zeit  eigene  Pfade  und  schwang  sich  schnell
zu  einem  blühenden  Gewerbszweige  empor.  Die  erste,  hier  1831  —  32  gebaute  Lokomotive
war  die  in  Abb.  210  wiedergegebene;  sie  weist  noch  kein  Drehgestell  auf,  was  aber
bereits  bei  den  von  1833  an  gebauten  Lokomotiven  (Abb.  211)  der  Fall  ist.  Die
Baldwinfabrik,  welche  jetzt  über  5000  Arbeiter  beschäftigt,  ist  die  größte  derartige  Anlage
in  der  Welt.  Sie  vermag  jährlich  1000  Lokomotiven  fertigzustellen,  das  ist  täglich
im  Durchschnitt  3 1 / 3  Stück.  Ihre  Leistungsfähigkeit  geht  am  besten  aus  folgenden
Zahlen  hervor:

die

1  000  ste  Lokomotive

wurde  von  ihr  gebaut  1861

„

2  000

„

„  1869

„

3  000

„

„  „  „

„  1872

5  000

„

„  „  „

„  1880

„

10  000

ff  ff  ff

„  1889

„

11  000

„

ff  ff  ff

„  1890

„

13  900

„

ff  ff  ff

„  1892

Baldwin  wandte  schon  frühzeitig  einen  2—3  mal  so  hohen  Dampfdruck  an,  wie  in
England  (3—3 l /a  Atmosphären)  gebräuchlich  war,  was  die  Lokomotive  leistungsfähiger
und  ihren  Betrieb  wirtschaftlicher  machte.  Er  verbesserte  die  Umsteuerung  für  das  Vorund
  Rückwärtsfahren  u.  s.  w.  Im  Verein  mit  anderen  Ingenieuren  (Norris  u.  s.  w)  und
später  entstandenen  Lokomotivfabriken,  namentlich  den  Schenectady-Werken,  hat  Baldwin
die  amerikanische  Lokomotive  nach  und  nach  zu  ihrer  jetzigen  Ausbildungsstufe  geführt
und  ihr  das  eigentümliche  Gepräge  verliehen,  das  sie  von  den  Lokomotiven  aller  anderen
Länder  unterscheidet.  Es  wird  dieses  hervorgerufen  —  abgesehen  von  den  technischen
Einzelheiten,  die  mehr  den  Fachmann  interessieren  —  durch  die  ungewöhnlich  hohe  Kessellage, ­
  den  kurzen  Schornstein  mit  der  Signallaterne*)  davor,  die  große  Signalglocke,  das
geräumige,  bunt  bemalte  und  mit  Polstersitzen  ausgestattete  Führerhaus  sowie  durch  den  an
keiner  Lokomotive  fehlenden  „Kuhfänger"  oder  Cowcatcher,  der  dazu  dient,  das  beim
Fahren  etwa  im  Gleise  angetroffene  Vieh  liebevoll  bei  Seite  zu  werfen.  Da  die  amerikanischen ­
  Bahnen  nicht  wie  in  England  und  Deutschland  beiderseits  der  Gleise  eingezäunt
sind,  so  ist  das  Zusammentreffen  mit  Tieren,  namentlich  auf  dem  Lande  und  auf  den
großen  Viehtriften,  nichts  Ungewöhnliches.  Abb.  212  zeigt  die  Seitenansicht  und  Abb.  213
die  uns  etwas  seltsam  anmutende  Vorderansicht  einer  amerikanischen  Lokomotive  mit  allen
eben  genannten  Merkmalen.
Wegen  vielfacher  starker  Steigungen  und  infolge  der  üblichen  langen  Güterzüge,  ist
man  drüben  mit  der  Zahl  der  gekuppelten  Radachsen  höher  hinauf  gegangen  als  in  anderen
*)  Auf  der  Weltausstellung  in  Chicago  1893  war  eine  alte  von  T.  Hackworth  Mitte  der
30  er  Jahre  nach  Amerika  gelieferte  Lokomotive  ausgestellt,  die  vorn  am  Schornstein  statt  der
jetzt  üblichen  Signallaterue  einen  Drahtkorb  zur  Aufnahme  brennender  Kienfackeln  zeigte.
        <pb n="205" />
        Baldwins  Lokoinotivfabrik.  Deutscher  Lokomotivbau.

209

07

210.  Baldwins  erste  Lokomotive  „GId  Ironsides",  1832.

Ländern.  Wir  finden  dort  vielfach  Güterzuglokomotiven  mit  10  u.  12,  ja  in  einem  Falle
sogar  mit  16  Rädern.  Als  Beispiel  einer  Lokomotive  dieser  Art,  die  nach  dem  vorsündflutlichen
  Riesentiere  drüben  die  Bezeichnung  Mastodon-Lokomotive  führt,  diene  Abb.  228.
Deutscher  Lokomotivbau.  Die  ersten  in  Deutschland  erbauten  Bahnen  erhielten
noch  englische  Lokomotiven,  die  meistens  auch  von  englischen  Führern  bedient
wurden.  Im  Jahre  1838  baute  die  unter  Leitung  des  Professors  Schubert
stehende  Maschinenfabrik  Übigau  bei  Dresden  die  erste  deutsche  Lokomotive,
allerdings  noch  unter  Anlehnung  an  englische  Vorbilder.  Sie  war  für  die
Leipzig-Dresdener  Bahn  bestimmt.  Seit  1841  —  10  Jahre  später  als  in
Amerika  —  nimmt  dann  auch  hier  der  Lokomotivbau  kräftigen  Aufschwung
und  selbständige  Richtung.
Männer  wie  Borsig  und
eine  Zeitlang  auch  Egells
in  Berlin,  Keßler  und
Maffei  in  München,  Egestorfs ­
  in  Linden  bei  Hannover,Hart ­
  mannin  Chemnitz ­
  und  Hensch  el  in  Kassel
gründeten  Lokom  otivfabriken
und  brachten  sie  infolge  des
Aufschwunges,  denderBahubau
  in  Deutschland  nahm,
zur  großen  Blüte.  Die  deutschen  Fabriken,  zu  denen  außer  den  vorgenannten  noch  sieben
andere  nach  und  nach  hinzutraten,  haben  bis  jetzt  über  30  000  Lokomotiven  geliefert
und  vermögen  jährlich  etwa  1600  Stück  zu  bauen.
Borsig  stellte  bereits  1841  seine  erste  Lokomotive  in  der  von  ihm  1837  gegründeten,
damals  noch  recht  dürftig  eingerichteten  Fabrik  her.  Sie  wurde  auf
der  Berlin-Potsdamer  Linie  durch  den  Einfluß  der  hier  thätigen  englischen ­
  Ingenieure  nicht  zu  einer  Probefahrt  zugelassen.  Auf  einer
anderen  Berliner  Bahn  fand  er  mehr  Entgegenkommen,  und  seine  Lokomotive ­
  bestand  glänzend  ihre
Probe.  Sein  König  verlieh
ihm  in  Anerkennung  seiner
Bemühungen  um  Hebung
deutscher  Industrie  einen
Orden—einein  Deuts  chland
derzeit  ganz  ungewöhnliche
Auszeichnung  eines  Ingenieurs. ­
  Auch  Bestellungen
aufLokomotiven  folgten  bald.
1842  baute  er  bereits  8  Stück
für  die  Berlin  -  Anhalter
Bahn.  Seine  jetzt  schnell  aufblühende ­
  Fabrik  lieferte:
die  100ftc  Lokomotive  1846
„  1000  „  1858
„  2000  „  1867
„  3000  „  1873
„  4000  „  1883.
Nach  Borsigs  Tode  ging  die  Hauptfabrik  in  Berlin  1886  ein,  wurde  aber  vor  kurzem
in  Tegel  neu  eröffnet.  Vorstehende  Zahlen  mit  denen  der  Baldwinfabrik  verglichen,
zeigen  bis  über  das  Jahr  1870  hinaus  die  Überlegenheit  der  deutschen  Anlage.  In  ihr
sind  damals  mehr  Lokomotiven  fertiggestellt  worden,  als  in  irgend  einer  anderen  der
Welt.  Seit  1873  übernahm  Baldwin  hierin  die  Führung.
IX  27

211.  Erste  Lokomotive  mit  Drehgestell  von  Baldwin,  1833.
        <pb n="206" />
        210

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

Abb.  214  zeigt  die  erste,  1848  von  Henschel  in  Kassel  für  die  hessische  Nordbahn
erbaute  Lokomotive.  Sie  besaß  zwei  Treibachsen  und  ein  vierrädriges  Drehgestell,  zeigte
also  bereits  diejenige  Bauart,  die  40  Jahre  später  auf  den  norddeutschen  Bahnen  zur
Einführung  gelangte  (Abb.  164).
In  allen  Eisenbahnländern  entwickelte  sich  die  Lokomotive  in  raschem  Zuge
weiter.  Man  förderte  die  Dampferzeugung  durch  Vergrößerung  der  Rost-  und  Heizfläche, ­
  baute  infolgedessen  die  Kessel  Weiler  und  länger  und  brachte  das  dadurch
gesteigerte  Eigengewicht  auf  einer  größeren  Zahl  von  Radachsen  unter.  Durch  zweckmäßige ­
  Verteilung  derselben  suchte  man  die  bei  raschem  Fahren  noch  sehr  unruhige
Gangart  der  Lokomotive  zu  verbessern;  namentlich  aber  erstrebte  man  die  Seele
ihres  wirtschaftlichen  Betriebes,  die  Steuerung,  zu  vervollkommnen,  das  ist  diejenige

212.  Neuere  amerikanische  Schncll;uglokamotiac  und  Lokomotive  aus  dem  Jahre  1831  auf  der  Weltausstellung ­
  ;u  Chirago  1893.  Nach  „Scientific  American“.

Vorrichtung,  die  den  Frischdampf  bei  jeder  Radumdrehung  einmal  vor  und  einmal
hinter  den  Kolben  führt  und  zwar  je  nach  der  Bahnsteigung,  der  zu  ziehenden  Last
und  anzustrebenden  Fahrgeschwindigkeit,  während  eines  größeren  oder  geringeren
Teiles  des  Kolbenweges.  Man  nennt  dieses  „mit  Expansion"  fahren  und  erzielt
durch  dieses  Mittel  nicht  nur  ganz  wesentliche  Ersparnisse  im  Dampf-  und  Kohlenverbrauch, ­
  sondern  ermöglicht  auch  große  Fahrgeschwindigkeiten.  R.  Stephenson,  Gooch,
Allan,  Heusinger  von  Waldegg,  Joy  u.  a.  haben  sich  um  diese  wichtige  Frage  hoch
verdient  gemacht.  Heute  werden  überall  die  den  Namen  dieser  Männer  führenden
Eoulissensteuerungen  angewendet.  Der  Dampfdruck  wurde  immer  mehr  gesteigert,
die  Pumpen  für  das  Kesselspeisen  vorteilhafter  gestaltet,  das  Gußeisen  immer  mehr
durch  Schmiedeeisen  und  dieses  später  durch  Stahl  ersetzt  und  Verbesserungen  anderer
Art  getroffen.
Einer  der  verdienstvollsten  Lokomotivingenieure  um  die  Mitte  der  40er  Jahre  war
der  Engländer  Erampton.  Er  nahm  1843  ein  Patent  auf  eine  Lokomotivanordnung,
die  wesentliche  Vorzüge  für  den  Schnellzugdienst  bot.  Um  mit  dem  Raddurchmesser  nicht
        <pb n="207" />
        211

Die  Crampton-Lokomotive.
durch  den  Kessel  beengt  zu  sein,  nahm  Crampton  nur  eine  Treibachse  und  legte  diese
hinter  die  Feuerkiste,  während  der  vordere  Teil  der  Lokomotive  durch  zwei  bis  drei  Achsen
mit  niedrigen  Rädern  —  Laufachsen  genannt  —  abgestützt  wurde.  Infolge  dieser  Achsenstellung ­
  konnte  auch  der  ganze  Kessel  sehr  niedrig  gelegt  werden,  was  derzeit  als  besonderer ­
  Vorteil  galt.  Nunmehr  war  der  Treibraddurchmesser  nur  noch  durch  das  Umgrenzungsprofil ­
  der  Fahrzeuge  (Abb.  171)  begrenzt.  Crampton  wählte  ihn  7'  bis  8'
engl.  =  2,i  bis  2,44  in,  während  man  bis  dahin  selten  über  1,5  ni  gegangen  war.  Dadurch ­
  wurde  nun  auch  eine  wesentlich  größere  Fahrgeschwindigkeit  erreicht,  ohne  daß  die
Räder  mehr  Umdrehungen  zu  machen
brauchten.  Da  zudem  der  Radstand  ein
großer  und  überhängende  schwere  Massen
nicht  vorhanden  waren,  so  liefen  diese  Lokomotiven ­
  auch  bei  hoher  Fahrgeschwindigkeit ­
  ruhig.  (Auf  der  ersten  Weltausstellung
im  Kryslallpalast  zu  Sydenham  bei  London,
1851,  hatte  Stephenson  diese  Banart  ausgestellt, ­
  die  später  im  Betrieb  Geschwindigkeiten ­
  von  mehr  als  100  km  i.  d.  Stunde
erreichte).  Das  Üble  an  dieser  Bauart  war
aber,  daß  die  Treibachse  zu  geringen  Anteil ­
  an  der  Gesamtbelastung  erhielt,  so  daß
ihre  Schienenreibung  nicht  genügte,  um
das  Anziehen  schwerer  Züge  zu  sichern;
auch  schleuderte  sie  leicht  bei  feuchten
Schienen.  Für  die  heutigen  schweren
Schnellzüge  ist  sie  ungeeignet,  damals  aber
fand  sie,  namentlich  in  Frankreich  und
Deutschland,  schnelle  Verbreitung.  Ihr
Äußeres  ist  nach  Abb.  215  ein  sehr  gefälliges, ­
  und  die  Lokomotive  gleicht  einem
schlanken  Renner  im  Vergleich  zur  Güterzuglokomotive ­
  ,  die  mit  ihren  drei  bis
sechs  Achsen  einem  schweren  Lastpferde
ähnelt.  Daß  sie  übrigens  auch  mißgestaltetwerden ­
  kann,  zeigt  die  in  Abb.  174
wiedergegebene  Crampton  -  Lokomotive
amerikanischer  Bauart.  Die  letzten  Crampton-Lokomotiven
  der  preußischen  Staatsbahnen ­
  wurden  vor  etwa  15  Jahren
ausgemustert;  bis  dahin  hatten  sie,  vom
Volksmund  Spinnräder  genannt,  in  langer  Dienstzeit  Züge  zwischen  Lingen  und  Emden
befördert.
Von  besonderer  Wichtigkeit  ist  die  Bauart  Cramptons  noch  dadurch  geworden,  daß
sie  den  damals  zwischen  Brunel  (Weitspur  von  7'  engl.  =  2135  mm)  und  Stephenson
(Schmalspur  von  4'  8&amp;gt;/ ä "  =  1435  mm)  heiß  entbrannten  Kampf  der  Spurweiten  betreffs ­
  der  Lokomotivleistung  nochmals  zu  gunsten  des  letzteren  entschied.  Der  Sieg  wurde
herbeigeführt  durch  eine  derartige,  1849  von  Bury  &amp;amp;  Co.  für  die  London  und  North-Westernbahn
  besonders  kräftig  erbaute  Lokomotive,  die  Jahrzehnte  lang  als  die  stärkste
Lokomotive  der  Welt  galt.  Sie  verdient  darum  auch  durch  Bild  (Abb.  215)  und  Wiedergabe ­
  ihrer  Hauptabmessnngen  hier  näher  erörtert  zu  werden,  zeigt  sie  doch  den  gewaltigen
Sprung,  der  mit  der  Cramvton-Anordnung  Plötzlich  gewagt  wurde.  Der  Langkessel  enthielt
300  Siederöhren,  die  Heizfläche  betrug  206  gm,  die  Rostfläche  1,9  gm  (letztere  war
übrigens  zu  klein  im  Verhältnis  zur  Heizfläche).  Das  Eigengewicht  ohne  Tender  fvar  in
dienstbereitem  Zustande  35  560  kg,  wovon  12  200  kg  auf  die  2,44  m  großen  Treibräder

218.  Vorderansicht  einer  amerikanischen
Kchnrlljnglokoniotivr.
        <pb n="208" />
        212  Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

das  übrige  auf  die  sechs  Laufräder  entfielen.  Diese  für  damalige  Verhältnisse  gewaltige
Lokomotive  beförderte  eine  Zeitlang  Schnellzüge  und  vermochte  zwei  bis  drei  mal  so
viel  zu  leisten  wie  die  Lokomotiven  gewöhnlicher  Bauart.  Sie  mußte  aber  aus
dem  Dienst  zurückgezogen  werden,  da  der  Oberbau  einen  Achsdruck  von  12  200  kg
nicht  zuließ.
War  somit  derzeit  gezeigt,  was  auf  der  1435  inm-Spur  geleistet  werden  konnte,
so  hatte  man  anderseits  auch  erkannt,  daß  sich  schwere,  schnellfahrende  Lokomotiven  nur
auf  entsprechend  kräftigem
Oberbau  verwenden  lassen;
das  war  auch  ein  Fortschritt. ­
  Die  Engländer
haben  denn  auch  mit  praktischem ­
  Blick  alsbald  diese
Grundlage  des  Eisenbahnbetriebes ­
  schwer  und  widerstandsfähig ­
  ausgestaltet
und  infolgedessen  auch  die
Führung  auf  diesem  Gebiete ­
  bis  auf  unsere  Zeit
beibehalten.  In  anderen
Ländern  Europas  hat
man  bei,  Feststellung  des
Schienenquerschnittes  zu
viel  gerechnet  und  zu  wenig
die  hammerartige  Schlagwirkung ­
  derLokomotivräderbezw.  den  Einfluß  derFliehkraftihrerGegengewichteberücksichtigt.
Man  hat  dadurch  zwar  theoretisch  höchst  vollkommene,  praktisch  aber  weniger  gute  Gleisanordnungen ­
  geschaffen,  bis  man  seit  etwa  einem  Jahrzehnt  auch  hier  an  den  maßgebenden
Stellen  erkannt  hat,  daß  ein  schwerer  Oberbau  mit  kräftigen  Schienen  unumgänzlich
  nötig  sei,  um  den  Anforderungen  des  modernen  Verkehrs  zu  entsprechen.  \  ('
Seit  der  Erfindung  der  Crampton-Lokomotive  sind  von  vielen  Seiten
die  mannigfachsten  Bauarten  erdacht  worden.  Aus  all  den  Neuerungen

^  7

215.  Cromptons  Lokomotive  der  London  und  zlortli-Mrstern-Gisenkahn,  1849.

heben  sich  drei  scharf  hervor,  nicht  nur  wegen  ihrer  Eigenart,  sondern  vor  allem  auch  durch
den  wirtschaftlichen  Nutzen,  den  sie  gestiftet  haben.  Es  sind  dieses  der  Bau  der  Engerth-Lokomotive,
  die  Ausbildung  der  Zahnradlokomotive  und  die  Einführung  der  Verbundwirkung. ­
  Durch  die  ersteren  beiden  Bauarten  ist  die  Anlage  von  Gebirgsbahnen
erst  möglich  geworden.  Durch  sie  konnten  mit  einem  Mal  Gegenden,  die  den  Segen
der  Eisenbahnen  bis  dahin  entbehren  mußten,  dem  Verkehr  erschlossen  oder  wirtschaftlich
in  enge  Verbindung  miteinander  gebracht  werden.

214.  Lokomotive  „Drache"  von  genschet  &amp;amp;  Sohn  in  Kassel,  1848.
        <pb n="209" />
        213

Lokomotiv-Wettbewerb  auf  dem  Semmering.

Des  Anlasses  zum  Bau  der  Engerth-Lokvmotive  wurde  schon  im  ersten  Abschnitte
bei  Besprechung  der  Semmeringbahn  gedacht  und  dort  auch  kurz  ihr  befruchtender  Einfluß
auf  den  gesamten  Lokomotivbau  erwähnt.  Durch  sie  wurde  vor  allem  der  Bau  von
Gelenklokomotiven  ins  Leben  gerufen,  das  sind  Lokomotiven  mit  3,  4  und  mehr  Radachsen, ­
  also  mit  meistens  großem  Radstande,  die  zwecks  leichteren  Durchfahrens  der  Gleiskrümmungen ­
  gruppenweise  so  gelagert  sind,  daß  sie  sich  in  diesen  thunlichst  nach  deren
Mittelpunkt  einstellen.  Hierbei  ist  die  Schwierigkeit  einer  guten  Dampfzuführung  von  dem
festliegenden  Dampfkessel  nach  den  am  beweglichen  Radgestell  sitzenden  Dampfcylindern
zu  überwinden.  Für  Gebirgsbahnen  ist  ferner  eine  große  Zugkraft  erforderlich,  da  hier
starke  Steigungen  vorkommen,  gleichzeitig  auch  die  Gleiskrümmungen  zahlreich  und  oft
scharf  sind.  So  hat  die  Semmeringbahn  z.  B.  190  m  kleinsten  Kurvenhalbmesser,  die
Gotthardbahn  300  m  u.  s.  w.  Je  größer  aber  die  Zugkraft  sein  soll,  desto  schwerer  wird

216.  Kcminerl&amp;gt;ig-Konkiirrrn?-Lokom»1i»e  „Wirncr-Ucnstadt",  1851.

die  ganze  Lokomotive,  desto  mehr  Radachsen  zur  Übertragung  dieses  Gewichtes  auf  die
Schienen  sind  erforderlich,  desto  größer  fällt  also  der  Radstand  aus.  Großer  Radstand
und  kleine  Gleisbögen  schließen  sich  aber  aus,  wenn  die  Achsen  alle  fest  gelagert  sind,
beide  erfordern  also  „kurvenbewegliche"  Lokomotiven.
Bis  zum  Bau  der  Semmeringbahn  kannte  man  solche  Lokomotiven  —  abgesehen  von
dem  Laufachsdrehgestell  der  Amerikaner  —  nicht.  Sie  wurden  erst  infolge  des  früher  genannten ­
  Preisausschreibens  der  österreichischen  Regierung  auf  Herstellung  einer  geeigneten
Gebirgslokomotive  für  diese  Bahn  ins  Leben  gerufen.  Nach  den  Bedingungen  mußte  diese
Lokomotive  im  stände  sein,  eine  Wagenlast  von  140000  kg  auf  der  ungünstigsten  Strecke
dieser  Bahn  (größte  Steigung  gepaart  mit  schärfster  Krümmung)  mit  einer  Geschwindigkeit
von  31,4  km  i.  d.  Stunde  bei  guter  Witterung  zu  befördern.  Wie  bei  Rainhill  erschienen
auch  hier  4  Lokomotiven  zum  Wettkampf:  die  „Bavaria"  von  Maffei  in  München,  „Wiener-Neustadt"
  von  Günther  in  Wiener-Neustadt  (Abb.  216),  „Seraing"  tAbb.  217),  von  Cockerill
in  Seraing  (Belgien)  „Vindobona"  von  der  Wieuer-Gloggnitzer  Maschinenfabrik*).  Der
ausgesetzte  Preis  von  „20  000  vollwichtigen  kaiserlichen  Dukaten"  wurde  nach  den  &amp;gt;m
*)  Die  „Seraing"  war  nach  den  Plänen  von  I.  Laußmann,  Maschinen-Ingenieur  der
Bergisch-Märkifchen  Eisenbahn,  gebaut  worden,  jedoch  ohne  Vorwissen  desselben.  Ihm  war  oie&amp;gt;e
Bauart  als  „Doppellokomotive"  in  Preußen  patentiert.
        <pb n="210" />
        214

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.
Sommer  1851  vollführten  Probefahrten  von  den  Preisrichtern,  zu  denen  auch  der  Maschinendirektor ­
  Kirchweger  in  Hannover  gehörte,  der  „Bavaria"  zuerkannt,  während  die  drei  anderen
Lokomotiven  in  der  vorstehend  genannten  Reihenfolge  zum  Preise  von  10000,  9000  und
8000  Dukaten  regierungsseitig  angekauft  wurden.  Die  Lokomotiven  der  Abb.  216  und  217
besaßen  beide  je  2  Drehgestelle,  an  denen  bei  der  ersteren  auch  die  Dampscylinder  angebracht
waren,  während  sie  bei  der  „Seraing"  an  jedem  Ende  des  Doppelkessels  befestigt  waren.
Diese  Lokomotive  führte  auch  das  Wasser  in  einem  kleinen  Tender  mit,  die  als  Tendermaschine ­
  gebaute  „Wiener-Neustadt"  hatte  seitlich  ihres  langen  Kessels  Wasserbehälter.  Eigentümlich ­
  berührt  die  Achsenknppelung  der  Preislokomotive  „Bavaria".  Die  Dampfarbeit  wurde
hier  durch  sehr  lange  Treibstangen  auf  zwei  am  hinteren  Lokomotivende  festgelagerte  Kuppelachsen ­
  übertragen,  von  denen  die  vordere  wieder  mit  dem  vorn  befindlichen  Drehgestell,  die
hintere  mit  den  3  unter  sich  gekuppelten  Tenderachsen  gekuppelt  war  und  zwar  durch  —
Baucansonsche  Gliederketten,  wie  sie  G.  Stephenson  bereits  1815  nach  Abb.  190  vergeblich
versucht  hatte.  Auch  hier  zeigten  diese  Ketten  nach  wenigen  Fahrten  schon  eine  so'  starke
Abnutzung,  daß  ein  Dauerbetrieb  mit  ihnen  ausgeschlossen  war.  Hätte  der  Erbauer  den
36  Jahre  zuvor  erzielten  Mißerfolg  Stephensons  gekannt,  er  würde  wohl  schwerlich  dieses
Übertragungsmittel  für  den  Semmering  gewählt  haben.  Wenn  dennoch  die  „Bavaria"  preisgekrönt ­
  wurde,  so  lag  dieses  an  der  seltsamen  Bestimmung  des  Preisausschreibens,  wonach
diejenige  Lokomotive  den  Preis  erhalten  sollte,  die  bei  Erfüllung  der  sonstigen  wenigen  Bor-217.

  Semmerins-Konknrrrnx-Lokomotive  „Keraing".  1851.

schriften  die  kleinste  Holzmcnge  während  der  Versuchsfahrten  verfeuern  würde.  Dieser  einseitigen ­
  Bedingung  genügte  „Bavaria"  am  besten.  Ihr  am  nächsten  kam  darin  die  „Wiener-Neustadt",
  die  in  ihrer  Gesamtanordnung  zweckentsprechender  durchgebildet  war.
Keine  der  vier  obigen  Bauarten  wurde  jedoch  als  geeignet  für  den  Dienst  auf  dem
Semmering  befunden,  teils  zeigten  sie  Mängel,  teils  erschienen  ihre  neuartigen  Anordnungen
und  Einzelteile  noch  nicht  genügend  im  Betriebe  erprobt  und  daher  gewagt  für  so  schweren
Dienst.  Hervorragende  deutsche  Maschinen-Jngenieure  reichten  daraufhin  neue  Entwürfe
ein,  so  Kirchweger,  aus  dessen  Vorschlag  fite  später  unter  der  Bezeichnung  Bauart  Fink
bekannt  gewordene  Berglokomotive  (Abb.  218)  hervorging.  Die  Finksche  Lokomotive  hat
zwei  besondere,  gegeneinander  drehbare  Rahmengestelle:  ein  vorderes  dreiachsiges  und  ein
hinteres  zweiachsiges.  Sämtliche  10  Räder  sind  miteinander  gekuppelt,  so  daß  die  als
Tendermaschine  ausgeführte  Lokomotive  eine  große  Zugkraft  besitzt.  Beide  Gestelle  werden
mit  Hilfe  einer  Blindachse  (Achse  ohne  Räder)  gleichzeitig  angetrieben.  Die  Rahmen  sind  als
Außenrahmen  angeordnet.  Die  höchst  sinnreich  durchdachte  Lokomotive  war  1862  in  London
und  1867  in  Paris  ausgestellt  und  hat  sich  auf  der  Bergbahn  Orawitza-Steyerdorf,  welche
507«,  Steigung  und  113  m  Kurven  aufweist,  bewährt.  Krauß,  ebenfalls  derzeit  in  Hannover,
schlug  zur  Vermehrung  der  Schienenreibung  bezw.  der  Anzugskraft  eine  mittlere  erhöhte
Reibungsschiene  vor,  gegen  die  wagerecht  liegende  Rollen  der  Lokomotive  gepreßt  werden
sollten  —  ein  Verfahren,  das  früher  schon  in  ähnlicher  Weise  Vignoles  und  Ericsson  für  eine
andere  Bahn  empfohlen  hatten  und  das  nachmals  von  Fell  bei  der  Überschienung  des  Mont
Cenis  und  an  anderen  Orten  in  abgeänderter  Form  zur  Aussührung  gebracht  wurde,  sich  später
        <pb n="211" />
        Lokomotive  „Wiener-Neustadt"  und  „Seraing".  Fink-  und  Engerth-Lokomotive.  215

218.  KrrgloKomotivr  von  Fink,  1862.

219.  Fairtie-Lokomotivr,  1864.

220.  Stellung  der  Fairlir-Lokomvtive  in  der  Glriskrünnnuiig.

freilich  nicht  als  besonders  vorteilhaft  erwies.  Aus  der  Preislokomotive  „Seraing"  (Abb.  217)
ging  1864  die  Fairlie-Lokomotive  (Abb.  219  u.  220)  hervor,  während  die  „Wiener-Neustadt"
  (Abb.  216)  1861  nochmals  „erfunden"  als  Meyer-Lokomotive  bekannt
geworden  ist.
Engerth-Lokomotive.  Auf  dem  Semmering  gelangte  schließlich  Ende  1853  eine  ■
Lokomotive  zur  Verwendung,  die  von  dem  Leiter  der  technischen  Eisenbahnabteilung  im
Wiener  Ministerium,  v.  Engerth,  früher  Professor  an  der  technischen  Hochschule  in  Graz,
auf  Grund  der  Erfahrungen  entworfen  war,  die  an  den  Preislokomotiven  und  den  eingereichten ­
  Entwürfen  gesammelt  waren.  Die  Ausarbeitung  der  Einzelheiten  erfolgte
von  Keßler  in  Eßlingen  und  Cockerill  in  Seraing  im  Verein  mit  Engerth.  Bei  dieser
neuen  Lokomotive,  von  der  26  Stück  für  die  Semmeringbahn  beschafft  wurden,  war  das
Tendergewicht  durch  Kuppeln  der  Tenderräder  mit  den  Lokomotivtreibrädern  für  die
Zugkraft  mit  nutzbar  gemacht.  Diese  Kuppelung  erfolgte  nach  Art  des  alten  Hedleyschen
Zahnradgetriebes.  Tender  und  Lokomotive  waren  gegeneinander  um  einen  senkrechten
Drehbolzen  verschiebbar.  Derselbe  lag  genau  über  dem  Eingriffe  des  letzten  Zahuräderpaares,
  so  daß  der  Zahneingriff  durch  die  Kurvenbeweglichkeit  wenig  beeinflußt  wurde.
Arbeitsübertragnng  durch  Zahnräder  ist  aber  für  Reibungslokomotiven  unzweckmäßig,
        <pb n="212" />
        216

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

und  so  wurde  dieser  Zahnradtrieb  später  auch  wieder  beseitigt  und  die  Engerth-Lokomotive
  durch  „Vierkuppler"  ersetzt.  Von  den  vier  gekuppelten  Achsen  besitzen  einige  eine
gewisse  Verschiebbarkeit  in  ihrer  Längsrichtung,  was  das  Durchfahren  der  Krümmungen
erleichtert.  Auch  die  neuesten  auf  der  Arlbergbahn  eingestellten  Lokomotiven  haben  vier
gekuppelte,  teilweise  verschiebbare  Achsen  nebst  einer  radial  verstellbaren  Laufachse.  Sie  befördern ­
  200  000  kg  schwere  Schnellzüge  auf  dieser  bis  3O°/ 00  geneigten  Bahn,  äußern
bis  10  000  kg  Zugkraft  und  durchfahren  die  vorhandenen  Gleisbögen  von  200  bis
250  in  Halbmesser  mit  42  km  Stunden-Geschwindigkeit.  Die  Engerth-Lokomotive  fand
seiner  Zeit  namentlich  auch  auf  französischen  Bahnen  Eingang,  sodann  in  der  Schweiz  u.s.w.
Sie  ist  für  alle  Zeiten  ein  Merkstein  im  Eisenbahnmaschinenwesen,  wie  es  „Globe"  und
„Planet"  zwanzig  Jahre  vorher  gewesen  waren.  Die  sinnreichen  Neubildungen,  die  sie
gezeitigt  hatte,  lenkten  den  Lokomotivbau  in  neue  Bahnen.  Nunmehr  gelang  es,  in  verschiedener ­
  Weise  kurvenbewegliche  Lokomotiven  von  großer  Leistungsfähigkeit  herzustellen,
die  die  Gleiskrümmungen  trotz  ihres  großen  Radstandes  leicht  zu  durchfahren  vermochten.
Sie  sind  seit  den  50er  Jahren  in  sehr  verschiedener  Weise  wiederholt,  namentlich  auch
in  Deutschland  und,  wie  vorstehend  schon  erwähnt,  in  Österreich  ausgeführt  worden.

221.  Kerbn,td-Teildrrlokomotive  der  Kleinbahn  Kirchlengern-Wallürilr,  1807,  Kanart  Günther.Meyer.
(60  cm  Spurweite.)

Eine  der  bemerkenswertesten  Lokomotiven  dieser  Gattung  ist  die  vorerwähnte
Fairlie-Lokomotive.  Schon  R.  Stephenson  hatte  1847  für  die  10 1 / 2  km  lange,  mit
1:28&amp;gt;/2  schärfster  Steigung  ansteigende  Rampe  der  Giovibahn  bei  Genua  sogenannte
Zwillingslokomotiven  geliefert,  das  sind  zwei  ganz  gleiche  Tenderlokomotiven,  die  mit
ihrem  Hinterkessel  gegeneinander  gestellt  und  hier  durch  einen  Drehbolzen  beweglich
verbunden  sind.  Fairlie  baute  unter  Anlehnung  an  diesen  Gedanken  und  unter  Verwertung ­
  der  vorgenannten  „Seraing"  eine  Doppellokomotive,  deren  Kesselanlage  zwar
zwei  Langkessel  mit  je  einer  Rauchkammer  und  Esse,  sowie  zwei  getrennte  Feuerbüchsen
besitzt,  aber  eine  gemeinsame  Feuerkiste  mit  den  beiden  Feuerthüren  an  einer  Langseite.
Die  Räder  einer  jeden  Kesselhälfte  sind  je  für  sich  in  einem  kurzen  Drehgestell  gelagert,
so  daß  die  Lokomotive  trotz  ihres  langen  steifen  Kessels  kleinere  Gleisbögen  zwanglos
durchfahren  kann,  wie  dies  im  Grundriß  der  Abb.  220  für  eine  Hundertmeterkurve  klar
dargestellt  ist.  Da  sich  hier  Räder  und  Dampfcylinder  gegen  den  Kessel  verdrehen,  so
müssen  die  Dampfzuleitungsröhren  mit  beweglichen  Gelenken  ausgestattet  sein,  die  große
Sorgfalt  in  Herstellung  und  Unterhaltung  erfordern.  Die  Fairlie-Lokomotive  hat  im
Auslande  (Rußland,  Mexiko,  Peru  u.s.w.)  vielfache  Anwendung  gefunden.  Auch  auf
der  im  1.  Abschnitt  beschriebenen  Festiniogbahn,  der  kleinsten  dem  öffentlichen  Personenverkehre ­
  dienenden  Schmalspurbahn  (59  cm  Spur),  sind  die  langen  Lokomotiven  dieser
        <pb n="213" />
        217

Fairlie-  und  Günther-Meyer-Lokomotive.

Art  thätig.  Sie  wiegen  betriebsfähig  19  812  kg  und  durchlaufen  mit  20—30  km/Std.-Geschwindigkeit
  leicht  die  zahlreichen  scharfen  Kurven  (bis  35  in  Halbmesser)  dieser  Linie,
was  namentlich  bei  einer  Fahrt  auf  dem  Führerstande  scharf  hervortritt.
Merkwürdigerweise  gleicht  aber  auch  die  schwerste  und  leistungsfähigste  Lokomotive,
die  in  dem  Jahrhundert  des  Dampfes  überhaupt  gebaut  wurde,  äußerlich  der  Fairliemaschine.
  Sie  ist  auf  der  Gebirgsstrecke  Tampico-Mexiko  der  mexikanischen  Zentralbahn
im  Betriebe  und  besitzt  14  Meter  Gesamtradstand!  Dieser  Lokomotivriese  besitzt  zwei
Kessel  mit  zwei  Schornsteinen,  acht  Dampfcylinder  und  acht  Achsen,  von  denen  sechs  —  zu
je  drei  in  einem  Drehgestell  —  gekuppelt  sind,  während  die  beiden  Endachsen  als  kurvenbewegliche ­
  Laufachsen  ausgebildet  sind.  Die  Tenderlokomotive  wiegt  dienstbereit  113  500kg,
wovon  95  300  kg  auf  die  zwölf  Triebräder  entfallen.  Die  Übertragung  der  Dampfarbeit ­
  von  den  hier  fest  gelagerten  Cylindern  ans  die  kurvenbeweglichen  Radachsen  —
die  normalspurige  Bahn  weist  Kurven  von  nur  80  in  Halbmesser  auf  —  ist  in  sehr
geschickter  Weise  durchgeführt  und  macht  der  Konstruktionsgabe  ihres  Erbauers  Johnstone
alle  Ehre,  ist  aber  andererseits  doch  so  verwickelt,  daß  sie  schwerlich  Nachahmung  finden

222.  MaUcts  DuplrL-Urrbnnd-Lokomoliuc,  1890.
Erbaut  von  der  Schweizer  Lolomottv-  und  Maschinenfabrik  Winterthur.

wird,  zumal  man  so  große  Leistungen  auch  einfacher,  nach  Art  der  alten  Giovi-Zwillingslokomotiven,
  hätte  erreichen  können.
Die  Lokomotive  von  Meyer,  diesem  seltsamerweise  1861  in  Belgien  patentiert  und
1873  auf  der  Wiener  Weltausstellung  unter  jenem  Namen  neu  vorgeführt,  ist  nichts
anderes  als  die  alte,  von  Meyer  neu  aufgeputzte  Semmeringlokomotive  „Wiener-Neustadt"
von  Günther.  Wie  bei  dieser  sind  auch  hier  zwei  unabhängige,  ganz  gleichartige  Drehgestelle ­
  angeordnet,  deren  Dampfcylinder  einander  zugekehrt  sind.  Im  Gegensatze  zu
Fairlie  ist  hier  aber  nur  ein  Kessel  mit  langen  Siederöhren  vorhanden.  —  Eine  bemerkenswerte ­
  neuzeitliche  Ausführung  der  sog.  Meyer-Lokomotive  findet  sich  auf  der  in  den
Abschnitten  „Schmalspurbahnen"  (S.  94)  und  „Oberbau"  (S.  155)  genannten  Wallückebahn, ­
  deren  Spurweite  (60  cm)  nur  wenige  Millimeter  größer  als  diejenige  der  viel
bewunderten  Festiniogbahu  in  Wales  (59  cm)  ist.  Ihre  Lokomotive  zeigt  völlige  Übereinstimmung ­
  mit  der  Günther-Lokomotive  vom  Jahre  1851,  wie  ein  Vergleich  der  Abb.  216
und  221  ohne  weiteres  erkennen  läßt.  Es  ist  daher  richtiger,  diese  Lokomotivgattung
mit  „Günther-Lokomotive"  zu  bezeichnen,  oder  doch  wenigstens  mit  Günther-Meyer.  Die
Lokomotive  der  Abb.  221  wiegt  dienstbereit  20  000  kg,  also  fast  genau  soviel  wie  die
Fairlie-Lokomotive  der  Festiniogbahn.  Sie  kann  anstandslos  mit  35  km/Std.  fahren;
gestattet  sind  freilich  nur  20  km.  Die  Hauptabmessungen  sind:

IX  28
        <pb n="214" />
        218  Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

Radstand  der  ganzen  Lokomotive  .  .  ■  5000  mm
Radstand  jedes  der  beiden  Drehgestelle  .  1100  „
Raddurchmesser  700  „
Gesamte  Heizfläche  50  qm
Rostfläche  l,o  qm
Zugkraft  3000  kg.

Da  die  Lokomotive  nach  der  weiter  unten  erörterten  Verbundanordnung  arbeitet,
so  hat  das  eine  Drehgestell  größere  Cylinder  als  das  andere.
Der  Schweizer  Ingenieur  Mallet  in  Paris  und  später  Rimrott  in  Halberstadt
haben,  unabhängig  von  einander,  die  Bauart  Günther-Meyer  in  gleichartiger  Weise
bei  ihrer  Duplexlokomotive  dahin  abgeändert,  daß  nur  die  vordere  Achsengruppe
in  einem  Drehgestell  lagert,  dagegen  die  hintere  in  dem  Hauptrahmen  der  Lokomotive;
diese  ist  also  nicht  in  Gleisbögen  einstellbar.  Dadurch  wird,  allerdings  auf  Kosten  der
Kurvenbeweglichkeit,  die  bei  Fairlie  und  Güuther-Meyer  vorhandene  große  Zahl  von
Rohrgelenken  in  der  Dampfleitung  gemindert.  Da  ferner  die  Cylinder  den  Dampf  nach
der  Verbundwirkung  zugeführt  erhalten,  d.  h.  einem  Cylinderpaar  wird  Frischdampf,
dem  anderen  der  Abdampf  des  ersteren  zugeleitet,  so  ergibt  sich  der  weitere  Vorteil,  den
festgelagerten  Cylindern  den  hochgespannten  Kesseldampf  (12—14  Atmosphären),  den  am
Drehgestelle  angebrachten  aber  den  Niederdruckdampf  zuleiten  zu  können.  Letzterer  wirkt
auf  das  Dichthalten  der  Rohrgelenke  weniger  nachteilig  ein.  Daher  haben  auch  die
Mallet-Rimrottschen  Lokomotiven  vorn  die  größeren  Niederdruckcylinder,  hinten  dagegen
die  kleineren  für  den  Hochdruck.  In  Deutschland  laufen  derartige  Lokomotiven  auf  der
Eifelbahn,  auf  den  sächsischen  Staatsbahnen,  in  der  Schweiz  auf  der  Zentralbahn  u.  s.  w.
Abb.  222  zeigt  die  sehr  kräftige  Lokomotive  (mit  Schlepptender)  der  letzteren.  Sie  wiegt
dienstbereit  ohne  den  31000  kg  schweren  Tender  57  000  kg,  hat  131&amp;gt;/g  qm  Heizfläche,
2  qm  Rostfläche,  14  Atmosphären  Dampfdruck  und  eine  Zugkraft  von  8000  kg.  Der
Radstand  einer  Achsengruppe  beträgt  1900  mm,  der  gesamte  6200  mm.  Dieselbe  Anordnung ­
  kommt  auch  als  Tenderlokomotive  vor,  z.  B.  auf  der  Strecke  Basel-Olten,  und
der  Averdon-St.  Croix  Bahn  und  bewährt  sich  gleich  der  vorigen  recht  gut.  Die  Gotthardbahn ­
  besitzt  eine  sechsachsige  Tenderlokomotive  dieser  Art,  die  dienstbereit  80  000  kg  wiegt.
In  den  Abschnitt  der  50er  Jahre,  der  zum  Bau  der  Gelenklokomotiven  Anlaß  gab,
fällt  auch  die  Einführung  der  billigeren  Steinkohle  als  Ersatz  für  den  bis  dahin  der
geringen  Rauchentwickelung  wegen  allgemein  bei  Lokomotiven  angewendeten  Koks.
Heute  finden  wir  den  letzteren  nur  noch  selten  für  die  Lokomotivfeuerung  benutzt,  wie
z.  B.  auf  der  Berliner  Stadtbahn,  die  ja  ihren  Weg  durch  die  Häuserblocks  der  Stadt
nimmt,  also  auf  Rauchvermiuderung  besonders  bedacht  sein  muß.  In  holzreichen
Gegenden,  wo  die  Steinkohle  schwer  oder  teuer  zu  beschaffen  ist,  dient  Holz  zur  Dampferzeugung. ­
  Im  Hannoverschen  wurden  jahrelang  die  Lokomotiven  der  Westbahn  (Rheine-Emden)
  mit  Torf  gefeuert,  wie  solches  heute  noch  auf  der  Oldenburgschen  Bahn  der  Fall  ist.
Seit  den  80er  Jahren  werden  die  Lokomotiven  in  den  Petroleumbezirken  und  angrenzenden
Gebieten,  wie  in  Pennsylvanien  und  Südrußland  (Baku)  vielfach  mit  den  Rückständen
der  Petroleumgewinnung  (Masut)  geheizt;  auch  andere  flüssige  Brennstoffe,  wie  Teeröl,
werden  dazu  benutzt,  so  z.  B.  auf  einer  englischen  und  einer  österreichischen  (Arlberg)
Bahn.  Die  Tender  besitzen  dann  neben  ihrem  Behälter  für  Wasser  auch  einen  solchen  für
den  flüssigen  Brennstoff.  Durch  entsprechende  Düsen  wird  derselbe  mittels  Dampfstrahles
fein  zerstäubt  in  den  Feuerraum  geblasen,  dabei  gleichzeitig  innig  mit  Luft  gemischt.  Die
Wärmeentwickelnng  ist  hierbei  eine  sehr  gute,  die  Rauchbildung  ist  nahezu  beseitigt.
Die  Ranchplage  der  Lokomotiven  bei  Kohlenheizung  wird  allgemein  sehr  lästig
empfunden.  Bei  den  Londoner  Bahnen  war  es  sogar  früher  eine  Zeitlang  nicht  gestattet,
die  Züge  mittels  Lokomotiven  in  das  Stadtinnere  zu  befördern,  vielmehr  nur  bis  zur  Stadtgrenze. ­
  Bon  da  ab  wurden  sie  durch  Seiltrieb  und  stehende  Dampfmaschinen  nach  dem
Stadtbahnhofe  geschafft.  Sowohl  auf  den  Bahnhöfen  und  in  deren  Umgebung  tritt  diese
arge  Belästigung  auf,  als  auch  während  der  Fahrt.  Nicht  nur  die  Anwohner,  sondern
nanientlich  auch  die  Reisenden  leiden  sehr  oft  darunter,  die  Luft  im  Inneren  der  Wagen
wird  durch  den  Rauch  verdorben,  die  Sitze  und  Kleider  durch  ihn  beschmutzt.  Beim  Durchfahren ­
  von  Tunnels  sucht  der  Reisende  bekanntermaßen  sich  durch  Schließen  der  Wagenfenster
        <pb n="215" />
        219

Mallet-Lokomotive.  Die  Rauchplage.

etwas  zu  schützen.  Am  schlimmsten  ist  es  in  diesem  Punkte  wohl  in  den  langen  Tunnels
der  Gebirgsbahnen  bestellt,  sodann  namentlich  auch  auf  den  mit  Dampflokomotiven  betriebenen
Londoner  Untergrundbahnen.  Besonders  stark  hat  auch  das  Fahrpersonal  auf  solchen  Tunnelstrecken ­
  zu  leiden.*)
In  dem  15  Km  langen  Tunnel  der  Gotthardbahn  war  infolge  des  gesteigerten  Zugverkehrs ­
  die  Lüftung  schließlich  so  mangelhaft  geworden,  daß  die  Verwaltung  gezwungen
war,  für  die  in  ihm  auszuführenden  Unterhaltungsarbeiten  Tage  mit  starken  Luftdruckunterschieden ­
  zu  wählen,  da  dann  die  natürliche  Lüftung  eine  leidliche  war.  Auch  mußte  sie  zu
gleichem  Zweck  den  nächtlichen  Zugverkehr  durch  den  Tunnel  einschränken.  Diese  Mißstände
führten  dazu,  im  Frühjahr  1899  von  der  Erfindung  des  Ingenieurs  Saccardo  (Italien)
Gebrauch  zu  machen:  Seitlich  der  Tunnelmündung  bei  Göschenen  sind  zwei  große  Ventilatoren
aufgestellt,  die  wenige  Meter  hinter  jener  durch  einen  doppelten,  6  in  langen,  auch  unter
den  Gleisen  sich  hinziehenden  Eisenmantel  einen  kräftigen  Luftstrom  in  den  Tunnel  Hineinblasen ­
  und  allen  Rauch  durch  den  letzteren  hindurch  und  bei  Airolo  ins  Freie  treiben.  Auch
der  frühere  dumpfe  Geruch  der  Tunnelluft  ist  nunmehr  beseitigt.  Da  die  benachbarte  Reuß
genügend  Energie  zur  Verfügung  stellt,  so  werden  die  Ventilatoren  in  kurzem  durch  Turbinen ­
  n.  s.  w.  angetrieben  werden,  wodurch  ihr  jetziger  kostspieliger  Betrieb  mittels  einer
festgelagertcn  Lokomotive  fortfällt.
Am  Arlberg  besteht  die  Einrichtung,  daß  die  Lokomotiven  während  der  Fahrt  durch  den
großen  Tunnel  Petroleum  verfeuern,  wodurch  die  Rauchentwickelung  nahezu  vermieden  ist.
Ans  der  freien  Strecke  wird  Kohle  benutzt.  Vereinzelt  hat  man  in  Amerika  auch  elektrischen
Betrieb  für  Tunnelstrecken  eingeführt,  wodurch  jegliche  Luftverschlechterung  ausgeschlossen  ist.
Man  hat  verschiedentlich  versucht,  die  starke  Rauchentwickelung  zu  mildern.  Mit  sichtbarem ­
  Erfolge  ist  dies  jedoch  erst  in  der  Neuzeit  dem  österreichischen  Ingenieur  Langer
gelungen,  dessen  patentierte  Anordnung  dann  von  Marcotty  in  Berlin  vereinfacht  und
verbessert  wurde.  Es  wird  hier  ein  Dampfstrahl  oben  in  den  Feuerraum  geblasen,  so  daß
die  Kohlenschicht  ans  dem  Roste  mit  einem  dünnen  Dampsschleicr  überlagert  ist;  gleichzeitig
wird  oberhalb  des  Feuers  Luft  eingeführt.  Diese  Oberlust  vermischt  sich  mit  den  Feuergasen ­
  und  bewirkt  noch  in  der  Feuerbüchse  eine  vollkommenere  Verbrennung,  also  eine
hellere  Färbung  der  abziehenden  Gase.  Die  preußischen  Staatsbahnen  und  andere  haben
von  dieser  Einrichtung,  namentlich  im  Vorortverkehr,  vereinzelt,  aber  stets  erfolgreich  Gebrauch
gemacht.  Bei  den  Lokomotiven  der  Rigibahn  steht  sie  bereits  seit  Jahren  in  Benutzung.
Die  staatliche  Eisenbahnbehörde  der  Schweiz  hat  1899  sämtlichen  Bahnverwaltungcn  dieses
Landes  die  Langer-Marcotty-Anordnung  dringend  empfohlen.  Es  steht  im  Interesse  der
Menschheit  zu  hoffen,  daß  mit  weiterer  Verbesserung  dieser  rauchverzehrenden  Einrichtung
und  ihrer  allgemeinen  Einführung  der  Eisenbahnbetrieb  von  seinem  dunkelsten  Punkte
befreit  wird.  Übermäßig  qualmende  Lokomotiv-  und  Fabrikschornstcine  sind  keine  Fürsprecher
unserer  sonst  so  hochentwickelten  Technik.  Letztere  hat  wirksame  Mittel  zur  Milderung  der
widerwärtigen  Rauctzplagc  an  die  Hand  gegeben,  leider  scheitert  ihre  Anwendung  zu  oft  noch
an  der  Platz-  und  Kostenfrage.
Mitte  der  70er  Jahre  griff  eine  wirtschaftlich  höchst  bedeutsame  Verbesserung  in  der
Dampfausnutzung  der  Lokomotiven  Platz,  indem  der  schon  genannte  Ingenieur  Maltet
Lokomotiven  mit  Verbundwirkung  bauen  ließ.  Diese  ergaben  bei  gleicher  Leistung
gegenüber  den  bisherigen  Zwillingslokomotiven  eine  namhafte  Dampf-  und  damit  Kohlenersparnis. ­
  Während  bei  einer  Zwillingslokomotive  frischer  Kesseldampf  in  beide  gleich
große  Cylinder  eintritt  und  nach  gethaner  Arbeit  aus  jedem  derselben  durch  das  Blasrohr ­
  ins  Freie  entweicht,  strömt  bei  der  Verbundlokomotive  der  Frischdampf  nur  in  einen
Cylinder,  Hochdruckcylinder  genannt,  ein;  hier  gibt  er  einen  Teil  seiner  Energie  an  den
Kolben  ab  und  tritt  dann  durch  einen  in  der  Rauchkammer  untergebrachten  Zwischenbehälter ­
  —  Verbinder,  auch  Receiver  genannt  —  in  den  Niederdruckcylinder,  um  hier
einen  weiteren  Teil  seiner  Energie  nutzbar  zu  machen  und  dann  von  da  durch  das  Blasrohr ­
  ins  Freie  zu  entweichen.  (Bei  jeder  Treibradnmdrehung  einer  Zwillingslokomotive
hört  man  daher  viermal  den  Abdampf  auspuffen,  also  vier  „Dampfschläge",  bei  einer
Verbundlokomotive  dagegen  nur  zwei.)  Der  Druck  des  Dampfes  ist  beim  Einströmen  in
den  Niederdruckcylinder  wesentlich  geringer  als  beim  Eintritt  in  den  Hochdruckcylinder,
entsprechend  der  geleisteten  Arbeit  und  der  dadurch  herbeigeführten  Verminderung  der
Dampfwärme.  Damit  aber  der  Gesamtdruck  auf  jeden  Kolben  und  damit  die  in  beiden

*)  In  dem  aufS.  170Anmerkung  genannten,  3000m  langen  alten  Giovitunnel,  derwcgen  seiner
schlechten  Lüftung  berüchtigt  ist,  erstickten  im  Jahre  1898  Führer  und  Heizer  einer  Personenzuglokomotive. ­
  Der  Zug  kam  auf  der  starken  Steigung  ins  Rückwärtsrollcn  und  stieß  auf  einen  cyfolgenden
  Güterzug  auf.  Menschenverluste  und  großer  Materialschaden  waren  die  traurigen  Ü
        <pb n="216" />
        220

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

Cylindern  geleistete  Arbeit  möglichst  gleich  ausfällt,  gibt  man  dem  Niederdruckcylinder
einen  größeren  Durchmesser.  Bei  der  Verbundlokomotive  läßt  man  vorteilhaft  einen  höheren
Kesseldruck  zu,  mindestens  12  Atmosphären,  vielfach  schon  14  bis  15  und  vereinzelt  selbst
16  Atmosphären.  Dazu  bedarf  es  aber  nur  eines  geringen  Mehraufwandes  an  Brennstoff. ­
  Die  größte  Menge  desselben  muß  verfeuert  werden,  um  das  Wasser  in  die  Dampfform
  überzuführen.  Hierdurch  und  durch  die  bessere  Dampfausnutzung  ist  die  Kohlenersparnis ­
  bei  der  Verbundlokomotive  begründet.  Günstig  wirkt  hierbei  besonders  der
Umstand,  daß  das  Temperaturgefälle  des  Dampfes,  d.  h.  sein  Wärmeunterschied  zu  Anfang ­
  und  zu  Ende  eines  jeden  Kolbenhubes,  wesentlich  geringer  ist  als  in  einer  gewöhnlichen ­
  Lokomotivmaschine,  so  daß  weniger  Dampf  durch  Niederschlag  an  den  Cylinderwandungen
  verloren  geht.  Endlich  sind  auch  die  Druckunterschiede  auf  beiden  Kolbenseiten
und  damit  die  Dampfverluste  bei  nicht  tadellos  abdichtenden  Dampfkolben  bei  jener  geringer.
Schon  Anfang  1834  hatte  der  deutsche  Ingenieur  G.  M.  Röntgen,  technischer  Leiter  der
Stromboot-Matschappij  in  Rotterdam,  Hollands  größter  Maschinenfabrik  und  Werft,  ein
französisches  Patent  aus  die  Berbundwirkung  bei  Dampfmaschinen  genommen,  in  welchem  es
heißt:  „Dieselben  Vorteile  werden  sich  auch  bei  Übertragung  dieser  Verbundanordnung  auf
die  Eiscnbahnmaschinen  ergeben."  Eine  Verwertung  bei  letzteren  hat  das  Patent  nicht  gefunden. ­
  Zwanzig  Jahre  später  baute,  wie  Colbnrn  berichtet,  der  Engländer  Samuel  die  erste
Verbundlokomotive  (Compoundlokomotive),  mit  welchem  Erfolge,  ist  nicht  bekannt.  Weitere
Vorschläge  zu  Verbundlokomotiven  wurden  1860  von  dcni  Engländer  Kemp  sowie  1866  von
dem  Franzosen  Jules  Morandiere  gemacht.  Ihnen  folgten  verschiedene  Amerikaner  mit
selbständigen  Entwürfen  und  Patenten,  aber  keine  Verbundlokomotive  wurde  daraushin  gebaut.
Dieses  gelang  zuerst  Mallet.  Seit  Jahren  hatte  er  sich  mit  der  Verbund-Schiffsmaschine  beschäftigt. ­
  Im  Jahre  1874  nahm  er  ein  Patent  auf  eine  Verbundlpkomotive,  wobei  er  auch
die  Anordnung  traf,  beide  Dampfcylinder  gleichzeitig  mit  frischem  Kesscldampfe  speisen  zu
können,  um  so  für  das  Anfahren  und  auf  starken  Steigungen  eine  größere  Arbeitsleistung  zu
äußern.  Die  ersten  Malletschen  Verbundlokvmotiven,  drei  an  der  Zahl,  wurden  1876  von
Schneider  &amp;amp;  Co.  in  Creuzot  (Frankreich)  für  die  Bayonne-Biarritz-Bahn  gebaut.  Neben
Mallet  hat  sich  seit  1880  um  die  Einführung  und  weitere  Ausbildung  dieser  Lokomotivart
v.  Borries  in  Hannover  verdient  gemacht,  ferner  Worsdell  in  England,  Vauclain  in
Nordamerika  und  andere  Männer.
Die  meisten  Verbundlokomotiven  finden  wir  znr  Zeit  in  Deutschland  und  Österreich, ­
  an  zweiter  Stelle  kommt  Amerika,  während  England  zurückhaltender  ist.  Sie  sind
bei  richtiger  Ausführung  und  Handhabung  sparsamer  im  Dampf-  und  Kohlenverbrauch
als  die  Lokomotiven  mit  Zwillingswirkung,  und  die  Kohlenersparnis  steigt  unter  besonders
günstigen  Verhältnissen  bis  auf  2O°/ 0 ,  was  bei  dem  großen  jährlichen  Kohlenbedarf  einer
Lokomotive  von  größter  wirtschaftlicher  Bedeutung  ist.  Die  Verbundlokomotiven  sind  daher
namentlich  auch  für  diejenigen  Eisenbahnländer  am  Platze,  in  denen  Kohle  hoch  im  Preise
steht  und  andere  geeignete  Brennstoffe  fehlen.  Allerdings  sind  sie  nur  für  solche  Züge
zweckmäßig,  die  längere  Strecken  ohne  Aufenthalt  durchlaufen,  wie  Schnellzüge  und  Eilgüterzüge, ­
  dagegen  eignen  sie  sich  nicht  für  gewöhnliche  Güterzüge  oder  gar  für  Rangierzwecke. ­
  Beim  Anfahren  arbeiten  nämlich  die  Cylinder  mit  ungleicher  Stärke*),  was  die
Anzugskraft  und  damit  das  schnelle  Jngangbringen  des  Zuges  beeinträchtigt.  Lokomotiven, ­
  die  nun  häufig  anhalten  müssen,  würden  bei  Verbundwirkung  an  Fahrzeit  einbüßen. ­
  Die  Preußische  Staats-Eisenbahn-Verwaltung,  welche  zur  Zeit  die  größte  Bahnverwaltung ­
  der  Welt  ist,  beschafft  ihre  Schnellzuglokomotiven  nur  noch  nach  der  Verbundanordnung, ­
  läßt  dagegen  die  Güterzuglokomotiven  noch  znm  Teil  nach  der  alten
(Zwillings-)  Art  bauen.
Seit  etwa  Mitte  der  80er  Jahre  hat  man  auch  dreicylindrige  Verbundlokomotiven ­
  gebaut.  Webb,  Leiter  der  großen  englischen  Eisenbahnwerkstätte  in
Crewe  (6500  Arbeiter),  in  der  Stahl  hergestellt,  Schienen  gewalzt,  Stellwerke  für
Weichen  und  Signale,  Drehscheiben  u.  s.  w.  angefertigt,  Wagenuntergeftelle  und  namentlich

*)  Es  kommt  bei  gewissen  Kolben-  bczw.  Schieberstcllungen  vvr,  daß  in  den  Hochdruckcylinder ­
  kein  Frischdamps  eintreten  kann.  In  diesem  Falle  muß  der  Niederdruckcylinder  mit
Frischdampf  von  entsprechend  gemindertem  Drucke  gespeist  werden  können.  Dazu  dient  eine
besondere  „Anfahrvorrichtung",  die  in  sehr  verschiedener  Weise  znr  Ausführung  gelangt  ist.
        <pb n="217" />
        Berbundlokomotiven.  Drei-  und  viercylindrige  Verbundlokomotive.  221

Lokomotiven  gebaut  werden,  in  der  sich  somit  Hütten-,  Walz-  und  Maschinentechnik  vereint ­
  vorfindet,  ließ  hier  die  erste  derartige  Lokomotive  erstehen,  der  später  zahlreiche
andere  gefolgt  sind.  Die  beiden  Hochdruckcylinder  liegen  außen,  der  Niederdruckcylinder
lagert  innerhalb  des  Rahmengestelles  unter  der  Rauchkammer.  Die  Lokomotiven  dienen
dem  starken  Schnellzugsverkehre  der  London  und  North  Western-Bahn.  Die  Jura-Simplon-Bahn
  hat  seit  drei  Jahren  für  ihre  bis  25°/ on  geneigten  Bergstrecken  gleichfalls  dreicylindrige
  Verbundlokomotiven,  jedoch  mit  drei  Treibachsen  und  vorderer  verstellbarer  Laufachse ­
  eingeführt.  Ihr  Hochdruckcylinder  liegt  unter  der  Rauchkammer,  die  beiden  Niederdruckcylinder ­
  sitzen  außen.  Die  drei  Antriebskurbeln  sind  unter  120°  gegen  einander  versetzt,
was  für  die  Drehbewegung  günstig  ist.  Die  Lokomotiven  sind  recht  leistungsfähig.
Im  Jahre  1885  baute  de  Glehn,  Direktor  der  elsässischen  Maschinenbau-Aktien-Gesellschaft,
  eine  viercylindrige  Verbnndlokomotive,  bei  der  die  beiden  Hochdruckcylinder
innerhalb  der  Rahmen,  die  zwei  Niederdruckcylinder  außerhalb  derselben  neben  jenen
liegen.  Diese  Bauart  fand  auf  der  französischen  Nordbahn  erfolgreiche  Verwendung
und  verschaffte  sich  bald  wegen  ihrer  großen  Leistungsfähigkeit  Anerkennung  und  Verbreitung, ­
  zuerst  auf  der  badischen,  dann  auf  der  Gotthardbahn  u.  s.  w.  Auf  der  letzteren

223.  Kchncllxug  der  Gotttzardb»I&amp;gt;n,  1888.
werden  mit  solchen  Lokomotiven  die  140  000  kg  schweren  Schnellzüge  über  die  mit  25°/tzo
(1:40)  ansteigenden  Bahnstrecken  mit  45  km  Stundengeschwindigkeit  befördert,  während
auf  der  Wagerechten  noch  größere  Lasten  mit  90  km.  i.  d.  Stunde  von  ihnen  gefahren
werden  können.  Hierbei  entwickelt  die  Lokomotive  bis  zu  1200  Pferdestärken,  eine  gewaltige ­
  Leistung,  wenn  man  bedenkt,  daß  die  vor  sieben  Jahrzehnten  umjubelte  „Rocket"
nur  1 / 80  hiervon  zu  leisten  vermochte.  Abb.  223  zeigt  die  stattliche  Gotthardlokomotive  in
Verbindung  mit  ihrem  Wagenzuge.  Die  beiden  Hochdruckcylinder  liegen  zwischen  den
Rahmen  und  übertragen  ihre  Arbeit  auf  die  erste  Treibachse,  während  die  beiden  außen
befindlichen  Niederdruckcylinder  die  mittlere  Treibachse  bewegen.  Die  Lokomotive  wiegt
dienstbereit  ohne  Tender  65  000  kg  und  mit  Tender  102  000  kg.  Ihre  Zugkraft  beträgt ­
  bis  7500  kg,  der  Kesseldruck  15  Atmosphären.
Auch  auf  einer  Gebirgsstrecke  der  preußischen  Staatsbahnen  wird  jetzt  eine  viercylindrige ­
  Lokomotive  erprobt,  und  eine  zweite  in  verbesserter  Anordnung  wird  auf  der
Pariser  Weltausstellung  1900  zur  Schau  gebracht  werden.  Der  immer  mehr  anwachsende
gewaltige  Verkehr  dieser  Bahnen  zwingt  zur  demnächstigen  Einführung  kräftigerer  Lokomotiven, ­
  als  zur  Zeit  benutzt  werden.  Letztere  vermögen  die  immer  schwerer  werdenden
Züge  häufig  nur  zu  zweien,  d.  h.  mit  Vorspann,  zu  befördern.  Ein  solcher  Zugdienst  ist
aber  naturgemäß  sehr  kostspielig.
Viercylindrige  Lokomotiven  sind  zur  Zeit  namentlich  in  Nordamerika  verbreitet  und
zwar  nach  der  Bauart  Vauclain  (Baldwin-Lokomotivfabrik  in  Philadelphia).  Der
        <pb n="218" />
        222

Eisenbahnen:  Die  Lokomotive.

Hochdruckcylinder  liegt  über  oder  auch  unter  dem  Niederdruckcyliuder.  Abb.  224-  zeigt
eine  solche  Lokomotive  vergl.  S.  223.  Auf  den  ungarischen  Staatsbahnen  wiederum
hat  man  den  Hoch-  und  Niederdruckcylinder  hintereinander  gelegt  und  dadurch  die  bei
Fabrikmaschinen  häufig  vorkommende  Tandemanordnung  geschaffen.
Die  viercylindrige  Verbundlokomotive  kann  als  die  Lokomotive  der  nächsten  Zukunft
bezeichnet  werden,  die  überall  da,  wo  ein  hochentwickelter  Verkehr  vorliegt,  sich  ihrer  wirtschaftlichen ­
  Vorteile  wegen  erfolgreichen  Eingang  verschaffen  wird  —  falls  nicht  bis  dahin
der  in  allen  Hauptländern  angestrebte  Ersatz  der  Dampflokomotive  durch  den  Elektromotor
spruchreif  geworden  ist.  Bei  dem  jetzigen  Stande  der  Elektrotechnik  hat  es  damit  allerdings ­
  noch  gute  Wege.
Die  vor  kurzem  in  Frankreich  erprobte  elektrische  Heilmann-Lokomotive,  bei
welcher  die  Dampfwärme  auf  dem  Wagengestell  durch  Dampf-  und  Dynamomaschinen  in
die  elektrische  Form  umgewandelt  wird,  die  ihrerseits  dann  durch  Elektromotoren  die
Lokomotivräder  antreibt,  hat  die  auf  sie  gesetzten  Hoffnungen  arg  enttäuscht.  Wohl  war
ihr  Gang  stets  sehr  ruhig,  da  bei  ihr  die  sogenannten  störenden  Bewegungen  fortfallen,

224.  Dir  schnellste  Lokomotive  der  Weit.
Erbaut  von  der  Baldwinfabril  in  Philadelphia  1«97  für  die  Philadelphia-  und  Reading-Bahn.

aber  die  wirtschaftliche  Ausnutzung  der  Dampfenergie  durch  die  elektrische  Zwischenform
war  eine  ungünstige,  denn  von  den  in  den  Cylindern  ihrer  Dampfmaschine  entwickelten
1350  Pferdestärken  wurden  bei  100  lein  Stundengeschwindigkeit  (auf  wagerechter  Strecke)
nur  530  Pferdestärken  auf  den  Zughaken  übertragen,  d.  h.  nur  39  °/ 0  der  Dampfmaschinenarbeit ­
  wurden  ausgenutzt.  Dagegen  werden  von  den  neueren  Verbundlokomotiven  der
Paris-Lyon-Mittelmeer  Bahn  52  »/„  dieser  Arbeit  nutzbar  gemacht,  indem  von  1000  in
den  Dampfcylindern  gewonnenen  Pferdestärken  520  Pferdestärken  an  den  Zughaken  abgegeben ­
  werden.  Zieht  man  das  dreimal  größere  Eigengewicht  und  den  wesentlich  höheren
Beschaffungspreis  der  Heilmann-Lokomotive  in  Betracht,  so  wird  klar,  daß  diese  Ausnutzungsform ­
  der  elektrischen  Arbeitsübertragung  die  Dampflokomotiven  nicht  verdrängen
wird,  ebensowenig  wie  dies  der  Speicherbetrieb  (Akkumulatoren)  vermag.  Die  Art  des
elektrischen  Betriebes,  welche  sich  mit  Erfolg  bei  Berg-,  Straßen-,  Industrie-  und  Stadtbahnen, ­
  sowie  einzelnen  Vorortlinien  eingebürgert  hat  (unmittelbare  Zuführung  der  Energie
aus  einer  Speiseleitung),  bedarf  für  das  allgemeine  Eisenbahnnetz  noch  weiterer  Ausbildung
und  Erprobung.  Auch  militärische  Rücksichten  sprechen  hier  mit.
Die  erstaunlichen  Fortschritte,  die  seit  den  Tagen  von  Rainhill  bis  zur  Gegenwart  im
Oberbau  und  Maschinenwesen  gemacht  sind,  lassen  sich  am  schnellsten  aus  nachstehender  Übersicht ­
  ersehen,  die  für  eine  englische  Hauptbahn  (für  1831  und  48  nach  Clark)  aufgestellt  ist.
        <pb n="219" />
        Heilmann-Lokomotive.

223

1831

im  Jahre
1848

1898

Schienengewicht  auf  das  laufende
Meter

17,4  kg

25  kg

44,6  kg

Schienenlänge

4,5  IN

6,1  in

9,1  m

Durchschnittliches  Gewicht  der  Pcrsonenzüge
  ohne  Lokomotive  .  .

11000  kg

58  000  kg

140  000  kg

Durchschnittliches  Gewicht  der  Personenwagen ­
  einschl.  Drehgestellwagen ­


3300  „

4000  „

20  000  „

Durchschnittliche  Geschwindigkeit  der
Personenzüge

26  km

48  km

64  km

Höchstgeschwindigkeit  der  Personen-Wge


38  „

80

120  „

Durchschnittsgewicht  der  Lokomotive
ohne  Tender

7100  kg

(vereinzelt)
18  300  kg

38600  kg

Höchstgewicht  der  Lokomotive  ohne
Tender

7100  „

35  560  „

55  000  „

Heizfläche,  durchschnittlich  ....

25  qm

&amp;lt;Crampton-Lok.)
75  qm

105  qm

Dampsdruck  ........

3,5  Atm.

6  Atm.

14  Atm.

Die  vorstehend  unter  1898  gegebenen  Zahlenwerte  werden  vielfach  übertroffen  durch
andere  Länder.  In  Bezug  auf  Höchstwert  der  Fahrgeschwindigkeit  und  Gewicht  der  Lokomotiven ­
  steht  augenblicklich  Amerika  obenan.  Dort  wird  seit  1897  zwischen  Philadelphia
und  Atlantic  City  während  der  Badezeit  ein  Schnellzug  gefahren,  dessen  durchschnittliche
Geschwindigkeit  111  km  i.  d.  Stunde  beträgt,  während  die  auf  dem  Gefälle  beobachtete
Höchstgeschwindigkeit  130  km  i.  d.  Stunde  erreicht.  Die  Fahrdaner  auf  der  89  km  langen
Strecke  von  Camden  nach  der  Küste,  von  der  41  km  in  der  Steigung,  48  km  im  Gefälle
und  in  der  Wagerechten  liegen,  beträgt  47  bis  48  Minuten.  Das  Gewicht  des  Zuges
einschließlich  103  000  kg  für  Lokomotive  und  Tender  schwankt  zwischen  250  000  und
310  000  kg.  Abb.  224  zeigt  diese  zur  Zeit  unübertroffene  Lokomotive,  die  171  qm  Heizfläche, ­
  2140  mm  große  Treibräder  und  4  Dampfcylinder  besitzt,  in  denen  eine  Nutzarbeit
bis  etwa  1300  Pferdestärken  entwickelt  werden  kann.  Ihr  an  Leistung  gleich  kommt  die
neue  s / 6  Schnellzuglokomotive  der  österreichischen  Staatsbahn  (Abb.  225).  Das  Dienstgewicht ­
  ohne  Tender  beläuft  sich  auf  69  800  kg,  mit  Tender  auf  100  000  kg,  die  Heizfläche ­
  auf  207,o  qm  und  die  Rostfläche  auf  3,1  qm.  Die  Lokomotive  vermag  einen
Wagenzug  von  207000  kg  Gewicht  auf  10°/ c0  Steigung  mit  65  km,  auf  22°/ 00  Steigung
mit  34  km  i.  d.  Stunde  zu  fahren,  wobei  sie  5500  kg  bezw.  8200  kg  Zugkraft  entwickelt ­
  und  bis  zu  1300  Pferdestärken  leistet  (vergl.  S.  105).  Bemerkenswert  ist  der
über  dem  Kessel  liegende  lange  Dampfsammler.  Gegen  Abkühlung  ist  er  durch  einhüllende
Wärmeschutzmasse  möglichst  gesichert.  Das  Aussehen  der  Lokomotive  hat  dadurch  freilich
nicht  gewonnen,  namentlich  sticht  es  sehr  ab  gegen  die  schmucken,  einfachen  Formen  englischer ­
  Lokomotiven,  von  denen  Abb.  226  u.  227  zwei  Muster  wiedergeben,  darunter
die  Singlemaschine  (Lokomotive  mit  einer  Treibachse).
Seit  zwei  Jahren  werden  in  Nordamerika  ungemein  schwere  4 / 6  Güterzuglokomotiven
gebaut.  Abb.  228  zeigt  diese  „Mastodon  -  Bauart"  und  zwar  die  der  Great-Northern
Bahn  mit  305  qm  Heizfläche  und  96  500  kg  Gewicht.  Diese  Werte  sind  aber  schon
wieder  auf  anderen  Bahnen  überholt.  So  laufen  auf  der  Illinois  Centralbahn  4 /§  Lokomotiven ­
  mit  105  200  kg  Gewicht  (ohne  den  Tender)  und  fast  11000  kg  Treibraddruck.
Ihr  Kessel  hat  2,3  m  Weite,  424  Heizröhren,  325  qm  Heiz-  und  3‘/ 2  qm  Rostfläche;
seine  Oberkante  liegt  4  m  (!)  über  den  Schienen  (vergl.  hiermit  Abb.  171).  Der  Tender
saßt  nach  amerikanischer  Angabe  rund  30  cbm  Wasser  und  12  000  kg  Kvhlen.  Es  sind
dies  zur  Zeit  die  schwersten  Schlepptender-Lokomotiven  der  Welt.
        <pb n="220" />
        225.  Uerdund-Schnechugiokomotivr  der  österreichischen  Stantsbnhn,  1899.
        <pb n="221" />
        IX  29
        <pb n="222" />
        Die  ersten  Zahnradlokomotiven.

227

Uhi

1

ln
JoL

229,

Cathearto  Lokomotive  für  dir  Wadifon-Indianapolis-Kahn,  1847.
(Erste  vereinigte  Retbungs-  und  Zahnradlokomotive.)

Geschichte  der  ZahnradloKomokive.
Die  Geschichte  der  Zahnradlokomotive  hängt  eng  mit  der  im  ersten  Abschnitt  S.  130  ff.
gegebenen  Geschichte  der  Zahnbahnen  zusammen.  Blenkinsop  hatte  1811  seine  erste
Lokomotive  dieser  Art  bei  Murray  in  Bestellung  gegeben,  sie  wurde  ein  Jahr  später  in
Betrieb  gesetzt.  Auf  v  7
stark  ansteigender  Strecke
vermochte  sie  zwar  ihre
Last  mit  einer  Fahrgeschwindigkeit ­
  bis  5  lern
in  der  Stunde  zu  befördern, ­
  auf  wagerechter
Bahn  war  sie  aber  zu
langsam,  besaß  zudem
erhebliche  Mängel,  die
ihrer  Verbreitung  hinderlichwaren. ­
  Die  nächste
und  wirklich  brauchbare
Zahnradlokomotive
wurde  36  Jahre  später
nach  Cathcarts  Entwurf
von  der  Baldwin-Fabrik  (Philadelphia)  für  die  früher  schon  genannte  Steilrampe
(60°/oo)  der  Madison-Jndianapolis-Bahn  gebaut.  Der  Antrieb  der  sämtlich  miteinander
gekuppelten  Räder  erfolgt  nach  Abb.  229  durch  zwei  neben  der  Rauchkammer  liegende
Cylinder.  Der  Vorderkessel  war  gegen  heutige  Verhältnisse  sehr  lang  (Heizrohrlänge
5200  min).  Etwa  in  der  Mitte  der  30  500  kg  schweren  Lokomotive  lag  das  Antriebzahnrad ­
  ,  das  von  zwei  senkrecht  gelagerten ­
  Dampfcylindern  mittels  zweier
Rädervorgelege  in  Umdrehung  versetzt ­
  wurde  und  in  die,  in  der  Gleismitte ­
  eingebaute,  gußeiserne  Zahnstange
eingriff.  Ein  fünfter  (!)  Cylinder  (oben
auf  dem  Kessel)  diente  dazu,  das  Zahnrad ­
  beim  Eintritt  in  die  Steilrampe  zu
senken,  beim  Verlassen  derselben  zu  heben,
um  die  Lokomotive  auf  den  schwächer
geneigten,  ohne  Zahnstange  verlegten
Strecken  als  gewöhnliche  Reibungslokomotive ­
  zu  betreiben.  Wir  haben  also
hier  bereits  eine  vereinigte  Zahnrad-  und
Reibungslokomotive,  wie  sie  in  verbesserter ­
  Form  28  Jahre  später  von
Riggenbach,  dann  in  vollkommenster  Art
1885  von  Abt  und  zwar  zuerst  in
Deutschland  eingeführt  wurde.
Die  erste  brauchbare  reine  Zahnradlokomotive ­
  zugleich  für  schmiedeiserne
Zahnstange  wurde  1867  von  Marsh
und  Aiken  für  die  Bergbahn  auf  den  Mount  Washington  entworfen,  nachdem  sich  eine
1866  von  einer  Bostoner  Fabrik  gelieferte  Zahnradlokomotive  nicht  bewährt  hatte.
Diese  letztere  war  von  der  denkbar  einfachsten  Anordnung  und  erinnerte  an  die  seltsamen ­
  Lokomotiven  jenes  Landes,  die  um  das  Jahr  1830  aufgetaucht  waren.  Der
senkrecht  stehende  Kessel  war  um  zwei  Zapfen  drehbar,  damit  er  sich  auf  den  verschieden
steil  angelegten  Zahnrampen  stets  wieder  senkrecht  einstellen  konnte.  Eine  Speisepumpe

230.

Znhnradlokomvtivr  der  Mount  Washington  Kahn.
Dritte  Kanart,  1871.
        <pb n="223" />
        228  Eisenbahnen:  Die  Zahnradlokomotive.
fehlte  und  im  Zusammenhang  damit  auch  ein  Wasserbehälter.  Die  Kesselspeisnng  konnte
daher  immer  nur  nach  beendigter  Fahrt  und  Ablassen  des  Dampfes  erfolgen.  Diese  groben
Mängel  zwangen  denn  auch  bald  zu  der  neuen  Bauart,  die  von  Marsh  und  dem  Ingenieur
Aiken  erdacht,  1868  zur  Ausführung  gebracht  und  in  Dienst  gestellt  wurde.  Diese  zweite
Bergbahnlokomotive,  auch  mit  stehendem  Kessel  ausgerüstet,  erhielt  zur  Sicherung  der
Thalfahrt  die  von  Marsh  erfundene  Luftgegendruckbremse,  die  wir  seitdem  bei  allen
Dampflokomotiven  für  Zahnbahnen  wiederfinden.  In  die  Abdampfleitung  (rechts  in
Abb.  231)  ist  ein  Rohrstutzen  mit  Verschlußvorrichtung  eingeschaltet.  Bei  der  Thalfahrt,
auf  der  allein  die  Schwerkraft  den  Zug  abwärts  treibt,  wird  dieser  Verschluß  vom  Führer
nach  der  Außenluft  hin  geöffnet,  und  die  Steuerung  auf  Bergfahrt  gelegt.  Die  Dampfkolben
  saugen  jetzt  Luft  an  und  pressen  sie  zusammen,  wodurch  ihnen  ein  Bewegungswiderstand ­
  erwächst.  Diese  Preßluft  kann  der  Führer  langsamer  oder  schneller  ins  Freie  treten

231.  Lokomotive  drr  Uigibohn,  1871.
Erbaut  von  der  Schweizer  Lokomotiv-  und  Maschiiiensabrik  Winterthur.

lassen  und  somit  die  Fahrgeschwindigkeit  des  Zuges  sicher  und  gut  regeln.  Die  bei  dem
Zusammendrücken  der  Luft  vor  sich  gehende  starke  Wärmebildung  wird  durch  Einspritzen
von  Wasser  in  die  Cylinder  beseitigt,  indem  dieses  verdampft  und  ins  Freie  entweicht.
Die  Lokomotive  vom  Jahre  1868  wog  6500  kg  und  vermochte  eine  gleich  schwere
Last  mit  etwa  3  km/Std.  bergauf  zu  schieben,  bergab  dagegen  mit  doppelter  Geschwindigkeit
zu  fahren.  Im  Jahre  1871  änderte  Marsh  die  Lokomotive  dahin  ab,  daß  er  nach
Abb.  230  zwei  Blindachsen  anordnete,  welche  je  die  Arbeit  zweier  Cylinder  aufnehmen
und  durch  ein  Zahnrad  auf  je  ein  Treibzahnrad  übertragen.  Der  stehende  Kessel  ist
so  zum  Radgestell  gelagert,  daß  er  auf  der  Neigung  100  °/ 00  (1:10)  senkrecht  gerichtet
ist.  Auf  wagerechtem  Gleise  steht  er  somit  schief  —  eine  bekannte  Erscheinung  fast  aller
seitdem  erbauten  Zahnradlokomotiven,  die  ihnen  in  dieser  Stellung  ein  wenig  gefälliges  Ansehen ­
  verleiht,  die  aber  durchaus  notwendig  ist,  damit  auch  auf  der  steilsten  Steigung  die
Decke  der  Feuerbüchse  und  die  oberen  Siederöhren  nicht  vom  Wasser  entblößt  werden.
        <pb n="224" />
        229

Marsh-Lokomotive.  Riggenbachs  Lokomotive.

Unter  Anlehnung  an  die  Mount  Washington  Lokomotive  vom  Jahre  1868  hat
Riggenbach  seine  bekannte  Berglokomotive  für  die  Rigibahn  entworfen,  sie  aber  jener
gegenüber  wesentlich  verbessert.  Sie  ist  in  Abb.  231  wiedergegeben.  Vorn  ist  der  Gepäckraum, ­
  hinten  der  Führerstand  angebracht.  Die  beiden  Dampfcylinder  treiben  hier  eine
Blindachse  an,  durch  die  mittels  zweier  Zahnradgetriebe  die  Hintere  Radachse  mit  dem
64  cm  großen  Hauptzahnrade  in  langsame  Umdrehung  versetzt  wird.  Die  vier  Laufräder
sitzen  lose  auf  den  Achsen,  sie  dienen  nur  zum  Stützen  der  Lokomotive,  also  lediglich  zur
Übertragung  ihres  Gewichtes  auf  die  Schienen.  Die  Fortbewegung  wird  allein  durch
das  in  die  Zahnstange  eingreifende  Treibzahnrad  veranlaßt.  Der  Radstand  beträgt  3  in,
das  Gewicht  (dienstbereit)  16  600  kg.
Bei  den  reinen  Zahnradlokomotiven  wird  die  Arbeit  der  Dampfkolben  nicht  unmittelbar ­
  auf  die  Radachsen  übermittelt,  sondern  stets  durch  eine  Zwischenübertragung

232.  Lokomotive  mit  Doppelschniingr  der  Gornrrgratbahv,  1898.  *)
ins  Langsame.  Dieselbe  kann  statt  durch  Zahnradgetriebe  —  wie  bei  den  Marsh-  und
Riggenbachschen  Lokomotiven  —  auch  nach  Abb.  232  durch  einen  doppelarmigen  oder
nach  Abb.  233  durch  einen  einarmigen  Schwinghebel  —  Abtsche  Lokomotiven  —  bewirkt ­
  werden.  Der  Dampfkolben  gibt  dann  seine  Arbeit  an  den  längeren  Hebelarm  ab,
während  der  kürzere  Arm  sie  mittels  Lenkstange  auf  die  Treibräder  überträgt.  Während
somit  der  erstere  einen  größeren  Weg  zurücklegt,  vollführt  der  kurze  Hebelarm  in  derselben ­
  Zeit  einen  kleineren  Ausschlag,  bewegt  sich  alsv  langsamer,  als  der  Kolben.
Schwinghebel  gestatten  größere  Geschwindigkeiten,  Zahngetriebe  arbeiten  weniger  stoßend.
Wollte  man  die  Dampfarbeit  wie  bei  der  Reibungslokomotive  unmittelbar  aus  das
treibende  Zahnrad  übertragen,  so  dürften  sich  die  Kolben  in  den  Dampfcylindern  nur
langsam  bewegen,  da  der  Zahnstangenbetrieb  keine  hohe  Geschwindigkeit  verträgt.  Zur
*)  Diese  Lokomotive  wurde  während  der  Bauarbeiten  am  Gornergrat  (Zermatt)  benutzt
und  dient  als  Ersatz,  wenn  der  elektrische  Betrieb  versagen  sollte.
        <pb n="225" />
        230

Eisenbahnen:  Die  Zahnradlokomotive.

Erzielung  derselben  Leistung  müßte  daher  die  Druckfläche  für  den  Dampf,  das  ist  die
Kolbenfläche,  erheblich  vergrößert  werden,  wodurch  die  ganze  Maschine  groß  und  teurer
würde.  Ein  zweiter  Nachteil  wäre  aber  noch  der,  daß  die  Verbrennung  auf  dem  Roste
infolge  der  geringeren  Zahl  der  Dampfauspuffe  oder  „Dampfschläge"  eine  weniger
lebhafte,  die  Dampfentwickelung  des  Kessels  und  damit  die  Leistungsfähigkeit  der  Lokomotive ­
  also  vermindert  sein  würde.  Eine  Ausnahme  von  vorstehender  Regel  machen
nur  die  S.  233  genannten  neueren  Lokomotiven  der  Padangbahn  (Sumatra).  Hier
wird  das  Zahnrad  ohne  Verlangsamung  der  Kolbengeschwindigkeit  angetrieben.  Die
Dampferzeugung  hat  man  dafür  durch  eine  verhältnismäßig  große  Rostfläche  zu  verstärken ­
  gesucht.
Hohe  Kolbengeschwindigkeiten  beherrschen  heutigestags  den  gesamten  Dampfmaschinenbau,
ebenso  sind  hohe  Umlaufszahlen  der  Arbeitswellen  in  Fabriken  und  an  den  Arbeitsmaschinen
in  allen  Industrieländern  jetzt  üblich,  nachdem  Amerika,  dann  England  hiermit  bahnbrechend
vorangegangen  sind.  Wie  auf  Seite  173  näher  erläutert  wurde,  kann  die  Leistung  einer

233.  Uirrrylindrige  Lokomotive  mit  einarmiger  Kchwinge  der  Pikes  Peak  Bahn,  1898.
Erbaut  von  der  Baldwtn-Lotomotivfabrik  in  Philadelphia.
Maschine,  die  durch  das  Produkt  Kraft  mal  Sekundengeschwindigkcit  dargestellt  wird,  erreicht
werden  sowohl  durch  große  Geschwindigkeit,  dann  ist  die  Kraft  klein,  als  auch  durch  kleine
Geschwindigkeit,  dann  fällt  die  Kraft  groß  aus.  Die  Größe  der  Kraft  ist  aber  für  die  Abmessungen ­
  aller  dieselbe  übertragenden  Teile  maßgebend.  Je  großer  jene  ist,  desto  krustiger
müssen  die  letzteren  ausgeführt  sein.  Auch  die  Lager,  Gestcllrahmen  u.  s.  w.  werden  dann
schwerer.  Kraftmaschinen  mit  geringen  Umlaufgeschwindigkeiten  bauen  sich  daher  für  dieselbe
Nutzleistung  teurer  und  schwerer,  als  solche  mir  großer  Geschwindigkeit.  Zwei  Beispiele  einfachster ­
  Art  mögen  das  Gesagte  erläutern.
1)  Soll  eine  Arbeitsleistung  von  zehn  Pferdestärken  durch  eine  schmiedeiscrne  Welle  von
einer  Kraftmaschine  auf  eine  Arbeitsstelle  geleitet  werden,  so  erhält  diese  Welle  bei  einer
minütlichen  Umdrehungszahl  von
n=  50  150  400  24  000
einen  Durchmesser  von  85  65  50  8  mm.
Je  nach  der  Geschwindigkeit,  mit  der  man  die  Welle  laufen  läßt,  erhält  man  also  eine  wesentlich
größere  oder  schwächere  Abmessung.  Läßt  man  umgekehrt  die  85  mm  starke  Welle  mit  400
Umdrehungen  in  der  Minute  laufen,  so  verniag  sic  100  Pferdestärken,  also  das  10fache  zu
übertragen.  Umdrehungszahlen  von  24  000  in  der  Minute  kommen  bei  den  Dampfturbinen  vor.
2)  Die  Dampfmaschine  von  Torpedobooten,  welche  die  Schiffsschraube  antreibt,  und  deren
Kurbelwclle  bis  350  Umläufe  in  der  Minute  macht,  wiegt  durchschnittlich  nur  6  bis  8,5  Kg  auf
eine  Pferdestärke.  Bei  langsam  lausenden  Land-Dampfmaschinen  beträgt  aber  dieses  auf
jede  geleistete  Pferdestärke  entfallende  Eigengewicht  je  nach  Bauart  das  10  bis  25sache.
        <pb n="226" />
        Vorteile  großer  Kolbengeschwiiidigkeit.  Ersatz  des  stehenden  Kessels  durch  den  liegenden.  231

Allerdings  sind  bei  der  Schiffsmaschine  Stangen  und  Zapfen  durchbohrt,  uni  dadurch  das
Gewicht  etwas  zu  mindern,  und  das  Schwungradgewicht  fallt  fort.  So  wiegt  die  1900  von
Borsig-Berlin  in  Paris  ausgestellte  Dampfmaschine  mit  40  000  lex  schwerem  Schwungradc
insgesamt  310  000  lex  und  leistet  bei  40  minütlichen  Umdrehungen  ihrer  Kurbelwelle  2000
bis  2800  Pferdestärken;  das  gibt  110  bis  155  kg  auf  eine  Pferdestärke.  Die  gleich  kräftige
Maschine  eines  Torpedojägers  macht  340,  also  8 1 /2  mal  so  viel  Umdrehungen  in  der  Minute
und  wiegt  nur  15  000  kg,  das  ist  nur  5  bis  7‘/ 2  kg  auf  eine  Pferdestärke.
Man  spart  durch  große  Geschwindigkeiten  also  an  Raum  und  Anlagekosten  und  wendet
sie  deshalb  heutigestags  innerhalb  gewisser  Grenzen  so  viel  als  möglich,  sowohl  im  allgemeinen
Maschinenbau  als  auch  im  Lokomotivbau,  an.
Bei  den  Reibungslokomotiven  einzelner  amerikanischer  und  englischer  Schnellzüge  ist  mau
zur  Zeit  bei  7  m/sec.  Kolbengeschwiiidigkeit  angelangt;  das  ist  ein  sehr  großer  Wert  vom
Standpunkt  des  Maschincnkonstrukteurs  aus.  Noch  vor  25  Jahren  ging  man  nicht  gern  über  4  m,
stieg  dann  auf  5  m,  um  auch  diese  Grenze  vor  kurzem  noch  erheblich  zu  überschreiten.

234.  Lokomotive  der  Pilatusbahn.
Erbaut  von  der  Schweizer  Lolomotiv-  und  Malchinensabrik  Winterthur.

Der  stehende  Kessel  der  Rigilokomotiven  erwies  sich  trotz  verschiedener  Vorzüge  tut
Betriebe  nicht  so  vorteilhaft  wie  der  liegende,  der  mittlerweile  ans  anderen  Bergbahnen,
zunächst  der  Arth-Rigibahn  durch  Riggenbach  und  1875  durch  Marsh  auf  dem  Mount
Washington  zur  Anwendung  gekommen  war.  Er  wurde  deshalb  vor  einigen  Jahren  durch
eine  zur  Längsachse  querliegende  Bauart  ersetzt,  wie  sie  in  ähnlicher  Anordnung  auch  die
Lokomotiven  der  Pilatusbahn  besitzen  (Abb.  234).  Die  Pilatuslokomotive  ist  im  Gegensatz
zu  den  anderen  Zahnradlokomotiven  mit  dem  Personenwagen  unmittelbar  verbunden  (oergl.
S.  140).  Da  wegen  der  starken  Steigung  dieser  Bahn  =  480  °/ 00  (fast  1:  2)  der  Wagen
sehr  leicht  gebaut,  die  Antriebskraft  aber  dennoch  verhältnismäßig  groß  sein  muß,  so  ist
die  Masse  des  34  Sitzplätze  enthaltenden  Wagens  zu  gering,  um  die  unvermeidlichen
„störenden"  Belvegungen  der  Lokomotive  genügend  abzuschwächen.  Dieselben  übertragen
sich  vielmehr  auf  die  Reisenden,  und  auf  keiner  Bahn  lvird  diese  unangenehme  Zu ­
        <pb n="227" />
        232  Eisenbahnen:  Die  Zahnradlokomotive.

gäbe  mehr  empfunden  als  hier.  Im  Sommer  1898  bemühte  sich  deshalb  die  Bahnverwaltung, ­
  das  Stoßen  u.  s.  w.  durch  Einschaltung  von  Spiralfedern  zwischen  Wagenkasten ­
  und  Lokomotivgestell  zu  mildern.  Die  Versuche  scheinen  zu  einem  günstigen  Ergebnis
zu  führen.  Allerdings  wird  diese  Unannehmlichkeit  beim  Fahren  auf  der  erstaunlich  kühn
angelegten,  durch  eine  wunderbar  schroffe  Gebirgswelt  führenden  Bahn  von  den  meisten
Reisenden  nicht  so  sehr  empfunden,  da  die  Sinne  durch  die  fortwährend  sich  ändernden
Landschaftsbilder  voll  gefangen  genommen  werden  und  der  Genuß  einer  Pilatusfahrt
und  der  ersehnte  Ausblick  vom  Gipfel  über  diese  „Kleinigkeiten"  hinweghilft.  Mau
vergleiche  nur  die  Abb.  98  u.  99,  welche  zwei  der  kühnsten  Bahnstellen  wiedergeben.
Auch  bei  dieser  Lokomotive,  deren  zwei  wagerecht  liegende  Zahntreibräder  in  die  fischgrätenförmige ­
  Zahnstange  eingreifen  —  zwei  ähnliche  Räder  laufen  als  Bremsräder  unter
dem  vorderen  Wagenteil  —  ist  eine  Übersetzung  ins  Langsame  und  zwar  im  Verhältnis
1:3%  gewählt.  Die  Lokomotive  mit  besetztem  Wagen  wiegt  dienstbereit  11600  kg
und  kann  bei  1  in  Sekunden-Fahrgeschwindigkeit  auf  der  Steigung  1:2  eine  Zugkraft

235,  L»kom»tioc  der  Arünigbahn,  1888.  Bauart  Riggenbach.

von  6500  kg  ausüben.  Die  Bremsvorrichtungen  sind  hier  besonders  sorgfältig  durchdacht
und  ausgeführt.  Sie  werden  jeden  Tag  im  Betriebe  auf  ihren  guten  Zustand  geprüft.
Die  Lokomotiven  anderer  Zahnbahnen,  wie  die  auf  den  Drachenfels,  den  Niederwald ­
  bei  Rüdesheim,  den  Snowdon,  den  Gaisberg  bei  Salzburg,  den  Schafberg,  den
Kahlenberg,  nach  dem  Csorba  See  (Tatra)  u.  s.  w.  haben  einen  Dampfkessel  ähnlich  dem
gewöhnlicher  Lokomotiven.  Sie  gleichen  der  1875  von  Riggenbach  für  die  Arth-Rigibahn
entworfenen  Bauart.
Die  im  Abschnitt  „Zahnbahnen"  schon  kurz  erwähnte  „vereinigte  Zahnrad-  und
Reibungslokomotive"  unterscheidet  sich  äußerlich  wenig  oder  gar  nicht  von  den  gewöhnlichen ­
  Reibungs-Tenderlokomotiven.  Die  1875  von  Riggenbach  gebaute  Lokomotive
dieser  Art  überträgt  die  Dampfarbeit  ihrer  beiden  Cylinder  auf  ein  Zahnradvorgelege,
das  seinerseits  mit  verminderter  Geschwindigkeit  das  Hauptzahnrad  antreibt.  Letzteres
steht  wie  in  Abb.  235  durch  Kurbeln  und  Kuppelstangen  in  unmittelbarer  Verbindung  mit
den  Reibungsrädern  der  Lokomotive,  so  daß  auch  diese  zu  Treibrädern  werden  und  sich
gleichzeitig  mit  dem  Hauptzahnrade  umdrehen.  Auf  den  Steilrampen  wird  dadurch  die
Zugkraft  erhöht,  auf  den  Reibungsstrecken,  wo  allein  die  Reibungsräder  wirken,  muß
freilich  das  Hauptzahnrad  mit  den  beiden  Zahnrädervorgelegen  infolge  der  steifen
Kuppelung  ständig  leer  mitlaufen.  Hierin  liegt  aber  das  früher  erwähnte  Hindernis  für
die  erwünschten  größeren  Fahrgeschwindigkeiten  auf  der  Reibungsstrecke.
        <pb n="228" />
        233

Lokomotiven  für  vereinigte  Zahn-  und  Reibungsbahnen.

Die  vorerwähnten  neueren  Lokomotiven  gemischter  Bauart  der  Padangbahn  zeigen
den  umgekehrten  Antrieb:  die  Dampfarbeit  wird  in  gewöhnlicher  Weise  unmittelbar  auf
die  Reibungsräder  übertragen,  die  ihrerseits  dann  durch  Kuppelstangen  das  Zahnrad
antreiben.  Die  Lokomotiven  arbeiten  demnach  in  der  Zahnstrecke  langsam,  können  aber
in  der  Reibungsstrecke  schneller  laufen  als  die  nach  Bauart  Riggenbach.  Abt  stattete
seine  Lokomotive  mit  zwei  voneinander  gänzlich  unabhängigen  Zwillings-Dampfmaschinen
aus;  die  eine  davon  treibt  die  Reibungsräder,  die  andere  ohne  Zahnradvorgelege  durch
Kurbeln  und  Lenkstangen  die  gewöhnlich  paarweise  angeordneten  Hauptzahnräder.  Der

236.  gtlits  Zahiirabantrirb.  Vorderansicht.

237.  Abts  Zahnradantrieb.  Seitenansicht  mit  den  Bremsscheiben  der  Zahnradachsen.

Führer  läßt  nach  Bedarf  beide  Maschinen  gleichzeitig  arbeiten  (Steilrampe)  oder  nur  die
Reibungsmaschine  allein.  Im  ketzeren  Falle  kann  die  Lokomotive  ganz  wie  eine  solche  gewöhnlicher ­
  Bauart  laufen,  also  mit  entsprechend  großen  Geschwindigkeiten,  während  auf
den  Rampen  die  Reibungsmaschine  wirksam  den  Zahnradantrieb  unterstützt.  Es  ist  hier
also  große  Leistung  gepaart  mit  großer  Geschwindigkeit,  und  dadurch  haben  die  viercylindrigen
  Abtschen  Lokomotiven  sich  bereits  ein  so  großes  Feld  erobert.  Sie  gleichen
äußerlich  den  Lokomotiven  gewöhnlicher  Anordnung;  denn  die  Zahnradmaschine  liegt
innerhalb  des  Rahmengestelles,  ist  also  dem  Auge  verborgen.  Die  Hauptzahnräder  bestehen ­
  aus  2  bis  3  schmalen  Scheiben,  die  gegeneinander  etwas  verdreht  sind,  wie  im
„Oberbau"  näher  erläutert  ist  und  durch  die  Abb.  236  u.  237  veranschaulicht  wird.
Ihr  unmittelbarer  Antrieb  durch  die  Dampfcylinder  ist  mit  Bezug  auf  die  oben  erörterte
Feueranfachung  hier  zulässig,  da  die  Reibungsmaschine  ja  ununterbrochen  mit  arbeitet.
Während  der  Zahnstangenfahrt  entströmt  daher  dem  Blasrohr  Dampf  aus  vier  Cylindern,
I  X  30
        <pb n="229" />
        235

Verbesserungen  in  den  Lokomotiv-Nebenteilen.

30*

was  die  Dampfbildung  genügend  sichert.  Die  Zahnräder  sind  hier  im  Gegensatz  zu  den
Riggenbachschen  Lokomotiven  der  Abb.  235  in  einem  besonderen  nicht  gefederten  Rahmen
(Abb.  236)  gelagert.  Der  Zahneingriff  ist  daher  unabhängig  von  dem  Federspiel  der
Lokomotive,  somit  ein  besserer  als  bei  ersterer  Bauart.
Eine  der  neuesten  und  zugleich  stattlichsten  Abtschen  Lokomotiven  für  gemischten
Betrieb  zeigt  Abb.  238.  Es  ist  die  ^-Tenderlokomotive  der  schon  S.  135  genannten  ungarischen ­
  Bahn  Tiszolcz-Zolyom  brezo.  Der  Kohlen-  und  Wasserkasten  liegt  hinter  der
Feuerkiste  und  wird  durch  ein  Drehgestell  (mit  Laufrädern)  gestützt;  mithin  ist  die
während  der  Fahrt  eintretende  Verminderung  der  Tendervorräte  von  geringem  Einfluß
auf  das  Reibungsgewicht  der  Treibachsen,  und  damit  auf  die  Zugkraft.  —  Abtsche  Lokomotiven ­
  mit  entsprechend  breitem  Zahnrade  sind  auch  für  die  Leiterzahnstange  ausgeführt
worden,  so  z.  B.  für  die  Berner  Oberlandbahnen  und  die  Höllenthalbahn.  Klose-Stuttgart
  hat  1890  eine  dem  gleichen  Zwecke  dienende  4cylindrige  Lokomotive  für  die
St.  Gallen-Gaisbahn  entworfen,  bei  der  zugleich  eine  höchst  sinnreiche,  freilich  auch  etwas
verwickelte  Radialeinstellung  der  Radachsen  zur  Ausführung  gebracht  ist,  wie  sie  u.  a.
auch  neuere  Württembergische  Gebirgslokomotiven  besitzen.  —
Zur  Vervollständigung  des  Lokomotivbildes  ist  schließlich  noch  folgendes  zu  erwähnen:
In  den  letzten  20  Jahren  sind  überall  die  für  die  Betriebssicherheit  so  überaus
wertvollen  durchgehenden  Bremsen  (S.  257)  eingeführt;  ferner  ist  bei  den  Personenzügen
die  Dampfheizung  hinzugekommen,  die  in  der  Regel  von  der  Lokomotive  gespeist  wird,
desgleichen  hat  man  vielfach  selbstthätige  Zentralöler  für  die  Dampfcyliuder  und  deren
Schieber  angebracht.  Verbesserte  Führerhäuser,  die  in  Amerika  zuweilen  fast  luxuriös  eingerichtet ­
  werden,  schützen  das  Personal  gegen  die  Unbilden  der  Witterung  und  enthalten
alle  die  Druckmesser,  Hebel,  Stellrädchen  und  Griffe,  die  zur  Bedienung  einer  Lokomotive
notwendig  sind,  wie  die  Manometer  für  den  Kesseldruck,  für  die  Pressung  in  dem  Hauptbehälter ­
  und  in  der  Leitung  der  Luftdruckbremsen  u.  s.  w.,  ferner  die  Wafferstandszeiger,
den  Händel  oder  die  Schraube  für  die  Umsteuerung,  die  Ventile  und  Hähne  für  die
Pumpen  und  deren  Wasser-  und  Dampfröhren,  die  Griffe  für  die  Dampfpfeife,  den
Sandstreuer,  die  Klappen  des  Aschkastens  (zur  Regelung  des  Luftzuges),  den  Hilfsbläser
zum  Anfachen  des  Feuers  beim  Stillstand  der  Lokomotive,  die  Ablaßhähne  der  Dampfcylinder, ­
  um  das  übergerissene  oder  niedergeschlagene  Wasser  aus  ihnen  zu  entfernen, ­
  u.s.  w.  u.s.  w.  Beachtet  man,  daß  der  Führer  alle  diese  verschiedenen  Druckmesser,
Wasserstandszeiger,  Öler,  die  Feuerung,  das  Arbeiten  der  Luftpumpe  u.  s.  w.  ins  Auge
fassen  muß,  aber  auch  während  der  Fahrt  die  Gleisstrecke  und  deren  Signale,  sowie  das
Verhalten  der  ganzen  Lokomotive  aufmerksam  zu  beobachten  hat,  so  wird  klar,  daß
heutigestags  die  Bedienung  derselben  viel  Aufmerksamkeit,  Sachkenntnis,  starke  Nerven
und  nicht  selten  große  Geistesgegenwart  erfordert.
Endlich  sei  noch  angedeutet,  daß  man  sich  in  der  Neuzeit  bemüht,  die  sogenannten
störenden  Bewegungen  der  Lokomotive,  das  Schlingern,  Wogen,  Wanken,  Nicken  u.  s.  w.
durch  zweckentsprechende  Bauart,  sowie  sorgfältigere  Ausgleichung  der  bewegten  Triebwerksteile ­
  durch  Gegengewichte  in  den  Rädern  u.  s.  w.  möglichst  einzuschränken,  um  dadurch  die
Sicherheit  des  Fahrens  zu  erhöhen  und  die  Radreifen,  vor  allem  auch  das  Gleis  mehr
zu  schonen.  Auch  hierfür  bietet  die  oben  erörterte  viercylindrige  Lokomotive  den  anderen
Arten  gegenüber  mehrfache  Vorteile.
Die  vorstehenden  beigefügten  Abbildungen  bieten  einen  lehrreichen  und  bemerkenswerten ­
  Vergleich  nicht  nur  zwischen  einst  und  jetzt,  sondern  auch  zwischen  den  Ausführungen, ­
  die  sich  in  den  betreffenden  Ländern  allmählich  ausgebildet  haben.
Das  Endergebnis  dieses  Vergleichs  gipfelt  in  der  erneuten  Erkenntnis,  daß  seit  der
ersten  Trevithikschen  Lokomotive  in  allen  Eisenbahnländern  rastlos  und  emsig  die  Entwickelung ­
  dieses  modernen  Kulturträgers  gefördert  ist.  Nicht  mühelos  entstand  das  heute
so  vollkommen  durchgebildete  Dampfroß,  sondern  nur  durch  ununterbrochene  Arbeit
nicht  eines  einzelnen  Mannes,  vielmehr  einer  gewaltig  großen  Schar  von  Ingenieuren
aller  Eisenbahnländer.
        <pb n="230" />
        236

Eisenbahnen:  Betriebsmittel.

Wagen.

Schon  Blcnkinsop  hatte  auf  seiner  im  Jahre  1812  eröffneten  Zahnbahn  den  Versuch ­
  einer  Personenbeförderung  gemacht,  wie  Abb.  239  uns  zeigt.  Bei  der  geringen  Geschwindigkeit ­
  seiner  Lokomotive  —  bis  5  km  in  der  Stunde  —  konnte  jedoch  von  einem
regelrechten  Personenverkehr  keine  Rede  sein.  Er  beschränkte  sich  infolgedessen  auch  auf
das  Befördern  von  Kohlenzügen.  Ein  geregelter  öffentlicher  Personenverkehr  wurde  zum
erstenmal  auf  der  1825  in  Betrieb  genommenen  Stockton-Darlingtonbahn  eingerichtet.
Die  Wagen  nach  Art  der  Abb.  240  wurden  wegen  des  gleichen  Fehlers  der  Stephensonschen
  Lokomotiven  durch  Pferde  gezogen,  wie  bereits  oben  dargelegt  wurde.  Erst  seit  den
Rainhiller  Tagen  des  Jahres  1829  wurde  es  möglich,  auf  einmal  mehrere  hundert
Reisende  und  große  Gütermassen  fortzuschaffen  mit  einer  bis  dahin  unbekannten  und
derzeit  unerhörten  Geschwindigkeit.  Unsere  Tafel  veranschaulicht  uns  das  äußere  Gepräge ­
  der  ersten,  von  Lokomotiven  gezogenen  Personenzüge  jener  Zeit.  Unförmig  und
wenig  behaglich  erscheinen  uns  diese  Fahrzeuge:  ohne  Polsterung,  zum  Teil  ohne  Fenster,
selbst  ohne  Dach  und  Sitze,  weder  beleuchtet
noch  geheizt,  schlecht  gefedert;  die  Reichen  in
eigenen  Equipagen  fahrend,  die  auf  offene
Güterwagen  gestellt  und  auf  diesen  befestigt
waren,  die  weniger  Bemittelten  auch  auf  dem
Dache  untergebracht,  mitunter  sogar,  wie  aus

239.  Klciikinsops  Zahnlmhii,  1812.

der  Scarborough-Whitbybahn,  in  einer  Art  Kiepe,  die  hinten  an  den  Wagen  gehängt  war.
Und  doch,  welchen  Fortschritt  stellten  sie  im  Verkehrswesen  dar!
Die  großen  Vorteile,  die  durch  die  Eisenbahnen  jetzt  für  Handel,  Industrie  und
Landwirtschaft  offenbar  wurden,  schnellten  den  Verkehr  gewaltig  empor.  Immer  weitere
Kreise  bedienten  sich  der  schnellen  Bahnzüge,  die  Ansprüche  an  die  Reisebequemlichkeiten
wurden  gesteigert.  Allmählich  griffen,  oft  auch  nachdrücklichst  unterstützt  durch  behördliche
Vorschriften,  in  der  Bauart  und  Ausstattung  der  Wagen  Verbesserungen  Platz,  die  weiter
gepflegt,  in  der  Neuzeit  zu  den  auch  verwöhnten  Ansprüchen  genügenden  Luxuswagen
—  Schlaf-,  Speise-,  Salon-  und  Krankenwagen  —  geführt  haben.  Der  Güterverkehr,
anfangs  nur  in  roh  gefügten  vierräderigen  Karren  vermittelt,  stellte  gleichfalls  mit  der
Zeit  höhere  Anforderungen  an  die  Transportmittel.  Für  die  wertvolleren,  der  Beschädigung ­
  oder  dem  Verderben  leicht  ausgesetzten  Waren,  namentlich  auch  für  bestimmte
Tiere  wurden  bedeckte  Wagen  gebaut,  die,  was  sanften  Lauf  und  innere  Anordnung  anbetrifft,
ihre  Höchstausbildung  schließlich  in  den  im  Winter  geheizten,  im  Sommer  durch  Eis  gekühlten ­
  Sondergüterwagen,  in  den  innen  ringsum  gepolsterten  Wagen  für  Luxuspferde ­
  u.  s.  w.  gefunden  haben.  Heute  sind  unsere  Viehwagen  teilweise  besser  eingerichtet
und  gewähren  mehr  Schutz  gegen  die  Unbilden  der  Witterung,  als  ein  Teil  der  damaligen
Personenenwagen.  Die  beiden  Hauptgattungen  der  Eisenbahnwagen  —  Personen-  und
Güterwagen  —  sind  in  nachstehendem  getrennt  behandelt.
        <pb n="231" />
        Zug  I.  Klasse.

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Zug  II.  Klasse.

Güterzug.

Viehzug.
Büge  der  Liverpool-Manchester  Eisenbahn  in  der  Deik  von  J83Ö—1835.
        <pb n="232" />
        Personenwagen.

237

Personenwagen.
Während  in  Europa,  den  hier  herrschenden  Klassengegensätzen  entsprechend,  die
Wagen  bis  in  die  Mitte  der  70er  Jahre  fast  ausschließlich  nach  dem  von  England  aus
verbreiteten  Abteilsystem  mit  verschiedenen  Klassen  gebaut  wurden,  stellte  man  in  dem
öemokratischen  Amerika  das  Wageninnere  als  einen  einzigen,  nicht  durch  hohe  Querwände
geteilten  Raum  her.  In  der  ganzen  Wagenlänge  zog  hier  ein  Durchgang  zwischen  den
Sitzplätzen  hin  (Durchgangswagen),  der  von  außen  durch  Thüren  in  den  Stirnwänden
zugänglich  war.
Die  ersten  englischen  Personenwagen  wurden  den  alten  Postkutschen  nachgebildet
derart,  daß  jedes  Abteil  auch  äußerlich  wie  ein  Postwagenkasten,  Berline  genannt,  sich
darstellt.  Das  Dach  diente  zur  Aufnahme  des  Reisegepäcks  und  auch  von  Reisenden.
Eine  sehr  verbreitete  Bauart  dieser  Wagen,  die  sich  seit  Ende  der  30  er  Jahre  auch  in
Deutschland  allgemein  Eingang  verschafft  und  hier  noch  lange  erhalten  hat,  besaß  nur
drei  Abteile,  die,  falls  für  die  erste  Klasse  eingerichtet,  je  6  Sitzplätze  enthielten.  Ein
solcher  Wagen  konnte  18  Reisende  im  Inneren  aufnehmen.  Im  Gegensatz  hierzu  faßten
die  amerikanischen  Durchgangswagen  60  bis  70  Reisende,  hier  war  daher  das  auf  jeden
Sitzplatz  entfallende  „tote  Ge-  _  _  _  _.
wicht"  erheblich  geringer,  als
bei  den  kurzen  englischen  Abteilwagen, ­
  was  den  wirtschaftlichen
Betrieb  der  Personenzüge  günstig ­
  beeinflussen  mußte.
Die  Wagen  zweiter  Klasse
waren  anfangs  auf  den  europäischen ­
  Bahnen  vielfach  ohne
Fenster,  dafür  zwischen  Dach  und
Bordwand  offen,  oft  auch  ohne
ein  Dach.  Ein  solches  fehlte  den
Wagen  dritter  Klasse  regelmäßig
(Abb.  241),  dabei  waren  die
Wagen  niedrig  und  schmal.  Noch
Ende  der  40  er  Jahre  wurden
auf  den  Stationen  der  Leipzig-Dresdener
  Bahn  Gesichtsmasken  und  Schutzbrillen  den  Reisenden  angepriesen  als  Schutz
gegen  Zugluft  und  den  Funkenauswurf  der  Lokomotiven.
Die  den  Verhandlungen  des  „Institution  ok  Nootmnioal  liinxinsors"  1898  entnommenen ­
  Abb.  241  u.  242  zeigen  in  sehr  charakteristischer  Weise  die  äußerliche  Entwickelung ­
  der  Personenwagen  einer  Hauptbahn  Englands  in  der  Zeit  von  1839  bis
1897.  In  6  Jahrzehnten  ist  hier  die  Wagenlänge  von  noch  nicht  4  in  auf  18  ni  gewachsen, ­
  die  Zahl  der  Räder  eines  Wagens  von  4  auf  12  (Speisewagen)  gestiegen.  Ähnlich
wie  bei  dieser  einen  Bahn  ist  (abgesehen  von  deren  Drehgestellen  der  70er  Jahre)  auch
der  Entwickelungsgang  im  übrigen  England,  in  Deutschland  und  den  anderen  älteren
Eisenbahnländern.
Man  ging  in  der  Folge  allgemein  zu  geschlossenen  und  verglasten  Wagenkasten  über,
machte  die  Abteile  breiter,  länger  und  höher,  vermehrte  ihre  Zahl  auf  5,  selbst  7,  führte
Heizung,  Beleuchtung  und  Lüftung  ein,  gute  Polsterung  in  den  oberen  Klassen  und  fügte
schließlich  auch  in  den  lange  Strecken  durchfahrenden  Wagen  Wasch-  und  Aborträume
ein;  dem  folgte  die  Einstellung  von  Schlaf-,  Speise-  und  Aussichtswagen,  um  endlich  in
der  Neuzeit  in  den  amerikanischen  Luxuszügen  mit  ihren  Bade-,  Rasier-,  Schreib-,  Bibliothek- ­
  und  Musikräumen,  denen  jetzt  sogar  Theater-  und  Kapellenraum  sich  zugesellt  haben,
den  Gipfel  der  Bequemlichkeit  und  Reisezerstreuung  zu  erhalten.  Allerdings  durchlaufen
diese  Züge  auch  meistens  so  lange  Strecken,  daß  den  oft  mehrere  Tage  an  sie  gefesselten
Reisenden  Gelegenheit  zu  Zerstreuungen,  Beschäftigungen  u.  s.  w.  geboten  werden  muß,

240.  Erster  persancnwngcil
der  Ktaekton^arlington-Eisenbahn,  1820.
        <pb n="233" />
        I

H

□  sa  en-es  □  cm  s  cm

I.  bis  in.  Klasse  1875.

242.  Englische  Personenwagen  1875  dis  1897.
        <pb n="234" />
        240  Eisenbahnen:  Personenwagen.
um  diese  kostspieligen  Züge  in  der  Gunst  des  Publikums  zu  erhalten.  Fährt  man  doch
von  New  Jork  nach  San  Francisco  4  Tage  lang.  Auch  die  Luxuszüge  der  neuen  transsibirischen ­
  Eisenbahn  weisen  ähnliche  Luxuseinrichtungen  auf.  Sie  führen  sogar  einen
besonderen  „Kirchenwagen"  mit  Altar,  Orgel  u.  s.  w.
Hand  in  Hand  mit  der  Steigerung  der  Reisebequemlichkeiten  ging  die  Vervollkommnung
der  technischen  Durchbildung  aller  Konstruktionseinzelheiten.  Es  sei  hier  nur  auf  die
Stoß-  und  Zugvorrichtungen  (Buffer  und  Wagenkuppelungen),  die  Federung,  die  Bremsen,
die  Einführung  des  Eisens  an  Stelle  des  Holzes  im  Gestellbau,  des  Stahles  an  Stelle
des  Schmiedeisens  für  Achsen  und  Radreifen,  ferner  auf  die  mannigfachen  Räderanordnungen ­
  und  deren  Lagerung,  auf  die  Achsbuchsen,  dieses  Schmerzenskind  der  Eisenbahnen, ­
  hingewiesen.  Schritt  für  Schritt  trat  Besseres  an  Stelle  des  Minderwertigen,
nur  langsam  konnte  die  durch  Erfahrung  und  Theorie  erprobte  Vervollkommnung  zur
Einführung  gelangen,  jede  Neuerung  verursachte  bei  der  Ausdehnung  des  Wagenparks
große  Kosten.  Alle  vorgenannten  Teile  haben  ihre  besondere  Entwickelungsgeschichte,  vor
allem  die  Beleuchtung,  Heizung,  die  Bremsen  und  die  Achslagerung.
Gangart  der  Wagen.  Anzustreben  ist  bei  jedem  Wagen  ein  möglichst  ruhiger,
sanfter  Gang.  Die  störenden  Bewegungen,  die  seine  Räder  in  senkrechter  Richtung  durch
die  Schienenstöße  und  Unebenheiten  des  Gleises,  durch  die  Schienenüberhöhung  in  den
Gleisbögen,  in  wagerechter  Richtung  durch  das  Schlingern  der  Fahrzeuge  im  geraden
Gleise  und  durch  die  Wirkung  der  Fliehkraft  im  gekrümmten  erleiden,  sollen  sich  möglichst
wenig  auf  das  Wageninnere  übertragen,  dabei  soll  das  entstehende  Geräusch  möglichst
gedämpft  werden.  Nichts  verleidet  eine  Eisenbahnfahrt,  nächst  schlechter  Luft,  Staub
und  ungeeigneter  Temperatur  im  Wagen  mehr,  als  das  Schütteln  und  Schwanken  der
Wagenkasten,  das  Dröhnen,  Hämmern,  Fensterklirren,  das  manchem  Wagen,  besonders
auf  schlechtem  Oberbau,  eigentümlich  ist.  Durch  zweckmäßige  Federung  —  lange,  stark
belastete  Tragfedern,  durch  doppelte  Fußböden  und  Seitenwände  mit  schalldämpfender
Füllung,  vor  allem  durch  zweckmäßige  Lagerung  der  Räder  im  Untergestell  hat  man
heutigestags  in  den  besseren  Wagen  diese  Übelstände  wesentlich  gemildert.  Namentlich
seitdem  man  erkannt  hat,  daß  ein  langer  Radstand  und  kurze  überhängende  Massen  im
Verein  mit  leicht  in  den  Gleisbögen  einstellbaren  Rädern  (Drehgestelle,  Lenkachsen)  besonders ­
  geeignet  sind,  einen  sanften  Gang  zu  erzeugen,  hat  der  Wagenbau  einen  erheblichen
Erfolg  zu  verzeichnen.  Die  englischen  Wagenbilder  (Abb.  241  u.  242)  zeigen  diese  allmähliche ­
  Vergrößerung  des  Radstandes  und  die  Anwendung  des  Drehgestells  in  übersichtlicher ­
  Weise.
Solange  man  nicht  einstellbare  Räder  verwendete,  war  man  gezwungen,  die  Wagen
und  ihren  Radstand  kurz  zu  halten,  damit  ihr  Widerstand  in  den  Gleisbögen  und  der
unvermeidliche  Verschleiß  an  Schienen  und  Rädern  nicht  zu  groß  ausfiel.  Mit  dem  Anwachsen ­
  des  Verkehrs  wurden  die  Wagen,  um  mehr  Reisende  in  ihnen  unterzubringen,
länger  gebaut  (in  der  Breite  waren  sie  durch  das  Querprofil  der  Tunnel,  Brücken  u.  s.  w.
begrenzt).  Nunmehr  machten  sich  die  eben  genannten  Übelstände  unangenehm  geltend.
Dazu  kam,  daß  die  längeren  Wagen  nach  Einführung  größerer  Fahrgeschwindigkeit,  die
gegen  Ende  der  70er  Jahre  allgemein  erfolgte,  ein  starkes  Schwanken  beim  Durchfahren
der  Kurven  zeigten,  was  lebhafte  Klagen  der  Reisenden  hervorrief.  Man  mußte  auf  Abhilfe ­
  sinnen.  Das  amerikanische  Drehgestell  war  zwar  bekannt,  stand  auch  u.  a.  auf  den
Württembergischen  Bahnen  bei  den  langen  Durchgangswagen  bereits  in  Anwendung.
Dasselbe  aber  bei  Wagen  anzuwenden,  deren  Gewichtslast  nur  zwei,  allenfalls  drei  Achsen
erforderte,  war  nicht  begründet.  Zwei  Drehgestelle  mit  ihren  4  Achsen  verteuern  einen
solchen  Wagen  und  vergrößern  dessen  Eigengewicht  erheblich.  Zur  allgemeinen  Einführung
der  langen  Drehgestellwagen  konnte  man  sich  damals  noch  nicht  entschließen.  Man  suchte
den  Zweck  durch  verstellbare  Einzelachsen  zu  erreichen,  und  siehe  da,  die  anfangs
schüchtern  angestellten  Versuche  gelangen  vollkommen.
Fünfzig  Jahre  hindurch  hatte  es  als  felsenfester  Grundsatz  gegolten,  die  zwei-  und
dreiachsigen  Wagen  nur  mit  „steifen  Achsen"  laufen  zu  lassen,  d.  h.  den  Radachseu  in  den
Achsbüchsführungen  nur  den,  zwecks  Vermeidung  des  Zwängens  durchaus  notwendigen
        <pb n="235" />
        241

Gangart  der  Wagen.  Freie  Lenkachsen.

kleinsten  Spielraum  zu  geben,  damit  die  parallele  Lage  der  Achswellen  untereinander,
sowie  ihre  „feste"  winkelrechte  Stellung  zur  Längsrichtung  des  Wagenkastens  peinlichst  genau
gewahrt  bliebe.  Nunmehr  brach  sich  —  Anfang  der  80er  Jahre  —  eine  neue  Anschauung
Bahn.  Der  Verein  Teutscher  Eisenbahnverwaltungen  (vergl.  S.  275)  wies  1885  auf
Grund  mehrjähriger  eingehendster  Versuche  die  Unrichtigkeit  des  ein  Menschenalter  hindurch ­
  gläubig  befolgten  Satzes  vom  „Parallelismus  der  Achsen"  nach,  indem  er  die  Überlegenheit ­
  der  in  Kurven  einstellbaren  Achsen  in  Bezug  auf  wirtschaftlichen  Betrieb,  wie  auf
sanftes  Fahren  gegenüber  der  steifen  Anordnung  klarlegen  konnte.  Doch  bis  zur  endgültigen ­
  Einführung  dieser  „freien  Lenkachsen"  vergingen  noch  eine  Anzahl  Jahre.
Erst  nachdem  durch  weitere  mühevolle  Versuche  der  sächsischen,  ungarischen  und  der  Reichs-Eisenbahnen
  Vereinfachungen  und  Verbesserungen  in  der  Anordnung  dieser  frei  beweglichen
Achsen  getroffen  waren,  konnte  endlich  1896  auf  der  mit  der  50jährigen  Jubelfeier  des
genannten  Vereins  verbundenen  Generalversammlung  in  Berlin  die  allgemeine  Einführung ­
  der  freien  Lenkachsen,  selbst  für  Wagen  mit  kurzem  Radstande  für  das  ganze
Vereinsgebiet  allseitige  Zustimmung  und  Genehmigung  finden.
Auf  den  preußischen  Staatsbahnen  waren  übrigens  schon  seit  Mitte  der  80  er  Jahre
dreiachsige  Wagen  mit  Lenkachsen  in  Gebrauch,  die  sich  durch  sehr  ruhigen  Gang  den  zwei-243.

  Frrie  £culttid)scit  für  personenwagcn.

achsigeu,  steifen  Wagen  gegenüber  auszeichneten.  Abb.  243  zeigt  ihre  Anordnung,  wie
sie  heute  allgemein  bei  uns  üblich  geworden  ist.  Die  Achsbuchsen  haben  danach  so  großen
Spielraum  in  ihren  Führungen,  daß  die  Radachsen  in  Gleisbögen  dem  Drucke  der  Spurkränze ­
  gegen  die  Schienen  nachgeben  und  sich  „radial",  d.  h.  mit  ihrer  Längsachse  nach
dem  Mittelpunkte  des  Gleisbogens  gerichtet,  einstellen  können.  Da  die  Tragfedern  mit
den  Achsbuchsen  fest  (aber  um  eine  Senkrechte  drehbar)  verbunden  sind,  so  werden  jene
hierbei  etwas  schief  gestellt.  Diese  Verdrehung  zwingt  die  Achsen,  beim  Wiedereintritt
in  das  gerade  Gleis,  in  ihre  normale  mittlere  Lage  zurück.  Man  sieht,  diese  Anordnung
ist  einfach  und  doch  wirksam,  ihre  wirtschaftlichen  Vorteile  sind  ganz  erhebliche.
Sorgfältig  durchgeführte  Vergleichsversuche  auf  der  an  Gleiskrümmungen  besonders
reichen  Berliner  Stadt-  und  Ringbahn  ergaben  zu  gunsten  der  freien  Lenkachsen  eine
Brennstoffersparnis  der  Lokomotiven  von  10‘///q.  Da  die  Lokomotiven  dieser  Bahnen
jährlich  rund  48  Millionen  kg  Koks  verfeuern,  1000  kg  aber  etwa  24  Mark  kosten,  so
lassen  sich  hier  in  einem  Jahre  über  100000  Mark  allein  an  Koks  ersparen.  Dazu
kommt  noch  der  geringere  Verschleiß  der  Räder  und  Schienen,  ferner  der  große  Vorteil
des  sanften  und  ruhigen  Ganges  der  Wagen  und  ein  erheblich  geringeres  Kreischen  der
an  den  Kurvenschieneu  anschleifenden  Räder.  Welch  beträchtliche  Ersparnis  durch  Verwendung ­
  der  Lenkachsen  in  dem  gesamten  großen  Vereins-Wagenpark  erzielt  wird,  bedarf
hiernach  wohl  keiner  näheren  Erörterung.  Sehr  treffend  bemerkt  daher  Wühler,  der
frühere  maschinentechnische  Leiter  der  Reichseisenbahnen,  einer  der  ausgezeichnetsten  Eisenbahn-Ingenieure ­
  unserer  Zeit:  „Die  Einführung  der  freien  Lenkachsen  gehört  zu  dcn-IX
  31
        <pb n="236" />
        243

Schlafwagen.

jenigen  Fortschritten,  von  denen  man  nicht
begreift,  weshalb  sie  nicht  schon  längst
gemacht  wurden,  die  aber  gerade,  weil
sie  so  natürlich  sind,  zu  den  wertvollsten
gehören."
Im  Gegensatz  zu  allen  anderen
Eisenbahnländern  haben  die  nord  amerikanischen ­
  Bahnen  aus  den  früher  erörterten ­
  Gründen  bereits  von  Anfang  an
Drehgestelle,  sowohl  für  ihre  Personenals
  auch  Güterwagen  verwendet  und
dementsprechend  auch  stets  lange  Wagen
mit  großem  Radsland  gebaut.  Abb.  244
u.  245  zeigen  den  jetzigen  landläufigen
amerikanischen  Personenwagen.
Nach  dem  1891  erschienenen  Werke:
„The  raihvays  of  America“  sind  Durchgangswagen ­
  mit  Mittelgang  zuerst  im
Jahre  1835  auf  der  Boston-Albany  Bahn
in  Benutzung  genommen.  Man  hatte  ihre
innere  Anordnung  nach  dem  Vorbilde  der
damaligen  Schiffskajütten  gewählt.  Die
bis  dahin  auf  den  wenigen  amerikanischen
Eisenbahnlinien  benutzten  Wagen  waren
teilweise  noch  unvollkommener  als  die
der  Liverpool  -  Manchester  Bahn  vom
Jahre  1830.  Die  Dampfboote  auf  den
nordamerikanischen  Flüssen  und  Seen
boten  im  Gegensatze  dazu  bereits  große
Bequemlichkeiten,  wie  Speisesäle,  Schlafräume ­
  u.  s.  w.,  und  wurden  infolgedessen
vom  Publikum  bevorzugt.  Um  letzterem
zu  begegnen,  führte  die  Cumberland-Valley-Bahn
  in  Pennsylvanien  1836
Schlafwagen  ein,  allerdings  noch  in  etwas
mangelhafter  Einrichtung.  Die  Schlafplätze ­
  waren  in  drei  Reihen  übereinander
angeordnet  und  nur  mit  Strohsack,  später
Matratze  ausgestattet.  Die  Besorgung
der  Bettwäsche  nebst  Kissen  war  Sache
der  Reisenden.  Die  Verhältnisse  erfuhren ­
  aber  gründlichen  Wandel,  als
Pullmann*)  1858  die  nach  ihm  benannten ­
  Prachtwagen  einführte.  Sie
liefen  anfangs  zwischen  Chicago  und
Buffalo.  In  den  nächsten  Jahren  verbreiteten ­
  sie  sich  nach  den  Hauptbahnen
jenes  Landes.  Im  Jahre  1867  traf  Pull-*)

  Pullmann  war  aus  Deutschland  eingewandert ­
  und  hatte  sich  durch  Fleiß  und
Unternehmungsgeist  aus  bescheidenen  Verhältnissen ­
  zum  Leiter  und  Besitzer  seiner
Weltruf  genießenden  Waggonfabrik  in  Pnllmannstadt
  bei  Chicago  emporgearbeitet.

246.  Englischer  Personenwagen  mit  verstellbaren  Endachscn.
        <pb n="237" />
        244  Eisenbahnen:  Einführung  von  Luxuswagen.

mann  weitere  Verbesserungen.  Seine  Wagen  wurden  mit  doppelter  Einrichtung  ver-  .
sehen,  so  daß  sie  am  Tage  als  Salonwagen,  nachts  als  Schlafwagen  dienen.  Abb.  247
u.  252  zeigen  das  Innere  eines  solchen  Wagens,  und  zwar  Abb.  247  halb  für  den  Tagesund ­
  halb  für  den  Nachtverkehr  hergerichtet.  Die  Sitzplätze  liegen  zu  beiden  Seiten  des
Mittelganges  und  werden  nachts  gegen  diesen  durch  Vorhänge  abgeschlossen.  Ein  unteres
Schlaflager  wird  durch  Herausziehen  der  Sitzkissen  zweier  gegenüber  liegender  Sessel
unter  Verwendung  der  Rückenpolster  gebildet,  während  ein  zweites  Lager  darüber  durch
Herabklappen  der  oberen,  mit  Matratze  versehenen  Seitenwand  geschaffen  wird.  Wie  die
Abbildung  erkennen  läßt,  liegen  hinter  dieser  tagsüber  hochgeklappten  Matratzenwand
die  zur  Vervollständigung  der  Lager  notwendigen  Kissen  und  Decken,  ebenso  eine
Trennungswand,  welche  abends  auf  die  Rücklehne  der  Sessel  gestellt  wird,  um  die
einzelnen  Schlaflager  paarweise ­
  von  einander  zu  scheiden.
Die  Ausnutzung  derartiger
Wagen  ist  zwar  eine  recht
gute,  aber  das  Entkleiden
kann  nur  auf  dem  Lager  selbst
vorgenommen  werden,  ist  daher ­
  unbequem.  —  In  Europa
sind  die  Schlafwagen  mit  Abteilen ­
  zu  je  vier  Lagern  und
mit  Seitengang  versehen,  was
nicht  nur  eine  bessere  Absonderung ­
  der  Reisenden  gestattet,
sondern  auch  den  letztgenannten
Übelstand  vermeidet.  Die  oberen ­
  Lager  werden  durch  Aufklappen ­
  der  Rückenlehnen  gebildet. ­
  KisseuuudDeckenliegen
bei  Tage  unter  den  Sitzen.
Um  weiteren  gesteigerten
Reiseansprüchen  zu  genügen,
bautePullmann  gegen  den  Anfang ­
  der  70er  Jahre  auch
Speisewagen,  in  denen  der
Reisende  während  der  Fahrt
bequem  ein  warmes  Mittagsmahl ­
  wie  an  einer  Hoteltafel
einnehmen  kann.  Dem  Beispiele  Pullmauus  sind  später  in  Amerika  noch  Wagner  und
Man  mit  dem  Bau  von  Luxuswagen  gefolgt.  Sie  suchen  sich  gegenseitig  mit  der  Prachtausstattung ­
  ihrer  Wagen  zu  überbieten.  Was  hierin  geleistet  wird,  lassen  die  Abb.  248
bis  253  erkennen.  Sie  zeigen  das  Äußere  und  Innere  zweier  sechsachsiger  Pullmann-Wagen,
  die  in  Bezug  auf  Ausstattung  und  Bequemlichkeit  wohl  ihresgleichen  suchen.
Die  Pullmann-Gesellschaft  hat  die  Unterlagen  zu  den  Abbildungen  freundlichst  dem  Verfasser ­
  zur  Verfügung  gestellt.  Luxuswagen  dieser  Art  werden  jetzt  ganz  allgemein  als
Pullmanu-Wagen  bezeichnet.  Sie  fanden  etwa  ein  Jahrzehnt  später  vereinzelt  Eingang
auf  englischen  Bahnen,  zunächst  als  Tagessalonwageu,  später  auch  als  Speise-  und  Schlafwagen. ­
  Jetzt  führen  die  englischen  Hauptlinien  sogar  besondere  Speisewagen  für  Reisende
der  dritten  Wagenklasse,  wie  die  Abb.  242  zeigt.  Einen  vierachsigen  englischen  Salonwagen, ­
  jedoch  mit  Einzelachsen  (Endachsen  radial  verstellbar),  zeigt  Abb.  246.  Sein
Wagenkasten  ist  noch  besonders  durch  zwölf  senkrechte  Federn  gegen  das  Untergestell  abgefedert. ­
  Die  Räder  sind  aus  Holz  nach  Abb.  277  hergestellt.
Durchgangswageu  mit  Mittelgang  fanden  auf  einigen  europäischen  Festlaudbahnen
Ende  der  60er  Jahre  Eingang,  allerdings  zunächst  für  den  gewöhnlichen  Reiseverkehr,

247.  Amerikanische  Schlafwageneinrichlnrrg.
Nach  „Elsenbahntechnik  der  Gegenwart".
        <pb n="238" />
        251.  Äußere  Ansicht.

252  u.  253.  Innere  Einrichtung.
251  bis  253.  Amerikanischer  Kurusumgrn  non  pullmann.
        <pb n="239" />
        254.  Außenansicht.

255  u.  256.  Innere  Einrichtung.
254  bis  256.  v-Wagen  der  Gotthardbahn.
        <pb n="240" />
        248  Eisenbahnen:  Personenwagen.

nicht  als  Luxuswagen.  So  wurde  auf  den  Bahnen  in  Württemberg  und  in  der  Schweiz
diese  Bauart  eingeführt.  Doch  besaßen  diese  Wagen  nur  ein  einfaches  Drehgestell,
das  ein  sanftes  Fahren  ermöglichende  Gestell  mit  Wiege  und  doppelter  Federung,  wie
solches  weiter  unten  zu  Abb.  258  näher  erläutert  ist,  fehlte  ihnen.  Im  allgemeinen
sind  Wagen  mit  Mittelgang,  abgesehen  von  den  Speisewagen,  in  Nordenropa  nicht
beliebt;  die  Reisenden  lieben  hier  mehr  die  Absonderung,  ziehen  Abteile  den  einheitlichen ­
  Wagenräumen  vor.  Erstere  geben  für  längere,  besonders  nächtliche  Reisen  weniger
Störung  durch  zu-  und  abgehende  Reisende.  Anderseits  hat  das  reine  Abteilsystem  den
Nachteil,  daß  es  die  Reisenden  an  den  kleinen  Sitzplatz  bannt  und  von  den  anderen
Fahrgästen  des  Zuges  isoliert.  Vor  allem  aber  birgt  es,  wenn  nicht  Bahnsteigsperre
oder  das  englische  Kartenkontrollsystem  eingeführt  ist,  schwere  Nachteile  für  das  Zugpersonal, ­
  da  dieses  während  der  Fahrt  aus  den  außen  befindlichen  Trittbrettern  von
Wagen  zu  Wagen  mit  Lebensgefahr  gehen  muß.  Die  Verlnstziffern  der  Schaffner  durch
Abstürzen  von  den  Trittbrettern  sind  nicht  gering.  In  der  Schweiz  sind  Abteilwagen
in  den  Tageszügen  überhaupt  verboten.  (Nachtzügc  verkehren  nur  auf  den  wenigen  durchgehenden ­
  Linien,  wie  ans  der  Gotthardbahn  u.  s.  w.)  Hier  kann  der  Zugbeamte  vermittelst
der  Plattformen  gefahrlos  von  Wagen  zu  Wagen  gelangen.  Preußen  ist  dann  vor
einigen  Jahren  mit  der  Bahnsteigsperre  und  einem  Verbote  des  Trittbrettbegehens
während  der  Fahrt  in  löblicher  Weise  vorangegangen,  die  Reichslande  sind  gefolgt,  und
hoffentlich  wird  jenes  gefährliche  Kontrollverfahren  im  Interesse  der  Fahrbeamten  bald
überall  verschwunden  sein.
Wagen  mit  Seitengang.  Schon  1870  schlug  der  verdienstvolle  Ingenieur
Heusinger  von  Waldegg  Durchgangswagen  vor,  die  auch  die  Vorteile  der  Abteilwagen
boten.  Der  Durchgang  war  an  eine  Längswand  gelegt,  auf  ihn  mündeten  die  Seitenthüren
  der  Abteile.  Vier  Jahre  später  wurde  der  erste  Wagen  dieser  Bauart  in  Deutschland ­
  (Hessische  Ludwigsbahn)  in  Betrieb  gesetzt,  doch  brach  sich  erst  nach  1890  deren
allgemeine  Einführung  Bahn,  nachdem  die  Dnrchgangswagen  der  amerikanischen  Luxuszüge ­
  von  preußischen  Maschinenbaubeamtcn  1891  an  Ort  und  Stelle  eingehend  geprüft
worden  waren.
Luxnszüge.  Pullmann  hatte  1887  den  ersten  Luxuszug  gebaut,  der  als  der
Gipfel  des  Fortschrittes  gepriesen  wurde.  Diesem  folgten  bald  weitere  Züge  gleicher  Art,
die  sich  schnell  die  Gunst  der  Amerikaner  erwarben.  Es  sind  dieses  die  schon  oben  kurz
erwähnten,  aus  Salon-,  Speise-,  Schlaf-  und  Rauchwagen  zusammengesetzten  Züge  mit
geschlossenein  Verbindungsgang  an  den  Wagenenden  (Vestibüls  trains)  und  im  Inneren
auf  das  reichste  und  bequemste  ausgestattet  (vergl.  Abb.  247  bis  253).  Auf  Grund  des
günstigen  Berichtes  vorerwähnter  Beamten  verfügte  der  preußische  Eisenbahnminister  den
Bau  ähnlicher  geschlossener  Züge.  Es  sind  dieses  die  heute  bei  uns  so  beliebten  und  in
größerer  Zahl  verkehrenden  D-Züge  mit  Drehgestellwagen  und  durch  Faltenbälge  eingehüllten ­
  Übergangsbrücken  an  den  Enden,  vom  Volksmunde  aus  letzterem  Grunde  auch
Harmonikazüge  genannt.  Wagenkasten  und  Drehgestelle  sind  deutscherseits  selbständig
durchgebildet  worden.  Die  D-Wagen  gestatten  ein  sicheres,  gegen  Luftzug  geschütztes
Wandern  der  Reisenden  durch  den  ganzen  Zug,  ohne  Störung  der  Personen  in  den
Abteilen.  Da  die  Plätze  nach  amerikanischem  Vorbilde  numeriert  sind,  so  kann  man
sich  im  Zuge  auch  noch  nach  der  Abfahrt  einen  passenden  Platz  wählen,  soweit  die
Besetzung  es  gestattet.  Da  die  Züge  auch  Speisewagen  (Abb.  257)  bezw.  Kücheneinrichtung ­
  führen,  so  kann  man  in  ihnen  bequem  sich  leiblich  erfrischen.
Das  Reisen  in  solchen  D-Zügen  ist  keine  Unbequemlichkeit  mehr.  Ihre  Benutzung
in  Preußen  ist  auch  so  stark,  daß  aus  dem  verwaltungsseitig  erhobenen  Zuschlage  (V 2  bis
2  Mark,  je  nach  Entfernung  und  Wagenklasse)  sich  die  hohen  Beschaffungskosten  dieser
Züge  verzinsen.  Publikum  und  Verwaltung  haben  also  durch  dieselben  gewonnen.
In  England  sind  derartige  D-Züge  zur  Zeit  in  nur  geringer  Zahl,  dagegen  werden
in  die  Schnellzüge  vielfach  Speise-,  Salon-  und  Schlafwagen  mit  Drehgestellen  eingestellt.
D-Wagen  laufen  ferner  in  Österreich-Ungarn,  in  Rußland,  Schweden,  ans  der  Gotthardbahn ­
  u.  s.  w.  Sie  werden  sich  immer  mehr  Eingang  verschaffen.  Die  seit  1897  die
        <pb n="241" />
        .  Lnxuszüge.  Drehgestelle.

249

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letztgenannte  Bahn  befahrenden  Luxuswagen  sind  in  den  Abb.  254  bis  256  wiedergegeben. ­
  Abb.  254  zeigt  auch  die  äußere  Anordnung  der  Faltenbälge,  Abb.  255  den
Seitengang  eines  nur  zur  Hälfte  mit  Abteilen  versehenen  Wagens,  die  andere  Hälfte
bildet  hier  einen  einheitlichen  Raum.  Abb.  256  stellt  das  Innere  eines  Wagens  mit
Mittelgang  dar.  Die  Bauart  ist  ganz  ähnlich  derjenigen  der  deutschen  V-Wagen.
Eigenartig  ist  die  Bauart  der  neueren  Drehgestelle.  Die  schweren  Wagenkasten
ruhen  nach  Abb.  258  u.  260  nahe  jedem  Ende  mittels  eines  Drehzapfens  auf  dem  sogenannten ­
  Wiegebalken  (W),  der  durch  zwei  Gruppen  doppelter  Kutschenfedern  die  Last
auf  den  Drehgestellrahmen  übermittelt,  von  dem  aus  sie  durch  Tragfedern  nach  Art
der  Abb.  243  oder  Schraubenfedern  nach  Abb.  260  auf  die  Achsbuchsen  und  Zapfen
und  so  durch  die  Räder  auf  die  Schienen  übertragen  wird.  Schräg  gestellte  Pendeleisen
(P,  P)  zwingen  die  Wiege  stets  in  ihre  Mittellage  zurück,  wenn  sie  beim  Durchlaufen
einer  Gleiskurve  von  ihr  abgewichen  ist.  Die  Räder  und  Achsen  eines  Drehgestelles
können  sich  also  leicht  radial  einstellen,
so  daß  sie  die  Gleisbögen  möglichst
zwanglos  durchfahren.  Ferner  schwächt
die  doppelte  Federung  die  Stöße  und
Erschütterungen  ganz  wesentlich  ab.
Wagen,  die  besonders  ruhig  laufen
sollen,  wie  Speise-,  Schlaf-,  Krankenund
  Hofwagen,  oder  solche,  die  so
schwer  ausfallen,  daß  der  Raddruck
bei  acht  Rädern  ungünstig  groß  wird,
erhalten  dreiachsige  Drehgestelle.  Beispielsweise ­
  ist  der  im  Hofzuge  des
deutschen  Kaisers  laufende,  etwa
45000  kg  schwere  Küchenwagen  ,  dessen
Gewicht  dem  einer  neueren  Schnellzuglokomotive
  gleichkommt,  durch  zwei
je  sechsräderige  Drehgestelle  gestützt
(vergl.  auch  Abb.  248  u.  251).  Die
englischen  und  amerikanischen  Speisewagen ­
  sind  18  bis  21  na  lang,  sehr
schwer,  daher  mit  dreiachsigen  Drehgestellen ­
  ausgestattet.  Über  die  Bauart
der  Räder  vergl.  näheres  S.  268.
Die  verschiedenen  Personenwagen  unterscheiden  sich  vorzugsweise  nur  in  der  Bauart
und  Einrichtung  ihrer  Wagenkasten.  Die  Untergestelle,  auf  denen  letztere  ruhen  und  die
den  Wagen  lauffähig  machen,  sind  sich  sehr  ähnlich  und  weisen  bemerkenswerte  Abweichungen ­
  nur  in  der  Lagerung  der  Radachsen  (Einzelachsen,  Drehgestelle)  auf.  In
Deutschland  fertigt  man  die  Untergestelle  fast  ausschließlich  aus  Schmiedeisen,  in  England ­
  und  Amerika  dagegen  aus  Holz,  das  bei  den  Hauptträgern  durch  seitliche  Eisenplatten ­
  verstärkt  wird.  Der  erstere  Baustoff  ist  dauerhafter,  der  letztere  elastischer,  erzeugt
auch  beim  Fahren  weniger  dröhnendes  Geräusch.
Die  erste  und  zweite  Klasse  besitzen  gepolsterte  Sitze  und  Rücklehnen.  In  England ­
  ist  auch  die  dritte  Klasse  mit  schwacher  Polsterung  versehen,  was  von  den  Reisenden
sehr  angenehm  empfunden  wird  und  sich  auch  bestens  bewährt  hat.  An  Anregungen  zur
Nachahmung  dieser  zweckmäßigen  Einrichtung,  wenigstens  in  den  Schnellzugwagen,  hat
es  bei  uns  nicht  gefehlt,  sie  haben  aber  maßgebenden  Ortes  keine  Gegenliebe  gefunden.
Die  Engländer  haben  schon  frühzeitig  auf  gute  Polsterung,  die  namentlich  eine  richtige
Unterstützung  des  Rückens  zuläßt,  Wert  gelegt.  In  Deutschland  hat  man  etwa  seit  Mitte
der  80er  Jahre  die  Rücklehnen  dementsprechend  geformt  (Abb.  259).
Auf  manchen  ausländischen  Linien  sieht  es  darin  noch  sehr  verbesserungsbedürftig
aus.  Wer  längere  Nachtfahrten  in  solchen  falsch  aufgepolsterten  Wagen  zurückgelegt  hat,
IX  32

kW»
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257.  Inneres  eines  Speiscnmgrns.
        <pb n="242" />
        250  Eisenbahnen:  Personenwagen.

in  denen  oft  nicht  einmal  das  Herausziehen  (Verbreitern)  der  Sitze  möglich  ist,  weiß
davon  ein  Lied  zu  singen.
Die  amerikanischen  Wagen  —  ausgenommen  die  der  Luxuszüge  sagen  dem  mit
deutschen  Bahnverhältnissen  Vertrauten  in  Bezug  aus  Sitzanordnnng  nicht  zu.  Die  Sitze
haben  eine  Rückenlehne  nur  bis  zur  Schulterhöhe,  so  daß  man  den  Kopf  nicht  anlegen  kann,
was  natürlich  sehr  unbequem  ist.  Man  sagt  drüben,  die  kunstvollen  Frisuren  und  Kopfbedeckungen ­
  der  Amerikanerinnen  gestatteten  nicht  unsere  hohen  Lehnen,  und  bei  der  großen
Rücksichtnahme,  deren  sich  die  Frauen  bei  den  Amerikanern  ersreuen,  sei  dieser  Grund  aus-258.

  Dreiachsiges  amerikanisches  MrchgestcU.

schlaggebend  für  die  Bauart  der  Sitze  gewesen.  Eine  ferner  uns  ganz  ungewohnte  Unbequemlichkeit ­
  der  letzteren  ist  die,  daß  sämtliche  Personen  in  die  Fahrrichtung  sehend  sitzen.
Die  Rücklehnen  sind  umklappbar  (Abb.  260)  und  werden  beim  Rücklauf  der  Wagen  entgegengesetzt ­
  eingestellt.  Die  Unterhaltung  wird  durch  solche  Sitzanordnung  erschwert;  das  Reisen
an  sich  wird  freilich  für  den  einzelnen  ungenierter,  da  kein  Gegenüber  ihn  anstarren  kann.

Wasch-  und  Aborteinrichtungen.  Die  auf  längeren  Reisen  unentbehrlichen
Abort-  nnd  Wascheinrichtungen  kamen  znerst  auf  den  amerikanischen,  sodann  auf
den  deutschen  Bahnen  zur  Einführung.  Sie  fanden  bald  auf  den  österreichischen  und
englischen  Bahnen  Nachahmung. ­
  Dagegen  fehlen
sie  noch  vielfach  auf  süd-■«
  europäischen  Linien,  die
|  überhaupt  den  Nordbahnen
|  an  Bequemlichkeit  und  Reinlichkeit ­
  nachstehen.
$  Heizung.  Sehr  langsam ­
  hat  sich  die  heutige
Wagenheizung  entwickelt.
Anfangs  überhaupt  fehlend,
gelangte  man  verhältnismäßig ­
  spät  dazu,  Heizeinrichtungen ­
  vorzusehen,  vielfach ­
  geschah  es  erst  auf  Anordnung ­
  der  Aufsichtsbehörden. ­
  Lange  Jahre
kannte  man  dann  nur  die
gewöhnliche  Ofenheizung  und  Wärmflaschen.  Beide  Mittel  sind  fragwürdiger  Natur.
Die  Ofenheizung,  bei  der  der  Ofen  gewöhnlich  vom  Wageninneren,  seltener  vom
Dache  aus  bedient  wird  (Füllofen),  erwärmt  den  Wagen  ungleich,  ist  feuergefährlich,  allerdings ­
  billig  in  der  Anlage  und  im  Betriebe  und  wirksam  in  der  Lüftung,  weshalb  sie  sich
auch  heute  noch  vielfach  in  den  Wagen  dritter  und  vierter  Klasse  vorfindet,  ebenso  in
Gepäck-  und  Postwagen.
Stark  verbreitet  war  die  Heizung  mittels  Wärmflaschen.  Es  sind  dies  flache,
etwa  1  m  lange  Blechgefäße  von  ungefähr  20  1  Fassuugsraum.  Gefüllt  mit  heißem

259.  Polsterung  iir  de»  Magen  der  preußischen  Ktaotskohnrn.
        <pb n="243" />
        251

Heizung  der  Wagen.  Wärmflaschen  und  Preßkohlenheizung.

Wasser,  essigsaurem  Natron  oder  Sand,  werden  sie  zu  zweien,  bei  starker  Besetzung  auch
wohl  zu  dreien,  in  ein  Abteil  geschoben,  so  daß  die  Reisenden  ihre  Füße  darauf  stellen
und  diese  eine  kurze  Zeit  lang,  2—3  Stunden,  warm  halten  können.  Deshalb  werden
sie  auch  Fußwärmer  genannt.  Von  einem  Erwärmen  des  Wageninneren  kann  keine  Rede
sein,  und  zur  Winterszeit,  zumal  bei  Nacht  in  einem  solchen  Wagen  zu  reisen,  gehört
nicht  zu  den  Annehmlichkeiten.  Bleibt  dann  gar  ein  Zug  vielleicht  noch  im  Schnee
stecken,  so  ist  der  lange  Aufenthalt  darin  so  ungemütlich  wie  möglich.  Am  wirksamsten
ist  noch  die  genannte  Natronfüllnng.  Die  Heizkörper  werden  in  kochendes  Wasser  getaucht, ­
  wodurch  die  Füllung  schmilzt  und  eine  erhebliche  Wärmemenge  bindet.  Beim
späteren  Abkühlen  im  Wagen  wird  diese  Wärme  nach  und  nach  wieder  frei,  so  daß  eine
längere  Wirkung  gesichert  ist.  Ein  Wagen  mit  5  Abteilen  erfordert  10—15  Wärmflaschen. ­
  Ein  aus  8  Wagen  bestehender  Zug  benötigt  also  etwa  100  Flaschen,  ihre  Auswechselung ­
  auf  den  Füllstationen  bedingt  entweder  viele  Bedienungsmannschaften  oder

unnötig  langen  Zugaufenthalt.  In  milden  Gegenden,  wie  in  Frankreich  und  Italien
mag  die  Sache  gehen;  wir  finden  die  Fußwärmer  aber  auch  in  Holland,  England  und
Schottland.
In  Deutschland  wurde  in  den  70er  Jahren  und  zwar  zuerst  (1870)  auf  der  vormals ­
  Rheinischen  Eisenbahn  durch  den  Ingenieur  Fenten  die  weit  bessere,  freilich  auch  teuere
Preßkohlenheizung  eingeführt.  Hierbei  liegt  unter  jeder  Sitzreihe  ein  Blechkasten,  in
den  von  außen  ein  eiserner  Einsatz  mit  glühenden  Preßkohlen  geschoben  wird.  Die  erforderliche ­
  Verbreunungsluft  wird  den  Kohlen  durch  Öffnungen  in  der  Verschlußthür
zugeführt.  Die  Brenndauer  der  Preßkohle  beträgt  etwa  6  Stunden.  Auf  bestimmten
Stationen  werden  die  Kasten  frisch  aufgefüllt.  Eine  Regelung  der  Verbrennung  während
der  Fahrt  ist  ausgeschlossen  und  nur  auf  den  Haltestationen  möglich.  Die  Heizung  hat
deshalb  vielfach  zu  Klagen  über  Überhitzung  Anlaß  gegeben.  Die  aus  Holzkohle,  salpetersaurem ­
  Kali  und  Stärke  in  Ziegelform  hergestellte  Preßkohle  ist  nicht  billig.
In  mancher  Hinsicht  besser  stellt  sich  die  in  verschiedenen  Eisenbahnländern  benutzte
Luftheizung.  Der  Feuerherd  —  Füllofen  für  Steinkohle,  Koks-  oder  Preßkohle—
liegt  unter  dem  Wagenkasten  und  wird  von  einer  Außenseite  desselben  beschickt.  An  ihn
ist  ein  Heizcylinder  angeschlossen,  durch  den  die  Feuergase  streichen  und  der  von  einem
32*
        <pb n="244" />
        252  Eisenbahnen:  Personenwagen.

weiteren  Blechmantel  umgeben  ist.  In  den  Zwischenraum  beider  Cylinder  wird  durch
Luftfänger  die  Außenluft  eingeführt,  hier  erwärmt  und  durch  Verteilungsrohre  nach  den
einzelnen  Abteilen  des  Wagens  geleitet.  Die  Verbrennungsgase  ziehen  durch  ein  über
das  Wagendach  hinausragendes  Rohr  ab.  Zum  Schutz  gegen  Abkühlung  sind  Ofen  und
Mantel  mit  schlechten  Wärmeleitern,  Schlackenwolle,  Kieselguhr  u.  s.  w.  gut  umhüllt.
Die  Wärmezufuhr  kann  durch  Klappen  leicht  geregelt  werden.  Da  stetig  Außenluft  zugeführt ­
  wird,  so  ist  die  Wagenluft  auch  nicht  zu  trocken,  was  ein  besonderer  Vorzug  dieser
Heizung  ist.  Ihre  Nachteile  bestehen  in  der  Feuergefährlichkeit  bei  Zusammenstößen  und
Entgleisungen  und  in  den  hohen  Anlagekosten  (bis  900  Mark  für  einen  Wagen).  Auch
wird  das  Untergestell  in  ganzer  Breite  durch  die  Öfen  verbaut,  und  daher  lassen  sich  die
Bremsgestänge  und  Luftleitungen  unbequem  anbringen.
Für  einzelne  Luxuswagen  hat  man  mehrfach  Warmwasserheizung  gewählt,  die
frei  von  Gerüchen,  reinlich  und  von  milder  Wirkung  ist.  Der  meist  mit  Koks  geheizte
Wasserkessel  befindet  sich  in  einem  besonderen  Raume  des  Wagens,  an  dessen  Längsseite
die  von  ihm  auslaufenden  Heizröhren  liegen.  Bon  diesen  kehrt  je  eine  nach  dem  Kessel
zurück,  so  daß  ein  stetiger  Wasserumlauf  in  den  Rohrnetzen  vor  sich  geht.  Die  Erwärmung
ist  gut,  aber  teuer  in  der  Anlage  und  auch  nicht  feuersicher.
Dampfheizung.  In  verschiedenen  Gegenden  Deutschlands  (preußische  Ostbahn,
bayrische  Staatsbahnen,  Reichseisenbahnen  in  Elsaß-Lothringen)  führte  man  wegen  der
vorerwähnten  Mängel  vor  etwa  20  Jahren  versuchsweise  die  Dampfheizung  ein.
Ihre  Vorzüge  waren  so  augenscheinlich,  daß  sie  auf  den  deutschen  Hauptbahnen  rasche
Verbreitung  fand  und  jetzt  alle  anderen  Heizanordnungen  nahezu  verdrängt  hat.  Sic
ist  ferner  in  Österreich-Ungarn,  in  Rußland  und  in  mannigfachen  Abarten  in  Nordamerika ­
  verbreitet.  Auf  den  preußischen  Staatsbahnen  ist  sie  mit  einem  Aufwande  von
mehreren  Millionen  Mark  vollständig  durchgeführt.  —  Nach  der  älteren  Anordnung
liegen  unter  den  Sitzreihen  cylindrische  Heizkörper  aus  geschweißtem  Eisenblech,  bei  den
Durchgangswagen  auch  Rohrbündel  an  den  Längswänden,  die  an  ein  Hauptrohr  unter
dem  Wagen  angeschlossen  sind.  Die  einzelnen  Fahrzeuge  sind  durch  Gummischläuche  verbunden. ­
  Der  Heizdampf  wird  dem  Lokomotivkessel  entnommen,  bei  langen  Zügen  auch
wohl  einem  besonderen  mit  Dampfkessel  versehenen  Heizwagen.  Da  die  dünnwandigen
Heizkörper  mit  Dampf  von  nur  etwa  3  kg/qem  Spannung  gespeist  werden,  so  wird  der
Lokomotivdampf,  der  eine  3—5  mal  so  starke  Pressung  besitzt,  durch  ein  Ventil  auf  den
ersteren  Druck  herabgemindert.  Die  Bedienung  der  Dampfheizung  ist  die  denkbar  einfachste ­
  und  wird  vom  Heizer  bequem  nebenbei  mitbesorgt.  Die  Erwärmung  der  Abteile
läßt  sich  leicht  regeln.  Dabei  ist  diese  Heizung  durchaus  feuersicher  und  billiger  als  die
mittels  Preßkohlen.  Es  betragen  die  stündlichen  Gesamtkosten  für  Heizstoff,  Bedienung
und  Instandhaltung  für  einen  Wagen  mit  fünf  Abteilen  rund  etwa:  Ofenheizung  7  Pf.,
Luftheizung  15  Pf.,  Preßkohlenheizung  28  Pf.,  Dampfheizung  24  Pf.  Um  die  Heizung
besser  dem  jeweiligen  Bedürfnis  anpassen  zu  können,  werden  bei  den  preußischen  Staatsbahnwagen ­
  seit  1894  auf  Vorschlag  des  Geh.  Oberbaurats  Wichert  in  Berlin  die  einzeln
abzusperrenden  Heizkörper  (Röhren)  eines  Abteils  verschieden  groß  bemessen.  Bei  schwachem
Frost  werden  nur  die  kleineren,  bei  stärkerem  nur  die  großen  und  bei  großer  Kälte  (auch
beim  Anheizen)  alle  Heizkörper  benutzt.  Den  kleinen  Heizkörpern  gibt  man  x / 3  der  gesamten ­
  Heizfläche,  den  größeren  2 / g ,  so  daß  in  drei  Stufen:  mit  Uz,  2 / s  und  3 / 3  der
Heizfläche  geheizt  werden  kann.  Diese  Anordnung  hat  sich  recht  gut  bewährt,  und  bei
den  mit  ihr  ausgerüsteten  Wagen  sind  die  sonst  üblichen  Klagen  über  zu  starkes  oder  zu
schwaches  Heizen  verstummt.
Auf  Beseitigung  des  Niederschlagwassers  ist  durch  entsprechendes  Gefälle  der  Rohrleitungen ­
  und  Anbringung  von  Auslaßventilen  in  den  Knickpunkten  der  Schläuche,  sowie
am  Ende  des  Schlußwagens  besonders  Bedacht  zu  nehmen,  da  sonst  die  Leitungen  und
Heizkörper  bald  mit  ihm  gefüllt  und  völlig  unwirksam  werden.
Der  Vorteil  der  vollständigen  Feuersicherheit  ist  im  Eisenbahnbetriebe  nicht  hoch
genug  zu  veranschlagen.  Es  liegen  zahlreiche  Unglücksfälle  vor,  wo  nicht  nur  bei  Zusammenstößen ­
  oder  Entgleisungen  die  Wagen  durch  die  Heizöfen  in  Brand  gesetzt  und
        <pb n="245" />
        253

Dampfheizung.  Lüftung  und  Beleuchtung.

vernichtet  wurden,  sondern  wo  auch  durch  Nachlässigkeit  bei  der  Bedienung  des  Ofens
Wagen  durch  Feuer  zerstört  sind.  Diese  Verbrennungsgefahr  ist  um  so  größer,  wenn
die  Wagen  die  sonst  so  vortreffliche  Gasbeleuchtung  besitzen.  Wird  der  Gasbehälter
bei  einem  Zusammenstoß  undicht,  so  kann  das  unter  namhaftem  Drucke  ausströmende
Gas  an  den  glühenden  Kohlen  sich  entzünden  und  die  Wagen  brennen  in  unglaublich
kurzer  Zeit  bis  auf  die  Eisenteile  ab.  In  einzelnen  Fällen  war  es  unmöglich,  die  in
den  brennenden  Abteilen  eingeklemmten  Reisenden  zu  retten.  Sie  kamen  eines  qualvollen
Todes  um.
Die  deutschen  Eisenbahnen  übertreffen  auch  in  der  Heizung  der  Wagen  die  englischen
und  französischen  Bahnen  in  bedeutsamer  Weise.  Der  Dampfheizung  gehört  die  Zukunft
—  bis  sie  durch  die  elektrische  Heizung  dermaleinst  verdrängt  wird,  was  vielleicht  dann
vor  sich  geht,  wenn  an  Stelle  der  Dampflokomotive  die  elektrische  Zugbeförderung  getreten
sein  wird.  —
Lüftung.  Der  hohe  Wert  einer  guten,  zug-  und  staubfreien  Lüftung,  die  einen
ständigen  Luftwechsel  im  Wageninneren  sichert,  bedarf  wohl  keiner  näheren  Begründung.
Was  darin  von  unseren  Wohn-  und  Arbeitsräumen  gilt,  findet  auch  auf  die  Personenwagen ­
  Anwendung.  Das  wirksamste  Lüftungsmittel  bleibt  das  Fenster  und  die  Wagenthür. ­
  Da  aber  hiermit  oft  Übelstände,  wie  Zugluft,  Eindringen  von  Staub,  Rauch  und
Kohlenteilchen  verbunden  sind,  so  bringt  man  vielfach  besondere  Luftöffnungen  an  der
Wagendecke  mit  Saugkopf  darüber  au.  Sie  sind  durch  Schieber  verschließbar  und  durch
Drahtsiebe  gegen  Eindringen  von  Fremdkörpern  geschützt.  Derartige  Siebe  aus  feinem
Messingdrahtgewebe  (Staubfänger)  werden  auch  auf  manchen  Bahnen  für  die  Thürfenster
benutzt,  um,  wenn  diese  geöffnet,  hochgezogen  zu  werden  und  den  Staub  möglichst  fern
zu  halten.  Eine  wesentliche  Verbesserung  in  der  Lüftung  wurde  mit  der  in  Deutschland
zuerst  getroffenen  Einrichtung  der  Dachaufbauten,  deren  Seitenwände  die  bekannten
jalousieartigen  Lüftungsöffnungen  besitzen,  erzielt.  Die  schlechte  Luft  wird  durch  sie  abgeführt. ­
  Auch  Luftfänger,  die  Außenluft  in  das  Innere  leiten,  stehen  auf  manchen
Bahnen  in  Anwendung.
Alle  bisherigen  Mittel  genügen  aber  leider  nicht  den  an  eine  gute  Lüftung  zu
stellenden  Anforderungen;  diese  läßt  namentlich  an  trockenen,  warmen  Tagen  auf  Strecken
mit  sandiger  Kiesbettung  viel  zu  wünschen  übrig.  Die  feinen  Staubmengen,  die  dann
durch  alle  Öffnungen  des  Wagens  in  das  Innere  dringen,  sind  leider  eine  ebenso  lästige
wie  schädliche  Beigabe  des  Reifens.
Beleuchtung.  Der  Aufschwung,  den  die  künstliche  Beleuchtung  in  unserem  täglichen ­
  Leben  zu  verzeichnen  hat  und  die  ein  stetig  gesteigertes  Lichtbedürfnis  erzeugt,  hat
sich  in  ganz  gleicher  Weise  in  der  Zngbeleuchtung  abgespielt.  Anfangs  waren  überhaupt
keine  Lichtquellen  in  den  Wagen  angebracht,  da  die  Züge  zur  Nachtzeit  noch  nicht  verkehrten. ­
  Selbst  als  letzteres  der  Fall  war,  verstanden  sich  die  Bahnverwaltungen  nicht
immer  dazu.  Mehrfach  gingen  sie  erst  durch  behördliches  Eingreifen  gedrängt,  in  Preußen
auf  Veranlassung  des  Königs  selbst,  zur  Beleuchtung  der  Wagen  über.  Zuerst  waren
nur  kläglich  brennende  Rüböllampen  oder  Kerzen  im  Gebrauch.  Das  Leuchtgas  eroberte
sich  derzeit  nur  langsam  das  Feld.  Zur  Zeit  findet  die  trübselige  Kerzenbeleuchtung
wohl  nur  noch  auf  einigen  deutschen  Nebenbahnen  Verwendung.  Nach  Einführung  des
Petroleumlichtes  in  den  Städten  und  Wohnungen  verbesserte  sich  auch  die  Wagenbeleuchtung
wieder  schrittweise.  Petroleum-  und  heller  brennende  Rüböllampen  kamen  auf.  Aber
auch  deren  Leuchtkraft  ließ  noch  immer  zu  wünschen  übrig.  In  England  und  Amerika
steht  diese  Beleuchtung  auch  jetzt  noch  stark  in  Benutzung.  In  letzterem  Lande  sucht  man
in  den  besseren  Wagen  die  Helligkeit  durch  mehrflammige,  oft  reich  verzierte  Petroleumlampen ­
  (Abb.  261)  zu  steigern.  Auch  auf  den  Schweizer  Bahnen  ist  das  Petroleumlicht
verbreitet;  es  bietet  allerdings  in  vielen  Durchgangswagen  nur  eine  ganz  kümmerliche
Helligkeit.
In  den  60er  Jahren  wurden  sodann  ans  französischen  und  belgischen  Bahnen  die
ersten  Versuche  mit  der  Gasbeleuchtung  gemacht.  Sie  ivaren  nicht  von  dauerndem
Erfolge.  Um  die  hierbei  erforderlichen  Gasbehälter  nicht  zu  umfangreich  zu  erhalten  und
        <pb n="246" />
        254  Eisenbahnen:  Personenwagen.

sie  auf  dem  Dache  oder  besser  unter  dem  Fußboden  der  Wagen  anbringen  zu  können,  mnß
man  das  Gas  stark  pressen.  Dazu  eignet  sich  Steinkohlengas  nicht  sonderlich,  es  verliert
dabei  durch  Ausscheidung  von  Kohlenwasserstoffen  zu  sehr  an  Leuchtkraft.  Auch  muß  das
Behältergas  den  Gasflammen  mit  schwacher  Pressung  zugeführt  werden.  Die  Gasbeleuchtung ­
  wurde  erst  spruchreif,  als  es  1867  Julius  Pintsch  in  Berlin  gelang,  einen
sicher  wirkenden  Druckregler  herzustellen  und  das  aus  Braunkohlen-Teerölen,  Schieferölen,
Petroleum  u.  s.  w.  gewonnene  Öl-  oder  Fettgas  zu  verwenden,  das  eine  3—4mal  so
große  Helligkeit  liefert  wie  Steinkohlengas  und  durch  Pressung  nicht  so  stark  leidet.  Allerdings ­
  bedingt  Fettgas  die  Verwendung  kleiner  Brenner,  da  die  Flammen  sonst  rußen.
In  den  Wagenbehältern  steht  das  Gas  anfänglich  unter  6  Atmosphären  Überdruck  -
60000  mm  Wassersäule,  während  es  den  Brennern  nur  mit  einem  Druck  von  25  bis  50  mm
Wassersäule  zugeführt  wird.  Es  muß  also  vor  dem  Verbrennen  eine  sehr  starke  Druckverminderung ­
  erleiden.  Da  nun  mit  fortschreitender  Brenndauer  der  Gasdruck  in  den  Wagenbehältern ­
  abnimmt,,  so  muß  der  Druckregler  gleichzeitig  auch  so  beschaffen  sein,  daß  er  bei
großem  wie  kleinem  Überdruck  im  Behälter  stets  denselben  Berbrennungsdruck  herstellt;  denn  nur
dann  brennen  die  Flammen  gleichmäßig  ruhig.
Diese  Wirkung  hat  Pintsch  durch  eine  verhältnismäßig ­
  einfache  Anordnung  erzielt.  Sein
Druckregler  besteht  aus  einem  gußeisernen
Topfe,  der  durch  eine  luftdichte  (durch  Deckel
geschützte)  Membran  überspannt  ist.  Letztere
trägt  in  ihrer  Mitte  eine  kleine  Stange,  die
mittels  Hebels  und  Ventiles  den  Zufluß  des
hochgespannten  Gases  in  den  Topf  regelt.
Herrscht  in  dem  letzteren  der  für  die  Flammen
erforderliche  Niederdruck,  so  ist  die  Membran
nach  oben  hin  leicht  gespannt  und  hat  dadurch
den  (durch  Federkraft  im  Gewicht  ausgeglichenen) ­
  Ventilhebcl  etwas  hochgezogen  und
damit  das  Ventil  selbst  geschlossen.  Von
dem  Regler  zweigt  die  Leitung  nach  den
Flammen  ab.  Sobald  nun  der  Niederdruck
unter  der  Membran  abnimmt,  senkt  sich  diese
und  das  geöffnete  Ventil  läßt  neues  Gas  in  den
Regler  einströmen.  Dieser  Vorgang  spielt  sich
während  des  Brennens  der  Flammen  ständig
ab.  Je  nach  der  größeren  oder  geringeren
Helligkeit  und  der  Brennerart  gebraucht  eine
Flamme  25—30  1  Gas  in  der  Stunde.  Wird
die  Verbrenuungsluft  in  der  Lampe  vorgewärmt, ­
  wie  in  den  mehrflammigen  Jntensivlampen
  unserer  besseren  Wagen  (Abb.  262),
26i.  Amerikanische  Petroleumlampe.  so  verbraucht  eine  Flamme  stündlich  20  I  bei
gleicher  Helligkeit.  Die  Gasbehälter  der  Wagen
werden  so  bemessen,  daß  ihr  Inhalt  für  eine  30—lOstündige  Brenndauer  aller  Lampen  im  Wagen
ausreicht.  Um  sie  unterbringen  zu  können,  ordnet  man  sie  bei  größeren  Wagen  wohl  paarweise
an.  Wegen  des  scharfen,  unangenehmen  Geruches  des  Fettgases  bringt  man  alle  Gasleitungen
(aus  Kupfer)  außerhalb  der  Wagen  an,  so  daß  bei  undichter  Leitung  kein  Gas  in  das  Wageninnere ­
  gelangen  kann.  Das  Ölgas  wird  in  besonderen  Fettgasanstalten  erzeugt  und  durch  Bleirohrleituugeu
  oder  Gastransportwagen  unter  10  Atmosphären  Überdruck  den  Füllstationen  zugeführt.
Die  preußischen  Bahnen  führten  bereits  nin  die  Mitte  der  70er  Jahre  diese  neue
Beteuchtnngsart  ein  und  standen  in  diesem  Punkte  bald  an  der  Spitze.  Nunmehr  war
es  möglich,  durch  eine  Deckenlampe  in  jedem  Abteil  eine  derzeit  genügende  Helligkeit  zu
erzeugen,  und  die  Fettgasbeleuchtung  wurde  freudig  vom  Publikum  begrüßt.  Durch  die
großen  Bestellungen,  die  (auch  für  das  Gebiet  der  Seezeichenbeleuchtung)  an  Pintsch
ergingen,  hob  dieser  sein  Haus  zu  einer  reichen  Weltfirma  empor.  Das  Ausland,  in  erster
Reihe  Österreich,  Frankreich,  dann  englische  und  amerikanische  Bahnen  folgten  mit  dem
Gaslicht.  Bis  zum  Jahre  1899  waren  nach  dem  Pintsch-System  insgesamt  87  506  Wagen
und  3756  Lokomotiven  ausgestattet.  Davon  entfallen  auf
Deutschland  ....  33  145  Wagen,
England  16  854  „  ,
Amerika  12  330
        <pb n="247" />
        Fettgasbeleuchtung.  Elektrische  Wagenbeleuchtuiig.

255

Die  preußischen  Staatsbahnen  allein  besitzen  die  Einrichtung  zur  Gasbeleuchtung  an
26  000  Wagen  und  an  mehr  als  3500  Personenzuglokomotiven.  Sie  nehmen  bis  heute
nicht  nur  in  Deutschland,  sondern  auch  den  ausländischen  Eisenbahnen  gegenüber  den  unbestrittenen ­
  Vorrang  in  der  Wagenbeleuchtung  ein.
Mit  der  Einführung  des  elektrischen  Lichtes  steigerten  sich  die  Ansprüche  des
reisenden  Publikums  aufs  neue.  Eine  Anzahl  Verwaltungen  stellten  schon  Anfang  der
80er  Jahre  Versuche  mit  dieser  neuen  Zugbeleuchtung  an.  Auf  den  Reichseisenbahnen
in  Elsaß-Lothringen  (bereits  im  Winter  1882),  der  London  und  North-Western  Bahn  und
anderen  wurde  die  Dynamomaschine  durch  eine  auf  der
Lokomotive  bezw.  dem  Tender  untergebrachte  kleine
schnelllaufende  Brotherhood-Dampfmaschine  angetrieben.
—  Zwei  Drahtleitungen  verteilten  die  elektrische  Energie
auf  die  verschiedenen  Lampen  des  Zuges.  Das  Verfahren ­
  bewährte  sich  nicht  sonderlich,  die  Lampen  brannten ­
  nicht  ruhig,  auch  wurde  das  ohnehin  schon  stark  in
Anspruch  genommene  Lokomotivpersonal  durch  die  Bedienung ­
  der  Lichtmaschinerie  noch  mehr  belastet.  Man
ging  nun  dazu  über,  eine  im  Gepäckraume  aufgestellte
Dynamo  von  einer  Wagenachse  aus  mittels  Riemens
zu  betreiben.  Da  aber  dann  die  Lampen  während  des
Stillstandes  des  Zuges  nicht  brannten,  so  mußte  eine
Sammelbatterie  zu  Hilfe  genommen  werden,  die  während ­
  der  Aufenthalte  mit  ihrem  Energievorrate  einsprang, ­
  im  übrigen  auch  das  gleichmäßige  Brennen  der
Lampen  sicherte.  Bei  zu  großer  Zuggeschwindigkeit  hob
ein  Regler  die  Riemenübertragung  auf,  und  die  Batterie
allein  versorgte  die  Lampen.  Dieses  Verfahren  hat  sich
im  allgemeinen  bewährt.  Die  englische  Midlandbahn
führte  es  1889  bei  einer  Anzahl  ihrer  Schnellzüge  ein;
jeder  Wagen  besaß  seine  Sammelbatterie.  Die  Beleuchtung ­
  der  Abteile  erfolgte  durch  je  zwei  Glühlampen; ­
  sie  war  reichlich  und  von  angenehmer  Wirkung,
aber  infolge  der  hohen  Anlagekosten  nicht  billig.  Im
Jahre  1892  wurde  die  Einrichtung,  weil  zu  viel  Wartung ­
  erfordernd,  wieder  beseitigt  und  durch  das  Ölgaslicht ­
  ersetzt.  Auch  die  Great  Northernbahn  hat  die  elektrische ­
  Beleuchtung  ihrer  Untergrundzüge  seit  1891
durch  Ölgas  ersetzt,  da,  wie  Verfasser  verwaltungsseitig
seiner  Zeit  mitgeteilt  wurde,  dieselbe  sich  als  zu  teuer  erwies. ­
  Einige  englische  Bahnen  benutzen  elektrisches  Licht,
größtenteils  jedoch  nur  in  wenigen  Luxuswagen  (Speisewagen). ­
  Die  Energie  ist  hier  in  einzelnen  Sammelzellen ­
  aufgespeichert,  die  unter  die  Sitze  geschoben  werden.  Das  Laden  und  Auswechseln
erfolgt  auf  den  Abgangsstationen.  Bon  einer  ausgedehnten  Anwendung  des  elektrischen
Lichtes  in  den  Personenzügen  Englands  kann  keine  Rede  sein.  In  den  Vereinigten
Staaten  von  Nordamerika  hatten  im  Jahre  1897  insgesamt  nur  etwa  140  Wagen  und
zwar  in  Luxuszügen  elektrische  Beleuchtung.
Nach  dem  eben  genannten,  bei  englischen  Luxuswagen  benutzten  Verfahren  beleuchtet
auch  die  deutsche  Reichspost  seit  kurzem  etwa  1200  Eisenbahn-Postwagen.  Die  Ölgas-Beleuchtung,
  die  die  Staatsbahnverwaltung  lieferte  (1  Mark  für  ein  Kubikmeter  Gas),
stellte  sich  zu  teuer.  Sie  wurde  deshalb  vor  einigen  Jahren  postseitig  durch  die  elektrische ­
  ersetzt.  Die  Postwagen  führen  etwa  44  kg  schwere  Sammelbatterien  mit  sich,  zu
deren  Ladung  16  verschiedene  Ladestellen  auf  verschiedenen  deutschen  Bahnhöfen  angelegt ­
  sind.

262.  Inlrnstvtmnpr  für  Fcttgas.
        <pb n="248" />
        256  Eisenbahnen:  Personenwagen.
Die  Ansichten  über  die  elektrische  Zngbeleuchtung  in  Bezug  auf  ihre  wirtschaftliche
Seite  sind  zur  Zeit  noch  sehr  geteilt.  Die  Anlage  ist  teuer,  und  die  Eisenbahnen  müßten
bei  Einführung  dieser  Beleuchtungsart  ihre  bisherigen,  oft  kostspieligen  Einrichtungen
beseitigen.  Die  preußische  Staatsbahnverwaltung  hat  z.  B.  für  die  Gasbeleuchtung  etwa
12  Millionen  Mark  verausgabt.  Die  Umänderung  ihrer  Wagen  für  elektrische  Beleuchtung
würde  mindestens  20  Millionen  Mark  erfordern.  Nur  wenige  kleinere  Eisenbahnverwaltungen
  haben  das  elektrische  Licht  bis  jetzt  durchweg  für  Personeuzüge  eingeführt,
so  z.  B.  die  Dortmund-Gronau-Enscheder  Bahn,  die  Marienburg-MIawka  Bahn,  dieJura-Simplon
  Bahn.  Die  letztere  Bahn  mit  rund  l000  km  Betriebslänge  und  475  für
elektrische  Beleuchtung  eingerichteten  Personenwagen  ist  allerdings  in  der  vorteilhaften
Lage,  den  elektrischen  Strom  zu  mäßigem  Preise  beziehen  zu  können.  In  Biel  und
Freiburg  befinden  sich  durch  Turbinen  betriebene  Elektrizitätswerke,  die  außer  dem
Laden  der  Sammelbatterien  für  die  Wagen  auch  die  elektrisch  erleuchteten  Bahnhöfe
und  Werkstätten  mit  Licht  und  Arbeitsenergie  versorgen.  Den  entfernteren  Stationen
werden  die  geladenen  Wagenbatterien  durch  besondere  Sammelwagen  zugeführt.  Unter
solch  günstigen  Verhältnissen  ist  allerdings  die  elektrische  Zugbeleuchtung  billig.
Neu  zu  erbauende  Bahnen  oder  solche,  die  noch  nicht  die  Gasbeleuchtung  eingeführt
haben  und  ihre  Wagenbeleuchtnng  verbessern  wollen,  können  unter  Umständen  von  dem
elektrischen  Glühlicht  vorteilhaft  Gebrauch  machen.
Es  ist  aber  zu  beachten,  daß  neuerdings  dem  elektrischen  Glühlicht  ein  gewichtiger
Mitbewerber  in  dem  Acetylen  entgegengetreten  ist.  Dieses  Gas  wird  aus  Karbid,  das
ist  ein  aus  Kohle  und  Kalk  in  der  hohen  Temperatur  des  elektrischen  Lichtbogens  erzeugter ­
  Körper,  in  denkbar  einfachster  Weise  hergestellt.  In  Wasser  gelegt,  entwickelt  derselbe ­
  das  bekannte  Acetyleugas,  das  eine  ungemein  große  Leuchtkraft  besitzt.  Ohne  auf
seine  Eigenschaften  näher  einzugehen,  genüge  hier  anzuführen,  daß  es  nach  eingehenden
Versuchen  der  Firma  Pintsch  vorteilhaft  ist,  ein  Gemisch  aus  3  Teilen  Fettgas  und  1  Teil
Acetylen  zu  brennen.  Ein  solches  „Mischgas"  ist  nicht  gefährlicher  als  das  Ölgas,
ist  daher  auch  in  diesem  Punkte  dem  reinen  Acetylen  überlegen.  Die  teuren  Gaseinrichtungen ­
  unserer  Bahnen  können  hierbei  unverändert  weiter  benutzt  werden,  und
die  Helligkeit  der  Gasflammen  ist  eine  dreimal  größere  gegenüber  der  reinen  Fettgasflamme. ­
  Damit  dürfte  allen  Ansprüchen  auf  Wagenbeleuchtung  vorläufig  genügt
sein,  steigt  doch  damit  die  Leuchtkraft  der  Gasflamme  von  8  bis  auf  24  Kerzenstärken. ­
  Bezogen  auf  eine  Kerzenstärke  stellt  sich  zudem  das  Mischgas  billiger  als  das
Fettgas.  Schon  1898  wurden  die  Wagen  der  Berliner  Stadtbahn  damit  erleuchtet,
und  nachdem  jetzt  die  Acetylenanstalten  an  den  Hanptlinien  errichtet  und  in  Thätigkeit
gesetzt  sind,  werden  auch  die  Personenwagen  der  übrigen  Linien  des  preußischen  Netzes
sowie  alle  anderen  für  Fettgas  eingerichteten  deutschen  Wagen  mit  Mischgas  erhellt;
das  Ausland  folgt.
Trotz  des  von  gewissen  Seiten  angefeindeten  Staatsbahnsystems  sehen  wir,  daß
dasselbe  in  Preußen  stets  an  der  Spitze  des  Fortschritts  marschiert.  Auch  in  dem  neuen
Jahrhundert  findet  der  Reisende  in  keinem  Lande  für  sämtliche  Wagenklassen  so  bequeme,
gut  geheizte  und  erleuchtete  Wagen  wie  im  deutschen  Vaterlande,  insbesondere  in  dessen
führendem  Staate.  Die  in  London  erscheinende  technische  Zeitschrift  ,,Railway  News“
sagt  bei  Erörterung  der  Eisenbahugesetzgebung  Preußens  am  Schluffe  ihrer,  unser  Eisenbahnwesen ­
  behandelnden  Besprechung:  „Es  gibt  kein  Land,  welches  so  zahlreiche  Bequemlichkeiten ­
  und  Erleichterungen  im  Eisenbahnverkehr  genießt,  wie  Deutschland."
Bremsen.  Zweck  der  Bremse  ist,  die  Fahrgeschwindigkeit  der  Züge  und  einzelner
Fahrzeuge  zu  regeln  oder  behufs  Anhaltens  ganz  zu  vernichten.  Je  schneller  ein  Zug
fährt,  um  so  größer  ist  die  in  ihm  aufgespeicherte  lebendige  Kraft.  Sie  wächst  mit  dem
Quadrat  der  Geschwindigkeit.  Beispielsweise  besitzt  ein  viermal  schneller  fahrender  Zug
das  Sechzehnfache  an  lebendiger  Kraft  wie  vorher.  Ein  mit  90  km  i.  d.  Stunde  fahrender
Schnellzug  hat  eine  ebenso  große  lebendige  Kraft  in  sich  aufgespeichert,  wie  sie  das  den
Lauf  eines  Riesengeschützes  verlassende  Geschoß  in  sich  birgt.  Nach  dem  Gesetz  von  der
Erhaltung  der  Arbeit  wird  diese  lebendige  Kraft  in  Arbeit  umgesetzt,  wenn  der  Zug
        <pb n="249" />
        257

Hand-  und  durchgehende  Bremsen.

plötzlich  zum  Halten  gezwungen  wird,  wie  z.  B.  bei  Zusammenstößen.  Diese  Arbeit
äußert  sich  größtenteils  im  Vernichten  der  Fahrzeuge,  wie  wir  dieses  ja  bei  Zugzusammenstößen, ­
  Anrennen  an  Hindernisse  mit  erschreckender  Deutlichkeit  nur  zu  oft  schon  haben
sehen  können.  Wegen  dieser  großen  lebendigen  Kraft  bedarf  ein  schnell  fahrender  Zug
einer  ganz  anderen  Bremswirkung  zwecks  Hemmung  seines  Laufes  wie  ein  langsam
fahrender.  Hand  in  Hand  mit  der  Steigerung  der  Fahrgeschwindigkeit  ging  daher  die
Vervollkommnung  der  Bremsen.  Ohne  die  jetzigen  Bremsen  wären  bei  den  schweren
Zügen  der  Neuzeit  Geschwindigkeiten  von  90  km  und  mehr  nicht  zulässig.  Wollte  man
einen  Schnellzug  von  200000  kg  Gewicht,  der  mit  90  km  Geschwindigkeit  in  der  Stunde
dahinsaust,  mit  den  früher  üblichen  Handbremsen  zum  Halten  bringen,  so  würde  er  eine
etwa  1000  bis  1200  m  lange  wagerechte  Strecke,  vom  Ertönen  des  Bremssignals  an  gerechnet, ­
  noch  durchlaufen;  wohingegen  er  bei  der  Westinghonse-Schnellbremse  etwa  180
bis  200  in  noch  zurücklegt,  sobald  der  Lokomotivführer  dieselbe  in  Thätigkeit  setzt.  Welche
Vorteile  sich  durch  die  Schnellbremsen  für  den  Zugdieust  ergeben,  wenn  der  Lokomotivführer ­
  plötzlich  das  Haltsignal  (namentlich  bei  nebligem  Wetter)  oder  Hindernisse  auf  dem
Gleise  bemerkt,  bedarf  wohl  kaum  der  Erwähnung.  Allerdings  muß  stets  festgehalten  werden,
daß  ein  plötzliches  Anhalten  der  Züge  selbst  bei  der  vorzüglichsten  Bremse  aus  dem
eben  erörterten  Grunde  nicht  möglich  ist.  Eine  teilweise  Zerstörung  von  Wagenteilen
würde  die  stete  Begleiterscheinung  sein  müssen.
Die  Bremswirkung  wird  ausgeübt  durch  Bremsklötze,  welche  früher  allgemein  aus
weichem  Holze  (Pappel,  Linden)  gefertigt  wurden,  jetzt  aber  vorzugsweise  aus  Eisen
bestehen,  namentlich  aus  Stahlguß,  das  ist  Gußeisen  mit  Stahlabfällen  zusammengeschmolzen. ­
  Die  Klötze  werden  durch  Hebel  und  Stangen,  die  durch  Muskelkraft,
Reibung,  Dampf  oder  Luftdruck  bewegt  werden,  gegen  die  Räder  gepreßt.  Zweckmäßig
ordnet  man  auf  beiden  Radseiten  je  einen  Klotz  an,  damit  die  Achswellen  nicht  einseitig
gegen  ihre  Lager  gedrückt  werden,  von  anderen  Vorteilen  abgesehen.
Die  Handbremsen,  wie  sie  bis  fast  zu  den  80er  Jahren  allgemein  üblich  waren,
haben  den  großen  Nachteil,  daß  zu  ihrer  Bedienung  eine  Anzahl  von  Leuten  nötig  ist,
denen  zum  Bremsen  vom  Lokomotivführer  mittels  der  Dampfpfeife  ein  Zeichen  gegeben
werden  muß,  ebenso  wieder  zum  Lösen  der  Bremsen.  Mau  ist  hier  betreffs  des  Bremsens
abhängig  von  der  Aufmerksamkeit  dieser  Menschen;  aber  auch  abgesehen  davon,  vergeht
Zeit  zwischen  dem  Signalgeben  und  dem  Signalverstehen  an  der  letzten  Bremse,  und  noch
mehr  Zeit  vergeht,  bis  die  Bremsklötze  fest  angepreßt  sind  und  ihre  volle  Wirkung  ausüben. ­
  Währenddessen  legt  ein  schnellfahrender  Zug  aber  schon  eine  beträchtliche  Strecke
zurück,  oft  so  viel,  daß  er  vor  Erreichung  des  etwaigen  Gefahrpunktes  nicht  mehr  zum
Halten  gebracht  werden  kann.  Wird  doch  bei  90  km  Stundengeschwindigkeit  in  jeder
Sekunde  eine  Weglänge  von  25  m  vom  Zuge  zurückgelegt.  Die  Handbremsen,  gewöhnlich
durch  Schraubenspindeln,  seltener  durch  Gewichtshebel  in  Thätigkeit  gesetzt,  kommen
heutigestags  nur  noch  bei  wenigen  langsam  fahrenden  Personenzügen  und  bei  Güterzügen ­
  vor.  Der  letzte  Bremser  muß  zuerst  die  Bremsen  anziehen,  dann  der  vorletzte  u.  s.  w.,
damit  der  Zug  langgestreckt  bleibt  und  nicht  etwa  der  Hintere  Teil  auf  den  vorderen  mit
heftigem  Stoße  aufläuft.
Wohl  in  allen  Eisenbahnländern  besteht  jetzt  die  Vorschrift,  daß  die  mit  mehr  als
60  km  Stundengeschwindigkeit  fahrenden  Personenzüge  mit  durchgehenden  Bremsen
ausgerüstet  sind.  Hier  werden  sämtliche  Bremsen  des  Zuges  von  einer  Stelle  aus  bedient ­
  —  angezogen  oder  gelöst  —  und  zwar  durch  den  Lokomotivführer.  Dieser  ist  der
berufenste  Mann  dazu,  er  steht  an  der  Spitze  des  Zuges,  sieht  die  Gleisstrecke  mit  ihren
Signalen,  Steignngs-  und  Krümmungszeigern  vor  sich  und  kann  zuerst  Hindernisse  auf
der  Bahn  erblicken.  Er  kann  daher  ohne  Zeitverlust  die  Bremsen  anziehen,  was  durch
einfaches  Umlegen  eines  Handgriffs  erreicht  wird,  und  braucht  nicht  durch  die  Dampfpfeife
unnötigerweise  die  Reisenden  zu  erschrecken.
Da  Zugtrennungen  während  der  Fahrt  durch  Reißen  der  Wagenkuppelung  möglich
sind,  es  ferner  auch  im  Interesse  der  Reisenden  wünschenswert  ist,  daß  diese  in  gewissen
Fällen  den  Zug  von  ihrem  Platze  aus  zum  Halten  bringen  können,  so  verdienen  die-IX
  33
        <pb n="250" />
        258  Eisenbahnen:  Personenwagen.

jenigen  durchgehenden  Bremsen  den  Vorzug,  welche  sowohl  von  den  einzelnen  Wagen
aus  in  Thätigkeit  gesetzt  werden  können,  als  auch  namentlich  bei  Zugentgleisungen,  bei
denen  häufig  die  Schläuche  reißen,  desgleichen  bei  Zugtrennungen  oder  Beschädigungen
an  den  Bremseinrichtungen,  den  Zug  oder  seine  Teile  selbstthätig  zum  Halten  bringen
oder  die  Geschwindigkeit  mäßigen.
Die  zwei  verbreitetsten  selbstthätigen  durchgehenden  Bremsen  sind  die  Luftsaugebremse ­
  und  die  Luftdruckbremse.  Bei  beiden  Anordnungen  liegt  unter  dem  ganzen
Zuge  eine  Rohrleitung,  die  sogenannte  Hauptluftleitung.  Mit  ihr  stehen  die  am  Untergestell ­
  der  Wagen  befindlichen  Bremscylinder  in  Verbindung,  durch  deren  Kolben  die
Bremsklötze  bewegt  werden.  Von  Wagen  zu  Wagen  ist  die  Luftleitung  durch  biegsame
Gummischläuche  gebildet,  deren  äußere  Mundstücke  ein  leichtes  Kuppeln  derselben  ermöglichen ­
  (Abb.  263  u.  265).  Die  Leitung  endigt  auf  der  Lokomotive  und  steht  hier  mit
verschiedenen  Einrichtungen  in  Verbindung.  Am  letzten  Wagen  ist  ihr  Ende  durch  einen
Absperrhahn  dicht  verschlossen.  Bei  der  selbstthätigen  Luftsaugebremse  wird  in  der  ganzen
Rohrleitung  und  in  den  Bremscylindern  eine  Luftverdünnung  erzeugt  und  während  der
Fahrt  aufrecht  erhalten.  Das  Bremsen  erfolgt  durch  Einlassen  von  atmosphärischer  Luft
in  die  Leitung.  Bei  der  Luftdruckbremse  ist  das  ganze  Rohrnetz  während  der  Fahrt  mit
Preßluft  von  etwa  4  bis  5  Atmosphären  Spannung  aufgefüllt.  Das  Anziehen  der
Bremsen  erfolgt  durch  Auslassen  von  Druckluft  aus  der  Hauptleitung.
Von  selbstthätigen  Luftsaugebremsen  stehen  in  Anwendung  die  Bremse  von
Gebr.  Körting  in  Hannover,  die  aus  der  englischen  Sanders-Bremse  hervorgegangen  ist,
und  die  Hardy-Bremse,  die  die  englische  Smith-Bremse  als  Vorläufer  hat.  Die  Hardy-Bremse
  ist  die  verbreitetere  und  namentlich  in  England,  Schweden  und  Österreich  beliebt.
Einschließlich  der  nicht  selbstthätigen  Bremsanordnung,  wie  sie  zur  Zeit  auch  bei  den
Zügen  der  Berliner  Stadtbahn  in  Anwendung  ist,  sind  nach  Angabe  der  Hardy-Bremsen-Gesellschaft
  bis  Anfang  1899  52  689  Lokomotiven  und  Tender  sowie  139  619  Wagen
mit  der  Hardybremse  ausgerüstet  worden.
Zur  Erzeugung  der  Luftverdünnung  dient  ein  an  der,  Lokomotive  angebrachter  doppelter
Ejektor  (Düsenapparat).  Strömt  durch  ihn  Kesseldamps,  so  wird  die  Luft  aus  der  Hauptbremsleitnng
  und  den  Bremscylindern  abgesaugt  und  in  ihr  eine  Luftverdünnung  von  50
bis  60  cm  Quecksilbersäule  (äußerer  Luftdruck  rund  76  cm  Quecksilbersäule  im  Flachlandes
erzeugt  und  während  der  Fahrt  aufrecht  erhalten.  Für  rasche  Lustentlcernng  beim  Beginn
der  Fahrt  und  zwecks  schnellen  Lösens  wird  der  große  Ejektor  benutzt,  für  die  Aufrechterhaltung
der  Luftverdünnung  während  der  Fahrt,  die  durch  kleine  unvermeidliche  Undichtigkeiten  in  den
Rohrleitungen  und  Schlauchkuppelungen  sonst  verloren  geht,  dient  der  wenig  Dampf  gebrauchende ­
  kleine  Ejektor.  Der  Bremskolbcn  bewegt  sich  nach  Abb.  263  senkrecht  in  seinem
Cylinder  und  wird  durch  eine  um  ihn  gelegte  Gummischnnr  in  letzterem  abgedichtet.  Solange ­
  eine  Luftverdünnung  in  der  Leitung  u.  s.  w.  herrscht,  liegt  der  Kolben  infolge  seines
und  des  angehängten  Gestängegewichtes  unten.  Öffnet  der  Lokomotivführer  aber  die  Bremsklappe, ­
  oder  zerreißen  die  Gummischläuche  bei  einer  Zugtrennung,  oder  setzt  ein  Reisender
vom  Wagen  aus  die  Bremse  in  Thätigkeit,  indeni  er  eine  kleine  Glasscheibe  vor  der
Mündung  eines  Abzweigrohres  der  Luftleitung  zertrümmert,  so  dringt  die  atmosphärische  Luft
mit  großer  Geschwindigkeit  (etwa  250  m  in  der  Sekunde)  in  die  Leitung  und  unter  die  Kolben,
diese  steigen  infolge  des  Überdruckes  hoch  und  ziehen  die  Bremsklötze  an.
Das  in  Abb.  263  unten  am  Cylinder  bei  V  sichtbare  Kugelventil  dient  dazu,  während
des  Bremsens  den  luftverdünnten  Raum  über  dem  Kolben  von  der  Leitung  abzuschließen,
so  daß  die  Außenluft  mit  ihrem  vollen  Überdruck  ans  den  Kolben  wirken  kann.  Bauart  und
Bedienung  dieser  Bremse  sind  einfach.
Die  Wirkung  erfolgt  schnell,  vom  Augenblick  des  Klappcnösfnens  bis  zum  Anpressen
der  Bremsklötze  am  20.  Wagen  vergeht  nur  eine  geringe  Zahl  von  Sekunden.
Ein  Vergleich  dieser  kurzen  Zeit,  die  bei  der  Westinghouse-Lustdruckbremse  noch  erheblich
kürzer  ausfällt,  mit  derjenigen  beim  Handbremsen,  läßt  ohne  weiteres  den  gewaltigen  Fortschritt ­
  ans  diesem  Gebiete  erkennen.  —  Blitzzüge  ohne  durchgehende  Bremse  zu  fahren,  wäre
eine  höchst  bedenkliche  Sache,  ebenso  wie  Stadtbahnzüge  mit  ihren  vielen  Haltestationen  und
ihrer  dichten  Zugfolge.
Ein  noch  größeres  Verwendungsgebiet  haben  die  Luftdruckbremsen  gefunden.
Die  erste  Luftdruckbremse  wurde  1869  von  G.  Westinghouse  in  Pittsburg  erdacht.
Sie  war  zunächst  eine  nicht  selbstthätige  Bremse,  wurde  aber  bereits  1871  von  demselben
Erfinder  in  eine  selbstthätige  umgewandelt  und  von  ihm  sodann  Mitte  der  80  er  Jahre
        <pb n="251" />
        Lustdruckbremsen.

259

zu  der  heute  weit  verbreiteten  Schnellbremse  vervollkommnet.  Aus  der  Westinghouse-Bremse
  haben  Steele  und  Carpenter  ihre  Bremsen  abgeleitet.  Die  Carpenterbremse  gelangte ­
  1882  auf  den  preußischen  Staatsbahnen  zur  Einführung.  Einfach  im  Bau  und
leicht  verständlich  für  das  Bedienungspersonal,  hat  sie  sich  für  kürzere  Züge  im  allgemeinen
bewährt.  Bei  längeren  Zügen  wirkt  sie  jedoch  zu  langsam,  da  die  gesamte  Preßluft  ans
der  Rohrleitung  und  einem  Teile  jedes  Bremscylinders  abgelassen  werden  muß,  bevor
die  Bremsklötze  mit  ihrem  größten  Druck  anliegen.  —  Zahlreiche  Versuche  in  Amerika,
Baden  n.  s.  w.  hatten  aber  mittlerweile  die  Überlegenheit  der  Westinghouse-Schnellbremse
klargelegt.  Die  preußische  Staatsbahnverwaltung  nahm  deshalb  nach  eingehender
Prüfung  im  Jahre  1891  diese  Bremse  an  unter  endgültiger  Beseitigung  der  Carpenterbremse. ­
  Die  Wirkung  der  Schnellbremse  ist  eine  außerordentlich  schnelle.  Bei  20  Wagen
kommen  die  Bremsklötze  des  letzten  Wagens  bereits  in  einer  Sekunde  nach  Ingangsetzung
der  Bremse  zum  Anliegen,  bei  50  Wagen,  entsprechend  einer  Zuglänge  von  600  ra,  nach
zwei  Sekunden.
Wie  bei  allen  Luftdruckbremsen  wird  auch  hier  die  Druckluft  mittels  einer  durch
Dampf  getriebenen  Luftpumpe  auf  der  Lokomotive  erzeugt  und  in  einem  an  letzterer
angebrachten,  etwa  400  1  großen  Hauptluftbehälter  aufgespeichert ­
  (Abb.  264).  Außerdem  ist  das  ganze  Rohrnetz ­
  am  Zuge  nebst  allen  Hilfsluftbehältern  damit  anfgesüllt.
  Die  Hauptleitung  steht  an  der  Lokomotive
durch  ein  Bremsventil  entweder  mit  diesem  Luftbehälter
oder  mit  der  freien  Luft  in  Verbindung  oder  ist  endlich

I.  Kupplungs-Schlauch.
IL  Normal-Kupplung.
EL  Hauptrohrleitung.
TV  Cylinderschlauch.
31.  Kugelventil.
3EL  Brems-Cylinder.

263.  Anordnung  des  Aardy-Arrmsrglinders  und  der  Kuppelung  der  Aanptlustleitnng  an  Magen.

gegen  Behälter  und  Außenluft  abgesperrt.  In  ersterem  Falle  bleibt  die  ganze  Leitung
aufgefüllt  und  die  Bremsen  sind  gelöst,  im  zweiten  Falle  entweicht  aus  ihr  Preßluft  und
die  Bremsen  werden  angezogen  und  zwar  je  nach  der  Menge  der  abgelassenen  Luft  mit
größerem  oder  geringerem  Drucke.  Eine  Verminderung  des  Leitungsdruckes  um  etwa
eine  Atmosphäre  sichert  bereits  den  stärksten  Bremsdruck.  Die  Bremse  ist  wie  die  vorige
leicht  regulierbar,  was  ja  für  die  Fahrten  auf  längeren  Gefällstrecken  wichtig  ist.

Abb.  264  zeigt  die  allgemeine  Anordnung  der  Westinghouse-Schnellbremse  an  der  Lokomotive, ­
  Abb.  265  diejenige  an  den  Wagen.
Bei  der  Luftpumpe  bezeichnet  A  den  Dampf-,  li  den  Luftcvlinder.  Oben  auf  A  sitzt
das  von  der  gemeinsamen  Kolbenstange  beeinflußte  Umstcnerventil,  das  den  Kesseldampf  abwechselnd ­
  über  und  unter  den  Dampskolben  treten  läßt.  Mit  letzterem  bewegt  sich  gleichzeitig
der  Luftkolben  auf  und  ab,  um  durch  zwei  in  der  Abbildung  sichtbare  Ventile  Luft  anzusaugen,
sie  zu  verdichten  und  durch  zwei  andere  Ventile  in  den  Sammelbehälter  zu  drücken.  Beim
Bremsen  tritt  Druckluft  aus  den  Hilfslnftbehältern  u.  s.  w.  in  die  Bremschlinder  und  treibt
deren  Kolben  vor,  die  ihrerseits  durch  ein  Gestänge  die  Bremsklötze  gegen  die  Räder  pressen.
Beim  Lösen  der  Bremse  steuern  die  Funktionsventile  (Abb.  265)  um,  die  Hilfsluftbehälter  u.s.w.
werden  wieder  mit  Drucklust  aus  dem  Hauptbehälter  gefüllt,  dagegen  die  Breinscylinder  mit
der  Außenluft  verbunden  und  dadurch  drnckfrei  gemacht.  Eine  Feder  preßt  alsdann  die
Bremskolben  in  ihre  Ruhelage  zurück.  ^
Die  Schnellbremse  gestattet  nun  eine  doppelte  Art  des  Bremsens.  Wird  durch  teilweves
öffnen  des  Brcmsventiles  Druckluft  aus  der  Leitung  ausgelassen,  so  wird  der  in  den  puss-33*
        <pb n="252" />
        260

Eisenbahnen:  Personenwagen.

lustbehältern  aufgespeicherte  Lustvorrat  zum  Teil  in  die  Bremscylinder  geschickt  und  zum
Bremsen  verwertet.  Es  tritt  dann  die  sogenannte  Betriebsbremsnng  ein,  wie  sie  für  gewöhnlich ­
  den  Lauf  der  Züge  regelt.  Liegt  aber  Gefahr  vor  und  soll  der  Zug  möglichst  schnell
zum  Halten  kommen,  so  öffnet  der  Lokomotivführer  mit  schnellem  Ruck  das  ganze  Bremsventil. ­
  Jetzt  dringt  nicht  nur  die  Hilfsbehülterluft  in  die  Bremscplinder  ein,  sondern  infolge
der  nun  in  den  Funktionsventilen  vor  sich  gehenden  größeren  Bewegungen  der  Steuerteile
auch  ein  Teil  der  Leitungslnft.  Dadurch  wird  aber  sowohl  die  Bremskraft  erhöht,  als  auch
namentlich  die  Bremswirkung  ungemein  rasch  durch  den  ganzen  Zug  fortgepflanzt.  Von  der
Lokomotive  ans  gerechnet  wird  jedes  folgende  Funktionsventil  durch  die  Druckverminderung
am  vorhergehenden  umgesteuert,  so  daß  an  jedem  Wagen  Luft  aus  der  Leitung  in  den  Bremscylinder ­
  übertritt.  Wie  erwähnt,  vergehen  bei  den  längsten  Zügen  (50  Wagen)  nur  zwei
Sekunden  zwischen  dem  Anliegen  der  Klötze  am  ersten  und  letzten  Wagen.  Diese  winzig
kleine  Zeit  kennzeichnet  wohl  zur  Genüge  die  Bedeutung  der  genialen  Erfindung  Westinghouses
  für  den  modernen  Zugverkehr.

Luftpumpe.

Luftdruckmesser.

Abdampf

Frischdampf

Bremsventil-Luftbehälter.


Hauptluftbehälter.

264.  Mestinghonse-SchnrUkrernfe:  Teile  für  die  Lokomotive.

Reißt  ein  mit  der  selbstthätigen  Luftdruckbremse  ausgestatteter  Zug  in  mehrere  Teile,  so
wird  jeder  für  sich  infolge  der  entweichenden  Leitungsluft  sofort  gebremst.  Jeder  Reisende
kann  von  seinem  Abteil  aus  die  Bremse  in  Thätigkeit  setzen.  Durch  Ziehen  eines  an  der
Wagendecke  befindlichen  Griffes  wird  ein  Verschlußhahn  i»  der  Luftleitung  geöffnet,  durch  den
dann  die  Luft  ins  Freie  entweicht.  Der  Handgriff  ist  gegen  Mißbrauch  durch  eine  Schnur
mit  Bleisiegel  gesichert.  Ist  er  gezogen,  so  verbleibt  er  in  dieser  leicht  erkennbaren  Stellung,
bis  der  Hahn  durch  den  Zugbeamten  geschlossen  wird,  was  nur  von  der  Außenseite  des
Wagens  ans  möglich  ist.
Sämtliche  Hauptbahnen  Deutschlands  benutzen  die  Bremse  bereits  oder  werden
damit  zur  Zeit  ausgestattet,  in  Nordamerika  und  Rußland  steht  sie  auch  bei  vielen  Güterzügen ­
  in  Benutzung.  Bis  Anfang  1899  waren  58  252  Lokomotiven  und  969  043  Wagen
mit  ihr  ausgerüstet,  darunter  befanden  sich  nur  2787  Lokomotiven  und  9796  Wagen  mit
der  älteren,  nicht  selbstthätigen  Westinghouse-Bremse.
Die  Luftsaugebremse  ist  zwar  einfacherer  Bauart,  aber  ihr  Betriebsdruck  kann  immer
nur  kleiner  sein  als  die  Pressung  unserer  Atmosphäre,  daher  sie  auch  Niederdrnckbremse
genannt  wird.  Infolgedessen  erfordern  schwere  Wagen  große,  oft  auch  mehrere  Bremscylinder. ­
  —  Dahingegen  arbeitet  die  Luftdruckbremse  mit  fünf-  bis  achtmal  so  hohem
        <pb n="253" />
        Reibungsbremse.  261
Drucke  (Hochdruckbremse),  ermöglicht  also  kleine  und  deshalb  bequemer  unterzubringende
Bremscylinder.
Es  sind  noch  verschiedene  andere  Bauarten  von  durchgehenden,  selbstthätigen  Hoch-  und
Niederdruckbremsen  im  Gebrauch,  so  die  Schleifer-,  Wenger-,  Eames-Bremsc  u.  s.  w.
Auch  durchgehende  Dampfbremsen  sind  vereinzelt  in  Benutzung,  wie  auf  der  Bisp-Zermatter
und  der  Brünigbahn  (S.  135  u.  136),  stehen  aber  den  vorgenannten  Luftbremsen  nach,
erzeugen  auch,  in  Thätigkeit  gesetzt,  ein  höchst  unangenehmes  Geräusch  und  Erzittern  der
Wagengestelle.
Da  beim  Bremsen  die  lebendige  Kraft  des  Zuges  vernichtet  werden  muß,  so  ist  es
ein  nahe  liegender  Gedanke,  diese  selbst  zur  Erzeugung  der  Bremskraft  auszunutzen.
Heberlein  hat  dieses  bei  seiner  selbstthätigen,  durchgehenden  Reibungsbremse  gethan.
Sie  ist  angewendet  u.  a.  auf  den  Nebenbahnen  Preußens,  auf  der  Berliner  Militärbahn,

265.  Wrftuiglionsr-Schiiclllu'ruife:  Teile  für  Tender  und  Mngrn.

in  Venezuela  u.  s.  w.  Die  der  Bauart  anhaftenden  Nachteile  werden  ihr  auf  Hauptbahnen ­
  keinen  Eingang  verschaffen,  ebensowenig  der  von  Schmidt  u.  a.  verbesserten
Reibungsbremse.
Verschiedentlich  hat  man  sich  bemüht,  elektrisch  zu  bethätigende  Bremsen  für  Dampfbahnen ­
  zu  ersinnen,  bis  jetzt  aber  ohne  durchgreifenden  Erfolg.
Güterwagen.
Bis  in  die  40  er  Jahre  wurden  die  Güterwagen,  wie  schon  erwähnt,  nur  als  zweiachsige ­
  offene  Wagen  mit  niedrigen  Seitenwänden  gebaut.  Diese  englische  Anordnung
hatte  bei  allen  anderen  europäischen  Bahnen  allgemeinen  Eingang  gefunden.  Die  Bauart ­
  war  derb  und  roh,  ohne  elastische  Stoß-  und  Zugvorrichtungen.  Allmählich  schenkte
man  mit  zunehmendem  Verkehre  auch  diesen  bis  dahin  stiefmütterlich  behandelten  Fahrzeugen ­
  mehr  Aufmerksamkeit  in  der  Bauart  und  größere  Sorgfalt  in  der  Herstellung.
In  Deutschland  machte  sich  für  viele  Güter  wegen  der  damaligen  zahlreichen  Zollgrenzen, ­
  die  verschließbare  Wagen  bedingten,  auch  wegen  der  langen  Versandstreckeu
(Regen  u.  s.  w.)  die  Einstellung  allseitig  geschlossener  Wagenkasten  (mit  seitlichen  Schrebethüren)
  notwendig.
        <pb n="254" />
        262  Eisenbahnen:  Güterwagen.

Wir  finden  heutigestags  ans  den  festländischen  Bahnen  die  Zahl  der  gedeckten  Wagen
im  Verhältnis  zu  den  offenen  wesentlich  größer  als  in  England.  Während  z.  B.  in
Deutschland  und  Frankreich  durchschnittlich  auf  zwei  offene  Güterwagen  ein  bedeckter  entfällt, ­
  kommt  in  England  ein  solcher  ans  je  dreizehn  offene  Wagen.  In  letzterem  Lande
sind  jedoch,  infolge  seiner  natürlichen  Gestaltung  und  Ausdehnung,  die  Fahrstrecken  kürzer
als  bei  uns,  auch  werden  die  Güterzüge  mit  wesentlich  größerer  Durchschnittsgeschwindigkeit ­
  gefahren  als  auf  dem  Festlande.  Ferner  sind  die  englischen  Güterschuppen  mit  mechanisch
bewegten  Hebezeugen  in  reichstem  Maße  ausgestattet,  so  daß  das  Be-  und  Entladen  der
Wagen  in  sehr  kurzer  Zeit  vor  sich  geht.  Derartige  Hebekräne  können  aber  bei  bedeckten
Wagen  nur  unvollkommen  ausgenutzt  werden.  Wir  sehen  deshalb  auch  in  den  festländischen
Güterschuppen  das  Ladegeschäft  vorwiegend  mit  der  Sackkarre  bewältigt.  Im  Güterverkehre ­
  steht  England  unübertroffen  da  und  kann,  was  Schnelligkeit  des  Transportes
und  des  Verfrachtens  einschließlich  Gestellens  an  die  Empfänger  betrifft,  als  glänzendes
Vorbild  allen  anderen  Eisenbahnländern  dienen.  Seine  Frachtsätze  sind  allerdings  auch
höher  als  bei  uns,  aber  der  erzielte  Zeitgewinn  im  Güterumschläge  und  die  bessere  Wagenausnutzung ­
  sind  schwerwiegende  Vorzüge.
In  Amerika  haben  sich  aus  früher  schon  dargelegten  Gründen  von  Anfang  an  Drehgestellwagen ­
  Eingang  verschafft.  Auch  dort  werden  die  bedeckten  Wagen  in  großer  Zahl
benutzt.  Der  Güterverkehr  spielt  sich  ähnlich  wie  in  Deutschland  ab,  d.h.  es  werden  lange
Güterzüge  mit  geringer  Geschwindigkeit  gefahren,  um  die  Lokomotiven  wirtschaftlich  voll
auszunutzen.  Es  ist  aber  nicht  gerechtfertigt,  nur  die  wirtschaftliche  Seite  der  Lokomotivmaschine
  im  Güterverkehre  als  allein  ausschlaggebend  hinzustellen.
Güterwagen  erfahren  im  Betriebe  eine  andere  Behandlung  als  Personenwagen.
Nach  ihrer  Beladung  werden  sie  auf  den  Güterbahnhöfen  zu  Zügen  zusammengestellt,
unterwegs  ans  den  Abzweigstationen  in  andere  Züge  eingestellt  und  auf  den  Empfangsstationen ­
  wieder  den  Entladestellen  zugeführt.  Dieses  Umsetzen  vollzieht  sich  im  Rangieroder ­
  Verschiebedienst.  Je  schwerer  eine  ans  Einzelteilen  bestehende  Wagenladung  ist,
desto  sorgfältiger  muß  sie  im  allgemeinen  verladen  und  desto  vorsichtiger  und  langsamer
muß  sie  beim  Rangieren  behandelt  werden,  damit  bei  starkem,  plötzlichem  Bremsen  oder
beim  Ausstößen  ans  andere  Wagen  ein  Verschieben  der  Last  im  Wagen  und  ein  Beschädigen
derselben  oder  des  Wagens  vermieden  wird.  Dazu  kommt  die  Rücksicht  auf  ein  Bewegen
der  beladenen  Wagen  an  ihrer  Be-  und  Entladestelle  durch  Pferde  oder  Menschen.  Deshalb
werden  allgemein  nur  verhältnismäßig  kleine  Nutzlasten  zugelassen  und  zwar  10  000  bis
15  000  kg.  Fiir  Sonderzwecke  (Kessel,  Schienen,  Walzeisen)  kommen  auch  bei  uns  Wagen
mit  30  000  kg  Ladegewicht  vor  (Abb.  266).  In  Amerika  hat  man  für  Massengüter
(Kohle,  Erze  u.  s.  w.)  Wagen  mit  27  000  kg  und  mehr,  seit  1898  auch  mit  50  000  kg
Tragkraft  und  bis  72  cbm  Fassungsraum  gebaut,  in  England  für  Dampfkessel,  Panzerplatten ­
  u.  s.w.  solche  bis  zu  50000  kg,  während  die  gewöhnlichen  englischen  Güterwagen
einschließlich  der  Erz-  und  Kohlenwagen  meistens  weniger  als  10  000  kg  Ladung  aufnehmen.
Derartige  große  Lasten  erfordern  natürlich  Drehgestelle.  Nach  den  bestehenden  Vorschriften
ist  auf  den  Bahnen  des  Vereins  Deutscher  Eisenbahn-Verwaltungen  für  Wagen  kein  größerer
Raddruck  als  wie  7000  kg  zugelassen.  Durch  Eiuführung  der  Lenkachsen  und  Drehgestelle
hat  man  den  Bau  langer  Wagen  mit  leichtem,  ruhigem  Laufe  ermöglicht.  Die  fortschreitende
Entwickelung  der  Güterwagen  bis  auf  die  Neuzeit  lassen  die  Abb.  267  und  268,  die  der
oben  angezogenen  englischen  Quelle  entnommen  sind,  erkennen.  Sie  zeigen  uns  zwar  nur
die  Muster  der  englischen  Midland-Bahn,  aber  ein  ähnlicher  Übergang  vom  Kleinen  zum
Großen  und  vom  roh  Gefügten  znm  besser  Durchdachten  hat  sich  überall  vollzogen.
Mannigfaltig  ist  die  Bauart  der  Güterwagen.  Die  verschiedenen  Arten  von  Frachtgut ­
  haben  eine  große  Buntscheckigkeit  erzeugt.  Abgesehen  von  den  beiden  schon  genannten
Hauptklassen,  bedeckte  und  offene  Güterwagen,  haben  wir  noch  die  Unterscheidung  in  allgemeine ­
  und  Spezialwagen  zu  treffen.  Die  ersteren  sind,  bedeckt  oder  offen,  ohne
besondere  Einrichtungen  für  das  gewöhnlich  zu  verfrachtende  Gut,  dagegen  meistens  auch
für  den  Militärtransport  vorgesehen,  bedeckte  Wagen  für  Mannschaften  und  Pferde,  offene
für  Geschütze,  Fuhrwerke,  Munition  u.  s.  w.
        <pb n="255" />
        263

Wagen  für  Sonderzwecke.

Der  bedeckte  Normalwagen  der  preußischen  Staatsbahnen,  der  namentlich  im  Stückgutsverkehr, ­
  sowie  für  Mehl-  und  Zuckersendungen,  Düngermittel  u.  s.  w.  Verwendung
findet,  ist  allgemein  bekannt.  Er  findet  auch  für  Militärtransporte  Verwendung  und
kann  6  Pferde  oder  48  Mann  fassen.  Für  letztere  werden  die  sogenannten  Militärbänke ­
  eingebracht,  desgleichen  Tornisterbretter  und  Deckenlaternen.  Der  offene  deutsche
Güterwagen,  wie  er  für  Kohlen,  Zuckerrüben  u.  s.  w.  benutzt  wird,  bietet  nichts  besonders
Bemerkenswertes.  Dagegen  zeigt  der  amerikanische  Kohlenwagen  eine  völlig  abweichende
Bauart.  Um  beim  Entladen  Zeit  und  Kosten  zu  sparen,  ist  sein  Boden  mit  großen
Klappen  versehen,  durch  die  die  Kohlen  von  einem  erhöht  liegenden  Ladegleise  abgestürzt
werden.  Manche  Bahnverwaltungen  Nordamerikas  legen  außerdem  noch  die  Bodenfläche
von  den  Wagenenden  nach  der  Mitte  hin  geneigt  an,  so  daß  das  selbstthätige  Entladen
noch  mehr  beschleunigt  wird.
In  Deutschland  hat  Talbot-Aachen  Mitte  der  90er  Jahre  „Selbstentlader"  für
5000  bis  15  000  kg  Ladung  mit  Erfolg  eingeführt.  Diese  ganz  aus  Eisen  hergestellten
Wagen  werden  für  jegliche  Spurweite  gebaut.  Ihr  hochliegender  Kasten  hat  nach
Abb.  269  dreieckförmigen  Querschnitt.  Im  unteren  Teile  der  sehr  schrägen  Seitenwände
befinden  sich  Klappen,  die  sich  unter  dem  Druck  der  Ladung  nach  außen  öffnen,  sobald
ein  an  den  Stirnenden  sitzender  Hebelverschluß  sie  freigibt.  Damit  das  Frachtgut  genügend ­
  weit  vom  Gleis  abstürzt,  sind  unterhalb  der  Klappen  unter  35  bis  45"  geneigte

Leitbleche  angebracht.  Die  Entladung  geht  ungemein  rasch  von  statten  und  erfolgt  entweder ­
  gleichzeitig  nach  beiden  Seiten  oder  nur  nach  einer  Seite.  Ein  Wagen  mit
15  000  kg  Ladung  erfordert  zur  Entleerung  nur  3  bis  4  Minuten  bei  zwei  Mann  Bedienung. ­
  Die  „Selbstentlader"  ermöglichen  daher  eine  gute  Ausnutzung  und  bieten  für
die  chemische  und  Eisen-Industrie,  in  der  sie  schon  vielfach  Verwendung  finden,  beachtenswerte ­
  Vorteile  gegenüber  den  Wagen  gewöhnlicher  Bauart.
Als  die  wichtigeren  Spezialwagen  sind  zu  nennen  unter  den  offenen  Wagen:
Koks-,  Stroh-,  Langholz-,  Spiegel-,  Dampfkessel-,  Geschütz-,  Plattformwagen  für  Schienen,
Walzeisen  und  dergleichen,  Säurewagen  u.  s.  w.,  unter  den  gedeckten  Wagen:  Viehwagen ­
  für  Kleinvieh,  für  Großvieh,  für  Luxuspferde  und  für  Hunde  (England),  Fischwagen ­
  (lebende  Fische),  Fleisch-,  Milch-,  geheizte  Wagen  (Wein,  Südfrüchte),  Kühl-,  Bier-,
Gemüse-  (Obst),  Kalkwagen  u.  s.  w.  Alle  diese  vielen  Bauarten  zeigen  eigenartige,  durch
die  Art,  Form  und  Ausdehnung  des  Versandgntes  bedingte  Abweichungen.  Abb.  270
zeigt  den  32rädrigen  Geschützwagen  von  Krupp,  auf  welchem  die  gewaltigen  Riesengeschütze
von  Essen  nach  dem  Schießplätze  bei  Meppen  und  von  da  nach  den  Küstenforts  befördert
werden.  Das  Eigengewicht  des  aus  vier  achträdrigen  Drehgestellen  gebildeten  Wagens
beträgt  80  800  kg,  die  größte  Ladelast  ist  auf  140  000  kg  bemessen,  das  bedingt  bei
7000  kg  Raddruck  32  Räder.  Je  zwei  Drehgestelle  sind  durch  einen  Zwischenträger
vereinigt,  der  an  den  Enden  auf  beiden  Mittelzapfen  ausruht,  während  sich  auf  die  Zwischenträger ­
  wiederum  das  große  15,8  in  lange  Rohrlager  stützt.  Infolge  dieser  Lastübertragung ­
  schmiegen  sich  die  Räder  trotz  der  Gesamtlänge  von  26,s  in  dieses  Fahrzeuges
und  eines  Radstandes  von  24  m  gut  den  Gleiskrümmungen  an  und  bleibt  ihre  Belastung
unveränderlich.  Das  schwerste  Geschützrohr,  welches  bis  jetzt  auf  diesem  Wagen  verfrachtet ­
  worden  ist,  wog  122  400  kg,  hatte  42  cm  Bohrung  und  war  14  m  lang.
        <pb n="256" />
        TT

Offener  Güterwagen.  1844.

'0  CT
Holztransvortwagen.  i860.

Viekwagen,  1851.

Kesselwagen  für  20  000  kg  Last.  1861.

Kesselwagen  für  40  000  kg  Last.  1864.

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-—-fe=



  -  —„  -  -----  ±

rM

Tr  T7

Offener  Güterwagen.  1897.

267.  Englische  Guterwagen  1844  dis  1897,
        <pb n="257" />
        IX  34
        <pb n="258" />
        266  Eisenbahnen:  Güterwagen.

Unter  den  Spezialwagen  verdienen  namentlich  die  Fischwagen,  Kühl-  und  geheizten
Wagen  besondere  Erwähnung.  Erstere  dienen  zum  Versande  lebender  Fische.  Sie  sind  mit
großen  Wasserbottichen  für  deren  Ausnahme  versehen.  Im  Sommer  werden  zur  Wasserkühlung
Eisstücke  eingefüllt.  Bei  einer  aus  Schweden  herrührenden  Anordnung  (Abb.  271)  entnimmt
eine  in  der  Wagenmitte  befindliche  und  von  einer  Wagenachse  (auch  von  Hand)  angetriebene
Pumpe  den  Bottichen  (unten)  das  Wasser,  preßt  es  zwecks  Reinigung  von  Fischschleim  u  s.  w.
durch  ein  Filter  und  oben  in  die  Bottiche  zurück.  Das  erforderliche  Eis  wird  in  vier  neben
dem  Filter  untergebrachten  Behältern  mitgeführt.  Der  Wagen  hat  sich  bewährt.
In  England,  wo  der  Verbrauch  an  Seefischen  ein  sehr  großer  ist,  sind  besondere  Züge
für  den  Versand  eingerichtet.  Von  Holyhead,  einem  Hauptversandplatze  hierfür,  laufen  solche
bis  nach  London,  woselbst  sie  unter  anderem  auch  mittels  der  Untergrundbahn  zur  Nachtzeit
in  die  große  Fischhalle  neben  Smithfield-Markt  geschafft  werden.  Die  Nordwestbahn  hat  in

269.  Talüats  Güterwagen  für  Kahle,  Gr;  n.  f.  w.  mit  Kelüstentladnng.

270.  Kruppscher  Grfchützwagen  mit  32  Nädern.

jenem  Hasen  eine  135  m  lange  und  15  m  breite  mit  Kränen  ausgestattete  Ladebühne  eigens
für  den  Fischversand  errichtet,  deren  Einrichtungen  ein  ungemein  schnelles  Verladen  großer
Fischmengen  aus  den  Schiffen  in  zwei  nebeneinander  ausgestellte  Züge  gestatten.  Sobald  der
letzte  Wagen  seine  Last  erhalten  hat,  dampft  der  Zug  sofort  in  beschleunigter  Fahrt  seinem
Bestimmungsorte  zu.  Nirgends  erhält  man  auch  wohl  so  allgemein  einen  vorzüglich  mundenden ­
  Seefisch  wie  in  den  englischen  Hotels.
Zum  Transporte  von  geschlachtetem  Vieh  dienen  in  Amerika  zahlreiche  Kühlwagen. ­
  Durch  eine  sorgfältige  Bauart  (doppelte  Wände  und  Fußböden)  und  durch  Eis
wird  im  Wageninneren  zur  Sommerzeit  eine  Temperatur  von  -s-  4  bis  5  °  0.  erzeugt.
Die  großen  Fleischfirmen  jenes  Landes,  wie  die  Armour  Co.  in  Chicago,  kaufen  im
Westen  das  billige  Vieh,  schlachten  es  in  Chicago,  Kansas  City  in  ihren  Riesenschlachthäusern ­
  und  versenden  in  eigenen  Kühlwagen  das  Fleisch  nach  den  großen  Städten  im
Osten.  Auch  die  größeren  Bahngesellschaften  besitzen  zahlreiche  derartige  Wagen.  Damit
die  Fleischstücke  auf  den  langen  Fahrten  nach  New  Jork  u.  s.  w.  nicht  durch  Schütteln  und
        <pb n="259" />
        B  B  Fischbottiche,  E  Eisbehälter,  A  Antriebsscheibe  auf  der  Radachse,  R  Riemenscheibe  auf  der  Zwischenwelle  V,  F  Filter,  W  Wafserpumpe,  L  Luftpumpe,  K  K  Handkurbeln  für  die  Pumpen,  2  Füllhahn.

273.  Längenschnitt.  273  u.  274.  Srr;umgrn.  274.  Querschnitt.
A  Außenwand,  J  Innenwand,  L  Luftschicht  zwischen  beiden,  F  innerer  Wagenkasten,  D  Zwischenraum  für  die  warme  Luft,  8  Schlackenwolle,  0  Ofen  für  Erdöl,  B  Oelbehälter  mit  Zeigervorrichtung  2,  R  Zuflußregler,  N  Rohr
für  die  Verbrennungsgase,  w  Saugkopf  für  schlechte  Luft,  L  Saugkopf  für  frische  Luft,  Ta  äußere  Thür,  Ti  innere  Thür.
        <pb n="260" />
        268

Eisenbahnen:  Güterwagen.
Aneinanderschlagen  schlecht  werden,  sind  die  Drehgestelle  dieser  Wagen  meist  mit  der  ein
sanftes  Fahren  ermöglichenden  Wiege,  also  wie  bei  besseren  Personenwagen,  ausgestattet.
Noch  vollkommener  in  der  Bauart  sind  die  von  Eastman  erfundenen,  dem  Versande
von  zarten  Früchten,  Gemüsen  u.s.w.  dienenden  Heizwagen,  wie  sie  in  Amerika  in
größerer  Zahl  laufen.  Der  ganze  Wagenkasten  ist  doppelwandig  hergestellt.  In  ihm  ist  ein
zweiter,  oben  offener  Holzkasten  aufgebaut,  der  die  Ladung  aufnimmt.  Sein  Fußboden
steht  etwas  von  dem  des  Wagenkastens  ab,  damit  durch  den  Luftumlauf  ein  Verderben
der  Ladung  durch  unmittelbare  Erwärmung  des  Fußbodens  vermieden  wird.  Ein  durch
Erdöl  gespeister  Ofen  unterhalb  des  Wagens  liefert  die  nötige  Wärme,  die  durch  zwei
auf  dem  Wagendache  angebrachte  Luftsauger  geregelt  wird.  Der  Ölbehälter  von  250  I
Inhalt  kann  etwa  14  Tage  lang  den  Ofen  versorgen,  so  daß  die  Ladung  selbst  beim
Steckenbleiben  des  Zuges  im  Schnee  nicht  verderben  kann.  Eine  besondere  Vorrichtung
regelt  den  Ölzufluß.  Eine  Tagesheizung  erfordert  etwa  18  1  Öl.  Abb.  273  gibt  den
Längsschnitt,  Abb.  274  den  Querschnitt  eines  solchen  Wagens  wieder.  Im  Sommer
finden  diese  Wagen  als  Kühlwagen  Verwendung.  Das  Eis  wird  in  besonderen  Behältern
eingebracht.  Man  hat  neuerdings  auch  auf  den  preußischen  Staatsbahnen  versuchsweise  geheizte ­
  Güterwagen  eingestellt  (für  Wein,  Früchte).  Da  sie  aber  wenig  benutzt  wurden,  ist
die  Heizeinrichtung  wieder ­
  entfernt  worden.
Wie  Abb.  274
zeigt,  haben  die  amerikanischen ­
  Güterwagen-Dächer
  die  Form  eines
flachen  Satteldaches,
während  sie  bei  uns  gebogen ­
  sind.  Im  First
ist  in  ganzer  Länge  ein
Laufbrett  (ohne  Geländer) ­
  befestigt,  das
den  amerikanischen
Bremsern  während  der
Fahrt  (!)  als  Übergang ­
  von  einem  Wagen
27b.  Gußeistirrad.  zum  anderen  dient,
um  nacheinander  die
einzelnen  Handbremsen  bedienen  zu  können,  ein  Verfahren,  das  ob  seiner  Gefährlichkeit
bei  uns  mit  Recht  nicht  gestattet  sein  würde.
Einzelheiten.  Einige  der  wichtigeren,  allen  Wagen  gemeinsamen  Bestandteile
seien  nachstehend  kurz  erörtert.
Räder.  Die  Räder,  anfangs  in  gewöhnlicher  Weise  aus  Holz  mit  Eiseubeschlag
oder  aus  Gußeisen  hergestellt,  werden  jetzt  meistens  aus  Schmiedeisen,  Flußstahl,  für
Personenwagen  auch  aus  Holz  oder  Papier  gefertigt  und  mit  besonderen  Laufreifen  aus
hartem,  zähem  Flußstahl  versehen.  Gußeiserne  Räder  mit  besonders  harten  Laufflächen
(Hartgußräder),  also  ohne  besondere  Radreifen,  werden  zur  Zeit  in  Amerika  und  Österreich-Ungarn ­
  auch  vielfach  noch  unter  Personenwagen  verwendet,  häufiger  noch  unter
Güterwagen.  In  Deutschland  sind  sie  endgültig  aufgegeben,  da  sie  sich  hier  nicht  betriebssicher ­
  genug  erwiesen.  Abb.  275  zeigt  zwei  verschiedene  doppelwandige  Räder  aus
Gußeisen,  Abb.  276  ein  schmiedeisernes,  Abb.  277  ein  hölzernes  und  Abb.  278  ein
Papierrad.  Räder  nach  Abb.  276  heißen  Speichenräder,  nach  Abb.  275,  277  u.  278
Scheibenräder.  Die  Speichenräder  wurden  1830  von  Soft),  dem  S.  151  genannten
Freunde  Stephensons,  erfunden  und  ihm  patentiert.  Sie  sind  heute  noch,  wenn  auch  in
den  Einzelheiten  und  in  dem  Herstellungsverfahren  durch  Arbel  (Frankreich),  Brunon
und  viele  andere  abgeändert  und  verbessert,  die  verbreitetsten  Eisenbahnräder.  Im
Gebiete  des  Vereins  Deutscher  Eisenbahn-Verwaltungen  machen  sie  über  80°/ 0  der
        <pb n="261" />
        269

Räder  und  Radreifen.

Gesamtzahl  aus.  Die  Papierräder,  erfunden  von  Allen,  stammen  aus  Amerika,  woselbst
sie  unter  allen  besseren  Wagen  laufen.  Die  Papierscheibe  (Abb.  277)  wird  aus  56  Pappbogen ­
  zusammengeleimt,  scharf  getrocknet  und  gepreßt.  Sie  ist  so  hart,  daß  sie  wie  das
Eisen  auf  Maschinen  abgedreht  werden  kann.  Die  Verbindungsschrauben  werden  durch
Dampfhämmer  eingetrieben.  Bei  uns  haben  sich  diese  Räder  nicht  bewährt,  ebensowenig
wie  die  in  England  viel  benutzten  Holzscheibenräder  (Abb.  278),  nach  ihrem  Erfinder
Mansell-Räder  genannt.  Diese  trockneten  ein,  die  Schrauben  lockerten  sich  und  der
Bestand  des  Rades  war  gefährdet.  Bei  sorgfältiger  Herstellung  besitzen  sie  gleich  den
Papierrädern  eine  größere  Elastizität  als  die  Eisenräder,  infolgedessen  fährt  es  sich  auf
ihnen  weicher,  auch  dröhnen  sie  nicht  wie  letztere.  Vielfach  sind  auch  geschmiedete  und
gewalzte  Scheibenräder  aus  Fluß-  oder  Schweißeisen  in  Benutzung.
Die  Räder  müssen  der  Sicherheit  wegen  aus  ihren  Achswellen  fest  sitzen;  sie  werden
deshalb  unter  sehr  hohem  Drucke  —  mindestens  50  000  kg  —  auf  diese  aufgepreßt,
wozu  kräftige  Wasserdruckpressen  benutzt  werden.  Ihre  Achszapfen  müssen  ferner  besonders
gut  in  Ölung  gehalten  werden,  machen  sie  doch  bei  einem  Schnellzuge  bis  500  Umdrehungen ­
  in  der  Minute.  Um  sie  bequem  untersuchen  und  ölen  zu  können,  werden  sie
nach  Abb.  279  außerhalb  der  Räder  angeordnet.  Von  welcher  wirtschaftlichen  Bedeutung ­
  diese  Ölung  ist,  erhellt  wohl  schon  daraus,  daß  allein  auf  den  preußischen

276.  KchmieLrisernes  Kpeichrnrad.  277.  Papierrad  von  Allen.  278.  Jjaijrnb,  Bauart  Mansell.

Staatsbahnen  jährlich  mehrere  Millionen  Mark  für  Schmieröl  aufgewendet  werden
müssen.  Bei  mangelhaftem  Ölen  laufen  die  Zapfen  bald  warm,  und  der  betreffende
Wagen  („Heißläufer")  muß  aus  dem  Zuge  entfernt  werden.  Tritt  dieses  beispielsweise
zur  Nachtzeit  an  einem  Schlafwagen  ein,  so  ist  die  Störung  für  die  Reisenden  keine
geringe  —  kleine  Ursach',  große  Wirkung.  Die  Lagergehäuse  dieser  Zapfen,  Achsbuchsen
genannt,  sind  seit  dem  Bestehen  der  Eisenbahnen  das  Schmerzenskind  der  Eisenbahn-Ingenieure
  gewesen.  So  viele  Hunderte  von  Abarten  auch  erdacht  und  erprobt,  so  viele
Millionen  ihre  Einführung  und  ihr  Ersatz  auch  schon  gekostet  hat,  noch  haben  wir  trotz
aller  neuzeitlichen  Verbesserungen  keine  Bauart,  die  allen  Ansprüchen  des  Betriebes
genügt.  Hier  steht  dem  Erfinder  noch  immer  ein  lohnendes  Gebiet  offen.
Radreifen.  Als  1827  Wood  in  England  die  schmiedeisernen  Radreifen  erfand,
war  für  den  wirtschaftlichen  Betrieb  der  Eisenbahnen  ein  namhafter  Fortschritt  zu  verzeichnen. ­
  Mußten  vordem  die  ganzen  Räder  nach  Abnutzung  der  Laufflächen  erneuert
werden,  so  beschränkte  sich  dieses  hinfort  nur  noch  auf  den  dünnen  Reifen,  der  zudem
zäher  und  haltbarer,  somit  betriebssicherer  war  als  das  gußeiserne  Rad.  Anfangs  wurden
die  Reifen  aus  vorgewalzten  Schmiedeisenstäben  zusammengeschweißt.  Schweißstellen
sind  stets  schwache  Punkte  und  geben  zu  Brüchen  Anlaß;  Reifenbrüche  veranlassen  aber
Entgleisungen.  Die  schmiedeisernen  Reifen  wurden  seit  1850  durch  solche  aus  Puddelstahl
  ersetzt,  die  aber  schon  wenige  Jahre  später  mit  dem  Aufblühen  der  Flußstahlfabrikation ­
  durch  die  Flußstahlreifen  ohne  Schweißung  allgemein  verdrängt  wurden.
Alfred  Krupp  in  Essen  gelang  es  nach  vielen,  zuerst  an  einem  Bleiring  angestellten  Versuchen ­
  1853  die  ersten  ungeschweißten  „Gußstahlreifen"  im  Walzverfahren  herzu-
        <pb n="262" />
        270  Eisenbahnen:  Güterwagen.

stellen.  Die  gegossenen  Stahlblöcke  werden  hierbei  unter  schweren  Dampfhämmern
vorgeschmiedet,  dann  gelocht,  zu  Ringen  ausgetrieben  und  auf  einem  eigenartigen  Walzwerk ­
  zu  Radreifen  ausgewalzt.  Krupp  nahm  damals  in  allen  Hauptländern  ein  Patent
auf  seine  bedeutungsvolle  Erfindung.  Sie  brachte  ihm  derzeit  große  Summen  ein,  die  er
zum  Teil  auf  die  recht  kostspieligen  Versuche  zur  Verbesserung  seiner,  seit  vielen  Jahren
in  der  Welt  unerreicht  dastehenden  Gußstahlkanouen  verwandte.  Im  Jahre  1856  erfand
Henry  Bessemer  das  nach  ihm  benannte  Verfahren  der  Flußstahlerzeugung,  das  wie  auf
allen  Gebieten  der  Eisen-  und  Stahlindustrie  auch  im  Eisenbahnwesen  eine  vollständige
Umwälzung  herbeiführte.  Run  konnte  man  zu  verhältnismäßig  billigen  Preisen  ein  sehr
widerstandsfähiges,  dabei  gleichmäßiges  Material  verwenden.  Auch  die  Achswellen,  die
Fahrschienen  und  andere  Teile  wurden  nunmehr  aus  Bessemerstahl  gefertigt.  Als  es  dann
1865  Martin  gelang,  im  Flammofen  aus  Stahl-  und  Schmtedeisenabfällen  und  Eisenerzen ­
  einen  vorzüglichen  Flußstahl  herzustellen  und  die  Heizung  hierbei  nach  der
Siemensschen  Generativfeuerung  durchzuführen,  da  war  ein  noch  besserer  Baustoff  für
die  Reifen  gewonnen.  Freilich  waren  im  Laufe  der  Jahre  auch  die  Ansprüche  an  dessen
Güte  immer  höhere  geworden.  Die  Radlasten  waren  gewachsen,  die  Fahrgeschwindigkeiten ­
  vermehrt  und  die  Fahrlängen  der  Züge  gesteigert.  Da  ging  Krupp  dazu  über,  aus
einer  der  edelsten  Stahlarten,  dem  Tiegelflußstahl,  Radreifen  für  die  am  stärksten  beanspruchten ­
  Räder,  das  sind  die  Lokomotivtreibräder,  herzustellen.  Diese  Reifen  sind  von
ungemein  großer  Härte  und  Zähigkeit
und  besitzen  eine  Zerreißfestigkeit  von
mindestens  7000  kg/qcm.  Wie  alle
Kruppschen  Erzeugnisse,  errangen  sich
auch  seine  Tiegelflußstahlreifen  Weltruf.
Heute  trägt  sogar  ein  großer  Teil  der
in  Nordamerika  gebauten  Schnellzuglokomotiven ­
  Radreifen  von  Krupp.
Gewöhnlich  werden  die  Radreifen
kegelförmig  abgedreht,  dergestalt,  daß  die
279.  Nüdrriorm  üir  üee  den  beiden  flächen  eines  Räderpaares
gemeinsame  Kegelspitze  (8  in  Abb.  279)
in  die  Gleismitte  fällt.  Es  wird  dadurch  uamentlich  das  Schlingern  der  Fahrzeuge  im
Gleise  gemildert.  Die  Fahrschienen  werden  dementsprechend  gegen  die  Senkrechte  geneigt
und  zwar  mit  dem  Kopfe  nach  dem  Gleisinneren  zu,  um  den  Raddruck  möglichst  günstig  auf
die  Schienen  zu  übertragen  und  das  im  Abschnitte  „Oberbau"  erörterte  Kanten  derselben
zu  erschweren.  In  Nordamerika  kommen  auch  cylindrisch  gedrehte  Laufflächen  vor.  In
Deutschland  ist  dieses  wohl  nur  der  Fall  bei  den  Betriebsmitteln  der  hannoverschen  Kleinbahn ­
  Kirchlengern-Wallücke,  deren  60  ein-Gleis  auch  senkrecht  gestellte  Schienen  zeigt.
Neuere  Versuche  mit  cylindrisch  gedrehten  Rädern  auf  geneigt  stehenden  Schienen  ergaben
bei  Schnellzügen  der  preußischen  Staatsbahnen  unruhigeren  Gang.
Die  Laufflächen  der  Räder  einschließlich  Spurkränze  dürfen  sich  nicht  allzu  stark
auskaufen,  weil  sonst  der  Gang  der  Fahrzeuge  verschlechtert  und  gefährdet  wird.  Sie
müssen  in  solchem  Falle  wieder  auf  die  genaue  Form  und  bei  den  Treibrädern  der
Lokomotiven  sowie  bei  Personenwagen  auch  auf  gleichen  Durchmesser  abgedreht  werden.
Dieses  verursacht  namhafte  Arbeits-  und  Materialkosten,-  zudem  steht  das  Fahrzeug  so
lange  außer  Betrieb.  Bei  einer  großen  Verwaltung  spiegelt  sich  daher  der  Nutzen  harter,
zäher  Radreifen  in  größerer  Betriebssicherheit  und  in  großen  Ersparnissnmmen  wieder.
Neue  Radreifen  sind  70—75  mm  stark.  Ihre  geringste  zulässige  Stärke  ist  bei  allen
Eisenbahnverwaltungen  genau  vorgeschrieben.  Sie  beträgt  z.  B.  für  deutsche  Hauptbahnen ­
  25  mm  (im  Laufkreise  der  Räder  gemessen).
Die  Radreifen  werden  auf  die  Räder  aufgeschrumpft,  d.  h.  man  dreht  sie  innen
um  Viooo  des  Raddurchmessers  kleiner  aus  und  vergrößert  ihre  Weite  vorübergehend
durch  Erhitzen,  so  daß  sie  um  den  Radkörper  gelegt  werden  können.  Beim  Erkalten
schrumpfen  sie  zusammen  und  haften  dann  sehr  fest  auf  demselben.  Durch  das  stetige
        <pb n="263" />
        271

Befestigung  der  Radreifen.  Buffer.

Hämmern  der  Räder  auf  die  Schienen  können  sie  aber,  namentlich  bei  geringerer  Stärke,
dennoch  mit  der  Zeit  gelockert  werden.  Sie  drehen  sich  dann  auf  dem  Radkörper,  zumal
wenn  Bremsklötze  auf  sie  wirken.  Um  dieses  und  zugleich  auch  das  Abfliegen  der  Radreifen ­
  im  Falle  des  Zerspringens  zu  verhüten,  werden  sie  noch  durch  besondere  Mittel
mit  dem  Rade  verbunden.  Aus  den  mehr  als  100  im  Laufe  der  Jahre  hierfür  ersonnenen
Anordnungen  haben  sich  diejenigen  am  besten  bewährt,  die  den  Reifen  am  ganzen  Umfange ­
  festhalten.  Es  sind  dies  die  Klammerringe  von  Mansell  der  Abb.  277  und  der
Sprengring  der  Abb.  280.  Letzterer  ist  ein  aufgeschnittener,  schmiedeiserner  Ring,  der

280.  Sprrnsringbefeftignrig
-er  preußischen  Staatstmhncn.

281.  Altere  Sprrngringbrfrstigung.
Patent  Gibson,  1854.

halb  in  den  Reifen,  halb  um  den  Radkörper  gelegt  wird.  Um  ihn  am  Herausfallen  aus
der  Reifennut  zu  hindern,  wird  die  Außenkante  der  letzteren  niedergehämmert.  Diese
Befestigung  hat  in  den  letzten  Jahren  eine  sehr  große  Verbreitung  gefunden.  Sie  ist
übrigens  nicht  neu,  sondern  schon  1854  von  dem  Engländer  Gibson  ersonnen  worden,
hat  aber  damals  wenig  Beachtung  gefunden  und  geriet  in  Vergessenheit.  Etwa  20  Jahre
später  wurde  sie  in  Deutschland  in  verbesserter  Art  neu  erdacht  und  hat  dann  im  Verlauf
weiterer  20  Jahre  bei  uns  und  im  Auslande  fast  alle  anderen  Reifenbefestigungen  verdrängt. ­
  Krupp  hat  das  Zusammenschweißen  des  Reifens  mit  dem  Radkörper  vorgeschlagen ­
  und  viele  Räder  hiernach  ausgeführt.  Diese  Befestigungsart  ist  umständlich
und  teuer,  aber  auch  die  sicherste.

282.  Ausser  mit  Spiralfeder  und  Nnfferkren;.

Zug-  und  Stoßvorrichtungen.  Eine  noch  nicht  befriedigend  gelöste  Frage  ist
die  der  Zugvorrichtung  und  Kuppelung,  durch  die  die  einzelnen  Fahrzeuge  miteinander ­
  verbunden  werden.  Trotz  namhafter  Fortschritte  gegen  früher  lassen  alle  bisherigen ­
  Anordnungen  noch  zu  wünschen  übrig.  In  Europa  steht  für  alle  Hauptbahnen
das  Zweibuffersystem*)  in  Anwendung,  in  Amerika  der  Ein-  oder  Zentralbuffer,  der
auch  bei  Kleinbahnen  meistens  in  Benutzung  ist.  Dementsprechend  sind  auch  die  Kuppelungen ­
  verschieden.
*)  Die  Bezeichnung  Buffer  stammt  von  dem  englischen  to  bull  —  stoßen.  Das  häufig
hierfür  gebrauchte  Wort  „Puffer"  ist  unrichtig.
        <pb n="264" />
        272

Eisenbahnen:  Güterwagen.

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i-'&amp;gt;

 0n

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1  iu  1

Jedes  Eisenbahnfahrzeug  muß  an  beiden  Enden  mit  elastischen  Stoß-  und  Zugvorrichtungen ­
  versehen  sein,  um  die  Stöße  der  Wagen  gegeneinander  zu  mildern.  Im
Anfange  der  Lokomotivbahnen  ließ  man  einfach  die  Haupt-  oder  Längsträger  der  Wagen
über  die  Stirnseite  vorstehen  (vergl.  Abb.  267),  fand  aber  bald,  daß  hierbei  ein  elastisches
Zwischenmittel  unerläßlich  sei,  wenn  der  Wagen  und  seine  Nutzlast  geschont  werden
sollte.  Man  setzte  deshalb  gegen  die  Stirnflächen  der  Längsträger  oder  gegen  die  Querträger ­
  Ledersäcke  mit  Roßhaar  gefüllt  (Abb.  208).  Sie  waren  nicht  dauerhaft  genug  und
wurden  durch  Eisenbuffer  mit  Gummischeiben  ersetzt  (vergl.  Abb.  283).  Da  aber
Gummi  seine  Elastizität  mit  der  Zeit  verliert  und  brüchig  wird,  so  ersetzte  man  es  auf
den  meisten  Bahnen  durch  stählerne  Spiralfedern.  Statt  der  Hülse  wird  vielfach  auch
ein  sogenanntes  Bufferkreuz  verwendet,  das  jeder  Zeit  eine  Besichtigung  der  Spiralfeder
ermöglicht.  Abb.  282  zeigt  die  jetzt  in  Deutschland  übliche  Bufferanordnung.  —  Blattfedern, ­
  gegen  bereit  Enden  die  beiden  Bufferstangen  sich  stützen,  werden  im  Auslande  viel
benutzt.  Um  in  Kurven  das  Abbrechen  oder  Verbiegen  der  Bufferteller  zu  verhindern,
auch  das  Verstellen  der  Wagen  gegeneinander  zu  erleichtern,  wird  die  rechte  Bufferscheibe
(Rücken  des  Beschauers  gegen  die  Wagenstirnseite  gerichtet  gedacht)  gewölbt,  die  linke  flach
gestaltet,  so  daß  stets  ein
gewölbter  Bufferteller
auf  einen  flachen  trifft.
Für  geschlosieneZüge
im  Stadtbahn-  und  Vorortverkehr ­
  kommen  auf
englischen  Bahnen  besondere ­
  Bnfferanordnungen
  nach  Abb.  283
zur  Verwendung.  Nur
die  eine  Stirnseite  derselben  besitzt  elastische  Stoßbuffer, ­
  die  andere  hat  Stoßplatten  aus  Holz  mit
Eisenverschalung.  Die  Wagen  haben  nur  etwa
28  cm  Zwischenraum  gegen  135  cm  der  Hauptbahnen, ­
  was  den  Luftwiderstand  mindert  und  die
Zuglänge  kürzt.  Infolgedessen  können  auch  die
Bahnsteige  kürzer  gehalten  werden;  auch  kann
dieser  enge  Raum  nicht  mit  einem  offenen  Abteil
283.  Ausser  drr  NntergrnnLbahnrn  in  London,  verwechselt  werden,  was  sonst  in  dem  Halbdunkel
und  dem  hastenden  Gedränge  der  Londoner  Untergrundbahnen ­
  oder  der  Mersey-Tunnelbahn  (Liverpool)  nicht  unmöglich  wäre,  zumal  bei
den  dort  üblichen  hohen  Bahnsteigen.
Wagenkuppelung.  In  dem  ersten  Jahrzehnt  der  Dampfbahnen  wurden  die  Fahrzeuge ­
  einfach  durch  Ketten  mit  Haken  verbunden.  Hierbei  war  ein  straffes  Kuppeln  der
Wagen,  wie  solches  bei  schnellfahrenden  Zügen  oder  auf  kurvenreichen  Bahnen  zwecks
Herbeiführung  einer  ruhigeren  Gangart  notwendig  ist,  nicht  möglich.  Um  das  Jahr  1840
führte  die  London-Birmingham  Bahn  zuerst  die  Schraubenkuppelung  ein,  deren  mit
Rechts-  und  Linksgewinde  versehene  drehbare  Spindel  den  vorberegten  Mangel  beseitigte.
Außer  dieser  Hanptkuppelung  verband  man  auch  noch  in  der  Folge  die  Wagen  durch  je
zwei  Notketten.  Es  zeigte  sich  aber,  daß  diese  stets  rissen,  wenn  erstere  brach.  In  Deutschland ­
  werden  sie  deshalb  jetzt  fortgelassen.  Nach  mancherlei  Verbesserungen  und  Abänderungen ­
  in  Form,  Anordnung  und  Stärke  sind  die  dem  Verein  deutscher  Eisenbahn-Verwaltungen
  angehörigen  Bahnen  (vergl.  hierüber  S.  275)  im  Jahre  1877  zu  der
in  Abb.  284  wiedergegebenen  Sicherheitskuppelung  gelangt.  Reißt  die  Hauptkuppelung, ­
  so  tritt  die  zweite  Kuppelung  in  Wirksamkeit.
Bemessen  wurde  die  Kuppelung  seiner  Zeit  für  eine  größte  Lokomotivzugkraft  von
6500  kg,  wie  sie  sich  auf  der  damals  im  Vereinsgebiete  bestehenden  nngünstigsten  Bahnlinie, ­
  der  Semmeringbahn  (vergl.  S.  109),  durch  Versuche  mit  200  000  kg  schweren
        <pb n="265" />
        Wagenkuppelung.  Selbstthätige  Kuppelung.  273
Güterzügen  auf  der  Steigung  von  25°/ 0o  und  in  der  Krümmung  von  190  in  Halbmesser
ergeben  hatte.  Nach  Versuchen  der  Technischen  Hochschule  zu  München  und  Wien  tritt
der  Bruch  dieser  Kuppelung  bei  etwa  35  000  kg  Zugkraft  ein.  Sie  bietet  also  eine
mindestens  fünffache  Sicherheit  gegen  Zerreißen.  Seitdem  ist  aber  die  Zugkraft  der
Lokomotiven  wesentlich  gesteigert.  Sie  erreicht  jetzt  im  Vereinsgebiete  einen  Höchstwert
von  10  000  kg  und  mehr.  So  große  Werte  treten  auch  auf,  wenn  auf  Steigungen
lange  Züge  durch  zwei  gewöhnliche  Güterzuglokomotiven  befördert  werden  müssen.  Auf
einigen  Bahnen  werden  deshalb  derartige  Züge  durch  die  zweite  Lokomotive  über  die
Steigung  geschoben,  statt  gezogen,  was  die  Kuppelung  wesentlich  schont  und  Zugtrennungen
  verhindert.  Aus  gleichem  Grunde  läßt  man  auf  den  steilen  Zahnbahnen  die
Wagen  bergan  durch  die  Lokomotiven  schieben  und  bergab  gegen  die  letzteren  sich  lehnen.
Die  Unfälle,  durch  Zerreißen  der  Kuppelung  herbeigeführt,  waren  vor  Einführung
der  Sicherheitsknppelung  zahlreich.  Durch  die  Festigkeit  der  Schraubenkuppelung  ist
übrigens  auch  die  Leistungsfähigkeit  der  Lokomotiven  nach  oben  begrenzt.  Will  man  für
bestimmte  Strecken  besonders  kräftige  Lokomotiven  bauen,  so  darf  deren  am  Zughaken
auszuübende  wirksame  Zugkraft  nicht  größer  sein,  als  die  zulässige  Beanspruchung  der
in  Benutzung  stehenden  Wagenkuppelung.
In  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  sind  seit  Januar  1898  sämtliche
Eisenbahnfahrzeuge  mit  einer
selbstthätigen  Zentralbuffer-Kuppelung ­
  (ohne
Seitenbuffer)  ausgerüstet,  deren
Anordnung  eine  verschiedene
ist  (Miller-,  Janney-Kuppelung
u.  s.  w.).  Mit  ihr  sind  auch  bei
uns  Versuche  angestellt  worden,
da  sie  gegenüber  dem  Zweibuffersystem ­
  mancherlei  Vorzüge ­
  aufweist.  Bei  letzterem
ist  das  Ankuppeln  der  Wagen
keine  ungefährliche  Arbeit.  Alljährlich ­
  verunglücken  auf  den  28U  Sicherheitskupprlung  der  Wagen,
europäischen  Bahnen  zahlreiche
Leute  im  Rangierdienst,  die  beim  An-  und  Abkuppeln  der  Fahrzeuge  durch  die  Buffer
gequetscht  werden.  Eine  ganze  Anzahl  Anordnungen  sind  erdacht  und  meist  unter  Patent
gestellt,  um  diese  Arbeit  von  der  Außenseite  der  Wagen,  also  ohne  ein  Zwischentreten
zwischen  ihre  Kopfenden  zu  ermöglichen.  Auch  selbstthätige  Kuppelungen  für  das  Zweibuffersystem ­
  sind  ersonnen.  Aber  bis  heute  hat  noch  keine  dieser  vielen  Bauarten  den
mannigfachen  Anforderungen  des  Betriebes  genügt.  Die  wechselnde  Höhe  der  Zughaken, ­
  die  erforderliche  Beweglichkeit  in  den  Gleiskrümmungen,  das  sichere  Einfallen  in
den  Zughaken  und  doch  wieder  notwendige  leichte  Lösen  der  Kuppelung  erschweren  die
hier  vorliegende  Aufgabe  sehr.  Vielleicht  führt  eine  nicht  zu  ferne  Zukunft  auch  in
Europa  zu  einer  Zentralbuffer-Kuppelung  ähnlich  der  vorerwähnten  amerikanischen.
Ihre  Einführung  wird  zwar  große  Summen  erfordern,  aber  auch  eine  wesentliche  Verbesserung ­
  bilden.
Znghaken  und  Zugstange.  Abb.  284  zeigt  auch  die  eigenartige,  durch  die  Kräftewirkung ­
  bedingte  und  bereits  1843  von  Reifert  angegebene  Form  des  Znghakens.
Bis  zum  Jahre  1866  war  es  allgemein  üblich,  diesen  Zughaken  an  der  ihm  zunächst  liegenden ­
  Bufferbohle  zu  befestigen.  Zwischen  beiden  Teilen  lag  zur  Schonung  des  Wagens
eine  Feder.  Die  Zugkraft  der  Lokomotive  wird  bei  solcher  Anordnung  unmittelbar  von
Untergestell  zu  Untergestell  der  Wagen  übertragen  und  zwar  auf  dasjenige  des  ersten
Wagens  im  Zuge  in  ihrer  vollen  Größe,  auf  die  nachfolgenden  in  stetig  abnehmender.
Mit  dem  Anwachsen  der  Zuglasten  und  dem  entsprechender  Vergrößerung  der  Lvkvmotivleistungen
  ergaben  sich  aber  so  viele  Beschädigungen  der  Untergestelle,  daß  auf  Ab-
        <pb n="266" />
        274  Eisenbahnen:  Güterwagen.

Hilfe  gesonnen  werden  mußte.  Es  wurde  seitens  einzelner  Eisenbahnverwaltungen  des
Vereinsgebietes  eine  sogenannte  durchgehende  Zugstange  erprobt,  bei  welcher  die  vorberegten
  Beschädigungen  der  Untergestelle  nicht  auftraten.  Der  Verein  der  Eisenbahn-Verwaltungen
  beschloß  1866  ihre  allgemeine  Einführung.  Es  sind  hier  die  beiden  Zughaken
eines  Wagens  durch  eine  Stange  (Zugstange)  starr  miteinander  verbunden.  An  dieselbe  ist
der  Wagen  in  der  Mitte  durch  eine  Spiralfeder  nach  Abb.  285  elastisch  angehängt.  Zieht
man  genügend  kräftig  an  einem  Zughaken,  so  drückt  sich  die  Spiralfeder  zunächst  so  weit
zusammen,  bis  der  Laufwiderstand  des  Fahrzeuges  überwunden  ist,  d.  h.  bis  die  Räder
auf  den  Schienen  zu  rollen  anfangen.  Das  Zusammendrücken  der  Spiralfeder  wird  durch
zwei  um  die  Führungsbolzen  gelegte  Hülsen  auf  6  cm  beschränkt.  In  einem  Wagenzuge
mit  angespannten  Schraubenkuppelungen  bilden  diese  demnach  mit  sämtlichen  Zugstangen
gleichsam  eine  einzige  Stange  oder,  wenn  man  will,  eine  unelastische  Kette,  die  durch
jeden  Wagen  im  Betrage  seines  Eigenwiderstandes  belastet  wird.  Die  Zugkraft  der
Lokomotive  wird  daher  nicht  erst  auf  die  Untergestelle  der  Wagen  übertragen,  sondern
unmittelbar  auf  die  einzelnen  Zugstangen;  die  Wagen  werden  also  gegenüber  der  nicht
durchgehenden  Stange  wesentlich  geschont.  Der  vorderste  Haken,  bezw.  die  erste  Kuppelung
hat  den  gesamten  Widerstand  des  Zuges  (die  ganze  Zugkraft)  aufzunehmen,  während  die
folgenden  Haken  immer  schwächer  belastet  werden.  Da  die  Wagen  beliebig  im  Zuge  stehen
können,  so  müssen  die  Haken  und  Kuppelungen  sämtlicher  Eisenbahnfahrzeuge  der  Höchstanforderung ­
  entsprechen.

285.  Augvorrichtunz  für  Eistiiüabniimgen.

Beispiel:  Ein  Güterzug  von  50  Wagen  habe  einen  Gesamtwiderstand  von  5000  kg,
wobei  der  Bewegungswiderstand  der  Wagen  je  100  kg  betragen  möge.
Bei  der  nicht  durchgehenden  Zugstange  muß  dann  das  Untergestell  des  1.  Wagens
5000  kg,  das  des  2.  4900  kg,  das  des  3.  4800  kg  n  s.  w.,  das  des  50.  100  kg  von  der
Zugkraft  der  Lokomotive  aufnehmen.
Bei  der  durchgehenden  Zugstange  dagegen  wird  jedes  Untergestell  nur  mit  100  kg  beansprucht; ­
  die  Zughaken-  und  Schraubenkuppelungen  werden  natürlich  genau  wie  im  ersteren
Falle  seitens  der  Lokomotive  in  Anspruch  genommen.
Die  Einführung  der  durchgehenden  Zugstange  war  eine  hochbedeutsame  Neuerung
und  von  wohlthätigem  Einfluß  auf  die  Minderung  der  Betriebsstörungen  und  Unterhaltungskosten. ­

Die  Banart  hat  aber  in  der  Neuzeit  (nach  Einführung  der  Westinghouse-Schnellbremse) ­
  wiederholt  bei  langen  Personenzügen  das  Zerreißen  der  Schraubenkuppelung
begünstigt,  was  in  den  verschieden  großen  elastischen  Wegen  der  Stoßbuffer  (an  jedem
Wagen  mindestens  2X8  cm)  und  der  Zugstangen  (im  ganzen  Zuge  nur  2X6  cm)
beim  Auflaufen  der  Wagen  begründet  liegt.  Es  neigen  deshalb  manche  Ingenieure
Deutschlands  bezüglich  der  Personenwagen  wieder  zu  der  nicht  durchgehenden  Stange,
bei  der  diese  Wege  gleich  gemacht  werden  können.
In  England  und  Frankreich  hat  man  die  durchgehende  Zugstange  —  von  vereinzelten ­
  Fällen  abgesehen  —  nicht  eingeführt  und  dafür  die  Untergestelle  recht  kräftig  gebaut. ­
  Nordamerika  benutzt  eine  selbstthätige  Kuppelung  ohne  durchgehende  Stange.
        <pb n="267" />
        275

Der  Verein  deutscher  Eisenbahn-Verwaltungen.

War  im  Anfang  der  Lokomotivbahnen  die  Bauart  der  Gleise,  Fahrzeuge  und  der  Nebeneinrichtungen ­
  den  einzelnen  technischen  Leitern  überlassen  und  infolgedessen  eine  sehr  buntscheckige, ­
  so  machten  sich  mit  der,  späteren  Ausdehnung  des  Bahnnetzes  und  dem  Anschluß  an
fremde  Linien  bald  die  größten  Übelstände  geltend,  namentlich  in  einem  Lande  wie  Deutschland ­
  mit  seinen  damaligen  36  verschiedenen  Staaten  und  Ländchen.  Wagen  der  einen  Verwaltung ­
  konnten  nicht  auf  die  Linie  einer  anderen  übergehen,  da  außer  der  Spurweite  fast
alles  verschieden  war.  Dieses  hemmte  und  verteuerte  den  durchgehenden  Verkehr;  Umsteigen
der  Reisenden,  Umladen  der  Güter  war  notwendig.  Um  die  verschiedenen  Buffermaße  in
Bezug  auf  Höhenlage  über  den  Schienen  und  wagerechten  Abstand  von  einander  auszugleichen,
hatten  mehrere  Verwaltungen  (Bayern,  Ungarn)  vier  Buffer  an  jeder  Wagcnseite  angebracht,
zwei  davon  für  den  eigenen  Wagenpark,  die  beiden  anderen  für  die  Wagen  der  Anschlußbahn ­
  passend.
Da  kamen  im  Jahre  1846  zehn  preußische  Eisenbahnverwaltungen  auf  den  glücklichen
Gedanken,  zu  einer  Vereinigung  sich  zusammen  zu  schließen  und  einheitliche  Grundregeln  für
die  Bahnanlage,  sowie  Bestimmungen  für  die  Hauptmaße  der  Fahrzeuge  festzulegen.  Dieser
Vereinigung  schlossen  sich  bald  alle  deutschen  Bahnen  an,  desgleichen  eine  Anzahl  ausländischer,
und  so  entstand  der  „Verein  deutscher  Eisenbahn-Verwaltungen".  Ihm  gehören
jetzt  73  Verwaltungen  mit  rund  76  000  km  Bahnlänge  an  und  zwar  41  deutsche  Bahnen,
21  österreichisch-ungarische,  vier  holländische,  drei  belgische  und  je  eine  rumänische,  luxemburgische, ­
  russisch-polnische  (Warschau-Wien)  und  eine  bosnische  Bahn.
Der  Verein  hat  eine  höchst  segensreiche  und  befruchtende  Thätigkeit  ausgeübt.  Neben
der  Festsetzung  einheitlicher  Maße  und  Konstruktionsteile,  die  in  den  von  Zeit  zu  Zeit  neu
gefaßten  „Technischen  Vereinbarungen"  in  mustergültiger  Weise  zusammengestellt  sind,  und
neben  der  Anbahnung  einheitlicher  Einrichtungen  im  Betriebe,  Verkehr  und  in  der  Verwaltung ­
  hat  er  durch  seine  Förderung  wissenschaftlich-experimenteller  Untersuchungen  eisenbahntechnischer ­
  Probleme,  sowie  durch  seine  zeitweiligen  Preisausschreiben  ungemein  fördernd  auf
das  gesamte  Eisenbahngebiet  eingewirkt.  Schwerlich  ständen  ohne  ihn  die  deutschen  Bahnen
auf  ihrer  jetzigen  hochentwickelten  Stufe,  die  nach  verschiedenen  Richtungen  hin  (eiserner
Oberbau,  Lokomotivbau,  Lenkachsen,  Heizung  und  Beleuchtung  der  Wagen  u.  s.  w.)  vorbildlich
für  das  Ausland  gewesen  ist,  und  schwerlich  hätten  wir  ohne  ihn  den  jetzt  so  vortrefflich
geregelten  durchgehenden  Verkehr,  der  für  das  reisende  Publikum  und  den  Güterfernversand
so  große  Erleichterungen  und  Bequemlichkeiten  geschaffen  hat  —  weit  über  Deutschlands
Grenzen  hinaus.

Sigualwesen  und  Wrichensichrrung.
Signale.
Geschichtliches.  Die  Eisenbahnzüge  bedürfen  zur  Sicherung  ihres  Laufes  der
Signale.  Schon  G.  Stephenson  hatte  dieses  bei  der  Eröffnungsfeier  der  Liverpool-Manchester
  Bahn  erkannt,  als  er  den  durch  die  „Rocket"  zu  Tode  getroffenen  Huskisson
(S.  204)  in  rasender  Schnelle  auf  der  Plattform  des  „Northumbrian"  heimbeförderte.
Wohl  auf  seine  Anregung  wurden  Handsignale  eingeführt,  die  durch  Wärter  bei  Tage
mittels  Handflagge,  in  der  Dunkelheit  mittels  einer  Handlaterne  gegeben  wurden.  Alte
englische  Zeitschriften  zeigen  uns  diese  Signalwärter  in  den  langschößigen  Röcken  und  unförmigen ­
  Hüten  jener  Zeit,  wie  sie  auf  ihrem  Posten  einem  nahenden  Zuge  das  Flaggenzeichen
  gaben  (vergl.  auch  Abb.  206).  Für  einen  gesicherten  Zugverkehr  war  dieses  Verfahren ­
  sehr  unvollkommen.  Die  Verwaltung  der  Liverpool-Manchester  Bahn  führte  deshalb
im  Jahre  1834  feststehende  Signale  nach  Abb.  286  ein.  Diese  ersten  Standsignale
bestanden  aus  drehbaren  Holzpfosten,  an  deren  oberem  Ende  ein  Brettstück  befestigt  war.
Es  war  auf  beiden  Flächen  rot  gestrichen  und  bedeutete,  dem  Zuge  voll  zugekehrt:
„Gefahr"  oder  „Halt".  Stand  kein  Hindernis  der  Zugfahrt  entgegen,  so  wurden  die
Pfosten  um  90°  gedreht,  und  die  Signaltafel  zeigte  ihre  schmale  Seite  dem  Zuge,  war
also  nicht  weiter  sichtbar.  In  der  Dunkelheit  deutete  rotes  Licht  einer  kleinen  aufgesteckten ­
  Laterne  „Halt",  weißes  „Fahrt".  Etwas  später  folgte  die  Grand-Junction
Bahn  mit  ähnlichen  Signalen  (Abb.  287).  Beide  Signalarten  lassen  in  ihrer  höchst
einfachen  Bauart  den  großen  Fortschritt  erkennen,  der  seitdem  im  Signalwesen  zu  verzeichnen ­
  ist.  Sie  zeigen  recht  deutlich,  verglichen  mit  den  Abb.  294  u.  329  den  Abstand
aus  diesem  Gebiete  zwischen  einst  und  jetzt.

35*
        <pb n="268" />
        276

Eisenbahnen:  Signalwesen  und  Weichensicherung.

Auf  weite  Entfernungen  hin  sind  aber  Farben  bei  Tage  nicht  zu  unterscheiden,  auch
nicht  immer  auf  nähere  Entfernungen  bei  gewissen  Luft-  und  Beleuchtungsverhältnissen.
Schon  die  Gebrüder  Chappe,  die  t792  ihren  bekannten  Flügeltelegraphen  von  Paris
nach  der  Ostgrenze  erstellten  und  daher  die  Begründer  der  Flügelsignale  sind,  hatten
wertvolle  Untersuchungen  über  diesen  Punkt  angestellt.  Ihre  wichtigsten  Ergebnisse
sind  folgende  drei:  1)  Die  Sichtbarkeit  des  weißen  Lichtes  ist  am  größten.  Wird  sie
gleich  1  gesetzt,  so  ist  die  eines  gleich  stark  brennenden  farbigen  Lichtes  nur  ein  Bruchteil
davon  und  zwar  rotes  Licht--  1 / Sl  grünes  Licht  =  J / 5 ,  blaues  Licht  --  */7*  Weißes
Licht  eignet  sich  jedoch  nicht  zur  Zeichengabe  auf  weite  Entfernungen,  da  es  unter  gewissen ­
  Feuchtigkeitsverhältnissen  der  Luft  farbig  (rot,  orange,  selbst  grün)  erscheinen
kann.  2)  Die  Sichtbarkeit  eines  beleuchteten  Körpers  nimmt  ab  mit  der  Quadratwurzel
seiner  Beleuchtungsstärke  und  seiner  Fläche.  3)  Unter  gewissen  Beleuchtungsverhältnissen
verschwinden  alle  Farben;  deshalb  eignet  sich  nur  die  Form,  nicht  die  Farbe  der  Signale
  zu  Fernzeichen.
Jsambart  Brunel  gab  in  Übereinstimmung  mit  dem  letzteren  Erfahrungssatze  den
von  ihm  auf  der  Great  Western-Bahn  eingerichteten  Signaltafeln  neben  der  Farbe  auch
besondere  Formen,  die  das  Erkennen  sehr  erleichterten.  Sind  nun  auch  jene,  zum  Teil
höchst  seltsamen  Brunelschen  Sigualbilder  in  der  Folge  nicht  beibehalten,  so  sind  doch
auch  unsere  heutigen  sichtiiP)


O

&amp;gt;77?}/?};//,

26&amp;lt;\tt+  C^vivT/b.

I

c^vlvxlr.

286  bis  288.  Atteste  Standstgnate
286  der  Liverpool-Manchester  Eisenbahn,  287  der  Grand-Junction  Bahn,
288  der  Great  Western-Bahn.

baren  Signale  ebenfalls
auf  Farben  und  Formen ­
  begründet.  Die
ältesten  Signale  der
Great  Western-Bahn  gibt
Abb.  288  wieder.  Die
rechteckige  rote  Scheibe
bedeutete  „Halt",  die
runde  weiße  „Fahrt".
Hier  finden  wir  auch
zum  erstenmal  das  Fahrsignal ­
  ausdrücklich  durch
ein  besonderes  Zeichen
erteilt,  während  die  Abb.  286  u.  287  die  Fahrt  durch  das  Fehlen  eines  solchen  andeuten.
Im  Eisenbahnbetriebe  kann  aber  volle  Sicherheit  nur  durch  Befehlsformen,  nicht  durch
Unterlassungsformen  erzielt  werden.  Letztere  wurden  deshalb  auch  später  überall  aufgegeben ­
  und  der  in  Abb.  288  niedergelegte  Gesichtspunkt  allein  zur  Geltung  gebracht.
Das  jetzt  auf  allen  Bahnen  übliche  Mastensignal  mit  Flügeln  oder  Armen  (Semaphore) ­
  wurde  1842  durch  Gregory  erfunden  und  zuerst  auf  der  englischen  Croydon-Bahn
  zur  Anwendung  gebracht.  Die  Signalmasten  standen  am  Bahnsteig,  entsprachen
also  unseren  heutigen  Stationssignalen,  den  hörne  signals  der  Engländer.  Ihre  Flügel
wurden  durch  einen  unten  am  Maste  befindlichen  Handhebel  gestellt.  Drei  Signale
konnten  gegeben  werden:  „Halt"  durch  wagerechte  Flügellage,  „Vorsicht"  durch  schräg
nach  unten  zeigende,  „freie  Fahrt"  durch  senkrechte,  also  nicht  sichtbare.  Nach  Findlays
Angabe  kam  1846  ein  findiger  Weichensteller,  dem  die  Bedienung  zweier  von  seiner
Bude  abseits  stehender  Mastensignale  übertragen  war,  auf  den  Gedanken,  diese  entfernten ­
  Signale  von  seiner  Hütte  aus  durch  ein  Stück  Draht  zu  stellen,  so  daß  er  sich
die  Wege  nach  und  von  den  Masten  ersparen  konnte.  Als  Belastungsgewicht  diente  ihm
ein  alter  Schienenstuhl.  Damit  war  die  Möglichkeit  gezeigt,  Flügelsignale  aus  der  Entfernung ­
  zu  stellen,  und  das  „Distanzsignal"  —  ein  heutigestags  bis  1000  nr  weit
über  das  Stationssignal  hinausgeschobener  Signalmast  —  wurde  eingeführt.  Es  zeigt
dem  englischen  Lokomotivführer  schon  von  weitem  die  Stellung  des  Stationssignals  an.
Steht  letzteres  ans  „Halt",  so  zeigt  das  Distanzsignal  ebenfalls  „Halt",  aber  in  der  Bedeutung ­
  von  „Langsam  fahren".  Der  Führer  muß  dann  die  Geschwindigkeit  seines  Zuges
so  weit  mäßigen,  daß  er  unter  allen  Umständen  den  Zug  dicht  vor  dem  Stationssignal
        <pb n="269" />
        277

Sicht-  und  hörbare  Signale.

zum  Halten  bringen  kann,  falls  dieses  bis  dahin  noch  „Halt"  zeigt.  Aus  dem  Distanzsignal
hat  sich  das  deutsche  „Vorsignal"  (Abb.  9  auf  der  Signaltafel)  entwickelt.  In  Deutschland ­
  darf  grundsätzlich  niemals  über  ein  Haltsignal  hinausgefahren  werden.
Als  dann  1853  das  auf  S.  308  geschilderte  Blockverfahren  zur  Einführung  gelangte,
wurden  auch  Ausfahrsignale  notwendig.  Diese  drei  Arten:  Stations-,  Distanz-  und
Ausfahrsignale  sind  heutigestags  auf  allen  englischen  Bahnen  gebräuchlich.  Auf  den
deutschen  Linien  haben  wir  ebenfalls  eine  Dreizahl:  Einfahr-,  Vor-  und  Ausfahrsignale.
In  beiden  Ländern  bezeichnet  die  wagerechte  Flügellage  „Halt"  oder  „Gefahr",  dagegen
wird  in  Deutschland  „Fahrt"  durch  den  unter  45°  schräg  nach  oben  gerichteten,  in  England ­
  durch  den  ebenso  nach  unten  geneigten  Flügel  angezeigt.
Entsprechend  dem  Rechtsfahren  der  deutschen  Bahnen  weist  hier
der  Flügel  —  von  dem  Zuge  aus  betrachtet  —  stets  nach  rechts,
in  England  dem  dort  üblichen  Linksfahren  entsprechend  nach  links.
Die  Mastenhöhe  kommt  drüben  bis  zu  21  m  vor.  Abb.  289
zeigt  ein  englisches  Mastensignal  für  2  in  gleicher  Richtung  befahrene ­
  Gleise  mit  kurzen  Stationsabständen.  Die  oberen  Flügel
stellen  das  Stations-  bezw.  Ausfahrtsigual  dar,  die  unteren,
durch  einen  Pfeilausschnitt  gekennzeichneten,  das  Distanzsignal.
Vergl.  auch  Abb.  294  u.  325.
Neben  den  sichtbaren  Signalen  haben  sich  sehr  bald  auch
die  hörbaren  als  notwendig  erwiesen.  Die  Abfahrt  der  Züge,
das  Ingangsetzen  einzelner  Lokomotiven  bedingte  aus  naheliegenden ­
  Sicherheitsgründen  für  Reisende  und  Beamte  ein  zuvor ­
  gegebenes,  weithin  hörbares  Signal;  desgleichen  die  Annäherung ­
  an  einen  Gleisabschnitt,  auf  welchem  Hindernisse
(Menschen,  Tiere)  bemerkt  wurden;  nicht  minder  der  Beginn  des
Anziehens  der  Bremsen,  sowie  ihres  Lösens  u.  s.  w.  Derartige
Signale  wurden  anfangs  mit  dem  Rufhorn,  später  mit  der  Dampftrompete ­
  (Abb.  205)  gegeben,  dann  seit  Mitte  der  30  er  Jahre
von  der  jetzt  überall  herrschenden,  weit  wirksameren  Dampfpfeife. ­
  Anfangs  von  der  Öffentlichkeit  mit  Entsetzen  und  Unwillen ­
  aufgenommen,  hat  letztere  sich  als  eines  der  nützlichsten
Signalmittel  erwiesen.  Der  schon  genannte  geistvolle  Eisenbahn-Schriftsteller
  Max  Maria  v.  Weber  gibt  in  seiner  1867  erschienenen ­
  Schrift:  „Das  Telegraphen-  und  Signalwesen  der
Eisenbahnen"  für  ersteres  einige  köstliche  Belege.  So  klagte  der
„Globe"  im  Juli  1834,  „daß  es  als  ein  Rückschritt  in  der  Zivilisation ­
  bezeichnet  werden  müsse,  wenn  man  gestatte,  daß  dieses
entsetzliche  Geschrei,  gegen  welches  das  Kampfgeheul  der  Rothäute ­
  Wohllaut  sei,  mitten  in  großen  Städten  am  Wohnplatze  2  9
der  stillen  geistigen  Thätigkeit  und  an  den  Edelhöfen  der  ge-  EnglW-o°M«stknstsliai.
nießenden  Nobility  erklingen  dürfe."  Andere  Blätter  machten
auf  die  Gefahren  aufmerksam,  welche  dieses  markerschütternde  Schreien  auf  Frauen  mit
zarten  Nerven  und  auf  Kranke  haben  müsse,  welches  Unheil  angerichtet  werden  könne,
wenn  Zugtiere  dadurch  scheu  würden  —  und  so  kam  es  nahe  an  die  Möglichkeit,  daß  das
Instrument  verboten  wurde.  Nur  die  Klarheit,  mit  der  dessen  hohe  Nützlichkeit  für  die
Sicherheit  des  Eisenbahnbetriebes  nachgewiesen  wurde,  rettete  dasselbe.
Außer  den  vorgenannten  wurden  auch  für  mancherlei  andere  Zwecke  des  Eisenbahnbetriebes ­
  sicht-  und  hörbare  Signale  nach  und  nach  eingeführt.  Dahin  gehören  die
Knallsignale,  welche  1846  in  England  erfunden  wurden  und  von  denen  weiter  unten
die  Rede  ist;  ferner  auch  die  Signale  des  Zugpersonals,  um  die  Lokomotivführer
in  gewissen  Fällen  zum  Langsamfahren  oder  Halten  zu  veranlassen.  Eine  der  ältesten
und  zugleich  seltsamsten  Ausführungsformen  hierfür  war  die  Tenderwache.  Ein  auf
dem  Tender  eigens  dazu  bestimmter  Mann  mußte  während  der  Fahrt  stets  den  Zug
        <pb n="270" />
        278

Eisenbahnen:  Signalwesen  nnd  Weichensicherung.

beobachten,  um  im  Falle,  daß  sich  an  diesem  etwas  Außergewöhnliches  ereignen  sollte,  den
Lokomotivführer  hiervon  sofort  zu  verständigen.  Später  erhielt  dieser  Ausguck  seinen
Platz  im  Packwagen,  und  zwar  entweder  in  einem  erhöhten  Aufbau  oder  einer  seitlich
ausragenden  Nische.
Naturgemäß  bildete  sich  das  Signalwesen  in  den  einzelnen  Ländern  verschieden  aus.
Namentlich  war  es  in  Deutschland  und  England  sehr  voneinander  abweichend.  In
letzterem  Lande  bildeten  Bahnübergänge  in  Schienenhöhe  die  Ausnahme,  in  Deutschland
waren  sie  die  Regel.  Hier  wurde  infolge  davon  ein  weit  größeres  Bahnwärterpersonal
nötig  als  bei  den  englischen  Bahnen.  Da  diese  Wärter  in  kleinen,  längs  der  ganzen
Bahnlinie  errichteten  Wärterhäusern  auf  Posten  sein  mußten,  so  lag  der  Gedanke  nahe,
sie  zur  Zeichengabe  heranzuziehen.  Man  stattete  sie  zu  dem  Zwecke  mit  Hörnern,  Flaggen
und  Laternen  aus,  stellte  später  auch  Signalmaste  neben  den  genannten  Häusern  auf
und  konnte  so  von  Wärter  zu  Wärter  und  damit  von  Station  zu  Station  signalisieren.
Es  waren  dieses  die  früher  allgemein  bei  uns  üblichen  „durchgehenden"  Streckensignale,
  die  unter  anderem  namentlich  dazu  dienten,  einem  Zuge  vorauszueilen  und
sein  Nahen  den  Streckenwärtern  und  den  Stationen  anzuzeigen.  Man  war  hierbei  aber
von  der  Aufmerksamkeit  der  ersteren,  sowie  vom  Wetter  abhängig.  Die  sichtbaren  Signale
versagten  bei  unklarem  Wetter  (Nebel,  Schneetreiben),  die  mit  dem  Horn  gegebenen  bei
Sturm.  Sie  sind  später  durch  die  weiter  unten  erörterten  elektrischen  Läutewerke  erfolgreich ­
  ersetzt  worden.
Signalformen.  Die  Ausführungsformen  für  die  einzelnen  Signalbegriffe  waren
ebenfalls  in  den  einzelnen  Ländern  verschiedenartig.  In  keinem  Lande  jedoch  haben  sie
eine  solche  Buntscheckigkeit  angenommen  wie  in  Deutschland  zur  Zeit  seiner  politischen
Zerrissenheit.  Während  in  England  und  Frankreich  seit  den  40er  Jahren  etwa  30  verschiedene ­
  Signalbegriffe  mit  fast  einheitlicher  Ausführungsform  im  Gebrauch  standen,
erweiterte  man  auf  deutschen  Bahnen  ihre  Zahl  auf  das  Dreifache  und  legte  nach
v.  Weber  insgesamt  etwa  1000  (!)  Formen  für  sie  fest,  wovon  677  auf  58  Hauptbegriffe ­
  entfielen.  Ja,  bei  acht  gewissen  Signalen  waren  sogar  nicht  weniger  als  je
21  verschiedene  Formen  für  jedes  davon  in  Anwendung!  Mitte  der  60er  Jahre  gab
es  denn  anch  in  deutschen  Landen  98  verschiedene,  gleichzeitig  in  Benutzung  stehende
Signalbücher,  in  denen  dieses  Riesenheer  von  Zeichen  niedergelegt  war.  Da  gab  es  für
die  durchgehenden  Streckensignale  Masten  mit  einem  oder  mehreren  Flügeln,  Scheiben,
Ballons,  Körben  (letztere  mit  und  ohne  Flaggen),  Figuren,  Pfeilen,  alle  wieder  sehr  verschieden ­
  gestaltet;  daneben  gab  es  Klingelzüge  von  Wärter  zu  Wärter  und  Signale  mit
dem  Horn,  der  Trompete  u.  s.  w.;  ferner  vor  und  auf  den  Bahnhöfen  erhöht  angebrachte
wendbare  oder  umklappbare  Scheiben,  Figuren,  Kästen  mit  Anschriften  u.  s.  w.  Für  die
Nachtsignale  wurden  Lichter  —  festsitzende,  bewegliche  oder  auch  beide  Arten  vereinigt  —
benutzt,  auch  Fackeln,  Feuertöpfe,  bengalische  Lichter  fanden  Verwendung.  Andere  Bahnverwaltungen ­
  wieder  beleuchteten  die  Tagessignale  während  der  Dunkelheit,  andere
schrieben  für  bestimmte  Fälle  Knallkapseln  vor  u.  s.  w.  Es  gab  elektrische  Signale  mit
Glocken,  Zeigerwerken,  Schreibvorrichtungen,  Lokomotivsignale  mit  dem  Dampfhorn,  der
Dampfpfeife  oder  der  Teuderglocke.  Dazu  kamen  die  nicht  minder  mannigfachen  Weichen-,
Drehbrücken-  und  Tunnelsignale,  die  Handsignale  mit  sehr  verschieden  gefärbten  Flaggen,
farbigen  Laternen  und  anderen  Gegenständen.  Kurzum,  es  herrschte  eine  Vielseitigkeit
der  Formen  und  Weisen,  die  zwar  dem  menschlichen  Erfindergeist  alle  Ehre  machte,  die
aber  gerade  hier  am  wenigsten  am  Platze  war.  Sie  war  in  dem  an  Grenzpfählen  und
Partikularismus  so  reichen  Deutschland  auch  eine  Kleinstaaterei,  eine  Folge  der  politischen,
und  wie  diese,  von  übler  Wirkung  für  die  Gesamtheit,  und  jener  trieb  anch  hier  seltsame ­
  Wucherungen.
v.  Weber  schreibt  1867:  „Zeigten  die  durchgehenden  Tagessignale  auf  den  verschiedenen
Bahnlinien  die  abweichendsten  Gestalten,  so  war  dies  bei  den  optischen  Nachtsignalen  in  noch
weit  höherem  Maße  der  Fall.  Hier  galt  rotes,  dort  grünes,  dort  weißes  Licht  für  das
Ordnungszeichen  („Bahn  frei"),  hier  wurde  Rot,  dort  Grün,  dort  Weiß  für  Gefahr-  nnd
Haltsignale  verwandt,  hier  bediente  man  sich  des  weißen,  dort  des  grünen,  dort  des  roten
Lichtes,  um  „Langsam  fahren"  zu  rufen.  Hier  hielt  man  ein  Licht  wechselnder  Farbe  für
        <pb n="271" />
        Signalformen.  279
ausreichend  znm  Erteilen  der  verschiedenen  Signale,  dort  kombinierte  man  zwei  und  drei
gleichfarbige,  dort  alle  drei  verschiedenen  Farben  zur  Herstellung  der  geforderten  Zeichen.
So  kam  es  denn,  daß  die  acht  Begriffe,  die  durchgehende  Signale  auszudrucken  haben,  in
166  Formen  auf  deutschen  Eisenbahnen  auftraten  und  es  den  denkenden  Techniker  beim
Durchblättern  der  Signalbücher  der  verschiedenen  Linien  unwillkürlich  anmutet,  als  hätten
sich  hier  Kollegen  auf  Durchführung  des  Scherzes  das  Wort  gegeben,  daß  jeder  für  jeden
Begriff  ein  neues  Signalzeichenwesen  erdenken  und  ins  Leben  führen  solle."
Der  aufmerksam  beobachtende  Eisenbahnreisende  konnte  aus  einer  Fahrt  von  der
Isar  nach  dem  Nordseestrande  oder  vom  Rhein  zum  Rhin  eine  ganze  Musterkarte  dieser
Signalungeheuerlichkeiten  studieren.  Die  für  die  Eisenbahnen  eines  großen  Landes  so
notwendige  Einheitlichkeit  im  Signalwesen  war  hier  in  das  grellste  Gegenteil  verwandelt.
In  England  sah  es  im  ersten  Jahrzehnt  des  Eisenbahnbetriebes  nicht  viel  besser
aus.  Auch  dort  war  Buntscheckigkeit  in  den  Signalbildern  zu  Hause,  auch  dort  bedeutete
auf  einer  Bahn  ein  Signal  „Halt",  das  auf  einer  anderen  „Fahrt"  anzeigte.  Doch  bald
erkannte  man  die  zwingende  Notwendigkeit,  diesen  Mißstand  zu  beheben.  Schon  im  Frühjahre ­
  1841  hatten  sich  die  Verwaltungen  auf  ein  einfaches,  klar  durchdachtes  Signalwesen ­
  geeinigt.  Es  war  freilich  auch  dort  in  Anbetracht  des  starken  Verkehres  mit  seinen
vielen  und  starken  Zügen  weit  dringender  geboten,  als  zu  jener  Zeit  in  Deutschland.  Auch
war  eine  einheitliche  Regelung  in  jenem  Einheitsstaate  viel  leichter  durchführbar,  als  in
dem  derzeit  so  sehr  partikularistisch  angehauchten  deutschen  Staatenbunde.
Solange  deutsche  Züge  nur  das  eigene  Bahngebiet  befuhren,  wurde  der  Mangel
einheitlicher  Signalformen  nicht  sonderlich  empfunden,  was  aber  sofort  der  Fall  war,  als
der  wachsende  Verkehr  eine  Durchführung  der  Züge  durch  verschiedene  Gebiete  erheischte
und  Knotenpunkte  mit  gemeinschaftlichem  Bahnhöfe  für  mehrere  Bahnlinien  entstanden.
Recht  fühlbar  trat  dieser  Mißstand  im  Jahre  1866  zur  Zeit  des  preußisch-österreichischen ­
  Krieges  auf,  als  es  galt,  die  preußischen  Militärzüge  nach  und  von  den  Kriegsschauplätzen ­
  zu  befördern.  An  die  Aufmerksamkeit  und  die  Besonnenheit  des  Bahnhofsund ­
  vor  allem  des  Lokomotivpersonales  wurden  damals  die  höchsten  Anforderungen  gestellt,
mußte  doch  letzteres  häufig  ihm  unbekannte  Linien  befahren,  deren  Signalformen  völlig
von  den  gewohnten  abwichen.  Man  half  sich  hier  anfangs  durch  geringe  Fahrgeschwindigkeit ­
  und  in  der  Folge  auch  durch  Verwendung  weniger,  einheitlicher  Signale.  Wohl  traten
vereinzelt  unliebsame  Stockungen  auf,  aber  die  Zahl  der  Unfälle  blieb  doch  verhältnismäßig
klein.  Hatte  somit  der  Krieg  den  Nutzen  einheitlicher  Signale  für  die  deutschen  Bahnen
gezeigt,  so  erfolgte  ihre  Einführung,  trotz  darauf  hinzielender  Bemühungen  des  Vereins
Deutscher  Eisenbahn-Verwaltungen,  doch  noch  nicht  so  bald;  denn  selbst  jetzt  fanden  sich
immer  noch  gewichtige  Gegner  des  einheitlichen  Signalwesens,  die  in  ihm  Nachteile  für
die  Weiterbildung  desselben  erblicken  wollten.  Es  bedurfte  dazu  erst  noch  der  Erfahrung
des  Krieges  von  1870/71,  der  das  Klägliche  und  Schädliche  der  deutschen  Signalbuntscheckigkeit
  recht  ernst  und  eindringlich  klar  legte,  als  von  Beamten  der  verschiedensten
nord-  und  süddeutschen  Bahnen  der  Betrieb  auf  einem  großen  Teil  des  französischen
Netzes  durchzuführen  war.  Als  dann  die  politische  Einheit  unseres  Volkes  auf  den
französischen  Schlachtfeldern  fertig  geschmiedet  war,  da  trat  auch  hier  endlich  der  ersehnte
und  so  notwendige  Wandel  ein.  Am  4.Januar  1875  wurde  vom  Reichskanzler  eine  durch
den  Bundesrat  festgesetzte  einheitliche  und  sehr  einfach  gehaltene  Signalordnung  für
die  Eisenbahnen  Deutschlands  erlassen,  die  am  1.  April  jenes  Jahres  in  Kraft  trat.
Seitdem  gilt  auf  allen  Maschen  des  ausgedehnten  deutschen  Bahnnetzes  ein  und  dieselbe
Form  für  den  gleichen  Signalbegriff.  Nur  in  Bayern  bestehen  zur  Zeit  noch  einige
Ausnahmen.
Die  deutsche  Signalordnung,  welche  1885  in  neuer,  sodann  1892  in  weiter  vereinfachter ­
  Fassung  herausgegeben  und  1898  in  einigen  Punkten  abgeändert  und  ergänzt
wurde,  kennt  nur  30  Signalbegriffe.  Sie  sind  in  folgende  9  Gruppen  zusammengefaßt:
1.  Signale  mit  elektrischen  Läutewerken  und  Hornsignale;  2.  Handsignale  der  Wärter
und  Scheibensignale;  3.  Signale  am  Signalmast;  4.  Vorsignale;  5.  Signale  an  Wasserkränen;
  6.  Weichensignale;  7.  Signale  am  Zuge;  8.  Signale  des  Zugpersonalcs,
9.  Rangiersignale.
        <pb n="272" />
        280

Eisenbahnen:  Signalwesen  nnd  Weichensichernng.

Die  sieben  wichtigeren  Gruppen  seien  hier  kurz  erörtert.
Läutewerke.  Die  elektrischen  Läutewerke  sind  bei  uns  an  die  Stelle  der  alten
durchgehenden  Streckensignale  getreten.  Wie  schon  erwähnt,  versagten  die  letzteren  mitunter, ­
  und  Abhilfe  that  not.  Durch  die  Erfindung  der  elektrischen  Telegraphie  wurde  sie
gründlichst  geschaffen.  Gauß  und  Weber  hatten  1833  der  staunenden  Welt  zum  erstenmal ­
  die  elektrische  Fernzeichengabe  auf  etwas  größere  Entfernung  in  Göttingen  vorgeführt.
Noch  bedienten  sie  sich  zweier  Kupferdrähte  für  Hin-  und  Rückleitung  des  Stromes.  Da
machte  Steinheil  in  München  die  hochbedeutsame  Entdeckung  von  der  Erdleitung  und
zeigte  damit,  daß  zum  Telegraphieren  nur  ein  Draht  und  damit  die  halbe  Anlagesumme
für  die  Kupferleitung  erforderlich  ist.  Er  vereinfachte  nnd  verbesserte  auch  wesentlich  die
Vorrichtung  zur  Zeichengabe  und  ist  der  eigentliche  Begründer  unserer  heutigen  Telegraphie, ­
  zumal  die  Vorschläge,  die  Weber  1835  der
Leipzig-Dresdener  Eisenbahn-Gesellschaft  zur  Einrichtung
der  elektrischen  Telegraphie  gemacht  hatte,  nicht  durchführbar ­
  waren.  Morse  erfand  dann  die  in  Amerika  und
auf  dem  europäischen  Festlande  schnell  verbreitete  nach
ihm  benannte  elektromagnetische  Schreibvorrichtung  (Fernschreiber) ­
  ,  welche  mit  Hilfe  eines  aus  Strichen  und
Punkten  gebildeten  Alphabetes  der  Empfangsstation  die
elektrisch  weitergegebene  Mitteilung  vorlegt.  Cooke,
Wheatstone  u.  a.  verbesserten  die  seitdem  in  England  zur
Zeichengabe  gebräuchliche  Zeiger-  und  Nadelvorrichtung,
und  so  war  bald  in  der  ganzen  Eisenbahnwelt  ein  (in
der  Folge  weiter  entwickeltes)  Mittel  in  Benutzung,  durch
das  sich  die  Stationen  mit  Blitzesschnelle  sicher  über  den
Abgang  und  die  Ankunft  der  Züge  u.  s.  w.  verständigen
konnten.
Doch  dem  Streckenpersonale  war  erst  geholfen,  als
fast  gleichzeitig  mit  der  Morse-Erfindung  es  dem  Berliner
Mechaniker  Leonhardt  gelang,  die  Elektrizität  auch  für
die  durchgehenden  Signale  dienstbar  zu  machen.  Nach
seinem  Vorschlage  wurde  im  Herbst  1846  zuerst  auf  der
thüringischen  Eisenbahn  jedes  Wärterhaus  mit  einer  starktönenden ­
  Glocke  versehen,  deren  Anschlaghammer  durch
ein  vom  Wärter  aufzuziehendes  Uhrwerk  (mit  GewichtssäSi^ü
  antrieb)  in  Thätigkeit  gesetzt  wurde,  sobald  es  die  Abgangsstation ­
  auf  elektrischem  Wege  auslöste.  Da  die
"  T  Leitung  hierfür  zwischen  je  zwei  Nachbarstationen  durch
mit  Dopp-l"wcke.  die  Erde  geschlossen  wird  (Kreisschluß),  so  ertönen  bei
dieser  Auslösung  nur  die  Läutewerke  zwischen  diesen  beiden
Stationen.  Die  Einlösung  besorgt  das  Uhrwerk  selbstthätig.  Den  Bahnwärtern  können
also  je  nach  der  Zahl  der  Hammer-  bezw.  Glockenschläge  gewisse  Signale  mitgeteilt
werden.  Die  nächste  Bahnlinie,  welche  mit  Läutewerken  ausgestattet  wurde,  war  die
zwischen  Magdeburg  und  Buckau.  Ihre  Läutewerke  wurden  von  Kramer  unter  Verwertung ­
  des  Leonhardtschen  Gedankens  selbständig  ausgeführt.
Der  Blitzgefahr  wegen  (vergl.  Fußnote  S.  311)  stellte  man  sie  in  besonderen,  zuerst
hölzernen,  in  der  Folge  eisernen  Häuschen  neben  den  Wärterbuden  auf.  Man  betrieb  die
Läutewerke  anfangs  durch  Batterien  (mit  Arbeitsstrom  oder  Ruhestrom).  Es  zeigte  sich
aber,  daß  bei  diesem  schwachen  Strome  die  Auslösung  des  Glockenhammers  viel  zu  empfindlich ­
  war  und  schon  durch  die  Erschütterungen,  die  ein  vorbeifahrender  Zug  verursacht,
in  Thätigkeit  gesetzt  werden  konnte.  Siemens  &amp;amp;  Halske  in  Berlin  schlugen  deshalb  eine
steifere  Auslösung  und  stärkeren  Strom  vor,  wie  er  durch  ihren  Magnetinduktor  (vgl.  Fußnote ­
  S.  309)  erzeugt  wird.  Die  Verbesserung  war  so  augenscheinlich,  daß  sie  schnell  den
Batteriestrom  verdrängte.  Seitdem  werden  die  Läutewerke  ausschließlich  durch  Jnduktions-
        <pb n="273" />
        2.  Haltsignal  vor  einer  unfahrbaren  Gleisstrecke.

Bei

Tage  Bei

Nacht  Bei

Tage  Bei

Nacht

Signalbilder
für  die  Eisenbahnen  des  Deutschen  Reiches.
Die  Farbe  wird  bei  den  Tagesfignaien  durch  Scheiben,
bei  den  Uachtfignalen  durch  Laternen  gegeben.

g.  Vorsignal:  Halt.  10.  Vorsignal:  Freie  Fahrt.

è

Bei
Tage

Bei
Nacht

Bei
Tage

Bei
Nacht

Bei  Tage

Bei  Nacht

Bei  Tage

sto

Bei  Nacht

Bei  Tage

3.  Haltsignal  (Gefahr).

4.  Fahrsignal  (Freie  Fahrt).

5.  Halt  für  alle  Gleise.

6.  Fahrt  frei  für  das  durchgehende  Gleis.

7.  Fahrt  frei  für  ein  abzweigendes  Gleis.

(Schlusssignal).

15.  Kennzeichnung  des  Schlusses  des  Zuges,
wenn  ein  Sonderzug  nachfolgt.

16.  Kennzeichnung  der  Spitze  des  Zuges,  wenn  ein
Sonderzug  aus  entgegengesetzter  Richtung  kommt.

17.  Die  Telegraphenleitung
ist  zu  untersuchen.
        <pb n="274" />
        Verschiedenartige  Benutzung  der  Läutewerke.  281

strom  betrieben.  Da  wo  verschiedene  Bahnlinien  nebeneinander  herlaufen,  werden  die
benachbarten  Läutewerke  mit  ein-,  zwei-  oder  dreifachen  Glocken  ausgestattet,  so  daß  ihre
Glockenschläge  (Ein-  oder  Mehrklang)  deutlich  zu  unterscheiden  sind  (Abb.  290).
In  Deutschland  werden  jetzt  mit  dieser  Vorrichtung  folgende  vier  Signale  gegeben:
1.  der  Zug  fährt  von  X  nach  Y:  einmal  n  Glockenschläge;  2.  der  Zug  fährt  von  Y  nach  X:
zweimal  n  Glockenschläge;  3.  die  Bahn  ioird  bis  zum  nächsten  fahrplanmäßigen  Zuge  nicht
mehr  befahren:  dreimal  n  Glockenschläge;  4.  etwas  Außergewöhnliches  ist  zu  erwarten:
sechsmal  n  Glockenschläge,  n  bedeutet  eine  bestimmte  Zahl,  gewöhnlich  fünf  bis  sechs.
1.  und  2.  heißen  Abmeldesignal,  3.  und  4.  Ruhe-  bezw.  Gefahr-  oder  Alarmsignal.
Durch  3.  wird  auf  Bahnen  mit  längeren  Nachtpausen  die  Beendigung  des  Dienstes  angezeigt, ­
  damit  die  Wärter  ihre  Posten  verlassen  können,  desgleichen  der  Ausfall  eines  bereits
signalisierten  Zuges;  4.  wird  z.  B.  bei  Zugtrennungen  gegeben,  wenn  Wagen  von  einer
Station  fortgerollt  sind  oder  ein  Zug  das  falsche  Gleis  befahren  soll.  Die  vier  Signale
können  auch  mit  dem  Horn  gegeben  werden.
Die  Läutewerkseiurichtung  findet  noch  in  anderer  Richtung  eine  höchst  nützliche  Verwendung. ­
  Da  die  schwachen,  zum  Telegraphieren  benutzten  Ströme  die  Auslösung  nicht
beeinflussen,  so  kann  man  nach  dem  etwa  Mitte  der  60er  Jahre  gemachten  Vorschlage
von  Frischen,  dem  verdienstvollen ­
  Oberingcnieur  von  Siemens ­
  &amp;amp;  Halste  in  Berlin,  die
Drahtleitung  der  Läutewerke  zum
—■  Telegraphieren  benutzen,  sobald ­
  ein  Läutesignal  nicht  gegeben ­
  wird.  Um  aber  die  Fernschreiber ­
  durch  die  starken  Jnduktionsströme
  nicht  beschädigen
zu  lassen,  liegen  sie  in  der  Regel
ausgeschaltet.  Sie  sind  bei  Gebrauch ­
  durch  Treten  auf  ein  Pedal
leicht  und  schnell  einzuschalten.  Igpj
Die  Leitung  kann  natürlich  wegen
ihvks  Areisschlusses  zwischen  zwei  291.  Nliriverlr  der  Jikb.  290  nek|l  Ailfsstgiilltscheikrii
Nachbarbahnhöfen  nur  zum  rum  Signalisieren  von  der  Strecke  uns.
Depeschenwechsel  zwischen  diesen
beiden  Orten  benutzt  werden.  Das  ist  aber  hier  gerade  von  Vorteil,  denn  dadurch
werden  nicht  nur  die  Hauptleitungen*)  entlastet,  sondern  es  sind  auch  die  beiden  Stationen
jederzeit  in  der  Lage,  sich  einander  Meldungen  zu  machen,  ohne  auf  andere  etwa
depeschierende  Stationen  Ivarteu  zu  müssen.  Die  Bahnverwaltungen  endlich  ersparen
hierdurch  namhafte  Summen  für  eine  besondere  Leitung,  die  für  größere  Eisenbahngebiete
sehr  beträchtlich  sind.  Die  Läutewerke  können  auch  zum  Signalisieren  von  der  Strecke
aus  bei  Unglücksfällen  u.  s.  w.  vorteilhaft  benutzt  werden.  Zu  dem  Zwecke  werden  sie  mit
einer  Anzahl  verschieden  gezahnter  Scheiben  ausgerüstet,  die  je  nach  Bedarf  auf  eine  bestimmte ­
  Achse  des  Uhrwerks  gesteckt  iverden.  Abb.  291  zeigt  6  solcher  Scheibenfvrmen
nebst  ihren  Anschriften,  desgl.  das  Uhrwerk  mit  aufgesteckter  Scheibe.  Die  Verzahnung
des  Scheibenumfanges  stellt  nach  dem  Morse-Alphabet  die  Nummer  der  betreffenden

*)  Auf  gut  eiugerichtetcu  Hauptbahnen  sind  folgende  Telegraphenleitungen  vorhanden:
1.  Läutewerkslcitungcn.  2.  Blockleitungen  zum  Betriebe  der  Blockwerke  (S.  310).  3.  Lokallcitungen,
an  die  jede  Station  des  Bezirkes  durch  Fernschreiber  angeschlossen  ist.  4.  Fernleitungen  für
Hauptbahnhüfe;  nur  letztere  sind  angeschlossen.  5.  Nebenlcitungen  für  besondere  Zwecke  (Blocken
der  Stellwerke,  Radtaster,  Drchbrückcnsignale,  Fernsprecher  u.  s.  w.).  Die  Lokallcitungen  dienen
zugleich  zur  Weitergabe  des  Uhrensignales,  nach  welchem  alle  Stationsuhren  eurer  Verwaltung
einheitlich  gestellt  werden.  Aus  den  preußischen  Staatsbahnen  wird  dieses  Signal  jeden  wcorg
Punkt  8  Uhr  von  Berlin  (Schlesischer  Bahnhof)  mittels  einer  besonderen  Vornchtung  samluwen
Stationen  zugesandt.  Letztere  werden  zu  dem  Zwecke  kurz  vor  8  Uhr  mit  Beilui
Auch  zahlreiche  andere  deutsche  Bahnen  empfangen  dieses  Berliner  Signal.  ^  ^
        <pb n="275" />
        282

Eisenbahnen:  Signalwesen  und  Weichensicherung.

Wärterbude  sowie  eins  der  Hilfssignale  dar.  Bei  Abgabe  eines  Signals  löst  der  Wärter
das  Läutewerk  mehreremale  von  Hand  aus,  so  daß  die  Signalscheibe  ebenso  oft  sich  dreht
und  durch  Bethätigung  eines  Unterbrechungstasters  die  Wecker  beider  Nachbarstationen
zum  Tönen  bringt.  Hier  werden  sofort  die  Morseschreiber  in  die  Läutewerksleitung  eingeschaltet, ­
  die  dann  das  betreffende  Signal  aufzeichnen.  Die  Stationen  geben  als  Quittung
das  Alarmzeichen  und  treffen  die  weiteren  Anordnungen.  Durch  die  Leitung  fließt  ein
elektrischer  Strom,  der  so  schwach  ist,  daß  die  Elektromagnete  der  Läutewerke  unbeeinflußt
bleiben,  während  die  weit  empfindlicheren  Wecker  der  Nachbarstationeu  durch  ihn  in
Thätigkeit  gesetzt  werden.  Diese  nützliche  Verwertung  der  Läutetverke  wurde  ebenfalls  in
den  60er  Jahren  zuerst  auf  der  Hannoverschen  Staatsbahn  durch  Frischen  eingerichtet.  Wo
keine  derartigen  Hilfssigualscheiben  verwendet  werden,  sind  in  gewissen,  dem  Zugpersonal
kenntlich  gemachten  Wärterbnden  Morseschreiber  aufgestellt.  Früher  führte  man  solche
Schreiber  im  Zuge  mit,  was  sich  aber  nicht  bewährt  hat.  Über  die  Verwendung  der  Läutewerke ­
  zu  anderweitigen  Sicherungszwecken  vergl.  den  Schluß  dieses  Abschnittes.
Handsignale.  Vorbemerkt  sei,  daß  die  deutsche  Signalordnung  unterscheidet  Signale
„bei  Tage"  und  solche  „bei  Dunkelheit".  Die  letzteren  sind  bereits  beim  Beginn  der  Dämmerung, ­
  auch  beim  Mondenscheine,  sowie  am  Tage  bei  dichtem  Nebel  zur  Anwendung  zu
bringen  und  zwar  stets  durch  farbiges  Laternenlicht.  Das  weiße  Licht  ist  nur  noch  bei
Weichen  zugelassen,  da  es  hier  zugleich  mit  besonderen  Formen  der  Laternen  gegeben
wird.  Sonst  werden  durchweg  erteilt:  Fahrsignale  mit  grünem,  Haltsignale  mit  rotem
Licht.  Früher  bezeichnete  weißes  Licht  „Bahn  frei".  Das  hat  aber  in  der  Nähe  von
Ortschaften  wiederholt  zu  folgenschweren  Verwechselungen  mit  anderen  Lichtern  geführt.
Auch  zeigte  sich  der  große  Nachteil,  daß  aus  einem  Haltsignal  durch  Zertrümmern  der
roten  Scheibe  das  Fahrsignal  entstand.
Die  Handsignale  drücken  zwei  Befehle  aus:  1)  der  Zug  soll  langsam  fahren;  2)  der
Zug  soll  halten.  Das  Langsamfahrsignal  wird  erteilt  bei  Tage:  durch  Ausstrecken
eines  Gegenstandes  (gewöhnlich  einer  gerollten  Flagge)  gegen  das  Gleis;  bei  Nacht:
durch  dem  Zuge  entgegengehaltenes  grünes  Licht.  Es  wird  z.  B.  gegeben,  wenn  ein  Gleisabschnitt ­
  wegen  Ausbesserungen  oder  schlechter  Gleislage  nicht  mit  der  vollen  Geschwindigkeit ­
  befahren  werden  darf  oder  wenn  dem  einem  Haltsignal  sich  nähernden  Lokomotivführer ­
  dieses  schon  durch  den  vorgelegenen  Wärter  angezeigt  werden  soll,  worüber  bei
den  einzelnen  Verwaltungen  bestimmte  Dienstvorschriften  bestehen.  Zum  Erteilen  des
Haltsignales  schwingt  der  Wärter  den  Gegenstand  im  Kreise  herum  und  zwar  bei
Tage:  gewöhnlich  die  entrollte  rote  Flagge,  seine  Mütze  oder  dergl.;  bei  Nacht:  die
Handlaterne  und  zwar  thunlichst  rot  geblendet.  Das  Haltsignal  wird  u.  a.  gegeben,
wenn  das  Gleis  unfahrbar  ist  (Schienenbruch,  Unterwaschung  u.  s.  w.),  wenn  der  Wärter
etwas  am  Zuge  bemerkt,  was  diesen  oder  die  Strecke  gefährden  könnte,  oder  wenn  ein
Zug  oder  ein  Teil  desselben  auf  der  Strecke  liegen  geblieben  ist.  Droht  Gefahr,  so
muß  der  Wärter  dem  nahenden  Zuge  möglichst  weit  entgegenlaufen.  Müssen  diese
beiden  Signale  längere  Zeit  gegeben  werden,  so  bedient  sich  der  Wärter  bei  Tage  der
Stockscheiben,  bei  Dunkelheit  der  Stocklaternen.  Als  Langsamfahrsignal  gilt  bei  Tage
eine  runde  Scheibe  mit  dem  Buchstaben  A  auf  grünem  Grunde,  welche  am  Anfange  der
langsam  zu  durchfahrenden  Strecke  rechts  neben  dem  Gleis  aufgestellt  wird,  während
das  Ende  derselben  eine  runde  Scheibe  mit  einem  E  auf  weißem  Grunde  kennzeichnet.
Bei  Dunkelheit  dient  in  ersterem  Falle  grünes,  in  letzterem  weißes  Laternenlicht  zur
Zeichengabe  (Signaltafel,  Abb.  1).  Ist  ein  Gleisabschnitt  unfahrbar,  so  wird  sein  Anfang ­
  durch  eine  viereckige  rote  Scheibe  mit  weißem  Rande,  bei  Dunkelheit  durch  rotes
Licht  (Tafel,  Abb.  2)  bezeichnet.
Mastensignale.  Jeder  Bahnhof  ist  nach  beiden  Fahrrichtnngen  durch  je  ein
Mastensignal  gesichert,  das  für  gewöhnlich  auf  „Halt"  steht  und  so  das  Bahnhofsgebiet
gleichsam  wie  ein  Sperrthor  gegen  fremde  Fahrzeuge  abschließt.  Es  wird  deshalb  auch
Abschluß-  oder  Einfahrtsignal  genannt.  Das  Einlaufen  in  den  Bahnhof  wird  einem
jeden  Zuge  und  jeder  einzelnen  Lokomotive  jedesmal  besonders  gestattet,  indem  auf  Anordnung ­
  des  dienstthuenden  Stationsbeamten  der  Flügel  auf  „Fahrt"  gelegt  wird,  falls
        <pb n="276" />
        Hand-  und  Mastensignale.  Wegesignale.

283

keinerlei  Hindernis  der  Einfahrt  entgegensteht.  Die  Abschlußstgnale  offnen  und  schließen
die  Bahnhöfe  und  sind  daher  die  wichtigsten  Mastensignale  unserer  Eisenbahn
Mb.  3  u.  4  der  Tafel  zeigen  den  einflügeligen  Mast  für  die  verschiedenen  SignM,  dew
Damit  in  der  Dunkelheit  von  den  Beamten  erkannt  wird,  ob  ein  Signal  richtig  s  h
bezw.  die  Laterne  brennt,  ordnet  man  auch  in  der  Rückwand^der  ^,a  erne  ~
an.  In  der  Haltstellung  zeigt  die  Laterne  nach  vorn,  d.  h.  dem  Zuge  cn  g  g  ,  -
Licht,  nach  rückwärts  volles  weißes  Licht,  bei  Fahrtstellung  dagegen  nach  vorn  grüne,  un
nach  hinten  teilweise  geblendetes  weißes  Licht  (Sternlicht  oder  mattweiße.  _tct))•
Da  die  Bahnhöfe  in  der  Regel  mehrere  gleichlaufende  Gleise  besitzen,  m  welche  die
Züge  einfahren  können,  so  ist  es  notwendig,  dem  Lokomotivführer  das  betreffende  f  1
gleis  von  ferne  erkennbar ­
  zu  machen.  In  solchem ­
  Falle  stattet  man
den  Abschlußmast  mit
zwei,  auch  drei  Flügeln
und  ebenso  vielen  Laternen ­
  aus,  die,  in  verschiedener ­
  Zahl  gezogen,
das  besondere  Abzweig-~n



ri

'~A  4
292.  Megestgirrrle  ;u  einem  Gleisplan  mit  fünf  Ginlanfglrifen.

gleis  andeuten.  Hierbei  ist  zu  beachten,  daß  das  Haltsignal  für  alle  Gleise  nur  durch
den  obersten,  wagerecht  liegenden  Flügel  und  dessen  Laterne  gegeben  wird.  Die  unteren
Laternen  sind  dem  Zuge  entgegen  abgeblendet,  ihre  Flügel  stehen  senkrecht,  sind  also  durch
den  Signalmast  verdeckt.
Abb.  5  bis  8  der  Signaltafel  geben  die  verschiedenen  ein-  bis  dreiflügeligen  Mastensignale ­
  wieder.  Mehr  als  drei  Flügel  an  einem  Maste  wendet  man  nicht  an,  da  sonst  das
Signalbild  für  die  Ferne  undeutlich,  auch  die  Bauart  der  Stellvorrichtung  zu  verwickelt
wird.  Wo  daher  mehr  als  drei  Abzweigungen  vorkommen,  werden  zweckmäßig  besondere
Wegesignale  aufgestellt.  Abb.  292  zeigt  einen  solchen  Gleisplan  mit  fünf  Einlaufgleisen.
Jedes  hiervon  ist  durch  einen  einflügeligen  Sondermast  (Nr.  1  bis  5)  gesichert,  während
das  ganze  gezeichnete
Bahnhofsgebiet  durch
einen  jenseit  der  letzten
Weiche  stehenden  einflügeligen ­
  Abschlußmast
A  gedeckt  wird.  Bei  zulässiger ­
  Einfahrt  des
Zuges  muß  stets  der
letztere  „Fahrt"  zeigen,
gleichgültig  welches  der
fünf  Wegesignale  hierbei
gezogen  ist.  Häufig  stellt

293.  Deutsche  Kignulbriichc  für  Megefignale.
(Reichsktsenbahnen  in  Elsaß-Lothringen.)

man  die  Flügelsignale  der  besseren  Sichtbarkeit  wegen  auf  einer  die  Gleise  überkreuzenden
Signalbrücke  auf  (Abb.  293).  Eine  sehr  bemerkenswerte  neuere  Ausführung  dieser  Art
stellt  Abb.  294  dar.  Damit  Irrtümer  des  Signalwärters  ausgeschlossen  sind,  werden  die
Wegesignale  zu  dem  Abschlnßmaste  in  Abhängigkeit  gebracht,  derart,  daß  das  Fahrstgnal  an
diesem  nur  nach  zuvor  erfolgter  Fahrtstellung  des  betreffenden  Wegesignales  gegeben  werden
kann.  Letzteres  wiederum  kann  auf  gut  eingerichteten  Bahnen  erst  dann  gezogen  werden,  wenn
alle  Weichen  richtig  liegen.  Vergl.  hierüber  weiter  unten:  „Weichen-und  Slgnalstellwerre.
Alle  diese  Signalbilder  (Abb.  3  bis  8  der  Tafel)  finden  nicht  nur  auf  Einfahrtstgn
Anwendung,  sondern  auch  auf  Ausfahrtsignale,  Blocksignale,  zur  Deckung  L
gungen  auf  freier  Strecke,  Drehbrücken  und  sonstigen  Gefahrpunkten,  g  .
Fahrtrichtungen  können  die  beiderseitigen  Signale  an  ein  und  demse  en  ^  Bahnhofswerden. ­
  Ausfahrtsignale  sind  auf  deutschen  Bahnen  erforderlich,  s  ^
gleise  für  die  Ausfahrt  von  Zügen  dienen.  Neben  redem  Gleis  -  &amp;gt;n  der  Reget  recy
        <pb n="277" />
        284

Eisenbahnen:  Signalwesen  und  Weichensicherung.
ist  dann  nach  Abb.  3  der  Signaltafel  ein  besonderer  Flügelinast  errichtet.  Blocksignale
dienen  zur  Ermöglichung  einer  dichteren  Zugfolge  (siehe  Abschnitt  „Blockverfahren").
Vorsignale.  Bei  der  Wichtigkeit  der  Einfahrtsignale  muß  deren  Flügellage  und
Laternenbild  dem  Lokomotivführer  schon  aus  genügender  Entfernung  deutlich  erkennbar
sein,  damit  er  bei  versagter  Einfahrt  unter  allen  Umständen  noch  vor  dem  Äbschlußmaste
den  Zug  zum  Halten  bringen  kann,  wobei  die  Lokomotive  bis  an  den  Mast  fahren  darf,
ohne  ihn  jedoch  zu  überschneiden.  Nun  trüben  aber  Nebel,  Regen,  Schneetreiben  die
Sichtbarkeit,  Gleiskrümmungen  lassen  die  Signale  zuweilen  erst  aus  geringer  Entfernung
deutlich  sichtbar  werden.  Es  sind  deshalb  jetzt  für  die  Abschlußmasten  Vorsignale  vorgeschrieben, ­
  welche  zu  den  Hauptsignalen  in  Abhängigkeit  stehen.  In  der  Regel  werden
beide  Signale  durch  eine  gemeinsame  Drahtleitung  gleichzeitig  gestellt  (Abb.  315).
Das  Vorsignal  besteht  nach  Abb.  9  der  Signaltafel  aus  einer  an  einem  etwa  3  m
hohen  Pfosten  angebrachten  grünen  Blechscheibe,  die  in  der  Mitte  oder  seitlich  einen
Ausschnitt  für  eine  mit  dem  Signal  verbundene  Laterne  trägt.  Die  Scheibe  läßt  sich
entweder  um  eine  senkrechte  oder  wagerechte  Achse  drehen  bezw.  um  90  Grad  umklappen.
Bei  „Halt"  am  Einfahrtsmaste  ist  die  grüne  Scheibe  dem  Zuge  voll  zugekehrt,  in  der
Dunkelheit  leuchtet  in  ihr  grünes  Licht  (weißes  nach  rückwärts).  Bei  gestatteter  Einfahrt
ist  die  Scheibe  umgelegt,  also  nicht  weiter  sichtbar;  in  der  Dunkelheit  zeigt  hierbei  die
Laterne  dem  Zuge  entgegen  Weißes  Licht,  nach  hinten  Sternlicht  (Abb.  10  der  Tafel).
Das  Vorsignal  gibt  somit  eine  Befehlsform  nur  im  Gefahrfalle,  wenn  der  Zug  halten
soll.  Je  nach  den  Steigungs-  und  Krümmungsverhältnissen  der  Bahn,  sowie  nach  der
Schnelligkeit  und  Stärke  der  Züge  steht  das  Vorsignal  mehr  oder  weniger  weit  von  dem
Einfahrtsmaste  entfernt.
Weitere  Standsignale  kommen  an  Wasserkränen  vor,  um  die  Stellung  des  wagerechten ­
  Auslegers  (Ausgußröhre  in  Abb.  332)  an  diesen  in  der  Dunkelheit  kenntlich  zu
machen.  Steht  der  Ausleger  quer  zum  Gleis,  hindert  er  also  die  Durchfahrt,  so  zeigt  die
auf  ihm  befindliche  Laterne  rotes  Licht,  sonst  weißes.
Weichensignale.  Die  Weichen  —  vergl.Abschnitt  „Oberbau"  —  können  mit  ihren
verstellbaren  Zungen  zweierlei  Lage  annehmen:  entweder  sind  sie  auf  das  gerade,  durchgehende ­
  Gleis  gerichtet  oder  auf  den  gekrümmten,  abzweigenden  Strang.  Bei  den  symmetrischen ­
  Weichen  liegen  die  Zungen  links  oder  rechts  an.  Ihre  jeweilige  Stellung  muß
dem  Lokomotiv-  und  Stationspersonal  aus  genügender  Entfernung  erkennbar  sein.  Dazu
sind  besondere  Signale  erforderlich.  Sie  werden  durch  eine  Laterne  gegeben,  die  auf  einer
neben  den  Zungen  befindlichen  senkrechten  Stange  sitzt.  Letztere  ist  mit  der  Wcichenstellvorrichtung
  derart  verbunden,  daß  sich  die  Laterne  beim  Umlegen  der  Weichen  um
90  Grad  dreht  und  so  verschiedene  Signalbilder  zeigt,  welche  durch  die  Form  der
Laternenscheiben  —  quadratisch,  rund  oder  Pfeilform  (Tafel,  Abb.  11)  —  hervorgerufen
werden.  Auf  größeren  Bahnhöfen  ist  es  allerdings  schwierig,  bei  der  großen  Schar
von  Weichenlaternen  aus  der  Ferne  den  richtigen  Stand  aller  für  die  Fahrt  in  Frage
kommenden  Weichen  von  der  Lokomotive  aus  zu  erkennen  (vergl.  weiter  unten  „Weichensicherung"). ­

Signale  am  Zuge.  Um  den  Zug-  und  Bahnbewachungsbeamten  den  Anfang  und
Schluß  eines  Zuges  kenntlich  zu  machen,  sowie  gewisse  Signale  vom  Zuge  aus  zu  geben,
werden  Laternen  und  Scheiben  benutzt.  Fährt  der  Zug  auf  richtigem  Gleise,  so  trägt  die
Lokomotive  bei  Tage  zur  Kennzeichnung  der  Zugspitze  kein  weiteres  Merkmal,  während  der
Schluß  durch  zwei  viereckige,  rot  und  weiß  gefärbte  Scheiben  oben  am  Wagen  und  durch
eine  am  Zughaken  oder  am  Buffer  hängende  rote  runde  Scheibe  (Schlußscheibe)  für  das
Streckenpersonal  bezeichnet  wird  (Tafel,  Abb.  12).  In  der  Dunkelheit  wird  die  Spitze
durch  zwei  weiße  Lokomotivlaternen  angezeigt  (Tafel,  Abb.  13),  der  Zugschluß  durch  eine
große  rote  Laterne  am  Zughaken  oder  rechten  Buffer  (Schlußlaterne),  sowie  durch  zwei
oben  am  Wagen  aufgesteckte  kleine  Laternen  (Oberwagenlateruen),  welche  nach  hinten  rot,
nach  vorn  grün  leuchten  (Tafel,  Abb.  12).  Vermittelst  der  Oberwagenlaternen  bezw.
-Scheiben  kann  sich  auch  das  Lokomotivpersonal  jederzeit  überzeugen,  ob  keine  Zugtrennung ­
  erfolgt  ist.
        <pb n="278" />
        Vorsignale.  Weichensignale.  Signale  am  Zuge.  285
Muß  ein  Zug  auf  einer  mehrgleisigen  Bahn  ausnahmsweise  auf  dem  falschen  Gleise
fahren,  so  ist  dieses  den  Streckenbeamten  kenntlich  zu  machen:  bei  Tage  durch  eine  rote
Scheibe  vorn  an  der  Lokomotive,  bei  Dunkelheit  durch  zwei  rotgeblendete  Laternen  der
Lokomotive  (Tafel,  Abb.  14).  Trägt  die  Lokomotive  in  solchem  Falle  kein  derartiges
Merkmal,  so  hat  das  Streckeupersonal  dem  Zuge  das  Haltsignal  zu  geben.
Durch  farbige  Scheiben  und  Laternen  wird  dem  Streckenpersonale  auch  das  Eintreffen ­
  eines  ihm  nicht  schriftlich  angezeigten  Sonderzuges  zur  Kenntnis  gebracht,  desgleichen ­
  Störungen  in  der  Telegraphenleitung.  Folgt  der  Sonderzug  dem  fahrplanmäßigen
Zuge,  so  trägt  letzterer  oben  am  letzten  Wagen  eine  grüne  Scheibe  oder  eine  auch  nach
hinten  grün  leuchtende  Obcrwagenlaterne  (Tafel,  Abb.  15).  Kommt  dagegen  der  Sonderzug ­
  dem  signalisierten  Zuge  entgegen,  so  trägt  die  Lokomotive  vorn  die  grüne  Scheibe
bezw.  in  der  Dunkelheit  eine  grüne  Laterne  über  den  beiden  weißen  Laternen  (Tafel,

294.  Englische  Kignalbrückr  mit  41  Fliigelfignaien.
Abb.  16).  Ist  eine  Telegraphenleitung  in  Unordnung,  so  tragen  alle  die  betreffende  Strecke
befahrenden  Lokomotiven  während  der  Dauer  dieser  Störung  am  Tage  vorn  eine  Weiße
Scheibe  (Tafel,  Abb.  17),  das  Nachtsignal  fällt  hierfür  aus.
Jedes  Ingangsetzen  eines  Zuges  oder  einer  Lokomotive  muß  durch  einen  Pfiff  mit
der  Dampfpfeife  angezeigt  werden.  Dieses  sogenannte  Achtungssignal  ist  auch  stets
zu  geben,  wenn  die  Aufmerksamkeit  der  Zug-  oder  Bahnbewachungsbeamten  erregt  werden
soll,  wenn  Menschen  im  Gleise  bemerkt  lverden,  wenn  ein  Wärter  die  Wegschranken  zu
schließen  vergessen  hat  u.  s.  w.  Bei  Zügen  ohne  durchgehende  Bremse  muß  das  Zugpersonal ­
  durch  die  Dampfpfeife  zur  Bedienung  der  Handbremsen  aufgefordert  werden.
Drei  kurze  Pfiffe  in  schneller  Folge  bedeuten  „Bremse  anziehen".  Zwei  mäßig  lange
Töne  der  Dampfpfeife  schreiben  das  Lösen  der  Bremsen  vor.  Bei  Zügen  mit  durchgehender ­
  Bremse  kann  von  jedem  Wagenabteil  ans  in  Gefahrfällen  durch  Ziehen  am
Notsignal  ein  Halten  des  Zuges  veranlaßt  werden  (vergl.  Abschnitt  „Bremsen").  Wo
die  durchgehende  Bremse  fehlt,  stellt  die  Not-,  Signal-  oder  Zugleine  eine,  lvenn  auch
minderivertigere  Verbindung  zwischen  Zugpersonal  und  Reisenden  und  dem  Lokomotivführer ­
  her.
        <pb n="279" />
        286

Eisenbahn-Signalwesen.

Außerdem  bestehen  noch  Signale  mit  der  Mundpfeife,  dem  Signalhorn,  sowie  besondere ­
  Signale  für  den  Berschiebedienst  (Rangiersignale).
Die  Zuglokomotiven  auf  Nebenbahnen  müssen  mit  einem  Läutewerk  versehen  sein,
das  bei  Annäherung  des  Zuges  an  unbewachte  Wegübergänge  in  Thätigkeit  zu  setzen  ist.
Das  Latowskische  Dampfläutewerk  ist  bei  uns  hierfür  weit  verbreitet.  Es  wird  gewöhnlich ­
  auf  dem  Kessel,  seltener  auf  dem  Führerhause  angebracht.  Ein  einfacher  Griff  am
Hahn  der  Dampfzuleitung  bringt  es  zum  Läuten.
In  Amerika  dienen  gleichem  Zwecke,  auch  auf  Hauptbahnen,  große  von  Hand  zu
bewegende  Glocken  (vergl.  auch  S.  320).
Als  Ersatz  für  die  sichtbaren  Signale,  falls  diese  durch  Schäden  plötzlich  unbrauchbar
oder  durch  Nebel,  Schneetreiben  u.  s.  w.  unsichtbar  werden,  wurden  1845  auf  der  Birmingham-Bahu
  Knallsignale  eingeführt,  die  dann  bei  allen  Bahnen  schnellen  Eingang
fanden.  Sie  bestehen  aus  einer  flachen  Blechkapsel  mit  Pulverfüllung  und  Zündvorrichtung
und  werden  auf  den  Schienenkopf  gelegt  und  mittels  zweier  Blechstreifen  in  ihrer  Lage
festgehalten.  Damit  das  Lokomotivrad  sie  nicht  von  ihrem  Platze  verschiebt,  werden  sie
an  dem  Schienenstöße  aufgelegt,  so  daß  der  Haltestreifen  sich  gegen  die  der  Fahrtrichtung
zugewandten  Laschenenden  legt.  Durch  den  Raddruck  zur  Explosion  gebracht,  erzeugen
sie  einen  dem  Büchsenschüsse  ähnlichen  Knall,  der  dem  Lokomotivführer  sofortiges
Halten  vorschreibt.
In  dem  nebelreichen  England  haben  diese  Knallsignale,  dort  Nebelsignals  genannt,  wiederholt ­
  glänzende  Proben  ihrer  Wirksamkeit  abgelegt.  Der  englische  Nebel  ist  bekanntlich  oftmals
sehr  dick,  so  daß  jegliches  Erkennen  irgend  welcher  sichtbaren  Signale  ganz  ausgeschlossen  ist.
Der  Zugverkehr  kann  dann  nur  durch  Knallsignale  geregelt  und  ausrecht  erhalten  werden.  Zu
deni  Zwecke  wird  am  Fuße  eines  jeden  Distanzsignales  ein  Ncbelwärter  aufgestellt,  dessen
Aufgabe  es  ist,  bei  „Halt"  einige  Knallkapseln  auf  die  Schienen  zu  legen  und  sie  sortzunehmen,
sobald  das  Signal  ans  „Fahrt"  gestellt  wird.  Schon  zur  Zeit  der  ersten  Weltausstellung  185l
im  Krystallpalast  zu  Sydenham,  als  der  Londoner  Bahnverkehr  ein  besonders  lebhafter  war
und  beispielsweise  täglich  etwa  200  Züge  auf  der  London  und  North  Western-Bahn  von  und
nach  London  liefen,  mußte  der  äußere  Signaldienst  während  einiger  Nebeltage  lediglich  vermittelst ­
  der  Knallsignale  durchgeführt  werden.  Wohl  gab  es  damals  Zugverspätungen,  aber
keine  Unfälle.  Ein  anderes  durch  anhaltenden  Nebel  ungewöhnlich  heimgesuchtes  Jahr
war  1888.  Während  fünf  Tage  des  Monats  Januar  war  ganz  England  fast  ständig  in
undurchdringlichen  Nebel  gehüllt.  Der  gesamte  Signaldienst  mit  sichtbaren  Zeichen  versagte.
Knallkapseln  waren  wiederum  das  einzige  Berständigungsmittel  zwischen  Lokomotivpersonal
und  Signalwärtern.  Nach  Findlay,  seiner  Zeit  Generalleiter  der  London  und  North  Western-Bahn,
  waren  in  jener  Nebelwochc  nur  auf  dieser  einen,  derzeit  etwa  3000  km  langen  englischen ­
  Bahn  für  2462  Signalmaste  besondere  Ncbelwärter  vorzusehen.  Einschließlich  der
Ablösungen  fanden  3752  Mann  hierbei  Verwendung,  gewiß  eine  staunenswerte  Ausdehnung
dieses  Notniittels,  das  sich  aber  vortrefflich  bewährte.  Nicht  nur  wurde  der  gesamte  Zugverkehr ­
  in  jenen  fünf  Tagen  aufrecht  erhalten,  sondern  es  haben  sogar  nach  Findlays  Angabe ­
  die  Schnellzüge  höchstens  Verspätung  erlitten,  einige  sind  sogar  pünktlich  gefahren
worden.  Mit  Ausnahme  zweier  Unfälle  bei  Güterzügen  hat  sich  der  ganze  übrige  Zugverkehr
ohne  Unglücksfälle  abgewickelt,  ein  glänzendes  Zeugnis  für  die  Tüchtigkeit  der  Bahnbeamten
und  auch  für  die  Brauchbarkeit  der  Knallsignale.
Die  Nebelwärter  werden  aus  den  Streckenarbeitern  genommen,  da  diese  während  des
Nebels  doch  nicht  thätig  sein  können.  Die  Verwaltung  sorgt  für  das  leibliche  Wohl  dieser
Leute  durch  warme  Kleidung  und  Erfrischungen  (Brot  und  Fleisch  nebst  Kaffee),  so  daß  sie
ihren  anstrengenden  Dienst  ohne  zu  starke  Ermüdung  versehen  können.  Auch  können  sie  sich
kleine  Feuer  anzünden.  Von  besonderer  Wichtigkeit  ist  ihr  schnelles  Heranziehen  bei  plötzlich
oder  zur  Nachtzeit  sich  einstellendem  Nebel,  zumal  wenn  die  Signalstation  gänzlich  einsam,
weit  ab  von  bewohnten  Ortschaften  liegt.  Die  genannte  Bahnverwaltung  hat  in  der  Nähe
solcher  abseits  gelegenen  Punkte  Dienstwohnungen  für  ihr  Streckenpersonal  erbaut,  die  sie  zu
mäßigem  Mietspreise  abläßt.  Die  Signalstation  ist  elektrisch  mit  der  Schlafstube  eines  der
älteren  Arbeiter  verbunden,  der  nach  Enipfang  des  Alarmzeichcns  sofort  die  übrige  Mannschaft ­
  benachrichtigen  muß.  Dank  dieser  Fürsorge  sind  selbst  in  der  Nacht  in  kurzer  Zeit  die
„lebenden  Signalmaste"  aufgestellt.  Auf  anderen  Bahnen  führt  der  Stationsvorsteher  Listen
über  die  Rebelwärter,  nach  denen  diese  zum  Dienste  herangezogen  werden.
Versuche,  die  Knallkapseln  auf  mechanischem  Wege  durch  die  Distanzsignale  legen  und
fortnehmen  zu  lassen,  sind  mehrfach  in  verschiedener  ILeise  unternommen  worden,  jedoch  stets
fehlgeschlagen.
        <pb n="280" />
        295.  Hallrnsigrwle  Lrs  Dahnhofs  Uork.
        <pb n="281" />
        '288

Eisenbahnen:  Signalwcsen  und  Weichensichernng.

Weichen-  und  Tignalstcherung.
Stellwerke.  Der  Lauf  der  Züge  ist  nur  dann  ein  gesicherter,  d.  h.  gesichert  gegen
einen  Zusammenstoß  mit  anderen  Zügen  oder  einzelnen  Fahrzeugen,  wenn  Signale  und
Weichen  sämtlich  richtig  gestellt  sind.  Letzteres  erfordert  die  Aufmerksamkeit  und  Thätigkeit ­
  verschiedener  Menschen.  Ein  Fehler  oder  Mißverständnis  ist  da  leicht  möglich,  zumal
bei  der  großen  Zahl  von  Weichen,  die  häufig  an  eine  Fahrstraße  anschließen.  Auch  böser
Wille  kann  falsche  Weichen-  und  Signalstellungen  veranlassen.  Thatsächlich  sind  eine
große  Zahl  von  Zugunfällen  auf  diese  Umstände  zurückzuführen.  Dem  Lokomotivführer
wird  es  bei  rascher  fahrenden  Zügen  zudem  selten  möglich  sein,  seinen  Zug  vor  einer
falsch  stehenden  Weiche  —  falls  er  überhaupt  diese  erkannt  hat  —  zum  Halten  zu  bringen.
Gleiskrümmungen  sind  da  besonders  ungünstig.  Als  Beispiel  eines  völlig  in  der  Krümmung ­
  liegenden  Bahnhofs  diene  Abb.  295.  Etwa  in  der  Mitte  des  Hauptbahnsteigs,  vor
dem  sich  eine  größere  Weichenanlage  befindet,  sind  besondere  Flügelsignale  (links  in  der
Abb.  sichtbar)  aufgestellt.
Je  weniger  Köpfe  mit  der  Sicherung  der  Fahrstraße  zu  thun  haben,  desto  größer
wird  im  allgemeinen  die  Betriebssicherheit  sein.  Es  war  deshalb  als  ein  großer  Fortschritt ­
  zu  begrüßen,  als  1843  die  Stellhebel  der  Signale  einer  englischen  Abzweigstation
derartig  in  gegenseitige  Abhängigkeit  gebracht  wurden,  daß  niemals  beiden  Bahnlinien
gleichzeitig  das  Fahrsignal  gegeben  werden  konnte.  Stand  das  Signal  einer  Linie  auf
„Fahrt",  so  blieb  das  der  anderen  ans  „Halt"  verschlossen.  Später  erweiterte  man
diese  Idee  dahin,  daß  auch  die  Weichenhebel  von  den  Signalhebeln  abhängig  wurden,
was  eine  gemeinsame  Lage  aller  dieser  Hebel  bedingte.  Damit  war  die  Weichenzentralisiernng
  gefunden,  die  in  genial  erdachter  und  sicher  wirkender  Art  Saxby  im
Jahre  1856  auf  der  Bricklayers'  Arms-Station  bei  London  zum  erstenmal  praktisch  zur
Ausführung  brachte.  Die  Neuerung,  1860  durch  Chambers  u.  a.  verbessert,  zeigte  so
große  Vorzüge,  daß  sie  in  England  schnellen  Eingang  fand.  Seit  vielen  Jahren  ist  sie
für  alle  neuen  Bahnen  behördlicherseits  vorgeschrieben  und  steht  dort  in  allgemeinster
Anwendung.
Auf  dem  Festland  und  besonders  in  Amerika  brach  sich  diese  segensreiche  Erfindung
nur  langsam  Bahn.  In  Deutschland  wurde  1868  das  erste  Stellwerk  in  Benutzung
genommen.  Die  Braunschweigische  Bahn-Verwaltung  hatte  es  versuchsweise  nach  englischem
Vorbilde  in  Deutschland  bauen  lassen.  Der  Versuch  mißlang  jedoch,  und  1870  wurden
zwei  Stellwerke  von  Saxby  und  Farmer  in  London  beschafft,  die  auf  den  Bahnhöfen  Börssum
und  Jerxheim  zur  Anwendung  kamen.  Anfang  der  70  er  Jahre  gelang  es  dann  Büssing,
Oberingenieur  der  Fabrik  von  Jüdel  &amp;amp;  Co.  in  Braunschweig,  und  unabhängig  davon
Rüppell  in  Köln,  eine  von  der  englischen  abweichende  Bauart  zu  ersinnen.  Beide  Männer
vereinigten  ihre  Vorschläge  und  schufen  damit  im  Jahre  1875  ein  vortreffliches  Stellwerk,
das  lange  Jahre  vielfach  ausgeführt  wurde,  bis  später  Besseres  an  seine  Stelle  trat.  Die
Jüdelsche  Fabrik,  welche  erst  Ende  1879  ihr  100.  Stellwerk  hergestellt  hatte,  vollendete
bereits  1892  das  1000.  Daneben  entwickelten  sich  noch  andere  Bauarten.  Sie  alle  haben
in  den  letzten  Jahrzehnten  unter  dem  Zwang  des  mächtig  anschwellenden  Verkehrs  immer
mehr  Verbreitung  gefunden.  Gerade  Deutschland  hat  Vortreffliches  ans  diesem  Gebiete
geleistet.  Es  seien  hier  nur  noch  die  Namen  Siemens  &amp;amp;  Halske,  Schnabel  &amp;amp;  Henning,
Zimmermann  &amp;amp;  Buchloh  genannt.
Die  erforderliche  gegenseitige  Abhängigkeit  der  Signal-  und  Weichenhebel  voneinander ­
  und  die  zwingende  Notwendigkeit,  einander  gefährliche  Signale  auszuschließen,
läßt  sich  am  besten  an  einem  Beispiele  zeigen.  Wir  entnehmen  ein  solches  den  englischen
Bahnen,  da  deren  Abzweigungen  aus  Hauptgleisen  reichlicher  durch  Flügelsignale  gedeckt
werden,  als  es  in  Deutschland  und  anderen  Ländern  üblich  ist.  Gegeben  sei  eine  zweigleisige ­
  Bahn,  aus  der  eine  zweigleisige  Linie  abzweigt.  Nach  englischer  Vorschrift  muß
jedes  Hauptgleis  nahe  der  Abzweigweiche  durch  ein  Signal  (Irorns  8ignal)  gesichert  werden.
Diese  Signale  werden  häufig  aus  dem  Dache  des  Weichenturms  angebracht.  In  England
wird  links  gefahren,  weshalb  auch  die  Mastenflügel  vom  Zuge  aus  betrachtet,  nach  links
        <pb n="282" />
        Stellwerke.  Sicherung  einer  Bahnabzweigung.  289

Weisen.  Um  den  Fall  möglichst  einfach  zu  gestalten,  werde  von  allen  sonstigen  Signalen
(Distanz-  und  Ansfahrtsignale)  sowie  Weichen  abgesehen,  jener  also  auf  die  vier  Signale
und  zwei  Weichen  beschränkt.  Die  vier  Signalflügel  gehören  den  vier  Gleisen  in
der  durch  die  Zahlen  der  Abb.  296  angedeuteten  Art  an.  Betrachten  wir  zunächst  die
Sachlage  ganz  allgemein  und  lassen  wir  jegliche  Abhängigkeit  zwischen  den  Signal-  und
Stellwerkshebeln  außer  Acht.  Es  können  alsdann  die  vier  Flügel  16  verschiedene  Gruppen
bilden,  wie  durch  Abb.  297  erläutert  ist.  Da  ferner  bei  jeder  der  beiden  Weichen  zwei  verschiedene ­
  Lagen  zu  berücksichtigen  sind,  für  ihre  zwei  Hebel  also  vier  Endstellungen  in  Frage

5.  6.  7.  8.
296.  Sicherung  einer  englischen  zli&amp;gt;;we!gstation.

kommen,  so  sind  für  diese  sechs  Hebel  im  Weichenturm  insgesamt  4  X  16  =  64  verschiedene ­
  Kombinationen  möglich.  Der  Signalwärter  könnte  alle  diese  vielen  Fälle  durch
seine  sechs  Hebel  darstellen.  Bei  Betrachtung  der  Flügelgruppen  und  des  Glciseplan»  übe&amp;gt;-zeugt
  man  sich  aber  bald,  daß  53  dieser  Kombinationen  betriebsgefährlich  und  nur
13  betriebssicher  sind.  Es  darf  daher  der  Wärter  auch  nur  diese  letzteren  13  Hebelgruppierungen
  bilden,  alle  anderen  muß  er  vermeiden.  Welch  eine  Fülle  von  umeuj
und  Übereilungen  ist  da  möglich,  vollends  nun  gar  auf  größeren  Bahnhöfen  nno  zumc
in  Stunden  lebhafteren  Bahnverkehrs.  Y
Um  nun  gegen  derartige  Irrtümer  eines  Weichen-  oder  Signa  v  ...
zu  sein,  macht  man  alle  die  gefährlichen  Hebelgruppierungen  urch  zunächst
Vorrichtung  unmöglich,  so  daß  nur  betriebssichere  übrig  bleiben.  c  ^  f  ^
        <pb n="283" />
        290  Eisenbahnen:  Signalwesen  und  Weichensichernng.
die  Aufstellung  aller  Hebel  au  einem  Orte  (Weichenzentralisierung)  und  sodann  ihre
gegenseitige  Abhängigkeit  voneinander  derart,  daß  bei  falscher  Weichenlage  kein  Fahrsignal ­
  gezogen  und  bei  gezogenem  Fahrsignal  keine  Weiche  umgelegt  werden  kann.
Diese  Vorrichtung  heißt  Stellwerk.  Seine  Bedienung  erfordert  in  den  meisten  Fällen
nur  einen  Mann,  bei  größeren  Anlagen  auch  zwei,  vereinzelt  drei  bis  vier  Leute.
Man  ist  also  nicht  mehr  abhängig  von  einer  Schar  von  Weichenstellern,  und  das  Stellwerk ­
  arbeitet  wie  eine  Maschine:  schnell  und  zuverlässig.  In  dem  obigen  Beispiel
einer  englischen  Gleisabzweigung  darf  also  das  Stellwerk  nur  die  13  allein  zulässigen
Hebelgruppierungen  ermöglichen.  Die  hierfür  in  Frage  kommenden  Signalhebel-Kombinationen
  sind  durch  die  ersten  8  Figuren  der  Abb.  297  bezw.  durch  Abb.  296  dargestellt.
Hiervon  gestattet  die  1.  Figur  (Haltsignal)  alle  vier  Weichenhebelstellungen,  die  2.  bis  4.  die
drei  durch  Abb.  296  Nr.  2  bis  4  näher  erläuterten  Fälle,  in  denen  gleichzeitig  zwei  Gleise
jener  Kreuzung  von  Zügen  befahren  werden  können,  während  die  5.  bis  8.  sechs  Hebelstellungen ­
  möglich  machen,  also  insgesamt  13.

fl

4

Hjti  2
/

M  2.1

12  13  14
297.  Signatflügrtgrnppen.

15

Zur  weiteren  Beleuchtung  diene  das  Beispiel  eines  großen  Bahnhofs.  In  der
Abb.  298  ist  das  auf  hoher  Gleisbrücke  angeordnete  Stellwerkhaus  des  Londoner  Kopfbahnhofes ­
  „Cannon  Street-Station"  mit  seinem  ungewöhnlich  großen  Signalgruppenbilde ­
  wiedergegeben.  In  der  Bahnhofshalle  liegen  9  Bahnsteiggleise.  Das  Stellwerk
enthält  hier  rund  70  Signal-  und  Weichenhebel,  die,  willkürlich  bewegt,  Millionen  verschiedener ­
  Hebelkombinationen  zulassen  würden.  Aus  dieser  Riesenschar  heben  sich  rund
800  als  betriebssicher  gegen  Zusammenstöße  ab.  Das  Stellwerk  benutzt  diese  letzteren
Gruppierungen  und  verhindert  gleichzeitig  durch  seine  Einrichtung  alle  die  anderen  gefährlichen ­
  Fälle.  Der  Verkehr  dieser  Station  ist  ein  gewaltiger.  Schon  vor  Jahren  liefen
in  drei  Vormittagsstunden  über  130  Züge  ein  und  aus  und  fast  ebensoviele  gegen  Abend.
Die  gesamte  Zugzahl  beläuft  sich  an  Werktagen  auf  etwa  700,  an  manchen  Tagen  sogar
auf  rund  800.  Ein  Aufenthalt  ans  der  in  Abb.  298  dargestellten  Gleisbrücke  gibt  ein
packendes  nachhaltiges  Bild  von  den  riesenhaften  Verhältnissen  des  Londoner  Eisenbahnbetriebes. ­
  Der  Beschauer  blickt  hier  staunend  auf  ein  scheinbar  wirres  Gedränge  von
Zügen,  die  alle  dank  dem  sichereren  Arbeiten  des  Stellwerks  und  der  angeschlossenen
Weichen-  und  Signaleinrichtungen  bei  Tage  und  bei  Nacht,  im  Nebel  oder  Sonnenschein
ungefährdet  ihren  Weg  über  die  wenigen  Gleise  der  an  die  Halle  anstoßenden  Themsebrücke ­
  nehmen.  Ohne  das  Stellwerk  wäre  dieser  Verkehr  undenkbar.
Die  Wirkungsweise  eines  Stellwerkes  kann  man  sich  etwa  wie  diejenige  einer  Orgel
denken.  Bei  dieser  müssen  verschiedene  Teile  wie  Tasten,  Register,  Pedale  u.  s.  w.  in
ganz  bestimmter  Weise  mittels  ihrer  Verbindungsstangen,  Wellen  u.  s.  w.  zusammenwirken,
um  gewisse  Töne  hervorzurufen.  Nur  wenn  diese  jeweilige  Zusammenwirkuug  gewahrt
ist,  kann  durch  das  Niederdrücken  einer  bestimmten  Taste,  z.  B.  Ist  in  allen  zugehörigen
U-Pfeifen  der  Ton  §  erzeugt  werden.  Der  geübte  Orgelspieler  wird  nur  harmonische
Tongruppen  erklingen  lassen;  ein  des  Orgelspiels  Unkundiger  wird  lauter  Disharmonien
hervorrufen.  Bei  einem  Stellwerk  würden  die  Stellhebel  der  Signale  und  Weichen  die
Klaviatur  bilden,  die  Querstücke,  Verschlüsse  u.  s.  &amp;gt;v.  die  Register  und  Pedale.  Ein  gewünschtes ­
  Signal  kann  wie  ein  gewisser  Ton  der  Orgel  auch  nur  dann  gezogen  werden,
        <pb n="284" />
        Wirkungsweise  eines  Stellwerks.

291

wenn  alle  Vorbedingungen  im  Stellwerk  erfüllt  sind,  also  alle  Querstücke  der  Weichenhebel ­
  richtig  liegen,  die  Verriegelungen  entsprechend  eingeschaltet  sind  u.  s.  w.  In  einem
wichtigen  Punkte  ist  aber  das  Stellwerk  grundverschieden:  Alle  nicht  harmonierenden
Hebelgruppierungen  sind  ausgeschlossen.  Ein  mit  dem  Bahnbetrieb  nicht  Vertrauter  kann
zwar  die  Hebel  umstellen,  er  ivtrd  aber  niemals  solche  Gruppierungen  zustandebringen,
die  in  dem  Stellwerksbezirk  den  Zusammenstoß  zweier  ein-  oder  ausfahrenden  Züge  im
Gefolge  haben.  Wohl  wird  er  arge  Zugverspätungen  und  sonstige  Betriebsstörungen  veranlassen, ­
  aber  keine  eigentliche  Gefahr  für  die  Züge,  da  er  deren  Fahrsignal  eben  nur
dann  zu  ziehen  vermag,  wenn  alle  betreffenden  Weichenhebel  richtig  liegen.
Ans  die  Einzelheiten  der  etwas  verwickelten  Banart  dieser  in  verschiedener  Weise
angeordneten  Stellwerke  kann  hier  nicht  eingegangen  werden,  da  sie  nur  an  der  Hand
von  nicht  gerade  einfachen  technischen  Zeichnungen  klar  zu  legen  sind  und  sie  außerdem
auch  wohl  nur  den  Fachmann  interessieren  dürften.  Dagegen  sei  die  allgemeine  Anordnung ­
  und  Wirkungsweise  eines  Stellwerks  hier  kurz  geschildert.

1

-r  .  .

BOD

|

298.  Kteüwcrlchnus  des  KopfbatznhofkS  Camion  Ktrrrt  in  London.

Sämtliche  Standsignale  und  Weichen  eines  Bezirks  werden  von  einem  gemeinsamen
Raume  aus  gestellt,  der,  um  dem  Wärter  eine  gute  Übersicht  über  die  Gleisanlage  zu  ermöglichen, ­
  reich  verglast  und  über  den  Schienen  erhöht  angeordnet  ist,  weshalb  er  auch
Weichen-  oder  Signalturin  genannt  wird.  Die  Weichen  und  Signale  sind  entweder  durch
ein  eisernes  Gestänge  (Gasrohr  oder  \_\  -  Stielt),  oder  auch  durch  einen  doppelten  Drahtzug ­
  mit  je  einem  Handhebel  im  Weichenturm  verbunden.  In  Amerika  und  England  zieht
man  Gestänge  vor,  in  Deutschland  neuerdings  Doppeldrahtzüge.  Das  Verstellen  dieser  Hebel
erfordert  ziemliche  Kraftanstrengnng  (15—40  kg).  Bei  den  Weichen  sind  nicht  nur  die
mehrere  Zentner  schweren  Weichenzungen  auf  ihren  (gefetteten')  Unterlagen  zu  verschieben,
sondern  auch  das  oft  bis  200  m  lange  und  mehrfach  in  Winkel  abgelenkte  (durch  Rollen
oder  Kugeln  abgestützte)  Gestänge  von  der  Weiche  bis  zum  Stellwerke  oder  statt  dessen
die  lange  straff  gespannte  doppelte  Drahtleitung.  Bei  den  Signalen  ist  ein  Flügel,  oft
mit  einer  Vorsignalscheibe,  Riegelrolle  und  eine  manchmal  bis  1200  m  lange  Drahtleitung
  zu  bewegen.  r
In  England  nimmt  man  die  Stellhebel  nach  Art  der  Abb.  299  etwa  2  / 2  m  ang,
in  Deutschland  zieht  man  jetzt  die  in  Abb.  300  u.  301  gezeichnete  Hebelform  vor.  L»e
37  *
        <pb n="285" />
        292  Eisenbahn-Signalwesen:  Stellwerke.
zeigt  die  Einrichtung  für  Doppeldrahtzug.  Da  bei  jeder  Hebelbewegung  (von  oben  nach
unten  und  umgekehrt)  ein  Zug  auf  die  Weichenzungen  oder  den  Signalflügel  ausgeübt
werden  muß  —  die  Stellung  mit  einer  Drahtleitung  ist  ihrer  geringen  Zuverlässigkeit
wegen  seit  Jahren  verlassen  —  so  sind  zwei  Leitungen  aus  5  mm  dickem,  verzinktem  Stahldraht ­
  vorhanden.  Sie  sind  der  größeren  Biegsamkeit  wegen  an  den  Rollen  durch  Drahtseile ­
  ersetzt,  deren  freies  Ende  am  Umfang  der  Stellrollen  befestigt  ist.  Der  Hebel  nach
Abb.  300  ist  mit  letzteren  durch  eine  Federkuppelung  verbunden.  Diese  überträgt  beim
Umlegen  des  Hebels  die  Stellkraft  auf  die  Drahtleitungen  und  damit  auf  die  Weichenoder ­
  Signal-Stellvorrichtung.  Wird  die  Weiche  „aufgeschnitten"  (S.  305),  so  löst  sich
die  Kuppelung  und  die  Seilrollen  verdrehen  sich  gegen  den  seststebenden  Hebel.  Dem
Stellwerkswärter  wird  dieser  Vorgang  durch  Verdrehen ­
  einer  farbigen  Scheibe  oder  dergleichen  sichtbar ­
  gemacht.
Eine  Zerstörung  des  Hebels  kann  durch  das  Ausschneiden ­
  nicht  erfolgen,  es  zerreißt  nur  ein  Bleisiegel
(p  in  Abb.  300),  an  welchem  der  Aufsicht  führende
Beamte  etwaige  Aufschncidungen  nachträglich  noch
erkennt,  falls  der  Stellwärter  solche  nicht  gemeldet
hat.  Der  Hebel  der  aufgeschnittenen  Weiche  läßt
sich  mittels  eines  Stellschlüssels  leicht  wieder  in  Ordnung ­
  bringen.
Jeder  Stellwerkhebel  kann  zweierlei  Stellungen
einnehmen,  entsprechend  der  zweifachen  Lage  der
Weichenzungen  und  der  Signalflügel  (vergl.  Lage  A
u.  B  in  Abb.  300).  Die  Hebel  sind  nebeneinander
in  einer  Reihe  angeordnet,  bei  ganz  großen  Stellwerken ­
  auch  wohl  in  zwei  Reihen,  und  sind  auf  beiden
Seiten  durch  Nummern  und  Buchstaben  derart  bezeichnet, ­
  daß  die  Anschriften  in  beiden  Endstellungen
der  Hebel  deutlich  lesbar  sind.  Signal-  und  Weichenhebel ­
  sind  je  für  sich  gruppenweise  zusammengefaßt.
Sie  sind  klar  voneinander  unterschieden,  sei  es  durch
Anschriften,  Form  oder  grellen  Farbenanstrich.  Jeder
Signalhebel  trägt  gewöhnlich  auch  die  Nummern
aller  derjenigen  Weichenhebel,  die  von  ihm  in  ihrer
Bewegung  abhängig  sind,  die,  wie  weiter  unten  er
örtert,  alle  zuvor  gezogen  werden  müssen,  ehe  durch
ihn  der  Flügel  auf  „Fahrt"  gestellt  werden  kann.
Dieselben  Zeichen  gibt  auch  ein  im  Weichentnrm
aufgehängter  Gleisplau  der  Station  wieder,  in
welchem  die  Weichen  und  Signale  in  gleicher  Weise
fortlaufend  numeriert  sind.  Nach  der  für  jede  Station  bestehenden  Fahrordnung  sind  den  ankommenden ­
  und  abgehenden  Zügen  die  zu  benutzenden  Gleise  genau  vorgeschrieben;  es  sind
dieses  die  sogenannten  Hauptgleise.  Für  das  Zusammensetzen  und  Ausstellen  der  Züge,
für  die  Rangierbewegungeu,  die  Überführungen  der  Wagen  nach  und  von  dem  Güterschuppen ­
  u.  s.  w.  dienen  besondere  Nebengleise,  deren  Benutzung  ebenfalls  in  der  Fahrordnung ­
  festgesetzt  ist.  Haupt-  und  Nebengleise  stehen  durch  Weichen  miteinander  in  Verbindung ­
  (vergl.  Abb.  307).  Um  nun  einen  Zug  sicher  durch  seine  ihm  vorgeschriebene
Gleisstraße  zu  leiten,  kommt  es  nicht  nur  darauf  au,  daß  für  ihn  die  Ein-  und  Durchfahrtsweichen ­
  richtig  stehen,  sondern  daß  auch  alle  „feindlichen"  Weichen,  d.  h.  solche,  die  aus  einem
Nachbargleise  Fahrzeuge  nach  der  genannten  Fahrstraße  durchlassen  können,  von  dieser  letzteren
abweisend  gestellt  sind.  Auch  etwaige  Sicherheitsweichen  (Abb.  149)  müssen  ablveisende
Stellung  zeigen.  Keinerlei  Fahrzeuge  können  alsdann  dem  Zuggleis  Gefahr  bringen.
Wie  oben  erwähnt,  werden  Ein-  und  Ausfahrtsgleise  durch  Mastensignale  gesichert.
Damit  nun  Irrtümer  ausgeschlossen  werden,  muß  das  Stellwerk  folgende  fünf  Be-299.

  Englischer  SteUwrrkhelirl
mit  Ncrschlutzvorrichtnng.
        <pb n="286" />
        294

Eisenbahnen:  Signalwcsen  und  Weichensicherung.

dingungen  erfüllen:  1)  Mehrere  Signale,  die  sich  gegenseitig  gefährden  können,  dürfen
niemals  gleichzeitig  sich  auf  „Fahrt"  stellen  lassen.  2)  Alle  Weichen-  und  Signalhebel
müssen  derartig  voneinander  abhängig  sein,  daß  das  Fahrsignal  für  ein  Hauptgleis  nur
dann  gezogen  werden  kann,  wenn  zuvor  alle  vom  Zuge  berührten  Weichen  in  die  richtige,
alle  feindlichen  und  Sicherheitsweichen  in  die  abweisende  Stellung  gelegt  sind.  3)  Solange ­
  das  Fahrsignal  gezogen  ist,  dürfen  diese  Weichen  sich  nicht  umstellen  lassen;  ihre
Hebel  müssen  zu  dem  Zweck  durch  den  gezogenen  Signalhebel  verriegelt  sein.  4)  Steht
das  Signal  dagegen  ans  „Halt",  so  müssen  die  Weichenhebel  und  damit  ihre  Weichen
verstellbar  sein.  5)  Nicht  vollständig  umgelegte  Weichenhebel  müssen  das  Ziehen  des
Signalhebels  verhindern;  denn  in  solchem  Falle  liegen  die  Weichenzungen  nicht  dicht  an
den  Fahrschienen  an  und  ist  Entgleisung  zu  befürchten.
Damit  nun  diese  Bedingungen  auch  stets  erfüllt  werden,  sind  die  Hebel  mit  eigenartigen ­
  Quer-  und  Verschlußstücken  verbunden,  welche  bei  einer  Bauart  z.  B.  mit  verschiedenartig ­
  angebrachten  Lücken,  Einschnitten  und  Ansätzen  versehen  sind.  Bei  bestimmten,
den  vorerwähnten  Fahrstraßen  entsprechenden  Hebelgrnppierungen  decken  sich  die  Einschnitte ­
  u.  s.  w.  aller  Hebel  einer  Gruppe,  und  es  läßt  sich  dann  eine  von  dem  Signalhebel ­
  abhängige  Schub-  oder  Riegelstange  hindurchschieben,  so  daß  die  ganze  Gruppe
verriegelt  und  gleichzeitig  der  Signalhebel  umlegbar  wird.  Solange  einer  der  Weichenhebel ­
  in  der  Gruppe  nicht  die  richtige  Lage  hat,  ist  die  Schubstange  des  Signalhebels
nicht  verschiebbar,  also  das  Fahrsignal  nicht  zu  stellen.  Der  Wärter  wird  dadurch  auf
die  falsche  Hebel-  und  Weichenlage  aufmerksam  gemacht  und  muß  zunächst  den  oder  die
betreffenden  Hebel  richtig  einstellen,  um  denjenigen  für  das  gewünschte  Signal  auf  „Fahrt"
legen  zu  können.  Hat  er  das  Fahrsignal  gezogen,  so  ist  niemand  im  stände,  einen  Hebel
dieser  Gruppe  umzustellen.  Erst  nach  Umwandlung  des  Fahrsignals  in  „Halt"  werden  sie
wieder  frei.
Neuerdings  hat  man  die  Verriegelung  der  Weichenhebel  dahin  verbessert,  daß  man
sie  durch  einen  besonderen  Hebel  —  Fahrstraßenhebel  genannt  —  bewirkt.  Dieser  erfordert ­
  zu  seiner  Bewegung  nur  geringen  Kraftaufwand,  da  er  nur  eine  Schubstange  im
Stellwerk  zu  verschieben  hat,  wohingegen  die  Signalhebel,  wie  oben  erwähnt,  eine  wesentlich ­
  größere  Verstellungskraft  bedingen.  Diese  stärkere  Kraftanstrengung  kann  unter  Umständen ­
  den  Wärter  dahin  irre  führen,  daß  er  den  Signalhebel  mit  aller  Wucht  umlegen
will,  trotzdem  vielleicht  ein  Weichenhebel  falsch  steht;  ein  Bruch  von  Stellwerksteilen  ist  da
nicht  ausgeschlossen,  wie  die  Erfahrung  verschiedentlich  gezeigt  hat.  Der  sehr  leicht  zu
bewegende  kleine  Fahrstraßenhebel  kann  nicht  eher  umgestellt  werden,  als  bis  alle  Weichen
richtig  gelegt  sind.  Bis  dahin  hält  er  den  Signalhebel  verschlossen,  und  erst  wenn  er  selbst
umgelegt  ist  und  die  Weichenhebel  nunmehr  verriegelt  hat,  wird  der  letztere  frei.  Wird
das  Signal  gezogen,  so  verschließt  dessen  Hebel  wiederum  den  Fahrstraßenhebel  und  sichert
die  ganze  Gruppe.  Damit  ferner  jede  Gewaltanstrengung  für  den  Wärter  beim  Verriegeln
ausgeschlossen  ist,  baut  man  die  Stellwerke  so,  daß  die  Handfallen  der  Hebel,  nicht
letztere  selbst  verschlossen  werden.  Die  Hand  des  Wärters  empfindet  also  schon  durch
leichten  Druck,  ob  die  Hebel  frei  oder  verschlossen  sind.
In  Abb.  300  ist  b  die  Handsalle,  ans  welche  die  Verriegelung  durch  den  Fahrstraßenhebel
wirkt.  Sie  klinkt  entsvrechend  den  beiden  Hebelstcllnngen  der  Richtung  A  u.  B  bei  o  und  o'
in  den  Rahmen  des  Stellwerks  ein  und  hält  so  durch  ihre  Federkraft  den  Hebel  in  seinen
Endlagen  fest.  Beim  Ausschneiden  eines  Weichenhebels  werden  die  von  dieser  Weiche  abhängigen ­
  Fahrstraßenhebcl  selbstthätig  gesperrt.
Durch  die  neuere  Verriegelungsart  wird  die  Bauart  der  Stellwerke  einfacher  und
der  Bahnhofsbetrieb  sicherer.  Der  Stellwerkswärter  kann  jetzt  das  Fahrsignal  gleich  nach
Einfahrt  des  Zuges  zwar  einziehen,  aber  die  Weichen  bleiben  dennoch  durch  den  Fahrstraßenhebel ­
  verriegelt.  Solange  daher  letzterer  in  seiner  Riegelstellung  verharrt,  ist  die
Fahrstraße  des  einfahrenden  Zuges  gesichert  und  ohne  Gefahr  für  diesen.  Zur  weiteren
Erhöhung  der  Sicherheit  hat  man,  namentlich  ans  deutschen  Hauptbahnen,  die  Einrichinng
noch  dahin  getroffen,  daß  das  Umlegen  der  Fahrstraßenhebel  dem  Belieben  des  Signalwärters ­
  entrückt  und  von  der  zuvorigen  Genehmigung  derjenigen  Dienststelle  abhängig
        <pb n="287" />
        295

Allgemeine  Anordnung  der  Stellwerke.

gemacht  wird,  die  genau  beurteilen  kann,  ob  die  Freigabe  gefahrlos  oder  unzulässig  ist.
Da  nun  der  Zugmeldedienst  in  Deutschland  durch  das  Stationsbüreau  ausgeübt  wird,
jener  aber  mit  der  Bedienung  der  meistens  räumlich  von  letzterem  getrennten  Stellwerke
im  Einklang  stehen  muß,  so  ist  dieses  Büreau  bei  uns  die  gegebene  Überwachungsstelle
für  den  Stellwerksdienst,  und  zu  dem  Zweck  hält  es  sowohl  die  Fahrstraßenhebel  als  auch
die  Signalhebel  unter  Verschluß  und  zwar  entweder  mechanisch  oder  häufiger  noch  elektrisch.
Für  beide  Verschlußanordnungen  bestehen  zahlreiche,  oft  höchst  sinnreich  erdachte  Ausführungsformen; ­
  eine  der  elektrischen  ist  S.  309  kurz  beschrieben.
Größere  Bahnhöfe  erfordern  oft  mehrere  Stellwerksanlagen,  die  dann  für  gewisse
Signale  und  Weichen  in  gegenseitiger  Abhängigkeit  stehen  müssen.  Letzteres  wird  durch
besondere  Hebel  —  Zustimmungshebel  —  erreicht.  Durch  Ziehen  eines  solchen  Zu-801.

  Stellwerk  in  Düsseldorf.  Erbaut  von  Jüdel  &amp;amp;  Co.  in  Braunlchwcig.

stimmungshebels  werden  die  für  eine  Fahrstraße  in  Betracht  kommenden  Weichenhebel  des
eigenen  Stellwerks  verschlossen  und  gleichzeitig  der  für  jene  Fahrstraße  gültige  Signalhebel ­
  des  Nachbarstellwerks  freigegeben.
Man  ersieht  ans  dieser  Darlegung,  daß  ein  richtig  gebautes  Stellwerk  Irrtümer  in
der  gegenseitigen  Weichen-  und  Signalstellung  ausschließt.
Die  wichtigeren  Bahnhöfe  in  Deutschland  sind  mit  Stellwerken  ausgerüstet.  Auf
manchen  Stationen  besteht  auch  die  einfachere  Einrichtung,  nur  die  Signale  vom  Stellwerk ­
  aus  zu  stellen,  die  Weichen  dagegen  von  Hand  zu  bewegen  und  diese  vom  Stellwerk
aus  zu  verriegeln  fvergl.  Abb.  315).  Auch  reine  Weichenstellwerke  für  Rangiergleise
kommen  vor.  Ein  deutsches  Signal-  und  Weichen-Stellwerk  neuester  Art  ist  in  Abb.  301
wiedergegeben.  Es  enthält  83  Hebel.  Die  größte  Hebelzahl,  die  in  einem  deutschen
Weichenturm  sich  findet,  beträgt  137.  Sie  wurde  1899  von  der  Firma  Jüdel  öl  o.
für  ein  Stellwerk  des  Hauptbahnhofs  Essen  zur  Ausführung  gebracht.  In  Amerika
        <pb n="288" />
        296

Eisenbahnen:  .Signalwesen  und  Weichensichernng.

enthält  das  größte  Stellwerk  143  Hebel.  Diese  Zahlen  werden  noch  erheblich  übertroffen ­
  durch  einige  englische  Ausführungen.  So  besitzt  der  Kopfbahnhof  Brighton  in
drei  einander  nahegelegenen  Stellwerken  456  Hebel,  die  sich  mit  96,  120  und  240  Hebeln
auf  die  einzelnen  Anlagen  verteilen.  Die  240  Hebel  sind  in  einer  einzigen  langen  Reihe
aufgestellt,  und  dieses  Stellwerk  ist  wohl  das  längste,  das  im  Eisenbahnwesen  vorkommt.
Da  zwei  Nachbarhebel  etwa  12  cm  Abstand  haben,  so  ergibt  sich  hier  eine  Stellwerkslänge ­
  von  rund  30  in.  Auf  Bahnhof  Waterloo  Bridge  (London)  und  Eastbourne  befindet
sich  je  ein  Stellwerk  mit  108  Hebeln  in  einer  Reihe,  auf  Bahnhof  Rugby  ein  solches  mit
180  Hebeln.  Das  größte  Stellwerk  Englands  steht  auf  dem  Kopfbahnhof  London  Bridge
am  Südufer  der  Themse.  Es  weist  in  zwei  Reihen  280  Hebel  auf  und  wird  in  täglich
drei  Schichten  von  je  4  Signalwärtern  bedient.  Die  Gesamtzahl  der  wocheutäglich  hier
verkehrenden  Züge  und  Lokomotiven  beträgt  etwa  600.  In  den  beiden  verkehrsreichsten
Morgenstunden,  in  denen  die  Londoner  Geschäftsleute  in  dichten  Scharen  aus  den  Vorstädten ­
  Londons  und  den  weiter  entlegenen  Orten  zur  City  eilen,  beläuft  sich  die  Zugzahl
auf  90!  Zieht  man  hierbei  noch  die  mancherlei  Rangierbewegungen,  das  Umsetzen  von
Lokomotiven  u.  s.  w.  in  Rücksicht,  so  kann  man  die  Thätigkeit  der  Wärter  dieses  Stellwerkes ­
  ermessen,  zumal  ihnen  auch  zum  Teil  die  gesamte  elektrische  Zeichengabe  für  den
Zugsignaldienst  obliegt.  Bemerkenswert  ist  noch  der  Umstand,  daß  sich  diese  Riesenanlage
auf  derselben  Bahn  (Brighton  Railway)  seit  etwa  3  Jahrzehnten  befindet,  auf  der  1856
die  Weichenzentralisierung  ihren  ersten  Triumph  gefeiert  hat.
Die  große  Hebelzahl  englischer  Stellwerke  rührt  einmal  davon  her,  daß  für  alle  Spitzweichen,
  das  sind  gegen  die  Spitze  des  Herzstückes  befahrene  Weichen,  eine  besondere  Sicherung
mittels  der  Druckschiene  (vergl.  weiter  unten  Abschnitt  „Einzelheiten  zur  Weichensichernng")  vorgesehen ­
  ist.  Zu  jeder  solchen  Weiche  gehören  demnach  2  Hebel,  einer  zum  Verlegen  der  Weiche,
der  andere  zu  ihrem  Verriegeln.  Sodann  aber  wird  jene  große  Zahl  vornehmlich  durch  die  den
festländischen  Bahnen  gegenüber  erheblich  stärkere  Anzahl  von  hohen  Standsignalen  bedingt,  durch
die  dem  englischen  Lokomotivführer  seine  Fahrstraße  kenntlich  gemacht  werden  soll.  Es  fehlen
dafür  teilweise  die  in  Deutschland  üblichen  Weichensignale,  die  sich  gleichzeitig  mit  dem  Umlegen
der  Weichenznngen  verstellen,  also  keines  besonderen  Stellhebels  bedürfen.  Beispielsweise  entfallen ­
  von  den  erwähnten  240  Hebeln  des  mittleren  Signaltnrmes  in  Brighton  nur  76  auf
Weichen  und  deren  Verriegelung,  dagegen  161  auf  Signale;  3  Hebel  dienen  anderen  Zwecken.
In  den  Bahnhof  münden  3  doppelgleisige  Bahnen  und  eine  eingleisige  Linie,  also  7  Gleise.
Sie  gabeln  sich  in  11  Bahnsteig-  und  3  Nebengleise.  Zu  ihrer  Sicherung  dienen  95  Flügelsignale ­
  und  zahlreiche  Signalscheiben;  5  dieser  letzteren  befinden  sich  über  den  5  Hauptgleisen
  zweier  Bahnlinien;  durch  sie  allein  können  wieder  44  verschiedene  Zeichen  (Nummern
oder  Buchstaben)  gegeben  werden,  die  dem  Lokomotivführer  eines  einlaufenden  Zuges  das
Bahnsteiggleis  anzeigen,  auf  welchem  er  halten  soll.  Ein  Teil  der  Signale  wird  von  zwei
Signaltürmen  aus  gemeinsam  gestellt.
Die  erwähnte  reiche  Ausstattung  der  englischen  Bahnen  mit  Mastensignalen  wird  durch
die  in  Abb.  3O2  dargestellte  Krenznngsstatiou  zweier  zweigleisiger  Bahnen  veranschaulicht.
Jedes  Gleis  und  jede  Fahrrichtung  ist  durch  drei  Signale:  Distanz-,  Stations-  und  Ausfahrsignal ­
  gedeckt,  insgesamt  sind  für  die  vierMchtungen  .20  Mastensignalc  aufgestellt,  deren  Be-,
deutung  ans  der  der  Abbildung  beigesetzten  Übersicht  hervorgeht.  Das  Stellwerk  dieser  Kreuzung,
in  der  zwei  halbe  Krcuzungsweichen  (14  und  22)  liegen,  enthält  36  Hebel,  wovon  20  für
Signale,  acht  znm  Weichenstellen  und  vier  für  Druckschienen  (S.  303)  dienen,  während  vier
Stück  Reservehebel  für  etwaige  spätere  Gleisanlagen  sind.  Für  die  Signale  gilt  der  Grundsatz,
daß  das  am  weitesten  links  stehende  Signal  zu  der  auch  am  weitesten  links  gelegenen  Fahrstraße ­
  gehört;  dem  benachbarten  Fahrgleise  entspricht  das  nächste  links  stehende  Signal  (vergl.
die  vier  Distanzsignalc  1,  6,  3,  8  u.  s.  w.)
Das  englische  Distanzsignal  findet  man  bis  1000  m  vom  Stationssignale  entfernt.  Zeigt  es
„Halt",  so  muß  der  Lokoinotivführer  die  Fahrgeschwindigkeit  so  weit  ermäßigen,  daß  er  vor  dem
Stationssignale  sicher  anhalten  kann,  falls  dieses  bis  dahin  noch  „Halt"  zeigt.  Damit  ein  einfahrender ­
  Zug  die  Strecke  freigibt,  schiebt  man  in  England  die  Ausfahrtsignale  mitunter
bis  350  m  über  den  Weichenturm  hinaus,  wie  die  Signale  5,  10,  27  und  32  in  Abb.  302
zeigen.  Der  haltende  Zug  wird  dann  durch  das  Dcckungssignal  (hörne  signal),  z.  B.  4,
hinten  gesichert.
Bedenkt  man,  daß  manche  englische  Station  täglich  von  rund  1000  Zügen  verschiedener ­
  Richtung  durchfahren  wird,  wie  z.  B.  Clapham  Junction  in  Südlondon  (vergl.
auch  Fußnote  der  S.  318),  so  erscheint  der  oben  gezogene  Vergleich  zwischen  Stellwerk
und  Orgel  um  so  zutreffender.  Die  Hebelreihen  gleichen  auf  solchem  Bahnhöfe  einer
        <pb n="289" />
        297

Signal-  und  Weichenverstellnng  mittels  Wasser-  und  Luftdruckes.

Riesenklaviatur,  auf  der  die  Signalwärter  ununterbrochen  thätig  sind,  um  Harmonien  zu
schaffen,  die  das  eilende  Dampfroß  sicher  durch  das  Labyrinth  der  Gleise  und  Weichen
geleiten.
Als  Beispiel  einer  deutschen  Anlage  sei  im  Gegensatz  zu  der  Brighton-Station  der
Durchgangsbahnhof  in  Hannover  gewählt.  Er  enthält  9  Bahnsteiggleise,  in  die  auf
einer  Seite  die  Linien  von  Lehrte  (Knotenpunkt  für  Berlin,  Hamburg,  Magdeburg),  Kassel
und  Altenbccken,  sowie  die  Bahn  nach  dem  städtischen  Viehhof  einmünden,  auf  der  anderen
die  Linien  von  Wunstorf  (Knotenpunkt  für  Bremen  und  Köln),  Visselhövede  und  Hainholz ­
  (Güterbahnhof)  nebst  einem  Gleise  nach  der  Lokomotivstation.  Auf  dem  Bahnhof
verkehren  täglich  rund  275  Züge  und  zweimal  275  Einzellokomotiven,  dazu  kommt  noch
der  Verschiebedienst.  Sämtliche  Gleise  werden  gesichert  durch  40  Flügelsignale  und  einige

302.  Kichrrnng  einer  enzlischrn  Glriskrrn;u»g.
Scheiben.  Das  auf  jeder  Seite  der  Bahnhofshalle  befindliche  Stellwerk  enthält  53  bezw.
65  Hebel.  Hiervon  sind  77  Weichen-  und  41  Signalhebel.  Den  Stand  der  Weichen
erkennt  hier  der  Führer  durch  die  Weichensiguale.  Der  Dienst  wickelt  sich  glatt  und
sicher  ab.
Da  das  Stellen  dieser  Hebel  von  Hand  auf  verkehrsreichen  Bahnhöfen  anstrengend
ist,  so  hat  man  sie  auf  mechanischem  Wege  leichter  und  schneller  zu  bewegen  versucht.
Der  Wärter  braucht  dann  nur  kleine  Hebel  und  Griffe  zu  handhaben.  Wasserdruck  ist
verschiedentlich  zu  dem  Zwecke  (namentlich  durch  die  Fabrik  von  Haniel  &amp;amp;  Lueg  in
Düsseldorf)  in  Frankreich,  Spanien  und  Italien  gewählt  worden.  In  Deutschland  selbst
Pt  nur  eine  Station  probeweise  damit  ausgerüstet  worden.  Um  das  Wasser  am  Gefrieren
zu  hindern,  war  ihm  Glycerin  beigemengt  worden.  Auch  Luftdruck  ist  wiederholt  in  Borschlag
  gebracht  worden  und  mehrfach  auf  italienischen  Bahnen  zur  Anwendung  gebracht.
Seit  1891  benutzt  die  Westinghouse-Bremsgesellschaft  in  eigenartiger  Weise  dieses  Kraftübertragnngsmittel
  für  Stellwerke.
An  den  verschiedenen  Signalmasten  und  Weichen  ist  je  ein  Druckluftcylinder  mit
Kolben  angebracht,  dessen  Stange  nach  Abb.  303  mit  den  Signalflügeln  bezw.  den  Weichenzungen ­
  in  Verbindung  steht.  Von  der  Erzeugungsstelle  der  Preßluft  durchzieht  ein  Hauptrohr ­
  das  Bahnhofsgelände  und  schließt  durch  Zweigröhren  unter  Einschaltung  eines
Hilfsluftbehälters  an  jede  Stellvorrichtung  an.  Der  Eintritt  der  mit  etwa  fünf  Atmosphären ­
  gepreßten  Arbeitslust  in  die  Cylinder  wird  durch  Ventile  geregelt,  die  vom
Stellwerk  aus  durch  elektrische  Ströme  von  15  Volt  Spannung  ausgelöst  werden.  Bi'-»
IX  38
        <pb n="290" />
        298

Eisenbahnen:  Signalwesen.

Sigrud-UnißteUvorriditung
  [

Signal-Vmsteävorrichtiuig
  |

Ilaujptrokr  %

Hakn,

Jfülfs-Luftbekäüer


Anfang  1900  sind  54  solcher  „elektro-pneumatischen"  Stellwerke  mit  insgesamt  2000  Stellhebeln ­
  für  nordamerikanische  Bahnen  ausgeführt,  darunter  der  Union-Bahnhof  in
St.  Louis  mit  13  t  Hebeln,  der  im  Jahre  1899  eröffnete  Südbahnhof  in  Boston  mit
143  Hebeln  u.  s.  w.  Auch  in  London  und  München  besteht  eine  derartige  Anlage  kleineren
Umfanges.  Zu  diesen  Hebelzahlen  ist  zu  bemerken,  daß  der  mechanische  Stellbetrieb  das
Kuppeln  von  Weichen  in  größerem  Umfange  gestattet,  als  der  Handbetrieb,  was  die
Anzahl  der  Hebel  vermindert.  Ein  sprechendes  Beispiel  hierfür  ist  die  genannte  Anlage
aus  neuester  Zeit  in  Boston:
Die  174  m  breite,  dreischiffige  Stationshalle  enthält  28  parallele ­
  Gleise,  die  von  vier  dem  Vorortverkehr  dienenden  Gleisen  —
rechts  in  Abb.  304  erkennbar  —  in  5,2  m  Tiefe  schleifenförmig
unterfahren  werden.  Links  der  Halle  wickelt  sich  der  Post-,  Gepäck- ­
  nnd  Eilgntverkehr  ab.  Rechts  der  Halle  liegt  das  mit  großen
Dampf-  und  Arbeitsmaschinen  ausgestattete  Kraftwerk  für  die
Heizung,  sowie  zur  Erzeugung  von  elektrischem  Strom  für  Lichtund
  Arbeitszwecke,  von  Preßluft  für  die  Signal-  und  Weichenstellung,
  von  Kunsteis  für  das  Trinkwasser  der  Perfonenzügc  u.  s.  w.
Der  Bahnhof  ist  für  eine  größte  tägliche  Zugzahl  lFernzüge)  von
750  berechnet,  während  die  Zahl  der  auf  den  Tiefgleisen  ein-  und
ansfahrenden  Vorortzüge  etwa  doppelt  so  hoch  veranschlagt  ist.
Hätte  man  das  Gleisuetz  mit  seinen  etwa  160  Weichen  und
156  Flugelsignalcn  durch  ein  von  Hand  betriebenes  Stellwerk  sichern
wollen,  so  wären  dazu  ungefähr  360  Hebel  notwendig  gewesen.
Durch  die  Wahl  des  mechanischen  Betriebes  hat  sich  diese  Zahl  auf
154  einschränken  lassen,  was  zugleich  eine  vorteilhaftere  Ausnutzung
des  Bahnhossgeländes  ergab.  In  dem  Hauptweichcnturm  —  inmitten
der  Abb.  304  sichtbar  —  sind  143  Hebel  für  148  Signale  und
140  Weichen  (einschl.  31  doppelter  Kreuzungsweichen)  vereinigt,
während  ein  zweiter  kleiner  Turm  (rechts  in  der  Abb.)  11  Hebel  für
einige  Signale  und  Weichen  zur  Bedienung  der  vier  Tiefglcise
besitzt.  Außer  den  erwähnten  Mastensignalen  dienen  noch  zahlreiche
Scheiben  zur  Zugsicherung.
Nicht  weniger  als  128  Uügelsignale  sind  auf  9  eisernen  Gleisbrücken, ­
  wovon  7  in  Abb.  304  sichtbar,  außerhalb  der  Halle  aufgestellt. ­
  Der  Bahnhof  dürfte  wohl  in
der  Eisenbahnwelt  der  an  solchen  Signalen ­
  reichste  sein.  Das  große  Stellwerk ­
  erfordert  zu  seiner  Bedienung
ständig  je  drei  Wärter,  die  in  drei
Schichten  täglich  abgelöst  werden,  außerdem ­
  einen  Telegraphisten  für  die  Stationsmeldungen,
  einen  Telephouwärtcr
für  den  Hallenbetrieb  sowie  für  den  gesamten ­
  Zugverkehr  einen  Oberleiter  mit
einem  Assistenten.  Die  beiden  letzteren
Beamten  haben  ihren  Platz  in  einem
der  Halle  zugekehrten  Glascrker  oben
am  Weichenturm.  Die  Stellwerkseinrichtung ­
  gestattet  das  gleichzeitige  Ausfahren  oder  Einlaufen  von  11  Zügen,  wozu  ferner
noch  4  Züge  der  Ticfgleise  kommen,  also  insgesamt  15!
Vor  wenigen  Jahren  haben  sodann  Siemens  &amp;amp;  Halste  in  Berlin,  die  auf  dem
Gebiete  der  Zugsicherung  Hervorragendes  geleistet  haben,  den  elektrischen  Antrieb  für
Signale  und  Weichen  ausgebildet.  Die  Umstellung  der  Weichen  und  Signale  erfolgt
hier  durch  kleine  Elektromotoren,  welche  neben  jeder  Weiche  bezw.  an  jedem  Signalmast ­
  sich  befinden.  Dünne  Kabel  leiten  den  Strom  von  etwa  110  V  Spannung
von  den  Umschaltern  des  Stellwerks  nach  den  einzelnen  Motoren.  Als  Stromquelle
dient  eine  Speicherbatterie,  welche  ans  der  Lichtleitung  des  Bahnhofs  geladen  wird.
Die  Antriebsweise  für  Weichen  und  Signale  ist  verschieden;  die  für  Mastensignale
zeigt  Abb.  305.  Der  Motor  treibt  mittels  „Schnecke"  ein  sich  erheblich  langsamer
drehendes  Schneckenrad  an,  das  auf  jeder  Seite  mit  einer  sog.  Hubrinne  versehen  ist,
von  der  aus  die  Belvegung  durch  Zwischenteile  schließlich  auf  die  Flügel-Stellstange  übertragen ­
  wird.

Jfeichen-Umsfellvornchtung


Jfül/s-Luftbekälter


303.  Weichen-  und  Signal-Stellvorrichtung  mit  Luftdruck
und  etektrischer  Auslösung.
        <pb n="291" />
        38*
        <pb n="292" />
        300  Eisenbahn-Signalwesen:  Verschlußtafel  und  Gleisplan.

Derartige  Anlagen  finden  sich  mit  insgesamt  926  Weichen-  und  Signalantrieben  in
Berlin,  Karthans,  Dresden,  Untertürkheim  bei  Stuttgart  (großer  Verschubbahnhof  mit
146  Weichen-  und  28  Signal-Antrieben),  in  Österreich  u.  s.  w.
Wie  ordnet  man  nun  aber  das  Stellwerk  an,  damit  es  in  der  geschilderten  vielseitigen ­
  und  sinnreichen  Weise  auch  wirken  kann,  den  heranbrausenden  Zug  zu  jeder  Zeit
sicher  durch  die  zahlreichen  Gleisverästelnngen  leitet,  alle  Gefahrenthore  des  Bahnhofs
gegen  seine  Fahrstraße  sperrt  und  den  Menschen  sogar  zur  richtigen  Thätigkeit  hierbei
zwingt?  Nun,  der  Eisenbahn-Ingenieur  stellt  zunächst  auf  Grund  der  früher  genannten,
für  die  Station  festgesetzten  Fahrordnung  und
des  Gleisplans  eine  sogenannte  Verschlußtafel ­
  auf.  Ans  dieser  ist  ersichtlich,  welche
Weichen  und  Signale  für  die  einzelnen  Fahrstraßen ­
  in  Frage  kommen,  und  welche  Verschlüsse ­
  u.  s.  &amp;gt;v.  zur  Sicherung  der  Zuggleise
erforderlich  sind.  Dieser  Übersicht  entsprechend
arbeitet  dann  die  betreffende  Maschinenfabrik
die  Bauzeichnung  aus,  entwirft  vor  allem  die
Querstücke  der  Stellwerkshebel  mit  ihren  Einschnitten ­
  oder  Vorsprüngen  u.  s.  w.,  ihren  Schubriegeln ­
  u.  s.  w.  und  führt  endlich  danach  den
Bau  aus.
Abb.  306  zeigt  eine  solche  Verschlußtafel,
Abb.  307  den  zugehörigen  Gleisplan  für  eine
Station,  deren  Gleise  und  Signale  durch  zwei
Stellwerke  bedient  werden.  Die  zu  ihrem  Verständnis ­
  notwendigen  Erläuterungen  sind  im
nachstehenden  gegeben,  und  daraus  wird  sich
auch  der  Laie  ein  Bild  von  den  Vorgängen  im
Betriebe  eines  Bahnhofs  machen  können-Die
  Darstellungsweise  beider  Abb.  ist  die,
wie  sie  für  die  preußischen  Staatsbahnen  vorgeschriebe» ­
  ist.  Hiernach  sind  die  Weichen  eines
Stellwerksbezirks  durchlaufend  zu  numerieren,
die  Kreuzungsweichen  außerdem  noch  mit  den
Buchstaben  a  bis  d  zu  versehen.  Gleisplan
und  Verschlußtafel  müssen  hierin  genau  übereinstimmen

Gleisplau.  1.  Die  Grundstellung  einer
Weiche,  das  ist  diejenige,  in  welcher  die  letztere
am  wenigsten  oft  umgestellt  zu  werden  braucht,
wird  durch  ein  +  aus  der  Seite  desjenigen
Gleises  angedeutet,  welches  bei  der  Grundstellung ­
  für  die  Durchfahrt  geöffnet  ist.  Abb.  308
bis  310  zeigen  drei  Beispiele  hierfür.
In  Abb.  310  kann  der  gerade  Strang  rn  n
befahren  werden,  während  gleichzeitig  die  beiden
Zweige  des  anderen  geraden  Gleises  von  m  u
abweisen;  Gleis  o  zeigt  auf  den  unteren  krummen  Strang,  Gleis  j&amp;gt;  auf  den  oberen.  Die
Weichenzungen  sind  hier  an  jedem  Ende  der  Kreuzung  paarweise  gekuppelt.  Wird  z.  B.  der
Hebel  auf  Seite  »  gezogen,  so  kann  ein  Zug  von  n  nach  o  fahren.  Durch  diese  Kuppelung
ergibt  sich  eine  bessere  Ausnutzung  des  Gleisplancs  der  Abb.  307.  Man  kuppelt  in  anderen
Fällen  auch  so,  daß  entweder  beide  geraden  Gleise  befahrbar  sind,  oder  beide  gekrümmten.
2.  Die  Signalmasten  werden  in  einfachen  Linien  in  der  Haltstellung  der  Flügel,  das  ist
hier  die  Grundstellung,  dargestellt.  Die  bei  der  Haltstellung  senkrecht  stehenden  Signalarme
2  oder  3  flügeliger  Masten  werden  ans  derjenigen  Seite  neben  dem  Maste  eingezeichnet,  nach
welcher  hin  sie  sich  beim  Geben  des  Fahrsiguals  bewegen  (Abb.  311).  Jeder  Signalmast  wird
mit  einem  großen  lateinischen  Buchstaben  bezeichnet.  Bei  mehrflügeligcu  Masten  wird  den
einzelnen  Flügeln  (von  oben  nach  unten  gezählt»  die  Ziffer  1,  2  oder  3  beigefügt.
3.  Die  durch  die  Fahrordnung  festgesetzten  Wege  der  ein-  und  ausfahrenden  Züge  werden
an  den  Gleislinien  kenntlich  gemacht  und  zwar  durch  Pfeilspitzen  sowie  Buchstaben,  welche  den
Zeichen  der  zugehörigen  Signale  entsprechen.  Die  Signale  mehrflügeligcr  Masten  werden
durch  die  Kennziffern  1,  2  bezw.  1,  2,  3  neben  den  großen  Buchstaben  unterschieden.

305.  Elektrischer  Signalantrieb.
        <pb n="293" />
        Skrllwrrk  I.

Sk-llw-rk  II.

Skskiorrs-VlockwerK


ff
•ff
N

Richtung
der
Züge

Einfahrts-Signalhebel


Weichenhebel

Zustimmungs ­
 ­


Zustimmungs- ­



Weichenhebel

AusfahrtsSignalhebel ­


Richtung
der
Züge

8
£§&amp;gt;
f®
s

Einfahrt

»

■

S

S

■

■

■

«

»

Ai

A2

frei

1  j  2 a /b

2&amp;lt;7d

3/ 4

b

C

d

a 1

a2

stet

3/9

"Vit

12

13

B

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a l

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Personenzug
nach  Gleis  I

t

1

1

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3

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T

Personenzug
nach  Gleis  1

Al

i
O

•

A2

Perszg.  u.  Güterzug ­
  noch  Gleisll

2Z  '//
/ y%&amp;amp;.

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W
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•+

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_3_

T

Perszg.  u.  Güterzug ­
  nach  Gleis  II

A2

«

1
O

B

Personenzug
aus  Gleis  '1

1

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8

Personenzug
aus  Gleis  I

B

C

Personenzug
aus  Gleis  III

+

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1

±

+

+

+

T

3®

Ü1

Personenzug
aus  Gleis  III

C

—  -

D

Güterzug
aus  Gleis  IV

4-J.



-b

+

z.

+

+

222
W

F

Güterzug
aus  Gleis  IV

D

306.  UrrschlnMafct  zur  Kichermizsanlaze  auf  flahnhof  fl.

307.  Gleisptan  des  flichichofs  fl.
        <pb n="294" />
        302

Eisenbahnen:  Sigimlwesen  und  Weichciisicherinig.

Verschlußtafel.  1,  Die  Weichen-  und  Sigualhebcl  erhalten  die  gleiche  Bezeichnung
wie  die  zugehörigen  Weichen  und  Signale  im  Gleisplan.
2.  Die  Spalten  für  die  Weichenhebel  werden  nur  für  diejenigen  Zugfahrten  ausgefüllt,
bei  denen  ein  Verschluß  des  betreffenden  Weichenhebels  stattfindet.  Dieser  Verschluß  wird  in
der  Grundstellung  durch  „+",  in  der  gezogenen  Stellung  durch  "  bezeichnet.
3.  Die  Spalten  für  die  Signalhebel  werden  nur  für  diejenigen  Zugfahrten  ausgefüllt,  bei
denen  der  Hebel  entweder  gezogen  oder  unter  Verschluß  gehalten  wird.  Der  Verschluß  eines
Signalhebels  in  der  Grundstellung  wird  durch  das  Haltsignal  angedeutet,  die  gezogene  Stellung
des  Signalhebels  durch  das  eingezeichnete  Fahrsignal.  Erfolgt  der  Verschluß  eines  Hebels
ausschließlich  durch  das  Ziehen  eines  anderen  Signalhebels,  so  wird  das  betreffende  Feld
schraffiert.
4.  Fahrstraßenhebel  werden  durch  kleine  lateinische  Buchstaben  bezeichnet,  welche  den
großen  Buchstaben  der  Signale  entsprechen.
5.  Zustimmnngshebel  werden  durch  kleine  Buchstaben  bezeichnet,  welche  den  großen  der
verschlossen  gehaltenen  Signalhcbcl  im  Nachbarstellwerk  entsprechen,  gegebenenfalls  wie  bei  4.
unter  Beifügung  der  Kennziffern  des  Signalhcbels.
6.  Die  Spalten  für  die  Zustimmnngshebel  werden  nur  für  diejenigen  Zugfahrten  ausgefüllt, ­
  bei  denen  ein  Verschluß  des  betreffenden  Zustimmungshebcls  stattfindet.  Der  Verschluß ­
  wird  in  der  Grundstellung  durch  „+",  in  der  gezogenen  Stellung  durch  bezeichnet.
Erfolgt  der  Verschluß  eines  Znstimmungshebels  ausschließlich  durch  das  Ziehen  eines  Signalhebels ­
  oder  eines  anderen  Zustinimungshebels,  so  wird  das  Feld  schraffiert.

7.  Blockverschlüsse  der  Hebel  werden
im  Kopf  der  Verschlußtafel  angedeutet.  Der
elektrische  Verschluß  ist  durch  O,  der  mechanische ­
  durch  H,  die  Freigabe  auf  erstercnr
Wege  durch  O,  auf  letzterem  durch  □  dargestellt. ­


308.  Einfache  Meichr.
Die  Durchsähet  ist  bei  der  Grundstellung  für  das  gerade
Gleis  geöffnet.

8.  Stehen  mehrere  Stell-  oder  Blockwerke ­
  in  Abhängigkeit  voneinander,  so  sind
die  Vcrschlnßtafcln  in  gleicher  Hohe  nebeneinander ­
  anzuordnen.  Für  die  verschiedenen ­
  Zugfahrten  wird  dann  die  Reihenfolge, ­
  nach  welcher  die  Veränderungen  in

309.  Ciusachc  Meichr.
Die  Turchsahrt  ist  bet  der  Grundstellung  für  das  gekrümmte
Gleis  geöffnet.

A

71/

O

811.  Zweiflügeliger
Kignatmast.
Grundstellung.

sio.  Doppelte  Kreuzmigsweichc.
Die  Durchfahrt  ist  bei  der  Grundstellung  an  jedem  Ende  für  «in  gerades
und  ein  gekrstmiuieS  Gleis  geöffnet.

den  einzelnen  Feldern  herbeigeführt  werden  sollen,  innerhalb  der  letzteren  durch  Ziffern
angegeben.
Der  Leser  versuche  hiernach  einmal  die  Verschlußtafel  für  den  sehr  einfachen  Glcisplan
der  Abb.  307  selbständig  aufzustellen.  Er  wird  daun  die  Summe  von  Arbeit  und  sorgfältigster
Überlegung  ermessen,  welche  für  die  Anfertigung  der  Verschlußtafel  eines  großen  Bahnhofs
aufzuwenden  ist.  Beispielsweise  enthält  diese  Tafel  für  den  durch  zwei  Stellwerke  gesicherten
Bahnhof  Hannover  bereits  153  senkrechte  und  29  wagcrechte  Spalten.  Wie  viel  umfangreicher ­
  und  mühseliger  gestaltet  sich  nun  gar  der  Fall  für  die  Riescnstcllwerkc  von  Boston,
Brighton  und  London!

Einzelheiten  zur  Weichenücherung.

Die  oben  erwähnte  Sicherung  der  Spitzweichen  englischer  Bahnen  durch  Druckschienen ­
  wurde  veranlaßt  durch  einen  im  Sommer  1873  stattgehabten,  besonders  schweren
Eisenbahnunfall.  Der  schottische  Schnellzug  der  London  und  North  Western-Bahn  wurde
bei  voller  Fahrt  in  einer  Spitzweiche  zerrissen.  Mährend  sein  vorderer  Teil  auf  dem
Hauptgleise  verblieb,  rannten  die  sieben  letzten  Wagen  in  das  Abzweiggleis.  Sie  wurden
nahezu  gänzlich  zertrümmert,  wobei  es  zahlreiche  Tote  und  Verletzte  gab.  Die  Weiche
war  vom  Stellwerkswärter  nach  Einziehung  des  Fahrsignals  umgelegt  worden,  während
der  Zug  sie  gerade  noch  durchfuhr.  Ein  „Falschspuren"  der  hinteren  Wagen,  d.  h.  Einlaufen ­
  in  ein  falsches  Gleis,  während  die  vorderen  Wagen  auf  dem  richtigen  verharrten,
und  eine  Zugtrennung  waren  die  unvermeidliche  Folge.  Dieser  Unglücksfall  gab  damals
        <pb n="295" />
        Weichcnsicheruug  durch  Druckschicnen.

303

312.  Druck  schiene  mit  Riegel.

in  England  Anlaß  zu  mannigfachen  Sicherungsvorschlägen,  da  schon  früher  wiederholt
Unglücksfälle  durch  das  zu  frühe  Umlegen  von  Spitzweichen  vorgekommen  waren.  Die
Vorschläge  gipfelten  alle  darin,  die  Zungen  der  Spitzweichen  während  der  Durchfahrt
eines  Zuges  unverrückbar  in  ihrer  richtigen  Lage  zu  erhalten.  Zur  allgemeinen  Einführung ­
  gelangte  damals  die  Druckschiene.  Ein  vorzeitiges  Umstellen  von  Weichen,
die  nicht  durch  Druckschiene  gesichert  sind,  ist  auch  heutigestags  nichts  allzu  seltenes.  So
sind  z.  B.  von  den  im  Jahre  1898/99  auf  Bahnhöfen  der  preußischen  Staatsbahn  erfolgten ­
  160  Entgleisungen  37  Fälle
auf  jene  Ursache  zurückzuführen.  Seit
1898  besteht  für  diese  Bahnen  die  Vorschrift, ­
  alle  spitz  befahrenen  Weichen
gegen  das  Umlegen  unter  einem  fahrenden ­
  Zuge  selbst  bei  zurückgenommenem ­
  Fahrsignal  zu  sichern.
Druck  schiene.  Sie  besteht  aus
einem  langen  I  Eisen,  das  an  der
Innenseite  einer  Fahrschiene  durch  Gelenke ­
  beweglich  gelagert  und  bis  dicht
vor  die  eine  Weichcnzunge  geführt  ist.
Anfänglich  wurde  die  Druckschiene
gleichzeitig  mit  den  Weichenzungen
durch  denselben  Stellhebel  bewegt.
Später  gab  man  ihr  eine  besondere,
mit  einer  Weichenverriegelung  verbundene
  Stellvorrichtung.  Abb.  312
zeigt  diese  auf  den  englischen  Bahnen
allgemein  übliche  Bauart.  Die  vordere
Verbindungsstange  der  Zungen  (in
England  sind  stets  zwei  solcher  Verbindungen ­
  für  jede  Weiche  vorgeschrieben)  besitzt  zwei  Schlitze.  Je  nach  ihrer  Lage  greift  ein
auf  einer  Qucrschwelle  geradlinig  geführter  und  mit  der  Druckschiene  ck  sowie  deren  Stellvorrichtung ­
  verbundener  Riegel  U  in  einen  dieser  Schlitze  und  sichert  die  Weiche.  Liegt  letztere
nickst  richtig,  so  kann  der  Riegel  nicht  in  den  Schlitz  treten,  und  der  Stellwerkswärtcr  vermag
nicht  den  Hebel  ganz  umzulegen.  Er  wird  genötigt,  zuvor  die  Weiche  genau  einzustellen.
Bei  verriegelter  Weiche  liegt  die  Druckschiene  so  viel  tiefer  als  der  Schieucnkopf,  das;  die
Spurkränze  der  Eisenbahnrädcr  sie  nicht  berühren.  Beim  Umstellen  der  Weiche  wird  sie
dagegen  bis  zur  Lauffläche  der  Schienen  gehoben.  Befindet  sich  daher  ein  Rad  mit  seinem
Spurkranz  über  ihr,  so  kann  der
Signalwärter  sie  nicht  völlig  anheben,
also  auch  nicht  den  Riegel  ganz  aus
der  Querstange  herausziehen  und  nicht
die  Weiche  umlegen.  Die  Druckschiene
vermag  daher  einen  Zug  oder  ein
Fahrzeug  gegen  Falschspuren  zu
sicher»,  wenn  ihre  Länge  (5—8  m  in
England)  mindestens  gleich  dem  größten
vorkommenden  Abstande  zweier  benachbarter
  Radachsen  eines  Fahrzeuges
oder  Zuges  der  betreffenden  Bahn  gewählt ­
  wird.  Es  ist  dies  eine  große
Sicherheit  für  den  Betrieb,  da  der
Wärter  bei  weit  hinausgeschobenen
.  Weichen,  zumal  wenn  diese  in  gekrümmten ­
  Gleisen  liegen,  und  bei  unsichtigem ­
  Wetter  nicht  immer  erkennen
kann,  ob  die  letzten  Räder  des  Zuges  die  Weiche  durchfahren  haben.  Die  Druckschienc  übt  auf
ihn  stets  einen  Zwang  aus.  Die  vorgenannte  Verriegelung  hat  später  eine  wesentliche  Verbesserung ­
  erfahren,  zu  der,  wie  so  oft,  ebenfalls  ein  böser  Unfall  Anlaß  wurde.  Auf  einem
Bahnhof  war  das  Gestänge  nach  einer  Spitzweiche  gebrochen.  Dem  Wärter  blieb  dieses  unbekannt, ­
  er  legte  den  Weichenhebel  richtig  um  und  gab  das  Fahrsignal.  Die  Weiche  selbst  war
aber  nicht  verstellt  worden,  der  Zug  rannte  in  eine  Abzweigung  und  wurde  stark  beschädigt.
Um  derartige  Gestängefehler  zur  Kenntnis  des  Signalwärters  zu  bringen,  hat  man  den  Riege;
(R  in  Abb.  313)  doppelt  gestaltet.  Bei  der  einen  Weichenlage  wird  der  eine  Riegel  in  die  Riegelstange ­
  gedrückt,  bei  der  anderen  wird  der  zweite  Riegel  in  sie  gezogen.  Eine  Verriegelung  u

•um  StetCwaz.'li
313.  Drrrckschirne  mit  Aopprlrieget.

,  S’te.'C-C'ivez'ft
        <pb n="296" />
        804  Eisenbahnen:  Weichensichcrung.

also  in  jedem  Falle  nur  bei  richtig  stehender  Weiche  möglich.  Wird  im  Falle  des  Gestängebruchs ­
  der  Weichenhebel  umgelegt,  so  ist  dieses  sür  den  Riegelhebcl  der  Druckschicne  nicht
möglich,  die  Freigabe  des  Signals  also  wirksam  gehindert.  Neuerdings  hat  man  die  Druckschiene ­
  auch  an  die  Außenseite  der  Fahrschiene  gelegt  (bessere  Reinigung  bei  Schneefnll).
Sie  liegt  dann  bei  verriegelter  Weiche  fast  in  Schienenhöhe  und  erhebt  sich  beim  Losriegeln
über  diese.  Auch  hat  man  keilartige  Riegel  eingeführt,  die  sich  in  entsprechend  geformte
Zungenstühle  schieben  und  die  Zungen  sicher  festhalten.  In  Deutschland  wird  die  Außenlage
vorgezogen.  Um  die  Abnutzung  der  Druckschiene  durch  ausgelaufene  Radreifen  zu  vermeiden, ­
  hat  Büssing  (Braunschweig)  die  (aus  einem  Flacheisen  gebildete)  Schiene  in  wagerechter ­
  Ebene  beweglich  angeordnet,  derart,  daß  sie  bei  verriegelter  Weiche  so  weit  von  der
Fahrschiene  abliegt,  daß  die  Räder  sie  nicht  berühren.  Bei  der  Entriegelung  wird  sic  dann
gegen  die  Fahrschiene  bewegt  und  stößt,  falls  sich  noch  ein  Rad  in  ihren:  Bereiche
befindet,  gegen  dasselbe,  so  daß  sie  nicht  umgelegt  werden  kann.  Diese  Bauart  ist  zweckmäßig. ­
  Alle  diese  Druckschienen  bedingen  aber  Fahrzeuge  mit  nicht  zu  großem  Radstande
  (—Abstand  der  äußeren  Radachseu  voneinander!,  da  sie  sonst  zu  lang  und  zu  schwer
beweglich  ausfallen.  Auf  den  deutschen  Bahnen  kommen  Wagen  mit  sehr  verschiedenen  und
sehr  großen  Radständcn  vor  (bei  Langholzwagen  bis  20  in).  Hier  werden  deshalb  die  Schutzschienen ­
  nicht  so  allgemein  benutzt  wie  in  England. ­
  In  letzterem  Lande  haben  sie  sich  gut  bewährt ­
  und  finden  deshalb  auch  häufige  Anwendung ­
  sür  andere  Sicherungszwecke.  Bei
kurzen  Stationsabständen,  wie  sie  in  Industriegegenden
  mit  dichtem  Gleisnctz  l  Clevelandbezirk ­
  n.  s.  w.!,  sowie  auf  Stadtbahnen  vorkommen, ­
  z.  B.  auf  den  Londoner  Untergrundbahnen, ­
  hat  mau  solche  Drnckschienen  mit  Vcni
Ansfahrsignal  in  Verbindung  gebracht.  Die
Schutzschieneu  liegen  dann  neben  dem  Bahnsteig,
und  solange  ein  Zug  hier  hält,  können  sie
natürlich  nicht  angehoben  und  umgelegt  werden.
Das  Ansfahrsignal  der  rückwärts  gelegenen
Station,  das  an  diese  Druckschienen  angeschlossen ­
  ist,  kann  daher  auch  nicht  versehent
lieh  gegeben  werden,  da  sein  Hebel  versagt.
Das  Aufeinanderrennen  zweier  Züge  ist  dadurch ­
  unmöglich  gemacht.  Ferner  werden  sie
mit  Vorteil  bei  Bahnkreuzungen  verwendet,
um  das  Einfahren  eines  Zuges  in  das  Ende
eines  anderen  zu  hindern,  der  zwar  die
Kreuzung  schon  durchfahren  hat,  aber  noch
nicht  mit  seinem  letzten  Wagen  über  den  Merk
Pfahl*)  hinausgerückt  ist.  In  der  Abb.  302
liegen  bei  13  u.  24  Druckschienen  neben  dem
Merkpfahl,  während  die  bei  18  n.  20  gezeichneten ­
  zur  vorerörtcrtcn  Sicherung  der  Spitzweichen
  dienen.
Da  die  Bewegung  langer  Druckschienen  für  den  Stellwerkswärter  anstrengend  ist,  so  hat
man  jene  auch  selbstthätig  gemacht.  Federn  oder  Gegengewichte  erhalten  sie  "in  der  höchsten
Stellung  —  bei  Außenlage  etwa  20  mm  über  dem  Schienenkopf,  bei  Jnnenlage  in  Schienenkopfhöhe.
  Die  überrollenden  Räder  drücken  sie  nieder  und  bewirken  dadurch  das  Verriegeln,
während  die  Federkrast  u.  s.  w.  sie  nach  Vorbeifahrt  des  Zuges  wieder  hochdrückt  und  die
Weiche  entriegelt.
Seit  1898  ist  auf  den  preußischen  Staatsbahnen  vielfach  ein  sogenannter  Zeitverschluß
für  die  Druckschiene  eingeführt  worden.  Hierbei  kommt  ein  doppelarmiger  Radtaster  in  Anwendung, ­
  dessen  längeres  Ende  beim  Niederdrücken  des  kürzeren  hochgeht,  die  Weiche  verriegelt
und  gleichzeitig  in  einem  eisernen,  durch  Ledermembrane  abgeschlossenen  Doppelbehälter  mit
Ventilverschluß  eure  Lustverdünnung  erzeugt.  Da  die  Anßenluft  nur  langsam  wieder  eindringen ­
  kann,  so  dauert  die  Verriegelung  eine  gewisse  Zeit  lang.  Diese  Anordnung  ist  von
gedrängter  Bauart  und  rm  Gleise  bequemer  einzubauen,  als  die  Druckschiene.  Bis"  jetzt  hat
sie  sich  gut  bewährt.
Riegeltopf  für  Spitzwcichen.  Nach  deutscher  Vorschrift  muß  jede  Weiche  einer  Hauptbahn, ­
  gegen  deren  Spitze  fahrplanmäßige  Züge  fahren,  während  des  Durchganges  des  "Zuges

*)  Nach  den  Vorschriften  für  deutsche  Eisenbahnen  muß  zwischen  zusammenlaufenden  Schienensträngen
  ein  Merkzeichen  angebracht  sein,  welches  die  Stelle  angibt,  über  die  hinaus  auf  dem
einen  Gleise  Fahrzeuge  mit  keinen!  ihrer  Teile  vorgeschoben  werden  dürfen,  ohne  daß  der  Durchgang ­
  von  Fahrzeugen  auf  dem  anderen  Gleise  gehindert  wird.

,.  X.
I  '

314.  Meichenvrrriegrlnng  durch  das  Signal.
        <pb n="297" />
        305

Verriegelung  der  Spitzweichen  und  Spitzenverschlüsse.

entweder  verriegelt  gehalten  werden  oder  von  einem  Weichensteller  bewacht  sein.  Ferner
müssen  diese  Weichen,  falls  sie  von  Personenzügen  befahren  werden,  durch  ein  Signal  derart
gesichert  sein,  daß  dessen  Fahrstellung  nur  nach  Richtiglegung  der  Weichen  für  den  vorgeschriebenen
Weg  gegeben  werden  kann.  Solange  das  Fahrsignal  steht,  muß  es  auch  die  zugehörige  Weiche
verriegelt  halten.  Steht  das  Signal  auf  „Halt",  so  muß  die  Weiche  nach  beiden  Richtungen
frei  umstellbar  sein.  Diese  Verriegelung  wird  vielfach  durch  die  Riegel-  oder  Verschlußrolle
  bewirkt,  das  ist  eine  nach  Abb.  314  in  den  Signaldrahtzug  neben  der  Weiche  eingeschaltete
Rolle  mit  einem  kreisförmigen  Ansätze,  der  sich  bei  richtiger  Weichenlage  in  einen  der  beiden
Schlitze  der  mit  den  Zungen  verbundenen  Riegelstange  einschickt.  Bei  unvollkommener  Zungenanlage ­
  ist  eine  Drehung  der  Riegelrolle  nicht  möglich,  und  die  Ziehung  des  Fahrsiguals  wird
verhindert.  Nr.  1  und  3  in  Abb.  314  zeigen  die  Lage  des  Riegelansatzes  beim  Haltsignal,
Nr.  2  und  4  beim  Fahrsignal.  Diese  Anordnung  bildet  das  Gegenstück  zu  der  Drnckschienen-Verriegclung.
  Dort  wird  der  Riegel  durch  ein  Gestänge  bedient,  hier  durch  einen  Drahtzug;
daher  ist  er  hier  bogenförmig  gestaltet.
Diese  an  sich  treffliche  Einrichtung  verhindert  nun  aber  nicht,  daß  der  Signalwärter  zu
früh  das  Fahrsignal  einzieht,  dadurch  die  Spitzweiche  entriegelt  und  diese  unter  einem  Zuge
umlegen  kann.  Um  solches  unmöglich  zu  machen,  muß  die  früher  beschriebene  Druckschiene
oder  ein  Zeitvcrschluß  angebracht  werden.
Die  Anwendung  eines  Riegeltopfes  in  Verbindung  mit  dem  Signalmast  zeigt  Abb.  315.
W  ist  die  von  Hand  bediente  Weiche,  deren  Riegelstange  R  durch  den  Stellhebel  8  von  der
Station  oder  dem  Weichentnrm  ans  verriegelt  wird,  sobald  das  Flügelsignal  M  mit  seinem
Vorsignal  V  auf  Fahrt  gestellt  wird.  A  bezeichnet  den  Drahtspanner  (S.  308),  1  die  Riegelstange
zum  Verriegeln  der  Hebel  der  übrigen  Bahnhofswcichen.  Auch  auf  elektrischem  Wege  hat  man
Spitzweichen  gegen  vorzeitiges  Umstellen  gesichert.

315.  Stellvorrichtung  eines  Mastcnsignnls  mit  Vorsignal  und  gleichzeitiger  Verriegelung  der  von  Hand
gestellten  Spitzweiche.

Spitzenverschlüssc.  Die  Weichen  müssen  mit  dichtem  Zungenanschluß  in  ihrer  Lage
unverrückbar  gehalten  werden.  Abnutzung  in  den  Gelenken  des  Gestänges  u.  s.  w.,  sowie
Änderungen  durch  die  Wärme  müssen  ohne  Einstuß  auf  das  gute  Anliegen  der  Weichenznngcn
bleiben.  Dieses  wird  erreicht  durch  besondere,  neben  den  Weichen  in  das  Gestänge  oder  in
die  Drahtzüge  eingeschaltete  Stellvorrichtungen,  Spitzenverschlüsse  genannt.  Ihre  Bauart  ist
verschieden.  Bei  den  durch  Stellwerke  bedienten  (zentralisierten)  Weichen  kann  nun  eine
Beschädigung  der  Stellvorrichtung  eintreten,  wenn  ein  Fahrzeug  vom  Herzstück  aus  eine
für  eine  andere  Richtung  gestellte  Weiche  durchführt.  Es  muß  dann  mittels  seiner  Spurkränze ­
  deren  Zungen  gewaltsam  zur  Seite  schieben,  sie  aufschneiden.  Das  „Ausschneiden"  ist
zwar  strengstens  verboten,  kommt  jedoch  nicht  selten  vor.  Zur  Verhütung  der  hierbei  sonst
unvermeidlichen  Zerstörungen  im  Gestänge  oder  im  Stellwerk  dienen  die  „aufschneidbaren"
Spitzenverschlüsse.  Auch  deren  Bauart  ist  sehr  mannigfach.  Bei  mancher  ist  ein  schwacher
Stahlbolzen  eingelegt,  dessen  Festigkeit  für  das  Umlegen  der  Weiche  zwar  genügt,  nicht
aber  für  das  gewaltsame  Ausschneiden.  Er  wird  daher  in  letzterem  Falle  abgeschert
(durchgeschnitten).  Derartige  Bolzen,  in  die  absichtlich  die  Zerstörung  geleitet  wird,  sind
schnell  und  ohne  nennenswerte  Kosten  zu  ersetzen.  Abb.  316  zeigt  einen  der  zahlreich
ersonnenen  Spitzenverschlüsse  mit  Scherbolzen.  Neben  der  Weiche  ist  das  vom  Stellwerk
kommende  Gestänge  an  den  Spitzenverschluß  angeschlossen.  Ersteres  liegt  mittels  eines
Doppelhebels  »  b  R  in  einem  um  den  Bolzen  f  drehbaren  Winkelhebel  cde.  Soll  die  Weiche
umgestellt  werden,  so  legt  sich  das  mit  einer  Rolle  versehene  Hebelende  R,  das  in  der  in  Nr.  2
der  Abb.  316  gezeichneten  Lage  die  Weiche  verriegelt  hält,  gegen  ä,  dreht  den  Winkelhebel
und  verstellt  damit  die  Weiche,  um  diese  sodann  auch  in  der  neuen  Stellung  wieder  unverrückbar ­
  zu  erhalten.  Der  Winkelhebel  besteht  aus  zwei  Teilen,  die  durch  den  Abscherbolzen:  A
zusammengehalten  werden.  Wird  die  Weiche  aufgeschnitten,  so  wird  A  durch  den  Druck  der
Weichenstange  dnrchgeschert  und  der  obere  Teil  des  Wiukclhcbels  verdreht  sich  gegen  den
unteren;  dadurch  tritt  das  obere  Bogenstück  über  die  Aussparung  i  des  unteren  Wntkelhebetslückes
  (vergl.  Abb.  316*  mit  316*).  Dem  Doppelhebel  a  d  R  des  Weichengestänges  ist  dadurch
IX  39
        <pb n="298" />
        1

306

Eisenbahnen:  Signalwesen  nnd  Weichcnsichernng.

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*  l,  1  )  LUJÄj

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fast  die  ganze  Beweglichkeit  geraubt,  der  Wärter  vermag  den  Weichenhebcl  nicht  umzulegen,
erhält  also  Kenntnis  von  dem  Aufschneiden.  Das  Fahrsignal  kann  nicht  gezogen  werden.
Dieser  Spitzenverschluß  ist  gleichzeitig  so  angeordnet,  daß  kleine,  durch  die  Wärmeschwankungen
hervorgerufene  Längenänderungen  des  Gestänges  ohne  Einfluß  auf  die  gute  Zungenanlage ­
  bleiben.
Man  ist  in  Deutschland  noch  weiter  gegangen  und  hat  die  Weichenstcllvorrichiuug  verschiedentlich ­
  so  angeordnet,  daß  ein  Aufschneiden  ohne  Anwendung  von  Scherbolzen  und  dergleichen ­
  möglich  wird  und  doch  auch  der  Wärter  im  Weichenturmc  in  sicherer  Weise  Kenntnis
von  der»  Borgange  erhält.  Bei  diesen  etwas  verwickeltercn  Einrichtungen  werden  die  beiden
Weichenzungen  durch  den  Handhebel  nicht  gleichzeitig,  sondern  einzeln  nacheinander  verlegt,
was  zugleich  den  Vorteil  geringerer  Kraftanstrengung  ergibt.  Bei  Weichenstellung  mit
Doppeldrahtzug  benutzen  Siemens  &amp;amp;  Halste  den
in  Abb.  317  und  318  dargestellten  Spitzenverschluß,
der  eine  wirksame  Vereinigung.  der  Weichenstellrolle ­
  mit  einer  Riegelrolle  bildet.  Um  die
wagerecht  liegende  Stellrolle  ist  eine  Kette  geschlungen, ­
  an  deren  freien  Enden  die  Leiden  nach
dem  Stellhebel  laufenden  Drahtzüge  angeschlossen
77r/ft77?77/7777////  sind.  Die  Rolle  besitzt  aus  beiden  Seiten  einen
7/m//////////////,  bogenförmigen  Ansatz,  ähnlich  dem  in  Abb.  314;
der  obere  hiervon  ist  in  Abb.  317  schraffiert  und
gegen  den  unteren  etwa  zur  Hälfte  versetzt.  Oberhalb ­
  und  unterhalb  der  Rolle  sind  durch  ihr  Gehäuse ­
  zwei  mit  den  Weichenzungen  verbundene  und
mit  je  zwei  Ausschnitten  versehene  Riegelstangen
hindurchgeführt.  Der  bogenförmige  Ausschnitt  dient
zuni  Verriegeln  der  Weiche,  der  gerade  zu  ihrem
-Verstellen  mittels  eines  kleinen  aus  der  Mitte
jener  Rolle  versetzten  Treibzapfens  a  bezw.  a'.  Sobald ­
  die  Stellrolle  durch  den
Drahtzug  gedreht  wird,  erfolgt ­
  zunächst  die  Entriegelung ­
  der  Weiche,  dann  die
Umstellung  und  schließlich
die  Wiederverriegelung.  In
Abb.  317  hält  der  obere
Riegel  die  Weiche  fest,  der
untere  stößt  gegen  seine
Riegelstange;  in  Abb.  318
ist  es,  entsprechend  der  anderen ­
  Weichenlage,  umgekehrt. ­
  Wird  die  Weiche
aufgeschnitten,  so  wird  zunächst ­
  die  an  der  abliegenden
Weichenzunge  befestigte
Riegelstange,  welche  nicht
verriegelt  ist,  durch  die  Räder
des  aufschneidenden  Fahrzeugs ­
  bewegt.  Hierbei  wird
durch  den  Druck  auf  den
Trcibzapfen  a  bezw.  a'  die
Stellrolle  gedreht  nnd  dadurch  die  Verriegelung  der  mit  der  anliegenden  Zunge  verbundenen ­
  Riegelstange  aufgehoben,  worauf  beide  Zungen  gemeinschaftlich  fortbewegt  werden.
Durch  den  gleichzeitig  mitbewegten  Drahtzng  wird  eine  Änderung  am  Stcllwcrkhebel  bewirkt,
wodurch  der  Wärter  Kenntnis  von  dem  Aufschneiden  erhält  (vergl.  S.  292).  Endlich  ist  auch
noch  für  den  Fall  eines  Drahtbruches  eine  Sicherung  für  das  feste  Anliegen  der  Weichenzungen
  getroffen,  indem  in  jede  Drahtleitung  neben  der  Riegelrolle  eine  sogenannte  Drahtrißsperre ­
  eingeschaltet  ist.  Reißt  in  Abb.  317  z.  B.  der  untere  Draht,  so  zieht  die  gezeichnete
Spiralfeder  einen  kleinen  Winkelhebel  an,  dessen  freies  Ende  in  die  Nut  einer  Führungsstange
schlägt  und  sich  gegen  die  Stirnfläche  der  Nut  stemnit,  dadurch  eine  Drehung  der  Riegelrolle
nnd  ein  Abklappen  der  Zunge  wirksam  verhindernd.  Auch  für  diesen  Zweck  sind  sehr  verschiedene ­
  Anordnungen  erdacht  worden.
Zwischen  einem  deutschen  und  einem  englischen  oder  amerikanischen  Stellwerk  besteht
hiernach  ein  wesentlicher  Gegensatz,  der  namentlich  durch  die  in  Deutschland  gestellten  hohen
Anforderungen  an  die  Aufschneidbarkeit  der  Weichen,  durch  die  Drahtzugbewegung  n.  s.  w.
hervorgerufen  ist.
Ausgleichvorrichtungen.  Die  Weichen-  und  Signalleitungen  werden  durch  die
Wärmeuntcrschiede  länger  und  kürzer,  was  das  Umlegen  der  Weichen  und  Signale  unter

:b-T



316.  Misfmgs  Kpitzermerschlutz  mit  Nlilchrrbostrn.
        <pb n="299" />
        Ausgleichvorrichtungen  der  Signalzüge  und  Weichengestänge.  307
Umständen  unmöglich  macht,  mindestens  aber  das  feste  Anliegen  der  Zungen  und  das  genaue
Einstellen  der  Signale  gefährden  wurde.  Die  größte  Entfernung,  auf  welche  eine  Weiche
durch  doppelten  Drahtzug  vom  Stellwerk  aus  zu  stellen  ist,  ist  für  die  preußischen  Staatsbahnen ­
  auf  350  m  festgesetzt.  Bei  Signalen  kann  man  weiter  gehen  und  scheut  hier  nicht
Entfernungen  selbst  bis  zu  1200  m.  Ein  Gestänge  oder  ein  gespannter  Draht  von  100  m
Länge  ändert  sich  bei  1"  Wärmeunterschied  um  rund  l 1 /*  mm.  Wird  der  größte  Wärmeunterschied
  zwischen  einer  Winternacht  und  einem  Hochsommertage  für  die  Leitung  zu  60°  6.  angenommen, ­
  so  ergibt  sich  für  einen  350  m  langen  Weichenzug  eine  gesamte  Längenveränderung
von  X  3,5  X  60  =  262  mm.  Das  ist  schon  recht  beträchtlich.

317.  Wrichenstrlloorrichtrinz  mit  mifschncidtxrrrm  Spitzeniierlchtutz  und  Prahtrißsprrrr.

3iö.  Kchnitt  durch  den  Kpiticnorrschlntz  der  Add.  317  (in  vergrößertem  Maßstabe).

JVachclen

Bei  den  ersten  englischen  Stellwerken  waren  Schraubenvcrbindungeu  in  die  Leitungen
eingeschaltet,  durch  die  Kürzungen  oder  Längungen  vorgenommen  werden  konnten.  Diese
Anordnung  bedingt  aber  bei  jedem  Witterungswechsel  die  Heranziehung  zahlreicher  Arbeiter,
um  die  Leitungen  schnell  auf  richtige  Länge  wieder  zu  bringen.  Diese  Ausgleichung  von
Hand  war  höchst  mangelhaft.  Es  war  nicht  ausgeschlossen,  daß  der  Signalwärler  einen  Hebel
umlegte  und  des  Glaubens  war,  die  Weiche  richtig  gestellt  zu  haben,  während  sie  in  Wirklichkeit ­
  kaum  oder  doch  nur  teilweise  umgelegt  war,  da  ein  Teil  der  Hebelbcwegnng,  wenn  nicht
die  ganze,  durch  die  noch  nicht  ausgeglichene  Verlängerung  des  Gestänges  aufgebraucht  wurde.
Diese  Notlage  leitete  zur  Erfindung  der  selbstthätigen  Ausgleicher.
Die  Längcnänderungen  eines  Gestänges  werden  durch  Doppelhebel,  durch  storchschnabelartige
  Gelenkanordnnngen  und  dergl.  selbstthätig  ausgeglichen,  wobei  aber  die  Richtung  des
Gestänges  nicht  wesentlich  abgelenkt  werden  darf  (vergl.  auch  Spitzenverschlüsse).  Abb.  319
zeigt  einen  Ausgleicher  mit  Doppelhobel,  bei  dem  das  Gestänge  geradlinig  geführt  bleibt.
39*
        <pb n="300" />
        308

Eisenbahnen:  Signalwesen  und  Weichensicherung.

Die  Ausdehnung  der  einen  Leitungshälfte  hebt  diejenige  der  anderen  auf.  In  Abb.  320
greift  das  geteilte  Gestänge  an  zwei  Winkclhebeln  an,  deren  freie  Enden  durch  eine  Gelenkstange ­
  s  verbunden  sind.  Unter  den  verschiedenen  Ausgleichern  für  Drahtzüge  hat  sich  die
in  Abb.  300  gezeichnete  gut  bewährt.  Sie  ist  von  Büssing  erfunden  und  wirkt  einfach  und
sicher.  Jede  der  beiden  Leitungen  wird  unterhalb  des  Stellwerks  durch  eine  mittels  Gewichtshebels ­
  6-  beweglich  gelagerte  Rolle  abgelenkt.  Je  nach  der  Luftwärme  zur  Zeit  des  Einbaues
wird  der  Abstand  an  dem  gebogenen  Führungseisen  jenes  Hebels  größer  oder  kleiner  gewählt.
Dehnt  sich  der  Draht,  so  sinkt  die  Rolle  mit  dem  Gewichtshebel,  während  sie  umgekehrt  bei
seinem  Zusammenziehen  sich  hebt.  Die  beiden  zu  jedem  Stellwerkshebel  gehörenden  Rollenhebel ­
  liegen  dicht  nebeneinander,  das  Gewicht  6  ist  nur  wenige  Zentimeter  dick.  Beim  Umlegen
des  Stellhebels  muß  nun  die  Drahtrolle  in  ihrer  Lage  verbleiben,  was  durch  2  Klemmen  erreicht
wird,  die  an  jedem  der  Gewichtshebel  sitzen  und  beim  Ziehen  der  Leitung  sich  fest  gegen  das
bogenförmige  Flacheisen  legen  und  dadurch  den  Hebel  festhalten.  Nach  Umlegung  der  Weiche
hört  die  Klemmung  von  selbst
auf,  die  beiden  Gewichtshebel
können  wieder  frei  spielen  und
die  Wärmeeinflüsse  unschädlich
machen,  so  daß  die  zwei  Drähte
»in  der  Ruhelage  stets  gleich
straff  gespannt  sind.  Für  die
Signalleitungen  nimmt  man
häufig  ein  gleiches  Spannwerk.
Wo  ein  Borsignal  mit  dem
Abschlußmast  verbunden  ist,  steht
ersteres  mitunter  bis  1200  m
vom  Stellwerk  entfernt.  Eine
solche  Drahtlänge  erleidet  eine
recht  erhebliche  Längenänderung. ­
  Für  diesen  Fall  eignet
sich  die  ebenfalls  von  Büssing
zuerst  angegebene  einfache  Ausgleichvorrichtung ­
  HwrAbb.315.
Die  lose  Rolle  mit  Belastungsgewicht  wird  in  jede  der  beiden  Drahtleitungen  eingehängt.
Beide  Rollen  sind  miteinander  verbunden,  um  wieder  ein  Anheben  oder  Senken  der  Gewichte
beim  Stellen  des  Signals  zu  vermeiden.  Ausgleicher  für  Drahtzüge  heißen  auch  Drahtspanner. ­


319-  Ausgleichvorrichtung  durch  Asppelhedrl.

Blockverfahren.
Die  Handhabung  der  vorstehend  geschilderten  Sicherheitseinrichtungen,  insbesondere
der  Signalhebel,  bedarf  aber  noch  eines  gewichtigen  Schutzmittels,  damit  die  Thätigkeit
der  Stellwerkswärter  in  vollem  Einklang  mit  dem  Zugmeldedienst  steht  und  nicht  etwa
mehrere  Züge  in  zu  schneller  Folge  hintereinander  ab-  oder  gleichzeitig  in  dieselbe  Fahrstraße ­
  eingelassen  werden  und  aufeinander  rennen.  Dieses  Mittel  ist  gegeben  in  dem
Blockverfahren,  dessen  Name  von  dem  englischen  Io  block  =  sperren  herrührt  (line
blocked  -----  Linie  gesperrt  oder  geblockt).  Die  hierbei  benutzten  Blockeinrichtungen  legen  aus
deutschen  und  vielen  anderen  Bahnen  das  Signal  am  Ein-  oder  Ausfahrtmaste  elektrischmechanisch
  fest.  Sie  ermöglichen  dadurch,  bestimmte  Gleisstrecken  für  die  Fahrt  eines  Zuges
zu  sperren  (zu  „blocken")  und  sie  nur  von  einer  solchen  Stelle  aus  für  die  Fahrt  frei
zu  geben  (zu  „entblocken"),  die  mit  Sicherheit  beurteilen  kann,  ob  diese  Fahrt  erfolgen
darf  oder  nicht.  Heutigestags  werden  sowohl  die  Zugfahrten  innerhalb  der  Bahnhöfe
als  auch  die  Zugfolge  auf  der  Strecke  durch  dieses  Mittel  gesichert.  Man  unterscheidet
demgemäß  die  Stations-  und  die  Streckenblockung.  Hierzu  treten  noch  weitere  Blocksicherungen ­
  für  Bahnkreuzungen  in  Schienenhöhe,  für  Drehbrücken,  Tunnels  u.  s.  w.
In  jedem  Falle  wird  die  Sicherung  durch  ein  elektrisches  Blockwerk  ausgeübt,  das
einen  mechanischen  Verschluß  herstellt,  der  nur  von  einem  entfernten  Orte  aus  durch
dessen  Blockwerk  elektrisch  aufgehoben  werden  kann.  Bringt  man  also  ein  Blockwerk  mit
den  Stellhebeln  der  Signale  und  Weichen,  den  Verriegelungshebeln  der  Drehbrücken  u.  s.  w.
in  Verbindung,  so  bewirkt  seine  Einrichtung,  daß  der  Wärter,  wenn  er  es  in  Thätigkeit
setzt  (bedient),  seine  Stellvorrichtung  unverrückbar  festlegt.  Er  kann  sie  nicht  eher  wieder
bewegen,  als  bis  sie  durch  das  Blockwerk  der  entfernt  liegenden  Überwachungsstelle
(Stationsbüreau  u.  s.  w.)  frei  gegeben,  also  entriegelt  ist.  Zwei  derartige  zusammen-
        <pb n="301" />
        309

Verriegelung  der  Mastensignale  durch  das  Blockwerk.
arbeitende  Blockwerke  sind  nun  durch  Drahtleitung  in  einen  Stromkreis  geschaltet,  so  daß
der  von  einer  Stelle  entsandte  elektrische  Strom  gleichzeitig  auf  beide  Werke  einwirkt.
Auf  deutschen  Bahnen,  auch  in  Österreich,  Holland  und  anderen  Ländern  loird
ziemlich  allgemein  das  von  Siemens  &amp;amp;  Halske  1871  erfundene  Blockwerk  verwendet,
von  dem  zur  Zeit  über  50000  Blockfelder  in  Benutzung  stehen.  Ein  solches  Werk  besteht ­
  im  wesentlichen  aus  einem  gußeisernen  Kasten  mit  einem,  zwei  oder  mehreren  Elektromagneten ­
  und  einem  Magnetinduktor  oder  Stromgeber,  der  durch  eine  seitlich  sitzende
Kurbel  bethätigt  wird.  Vorn  zeigt  das  Gehäuse  so  viele  Glasfensterchen  oder  Felder,  als
Elektrvmagnete  im  Inneren  lagern.  Hinter  jedem  Fenster  ist  eine  rote  oder  weiße  Scheibe
sichtbar.  Eine  weiße  Scheibe  bedeutet:  Die  Fahrt  ist  erlaubt.  Rot  besagt:  Die  Fahrt  ist
verboten.  Jedes  Feld  gilt  für  diejenige  Fahrrichtung,  welche  durch  die  darunter  befindliche
Anschrift  und  beim  Streckenblockwerk  durch  den  angebrachten  Pfeil  kenntlich  gemacht  ist.
Jede  Fahrstrecke  wird  an  ihrem  Anfange  und  Ende  durch  je  ein  Feld  gesichert.  Beide
Felder  bilden  mit  ihrer  Leitung  die  „Blockverbindung".  Sie  sind  so  angeordnet,  daß  bei
der  Streckenblockung  beide  Felder  in  der  Grund-  oder  Ruhestellung  (der  Zugverkehr  ruht)
frei  sind,  also  weiß  zeigen.  Bei  der  Stationsblockung  dagegen  ist  auch  in  der  Ruhestellung ­
  stets  das  eine  Feld  gesperrt,  das  zugehörige  andere  frei.  Nur  ein  freies  Feld  ist
am  Blockwerk  „bedienbar",  weil  infolge  der  Bauart  seine  Blocktaste  allein  niedergedrückt
werden  kann.  Da  die  Haltstellung  der  Signale  die  Regel,  ihre  Fahrtstellung  die  Ausnahme ­
  bildet,  so  zeigen  die  Felder  des  Stationsblockwerks  in  der  Ruhestellung  „rot"
(Abb.  323),  in  der  Sperre  „weiß".  Die  beiden  Felder  einer  solchen  Blockverbindung
zeigen  also  gleiche  Farbe;  aber  das  freie  Feld  des  Stationsblockwerks  ist  rot,  während
das  freie  am  Signalblockwerk  weiß  ist.
Soll  ein  Blockwerk  bedient  werden,  so  muß  man  die  Jnduktorkurbel  k  in  Abb.  321
einigemal  drehen  und  gleichzeitig  die  Blocktaste  niederdrücken.  Dadurch  werden  von  dem
Stromgeber  1*)  elektrische  Wechselströme  in  die  Leitung  gesandt,  so  daß  beide  Elektromagnete
  E  der  die  Fahrt  sichernden  Blockfelder  I  und  II  beeinflußt  werden.  Die  Anker  IST
dieser  Magnete  werden  daher  gleichzeitig  abwechselnd  angezogen  und  abgestoßen.  Hierbei  läßt
an  dem  stromgebenden  (bedienten)  Blockwerk  (I  in  Abb.  321)  ein  kleines,  an  dem  Anker
N  sitzendes  Gesperre  M  einen  die  weiße  und  rote  Scheibe  tragenden  Zahnbogen  R  infolge
seines  Eigengewichtes  nach  abwärts  fallen  und  verwandelt  dadurch  das  weiße  Feld  in  ein
rotes,  während  an  dem  stromempfangenden  Blvckwerk  (II  in  Abb.)  R  durch  Federdruck
sich  aufwärts  bewegt  und  rot  in  weiß  umstellt.  Gleichzeitig  verriegelt  der  ein  Blockwerk
bedienende  Beamte  stets  seine  Vorrichtnug  und  gibt  das  Nachbarwerk  frei.
Wie  wird  nun  ein  Signalhebel  durch  das  Blockwerk  verriegelt?  Die  Blockwerke,
die  diesem  Zwecke  dienen,  besitzen  nach  Abb.  321  unten  in  ihrem  Gehäuse  eine  senkrechte
Sperrstange  r,  die  eine  abgefederte  Klinke  8  in  den  Ausschnitt  einer  auf  der  Drehachse
des  Stellhebels  L  sitzenden  Eisenscheibe  v  drücken  kann.  Beim  Niederpressen  der  Blocktaste
zwecks  Blockung  der  vorgelegenen  Strecke  schiebt  der  Wärter  zugleich  auch  die  Sperrstange  r
nieder.  Durch  die  vorsichgehende  Verdrehung  der  Welle  a  des  die  rote  und  weiße  Scheibe
tragenden  Zahnbogens  wird  diese  Stange  in  ihrer  Tieflage  bei  in  gesperrt  und  der  Signalhebel ­
  ourch  sie.  Erfolgt  daun  später  die  Freigabe  seitens  der  vorgelegenen  Strecke,  so
wird  durch  die  gegenteilige  Drehbewegung  jenes  Zahnbogens  die  Sperrstange  ausgelöst.
Eine  Feder  drückt  sie  nach  oben  und  hält  sie  hoch.  Der  Signalhebel  ist  wieder  frei  beweglich, ­
  und  das  Fahrsignal  kann  gegeben  werden.  Solange  dieses  gezogen  ist,  kann  aber

*)  Dieser  Stromgeber^l.856  erfunden,  besteht  aus  einer  Anzahl  von  Hufeisenmagneten  (Abb.  321),
zwischen  deren  Polen  ein  ^-förmiger  Anker  durch  die  Kurbel  K  vermittelst  eines  kleinen  Rädervorgeleges ­
  in  schnelle  Umdrehung  versetzt  wird.  In  den  Kupferdrahtwindungen  des  Ankers
werden  hierdurch  Wechselströme  erzeugt,  welche  für  den  Feldcrwechsel  der  Blockwerke  benutzt
werden,  während  sie  für  deren  Wecker  zuvor  durch  einen  Stromwender  gleich  gerichtet,  also  in
Gleichstrom  verwandelt  werden.  (Letzteres  ist  auch  der  Fall  bei  den  Stromgebcrn  der  S.  280
genannten  Läutewerke.)  Durch  Niederdrücken  der  betreffenden  Taste  wird  der  Strom  in  die  mit
dieser  verbundene  Leitung  geschickt.  Man  erspart  durch  diese  Einrichtung  die  unbequeme  Batterie
und  erzielt  jederzeit  eine  gute  Wirkung.  Sie  hat  deshalb  auch  bei  den  Block-  und  Läutewerken
allgemeine  Anwendung  gefunden.
        <pb n="302" />
        Eisenbahn-Signalwesen:  Stationsblockung.  311
die  Sperrstange  und  damit  die  Blocktaste  nicht  niedergedrückt  Iverden.  Eine  Freigabe  der
rückgelegenen  Strecke  für  einen  neuen  Zug  ist  folglich  auch  solange  unmöglich.  Die
Blvckwerke  der  Weichentürme  sind  an  dem  Stellwerk  angebracht  und  verriegeln  dessen
Signal-  bezw.  Fahrstraßenhebel.
Das  Blockwerk  besitzt  demnach  für  den  Zugbetrieb  hervorragend  wertvolle  Eigenschaften: ­
  Es  zwingt  zum  richtigen  Handeln,  zumal  es  so  eingerichtet  ist,  daß  ein  Eingriff
des  bedienenden  Beamten  nicht  stattfinden  kann.  Über  den  Blocktasten  sitzen  sodann  noch
die  Weckertasten,  um  mittels  der  zu  oberst  angebrachten  Weckerglocken  auch  ein  hörbares
Signal  der  Empfangsstation  senden  zu  können.  Zur  Kennzeichnung  der  angeschlagenen
Glocke  trägt  jeder  Wecker  eine  Fallscheibe,  welche  beim  Tönen  der  Glocke  sichtbar  wird.
Blitzableiter*)  zum  Schutze  der  Blockwerke  und  Beamten  vervollständigen  die  Einrichtung.
Stationsblockung.
Alle  Signalhebel  im  Stellwerk  (desgleichen  die  der  Signale  an  Drehbrücken  u.  s.w.)
stehen  unter  elektrischem  Verschluß  des  Stationsblockwerks.  Soll  der  Stellwärter ­
  ein  Fahrsignal  ziehen,  so  muß  er  dazu  Auftrag  von  dem  Stationsbeamten
erhalten,  zu  welchem  Zweck  dieser  sein  und  des  Wärters  rotes  Signalfeld  in  ein  tveißes
verwandelt,  was  dem  Wärter  zugleich  hörbar  gemacht  wird.  Solange  das  Fahrsignal
steht,  ist  eine  Änderung  der  Felderfarbe  unmöglich.  Erst  nachdem  der  Wärter  nach  Vorbeifahrt ­
  des  Zuges  das  Signal  auf  „halt"  zurückgelegt  hat,  kann  er  beide  Felder  auf
rot  zurückstellen,  womit  er  zugleich  das  Haltsignal  verriegelt.  Nunmehr  wird  aber  der
Stationsbeamte  tvieder  alleiniger  Herr  über  diese  Blockverbindung.  Den  Zugfahrten  im
Bahnhofsbetrieb  u.  s.  w.  wird  dadurch  eine  außerordentlich  hohe  Sicherheit  gegen  Zusammenstöße ­
  verliehen  und  zwar  auf  dreifache  Weise:  1.  die  Signalgebung  für  die  Züge
wird  völlig  abhängig  von  der  für  die  Ein-  und  Ausfahrt  verantwortlichen  Dienststelle
(Stationsbüreau),  2.  die  Weicheulage  wird  nochmals  gesichert,  3.  feindliche  Signale  können
niemals  frei  gegeben  werden.
Die  Blockfelder  werden  unterschieden  in:  Signal-,  Fahrstraßen-  und  Zustimmungsfelder. ­
  Signalfelder  halten  die  Signale  in  der  Haltstellung  verschlossen  und  geben  sie
für  die  einzelnen  Zugfahrten  frei.  Fahrstraßenfelder  machen  die  Fahrftellung  eines
frei  gegebenen  Signals  abhängig  von  der  zuvorigen  elektrischen  Verriegelung  der  Fahrstraße ­
  im  eigenen  Stellwerkbezirke,  um  eine  vorzeitige  Weichenumstellung  nach  Einziehung
des  Fahrsignals  zu  verhindern.  Erst  wenn  der  Fahrstraßenhebel  durch  Bedienung  seines
Blockfeldes  verriegelt  ist,  kann  ein  freigegebenes  Signal  gezogen  werden.  Zustimmungsfelder ­
  machen  die  Fahrstellung  der  Signale  abhängig  von  der  Festlegung  der  Weichen  in
anderen  Stellbezirken.
Auf  größeren  Bahnhöfen,  in  die  verschiedene  Linien  einmünden,  sind  meistens
mehrere  Stellwerke  vorhanden.  Ihre  Handhabung  wird  hiernach  so  vom  Stationsbüreau
aus  durch  die  Blockwerke  gesteuert,  daß  die  Einzelwerke  sich  nicht  gegenseitig  gefährden
können.  Hier  erhalten  die  Stationsblockwerke  oft  recht  viele  Felder.  So  zeigt  Abb.  322
eine  solche  Anlage  mit  17  Feldern  und  eben  so  vielen  Magneten,  Drucktasten  und  Weckern.
Auf  solchem  Bahnhöfe  werden  die  Bahnsteiggleise  oft  von  Zügen  verschiedener  Richtung
befahren  und  dieselben  Gleiskreuzungen  von  aus-  wie  einfahrenden  Zügen  benutzt.  Hier
muß  zur  Erfüllung  der  obigen  Forderung  3)  eine  besondere  Einrichtung  am  Stationsblockwerk ­
  getroffen  werden,  damit  eine  solche  Gleisausnutzung  auch  vollständig  sicher  gestellt ­
  wird  und  der  Stationsbeamte  nicht  etwa  zwei  Signalhebel  nacheinander  entsichert,
deren  Fahrstraßen  die  Züge  in  Gefahr  bringen,  wie  beispielsweise  auch  die  gleichzeitige
Einfahrt  zweier  Züge  entgegengesetzter  Richtung  in  dasselbe  Gleis  einer  Bahnhofshalle.
*)  Blitzableiter  müssen  in  die  Telegraphenleitungen  eingeschaltet  werden,  da  letztere  Blitzschlägen ­
  leicht  ausgesetzt  sind  und  der  Blitz  sie  oft  viele  Kilometer  weit  durchläuft.  Wiederholt
sind  früher  Fälle  vorgekommen,  wo  die  Leitungen  samt  ihren  Tragstangen  auf  längere  Strecken
hin  durch  Blitz  zerstört  wurden,  ebenso  die  angeschlossenen  Apparate  der  Stationen  und  Wärterbuden, ­
  wobei  dann  häufig  Mensche»  verletzt  worden  sind  (vergl.  auch  S.  280).
        <pb n="303" />
        312

Eisenbahnen:  Signalwesen  und  Weichensichernng.

Der  Stellwärter  würde  sonst  auch  zu  Irrtümern  betreffs  der  Wahl  der  geöffneten  Fahrstraße ­
  veranlaßt  werden.
Selbst  wo  das  Stellwerk  schon  feindliche  Signale  ausschließt,  ordnet  man  doch  in
der  Neuzeit  das  Stationsblockwerk  so  an,  daß  es  feindliche  Signale  nicht  frei  geben
kann.  Um  diese  Sicherheit  zu  schaffen,  wird  die  Freigabe  der  Blockfelder  zwangläufig

Fenster  od.
Feldes

322.  Staiionsblürirrvrrk,  geschlossen.

F/ecker

Blitzableiter

B/osktes/cn

lüe/sseu.rote
Schellen

324.  KjationsMockivrrK,  geöffnet.

gestaltet.  Das  Stationsblocklverk  erhält  zu  dem  Zweck  in  seinem  unteren  Teile  besondere
Verschlußschieber  oder  Sperrlineale  mit  senkrechten  Ausschnitten  und  schrägen  Schlitzen,
in  welche  die  nach  unten  verlängerten  Stangen  der  Blocktasten  eingreifen.  In  der
Abb.  323  sind  diese  Sperrungen  ganz  unten  erkennbar.
Betrachten  wir  zur  Klarlegung  der  Wirkungsweise  das  rechtsseitige  Lineal  mit
seinen  vier  Blockstangen,  hinter  denen  der  Induktor  mit  seiner  Kurbel  sichtbar  ist.  Die
vier  darüber  befindlichen  Fensterchen  zeigen  rot,  und  in  diesem  Zustande  verhindert
        <pb n="304" />
        Ausschließung  feindlicher  Signale  durch  das  Stationsblockwerk.
die  zweite  und  dritte  Blockstange  jede  seitliche  Verschiebung  des  Lineals,
vierte  Blockseld  kann  daher  nicht  bedient  werden.
Wird  aber  z.  B.  das  zweite  Feld  (von  rechts  nach  links  gezählt)  freigegeben,  so  hebt
sich  damit  selbstthätig  die  zugehörige  Stange  aus  dem  Ausschnitt  und  das  Sperrlineal
läßt  sich  jetzt  wegen  des  Spielraumes  an  der  dritten  Stange  nach  rechts  verschieben.  Das
bedeutet,  daß  die  erste  Blockstange  durch  die  Blocktaste  niedergedrückt  werden  kann;  sie
sinkt  in  den  schrägen  Schlitz  hinein  und  verschiebt  dadurch  das  Lineal  und  zwar  so  weit,
bis  die  dritte  Stange  hemmt.  Die
zweite  und  vierte  Stange  ruhen  jetzt
auf  dem  Lineal  und  sind  nicht  abwärts
zu  bewegen.  Solange  also  Feld  eins
weiß  zeigt,  bleibt  Feld  vier  gesperrt.
Diesen  Zustand  veranschaulicht  Abb.  324
noch  besonders.
Es  sind  sonach  die  einzelnen
Blockfelder  äußerst  sinnreich  und  dabei ­
  doch  einfach  auf  rein  mechanischem
Wege  voneinander  abhängig  gemacht.
Von  zwei  feindlichen  Fahrstraßen  kann
immer  nur  eine  freigegeben  und  ihr
Signalhebel  gezogen  werden  und  zwar
auch  nur  dann,  wenn  die  andere
Gleisstraße  gesperrt  ist.  Durch  Zurücklegung ­
  des  Fahrsignals  auf  „Halt"
und  Bedienung  des  Signalfeldes  im
Weichenturm  wird  der  Sigualhebel
wieder  verriegelt  und  gleichzeitig  die
Sperre  der  feindlichen  Blockfelder  am
Stationsblockwerk  aufgehoben.  Ein
Irrtum  in  der  Signalgabe  auf  einem
ist  damit  völlig
die  mannigfachen

größeren  Bahnhöfe
ausgeschlossen.  Auf

u

324 -  ilerfdjiibüiiciü  drs  KtativnsblockwerKs.

325.  Mechanisch  verschlossenes  Dopprlsignal  der
Land  an  er  Untergrundbahnen.

Die

Sonderanordnungen  in  der  Stationsblockung  kann  hier  nicht  eingegangen  werden,
zur  Zeit  bestehende  vollkommenere  Einrichtung  ist  hier  angedeutet  worden.
Auf  Bahnen  mit  sehr  lebhaftem  Verkehr  oder  dichter  Stationsfolge  hat  man  auch
die  Stellwerke  der  Nachbarstationen  in  gegenseitige  Abhängigkeit  voneinander  gebracht.
Beim  Geben  eines  Fahrsignals  muß  dann  sowohl  das  Stellwerk  der  Ausfahr-  als  auch
das  der  Einfahrstation  in  Thätigkeit  treten.
Auf  den  Londoner  Untergrundbahnen  (Stationsabstand  bis  300  in  und  Zugfolge
bis  2  Minuten  herab)  wird  dieses  sehr  erfolgreich  auf  mechanischem  Wege  erreicht.  Nach
Abb.  325  liegt  in  der  Stellstange  der  Signalflügel  ein  zweiteiliges  Schloß,  das  durch
Drahtzug  von  den  beiden  benachbarten  Stationen  —  jede  eine  Hälfte  —  gestellt  wird.
Nur  ivenn  beide  Schloßteile  richtig  bethätigt  sind,  kann  das  Fahrsignal  gegeben  werden.
IX  40
        <pb n="305" />
        314

Eisenbahnen:  Signalwesen  und  Weichensichernng.

Auf  manchen  neueren  Stadtbahnen  wird  das  Blocken  und  Freigeben  der  Stationssignale
selbstthätig  durch  die  abfahrenden  Züge  bewirkt  (oergi.  Unterpflasterbahn  in  Budapest).
Das  in  England  allgemein  übliche  Verfahren,  Zugmeldedienst  und  Weichenstellung
im  Signalturm  zu  vereinen,  hat  seine  Vorzüge  gegenüber  getrennten  Dienststellen,  jedoch
ist  das  deutsche  Zugsicherungsverfahren  dem  englischen  darin  überlegen,  daß  es  die  Mastensignale ­
  stets  in  die  Blockung  einbezieht,  um  sie  durch  die  letztere  zu  verriegeln  bezw.  freizugeben. ­
  Auf  manchen  deutschen  Bahnhöfen  ist  übrigens  der  Zugmeldedienst  auch  in  den
Weichenturm  verlegt.

Streckenblockung.
Soll  auch  auf  der  Strecke  der  Zugdienst  ein  völlig  gesicherter  sein,  so  dürfen
zwischen  zwei  Nachbarstationen  nicht  mehrere  Züge  gleichzeitig  sich  auf  einem  Gleise
befinden.  Für  die  deutschen  Bahnen  ist  ausdrücklich  vorgeschrieben,  daß  kein  Zug  von
einer  Strecke  abfahren  darf,  „solange  nicht  festgestellt  ist,  daß  der  letzte  in  derselben
Richtung  voraufgefahrene  Zug  die  nächste  Zugfolgestation  erreicht  hat.  Einzeln  fahrende
Lokomotiven  sind  hierbei  den  Zügen  gleich  zu  behandeln".  Auf  Linien  mit  großem
Stationsabstande  könnten  sonach  nur  wenige  Züge  täglich  fahren,  wenn  man  sich  für
den  Streckendienst  mit  den  durch  die  Ortschaften  bedingten  Bahnhofsentfernungen  begnügen ­
  wollte.  Ein  lebhafter  Verkehr  wäre  da  ausgeschlossen.  Aus  dieser  Erwägung

I  I  L_
a  Sb  e  &amp;lt;s&amp;gt;  &amp;amp;
326.  StrrckcnIUockung  &amp;lt;kwrifeN&amp;gt;rig&amp;gt;.
ging  man  in  England  schon  frühzeitig  dazu  über,  längere  Strecken  durch  Masteusignale
in  Abschnitte  —  Blocks  —  zu  zerlegen.  Jedem  Mastensignale  Ivar  eine  Wärterbude  für
den  bedienenden  Wärter  beigegeben.  Nach  Vorbeifahrt  eines  Zuges  wurde  das  Signal
auf  „Halt"  gestellt.  Es  mußte  eine  bestimmte  Anzahl  von  Minuten  in  dieser  Stellung
belassen  werden,  ehe  einem  nachfolgenden  Zuge  das  Fahrsignal  gegeben  werden  konnte.
Dieses  Verfahren  heißt  das  Zeitblocksystem  oder  „Blockung  nach  Zeitabstand".  Es
hat  sich  später  noch  in  anderen  Eisenbahnländern  lange  Zeit  erhalten.
Um  das  Jahr  1853  führte  E.  Clark,  veranlaßt  durch  die  Mängel  dieses  Verfahrens, ­
  das  „absolute"  Blocksystem  oder  „Blockung  nach  Raumabstand",  kurz
Raum-Blockung  genannt,  ein.  Es  gestattete  einen  erheblich  stärkeren  Zugverkehr  mit  erhöhter ­
  Sicherheit  und  ist  jetzt  das  fast  allein  herrschende.  Hier  kann  man  die  einzelnen
Blockstrecken  nach  Bedarf  sehr  klein  wählen,  so  daß  die  Linie  äußerst  leistungsfähig ­
  wird.  Beispielsweise  sind  sie  auf  den  Londoner  Untergrund-  und  New  Jorker
Hochbahnen  teilweise  so  nahe  aneinander  gerückt,  daß  die  Züge  alle  zwei  Minuten  mit
voller  Betriebssicherheit  sich  auf  diesen  Strecken  folgen  können.  —  Auch  hier  ist  jede  Blockstation
  der  Strecke  mit  einem  Signalmast  ausgestattet,  der  für  die  beiden  Fahrtrichtungen
zwei  Flügel  in  gleicher  Höhe  trägt,  die  für  gewöhnlich  beide  in  der  Haltstellung  sich  befinden. ­
  Eine  Blockstation  schließt  den  einen  Gleisabschnitt  gegen  den  anderen  gänzlich
ab.  Sie  bildet  gleichsam  ein  Absperrthor  für  den  vorgelegenen  Bahnabschnitt,  das  für
jeden  ankommenden  Zug  (durch  Geben  des  Fahrsignals)  besonders  geöffnet  werden  muß.
In  der  zu  jedem  Maste  gehörigen  Wärterbude  sind  die  nötigen  elektrischen  Einrichtungen
—  Glockensignale  und  Blockwerke  —  untergebracht.
        <pb n="306" />
        315

Sicherung  der  Züge  auf  der  Strecke  durch  das  Blockverfahren.
Die  englischen  Bahnen  verwenden  seit  Clark  Zeiger-  oder  Nadelapparate  für  das
Blocken.  Die  Zeiger  deuten  durch  verschiedene  Stellungen  an,  ob  die  Strecke  frei  oder
besetzt  ist.  Die  Vorrichtungen  erfordern  ein  gut  geschultes  Personal.  Teilweise  sind  die
Nadelwerke  auch  mit  roten  und  Weißen  Blockfeldern  ausgestattet.  Um  ihre  weitere
Ausbildung  haben  sich  namentlich  Preece,  Spaguoletti  und  neuerdings  Sykes  verdient ­
  gemacht.
Deutsches  Blockverfahren.  Es  sei  nach  Abb.  326  eine  zweigleisige  Bahnstrecke
mit  den  beiden  Endstationen  A  und  B  gegeben,  zwischen  die  drei  Blockstationen  B,  C
und  D  eingeschaltet  sein  mögen.  Für  die  Fahrtrichtung  von  A  nach  E  dient  das  in  dieser
Richtung  rechts  liegende  Gleis,  für  die  entgegengesetzte  das  andere.  Beide  Stationen,
welche  je  ein  Äusfahrtsignal  besitzen  mögen,  sowie  die  drei  Blockstationen  sind  mit  doppelfenstrigen
  Blockwerken  ausgerüstet.  Das  Fenster  oder  Feld  Nr.  2  dient  für  die  Richtung
A—E,  das  Feld  Nr.  1  für  diejenige  von  E  nach  A.  Jedes  Feld  bezeichnet  mit  dem  zugehörigen ­
  Signalflügel  für  die  betreffende  Fahrtrichtung  den  Anfang  einer  neuen  Gleisstrecke. ­
  Bei  den  Streckenblock-  oder  Zugfolgestationeu  liegt  dieser  Anfang  am  Signalmast ­
  (B,  C  und  D),  bei  den  Blockend-  oder  Zngmeldestationen,  das  sind  solche,  ans  denen
Züge  beginnen,  endigen,  kehren  oder  überholt  werden,  liegt  er  am  Ausfahrtsignale  (A).
Steht  eine  rote  Scheibe  vor  dem  Fenster,  so  besagt  das,  daß  die  vorgelegene  Blockstrecke
von  einem  Zuge  besetzt,  also  blockiert  oder  geblockt  ist,  während  weiß  ihr  Freisein
ankündigt.  Wären  die  Blockstationen  B,  C,  D  nicht  vorhanden,  so  dürfte  von  A  aus  ein
zweiter  Zug  dem  voraufgefahrenen  erst  folgen,  wenn  letzterer  in  E  angelangt  wäre.  Infolge ­
  der  eingeschobenen  Blockstationen  kann  ein  neuer  Zug  bereits  aus  A  abgelassen  werden,
wenn  der  vorhergehende  das  Blocksignal  B  passiert  hat.  Es  können  also  unter  Umständen
nunmehr  gleichzeitig  vier  Züge  auf  der  Strecke  von  A  nach  E  sich  befinden.  Wie  wird
der  Zuglauf  nun  geregelt  und  gesichert?
Gesetzt  in  A  stehe  ein  Zug  zur  Abfahrt  nach  E  bereit.  Sehen  wir  von  den  Glockensignalen ­
  zunächst  ab,  so  ist  der  Vorgang  folgender:  Nachdem  den  Bahnwärtern  zwischen
A  und  E  mittels  des  Läutewerkes  die  bevorstehende  Abfahrt  des  Zuges  durch  Station  A
""gezeigt  ist,  zieht  der  Beamte  in  A  das  Ausfahrtsignal.  Hat  der  mit  Schlußsignal
versehene  Zug  die  vorgeschriebene  Stelle  hinter  dem  Signalmast  erreicht,  so  legt  der
Wärter  das  Signal  sogleich  wieder  auf  Halt  zurück  und  sichert  (deckt)  den  Zug  von
hinten,  indem  er  die  Blocktaste  des  Feldes  2  niederdrückt  und  die  Jnduktorkurbel  einigemal ­
  dreht.  Das  bisher  weiße  Fenster  2  wird  dadurch  rot  gemacht,  und  gleichzeitig
wird  das  Haltsignal  dadurch  verriegelt;  das  letztere  ist  von  besonderer  Wichtigkeit;
denn  die  Znrückverwandlung  des  roten  Feldes  2  in  Weiß  und  damit  die  Entriegelung
des  Mastensignals  in  A  kann  nur  durch  den  Blockwärter  B  vorgenommen  werden
find  zwar  nach  Vorschrift  erst  dann,  wenn  der  Zug  an  dem  Signal  in  B  vorbeigefahren
ist.  Wärter  B  deckt  dann  den  Zug  wie  vorher  A,  stellt  also  zunächst  sein  Signal  auf  Halt
und  dann  sein  Feld  2  auf  rot.  Indem  er  aber  sein  weißes  Feld  in  rot  verwandelt,
macht  er  das  bis  dahin  rote  Feld  in  A  weiß,  was  zur  Folge  hat,  daß  das  auf  „Halt"
festgelegte  Ausfahrtsignal  in  A  wieder  frei  wird  und  gezogen  werden  kann.  B  sperrt  oder
blockt  also  die  vorgelegene  Strecke  B—C  und  gibt  gleichzeitig  den  zurückgelegenen
Abschnitt  B—A  frei,  „deblockiert"  ihn.  Von  A  aus  kann  also  nun  ein  neuer  Zug  in  A—B
einfahren.  B  kann  selbstverständlich  nur  dann  einem  Zuge  das  Fahrsignal  geben,  wenn
fein  Feld  2  weiß  ist,  er  also  vorher  durch  0  cntblockt  war.  Ist  dieses  nicht  der  Fall,
ist  Feld  2  in  B  vielmehr  noch  rot,  so  vermag  B  das  Haltsignal  an  seinem  Maste  nicht
in  „Fahrt"  umzustellen.  Der  Zug  muß  dann  vor  dem  Signal  halten  und  so  lange
warten,  bis  die  Blockstrecke  B—  C  durch  C  freigegeben  ist.
In  genau  gleicher  Weise  wiederholt  sich  der  Vorgang  bei  jeder  folgenden  Blockstation
  und  schließlich  auch  bei  dem  Bahnhöfe  E,  auf  welchem  der  Abschlußmast  die  Stelle
des  Blocksignalmastes  vertritt;  desgleichen  für  die  Zugfahrt  auf  dem  anderen  Gleise
von  E  nach  A.  Sind  übrigens  auf  einer  Station  mehrere  Ansfahrtsignale  für  dasselbe
Streckengleis,  also  denselben  Blockabschnitt,  vorhanden,  so  wird  die  Anordnung  so  getroffen,
daß  beim  Einziehen  eines  Fahrsignals  auch  sämtliche  anderen  Flügel  selbstthätig  festgelegt
40*
        <pb n="307" />
        316

Eisenbahnen:  Sigiialwesen  und  Weichensichernng.

werden  und  so  lange  verschlossen  bleiben,  bis  Freigabe  von  der  vorgelegenen  Blockstation
erfolgt.  Die  Einfahrts-Blockfelder  (1  in  A  und  2  in  35)  sind  vom  Stationsbüreau  abhängig, ­
  zeigen  somit,  solange  die  Einfahrt  gesperrt  ist,  rot.
Mit  dem  Farbenwechsel  der  Fenster  hat  der  Wärter  auch  hörbare  Signale,  sogenannte
Vorwecksignale,  den  Nachbarwärtern  zu  geben.  So  drückt  z.  B.  der  Wärter  in  A  bei
Ausfahrt  des  Zuges  nach  B  die  Weckertaste  über  Feld  2  nieder  und  dreht  gleichzeitig  die
Jnduktorkurbel.  Sofort  nach  dem  Vvrwecken  stellt  A  das  Fenster  2  rot  ein.  Wärter  B  gibt
als  Empfangsbescheinigung  das  hörbare  Signal  zurück  nach  A,  zieht  das  Fahrsignal  und
beobachtet  die  Strecke.  Nach  Vorbeifahrt  des  Zuges  weckt  er  nach  0  vor,  stellt  sein  Feld
2  auf  rot,  das  in  A  damit  auf  weiß.  Von  0  erhält  er  das  Empfangsbescheinigungssignal,
  desgleichen  von  A  ein  solches  für  die  Freigabe  der  Strecke  B—A.
_  Wird  in  der  Art  von  jedem  Blockbeamten  nach  Vorschrift  verfahren,  so  ist  eine  zu
schnelle  Zugfolge  und  ein  Aufeiuanderrennen  von  zwei  Zügen  in  einem  Blockabschnitt  unmöglich. ­
  Leider  ist  aber  mit  der  Unachtsamkeit  und  Vergeßlichkeit  mancher  Menschen  auch
hier  zu  rechnen,  und  so  sind  trotz  der  so  trefflich  erdachten  Blockwerke  und  des  so  sinnreich ­
  angeordneten  Blockverfahrens  Unglücksfälle  vereinzelt  aufgetreten.  Es  ist  z.  B.  vorgekommen, ­
  daß  ein  Wärter,  sagen  wir  in  0  der  Abb.  326,  eingeschlafen  war,  so  daß  der
Zug  infolge  des  Haltsignals  zum  Halten  vor  0  gezwungen  wurde.  Der  Wärter,  durch
die  Lokomotivpfeife  geweckt,  blockierte,  um  einen  Entschuldigungsgrund  für  sein  Haltsignal ­
  zu  haben,  schleunigst  die  vorgelegene  Strecke  6—D,  machte  also  sein  Feld  2  rot,
was  mit  einer  Freigabe  der  rückwärtigen  Strecke  6—B  verbunden  war.  Dadurch  wurde
der  Wärter  B  veranlaßt,  einem  zweiten  Zuge  das  Fahrsignal  zu  geben,  der  auf  den  vor
0  haltenden  Zug  aufrannte.
Im  Jahre  1881  haben  Siemens  &amp;amp;  Halske  das  Blockwerk  und  das  Blockierverfahren ­
  mit  Erfolg  dahin  verbessert,  daß  derartige,  durch  Unaufmerksamkeit  der  Wärter
veranlaßte  Unglücksfälle  nicht  mehr  möglich  sind.  Der  Blockwärter  kann  bei  dieser
neueren  Einrichtung  nicht  ohne  weiteres  über  das  weiße  Feld  2  verfügen,  wenn  dieses
durch  die  vorgelegene  Station  bei  ihm  eingestellt  wird,  sondern  er  ist  gezwungen,  zuvor
das  Haltsignal  auf  „Fahrt"  zu  stellen,  und  dann  den  gezogenen  Flügel  wieder  auf  „Halt"
zurückzulegen.  Erst  dann  kann  er  an  seinem  Blockwerk  die  weiße  Scheibe  in  rot  verwandeln, ­
  also  vorwärts  die  Strecke  sperren,  rückwärts  die  andere  freigeben.  Wollte  hier
ein  Wärter  sich  blockieren,  lvenn  sein  Signal  bei  weißem  Felde  auf  „Halt"  steht,  so
müßte  er  dieses  zuvor  auf  „Fahrt"  und  dann  wieder  auf  „Halt"  legen.  Eine  derartige
Flügelbewegung  Ivürde  aber  von  dem  Zug-  und  Lokomotivpersonal  bemerkt  werden,  das
dann  von  dem  Wärter  die  nötige  Aufklärung  verlangen  würde.
Nur  durch  böswillige  oder  völlig  überflüssige  Bewegungen  des  Signalhebels  kann
sonach  ein  Blockwärter  einen  Zusammenstoß  ans  der  Strecke  herbeiführen.  Um  auch  hiergegen ­
  gesichert  zu  sein,  finden  (schon  an  zahlreichen  Stellen)  sogenannte  elektrische  Druckknopfsperren ­
  Verwendung.  Sie  hindern  so  lange  ein  Niederdrücken  der  Blocktaste  und
damit  ein  Bewegen  des  Signalhebels,  bis  der  Zug  selbst  durch  Befahren  eines  Schienenkontaktes ­
  die  Sperre  elektrisch  auslöst.  Die  Betriebssicherheit  ist  demnach  eine  sehr  große
und  nur  getrübt,  wenn  auch  das  Lokomotivpersonal  es  an  der  erforderlichen  Aufmerksamkeit ­
  fehlen  läßt  oder  die  Blockvorrichtung  versagt.
Für  Linien  mit  besonders  schneller  Zugfolge  haben  neuerdings  Siemens  &amp;amp;  Halske
ein  noch  weiter  verbessertes  Blockverfahren  erdacht,  das  auf  einigen  Bahnen  sich  bereits
gut  bewährt  hat.  Hierbei  werden  ans  den  Blockstationen  statt  der  vorerörterten  zweifenstrigen ­
  Blockwerke  solche  mit  vier  Feldern  verwendet.  Zu  jeder  Fahrtrichtung  gehören ­
  zwei  Felder  des  Blockwerks,  eins  für  die  vorgelegene,  das  andere  für  die  rückgelegene
Strecke.  Beide  Endfelder  einer  Blockstrecke  aber  werden  hier  durch  den  Wärter  übereinstimmend ­
  in  der  Farbe  gehalten,  so  daß  ein  von  einem  Zuge  besetzter  Blockabschnitt  an
seinen  beiden  Enden  rote  Felder  zeigt;  ein  freier  weiße.  Hier  kann  also  der  Wärter  sofort
sehen,  ob  seine  rückgelegene  Strecke  besetzt  ist  oder  nicht.  Die  Blocktasten  sind  bei  dieser
Einrichtung  paarweise  gekuppelt,  infolgedessen  stellt  der  Wärter  z.  B.  0  in  Abb.  327,
falls  ein  Zug  in  den  Abschnitt  0—v  eingefahren  ist,  die  beiden  zu  6—D  gehörigen  Felder
        <pb n="308" />
        Sicherung  der  Züge  auf  der  Strecke  durch  das  Blockverfahren.

317

29°°

ooq*

00*0

i.  ^

1.  ^

T.

in  C  und  D  auf  rot  (in  der  Abbildung  durch  Schwarz  angedeutet),  dagegen  die  beiden  zu  0
und  B  gehörigen  auf  weiß.  Die  vierteiligen  Blockwerke  stellen  sich  natürlich  teurer  in  der
Beschaffung  als  die  älteren  zweifenstrigen.  Allerdings  ist  zu  beachten,  daß  bei  Strecken
mit  regem  Verkehr  die  reinen  Streckenblockstationen,  welche  vier  anstatt  zwei  Felder  gebrauchen, ­
  nicht  so  zahlreich  sind,  und  für  Endstationen,  sowie  Stationen  mit  Überholnngsgleisen,
  Abzweigungen  und  dergleichen  sich  die  Zahl  der  Blockfelder  nicht  erhöht.
Auf  den  preußischen  Staatsbahnen  z.  B.  werden  sie  vorläufig  nur  auf  besonders
stark  belasteten  Linien  eingeführt.  Die  Berliner  Stadtbahn  und  die  Wannseebahn
(Berlin-Potsdam)  sind  mit  ihr  ausgerüstet.  Diese  beiden  Bahnen  erfreuen  sich  in
Deutschland  des  stärksten  Zugverkehrs.  Hier  ist  gleichzeitig  noch  eine  weitere  Verbesserung
getroffen,  die  das  ganze  Verfahren  zwangsläufig  gestaltet,  so  daß  etwaige  Vergeßlichkeiten
oder  Unachtsamkeiten  der  Wärter  ohne  nachteilige  Folgen  bleiben.
Wie  oben  erklärt,  wird  der  Eintritt  eines  Zuges  in  einen  Blockabschnitt  erst  dann
möglich,  wenn  der  vorhergehende  Zug  diese  Strecke  verlassen  hat  und  durch  das  elektrisch
verriegelte  Haltsignal  am  vorderen  Ende  dieser  Strecke  bereits  gedeckt  worden  ist.
Für  die  Ausgangsstation  eines  Zuges  ist  aber  der  Fall  denkbar,  daß  bei  der  Abfahrt
der  Züge  von  demselben  Bahnsteig  aus  ein  Umlegen  von  Weichen,  welche  mit  dem  Ausfahrtsignal
  in  Abhängigkeit  gebracht  sind,  nicht  notwendig  ist.  Folgen  sich  nun  zwei  Züge
schnell  hintereinander,  so  ist  es  nicht  ausgeschlossen,  daß,  weil  der  Wärter  nicht  sofort  die
Strecke  blockt,  das  Ausfahrtsignal ­
  hinter  dem  ersten
Zuge  in  der  Fahrstellung
kurze  Zeit  belassen  wird.
Dann  kann  aber  der  zweite
Zug  schon  abfahren,  ehe
der  erste  die  nächstgelegenc
Blockstation  passiert  hat.
Ein  Aufrennen  des  zweiten
Zuges  auf  den  ersten  ist  also
möglich.  Diese  Gefahr  läßt
sich  vermeiden,  wenn  das  Ausfahrtsignal ­
  durch  den  Zug
selbst  auf  „Halt"  zurückgelegt  wird.  Siemens  &amp;amp;  Halste  haben  vor  kurzem  in  trefflicher,  dabei
einfacher  Weise  diesen  Gedanken  verwirklicht.  An  einer  geeigneten  Stelle  im  Gleis  wird
ein  Schienenkontakt  eingebaut  und  mit  dem  Mastensignal  in  Verbindung  gebracht.  Durch
das  Überfahren  der  Lokomotivräder  wird  der  Kontakt  in  Thätigkeit  gesetzt,  der  Flügel
am  Mast  ausgelöst  und  auf  „Halt"  gestellt.  Soll  ein  zweiter  Zug  abgelassen  werden,
so  muß  das  Fahrsignal  gegeben  werden.  Der  Signalhebel  liegt  aber  trotz  des  Haltsignals ­
  noch  in  der  Fahrtstellung.  Der  Wärter  muß  ihn  also  zunächst  ans  „Halt"  zurücklegen. ­
  Sobald  er  aber  das  thut,  verriegelt  er  infolge  der  vorhandenen  Abhängigkeiten
diesen  Hebel  und  kann  ihn  nicht  eher  auf  „Fahrt"  legen,  als  bis  die  nächste  vorgeleqene
Blockstation  ihn  freigegeben  hat.
Die  Auslösevorrichtung  des  Signalflügels  wird  durch  den  Schienenkontakt  elektrisch
bewirkt.  Zu  dem  Zwecke  ist  in  die  Stellvorrichtung  des  Flügels  ein  Mitnehmerhebel
(ll  in  Abb.  329)  eingeschaltet.  Solange  dieser  Hebel  durch  elektrischen  Strom  in
einem  Punkte  festgehalten  wird,  kann  der  Flügel  ans  Fahrt  gelegt  werden.  Wird  der
elektrische  Strom  unterbrochen/  so  ist  der  Wärter  nicht  im  stände,  das  Signal  auf
„Fahrt"  zu  stellen,  und  ein  etwa  auf  „Fahrt"  zeigender  Flügel  geht  sofort  aus
„Halt"  zurück.
Der  elektrische  Strom  wird  durch  eine  besondere  Drahtleitung  nach  der  Anslösevorrichtung ­
  des  Mastes  (Abb.  328)  geleitet.  Mit  Hilfe  eines  Elektromagneten  wird  hier
das  eine  Ende  des  Hebels  ll  festgehalten,  solange  der  Magnet  seinen  Anker  festhält.
Wird  der  Strom  durch  den  Schienenkontakt  oder  sonstwie  unterbrochen,  so  hört  der
Magnetismus  auf  und  ein  Gegengewicht  zieht  den  Flügel  ans  „Halt".  Man  kann  in

K&amp;gt;

6
327.  Strcrkenblorkung  ivierfeldrig).
        <pb n="309" />
        318

Eisenbahnen:  Signalwesen  nnd  Weichensichernng.

diese  Leitung  an  beliebiger  Stelle  Ausschalter  legen,  so  daß  der  Stationsbeamte  erforderlichenfalls ­
  ohne  Zeitverlust  ein  Fahrsignal  lvieder  einziehen  kann.
Auch  die  Anslösevorrichtung  kann  abseits  vom  Signalmast  aufgestellt  werden;  so  ist
sie  auf  der  Berliner  Stadtbahn  mehrfach  an  der  Wand  des  Stationsgebäudes  angebracht,
ivährend  das  Ausfahrtsignal  weiter  vorgeschoben  ist.  Abb.  329a  zeigt  den  gewöhnlichen
Zustand  eines  solchen  Mastensiguals  bei  Haltstellnng  des  Hebels,  Abb.  329b  den  bei
Fahrtstcllung,  während  Abb.  329c  die  Haltstellung  zeigt,  nachdem  durch  den  Zug  oder
Stationsbeamten  der  Strom  unterbrochen,  der  Signalhebel  jedoch  noch  nicht  wieder  auf
„Halt"  gelegt  ist.
Die  erwähnten  Schienenkontakte  werden  am  zweckmäßigsten  in  der  gleichfalls  von
Siemens  &amp;amp;  Halste  vorgeschlagenen  Form  mit  Quecksilberfüllung  verwendet.
Erwähnt  sei  noch,  daß
auf  der  Berliner  Stadtbahn
auch  die  Stationen  als  Blockstrecken ­
  behandelt  werden,
indem  die  Ein-  und  Ausfahrtsignale ­
  als  Blocksignale
angeordnet  sind.  Der  Abschnitt ­
  zwischen  zwei  Stationen, ­
  vom  Ausfahrtsignal
der  einen  bis  zum  Einfahrtsignal ­
  der  vorgelegenen  Station ­
  ist  durch  Zwischenblocks
in  mehrere  Blockstrecken  zerlegt. ­
  Die  schnellste  Zugfolge ­
  kann  auf  die  Weise
bis  zu  drei  Minuten  herabgezogen ­
  werden,  es  können
also  auch  hier  die  Züge  sich
fast  fo  dicht  aufeinander
folgen,  wie  es  auf  den  vielbewunderten ­
  Londoner
Untergrundbahnen  der  Fall
ist.  Thatsächlich  betrug  der
Verkehr  auf  der  viergleisigen
Berliner  Stadtbahn  im  Ausstellungsjahre ­
  1896  im
Stadtverkehr  498  Züge  täglich, ­
  nnd  im  Vorort-  und
Fernverkehr  108,  zusammen
also  606Znge*).  Es  wurden
damals  auf  jedem  der  beiden
Gleise  in  den  Stunden  des  lebhaftesten  Verkehrs  18  Züge  stündlich  in  jeder  Fahrtrichtung ­
  befördert.  Es  zeigte  sich  allerdings,  daß  ein  solcher  Verkehr  auf  die  Dauer
schwer  durchführbar  ist.  Das  Publikum  ist  dort  nicht  allgemein  gewöhnt,  in  wenigen
Sekunden  ein-  und  auszusteigen.  Ein  kurzer  Stationsaufenthalt  der  Züge  ist  aber  Vorbedingung ­
  für  eine  so  schnelle  Zugfolge.
Auch  auf  den  verkehrsreichen  New  Jorker  Hochbahnen  steht  ein  solches  Signalverfahren
  (Anordnung  von  Hall)  in  Anwendung.

328.  Elektrische  Anslöseuorrichiung  von  Kiemens  &amp;amp;  ijnlslu.

*)  Die  doppelte  Zahl  von  Zügen  wird  tut  gewöhnlichen  Verkehr  ans  dem  viergleisigen  Ostabschnitt ­
  der  Londoner  Untergrundbahnen  bewältigt.  So  wird  die  unterirdische,  räumlich  sehr
eng  bemessene  Station  King's  Croß  in  24  Stunden  aus  den  zwei  Jnnengleisen  von  552  und
auf  den  zwei  Gleisen  der  „Widened  Lines"  von  654  Zügen  befahren,  das  sind  zusammen
1206  Züge.
        <pb n="310" />
        319

Zugstab.  Sicherung  der  SchieneuübergLnge.

Im  Gegensatze  zu  dem  eben  erörterten  Sicherungsverfahren,  das  znr  Zeit  wohl
das  Beste  darstellt,  was  auf  diesem  Gebiete  sich  hat  erreichen  lassen,  sei  hier  noch  kurz
einer  Einrichtung  gedacht,  wie  sie  auf  schwach  befahrenen  eingleisigen  Strecken  englischer
Bahnen  in  Benutzung  steht.  Sie  zeichnet  sich  ebenfalls  durch  große  Sicherheit  für  den
Zuglauf  aus.  Statt  der  kostspieligen  Blockwerke  wird  hier  ein  einfacher  Metallstab  von
30—40  cm  Länge  benutzt.  Für  jede  durch  zwei  Stationen  begrenzte  Strecke  ist  nur
ein  solcher,  deutlich  bezeichneter  „Zugstab"  (train  statt)  vorhanden.  Wird  die  Strecke
nicht  befahren,  so  liegt  der  Stab  in  einer  der  beiden  Signalbuden  jener  Strecke.  Ohne
ihn  darf  kein  Lokomotivführer  abfahren  und  der  Signalwärter  wiederum  darf  einem
Zuge  nur  dann  das  Ausfahrtsignal  geben,  wenn  er  sich  zuvor  überzeugt  hat,  daß  der
Führer  im  Besitze  des  Stabes  ist.  Da  nur  ein  Stab  vorhanden  ist,  so  können  niemals
zwei  Züge  gleichzeitig  auf  dieser  Bahnstrecke  sein;  Zusammenstöße  sind  also  nicht  möglich.

Natürlich  ist  ein  solches  Verfahren ­
  nur  auf  Bahnen  mit
wenigen  Zügen  möglich.  Es
bildet  somit  einen  Gegensatz
zu  dem  vorhin  beschriebenen
der  Berliner  Stadtbahnen.
Sicherung  der
Schirnenübrrg  äuge.
Zum  Schlüsse  sei  noch
der  Sicherung  der  in  Schienenhöhe ­
  liegenden  Wegübergänge
gedacht.  In  England  sind
solche  selten  und  bedürfen  besonderer ­
  behördlicher  Erlaubnis ­
  zu  ihrer  Anlage.  Die
meisten  Wege  sind  deshalb
mittels  Brücke  über  die  Bahn
geführt,  in  den  Auftragsstellen
unter  ihr  her.  Die  dadurch
mit  bedingten  höheren  Anlagekosten ­
  jener  Bahnen  werden ­
  durch  die  größere  Sicherheit ­
  und  geringere  Zahl  von
Unglücksfällen  reichlich  ausgewogen. ­
  Wo  Schieneuübergänge
  vorkommen,  müssen  sie
besonders  durch  Schranken  „  „
und  Mastensignale  gesichert  sein,  und  zwar  derart,  daß  das  Fahrsignal  nur  der  geschloffener
Schranke  gezogen  werden  kann.  Offene  Schranken  halten  das  Signal  aus  „Ha
verriegelt.  Die  geschlossenen  Schranken  (Abb.  330)  werden  nach  Barry,  Raüway
Appliances,  in  ihrer  Lage  durch  Daumen  gesichert,  welche  aus  einem  m  die  Erde  gelassenen ­
  eisernen  Kasten  hervortreten  (Abb.  331).  Vielfach  sind  die  Thorschrankeu  so
gebaut,  daß  sie  bei  „Fahrt"  die  Zugangswege,  bei  „Halt"  die  Gleise  absperren  Um
den  Fußgängerverkehr  nicht  zu  sehr  zu  hindern,  sind  an  belebteren  Wegen  Drehkreuze
neben  die  Schranken  gesetzt,  welche  vom  Wärter  ent-  und  verriegelt  werden.
In  Deutschland  bilden  Wegübergänge  in  Schienenhöhe  die  Regel.  UngluckSsaue
durch  Überfahren  von  Fuhrwerken  (bei  offenen  Schranken)  sind  leider  keine  zu
Seltenheit.  Nach  deutscher  Vorschrift  sollen  die  Schranken  drei  Mrnuten  vor  Ankuns
eines  Zuges  geschlossen  werden.  Das  auf  S.  280  genannte  Läutewerk  ö"g  z
Streckenpersonale  das  bevorstehende  Nahen  des  Zuges  an,  "der  bei  langen  Strecken  ff
das  Läutesignal  bei  dem  weiter  vorgelegenen  Wärter  zu  früh  sur  das  ©  h

329.  Nusfahrtsignai  mit  rilktrischer  Nnsiöseimrrichtniig.
        <pb n="311" />
        Z20  Eisenbahneni  Signalwesen  und  Weichensichcrung.
Schranken  ein.  Um  nun  stark  begangene  und  befahrene  Übergänge  nicht  zu  früh  und
damit  zu  lange  durch  den  dazu  stets  geneigten  Wärter  schließen  zu  lassen,  stellt  man  an
solchen  Stellen  besondere  Läutewerke  auf,  die  etwa  drei  Minuten  vor  Ankunft  des  Zuges
selbstthätig  durch  diesen  mittels  Schienenkontaktes  ausgelöst  und  zum  Schlagen  gebracht
iverden.  Auch  für  Tunnelstrecken  wird  diese  Einrichtung  wohl  getroffen,  um  die  hier  beschäftigten ­
  Arbeiter  rechtzeitig  zu  warnen.
Ebenfalls  an  unbewachten  Wegübergängen  der  Nebenbahnen  finden  die  Läutewerke
als  selbstthätige  Warnungssignale  zweckmäßige  Verwendung.  Beiderseits  des  Überganges
liegt  in  angemessenem  Abstande ­
  davon  je  ein  Schieneukontakt
  (für  jede  Fahrrichtung
einer)  zum  Ingangsetzen  des
Signals  durch  den  Zug,  während ­
  neben  dem  Übergang
ein  dritter  Kontakt  das  Signal ­
  tvieder  außer  Thätigkeit ­
  setzt.
In  Verbindung  mit  diesen
Kontakten  steht  ein  auf  einer
Nachbarstation  aufgestelltes
Schaltwerk  mit  Gewichtsaufzng.  Es  wird  von  jedem  durch  den  Zug  bethätigten  Schienenkontakt ­
  mittels  Batteriestroms  ausgelöst  und  ist  so  gebaut,  das;  eö  sich  nach  einer  gewissen
Drehung  seiner  Kontakträder  selbstthätig  wieder  still  setzt.  Durch  diese  Drehung  erfolgt  das
Ein-  und  Ausschalten  des  Läutewerks,  dessen  Glocke  im  ersteren  Falle  so  lange  ertönt,  bis
der  Zug  den  Übergang,  also  die  Gefahrstelle,  erreicht  hat,  gleichgültig,  wie  lange  Zeit  bis
dahin  vergangen  ist.  Letzteres  ist  ein  wesentlicher  Vorzug  dieser  Einrichtung.
Der  Leser  wird  aus  vorstehenden  Andeutungen  erkennen,  wie  vielseitig  die  in  den
letzten  Jahrzehnten  ersonnenen  Mittel  zur  Erhöhung  der  Betriebssicherheit  auf  den  Eisenbahnen ­
  sind.  Eine  Ünsumme  von  Denkarbeit ­
  und  Scharfsinn  ist  geleistet  worden,
um  die  menschlichen  Schwächen  aus  dem
Signal-  und  Wcichendicnste  möglichst  auszuschalten ­
  und  die  Strecke  sowie  vor  allem
die  Bahnhöfe,  die  Hauptquelle  aller  Eisenbahnunfälle ­
  ,  zu  sicheren  Fahrstraßen  für
die  Züge  zu  gestalten.  Werden  die  rechten
Mittel  am  rechten  Orte  verwendet  und
werden  sie  durch  richtig  geschulte  und  genügend ­
  zahlreiche  Beamte  scharf  auf  ihre
ständige  Brauchbarkeit  überwacht  und  geprüft, ­
  so  lassen  sich  die  Gefahren  des
Eisenbahnbetriebes  ganz  erheblich  einschränken. ­
  Leider  ist  der  Kostenpunkt  oftmals ­
  ein  zu  schwerer  Hemmschuh.  Aber
331.  Englische»  Sperrwerk  für  Wegschrankcn.  auch  Vater  Usus  und  Mutter  Schema,  um
mit  Max  Maria  von  Weber  zu  reden,
bilden  mitunter  ein  Hindernis  für  zweckmäßige  Neuerungen  und  Verbesserungen,  sind
die  Eltern  manches  Rückschrittes.  Auf  diesem  Gebiete  ist  aber  schon  Stillstand  besonders
arger  Rückschritt.
Unglücksfälle,  wie  sie  noch  vor  kurzem  infolge  falscher  Weichcnstellung  beim  Einlaufen ­
  eines  Schnellzuges  in  eine  Überholungsstatiou,  in  der  ein  Güterzug  auf  einem
Nebengleise  die  Durchfahrt  des  ersteren  abwartete,  vorgekommen  sind,  müßten  durch  ausgiebigste ­
  Anwendung  der  Stellwerke  und  aller  sonstigen  bewährten  Sicherheitseinrichtungen
im  20.  Jahrhundert  zu  den  Unmöglichkeiten  gehören.  Die  Technik  hat  die  Mittel  dazu
bereits  geliefert.
        <pb n="312" />
        Reisegeschwindigkeit.  Postzüge.

321

ZugLienst  und  Fahrgeschwindigkeit.
In  allen  Eisenbahnländern  bestehen  verschiedene  Wagenklassen.  In  Norddeutschland
gibt  es  deren  vier,  in  Süddeutschland  und  den  meisten  anderen  Ländern  drei,  während
wiederum  einige  englische  Bahnen  nur  zwei  Klassen  (erste  und  dritte)  aufweisen.  Das
demokratische  Amerika  hat  ebenfalls  drei  Klassen,  die  zwar  nicht  ausgesprochen  als  solche
bestehen,  aber  doch  thatsächlich  in  Benutzung  sind.  Die  erste  Klasse  wird  hier  durch  die
Luxuswagen  gebildet,  daun  folgt  die  zweite  Klasse  (äußerlich  wohl  als  erste  bezeichnet),
während  die  dritte  Klasse  durch  die  sogenannten  Emigrantenwagen  gebildet  wird.  Überall
hat  man  Raucher-  und  Nichtraucherwagen,  bezw.  Abteile.  Die  englischen,  noch  mehr  die
amerikanischen  Raucherwagen  fallen  häufig  durch  ihre  Unsauberkeit  auf.
Man  unterscheidet  Schnellzüge  und  gewöhnliche  Personenzüge.  In  England
werden  als  erstere  Züge  mit  wenigstens  64  bin  durchschnittlicher  Stundengeschwindigkeit
angesehen.  In  anderen  Ländern  liegt  die  Grenze  vielfach  tiefer.  Neben  dieser  Geschwindigkeit ­
  kommt  noch  die  höchste  Fahrgeschwindikeit  in  Frage,  die  ein  Zug  zwischen
zwei  Stationen  erreicht.
In  Amerika  und  England  ist  die  höchste  Fahrgeschwindigkeit  nicht  gesetzlich
begrenzt.  In  Deutschland  besteht  die  Vorschrift,  daß  die  Züge  eine  Geschwindigkeit  von
höchstens  90  km  in  der  Stunde  erreichen  dürfen.  In  Frankreich  liegt  der  Höchstwert  nach
gesetzlicher  Vorschrift  bei  120  krn/St.
Von  der  Fahrgeschwindigkeit  zu  unterscheiden  ist  die  Reisegeschwindigkeit,  d.  i.
die  auf  die  Stunde  bezogene  durchschnittliche  Reisedauer  eines  Zuges  einschließlich  aller
Aufenthalte  auf  den  Zwischenstationen.  Auf  sie  sind  mannigfache  Umstände  von  Einfluß.
Die  Geländebildung  —  bergig,  hügelig  oder  eben  —  die  größere  oder  geringere  Zahl
von  Ortschaften,  namentlich  die  großen  Städte,  die  von  der  Bahn  berührt  werden,  die
Stärke  des  Handels,  Verkehrs  und  der  Industrie  in  dem  betreffenden  Gebiete,  die  Mitführung ­
  von  Bahnpostwagen,  sowie  die  Lebensgewohnheiten  eines  Volkes  überhaupt  —
bedingen  größere  oder  geringere  Zuggeschwindigkeiten  und  Zugfolge.  England  und  der
dichtbevölkerte  Osten  der  Vereinigten  Staaten  zeigen  darin  die  höchst  entwickelten  Verhältnisse, ­
  desgleichen  der  Westen  und  einige  andere  Bezirke  Deutschlands  (Sachsen).
England  ist  dazu  von  der  Natur  ungemein  bevorzugt.  Die  reich  gegliederten  Küsten
seiner  verhältnismäßig  wenig  ausgedehnten  Bodenfläche,  seine  zahlreichen,  oft  nahe
gelegenen  volkreichen  Städte,  sein  blühender  Handel,  ein  vielseitig  gestaltetes  überaus
reges  Gewerbsleben  und  sein  großer  wertvoller,  den  Warenaustausch  so  stark  beeinflussender ­
  Kolonialbesitz  mußten  bei  einem  so  unternehmungslustigen,  nach  materiellem
Gewinn  besonders  lebhaft  strebenden,  dabei  kapitalkräftigen  Volke  die  Eisenbahnen  zu
großer  Blüte  bringen.  Darum  sehen  wir  dort  auch  einen  so  ungemein  regen,  hoch  entwickelten ­
  Bahnverkehr,  der  in  der  Welt  seinesgleichen  sucht  und  wohl  nur  im  rheinischwestfälischen ­
  Kohlenrevier  bezüglich  des  Güterzugdienstes  erreicht,  im  Personenverkehr  nur
von  den  New  Aorker  Hochbahnen  (S.  369)  übertroffen  wird.  „Zeit  ist  Geld",  dieses
Sprichwort  beherrscht  das  ganze  englische  Leben  und  vor  allem  auch  das  dortige  Eisenbahnwesen. ­

Um  die  durchgehenden  Schnellzüge  von  unnötigem  Aufenthalte  auf  Stationen  frei
zu  halten,  hat  man  drüben  verschiedene,  bei  uns  nicht  gebräuchliche  Einrichtungen.  Dahin
gehören  zunächst  die  besonderen  Postzüge,  die  von  London  ausgehen  und  den  Postdienst
vermitteln.  An  Zwischenstationen  wird  von  ihnen  nicht  gehalten.  Besondere  Fangvorrichtungen ­
  auf  ihnen  ermöglichen  das  Abgeben  und  Aufnehmen  der  Postsäcke  während
der  Fahrt.  Dieses  ist  auch  der  Fall  bei  denjenigen  Postwagen,  die  in  einem  Teile  der
englischen  Schnellzüge  laufen.  Dadurch  sind  letztere  wesentlich  günstiger  gestellt  als  bei
uns,  wo  jeder  Schnellzug  zur  Mitnahme  eines  Postwagens  gesetzlich  verpflichtet  ist  und
durch  die  Ladegeschäfte  desselben  auf  den  Haltestationen  oft  einen  längeren  Aufenthalt
erleidet,  als  ohne  diese  erforderlich  wäre.  Auch  in  Amerika  bestehen  auf  einzelnen  Linien
IX  41
        <pb n="313" />
        322

Eisenbahnen.

ähnliche  Fangeinrichtungen,  desgleichen  besondere  Postzüge.  Aus  letzteren  sind  die  seit
dem  Jahre  1899  mit  beschleunigter  Fahrt  zwischen  New  Jork  und  San  Francisco  verkehrenden ­
  Überlandzüge  hervorzuheben.  Sie  durcheilen  die  rund  5500  km  lange  Riesenstrecke ­
  in  nur  98  bis  100  Stunden,  wobei  sie  aus  der  2800  km  langen  Gebirgsstrecke
Omaha-Sacramento  vier  Wasserscheiden  zu  ersteigen  haben  und  zwar  die  Felseugebirge
in  2518  in  Höhe,  die  Wahsatchberge  in  2388  m,  die  Humboldtberge  in  1875  m  und
die  Sierra  Nevada  in  2140  m.  Besonders  lange,  steile  Rampen,  die  nach  S.  106  bis
22  °/ 00  vorkommen,  werden  mit  zwei,  selbst  drei  Lokomotiven  genommen.  Die  Höchstgeschwindigkeit ­
  beträgt  stellenweise  125  km  in  der  Stunde,  soll  aber  auf  kürzeren
Strecken  wiederholt  noch  erheblich
größer  gewesen  sein.  Die  heutigen
Bahnpostwagen  kamen  in  Amerika
1862  auf;  bis  dahin  waren  die
Postsachen  in  einem  Abteil  der  Gepäckwagen ­
  befördert  worden.  Mit
dem  Anschwellen  des  Briefverkehrs
wuchsen  die  Schwierigkeiten  des  Sortierens ­
  der  Postsachen  während  der
Fahrt.  Eigene  Wagen  wurden  nötig.
In  Deutschland  wurde  die  Bahnpost  bereits  vor  50  Jahren
eingeführt  und  zwar  am  1.  Mai  1849  in  Preußen.  Sie  war
allerdings  noch  etwas  eigentümlicher  Art;  denn  die  Beförderung ­
  der  Postsachen  erfolgte  in  den  gewöhnlichen  Postkarren,
die  zu  dem  Zweck  auf  dazu  besonders  hergerichtete  Eisenbahnwagen ­
  verladen  und  auf  ihnen  versandt  wurden.  Nach  wenigen ­
  Jahren  zwangen  auch  hier  die  Verhältnisse  die  dem  Eisenbahnwesen ­
  anfangs  sehr  kühl  und  ablehnend  gegenüberstehende
Postverwaltung  zu  einer  durchgreifenden  Änderung.  Besondere
Bahnpostwagen  wurden  in  die  Züge  gestellt,  um  die  auf  den
einzelnen  Stationen  die  Postsendungen  aufnehmen  und  abgeben
sowie  während  der  Zugfahrt  sie  für  die  einzelnen  Bestimmungsorte ­
  sichten  zu  können.  Auch  diese  Bahnpostwagen  haben  im
Laufe  der  Jahre  eine  Wandlung  zum  Besseren  durchgemacht,
sowohl  was  Raum  und  Gangart,  als  auch  innere  Einrichtung
und  Beleuchtung  (S.  253)  betrifft.  Jetzt  laufen  in  Deutschland ­
  über  2000  besondere  Postwagen  in  den
d-  Zügen,  von  denen  auf  Preußen  1600  entfallen.
  Außerdem  sind  zahlreiche  Gepäckwagen
PP  auch  für  Postzwecke  eingerichtet.  Nicht  weniger
als  5800  Beamte  sind  allein  im  norddeutschen
Bahnpostdienst  thätig.
Eine  andere  für  die  Reisegeschwindigkeit
wichtige  Einrichtung  ist  das  Wassernehmen  während  der  Fahrt.  Das  Durchfahren
langer  Strecken  ist  durch  den  Wasservorrat  begrenzt,  den  die  Lokomotiven  in  dem  Tender
mitführen.  Anfangs  baute  man  diese  klein,  steigerte  dann  ihren  Wasserinhalt  auf  8  cbm,
später  auch  10—12  cbm,  um  seit  den  90er  Jahren  auf  15,  selbst  18  cbm  und  vereinzelt ­
  in  Amerika  noch  höher  hinaufzugehen.  Eine  Schnellzuglokomotive  gebraucht  vor
dem  Zuge,  je  nach  dessen  Gewicht,  Geschwindigkeit  und  den  Witterungsverhältnissen
stündlich  etwa  7—14  cbm  Wasser.  Ein  Kilogramm  Kohle  verdampft  6—8  kg-  Wasser.
Die  Tender  fassen  gewöhnlich  4000—6000  kg  Kohlen  (Tenderlokomotiven  führen  wesentlich ­
  kleinere  Wasser-  und  Kohlenmengen  mit  sich).  Man  erkennt,  daß  die  Größe  des
mitgeführten  Wasservorrates  in  erster  Linie  die  Fahrtlänge  begrenzt.  Geht  er  auf  die
Neige,  so  muß  er  ergänzt  werden.  Meistens  sind  die  betreffenden  Haltestationen  zu  dem
Zwecke  mit  Hochbehältern  ausgerüstet,  in  die  ein  Pumpwerk  oder  ein  natürliches  Gefälle

jiMHiamm

132.  Mafferkran  der  preußischen  Staatsbahnen.
        <pb n="314" />
        Zugdienst  und  Fahrgeschwindigkeit.

323

das  Wasser  schafft  und  auf  Vorrat  hätt  (Wasserstation).  Von  ihm  läuft  eine  Druckleitung
nach  einem  oder  mehreren  Wasserkranen.  Abb.  332  zeigt  den  bei  uns,  Abb.  333  den
auf  den  Londoner  Untergrundbahnen  gebräuchlichen  Kran.  Durch  Drehen  des  Auslegearmes
  um  etwa  90°  gelangt  sein  Ausguß  über  die  Tenveröffnung,  und  nach  Öffnung
des  Absperrschiebers  gießt  der  Kran  in  dickem  Strahle  aus.  Damit  letzterer  geschlossen
austritt  und  nicht  spritzt,  ist  die  Kranmündung  bei  den  preußischen  Staatsbahnen  mit
einem  etwa  20  cm  hohen  Bündel  enger  Röhren  ausgefüllt.
Durch  dieses  Wassernehmen  geht  aber  unnütze  Zeit  verloren,  wenn  auch  im  Gebiete
des  V.  D.  E.  V.  die  Wasserkräne  in  der  Minute  mindestens  1  cbm  Wasser  liefern  müssen.
Ramsbottom,  der  frühere  Leiter  der  schon  genannten  Eisenbahnwerkstätten  in  Crewe,  hat
deshalb  ein  Wassernehmen  während  der  Fahrt  ermöglicht,  das
er  zuerst  1857  zur  Ausführung  brachte.  An  geeigneten  Stellen
liegen  400  m  lange  hölzerne,  neuerdings  meist  eiserne  Tröge
in  der  Mitte  des  Gleises;  sie  werden  durch  ein  Pumpwerk  gefüllt ­
  gehalten  und  sind  durch  Signale  kenntlich  gemacht.  Die
Tender  der  Schnellzuglokomotivcn  dieser  Strecken  tragen  nach
Abb.  334  ein  Füllrohr  mit  beweglichem  unteren  Schnabel.
Beim  Eintritt  in  die  Trogstrecke  senkt  der  Heizer  denselben  in
den  Trog  hinein,  und  das  Wasser  steigt  aus  diesem  infolge  der
ihm  erteilten  Geschwindigkeit  in  das  Schöpfrohr  und  gelangt
durch  dessen  Krümmer  in  den  Tender.  Nach  angestellten  Versuchen ­
  können  bei  40  ürn/Std.  Fahrgeschwindigkeit  V/ 2  cbm
Wasser  auf  100  m  Fahrlänge  durch  einen  30  cm  breiten
Schnabel  gehoben  werden,  wobei  dessen  Eintauchtiefe  nur  5  cm
zu  betragen  braucht.  Eine  Troglänge  liefert  sonach  etwa  6  cbm
Wasser  in  den  darüber  fahrenden  Tender.
Auch  in  Nordamerika  (Pennsylvaniabahn,  New  Jork
Centralbahn)  sind  diese  Tröge  in  Anwendung.  Hier  hat  man
auch  besondere  Kohlenladevorrichtungen  in  Benutzung,  die  ein
sehr  schnelles  Auffüllen  des  erschöpften  Tenderkohlenvorrates
ermöglichen,  so  daß  die  Lokomotiven  weite  Strecken  durchfahren
können.  Die  vorgenannten  Wassertröge  eignen  sich  für  Länder
mit  gelindem  Winter.  In  Deutschland  würden  sie  zur  Winterszeit ­
  zufrieren,  daher,  wie  in  Nordamerika,  durch  Dampf  geheizte ­
  Wärmevorrichtungen  nötig  machen,  die  aber  umständlich
und  nicht  genügend  zuverlässig  sind.  Außerdem  bedingen  hier
die  Postwagen,  wie  schon  angedeutet,  durch
Ausladen  der  Postsachen  meistens  so  viel  (fahrplanmäßigen)
Aufenthalt,  daß  währenddessen  die  Tender  mit  dem  nötigen  Wasser  aufgefüllt  werden  können.
Eine  große  Annehmlichkeit  für  die  Reisenden  sind  die  durchlaufenden  Wagen*)
(Kurswagen),  welche  ein  Umsteigen  auf  den  Abzweigstationen  unnötig  machen.  In  Deutschland ­
  laufen  solche  Wagen  z.  B.  von  Berlin  nach  Vlissingen,  Basel,  Nizza,  Rom,  von
Wien  nach  Hamburg  u.  s.  w.  Sie  bedingen  an  denjenigen  Stationen,  auf  denen  sie  in
eine  neue  Richtung  übergehen,  ein  Anhalten  der  Züge,  um  abgehängt  und  an  den  neuen
Zug  herangeführt  zu  werden.  Züge  mit  verschiedenen  Kurswagen  müssen  entsprechend  oft
anhalten.  In  England  besteht  nun  auf  vielen  Linien  die  Einrichtung,  daß  ein  Teil  der
Schnellzüge  gewisse  Stationen  ohne  Aufenthalt  durchfährt,  während  der  andere  Teil  an
diesen  hält,  dagegen  die  Haltestationen  des  ersteren  durchfährt.  Die  betreffenden  Kurs-*)
  Auch  Güterwagen  mit  gewissen  Ladungen  durchlaufen  jetzt  lange  Strecken  verschiedener
Snnber.  So  verkehren  zahlreiche  Fruchtwagen  (Südfrüchte,  Gemüse)  zwischen  Süditalien  und
Norddeutschland.  Durch  die  im  nächsten  Abschnitt  erörterten  Eisenbahnfähren  ist  es  sogar  ermöglicht, ­
  daß  Wagen  der  dänischen  Jnselbahnen  nach  Deutschland  und  Skandinavien  übertreten
und  umgekehrt  deutsche  Wagen  nach  Kopenhagen  und  Stockholm  gelangen;  ja,  es  verkehren  seivp
schwedische  Wagen  zwischen  Drontheim  und  dem  fern  im  Süden  gelegenen  Brindisi.
41  *

s.o

&amp;lt;  .  333.  Wagrrkra»  der
OClä  v£tll=  UNV  Londoner  Untergrundbahnen.
        <pb n="315" />
        324  Eisenbahnen:  Zugdienst  und  Fahrgeschwindigkeit.
wagen  werden  hier  einfach  während  der  Fahrt  von  dem  Wagenbegleiter  kurz  vor  der
Übergangsstation  losgekuppelt  (was  eine  besondere  Form  der  Kuppelung  ermöglicht)
und  in  der  Station  durch  Bremsen  zum  Halten  gebracht,  während  der  Schnellzug  dieselbe,
ohne  anzuhalten,  durchfährt.
Ein  weiteres  Mittel  zur  Erhöhung  der  Reisegeschwindigkeit  besteht  in  der  Abkürzung ­
  der  Stationsaufenthalte.  Das  Äußerste  hierin  ist  auf  den  Stadtbahnen
in  London  (Untergrundbahn),  Berlin  und  New  Jork  (Hochbahn)  erreicht,  denn  hier  währt
das  Anhalten  nur  1 / i  bis  %  Minute.  Durch  Einstellung  besonderer  Speisewagen,  was
in  der  Neuzeit  immer  mehr  in  Aufnahme  kommt,  fallen  die  sonst  notwendigen  längeren
Fahrtunterbrechungen  bei  den  lange  Strecken  durchfahrenden  Schnellzügen  zwecks  Einnahme ­
  des  Mittagessens  fort,  was  einen  Zeitgewinn  von  etwa  */,  Stunde  ergibt.  Englische
Bahnen  führen  jetzt  Speisewagen  sogar  für  die  dritte  Wagenklasse.
Einzelne  englische  und  amerikanische  Züge  haben  es  zu  einer  sehr  großen  Durchschnittsgeschwindigkeit ­
  gebracht.  Sie  sind  deshalb  auch  vom  Volke  mit  besonderen  Namen
belegt  worden.  So  heißt  z.  B.  der  Schnellzug  von  London  nach  Carlisle  „The  flying
scotchman“  („Der  fliegende  Schotte"),  ein  Zug  der  Great  Western  Bahn  „Der  fliegende
Holländer"  u.  s.  w.  Anderseits  ist  in  den  im  Jngenieurwesen  zurückgebliebenen  Ländern
die  Zuggeschwindigkeit  eine  verhältnismäßig  geringe.  In  Spanien  z.  B.  werden  schon
Personenzüge  mit  40  hm/Std.  Durchschnittsgeschwindigkeit  „Schnellzüge"  genannt.  Auch
in  Rußland  ist  es  nicht  viel
besser.  Hier  beträgt  die
Durchschnittsgeschwindigkeit ­
  der  Schnellzüge  sogar
nur  37  hm.  Der  S.  240
genannte  Luxuszug  der
sibirischen  Überlandbahn
durchfährt  die  3254  hm
lange  Strecke  Tscheljabinsk-Irkutsk ­
  in  1341/4
Stunden,  das  gibt  eine
mittlere  Reisegeschwindigzg«.
  Vorrichtung  zmn  Wassernehmcn  während  der  Fahrt  &amp;lt;1880).  Eeit  VvN  24,2  hm  M  der
Stunde.  Die  Personenzüge
dieser  Bahn  bringen  es  nur  auf  16,4  und  21,6  hm/Std.  Reisegeschwindigkeit.  Damit
verglichen,  zeigen  die  Luxuszüge  der  nordamerikanischen  Überlandbahnen  auf  der  5483  hm
langen  Strecke  New  Aork-San  Francisco  eine  mehr  als  doppelt  so  große  Reisegeschwindigkeit,
obschon  die  Steigungs-  und  Krümmungsverhältnisse  ungünstiger  sind.  —  Vergleicht  man
nach  den  Fahrplanbüchern  die  Zuggeschwindigkeiten,  so  findet  sich  der  schnellste  Zug  der
Welt  in  Nordamerika  auf  der  Strecke  Philadelphia—Atlantic  City.  Er  fährt  im  Sommer
und  legt  nach  S.  233  die  89  hm  lange  Linie  in  47  bis  48  Minuten  zurück.  Die  durchschnittliche ­
  Reisegeschwindigkeit  beträgt  hiernach  111  hm  in  der  Stunde,  während  die  Fahrgeschwindigkeit ­
  den  Höchstwert  von  130  hm/Std.  erreicht.  Auch  auf  einigen  anderen  Linien
im  Osten  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  kommen  erhebliche,  wenn  auch  nicht  so  hohe
Geschwindigkeiten  bei  Schnellzügen  vor.  Im  Westen  jenes  Landes  dagegen  fahren  dieselben ­
  weit  langsamer,  da  hier  der  anspornende  Wettbewerb  mehr  oder  weniger  fehlt.
Es  kommt  jedoch  nicht  so  sehr  auf  einen  einzelnen,  besonderen  Zwecken  angepaßten  Zug  an,
als  vielmehr  auf  die  Durchschnittsleistung  aller  Personenzüge  eines  Landes.  In  dieser
Hinsicht  steht  England  noch  immer  obenan;  auf  dem  europäischen  Festlande  sind  es  die
preußischen  Staatsbahnen,  wie  die  nachstehende,  dem  Archiv  für  Eisenbahnwesen  1897
entnommene  Übersicht  klar  erkennen  läßt.  Es  sind  hierin  alle  Schnellzüge  des  Jahres
1896  aufgenommen,  die  eine  stündliche  Durchschnittsgeschwindigkeit  einmal  von  46  hm
und  sodann  von  60  hm  überschreiten.  Namentlich  der  letztere  Wert  führt  zu  höchst
bemerkenswerten  Ergebnissen.  Die  Zahlen  geben  Prozente  der  gefahrenen  Schnellzugkilometer ­
  an:
        <pb n="316" />
        Die  schnellsten  Züge  Europas.

325

Durchschnittliche  Fahrgeschwindigkeit

Land

46  à  in  der

60  km  in  der

Stunde  u.  mehr

Stunde  u.  mehr

England

68,1

61,5

Preußen

91,2

21,8

Deutschland

84,1

14,8

Frankreich

79,3

13,0

Holland

94,4

12,3

Belgien

67,3

10,1

Österreich-Ungarn  ....

43,7

6,5

Süddeutschland

69,8

6,0

Einen  Überblick  über  die  im  Durchschnitt  wirklich  erreichten  Reise-  und  Fahrgeschwindigkeiten ­
  gibt  die  folgende,  nach  dem  Reichskursbuch  vom  Mai  1900  neu  bearbeitete ­
  Zusammenstellung  einiger  der  schnellsten  europäischen  Züge.

Land  und  Linie

Lange  der
Strecke

Fahrzeit
etnschl.  Zwischcnausenih.

Minuten

Zahl
der  Anhaltestattonen ­


Durchsch
Reisegeschwindigkeit ­

km  i.  d.  St.

nittliche
Fahrgeschwindigkeit ­

km  i.  d.  St.

Frankreich:

St.  Pierre-Orléans

110,0

67

—

98,5

101,5

Paris-Amiens

131,0

81

—

97,0

99,5

Paris-Calais

298,0

195

1

91,7

96,1

Paris-Bordeaux

585,0

402

4

87,3

91,4

Paris-D.  Avriconrt  lOrientexpreßzugl

411,0

847

6

71,0

78,0

England:

Perth-Aberdeen

144,2

97

—

89,2

91,0

London-Uork

302,5

215

—

84,4

85,2

London-Edinbnrg

636,0

465

—

82,0

—

London-Dover

122,3

101

—

72,6

74,1

Deutschland:

Berlin-Hamburg

286,0

218

1

78,7

82,1

Basel-Mannheim

269,5

224

4

72,2

82,0

Berlin-Halle

161,8

126

—

76,9

78,2

Magdeburg-Berlin

142,0

117

2

72,8

78,1

Köln-Hamburg

448,0

408

9

65,9

73,2

Köln-Berlin-iFrie.)  (Rordexpreb)  .

585,3

522

6

67.2
66.3

72,1

Uim-Salzburg  lOrientexpreßzugl  .  .

299,8

271

2

69,1

Basel-Straßburq-Berlin  .  .  .

908,4

949

34

57,4

69,0

Berlin-Ehdtkuhnen  lNordexpreß)

742,0

696

7

63,9

68,5

Berlin-München  (Nord-Südexpreß)  .
Österreich-Ungarn:

654,8

625

4

62,8

66,0

Wien-Budapest

278

261

5

63,9

71,5

Wicn-Marienbad

425,0

387

5

65,9

70,2

Bodenbach-Wien

528,0

555

12

57,1

63,7

Holland:

Blissingen-Boxtel

137,3

110

74,7

76,2

Oldenzaal-Amsterdam  ....

167,3

171

5

58,7

68,7

Nymwegen-Rotterdam  ....

122,3

112

1

65,5

66,7

Belgien:

Brüssel-Ostende

126

99

76,3

77,9

Brüssel-Herbesthal

138,7

147

2

56,6

60,3

Brüssel-Luxemburg

226,1

247

4

55,0

59,3

Hiernach  steht  Frankreich  bezüglich  der  Zuggeschwindigkeit  an  der  Spitze.  England
solgt  an  zweiter  Stelle,  Deutschland  an  dritter.  In  den  übrigen  Ländern  Europas  erreicht ­
  kein  Zug  bei  Fahrten  über  100  km  Länge  eine  Durchschnittsgeschwindigkeit  von
80  km/Std.  Beständen  für  die  deutschen  Bahnen  nicht  so  mannigfache  Beschränkungen
hinsichtlich  der  zulässigen  höchsten  Fahrgeschwindigkeit,  namentlich  auch  in  Krümmungen
und  auf  Gefällen  (vergl.  „Oberbau"),  so  könnten  die  Fahrzeiten  erniedrigt  tverden.
Thatsächlich  wird  ja  auch  bei  uns  auf  günstigen  Strecken  mit  einer  Höchstgeschwindigkeit
von  90  km  gefahren.  In  England  und  Amerika  bestehen  keine  solchen  gesetzlichen  Grenzen,
        <pb n="317" />
        ÑWWWWWW

326  Eisenbahnen:  Zugdienst.
es  lassen  sich  daher,  wie  auch  in  Frankreich,  die  Gefällstrecken  besser  ausnutzen,  und  deshalb
werden  dort  Höchstwerte  von  120  bezw.  130  Lin/Std.  bei  einzelnen  Zügen  erreicht.
Die  Gepäckbeförderung  ist  in  den  einzelnen  Ländern  sehr  verschieden,  sowohl
an  Gewicht  des  Freigepäcks,  wie  in  der  Beförderungsart.  Während  in  Deutschland  das
Gepäck  gewogen  und  beklebt  wird  und  der  Reisende  einen  sogenannten  Gepäckschein
erhält,  der  ihm  die  Aushändigung  des  Gutes  an  der  Bestimmungsstation  sichert,  muß
sich  in  England  der  Reisende  an  letzterer  selbst  darum  bemühen.  Wohl  wird  es  beklebt,
aber  an  der  Endstation  muß  es  vom  Besitzer  auf  dem  Bahnsteig  am  Gepäckwagen  in
Empfang  genommen  werden,  was  gerade  nicht  zur  Annehmlichkeit  der  Reise  beiträgt.
In  Amerika  wird  das  Gepäck  vielfach  nicht  gewogen,  es  auch  mit  der  Freigewichtsgrenze
nicht  genau  genommen.  Der  Reisende  erhält  bei  Abgabe  desselben  eine  Blechmarke,
eine  zweite  gleicher  Art  wird  mittels  Riemens  an  dem  Frachtstücke  befestigt.  Vor  der
Endstation  nehmen  besondere  Agenten  der  Gepäckbeförderungsgesellschaften  die  Wünsche
der  Reisenden  im  Zuge  entgegen  und  besorgen  ihm  die  Sachen  schnell  nach  dem
Hotel  u.  s.  w.,  so  daß  man  beim  Verlassen  des  Bahnhofs  der  Gepäcksorge  enthoben  ist.
Die  amerikanische  Gepäckbehandlung  ist  versuchsweise  auch  in  einem  Bezirke  der  preußischen
Staatsbahnen  eingeführt.
Die  Benutzung  der  einzelnen  Wagenklassen  weicht  sehr  von  einander  ab.  Nachstehende
dem  „Bulletin  de  Statistique  1899“  entnommene  Übersicht  gibt  für  sechs  europäische
Länder  bemerkenswerten  Aufschluß  hierüber.

Zahl  der  beförderten  Personen

Einnahmen  in  Prozenten  der  Gesamt-Länder



in  Prozenten  des  Gesamtverkehrs

einnähme  des  Personenverkehrs.

I.  Kl.

II.  Kl.

III.  Kl.

I.  Kl.

II.  Kl.

III.  Kl.

Deutschland

0,6

10,2

89,2

4,9

26,9

68,2

Österreich

1,2

12,7

86,1

7,5

27,6

64,9

Rußland

1,4

7,1

91,5

6,2

15,1

64,1

England

3,6

8,1

88,3

12,4

10,6

77,0

Holland

7,0

23,0

70,0

16,5

36,2

47,2

Frankreich

8,0

36,0

56,0

21,0

.  27,0

52,0'

Hiernach  wird  in  allen  diesen  Ländern  die  III.  Wagenklasse  am  meisten  benutzt
Die  I.  Wagenklasse  ist  in  Deutschland  nur  schwach  besetzt,  in  Frankreich  und  Holland
dagegen  erheblich  stärker.  Der  Anteil  der  in  Norddeutschland  bestehenden  IV.  Klasse  ist
in  obiger  Übersicht  der  III.  Klasse  zugerechnet  worden.  Die  dort  bezüglich  der  Einnahmen
angegebene  Verhältniszahl  (68,2°/ 0 )  verteilt  sich  mit  20,7%  auf  die  IV.  und  mit  47,5%
auf  die  III.  Klasse.
Um  die  vorstehenden  Zahlen  richtig  vergleichen  zu  können,  ist  die  Kenntnis  der
Fahrpreise  erforderlich.  Wir  beschränken  uns  auf  Deutschland  und  stellen  mit  der  heutigen
Preislage  die  Werte  aus  dem  Jahre  1840  zusammen.  Für  die  damals  bestehende  Leipzig-Dresdener
  Eisenbahn  bestanden  für  die  einfacheFahrt  folgende  auf  Mark  umgerechnete  Preise:

Jahr  1840.

Von  Leipzig  nach

Entfernung
von  Leipzig

Fahrpreis  in  der  Wagenklasse
I  1  II  (  III

Riesa  .  .  .
Dresden  .  .

66  km
115  „
Jahr

5,40  Mk.
9,00  „
1900.

4,10  Mk.
6,80  „

2,70  Mk.
4,50  „

Fahrpreis  für  1  km:  Einfache  Fahrt.

Preußische  StaatSbahncn.
Wagenilasse
i  !  ii  i  in  I  iv

Bayrische  Staatsbahnen.
Wagenklasse
I  1  II  1  III

Bemerkungen:

Personcnzng  .
Schnellzug.  .
Fahrpi
Personenzug  .
Schnellzug.  .

8  Pfg.
9  „
-eis  für
}12

6  Pfg.
6,67  „
L  km:  H
9

4  Pfg.  1  2  Pfg.
4,67  „  1  -
in-  und  Rückfahrt
o!  -

8  Pfg.
9,1  „
(Rückfal
13,3  Pfg.
15,5  „

5.3  Pfg.
6.4  „
rkarte).
8  Pfg-10,2
  „

3.4  Pfg.
4.5  „
5,3  Pfg.
1.5  „

Die  IV.  Wagenklasse
fehlt  auf  den  süddeutschen ­
  Bahnen,  desgl.
in  Schnellzügen.
Eine  Änderung  der
Einheitspreise  wird  angestrebt. ­
        <pb n="318" />
        Fahrpreise.  Störungen  durch  Schnee.  327
Vergleicht  man  die  Preise  von  1840  mit  denen  der  heutigen  Personenzüge  Preußens,
so  zeigt  sich  merkwürdigerweise  eine  fast  genaue  Übereinstimmung.  Allerdings  ist  zu  beachten, ­
  daß  damals  das  Geld  höher  im  Werte  stand  und  den  Reisenden  viel  weniger
Bequemlichkeiten  geboten  wurden.  Auch  die  Fahrgelegenheit  und  die  Reisedauer  ließ
derzeit  recht  zu  wünschen.  So  fuhren  damals  auf  der  Leipzig-Dresdener  Bahn  täglich
nur  2  Personenzüge  nach  jeder  Richtung,  deren  Fahrtdauer  3 1 / 2  bis  4  Stunden  betrug,
was  einer  Reisegeschwindigkeit  von  28%  bis  30  lcva/Std.  entspricht.  Heute  wird  dieselbe
Strecke  von  13  Zügen  in  jeder  Richtung  täglich  befahren,  mit  einer  Fahrtdauer  von
1%  bis  3  Stunden.
Ein  anderes  Beispiel  dieser  Art  bietet  die  Bahn  von  Berlin  über  Magdeburg  nach
Hannover.  Im  Jahre  1846  verkehrten  auf  ihr  2  Züge  in  jeder  Richtung,  deren  schnellster
über  12  Stunden  für  diese  Strecke  bedurfte.  Im  Jahre  1850  liefen  bereits  3  Züge  in
jeder  Richtung,  ihre  kleinste  Reisedauer  betrug  rund  10  Stunden.  Heute  laufen  ans
dieser  Bahn  10  Züge  in  jeder  Richtung,  und  man  kann  die  Strecke  bereits  in  4%  Stunden
zurücklegen,  wobei  zu  beachten  ist,  daß  seit  den  70er  Jahren  noch  eine  zweite  Bahn
zwischen  Berlin  und  Hannover  (über  Stendal)  in  Benutzung  genommen  wurde,  die  täglich
von  12  Zügen  in  jeder  Richtung  befahren  wird  mit  einer  kleinsten  Reisezeit  von
3%  Stunoen.  Gewiß  ein  großer  Fortschritt.
Schneepflugs  und  Schneeschlcudermaschinen.
In  schneereichen  Wintern  haben  die  Eisenbahnen  der  gemäßigten  Zone  häufige
Störungen  durch  Schneeverwehungen,  im  Hochgebirge  auch  durch  Lawinenstürze  zu
erleiden.  Ganz  gewaltige  Schneemassen  lagern  sich  dann  auf  den  Gleisen  ab,  namentlich  in
Einschnitten.  Ihre  Beseitigung  kostet  viel  Zeit,  Arbeit  und  Geld,  dabei  wird  der  Verkehr ­
  empfindlich  gestört  und  geschädigt.  Nicht  nur  auf  den  besonders  schneereichen  Abschnitten ­
  der  Gebirgsbahnen  (Schottland,  Norwegen,  Schweiz,  Amerika)  ist  ein  Festfahren
und  stundenlanges  Steckenbleiben  der  Züge  im  Schnee  wiederholt  vorgekommen,  sondern
auch  recht  oft  im  Hügellande,  selbst  im  Flachlande.
In  dem  besonders  schneereichen  Winter  1886/87  gab  es  in  Deutschland  und  Österreich ­
  viele  unliebsame  Störungen  im  Zugverkehr  und  dadurch  Schädigungen  im
Handel  und  Gewerbsleben.  Allein  im  Monat  Dezember  1886  sind  auf  deutschen  Bahnen
(ausschließlich  der  bayerischen)  infolge  Schneeverwehungen  2716  Züge  ausgefallen,  während
711  Züge  nur  einen  Teil  ihres  Weges  gefahren  werden  konnten  und  2315  Züge  Verspätungen ­
  erlitten.  Für  die  sächsischen  Staatsbahnen  sind  die  in  jenem  Winter  eingetretenen ­
  Mindereinnahmen  nur  im  Personenverkehr  auf  rund  100  000  Mark  geschätzt
worden,  während  dort  anderseits  die  Kosten  für  Schneebeseitigung  in  zwei  Monaten  die
beträchtliche  Summe  von  rund  442*000  Mark  ausmachten.
Seitdem  sind  die  Eisenbahnverwaltungen  noch  mehr  bemüht  gewesen,  ihre  den
Schneeablagerungen  in  verstärktem  Maße  ausgesetzten  Gleisstrecken  durch  feste  Schneewehren, ­
  wie  Hecken,  Waldschutzstreifen,  Mauern,  Erdwälle,  feste  und  versetzbare  Schneezäune ­
  ans  Flechtwerk,  Schwellen  oder  Bohlen  zu  schützen  und  bessere  Vorkehrungen  zur
Beseitigung  von  Gleisverwehungen  zu  treffen.  Da  wo  Lawinenstürze  zu  befürchten  sind,
baut  man  Schneegalerien  und  Schneedächer,  über  die  die  Lawinen  uiedersausen,  oder
errichtet  auch  kräftige  Leitwerke  (versteifte  Holzwände,  Steinmauern),  um  sie  aus  ihrer
gewohnten,  die  Bahnlinie  bedrohenden  Rutschungsrichtung  abzulenken.  Die  Gotthardbahn
ist  besonders  reich  au  solchen  Galerien.  Noch  ausgedehnter  sind  die  oft  mehrere  Kilometer
langen  Schneedächer  (Abb.  84)  der  amerikanischen  Überlandbahnen,  namentlich  in  dem
Felsengebirge  und  in  den  westlich  davon  gelegenen  Selkirks.
Hochgelegene  Waldstreifen  sind,  wenn  genügend  dicht  und  breit,  ein  allbekanntes,
sehr  gutes  Schutzmittel  gegen  Schneerutschungen.  Heißt  es  doch  schon  im  „Wilhelm  Teil":
.,  .  .  .  Die  Lawinen  hätten  längst
den  Flecken  Altdorf  unter  ihrer  Last
Verschüttet,  wenn  der  Wald  dort  oben  nicht
Als  eine  Landwehr  sich  dagegen  stellte."
        <pb n="319" />
        328

Eisenbahnbetrieb.

335.  Kchnrrschleudrrniaschinr  nach  Lestir.
Erbaut  von  der  Lokomotivfabrtk  von  Henschel  L  Sohn  in  Kassel.

Die  Verwaltung  der  Arlbergbahn  hat  an  deren  Berglehnen  bis  2000  m  Höhe  ü.  M.
viele  Tausend  Arven,  Bergkiefern  und  Föhren  in  zuvor  gegen  Rutschung  und  Steinschlag
gesicherten  Boden  pflanzen
lassen,  um  durch  den  im  Laufe
der  Zeit  heranwachsenden
Bannwald  ein  wirksames  Schutzmittel ­
  für  ihre  Bahnlinie  zu
schaffen.  Sie  unterhält  in
1200  na  ü.  M.  eigene  Pflanzgärten, ­
  denen  die  Pflänzlinge
für  die  weitere  Aufforstung
entnommen  werden.
Das  einfachste  Mittel
zur  Schneebeseitigung  bietet
der  Schneepflug.  Er  stellt
eine  nach  Art  des  Ackerpfluges
geformte  große  Pflugschar  dar,
wird  aus  Holz  mit  Eisenbeschlag, ­
  besser  ganz  aus
Eisen,  gebildet  und  an  der
Vorderseite  der  Lokomotive  befestigt, ­
  auch  bei  größerer  Ausführung ­
  wohl  auf  eigene  Räder
gestellt  und  durch  eine  Lokomotive ­
  vorgeschoben.  Bei  eingleisiger ­
  Bahn  ist  die  Pflugschar
mitunter  symmetrisch  zur  Mittelachse ­
  angeordnet,  so  daß  der  von  ihr  aufgehobene  Scbnee  nach  den  beiden  Außenseiten  des
Gleises  geworfen  wird.  Bei  zweigleisiger  Bahn  kann  die  Schar  nur  einseitig  gestaltet
sein,  da  der  Schnee  nur  nach  der  einen  nächstgelegenen  Außenseite  abgedrängt  werden  darf.

336.  Kchlrudrrrad  drr  Lrslirmaschine.
        <pb n="320" />
        337.  ©editier  DaniPf-Kreifelftiineefchmifel  für  die  Itimtgl.  ungarischen  Ktaatoeifenbahnen.
Vorderen  Stirnwand  drehbaren,  etwa  3  in  großen  Schaufelrade.  Dieses  ist  nach  Abb.  336
mit  zehn  eisernen  Trichtern  oder  Tüten  besetzt,  die  in  ganzer  Länge  einen  breiten  Schlitz  besitzen, ­
  um  hier  eine  Messerschneide  zur  Wirkung  zu  bringen,  wenn  das  Rad  gedreht  wird.
Diese  Schneiden,  die  sich  je  nach  der  Drehrichtung  selbstthätig  verstellen,  trennen  beim  Borrücken ­
  in  die  Schneemasse  je  eine  Schicht  von  dieser  ab,  die  sich  in  das  Trichterinnere  schiebt
und  durch  die  Schleuderkraft  des  Rades  kräftig  an  einem  Leitblech  entlang  nach  außen  geworfen ­
  wird.  Die  Schleudermaschine  wird  von  einer  oder  zwei  Lokomotiven  vorgedrückt.
In  einem  mit  Fenstern  versehenen  Vorderraum  sitzt  der  Maschinist,  der  je  nach  der  Lage
benachbarter  Bauwerke  u.  s.  w.  das  Leitblech  umzulegen  und  den  Drehsinn  des  Rades  zn
*)  An  der  Arlbergbahn  sind  Kolonnen  bis  1200  Mann  zum  Schneeschaufeln  beschäftigt
worden.  Nach  dem  „Centralblatt  für  Bauverwaltung"  1889  haben  auf  einer  nur  34  km  langen
Gleisstreckc  im  Thüringer  Walde  die  durchschnittlichen  Jahreskosten  für  das  Hinwegräumen  de.
Schnees  von  Hand  auf  freier  Strecke  12  403  Mark  betragen,  also  auf  1  km  rund  wcarr.
Dieser  Betrag  hat  sich  nach  Einführung  des  Schneepflugs  auf  7503  Mark  —  -20  Mart  sur
bas  km  gemindert.
IX  42

Schnceschleudermaschinen.  329
Schneepflüge  vermögen  aber  nur  weiche  Schneemassen  von  nicht  zu  großer  Dicke  zu
beseitigen.  -Bei  starker  Schneelage,  auch  bei  sehr  dichtem  oder  gefrorenem  Schnee  werden
sie  vom  Gleise  abgehoben,  fahren  fest,  geben  auch  Anlaß  zur  Entgleisung  des  Fahrzeugs
hinter  ihnen.  Dann  muß  man  oftmals  durch  große  Arbeiterkolonnen,  die  in  den  Nächstliegenden ­
  Ortschaften  angeworben  werden,  die  Gleise  freilegen  lassen.  Aber  das  ist  kostspielig*) ­
  und  bedingt  viel  Zeit,  so  daß  der  Verkehr  sehr  darunter  leidet.
Von  verschiedenen  Seiten  sind  deshalb  Versuche  gemacht  worden,  den  Schnee  durch
Maschinen  fortzuräumen.  Im  Jahre  1884  baute  der  Amerikaner  Jull  die  erste  derartige
Maschine,  die  dann  durch  Leslie  wesentliche  Abänderungen  und  Verbesserungen  erfahren
hat  und  als  Leslies  rotierende  Dampfschneeschaufel  oder  Schneeschleudermaschine ­
  bekannt  geworden  ist  (Abb.  335).  Sie  besteht  im  wesentlichen  aus  einer  in  einem
fahrbaren  Wagenkasten  gelagerten  Zwillingsdampfmaschine  mit  Kessel  und  einem  vor  der
        <pb n="321" />
        330  Eisenbahnen:  Schneepflüge.

ändern  hat,  auch  je  nach  der  Schneebeschaffenheit  dessen  Umdrehungszahl  verringern  oder
bis  auf  125  in  der  Minute  verstärken,  sowie  den  Lokomotivführern  die  nötigen  Signale
für  das  stärkere  oder  schwächere  Vorrücken  geben  muß.  Die  Maschine  schleudert  den
Schnee  20  na  hoch  und  bis  100  in  weit.  Es  ist  ein  höchst  anziehendes  Bild,  das  sich
beim  Arbeiten  dieser  Schaufler  dem  Auge  zeigt.  Dicke  Rauchwolken,  vermischt  mit  dem
Abdampf,  entströmen  den  verschiedenen  Schornsteinen  unter  lautem  Getöse,  die  Sicherheitsventile ­
  blasen  zischend  ab,  dazwischen  tönen  die  Signalpfiffe,  und  hoch  im  Bogen  sieht  man
die  Schneemassen  fortgeschleudert.  Die  Schleuder  vermag  bis  3  m  hohe  frisch  gefallene
Schneemaffen  mit  einer  Geschwindigkeit  von  etwa  10  km  i.  d.  Stunde  zu  beseitigen;  hartgefrorener ­
  Schnee  erfordert  erheblich  mehr  Zeit.
Auch  in  Europa  ist  die  Lesliemaschine  mehrfach  beschafft,  so  von  den  preußischen
Staatsbahnen,  die  damit  ihre  schneereichen  Linien  im  Thüringer  Walde  säubern  lassen,
und  von  der  Gotthardbahn.  Von  der  Leslieschleuder  sind  bis  jetzt  etwa  100  Stück  er-338.

  Kchnrcschanfel  brr  der  Arbeit.
baut  worden,  die  Mehrzahl  wird  auf  den  besonders  schneereichen  nordamerikanischen
Bahnen  benutzt.  Die  in  der  Schweiz  und  Deutschland  benutzten  Maschinen  sind  von
Henschel  &amp;amp;  Sohn  in  Kassel  erbaut  (Preis  50  000  Mark).
Da  die  verstellbaren  langen  Messer  durch  hart  gefrorenen  Schnee,  vor  allem
durch  Steine  leicht  beschädigt  werden  können,  auch  das  Umsteuern  der  Dampfmaschine
beim  Wechsel  der  Schleuderrichtung  lästig  ist,  so  hat  die  Görlitzer  Waggonfabrik
1889  eine  andere,  widerstandsfähigere  Schleuder  konstruiert,  die  in  der  Abb.  337  wiedergegeben ­
  ist.  Statt  der  Trichter  sind  hier  12  flache,  breite  Schaufeln  gewählt,  die  radial
zur  Drehachse  des  mit  einem  „Vorschneider"  versehenen  Schleuderrades  sitzen.  Der
Dampf  für  die  700pferdige  Betriebsmaschine  wird  der  Schiebelokomotive  entnommen,
mit  welcher  die  Schleuder  durch  eine  große  Kupferrohrspirale  verbunden  ist,  um  die
kleinen  gegenseitigen  Bewegungen  der  Fahrzeuge  (namentlich  auch  in  Gleisbögen)  für  die
Dampfzufuhr  unschädlich  zu  machen.  Das  Rad  dreht  sich  nur  nach  einer  Richtung
(140mal  in  der  Minute),  besitzt  aber  eine  untere  und  eine  obere  verschließbare  Auswurföffnung, ­
  wovon  die  eine  links,  die  andere  nach  rechts  den  Schnee  fortschleudert,  wenn  sie
geöffnet  wird.  Diese  Bauart  ist  von  den  ungarischen  Staatsbahnen  angeschafft.  Auf  der
        <pb n="322" />
        Eisenbahnfähren.  331

Militärbahn  bei  Zossen  im  Winter  1895/96  angestellte  Versuche  ergaben  eine  sehr  befriedigende ­
  Wirkung.  Das  Kreiselrad  räumte  einen  hochgeschichteten  harten  Schneewall
sicher  und  stetig  fort.  Die  bis  zu  30  m  Höhe  geschleuderten  Schneemassen  nahmen  sich  aus
wie  die  Sprenggarben  von  Riesengeschossen.  Abb.  338  zeigt  die  Schleuder  bei  der  Arbeit.
In  Amerika  hat  sodann  der  schon  genannte  Ingenieur  Jull  noch  eine  andere,  bereits
mehrfach  benutzte  Schleuderart  erdacht.  Bei  dieser  wird  nach  Abb.  339  eine  etwa  4  m
lange,  kegelförmige,  gegen  das  Gleis  geneigt  liegende  Riesenschraube  oder  Schnecke  verwendet, ­
  deren  aus  Blech  hergestellte  Gewindegänge  den  Schnee  losbrechen  und  nach  hinten
in  die  Höhe  schieben,  um  hier  fortgeschleudert  zu  werden.  Die  Schraube  macht  300  Umdrehungen ­
  in  der  Minute.  Nach  amerikanischen  Angaben  soll  sie  sich  bewähren.
Außer  den  vorgenannten  drei  Anordnungen  sind  auch  noch  andere  Schneebeseitigungsmaschinen ­
  gebaut  worden,  wie  der  Schneebagger  von  Paulitschky  (1890)  u.s.  w.
Sie  haben  aber  keine  Verbreitung  gefunden.

339.  Iulls  KchiiecsthallfrU

Eifenbahn-Fährbooke  (Trajrkkanflatten).
Soll  eine  auf  einen  Strom,  See  oder  Meeresarm  mündende  Eisenbahnlinie  am
jenseitigen  User  fortgesetzt  und  dort  von  denselben  Betriebsmitteln  befahren  werden,  ohne
daß  das  Wasser  auf  einer  Brücke  überschient  wird,  so  muß  ein  Fährboot  (Trajekt)
die  Überleitung  der  Eisenbahnfahrzeuge  übernehmen.  Das  Deck  des  Bootes  wird  zu
dem  Zweck  mit  2—4  Gleisen,  seltener  mit  nur  einem  Schienenstrang  (Rhein,  Rügen)
versehen  und  in  der  Regel  durch  eigene  Dampfkraft  vermittelst  Ruderrades  oder
Schraube  bewegt.  In  Europa  und  Amerika  sind  derartige  Fährboote  am  zahlreichsten
vorhanden.
Besondere  Einrichtungen  sind  an  den  beiden  Landestellen  zu  treffen,  um  trotz  wechselnder ­
  Wasserstände  das  Überleiten  der  Lokomotive  und  Wagen  vom  Lande  auf  das
Schiff  und  umgekehrt  gut  und  sicher  bewirken  zu  können.  Hierfür  sind  im  Laufe  der
Jahre  verschiedene  Mittel  in  Anwendung  gebracht  worden.
Das  erste  ist  Änderung  der  Eintauchtiefe  des  Fährbootes  durch  Vergrößern  oder
Verringern  des  Wasserballastes  im  Schiffskörper.  Dies  ist  angewandt  worden  an  der
Ostsee  bei  der  Fähre  Stralsund-Rügen,  am  Bodensee  zwischen  Lindau  und  Romans-42*
        <pb n="323" />
        332  Eisenbahnen.

Horn*).  Bei  anderen  Anlagen  verwendet  man  Klappbrücken  an  den  Landestellen.  Dies
geschieht  bei  den  Fährbooten  der  dänischen  Bahnen  über  den  Sund,  den  Kleinen  und
Großen  Belt,  desgleichen  bei  der  Fähre  über  die  Meerenge  bei  San  Francisco.  Ein
drittes  Mittel  besteht  in  geneigten  Ebenen  mit  Übergangswagen,  wie  sie  die  Rheinfähren
bei  Bonn,  Griethausen  u.  s.  w.,  früher  auch  bei  den  jetzt  durch  feste  Brücken  ersetzten
Fähren  über  die  Elbe  bei  Hohnstorf,  über  den  Firth  of  Forth  bei  Granton,  den  Tay  bei
Dundee  zeigen.  Ein  viertes  ist:  Senkrechte  Hebung  der  Eisenbahnfahrzeuge  und  zwar
entweder  durch  Wasserdruckaufzüge  wie  bei  der  früheren  Rheinfähre  Ruhrort-Homberg,
oder  durch  Dampfkräne,  wie  bei  der  Fähre  auf  dem  St.  Lorenzstrom  (Quebec)  (Abb.  340),
früher  auch  bei  der  Rheinfähre  zwischen  Mainz  und  Kastei.
Die  Fahrgeschwindigkeit  der  Fährboote  ist  sehr  verschieden  und  beträgt  auf  Flüssen
6—10  Km/Std.,  auf  Landseen  und  Meerengen  bis  25  Km/Std.  (Stralsund-Rügen  =
15  Km/Std.,  Beltfähren  =  24  Km/Std.).  Die  längsten  Fährstrecken  finden  sich  in  Nordamerika ­
  ans  dem  Michigansee  mit  150  Inn  ans  der  Linie  Frankfort-Menomonee  und
135  km.  auf  der  Linie  Milwaukee-Grand  Haven.  Die  im  Zuge  der  transsibirischen
Eisenbahn  über  den  Baikalsee  führende  Fähre  legt  64  kin  bei  einer  Fahrt  zurück.  Wegen
des  oft  herrschenden  starken  Wellenschlages  und  der  Vereisung  sind  diese  Seefähren  be-340.

  Trajrlrtirvnng  von  Eisenbahnwagen  ans  dem  Kt.  Lorrnzstronr.
(Der  Kran  wird  durch  Zahnstange  und  Zahnrad  2  auf  seiner  Fahrbahn  verschoben).

sonders  kräftig  und  zugleich  als  Eisbrecher  gebaut  (S.  334).  Letzteres  ist  auch  der  Fall
bei  der  neuen  Fähre  über  die  Wolga  (bei  Saratow),  über  den  Detroit-Flnß  u.  s.  w.
Entweder  werden  durch  die  Fährboote  einzelne  Eisenbahnwagen  oder  ganze  Züge
übergesetzt.  Letzteres  greift  Platz,  wenn  ein  Umladen  und  Umsteigen  zwecks  Zeitgewinns
vermieden  werden  soll,  namentlich  wenn  die  Fährstrecke  am  Anfang  der  Fahrt  oder
nahe  an  ihrem  Ende  liegt.
Die  ältesten  Fähranlagen  waren  an  der  englischen  Ostküste  im  Zuge  der  Eisenbahn
von  Edinburg  nach  Dundee.  Nahe  der  ersteren  Stadt  war  zwischen  Granton  und  Burntisland
  der  8,8  ton  breite  Firth  os  Forth  zu  übersetzen,  bei  der  letzteren  die  l,4  km  breite
Taymündung.  Die  Grantonfähre  wurde  schon  1851,  die  bei  Dundee  1852  eingerichtet.
Beide  setzten  aber  nur  Güterwagen  über,  den  Personenverkehr  vermittelten  gewöhnliche
Dampfer.  Das  erste  Fährschiff  der  Forthfähre  war  der  „Leviathan",  von  Rapier  in
Glasgow  erbaut.  Es  konnte  auf  seinen  drei  Deckgleisen  30  Wagen  unterbringen  und

*)  Das  Übersetzen  von  Güterwagen  über  den  nach  Abb.  81  rings  von  Bahnen  umzogenen
Bodensee  erfolgt  der  Wegkürzung  halber  und  um  bei  der  Fahrt  nach  der  Schweiz  österreichisches
Gebiet  und  damit  die  zweimalige  Zollabfertigung  der  Güter  zu  vermeiden.  Das  Fährschiff  nimmt
16  Güterwagen  auf  und  schleppt  gewöhnlich  am  Tau  noch  zwei  Fährlöhne  mit  je  acht  Wagen.
In  einer  Fahrt  können  sonach  bis  32  Wagen  über  den  See  befördert  werden.  Der  Personenverkehr ­
  wird  durch  sechs  Raddampfer  erledigt.
        <pb n="324" />
        Eisenbahnfähren.  333

kreuzte  die  Meerenge  in  26  Minuten  und  8—10  mal  an  einem  Tage.  Beide  Fähren
sind  nach  dem  Bau  der  Tay-  und  Firth  of  Forth-Brücke  (vergl.  Abb.  75)  1892  beseitigt. ­
  In  Deutschland  wurde  die  erste  Fähre  1856  erbaut  und  zwar  am  Rhein  zwischen
Ruhrort  und  Homberg.  Sie  galt  bis  zu  ihrem  1885  erfolgten  Ersatz  durch  die  feste
Eisenbahnbrücke  bei  Rheinhausen  als  eine  in  ihrer  Art  mustergültige  Anlage.  In  den
50er  Jahren  wurde  auch  das  erste  amerikanische  Fährschiff  „Maryland"  über  den
Susquehannafluß  bei  Havre  de  Gräce  in  Betrieb  gesetzt.  Es  vermag  auf  seinen  zwei
Gleisen  14  Güterwagen  überzusetzen  und  ist  jetzt  noch  auf  dem  East  River  in  Benutzung.
In  Amerika  wurde  es  seiner  Zeit  als  ein  hervorragendes  Werk  der  Technik  angesehen,
wie  es  denn  auch  an  seiner  Kommandobrücke  die  bezeichnende  Aufschrift  trug:  „Das
Werk  von  1000  Menschen  während  3  Jahre."
Die  größte  zur  Zeit  bestehende  Eisenbahnfähre  ist  die  1887  in  Betrieb  gesetzte,  im
Zuge  der  Central-Pacific-Bahn  bei  San  Francisco  liegende  Solanofähre.  Sie  übersetzt ­
  hier  einen  1600  m  Breiten  Meeresarm  und  vermag  aus  ihren  vier  Gleisen  einen
ganzen  Eisenbahnzug,  bestehend  aus  Lokomotive  nebst  Tender  und  24  Personen-  oder
48  Güterwagen  —  alles  lange  Drehgestellwagen  —  aufzunehmen.  Die  Zuglokomotive
fährt  mit  einem  Teil  der  Wagen  auf  das  Schiff,  während  der  übrige  Teil  durch  eine
Rangierlokomotive  aufgebracht  wird.  Letztere  wird  mit  übergesetzt  und  hilft  am  anderen
Ufer  den  Zug  wieder  ordnen.  Die  Fahrdauer  einschließlich  des  naturgemäß  nur  langsam
vor  sich  gehenden  Abfahrens  und  Anlegens  beträgt  10  Minuten,  was  eine  Höchstgeschwindigkeit ­
  von  etwa  3stz  nr  in  der  Sekunde  ergibt.  Der  Schiffskörper  ist  129  in
lang  und  über  Radkasten  35,2  in  breit.  Jedes  der  beiden  gegeneinander  versetzten,
9stg  in  großen  und  5,2  in  breiten  Schaufelräder  wird  für  sich  durch  eine  stehende  Balanciermaschine ­
  von  750  Pferdestärken  (D  in  Abb.  341)  angetrieben,  wie  solche  bei  den
amerikanischen  Flußdampfern  allgemein  üblich  sind.  Zur  Dampferzeugung  dienen  acht
große  Kessel  von  je  228'  qm  Heizfläche.  Die  starke  Triebkraft  ist  erforderlich,  da  in  der
Meerenge  (von  Carquinez)  zeitweilig  eine  Strömung  von  3  Vs  m  Seknndengeschwindigkeit
herrscht.  Als  Vergleich  sei  hier  das  die  Rheinschiffahrt  bekanntlich  ungemein  erschwerende
Bingerloch  angeführt,  in  welchem  noch  jetzt  nach  der  Regulierung  eine  Stromgeschwiudigkeit
von  3  m  in  der  Sekunde  herrscht.
Das  Steuern  dieser  großen,  „Solano"  genannten  Fähre  erfolgt  durch  je  vier  an
jedem  Ende  angebrachte,  von  Hand  oder  durch  Wasserdruck  bewegte  Ruder,  sowie  durch
den  Einzelantrieb  der  Schaufelräder.  Der  Tiefgang  wechselt  von  1 J / 2  m  (leer)  bis  2  m
(beladen).  Die  Besatzung  besteht  aus  32  Personen.  Das  Schiff  macht  einen  recht  stattlichen ­
  Eindruck.  Abb.  341  bis  343  geben  stark  verjüngt  seine  Bauart  wieder.
Der  Rhein  war  in  früheren  Jahren  reich  an  Fähren.  Es  bestanden  solche  in
Rheinhausen,  bei  Ruhrort,  in  Griethausen,  bei  Bonn  und  Bingerbrück.  Die  ersteren  2
sind,  wie  so  manche  andere  Fähre,  nach  dem  Bau  einer  festen  Gleisbrücke  beseitigt  worden.
Diese  Rheinfähren  sind  in  besonderer  Art  ausgebildet.  Sie  übersetzen  den  Rhein,  dessen
Geschwindigkeit  im  Mittel  l l / a  m  in  der  Sekunde,  aber  zuweilen  auch  mehr  als  2  in
beträgt,  senkrecht  zur  Strömung.  Es  sind  mehrere  Fahrstraßen  nebeneinander  angeordnet. ­
  Jedes  Boot  ist  50  in  lang  und  trägt  ein  Gleis,  auf  dem  bis  fünf  Wagen
Platz  finden.  Es  führt  eine  25pferdige  Maschine  auf  Deck,  die  eine  Seilrolle  antreibt,
durch  welche  es  sich  unter  Zuhilfenahme  einer  zweiten  Rolle  nach  Art  der  Schiffstauerei
und  Kettendampfer  an  einem  gespannten  Drahtseil  über  den  Strom  zieht.  Geführt  wird
jedes  Boot  noch  an  einem  verankerten  6&amp;gt;/ 2 cm  dicken  Drahtseil,  das  an  beiden  Ufern
durch  ein  Gewicht  von  15  000  kg  gespannt  gehalten  wird.  Da  der  Wasserstand  bis  fast
zu  8  m  wechselt,  so  sind  in  die  Ufer  lange  schiefe  Ebenen  eingeschnitten,  auf  deren  normalspurigem
  Gleise  ein  keilförmig  gestalteter  Übergangswagen  mit  Gleis  sich  bewegt.  Das  Übersetzen ­
  der  Bahnwagen  vom  Lande  auf  das  Schiff  und  umgekehrt  über  den  ersteren  hinweg
vermitteln  Lokomotiven.  (Bei  anderen  Fähren  hat  man  statt  dessen  auch  eine  feststehende
Dampfmaschine  mit  Drahtseiltrommel  gewählt.)  Die  Zahl  der  Fährstraßen  richtet  sich
nach  der  Verkehrsstärke.  Bei  der  Rheinhausener  Fähre  waren  ihrer  z.  B.  fünf  angelegt,
deren  jede  etwas  über  200000  Mark  gekostet  hat;  sie  kreuzte  den  hier  rund  600  ui  breiten
        <pb n="325" />
        334  Eisenbahnen:  Fährboote.
Strom  in  6  Minuten.  Auf  der  Fähre  zwischen  Bonn  und  Oberkassel  werden  auch  Personenwagen ­
  übergesetzt.
Eine  bemerkenswerte  Fähre  neuester  Art  ist  die  über  den  Baikalsee.  Wie  oben
schon  erwähnt,  ist  sie  als  Eisbrecher  gebaut,  daher  sehr  kräftig  gehalten  und  stark
steuerlastig.  Ihre  3  Dampfmaschinen  entwickeln  insgesamt  nicht  weniger  als  4000  Pferdestärken, ­
  stellen  sonach  die  größte  Betriebskraft  dar,  die  bis  jetzt  einer  Fähre  gegeben
ivurde.  Zwei  der  Maschinen  treiben  die  beiden  Schrauben  hinten  am  Heck  an,  die  dritte
setzt  eine  Schraube  vorn  am  Bug  in  Drehung.  Diese  Bugschraube  erleichtert  das  Aufbrechen

  starken  Eises.  Der  Zufall  führte
Mitte  der  80  er  Jahre  auf  diese  Anordnung. ­
  Ein  amerikanischer  Eisbrecher
sollte  eines  Tages  aus  dem  gefrorenen
Hafen  fahren.  Er  mußte  rückwärts  arbeiten ­
  und  zerschnitt  hierbei  die  Eisdecke
leichter  als  sonst  bei  der  Borwärtsfahrt.
Seitdem  rüstet  man  größere  Eisbrecher
^  gewöhnlich  auch  mit  einer  Bugschranbe
T  aus.  Die  Baikalfähre  ist  88  n&amp;gt;  lang,
2  17  m  breit,  besitzt  4200  t  Wasserverdrängung ­
  und  trägt  auf  Deck  drei  Gleise.
Damit  die  Eisenbahnwagen  während
der  oft  sehr  stürmischen  Überfahrt  nicht
kippen,  ist  das  Gleisdeck  mit  einem  Überbau ­
  versehen,  unter  welchem  auch  die  Unterkunftsräume  für  die  Reisenden  sich  befinden.
Das  Schiff  wurde  in  Newcastle  von  Armstrong  erbaut,  in  zerlegtem  Zustande  nach
Petersburg  gebracht  und  von  da  über  6000  km  weit  teils  auf  der  Bahn,  teils  auf
Schlitten  versandt.  Es  war  dieses  eine  etwas  mühselige  Verfrachtung,  da  die  Eisenteile,
darunter  15  große  Dampfkessel,  umfangreich  und  schwer  waren.  Am  27.  Januar  1900
machte  die  Fähre  ihre  erste  Probefahrt  auf  dem  See.  Trotz  einer  80  cm  starken  Eisdecke
soll  sie  die  2  X  64  =  128  km  lange  Fahrstrecke  in  12  Stunden  zurückgelegt  haben.

348.  Querschnitt  der  Fähre,  not.  Gr.
841  bis  843.  Nie  Soianofährc  bei  Kau  Francisco.
Noch  „Zeitschrift  d.  V-r.  d.  Ing."  im.
        <pb n="326" />
        Besondere  Eisenbahnen.  335
Sie  wurde  mit  Eröffnung  der  Schiffahrt  auf  dem  Amur  in  regelmäßigen  Dienst  genommen. ­
  Die  sibirische  Eisenbahn  ist  bereits  (April  1900)  bis  Strjetemsk  fertiggestellt.
Von  hier  vermitteln  vorläuftg  Dampfer  auf  der  Schilka  und  dem  Amur  den  Verkehr  bis
nach  Chabarowsk,  von  wo  die  764  lern  lange  Ussuribahn  nach  Wladiwostock  weiterführt.
Damit  ist  diese,  ohne  ihre  Zweiglinien  6629  km  lange  Bahn  —  die  längste  aller  bestehenden ­
  Linien  —  deren  Kosten  etwa  870  Millionen  Mark  betragen,  nahezu  fertiggestellt.
Sie  wird  nach  ihrer  in  kurzem  zu  erwartenden  gänzlichen  Vollendung  für  Rußland  eine
wichtige  Militärstraße  bilden,  für  Asien  ein  hochbedeutsamcs  Kulturmittel  sein  und  dem
Weltverkehr  eine  Erleichterung  im  Personen-  und  Güteraustausch  der  zwischen  den  Küsten
des  japanischen  und  atlantischen  Meeres  gelegenen  Länder  schaffen.
Statt  der  Fähren  hat  man  in  Deutschland  an  zwei  Stellen  auch  Schiffbrücken
gewählt;  es  sind  dies  die  beiden  badischen  Brücken  bei  Maxau  und  Speyer.  Die  Fahrbahn ­
  ruht  hier  aus  Pontons,  deren  mit  dem  Wasserstande  sich  ändernde  Höhenlage  durch
bewegliche,  je  85  m  lange  Anschlußbrücken,  welche  sich  höher  oder  tiefer  einstellen  lassen,
auf  beiden  Ufern  ausgeglichen  wird.  Der  mittlere  Brückenteil  wird  zwecks  Durchlassung
der  Schiffe  ausgefahren,  wie  dies  auch  bei  den  gewöhnlichen  Schiffbrücken  (Köln)  der
Fall  ist.  Beim  Übergang  eines  Zuges  schwankt  eine  solche  Brücke  sehr  stark,  weshalb  sie
auch  nur  langsam  befahren  werden  darf.  Bei  Eisgang  und  starkem  Hochwasser  kann  sie
nicht  benutzt  werden.  Schiffbrücken  stehen  daher  kräftig  gebauten  Fährbooten  an  Leistungsfähigkeit ­
  nach,  sind  allerdings  billig  in  der  Anlage.
Besondere  Eisenbahnen.
Seilbahnen.  *)
Schon  vor  Einführung  des  Lokomotivbetriebes  wurden  vielerorts  Seilbahnen  verlvendet.
  Sie  dienten  zur  Überwindung  starker  Steigungen  (schiefer  Ebenen).  Tie  älteren
Anlagen  waren  wie  die  heute  im  Berg-  und  Tunnelbau,  in  Steinbrüchen  u.  s.  w.  noch
üblichen  Bremsberge  eingerichtet:  Das  Übergewicht  der  beladenen,  am  Seil  abwärts
gehenden  Wagen  zieht  die  am  anderen  Seilende  angehängten  leeren  Wagen  auf  einem
Parallelgleise  hinauf.  Die  am  oberen  Ende  der  schiefen  Ebene  befindliche  Seilrolle,  um
die  das  Seil  sich  bewegt,  ist  mit  einer  Bremse  versehen,  so  daß  die  überschüssige  Triebkraft
abgebremst  werden  kann.
Mit  der  Verbreitung  der  Wattschcn  Dampfmaschine  ging  man  dazu  über,  die  Seilrolle ­
  durch  eine  solche  antreiben  zu  lassen,  war  man  nunmehr  doch  unabhängig  von  dem
Übergewicht  des  abwärts  fahrenden  Zuges  und  konnte  man  jetzt  auch  beladene  Wagen
bequem  aufwärts  befördern,  selbst  wenn  nur  leere  Fahrzeuge  bergab  fuhren.  Diese  Seiltriebe ­
  verbreiteten  sich  namentlich  in  England,  wo  es  zur  Zeit  der  Eröffnung  der  Liverpool-Manchester ­
  Bahn  gegen  100  von  ihnen  gegeben  haben  soll  (vgl.  auch  S.  199).  Sie
sind  die  Vorläufer  der  seit  den  60  er  Jahren  vielfach  verbreiteten  Berg-  und  Stadtseilbahnen. ­
  Anfangs  nur  für  den  lokalen  Gütertransport  benutzt,  fanden  jene  Seilebenen
auch  für  den  durchgehenden  Güter-  und  Personenverkehr  Verwendung.  Sie  bildeten
mehrfach  ein  Glied  im  Zuge  einer  als  gewöhnliche  Reibungsbahn  gebauten  Linie,  durch
das  eben  eine  größere  Steigung  auf  einmal  überwunden  wurde.
Unter  den  deutschen  Seilebenen  dieser  Art  sind  die  bei  Erkrath  und  Aachen  die  bemerkenswerteren. ­
  Auch  hier  stand  die  Betriebsdampfmaschine  am  oberen  Rampenende.
Das  Seil  war  anfangs  aus  Hanf,  später  aus  Draht  gefertigt.  Die  schiefe  Ebene  bei
Aachen  war  2,i  km  lang  und  hatte  die  Neigung  von  26 0 / 00  (1:  38).  Die  Dampfmaschine
ftstttb  hier  bis  Ende  der  40  er  Jahre  in  Thätigkeit.
Nach  Einführung  kräftigerer  Lokomotiven  ging  man  allgemein  wieder  zu  dem  billigeren
Gegenbetrieb  über.  Die  Dampfmaschinen  wurden  beseitigt  und  an  jedes  der  beiden  freien
*)  Die  Lustseilbahnen,  welche  in  der  Industrie  und  im  Erdbau  vielfach  benutzt  werden,
namentlich  für  den  Transport  von  Massengütern  (Kohle,  Erze,  Steine,  Erde  u.,.  w.l,  schelven
aus  dem  Rahmen  dieser  Betrachtungen  aus.
        <pb n="327" />
        336

Eisenbahnen:  Seilbahnen.

Seilenden  die  Lokomotive  mit  ihrem  Wagenzuge  gehängt.  Während  ein  Zug  mit  Lokomotive ­
  am  Seil  abwärts  fuhr,  wurde  ein  anderer  hinaufbefördert.  Aber  auch  diese  Seilbahnen ­
  sind  später  meistens  als  freie  Reibungsbahnen  umgebaut.  —  Unter  den  wenigen
zur  Zeit  noch  erhaltenen  ist  die  vorgenannte  auf  der  Strecke  Düsseldorf-Elberfeld  zwischen
den  Stationen  Erkrath  und  Hochdahl  gelegene  die  einzige  in  Deutschland.  Hier  sind  auf
der  mit  33%  °/ 00  abfallenden,  2,4  km  langen  Rampe  drei  Gleise  angeordnet.  Eines  davon
dient  ohne  Zuhilfenahme  des  Seiles  für  die  thalabwärts  fahrenden  Züge,  deren  Bremskraft
durch  besonders  eingestellte  schwere  Bremswagen  entsprechend  erhöht  wird.  Die  beiden
anderen  Gleise  sind  für  die  Bergfahrt  der  Züge  bestimmt.  Der  Betrieb  geht  jetzt  in  der
Weise  vor  sich,  daß  der  an  das  Seil  geschlossene  Zug  von  einer  Lokomotive  gezogen,  von
einer  zweiten  geschoben  wird,  während  gleichzeitig  an  dem  anderen  um  eine  Umkehrrolle
geführten  Seilende  eine  Lokomotive  zu  Thal  fährt.  Die  vorgenannte  Schiebelokomotive
bleibt  an  dem  oberen  Rampenende  halten  und  fährt  später  am  Seile  abwärts,  um  einem
anderen  zu  Berg  gehenden  Zuge  die  Fahrt  zu  erleichtern.
Auch  die  ersten  in  London  einmündenden  Bahnen  zeigten  im  Stadtgebiete  Teilbetrieb. ­
  Ihre  Gefällverhältnisse  hatten  allerdings  hierzu  nicht  Anlaß  gegeben,  sondern  die
Vorschrift,  die  Züge  ohne  Rauchentwickelung  in  das  Stadtinnere  zu  leiten.  In  dieser  Weise
wurde  z.  B.  die  im  Jahre  1840  unter  Leitung  Stephensons  auf  6  km  langem  Steinviadukt ­
  errichtete,  von  Greenwich  nach  London  führende  Blackwall-Bahn  betrieben.  Hier
wurde  zum  erstenmal  für  das  Anhängen  der  Wagenzüge  an  das  endlose  Seil  und  für
ihr  Loskuppeln  eine  zweckmäßig  gestaltete  Greiservorrichtung  angewendet.  Mit  dem
schnell  anwachsenden  Verkehre  jener  Riesenstadt  verschwanden  aber  diese  Seiltriebe  wieder
und  die  Lokomotive  trat  in  ihre  Rechte.  Immerhin  sind  jene  die  Vorläufer  der  heutigen
„Kabelbahnen",  wie  die  mit  endlosem  Seil  arbeitenden  Linien  zum  Unterschied  von  den
vorerwähnten  Seilbahnen  mit  offenem  Seil,  kurz  als  „Seilbahnen"  bezeichnet,  genannt
werden.
Der  erste  Vorschlag  zur  Verwendung  eines  endlosen  Seiles  für  Eisenbahnzwecke
rührt  von  dem  Wiener  Professor  Purkinje  her.  Dieser  wollte  (nach  Prechtls  Jahrbüchern
des  polytechnischen  Instituts  Wien,  1825)  Eisenbahnen  mit  Pferden  betreiben.  Die
größeren  Steigungen  sollten  auch  durch  schiefe  Seilebenen  überwunden  werden,  aber  deren
Seil  in  sich  geschlossen,  also  endlos  sein  und  an  beiden  Rampenenden  um  eine  Rolle  laufen.
Die  untere  Rolle  sollte  durch  einen  Göpel,  die  heute  noch  viel  benutzte  Maschine  für
Muskelkräfte,  angetrieben  werden  und  zwar  „von  denselben  Pferden,  welche  die  Last  in
der  Ebene  gezogen  haben.  Auf  diese  Art  ziehen  die  Pferde  die  Lastwagen  hinauf,  gehen
selber  ganz  ledig  hinauf  und  setzen  ihren  Zug  auf  der  Ebene  wieder  fort."  Die  erste
praktische  Verwendung  des  endlosen  Seiles  für  Eiseubahnzwecke  wurde  in  England  gemacht.
In  erneuerter  Form  sind  die  Kabelbahnen  seit  den  70  er  Jahren  besonders  in  amerikanischen ­
  und  einigen  englischen  Städten  in  Aufnahme  gekommen.  Auch  im  Hügellande
sind  sie  zuweilen  angelegt  (Pyrmonter  Bergbahn  1897).  Sie  sind  aber  in  den  letzten
Jahren  durch  die  elektrischen  Bahnen  sehr  zurückgedrängt  worden.  In  stark  hügeligen
Städten  behaupten  sie  allerdings  auch  jetzt  noch  siegreich  das  Feld,  wie  in  San  Francisco
mit  Steigungen  bis  230°/ 00  und  Portland  mit  solchen  bis  3OO°/ 00 .
In  San  Francisco  läuft  das  endlose  von  Rollen  gestützte  und  geführte  Seil  in  zwei
parallelen,  in  die  Straßenfahrbahn  gebetteten  eiförmigen  Kanälen,  die  aus  Beton  und  in
etwa  1  '/z  m  Abstand  verlegten  eisernen  Rohrstücken  befielen  Oben  besitzen  diese  Kanäle
einen  etwa  2  am  breiten  Schlitz,  durch  den  die  am  Wagengestell  sitzende  Greifervorrichtung
hindurchragt,  deren  Backen  durch  Hebel  oder  Schranbendruck  an  das  Seil  gepreßt  werden.
In  dem  Kraftwerk  ist  letzteres  mehrmals  um  2  hintereinander  liegende  Trommeln  geschlungen,
die  von  einer  Dampfmaschine  während  der  Betriebszeit  ununterbrochen  gedreht  werden.  Eine
selbstthätige  Spannvorrichtung  hält  das  Kabel  stets  straff,  so  daß  seine  durch  Wärme  und
mechanische  Dehnung  bewirkten  Längenändcruugen  ohne  Einfluß  auf  die  Seilspanuuug  bleiben.
Die  erste  Seilbahn  San  Franciscos  wurde  1873  von  Hallidie  gebaut.  Seitdem  bestehen  dort
6  verschiedene  Kabelgesellschaften,  die  über  ein  Netz  von  70  km  Doppelbahn  mit  einer  gesamten
Seillänge  von  etwa  160  km  (einschl.  der  Leitungen  nach  den  zusammen  3000  Pferdestärken
entwickelnden  Kraftwerken  und  nach  den  Wagenschuppeu)  verfügen.  Die  größte  Seillänge
beträgt  8'/2  km,  das  Gewicht  dieses  Riesenseils  31  500  kg.  Längere  Straßen  werden  durch
mehrere  hinter  einander  geschaltete  Kabel  von  verschiedenen  Kraftwerken  aus  betrieben.  Die
        <pb n="328" />
        338  Besondere  Eisenbahnen.

Wagen  werden  am  Ende  des  1.  Seiles  von  diesem  losgekuppelt,  laufen  vermöge  ihres  Beharrungsvermögens ­
  auf  das  2.  Seil  über  und  werden  dann  mit  diesem  verbunden.  Das
An-  und  Loskuppeln  vollzieht  sich  schnell  und  mit  Leichtigkeit.  Die  Fahrgeschwindigkeit  beträgt
12  kw/St.  und  mehr.  Die  Seile  halten  etwa  9  bis  12  Monate.  Die  Anlagekosten  sind  erheblich ­
  und  belaufen  sich  durchschnittlich  auf  rund  130  000  für  das  km.  Die  elektrischen
Straßenbahnen  mit  oberirdischer  Zuleitung  stellen  sich  wesentlich  billiger  im  Bau,  dabei  einfacher ­
  in  der  Unterhaltung,  weshalb  sie  auch  die  Kabelbahnen  aus  den  meisten  übrigen  Städten,
wie  erwähnt,  verdrängt  haben.
In  den  60er  und  folgenden  Jahren  bemühte  sich  der  Ingenieur  Agudio  lebhaft
um  die  Einführung  der  nach  ihm  benannten  Seilebene.  Hier  dient  ein  endloses,  über
Rollen  geführtes  und  durch  eine  feststehende  Kraftmaschine  bewegtes  Seil  dazu,  2  Zahnräder ­
  eines  besonderen,  mit  großen  Rollenscheiben  ausgestatteten  Treibwagens  —  Loko-335.

  Wiadukt  der  Erütschalpbnhil  tat  Lauterbrunnrn.
Nach  einer  Ausnahme  der  Gesellschaft  „Photoglob"  in  Zürich.
motor  genannt  —  anzutreiben.  Dieser  schiebt  dann  seinerseits  den  Wagenzug  die  Steilrampe ­
  hinauf,  wobei  er  mittels  der  Zahnräder  an  einer  inmitten  des  Gleises  verlegten
Zahnstange  emporklettert.  Durch  eine  Reibungskuppelung  läßt  sich  der  Treibwagen  nach
Bedarf  mit  dem  Zugseile  kuppeln,  so  daß  der  Zug  unabhängig  vom  Gange  der  Betriebsmaschine ­
  durch  den  Führer  beliebig  angefahren  und  angehalten  werden  kann.  Die  Seilgeschwindigkeit ­
  ist  wesentlich  größer  als  die  Fahrgeschwindigkeit  des  Wagens,  weshalb  das
Seil  hier  leichter  im  Gewicht  und  biegsamer  ausfällt,  als  bei  den  vorerörterten  beiden
Seilbahnarten.  Seine  Bewegungswiderstände  sind  daher  geringer,  und  es  lassen  sich  auch
schärfere  Gleisbögen  anlegen  als  bei  den  letzteren.  Die  erste  Seilebene  dieser  Art  wurde
versuchsweise  1864  auf  der  mit  ungünstigen  Steigungen  erbauten  Bahnlinie  Turin-Genua
in  2,4  km  Länge  eingerichtet.  Hier  war  noch  statt  der  Zahnstange  ein  am  oberen  Rampenende ­
  verankertes  und  unten  gespanntes  „Leitseil"  benutzt,  das  sich  um  die  Rollen  des
Lokomotors  schlang  und  an  welchem  sich  dieser  mittels  der  durch  das  endlose  Treibseil
zugeführten  Betriebskraft  hinaufarbeiten  mußte.  Diese  Anordnung  hatte  große  Ähnlich-
        <pb n="329" />
        Seilbahnen.

339

336.  Obere  Station  der  Gießbachbahn.
(Längsschnitt  durch  die  Rollengrube  und  den  Wasserbehälter.)

keil  mit  der  Ketten-  und  Seilschiffahrt  (Elbe,  Rhein  u.  s.  w.),  nur  daß  bei  dieser  dis
Treibkraft  auf  dem  Schleppschiff  selbst  erzeugt  wird.  Bei  der  zweiten,  am  Mont  Cenis
erbauten  Seilebene  (größte  Steigung  38  5  0 / 00 )  wandte  Agudio  statt  des  Schleppseils  zum
erstenmal  die  inmitten  des  Gleises  verlegte  doppelte  Zahnstange  an,  in  die  beiderseits
wagerecht  liegende  Stirnräder  des  Lokomotors  eingriffen.  Diese  Antriebsweise  finden  wir
später  bei  den  Lokomotiven  der  Pilatusbahn  (S.  140  u.  231)  in  abgeänderter  Form
wieder,  wie  denn  diese  neuere  Bauart  eigentlich  eine  Zahnbahn  darstellt,  deren  Treibwagen
die  Betriebskraft  ständig  von  außen  zugeführt  erhält.  Derartige  Seilebenen  von  6  bezw.
3  und  2,7  km  Länge  wurden  seiner  Zeit  für  die  Gotthardbahn  in  Vorschlag  gebracht,
um  die  großen  kostspieligen  Tunnelschlingen  bei  Wasen,  Dazio  Grande  und  Giornico
(vergl.  S.  123  bis  126)  zu  vermeiden.  Die  Treibkraft  zur  Seilbewegung  sollte  aus
der  Reuß  und  dem  Tessin  mittels  Turbinen ­
  gewonnen  werden.  Glücklicherweise ­
  verblieb  es  bei  dem  Vorschlage;
denn  die  Gotthardbahn  wäre  dann  nimmer ­
  eine  Weltbahn  geworden.
Im  Jahre  1884  endlich ­
  wurde  der  Agudiosche
Teilbetrieb  für  die  3,1  km
lange  Bahn  nach  der
Superga  bei  Turin  verwendet.  Die  größte  Steigung  dieser  Linie  beträgt  200°/„o,  der
kleinste  Krümmungshalbmesser  300  m.  Das  Seil  wiegt  9750  kg  und  läuft  mit  etwa
121/2  m  Geschwindigkeit  in  der  Sekunde.  Der  Treibwagen  bewegt  sich  mit  etwa  2 1 / 2  m
Geschwindigkeit  =  9  km  in  der  Stunde  und  vermag  eine  Bruttolast  von  36000  kg
die  Bahn  hinauszuschieben.  Die  Bahn  wird  viel  befahren,  da  die  Superga  durch  die  den
Gipfel  schmückende  Grabkirche  des  italienischen  Königshauses  einen  besonderen  Anziehungspunkt ­
  bildet.
Agudios  Seilebene  ist  auch  jetzt  wieder  bei  dem  in  Aussicht  genommenen  östlichen
Ausbau  der  S.  101  genannten  Peruanischen  Südbahn  in  Vorschlag  gebracht.  Hiernach
soll  durch  sie  der  2,b  km  lange  Abstieg  von  dem  3820  m  ü.  M.  gelegenen  Puno  (am
Titicacasee)  nach  La  Paz  hinab  mit  172°/ 00  Gefälle  genommen ­
  werden.
Erhöhte  Bedeutung  haben  in  den  letzten  Jahren  die
mit  offenem  Seil  arbeitenden  Seilbahnen  durch  Erschließung
der  Gebirgswelt  erhalten.  Sie  sollen  daher ­
  im  folgenden  etwas  näher  geschildert
werden,  zumal  sie  beredte  Beispiele  für
den  menschlichen  Wagemut  und  Erfindungssinn ­
  bilden.
Wie  schon  im  Abschnitt  „Linienführung", ­
  S.  106  erörtert  wurde,  wählt
man  bei  Steigungen  größer  als  300  °/ 00
zweckmäßig  den  Teilbetrieb.  Hierdurch  wird  die  Arbeit  erspart,  welche  beim  Zahnbahnbetrieb ­
  durch  die  Eigenbewegung  der  schweren  Lokomotive  verzehrt  wird,  also
nutzlos  verloren  geht,  und  die  gerade  hier  bei  den  bedeutenden  Steigungen  beträchtlich ­
  sein  würde.  Anderseits  hat  auch  der  Teilbetrieb  seine  Nachteile.  Einmal  ist  seine
Leistungsfähigkeit  eine  beschränkte,  und  sodann  hängt  die  Sicherheit  des  Betriebes  in
erster  Linie  von  dem  Zustande  des  Treibseiles  ab.  Die  Gefahr  eines  Seilbruches  bedingt ­
  besondere  Sicherheitseinrichtungen  und  scharfes  Überwachen  des  Seiles.  Es  kommen
übrigens  auch  Seilbahnen  mit  geringerer  Steigung  vor.  So  hat  die  älteste  dieser
Seilbahnen,  die  1862  auf  dem  Croix  Rouffe  bei  Lyon  erbaute  16O°/ 0 o  Steigung,
Mährend  die  älteste  Schweizer  Seilbahn  Ouchy-Lausanne  (1877  eröffnet)  sogar  nur
f  16  °/oo  größte  Steigung  aufweist.  Die  stärkste  Steigung  für  diese  Bahnen  findet  sich  bis
jetzt  bei  größeren  Anlagen  mit  634°/ 00  (1:1,5?)  auf  der  Vesuvbahn.  Steilere  Bahnen
43*

337.  Untere  Station  der  EirHbachbahn.
&amp;lt;Leitschtene  sllr  das  Entleerungsventtl  des  Wagens.)
        <pb n="330" />
        340

Besondere  Eisenbahnen.

größerer  Länge  sind  zwar  angestrebt  worden,  aber  bis  Ende  der  90  er  Jahre  nicht  zur
Ausführung  gebracht.  So  wurde  z.  B.  in  der  Schweiz,  die  zur  Zeit  17  Seilbahnen  mit
Personenbeförderung  besitzt,  vor  einigen  Jahren  der  Entwurf  zu  einer  Bahn  mit  740  %o
größter  Steigung  von  der  Aufsichtsbehörde  abgelehnt,  weil  nach  deren  Ansicht  der  Betrieb
so  steiler  Gleisrampen  sich  mit  den  bisher  üblichen  Einrichtungen  nicht  genügend  sicher
gestaltet.  Steigungen  von  600  bis  620°/ 00  kommen  dagegen  mehrfach  vor,  so  bei  der
San  Salvatore-Bahn  am  Luganer  See,  der  weltbekannten  Lauterbruunen-Grütschalpbahn,
von  der  Abb.  334  eine  Gesamtansicht,  Abb.  335  einen  Teil  eines  ihrer  Viadukte  mit
dem  Wagen  wiedergibt,  und  bei  der  Stanserhornbahn  (Abb.  69,  S.  107).  Für  kleinere
Bahnen  dagegen  hat  man  in  der  Neuzeit  eine  Steigung  selbst  von  780  °/ 00  (1:1,3)  zugelassen ­
  (Seilbahn  Pilar-Bahia,  erbaut  1897).
Gewöhnlich  läuft  auf  solcher  Bahn  ein  Wagen  abwärts,  wenn  ein  anderer  aufwärts
gezogen  wird.  Hierdurch  tritt  ein  je  nach  der  Steigung  der  beiden  Gleisabschnitte  größerer
oder  kleinerer  Ausgleich  der  zu  hebenden  Last  ein,  der  den  Kraftbedarf  für  den  Bahnbetrieb ­
  vorteilhaft  mindert.
Bei  den  bisherigen  Ausführungen  wird  das  Seil  entweder  unmittelbar  durch  eine
Dampf-,  Gas-  oder  Wasserkraftmaschine  (Turbine)  bewegt  oder  mittelbar  durch  eine  solche,
indem  deren  Arbeit  zunächst  in  elektrische  Energie  umgeformt  und
diese  dann  an  der  Verbrauchsstelle  in  mechanische  Arbeit  zurückverwandelt ­
  wird,  oder  aber  endlich,  indem
man  den  abwärtsfahrenden  Wagen  durch
Auffüllen  eines  an  ihm  befindlichen  Behälters
mit  Wasser  ein  Wasser-  r
Übergewicht  gibt,  dessen  -¡s^  bend  wirkt.  Ist  das
Schwerkraft  dann  tret-  Wasser  ohne  besondere ­
  Kosten  zu  beschaffen, ­
  so  stellt  sich  eine  solche  Betriebsart ­
  am  wirtschaftlichsten.  Am
teuersten  ist  Dampf-  oder  Gaskraftbetrieb, ­
  da  hier  bekanntlich  nur  ein  geringer ­
  Teil  der  Wärmemenge,  die  im
Brennstoff  enthalten  ist,  in  nutzbare
Arbeit  umgewandelt  werden  kann.  Die  beste  Dampfmaschine  vermag  ja  höchstens  bis
15  °/ 0  dieser  Wärmemenge  auszunutzen,  eine  gute  Gaskraftmaschine  bis  etwa  30°/g.
Einige  Beispiele  für  die  verschiedene  Betriebsart  gibt  nachstehende  Übersicht:

388.  Eiserner  Uiadnkt  der
Eirßdachtiahn.  (Länge  190  m.)

Bahnanlage

Länge  der  Bahn
im  Gleise

Höhenunterschied
der  Endstationen

Größte
Steigung
°loo

Betriebsart

Vesuvbahn*!

820

390

634

Dampfmaschine

Budapest  (Ofener  Schloßberg)  .

800

50

620

„

Hävre-La  Cète  ....

330

75

446

„

Onchy-Lausanne**)  .  .  .

1480

102

116

Turbine

San  Salvatore  (Lugano).  .

1650

602

600

Elektromotor

Stanserhorn"*)  ....

3920

1400

620

„

Bürgenstock  t)

936

440

577

„

Gießbach

345

93

320

Wasserballast

Lauterbrunnen-Grütschalp  .

1372

674

620

„

Heidelberg  ßß)

489

172

430

,,

*)  Die  Bahn  ist  einschienig  und  besitzt  2  Gleise.
**)  Das  Zugseil  ist  um  eine  Wiudetrommel  geschlungen  und  zwar  fünfmal,  so  daß  die
beiden  Wagenzüge  beim  Stillstand  der  Turbine  (Doppelrad  mit  180  m  Wasserdruckhöhe)  sicher
gehalten  werden.
***)  Die  Bahn  bildet  drei  getrennte  Abschnitte  von  1610,  1070  und  1240  m  Länge,
t)  Die  Bahn  ist  auf  ihrem  mittleren  Abschnitt  sowohl  in  senkrechter  wie  in  wagerechtep
Ebene  gekrümmt,  verläuft  hier  sonach  in  einer  Schraubenlinie.  Dieser  Fall  kommt  auch  auf  der
elektrischen  Untergrundbahn  City  and  South  London  Railway  S.  360  vor.
ff)  Das  Wasser  wird  nach  der  oberen  Station  Molkenkur  hinaufgepumpt.
        <pb n="331" />
        Seilbahnen.  341

In  dem  Falle,  wo  das  Übergewicht  des  zu  Thal  fahrenden  Wagens  die  Betriebskraft ­
  liefert,  steht  dieselbe  ohne  weiteres  nicht  an  allen  Punkten  der  Bahnlinie  im  Gleichgewicht ­
  mit  den  Widerständen  der  bewegten  Wagen.  Die  mitzugebende  Wassermenge  muß
für  die  ungünstigste  Stelle  der  Bahn  berechnet  werden,  damit  der  Wagen  (mit  offenen
Bremsen)  anfahren  kann,  selbst  wenn  auf  dieser  Stelle  die  Wagen  durch  Anziehen  der
Bremsen  zum  Halten  gekommen  waren.  Je  nach  der  Besetzung  der  beiden  Wagenzüge
durch  Personen  und  Gepäck  wird  eine  größere  oder  kleinere  Wassermenge  aufgefüllt.  Durch
Fernsprecher  wird  von
der  unteren  Station  der
oberen  die  jeweilige
Belastung  mitgeteilt.
Mittels  eines  auf  dem
Führerstande  angebrachten ­
  Schauglases,
dessen  Einteilung  sowohl ­
  nach  Kubikmeter
als  auch  nach  der  Personenzahl ­
  getroffen  ist,
bemißt  der  Wagenwärter ­
  die  jedesmal
aufzufüllende  Wassermenge. ­
  Die  Wagen
tragen  zu  dem  Zweck  am
oberen  Ende  einen
trichterförmigen  Rohrstutzen, ­
  der  sich  in  der
höchsten  Wagenstellung
über  das  freie  Ende  des
Füllrohres  schiebt.  Der
Wärter  hat  dann  nur
das  Absperrventil  zu
öffnen  und  den  unten
am  Wagengestell  bestndlichen
  eisernen  Behälter ­
  bis  zu  der  betreffenden ­
  Marke  an
der  Wasserstandsröhre
zu  füllen.  Ein  solches
Füllrohr  ist  links  in
Abb.  336  sichtbar.  Letztere ­
  ist  gleich  wie  Abb.
337  u.  341  Walloths
Drahtseilbahnen  ent-Nommen.
  Durch  vor-  3B g.  Drcischienige  Krilbahri  rmf  den  Aeatenbrrg  mit  jltusgicichseit.
sichtiges  Bremsen  kann  Nach  einer  Aufnahme  der  Gesellschaft  „Photoglob"  in  Zürich.
die  Fahrgeschwindigkeit
etwas  geregelt  werden.  Nähert  sich  der  zu  Thal  gehende  Wagen  seiner  Endstation,  so
streift  ein  senkrechter  Stift  des  am  Boden  des  Wasserbehälters  befindlichen  Ablaßventils
eine  neben  dem  treppenförmigen  Bahnsteig  angebrachte  geneigte  Eisenschiene  (Abb.  337),
wodurch  das  genannte  Ventil  gehoben  und  das  Wasser  selbstthätig  zum  Abfließen  gebracht
wird.  Der  Betrieb  einer  Seilbahn  durch  Wasserballast  ist  sonach  höchst  einfach  und,
wenn  das  Füllwasser  einem  natürlichen  Wasserlauf  ohne  Pumparbeit  entnommen  werden
kann,  auch  sehr  billig.
Ein  sprechendes  Beispiel  hierfür  ist  die  im  Jahre  1879  von  Roman  Abt  am  Gießbach
erbaute  Seilbahn,  deren  Eisenkonstruktion  Abb.  338  wiedergibt.  Diese  345  m  lange  i-tme
        <pb n="332" />
        342  Besondere  Eisenbahnen.

hat  117  600  Mark  in  der  Anlage  und  Ausrüstung  gekostet.  Die  jährlichen  Betriebsausgaben
belaufen  sich  auf  rund  2000  Mark.  Da  die  Bahn  im  Jahre  von  etwa  16000  Personen  befahren ­
  wird  und  der  Fahrpreis  1  Frank  (80  Pfennig)  beträgt,  so  ist  eine  Verzinsung  einschließlich ­
  Abschreibung  der  Bausumme  von  mindestens  9°/ 0  gesichert.  Allerdings  weist  diese
Bahn  das  beste  Ertragsergebnis  in  der  Schweiz  auf,  während  manche  andere  Seilbahn  sich
kaum  bezahlt  macht.  Das  seiner  Zeit  dort  herrschende  Eisenbahnfieber  hat  eine  Anzahl
Bahnen  ins  Leben  gerufen,  die  bei  der  kurzen  jährlichen  Betriebszeit  einen  enormen  Fremdenverkehr ­
  zur  Voraussetzung  haben  müssen,  wenn  die  Anlage  sich  einigermaßen  verzinsen  soll.
Ungünstig  auf  die  Fahrgeschwindigkeit  wirkt  das  Seilgewicht.  Es  ist  zu  Beginn
der  Fahrt  beim  abwärtsfahrenden  Zuge  —  Null,  bei  dem  zu  Berg  gehenden  dagegen  ein
Maximum,  da  hier  das  Gewicht  des  ganzen  Seiles  zur  Wirkung  kommt.  Dieses  ist  oft
erheblich  und  beträgt  beispielsweise  auf  der  Lauterbrunnen-Grütschalpbahn  4800  kg.  Mit

340.  ttmsteisestatioii  dir  Ktanlrrtzoriibahn.
Nach  einer  Ausnahme  der  Gesellschast  „Photoglod"  in  Zürich.

fortschreitender  Fahrt  nimmt  das  Seilgewicht  für  den  Bergzug  ab,  dessen  Widerstand  sinkt
also,  während  es  bei  dem  Thalwagen  anwächst  und  damit  dessen  treibende  Kraft  vergrößert. ­
  Dadurch  würde  aber  bei  gleichmäßigem  Gefälle  der  Bahn  eine  Beschleunigung
der  Fahrt  hervorgerufen  werden.  Der  Betriebssicherheit  wegen  darf  aber  die  Fahrgeschwindigkeit ­
  eine  bestimmte  Grenze  nicht  überschreiten.  Eine  schnelle  Verminderung
zu  großer  Fahrgeschwindigkeit  durch  kräftiges  Bremsen  ist  nicht  ohne  Gefahr;  einmal  kann
das  Zugseil  beim  Thalzuge  außer  Spannung  kommen,  was  den  zu  Berg  gehenden  Zug
zurückschnellen  lassen  würde,  und  sodann  auch  sucht  sich  der  schnell  gebremste  Wagen  um
seine  untere  Kante  zu  drehen,  was  ein  Entgleisen  herbeiführen  kann.  Eine  auf  Beschleunigung ­
  wirkende  Triebkraft  ist  daher  unzulässig;  das  Seilgewicht  muß  somit  ausgeglichen ­
  werden.  Hierzu  dienen  verschiedene  Mittel.
Der  einfachste  Weg,  den  Seileinfluß  gänzlich  aufzuheben,  ist  der,  daß  man  an  das
untere  Ende  beider  Wagenzüge  ein  sogenanntes  Ausgleich-  oder  Ballastseil  hängt.  Dasselbe ­
  läuft  unten  um  eine  große  Rolle  und  wird  zwecks  Verhinderung  des  Schleifens,
        <pb n="333" />
        Seilbahnen.  343

wie  das  Zugseil,  durch  Rollen  im  Gleis  gestützt.  Es  ist  auf  diese  Weise  gleichsam  ein
endloses  Seil  geschaffen,  das  auf  eine  etwaige  Änderung  der  Triebkraft  ohne  Emfluß  rst
und  das  den  Wasserverbrauch  ganz  erheblich  mindert.  Ein  solches  Ausgleichs  erhöht
freilich  die  Kosten,  auch  belastet  es  das  Zugseil  etwas  durch  seinen  Rerbungswiderstand
und  seine  Schwerkraft,  weshalb  die  neuesten  Seilbahnen  keinen  Gebrauch  von  chm  machen.
Bei  den  17  Schweizer  Seilbahnen  findet  es  sich  nur  zweimal  angewendet:  Bet  der  Biel-Magglingen-
  und  bei  der  Beatenbergbahn.  In  Abb.  339,  welche  eine  Stelle  dieser  letzteren,
vom  Thuner  See  bis  zu  dem  556  in  höher  gelegenen  malerischen  Luftkurort  Beatenberg
führenden,  1695  m  langen  Seilbahn  wiedergibt,  ist  das  Ausgleichseil  unterhalb  des
Wagens  deutlich  erkennbar.  Sonst  besitzt  noch  die  1880  eröffnete  Bahn  auf  den  Vesuv
ein  solches  Ballastseil.
Zwei  andere  Wege  zur  Herbeiführung
des  Seilausgleichs  sind  folgende:  Entweder
macht  man  das  Wassergewicht  veränderlich,
indem  mit  zunehmender  Fahrt  ein  Teil  des
im  Wagenbehälter  befindlichen  Wassers  von
Zeit  zu  Zeit  vom  Wagenführer  abgelassen
wird,  wie  solches  auf  der  Lauterbrunnen-Grütschalpbahn
  geschieht,  oder  man  gibt  der
Bahn  nicht  ein  geradliniges,  sondern  gekrümmtes ­
  Gefälle.  Dieses  Mittel  ist
technisch  das  bemerkenswertere.  Nach  der
vom  Ingenieur  Vautier  in  Lausanne  zuerst
aufgestellten  Theorie  muß  diese  Krümmung
(in  senkrechter  Ebene)  nach  einer  Parabel
verlaufen,  deren  Scheitel  unten  liegt.  Es
ist  dann  auch  die  obere  Strecke  steiler  geneigt
als  die  untere.  Infolgedessen  wird  nicht  nur
die  Triebkraft  des  zu  Thal  gehenden  Zuges
an  jeder  Selle  der  Bahn  gleich  dem  Gesamtwiderstande ­
  des  zu  Berg  steigenden
Wagens,  sondern  es  wird  auch  gleichzeitig
das  Anfahren  der  Wagen  ohne  weiteres  (nach
Einfüllung  des  Ballastwassers  und  Lösen
der  Bremsen)  ermöglicht.  Es  ist  dieses
wieder  eine  der  vielen  hochinteressanten,
wissenschaftlich  gehaltenen  Lösungen  technischer ­
  Probleme.
Ist  nun  aber  die  Bahnlänge  beträchtlich, ­
  so  fällt  das  gesamte  Seilgewicht  recht
groß  aus.  Man  teilt  dann  die  ganze  Bahn
zweckmäßig  in  Unterabteilungen  und  betreibt
jeden  Abschnitt  für  sich.  Die  bei  klarem
Wetter  eine  zauberhaft  schöne  Aussicht  auf
die  Vierwaldstätter-  und  Berner-Oberland-Alpen  u.s.w.  gewährende  Stanserhornbahn
wit  ihrem  herrlichen  Rundblick  von  der  oberen  Bahnstation  und  dem  50  in  höher  gelegenen
schmalen  Berggipfel  (1900  m  über  dem  Meeresspiegel)  aus  auf  die  hehre  Gebirgswelt  ist
in  dieser  Weise  in  drei  Abschnitte  zerlegt.  Jeder  derselben  wird  für  sich  elektrisch  betrieben  ),
*)  Die  Energie  wird  mehrere  Kilometer  vom  Stanserhorn  entfernt  im  Thäte  bei  Buochs
aus  der  Engelbergcr  Au  gewonnen.  Zwei  Turbinen  entnehmen  dem  FlusseZ50  Pferdeftar  ,
die  durch  Dynamos  zunächst  in  elektrische  Energie  umgesormt  und  dann  mit  1350  Volt  Spa  0
teils  zum  Bürgenstock  (Seilbahn  und  .Hotelbeleuchtung),  teils  »ach  Stans'  (Stt-v  »bahn  nach
Stansstad),  teils  nach  den  drei  Stationen  der  Stanserhornbahn  geleitet  und  hier  durch  1  .
Elektromotor  in  mechanische  Arbeit  (Zahnradübersetzung  auf  die  Seilrolle)  zuruckverwandel

341.  ttmkehrroltr  nebst  Fültrohr  am  Gießbach.
(Grundriß  zu  Abd.  336.1
        <pb n="334" />
        344  Besondere  Eisenbahnen.
was  hier  um  so  notwendiger  war,  als  die  Gesamtlänge  rund  4000  m  beträgt  und  das
35  mm  starke,  aus  bestem  Stahldraht  gefertigte  Zugseil  3  %  kg  auf  das  laufende  Meter  wiegt.
An  jedem  Teilpunkte  ist  eine  überdachte  Umsteigstation  angelegt,  wo  der  Fahrgast  den
Wagen  zu  wechseln  hat  (Abb.  340).  Ihre  terrassenartig  gebaute  Umsteighalle  Paßt  genau
zu  den  treppenförmig  gestalteten  Wagen,  so  daß  das  Umsteigen  bequem  und  mühelos  erfolgt. ­
  Lautlos  und  sanft  wird  der  Wagen  bewegt  und  bei  dem  Anstieg  aus  der  bis  62O°/ 00
geneigten  Strecke  erweitert  sich  der  Blick  auf  die  seenreiche  Gebirgsnatur  sehr  schnell.  Fast
glaubt  man  stellenweise
in  einem  langsam  steigenden ­
  Ballon  sich  zu
befinden,  statt  in
einem  Eisenbahnwagen.
Abb.  69  S.  107  zeigt
uns  das  Schlußstück
dieser  für  den  Ingenieur ­
  wie  für  den
Laien  gleich  interessanten ­
  Bahn.  Der  prächtige ­
  Berg  wird  von
einem  alle  Bequemlichkeiten ­
  bietenden  Hotel
gekrönt,  so  daß  auch
hier  der  Anblick  der
erhabensten  Naturwelt
in  aller  Bequemlichkeit
gewonnen  werden  kann.
Das  Drahtseildarf
nicht  aus  den  Schwellen
der  Bettung  schleifen.
Sein  Widerstand  gegen
die  Bewegung  würde
sonst  viel  zu  groß  und
seine  Lebensdauer  durch
Abschleifen  der  Drähte
unnötig  verringert  werden. ­
  Man  baut  deshalb ­
  in  10  bis  16  rn
Abstand  leicht  drehbare ­
  Rollen,  zweckmäßig ­
  von  etwa  30  cm
Durchmesser,  in  das
Gleis  ein,  deren  gerillter ­
  Umfang  das  Seil
genügend  hoch  über  der
Bettung  stützt  und  damit ­
  die  sonst  vorhan-342.
  Seilbahn  auf  den  Monte  San  Saluatorr  mit  pari  Schiene»  gleitende  Reinnb
  Abtscher  Zahnstange.  bung  des  Seils  in  die
wesentlich  geringere
rollende  Reibung  verwandelt.  Durch  gute  Schmierung  des  ganzen  Seiles  und  der  Rollen
wird  der  Reibungswiderstand  noch  weiter  gemindert  und  die  Dauer  der  Anlage  erhöht,
woraus  auch  das  Ansfüttern  der  Tragrollen  mit  Holz  (Nußbaum-  oder  Eschenholz  u.  s.  w.),
das  vielfach  beliebt  wird,  von  günstigem  Einfluß  ist.  In  den  Gleiskrümmungen  muß

Außerdem  werden  noch  zwei  Pumpen  elektrisch  betrieben  zwecks  Wasserversorgung  der  Hotels  auf
dem  Stanserhorn  (Abb.  69)  und  dem  Bürgcnstock.  Bei  dieser  vielfachen  Energieabgabe  ist  der
Arbeitsverbrauch  ein  sehr  schwankender  und  stellt  an  die  Regulierung  des  Gleichgangs  der
Turbinen  sehr  hohe  Anforderungen.  Dieselbe  wird  durch  Hand  bewirkt,  indem  ein  Arbeiter
ständig  je  nach  der  Zeigerangabe  des  Voltmessers  den  Wasserzufluß  auf  die  Turbinen  hemmt
oder  verstärkt.
        <pb n="335" />
        Ausweichstellen  eingleisiger  Seilbahnen.

345

natürlich  das  Seil  durch  entsprechend  schrägbezw.senkrechtgestellte  Führungsrollen  nn
Boaen  aefübrt  werden.  Die  obere  Tnebrolle  erhalt  zur  Schonung  des  Seiles  emen
großen  Durchmesser  und  zwar  je  nach  dessen  Dicke  3  bis  6  na.  Bei  Wasscrballastbetrwb
genügt  Ane  einfache  Rolle  ,  die  nach  Abb.  336  meist  in  die  Ebene  der  oberen  Bahnneignng
9  IC9 to!  341  zeigt  diese  Einrichtung,  wie  sie  am  Gießbach  (Brienzer  Sees  besteht.  Lo  unmittelbarer ­
  Antrieb  des  Seiles  durch  eine  Kraftmaschine  erfolgt,  wird  dasselbe  entweder  mel,rmals
  um  eine  Trommel  geschlungen  oder  um  mehrere  Rollen  (darunter  um  em  Paar  kreuWech)
gelegt.  Durch  diese  mehrfache  Umschlingung  wird  eine  so  große  Reibung  zwischen  Seil  und
Trommel  bezw.  Treibrolle
erzeugt,  daß  diese  genügt, ­
  die  Wagen  bei  Stillstand ­
  der  Kraftmaschine  ans
der  ungünstigsten  Stelle
der  Bahn  festzuhalten.  _
Die  Seilbahnen  sind
entweder  ein-  oder  zweigleisig. ­
  Eingleisig  sind  die
Bahnen  auf  das  Stanserhorn
  (Abb.  69),  den  Monte
San  Salvatore  (Abb.  342),
den  Bürgenstock  u.  s.  w.
Doppelgleisige  Anlagen
haben  gewöhnlich  eine  gemeinsame ­
  Mittelschiene,  so
daß  sie  3schienig  erscheinen,
wie  die  Seilbahn  bei  Heidelberg, ­
  Lauterbrnnnen  (Abb.
334),  auf  den  Beatenberg
(Abb.  339)  u.  s.  w.  In
wenigen  Fällen  hat  man
jedem  Gleis  zwei  besondere
Fahrschienen  gegeben,  hat
dann  aber  die  beiden  Jnnenschienen
  dicht  neben  einander
gelegt.  Die  Bahn  nach
Glion  bei  Montreux  (Abb.
343),  sowie  der  untere  Teil
der  Linie  von  Ouchy  nach
Lausanne  bieten  Beispiele
hierfür.  Dieser  gedrängte
Gleisbau  ermäßigt  die  Anlagekosten, ­
  bedingt  aber  in
der  Mitte  der  Bahn  eine
Ausweichstelle,  damit  die
beiden  in  entgegengesetzter
Richtung  sich  bewegenden
Wagen  ungehindert  einander  ausweichen  können.  Bei  Doppelgleisen  ist  die  Ausweichung
(eicht  zu  machen,  auch  bei  drei  Schienen,  denn  die  Mittelschiene  braucht  nur  in  zwei
Stränge  gegabelt  zu  werden.  Bei  eingleisiger  Strecke  war  es  umständlicher  ),  bis  Übt
die  sehr  einfache  Anordnung  der  Abb.  344  hierfür  angab.  Die  Außenschienen  ausen
hierbei  ohne  Unterbrechung  durch  und  die  Ablenkung  der  Wagen  aus  der  Geraden  ttt
m  *)  Am  Monte  Salvatore  ist  die  Ausweichstelle  durch  °in°  Umsteigestation  ersetzt.  Beide
Wagen  kommen  hier  gleichzeitig  an,  und  die  Reisenden  wechseln  weselben.  I  9
besitzt  ihr  besonderes  Gleis,  ant  welchem  je  1  Wagen  läuft.  Das  Seil  ist  Umkebrrolle,
meinsam  und  wird  aus  der  Mittclstation  angetrieben.  Die  obere  Station  h  .  .  tier [ a ff e n.
so  daß  beide  Wagen  auch  gleichzeitig  auf  den  Endstationen  ankommen  und  s

343.  Kciibah»  Tcrritrt-Gtion  mit  vier  Schienen  und  Niggenbnchschrr
Zahnstange.
        <pb n="336" />
        346  Eisenbahnen:  Seilbahnen.

die  Ausweichkurve  wird  lediglich  durch  die  Räder  bewirkt.  Zu  diesem  Zwecke  sind  diese
an  der  einen  Wagenseite  mit  doppeltem  Spurkranz  versehen,  wohingegen  die  der  anderen
Seite  glatt-cylindrisch  gehalten
sind.  Die  eine  Außenschiene
der  Ausweichstelle  führt  also
den  Wagen,  die  zugehörige
344.  Kilts  selbstthätige  Ausweichstelle  (ohne  bewegliche  Aimgrni.  Jnnenfchiene  stützt  ihn  nur.  Da
das  Zugseil  in  gleichem  Sinne
abgelenkt  werden  muß,  so  werden  die  inneren  Schienen  hierfür  durchschnitten.  Doch
auch  die  Zahnstange,  die  bis  1894  alle  stark  geneigten  Seilbahnen  aufweisen,  vermehrt ­
  die  Schwierigkeiten  der  Weiche.  Sie  hat  hier  allein  den  Zweck,  ein  wirksames
Mittel  zum  Bremsen  abzugeben  und  die  Wagen  durch  sogenannte  am  Wagengestell  befestigte ­
  Fanghaken  mit  dem  Gleise  zu  verankern,  so  daß  sie,  namentlich  bei  der  Thal-345.

  Magen  der  Seilbahn  ans  den  Kiirgrnstoril.
fahrt,  sicher  auf  den  Schienen  hinabführen.  Die  Zahnradbremse  ist  sehr  wirksam.
Eine  der  Radachsen  des  Wagens  trägt  ein  Zahnrad,  das  sich  bei  der  Fahrt  in  der  Zahnstange ­
  abwickelt.  Neben  ihm  sitzen  Bremsscheiben,  aus  die  nach  Bedarf  Bremsklötze  (aus
Rotguß)  wirken.  Durch  Anziehen  dieser  Bremse  läßt  sich  der  Wagen  schnell  anhalten.
Außerdem  ist  gewöhnlich  noch  eine  selbstthätige  Bremse  vorhanden,  die  in  Thätigkeit
tritt,  sobald  die  Fahrgeschwindigkeit  eine  gewisse  Grenze  überschreitet.  In  diesem  Falle
löst  ein  Fliehkraftregulator  eine  Fallbremse  aus,  deren  Klötze  gegen  Bremsscheiben
drücken,  die  neben  den  Wagen-  oder  Zahnrädern  angebracht  sind.
Die  Zahnstange  ist  hier  wie  bei  den  Zahnbahnen  ausgebildet,  ist  also  entweder
Riggenbachsche  Leiterzahnstange  oder  Abtsche  Lamellenstange  (Abb.  155).  Die  erstere  ist
für  zweischienigen  Oberbau  wegen  der  Ausweichung  unbequem  und  bedingt  daher  dreischienige
  Gleise.  Die  Abb.  163  auf  S.  167  zeigt  eine  derartige  Oberbau-Anordnung
(Grütschalpbahn;  vgl.  auch  Abb.  339).  Die  Abtsche  Zahnstange  kann  bei  zweischienigem
Oberbau  bequem  angewendet  werden,  wie  die  Seilbahn  Bürgenstock  beweist.  Durch  die
Zahnstangen  wird  aber  der  Oberbau  wesentlich  schwerer,  wiegt  dieser  doch  z.  B.  auf
der  Grütschalpbahn  285  kg  auf  1  m,  und  die  Anlagekosten  wachsen  beträchtlich.  Da
        <pb n="337" />
        347

Sicherung  gegen  Seilbruch.  —  Stadtbahnen.

auf  den  Schweizer  Seilbahnen  überhaupt  noch  kein  Seilbruch  zu  verzeichnen  gewesen
ist,  so  suchten  die  Ingenieure  Bücher  und  Dürrer  beim  Bau  der  Stanserhornbahn
die  kostspielige  Zahnstange  zu  vermeiden.  Sie  verwendeten  dafür  nach  S.  167  Abb.  162
hohe  Fahrschienen,  gegen  deren  Kopf  sich  die  zangenartige  Fangvorrichtung  (Zangenbremse) ­
  des  Wagens  legt.  Nach  mehr  als  200  eingehenden  Versuchen  an  einer  mit
700  0/00  geneigten  Probestrecke,  die  das  gute  Wirken  dieser  eigenartigen,  aber  billigen
Einrichtung  mit  Sicherheit  klar  legten,  genehmigte  die  Schweizer  Aufsichtsbehörde  den
Fortfall  der  Zahnstange,  und  so  sehen  wir  hier  zum  erstenmal  trotz  starker  Steigung
einen  wesentlich  vereinfachten  Oberbau.  Reißt  das  Seil,  so  legen  sich  die  Zangenenden
selbstthätig  fest  an  den  Schienenkopf  und  bringen  den  Wagen  zum  Halten.
Die  Wagen  der  Seilbahnen  sind,  wie  bei  allen  stark  ansteigenden  Bahnlinien,  staffelförmig ­
  nach  dem  Abteilsystem  angeordnet  (Abb.  345).  Sie  sind,  weil  Aussichtswagen,  im
oberen  Teil  meistens  offen  und  können  bei  Regen,  Schneetreiben  u.  s.  w.  durch  Vorhänge
geschlossen  werden.  An  den  beiden  Enden  befindet  sich  der  Stand  für  den  Wagenführer.
Das  Wagengestell  ist  dauernd  mit  dem  Zugseil  in  sehr  sicherer  Weise  verbunden.  Ein
Wagen  vermag  in  der  Regel  40  Reisende  zu  fassen.  Abweichungen  nach  oben  wie  nach
unten  kommen  vor.
Die  Seilbahnen  haben  viel  zur  bequemen  Ausschließung  der  Hochgebirgswelt  beigetragen ­
  und  bilden  in  der  verschiedenartigen  Kette  der  Eisenbahnen  ein  nützliches,  dabei
technisch  höchst  bemerkenswertes  Bild.

Stadtbalznrn.
Das  schnelle  Anwachsen  der  großen  Städte*)  und  das  dadurch  hervorgerufene  Bedürfnis ­
  verbesserter  und  vermehrter  Verkehrseinrichtuugen  —  sowohl  im  Inneren.  als
auch  vom  Inneren  nach  den  Außenbezirken  und  umgekehrt  —  hat  in  den  letzten  Jahrzehnten ­
  wiederholt,  in  der  Neuzeit  des  öfteren  Anlaß  zum  Ban  von  Stadtbahnen  gegeben
und  da,  wo  solche  bereits  bestanden,  Erweiterungen  und  Neuanlagen  notwendig  gemacht.
Daneben  sind  zahlreiche  Straßenbahnen  entstanden,  da  Massenverkehr  Gleisbahnen  bedingt,
wie  auf  Seite  102  zahlenmäßig  nachgewiesen  wurde.  Für  Städte  mittlerer  Größe  genügen ­
  Straßenbahnen,  Großstädte  bedingen  außerdem  noch  Stadtbahnen.  Erstere  dürfen
im  eigentlichen  Stadtgebiet  nur  mit  10  bis  12  km,  im  Außengebiet  mit  20  bis  25  km
Stundengeschwindigkeit  befahren  werden,  wohingegen  die  Züge  der  Stadtbahnen  mit
40  bis  50  km  Geschwindigkeit,  also  zwei-  bis  viermal  so  schnell  laufen.  Dabei  kann  die
Zugfolge  eine  äußerst  dichte  sein,  denn  sie  ist  unabhängig  vom  Straßenverkehr.  In
London.  New  York.  Budapest  u.  s.  w.  ist  man  mit  ihr  bis  auf  zwei  Minuten  herabgegangen ­
  und  hat  dadurch  die  Leistung  dieser  Bahnen  ganz  erheblich  gesteigert.  So  werden
beispielsweise  jährlich  auf  den  82  km  langen  Londoner  Untergrundbahnen  140  Millionen
und  auf  den  51,5  km  langen  New  Yorker  Hochbahnen  gegen  200  Millionen  Reisende
befördert,  während  auf  der  56,b  km'  langen  Berliner  Stadt-  und  Ringbahn,  auf  der
die  Zugfolge  iveniger  dicht  ist.  rund  100  Millionen  Personen  im  Jahre  fahren,  eine  Zahl,
die  noch  wesentlich  steigen  wird.  Die  Verkehrsstärke  einer  Stadtbahn  verteilt  sich  auf  die
einzelnen  Tage  und  Stunden  sehr  ungleich;  auch  Witterungseinflüsse  machen  sich  hier
geltend.  Bei  besonderen  Gelegenheiten  schwillt  der  Verkehr  ganz  gewaltig  an.  So
wurden  die  New  Yorker  Hochbahnen  am  12.  Oktober  1892,  dem  Tage  der  Kolumbusfeier,
*)  Das  Wachstum  einiger  Städte  läßt  nachstehende  Übersicht  für  das  19.  Jahrhundert  erkennen.

Stadt

Jetzige  Einwohnerzahl
rund  in  Millionen

Vermehrung  der  Einwohnerzahl ­
  in  100
Jahren

Paris

2st-4

  fach

London

bst-5

  fach

Berlin  .......

1,7

9  fach

Chicago

Ist.

300fach
        <pb n="338" />
        348  Eisenbahnen:  Stadtbahnen.

Von  1075  000  Menschen  befahren.  Wollte  man  diese  Menge  in  den  bei  uns  vorkommenden ­
  größten  Personenzügen  befördern,  d.  s.  die  Militärzüge,  die  bis  56  zweiachsige  Wagen
führen,  so  würden  sich  400  vollbesetzte  Züge  dieser  Art  ergeben,  die,  unmittelbar  hintereinander ­
  aufgestellt,  zusammen  eine  Gleislänge  von  etwa  230  km,  also  fast  die  Entfernung ­
  Hamburgs  von  Osnabrück,  bedingen  würden.
Stadtbahnen  müssen  die  Straßen  freilassen;  sie  sind  daher  über  oder  unter  diese
zu  legen,  somit  als  Hoch-  oder  Tiefbahn  auszuführen.  Sie  erfordern  zur  Bewältigung
des  starken  Verkehrs  mindestens  zwei  Gleise.  Die  dichte  Bebauung  städtischen  Geländes,
die  oft  erstaunlich  hohen  Bodenpreise  im  Herzen  der  Städte,  erschweren  und  verteuern
aber  die  Anlage  solcher  Bahnen  sehr,  nicht  minder  auch  die  Inanspruchnahme  des  Untergrundes ­
  durch  Wasser-,  Gas-,  elektrische  und  Rohrpostleitungen,  sowie  namentlich  durch
die  oft  recht  umfangreichen  Kanäle  für  die  Abwässer.
Die  Tiefbahnen  werden  entweder  so  tief  in  das  Erdreich  gelegt,  daß  sie  unter  den
Fundamenten  der  Gebäude  sich  hinziehen,  wobei  sie  in  ihrer  Richtung  nicht  eng  an  die
Straßenzüge  gebunden  sind  —  sie  heißen  dann  Untergrundbahnen  —  oder  sie  liegen  mit
ihrem  Tunnelscheitel  dicht  unter  dem  Straßenpflaster  und  folgen  dann  naturgemäß  dem
Lauf  der  öffentlichen  Straßen;  sie  werden  Unterpflasterbahnen  genannt.  Hochbahnen
werden  durch  Eisengerüste  oder  durch  Steinbögen,  seltener  durch  Erddämme  oder  Holzbauten ­
  gestützt.
Die  älteste  Stadtbahn  (Untergrundbahn)  besitzt  London;  sie  wurde  bereits  1853
vom  Parlament  genehmigt,  aber  erst  1860  in  Angriff  genommen.  Dann  begann  Anfang
der  70  er  Jahre  der  Bau  der  New  Iorker  Hochbahnen  (Eisengerüste  inmitten  der
Straßen),  wiederum  fast  10  Jahre  später  folgte  die  Berliner  Stadtbahn  (Steinbögen  am
Spreeufer,  durch  die  Häuserblocks  u.  s.  w.),  bis  1890  in  London  abermals  durch  die
elektrische  Untergrundbahn  (gußeisernes  Tunnelrohr)  ein  neues  Tiefbahnsystem  eingeführt
wurde,  dem  nach  einem  weiteren  Jahrzehnt  durch  die  im  Jahre  1900  eröffnete  Schwebebahn
Elberfeld-Barmen  eine  ganz  neuartige  Hochbahn  sich  zugesellte.
So  sind  nach  und  nach  —  seltsamerweise  in  fast  genau  10  jährigen  Zeiträumen  —
5  Stadtbahnsysteme  entstanden.  In  ihrer  Bauart  grundverschieden  voneinander,  haben
sie  doch  alle  in  gleicher  oder  abgeänderter  Anordnung  Nachahmung  gefunden.  Die  Anfang
der  90er  Jahre  eröffnete  Zentralbahn  in  Glasgow  ist  z.  B.  mehr  oder  weniger  nach  dem
Vorbilde  der  älteren  Londoner  Untergrundbahnen  angelegt,  ebenso  die  Liverpooler,  Bostoner
und  Chicagoer  Hochbahn  (Abb.  56)  nach  dem  der  New  Dorker.  Der  1898  eröffneten  Wiener
Stadtbahn  hat  die  Berliner  Hochbahn  als  Vorbild  gedient,  während  die  Röhren-Tiefbahn
mehrfache  Nachahmung  in  London,  Amerika  und  in  Berlin  (Spreetunnel)  gefunden  hat.
Auch  die  Schwebebahn  ist  nicht  auf  Elberfeld—Barmen  beschränkt  geblieben.  Die  zur
Zeit  im  Bau  befindliche  elektrische  Hochbahn  von  Siemens  &amp;amp;  Halske  in  Berlin,  welche
streckenweise  als  Unterpflasterbahn  zur  Ausführung  gelangt,  hat  für  ihre  Hochbahnlinien
Vorläufer  in  New  Dork,  Chicago  und  Liverpool,  für  die  Unterpflasterbahn  solche  in  London,
Glasgow  und  Budapest.  Boston  hat  sich  als  erste  amerikanische  Stadt  den  Städten  mit
Untergrundbahnen  angereiht,  Paris  und  New  Dork  werden  darin  in  kurzem  folgen,  während
für  Berlin  ein  vollständiges  Netz  von  Untergrundbahnen  (schmiedeisernes  Tnnnelrohr)
geplant  war,  aber  behördlicherseits  abgelehnt  ist.  Vorläufig  ist  nur  der  Spreetunnel  bei
Treptow  nach  dieser  Bauweise  zur  Ausführung  gebracht  worden.
Jede  dieser  Anlagen  bot  eine  Fülle  großer  Schwierigkeiten,  die  in  sehr  verschiedener
Weise  überwunden  wurden.  Ihre  eigenartige  Ausführung,  zugleich  verschieden  von  den
oben  erörterten  Haupt-  und  Nebenbahnen,  bietet  eine  wahre  Musterkarte  von  hervorragenden ­
  Leistungen  der  Technik.  Nicht  minder  bemerkenswert  ist  der  Betrieb  dieser
Bahnen,  nirgends  finden  wir  eine  so  dichte  und  schnelle  Zugfolge  wieder.  —
Welcher  Anordnung  nun  auch  die  Stadtbahn  sein  mag,  stets  muß  ihr  Linienzug  sich  den
gegebenen  Verkehrsadern  der  Stadt  thunlichst  anschmiegen  und  mittels  zahlreicher  Stationen
anpassen,  wenn  sie  die  Straßen  entlasten  und  eine  wirkliche  Verkehrserleichterung  bilden,
sowie  genügende  Einnahmen  zur  Verzinsung  ihres  hohen  Anlagekapitals  erzielen  soll.
Den  Vorzug  unter  den  bestehenden  Stadtbahnen  verdient  in  Bezug  auf  äußere  Anlage
        <pb n="339" />
        Vergleich  der  Hoch-  und  Tiefbahnen.  349
und  Annehmlichkeit  des  Fahrens  zweifellos  die  Berliner  Bahn.  Ihre  4  Gleise  —  zwei
für  den  eigentlichen  Stadt-  und  Vorortverkehr,  zwei  für  den  Fernverkehr  der  Außenlinien
—  liegen  zumeist  auf  Steinbögen  und  etwa  5  bis  7  na  über  dem  Straßenpflaster.
Der  Reisende  leidet  nicht  unter  Rauchplage,  wie  sie  anderen  Bahnanlagen  eigen  ist,  ihn
umgibt  nicht  Dunkelheit,  sondern  er  erhält  in  stetem  Wechsel  einen  Ausblick  auf  das  Häusermeer ­
  mit  seinen  belebten  Straßen,  den  Parkanlagen  u.  s.  w.  Das  ist  ein  großer  Vorzug
dieser  Stadtbahn,  die  auch  in  ihrer  Gesamtwirkung  keineswegs  das  Städtebild  stört.  In
vollstem  Gegensatz  zu  ihr  steht  natürlich  die  Untergrundbahn,  besonders,  wenn  diese  durch
Dampflokomotiven  betrieben  wird.  Hier  werden  dunkle  Tunnel  durchfahren  oder  günstigenfalls ­
  tiefe  Einschnitte,  deren  Mauern  ebenfalls  den  Ausblick  hindern.  Die  Tunnellust  ist
häufig  sehr  schlecht,  weil  stark  mit  Rauchgasen  durchsetzt,  kurzum,  eine  Fahrt  auf  solcher
Bahn  ist  wenig  angenehm.  Besser  sind  in  Bezug  ans  die  Lnftverhältnisse  die  elektrisch
betriebenen  Tiesbahnen,  wie  überhaupt  dieser  Betrieb  ob  seiner  Reinlichkeit  und  sonstigen
Vorzüge  für  Stadtbahnen  vorzuziehen  ist.
Die  amerikanischen  Hochbahnen  wiederum  fallen  durch  ihre  derbe  und  unschöne  Anordnung ­
  auf,  die  die  Straßen  verunstaltet  und  die  Häuser  entwertet.  Auch  leiden  die  Anwohner ­
  durch  den  Lärm  der  Züge  und  in  New  Jork  durch  den  Lokomotivrauch.  Ebenso
ist  die  Liverpooler  Hochbahn  kein  Muster  gefälliger  Bauart.  Alle  diese  Bahnen  würden
schwerlich  in  einer  Großstadt  des  europäischen  Festlandes  in  dieser  Ausführung  Nachahmung ­
  finden.  Vorteilhaft  gegen  sie  stößt  die  zur  Zeit  im  Bau  begriffene  Berliner
elektrische  Hochbahn  ab.  Hier  ist  nicht  lediglich  die  Rücksicht  auf  den  Zweck  der  Anlage
ausschlaggebend  gewesen,  sondern  es  ist  auch  auf  eine  möglichst  gefällige  Form  des
Eisengerüstes  gehalten  worden,  soweit  sich  solche  bei  einem  derartigen  Nutzbau  und  Baustoff ­
  erreichen  läßt.  Gewinnen  können  allerdings  die  Straßen  wohl  niemals  durch
Hochbahnen.  Man  darf  aber  anderseits  auch  nicht  die  ästhetischen  Rücksichten  allzusehr
in  den  Vordergrund  schieben,  ist  doch  der  Nutzen  einer  Stadtbahn  für  die  großstädtische
Bevölkerung  ein  erheblicher  und  ist  die  Entlastung  der  Straßen  eben  nur  durch  eine  solche
Anlage  zu  erreichen,  wenn  man  nicht  zur  Tiefbahn  greifen  will.
Um  den  Straßen  möglichst  wenig  Lust  und  Licht  zu  nehmen  und  ihr  Außeres  weniger
zu  beeinträchtigen,  sind  in  den  letzten  zwei  Jahrzehnten  zahlreiche  Vorschläge  zu  eigenartigen, ­
  jene  Übelstände  wesentlich  mildernden  Hochbahnen  gemacht  worden.  In  erster
Sinie  ist  man  darauf  bedacht  gewesen,  den  Gleisunterbau  möglichst  schmal  zu  gestalten
und  die  Wagen  über  seine  Längsträger,  neben  sie  oder  unter  sie  zu  hängen.  Gleichzeitig
hat  man  nur  eine  Fahrschiene  oder  zwei  nahe  aneinander  gerückte  Schienen  benutzt  und
die  seitlichen  Schwankungen  der  Wagen  in  Gleisbögen,  bei  Wind  u.  s.  w.  gewöhnlich  durch
Stützschienen  verhindert,  ans  oder  gegen  die  sich  die  Wagen  mittels  Rollen  stützen.  Solche
Bahnen  mit  nur  einer  Fahrschiene  hat  man  wohl  Einschienenbahnen  genannt,  obgleich  diese
Bezeichnung  nur  für  die  weiter  unten  erörterte  Langensche  Hänge-  oder  Schwebebahn
zutreffend  ist.  Der  Ausdruck  „Hänge-  bezw.  Schwebebahnen"  ist  übrigens  auch  üblich
für  alle  diese  Bahnen,  gleichgültig,  ob  die  Wagen  durch  mehrere  Schienen  abgestützt  werden
oder  frei  an  einer  einzigen  Schiene  hängen.  Über  ihre  Entwickelung  und  Einzelheiten  ist
am  Schluffe  dieses  Abschnittes  näheres  gebracht.  Einige  der  bemerkenswerteren  Stadtbahnen ­
  seien  hier  kurz  erörtert.
Die  Londoner  Untergrundbahnen.
Aus  der  S.  86  beigefügten  Tafel  des  Londoner  Eisenbahnnetzes  sind  die  Untergrundbahnen ­
  in  rot  dargestellt.  Die  Hauptlinie  unterfährt  in  einer  unregelmäßigen  Ellipse  den
mittleren  Teil  des  Londoner  Hänsermeeres.  Sie  heißt  „Jnnenring",  ist  21  km  lang  und
berührt  27  Stationen,  deren  Entfernung  voneinander  bis  auf  300  irr  herabgeht,  ^znr
Westen  schließt  sich  ein  zumeist  oberirdisch  geführter  halbkreisartiger  Gleiszug  mit  acht
Stationen  an,  der  sogenannte  Mittelring,  von  dem  wieder  eine  den  ganzen  Norden  Londons
burchziehende  oberirdische  Linie,  Außenring  genannt,  ausläuft.  Alle  drei  Junge  wer  en
don  Untergrundzügen  befahren;  die  letzteren  beiden  auch  von  zahlreichen  Borortzugen
verschiedener  Hauptbahnen,  so  daß  durch  die  Untergrundlinien  eine  vortreffliche  -ver  e)r,-
        <pb n="340" />
        350  Stadtbahnen:  Londoner  Untergrundbahnen.
erleichterung  geschaffen  ist,  zumal  sie  selbst  durch  die  unter  den  Docks  und  der  Themse  sich
hinziehende  East  Londonbahn  sowie  durch  verschiedene  zu  Tage  liegende  Außenlinien  unmittelbare ­
  Verbindung  mit  Londoner  Vororten  erhalten  haben.  Hierzu  trägt  namentlich
auch  ein  später  ausgeführtes  und  unter  dem  Namen  „The  'Widened  Lines“  bekanntes
Gleispaar  bei,  das  sich  zwischen  den  Stationen  King's  Croß  und  Moorgate  Street  eng
an  den  Jnnenring  anschmiegt,  dessen  Tunnel  bei  Farringdon  Street  unterfährt  und  daher
jenem  anfangs  außen,  sodann  innen  benachbart  ist.  Diese  Widened  Lines  vermitteln  einen
lebhaften  Verkehr  zwischen  den  im  Osten  Londons  gelegenen  Hauptbahnhöfen  nördlich  und
südlich  der  Themse.  Sie  werden  nach  S.  318  täglich  von  654  Zügen  befahren  und  zwar
von  Personen-,  Güter-  und  Viehzügen  in  buntem  Durcheinander.
Ein  unmittelbarer  Anschluß  des  Jnnenrings  an  die  Personengleise  der  Londoner
Hauptbahnen  besteht  allerdings  nicht,  die  meisten  großen  Kopfbahnhöfe  sind  jedoch  durch
Fußgängertunnel  mit  den  Untergrnndlinien  verbunden;  auch  mehrere  unterirdische  Güterbahnhöfe ­
  sind  angeschlossen  (vergl.  Abb.  53).  Zwei  Gesellschaften  betreiben  diese  Bahnen
und  zwar  in  scharfem  Wettbewerb.  Der  erste  Entwurf  zu  der  unterirdischen  Anlage  rührt
von  John  Fowler,  dem  späteren  Erbauer  der  Firth  of  Forthbrücke  (Abb.  112)  her.  Es  ist
dieses  der  nördliche,  1860  begonnene  Linienzug,  welcher  der  Metropolitan  Eisenbahngesellschaft ­
  gehört.  Der  südliche  Abschnitt,  der  Metropolitan  Distriktbahngesellschaft  gehörig,
wurde  1870  erbaut,  als  der  jetzt  eine  der  schönsten  Straßen  Londons  bildende  Themsekai
in  dem  alten  Flußbett  angelegt  wurde.  Lange  Jahre  blieb  der  Jnnenring  ungeschlossen,
das  nur  2800  nr  lange  Schlußstück  Mansionhouse-Aldgate  wollte  anfangs  keine  Gesellschaft
seiner  hohen  Kosten  wegen  ausbauen,  bis  es  schließlich  von  den  beiden  Bahnverwaltnngen
gemeinsam  ausgeführt  wurde;  damit  war  endlich  1884  der  Jnnenring  vollendet.
Die  Baugeschichte  dieser  Bahnen  ist  eine  Geschichte  voller  Mühen  und  Schwierigkeiten ­
  aller  Art.  Schon  die  Steigungsverhältnisse  weisen  darauf  hin.  Das  Londoner
Gelände  ist  stark  hügelig,  die  Bahnen  schmiegen  sich  ihm  eng  an.  Infolgedessen  wechselt
die  Höhenlage  der  Gleise  außerordentlich.  Auf  dem  südlichen  Abschnitt  liegen  sie  6,4  in
unter  Themsehochwasser,  auf  dem  nördlichen  dagegen  27 3 / 4  m  darüber.  Ihre  größte  Tiefe
unter  der  Erdoberfläche  beträgt  20  ra,  ihre  geringste  5  m.  Starke  Steigungen  waren
daher  nicht  zu  vermeiden;  solche  von  10°/,,,,  (1:100)  kommen  des  öfteren  vor,  selbst  auf
800  und  1600  in  Länge;  auch  14°/ 00  =  1  :  70  ist  mehrfach  vorhanden,  während  auf
Anschlußrampen  sogar  25  und  26°/ 00  sich  findet.  Ungünstig  sind  auch  die  Neigungs-Verhältnisse
  der  East  London-Bahn,  wie  aus  Abb.  348  ersichtlich  ist.  Der  ganze  Jnnenring ­
  liegt  nahezu  in  Krümmungen,  welche  zumeist  nur  200  m  Halbmesser  besitzen.  Wo
man  der  Lüftung  wegen  u.  s.  w.  offene  Einschnitte  statt  der  Tunnel  gewählt  hat,  findet
man  solche  häufig  bis  zu  10,  selbst  13m  Tiefe.  Die  Untergrundbahnen  zeigen  also  fast
das  Gepräge  einer  Gebirgsbahn,  wie  auch  Abb.  346  u.  347*)  erkennen  lassen.  Selbst
Stationen  liegen  mehrfach  in  starker  Steigung  und  scharfer  Krümmung.  Ihre  Anlage  war
in  den  meisten  Fällen  mit  besonderen  Schwierigkeiten  verknüpft.
Bei  Beurteilung  der  Bauarbeiten  dieser  Bahnen  ist  besonders  in  Betracht  zu  ziehen,
daß  vor  40  Jahren  noch  keinerlei  Erfahrungen  über  städtische  Untergrundlinien  vorlagen.
Den  banleitenden  Ingenieuren  wurde  dadurch  ihre  verwickelte  Aufgabe  ungemein  erschwert.
Sir  Benjamin  Baker,  der  Mitarbeiter  Fowlers  an  diesen  Bahnen  und  nachher  auch  an
der  Firth  of  Forthbrücke,  äußerte  selbst  später  in  einem  Vortrage,  daß  er  aus  persönlicher
Erfahrung  bezeugen  könne,  ein  wie  großer  Teil  derjenigen  technischen  Fragen,  deren  Lösung
jetzt  klar  gegeben  und  sicher  vorgezeichnet  sei,  derzeit  eingehende  Besprechungen  und  Erörterungen ­
  verursacht  hätte,  ehe  die  Bauleitung  sich  znr  Ausführung  entschließen  konnte.
Damals  habe  man  noch  nicht  gewußt,  in  welcher  Weise  Ausschachtungen  in  der  Nähe
großer  Gebäude  auszuzimmern  und  wasserfrei  zu  halten  wären,  ohne  letztere  zu  gefährden
und  den  Sand  unter  ihren  Fundamenten  fortzuziehen,  wie  letztere  zu  unterfangen  und
abzustützen  wären,  wie  die  Abzugskanäle  über  oder  unter  der  Bahnlinie  fortgeleitet,  wie
*)  Die  Abb.  351—365  sind  den  in  der  Zeitschrift  des  Vereins  deutscher  Ingenieure  1891/92
über  die  Londoner  Untergrundbahnen  veröffentlichten  Aussätzen  des  Verfassers  entnommen;  vgl.
auch  L.  Troske,  „Die  Londoner  Untergrundbahnen  1892".
        <pb n="341" />
        352

Eisenbahnen:  Stadtbahnen.

Stadttunnel  getrieben  und  die  Gleise  unter  Häusern  fortgeführt  würden,  ohne  letztere
niederreißen  zu  müssen,  wie  Einschnitte  ausgemauert  und  namentlich  Ziegelgewölbe  angeordnet ­
  würden,  um  hohe,  schwere  Gebäude  mit  Sicherheit,  selbst  einseitig  tragen  zu
können,  wie  Eisenträger  das  umliegende  Mauerwerk  durch  ihre  Ausdehnung  und  Zusammenziehung ­
  beeinflussen  würden,  wie  der  Straßenverkehr  oberhalb  der  Bahnarbeiten
aufrecht  zu  erhalten  wäre,  und  eine  Menge  Fragen  ähnlicher  Art.
Wie  schnell  die  Größe  der  Bauten  bei  diesen  Bahnen  mit  zunehmender  Erfahrung
^  wuchs,  mögen  folgende  Bei-A
  spiele  bezeugen.
Als  der  älteste  Teil

der  Bahn  1861  unter  einer
Häusergruppe  am  Crescent-Park
  hergeführt  werden ­
  mußte,  wurden  deren
über  der  zukünftigen  Bahnlinie ­
  stehenden  Teile  niedergerissen ­
  und  nach  Ausführung ­
  des  Tunnelmauerwerks ­
  auf  schmiedeisernen
Kastenträgern  neu  wieder

348.
Stcigrrngsverstältniste  der  East
Landon-Vahn.

aufgebaut.  Vier  Jahre
später  wurden  bereits  in

ähnlichem  Falle  am  Pembridge  Square  die  Häuser  erhalten.  Unterhalb  derselben  wurden
die  Seitenwände  des  Tunnels  nach  und  nach  in  kurzen  Längen  ausgebaut  und  dann  nach
Abb.  349  über  sie  eiserne  Tragbalken  gelegt,  auf  die  sich  wiederum  Querträger  stützen.
Letztere  wurden  durch  die  Gebäudefundamente  gezogen  und  bilden  seitdem  eine  sichere
Unterlage  für  die  Wohnhäuser,  unter  denen  sich  der  gewaltige  Zugverkehr  Tag  und  Nacht
abspielt.  —  Am  Crescent-Park  wurde  die  Küche  der  Häuser  nur  durch  eine  Balkenlage
aus  altem  Schiffsholz  von  der  Bahn  getrennt,  am  Pembridge  Square  sind  bereits  Gewölbekappen ­

  aus  Ziegeln  hierfür  angewandt.  Im  Jahre  1861  hegten  die  englischen
Ingenieure  Zweifel,  ob  Bauten  aus  Stein  und  Eisen  haltbar  sein  würden.  Man  führte
deshalb  die  Front  der  ersten  Station  aus  Holz  auf  und  stützte  sie  durch  15  in  lange
Eisenträger.  Im  Jahre  1865  zögerte  man  beim  Bau  der  Moorgatestation  nicht  mehr,
eine  Ziegel-  und  Sandsteinfront  im  Gewicht  von  26  000  Zentner  auf  41  in  langen
Eisenbalken  zu  errichten.  Wie  sind  seitdem  die  Leistungen  der  Jngenieurkunst  gewaltig
gewachsen!  (Vergl.  hierüber  auch  S.  112  u.  130.)
Die  Bauarbeiten  wurden  noch  dadurch  erschwert,  daß  in  der  Genehmigungsurkunde
der  Bahnanlage  vorgeschrieben  war,  den  Straßenverkehr  nur  in  der  Zeit  von  6  Uhr  abends
        <pb n="342" />
        Die  Londoner  Untergrundbahnen.  353

bis  6  Uhr  morgens  durch  sie  unterbrechen  zu  dürfen.  Infolgedessen  konnten  alle  Arbeiten
in  den  Straßen  nur  während  jener  Nachtzeit  bewirkt  werden.  Die  Tunnel  wurden  in  der
Weise  erstellt,  daß  in  den  Straßen  nach  Beseitigung  des  Pflasters  eine  starke  Balkendecke
verlegt  wurde,  über  die  der  oft  riesenhafte  Verkehr  tagsüber  flutete  und  unter  der  ständig
die  Bauarbeiten  vor  sich  gingen.
Auf  dem  älteren  Abschnitt  wurde  das  Erdreich  in  10  in  Breite  ausgehoben,  die
Seitenmauern  errichtet,  dann  eiserne  Lehrbögen  aufgestellt  und  das  elliptische  Tunnelgewölbe
  (Abb.  350  u.  354)  geschlagen.  Schließlich  wurde  auf  diesem  die  Erde  nachgefüllt
und  das  Pflaster  zunächst  in  halber  Straßenbreite  verlegt,  während  die  andere  Hälfte
dem  Verkehr  offen  gehalten  wurde,  worauf  dann  ein  Wechsel  der  Straßenhälfte  eintrat.
Die  breiten  und  oft  tiefen  Ausschachtungen  erforderten  eine  sehr  kräftige  Auszimmerung,
deren  Kosten  einschließlich  derjenigen  für  die  Holzdecke  öfter  höher  waren,  als  die  für
das  Tunnelmauerwerk.  Trotzdem  diese  Zimmerung  mit  größter  Sorgfalt  und  Schnelligkeit ­
  hergestellt  wurde,  haben  dennoch  die  benachbarten  Häuser  verschiedentlich  durch
Rissebildungen  Schaden  erlitten.  Er  mußte  seitens  der  Bahngesellschaften  voll  ersetzt
werden.

Straßenoierfläche.

860.  ikunnrtquerschnitt,  1861.

351.  Dnnilelquerschnitt,  1881.

Auf  den  später  erbauten  Strecken  hat  man  zwecks  Verminderung  der  Kosten  das  Erdreich ­
  zunächst  nur  für  die  Seitenwände  des  Tunnels  ausgeschachtet,  wozu  eine  Breite  von
je  1.8  m  genügte.  Waren  dann  die  Wände  ausgemauert,  so  wurde  zwischen  ihnen  die
Erde  nur  so  weit  in  voller  Breite  ausgehoben,  daß  die  Lehrbögen  aufgestellt  und  das
hier  nach  einem  Kreisbogen  geformte  Deckengewölbe  geschlagen  werden  konnte.  Danach
«st  wurde  auch  der  untere  Teil  der  Erdmasse  entfernt  und  beide  Seitenwände  durch  ein
Sohlengewölbe  nach  Abb.  351  u.  360  abgesteift.  Wo  die  Gleise  dem  Straßenpflaster  so
nahe  kamen,  daß  für  das  Deckengewölbe  nicht  genügende  Höhe  verblieb,  da  streckte  man  über
hie  Tunnelwände  gußeiserne  Träger  und  spannte  zwischen  diese  Gewölbkappen  (Abb.  352).
Überlagerten  schwere  Gebäude  die  Tunneldecke,  so  wurden  schmiedeiserne  Träger  verlegt.  Wir
haben  hier  bereits  das  Vorbild  für  die  35  Jahre  später  erbaute  Budapester  Unterpflasterbahn.
Aus  der  überreichen  Zahl  der  bemerkenswerteren  Bauausführungen  seien  hier  nur
einige  hervorgehoben.  Da  galt  es  zunächst  das  Kanalisationsnetz,  das  alle  Straßen
durchzog,  abzuändern.  Mit  einer  Ausnahme  sind  sämtliche  gemauerten  Abzugskanäle,
svelche  nicht  ohne  weiteres  in  eiserne»  Röhren  über  die  Bahn  geleitet  iverden  konnten,
in  oftmals  beträchtlicher  Länge  so  viel  tiefer  gelegt,  daß  sie  unter  den  Gleisen  sich  hinziehen. ­
  Da  diese  Kanäle  bis  über  12  qm  Querschnitt  answeisen  und  die  Absallwässer  auch
während  der  Bauarbeiten  abzuleiten  waren,  so  verursachte  ihre  Neuanlage  viel  Arbeit  und
hohe  Kosten.
In  einer  Straße  liegt  der  Bahntunnel  in  ziemlicher  Länge  dicht  über  einem  ^großen
Abzugskanale.  Zur  Unterbringung  der  verschiedenen  Gas-  und  Wasserleitungsröhren
ivurden  hier  zwei  besondere  Tunnel  beiderseits  des  Bahntunnels  angelegt.  Sämtliche
IX  45
        <pb n="343" />
        354  Eisenbahnen:  Stadtbahnen.

Häuser  dieser  Straße  mußten  unterfangen  und  mehrere  Meter  tief  durch  Betonmauern
neu  abgestützt  werden.  Dieses  Unterfangen  der  Gebäudefundamente  hat  viele  Mühe
bereitet,  namentlich  in  den  engeren  Straßen,  wobei  die  Bauart  der  englischen  Wohnhäuser
eine  weitere  Erschwernis  bildete,  da  unter  dem  Bürgersteig  gewöhnlich  der  Keller  liegt.
Von  einem  unter  dem  Fahrwege  angelegten  Längsstollen  aus  wurde  nach  jedem  Hause
ein  Querstollen  bis  zur  Kellerwand  getrieben,  diese  durchbrochen  und  von  der  Kellersohle ­
  aus  die  Gruben  unterhalb  des  Fundamentes  der  Gebäudefront  ausgehoben.  Sie
wurden  mit  Beton  gefüllt  und  schließlich  die  alten  Mauern  vorsichtig  darauf  abgestützt.

352.  Tunnel  mit  Ktrin-Eisen-Nerkr.

Wasserspiegel  im  Dock

353.  Tunnetqnrrschnitt  unterhalt!  der
Londoner  Docks.

Alsdann  ging  man  zum  Bau  des  eigentlichen  Tunnels  über.  In  dieser  Weise  sind
z.  B.  die  beiden  Häuserreihen  der  Cannon  Street  bis  zu  6  ui  Tiefe  unterfangen  worden
(vergl.  Abb.  360).
Besondere  Vorsichtsmaßregeln  erforderte  auch  das  Unterfahren  des  Denkmals  König
Wilhelms  IV.  Der  Bahntunnel  mußte  gerade  unter  diesem  3250  Zentner  schweren  Bildwerke ­
  hindurchgeführt  werden.  Das  Tunnelgewölbe  erhielt  eine  Stärke  von  1 1 / 2  in,
während  die  Seitenwände  fast  2  in  stark  sind.  An  anderen  Stellen  waren  Straßen-354.

  Ktation  Gowrr  Ktrrrt.

OD

Lieteschacht


brücken,  Eisenbahnviadukte,  Kirchen,  Krankenhäuser,  sechs-  bis  siebenstöckige  Warenspeicher,
elfstöckige  Gebäude  u.  s.  w.  zu  untertunneln  bezw.  abzufangen.  Auf  der  die  Themse  bei
Mapping  in  dem  altberühmten  Brunelschen  Tunnel  unterfahrenden  East-Londonbahn
(vergl.  Abb.  348  u.  die  Tafel  zu  S.  86)  lagen  an  einer  Stelle  die  Gleise  18  irr  unter  Erdfläche ­
  und  nur  4  ui  von  einem  der  Londoner  Riesenlagerhäuser  entfernt.  Dessen  Vorderwand ­
  mußte  bis  zu  14  m  unter  Hochwasser  abgefangen  werden,  was  infolge  des  ständigen
starken  Wasserandranges  nicht  leicht  war.  Die  fast  7  m  tiefen  und  190  ni  breiten  Londoner
Docks  werden  nach  Abb.  353  mittels  Doppeltunnels  unterfahren,  um  das  bei  voller
        <pb n="344" />
        355

Die  Londoner  Untergrundbahnen.

Tunnelbreite  hier  ungewöhnlich  stark  ausfallende  Manerwerk  zu  vermeiden.  Trotzdem
sind  die  schmalen  Gewölbe  immer  noch  140  «irr  dick  ausgefallen  und  die  Außenwände
160  cm.  Eine  91  cm  starke  Lehmschicht  hindert  das  Durchsickern  des  Wassers.  In  diesen
Docks  herrscht  ein  äußerst  lebhafter  Schiffsverkehr.  Täglich  fahren  im  Durchschnitt  etwa  sechs
große  Westindienfahrer  ein  und  ebensoviele  aus.  Die  Schiffahrt  durfte  durch  den  Tunnelbau
nicht  unterbrochen  werden.  Man  teilte  deshalb  das  eine  Dock  durch  einen  kräftigen  Damm
in  zwei  Teile,  pumpte  eine  Hälfte  leer,  hob  den  Boden  aus  und  mauerte  den  Doppeltunnel ­
  auf.  Die  Herstellung  des  95  m  langen  Tunnels  beanspruchte  wegen  des  sehr
schlechten  Baugrundes  und  verschiedener  Wassereinbrüche  23  Monate,  das  ergibt  auf  das
laufende  Meter  Tunnel  nicht  weniger  als  sechs  Bautage!  Dank  der  hierbei  gewonnenen
Erfahrungen  wurde  die  andere  Tunnelhälfte  in  drei  Monaten  durchgeführt,  was  eineu
Bautag  für  das  laufende  Meter  Tunnel  ergibt.  Es  ließe  sich  noch  eine  ganze  Anzahl
von  bemerkenswerten  Baueinzelheiten  anführen,  die  alle  gleich  den  genannten  das  ungemein ­
  Schwierige  in  der  Anlage  dieser  Untergrundbahnen  darthun  würden.  Namentlich
machte  die  Unterbringung  vieler  Stationen  Mühe.  Auf  dem  südlichen  Teile  des  Jnnenringes
  wurde  ein  sehr
schlechter  Baugrund  angetroffen. ­
  Hier  mußte  sogar ­
  die  Fundamentsohle
der  Tunnel  bis  7,6  m  tief
unter  die  Schienen  gelegt ­
  werden  (vergl.  auch
Abb.  352).
Ursprünglich  war  beabsichtigt ­
  getvesen,  sämtliche
27  Stationen  desJnnenringes
  nebst  letzterem  vollständig ­
  unterirdisch  anzulegen. ­
  Der  älteste  Abschnitt ­
  wurde  mit  den
Stationen  Baker  Street,
Portland  Road  und  Gower
Street  (Abb.  354)  auch
demgemäß  ausgeführt.  Das
Tageslicht  fällt  hier  durch
zwei  Reihen  schmaler  Lichtschächte  ein.  die  neben  den  Bürgersteigen  durch  Gitter  überdeckt ­
  sind.  Diese  Schächte  dienen  nebst  einigen  Öffnungen  im  Fahrdamm  gleichzeitig
auch  zur  Lüftung.  Beide  Zwecke  werden  aber  nur  kümmerlich  erfüllt.  Auf  Grund
dieser  schlechten  Erfahrung  legte  man,  wo  die  Örtlichkeit  es  gestattete,  die  Stationen  in
offene  Einschnitte  und  spannte  in  Höhe  des  Straßenpflasters  nach  Abb.  355  ein  Eisendach ­
  darüber.
Der  Zugang  zu  den  Bahnsteigen  erfolgt  von  der  Straße  aus  mittels  Treppen  u.  s.  w.
Die  Ein-  und  Ausgänge  sind  stets  gesondert  gehalten,  so  daß  ein  Begegnen  und  Stauen
von  Reisenden  ausgeschlossen  ist.  Mehrfach  führen  Fußgängerbrücken  über  die  Gleise  nach
den  einzelnen  Bahnsteigen  hin.  Äußerlich  fallen  die  Stationsgebäude  kaum  auf.  Eine
Inschrift  und  zwei  Kngellaternen  deuten  sie  an.  Die  neben  einem  Hauptbahnhofe  belegene
Blackfriars-Station  z.  B.  liegt  unten  in  einem  fünfstöckigen  Gebäude,  dessen  Front  in  vergoldeten ­
  Riesenbuchstaben  weithin  leuchtend  verkündet,  daß  hier  die  Heilsarmee  ihr-Hauptquartier ­
  aufgeschlagen  hat.  Der  schmale  Stationseingang  mit  seiner  geschwärzten  Anschrift
verschwindet  dagegen  fast  völlig.  Der  Zugang  zu  der  gegenüber  dem  Parlamentsgebäude
bestndlichen  Untergrundstation  Westminster  Bridge  liegt  unscheinbar  in  einem  der  hohen
Privathäuser.  Der  Weg  zu  den  Fahrkartenschaltern  führt  durch  den  engen  Gang  an  einem
Bäckerladen  vorbei,  so  daß  der  zum  erstenmal  die  Station  Aufsuchende  in  Zweifel  gerät,
ob  er  auf  dem  rechten  Wege  sich  befindet.

45*
        <pb n="345" />
        356

Eisenbahnen:  Stadtbahnen.

Auch  unter  den  später  ausgeführten  Stationen  fällt  manche  durch  ihren  Mangel  an
Tageslicht  auf.  Dahin  gehört  auch  die  sonst  meisterhaft  angelegte  Cannon  Street-Station.
Hier  galt  es,  inmitten  eines  besonders  verkehrsreichen  Gebietes  —  die  nur  15  m  breite
Cannon  Street  wird  täglich  von  etwa  10  000  Wagen  und  60  000  Fußgängern  passiert  —
eine  unterirdische  Anlage  zu  schaffen,  für  die  zudem  noch  die  zur  Verfügung  stehende  Höhe
äußerst  knapp  bemessen  war.  Die  Station  liegt  zum  Teil  unter  zwei  sich  kreuzenden

356.  Schnitt  durch  die  Cannon  Strret-Station.

Straßen,  zum  Teil  unter  der  Anfahrt  des  großen  Hauptbahnhofes  Cannon  Street  der
South  Eastern-Bahn.  Bauten  über  der  Straße  waren  hier  unzulässig,  und  so  mußten
auch  die  Fahrkartenschalter  unter  die  Erde  verlegt  werden.
Die  Abb.  356  u.  357  geben  zwei  Querschnitte  dieser  fast  vollständig  in  Beton  ausgeführten ­
  Station  wieder.  Die  Deckengewölbe,  sowie  die  Fahrkartenschalter  werden  durch
Konsolträger  K  gestützt.  Die  Oberfläche  des  Straßenpflasters  liegt  zum  Teil  nur  30  cm
über  diesen  Trägern
und  nur  5,i  in  über
den  Schienen.  Die
Bauarbeiten  wurden
auch  hier  durch  die
vorhandenen  und  abzuändernden ­
  großen
Abzugskanäle  sehr  erschwert. ­

Noch  unfreundlicher ­
  und  dürftiger
als  der  vorgenannten
Jnnenringstation  erscheinen ­
  die  der  East
357.  Schnitt  durch  dir  Cannon  Strret-Station.  Londonbahn.  Die
beiden  nördlich  der
Themse  gelegenen,  Wapping  und  Shadwell,  gleichen  geradezu  einem  düsteren  Kellergewölbe, ­
  bei  dessen  Anlage  nur  dem  eben  notwendigsten  Bedürfnis  Rechnung  getragen  ist.
Abb.  358  stellt  einen  Querschnitt  der  Wappingstation  dar.  Hier  fehlt  jedes  Ober-  und
Seitenlicht  und  herrscht  nur  spärliches  Gaslicht.  An  beiden  Enden  des  91  in  langen
Stationstunnels  ist  für  Lüftungszwecke  je  ein  kurzer  offener  Einschnitt  mit  18  in  hohen,
nach  Art  der  Abb.  359  durch  zwei  Reihen  Eisenstäbe  abgesteiften  Futtermauern  angelegt.
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        Die  Londoner  Untergrundbahnen.  357

Trotzdem  ist  die  Luft  im  Tunnel  sehr  schlecht.  Die  Bahnsteige  sind  nur  ca.  2  m  breit,
zum  Vorteil  der  Reisenden  ist  aber  hier  der  Verkehr  weniger  lebhaft  als  auf  anderen
Stationen,  was  bei  den  Riesentreppen  (Aufzüge  fehlen)  auch  kein  Wunder  ist.  Die  Shadwellstation
  ist  ganz  ähnlich  angelegt  und  dadurch  noch  bemerkenswert,  daß  über  ihrem
einen  Ende  sich  der  Viadukt  der  Blackwallbahn  (S.  336)  hinzieht.  Zwei  Pfeiler  derselben
ruhen  auf  dem  Tunnel  der  East  Londonbahn  und  mußten  nebst  fünf  anderen  bei  deren
Bau  abgefangen  und  untermauert  werden,  ohne  daß  der  Betrieb  der  Hochbahn  gestört
werden  durste;  dabei  haben  die  Gleise  beider  Bahnen  hier  20  in  Höhenabstand.
Die  Anlagekosten  der  Untergrundbahnen  find  sehr  hohe.  Ungewöhnlich  hoch  sind
sie  auf  dem  1884  vollendeten  Schlußstück  des  Jnnenrings  gewesen.  Dieser  nur  2,8  km
lange  Bahnabschnitt  hat  insgesamt  die  ungeheure  Summe  von  rund  65  Millionen  Mark
gekostet,  das  macht  rund  23*/*  Millionen  Mark  für  das  Kilometer.  Die  Einzelkosten  stellen
sich  wie  folgt:

Baukosten  5788000  Mark
Grunderwerbskosten  10821000  „
Nebenkosten  für  Kanalisation  und  Straßenerweiterung  6638000  „

SbS.  tMrerlchuitt  der  Station  Mapping.

Ziehen  wir  des  Vergleichs  wegen  die  Berliner  Stadtbahn  heran,  so  ergeben  sich  zugleich
für  die  älteren  Abschnitte  der  Londoner  Untergrundbahn  folgende  Zahlen:

a)  Baukosten  für  1  km
Älterer  Abschnitt  der  Untergrundbahnen  2500000  Mark
East  Londonbahn  (nördlich  der  Themse)  4324000  „
Jnnnenring-Schlußstück  5788000  „
Berliner  Stadtbahn  2745000  „
b)  Gesamtkosten  für  1  km
Ältere  Abschnitte  der  Untergrundbahnen  7800000  Mark
Jnnenring-Schlußstück  (1883)  ....  23247000  „
Berliner  Stadtbahn  (1883)  5643000  „

In  den  beiden  letzten  Beträgen  sind  die  Kosten  für  wiederverkäufliche  Grundstücke  einbegriffen. ­
  Die  reinen  Baukosten  sind  auf  dem  Schlußstück  des  Jnnenrings  ungefähr  doppelt
so  hoch  gewesen  wie  die  der  Berliner  Stadtbahn.  Die  Grnnderwerbskosten  haben  sich  in
London  trotz  der  unterirdischen  Anlage  fast  viermal  höher  gestellt  als  in  Berlin.
Infolge  des  hohen  Anlagekapitals  ist  trotz  des  starken  Verkehrs  dieser  Bahnen  die
jährlich  zur  Verteilung  gelangende  Durchschnittsdividende  nur  sehr  gering.  Auch  d&amp;gt;e
Berliner  Stadtbahn,  welche  seiner  Zeit  durch  den  Staat  ausgebaut  wurde,  verzinst  ihr
Kapital  nur  schwach.  .  ,
Bewundernswert  ist  der  Betrieb  der  Untergrundbahnen.  Wer  je  auf  ihnen  gefahren
ist  und  auf  ihreu  Stationen  verweilt  hat,  war  mit  Recht  erstaunt  über  die  große  Zah  er
Züge,  die  dort  in  so  sicherer  Weise  im  dunklen  Schoß  der  Erde  gefahren  werden.  Zug
        <pb n="347" />
        358

Eisenbahnen:  Stadtbahnen.

auf  Zug  rollt  in  scheinbar  endloser  Folge  an  dem  Beobachter  vorüber.  Folgen  sich  ja  auf
den  Hauptstrecken  in  den  lebhafteren  Verkehrsstunden  in  jeder  Fahrtrichtung  19  Personenzüge ­
  stündlich,  also  in  durchschnittlich  je  drei  Minuten  ein  Zug.  Ein  Teil  der  Züge  wird
sogar  mit  nur  zweiminutlicher  Zwischenzeit  gefahren,  und  zwar  auf  dem  Linienzuge  neben
der  Themse,  auf  dem  die  Stationen  bis  zu  300  in  einander  benachbart  liegen.
Für  den  Fremden  ist  der  Verkehr  auf  den  unterirdischen  Linien  anfangs  gerade  nicht
sonderlich  behaglich.  Es  gehört  auch  hier  eine  gewisse  Übung  und  Gewöhnung  dazu,  um
sich  leicht  und  schnell  zurecht  zu  finden,  was  durch  das  sich  hier  besonders  breit  machende
Reklame-Unwesen  ganz  erheblich  erschwert  wird.  Dazu  kommt  die  schlechte  Lüftung  der
Bahn,  die  streckenweise,  trotz  aller  eingebauten  Entlüstungsöffnungen  und  mehrerer  Saugräder ­
  (Abb.  360),  so  mangelhaft  ist,  daß  die  Reisenden  zum  Teil  Hustenreiz  bekommen  und
die  Wagenfenster  allseitig  schließen  müssen,  um  sich  gegen  die  übelriechenden  Lokomotivgase
etwas  zu  schützen.  Es  gehört  die  ganze  Geduld  des  Engländers  dazu,  diesen  Mißstand
ruhig  zu  ertragen.
Die  Züge  laufen  verhältnismäßig  schnell  in  die  Stationen  ein  und  fahren  rasch,  dabei ­
  sanft  und  stoßfrei,  ab.  Ersteres  wird  durch  die  durchgehenden  Bremsen  (S.  257),
letzteres  durch  eine  straffe  Kuppelung  aller  Fahrzeuge  ermöglicht.  Die
Züge  führen  Wagen  I.,  II.  und  III.  Klasse  und  sind  in  solche  für  Raucher
und  Nichtraucher  gesondert.  In  den  Wagen  für  letztere  ist  das  Rauchen
bei  Strafe  bis  zu  40  Mark
untersagt,  ebenso  innerhalb ­
  der  Stationen  und
auf  allen  Bahnsteigen.
Die  Fahrpreise  sind  nichts
weniger  als  einheitlich.
Kommt  der  Zug  an  dem
Bahnsteig  zum  Halten,
so  öffnen  sich  die  Reisenden ­
  selbst  die  Thüren,  was
ja  auch  auf  der  Berliner
Stadtbahn  Gebrauch  ist.
Fährt  ein  Reisender
über  das  durch  seine  Fahrkarte ­
  bezeichnete  Reiseziel
hinaus,  so  kann  er  auf
seinen  Wunsch  kostenfrei
nach  der  richtigen  Station  zurückfahren,  will  er  jedoch  auf  der  falschen  Station  den  Zug
verlassen,  so  hat  er  den  Fehlbetrag  zu  entrichten.  Wird  dagegen  ein  Reisender  ohne
gültige  Karte  angetroffen,  so  wird  für  die  durchfahrene  Strecke  der  einfache  Fahrpreis  erhoben. ­
  Nur  wenn  er  sich  weigert,  diesen  zu  zahlen,  erfolgt  eine  Geldstrafe  bis  zu  40  Mark,
auch  wird  sein  Name  mit  entsprechendem  Vermerk  ans  der  Station  angeschlagen  —  ein
jedenfalls  wirksames  Abschreckungsmittel!  Anderseits  werden  auch  die  Bahngesellschaften
scharf  geahndet,  wenn  sie  sich  Übergriffe  gegen  Reisende  zu  Schulden  kommen  lassen  und
diese  gerichtlich  gegen  sie  vorgehen,  denn  nur  der  mit  Absicht  ausgeführte  Betrug  gibt
der  Verwaltung  ein  Recht  auf  Strafverfolgung.  Die  Betriebszeit  beginnt  an  Wochentagen
morgens  um  5  Uhr  und  endigt  kurz  nach  Mitternacht.  An  Sonntagen  ist  der  Zugdienst
erheblich  eingeschränkt.
Die  durchschnittliche  Fahrgeschwindigkeit  der  Züge  ohne  Einrechnung  des  Aufenthalts
auf  den  Stationen  beträgt  40  Ion  in  der  Stunde.  Die  auf  dem  Jnnenringe  verkehrenden
Züge  durchfahren  diese  21  km  lange  Strecke  —  die  26  Statiousaufenthalte  eingerechnet
—  in  70  Minuten.  Die  mittlere  Reisegeschwindigkeit  beträgt  demnach  18  km  in  der
Stunde.  Die  Zahl  der  täglichen  Züge  ist  erstaunlich.  An  Werktagen  stärksten  Verkehrs
werden  rund  1700  Personenzüge,  420  Güterzüge  und  110  Leerlokomotiven  fahrplanmäßig ­
  gefahren,  also  insgesamt  2120  Züge.  An  Sonntagen  wird  der  Betrieb  um  mehr

360.  Entlüftnngsanlagr  in  der  Cannon  Street.
        <pb n="348" />
        Die  Londoner  Untergrundbahnen:  Die  elektrischen  Tunnelröhrenbahnen.  359
als  die  Hälfte  eingeschränkt.  Die  strenge  englische  Sonntagsheiligung  beeinflußt  stark  das
Verkehrsleben.  —  Wie  sehr  einzelne  Stationen  durch  diese  Zugzahlen  belastet  werden,
wurde  schon  in  der  Fußnote  auf  S.  318  angeführt.  Danach  wird  die  4gleisige  King's
Croß  Station  täglich  von  mehr  als  1200  Zügen  durchfahren,  ein  Verkehr,  der  für  den  um
so  staunenswerter  ist,  der  diese  stnstere,  räumlich  über  alle  Maßen  beschränkte  unterirdische
Station  kennen  gelernt  hat.
Kurz  sei  auch  noch  des  Güterverkehrs  gedacht,  der  einen  höchst  bemerkenswerten
Punkt  in  dem  Gesamtbilde  ausmacht.  Es  sind,  wie  schon  Seite  97  erwähnt,  drei  unterirdische ­
  Güterstationen  angeschlossen.  Alle  drei  liegen  im  Herzen  der  City  (Abb.  53),
also  in  vorteilhaftester  Lage  und  erfreuen  sich  eines  ganz  gewaltigen  Verkehrs.  Sie  gehöre» ­
  drei  verschiedenen  Hauptbahnen  an.  Die  eine  dieser  Stationen  —  Smithfield
Market  —  ist  unterhalb  der  fast  200  in  langen  und  75  na  breiten  Zentralfleischhalle
gelegen,  mit  dieser  durch  zwei  Aufzüge,  mit  der  Straße  durch  eine  spiralförmig  gewundene
Rampe  für  Straßenfnhrwerk  in  Verbindung  gebracht.  Durch  sie  ziehen  sich  an  einer  Längsseite ­
  die  beiden  Gleise  der  S.  350  genannten  Widened  Lines  der  Untergrundbahnen  hindurch, ­
  die  auch  mittels  Abzweigung  die  An-und  Abfuhr  der  Bahnwagen  besorgen.  Besondere
Fleischzüge  treffen  hier  fast  allnächtlich  von  Birkenhead  und  Bristol  ein.  In  ersterem
Orte,  dem  bekannten,  Liverpool  gegenüberliegenden  Hafenplatze,  befinden  sich  große  Schlachthäuser, ­
  in  denen  das  überseeische,  lebend  eingeführte  Vieh  geschlachtet  und  dann  von  dort
nach  dem  Londoner  Markt  gebracht  wird,  während  in  Bristol  geschlachtetes  Vieh,  namentlich ­
  von  Australien,  durch  besondere,  mit  Gesriereinrichtung  versehene  Dampfer  eingeführt
wird.  Auch  in  den  beiden  anderen  unterirdischen  Güterstationen  wickelt  sich  ein  sehr
reger  Verkehr  ab.  Er  wirkt  überraschend  durch  die  dem  festländischen  Besucher  ungewohnte
Schnelligkeit,  mit  der,  allerdings  unter  Zuhilfenahme  zahlreicher  mechanischer  Hilfsmittel,
wie  Drehscheiben,  Schiebebühnen,  Spills,  Auszüge,  Kräne  (von  Hand-  oder  durch  Wasserdruck ­
  u.  s.  w.  bewegt),  die  Wagen  herangeholt,  ent-  bezw.  beladen,  umgesetzt  und  zu
Zügen  zusammengestellt  werden,  wobei  nur  wenige  Arbeiter  thätig  sind.  Der  das  gesamte ­
  englische  Leben  beherrschende  Grundsatz:  „Zeit  ist  Geld"  kommt  auch  im  Betriebe
dieser  (wie  aller  anderen)  Güterstationen  zur  vollen  Geltung  und  Nutzanwendung.
Die  elektrische  Tnnnelröhrenbahn  in  London.
Völlig  verschieden  von  den  bis  jetzt  erörterten  Ticsbahnen  sind  die  elektrischen
Tunnelröhrenbahnen.  Die  älteste  dieser  Linien  wurde  1886  in  London  in  Angriff  genommen. ­
  Sie  hat  das  Interesse  der  technischen  Welt  in  hohem  Maße  erregt,  da  sie  nach
allen  Richtungen  hin  Neues  bietet,  ist  sie  doch  billiger  in  der  Herstellung,  vorteilhafter  in
der  Lüftung,  einfacher  im  Betriebe  und  ermöglicht  auch  den  Bau  einer  Tiefenbah»  selbst
da  noch,  wo  die  anderen  Bauweisen  versagen.
Anlaß  zu  ihrer  Anlage  gab  die  mangelhafte  Verbindung  der  im  Osten  Londons
beiderseits  der  Themse  belegenen  Stadtbezirke.  Den  Verkehr  der  City  mit  dem  Südufer
des  Flusses  vermittelte  hier  besonders  die  weltbekannte  Londonbrücke,  über  welche  im
Jahre  etwa  35  Millionen  Fußgänger  und  7  Millionen  Wagen  mit  zusammen  21  Millionen
Fahrgästen,  also  alles  in  allem  56  Millionen  Personen  sich  bewegen.  Seit  einigen  Jahren
hat  allerdings  die  nenerbaute  Towerbrücke  sie  etwas  entlastet.
Der  Gedanke  des  Ingenieurs  Greathead,  hier  eine  unterirdische  Bahn  anzulegen,
wurde  in  London  um  so  freudiger  aufgenommen,  als  der  von  ihm  ausgestellte  Bauplan
die  Anlagekosten  in  verhältnismäßig  engen  Grenzen  hielt.  Der  Baugesellschaft  war  die
freie  Benutzung  des  Bodens  unterhalb  der  öffentlichen  Straßenzüge  zugesprochen.  Sie
hatte  daher  wenig  Grnnderwerbskosten  zu  zahlen.  Die  Tiefenlage  der  Bahn  wurde
zu  12  bis  18  in  gewählt,  so  daß  alle  Abzngskanäle,  Gas-  und  Wasserleitungen  umgangen, ­
  vor  allem  auch  das  kostspielige  und  zeitraubende  Unterfangen  der  Gebäudefundamente
  u.  s.  w.  erspart  werden  konnte.
Die  Seite  86  beigefügte  Tafel  zeigt  die  Linienführung  dieser  neuen  Bahn.  Letztere
ist  zweigleisig  mit  der  Normalspur  ausgebaut.  Für  jedes  Gleis  bezw.  jede  Fahrtrichtung
besteht  ein  besonderer  Tunnel;  nur  in  den  beiden  Endstationen  sind  beide  Gleise  in  einem
        <pb n="349" />
        360

Eisenbahnen:  Stadtbahnen.

gemeinsamen  Raum  vereinigt  und  durch  Weichen  verbunden,  um  die  Umleitung  der  Züge
bequem  bewirken  zu  können.  Die  beiden  Gleistunnel  sind  übrigens  mehrfach  gegen  einander ­
  verschoben.  Am  Ausgang  der  Citystation  liegen  sie  nebeneinander;  sie  ziehen  sich
dann  in  scharfer  Krümmung  und  gleichzeitig
mit  starkem  Gefälle  (1:15  und  1:30),  hier
gleichsam  eine  Schraubenlinie  bildend,  nach
der  Themse  hin,  um  kurz  vor  dieser  unter
einer  nur  4  m  breiten  Gasse  übereinander
herzulaufen,  da  sonst  ein  Unterfangen  der
beiderseitigen  Häuserfronten,  sowie  Ent-■KcdkniM
  schädigen  der  Hausbesitzer*)  nicht  zu  vermeiden ­
  gewesen  wäre.  Im  weiteren  Verlauf ­
  der  Bahn  liegen  die  Tunnel  nach  Abb.  3  63
wieder  nebeneinander,  um  in  den  Zwischenstationen ­
  aufs  neue  in  senkrechter  Richtung
gegeneinander  verschoben  zu  werden,  damit
hier  ein  bequemerer  Zugang  beider  Bahnsteige ­
  sich  schaffen  ließ.
Die  Tunnel  sind  kreisrund  und  mit
einem  nach  Abb.  361  aus  einzelnen  Stücken
zusammengeschranbten  Gußeisenrohre  von
3,2  na  Weite  ausgekleidet.  Ein  solche  Auskleidung ­
  hatte  Greathead  bereits  1868/69
beim  Bau  des  nahe  dem  Tower  unter  der
Themse  angelegten  und  2  in  weiten  Fußgängertunnels ­
  gewählt.  Seit  dem  Erfolge
der  ersten  elektrischen  Röhrenbahu  ist  dieses
Verfahren  wiederholt  angewendet  worden.  Es  bildet  jetzt  einen  wichtigen  Zweig  des
Tunnelbaues  und  hat  bereits  mehrfach  die  Anlage  von  Tunneln  in  schlammigem  Boden
ermöglicht,  die  mit  den  sonst  bekannten  Mitteln  nicht  hätte  erstellt  werden  können.

gewachsener
Thonboden

861.  Guerschnitt  des  Tunnels  der  elektrischen
Tunnelrötzrenbahn  in  London.

Eigenartig  ist  das  Vortreiben  der  Tunnel  nach  Greatheads  Vorgang  vermittelst  eines
„Schildes",  d.  i.  ein  mehrere  Meter  langes,  vorn  mit  einer  Schneide  versehenes  Stahl-*)

  Nach  englischem  Recht  gehört  dem  Grundbesitzer  der  Boden  bis  zum  Mittelpunkt  der
Erde.  Jeder  noch  so  tief  unter  einem  Grundstück  arbeitende  Unternehmer  muß  daher  das  Benutzungsrecht ­
  des  Erdinneren  vom  Eigentümer  erwerben.
        <pb n="350" />
        Elektrische  Röhrenbahnen.  361

rohr,  welches  nach  Abb.  362  durch  eine  Anzahl  Wasserdruckpressen  in  das  zu  durchfahrende
Erdreich  hineingedrückt  wird.  Zur  Erleichterung  dieser  Arbeit  wurde  vor  der  jedesmaligen
Ingangsetzung  der  Pressen  ein  Hilfsstollen  nach  Abb.  362  vor  dem  Schilde  gegraben.
Auf  der  jetzt  vollendeten  Zentral-Londonbahn  benutzte  man  hierbei  einen  elektrisch  angetriebenen ­
  Trockenbagger.  Die  in  das  Schildinnere  gelangende  Bodenmasse  wird  auf
Wagen  verladen  und  durch  Kräne  an  die  Erdoberfläche  geschafft.  In  stark  wasserhaltigem
Boden  wird  der  Schild  mit  Zwischenwänden  versehen  und  mit  Preßluft  gefüllt,  die  ein
Eindringen  des  Wassers  in  das  Schildinnere  hindert.
Bei  der  City-  und  Südlondonbahn,  wie  die  erste  Röhreubahn  genannt  wird,  wurden
Wasserdruckpresseu  von  je  48  ein  Hub  benutzt;  ihr  Betrieb  erfolgte  von  Hand.  War  durch

sie  der  Schild  um  das  Hubmaß  vorwärts  bewegt,  so  wurde  sofort  das  Tnnnelrohr  um  ein
gleich  langes  Ringstück  verlängert  und  der  6,5  cm  breite  Hohlraum  zwischen  diesem  Rohr
und  dem  umgebenden  Erdreich  mit  Kalkbrei  ansgefüllt,  um  ein  Nachsinken  des  Erdbodens
zu  verhüten.  Den  Kalkbrei  blies  man  mittels  Luftdrucks  aus  einer  Mischtrommel  durch
ein  Loch  in  den  einzelnen  Rohrstücken  ein,  wobei  unten  angefangen  wurde.  Die  Löcher
wurden  nachher  durch'Holzpfropfen  geschlossen  svergl.  Abb.  361).
Dank  dem  geschilderten  Arbeitsvorgänge  ist  bei  diesem  Bahnbau  nirgends  eine  Beschädigung ­
  der  Nachbarhäuser  eingetreten.  Wohl  haben  einige  Hausbesitzer  versucht,  alte
Risse  ihrer  Häuserfronten  zu  verwerten;  allein  Greathead  hatte  vor  Beginn  der  Tunnelarbeiten ­

  sämtliche  Häuser  in  den  zu  unterfahrenden  Straßen  photographieren  lassen.  Auf
Grund  dieser  untrüglichen  Beweisstücke  konnten  alle  zu  Unrecht  erhobenen  Ansprüche  abgewiesen ­
  werden.  —  Im  Thonboden,  der  zum  großen  Teile  das  Londoner  Gelände  unterlagert, ­
  wurde  der  Tunnel  in  24  Stunden  um  4  m  an  einer  Arbeitsstelle  vorgetrieben.
Nean  benutzte  den  Schild  an  verschiedenen  Stellen  gleichzeitig  und  hatte  zu  dem  Zwecke  nach
Abb.  363  einen  senkrechten  Schacht  in  der  Themse  niedergesenkt  und  ebenso  später  an
einigen  Stationen.  Von  solchem  Schachte  aus  trieb  man  den  Tunnel  nach  beiden  Seiten
hin  vor.
Die  Stationen  wurden  nachträglich  in  ausgezimmerten  Ausschachtungen  erbaut  und
durch  Ziegelmauerwerk  ausgekleidet.  Abb.  364  zeigt  den  Querschnitt  einer  Zwischenstatlon.
Infolge  der  gewählten  verschiedenen  Höhenlage  der  Gleise  ist  der  Zugang  beider  Bahn;  eige
IX  46
        <pb n="351" />
        362  Eisenbahnen:  Stadtbahnen.

durch  dieselben  Aufzüge  und  Treppen  ermöglicht.  Jede  Station  ist  mit  einer  Treppenanlage
und  zwei  Wasserdruckaufzügen  für  je  50  Personen  ausgestattet,  so  daß  eine  Zugladung
Reisender  schnell  nach  oben  befördert  werde»  kann.  Aufzngvorrichtungen  sind  für  eine  solche
Tiefbahn  unentbehrlich.  Ohne  sie  entwickelt  sich  kein  lebhafter  Verkehr,  wie  sich  zur  Genüge
an  der  East-Loudonbahn  gezeigt  hat,  deren  vielstufige  Treppenanlagen  ungern  vom  Publikum
benutzt  werden.  Auf  der  unter  dem  Mersey  hergeführten  und  1886  eröffneten  Tiefbahu
zwischen  Liverpool  und  Birkeuhead  hat  man  jede  Endstation  mit  drei  solchen  Aufzügen,
je  für  100  Personen  bemessen,  ausgerüstet.  Ihr  Hub  beträgt  hier  nicht  weniger  als  23
bezw.  27  in.  Während  die  Merseybahn  ebenfalls  noch  mit  Dampflokomotiven  befahren
wird,  wählte  man  für  die  City-  und  Südlondonbahn  den  elektrischen  Betrieb*).  Die  Verwendung ­
  der  Dampfkraft  war  durch  die  Genehmigungsurkunde  untersagt.
Die  Züge  bestehen  ans  einer  elektrischen  Lokomotive  (Abb.  365)  und  3  Drehgestellwagen. ­
  Die  Zuführung  des  Stromes  erfolgt  durch  eine  \  |  förmige,  innerhalb  des  Gleises

isoliert  verlegte  Stahlschiene,  auf  der  3  Gleitschnhe  der  Lokomotive  schleifen,  eine  Anordnung, ­
  für  welche  die  1885  eröffnete  irische  Bahn  Beßbrook-Newry  vorbildlich  gewesen
ist  (vergl.  auch  Abb.  97).  Die  Rückleitung  des  Stromes  bewirken  die  Fahrschieuen.
Jede  der  beiden  Radachsen  bildet  die  Ankerwelle  für  einen  50pferdigen  Motor,  welcher
die  Lokomotivräder  unmittelbar  antreibt  und  ihnen  eine  Fahrgeschwindigkeit  bis  40  lein
in  der  Stunde  verleiht.  Die  Räder  werden  durch  die  selbstthätige  Westinghousebremse
(S.  259)  gebremst.  Die  erforderliche  Druckluft  wird  in  dem  zu  Stockwell  befindlichen
Krafthause  der  Bahnanlage  erzeugt  und  jeder  Lokomotive  in  einem  Behälter  mitgegeben.
Auf  dieser  Bahn  finden  sonach  Elektrizität,  Druckwasser  und  Druckluft  für  Arbeitszwecke
Verwendung.
Die  Züge  befahren  ans  der  Hinfahrt  den  einen  und  auf  der  Rückfahrt  den  anderen
Tunnel.  In  den  mit  Kreuzungsweichen  ausgestatteten  Endstationen  erfolgt  ein  Wechsel
der  Lokomotiven.  Die  Reisegeschwindigkeit  ans  der  5  km  langen  Strecke  Stockwell-Londonbrücke
  beträgt  einschließlich  der  Aufenthalte  auf  den  vier  Zwischeustatiouen  22  bis  24  km
in  der  Stunde.  Um  die  Züge  beim  Abfahren  schneller  in  ihre  Fahrgeschwindigkeit  über-*)

  England  ist  auffallend  spät  zu  elektrischen  Bahnen  übergegangen.  Diese  ursprünglich
deutsche  Erfindung  (Werner  von  Siemens)  hatte  in  schnellem  Laufe  ihren  Trinmphzng  durch
Amerika  gehalten  und  in  diesem  Lande  in  mannigfach  abgeänderter  Gestalt  ihre  Lebensfähigkeit
dargethan.  Nach  diesen  Erfolgen  verbreiteten  sich  auch  i»  Deutschland  die  elektrischen  Bahnen
sehr  schnell,  während  ihre  Zahl  in  England  auch  heute  noch  sehr  gering  ist.
        <pb n="352" />
        Elektrische  Tunnelröhrenbahnen:  Die  Zentral-Londonbahn.

363

führen  und  beim  Einlaufen  in  die  Stationen  schneller  anhalten  zu  können,  sind  die  Stationsgleise ­
  um  11/4  m  höher  als  die  Anschlußstrecken  gelegt  und  mit  diesen  durch  Rampen  verbunden. ­
  Für  einen  flotten  Betrieb  mit  dichter  Zugfolge  hat  sich  dieses  Mittel  sehr  gut  bewahrt ­
  und  ist  auch  auf  anderen  Röhrcnbahuen  in  Anwendung  gekommen.  Mit  Eröffnung
des  Betriebes  zeigten  sich  alsbald  einige  bemerkenswerte  Störungen  an  allen  in  der  Nähe
der  Bahn  befindlichen  magnetischen  Meßinstrumenten.  So  wurden  ans  der  3  Kni  entfernten ­
  Sternwarte  zu  Greenwich  die  Nadeln  solcher  Instrumente  durch  vagabondierende
Ströme  dieser  Bahn  abgelenkt.
Die  Baukosten  haben  einschließlich  des  Krafthauses  und  der  gesamten  Ausrüstung
3  330  000  Mark  für  das  km  betragen.  Auch  sie  verzinsen  sich  nur  recht  mäßig.  Der
Verkehr  beläuft  sich  im  Jahre  auf  5  bis  6  Millionen  Reisende,  an  besonderen  Tagen
steigt  er  bis  auf  25  OOO  Personen.  Durch  Erweiterung  der  Linie  nach  Süden  und
Norden  hofft  man  eine  wesentlich  größere  Zahl  von  Personen  der  Bahn  zuzuführen.
Die  Fahrt  auf  dieser  Linie  ist  nicht  sehr  behaglich,  sie  ist  hart  und  etwas  geräuschvoll,
was  die  Reisenden  aber  gern  in  den  Kauf  nehmen,  da  ja  die  Fahrtdauer  nur  kurz  und
von  keiner  Rauchplage  begleitet  ist  und  die  Linie  eine  vortreffliche  Verbindung  des  südlichen
Londons  mit  der  City,  dem  Herzen  der  Londoner  Geschäftswelt,  herstellt.
Der  Bau  dieser  Bahn  bildet  in  der  Geschichte  der  Stadtbahnen  einen  Merkstein.
Er  lehrte,  wie  man  auch  in  schwierigen  Bodenarten  und  inmitten  der  Städte  Bahntunnel
ohne  Störung  des  Straßenverkehrs  herstellen ­
  kann,  während  ihr  Betrieb  erkennen
ließ,  wie  sehr  die  Elektrizität  dem  Dampf
gegenüber  bei  Tunnelbahnen  den  Vorzug
verdient.  Die  Bahn  wurde  vorbildlich
für  verschiedene  Tnnnellinien  in  Paris
(Entwurf),  New  Dork,  Berlin  u.  s.  w.  Die
großartigste  Anwendung  für  Eisenbahnen
hat  ihre  Bauweise  bei  dem  Tunnel  unter
dem  St.  Clairflnsse  (Nordamerika)  gesunden. ­
  Hier  wurde  ein  Schild  von
6,4  m  Durchmesser  und  m  Länge  benutzt, ­
  der  durch  24  Wasserdruckpressen  von
&amp;gt;e  125  OOO  kx  Druck  vorgetrieben  werden  konnte.  Sodann  sind  in  den  letzten  Jahren
wiederholt  in  London  mehrere  Tiefbahnen  dieser  Art  zur  Ausführung  gebracht,  weitere
sind  dort  noch  im  Bau.  Zwei  der  ersteren  sind  auf  der  Tafel  zu  S.  86  verzeichnet.  Die
eine  läuft  von  dem  großen  Waterloobahnhofe  aus  unter  der  Themse  her,  unterfährt  die
Distriktuntergrundbahu  und  mündet  bei  Mansion  House,  der  Dienstwohnung  des  Lord  Mayor.
Die  andere,  für  den  Londoner  Verkehr  noch  bedeutsamere  Anlage  ist  die  Zentral-Londonbahn,
  welche  vom  Mansion  House  in  fast  gerader  Richtung  nach  der  9.3  km  entfernten ­
  Shepherds  Buschstation  im  Westen  von  London  läuft  und  lauter  verkehrsreiche
Straßenzüge  in  etwa  2O  m  Tiefe  unterzieht.  Unter  zwölf  Straßenkreuzungen  sind  100  m
lange  Stationen  errichtet,  so  daß  der  Bahn  zweifellos  ein  namhafter  Verkehr  gesichert  sein
wird.  Bei  ihrem  Bau  wurden  nicht  nur  die  3,5  m  weiten  Streckentunuel  mittels  des
Schildes  (4  m  Durchmesser)  vorgetrieben,  sondern  auch  die  Stationen  und  zwar  diese  mit
einem  Schild  von  7  m  Durchmesser.  Für  jede  Fahrrichtung  ist  ein  besonderer  Stationstunnel ­
  angelegt.  Beide  Tunnel  habe»  aber  gemeinsame  Treppen-  und  Aufzugsanlagen.
Vèit  Ausnahme  der  beiden  Endstationen  sind  sie  deshalb  nach  Abb.  366  in  verschiedener
Höhenlage  erstellt.  Von  jedem  Tunnel  führen  kurze  Treppen  nach  der  gemeinsamen  Plattform, ­
  auf  der  die  Aufzüge  münden.
Von  besonderem  Interesse  ist  die  Stationsanlage  bei  Mausion  House  (Abb.  367).
Der  enge  Platz  vor  diesem,  auf  den  mehrere  wichtige  Straßen  münden,  wird  eingerahmt  von
der  Börse,  der  englischen  Bank  u.  s.  w.  Auf  ihm  spielt  sich  vom  Morgen  bis  zum  Abend  ein
Wagen-  und  Fußgängerverkehr  ab,  wie  er  kaum  zum  zweitenmal  in  der  Welt  zu  finden  ist.
Unter  ihm  zogen  sich  mehrere  Abzugskanäle,  sowie  ein  Netz  von  großen  Gas-  und  Wasser-46*


gemeinsamer
Zugang

366.  Schnitt  durch  eine  Awischrnftation  der
Aentrat  Lsndon-Sahn.
        <pb n="353" />
        364  Eisenbahnen:  Stadtbahnen.

leitungsröhren  her,  die  alle  abgelenkt  werden  mußten,  ohne  daß  dabei  nennenswerte  Störungen ­
  im  Betriebe  erfolgen  durften.  Der  Bau  wurde  von  einem  Schachte  aus  eingeleitet,  der
innerhalb  einer  kleinen  Umzäunung  (vergl.  Abb.  367)  niedergesenkt  war.
Da  bei  Mansion  Honse  ein  wichtiger  Bahnhof  der  älteren  Untergrundbahn  liegt,  auch
die  Waterloo-  und  Citybahn  hier  ausläuft,  so  konnte  diese  neue  Station  um  so  mehr  auf
einen  großen  Verkehr  rechnen.  Um  sie  daher  der  ans  verschiedenen  Richtungen  her  zusammenströmenden ­
  Schar  von  Reisenden  bequem  zugänglich  zu  machen  und  ein  Stauen
auf  dem  von  zahllosen  Fuhrwerken  befahrenen  Platze  zu  vermeiden,  wurde  unmittelbar

unter  dem  Pflaster  eine  fast  4  in  hohe  Zwischenstation  angelegt  (Abb.  368),  um  deren
mittleren  Teil  sich  ein  1%  m  höher  liegender  ringförmiger  öffentlicher  Weg  zieht,  auf  den
von  sechs  Straßen  Zugaugswege  (durch  Treppen  erreichbar)  münden.  Innerhalb  dieser,  in
Abb.  367  punktiert  angedeuteten  Ringstraße  sind  sechs  große  Schächte  nach  der  14  in  tiefer
gelegenen  Bahnstation  niedergesenkt,  von  denen  einer  die  Treppe  enthält,  während  die
anderen  fünf  für  Aufzüge  dienen.  Unter  der  4,6  in  breiten  Ringstraße  liegt  wieder  ein
eben  so  breiter  Ringtunnel  für  die  umgeleiteten  Gas-  und  Wasserröhren  u.  s.  w.,  welche
sämtlich  als  Ringleitungen  hier  verlegt  sind,  aus  denen  sich  dann  die  Leitungen  nach  den
einzelnen  Straßen  leicht  abzweigen  ließen.
In  drei  Höhenstufen,  davon  zwei  unterirdisch,
wickelt  sich  der  Straßen-  und  Bahnverkehr  unabhängig
voneinander  ab.
Mansion  House-Station  ist  Kopfbahnhof.  Die
Züge  müssen  daher  aus  dem  Einfahrtstunnel  in  den
Abfahrtstuunel  übergeleitet  werden.  Zu  dem  Zwecke
sind  die  beiden  Stationsgleise  an  dem  Kopfende  in  ein
gemeinsamesTunnelstück  geführt  und  hier  durchWeichenverbunden,
  wie  in  der  Abb.  367  rechts  erkennbar  ist.
Mit  großem  Geschick  haben  die  englischen  Ingenieure
hier  ihre  Aufgabe  gelöst.

Ritiffstm/se

Sdmäl  nacAA-A

Schnitt  durch  die  Mansion
Kousr-Station.

Elektrische  Unterpflasterbahn  in  Budapest.
Eine  mustergültige  Anlage  neuerer  Art  ist  die  im  Mai  1896  eröffnete  Unierpflasterbahn
  in  Budapest.  Entwurf  und  Bau  stammen  von  Siemens  &amp;lt;L  Halske  in  Berlin.  Die
Bahn  ist  zweigleisig  mit  1435  mm  Spurweite  ausgeführt,  besitzt  3,7  llm  Länge,  liegt  (bis
auf  ein  kurzes,  offenes  Stück  im  Stadtwäldchen)  unter  dem  Pflaster  einiger  Hauptstraßen,
worunter  die  prächtige  Andrassy-Straße.  Krümmungen  kommen  nur  an  ihren  beiden  Enden
vor.  Die  Tunnelstrecke  wurde  nach  Abb.  373  in  offener  Ausschachtung  hergestellt.  Seiteuwände
  und  Sohlengewölbe  bestehen  aus  Beton  (Mischung  aus  Zement  und  Flußkies),
während  die  nach  Abb.  369  u.  370  in  der  Mitte  durch  schmiedeiserne  Säulen  und  zwei
I-förmige  Längsträger  gestützte  Decke  aus  eisernen,  mit  1  m  Abstand  verlegten  I-Querträgern ­
  nnd  dazwischen  gespannten  Gewölbkappen  aus  Beton  erstellt  wurde.  Auf  sie  legt
sich  die  Straßenfahrbahu.  Zum  Schutz  gegen  etwa  eindringendes  Wasser  ist  die  ganze
        <pb n="354" />
        Die  elektrische  Unterpflasterbahn  in  Budapest.  365

Tunneldecke  mit  Asphaltfilzplatten  belegt  worden.  Auf  der  im  Grundwasser  liegenden
Strecke  der  Andrassystraße  wurde  nach  Abb.  370  das  gleiche  Mittel  bei  dem  Fundamentbeton ­
  der  Tnnnclsohle  angewandt.  Es  hat  sich  gut  bewährt,  und  bis  jetzt  ist  nirgends  im
Tunnel  ein  Durchsickern  von  Wasser  zu  bemerken  gewesen.  Die  Breite  des  Tunnels  beträgt
6  na,  die  Höhe  über  den  Schienen  2 3 / 4  m.  Letzteres  Maß  ist  etwas  gering,  war  aber
bedingt  durch  den  zu  kreuzenden  Haupt-Abzugskanal  der  Budapester  Ringstraße.  Da  die
Straße  gleichzeitig  von  einer  elektrischen  Bahn  mit  unterirdischer  Stromznführung  durchzogen ­
  wird,  so  war  an  dieser  Stelle  die  Höhe  für  den  Tunnel  festgelegt.  Die  Pflasterung

369.  Tunnel  mit  Unterführung  einer  Wasserteitung.

liegt  auf  der  Tunneldecke  und  erhebt  sich  nirgends  mehr  als  1  m  darüber.  Die  Treppen
besitzen  daher  auch  nur  19  bis  24  Stufen  von  je  15  cm  Höhe,  so  das;  die  an  der  Außenseite ­
  der  Gleise  liegenden  Bahnsteige  —  für  jede  Fahrtrichtung  einer  —  leicht  zu  erreichen
und  Auszüge  entbehrlich  sind.  Die  Zugänge  zu  den  Stationen  liegen  m  kleinen  seitlich  der
Fahrstraße  errichteten,  reichverzierten  Häuschen  (Abb.  373).  Es  sind  11  Stationen  mit
durchschnittlich  nur  370  m  Abstand  angeschlossen,  was  für  die  Heranziehung  des  Verkehrs
besonders  wichtig  ist:  die  Unterpflasterbahn  wird  dadurch  für  das  Publikum  bequem  benutzbar. ­
  Im  Eröffnungsjahre,  in  das  allerdings  die  Milleniums-Ausstellnng  siel,  wurden
täglich  über  15  000  Reisende ­
  befördert,  ausnahmsweise ­
  auch  schon  34  500
an  einem  Tage.  —  Der
Oberbau  zeigt  Stegschieuen
auf  eisernen  Querschwelle».
Erstere  sind  nach  Abb.  126
mit  Blatistoß  verlegt  und
mittels  der  Haarmaiinschen
Hakenplatte  (Abb.  137)  auf
den  Schwellen  befestigt.
Der  zum  Betriebe  der
Wagen  sowie  zur  Beleuchtung
  der  Stationen  und
der  Lichisignale  dienende
elektrische  Strom  wird  von
dem  Krafthaus  (Dampfmaschinen ­
  und  Siemcnssche
Dynamos)  durch  Kabel,  ,  .
welche  in  die  Straßen  eingebettet  sind,  der  etwa  in  Bahnmitte  gelegenen  Oktogonstation
zugeleitet  und  zwar  getrennt  für  Kraft-  und  Lichtzwecke.  Sämtliche  Leitungen  srn  an
der  Tuuueldecke  aufgehängt;  diejenigen  für  den  Wagcubetrieb  —  je  2  über  jedem  Gleise—
bestehen  aus  leichten  Grnbenschienen.  Sie  sind  in  de»  Abb.  369  u.  3/0  erkennbar  En
am  Wagendach  angebrachter  zweiteiliger  Bügel  (Abb.  375)  entnimmt  der  einen  Schrenz
leitung  den  Strom  für  die  Drchgestellmotoren  und  führt  ihn  von  diesen  wieder  nacy  oem
anderen  Grubenschienenstrang  und  damit  nach  den  Dynamos  zurück.  ,Dw.»ahrscyt
werden  hier  also  nicht  für  die  Rückleituug  des  Stromes  benutzt,  wie  dies  sonst  oei
elektrische»  Bahne»  meistens  der  Fall  ist.  Die  Beleuchtung  der  mit  weißen  fliesen  au,-gekleideten
  Stationen  (Abb.  374)  erfolgt  durch  Glühlampen.

Grumftmsser

370.  ®iiIntel  in  der  Grnndwassrrstreckr  der  zindrossystratzc.
        <pb n="355" />
        373.  Elektrische  Untergrundbahn;u  Budapest:  Kau  der  Haltestelle  Msrlaplatz.
        <pb n="356" />
        369

Die  elektrische  Unterpflasterbahn  in  Budapest.
Auf  der  Linie  verkehren  nur  Motorwagen  und  zwar  einzeln,  d.  h.  Einzelwagen,
deren  Räder  durch  den  elektrischen  Strom  angetrieben  werden.  An  Tagen  starken  Andrangs ­
  folgen  sich  die  Wagen  in  zweiminutlichen  Zeiträumen.  Bei  den  vorliegenden  geringen ­
  Stationsabständen  mußte  auf  die  Sicherung  des  Wagenlaufs  ganz  besonders  Bedacht ­
  genommen  werden.
Behördlicherseits  war  vorgeschrieben,  daß  die  Wagen  sich  höchstens  in  Stationsabständen ­
  folgen  dürfen.  Es  wurde  deshalb  von  den  Erbauern  der  Bahn  eine  selbstthätige
Lichtblockanlage  eingerichtet.  An  dem  Ausfahrtsende  eines  jeden  Bahnsteigs  ist  eine  elektrische ­
  Signallampe  und  daneben  am  Gleis  ein  dazu  gehöriger  Umschalter  angebracht.
Verläßt  ein  Wagen  die  Station,  so  stößt  ein  an  ihm  befindliches  Anschlageisen  den  Schalthebel ­
  um.  Die  Signallampe  der  Absahrstation  wird  dadurch  rot  geblendet  (Haltsignal),
gleichzeitig  aber  die  in  der  rückwärts  gelegenen  Station  weiß  (Fahrsignal),  während  in
der  vorgelegenen  Station  neben  dem  weißen  Signallicht  ein  kleines  rotes  Glühlicht  sichtbar ­
  wird.  Jeder  Wagen  deckt  sich  also  selbstthätig  und  gibt  gleichzeitig  die  durchfahrene
Blockstrecke  frei,  er  versieht  also  gleichsam  das  S.  315  geschilderte  Amt  eines  Blockwärters,
während  er  ferner  durch  das  kleine  rote  Glühlicht  dem  vorgelegenen  Bahnsteigbeamten  die
Einfahrt  eines  Wagen  in  die  rückwärtige  Strecke  anzeigt.  Um  das  Drehen  der  langen,
15  000  KZ  schweren  Drehgestellwagen  an  den  Endpunkten  zu  vermeiden,  ist  jedes  Wagenende ­
  über  dem  Drehgestell  nnt  einem  die  Anfahrvorrichtungen  u.  s.  w.  enthaltenden
Führerabteil  ausgestattet.  Damit  nun  trotz  der  geringen  Tunnelhöhe  der  Wagenkasten
eine  lichte  Höhe  von  2,2  m  erhalten  konnte,  sind  seine  Längsträger  zwischen  den  Drehgestellen ­
  nach  unten  durchgebogen.  Je  eine  Radachse  der  Drehgestelle  wird  durch  einen
Elektromotor  angetrieben  und  zwar  entweder  mittels  Gliederketten  oder  unmittelbar.  Die
Baukosten  einschließlich  Ausrüstung  der  Linie  haben  rund  7  Millionen  Mark  betragen,
das  macht  fast  2  Millionen  Mark  für  das  Kilometer.  Der  großartige  Erfolg  dieser  Bahnanlage ­
  ist  von  bestimmendem  Einfluß  auf  die  jetzt  im  Ban  begriffene  Pariser  Untergrundbahn ­
  gewesen.  Auch  die  Berliner  Unterpflasterbahn  wird  wie  sie  zur  Ausführung  gebracht ­
  werden.

Die  New  Yorker  Hochbahnen.
Die  New  Yorker  Hochbahnen  durchziehen  die  aus  der  langgestreckten  Manhattan-Halbinsel
  erbaute  Stadt  in  vier  gleichlaufenden  Hauptstraßen,  Avenues  genannt.
Abb.  376  zeigt  ihren  Lageplan,  in  welchem  der  geradlinige  Verlauf  dieser  Bahnen  auffällt. ­
  Jede  Linie  ist  —  von  einer  kurzen  dreigleisigen  Strecke  abgesehen  —  zweigleisig
und  wird  für  sich  betrieben.  An  sechs  Querstraßen  sind  Abzweigstationen  errichtet.  .  Die
insgesamt  öl^km  langen  Bahnen  berühren  96  an  Straßenkreuzungen  errichtete  Stationen,
deren  durchschnittliche  Entfernung  540  in  beträgt.  Die  Linie  der  zweiten  Hauptstraße
findet  jenseit  des  Harlemflusses  für  den  Vorortverkehr  Fortsetzung,  während  im  benachbarten ­
  Brooklyn  eine  besondere  Hochbahn  besteht.  Die  Höhenlage  der  Gleise  über  Pflaster
steigt  bis  20  m.  Entweder  liegen  die  Gleise  in  der  Mitte  der  Straßen  auf  gemeinsamer
Fahrbahn,  welche  von  paarweise  angeordneten  Eisenpfcilern  getragen  wird,  oder  es
ruht  jedes  Gleis  auf  schmalem  Gerüst  mit  Einzelstützen  an  jeder  Seite  der  Straße.
Die  Spurweite  beträgt  1,435  in.  Die  Gleisbögen  sind  oft  recht  scharf;  ihr  kleinster
Krümmungshalbmesser  geht  bis  auf  27  m  herab.  Abb.  377  zeigt  einen  solchen  Kurvenabschnitt. ­
  Auch  ans  diesen  Bahnen  sind  die  Stationen  für  jede  der  beiden  Fahrrichtnngen
getrennt  ausgebildet,  allerdings  in  sehr  bescheidenen  Verhältnissen  (Abb.  378).  Treppen
führen  von  der  Straße  hinauf  zum  Fahrkartenschalter.  Vor  dem  Betreten  des  Bahnsteigs
wirst  der  Reisende  seine  Fahrkarte  in  einen  Glaskasten,  in  welchem  sie  durch  einen  Beamten
n&amp;gt;ittels  Hebelwerks  zerschnitten  wird.  Der  Zu-  und  Ansgang  ist  wie  auf  den  Londoner
Untergrundbahnen  gesondert,  so  daß  jegliches  Gedränge  der  abfahrenden  und  ankommenden
Reisenden  vermieden  wird.  Beim  Einlaufen  eines  Zuges  schließt  der  vorgenannte  Beamte
den  Zugang  zum  Bahnsteig.
Die  Züge  bestehen  aus  Lokomotive  und  2—5,  je  80  Personen  fassenden  Durchgangswagen. ­
  Die  Plattformen  je  zweier  zusammenstoßender  Wagen  werden  bei  Abfahrt
IX  47
        <pb n="357" />
        NIDLAIIP

HQfiTHEPH  RAILROAD  _  Of~

MUOSOV

ELEVENTH

MT.MOHBIC

•  BROADWAY

JRoaoway  v 'j&amp;gt;

juCKwci

[LL'S  ISLANQ

iFlatt'Bsh  Ave

¡Bedford

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S  0  UN  J)

Kagrplan  der  Urw  Norkrr  Dochvatznrn.

376

Voaiiover  &amp;gt;VL&amp;gt;^
        <pb n="358" />
        47

Die  New  Yorker  Hochbahnen.

371

S77.  Gleisbogen  der  Klein  Yorker  KochbaKnen.
Nach  »Deutsche  Bauzeitung'.

des  Zuges  durch  einen  Schaffner  mittels  Drehthüren  abgeschlossen  und  erst  geöffnet,  wenn
ber  3ucj  stellt.
Der  Aufenthalt  der  Züge  auf  den  Stationen  währt  meistens  nicht  länger  als
15  Sekunden.  Die  größte  erlaubte  Fahrgeschwindigkeit  beträgt  40  km  in  der  Stunde.
Die  13,5  km  lange  Hauptlinie ­
  (3.  Avenue),  an  welcher ­
  27  Stationen  liegen,
wird  einschließlich  aller
Stationsaufenthalte  in  43
Minuten  durchfahren.  Es
ergibt  dieses  eine  mittlere
Reisegeschwindigkeit  von
19  km  in  der  Stunde,
also  1  km  mehr  als  aus  den
älteren  Londoner  Untergrundlinien.
  Der  Verkehr
dieser  nur  5lU/z  km  langen
Bahnen  ist  ein  erstaunlicher. ­
  Im  Jahre  werden
jetzt  über  200  Millionen
Reisende  befördert,  also
täglich  etwa  550  000!
Während  der  dreitägigen
Kolumbusfeier  im  Oktober
1892  sind  auf  diesen  vier
Linien  insgesamt  10  578
Züge  gefahren,  eine  im  Eisenbahnwesen  einzig  dastehende  Zugzahl.  Ohne  die  Hochbahnen ­
  wäre  eine  Bewältigung  des  New  Porker  Riesenverkehrs  nicht  denkbar.  Auch  die
dort  zahlreich  vorhandenen  Straßenbahnen,  welche  namentlich  für  kurze  Entfernungen
sowie  für  die  Querstraßen  benutzt  werden,  erfreuen  sich  eines  großen  Zuspruchs.  Wiederholt ­
  sind  schon  Untergrundbahnen ­
  für  die  weitere  Entlastung ­
  der  New  Porker
Straßen  geplant,  darunter
sogar  solche  in  zwei  Höhenlagen: ­
  Eine  Röhreuticsbahn
nach  Londoner  Art  unterhalb
einer  Unterpflasterbahn  nach
Budapester  Anordnung.
Die  Lokomotiven  der
Hochbahnen  werden  zwecks
Rauchverminderung  mit  Anthracit ­
  gefeuert.  Die  Drehgestellwagen ­
  besitzen  Petroleumbeleuchtung ­
  ,  Dampfheizung ­
  und  die  Eames-Luftsaugebremse
  (S.  261).  ,
Die  Einführung  des  elektrischen  Betriebes,  der  sich  mittlerweile  auf  den  Hochbahnen
in  Liverpool,  Chicago,  Boston  u.  s.  w.  gut  bewährt  hat,  steht  in  kurzem  bevor.  Aus  den
letztgenannten  Linien  hat  man  von  elektrischen  Lokomotiven,  wie  ste  rn  den  Londoner
Röhrentiefbahneu  und  aus  der  Pariser  Stadtbahn  benutzt  werden,  abgesehen  und  lrerol
die  Drehgestelle  der  Wagen  unmittelbar  an  (vergl.  auch  Abb.  56).  Diese  Antrieb.art  i|
auch  für  die  elektrische  Hochbahn  in  Berlin  gewählt.

378.  Muerschnitt  einer  Station  der  Kiew  Yorker  Aochkatznen.
Nach  „Zeitschrift  d.  Ver.  deutscher  Ingenieure".
        <pb n="359" />
        372

Eisenbahnen:  Stadtbahnen.

nach
Zool.Garten

Die  elektrische  Hochbahn  in  Berlin.
Diese  seit  Herbst  1896  im  Ban  befindliche  und  zur  Zeit  ihrer  Vollendung  entgegengehende ­
  Anlage  weicht  von  den  bestehenden  Hochbahnen  namentlich  dadurch  ab,  daß  an
mehreren  Stellen  ihres  Linienzuges  Unterpflasterstrecken  eingeschaltet  sind,  in  die  sich  die
Hochbahn  mittels  steiler  Rampen  hinabsenkt,  und  daß  ihre  Erbauer  (Siemens  &amp;amp;  Halske)
bemüht  gewesen  sind,  der  Bahn,  wie  erwähnt,  ein  möglichst  gefälliges  Gepräge  zu  verleihen. ­
  Die  zweigleisige  Linie  beginnt  am  Wilhelmplatz  in  Charloitenburg  und  zieht  sich
in  12,6  Km  Länge  an  der  Station  „Zoologischer  Garten"  der  Berliner  Stadtbahn  vorbei
durch  den  Süden  der  Reichshauptstadt,  überschreitet  östlich  vom  Görlitzer  Bahnhof  die  Spree
mittels  der  in  Abb.  380  wiedergegebenen  Oberbaumbrücke  und  endigt  nahe  der  Ringbahnstation
  „Warschauer  Straße".  Zwischen  der  Anhalter  und  Potsdamer  Bahn  läuft  ein  Zweig
mittels  zweier  Krümmungen,  dadurch  nach  Abb.  379  ein  „Gleisdreieck"  bildend,  nach  dem
Potsdamer  Bahnhöfe  aus  und  zwar  in  seiner  330  iw  laugen  Endstrecke  als  Unterpstasterbahn.
Eine  Weiterführung  der  letzteren  von  hier  nach  dem  Mittelpunkte  Berlins  ist  geplant.
Auch  das  etwa  4  km  lange  Anfangsstück  zwischen  dem  Wilhelm-  und  Nollendorfplatz
  gelangt  jetzt  als  Unterpflasterbahn  zur  Ausführung.  Abb.  379  zeigt  das  eigenartige ­
  Gleisdreieck  in  einfachen  Linien.  Seine  Anordnung  war  nicht  leicht;  die  einzelnen
sich  kreuzenden  Gleise
nach  mußten  in  verschiedener
Potsdamer  „  „p  ...  .  1  /  .  .
Platz  Hohe  übereinander  fortgeführt
  werden,  um  bei
der  schnellen  Zugfolge
einen  möglichst  gesicherten ­
  Zugbetrieb  zu  erhalten. ­
  In  der  Hochbahnstrecke ­
  ruhen  die
beiden  normalspurigeu
Gleise  auf  einer  gemeinsamen ­
  ,  7  m  breiten,
wasserdichten  Fahrbahn,
welche  von  einem
schmiedeisernen  Unterbau  auf  Pseilerstützen  getragen  wird.  Die  Schienen  liegen  in  den
Stationen  5,3  m  über  Pflaster,  die  Bahnsteige  0,85  m  höher,  so  daß  etwa  38  Treppenstufen ­
  von  den  Reisenden  zu  ersteigen  sind,  also  ungefähr  doppelt  so  viel  wie  bei  der
Budapester  und  der  demnächstigen  Berliner  Unterpflasterbahn.  Übrigens  liegen  bei  einigen
Stationen  der  Berliner  Stadtbahn  die  Bahnsteige  bis  7,2  m  über  der  Straße.
Die  Bahnlinie  berührt  in  Abständen  von  340  bis  1940  m  6  Tief-  und  10  Hochbahnstationen.
  Die  allgemeine  Anordnung  letzterer  ist  ähnlich  derjenigen  in  New  Jork,  aber  in
der  äußeren  Erscheinung  grundverschieden  von  dem  amerikanischen  Bilde  (Abb.  378).
Zeigt  dieses  durchweg  die  nüchternste  Auffassung  und  größte  Sparsamkeit,  so  bekunden ­
  die  Berliner  Anlagen,  unter  denen  namentlich  die  Stationen  „Nollendorfplatz"
und  „Potsdamer  Straße"  hervorragen,  das  Gegenteil.  Ihre  Erbauer  sind  mit  allen
Mitteln  bestrebt  gewesen,  in  ihnen  nicht  nur  Stationen  zu  schaffen,  welche  den  Anforderungen ­
  des  Verkehrs  genügen,  sondern  gleichzeitig  auch  Bauwerke,  die  einer  Stadt  wie
Berlin  nicht  zur  Unzierde  gereichen.  Die  künstlerische  Behandlung  dieser  Nutzbanten  lag
in  den  Händen  bewährter  Architekten.  Ein  Viertel  der  Bahnlinien  liegt  in  Krümmungen,
deren  schärfste  80  m  Halbmesser  besitzt.  Etwa  8 / 5  der  Bahn  liegen  in  der  Wagerechten.
Die  größte  Steigung  beträgt  1:100,  nur  auf  den  Übergangsrampen  von  der  Hoch-  zur
Unterpflasterbahn  findet  sich  die  Steigung  von  25  °/ 00  (1  :  40).  Die  Züge  werden  aus
1  bis  2  Motorwagen  und  1  bis  2  Anhängewagen  gebildet.  Die  Drehgestelle  der  ersteren
werden  je  durch  1  Elektromotor  angetrieben.
Die  gesamten  Anlagekosten  dieser  Bahn  sind  einschließlich  des  Grunderwerbs,  des
Krafthauses  und  der  Ausrüstung  auf  rund  25  Millionen  Mark  veranschlagt,  was  für

nach
Warschauer  Brücke
379.  Mas  Gleisdreieck.
        <pb n="360" />
        Eisenbahnen:  Stadtbahnen.
das  Kilometer  etwas  über  2  Millionen  Mark  ergibt,  also  fast  dasselbe  wie  bei  der
Unterpflasterbahn  in  Budapest.
Die  im  Anschluß  an  die  Hochbahn  entworfene  Unterpflasterbahn  nach  dem  Schloßplatz ­
  sowie  nach  dem  Spittelmarkt  lehnt  sich  ganz  an  das  Bndapester  Vorbild  an,
nur  ist  ihr  Tunnelquerschnitt  geräumiger  bemessen  und  zwar  ist  seine  Breite  auf  6,25  in,
seine  lichte  Höhe  auf  3,3  in  festgesetzt.  Die  Ausführung  selbst  wird  sich  in  Berlin
schwieriger  gestalten,  da  hier  die  Boden-  und  Grnndwasserverhültnisse  weit  ungünstiger
sind.  Die  Tnnnelsohle  liegt  fast  durchweg  im  Grnndwasser.  Die  Tunnelwände  nebst
Sohlengewölbe  müssen  deshalb  durch  Asphaltfilz  wasserdicht  gemacht  werden  (vgl.  Abb.  370).
Durch  ihren  Bau  wird  der  Reichshauptstadt  nicht  nur  eine  hochbedeutsame  Verkehrserleichterung ­
  geschaffen,  sondern  auch  eine  technische  Sehenswürdigkeit  ersten  Ranges.
Hänge-  oder  Schwebebahnen.
Die  schon  oben  kurz  berührten  Schwebebahnen  stammen  mit  ihrem  ersten  Entwurf
aus  dem  Jahre  1821.  Ihr  Erfinder,  der  Engländer  Robinson  Palmer  erbaute  5  Jahre
später  eine  Modellbahn  mit  tierischer  Zugkraft  in  dem  Museumsgarteu  zu  Elberfeld.  Sie
bewährte  sich,  und  nach  ihrer  Anordnung  sollte  eine  Kohlenbahn  zwischen  Barmen  und
Elberfeld  angelegt  werden.  Die  Sache  zerschlug  sich  aber  und  geriet  ziemlich  in  Vergessenheit, ­
  um  erst  1870  in  wesentlich  verbesserter  Form  durch  Fell  (S.  140)  in  England
neu  zu  erstehen.  Er  führte  in  jenen  Jahren  in  Lancashire  eine  160  na  lange  Schwebebahn ­
  auf  Eiuzelstützen  aus,  die  er  „Hängebahn"  nannte.
Die  Wagen  griffen  sattelförmig  über  die  beiden  mit  l 1 /^  engt.  =  475  mm  Spur
verlegten  Fahrschienen  und  stützten  sich  mittels  Rollen  unten  gegen  die  Längsträger.  Der
Betrieb  erfolgte  durch  eine  feststehende  Dampfmaschine  und  endloses  Seil,  an  das  die
Wagen  gekuppelt  wurden.  Die  Geschwindigkeit  betrug  bis  24  Kilometer  in  der  Stunde.
Eine  ähnliche  Bahn  baute  Fell  zwei  Jahre  später  in  dem  bekannten  Militärlager  von
Aldershot.
Seitdem  sind  zahlreiche  Entwürfe  zu  ähnlichen  Bahnen  aufgetaucht,  teils  auch
verwirklicht.  Haddan  baute  im  Jahre  1875  nach  einer  abgeänderten  Anordnung  eine
längere  Bahn  in  Syrien.  Ein  Jahr  später  war  von  Le  Roy-Stone  auf  der  Weltausstellung
in  Philadelphia  eine  Probebahn  mit  einer  Fahr-  und  zwei  Stützschienen  ausgestellt,  wobei
die  Zugkraft  durch  eine  eigenartig  angeordnete  Lokomotive  ausgeübt  wurde.  Die  Fahrzeuge
griffen  auch  hier  sattelförmig  über  das  dreieckförmig  gestaltete  Fahrbahngerüst.
Eine  ganz  ähnliche  Anordnung  finden  wir  darauf  um  das  Jahr  1880  bei  Lartigue,
durch  den  die  sogenannte  Einschienenbahn  allgemein  bekannt  geworden  ist.  Abb.  382  zeigt
seine  Bauweise  in  einfachen  Linien.  Die  dreieckigen  Bockgerüste  für  die  Schienen  sind
hier  auf  eisernen  Querschwellen  befestigt.  Die  3  Schienen  bilden  zugleich  den  Längsverband ­
  für  die  Böcke,  deren  Entfernung  voneinander  1  na  beträgt.  Bahnen  dieser  Art
sind  mehrfach  ausgeführt  in  Spanien,  Tunis,  Algier  (105  km),  Irland  u.  s.  w.  Die  1888
eröffnete  irische  Anlage  ist  15  km  laug  uud  durch  die  gute  Durchbildung  ihrer  Betriebsmittel ­
  bemerkenswert.  Die  größte  Steigung  betrügt  20 0 / 00  (---  1:50),  der  kleinste
Krümmungshalbmesser  20  m.  Im  Betriebe  stehen  drei  Verbnndlokomotiven,  von  je
4500  kg  Leer-  und  6500  kg  Dienstgewicht,sieben  Personenwagen  und  eine  Anzahl  Viehund
  Güterwagen.  Abb.  383  zeigt  die  Vorderansicht  der  Lokomotive.  Auf  jeder  Seite
des  Schienengerüstes  liegt  ein  Dampfkessel,  während  die  beiden  Dampfcyliuder  (D  D)  oberhalb ­
  der  Fahrschiene  sich  befinden  und  ihre  Arbeit  an  drei  miteinander  gekuppelte  und  mit
doppelten  Spurkränzen  versehene  Treibräder  (L)  abgeben.  Die  Fahrgeschwindigkeit  beträgt
21km  in  der  Stunde.
Die  Sicherheit  gegen  Entgleisung  ist  groß.  Wegen  ihrer  hohen  Schienenlage  über
Erdfläche  (=  1  m)  eignet  sich  eine  solche  Bahn  für  Gegenden,  welche  der  Sandverwehung
ausgesetzt  sind.  Nachteilig  ist  aber  das  Hindernis,  das  jedem  anderen  Verkehr  durch  die
fortlaufende  Gerüstanlage  erwächst.  In  dieser  Form  kann  die  Lartiguesche  Bauart  nicht
für  städtische  Hochbahnen  Verwendung  finden,  wohl  aber,  wenn  statt  der  Gleisböcke  Gitterträger ­
  auf  hohen  Eisenpseilern  gewählt  werden,  wie  es  für  Paris  in  größerer  Ausdehnung
        <pb n="361" />
        375

Hochbahnen.  Hänge-  und  Schwebebahnen.

geplant  war.  Die  Gitterträger  tragen  oben  die  Fahrschiene  und  geben  in  ihrer  unteren
Gurtung  die  Führung  für  die  seitlichen  Rollen  ab.
Später  haben  Decauville,  Meigs,  Behr,  Beyer,  Enos,  Cook,  Dietrich  u.  a.  Entwürfe ­
  aufgestellt,  wonach  die  Wagen  ans  einer  bis  zwei  Fahrschienen  laufen  und  durch
eine  bis  vier  Stützschienen  gegen  Seitenschwanknngeu  gesichert  werden.  Beyer  stützt  die
Wagen  oberhalb  ihres  Daches  ab,  die  meisten  anderen  jedoch  unten.  Abb.  384  zeigt  die
aus  dem  Jahre  1889  stammende  Anordnung  von  Enos,  wie  sie  für  eine  43  km  lange
Hochbahn  zwischen  den  nordamerikanischen  Städten  St.  Paul  und  Minneapolis  zur  Ausführung ­
  gelangt  ist.  Für  eine  zweigleisige  Bahn  ist  nur  eine  Stützenreihe  erforderlich,
die  mittels  seitlicher  Konsolen  die  beiden  aus  Gitterwerk  gefertigten  Längsträger  mit
ihrer  Fahrschiene  hält.  Der  Gerüstbau  nimmt  den  Straßen  nur  wenig  Licht  und  Luft.
Jeder  Wagen  wird  gegen  den  Untergurt  seines  Längsträgers  durch  vier  schräggestellte
Rollen  abgestützt.  Der  Antrieb  jedes  Wagens  erfolgt  durch  Elektromotoren.

Je  mehr  Fahr-  und  Stützschienen  Verwendung  finden,  desto  schwieriger  wird
übrigens  die  genaue  Herstellung  und  desto  mehr  leidet  bei  unterlaufenen  Fehlern  in  der
gegenseitigen  Schienen-  und  Rollenlage  die  ruhige  Gangart.  Am  weitesten  mit  der
Schienenzahl  ist  Behr  gegangen.  Seine  auf  der  Brüsseler  Ausstellung  1897  vorgeführte
Versuchsbahn  zeigte  fünf  Schienen,  wovon  vier  zur  seitlichen  Stützung  dienten,  während  der
Wagen  40  Räder  besaß  (8  Treibräder  mit  doppeltem  Spurkranz  und  32  Führnngsräder).
Diese  Anordnung  wird  schwerlich  Nachahmung  finden?)
Daß  man  mit  weit  einfacheren  Mitteln  den  Zweck  »och  besser  erreichen  kann,  zeigt
kie  Langensche  Schwebebahn.  Hier  sind  nach  Abb.  385  die  Wagen  frei  schwebend
an  einer  Fahrschiene  aufgehängt  und  entbehren  jegliche  Seitenunterstützung.  Es  ist
dieses  eine  Anordnung,  wie  sie  seit  langem  bei  den  bekannten  Luftseilbahnen  für
Jndnstriezwecke  üblich  ist.  E.  Langen,  der  bekannte,  1895  verstorbene  Kölner  Großindustrielle, ­
  hatte  aus  seiner  ersten.  1893  erbauten  Probestrecke  in  Dentz  noch  2  Fahrschienen ­
  angewandt.  Sehr  bald  ging  er  jedoch  zu  der  einschienigen  Bauweise  über,  wie
^  *)  Sie  wurde  allerdings  1899  als  „Schnellbahn"  für  die  48  km  lange  Strecke  Liverpool-Manchester
  (vgl.  S.  77)  in  Vorschlag  gebracht.  Nach  dem  dem  englischen  Parlament  zur  Geuehmigung
  vorgelegten  Entwurf  soll  zwecks  Vermeidung  der  bei  einer  Fünfschienenbahn  sich  sehr
verwickelt  gestaltenden  Ausweichestellen  stets  nur  ein  Zug  (1  Wagen  mit  100  Sitzplätzen)  unterwegs ­
  sein,  dessen  Fahrgeschwindigkeit  aus  90  engl.  Meilen  =  144  krn/Std.  festgesetzt  ist.  Man
würde  sonach  in  20  Minuten  von  der  einen  zu  der  anderen  Stadt  gelangen  können-
        <pb n="362" />
        376

Stadtbahnen:  Die  Elberfelder  Schwebebahn.
sie  jetzt  auch  bei  der  13,3  km  langen  zweigleisigen  Schwebebahn  Elberfeld-Vohwinkel  zur
Ausführung  gekommen  ist.  Das  Eigentümliche  der  Langenschen  Schwebebahn  besteht
darin,  daß  die  Wagen  frei  nach  der  Seite  ausschwingen  und  sich  schräg  stellen  können,
sobald  entsprechend  starke  Seitenkräfte  auf  sie  einwirken.  Solche  sind:  die  Fliehkraft  in
den  Gleisbögen,  der  Winddruck  unb  einseitige  Belastung  durch  die  Reisenden.  Eingehende
Versuche  haben  dargethan,  daß  die  beiden  letzten  Kräfte  keinerlei  bedenklichen  Einfluß  ans
die  schweren  Wagen  einer  Stadtbahnlinie  ausüben.  Sonach  kommt  allein  die  Fliehkraft
in  Frage.  Das  durch  sie  bewirkte  Schiesstellen  der  Fahrzeuge  fällt  um  so  stärker  aus,  je
größer  die  Fahrgeschwindigkeit  und  je  kleiner  der  Krümmungshalbmesser  ist.  Durch  geeignete ­
  Wahl  beider  Größen  kann  man  das  Schrägstelleu  genau  begrenzen.  Beispielsweise
stellen  sich  die  Wagen  in  einem  90irr-Bogen  bei  40  Irrn  Fahrgeschwindigkeit  etwa  7°schief,
was  von  den  Reisenden  wohl  kaum  empfunden  wird.  Wichtig  ist  der  Anschluß  eines  Gleisbogens ­
  an  die  gerade  Strecke.  Ginge  er  unvermittelt  in  die  letztere  über,  so  würde  an  dieser
Stelle  der  Einfluß  der  Fliehkraft  plötzlich  aufhören,  der  Wagen  müßte  daher  infolge  seiner

Schwerkraft  nach  der  entgegengesetzten  Seite  ansschlagen  und  würde  dadurch  ins  Schaukeln
geraten.  Das  muß  vermieden  werden,  und  deshalb  wird  jede  Krümmung  vermittelst  einer
Übergangskrümmnng  allmählich  in  die  Gerade  übergeführt  und  ebenso  allmählich  kehrt
jetzt  der  Wagen  beim  Austritt  aus  dem  Gleisbogen  ohne  Pendelbewegungen  in  seine  senkrechte ­
  Lage  zurück.  Krümmung  und  Gegenkriimmnng  werden  nach  der  kubischen  und  gewöhnlichen ­
  Parabel  geformt.  Die  Gangart  der  Wagen  ist  eine  sehr  sanfte  und  ruhige.
Die  Aufhängung  ist  so  getroffen,  daß  ein  Kippen  oder  Abstürzen,  selbst  bei  einem  Radoder ­
  Schienenbrnch  ausgeschlossen  erscheint.
Bei  der  Elberfelder  Schwebebahn  zieht  sich  die  Fahrbahn  innerhalb  der  industriereichen
  Städte  Barmen  und  Elberfeld  ständig  über  der  vielfach  gekrümmten  Wupper  hin,
deren  Lauf  sie  kurz  vor  dem  Elberfelder  Vorort  Sonnborn  verläßt,  um  von  hier  der  Hauptstraße ­
  dieses  Ortes  und  der  sich  anschließenden  Stadt  Vohwinkel  zu  folgen.  Beide  Endpunkte
der  Bahn  liegen  dicht  liefen  einem  Bahnhöfe  der  Staatsbahn.  Die  größte  Steigung  beträgt ­
  45&amp;lt;&amp;gt;/oo  (l  :  22),  die  schärfsten  Krümmungen  in  der  Hauptstrecke  besitzen  90  m  Halbmesser; ­
  nur  ein  Bogen  vor  der  Endstation  Vohwinkel  zeigt  30  m,  ist  aber  immer  noch
flacher  als  die  kleinsten  Krümmungen  der  New  Yorker  Hochbahnen.  Dagegen  kommen  in
den  Umkehrschleifen  und  Betriebsgleisen  Gleisbögen  von  nur  8  m  vor.  Der  eigentliche
Fahrbahnträger  hat  nach  Abb.  385  I-Form;  zwischen  den  4  m  voneinander  entfernten
einschwingen  Gleisen  liegt  wie  bei  Enos  ein  Laufsteg  für  die  Aufsichtsbeamten.  Statt  der
        <pb n="363" />
        386.  Seitenansicht  der  Etkcrfcldrr  Schwebebahn.

387.  Anteranstcht  der  Etberfrtder  Schwebebahn.

IX  48
        <pb n="364" />
        378  Eisenbahnen:  Stadtbahnen.
in  der  Abb.  385  gezeichneten  Einzelstütze  wird  die  Fahrbahn  über  der  Wupper  von
je  2  schräg  gestellten  Gitterstreben  (Abb.  386  u.  387)  getragen,  dagegen  über  der  Fahrstraße ­
  von  portalartigen,  in  den  Bürgersteigen  lagernden  Stützen.  Alle  200  bis  300  in
sind  unverrückbare  Eisenjoche  aufgestellt,  welche  den  Längsschnb  der  Bahn  aufzunehmen
haben,  während  die  vorgenannten  in  etwa  30  in  Abstand  errichteten  Zwischenstützen  den
durch  die  Wärmeänderungen  veranlaßten  Längenverschiebnngen  nachgeben  müssen  und
deshalb  als  Pendelstützen  ausgebildet  sind.  Dem  entsprechend  besitzt  die  Gleisbahn  in
der  Mitte  zwischen  je  zwei  festen  Jochen  eine  Ansgleichstelle.  Die  Bahnlinie  berührt
20  Stationen,  was  einen  durchschnittlichen  Stationsabstand  von  700  irr  ergibt.  Die
Treppen  sind  wegen  der  tiefen  Lage  des  Wagenfußbodens  meist  nur  4 1 / 2  m  hoch.
Die  Züge  bestehen  ans  2  Wagen  mit  50  Plätzen.  Jeder  Wagen  hängt  an  2  Drehgestellen, ­
  in  deren  hakenförmigen  Tragarmen  die  Drehzapfen  sitzen,  so  daß  die  Räder  sich
leicht  in  den  Gleisbögen  nach  deren  Mittelpunkt  einstellen  können.  Sämtliche  4  Räder
jedes  Drehgestells  werden  durch  einen  Elektromotor  angetrieben.  Der  Strom  von  500  Volt
Spannung  wird  mittels  Schleifkontakte  der  Arbeitsleitung  entnommen.  Die  größte  Fahrgeschwindigkeit ­
  ist  vorläufig  auf  40  km  in  der  Stunde  festgesetzt  und  wird  nach  Angabe
der  Bahngesellschast  in  etwa  15  Sekunden  nach  Abfahrt  erreicht.  Die  durchschnittliche
Reisegeschwindigkeit  (Aufenthalte  eingerechnet)  wird  hiernach  etwa  30  km  in  der  Stunde
betragen.  Die  Gesellschaft  hofft,  beide  Geschwindigkeitswerte  später  um  je  10  km  erhöhen
zu  können,  um  den  Vorteil  des  rascheren  Anfahrens,  den  der  elektrische  Betrieb  gegenüber
dem  Dampfbetrieb  besitzt,  voll  ausnutzen  zu  können.
Die  Stationssignale  werden  in  ganz  ähnlicher  Weise  wie  auf  der  Budapester  Untergrundbahn ­
  (S.  369)  selbstthätig  durch  die  Wagen  gestellt.
Die  Gleise  laufen  an  den  Endpunkten  mittels  einer  Rückkehrschleife  von  nur  8  m
Halbmesser  ineinander  über,  so  daß  die  Wagen  nicht  gedreht  zu  werden  brauchen.  Die
gesamten  Aulagekosteu  einschließlich  Ausrüstung  stellen  sich  etwa  auf  700  000  Mark  für
1  Km,  sind  also  wesentlich  geringer  als  die  der  früher  besprochenen  Stadtbahnen.  Die
Langensche  Schwebebahn  ist  ohne  Frage  eine  der  eigenartigsten  Ausführungen.  Auf
anmutige  Wirkung  in  ihrer  äußeren  Erscheinung  kann  sie  allerdings  ebensowenig  Anspruch ­
  erheben  wie  alle  anderen  Hochbahnen,  wenngleich  sie  noch  eins  der  verhältnismäßig ­
  schmälsten  und  durchsichtigsten  Trägergerüste  ausweist.  Außer  der  Elberfelder
Schwebebahn  ist  zur  Zeit  noch  eine  kleine  zweigleisige  Bergbahn  mit  Seilbetrieb  in  Loschwitz
  bei  Dresden  im  Bau.  Ihre  Länge  beträgt  250  m,  die  Höheuersteiguug  rund  80  m.
Auch  für  Zahnschwebebahnen,  Feldbahnen  sowie  namentlich  für  Schnellbahnen  zwischen
großen  Städten  plant  die  Schwebebahn-Gesellschaft  (Nürnberg)  ihre  Bauart,  die  zweifellos ­
  ein  sehr  beachtenswertes  Glied  in  der  Entwickelung  des  Eisenbahnwesens  bildet.
*  *
-l-Hiermit
  seien  die  Betrachtungen  über  das  Eisenbahnwesen  geschlossen.  Der  Leser
wird  aus  ihnen  erkennen,  wie  ungemein  vielseitig  sich  die  Ausbildung  dieses  einflußreichen ­
  Kulturmittels  im  Laufe  noch  nicht  eines  Jahrhunderts  gestaltet  hat.  Lokomotive  und
Schiene  haben  durch  alle  Erdteile  ihren  glänzenden  Siegeszug  gehalten,  haben  der  Menschheit ­
  gewaltige  Dienste  geleistet  und  ihr  segensreichen  Nutzen  nach  den  verschiedensten
Richtungen  gebracht.  In  ungeschwächter  Bedeutung  gilt  daher  auch  heute  noch  das  Wort
Buckles:
„Die  Lokomotive  hat  mehr  gethan,  die  Menschen  zu  vereinen,  als  alle
Philosophen,  Dichter  und  Propheten  vor  ihr,  seit  Beginn  der  Welt."  —
        <pb n="365" />
        Brücken  und  Viadukte.
sas  Bedürfnis  zur  Herstellung  der  Verbindung  zwischen  zwei  durch  einen  Flußlauf
  oder  eine  Thalschlucht  unterbrochenen  Wegestrecken  machte  sich  naturgemäß
schon  in  den  frühesten  Zeiten  nach  Herstellung  der  ersten  Verbindungswege
geltend.  Man  suchte  zu  diesem  Zwecke  seichte  Stellen  des  Wasserlaufes  auf,
sogenannte  Furten,  und  führte  die  Wege  auf  beiden  Ufern  an  diese  Stellen
heran.  An  solchen  Plätzen  entstanden  sehr  bald  Ansiedelungen,  aus  welchen
sich  im  Laufe  der  Jahre  Städte  entwickelten,  wie  z.  B.  in  Deutschland  Frankfurt  a.  M.
Mit  der  Zeit  wurden  Fähren  erfunden,  mit  deren  Hilfe  der  Verkehr  zwischen  den  beiden
Ufern  vermittelt  wurde.  In  den  Gebirgen  vermochte  man  nur  durch  die  Schaffung  von
Brücken,  welche  allerdings  häufig  genug  von  der  primitivsten  Beschaffenheit  gewesen  sind,
das  Hindernis  zu  überwinden.  Auch  heute  noch  finden  wir  in  einer  Reihe  südlicher  Länder
diese  Verbindungen  in  einer  Weise  hergestellt,  daß  ihre  Benutzung  für  den  Fremden  nur
mit  Aufwand  eines  gewissen  Heroismus  möglich  ist.  Als  solche  Verbindungen  sind  die
Shula  und  der  Sangho  zu  nennen.  Mit  dem  Worte  Shula  bezeichnen  die  Gebirgsbewohner ­
  des  Himalaja  ein  starkes  über  den  Strom  oder  die  Schlucht  gespanntes  Seil.
Ein  an  diesem  Seile  hängender  Block  oder  Bügel  (Pwu)  dient  zur  Aufnahme  des  Passagiers, ­
  welcher,  auf  diesem  Blocke  sitzend,  von  dem  einen  nach  dem  anderen  Ufer  gezogen
wird  resp.  sich  selber  an  dem  Seile  entlang  zieht  (Abb.  388).  Unter  „Sangho"  versteht
man  eine  aus  Holz  oder  einem  anderen  passenden  Material  gestochtene  Hängebrücke.
Als  der  Mensch  nicht  mehr  sein  eigenes  Lasttier  war,  sondern  zu  diesem  Zwecke  Tiere
benutzte,  mußten  diese  Verbindungen  eine  weitergehende  Ausbildung  erhalten,  und  namentlich ­
  war  dies  der  Fall,  als  der  Wagen  erfunden  und  benutzt  wurde.  Die  ältesten  festen
Brücken,  welche  in  einem  weit  zurückliegenden  Zeitraume  entstanden,  sind  jedenfalls
hölzerne  gewesen.  Zu  denselben  können  die  Stege  gerechnet  werden,  welche  die  Pfahldörfer ­
  mit  dem  Lande  verbanden.  Als  eine  sehr  alte  Brückenform  sind  jedenfalls  auch  die
Auslegerbrücken  anzusehen.  Hierbei  werden  an  beiden  Ufern  über  das  Wasser  vorragende
Anlagen  aus  Balken  und  Faschinen  ausgeführt.  Die  Balken  und  Faschinen  werden  derart
angeordnet,  daß  immer  die  Enden  der  einen  Balkenreihe  über  die  Enden  der  unter  ihr
liegenden  Reihe  hinausgehen.  Solche  primitive  Brücken  gibt  es  in  den  verschiedensten
Teilen  der  Erde,  beispielsweise  in  Mesopotamien  und  in  Amerika  (Abb.  389).  Einzelne
der  im  Altertume  geschaffenen  hölzernen  Brücken  erfreuen  sich  eines  besonderen  Ruhmes,
so  der  Pons  Sublicius  in  Rom,  auf  welcher  Brücke  sich  der  heldenmütige  Kampf  des
Horatius  Cocles  in  dem  Kriege  zwischen  den  Römern  mit  Porsena  abspielte,  die  Rheinbrücke ­
  Cäsars  und  die  Brücke  Trajans  über  die  Donau.
Das  Streben  der  Menschen  war  frühzeitig  darauf  gerichtet,  das  vergängliche  Holz
durch  ein  dauerhafteres  Material  zu  ersetzen.  Zunächst  wurden  nur  die  Pfeiler  in  Stein
und  der  Brückenbelag,  d.  h.  die  Fahrbahn,  in  Holz  ausgeführt,  wie  solches  von  der  Euphratbrücke ­
  in  Babylon,  welche  in  der  Zeit  Nebukadnezars  erbaut  wurde,  berichtet  wird.  Der
menschliche  Geist  ruhte  nicht  eher,  als  bis  er  auch  für  die  hölzerne  Brückenbahn  einen
48*
        <pb n="366" />
        Brücken  und  Viadukte.

380

Ersatz  gefunden  hatte.  In  Nachahmung  der  Holzkonstruktion  benutzte  er  zunächst  steinerne
Platten  als  Balken,  und  um  den  Zwischenraum  zwischen  zwei  Pfeilern  vergrößern  zu
können,  schob  er  die  Platten  auf  den  Pfeilern  konsolenartig  vor,  d.h.  er  kragte  sie  aus
und  bedeckte  dann  den  verbleibenden  Zwischenraum  mit  der  Schlußplatte.  Es  ist  von
besonderem  Interesse,  darauf  hinweisen  zu  können,  daß  dieses  in  der  Kindheit  des  Brückenbaues ­
  angewandte  Grundprinzip  heute  wieder,  zu  einer  Zeit,  in  der  die  Brückenbauknnst
eine  ganz  erstaunliche  Ausbildung  aufweist,  in  den  sogenannten  Auslegerbrücken,  welche
weiterhin  eingehender  zu  schildern  sein  werden,  zur  Anwendung  kommt.
Die  Überkragung  durch  Steinplatten  oder  Steinbalken  ermöglichte  jedoch  nicht  die
Überspannung  größerer  Weiten.  Da  im  Altertume  Eisen  überhaupt  nicht  für  Brückenbauten ­
  zur  Verwendung
kam,  so  konnte  diese  Aufgabe ­
  in  Steinmaterial  nur
durch  die  Schaffung  von
Gewölben  gelöst  werden.
Früher  glaubte  man,  daß
die  so  außerordentlich  bedeutungsvolle ­
  Erfindung
des  Gewölbes  in  einer
verhältnismäßig  erst  späten
Zeit  erfolgt  sei,  und  man
schrieb  sie  dem  lachenden
griechischen  Philosophen
Demokrit  zu.  Die  moderne
Forschung  hat  jedoch  dargethan,
  daß  schon  vor
Jahrtausenden  Gewölboder
  wenigstens  gewölbartige
  Bauten  errichtet
wurden.  So  weisen  schon
einzelne  Pyramiden  überwölbte ­
  Grabkammern  auf.
Die  Etrusker  müssen
nach  den  bisherigen  Ermittelungen ­
  als  das  Volk
angesehen  werden,  welches
zuerst  wirklich  gewölbte
Brücken  zur  Ausführung
brachte.  Die  Schüler  dieses
Volkes  auf  so  vielen  Gebieten,dieRömer, ­
  erreichten ­
  in  der  Brückenbaukunst
im  Altertume  die  größte  Meisterschaft.  Die  nach  allen  Himmelsrichtungen  führenden  und
nach  allen  damals  bekannten  Ländern  sich  erstreckenden  Römerstraßen  bedingten  eine  überaus ­
  große  Zahl  von  Brückenbauten,  von  welchen  heute  noch  viele  in  ihrer  imposanten
Größe  erhalten  sind.
Als  die  bedeutendsten  Brücken  innerhalb  der  Stadt  Rom  sind  der  Pons  Fabricius
und  der  Pons  Cestius,  welche  die  Tiberinsel  mit  den  beiderseitigen  Ufern  verbanden,
sowie  der  zur  Zeit  Kaiser  Hadrians  von  dem  Kurator  Messius  Rusticus  im  Jahre  138  n.  Chr.
erbaute  Pons  Älius  zu  nennen.  Diese  Brücke  ist  heute  unter  dem  Namen  Engelsbrücke
bekannt.  Sie  führt  nach  der  Engelsbnrg,  dem  ehemaligen  Grabmal  des  Kaisers  Hadrian.
Unter  dem  Kaiser  Trojan,  der  auf  allen  Gebieten  der  Baukunst  eine  rege  Thätigkeit  entfaltete, ­
  wurden  zwei  der  bedeutendsten  Brückenbauten,  welche  das  Altertum  überhaupt
hervorgebracht  hat,  vollendet,  die  Donaubrücke  und  die  Brücke  von  Alcantara  über

388.  Hängebrücke  über  den  Wo  Ctzatutirmbo.
Nach  „Mutter  Erde",  1899.
        <pb n="367" />
        Brücken  des  Altertums.

381

den  Tajo.  Die  erstere  Brücke  wurde  aus  Anlaß  der  dacischen  Kriege  im  Jahre  104  n.  Chr.
von  dem  Baumeister  Apollodorus  von  Damaskus,  dem  Schöpfer  der  Trajanssäule  und
des  àura  Trajani  in  Rom,  erbaut.  Die  Brücke  besaß  eine  Spannweite  von  36  in,
jedoch  ist  bis  heute  die  Frage  unentschieden  geblieben,  ob  der  Oberbau  aus  Holz  oder
Stein  bestand.  Nach  der  auf  der  Trajanssäule  befindlichen  Abbildung  scheint  der  Bau
ans  gewaltigen  hölzernen  Sprengwerken  errichtet  gewesen  zu  sein.  Die  Brücke  von
Alcantara  ist  als  eines  der  imposantesten  Werke  der  Römer  zu  bezeichnen.  Dieses
Werk  wurde  von  dem  Baumeister  Julius  Lacer  errichtet.  Die  Höhe  der  Brückenbahn ­
  über  der  Sohle  des  Tajo  beträgt  54  m.  Von  den  sonstigen  überaus  zahlreichen
Römerbrücken  seien  noch  genannt:  Die  Brücken  über  den  Teverone,  zu  Rimini,  zu
Salamanca,  zu  Albaregas,  in  Pergamum,  bei  Kiakhta.  Die  mächtigen  Überreste  dieses
letzteren  Werkes  üben  eine  besonders  imposante  Wirkung  aus.  Sie  liegen,  wie  zahlreiche
andere  bedeutende  Bauwerke  früherer  Zeiten  in  einer  Gegend,  die  tief  in  der  Kultur
gesunken  ist.

ggg.  Ultr  MirstrskrtirLckr  in  Erirador.

Die  Römer  bauten  mit  Vorliebe  steinerne  Brücken  und  benutzten  hierbei  vorzugsweise
den  Halbkreisbogen,  bei  welchem  der  Schub,  den  das  Gewölbe  auf  seine  Unterstützung,
die  sogenannten  Widerlager,  ausübt,  nicht  so  mächtig  ist  als  bei  dem  Segmentbogen
(Abb.  391  u.  392).  Es  kam  hinzu,  daß  die  Einwölbung  bei  der  ersten  Form  leichter  ausführbar ­
  ist.  Der  Halbkreisbogen  hatte  jedoch  den  Nachteil,  daß  die  Brückenfahrbahn  nicht
selten  sehr  hoch  über  dem  Wasser  lag  und  mühsam  auf  einer  steil  ansteigenden  Rampe
erstiegen  werden  mußte.  Der  Vorzug  steinerner  Brücken  beruht  auf  ihrer  Dauerhaftigkeit
und  den  verhältnismäßig  nur  niedrigen  Unterhaltungskosten,  welche  sie  erfordern.  Die
Hauptbezeichnungen  einer  steinernen  Brücke  sind  die  folgenden.  Den  Hauptteil  bezeichnet
nran  mit  Gewölbe.  Dasselbe  besteht  gleichsam  aus  einzelnen  Keilen,  die  sich  aneinander
t^gen  und  gegen  die  Widerlager  stützen.  Die  Widerlager  müssen  so  stark  hergestellt
werden,  daß  sie  dem  Schub,  welchen  das  Gewölbe  ausübt  und  der  mit  größerer  Belastung
stärker  wird,  zu  widerstehen  vermögen,  d.  h.  weder  umgekippt  noch  fortgeschoben  werden.
Die  Stelle,  an  welcher  das  Gewölbe  an  das  Widerlager  stößt,  nennt  man  den  Kämpfer.
Die  untere  Fläche  des  Gewölbes  heißt  Leibung.  Um  ein  Gewölbe  herstellen  zu  können,
tst  es  notwendig,  die  einzelnen  Bogensteiue  in  ihrer  Lage  zu  unterstützen.  Diese  Aufgabe
tost  das  Lehrgerüst.  Ist  der  Mörtel,  welcher  die  Steine  untereinander  verbindet,  erhärtet,
        <pb n="368" />
        390.  Römische  Krücke  dei  Alcantara.
        <pb n="369" />
        Brücken  des  Mittelalters.  383
so  wird  das  Lehrgerüst  entfernt.  Zu  diesem  Zwecke  wird  dieser  Theil  so  angeordnet,
daß  er  etwas  gesenkt  werden  kann,  wodurch  das  Gewölbe  sich  selbst  tragen  muß.  Die
Senkung  bewirkt  man  in  der  Weise,  daß  man  die  Ständer  des  Lehrgerüstes  in  Sandtöpfe ­
  stellt  und  den  Sand  bei  der  Senkung  herausfließen  läßt,  oder  in  der  neueren  Zeit
meistens  dadurch,  daß  man  Hebeschrauben  verwendet,  die  bei  dem  Ausrüsten  gleichmäßig
niedergedreht  werden
(Abb.  393).
Der  Unternehmungsgeist ­
  und  Wagemut ­
  der  Römer  schuf
Brücken  bis  37  na
Spannweite,  d.h.  Weite
der  Brückenöffnung.
Mit  dem  Niedergänge
des  römischen  Reiches
sah  Europa  während
vieler  Jahrhunderte
derartige  großartige
Bauten  nicht  mehr
entstehen.  Die  beiden
bedeutendsten  Schöpfungen ­
  auf  diesem  Gebiete ­
  brachten  in  der
Folgezeit  die  Goten  hervor, ­
  wenigstens  werden
die  Aquädukte  von  Spoleto
  und  Lissabon  diesem
Volke  zugeschrieben.
Diese  Bauten  dienten,
wie  zahlreiche  derartige  392 -  Krgmentgrwülbe.
Römerwerke  (genannt
seien  die  Aquädukte  bei
Rom,  Tarragona,  Merida,
  Segovia,  Lyon,
Aspendus,  Karthago,
Mitylene,  Antiochia,
Rietz  und  der  Pont  du
Gard),  derÜberführung
des  .  den  Städten  zugeleiteten ­
  Wassers  über
iiefe  Schluchten.
Während  in  der
ersten  Hälfte  des  Mittelalters
  die  Schöpfungen
der  Brückenbaukunst  in  39».  Lehrgerüst,
btelen  Teilen  Europas
vicht  nur  sehr  gering  an  Zahl  waren,  sondern  auch  deren  Wert  kein  hoher  war,  entstanden ­
  in  verschiedenen  Teilen  der  übrigen  Erde  in  diesem  Zeitraume  manche  bedeutenden
Werke  dieser  Art.  So  wurden  in  Kleinasien  durch  die  byzantinischen  Kaiser  eine  große
Zahl  Brücken  erbaut;  genannt  seien  die  Brücke  der  heiligen  Sophia  und  die  Brücke
über  den  Rhyndacus.  In  späterer  Zeit  schufen  hier  die  Türken  manchen  imposanten
Vrückenbau,  so  die  Brücke  über  den  Halys  bei  Köprü-Köi  (Abb.  394)  und  die  Brücke
doi  Angora.  Ersterer  Bau  hat  zehn,  letzterer  sieben  Bogenöffnungen.  Als  geschickte
Vrückenbauer  dieser  Zeit  müssen  besonders  die  Perser  und  Araber  genannt  werden.
        <pb n="370" />
        384  Brücken  und  Viadukte.

Aber  auch  in  dein  Lande  der  Mitte,  in  China,  ließ  das  weitverzweigte  Fluß-  und
Kanalnetz  zahlreiche  Brücken  entstehen.  Eines  der  chinesischen  Bauwerke  dieser  Gattung,
der  Viadukt  von  Chaohing,  verdient  wegen  der  schier  unglaublichen  Arbeitsaufwendung
ein  näheres  Eingehen.  Der  genannte  Viadukt  (unter  Viadukt  versteht  man  ein  Bauwerk,
das  aus  einer  größeren  Anzahl  Brückenöffnungen  besteht)  liegt  an  der  Bai  von  Hangtschou,
  d.  h.  jener  Stadt,  die  Marco  Polo  mit  dem  Namen  Quinsai  bezeichnete,  in  der
Provinz  Tschekiang.  Keine  der  im  Occident  erbauten  Straßen  kann  sich  nach  dem
Geographen  Reclus  mit  dem  von  den  Chinesen  vor  mehr  als  tausend  Jahren  erbauten
Werke  messen.  Der  Viadukt  von  Chaohing  hat  eine  Länge  von  nicht  weniger  als  144  km
und  setzt  sich  aus  etwa  40  000  Bogenöffnungen  zusammen,  die  einen  Weg  von  1%  m
Breite  tragen.  Zwischen  den  Städten  Ningpo  und  Juyao  ist  der  Berg  Taying  in  einer
Höhe  von  500  in  durch  enorme  Steinbrüche  durchschnitten,  die  als  Gewinnungsstellen  für
das  Brückenbaumaterial  gedient  haben.  Der  Bau  datiert  wahrscheinlich  aus  einer  Periode,

394.  Krücke  üdrr  den  Aalys.

in  welcher  die  ganze  Gegend  nichts  weiter  als  ein  großer  Sumpf  war.  Gegenwärtig  hat
der  Viadukt,  da  das  Land  trocken  gelegt  ist,  zwar  seine  Bedeutung  verloren,  aber  seine
solide  Herstellung  gestattet,  daß  er  nach  wie  vor  als  Weg  und  als  Leinpfad  für  den  daneben
liegenden  Kanal  benutzt  werden  kann.
Wie  sich  die  Mönche  im  Mittelalter  der  Baukunst,  besonders  dem  Baue  von  Kirchen
widmeten,  so  ließen  sich  einzelne  Mönchsorden  auch  die  Herstellung  von  Brücken  angelegen
sein.  In  dieser  Beziehung  ist  namentlich  der  Orden  der  Benediktiner  zu  nennen,  aus  dem
der  Gründer  der  sogenannten  Brückenbrüder  hervorging.  Der  Stifter  dieser  Bruderschaft, ­
  die  im  Jahre  1189  vom  Papste  Clemens  III.  bestätigt  wurde,  war  der  französische
Benediktinermönch  Bênezèt.
Die  Tradition  schildert  die  erste  Bethätigung  des  genannten  Mönches,  welcher  später
Bischof  wurde,  in  der  dem  Mittelalter  eigenen  naiven  Art  und  Weise  folgendermaßen:
„Benedictus  war  von  Beruf  Schäfer  und  wurde  eines  Tages  infolge  einer  Vision  zu
einem  Brückenbaue  über  die  Rhone  bei  Avignon  begeistert.  Im  Alter  von  zwölf  Jahren
ging  er  nach  der  Stadt  und  verkündete  dem  Volke  den  Zweck  feiner  Ankunft.  Dabei  unterstützte ­
  er  seine  Worte  durch  so  merkwürdige  Thatsachen,  daß  man  sofort  die  höhere  Hand
erkannte,  die  ihn  leitete,  und  ihn  so  kräftig  handeln  ließ,  daß  er,  seiner  Jugend  ungeachtet,
sein  Werk  mit  großem  Erfolge  beginnen  und  vollenden  konnte.  Um  die  Bewohner  von
        <pb n="371" />
        Bauten  der  Brückenbrüder.

385

»
Avignon  von  der  Wahrheit  seiner  Reden  zu  überzeugen,  trug  er  einen  Stein  von  13  Fuß
Länge  und  7  Fuß  Breite,  den  kaum  30  Menschen  bewegen  konnten,  in  Gegenwart  des  Volkes
vom  königlichen  Palaste  bis  zu  jener  Stelle  im  Strome,  an  welcher  er  damit  den  ersten
Brückenpfeiler  gründete.  Jeder  trug  fortan  mit  Freuden  zu  diesem  Baue  bei,  so  daß  er  in
einer  für  jene  Periode  kurzen  Spanne  Zeit  vollendet  wurde."
Die  Brückenbrüder  waren  ähnlich  wie  die  Ritterorden  organisiert  und  besaßen  ihren
Großmeister,  ihre  Ritter,  Mönche  und  dienenden  Brüder.  Als  Ordenskleid  trugen  sie  ein
weißes  Gewand  mit  zwei  roten  Brückenbogen  und  einem  Spitzhammer  auf  der  Brust.
Die  Mitglieder  leiteten  die  Arbeiten,  legten  selbst  mit  Hand  an  und  bestritten  die  Kosten
größtenteils  aus  eigenem  Einkommen  oder  durch  Almosen.  Erst  im  Jahre  1789  ging
der  Orden  ganz  ein,  nachdem  er  aber  bereits  lange  vorher  seiner  eigentlichen  Thätigkeit

39b.  Krücke  jh  Avignon.
entsagt  hatte.  Seine  Hauptwirksamkeit  übte  der  Orden  in  Südfrankreich  aus.  Als  die
drei  Hauptwerke  der  Brückenbrüder  gelten  die  Rhvnebrücken  zu  Avignon  (1178  fAbb.  395s),
Zu  Lyon  (1265)  und  die  Brücke  St.  Esprit  (1285).
Auch  in  England  verdankten  verschiedene  Brücken  ihre  Entstehung  dem  genannten
Mönchsorden,  so  die  berühmte  alte  Brücke  von  London.  Angeblich  wurde  bereits  von  den
Römern  eine  Brücke  bei  London  erbaut.  Spätere  Brücken,  die  hier  entstanden,  waren
öon  Holz  errichtet.  Verschiedene  Male  wurden  sie  hinweggeschwemmt,  einmal  brannte  eine
Brücke  auf,  und  so  beschloß  man  im  Jahre  1176  den  Bau  einer  steinernen  Brücke.  Der
Baumeister  dieser  Brücke,  deren  Bauzeit  33  Jahre  betrug,  war  der  Kaplan  Peter  von
2t.  Mary.  Den  Ban  betrachtete  man  als  eine  nationale  That,  und  zwei  Jahrhunderte
lang  wurde  von  den  umliegenden  Landschaften  eine  Abgabe  zur  Unterhaltung  der  Brücke
erhoben.  Der  Erbauer  starb  vor  der  Vollendung  seines  Werkes  und  wurde  in  der  Brückenlapelle
  beigesetzt.  Über  diese  Brücke  bewegte  sich  der  Verkehr  länger  als  600  Jahre.  Die
Brückenbahn  war  auf  beiden  Seiten  vollständig  mit  Häusern  besetzt,  zwischen  denen  sich
"n  schmaler,  dunkler  und  gefährlicher  Durchgang  befand.  An  den  beiden  Thorhäusern
an  den  Brückenenden  wurden  die  Köpfe  der  Verbrecher  und  Verräter  aufgehängt.  Die
Brückenpfeiler  waren  zum  Teil  so  dicht  nebeneinander  gebaut,  daß  sich  kaum  ein  Schiff
IX  49
        <pb n="372" />
        Brücken  und  Viadukte.

386

zwischen  ihnen  hindurch  bewegen  konnte,  das  Wasser  stürzte  mit  großer  Gewalt  durch  die
engen  Öffnungen,  so  daß  das  Durchfahren  der  Brücke  mit  Lebensgefahr  verbunden  war,
und  sich  das  Wortspiel  ausbilden  konnte:  „Die  Londoner  Brücke  sei  gebaut,  damit  Weise
darübergehen  und  Narren  untergehen."  —  Wie  bei  vielen  anderen  Brücken,  so  waren
auch  unter  der  alten  Londoner  Pumpwerke  eingebaut,  mit  welchen  das  für  die  Bewohner
bestimmte  Trinkwasser  gehoben  wurde.
Auch  bei  dem  Baue  einer  Anzahl  deutscher  Brücken  ist  die  Mitwirkung  der  Geistlichkeit ­
  nachweisbar,  indem  die  Brückenbaukosten  aus  den  gesammelten  Milch-  und  Butterpfennigen ­
  bestritten  wurden.  Denjenigen  nämlich,  welche  einen  Beitrag  von  i / 20  rheinischen
Gulden  jährlich  leisteten,  wurde  während  20  Jahre  der  Genuß  von  Milch-  und  Butterspeisen ­
  an  den  sogenannten  verbotenen  Tagen  gestattet.  Die  gezahlten  Beiträge  wurden
in  den  Kirchen  in  dem  Butterkasten  gesammelt,  und  aus  diesem  Brauche  erklärt  sich  die
Redensart,  daß  die  betreffenden  Brücken  aus  der  Butterbüchse  erbaut  seien.

396,  Krürkr  von  Martorrll.
Der  schwächste  Punkt  einer  großen  Anzahl  der  im  Mittelalter  erbauten  Brücken  war
ihre  Fundamentierung,  d.  h.  ihr  Unterbau.  Durch  die  vielen  und  außerordentlich
mächtigen  Brückenpfeiler  wurde  bei  den  meisten  Brücken  der  Durchfluß  des  Wassers
sehr  gehemmt  und  die  Hochwasserstände  bedeutend  erhöht.  Brückeneinstürze  waren  daher
in  dieser  Zeit  nichts  Außergewöhnliches.  So  stürzten  im  Jahre  1342  die  Brücken  bei
Prag  und  Würzburg,  1499  zwei  Brücken  in  Paris,  1602  drei  Bogen  der  von  dem
Gründer  der  Brückenbrüdergeuossenschaft  erbauten  Brücke  bei  Avignon  ein.
Gegen  das  Ende  des  Mittelalters  und  zwar  zuerst  im  12.  Jahrhundert  schuf  die
mitteleuropäische  Brückenbaukunst  wieder  bedeutendere  Werke.  Das  hervorragendste
Werk  ist  die  Addabrücke  bei  Trezzo  in  Italien,  mit  einer  Spannweite  von  72  m.  Dieser
Bau  erfolgte  in  den  Jahren  1370—77  auf  Veranlassung  des  Mailänder  Herzogs
Barnabo  Visconti.  Ein  anderes  bemerkenswertes  Brückenbauwerk,  das  vermutlich  dem
Mittelalter  seine  Entstehung  verdankt,  ist  die  sogenannte  Teufelsbrücke  über  den  Lobregat
bei  Martorell  in  Spanien  (Abb.  396).  Dieser  Bau  wurde  unter  Karl  III.  im  Jahre  1766
restauriert  und  mit  einer  Inschrift  versehen,  wonach  die  ursprüngliche  Brücke  von  Haunibal
        <pb n="373" />
        Mittelalterliche  deutsche  Brücken.  387

herrühren  soll,  eine  Anschauung,  die  durch  nichts  erwiesen  ist.  Erwähnung  verdienen  aus
dieser  Periode  ferner  die  Brücke  über  den  Allier  in  Frankreich,  die  Brioudebrücke  mit
einer  Spannweite  von  50  in  und  die  1354  erbaute  Burgbrücke  in  Verona  mit  44,4  in
Spannweite.
Von  den  in  Deutschland  in  dieser  Periode  erbauten  Brücken  sind  als  die  ältesten
und  als  die  vier  berühmtesten  zu  erwähnen  die  Brücken  bei  Regensburg,  Dresden,
Frankfurt  und  Prag.  Die  erstere  Brücke  wurde  1146,  die  Brücke  bei  Dresden  1260,
die  Frankfurter  Brücke  zwischen  1235  und  1276  und  die  Prager  Brücke  1358  erbaut.
Ob  die  Frankfurter  Brücke  schon  unter  Karl  dem  Großen  zum  erstenmal  errichtet  wurde,
ist  ungewiß.  Bestimmte  Nachrichten  gehen  nur  bis  auf  das  Jahr  1070  zurück.  Nach
dem  Jahre  1235  wurde  sie  in  Stein  ausgeführt.  Die  Wichtigkeit  dieses  Brückenüberganges
für  den  Weltverkehr  geht  daraus  hervor,  daß  die  Kaiser  diesem  Bauwerk  ihre  Unterstützung ­
  angedeihen  ließen,  und  daß  15  italienische  Bischöfe  um  das  Jahr  1300  allen
denen  Ablaß  erteilten,  welche  etwas  zur  Unterhaltung  der  Frankfurter  Brücke  beisteuerten.

897.  Alte  Brücke  ju  Frankfurt  a.  iH.

Infolge  ihrer  ungenügenden  Fundierung  hat  die  Brücke  vielfache  Unfälle  erlitten.  Auch
die  in  Abb.  8,  S.  25  (Ansicht  von  Rothenburg  ob  der  Tauber)  dargestellte  Brücke  ist  eines
der  ältesten  erhaltenen  deutschen  Brückenbauwerke.
Die  Zeit  der  Renaissance  meist  auch  auf  dem  Gebiete  des  Brückenbaues  bemerkenswerte ­
  Leistungen  auf.  In  den  Jahren  1587—91  entstand  die  Rialtobrücke
Zu  Venedig,  im  Jahre  1569  ivurde  von  Bartolomeo  Ammanati  die  Arnobrücke
in  Florenz  mit  einem  Mittelbogen  von  28  und  Seitenbogen  von  26  in  Spannweite,
vollendet.
Die  Sicherung  der  Brücken  durch  mächtige  Türme  und  starke  Befestigungsanlagen
wurde  namentlich  seit  der  Anwendung  des  Pulvers  zu  Kriegszwecken  und  Sprengungen
ullgemein,  da  die  Brücken  naturgemäß  besonders  wichtige  Objekte  der  Verteidigung  waren.
Zum  Zweck  der  Verteidigung  in  Kriegszeiten,  wie  auch  bei  herannahenden  Seuchen,
insbesondere  bei  Pestgefahr  wurden  viele  Brücken  „abgeworfen",  d.  h.  der  Brückenbelag
entfernt.  Lange  Zeit  hindurch  war  den  Brücken  die  Unverletzlichkeit  zugeeignet,  d.  h.  auf
ihnen  durften  keinerlei  Thätlichkeiten  begangen  werden.  Als  Zeichen  dieser  sogenannten
49*
        <pb n="374" />
        388

Brücken  und  Viadukte.

„Jnviolabilität"  war  an  passender  Stelle  der  Brücke  ein  Beil  eingehauen,  mit  welchem
Werkzeug  ein  Friedensbrecher  bestraft  wurde.  Die  Brücken  waren  auch  nicht  selten  der
Schauplatz  von  Hinrichtungen,  wie  auch  das  sogenannte  Säcken  von  den  Brücken  aus
geschah.  Hierbei  wurde  der  Verbrecher  oder  die  Berbrecherin  in  einen  Sack  gesteckt  und
in  das  Wasser  geworfen.
Als  außerordentlich  ersprießlich  für  die  Ausbildung  der  Brückenbankunst  erwies  sich
seit  dem  Beginne  des  17.  Jahrhunderts  die  Thätigkeit  der  Franzosen.  Insbesondere
war  es  der  Meister  Mansard  (der  Erfinder  der  nach  ihm  genannten  Dachkonstruktion
und  Fenster),  der  bedeutende  Brücken  schuf.  Im  Jahre  1720  wurde  das  Korps  der
Ingenieure  in  Frankreich  gegründet,  und  dieses  Ereignis  war  für  die  gesamte  Entwickelung ­
  der  Jngenieurtechnik  von  außerordentlicher  Bedeutung.  Durch  die  Thätigkeit  des
Ingenieurs  Perronet  wurden  die  Leistungen  der  Franzosen  in  dem  Ban  steinerner
Brücken  für  lange  Zeit  mustergültig.  Als  das  Meisterwerk  dieses  Ingenieurs  gilt  die
Seinebrücke  von  Neuilly,  welche  in  den  Jahren  1768—74
erbaut  wurde  und  fünf  Öffnungen  von  je  39  in  Spannweite ­
  besitzt.
Eine  nicht  wieder  erreichte  Ausbildung  erfuhr  in  der
zweiten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  auch  der  Bau  der  Holzbrücken. ­
  Die  verschiedenen  Formen  der  hölzernen  Brücken  sind
die  folgenden.  Ist  die  zu  überspannende  Öffnung  nicht  sehr
groß,  so  läßt  sich  in  vielen  Fällen  mit  einfachen  Holzbalken
auskommen,  die  in  entsprechender  Entfernung  voneinander
und  parallel  zu  einander  verlegt  und  mit  einem  Bohlenbelag

398  u.  399.  Krücke  über  den  Rhein  bei  Kchaffhmrsrn  (1755).  Nach  Bavier.

überdeckt  werden.  Genügen  einfache  Balken  nicht,  so  legt  man  wohl  zwei  oder  gar  drei
aufeinander  und  verbindet  dieselben  unter  sich  durch  eiserne  Bolzen  und  sogenannte  Tübbel,
d.  h.  stellt  verzahnte  Balken  her.  Genügt  auch  dieses  nicht,  so  verwendet  man  Fachwerkträger ­
  oder  sucht  die  Spannweite  durch  Streben  zu  verkleinern.  Die  erreichte  Entwickelung
in  dem  Bau  eiserner  Brücken  ist  die  Ursache,  daß  der  Holzbrückenbau,  wenigstens  soweit
hierbei  größere  Spannweiten  in  Betracht  kommen,  heute  nur  eine  untergeordnete  Rolle
spielt.  Besonderen  Ruf  haben  sich  die  Werke-des  Zimmermeisters  Johann  Ulrich  Grubenmann ­
  erworben.  Im  Jahre,  1757  vollendete  er  die  Rheinbrücke  bei  Schaffhausen
(Abb.  398  u.  399),  mit  zwei  Öffnungen  von  50  und  57  m  Weite.  Dieses  Werk  fiel
leider  im  Jahre  1799  den  Franzosen  zum  Opfer,  welche  die  Brücke  verbrannten.  Neben
Grubenmann  waren  eine  Reihe  weiterer  schweizerischer  Meister,  wie  Ritter  aus  Luzern,
sodann  Kink  in  Tirol,  Fuchs  und  Funk  in  Deutschland,  und  von  Ingenieuren:
Morand,  Delorme,  Gauthey  in  Frankreich  und  Wiebeking  in  Deutschland  für  die
Ausbildung  der  hölzernen  Brücken  thätig.  Die  von  Johann  Grubenmann  im  Jahre  1778
erbaute  Brücke  bei  Wettingen  über  die  Limmat  erreichte  die  ganz  außerordentlich  bedeutende ­
  Spannweite  von  119  in.
        <pb n="375" />
        Hölzerne  Brücken.  389
Während  die  französischen  Ingenieure  bei  der  Erbauung  der  hölzernen  Brücken  die
Hölzer  der  Brückenform  entsprechend  rund  ausschnitten,  ging  der  deutsche  Ingenieur
Wiebeking  statt  dessen  dazu  über,  die  Hölzer  rund  zu  biegen,  und  erzielte  hierdurch
sehr  gute  Erfolge.  Die  bedeutendsten,  nach  dem  Wiebekingschen  System  erbauten  Brücken
waren  die  Freisinger  Brücke  über  die  Isar  —  51,5  m,  die  Schärdinger  Brücke  über  den
Rottfluß  =  64,8  m,  die  Bamberger  Brücke  über  die  Regnitz  —  69,7  m  und  die  Neuburger ­
  Brücke  über  die  Donau  —  52,5  m.
Die  Verhältnisse  Amerikas,  der  große  Holzreichtum  und  der  den  amerikanischen  Bauausführungen ­
  anhaftende  provisorische  Charakter,  trugen  wesentlich  dazu  bei,  daß  der
Bau  der  hölzernen  Brücken  in  diesem  Lande  einen  großen  Aufschwung  nahm  und  sich

400.  Die  Portage  -Thnibrücke  vor  drill  Krandc  int  Ilchrr  1875.  (Erle-Eisenbahn.)
länger  als  in  Europa  erhielt.  Die  bereits  im  vorigen  Jahrhundert  erbaute  Delawarebogenbrücke ­
  besaß  Spannweiten  von  54  und  62  m.  Besonders  waren  die  Ingenieure
Long,  Howe  und  Down  für  den  hölzernen  Brückenbau  thätig,  und  die  von  denselben
ausgebildeten  Systeme  fanden  auch  in  Deutschland  Anwendung.  Die  bedeutendsten  Brücken
uach  dem  System  Howe  waren  die  Brücken  bei  Springfield  (55  m),  bei  Wittenberge  (56,5  m),
bei  Bandon  (60  m)  und  über  den  Msta  (61  m).  Die  letztere  Brücke,  welche  hölzerne
Turmpfeiler  von  21  in  Höhe  besaß,  brannte  im  Jahre  1869  teilweise  ab.
Bon  den  sonstigen  bedeutenden  Holzbrücken  seien  noch  erwähnt  die  Brücke  über  den
Schuylkill  bei  Philadelphia  (97,5  m),  die  Susquehannabrücke  bei  Columbia  (61  m),  die
drücke  der  New  Iork-Eriebahn  (76  m)  und  die  Brücke  über  den  Mississippi  bei  Dawenport
  (76  in).  —  Mit  besonderer  Vorliebe  sind  von  den  Amerikanern  statt  der  Dammschüttungen ­
  Holzgerüste  zur  Verwendung  gekommen,  sogenannte  „trostls  works“.  Die
U"  Jahre  1875  durch  Feuer  zerstörte  Portage-Thalbrücke  hatte  eine  Länge  von  260  m
and  war  71m  hoch  (Abb.  400).
        <pb n="376" />
        390

Brücken  und  Viadukte.

Eine  der  bedeutendsten  Anlagen  letzterer  Art  ist  die  Pecos-Thalbrücke  in  Texas  in
der  Süd-Pacific-Eisenbahn.  Die  Länge  dieser  Gerüstbrücke  beträgt  662  in,  die  Höhe
der  Fahrbahn  über  der  Thalsohle  besitzt  das  außerordentliche  Maß  von  96  m.
Wie  die  hölzernen  Brücken  in  Europa  mit  der  Entwickelung  des  Baues  eiserner
Brücken  durch  solche  ersetzt  wurden,  so  verschwinden  auch  in  Amerika  allmählich  die
hölzernen  trsstls  works  immer  mehr  und  mehr,  indem  auch  hier  die  Verdrängung  des
Holzes  durch  Eisen  eine  unaufhaltsame  ist.
Die  in  der  Einleitung  dieses  Buches  geschilderten  Umwälzungen  auf  industriellem
und  gewerblichem  Gebiete  gegen  Ende  des  l  8.  Jahrhunderts,  sowie  die  außerordentliche
Entwickelung  der  Eisenindustrie  in  jenem  Zeitabschnitte,  hatten  zur  Folge,  daß  das  Eisen
und  zwar  zunächst  in  der  Form  des  Gußeisens  als  Konstruktiousmaterial  in  den
Vordergrund  trat.  Die  Idee,  Eisen  zur  Herstellung  von  Brücken  zu  verwenden,  soll

401.  Gisendrncke  xu  Coalbrookdale.

alt  sein,  und  Mitteilungen  hierüber  sollen  sich  bereits  in  italienischen  Werken  des  16.  Jahrhunderts ­
  befinden.  Der  erste  praktische  Versuch  wurde  jedoch,  soviel  bis  jetzt  bekannt  ist,
in  Frankreich  gemacht,  woselbst  in  Lyon  eine  eiserne  Brücke  von  drei  Bogen  von  je
25  in  Spannweite  in  der  Entstehung  begriffen  war.  Dieses  Werk  kam  jedoch  nicht  zur
Vollendung.  England  blieb  es  infolge  dieses  Umstandes  vorbehalten,  das  Mutterland
des  eisernen  Brückenbaues  zu  werden.  In  dem  Jahre  1779  ging  die  erste  eiserne  Brücke
aus  den  Werkstätten  zu  Coalbrookdale  hervor  (Abb.  401).  Sie  war  das  Werk  der  Hüttenmeister ­
  Darly  und  Wilkinson.  Ihre  Spannweite  war  30,6  m.  Die  Brücke  ward
über  dem  Severn  in  der  Nähe  der  genannten  Eisenwerke  aufgestellt.  Die  zweite  eiserne
Brücke  wurde  1795  zu  Buildwas,  in  der  Nähe  von  Coalbrookdale,  gebaut.  Die  dritte
Brücke  entstand  zu  Wearmouth  bei  Sunderland  über  den  Fluß  Wear.  Abb.  402  zeigt  dieses
für  die  damalige  Zeit  sehr  kühne  Werk,  das  mit  seinem  Scheitel  fast  29  m  über  dem
Flusse  lag,  so  daß  die  Handelsschiffe  mit  vollen  Segeln  unter  der  Brücke  durchfahren
konnten.  Die  Bogenöffnung  hatte  das  große  Maß  von  fast  72  in.  Bei  dieser  Brücke
sind,  wie  bei  den  ersten  gußeisernen  Brücken  überhaupt,  die  Bogen,  in  ähnlicher  Weise
wie  die  Gewölbsteine  einer  steinernen  Brücke,  aus  Rahmen  von  Gußeisen  zusammengesetzt.
        <pb n="377" />
        Gußeiserne  Bogenbrücken.

391

402,  Kriirkr  jtt  Kundertmid.

403.  Gußeiserne  Kriiiiir  über  das  Ktrirganrr  Mager  bei  Laasan.
Noch  nicht  zwei  Jahrzehnte  später  hatte  auch  Deutschland  seine  erste  eiserne  Brücke,
welche  zugleich  als  die  erste  auf  dem  europäischen  Festlande  überhaupt  zur  Aufstellung
gekommen  ist.  Im  Jahre  1794  wurde  die  gußeiserne  Brücke  gegossen,  die  1796  über
dem  Striegauer  Wasser  bei  Laasan  in  Schlesien  Aufstellung  fand  (Abb.  403).  Hervorgegangen ­
  ist  dieses  denkwürdige,  noch  heute  bestehende  Brückenbauwerk  aus  dem  königlichen
Eisenhüttenwerk  Malapane.  Die  weitest  gespannte  gußeiserne  Brücke  überhaupt  ist  die
im  Jahre  1814  von  dem  Ingenieur  Rennte  erbaute  Southwarkbrücke  über  die  Themse
in  London  mit  73  in  Spannweite.
Infolge  einiger  eingetretener  Brückeneinstürze  kam  das  Gußeisen  als  Konstruktionsmaterial ­
  für  diesen  Zweck  in  Verruf.  Es  kam  hinzu,  daß  die  Erzeugung  von  Schmiedeeisen ­
  durch  den  Puddelprozeß  und  die  Bearbeitung  desselben  durch  das  von  Henry  Cort
erfundene  Walzverfahren  in  vollständig  andere  Bahnen  geleitet  wurde.  In  Anlehnung
"n  die  von  den  Naturvölkern  schon  seit  langen  Zeiten  zur  Anwendung  gekommene  Form
der  Hängebrücken,  deren  einfachste  Form  ein  über  den  Fluß  oder  die  Schlucht  gespanntes
Seil  mit  daran  hängendem  Befördernngskorb  bildet  (Abb.  388),  wurden  nunmehr  bedeutende
Spannweiten  mit  eisernen  Hängebrücken  überspannt.  In  den  Jahren  1818  bis  1826
        <pb n="378" />
        392

Brücken  und  Viadnkte.

erbaute  Telford  die  Brücke  über  die  Menaistraße  bei  Baugor,  mit  einer  Weite  von  176  m.
Die  Schweiz  hat  seit  1835  den  Ruhm,  die  weitestgespannte  Drahtbrücke  Europas  zu
besitzen.  Es  ist  dies  die  „Saanebrücke"  bei  Freiburg  mit  einer  Weite  von  265  m.  Zwei
weitere  sehr  bemerkenswerte  und  wegen  ihrer  Lage  berühmte  Brücken  dieser  Art  sind  die
Donaubrücke  bei  Budapest  (183  m;  Abb.  404)  und  die  Cliftonbrücke  über  den  Avon
bei  Bristol  mit  einer  Spannweite  von  214  m.
Den  Hängebrücken  war  ein  ähnliches  Schicksal  wie  den  gußeisernen  Brücken  beschieden,
auch  sie  verschwanden  zum  Teil  wieder,  vor  allem  aber  wurde  ihrer  Erbauung  bald  durch
das  Aufkommen  besserer  Konstruktionen  ein  Ende  gesetzt.  Den  Anstoß  hierzu  gab  das
Erfordernis  der  Erbauung  großer  Eisenbahnbrücken,  die  man  nicht  wagte  als  Hängebrücken ­
  herzustellen.  Mehrere  Hängebrücken,  so  die  Dordognebrücke,  die  Brücken  von
Broughton  und  Angers,  waren  durch  die  beim  schnellen  Fahren  auftretenden  starken  Er-404.

  Kettenbrücke;x  Kndapeft.

schütternngen,  sowie  infolge  ungenügender  Versteifungen  gegen  den  Winddruck  eingestürzt,
und  hierdurch  war  dieses  System  in  Mißkredit  gekommen.  Robert  Stephenson,  der
Sohn  George  Stephensons,  war  der  Erbauer  der  einst  mit  Recht  als  ein  überaus  kühnes
Bauwerk  berühmten  Brücke  über  die  Menaistraße,  der  sogenannten  Britanniabrücke.  Bei
dieser  Brücke  wurde  die  Tragkonstruktion  in  der  Form  eines  hohlen  Balkens  hergestellt,
wobei  als  Material  Schmiedeeisen  Verwendung  fand.  Gleichzeitig  mit  der  großen
Britanniabrücke  wurde  über  den  benachbarten  Conwayfluß  eine  Brücke  der  gleichen  Bauart
in  Angriff  genommen  und  im  Jahre  1848  vollendet.  Die  Spannweite  der  zwei  großen
-Öffnungen  der  Britanniabrücke  beträgt  je  143,  die  der  Conwaybrücke  121  m.  Die  Theorie
der  Balkenbrücken  ist  scheinbar  höchst  einfach.  Ein  Balken,  der  an  seinen  beiden  Enden
aufliegt,  wird,  wenn  er  belastet  wird,  hauptsächlich  in  seinen  unteren  und  oberen  Schichten
in  Anspruch  genommen.  Die  unteren  Schichten  müssen  einer  Auseinanderreißung,  die
oberen  einer  Zusammenschiebung  widerstehen,  während  der  Kern  des  Balkens  weniger
beteiligt  ist.  Man  kann  daher  diesen  mittleren  Teil  herausbohren,  ohne  daß  die  Festigkeit
wesentlich  verringert  wird,  erreicht  jedoch  hierdurch  den  großen  Vorteil,  daß  der  Balken
bedeutend  leichter  wird.  Der  aus  Eisenplatten  hergestellte  Balken,  wie  er  in  der  Britanniabrücke ­
  zur  Verwendung  kam,  hatte  den  großen  Nachteil,  daß  es  in  seinem  Inneren  dunkel
        <pb n="379" />
        Eiserne  Brücken.  393

war.  Der  Wunsch  nach  Licht  und  nach  einer  weiteren  Materialersparung  führte  dahin,  daß
man  die  massiven  Wände  durch  Gitterwände  ersetzte,  wodurch  die  Gitterbrücken  entstanden.
Deutschland  besitzt  zwei  bedeutende  derartige  Brücken,  die  Weichsetbrücke  bei  Dirschan
und  die  Rheinbrücke  bei  Köln.  Die  Weichselbrücke  wurde  am  12.  Oktober  1857  von  dem
ersten  Eisenbahnzug  passiert.  Ihr  Erbauer  war  der  Baurat  Lentze.  Die  Spannweite
der  fünf  Öffnungen  beträgt  je  131  in.
Die  Bauart  der  eisernen  Brücken  ward  bald  eine  sehr  inannigfaltige,  die  verschiedensten ­
  Systeme  kamen  zur  Ausführung.  Wie  man  früher  die  Hauptträger  der  Holzbrücken ­
  in  sehr  voneinander  abweichender  Weise,  als  Hange-  und  Sprengwerke  u.  s.  w.
konstruiert  hatte,  so  ging  man  nun  dazu  über  die  rationellsten  Formen  für  die  eisernen
Brücken  zu  ermitteln.  Die  Mechanik,  d.  h.  die  Lehre  von  dem  Gleichgewicht  der  Körper
mittelst  der  Kräfte,  hatte  in  der  Zwischenzeit  so  erhebliche  Fortschritte  gemacht,  daß  man

405.  Die  Eisenbahnbriilkr  bei  Mains.

Vermochte  die  in  den  einzelnen  Brückenteilen  bei  gegebener  Belastung  auftretenden  Spannungen ­
  zu  ermitteln.  Neben  den  Balkenbrücken  (Parallelträger)  entstanden  die  Trägerformen ­
  von  Pauli,  Schwedler  und  Lohse.  Die  Eisenbahnbrücke  bei  Mainz  (Abb.  405)
ist  nach  dem  System  von  Pauli  erbaut,  Abb.  429  gibt  das  System  Lohse  wieder.
Die  Zahl  der  bedeutendsten  Brückenbauwerke  hat  seit  der  Mitte  unseres  Jahrhunderts,
in  erster  Linie  durch  die  ausgedehnten  Eisenbahnbauten  veranlaßt,  so  außerordentlich
zugenommen,  daß  es  an  dieser  Stelle  nicht  möglich  ist,  auch  nur  die  hervorrageudsten
Schöpfungen  auf  diesem  Gebiete  zu  erwähnen  und  im  Bilde  vorzuführen.  Während  in
Europa  die  Hängebrücken  durch  die  Balkenbrücken  fast  vollständig  verdrängt  wurden,
blieben  sie  in  Amerika  noch  in  Ehren  und  wurden  auch  dem  Eisenbahnverkehr  dienstbar
gemacht.  Zwei  Deutsch-Amerikaner  waren  es,  Rübling  Vater  und  Sohn,  die  einige  der
bedeutendsten  Brückenbauten  der  Welt  in  jenem  Lande  erbauten.  In  den  Jahren
1 851  bis  1855  entstand  die  Niagarabrücke,  die  erste  Hängebrücke,  über  welche  die  Züge
einer  Haupteisenbahn  rollten.  Diese  Brücke  besaß  bereits  die  ansehnliche  Spannweite
von  250  na.  Dieses  Bauwerk  ist  heute  schon  wieder  verschwunden  und  durch  eine  eiserne
Bogenbrücke  ersetzt  worden.  Die  ebenfalls  von  Rübling  erbaute  Brücke  über  den  Ohio
bei  Cincinnati  erreichte  eine  Spannweite  von  322  in.

IX  50
        <pb n="380" />
        394

Brücken  und  Viadukte.

Rübling  war  es  beschieden,  ein  weiteres  Projekt  für  ein  wichtiges  Brückenbauwerk
auszuarbeiten  und  zwar  das  der  berühmten  East-River-Brücke  zwischen  New  Aork  und
Brooklyn,  einst  das  größte  und  bewundertste  Brückenbauwerk  der  Erde.  Die  Vollendung
dieses  Triumphes  der  modernen  Jngenieurtechnik  erlebte  Johann  Augnst  Rübling  jedoch  leider
nicht.  Er  starb  am  22.  Juli  1869  an  einer  infolge  einer  Fußzerqnetschung  beim  Bau  eingetretenen ­
  Mundsperre;  der  Sohn  des  großen  Ingenieurs  vollendete  das  Werk.  Bei  dieser
Brücke  ward  das  Gittersystem  mit  dem  Kettenbrückensystem  vereinigt.  An  jeder  Brückenseite
wurden  zwei  statt  wie  bisher  üblich  eine  Kette  aufgehängt.  An  einer  ist  das  Obergebälk,  an  der
anderen  das  Untergebälk  der  Fahrbahn  befestigt,  und  zwar  sind  die  Aufhängungsteile  nicht
lotrecht,  sondern  schräg  angeordnet,  wodurch  das  seitliche  Schwanken  bedeutend  ermäßigt  ist.

406.  Mir  Gisenbahnkrücke  über  den  Iohnsflrrh  bei  Kt.  John  iur  Kan.

Die  außerordentliche  Vergrößerung  der  Spannweite,  welche  im  Laufe  der  Entwickelung ­
  die  Hängebrücken  zeigen,  haben  die  aus  den  Kastenträgern  hervorgegangenen
Balkenbrücken  ebenfalls  aufzuweisen.  Diese  Brücken  haben  namentlich  in  der  Form  der
Auslegerbrücken  eine  ganz  außerordentliche  Verbreitung  gefunden.  Bei  diesen  neuesten
Brücken  kommt  wiederum  das  bereits  bei  den  ältesten  steinernen  Brücken  zur  Anwendung
gekommene  System  der  Auskragung  zu  Ehren.  Der  Unterschied  in  dem  benutzten  Material,
daneben  allerdings  auch  die  weitgehende  wissenschaftliche  Ausbildung,  die  der  Brückenbau
gefunden  hat,  ermöglichten  die  große  Differenz  in  den  Spannweiten  der  modernen
eisernen  „Auslegerbrücken"  (Cantileverbrücken)  gegen  ihre  Vorgänger.  Abb.406  zeigt
eine  solche  in  dem  Jahre  1884  vollendete  Brücke  über  den  Johnsfluß  bei  St.  John,
welche  als  die  älteste  moderne  Cantileverbrücke  zu  bezeichnen  ist.  Die  Mittelöffnung,
deren  Bau  die  Abbildung  zeigt,  hat  eine  Spannweite  von  143  in.  Die  weitestgespannte,
nach  diesem  Systeme  erbaute  Brücke,  die  Firth  of  Forth-Brücke  bei  Queensferry  in
Schottland  in  der  Nähe  von  Edinburg,  besitzt  eine  Weite  von  521  m.  Dieses  in  den
Jahren  1883—1890  geschaffene  Riesenwerk  der  modernen  Jngenieurtechnik  verdient  eine
nähere  Beschreibung  und  gibt  das  anschaulichste  Bild  von  der  Art,  wie  derartige  Brücken
montiert,  d.  h.  aufgestellt  werden.
        <pb n="381" />
        395

Firth  of  Forth-Brücke.
Um  das  durch  den  Firth  of  Forth  von  altersher  gebildete  Verkehrshindernis  zu
beseitigen,  wurde  das  mächtige  neue  Brückenbauwerk,  das  mit  Recht  unter  die  Weltwunder
gezählt  werden  könnte,  erbaut.
Der  Einsturz  der  Taybrücke,  die  durch  einen  der  überaus  heftigen  Stürme  an  der
schottischen  Küste  zu  Falle  kam,  bewirkte,  daß  ein  bereits  in  der  Ausführung  begriffenes
Brückenprojekt  wieder  aufgegeben  und  ein  von  den  Ingenieuren  John  Fowler  und
Benjamin  Baker  ausgearbeiteter  Entwurf  dem  Baue  zu  Grunde  gelegt  wurde.  Abb.  407
gibt  ein  anschauliches  Bild  von  dem  bei  diesem  modernen  Riesenbau  angewandten  Konstruktivnsprinzip.
  Die  beiden  sitzenden  Personen  stellen  die  Pfeiler  dar,  von  welchen  nach
beiden  Seiten  durch  die  Arme  und  je  einen  stärkeren  Stock  dreieckige  Auskragungen  gebildet ­
  werden.  Die  zwischen  den  beiden  Pfeilern  resp.  Männern  vorhandenen  Auskragungspunkte ­
  können  zur  Ausführung  einer  Mittelkonstruktion  benutzt  werden,  die  in  der  Ab-407,

  Lebendes  Modell  der  Foethbrüriic.  Nach  Engineering,
Bildung  durch  einen  U-förmigen  Konstruktionsteil  veranschaulicht  ist,  welcher  der  dritten
Person  als  Sitz  dient.  Um  jedoch  das  ganze  System  bei  einer  solchen  Belastung  im
^Eichgewichte  halten  zu  können,  wird  es  erforderlich,  die  frei  auskragenden  Punkte  an
den  beiden  äußeren  Seiten  entsprechend  zu  belasten,  was  durch  die  senkrecht  aufgehängten
Mauersteine  geschieht.  Wie  man  leicht  einsieht,  tritt  in  den  Armen  der  beiden  außen
atzenden  Männer  Zug  ein,  während  die  nach  unten  gerichteten  Eisenteile  gedrückt  werden
h.  Druck  erhalten).  Während  ein  gezogener  Teil  nur  so  stark  gemacht  zu  werden
taucht,  daß  er  mit  Sicherheit  der  auftretenden  Kraft  zu  widerstehen  vermag,  d.  h.  nicht
Griffen  wird,  muß  ein  Brückenteil,  der  Druck  erhält,  so  stark  sein,  daß  er  hierdurch  nicht
Zusammengedrückt  wird,  d.  h.  er  muß  genügende  Steifigkeit  besitzen.  Das  Doppelblatt
deutlich  erkennen,  welche  Teile  der  Brücke  Zug,  welche  Druck  erhalten.  Die  letzteren
^sile  zeigen  ausnahmslos  einen  röhrenförmigen  Querschnitt.  Die  Spannweiten  der
Heiden  Mittelöffuungen  der  Forthbrücke  betragen  521  in,  die  Länge  der  gesamten  aus
Öffnungen  bestehenden  Brücke  ist  2468  in.  Die  Fahrbahn  ist  so  hoch  angeordnet
worden,  daß  die  Seeschiffe  mit  ihren  Masten  ungehindert  passieren  können,  die  Höhe
beträgt  51  in.  Die  Türme  haben  eine  Höhe  von  100  m  über  den  Stützpunkten,  -vie
Pfeiler  mußten  zum  Teil  im  tiefen  Wasser  fundiert  werden,  was  mit  Hilfe  sogenannter
        <pb n="382" />
        398

Brücken  und  Viadukte.

Caissons  geschah.  Man  versteht  hierunter  eiserne  cylinderförmige  Behälter,  deren
Boden  offen  ist,  während  sich  in  der  Decke  eine  Luftschleuse  befindet.  Der  Caisson  wird
durch  das  Wasser  auf  die  Sohle  hinabgelassen  und  alsdann  Luft  in  ihn  gepreßt,  wodurch
das  in  ihm  befindliche  Wasser  herausgedrückt  wird  und  die  Arbeiter  in  seinem  Inneren
die  Erde  oder  den  Fels  an  der  Sohle  beseitigen  können.  Damit  die  eingepreßte  Luft
nicht  entweichen  kann,  ist  die  bereits  erwähnte  Luftschleuse  eingebaut,  durch  welche  sich
die  Arbeiter  ein-  und  ausschleusen  und  auch  das  gewonnene  Ausbruchmaterial  geschafft
wird.  Die  Eisenteile  wurden  unmittelbar  in  den  ausgedehnten,  an  der  Brückenbaustelle
errichteten  Werkstätten  bearbeitet.  Die  Hauptschwierigkeit  bot  die  Herrichtung  der  Stahlplatten ­
  zu  den  Rohrgliedern,  aus  welchen  die  Hauptbrückenteile  bestehen.  Zu  diesem

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411.  TrilairabriirKr  (Krwrrglmlin).

Zwecke  mußten  zunächst  die  mächtigen  Platten  in  Gasöfen  bis  Rotglut  erhitzt  werden,
worauf  sie  mit  Pressen,  die  einen  Gesamtdruck  bis  zu  800  000  kg  auszuüben  vermochten,
gekrümmt  wurden.  Der  Aufbau  der  Brücke  geschah  in  der  Weise,  daß  zunächst  die  Pfeiler
der  Brücke,  von  welchen  einer  auf  der  kleinen  Insel  Jnch-Garvie  zu  stehen  kam,  erbaut
wurden,  wie  dieses  Abb.  408  zeigt.  Bon  diesem  Pfeiler  aus  begann  man  alsdann  nach
beiden  Seiten  die  unteren  Teile  der  Hauptträger  vorzubauen,  die  durch  die  von  oben  nach
unten  schräg  lausenden  Teile  (Diagonalen)  gehalten  wurden.  Der  obere  ausgebaute
Trägerteil  fand  durch  die  schräg  nach  dem  Fußpunkt  der  Pfeiler  zulaufenden  Stützen  seinen
Halt.  Auf  diese  Weise  ist  der  210  in  auskragende  Teil  erbaut  worden,  gewiß  ein  kühnes
und  geniales  Verfahren.  Unsere  Tafel  gibt  ein  anschauliches  Bild  dieses  gewaltigen
Baues  während  der  Ausführung,  ebenso  läßt  die  Abb.  409  die  kolossalen  Abmessungen
dieses  Werkes  klar  in  die  Erscheinung  treten.  Der  mittlere  Brückenteil  (106  m)  wurde
nach  Fertigstellung  der  auskragenden  Brückenenden  eingebaut.  Wie  Abb.  408  zeigt,  wurden
um  die  einzelnen  Konstruktionsglieder  Nietkäfige  angebracht,  die  dem  fortschreitenden
Arbeitsgange  entsprechend  höher  resp.  vorgeschoben  wurden.  In  diesen  Schutz-  und
        <pb n="383" />
        Schmiedeeiserne  Brücken.  399

Arbeitskästen  befanden  sich  die  Arbeiter  während  der  häufig  in  schwindelnder  Höhe  zu
verrichtenden  Arbeit.
Auf  dem  europäischen  Festlande  sind  die  bedeutendsten  Anslegerbrückcn  die  Donaubrücke ­
  bei  Cernavoda  in  Rumänien,  konstruiert  von  Saligny  mit  einer  Hauptöffnung  von
190  irr  und  Seitenöffnungen  von  140  in  Weite  und  die  Franz-Josephs-Brücke  über  die
Donau  bei  Budapest  mit  einer  Mittelöffnung  von  175  m.  Von  den  amerikanischen  Auslegerbrücken ­
  sind  zu  nennen  die  Niagara-Brücke  der  Michigan-Zentralbahn  mit  einer
Spannweite  von  141  m  (Abb.  410),  die  Brücke  über  den  Hudson  bei  Poughkeepsie  mit
einer  Spannweite  von  159  in,  die  Ausleger-Eisenbahnbrücke  über  den  Colorado-Fluß
zwischen  Arizona  und  Kalifornien  mit  einer  Spannweite  von  201  rrr.  Der  Hanptvorteil
  der  Auslegerbrücken  besteht  in  der  Möglichkeit,  die  Brücken  von  den  Pfeilern  aus
vorzubauen,  ohne  daß  man  hierbei  der  festen  Gerüste  bedarf,  ein  Vorteil,  der  in  tiefem
oder  sehr  bewegtem  Wasser  sowie  bei  großer  Höhe  der  Brücke  von  ganz  außerordentlicher
Bedeutung  ist.  Einige  andere  bedeutende,  jedoch  nicht  als  Auslegerbrücken  sondern  als

412.  Krücke  über  den  Umdelelfviii  (Schweden).

einfache  Balkenbrücken  konstruierte  Brückenbauten  der  Neuzeit  mögen  hier  ebenfalls
angeführt  werden,  so  die  neue  Weichselbrücke  bei  Dirschau,  Spannweite  der  einzelnen
Öffnungen  129  na,  erbaut  1889—1892;  die  Weichselbrücke  bei  Fordon,  Spannweite
100  in,  erbaut  1891  —  1893;  die  Trisanabrücke  der  Arlbergbahn  (Abb.  411),  Spannweite ­
  120  in,  erbaut  1882  —1884.
Die  Abb.412  zeigt  eine  eiserne  Viaduktbrücke.  Die  Brücke  über  den  Vindelelfven  gehört
der  nördlichst  gelegenen  Eisenbahn  der  Welt  an,  sie  liegt  innerhalb  des  nördlichen  Polarkreises. ­
  Die  Eisenbahnlinie,  zu  welcher  sie  gehört,  dient  hauptsächlich  dem  Erztransport  und
verbindet  Schweden  mit  Finnland.  Die  Schwierigkeit  der  Herstellung  von  Mauerbauten  bei
dem  herrschenden  Frost  hat  dazu  geführt,  in  möglichst  weitgehendem  Maße  Eisen  zu  verwenden.
Zu  den  schönsten  Brückenbauten  gehören  unstreitig  die  eisernen  Bogenbrücken.
Es  ist  oben  angegeben,  aus  welchem  Grunde  man  den  Bau  gußeiserner  Bogenbrücken ­
  aufgegeben  hat.  Seitdem  man  in  dem  Schmiedeeisen  und  in  der  neueren  Zeit
in  dem  Flußeisen  ein  zuverlässiges  Material  erhalten  hat,  wendet  man  dieser  Brückenform ­
  wieder  besondere  Beachtung  zu.  In  der  Mitte  der  50  er  Jahre  des  19.  Jahrhunderts
wurden  die  ersten  bedeutenden  Brücken  dieser  Art  hergestellt  und  zwar  die  Arcolebrücke
in  Paris  und  die  Aarebrücke  bei  Olten.  In  Deutschland  entstand  1861—1864  mit  der
        <pb n="384" />
        400

Brücken  und  Viadukte.

413.  Kirlchfridbrückr  dri  Kern.

414.  Air  Kheinbrücke  bei  Aon».

von  Hartwich  erbauten  Rheinbrücke  bei  Koblenz  eine  der  schönsten  deutschen  Brücken.
Nachstehend  werden  in  der  Reihenfolge  ihrer  Entstehung  die  bedeutendsten  Brücken  dieser
Art  aufgeführt:  Die  Mississippibrücke  bei  St.  Louis,  die  Washingtonbrücke  über  den  Harlemfluß
  in  New  Jork,  die  Schwarzwasserbrücke  in  der  Straße  von  Bern  nach  Schwarzenberg, ­
  Spannweite  114  in,  die  Garabiithalbrücke  bei  St.  Flonr,  Spannweite  165  m,
die  Brücke  Luiz  I  über  den  Douro  bei  Porto,  Spannweite  172  in,  die  Addathalbrücke
bei  Paderno,  Spannweite  150  m,  die  Hochbrücke  bei  Grnnenthal  über  den  Kaiser
Wilhelm-Kanal,  Spannweite  156,5  m,  die  Hochbrücke  bei  Levensau  über  denselben  Kanal,
Spannweite  163,5  m,  die  Brücke  bei  Müngsten  auf  der  Bahnlinie  von  Solingen  nach
Remscheid,  Spannweite  170  in  (Höhe  über  der  Thalsohle  107  in),  die  Kirschfeldbrücke
bei  Bern.  (Abb.  413.)
Deutschland  besaß  durch  die  Müngstener  Brücke  nur  für  kurze  Zeit  den  Ruhm,  die
weitestgespannte  Bogenbrücke  sein  eigen  nennen  zu  können.  Die  neuen  Brücken  zu  Bonn
        <pb n="385" />
        Dulage  des  großen  Vogens  der  Kaiser  Wilhelm-Vrücke  bei  Müngsten
ln  der  Merkstätte  der  Älaschinenbau-Mkt.-Ges.  Nürnberg  ?u  Gustgvsburg.

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        <pb n="386" />
        Herstellung  der  Brücken.
(Abb.  414)  und  Düsseldorf  besitzen  zwar  eine  noch
größere  Weite  wie  die  Müngstener  Brücke  und
zwar  180  resp.  187  m,  aber  sie  werden  bei  weitem
übertroffen  werden  durch  die  Thalbrücke  über  den
Viaurfluß  auf  der  Eisenbahnlinie  Carmaux-Rodez
mit  230nr.  Die  neue  Niagara-Bogenbrücke  erhält
sogar  eine  Weite  von  260  in.
Ein  Irrtum  wäre  es,  zu  glauben,  daß  die
erreichten  glänzenden  Leistungen  das  Schlußglied
in  der  Entwickelung  bildeten.  Immer  kühnere
Projekte  tauchen  auf  und  werden  auch  thatsächlich
ihrer  Verwirklichung  entgegengeführt.  Das  jüngste
Wunder  im  Brückenbau  ist  die  neue  East  River
Bridge  (Abb.  415)  zwischen  New  Uork  und
Brooklyn.  Der  Erbauer  dieses  Riesenbaues  ist  der
Ingenieur  Buck.  Die  Länge  der  Brücke  beträgt
2160  ui,  die  Spannweite  der  Hauptbrückenöffnung
1000  m.  Diese  Zahl  läßt  am  besten  erkennen,
welchen  gewaltigen  Werdeprozeß  die  Brückenbaukunst ­
  durchgemacht  hat,  von  jener  Überspannung
von  nur  wenigen  Metern  Lichtweite  bis  zu  dem
gewaltigen  Maße  von  1000  in.  Durch  die  zunehmende ­
  Weite  der  Brücken  sind  jedoch  nicht  nur
die  praktischen  Schwierigkeiten  der  Herstellung  gewachsen, ­
  sondern  die  aufzuwendende  Arbeit  bei  ihrem
Entwerfen  hat  sich  auch  zu  einer  immer  mühevolleren
und  zeitraubenderen  gestaltet.
Man  hat  bei  der  Konstruktion  einer  Brücke
darauf  zu  achten,  daß  sie  stark  genug  ist,  um  der
Inanspruchnahme  durch  das  Eigengewicht,  durch
die  sogenannte  Berkehrslast,  durch  Wind  und
Wetter,  durch  die  Schwingungen  und  Stöße  und
endlich  durch  die  Temperaturveränderungen  zu
widerstehen.  Die  Stärke  der  einzelnen  Teile  der
Brücke  wird  man  je  nachdem,  welches  System  zur
Anwendung  kommt  und  welches  Material,  Holz,
Stein  oder  Eisen,  verwandt  wird,  verschieden  stark
zu  wählen  haben.  Auf  die  Art  und  Weise,  wie  im
einzelnen  Falle  die  Abmessungen  der  einzelnen
Brückenglieder  rechnerisch  zu  bestimmen  sind,  kann
hier  nicht  näher  eingegangen  werden,  da  diese  Bestimmung ­
  weitgehende  Kenntnisse  der  Mechanik
voraussetzt.  Abb.  416  zeigt  eine  Brücke,  welche  bei
der  Proöebelastung  sich  als  zu  schlvach  erwiesen  hat
und  zusammengestürzt  ist.
In  den  Brückenbauanstalten  werden  die  für
eine  eiserne  Brücke  erforderlichen  Teile,  wie  Winkeleisen, ­
  Flacheisen  u.s.w.,  nach  den  genau  angefertigten
Zeichnungen  zusammengefügt,  und  zwar  in  einer
solchen  Größe,  daß  die  einzelnen  Stücke  noch  mit  der
Eisenbahn,  mittels  eines  Schiffes  oder  mittels  Fuhrwerk, ­
  je  nach  der  Belegenheit  der  Brückenbaustelle,
au  diese  geschafft  werden  können.  Bei  der  Anfertigung ­
  dieser  einzelnen  Stücke  ist  sorgfältig

401

IX  51
        <pb n="387" />
        402

Brücken  und  Viadukte.

darauf  zu  achten,  daß  dieselben  genau  aneinander  passen  und  zusammen  der  ganzen
Brückensorm,  die  sehr  mannigfaltig  sein  kann,  entsprechen.  Die  Brückenform  wird  in
natürlicher  Größe  direkt  auf  eine  aus  Eisenplatten  gebildete  große  Zeichenebene,  den
sogenannten  Schnürboden,  aufgezeichnet  (s.  Tafel).  Die  Eisenplatten  werden,  um
die  aufgezeichneten  Linien  deutlicher  hervortreten  zu  lassen,  mit  Kalkmilch  bestrichen.
Bei  dem  Vorzeichnen  bedient  man  sich  einer  größeren  Anzahl  Meßgeräte,  wie  Winkelmaße, ­
  Richtscheite,  Zirkel,  Taster  u.  dergl.  Mittels  des  Körners  werden  die  einzelnen
Punkte  auf  den  Eisenplatten  markiert,  mit  der  Reißnadel,  die  aus  einem  scharfgespitzten ­
  Stahlstück  besteht,  werden  die  Linien  gezogen.  Auf  die  zahlreichen  Werkzeuge ­
  und  Maschinen,  welche  bei  der  Bearbeitung  der  einzelnen  Eisenstücke  Verwendung ­
  finden,  kann  hier  nicht  eingegangen  werden.  Eine  Hauptarbeit  bei  der  Herstellung ­
  jeder  schmiedeeisernen  Konstruktion  pflegt  das  Nieten  zu  sein.  Durch  Niete,

416.  Kci  der  Probibelastmig  rusammenscürochene  Brücke.

in  selteneren  Fällen  Schrauben,  werden  die  einzelnen  Eisenstücke  miteinander  verbunden.
Neben  der  Handnieterei  wird  in  neuerer  Zeit  in  immer  ausgedehnterem  Maße  von
der  Maschinennieterei  Anwendung  gemacht.  Als  Kraft  wird  hierbei  mit  Vorliebe
Wasserdruck  benutzt.
Die  einzelnen  Teile  einer  Brücke  werden  mit  genauen  Bezeichnungen  versehen,  so
daß  man  an  der  Baustelle  die  zusammengehörenden  Teile  leicht  erkennen  kann.  Die
Aufstellung  an  Ort  und  Stelle,  die  Montierung,  wie  der  technische  Ausdruck  lautet,
erfolgt  im  allgemeinen  auf  dem  Montagegerüst.  Je  nach  der  Konstruktionsgröße  und  der
Belegenheit  der  Brücke  ist  die  Montierungsweise  eine  sehr  verschiedene.  Diese  Arbeit  erfordert ­
  nicht  selten  einen  großen  Aufwand  von  Scharfsinn  und  die  Bewältigung  mancher
Schwierigkeit.  Infolge  der  überaus  zahlreichen,  zur  Aufstellung  gekommenen  Brücken,
von  zum  Teil  sehr  bedeutenden  Abmessungen,  hat  die  Montierung  eine  hohe  Ausbildung
erlangt.  Abb.  417  zeigt  die  zur  Anwendung  gekommenen  Gerüste  oder  die  Art  der
Montierung  der  von  der  Guten  Hoffnungshütte  (Prof.  Krohn)  erbauten  Bogenbrücke
über  den  Kaiser  Wilhelm-Kanal  bei  Levensau.  Die  Glanzleistung  auf  diesem  Gebiete
bildet  bis  jetzt  noch  immer  die  Herstellung  der  Firth  of  Forth-Brücke,  über  welche  im
Vorangegangenen  bereits  nähere  Mitteilungen  gegeben  sind.
        <pb n="388" />
        417.  Ulontagrgerüst  der  Hochdrücke  dei  Kcvensou.
        <pb n="389" />
        404

Brücken  und  Viadukte.

416.  Die  EöttzschjhatbrürKr.
Erbaut  1846—si  von  Oberiiigenieur  Wille  und  Ingenieur  Dost.

41g.  Die  Pruthbrücke  bei  Jarrnierzr.
Das  Eisen  hat  zwar  das  Steinmaterial  bedeutend  in  den  Hintergrund  gedrängt,
jedoch  nicht  vermocht,  es  vollständig  aus  dem  Brückenbau  verschwinden  zu  lassen.  Die  Erkenntnis ­
  der  außerordentlichen  Dauerhaftigkeit  der  steinernen  Brücken  bricht  sich,  nachdem ­
  diese  fast  zu  verschwinden  drohten,  wieder  kräftig  Bahn.  Dem  Zuge  der  Zeit  folgend,
ist  man  auch  hierbei  bemüht,  die  Spannweite  ständig  zu  vergrößern.  Ehe  auf  die  Leistungen
        <pb n="390" />
        Stein-  und  Betonbrücken.

405

der  neuesten  Zeit  auf  diesem  Gebiete  eingegangen  wird,  möge  einiger  hervorragender
steinerner  Brückenbauten  der  früheren  Jahrzehnte  gedacht  werden.  Zu  den  bedeutendsten
deutschen  Schöpfungen  dieser  Art  gehört  noch  immer  der  in  den  Jahren  1846—1851
mit  einem  Kostenaufwande  von  6  600  000  Mark  von  dem  Oberingenieur  Wilke  und
dem  Ingenieur  Dost  erbaute  Göltzschthalviadukt  (Abb.  418).  Die  Oberkante  der  auf
diesem  Brückenbauwerke  überführten  Eisenbahn  liegt  78,25  m  über  dem  Bache.  Die
Gesamtlänge  beträgt  579,so  in.  Zu  diesem  Riesenbaue  wurden  265  609  cbm  Elbsandstein
und  Quader,  86  652  cdm  Bruchstein  und  20  Millionen  Ziegel  verwandt.  1500  Arbeiter
waren  thätig,  um  das  Werk  innerhalb  fünf  Jahren  zu  vollenden.  Dieses  großartige  Bauwerk ­
  liegt  zwischen  Reichenbach  und  Plauen  auf  der  sächsisch-bayerischen  Staatseisenbahn.
Auf  derselben  Strecke  liegt  der  Viadukt  des  Elsterthales  mit  einer  größten  Höhe  von

420.  Die  pmmirbrücke  bei  Inzizkofen.

fast  70  IN  und  einer  Länge  von  261  IN.  Während  der  erstere  Viadukt  vier  Bogenreihen ­
  übereinander  besitzt,  weist  der  letztere  zwei  Etagen  mit  Bogenöffnungen  bis  zu
301/2  m  auf.
Neuerdings  hat  man  verschiedentlich  Brücken  größerer  Spannweite  in  ähnlicher
Weise  wie  eiserne  Bogenbrücken  hergestellt,  d.  h.  man  ordnet  im  Scheitel,  also  im
höchsten  Punkte  des  Gewölbes  und  an  den  beiden  Kämpfern  gelenkartige  Einlagen  oder
aber  auch  vollständige  Gelenke  an.  Der  Zweck  dieser  Konstruktionsteile  ist,  das  Entstehen ­
  von  Rissen  in  dem  Brückengewölbe  bei  dem  Ausrüsten,  d.  h.  dem  Senken  des
Lehrgerüstes,  zu  verhüten.  Als  hervorragendste  moderne  Brückenbauwerke  dieser  Art
find  zu  nennen:  Die  Lavaurbrücke  mit  einer  Spannweite  von  61,5  m,  die  steinerne
Eisenbahnbrücke  über  den  Pruth  bei  Jaremecze  in  Galizien  mit  einer  Spannweite  von
65  ui  (Abb.  419.)
Neben  Stein  findet  Stampfbeton  zu  Brückenbauten  in  neuerer  Zeit  ebenfalls ­
  eine  ausgedehnte  Verwendung,  und  die  mit  diesem  Materiale  erreichten  Spannweiten ­
  müssen  als  sehr  respektable  bezeichnet  werden.  Die  von  dem  verstorbenen
Präsidenten  von  Leibrand  in  Württemberg  hergestellten  Brücken  über  die  Donau
bei  Jnzigkofen  (Abb.  420)  und  bei  Munderkingen  besitzen  Spannweiten  von  44
resp.  50  in.
        <pb n="391" />
        406

Brücken  und  Viadukte.

Zusammenstellung  einiger  größerer  steinerner  Brückenbauwerke.

Name  des  Brückenbauwerks
oder  des  Viadukts

Größte  Höhe

Größte  Länge

Name  des
Ingenieurs

Zeit  der
Erbauung

Jndre-Viadukt

22,15

751

Fontenay

1847—1848

Viadukt  von  Barenttn

82,85

482,40

Locke

1844—1846

„  „  Mirville

83

524,45

1844—1845

„  „  Palu-d'Aveyres  .  .  .

10

1250

1850

„  „  Arles

8,50

770

1847

„  „  Nimes

8

550

„  „  Greenwich

7,70

5633

„  der  South-Western  Eisenbahn

8

3000

„  des  Dee

48

460

„  von  Stockvort

32,33

546

„  „  Ratho

24,50

666

„  „  Walwyn

80,63

746,25

Cubitt

1850

„  „  Linlithgow

28,70

403,27

„  über  die  Tyne  bei  Newcastle

46

275

„  von  Chirk

30,50

258

Robertson

„  „  Folkestone

32

231

„  „  Dean

33,70

144,85

Telford

1831

Göltzschthal-Biadukt

80,37

580

Wilke  u.  Dost

1846—1851

Elsterthal-Viadukt

69,75

260,57

Viadukt  bei  Görlitz

35,15

469,78

Zschopauviadukt  in  Sachsen....

38

291

Viadukt  von  Deidemühle  in  Sachsen

51

209,30

„  des  Geulthals  .  .

36,70

206,48

1841—1843

„  von  Heilgenborn  ....

40

212

„  „  Steina

36

225

Iller-Viadukt

36

157

Lagunenviadukt  von  Venedig  .  .  .

5,60

3600

Miladi

1841-1846

Viadukt  von  Fochen  (in  China)  .  .

49

7935

„  „  Loyang  (in  China)  .  .

—

8800

Bewegliche  Brücken.  Das  immer  dichter  werdende  Verkehrsnetz  läßt  es  erklärlich
erscheinen,  daß  die  Kreuzungspunkte  von  Land-  und  Wasserstraßen  oder  der  letzteren  mit
Eisenbahnen  immer  zahlreicher  werden.  Können  die  sich  kreuzenden  Verkehrslinien  nicht
in  solcher  Höhe  übereinander  hingeführt  werden,  daß  die  auf  denselben  verkehrenden
Transportmittel  unbehindert  hindurchgeführt  werden  können,  so  wird  es  erforderlich,  die
Brücken  beweglich  herzustellen,  derart,  daß  sie  beim  Passieren  der  unter  sie  hinfahrenden
Fahrzeuge  entfernt  werden  können.  In  erster  Linie  kommen  hierbei  Brücken  in  Frage,
welche  Straßen  oder  Eisenbahnen  über  Wasserläufe  hinwegführen.  Während  in  früheren
Zeiten  für  derartige  Zwecke  ausschließlich  die  Zug-  oder  Klappbrücken  Verwendung  fanden,
ist  die  Zahl  dieser  Konstruktionen  mit  der  fortschreitenden  Entwickelung  der  Jngenieurlechnik
  eine  sehr  große  geworden.  Heute  macht  man  zu  diesem  Zwecke  Gebrauch  von:
Drehbrücken,  Rollbrücken,  Hubbrücken  und  Klappbrücken.  Bei  der  ersten  Art  ruht
ein  Teil  der  Brücke,  eventuell  auch  die  ganze  Brücke  auf  einem  inmitten  des  Wasserlaufes
stehenden  Pfeiler  (Abb.  421)  und  ist  ans  diesem  so  angeordnet,  daß  sie  sich  um  ihren
Mittelpunkt  drehen  kann  (Abb.  422),  wodurch  es  möglich  wird,  die  Brückenfahrbahn
parallel  zu  den  Ufern  zu  drehen,  so  daß  die  Schiffe  durch  den  frei  gewordenen  Teil  hindurchfahren ­
  können.  Die  Drehbewegung  erfolgt  in  den  meisten  Fällen  mechanisch.  Die
Kraft  wirkt  entweder  auf  ein  Rad,  das  sich  auf  einem  Zahnkranz  bewegt,  oder  wie  in  der
Abb.  421  auf  einen  Drehzapfen.  Bei  den  Rollbrücken  wird  der  gleiche  Zweck  dadurch
erreicht,  daß  die  Brücke  derart  seitwärts  verschoben  wird,  daß  eine  Öffnung  entsteht.  Bei
den  Hubbrücken  wird  die  Brückenbahn  so  hoch  gehoben,  daß  die  Schiffe  darunter  hinwegfahren ­
  können.  Die  bedeutendste  Brücke  dieser  Art  ist  die  Towerbrücke  in  London.
Abb.  423  zeigt  gleichfalls  eine  Hubbrücke  und  zwar  die  über  den  Murrayfluß  errichtete.
Mit  Hilfe  von  Gegengewichten  wird  die  Brücke  in  einfacher  Weise  gehoben,  um  die  Schiffe
mit  ihren  Masten  passieren  zu  lassen.  Bei  dem  Senken  der  Brückenbahn  braucht  nur  die
Reibung  überwunden  zu  werden,  so  daß  hierbei  ein  geringer  Kraftaufwand  erforderlich
        <pb n="392" />
        421.  Saakcnb  rücke  auf  dem  grossen  Grasbrook  in  Aambnrg.

s  Qnsteigeschachte.
b  Liserne  Ihür.
c  Hydraulische  Presse,
d  Kolben  derselben,
e  Hydraulischer  Drehcylinder.
f  Kolbenstange  desselben,
g  Gelenkkette.

Querschnitt.

h  Druckrohrleitung.
k  Rücklaufleitung,
m  Steuerhebel.
n  Ventil  fürdie  Hebepresse,
o  Ventil  fürdie  Drehcylinder,
p  OpIischerTelegraph.

1

jL  —4

422.  Kaakenbrnckc  ans  dem  großen  Grasbrook  in  Aanibnrg.  Querschnitt.
Noch  .Hamburg  und  seine  Bauten".
        <pb n="393" />
        423.  zlusrngbriirkr  über  Len  Murray.

Aubbrücke  zwischen  dem  Segelschiff-  und  Oberländer  Aasen  in  Aambnrg.
Nach  „Hamburg  und  seine  Bauten".
        <pb n="394" />
        425.  Krücke  üri  Kairo.

IX  52

426.  Dir  Kchmiedebrückr  in  Königsberg.
        <pb n="395" />
        427.  Eisdrücke  über  Len  Susquebaiinu.

410

Brücken  und  Viadukte.

ist.  Abb.  424  zeigt  eine  Hamburger  Hubbrücke,
die  nur  an  einem  Ende  gehoben  wird,  wobei
sie  sich  um  das  andere  Auflager  etwas  dreht.
Die  Bewegung  erfolgt  hydraulisch.  Die  Klappbrücken ­
  haben  gegen  früher  sehr  viele  Verbesserungen ­
  erfahren,  und  hierauf  ist  es  zurückzuführen, ­
  daß  ihre  Verwendung  in  neuerer  Zeit
außerordentlich  zugenommen  hat.  Eine  Klappbrücke ­
  der  alten  Art  gibt  Abb.  425  wieder.
Dieses  Bild  zeigt  das  östliche  Ende  der  berühmten
Wasseranlage  bei  Damiette  und  den  Eingang
des  Schiffahrtskanales  bei  diesem  Orte.  —  Die
neuerdings  erbauten  Klappbrücken  werden  mechanisch ­
  bewegt.ZudeniuteressantestenBrücken  dieser
Gattung  gehören  diejenigen,  die  sich  bei  ihrem
Öffnen  und  Schließen  gleichsam  auf  ihrem  Auflager ­
  abrollen.  Eine  solche  Brücke  zeigt  Abb.  426.
Zu  den  beweglichen  Brücken  gehören  ferner
die  Pontonbrücken  und  dürften  auch  die  in
neuerer  Zeit  aufgekommenen  Schwebefähren
zu  rechnen  sein.  Die  Pontonbrücken  bestehen
aus  einer  Anzahl  Schiffen,  die  in  bestimmten
Abständen  im  Flnßlauf  verankert  und  durch  eine
über  sie  gelegte  Brückenfahrbahn  miteinander
verbunden  werden.  Um  den  Schiffsverkehr  zu
ermöglichen,  wird  ein  Teil  der  Schwimmbrücke
so  angeordnet,  daß  er  leicht  aus-  und  eingefahren
werden  kann.  Bei  starkem  Eisgang  müssen  diese
Brücken  abgefahren  werden.  In  Deutschland,  mit
seinem  immer  mehr  zunehmenden  Verkehrsleben
werden  diese,  einen  provisorischen  Charakter  aufweisenden ­
  Brücken  immer  mehr  durch  definitive
Anlagen  ersetzt.  Im  militärischen  Brückenbau
spielen  die  Pontonbrücken  eine  große  Rolle.
Die  erste  zur  Erbauung  gekommene  Schwebefähre ­
  (in  Bilbao)  stellt  Abb.  428  dar.  Die  BrückenbahnbefindetsichinsolcherHöhe,daß
  die  Seeschiffe
mit  ihren  Masten  ungehindert  darunter  durchfahren ­
  können.  Die  Brückenbahn  ist  ausschließlich
für  Fußgänger  bestimmt,  die  auf  Treppen  aufund
  absteigen  oder  mittels  Elevatoren  befördert
werden.  Diese  Brücke  wird  jedoch  im  allgemeinen
nur  dann  benutzt,  wenn  die  Brückenfähre  außer
Thätigkeit  ist.  Die  Brückenfähre  besteht  aus
einem  Fahrzeug,  welches  zur  Aufnahme  von  Fußgängern ­
  und  Fuhrwerken  bestimmt  ist.  Dieses
Fahrzeug  ist  mittels  einer  festen  Konstruktion
an  der  hochliegenden  Brückenbahn  derart  aufgehängt, ­
  daß  es  hier  mittels  Räder  auf  Schienen
läuft  und  daher  leicht  von  einem  zum  anderen
Ufer  gezogen  werden  kann.  Die  Schwebefähren
erfreuen  sich  einer  zunehmenden  Beliebtheit.
Eine  ganz  eigentümliche  Brücke  stellt
Abb.  427  dar,  nämlich  eine  Eisbrücke.  In
        <pb n="396" />
        412  Brücken  und  Viadukte.
sehr  strengen  Wintern  Pflegen  in  einzelnen  Teilen  Amerikas  die  Fähren  (Trajekte),  welche
dem  Transport  eines  Eisenbahnzuges  von  einem  Ufer  zum  anderen  an  einer  Wasserfläche ­
  dienen,  die  nicht  überbrückt  ist,  und  infolge  der  sich  bildenden  Eisdecke  ihren  Betrieb
einstellen  müssen,  durch  Eisbrücken  ersetzt  zu  werden.  In  diesem  Falle  werden  die  Schienen
direkt  auf  dem  Eise  verlegt  und  die  Eisenbahnwagen  so  von  einem  zum  anderen  Ufer  gebracht.
Eine  sehr  erfreuliche  Erscheinung  des  modernen  Brückenbaues  ist  der  große  Wert,  der,
namentlich  auch  in  Deutschland,  auf  die  äußere  Gestaltung  der  großen  Werke  dieser  Art
gelegt  wird.  Immer  mehr  ist  man  bestrebt,  die  Brücke  nicht  nur  in  konstruktiver,  sondern
auch  in  architektonischer
Beziehung  vollkommen  zu  gestalten. ­
  Dieses  Bestreben  ist  ein
um  so  berechtigteres,  als  die
Brückenbauten  im  Bilde  einer
Stadt  eine  sehr  wesentliche  und
einflußreiche  Rolle  spielen.
Dort  wo  Brückenportale  zur
Ausführung  kommen,  ist  auf
eine  schöne  Gestaltung  besonderer ­
  Wert  zu  legen.  Unter  den
in  neuerer  Zeit  geschaffenen
Brückenbauten  nimmt  das  Portal ­
  der  neuen  Elbbrücke  bei
Hamburg  mit  Recht  einen  hervorragenden ­
  Platz  ein.  Dieses
von  dem  Oberingenieur  Franz
Andreas  Meyer  und  dem
Architekten  Hauers  geschaffene ­
  Werk  ist  in  Abb.429
dargestellt.  Der  Bau  zeigt  die
Formen  eines  mittelalterlichen
in  Backsteinen  ausgeführten
Stadtthores.
Einen  besonderen  Zweig
des  Brückenbauwesens  bildet
der  militärische  Brückenbau,
von  dessenLeistnngen  dieinden
Jahren  1870/71  von  der  deutschen ­
  Feldeisenbahnabteilung
entwickelte  Thätigkeit  ein  anschauliches ­
  Bild  entrollt.  In
diesem  Falle  kommt  es  in  ganz
besonderemMaßedaranfan,  die  gestelltenAufgaben  ohneZeitverlustund  mitAufwendnngund
Benutzung  von  Mitteln  zu  lösen,  deren  sich  der  regelrechte  Brückenbau  naturgemäß  nicht  bedienen ­
  darf  und  auch  nicht  zu  bedienen  braucht.  Die  Aufgaben,  die  hier  zu  lösen  sind,  haben
naturgemäß  durch  die  Eisenbahnen  eine  beträchtliche  Erweiterung  erfahren,  da  die  Eisenbahnen ­
  für  die  moderne  Kriegführung  eine  ganz  ungeheure  Bedeutung  erlangt  haben.  Sie
dienen  für  den  Nachschub  von  Verstärkungen;  auf  ihnen  werden  die  für  die  Verpflegung  des
Heeres  nötigen  Transporte,  wie  nicht  minder  die  Zuführung  von  Munition,  Waffen  und  Bekleidung ­
  ausgeführt.  Auch  für  die  Beförderung  der  Verwundeten,  Kranken  und  Gefangenen
sind  sie  unentbehrlich.  Während  daher  der  zurückweichende  Teil  bestrebt  ist,  den  Gegner  dieses
wichtigen  Hilfsmittels  zu  berauben,  muß  der  vorrückende  Teil  mit  allen  Kräften  bemüht  sein,
mit  größter  Beschleunigung  die  zerstörten  Brücken,  Tunnels  und  Eisenbahngleise  wieder  in
betriebsfähigen  Zustand  zu  versetzen.  Die  Abb.  430  läßt  erkennen,  in  welcher  Weise
eine  der  nicht  leichten  Aufgaben  im  Kriege  1870/71  ihre  Lösung  gefunden  hat.
        <pb n="397" />
        Wasserstraßen.
Fluhläufe  und  Fluhschiffuhrl.

Mie  bereits  in  der  Einleitung  hervorgehoben  worden  ist,  wurde  die  in  den  Fluß-HmS

  laufen  dem  Menschen  gebotene  günstige  Transportgelegenheit  frühzeitig  erkannt
und  ausgenutzt.
Lange  hat  sich  der  große  Verkehr  in  einer  Reihe  von  Ländern,  so  z.  B.
T  auch  in  Deutschland,  vorzugsweise  auf  den  Strömen  abgewickelt.

Die  im  Beginne  der  Flußschiffahrt  an  die  Wasserstraßen  gestellten  Anforderungen ­

  waren  erklärlicherweise  sehr  bescheiden,  und  dieser  Vorgang  wiederholt  sich
auch  jetzt  noch  überall  in  jenen  Ländern,  welche  dem  Handel  erst  erschlossen  werden.  Die
Masse  der  zu  verfrachtenden  Güter  war  zunächst  keine  große  und  ließ  sonach  selbst  einen
nur  mit  einem  Boote  befahrbaren  Wasserlauf  noch  vorteilhafter  erscheinen  als  einen  nur
schwer  passierbaren  Saumpfad.
Die  ältesten  Nachrichten,  welche  wir  bis  jetzt  über  den  Flußverkehr  besitzen,  beziehen
sich  auf  die  Flüsse  Babyloniens  und  auf  den  Nil.  Die  Steinarmut  Babyloniens  scheint
bereits  im  4.  Jahrtausend  v.  Chr.  den  Anstoß  zu  einer  Schiffahrt  auf  dem  Euphrat  und
Tigris,  sowie  auf  dem  Persischen  Meerbusen  gegeben  zu  haben.  Eine  umfassende  Benutzung ­
  der  Wasserstraßen  dieses  Landes  trat  jedenfalls  ein,  als  der  König  Chammuragas
  (gegen  2000  v.  Chr.)  Babylon  zur  Reichshauptstadt  machte.  Wie  aus  der  Jzdubarlegende
  hervorgeht,  war  man  in  jenem  Zeitraume  mit  dem  Bau  kleiner  Wasserfahrzeuge
und  ihrer  Lenkung  wohl  vertraut.  Seit  Ende  des  2.  Jahrtausends  bediente  man  sich  der
von  Herodot  genau  beschriebenen  korbförmigen,  mit  Häuten  überzogenen  Fahrzeuge.  —-Frühzeitig
  benutzten  die  Ägypter  zur  Fortbewegung  ihrer  Schiffe  sowohl  das  Ruder  als
das  Segel  und  bewirkten  durch  zwei  oder  mehrere  schaufelförmige  Ruder  eine  Steuerung.
Seit  der  Mitte  des  3.  Jahrtausends  v.  Chr.  wurde  der  Nil  mit  Last-  und  später  auch
uiit  Kriegsschiffen  befahren.  Herodot  berichtet  von  einer  sehr  ausgebildeten  Schiffahrt
der  Ägypter,  die  Zahl  der  Barken  und  Lastschiffe,  die  den  Nil  bedeckten,  war  eine  ganz
ungewöhnlich  große.  Auf  dem  Wasserwege  transportierten  die  Ägypter  viele  der  kolossalen
Steine,  die  bei  ihren  Bauwerken  und  Anlagen  Verwendung  fanden,  und  selbst  ein  ganzer
Tempel  wurde  auf  diese  Weise  an  seinen  Bestimmungsort  geschafft.  Mit  der  Nilüberschwemmung, ­
  diesem  für  das  gesamte  Land  so  überaus  wichtigen  Ereignisse,  begannen
die  festlichen  Wallfahrten;  von  Stadt  zu  Stadt  fuhren  unter  Gesang  und  Musik  durch  das
ganze  Land  Schiffszüge.  In  den  unzähligen  Nilbarken  mit  bemalten  Wänden,  bunten
Segeln  und  leichten  Pavillons  befanden  sich  Hunderttausende  Ägypter,  Männer  und
Frauen,  und  der  Anblick,  den  der  belebte  Strom  zu  jenen  Zeiten  geboten  hat,  muß  ein
sehr  malerischer  gewesen  sein.
Die  Chinesen  wußten  die  Flußläufe  ihres  Landes  in  umfangreicher  Weise  dem  Verkehre ­
  dienstbar  zu  machen.  Auf  den  natürlichen  Wasserstraßen,  die  in  China  wie  in  einer
Reihe  anderer  antiker  Kulturländer  durch  ein  weit  ausgedehntes  Netz  von  Kanälen  miteinander ­
  in  Verbindung  gebracht  wurden,  vollzogen  sich  zu  einem  großen  Teile  die
Visitationsreisen  der  Kaiser  und  ihrer  Vasallenfürsten.  Für  die  Schiffahrt  kamen  in
        <pb n="398" />
        414  Flußläufe  und  Flußschiffahrt.

erster  Linie  die  beiden  bedeutendsten  Flüsse  Chinas,  der  Hwang-Ho  und  Jantse-kiang,  in
Betracht.  Der  Hwang-Ho  erhält  in  der  Gegend  der  in  der  chinesischen  Geschichte  eine
große  Rolle  spielenden  Festung  Tung-kwan  seine  Hauptzuflüsse,  den  Fönn-ho,  der  ihm  die
Gewässer  der  Provinz  Shansi  zuführt,  den  Wei-Ho  und  den  Lo-Ho,  durch  welche  er  die
Niederschläge  der  Provinzen  Kansu  und  Shensi  empfängt.  In  den  von  den  Flüssen  durchströmten ­
  Thälern  liegen  die  berühmten  antiken  Städte  Phinyang-fu  und  Singan-fu.
Unterhalb  der  Einmündung  des  Lo-Ho  beginnt  jener  Teil  des  Hwang-Ho,  der  ihm  durch
seine  Unbändigkeit  den  Namen  „Chinas  Kummer"  eingetragen  hat.  Es  ist  immer  nur
für  eine  bestimmte  Zeit  möglich  gewesen,  den  Fluß  durch  Eindämmung  in  ein  bestimmtes
Bett  zu  zwängen.  Ist  dasselbe  durch  die  großen,  von  den  chinesischen  Strömen  mitgeführten ­
  Lößmassen  zu  weit  erhöht,  so  tritt  der  Strom  über  seine  Ufer  und  sucht  sich,
alles  verheerend,  ein  neues  Bett.  Weniger  unruhig  ist  der  Jantse-kiang,  der  weit  hinauf

4SI..  Am  oberen  Jantse-kiang.
den  Schiffahrtszwecken  dienstbar  gemacht  ist.  Von  seinem  oberen  Laufe  gibt  die  beigefügte
Abbildung  eine  Darstellung.
Das  Wasser  hat  für  die  südlichen  Länder  einen  so  überaus  großen  Wert,  daß  die
demselben  dargebrachte  Verehrung  sehr  erklärlich  erscheint.  Nirgends  dokumentiert  sich
diese  Verehrung  in  einer  so  intensiven  Weise  als  an  dem  heiligsten  Flusse  Indiens,  dem
Ganges,  sind  doch  nach  der  Brahmanenlehre  die  Welt  und  die  Götter  aus  dem  Wasser
hervorgegangen.  Alle  Wasser  des  Ganges  sind  Abkömmlinge  der  Götter,  und  viele  der
Flüsse,  wie  der  Ganges  selbst,  sind  weibliche  Gottheiten.  Im  Gangesbade  sucht  der  Kranke
Genesung,  und  der  Gesunde  sorgt  dafür,  daß  einst  seine  Asche  in  den  Fluß  gestreut  wird.  Das
Stromufer  ist  der  bedeutendste,  bewohnteste  Teil  des  Landes,  und  das  religiöse  Element
das  Hauptmoment  zur  Kultivierung  eines  Wassergebietes  geworden.  Der  Strom  hat  in
sehr  wirksamer  Weise  die  Bewohner  auf  die  Ausnutzung  des  Wassers  hingelenkt.
Sehr  viel  später  erst  als  die  Ströme  Asiens  und  Afrikas  dürften  die  Flüsse  Europas
dem  Verkehre  dienstbar  gemacht  worden  sein.  Über  manche  Ströme  liegen  bestimmte
Nachrichten  nicht  vor,  von  anderen,  wie  dem  Tiber,  dem  Po,  der  Rhone,  dem  Rhein  und
        <pb n="399" />
        415

Flußschiffahrt  im  Altertum.

der  Donau,  wissen  wir,  daß  diese  Flüsse  schon  iin  Altertume  als  Verkehrsvermittler  dienten.
Die  Schiffbarkeit  des  Tiber  war  im  Altertume  eine  größere  als  in  der  Jetztzeit,  doch
waren  die  große  Stromgeschwindigkeit  und  die  überaus  starken  Sandablagerungen  bereits
in  jenem  Zeitraume  zwei  sehr  hemmende  Umstände.  Zu  der  Schiffahrt  gaben  namentlich
das  Vorhandensein  der  Brüche  des  Tiburtiner  und  Gabiner  oder  roten  Steines  oberhalb
Roms,  sowie  die  Möglichkeit  einer  Verbindung  mit  dem  Meere  den  Anstoß.  Die  Schiffahrt
auf  dem  Strome  war  und  blieb  jedoch  beschwerlich.  Kriegsschiffe  wurden  durch  die  Mannschaft, ­
  Handelsschiffe  durch  Ochsen  gezogen,  und  zur  Erleichterung  wurden  frühzeitig  auf
den  Flußufern  gepflasterte  Ziehpfade  hergestellt.  Für  den  Transport  sorgte  die  alte
Körperschaft  der  Codicarii.  Bei  Nacht  ruhte  die  Schiffahrt,  und  dieser  Umstand  hatte
zur  Folge,  daß  zahlreiche  Schiffe  auf  dem  Strome  verankert  lagen.  Zur  Aufrechterhaltung
der  Ordnung  waren  besondere  Polizeiliche  Maßnahmen  getroffen,  an  den  Ufern  entlang

432.  Per  Ganges  bei  Venarrs.
standen  Wachtposten,  deren  Unterhaltungskosten  die  Anlieger  tragen  mußten.  Die  beständige ­
  Vorschiebung  der  Tibermündung  und  die  massenhaften  Sandablagerungen  daselbst
machten  den  antiken  Ingenieuren  die  Aufrechterhaltung  der  Schiffahrt  außerordentlich
schwer,  und  schließlich  erwies  sich  in  diesem  Kampfe  die  Natur  mächtiger  als  der  Mensch.
Die  Rhone  diente  von  sehr  frühen  Zeiten  an  Schiffahrtszwecken,  auf  ihr  spielte  sich
ein  guter  Teil  des  Handelsverkehrs  nach  dem  inneren  Gallien  ab.  Bereits  die  Kaufleute
von  Tyrus  hatten  auf  diesem  Flusse  ihre  Fahrten  gemacht,  und  seine  Schiffbarkeit  blieb
den  griechischen  Seefahrern  nicht  unbekannt.
Die  Anzahl  der  Schiffsfahrzeuge  der  Römer  auf  dem  Rhein  und  dem  Main  war
nicht  gering.  Geschützt  von  einer  starken  Kriegsflotte  dienten  Hunderte  Schiffe  den  Handelszwecken. ­
  Mit  welchen  von  den  Menschen  selbst  bereiteten  Schwierigkeiten  die  Flußschiffahrt
auf  dem  Rhein  im  Mittelalter  zu  kämpfen  hatte,  ist  in  der  Einleitung  eingehend  geschildert.
Da  es  in  jener  Periode  in  Deutschland  gleichsam  zum  guten  Tone  gehörte,  sich  nach
Möglichkeit  gegenseitige  Hemmnisse  in  den  Weg  zu  legen,  so  kann  es  nicht  befremden,
daß  auch  auf  den  anderen  deutschen  Flüssen,  wie  Oder  und  Elbe  die  Schiffahrt  schwer
        <pb n="400" />
        416

Flußläufe  und  Flußschiffahrt.

zu  kämpfen  hatte,  bis  sie  sich  der  Fesseln  entledigte.  So  gab  es  auf  der  Oder  von
Breslau  bis  Frankfurt  im  14.  Jahrhundert  keine  namhafte  Ortschaft,  welche  nicht  durch
Anlegung  von  Wehren  und  Mühlen  den  Wasserweg  eingeengt  oder  unbrauchbar  gemacht
hätte.  Es  war  vergebens,  diesem  Unwesen  durch  Verordnungen  beikommen  zu  wollen,
und  es  gelang  nicht,  dem  Verkehre  die  für  seine  Entwickelung  und  Hebung  so  unbedingt
notwendige  Erleichterung  zu  schaffen.  Der  untere  Oderhandel  stand  jedoch  bis  zum
16.  Jahrhundert  in  Blüte.  Sein  Untergang  schien  unvermeidlich,  als  die  in  Selbstsucht
befangene  Politik  der  Städte  vor  keinem  Mittel  zurückschreckte,  um  ihren  Interessen  den
Sieg  zu  verschaffen.  Im  Jahre  1467  hatte  Stettin  das  Privilegium  erhalten,  daß  fortan
keinem  Nichtstettiner  die  Durchfahrt  durch  den  Stettiner  Baum  gestattet  zu  werden  brauchte.
Mit  einer  Hartnäckigkeit  sondergleichen  setzte  Stettin  die  Sperre  der  Oder  durch,  was
gegen  Ende  des  16.  Jahrhunderts  zu  einem  zwanzigjährigen  Handelsverbot  für  die  Märker
mit  Stettin  und  zu  dem  Verfalle  des  unteren  Oderhandels  führte,  ein  Prozeß,  der  durch
den  Niedergang  der  Hansa  beschleunigt  und  durch  den  Dreißigjährigen  Krieg  vollständig
besiegelt  wurde.  In  diesem  Zeitpunkte  machte  sich  das  Bestreben  Breslaus  und  Frankfurts
a.  d.  Oder  geltend,  ihren  Handel  mit  den  an  der  See  gelegenen  Städten  Lübeck  und
Hamburg  ohne  Berührung  der  Stadt  Leipzig  zu  betreiben  und  womöglich  die  hohe  Landstraße ­
  zu  vermeiden,  deren  Endpunkte  einerseits  Italien,  anderseits  die  Ostseeküste  waren.
Es  kann  an  dieser  Stelle  nicht  auf  alle  Einzelheiten  des  langen  Kampfes  eingegangen
werden,  den  die  Städte  Breslau,  Frankfurt  a.  d.  Oder,  Leipzig,  Lüneburg  und  Hamburg
führten,  um  die  Oder  der  Schiffahrt  zu  erschließen  oder  für  dieselbe  zu  schließen.  Ebenso
wenig  können  hier  alle  jene  Bemühungen  angeführt  werden,  die  ein  Jahrhundert  hindurch ­
  aufgewendet  wurden,  um  eine  schiffbare  Verbindung  zwischen  der  Oder  und  der
Elbe  herzustellen,  oder  die  Anstrengungen  im  einzelnen  geschildert  werden,  welche  Frankfurt ­
  a.  d.  Oder  machte,  um  die  Schließung  der  Oder  durchzusetzen.  In  den  Verhältnissen
lag  es  begründet,  daß  die  freie  Stromfahrt  auf  der  Oder  in  Verträgen  aus  den  Jahren  1646
und  1657  auf  je  zehn  Jahre  bewilligt  wurde.  Auf  der  oberen  Oder  kam  die  Schiffahrt
in  der  ersten  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts  zu  großer  Blüte.  Viele  Waren,  welche  die
Elbe  hinauf  oder  hinab  transportiert  wurden,  legten  auf  der  Oder  einen  Teil  des  Transportes ­
  zurück.  Deshalb  stellte  Breslau  im  Jahre  1648  die  Verbindung  der  Oder  mit  der
Spree  als  einen  sehr  wesentlichen  Vorteil  für  seinen  Handel  dar.  Bis  jedoch  die  Schiffe
wirklich  aus  der  Oder  in  die  Elbe  fahren  konnten,  verstrichen  noch  zwei  Jahrzehnte.  Auf
die  Geschichte  dieser  künstlichen  Schiffahrtsstraße,  der  Graben  genannt,  wird  in  dem
Abschnitte  „Schiffahrtskanäle"  zurückzukommen  sein.
An  der  Elbe  herrschten  dieselben  traurigen  Zustände.  Die  Zahl  der  Zollstätten
betrug  an  diesem  Strome  zeitweilig  35.  Auf  der  unteren  Elbe  sorgte  Hamburg
für  eine  gute  Bezeichnung  des  Fahrwassers  durch  Baaken  und  Tonnen.  Elbaufwärts
war  der  Handel  nicht  nur  durch  die  erwähnten  Zollstätten,  sondern  auch  durch  die  Stapelrechte ­
  vieler  Städte  außerordentlich  beeinträchtigt.  Namentlich  durch  den  mächtigen  Einfluß ­
  von  Lüneburg  wurde  die  Schiffahrt  auf  der  Elbe  derart  gehemmt,  daß  der  Warentransport ­
  nach  Magdeburg  und  nach  der  Oberelbe  den  Landweg  über  Lüneburg  nehmen
mußte.  Südlich  von  Magdeburg  wurde  die  Elbe  durch  das  Leipziger  Stapelrecht  gesperrt,
so  daß  es  nur  thalwärts  von  Magdeburg  Elbschiffahrt  gab.  Um  eine  Änderung  der  traurigen ­
  Verhältnisse  herbeizuführen,  schlossen  im  Jahre  1538  Hamburg  und  Magdeburg
einen  Vertrag  zur  gegenseitigen  Unterstützung  in  der  Förderung  des  Elbhandels  ab.  Weit
mehr  jedoch  noch  als  durch  diesen  Vertrag  erfuhr  Hamburgs  Handel  durch  die  infolge  der
bereits  erwähnten  Stapelstreitigkeiten  zwischen  Stettin  und  Frankfurt  a.d.O.  im  Jahre  1570
herbeigeführte  Schließung  der  Schiffahrt  auf  der  Unteroder  eine  bedeutende  Förderung.
Der  Handel  Breslaus  zog  sich  fast  vollständig  nach  Hamburg.  Der  Große  Kurfürst
förderte  diesen  Handel  durch  den  Müllroser  Kanal  noch  weiter.  Bis  über  die  Mitte  des
17.  Jahrhunderts  hinaus  hat  Hamburg  den  ganzen  märkischen  Handel  beherrscht,  auch
die  Schiffahrt  Berlin-Hamburg  lag  fast  ganz  in  dessen  Händen.  Durch  die  Schaffung  des
Müllroser  Kanales  erhielt  die  Schiffahrt  zwischen  den  beiden  genannten  Städten  eine
erhöhte  Bedeutung.  Die  Mißbräuche  und  die  mancherlei  Übelstände,  welche  sich  in  dem
        <pb n="401" />
        Der  Verkehr  auf  der  Elbe.  417
Schiffergewerbe  eingeschlichen  hatten,  sowie  die  unter  den  Schiffern  sich  immer  stärker
geltend  machende  Konkurrenz  führten  dazu,  daß  nach  langen  Verhandlungen  eine  sogenannte
Reihenfahrt  zwischen  Preußen  und  Hamburg  vereinbart  wurde;  bedungen  war,  daß
jeder  an  der  betreffenden  Fahrt  und  an  dem  Vertrage  beteiligte  Schiffer  nur  dann  eine
Ladung  aufnehmen  durfte,  wenn  er  an  der  Reihe  zu  fahren  war.
Friedrich  der  Große  schuf  in  den  Jahren  1740—1746  eine  zweite  künstliche  Verbindung ­
  zwischen  der  Elbe  und  Oder  durch  den  Finow-  und  Plaueschen  Kanal.  Der
genannte  Fürst  führte  zur  Unterstützung  des  Magdeburger  Elbhandels  hohe  Zölle  ein,  die
bewirkten,  daß  zu  jener  Zeit  der  Hamburger  Handel  zur  Oberelbe  den  Umweg  über  den
Harz  nahm.  Diese  Verhältnisse  bewirkten  eine  Vernachlässigung  und  somit  eine  Verwilderung ­
  des  Elbstromes.  Zahlreiche  Uferabbrüche  fanden  statt,  und  das  Flußwasser
wurde  durch  viele  in  dasselbe  gestürzte  Bäume  für  die  Schiffahrt  geradezu  gefährlich.  In
diesen  traurigen  Verhältnissen  trat  erst  im  19.  Jahrhundert  eine  Besserung  ein.  Auf  dem
Wiener  Kongreß  geschah  der  erste  Schritt  zur  Abstellung  der  Übelstände.  Von  den
einst  vorhandenen  35  Zollstätten  blieben  leider  noch  immer  14,  von  Melnik  bis  Hamburg,
bestehen.  Die  Abgaben  auf  dieser  Strecke  beliefen  sich  einst  für  einen  Zentner  Waren
auf  24  Groschen,  und  es  kann  daher  nicht  befremden,  daß  diese  Belastung  schwer  empfunden
wurde.  Die  interessierten  Staaten  teilten  sich  gleichsam  in  zwei  feindliche  Lager.  Preußen,
Österreich,  Sachsen  und  Hamburg  erklärten  sich  für  die  freie  Schiffahrt,  Hannover,  Lauenburg ­
  und  Mecklenburg  wollten  den  Handel  möglichst  weitgehend  fiskalisch  ausbeuten.  Eine
vollständige  und  gründliche  Änderung  führte  erst  der  Wettbewerb  der  Eisenbahnen  herbei,
betrug  doch  die  Bahnfracht  weniger  als  die  auf  der  Elbe  zur  Erhebung  gekommenen  Zölle!
Im  Jahre  1863  wurden  alle  Zollstellen  mit  Ausnahme  derjenigen  zu  Wittenberge  aufgehoben, ­
  1870  hörten  endlich  alle  Elbzölle  auf.  Die  Regulierungsarbeiten  des  Stromes
wurden  erst  1840  in  Angriff  genommen  und  hatten  erst  nach  sehr  langer  Zeit  merkbare
Verbesserungen  des  Fahrwassers  im  Gefolge.  Noch  1869  war  die  Fahrwassertiefe  an
vielen  Stellen  nur  45  cm.  Die  geringe  Tiefe  sowie  die  vielfachen  Krümmungen  und
die  ungenügende  Fahrwasserbreite  waren  außerordentlich  störend.  In  den  Jahren  1869
bis  1885  wurden  im  ganzen  für  die  Verbesserung  des  Flußlaufes  67  Millionen  Mark
von  Preußen,  Hamburg,  Sachsen,  Österreich,  Anhalt  und  Mecklenburg  aufgewandt.  Welche
Früchte  dieses  Kapital  getragen  hat,  ist  aus  den  folgenden  Zahlen  zu  erkennen.  Das
Gewicht  der  bergwärts  gehenden  Güter  betrug:
1814  21000  1  1861  —  1870  340  000  1
1821  63000,,  1881  —  1885  1000000,,
1841  177000,,  1890  1  700  000,,
1851  300  000,,  1898  2  258  000,,
Diese  Zahlen  zeigen  deutlich,  welchen  enormen  Aufschwung  der  Handel  bei  einer
Unterstützung  nimmt,  und  welche  große  volkswirtschaftliche  Bedeutung  einer  sachgemäßen
Unterhaltung  und  Verbesserung  der  Flußläufe  beizulegen  ist.
Der  außerordentliche  Vorteil  des  Wassertransportes  liegt  in  seiner  Billigkeit.  So
kostet  der  Transport  von  einem  Meterzentner  Waren  von  Wien  nach  Triest  ebensoviel,  wie
die  Fracht  von  New  Jork  nach  London  beträgt,  und  die  Transportkosten  von  Paris  nach
Havre  sind  eben  so  groß  wie  die  von  Havre  nach  Montevideo.  Diese  Billigkeit  hat  es  ermöglicht, ­
  daß  die  Rohprodukte  aus  den  überseeischen  Ländern  bezogen  werden  können,  und
daß  eine  namhafte  Ermäßigung  in  dem  Preise  notwendiger  Konsumartikel  eingetreten  ist.
Ein  sehr  wichtiger  und  gefährlicher  Rivale  ist  der  Binnenschiffahrt  in  unserem  Jahrhundert ­
  in  den  Eisenbahnen  entstanden,  ein  Rival,  der  jedoch,  wie  z.  B.  im  Falle  der  Elb-Zölle,
  hin  und  wieder  eine  gute,  heilsame  Wirkung  ausgeübt  hat.  Sollte  die  Schiffahrt
kn  diesem  heißen  Konkurrenzkämpfe  nicht  unterliegen,  so  war  eine  stete  Ermäßigung  der
Frachtkosten  ein  Erfordernis.  Das  Streben  nach  einer  immer  weiteren  Ermäßigung  der
Frachtkosten  führt  naturgemäß  zu  einer  beständigen  Vergrößerung  des  Schiffsladeraumes,
ü&amp;gt;as  wiederum  einen  möglichst  großen  Tiefgang  wünschenswert  erscheinen  läßt.  Dieser
größere  Tiefgang  bedingt  eine  größere  Tiefe  der  Wasserläufe,  und  überall  sehen  wir
daher,  daß  die  vorhandenen  Tiefen  als  nicht  ausreichend  bezeichnet  werden.  Diese
IX  53
        <pb n="402" />
        418  Flußläufe  und  Flußschiffahrt.

Tendenz  läßt  sich  sowohl  für  die  Fluß-  als  für  die  Seeschiffe  verfolgen,  und  hieraus
sind  jene  mächtigen  Unternehmungen  hervorgegangen,  deren  Endzweck  eine  Regulierung
und  namentlich  eine  Vertiefung  der  befahrenen  Flußstrecken  ist.  Diese  Arbeiten  sollen
mit  Rücksicht  auf  ihre  große  technische  und  volkswirtschaftliche  Bedeutung  in  einem
besonderen  Abschnitte,  Stromkorrektionen,  besprochen  werden.
Über  die  Entwickelung  des  Verkehrs  auf  den  deutschen  Wasserstraßen  geben  die
Vierteljahrshefte  zur  Statistik  des  Deutschen  Reiches  ein  übersichtliches  Bild.  Der  Verkehr ­
  betrug  in  den  angegebenen  Jahren  im  Durchschnitt  in  Tonnen  ausgedrückt:
1873/75  1876/80  1881/85  1886/90  1893  1895
auf  dem  Rheine.  .  .  .  2  372  000  3  128  000  4  320  000  5  242  000  6  767  000  7  928  000
„  der  Elbe  bei  Hamburg  694  000  1  172  000  2  274  000  2  771  000  3  039  000  3  566  000
„  der  Spree  bei  Berlin  2  750  000  2  948  000  2  959  000  4  150  000  4  473  000  4  641  000
„  der  Oder  bei  Breslau  —  —  478  000  1  293  000  —  1409  000
Der  gesamte  Wasserstraßenverkehr  Deutschlands  betrug
1873:  9  541000  t,  1895:  34  277  000  t,
woraus  sich  eine  Steigerung  um  etwa  350  Prozent  ergibt.
Um  an  dieser  Stelle  einen  Vergleich  zwischen  den  Wasserstraßen  und  Eisenbahnen
zu  ermöglichen  und  die  Rolle  beider  für  den  Gütertransport  erkennen  zu  können,  folgen
nachstehend  die  für  die  Eisenbahnen  gültigen  Zahlen.
1873:  120000000  t,  1895:  248000  000  t.
Der  Transport  auf  den  Eisenbahnen  war  somit
1873:  dreizehnmal,  und  1895:  nur  siebenmal
so  groß  als  die  Güterbewegung  auf  den  Wasserstraßen.  Hierbei  ist  zu  bemerken,  daß
sich  das  Eisenbahnnetz  in  dem  angegebenen  Zeitraume  von  22  Jahren  etwa  verdoppelt
hat,  während  die  Verlängerung  der  Wasserstraßen  dagegen  unbedeutend  war.  Mithin
war  die  Anziehungskraft  der  Wasserstraßen  im  Verhältnis  eine  bedeutend  größere  als
die  der  Eisenbahnen.
Die  außerordentliche  Berkehrsentwickelung  der  Wasserstraßen  dokumentiert  sich  auch
in  den  folgenden  Zahlen.  Nach  Symphers  Schrift:  „Der  Verkehr  auf  den  deutschen
Wasserstraßen",  resp.  nach  Kurs  wurden
1875  pro  Kilometer  Kanal  befördert:  290  000  Tonnenkilometer,
1885:  480  000,  1891:  556  000  Tonnenkilometer.
Die  betreffenden  für  die  Eisenbahn  geltenden  Zahlen  sind:
1875:  410000,  1885:  430000,  1891:  534000  Tonnenkilometer.
Auch  hinsichtlich  der  durchschnittlichen  Beförderungslänge  überflügeln  die  Wasserstraßen ­
  immer  mehr  die  Eisenbahnen.  Dieselbe  betrug:
auf  den  Eisenbahnen,  auf  den  Wasserstraßen
1875  125  lern  280  km
1885  166  „  350  „
Als  Ursachen  dieses  außerordentlichen  Aufschwunges  der  Wasserstraßen  sind  anzugeben: ­
  Die  gegen  früher  bedeutend  größere  Billigkeit,  Schnelligkeit,  Sicherheit  und
Regelmäßigkeit  des  Wassertransports,  die  ihrerseits  wieder  in  der  Vertiefung  und  Verbesserung ­
  des  Fahrwassers,  in  der  Herstellung  von  Hafenanlagen  mit  guter  Ausrüstung
für  den  Umladeverkehr  ihren  Grund  haben.  Die  Vertiefung  des  Fahrwassers  einer
größeren  Anzahl  Wasserläufe  hat  die  Verwendung  tiefer  gehender  Schiffe  als  früher
ermöglicht  und  eine  bedeutende  Herabsetzung  der  Frachtsätze  gestattet.  Die  folgenden
Daten  sind  besonders  geeignet,  die  Bedeutung  des  Berliner  Wasserverkehrs  in  das  rechte
Licht  treten  zu  lassen.  Der  Durchgangsverkehr  ist
von  689  285  t  auf  754  376  t
gestiegen.  Das  Gesamtgewicht  betrug  in  Tonnen:
1887  1891  1895  1896  1897  1898  1899
a)  durchgehende  Schiffe  344707  427587  480687  689285  754376  857908  811049
b)  angekommene  Schiffe  4228170  4777073  4640787  4795772  4782831  5060427  5031320
c)  abgegangene  Schiffe  335595  396668  482310  483552  443196  571971  626082
        <pb n="403" />
        Amerikanische  Schiffahrtsstraßen.

419

Die  Anzahl  der  Schiffe  betrug:
1887  1891

1895

1896  1897

1898

1899

a)  durchgehende

4  270

4  215

4161

4  473  4  456

4  758

4  092

b)  angekommene

49  168

46  599

47  984

71754  49  642

51  006

57  134

c)  abgegangene

48  935

45  754

47  369

71  539  48  910

49  815

55  821

Der  eigentliche  Lokalverkehr  belief  sich  in  Tonnen:

1887  1891  1895  1896  1897  1898  1899
auf  4  583  765  5  173  741  5  123  097  5  279  324  6  226  027  5  632  398  5  657  402
Seit  1898  macht  sich  eine  stärkere  Steigung  dieses  Verkehres  bemerkbar.
Von  den  zu  Wasser  angekommenen  Gütern  dürften  einzelne  Gattungen  mit  ihrem
Gewicht  anzuführen  sein:

Roh-  und  Brucheisen  .  .  .

33  483  t

Nutz-,  Bau-  und  Schiffsholz

6  576

t

Verarbeitetes  Eisen....

43  590  „

Brennholz  u.  s.  w

306  960

Erde,  Lehm,  Sand,  KieS  .  .

107  245  „

Mühlenfabrikate  ....

60  553

„

Getreide

145  682  „

Steine  und  Steinwaren  .  .

128  694

ff

Hafer

67  679  „

Steinkohlen

393  340

Stroh  und  Heu

13  307  „

Mauersteine

1  024  768

„

Kartoffeln

1511  „

Von  den  amerikanischen  Wasserstraßen  beansprucht  die  Schiffahrt  auf  den
kanadischen  Seen  unbestritten  den  ersten  Rang.  Die  Wasserstraße  der  genannten
Seen  ist  nicht  nur  die  wichtigste  unter  den  amerikanischen,  sondern  überhaupt  unter  allen
Binnenwasserstraßen  der  Erde.
Ein  Vergleich  der  Hauptabmessungen  der  kanadischen  mit  denen  einiger  europäischer
Seen  resp.  Meeresteile  läßt  die  bedeutenden  Verhältnisse  der  ersteren  klar  hervortreten.
Größe  in  qkm  Meereshöhe  in  in

Oberer  See  .

84  000

184

Michigansee  .

59  000

178

Huronsee

61000

178

Eriesee  .  .

26  000

171

Ontariosee  .

19  000
Gesamtgröße  249  000.

170

Die  Größe  des  Bodensees  ist  540,  die  des  Genfersees  610  (der  Schweiz  41000)
und  die  der  Ostsee  358  000  qkm.
Eine  von  Natur  schiffbare  Verbindung  ist  nur  zwischen  dem  Michigan-,  Huron-  und
Eriesee  vorhanden.  Der  Obere  See  wird  durch  die  Stromschnellen  bei  Sault  Saint
Mary  und  der  Ontariosee  durch  den  weltberühmten  Niagarafall  von  den  übrigen  Seen
getrennt.  Ein  wichtiges  Glied  dieses  Wasserstraßennetzes  ist  der  Lorenzostrom,  der  eine
Länge  von  288  km  besitzt,  dessen  Lauf  jedoch  ein  sehr  wechselvoller  ist.  Auf  manchen
Strecken  fließt  er  träge  dahin,  auf  anderen  hat  er  einen  sehr  ungestümen,  reißenden
Lauf,  so  daß  er  hier  nur  von  Vergnügungsdampfern  befahren  werden  kann.  Hier
mußten,  um  den  Flußlauf  überhaupt  der  Schiffahrt  erschließen  zu  können,  Umgehungskanäle ­
  hergestellt  werden,  auf  die  in  dem  Abschnitte  „Schiffahrtskanäle"  näher  einzugehen ­
  sein  wird.
Südamerika  besitzt  den  größten  aller  Ströme,  den  Amazonenstrom.  Dieser  gewaltige ­
  Fluß  durchzieht  das  südamerikanische  Festland  fast  in  seiner  ganzen  Breite  und
bewässert  auf  seinem  etwa  5000  km  langen  Laufe  ein  Gebiet  von  7  337  000  qkm.
Immer  weiter  erstreckt  sich  die  Schiffahrt  den  1600  Stunden  langen  Lauf  hinauf,  und
einer  nach  dem  anderen  der  zahlreichen  größeren  Zuflüsse  wird  der  Schiffahrt  dienstbar
gemacht.  An  der  Schiffahrt  des  Amazonenstromes  sind  Brasilien,  Peru,  Bolivia,  Ecuador
und  Columbia  interessiert,  und  je  mehr  die  Kultur  in  diesen  zum  Teil  enorm  großen
Ländern  sich  ausbreiten  wird,  um  so  größer  ivird  die  Bedeutung  dieser  Wasserstraße  werden.
Bon  den  Wasserstraßen  Uruguays  ist  neben  dem  Uruguay,  der  Parana  zu  nennen,
der  als  Schiffahrtsstraße  der  bedeutendere  ist.  Bis  zur  Einmündung  seines  größten
Nebenflusses,  des  Paraguay  (1100  km),  ist  er  für  Seeschiffe  mit  3  in  Tiefgang  befahrbar.
Der  Paraguay  kann  auf  einer  Länge  von  2250  km  noch  mit  Dampfern  von  1,s  2,2  m
53*
        <pb n="404" />
        420

Flußläufe  und  Flußschiffahrt.

Tiefgang  befahren  werden.  Auch  die  übrigen  Nebenflüsse  des  Parana,  der  Paranahyba,
Tiete  und  Iguaffu,  sind  schiffbar,  und  der  Flußverkehr  auf  ihnen  entwickelt  sich  in
steigendem  Maße.
So  bedeutend  einige  der  afrikanischen  Ströme,  wie  der  Nil  und  der  Kongo,  auch
sind,  hinsichtlich  der  auf  ihnen  betriebenen  Schiffahrt  stehen  sie  weit  hinter  manchen  viel
kleineren  Flüssen  in  den  anderen  Erdteilen  zurück;  doch  auch  hier  ist  ein  erfreulicher
Aufschwung  wahrnehmbar.  Seit  1894,  dem  Zeitpunkte,  zu  welchem  das  Kamerungebiet
an  den  Ssangafluß  angeschlossen  worden  ist,  hat  auch  Deutschland  ein  direktes  Interesse
an  der  Entwickelung  der  Kongoschiffahrt.  Heute  befahren  bereits  42  Dampfer  den
oberen  Stromlauf  und  seine  Nebenflüsse.  Seit  dem  Jahre  1896  besteht  eine  regelmäßige ­
  Dampferverbindung  zwischen  dem  Stanleypool  und  den  Stanleyfalls.  Ein  im
Bau  begriffener  Dampfer  soll  fortan  ausschließlich  der  Beförderung  der  Reisenden  und
der  Postsachen  dienen;  er  wird  die  Fahrt  bis  zu  den  Fällen  in  elf  Tagen,  die  Niederfahrt ­
  in  fünf  Tagen  zurücklegen.  Die  zurückzulegende  Strecke  hat  eine  Länge  von
1200  km,  d.  h.  sie  entspricht  der  Entfernung  von  Königsberg  nach  Straßburg.
Während  Europa,  Asien,  Afrika  und  Amerika  reich  an  Flüssen  sind,  von  denen  in
dem  Vorangegangenen  allerdings  nur  wenigen  eine  eingehendere  Betrachtung  zu  teil
werden  konnte,  ist  der  fünfte  Erdteil,  Australien,  nach  dieser  Richtung  hin  von  der
Natur  sehr  stiefmütterlich  behandelt  worden.  Das  trockene  Klima  begünstigt  nicht  die
Entstehung  von  Flüssen,  die  den  größeren  Teil  des  Jahres  hindurch  aus  einer  Reihe  von
Wasserlachen  und  Sümpfen  bestehen.  So  mancher  vom  Gebirge  stattlich  herabkommende
Strom  versiegt  einige  Meilen  weiterhin,  und  nur  der  1350  km  lange  Murray,  den
die  Schneemassen  der  australischen  Alpen  nähren,  ist  ein  permanenter  Strom.  Aber
auch  er  endigt  in  einem  Binnensee.  Bessere  Aussichten  gewähren  mehrere  Ströme  im
Norden  der  Kolonie  Queensland,  wo  der  Brisbane  bis  zur  Hauptstadt  gleichen  Naniens
für  Seeschiffe  befahrbar  ist;  eine  Zukunft  dürfte  wohl  auch  der  Schwanenfluß  in  Westaustralien ­
  haben.
Wenn  auch  die  Bedeutung  der  Ströme  als  Mittel  für  den  Frachttransport  bei
weitem  ihre  Benutzung  für  den  Personenverkehr  überwiegt,  so  ist  der  letztere  doch
nicht  zu  unterschätzen.  Namentlich  vollzog  sich  vor  Erfindung  der  Eisenbahnen  ein  für
die  damaligen  Verkehrsverhältnisse  nicht  unbeträchtlicher  Teil  des  Reiseverkehrs  auf  den
Strömen.  Die  Ströme  bieten  in  der  Thalfahrt  in  der  That  ein  so  bequemes  Mittel
zum  Transport,  daß  ihre  frühzeitige  Benutzung  zum  Personenverkehr  nur  zu  erklärlich  ist.
Besonders  am  Mittelrhein  bewegte  sich  der  Reiseverkehr  seit  alten  Zeiten  vorzugsweise
aus  dem  Wasserwege.  Anfangs  wurden  zu  diesem  Zwecke  unbedeckte,  später  mit  Tuch
überspannte  Nachen  und  Schiffe  benutzt.  Um  die  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  begann
man  diese  Schiffe  bequemer  auszustatten;  im  vorigen  Jahrhundert  versah  man  sie  sogar
mit  komfortablen  Zimmereinrichtungen.  Die  seit  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  den
Rheinreiseverkehr  vermittelnde  sogenannte  Wasserdiligence  bestand  aus  drei  abgesonderten
Räumen  mit  Glasfenstern.  Das  platte  Verdeck  war  mit  Geländern  und  Bänken  ausgerüstet. ­
  Neben  dem  Fahrzeug  befand  sich  ein  mit  Segeltuch  überspanntes  Boot,  das
den  Schiffern  und  Bedienten  zum  Aufenthalt  diente.  Für  die  Reise  von  Mainz  nach
Köln  brauchten  diese  Diligencen  zwei  Tage,  für  die  Rückfahrt  drei  Tage.  Bis  Köln
betrug  der  Fahrpreis  12  Gulden.  Für  eine  Jacht  mit  drei  Zimmern  waren  von  Mainz
bis  Köln  37  Gulden  zu  entrichten.
Die  einen  regelmäßigen  Personenverkehr  vermittelnden  sogenannten  Marktschiffe
dürften  nach  den  überkommenen  Mitteilungen  zuerst  im  Anfange  des  12.  Jahrhunderts
ihre  Fahrten  ausgeführt  haben.  Das  älteste  Marktschiff  scheint  das  Mainz-Frankfurter
gewesen  zu  sein.  Zu  Beginn  des  15.  Jahrhunderts  wurde  zwischen  den  Räten  der  Städte
Mainz  und  Frankfurt  eine  Ordnung  über  die  Benutzung  dieser  Marktschiffe  vereinbart.
Zwischen  den  Mainzer  Kurfürsten  und  dem  Frankfurter  Rat  bestanden  jedoch  in  der
Folgezeit  fortwährend  Streitigkeiten  darüber,  wer  solche  Fahrten  unternehmen  zu  lassen
das  Recht  hatte,  wer  auf  den  Landungsplätzen  Wein  feilhalten  und  Musik  machen  lassen
durfte  u.  s.  w.  Die  Marktschisfahrten  wurden  schon  früh  derart  geregelt,  daß  täglich  je  ein
        <pb n="405" />
        W  I  MARY  POWELL.  '

433.  Nudlondmnpfer.
Boot  keineswegs  ein  Dampfboot  war.  Das  von  dem  Marquis  Claude  Jouffroy  im
Jahre  1776  erbaute  Boot  bewährte  sich  zunächst  nicht,  später  fand  dieser  Erfinder  nicht
die  erforderliche  Unterstützung.  In  dem  Jahre  1788  erbaute  Symington  ein  Lustboot,
doch  fielen  die  Versuche  auf  dem  Clydekanal  ebenfalls  nicht  günstig  aus.  An  die  Namen
Evans,  Fitsch  und  Rumsey  knüpft  die  weitere  Entwickelung  an.  Fulton  gelang  der
Wurf;  das  erste  große  von  ihm  erbaute  Dampfboot  „Clermont",  von  dem  Volke  spöttisch
„Fultons  Narrheit"  genannt,  fuhr,  nachdem  der  Erfinder  es  unter  dem  Hohngelächter
der  versammelten  Menge  bestiegen  hatte,  stolz  und  sicher  von  der  Werft  nach  dem  Hudson,
auf  welchem  Flusse  heute  die  prächtigsten  Dampfer  verkehren,  deren  2500  bis  4000  Pferdestärken ­
  aufweisende  Maschinen  ihnen  eine  Geschwindigkeit  bis  zu  20  Knoten  in  der
Stunde  verleihen.
Im  Jahre  1816  erschien  das  erste  Dampfboot  auf  dem  Rhein,  ein  sogenanntes
englisches  „Pläsierschiff",  das  nicht  geringes  Erstaunen  hervorrief.  In  demselben  Jahre
wurde  die  Dampfschiffahrt  auf  der  Elbe  eröffnet.  Auf  dem  Rhein  entstand  das  erste
Dampfschiffsunternehmen  im  Jahre  1826  (Preußisch-Rheinische  Dampfschiffahrtsgesellschaft
in  Köln).  Auf  der  Donau  entwickelte  sich  die  Dampfschiffahrt  seit  dem  Jahre  1830.

Verkehr  auf  Flüssen.  421
Schiff  von  Mainz  nach  Frankfurt  und  in  umgekehrter  Richtung  fuhr.  In  diesen  Marktschiffen ­
  befanden  sich  gewöhnlich  hundert  und  mehr  Menschen,  und  auf  denselben  spielte  sich
daher  ein  sehr  bewegtes  Leben  ab.  Auf  dem  Rhein  verkehrten  u.  a.  zwischen  Bingen  und
Mainz,  Mainz-Oppenheim,  Mainz-Nierstein,  Mannheim-Worms,  Bingen-Kaub  derartige
Marktschiffe,  deren  Fahrten  bis  zum  Ausbruch  der  Französischen  Revolution  dauerten.  Auch
auf  der  Donau  gingen  zwischen  Regensbnrg  und  Wien  bis  vor  wenigen  Jahrzehnten  die
sogenannten  „Ordinarischiffe".
Durch  die  Dampfmaschine  erfuhr  der  Wasserstraßenverkehr  in  ähnlicher  Weise
wie  der  Landverkehr  eine  vollständige  Umgestaltung.  Eifrig  war  man  bemüht,  die
Dampfkraft  der  Schiffahrt  sobald  als  möglich  zur  Verfügung  zu  stellen.  Früher  glaubte
man,  daß  das  erste,  von  Papin  konstruierte  Dampfboot  bei  Münden  rohen  Schifferknechten
zum  Opfer  gefallen  sei,  eine  Nachricht,  die  sich  als  irrtümlich  herausgestellt  hat,  da  jenes

-T-S»;
        <pb n="406" />
        422

Stromkorrektioncu.

Seitdem  verschwand  die  Dampfkraft  nicht  wieder  von  den  Wasserläufen,  und  in  einer
immer  vielgestaltigeren  Form  fand  sie  Ausnutzung.  Das  Dampfboot  wurde  dem  Gütertransport ­
  nutzbar  gemacht,  indem  es  entweder  selbst  diese  Güter  aufnimmt  oder  indem
es  lange  Schleppzüge  die  Flüsse  ab-  und  aufwärts  bewegt.  Welche  Umwandlung  durch
die  Dampfkraft  auf  diesem  Gebiete  eingetreten  ist,  wird  ersichtlich,  wenn  man  sich  den
früheren  Schiffahrtsbetrieb  vergegenwärtigt.  Zur  Bergfahrt  wurden,  wie  auch  vereinzelt
heute  noch,  zum  Ziehen  der  Schiffe  Menschen,  Pferde  und,  wenn  die  Umstände  günstig
waren,  der  Wind  benutzt.  Im  Anfange  dieses  Jahrhunderts  hatten  die  Rheinschiffe
eine  höchste  Ladefähigkeit  von  5000  Zentnern.  Man  brauchte  für  diese  für  die  Bergfahrt ­
  etwa  12  Pferde.  Die  Fahrt  von  Amsterdam  bis  Düsseldorf  beanspruchte  8  bis
10  Tage,  die  Kosten  einer  Bergfahrt  beliefen  sich  damals  auf  3000  Thaler,  heute
betragen  dieselben  höchstens  300  Thaler.  Die  Ladefähigkeit  beträgt  heute  über
20  000  Zentner.
Neben  den  eigentlichen  Schleppdampfern  hat  man  die  Dampfkraft  in  der  Tauerei,
d.  h.  der  Seil-  und  Kettenschiffahrt  ausgenutzt.  Hierbei  zieht  sich  das  Schleppschiff  mit
dem  angehängten  Schleppzug  an  einer  auf  der  Sohle  verlegten  Kette  oder  einem  Seile
entlang.  Das  Bestreben  ist  darauf  gerichtet,  die  Dampfkraft  für  diesen  Zweck  durch

43-t.  Elektrisches  Dauertisot.

die  elektrische  Energie  zu  ersetzen,  und  der  menschliche  Scharfsinn  beschäftigt  sich  zur  Zeit
damit,  als  Kraftquelle  zur  Erzeugung  des  elektrischen  Stromes  die  Flußläufe  selbst  auszunutzen, ­
  und  zwar  gilt  es,  neben  dem  strömenden  Wasser  die  vorhandenen  Staudämme
und  Wehre  nach  dieser  Richtung  hin  nutzbar  zu  gestalten,  eine  Aufgabe,  die  jedoch  noch
nicht  ihre  Lösung  gefunden  hat.  Auf  die  besondere  Ausgestaltung  des  Schiffszuges  auf
den  Kanälen  wird  im  Abschnitt  „Schiffahrtskanäle"  zurückzukommen  sein.
Siromkorrektionen.
Handel  und  Schiffahrt  stehen  in  enger  Wechselwirkung  zu  einander.  Wie  die  zahlreicher ­
  und  reger  gewordenen  Handelsbeziehungen  einen  gewaltigen  Aufschwung  der
Schiffahrt  im  Gefolge  gehabt  haben,  so  wirkt  jede  Verbesserung  der  Schiffahrtseinrichtungen ­
  vermehrend  und  fördernd  auf  Handel  und  Industrie  und  damit  auf  Wohlstand,
Reichtum,  Macht  und  Lebensfähigkeit  der  Völker.  Die  Beförderung  der  wachsenden
Gütermengen  verlangt  gebieterisch  den  Bau  immer  größerer  Schiffe;  diese  bedürfen  tieferer
Wasserstraßen  für  die  Fahrt,  größere  und  tiefere  Hafenbecken  für  die  Landung.  Die
meisten  großen  Häfen  liegen  an  den  Mündungen  der  Ströme  und  oberhalb  derselben.
Die  oberhalb  der  Strommündung  gelegenen  Häfen  bildeten  früher  vielfach  die  Grenze
zwischen  Fluß-  und  Seeschiffahrt;  in  den  letzten  Jahrzehnten  ist  dies  anders  geworden,
indem  mancher  dieser  Häfen  wegen  ungenügender  Fahrwassertiefe  den  neueren  tiefergehenden ­
  Schiffen  unzugänglich  geworden  ist.  Als  Beispiel  sei  hier  nur  Bremen  an-
        <pb n="407" />
        423

Alte  und  moderne  Strombaukunst.
geführt,  das  ungefähr  70  Km  oberhalb  der  Wesermündung  liegt  und  den  Endpunkt  der
Oberweserschiffahrt  bildet.  Bis  nach  Bremen  konnten  früher  die  wenig  tiefgehenden
Seeschiffe  die  Weser  heraufgelangen,  so  daß  dort  von  Bord  zu  Bord  d.  h.  unmittelbar
vom  Seeschiff  in  das  Binnenschiff  und  umgekehrt  verladen  werden  konnte.  Die  mit  der
Entwickelung  der  Seeschiffahrt  immer  größer  gebauten  Schiffe  vermochten  auf  der  unregulierten, ­
  immer  mehr  verwilderten  Weser  schließlich  nur  noch  bis  Bremerhaven,  Geestemünde ­
  und  einigen  weiteren  Unterweserhäfen,  aber  nicht  mehr  bis  Bremen  selbst  gelangen;
anderseits  war  es  den  leichtgebauten  hölzernen  Oberweserkähnen  nicht  möglich,  die
Unterweser  wegen  des  auf  derselben  herrschenden  heftigen  Wellenschlages  zu  befahren.
So  konnte  also  nicht  mehr  von  Bord  zu  Bord  umgeladen  werden,  und  die  Leichterschiffe
oder  die  Eisenbahn  mußten  den  Verkehr  zwischen  Flußschiff  und  Seeschiff  vermitteln.  Dadurch ­
  wurden  natürlich  die  Frachtkosten  gewaltig  verteuert,  und  Bremen  blieb  hinter  seinen
Nachbarn  Hamburg,  Amsterdam,  Rotterdam  und  Antwerpen,  die  sich  neu  ausgebauter
Häfen  mit  verbesserten  Zugängen  von  der  See  und  namentlich  auch  verbesserter  Wasserverbindungen ­
  nach  dem  Binnenlande  erfreuen,  weit  zurück.  Wo  solch  mißliche  Verhältnisse ­
  für  einen  Hafenplatz  eintreten,  ist  die  Verbesserung  der  Schiffahrtsstraße  dringend
notwendig,  damit  die  Seeschiffahrt  —  das  billigste  Verkehrsmittel  —  möglichst  weit  in
das  Binnenland  hinein  fortgesetzt  werden  kann,  wodurch  große  Summen  gespart,  Handel
und  Industrie  gesteigert  werden  und  der  in  seiner  Existenz  bedrohte  Hafen  den  Wettbewerb ­
  mit  seinen  Nachbarn  bestehen  kann.  Aus  den  angeführten  Gründen  hat  die  Verbesserung ­
  der  Flußläufe  im  Laufe  der  Zeit  eine  immer  größere  Wichtigkeit  erlangt.
Die  Strombaukunst,  die  sowohl  eine  genaue  Kenntnis  der  allgemeinen  natürlichen ­
  Verhältnisse,  als  auch  ein  eingehendes  Studium  der  Besonderheiten  jedes  Flußlaufs ­
  voraussetzt,  ist  verhältnismäßig  sehr  jungen  Datums.  So  hervorragende  Leistungen
die  antiken  Ingenieure  auf  den  verschiedensten  Gebieten  der  Technik  hervorgebracht  haben,
auf  dem  Gebiete  des  Strombaues  müssen  ihre  Leistungen  als  ziemlich  unbedeutend  bezeichnet ­
  werden.  Am  meisten  Schwierigkeiten  bereitete  den  Ingenieuren  im  Altertum  die
Offenhaltung  der  Flußmündungen,  an  denen  die  ungeheueren  Sandablageruugen  die
Schiffahrt  im  Laufe  der  Zeit  außerordentlich  beeinträchtigten,  ja  unmöglich  machten.
Hier  suchte  mau  durch  die  Schaffung  neuer  künstlicher  Flußarme  die  unterbrochene  Verbindung ­
  mit  dem  Meere  wiederzugewinnen.  Die  erste  bekannte  derartige  künstliche  Wasserstraße, ­
  zum  Zwecke  der  Offenhaltung  der  Schiffahrt  hat  bereits  Nebukadnezar  geschaffen,
der  den  600  à  langen  Kanal,  Pallakopas  genannt,  Herstellen  ließ,  der  außer  als  fahrbare ­
  Wasserstraße  hauptsächlich  dazu  diente,  die  Sumpfgebiete  an  der  Euphratmündung
zu  entwässern.  Im  November  jedes  Jahres  mußte  der  Kanal  geschlossen  werden,  da  sonst
die  Bewässerung  der  Ländereien  nicht  möglich  war,  indem  zuviel  Wasser  zum  Abflüsse
gelangte.  Die  Schließung  des  Kanals  war  sehr  kostspielig  und  mühevoll.  Sie  lag  dem
Satrapen  von  Babylon  ob  und  bedingte  die  Beschäftigung  von  10  000  Menschen  während
dreier  Monate.  Um  den  Umfang  dieser  Arbeit  einzuschränken,  ließ  Alexander  der  Große
eine  neue  Kanalmündung,  die  festeren  Boden  durchschnitt,  Herstellen.  Die  Spuren  des
Pallakopas  mit  seinen  vielen  Seen  sind  heute  noch  zu  verfolgen.  Mit  Recht  erblickt  man
in  diesem  künstlichen  Flnßlauf  ein  hervorragendes  Werk  des  chaldäischen  Volkes,  bedingte
doch  die  damals  allein  zur  Verfügung  stehende  Menschenkraft  die  Vereinigung  vieler
Tausende  zur  Schaffung  derartiger  Riesenbauten.  Viele  Jahrhunderte  später  ahmten
die  Römer  das  gegebene  Beispiel  nach  und  schufen  an  der  Rhone  die  fossa  mariana  und
an  dem  Tiber  die  lassa  traiana.
Die  fortgeschrittene  Technik  der  Neuzeit  löst  derartige  Aufgaben  in  vollständig  anderer
Weise.  Die  auf  die  Verbesserung  von  im  Flutgebiet  belegenen  Flußmündungen  gerichteten ­
  Bestrebungen  haben  Werke  entstehen  lassen,  die  zu  den  bedeutendsten  Schöpfungen
auf  ingenieurtechnischem  Gebiete  zu  zählen  sind.  Die  englischen  Ingenieure  waren  die
ersten,  welche  mit  der  Korrektion  der  im  Flutgebiet  gelegenen  Flüsse  vorangingen,  und
die  erreichten  Erfolge  haben  den  Beweis  geliefert,  daß  die  auf  die  Verbesserung  wichtiger
Schiffahrtswege  aufzuwendenden  Mittel  kaum  zu  groß  werden  können.  Das  älteste  und
mit  dem  bedeutendsten  Erfolge  gekrönte  Beispiel  von  Regulierungsarbeiten  im  Flutgebiet
        <pb n="408" />
        424

Siromkorrektioneu.

bietet  die  den  Zugang  von  der  See  nach  Glasgow  bildende  Cly  de.  Glasgow,  seit  Jahrhunderten ­
  eine  der  reichsten  und  bedeutendsten  Städte  Schottlands,  verdankte  diese  Stellung
ausschließlich  seiner  Industrie;  besonders  wurden  daselbst  im  großen  Maßstabe  Zuckerraffinerien ­
  und  Wollfabriken  betrieben.  Mit  Beharrlichkeit  richtete  sich  das  Bestreben  der
Glasgower  Kaufleute  daraus,  einen  Teil  des  Handels  mit  Amerika  in  die  Hände  zu  bekommen. ­
  Die  Stadt  lag  zwar  an  einem  Fluß,  der  Clyde,  aber  dieser  besaß  eine  so  ungenügende ­
  Tiefe  und  führte  so  wenig  Wasser,  daß  er  der  Schiffahrt  keine  Dienste  zu
leisten  vermochte.  Nach  einem  im  Jahre  1775  erstatteten  Bericht  konnte  man  den  Fluß
bequem  durchwaten,  an  einigen  wenigen  Stellen  war  eine  Tiefe  von  etwa  40  am  bei
Niedrigwasser  vorhanden.  Mit  Hilfe  der  kräftigen  Flutwelle,  die  Englands  Küste  bespült,
ist  dieser  Fluß  allmählich  derart  verbessert  worden,  daß  Schiffe  mit  3000  Tonnen  und
7,3  m  Tiefgang  nach  Glasgow  an  den  Broomielaw  kommen  und  diese  Stadt  sich  infolge
der  Verbesserung  ihres  Zugangs  von  der  See  her  zu  der  größten  Handels-  und
Fabrikstadt  Schottlands  aufgeschwungen  hat,  auf  deren  berühmten  Werften  die  größten
Seedampfer  gebaut  werden.  Dieses  freilich  erst  in  langen  Jahren  erreichte  Ziel  hat
Glasgow  in  der  Zeit  von  1770—1785  reichlich  136  Millionen  Mark  gekostet,  die  auf
die  Regulierung  der  Clyde  und  den  Ban  der  Hafenwerke  verwendet  worden  sind.  Diese
großen  Kosten  sind  allerdings  zum  Teil  dadurch  entstanden,  daß  an  der  Clyde,  wie  an
anderen  im  Flutgebiet  gelegenen  Flüssen  in  England,  ebenso  wie  auch  in  Deutschland,  in
früheren  Jahren  nicht  die  richtigen  Bauweisen  zur  Regulierung  in  Anwendung  gebracht
worden  sind;  man  hat  lauge  für  die  im  Flutgebiet  gelegenen  Strecken  dieselben  Regeln
befolgt,  die  für  den  oberen  Lauf  Gültigkeit  haben,  für  das  Flutgebiet  aber  wie  man
nunmehr  erkannt  hat,  geradezu  verwerflich  sind.
Sind  sonach  zwar  die  Engländer  mit  der  Ausführung  der  Regulierungen  im
Flutgebiet  vorangegangen,  so  gebührt  doch  dem  Hamburger  Wasserbaudirektor  Dalmann
(gest.  1875)  das  Verdienst,  in  seiner  im  Jahre  1856  erschienenen  Schrift  „Über  Stromkorrektionen ­
  im  Flutgebiet"  dieses  wichtige  Gebiet  zum  erstenmal  wissenschaftlich  untersucht ­
  und  beleuchtet  zu  haben.  Den  bis  jetzt  an  Klarheit  und  Gründlichkeit  unerreichten
theoretischen  Ausführungen  Dalmanns  steht  die  vom  Oberbaudirektor  L.  Franzius  in
Bremen  auf  wissenschaftlicher  Grundlage  geplante,  in  den  Jahren  1887  —  1896  in  hervorragender ­
  Weise  und  mit  großem  Erfolg  ausgeführte  Korrektion  der  Unterweser  ebenbürtig
zur  Seite.
Der  Hauptzweck  einer  Flußkorrektion  ist  in  den  meisten  Fällen  die  Herbeiführung
einer  regelmäßigen  und  unschädlichen  Fortbewegung  der  Sinkstoffe  (Gerölle,  Kies,  Sand,
Schlamm,  Schlick),  um  dadurch  die  für  die  Schiffahrt  nötige  Fahrwassertiefe  zu  schaffen
und  zu  erhalten.
Bei  der  Ausführung  einer  Regulierung  geht  das  Bestreben  des  Flußbaumeisters
dahin,  das  Arbeitsvermögen  des  Flusses  d.  h.  die  ihm  vermöge  seiner  Wassermenge  und
deren  Geschwindigkeit  innewohnende  Kraft  zur  Mitwirkung  heranzuziehen.  Die  im  oberen
Laufe  der  Flüsse  abfließende  Wassermenge  hat,  von  den  durch  meteorologische  Vorgänge
hervorgerufenen  Schwankungen  abgesehen,  im  allgemeinen  eine  bestimmte,  leicht  meßbare
Größe,  die  durch  keine  baulichen  Eingriffe  vermehrt,  höchstens  geregelt  oder  durch  Ableitung
verkleinert  werden  kann.  Auch  die  Geschwindigkeit  der  stets  in  einer  Richtung,  thalabwärts
sich  bewegenden  Wassermenge  kann  nur  innerhalb  der  durch  das  vorhandene  Gefälle
gegebenen  Grenzen  verändert  werden.  Anders  verhält  sich  die  Sache  im  Flutgebiet;  dort
bewegt  sich  im  Flußbett  nicht  allein  das  von  oben  kommende,  seewärts  fließende  Oberwasser, ­
  sondern  infolge  der  Flutbewegung  des  Meeres  von  der  Mündung  landeinwärts
noch  eine,  jenes  um  das  50—lOOfache  übertreffende  Wassermenge.  Das  von  der  See
in  den  Flußlauf  einströmende  Wasser  schiebt  das  Oberwasser  vor  sich  her  und  staut  es
auf.  Nach  einem  gewissen  Zeitraum  flutet  es  wieder  seewärts  zurück.  Diese  im  Flutgebiet ­
  sich  bald  seewärts,  bald  landwärts  bewegende  Wassermasse  hat  jeden  Augenblick
eine  veränderte  Größe  und  veränderte  Geschwindigkeit.  Je  mehr  das  Eindringen  der
Flutwelle  in  den  Flußlauf  durch  Beseitigung  etwaiger  Hindernisse  an  der  Mündung  und
im  Flußbett  selbst  erleichtert  wird,  um  so  größer  wird  die  einströmende  Wassermasse
        <pb n="409" />
        Flut  und  Ebbe.  425
und  deren  Geschwindigkeit  sein  und  um  so  weiter  landeinwärts  wird  sie  vermöge  der  in
der  offenen  See  gewonnenen  lebendigen  Kraft  vordringen;  anderseits  wird  auch  bei  Eintritt ­
  der  Ebbe  das  Wasser  rascher  wieder  seewärts  abfließen.  Je  größer  aber  die  bewegte
Wassermenge  und  deren  Geschwindigkeit  ist,  um  so  größer  ist  ihre  lebendige  Kraft  und
um  so  größere  Widerstände  können  überwunden,  um  so  mehr  nützliche,  auf  die  Fortbewegung ­
  der  Sinkstoffe  gerichtete  Arbeit  kann  damit  geleistet  werden.
Der  wichtigste  Grundsatz  bei  der  Stromregulierung  im  Flutgebiete  ist  demnach,
dafür  zu  sorgen,  daß  die  von  der  See  kommende  Flutwelle  möglichst  ungehindert  in  den
Fluß  eintreten  und  in  demselben  sich  weiter  bewegen  kann.
Wir  haben  erfahren,  daß  im  oberen  Lauf  eines  Flusses  eine  Vermehrung  der
Wassermenge  gar  nicht  und  eine  Vergrößerung  der  Geschwindigkeit  nur  in  verhältnismäßig ­
  geringem  Maße  durch  Eingreifen  von  Menschenhand  erreicht  werden  kann.  Da
im  Flutgebiet  durch  Beseitigung  von  Hindernissen  sowohl  die  sich  bewegende  Wassermenge,
wie  deren  Geschwindigkeit  um  das  doppelte  oder  dreifache  gesteigert  werden  kann,  so  geht
daraus  hervor,  daß  hier  bei  richtig  geleiteter  Korrektion  weit  größere  Erfolge  erreicht
werden  können,  als  im  Oberlauf.  Diese  Erfolge  beziehen  sich  nicht  nur  auf  die  Schaffung
und  Erhaltung  einer  genügend  tiefen  Schiffahrtslinie,  sondern  infolge  der  ungehinderten
und  daher  tiefer  abfallenden  Ebbe  tritt  auch  eine  Senkung  des  Wasserspiegels  ein,  die  eine
bessere  Entwässerung  der  im  Flutgebiete  gelegenen,  wertvollen  Marschländereien  gestattet,
und  endlich  ist  mit  dem  leichteren  Abfluß  des  Wassers  auch  ein  besseres  Abtreiben  des
Eises  verbunden.
Zur  richtigen  Planung  der  auf  die  Steigerung  der  Flutwelle  hinzielenden  Maßnahmen ­
  ist  die  genaue  Kenntnis  der  durch  die  Örtlichkeiten  zum  Teil  sehr  verwickelten
Fluterscheinungen  an  den  einzelnen  Punkten  des  Flutgebietes  erforderlich,  und  so  sollen
vor  Eingehen  auf  die  Ausführung  der  erforderlichen  Korrektionsarbeiten  die  Ursache  und
der  Verlauf  der  Flutwelle  betrachtet  werden.
Die  in  den  Fluß  von  der  See  her  eintretende  und  sich  im  Flußbett  landeinwärts
bewegende  Flutwelle  ist  ein  Teil  der  Meeresflutwelle,  die  durch  die  Anziehungskraft  von
Sonne  und  Mond  auf  die  Erde  entsteht.  Hierdurch  tritt  täglich  zweimal  ein  Steigen
und  Fallen  des-Meeres,  d.  h.  Flut  und  Ebbe  ein.  Die  Flutperiode,  die  Zeit  zwischen
dem  Eintreten  zweier  aufeinander  folgenden  höchsten  und  niedrigsten  Wasserstände  dauert
theoretisch  12  Stunden,  25  Minuten,  14,w  Sekunden.  Die  Fluterhebung  und  die  Zeit
ihres  Eintritts  ist  durch  die  gegenseitige  Stellung  von  Sonne  und  Mond  zur  Erde  und
durch  die  größere  oder  kleinere  Entfernung  von  der  Erde  beeinflußt.  Zur  Zeit  des  Vollmonds ­
  und  des  Neumonds  stehen  Erde,  Mond  und  Sonne  in  gerader  Linie,  daher  ist
die  Flut  besonders  groß.  Man  nennt  sie  Springflut,  welche  durch  Sturm  zur
Sturmflut  gesteigert  werden  kann;  zur  Zeit  des  ersten  und  letzten  Mondviertels  tritt
dagegen  eine  besonders  schwache,  die  sogenannte  taube,  tote  oder  Nippflut  ein.  Die
Zeiten  des  Eintritts  von  Hochwasser  und  Niedrigwasser  erleiden  einen  periodischen
Wechsel  in  der  Weise,  daß  diese  Wasserstände  am  folgenden  Tage  je  1 I 3 —l l ) 2  Stunden
später  eintreten  als  am  vorhergehenden.
Der  Verlauf  der  Fluten  ist  nicht  überall  derselbe;  die  Gestaltung  der  Ozeane  und
der  Küsten  ist  von  Einfluß  auf  ihn.  Durch  das  Anlaufen  der  Flutwelle  an  die  Küste
tritt  eine  Aufstauung  und  Ablenkung  der  Wellen  ein;  die  abgelenkten  Wellen  durchdringen
sich  und  laufen  so  lange  weiter,  bis  ihre  lebendige  Kraft  durch  Winde,  Anlaufen  an  die
Küste  und  entgegengesetzte  Strömungen  gebrochen  ist.  Auch  durch  die  Einwirkung  des
Windes  wird  die  Flutwelle  stark  beeinflußt;  ein  mit  der  Richtung  der  Flutwelle  wehender
Wind  vermehrt  ihre  Höhe  und  ihre  Geschwindigkeit,  und  zwar  ist  dieser  Einfluß  um  so
größer  an  den  Enden  allmählich  sich  verengender  Buchten  und  bei  sonst  geringer  Fluthöhe,
wie  dies  z.  B.  an  der  deutschen  Nordseeküste  der  Fall  ist,  während  bei  größerer  Fluthöhe, ­
  an  der  englischen  und  nordfranzösischen  Küste,  dieser  Einfluß  viel  geringer  ist.
Wie  groß  die  Flutgröße,  d.  h.  der  Unterschied  zwischen  dem  höchsten  und  niedrigsten
Wasserstande  im  offenen  Meere  ist,  konnte  noch  nicht  ermittelt  werden,  man  kennt  nur  die
Flutgröße  an  den  Küsten  des  Festlandes  und  an  den  Inseln;  jedenfalls  ist  die  Flutgröße
IX  54
        <pb n="410" />
        Stromkorrektionen.

426

im  offenen  Meere  kleiner  als  an  den  Küsten.  Dagegen  wird  umgekehrt  die  Fortschrittsgeschwindigkeit ­
  der  Flutwelle  an  der  Küste,  infolge  der  der  Bewegung  entgegenstehenden
Hindernisse,  kleiner  als  im  offenen  Meere.  Nicht  zu  verwechseln  mit  der  Geschwindigkeit ­
  des  Fortschreitens  der  Welle  ist  die  Geschwindigkeit  der  Strömung  bei  Flut  und
Ebbe.  In  Hamburg  z.  B.  tritt  das  Hochwasser  4  Stunden  l  6  Minuten  später  ein  als  in
dem  etwa  100  km  seewärts  gelegenen  Cuxhaven;  die  durchschnittliche  Fortschrittsgeschwindigkeit ­
  der  Welle  auf  der  Strecke  Cuxhaven-Hamburg  ist  somit  6,5  na  in  der
Sekunde,  während  die  Strömung  wesentlich  kleiner  ist.  Ihre  größte  Höhe  erreicht  die
Flutwelle  im  Verhältnis  zur  Flutgröße  an  der  Mündung  in  denjenigen  Gebieten,  in
denen  die  Ufer  sich  trichterförmig  zusammenziehen  und  der  Grund  allmählich  ansteigt.  In
solche  Buchten  wird  das  Flutwasser  gewaltsam  hineingepreßt,  und  mit  der  Verengung
steigt  der  Scheitel  der  Welle.  Die  Stelle  im  Flutgebiet  eines  Stromes,  an  welcher
die  Erhöhung  des  Wasserspiegels  zu  Null  wird,  ist  die  Flutgrenze;  weiter  unterhalb
der  Flutgrenze  liegt  die  Grenze  des  Flutstromes;  zwischen  dieser  und  der  Flutgrenze
findet  keine  Flutströmung  mehr  statt,  sondern  nur  noch  ein  Aufstauen  des  Oberwassers.
Um  sich  von  dem  Verlauf  der
Fluterscheinungen  in  einem  Flutgebiete
im  ganzen  und  an  einzelnen  Punkten
genaue  Kenntnis  und  ein  anschauliches
Bild  zu  verschaffen,  dazu  dienen  die
Flutkurven  und  Flutmesser.  Die
Flutkurven  eines  Ortes  erhält  man,
wenn  man  auf  einer  die  Zeiten  darstellenden ­
  Abscissenachse  die  zugehörigen
Höhen  der  Flut  als  Ordinaten  aufträgt. ­
  Zur  Herstellung  der  Flutkurven
müssen  die  Wasserstände  in  kurzen
Zeitabschnitten  abgelesen  werden;  genauer ­
  und  bequemer  erhält  man  die
Flutkurven  für  jede  einzelne  Flut  durch
Aufstellung  selbstzeichnender  Flutmesser. ­
  Dies  sind  Vorrichtungen,
welche  die  Bewegungen  eines  Schwimmers ­
  und  damit  den  jeweiligen  Wasserstand ­
  mit  einem  Zeichenstifte  auf  einen
durch  ein  Uhrwerk  gedrehten,  mit  der  entsprechenden  Zeiteinteilung  versehenen  Papierstreifen ­
  auftragen.
Die  Flutwelle  stellt  das  Bild  einer  das  Flutgebiet  durchziehenden  Flut  und  Ebbe
während  eines  Augenblickes  dar  und  wird  entweder  durch  an  zahlreichen  Punkten  gleichzeitig ­
  angestellte  Beobachtungen  oder  noch  besser  aus  den  durch  die  selbstzeichnenden  Flutmesser ­
  aufgenommenen  Flutkurven  ermittelt.
Neben  der  Kenntnis  der  Flutkurven  ist  für  die  Korrektion  von  Wichtigkeit  die
Kenntnis  der  Linien  des  Hoch-  und  Niedrigwassers  d.  i.  die  Verbindung  der  für
alle  Punkte  des  Flutgebietes  vorkommenden  höchsten  und  niedrigsten  Wasserstände  während
einer  Flutperiode.  Aus  den  während  eines  langen  Zeitraumes  gemachten  zahlreichen
Beobachtungen  der  Fluterscheinungen  werden  Durchschnittswerte  ermittelt,  die  als  Grundlage ­
  für  die  Bearbeitung  des  Regulierungsentwurfes  dienen  (vergl.  Abb.  437).
Den  Gang  der  Entwurfsbearbeitung  mit  den  zahlreichen  Untersuchungen,  Beobachtungen ­
  und  Berechnungen  in  technischer  und  kommerzieller  Hinsicht,  von  denen  die
Bestimmung  der  im  Flutgebiet  sich  bewegenden  Wassermenge  von  besonderer  Wichtigkeit
ist,  weil  diese  für  die  Abmessungen  des  Bettes  maßgebend  ist,  müssen  wir  hier  übergehen ­
  und  wenden  uns  den  Hilfsmitteln  der  Korrektion  und  der  Ausführung  zu.
Wie  wir  oben  gesehen  haben,  ist  die  erste  Aufgabe  der  Korrektion  eines  Stromes
im  Flutgebiet  die  Vergrößerung  der  Waffermenge  und  der  Geschwindigkeit  der  in  demP ­



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435.  Flutkurvc.
        <pb n="411" />
        427

Korrektionen  im  Flutgebiet.

selben  sich  bewegenden  Flutwellen.  Die  Mittel  zur  Erreichung  dieses  Zieles  sind  im  allgemeinen ­
  ein  sich  von  der  Mündung  nach  oben  bis  zur  Flutgrenze  angemessen  verengendes,
von  allen  die  Bewegung  der  Flutwelle  abschwächenden  Hindernissen  befreites  Flußbett.
Solche  Hindernisse  sind  scharfe  Krümmungen,  Spaltungen  des  Flußlaufes  durch  Inseln  und
Sandbänke,  Unregelmäßigkeiten  in  den  Querschnitten  des  Flußbettes,  namentlich  auch  von
früheren  Regulierungen  herrührende  Einbauten,  wie  Buhnen.  In  scharfen  Krümmungen
wird  die  Flutwelle  zu  forttvährendem  Richtungswechsel  gezwungen,  und  dadurch  wird  ein
Teil  ihrer  lebendigen  Kraft  unnütz  verbraucht;  ferner  entstehen  in  Krümmungen  leicht
Unregelmäßigkeiten  im  Flußbett,  Vertiefungen  auf  der  konkaven,  Verlandungen  auf  der
konvexen  Seite  und  dadurch  Querschnittsverengungen.  Solche  scharfe  Krümmungen  müssen
durch  Ausführung  von  Durchstichen  abgeschnitten  werden,  kleine  Krümmungen  können
durch  Abgrabung  auf  der  konvexen  und  Ausbau  der  konkaven  Seite  verbessert  werden.
Noch  ungünstiger  als  Krümmungen  wirken  Spaltungen  durch  größere  Inseln.  Wie  ein
in  zwei  Arme  gespaltener  Fluß  in  diesen  einen  größeren  Widerstand  findet  als  im  ungeteilten ­
  Bett,  so  ist  dies  auch  bei  der  sich  durch  Arme  durchzwängenden  Flutwelle  der
Fall;  dazu  kommt  noch,  daß  sich  die  Flutwelle  in  den  beiden  Armen  nicht  mit  gleicher
Geschwindigkeit  bewegen  wird,  so  daß  am  Ende  der  die  Spaltung  herbeiführenden  Insel
die  Flutwelle  in  dem  einen  Arme  früher  ankommt  als  im  anderen  und  dadurch  ein
Teil  der  Welle  in  den  anderen  Arm  fließt  und  der  dort  sich  bewegenden  Welle  entgegenströmt; ­
  die  Folge  ist  natürlich  eine  bedeutende  Abschwächung  der  nach  oben  weiterströmenden ­
  Flutwelle.  Das  Mittel  zur  Beseitigung  einer  Spaltung  besteht  in  der  Abdämmung ­
  des  ungünstig  gelegenen  Armes.  Der  Sperrdamm  wird  am  oberen  Ende  des
abzuschließenden  Armes  hergestellt,  damit  ein  großer  Teil  desselben  als  Spülbecken  für
die  untere  Strecke  erhalten  bleibt;  ein  solches  Spülbecken  füllt  und  entleert  sich  in  jeder
Flutperiode,  und  dadurch  wird  eine  viele  Millionen  Kubikmeter  betragende  Wassermenge
über  die  unterhalb  des  Spülbeckens  gelegene  Strecke  des  Flntgebietes  hin  und  her  bewegt,
welche  an  der  Vertiefung  und  Reinhaltung  dieser  Strecke  mitarbeitet  Und  so  gleichzeitig
die  Flutentwickelung  oberhalb  fördert.  Kleinere  Arme,  die  als  Spülbecken  wertlos  sind,
werden  zweckmäßigerweise  zugeschüttet.  Es  wird  dadurch  einmal  der  Vorteil  erreicht,  daß
die  bei  der  Regulierung  künstlich  gewonnenen  Erbmassen  in  möglichster  Nähe,  also  billig
abgelagert  werden  können,  sodann  daß  der  Sperrdamm  leichter  gebaut  werden  kann,  als
wenn  er  —  bei  offen  gehaltenem  Arm  —  dem  Angriff  und  dem  Übersturz  des  Wassers
ausgesetzt  bliebe,  und  endlich,  daß  wertvolles,  ertragfähiges  Land  gewonnen  wird.  Mit
der  fortschreitenden  Abdämmung  des  Nebenarmes  wächst  die  Stromkraft  im  Hauptarm,
denselben  erweiternd  und  vertiefend.  Sollte  die  Sohle  des  Flußbettes  den  Angriffen
der  Stromkraft  zu  großen  Widerstand  entgegensetzen  oder  die  Erweiterung  des  Hauptarmes ­
  durch  die  Stromkraft  allein  zu  lange  dauern,  so  muß  durch  Baggerung  nachgeholfen ­
  werden.
Unter  einem  Bagger  versteht  man  eine  Vorrichtung,  um  von  der  Sohle  eines
Wasserlanfes  den  Boden  zu  entfernen.  Auf  die  verschiedenen  Formen  der  Bagger  wird
gelegentlich  zurückzukommen  sein.
Die  Thätigkeit  der  Bagger  hat  auch  vorteilhaft  einzutreten  bei  der  Beseitigung
etwaiger  das  Flußbett  auf  die  ganze  Breite  durchsetzender  Sandbänke,  sogenannterBarren,
die  bei  größeren  Flüssen  oft  in  der  Gegend  der  Flutgrenze,  bei  kleineren  mehr  vor  der
Mündung  vorkommen.  Nachdem  durch  Durchstiche  und  Abdämmungen  ein  einheitlicher
Flußschlauch  hergestellt  ist,  muß  der  durch  die  Strömung  entstehenden  Verlegung  des
tieferen  Niedrigwasserbettes  entgegengewirkt  werden.  Das  geschieht  durch  die  Anlage  von
Leitdämmen,  die  bis  zur  Höhe  des  Niedrigwasserbettes  reichen,  der  Raum  zwischen  diesen
Leitdämmen  und  dem  Hochwasserufer  kann  unter  Umständen  für  die  natürliche  Ablagerung
der  vom  Strom  bewegten  Sinkstoffe  frei  bleiben  oder  mit  Baggermaterial  bis  zur  Niedrigwasserhöhe ­
  angeschüttet  werden.  Die  Baggerungen  sind  bei  den  Korrektionen  im  Flußgebiete ­
  ein  unentbehrliches  Hilfsmittel,  da  der  Erfolg  bei  einer  nur  durch  Sperrdämme
und  Leitdämme  bewirkten  Korrektion  zu  lange  auf  sich  warten  ließe.  Auch  nach  gelungener
Regulierung  wird  die  Baggerung  nie  ganz  überflüssig  werden,  da  hohe  Sturmfluten  und
54*
        <pb n="412" />
        428

Stromkorrektionen.

außerordentliche  Oberwasser  Ablagerungen  veranlassen  können,  deren  rasche  Beseitigung
im  Interesse  der  Schiffahrt  und  zur  Verhütung  der  Ausbildung  einer  falschen  Rinne
notwendig  werden  kann.  Durch  Baggerung  kann  auch  ein  nicht  unbedeutender  Gewinn
sich  Herausstellen,  wenn  das  gebaggerte  Material  zur  Verstärkung  der  Sperrdämme  und
Leitdämme,  zur  Aufhöhung  von  Niederungen  und  dergleichen  vorteilhaft  verwendet  werden
kann.  So  ist  z.  B.  im  Entwurf  für  die  Korrektion  der  Unterweser  ein  durch  Ablagerung
von  Baggerboden  zu  erzielender  Gewinn  an  fruchtbarem  Lande  von  reichlich  1000  ha  im
Werte  von  2  400000  Mark  veranschlagt.  Ist  keine  nützliche  Verwendung  für  Baggermaterial ­
  vorhanden,  so  muß  dasselbe  dort  abgelagert  werden,  wo  es  am  wenigsten  schädlich
ist,  in  abgeschnittenen  großen  Armen,  oder  es  kann  bei  starker  Ebbeströmung  kurz  vor  der
Mündung  im  Stromstrich  selbst  ausgeschüttet  werden,  wo  es  die  Strömung,  ohne  schädliche
Ablagerungen  hervorzurufen,  in  die  tiefe  See  führt.

436.  Dampfbagzer  auf  der  EU&amp;gt;e.
Bei  Aufstellung  der  Pläne  für  eine  Korrektion  im  Stromgebiet  kann  es  sich  nur
um  einen  Entwurf  im  allgemeinen  handeln,  die  Anordnung  der  Arbeiten  im  einzelnen
und  auch  die  Reihenfolge  derselben  muß  der  Ausführung  vorbehalten  bleiben,  da  im
Laufe  derselben  durch  das  Verhalten  des  Flusses  manche  Änderungen  notwendig  werden
können.  Die  technische  Ausführung  muß  deshalb  auch  von  einer  Stelle  aus  geleitet
werden,  welche  die  Stromverhältnisse  vor  der  Regulierung  schon  kannte  und  jederzeit
einen  vollen  Überblick  über  die  sämtlichen  Vorgänge  im  Flutgebiet  hat,  um  das  Erforderliche ­
  sofort  anordnen  zu  können.
Über  die  Reihenfolge  der  Arbeiten  ist  anzuführen,  daß  mit  der  Beseitigung  der
Hindernisse  an  der  Mündung  begonnen  werden  muß,  weil  dann  das  Eindringen  der
Flutwelle  von  Anfang  an  erleichtert  und  somit  auch  von  Anfang  an  in  dem  vermehrten
Flutwasser  die  stärkere  Stromkraft  zur  Wirkung  kommt;  eine  Regulierung  von  oben
würde  keine  Steigerung  der  an  der  Mündung  und  in  den  unteren  Strecken  am  Eintreten ­
  und  Fortbewegen  gehinderten  Flutwelle  herbeiführen,  sondern  durch  Zuführung
von  Sinkstoffen  in  den  unteren  Strecken  unter  Umständen  nachteilige  Ablagerungen
veranlassen.
        <pb n="413" />
        429

Ncgnlierungsarbeiten  an  dem  Tyne  und  der  Seine.

Es  sind  alsdann  die  Absperrungen  der  Spaltungen  in  Angriff  zu  nehmen,  um  diese
so  rasch  wie  möglich  zu  beseitigen,  weil  sie  den  nachteiligsten  Einfluß  auf  die  Entwickelung ­
  der  Flutwelle  ausüben.  Mit  der  Absperrung  der  Nebenarme  hat  dann  die  Erweiterung ­
  der  Hauptarme  Hand  in  Hand  zu  gehen,  damit  durch  die  Hauptarme  eine
kräftige  Flut  und  Ebbe  stattfindet  und  so  die  Stromkraft  vermehrt  wird.  Nach  Absperrung ­
  der  schädlichen  Nebenarme  werden  die  zur  Ausbildung  und  Vertiefung  des
Niedrigwasserbettes  dienenden  Leitdämme  ausgeführt,  durch  deren  Fertigstellung  wird
die  Stromkraft  so  vergrößert,  daß  eine  Menge  Sinkstoffe  aufgewühlt  und  fortbewegt  und
in  den  alten  Armen  und  zwischen  den  Leitdämmen  und  den  Hochwafferufern  abgelagert
wird.  Zur  Beschleunigung  der  Korrektion  müssen,  wie  schon  oben  bemerkt,  Bagger  in
Thätigkeit  treten,  namentlich  auch  an  den  Stellen,  wo  feste  Bodenarten  durch  die  Stromkraft ­
  allein  nicht  abgetrieben  werden;  unter  Umständen  genügt  es  auch,  den  Boden  nur
aufzulockern,  ohne  ihn  zu  heben,  und  ihn  dann  der  Strömung  zu  überlassen.  Bei  der
Unterweserkorrektion  waren  von  55  Millionen  cbm  31  Millionen  als  durch  Baggerung
und  Grabung  und  24  Millionen  als  durch  die  Ebbe-  und  Flutströmung  zu  beseitigen
angenommen.
Welche  gewaltige  Erfolge  durch  Stromkorrektionen  im  Flutgebiet  erreicht  werden
können  und  erreicht  worden  sind,  mögen  außer  der  schon  erwähnten  Clyde  nachstehende
Beispiele  zeigen.
Der  in  die  Nordsee  mündende  Tyne,  an  der  Grenze  von  England  und  Schottland,
hatte,  als  im  Jahre  1843  mit  systematischen  Baggerungen  zu  seiner  Regulierung  begonnen
wurde,  unterhalb  Newcastle,  des  jetzigen  Hauptkohlenhafens  von  England,  beim  Niedrigwasser ­
  der  Springflut  nur  0,6  m  und  bei  Hochwasser  4,4  m  Fahrwassertiefe.  Bis  zum
Jahre  1860  waren  durch  die  nur  in  geringem  Umfange  betriebenen  Baggerungen  rnnd
1  %  Millionen  cbm  gefördert  worden.  Im  Jahre  1856  begann  man  an  der  Mündung
mit  dem  Bau  von  2  Hafendämmen,  um  das  Fahrwasser  über  der  dort  vorhandenen  Barre
zu  verbessern.  Durch  die  Baggerungen  und  Regulierungsarbeiteu  wurde  eine  Verbesserung
der  Flußrinne  erreicht,  doch  betrug  im  Jahre  1860  die  Tiefe  des  Fahrwassers  über  der
Barre  beim  Niedrigwasser  der  Springflut  nur  1,8  m,  und  Schiffe  von  4,6  m  Tiefgang
konnten  nur  bei  hoher  Springflut  bis  Newcastle  vordringen.  Vom  Jahre  1861  ab
wurden  die  Baggerungen  energischer  betrieben,  und  bis  zum  Jahre  1890  waren  rund
45000000  cbm  aus  dein  Fluß  gebaggert  und  in  die  See  geschüttet  worden.  Durch  diese
Baggerungen  wurde  das  Fahrwasser  auf  der  Barre  von  1,8  m  auf  6,o  m  bei  Niedrigwasser ­
  der  Springflut  vertieft  und  eine  Wasserstraße  mit  einer  kleinsten  Fahrwassertiefe
von  6  m  bei  Niedrigwasser  bis  Newcastle  geschaffen.  Der  Tyne  ist  aus  einem  ursprünglich
unbedeutenden,  für  größere  Schiffe  unzugänglichen  Fluß  zu  einer  großen,  für  den  Handelsverkehr, ­
  namentlich  für  Kohlentransporte,  wichtigen  Wasserstraße  geworden,  die  mit  Schiffen
bis  zu  4000  t  befahren  werden  kann.  Die  Tyne-Häfen  nehmen  jetzt  in  Bezug  auf  den
jährlichen  Gesamttonnengehalt  der  hier  anlaufenden  Schiffe  unter  den  britischen  Häfen
nach  London  und  Liverpool  den  ersten  Rang  ein.
Die  Seine.  Das  Flutgebiet  der  Seine  erstreckt  sich  von  Havre  150  km  landeinwärts, ­
  noch  19  km  oberhalb  von  Rouen.  Zwischen  Havre  und  Rouen  hatte  die  Schifffahrt ­
  vor  den  im  Jahre  1846  begonnenen  Korrektionsarbeiten  mit  vielen  Schwierigkeiten
zu  kämpfen,  da  sich  das  Fahrwasser  auf  der  unteren  breiten  Strecke  von  La  Mailleraye
bis  zur  Mündung  oft  verlegte  und  zahlreiche  Untiefen  von  nicht  mehr  als  0,5  m  unter
Niedrigwasser  vorhanden  waren*).  Außerdem  hatte  die  Schiffahrt  auf  dem  stark  gewundenen ­
  Lauf  noch  mit  einem  anderen  gefährlichen  Feind  zu  kämpfen,  mit  dem  Bore
oder  Mascaret;  es  war  dies  eine  nahezu  senkrechte  Welle  von  1  bis  1V2  m  Höhe,  welche
bei  gewissen  Fluten  besonders  heftig  auftrat,  sich  mit  großer  Geschwindigkeit  stromaufwärts
bewegte  und  namentlich  auf  Strecken,  wo  sie  auf  Hindernisse  traf  und  über  geringer  Tiefe
fortrollte,  ihre  verderblichen  Wirkungen  äußerte,  während  sie  in  tieferem  Wasser  sich  in

*)  Ein  beträchtliches  Schiffahrtshindernis  bildete  auch  eine  bei  La  Mailleraye  das  Flußbett
durchziehende  feste,  ans  Thon  und  groben  Geschieben  bestehende  Bank  (banc  des  Meules).
        <pb n="414" />
        430

Stromkorrektionen.

eine  längere,  aber  noch  höhere  Welle  verwandelte,  die  besonders  den  Ufern  schädlich  war.
Zahlreiche  Schiffe  fielen  dem  Bore  zum  Opfer.  Die  in  den  Jahren  von  1846  bis  1866
ausgeführten  Regulierungsarbeiten  bestanden  in  der  Hauptsache  in  der  Ausführung  von
Dämmen  auf  der  ungefähr  45  km  langen  Strecke  von  La  Mailleraye  bis  Berville,  um
das  Bett  einzuengen,  und  in  Baggerungen  unterhalb  La  Mailleraye,  um  durch  die  baue
des  Meules  eine  Fahrrinne  durchzubrechen.  Durch  diese  Arbeiten  war  in  Kürze  erreicht
worden,  daß  die  vorhanden  gewesenen  Untiefen  sich  auf  3  bis  4  in  vertieft  hatten,  und
die  Seine  war  für  die  moderne  Schiffahrt  eröffnet.  Diese  glänzenden  Erfolge  kosteten
nur  14  Millionen  Frank,  und  dabei  hatten  sich  noch  überraschend  schnell  wertvolle
Verlandungen  gebildet,  bis  zum  Jahre  1867  bereits  8600  im,  deren  Wert  sich  auf
17  Millionen  Frank  berechnete;  die  Baukosten  waren  also  dadurch  mehr  als  gedeckt.  Die
aus  Kalkbruchsteinen  aufgeführten  Dämme  waren  aber  in  ihren  oberen  Teilen  durch  den
Angriff  des  Wassers  in  wenigen  Jahren  fast  vollständig  zerstört  und  mußten  in  den
Jahren  1878—1891  wiederhergestellt  und  durch  Betonverkleidungen  und  Schutzbauten
aus  Pfählen  und  Bohlen  befestigt  werden,  wodurch  die  Kosten  der  ersten  Anlage  beinahe
verdoppelt  wurden.  Im  ganzen  haben  die  Verbessernngsarbeiten  im  Flutgebiet  der  Seine
bis  zum  Jahre  1892  30  440  000  Frank  gekostet,  von  denen  21320  000  Frank  durch
den  Wert  der  entstandenen  Verlandungen  gedeckt  sind,  so  daß  nur  der  kleine  nicht  gedeckte
Betrag  von  9120  000  Frank  übrig  bleibt.  Hierzu  kommen  noch  19  440000  Frank,  die
seit  1875  für  die  Verbesserung  und  Vergrößerung  des  Hafens  von  Rouen  aufgewendet
worden  sind.  Auf  der  Strecke  Havre-Rouen,  auf  der  früher  Schiffe  mit  höchstens  200  k
Ladung  mit  Gefahr  verkehren  konnten  und  von  Havre  nach  Rouen  mindestens  4  Tage
brauchten,  können  jetzt  Schiffe  mit  der  zehnfachen  Ladung  und  mit  6,3  m  Tiefgang  in
8  bis  10  Stunden  ohne  Gefahr  verkehren.  Rouen  nimmt  unter  sämtlichen  französischen
Häfen  in  Bezug  auf  den  Güterverkehr  jetzt  den  fünften  Rang  ein.
Die  Weser.  Im  ersten  Drittel  unseres  Jahrhunderts  war  die  Weser  zwischen  Bremen
und  Bremerhaven  die  einzige  Verbindung.  Bei  östlichen  Winden  sank  das  Wasser  so  bedeutend, ­
  daß  nicht  selten  5  bis  6  Wochen  lang  kein  beladenes  Leichterfahrzeng  nach  Bremen
gelangen  konnte,  Dampfschiffe  blieben  oft  tagelang  auf  dem  Sande  sitzen.  Im  Winter
mußten  zwischen  Bremen  und  Bremerhaven  Privatfußboten  gesandt  werden,  wollte  man
eine  Nachricht  von  dem  einen  nach  dem  anderen  Orte  gelangen  lassen.  Auf  der  Obcrweser
war  der  Verkehr  ebenso  traurig;  bei  niedrigen  Wasserständen  hörte  die  Schiffahrt  vollständig ­
  auf.  Die  Schiffer  hatten  sich  ihrer  Zahl  wegen  auch  hier  zu  einer  Reihenfahrt
verbunden;  da  in  der  Regel  nur  jeder  im  Jahr  einmal  an  die  Reihe  kam,  so  mußte  die
Fracht  so  hoch  gestellt  werden,  daß  der  Schiffer  von  einer  Fahrt  mit  seiner  Familie  und
seinen  Schifferknechten  das  ganze  Jahr  zu  leben  vermochte.  Trotz  der  seit  Mitte  des
Jahrhunderts  vom  Staate  Bremen  auf  der  Strecke  Bremen-Vegesack  betriebenen  Regulierungsarbeiten, ­
  denen  sich  seit  1864  die  von  den  anderen  beiden  Uferstaaten  Preußen
(vormals  Hannover)  und  Oldenburg  nach  gemeinschaftlichem  Plane  vorgenommene  Korrektion ­
  der  angrenzenden  rund  15  km  langen  Strecke  bis  Lienen  anschloß,  und  trotz  der
mit  einem  durchschnittlichen  jährlichen  Kostenaufwande  von  340  000  Mark  von  diesen
drei  Staaten  betriebenen  Baggerungen  betrug  die  Fahrtiefe  der  Unterweser  zwischen
Bremen  und  Bremerhaven  Anfang  der  70er  Jahre  doch  nicht  mehr  als  2  Meter.  Da
eine  Einigung  der  zunächst  beteiligten  Uferstaaten  Preußen,  Oldenburg  und  Bremen  zu
einer  gründlichen  Korrektion  nicht  herbeigeführt  werden  konnte,  wurde  vom  Bundesrat
durch  Beschluß  vom  15.  Februar  1874  eine  Reichskommission  aus  Vertretern  der  drei
Uferstaaten  ernannt,  mit  dem  Auftrag,  den  Zustand  des  Fahrwassers  der  Weser  von
Vegesack  abwärts  eingehend  zu  untersuchen  und  zur  Abstellung  der  vorgefundenen
Mängel  einen  Korrektionsplan  aufzustellen  und  dem  Bundesrat  zur  weiteren  Beschlußnahme ­
  vorzulegen.  Oberbandirektor  L.  Franzius  in  Bremen  stellte  nach  mehrjährigen
Vorarbeiten  in  den  Jahren  1879—1881  den  Regulierungsentwurf  auf  und  hatte  dabei
die  ganze  Unterweser,  soweit  als  die  Flut  auf  ihr  wirksam  sein  konnte,  in  den  Bereich
der  Korrektion  gezogen  in  der  Weise,  daß,  um  allen  Interessen  des  Verkehrs  zwischen
See-  und  Binnenland  zu  genügen,  den  Schiffen  mit  5  m  Tiefgang  die  Fahrt  bis  Bremen
        <pb n="415" />
        Korrektion  der  Unterweser.

431

437.  Längenprofil  des  Flutgcbirts  der  Meftr.  Nach  Franzius:  Neue  Hafenanlagen  zu  Bremen.
        <pb n="416" />
        432

Stromkorrektionen.

Verursachende  Krümmung  beseitigt  und  eine  Vergrößerung  der  Fahrwassertiefe  von  2,75  in
auf  3,oo  in  erreicht  worden  war.  Die  größte  Schwierigkeit  bei  Ausführung  des  ganzen
Projekts  bot  die  Aufbringung  der  Mittel.  Diese  Frage  wurde  indes  dadurch  glücklich  gelöst,
daß  Bremen  vom  Reiche  das  Recht  erteilt  wurde,  nach  Fertigstellung  der  Korrektion  eine
Abgabe  von  den  Ladungen  der  die  korrigierte  Wasserstraße  benutzenden,  aus  See  nach
bremischen  Häfen  oberhalb  Bremerhaven  oder  von  denselben  nach  See  gehenden  Schiffen
von  mindestens  300  cbm  Raumgehalt  zu  erheben.  Diese  Abgabe  wurde  in  7  Klassen  von
40  Pfennig  bis  1.80  Mark  für  jede  aus  See  einkommende  oder  nach  See  ausgehende
Tonne  abgestuft  und  so  bemessen,  daß  durch  diese  Abgaben  bei  dem  zu  erwartenden  Verkehr ­
  in  28  Jahren  die  Zinsen  des  Baukapitals  bei  einem  Zinsfuß  von  3 1 / 2  °/ 0  beglichen
werden  und  in  65  Jahren  das  Kapital  mit  Zins  und  Zinseszins  getilgt  sein  soll.  Mit
Preußen  und  Oldenburg  wurden  Verträge  abgeschlossen,  wodurch  Bremen  die  planmäßige
Ausführung  der  Korrektion  auf  den  Gebieten  dieser  beiden  Staaten  gestattet  wurde  unter
der  Verpflichtung,  die  etwa  infolge  derselben  einzelnen  Interessenten  oder  Korporationen
erwachsenden  Schäden  durch  entsprechende  Neuanlagen  oder  durch  Geldentschädigungen  gut
zu  machen.  Im  Juli  1887  wurden  die  Regulierungsarbeiten  unter  Oberleitung  des
Oberbaudirektors  L.  Franzius  begonnen,  die  schädlichen  Nebenarme  wurden  abgedämmt,
Leitdämme  wurden  hergestellt  und  deren  Wirkung  durch  kräftige  Baggerung  (rund
28  Millionen  cbm)  unterstützt.  Am  Ende  des  Jahres  1893  war  schon  das  Ziel  erreicht,
daß  Schiffe  von  5  m  Tiefgang  nach  Bremen  gelangen  konnten.  Am  20.  Oktober  1893
traf  das  erste  große  Schiff  des  Norddeutschen  Lloyd,  der  „Roland",  mit  einem  Raumgehalt ­
  von  2613  Registertonnen  und  mit  5  m  Tiefgang  mit  voller  Ladung  in  Bremen  ein.
Die  nachteiligen  Stromspaltungen  sind  jetzt  alle  geschlossen,  sanft  gekrümmte,  meist  neugebildete ­
  Ufer  fassen  das  Niedrigwasserbett  ein,  frühere  wertlose  Wasserflächen  sind  durch
die  Ablagerung  der  gebaggerten  Bodenmasseu  in  fruchtbare  Landflächen  umgewandelt
worden.  17  Bagger,  77  Kähne  und  Schleppdampfer  und  10  Bereisungsdampfer  waren
in  Thätigkeit.  Diese  Fahrzeuge  und  Geräte  sind  beinahe  alle  für  die  Unterweserkorrektion
eigens  gebaut  worden.
Der  Erfolg  hat,  wie  die  Akademie  des  Bauwesens  in  ihrem  Gutachten  schon  vorausgesagt ­
  hatte,  die  Berechnungen  des  mit  großer  Vorsicht  und  ebenso  großer  Kühnheit  aufgestellten ­
  Entwurfes  noch  übertroffen,  und  es  darf  die  Unterweserkorrektton  den  großartigsten ­
  Wasserbauten  der  Neuzeit  beigezählt  werden.  In  welch  rascher  Weise  mit  dem
Fortschreiten  der  Regulierungsarbeiten  der  Verkehr  in  Bremen  gewachsen  ist,  zeigt  die
nachstehende  Zusammenstellung  über  die  von  See  her  eingelaufenen  Schiffe:

Jahr

Anzahl
sämtlicher
angekommenen
Schiffe

Gesamtraumgehalt
  der
angekommenen
Schiffe
Reg.-Tonnen

Anzahl  der
angekommenen
Dampfer

Raumgehalt  der
angekommenen
Dampfer
Reg.-Tonnen

1887

2  897

1  444  688

1025

1  087  188

1888

2  665

1  477  999

1  072

1  177  052

1889

2  883

1  682  726

1  248

1  419  876

1890

2  950

1  733  809

1  190

1  468  975

1891

3  552

2  084  214

1  509

1  766  781

1892

3  612

1  996  375

1  609

1  642  619

1893

4  003

2  030  082

1835

1  697  689

1894

4178

2  172  075

1879

1  837  320

1895

4  083

2  183  274

2  003

1  861159

1896

4  494

2  011  663

2  364

1  688  103

1897

4  391

2  258  988

2  546

1  950  818

1898

4  642

2  464  800

2  317

2  101  656

Trotz  der  im  Jahre  1897  eingetretenen  geringen  Verminderung  in  der  Zahl  der
angekommenen  Seeschiffe  ist  der  Tonnengehalt  gewachsen,  eine  Erscheinung,  die  auch  in
anderen  Häfen  beobachtet  und  auf  die  stetige  Vergrößerung  der  Schiffe  zurückzuführen  ist.
Im  Jahre  1890,  als  die  Korrektion  der  Unterweser  zuerst  zu  wirken  begann,  betrug  der
Tonnengehalt  der  in  Bremen  (Stadt)  angekommenen  Schiffe  173  000  t.  Er  hat  sich  bis
        <pb n="417" />
        433

Rcgulierungsarbeiten  am  Mississippi.

zum  Jahre  1898  auf  848  000  t  gesteigert.  Im  Anschluß  au  die  Unterweserkorrektion
wurde  1891  diejenige  der  Außenwcser  in  Angriff  genommen,  durch  welche  eine  infolge
Stromspaltung  vor  30  Jahren  entstandene  Barre  beseitigt  werden  soll.
Nach  Vorführung  der  Stromkorrektionen  im  Flutgebiet  dürfte  der  sonstigen  umfangreichen ­
  und  zum  Teil  selbst  gewaltigen  Arbeiten  Erwähnung  zu  thun  sein,  welche  zur
Verbesserung  von  Flußläufen  zur  Ausführung  gekommen  sind.
Von  den  Strömen  der  Vereinigten  Staaten  ist  der  Mississippi  der  Schauplatz
einer  sehr  umfangreichen  Thätigkeit  der  Ingenieure.  Durch  den  Missouri  werden
ganz  außerordentlich  große  Mengen  an  Sinkstoffen  zugeführt,  die  sich  an  den  Uferflächen
des  weiten  Thales  unterhalb  der  Missourimündung  ansetzen  und  den  starken  Abbruch  der
Ufer  erklären.  In  früheren  Zeiten  brachen  an  einer  Stelle  mitunter  ganze  Plantagen
ab  und  wurden  an  anderen  Stellen  wieder  hingeworfen,  wodurch  der  Schiffahrt  nicht
selten  die  größten  Hindernisse  bereitet  wurden.  Hier  konnten  nicht  die  Mittel,  welche
an  anderen  Strömen  sich  als  zuverlässig  zu  deren  Verbesserung  erwiesen  haben,
Steindämme  und  Buhnen,  zur  Anwendung  kommen,  sondern  hier  mußten  neue,  den

438.  D-gzer  „Keta"  auf  dem  Mississippi.

Launen  des  Stromes  angepaßte  Mittel  ersonnen  werden.  Für  die  Verbesserung  dieses
riesigen  Stromlaufes  von  4200  Ion  Länge,  der  mit  dem  Missouri  zusammen,  nächst
dem  Amazonenstrom  und  dem  Kongo,  der  größte  Strom  der  Erde  ist,  sind  bereits
323  400  000  Mark  aufgewendet  worden.  Die  Grenze  zwischen  dem  großen  und  dem
kleinen  Schiffahrtsverkehr  sind  die  St.  Anthony-Wasserfälle  zu  Minneapolis,  etwa  3200  km
oberhalb  der  Mündung.  Auf  dem  oberen  Flußlauf  bis  zur  Miffourimündung  (1145  km)
wird  die  Schiffahrt  etwa  4  Monate  lang  durch  die  Winterkälte  gehemmt.  Mächtige  Bagger
von  ungewöhnlicher  Leistungsfähigkeit  sind  in  Thätigkeit,  um  die  enormen  sich  ablagernden
Massen  im  Stromlauf  zu  beseitigen.  Der  Riesendampfbagger  „Beta"  hat  eine  stündliche
Leistungsfähigkeit  von  4500  chm.  Derselbe  ist  als  Saugbagger  konstruiert.
Der  am  schwierigsten  zu  behandelnde  aller  deutschen  Ströme,  die  Weichsel,  ist  in
unserer  Zeit  weitreichenden  Umgestaltungen  unterzogen  worden,  die  eine  kurze  Schilderung
verdienen.  Am  Anfange  unseres  Jahrhunderts  besaß  die  Weichsel  eine  Mündung  in  die
Ostsee  bei  Weichselmünde  und  dieselbe  stand  durch  zwei  Arme  mit  dem  Frischen  Haff  in
Verbindung;  diese  Arme  führten  den  Namen  Nogat  und  Elbinger  Weichsel.  Die  letztere
war  ein  bedeutender  Strom  und  die  Hauptverbindung  Danzigs  mit  dem  Haff.  Durch
den  Durchbruch  bei  Neufähr  von  1840  änderte  sich  vollständig  die  Physiognomie  des
unteren  Stromlaufes.  Die  Strömung  in  der  Elbinger  Weichsel  ließ  nach,  und  diese  war
vor  völliger  Versandung  nicht  zu  retten.  Zur  Sommerszeit  war  es  in  den  80er
IX  55
        <pb n="418" />
        434

Stromkorrektionen.

Jahren  möglich,  den  Flnß  zu  passieren,  ohne  daß  man  nötig  hatte,  die  Beinkleider  höher
als  bis  zum  Knie  aufzuschlagen.  Die  Elbinger  Weichsel  verschwand  aus  der  Liste  der
Schiffahrtsstraßen.  Sie  tvnrde  durch  den  Weichsel-Haff-Kanal  ersetzt,  eine  Anlage,  die
Ende  der  40er  Jahre  begonnen  und  1850  dem  Verkehr  übergeben  wurde.  Der
Kanal  besitzt  eine  Länge  von  etwa  20  km.  Durch  die  Dimensionen  der  Abschlußschleusen
war  die  Leistungsfähigkeit  dieses  Wasserweges  beschränkt.  Man  ging  daher  nach  der
Katastrophe  der  80er  Jahre  daran,  die  Mündungsverhältnisse  der  Weichsel  durch  die
Schaffung  eines  neuen  Weges  zur  See  zu  verbessern  und  in  Verbindung  hiermit  die
Elbinger  Weichsel  zu  regulieren.  Durch  Gesetz  aus  dem  Jahre  1888  wurde  die  Abschließung ­
  der  Elbinger  Weichsel  durch  einen  Deich  mit  Anschleusen  an  den  rechtsseitigen
Durchstichsdeich  und  an  die  Stromdeiche  des  großen  Marienburger  Werders  vorgesehen.
Diese  Arbeiten  haben  es  bewirkt,  daß  die  Elbinger  Weichsel  wieder  für  den  Verkehr
nutzbar  geworden  ist.
An  der  alten  Völkerstraße,  der  Donau,  die  durch  ihre  Richtung  von  Westen  nach
Osten  unter  den  europäischen  Strömen  eine  exceptionelle  Stellung  einnimmt,  sind  im

439.  Da»  Eiserne  Thor:  Grebcnnasr.

Interesse  der  Schiffahrt  gleichfalls  außerordentlich  umfangreiche  Arbeiten  zur  Ausführung
gekommen.  Dieser  Strom  würde  in  der  Geschichte  wohl  eine  noch  bedeutendere  Rolle  gespielt
haben,  hätte  die  Natur  denselben  nicht  mit  einer  so  großen  Anzahl  von  Schiffahrtshindernissen
bedacht.  Gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  ging  man  daran,  nach  einem  einheitlichen
Plan  die  natürlichen  Hindernisse  aus  der  Welt  zu  schaffen.  Im  Jahre  1830  fand  die
erste  Fahrt  eines  Dampfschiffes  auf  der  Donau  und  zwar  von  Wien  nach  Budapest  statt.
Die  oberhalb  Wiens  zwischen  Grein  und  Krems  vorhandenen  großen  Stromschnellen
wurden  durch  die  Herstellung  eines  tiefen  Flußkanals  umgangen.  Unterhalb  galt  es  drei
große  Hindernisse,  und  zwar  auf  der  Strecke  zwischen  Preßburg  und  Gönyo,  bei  dem
Eisernen  Thor  und  an  der  Sulinamündung,  zu  beseitigen.  Außerdem  waren  bei  Wien  umfangreiche ­
  Arbeiten  auszuführen,  sollte  diese  Stadt  von  ihrer  Lage  an  dem  wichtigen
Strom  einen  wirklichen  Vorteil  haben.  Für  diese  Arbeiten  wurden  30  Millionen  Gulden
aufgeivandt.  Ungarn  gebührt  das  Verdienst,  zur  Verbesserung  der  Wasserstraßen  eine
außerordentliche  Regsamkeit  entfaltet  zu  haben.  In  seinen  Händen  lag  auch  die  Ausführung
der  Riesenarbeit  am  Eisernen  Thor.  Schon  die  Römer  waren  bemüht  gewesen,  die
Schiffahrtshemmnisse  am  Eisernen  Thor  zu  beseitigen.  Die  Felsen  im  Strome  selbst  zu
entfernen  war  der  damaligen  Jngenieurtechnik  nicht  möglich,  sie  mußte  daher  zu  einem
anderen  Mittel  greifen.  Ans  dem  rechten  Douauufer  wurde  oberhalb  des  Eisernen  Thor-
        <pb n="419" />
        435

Die  Regulierung  des  Eiscruen  Thores.

katarakts  mit  riesenhafter  Arbeit  ein  Kanal  in  einer  Länge  von  3,2  km  bis  dahin  gegraben, ­
  wo  der  Katarakt  aufhört.  Noch  weisen  Inschriften  auf  die  von  den  Römern
an  dieser  Flußstrecke  vollbrachten  Thaten  hin.  Die  Jetztzeit,  mit  ihren  machtvollen  und
ausgebildeten  technischen  Hilfsmitteln  hat  sich  daran  gewagt,  die  hier  von  der  Natur  dem
Verkehr  gesetzten  Schranken  zu  beseitigen.  Die  Arbeit  unserer  Tage  hat  sich  deshalb
nicht  wie  in  der  Römerzeit  auf  das  eigentliche  Eiserne  Thor  beschränkt,  sondern  man  hat
sich  kühn  an  die  Felsbänke  Kozla,  Doste  und  an  die  Katarakte  Isias  und  Tachtalia  herangewagt, ­
  und  in  den  beiden  letzteren,  1800  m  langen  Felsriffen  Kanäle  eingearbeitet.  Die
Haupthindernisse  galt  es  bei  der  Grebenspitze  aus  dem  Wege  zu  räumen.  Der  Grebenberg ­
  bildet  unterhalb  des  Kataraktes  Tachtalia  eine  Biegung  gegen  Osten  und  sprang  hier
hoch  und  mächtig  in  das  Donaubett  vor.  Vierhundert  Meter  von  dem  entgegengesetzten  Ufer
versank  sein  steiler,  keilförmiger  Fuß  in  den  Fluten,  um  sich  unten  im  Strombett  fortzusetzen. ­
  Bei  mittlerem  Wasserslande  zeigte  sich  in  der  Donau  ein  abgeplatteter  Fels,

440.  Mir  Nigulirrnng  drs  Eisernen  Thorrs:  Uushrdung  des  Kanols.
Vrany  genannt,  der  den  Fluß  auf  220  na  einengte.  Hier  war  im  Laufe  der  Jahrtausende ­
  ein  verderbenbringender  Strudel  von  50  m  Wassertiefe  entstanden.  Um  die
Übelstände  zu  beseitigen,  wurde  die  Grebennase  durch  Sprengung  von  400  000  cbm  Gestein ­
  abgeschnitten  und  unmittelbar  hinter  dem  Bergrücken  zur  Einengung  des  Strombettes
ein  6203  in  langer  Steindamm  gezogen.  Unterhalb  dieser  Hemmnisse  galt  es  eine  die
Donau  bei  Orsova  durchquerende  Felsbank  zu  beseitigen.  Die  Schiffahrtshindernisse  des
alsdann  beginnenden  eigentlichen  Eisernen  Thores  bestehen  in  unzähligen,  im  Flußlauf
vorhandenen  Klippen,  über  welche  sich  die  Fluten  hinwegstürzen.  Durch  diese  außerordentlich ­
  gefährlichen  Riffe  konnten  die  Schiffe,  von  geübten  Piloten  gelenkt,  nur  dann
hindurch  gelangen,  wenn  ein  bestimmter  Wasserstand  vorhanden  war.  Diese  Hemmnisse
konnten  nur  durch  Einschneiden  eines  Kanals  beseitigt  werden,  welchen  die  beigefügte
Abb.  440  in  dem  Herstellungsstadium  zeigt.  Einunddreiviertel  Millionen  Kubikmeter
Fels  waren  zu  beseitigen,  davon  700  000  cbm  unter  Wasser,  zu  welchem  Zwecke  besondere ­
  Maschinen  ersonnen  und  erbaut  werden  mußten,  eine  Aufgabe,  die  von  der
Braunschweiger  Firma  Luther  glänzend  gelöst  wurde.  Die  Kosten  dieses  gewaltigen
Unternehmens  belaufen  sich  bis  jetzt  auf  18  600  000  Gulden.  Der  Leiter  der  Arbeiten
war  der  Ingenieur  Bela  von  Gonda.  Bis  jetzt  sind  die  Arbeiten  noch  nicht  zu  einem
guten  Ende  geführt,  und  es  wird  auch  weiterhin  noch  mancher  Anstrengung  bedürfen,  bis
        <pb n="420" />
        441.  Ansicht  cinta  Tmichcrsichachtcs.

Unter  den  fränkischen  Königen  war  es  besonders  Kart  der  Große,  der  an  dem  Bingertoch
Arbeiten  ausführen  ließ.  Von  den  Erzbischöfen  ließ  Hatto  I.  diese  Arbeiten  fortsetzen;
seinem  Beispiel  folgten  später  die  Rheingrafen  und  im  13.  und  14.  Jahrhundert
wiederum  Mainzer  Erzbischöfe.  Wie  wenig  ausgedehnt  und  wirksam  jedoch  diese
Arbeiten  waren,  geht  daraus  hervor,  daß  große  Schiffe  auch  in  der  Folgezeit  noch
immer  umgeladen  werden  mußten,  und  zwar  geschah  dies  teils  auf  kleinere  Fahrzeuge, ­
  teils  auf  Landfuhrwerke.  Die  Arbeiten  am  Bingertoch  kamen  auch  in  den  folgenden
Jahrhunderten  noch  nicht  zum  Abschluß.  Bis  heute  sind  hier  die  Felssprengungen  fortgesetzt ­
  worden;  mit  Hilfe  der  mächtigen,  der  modernen  Jngenieurtechnik  zur  Verfügung
stehenden  Arbeitsmaschinen,  wie  insbesondere  der  Taucherschachte,  werden  in  absehbarer
Zeit  aus  dem  Rheinbett  alle  Hindernisse  vollständig  verschwinden.  In  dem  abgebildeten
Längenschnitt  durch  das  Tragschiff  und  durch  die  auf  einen  Felsen  gesenkte  Taucherglocke
bezeichnet:
I  Arbeiterschlasraum,  D  Gelenkketten  zur  Aufhängung  der
8  Dampfwinden,  Taucherglocke,
«SS  Leitrollen,  a  lotrechte  Schienen,
d  Kettenscheiben,  m  m  Fahrstühle  für  die  Förderarbeit,

4Z6  Stromkorrektiouen.
die  Donau  wirklich  als  eine  leistungsfähige  Schiffahrtsstraße  bezeichnet  werden  kann,
und  der  Mensch  Sieger  über  die  von  der  Natur  bereiteten  außergewöhnlichen  Hemmungen
geworden  ist.
Die  Regulierungsarbeiten  an  der  Sulinamündung  (der  mittelsten  der  3  Mündungsarme ­
  der  Donau)  wurden  von  dem  Jahre  1856  ab  durch  eine  internationale  Kommission
unter  Aufwendung  von  17  Millionen  Gulden  ausgeführt.  Mächtige  Molen  wurden  geschaffen, ­
  um  die  Mündung  den  Schiffahrtszwecken  dienstbar  zu  machen.
Wenn  auch  nicht  von  so  gewaltigem  Umfang  wie  in  der  Donau,  so  bereiteten  doch
die  Riffe  und  Stromschnellen  unterhalb  des  Bingerlochs  der  Rheinschiffahrt  mancherlei
Schwierigkeiten.
An  dem  Bingertoch  hat  jedenfalls  zu  gewissen  Zeiten  nur  bei  Hochwasser  eine  Schiffahrt
stattfinden  können,  und  hierauf  ist  es  wohl  zurückzuführen,  daß  sich  auf  dem  Niederrhein
und  auf  dem  Oberrhein  eine  selbständige  Schiffahrt  ausbildete.  Bereits  die  Römer
scheinen  bemüht  gewesen  zu  sein,  die  Schiffahrtshinderniffe  des  Rheins  zu  beseitigen.
        <pb n="421" />
        n  n  Förderschächte,
o  Einsteigeschacht,
g  g  Hängesäulen  zur  Befestigung  der  Bohrmaschinen, ­

Das  Vorangegangene  hat  erkennen  lassen,  welch  reges  Leben  in  vielen  Teilen  der
Erde  auf  dem  Gebiete  der  Flußschiffahrt  herrscht,  und  wie  in  den  verschiedensten  Ländern
die  lebhaftesten  Anstrengungen  zu  einer  weiteren  Hebung  dieses  wichtigen  Zweiges  gemacht ­
  werden.  Diese  Erscheinung  ist  mit  Freuden  zu  begrüßen,  da  in  der  That  noch
außerordentlich  viel  zu  thun  bleibt.  Dies  trifft  besonders  für  Deutschland  zu,  in  welchem
Lande  zwar,  gefördert  durch  den  im  Jahre  1869  in  Berlin  gegründete  „Zentralverein
für  Hebung  der  deutschen  Fluß-  und  Kanalschiffahrt"  mancherlei  Erfolge  erzielt  sind,  aus
Jahrzehnte  hinaus  jedoch  noch  viele  Arbeiten  zu  bewältigen  sind.

442.  Tauchrrschacht  der  Nheinstrombamierumltmig.
Längenschniit  durch  das  Trogichiff  und  die  auf  einen  Felsen  gesenlie  Taucherglocke.
Nach  „Zeitschrift  für  Bauwesen".
Die  Schwäche  der  deutschen  Wasserläufe  beruht  in  ihrem  ungleichmäßigen  Wasserstande, ­
  an  welchem  unerfreulichen  Zustande  die  Waldverwüstungen  früherer  Zeiten  die
Hauptschuld  tragen.  Hierdurch  ist  der  beklagenswerte  Wechsel  zwischen  gewaltigen  Überschwemmungen ­
  und  der  Austrocknung  der  Flußläufe  im  Sommer  hervorgerufen  worden.
Die  durch  Überschwemmungen  verloren  gehenden  Werte  sind  gewiß  nicht  klein,  aber  noch
größer  sind  zweifellos  die  Summen,  welche  durch  eine  Regulierung  mancher  Flußläufe  infolge ­
  von  Frachtersparnis,  durch  die  Gewinnung  von  Triebtriften,  Bodenmelioration  u.  s.  w.
gewonnen  werden  könnten.  Groß  sind  die  Aufgaben,  welche  hier  zu  lösen  bleiben,  und
unter  ihnen  ist  die  Wiederaufforstung  und  die  Einschränkung  der  Waldausrodungen  nicht
die  kleinste.  Daneben  gilt  es  Deiche  und  Teiche  anzulegen.  Namentlich  die  Frage,  ob
Stauweiher  in  den  Gebirgen  die  Überschwemmungsgefahr  abzuwenden  vermögen,  schließt
ein  Problem  in  sich,  das  noch  seiner  Lösung  harrt.
        <pb n="422" />
        438

Flußkanalisierungen.

Flußkanalisierungen.
Neben  den  eigentlichen  künstlich  gegrabenen  Kanälen,  auf  welche  in  einem  besonderen
Abschnitt  näher  eingegangen  werden  wird,  gewinnen  in  neuerer  Zeit  die  kanalisierten
Flußläufe  eine  erhöhte  Bedeutung.  Zu  diesem  Mittel  greift  man  dann,  wenn  eine
Austiefung  des  Flußbettes  infolge  ungenügender  Wassermenge  nicht  zu  dem  gewünschten
Ziele  führen  würde,  d.  h.  durch  Regulierung  eines  Flusses  sich  dessen  Schiffbarkeit  nicht
genügend  verbessern  läßt.  Man  staut  deshalb  durch  Einbaue,  meistens  Wehre  mit  Durchlässen, ­
  das  Wasser  so  hoch,  wie  erforderlich  ist,  an.
Das  Bedürfnis,  die  Fahrtiefe  künstlich  zu  vergrößern,  machte  sich  in  Deutschland
bereits  im  Mittelalter  geltend,  und  um  so  stärker,  als  damals  die  Schiffahrt  sich  auf  ganz
kleine  Flüsse  erstreckte.  Im  allgemeinen  verfuhr  man  hierbei  in  der  Weise,  daß  man  den
Wasserspiegel  durch  bewegliche  Stauwerke  hob  und  den  thalwärts  gehenden  Schiffen  durch
Freigeben  des  aufgestauten  Wassers  eine  genügende  Wassermenge  mitgab.  Eine  derartige
Schiffahrtsweise  hat  sich  seit  dem  Mittelalter  auf  der  Alster,  einem  bei  Hamburg  mündenden ­
  Nebenfluß  der  Elbe  erhalten,  während  die  ähnlichen  Fahrten  auf  der  Stecknitz
(einem  kleinen  Nebenfluß  der  Elbe,  der  bei  Lauenburg  mündet)  durch  die  Inangriffnahme
des  Trave-Elbekanals  ihr  Ende  erreicht  haben.
Immer  wieder  muß  von  der  Abneigung  der  Menschheit  gegen  jede  Neuerung  berichtet
werden,  und  stets  wiederholte  sich  dasselbe  Schauspiel  der  Voreingenommenheit  und  der
Furcht,  durch  Neuerungen  schwer  geschädigt  zu  lverden.  So  hatte  auch  die  Einrichtung
eines  Schiffsverkehrs  auf  der  Weser  mit  unglaublichen  Schwierigkeiten  zu  kämpfen,
namentlich  gelang  es  der  Bremer  Kaufmannschaft  nur  sehr  schwer,  die  Menschenkraft  beim
Schiffsziehen  durch  Pferdekräfte  zu  ersetzen.  Die  Bauern  behaupteten,  daß  die  Pferde
ihnen  ihre  Wiesen,  Deiche  und  Felder  ruinierten,  und  die  großen  Grundbesitzer  machten
Opposition,  da  sie  glaubten,  daß  die  Ausdehnung  des  Handels  ihnen  die  Preise  verderbe.
Erst  im  Jahre  1824  wurde  durch  die  Weserschiffahrtsakte  der  Pferdezug  legalisiert.  Die
Beschaffenheit  des  Fahrwassers  verursachte  in  früherer  Zeit  ernste  Schwierigkeiten,  zum  Teil
war  der  Flußlauf  verwildert,  zum  Teil  durch  Felsblöcke  gesperrt.  Bei  Hameln  bot  das  für
den  Lachsfang  eingerichtete  Wehr  der  Schiffahrt  große  Gefahren.  Es  kam  sehr  häufig  vor,
daß  hier  bei  dem  Passieren  des  Wehres  die  Schiffe  durchbrachen  und  alsdann  die  kostbare
Ladung  ins  Wasser  fiel.  Endlich  wurde  im  Jahre  l  734  neben  dem  Hamelner  Wehr  eine
Schleuse  erbaut,  nachdem  seit  dem  Jahre  1648  die  Erbauung  einer  solchen  in  Überlegung
gezogen  war.  Bezeichnenderweise  ist  auf  der  zur  Erinnerung  an  dieses  Ereignis  geschlagenen
Denkmünze  die  Stadt  Hameln  mit  der  auf  der  Insel  im  Weserstrom  erbauten  Schleuse,
wie  auch  mit  der  Fiehre  oder  dem  Loch,  in  welchem  ein  herabstürzendes  Fahrzeug  durch
die  gewaltsame  Flut  verunglückt,  dargestellt.  Durch  die  Schleuse  neben  dem  Wehr  erhielt
die  Weser  gleichsam  den  Charakter  eines  kanalisierten  Flußlaufes.
Zu  den  in  neuester  Zeit  in  Deutschland  kanalisierten  Flußläufen  gehören  die  Mosel,
die  Fulda,  der  Main  und  neuerdings  die  Oder.  Die  kanalisierte  Strecke  des  Mains
von  seiner  Mündung  bis  Frankfurt  a.  M.  wurde  am  16.  Oktober  1886  dem  Verkehr
übergeben.  Die  durchschnittliche  Wassertiefe  beträgt  2  in  und  ist  ausreichend,  um  den  auf
dem  Rhein  verkehrenden  Schiffen  bis  über  1000  t  Tragfähigkeit  die  Fahrt  bis  Frankfurt
zu  ermöglichen.  Der  Mainverkehr  hat  sich  seit  Eröffnung  der  kanalisierten  Flußstrecke
ganz  außerordentlich  stark  gehoben.  Im  Jahre  1897  ist  zwischen  Hessen  und  Preußen
ein  Vertrag  über  die  Fortsetzung  der  Kanalisierung  des  Mains  abgeschlossen  worden,  und
die  Hoffnung  besteht,  daß  sich  dieselbe  allmählich  immer  weiter  den  Main  hinauf  erstrecken
wird.  —  Im  Jahre  1897  wurde  nach  jahrelanger  mühevoller  Arbeit  der  Großschiffahrtsweg ­
  von  Breslau  seiner  Bestimmung  übergeben.  Durch  zweckmäßige  Regulierungsarbeiten
und  kluge  Ausnutzung  der  Wassermengen  ist  es  gelungen,  die  Oder  bis  nahezu  in  das
^Gebiet  des  industriereichen  Montanbezirkes  Oberschlesiens  zu  einem  nützlichen  Verkehrswege ­
  umzugestalten.  Von  Kosel  bis  unterhalb  Oppeln  ist  die  Oder  in  einer  Länge  von
V0  km  kanalisiert.  Die  Überführung  der  Eisenbahngüter  auf  die  Wasserstraße,  d.  h.  der
        <pb n="423" />
        439

Technik  der  Flußkanalisierung.

sogenannte  Umschlagsverkehr  findet  unterhalb  Kosel  statt,  woselbst  eine  im  Interesse  der
ersten  Eisengießerei  Preußens  unter  Friedrich  dem  Großen  erbaute  Wasserstraße  mündet.
Die  Fertigstellung  des  Umgehungskanals  bei  Breslau,  der  sogenannte  Großschiffahrtsweg,
bildete  den  Schlußstein  des  Werkes,  für  welches  21^  Millionen  Mark  bewilligt
waren.  —  Die  in  den  Jahren  1890—1899  ausgeführte  Kanalisierung  der  Fulda  hat
3  785  250  Mark  beansprucht.  Gegenwärtig  steht  das  Projekt  der  Kanalisierung  der  Weser
von  Bremen  bis  Hameln  auf  der  Tagesordnung.  Tie  Kosten  sind  zu  rund  62  &amp;gt;A&amp;gt;  Millionen
Mark  veranschlagt.
In  Böhmen  ist  zur  Zeit  die  Kanalisierung  der  Moldau  von  Prag  bis  Melnik  in  der  Ausführung ­
  begriffen.  Die  Schiffbarmachung  der  Moldau  ist  ein  seit  einem  langen  Zeitraum
auf  der  Tagesordnung  der  gesetzgebenden  Körperschaften  Böhmens  stehender  Gegenstand  gewesen, ­
  der  endlich  in  unseren  Tagen  der  Verwirklichung  entgegengeführt  wird.
Schon  in  den  Jahren  1578—1605  spielte  die  Regulierung  der  Moldau  von  Melnik
bis  Bndweis  eine  große  Rolle.  Die  Moldau  wurde  schon  in  den  Zeiten  des  Königs  Johann
von  Luxemburg  als  „königliche  Straße"  erklärt,  aus  welcher  durch  Majestälsbriefe  Kaiser
Karls  IV.  und  des  Königs  Ferdinand  1.  die  freie,  ungehinderte  Schiffahrt  strengstens  gewahrt
wurde.  Der  genannte  Kaiser  faßte  bereits  die  Verbindung  der  Moldau  mit  der  Donau  ins
Auge,  und  dieses  Unternehmen  wurde  thatsächlich  durch  das  mächtige  Geschlecht  der  Rosenberg
in  Angriff  genommen,  mußte  jedoch  infolge  der  Unzulänglichkeit  der  damaligen  Technik  wieder
aufgegeben  werden.  Zahlreich  waren  die  in  der  Zeit  von  1619—1634  auftauchenden  Projekte
der  Schiffbarmachung  der  Moldau;  trotzdem  die  ausgezeichnetsten  damaligen  Hydrotekten  eine
Lösung  anstrebten,  kam  die  Sache  nicht  weiter.  In  nnsereni  Jahrhundert  hemmte  die  Entstehung ­
  und  der  Aufschwung  der  Eisenbahnen  während  längerer  Zeit  die  Entwickelung  der
Wasserstraßen  in  Böhmen.  Erst  die  Erkenntnis  von  dem  großen  Werte  der  Wasserwege,  auch
bei  dem  Vorhandensein  von  Eisenbahnen  und  von  der  gegenseitigen  Ergänzung  dieser  beiden
Berkehrsvermittler  konnte  die  Frage  einem  endlichen  Schluß  entgegenführen.  Es  wird  voraussichtlich ­
  nicht  mehr  allzu  lange  dauern,  bis  auch  die  Stadt  des  heiligen  Nepomuk  mit  modernen
Hasenanlagen  ausgestattet  ist.
Über  die  Technik  der  Flußkanalisierung  ist  das  Folgende  anzuführen.
Bei  der  Kanalisierung  wird  der  Fluß,  wie  ein  Schiffahrtskanal,  in  Einzelstrecken,
Haltungen  genannt,  zerlegt  und  der  Wasserspiegel,  bis  die  geforderte  Fahrtiefe  erreicht
ist,  durch  Stauwerke  gehoben.  Im  allgemeinen  eignet  sich  demgemäß  nur  ein  Fluß  mit
hohen  Ufern  zur  Kanalisierung.  Die  Höhe  des  Aufstaus  der  einzelnen  Haltungen  und  die
örtliche  Lage  der  dazu  nötigen  Bauwerke  ist  so  zu  wählen,  daß  man  nur  das  unumgänglich ­
  Notwendige  an  den  Wasserverhältnissen  des  Flusses  ändert,  um  wirkliche  oder
vermeintliche  Benachteiligungen  der  Anwohner  und  etwa  daraus  entstehende  Entschädigungsansprüche ­
  thunlichst  von  vornherein  zu  vermeiden.  Vor  allem  muß  man  stets  darauf  bedacht ­
  sein,  die  Nebenflüsse  und  Entwässerungsgräben  im  Unterwasser  einmünden  zu  lassen,
denn  es  ist  nicht  zulässig,  die  zur  Entwässerung  nötige  Vorflut  zu  vermindern  oder  auch
nur  den  Grundwasserstand  so  zu  heben,  daß  ein  schädigender  Einfluß  sich  geltend  machen
kann.  Auch  sind  die  innerhalb  des  Stromgebietes  bestehenden  Mühlen  und  sonstigen
industriellen  Anlagen,  die  durch  Wasserkraft  betrieben  werden,  nicht  zu  vergessen.  Die
Bauwerke  dürfen  nicht  in  durchlässigem  Boden  liegen,  damit  das  aufgestaute  Wasser  nicht
seitlich  entweichen  kann.
Von  der  sich  aus  allen  diesen  Rücksichten  ergebenden  Lage  und  Höhe  des  Aufstaus
hängt  bei  dem  unabänderlich  gegebenen  Gefälle  des  Flusses  die  Länge  der  Haltungen
ab.  Auf  jeden  Fall  muß  aber  die  Entfernung  zweier  Bauwerke  so  bemessen  sein,  daß
mit  Sicherheit  die  geforderte  geringste  Fahrtiefe  hergestellt  werden  kann.  Im  allgemeinen
wird  man  im  Interesse  der  Schiffahrt  langen  Haltungen  und  dadurch  bedingten  großen
Stauhöhen  den  Vorzug  geben.
Sollten  sich  die  Anforderungen  der  Schiffahrt  mit  den  anderen  in  Frage  stehenden
Interessen  nicht  vereinigen  lassen,  so  muß  man,  wenn  möglich,  durch  Ankauf  oder
Entschädigung  die  hindernden  Einsprüche  zu  beseitigen  suchen,  vorausgesetzt,  daß  die
hierdurch  erzielten  Vorteile  den  Geldaufwand  wirtschaftlich  gerechtfertigt  erscheinen  lassen.
Oft  werden  auch  besondere  Einrichtungen  und  Bauwerke  begründeten  Beschwerden  Abhilfe
schaffen.  Hierzu  gehören  künstliche  Wasserhebewerke  oder  Seitenkanäle,  die  zu  tief  gelegene ­
  Ufer  nach  geeigneteren  Stellen  hin  entwässern.  Ebenso  zählen  hierher  die  Ein-
        <pb n="424" />
        I

444.  Staustufe  dri  Konti)  sGdcr).  Nach  „Zeitschrift  für  Bauwesen".

443.  Die  Kanalisierung  des  Mains.  Längenprofil.

445.

Lageplan  der  Schleuse  am  Uusidorfrr  Spitz  (Donau).
Nach  „Ccntralblatt  der  Bauverwaltung".
        <pb n="425" />
        Verschiedenheit  der  Stauhöhe.  441
richtungen,  die  den  Ansprüchen  der  Fischerei  ihr  Recht  werden  lassen  und  die  weiterhin
besonders  beschrieben  sind.
Alle  diese  Fragen  sind  im  Einzelfalle  zu  prüfen,  und  danach  ist  der  Entwurf  so  zu
gestalten,  daß  sich  widerstreitende  Ansprüche  möglichst  ausgleichen.  Um  für  das  allgemeine
Wohl  einen  größeren  Vorteil  zu  erreichen,  muß  jeder  auf  den  Teil  seiner  Forderungen,
welcher  für  andere  zu  schweren  Benachteiligungen  und  Belästigungen  führen  würde,  verzichten. ­
  Bei  der  Anlage  einzelner  Bauwerke  wird  man,  wie  bei  allen  Bauten,  die  dem
öffentlichen  Verkehr  dienen,  gleich  bei  dem  ersten  Entwurf  sorgen  müssen,  daß  eine  Verbesserung ­
  und  Vergrößerung  ausführbar  bleiben,  und  solche  nicht  etwa  durch  eine  übel  angewandte ­
  Sparsamkeit  unmöglich  gemacht  werden.  Die  Ausführungen  und  Anordnungen

ßtubfM  S./äfyO

p .'opolina

jDominium-'DorfLr.\



\Die  tinibiiut

Kgl.  ForstrevierKlodnHz

446.  Lazeplon  des  Durchstiches  von  JanuschKowitz.
Noch  „Zeitschrift  für  Bauwesen".

hängen  im  Einzelfalle  von  örtlichen  Umständen,  von  den  Ansprüchen  und  Eigenarten  des
zu  bewältigenden  Verkehrs  und  nicht  zum  wenigsten  von  den  verfügbaren  Mitteln  ab.
So  zeigt  denn  als  Folge  dieser  verschieden  wirkenden  Einflüsse  jeder  ausgeführte
Fall  vor  dem  anderen  eine  sehr  große  Verschiedenheit.  Die  Stauhöhen  wechseln  von
wenigen  Dezimetern  in  den  Flüssen  der  holländischen  Tiefebene  bis  zu  solchen  von  über
4  m,  die  in  der  kanalisierten  Seine  vorkommen.  Im  allgemeinen  werden  die  zulässigen
Stauhöhen  vom  Meer  aus  landeinwärts  zunehmen,  da  aber  das  Gefälle  der  Flüsse  ebenfalls ­
  und  zwar  in  stärkerem  Maße  wächst,  wird  sich  dies  nicht  in  einer  Verlängerung  der
Haltungen  äußern  können.  Je  weiter  aufwärts  ein  Fluß  kanalisiert  ist,  um  so  mehr
werden  sich  die  Stauwerke  nähern,  bis  endlich  die  Kosten  derselben  so  groß  werden,  daß
der  Ausbau  zu  einer  Schiffahrtsstraße  nicht  mehr  mit  Nutzen  erfolgen  kann.
Jede  einzelne  Staustufe  besteht  aus  zwei  Bauwerken,  dem  Wehr  und  einem  Hebewerke, ­
  das  den  Schiffen  die  Überwindung  des  an  dieser  Stelle  zusammengefaßten  Ge-IX
  56
        <pb n="426" />
        442  Flußkanalisierungen.

fälles  möglich  macht.  Für  Flußkanalisierungen  sind  in  allen  Fällen  Kammerschleusen
als  Schiffshebewerk  ausgeführt  worden.  Die  Einzelheiten  über  die  Anlage  und  Bauausführung ­
  derselben  werden  an  anderer  Stelle  beschrieben.  Es  ist  deshalb  nur  nötig,
ihre  Anlage  im  Zusammenhang  mit  dem  Wehre  zu  beschreiben.  Die  Schleusen  liegen  in
manchen  Fällen  dicht  neben  dem  Wehr  im  eigentlichen  Flußbett.  Sie  sind  dann  nur
durch  die  eine  Seiteneinfassung  der  Kammer  und  deren  Verlängerung  stromauf  und
stromab  vom  Flusse  getrennt.  Die  Schleuse  selbst  ist  meist  allseitig  ummauert,  während
die  sich  anschließenden  Verlängerungen  der  flußseitigen  Kammerumfassung  die  Bauweise
besonders  gut  ausgeführter  Parallelwerke  zeigen.  Eine  solche  Anlage  bietet  den  Vorteil
der  bequemeren  Bedienung  und  Überwachung  beider  Bauwerke.  Sie  vermindert  ferner
die  Kosten  dadurch,  daß  man  gemauerte  Teile  der  Schleuse  zugleich  als  Uferpfeiler  des
Wehres  benutzen  kann.  Leider  ist  dabei  der  Nachteil  nicht  zu  vermeiden,  daß  bei
Hochwasser  eine  Verengung  des  Flußprofiles  stattfindet,  die  ihrerseits  einen  gewissen
Aufstau  hervorruft.  Außerdem  findet  leicht  eine  Beschädigung  der  Schleuseneinrichtnngen
statt,  wenn  man  nicht  das  Oberthor  und  die  Umfassung  hochwasserfrei  anlegt,  so  daß
nur  Stauwasser  vom  Unterthor  her  eindringen  kann,  eine  Durchströmung  aber  vermieden ­
  wird.
Macht  sich  an  einem  zu  kanalisierenden  Flusse  die  Anlage  von  Durchstichen  nötig,
so  legt  man  in  diese  Strecke  die  Bauwerke,  und  zwar  im  Interesse  einer  billigen  Ausführung ­
  der  Gründungsarbeiten  und  auch,  um  die  etwa  schon  bestehende  Schiffahrt  nicht
durch  Abdämmungen  zu  stören.  Es  ist  dies  zum  Teil  bei  der  Kanalisierung  der  oberen
Oder  geschehen.  Aus  denselben  Gründen  empfiehlt  es  sich  oftmals,  die  beiden  Bauwerke
räumlich  auseinander  zu  legen,  wobei  die  Schleuse  in  einen  natürlichen  oder  künstlichen
Nebenarm  angeordnet  wird.  Beispiele  für  diese  Art  sind  die  Stauanlagen  am  Nußdorfer
Spitz  bei  Wien;  auch  an  der  Fulda  ist  die  Schleuse  bei  Münden  auf  einer  durch  Fluß
und  Mühlgraben  gebildeten  Insel  angelegt.
Die  Länge  der  Nebenarme  oder  der  Trennungsbauten  ist  so  zu  wählen,  daß  Einund ­
  Ausfahrt  möglichst  weit  von  dem  Wehr  entfernt  liegen,  um  von  den  Einflüssen,  die
dieses  auf  die  Wasserbewegung  im  Flusse  ausübt,  möglichst  wenig  betroffen  zu  werden.
Es  ist  auch  empfehlenswert,  die  an  die  Schleuse  sich  anschließenden  Teile  der  Kanäle
oder  natürlichen  Arme  gerade  anzulegen  oder  auszuwählen,  damit  bei  sich  steigerndem
Verkehr  ein  weiteres  Schleusenhaupt  eingebaut  werden  kann,  so  daß  ein  ganzer  Schleppzug
in  der  Kammer  Platz  hat.  Diese  Vorsicht  ist  sowohl  bei  der  Kanalisierung  des  Mains
als  auch  an  der  oberen  Oder  angewendet  worden.  Im  ersteren  Falle  entstehen  dadurch
Kammerlängen  von  255,  im  letzteren  von  135  in.  Am  Main  bewährte  sich  diese  Vorsicht
schon  sehr  bald,  da  nach  kurzem  Bestehen  der  Kanalisierung  der  Verkehr  sich  so  hob,  daß
es  unmöglich  war,  ihn  durch  die  kurzen  Schleusen  zu  bewältigen.
Für  die  Stauanlagen  der  kanalisierten  Flüsse  kommen  bei  Neubauten  nur  sehr
selten  die  festen  Wehre  zur  Anwendung.  Ausnahmsweise  kann  man,  um  au  Kosten  zu
sparen,  bestehende  Anlagen  benutzen.  So  ist  dies  an  der  kanalisierten  Lahn  geschehen.
Auch  bei  Münden  an  der  Fulda  ist  als  Wehr  für  die  erste  Staustufe  eine  bestehende  feste
Stauanlage  angewendet.  Die  festen  Wehre  haben  aber  den  Nachteil,  daß  sie  zwar  eine
Zeitlang  die  Wassertiefe  vermehren  können,  allmählich  verschlechtert  sich  dieselbe  aber
wieder  durch  Ablagerungen  von  Sinkstoffen  in  dem  ruhiger  fließenden  Stauwasser,  wenn
nicht  stets  umfängliche  Räumungsarbeiten  vorgenommen  werden.  Letztere  sind  unnötig,
wenn  man  dem  Wehre  eine  Bauart  gibt,  die  dem  Hochwasser  freien  Durchfluß  gestattet,
so  daß  etwaige  im  Staugebiet  abgelagerte  Kies-  und  Sandbänke  jedesmal  wieder  weggespült ­
  werden.  Die  festen  Wehre  stellen  ferner  bei  nur  einigermaßen  bedeutender
Stauhöhe,  da  sie  auch  bei  Hochwasser  ihre  Wirkung  äußern,  stets  eine  beträchtliche  Verschlechterung ­
  der  Wasserverhältnisse  her.  Dann  können  sie  auch  beim  Eintritte  ausreichender ­
  Wasserstände  keine  freie  Schiffahrt  auf  dem  Flusse  ermöglichen.  Es  ist  aber
stets  wünschenswert,  in  solchen  Zeiten  den  Verkehr  nicht  durch  die  Schleuse  zu  leiten,
sondern  frei  im  Flusse  sich  bewegen  zu  lassen,  besonders  dann,  wenn  die  beladenen  Fahrzeuge ­
  meist  zu  Thal  fahren.
        <pb n="427" />
        443

Schiffsdurchlüsse,  Wehre.

Aber  nicht  nur  unter  Umständen,  die  einen  ganz  freien  Schiffahrtsverkehr  gestatten,
kann  die  Schleuse  außer  Benutzung  treten,  sondern  auch  schon  bei  geringeren  Wasserständen. ­
  Man  baut  deshalb  das  Wehr  mitunter  in  zwei  Teile,  wovon  der  eine  geschlossen ­
  werden  kann,  während  der  andere  den  Schiffen  noch  eine  freie  Durchfahrt
gewährt.  Derartige  Einrichtungen  heißen  Schiffsdurchlässe.  Sie  können  auch  eine
zeitweilige  Entlastung  der  Schleuse  herbeiführen,  indem  die  thalwärtsfahrenden  Schiffe
bei  hinreichendem  Wasservorrat  frei  hindurchfahren,  so  daß  die  ganze  Zeit  den  bergivärtsfahrenden
  für  das  Durchschleusen  zur  Verfügung  steht.  Auf  diese  Weise  werden
die  starkbenutzten  Schleusen  an  der  Spree  in  Berlin  und  Charlottenburg  entlastet.
Die  Schiffsdurchlässe  unterscheiden  sich  in  ihrer  Bauart  meist  nicht  von  dem  Wehr,
nur  liegt  ihre  Sohle  tiefer  als  die  Krone  der  eigentlichen  Wehrkonstruktion.  Die  Breite
des  Schiffsdnrchlaffes  hängt  von  den  bestehenden  oder  zu  erwartenden  Abmessungen
der  durchfahrenden  Schiffe  ab.  Außerdem  muß  auf  jeden  Fall  darauf  Rücksicht  genommen ­
  werden,  daß  in  ihm  die  Geschwindigkeit  des  durchströmenden  Wassers  sich  nicht
zu  sehr  vergrößert,  damit  nicht  hierdurch  die  Schiffahrt  zu  beschwerlich  und  zu  gefahrbringend ­
  wird.
Für  die  Kanalisierung  der  Flüsse  sind  nach  den  obenerwähnten  Gesichtspunkten  also
nur  die  beweglichen  Wehre  empfehlenswert.  Schon  seit  alter  Zeit  baute  man  solche
als  Floßschleusen  oder  Eisdurchlässe  in  den  verschiedenen  Stauanlagen,  und  heute  noch
werden  in  den  Gegenden,  wo  auf  kleineren  Flüssen  nur  die  Flößerei  betrieben  wird,  die
alten  Vorbilder,  entsprechend  verbessert,  ausgeführt.  Man  kann  die  beweglichen  Wehre
als  feste  ansehen,  auf  die  zur  zeitweisen  Erhöhung  des  Staues  bewegliche  Teile  aussetzbar
  sind.  Daher  trifft  man  bei  ihnen  alle  Bestandteile  des  festen  Wehres  wieder  an.
Den  Fluß  durchzieht  seiner  ganzen  Breite  nach  ein  wohlgefügtes  und  besonders  gegen
Unterspülung  gesichertes  Bauwerk,  der  Wehrkörper.  Die  höchste  Stelle  desselben,  der
Fachbanm  oder  die  Krone,  ist  besonders  sorgfältig  hergestellt  und  gesichert.  Sie  liegt
meist  in  der  Höhe  der  Flußsohle,  um  bei  Hochwasser  jeden  Aufstau  zu  vermeiden  und
um  den  Schiffen  bei  freiem  Strome  die  Bergfahrt  nicht  zu  erschweren.  Unter  Umständen
kann  man  sie  aber  auch  höher  legen  und  den  beweglichen  Teil  niedriger  und  daher
billiger  ausführen;  so  liegt  die  Krone  bei  den  Wehren  der  kanalisierten  Saar  teilweise
1,s  na  über  der  Flußsohle.
Die  Krone  teilt  den  Wehrkörper  in  zwei  Teile;  flußaufwärts  liegt  der  Vorboden,
flußabwärts  der  Absallboden.  Letzterer  muß  wegen  der  zeitweise  auf  ihm  herrschenden
starken  Strömung  sehr  sorgfältig  ausgeführt  werden.  An  ihn  schließt  sich  weiter  flußabwärts ­
  das  Sturzbett  an;  dieses  dehnt  sich  so  weit  aus,  als  die  Sohle  gegen  die  Angriffe
der  durch  das  Wehr  hervorgerufenen  starken  Strömung  zu  schützen  ist.  Bei  mehrteiligen
Wehranlagen  bedürfen  die  Teile,  welche,  wie  der  Schiffsdurchlaß,  länger  offen  gehalten
werden,  eines  besonders  festen  und  ausgedehnten  Sturzbettes,  weil  in  ihnen  sich  eine
stärkere  Strömung  entwickeln  muß.  Die  Ufer  sind  beiderseitig  bis  zur  Hochwassergrenze
zu  sichern.  Meist  geschieht  dieses  durch  Steinpfeiler.  Auch  den  festen  Wehrkörper  baut
mau  bei  Flußkanalisierungen  aus  Mauerwerk  und  Beton  und  verwendet  Holz  nur  zu
den  umschließenden  Spundwänden,  im  Gegensatze  zu  den  vorwiegend  in  Holz  ausgeführten ­
  Anlagen  der  kleineren  Floßschleusen.
Der  feste  Teil  des  Wehres  dient  dem  beweglichen  als  Unterlage.  Dieser  besteht  aus
der  eigentlichen  Stauwand  und  den  Stützeinrichtungen  für  dieselbe.  Die  Stauwand
ist  aus  Holz  oder  Eisen  gefertigt  und  setzt  sich  ans  einzelnen  Stücken  zusammen,  die  sich
von  Hand-  oder  durch  leichte  Hebevorrichtungen  auch  bei  einseitigem  Überdruck  bewegen
lassen.  Die  Stützung  der  einzelnen  Bestandteile  der  Stauwand  erfolgt  je  nach  der  Bauart
des  Wehres  gegen  senkrechte  oder  wagerechte  Balken,  deren  Umfallen  oder  Verbiegen
durch  Verankerung  und  Versteifung  gehindert  wird.  Sie  sind  entweder  auf  dem  Wehrrücken ­
  niederlegbar,  oder  man  zieht  sie  unter  einer  festen  Bedienungsbrücke  auf.  Die
Verbindung  der  Stauwand  mit  dem  Stützkörper  ist  entweder  lose,  so  daß  man  sie  bei
Freigabe  des  Wehres  ganz  abhebt  und  für  sich  aufbewahrt,  oder  fest,  wobei  sie  mit
niedergelegt  oder  aufgezogen  werden  muß.

56
        <pb n="428" />
        444  Flußkanalisierungen:  Nadelwehre.
Die  wichtigste  Forderung,  die  an  ein  brauchbares  bewegliches  Wehr  gestellt  werden
muß,  ist  zunächst  die,  daß  es  bei  Hochwasser  und  Eisgang  die  notwendige  Durchflußöffnung ­
  schnell,  sicher  und  vollständig  freigibt.  Alle  festen  Teile  müssen  daher  so  angeordnet ­
  sein,  daß  sie  eine  Verengung  des  Querprofils  in  keinem  nennenswerten  Umfang
herbeiführen.  Vor  allem  muß  eine  feste  Überbrückung,  wenn  sie  zur  Wehrkonstruktion
gehört,  stets  über  dem  höchsten  Hochwasserstand  liegen.  Auch  darf  sie  in  keinem  Falle
der  freien  Schiffahrt  Erschwerungen  auferlegen.  Dieselben  Anforderungen  sind  in  Bezug
auf  alle  Teile  des  Wehres  zu  stellen,  die  an  dieser  Brücke  befestigt  sind  und  hochgezogen
werden  können.  Hinter  den  beweglichen  Teilen  dürfen  im  aufgerichteten  Zustande  sich
die  Ablagerungen  von  Schlamm  und  Sand  nicht  so  hänfen  oder  festsetzen,  daß  im  entscheidenden ­
  Augenblicke  eine  gefährliche  Verzögerung  der  Freigabe  verursacht  werden  kann.
Die  auf  dem  Boden  umlegbaren  Teile  des  Wehres  dürfen  nicht  über  die  feste  Wehrkrone
hervorragen,  damit  sie  bei  umgelegtem  Wehre  der  Schiffahrt  nicht  hinderlich  sind,  und
damit  Eisgang  und  etwa  am  Boden  rollende  feste  Körper  sie  nicht  beschädigen.  Ihre
einzelnen  Teile  müssen  ferner  im  niedergelegten  Zustande  so  liegen,  daß  sich  während  des
Hochwassers  ans  oder  zwischen  ihnen  keine  erheblichen  Schlamm-  oder  Sandablagerungen
bilden,  da  sonst  die  zum  Aushub  nötige  Kraft  so  groß  wird,  als  daß  sie  noch  von  leichten
Winden  geleistet  werden  kann.
Außer  den  Anforderungen,  die  sich  auf  das  Wehr  hinsichtlich  seiner  Beweglichkeit
beziehen,  sind  noch  andere  im  Schiffahrtsinteresse  zu  stellen.  Hier  soll  nämlich  das  Stauwerk ­
  einen  festen  und  möglichst  dichten  Verschluß  gewähren,  denn  in  den  Sommermonaten
ist  die  Wassermenge  mancher  Flüsse  so  gering,  daß  jeder  andere  Abfluß  als  die  unbedingt
zum  Durchschleusen  nötige  Wassermenge  und  der  Ersatz  der  Verdunstungsverluste  in  den
einzelnen  Haltungen  schon  einen  ungünstigen  Einfluß  für  die  Schiffahrt  hervorrufen  kann.
Je  dichter  also  eine  Wehrkonstruktion  schließt,  und  je  einfacher  und  daher  billiger  und
sicherer  ihre  Anlage  und  Bedienung  sind,  um  so  besser  eignet  sie  sich  für  die  Zwecke  der
Flußkanalisierung.
Die  gebräuchlichste  Art  beweglicher  Wehre  ist  das  Nadelwehr.  Die  Abb.447  u.448
veranschaulichen  ein  solches  Wehr.  In  diesem  Falle  ist  hinter  dem  Nadelwehr  noch  ein
Klappenwehr  angeordnet.  Die  Abbildungen  zeigen  die  Anlagen  in  dem  Baustadium,
weshalb  noch  kein  Wasser  vorhanden  ist.  Die  Stauwand  des  Nadelwehres  besteht  aus
dicht  nebeneinander  liegenden  Hölzern  von  rechteckigem  Querschnitt  und  ausreichender
Länge  und  Festigkeit.  Diese,  Nadeln  genannt,  stützen  sich  mit  ihrem  unteren  Ende
gegen  einen  auf  der  Flußsohle  im  festgegründeten  Wehrboden  befindlichen  Vorsprung,
mit  dem  oberen  gegen  den  sogenannten  Holm  oder  die  Nadellehne,  einem  quer  über  den
Fluß  gehenden  Balken.  Die  Stütze  des  Holmes  Bilben  eiserne  Böcke,  die  um  eine  wagerechte ­
  Achse  auf  den  Wehrkörper  niederlegbar  sind.  Über  sie  wird  eine  Brücke  gelegt,
um  die  Bedienung  des  Wehres  zu  ermöglichen.  Der  Holm,  dessen  Material  ebenfalls
Eisen  ist,  besteht  aus  einzelnen  Teilen,  die  so  lang  sind,  wie  die  Entfernung  der  Böcke
von  einander.
Die  Freigabe  der  Öffnung  beginnt  damit,  daß  man  den  Nadeln  entweder  die  untere
oder  obere  Stütze  entzieht.  Die  erstere  Art  findet  an  den  Wehren  der  oberen  Oder
Anwendung.  Ein  oder  zwei  geübte  Arbeiter  heben  jede  Nadel  einzeln  mit  geeigneten
Hebewerkzeugen  so  hoch,  daß  sie  ihre  Stütze  gegen  die  Wehrkrone  verliert.  Das  gänzliche
Abschwimmen  wird  durch  einen  Haken,  der  sich  um  den  Holm  legt,  verhindert.  Erst
nachdem  die  ganze  Stauwand  ausgehoben  ist,  findet  die  Bergung  der  Nadeln  statt.  Oder
man  hat  auch  die  einzelnen  Teile  des  Holms  um  eine  senkrechte  Achse  am  Ständer
beweglich  gemacht.  Die  Drehung  wird  durch  Vorschieben  einer  Art  Riegel  gewöhnlich
verhindert.  Naht  Gefahr,  so  löst  man  diesen  aus,  und  alle  Nadeln  zwischen  zwei
Ständern  sind  mit  einem  Mal  beseitigt.  Damit  sie  nicht  verloren  gehen,  sind  sie  untereinander ­
  mittels  einer  Kette  zusammengeschlossen.  Das  Auffangen  dieser  Bündel  ist
daun  leichter  zu  bewerkstelligen  als  das  der  einzelnen  Nadeln.  Nach  Beseitigung  der
Stauwand  legt  man,  von  einem  Ufer  aus  anfangend,  die  Böcke  und  mit  ihnen  die  darüber
führende  Bedienungsbrücke  auf  die  Flußsohle  nieder.
        <pb n="429" />
        447.  zladeiwehr,  mit  dahinter  angeordnetem  Kiapprnwchr,  geöffnet.

448.  fladciwehr,  mit  dahinter  liegendem  Kiappeninrhr,  in  der  Schließung  begriffen.
        <pb n="430" />
        446

Flußkanalisierungen.

Die  Wiederaufrichtung  des  Wehres  geschieht  durch  Heraufziehen  der  Böcke,  Wiederfeststellen ­
  derselben  und  ver  Bedienungsbrücke  und  Aufbringen  der  Nadeln.  Letzteres
braucht  nicht  mit  einem  Mal  zu  geschehen,  sondern  man  kann,  um  die  Stauhöhe  nicht
größer  werden  zu  lassen,  als  unbedingt  erforderlich  ist,  Öffnungen  in  der  Wand  freilassen, ­
  die  bei  fallendem  Wasser  allmählich  geschlossen  werden.  Das  Aufbringen  der
Nadeln  ist  mit  Schwierigkeiten  verbunden  und  wegen  der  heftigen  Gewalt  des  strömenden
Wassers  nicht  gefahrlos.  Die  Nadeln  werden  vorwärts  in  das  Oberwasser  gestoßen  und
schlagen  dann,  von  der  Strömung  ergriffen,  um.  Fassen  sie  dabei  den  Vorsprung  der
Wehrkrone,  so  stehen  sie  fest.  Da  sie  in  den  meisten  Fällen  nicht  nahe  genug  bei  einander
liegen,  muß  nachträglich  ein  dichterer  Verschluß  angestrebt  werden.  Man  hat  deshalb
den  Querschnitt  der  Nadeln  so  geformt,  daß  sie  sich  selbstthätig  aneinander  pressen  sollen,
oder  künstliche  Dichtungen  aus  Gummi  oder  Leder  angewendet,  aber  beides  nicht  mit
zufriedenstellendem  Erfolge.  Man  wendet  auch  hebelartige  Werkzeuge  an,  die  es  trotz
des  herrschenden  bedeutenden  Wasserdrucks  ermöglichen,  die  Nadeln  aneinander  zu  schieben.
Tie  dann  noch  verbleibenden  kleineren  Öffnungen  sind  besonders  zu  dichten.

449.  Wehrn,iluac  brr  Pretzien  an  der  Elbe.

Die  Undichtigkeit  der  Nadelwehre,  die  bei  den  wasserarmen  französischen  Flüssen
besonders  ins  Gewicht  fällt,  war  bald  Veranlassung,  die  Stauwand  ans  anderen  Bestandteilen ­
  zu  bilden.  Vielfach  war  auch  die  Stauhöhe  so  groß,  daß  man  den  Nadeln  zu  ungefüge ­
  Abmessungen  hätte  geben  müssen,  wodurch  ihre  Handhabung  beim  Einsetzen  und
Freigeben  zu  sehr  erschwert  gewesen  wäre.  Etwa  3  in  Stauhöhe  soll  man  mit  Nadelwehren ­
  nicht  überschreiten.  Man  ersetzte  deshalb  die  Nadeln  durch  Schützentafeln,  die
durch  eine  auf  der  Bedienungsbrücke  fahrbare  Winde  gehoben  werden.
Einen  besonders  dichten  Verschluß  geben  die  Jalonsiewehre.  Bei  ihnen  besteht
die  Stauwand  aus  aufrollbaren,  hölzernen  oder  eisernen  Körpern,  die  in  der  Art  der
Fensterrollläden  hergestellt  sind.  Auch  sie  werden  mittels  fahrbarer  Winden  von  der  Bediennngsbrücke
  aus  in  die  Höhe  gezogen.  Solche  Jalousien  werden  auch  zur  Dichtung
von  Nadelwehren  benutzt,  indein  man  sie  noch  über  die  Nadelwand  legt.  Hierdurch  wird
eine  große  Dichtigkeit  erzielt;  die  Einrichtung  ist  aber  nur  dort  statthaft,  woder  Fluß  nicht
plötzlich  eintretende  bedeutende  Hochwasser  führt,  und  wo  keine  starken  Eisschollen  oder
sonstige  grobe  Verunreinigungen  die  leicht  zerbrechlichen  Rollläden  undicht  machen  oder
zerstören  können.
Wenn  die  Ufer  hoch  genug  sind,  baut  man  auch  wohl  eine  feste  Bediennngsbrückc.
Diese  kostet  allerdings  bedeutend  mehr,  man  hat  aber  den  Vorteil,  das  zeitraubende  und
beschwerliche  Niederlegen  und  Aufrichten  der  Brücke  sich  ersparen  zu  können.  Wichtiger
noch  ist,  daß  bei  solcher  Anordnung  keine  beweglichen  Teile  des  Wehres  unter  Wasser
niedergelegt  werden  müssen,  wo  sie  leicht  versanden  und  verschlammen  können.  Auch  sind
        <pb n="431" />
        Klappen-  und  Trommelwehre.

447

etwaige  Beschädigungen  derselben  leicht  und  ohne  erhebliche  Störung  der  Schiffahrt  auszubessern. ­
  Die  Stauwand,  die  aus  Schützeutafeln  oder  Rollläden  besteht,  wird  auch  hier
mittels  fahrbarer  Winden  gehoben.  Sie  stützt  sich  gegen  eiserne  Ständer,  die  im  Aufhängungspunkte ­
  drehbar  an  der  Brücke  befestigt  sind;  meist  werden  einige  zu  einem  festen
Rahmen  verbunden.  Unten  werden  sie  durch  den  Wasserdruck  gegen  einen  Vorsprung  der
Wehrkrone  gepreßt.  Sollen  die  Ständer  aufgezogen
werden,  so  sind  sie  gegen  den  Strom  zu  bewegen;  dies  —  gjfgggfejffiffjgjgi
ist  bei  Flüssen,  die  viel  Eis  führen,  manchmal  mit
Schwierigkeiten  verbunden.  Man  baut  daher  die
Ständer  so,  daß  ihre  untere  Stütze  durch  geeignete
Mittel  ausgelöst  werden  kann  und  sie  sich  mit  der
Strömung  bewegen;  dann
JVb/maler,

.¡er

450.  jrlnppcnuirhr.

riefelst ­

  erfolgt  das  Ausziehen  JVbnnaler  krfc;  TJüsserstand
derStänder  unter  die  Brücke.
Dieses  geschieht  mittels  Winden, ­
  die  bei  ungenügender
Breite  der  ersten  Bedienungsbrücke ­
  eine  zweite  erfordern.
Nach  vorstehenden  Gesichtspunkten ­
  sind  die  Wehre
an  der  Seine  bei  Poses  und
Suresnes  gebaut,  die  beide
für  ein  Nadelwehr  zu  große
Stauhöhe  haben;  auch  in  Deutschland  ist  eine  mustergültige  Anordnung  dieser  Art  bei
Pretzien  an  der  Elbe  ausgeführt  worden;  sie  dient  allerdings  nicht  der  Schiffahrt,  sondern
ausschließlich  den  Zwecken  der  Landeskultur.
Bei  allen  bis  jetzt  genannten  Wehrkonstruktioneu  wurde  das  Niederlegen  des  Stauwerkes ­
  stets  damit  begonnen,  daß  die  eigentliche  Stauwand  Stück  für  Stück  beseitigt  wurde.
Bei  einigen  hatte  dies  von
einem  umlegbaren  Bedieuungsstege
  aus  zu  geschehen,  bei  anderen ­
  war  dazu  eine  feste  Brücke  p  Brücke
gebaut  worden.  Man  hat  aber
auch  Wehrkoustruktionen  erfun-  |  |,  j;  "
den,  die  vom  Ufer  aus  ohne
Überbrückung  des  Flusses  niederlegbar
  sind.  Hierher  gehören
die  Klappenwehre.  Bei  ihnen
besteht  die  Stauwand  aus  nebeneinander ­
  angeordneten,  etwa
1  in  breiten  Klappen,  die  an
einer  quer  über  die  Flußsohle
gehenden  Achse  drehbar  befestigt
sind.  Im  aufgerichteten  Zustande ­
  stützen  sich  diese  mittels
beweglicherStreben  gegenLager
auf  der  Sohle  des  Wehres.
Soll  der  Stau  aufgehoben  werden,  so  zieht  mau  durch  eine  Zahnstange  die  einzelnen
Streben  der  Reihe  nach  von  ihren  Lagern  hinweg,  wodurch  eine  Klappe  nach  der  anderen
niederfällt.  Die  Bewegung  der  Zahnstange  erfolgt  vom  Ufer  aus  durch  ein  Triebwerk.
Für  das  Wiederaufrichten  nud  Feststellen  der  Klappen,  das  ziemlich  schwer  zu  bewerkstelligen ­
  ist,  hat  man  einen  leichten  umlegbaren  Bedienungssteg  vorgesehen.  Besondere
Schwierigkeiten  macht  es,  die  Streben  wieder  gegen  das  Lager  zu  stützen.  Man  hat
deshalb  einen  Führuugsschuh  angeordnet.  —  Klappenwehre  dieser  Art  sind  bei  der  Maas-451.

  Trrnninclwrhr.
        <pb n="432" />
        448  Flußkanalisierungen.

kanalisierung  zur  Anwendung  gekommen.  Man  hat  sich  dort  aber  wieder  den  Nadelwehren ­
  zugewandt,  da  die  Bewegung  der  Zahnstange  oft  durch  Versandung  oder  dazwischen ­
  geklemmte  Steine  gehemmt  worden  war.
Auch  durch  Wasserdruck  selbstthätig  sich  öffnende  und  schließende  Klappenwehre  hat
man  erfunden.  Sie  sind  aber  nur  bei  den  Speisebecken  einiger  Kanäle  und  für  Bewässerungsanlagen ­
  in  Anwendung  gekommen,  denn  für  die  Schiffahrt  waren  sie  unbrauchbar,  weil
sie  die  Öffnung  nicht  ganz  freigeben.  In  dem  in  Abb.  450  dargestellten  Klappenwehre
ist  die  Klappe  mittels  Drehpunkt  P  an  dem  Schwimmer  befestigt,  der  seinerseits  sich  um
den  Punkt  v  dreht.
Nach  ähnlichen  Gesichtspunkten  sind  die  für  Schiffsdurchlässe  und  Floßgassen  sehr
zweckmäßigen  Trommelwehre  gebaut.  Sie  bestehen  aus  einer  zweiteiligen  Klappe,  die
um  eine  wagerechte,  auf  der  Wehrkrone  liegende  Achse  P  drehbar  ist.  Der  kleinere,  nach
rechts  gerichtete  Teil  stellt  die  Stauwand  dar,  der  untere,  größere  liegt  in  einer  im  Wehrkörper ­
  ausgesparten,  kreiscylindrischen  Kammer,  welche  von  allen  Seiten  verschlossen  ist
und  durch  die  aufrechtstehende  Klappe  in  zwei  Teile  zerlegt  wird.  Beide  sind  durch  einen
Kanal  sowohl  mit  dem  Ober-  als  auch  Unterwasser  in  Verbindung  zu  bringen.  Je  nachdem ­
  man  nun  das  Oberwasser  auf  der  einen  oder  der  anderen  Seite  der  großen  Klappe
wirken  läßt,  richtet  sich  dieselbe  auf  oder  legt  sich  nieder,  und  zwar  geschieht  diese  Bewegung ­
  in  sehr  kurzer  Zeit;  an  dem  Wehre  im  Floßdurchlaß  der  Küddow  bei  Tarnowske
  z.  B.  in  wenigen  Minuten.
Die  Verbesserungen  dieser  Anlage  zielen  alle  darauf  hin,  die  Abmessungen  des
größeren  Klappenteils  und  damit  den  Raum  der  Kammern  zu  vermindern,  da  man  dadurch
besonders  bei  großen  Stauhöhen  bedeutend  an  Gründungstiefe  spart.  Die  angewandten
Konstruktionen  mögen  hier  als  zu  sehr  ins  einzelne  gehend  nicht  besonders  erwähnt  werden.
Zum  Schluffe  sei  noch  auf  eine  an  einem  Kanal  in  Südfrankrcich  angewandte
besondere  Bauart  eines  Wehres  hingewiesen.  Dort  kreuzt  der  Kanal,  welcher  Cette
mit  der  Rhône  verbindet,  einen  der  kleinen  Küstenflüsse  des  Mittelmeeres.  Die  sehr  plötzlich ­
  eintretenden  Hochwasser  des  Flusses  mußten,  weil  sie  viel  Sinkstoffe  führten,  vom
Kanal  abgehalten  werden.  Man  brauchte  dazu  ein  Wehr,  das  mit  geringer  Bedienungsmannschaft ­
  gegen  einen  Überdruck  von  1,75  m  zu  schließen  war.  Als  Stauwand  wählte
man,  entsprechend  versteift,  einen  genügend  hohen  Streifen  eines  Kreiscylindermantels,
dessen  gedachte  Achse  quer  über  dem  Kanäle  lag.  An  den  Usern  war  dieser  Streifen  je
an  ein  durch  eine  Winde  bewegliches  Rad  von  gleichem  Durchmesser  befestigt.  Schließen
und  Öffnen  wurde  mittels  einer  entsprechenden  Drehung  des  Rades  durch  einen  Mann  in
wenig  Minuten  bewirkt.  Die  Einrichtung  hatte  außerdem  noch  den  Vorteil,  daß  keine
Teile  des  beweglichen  Wehres  auf  der  Krone  befestigt  waren  und  die  ganze  Stauvorrichtung ­
  leicht  über  Wasser  gefördert  werden  konnte.  Die  Breite  des  Wehres  betrug
20  in,  die  Kosten  rund  11  000  Mark.  Auch  in  Charlottenburg  befindet  sich  am  Werderscheu
  Mühlgraben  ein,  allerdings  etwas  anders  konstruiertes  Cylinderwehr.
Welche  von  den  hier  beschriebenen  Bauarten  im  einzelnen  Falle  am  zweckmäßigsten
ist,  müssen  die  örtlichen  Umstände  ergeben.  Im  allgemeinen  werden  für  Flußkanalisierung
noch  immer  die  Nadelwehre  vorzugsweise  angewandt,  wenigstens  auf  Flüssen,  die  einen
starken  Eisgang  haben,  und  wo  nicht  zu  große  Stauhöhen  gefordert  werden.  Wo  plötzlich
eintretende  und  starke  Anschwellungen  zu  befürchten  sind,  besteht  die  Gefahr,  daß  °  der
Bedienungssteg  des  Nadelwehres  vor  gänzlicher  Niederlegung  desselben  schon  überflutet
wird.  Es  steht  dann  meist  eine  Zerstörung  der  Wehranlage  zu  erwarten.  Noch  schlimmer
aber  ist  der  Schaden,  den  das  nunmehr  aufgestaute  Hochwasser  in  der  Umgebung  des
Wehres  anrichtet.  Man  wendet  deshalb  neben  dem  Nadelwehr  noch  eine  andere  Konstruktion ­
  an,  die  es  gestattet,  vom  hochwasserfreien  Ufer  aus  einen  beträchtlichen  Teil  des
Wehres  schnell  niederzulegen,  so  daß  dadurch  eine  wesentliche  Erniedrigung  des  Aufstaues
herbeigeführt  wird.  Dadurch  erleichtert  man  nicht  nur  das  Niederlegen  des  Nadelwehres,
sondern  man  verlängert  auch  die  dazu  verfügbare  Zeit.  Die  Floß-  und  Schiffsdurchlässe
bieten  für  solche  Anlagen  eine  besonders  passende  Gelegenheit,  denn  sie  sind  meistens  nicht
so  breit,  als  daß  nicht  ein  Trommelwehr  oder  eine  ähnliche  Konstruktion  anwendbar  wäre.
        <pb n="433" />
        449

Fischwege  und  Fischtreppen.

Zur  vollständigeuAusstattung  einer  Stauanlage  gehören  noch  die  Einrichtungen,  die  den
Wanderfischen  den  Weg  vom  Unter-  ins  Oberwasser  und  umgekehrt  ermöglichen.  Eine
Anzahl  von  Fischarten  nämlich,  wie  Lachse  und  Forellen,  wandern  in  den  Sommer-  und
Herbstmvnaten  vom  Meere  aus  in  die  Gebirgsbäche,  um  dort'ihren  Laich  abzusetzen.  Andere,
wie  die  Aale,  ziehen  in  umgekehrter  Richtung.  Da  nun  jedes  einigermaßen  hohe  Stauwerk
die  Wanderung  unterbricht,  so  muß  man  stets  einen  Weg  für  die  Fische  darin  offen  halten.
Die  Anlage  und  Ausführung  der  Fischwege  richtet  sich  nach  den  Gewohnheiten  der  ihn
benutzenden  Fische,  weshalb  vorerst  auf  diese  eingegangen  werden  soll,  und  zwar  zunächst  auf
die  der  Lachse  und  Forellen.  Wenn  die  Laichzeit  naht,  sucht  der  im  Meere  lebende  Lachs
die  Flußmündungen  aus  und  wandert,  stets  der  stärksten  Strömung  folgend,  bergwärts.  Wird
sein  Vorwärtskommen  gehemmt,  so  sucht  er  das
Hindernis  zu  überspringen.  Kräftige  Lachse
können  ziemlich  bedeutende  Höhen  nehmen,
wegen  der  geschwächten  und  jungen  Fische  aber
soll  man  nicht  mit  mehr  als  0,4.  m  rechnen.
Gelingt  die  Überwindung  des  Hindernisses
nicht,  so  sammelt  der  Lachs  neue  Kräfte  und
sucht  dann  eine  günstigere  Stelle;  auch  hier-  462 -  Fischwrg.'s
bei  folgt  er  der  stärksten  Strömung.  Gelingt
es  ihm,  bis  in  die  klaren  Gebirgsflüsse  und  -Bäche  zu  kommen,  so  wird  dort  das  Laichgeschäft ­
  vollbracht.  Kann  der  Fisch  nicht  dahin  vordringen,  und  erfolgt  die  Absetzung  des
Laiches  in  unreinem  Wasser,  so  wird  dessen  Lebensfähigkeit  durch  den  sich  daraus  festsetzenden
Schlamm  erstickt.  Wird  der  Laich  an  günstiger  Stelle  abgesetzt,  so  schlüpfen  die  Fische  nach
einigen  Wochen  aus.  Sie  bleiben  ungefähr  die  nächsten  zwei  Jahre  in  den  Gebirgsgewässern,
dann  suchen  auch  sie  das  Meer  auf.  Nach  Erreichung  der  Laichrcife  begeben  sie  sich  ihrerseits
uns  die  Wanderung,  und  zwar  suchen  sie  meist  den  Geburtsflnß  wieder  auf.
Will  man  daher  die  Lachse  nicht  aus  einem  Flußgebiete  vertreiben,  so  muß  man  ihnen
das  Überwinden  der  Stauwerke  möglich  niachen.  Bei  Nadelwehren  versuchen  die  Fische  stets,
zwischen  den  Nadeln  hindurchzuschlüpfen,  wie  oft  beobachtet  worden  ist.  Man  kann  dort  sehr
einfach  einen  Fischwcg  verstellen,  wenn  man  einige  Nadeln  herausläßt,  so  daß  ein  bequemer
Durchschlupf  entsteht.  Mau  läßt  auch  wohl  eine  Anzahl  Nadeln  nicht  bis  zum  Boden  gehen,
sondern  sich  gegen  einen  Querbalken  in  geeigneter  Höhe  stützen.  Die  Öffnung  braucht  nicht
groß  zu  sein,  denn  der
Lachs  kann  gegen  ziemlich ­
  rasche  Strömung
schwimmen.  Diese  Anlagen ­
  bewähren  sich  gut,
da  sie  der  Fisch  wegen
des  durchgehenden  starken ­
  Stromes  leichtfindet.
Sie  brauchen  aber  mehr
Wasser,  als  in  den
meisten  Fällen  abkömmlich
  ist.
Für  andere  Hilfsmittel ­
  bieten  manche
Stromschnellen  die  Vorbilder ­
  ,  indem  sich  in
ihnen  sogenannte  Fischtreppen  bilden.  Das  Gesamtgefälle  ist  dort  von  Natur  in  einzelne
mäßig  hohe  Stufen  geteilt,  zwischen  denen  ruhigere  Becken  liegen.  Diesen  natürlichen  Fischtreppen ­
  sind  die  künstlichen  nachgebildet.  Die  Anlage  einer  solchen  ist  einfach,  wenn  das  Wehr
in  einem  Flusse  mit  starkem  Quergefälle  und  felsigem  Boden  liegt.  Dort  kann  man  leicht
durch  geringe  Einbauten  eine  Fischtreppe  schassen.  Man  hat  nur  darauf  zu  achten,  daß
während  der  Wanderzeit  stets  eine  lebhafte  Strömung  durch  dieselbe  geht.  Auch  dürfen  die
Stufen  die  zulässige  Höhe  nicht  überschreiten,  und  die  Becken  müssen  sür  die  Schwimmbewegung
  der  Fische  groß  genug  sein.
Als  Mindestmaß  sür  Lachse  kann  man  2,5  m  Länge,  1,8  m  Breite  und  0,7  m  Tiefe
betrachten.  Für  Forellen  genügen  die  halben  Maße.  Aus  diesen  Abmessungen  ergibt  sich  die
zulässige  Längsneigung;  bei  höheren  Stauen  empfiehlt  es  sich,  sie  etwas  zu  ermäßigen  und
größere  Ausruhebecken  anzubringen.
Bei  schrägen  Wehren  teilt  man  wohl  auch  das  Gefälle  durch  eingelegte  Hilfswehre,  welche
vorteilhaft  in  dem  nach  unten  sich  öffnenden  spitzen  Winkel  angebracht  werden;  sie  sind  aber
nur  bei  kleineren  Flüssen,  die  keinen  bösartigen  Charakter  tragen,  statthaft.

*)  Abb.  452  bis  459  nach  dem  „Centralblatt  der  Bauverwaltung".
IX  57

1
        <pb n="434" />
        450  Flußkanalisierungen.

Lassen  sich  diese  einfachen  Hilfsmittel  nicht  anwenden,  so  ist  eine  künstlicheFischtreppe
nötig.  Ihre  Anlage  muß  so  sein,  daß  sie  die  Fische  bequem  benutzen  können,  vor  allem,  daß
sie  ihre  Mündung  im  Unterwasser  leicht  finden,  damit  nicht  Herstellungskosten  und  Wasserverlust ­
  umsonst  aufgewendet  sind.  Bei  Wehrkonstruktionen  mit  fester  Bedienungsbrücke  legt
man  die  Fischtreppe  gern  in  einen  Mittelpfeiler,  weil  sie  dann  dem  Stromstriche  näher  ist
und  ein  Mißbrauch  weniger  zu  befürchten  steht.  Bei  Wehren,  die  ganz  niedergelegt  werden,
ist  ihre  Lage  in  einem  hochwasserfreien  Landpfeiler  besser,  weil  bei  solchen  die  Mittelpfeiler
überströmt  werden,  und  folglich  die  Fijchtreppe  Beschädigungen  ausgesetzt  ist.  Das  Bauwerk
besteht  aus  einer  Anzahl  von
Becken  in  den  vorgeschriebenen
Maßen  mit  dazwischen  liegenden
Sperren.  Ihre  Kronen  sind  entweder ­
  mit  einem  abwechselnd  gerichteten ­
  Seitengefälle  versehen,
oder  mit  versetzt  angeordneten
Einschnitten,  um  die  durchfließende ­
  Strömung  abzulenken  und
so  ihre  lebendige  Kraft  zu  verzehren. ­
  Deshalb  müssen  auch
alle  vom  Wasser  benetzten  Teile
rauh  gelassen  werden.  Man  dar
aber  dabei  nicht  so  weit  gehen,
daß  ein  wirbelreicher  Strom
entsteht,  weil  diesen  die  Fische
meiden.
Bei  der  Cailschen  Fisch-454.
  Caitkche  Treppe.  Grundriß.  treppe  sind  die  Öffnungen  in  den
Sperren  am  Boden  angebracht
und  so  bemessen,  daß  die  Fische  hiudurchschlüpfen  können.  Diese  Anordnung  bildet  den  Übergang ­
  zu  den  Fischpässen.  Die  einfachsten  Arten  lassen  sich  bei  Wehren  mit  sanft  geneigter
Krone  anordnen.  Es  sind  dies  senkrecht  zur  steilsten  Neigung  gerichtete  Einschnitte,  in  denen
stets  eine  kräftige  Strömung  vorhanden  ist,  auch  wenn  über  den  Fachbaum  wenig  oder  gar
kein  Wasser  fließt.  Ist  der  Wehrrücken  hierzu  zu  steil,  so  ordnet  man  den  Fischpaß  schräg
an;  oft  genügt  ein  schräg  auf  dem  Wehr  befestigter  Balken.  Diese  Pässe  werden  von  den
Fischen  lieber  aufgesucht  als  die  verwickelter  gebauten  Treppen,  sie  verbrauchen  aber  mehr
Wasser.  Für  Flüsse  mit  stark  wechselnden  Wasserständen  empfehlen  sich  die  einfachen  Anordnungen ­
  nicht,  da  einmal  in  ihnen  das  Wasser  zu  stark,  das  andere  Mal  zu  schwach  strömen
wird;  dort  wendet  man  künstliche  Fischpässe  an.  Es  sind  dies  steinerne  oder  hölzerne
Rinnen  von  oftmals ­
  bedeutender
Länge.  Um  sie  zu
kürzen,  ermäßigt
man  die  Strömung ­
  durch  Einbauen ­
  teilweiser
Sperren  aus  Holz
oder  Stein,  zwischen ­
  denen  das
Wasser  in  oft  sehr
gewundenem
Laufe  fließt.  Bei
größerer  Länge
sind  Ausruhplätze
„  .,,,  ,,  erforderlich.
455.  Caükche  Treppe.  Langenschnitt.  Besonders  zu
erwähnen  ist  hier
Macdonalds  Fischpaß,  weil  er  eine  sehr  steile  Neigung  (1:3)  zuläßt.  Bei  ihm  wird
die  lebendige  Kraft  des  Wassers  durch  Gegenströmung  verzehrt,  die  durch  passend  angeordnete ­
  Leitschaufeln  erzeugt  wird.  Der  Vorteil  dieses  Fischpasses  besteht  nicht  nur  in
der  steilen  Neigung,  sondern  auch  iu  der  gerader  Richtung  und  in  der  großen  Tiefe  des
strömenden  Wassers.
Alle  diese  Bauten  zur  Erhaltung  des  Fischreichtums  sind  in  Amerika,  Norwegen  'und
Großbritannien  viel  zahlreicher  und  großartiger  ausgeführt,  als  bei  uns.  So  ist  z  B.  der
Sevcrnfluß  in  besonders  musterhafter  Weise  damit  ausgestattet.  In  den  genannten  Ländern
hat  man  auch  ganze  Flußgebiete,  die  durch  Wasserfälle  bisher  gesperrt  waren,  den  Fischen  neu
eröffnet,  so  z.  B.  den  Ballysadarefluß  in  Irland.  In  ihm  steigerte  sich  der  Fischreichtum  so,
daß  in  dem  einen  Jahr  1870  9750  Lachse  gefangen  wurden.
        <pb n="435" />
        Aalpässe.  451

Außer  beit  Lachsen  ist  von  den  Wandersischen  der  Aal  zu  berücksichtigen.  Für  ihn  sind
aber  andere  Einrichtungen  zu  treffen,  da  seine  Gewohnheiten  wesentlich  von  denen  des  Lachses
abweichen.  Die  im  Süßwasser  lebenden  Aale  sind  nur  weiblichen  Geschlechts;  sie  wandern
von  April  bis  Oktober  zu  den  im  Meere  lebenden  Männchen.  Bei  ihrem  Zuge  bewegen  sie
sich  auf  der  Sohle  des  Flusses  in  der  stärksten  Strömung.  Die  jungen  Aale  wandern  dann  im
nächsten  Frühjahr  stromauf,  da  sie  aber  sehr  wenig  Kraft  besitzen,  ziehen  sie  an  den  seichtesten

456.  Macdoiialds  Fischpatz  an  den  jtotomarfällln.

Stellen.  Um  also  diese  Fischart  zu  erhalten,  darf  den  Wanderungen  kein  Hindernis  entgegen ­
  stehen.
Bei  den  undichten  Nadelwehren  sind  sür  die  erwachsenen  Aale  keine  besonderen  Anlagen
nötig;  sie  können  sich  zwischen  den  Spalten  der  Nadeln  durchzwängen.  Anders  ist  dies  bei
dichten  Wehrkonstruktionen.  Besonders  dann  ist  ein  Fischwcg  empfehlenswert,  wenn  die  Krast
des  Flusses  Turbinen  treiben  muß,  da  die  der  stärksten  Strömung  folgenden  Fische  nach  den
Maschinen  gelockt  werden,  wo
ihnen  ein  elender  Tod  bevorsteht. ­
  Daher  ist  der  Werkkanal
mit  eineni  hinreichend  dichten
Netze  zu  schließen  und  für  die
wandernden  Fische  ein  Aalpaß ­
  zu  bauen.  An  seiner
Mündung  muß  eine  starke
Strömung  herrschen,  damit
die  Fische  ihn  finden.  Man
ordnet  daher  das  Banwerk  in
der  Nähe  der  Abzweigung  des
Werkkanals  an.  Die  Wände
müssen  von  Holz  sein  und  eine
dunkle  Farbe  haben,  weil  die
Fische  vor  Eisen  und  hellen  Stellen  zurückschrecken. ­
  Das  eingelassene  Wasser  kann
durch  Schlitze  in  den-  Wänden  wieder  abgeleitet ­
  werden,  da  der  Aal  den  einmal
eingeschlagenen  Weg  selbst  dann  nicht  verläßt, ­
  wenn  am  Ende  nur  feuchte  Stricke
ihm  den  Übergang  über  den  Wehrrücken
zeigen.  Freilich  ist  zu  diesem  Hilfsmittel
nur  dann  zu  greifen,  wenn  gar  kein
Wasserverlust  statthast  ist.  Der  Abfall  von
der  höchsten  Stelle  zum  Unterwasser  wird
durch  eine  Rinne  vermittelt,  in  der  niedrige
Einbauten  die  Strömung  mäßigen.
Kann  man  den  Aalpaß  in  eine  seichte
Stelle  münden  lassen,  so  ist  er  zugleich  für
die  jungen  Aale  zu  benutzen.  Man  füllt
dann  seine  Abfallrinne  innerhalb  der  Einbauten ­
  mit  Kies.  Zwischen  den  einzelnen
Steinen  suchen  sich  die  jungen  Aale  ihren
Weg.  Je  weiter  das  Wehr  stromauf  liegt,  um  so  gröber  muß  die  Füllung  sein,  weil  die
Wanderung  oft  über  ein  Jahr  dauert,  während  dessen  die  Brut  natürlich  wächst.
Kann  nian  den  Aalpaß  nicht  in  seichtes  Wasser  münden  lassen,  so  ist  für  die  jungen
Fische  besonders  Sorge  zu  tragen.  Oft  genügt  ein  ungehobeltes  schrüggestelltes  Brett,  worüber
eine  dünne  Wasserschicht  läuft.  Bei  größeren  Höhen  ist  es  besser,  eine  mit  Kies  gefüllte
Rinne  anzuwenden.  Schwierigkeit  macht  nur  die  Mündung  ins  Oberwasser.  Da  sie  trotz
der  wechselnden  Wasserstände  stets  seicht  bleiben  muß,  hat  man  sie  manchmal  schwimmend
angeordnet.  Man  hat  auch  mit  Kies  gefüllte  Röhren  in  den  festen  Wehrteil  eingemauert.
Ihre  Mündung  legt  man  so  tief,  daß  sie  nie  trocken  laufen  kann,  da  eine  zu  starke  Dnrch-57*


Querschotte
( l er

dal  rinne

457  bis  459.  Aalriiiiic.
        <pb n="436" />
        452  Flußhäfen.

strömuug  wegen  der  Füllung  sich  nicht  entwickeln  kann.  Bei  den  Aalpässen  wie  bei  allen
Fischwegen  ist  nach  ihrer  Fertigstellung  zu  beobachten,  ob  die  Tiere  sie  auch  benutzen.  Geschieht ­
  dies  nicht,  so  ist  nach  der  Ursache  der  Unwirksamkeit  zu  forschen  und  diese  zu  beseitigen.
Mit  den  Fischwegen  sind  die  Einrichtungen  eines  Stauwerks  im  wesentlichen  beschrieben, ­
  es  ist  jetzt  nur  noch  nötig,  den  Ausbau  der  dazwischen  liegenden  Haltung  zu
schildern.
In  früheren  Zeiten,  wo  noch  die  Schiffe  ausschließlich  von  Menschen  oder  Pferden
gezogen  wurden,  war  es  stets  nötig,  einen  Weg  für  dieselben  am  Ufer  anzulegen.  Dieser
heißt  Leinpfad  oder  Treidelweg.  Heute  ist  er  weniger  wichtig,  da  fast  überall  der
Schiffszug  durch  Schleppschiffe  bewirkt  wird.  Sollte  der  Leinpfad  nicht  zu  entbehren
sein,  so  muß  man  ihn  nicht  zu  weit  vom  Ufer  entfernt  in  solcher  Höhe  anordnen,  daß
er  bei  allen  schiffbaren  Wasserständen  begehbar  ist.  Etwaige  Nebenflüsse  sind  mittels
Brücken  zu  überschreiten.  Der  Leinpfad  muß  ferner  gegen  überströmendes  Wasser
durch  eine  schwere  Pflasterung  geschützt  werden.  Auch  Entwässerungsgräben  dürfen
nicht  fehlen.
Da  ferner  der  Fluß,  wenn  die  Stauanlagen  niedergelegt  sind,  manchmal  längere
Zeit  frei  in  seinem  Bette  fließt,  muß  er  auf  seiner  ganzen  Länge  auch  für  diesen  Zustand
ausgebaut  werden.  Es  sind  also  bei  der  Kanalisierung  alle  Bauten  anzuwenden,  die
bei  der  Regulierung  vorkommen.  Es  sind  die  Nebenarme  abzuschneiden,  die  allzu
starken  Krümmungen  zu  durchstechen,  die  Breite  ist  einzuschränken  und  die  Ufer  sind  zu
befestigen.  Letztere  bis  auf  die  von  dem  aufgestauten  Wasser  erreichte  Höhe,  wenn  auf
dem  Flusse  schnellfahrende  Schiffe  verkehren.  Kommen  Reguliernngswerke  in  der  Stauperiode ­
  unter  Wasser,  so  ist  durch  Bojen  oder  andere  Zeichen  die  Schiffahrt  auf  sie  aufmerksam ­
  zu  machen.
Durch  den  Ausbau  des  Stromlaufes  bewirkt  man  eine  längere  Dauer  der  freien
Schiffahrt  und  eine  Besserung  der  Hochwasserverhältnisse.  Ein  kanalisierter  Fluß  fordert
daher  dieselben  Bau-  und  Unterhaltungskosten,  wie  ein  regulierter,  außerdem  aber  noch
dasjenige,  was  man  dauernd  oder  einmalig  für  die  Stauwerke  ausgeben  muß.  Man
wird  also  stets,  wie  in  der  Einleitung  schon  angedeutet  wurde,  versuchen,  mit  der  Regulierung ­
  allein  zum  Ziele  zu  kommen.
Flußhäfen.
Auf  einem  schiffbaren  Flusse  findet  der  Güterumschlag  in  ausgedehnterem  Maße
überall  da  statt,  wo  eine  bequeme  Verbindung  mit  der  Eisenbahn  und  dem  Landstraßennetz ­
  besteht.  Entweder  geschieht  die  Umladung  an  den  Ufern  selbst  oder  in  besonders
dafür  hergestellten  künstlichen  Becken.  Man  unterscheidet  Umschlagsplätze  und  Verkehrshäfen. ­

Ein  Umschlagsplatz  läßt  sich  im  allgemeinen  an  jeder  beliebigen  Stelle  des  Flusses
anlegen,  wenn  nur  die  Breite  und  Tiefe  des  Fahrwassers  genügend  groß  sind,  und  wenn
die  im  Fluß  bestehende  Wassergeschwindigkeit  ein  sicheres  und  bequemes  Anlegen  gestattet.
Vorteilhaft,  aber  nicht  unbedingt  notwendig  ist  eine  hochwasserfreie  Lage  des  Ufers.  Der
Vorzug  eines  Umschlagsplatzes  gegen  einen  Hafen  besteht  darin,  daß  die  umzuladenden
Schiffe  nicht  die  eigentliche  Wasserstraße  zu  verlassen  brauchen,  was  immer  dann  Schwierigkeiten ­
  macht,  wenn  von  durchfahrenden  Schleppzügen  nur  einzelne  Schiffe  anlegen.  Auch
zu  Thal  gehende  Fahrzeuge,  die  sich  frei  im  Flusse  treiben  lassen,  bedürfen  zu  ihrer
Einfahrt  in  ein  geschlossenes  Hafenbecken  stets  mehr  oder  weniger  starker  Schleppvorrichtungen, ­
  wenn  sie  nicht  selbst  mit  Dampfmaschinen  ausgestattet  sind.  Man  wird
daher  an  weniger  verkehrsreichen  Plätzen  und  da,  wo  der  Thalverkehr  einzelner  Lastschiffe ­
  besonders  in  Betracht  kommt,  Umschlagsplätze  vorziehen.  Da  man  diese  ferner  bei
wachsendem  Verkehr  leicht  vergrößern  kann,  so  sind  die  Kosten  für  die  erste  Anlage  verhältnismäßig ­
  gering;  wiederum  ein  Grund  mehr,  an  Orten  mit  weniger  lebhaftem  Verkehr
Umschlagsplätzen  den  Vorzug  zu  geben;  oft  aber  spielt  sich  jedoch  auch  ein  ganz  gewaltiger
Verkehr  unmittelbar  an  den  Ufern  eines  Flusses  ab.  Es  ist  dies  besonders  da  der  Fall,
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        J

Allgemeine  Anordnung  der  Flußhäfen.

453

wo  eine  große  Stadt  von  einem  schiffbaren
Wafferlauf  durchflossen  wird;  dort  ist  das
ganze  Ufer  von  Landungsstellen  und  Lagerplätzen ­
  eingenommen.
Bei  unserem  Klima  muß  stets  ein  sicherer
Platz  für  die  Schiffe  vorhanden  sein,  wohin
sie  bei  Hochwasser  und  Eisgang  flüchten  können.
Man  legt  daher  vielfach  da,  wo  bereits  ein
größerer  Verkehr  stattfindet,  neben  dem  Umschlagsplatz ­
  hochwasserfreie,  geschlossene  Hafenbecken ­
  an.  Diese  werden  stets  mit  Lade-  und
Löschvorrichtungen  versehen,  da  dort,  wo  ganze
Schleppzüge  umzuladen  sind,  keine  Schwierigkeiten ­
  bestehen,  die  Schiffe  vom  Fluß  in  den
Hafen  zu  bugsieren.  So  sind  die  meisten  Verkehrs- ­
  und  Winterhäfen  entstanden.  Eine  Ausnahme ­
  bilden  solche  Plätze,  wie  Kosel,  Frankfurt ­
  a.  M.  und  andere,  die  an  den  Endpunkten
erst  neuerdings  schiffbar  gemachter  Wasserstraßen ­
  liegen.  Dort  entschloß  man  sich  gleich
zu  eigentlichen  Hafenanlagen,  weil  daselbst
naturgemäß  kein  durchgehender  Schiffsverkehr
stattfinden  kann,  und  außerdem  ein  Überwintern ­
  besonders  vorteilhaft  ist.
Den  Platz  für  ein  Hafenbecken  bestimmen
im  Einzelfalle  wirtschaftliche,  technische  und
finanzielle  Rücksichten.  Hier  kann  nur  auf  die
technischen  eingegangen  werden.  Zunächst  ist
die  Mündung  in  zweckentsprechender  Weise
anzulegen  und  auszugestalten.  Sie  soll  so
breit  sein,  daß  zwei  Schiffe  zu  gleicher  Zeit
bequem  ein-  und  ausführen  können,  und  so
liegen,  daß  in  keinem  Fall  sich  eine  Sinkstoffbank ­
  hei  der  Wanderung  thalabwärts  davor
legen  kann.  Die  Stellen,  die  hiergegen  am
meisten  Schutz  gewähren,  sind  die  konkaven
Ufer  der  Krümmungen,  wo  sich  ständig  die
größte  Fahrtiefe  befindet  und  ein  Ansammeln
von  Sinkstoffen  nicht  zu  erwarten  steht.
Die  Einfahrt  wird  gewöhnlich  an  dem
am  meisten  stromabwärts  gelegenen  Ende  des
Hafens  angebracht,  und  zwar  so,  daß  die  zu
Berg  fahrenden  Schiffe  sie  ohne  scharfe  Wendung ­
  gewinnen  können.  Manchmal  liegt,  wie
in  Mainz  oder  Ludwigshafen  die  Einfahrt  in
der  Mitte  des  Beckens.  Die  erstgenannte  Anordnung ­
  ist  aber  für  die  Schiffer  bequemer
und  wird  deshalb  meist  angewendet,  zumal
auch  bei  ihr  das  Eindringen  von  Eisschollen  in
den  Hafen  unmöglich  ist  und  bei  Hochwasser
nur  durch  Stau  von  unten  her  eine  Hebung
des  Spiegels  eintreten  kann.  Will  man  auch
diese  vermeiden,  so  bringt  man  in  der  Mündung ­
  eine  Sperrschlcuse  an,  eine  Einrichtung,

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        454

Flußhäfen.

die  sich  am  Binnenhafen  in  Duisburg  vorfindet.  Ist  es  notwendig,  die  Mündung  oder
eine  andere  Stelle  des  Hafens  zu  überbrücken,  so  soll  die  Unterkante  fester  Brücken  so
hoch  liegen,  daß  Schiffen,  die  von  plötzlich  eintretendem  Hochwasser  überrascht  worden
sind,  jederzeit  die  Einfahrt  möglich  ist.  Ist  dies  nach  Maßgabe  der  örtlichen  Umstände
nicht  zu  beschaffen,  so  kann  man  sich  durch  Anlage  eines  Vorhafens  helfen,  oder  man
kann  über  der  Einfahrt  eine  bewegliche  Brücke,  meist  eine  Drehbrücke,  anordnen.
Das  Hafenbecken  selbst  sucht  man  da  anzulegen,  wo  eine  schon  bestehende  Vertiefung ­
  die  Erdarbeiten  zu  mindern  verspricht;  natürlich  aber  nur  dann,  wenn  keine
anderen  gewichtigeren  Gründe  gegen  die  gewählte  Stelle  geltend  gemacht  werden  können.
Das  Ausheben  der  Massen  erfolgt  vielfach  im  Trockenen  und  zwar  durch  Trocken-461.

  Kai-Anlagen  fit  Antwerpen.

bagger,  da  mit  Handarbeit  in  der  meistens  kurzen  Bauzeit  die  gewaltigen  Erdbewegungen
nicht  ausführbar  sind.  Die  gewonnenen  Massen  sucht  man  in  nutzbarer  Weise  wieder  zu
verwenden,  was  um  so  leichter  ist,  als  die  ganze  Hafenanlage  durch  Dämme  gegen  jede
Gefahr,  die  den  Schiffen  bei  Hochwasser  und  Eisgang  droht,  zu  schützen  ist.  —  Bei  der
Wahl  der  Örtlichkeit  für  den  Hafen  muß  man  auch  berücksichtigen,  daß  durch  die  Bauten
keine  Einschränkung  des  Hochwasserprofils  eintritt,  denn  leicht  wird  hierdurch  an  anderer
Stelle  eine  Verwilderung  des  Flußbettes  und  der  Ufer  hervorgerufen,  ja  es  können  daraus
ernstliche  Gefahren  für  bestehende  Ortschaften  oder  Gebäude  entstehen.  Wenn  nötig,  ist,
wie  beim  Dresdener  Hafen,  durch  Anlage  einer  befestigten  und  ausgebauten  Hochwasserrinne ­
  für  raschen  Abfluß  Sorge  zu  tragen,  damit  die  Einschränkung  des  Profils  hierdurch
wieder  ausgeglichen  wird.  —  Die  Größe  des  Hafens  hängt  von  der  Stärke  des  in  ihm
zu  erwartenden  Verkehrs  ab.  Sie  ist  verhältnismäßig  bedeutend  gegen  die  Ausdehnung
der  Seehäfen,  was  auf  das  wesentlich  geringere  Fassungsvermögen  der  Flußschiffe  zurückzuführen ­
  ist.  So  kann  ein  mittelgroßes  Seeschiff  3500  t  tragen,  dazu  gehören  aber  schon
6  Flußschiffe  bei  2,o  m  oder  16  bei  1,5  in  Tiefgang,  Maße  die  für  viele  Flüsse  noch  nicht
        <pb n="439" />
        455

Form  der  Flußhäfen.

einmal  erreicht  sind.  Das  Verhältnis  des  beanspruchten  Raumes  ist  am  besten  aus  vergleichenden ­
  Grundrissen  zu  ersehen.  Dabei  ist  zu  bedenken,  daß  auch  noch  Schleppdampfer  und
-andere  Fahrzeuge  in  einem  Flußhafen  Raum  beanspruchen.  —  Die  Form  des  Hafens
ist  so  zu  wählen,  daß  er  einer  möglichst  großen  Anzahl  von  Schiffen  das  Anlegen  gestattet, ­
  ohne  sie  zu  zwingen,  in  mehreren  Reihen  nebeneinander  zu  liegen.  Dieser  Anordnung ­
  entspricht  am  besten  eine  gestreckte  schlauchförmige  Gestalt,  wie  solche  meist  den
neueren,  nach  einheitlichem  Plane  gebauten  Häfen  gegeben  wird.  Um  an  Länge  zu  sparen,
ordnet  man,  wie  beim  Hafen  in  Düsseldorf,  mehrere  Becken  nebeneinander  an.  Oft  entsteht
auch  ein  mehrteiliger  Hafen  dadurch,  daß  in  ein  breiteres  Becken  Zungen  eingebaut
werden,  um  so  die  Ladeplätze  zu  vermehren.  Ein  solcher  Einbau  ist  für  den  König-Albert-Hafen
  in  Dresden  geplant.  —  Viele  Häfen  weisen  eine  verwickelter«  Gestalt  mit  verschiedenen ­
  Becken  und  Zungen  auf;  besonders  sind  dies  solche,  wo  schon  seit  längerer  Zeit

der  Schiffsverkehr  sich  entwickelt  hat.  Dort  mußte  den  sich  stetig  vergrößernden  Ansprüchen
durch  mehrmalige  Erweiterungsbauten  genügt  werden,  so  bei  den  Häfen  in  Mannheim,
Ruhrort  u.  s.  W.
Die  Breite  des  Beckens  ist  von  der  größten  Breite  der  Schiffe  abhängig.  Auch
muß  berücksichtigt  werden,  daß  an  allen  Stellen  neben  am  Ufer  liegenden  Schiffen  noch
Raum  für  die  ein-  und  ausfahrenden  frei  bleiben  muß.  Plätze  zum  Wenden  sind  ebenfalls ­
  vorzusehen.  Bei  der  Breitenabmessnng  ist  immer  darauf  Rücksicht  zu  nehmen,  daß
die  Maße  der  Schiffe  mit  der  fortschreitenden  Verbesserung  der  Wasserstraße  zunehmen.
Aus  gleichen  Gründen  ist  auch  die  Tiefe  stets  reichlich  zu  bemessen.  Bei  ihr  ist  ferner
daraus  zu  sehen,  daß  sie  auch  erhalten  bleibt.  Alle  schlämm-  und  sinkstoffführenden  Zuflüsse ­
  sind  deshalb  ohne  Ausnahme  vom  Hafenbecken  abzuhalten,  denn  in  demselben  wird
tvegen  der  bedeutenden  Profilverbreiterung  ein  erheblich  langsameres  Fließen  stattfinden,
so  daß  die  schwebenden  Teilchen  Gelegenheit  haben,  sich  abzusetzen,  der  Hafen  also  wie
«in  Niederschlagsbecken  wirkt.
Da  aber  auch  das  vom  Strom  hier  eindringende  Wasser  zuzeiten  reichliche  Mengen
von  Schlammteilchen  mit  sich  führt  und  auch  vom  Ufer  und  den  Schiffen  aus  eine  fort-
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        WWW»»»»»»»»

456

Einrichtungen  der  Flußhäfen.

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währende  Verunreinigung  stattfindet,  so  ist  eine  regelmäßig  sich  wiederholende  Vertiefung
des  Hafens  nicht  zu  umgehen.  Dieselbe  erfolgt  durch  Baggermaschinen,  und  zwar  wendet
man  wegen  der  schlammigen  Beschaffenheit  der  zu  fördernden  Massen  Saug-  oder  Pumpenbagger, ­
  an  Stellen,  an  welchen  man,  wie  in  den  Ecken,  mit  anderen  Baggern  nicht  ankommen ­
  kann,  auch  Greifbagger  an.  Man  kann  sich  auch  durch  Spülung  des  Hafenbeckens ­
  zu  schützen  suchen.  Dann  wird  zu  diesem  Zweck  an  geeigneter  Stelle  ein  Schleusenthor
  oder  ein  bewegliches  Wehr  angeordnet,  durch  welches  beim  Öffnen  eine  so  große
Menge  aufgestauten  Wassers  in  den  Hafen  gelassen  werden  kann,  daß  darin  eine  lebhafte
Strömung  entsteht,  die  den  Schlamm  mit  sich  fortreißt.  Auch  für  die  Erneuerung  des
stillstehenden  und  deshalb  faulenden  Wassers  ist  eine  solche  Einrichtung  nötig,  wenn  sie
nicht  ein  lebhafter  Grundwasserstrom  ersetzt.  In  den  Fällen,  in  welchen  die  Spülung
nicht  wirksam  genug  ist,  muß  durch
Baggern  die  Erhaltung  der  Tiefe
bewirkt  werden.
Ist  der  Hafen,  was  Einfahrt,
Lage  und  Abmessungen  betrifft,
allen  Bedingungen  angepaßt,  die  im
einzelnen  Falle  zu  stellen  sind,  so
ist  die  nächstdem  wichtigste  Angelegenheit ­
  die  Ausstattung  der  Ufer,
an  denen  das  Verladegeschäft  ausgeführt ­
  werden  soll.  Sie  muß  so
erfolgen,  daß  nach  Größe  und
Wichtigkeit  des  Verkehrs  eine  möglichste ­
  Beschleunigung  des  Umschlags
stattfinden  kann.  Das  erste  Erfordernis ­
  in  dieser  Beziehung  ist
eine  zweckentsprechende  Befestigung
der  Ufer.  Die  Ausführung  richtet
sich  nach  der  Art  der  umzuladenden
Güter  und  der  dazu  verwandten
Hilfsmittel.  Auch  die  Verhältnisse
des  Baugrundes  wirken  auf  die
Ausgestaltung  mit  ein.  An  Stellen,
wo  Sand,  Kies  und  Steine  aus  den
Schiffen  ausgeladen  werden,  öden
wo  man  das  mit  den  Flößen  angekommene ­
  Langholz  ans  User  zieht,
genügt  eine  gute  Abpflasterung  in
nicht  zu  steiler  Böschung.  Die  genannten  Baumaterialien  werden  dann  mit  Ausnahme
des  Holzes  durch  Schubkarren  aus  den  Schiffskörpern  herausbefördert  und  über  einfache
Ladebrücken  ans  Ufer  geschafft;  dort  werden  sie  aus  Freiladeplätzen,  die  wenigstens  für
grobes  Material  nicht  einmal  hochwasserfrei  zu  sein  brauchen,  abgelagert.  Auch  die
Ladeplätze  für  andere  Waren  findet  man  zuweilen  nicht  besser  ausgestattet,  als  durch  eine
gepflasterte  nicht  zu  steile  Böschung.  Amerikanische  Flußhäfen  und  zuweilen  auch  europäische ­
  weisen  eine  solche  sparsame  Einrichtung  auf.
Meist  aber  hat  man  dem  Ufer  eine  bessere  Ausstattung  gegeben,  vor  allem  in  der
Absicht,  den  Schiffen  die  Möglichkeit  zu  gewähren,  sich  unmittelbar  an  das  Ufer  legen  zu
können.  Man  wird  deshalb,  je  nachdem  die  Lasten  beschaffen  sind,  die  am  Uferrand  gelagert ­
  werden  sollen,  ein  hölzernes  Bollwerk  oder  eine  steinerne  Mauer  errichten..
Auch  Ladebühnen  können  in  Anwendung  kommen.
Ist  die  Anlage  eines  hölzernen  Bollwerks  statthaft,  oder  vielleicht  wegen  zu.
weichen  Baugrundes  empfehlenswert,  so  hat  man  den  Vorteil,  daß  die  erstmaligen  Kosten
bedeutend  geringere  sind,  als  für  eine  steinerne  Mauer.  Freilich  besteht  der  Nachteil,

«64.  Änerschnitt  etitrs  Bollwerks.
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        458

Flußhäfen.

daß  die  Teile,  die  nicht  stets  unter  Wasser  liegen,  leicht  schadhaft  werden  und  einer
Ausbesserung  oder  Auswechselung  bedürfen.  Die  Ausführung  eines  Bollwerks  ist  folgende:
Zunächst  wird  eine  Spundwand  eingetrieben,  die  in  regelmäßigen  Abständen  stärkere
Pfähle  enthält,  oder  vor  welche  einzelne  Pfähle  geschlagen  sind.  In  Niedrigwasserhöhe
wird  sie  abgeschnitten  und  durch  zwei  Längsbalken,  Zangen  genannt,  oder  durch  einen
Holm  zusammengehalten.  Auf  dieser  Grundlage  sind  in  der  Verlängerung  der  stärkeren
Pfähle  Pfosten  eingezapft,  die  an  der  Landseite  mit  einem  Bohlenbelag  versehen  sind.
In  der  Höhe  des  Ufers  sind  die  Pfosten  durch  einen  starken  Balken,  den  Holm,  verbunden. ­
  Damit  das  Bauwerk  den  Druck  der  hinterfüllten  Erde  aushält,  sind  Veranke-467.

  Guerfchnitt  einer  Kaimauer  auf  Nfahlroil.

468.  Guerfchnitt  einer  Mauer  auf  Keton.

rungen  nötig.  Um  die  Stöße  der  Schiffe  unschädlich  zu  machen,  rammt  man  vor  den
Pfosten  nicht  selten  schräge  Prellpfähle  ein,  die  zugleich  zur  Schiffsbefestigung  dienen.
Soll  am  Uferrand  eine  Eisenbahn  entlanggeführt  werden,  oder  laufen  daselbst  schwere
Kräne,  so  genügt  ein  hölzernes  Bollwerk  nicht  mehr,  sondern  in  solchen  Fällen  ist  eine
steinerne  Hafenmauer  am  Platze.  Überhaupt  wird  bei  lebhaften  und  wichtigen  Hafenplätzen ­
  stets  eine  solche  vorzuziehen  sein,  und  Bollwerke  sind  nur  da  anzuwenden,  wo
die  Steinmauern  wegen  übermäßiger  Kosten  des  Materials  oder  allzu  großer  Schwierigkeit ­
  der  Gründung  zu  viel  kosten  würden.  Bei  Ausführung  einer  steinernen  Hafeneinfassung
kommt  es  zunächst  darauf  an,  durch  sorgfältige  Bodenuntersuchnngen  festzustellen,  in  welcher
Tiefe  man  einen  Baugrund  findet,  der  im  stände  ist,  das  schwere  Werk  zu  tragen.  Nach
dem  Ergebnis  dieser  Untersuchung  muß  man  die  Bauart  der  Ufer  einrichten.  Nur  selten
wird  man  sie  unmittelbar  auf  tragfähigem  Boden  emporführen  können.  Man  wendet
        <pb n="442" />
        459

Einrichtungen  der  Flußhäfen.

■?,  10  -  -

daher  meistens  die  für  tiefer  liegenden  Baugrund  üblichen  Verfahren  an.  Vor  allem
häufig  sind  Pfahlrostgründungen,  aber  auch  solche  auf  Brunnen  oder  Senkkästen  kommen
vor.  Läßt  sich  der  tragfähige  Grund  gar  nicht  erreichen,  so  muß  man  durch  Steinschüttung
oder  Senkstücke  eine  Unterlage  schaffen,  auf  der  man  das  Bauwerk  sicher  in  die  Höhe
führen  kann.  Bei  der  Ausmauerung  kann  man  durch  passend  angeordnete  Hohlräume,
die  mit  leichterem  und  billigerem  Material  gefüllt  sind,  Gewicht  und  Kosten  des  Bauwerks
erheblich  vermindern.  In  der  Höhe  der  Erdoberfläche  wird  die  Mauer  mit  besonders
barten  Steinplatten  gut  abgedeckt,  um  sie  vor  dem  Einflüsse  der  Witterung  zu  schützen.
Wie  beim  Bollwerk  sind  auch  bei  Ufermauern  Prell-  und  Haltepfähle  nötig.  In
verschiedener  Höhe  eingelassene  Ringe  dienen  ebenfalls  der  Schiffsbefestignng.  Ist
wegen  stark  ivechselnder  Wasserstände  die  Mauer  besonders  hoch,  so  darf  nicht  unterlassen
werden,  Treppen  und  Leitern  in  sie  einzubauen,  um  vom  Ufer  aus  bequem  die  Schiffe
erreichen  zu  können.  Des  weiteren  muß  stets  für  leistungsfähige  Hebevorrichtungen
zum  Umladen  der  Güter  gesorgt  werden,  ebenso  für  ausreichende  Speicherräume  und
Freilagerplätze.  Eine  gute
Ausstattung  in  beiderlei  Hinsicht
ist  für  die  ganze  Anlage  von
größter  Wichtigkeit.  Bei  Anschaffung ­
  der  Hebe-  und  Speichereinrichtung ­
  soll  man  sich  stets  die
neuesten  Erfindungen  und  Erfahrungen ­
  zu  nutze  machen.  Besonders ­
  darf  man  mit  maschineller ­
  Ausstattung  nicht  zu  sparsam ­
  sein,  weil  die  Schiffahrt
leichter  geringe  Abgaben  für  die
Verzinsung  solcher  Einrichtungen
ertragen  kann,  als  den  Schaden,
der  ihr  aus  überlangem  Warten
wegen  ungenügender  Löschvorrichtungen ­
  erwächst.  Sv  kann
ein  Elbschiff  nur  ein  Viertel  der
Schiffahrtszeit  zur  eigentlichen
Fahrzeit  benutzen,  die  übrige
Zeit  liegt  es  still,  und  zwar
einen  beträchtlichen  Teil  davon,
um  auf  seine  Entladung  zu
warten.  Es  müssen  eine  Anzahl  fahrbare  Kräne  vorhanden  sein,  die  im  stände  sind,
Lasten  bis  zu  etwa  2000  kg  zu  heben.  Die  Krangleise  gehen  längs  der  ganzen  Hafeneinfassung
  hin,  damit  das  Becken  vollständig  ausgenutzt  werden  kann.  Für  besonders
schwere  Lasten  wird  ein  fester  Kran  vorgesehen,  der  etwa  6000  bis  12000  kg  zu  heben
vermag.  Als  Betricbskraft  für  die  Hebeanlagen  wendet  man  Menschenkraft,  Dampf,
Druckwasser  oder  Elektrizität  an.
Ist  es  notwendig  vorzusehen,  daß  die  Güter  unmittelbar  von  der  Bahn  ins  Schiff
oder  umgekehrt  verladen  werden,  so  sind  längs  der  Ufermauern  Ladegleise  nötig.  Hinter
diesen  liegen  Freilagerplätze  oder  Schuppen,  wo  dasjenige  aufgestapelt  werden  kann,  was
vor  der  Weiterbeförderung  einige  Zeit  im  Hafen  lagern  muß.  Längs  dieser  Bauten  sind
an  der  Landseite  wiederum  Gleisanlagen  angeordnet,  damit  hier  ein  Ent-  und  Beladen
der  Bahnwagen  erfolgen  kann,  und  so  der  Raum  am  Hafen  zur  Abwickelung  des  unmittelbaren ­
  Umschlags  nicht  verringert  wird.  Die  Lagerschuppen  sind  im  allgemeinen
ihrer  Bauart  nach  nicht  von  den  an  der  Eisenbahn  üblichen  unterschieden.  Sie  haben  oft
an  allen  vier  Seiten  Laderampen.  Auf  der  dem  Hafen  zu  liegenden  vollzieht  sich  der
Verkehr  mit  den  Schiffen,  landwärts  der  mit  der  Eisenbahn.  Auf  den  übrigbleibenden
beiden  Querseiten  hält  das  Fuhrwerk,  das  bei  dieser  Anlage  möglichst  wenig  von  der

469.  Allerschnitt  einer  Kaimauer  mit  Ateiiliiistenfuttdierung.

58*
        <pb n="443" />
        Einrichtungen  der  Flußhäfen.  461

Bahn  gefährdet  wird.  Die  Schuppen  müssen  deshalb  so  breit  sein  und  so  weit  voneinander ­
  abliegen,  daß  ein  bequemes  Wenden  mit  den  Wagen  möglich  ist.  Die  vom
Fuhrwerk  zu  überschreitenden  Gleise  sind  zu  pflastern.  Es  ist  gut,  die  Speicher  nicht
durch  einzelne  Luken  zugänglich  zu  machen,  sondern  möglichst  die  ganze  Wandfläche
freizugeben.  Werden  die  Schuppen  mehrstöckig  gebaut,  so  bezeichnet  man  sie  als  Speicher;
diese  sind  mit  Aufzügen  sowie  mit  Einrichtungen  für  den  leichten  Quertranspvrt  zu
versehen.
Der  Bau  und  die  Verwaltung  von  Lager-  oder  Speicherränmen  wird  sehr  oft  besonderen ­
  Gesellschaften  gegen  Pacht  überlassen.  Der  Staat  behält  sich  dann  nur  ein  Aufsichtsrecht ­
  über  Bauausführung  und  Betriebseinrichtung  vor.

472.  Grtrridertcvator  in  Thätigkeit.  Nach  Photographie  von  H.  Breuer.
Macht  sich  die  Anlage  mehrerer  Speicher  nötig,  so  wird  man  in  jeden  derselben
gewisse  Warengattungen  weisen  und  Einrichtungen  treffen,  die  der  Natur  dieser  Güter
angepaßt  sind,  so  daß  sie  das  Verladen  vereinfachen  und  die  Aufbewahrung  verbessern.
Vor  allem  trennt  man  die  feuergefährlichen  Gegenstände  von  den  anderen  Waren.  Man
weist  ihnen  abseits  gelegene  Speicher  zu,  die  so  liegen,  daß  im  Falle  einer  Entzündung
die  übrigen  Lagerhäuser  nicht  gefährdet  sind  und  sich  die  mit  solchen  Gütern  beladenen
Schiffe  möglichst  wenig  zwischen  den  anderen  Fahrzeugen  zu  bewegen  brauchen.
Von  allen  feuergefährlichen  Waren  wird  kaum  eine  in  solchen  Mengen  befördert
als  das  Petroleum.  Früher  erfolgte  seine  Verladung  in  Fässern  und  zwar  in  der
Weise,  wie  die  jedes  anderen  Stückgutes.  Jetzt  werden,  um  die  Verdunstungsverluste
zu  vermindern,  sogenannte  Tank-  oder  Ölschiffe  gebaut,  in  welchen  das  Petroleum  in
großen  eisernen  Gefäßen,  die  den  Schiffskörper  selbst  bilden,  verschickt  wird.  Aus  diesen
Schiffen  saugt  man  es  mittels  Pumpen  in  am  Land  stehende,  den  Gasometern  ähnliche,
eiserne  Behältnisse,  Tanks  genannt,  aus  welchen  dann  die  Verteilung  in  kleinere  Mengen
vorgenommen  wird.  Das  Ganze  wird  zur  Sicherung  der  Anlieger  mit  einem  Erdwall
umgeben.
        <pb n="444" />
        462  Einrichtungen  der  Flußhäfen.
Alle  diese  Verbesserungen  in  der  Aufbewahrung  und  dem  Versand  des  Petroleums
sind  von  Amerika  zu  uns  herüber  gekommen.  Aus  demselben  Lande  stammen  die  Neuerungen, ­
  die  den  Getreidetransport  im  großen  vervollkommnet  haben.  Dort  muß  das
aus  dem  Westen  kommende  Getreide  von  tiefen  Wasserstraßen,  wie  z.  B.  dem  Ohio  und
der  amerikanischen  Seenkette  auf  kleinere  weniger  leistungsfähige  Kanäle  übergehen.  Die
Umladung  muß  schnell  und  billig  erfolgen,  damit  nicht  übermäßige  Kosten  das  Getreide
für  den  europäischen  Markt  zu  sehr  verteuern.  Auch  ist  an  solchen  Stellen  für  die  Aufbewahrung ­
  größerer  Massen  Sorge  zu  tragen.  Man  hat  dort  die  Speicherräume  gleich
mit  den  Entladevorrichtungen  verbunden  und  außerdem  die  Einrichtung  getroffen,  daß
während  des  Umschlags  zugleich  ein  Wiegen  und  Reinigen  der  Ware  stattfindet.  Diese
Erfindungen  haben  sich  schnell  nach  Europa  verbreitet  und  iu  den  Häfen  von  London,
Antwerpen  u.  s.  w.  sowie  auch  im  Binnenlande  in  Frankfurt,  Mainz,  Mannheim,  Duisburg ­
  Einführung  gefunden.
Die  neueste  Erscheinung ­
  auf  diesem  Gebiete
ist  der  pneumatische
Elevator.  An  Stelle  des
Becherwerks  tritt  bei
diesem  ein  beweglicher
Schlauch,  durch  den  mittels
starker  Luftverdünnung
das  Getreide  aus  dem
Schiff  gesaugt  wird.  Die
Vorteile  dieser  Anordnung ­
  sind  bedeutend.
Es  wird  zunächst  überhaupt ­
  ein  schnelleres  Entladen ­
  erreicht.  Weiterhin
ist  es  möglich,  bei  jedem
Wetter  zu  arbeiten,  da
weder  im  Speicherraum
noch  im  Schiff  größere
Luken  offen  zu  lassen  sind.
Man  kann  ferner  mit  dem
Saugkopf  des  Schlauches
überall  hinkommen,  während ­
  bei  den  Becherwerken  das  Getreide  der  Hebevorrichtung  zugeschaufelt  werden  muß.
Mächtige  Elevatoren  dieser  Art  finden  in  den  Seehäfen  Verwendung,  um  das  Getreide
aus  den  transatlantischen  Dampfern  in  Flußkähne  umzuladen.
Sowohl  in  den  Speichern,  wie  auf  den  Freilagerplätzen  werden  die  verschiedenen
Güter  nach  Arten  geordnet,  und  wenn  größere  Mengen  von  ein  und  derselben  Ware  zu
befördern  sind,  kann  man  mit  Vorteil  besondere  Ladeeinrichtungen  anwenden.  Die  Anwendung ­
  von  gesonderten  Ausladeplätzen  für  Holz  und  andere  Baumaterialien  ist  schon
besprochen.  Man  schafft  vor  allem  für  Bauholz  oft  eigene  Hafenanlagen,  so  z.  B.  in
Mannheim,  Frankfurt  a.  M.,  Kofel  u.  s.  w.  Überall  hat  man  da  einen  alten  Flußarm
als  Floßhafen  ausgebaut,  indem  man  ihn  an  seiner  oberen  Abzweigungsstelle  mit  einer
Einlaßschleuse  versah  und  an  seinen  Ufern  zum  Heraufziehen  der  Stämme  Längs-  und
Querschleppplätze  einrichtete.
Unter  den  besonders  zu  berücksichtigenden  Gütev  ist  ferner  die  Kohle  zu  zählen.
An.  den  Stellen,  wo  sie  mit  der  Eisenbahn  ankommt,  um  dann  im  Schiffe  weiterzugehen,
ist  eine  solche  Masse  zu  bewältigen,  daß  die  Einrichtung  besonderer  Kohlenhäfen,  wie  in
Ruhrort  und  Kosel  sich  als  notwendig  herausstellt.  Hier  findet  man  auch  für  die  Verladung ­
  besondere  Einrichtungen.  Ihr  Grundgedanke  ist  der,  daß  man  das  Gefäß,  welches
die  Kohlenladung  enthält,  zum  allmählichen  Umkippen  bringt,  und  die  Ladung  durch  ihre
        <pb n="445" />
        474.  Wirft-  und  Dafena  »tagen  in  der  Rheinau  zu  Köln  a.  KH.
        <pb n="446" />
        464

Flußhäfen.

eigene  Schwere  in  einer  Rinne  oder  Rutsche  ins  Schiff  gleiten  läßt.  Auf  die  Kohlenkipper ­
  wird  bei  Besprechung  der  Seehäfen  zurückgekommen  werden.  —  Auch  für  manche
andere  Güter,  wie  z.  B.  Erze,  sind  da  und  dort,  wo  sie  in  großer  Menge  zur  Verladung
kommen,  besondere  Einrichtungen  getroffen.
Für  die  Beaufsichtigung  des  Verkehres  und  die  Überwachung  der  Ordnung  im  Hafen
sind  geeignete  Maßnahmen  zu  treffen,  und  den  mit  ihrer  Ausführung  betrauten  Beamten
ist  durch  Einrichtung  von  Diensträumen  ein  Unterkommen  zu  schaffen,  ebenso  wie  in  den
Speichern  zur  Erledigung  der  dort  notwendigen  kaufmännischen  Arbeiten  Räume  vorzusehen ­
  sind.
Zur  Vollendung  einer  Hafenanlage  gehört  ein  Bahnhof,  der  es  gestattet,  die  beladenen ­
  Wagen  zu  Zügen  zusammenzustellen,  welche  ohne  weiteres  auf  die  Linien  des
Bahnnetzes  übergehen  können;  denn  nur  dann,  wenn  Eisenbahn  und  Wasserstraßen  zu
einem  Ganzen  verbunden  sind,  ist  von  beiden  der  größtmögliche  Nutzen  zu  erwarten.
Die  beschriebenen  Einrichtungen  eines  Hafens  lassen  erkennen,  wie  viel  notwendig
ist,  damit  er  seinen  Zweck  vollkommen  erfüllt  und  das  aufgewandte  Geld  entsprechend  verzinst ­
  wird.  Je  nach  den  Anforderungen  des  Verkehres  und  je  nach  den  örtlichen  Zuständen
werden  die  Ausgaben  verschieden  sein.  Welche  erheblichen  Summen  in  neuerer  Zeit  auf
die  Verbesserung  resp.  auf  die  Neuschaffung  von  Hafenanlagen  für  Flußschiffe  in  einzelnen ­
  deutschen  Städten  ausgegeben  worden  find  resp.  aufgewendet  werden  sollen,  geht
aus  der  nachfolgenden  Zusammenstellung  hervor.

Namen  der  Stadt

Einwohnerzahl

Kosten  für  Hafenanlagen,  Lösch-.
Lade-  und  Lagerungtzvorrichmngen
!  Auf  den  Kopf
Im  ganzen  der
Mark  Bevölkerung

Schiffs-  und
Eisenbahnverkehr  im
Jahre  1893
t

Berlin

1  676  000

4  500  000

2,7  Mk.

10  549  000

Duisburg

70  000

6  000  000

85,3  „

9  606  000

Mannheim

91  000

24  250  000.

267,4  „

5  823  000

Breslau

373  000

3  500  000

9,4  „

4  117  000

Köln

334  000

12  000  000

35,9  „

2  882  000

Düsseldorf

176  000

9  985  000

56.7  „

2  787  000

Magdeburg

214  000

7  672  000

35,8  „

2  707  000

Frankfurt  a.  M

223  000

6  316  700

27,6  „

2  395  420

Mainz

77  000

8  852  000

115  „

547  731

Dortmund

111  000

5  650  000

50,8  „

(in  der  Ausführung)

Wie  aus  dieser  Zusammenstellung  hervorgeht,  wendet  Berlin  den  geringsten  Betrag
pro  Kopf  für  seinen  Schiffsverkehr  auf.  Trotzdem  die  Spree  im  Verhältnisse  zu  anderen
Flußläufen  sehr  unbedeutend  ist,  so  kann  sich  dieselbe  dennoch,  was  den  auf  ihr  sich  abwickelnden ­
  Warenverkehr  anbetrifft,  stolz  mit  den  bedeutendsten  Strömen  des  europäischen
Kontinents  messen.
Nachstehende  Zahlen  geben  einen  Überblick  über  den  Binnenschiffahrtsverkehr  deutscher
Städte  im  Jahre  1894:

Berlin  .  .
Hamburg  .
Duisburg  .
Mannheim
Magdeburg
Breslau  .
Frankfurt  a.  S

5  045  000  t
4  160  000  „
3  952  000  „
3  662  000  „
1  650  000  „
1  582  000  „
859  000  ..

Dresden  .
Köln  .  .
Königsberg
Bremen
Düsseldorf
Straßburg
Mainz

709  000  t
663  000

250  000  bis  350  000
        <pb n="447" />
        Schiffahrtskanäle  im  Altertum.

465

SchiffahrksKsnälr.
In  unserer  viel  bewegten  Zeit  tritt  der  Kanalbau  seit  einer  Reihe  von  Jahren,
nachdem  man  in  der  Periode  des  stärksten  Eisenbahnbaues  geglaubt  hatte,  daß  er  seine
Rolle  für  alle  Zeiten  ausgespielt  habe,  wiederum  bedeutend  hervor.  Von  allen  Seiten
tauchen  Projekte  für  neu  anzulegende  Kanäle  auf,  und  wenn  man  sich  einst  zu  dem  Vorschlage ­
  versteigen  konnte,  die  bestehenden  Kanäle  zuzuwerfen  und  auf  diesen  Schüttungen
Schienen  zu  verlegen,  so  sucht  man  heute  die  Vorzüge  dieses  Transportvermittlers  in
das  hellste  Licht  zu  setzen  und  seine  Überlegenheit  rechnerisch  darzuthuu.  Bedeutende  Kanalanlagen ­
  hat  die  Jetztzeit  bereits  entstehen  sehen,  und  groß  ist  die  Zahl  der  geplanten
Unternehmungen  dieser  Art.
In  der  That  ist  das  Wasser,  wie  auch  das  Vorangegangene  zur  Genüge  hat  erkennen
lassen,  ein  so  vollkommenes  Verkehrsmittel,  daß  es  nicht  überraschen  kann,  wenn  die
Menschen  sich  früh  desselben  bedienten  und  dort,  wo  die  Natur  es  versagt  hatte,  bestrebt
waren,  dieses  Transportmittel  künstlich  zu  schaffen.  Die  erste  Bethätigung  auf  diesem
Gebiete  fand  bereits  im  hohen  Altertume  statt,  sie  knüpft  an  die  Schaffenskraft  der  Babylonier ­
  und  Ägypter  an.  Die  Herstellung  der  Schiffahrtskanäle  erfolgte  ohne  Zweifel  in
Anlehnung  an  die  zu  Bewässerungszwecken  in  zahlreichen  antiken  Kulturländern  angelegten
Gräben  und  Kanäle.  In  den  meisten  dieser  Länder  bildeten  die  Bewässerungsanlagen
die  Grundbedingung  des  hohen  Kulturzustandes.  Diese  Behauptung  trifft  im  gleichen
Maße  für  die  Tigris-  und  Euphratländer,  wie  für  Ägypten,  China  und  Indien  zu.  In
allen  genannten  Ländern  sind  die  auf  uns  gekommenen  Reste  von  einem  Umfange,  der  unsere
Bewunderung  und  unser  Erstaunen  erregen  muß  und  ahnen  laßt,  wie  außerordentlich
bedeutend  diese  Werke  einst  gewesen  sein  müssen.  Von  dem  guten  Funktionieren  dieser
Bewässerungskanäle  hing  das  Gedeihen  des  gesamten  Volkes  ab,  und  mit  ihrer  Vernachlässigung ­
  oder  Zerstörung  sanken  jene  Völker  rasch  von  ihrer  hohen  Kulturstufe  herab.
Diese  Jrrigationskanäle  sind  als  die  Vorstufe  der  eigentlichen  Schiffahrtskanäle  anzusehen.
Nicht  wenige  dienten  im  Laufe  der  Zeit  beiden  Zwecken.
Die  ältesten  Schiffahrtskanäle  zweigten  entweder  von  einem  Flusse  ab  oder  verbanden ­
  zwei  Wasserläufe  miteinander,  und  zwar  war  es  erforderlich,  daß  die  Höhenlage
derselben  eine  solche  war,  die  eine  freie  Verbindung  ermöglichte.  Es  dauerte  lange,  ehe
der  Mensch  ein  Mittel  erfand,  die  Höhendifferenz  zweier  durch  einen  Kanal  zu  verbindender
Wasserläufe  künstlich  zu  überwinden,  was  erst  vollkommen  durch  die  Erfindung  der
Kammerschleuse  im  14.  Jahrhundert  unserer  Zeitrechnung  geschah.
Zu  den  ältesten  Nachrichten  über  Schiffahrtskanäle  gehören  die  Mitteilungen  über
die  Herstellung  einer  künstlichen  Wasserverbindung  zwischen  dem  Mittelländischen  und
Noten  Meer.  Unter  Ramses  dem  Großen  (Sesostris,  1396  —  1328  v.  Chr.)  soll  zuerst  der
Versuch  gemacht  worden  sein,  den  Kanal  von  Suez  zu  bauen.  Als  Hauptursache
dieses  Unternehmens  wird  der  Verkehr  mit  dem  arabischen  Kupferlande  angesehen,  mit
welchem  die  Ägypter  einen  großen  Handel  trieben.  In  späterer  Zeit  nahm  Necho  (Neku)
die  Ausgrabung  des  Kanals  wieder  auf,  priesterliche  Orakelsprüche  schreckten  ihn  jedoch
von  der  Fortsetzung  der  Arbeit  zurück.  Erst  der  Achämenide  Darius  Hystaspis  vollendete
einen  Kanal  zwischen  den  beiden  Meeren,  der  etwas  oberhalb  Bubastus  von  dem  Nil
abging.  Herodot  beschrieb  als  Augenzeuge  diesen  Wasserweg.  In  der  Folgezeit  geriet
dieses  Werk  in  Verfall,  wurde  jedoch  von  Ptolemäus  Philadelphus  wieder  in  sehr  vollkommener ­
  Weise  hergestellt.  Nach  den  auf  uns  gekommenen  Nachrichten  besaß  derselbe
künstliche  Schleuseneinrichtungen,  deren  genaue  Beschaffenheit  jedoch  nicht  bekannt  ist.  Der
Kanal  erhielt  sich  bis  zur  Römerherrschaft,  bis  zu  den  Zeiten  Marc  Aurels,  ja  vielleicht
bis  zu  den  Zeiten  des  Kaisers  Septimius  Severus,  also  über  vier  und  ein  halbes  Jahrhundert. ­
  Im  Jahre  640  n.  Chr.,  nach  der  Eroberung  Ägyptens  durch  die  Araber,  ließ
der  Kalif  Omar  den  Kanal  von  neuem  öffnen,  Al  Mansor  aber  ihn  um  760  aus  militärischen ­
  Gründen  wieder  verschütten.  Dicuil,  ein  irischer  Mönch,  berichtete  im  Jahre  825,
daß  sein  Lehrer  auf  einer  Wallfahrt  nach  dem  Heiligen  Lande  einen  Kanal  vom  Nil  nach
IX  59
        <pb n="448" />
        466

Schiffahrtskanäle.

dem  Roten  Meere  befahren  habe.  Der  große  Kalif  Harun  al  Raschid  (786—809  n.  Chr.)
faßte  den  Plan,  entweder  einen  Kanal  vom  Nil  oder  vom  Mittelländischen  Meere  nach
dem  Roten  Meere  herzustellen;  er  ließ  jedoch  diesen  Plan  fallen,  da  er  einerseits  fürchtete,
dem  Nil  könnte  hierdurch  zu  viel  Wasser  entzogen  werden,  anderseits  weil  hierdurch  die
Möglichkeit  einer  Bedrohung  Mekkas  durch  griechische  Seeräuber  gegeben  worden  wäre.
Das  von  dem  Euphrat  und  Tigris  durchflossene  Land  zeigte  im  Altertum  eine
Reihe  hervorragender  Kanalbauten.  Unter  Nebnkadnezar  wurden  zur  Entwickelung  des
Handels  Mesopotamiens  umfangreiche  Arbeiten  ausgeführt.  Zur  Verbindung  des  Euphrat
mit  dem  Tigris  ließ  der  genannte  Herrscher  vier  Querkanäle  herstellen,  von  welchen  der
bedeutendste  der  Königsfluß  (blallar  malka)  war,  der  ein  Befahren  mittels  Seeschiffe  gestattete. ­
  Zur  Versorgung  dieses  Kanals  diente  ein  bei  Sippira  angelegtes  großes  Bassin
von  1  l  in  Tiefe  und  einem  Umfange  von  60  km.
Die  Leistungen  der  Römer  im  Kanalbau  sind  im  Vergleiche  zu  der  von  diesem  Volke
überhaupt  entwickelten  Bauthätigkeit  verhältnismäßig  gering.  Verschiedene  große  Unternehmungen ­
  dieser  Art  wurden  zwar  geplant,  so  von  Nero  die  Durchstechung  des  Isthmus
von  Korinth  und  ein  Kanal  zwischen  Misenum  (bei  Neapel)  und  Rom,  keines  dieser
Projekte  kam  jedoch  zur  Ausführung.  In  der  Campagna  und  Sirmien  entstand  eine
größere  Anzahl  Kanäle,  die  zwar  in  der  Hauptsache  Entwässernngszwecken  dienten,  jedoch
auch  von  Böten  befahren  tvurden,  die  den  holländischen  Trekschuiten  ähnlich  waren.
Für  die  Herstellung  der  Kanäle  waren  in  jenen  frühen  Zeiten  und  besonders  bei  den
Römern  meistens  militärische  und  politische  Gesichtspunkte  maßgebend.  Noch  ein  anderes
Moment  ließ  die  Herstellung  von  Bauwerken,  die  große  Arbeitsleistungen  erforderten,
außerordentlich  wünschenswert  erscheinen.  Eine  Beschäftigungslosigkeit  der  zahlreichen
Legionen  barg  große  Gefahren  in  sich,  denen  die  Feldherren  am  besten  dadurch  glaubten
entgegenwirken  zu  können,  daß  sie  die  Soldaten  bei  der  Herstellung  der  Landstraßen  und
Kanäle  beschäftigten.  Paulinus  Pompejns  und  Lucius  Vetus  faßten  nach  Tacitus
(Annal.  L.  III)  den  Plan  zu  einer  Verbindung  des  Provencer  Meeres  mit  dem  Deutschen
Meer.  Drusus  ließ  große  Deichbauten  am  Rhein  ausführen  und  diesen  Fluß  durch  einen
Kanal  mit  der  Issel  verbinden.  Unter  den  zahlreichen  Spuren  der  einstigen  Thätigkeit
der  Römer  in  Britannien  befindet  sich  gleichfalls  eine  Kanalanlage,  die  Verbindung  des
Neß  mit  dem  Witham  (Car-Dyke).
Für  China  ist  die  Anlegung  von  Kanälen  im  Altertum  zwar  nachgewiesen,  doch  ist
nicht  bekannt,  inwieweit  ein  Befahren  derselben  möglich  war.  Die  Erbauung  der
großen  schiffbaren  Kanalanlagen  datiert  erst  aus  der  Mongolenzeit.  Unter  diesen  Kanälen
ist  der  den  ganzen  Küstenstrich  vom  Golf  von  Petscheli  bis  zum  Alpensee  Sihu  durchziehende ­
  Große  oder  Kaiserkanal  der  bedeutendste.  Dieser  Kanal  besitzt  eine  solche
Länge,  daß  er  in  Europa  die  Ostsee  mit  dem  Adriatischen  Meere  verbinden  würde.  Der
Großchan  Kublai  ließ  diesen  Kanal  von  Peking  aus  beginnen  und  die  bereits  bestehende
Kanallinie  teils  erweitern  und  vertiefen,  teils  neu  bauen.  Die  Schaffung  dieses  Riesenwerkes ­
  war  nur  in  einem  Lande  möglich,  in  dem  über  Millionen  Handlanger  despotisch
verfügt  werden  konnte.  Der  Kanal  hat  keine  Schlensenanlagen;  seine  Breite  ist  sehr  verschieden, ­
  bald  beträgt  sie  60  m,  bald  300  na.  Er  hat  fast  nie  stillstehendes  Wasser.  Bald
ist  er  tief  in  die  Berge  eingeschnitten,  bald  läuft  er  innerhalb  Dämmen,  die  mit  Granitquadern
  eingefaßt  sind,  durch  Seen  und  Moräste.  Zahlreiche  Brücken  überspannen  den
Kaiserkanal,  und  unzählige  Vorrichtungen  für  Bewässerungszwecke  sind  vorhanden.  An
den  Ufern  ziehen  sich  steinerne  Leinpfade  entlang.  In  40  Tagen  konnte  der  Wasserweg
bequem  durchfahren  werden.  Eine  gepflasterte  Heerstraße  lief  dem  Kanal  parallel,  dieselbe ­
  war  mit  Bäumen  und  Weiden  bepflanzt,  und  an  ihrer  Seite  standen  Wirtshäuser
und  Schuppen.  Die  Schaffung  des  Kaiserkanals  war  eine  Notwendigkeit.  Um  die  Entstehung ­
  von  Hungersnöten  nach  Möglichkeit  zu  verhüten,  mußte  bei  der  Abneigung  der
Chinesen  gegen  die  infolge  der  heftigen  Stürme  des  Gelben  Meeres  sehr  gefährliche  Seefahrt ­
  eine  binnenländische  Verbindung  von  Süd-  nach  Nordchina  hergestellt  werden.  Im
vorigen  Jahrhundert  rechnete  man,  daß  der  Kaiser  auf  dem  Kanal  9999  Schiffe  zum
Korntransport  mit  200  000  Mann  Besatzung  hatte,  die  beständig  in  Thätigkeit  waren,
        <pb n="449" />
        Schiffahrtskanäle  im  Altertum  und  Mittelalter.

467

um  dem  Herrscher  den  Tribut  seiner  Unterthanen  zuzubringen.  Der  Kaiserkanal  (Abb.  2
S.  7)  ist  dabei  nur  der  Hauptstamm  eines  unzählige  Glieder  besitzenden  Kanalnetzes,
das  für  die  Wohlfahrt  des  Landes  von  großer  Bedeutung  ist,  und  dessen  Kenntnis  daher
einen  wesentlichen  Teil  der  Kenntnisse  eines  gebildeten  Staatsbeamten  überhaupt  bildet.

Die  Erbauung  jedes  Kanals  wird  in  den  Annalen  verzeichnet  und  bringt  dem  Erbauer
den  Ruhm  der  Nachkommen  ein.  Die  ersten  Staatsbeamten  sind  mit  der  Erhaltung  der
Kanäle  beauftragt.  Kein  Mandarine  kann  auf  die  Würde  eines  Gelehrten  Anspruch  erheben,
ohne  genaue  Kenntnis  der  Kanüle  seiner  Provinz  zu  besitzen.  Die  Gouverneure  müssen  die
Geschichte,  die  Ausmessung,  die  Berechnungswcise  der  Dämme,  Schleusen,  .Brücken  und  Kanäle
kennen.  Die  Organisation  der  Wasserwirtschaft  ist  bei  der  Bedeutung,  welche  die  Reiskultur
für  das  gesamte  ungeheure  Reich  besitzt,  die  Hauptaufgabe  der  Staatsbehörden.  Eine  Abgabe
für  die  Benutzung  des  Wassers  in
irgend  einer  Form  existiert  in  China
nicht.  Die  Benutzung  der  Wasserstraßen ­
  war  eine  sehr  lebhafte.  Die
Binnenfahrzeuge  besaßen  einen  Mast
und  ein  Segel  und  hatten  eine  Tragfähigkeit ­
  von  1200  bis  3600  t,  10  bis
12  Pferde  zogen  die  Schiffe.
.  Die  Städte  waren  vielfach  von
zahllosen  Kanälen  durchzogen.  Nach
Marco  Polo  besaß  Hcmgtschou-fu
12000  Brücken  und  Stege,  die  über
die  Hauptkanäle  so  hoch  geführt  waren,
daß  die  Schiffe  mit  aufrechtem  Mast
darunter  passieren  konnten.  Diese
Binnenwasserstraßen  dienten  dem  provinzialen ­
  Handel.  Von  alters  her
haben  die  Chinesen  ihre  Städte  so
angelegt,  daß  sie  für  Fahrzeuge  zugänglich ­
  sind,  fast  jede  nur  einigermaßen ­
  bedeutende  Stadt  ist  von  Kanälen ­
  durchschnitten  oder  umgeben
und  steht  mit  einem  schiffbaren  Fluß
in  Verbindung.  Der  Plan  von
Soutscheou  läßt  diesen  Reichtum
an  städtischen  Wasserstraßen  erkennen.
Ein  anderer  alter  Kanal,  der  für
Deutschland  nach  Erwerbung  der
Kiautschoubucht  erhöhtes  Interesse  besitzt, ­
  war  der  Kanal,  der  die  Schantuughnlbinsel
  von  der  Kiautschou-  bis
zur  Laitschoubucht  durchschnitt  und
den  Namen  Kiau  Lai-Ho  führte.  Mit
dieser  Wasserstraße  ist  der  Name  des
ersten  Kaisers  der  Sang-Dynastie
&amp;lt;960  ii.  Chr.)  verknüpft,  auf  dessen  «?».  plan  von  Soutscheou.
Befehl  auch  die  Brücken  über  den
Kanal  erbaut  wurden.  Die  Zahl  derselben  beträgt  72,  und  jede  Brücke  ruht  auf  dem  Mauerwerk ­
  einer  Schleuse.  Dieser  Kanal  wurde  zu  gunsten  einer  besseren  Route  aufgegeben,  und
zwar  geschah  dieses,  als  die  Nordeinfahrt  des  Kanals  infolge  der  Wirkung  der  Fluten  des
Gelben  Flußes  versandete.  Der  Kanal  hatte  eine  Länge  von  100  Seemeilen  und  verkürzte
die  Entfernung  zwischen  Peking  und  den  reichen  Reisfeldern  im  Süden,  auch  ersparte  er  der
Gctreideflotte  die  Ilmschiffung  des  gefürchteten  Schantung  Vorgebirges.  Heute  dient  dieser
Kanal  nur  noch  gewissen  Plätzen  für  den  örtlichen  Transport.

In  einem  anderen  Teil  Asiens,  in  Indien,  kamen  im  Mittelalter  ebenfalls  hervorragende ­
  Kanalbauten  zur  Ausführung.  Bei  Aufzählung  der  bedeutendsten  Anlagen  dieser
Art  dürfen  die  Schöpfungen  des  durch  seine  Gerechtigkeit  und  Milde  ausgezeichneten
Regenten  der  Afghanen,  Feroze  Toghluk,  nicht  vergessen  werden.  Im  Jahre  1350  ließ
Feroze  einen  150  km  langen  Kanal  vom  Ssetledsch  bis  zum  Steppenfluß  des  Caggar  ausführen. ­
  Im  folgenden  Jahre  ließ  er  den  berühmten  Feroze-Kanal,  der  an  der  alten
Festung  Haust  vorüberführt,  in  Angriff  nehmen.  Ein  dritter  Kanal  führte  das  Wasser
des  Jamuna  in  ein  großes  Bassin  bei  Hiffar  Feroze.  Durch  einen  vierten  Kanal  sollte
59*
        <pb n="450" />
        468  Schiffahrtskanäle.

eine  Verbindung  des  Saresvati  mit  dem  Jamuna  hergestellt  werden,  dieser  kühne  Plan
kam  jedoch  nicht  zur  Durchführung.  50  000  Arbeiter  waren  in  Thätigkeit,  um  einen
hohen  Berg  zu  durchbrechen,  aber  wie  in  der  Neuzeit  beim  Panama-Kanal,  so  mußten
damals  die  Arbeiten  als  nicht  ausführbar  eingestellt  werden.  Durch  die  Vollendung  des
Werkes  wären  der  Indus  und  Ganges,  deren  Mündungen  2850  km  auseinander  liegen,
für  die  Binnenschiffahrt  in  unmittelbare  Verbindung  gesetzt  worden.  Schah  Baber  und
Schah  Jchan,  dem  vierten  Nachfolger  Ferozes,  ist  die  Schaffung  bedeutender  Kanalanlagen, ­
  darunter  der  berühmte  Delhi-Kanal,  zu  danken.
In  der  Neuen  Welt  sollen  seitens  der  alten  indianischen  Könige  prächtige  Kanäle
für  die  Städte  Mexiko  und  Cusco  angelegt  worden  sein.
Wie  auf  allen  Gebieten,  so  trat  auch  auf  dem  des  Kanalbaues  nach  dem  Untergang
des  Römerreiches  in  den  betreffenden  Ländern  ein  vollständiger  Stillstand  ein.  Jahrhunderte ­
  vergingen,  ehe  man  z.  B.  in  Deutschland  von  Unternehmungen  dieser  Art
wieder  hörte.  Karl  dem  Großen  wurde  bei  seiner  Anwesenheit  in  Regensburg  die  Ausführung ­
  eines  Kanals  zwischen  dem  Rhein  und  der  Donau  unter  Benutzung  der  Altmühl
und  Rednitz  nahegelegt.  Man  begann  auch  diese  Arbeit,  jedoch  ließen  neue  kriegerische
Verwickelungen  bald  dieses  Unternehmen  zum  Stillstand  kommen.  Niedersachsen,  mit  seinem
thatkräftigen  Volksstamm  weist  die  älteste  Kanalanlage  in  Deutschland  auf.  Die  Anregung
zur  Erbauung  des  Stecknitzkanals  ging  von  Lübeck  aus  und  entsprang  dem  Wunsche
nach  Herstellung  einer  von  Sund  und  Belt  unabhängigen  Verbindung  zwischen  der  Ostnnd
  Nordsee.  Der  Kanalbau  wurde  1390  begonnen.  Die  sogenannte  Stecknitzfahrt,  die
infolge  der  Erbauung  des  Elbe-Trave-Kanals  im  Jahre  1896  ihr  Ende  erreichte,  ging
aus  der  Trave  die  Stecknitz  hinauf  in  den  Möllnschen  See  und  durch  den  Delvenau-Graben
  nach  der  Elbe.  Dieser  Kanal  bestand  in  fast  unveränderter  Weise  bis  in  die
Jetztzeit.  In  den  Jahren  1779—1789  ließ  die  hannöversche  Regierung  Austiefungsarbeitcn
  auf  der  Scheitelstrecke  vornehmen.  Während  der  Jahre  1811  und  1812  richtete
die  französische  Regierung  ihre  ganz  besondere  Aufmerksamkeit  auf  diese  Kanalverbindung.
Der  Kanal  wurde  zum  Schlußglied  in  der  großen  Wasserverbindnng  der  Seine  mit  der
Ostsee,  dem  ,,0anal  äs  in  Lsins  ä  la  Baltique“  bestimmt,  dessen  Fertigstellung  jedoch
infolge  der  bald  eintretenden  Umwälzungen  unterblieb.  Der  Kanal  war  durch  die  erste
Anwendung  der  Stauschlensen  in  Deutschland  besonders  bemerkenswert.
Die  Anwendung  von  Stauschleusen  war  für  die  Ausbildung  des  Kanalbauwesens
von  besonderer  Bedeutung,  wurde  doch  in  dieser  Konstruktion  zum  erstenmal  ein  Mittel
geboten,  Schiffe,  ohne  daß  dieselben  das  Wasser  zu  verlassen  brauchten,  aus  einer  Kanalhaltung ­
  mit  höher  liegendem  in  eine  solche  mit  tiefer  liegendem  Wasserspiegel  zu  bringen.
Die  Konstruktion  dieser  Stauschleusen  ist  die  folgende.  Auf  jeder  Seitenwand  befindet
sich  ein  Thürrahmen,  der  aus  drei  Ständern,  zwei  Querriegeln  und  einem  Querbande
besteht.  Der  Thürrahmen  bewegt  sich  in  Angeln,  unten  legt  sich  derselbe  gegen  die  Schwelle,
oben  gegen  einen  Drehbalken,  der  gleichzeitig  als  Steg  dient.  Die  Breite  der  Thürrahmen
ist  nur  so  groß,  daß  zwischen  denselben  in  geschlossener  Lage  eine  Öffnung  verbleibt,  die
der  halben  Thürrahmenbreite  gleich  ist.  In  geschlossener  Lage  entstehen  sonach  fünf
gleich  weite  Öffnungen.  Diese  Öffnungen  werden  von  dem  Schleusenwärter  durch  Einsetzen ­
  von  Schüttbrettern  geschlossen.  Die  Schleusung  findet  in  der  Weise  statt,  daß  der
Schleusenwärter  ein  Schüttbrett  nach  dem  anderen  aus  den  Thürrahmen  herauszieht  und
alsdann  die  Thürrahmen  zur  Seite  dreht.  Das  Schiff  passiert  mit  oder  gegen  den  Strom.
Nach  seiner  Durchfahrt  wird  die  Schleuse  wieder  geschlossen.
Diese  Vorrichtung  ermöglichte  einen  Schleusenbetrieb,  und  dieser  Umstand  mußte  den
großen  durch  dieselbe  bedingten  Wasserverbrauch  als  nebensächlich  so  lange  erscheinen
lassen,  bis  an  deren  Stelle  eine  bessere  Vorkehrung  trat.  Diese  Verbesserung,  die  gewiß
an  vielen  Orten  und  von  verschiedener  Seite  angestrebt  wurde,  bot  die  Kastenschleuse.
Bisher  konnte  nicht  mit  Bestimmtheit  festgestellt  werden,  wer  diese  Erfindung  gemacht  hat,
und  wo  dieselbe  zuerst  Verwendung  fand.  Simon  Stevin,  ein  Holländer,  führt  in
seinem  1618  herausgegebenen  mathematischen  Werke  die  Kastenschleuse  als  eine  ganz  neue
Erfindung  an.  Er  schrieb,  daß  er  in  Verbindung  mit  den  Zimmermeistern  Adrian  Janßen
        <pb n="451" />
        469

Stau-  und  Kammerschleujen.

von  Rotterdam  und  Cornelius  Dirixen  Muys  von  Delft  sich  bemüht  habe,  den  Schleusen
durch  Herstellung  brauchbarer  Thüren  eine  gute  und  den  früheren  Konstruktionen  überlegene ­
  Anordnuugsweise  zu  geben.  Während  diese  Quelle  auf  Holland  als  das  Geburtsland ­
  der  ersten  Kastenschlense  verweist,  deuten  andere  Nachrichten  auf  Italien  und  den
Ingenieur  Alberti  als  Erfinder  hin  (1500  n.  Chr.).
Für  die  Geschichte  des  Kanalbauwesens  ist  dessen  Förderung  in  Italien  von  besonders ­
  großer  Bedeutung.  Im  11.  Jahrhundert  begann  in  diesem  Lande  nach  jahrhundertlanger ­
  Barbarei  eine  neue  Ära  des  Aufschwungs.  Zahlreiche  Städte  traten
in  eine  neue  Entwickelungsepoche  ein  und  suchten  durch  die  Schaffung  schiffbarer  Kanäle,
die  gleichzeitig  Bewässeruugszwecken  dienten,  diesen  Prozeß  zu  befördern.  Das  Aufblühen
der  Künste  und  Wissenschaften  kam  auch  der  Wasserbaukunst  zu  gute,  deren  Ausbildung
die  größten  italienischen  Mathematiker  ihre  Aufmerksamkeit  zuwandten.  An  das  Beispiel
der  Römer  anknüpfend,  bauten  die  Italiener  im  Jahre  1460  bei  Ausführung  des
*  Kanals  Martesana  über  den  Küstenfluß  Molgora  den  ersten  Aquädukt  für  Schiffes ­
  fahrtszwecke.  Dieser  Brückenkanal  bestand  aus  drei  Bogen  von  je  60  Fuß  Spann-J
  weite.  Etwa  20  Jahre  später  wurden  auf  der  Brenta  in  der  Nähe  von  Padua  von
Üjj  zwei  Ingenieuren,  deren  Namen  die  Geschichte  nicht  überliefert  hat,  die  ersten  Kanalschleusen ­
  in  Italien  geschaffen.  Es  ist  anzunehmen,  daß
die  beschwerliche  Durchfahrt  der  Schiffe  gegen  den  Stromfall ­
  bei  den  Schüttschleusen  die  Anregung  zu  der'weiteren
Ausbildung  gegeben  hat.  Um  die  Durchfahrt  zu  erleichtern,
blieb  nur  übrig,  die  Strömung ­
  in  der  Zeit  dieses  Vorgangs ­
  nach  Möglichkeit  zu
schwächen  oder  ganz  aufhören

476.  Längenprofil  des  Soarkohlrnkanols.
Nach  „Handb.  d.  Ing.  Miffensch."

zu  lassen.  Dies  konnte  nur  durch  Einbauung  einer  zweiten  Abschlußvorrichtung  erreicht
werden,  wodurch  eine  Schleusenkammer  entstand.  Im  Jahre  1497  wandte  Leonardo
da  Vinci  Kammerschlensen  auf  den  von  der  Adda  und  dem  Ticino  abgeleiteten  Kanälen  au.
Fortan  wurden  die  Kanäle,  sofern  dieselben  in  Terrain  mit  größeren  Erhebungen
angelegt  wurden,  aus  einzelnen  Strecken  (Haltungen)  mit  nahezu  wagerechter  Sohle  hergestellt ­
  und  untereinander  durch  Kanalschleusen  resp.  in  der  neuesten  Zeit  durch  andere
Hebevorrichtungen  verbunden.  Die  Kanäle  können  hierdurch  annähernd  den  Erhöhungen
und  Vertiefungen  der  Erdoberfläche  folgen.  Sie  unterscheiden  sich  somit  von  den  schiffbaren ­
  Flüssen  durch  das  ganz  geringe  Gefälle,  so  daß  die  Schiffe  in  ihnen  nach  beiden
Richtungen  gezogen  werden  müssen,  während  dieses  auf  den  Flüssen  nur  für  die  Bergfahrt ­
  nötig  ist.
Die  Kammerschleuse  besteht  in  der  Hauptsache  aus  einem  Raum,  der  das  zu  befördernde ­
  Schiff  aufnimmt,  und  zwei  Thoren  b  b  für  die  Ein-  und  Ausfahrt  und  zum
Abschluß  der  Kammer.  Die  Thore  sind  mit  Schützen  und  mit  Vorrichtungen  zur  Bewegung ­
  versehen.  Der  Vorgang  bei  einer  Durchschleusung  eines  Schiffes  ist,  wenn  z.  B.
die  Beförderung  von  unten  nach  oben  erfolgen  soll,  folgender:  1.  das  etwa  in  der  Kammer
befindliche  Wasser  wird  durch  Ziehen  der  Schütze  am  unteren  Thore  bis  zum  Unterwasserspiegel ­
  abgelassen.  Nachdem  dies  geschehen,  wird  das  untere  Thor  geöffnet,  das
        <pb n="452" />
        470  Schiffahrtskanäle.

Schiff  fährt  in  die  Kammer  ein.  Hierauf  wird  das  untere  Thor  geschlossen,  sodann
werden  die  Schützen  des  oberen  Thores  gezogen,  infolgedessen  steigt  der  Wasserspiegel  in
der  Kammer  an  und  hebt  das  Schiff  allmählich.  Sobald  das  Wasser  in  der  Kammer
bis  zum  Oberwasserspiegel  angestiegen  ist,  kann  das  obere  Thor  geöffnet  werden  und  das
Schiff  ausführen.  In  ganz  ähnlicher  Weise  erfolgt  die  Beförderung  der  Schiffe  aus  dem
Oberwasser  in  das  Unterwasser.  Die  Thore  sind  meist  zweiflügelig  (a  a)  und  stemmen
sich,  wenn  der  Wasserdruck  auf  sie  wirkt,  mit  den  senkrechten  Schlagsäulen  aneinander
(Stemmthore),  mit  den  Unterkanten  gegen  die  Schwelle  oder  den  Drempel  d  und  mit  den
Wendesäulen  gegen  die  Wandnischen  (o  c).  Nach  geschehener  Öffnung  liegen  die  Thorflügel
  in  den  Thorkammernischen  cl  d,  welche  zu  beiden  Seiten  der  Thorkammer  s  s  sich
befinden.  Zwischen  dem  Drempel  des  oberen  Thores  und  der  Thorkammer  des  unteren
Thores  liegt  die  schon  erwähnte  Kammer  g  zur  Aufnahme  des  zu  befördernden  Schiffes.
Der  Drempel  des  oberen  Thores  ist  bei  Fluß-  und  Kanalschleusen  vielfach  durch  einen  Abfallboden ­
  oder  eine  Abfallmauer  f  f  begrenzt.  Der  oberhalb  der  Kammer  liegende  Schleuseuteil
  heißt  das  Oberhaupt,
der  unterhalb  gelegene  Teil
das  Unterhaupt.  Diese
Bezeichnungen  gehen  zuweilen ­
  in  Innen-  und
Außenhaupt  über,  wenn  die
Schleuse  einen  Kanal  gegen
einen  Strom,  einen  See
oder  das  Meer  begrenzt.
Um  bei  nötig  werdenden
Ausbesserungen  der  Thore
oder  anderer  Schleusenteile
einen  möglichst  einfachen
wasserdichten  Abschluß  zu
ermöglichen,  werden  an  den
beiden  Häuptern  ii  Dammfalze ­
  an  den  Seiten  von  llll
angebracht.  In  diese  werden
bei  eintretendem  Bedarf  die
Dammbalken  wagerecht
und  dicht  aufeinander  gelegt, ­
  und  so  wird  eine  wafferabsperrende
  Wand  gebildet,  die  das  Auspumpen  des  Schleusenraumes  gestattet.
Eine  gewöhnliche  Kammerschleuse  kann  einen  Höhenunterschied  bis  zu  etwa  6  ru
überwinden.  Die  Aufeinanderfolge  mehrerer  Schleusen  und  Haltungen  nennt  man  eine
Schleusentreppe  (siehe  die  Abb.  476).  Wo  das  natürliche  Gelände  steil  abfällt,  rücken
die  einzelnen  Schleusen  nahe  zusammen,  mitunter  so  nahe,  daß  eine  Schleuse  unmittelbar
auf  die  andere  folgt.  Es  bildet  dann  das  Unterhaupt  der  oberen  Schleuse  zugleich  das
Oberhaupt  der  unteren  Schleuse.  Solche  zusammenhängende  Schleusen  nennt  man
Kuppel  schleusen  (s.  Abb.  479).  Handelt  es  sich  um  die  Überwindung  von  größeren
Gefällen,  so  wird  die  gewöhnliche  Kammerschleuse  zur  Schachtschleuse  umgebildet,  bei
der  das  Unterhaupt  eine  tunnelartige  Ansfahrt  bildet,  so  daß  hier  die  Thore,  wenn  das
Oberwasser  auf  sie  wirkt,  auch  oben  gestützt  werden.  Eine  derartige  Schleuse  ist  im  Kanal
von  St.  Denis  bei  Paris  mit  9,92  m  Gefälle  ausgeführt  worden,  für  den  Donau-Moldau-Elbekanal
  sind  solche  mit  10  in  Gefälle  entworfen  worden.
Nicht  minder  reich  an  Kanälen  wie  die  Lombardei  ist  Holland.  Die  Natur  des
Landes  zwang  die  Bewohner  frühzeitig  zur  Erbauung  von  Deichen  und  Kanälen  und
ließ  die  Wasserbaukuust  zu  großer  Vollendung  gelangen.  Den  Beginn  der  Kanalbauten
bildete  hier  die  Herstellung  von  Abzugsgräben  zur  Trockenlegung  des  Landes.  Die
Leichtigkeit  der  Verkehrsausbildung  auf  diesen  Wasserwegen  führte  zu  deren  stetiger  Ver-
        <pb n="453" />
        471

Kammerschleuse.  Kanäle  in  Holland  und  Frankreich.

Mehrung.  Die  günstige,  fast  durchgehend  horizontale  Gestaltung  des  Landes  erleichterte
in  hohem  Maße  den  Kanalban.  Nur  bei  den  Einmündungsstellen  der  Kanäle  in  die
Flüsse  oder  in  die  See  wurde  die  Erbauung  von  Schleusen  nötig.  Die  Kanäle  der  ersten
Periode  bestehen  aus  Gräben  von  hinlänglicher  Wassertiefe  und  besitzen  eine  solche  Breite,
daß  sich  zwei  der  größten  Schiffe  bequem  ausweichen  können.  Durch  die  Einführung
regelmäßiger  Verbindungen  auf  diesen  Kanälen  mittels  von  Pferden  gezogener  Trekschuiten
  erlangten  diese  Wasserwege  bereits  frühzeitig  für  den  Personenverkehr  beachtenswerte ­
  Bedeutung.  Wie  in  den  Vereinigten  Niederlanden,  so  wurden  auch  in  den  österreichischen ­
  Niederlanden  außerordentlich  zahlreiche  Kanalanlagen  geschaffen.  In  dem  im
Jahre  1643  von  Dubic  angelegten  Kanal  von  Dixmünden  und  Fortknoke  nach  Ipern
wurde  bei  Boesynge  eine  Doppelschleuse  zur  Überwindung  eines  20  Fuß  hohen  Gefälles
angelegt,  ein  Bauwerk,  das  seiner  Zeit  mit  Recht  als  ein  Meisterwerk  galt.
Frankreich  beansprucht  in  der  Geschichte  des  Kanalwesens  einen  hervorragenden
Platz.  Die  ersten  Versuche  auf  diesem  Gebiete  erfolgten  innerhalb  der  Grenzen  des
heutigen  Frankreich  zu  Neros  Zeiten  durch  Lucius  Vetus,  der  die  Säone  durch  einen
Kanal  mit  der  Mosel  verbinden  wollte,  um  hierdurch  eine  Verbindung  des  Mittelländischen
Meeres  mit  der  Nordsee  zu  schaffen.  Über  das  Anfangsstadium  kam  dieses  Unternehmen
jedoch  nicht  hinaus.  In  späterer  Zeit  wandte  Karl  der  Große  diesem  Plan  seine  Aufmerksamkeit ­
  zu,  wie  denn  auch  Franz  I.  (1515—1547)  die  Ausführung  eines  solchen
Verbindungsweges  als  äußerst  wünschenswert  erkannte.  Noch  fehlte  jedoch  das  Mittel,

478.  Kchlrvst  mit  10  m  gubljttlje  im  Kanal  von  Kt.  Kcnis.

durch  welches  allein  die  Möglichkeit  der  Führung  eines  Kanals  über  Berge,  die  600  Fuß
höher  als  die  See  lagen,  gegeben  wurde.  Die  Ausbildung  der  Kastenschleuse  war  eine
unbedingte  Voraussetzung  der  Verwirklichung  eines  jeden  derartigen  Gedankens.  Unter
Heinrich  IV.  (1589—1610)  ward,  vornehmlich  auf  Anregung  des  Ministers  Sully,  der
erste  Kanalbau  in  Frankreich  thatsächlich  im  Jahre  1605  in  Angriff  genommen.  Durch
denselben  wurde  die  Verbindung  zwischen  der  Seine  und  der  Loire  durch  den  Kanal  von
Briare  hergestellt.  Der  Kanal  wurde  jedoch  erst  unter  Ludwig  XIII.  im  Jahre  1642
vollendet.  Im  Jahre  1666  begann  der  Bau  des  berühmten  Kanals  cln  Uicii.  Diese
Ausführung  war  keine  leichte  Aufgabe.  Der  Kanal  verbindet  die  Garonne  mit  der
Rhone  und  stellt  somit  eine  Verbindung  über  Land  zwischen  dem  Atlantischen  Ozean  und
dem  Mittelmeer  her.  Der  Entwerfer  des  Kanals  erkannte  mit  richtigem  Blicke  die  Stellen,
an  welchen  für  die  so  notwendige  Wasserspeisung  Sorge  getragen  werden  konnte.  Mittels
Thalsperren  wurden  die  erforderlichen  Wasserbehälter  geschaffen,  und  der  Wasserbehälter
von  St.  Ferriol  galt  noch  im  vorigen  Jahrhundert  als  das  größte  und  prächtigste  Werk,
das  von  den  Neueren  geschaffen  worden  war.  Dieser  Wasserbehälter  besitzt  ein  Fassungsvermögen ­
  von  ca.  3000000  odin,  ein  Quantum,  das  den  Wasserinhalt  des  ganzen  Kanals
übersteigt.  Der  Kanal  à  Midi  ist,  wenn  man  von  dem  Stecknitzkanal  absieht,  das  erste
Werk,  das  zur  Verbindung  zweier  Flüsse  geschaffen  wurde,  die  nicht  durch  einen  horizontalen ­
  Wasserweg  miteinander  verbunden  werden  konnten.  Mittels  74  Schleusen  steigt  der
Kanal  180  m,  durch  26  Schleusen  fällt  er  zur  Garonne  56  in.  Im  allgemeinen  wird  Paul
Riquet  als  der  Schöpfer  genannt.  Dies  trifft  jedoch  nur  insoweit  zu,  als  man  mit  diesem
Worte  den  ausführenden  Unternehmer  bezeichnen  will.  Der  geistige  Urheber  ist  Francois
Andreossy  (geb.  1633  zu  Paris),  ein  Ingenieur,  dessen  Name  in  der  Geschichte  des
Jngenieurwesens  unvergessen  bleiben  wird.
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        472  '  Schiffahrtskanäle.
Francois  Andreossy  ward  am  10.  Juni  1633  zu  Paris  geboren.  Er  widmete  sich  dem
Studium  der  Mathematik  und  Mechanik.  Im  Jahre  1656  war  er  in  Languedoc,  1660  ging
er  nach  Italien.  Im  Alter  von  27  Jahren  unterbreitete  er  Riquet  sein  Projekt,  1664  legte
Andreossy  dem  Chevallier  de  Clerville  den  detaillierten  Entwurf  nebst  Kostenanschlag  vor,  der
das  Projekt  1666  zur  Kenntnis  des  Königs  brachte.  Colbert,  wie  auch  Ludwig  XIV.  wandten
dem  Unternehmen  große  Beachtung  und  Unterstützung  zu.
Angeregt  durch  die  Inaugenscheinnahme  der  französischen  und  namentlich  der
holländischen  Kanalverbindungen  wandte  Peter  der  Große  der  Schaffung  von  künstlichen ­
  Wasserwegen  in  seinem  ungeheuren,  noch  auf  einer  verhältnismäßig  tiefen  Stufe
der  Kultur  stehenden  Lande  seine  Aufmerksamkeit  zu.  Sein  weiter  Blick  ließ  ihn  erkennen,
welch  großen  Einfluß  die  Schaffung  derartiger  Verbindungswege  auf  die  Hebung  des
Handels  und  der  Industrie  seines  Volkes  ausüben  mußte.
In  der  That  ist  eine  Betrachtung  Rußlands  in  hohem  Maße  geeignet,  die  Bedeutung  der
Schaffung  neuer  Verkehrswege  für  die  Hebung  des  Kulturstandes  darzuthun.  Durch  die
Erbauung  von  Wegen  und  Kanälen  näherte  sich  Rußland  im  17.  und  18.  Jahrhundert  ganz
wesentlich  der  abendländischen  Kulturwelt.  Bei  der  Einführung  der  Verkehrsanstalteu  dienten
die  Einrichtungen  höher  kultivierter  Länder  zum  Muster.  Durch  Kunststraßen  und  Kanäle
mußte  das  räumlich  ungeheuer  große  russische  Reich  gleichsam  kleiner  gemacht  werden,  konnte
doch  nur  durch  derartige  Kommunikationsanstaltcn  es  ermöglicht  werden,  daß  der  Einfluß
einer  höheren  Zivilisation  sich  tiefer  in  das  Reich  hinein  erstreckte.  Im  Anfange  des  17.  Jahrhunderts ­
  war  von  Kunststraßen  noch  gar  keine  Rede,  außerordentlich  spärlich  war  die  Bevölkerung ­
  über  das  unermeßliche  Gebiet  gesäet.  Die  großen  Entfernungen  der  Ortschaften
voneinander  trugen  erklärlicherweise  zur  Erschwerung  und  Verteuerung  der  Wege  bei.  Der
größte  Teil  der  ackerbautreibenden  und  gewerbthätigen  Landschaften  Rußlands,  sowie  ein
großer  Teil  des  Waldgebiets  gehören  den  Zuflußbecken  der  Wolga  und  des  Dnjepr  an.
Bereits  zur  Zeit  der  Waräger  bestand  ein  lebhafter  Handel  aus  den  Quellgebieten  der  beiden
genannten  Ströme  nach  den  von  den  Hansestädten  an  der  baltischen  Küste  errichteten  Faktoreien.
Bei  diesem  Transport  mußten  die  Waren  zum  Teil  über  Land  geschleppt  werden.
Als  Peter  der  Große  sein  Reich  bis  an  das  Meer  ausgedehnt  und  den  Plan  gefaßt
hatte,  seine  Hauptstadt  an  diesen  Gestaden  zu  errichten,  mußte  in  den  bis  dahin  bestandenen
urwüchsigen  Zuständen  eine  Änderung  eintreten.  Francis  Lee,  ein  englischer  Geistlicher,  verfaßte ­
  1698,  als  Peter  der  Große  in  England  weilte,  für  denselben  einen  Reformcntwurf,  dessen
Durchführung  verschiedenen  Behörden  übertragen  werden  sollte.  Eine  dieser  Behörden  sollte
es  sich  angelegen  sein  lassen,  die  Natur  zu  vervollkommnen  und  zu  diesem  Zwecke,  unter
anderen  Bauten,  Kanalanlagen  ins  Leben  rufen.  Bereits  etwas  früher  war  der  Anfang  mit
der  Anlegung  eines  Kanalsystems  im  russischen  Reiche  gemacht  worden.  Im  Jahre  1696
hatte  Peter  in  Woronesh  den  Entwurf  zur  Verbindung  des  Don  mit  der  Wolga  bestätigt.
Fürst  Boris  Alexejewitsch  Galizyn  sollte  die  Ausführung  leiten,  und  35000  Arbeiter  wurden
aus  den  nächstgelegenen  Provinzen  versammelt.  Technischer  Leiter  war  zuerst  Thomas  Baily,
später  der  deutsche  Jngenieuroberst  von  Brücket.  Letzterer  war  der  Sache  nicht  gewachsen,
die  erste  Schleuse  stürzte  beim  Einlassen  des  Wassers  ein,  und  der  Erbauer  entfloh.  John
Perry,  ein  außerordentlich  tüchtiger  englischer  Ingenieur,  der  im  Jahre  1698  dem  Zaren
Peter  bei  dessen  Anwesenheit  in  England  empfohlen  und  von  ihm  mit  300  Pfund  Gehalt
in  Dienst  genommen  worden  war,  setzte  die  Arbeit  mit  12000  Arbeitern  fort.  Da  derselbe
jedoch  in  Rußland  zwar  außerordentlich  viel  Arbeit  fand,  aber  keine  Bezahlung  erhielt,  verließ ­
  er,  als  Mahnungsversuche  nichts  halfen,  trotz  der  Drohung  des  Zaren,  ihm  den  Kopf
abschlagen  zu  lassen,  das  Land.
Bald  nach  der  Gründung  Petersburgs  faßte  Peter  den  Plan  zur  Schaffung  einer  Wasserstraße, ­
  die  den  neuen  Hafen  mit  dem  Landesinneren  verbinden  sollte.  Im  Jahre  1711  wurde
der  Kanal,  welcher  die  Twerza  (Nebenfluß  der  Wolga)  mit  der  Msta  (Nebenfluß  des  Wolchow)
verbindet,  vollendet.  Die  beiden  Wasserstraßen,  welche  nach  Peters  Plänen  die  Wolga  mit
dem  Ladogasee  und  St.  Petersburg  verbinden  sollten,  kamen  erst  unter  Katharina  II.  und
Paul  zur  Vollendung.  Es  ist  namentlich  das  Verdienst  des  Grafen  Sievers,  daß  dieses
„Tichwinsche  System"  und  das  „Marien-Kanalsystem"  fertiggestellt  wurden.  Auch
die  Verbindung  des  Dnjepr  mit  der  bei  Riga  niündenden  Düna  ist  auf  die  Anregung  Sievers'
zurückzuführen.  Die  letztere  Konimunikation  wurde  durch  den  im  Anfange  dieses  Jahrhunderts
erbauten  Beresinakanal  bewirkt,  während  durch  den  Oginskikanal  der  Dnjepr  mit  dem
Rjemen  verbunden  wurde.  Die  Verbindung  des  Dnjepr  mit  dem  bei  Nowo  Georgiewsk  in
die  Weichsel  mündenden  Bug,  der  Königskanal,  ist  ein  Werk  des  letzten  polnischen  Königs,
Stanislaus  August.  Der  das  Stromgebiet  der  Weichsel  von  Narew  aus  mit  dem  Njemen
verbindende  Augustowoer-Kanal  wurde  gegen  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  angelegt.
Da  der  Oginskikanal  und  der  Königskanal  die  Hafenstädte  Memel,  Königsberg  und  Danzig
mit  dem  inneren  Rußland  in  Verbindung  setzen,  so  sind  diese  Wasserstraßen  für  den  deutschen
Handel  von  großer  Wichtigkeit.  Die  südlichen  russischen  Ströme:  Don,  Dnjepr  und  Bug,
sowie  das  „Kanalsystem  des  Herzogs  Alexander  von  Württemberg",  durch  welches  die  in  das
        <pb n="455" />
        473

Kanalbauten  in  Rußland  und  Schweden.

Weiße  Meer  mündende  Dwina  durch  den  Bjelojesee  mit  dem  Marien-Kanalsystem,  d.  h.  also
mit  St.  Petersburg  und  dem  Wolgagebiet  in  Verbindung  steht,  sind  von  minderer  Bedeutung.
In  der  Jetztzeit  dient  das  Tichwinsche  System,  so  nach  der  Stadt  Tichwin  genannt,
säst  ausschließlich  der  Flößerei.  Es  beginnt  bei  Rybinsk  und  mündet  am  Südrande  des
Ladogasees  in  den  zn  dem  Marien-Kanalsystem  gehörigen  Ladogakanal.  Das  System  von
Wischni-Wolotschok  verläßt  bei  Twcr  die  Wolga  und  mündet  in  den  Ladogakanal.  Die
Entfernung  von  Rybinsk  bis  St.  Petersburg  beträgt  1450  km,  die  Fahrzeuge  gebrauchen
2^/2  bis  3’/2  Monate  für  die  Zurücklegung  des  Weges.  Die  Länge  des  Maricn-Kanalsystems
beträgt  von  Rybinsk  bis  St.  Petersburg  1160  km.  Die  Umgehung  der  verschiedenen  Seen
wie  Onegasee,  Ladogasee  und  Jlmen-  und  Bjelojesee,  ist  mit  Rücksicht  auf  die  Hemmnisse,
welchen  die  Schiffahrt  aus  denselben  bei  heftigem  Wind  ausgesetzt  ist,  erfolgt.  Das  Beresina-Kanalsystem,
  das  Oginski-  und  das  Königs-Kanaljystem  haben  durch  die  von  Südosten ­
  nach  Nordwesten  gerichteten,  aus  dem  gctreidereichen  inneren  Rußland  sich  nach  den
Ostseehäfen,  Riga,  Liebau,  Königsberg  und  Danzig  erstreckenden  Eisenbahnen  einen  Teil  ihrer
früheren  Bedeutung  verloren,  jedoch  sind  sie  noch  immer  für  die  Flößerei  und  den  Getreidetransport
  von  Wichtigkeit.  Die  mangelhafte  Schiffbarkeit  der  genannten  Kanalsystcme  ist  an
dem  Rückgang  ihres  Verkehrs  in  erster  Linie  schuld.
Als  Projekt  eines  Riesenkanals  kann  mau  den  in  Rußland  ernstlich  erwogenen  Gedanken
der  Schaffung  einer  künstlichen  Schiffahrtsstraße  zwischen  dem  Schwärzen  Meer  und  der
Ostsee  nennen.  Die  Länge  dieses  Kanals  würde  das  ansehnliche  Maß  von  1600  km  ergeben.
Der  Kanal  soll  von  Riga  ausgehen,  dem  Lause  der  Düna,  der  Bercsina  und  des  Dnjepr
folgen  und  bei  Cherson  in  das  Schwarze  Meer  münden.  In  der  Hauptsache  wird  es  sich
um  die  Vertiefung  und  Regulierung  von  Flußläufcn  handeln,  nur  zwischen  Düuaburg  und
Lepcl  muß  ein  Kanal  gegraben  werden.  Die  Kosten  sind  auf  400  Millionen  Mark  veranschlagt. ­

Das  russische  Binnenschiffahrtsnetz  besaß  im  Jahre  1896  die  große  Länge  von
75  000  km.  Hiervon  können  etwa  50  000  km  für  Schiff-  und  25  000  km  als  Flußfahrt ­
  ausgenutzt  werden.  Die  außerordentliche  Bedeutung  der  Wasserstraßen  für  Rußland
geht  u.  a.  daraus  hervor,  daß  in  St.  Petersburg  beispielsweise  die  Hälfte  der  Güter  auf
dem  Wasserwege  ankommt.  Diese  Verhältniszahl  gewinnt  noch  an  Bedeutung,  wenn  man
bedenkt,  daß  von  Mitte  November  bis  Mitte  April  die  Binnenschiffahrt  durch  Frost  unterbrochen ­
  ist.
Die  im  Lande  vorhandenen  großen  Seen  legten  in  Schweden  den  Gedanken  zur
Schaffung  einer  Schiffahrtsverbindnng  zwischen  diesen  und  dem  Meere  nahe.  Die  ungünstigen ­
  topographischen  Verhältnisse  ließen  lange  die  Verwirklichung  dieses  Planes  als
aussichtslos  erscheinen,  bedingte  doch  die  hier  auf  dem  Gebiet  der  Technik  zu  lösende
Aufgabe  Formen,  welche  neu  zu  schaffen  waren.  Bis  zum  heutigen  Tage  ist  der  Trollst ­
  attakanal  bezüglich  der  Stauhöhe  seiner  Schleusen  von  keiner  anderen  Kaualanlage
überholt  worden,  und  die  Polhemschleuse  mit  einem  Fall  von  über  16  m  nimmt  noch
immer  den  ersten  Rang  ein.
Bereits  für  eine  frühe  Zeit  läßt  sich  für  Schweden  die  Benutzung  von  aus  Baumstämmen
hergestellten  Bahnen  zum  Transport  von  Schisfsfahrzeugen  aus  einem  Gewässer  in  das
andere  nachweisen.  Schon  gegen  Ende  des  14.  Jahrhunderts  lenkte  sich  die  Aufmerksamkeit
auf  die  Schaffung  einer  Verbindung  der  Ost-  und  Nordsee  mittels  Benutzung  der  großen
Landscen  und  der  natürlichen  Bodensenkung,  welche  das  südliche  Schweden  vom  Skagerrak
bis  zur  Ostsee  durchzieht.  Im  Jahre  1516  legte  der  Bischof  von  Linköpiug,  Hans  Brask,
dem  Könige  ein  Projekt  zur  Schaffung  der  Verbindung  zwischen  den  beiden  genannten  Meeren
vor.  Die  Einflüsse  der  Hansa  hintertrieben  bis  zu  Gustav  Wasas  Zeiten,  1523—1560,  die
Ausführung  dieses  Planes,  der  übrigens  auch  au  der  Unzulänglichkeit  der  technischen  Hilfsmittel ­
  jener  Zeit  hätte  scheitern  müssen.  Karl  IX.  ließ  zur  Verbindung  des  Wener-  und
Wettersccs  mit  dem  Kattegat  den  Karlsgrabeu  herstellen,  der  noch  jetzt  einen  bedeutsamen
Teil  des  Trollhättakanals  bildet.  Gustav  Adolf  wandte  den  Wasserstraßen  seines  Landes
große  Beachtung  zu  und  gab  die  Anregung  zur  Herstellung  des  Verbindungskanals  zwischen
dem  Hjelmar-  und  Mälarsee.  Dieses  Werk  (jetzt  Kanal  von  Arboga  genannt)  mit
12  Schleusen  wurde  während  der  Minderjährigkeit  seiner  Tochter  Christine  vollendet.  Die
wesentlichste  Förderung  erfuhr  das  Unternehmen  unter  Karl  XII.,  unter  dessen  Regierung  die
Ingenieure  Södenborg  und  Polhem  thätig  waren,  welche  versuchten,  die  Trollhättasälle  durch
Schleusenanlagen  zu  umgehen.  Durch  Treibholz  wurde  1755  der  große  Schutzdamm  dieser
Arbeiten  zerstört,  und  das  Unternehmen  blieb  bis  1793  ruhen,  in  welchem  Jahre  eine  Gesellschaft ­
  die  Mittel  zur  Anlegung  der  jetzt  „alte  Schleusen"  genannten  Werke  aufbrachte.
Die  Trace  der  Kanalverbindung,  deren  Hauptglied  der  Trollhättakanal  bildet,  ist
die  folgende.  Von  Stockholm  geht  die  Fahrt  durch  den  Mälarsee  in  den  Flnß  und  Kanal
IX  60
        <pb n="456" />
        474  Schiffahrtskanäle.

von  Arboga  und  von  hieraus  in  den  Hjelmarsee,  der  weitere  Lauf  geht  durch  den  Schwartfluß ­
  und  durch  verschiedene  Verbindungskanäle  kleinerer  Seen  in  den  großen  Wenersee.
Von  dem  letzteren  geht  der  Kanal  durch  den  Karlsgraben  'in  die  Göta-Elf  nach  Gotenburg ­
  und  in  die  Nordsee.  Die  östliche  Fortsetzung  der  Kanalanlage  vom  Wenersee  durch
den  Wettersee  zur  Ostsee  stammt  in  der  Hauptsache  von  dem  Freiherr»  Baltzar  Bogislaus
von  Platen  und  Daniel  Thunberg  her.  Die  Eröffnung  dieser  Linie,  welche  von  Gotenburg ­
  bis  Mem  an  der  Ostsee  eine  Länge  von  387  Ion  besitzt,  erfolgte  im  Jahre  1832.
Der  Kanal  weist  im  ganzen  58  Schleusen  auf.  Die  5  Schleusen  (Graf  Tessin-,  Graf
Eckeblad-,  Poihem-,  Elvius-  und  Gustav-Schleuse)  in  dem  Thal  der  Göta-Elf  sind
es,  die  dem  Trollhätta-  und  Götakanal  seine  Berühmtheit  verliehen  haben.  Die  Schleusen
sind  durchgehends  in  Felsen  eingehauen.  Bei  der  Polhemschleuse  ist  durch  einen  in  die
Felsen  eingehanenen  Kanal  von  240  Fuß  Länge,  20  Fuß  Breite  und  10  Fuß  Tiefe  eine
Verbindung  mit  dem  Flusse  oberhalb  des  berühmten  Trollhättafalles  hergestellt.  Die
Schleuse  ist  60  Fuß  lang  und  hat  eine  Breite  von  20  Fuß  und  eine  Tiefe  von  64  Fuß.
Vom  unteren  Ende  geht  ein  160  Fuß  langer  unterirdischer  Kanal  ab.  Diese  im
Jahre  1800  der  Benutzung  übergebenen  Schleusen  dienen  jetzt  nur  dem  kleinen  Verkehr.
Neben  denselben  sind  in  den  Jahren  1836  —1844  von  Nils  Ericsson  11  neue  Schleusen,
die  Schleusen  von  Akersvaß  erbaut  worden.  Wie  die  topographische  Gestaltung  infolge
der  großen  Höhendifferenzen  der  Tracierung  Schwierigkeiten  bereitete,  so  schuf  der  Baugrund, ­
  der  entweder  aus  Felsen  oder  einem  Gemisch  von  Gerölle  und  Erde  besteht,  der
Ausführung  Hindernisse,  die  nur  mit  Mühe  bewältigt  werden  konnten.
Der  schwedische  Wasserverkehr  besteht  zu  mehr  als  90  °/ 0  aus  Rohprodukten,  wie
Holz,  Kohlen,  Erze,  Getreide,  Thon  und  Erden,  deren  Bewegung  nicht  an  eine  bestimmte
Jahreszeit  gebunden  ist.  Diese  sämtlichen  Artikel  können  auf  Vorrat  aufgespeichert  werden,
wodurch  die  lange  Eisperiode  weniger  von  Bedeutung  ist.  Im  Winter  dienen  die  zugefrorenen ­
  Kanäle  und  Gewässer  zum  Transport  der  Hölzer,  Erze  u.  s.  w.  nach  allen
Plätzen  und  Punkten  der  Wasserstraßen.
Der  bedeutendste  Kanal  Norwegens  ist  der  in  den  Jahren  1889—1892  mit  einem
Aufwand  von  3  Millionen  Kronen  erbaute  Bandakkanal  in  Telemarken.  Dieser
künstliche  Wasserweg  beginnt  bei  Ulefos  und  überwindet  den  57  in  betragenden  Höhenunterschied ­
  des  Wasserstandes  der  Nordsee  und  des  Bandaksvand  durch  17  Schleusen.
An  dem  Vrangfos,  der  eine  Höhe  von  33  in  hat,  sind  6  Schleusen  hintereinander  zur
Ausführung  gekommen,  von  welchem  die  beigefügte  Abb.  479  eine  Darstellung  gibt.
Der  Entwickelung  des  englischen  Kanalbanwesens  ist  bereits  in  der  Einleitung
gedacht.  In  Irland  begann  1770  die  „Grand-Kanal-Gesellschaft"  und  im  Jahre  1789
die  „Royal-Kanal-Gesellschaft"  das  Land  mit  Kanälen  zu  durchziehen.  Die  Wasserläufe
des  Barrow,  Shannon,  Bohne,  Eine  und  Siffey  wurden  untereinander  durch  weitverzweigte ­
  Kanäle  verbunden.  Infolge  der  überaus  schlechten  Wegeverhältnisse  erhielt
in  Irland  der  Passagierverkehr  auf  den  Kanälen  eine  höhere  Bedeutung  und  erfuhr  daher
eine  weitergehende  Entwickelung  als  in  Großbritannien,  woselbst  sich  allerdings  auch
eine  Passagierbeförderung  zwischen  Edinburg  und  Glasgow  und  zwischen  London  und
Birmingham  mittels  „Swift  boats“  entwickelte  und  sich  sogar  ein  Vergnügungsverkehr
auf  dem  Bridgewaterkanal  ausbildete.  Auf  dem  letzteren  war  bereits  von  dem  Herzog
von  Bridgewater  durch  eigene  Boote  ein  Passagierverkehr  eingerichtet  worden.  Zweimal
wöchentlich  fand  mittels  einer  gedeckten  Barke  die  Personenbeförderung  zwischen  Runcorn
und  Manchester  statt.  Als  Zugkraft  wurden  Pferde  benutzt,  die  ganze  Strecke  wurde  in
8  Stunden  durchfahren.
Man  würde  irren,  wollte  man  glauben,  die  Herstellung  dieser  zahlreichen  Kanalanlagen ­
  sei  ohne  Widerstand  von  jenen  Seiten  erfolgt,  die  durch  diese  Schöpfungen  in
ihren  Erwerbsverhältnissen  geschädigt  wurden.  Bereits  das  Konzessionsgesuch  der  Kanalanlage ­
  Manchester-Liverpool  stieß  im  Parlamentsausschuß  auf  heftigen  Widerstand.  Die
Besitzer  der  Mersey-  und  Jrwell-Schiffahrtsgesellschaft  ließen  keine  Mittel  unversucht,
um  diese  Angelegenheit  zu  Falle  zu  bringen,  jedoch  waren  alle  Anstrengungen  vergebens.
Immer  wieder  waren  es  die  Pferdetreiber,  die  bei  jedem  neuen  Kanalprojekte  ihre  Stimme
        <pb n="457" />
        475

Schiffahrtskanäle  in  Norwegen  und  England.

dagegen  erhoben.  Einer  derselben  machte  allen  Ernstes  den  Vorschlag,  keinen  Kanal
näher  als  6,5  km  an  eine  Fabrik  oder  an  einen  Handelsort  heranzuführen,  da  nur  in
diesem  Falle  die  gleiche  Anzahl  von  Pferden  und  Treibern,  wie  in  früheren  Zeiten,  beschäftigt ­
  werden  könnte.
Zu  der  großen  und  plötzlichen  Thätigkeit  im  Kanalbau  hat  nicht  wenig  der  ungeivöhnliche
  finanzielle  Erfolg  des  ersten  Kanalunternehmens  des  Herzogs  von  Bridgewater
beigetragen,  bezog  doch  der  Herzog  schon  im  zweiten  Jahre  aus  diesem  Unternehmen  eine
Prämie  von  20°/ 0  des  aufgewandten  Anlagekapitals  von  5  200000  Mark.  Die  Spekulation ­
  bemächtigte  sich,  angelockt  durch  den  klingenden  Erfolg,  des  Kanalbaues.  Unabhängig ­
  von  den  natürlichen  Wasserläufen  und  in  gewissem  Sinne  unabhängig  gemacht

47g.  Der  Kaiidairkanal  in  Tclcmarkrn.

Von  der  Terrainbeschaffenheit,  führten  die  Ingenieure  in  allen  Teilen  des  Königreiches
künstliche  Wasserstraßen  aus.  Doch  führte  das  den  Unternehmern  dieser  Verkehrsadern  gesetzlich ­
  zustehende  Recht  zur  Erhebung  von  Wegzöllen,  welches  sich  im  Beginn  des  englischen ­
  Kaualbauwesens  als  ein  überaus  förderndes  Moment  erwiesen  hatte,  in  der
Folgezeit  zu  Entartungen.  Da  die  Unternehmer  vermöge  der  ihnen  erteilten  Parlamentsakte ­
  berechtigt  waren,  das  Tonnengeld  nach  der  Anzahl  der  zurückgelegten  Meilen  zu
erheben,  so  erblickten  sie  in  einer  möglichst  ausgedehnten  Längenführung  des  Kanals  einen
ihnen  günstigen  Umstand,  den  sie  nach  Kräften  ausnützten.  In  dem  Jahrzehnt  1750  bis
1760  wurden  9  (hierunter  noch  7  Flußregulierungen)  1760—1770  -----  13;  1770  bis
1780  =  10;  1780  —  1790  -----  5  und  1790—1800  =  40  Unternehmungen  konzessioniert.
In  der  Zeit  von  1800  —  1830  wurden  nur  noch  29  neue  Unternehmungen  ins  Leben
gerufen.
Wie  alle  Erscheinungen  dieser  Erde  ein  Beginnen,  ein  Ansteigen  zeigen,  um  allmählich ­
  den  höchsten  Punkt  ihrer  Entwickelung  und  Bethätigung  zu  erreichen,  so  bietet
60*
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        476  Schiffahrtskanäle.

auch  der  hier  vorliegende  Gegenstand  ein  solches  Bild.  Auch  hier  folgte  dem  Blühen
ein  Stillstand  und  sodann  ein  Abwelken.  Allmählich  brach  in  England  eine  wahre
Kanalbanwut  an,  und  ihre  Folge  war,  daß  manche  dieser'Unternehmungen  zusammenbrachen, ­
  ehe  noch  der  erste  Spatenstich  gethan  war.  In  den  Jahren  1791—1793  wurden
nicht  weniger  als  100  Kanalunternehmungen  begründet,  kaum  ein  Viertel  der  Projekte
kam  zur  Ausführung.
Nach  dem  1890  erschienenen  Blanbnch  haben  die  gesamten  Binnenwasserwege  des
Bereinigten  Königreichs  eine  Ausdehnung  von  3813  englischen  Meilen,  d.  d.  6100  km.
In  diesem  Längenmaß  sind  die  kanalisierten  Flüsse  wie  Themse,  Weaver,  Mersey,
Severn  u.  s.  w.  mit  einbegriffen.  Schottland  besitzt  150  Meilen  —  240  km.  Hiervon
entfällt  die  Hälfte  auf  den  Crinan-  und  Caledoniankanal,  welche  auf  Staatskosten  erbaut
sind  und  mit  Verlust  betrieben  werden.  Ein  Übelstand  ist  es,  daß  zahlreiche  Kanäle  sich
im  Besitze  von  Eisenbahngesellschaften  befinden,  welche  sie  gleichsam  aushungern  lassen.
Im  Anschluß  an  die  englischen  Kanäle  dürfte  der  durch  englischen  Einfluß  entstandenen
Wasserstraßen  in  Indien  und  Kanada  zu  gedenken  sein.
Zu  den  bedeutendsten  Kanalbauten  in  den  englischen  Kolonien  gehört  der  neue  Gangeskanal ­
  und  die  Wiederherstellung  des  Delhikanals,  der  uni  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts
gänzlich  in  Verfall  geraten  war.  Die  Hungersnot  der  Jahre  1837  und  1838  gab  den  Anstoß
zur  Schaffung  des  Gangeskanals,  eines  riesenhaften  Unternehmens,  durch  welches  nicht
nur  dem  Wassermangel  in  trocknen  Jahren  und  somit  dem  Ausbruch  von  Hungersnot  nach
Möglichkeit  vorgebeugt,  sondern  auch  gleichzeitig  eine  Ausschließung  der  zwischen  dem  Ganges
und  dem  Jumna  liegenden  Landschaft  durch  Schiffahrtskanäle  erfolgen  sollte.  Im  Jahre  1847
war  der  Plan  nach  endlosen  Schwierigkeiten  so  weit  festgestellt,  daß  er  1848  in  Angriff  genommen
  werden  konnte.  Um  den  Hauptkanal  und  die  Zweigkanäle  stets  hinreichend  mit
Wasser  versehen  zu  können,  war  es  erforderlich,  dem  Ganges  das  Wasser  an  einer  Stelle  zu
entnehmen,  an  welcher  die  Wasserführung  stets  eine  genügende  ist.  Als  Anfangspunkt  wurde
die  Stadt  Hurdwar  gewählt,  woselbst  der  Ganges  in  die  hindostanische  Ebene  eintritt.  Dev
Wassergehalt  beträgt  hier  220  cbm  pro  Sekunde.  Das  abzuführende  Wasserquantum  wurde
auf  180  cbm  festgesetzt,  so  daß  dem  Stronie  nur  ein  kleiner  Teil  seiner  Wassersülle  verblieb.
Die  Länge  des  Kanals  beträgt  500  km.  Er  zieht  sich  in  den  Douablandschasten  zwischen
Ganges  und  Jumna  über  Allyghur  zur  Stadt  Cawupore  (etwa  224  km  oberhalb  Allahabad
am  Vereinigungspunkt  des  Ganges  und  des  Jumna)  hiü.  Der  Kanal  besitzt  im  Anfange
eine  Breite  von  52  und  eine  Tiefe  von  3  m.  Im  weiteren  Verlaufe  nehmen  diese  Dimensionen,
deut  abgeleiteten  Wasser  entsprechend,  immer  mehr  ab.  Das  schwierigste  und  bedeutendste  Bauwerk ­
  ist  der  Solani  -  Aquädukt;  der  Kanal  mußte  nämlich  über  den  Solanifluß  mittels  einer
Überbrückung  geleitet  werden,  um  in  die  Douabebene  eintreten  zu  können.  Die  Einweihung  des
Aquädukts  wurde  am  8.  April  1854  zu  Rovrkhee  festlich  begangen.  Zu  diesem  Akte  fanden
sich  500000  Menschen  aus  den  verschiedensten  Völkerschaften  und  Stämmen  zusammen,  Sikhs,
Bangalesen,  Rohillas,  Afghanen,  Mahrattas  und  viele  andere.  Die  Kosten  dieses  Kanalbaues
werden  auf  Ifts  Million  Pfund  Sterling  veranschlagt.
Die  günstigen  Verhältnisse,  welche  für  Nordamerika  die  Küstengliederung  des
Atlantischen  Ozeans,  die  weitgestreckten  Stromsysteme  und  die  großen  Landseebecken  gewähren, ­
  wurden  von  den  Eingewanderten  bald  erkannt.  Washington,  „der  Vater  des
Vaterlandes",  und  De  Witt  Clinton  waren  eifrige  Beförderer  der  New  Aorker  Kanalbauten. ­
  Bereits  im  vorigen  Jahrhundert  wurde  der  Ausführung  des  Planes,  die  ozeanische
Küste  mit  den  Hauptflüssen  und  den  Landseeu  durch  künstliche  Wasserstraßen  zu  verbinden,
näher  getreten.  Zahlreiche  Kanäle  entstanden,  bis  in  den  50er  Jahren  des  19.  Jahrhunderts ­
  eine  Stockung  in  deren  Bau  eintrat.  Man  begann  um  die  Mitte  dieses  Jahrhunderts ­
  der  Regulierung  der  großen  mächtigen  Ströme  besondere  Beachtung  zuzuwenden
und  für  diese  Arbeiten  große  Summen  aufzuwenden.  Seit  1865  steht  die  Leitung  der
Arbeiten  dem  „Anny  and  Navy  Departement“  zu,  an  dessen  Spitze  der  „Chief  of
Engineers  of  United  States“  steht.
Für  die  Großindustrie  und  die  Landwirtschaft  kommt  in  erster  Linie  das  ausgedehnte
Kanalnetz  in  Betracht,  durch  welches  der  nordöstliche  Teil  des  Unionsgebietes  aufgeschlossen
worden  ist.  Mosler  unterscheidet  in  seiner  Abhandlung  über  die  Wasserstraßen  in  den
Vereinigten  Staaten  von  Amerika,  die  folgenden  Kanalsysteme:  1.  das  Kanalsystem  des
Staates  New  Jork,  welches  den  Erie-,  Ontario-  und  Champlainsee  mit  dem  Hudson  und
durch  diesen  mit  New  Jork  verbindet;  2.  die  von  dem  Anthracitdistrikt  Pcnnsylvaniens
geführten  Einzelkanäle;  3.  die  den  Ohio  und  den  oberen  Mississippi  mit  dem  Erie-  und
        <pb n="459" />
        Schiffahrtskanäle  in  Amerika.  477

Michigansee  in  Verbindung  setzenden  Einzelkanäle  der  Staaten  Ohio,  Indiana,  Illinois
und  Wiskonsin.
Den  größeren  Teil  der  amerikanischen  Kanäle  bilden  sogenannte  „Lateralkanäle",
d.  h.  Schiffahrtswege,  die  hier  und  da  aus  eigentlichen  Kanälen  mit  dazwischen  liegenden
Strecken  kanalisierter  Flußläufe  bestehen.  Nur  der  kleinere  Teil  besteht  aus  Verbindungskanälen. ­
  Der  Bau  der  künstlichen  Wasserstraßen  ist  teils  durch  die  Einzelstaaten,  teils
durch  Aktiengesellschaften  erfolgt.  Die  Staatskanäle  werden  entweder  in  Regie  verwaltet
oder  verpachtet,  auch  ist  ein  Teil  derselben  verkauft  worden.  Die  Verhältnisse  einer
Reihe  amerikanischer  Kanäle  sind  ganz  besonderer  Art,  indem  sie  Eigentum  großer  Eisenbahngesellschaften ­
  sind,  so  daß  daher  für  ihren  Betrieb  und  ihre  Ausnutzung  vielfach  die
Rücksichten  auf  die  von  diesen  Gesellschaften  betriebenen  Eisenbahnlinien  maßgebend  sind.
Die  Eisenbahnen  weisen  den  Kanälen  nur  so  viel  Fracht  zu,  als  sie  nicht  selbst  auf  eigenen
Bahnen  mit  ihren  Betriebsmitteln  bewältigen  können.  Auf  diesen  Umstand  ist  die  für
manche  Kanäle  bemerkbare  Abnahme  in  der  Benutzung  zurückzuführen.  Da  die  Kanäle
meist  nicht  voll  ausgenutzt  werden,  so  machen  sich  die  großen  Unterhaltungskosten,  die
eine  Folge  der  unsoliden  Bauweise  sind,  um  so  mehr  geltend.

48».  Sroivnlche  Hrbrriugr  jum  gtusljtUtit  dcs  Chiragoiranals.

Die  Länge  des  unter  I.  aufgeführten  Kanalsystems  beträgt  1500  km.  Die  Gesamtkosten
des  Eriekanals  werden  zu  187647  700  Mark  angegeben.  Derselbe  ist  mit  den  besten  Einrichtungen ­
  zum  Laden,  Löschen,  Durchschleusen,  Wiegen  der  Schiffe  und  dergleichen  versehen.
Bei  Albany  sind  ausgedehnte  Anlagen  zur  Holzverfrachtung  hergerichtet,  sogenannte  Holzgärten,
  die  durch  Stichkanäle  mit  dem  Hauptkaual  in  Verbindung  stehen.  Im  Jahre  1876
wurden  seine  72  Schleusen  in  Zwillingsschlensen,  d.  h.  je  zwei  nebeneinander  liegende  Schleusen,
umgewandelt.  In  diesen  Hauptkanal  münden  der  Oswego-Blackfluß  und  Champlainkaual  von
Norden  und  der  Geneseethalkanal,  der  Chemnngkanal,  der  Crookedseekanal,  der  Caynga-  und
Senccakanal,  endlich  der  von  Süden  kommende  Chenangokanal.  Drei  dieser  Kanäle  (Geuesecthal-,
  Chenango-  und  Blackflußkanal)  sind  in  den  Besitz  von  Eisenbahngesellschaften  übergegangen ­
  und  als  Wasserstraßen  aufgegeben  worden.
Das  pcnnsylvanische  Kanalnetz  läuft  von  den  drei  Anthracitbczirkcn:  dem  Schuylkill-,
Lehigh-  und  Wyomingbecken  strahlenförmig  aus  und  verzweigt  sich  in  die  Flußgebiete  des
Susquehanna,  Delaware  und  Hudson.  Die  Länge  dieses  Netzes  ist  1260  km  mit  569  Schleusen.
Zn  demselben  gehören:  der  Lchighkanal  77  km,  der  Delaware-Divisionkanal  97  km,  die
Schnylkillkanalisierung,  der  Unionkanal,  der  Susqnehannakanal,  der  Pennsylvaniakanal,  der
Delaware-  und  Hudsoukanal.  An  die  beiden  erstgenannten  Kanäle  schließen  sich  der  Morrisnnd
  Essexkanal  an.  Der  Morriskanal  (165  km)  wurde  1832  eröffnet.  Derselbe  ist  durch  eine
Reihe  eingeschalteter  schiefer  Ebenen  bemerkenswert,  auf  welchen  die  Schiffe,  ähnlich  wie  bei
dem  ostpreußischen  oberländischen  Kanal,  auf  hölzernen  Schlitten  bewegt  werden.  Die  vorhandenen ­
  23  Ebenen  haben  ein  Gesamtgefälle  von  426  m.
        <pb n="460" />
        478

Schiffahrtskanäle.

Von  den  Küstenkanälen  sind  zu  erwähnen:  der  Delaware-Raritankanal,  der  Chesapeake-Delawarekanal,
  der  Albemarle-  und  Chesapeakekanal.  Die  Konkurrenz  der  Eisenbahnen  hat
bewirkt,  daß  dieselben  in  den  Hintergrund  getreten  sind,  und  hierauf  ist  es  zurückzuführen,
daß  die  Einrichtungen  der  pennsylvanischcn  Kanäle  mangelhaft  sind.
Bon  den  südlichen  Kanälen  ist  das  großartigste  Unternehmen  der  Chesapeake-Ohiokanal.
  Der  Vollendung  dieses  kühnen  Unternehmens  haben  sich  bis  jetzt  unüberwindliche
Schwierigkeiten  in  den  Weg  gestellt.  Durch  den  Kanal  sollte  die  Chesapeakebucht  mit  dem
Ohio  bei  Pittsburg  verbunden  werden.  Die  fertiggestellte  Strecke  enthält  eine  im  Jahre  1876
in  Betrieb  genommene  schiefe  Ebene,  ans  welcher  die  Schiffe  in  Trogschleusen  bewegt  werden.
Das  durch  die  schiefe  Ebene  überwundene  Gesälle  beträgt  11,7  rn.
Die  Kanäle  des  Mississippibeckens,  der  Ohiokanal,  der  Miamikanäl,  der  Wabash-Eriekanal,
  der  Jllinois-Michigankanal,  haben  ebenfalls  von  ihrer  einstigen  großen  Bedeutung
viel  eingebüßt.  Während  die  Binnenkanäle  in  den  Vereinigten  Staaten  infolge  der  eigenartigen ­
  Verhältnisse  der  Eisenbahnkonknrrenz  nicht  die  Spitze  zu  bieten  vermögen,  halten  die
sonstigen  Wasserstraßen:  die  Küsten-  und  Seekanäle,  die  großen  Landseen  und  die  schiffbaren
Strome  in  dem  fast  übermächtigen,  mit  allen  erdenklichen  Mitteln  geführten  Konkurrenzkampf
erfolgreich  Stand.  Der  Mississippi-Michigankanal  schafft  eine  Verbindung  des  Mississippiund
  des  Michigansees,  und  zwar  unter  Mitbenutzung  des  Illinois-Michigankanals.  Dieser
letztere  Kanal  geht  von  Chicago  nach  dem  Jllinoisfluß,  in  welchen  er  bei  Hennepin  mündet.
Dieser  154  km  lange  Kanal  stellt  eine  Verbindung  mit  dem  unteren  Mississippi  her,  während
der  106  km  lange  Illinois-Mississippikanal  eine  solche  mit  dein  oberen  Flußlauf  bewirkt.
Auf  die  Kanalverbindung  mit  den  großen  amerikanischen  Seen  ist  bereits  auf  S.  410  (Abschnitt ­
  Wasserstraßen:  „Flußläufe  und  Flußschiffahrt")  kurz  hingewiesen  worden.
Bereits  im  vorigen  Jahrhundert  wurde  der  Versuch  gemacht,  die  Stromschnellen  bei
Sault  Saint  Mary  (zwischen  Oberen  und  Huron-See)  durch  einen  Umgehungskanal  mit
Schleuse  für  die  Schiffahrt  wirkungslos  zu  machen.  Diese  Schleuse  konnte  auf  die  Dauer  dem
sehr  stark  zunehmenden  Verkehr  nicht  genügen,  und  in  neuester  Zeit  ist  daher  hier  eine  mächtige
Schleusenanlage  entstanden.  Durch  diese  Schleuse  gingen:
1882  =  2029  000  t  Waren.
1892  =  11214000,,
Aber  auch  diese  Schleusenanlagen  erwiesen  sich  infolge  der  ganz  außerordentlichen  Vcrkehrscntwickelnng
  bereits  wenige  Jahre  nach  ihrer  Jnbenutzungnahme  als  nicht  ausreichend.  In  den
letzten  Jahren  sind  daher  noch  größere  und  leistungsfähigere  Schleusenwerke  erbaut  worden.
Durch  die  Eröffnung  der  neuen  Schleusen  ist  6  in  tiefgehenden  Schiffen  der  Verkehr  zwischen
dem  Oberen-  und  dem  Huronsee  ermöglicht  worden.  Die  Verbindung  zwischen  dem  Huronund
  Eriesee  bildet  der  Detroitfluß.  Zur  schiffbaren  Verbindung  des  Erie-  und  Ontariosees
wurde  1825—1827  der  Wcllandkanal  erbaut.
Von  den  kanadischen  Seen  führen  zwei  Schiffahrtswege  nach  dein  Atlantischen  Ozean,
der  Lorenzstrom  und  der  Eriekanal.  Der  Lorenzstrom  besitzt  einen  288  km  langen,  sehr
wechselvollen  Lauf.  Um  den  Flußlauf  überhaupt  der  Schiffahrt  voll  erschließen  zu  können,
mußten  Umgehungskanäle  hergestellt  werden.  Die  ersten  dieser  Kanäle  kamen  schon  1779
bis  1783  zur  Ausführung.  Sie  wurden  wiederholt  erweitert,  jedoch  erst  der  1821  —1825
erbaute  Lachinekanal  besaß  eine  für  längere  Zeit  genügende  Leistungsfähigkeit.  Die  fortgeschrittene ­
  Entwickelung  des  Wasscrverkehrs  in  unseren  Tagen  hat  neue  Kanalanlagen  erforderlich ­
  gemacht,  die  von  Kanada  unter  Aufwendung  von  100  Millionen  Mark  geschaffen
wurden.  Der  Eriekanal  genügt  trotz  wiederholter  Umbauten  nicht  und  liegt  gegenwärtig  still.
Ob  das  Riesenprojekt,  den  Eriekanal  auf  5,5  m  Wassertiefe  und  solche  Breite  zu  bringen,
daß  die  die  oberen  Seen  befahrenden  Schiffe  von  Dubuth,  Chicago  u.  s.  w.  direkt  bis  New  Uork
durchfahren  können,  dereinst  zur  Ausführung  kommen  wird  oder  nicht,  ist  iin  gegenwärtigen
Augenblick  nicht  mit  Bestimmtheit  zu  sagen.  Dieses  Projekt,  von  welchem  sich  New  Dort  so
manchen  Vorteil  verspricht,  steht  gegenwärtig  im  Mittelpunkt  der  Diskussion.
Wenn  auch  der  Entwässerungskanal  von  Chicago,  wie  der  Name  sagt,  in  der
Hauptsache  der  Entwässerung  der  genannten  Stadt  zu  dienen  bestimmt  ist,  so  soll  doch  dieses
gewaltige  Unternehmen  auch  Schiffahrtszweckcn  dienstbar  gemacht  werden.
Der  Chicagoer  Entwässerungskanal  ist  insofern  von  besonderem  Interesse,  als  bei  seiner
Ausführung  eine  große  Anzahl  bemerkenswerter  Baumaschinen  znm  Transport  von  Erde  und
Felsen  zum  erstenmal  zur  Anwendung  kamen.  Wenn  diese  Maschinen  auch  keine  größeren
Leistungen  ermöglicht  haben,  als  sie  mit  den  zur  Zeit  in  Deutschland  gebräuchlichen  Arbcitsmaschinen
  erzielt  werden,  so  weisen  sie  doch  durch  ihre  Anpassung  an  die  anierikanischcn  Verhältnisse ­
  besondere  Konstruktionen  auf,  die  volle  Beachtung  verdienen.  Die  Abb.  480  bis  482
zeigen  einige  der  in  erster  Linie  zu  nennenden  Konstruktionen.  Abb.  480  stellt  ein  Brownsches
Hebezeug,  Abb.  481  einen  Riesenkran  und  Abb.  482  eine  Seilbahn  dar.
Kehren  wir  in  unserer  Betrachtung  wieder  nach  Europa  zurück,  so  dürften,  bevor
auf  die  Gestattung  des  Kanalbauwesens  dieses  Erdteils  in  der  neuesten  Zeit  eingegangen
wird,  noch  kurz  die  entsprechenden  Leistungen  in  Frankreich  und  Deutschland  am  Ende
des  18.  und  zum  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  zu  berühren  sein.
        <pb n="461" />
        480  Schiffahrtskanäle.

Napoleon  entfaltete  auf  dem  Gebiete  des  Kanalbaues  die  gleiche  umfangreiche
Thätigkeit  wie  auf  dem  des  Straßenbaues.  Unter  seiner  Herrschaft  kam  der  bereits  unter
Ludwig  XV.  begonnene  Kanal  von  St.  Quentin  1810  zur  Vollendung.  Dieser  Kanal,  durch
welchen  die  Seine  mit  der  Schelde  verbunden  wird,  besitzt  sowohl  bei  St.  Quentin  wie
bei  Cambrai  Tunnelstrecken.  Unter  Napoleons  Herrschaft  kamen  ferner  zur  Ausführung:
der  Kanal  von  Jemappes,  von  Sedan  und  Burgund,  der  Napoleonskanal,  die  Kanäle
von  Arles  und  Beaucaire,  von  Carcassonne  und  des  Landes,  die  Kanäle  der  Ille  und
Rance,  der  Kanal  Blavet  und  von  Nantes  nach  Brest.  Napoleon  hatte  ferner  den  Plan,
eine  Verbindung  des  Rheins  mit  der  Trave  und  hierdurch  mit  der  Ostsee  zu  schaffen.
Durch  das  Gesetz  vom  20.  Mai  1802  wurde  bestimmt,  daß  der  Ertrag  der  Schifffahrtsabgaben ­
  denjenigen  Fluß-  oder  Kanalstrecken  wieder  zu  gute  kommen  sollte,  für
deren  Benutzung  sie  entrichtet  waren.  Die  Kriege  Napoleons  verschlangen  jedoch  den
größten  Teil  dieser  Beträge,  ja  um  seine  Armeen  zu  unterhalten,  verkaufte  Napoleon
sogar  den  Kanal  du  Midi,  die  Kanäle  von  Orleans  und  St.  Quentin,  von  Loing  und  den
Kanal  du  Centre.
Von  1814—1830  wurden  für  149  Millionen  Frank  Kanäle  von  900  km  Länge
erbaut,  in  der  Zeit  von  1830—1848  wurden  341  Millionen  Frank  für  den  Neubau
von  Wasserstraßen  verausgabt.  Unter  dem  zweiten  Kaiserreich  fand  zunächst  der  Ausbau
des  Eisenbahnnetzes  statt,  und  erst  seit  1860  wandte  sich  die  Gunst  wieder  den  Wasserstraßen ­
  zu.  Beim  Ausbruch  des  Krieges  von  1870  war  der  größere  Teil  der  Kanäle
wieder  in  den  Händen  des  Staates.  Unter  dem  zweiten  Kaiserreich  kamen  der  Kanal
von  St.  Louis,  der  Saarkohlenkanal  und  der  Kanal  der  oberen  Marne  in  Betrieb,  und
die  für  die  Wasserstraßen  aufgewandten  Geldmittel  betrugen  für  die  Zeit  von  1852  bis
1870  239  Millionen  Frank.
Durch  die  Ereignisse  der  Jahre  1870/71  erlitt  die  französische  Binnenschiffahrt  eine
Abschwächung,  durch  den  Verlust  von  Elsaß-Lothringen  erfuhr  das  Kaualnetz  eine  Einschränkung ­
  von  401  km.  Wichtige  Teile  des  Rhein-Rhöne,  des  Rhein-Marnekanals,
sowie  der  Saarkohlenkanal  wurden  von  ihm  losgelöst.  Es  ist  namentlich  dem  Ingenieur
und  Minister  Freycinet  zu  danken,  daß  von  neuem  das  französische  Kanalwesen  eine
weitere  Ausbildung  erhalten  hat.  Wenn  auch  nicht  alle  in  dem  sogenannten  großen
Freycinetschen  Programm  (das  am  5.  August  1879  zum  Gesetz  wurde)  enthalten  gewesenen ­
  Projekte  ihre  Erfüllung  gefunden  haben,  so  ist  doch  ein  guter  Schritt  vorwärts
gethan.  Als  das  bedeutendste  Ergebnis  dieser  Bestrebungen  ist  die  Vereinheitlichung  des
französischen  Binnenschiffahrtsnetzes  zu  bezeichnen.
Von  den  nach  dem  Kriege  geschaffenen  Kanälen  ist  der  bedeutendste  der  Ostkanal.
Von  weiteren  Kanälen  sind  zu  nennen:  der  Kanal  von  Havre  nach  Tancarville,  von
der  Aisne  zur  Oise  (48  km),  von  der  Marne  zur  Saône  (151  km)  und  vom  Doubs
zur  Saône.
Der  Kanal  de  l'Est  (Ostkanal)  zieht  sich  in  einer  Länge  von  500  km  an  der  deutschfranzösischen ­
  Grenze  hin  und  verbindet  die  drei  Flußthäler  der  Maas,  Mosel  und  Saône
miteinander.  Diese  Anlage  setzt  sich  aus  einzelnen  Kanalstrecken  und  kanalisierten  Flußstrecken ­
  zusammen.  Besonders  interessant  ist  die  Anordnung  der  aus  dem  Moselthal  aufsteigenden ­
  Schleusentreppe  von  Golbey.  Hier  wird  eine  enge  Mulde  durch  14  Querdämme ­
  in  14  stufenartig  übereinander  liegende,  durch  Schleusen  miteinander  verbundene
Teiche  geteilt.  Eine  zweite  derartige  Schleusentreppe  befindet  sich  auf  dem  Saôneabhange.
Mächtige  Wasserreservoire  dienen  zur  Aufspeicherung  des  Wassers.
Neben  dem  Ruhme,  von  allen  Kulturvölkern  das  in  sich  geschlossenste  Wasserstraßennctz
zu  besitzen,  gebührt  Frankreich  die  erste  Stelle  hinsichtlich  der  Binnenschiffahrtsstatistik,  Die
französische  Binnenschiffahrtsstatistik  ist  eine  so  eingehende,  daß  für  ihre  Erhebungsarbeit
270  Arbeitskräfte  erforderlich  sind.  Im  Vordergrund  steht  hierbei  jedoch  nicht  die  Ermittelung
des  Güternmtausches,  sondern  das  Streben,  die  Leistungen  der  einzelnen  Wasserstraßen  festzustellen. ­
  Man  ist  bemüht,  eine  möglichst  genaue  Ermittelung  der  Transportleistungen  auf
allen  Teilen  des  ausgedehnten  Wasserstraßennetzes  zu  erlangen.  Die  Länge  der  schiffbaren
Wasserstraßen  beträgt  12971  km.  Hiervon  entfallen  4805  km  auf  Kanäle,  7518  km  auf
natürliche  Wasserläufe.  Die  Differenz  muß  auf  durch  Korrektion  oder  Umbau  gesperrte
Schiffahrtswege  gerechnet  werden.
        <pb n="462" />
        Schiffahrtskanäle  in  Frankreich  und  Deutschland.  481

Auf  diesem  Wasserstraßennetz  sind  im  Jahre  1893  25504330  t  Güter  verfrachtet  worden,
wovon  auf  Kanäle  14816607  t  entfallen.
Die  lebhaftesten  Kanal-  und  Flußstrecken  sind  die  folgenden:

1.  Kanalstrecken:
St.  Quentinkanal  4  698  451  t
Haute-Deülekanal  und  Zweigkanal  4  626174  „
Seitenkanal  der  Oise  3  818  333  „
Airekanal  und  Zweigkanäle  2  909  072  „
Marne-Rheinkanal  und  Zweigkanäle  2  588  278  „
Senseekanal  2  578  477  „
2.  Flußstreckeu:
Seine  innerhalb  Paris  4  834  840  „
Seine  von  der  Grenze  des  Seine-Marne-  und  des  Seine-Oise-Departements
  bis  Paris  3  856  980  „
Seine  unterhalb  Paris  3  003  189  „
Kanalisierte  Oise  2  823  026  „
Scarpe,  von  Courchelettes  bis  Fort  de  Scarpe  2  748  885  „
Der  Binncnschiffahrtsverkehr  Frankreichs  in  Bezug  ans  dessen  Nachbarländer  gestaltete
sich  folgendermaßen:
Belgien  Deutschland  zusammen
Einfuhr  von  1  850  823  t  319  873  t  2170  696  t
Ausfuhr  nach  766  633  „  345160  „  1111  803  „
zusammen:  2  617  456  t  665  043  t  3282  499  t

In  diesem  internationalen  Handelsverkehr  spielt  die  Kohle  für  die  Einfuhr  die  Hauptrolle.
Von  Interesse  sind  die  das  Verhältnis  der  Wasserstraßen  zu  den  Eisenbahnen  illustrierenden ­
  Zahlen.

Jahr

Länge  des  im  Betrieb
stehenden  Netzes  in  1cm

Gesamtgiiterverlehr  tn
Tausenden  von
Tonnenkilometern

Durchschnittsverkehr  auf
einen  Wegkilometer

Eisenbahnen

Wasserstraßen

Eisenbahnen

Wasserstraßen

Eisenbahnen

Wasserstraßen

1882

25  670

12  230

10  984  607

2  264  586

445  818

185166

1886

30  696

12  403

9  314  346

2  798  461

303  438

225  628

1890

33  285

12  372

11  867  725

3  216  073

355  885

259  948

1893

35  360

12  323

12  274  177

3  603  663

347  219

292  433

Was  den  Kanalbau  in  Deutschland  anbetrifft,  so  waren  bis  in  die  Mitte  des
18.  Jahrhunderts  Schiffahrtskanäle  nur  in  einem  sehr  bescheidenen  Umfange  zur  Ausführung ­
  gekommen.  Zu  nennen  sind  außer  dem  schon  oben  erwähnten  Stecknitzkanal  und
dem  Alstcrkanal,  der  Kanal  zwischen  der  Oder  und  Spree,  sowie  die  Schlensenanlagen  der
Saale  und  der  Weser  bei  Hameln.  Dieser  im  Vergleiche  mit  anderen  Staaten,  insbesondere ­
  mit  Frankreich  unbedeutende  Umfang  des  früheren  Kanalnetzes  muß  einerseits
auf  die  Zerstückelung  des  Deutschen  Reichs  in  politischer  Hinsicht  und  ans  den  früher
herrschend  gewesenen  Partikularismus  zurückgeführt  werden,  anderseits  fehlte  die  Erkenntnis ­
  der  hohen  wirtschaftlichen  Bedeutung  künstlicher  Wasserstraßen.  Nur  langsam
trat  ein  Umschwung  in  diesen  traurigen  Verhältnissen  ein.
In  Preußen  reichen  die  Bemühungen  zur  Schaffung  eines  Kanals  bis  zu  den  Zeiten
des  Kurfürsten  Joachim  II.  zurück.  Dieser  Fürst  verabredete  mit  Kaiser  Ferdinand  1.  im
Jahre  1558  zu  Frankfurt  a  M.  die  Grabung  eines  Kanals  von  der  Spree  nach  der  Oder.
Laut  eines  Vergleiches  wollte  der  Kaiser  die  Wasserstraßen,  soweit  seine  Herrschaft  reichte,
bauen  lassen,  d.  h.  von  der  Spree  bis  zur  Müllroser  Brücke,  von  hier  ab  hatte  der  Kurfürst
die  Fortsetzung  bis  zur  Oder  übernommen.  Die  Bauausführung  wurde  seitens  Ferdinands
auch  thatsächlich  begonnen,  über  das  Anfangsstadium  scheint  dieser  Graben  jedoch  nicht
hinansgekommen  zu  sein.  Erst  ein  Jahrhundert  später  wurde  die  Herstellung  dieser  künstlichen ­
  Wasserverbindnng  wieder  aufgenommen,  und  zwar  war  es  der  Große  Kurfürst,
Friedrich  Wilhelm,  der  die  Arbeit  im  Jahre  1662  unter  Leitung  des  kurfürstlichen  Gcncral-Quartiermeisters
  und  Hanptmanns  zu  Biegen,  Philipp  de  Chiesc,  beginnen  ließ.  Anfang ­
  1668  war  das  Werk  vollendet.  Mit  der  Durchfahrt  wurde  1669  der  Anfang  gemacht,
nachdem  zuvor  von  seiten  des  Kurfürsten  den  Kaufleuten  zu  Breslau  und  Hamburg  die
Zusicherung  gegeben  war,  daß  außer  den  bestehenden  Zöllen  zu  Müllrose,  Fürstcnwalde  und
Berlin  keine  neuen  Auflagen  gemacht  werden  sollten.  Da  sich  die  hölzernen  Schleusen  nicht
als  haltbar  genug  erwiesen,  begann  man  1699  dieselben  durch  steinerne  zn  ersetzen.
IX  61
        <pb n="463" />
        482  Schiffahrtskanäle.

Dem  Kurfürsten  Friedrich  III.  verdankt  die  erste  steinerne  Schleuse  der  Saale  ihre
Entstehung.  Hölzerne  Schleusen  hat  es  in  diesem  Flußlaus  schon  seit  dem  Mittelalter,  sicherlich
seit  1306  gegeben.  Tie  Bauart  derselben  blieb  immer  mangelhaft  und  wandelbar,  weshalb
der  genannte  Kurfürst  zur  Hebung  der  Saaleschiffahrt  bei  Trotha  eine  steinerne  Schleuse  erbauen ­
  ließ,  deren  Grundsteinlegung  1694  geschah.  Bis  1698  wurden  weitere  6  steinerne
Schleusen  in  der  Saale  erbaut.  —  Unter  Friedrich  II.  von  Preußen  kam  1774  der  Bromberger ­
  Kanal  zur  Vollendung,  durch  welchen  die  Weichsel  mit  der  Netze,  Warthe  und  so
mit  der  Oder  verbunden  ist,  und  die  Oder  wurde  mit  der  Havel  durch  den  Finowkanal  in
Verbindung  gesetzt  (1743—1746).  Der  Friedrichs-  oder  Plauesche  Kanal,  der  die  Wasserfahrt ­
  zwischen  Berlin  und  Magdeburg  auf  die  Hälfte  abkürzte,  wurde  1743  gebaut.
In  Bayern  kam  der  angeblich  schon  von  Karl  dem  Großen  geplante  Verbindungskanal
zwischen  Main  und  Donau  unter  König  Ludwig  I.  in  den  Jahren  1834—1848  zur  Ausführung. ­
  Diese  den  heutigen  Verhältnissen  nicht  mehr  Rechnung  tragende  Wasserstraße  hat
eine  Länge  von  176  km  und  erstreckt  sich  von  Kehlheim  an  der  Mündung  der  Altmühl  in
die  Donau  über  Nürnberg  nach  Bamberg.  Die  Anlagekvsten  betrugen  über  16  Millionen
Gulden.  Gegenwärtig  Plant  man  einen  Ersatz  der  sehr  mangelhaften  Kanalanlage.

483.  Chinesische  Nollbriiiirr.  Nach  einem  chinesischen  Originale.

In  den  Jahren  1844—1861  wurde  in  Preußen  der  Oberländische  Kanal
zwischen  Osterode  und  Elbing  in  der  Provinz  Ostpreußen  geschaffen.  Diese  Schöpfung
erfreute  sich  einst  infolge  des  hierbei  zur  Anwendung  gekommenen  Systems  der  geneigten
Ebene  eines  besonderen  Rufes,  der  durch  neuere  Kanalbauten  etwas  verdunkelt  worden
ist.  Die  Entwerfer  des  Plans  waren  der  Oberbaurat  Severin  und  der  Baurat  Steenke.
Der  Kanal  verbindet  die  oberländischen  Seen  untereinander  und  mit  dem  Drausensee
und  dient  der  Ausfuhr  von  Teer,  Kartoffeln,  Roggen,  Wolle,  Spiritus,  Flachs  und
namentlich  Holz.  Die  hier  liegenden  Forsten  nehmen  eine  Fläche  von  51000  lla  ein.
Zwischen  dem  Drausensee  und  dem  Pinnau-  und  Samrodtsee  galt  es  eine  Höhendifferenz
von  110  in  zu  überwinden.  Zwischen  Güldenboden  bei  Elbing  und  dem  Pinnausee  wurde
eine  sogenannte  „geneigte  Ebene"  angelegt,  worauf  näher  einzugehen  ist.
Ist  nämlich  das  durch  einen  Kanal  an  einer  Stelle  zu  überwindende  Gefälle  so
bedeutend,  daß  man  auch  mit  Schleusen  von  der  größten  Stauhöhe,  als  welche  zur  Zeit
eine  solche  von  10  m  bezeichnet  werden  muß,  nicht  zum  Ziele  kommt,  so  muß  von  anderen
Hilfsmitteln  Gebrauch  gemacht  werden,  als  welche  geneigte  Ebenen  (Schiffseisenbahnen)
und  Hebewerke  zu  nennen  sind.
Bereits  im  Altertume  kamen  verschiedene  Anlagen  zur  Ausführung,  um  die  Schiffe
über  Landengen  oder  Landstrecken  hinwegzuschaffen.  Besondere  Bedeutung  besaß  der
        <pb n="464" />
        Geneigte  Ebenen.  483
Diolkos  auf  der  Landenge  von  Korinth.  Mit  Vorliebe  machten  die  Chinesen  von  den
sogenannten  „Rollbrücken"  Gebrauch.  Ebenso  wurden  in  Holland  seit  langer  Zeit  kleine
Boote  auf  schlüpfrigem  Boden  mittels  Winden  kleinere  Erhebungen  hinauf  und  hinunter
geführt.  Im  Anfange  des  neunzehnten  Jahrhunderts  vervollständigte  Reynolds  diese
Transportvorrichtung,  indem  er  die  Boote  auf  Wagen  beförderte.  Derselbe  erbaute  in
England  einen  Kanal  mit  einer  geneigten  Ebene  von  22  m  Gefälle.  Bei  den  geneigten
Ebenen  werden  die  Schiffe  unmittelbar  ans  Wagen  geladen  oder  in  fahrbare  Schleusenkammern ­
  gebracht  und  mit  Seilen  oder  Ketten  aus  einer  Haltung  in  die  andere  befördert. ­
  Die  Einrichtung  ist  meist  so  getroffen,  daß  zur  Ersparung  von  Kraft  gleichzeitig
ein  Schiff  bergauf  und  eins  bergab  befördert  wird.  Das  Gewicht  des  abwärts  rollenden
Wagens  wird  durch  das  Einlassen  von  Wasser  in  einen  Behälter  erhöht.
Geneigte  Ebenen  ohne  bewegliche  Kammern.  Bei  den  älteren  Anlagen
schließt  der  obere  Kanal  mit  einer  Kammer  ab,  in  die  Schiff  und  Wagen  einfahren.  Bei
den  neueren  Anlagen  befindet  sich  zwischen  den  beiden  Haltungen  ein  wehrartiger  Rücken,
von  dem  aus  je  eine  geneigte  Ebene  nach  dem  Oberwasser  und  dem  Unterwasser  führt.
Diese  beiden  Ebenen  tragen  eine  bis  unter  den  Wasserspiegel  reichende  Eisenbahn.  Das
Aufbringen  der  Schiffe  geschieht  dadurch,  daß  man  den  Wagen  auf  der  unter  Wasser
fortgesetzten  Bahn  so  weit  hinabläßt,  daß  das  Schiff  schwimmend  über  ihn  gelangen  kann.
Durch  Anziehen  des  Wagens  setzt  sich  das  Schiff  allmählich  auf  ihn  und  wird  fortgezogen.
Wenn  es  in  die  andere  Haltung  gelangt  ist,  so  wird  der  Wagen  so  weit  unter  Wasser
gelassen,  daß  das  Schiff  schwimmen  kann.

Die  geneigten  Ebenen  ohne  bewegliche  Schleusenkammern  haben  den  Nachteil,  daß
die  Schiffe  während  der  Beförderung  nur  an  einzelnen  Punkten  unterstützt  sind,  ferner,
daß  dem  Seitendrucke,  deu  die  Ladung  auf  die  Schiffswände  ausübt,  während  der  Überführung ­
  aus  einer  Haltung  in  die  andere  der  Wasserdruck  nicht  mehr  entgegenwirkt,  weshalb ­
  der  Seitendruck  während  der  Dauer  der  Überführung  eine  schädlichere  Wirkung
ausübt,  als  im  schwimmenden  Zustande  des  Schiffes.  Um  dem  ersten  Übelstande  zu
begegnen,  empfiehlt  Bellingrath  die  Anwendung  eines  sechsundfünfzigrädrigen  Wagens,
dessen  Boden  gegliedert  ist  und  durch  Preßkolben  gestützt  wird.  Das  Schiff  schwimmt
hierbei  nebst  seiner  Unterstützung,  die  sich  dem  Schiffsboden  anschmiegt,  auf  einer  stark
gepreßten  Flüssigkeit.
Um  die  Wichtigkeit  einer  guten  Unterstützung  der  Schiffe  beim  Herausnehmen  aus
dem  Wasser  verstehen  zu  können,  muß  man  bedenken,  daß  der  Boden  der  Fluß-  und
Kanalschiffe  im  Laufe  des  Betriebes  eine  wechselnde  und  unregelmäßige  Gestalt  annimmt,
weil  er  der  verhältnismäßig  geringen  Schwimmtiefe  wegen  nicht  wie  bei  den  Seeschiffen  mit
einem  versteifenden  Kiele  versehen  werden  kann.  Wenn  das  Schiff  beladen  wird,  so  biegt
es  sich  nach  unten  durch,  weil  der  mittlere  Teil  des  Schiffes  schwerer  wird,  als  die  Enden,
wenn  es  aber  entladen  wird,  so  biegt  es  sich  nach  oben  durch.  Diese  Beweglichkeit  hat
natürlich  eine  Lockerung  des  Gefüges  zur  Folge,  und  so  kommt  es,  daß  die  Durchbiegungen
mit  dem  Alter  des  Schiffes  zunehmen  und  bei  alten  Schiffen  bis  zu  50  am  betragen.
Der  Körper  eines  Fluß-  und  Kanalschiffes  ist  also  nicht  starr  und  muß,  namentlich  beim
Herausnehmen  ans  dem  Wasser,  mit  großer  Vorsicht  behandelt  werden.
Hieraus  geht  hervor,  wie  zweckmäßig  es  sein  muß,  die  Schiffe  beim  Überschreiten
schiefer  Ebenen  nicht  aus  dem  Wasser  zu  nehmen,  sondern  in  großen  mit  Wasser  gefüllten
61*
        <pb n="465" />
        484

Schiffahrtskanäle.

Behältern,  Kammern  zu  befördern.  Dies  erfolgt  bei  den  geneigten  Ebenen  mit
beweglichen  Schleusenkammern.  Derartige  Anlagen  sind  zuerst  auf  dem  Monkland-Kanale
  bei  Glasgow  in  England  im  Jahre  1849  für  Schiffe  bis  zu  21,3  rn  Länge  eingerichtet ­
  worden.  Das  zu  überwindende  Gefälle  beträgt  29  m,  das  Steigungsverhältnis
der  Ebenen  1:10,  die  Länge  zwischen  den  Kanalhaltungen  293  in.  Die  Schleusenkammern ­
  und  die  sie  tragenden  Wagen  bestehen  ganz  aus  Eisen.  Die  Wagen  haben  zehn
Achsen  (20  Räder)  von  0,457  bis  0,914  in  Durchmesser.  Die  in  der  Abb.  485  u.  486
dargestellte  „Dodgeschleuse"  bei  Georgetown  in  Nordamerika  vermittelt  die  Schiffahrt
zwischen  dem  Chesapeake-Ohio-Kanal  und  dem  Potomac-Flnß  durch  Überwindung  eines
Höhenunterschiedes  von  11,7  in.  Die  dort  verkehrenden  Kähne  haben  bis  1,52  in  Tauchtiefe, ­
  4,39  in  Breite,  27,4  in  Länge  und  135  Tonnen  Tragfähigkeit  und  werden  von
wagerecht  ruhenden,  2,39  m  hohen,  5,1  m  breiten  und  34,12  in  langen  fahrbaren  Kammern
aufgenommen,  die  auf  je  drei,  mit  je  zwölf  Rädern  versehenen  Untergestellen  ruhen.  Auf
der  1:12  geneigten  Schiffseisenbahn  werden  die  fahrbaren  Kammern  mit  Hilfe  von
Gegengewichtswagen  durch  eine  kleine  Betriebsmaschine  bewegt.

/¿analMtiutu-fi/mülerdemflnss  Niveau^  _
Oa/engeivichte  Muss

4  85.  Sctfiefclcm.  486.  Liinqenlibnikl.
485  u.  486.  SJtE  Dodgeschlense  btt  Georgetown  in  Nordamerika.
In  der  neueren  Zeit  sind  mehr  die  hydraulischen  Hebevorrichtungen,  welche  die
senkrechte  Hebung  der  Schiffe  vermitteln,  in  den  Vordergrund  getreten.  Ein  solches
Hebewerk  ward  zuerst  in  den  30er  Jahren  des  19.  Jahrhunderts  am  Grand-Western-Kanal
  angewandt,  welcher  die  Themse  mit  dem  Severn  verbindet.  Es  dient  zur
Hebung  und  Senkung  kleiner,  nur  acht  Tonnen  ladender  und  nur  zu  Thal  fahrender
Kähne  und  überwindet  14  in  Höhenunterschied.  Die  Bewegung  der  hölzernen  Kammern
erfolgt  dadurch,  daß  der  oberen  Kammer  durch  Wasserzuführung  ein  Übergewicht  von  etwa
1000  kg  gegeben  wird.  Die  hierauf  beginnende  Bewegung  wird  durch  eine  an  der
mittleren  Scheibe  befindliche  Bremsvorrichtung  geregelt.  Die  Dauer  einer  Schleusung
beträgt  etwa  3  Minuten.
Eine  andere  Einrichtung  zeigt  das  Hebewerk  bei  Anderton  für  Schiffe  bis  zu  100  t
Tragfähigkeil,  welches  zur  Verbindung  des  Flusses  Weaver  mit  dem  Trent-  und  Mersey-Kanale
  dient  und  15,35  m  Höhe  überwindet  Seine  beweglichen  zwei  Kammern  ruhen
auf  je  einem  Preßkolben  von  0,915  in  Durchmesser,  die  sich  in  Preßcyliudern  bewegen;
letztere  sind  im  Boden  versenkt.  Die  beiden  Preßcylinder  sind  durch  Rohre  verbunden,
so  daß  das  Druckwasier  von  einem  Cylinder  in  den  anderen  übergehen  kaun  und  darauf
ruhende,  gleichgroße  Lasten  sich  das  Gleichgewicht  halten.  Wenn  eine  Kammer  durch
Wasserübergewicht  gesenkt  wird,  wird  gleichzeitig  die  andere  gehoben.  Die  Kammern
        <pb n="466" />
        Schiffshebewerke.  485

sind  22,87  m  lang,  4,72  m  breit  und  haben  1,5  m  Wassertiefe.  Der  Trent-  und  Mersey-Kanal
  ist  durch  einen  49,4  m  langen  eisernen  Aquädukt  bis  an  das  Hebewerk  geführt.
Das  zu  hebende  Gewicht  beträgt  mit  Ausnahme  des  Preßcylinders  235  t,  das  Heben
erfolgt  in  acht  Minuten.  Die  Anlage  ist  seit  1875  in  Betrieb,  1881  trat  durch  den
Bruch  eines  Preßcylinders  eine  Betriebsstörung  von  einmonatlicher  Dauer  ein.  Die
Wiederherstellung  soll  20  000  Mark  gekostet  haben.  Die  ganze  Anlage  hat  nahezu
1,4  Millionen  Mark  Baukosten  verursacht,  die  Betriebskosten  sollen  1880  10  400  Mark
betragen  haben.
Ähnliche  Anlagen  bestehen  am  Kanal  de  Neufosse  in  der  Nähe  von  Fontinettes  bei
St.  Omer  in  Frankreich  für  Schiffe  bis  zu  300  t  Tragfähigkeit  und  für  13,i3m  Höhen-487.

  ficlicnierk  von  La  Lonvicre  für  Kchiffe  dis  400  Tonnen.
Fallhöhe  15,4  m.  Ansicht  bet  Thalfahrt.

unterschied,  ferner  bei  La  Louviere  am  belgischen  Mittelkanale  für  Schiffe  bis  zu  400  t
Tragfähigkeit  und  für  15,4  m  Höhenunterschied.
Da  bei  allen  diesen  Hebewerken  die  Schleusenkammern  auf  je  einem  Preßkvlben
ruhen,  so  läßt  sich  die  Einrichtung  dort  nicht  mehr  verwenden,  wo  es  sich  um  noch  größere
Schiffe  handelt,  wie  sie  u.  a.  auf  den  neuen  Binnenkanälen  in  Deutschland  verkehren,  denn
die  Unterstützung  der  etwa  70  m  langen  Kammern  oder  Tröge  durch  einen  Kolben  würde
wenig  sicher  werden,  und  die  Preßkvlben  würden  zu  große  Abmessungen  erhalten  müssen.
Ferner  würde  aber  der  Kanal,  ohne  daß  die  Stärke  des  Verkehrs  es  verlangte,  von  vornherein ­
  zur  Ausgleichung  des  toten  Gewichtes  mit  doppelten  Schleusenkammern  angelegt
werden  müssen,  was  bei  der  Größe  der  Anlagen  natürlich  mit  ganz  erheblichen  Kosten
verknüpft  wäre.  Man  erbaute  deshalb  das  Hebewerk  des  Dortmund-Emskanales
bei  Henrichenburg  von  14  m  Hubhöhe  und  für  Schiffe  von  etwa  600  1  derart,  daß
die  Schleusenkammer  durch  Schwimmer  unterstützt  wird,  welche  zugleich  der  ganzen  toten
Last  das  Gleichgewicht  halten.
        <pb n="467" />
        j

:

489.  Schiffshebewerk  bei  Henrichenburg.
Blick  von  der  oberen  Kanalhaltung  auf  das  Schiffshebewerk.  Der  Schleusentrog  befindet  sich  vor  der  oberen  Haltung.  Ein  Schiff  fährt  in  den  Schleusentrog  ein,
um  nach  der  unteren  Kanalhaltnng,  die  etwa  14  m  tiefer  liegt,  befördert  zu  werden.
        <pb n="468" />
        488

Schiffahrtskanäle.
Dieses  von  der  Firma  Haniel  &amp;amp;  Lneg  in  Düsseldorf  (Oberingenieur  Gerdau)  konstruierte ­
  und  ausgeführte  Hebewerk  hat  die  nachstehende  Anordung:  Die  eigentliche  Schleuse
besteht  aus  einem  Wassertroge  von  70  in  Länge,  8,6  in  Breite  und  2,6  m  Wassertiefe,
der  in  einer  ebensolange!!  Brücke  hängt.  Letztere  wird  von  fünf  Schwimmern  getragen,  die
in  ebensoviel  mit  Wasser  gefüllten  Schächten  auf-  und  absteigen  können.  Die  Schwimmer
tauchen  vollständig  in  das  Wasser  ein,  und  ihr  Austrieb  ist  der  von  ihnen  zu  tragenden
Last  (Trog,  Brücke  u.  s.  w.)  genau  gleich.  Austrieb  und  Last  befinden  sich  also  innerhalb  der
Schleusenhubhöhe  in  jeder  Höhenlage  im  Gleichgewichte.  Ein  geringes  Über-  oder  Untergewicht ­
  bewirkt  eine  aus-  oder  absteigende  Bewegung  der  Schwimmer,  der  Brücke  und  des
von  ihnen  getragenen  Troges.  Wird  z.  B.  dem  Troge  etwas  Wasser  zugeführt,  so  sinkt  er
hinab,  wird  dem  Troge  Wasser  entnommen,  so  steigt  er  hinauf.
Das  Über-  oder  Untergewicht  an  Wasser  im  Troge  wird  dadurch  hergestellt,  daß  man
den  Trog  an  die  obere  Haltung  etwas  zu  tief  anfährt,  so  daß  aus  derselben  Wasser  in  den
Trog  einlaufen  kann,  an  der  unteren  Haltung  aber  zu  hoch  anfährt,  so  daß  Wasser  aus  dem
Troge  abläuft.  Durch  diese  einfache,  durch  Schraubenführung  leicht  ausführbare  Betriebsweise ­
  ist  eine  Bewegung  der  Trogschlense  ohne  großen  äußeren  Kraftaufwand  möglich.
Der  Trog  ist  an  jedem  Ende  durch  ein  senkrecht  bewegliches  Thor  abgeschlossen,  welches
sich  mit  einer  Gummidichtung  auf  Leisten  am  Trogende  auflegt.  Ebenso  sind  die  Enden  der
oberen  und  unteren  Haltung  abgesperrt.  Befindet  sich  der  Trog  vor  einer  Haltung,  und  soll
ein  Schiff  aus-  oder  einfahren,  so  werden  beide  Thore  gleichzeitig  gehoben.  Dabei  muß  das
Trogende  so  dicht  an  die  Haltung  anschließen,  daß  kein  Wasser  entweichen  kann.  Dies  wird
durch  eine  außerhalb  der  Thordichtnngsleisten  gelegene  keilförmige  Dichtungsfläche  bewirkt,
gegen  welche  sich  das  Trogende  mit  schrägem  Rande  anpreßt.
Zur  Regelung  der  Bewegung  des  Troges,  zur  Erhaltung  seiner  wagerechten  Lage  und
zum  Schutze  des  Hebewerkes  dienen  vier,  zu  einem  Getriebe  vereinigte  24,6  m  lange,
0,28  starke  Schraubenspindeln,  die  an  einem  Führungsgerüste  angebracht  und  deren  Muttern
mit  der  Trogbrücke  verbunden  sind.  Durch  eine  Antriebsmaschine  mit  Übertragungswellen
können  die  Schraubenspindeln  in  gleichmäßige  Umdrehung  versetzt  werden.  Für,,  gewöhnlich
haben  die  Schraubenspindeln  nur  den  Zweck  der  sicheren  Führung  des  durch  Über-  oder
Untergewicht  an  Wasser  bewegten  Troges.  Es  kaun  aber  Vorkommen,  daß  der  Trog  undicht
wird,  sein  Übergewicht  verliert  oder  sogar  leer  läuft,  oder  daß  mehrere  Schwimmer  volllausen,
die  gewöhnliche  Art  der  Trogbewegung  also  vorübergehend  unmöglich  wird.  Deshalb  ist  die
Antriebsmaschine  so  stark,  daß  sie  den  Trog  bei  dem  Fehlen  von  Über-  oder  Untergewicht  selbst
bewegen  kann.  Ferner  sind  die  Schranbenspindeln  so  stark  bemessen  und  so  sicher  gelagert,
daß  selbst  bei  einem  vollständigen  Leerlaufen  des  Troges  der  ganze  Auftrieb  der  Schwimmer
von  ihnen  ebenso  sicher  aufgenommen  werden  kann,  wie  bei  einem  Volllaufen  mehrerer
Schwimmer  die  entstehende  Überlast.  Der  Antrieb  der  vier  Schraubenspindeln,  der  Spille  und
der  übrigen  Bewegungsvorrichtungen  des  Hebewerkes,  Schützen  u.  s.  w.  erfolgt  durch  elektrische
Kraft,  welche  in  einer  Primärstation  von  etwa  220  Pferdestärken  erzeugt  wird.
Erwähnenswert  ist  noch  ein  vom  Bauinspektor  a.  D.  Meyer  herrührender  Vorschlag ­
  der  Förderung  von  Kanalschiffen  zwischen  zwei  Kanalstrecken  mit  erheblichem
Höhenunterschiede  auf  einer  mit  Lokomotiven  zu  befahrenden,  flach  geneigten  Eisenbahn,
und  zwar  entweder  schwimmend  in  Schleusenkammern  oder  unmittelbar  auf  Unterlagen
(hydraulischen  Pressen).  In  letzterer  Weise  war  die  Schiffseisenbahn  von  Tehuantepec
geplant,  welche  die  Landenge  von  Mexiko  überschreiten  sollte  und  215  km  Länge  erhalten ­
  haben  würde.  Ausgeführt  ist  eine  derartige  Anlage  noch  nicht.
Nach  dem  jetzigen  Stande  der  technischen  Wissenschaft  kann  man  annehmen,  daß
Kammerschleusen  bis  zu  6  in,  Schachtschlensen  bis  zu  10  m,  lotrechte  Hebewerke  bis  zn
20  in  Gefälle  und  darüber  hinaus  nur  schiefe  Ebenen  angewandt  werden  können.  Von
Hebewerken  wird  man  im  allgemeinen  nur  dann  Gebrauch  machen,  wenn  die  Forderung
einer  möglichst  weitgehenden  Wasserersparung  zu  erfüllen  ist.  Die  Konstruktion  der
Schiffseisenbahnen  kann  nicht  als  abgeschlossen  betrachtet  werden.

Zusammenstellung  der  geneigten  Ebenen  und  ausgeführten  Hebewerke.
I.  Geneigte  Ebenen.

Schiffslänge

Schiffsbreite

Tragfähigkeit
der  Schiffe

Hubhöhe

m

m

t

m

Morris-Kanal  in  Nordamerika  .  .

24

3,2

70

bis  30,o

Elbing-Oberländer  Kanal  ....

24,5

3

50—70

rr  25,5

Moiiklaud-Kanal  in  Schottland  .  .

21,34

4,36

70-80

„  29,3

Chesapcake-Ohio-Kanal  in  Nordamerika

27,4

4,39

135

„  11-7

Biwaseekanal  in  Japan

—

~

—

„  35,0
        <pb n="469" />
        09  XI

491  Querschnitt

490  Längenschnitt.
490  u.  491.  Schiffshebewerk  ju  Aenrichcnburg
        <pb n="470" />
        490  Schiffahrtskanäle.

II.  Hebewerke.

Hubhöhe

Länge  des  Trogs

Breite  des  Trogs

Tragfähigkeit
der  Schiffe

IN

IN

IN

t

Grand  Western-Kanal
Anderton  am  Weaver  in  der  Nähe

14

—

—

8

von  Liverpool,  erbaut  1875  .  .  .
Les  Fontinettes  in  Nordfrankreich,  er-15,35



22,87

4,72

100

baut  1882—1887
La  Louviere  im  Canal  du  Centre,  er-13,13



40,6

5,6

800

baut  1886—1887
Henrichenburg  bei  Dortmund,  voll-15,4



43,2

5,8

400

endet  1899

bis  16

70

8,6

600

In  Deutschland  ist  in  den  beiden  letzten  Jahrzehnten

eine  außerordentlich  rege

Thätigkeit  auf  dem  Gebiete  der  künstlichen  Wasserstraßen  entfaltet  worden,  die  zu  einem
nicht  geringen  Teil  den  Anstrengungen  des  „Zentral-Vereins  für  Hebung  der  deutschen
Fluß-  und  Kanalschiffahrt"  zu  danken  sind.  Der  Streit,  ob  die  Eisenbahn  oder  der  Kanal
den  Vorzug  verdient,  ist  bisher  nicht  zum  endgültigen  Austrag  gekommen,  und  ebensowenig
ist  bisher  eine  Einstimmigkeit  darüber  zu  erzielen  gewesen,  ob  auf  den  künstlich  hergestellten
Wasserstraßen  eine  Gebühr  zu  erheben  ist,  oder  nicht.  Die  Wage  schwankt  auf  und  ab,
und  neuerdings  tritt  zur  Bestürzung  der  Kanalfreunde  Preußen  wieder  mit  dem  Versuch
hervor,  auf  dem  kanalisierten  Main  Benutzungsgebühren  einzuführen.
Von  den  in  den  letzten  Jahrzehnten  erbauten  Kanälen  sind  zu  nennen:  Rostock-Güstrowkanal,
  Ems-Jadekanal,  Oder-Spreekanal,  Dortmund-Emskanal  und  Elb-Travekanal.
Kanalprojekte  liegen  zur  Zeit  in  Deutschland  resp.  Österreich  und  Belgien  in  größerer
Zahl  vor,  doch  ist  es  bis  jetzt  unbestimmt,  wann  dieselben  zur  Ausführung  gelangen  werden.
Als  die  bedeutenderen  sind  zu  nennen:  Großschiffahrtsweg  Berlin-Stettin,  Rhein-Weser-Elbkanal
  (der  sogenannte  Mittellandkanal),  Elster-Saale-Elbkanal,  der  Leipzig  mit  der
Elbe  verbinden  soll,  Donau-Oder-  und  Donau-Moldau-Elbkanal,  Elb-Kielkanal,  Rhein-Scheldekanal,
  Rhein-Maas-  und  Rhein-Nierskanal,  Oder-Warthekanal,  Donau-Mainkanal.
Von  diesen  Projekten  steht  in  Deutschland  neben  dem  Großschiffahrtsweg  Berlin-Stettin
das  des  Mittellandkanals  im  Vordergründe.
Wie  das  kühne  Projekt  existiert,  Rom  und  Paris  zu  Seehäfen  zu  machen,  so  hat  man
auch  davon  geträumt,  einst  Seeschiffe  in  den  Hafenbassins  von  Berlin  zu  sehen.  Dieses  Ziel
verfolgen  zwei  Projekte  Für  das  erste  hat  man  im  wesentlichen  eine  Verbindung  durch  die
Elbe  und  eine  Vertiefung  dieses  Stromes  ins  Auge  gefaßt,  das  zweite  Projekt  sieht  eine  Verbindung ­
  mit  der  Ostsee  durch  die  Oder  vor.  Die  nüchterne  Erwägung  hat  vorläufig  derartige
Projekte,  deren  Verwirklichung  einen  enormen  Kostenaufwand  bedingen  würde,  wiederum  von
der  Bildfläche  verschwinden  lassen.  Die  Bestrebungen  konzentrieren  sich  zur  Zeit  auf  die
Herstellung  des  Großschiffahrtsweges  Berlin-Stettin  für  Schiffe  mit  600  t  Tragfähigkeit.
Bis  jedoch  auch  eines  der  für  diesen  Großschiffahrtsweg  ausgearbeiteten  Projekte  verwirklicht
sein  wird,  werden  noch  manche  Jahre  ins  Land  gehen.
Bis  jetzt  besitzt  Berlin  zwei  Verbindungen  mit  deni  Meere,  eine  nach  Hamburg  und
eine  nach  Stettin  über  den  Finowkanal.  Sodann  besteht  zwischen  Stettin  und  Berlin  eine
Schiffahrtsverbindung  über  den  Oder-Spreekanal.  Die  Gesamtgüterbewegung  Berlins  betrug
1892  mehr  als  10  Millionen  Tonnen,  wovon  auf  die  Wasserstraßen  allerdings  der  kleinere
Teil  mit  4  627  518  t  entfiel.
Um  den  großen  Durchgangsverkehr  von  der  Oder  nach  der  Elbe  und  umgekehrt  schneller
und  leichter  abwickeln  zu  können,  als  solches  bet  Benutzung  des  Friedrich-Wilhelms-  und  des
Finowkanals  möglich  war,  ist  der  Oder-Spreekanal  erbaut  worden.  Dieser  Kanal  war  ein
Erfordernis,  trotzdem  in  den  Jahren  1847—1854  die  Schleusen  des  Finow-  und  Friedrich-Wilhelmskanals
  umgebaut  und  der  Kanal  hierdurch  leistungsfähiger  gestaltet  worden  war.
Der  Oder-Spreekanal  gestattet  das  Passieren  von  Fahrzeugen  von  300  bis  400  t  Tragkraft. ­
  Der  Verkehr  auf  diesem  Kanal  hat  sich  innerhalb  weniger  Jahre  verfünffacht,  so
daß  bereits  im  Jahre  1895  eine  Verbreiterung  dieser  Wasserstraße  in  Angriff  genommen
werden  mußte.
Der  Dortmund-Emskanal  ist  bestimmt,  das,  was  dem  an  Schätzen  der  mannigfachsten
Art  reichen  westfälischen  Lande  von  der  Natur  versagt  worden  ist,  zu  ersetzen.  Immer
dringender  trat  mit  dem  gewaltigen  Emporblühen  der  Kohlen-  und  Eisenindustrie  das  Bedürfnis ­
  nach  künstlichen  Wasserwegen  hervor.  Durch  grüne  Wieseuthäler  und  grasreiche  Auen
        <pb n="471" />
        m

Deutschlands  Schiffahrtskanäle.

491

zieht  sich  der  Kanal  dahin,  vielfach  begrenzt  von  Eichen-  und  Buchenwaldungen  und  überspannt ­
  von  zahlreichen  Brücken  und  Viadukten.  Die  Zweigstrecke  nach  Dortnumd  steht  mit  dem
Hauptkanal  durch  das  bereits  beschriebene  Hebewerk  bei  Heurichenburg  in  Verbindung.  Auch
der  Gedanke,  eine  Wasserstraße  von  Westfalen  nach  der  deutschen  Küste  zu  schaffen,  hat  eine
lange  Geschichte,  die  bis  auf  die  Zeiten  Friedrichs  des  Großen  zurückreicht.  Bei  Ausstellung
des  Kanalprojektes  war  die  Aufgabe  zu  berücksichtigen,  einen  Teil  des  bisher  über  holländische
Häfen  gehenden  Exportes  und  Importes  den  deutschen  Häfen  zuzuführen  und  namentlich
die  rheinisch-westfalische  Kohle  der  englischen  gegenüber  in,  deutschen  Küstengebiet  konkurrenzfähig ­
  zu  machen.  Der  in  der  „Denkschrift  über  die  geschäftliche  Lage  der  preußischen  Kanalprojekte" ­
  vom  30.  Januar  1882  enthaltene  Gedanke,  durch  Kanäle  den  Rhein  mit  den
Emshäfen  und  weiter  mit  der  Elbe  und  durch  den  Elb-Travekanal  und  den  Kaiser  Wilhelmskanal ­
  mit  der  Ostsee  in  Verbindung  zu  setzen,  ist  zwar  vorläufig  noch  nicht  zur  Ausführung
gekommen,  doch  wird  die  Schaffung  der  Wasserstraße  von  Dortmund  nach  der  unteren  Ems
mit  Recht  als  ein  wichtiges  Glied  dieses  Zukunftsprojektes  betrachtet.
Der  Kanal  beginnt  in  einem  größeren  Hafen  bei  Dortmund  und  zieht  sich  über  Lüdinghausen, ­
  Münster,  Bevergern,  Lingcn,  Meppen,  Papenburg  nach  Emden.  Von  Meppen  bis
Papenburg  ist  der  Kanal  im  Enisbett  selbst  geführt.  Von  Papenburg  bis  Oldersum  wird
die  freie  Ems  benutzt,  die  aus  dieser  Strecke  sowohl  der  See-  wie  der  Kanalschiffahrt  dient.
Bon  Oldersum  bis  Emden  führt  ein  Seitenkanal.  Die  Länge  der  neuen  Wasserstraße  von
Herne  bis  zur  Emder  Sceschleuse  beträgt  282,8  km,  der  Zweigkanal  Henrichenburg-Dortmund
hat  eine  Länge  von  10,ss  km.
Der  Elb-Travekanal  erstreckt  sich  von  Lauenburg  a.  d.  Elbe  bis  zum  Hafen  von
Lübeck.  Die  Länge  betrügt  61  km.  Die  Gcsanitbaukosten  sind  zu  23554000  Mark  veranschlagt.
Durch  den  Mittellandkanal  soll  der  Rhein  mit  der  Weser  und  der  Elbe  verbunden
werden.  Die  Baukosten  sind  früher  zu  162000000  Mark  und  neuerdings  zu  192000000  Mark
veranschlagt  worden.  Das  Projekt  hat  bis  jetzt  nicht  die  Zustimmung  des  Preußischen  Landtages ­
  gefunden.
Die  für  die  neueren  deutschen  Kanäle  aufgewandten  Summen  sind  zum  Teil  sehr
bedeutende.  So  betrugen  beispielsweise  die  Kosten  des  Oder-Spreekanals  12  600000  Mark,
des  Dortmund-Emskanals  79430000  Mark.  Nach  der  neuen  Kanalvorlage  sollen  die
Kosten  des  Elbe-Rheinkanals  mit  241033  700  Mark,  des  Großschiffahrtsweges  Berlin-Stettin
  mit  40  000  000  Mark  und  des  Masurischen  Kanals  mit  30  000  000  Mark
bewilligt  werden.
Deutschland  besitzt  nur  wenige  Kanäle,  die  große  Verbindungen  herstellen.  Die
bedeutenderen  Kanäle  des  Deutschen  Reiches  sind  nachstehend  angeführt.

Länge  in  km

Ludwigskanal
Salinenkanal
Saar-Kohlenkanal  .  .  .
Rhein-Marnekanal  (Gesamtlänge  320  km)
Breuschkanal
Rhein-Rhönekanal  (Gesamtlänge  322  km)
Hadeln-  und  Geestekanal
Ostsee-Harnmekanal
Störkanal
Friedrich-Franzkanal
Jhlekanal  .  .  .
Plaueschcr  Kanal
Havelländischer  Hauptkanal  und  Niederneucndorfer  Kanal  .
Rhinkanal
Fehrbelliner  Kanal
Ruppiner  Kanal
Werbelliuer  Kanal
Finowkanal  ■  •  •  •
Rottekanal  (einschl  der  Seestreckem
Storkowkanal  (einschl.  der  Scestrccken)
Berlin-Spandauer  Kanal
Friedrich-Wilhelmkanal  ...
Grödel-Elsterwerdakanal
Klodnitzkanal
Bromberger  Kanal  .  .  .  .
Weichsel-Haffkanal
Elbing-Obcrländischer  Kanal  (einschließlich  der  Seestrecken)
Großer  Fricdrichsgrabcn,  Deime-Seckcnburger  Kanal  .  .
Sechtenburger  Kanal

176
35
64
107
20
134
52
16
10

30
33
90
97
17
15
11
58
22
23
12
23
16
46
26
20
137
104
12
        <pb n="472" />
        492

Schiffahrtskanäle.

Länge  in  km
König-Wilhelmkanal  25
Oder-Spreekanal  87
Dortmund-Emskanal  mit  Abzweigung  nach  Herne  ....  293
Elbe-Travekanal  67
Rostock-Güstrowkanal  36
Ems-Jadekanal  73
Hunte-Emskanal  mit  Seitenkanälen  65

Wie  außerordentlich  in  fast  allen  Teilen  der  Erde  der  Verkehr  zugenommen  hat  und
wie  dementsprechend  demselben  immer  neue  verbesserte  und  leistungsfähigere  Wege  zn
öffnen  sind,  zeigt  in  anschaulicher  Weise  auch  eine  Betrachtung  der  holländischen  und
belgischen  Kanäle.
Amsterdam  war  bis  zum  Anfang  der  90  er  Jahre  mit  dem  Rhein  durch  3  Wasserstraßen
  verbunden:  1.  durch  den  Zuider  See  und  die  Geldersche  Issel,  2.  durch  die  Vecht
über  Utrecht  und  den  Zederikkanal  und  die  Merwede,  3.  durch  die  Amstel  über  Ter  Aar,
die  holländische  Issel  und  die  Maas.
Um  eine  viel  leistungsfähigere  Wasserverbindung  zu  schaffen  und  um  Amsterdam
den  verlorenen  Zwischenhandel  mit  dem  Hinterlande  wieder  zurückzuerobern,  trat  die
holländische  Regierung  der  Ausführung  des  schon  lange  geplanten  Kanals  von  Amsterdam
nach  dem  Rhein  näher.  Nach  Erbauung  des  Kanals  von  Amsterdam  und  Regulierung
der  Merwede  und  des  Waal  ist  der  Verkehr  mit  dem  Rheinlande  ganz  außerordentlich
gestiegen.  Der  genannte  Kanal  geht  über  Utrecht  und  mündet  bei  Gorinchem  in  die
Merwede,  einen  Hauptarm  der  Maas.  Seine  Baukosten  betrugen  20  Millionen  Mark.
Auch  für  die  Blüte  Rotterdams  bilden  naturgemäß  die  Wasserstraßen  einen  sehr  wesentlichen ­
  Faktor.  Mit  dem  Meere  steht  Rotterdam  durch  eine  künstlich  geschaffene  neue
Maasmündung  und  durch  den  Durchstich  des  Hoek  von  Holland  in  Verbindung.  Als
schiffbare  Wasserstraßen  im  Jnlande  kommen  in  Betracht  die  Kanäle:  1.  nach  Delft-Haag-Leiden-Haarlem-Amsterdam
  (Schie,  Leidsche  Trekvaart,  Noordzeekanaal),  2.  nach  Gonda-Amsterdam
  (Nieuwe  Maas,  Hollandsche  Issel,  Gouwe,  Aal,  Amstel),  3.  nach  Arnheim-Emmerich
  (Nieuwe  Maas,  Lek,  Neder  Rijn,  Pannerdeusche  Kanaal,  Rhein),  4.  nach
Dordrecht,  Nijmegen-Emmerich  (Nieuwe  Maas,  Noord,  Merwede,  Waal,  Rhein),  5.  nach
Lüttich  (Nieuwe  Maas,  Merwede,  Waal,  Maas),  6.  nach  Antwerpen  (Nieuwe  Maas,
Noord,  Hollandsche  Diep,  Vvlkerak,  Schelde).  Bon  diesen  Kanälen  werden  mit  Seeschiffen ­
  befahren:  der  Wasserweg  Nieuwe  Maas,  Lek-Neder-Rijn-Rhein  bis  Köln  (Tiefgang ­
  bei  voller  Ladung  und  günstigem  Wasserstande  3,5  in).
Von  den  belgischen  Kanälen  sind  zn  nennen:  1.  Kanäle  zwischen  Schelde  und
Maas  (Hansweertkanal,  Kanal  von  Walcheren,  Maas-Scheldekanal,  Lüttich-Maestricht-Antmerpen).
  2.  Die  Kanäle  zwischen  Schelde  und  Sambre  (die  Rüpel,  Kanal  von
Willebroeck,  Kanal  von  Charleroi).  3.  Die  Kanäle  zwischen  Schelde  und  dem  französischen
Kanalnetz  (die  Dendre  und  der  Kanal  von  Blaton  nach  Athi,  die  Lys  mit  dem  Kanal
von  Bossuht  nach  Courtrai,  der  Mons-Condekanal).  Der  bedeutendste  Kanal  Begiens  ist
der  Canal  du  Centre,  der  sich  von  La  Louviere  bis  Mons,  südlich  von  Brüssel,  erstreckt. ­
  In  La  Louviere  verbindet  er  sich  mit  dem  Charleroi-Brüsseler  Kanal,  in  Mons
mündet  der  Canal  du  Centre  in  den  alten  Mons-Condekanal  ein.  Der  von  Charleroi
nach  Brüssel  führende  Schiffahrtskanal  hat  ein  größeres  Profil  erhalten.  Die  Länge  des
Canal  du  Centre  benannten  Wasserwegs  ist  21  km,  dessen  hervorragendstes  Bauwerk  das
Hebewerk  von  La  Louviere  (Abb.  487)  ist.
Von  den  in  außereuropäischen  Ländern  in  neuerer  Zeit  geschaffenen  Kanalbauten
möge  hier  noch  des  Biwaseekanals  oder  des  Kanals  von  Kioto-Tu  in  Japan  Erwähnung ­
  gethan  werden.  Bereits  im  12.  Jahrhundert  wurde  ein  Kanal  von  dem  Biwasee
nach  der  Bai  von  Osaka  projektiert,  das  Werk  wurde  jedoch  erst  1885  in  Angriff  genommen ­
  und  im  Jahre  1890  beendigt.  Der  Biwasee  ist  der  größte  See  Japans.  Er
besitzt  eine  Größe  von  1280  qkm  und  liegt  84  m  über  dem  Meeresspiegel.  Die  Länge
des  Kanals  ist  nur  11  Irrn.  Sein  Hauptzweck  ist  die  Gewinnung  größerer  Wasserkräfte,
doch  dient  der  Kanal  auch  dem  Schiffsverkehr  mittels  kleiner  Boote.  In  die  Kanalführung
ist  eine  geneigte  Ebene  von  550  m  Länge  und  einem  Gesamtgefälle  von  35  in  ein-
        <pb n="473" />
        494  Schiffahrtskanäle.

geschaltet.  Von  der  Schleuse  bei  dem  Kanalausgang  aus  dem  Biwasee,  sowie  von  dem
Eingang  des  Kanaltunnels  gibt  Abb.  492  eine  Ansicht.
Mechanischer  Schleppzug  auf  den  Kanälen.  Auf  die  scharfe  Konkurrenz
zwischen  Eisenbahnen  und  Schiffahrtsstraßen  ist  bereits  wiederholt  hingewiesen  worden.
Dieser  Kampf  hat  dazu  geführt,  alle  Sinne  anzustrengen,  um  auch  die  Leistungsfähigkeit
der  Kanäle  möglichst  zu  erhöhen.  Diesen  Bestrebungen  ist  die  Entstehung  der  Hebewerke
und  der  Schiffseisenbahn  zu  verdanken,  wie  denselben  auch  alle  jene  Vorrichtungen  entsprungen ­
  sind,  welche  die  Bedienung  der  Schleusen  beschleunigen  (mechanische  Bewegungsvorrichtung ­
  der  Thore  und  Umläufe  rc.).  Eine  Aufgabe,  deren  Lösung  in  besonderem
Maße  zu  einer  Erhöhung  der  Leistungsfähigkeit  der  Kanäle  beitragen  wird,  ist  die  Ausbildung ­
  des  mechanischen  Schleppzuges.  Wenn  diese  Bestrebungen  auch  noch  nicht
zu  einem  vollständigen  Erfolge  geführt  haben,  so  haben  sie  doch  bereits  sehr  gute  Ergebnisse ­
  gezeitigt.
Man  hat  natürlich  auf  den  Kanälen  seit  langem  von  Schleppdampfschiffen  Gebrauch
gemacht;  ihr  Benutzung  hat  jedoch  den  Übelstand  im  Gefolge,  daß  durch  die  von  ihnen
verursachten  Wellen  die  Kanalufer  stark  angegriffen  werden.  Auch  die  Tauerei  ergab
nicht  vollständig  befriedigende  Ergebnisse,  weshalb  man  das  Augenmerk  auf  die  Erfindung
neuerer  Konstruktionen  gerichtet  hat.  Gegenwärtig  stehen  verschiedene  Methoden  der
Schiffszüge  auf  Kanälen  im  Vordergrund.  Da  ist  erstlich  der  Seilzug  mittels  eines
endlosen  Seils.  In  Deutschland  sind  mit  einem  solchen  Wanderseil,  an  welchem  die
einzelnen  Schiffe  angehängt  werden,  am  Oder-Spreekanal,  in  Frankreich  am  Kanal  von
St.  Maur  und  St.  Maurice  Versuche  gemacht  worden.  Bei  den  letzteren  Versuchen  hat
sich  ergeben,  daß  das  Wanderseil  leicht  von  den  Leitwellen  abgleitet,  namentlich  tritt  dieses
häufiger  in  den  Kurven  ein.
Ein  anderes  Verfahren  ist  der  Seilzug  mittels  eines  besonderen  Motors.
Als  Kraftquelle  findet  hierbei  ausnahmslos  die  Elektrizität  Anwendung.  Der  erste  Versuch ­
  eines  elektrischen  Schiffszugs  wurde  bereits  im  Jahre  1838  von  Prof.  Jacobi  in
Königsberg  angestellt,  hatte  jedoch  keine  praktischen  Ergebnisse.  Erst  das  letzte  Jahrzehnt
förderte  das  Problem  einen  wesentlichen  Schritt.
An  einigen  amerikanischen  Kanälen  hat  das  System  Lamb  Verwendung  gefunden.
Hierbei  stehen  an  dem  Ufer  entlang  Holzmaste  mit  Querarmen;  der  obere  Arm  trägt
das  Tragkabel,  der  untere  das  Zugkabel.  Auf  dem  ersten  Seil  läuft  an  einem  mit  Rollen
versehenen  Traggestell  der  elektrische  Motor.  Das  untere  Seil  ist  um  eine  Seilscheibe
gewickelt,  die  mittels  Zahnrad  und  Schneckenübersetzung  von  dem  Motor  angetrieben  wird.
Das  Schiff  wird  mittels  eines  Seiles  an  den  Motorapparat  befestigt.  In  Frankreich
benutzt  man  zn  dem  elektrischen  Schiffszug  das  sogenannte  „elektrische  Pferd"  oder  den
„elektrischen  Schlepper",  einen  Motorwagen,  der  nicht  auf  Schienen  läuft.  Das  Schleppergestell ­
  ruht  auf  drei  Rädern,  das  Vorderrad  wird  durch  den  Führer  gesteuert,  die  Stromzuführung ­
  erfolgt  in  ähnlicher  Weise  wie  bei  den  elektrischen  Straßenbahnwagen.
Das  von  der  weltbekannten  Firma  Siemens  &amp;amp;  Halske  ausgebildete  System
Köttgen  besteht  in  der  Benutzung  kleiner  Lokomotiven,  die  sich  auf  einem  am  Ufer  verlegten ­
  Geleise  bewegen  (Abb.  493);  die  Stromzuführung  erfolgt  durch  eine  auf  dem  Kontaktdraht ­
  gleitende  Rolle  mit  Rute.  An  diese  Lokomotive  wird  das  zu  ziehende  Schiff
befestigt.  Die  Zuggeschwindigkeit  beträgt  4  bis  5  km.  in  der  Stunde.
Serkimräle.
Die  verhältnismäßige  Kleinheit  der  meisten  antiken  Seeschiffe  gestattete  denselben,
weit  in  das  Landinnere  vorzudringen  und  auch  viele  der  vorhandenen  Binnenschiffahrtskanäle ­
  zn  benutzen.  Die  Abmessungen  der  Schiffe  der  Neuzeit  sind  dagegen  so  kolossal,
namentlich  ist  deren  Tiefgang  ein  so  bedeutender,  daß  gewöhnliche  Schiffahrtskanäle  von
ihnen  nicht  passiert  werden  können.  Die  großen  Vorzüge  des  Schiffsverkehrs  haben  im
Lause  der  Zeit  immer  mehr  den  Wunsch  hervortreten  lassen,  auch  für  die  Seeschiffe  dort,
wo  die  Natur  ihnen  die  Welt  versperrt  hat,  gewaltsam  einen  künstlichen  Weg  zu  schaffen.
Dank  der  im  Vergleich  zu  früheren  Zeiten  außerordentlichen  Hebung  der  wirtschaft-
        <pb n="474" />
        Seekanäle.

495

Itdjert  Verhältnisse,  sowie  der  großen  Vervollkommnung  der  Baumaschinen  verschiedenster
Art  (wie  Naß-  und  Trockenbagger  (Exkavatoren^,  Saugbagger  u.  s.  w.)  ist  es  der  modernen
Jngenieurtechnik  möglich  gewesen,  bedeutende  Schöpfungen  dieser  Art  hervorzubringen,
die  mit  zu  deren  interessantesten  Leistungen  zu  rechnen  sind.  Ein  näheres  Eingehen  verdienen ­
  insbesondere  der  Suezkanal,  der  Manchester  Schiffskanal,  der  Kaiser  Wilhelmkanal,
der  Kanal  von  Korinth  und  der  Seekanal  von  St.  Petersburg  nach  Kronstadt.  Außerdem
sind  zu  nennen  der  bereits  früher  erwähnte  Amsterdamer-Nordseekanal  bei  Imuiden,  der
Panamakanal,  sowie  die  Projekte  eines  Nicaraguakanals  und  eines  Kanals  zur  Verbindung
des  Firth  of  Forth  mit  dem  Firth  of  Clyde  in  Schottland.  Auch  die  kühnen  Projekte,
Brüssel  und  Gent  zu  Seehäfen  zu  machen,  verdienen  hier  Erwähnung,  wie  nicht  minder
der  Gedanke,  die  Hauptstädte  Frankreichs  und  Italiens  durch  Seekanäle  mit  dem  Meere
zu  verbinden.  Des  Projektes  eines  Seekanals  von  Berlin  ist  oben  bereits  gedacht  worden.
Die  Verwirklichung  mancher  dieser  hochfliegenden  Pläne,  wie  nicht  minder  das  Projekt
zur  Verbindung  des  Atlantischen  Ozeans  mit  dem  Mittelmeer  auf  der  Linie  Bordeaux-494.

  Kchaufrltroiiirnbaggrr.

Toulouse-  Narbonne  wird  jedoch  noch  längere  Zeit  auf  sich  warten  lassen.  Der  Seekanal
von  Rom  würde  eine  Länge  von  20  km  erhalten.  Die  Kosten  des  Kanals,  durch  welchen
Paris  zum  „port  de  mer“  umgewandelt  werden  soll,  sind  zu  2000  Millionen  Frank
veranschlagt.  Billiger  ist.  das  Projekt,  Brüssel  für  Seeschiffe  erreichbar  zu  machen.  Ter
27  Ion  lange  Kanal  ist  zu  13,5  Millionen  Frank  veranschlagt.
Brüssel  liegt  an  dem  kleinen  Flüßchen  Senne,  einem  Zuflusse  der  Dyle,  die  Dylc  fließt
nach  ihrer  Vereinigung  mit  dem  Ncthe  als  Rüpel  in  die  Schelde.  Die  Senne  ist  ein  Wasserlauf ­
  von  schwachem  Gefälle,  in  dein  sich  aber  die  Gezeiten  noch  bedeutend  bemerkbar  machen.
Dadurch  ist  es  schon  gegenwärtig  für  kleine  Boote  möglich,  mit  der  Flut  von  der  Schelde  ans
bis  Brüssel  zu  gelangen  und  umgekehrt  mit  der  Ebbe  den  Rückweg  anzutreten.  Somit  wäre
ein  gewisser  Wasserverkehr  bereits  von  der  Natur  ermöglicht,  wenn  nicht  die  Senne  ein  recht
launenhaftes  Wasser  wäre,  das  nicht  nur  abwechselnd  an  starken  Überschwemmungen  und  an
Austrocknung  leidet,  sondern  auch  durch  die  zahlreichen  Windungen  die  Schiffahrt  erschwert.
Schon  früh  tauchte  daher  der  Plan  auf,  diese  natürliche  Wasserstraße  durch  eine  künstliche  zu
ersetzen.  In  der  ersten  Hälfte  des  16.  Jahrhunderts  wurde  der  Bau  eines  Kanals  zur
direkten  Verbindung  von  Brüssel  mit  dem  Rüpel  beschlossen  und  von  Kaiser  Karl  V.  im
Jahre  1531  genehmigt.  Die  Arbeiten  wurden  jedoch  erst  im  Jahre  1550  begonnen  und
1561  vollendet.  Anfangs  war  dieser  Kanal,  der  älteste  Belgiens,  am  Boden  nur  8  bis
10  in  breit  und  noch  nicht  2  m  tief,  später  wurde  er  erweitert  und  vertieft,  so  daß  seine
Breite  gegenwärtig  15  in,  seine  Tiefe  3,20  in  und  seine  Länge  28  Irin  beträgt.  Er  schließt
sich  in  Brüssel  an  den  Endpunkt  des  Kanals  von  Charleroi  an,  verfolgt  das  linke  User  der
        <pb n="475" />
        Seekanäle.

496

Senne  auf  eine  Strecke  von  etwa  10  km  und  mündet  bei  dem  Orte  Klein-Willebroeck,  von
dem  er  den  Namen  des  Kanals  von  Willebroeck  erhalten  hat,  in  den  Rüpel.  An  der  Vereinigungsstelle ­
  mit  dem  Kanal  von  Charleroi  bei  Brüssel  befinden  sich  5  znr  Einfahrt  und
als  Hasen  dienende  Bassins.  Das  Gefälle  von  etwa  15  m  zwischen  diesen  Bassins  und  dem
Rüpel  bei  Niedrigwasser  wird  durch  5  Schleusen  überwunden.  Dieser  Kanal  hat  trotz  seiner
geringen  Tiefe  bereits  eine  große  Bedeutung  gewonnen  und  im  Jahre  1897  einen  Warentransport ­
  von  1600  000  1  vermittelt.  Nunmehr  soll  dieser  Wasserweg  auch  für  Seeschiffe
fahrbar  gemacht  werden,  und  es  hat  sich  nach  Abschluß  der  Verhandlungen  zwischen  Staat,
Provinz  und  Stadtgemeinde  eine  „Anonyme  Gesellschaft  für  den  Kanal  und  die  Seehafeneinrichtungen ­
  von  Brüssel"  gebildet.  Der  Stadt  hat  10,4,  die  Provinz  Brabant  14 1 /2  und
die  Stadt  Brüssel  mit  ihren  Vororten  5  Millionen  Frank  bewilligt,  so  daß  das  Gesamtkapital ­
  der  Gesellschaft  sich  auf  33^2  Millionen  Frank  beläuft.  Die  Statuten  sind  durch
königliche  Erlasse  genehmigt,  und  die  Verwaltung  wird  von  7  durch  die  verschiedenen  beteiligten ­
  Faktoren  erwählten  Mitgliedern  geleitet.
Gegenwärtig  ist  dieser  Verwaltungsrat  mit  der
Enteignung  der  für  die  Kanalanlage  notwendigen
Grundstücke  beschäftigt,  und  man  erwartet  den
Beginn  der  eigentlichen  Arbeiten  schon  für  die
nächste  Zukunft  Der  neue  Kanal  wird  fast  auf
seiner  ganzen  Strecke  den  heutigen  Kanal  von
Willebroeck  benutzen,  dessen  Breite  18  m  und
dessen  Tiefe  auf  5 1 /,,  m  gebracht  werden  sollen,
später  soll  die  Tiefe  bis  6'/.,  m  gesteigert  werden.
Die  Hafenanlagen  in  Brüssel  werden  eine  gänzliche ­
  Umgestaltung  erfahren.  Zunächst  wird  ein
Hauptbassin  angelegt  werden  mit  einer  Fläche
von  11 1  /2  da  und  einer  Tiefe  von  5 1  /. 2  m.
In  dem  Seekaual  von  Heyst  nach  Brügge,
der  alten  Seehandelsstadt,  hat  Belgien  ein  zweites ­
  Werk  dieser  Art  aufzuweisen.  Die  Länge
dieser  künstlichen  Wasserstraße  beträgt  11  km.
Der  Querschnitt  hat  eine  Breite  von  22  m  au
der  Sohle  und  70  m  in  der  Wasserfläche  bei
einer  Tiefe  von  6,15  m.

Chicagoer  Haupt  Entwässert;  nos  Kanal.

~ T 77777777fy_

Kaiser  Wilhelm  Kanal.

Nordsee  und  Amsterdam  Kanal,

777777}

rifrrfT*

■*L  9,00'
k  2*t&amp;gt;0Q—^
Panama  Kanal.

22  60^

K—21,
Kanal  von  Korinth.
495.  fflncrfdjjiitt*  der  Scckaniitr.

Der  Kanal  von  Suez.  In  dem  Vorangegangenen ­
  haben  bereits  die  Bestrebungen
des  Altertums  zur  Schaffung  einer  Verbindung
des  Mittelländischen  Meeres  mit  dem  Roten
Meer  und  die  wechselvollen  Schicksale  der  geschaffenen ­
  Verbindungen  Erwähnung  gefunden.
Erst  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts
tauchte  wiederum  der  Gedanke  an  einen  solchen
Kanal  auf  und  zwar  bei  Gelegenheit  der  französischen ­
  Expedition  unter  Napoleon  Bonaparte
nach  Ägypten.  Die  unter  großen  Beschwerden
und  ständigen  Gefahren  von  den  französischen
Ingenieuren  ausgeführten  Nivellements  hatten
das  sonderbare  Ergebnis,  die  Höhenlage  des
Roten  Meeres  zu  10  m  über  dem  Meeresspiegel  des  Mittelländischen  Meeres  zu  bestimmen, ­
  ein  Resultat,  das  jedoch  nicht  der  Wirklichkeit  entspricht.  Im  Jahre  1846  ließ
eine  Gesellschaft  von  Franzosen,  Engländern  und  Österreichern  Vermessungen  vornehmen,
deren  Leitung  in  den  Händen  des  berühmten  Stephenson  lag,  der  gegen  die  Ausführung  des
Kanals  Bedenken  erhob.  Politische  Gründe  und  Eifersüchteleien  zwischen  Frankreich  und
England  ließen  die  Sache  nicht  vorwärts  kommen.  Linant  de  Bellefonds  führte  abermals
eine  Nivellierung  des  Isthmus  aus,  welche  die  Ausführbarkeit  des  Projekts  außer  Zweifel
setzte.  Ferdinand  von  Lesseps,  damals  französischer  Vizekonsul  in  Alexandria,  ist  es  zu
danken,  daß  fortan  der  Gedanke  an  die  Herstellung  dieses  wichtigen  internationalen  Verbindungsweges ­
  nicht  mehr  fallen  gelassen  wurde  und  daß  das  Werk  auch  thatsächlich
seine  Verwirklichung  fand.  Mit  Recht  hat  ein  geistreicher  Seefahrer  den  Ausspruch  gethan: ­
  „Christoph  Kolumbus  hat  einen  Seeweg  nach  Indien  gesucht,  Vasco  de  Gama
hat  ihn  gefunden,  Ferdinand  von  Lesseps  aber  hat  einen  solchen  geschaffen".
        <pb n="476" />
        JCalÜ/Zu

mafihiet

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SUEZ-KANAL

und  seine

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        500

Seekanäle.

Es  hat  keinen  Wert  mehr,  auf  die  Kämpfe  einzugehen,  die  von  Lesseps  zu  führen
waren,  um  das  gewaltige  Unternehmen  zu  einem  glücklichen  Ende  zu  bringen.  Nachdem
am  5.  Januar  1856  die  Konzession  zum  Bau  erteilt  war,  begannen  am  22.  April  1859
die  Arbeiten.  Nach  und  nach  waren  20  000  Fellahs  im  Frondienste  auf  der  ganzen
Strecke  beschäftigt.  Durch  die  im  Jahre  1864  erfolgte  Abschaffung  der  Fronarbeit
wurde  eine  Änderung  in  der  Arbeitsweise  nötig.  An  die  Stelle  des  Spatens  und  Schiebkarrens ­
  traten  nun  mächtige  Arbeitsmaschinen,  Bagger,  Exkavatoren  und  Ablademaschinen,
die  alle  durch  Dampfmaschinen  getrieben  wurden,  deren  gesamte  Leistungsfähigkeit
10  000  Pferdestärken  betrug.  Heute,  wo  die  Verwendung  derartiger  Maschinen  eine
allgemeine  ist,  haben  die  damaligen  Leistungen  etwas  von  ihrem  Glanze  eingebüßt,  und
doch  verdienen  sie  in  vollem  Umfange  den  Ruhm,  deu  sie  einst  genossen,  und  das  Aufsehen, ­
  das  sie  erregten.  Nicht  nur  die  neue  Arbeitsmethode,  sondern  vor  allem  die
klimatischen  Verhältnisse  bereiteten  außerordentliche  Schwierigkeiten.  Die  Versorgung
der  Arbeitermassen  mit  Wasser  und  Nahrungsmitteln,  mit  Obdach  und  den  sonstigen
Bedürfnissen  verursachte  zahlreiche  Mühen,  und  nicht  leicht  war  es,  eine  Abwehr  gegen
die  epidemischen  Krankheiten  zu  finden.  1600  Kamele  waren  nötig,  um  täglich  das  erforderliche ­
  Trinkwasser  für  die  im  Beginn  der  Arbeit  beschäftigten  20  000  Arbeiter
herbeizuschaffen.  Um  dem  Wassermangel  ein  für  allemal  wirksam  abzuhelfen,  wurde  ein
Süßwasserkanal  vom  Nil  bis  zum  Isthmus  hergestellt,  an  welchem  Werk  15000  Menschen
2  Jahre  lang  thätig  waren.  Die  an  die  Stelle  der  Fellahs  getretenen  Arbeiter  stammten
aus  Südeuropa  und  der  Levante  und  waren  in  hohem  Grade  durch  Seuchen  gefährdet.
Zu  den  technischen  Schwierigkeiten  und  den  sonstigen  Verwaltungssorgen  kamen  namentlich
finanzielle  hinzu  und  brachten  das  Unternehmen  beinahe  dem  Stillstand  nahe.  Mit
großem  Geschick  und  zäher  Ausdauer  gelang  es  Lesseps  jedoch  immer  wieder  von  neuem,
die  Schwierigkeiten  aus  dem  Wege  zu  räumen.  Am  16.  November  1869  wurde  in
Gegenwart  zahlreicher  Fürsten  und  zahlreicher  Abgesandter  aller  Nationen  sowie  im  Angesicht ­
  von  über  30  000  Teilnehmern  aus  allen  Erdteilen  die  festliche  Eröffnung  des
Kanals  vollzogen.
Der  Kanal  erstreckt  sich  von  der  an  seinem  Nordende  liegenden  Hafenstadt  Port
Said  bis  Suez  an  seinem  Südende.  An  ersterem  Orte  hat  man  durch  zwei  2500  m  in
das  Meer  hinausreichende  künstliche  Dämme,  Molen,  einen  guten  Hafen  gebildet,  der  mit
allen  Erfordernissen  eines  solchen  Platzes  ausgestattet  ist,  und  woselbst  sich  die  Agenturen
der  großen  Dampfergesellschaften,  Konsulate,  Post-  und  Telegraphenämter  befinden.  Von
Port  Said  führt  der  Kanal  zwischen  künstlichen  Dämmen  durch  den  Mensalehsee,  durchsticht ­
  dann  die  Bodenschwelle  El  Käntara  (d.  h.  die  Brücke),  geht  durch  den  kleinen  Ballahsee
und  weiter  südlich  durch  die  Schwelle  El  Gisr,  woselbst  bedeutende  Durchstiche  nötig
waren.  Der  Kanal  tritt  alsdann  in  den  Timsah-  oder  Krokodilsee  ein.  In  diesem  und
in  dem  Bittersee  sind  keine  Dämme  geschüttet;  die  Route  ist  durch  Seezeichen  kenntlich
gemacht.  Das  schwierigste  Stück  der  ganzen  Anlage  folgt  bei  Tussum,  vor  dem  Bittersee.
Die  Ausdehnung  des  Bittersees  ist  so  bedeutend,  daß  man  das  jenseitige  Ufer  nicht  zu
erkennen  vermag.  An  der  Ein-  und  Ausfahrt  stehen  Leuchttürme.  Der  Kanal  durchzieht
alsdann  die  Schwelle  Schaluff,  tritt  dann  in  den  Bereich  von  Ebbe  und  Flut  des  Roten
Meeres  und  erreicht  dieses  bei  Suez,  woselbst  die  Kanalrinne  noch  4  km  weit  in  das
Meer  fortgesetzt  ist.
Die  durchschnittliche  Tiefe  des  Suezkanals  beträgt  gegenwärtig  9  m,  während  sie
anfänglich  nur  7 1 /»  m  war.  Die  Wasserbreite  schwankt  zwischen  50  und  100  in.  Für
das  Begegnen  der  Schiffe  waren  zahlreiche  Ausweichungen  angelegt,  doch  haben  sich  dieselben ­
  nicht  als  ausreichend  erwiesen,  so  daß  das  Kanalprofil  im  Laufe  der  Jahre,  und
zwar  während  der  Kanal  in  Benutzung  war,  erweitert  worden  ist.  Diese  Erweiterungsarbeiten ­
  begannen  im  Frühjahr  1884.
Die  Bedeutung  des  Suezkanals  ist  eine  sehr  große,  durch  ihn  ist  die  Verbindung
mit  Ostasien  und  Australien  ganz  außerordentlich  abgekürzt  und  zwar  für  die  Schnelldampfer ­
  um  15  bis  22,  für  die  gewöhnlichen  Frachtschiffe  um  27  bis  40  Tage.  Die
Differenz  des  Seeweges  um  das  Kap  der  guten  Hoffnung  nach  Bombay  gegen  die  Kanalroute ­
  beträgt  z.  B.  für
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        Manchester  Seekanal.  501

Konstantinopel  10400  Seemeilen  London  .  6900  Sccnieilen
Marseille  ■  .  7900  „  Amsterdam  6900  „
Lissabon  .  .  6900  „  New  Uork  5900  „
Havre  .  .  .  7200  „
Dementsprechend  ist  im  Laufe  der  Jahre  die  Zahl  der  den  Kanal  passierenden  Schiffe
stetig  gewachsen.  Sie  betrug
1870  489  Schiffe  mit  435  900  Bruttotonnengchalt
1880  2026  „  „  4  344  520
1896  3409  „  „  8  560  283  Netto-Registertonnen
1897  2986  „  „  7  899  373  „
1898  3505  „  „  9  238  603  „
Der  Personenverkehr  betrug  1880  53  517,  1888  183  895,  1896  308  241  und
1897  191215  Reisende.
Der  Manchester  Seekanal.  Die  Bedeutung  des  Bridgewater-Kauals  für  das
gesamte  Kanalbauwesen  ist  bereits  klargelegt  worden.  In  den  fortschreitenden  Verhältnissen ­
  ist  es  begründet,  daß  heute  dieses  einst  so  gefeierte  Werk  seine  Bedeutung  einige. ­

  Drehbrücke  des  Manchester  Keekanals  bei  Darton.
gebüßt  und  durch  die  Schaffung  eines  Seekanals  zwischen  Liverpool  und  Manchester  in
den  Hintergrund  gedrängt  ist.  Es  gibt  ein  anschauliches  Bild  der  heutigen  Berkehrsverhältnisse, ­
  daß  der  neue  Kanal  trotz  des  Vorhandenseins  von  5  Eisenbahnlinien  und
zwei  Binnenschiffahrtsstraßen  zwischen  den  beiden  genannten  Städten  ins  Leben  gerufen
werden  konnte.  Der  Kanal  entsprang  dem  Umstande,  daß  die  Kaufleute  Liverpools
bestrebt  waren,  ihre  Konkurrenzfähigkeit  den  günstiger  gelegenen  Fabrikstädten  gegenüber
zu  erhalten,  und  wie  einst  bei  der  Entstehung  des  Bridgewater  Kanals,  so  war  auch  im
vorliegenden  Falle  das  geringe  Entgegenkommen  der  verschiedenen  Transportgesellschaften
das  Hauptmoment,  das  zur  Schaffung  des  neuen  Verkehrsweges  den  Anstoß  gab.  Durch
den  Kanal  (Abb.  IIS.  34)  wird  Manchester  unter  Umgehung  von  Liverpool  direkt
dem  Seeverkehr  erschlossen.  Der  Kanal  mündet  bei  Eastham  in  den  Mersey.  Die
Sohlenbreite  beträgt  36,6  m,  die  normale  Wassertiefe  7,93  m.  Durch  5  Schleusen  wird
die  Differenz  des  Wasserspiegels  von  Manchester  bis  Eastham  überwunden.  Der  Kostenanschlag ­
  war  179  380000  Mark,  doch  hat  sich  derselbe  bei  weitem  als  nicht  ausreichend
erwiesen,  indem  die  Kosten  die  Höhe  von  fast  340  000  000  Mark  erreichten.
Die  Herstellung  des  Kanals,  ein  Werk  des  Ingenieurs  William  Leader,  bedingte
sehr  schwierige  und  daher  außerordentlich  kostspielige  Bauwerke.  Drei  den  Kanal  kreuzende
Eisenbahnlinien  mit  starkem  Verkehr  mußten  so  gehoben  werden,  daß  die  Schiffe  ungehindert ­
  durchfahren  können.  Für  den  Bridgewater-Kanal  war  ein  drehbarer  eiserner
Aquädukt,  ähnlich  den  Drehbrücken,  zu  erbauen,  der  in  Abb.  499  veranschaulicht  ist.
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        502

Seekanäle.

Wenn  der  Kanal  bisher  auch  Manchester  noch  nicht  alle  von  demselben  erhofften
Vorteile  gebracht  hat,  so  läßt  sich  doch  eine  Verkehrsentwickelung  in  aufsteigender  Linie
konstatieren.  Während  die  Zahl  der  in  Manchester  angekommenen  Schiffe  im  Jahre  1894
562  betrug,  ist  sie  für  das  Jahr  1897  auf  834  gestiegen  und  betrug  sogar  im  Jahre  1896
917.  Der  Raumgehalt  der  im  letzteren  Jahre  angekommenen  Schiffe  betrug  jedoch  nur
562  000  Registertonnen  gegen  585  000  Registertonnen  für  1897.
Der  Kaiser  Wilhelm-Kanal.  Der  Wunsch,  durch  eine  Durchstechung  der  die
Nord-  und  Ostsee  trennenden  Halbinsel  eine  kürzere  und  gefahrlosere  Wasserstraße,  als
sie  der  Weg  um  Skagen  bietet,  zu  erhalten,  läßt  sich  eine  lange  Reihe  von  Jahrhunderten
zurückverfolgen.  Der  Jetztzeit  war  es  vorbehalten  dieses  Streben  der  Erfüllung  entgcgenzuführen.
  Solange  der  mächtige  Städtebund  der  Hansa  die  Nord-  und  Ostsee  beherrschte,
machte  sich  dieser  Wunsch  weniger  geltend,  da  zu  jener  Zeit  weder  der  Seeweg  nach  Ostindien ­
  noch  nach  Amerika  entdeckt  war.  Damals  gelangten  die  Produkte  Asiens  und
Afrikas  nicht  auf  dem  Seewege  nach  den  Küstenländern  der  nordischen  Meere,  sondern
sie  wurden  diesen  über  Land  von  den  in  jenem  Zeitraum  besonders  blühenden  italienischen
Seestädten  zugeführt.  Die  oben'angeführten  bedeutenden  Entdeckungen  hatten  eine  gewaltige ­
  Umwälzung  auch  auf  dem  Gebiete  des  Transportwesens  im  Gefolge.  Die  bis
dahin  so  belebten  Straßen  von  Italien  über  die  Alpen  durch  Deutschland  nach  dem
Norden  verödeten.  Ein  ausgedehnter  überseeischer  Verkehr  entivickelte  sich  und  ließ  die
Hafenplätze  an  der  Nordsee  einen  großen  Aufschwung  nehmen,  während  gleichzeitig  die
Seestädte  der  beiden  abgeschlossenen  Meere,  der  Ostsee  und  des  Mittelländischen  Meeres,
in  ihrer  Bedeutung  zurückgingen.  Am  Ende  des  14.  Jahrhunderts  waren  zwar  die  Lübecker
bemüht,  durch  den  jetzt  dem  Elbe-Travekanal  zum  Opfer  gefallenen  Stecknitzkanal  eine
Verbindung  zwischen  Elbe  und  Trave  zu  schaffen,  und  es  kam  sogar  durch  die  Benutzung
der  Alster  und  Beste  schon  früher  eine  Wasserverbinduug  zwischen  Lübeck  und  Hamburg
zu  stände,  dennoch  glaubt  man  und  wohl  mit  Recht  hierin  nicht  den  Beweis  für  den
Wunsch  zur  Herstellung  eines  Nord-Ostseekanals  erblicken  zu  können.  Erst  unter
Christian  III.  von  Dänemark  (1533—1559)  wurde  eine  solche  Verbindung  geplant,  doch
kam  dieser  Gedanke  nicht  zur  Ausführung.  Christians  III.  Bruder,  Herzog  Adolf  I.
von  Schleswig-Holstein,  faßte  den  Plan,  unter  Benutzung  der  Eider  einen  Seekanal  zu
schaffen,  doch  fehlen  alle  Nachrichten  darüber,  was  mit  diesem  Plan  geschehen  ist.  Wallenstein ­
  beschäftigte  sich  nach  seiner  Ernennung  zum  „General  der  ganzen  Kaiserlichen  Schiffsarmada ­
  zu  Meer  wie  auch  des  Ozeanischen  und  Baltischen  Meeres"  eingehend  mit  dem
Gedanken  einer  Durchstechung  der  jütischen  Halbinsel,  wodurch  er  vornehmlich  der  in  den
Häfen  seines  Herzogtums  Mecklenburg  gebauten  und  versammelten  Flotte  einen  nicht  den
Angriffen  der  Dänen  und  Schweden  ausgesetzten  Weg  in  die  Nordsee  schaffen  wollte.
Auch  dieser  Plan  kam  nicht  zur  Durchführung.  Das  gleiche  gilt  von  den  Projekten  des
Herzogs  Friedrich  III.  von  Holstein-Gottorp  (1616—1659)  und  des  Königs  Christian  IV.
von  Dänemark.  Die  weitausschauenden  Absichten  Cromwells,  der  von  Wismar  aus  einen
Kanal  nach  dem  Schweriner  See  und  von  da  durch  die  Elde  nach  der  Elbe  schaffen  lassen
wollte,  teilten  das  Schicksal  der  früheren  Pläne.
In  der  zweiten  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts  plante  Lübeck  in  Gemeinschaft  mit
der  holländischen  Republik  eine  Verbreiterung  des  Stecknitzkanals,  um  diesen  Seeschiffen
zugänglich  zu  machen,  doch  scheiterte  dieses  Projekt  an  dem  Widerstande  des  Herzogs  von
Lauenburg.  Nachdem  die  Idee  eines  Nord-Ostseekanals  ein  Jahrhundert  lang  geschlummert
hatte,  sollte  sie  endlich  ihre  Verwirklichung  finden.  Am  11.  Mai  1774  wurde  eine
„Kanalsausführungskommission"  in  Kiel  zusammen  berufen.  Unter  der  Leitung  des
Generalmajors  von  Wegner  und  der  Ingenieur-Kapitäne  von  Peymann  und  Detmer
kam  der  Kanal  zur  Ausführung.  Die  Breite  in  der  Sohle  betrug  18  m,  im  Wasserspiegel ­
  28,7  in,  die  Tiefe  war  3  in.  Die  Bauausführung  hatte  mit  mancherlei
Schwierigkeiten  zu  kämpfen;  so  herrschte  beispielsweise  sehr  stark  das  „Faulfieber"  (ein
Marschfieber),  an  dem  zeitweilig  1300  bis  1400  Arbeiter  daniederlagen.  Die  Eröffnungsfahrt ­
  auf  dem  45  üin  langen,  von  Holtenau  an  der  Kieler  Bucht  bis  nach  Tönning
sich  erstreckenden  Kanal  fand  am  18.  Oktober  1784  statt.  Die  Kosten  dieses  Kanals  betrugen ­
  etwas  über  9000000  Mark.  Die  Einführung  der  Dampfschiffahrt  sowie  namentlich
        <pb n="481" />
        503

Kaiser  Wilhelm-Kanal.

auch  die  stete  Vergrößerung  der  Seeschiffe  ließen  allmählich  immer  stärker  das  Bedürfnis
nach  einem  leistungsfähigeren  Wasserweg  hervortreten.  Abermals  vergingen  Jahrzehnte,
bis  sich  diese  Idee  verwirklichte.  Die  Einzelheiten  dieses  Entwickelungsprozeffes  können
hier  nur  kurz  angedeutet  werden.
Die  beiden  Christensen  arbeiteten  Anfang  der  40erJahre  ein  Prosekt  aus,  Hansen
plante  1860  den  Kanal  St.  Margarethen-Jtzehoe-Oldensloe-Lübeck.  Im  Jahre  1864
beauftragte  die  Preußische  Regierung  den  Geheimen  Oberbanrat  Lentze  mit  der  Ausarbeitung ­
  eines  Kanalprojektes,  und  zwar  sollte  der  Kanal  für  Handels-  und  Kriegsschiffe
passierbar  sein.  Lentze  brachte  die  Linie  Brunsbüttel-Eckernförde  in  Vorschlag.  Von
militärischer  Seite  wurde  die  Ausmündung  des  Kanals  bei  Eckernförde  im  Hinblick  auf
den  geplanten  Kriegshafen  in  der  Kieler  Bucht  als  ein  großer  Nachteil  des  Projektes
betrachtet.  Wiederum  hatte  die  Frage  eines  Nord-Ostseekanals  ein  sehr  wechselvolles
Schicksal,  das  sowohl  durch  die  politischen  wie  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  stark  beeinflußt ­
  wurde.  Die  ablehnende  Haltung  Moltkes,  welcher  der  Ansicht  war,  daß  die
großen  Kosten  eines  durch  Kriegsschiffe  passierbaren  Kanals  nicht  mit  dessen  Nutzen  im
richtigen  Verhältnis  ständen,  trug  manches  zu  dem  Stocken  dieser  Angelegenheit  bei.  Dem
Hamburger  Kaufmann  und  Schiffsreeder  H.  Dahlström  gebührt  das  Verdienst,  durch
seine  rastlose  Thätigkeit  die  endliche  Ausführung  des  Unternehmens  wesentlich  gefördert
zu  haben.  Derselbe  trat  für  einen  Kanal  auf  Meereshöhe,  mit  den  Endpunkten  Brunsbüttel ­
  und  Holtenau  ein.  Die  Vorarbeiten  wurden  von  dem  Regierungsbaumeister  Boden
ausgeführt.  Nicht  nur  günstigen  politischen  und  wirtschaftlichen  Verhältnissen,  sondern  auch
den  in  der  Zwischenzeit  in  Deutschland  gemachten  Fortschritten  auf  technischem  Gebiet,  insbesondere ­
  der  weitgehenden  Ausbildung  in  der  Betriebsweise  und  in  der  Ausführung
großer  Erdarbeiten  ist  es  zuzuschreiben,  daß  endlich  das  Projekt  des  Nord-Ostseekanals
sich  seiner  Verwirklichung  näherte.  Um  diese  Vervollkommnung  richtig  zu  würdigen,  möge
darauf  hingewiesen  werden,  daß,  während  die  Kosten  der  Erdbewegung  bei  großen  deutschen
Bauausführungen  am  Anfange  der  70er  Jahre  noch  bis  zu  2  Mark  pro  Kubikmeter  betrugen, ­
  sich  die  Kosten  der  Erd-  und  Baggerarbeiten  im  Kaiser  Wilhelm-Kanal  im  Durchschnitt ­
  auf  90  Pfennig  pro  Kubikmeter  beliefen.  Am  16.  März  1886  wurde  das  Gesetz
betreffend  die  Herstellung  des  Nord-Ostseekanals  verkündet.  Der  Kostenanschlag  schloß
mit  156  000  000  Mark  ab.  Am  3.  Juni  1887  fand  die  feierliche  Grundsteinlegung  in
Holtenau  statt.  Die  Ausführung  erfolgte  in  der  Zeit  von  1887—1895.  Der  Kanal  ist
als  eine  Schöpfung  des  verstorbenen  Wirklichen  Geheimen  Baurat  Baensch  und  des  Ober-Regierungs-
  und  Baurats  Fülscher  auf  Grundlage  des  Boden-Dahlströmschen  Projekts
zu  betrachten.  Die  feierliche  Eröffnung  fand  iiz  Gegenwart  des  Kaisers  Wilhelm  II.,
einer  großen  Anzahl  deutscher  Fürsten,  der  Vertreter  der  Hansestädte  und  zahlreicher
fremder  Fürstlichkeiten  am  20.  und  21.  Juni  1895  statt.
Die  in  dem  Boden-Dahlströmschen  Entwurf  bearbeitete  Linie  konnte  im  wesentlichen
beibehalten  werden.  Nur  an  zwei  Strecken  ergab  sich  bei  der  genaueren  Untersuchung
und  Bearbeitung  die  Notwendigkeit,  aus  technischen  Gründen,  deren  Darlegung  hier  zu
weit  führen  würde,  von  dieser  Linie  abzuweichen.
Zwischen  St.  Margarethen  und  Brunsbüttelhafen  liegt  das  11  bis  13  m  tiefe  Fahrwasser ­
  der  Elbe  hart  am  rechten  Ufer,  und  es  dehnt  sich  dort  eine  Reede  von  8  km  Länge,
1,5  km  Breite  und  11  m  Tiefe  an  dem  Ufer  aus;  hier,  1  km  oberhalb  Brunsbüttelhafen,  geht
der  Kanal  unter  spitzem  Winkel,  der  eine  bequeme  Ansegelung  gestattet,  von  der  Elbe  ab,
zieht  sich  durch  die  niedrig  gelegene  fruchtbare  Elbmarsch  und  das  Moorgcbiet  der  vielfach
unter  dem  Meeresspiegel  gelegenen  Kudenseer  Niederung,  an  deren  Rand  sich  die  Geest,  die
frühere  Düne,  mit  dem  malerischen  Flecken  Burg  gebirgartig  erhebt,  in  nordwestlicher,  zuletzt
genau  nördlicher  Richtung  in  allmählich  ansteigendem  Gelände  bis  nach  Grüncnthal,  wo  die
Wasserscheide  zwischen  Elbe  und  Eider  durch  einen  30  m  tiefen  Einschnitt  durchbrochen  wird.
Jenseit  der  Wasserscheide  tritt  der  Kanal  in  das  Gebiet  der  Gieselan  ein,  erreicht  bei  40  km
die  Niederung  der  Eider,  durchschneidet  auf  3  km  Länge  das  jeder  Kultur  entbehrende  Reitmoor ­
  und  den  1  km  langen  und  ebenso  breiten  Mcckelsee  und  tritt  bei  Schülp  unmittelbar
an  die  Untereider  heran,  durch  einen  hohen  Deich  gegen  deren  Hochwasser  geschützt.  Bald  darauf
verläßt  der  Kanal  das  Thal  der  Eider,  geht  an  Rendsburg  in  1  km  Entfernung  südlich
vorüber,  tritt  alsdann  in  die  zusammen  6  km  langen  Obereidcrseen  —  Audorfer-,  Eiderund ­
  Schirnauersee  —  ein  und  verfolgt  nach  Austritt  aus  denselben  den  Lauf  des  früheren
Eiderkanals,  dessen  scharfe  Krümmungen  abschneidend,  und  mündet  bei  Holtenau,  an  der
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        Seekanäle.

504

Ausmündung  dieses  Kanals  in  den  Kieler  Hasen  ein,  der  hier  seine  größte  Breitenansdehnung
hat  und  darum  ein-  und  auslaufcnden  Schiffen  selbst  beim  stärksten  Verkehr  ein  genügend
geräumiges  Fahrwasser  bietet.
Die  genaue  Länge  des  an  beiden  Mündungen  mit  Schleusen  versehenen  Kanals
beträgt  98,es  km;  hiervon  liegen  62,15  km,  63  °/ 0  der  Gesamtlänge,  in  der  Geraden,
36,bv  km,  37  °/ 0 ,  in  Krümmungen  von  1000  bis  6000  m  Halbmesser.  Obgleich  sich  die
Kaiserliche  Marine  mit  einem  kleinsten  Halbmesser  von  750  m  begnügt  hätte,  wurde,
um  die  Durchfahrt  möglichst  bequem  zu  gestalten,  dieses  Maß  ans  1000  m  erhöht  und
in  Krümmungen  von  1000  bis  2500  m  Halbmesser  die  Kanalbreite  um  16  m  vergrößert. ­
  Der  Kanal  ist  ein  weiter  Durchstich  zwischen  Ostsee  und  Elbe,  und  der  Wasserstand ­
  im  Kanal  ist  gleich  dem  niittleren  Wasserspiegel  in  der  Kieler  Bucht.  An  der  Elbmündung ­
  des  Kanals  treten  in  der  Elbe  infolge  von  Ebbe  und  Flut  tägliche  Schwankungen
im  Wasserstande  ein,  deren  Höhenunterschied  für  gewöhnlich  ungefähr  3  m  beträgt;  der
Höhenunterschied  zwischen  den  bisher  beobachteten  höchsten  und  tiefsten  Wasserständen
beträgt  aber  8,40  in.  Wäre  vor  der  Mündung  des  Kanals  kein  Abschluß  vorhanden,  so
Ivürden  diese  äußersten  Wasserstände  auch  im  Kanal  eintreten,  und  um  eine  Überschwemmung
der  an  der  Elbe  gelegenen  Niederung  zu  verhüten,  müßte  der  Kanal  an  beiden  üferu  mit
über  6  m  hohen  Dämmen  eingefaßt  werden,  deren  Herstellung  große  Summen  verschlungen
hätte  und  wohl  auch  bei  der  geringen  Tragfähigkeit  des  moorigen  Untergrundes  in  der
Niederung  kaum  möglich  gewesen  wäre.  Aber  auch  gegen  das  zu  tiefe  Absallen  des
Wasserstandes  im  Kanal  zur  Zeit  der  Ebbe  war  die  Anordnung  eines  Abschlusses  nötig,
weil  sonst  die  Sohle  des  Kanals  noch  viel  tiefer  hätte  gelegt  werden  müssen,  damit  auch
bei  den  niedrigen  Wassersländen  noch  die  nötige  Fahrwassertiefe  im  Kanal  vorhanden  gewesen ­
  wäre.  Ein  großer  Wechsel  der  Wasserstände  wäre  aber  auch  infolge  der  veranlaßten
Strömungen  für  die  Schiffahrt,  sowie  auch  für  den  Hafenbetrieb  und  für  den  Verkehr
auf  dem  Kanal  höchst  lästig  gewesen.  Im  Kieler  Hafen  findet  keine  Ebbe  und  Flut
statt,  und  die  Schwankungen  des  Wasserstandes  sind  deshalb  dort  für  gewöhnlich  nur
gering;  durch  Ostwind  kann  aber  das  Wasser  dort  auch  3.in  über  seinen  mittleren  Stand
angestaut  werden  und  bei  Westwind  2  in  unter  diesen  fallen,  deshalb  ist  auch  in  Holtenau
eine  Schleuse  gebaut  worden,  die  aber  fast  immer  für  die  Schiffahrt  offen  steht  und  erst
geschlossen  wird,  wenn  der  Wasserstand  im  Kieler  Hafen  sich  0,5  in  über  Mittelwasser
erhebt  oder  darunter  sinkt,  was  nach  den  bisherigen  Erfahrungen  an  25  Tagen  im  Jahr
eintritt.  Die  Thore  der  Elbmündung  werden  geöffnet,  wenn  das  Elbwasser  auf  die  Höhe
des  Wasserstandes  im  Kanal  gefallen  ist,  und  bleiben  offen,  bis  der  Elbwasserstand  1%  m
unter  den  mittleren  Kanalwasserstand  gefallen  ist,  damit  durch  den  ausgehenden  Strom
der  Vorhafen  gespült  wird.  Bei  weiterem  Abfallen  der  Elbe  werden  die  Thore  geschlossen,
um  ein  zu  tiefes  Absinken  im  Kanal  zu  verhüten.  Von  Holtenau  bis  zu  den  Obereiderseen
ist  die  Sohle  des  Kanals  wagerecht  angelegt  worden,  und  zwar  9  in  unter  dem  mittleren
Ostseewasserspiegel,  und  fällt  von  da  bis  zur  Elbmündung  auf  40  km  Länge  mit  einem
von  1:200000  bis  1:8000  allmählich  zunehmendem  Gefälle,  so  daß  die  von  der
Kaiserlichen  Marine  verlangte  Wassertiefe  von  8,5  m  zu  jeder  Zeit,  an  jeder  Stelle
vorhanden  ist.  Die  Abmessungen  des  Kanalquerschnitts  sind  in  Abb.  495  angegeben.  An
die  22  m  breite  Sohle  schließen  sich  bis  3  m  Höhe  3fache  und  von  da  bis  zu  dem  in
7  m  Höhe  über  Sohle  liegenden  Unterwasserbankett  2  fache  Böschungen,  von  da  bis  zu
dem  Uberwasserbankett  1  Ursache  Böschungen.  Die  Breite  des  Unterwasserbanketts  wechselt
je  nach  der  Bodenbeschaffenheit  von  2‘/ ä  bis  9  '/*  m  und  dementsprechend  auch  die
Wasserspiegelbreite  von  67  bis  91  in.
Bei  mittlerem  Wasserstand  beträgt  die  Querschnittsfläche  413  gm  und  bei  0,5  m
unter  Mittelwasser  noch  380  gm,  während  der  Amsterdamer  Seekanal  nur  366,5  gm,  der
Manchester  Seekanal  nur  352  gm,  der  Suezkanal  nach  seiner  Erweiterung  511  gm
Wasserquerschnitt  besitzt.  Der  Wasserquerschnitt  des  Kaiser  Wilhelm-Kanals  beträgt  das
6fache  des  60  bis  62  gm  messenden  eingetauchten  Querschnittes  der  größten  Handelsfahrzeuge ­
  und  reicht  für  das  Begegnen  zweier  solcher  Fahrzeuge  aus.  Für  das  Begegnen  mit
großen  Kriegsschiffen  sind  neben  den  von  der  Natur  geschaffenen  Ausweichstellen  im  Mcckelsee
und  in  den  Obereiderseen  noch  5  weitere  Ausweichstellen,  im  Mittel  in  Entfernungen  von
        <pb n="483" />
        n  xi

500.  Urrwcnduilg  von  Trockriiboggcrn  Iieim  Sou  drs  Koiftr  Milhrlm-Konnls  ver  Gruncntyol

WWiiL'-
        <pb n="484" />
        Seekanäle.

506

12  km,  mit  60  m  breiter  Sohle  hergestellt  worden,  in  denen  die  Handelsschiffe  so  lange
festlegen  können,  bis  die  begegnenden  Kriegsschiffe  vorüber  gefahren  sind.  Im  Audorfer
See  ist  außerdem  noch  für  Schiffe  jeder  Größe  die  Möglichkeit  zum  Wenden  gegeben.
An  den  vom  Kanal  durchschnittenen  Landwegen  und  an  weniger  verkehrsreichen  Landstraßen ­
  wurden  zur  Überführung  des  Verkehrs  Fähren  eingerichtet,  bestehend  aus  eisernen
für  vier  Fuhrwerke  Raum  bietenden  Prähmen,  die  an  im  Kanal  versenkten  Drahtseilen  von
Hand  von  einem  Ufer  zum  anderen  gezogen  werden.  Die  Landstraße  von  Itzehoe  nach
Rendsburg  ist  in  der  Nähe  von  Rendsburg  mittels  einer  Drehbrücke  über  den  Kanal  geführt, ­
  außerdem  dienen  die  Hochbrücken  bei  Grünenthal  und  Levensau  neben  dem  Bahnverkehr ­
  auch  dem  Straßenverkehr.
Für  die  Ausführung  mußten  rund  4000  ha  Land  zum  Gesamtwert  von  etwa
9  Millionen  Mark  erworben  werden,  dazu  kamen  noch  Aufwendungen  im  Betrage  von
1  Lz  Millionen  für  Wirtschaftserschwernisse  und  Betriebsstörungen.  Vom  Sommer  1888
bis  Frühjahr  1895  herrschte  auf  der  ganzen  Strecke  eine  rege  Banthätigkeit  zur  Bewältigung
des  im  ganzen  82  000000  cbm  betragenden  Erdaushubes.  Die  rechtzeitige  Vollendung
iväre  nicht  möglich  gewesen,  wenn  die  Unternehmer  nicht  auch  in  den  im  Trockenen  ausznhebenden
  Einschnitten  von  den  in  Deutschland  früher  nur  vereinzelt  angewandten
Trockenbaggern  ausgedehnten  Gebrauch  gemacht  hätten.  Zur  Zeit  des  größten  Trockenaushubs ­
  im  Jahre  1892  waren  28  Trockenbagger  gleichzeitig  im  Betrieb,  und  zur  Förderung ­
  der  ausgeschachteten  Massen  dienten  94  Lokomotiven  und  2756  Erdtransportwagen.
Mit  der  nach  der  Tiefe  fortschreitenden  Vollendung  des  Kanalbettes  nahm  die  Zahl  der
Trockenbagger  naturgemäß  ab,  die  der  Schwimmbagger  und  Elevatoren  zu,  die  bis  auf
38  Stück  stieg,  dazu  kamen  noch  270  Schleppdampfer,  Dampfprähme,  Schuten  und  sonstige
Schiffsgefäße.  Die  Stellung  der  sämtlichen  zur  Ausführung  der  Erdarbeiten  nötigen  Geräte
und  Maschinen  war  Sache  der  Unternehmer;  zur  Ausbaggerung  der  Häfen  an  den  Mündungen ­
  wurden  zwei  von  der  Kanalverwaltung  für  die  künftige  Unterhaltung  beschaffte
Eimerbagger  und  7  Dampfprähme  in  Dienst  gestellt;  mit  den  letzteren  wurde  das  Baggergut ­
  weit  hinaus  in  die  Ostsee  und  in  die  Elbe  gefahren  und  dort  ausgekippt.
Der  aus  dem  Kanalbett  gewonnene  Boden  mußte,  soweit  er  nicht  zu  Deichen  und
Bahn-  oder  Wegdämmen  verwendet  werden  konnte,  aus  den  Trockeneinschnitten  mittels
Lokomotiven  auf  seitliche  Ablagerungsflächen  verbracht  werden,  auf  denen  er  stellenweise
zu  ganzen  Bergen  aufgetürmt  worden  ist.  Die  mit  Naßbagger  gewonnenen  Massen
wurden  mittels  Klappprähme  in  der  Ostsee,  im  Flemhuder  See  oder  in  den  Obereiderseen
ausgekippt  oder,  wo  solche  Wasserbecken  fehlten,  mittels  Elevatoren  oder  Spülbagger  auf
seitliche  Ablagerungsflächen  gespült  (Abb.  501).
Mancher,  der  den  Kanal  befährt,  wird  der  Ansicht  sein,  daß  die  Ausführung  des
Kanals  in  der  Kudenseer  Niederung,  wo  das  Land  so  eben  ist,  daß  vom  Schiff  aus  der
in  20  km  Entfernung  vom  Kanal  befindliche  Kirchturm  von  Itzehoe  deutlich  zu  sehen  ist,
und  der  fertige  Kanal  einem  großen  Graben  gleicht,  mit  geringer  Mühe  möglich  gewesen
ist,  und  bei  der  Weiterfahrt  durch  den  tiefen  Einschnitt  durch  die  Wasserscheide  zwischen
Elbe  und  Eider  bei  Grünenthal  vielleicht  im  stillen  staunend  der  Schwierigkeiten  gedenken, ­
  die  die  Herstellung  dieser  Einschnitte  gemacht  haben  mag.  Aber  gerade  umgekehrt
verhält  es  sich:  die  größten  Schwierigkeiten  stellten  sich  der  Ausführung  des  Kanals  durch
die  Kudenseer  Niederung  und  aus  ähnlichen  Strecken  entgegen.  Der  Untergrund  in  diesem
Moorgebiet  war  auch  bei  fester  Oberfläche  so  weich,  daß  ohne  besondere  Vorkehrungen
der  Aushub  des  Kanals  gar  nicht  möglich  gewesen  wäre,  weil  auch  bei  flachster  Neigung
der  Böschungen  die  Einschnittswände  nicht  stehen  geblieben,  sondern  immer  wieder  zusammengeflossen ­
  wären.  Vor  Beginn  der  Ausschachtung  lvurden  in  solchen  Strecken
auf  beiden  Ufern  breite  Dämme  aus  Sand,  der  aus  entfernten  Einschnitten  herbeigefahren
werden  mußte,  geschüttet;  der  schwere  Sand  sank  in  den  weichen  Untergrund  ein,  stellenweise ­
  bis  zu  13  m,  dabei  starke  Auftreibungen  bis  zu  3  in  über  die  ursprüngliche  Bodenoberfläche ­
  nach  beiden  Seiten  bildend;  es  wurden  die  Sanddämme  so  lange  nachgeschüttet,
bis  kein  weiteres  Versinken  mehr  stattfand.  Auf  diese  Weise  wurden  widerstandsfähige  Ufer
gebildet,  zwischen  denen  die  Ausschachtung  und  Ausbaggerung  ausgeführt  werden  konnte;
zugleich  dienten  die  Sanddämme  auch  dazu,  die  in  der  Niederung  erforderlichen  Deiche
        <pb n="485" />
        Kaiser  Wilhelm-Kanal.  507
Hu  tragen,  die  sonst  in  dem  nicht  tragfähigen  Untergrund  den  Sanddämmen  gleich  versunken ­
  wären.  Es  wurden  nahezu  2  000  000  cbm  Sand  in  solche  Sanddämme  verbaut.
Den  großartigsten  Eindruck  machen  auf  den  Kanalbesucher  die  beiden  Hochbrücken
bei  Grünenthal  und  Levensau,  die  den  Kanal  in  einem  einzigen  Bogen  von  156,5  und
163,5  m  überspannen  und  der  Überführung  der  Eisenbahnen  von  Neumünster  nach  Heide
und  von  Kiel  nach  Flensburg  und  zugleich  dem  Straßenverkehr  dienen.  Um  die  lichte
Höhe  von  42  m  über  dem  Wasserspiegel  zu  gewinnen,  den  die  Kriegsschiffe  und  großen
Segelschiffe  zu  ihrer  Durchfahrt  brauchen,  wobei  sie  aber  immer  noch  die  Oberbramstange
streichen  müssen,  mußten  auf  den  hohen  Ufern  noch  gewaltige  Dämme  angeschüttet  werden.
Beide  Brücken,  die  Grünenthaler  mit  ihrem  leichteren  eingleisigen  Überbau  und  den  durchbrochenen ­
  Widerlagern,  die  zweigleisige  Levensauerbrücke  mit  der  mehr  geschlossenen
Erscheinung  des  Eisenwerkes  und  den  entsprechend  massiveren  Widerlagern,  die  hier  wie

501.  KpilUmggcr  mit  tmgespiUttm  Kanddamm.
dort  als  einzigen  Schmuck  den  Reichsadler  tragen  und  sonst  ganz  einfach  gehalten  sind,
stellen  sich  von  der  Ferne  und  in  der  Nähe  gesehen  gleich  vorteilhaft  dar,  und  es  wäre
schwer  zu  sagen,  welcher  von  beiden  in  der  äußeren  Erscheinung  der  Vorzug  gebührt.
Nicht  geringere  Leistungen  der  Technik,  wenngleich  für  das  Auge  weniger  befriedigende ­
  Erscheinungen,  sind  die  Drehbrücken  und  zwar  die  Drehbrücke  bei  Taterpfahl
zur  Überführung  der  Bahn  von  Itzehoe  nach  Heide,  die  Straßendrehbrücke  bei  Rendsburg
zur  Überführung  der  Landstraße  von  Itzehoe  nach  Rendsburg  und  die  zwei  Eisenbahndrehbrücken ­
  bei  Westerrönfeld  zur  Überführung  der  zweigleisigen  Bahn  Neumünster-Rendsbnrg.
  Diese  Drehbrücken  überspannen  den  Kanal  mit  einer  Öffnung  von  50  m
Lichtweite  und  werden  durch  Druckwasser  bewegt,  und  es  macht  einen  großartigen  Eindruck,
die  50  irr  langen  Arme  wie  von  Zauberkraft  bewegt  zu  sehen,  da  von  der  bewegenden
Kraft  gar  nichts  wahrzunehmen  ist.  Das  Druckwasser  wird  in  am  Ufer  befindlichen
Maschinenstationen  erzeugt.  Die  Pfeiler  der  Brücken  sind  mittels  Druckluftverfahren
gegründet.  Durch  mit  den  Brücken  in  Abhängigkeit  gebrachte  Signale  wird  sowohl  den
Schiffen,  wie  den  Bahnzügen  die  Stellung  der  Brücke  von  weitem  angezeigt.  Während
die  Eisenbahnbrücken  stets  geöffnet  sind  und  erst  vor  der  Überfahrt  eines  Zuges  geschlossen
        <pb n="486" />
        Seekanäle.

508

werden,  ist  die  Straßenbrücke  für  gewöhnlich  geschlossen  und  wird  erst  bei  Annäherung
eines  Schiffes  ausgedreht.
Die  wichtigsten  Bauwerke  am  Kanal  sind  die  Schleusen  an  den  beiden  Mündungen.
Jede  Schleuse  besteht  aus  zwei,  durch  eine  12,5  m  starke  Mittelmauer  getrennten  Kammern
von  25  in  lichter  Weite  und  150  in  nutzbarer  Länge,  von  denen  die  eine  für  die  Einfahrt, ­
  die  andere  für  die  Ausfahrt  dient.  Die  Bauwerke  in  Holtenau  und  Brunsbüttel  sind,
abgesehen  von  geringen  Abweichungen,  ganz  gleich  angeordnet;  der  Hauptunterschied  ist,
daß  die  Schleuse  an  der  Elbe  wegen  der  dort  vorkommenden  höheren  Wasserstände  höhere
Abschlußvorrichtungen  als  die  Schleuse  in  Holtenau  erhalten  mußte.  Die  Ausführung
beider  unterschied  sich  dadurch,  daß  die  Schleuse  in  Holtenau,  trotz  der  Nähe  der  Ostsee
nach  Absenken  tiefer  Brunnen,  durch  die  mittels  kräftiger  Pumpen  der  Wasserstand  gesenkt ­
  werden  konnte,  ganz  im  Trocknen  ausgeführt  werden  konnte,  was  in  Brunsbüttel  lvegen
zu  großen  Wasserandranges  nicht  gelang;  dort  mußte  die  Baugrube  bis  zu  einer  Tiefe
von  15  in  unter  der  Bodenoberfläche  durch  einen  über  den  Elbdeich  herübergeschafften
Eimerkettenbagger  ausgebaggert  und  das  4  in  hohe  Betonbett  durch  Versenken  des
Betons  unter  Wasser  hergestellt  werden.  Erst  dann  war  die  Trockenlegung  der  Baustelle

502.  Einschnitt  Im  Griinenthnl  mit  Hochbrücke.

und  die  Aufführung  des  Mauerwerks  möglich.  Jede  Schleuse  enthält  im  Außen-  und
Binnenhaupt  die  Flut-  und  Ebbethore,  um  die  hohen  Außenwasserstände  vom  Kanal  abzuhalten ­
  und  ein  zu  tiefes  Abfallen  des  Wasserspiegels  im  Kanal  bei  Ebbe  zu  verhindern,
und  im  Mittelhaupt  die  sogenannten  Sperrthore,  die  ermöglichen,  bei  ein-  oder  ausgehendem ­
  Strom  den  Wasserdurchfluß  abzusperren,  um  dann  die  Flut-  oder  Ebbethore
schließen  zu  können.  Jede  Kammer  hat  6  Thorpaare,  bestehend  aus  je  2  Flügeln,  jede
Schleuse  somit  im  ganzen  24  eiserne  Thorflügel.  Zum  Trockenlegen  der  Schleusen  bei
einer  etwaigen  notwendigen  Ausbesserung  an  den  Thoren  können  dieselben  durch  Abschlußpontons, ­
  die  sich  in  Falze  au  den  Häuptern  wasserdicht  anlegen,  abgeschlossen  werden.
Bewegt  werden  die  Thore,  sowie  die  zum  Verholen  der  Schiffe  dienenden  Spills  und
die  zum  Füllen  und  Leeren  der  Kammern  dienenden  Schützen  in  den  Umläufen,  durch
Druckwasser  von  55  Atmosphären  Pressung,  das  in  der  nahe  gelegenen  Maschinenstation
erzeugt  wird.  In  den  Schleusenmauern  sind  Maschinenkammern  für  die  Maschinen  zum
Bewegen  der  Thore  angelegt,  welche  elektrisch  beleuchtet  und  im  Winter  mit  Dampf  geheizt ­
  werden.  Für  die  Schleuse  in  Brunsbüttel  tvaren  erforderlich  70  000  cbm  Beton,
79  000  cbm  Mauerwerk  und  5000  cbm  Werksteine  aus  bayerischem  Granit.  Von
demselben  Umfang  waren  ungefähr  die  in  Holtenau  verwendeten  Massen.
An  jede  der  Schleusen  schließt  sich  ein  geräumiger  Binnenhafen  und  ein  Außenhafen, ­
  welch  letzterer  sich  in  Holtenau  zwischen  Ufermauern  nach  dem  Kieler  Hafen,  in
Brunsbüttel  zwischen  Molen  nach  der  Elbe  erweitert.
        <pb n="487" />
        509

Kaiser-Wilhelm-Kanal.

Die  verschiedenen  kleineren  Schleusen-  und  Hafenaulagen,  die  zahlreichen  Hochbauten
auf  der  Strecke  und  an  den  Mündungen,  wo  sich  ganze  Ansiedelungen  gebildet  haben,
die  Fernsprech-  und  Telegraphenanlageu  und  die  sonstigen  Signalanlagen  zur  Sicherheit
des  Schiffahrtsbetriebes  zu  besprechen,  reicht  der  Raum  nicht  aus.  Erwähnt  seien  nur  noch
die  Pegeltürme  in  Brunsbüttel  und  Holtenau,  auf  denen  von  weitem  auf  3  in  im  Durchmesser ­
  haltenden  Zifferblättern  die  Wasserstände  innerhalb  und  außerhalb  des  Kanals
abgelesen  Iverden  können.  Bei  Eintritt  von  für  den  Betrieb  der  Schleusen  besonders
wichtigen  Wasserständen  ertönt  selbstthätig  ein  Glockenzeichen,  um  die  Aufmerksamkeit  des
Schleusenpersonals  zu  erregen.  Um  den  Kanal  auch  bei  Nacht  mit  Sicherheit  befahren
zu  können,  sind  an  beiden  Ufern  Lichtträger  aufgestellt,  in  geraden  Strecken  in  Abständen  von
250  in,  in  den  schärfsten  Kurven  in  Abständen  von  80  m,  welche  in  4  in  Höhe  über

503.  Schlrulr  jn  Nrunsbitttrl.

dem  Wasserspiegel  Glühlampen  von  25  Kerzenstärken  tragen.  Da  nicht  nur  die  Kanalstrecke ­
  selbst  beleuchtet  werden  mußte,  sondern  namentlich  an  den  Schleusen  für  Gebäudeund
  Hafenleuchten  großes  Lichtbedürfnis  war,  so  wurde  an  jeder  Mündung  eine  elektrische
Zentrale  zur  Erzeugung  des  Stromes  errichtet,  um  den  Kanal  von  der  Mündung  bis
zur  Mitte  mit  Licht  zu  versorgen.  Die  Kanalleitung  besteht  aus  4  mm  Kupferdraht.
Die  elektrische  Beleuchtung  ist  von  der  Aktiengesellschaft  Helios  in  Köln-Ehrenfeld  ausgeführt ­
  worden.  Die  Einfahrt  in  den  Kanal  wird  in  Brunsbüttel  durch  kleine  auf  den
Molenköpfen,  in  Holtenau  durch  auf  den  äußersten  Enden  der  Erdanschüttnngen  am  Außenhafen ­
  errichtete  Leuchttürme  bezeichnet.  Der  nördlichste  Leuchtturm  von  Holtenau  erhebt
sich  über  dem  von  Kaiser  Wilhelm  I.  gelegten  Grundstein,  einem  achteckigen  Gewölbebau,
der  über  dem  Eingang  mit  einem  Bronzerelief  von  dem  Bildhauer  E.  Herter  in  Berlin,
die  Vereinigung  von  Nord-  und  Ostsee  durch  den  Kanal  darstellend,  geschmückt  ist.  Das
Innere  dient  als  Gedächtnishalle  und  ist  mit  den  Bildnissen  der  drei  Kaiser  und  mit
Gedächtnistafeln,  die  wichtigsten  Angaben  über  den  Kanalbau  enthaltend,  ausgestattet.
Fürsorge  für  die  Arbeiter.  Die  größte  Zahl  der  am  Kanal  gleichzeitig  beschäftigten ­
  Arbeiter,  Handwerker,  Schiffer  einschließlich  des  Aufsichtspersonals  betrug  zur
        <pb n="488" />
        510

Seekanäle.

Zeit  der  regsten  Thätigkeit  in  den  Sommermonaten  1892  rund  8900  Mann.  In  dem
längs  der  Kanallinie  wenig  bevölkerten  Holstein  wäre  die  Unterbringung  und  Verpflegung
der  zahlreichen  Arbeitermassen  ohne  besondere  Vorkehrungen  nicht  möglich  gewesen.
Anstatt  diese  Vorkehrungen  den  Unternehmern  zu  überlassen,  nahm  die  Kanalverwa.ltung
die  Unterbringung  und  Verpflegung  selbst  in  die  Hand,  errichtete  längs  des  Kanals  an
den  geeigneten  Punkten  bald  größere,  bald  kleinere  Barackenlager,  je  nach  der  Zahl  der
an  den  einzelnen  Arbeitsstellen  zu  beschäftigenden  Arbeiter.  Neben  den  Schlafbaracken,
die  für  je  50  oder  100  Mann  bestimmt  waren,  wurden  noch  Gebäude  für  Küche,  Verwalterswohnung, ­
  Speisesaal  u.  s.  w.  errichtet.  Die  Aufsicht  und  Bewirtschaftung  eines
Barackenlagers  führte  der  Barackenverwalter  mit  dem  nötigen  Dienstpersonal,  die  Vorgesetzten ­
  der  Barackenverwalter  waren  Barackeninspektoreu,  frühere  Militärs.  Einzelstehende ­
  Arbeiter  waren  zum  Wohnen  in  den  Baracken  verpflichtet  und  zahlten  für
Wohnung,  Heizung,  Beleuchtung,  Morgenkaffee  und  reichliches  Mittagsessen,  etwa  den
Rationen  der  Soldatenkost  entsprechend,  65  Pfennig;  der  Betrag  wurde  dem  Arbeiter
vom  Unternehmer  am  Lohn  in  Abzug  gebracht  und  alle  14  Tage  an  die  Kanalkommissiou
abgeführt.  Auf  diese  Weise  waren  die  Unternehmer  von  der  Fürsorge  für  Unterbringung
und  Verpflegung  der  Arbeiter  entlastet,  und  die  Arbeiter  genossen  den  Vorteil  guter  gesunder ­
  Wohnung  und  kräftiger  Nahrung  zu  billigen  Preisen.  In  den  Baracken  hielten
zugleich  die  Krankenkassenärzte  ihre  Sprechstunden  ab,  und  an  Sonntagen  fanden  in
denselben  Gottesdienste  für  die  Kanalarbeiter  statt.  Außer  diesen  Barackenlagern  waren
von  der  Kanalverwaltung  auch  noch  2  Lazarette  für  je  30  Kranke  neu  gebaut  worden,
an  Stellen,  an  denen  sonst  keine  Gelegenheit  zur  Unterbringung  kranker  oder  verunglückter ­
  Arbeiter  sich  bot.
Die  militärische  Bedeutung  des  Kaiser  Wilhelm-Kanals  liegt  darin,  daß  durch
diese  vom  Ausland  unabhängige  Verbindung  die  deutsche  Kriegsflotte  in  einer  verhältnismäßig ­
  kurzen  Zeit,  entweder  in  der  Ostsee  oder  in  der  Nordsee,  vereinigt  werden  kann.
Der  Kaiser  Wilhelm-Kanal  ist  daher  ein  wertvolles  Verteidigungsmittel  und  für  die
Stärkung  der  Streitkräfte  zur  See  von  unberechenbarem  Vorteil.
Die  wirtschaftliche  Bedeutung  besteht,  wie  ein  Blick  auf  die  Karte  lehrt,  in
der  bedeutenden  Abkürzung  des  Seeweges  um  Skagen,  in  der  Verminderung  der  Seegefahren ­
  und  in  dem  durch  die  bessere  Verbindung  herbeigeführten  vermehrten  Warenaustausch ­
  zwischen  den  Häfen  der  Nord-  und  der  Ostsee.
In  der  nachfolgenden  Tabelle  ist  die  Ersparnis  an  Weglänge  und  Zeit  für  Dampferfahrten ­
  von  verschiedenen  Häfen  der  Nordsee  aus  nach  der  Ostsee  nach  offiziellen  Berechnungen ­
  im  Auszug  zusammengestellt.

Reiseabkürzung  bei  Benutzung  des  Kaiser  Wilhelm-Kanales.

Dampferfahrt
nach  der  Ostsee  von

Weg
für  die  ^ahrt
schafclichen  Sch
zwischen  Witrow
bei
um  Skagen

änge
om  Nordseehafen
ntttpmilte  aller
aus  Rügen  und  2
Benutzung  des  We
durch  den  Kanal

8
)is  zum
Schiffahr
orp  in  S
ges
um
Skagen

nt
gcmeintSlinien

chweden
durch  den
Kanal

Gewinn  an
Weglängc  [  Zeit
bei  Benutzung  des
Kaiser  Wtlhelm-Kanales

Seemeilen ­


à

Seemeilen ­


km

Stunden

Stunden

Seemeilen ­


km

Stunde»

Hamburg

646

1196,4

221,2

409,7

78,30

33,89

424,8

786,7

44,91

Bremerhaven

595

1101,9

272,2

504,1

72,12

39,68

322,8

597,8

32,54

Emden

629

1164,9

346,2

641,2

76,24

48,55

282,8

523,7

27,69

Amsterdam

687

1272,3

450,2

833,7

83,27

61,16

236,8

438,6

22,12

Rotterdam

716

1326,ü

479,2

887,4

86,78

64,67

236,8

438,5

22,12

Antwerpen

777

1439,0

540,2

1000,4

94,18

72,06

236,8

438,6

22,12

Dünkirchen

800

1481,6

561,2

1039,3

96,96

74,61

238,8

442,3

22,36

London

880

1537,2

591,2

1094,9

100,60

78,24

238,8

442,3

22,36

Hull

717

1327,9

536,2

993,1

86,90

71,58

180,8

334,8

15,32

Hartlepool

692

1281,6

571,2

1057,9

83,88

75,82

120,8

223,7

8,06

New  Castle

698

1292,7

591,2

1094,9

84,60

78,24

106,8

197,8

6,36

Leith

730

1852,0

646,2

1196,8

88,48

84,91

83,8

155,2

3,57
        <pb n="489" />
        511

Kaiser  Wilhelm-Kanal.

Aus  der  Tabelle  geht  hervor,  daß  der  Kanal  für  alle  diejenigen  Häfen  am  meisten
Vorteil  bietet,  welche  südlich  vom  Kanal  liegen,  und  daß  für  Hamburg  die  Abkürzung
und  damit  der  Zeitgewinn  für  die  Fahrt  nach  der  Ostsee  am  größten  ist.  Hamburg  hat
seine  günstige  Lage  rechtzeitig  erkannt,  eine  ganze  Anzahl  direkter  Linien  nach  den  Ostseehäfen ­
  eingerichtet  und  dadurch  seinem  gesamten  Seeverkehr  mit  den  Ostseehäfen  einen  gewaltigen ­
  Aufschwung  verschafft.
Die  Zeitersparnis  der  Segelschiffe  ist  natürlich  von  der  Witterung  abhängig  und
kann  sich  auf  Wochen  belaufen.
Die  Ersparnisse,  welche  der  Schiffahrt  bei  der  Fahrt  durch  den  Kanal  erwachsen,  setzen
sich  zusammen  aus  der  Ersparnis  an  Frachtkosten  für  die  kürzere  Fahrtdauer,  aus  der  Verminderung ­
  der  Versicherungsgebühr  wegen  des  weniger  gefahrvollen  Weges  und  ans  dem
Fortfall  der  Gelder,  welche  namentlich  im  Winter  durch  das  häufig  notwendig  werdende
Anlaufen  eines  Nothafens  im  Kattegat  und  Skagerrak  zu  entrichteu  waren.
Die  Tageskosten  für  Dampf-  und  Segelschiffe  in  Fahrt  werden  wie  in  nachstehender
Tabelle  zusammengestellt,  angegeben:

Tageskosten

Größe  der  Schiffe
Registertonnen

für  Dari
für  das  Schiff
M.

apffchiffe
für  die
Registertonne
Pf.

für  Sex
für  das  Schiff
M.

elfchiffe
für  die
Registertonne
Pf.

200—300

30-35

13

300—400

—

—

35—42

11

400—500

—

—

42—48

10

500—600

225

41

48—54

9

600—700

240

37

54—60

9,6

700—800

295

39

60—68

9

800—900

320

38

68—80

9

900—1000

350

37

80—90

9

Welche  Gefahren  den  Schiffen  auf  der  Fahrt  um  das  Kap  Skagen  trotz  verbesserter
Seekarten,  Betonnung  und  Beleuchtung  drohen,  mag  daraus  hervorgehen,  darnach
neueren  zuverlässigen  Aufstellungen  an  Kap  Skagen  jährlich  500  Menschenleben,  100  Schiffe
und  Werte  im  Betrage  von  10  000  000  Mark  verloren  gehen.
Ganz  ohne  Gefahren  hat  sich  die  Fahrt  durch  den  Kaiser  Wilhelm-Kanal  bis  jetzt
allerdings  auch  nicht  erwiesen;  innerhalb  l s / 4  Jahre  haben  224  leichte  und  18  schwere
Unfälle  stattgefunden.  Die  Hebung  des  bei  einem  Zusammenstoß  gesunkenen  dänischen
Dampfers  „Johann  Siem"  hat  allein  68  000  Mark  gekostet.  Die  Versicherungsgesellschaften ­
  sind  deshalb  auch  in  der  ersten  Zeit  nach  der  Eröffnung  des  Kanals  mit  den
Prämien  nicht  herabgegangen.
Der  Ertragsberechnung  wurde  eine  jährliche  Zahl  von  18000  den  Kanal  passierenden ­
  Schiffen  mit  etwa  5  500  000  Registertonnen  zu  Grunde  gelegt  und  daraus  bei
einer  durchschnittlichen  Kanalabgabe  von  75  Pfennig  für  die  Registertonne  eine  Einnahme ­
  von  4125  000  Mark  berechnet,  wodurch  sich  nach  Abzug  der  jährlichen  Unterhaltungskosten ­
  im  Betrage  von  1000  000  Mark  eine  Verzinsung  zu  4  °/ 0  für  die
55  Millionen  Mark  ergeben,  welche  von  den  Gesamtbaukosten  von  156  000000  Mark
übrig  bleiben,  wenn  man  die  Aufwendungen  im  Interesse  der  Kriegsstottc  im  Betrag  von
51000000  Mark  und  den  von  Preußen  bezahlten  besonderen  Beitrag  von  50000000  Mark
in  Abzug  bringt.  Diese  Erwartungen  haben  sich  bei  weitem  nicht  erfüllt,  obgleich  die
Abgaben  nicht  zu  75  Pfennig  für  die  Registertonne,  sondern  für  die  ersten  600  Registertonnen ­
  netto  zu  60  Pfennig,  für  die  überschießenden  zu  40  Pfennig  festgesetzt  wurden.
Während  des  Winterhalbjahrs,  1.  Oktober  bis  31.  März,  trat  eine  Erhöhung  um  25%
obiger  Sätze  ein.  Der  Verkehr  im  ersten  Betriebsjahre  nach  der  Eröffnung,  I.Juli  1895.
bis  30.  Juni  1896,  war
7531  Dampfschiffe  mit  zusammen  1140  578  Registertonnen
9303  Segelschiffe  „  „  365  405
zus.  16834  Schiffe

1505  983  Registertonnen.
        <pb n="490" />
        512

Seekanäle.

Dem  zu  hohen  Tarif  wurde  die  Schuld  an  dem  geringen  Verkehr  zugeschrieben,  und
es  wurde  deshalb  der  Tarif,  der  bis  zum  30.  September  1899  durch  den  Kaiser  im  Einvernehmen ­
  mit  dem  Bundesrat  festgesetzt  werden  konnte  und  später  durch  den  Reichstag
festgelegt  wird,  vom  1.  September  1896  ab  ermäßigt  auf:  für  die  ersten  400  Registertonnen ­
  netto  je  60  Pfennig,  für  die  überschießenden  bis  einschließlich  600  Registertonnen
40  Pfennig,  für  die  weiter  überschießenden  bis  einschließlich  800  Registertonnen  je
30  Pfennig,  für  die  weiter  überschießenden  Registertonnen  je  20  Pfennig.  Während  der
Monate  Oktober  bis  einschließlich  März  sind  die  Abgabensätze  um  10  °/ 0  höher.
Durch  diesen  Tarif  sind  erhebliche  Erleichterungen  geschaffen  worden,  was  sich  auch
in  der  Zunahme  des  Verkehrs  gezeigt  hat.  In  der  Zeit  vom  1.  September  1896  bis
31.  März  1897  ist  gegen  den  gleichen  Zeitraum  des  Vorjahres  die  Zahl  der  Dampfer  von
3707  mit  647  365  Tonnen  auf  4187  mit  880  417  Tonnen,  die  Zahl  der  Segler  von
4373  mit  182  238  Tonnen  auf  5644  mit  223  693  Tonnen,  die  Kanalgebühren  von
496  399  Mark  auf  533  059  Mark,  das  ist  um  36  660  Mark  oder  1,4°/ 0  gestiegen.
Im  Haushaltungsjahr  1896,97  haben  den  Kanal  befahren
8  287  Dampfschiffe  mit  zusammen  1407  435  Registertonnen
11  673  Segelschiffe  „  „  441  023
zus.  19  960  Schiffe  1  848  884  Registertonnen.
Die  Einnahmen  der  Kanalverwaltung  haben  betragen:  1  016  854  Mark,  die  Ausgaben
2  074  792  Mark.  Der  Kanal  hat  somit  seine  Betriebs-  und  Unterhaltungskosten  nicht
ganz  zur  Hälfte  gedeckt.
Im  Berichtsjahr  1898/99  ist  der  Kanal  befahren  von
11005  Dampfschiffen  mit  zusammen  2  467  839  Registertonnen
14  811  Segelschiffen  „  „  650001  „
zus.  25  816  Schiffe  3  117  840  Registertonnen.
Die  Einnahmen  betrugen  1  634  337  Mark,  die  Ausgaben  2  066  737  Mark,  so  daß  sich
das  Defizit  nur  noch  auf  432  490  Mark  belief.  Diese  Zahlen  zeigen,  daß  eine  allmähliche
Erzielung  befriedigender  Einnahmen  durch  den  wachsenden  Verkehr  erwartet  werden  darf.
Der  Seekanal  von  St.  Petersburg  nach  Kronstadt.  Das  östliche  Ende  des
Finnischen  Meerbusens  weist  nur  geringe  Tiefen  auf,  so  daß  nur  Schiffe  mit  2  bis  3  m
Eintauchungstiefe  in  die  Newa  einlaufen  können.  Unter  diesen  Verhältnissen  mußte  in  dem
vor  St.  Petersburg  liegenden  Kronstadt  eine  Umladung  vorgenommen  werden,  wodurch
erhebliche  Unkosten  entstanden.  Überdies  war  es  den  Leichterschiffen  bei  stürmischem  Wetter
auch  häufig  nicht  möglich,  die  Fahrt  nach  dem  im  offenen  Meere  liegenden  Kronstadt  anzutreten. ­
  Die  Verzögerung  und  die  hohen  Versicherungsprämien  verteuerten  die  Fahrt
derart,  daß  beispielsweise  der  Transport  einer  Tonne  Kohlen  von  Newcastle  nach  Kronstadt
6,5  Mark,  nach  dem  dicht  dabei  liegenden  Petersburg  aber  8,5  Mark  kostete.  Der  jährliche
Schaden  des  Verkehrs  wurde  zu  16  bis  18  Millionen  Mark  geschätzt.  Um  diese  Übelstände
zu  beseitigen,  schritt  man  1874  zur  Herstellung  eines  Seekanals  im  wahren  Sinne  des
Wortes,  da  dieser  Kanal  thatsächlich  durch  die  See  geführt  ist.  Der  Kanal  wird  auf
einer  Länge  von  12  km  beiderseits  von  Molen  begrenzt,  deren  Abstand  voneinander
210  in  beträgt.  Zwischen  diesen  Molen  ist  eine  in  der  Sohle  84  in  breite  Schiffahrtsrinne ­
  auf  6,73  m  Tiefe  ausgebaggert.  Zwischen  den  Endpunkten  der  Molen  und  Kronstadt ­
  ist  auf  einer  Länge  von  fast  20  km  eine  einfache  Rinne  von  gleicher  Tiefe  und
Breite  gebaggert  worden.
Der  Kanal  von  Korinth.  Dem  Umstand,  daß  die  Terrainbeschaffenheit  der  Landenge ­
  von  Korinth  einen  leichten  Verkehr  nach  der  Küste  des  Ägäischen  Meeres  gestattet,
verdankte  der  Golf  von  Korinth  bereits  im  Altertum  seine  Bedeutung  als  kürzeste  Wasserstraße ­
  ztvischen  Brundusium,  dem  jetzigen  Brindisi  in  Italien  und  Athen.  Die  hier  einst
vorhanden  gewesene  Schleifbahn  (Diolkos)  zum  Schiffstransport  hat  oben  bereits  Erwähnung ­
  gefunden.  Erzherzog  Ludwig  Salvator  schreibt  in  seinem  Werke:  „Eine
Spazierfahrt  im  Golfe  von  Korinth":  „Kein  Busen  des  Mittelsmeeres  hatte  in
der  antiken  Welt  eine  so  große  Bedeutung,  wie  der  Golf  von  Korinth.  Als'Seestraße
        <pb n="491" />
        513

Kanal  von  Korinth.

im  Herzen  von  Griechenland,  als  der  gewöhnlichste  Verbindungsweg  zwischen  Ost  und
West,  ivar  derselbe  das  Emporium  antiker  Zivilisation.  Reiche  Städte  zierten  seine  Ufer,
vor  allen  Korinth  als  die  herrlichste  von  Hellas.  Aber  auch  gegenwärtig  noch  könnte
der  korinthische  Busen  durch  den  Durchstich  des  Isthmus  seine  einstige  Wichtigkeit  erlangen." ­
  Wenn  auch  letztere  Ansicht  bei  der  vollständig  veränderten  Sachlage  nicht
als  ganz  zutreffend  bezeichnet  werden  kann,  so  hat  doch  Neu-Koriuth  durch  die  glücklich
vollendete  Durchstechung  der  Landenge  immerhin  wieder  eine  gewisse  Bedeutung  erlangt.
Die  Geschichte  des  modernen  Kanals  reicht  bis  in  das  Jahr  1870  zurück.  Das
erste  Projekt  ivar  zu  billig  veranschlagt,  und  der  Plan  kam  nicht  über  das  Anfangsstadium
hinaus.  Im  Jahre  1881  trat  General  Stefan  Türr  mit  einem  neuen  Projekte  hervor
und  erlangte  für  dasselbe  1882  die  Genehmigung  der  Regierung.  Das  Projekt  ist  in

504.  Kt.  Nktrrstmrz-Krmistadter  KainU.

den  Jahren  1882—1893  durch  eine  französische  Gesellschaft,  Looiêts  internationale  du
Canal  maritime  de  Corinthe,  zur  Verwirklichung  gekommen.  Die  Länge  des  Kanals
beträgt  6300  in,  die  Sohlenbreite  22  und  die  Wassertiefe  8 1 / 2  in.  Nicht  weit  von  der
westlichen  Kanalmündung  überschreitet  auf  einer  47  m  hohen  Brücke  die  nach  Athen
führende  peloponnesische  Eisenbahn  den  Kanal.  Die  größte  Einschnittstiefe  erreicht  das
sehr  bedeutende  Maß  von  80  w.
Der  Panamakanal.  Die  Geschichte  dieses  großen  Bauunternehmens  enthält  bis  jetzt
wenig  erfreuliche  Daten.  Die  natürliche  Einschnürung  an  der  Verbindungsstelle  von  Nordund
  Südamerika  führte  von  selbst  auf  den  Gedanken  einer  künstlichen  Durchbrechung  derselben, ­
  und  es  erscheint  nur  erklärlich,  daß  dieser  Gedanke  bereits  bald  nach  der  Entdeckung
dieses  Erdteils  auftauchte.  Damals  erhob  der  Jesuitenorden  Einsprache  gegen  diesen  Plan.
„Läge  es  nicht  überhaupt  außerhalb  menschlichen  Könnens",  so  führte  derselbe  aus,  „so
möchte  doch  die  Strafe  des  Himmels  für  die  Vermessenheit  zu  befürchten  sein,  die  göttliche ­
  Anordnung  verbessern  zu  wollen."  Wenn  auch  eine  aufgeklärtere  Zeit  derartige  Einwendungen ­
  längst  wirkungslos  gemacht  hat,  so  hat  sich  doch  leider  bei  dieser  Aufgabe  bisher
        <pb n="492" />
        Panamakanal.  515
das  menschliche  Können  als  nicht  ausreichend  erwiesen.  An  dieser  Stelle  kann  nicht  auf  alle
Verhältnisse  eingegangen  werden,  die  es  bewirkt  haben,  daß  bis  jetzt  ein  kolossales  Kapital
nutzlos  aufgewandt  zu  sein  scheint.  Ob  und  wann  die  Vollendung  der  Arbeiten  zu  erwarten ­
  ist,  kann  in  diesem  Momente  niemand  sagen.  Eine  neue  französische  Gesellschaft  ist
nach  dem  skandalösen  Zusammenbruch  der  alten  Kompagnie  gebildet  und  hat  die  Arbeiten
wieder  aufgenommen.
Bestimmte  Formen  nahm  das  Projekt,  eine  Durchstechung  der  Landenge,  zuerst  unter
dem  König  Karl  IV.  an,  der  Vermessungen  vornehmen  ließ.  Damals  glaubte  man,  eine
solche  Verbindung  nur  unter  Benutzung  der  vorhandenen  Flüsse  und  Seen  schaffen  zu
können.  Nach  Loßreißung  des  Staates  Nicaragua  von  Spanien  im  Jahre  1821  wurde
das  Projekt  von  der  Regierung  des  neuen  Staates  aufgenommen.  Verschiedentlich
bildeten  sich  Gesellschaften  zur  Verwirklichung  des  Projektes.  Eine  dieser  Gesellschaften
gelangte  durch  ihre  Vorarbeiten  zur  Herstellung  der  Panama-Eisenbahn.  Im  Jahre  1851
baute  die  Kompagnie  Vanderbilt  nach  Ausführung  von  Vorarbeiten  eine  Straße  längs
des  Flusses  San  Juan  nach  dem  Nicaraguasee  und  stellte  durch  direkte  Dampferlinien
von  New  Jork  nach  San  Juan  und  von  San  Francisco  nach  der  westlichen  Küste  der
Landenge  einen  gewissen  direkten  Verkehr  her,  jedoch  kam  die  eigentliche  Sache  nicht
weiter.  Im  Jahre  1875  wurde  von  dem  Kongreß  der  Bereinigten  Staaten  eine  Kommission ­
  mit  dem  Studium  dieser  Frage  beauftragt.  Dieselbe  untersuchte  sowohl  die  frühere
sogenannte  Nicaragualinie,  als  eine  solche  über  den  Isthmus  von  Panama.  Diese  Kommission ­
  gab  der  ersteren  Linie  den  Vorzug.
Nach  der  Fertigstellung  des  Suezkanals  erschien  dessen  Schöpfer,  Lesseps,  auf
dem  amerikanischen  Schauplatz.  Nachdem  auch  dieser  sich  für  die  Nicaragualinie  ausgesprochen ­
  hatte,  trat  er  mit  einem  Male  mit  dem  Projekt  eines  Kanals  ohne  Schleusen,
d.  h.  also  mit  einer  Verbindung  der  beiden  Ozeane  durch  einen  Niveaukanal,  auf.  Im
Jahre  1880  gelang  Lesseps  die  Bildung  einer  Gesellschaft  für  den  Bau  eines  Kanals
zwischen  Panama  am  Stillen  Ozean  und  einem  in  der  Nähe  von  Colon  am  Atlantischen
Meere  gelegenen  Punkte.  Die  zu  überwindenden  Schwierigkeiten  bestehen  nicht  nur  in
der  Bewältigung  ganz  kolossaler  Erd-  und  Felsmassen,  sondern  auch  in  den  ungünstigen
klimatischen  Verhältnissen  des  Landes.  Die  enormen  Summen,  die  der  Bau  bereits  verschlungen ­
  hat,  und  die  große  Schwächung,  welche  der  Baufonds  durch  Unterschlagungen
und  Bestechungsgelder  erlitt,  zwangen  Lesseps  bereits  im  Jahre  1887,  die  ursprüngliche
Idee  fallen  zu  lassen  und  die  Herstellung  eines  Schleusenkanals  ins  Auge  zu  fassen.
Bierzehnhundert  Millionen  Frank  sind  für  dieses  Unternehmen  aufgewandt  worden,  ohne
daß  bisher  ein  greifbares  Resultat  erzielt  worden  ist.  Dieser  traurige  Ausgang  kann
nach  Lage  der  Verhältnisse  nur  zu  einem  geringen  Teile  dem  Unvermögen  der  Ingenieurtechnik
  zugeschrieben  werden.  Die  zu  überwindenden  Verhältnisse  sind  zwar  außergewöhnlich ­
  schwieriger  Art,  aber  bisher  ist  es  der  Jngenieurtechnik  noch  überall  möglich
gewesen,  die  sich  ihr  entgegenstellenden  Hindernisse  aus  dem  Wege  zu  räumen,  und  so
darf  die  Hoffnung  gehegt  werden,  daß  es  derselben,  nicht  gehemmt  und  gelähmt  durch
menschliche  Schwächen  und  Laster,  dereinst  vergönnt  sein  wird,  den  Triumph  der  Vollendung ­
  auch  dieses  Werkes  zu  feiern.
Das  gleiche  Schicksal,  wie  der  Panamakanal,  haben  bis  jetzt  die  beiden  Konkurrenzunternehnlungen
  gehabt,  der  Nicaragua-Schiffskanal  und  die  Schiffseisenbahn  von
Tehuantepec,  d.  h.  auch  diese  beiden  Projekte  sind  noch  nicht  vollendet.  Das  Projekt  des
Kapitäns  Eads,  eine  Schiffseisenbahn  zu  bauen,  dürfte  mit  dem  Tode  des  Erfinders  gleichfalls ­
  zu  Grabe  getragen  sein.  Dieser  Plan  hat  daher  nur  geschichtliches  Interesse.  Durch
die  Bahn  sollten  Schiffe  bis  zu  5000  t  Tragfähigkeit,  nachdem  dieselben  aus  dem  Wasser  gezogen ­
  waren,  über  Land  auf  einem  Untergestell  transportiert  werden,  dessen  Räder  auf
Schienen  laufen  sollten,  also  eine  ähnliche  Konstruktion,  wie  sie  in  neuester  Zeit  für  geneigte
Ebenen  in  Vorschlag  gebracht  worden  ist.
Die  vom  Bundeskongreß  der  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  eingesetzte  Komiuission
zur  Untersuchung  des  Planes  für  den  Nicaragua-Kanal  hat  die  Vorarbeiten  dieses  Unternehmens
beendet.  Ob  das  Projekt  zur  Aussührnng  kommen  wird,  muß  zur  Zeit  dahingestellt  bleiben.
Von  großem  Einfluß  wird  in  dieser  Beziehung  sein,  ob  es  der  neuen  Pananiakanal-Gesellschaft
gelingen  wird,  den  Ausbau  dieses  Kanals  zu  fördern  oder  nicht.
        <pb n="493" />
        506.  V«s  Mrrrschlos!  in  Knidn.

Seehäfen.
Von  frühen  Zeiten  an  hat  sich  das  Meer  trotz  seiner  enormen  Ausdehnung  als  ein
hervorragendes  Mittel  zur  Verbindung  der  durch  dasselbe  getrennten  Länder  erwiesen.
Allerdings  galt  es,  die  Furcht  vor  seiner  Unermeßlichkeit  zu  überwinden  und  Hilfsmittel
zu  ersinnen,  um  sich  auf  dem  Ozean  zurechtfinden  zu  können.  Solange  beides  nicht  der  Fall
war,  hielten  sich  die  Schiffer  ängstlich  an  den  Ufern,  und  die  Seeschiffahrt  war  weiter  nichts
als  eine  Küstenschiffahrt,  allein  auch  diese  besaß  schon  für  den  Handel  eine  außerordentliche
Bedeutung.  Die  Forschung  hat  mit  Sicherheit  nachgewiesen,  daß  die  Menschheit  bereits
seit  mehr  als  5000  Jahren  Seeschiffahrt  treibt.  Babylonier,  Ägypter  und  Phönizier
sind  die  ältesten  bekannten  Völker,  deren  Schiffe  sich  auf  das  Meer  hinauswagten.  Ihnen
folgten  die  Griechen  und  später  die  Römer,  wie  überhaupt  alle  an  dem  Meeresgestade
wohnenden  Völker  ihre  günstige  natürliche  Lage  auszunutzen  suchten.
Unbedeutend  wie  die  ersten  Seeschiffe,  waren  die  Vorbereitungen,  welche  am  Lande
getroffen  wurden,  um  die  Schiffe  zu  beladen  und  zu  löschen.  Diese  Vorkehrungen  dürften
im  Anfange  des  Seehandelsverkehrs  kaum  über  jene  Anlagen  hinausgegangen  sein,  die
heute  für  Schifferboote  beansprucht  werden.  Der  Abstand  zwischen  jenen  ersten  primitiven
Schöpfungen  und  den  gewaltigen,  imposanten,  modernen  Hafenanlagen  der  großen  Seestädte ­
  New  Jork,  London,  Hamburg,  Liverpool  und  wie  sie  alle  heißen,  ist  ein  gewaltiger.
Wir  wissen  bisher  wenig  von  den  Hafenanlagen  der  Ägypter  und  Chinesen,  auch
über  derartige  Bauten  der  Babylonier  gibt  die  Geschichte  nur  spärliche  Kunde.  Nebukadnezar
  ließ  an  der  Mündung  der  mesopotamischeu  Ströme  Teredon  anlegen;  welche
Bauten  hier  jedoch  zur  Ausführung  kamen,  ist  noch  nicht  ermittelt.  Das  größte  Handelsvolk ­
  des  Altertums,  die  Phönizier  sind  es,  von  deren  ausgedehnten  Hafenbautcn  zu
Tyrus,  Sidon,  zu  Aradus  und  den  durch  phönizische  Kolonisten  geschaffenen  mächtigen
Hafenanlagen  zu  Karthago  uns  die  Geschichte  berichtet.  Heute  sind  alle  diese  einst  so
glänzenden  Schöpfungen,  zum  Teil  durch  die  Natur,  zu  einem  noch  größeren  Teil  jedoch
durch  die  vernichtende  Macht  der  Menschen  selbst,  nur  Trümmerhaufen,  und  nur  spärliche
Reste  geben  Zeugnis  von  der  einstigen  Herrlichkeit.  Tyrus  erlag  dem  Anstürmen  eines
Alexander.  Sidon,  dessen  größte  Blüte  vom  16.  bis  11.  Jahrhundert  v.  Chr.  fiel,  verschwand ­
  während  der  Kreuzzüge  fast  ganz  vom  Erdboden.  Aus  letzterer  Zeit  stammt  wahr-
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        517

Seehäfen  des  Altertums.

scheinlich  das  schöne  hier  abgebildete  Meerschloß  (Abb.  506),  das  leider  im  Jahre  1840
durch  das  Bombardement  der  englisch-österreichischen  Flotte  zerstört  wurde.  Der  antike
Hafen,  zu  dessen  Schutz  die  Phönizier  mächtige  Molen  errichtet  hatten,  ist  durch  den  eingebrachten ­
  Schutt  unbrauchbar  geworden.  Die  Eifersucht  und  der  Neid  spornten  die  Römer
an,  der  Herrlichkeit  Karthagos  ein  jähes  Ende  zu  bereiten.
Von  bescheidenen  Hafenanlagen  berichtet  die  älteste  Geschichte  Griechenlands.  Zu
Pylos  und  Methone  finden  wir  heute  noch  die  unbedeutenden  Überreste  der  einstigen
künstlichen  Häfen.  In  den  kleinasiatischen  Kolonien  entstanden  die  ersten  bedeutenderen
griechischen  Hafenbauten,  und  stattlich  wurde  nach  und  nach  die  Zahl  der  griechischen
Seestädte,  von  welchen  sich  eine  nicht  geringe  Anzahl  eines  großen  Ruhmes  erfreute,
es  sei  hier  nur  an  Ephesos,  Samos,  Rhodos,  Knidos,  an  Cyzicus,  Heraklea,  Siuope,
Trapezus  und  auf  Sizilien  an  Syrakus  erinnert.  In  Griechenland  selbst  entstanden
die  bedeutendsten  Hafenanlagen  im  Piräus,  woselbst  sich  die  Kriegs-  und  Handelshäfen
Athens  befanden.  Von  dem  Handelshafen  war  ein  Teil  als  Emporium  abgegrenzt.  Man
verstand  hierunter  einen  abgegrenzten  Hafenteil,  in  dem  der  Seehandel  mit  fremden
Nationen  und  die  Einfuhr  ausländischer  Handelswaren  gestattet  war.  Hier  standen  das
Hafen-  und  Zollamt,  die  Börse,  das  Handelsgericht,  hier  lagen  die  Kanfstellen  und  Entrepvts,
die  Gasthäuser,  Herbergen,  Kaufläden  und  andere  Anstalten,  die  zur  Erleichterung  des
Handels  und  für  die  Bequemlichkeit  der  Seefahrer  bestimmt  waren.  Die  athenischen
Kriegshäfen  bildeten  in  erster  Linie  die  Hafenbecken  Zea  und  Munychia  im  Piräus.  Hier
befanden  sich  die  zahlreichen  Schiffshäuser,  in  welchen  die  Kriegsschiffe  aufbewahrt  wurden,
und  hier  stand  das  viel  bewunderte  Zeughaus  des  Philon,  das  auf  Sullas  Befehl,  wie
auch  alle  Schiffshäuser,  der  Vernichtung  durch  Feuer  anheimfiel  (86  v.  Chr.).
Bon  den  durch  griechischen  Einfluß  in  späterer  Zeit  entstandenen  Hafenanlagen  sind
besonders  Alexandria  und  Selencia  Pieria,  das  Emporium  der  orientalischen  Prachtstadt
Antiochia  am  Orontes,  zu  nennen.  Infolge  der  ungünstigen  Wind-  und  Stromverhältnisse
war  die  Einfahrt  in  den  großen  Hafen  von  Alexandria  nicht  immer  leicht,  und  um  dieselbe
bei  Nacht  weniger  gefahrvoll  zu  gestalten,  wurde  auf  der  Insel  Pharus  ein  mächtiger
Leuchtturm  errichtet.  Dieser  Bau,  der  von  dem  Baumeister  Sostratus,  dem  Sohne  des
Texiphanes,  errichtet  war.  wurde  zu  den  Weltwundern  gerechnet.  Seine  Herstellungskosten ­
  sollen  über  3^  Millionen  Mark  betragen  haben.
Die  Römer  wurden  verhältnismäßig  erst  spät  ein  seefahrttreibendes  Volk.  Die
Küstenbildung  Italiens  ist  für  die  Anlage  von  Häfen  nicht  günstig,  und  diese  Anlagen
bedingten  mächtige  Kunstbauten.  Unter  den  Kaisern  entstanden  bei  Ostia  an  der  Tibermündung
  große  Hasenbassins.  Die  ersten  Arbeiten  kamen  hier  unter  Kaiser  Claudius
zur  Ausführung.  Die  Lage  des  Wellenbrechers  war  gegen  den  Rat  der  Ingenieure
erfolgt  und  erwies  sich  für  die  Einfahrt  der  Schiffe  als  sehr  ungünstig.  Noch  bedeutender
waren  die  Hafenbauten  Trajans  an  der  Tibermündung.  Mit  dem  Trajanshafen  standen
umfangreiche  Magazine,  Dockanlageu  und  alle  sonstigen,  für  eine  ausgedehnte  Seeschiffahrt
erforderlichen  Anstalten  in  Verbindung.
In  Rom  selbst,  wohin  im  Altertum  die  weit  kleineren  Seeschiffe  gelangen  konnten,
wurden  an  dem  Tiberufer  Kaimauern  mit  Landungsanlagen  hergestellt.  Für  die  Handelsschiffe ­
  diente  das  Emporium,  für  die  Kriegsschiffe  waren  die  Navaliet,  bestimmt.  Die  starke
Sandmitführung  des  Tiberstromes  und  die  Anladung  der  italienischen  Küste  bewirkten
im  Laufe  der  Jahrhunderte  eine  vollständige  Versandung  der  großartigen  Hafenanlagen
an  der  Mündung,  von  welchen  heute  nur  noch  Spuren  vorhanden  sind,  die  weit  von  der
Meeresküste  abliegen.
Bon  den  römischen  Hafenstädten  sind  außerdem  Puteoli,  Antium,  Ancona,  Centumcellae
  zu  nennen.  Nicht  unerwähnt  darf  die  Schöpfung  Herodes  des  Großen  bleiben,
jener  Wunderban  zu  Cäsarea,  von  dem  heute  nur  noch  einige,  wenn  auch  gewaltige  Reste
Kunde  geben.  Bei  dem  Stratonstnrme  baute  er  einen  geräumigen  Hafen,  dessen  Größe
diejenige  des  Piräus  übertraf.  Der  Schutzdamm  hatte  eine  Tiefe  von  20  Ellen.  Derselbe ­
  diente  als  Wellenbrecher  und  zur  Aufnahme  einer  Mauer,  deren  Höhe  über  dem
Meeresspiegel  65  in  gewesen  sein  soll.  Um  den  ganzen  Hafen  ließ  Herodes  die  schönsten
        <pb n="495" />
        518

Seehäfen.

Gäi'ten,

Türkische

Fried  -
höfe

Häuser  errichten,  und  in  dem  in  der  Mitte  liegenden  Tempel  fand  die  Statue  des  Augustus
und  das  Standbild  der  Roma  Aufnahme.  Zur  Zeit  der  Apostel  war  Cäsarea  ein  wichtiger
Verkehrsmittelpunkt,  und  von  hier  aus  wurde  Paulus  nach  zweijähriger  Gefangenschaft
über  Sidon,  Cypern  und  Lykien  nach  Rom  geschafft.
Mit  dem  Römerreiche  sank  auch  die  größere  Zahl  der  damaligen  Hafenbauten  in
Trümmer.
Zu  den  wenigen  antiken  Hafenorten,  die  auch  im  Mittelalter  noch  eine  hervorragende
Rolle  spielten,  gehörten  Rhodus  und  Marseille.  DieRhodier  haben  durch  ihr  geschicktes
politisches  Verhalten  und  ihr  häufig  von  Erfolg  gekröntes  Eintreten  für  die  Erleichterung
und  Förderung  des  Handels  jahrhundertelang  im  Altertum  eine  außerordentlich  einflußreiche ­
  Stellung  eingenommen.  Rhodus'  Hafenanlagen  waren  zur  Zeit,  als  es  ein  festes
Bollwerk  des  Johanniterordens  bildete,  in  der  Anordnung  Wohl  die  gleichen  wie  im
Altertum,  und  die  Grundlagen  bestanden  ohne  Zweifel  aus  hellenischen  Werken.  Wie
die  Abb.  507  zeigt,  waren  vier  Häfen  vorhanden,  der  Bootshafen,  der  Handelshafen,  der
Kriegshafen  und  der  äußere
Hafen.  Auf  drei  der  Molenköpfe
  befanden  sich  Bastionen
mit  mächtigen  Türmen.  Dieselben ­
  trugen  die  Bezeichnung
St.  Johann,  St.  Michael  und
St.  Nikolaus.  Noch  ist  in  dem
Turme  St.  Michael  die  Maschine
erhalten,  mit  deren  Hilfe  die
eiserne  Sperrkette  über  den
Hafeneingang  gezogen  wurde.
Wenn  auch  au  der  Existenz  des
Kolosses  von  Rhodus,  das
Wunderwerk  des  Chares,  nicht
gezweifelt  werden  darf,  so  ist
dagegen  die  Erzählung,  daß
dieser  Koloß  über  der  Hafeneinfahrt ­
  mit  gespreizten  Beineu
stand,  und  die  Schiffe  mit  ihren
Masten  unter  demselben  hindurchfahren ­
  konnten,  in  das
Reich  der  Fabeln  zu  verweisen.
Die  weit  in  das  Altertum  zurückgehende  Geschichte  Marseilles  rechtfertigt  ein  kurzes
Verweilen  bei  derselben,  da  ihre  Wiedergabe  gestattet,  gleichsam  im  Fluge  die  Wandlungen
zu  verfolgen,  welche  der  Welthandel  hinsichtlich  der  von  ihm  eingeschlagenen  Wege  durchgemacht ­
  hat.  Von  der  See  her  gegründet,  wußten  sich  die  Maffalioten  frühzeitig  ein
ausgedehntes  Hinterland  für  ihren  Handel  und  ihre  Schiffahrt  zu  sichern.  Die  in  der
Nähe  befindliche  Rhönemündung  öffnete  ihnen  einen  weit  nach  Norden  sich  erstreckenden
bequemen  Handelsweg,  für  dessen  Offenhaltung  in  der  Römerzeit  durch  einen  künstlichen
Durchstich  Sorge  getragen  wurde.  Es  ist  nicht  ersichtlich,  aus  welchen  Gründen  die
Maffalioten  den  von  Cajus  Marius  hergestellten  Kanal  (101  v.  Chr.),  die  Fossa  Mariana,
welcher  ihnen  für  geleistete  Dienste  in  dem  Feldzuge  in  Gallien  zum  Geschenk  gemacht  und
an  dessen  Mündung  von  ihnen  ein  neues  Emporium  angelegt  worden  war,  allmählich
vernachlässigten,  so  daß  der  künstliche  Wasserlauf  im  Laufe  der  Zeit  vollständig  verschlammte. ­
  Zwar  blieb  der  Niedergang  des  Römerreiches  auch  für  Massilia  nicht  ohne
Einfluß,  aber  bereits  zur  Zeit  der  Merowinger  vermochte  die  Stadt  schon  wieder  sich  eine
angesehene  Position  zu  erringen.  Im  Jahre  1112  konstituierte  sich  Marseille  als  Republik.
Die  Kreuzzüge  brachten  der  Stadt  außerordentliche  Vorteile.  Neben  den  Schiffen  der
Venezianer,  Genuesen  und  Pisaner  waren  es  die  Fahrzeuge  von  Amalfi  und  Marseille,
welche  die  Massentransporte  nach  dem  Heiligen  Lande  beschafften.  Von  Marseille  bis

Christliche
Vorstädte

Die
Hafenanlagen
ifon  Rhodos

507.  Lageplan  der  Kafrnanlagrn  von  Nhodns.
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        519

Seehäfen  int  Mittelalter  und  in  der  neueren  Zeit.

zur  syrischen  Küste  rechnete  man  eine  Fahrtdauer  von  85  Tagen.  Auch  in  den  nächsten
Jahrhunderten  hielt  die  Blüte  Marseilles  an,  bis  mit  dem  sinkenden  Levantehandcl  auch
in  diesem  Emporium  ein  unvermeidlicher  Niedergang  eintrat.  Mit  der  Eroberung  Algiers
im  ersten  Drittel  unseres  Jahrhunderts  beginnt  nach  einem  wechselvollen  Geschick  die  stark
aufwärts  strebende  neue  Epoche,  tvelche  durch  die  Wiedererschließung  des  Mittelmeeres
für  den  Weltverkehr  durch  den  Kanal  von  Suez  der  alten  Handelsstadt  eine  ganz  unvorhergesehene ­
  Bedeutung  verliehen  hat.
Einer  größeren  Anzahl  der  mittelalterlichen  Seehäfen  und  so  auch  dem  damals
bereits  bedeutendsten  deutschen  Seehandelsplatz  Hamburg  kam  der  Umstand  außerordentlich ­
  zu  gute,  daß  sie  von  Wasserlänfen  durchzogen  waren.  An  diesen  Wasserstraßen, ­
  in  Hamburg  Flete  genannt,  wurden  die  Speicher  erbaut.  Diese  Kanäle  verliehen ­
  vielen  Städten  ein  außerordentlich  malerisches  Aussehen,  das  sich  zum  Teil  bis
in  die  Jetztzeit  erhalten  hat.
Mit  dem  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  eingetretenen  Umschwung  auf  dem
Gebiete  des  Verkehrs  und  des  Handels  wurde  erklärlicherweise  auch  eine  den  veränderten
Verhältnissen  entsprechende  Ausgestaltung  der  Seehäfen  nötig.  Diese  Notwendigkeit
machte  sich  in  besonders  starkem  Maße  zuerst  in  England  gebieterisch  geltend.  Für  die
frühere  geringfügige  Flotte,  deren  größte  Schiffe  nur  einen  Fassungsraum  von  80  Tonnen
besaßen,  waren  lange  Zeit  Hafenanlagen  und  alle  jene  Vorrichtungen,  wie  wir  sie  in
den  modernen  Anlagen  dieser  Art  zu  erblicken  gewohnt  sind,  nicht  erforderlich  gewesen.
Viele  Orte  und  so  auch  London,  Bristol,  Hüll,  Chester,  Boston  u.  s.  w.  besaßen  in  ihrer
Flußlage  die  genügenden  Hafenanlagen.  Das  Gleiche  galt  für  die  damaligen  deutschen
Seehafenstädte,  in  erster  Linie  für  Hamburg.
Die  Schiffe  waren  aber  auf  ihren  Liegeplätzen  auf  der  Themse  in  hohem  Grade  der
Gefahr  des  Zusammenstoßes  ausgesetzt;  dazu  kam,  daß  auf  dem  Flusse  eine  förmlich
organisierte  Räuberei  bestand,  deren  jährlicher  Ertrag  sehr  hoch  geschätzt  wird.  Dieser
Umstand  trug  mit  dazu  bei,  daß  in  den  Jahren  1800—1802  von  dem  Ingenieur
William  Jessop  das  erste  Dock  (das  westindische)  erbaut  wurde.  Gleichzeitig  mit  diesem
Werke  war  von  Rennie  der  Bau  des  London-Docks  in  Angriff  genommen  worden.
Bei  diesem  Bau  kamen  zum  erstenmal  in  ausgedehntem  Maße  Dampfmaschinen  zum  Betreiben ­
  der  Baumaschinen,  lute  Rammen,  Mörtelmühlen,  Pumpen  u.s.  w.  zur  Verwendung.
Seitdem  hat  der  Seehafenbau  eine  große  Ausdehnung  gewonnen.  Wie  sich  bei
den  Flußschiffen  das  Bestreben  nach  einer  beständigen  Vergrößerung  des  Tiefganges
bemerkbar  macht,  so  gilt  ein  gleiches  und  zwar  in  noch  erhöhterem  Maße  für  die  Seeschiffe. ­
  Die  Voraussetzung  dieses  wachsenden  Tiefganges  ist  die  Zunahme  der  Wassertiefe ­
  in  dem  Zugänge  zu  den  Häfen  und  in  deren  Teilen  selbst.
Wir  haben  bereits  in  dem  Abschnitte  über  die  Flußkorrektionen  die  Mittel  kennen
gelernt,  die  für  die  Stromvertiefung  zur  Anwendung  kommen,  und  wollen  nunmehr  einen
Blick  auf  die  Kunst  des  Seehafenbaues  werfen.
Die  Anlagen  für  die  Seeschiffahrt  gehören  zu  den  größten  und  wichtigsten  Aufgaben ­
  des  Wasserbaues.  Die  offene  See  selbst,  die  Trägerin  des  Welthandels  und  Vermittlerin ­
  des  Verkehrs  von  Weltteil  zu  Weltteil  ist  jeder  Einwirkung  der  Menschenhand
unzugänglich.  Damit  das  Schiff  durch  den  endlosen,  bald  spiegelglatten,  bald  durch
Stürme  tief  aufgewühlten  Ozean  gefahrlos  seine  Straße  zieht,  ist  es  vom  Schiffsbaumeister ­
  aus  starken  Eicheuplanken  oder  aus  dünnen  Stahlplatten  fest  zusammengefügt
und  mit  Segeln  oder  Dampfmaschine,  oder  mit  beiden  ausgestattet,  um  mit  dem  Wind
oder  auch  gegen  den  Wind  sein  fernes  Ziel  zu  erreichen.  .Nähert  es  sich  diesem  Ziel,
so  weisen  ihm  Leuchttürme,  Baken  und  Tonnen  den  sicheren  Weg  zum  Hafen;  zwischen
weit  nach  der  Reede  hinaus  gebauten  Molen,  gleich  ausgestreckten  Armen,  gewinnt  es
die  Einfahrt  zum  Hafen  und  sucht  sich  an  den  Hafenmauern  eine  Liegestelle  zu  kurzer
Ruhe.  Kräne  in  allen  Formen,  von  Dampf-,  Wasser-  und  elektrischer  Kraft  bewegt,  und
sonstige  Aufzugs-  und  Löscheinrichtungen  befreien  das  Schiff  von  seiner  Last,  so  daß
es  sich  erleichtert  hebt,  um  aber  alsbald,  mit  neuer  Fracht  aus  den  langgestreckten
Speichern  am  Ufer  oder  aus  den  endlosen  Bahnzügen  beschwert,  wieder  in  die  weite  See
        <pb n="497" />
        520  Seehäfen.
hinauszufahren.  Hat  das  Schiff  beim  Durchfurchen  des  trügerischen  Elementes  Schaden
genommen,  weil  es  vielleicht  im  Eismeer  zu  hart  mit  den  Schollen  oder  auf  dem  belebten ­
  Fahrwasser  in  der  Nähe  des  Hafens  zu  nahe  mit  einem  ihm  begegnenden  Schiff
zusammengeraten  ist,  oder  haben  Wind  und  Wellen  seiner  Ausrüstung  zu  schlimm  mitgespielt, ­
  so  trifft  es  im  Hafen  Anstalten,  wo  es  in  Pflege  genommen  wird  und  seine
Schäden  geheilt  werden.  Alle  diese  Einrichtungen  müssen  von  dem  Wasserbaumeister
erst  geschaffen  werden,  während  das  Hafenbecken  mit  genügend  großer  und  tiefer  Wasserfläche ­
  manchmal  von  der  Natur  selbst  hergestellt  ist.  Ein  solcher  natürlicher  Hafen
ist  z.  B.  die  Kieler  Bucht,  die,  mit  bequemer  Einfahrt  tief  ins  Land  einschneidend,  Hunderten
von  Schiffen  einen  sicheren  Ankergrund  und  Schutz  gegen  Sturm  und  Seegang  bietet
und  im  inneren  Hafen  für  die  Handelsschissahrt  und  für  die  Kriegsmarine  genügend
Raum  zur  ungestörten  Entfaltung  gewährt.  Im  Gegensatz  zu  den  natürlichen  Häfen
sind  künstliche  Häfen  solche,  deren  Wasserbecken  ganz  oder  teilweise  durch  Ausgrabung
und  Ausbaggerung  oder  durch  Umschließung  vorhandener  Wasserflächen  mit  Molen  hergestellt ­
  sind.  Zn  diesen  künstlichen  Häfen  zählt  der  Kriegshafen  in  der  Nordsee,  Wilhelmshaven, ­
  dessen  Wasserbecken,  Ufer,  Schleusen  und  Molen  erst  durch  Menschenknnst  und
Menschenfleiß  geschaffen  wurden.  Auch  der  Hamburger  Hafen  war  bis  zum  Jahre  1866
ein  natürlicher  Hafen,  da  bis  dahin  die  Schiffe  in  natürlichen  Buchten  und  seitlichen
Armen  der  Elbe  ihre  Liegeplätze  fanden;  durch  Herstellung  künstlicher  Wasserbecken  nunmehr ­
  zum  größten  Hafen  des  europäischen  Festlandes  erhoben,  müssen  wir  ihn  jetzt  zu
den  künstlichen  Häfen  rechnen.
Der  Zweck  aller  Häfen,  von  den  Kriegs-  und  Zuflnchtshäfen  abgesehen,  ist,  den
Schiffen  einen  Ort  zu  schaffen,  an  dem  sie  vor  Stürmen  geschützt  liegen,  ihre  Ladung
löschen  und  neue  Fracht  einnehmen  können.  Die  größeren  Handelshäfen  sind  je  nach
den  Warengattungen  und  Schiffsarten  in  besondere  Wasserbecken  geteilt,  wie  Holzhafen,
Petroleumhafen,  Segelschiffhafen,  Oberländerhafen  (d.  h.  Häfen  für  die  auf  den  Wasserstraßen ­
  des  Binnenlandes  verkehrenden  Schiffe)  u.  s.  w.  Fischereihäfen  dienen  ausschließlich
den  Fischerfahrzeugen,  damit  diese  ihren  Fang  ans  Land  bringen  und  vor  Sturm  geschützt
sich  mit  dem  nötigen  Bedarf  versehen  können.  Kohlenhäfen  dienen  zur  Verfrachtung  der
in  der  Nähe  gewonnenen  Kohlen  für  die  Ausfuhr;  zum  Anlaufen  in  der  Winterszeit  und
znm  Schutze  vor  Stürmen  an  gefährlichen  Küsten  dienen  die  Winter-  und  Schutzhäfen.
Diese  letztgenannten  Arten  von  Häfen  finden  sich  auch  mit  großen  Handelshäfen  vereinigt,
z.  B.  in  Bremen.  Daß  mit  dem  Hafen  auch  Anstalten  zur  Ausbesserung  von  Schiffen
verbunden  sind,  ist  schon  oben  gesagt,  und  selbstverständlich  können  auch  die  Werften  für
den  Neubau  von  Schiffen  keinen  geeigneteren  Platz  finden  als  in  der  Nähe  der  Häfen.
Die  größte  Verschiedenheit  der  Seehäfen  besteht  in  ihrer  Einfahrt.  In  dieser  Beziehung ­
  ist  zwischen  offenen  Häfen  und  geschlossenen,  sogenannten  Dockhäfen  zu  unterscheiden.
Offene  Häfen  sind  solche,  die  wie  die  Häfen  von  Kiel,  Hamburg,  Cuxhaven,  Bremen
mit  der  See  in  offener  Verbindung  stehen  und  auch  jederzeit  den  von  der  See  kommenden
Schiffen  zugänglich  sind.  Sind  jedoch  an  einem  Hafenplatze  die  Schwankungen  der  Wasserstände ­
  infolge  von  Ebbe  und  Flut  sehr  groß,  so  müßten  die  Ufereinfassungen  sehr  hoch
werden,  damit  die  Schiffe  auch  bei  hohem  Wasserstande  gelöscht  und  beladen  werden
können;  diese  Schwankungen  der  Wasserstände  haben  aber  für  das  Löschen  und  Beladen ­
  viele  Übelstände  im  Gefolge,  und  diese,  sowie  die  großen  Kosten  für  die  hohen
Ufermaucrn  fallen  weg,  wenn  der  Hafen  durch  eine  Schleuse  gegen  die  See  abgesperrt
wird,  so  daß  im  Hafen  ein  fast  gleichbleibender  Wasserstand  gehalten  werden  kann.
Natürlich  ist  dann  im  geschlossenen  Hafen  das  Ein-  und  Auslaufen  der  Schisse  mit
Zeitverlust  verbunden,  weil  dieselben  durchgeschleust  iverden  müssen.
Die  wichtigste  Anforderung  an  einen  Hafen  ist,  daß  er  eine  sichere,  jederzeit  zugängliche ­
  Ein-  und  Ausfahrt  besitzt.  Wo  diese  fehlt,  muß  vor  dem  Hafen  ein  sicherer
Ankerplatz,  eine  Reede  vorhanden  sein,  wo  die  Schiffe,  ohne  der  gefährlichen  Brandung
ausgesetzt  zu  sein,  den  richtigen  Zeitpunkt  für  das  Ein-  und  Auslaufen,  günstigen  Wind,
den  Eintritt  der  Flut  oder  die  Ankunft  des  Schleppdampfers  erwarten  können.  An  den
an  einem  Flusse  gelegenen  Seehäfen,  wie  Hamburg,  Bremen,  London  tritt  an  die  Stelle
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        Mündung  des  Kaiser  Wilhelmkanales
Handelshafen  König!.  Schloß  Marineakademie  Hafeneinfahrt  bei  Friedrichsort

Gaarden

Wilh  elmin  enhvhe
Verwaltungsgebäude

Pumpenwerke  für  die  Trockendocks  Trockendocks  Baubassin
Der  Meichskriegshafen  und  die  Kaiserliche  Merst  in  Kiel.

Ausrüstungsbassin

Ellerbeck
        <pb n="499" />
        521

Zweck  der  Hafen.  Reede  und  Vorhafen.

der  Reede  der  Fluß  selbst,  der  in  der  Regel  auf  seinem  sandigen  Untergrund  den  Anker
leicht  und  sicher  eingreifen  läßt;  noch  besser  als  Sand,  der  vom  Wellenschlag  gelockert
werden  kann,  ist  Thongrund.  An  den  an  der  offenen  See  gelegenen  Häfen,  namentlich
an  den  Dockhäfen,  deren  Schleusen  bei  Sturm  nicht  befahren  werden  können,  muß,  wenn
nicht  die  Natur  durch  eine  Bucht  die  beste  Reede  geschaffen  hat,  durch  den  Bau  von
kostspieligen  Wellenbrechern  erst  eine  solche  geschaffen  werden.  Diese  Wellenbrecher
können  unter  günstigen  Verhältnissen  massiv  aus  Steinen  gemauert  werden  oder  müssen
durch  Steinschüttungen  oder  durch  Versenken  künstlicher  Blöcke  von  Beton  oder  Mauerwerk ­
  hergestellt  werden.  In  Dublin  wurden  solche  künstliche  Blöcke  bis  zu  350  t
Gewicht  versenkt;  in  der  Regel  sind  dieselben  nur  10—20  obin  groß  und  werden  von
Prähmen  aus  verstürzt  oder  mit  schwimmenden  Kränen  versenkt.  Die  Wellenbrecher
erstrecken  sich  meist  unter  einem  Winkel  vom  Ufer  aus  nach  der  See,  wie  in  Dmuiden
an  der  Mündung  des  Amsterdamer  Seekanales,  oder  sie  laufen  nach  der  Richtung  des
Seeganges  und  der  Küstenströmung  mit  dem  Ufer  parallel,  wie  in  Marseille.  Sie
erhalten  mindestens  die  Höhe  des  höchsten  Wasserstandes,  um  die  auf  der  Reede  liegenden
Schiffe  gegen  den  Sturm  und  Seegang  zu  schützen;  sollen  die  Wellenbrecher  aber  zugleich

508.  Gnerschnitt  der  Mole  von  Neapel.

Offenes  Meer

i&amp;lt;  28,60  i
K-  -8,80-  -  0,00  -  -X-ä/iOx'tfiOi'-oßO-^COi--'/A



Mitilei  w  '  J/F/sserslrmdzum

  Anlegen  und  Löschen  der  Schiffe  dienen,  tvie  in  Dover,  oder  bei  Sturm  begehbar
sein,  um  den  Schiffen  bei  der  Einfahrt  Hilfe  leisten  zu  können,  so  erhalten  sie  auf  der
Seeseite  eine  noch  2—3  in  höhere  steinerne  Brustwehr  zum  Schutze  gegen  überschlagende
Wellen.  Auf  den  verbreiterten  Enden  tragen  die  Wellenbrecher  meist  kleine  Leuchttürme.
Der  größte  Wellenbrecher  ist  der  in  einer  Waffertiefe  von  über  30  in  errichtete,  1400  in
lange  Molo  San  Bincenzo  in  Neapel,  welcher  den  dortigen  Kriegs-  und  Handelshafen
gegen  die  heftigsten  Südweststürme  schützt.  Derselbe  ist  an  der  Sohle  134  in  und  an
der  Krone  noch  fast  30  ni  breit;  die  Kosten  betrugen  für  das  Meter  Länge  12  600  Mark.
An  die  Einfahrt  der  Reede,  die  des  bequemen  Einlaufens  halber  am  weitesten  seewärts ­
  liegen  muß,  schließt  sich  eine  Erweiterung  an,  damit  die  einströmenden  Wellen  ihre
Höhe  und  Kraft  verlieren  und  die  Schiffe  genügend  Raum  zum  Wenden  haben.
Die  sich  ans  der  Reede  befindenden  Schiffe,  die  an  einem  Anker  festgelegt  werden,
müssen  so  viel  Abstand  voneinander  haben,  daß  sie  sich  mit  Wind  und  Strom  um  diesen
Anker  drehen  (schwoien)  können,  ohne  miteinander  zusammenzustoßen.  Der  Halbmesser  der
von  den  Schiffen  beim  Schwoien  beschriebenen  Kreise  ist  viel  größer  als  die  Schiffslänge,
weil  der  Anker  weit  vor  dem  Schiffe  liegen  muß,  damit  die  Kette  keinen  senkrechten  Zug
auf  ihn  ausübt,  sondern  in  sanftem  Bogen  durchhängt,  wodurch  eine  gewisse  Elastizität
gegen  die  Stöße  der  Wellen  vorhanden  ist.
Von  der  Reede  gelangt  das  Schiff  in  den  Vorhafen,  der  aber  beim  Vorhandensein
einer  Reede  auch  fehlen  kann,  weil  er  nur  dazu  dient,  die  einlaufenden  Schiffe  aufzunehmen, ­
  bis  sie  ihre  Liegeplätze  in  den  Hafenbecken  einnehmen  können,  und  es  den  aus-IX
  66
        <pb n="500" />
        522  Seehäfen.
laufenden  Schiffen  zu  ermöglichen,  durch  Sehen  der  Segel  oder  mit  Hilfe  eines  Schleppdampfers ­
  das  offene  Meer  mit  der  nötigen  Geschwindigkeit  zu  gewinnen.
Die  künstlichen,  meist  trichterförmig  gestalteten  Vorhäfen  werden  durch  Herstellung
von  vorspringenden  Molen  gewonnen.  Offene  Häfen,  wie  Hamburg,  Bremen  u.  a.,  besitzen
in  der  Regel  keine  eigentlichen  Vorhäfen,  sondern  der  vordere  Teil  dient  als  Vorhafen,
ohne  von  den  einzelnen  Hafenbecken  besonders  abgegrenzt  zu  sein.  Vom  Vorhafen  gelangen
wir  in  den  eigentlichen  Hafen,  der  aber,  wie  schon  oben  erwähnt,  meist  nicht  aus  einer
einheitlichen  Wasserfläche,  sondern  aus  einer  Reihe  miteinander  zusammenhängender  Hafenbecken ­
  besteht.  Ist  der  Hafen  ein  geschlossener  Hafen,  wie  in  Bremerhaven  und  Wilhelmshaven, ­
  so  müssen  die  Schiffe,  um  vom  Vorhafen  in  die  einzelnen  Hafenbecken  zu  gelangen,
die  Schleuse  passieren,  die  an  den  Hafenbecken  den  wechselnden  Außenwasserstand  abhält

509.  Moleninlll  in  NrnnsKnttei.
und  in  ihnen  den  Wasserspiegel  auf  einer  stets  gleichen  Höhe  erhält.  Derartige  Schleusen
besitzen  nur  ein  Thorpaar,  durch  das  in  den  Hafenbecken  ein  Wasserstand  von  etwas  unter
gelvöhnlicher  Hochwasserhöhe  gehalten  wird,  und  die  den  Schiffen  nur  Ein-  und  Ausfahrt
gewähren,  wenn  der  Außenwasserstand  ebenso  hoch  steht  Ivie  der  Wasserstand  in  den  Hafenbecken. ­
  Sollen  die  Hafenbecken  den  größten  Schiffen  zugänglich  sein,  so  muß  eine  solche
Schleuse  ganz  gewaltige  Abmessungen  erhalten.  In  Bremerhaven  waren  bis  vor  kurzem
der  Kaiserhafen  und  der  sogenannte  Neue  Hafen  nur  durch  17  und  2l  in  weite  Dockschleusen ­
  zugänglich.  Um  den  Verkehr  der  größten  Schiffe,  wie  sie  der  Norddeutsche  Lloyd
im  vergangenen  Jahrzehnt  hat  bauen  lassen,  Bremerhaven  zu  erhalten,  hat  der  Staat
Bremen  in  den  letzten  Jahren  den  erst  Mitte  der  70er  Jahre  mit  einem  Anfwande  von
7 1 4  Millionen  Mark  gebauten,  aber  längst  zu  klein  gewordenen  Kaiserhafen  erweitert
und  denselben  mit  dem  Vorhafen  an  der  Weser  durch  eine  Kammerschleuse  von  220  w
Länge,  28  in  Thorweite  mit  45  in  breiter  Kammer  verbunden.  Diese  Schleuse  ist  nicht
nur  größer  als  die  Schleusen  an  der  Mündung  des  Kaiser  Wilhelms-Kanals,  sondern
überhaupt  das  größte  Bauwerk  dieser  Art  auf  der  Welt.  Die  größten  Schiffe  können
jetzt  jederzeit  in  den  Hafen  ein-  und  ans  dem  Hafen  auslaufen.  Damit  den  Personendampfern ­
  das  Befahren  der  Schleuse  und  der  damit  notwendig  verbundene  Zeitverlust
        <pb n="501" />
        Anordnung  der  Hafenbecken.  523
erspart  bleibt,  ist  außerhalb  des  Vorhafens,  an  der  Weser  eine  hochwasserfreie  Landestelle
geschaffen  worden,  an  welcher  die  Personenaampfer  anlegen.  Die  vom  Lloyd  zwischen
Bremen  und  Bremerhaven  eingestellten  Sonderzüge  fahren  bis  zu  dieser  Landestelle  und
bringen  so  ihre  Fahrgäste  unmittelbar  von  der  Bahn  znm  Schiffe  und  umgekehrt.  Auf  diese
Hafenerweiterungen  hat  der  Bremer  Staat  18 1 / 2  Will.  Mark  verwendet,  wovon  das  Deutsche
Reich  2  J / 2  Millionen  für  im  Interesse  der  Kriegsmarine  ausgeführte  Anlagen  beisteuerte.
Die  in  den  Hafenbecken  erforderliche  Wassertiefe  hängt  von  dem  Tiefgänge  der
Schiffe  und  in  den  offenen  Häfen  von  den  Schwankungen  des  Wasserstandes  ab.  Zwischen
Schiffskiel  und  Hafensohle  muß  noch  genügend  Spielraum  sein,  damit  die  Schiffe  auch  bei
Wellenschlag  den  Grund  nicht  berühren;  auf  Reeden  und  in  Einfahrten,  wo  Wellenschlag
stattfindet,  muß  dieser  Spielraum  ungefähr  gleich  der  Wellenhöhe  sein,  bei  ruhigem  Wasser

510.  Der  neu»  Hafen  in  Krcmrrhaven.
und  unveränderlicher  Sohle  genügen  30  cm;  selbstverständlich  muß  dieser  Spielraum
beim  niedrigsten  im  Hafen  eintretenden  Wasserstand  noch  vorhanden  sein.  Der  Tiefgang
der  Seeschiffe  beträgt  2,75  bis  etwa  8  m.  Die  Hafenbecken  von  Hamburg  haben  Wassertiefen ­
  von  5,6  bis  9  in;  der  Hafen  in  Bremen  ist  für  Schiffe  von  5  in  Tiefgang  und
für  einen  Spielraum  von  0,3  in  angelegt  worden.  Die  oben  erwähnte  Erweiterung  des
Kaiserhafens  in  Bremerhaven  hat  mit  Rücksicht  auf  die  daselbst  verkehrenden  größten
Dampfer  des  Norddeutschen  Lloyd  die  bedeutende  Wassertiefe  von  10,5  in  erhalten;  die
Tiefe  der  Einfahrtsschleuse  ist  so  bemessen,  daß  noch  9,5  m  tiefgehende  Schiffe  bei  schwachen
Tiden  in  den  Hafen  gelangen  können.
Die  Lage  der  Hafenbecken  zu  einander  ist,  weil  von  der  Örtlichkeit  abhängig  und
hauptsächlich  weil  die  einzelnen  Hafenbecken  in  der  Regel  erst  mit  wachsendem  Verkehre
nach  und  nach  entstehen,  meist  unregelmäßig.  In  offenen  Häfen  stehen  die  einzelnen
Hafenbecken  in  offener  Verbindung  miteinander;  in  geschlossenen  Häfen  sind  sie  durch
Schleusen  miteinander  verbunden.  Durch  diese  Schleusen  ist  die  Möglichkeit  geboten,  im
Falle  notwendiger  Ausbesserungen  den  Wasserstand  in  einem  Hafenbecken  zu  senken,  ohne
        <pb n="502" />
        524  Seehäfen.
daß  die  anderen  davon  berührt  werden.  Die  Einfahrten  der  Hafenbecken,  die  für  den
Verkehr  mit  feuergefährlichen  Stoffen,  wie  Petroleum,  bestimmt  sind,  werden  gegen  die
übrige  Wasserfläche  durch  eiserne  Pontons,  die  noch  mit  einem  Panzer  von  feuerfesten
Steinen  bewehrt  sind,  abgeschlossen,  um  zu  verhindern,  daß  etwa  brennendes,  auf  dem
Wasser  schwimmendes  Petroleum  in  die  anderen  Hafenbecken  gelangen  kann.
Wenn  die  einzelnen  Hafenbecken,  wie  in  England  üblich,  im  Besitz  und  in  der  Verwaltung ­
  von  verschiedenen  Gesellschaften  stehen,  fehlt  meist  die  Schleusenverbindung,  so
daß  ein  Schiff,  um  von  einem  Dock  in  das  andere  zu  gelangen,  den  Weg  durch  den  Vorhafen ­
  und  über  die  Reede  nehmen  muß.  Die  Verbindungskanäle  und  Schleusen  zwischen
den  einzelnen  Hafenbecken  müssen  natürlich  überbrückt  sein,  um  den  Verkehr  von  Ufer  zu
Ufer  zu  ermöglichen,  und  zwar  sind  hierzu  meist  bewegliche  Brücken  notwendig,  weil  die
nötige  Durchfahrtshöhe  für  die  Schiffe  in  der  Regel  nicht  vorhanden  ist.  Für  diese  beweglichen ­
  Brücken  sind  alle  möglichen  Anordnungen  ersonnen:  Drehbrücken,  die  seitlich  ausgeschwenkt ­
  werden  (Abb.  421  u.  422).  Klappbrücken,  die  in  die  Höhe  geklappt  (Abb.  425
ii.  426),  Rollbrücken,  die  auf  das  Ufer  zurückgerollt,  Hubbrücken,  die  in  ihrer  wagerechten
Lage  senkrecht  in  die  Höhe  gehoben  werden  (Abb.  423  u.  424),  u.  a.  Die  Bewegung
dieser  Brücken  geschieht  im  Interesse  möglichster  Zeitersparnis  jetzt  meistens  durch  Druckwasser,
  wie  z.  B.  in  Hamburg,  dessen  Hasenanlagen  mehrfache  Beispiele  solcher  aufs  zweckmäßigste ­
  angeordneter  beweglicher  Brücken  bietet.
Um  die  Wasserfläche  und  die  Uferlänge  am  zweckmäßigsten  ausnutzen  zu  können,  gibt
man  den  Hafenbecken,  soweit  es  möglich  ist,  meist  regelmäßige  rechteckige  Form;  da  die
Form  und  die  Ausdehnung  der  Hafenbecken  durch  die  Örtlichkeit  sehr  beeinflußt  ist,  so
kommen  auch  andere,  unregelmäßige  Formen  vor.  Ist  die  zur  Verfügung  stehende  Uferlänge
nur  kurz,  so  können  durch  Anlage  von  zungenförmigeu  Molen,  die  sich  vom  Ufer  winkelrecht ­
  in  das  Wasser  erstrecken,  sehr  viel  längere  nutzbare  Uferstrecken  geschaffen  werden.
In  gut  eingerichteten  Häfen  sollen  die  Schiffe  sämtlich  in  ihrer  ganzen  Länge  parallel
znm  Ufer  anlegen  können.  Daraus  ergibt  sich  für  die  erforderliche  Breite  der  Hafenbecken,
daß  dieselbe  für  die  zwei  zu  beiden  Seiten  an  den  Ufern  liegenden  Schiffe  und  außerdem
noch  für  zwei  zwischen  diesen  sich  begegnende  Schiffe  genügend  Raum'  bieten  muß.  Für
die  größten  Schiffe  wäre  eine  Breite  von  über  210  m  erforderlich,  eine  Breite,  die  beinahe ­
  genügt,  daß  ein  solches  Schiff  zwischen  den  freien  Usern  des  Hafenbeckens  beim
Vorhandensein  der  nötigen  Hilfsvorrichtungen  wenden  kann.  Der  Segelschiffhafen  in
Hamburg  hat  eine  Breite  von  255  m  erhalten,  so  daß  außer  den  an  den  Ufermauern
liegenden  Dampfern  in  der  Mitte  noch  zwei  Reihen  Segelschiffe  Platz  finden,  um  an
Flußschiffe  und  Schuten  ihre  Ladung  abgeben  zu  können.
Damit  die  Schiffe  in  den  Hafenbecken  durch  die  an  den  Ufern  aufgestellten  Kräne
bequeni  entladen  werden  können,  müssen  sie  mit  dem  Ufer  parallel  und  möglichst  nahe  an
demselben  liegen,  und  dazu  müssen  die  Ufer  mit  nahezu  senkrechten  Mauern  eingefaßt  werden.
Diese  Ufereinsassnngen  stellen  bei  großer  Waffertiefe  und  bei  ungünstigem  Baugrund ­
  dem  Hafenbaiimeister  oft  recht  schwierige  Aufgaben  und  erfordern  große  Summen,
zumal  bei  den  nicht  selten  sehr  großen  Uferlängen,  die  mit  Mauern  einzufassen  sind.  Zur
Verminderung  der  Kosten  werden  deshalb  an  weniger  wichtigen  Uferstrecken  hölzerne  Ufereinfaffungen
  an  Stelle  massiver  Mauern  angelegt,  wie  an  dem  Petroleumhafen  in  Hamburg,
oder  über  den  Erdböschungen  auf  hölzernen  oder  eisernen  Pfählen  ruhende  Ladebühnen,
wie  in  Bremen,  errichtet.  Die  massiven  Ufermauern  haben  aber  den  Vorteil,  daß  sie
viel  weniger  Unterhaltungskosten  fordern.
Die  massiven  Ufermauern  werden  meistens  auf  Pfahlrost  oder  auf  Pfähle  und  Beton
gesetzt;  in  Antwerpen  wurden  die  10,6  m  unter  das  Niedrigwasser  der  Schelde  reichenden
Ufermauern  mittels  des  Drncklnftverfahrens  gegründet;  das  Meter  Mauer  kam  auf
8000  Mark  zu  stehen.*)  Auf  der  Wasserseite  müssen  die  Mauern  mit  dem  besten  Steinmaterial
  verkleidet  werden;  durch  Verwendung  von  Beton  im  Inneren  der  Mauern  sucht
man  die  Kosten  möglichst  herabzumindern  (f.  Abb.  465  bis  469  in  dem  Abschnitt  „Flußhäfen").
*)  Diese  Fundierungsmethode  zeigt  die  Abbildung  des  Leuchtturmes  an  der  Wesermündung ­
  (Abb.  542  u.  543).
        <pb n="503" />
        Anlage  der  Ufermauern.
In  den  neuen  Hafenanlagen  Bremens  ist  in  der  Ufermauer  ein  begehbarer,  mit
Gleis  versehener  mannshoher  Gang  angelegt  zur  Unterbringung  der  Leitungen
für  Druckwasser  und  für  Elektrizität.  Zum  Schutze  der  Schiffe  sowohl  wie  der
Mauern  selbst  gegen  Beschädigungen  beim  Anlegen  werden  an  der  Wasserseite
kräftige  Rundhölzer,  sogenannte  Prellpfähle  oder  Reibhölzer,  in  senkrechter
Richtung  befestigt,  welche  die  unmittelbare  Berührung  zwischen  Schiff  und  Mauer
verhindern  und  etwaige  zu  starke  Stöße  durch  ihre  Elastizität  mildern  sollen.
Um  die  Schiffe  während  des  Liegens  an  der  Mauer  festlegen  zu  können,
werden  an  den  Mauern  in  verschiedener  Höhe  starke  Schiffsringe  eingelassen,
und  oben  auf  dem  Ufer  in  einiger  Entfernung  vom  Manerrand  werden  Haltepfähle, ­
  Poller  genannt,  in  neuerer  Zeit  meist  aus  Gußeisen,  aufgestellt,  an
welchen  die  Schiffe  durch  Taue  oder  Ketten  festgemacht  werden.  Um  gegen
Zug  der  Schiffe  genügend  Widerstand  leisten  zu  können,  müssen  diese  Poller
einen  starken  Mauerklvtz  eingesetzt  werden.  Ähnlich  den  Pollern  sind
Gangspills  oder  Capstans,  das  sind  stehende  Winden,  welche  an  einzelnen ­
  Stellen,  namentlich  auch  an  den  Hafeneinfahrten,  aufgestellt
werden,  um  die  schweren  Schiffe  heranzuholen.  Um  diese  stehenden
Winden  wird  ein  Tau  des  Schiffes  herumgeschlungen  und  durch
Drehen  der  Winde  durch  Menschenkraft,  Dampf  oder  Druckwasser  oder
durch  Elektrizität  das  Schiff  herangeholt.
Da  wo  die  Schiffe  nicht  an  festen  Ufern,  an  Ringen  oder  Pollern
festgemacht  werden  können,  müssen  dieselben  entweder  ankern  wie  auf
der  Reede  oder  an  schwimmenden  eisernen  Tonnen,  sogenannten
Ankerbojen,  öder  an  sogenannten  Dückdalben*)  befestigt  werden.
Die  Ankerbojen  sind  große  eiserne  Tonnen,  die  wie  die  Bojen  zur
Bezeichnung  des  Fahrwassers  durch  Anker,  schwere  Steine  oder  durch
eiserne  Schrauben  im  Grund  festgehalten  werden.  Die  Duc'dalben
oder  Dalben  sind  Bündel  von  eingerammten,  fest  miteinander  verbundenen ­
  Pfählen  von  Holz  oder  Eisen,  an  denen  die  Schiffe  so  festgelegt ­
  werden,  daß  sie  ihre  Lage  nicht  ändern  können;  gegenüber  den
Bojen,  um  welche  die  Schiffe  schwoien,  bieten  die  Dalben  daher  den
Vorteil,  daß  die  Schiffe  unmittelbar  nebeneinander  festgelegt  werden
können,  so  daß  auf  dem  Raume,  den  ein  an  einer  Boje  festgelegtes
Schiff  zum  Schwoien  beansprucht,  mindestens  zwanzig  gleich  große
Schiffe  untergebracht  werden  können.  Je  nach  der  Größe  der  Schiffe
bestehen  diese  Pfahlbündel  aus  drei  bis  dreizehn  Pfählen,  welche  um
einen  mittleren  höheren  Pfahl,  den  Königspfahl,  gruppiert  und  fest
niiteinander  verbunden  sind,  um  neben  großer  Elastizität  auch  kräftigen
Widerstand  gegen  den  Zug  und  die  Stöße  der  Schiffe  leisten  zu
können.  In  dem  schon  erwähnten  Hamburger  Segelschiffhafen
(Abb.  511  resp.  526)  sind  zwei  Reihen  je  dreizehnpfähliger  Dückdalben
angeordnet,  an  denen  die  in  der  Mitte  des  Hafens  liegenden,  in
Leichter,  Oberländerkähne  u.  s.  w.  verladenden  Segelschiffe  festgelegt  werden.
Die  Leistungsfähigkeit  eines  Hafens  hängt  nicht  allein  von  der  Größe  der
vorhandenen  Wasserfläche  und  der  Länge  des  zum  Anlegen  benutzbaren  Ufers  ab,
sondern  beruht  wesentlich  auch  auf  der  zweckmäßigen  Ausstattung  des  Hafens
mit  Gleisen,  Schuppen  und  Speichern  und  namentlich  mit  Kränen  zum
raschen  Ent-  und  Beladen  der  Fahrzeuge.  Während  früher  die  Speicher  unmittelbar ­
  an  die  Ufermauern  gesetzt  wurden,  hat  man  es  an  den  neuen  Hafenanlagen ­
  in  Bremen  und  Hamburg  vorgezogen,  die  Speicher  vom  Ufer  abzurücken, ­
  weil  nur  ein  kleiner  Teil  der  Waren  vom  Schiff  unmittelbar  in  die
*)  Die  Bezeichnung  Dückdalbe  hat  mit  dem  Herzog  von  Alba  nichts  zu  schaffen,
sondern  leitet  sich  her  von  llicdallen,  die  heißt  Deich  und  dallsn  Pfähle,  also  Deichpfähle, ­
  Pfähle,  die  am  Deich  stehen.

525

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611.  (Querschnitt  Lurch  Len  Srgclschilsdafru  ;u  Hamburg.
        <pb n="504" />
        526  Seehäfen.

Speicher  geht,  und  hat  dagegen  am  Ufer  an  der  Landseite  geschlossene,  an  der  Wasserseite
offene  Kaischuppen  errichtet,  in  denen  die  Ladungen  erst  ausgelesen,  nachgesehen,  gewogen
und  verzollt  werden  können,  ehe  sie  weiter  befördert  werden.  Entlang  den  Schuppen,
an  der  Wasserseite  wie  an  der  Landseite,  liegen  Geleise,  um  die  unmittelbar  von  der  Bahn
auf  das  Schiff  oder  umgekehrt  übergehenden  Waren  bequem  an-  und  abfahren  zu  können.
In  früheren  Zeiten,  als  der  Güterverkehr  in  der  Hauptsache  durch  Segelschiffe  vermittelt ­
  wurde,  fiel  bei  der  langen  Dauer  der  Fahrt  eine  etwas  längere  Liegezeit  im
Hafen  nicht  schwer  ins  Gewicht.  Das  Löschen  der  Ladung  tvurde  durch  Überladen  in
Leichter  oder  durch  Lastträger  bewirkt.  Seitdem  die  Zahl  der  Dampfer  mit  ihrem
großen  Tonnengehalt  und  dem  entsprechend  großen  Kapitalwert  immer  mehr  wächst,  ist
es  notwendig  geworden,  um  dieselben  möglichst  auszunutzen,  ihre  Liegezeit  soweit  wie
möglich  zu  verringern,  sie  also  in  kürzester  Frist  zu  ent-  und  zu  beladen,  und  dazu

512.  Aaischupprn  und  Kpeichcrblocks  am  Kandthorkai  in  Kmiidurg.
müssen  leistungsfähige  Kräne  vorhanden  sein.  Zum  Heben  besonders  schwerer  Lasten,
wie  Kanonenrohre,  Lokomotiven  u.  dergl.,  dienen  feststehende  Kräne,  die  billiger  sind
als  gleichstarke  bewegliche  Kräne;  solche  feststehende  Kräne  werden  in  kleinen  Häfen
noch  von  Hand  betrieben.  Zur  Bewältigung  eines  großen  Verkehrs  müssen  die  Kräne
fahrbar  sein,  so  daß  die  Schiffe  an  jeder  Stelle  des  Users  entladen  werden  können,  und
die  Kräne  müssen  durch  Dampf,  Druckwasser  oder  durch  den  elektrischen  Strom  betrieben
werden.  Die  durch  Dampf  betriebenen  Kräne  werden  entweder  jeder  mit  einer  eigenen
Dampfmaschine  versehen  und  betrieben,  oder  es  wird  jedem  Krane  der  Dampf  von  einer
Zentralstelle  aus,  ebenso  wie  den  hydraulisch  betriebenen  Kränen  das  Druckwasser  oder
den  elektrischen  Kränen  der  elektrische  Strom,  zugeführt.  Eine  Druckwasseranlage  besteht
darin,  daß  Wasser  durch  eine  durch  Dampf  getriebene  Druckpumpe  auf  einen  hohen  Druck,
bis  zu  50  Atmosphären,  gebracht  und  durch  Rohrleitungen  den  Arbeitsmaschinen  zugeführt
wird.  Nach  Öffnen  eines  Schiebers  oder  eines  Hahnes  an  der  betreffenden  Ärbeitsmaschine
  wirkt  das  Druckwasser  in  gleicher  Weise  wie  der  gespannte  Dampf  des  Dampfkessels ­
  auf  den  Kolben  der  betreffenden  Arbeitsmaschine  und  setzt  ihn  in  Bewegung.  Ist
        <pb n="505" />
        527

Lösch-  und  Ladevorrichtungen.

der  Verbrauch  von  Druckwasser  kleiner  als  die  Leistung  der  Druckpumpe,  so  wird  der  sogenannte ­
  Akkumulator,  das  ist  ein  sehr  schweres  Gewicht,  durch  das  Druckwasser  in  die
Höhe  gehoben  und  damit  Kraft  aufgespeichert,  die  jederzeit  zur  Leistung  von  Arbeit  zur
Verfügung  steht.  Der  Antrieb  der  Kräne  durch  Druckwasser  wurde  zuerst  in  England
ausgeführt  und  von  dort  in  den  deutschen  Häfen  Bremen,  Hamburg,  Lübeck  neben  den
Tampfkränen  eingeführt.  Die  Vorzüge  des  Druckwasserbetriebes  sind  große  Sicherheit
und  Genauigkeit,  einfache  Konstruktion  und  einfache  Bedienung,  auch  kann  das  Druckwasser ­
  zu  Feuerlöschzwecken  verwendet  werden.  Dagegen  sind  besondere  Vorkehrungen
gegen  Einfrieren  des  Druckwassers ­
  zu  treffen,  entweder
durch  frostfreie  Lage  der
Hauptdruckrohre  im  Boden,
durch  VermischungdesWasserS
mit  Glycerin  oder  durch  Erwärmen ­
  desselben  mittels
Dampf.  Der  elektrische  Betrieb ­
  der  Löschladeeinrichtungen ­
  wurde  durch  deutsche
Firmen  ins  Leben  gerufen
und  ausgebildet  und  hat  den
Vorteil,  daß  sich  durch  ihn
weit  größere  Gebiete  versorgen
lassen,  daß  die  Verteilung
von  Kraft  dem  Verbrauch
leicht  angepaßt  werden  kann,
daß  die  Leitungen  wenig  Aufwand ­
  erfordern  und  leicht  nach
entlegenen  Stellen  geführt
werden  können  und  gegen
Frost,  Feuchtigkeit  und  andere
atmosphärische  Einflüsse,  wenn
gut  verlegt,  nahezu  unempfindlich ­
  sind.  Die  elektrische  Kraftübertragungfindetdaherinden

Häfen  immer  mehr  Eingang,
nachdem  in  Hamburg  Eude  des
Jahres  1892  die  ersten  zwei
elektrischen  Kräne  in  Betrieb
genommen  sind,  zumal  da  für
die  Beleuchtung  der  Häsen
meistens  auch  der  elektrische
Strom  verwendet  wird.
Der  größte  Kran  der  Welt  ist  derzeit  in  Hamburg,'  es  ist  der  am  Kranhöft
neben  dem  Segelschiffhafen  ausgestellte  Dampfdrehkran  mit  einer  Tragkraft  von  150  t,
das  ist  gleich  der  Ladung  von  15  Güterwagen.  Gebaut  wurde  derselbe  von  der  Firma
Ludwig  Stuckenholz  in  Wetter  a.  d.  Ruhr.  Bewegliche  Kräne  für  besonders  große  Lasten
werden  nicht  auf  Geleise  fahrbar  gemacht,  sondern  auf  dem  Wasser.  Sie  werden  auf
eisernen  Fahrzeugen  aufgebaut,  die  zu  ihrer  Fortbelvegung  mit  Schiffsschrauben  versehen
sind,  oder  beim  Mangel  von  solchen  durch  Schleppdampfer  an  die  Verwendungsstelle  gebracht ­
  werden  müssen.  Solche  Schwimmkräne  werden  für  Lasten  von  40—120  t  gebaut
und  finden  namentlich  auch  zum  Einsetzen  der  Kessel  und  Maschinen  in  den  Schiffskörper,
sowie  zum  Versenken  der  Betonblöcke  beim  Bau  von  Molen  vielfach  Anwendung.  Im
Hafen  von  Bremen  befindet  sich  ein  Schwimmkran  von  40  t  Tragkraft,  der  durch  zwei
unabhängig  von  einander,  durch  je  eine  besondere  Dampfmaschine  betriebene  Schiffs-613.

  Kroßer  Kran  am  Kranhiist  in  Kamdurg.
        <pb n="506" />
        528

Seehasen.

schrauben  selbstthätig  sich  fortbewegt.  Damit  der  Krau  zugleich  zu  Feuerlöschzwecken
verwendet  werden  kann,  ist  er  noch  mit  einer  kräftigen  Duplexpumpe  ausgestattet.
Da  die  Schiffe  in  Zwischenhäfen,  deren  Ausstattung  mit  Kränen  noch  zu  wünschen
übrig  läßt,  auf  ihre  eigenen  Lösch-  und  Ladevorrichtungen  angewiesen  sind,  werden  die
großen  transatlantischen  Dampfer  mit  einer  größeren  Anzahl  Kräne  versehen,  mit  denen
das  Löschen  und  Laden  auf  offener  Reede  ebenso  rasch  vor  sich  geht,  wie  an  dem  Kai
eines  gut  ausgerüsteten  Hafens.  So  trägt  der  Schnelldampfer  „Kaiser  Wilhelm  1t."
vom  Norddeutschen  Lloyd  4  hydraulische  Kräne  von  2500  kg  und  2  von  1200  kg  Tragfähigkeit ­
  an  Bord,  für  welche  das  Druckwasser  von  circa  90  Atmosphären  Druck  durch
eine  eigene  Betriebsmaschiue  von  100  Pferdekräften  erzeugt  wird.  Es  ist  dies  die  erste
derartige  hydraulische  Anlage,  die  von  einer  deutschen
Firma,  Haniel  und  Lueg  in  Düsseldorf,  hergestellt  ist.
Zum  Verbringen  der  Güter  in  die  Speicher  werden
statt  der  Kräne  meist  Winden  oder  Aufzüge  verwendet,
weil  die  Lasten  bei  der  großen  Höhe  beim  Aufwinden ­
  durch  Kräne  zu  sehr  ins  Schwingen  geraten.
Die  Aufzüge  gestatten  das  bequeme  Aufsetzen  und
Abnehmen  der  Waren  und  sind  ebenso  geeignet  zur
Förderung  großer  Einzellasten,  wie  zur  Aufnahme
vieler  kleinerer  Stückgüter  oder  von  Per-\
  fönen.  Namentlich  wenn  die  Waren  vorder
\  Beförderung  in  die  oberen  Stockwerke  der
Speicher  unten  noch  nachgesehen  oder  gewogen ­
  werden  müssen,  sind  Aufzüge  im
Inneren  der  Gebäude  weit  bequemer  und
vorteilhafter  als  Kräne  an  der  Außenseite.

514.
Kchwimmkrari.

Zum  Löschen  von  Getreide,  Salz,  künstlichem  Dünger  und  ähnlichen  pulverigen
Massen  sowie  Kohlen  aus  den  Schiffen  dienen  die  bereits  bei  Beschreibung  der  Flußhäfen ­
  erwähnten  Elevatoren.
Eine  großartige  Ausbildung  haben  die  Vorrichtungen  zum  Verladen  von  Kohlen
aus  den  Eisenbahnwagen  in  die  Schiffe  in  England  erfahren,  wo  im  Osten  aus  den
Häfen  am  Tyne  und  au  der  Westküste  in  den  Häfen  von  Cardiff,  Swansea  und  in  den  Barry-Docks
  an  der  Mündung  des  Severn  eine  riesige  Ausfuhr  von  Kohlen  stattfindet.  Das
Festland  besitzt  erst  wenige  solcher  Anlagen,  weil  die  Kohlenaussuhr  nur  unbedeutend  ist.
Im  neuen  Hafen  vcn  Bremen  ist  Ende  der  80er  Jahre  ein  Kohlensturzkran  (Abb.  517)
aufgestellt  worden,  nm  solche  Schiffe  mit  Steinkohlen  zu  beladen,  die  sonst  ohne  Fracht
oder  mit  Ballast  in  See  gegangen  wären.  Die  Eisenbahnwagen  werden  einzeln  auf  eine
versenkte  Bühne  aufgefahren,  der  Kran  hebt  die  Bühne  mit  dem  Wagen  hoch,  dreht  dieselbe
über  die  Schiffsbrücke  und  bringt  sie  in  eine  solche  geneigte  Lage,  daß  der  Wagen  seinen
Inhalt  durch  die  geöffnete  Seitenwand  über  Kopf  entleert.  Die  Gebühr  für  die  Benützung
des  Kohlensturzkranes  beträgt  1  Pf.  für  den  Zentner.  Die  Beladung  der  Dampfschiffe  mit
den  Bunkerkvhlen  für  den  eigenen  Bedarf  erfolgt  dort  von  Lagerplätzen  aus  mit  Kübeln,
oder  vom  Bahnwagen  aus  mit  den  gewöhnlichen  Kränen.  Die  Kohlensturzvorrickitungen
müssen  eine  möglichst  rasche  und  billige  Beladung  der  Schiffe  ermöglichen;  aber  neben  der
        <pb n="507" />
        529

Lösch-  und  Ladevorrichtungen.

großen  Leistungsfähigkeit  ist  ein  Haupterfordernis  möglichste  Schonung  der  Kohle  beim  Abstürzen, ­
  weil  die  Gefahr  der  Selbstentzündung  der  Kohle  um  so  größer  wird,  je  mehr  diese
beim  Verladen  zerkleinert  wird.  Die  Art  der  Kohlensturzvorrichtungen  hängt  wesentlich  von
der  Höhenlage  des  Bahngleises  zu  den  zu  beladenden  Schiffen  ab;  liegt  das  Gleis  hoch,
so  kommt  das  Schüttrinnensystem  zur  Anwendung;  dabei  fallen  die  Kohlen  aus  dem
Wagen  in  eine  geneigte  Schüttrinne  und  werden  unmittelbar  in  die  Schiffsluken  abgestürzt. ­
  In  Newcastle  sind  zwischen  40  und  50  solcher  Schüttgerüste  vorhanden,  von
denen  täglich  bis  zu  2000  Eisenbahnwagen  verladen  werden.  Liegen  die  Gleise  zu
niedrig,  um  die  Wagen  unmittelbar  in  die  Schiffe  entleeren  zu  können,  so  müssen  die
Wagen  durch  hydraulische  Aufzüge  mit  Plattformen  oder  durch  Kräne  erst  hochgehoben
werden,  um  sie  in  die  Schiffe  auskippen  zu  können.  Solche  Kohlenkippeu  und  Kräne
befinden  sich  in  Cardiff  und  in  den  Barry-Docks  nach  den  neuesten  Anordnungen;  ein  Schiff
von  2000  t  Gehalt,  das  mit  Ballast  in  Cardiff  einläuft,  kann  innerhalb  24  Stunden
seinen  Ballast  löschen  und  mit  Kohlen  beladen  wieder  auslaufen.

515.  Perladeoorrichtung  in  Grir  Pa.

In  Hamburg,  wo  der  Verbrauch  englischer  Kohle  sehr  bedeutend  ist,  erfolgte  das
Löschen  der  englischen  Kohlendampfer  früher  ohne  Anwendung  von  Maschinenkraft  durch
die  sogenannten  „Kohlenjumper"  durch  Überladen  in  Schuten,  und  zwar  mit  solcher
Schnelligkeit,  daß  ein  Schiff  von  1800  t  Ladung  16  Stunden  nach  seiner  Ankunft  die
Rückreise  nach  dem  Kohlenhafen  wieder  antreten  konnte.  In  neuerer  Zeit  finden  fast
ausnahmslos  Dampfwinden  Verwendung.
Anlandevorrichtungeu.  Landebrücken  sind  nur  in  denjenigen  Häfen  erforderlich,
in  denen  Personendampfer  regelmäßig  verkehren;  für  die  im  Klettern  geübten  Mannschaften ­
  der  Handelsschiffe  genügen,  um  ans  Land  zu  gehen,  senkrechte  eiserne  Leitern,  die
in  Vertiefungen  der  Ufermauern  angebracht  sind.  Für  das  Anlegen  von  Booten  legt
man  Treppen  in  den  Ufermauern  parallel  zum  Ufer  an,  am  besten  in  den  Ecken  der
Hafenbecken,  in  denen  die  großen  Schiffe  nicht  anlegen  können.  Für  das  Anlegen  von
Personendampferu  müssen  entweder  große  Treppcnaulagen  hergestellt  werden,  wie  die
großartige  Anlage  am  Hafendamm  von  Dover,  die  für  den  Wasserwechsel  von  5—6  m
mit  5  in  verschiedener  Höhenlage  befindlichen  Plattformen  von  3  m  Breite  ausgestattet  ist,
oder  die  Landungsanlagen  müssen  aus  Brücken  bestehen,  die  mit  dem  einen  Ende  auf  der
Ufermauer  drehbar  aufgelagert  sind,  während  das  andere  Brückenende  auf  einem  Ponton
ruht  und  sich  mit  diesem  beim  Wechsel  des  Wasscrstandes  hebt  und  senkt.  Entweder  ist
IX  67
        <pb n="508" />
        mmm

516.  Aohlrnverladrvorrichtung.

517.  Kahlensthüttkran  im  Freihast,i  zu  Arrmen,
ausgeführt  von  C.  Hoppe,  Berlin.
        <pb n="509" />
        531

Lösch-  und  Ladevorrichtungen.
nur  ein  solcher  Ponton  vorhanden,  der  als  Unterstützung  für  die  eigentliche  Landebrücke
dient,  oder  es  sind  mehrere  miteinander  zu  einem  schwimmenden  Kai  verbunden  und  an  der
Oberfläche  oder  bei  geeigneter  Höhe  im  Inneren  mit  bedeckten  Warteräumen  ausgestattet.
Die  Landungsanlage  St.  Panli  in  Hamburg  besteht  aus  8  miteinander  gekuppelten
Pontons,  die  eine  200  in  lange  Plattform  bilden,  von  welcher  3  Brücken  nach  dem  Ufer
führen.  Noch  großartiger  sind  die  Landebrücken  der  beiden  Schwesterstädte  am  Mersey,
von  Liverpool  und  Birkenhead.  Die  Landestelle  in  Liverpool,  die  an  Stelle  einer  im
Jahre  1847  errichteten,  im  Jahre  1874  durch  Feuer  zerstörten  Anlage  getreten  ist,  besteht
aus  einer  von  eisernen  Pontons  getragenen  600  m  langen,  25  m  breiten  Plattform,  die
durch  5  Brücken  für  Fuhrwerksverkehr  mit  dem  Ufer  verbunden  ist.  Sie  ist  die  größte

618.  Vier  btt  Madras.

Anlage  ihrer  Art  und  zu  jeder  Jahreszeit  der  Lieblingsspaziergang  der  Bevölkerung.
Die  Baukosten  dieser  Landestelle  haben  etwa  4,5  Will.  Mark  betragen.
Wo  die  zu  geringe  Wassertiefe  den  Schiffen  nicht  gestattet,  bis  an  das  User  heranzukommen, ­
  müssen  Landebrücken  in  Form  von  festen  Stegen  vom  Ufer  in  das  Wasser
hinausgebaut  werden.  Bei  sandigem  Meeresgrund  eignen  sich  zur  Unterstützung  dieser
Stege  am  besten  Joche  aus  eisernen  Pfählen,  die  in  den  Meeresgrund  eingeschraubt
werden.  Diese  eisernen  Pfähle  bieten  bei  ihrer  geringen  Dicke  den  Wellen  wenig  Angriffsfläche ­
  und  geben  so  keine  Veranlassung  zur  Aufwühlnng  des  Grundes.  In  Helgoland, ­
  wo  die  Fahrgäste  seither  von  dem  auf  der  Reede  ankernden  Dampfer  in  Boote  umsteigen ­
  mußten,  um  ans  Land  zu  gelangen,  wird  jetzt  ein  solcher  eiserner  Landesteg  300  in
weit  in  das  tiefe  Fahrwasser  hinansgebaut,  damit  die  Dampfer  an  demselben  anlegen  und
ihre  Fahrgäste  absetzen  können.
Trockendocks.  In  jedem  größeren  Hafen  müssen,  wie  schon  in  der  Einleitung
erwähnt,  Einrichtungen  vorhanden  sein,  um  auf  der  Fahrt  beschädigte  Schiffe  untersuchen
und  ausbessern  zu  können.  Die  mit  der  Ausbesserung  von  Schiffen  sich  befassenden
67*
        <pb n="510" />
        532  Seehäfen.  Trockendocks.
Werke  betreiben  gewöhnlich  gleichzeitig  den  Bau  von  neuen  Schiffen,  da  die  zur  Ausbesserung ­
  dienenden  Anlagen  auch  zum  Neubau  geeignet  sind.  Da  die  Anlagen  für  den
Neubau  im  Abschnitt  über  Schiffbau  geschildert  werden,  so  können  wir  uns  hier  auf
die  Anstalten  zur  Ausbesserung  beschränken.
Um  kleinere  Schiffe  reinigen,  frisch  kalfatern  und  teeren  zu  können,  läßt  man
diese  bei  Flut  auf  den  Strand  auflaufen,  wo  sie  bei  zurückgehendem  Wasser  aufsitzen  und
dann  gegen  den  Boden  abgesteift  werden.  Man  nennt  dies  das  Banken  der  Schiffe.
Mit  Wiedereintritt  der  Flut  wird  das  Schiff  wieder  flott.  Die  Arbeiten  müssen  also  in
wenig  Stunden  beendigt  sein.
Für  länger  dauernde  Arbeiten  wird,  wo  kein  Trockendock  vorhanden  ist,  das  Kielholen ­
  des  Schiffes  vorgenommen.  An  entsprechend  zugerichteten  Stellen  am  Ufer,  den
sogenannten  Kielholplätzen,  wird  das  Schiff  durch  Taue,  die  an  dem  oberen  Ende
der  Untermasten  befestigt  sind,  mittels  Winden  so  weit  auf  die  Seite  gelegt,  daß  der  Kiel
über  Wasser  tritt  und  die  eine  Hälfte  des  Schiffes  zur  Untersuchung  und  Ausbesserung
vollständig  zugänglich  ist.  Die  Arbeiten  müssen  möglichst  beschleunigt  werden,  weil  der
Schiffskörper  in  der  seitlichen  Lage  nachteilige  Spannungen  auszuhalten  hat,  die  bei
längerer  Dauer  sein  Gefüge  lockern  könnten;  kann  die  Arbeit  an  einem  Tage  nicht  beendigt
werden,  so  wird  das  Schiff  über  Nacht  wieder  in  seine  schwimmende  Lage  gebracht.  Das
Kielholen  findet  zur  Zeit  nur  noch  für  kleinere  Segelschiffe  Anwendung,  weil  der  Schiffskörper ­
  durch  dieses  Verfahren  leicht  Not  leidet.  Auch  die  früher  üblich  gewesenen  Dockbänke, ­
  die  bei  Ebbezeit  vollständig  trocken  liefen,  sind  mehr  und  mehr  außer  Gebrauch
gekommen.
Zur  gründlichen,  längere  Zeit  dauernden  Ausbesserung  muß  ein  Schiff  ganz  außer
Wasser  gebracht  werden,  und  dazu  dienen  die  Trockendocks.  Ein  solches  Trockendock ­
  ist  ein  vom  Hafen  ins  Land  einspringendes  längliches  Becken,  das  auf  3  Seiten  von
festen  Wänden  eingefaßt  ist,  an  der  einen  Schmalseite  durch  das  sogenannte  Dockhaupt
mit  dem  Wasser  in  Verbindung  steht  und  durch  eine  Verschlußvorrichtung  wie  eine
Schleusenkammer  dicht  abgeschlossen  werden  kann.  Ältere  Docks  haben  hölzerne  Sohle
und  hölzerne  Wände,  die  neueren  Docks  sind  massiv  aus  Stein  und  Beton  gebaut.  Das
erste  Trockendock  in  England  ist,  wie  sich  aus  den  Archiven  ergibt,  in  Portsmouth  in  den
Jahren  1495—96  auf  Befehl  des  Königs  Heinrich  VII.  gebaut  worden.  Das  Dock
war  aus  Holz  und  sein  Eingang  durch  zwei  Pfeilerreihen,  deren  Zwischenraum  durch
Stein  und  Kies  ausgefüllt  war,  geschlossen.  Jedesmal,  wenn  ein  Schiff  in  das  Dock
oder  aus  demselben  herausgebracht  werden  mußte,  wurde  der  Eingang  in  der  vorerwähnten ­
  Weise  geschlossen  oder  wieder  freigemacht,  was  natürlich  eine  lange  Arbeitszeit ­
  erforderte.
Soll  jetzt  ein  Schiff  trocken  gelegt,  gedockt  werden,  so  wird  dasselbe  mit  Hilfe  von  den
auf  dem  Dockhanpt  und  auf  den  Seitenmauern  aufgestellten  Gangspills  in  die  Dockkammer
verholt,  diese  wird  hinter  dem  Schiff  durch  Thore  oder  ein  Ponton  abgeschlossen,  und  das
Wasser  alsdann  durch  kräftige  Kreiselpumpen  in  der  Dockkammer  gesenkt.  Findet  in  dem
betreffenden  Hafen  Ebbe  und  Flut  statt,  so  bleibt  der  Wasserspiegel  in  der  Dockkammer
so  lange  mit  dem  Außenwasser  in  Verbindung,  bis  der  tiefste  Stand  der  Ebbe  eingetreten
ist,  damit  möglichst  wenig  Wasser  durch  die  Pumpen  gehoben  werden  muß.  Mit  dem
Sinken  des  Wasserstandes  senkt  sich  das  Schiff,  bis  es  mit  dem  Kiel  auf  den  in  der  Mitte
der  Sohle  errichteten  Böcken,  den  Kielstapeln,  aufsitzt.  Gegen  Umfallen  wird  das  Schiff
mit  dem  Sinken  des  Wassers  rechtzeitig  durch  Stützen  gegen  die  Dockwände  gesichert.
Um  diese  Stützen  bequem  für  die  verschiedenen  Schiffsformen  anbringen  zu  können,  sind
die  Dockwände  abgetreppt.  Die  Länge  der  Dockkammer  richtet  sich  nach  den  größten
Schiffen,  die  gedockt  werden  sollen.
Vielfach  sind  mehrere  Docks  von  verschiedenen  Größen  nebeneinander  angelegt,  um
für  kleinere  Schiffe  an  Kosten  für  die  Trockenlegung  und  für  die  Unterhaltung  des  Docks  zu
sparen.  Die  Breite  eines  Docks  wird  so  bemessen,  daß  zwischen  Schiff  und  Dockwand  genügend ­
  Raum  zum  Arbeiten  bleibt  und  Luft  und  Licht  reichlich  Zutritt  haben.  Die  Verschlnßvorrichtung
  eines  Docks  besteht  entweder  ans  Thoren  wie  bei  Schleusen,  oder  in
        <pb n="511" />
        520.  Dockànk  JUL*  Gdbexrit.
        <pb n="512" />
        534

Seehäfen.

einem  Ponton,  und  zwar  kommen  Schwimmpontons  oder  Schiebepontons  zur  Anwendung.
Ein  Schwimmponton  ist  ein  eisernes  schiffsartiges  Fahrzeug,  das  so  gestaltet  ist,  daß  es
in  die  am  Dockhanpt  befindlichen  Falze  mit  seinem  Vorder-  und  Hintersteven  genau
paßt.  Zum  Verschließen  des  Docks  wird  es  in  die  Falze  eingefahren,  und  dann  wird  in
das  Ponton  Wasser  eingelassen,  es  senkt  sich  auf  die  Sohle  und  legt  sich  beim  Leerpumpen
des  Docks  an  einen  Anschlag  an  der  Sohle  und  in  den  beiden  senkrechten  Falzen  dicht  an.
Vor  dem  Ausfahren  wird  das  in  das  Ponton  eingelassene  Wasser  wieder  ausgepumpt,  so
daß  das  Ponton  wieder  schwimmt.  Das  Deck  des  Pontons  bildet  zugleich  einen  bequemen
Übergang  von  einer  Seite  des  Docks  zur  anderen.  Weite  Dockeinfahrten  werden  in  neuerer
Zeit  durch  Schiebepontons  abgeschlossen,  die  in  der  Anschaffung  zwar  teurer,  im  Betrieb
jedoch  billiger  sind  als  Schwimmpontons  und  noch  den  weiteren  Vorteil  bieten,  daß  sie  bei
jedem  Wasserstand  und  auch  bei  Wind  mit  Leichtigkeit  bewegt  werden  können,  während
Schwimmpontons  nur  bei  Hochwasser  aus-  und  eingefahren  werden  können  und  bei
starker  Strömung  oder  Wind  Gefahr  laufen,  an  den  Dockmauern  beschädigt  zu  werden.
Die  Schiebepontons  bestehen  aus  2  kräftigen  gegeneinander  versteiften  eisernen  Wänden,
die  einen  wasserdichten  eisernen  Kasten  einschließen  und  durch  den  Auftrieb  so  entlastet
sind,  daß  sie  leicht  auf  Rollen,  oder  auch  ohne  solche  vor  dem  Dockhaupt  hin-  und  herbewegt ­
  werden  können.  Damit  ein  Schiff  nach  beendigter  Ausbesserung  das  Dock  wieder
verlassen  kann,  wird  das  Außenwasser  durch  Kanäle  in  den  Seitenwänden  des  Docks
eingelassen.  In  Bremerhaven  ist  ein  Trockendock  erbaut,  welches  Schiffe  bis  zu
20  000  Registertons  aufnehmen  kann.
Schwimmdocks.  Die  Baukosten  der  Trockendocks  sind  sehr  hoch,  namentlich  verschlingt ­
  die  Gründung  bei  ungünstigen  Bodenverhältnissen  sehr  viel  Geld.  Diese  Gründungskosten ­
  werden  bei  den  sogenannten  Schwimmdocks  ganz  erspart.  Ein  Schwimmdock
hat  die  Form  eines  großen  an  den  Schmalseiten  offenen  Troges  mit  hohlem  Boden  und
eben  solchen  dicken  Wandungen,  welche  mit  Wasser  gefüllt  und  durch  Pumpen  wieder
entleert  werden  können.  Soll  ein  Schiff  im  Schwimmdock  gedockt  werden,  so  wird  dieses
durch  Einlassen  von  Wasser  so  tief  gesenkt,  daß  das  Schiff  mit  genügendem  Spielraume
über  der  Sohle  des  Docks  in  dieses  einfahren  kann.  Jetzt  werden  die  Pumpen  in  Betrieb
gesetzt,  um  das  Wasser  aus  Boden  und  Seitenwänden  wieder  zu  entfernen,  und  langsam
hebt  sich  das  Dock,  das  Schiff  setzt  sich  mit  seinem  Kiel  wie  im  Trockendock  auf  den  Kielstapeln ­
  auf  und  wird  wieder  gegen  die  stufenförmigen  Seitenwände  abgesteift.  Das  Dock
hebt  sich  weiter  mit  seiner  Last,  bis  der  Dockboden  über  Wasser  liegt.  Die  ersten
Schwimmdocks  waren  ganz  aus  Holz  gebaut;  ein  solches,  bald  ein  halbes  Jahrhundert
altes  Dock  befindet  sich  noch  auf  der  Klavitterschen  Werft  in  Danzig  in  Betrieb.  In
neuerer  Zeit  kommen  ausschließlich  Stahl  und  Eisen  zur  Verwendung.  Boden  und  Seitenwände ­
  eines  eisernen  Docks  sind  durch  wasserdichte  Wände  in  zahlreiche  Zellen  eingeteilt,
um  bei  etwaigen  Beschädigungen  das  Eindringen  von  Wasser  auf  einzelne  Teile  beschränken ­
  und  das  Dock  dadurch  flott  halten  zu  können,  sowie  auch  um  beim  Füllen  und
Leeren  das  Dock  im  Gleichgewicht  zu  erhalten.  Die  einzelnen  Zellen  sind  daher  durch
Rohre  und  Ventile  miteinander  verbunden.  An  ihren  Liegeplätzen  müssen  die  Schwimmdocks ­
  selbstverständlich  an  kräftigen  Dalben  oder  Ankerbojen  mit  Ketten  schwersten  Kalibers
befestigt  sein,  um  den  Stürmen  trotzen  zu  können.
Während  bei  einem  Trockendock  das  Außerwassersetzen  eines  kleinen  Schiffes  länger
dauert  als  bei  einem  großen  Schiff,  weil  je  kleiner  das  Schiff,  desto  mehr  Wasser  ausgepumpt ­
  werden  muß,  bietet  das  Schwimmdock  den  Vorteil,  daß  es  im  Betrieb  der  Größe
des  zu  dockenden  Schiffes  angepaßt  werden  kann,  weil  es  nur  so  weit  gesenkt  zu  werden
braucht,  als  der  Tiefgang  des  Schiffes  es  verlangt;  ein  kleines  Schiff  kann  in  drei  bis
vier  Stunden  gehoben  werden.  Es  sind  aber  auch  Schwimmdocks  gebaut  worden,  die  sich
zum  Heben  kleiner  Fahrzeuge  in  einzelne  Abteilungen  zerlegen  und  zum  Heben  großer
Schiffe  miteinander  zu  einem  großen  Dock  verbinden  lassen.  Die  bekannte  Schiffswerft
von  Blohm  &amp;amp;  Voß  in  Hamburg  besitzt  ein  solches  Schwimmdock  mit  einer  Gesamtlänge
von  210  in,  das  sich  in  6  Abteilungen  von  je  1000  bis  1500  t  Tragfähigkeit  zerlegen
läßt.  Zum  Leerpnmpen  dieses  Docks  dient  eine  Kreiselpumpe  mit  einer  Leistungsfähigkeit
        <pb n="513" />
        Schwimmdocks.  535
von  16  cbm  in  der  Sekunde.  Außer  diesem  zerlegbaren  Schwimmdock  besitzt  dieselbe
Firma  seit  1896  ein  einheitliches  Schwimmdock  von  17  500  t  Tragfähigkeit,  so  daß  jetzt
auch  die  größten  Seeschiffe  von  8  in  Tiefgang,  welche  früher,  wenn  sie  genötigt  waren,
ein  Dock  aufzusuchen,  nach  England  gehen  mußten,  in  Hamburg  ins  Dock  gehen  können.
Dieses  Dock  hat  eine  Bodenstärke  von  4  m  und  braucht  an  seiner  Liegestelle  eine  Wassertiefe ­
  von  13  m,  wozu  ein  besonderes  tief  ausgebaggertes  Hafenbecken  angelegt  werden  mußte.
Nicht  durch  Leerpumpen,  sondern  durch  Verdrängung  des  Wassers  durch  verdichtete
Luft  wird  das  von  Clark  &amp;amp;  Standfield  erfundene  Dock  schwimmend  erhalten.  Der  Boden
dieses  Docks  besteht  aus  acht  wagerechten  Röhren  von  4  in  Durchmesser,  die  durch  Gitterwerk ­
  miteinander  verbunden  sind;  die  Seitenwände  sind  durch  senkrechte  Röhren  gebildet,

521.  Schwimmdock  der  Merft  von  Klohm  &amp;amp;  Uost  in  Hamburg  mit  dem  Kchnelldampfrr  „Fürst  Kismarck".
Nach  einer  Photographie  von  H.  Breuer.
die  eine  Plattform  tragen.  Die  Röhren  sind  wieder  in  eine  große  Zahl  wasserdichter
Abteilungen  zerlegt,  aus  denen  das  Wasser  durch  Einpressen  verdichteter  Luft  verdrängt ­
  wird.
Um  die  unter  Wasser  liegenden  Teile  eines  Schwimmdocks  untersuchen  zu  können,
ist  selbst  wieder  ein  besonderes  Trockendock  zur  Aufnahme  des  Schwimmdocks  nötig.  Das
Schwimmdock  im  Hafen  von  Bremen,  ein  zweiteiliges  Dock  mit  zusammen  2700  t  Tragfähigkeit ­
  hat  deshalb  einen  verzinkten  Boden  erhalten,  damit  das  Dock  wegen  Reinigung
des  Bodens  und  Erneuerung  des  Anstrichs  möglichst  selten  außer  Betrieb  gesetzt  werden
muß.  Noch  ist  das  von  Clark  erfundene  und  in  den  Victoriadocks  zu  London  zuerst  ausgeführte ­
  hydraulische  Dock  zu  erwähnen.  Dasselbe  besteht  aus  einer  Plattform,  die  von
in  zwei  parallelen  Reihen  stehenden  hydraulischen  Preßkolbeu  auf-  und  abbewegt  wird,
ähnlich  wie  ein  Schiffshebewerk.  Neben  billigen  Betriebskosten  bietet  dieses  hydraulische
Dock  noch  den  Vorteil,  daß  das  gedockte  Schiff  frei  dastehend  der  Luft  und  dem  Licht
vollständig  ausgesetzt  ist.
        <pb n="514" />
        536

Seehäfen.

Hellinge,  Schleppen  oder  Slips.  Größere  Ausbesserungen  führt  man  lieber
ans  dem  Lande  aus,  als  im  Trockendock,  damit  dieses  nicht  allzulange  von  einem  Schiff
besetzt  und  für  andere  unbenutzbar  ist.  Man  hat  daher  schiefe  Ebenen  konstruiert,  auf
welchen  das  Schiff  vom  Wasser  aus  auf  das  Land  gezogen  wird.  Die  einfachste  Vorrichtung ­
  ist  ein  Helling,  wie  zum  Stapellauf  dienend.  Vor  Erfindung  der  Mortonschen
Patentschleppe  war  zum  Aufschleppen  eines  Schiffes  eine  Zugkraft  gleich  J / 6  des  Schiffsgewichtes ­
  notwendig.  Bei  den  Patentschleppen  wird  das  Schiff  statt  auf  einem  Schlitten
auf  einem  niedrigen  Wagen  mit  auf  Schienen  laufenden  Rollen  aufgeschleppt,  wodurch
die  Reibung  von  1 / lt  auf  1 / 40  des  Schiffsgewichtes  verringert  ist.  Die  Vorwärtsbewegung
des  Wagens  geschieht  durch  Wasserdrnckpressen;  Sperrklinken,  welche  in  eine  Zahnstange
in  der  Mitte  des  Geleises  einfallen,  verhindern  das  Zurückgehen  des  Wagens.  Statt  in
der  Längsrichtung  werden  kleinere  Schiffe  auch  in  der  Querrichtung  aufgeschleppt.  Neben
den  mit  der  Größe  der  Schiffe  sich  rasch  steigernden  Betriebskosten  haben  die  Schleppen
noch  den  Nachteil  starker  Abnutzung  und  schwieriger  Unterhaltung,  sowie  nachteiliger  Einwirkungen ­
  auf  den  Schiffskörper.

Erhaltung  der  Tiefe  der  Häfen.  Um  einem  Hafen  seine  Leistungsfähigkeit
zu  erhalten,  sind  die  baulichen  und  maschinellen  Einrichtungen,  wie  Kräne,  Brücken,
Docks,  Schleusenthvre,  Gleisanlagen,  Speicher,  Ladestraßen  u.  s.  w.,  jederzeit  in  bestem
Stand  zu  erhalten.  Ein  Hanpterfordernis  ist  aber  die  Erhaltung  der  Wassertiefe
in  den  Hafenbecken,  dem  Vorhafen  und  der  Hafeneinfahrt.  Denn  alle  Hafenbecken  erfahren ­
  im  Laufe  der  Zeit  eine  Aufhöhung  ihrer  Sohle  und  damit  eine  Verminderung
ihrer  Wassertiefe  entweder  durch  Verunreinigung  von  den  Hafen  durchströmenden  oder
in  denselben  sich  ergießenden  Wasserläufen,  oder  durch  Sandzuführung  infolge  von  Küstenströmungen ­
  und  endlich  auch  durch  die  Abfälle  von  den  Schiffen  beim  Löschen  von  Ballast,
Kohlen  u.  dergl.  Die  Aufhöhung  der  Sohle  kann  je  nach  den  örtlichen  Verhältnissen
30  ein  bis  1  m  im  Jahre  betragen.  Das  beste  Mittel  gegen  die  Verflachung  eines  Hafens
ist  eine  kräftige  natürliche  Durchströmnng  des  Hafens  durch  einen  Wasserlauf  oder  infolge
einer  Küstenströmung  oder  von  Ebbe  und  Flut.  Wo  solche  natürliche  Strömung  an  sich
nicht  kräftig  genug  ist,  kann  ihre  Wirkung  durch  Anlage  künstlicher  Leitdämme,  durch
welche  die  Strömung  zusammengehalten  wird,  gesteigert  werden.  In  Ermangelung  natürlicher ­
  Durchströmung  hat  man  Ablagerungen  auf  der  Hafensohle  durch  künstliche  Spülung
zu  beseitigen  gesucht,  indem  man  in  geschlossenen  Hafenbecken,  oder  in  eigens  zu  diesem
Zweck  angelegten,  durch  Spülschleusen  abgeschlossenen  Spülbecken  bei  Flut  große  Wasser-
        <pb n="515" />
        Moderne  Hafenstädte:  Hamburg.

537

mengen  aufspeichert  und  diese  womöglich  zur  Zeit  des  tiefsten  Ebbestandes,  wie  er  namentlich
zur  Zeit  der  Springfluten  eintritt,  rasch  ausströmen  läßt;  die  Wirkung  einer  solchen  Spülung
ist  natürlich  um  so  kräftiger,  je  größer  der  Höhenunterschied  zwischen  dem  im  Spülbecken
aufgestauten  Wasserstand  und  dem  Wasserspiegel  im  Hafen  ist.  In  langen  und  breiten
Hafenbecken  ist  die  Wirkung  der  künstlichen  Spülung  aber  immerhin  verhältnismäßig  gering.
Das  sicherste  und  überall  anwendbare  und  darum  auch  das  gebräuchlichste  Mittel  zur  Erhaltung ­
  der  Fahrwassertiefe  ist  die  Baggerung,  wie  wir  solche  bereits  kennen  gelernt
haben.  Es  gibt  eine  außerordentlich  mannigfaltige  Art  von  Baggern.  Neben  den  Eimerbaggern ­
  kommen  besonders  die  Pumpenbagger  und  Preßluftbagger  und  außerdem  die
Greifbagger  in  Betracht.  Abb.  525  zeigt  den  Kopf  eines  Pumpenbaggers.  Der  Boden
wird  hierbei,  falls  er  nicht  bereits  schlickig  genug  ist,  mit  Hilfe  einer  Rührvorrichtung  aufgelockert ­
  und  durch  ein  Saugerohr  emporgehoben,  m  m  sind  pflugscharähnliche,  sich  drehende
Körper,  welche  die  Masse  ablösen;  K  ist  das  Saugrohr,  durch  welches  die  außerordentlich
kräftige  Pumpe  das  Gemisch  von  Wasser  und  Erdmasse  emporhebt,  welches  durch  ein  in
V  befindliches  Ventil  gehindert  wird,  beim  Stillstand  der  Pumpe  zurückzufallen.
Um  das  Wesen  der  modernen  Häfen  kennen  zu  lernen,  empfiehlt  es  sich,  einige  der
hervorragendsten  vorzuführen,  und  zwar  dürfte  kurz  auf  die  Hafenbauten  der  folgenden
Städte  einzugehen  sein:  Hamburg,  Amsterdam,  Odessa,  Triest,  Genua,  Marseille,  Liverpool, ­
  London,  New  Jork  und  Bombay.

628  u.  524.  SUphcNing  des  (österreichischen  Lloich.
LäiigeilschnUt.

Querschnitt.

Hamburg  ist  die  erste  Seehandelsstadt  nicht  nur  des  Deutschen  Reiches,  sondern  auch
des  Kontinents  und  ist  nahe  daran,  sich  zur  zweiten  Hafenstadt  Europas  aufzuschwingen,
hat  doch  in  den  letzten  Jahren  sein  internationaler  Verkehr  den  von  Liverpool  nicht  nur  erreicht, ­
  sondern  sogar  schon  überflügelt.  Seine  Entfernung  von  der  See  beträgt  105  km;  die
seit  vierzig  Jahren  betriebenen  umfangreichen  Baggerungen  haben  es,  dank  den  leistungsfähigen ­
  Maschinen,  die  der  modernen  Jngenieurtechnik  für  solche  Zwecke  zur  Verfügung
stehen,  ermöglicht,  daß  Seeschiffe  bis  zu  einem  Tiefgang  von  7,s  in  die  Hamburger  Häfen
mit  voller  Ladung  erreichen  können.
Erst  im  Jahre  1866  erhielt  Hamburg  seine  erste  Kaianlage,  die  ein  direktes  Löschen
der  Seeschiffe,  in  erster  Linie  der  Dampfer,  gestattete.  Heute  stehen  Kais  in  einer  Länge
von  16  500  in  und  Schuppen  in  einer  Längenausdehnung  von  über  7000  in,  an  welchen
Kräne,  die  durch  Dampf  oder  Elektrizität  betrieben  werden,  aufgestellt  sind,  zur  Verfügung, ­
  und  schon  ist  man  wiederum  im  Begriff,  die  Hafenanlagen  ganz  bedeutend  zu  vergrößern. ­
  Diese  rasche  Ausdehnung  ist  als  der  deutlichste  Beweis  für  die  Zunahme  des
Verkehrs  in  den  Hamburger  Häfen  anzusehen.
Interessant  ist  es  zu  verfolgen,  wie  sich  von  Jahr  zu  Jahr  die  Zahl  der  angekommenen
Seeschiffe  vergrößert  und  wie  gewaltig  deren  Größe  zugenommen  hat.
Es  betrug  im  Jahre:
1850  die  Zahl  der  Schiffe  3763,  ihre  durchschnittliche  Größe  in  Registertonnen  123

183
293

IX  68
        <pb n="516" />
        538

Seeschiffahrtsverkehr  deutscher  Seehäfen.

477800—691700  1

1880  die  Zahl  der  Schiffe  5582,  ihre  durchschnittliche  Größe  in  Registertonnen  430
1890  „  „  „  „  7600  „  „  „  „  „  581
1895  „  „  „  „  8928  „  „  „  „  „  667
Im  Jahre  1896  kamen  10  477  Seeschiffe  mit  einer  Gesamtgröße  von  6  445161  Registertonnen ­
  in  Hamburg  an  und  gingen  10  371  Schiffe  mit  6  300  458  Registertonnen  ab.
Im  Jahre  1898  betrug  die  Zahl  der  ankommenden  Schiffe  12  523  und  deren  Raumgehalt
7  354  118  Registertonnen.  Während  im  Jahre  1888  nur  3  Schiffe  mit  einem  Tiefgang
von  über  7  in  im  Hamburger  Hafen  anlangten,  betrug  diese  Zahl  1897  bereits  214.
Hierunter  befanden  sich  52  Schiffe  von  7,5  und  19  Schiffe  von  7,8  in  Tiefgang.
Wer  das  lebhafte,  hoch  interessante  Treiben  auf  der  Elbe  und  in  den  Hafenbassins
nicht  mit  eigenen  Augen  gesehen  hat,  vermag  sich  nur  schwer  ein  Bild  dieser  Geschäftigkeit
vorzustellen,  mit  der  sich  hier  die  Abwickelung  des  Verkehrs  vollzieht.  Die  Abb.  148  gibt
ein  Bild  des  Segelschiffhafens,  d.  h.  eines  der  zahlreichen  Becken,  aus  denen  sich  der  gesamte ­
  Hafen  zusammensetzt.
rn  Um  die  Bedeutung  Hamburgs  im  Ver--j
  gleich  zu  den  übrigen  deutschen  Seeschiffahrt
treibenden  Städten  zu  erkennen,  sind  nachstehend
die  in  Betracht  kommenden  Zahlen  gegeben,
allerdings  beziehen  sich  diese  Zahlen  auf  das
^  Jahr  &amp;gt;894.
Seeschiffahrtsverkehr  deutscher  Seehäfen
im  Jahre  1894
Hamburg  6151900  1
Stettin  1481000  „
Danzig
Kiel
Bremen
Lübeck
Königsberg
Köln  63  600  1
Duisburg  46  300  „
Düsseldorf  40  300  „
Amsterdam,  das  nordische  Venedig,
hat  durch  die  Verbesserung  der  durch  den
Nordseekanal  gebildeten  Zufahrtsstraße  einen
bedeutenden  Aufschwung  genommen.  Dieser
Kanal  erfährt  gegenwärtig  eine  Verbreiterung
und  eine  Vertiefung.  Durch  Hinzufügung  einer
dritten  Schleuse  an  der  Ausmündung  des  Kanals  in  das  Meer  ist  den  größten  Dampfern
die  Möglichkeit  gegeben,  in  den  Kanal  einzulaufen.
Die  Zahl  der  in  Amsterdam  ankommenden  Schiffe  hat  sich  von  1666  Schiffen
im  Jahre  1871  auf  1940  im  Jahre  1897  gehoben,  dabei  ist  der  Schiffsgehalt  von
419  000  Registertonnen  auf  2  174  000  Registertonnen  gestiegen,  erreicht  jedoch  noch
nicht  die  Hälfte  der  für  Rotterdam  gültigen  Zahlen.
In  Verbindung  mit  dem  Nordseekanal  sind  in  Amsterdam  umfangreiche  Hafenanlagen ­
  geschaffen  worden,  von  denen  das  neue  Entrepotdock  besonders  zu  erwähnen  ist.
Odessa,  eine  Schöpfung  der  neueren  Zeit,  hat  innerhalb  verhältnismäßig  kurzer
Zeit  einen  großen  Aufschwung  genommen.  Wo  heute  der  schöne  Boulevard  von  Odessa
sich  erstreckt,  lag  vor  hundert  Jahren  eine  türkische  Burg,  um  welche  sich  ein  tatarisches
Dorf  gruppierte,  das  sich  innerhalb  der  kurzen  Spanne  Zeit  in  die  heutige  Stadt  verwandelt ­
  hat.  Die  Hafenbassins,  durch  Molen  voneinander  getrennt,  liegen  am  Fuße
eines  etwa  50  irr  hoch  ansteigenden  Plateaus  und  gewähren  in  Verbindung  mit  den  auf
dieser  Anhöhe  liegenden  Gebäuden  ein  sehr  schönes  Panorama.  Die  sämtlichen  Hafeneinschnitte ­
  sind  durch  einen  1300  in  langen  Wellenbrecher  und  durch  den  Quarantäne-525.

  Pumpenbagger.
        <pb n="517" />
        542

Moderne  Seehäfen:  Odessa,  Triest,  Genua,  Marseille.

molo  gegen  die  Wogen  des  Schwarzen  Meeres  geschützt.  Hier  in  Odessa,  dem  wichtigsten
Hafen  Rußlands  am  Schwarzen  Meer,  ist  der  Stapelplatz  des  russischen  Getreidehandels.
Bereits  im  Jahre  1886  gingen  20%  des  enormen  von  Rußland  ausgeführten  Quantums
Getreide  über  Odessa.  Die  günstige  Lage  der  Stadt,  speziell  für  den  Getreidehandel,
ergibt  sich  aus  der  Nähe  der  bedeutendsten  Getreide-Gouvernements  Rußlands,  nämlich:
Bessarabien,  Cherson,  Taurien,  Poltawa,  Kiew  und  Charkow.  Große  Anlagen  (Silos)
sind  hier,  in  ähnlicher  Weise  wie  in  den  amerikanischen  Häfen  erbaut  worden,  um  das
Getreide  aufspeichern  und  rasch  verladen  zu  können.
Triest,  das  antike  Tergeste,  eine  Schöpfung  der  Römer,  kann  auf  eine  lange
Geschichte  zurückblicken.  Erst  viele  Jahrhunderte  nachdem  Aquileja,  Ravenna  und
Venedig  nacheinander  von  ihrer  hohen  Stellung  herabgesunken  waren,  kam  Triest  und
zwar  im  18.  Jahrhundert  zur  Bedeutung.  Namentlich  der  Kaiserin  Maria  Theresia
verdankt  der  Ort  eine  Ausgestaltung  seiner  Hafenanlagen,  und  eine  der  Molen  führt
noch  jetzt  den  Namen  der  Herrscherin,  unter  deren  Regierung  sie  entstand.  Die  modernen ­
  Hafeubauten  nahmen  1867  ihren  Anfang.  Die  stattlichen  Kais  wurden  hier
wie  an  anderen  Seehafenplätzen  mit  Schuppen  und  Magazinen  ausgestattet,  die  mit
ihrem  direkten  Eisenbahnanschluß  den  Anforderungen  der  Neuzeit  Rechnung  tragen
und  ein  rasches,  selbst  durch  die  Nacht  nicht  unterbrochenes  Löschen  und  Laden
der  Schiffe  gestatten.  Ein  höchst  malerisches  Bild  ist  es,  welches  das  schön  gelegene
Triest  gewährt,  das  zwar  durch  die  Semmeringbahn  mit  dem  österreichischen  Hinterlande ­
  in  Verbindung  gesetzt  worden  ist,  aber  schwer  unter  der  Konkurrenz  anderer
Hafenstädte,  so  namentlich  auch  Hamburgs,  zu  leiden  hat,  welchem  Orte  auf  der
Elbe  ein  nicht  unwesentlicher  Teil  der  Produkte  der  österreichischen  Industriegebiete  zugeführt ­
  werden.
Genua  blickt  auf  eine  ruhmreiche  Geschichte  zurück.  Während  der  Zeit  der  Kreuzzüge ­
  rüstete  es  große  Transportflotten  aus,  und  die  im  Orient  angeknüpften  Handelsbeziehungen ­
  ließen  es  rasch  zu  Glanz  und  Reichtum  gelangen.  In  der  Folgezeit  spielten
die  heftigen  Kämpfe  mit  Venedig  um  die  Herrschaft  im  Mittelmeer  keine  geringe  Rolle.
Durch  die  Seeschlacht  bei  Chioggia  im  Jahre  1380  wurde  dieser  Streit  zu  gunsten
Venedigs  entschieden,  und  die  zahlreichen  griechischen  Besitzungen,  auf  welchen  die
thätigen  Genuesen  manche  Spur  ihrer  Schaffenskraft  zurückgelassen  haben,  gingen  in
den  Besitz  der  glücklichen  Rivalin  über.  Ein  wechselvolles  Geschick  ward  Genua  zu  teil,
in  dem  leider  die  Parteikämpfe  nicht  wenig  zur  Schwächung  beitrugen,  bis  es  in  unserem
Jahrhundert  sich  wieder  zu  einer  bedeutenden  Seestadt  erhob  und  zu  dem  wichtigsten
Hafen  des  geeinigten  Italien  wurde.  Die  Eröffnung  des  Suezkanals  und  die  Inbetriebnahme ­
  der  Bahnen  durch  den  Mont  Cenis  und  den  Gotthard  erwiesen  sich  für  Genua
von  weittragender  Bedeutung  und  ließen  neues  kräftiges  Leben  in  der  alten  Stadt
erblühen.  Die  Fertigstellung  des  jetzt  in  Angriff  genommenen  Simplontunnels  wird
diesem  Seehafen  weitere  Handelsbeziehungen  zuführen.
Um  den  bereits  in  Genua  konzentrierten  Handel  bewältigen  und  um  sich  für  die
Zukunft  vorbereiten  zu  können,  sind  in  den  letzten  Jahrzehnten  ausgedehnte  Hafenbauten
hergestellt  worden,  deren  Kosten  zu  einem  nicht  unbedeutenden  Teile  von  dem  Herzoge
von  Galliers  bestritten  wurden.  Große  Landnngsdämme  und  Molen  sind  entstanden,
welche  in  kunstvoller  Weise  pneumatisch  fundiert  wurden  und  an  welchen  sich,  wie  in
anderen  modernen-Seehäfen,  Schuppen  erheben,  in  welche  die  Waren  aus  den  Schiffen
mittels  hydraulisch  betriebener  Kräne  befördert  werden.  Genua  ist  der  Haupthafen  für
die  italienischen  Auswanderer,  die  sich  vorwiegend  Südamerika  zuwenden.
Marseille,  wahrscheinlich  eine  Gründung  der  Phönizier,  ist  die  einzige  antike
Handelsmetropole,  die  sich  bis  zum  heutigen  Tage  ihre  Bedeutung  bewahrt  hat.
Während  Tyrus,  Sidon,  Karthago,  die  Häfen  an  dem  Tiber  und  Seleucia  Pieria
in  Trümmer  liegen  und  auch  Alexandria  und  der  Piräus  ihre  einstige  Bedeutung
eingebüßt  haben,  hat  Massilia  zwar  den  Namen  gewechselt,  aber  seine  vorteilhafte
natürliche  Lage  hat  es  gegen  ein  Verschwinden  oder  Zugrundegchen  geschützt.  Einen
der  großartigsten  Kunsthäfen  hat  hier  die  moderne  Technik,  die  an  solchen  Erzeug-
        <pb n="518" />
        Be  k  t  on

Z,iine/LOuseJ)ocI¿\

-sags*

GntìTin/jjjorh

Surrey
Commercial
Docks

Gree  n  urtcTi

JVbrd

3000m

Jvew'  ..  —
Marsh  CharltonWoolurir.il

1000m  500
Maßstabl  ¡55700  t  »  »  ■  &amp;gt;■  »  ¿

529.  Kagcplan  drr  Kondoner  Doànlagcn.
        <pb n="519" />
        544  Moderne  Seehäfen:  Liverpool,  London.
nissen  wahrlich  nicht  arm  ist,  entstehen  lassen.  Wie  die  beigefügten  Abbildungen  erkennen ­
  lassen,  gewährt  Marseille,  die  bedeutendste  Handelsstadt  Frankreichs,  ein  höchst
malerisches  Bild.
Die  Eröffnung  des  Suezkanals  gab  besonders  den  Anstoß  zu  einer  Hafenvergrößerung. ­
  Der  alte  Hafen,  welcher  so  eingerichtet  ist,  daß  die  Seeschiffe  stevenrecht  am  Kai
laden  und  löschen,  war  schon  lange  als  ungenügend  empfunden  worden.  In  dem  neuen
Hasenbassin  sind  die  Kais  mit  Einschnitten  versehen,  welche  große  Längen  für  die  Seeschiffe ­
  gewähren.  Ein  mächtiger  Wellenbrecher  schützt  die  an  den  Kais  liegenden  Schiffe
gegen  die  starken  auftretenden  Winde.  Schon  sind  wiederum,  wie  in  unserer  Zeit  an
allen  größeren  Hafenplätzen,  neue  Anlagen  im  Entstehen  begriffen,  und  hier  wie  an
anderen  Orten  vermag  die  Schaffung  der  Anlagen  nicht  Schritt  zu  halten  mit  dem  riesig
anwachsenden  Schiffs-  und  Handelsverkehr.
Liverpool,  dieser  so  außerordentlich  bedeutende  Hafenort  Englands  besaß  am
Beginn  dieses  Jahrhunderts  einige  70  000  Einwohner.  Den  Hauptteil  der  Schiffsfracht ­
  bildeten  in  jener  Zeit  Sklaven,  die  nach  Nord-  und  Südamerika  geschafft  wurden.
Die  größten  Sklavenhändler  der  Welt  waren  damals  Liverpooler  Kaufleute,  in  deren
Händen  etwa  5 / 6  des  gesamten  Handels  vereinigt  war.  Durch  die  Unterdrückung  des
Sklavenhandels  erlitt  Liverpools  Handel  zunächst  einen  sehr  empfindlichen  Stoß.  Der
Entwickelung  der  Liverpooler  Schiffahrt  standen  hauptsächlich  zwei  Umstände  entgegen,
die  Barre  an  der  Mündung  des  Mersey  und  die  große  Differenz  zwischen  dem  Flutund
  Ebbewasserstand,  die  bis  zu  9  in  beträgt.  Während  das  erste  Hindernis  nur  mühsam
und  doch  nicht  vollständig  zu  überwinden  war,  hat  man  die  aus  der  großen  Wasserstandsdifferenz ­
  sich  ergebenden  Unbequemlichkeiten  durch  die  Anlegung  ausgedehnter
Dockanlagen  beseitigt.  Diese  Bassins  besitzen  Schleusen,  deren  Thore  geschlossen  werden,
wenn  das  Wasser  zu  fallen  beginnt.  Liverpool  hat  gegenwärtig  die  ausgedehntesten
Docks  der  Welt,  deren  Verwaltung  und  Betrieb  der  Dock-  und  Hafenbehörde  untersteht.
Fast  der  ganze  Baumwoll-  und  Holzhandel  und  der  größte  Teil  des  Kornhandels  Englands
liegt  in  den  Händen  Liverpooler  Kaufleute.  Am  1.  Juli  1893  betrug  die  auf  die  Erbauung ­
  der  Docks  verwandte  Summe  424  000  000  Mark.
Die  Geschichte  des  größten  Handelsplatzes  der  Welt,  der  Riesenstadt  London,  kann
bis  in  sehr  weit  zurückliegende  Zeiträume  verfolgt  werden.  Die  Römer  fanden  bereits
auf  jener  Stelle,  die  London  einnimmt,  eine  bedeutende  Ansiedelung.  Die  Stadt  blieb
während  der  wechselvollen  Geschicke,  welche  die  britische  Insel  in  so  reichem  Maße  zu
verzeichnen  hat,  stets  der  Hauptpunkt  des  Landes.  Die  ungeheuere  Zahl  von  fünf
Millionen  Menschen  drängt  sich  hier  zusammen,  und  dem  weitaus  größten  Teile  derselben
gewähren  Schiffahrt  und  Handel  den  Lebensunterhalt.
Bis  zu  der  London  Bridge,  wohl  der  belebtesten  der  Welt,  die  täglich  von  über
100  000  Menschen  und  fast  16  000  Fuhrwerken  Passiert  wird,  erstreckt  sich  der  Hauptlebensnerv ­
  der  Stadt,  die  von  Seeschiffen  befahrbare  Themse.  Von  hier  ab  liegen
stromabwärts  an  beiden  Ufern  die  unzähligen  Schiffe,  die  aus  allen  Teilen  der  Erde
ungeheuere  Massen  von  Waren  aller  Art  herbeischaffen  und  umgekehrt  wiederum  auf
ihrer  Ausfahrt  die  maunigfaltigsteu  Artikel  mitnehmen.  Bis  zum  Ende  des  achtzehnten
Jahrhunderts  lagen  die  Schiffe  ausschließlich  auf  dem  Strome.  Weiter  oben  ist  schon
der  Erbauung  des  ersten  Docks  Erwähnung  gethan  worden.  Seitdem  ist  eine  ungeheuer
große  Anzahl  dieser  Anlagen  entstanden,  von  denen  der  St.  Katherines-Docks,  der
London-Docks,  der  West-Jndia-Docks,  des  East-Jndia-Docks,  der  Victoria-Docks,  des
Albert-Docks  Erwähnung  gethan  werden  mag.  Die  bedeutend  weiter  stromabwärts
erbauten  Docks,  die  Tilbury-Docks,  haben  sich  nicht  zu  der  gleichen  Bedeutung  wie  die
unmittelbar  bei  der  Stadt  liegenden  zu  entwickeln  vermocht.
Einer  außerordentlich  günstigen  Lage  und  dem  kühnen  amerikanischen  Unteruehmungsgeiste
  hat  New  Jork  es  zu  danken,  daß  sich  dieser  Ort  innerhalb  einer  so
kleinen  Spanne  Zeit  zu  einem  der  mächtigsten  Emporien  der  Welt  entwickelt  hat.  Als
die  Stadt  im  Jahre  1664  dem  Herzog  von  Aork  verliehen  wurde,  hatte  sie  nur  mehrere
Tausend  Einwohner.  Heute  laufen  in  ihrem  Hafen,  dessen  Einfahrt  bei  Sandh-Hook
        <pb n="520" />
        Atlantischer  Ozean

69  XI

Hudson  River
Newark  Bay

Brooklyn  Long  J-lond  Shore  530.  Einführt  in  drn  Hasen  von  Urrv  UorK.
East  River  Atlantic  Doks  Castle  William  Battery  Park
Governors  Island

Bogelschauansicht  von  der  Battery  nach  Süden.
New  York  Bay  Staten  Island
Statue  of  Liberty
        <pb n="521" />
        546  Seehäfen.  Schiffahrtszeichen.
durch  einen  mächtigen  Leuchtturm  kenntlich  gemacht  ist,  der  aus  einer  die  Freiheit  darstellenden ­
  Figur  von  46  in  Höhe  besteht,  jährlich  über  30  000  Schiffe  ein.  Ein  gewaltiges
Leben  herrscht  auf  den  Flüssen,  an  deren  Ufern  New  Jork  liegt,  dem  Hudson  und  dem
East  River,  über  welchen  sich  die  mächtige  Brücke  spannt,  unter  der  die  größten
Schiffe  mit  ihren  Masten  frei  und  stolz  passieren,  und  dessen  beide  Ufer  durch  Hunderte
Fährboote  miteinander  in  Verbindung  gebracht  sind.  New  Dork  ist  der  größte  Stapelund
  Handelsplatz  Amerikas  und  der  drittgrößte  Hafen  der  Welt  getvorden.  So  großartig ­
  der  Verkehr  auf  den  beiden  Strömen  ist,  so  wenig  scheint,  wenn  der  Ankommende
einen  Blick  auf  die  Ufer  wirft,  für  die  Erleichterung  der  Löschung  der  Tausende  Schiffsfahrzeuge ­
  an  den  Ufern  Fürsorge  getroffen  zu  sein.  Nicht  wie  an  anderen  Seehäfen,
zeigt  der  Uferrand  Kaianlangen  mit  mächtigen  Kränen  und  hohen  Warenhäusern,  sondern
dem  Auge  bieten  sich  nur  Bretterschuppen  dar,  die  aus  Pfählen  errichtet  sind  und  einige
hundert  Fuß  in  den  Strom  hineinragen.  Diese  Piers  dienen  zum  Anlegen,  Ent-  und
Beladen  der  Schiffe.  Der  enorme  Getreideverkehr  hat  dazu  geführt,  daß  zahlreiche
plumpe  Holzbauten  in  Basilikenfvrm  von  50  und  noch  mehr  Meter  Höhe  errichtet
worden  sind,  in  und  aus  welchen  mittels  Elevatoren  die  Getreidemengen  geladen
werden.
Seit  Eröffnung  des  Suezkanals  ist  Bombay,  an  der  Westküste  des  Dekhan  der
bedeutendste  und  für  die  Europäer  wichtigste  Hafenort  Indiens  geworden.
Um  die  Schiffe  zu  allen  Jahreszeiten,  auch  während  der  Zeit  des  Südwestmonsuns
gegen  die  Einwirkungen  der  See  zu  sichern,  sind  Bassins  zur  Erbauung  gekommen.  Ein
Teil  dieser  Docks  ist  im  Besitze  der  Regierung,  andere,  so  das  Sassoon-Dock  und  die
Bassins  der  Peninsular-  und  Orient-Dampfer-Linie-Gesellschaft  sind  Privateigentum.
Das  in  der  Ausdehnung  fortschreitende  indische  Eisenbahnnetz  trägt  naturgemäß  bedeutend
zu  der  Hebung  des  Handels  und  der  Schiffahrt  Bombays  bei.
Die  gewaltige  Ausdehnung  der  Hafenanlagen  in  allen  Welthäfen  während  der
letzten  Jahrzehnte  gibt  ein  anschauliches  Bild  davon,  in  welcher  enormen  Weise  in
unserem  Zeitalter  des  Verkehrs  sich  der  Handel  und  mit  ihm  die  Schiffahrt  weiter  entwickeln. ­

Am  Schluffe  der  Vorführung  der  Wasserstraßen  dürfte  es  angemessen  sein,  einige
Zahlen  über  den  Verkehr  auf  dem  Wasser  überhaupt,  soweit  hierbei  Deutschland  in
Betracht  kommt,  zu  geben.
Nach  dem  „Statistischen  Jahrbuch  für  das  Deutsche  Reich",  19.  Jahrgang,  beträgt
die  Länge  der  Binnenwasserstraßen  rund  14  000  Inn.  Auf  denselben  verkehren
23  000  Fahrzeuge  mit  2 s / 4  Millionen  Tonnen  Tragfähigkeit.  Der  Bestand  der
deutschen  Seeschiffe  betrug  im  Jahre  1897  =  3678.  Hiervon  entfielen  s / 4  auf  die
Nordsee  und  ‘/ 4  auf  die  Ostsee.  Der  Brutto-Raumgehalt  überstieg  2  Millionen  Registertonnen. ­
  Der  Seeverkehr  in  den  deutschen  Häfen  ist  von  1892  —  96  von  56  263  Schiffen
mit  13  Millionen  Registertonnen  auf  62  631  Schiffe  mit  14  */2  Millionen  Registertonnen ­
  gestiegen.  Im  Jahre  1898  verkehrten  in.  den  deutschen  Häfen  174251  Schiffe  mit
35,»  Mill.  Registertonnen,  hierunter  befanden  sich  90  787  Dampfschiffe  mit  30,2  Mill.
Registertonnen.  Gegenwärtig  umfaßt  der  Seehandel  bereits  70  Prozent  des  ganzen
Handels,  und  derselbe  stellte  sich  im  Jahre  1899  auf  mindestens  7  Milliarden  Mark.  Der
Gesamt-Spezialhandel,  welcher  1889  in  Ein-  und  Ausfuhr  rund  45  Millionen  Tonnen
im  Werte  von  7,2  Milliarden  Mark  betrug,  wies  1897  —  68  Millionen  Tonnen
im  Werte  von  8,6  Milliarden  auf.
        <pb n="522" />
        Landmarken.

547

Schiffahrtszeichen.
Auf  der  Fahrt  durch  den  endlos  scheinenden  Ozean  sucht  sich  der  Schiffer  mit
Kompaß  und  Steuer  den  Weg,  um  sein  fernes  Ziel  zu  erreichen,  mit  Hilfe  seiner  Instrumente
befragt  er  bei  Tag  die  Sonne  und  bei  Nacht  die  Sterne,  die  ihm  untrügliche  und  genaue
Auskunft  geben,  über  den  Ort,  an  dem  sein  Schiff  sich  befindet.  Nach  langer  Fahrt
kehrt  das  Schiff  mit  den  Waren  ferner  Länder  reich  beladen  nach  dem  heimatlichen  Hafen
zurück;  schwere  Kämpfe  mit  Sturm  und  Wellen  hat  es  durchgemacht,  in  denen  es  dank
seinem  festen  Gefüge,  dank  der  vortrefflich  arbeitenden  Maschine  und  dank  der  Kaltblütigkeit ­
  und  unermüdlichen  Ausdauer  von  Führer  und  Mannschaft  siegreich  das  Feld
behauptet  hat.  Die  größten  Gefahren  hat  es  aber  noch  nicht  hinter  sich,  diese  drohen
ihm  erst  jetzt  bei  der  Annäherung  an  die  Küste.  Das  Lot  mit  der  mit  Talg  ausgefüllten
Höhlung  wird  fleißig  ausgeworfen,  um  aus  den  von  ihm  heraufgebrachten  Grundproben
durch  Vergleich  mit  den  Angaben  in  der  Tiefenund
  Grundkarte  des  Meeresbodens  mit  einiger  Genauigkeit ­
  den  Punkt  festzustellen,  über  dem  das  Schiff
schwimmt.  Der  Schiffsführer  läßt  die  Maschine  langsam ­
  gehen,  der  Wachthabende  verdoppelt  seine  Aufmerksamkeit, ­
  um  bei  der  großen  Zahl  der  im  engen
Fahrwasser  sich  begegnenden  Schiffe,  deren  Fahrt
rechtzeitig  zu  erkennen  und  dem  drohenden  Zusammenstoß ­
  auszuweichen  und  um  die  in  der  Nähe  der
Küste  vorhandenen  Klippen  und  Untiefen  zu  vermeiden. ­
  Schon  manches  Schiff,  das  hoffte  in  wenigen
Tagen  oder  Stunden  in  den  schützenden  Hafen  einlaufen ­
  und  dort  nach  langer  Fahrt  durch  das  sturmbewegte ­
  Meer  ausruhen  zu  dürfen,  hat  an  den
Klippen  und  Sandbänken  der  Küste  noch  seinen
Untergang  gefunden.
Zur  sicheren  Fortsetzung  der  Fahrt  von  der
offenen  See  durch  die  Klippen,  Riffe  und  Strömungen ­
  in  die  Flußmündungen  und  Häfen  braucht
der  Schiffer  Wegweiser,  und  diese  sind  ihm  in  den
Segelanweisungen  und  in  den  Küstenkarten  gegeben.
Außer  der  genauen  Darstellung  des  betreffenden
Meeres  und  der  Küste  nebst  Klippen,  Sandbänken,
schwimmenden  Seezeichen  u.  s.  w.  enthalten  diese
Küstenkarten  noch  sogenannte  Küstenbilder,  das  sind  leicht  gezeichnete  Abbildungen  aller
hervorragenden  Gegenstände,  wie  Berge,  Dünen,  Türme,  Windmühlen,  Häusergruppen,
Wälder,  wie  diese  sich  dem  von  der  See  kommenden  Schiffe  darstellen.  Ist  die  Küste  von
Natur  arm  an  derartigen  in  die  Augen  fallenden  Gegenständen,  so  müssen  künstliche  Landmarken ­
  geschaffen  werden,  Tagesmarkeu  genannt,  wenn  sie  nur  bei  Tag,  Nachtmarken,
wenn  sie  wie  die  Leuchttürme  auch  bei  Nacht  sichtbar  sein  sollen.  Als  Tagesmarken  werden
Baken  errichtet,  hohe  turmähnliche  Gerüste,  seltener  Pfeiler  aus  Stein,  denen  man  zur  deutlichen ­
  Sichtbarkeit  und  Unterscheidung  große  Flächen  mit  recht  in  die  Augen  springenden
Umrißlinien  und  einen  entsprechenden  Anstrich  gibt,  so  daß  sie  sich  vom  Hintergrund  gut
abheben.  Von  ihrer  äußeren  Erscheinung  erhalten  diese  Baken  ihren  Namen  wie  z.  B.  Kugel-,
Becher-,  Jungfern-,  Windmühlen-,  Stuudenglasbake  u.  s.  w.  Damit  die  großen  Flächen  den
an  der  Küste  wehenden  Winden  nicht  zu  großen  Widerstand  entgegensetzen,  werden  die
Baken  aus  durchbrochenem  Gerüstwerk  gebildet.  Die  Abb.  531  bis  533  stellen  einige  solcher
Baken  dar.  Kommt  dem  Schiffer  eine  oder  mehrere  solcher  Landmarken  zu  Gesicht,  so
bestimmt  er  mit  Kompaß  und  Sextant  die  Richtung,  in  der  er  dieselben  sieht,  und  kann
daraus  den  Punkt,  über  dem  sein  Schiff  schwimmt,  in  seiner  Karte  bestimmen.

531.  Minktmke.
        <pb n="523" />
        548  Schiffahrtszeichen.

Nähert  sich  das  Schiff  noch  mehr  dem  Lande,  so  braucht  es,  um  sich  in  dem  zwischen
Untiefen  und  Sandbänken  dahinströmenden,  durch  gesunkene  Schiffe  vielleicht  noch  mehr
gefährdeten  Fahrwasser  zurecht  zu  finden,  noch  weiterer  zuverlässiger  Wegzeiger.  Als
solche  dienen  die  sogenannten  Bojen  oder  Tonnen.  Es  sind  dies  große,  früher  aus
Holz,  jetzt  fast  ausschließlich  aus  Eisen  gebildete  schwimmende  Hohlkörper  verschiedener
Gestalt,  die  mit  schweren  Ketten  an  große  auf  den  Grund  gesenkte  Steine  gefesselt  sind,
oder  durch  eiserne  Anker  an  ihrer  Stelle  festgehalten  werden.  Diese  Bojen  werden  nach
Bedarf  in  gewissen  Abständen  entlang  dem  Fahrwasser  ausgelegt  und  bilden  gleichsam
eine  zusammenhängende  schwimmende  Postenkette,  die  den  Schiffern  über  den  richtigen
Weg  Auskunft  gibt.  Trotz  aller  Vorsicht  beim  Festlegen  können  solche  Tonnen  bei
Sturm  und  Eisgang  doch  mit  gebrochener  Ankerkette  ins  Treiben  kommen  und  dadurch

533-  Kohr  Mrllumbolie.

dem  Schiffer  zum  trügerischen  Führer  werden,  der  ihn  ins  Verderben  lockt.  Im  Anfang
des  Frühjahrs  und  nach  starken  Stürmen  muß  deshalb  stets  eine  solche  Postenkette  geprüft
werden,  ob  kein  Ausreißer  seinen  Posten  verlassen  hat.
Bis  jetzt  hat  noch  jedes  Land  seine  eigene  Art  für  die  Bezeichnung  des  Fahrwassers
durch  Bojen  und  Tonnen,  und  bis  1889  war  sogar  für  die  deutschen  Küsten  eine
einheitliche  Betonnung  zu  vermissen,  so  daß  ein  Schiffer,  der  zum  erstenmal  einem
deutschen  Hafen  zusteuerte  und  nicht  ganz  genaue,  die  Gestalt  und  Bezeichnung  aller
Tonnen  enthaltende  Karten  im  Besitze  hatte,  sich  an  den  deutschen  Küsten  nicht  leicht
zurecht  finden  konnte.  Dem  Fürsten  Bismarck  ist  die  jetzt  bestehende  einheitliche  Betonnung ­
  der  deutschen  Küsten  zu  verdanken;  im  Jahre  1886  hatte  er  Vertreter  der
deutschen  Küstenstaaten  nach  Berlin  zusammenberufen  zur  Aufstellung  von  Grundsätzen  für
die  Betonnung,  und  nach  ihren  Vorschlägen  ist  die  Bezeichnung  der  Fahrwasser  und  der
Untiefen  in  den  deutschen  Küstengewäsiern  vom  Bundesrat  seit  1.  April  1889  einheitlich
geregelt  worden.  Danach  ist  der  Eingang  eines  Fahrwassers  durch  Bakentonnen  von
charakteristischer  Form  bezeichnet,  und  zwar  in  solcher  Entfernung  von  den  nächsten  Fahr-
        <pb n="524" />
        549

Baken  und  Bojen.

Wassertonnen,  daß  diese  von  den  Bakentonnen  ans  gut  gesehen  werden  können.  Zur  Bezeichnung ­
  des  Fahrwassers  werden  auf  der  Steuerbordseite,  d.  h.  auf  derjenigen  Seite,
welche  den  ans  See  kommenden  Schiffern  an  Steuerbord  (d.  h.  rechtst  liegt,  Spierentonnen
und  auf  der  Backbordseite  (links)  spitze  Tonnen  verwendet.  Als  Mittelfahrwassertonnen
werden  Kugeltonnen  ausgelegt.  Einzelne  Punkte,  wie
z.  B.  im  Fahrwasser  liegende  Riffe,  oder  die  Spitzen  der
in  dasselbe  vortretenden  Untiefen  werden  durch  Bakentonnen ­
  bezeichnet.  Sämtliche  Seezeichen  auf  der  Steuerbordseite ­
  sind  durch  roten,  die  auf  der  Backbordseite
durch  schwarzen  Anstrich  kenntlich  gemacht.  Fahrwasserseezeichen, ­
  die  von  Schiffen  zu  beiden  Seiten  passiert
werden  können,  wie  die  Mittelwassertonnen,  erhalten
einen  rot  und  schwarz  gestreiften  Anstrich.  Gesunkene,
von  Wasser  bedeckte  Schiffe  werden  durch  stumpfe,  spitze
oder  Faßtonnen,  welche  grün  angestrichen  sind  und  in
weißer  Farbe  die  Aufschrift  „Wrack"  tragen,  kenntlich
gemacht.  Zur  Unterscheidung  von  Seezeichen  derselben
Art  dienen  Topzeichen  und  aufgemalte  Aufschriften
oder  Figuren.
Solche  Tonnen  wurden  schon  seit  Jahrhunderten  &amp;gt;'  !  /
ausgelegt.  Auf  der  ältesten  bekannten  von  Melchior  ;  -  /
Lorich  im  Jahre  1568  gezeichneten  Elbkarte  ist  bereits  :  i  /
eine  große  Zahl  von  Tonnen  und  Baken  zusehen.  Als  :
weiteres  Beispiel  sei  die  8'/ 2  km*)  nordwärts  der  Insel  &amp;lt;  ;;
Wangeroog  liegende,  die  Einfahrt  der  Weser  bezeichnende  ..¿.  jj
„Schlüsseltrue"  genannt,  welche  als  Topzeichen  das  534.  K„fts-wnr,«to»»ln  der  Wrstr.
Bremer  Stadtwappen,  den  Schlüssel  trägt  und  davon
seit  dem  Jahre  1664  ihren  Namen  führt.  In  ihrer  jetzigen  Gestalt  ist  diese  Tonne
aus  starkem  Eichenholz  mit  einem  2  m  hohen  Aufbau  aus  Eisen  gebaut  und  in  zwei
wasserdichte  Abteilungen  geteilt,  damit  sie  bei  etwaiger  Beschädigung  doch  noch  schwimmfähig ­
  bleibt.  Im  ganzen  6  in  hoch,  ragt  sie  mit  ihrer  Spitze  noch  5  m  über  Wasser
und  ist  etwa  7  ‘/ 2  km  weit  sichtbar.
Um  auch  bei  Nacht  und  Nebel  dem  Schiffer  einzelne ­
  gefährliche  Stellen  oder  die  Einfahrt  in  eine
Hauptmündung  kenntlich  zu  machen,  hat  man  schon  in
früherer  Zeit  tönende  Seezeichen  angewendet;  es  lag
ja  ziemlich  nahe,  die  Bewegung  der  Wellen  zu  benützen,
um  eine  Glocke  in  Bewegung  zu  setzen.  So  soll  der
Abt  von  Aberbrothwick  an  dem  mitten  im  Fahrwasser
zum  Firth  of  Forth  und  Firth  of  Tay  liegenden  Bell
Rock  (Glockenfelsen),  der  bei  jeder  Springflut  mehrere
Meter  vom  Wasser  bedeckt  wird,  daher  besonders  gefahrvoll ­
  war  und  viele  Menschenleben  forderte,  ein  Floß
wit  einer  Glocke,  die  von  den  Wellen  in  Schwung
gesetzt  wurde,  ausgelegt  haben,  um  die  Schiffer  vor  der
Annäherung  an  die  gefährlichen  Klippen  zu  warnen.
Der  Felsen,  auf  dem  am  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts ­
  ein  Leuchtturm  erbaut  wurde,  soll  hiervon
seinen  Namen  haben.  Bei  den  früheren  Glockenbojen  wurden  Glocken  gewöhnlicher  Art  mit
einem  Klöppel  verwendet;  bei  den  neueren  Glockenbojen  werden  3  bis  4  Klöppel  außerhalb ­
  der  Glocken  aufgehängt,  welche  bei  den  durch  die  Wellenbewegung  hervorgerufenen
.  *)  Nach  seemännischem  Gebrauch  werden  alle  die  Nautik  betreffenden  Maßangaben  in  SeemeilxT,
  (1  Seemeile  —  1852  in)  gemacht;  der  leichteren  Vorstellung  wegen  sind  im  folgenden
alle  Entfernungen  in  Kilometern  angegeben.

53b.  Eiserne  Gtockenboie.
        <pb n="525" />
        550  Schiffahrtszeichen.

Schwankungen  der  Boje  in  Schwingungen  geraten  und  die  Glocke  anschlagen,  wie  in
Abb.  535  dargestellt  ist.
Diese  Glockenbojen  haben  jedoch  den  Nachteil,  daß  sie  bei  ruhiger  Witterung,  bei
der  vorzugsweise  die  Nebel  eintreten,  und  daher  ihre  warnende  Stimme  am  nötigsten  ist,
den  Dienst  versagen.  Besser  bewährte  sich  die  von  dem  Amerikaner  Courtenay  Anfang
der  70er  Jahre  erfundene  Heulboje,  die  in  Amerika  vielfach  Verwendung  gefunden
hat;  auch  an  der  deutschen  Küste  wiegen  sich  drei  solche  Truen,  vor  den  Einfahrten  in
die  Kriegshäfen  Kiel  und  Wilhelmshaven  und  bei  dem  Fedderort-Riff  unweit  Hela.
Die  Heulboje  wirkt  als  Pfeife,  sie  besteht  aus  einer  4  in  hohen  eisernen  Boje,  die  von
einem  7  bis  9  in  unter  den  Wasserspiegel  reichenden  Rohre  durchdrungen  wird.  In
diesem  Rohre  steht  der  Wasserspiegel  immer  gleich  hoch,  weil  in  der  Tiefe  von  7  bis

9  m  die  Wellenbewegung  sich  kaum  mehr  fühlbar  macht.  Hebt  sich  die  Boje,  so  verdünnt ­
  sich  die  Luft  in  dem  Rohr,  sinkt  die  Boje,  wird  die  Luft  verdichtet.  Durch  verschiedene
Röhren  und  Ventile  im  Inneren  der  Boje  wird  die  Luft  in  dieser  wie  in  einem  Windkessel ­
  aufgespeichert  und  bringt  von  Zeit  zu  Zeit,  wenn  die  Verdichtung  einen  gewissen
Grad  erreicht  hat,  eine  oben  auf  der  Boje  angebrachte  Signalpfeife  so  stark  zum  Tönen,
daß  sie  bei  gewöhnlichen  Witterungsverhältnissen  7  bis  9  km,  bei  Sturm  noch  etwa
2  kru  weit  hörbar  ist.
Bojen,  die  zwar  nicht  bei  Nebel  sich  bemerkbar  machen  wie  die  Heulbojen,  aber  nicht
nur  bei  Tage,  sondern  auch  bei  Nacht  sichtbar  sind,  sind  die  von  Julius  Piutsch*)  in
*)  Der  Erfinder  der  Gasbojen,  Julius  Pintsch,  ist  im  Jahre  1884  in  Berlin  im  70.  Lebensjahr ­
  als  Kommerzienrat  gestorben.  Er  war  ein  Berliner  Kind  und  hat  sich  wie  mancher  andere
aus  bescheidenen  Berhältnissen  —  er  war  früher  Klempnergescll  in  einer  Kellerwcrkstatt  —  durch
Fleiß,  Thatkraft  und  Erfindungsgabe  zum  Großindustriellen  emporgearbeitet.  Durch  seine  Erfindungen ­
  zur  Beleuchtung  der  Eisenbahnwagen  und  Seezeichen  mit  Fettgas  ist  sein  Name  aus
der  ganzen  Erde  bekannt.
        <pb n="526" />
        Glockenbojen.  Gasbojen.  Leuchttürme.

551

Berlin  erfundenen  Gasbojen.  Im  Jahre  1877  zuerst  zur  Beleuchtung  des  Petersbnrg-Kronstadter
  Fahrwassers  erprobt,  sind  sie  jetzt  zu  Hunderten  ausgelegt,  unter  anderen
haben  sie  auch  zur  Beleuchtung  der  Einfahrten  zum  Suez-Kanal  und  in  neuerer  Zeit  am
Kaiser  Wilhelm-Kanal  Verwendung  gefunden,  zur  Kenntlichmachung  des  Fahrwassers  im
Meckelsee,  &amp;gt;vo  die  Aufstellung  der  elektrischen  Lampen  nicht  möglich  war.  Die  Gasbojen ­
  werden  mit  Fettgas  gespeist,  das  neben  der  dreifachen  Leuchtkraft  des  gewöhnlichen
Gases  noch  den  Vorteil  billiger  Herstellungskosten  hat,  da  es  aus  minderwertigen
Fettstoffen  aller  Art  gewonnen  wird.  Da  es  nicht  möglich  ist,  die  entferntliegenden
Bojen  täglich  mit  dem  Boot  zu  erreichen,  um  sie  abends  anzuzünden  und  morgens  zu
löschen,  und  auch  ein  Anzünden  der  Lampen  durch  den  elektrischen  Strom  sich  verbietet,
weil  das  zur  Leitung  des  Stromes  dienende  Kabel  durch  die  in  fortwährender  Bewegung
befindlichen  Bojen  hin-  und  hergeschleudert ­
  undbaldzerstörtwürde,
so  brennen  diese  Bojen  Tag  und
Nacht  fort.  Die  großen  eisernen
Bojen,  welche  eine  mit  einem
FresnelschenLinsengürtel  versehene
Laterne  tragen,  dienen  als  Gasbehälter ­
  und  werden  bei  ruhiger
See  von  einem  Schiff  aus,  das
eiserne  Behälter  mit  dem  bis  auf
zehn  Atmosphären  verdichteten  Gas
an  Bord  hat,  mittels  eines  Schlauches ­
  gefüllt;  der  Druck  des  Gases
in  den  Bojen  beträgt  noch  etwa
sechs  Atmosphären.  Die  am  Kaiser
Wilhelm-Kanal  ausgelegten  Bojen
haben  einen  Inhalt  von  8,2  cbm
und  sind,  mit  Fettgas  von  sechs
Atmosphären  Druck  gefüllt,  mit
einem  Brennstoffvorrat  für  zwei
Monate  bei  ununterbrochener
Brennzeit  versehen.  Die  Kosten
einer  solchen  Gasboje  betragen
6000  Mark.
Damit  der  Schiffer  auch  bei
Nacht  die  Küste,  der  er  sich  nähert,
und  das  Fahrwasser  genügend  erkennen ­
  kann,  dazu  dienen  die  bS8.  Leuchtturm  auf  zieuwrrk.
Leuchttürme;  sie  sind  die  wichkigsten
  Seezeichen.  Schon  im  grauen  Altertum  wurden  Leuchtfeuer  zum  Schutze  der  Schiffer
angezündet;  wir  finden  sie  schon  bei  Homer  (10.  Jahrhundert  v.  Chr.)  in  der  Odyssee  (X,  30)
erwähnt.  Von  den  Leuchttürmen  des  Altertums  ist  keiner  auf  unsere  Zeit  gekommen;
nach  den  Abbildungen  auf  Münzen  und  Bildwerken  und  den  Beschreibungen  der  Schriftsteller ­
  können  wir  uns  aber  eine  Vorstellung  von  diesen  Banwerken  machen.  Daß  der
berühmte  Koloß  von  Rhodos,  jene  34  m  hohe  eherne  Bildsäule  des  Sonnengottes,  welche,
ein  Werk  des  Bildhauers  Chares  aus  Lindos,  um  290  oder  280  v.  Chr.  Geburt  aufgestellt
wurde  und  wenige  Jahre  darauf  im  Jahre  223  einem  Erdbeben  zum  Opfer  fiel,  als
Leuchtwarte  diente,  ist  unwahrscheinlich;  über  die  Gestalt  und  den  Ort  der  Aufstellung
ist  uns  nichts  Näheres  überliefert;  daß  der  Koloß  mit  gespreizten  Beinen  über  der  Hafeneinfahrt ­
  stand,  eine  Fackel  in  der  Hand,  ist  eine  Fabel.  Hätten  wir  im  Koloß  von  Rhodos
eine  Leuchtwarte  zu  sehen,  so  bildete  ein  würdiges  Seiteustück  zu  demselben  das  bekannte,
im  Jahre  1886  auf  Liberty  Island  vor  dem  Hafen  von  New  Aork  errichtete  46  m  hohe
Standbild  der  Freiheit,  deren  Fackel  und  Stirnband  allnächtlich  im  Glanze  elektrischen
        <pb n="527" />
        552  Schiffahrtszeichen.

Lichtes  strahlend  den  Schiffern  den  Zugang  znm  Hafen  von  New  Aork  weist.  Dieses
Standbild  auf  28  m  hohem  Granitsockel  errichtet,  ein  Geschenk  Frankreichs  an  Amerika,
ist  das  größte  Bildwerk  alter  und  neuer  Zeit.  Der  älteste  Leuchtturm,  von  dem  wir
wissen,  ist  der  im  Jahre  283  v.  Chr.  auf  der  Insel  Pharos  am  Eingang  zum  Hafen
von  Alexandria  unter  Ptolemäus  Philadelphus  durch  Sostratus  aus  Knidos  erbaute
Turm.  Dieser  Turm,  dessen  Standort  die  Bezeichnung  für  Leuchttürme  geliefert  hat,
soll  170  na  hoch,  in  seiner  unteren  Hälfte  viereckig  aus  weißen  Quadern  gebaut,  darüber ­
  achteckig  und  in  seinem
obersten  Teil  rund  gewesen
sein;  er  trug  die  Inschrift:
„Sostratus  von  Knidos,  der
Sohn  des  Dexiphanes,  den
rettenden  Göttern  zum  Wohle
der  Seefahrer."  Sein  Licht
soll  60  km  weit  sichtbar  gewesen ­
  sein  und  wie  ein  Stern
durch  die  Nacht  geschienen
haben.  Der  Turm  stand  etwa
bis  zum  Jahre  1317.  Seitdem ­
  hat  türkische  Barbarei  jede
Spur  des  berühmten  Denkmales, ­
  auch  eines  der  sieben
Weltwunder  wie  der  Koloß
von  Rhodos,  hiuweggetilgt.
Der  Geograph  Dionysius  aus
Alexandria  (1.  oder  2.  Jahrhundert ­
  v.  Chr.)  berichtet  von
einem  Leuchtturm,  der  an
der  Mündung  des  Chysorrhoas,
  im  Bosporus  von
Thracien  errichtet  war,  und
bemerkt,  daß  die  Bewohner
an  verschiedenen  Punkten
der  Küste  in  verbrecherischer
Absicht  Feuer  angezündet
hätten,  um  die  Schiffer  zu
täuschen.
Daß  in  Kriegsfällen  die
Feuer  der  Leuchttürme  gelöscht
werden,  wie  jüngst  im  griechisch-türkischen ­
  Krieg  mehr-539.
  Leuchtturm  von  Cordouan.  fach  vorgekommen  ist,  dürste
selbstverständlich  sein.
Das  älteste  Feuer  an  der  Nordsee  ist  das  im  Jahre  1299  auf  der  zu  Hamburg
gehörigen  Insel  Neuwerk  zur  Sicherung  der  Einfahrt  in  die  Elbe  errichtete  Feuer,  das
noch  heute  dort  brennt.  Dieser  Turm  ist  zur  Zeit  der  älteste  noch  in  Benutzung  befindliche
Leuchtturm  der  Erde.
Der  prächtigste  Leuchtturm  der  Erde  ist  der  Leuchtturm  von  Cordouan  an  der  Mündung ­
  der  Gironde.  Auf  einem  Felsen,  der  nur  bei  Niedrigwasser  trocken,  bei  Hochwasser  3  m
vom  Wasser  bedeckt  ist,  wurde  der  Turm  im  Jahre  1584  unter  Heinrich  III.  begonnen  und
1610  von  dem  berühmten  Architekten  und  Ingenieur  Louis  de  Foix,  der  auch  einen  Teil
des  Escorial  gebaut  hat,  glücklich  vollendet.  Im  Jahre  1727  wurde  unter  Ludwig  XV.  die
37m  über  dem  Meeresspiegel  gelegene  steinerne  Laterne,  deren  Pfeiler  vom  Feuer  Not  gelitten ­
  hatten  und  auch  zu  viel  Licht  verdeckten,  durch  eine  eiserne  Laterne  in  derselben  Höhe
        <pb n="528" />
        Leuchttürme  von  Cordouan  und  Eddystone.

553

ersetzt.  Um  den  Schiffern  das  Feuer  auf  größere  Entfernung  sichtbar  zu  machen,  wurde
gegen  das  Ende  des  18.  Jahrhunderts  der  Turm  auf  60  in  erhöht.  Durch  diese  Erhöhung ­
  hat  der  in  reichem  Renaissancestil  erbaute  Turm  an  seiner  Schönheit  bedeutend
eingebüßt.  Im  ersten  Stockwerk,  welches  die  Bezeichnung  „Wohnung  des  Königs"  führt,
enthält  der  Turm  einen  großen  reich  ausgestatteten  Saal  und  im  Stockwerk  darüber  eine
mit  einer  kassettierten  Kuppel  überwölbte,  mit  korinthischen  Pilastern  und  wertvollen
Bildhauerarbeiten  geschmückte  Kapelle  und  über  dem  Eingang  zu  dieser  die  Büste  seines
Erbauers,  Louis  de  Foix.  Einen  zweiten  gleich  prunkvollen  Leuchtturm  hat  die  Erde
nicht  mehr  aufzuweisen,  da
man  in  späterer  Zeit  mit
vollem  Recht  die  Schönheit
eines  Leuchtturms  nicht  in
bildnerischem  Schmuck,  sondern ­
  in  der  Gesamterscheinung,
in  der  zweckmäßigen  Form,
in  dem  schönen  Umriß,  in  der
soliden  Herstellung  und  in  der
Harmonie  der  Verhältnisse,
die  den  Eindruck  des  Monumentalen ­
  und  der  Kühnheit
der  Konstruktion  zugleich  zum
Ausdruck  bringen,  gesucht  hat.
Aber  manchen  anderen
berühmten  Leuchttürmen  begegnen ­
  wir  noch  bei  einer
Wanderung  den  Küsten  entlang, ­
  berühmt  durch  ihre
Konstruktion  und  durch  ihre
Geschichte,  die  uns  von  dem
Ringen  und  den  Kämpfen
ihrer  Baumeister  mit  den  Elementen, ­
  von  deren  Siegen  und
Niederlagen  erzählt.  In  erster
Linie  ist  unter  diesen  der
Leuchtturm  von  Eddystone
(Wirbelfelsen)  zu  nennen.
Den  ersten  Leuchtturm
auf  diesem  Felsen  an  der  Küste
von  Cornwallis,  26  km  südwestlich ­
  von  Plymouth,  hat
im  Jahre  &amp;gt;696  der  Brauer
und  Landmann  Winstanley
begonnen,undbereits  2Jahre
nachher  ist  im  November  1698
in  einer  Höhe  von  18  m  über  dem  Felsen  das  Licht  in  der  Laterne  des  ganz  aus  Holz  gebauten ­
  Turmes  angesteckt  worden.  Die  Erbauer  der  Leuchttürme  hatten  in  England  früher
das  Recht,  von  den  Schiffen,  die  in  das  Bereich  des  Leuchtturms  kamen,  Abgaben  zu  erheben  ,
die  Aussicht  auf  Gewinn  hatte  Winstanley  zum  Bau  des  Leuchtturms  veranlaßt.  Da  die
Wellen  an  dem  Turm  viel  höher  hinaufstiegen,  als  der  unkundige  Erbauer  vermutet  hatte,
so  daß  die  Laterne  manchmal  im  Wasser  ganz  begraben  war,  so  erhöhte  er  den  Turm  auf
die  doppelte  Höhe  und  verstärkte  den  Fuß  durch  einen  1,2  m  starken  Ring  aus  Manerwerk.
5  Jahre,  nachdem  das  Feuer  zum  erstenmal  gebrannt  hatte,  an  einem  stürmischen  Tage  im
November  des  Jahres  1703  befand  sich  der  kühne  Erbauer  im  Turm,  um  einige  Ausbesserungen ­
  zu  überwachen,  und  fand  mit  seinen  Arbeitern  in  dem  vom  Sturm  weggespülten  Turm
seinen  Tod.
Drei  Jahre  lang  mußten  die  Schiffer  das  so  notwendige  Feuer  auf  dem  Wirbclfelsen
entbehren,  als  am  l.  Juli  1706  der  Scidenweber  John  Rudycrd  mit  dem  Ban  des  zweiten
Leuchtturms,  gleichfalls  aus  Holz,  begann.  Nach  nur  zweijähriger  Bauzeit,  am  28.  Juli  1703
IX'70

510.  Ueuer  Leuchtturm  von  Eddystone.
        <pb n="529" />
        554

Leuchtturm  von  Eddystone.

brannte  das  Feuer  zum  erstenmal  auf  dem  neu  erstandenen  Leuchtturme  und  leuchtete  den
Schiffern  47  Jahre  lang,  bis  im  Jahre  1755  der  Turin  Feuer  fing  und  als  Riesenfackel  in
den  Fluten  des  Meeres  in  Brand  und  Glut  versank.
Mit  den  Vorbereitungen  zum  Bau  des  dritten  Turmes  wurde  unverzüglich  begonnen,
und  der  im  Jahre  1724  geborene  Ingenieur  John  Smeaton  wurde  mit  dem  Bau  beauftragt.
Er  machte  sich  sofort  ans  Werk,  einen  steinernen  Leuchtturm  zu  bauen,  und  ließ  hierzu  den
Felsen  wagerecht  abarbeiten.  Der  erste  Stein  wurde  am  12.  Juni  1757  gelegt,  und  am
29.  August  1759  konnte  der  Schlußstein  gesetzt  werden.  Der  Turm  war  20  in  hoch,  hatte
am  Fuß  8  und  am  Kranz  41/s  ra  Durchmesser.  Die  Steine  waren  mit  größter  Sorgfalt  in
äußerst  zweckmäßiger  Weise  mit  sogenannten  Schwalbenschwänzen  und  eichenen  Dübeln  ineinander ­
  gefügt  und  miteinander  verbunden.  Am  16.  Oktober  1759  wurde  wiederum  das  Licht
auf  dem  festgefügten,  den  stärksten  Stürmen  gewachsenen  Turm  angezündet.
Aber  auch  dieser  Turm,  einst  der  besondere  Stolz  der  Engländer,  ist  nicht  mehr  vorhanden. ­
  Der  Felsen,  auf  dem  er  stand,  von  dem  Anprall  der  Wogen  zernagt,  drohte  dem
Turm  zum  Grab  zu  werden,  und  so  mußte  im  Jahre  1878  zum  Bau  des  vierten  Turmes
geschritten  werden.  Für  seinen  Standort  wurde,  40  m  vom  alten  Turm  entfernt,  ein  für  alle
Zeiten  Sicherheit  bietendes  Riff  gewählt,  das  nur  den  Nachteil  hatte,  daß  es,  sehr  niedrig,
bei  Springfluthochwasser  5  m  unter  Wasser  lag.  Im  Juli  1878  wurde  begonnen,  und  bis
Ende  des  Jahres  hatte  wegen  des  hohen  Wasserstandes  nur  135  Stunden  lang  auf  dem  Riff
gearbeitet  werden  können.  Auf  dem  eingeebneten,  von  Seepflanzeu  gereinigten  Riff  wurde
ein  Fangdamm  ans  Ziegelsteinen  gebaut  und  innerhalb  desselben  der  Felsen  zur  Aufnahme
des  Turmmauerwerks  vorbereitet.  Zahlreiche  Löcher  wurden  in  den  Felsen  gebohrt,  um
jeden  Stein  der  untersten  Schicht  durch  starke  Bolzen  mit  dem  Felsen  unverrückbar  zu  verbinden. ­
  Die  Maschinen  zur  Erzeugung  der  Druckluft  zum  Antrieb  der  Bohrer  waren  aus
dem  in  der  Nähe  des  Riffs  verankerten  Schraubendampfer  „Herkules"  aufgestellt;  auf  diesem
befanden  sich  auch  die  Pumpen,  um  den  Raum  innerhalb  des  Fangdammes  nach  Ablauf  des
Hochwassers  allemal  wieder  wasserfrei  halten  zu  können,  und  ebenso  diente  der  „Herkules"
in  Verbindung  mit  dem  auf  dem  Turm  selbst  aufgestellten  und  mit  dessen  Höherführung
allemal  wiederversetztcn  Kran  zum  Herbeischaffen  und  Versetzen  der  Steine.
Das  Mauerwcrk  besteht  aus  Granit,  und  jeder  Stein  ist  nach  dem  Vorgang  von  Smeaton
mit  seinen  Nachbarsteinen  zur  Seite  und  in  der  unteren  und  oberen  Schicht  durch  schwalbenschwanzfürmigen
  Versatz  aufs  innigste  verbunden  worden,  um  dem  Wogenprall  für  alle  Zeiten
stand  halten  zu  können.  Die  Quader  der  untersten,  unmittelbar  auf  dem  gewachsenen  Felsen
ruhenden  Schichte  sind  zudem  überall  noch  mindestens  30  cm  in  diesen  eingelassen.  Welchen
ungeheuren  Kräften  ein  solches,  der  vollen  Brandung  ausgesetztes  Bauwerk  widerstehen  muß,
mag  daraus  erhellen,  daß  die  Stoßkraft  der  Wellen  auf  das  Quadratmeter  getroffene  Fläche
einen  Druck  bis  zu  30  000  lex  ausübt.  Zur  Erhöhung  seiner  Standfestigkeit  ist  der'Turm
auf  einem  sich  0,76  m  über  das  Hochwasser  der  Springfluten  erhebenden  Unterbau  von  13,6  in
Durchmesser  ausgeführt.  Auf  diesem  Unterbau,  der  zugleich  eine  das  Landen  erleichternde
Plattform  bildet,  erhebt  sich  der  schon  geschweifte  Turm  bis  zu  40,6  m  Höhe  über  Springfluthochwasser. ­
  Seine  Mauerstärke  nimmt  von  unten  nach  oben  von  2,so  in  bis  auf  0,90  m  ab.
Trotz  aller  Schwierigkeiten  ging  der  Bau  so  gut  von  statten,  daß  am  18.  Juni  1883  die
feierliche  Eröffnung  des  Turmes  durch  das  Anzünden  der  Lampen  durch  den  Herzog  von
Edinburg  stattfinden  konnte.  Die  Kosten  des  Turmes  beliefen  sich  auf  1185100  Mark.  Der
alte  Turm  wurde  abgebrochen  und  der  obere  Teil  desselben  auf  Kosten  der  Stadt  Plymouth
aus  dem  hohen  Stranduser  von  Plymouth  als  ein  Ehrendenkmal  für  seinen  berühmten  Erbauer ­
  Smeaton  wieder  aufgerichtet.
Ähnliche  Schwierigkeiten  beim  Bau  boten  der  im  Jahre1807  von  Robert  Stevenson
(der  im  Laufe  seines  Lebens  18  Leuchttürme  baute)  ausgeführte  30  na  hohe  Leuchtturm
auf  dem  schon  oben  erwähnten  Bell  Rock  und  der  in  den  Jahren  1838—1842  nach
den  Plänen  von  Alan  Stevenson  erbaute  42  in  hohe  Leuchtturm  von  Skerryvore  auf
der  Insel  of  Tyree  in  Argyllshire  an  der  Westküste  von  Schottland.
Von  den  zahlreichen  in  den  letzten  Jahrzehnten  auf  deutschem  Boden  errichteten
Leuchttürmen  verdient  der  Rothesand-Leuchtturm  an  der  Wesermündung,  48  Irin  von
Bremerhaven  entfernt,  wegen  seiner  schwierigen  Gründung  ausführlichere  Erwähnung.
Es  ist  dies  der  erste  Leuchtturm,  der  im  offenen  Meere,  in  großer  Wassertiefe,  wo  selbst
bei  Ebbe  der  Baugrund  nicht  zu  Tage  tritt,  auf  dem  sandigen  Meeresgrund  aufgebaut,
oder  vielmehr  in  denselben  abgesenkt  worden  ist.
Der  Plan  für  die  eigenartige  Ausführung  dieses  Turmes,  für  den  weder  feste,  noch
schwimmende  Gerüste  verwendet  werden  konnten  und  sämtliche  Hilfsmittel  und  Maschinen  auf
dem  beschränkten  Raum  des  Bauwerkes  selbst  untergebracht  werden  mußten,  rührt  von  dem
damaligen  Oberingenienr  der  Aktiengesellschaft  für  Eisenindustrie  und  Brückenbau  (vormals
Johann  Caspar  Harkort  zu  Duisburg)  L.  Seifert  ljetzt  Direktor  der  Gesellschaft)  her.  Er
wählte  für  die  Gründung  des  eisernen  Turmes  das  Verfahren  der  Druckluftgründung.  Der
        <pb n="530" />
        Wöhnmiw  -w

Eiiche 18

Mrtffazi/,

TTochimsscr

542  u.  543.  Der  Rothrsand-Keuchtturm  tu  der  Uordsre.
Während  de?  Baues.  Nach  der  Vollendung.

TSudammer
        <pb n="531" />
        558  Schiffahrtszeichen.

mächtige,  eiserne  Senkkasten  von  länglich  rundem  Querschnitt,  13,6  m  lang,  10,5  m  breit,  sollte
in  den  Meeresgrund  abgesenkt  und  mit  Beton  ausgefüllt  werden  und  so  den  Unterbau  des
Turmes  bilden.  Die  Ausführung  wurde  infolge  eines  niedrigeren  Gebots  einer  Konkurrenzfirma ­
  der  genannten  Gesellschaft  übertragen.  Der  Caisson  wurde  in  Bremerhaven  angefertigt
und  schwimmend  durch  Schleppdampfer  nach  der  Baustelle  verbracht.  Das  seltsame  Fahrzeug
gelangte,  wenn  anch  unter  Schwierigkeiten,  glücklich  an  seinem  Ziele  au.  Die  Bodenbeförderung ­
  begann  und  nahm  guten  Fortgang,  obgleich  die  Arbeiten  wegen  Sturmes  unterbrochen ­
  werden  mußten.  Am  9.  Oktober  1881,  nachdem  der  Senkkasten  mit  seiner  Unterkaute
20,75  m  unter  Niedrigwasser,  etwa  12  m  unter  Meeresgrund  versenkt  war,  so  daß  nur  noch
etwa  2  m  an  seiner  endgültigen  Tiefenlage  fehlte,  mußten  die  Arbeiter  den  Bau  Sturmes
wegen  wieder  verlassen.  Am  13.  Oktober  mittags,  als  ungewöhnlich  starker  Nordwest  wehte,  sah
ein  Matrose  von  dem  6  km  von  der  Baustelle  verankerten  Feuerschiff  zufällig  nach  dem
Turm  und  sah  denselben  plötzlich  unter  hohem  Aufwallen  des  Wassers  verschwinden.
Durch  Taucher  wurde  festgestellt,  daß  der  Senkkasten,  welcher  12'/r  m  in  den  Meeresgrund
eingedrungen  war  und  16  m  über  denselben  hervorragte,  2'/,  m  über  dem  Meeresboden  ab-545.

  Ausfahrt  des  Aciikknstens  für  dcn  Aothrfand-Leuchtturm  nach  der  AaustcUc
am  26.  Mai  1883.

gebrochen  war.  Vermutlich  waren  die  Wellen  über  den  2  m  über  gewöhnlichem  Hochwasser
endigenden  nicht  genügend  mit  Beton  ausgefüllten  Senkkasten  hineingeschlagen  und  hatten  so
ihr  Zerstörungswerk  in  und  an  demselben  ausüben  können.
Trotz  dieses  Mißerfolges  wurde  von  dem  Leiter  des  Bremer  Tonnen-  und  Bakenamts,
Baurat  Hanckes,  an  dem  ursprünglichen  Plan  festgehalten,  und  die  Gesellschaft  Harkort  in
Duisburg  übernahm  nunmehr  den  Bau  des  zweiten  Turmes  zum  Preise  von  853000  Mark,
ohne  die  Bcfeuerungseinrichtung.  Sie  führte  denselben  in  2  Jahren  glücklich  zu  Ende.  Der
neue  Senkkasten,  14  m  lang,  11  m  breit  mit  einer  Grundfläche  von  114  qm,  erhielt  etwas
größere  Abmessungen  als  der  alte.  Da  der  Senkkasten  bei  der  Aussahrt  aus  Bremerhaven  nur
6 1 /2  IN  Tiefgang  erhalten  durste,  wurden  zwei  Schwimmkasten  mit  demselben  in  Verbindung  gebracht, ­
  die  nach  beendigter  Fahrt  leicht  abgenommen  werden  konnten.  Bei  der  Ausfahrt  hatte  der
Senkkasten  18,76  m  Höhe  und  reichte  bei  6,5  m  Tiefgang  somit  12,26  m  über  Wasser.  Vier
Schleppdampfer  hatten  große  Mühe,  mit  dem  schwimmenden  Ungetüm  gegen  Sturm  und  Wellen
sich  zu  halten  Am  27.  Mai  1883  konnte  mit  dem  Versenken  begonnen  werden.  Infolge  der
Erfahrungen  beim  ersten  Bau  wurde  das  Ausfüllen  des  Senkkastens  mit  Beton  beschleunigt  und
der  Schutzmantel  im  ganzen  32  m  hoch  gemacht,  so  daß  ein  Überschlagen  der  Wellen  ausgeschlossen ­
  war.  Die  Umgebung  des  Bauwerks  wurde  durch  Versenken  von  Faschinen  und
Steinmaterial  gegen  Auskolkungen  gesichert.  Dank  aller  Vorsichtsmaßregeln  konnte  das
Bauwerk  am  17.  Oktober  1883,  nachdem  die  Unterkante  des  Senkkastens  erst  15,6  m  unter
        <pb n="532" />
        Leuchttürme.

559

Niedrigwasser  sich  befand,  einem  ebenso  heftigen  Sturm,  wie  der,  der  seinem  Vorgänger
2  Jahre  zuvor  den  Untergang  bereitet  hatte,  siegreichen  Widerstand  leisten.  Nach  einjähriger
Bauzeit,  in  der  1600  odrn  Boden  aus  dem  Inneren  des  Senkkastens  gefördert  waren,  hatte
dieser  die  planmäßige  Tiefe  von  22  m  unter  Null  erreicht,  und  es  konnte  auf  dem  jetzt  für
alle  Zeiten  gegen  Unfälle  gesicherten  Unterbau  mit  dem  Aufbau  des  ganz  aus  Eisen  bestehenden ­
  Turmes  fortgefahren  werden.  Am  23.  Oktober  1885  wurde  der  aus  Schweden
bezogene  Leuchtapparat  angezündet.  Der  Turm  hat  einen  Anstrich  in  den  Farben  des  Reichs
in  4  m  hohen  Bändern  erhalten  und  ist  dank  diesem  Anstrich  und  seinem  ausladenden  Kopfe
bei  Tage  18  bis  22  km  weit  sichtbar.
In  den  letzten  Jahrzehnten  sind  zahlreiche  Leuchttürme  gebaut  worden  und  zwar
aus  Holz,  Stein  und  Eisen  und  in  neuerer  Zeit  auch  aus  Beton.  Holz  wird  der
Feuergefährlichkeit  halber  und  auch  seiner  Vergänglichkeit  wegen  nur  für  kleine  Leuchtfeuer, ­
  wie  Hafenleuchtcn  angewendet ­
  und  da,  wo  Eisen
und  Stein  nur  mit  großen
Kosten  zu  beschaffen  sind,  oder
für  Türme,  deren  Versetzung
wegen  Änderungen  des  Fahrwassers ­
  nach  längerer  oder
kürzerer  Zeit  in  Aussicht  zu
nehmen  ist.  Ein  solcher  Holzbau ­
  ist  der  40  na  hohe  Leuchtturm ­
  von  Pontaillac,  welcher
in  den  Jahren  1856/57  gebaut ­
  wurde,  um  in  Verbindung
mit  dem  Turm  von  Terre-Negre
  den  Schiffen  die  Richtung ­
  nach  der  Gironde  zu
weisen.  Auf  Neuseeland,  wo
die  Erdbeben  den  Bau  massiver ­
  Türme  verbieten,  sind
in  den  Jahren  1870/79  vierzehn ­
  Leuchttürme  aus  dem
dort  zu  Gebote  stehenden  vorzüglichen ­
  australischen  Holze
gebaut  worden.  Wo  der  Baugrund ­
  fest  ist  und  Steinmaterialien ­
  und  Arbeitskräfte
ohne  zu  große  Schwierigkeiten
herangeschafft  werden  können,
ist  ein  steinerner  Leuchtturm
einem  Bau  aus  Eisen  immer
vorzuziehen,  weil  derselbe  in  gleicher  Weise,  wie  eine  Brücke  von  Stein,  dauerhafter  und
daher  auch  billiger  zu  unterhalten  ist,  als  ein  Bauwerk  von  Eisen.  Auch  die  Standfestigkeit ­
  eines  Turmes  den  Angriffen  des  Sturmes  und  der  Wellen  gegenüber  ist  durch
die  Verwendung  von  großen,  durch  ihr  Gewicht  wirkenden  Massen  leichter  zu  erreichen
als  bei  Eisenkonstruktionen,  deren  Zusammenhalt  und  Bestand  nur  in  ihren  künstlichen ­
  Verbindungen,  die  mit  der  Zeit  gelockert  werden  können,  beruht.  Dagegen  bieten
eiserne  Leuchttürme  den  Vorteil,  daß  sie  in  kurzer  Zeit  und  mit  wenig  Arbeitskräften ­
  aufgestellt  werden  können,  wenn  sie  in  ihre  Teile  zerlegt,  zum  Aufstellen
fertig  angeliefert  werden.  Auch  ihr  Abbruch  und  ihre  Versetzung  ist  leicht  möglich,
wenn  eine  Unterspülung  des  Standortes,  oder  sonstige  Gründe  die  Versetzung  nötig
oder  wünschenswert  machen  sollten.  Am  Hafen  von  Riga  steht  ein  32,3  in  hoher,
aus  eisernen  Platten  gebildeter  Leuchtturm,  bestimmt,  im  Kriegsfalle  abgetragen  zu
werden,  um  die  feindliche  Flotte  nicht  nur  bei  Nacht  durch  Löschen  des  Feuers,  sondern

546.  Leuchtbake  an  der  Elbe.
        <pb n="533" />
        560  Schiffahrtszeichen.

durch  die  gänzliche  Beseitigung  des  Turmes,  auch  bei  Tag  des  wichtigen  Orientierungsmittels ­
  zu  berauben.
Der  erste  eiserne  Leuchtturm  wurde  im  Jahre  1821  von  Robert  Stevenson  gebaut. ­
  Die  eisernen  Leuchttürme  werden  aus  einzelnen,  aus  Röhren  bestehenden  Pfeilern
oder  als  ein  Gerüst  aus  Schmiede-  oder  Gußeisen,  das  meist,  aber  nicht  immer  mit
einem  Blechmantel  verkleidet  ist,  hergestellt,  oder  auch  aus  einzelnen  miteinander  verschraubten ­
  und  vernieteten  Platten,  die  durch  Winkeleisen  ausgesteift  sind.  Gußeiserne
Leuchttürme  rosten  weniger  als  schmiedeiserne  und  verlangen  daher  seltener  einen  neuen
Anstrich;  mit  Vorliebe  werden  gußeiserne  Leuchttürme  von  Holland  in  seinen  Kolonien
aufgestellt.  Eiserne  Leuchttürme,  die  nicht  auf  dem  Lande,  sondern  im  Meere  selbst  auf
dem  sandigen  Grund  errichtet  werden  müssen,  werden  auf  in  den  Grund  eingeschraubten
eisernen  Pfählen  gebaut,  wie  z.  B.  der  Leuchtturm  von  Walde  nördlich  von  Calais.
Ist  eine  Vertiefung  des  Grundes  in  der  Nähe  des  Leuchtturmes  zu  befürchten,  dann  muß
wie  beim  Rothesand-Leuchtturm  durch  die  Druckluftgründung  ein  massiver  Unterbau  an
Stelle  der  einzelnen  Schraubenpfähle  geschaffen  werden.
Wie  beim  Brückenbau,  so  tritt  in  neuerer  Zeit  auch  beim  Bau  der  Leuchttürme  der
Beton  mit  Eisen  und  Stein  erfolgreich  in  Wettbewerb.  Der  im  Jahre  1895  12  lein
südwestlich  von  der  Hafenstadt  Sfax  an  der  Ostküste  von  Tunis  erbaute  Leuchtturm  von
Raz-Tina  ist  einschließlich  der  Treppen  ganz  aus  Beton  hergestellt  worden.  Der  Mangel
an  Steinen  und  das  Vorhandensein  von  Sand  führten  zur  Verwendung  von  Beton.  Mit
dem  Bau  des  44  in  hohen  Turmes  wurde  am  14.  Dezember  1894  begonnen,  in  einzelnen
Ringen  von  1  m  Höhe  wurde  der  Turm  aufgeführt,  am  14.  April  1895,  in  der  kurzen
Bauzeit  von  vier  Monaten  war  der  Turm  ohne  jeden  Unfall  vollendet,  und  bereits  am
1.  Juli  konnte  das  Feuer  angezündet  werden.
Massive  Leuchttürme  werden  rund,  viereckig  und  achteckig  ausgeführt.  Für  der
Brandung  ausgesetzte  Türme  wird  stets  die  runde  Form  gewählt,  und  diese  ist  auch  für
Türme  von  großer  Höhe  angezeigt,  weil  die  runde  Form  dem  Winde  weniger  Angriff
bietet.  Trotzdem  geraten  bei  großen  Stürmen  auch  ganz  solide  gebaute  Türme  an  der
Spitze  in  beträchtliche  Schwankungen  infolge  der  Elastizität  des  Mörtels;  auf  dem  Leuchtturm ­
  zu  Gr.-Horst  erreichten  bei  dem  bekannten  Sturm  vom  12.  u.  13.  November  1872
die  Schwankungen  einen  solchen  Grad,  daß  der  Drehapparat  zeitweilig  stillgestanden
und  dann  wieder  eine  schnellere  Bewegung  angenommen  hat.
Außer  der  Laterne  auf  der  Spitze  zur  Aufnahme  der  Lampen  müssen  die  Leuchttürme ­
  Räume  für  den  Aufenthalt  der  Wärter,  Vorratsräume  für  Materialien,  und
einzelstehende  Leuchttürme  Zisternen  zur  Aufspeicherung  von  Trinkwasser  enthalten.
Wo  es  möglich  ist,  legt  man  für  die  Wohnungen  der  Leuchtturmwächter  gern  besondere
Gebäude  an,  um  es  diesen  unmöglich  zu  machen,  die  Wachtstube  mit  der  Wohnstube  zu
vertauschen,  und  um  die  Lampen  vor  dem  Staub  der  Wohnungen  zu  schützen.  Ist  aber  die
Ablösung  der  Wärter  nur  in  längeren  Zeiträumen  möglich,  wie  z.  B.  bei  dem  Leuchtturm ­
  auf  der  einsamen,  nur  für  den  eisernen  Turm  Raum  bietenden  Klippe  von  Bogskär
in  Finnland,  die  im  Winter  des  Eises  halber  während  sechs  Monaten  für  jedes  Fahrzeug ­
  unzugänglich  ist,  so  muß  der  Leuchtturm  selbst  gute  Unterkunftsräume  für  die  aus
bis  zu  sechs  Köpfen  bestehende  Wachtmannschaft  bieten.  Sollen  von  einem  Leuchtturm
ans  auch  hörbare  Zeichen  durch  Nebelhörner  gegeben  werden,  so  müssen  noch  Räume
zur  Aufstellung  der  Maschinen  zum  Betrieb  der  Nebelhörner  und,  wo  elektrische  Beleuchtung
in  Anwendung  kommen  soll,  Räume  für  die  Maschinen  zur  Erzeugung  des  Stromes
vorgesehen  werden,  wenn  dieser  nicht  etwa  von  einer  Zentralstation  auf  dem  Lande  dem
Turm  zugeleitet  werden  kann.
Die  Höhe  eines  Leuchtturmes  ist  abhängig  von  der  Entfernung,  auf  welche  sein
Licht  wahrgenommen  werden  soll,  und  von  der  Höhenlage  seines  Standortes  über  dem
Wasserspiegel.  Jedenfalls  muß  aber  ein  Turm  so  hoch  sein,  daß  die  Fenster  der  Laterne
nicht  durch  die  vom  Wind  fortgetragenen  Sandkörner  und  kleinen  Steine  beschädigt
werden;  die  17  in  über  dem  Boden  befindliche  Laterne  des  Leuchtturmes  von  Fecamp
ist  schon  mehrfach  durch  von  Windstößen  gegen  ihn  geschleuderte  Steine  erreicht  und
        <pb n="534" />
        Leuchttürme.  561
beschädigt  worden.  Wenn  ein  Leuchtturm  zugleich  als  Tagesmarke  dienen  soll,  muß  er
unter  Umständen  eine  größere  Höhe  erhalten,  als  die  Sichtweite  des  Feuers  es  verlangen
würde.  Die  Sichtweite  des  Feuers  ist  um  so  größer,  je  höher  das  Feuer  und  auch  je
höher  der  Beobachter  über  dem  Wasserspiegel  sich  befindet.
Ist  L  das  Leuchtfeuer  und  0  das  Auge  des  Beobachters  auf  dem  Schiffe,  so  wird
dieser  das  Feuer  nicht  früher  in  Sicht  bekommen,  als  bis  er  in  die  von  L  ausgehende,
die  Kugelfläche  des  Meeres  berührende  gerade  Linie  tritt.  Wegen  der  Brechung,  welche
die  Lichtstrahlen  in  der  Atmosphäre  erleiden,  verhält  sich  die  Sache  aber  nicht  ganz  so
einfach,  wie  in  der  Abb.  169  dargestellt  ist.  Denn  da  die  Luftschichten  in  den  oberen
Regionen  dünner  sind  als  in  den  unteren,  so  bildet  ein  von  der  Lichtquelle  in  der  Laterne
ausgehender  Lichtstrahl  keine  gerade  Linie,  sondern  eine  Kurve,  die  ihre  konvexe  Seite
nach  oben  kehrt.  Der  Beobachter  in  dem  Punkte,  wo  der  Lichtstrahl  die  Meeresfläche
oder  die  Kommandobrücke  des  Schiffes  trifft,  sieht  daher  den  leuchtenden  Punkt  nicht  in
der  geraden  Richtung  von  seinem  Auge  nach  diesem  Punkt,  sondern  in  der  Richtung  der
berührenden  Geraden  an  den  gekrümmten  Lichtstrahl,  und  es  erscheint  die  Lichtquelle
höher,  als  sie  in  Wirklichkeit  ist;  die  atmosphärische  Strahlenbrechung  hat  daher  eine
Vergrößerung  der  Sichtweite  der  Leuchtfeuer  zur  Folge.
Die  nachfolgende  Tabelle  gibt  für  eine  Augenhöhe  von  4,5  m  über  Wasser  die
Sichtweite  bei  verschiedenen  Höhen  der  Leuchtfeuer  an.

Sichtweite  der  Leuchtfeuer  in  Kilometern:
Höhe  des  Feuers  in  m  10  20  30  40  50  60  70  80  90  100
Sichtweite  in  km  20  25  29  32  35  38  40  42  44  46
Die  Lichtweite  eines  Leuchtfeuers  ist  aber  selbstverständlich  nicht  allein  von  seiner
Höhe  über  dem  Wasserspiegel,  sondern  auch  von  seiner  Lichtstärke  abhängig.  Die  Leuchtfeuer ­
  in  alter  Zeit  waren  Holz-  und  später  Kohlenfeuer,  die  in  eisernen  Körben,  „Bliesen"
genannt,  au  einer  Stange  seitlich  zum  Turm  hinausgesteckt  wurden;  ihre  Lichtstärke  war
wechselnd,  da  sie  je  nach  der  Luftbewegung  bald  stärker,  bald  schwächer  brannten.  Später
wurden  Kerzen  angewendet,  und  noch  am  Anfang  des  vorigen  Jahrhunderts  sendeten  von
Smeatons  berühmtem  Leuchtturm  auf  dem  Eddystone  wenige  Talgkerzen  ihr  spärliches
Licht  in  die  See  hinaus.  An  die  Stelle  der  Talg-  und  Wachskerzen  trat  mit  der  Zeit
Rüböl,  das,  solange  es  in  vollen,  runden  oder  Banddochten  verbrannt  wurde,  das  Kerzenlicht ­
  nur.um  weniges  übertraf.  Eine  wesentliche  Verbesserung  und  Verstärkung  trat
erst  mit  Einführung  der  von  dem  Genfer  Argand  erfundenen  Lampe  ein,  deren  hohlem,
cylindrischem  Dochte  von  außen  und  von  innen  Luft  zugeführt  wurde,  wodurch  die  Verbrennung ­
  des  Öls  eine  bedeutende  Steigerung  erfuhr.  Durch  die  Anordnung  eines  über
die  Flamme  gestülpten,  schornsteinartigen  Glascylinders  wurde  die  Zuströmung  und  Abführung ­
  der  Luft  noch  verstärkt.  Da  mit  der  gewöhnlichen  Lampe  mit  einem  Dochte  nicht
die  genügende  Lichtstärke  erzielt  wurde,  so  wurde  mit  der  Zeit  der  von  Augustin  Fresnel
erfundene  Brenner  mit  mehreren  senkrechten  Dochten  eingeführt;  zwischen  den  Dochten
befinden  sich  kreisförmige  Schlitze,  durch  welche  die  Luft  eintreten,  jede  Flamme  von
außen  wie  von  innen  bestreichen  und  dadurch  das  vollständige  Verbrennen  der  entwickelten ­
  Gase  überall  veranlassen  kann;  es  wurden  Brenner  mit  bis  zu  sieben  Dochten
angewendet.  Das  auf  den  französischen  Leuchttürmen  gebrannte  pflanzliche  Öl  war  sogenanntes ­
  Colzaöl,  das  aus  dem  namentlich  im  Departement  du  Nord  und  in  der
Normandie  angebauten  Sommerraps,  französisch  Colza  genannt,  gewonnen  wurde.  Eine
weitere  wesentliche  Verbesserung  war  die  von  Carcel  gemachte  Erfindung,  den  Dochten
das  Öl  durch  eine  von  einem  Uhrwerk  getriebene  Pumpe  zuzuführen.  Da  die  erzeugte
IX  71
        <pb n="535" />
        562  Schiffahrtszeichen.

Lichtmenge  nahezu  der  verbrauchten  Ölmenge  proportional  ist,  so  bietet  diese  Einrichtung ­
  ein  Mittel,  neben  der  Erzielung  einer  großen  Stetigkeit  der  Flamme,  das
Licht  derselben,  natürlich  innerhalb  bestimmter  Grenzen  beliebig  zu  steigern;  ferner
werden  die  Dochte  durch  die  künstliche  Zuführung  von  Öl  vor  rascher  Verkohlung
geschützt,  und  es  wird  dadurch  das  Abnehmen  der  Lichtstärke  mit  zunehmender  Brenndauer ­
  in  einer  und  derselben  Nacht  wesentlich  verhindert.  Diese  Vorteile  haben  dazu
geführt,  in  den  größeren  Lampen  den  Dochten  das  Vierfache  der  wirklich  zu  verbrennenden ­
  Ölmenge  zuzuführen;  das  nicht  verbrannte  Öl  „fließt  in  den  Ölbehälter
zurück  und  schützt  durch  seine  Erwärmung  den  Ölvorrat  im  Ölbehälter  im  Winter  vor
dem  Dickwerden.
Nachdem  sich  die  leichten  Mineralöle,  Petroleum  und  Schieferöl  als  Beleuchtungsstoffe
für  die  gewöhnlichen  Zwecke  des  Lebens  bewährt  hatten,  war  es  angezeigt,  diese  Öle  auch
auf  den  Leuchttürmen  zu  brennen,  und  ihrer  Verwendung  in  den  kleinen  Lampen  mit
einem  Dochte  für  die  Feuer  der  fünften  und  sechsten  Ordnung  stand  auch  nichts  im
Wege,  da  nur  ähnliche  Lampen  wie  die  gewöhnlichen  Stubenlampen  erforderlich  waren.
Im  Jahre  1864  wurde  in  Frankreich  bereits  auf  41  Leuchttürmen  nicht  mehr  Colzaöl,
sondern  ein  in  seinem  Verhalten  dem  Petroleum  ähnliches,  durch  Destillation  aus
bituminösen  Schiefern  gewonnenes  Mineralöl  gebrannt.  Der  gute  Erfolg  ließ  es
wünschenswert  erscheinen,  auch  die  Lampen  erster  Ordnung  mit  leichten  Ölen  zu  speisen.
Nach  ausgedehnten  Versuchen,  die  das  amerikanische  Petroleum,  weil  in  seiner  Zusammensetzung ­
  und  in  seinen  Eigenschaften  zu  veränderlich,  als  nicht  geeignet  für  die
Leuchtfeuer  erscheinen  ließen,  wurde  im  Jahre  1873  für  sämtliche  französische  Feuer
die  Verwendung  von  in  Schottland  hergestelltem  Paraffinöl  angeordnet.  Der  Gefahr,
daß  kriegerische  Verwickelungen  den  Bezug  des  Öles  aus  Schottland  verbieten  sollten,
hat  man  dadurch  Rechnung  getragen,  daß  man  an  den  größeren  Lampen  nichts  geändert,
sondern  nur  die  Brenner  gewechselt  hat,  so  daß  man  jeder  Zeit  nach  Einsetzen  der  alten
Brenner  zum  Brennen  von  Colzaöl  zurückkehren  kann.  Auf  den  deutschen  Leuchttürmen
begann  man  im  Jahre  1870  statt  des  Rüböls  Mineralöl  zu  brennen,  das  früher  aus
bituminösen  Braunkohlen,  jetzt  durch  Destillation  aus  amerikanischem  Petroleum  gewonnen ­
  wird.
In  neuerer  Zeit  wird  vielfach  Steinkohlengas  zur  Beleuchtung  von  Leuchttürmen ­
  verwendet,  die  auf  dem  Festland  stehen,  und  in  deren  Nähe  eine  Gasanstalt  sich
befindet.  Den  vom  Wasser  rings  umspülten  Türmen  Gas  zuzuführen,  verbietet  sich
wegen  der  Schwierigkeiten  beim  Verlegen  der  Rohrleitungen  und  wegen  der  beim  Versenken ­
  derselben  sich  in  ihnen  bildenden  Wasseransammlungen.  Durch  Verwendung  von
Gas  wird  die  Behandlung  der  Lampen  und  der  ganze  Wärterdieust  sehr  vereinfacht,  und
durch  den  von  dem  Irländer  Wigham  erfundenen  Brenner  ist  es  gelungen,  eine  so
bedeutende  Lichtstärke  zu  erzielen,  daß  das  Gaslicht  selbst  mit  dem  elektrischen  Licht  in
erfolgreichen  Wettbewerb  treten  konnte.
Der  von  Faraday  entdeckte  elektrische  Funken  wurde  zum  erstenmal  im  Jahre
1858  zur  Beleuchtung  des  Leuchtturmes  zu  South-Foreland  bei  Dover  verwendet.  Aber
nur  langsam  konnte  sich  das  elektrische  Licht  auf  den  Leuchttürmen  Eingang  verschaffen.
Man  machte  ihm  zum  Vorwurf,  daß  es  trotz  seiner  großen  Lichtstärke  auf  große  Entfernungen ­
  weniger  sichtbar  sei  als  Öllicht,  und  daß  es  infolge  seiner  Armut  an  roten
Strahlen  namentlich  nicht  im  stände  sei,  den  Nebel  auf  größere  Entfernungen  zu  durchdringen. ­
  Anderseits  klagten  die  Schiffer  über  die  große  Helle,  die  das  elektrische  Licht
auf  dem  im  Jahre  1884  gebauten  76  m  hohen  Leuchtturm  auf  Hallets  Point  bei  New
Aork  ausstrahlte,  die  eher  unbequem,  ja  sogar  schädlich,  statt  nützlich  sei,  da  außerhalb
der  erleuchteten  Flächen  wegen  des  grellen  Gegensatzes  zwischen  hell  und  dunkel  die  Entfernungen ­
  zu  schwer  zu  schätzen  seien.  Nach  dreijährigem  Betrieb  dieses  Leuchtturmes
vertauschte  man  deshalb  das  elektrische  Licht  mit  der  Mineralöl-Beleuchtung.  Ebenso
mußte  das  elektrische  Licht  auf  dem  Leuchtturm  von  Dungneß,  32  km  südwestlich  von
Dover,  welches  seit  1862  seine  Strahlen  nach  dem  Kanal  hinaussandte  —  allerdings
mit  unliebsamen  Unterbrechungen,  so  daß  stets  eine  Öllampe  in  Bereitschaft  gehalten
        <pb n="536" />
        Leuchttürme.  563

werden  mußte,  im  Jahre  1874  der  Rübölbelenchtnng  wieder  weichen,  ist  aber  neuerdings ­
  in  seine  Herrschaft  wieder  eingesetzt  worden.  In  Frankreich  wurden  die  beiden
auf  dem  Kap  la  Heve  nebeneinanderstehenden  Leuchttürme  seit  1864  elektrisch  beleuchtet
und  zwar  mit  so  gutem  Erfolg,  daß  im  Jahre  1882  die  Einführung  des  elektrischen
Lichtes  auf  den  französischen  Leuchttürmen  in  ausgedehntem  Maße  beschlossen  wurde,
während  man  sich  in  England  in  diesem  Zeitpunkt  gegen  die  Vorzüge  des  elektrischen
Lichtes  für  die  Küstenbelenchtung  noch  ablehnend  verhielt.
In  den  Jahren  1884/85  wurden  auf  Veranlassung  des  englischen  Küstenschutzamtes ­
  (Trinity  House)  auf  South-Foreland,  der  Wiege  der  elektrischen  Leuchtturmbeleuchtung, ­
  in  umfassendster  Weise  vergleichende  Versuche  über  die  beste  Leuchtturmbefeuerung ­
  angestellt  und  auf  drei  eigens  hierzu  errichteten  steinernen  Türmen  die
Feuer,  und  zwar  eines  aus  elektrischem  Licht,  eines  mit  dem  seitherigen  Pflanzenöl
und  eines  aus  Gaslicht  nach  System  Wigham,  während  mehrerer  Monate  und  bei
den  verschiedenartigsten  Witterungszuständen  beobachtet;  diese  Versuche  haben  unzweideutig ­
  bewiesen,  daß  das  elektrische  Licht  besser  als  Gas-  und  Öllicht  geeignet  ist,
den  Nebel  zu  durchdringen,  und  ihm  damit  den  Sieg  über  Gas-  und  Öllicht  errungen. ­
  Freilich  sind  die  Anlagekosten  der  elektrischen  Leuchtfeuer  sehr  hoch,  und  deshalb ­
  konnte  ihnen  noch  nicht  auf  allen  Leuchttürmen  die  ihnen  gebührende  Stelle  eingeräumt ­
  werden.
An  der  deutschen  Küste  ist  der  neu  erbaute  eiserne  Leuchtturm  auf  der  Insel
Borkum,  welcher  die  Einfahrt  der  Ems  beleuchtet,  und  der  im  Jahre  1894  vollendete
steinerne  Leuchtturm  in  Neusahrwasser  mit  elektrischem  Licht  ausgestattet  worden.  In
Neufahrwasser  hatte  durch  die  elektrische  Beleuchtung  der  Hafenkais  und  mehrerer  benachbarter ­
  Fabriken  das  durch  ?  Petroleumlampen  erzeugte  Feuer  auf  dem  Mitte  vorigen
Jahrhunderts  erbauten  Leuchtturm  an  seiner  Stärke  bedeutend  eingebüßt.  Da  auch  eine
größere  Höhe  des  Feuers  angezeigt  war  und  der  als  Ausguck  für  die  Lotsen  dienende
einen  Zeitball  tragende  hölzerne  Turm  der  Erneuerung  bedurfte,  so  entschloß  man  sich,
einen  neuen  Leuchtturm  zu  bauen,  welcher  zugleich  die  Lotsenwarte  und  die  Zeitballstation ­
  in  sich  vereinigte.  Da  die  aus  anderen  Leuchttürmen  ausgeführten  großen  elektrischen ­
  Beleuchtungsanlagen  nicht  als  Vorbild  dienen  konnten,  so  wurden  an  dem  alten
Turme  4  Jahre  lang  Versuche  mit  elektrischen  Bogenlampen  gemacht,  welche  ergaben,
daß  die  beste  Wirkung  mit  wagerecht  gestellten  Kohlenspitzen  erzielt  werden.  Die  Anlage
für  die  gemeinsame  Beleuchtung  des  Leuchtturms  und  der  Hafenkais  wurde  so  eingerichtet, ­
  daß  neben  6  Dynamomaschinen  noch  eine  Akkumulatorenbatterie  aufgestellt
wurde,  und  es  wird  in  mondhellen  Nächten  und  in  den  Zeiten,  in  denen  die  Beleuchtung
des  Hafens  entbehrlich  ist,  die  Leuchtturmlampe  unmittelbar  durch  den  Akkumulator  gespeist. ­
  Den  Witterungsverhältnissen  entsprechend  kann  man  das  Leuchtturmslicht  mit
wechselnder  Lichtstärke  brennen  lassen,  dadurch,  daß  von  den  in  der  Leitung  befindlichen
Widerständen  ein  größerer  Teil  ausgeschaltet  wird.
Von  einem  Leuchtfeuer  verlangt  man,  daß  es  so  früh  wie  möglich  dem  von  der
See  kommenden  Schiffe  sichtbar  wird  und  daß  es  dem  Schiffe  auf  der  Strecke  zwischen
dem  Punkte,  wo  das  Feuer  zuerst  in  Sicht  kam,  und  dem  Leuchtturme  selbst  genügend
Licht  spende.  Diejenige  Anordnung  eines  Leuchtturmes  ist  daher  die  beste,  bei  der  so
wenig  wie  möglich  Strahlen  von  der  Lampe  und  den  zugehörigen  Teilen  verschluckt
werden  oder  durch  Ausstrahlung  in  die  Wolken  verloren  gehen.  Solange  man  Holzund
  Kohlenfeuer  brannte,  gab  es  keine  Möglichkeit,  die  von  der  Lichtquelle  nach  allen
Richtungen  in  gleicher  Weise  ausgesaudten  Lichtstrahlen  zu  sammeln.  Erst  durch  die
Einführung  der  Brenner,  namentlich  der  Argandschen  Lampe,  wurde  es  möglich,  durch
Spiegelung  und  Brechung  die  Lichtstrahlen  zu  sammeln,  nach  bestimmten  Flächen  zu
leiten  und  zu  verstärken.  Um  die  von  einer  Lichtquelle  ausgehenden  Strahlen  in
wagerechter  Richtung  so  zu  leiten,  daß  ein  Gürtel  von  hinreichender  Breite  beleuchtet
wird,  müssen  die  nach  oben  gerichteten  Strahlen  abwärts,  die  nach  unten  gerichteten
aufwärts  gebeugt  werden,  was  durch  parabolische  Spiegel  oder  durch  Linsen  geschehen ­
  kann.

71
        <pb n="537" />
        564  Schiffahrtszeichen.

Die  parabolischen  Spiegel,  deren  Erfinder  unbekannt  ist,  wurden  gegen
Ende  des  18.  Jahrhunderts  in  England  und  Frankreich  auf  den  Leuchttürmen  eingeführt. ­
  Am  meisten  im  Gebrauch  waren  und  sind  teilweise  noch  versilberte  Kupferspiegel. ­
  Diese  Spiegel  kommen  aber  immer  mehr  in  Abgang,  da  sie  den  Nachteil  haben,
einen  großen  Teil  des  Lichtes  zu  verschlucken,  teils  wegen  der  Unvollkommenheit  der
Form,  da  die  genaue  mathematische  Form  sich  bei  den  von  Hand  herzustellenden
Spiegeln  nicht  erreichen  läßt  und  die  Abweichungen  von  derselben  sich  mit  der  Zeit
durch  das  Putzen  und  durch  Beschädigungen  noch  vergrößern,  teils  wegen  der  wirklichen
Aufsaugung  der  Lichtstrahlen,  die  mit  der  mangelhaften  Politur  und  mit  der  Oxydation
des  Metalls  zunimmt.
Statt  dieser  parabolischen  Spiegel,  genannt  katoptische  Apparate,  sind  jetzt  fast  ausschließlich ­
  die  aus  Glaslinsen  und  Prismen  bestehenden  dioptrischen  und  katadioptrischen
  Beleuchtungsapparate  in  Anwendung.  Durch  die  Einführung  der
ums  Jahr  1821  von  Augustin  Fresnel  erfundenen  Linsenvorrichtungen  ist  in  der  Küstenbeleuchtung ­
  ein  größerer  Fortschritt  gemacht  worden,  als  durch  jede  andere  Verbesserung.
Die  von  einem  dünneren  Mittel,  z.  B.  Luft,  in  ein  dichteres  Mittel,  z.  B.  Glas,  übergehenden ­
  Lichtstrahlen  werden,  wenn  sie  die  Oberfläche  schief  treffen,  gebrochen,  gehen
innerhalb  des  Glases  in  gerader  Richtung  weiter  und  werden  beim  Verlassen  desselben

wieder  abgelenkt.  Die  in  der  Abb.  548  dargestellte,  vor  der  Lichtquelle  L  befindliche
plankonvexe  Linse  bietet  daher  ein  Mittel,  ebenso  wie  ein  hinter  der  Lichtquelle  aufgestellter ­
  parabolischer  Spiegel  (Abb.  549)  die  Strahlen  der  Lichtquelle  zu  einem  parallelen
Strahlenbüudel  zu  sammeln.  Da  große  Linsen  schwierig  herzustellen  wären  und  auch  sehr
viel  Licht  beim  Durchgang  durch  die  dicke  Glasmasse  verzehrt  würde,  so  zerlegte  Fresnel
nach  den  Vorschlägen  früherer  Forscher  den  erforderlichen  Glaskörper  in  eine  Linse  von
höchstens  25  cm  Durchmesser  und  in  einzelne  die  Linse  umgebende  Ringe  von  solchen
Abmessungen,  daß  ihre  Brennpunkte  mit  dem  Brennpunkt  der  Linse  zusammenfallen.  Eine
solche  ringförmige,  aus  mehreren  von  einander  unabhängigen  und  zusammengesetzten
Stücken  bestehende  polyzonale  (vielgürtelige)  Linse  wirkt  wie  eine  Sammellinse  von  dem
Durchmesser  des  größten  Ringes,  enthält  aber  bedeutend  weniger  Glasmasse  und  kann
beliebig  vergrößert  werden.  Da  aber  die  oben  und  unten  über  die  Linse  hinausgehenden
Strahlen  bei  diesen  dioptrischen  Apparaten  noch  verloren  gehen  würden,  so  hat  man  diese
Strahlen  durch  Metallspiegel  aufgefangen  und  nach  außen  geworfen.  Eine  weitere  Verbesserung ­
  dieser  katadioptrischen  Apparate  ivurde  im  Jahre  1842  von  Leonard  Fresnel
dadurch  herbeigeführt,  daß  er  diese  Metallspiegel  durch  Glasprismen  ersetzte,  welche
das  Licht  zuerst  brechen  und  dann  zurückwerfen.  Diese  als  Spiegel  wirkenden  Glasprismen ­
  haben  den  großen  Vorzug  vor  den  Metallspiegeln,  daß  sie,  reine  Glasmasse
und  reine  Oberfläche  vorausgesetzt,  bedeutend  weniger  Licht  verschlucken  als  die  Metallspiegel. ­
  Ein  solcher  katadioptrischer  Beleuchtungsapparat,  Bienenkorb  genannt,  ist
sowohl  in  seinem  ganzen  Aufbau,  wie  in  seinen  einzelnen  Teilen  nach  mathematischen
Regeln  geordnet  und  besteht  aus  einem  eisernen  Gerüste,  auf  dem  die  einzelnen  Glasteile ­
  aufgesetzt  und  mit  durchsichtigem  Kanadabalsam  zusammengekittet  sind.  Die  Auf-
        <pb n="538" />
        Linsenapparate  der  Leuchttürme.  565
stellung  eines  solchen  Apparates  hat  mit  größter  Genauigkeit  zu  erfolgen,  da  ein
Fehler  von  Bruchteilen  eines  Millimeters  in  der  wagerechten  Lage  eines  Teiles  schon
eine  bedeutende  Ablenkung  der  Lichtstrahlen  im  Gefolge  hat.  Die  Kosten  dieser
Apparate,  die  nur  von  wenigen  Firmen  in  Frankreich  und  England  angefertigt
werden,  betragen  für  einen  Apparat  erster  Ordnung  mit  1,84  m  Durchmesser  der
Linsentrommel  50  bis  60000  Mark,  für  einen  Apparat  sechster  Ordnung  mit  0,35  in
Durchmesser  noch  500  bis  600  Mark.
Da  die  sich  der  Küste  nähernden  Schiffe  bei  der  immer  wachsenden  Zahl  von  Leuchttürmen ­
  deren  mehrere  zugleich  zu  Gesicht  bekommen,  müssen  die  einzelnen  Feuer  deutliche
Unterscheidungsmerkmale
haben,  damit  der  Schiffer
weiß,  welchen  Leuchtturm
er  vor  sich  hat,  und  demnach ­
  seine  Ortsbestimmung
machen  kann;  eine  Irrung
könnte  ihn  in  die  größte
Gefahr  bringen.  Die  in
Deutschland  amtlich  eingeführten ­
  Bezeichnungen  der
verschiedenen  Feuer  sind:
1.  Feste  Feuer  ununterbrochen ­
  und  von  gleichbleibender ­
  Lichtstärke,  weiß
oder  farbig.
2.  Feste  Feuer  mit
Blinken.  Ein  solches  festes
Feuer  zeigt  in  regelmäßigen
Zwischenräumen  Helle  weiße
Blinke  und  verschwindet
augenblicklich  kurz  vor  oder
nach  diesen  Blinken.
8  3.  Unterbrochene  Feuer.
Dies  sind  feste  Feuer,  welche
längere  bestimmteZeit  stehen,
dann  plötzlich  auf  eine  ebenfalls ­
  bestimmte  Zeit  ein  oder
mehrere  Male  kurz  nacheinander ­
  verschwinden,  um
sodann  in  der  früheren  551,  Linstnapparat  (Aicnrnkorb)  des  Leuchtturms
Stärke  und  Dauer  wieder  von  Menmarch-Eckmützl  am  Kap  Finisterrr.
aufzutreten.
4.  Blitzfeuer.  Diese  Feuer  werden  plötzlich  sichtbar,  stehen  eine  kurze  Zeit  und  verschwinden ­
  dann  wieder  auf  kurze  Dauer.
5.  Wechselfeuer,  erscheint  abwechselnd  rot  und  weiß  ohne  Verdunkelungen.
6.  Blinkfeuer,  zeigen  in  regelmäßigen  Zwischenräumen  Blinke  und  Verdunkelungen.
7.  Gruppen-Blinkfeuer,  zeigen  mehrere  schnell  aufeinanderfolgende  Blinke,  in  der
Regel  zwei  oder  drei  zu  einer  Gruppe  vereint,  welchen  dann  eine  Verdunkelung  von  bestimmter ­
  längerer  Dauer  folgt.
8.  Funkelfeuer  sind  entweder  Feuer  mit  schnell  aufeinander  folgenden  Blinken,  die
jedesmal  in  3  bis  5  Sekunden  auftreten,  oder  sie  zeigen  in  ebenso  kurzen  Zeiträumen
ein  abwechselndes  Aufleuchten  und  Abnehmen  der  Flamme.
Mit  Ausnahme  der  festen  Feuer  können  alle  übrigen  Feuer  als  Drehfeuer  bezeichnet ­
  werden.  Die  Wechselfeuer  und  unterbrochenen  Feuer  werden  dadurch  hergestellt,
daß  ein  festes  Feuer  durch  drehbare  farbige,  dunkle  Schirme  entweder  gefärbt  oder  zeit-
        <pb n="539" />
        566  Schiffahrtszeichen.

weise  verdeckt  wird.  Bei  den  übrigen  Drehfeuern  wird  entweder  die  ganze  Linsentrommel ­
  gedreht,  oder  es  werden  nur  einzelne  geschliffene  Scheiben  vor  der  Trommel
eines  festen  Feuers  vorüber  bewegt.  Von  der  Anzahl  biefer  Scheiben  und  ihrer
Geschwindigkeit  ist  die  Zeit  abhängig,  in  der  die  Lichtblicke  sichtbar  werden.  Die
mit  kurzen  Verdunkelungen  abwechselnden  Blinke  haben  bei  gleicher  Lichtstärke  eine
größere  Sichtbarkeit  wie  feste  Feuer.  Die  Umdrehung  der  Apparate  wird  durch  ein
Uhrwerk  bewirkt.
In  neuerer  Zeit  wendet  man  in  der  Leuchtfeuerbezeichnung  der  Flußläufe  mit  Vorliebe
zwei  hintereinander  stehende  Feuer  an.  Man  nennt  solche  Feuer  „Leitfeuer".  Ein  Leitfeuer
besteht  immer  aus  einem  hohen  und  einem  niedrigen  Leuchtfeuer.  Die  Verbindungslinie
dieser  beiden  Feuer  stellt  die  Richtungs-  oder  Leitlinie  für  den  Kurs  der  Schiffe  auf  einer
bestimmten  Fahrwasserstrecke  dar.  Auf  der  Elbe  sind  bereits  nenn  solcher  Leitfeuer  errichtet
und  drei  weitere  projektiert.
Farbige  Feuer  sucht  man  so  lange  wie  möglich  zu  vermeiden,  da  die  Farben  bei  verschiedener ­
  Beschaffenheit  der  Luft  sich  verändern  und  die  farbigen  Gläser  auch  zu  viel  Licht
verschlucken.  So  erscheinen  weiße  Lichter  aus  der  Ferne  um  so  rötlicher,  je  nebeliger  die
Luft  ist,  und  grüne  Lichter  scheinen  weiß,  während  rote  Lichter  durch  eine  nebelige  Atmosphäre
eine  noch  tiefere  rote  Färbung  erlangen.  Dies  ist  der  Grund,  weshalb  rotes  Licht  bei  Nebel
auf  große  Entfernungen  noch  erkannt  wird,  während  weißes  Licht,  das  in  der  Nähe  das
rote  an  Stärke  übertrifft,  nicht  mehr  zu  erkennen  ist.  Daß  grüne  Gläser  eine  größere

Lichtstärke  verlangen  als  rote,  kann  mau  jederzeit  an  entgegenkommenden  Schiffen  wahrnehmen, ­
  deren  rotes  Licht  an  Backbord  schon  zu  erkennen  ist,  während  vom  grünen  Licht
am  Steuerbord  noch  nichts  zu  sehen  ist.  Ein  recht  teures,  aber  zuweilen  unvermeidliches
Unterscheidungsmerkmal  besteht  in  der  Aufstellung  von  2  Feuern,  entweder  in  gleicher  Höhe
auf  getrennten  Leuchttürmen  wie  am  Kap  la  Heve  bei  Havre  oder  in  verschiedener  Höhe  auf
einem  Turme.
Soll  ein  im  Meer  befindlicher  Felsen  oder  eine  gefährliche  Untiefe  den  Schiffern
kenntlich  gemacht  werden,  so  wird  das  tauchende  Feuer  angewendet;  die  Achse  des
Beleuchtnngsapparates  wird  so  gegen  den  Horizont  geneigt,  daß  die  Strahlen  statt  wagerecht, ­
  abwärts  auf  die  See  gelenkt  werden,  so  daß,  sobald  ein  Schiff  das  tauchende  Licht
in  Sicht  bekommt,  es  erkennt,  daß  es  die  Grenzlinie  des  sicheren  Fahrwassers  überschritten
hat  und  seinen  Kurs  rechtzeitig  ändern  kann.  Soll  der  betreffende  Leuchtturm  nicht
nur  als  tauchendes  Feuer,  sondern  als  Nachtwarte  überhaupt  dienen,  so  werden  die
beiden  Feuer  zweckmäßig  mit  verschiedener  Farbe  und  unabhängig  voneinander  hergestellt, ­
  das  für  eine  kleine  Entfernung  bestimmte  Tauchfeuer  rot,  das  andere  weiß  und
von  größerer  Stärke.  Ans  dem  neuen  Eddystone-Leuchtturm  ist  außer  dem  Drehfener
in  der  Laterne  in  geringerer  Höhe  ein  festes  tauchendes  Feuer  zur  Beleuchtung  einer
Untiefe  angebracht.
Zur  Verdeutlichung  der  Fortschritte,  welche  in  der  Küstenbeleuchtung  durch  Verbesserung ­
  der  Lampen  und  der  optischen  Apparate  erzielt  worden  sind,  sei  angeführt,  daß
das  jetzige  durch  Öl  erzeugte  Feuer  auf  dem  Eddystone  bei  einer  Lichtstärke  von
159600  Kerzen  2382mal  so  stark  ist,  als  das  am  Anfange  des  19.  Jahrhunderts  noch
brennende  Licht  der  Talgkerzen;  dieses  Talgkerzenlicht  kostete  nach  genauen  Untersuchungen
in  der  Stunde  1,60  Mark,  das  jetzige  2382  mal  stärkere  Licht,  einschließlich  der  Dochte  und
Glasschlote  1,84  Mark  in  der  Brennstuude.
Feuerschiffe.  Da,  wo  auf  weit  vorgeschobenem  Posten  in  der  See  der  Bau  eines
Leuchtturmes  sich  der  Tiefe  wegen  verbietet,  oder  wo  unter  dem  Wellenschläge  sich  verändernde ­
  Sandbänke  eine  wechselnde  Lage  des  Seezeichens  verlangen,  legt  man
        <pb n="540" />
        Feuerschiffe.  567
Feuerschiffe  aus.  Dies  sind  stark  gebaute,  an  kräftige  Anker  gelegte  Schiffe,  die
bei  Tag  am  Mast  eine  Kugel  oder  Flagge  als  Erkennungszeichen  tragen  und  bei
Nacht  am  Mast  eine  aus  mehreren  Laternen  vereinigte  Lampe  hochziehen.  Meist  sind
sie  rot  gestrichen  und  tragen  weithin  deutliche  Aufschrift.  Zur  Bedienung  der  Lampe
haben  sie  dauernd  einige  Mann  an  Bord.  Der  geringeren  Höhe  wegen  kann  natürlich ­
  ihr  Feuer  nicht  weit  sichtbar  sein,  weit  nachteiliger  ist  aber,  daß  die  Feuerschiffe,
bei  sehr  schlimmem  Wetter,  bei  starkem  Eisgang  und  dergleichen  in  Sicherheit  gebracht ­
  werden  müssen,  also  zu  einer  Zeit,  wo  ihr  warnendes  Licht  erst  recht  notwendig
wäre.  Wenn  Nebel  und  Schnee  die  kleine  Lampe  unsichtbar  machen,  geben  die
Feuerschiffe  Schallsignale.  Eine  Verbesserung  der  Feuerschiffe  besteht  in  der  Anordnung ­
  eines  aus  schmiedeeisernem  Gerüst  bestehenden,  statt  des  Mastes  errichteten
Leuchtturmes,  auf  welchem  eine  größere,  weit  stärkeres  Licht  spendende  Laterne  angebracht ­
  werden  kann.  Das  durchbrochene  Turmgerüst  bietet  dem  Wind  so  wenig
Fläche,  daß  die  Standfähigkeit  des  Schiffes  dadurch  nicht  mehr  beeinflußt  wird,  als
durch  einen  gewöhnlichen  Mast.

Daß  eine  Verbindung  der  Leuchtschiffe  mit  dem  Festlande  von  großer  Bedeutung  ist,
damit  diese,  wenn  ihnen  selbst  Gefahr  droht,  oder  wenn  von  der  See  einfahrende  Schiffe  in
ihrer  Nähe  auf  den  Grund
geraten  sind,  oder  sonst
einen  Unfall  erlitten
haben,  vom  nächsten
Hafcnplatz  einen  Schleppdampfer ­
  oder  ein  Rettungsboot ­
  herbeirufen
können,  liegt  auf  der
Hand.  Man  hat  durch
Telegraphenkabel  eine
Verbindung  herzustellen
gesucht;  es  ist  dies  aber
mit  besonderen  Schwierigkeiten ­
  verknüpft,  weil
die  Schiffe  beim  Wechseln
von  Ebbe  und  Flut  und
bei  den  verschiedenen
Windrichtungen  um  ihren
Anker  schwingen  und  dadurch ­
  Verwickelungen  des
Kabels  mit  der  Ankerkette ­
  eintreten.  An  der
Rordjeeküste  sind  daher
seit  dem  Jahre  1876  auf
Veranlassung  der  preußischen ­
  Regierung  Versuche  angestellt  worden,  die  Verbindung  von  an  besonders  gefährdeten
Stellen  liegenden  Leuchtschiffen  mit  dem  Festlande  durch  Brieftauben  herzustellen,  und  es
hat  sich  diese  Einrichtung  an  der  Eidermündung  aufs  glänzendste  bewährt.  Auf  dem  67  km
von  Tönning  entfernten  „äußeren  Feuerschiff"  und  auf  der  zwischen  diesem  und  dem  Lande
ankernden  Eidergaliote  wurden  Taubenpoststationen  eingerichtet,  um  dringende  Nachrichten
schnellstens  nach  Tönning  zu  befördern.  Bei  mehreren  Unfällen  hat  sich  diese  Taubenpost
als  sehr  wertvoll  erwiesen.  So  war  z.  B.  am  15.  Oktober  1881  bei  einem  starken  Sturm
die  Ankerkette  des  Feuerschiffes  gebrochen,  und  dieses  kam  ins  Treiben.  Vier  mit  der
Depesche  um  Hilfe  abgesandte  Tauben  kamen  trotz  des  Sturmes  in  Tönning  an,  nach
einer  längsten  Flugzeit  von  58  Minuten,  worauf  sofort  ein  Dampfer  in  See  ging,  das
Feuerschiff  aufsuchte  und  in  Sicherheit  brachte.  Die  Beschaffung  eines  Feuerschiffes  erfordert
150000  bis  200  000  Mark.  Es  handelt  sich  also,  abgesehen  von  den  Menschenleben,  um
erhebliche  Werte,  denen  gegenüber  die  Unterhaltungskosten  der  Bricftaubenstationen  nicht  in
Betracht  kommen  können.

553.  Feuerschiff.

Die  jährliche  Unterhaltung  eines  Feuerschiffes  kostet  ungefähr  30000  M.,  wogegen
die  Unterhaltung  eines  Leuchtturmes  nur  5000  —  6000  M.  erfordert.  Wo  also  der
Bau  eines  Leuchtturmes  überhaupt  möglich  ist,  wird  trotz  der  hohen  Baukosten  im  Vergleich ­
  zu  den  niederen  Anschaffungskosten  eines  Feuerschiffes  doch  die  Anlage  eines
Turmes  vorteilhafter  sein.
        <pb n="541" />
        568  Schiffahrtszeichen.

Hörsignale.  Ein  noch  gefährlicherer  Feind  für  die  Schiffahrt  als  die  Nacht  ist
der  Nebels  da  dieser  nicht  nur  bei  Nacht  die  stärksten  Feuer  so  verdunkelt,  daß  sie  selbst
auf  geringe  Entfernung  unsichtbar  werden,  sondern  auch  bei  Tage  die  Küste  und  andere
Schiffe  mit  einem  undurchsichtigen  Schleier  umhüllt.  Da  sich  das  Licht  im  Kampf  gegen
diesen  Feind  als  unwirksam  erwiesen  hak,  so  hat  man  schon  frühzeitig  zum  Bruder  des
Lichtes,  zum  Ton  seine  Zuflucht  genommen,  dieser  hat  sich  insofern  als  besonders  geeignet
erwiesen,  als  der  Nebel,  der  meist  bei  ruhigem  Wetter  eintritt,  den  Schall  vortrefflich
leitet,  weil  auf  große  Ausdehnung  eine  gleichmäßige  Luftbeschaffenheit  herrscht,  die  keine
Brechung  der  Schallwellen  durch  ungleichartige  Luftströmungen  veranlaßt.  Die  einfachsten ­
  Instrumente,  aber  auch  nur  auf  geringe  Entfernung  hörbar,  sind  die  von  Menschen ­
  geblasenen  Hörner  und  die  Gongs;  weiter  hörbar  (bis  auf  3  lern  Entfernung)  sind
die  Glocken,  noch  kräftiger  als  diese  wirken  Geschütze.  Die  Schüsse  können  aber  nicht
rasch  genug  aufeinander  abgegeben  werden,  da  die  Bedienungsmannschaft  in  der  Regel
nur  aus  einem  Mann  besteht;  anderenfalls  erfordern  die  Warnungszeichen  durch  Kanonenschüsse ­
  viele  Bedienungsmannschaften  und  viel  Schießbedarf  und  sind  dadurch  teuer  und

dabei  doch  noch  von  unsicherer  Wirkung,  weil  der  Ton  kurz  ist  und  durch  einen
einzelnen  Windstoß  erdrückt  und  bei  Sturm  und  Toben  der  See  überhört  werden
kann.  Kanonenschüsse  würden  deshalb  auch  nicht  mehr  in  Gebrauch  sein,  wenn  sie
nicht  die  günstige  Eigenschaft  hätten,  daß  durch  die  Explosion  die  Nebelwolken
plötzlich  zerrissen  werden  und  der  Lichtblitz  dadurch  dem  Seemann  die  Lage  der
Station  anzeigt,  auch  wenn  der  Schuß  nicht  gehört  wird.  Als  Knallzeichen  ist
gegenwärtig  hauptsächlich  die  Schießbaumwolle  im  Gebrauch  in  Form  von  Patronen
von  100  §  Gewicht,  die  durch  Zündschnur  und  Zündhütchen  von  Knallquecksilber
zur  Explosion  gebracht  werden.  Am  meisten  werden  gegenwärtig  zur  Ausführung
von  hörbaren  Warnungszeichen  die  Nebelhörner,  Dampfpfeifen  und  Sirenen  benutzt.
Das  Nebelhorn,  Anfang  der  50er  Jahre  von  dem  Amerikaner  Datoll  erfunden
und  von  Holmes  verbessert,  besteht  aus  einem  2  —  3  in  langen,  geraden  kupfernen
Rohr,  das  nach  oben  nach  einem  Viertelkreis  wagerecht  gebogen  ist  und  ein  klarinettenartiges ­
  Mundstück  besitzt.  Es  wird  mit  gepreßter  Luft  von  1  bis  2  Atmosphären
Spannung  zum  Tönen  gebracht.  Die  Dampfpseifen,  ähnlich  angeordnet  wie  die
Pfeifen  der  Lokomotiven  und  der  Dampfschiffe,  werden  durch  Dampf  von  etwa
4  Atmosphären  Spannung  betrieben  und  sind  bis  auf  nahezu  5  km  hörbar;  sie  sind
namentlich  in  Amerika  verbreitet.
        <pb n="542" />
        Hörstgiiale.  Zeitbälle.  569
Am  meisten  hörbar  sind  die  mit  der  Sirene  der  Gebrüder  A.  und  F.  Brown  in
New  Jork  gegebenen  Zeichen.  Das  Schallrohr  der  Sirene  ist  nach  Form  und  Größe
dem  Nebelhorn  ähnlich,  statt  der  Zunge  besitzt  dasselbe  aber  2  durchbrochene  Scheiben,
von  denen  die  eine  fest  ist  und  die  andere  mit  großer  Geschwindigkeit  —  15  bis  40  Umdrehungen ­
  in  der  Sekunde  —  gedreht  wird.  Der  gegen  die  Scheiben  gepreßte  Luftstrom
wird  dadurch  800  —  500  mal  in  der  Sekunde  unterbrochen,  und  es  entsteht  hierbei  ein
Ton,  dessen  Hörweite  im  günstigsten  Fall  18  kein  beträgt;  mit  voller  Sicherheit  kann  indes ­
  nur  auf  5  km  gerechnet  werden.  Die  Sirenen  können  mit  Dampf  oder  mit  Heißluftmaschinen ­
  betrieben  werden,  was  deren  Einführung  auf  hochgelegenen  Punkten,  an
denen  Wasser  schwierig  zu  beschaffen  ist,  sehr  erleichtert  hat.  An  der  deutschen  Ostseeküste ­
  sind  bei  Bülk  in  der  Kieler  Bucht,  bei  Arkona  auf  Rügen  und  bei  Bischöft  auf  der
Halbinsel  Hela  Nebelsignalstationen  mit  Sirenen  errichtet  worden.  Die  Anlagekosten
der  Station  bei  Arkona  betrugen  rund  82000  M.,  die  Unterhaltung  der  Station  erfordert ­
  jährlich  rund  4000  M.

55b.  Kaiscrkai-Kpeichcr  mit  Icitiiall  in  Hamburg,
Wenn  einmal  die  von  dem  Bologneser  Marconi  erfundene  „Telegraphie  ohne
Draht"  so  weit  vervollkommnet  sein  wird,  daß  auf  größere  Entfernungen  eine  Verständigung ­
  möglich  ist,  werden  die  sich  dem  Lande  nähernden  Schiffe,  bei  Nebel  sowohl
wie  bei  Nacht,  anstatt  durch  Schall-  und  Lichtwellen  besser  durch  elektrische  Wellen  auf
die  gefahrdrohende  Küste  aufmerksam  gemacht  werden  können.
Zeitbälle.  Schon  oben  beim  Leuchtturm  von  Neufahrwasser  war  davon  die  Rede,
daß  die  dortige  Zeitballstation  mit  dem  neuerbauten  Leuchtturm  vereinigt  worden  ist.
Solche  Zeitballstationen  werden  in  den  Seehäfen  auf  hochgelegenen  Stellen  errichtet,
um  den  Schiffern  durch  ein  weithin  sichtbares  Zeichen  die  Möglichkeit  zu  geben,  den  Gang
ihrer  Chronometer  prüfen  und  dieselben  richtig  stellen  zu  können.  Diese  Zeichen  bestehen ­
  aus  einem  großen  Ball,  der  auf  einem  Turme  hochgezogen  wird,  um  ein  oder
mehreremal  am  Tag,  meistens  genau  um  Mittag  in  einem  Augenblick  niederzufallen.
Der  erste  Zeitball  wurde  im  Jahre  1833  auf  dem  Dache  der  weltberühmten  Sternwarte
Zu  Greenwich  aufgestellt.  Vierzig  Jahre  später  wurde  von  der  Regierung  des  Deutschen
Reichs  die  Aufstellung  von  Zeitbällen  an  der  Nord-  und  Ostseeküste  beschlossen  und  die
Reichstelegraphen-Verwaltung  mit  Ausführung  derselben  beauftragt.  In  Cuxhaven
IX  72
        <pb n="543" />
        570  Schiffahrtszeichen.  Die  Taucherkunst.

wurde  im  Jahre  1875  der  erste  deutsche  Zeitball  in  Betrieb  gesetzt.  Weitere  Zeitbälle
wurden  in  Hamburg,  Bremerhaven,  Wilhelmshaven,  Swinemünde  und  Neufahrwasser
errichtet.  Der  Ball  besteht  aus  einem  mit  Segeltuch  überzogenen  Gestell  aus  Eisen
von  ungefähr  1,5  m  Durchmesser  und  wird  kurz  vor  dem  Zeitpunkt,  zu  dem  er  fallen
soll,  hochgezogen,  um  die  Beobachtung  auf  das  bevorstehende  Fallen  aufmerksam  zu
machen.  Die  Auslösung  für  den  Fall  geschieht  selbstthätig  auf  elektrischem  Wege  durch
eine  mit  größter  Genauigkeit  gehende  Uhr.  Ist  der  Ball  nicht  genau  zum  richtigen  Zeitpunkt ­
  gefallen,  oder  unterbleibt  das  Fallen  überhaupt,  so  wird  dies  den  Schiffern  durch

556.  Masserstandreiger  bei  Arnnshauserr.

einen  kleinen  roten  Ball  angezeigt,  der  im  ersten  Fall  bis  zur  vollen,  im  zweiten  Fall
bis  zur  halben  Höhe  des  schwarzen  Balles  aufgezogen  wird.  Die  durch  das  Fallen  des
rund  80  Kg  schweren  Balles  verursachten  Stöße  werden  durch  Gummipolster,  Luftpuffer
und  Spiralfedern  für  den  Turm  unschädlich  gemacht.
Zum  Schluß  dürfte  der  Wasserstandszeiger,  wie  ein  solcher  in  Abb.  556  veranschaulicht ­
  ist,  Erwähnung  zu  thun  sein.  Der  Wasserstandszeiger  bei  Brunshausen  zeigt
bei  Tage  mittels  acht  Telegraphenarmen,  nachts  mittels  acht  Lichtern  den  jeweiligen
Wasserstaud  auf  reichlich  einen  Kilometer  Sichtweite  an,  so  daß  die  Schiffsführer  erkennen ­
  können,  ob  sie  ihre  Fahrt  fortsetzen  können  oder  einen  geeigneten  Wasserstand  abwarten ­
  müssen.
        <pb n="544" />
        Taucherausrüstung.

571

Dir  Tsuchrrkunst  und  die  Hebung  und  Bergung  verunglückter  Schiffe.
Dir  Taucherkunst.
Bei  der  vielfachen  Berührung,  in  welche  der  Mensch  schon  frühzeitig  mit  dem
Wasser  trat,  mußte  der  Wunsch  entstehen,  das  Hindernis,  welches  dieses  nicht  selten  den
Werken  von  Menschenhänden  bereitet,  zu  beseitigen.  Es  galt,  auch  den  unterhalb  des
Wasserspiegels  liegenden  Raum  dem  Menschen  zugänglich  zu  machen  und  ihn  zu  befähigen,
in  und  unter  dem  Wasser  längere  Zeit  verweilen  zu  können.  Das  Gebiet,  auf  welchem
sich  die  Taucherkunst  zu  bethätigen  hat,  ist  im  Laufe  der  Zeit  ein  immer  größeres  geworden. ­
  Durch  diesen  ausgedehnteren  Wirkungskreis  hat  naturgemäß  die  Ausbildung
aller  hierfür  erforderlichen  Apparate  eine  große  Förderung  erfahren.  Der  Taucher  findet
heute  Verwendung  bei  dem  Wegräumen  von  Pfählen,  Steinen  und  sonstigen  Hindernissen, ­
  er  wird  verwendet  zur  Ausführung  von  Verbolzungen  und  anderen  unter  Wasser
zu  beschaffenden  Arbeiten,  zu  Untersuchungen
der  verschiedensten  Art,  bei  der  Megschaffung
oder  Hebung  gesunkener  Schiffe  u.  s.  w.
Um  dem  Menschen  ein  längeres  Verweilen ­
  unter  Wasser  zu  ermöglichen,  muß
ihm  das  Wasser  ferngehalten  und  er  mit
frischer  atmosphärischer  Luft  versorgt  werden.
Durch  Übung  wird  es  zwar  dem  Menschen
möglich,  ohne  alle  Hilfsmittel  einige  Zeit
unter  Wasser  zu  verweilen,  diese  Zeit  ist
jedoch  sehr  beschränkt  und  würde  für  die
Beschaffung  der  meisten  Arbeiten  nicht  ausreichend ­
  sein.  Dieses  Tauchen  ohne  Hilfsmittel ­
  wird  namentlich  bei  der  Perlen-  und
Schwammfischerei,  sowie  bei  der  Bernsteiuund
  Korallengewinnung  nutzbringend  ausgeübt. ­
  Frühzeitig  beginnen  die  Knaben  dieses
Gewerbe  zu  üben,  wenn  auch  zunächst  das
Tauchen  als  Spielerei  getrieben  wird,  indem
die  Knaben  nach  ins  Wasser  geworfenen  Geldstücken ­
  tauchen,  wobei  sie  so  flink  und  geschickt
sind,  daß  sie  dasselbe  auffangen,  ehe  es  tiefere  Regionen  erreicht  hat.  Aber  bei  der  größten
Übung  ist  es  nicht  möglich,  die  Tauchzeit  länger  als  2  Minuten  auszudehnen,  und  selbst
diese  Zeit  wird  nur  sehr  selten  erreicht,  im  allgemeinen  vermag  ein  geübter  Taucher  nicht
länger  als  eine  Minute  unter  Wasser  zu  bleiben.  Zwei  Umstände  sind  es,  welche  das
natürliche  Tauchen  beeinträchtigen,  der  Luftmangel  und  der  Druck,  welcher  sich  einem
etwaigen  Einatmen  der  Luft  entgegenstellt.  Frühzeitig  suchte  man  Vorkehrungen  zu  ersinnen, ­
  die  diese  Hindernisse  beseitigen  sollten.  Ein  umgestürzter  Kessel,  welchen  der
Taucher  über  seinen  Kopf  stülpte,  war  der  erste  primitive  Taucherapparat,  welchen  bereits
Aristoteles  erwähnt  und  der  sich  Jahrhunderte  erhielt,  da  noch  im  Jahre  1538  vor  Kaiser
Karl  V.  zu  Toledo  dieses  Experiment  ausgeführt  wurde.  Endlich  wurde  dieser  Kessel
durch  einen  viereckigen  Kasten  ersetzt.  Mit  einem  solchen  Kasten,  der  eine  gewisse  Ähnlichkeit ­
  mit  den  heutigen  Taucherglocken  auswies,  wurden  Wertstücke  der  an  der  Westküste
Schottlands  untergegangenen  sogenannten  unüberwindlichen  spanischen  Flotte,  der  Armada,
gehoben.  Dem  englischen  Astronomen  Halley  (gest.  1742)  gebührt  das  Verdienst,  die
erste  bessere  Taucherglocke  konstruiert  zu  haben.
Eine  ganz  wesentliche  Verbesserung  erhielten  die  Tancherapparate  einige  Jahrzehnte
später  durch  den  englischen  Ingenieur  und  früheren  Mechaniker  Smeaton,  indem  dieser
der  Glocke  mit  Hilfe  einer  Luftpumpe  frische  Lust  zuführte,  so  daß  die  Taucher  fortan
72*

SS?.  Tanchcrlirlm  mit  Verschluß.
        <pb n="545" />
        572  Die  Taucherkunst.

eine  längere  Zeit  unter  Wasser  bleiben  konnten,  da  ihre  Tauchzeit  nicht  mehr,  wie  früher,
von  dem  Verbrauch  der  in  der  Glocke  aufgespeicherten  Luft  abhängig  war.  In  den
60  er  Jahren  des  19.  Jahrhunderts  erfuhr  die  Taucherkunst  eine  abermalige  bedeutende
Förderung  durch  die  Erfindung  von  Taucheranzügen,  die  ein  Freitauchen  ermöglichen,
von  welchem  gegenwärtig  der  ausgedehnteste  Gebrauch  gemacht  wird.
Um  sich  das  bei  den  verschiedenen  Taucherapparaten  zur  Anwendung  kommende
Prinzip  klar  zu  machen,  genügt  es,  ein  Glas  umgestülpt  in  ein  Wassergefäß  einzutauchen,
wobei  es  größtenteils  leer  bleiben  wird,  weil  die  eingeschlossene  Luft  das  Eindringen  des
Wassers  unmöglich  macht.  Je  tiefer  man  ein  solches  Glas  in  dem  Wassergefäß  hält,  je
mehr  wächst  der  Wasserdruck  und  je  mehr  wird  die  Luft  hierdurch  zusammengepreßt,  so
daß  ein  immer  größeres  Quantum  Wasser  in  das  Glas  eindringen  kann.  Dem  in  der
Tiefe,  in  welcher  der  Taucher  arbeitet,  herrschenden  Wasserdruck  muß  der  Druck  der  Luft
entsprechen,  welche  dem
Taucher  in  der  Glocke
oder  in  dem  Anzug
zugeführt  wird,  und
zwar  muß  der  Luftdruck ­
  höher  wie  der
Wasserdruck  sein,  da
sonst  das  Wasser  aus
der  Glocke  nicht  in  dem
erforderlichen  Maß  entfernt ­
  oder  der  Taucheranzug ­
  von  dem  Wasser
zusammengepreßt  werden ­
  würde.  Der  höhere
Luftdruck,  in  welchem
die  Taucher  beständig
arbeiten  müssen  und
der  auf  höchstens  31/z
Atmosphären  Überdruck
gesteigert  werden  darf,
erschwert  das  Geschäft
sehr  und  macht  es  zu
einem  außerordentlich
anstrengenden,  dem  nur
658.  Taucher  im  flnpise  und  mit  Luftpumpe.  sehr  kräftige  Naturen
auf  die  Dauer  gewachsen ­
  sind.  Im  allgemeinen  muß  als  größte  Tauchtiefe  eine  solche  von  30  in  angenommen ­
  werden.
Das  Tauchen  im  Anzug,  das  sogenannte  Freitauchen,  überwiegt  heute  bedeutend,
trotzdem  das  Tauchen  mit  der  Glocke  durch  die  weitgehende  Ausbildung  derselben  als
Taucherschacht,  Tauchertunnel  u.  s.  w.  gleichfalls  große  Fortschritte  aufzuweisen  hat.  Aus
der  Kopfrüstung  mit  Zubehör,  wie  sie  bereits  zu  Halleys  Zeiten  zur  Anwendung  kam,
hat  sich  allmählich  die  heutige  Taucherrüstnng  entwickelt.  Der  Taucheranzug  muß  vollständig ­
  luftdicht  sein,  damit  in  denselben  kein  Wasser  eindringen  und  umgekehrt  aus  ihm
keine  Luft  entweichen  kann.  Mit  Ausnahme  des  Kopfteils,  des  Helms  (Abb.  557),  besteht
der  Anzug  aus  gummierten  Geweben.  Der  Taucher  steigt  zunächst  in  das  Beinkleid  und
steckt  dann  die  Arme  durch  die  Ärmel.  An  den  Handgelenken  werden  diese  mit  Gummiriemen ­
  zum  festen  Anschluß  gebracht.  Ist  der  Anzug  geschlossen,  so  wird  dem  Taucher
eine  Brustplatte  mit  Halsring  übergehängt,  und  mit  diesem  das  Gummikleid  durch  Druckschrauben ­
  und  Metallstreifen  fest  und  dicht  verbunden.  Gegen  den  oberen  Gummistreifeu
des  Halsrings  wird  der  Helm  angeschraubt.  Der  Helm,  der  gewöhnlich  ans  Kupfer  besteht, ­
  besitzt  drei  Öffnungen,  zwei  seitliche  und  eine  vordere.  Diese  Öffnungen  sind  mit
        <pb n="546" />
        Taucherausrüstung.  573

Glas  geschlossen.  Das  vordere  Glas  sitzt  in  einem  runden,  mit  Gewinde  versehenen  Ring
und  wird  erst  kurz,  bevor  sich  der  Taucher  in  die  Tiefe  begibt,  in  den  Helm  eingeschraubt.
Die  Pumpe  muß  in  diesem  Moment  schon  in  Thätigkeit  gesetzt  werden.
Um  Len  Auftrieb  des  mit  Luft  gefüllten  Taucheranzuges  zu  überwinden,  genügt
nicht  das  Gewicht  des  Tauchers,  vielmehr  muß  dieser  noch  eine  künstliche  Belastung  erhalten. ­
  Dieselbe  besteht  in  den  bleiernen  Schuhsohlen  von  zusammen  20  kg  Gewicht  und
in  zwei  Bleiplatten  von  7  oder  10  kg  Gewicht,  die  dem  Taucher  auf  Brust  und  Rücken
gehängt  werden.  Diese  Gewichtsbelastung  und  ihre  Anordnung  hat  jedoch  noch  einen
anderen  sehr  triftigen  Grund.  Wenn  irgend  wer,  so  kann  der  Taucher  es  erfahren,  daß
das  Gehen  nur  in  einem  abwechselnden  Stützen  und  Fallen  besteht.  Legt  er  das  Brustgewicht ­
  ab,  so  ist  es  ihm  absolut  unmöglich,  vorwärts  zu  gehen.  Das  Rückengewicht  bringt
eine  Neigung  nach  hinten  hervor;  beim  Heben  eines  Fußes  fällt  der  Körper  zurück,  und
der  Taucher  ist  gezwungen,  zur  Stützung  den  aufgehobenen  Fuß  nach  hinten  zu  setzen:  er
hat  einen  Schritt  rückwärts  gemacht.  Auch  fühlt  er  sehr  bald,  daß  zum  Gehen  eine  gewisse ­
  Schwere  nötig  ist.  Würde  der  Mensch  nicht  der
Schwerkraft  unterliegen,  so  würde  ihm  das  Gehen  unmöglich ­
  sein.  Läßt  daher  der  Taucher,  um  dem  Übelstand ­
  des  Rückwärtsgehens  zu  entrinnen,  auch  das
Rückengewicht  fort,  so  daß  nur  die  schweren  Bleisohlen
ihn  am  Grund  festhalten,  so  kann  er  wiederum  nicht
gehen,  denn  wenn  er  auch  einen  Fuß  hebt,  er  mag  sich
abmühen,  wie  er  will,  er  gewinnt  keinen  Schritt,  da
sein  Körper  nicht  nach  vorn,  aber  auch  nicht  nach
hinten  fällt.  Sein  ganzes  Arbeiten  ist  ein  abwechselndes
Heben  und  Senken  der  Beine,  ohne  von  der  Stelle
zu  kommen.
Die  ganze  Belastung  des  Tauchers  wiegt  etwa
40  kg,  zieht  ihn  also  rasch  an  den  Grund.  An  seinem
Anzuge  ist  eine  Leine  befestigt,  die  ein  Gehilfe  in  den
Händen  behält  und  so  weit  anspannt,  daß  der  Taucher
sowohl  eine  Führung  hat,  als  auch  durch  einen  oder
mehrere  Rucke  Signale  geben  kann.  Die  Leine  dient
schließlich  zum  Wiederemporziehen  des  Tauchers;  sie  ist,
nach  Art  der  Lotleine,  von  je  2  zu  2  na  mit  verschiedenartigen ­
  Marken  versehen,  um  leicht  die  Tiefe  ablesen  zu
können.  Die  zur  Zeit  gültigen  Signale  sind:  ein  Zug
Luft,  drei  Züge:  zu  viel  Luft,  vier  Züge:  holt  mich  herauf,  fünf  Züge:  ich  will  mit  dem
Sprachrohr  sprechen.  Für  die  Bedienung  dieses  erst  in  späterer  Zeit  eingeführten  Hilfsmittels ­
  ist  ein  Gehilfe  angestellt,  der  gleichzeitig  den  Luftschlauch  in  Ordnung  hält  und
ihn  leitet,  wenn  der  Taucher  seinen  Ort  verändert,  auch  für  richtigen  Druck  unter  Beobachtung ­
  des  am  Luftschlauch  befindlichen  Manometers  (Druckmessers)  sorgt,  so  daß  mit
den  zwei  an  der  Pumpe  arbeitenden  Leuten  drei  Mann  zur  Bedienung  eines  modernen
Tancherapparates  erforderlich  sind.  Ter  Ort  des  Tauchers  wird  stets  deutlich  erkannt  durch
eine  Menge  aufsteigender  Luftbläschen.  Der  luftbringende  Schlauch  hat  seinen  Ansatz  am
Hinterteile  des  Helms;  durch  ihn  tritt  ein  beständiger  Luftstrom  ein.  Für  den  Wiederaustritt ­
  muß  gleichfalls  gesorgt  werden,  hierfür  findet  sich  an  der  Vorderseite  ein  Ventil,
das  der  Taucher  weiter  und  enger  stellen  kann.  Die  ausgeatmete  Luft  passiert  eine  Menge
feiner  Löcher;  sowohl  hierdurch  als  durch  den  Druck,  den  die  Luft  selbst  nach  außen  übt,
wird  dem  Eindringen  von  Wasser  vorgebeugt.
_  Derartige  Taucher  arbeiten  gewöhnlich  paarweise  und  abwechselnd,  eine  einzelne
Tauchung  dauert  durchschnittlich  eine  halbe  Stunde,  auf  sie  folgt  eine  längere  Ruhepause,
so  daß  ein  Taucher  bei  schönem  Wetter  etwa  7  bis  8  Fahrten  in  einem  Tage  macht.
Außer  diesem  gewöhnlichen  Apparat  sind  noch  allerlei  verwickeltere  erdacht  worden,
durch  welche  der  Taucher  von  der  Oberwelt  noch  unabhängiger  gemacht  wird  und  gleich.

559.  Amerikanische  Taucherausrüstung. ­


alles  wohl,  zwei  Züge:  mehr
        <pb n="547" />
        574  Die  Taucherkunst.

einen  Vorrat  von  Luft  —  in  gepreßtem  Zustande  natürlich  —  mit  unter  Wasser  nehmen
kann.  Der  Luftbehälter  wird  dann  gleich  einem  Tornister  auf  dem  Rücken  getragen  und
gibt  so  viel  Luft  an  den  Helm  ab,  als  der  Taucher  mittels  eines  Ventils  herausläßt.
Das  Ausgeatmete  tritt  dann  durch  ein  besonderes  Ventil  ins  Wasser.  Solcher  Art  ist  der
von  Sieard  erfundene  Apparat,  dessen  Grundidee  nicht  neu  ist,  denn  es  ist  bekannt,
daß  schon  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  zu  Breslau  ein  Taucher  mit  einem  Gefäß
gepreßter  Luft  auf  dem  Rücken  unter  Wasser  ging.  Die  Schwierigkeit  indessen  liegt  hier
wieder  in  dem  allzngeringen  Ausgleichungsvermögen  der  menschlichen  Brust,  welche  schon
bei  einem  Überdruck  von  1  m  ihre
Thätigkeit  versagt.  Am  längsten
hielt  sich  der  sogenannte  Seaphanderapparat
  im  Gebrauch,
welcher  dem  eben  beschriebenen
ähnlich  war  und  nur  in  einem
mit  einem  metallenen  Helm  versehenen ­
  luftdichten  Anzüge  bestand,
der  von  oben  mit  Luft  gefüllt
wurde.  Mit  diesem  Apparate
gingen  die  Taucher  der  englischen
Admiralität  bis  zu  41  in  Tiefe
hinab,  trotz  der  geschilderten  Unzuträglichkeiten ­
  und  trotz  des  Umstandes, ­
  daß  der  Taucher  jeden
Pumpenhub  fühlte.
Es  ist  daher  als  ein  ganz
außerordentlicher  Fortschritt  auf
dem  Gebiete  des  Taucherwesens
zu  bezeichnen,  daß  1865  die  beiden
Franzosen  Rouquayrol  und
Denayrouze  eine  Vorrichtung
zur  Auwendung  brachten,  welche
den  Druck  der  eingeatmeten  Luft
nicht  nur  genau  der  jedesmaligen
Tiefe  anzupassen  im  stände  ist,
sondern  auch  trotzdem  dem  Taucher ­
  gestattet,  zu  atmen,  wann  er
will,  so  daß  er  nicht  durch  übermäßige ­
  Zuströmung  der  Luft  belästigt ­
  werden  kann.  Zunächst
wird  die  Luft  in  einen  quer  auf
dem  Rücken  des  Tauchers  befindlichen ­
  Cylinder,  den  Behälter,
gepreßt,  welcher,  aus  Stahlblech
gefertigt,  auf  einen  sehr  hohen  Druck  geprüft  ist.  Dieser  Cylinder  trägt  einen  über  ihm
befindlichen  anderen,  weiten  und  niedrigen  Cylinder,  den  Regulator,  mit  welchem  er  durch
eine  kleine  Öffnung  verbunden  ist,  die  durch  ein  sich  nach  unten  öffnendes  Ventil  verschlossen ­
  ist.  Der  Regulator  ist  durch  eine  bewegliche  Platte  abgeschlossen,  welche  sich
etwas  auf  und  nieder  bewegen  kann.  Dieselbe  ist  mit  dem  genannten  Ventil  fest  verbunden, ­
  so  also,  daß  sich  dieses  öffnet,  wenn  die  Platte  sich  senkt.  Wird  dieser  ganze
Apparat  nun,  auf  dem  Rücken  des  Tauchers  tornisterartig  befestigt,  unter  Wasser  gebracht,
so  strebt  dieses  die  Decke  des  Regulators  herunterzupresieu,  während  die  in  den  Cylinder
von  obenher  mit  Hilfe  eines  Schlauches  eingepreßte  Luft,  solange  das  Ventil  geöffnet
ist,  die  entgegengesetzte  Wirkung  äußert.  Wird  daher  der  Druck  in  dem  Regulator  so
groß,  daß  er  dem  äußeren  Wasserdruck  entspricht,  so  ist  Gleichgewicht  vorhanden,  und  bei

660.  Taucher  mit  Lustrrgalator  ohne  Helm  und  flnpig,
sogenannter  Nachttaucher.
Nach  L.  von  Bremen  &amp;amp;  Co.  in  Kiel.
        <pb n="548" />
        Verschiedene  Taucherausrüstungen.  575
einem  geringen  Überdrnck  weicht  die  Decke  nach  außen  zurück  und  schließt  das  Ventil.
Es  befindet  sich  also  im  Regulator  immer  Luft  von  einer  nur  ganz  wenig  höheren
Spannung,  als  es  der  Tiefe  entspricht.  Nun  ist  der  Saugeschlanch,  welcher  zum  Munde
des  Tauchers  führt,  nach  diesem  Behälter  geleitet.  Bei  jedem  Atemzuge  verdünnt  sich
die  Luft  im  Regulator,  die  Decke  wird  durch  den  äußeren  Wasserdruck  gesenkt,  das  Ventil
zum  Behälter  öffnet  sich  und  der  Regulator  erhält  wieder  so  viel  Luft,  bis  diese  den
Deckel  dem  äußeren  Wasserdruck  gegenüber  zu  heben  und  so  das  Ventil  zu  schließen  im
stände  ist.  Der  Sangeschlauch  ist  mit  einer  Lippenscheibe  versehen,  welche  der  Taucher
zwischen  Lippe  und  Zähne
nimmt,  sowie  mit  zwei  Gebißläppchen, ­
  mit  Hilfe  welcher  er
vom  Taucher  festgehalten  werden
kann.  Außerdem  befindet  sich
am  Saugeschlauch  ein  nach  oben
gehendes  sehr  weiches,  flaches
Gummirohr,  welches  für  gewöhnlich ­
  durch  den  Druck  des
Wassers  zusammengepreßt  wird,
also  gegen  Einströmung  geschlossen ­
  ist.  Dagegen  öffnet  es
sich,  sobald  Luft  von  innen  eingeblasen ­
  wird.  Dies  geschieht
nun  durch  das  Ausatmen.  Jenes
weiche,  flache  Rohr  dient  als
Atmnugsventil  und  zeigt  durch
die  von  jedem  Atemzuge  ausströmende ­
  Luft,  welche  in  Bläschen ­
  in  die  Höhe  steigt,  die
Stelle  an,  wo  sich  der  Taucher
befindet.
Durch  verschiedene  Handhabung ­
  des  soeben  beschriebenen
Apparats  kann  sich  nun  der
Taucher  innerhalb  gewisser  Grenzen ­
  selbständig  bewegen.  Zunächst ­
  kann  er,  anstatt  durch
den  Saugeschlauch  auszuatmen,
die  Luft  durch  die  Nase  von  sich
geben,  so  daß  diese  in  den  Anzug ­
  ausströmt.  Derselbe  füllt
iitf,  hülln  mit  ftnft  lmh  her  böl.  Taucher  mit  Lustrrgulator  und  Vorrichtung  zum  Sprechen
O  ’  ,  unu  “V  und  Koren  sowie  unterseeischer  Lumpe.
Taucher  schwimmt,  wenn  er  stch  Nach  L.  von  Bremen  &amp;amp;  so.  t«  stet.
ins  Wasser  wirft,  wie  ein  Kork,
was  oft  außerordentlich  possierlich  aussieht,  zumal  naturgemäß  alle  Bewegungen,  die
er  in  dieser  Lage  ausführen  kann,  plump  und  täppisch  sind.  Nunmehr  öffnet  er  einen
oben  am  Helm  befindlichen  Hahn,  durch  welchen  die  Luft  ausströmt.  Der  Anzug  entleert
sich  also,  schmiegt  sich  zunächst  an  den  Beinen  an,  diese  sinken,  und  langsam  folgt  der
Oberkörper  nach.  Unten  angelangt,  nimmt  der  Taucher  eine  aufrechte  Stellung  ein.
Die  schweren  Bleisohlen  halten  die  Füße  auf  dem  Grund  fest;  außerdem  sorgt  ein  Brustund
  ein  Rückengewicht  für  anderweitigen  Ausgleich  des  durch  den  umfangreichen  Helm
hervorgebrachten  großen  Auftriebes.
Das  Aufblasen  kann  zweckmäßiger  durch  Öffnung  eines  zweiten  Hahnes  erfolgen,
welcher  Luft  ans  dem  Behälter  in  den  Anzug  strömen  läßt.  Dies  hat  den  großen  Vorteil,
daß  der  Taucher  auch  aus  dem  Anzuge  atmen  kann.  Endlich  kann  das  Aufsteigen  im
        <pb n="549" />
        576  Die  Taucherkuiist.

Fall  der  Not  auch  durch  Abwerfcu  der  Bleisohlen  erfolgen,  die  bei  manchen  Anzügen
(nicht  bei  allen)  dazu  eingerichtet  sind.  Der  Auftrieb  des  Körpers  und  Helmes  genügt,
trotz  der  anderen  Gewichte,  den  Taucher  zu  heben,  was  dann  in  der  Regel  in  ivagerechter
Lage  geschieht.
Man  hat  den  Taucher  auch  unabhängig  vom  Boot  und  der  Luftpumpe  gemacht,  indem
man  den  Behälter  vergrößerte  und  mit  stark  gepreßter  Luft  füllte.  Da  der  Regulator  in
der  oben  beschriebenen  Weise  stets  für  eine  richtige  Spannung  der  Luft  im  Atmungsschlauche
sorgt,  so  muß  ein  solcher  Apparat  so  lange  wirken,  als  die  Spannung  in  dem  Behälter
größer  ist,  als  es  der  betreffenden  Tiefe  entspricht.  In  der  Regel  soll  der  Apparat  Luft
für  eine  Stunde  Aufenthalt  unter  Wasser  fassen  können.
Abb.  559  zeigt  eine  amerikanische  Taucherausrüstung,  welche  ganz  ähnliche  Bestandteile ­
  aufweist.  Der  Lnftbehälter  A  ist  durch  das  mit  einem  Ventil  versehene  Rohr  B
mit  dem  Helm  des  Tauchers  verbunden,  bei  0  entweicht  die  ausgeatmete  Luft.  HD  sind
hohle  Kautschnkkissen,  welche  durch  die  Ventilröhren  Eli  aus  dem  Luftbehälter  gefüllt
werden  können  und  dann  wie  eine  Fischblase  wirken.  Die  Entleerung  kann  durch  das
Ventil  K  erfolgen.  Das  Tauchen  mit  einem  solchen  Lnftvorrat  ist  besonders  dann  am
Platze,  wenn  es  gilt,  ein  gesunkenes  Schiff  auszuräumen,  da  es  begreiflicherweise  für
den  gewöhnlichen  Taucher  ein  zu  großes  Wagnis  wäre,  sich  in  den  Räumlichkeiten
des  Schiffes  herumzutasten,  während  seine  Existenz  an  den  mitgeschleppten  Luftschlauch
und  dessen  gute  Erhaltung  geknüpft  ist.

562.  Unterseeische  Petroleumlampe. ­


563  u.  564.  Marrilhacys  Taucherhelm  mit  elektrischer  Lampe.
Nach  „Engmeeririg".

Endlich  können  kürzere  Fahrten  auch  ohne  Helm  und  Anzug,  also  nur  mit  dem
oben  beschriebenen  Luftbehälter  nebst  Regulator,  geschehen,  wofür  ein  besonderes  längeres
Luftsaugrohr  vorhanden  ist,  dessen  Ende  ebenfalls  in  den  Mund  genommen  wird,  während ­
  eine  biegsame  Kautschukplatte  die  Mundgegend  bedeckt  und  vom  Wasser  angedrückt
wird.  Hierzu  kommt  dann  als  notwendiges  Stück  noch  eine  Nasenquetsche,  um  das  Eindringen ­
  von  Wasser  in  die  Nase  zu  verhüten.  Diese  Art  des  Tauchens  ist  insbesondere
in  heißen  Gegenden  im  Gebrauch  (Abb.  560).
Für  eine  beständige  Verbesserung  und  Weiterbildung  aller  für  die  Tancherei
erforderlichen  Apparate  und  Hilfsmittel  ist  in  Deutschland  seit  Jahren  die  Firma
L.  von  Bremen  &amp;amp;  Co.  in  Kiel  in  hervorragender  Weise  thätig.  Dieselbe  hat  unter
anderem  das  Telephon  in  den  Dienst  des  Tauchers  gestellt,  sowie  auch  eine  unterseeische ­
  Lampe  konstruiert.  Dieselbe  besteht  aus  einer  Petroleumlampe  mit  künstlicher,
        <pb n="550" />
        577

Verwendung  des  Telephons  und  der  Glühlampe.

stetiger  Luftzuführung  iu  der  in  Abb.  562  dargestellten  Art  und  Weise.  Auch  elektrische
Laternen  werden  vielfach  benutzt.  Bereits  1875  verwandte  Applegarth  bei  den
Arbeiten  an  dem  gescheiterten  Kriegsschiff  „Vanguard"  derartige  Lampen,  deren  Speisung
durch  eine  Batterie  erfolgte,  die  in  einem  Boote  untergebracht  war.  Dieser  erste  Versuch
fiel  jedoch  sehr  unbefriedigend  aus.  Auf  der  Wiener  Weltausstellung  führte  die  Firma
Heinke  &amp;amp;  Davis  in  London  eine  Lampe  vor,  bei  welcher  in  einem  Glascylinder
Elektromagnete  und  ein  Hebelwerk  angebracht  waren;  der  elektrische  Strom  zieht  eine
Armatur  aus  weichem  Eisen  so  an,  daß  die  Kohlenspitzen  sich  bis  zu  der  notwendigen
Entfernung  für  die  Entwickelung  des  Funkens  nähern.  Eine  kleine  Jnduktionsrolle

dient  dazu,  die  Thätigkeit  der  Hebel  zu  hemmen.  Bevor  man  die  Lampe  gebraucht,
wird  die  Luft  aus  dem  Cylinder  getrieben,  so  daß  das  Licht  in  einem  luftleeren
Raume  brennt.
Der  Marcilhacy  in  Paris  patentierte  Beleuchtungsapparat  besteht  in  einer  Glühlampe, ­
  die  in  einen  Cylinder  eingebaut  ist,  der  an  Stelle  der  oberen  Glasplatte  direkt
an  den  Helm  angeschraubt  wird  (Abb.  563  u.  564).
Taucherglocken,  Taucherschachte  und  Tauchertunnel.  Die  ältesten  Taucherglocken ­
  waren  von  Holz,  sie  wurden  mit  Gewichten  beschwert,  um  den  Auftrieb  aufzuheben, ­
  und  die  darin  befindlichen  Personen  waren  hinsichtlich  ihres  Bedarfs  an
frischer  Luft  zuerst  ausschließlich  auf  die  Luft  in  der  Glocke  und  später  auf  Gefäße
angewiesen,  die  neben  der  Glocke  hinabgelassen  und  mit  deren  innerem  Raum  durch
Schläuche  in  Verbindung  gebracht  wurden.  Um  die  Luft  in  die  Taucherglocke  über-IX
  73
        <pb n="551" />
        578

Die  Taucherkunst.

zuführen,  öffnete  man  einen  Hahn  und  ließ  die  durch  das  Wasser  verdrängte  Luft  durch
den  ebenfalls  geöffneten  Verbindungsschlauch  in  das  Glockeninnere  eintreten.  Diese  Art
der  Luftzuführung  war  sehr  umständlich,  und  der  Apparat  erfuhr  dadurch  eine  wesentliche ­
  Verbesserung,  daß  man  die  Luft  mittels  einer  Pumpe  durch  einen  Schlauch  direkt
in  die  Glocke  einführte,  die  benutzte  Luft  entweicht  hierbei  durch  ein  Ventil.
Im  Jahre  1845  schaffte  die  Stadt  Hamburg  für  die  vielfach  auszuführenden
Arbeiten  unter  Wasser,  wie  namentlich  die  Entfernung  von  Pfahlstummeln  und  Steinen
aus  dem  Fahrwasser,  eine
Taucherglocke  an.  Die  Glocke,
die  auf  einem  für  diesen
speziellenZweckerbautenFahrzeug
  untergebracht  ist,  besteht
ans  Gußeisen,  im  Inneren
mißt  sie  1,25  resp.  1,75  in,
die  Höhe  beträgt  2  m.  In
derselben  können  zwei  Arbeiter ­
  Platz  finden  und  sich
so  bewegen,  daß  sie  ihre
Werkzeuge  benutzen  können.
Die  Versorgung  der  Glocke
mit  frischer  Luft  erfolgt  in
derselben  Weise,  wie  solche
für  die  Taucherapparate
üblich  ist,  d.  h.  durch  einen
Schlauch  und  mittels  einer
Luftpumpe.  Auch  für  die
Signale  zur  Verständigung
zwischen  den  in  der  Glocke
befindlichen  Arbeitern  und
der  Deckmannschaft  sind,  wie
im  allgemeinen  üblich,  Zeichen ­
  im  Gebrauche.  Diese
Signale  bestehen  in  Schlägen
mit  dem  Hammer  gegen  die
Glockenwandung.  Auf  dem
Deck  des  Fahrzeuges  befinden
sich  mehrere  Winden.  Die
größere  dient  zum  Senken
und  Heben  der  Glocke  und
der  an  diese  etwa  gehängten
Gegenstände,  die  zweite  wird
zum  Heben  von  Gegenständen
benutzt,  die  von  den  Arbeitern ­
  am  Grunde  an  das
Windetau  befestigt  werden.
Die  Benutzung  der  Glocke
erfolgt  in  der  Weise,  daß  die  Taucher  in  einem  Boot  unter  die  Glocke  fahren  und
in  diese  einsteigen,  und  zwar  sind  im  Inneren  zwei  Bänke  angebracht.  Das  Boot
wird  nun  entfernt  und  die  Glocke  ins  Wasser  hinabgelassen.  Durch  Hin-  und  Herfahren ­
  suchen  die  Taucher  die  Stelle  auf,  an  welcher  sich  das  zu  entfernende  Hindernis
befindet.  Wenn  sie  die  richtige  Stelle  gefunden  haben,  so  lassen  sie  die  Glocke  bis  nahe
auf  den  Boden  senken  und  beginnen  die  Arbeit.
Die  Taucherglocken  sind  durch  die  Erfindung  der  Taucherschachte  ziemlich  in
den  Hintergrund  gedrängt.  Zuerst  hat  der  französische  Ingenieur  Colomb  (1778)  einen

666  bis  669.  gardickrs  Sicftanchappnrnt.
        <pb n="552" />
        Taucherglocken.  Taucherschachte.  Taucherboote.  579
solchen  Schacht  in  Vorschlag  gebracht,  doch  wurde  erst  60  Jahre  später  eine  solche
Vorrichtung  bei  der  Sprengung  von  Felsen  neben  der  Loire-Mündung  angewandt.  Die
Taucherschachte  haben  vor  den  Glocken  den  Vorzug,  daß  sie  stets  von  oben  zugänglich
sind  und  daß  sie,  weil  geräumiger,  eine  größere  Leistungsfähigkeit  besitzen.  In  den  Abbildungen ­
  S.  436  u.  437  ist  ein  Taucherschacht  dargestellt.  Die  Taucherschachte  sind  meist
in  Schiffen  eingebaut  und  immerhin  nur  für  mäßige  Wassertiefen  verwendbar.  Um
größere  Tiefen  erreichen  zu  können,  hat  Hersent  1879  für  den  Brester  Hafen  einen
Schacht  konstruiert,  mit  welchem  eine  Tiefe  von  12  in  erreicht  werden  kann.  Der  obere
Teil  dieses  Schachtes  ist  in  Abb.  565  wiedergegeben.
Da  die  Taucherarbeit  im  Anzuge  bei  Tiefen  von  über  30  in,  wie  schon  oben  angeführt ­
  wurde,  sehr  anstrengend  oder  überhaupt  nicht  ausführbar  ist,  so  waren  die  Erfinder ­
  bemüht,  Vorkehrungen  zu  ersinnen,  welche  diesem  Übelstande  abhelfen.  Diese  Vorrichtungen ­
  bezeichnet  man  mit  dem  Ausdruck  Tieftauchapparate.  Derartige  Tieftauchapparate ­

  stehen  durch  ein  Rohr  mit  der  freien  Luft  in  Verbindung.  Die  Abb.  566
bis  569  zeigen  den  von  Haedicke  entworfenen  Apparat.  Derselbe  besteht  aus  dem  stets
über  Wasser  befindlichen  Kopfe  (Abb.  566)  und  dem  Arbeitskasten,  welcher  auf  Rädern
auf  dem  Meeresgrund  ruht;  beide  sind  (Abb.  568)  durch  das  entsprechend  kräftige  Steigerohr
verbunden.  Die  aufrechte  Lage  wird  durch  einen  Schwimmkasteu  gesichert,  welcher  das
Steigerohr  unter  dem  Kopfe  (Abb.  567)  umgibt  und  bei  Strömungen  verankert  werden
muß.  Im  Kopfe  (Abb.  569)  befindet  sich  die  Maschine  (a)  zur  Lüftung  und  zum  Auspumpen ­
  des  Wassers  (ä),  die  Drehung  der  Fußräder  geschieht  durch  Einlassen  von  Wasser
in  die  Triebcylinder.  Die  Bewegung  ist  jedoch  nur  innerhalb  geringer  Grenzen
ausführbar.  An  verschiedenen  Stellen  des  Apparates  sind  starke  Gläser  angebracht,
je  zwei  übereinander,  von  denen  das  eine  für  die  Lampe,  das  andere  zum  Sehen
dient.  Alle  Arbeiten,  die  vom  Schachte  aus  ausgeführt  werden  sollen,  können  nur
künstlich  durch  Stopfbüchsen  (Abb.  569)  erfolgen,  eine  Arbeitsweise,  die  ebenso  schwierig
wie  unsicher  ist.
An  dieser  Stelle  ist  sodann  der  Taucherboote  Erwähnung  zu  thun.  Diese
Taucherboote  gestatten  auf  Stunden  hinaus  eine  selbständige  freie  Bewegung  eines
Menschen  unter  Wasser.  Abb.  570  zeigt  das  Haedickesche  Taucherboot,  das  durch  Treten
73*
        <pb n="553" />
        580  Die  Taucherkunst.

bewegt  wird.  Der  Treiber  besteht  in  einem  Schaufelräderpaar,  bei  welchem  die  Flügel
drehbar  angeordnet  sind  und  sich  von  selbst  rechtzeitig  quer  und  längs  stellen,  so  daß  sie
nur  tu  einem  Sinne  treibend  wirken.  Der  Taucher  hat  den  uns  bereits  bekannten
Taucheranzug  an  und  erhält  seine  Luft  aus  dem  Boote  selbst,  welches  mit  solcher  von
hoher  Spannung  gefüllt  ist.  Dieselbe  durchströmt  eine  Schlauchtrommel,  so  daß  der  Taucher
sich  von  dem  vorher  von  ihm  verankerten  Boote  entfernen  kann,  soweit  der  Schlauch
reicht.  Das  Boot  besitzt  ferner  einen  beweglichen  Boden,  welcher  mit  Hilfe  einer  kräftigen ­
  Übersetzung  aus-  und  eingedrückt  werden  kann,  wodurch  sich  das  Boot  hebt  oder
senkt.  Diese  Banart  wurde  später  umgestaltet.  Statt  des  beweglichen  Bodens  wurde
eine  Pumpe  angebracht,  mit  deren  Hilfe  Wasser  eingepumpt  werden  kann,  so  daß  die
Senkung  auf  diesem  Wege  erfolgt.  Da  das  Boot  mit  gepreßter  Luft  gefüllt  ist,  deren
Spannung  den  äußeren  Wasserdruck  übersteigt,  so  genügt  das  Öffnen  eines  Hahnes,  um
Wasser  auszupressen,  das  Boot  also  zum  Steigen  zu  bringen.  Diese  Einrichtung  hat
indessen  wieder  den  Nachteil,  daß  der  Taucher  gegen  das  Ende  seines  Aufenthalts  Gefahr
läuft,  nicht  mehr  genügend  Pressung  zu  haben,  vielleicht  also  hilflos  unten  bleiben
oder  das  Boot  im  Stiche  lassen  muß,  um  sich  auf  die  uns  bekannte  Weise  nach  oben  zu
flüchten.

Ansicht  von  oben.

In  neuester  Zeit  sind  derartige  Boote  wiederholt  zur  Ausführung  gekommen.  So
fand  Mitte  Dezember  des  Jahres  1886  in  den  Tilbury  Docks  bei  London  eine  Versuchsfahrt ­
  mit  dem  von  Fletcher  Son  &amp;amp;  Farnell  erbauten  unterseeischen  Boote  „Nautilus"
(Abb.  571)  statt.  Dasselbe  ist  18,3  in  lang,  hat  2,4  in  Durchmesser,  ist  cylindrisch  mit
spitzen  Enden  und  für  den  Druck  von  15  in  Wassersäule  gebaut.  Die  Änderung  des  Tiefgangs ­
  wird  auch  hierbei  durch  Änderung  des  Eigenvolumens  bewirkt.  Indessen  sind
statt  des  beweglichen  Bodens  an  jeder  Seite  vier  in  Stopfbüchsen  laufende  Kolben  angebracht, ­
  welche  von  Hand  oder  durch  Maschinenkraft  aus-  und  eingeschoben  werden
können.  Die  bewegende  Kraft,  vier  Pferdestärken,  welche  durch  140  galvanische  Elemente
geliefert  werden,  treibt  durch  Vermittelung  einer  Dynamomaschine  zwei  Schrauben.
Das  Boot  ist  für  die  gewöhnliche  Fahrt  bis  zur  Linie  A  B  versenkt  und  erhält  sich  in
derselben  leicht  durch  ein  Flachsteuer  (in  der  Abbildung  nicht  angegeben).  Es  ragt  alsdann ­
  nur  der  Kommaudoturm  hervor.  Die  Besatzung  besteht  aus  sechs  Mann,  welche
nach  den  bisherigen  Versuchen  mit  der  vorhandenen  Luft  zwei  Stunden  lang  ausreichen.
Das  Boot  ist  hiernach  weniger,  wie  das  von  Haedicke  gebaute,  für  längere  Untersuchungsfahrten ­
  eines  einzelnen  unter  Wasser,  als  für  kürzere  Ausfahrten,  bei  welchen  die  Hilfe
mehrerer  in  Anspruch  genommen  wird,  geeignet.
In  neuerer  Zeit  sind  sowohl  in  Spanien  wie  in  Frankreich  wiederholt  Versuche  mit
Unterseebooten  angestellt  worden.  Den  Erfindern  ist  fraglos  auf  diesem  Gebiete  noch
ein  reiches  Feld  zu  ihrer  Bethätigung  gegeben.
Während  das  Taucherboot  die  Untersuchung  der  Arbeiten  unter  Wasser  gestattet,
macht  es  der  in  der  Abb.  572  bis  576  dargestellte  Submarinegucker  möglich,  die  Arbeiten ­
  von  oben  her  zu  beaufsichtigen.  Der  Grund,  weshalb  man  nur  selten  bis  tief  in  das
        <pb n="554" />
        Tunnelbau  nach  der  pneumatischen  Arbeitsmethode
        <pb n="555" />
        Taucherboote.  Submarinegucker.  Pneumatischer  Tunnelbau.  581

Wasser  sehen  kann,  liegt,  abgesehen  von  einer  etwaigen  Unklarheit  desselben,  in  dem
Reflex  der  unruhigen  Oberfläche.  Bei  ruhiger  Luft  und  Hellem  Wetter  kann  man  oft
tief  auf  den  Grund  der  See  sehen.  Aber  schon  wenn  die  Sonne  niedrig  steht,  ist  dies
schwer,  weil  dann  oft  der  Reflex  die  Lichtstrahlen  ins  Auge  wirft.  Alles  dies  ist  durch
eine  Vorrichtung  vermieden,  welche  in  einfachster  Form  schon  vor  langer  Zeit  von  den
Schwammfischern  im  Mittelmeer  benutzt  worden  ist.  Dieselbe  besteht  aus  einem  weiten
Cylinder  mit  einem  Glasboden,  welcher,  den  Boden  nach  unten,  in  das  Wasser  getaucht
wird.  Nunmehr  dringt  der  Blick  frei  in  das  Wasser  und  reicht  so  tief,  wie  es  den
Beleuchtnngsverhältnissen  und  der  Klarheit  des  Wassers  entspricht.  Um  jedoch  auch
hierin  unabhängiger  zu  sein,  hat  Haedicke  noch  einen  Reflektor  angebracht,  durch  dessen
Boden  ein  Doppelglas  reicht,  so  daß  die  Kraft  des  Auges  und  die  Beleuchtung  verstärkt ­
  wird.
Die  vollkommenste  aller  Leistungen  dieser  Art  ist  der  von  Toselli  erbaute
Taucherapparat  Neptun,  der  zur  Erreichung  bedeutender  Seetiefen  (geplant  ist,  bis
zu  1000  m)  bestimmt  ist.  Mit  diesem  Apparat  sollen  Sondierungen  beim  Bau  von
Leuchttürmen  und  Hafenanlagen,  die  Beförderung  von  Torpedos  und  ähnliche  Arbeiten
und  Untersuchungen  bewerkstelligt  werden.  Bereits  vor  Jahren  ist  Toselli  bis  zu  einer
Tiefe  von  70  m  niedergegangen.

Das  Verdrängen  des  Wassers  durch  Luft  findet  jedoch  nicht  nur  für  Arbeiten  unter
Wasser,  sondern  auch  für  Arbeiten  in  Bodenarten,  welche  stark  mit  Wasser  durchsetzt  sind,
Anwendung.  Man  bezeichnet  diese  Arbeitsweise  als  pneumatische.  Von  ihr  wird  sowohl
im  Wasser-  wie  im  Tunnelbau  ein  sehr  ausgedehnter  Gebrauch  gemacht.  Die  Abb.  542
(Abschnitt  „Schiffahrtszeichen")  gibt  eine  Darstellung  der  hierbei  zur  Anwendung  kommenden ­
  Vorrichtungen.
Im  Tunnelbau  erweist  sich  die  pneumatische  Arbeitsmethode  nicht  selten  als  der
letzte  Rettungsanker,  wenn  alle  anderen  Hilfsmittel  versagen.  Namentlich  bei  den  unter
Wasser  durchzuführenden  Tunneln  hat  man  verschiedentlich  nur  mit  Hilfe  des  Luftdruckes
die  Aufgabe  zu  einem  glücklichen  Ende  führen  können.  Die  Tafel  zeigt  den  Bauvorgang
bei  Herstellung  eines  Tunnels.
Am  Ende  des  Tunnels  wird  ein  sogenanntes  Schild  eingebaut,  welches  die  Stirnfläche ­
  eines  dahinter  liegenden  Cylinders  bildet.  Dieser  hinter  dem  Schild  liegende
Raum  wird  mit  Druckluft  gefüllt,  wodurch  der  Eintritt  des  Wassers  beim  Öffnen  des
Schildes,  um  den  davor  liegenden  Boden  zu  entfernen,  verhindert  wird.  Durch
hydraulische  Pressen  wird  das  Schild  vorwärts  getrieben.  Die  Verbindung  zwischen
dem  unter  Druckluft  stehenden  Teil  und  dem  hinteren  fertigen  Tunnel  erfolgt  wie  bei
jeder  pneumatischen  Fundierung  durch  Luftschleusen,  durch  welche  die  Arbeiter  und  ebenso
die  Materialien  hindurch  müssen.
        <pb n="556" />
        584

Das  Heben  und  Bergen  verunglückter  Schiffe.

Das  Heben  und  Bergen  verunglückter  Schiffe.
Die  regelmäßig  auftretenden  Stürme  bereiten  alljährlich  einer  großen  Anzahl  Schiffe
den  Untergang.  Findet  dieses  Ereignis  in  der  Nähe  der  Küste  statt  oder  innerhalb  einer
Schiffahrtsstraße  infolge  elementarer  Ereignisse  oder  durch  einen  Zusammenstoß,  so  bildet
das  gestrandete  oder  gesunkene  Fahrzeug  nicht  selten  ein  großes  Hindernis,  dessen  Beseitigung ­
  nötig  wird.  Die  zum  Heben  eines  gesunkenen  Schiffes  dienenden  Mittel  haben
bereits  eine  solche  Ausbildung  erlangt,  daß  in  zahlreichen  Fällen  noch  eine  Lösung  der
Aufgabe  möglich  sein  würde,  wenn  hierbei  nicht  die  Kostenfrage  die  ausschlaggebende
wäre.  Für  die  Hebung  gesunkener  Schiffe  kommen,  abgesehen  von  ganz  bestimmten  Fällen,
zwei  Methoden  zur  Anwendung  und  zwar  entweder  das  Aufwinden  mittels  Kräne
und  Winden  oder  die  Benutzung  des  Auftriebes,  wasserdicht  abgeschlossener  und  lee»
gepumpter  Pontons,  von  Luftsäcken  u.  s.  w.  Von  dem  letzteren  Mittel  hat  zuerst  der
Submarineingenieur  Bauer  Gebrauch  gemacht,  und  als  die  erste  gelungene  Hebung  eines
größeren  Schiffes  ist  die  des  Dampfers  „Ludwig"  durch  Bauer  zu  bezeichnen.  Bauerbefestigte
  mit  Hilfe  des  Tauchers  eine  große  Zahl  von  Ballons  mittels  starker  Haken,
welche  in  die  Seitenluken  des  Schiffes  gebracht  wurden,  au  das  Schiff,  pumpte  dann
Luft  in  diese  und  hob  das  Schiff  auf.  Nachdem  ihn  eine  Sturmnacht  um  die  Früchte
dieser  ersten  Arbeit  gebracht  hatte,  wiederholte  er  die  Hebung  im  Sommer  1864.  Es
glückte  ihm,  das  Schiff  abermals  hoch  zu  bringen,  worauf  er  es  auf  die  schweizerische
Küste  schleppte.

Für  das  Heben  leichter  Fahrzeuge  benutzt  man  offene  Prähme,  über  welche  schwere
Windebäume  gelegt  werden,  die  mit  Hilfe  von  Spillbäumen  (eingesteckten  Hebeln),
Flaschenzügen  und  Winden  gedreht  werden,  in  ähnlicher  Weise,  wie  Abb.  585  es  veranschaulicht. ­
  Die  an  dem  zu  hebenden  Schiffe  angebrachten  Ketten  winden  sich  auf  den
Windebäumen  auf.  Sobald  der  Rand  über  Wasser  gekommen  ist,  schöpft  man  das
Wasser,  falls  das  Schiff  nicht  oder  nur  wenig  beschädigt  ist,  aus,  so  daß  die  weitere
Hebung  von  selbst  erfolgt.  Anderenfalls  muß  das  Schiff  auf  eine  seichte  Stelle  aufgesetzt ­
  werden.
Ehe  auf  die  Hebung  untergegangener  Schiffe  weiter  eingegangen  wird,  möge  zunächst  die
Wiederaufrichtung  umgefallener  Schiffsfahrzeuge  behandelt  werden.  Die  Abb.  577
bis  579  zeigen  umgefallene  Schiffe,  Abb.  578  läßt  die  mächtigen  Spieren  erkennen,  mit
deren  Hilfe  das  Schiff  in  diesem  Falle  wieder  umgekantet  wurde.  Ein  in  der  Weser
gesunkener  Bagger  mußte  ebenfalls,  ehe  seine  Hebung  beginnen  konnte,  gewendet  werden;
wie  man  hierbei  verfuhr,  läßt  Abb.  579  erkennen.  Es  stand  für  die  Arbeit  ein  Schwimmkran ­
  zur  Verfügung,  der  nur  ein  Gewicht  von  40  000  kg  heben  konnte,  während  für
die  Aufrichtung  etwa  170000  kg  erforderlich  waren.  Um  diese  Leistung  zu  erzielen,
brachte  man  an  dem  Bagger  lange  Hebel  (a)  an,  und  zwar  wurden  die  starken  Balken,
        <pb n="557" />
        Hebung  eines  Baggers.

585

welche  die  Hebel  bildeten,  mit  den  Tauen  b  d  befestigt.  Die  Stützen  c  wurden  nur  bei
der  Aufstellung  der  Hebelbalken  benutzt.  Im  ganzen  wurden  15  Balken  aufgestellt  und
durch  die  Querbalken  ck  miteinander  verbunden.  An  den  Balkenenden  bei  e  und  auf
zwei  Schleppkähnen  bei  kwurden  zu  Flaschenzügen  gehörige  Blöcke  angebracht  und  Zugtaue
eingescherl.  Jedes  Tau  lief  nach  einer  Winde  (Ir).  Außerdem  wurde  noch  ein  Drahtseil
durch  die  Dampfwinde  eines  Baggers  angezogen.  Mit  Hilfe  dieser  Vorkehrungen
ward  der  Bagger  in  1 1 j i  Stunde  aufgerichtet.  Zur  Hebung  in  der  aufgerichteten
Lage  wurden  Tragtaue  i  benutzt,
die  bereits  vorher  unter  Zuhilfenahme ­
  von  Tauchern  um  den
Bagger  gelegt  worden  waren.
Die  gesamten  Hebungsarbeiten
bedingten  einen  Aufwand  von
35  000  Mark.
Das  Heben  und  Bergen
großer  verunglückter  Schiffe  ist
eine  Aufgabe,  deren  Lösung  in
jedem  einzelnen  Falle  in  einer
besonderen  Weise  erfolgt,  da  die
Verhältnisse,  die  für  dieselbe
maßgebend  sind,  wie  die  Beschaffenheit ­
  des  Wassers,  das
Vorhandensein  von  Flut  und
Ebbe,  die  Tiefe  des  Wassers  u.s.w.
sehr  verschiedenartig  sind.  Die
Größe  und  Lage  des  Schiffes,
die  Art  der  Beschädigung  spielen,
wie  leicht  erklärlich  sein  dürste,
eine  besonders  einflußreiche
Rolle.
Nicht  selten  liegt  ein  Schiff
derart,  daß  bei  gewissen  Wasserständen ­
  der  Schaden  zu  Tage
tritt.  In  einem  solchen  günstigen ­
  Falle  bereitet  die  Dichtung ­
  des  in  dem  Schiffsrumpf
etwa  durch  einen  Zusammenstoß
entstandenen  Loches  keine  allzu
großen  Schwierigkeiten.  Man
stellt  zu  diesem  Zwecke  ein  sogenanntes ­
  Kissen  her,  das  aus
Segeltuch  und  Werg  besteht  und
sich  gut  an  die  Schiffswand  anpaßt. ­
  Fängt  man  nun  an,  den
Schiffsraum  leer  zu  pumpen,  so
Preßt  das  Wasser,  sobald  es
außen  etwas  höher  steht  als  im  Schiffsinneren,  das  Kissen  immer  fester  gegen  die
Schiffswand  und  dichtet  es  immer  vollkommener  ab.  Ist  das  Schiff  flott  geworden,
d.  h.  hat  es  sich  vom  Boden  abgehoben  und  schwimmt  wieder,  so  wird  es  in  ein  Dock
geschafft  und  ausgebessert.  —  Das  gleiche  Prinzip  liegt  dem  in  Abb.  580  dargestellten
Verfahren  zur  Ausbesserung  einer  Kaimauer,  an  einer  unter  Wasser  liegenden  Stelle,
zu  Grunde.  Der  offene  Caisson  wird  in  diesem  Falle  wie  ein  sogenanntes  Kissen
durch  den  äußeren  Wasserdruck  bei  Entleerung  des  inneren  Raums  fest  gegen  die
Mauer  gepreßt.

880.  Ansilesfernng  einer  Kaimauer,
ajitt  Hilfe  eines  offenen  Caissons.

IX  74
        <pb n="558" />
        586

Das  Heben  und  Bergen  verunglückter  Schiffe.

Schwieriger  wird  bereits  die  Aufgabe,  wenn  das  Schiff  so  tief  liegt,  daß  es  sich  beständig ­
  vollständig  unter  Wasser  befindet.  Die  nächste  Aufgabe  ist  alsdann  das  Abtakeln
der  Maste.  Durch  Taucher  sucht  man  so  viel  von  der  Ladung  zu  beseitigen,  d.  h.  zu
bergen,  als  nur  immer  möglich  ist.  Ist  die  letztere  Arbeit  beendet,  so  beginnt  man  mit
dem  Dichten  des  Lecks.  Um  das  Schiff  leerpumpen  zu  können,  ist  die  Herstellung  von
Schächten  erforderlich,  die  es  ermöglichen,  aus  den  Luken  Wasser  zu  pumpen,  ohne  daß
solches  wieder  an  dieser  Stelle  in  den  Schiffsraum  hineinfließen  kann.  Die  Schächte
müssen  daher  von  den  Luken  bis  über  Wasser  reichen.  Die  mächtigen  Pumpen,  die  zu
derartigen  Arbeiten  erforderlich  sind,  befinden  sich  gewöhnlich  auf  oder  in  den  Hebefahrzeugen ­
  die  speziell  für  die  Benutzung  bei  den  Hebungsarbeiten  gesunkener  Schiffe  bestimmt ­
  sind  und  zu  Seiten  derselben  verankert  werden  (s.  Abb.  581,  welche  die  Hebung
und  Bergung  S.  M.  Torpedobootes  8.  85  darstellt).  Die  Pumparbeit  muß  im  ersten
Stadium  sehr  vorsichtig  geschehen,  die  Schiffe  haben  nämlich  im  hohen  Grade  das  Bestreben, ­
  in  dem  Augenblick,  in  welchem  sie  hochkommen,  d.  h.  sich  von  dem  Boden  abheben,
umzufallen.  Um  diesem  Ereignis,  wodurch  nicht  nur  die  ganze  bisherige  Mühe  vergebens ­
  wäre  und  die  weiteren  Hebungsarbeiten  sehr  erschwert  würden,  nach  Möglichkeit
vorzubeugen,  wird  das  Schiff  durch  sogenannte  Toptakel  mit  den  auf  beiden  Seiten  des
verunglückten  Schiffes  liegenden  Hebefahrzeugen  verbunden.  Die  Toptakel  sind  Flaschenzüge, ­
  die  dem  Steigen  des  Schiffes  entsprechend  in  Spannung  gehalten  werden  müssen.
Das  Lösen  des  Schiffes  von  dem  Boden,  an  dem  es  infolge  des  sogenannten  Sogs  außerordentlich ­
  fest  haftet,  erfolgt  sehr  plötzlich.  Um  die  Wirkung  des  Bodensogs  zu  mäßigen,
benutzt  man  Schläuche,  die  in  den  Grund  eingeführt  werden  und  durch  welche  mittels
einer  Luftpumpe  Luft  in  den  Boden  eingepreßt  und  dieser  gelockert  wird.
Die  erwähnten  Hebefahrzeuge  bestehen  jetzt  meistens  aus  Eisen.  Die  Schiffe  haben
einen  flachen  Boden  und  sind  mit  außerordentlich  starken  Pumpen  und  Dampfwinden
ausgestattet.  Das  Innere  ist  in  eine  größere  Anzahl  Kammern  eingeteilt,  die  sämtlich
wasserdicht  sind.  Ihr  Hauptzweck  besteht  darin,  mit  Wasser  gefüllt  zu  werden,  falls  das
Fahrzeug  gesenkt  werden  soll,  und  wieder  leer  gepumpt  zu  werden,  falls  dieses  gehoben
werden  soll.  In  der  Mittellinie  besitzen  derartige  Hebefahrzeuge  in  der  Regel  mehrere
große  viereckige  Schachte,  die  sich  durch  die  ganze  Höhe  des  Schiffes  erstrecken.  Diese
Schachte,  welche  als  Kokern  bezeichnet  werden,  dienen  dazu,  Stahldrahttaue  hinablassen
zu  können,  die  um  das  gesunkene  Fahrzeug  geschlungen  werden.  Man  greift  zu  diesem
Mittel,  wenn  es  nicht  gelingt  oder  nicht  möglich  ist,  die  Öffnungen  eines  Schiffes  zu
dichten  und  dieses  somit  in  dem  beschädigten  Zustande  gehoben  werden  muß.  Bei  einer
solchen  Hebung  werden  zwei  der  Hebefahrzeuge  ans  beiden  Seiten  des  Schiffes  verlegt
und  die  Stahldrahttaue  unter  dessen  Kiel  gezogen  und  in  den  Kokern  hochgenommen.  Um
die  Taue  unter  dem  Schiff  durchziehen  zu  können,  wird  es  häufig  erforderlich,  mit  der
Dampfspritze  Löcher  in  den  Sand  unter  dem  Schiff  herzustellen,  durch  welche  die  Taue
durchgezogen  werden.  Derartige  Arbeiten  erfordern  in  der  Regel  viel  Geduld  und  Geschicklichkeit. ­
  Die  Hebung  eines  Schiffes  vollzieht  sich,  je  nachdem  in  dem  betreffenden
Wasser  Flut  und  Ebbe  herrschen,  oder  solche  nicht  eintreten,  in  etwas  verschiedener  Weise.
Ist  letzteres  der  Fall,  so  ist  es  erforderlich,  zunächst  die  Pontons  durch  Füllung  zu  senken,
das  Schiff  wird  nun  mittels  der  Stahldrahttaue  an  denselben  angeschlagen,  wobei  darauf
zu  achten  ist,  daß  die  Taue  ganz  stramm  gespannt  werden.  Nunmehr  wird  das  Wasser
aus  den  Pontons  ausgepumpt  und  es  hebt  sich  mit  den  steigenden  Fahrzeugen  auch  das
Schiff,  vorausgesetzt,  daß  die  Hebekraft,  d.  h.  der  Auftrieb  der  Hebeschiffe  groß  genug  ist.
Ist  es  gelungen,  das  gesunkene  Schiff  etwas  zu  heben,  so  fahren  die  Pontons  mit
dem  dazwischen  hängenden  Schiff  nach  einer  weniger  tiefen  Stelle  und  setzen  es  hier
ab.  Nun  beginnt  das  Spiel  von  neuem,  d.  h.  die  Pontons  werden  wieder  mit  Wasser
gefüllt,  die  Ketten  werden  wieder  stramm  gezogen  und  alsdann  die  Pontons  abermals
leergepumpt.  Ans  diese  Weise  verfährt  man  so  oft,  bis  das  Schiff  wieder  an  der  Oberfläche ­
  erscheint.
Die  Arbeiten  zur  Hebung  oder  zur  Forträumung  gesunkener  Schiffe  sind  vielfach
hinsichtlich  ihres  Erfolges  unberechenbar,  und  das  Bergungsgeschäft  ist  daher  ein  sehr
        <pb n="559" />
        581.  Hebung  und  Kergung  des  Torpedobootes  S.  85.  Nach  „Mutter  Erde".

\  *  h'  ^.  i

MM  ^  \  ||g  .  ^  -

.  §  i

582.  Bergung  der  „Athubusko".

74
        <pb n="560" />
        588

Heben  und  Bergen  verunglückter  Schiffe.

gewagtes  und  teueres.  Die  Fortschaffung  des  in  der  Elbe  gegenüber  von  Altona  gesunkenen ­
  Schiffes  „Athabaska"  kostete  120000  Mark.  Das  Schiff  war  durch  eine
Kollision  in  zwei  Stücke  auseinandergerissen.  Zuerst  wurde  der  vordere,  dann  der
Hintere  Schiffsteil,  nachdem  diese  durch  Taucher  gedichtet  waren,  stromaufwärts  gebracht. ­
  Die  Abb.  582  gibt  eine  Darstellung  einzelner  Vorgänge  dieser  mühsamen  und
kostspieligen  Arbeit.
Eine  hochinteressante  und  trotz  der  größten  Schwierigkeiten  bestens  gelungene  Arbeit
dieser  Art  ist  auch  die  1875  und  1876  durch  den  königlichen  Bauinspektor  A.  Dresel  ausgesührte
Hebung  des  englischen  Schraubeuschiffs  „Ladt,  Cathrine".  Dasselbe  wurde  am  28.  Mai  1875
im  Hafen  von  Swinemünde  durch  das  englische  Schraubenschiff  „Milo"  an  Backbordseite,  7  in

vom  Vordersteven,  mit  solcher  Heftigkeit  gerammt,  das;  die  „Milo"  tief  in  die  „Lady  Cathrine"
eindrang  und  dieselbe,  mit  voller  Kraft  rückwärts  arbeitend,  eine  Strecke  weit  mit  in  das
tiefere  Fahrwasser  zurückzog,  bevor  sie  loskam.  Das  Wasser  drang  dann  mit  großer  Schnelligkeit
in  den  Riß  ein,  und  in  wenigen  Minuten  sank  das  Schiff,  sich  infolge  einer  Absenkung  des
Grundes  stark  überlegend.  Die  Mannschaft  rettete  nichts  als  das  nackte  Leben.  Da  nun
durch  den  Schiffskörper  das  dort  14  m  tiefe  Fahrwasser  versperrt  wurde,  so  war  die  Beseitigung ­
  desselben  dringend  erforderlich.  Eine  dänische  Bergungsgcsellschaft  verlangte  für  die
Sprengung  des  Schiffes  und  Herstellung  eines  freien  Fahrwassers  bis  zu  7,5  m  Tiefe
120  000  Mark.  Diese  Forderung,  welche  zwar  von  anderer  Seite  unterboten  wurde,  jedoch
mit  geringerer  Gewähr  für  die  Schnelligkeit  und  Sicherheit  der  Ausführung,  legte  den  Wunsch
nahe,  die  Hebung  oder  mindestens  die  Fortschaffung  des  Wracks  aus  den;  Fahrwasser  selbst
zu  versuchen.

Die  Ausführung  geschah  nach  den  Plänen  Dresels  mit  Hilfe  von  16  Hcbeprähmcn,  welche
eigens  zu  diesem  Zwecke  gebaut  wurden  und  so  bemessen  waren,  daß  die  Hälfte  zum  Tragen
des  Schiffes  genügte.  Dem  Plan  lag  die  folgende  Idee  zn  Grunde,  das  Schiff  sollte  mit
Hilfe  von  Ketten,  welche  unter  deni  Kiel  desselben  durchzuziehen  waren,  an  eine  Anzahl
abwechselnd  mit  Wasser  zu  füllender  und  dann  zu  entleerender  Prähme  befestigt  werden;  durch
Auspumpen  und  gleichzeitiges  Anziehen  der  nach  dem  25  m  entfernten  Bollwerk  laufenden
Trossen  wurde  das  ganze  System,  Wrack  und  Hebeprähme,  diesem  zugezogen  und  auf  eine
geringere  Tiefe  gebracht,  so  daß  mit  dem  ersten  Heben  gleichzeitig  ein  dauerndes  Abstützen
verbunden  wurde.  Sobald  die  Bordwand  über  Wasser  kommen  würde,  sollte  das  Leck  gedichtet ­
  und  das  Schiff  durch  Auspumpen  flott  gemacht  werden.
Indessen  lag  das  Schiff  schief  (Abb.  583),  mit  den  Masten  nach  unten  gerichtet.  Es  mußte
also  vorher  aufgerichtet  werden,  was  ebenfalls  mit  Hilfe  der  Prähme  geschah.  Man  begann
mit  dem  Entlasten  des  Schiffes  durch  Herausschaffen  der  unter  Wasser  lösbaren  ■  Teile  der
Schiffsrüstung,  der  Takelung  und  eines  Teils  der  Kohlenladung.  Mittels  einer  sechspferdigen
Dampfwinde  wurden  mehrere  schwere  Anker,  Schisfsketten,  Tauwerk,  Raaen,  Segel,  Boote,
zwei  Dampfmaschinen  und  440  cbm  Kohlen  gehoben,  unter  zeitweiser  Benutzung  von  4  Tauchern.
        <pb n="561" />
        589

Heben  des  Dampfers  „Lady  Cathrine".

Die  Arbeit  nahm  den  Herbst  und  die  erste  Hälfte  des  folgenden  Sommers  (1876)  in  Anspruch.
Dann  wurden  16  schwere  Ketten,  von  45  ruru  Eisenstärke  unter  dem  Schiff  durchgezogen,
wobei  ein  starker  Wasserstrahl,  welcher  den  Boden  auflockerte,  benutzt  wurde.  Selbst  da,  wo
das  Schiff  2  m  im  festen  Thon  eingebettet  war,  machte  es  keine  Mühe,  die  nötigen
Öffnungen  auf  diese  Weise  durchzutreiben.  Run  galt  es  also  zunächst,  das  Schiff  auf  den  Kiel
zu  bringen.  Die  16  Ketten  wurden  durch  die  Koker  gezogen,  so  daß  nunmehr  das  Schiff  an
32  Kettenenden  hing,  von  denen  jedes  um  den  zugehörigen  Windebaum  eines  der  16  Prähme
gewickelt  war.  Mit  Hilfe  eines  Prahms,  dessen  Kette  an  dem  Mast  befestigt  war,  und  4  starker
Trossen,  welche,  über  das  Deck  gelegt,  vom  Ufer  angeholt  wurden,  gelang  es  in  der  Zeit  vom
6.  bis  zum  11.  Juli  das  Schiff  so  weit  bergan  zu  rollen,  daß  der  Schornstein  über  Wasser
sichtbar  wurde.  Bald  setzte  das  Schiff  mit  dem  Kiel  auf,  und  damit  war  die  weitere  Aufrichtung ­
  so  weit,  daß  man  mit  dem  eigentlichen  Heben  beginnen  konnte.  Die  Neigung  des
Decks  gegen  den  Horizont  betrug  40  Grad.  Es  wurde  daher  die  gesamte  Hälfte  der  Prähme
zur  Hebewirkung  gebracht  und  so  am  19.  Juli  das  Abheben-  vom  Grunde  und  die  weitere
Annäherung  an  das  Bollwerk  bewirkt.  Bald  kau:  auch  das  Schiff  mit  dem  Steucrbordreiling
an  den  Boden  der  Prähme,  welcher  Umstand  zum  weiteren  Aufrichten  benutzt  werden  konnte.
Dies  gelang  vollständig  bis  Mitte  August,  worauf  mit  dem  Auspumpen  des  Schiffes  begonnen
wurde.  Binnen  einer  Stunde  konnte  das  Wasser  aus  dem  Hinterschiff  und  der  Kajütte  entfernt ­
  werden.  Das  Schiff  hob  sich  dabei  um  1,5  m.  Man  ging  nun  an  das  Abdichten  der
zahllosen  Leckstellen  und  begann  mit  dem  Löschen  der  Kohlen.  Am  28.  August  konnten  die
eigenen  Pumpen  des  so  geretteten  Schiffes,  nachdem  sie  aus  dem  Kvhlenschlamm  herausgegraben ­
  waren,  zum  Bergen  des  Hinterschiffs  benutzt
werden.  Am  31.  August  endlich  gelang  es,  von  dem  großen
Leck  am  Backbordbug  Maß  zu  nehmen.  Dasselbe  hatte
die  Form  eines  Dreiecks  von  4  m  Höhe  und  1,4  m  Basis
am  Schandeck.  Zur  Dichtung  wurde  eine  4  cm  starke
Tafel  von  doppelter  Brettlage  aufgelegt.  Nun  erst  war
es  möglich,  auch  das  Vorderschiff  zu  entleeren  und  damit
auch  die  dort  befindlichen  Kohlen  zu  löschen.  Darauf
wurden  die  Maschinenteile  gereinigt,  einige  notwendige
Ausbesserungen  ausgeführt  und  die  Kessel  geprüft.  Am
13.  September  wurde  die  Maschine  unter  Dampf  geprüft
und  für  vorzüglich  brauchbar  gefunden.  Am  23.  September ­
  ging  das  Schiff,  inzwischen  neu  ausgerüstet,  unter
Dampf  und  legte  sich  in  Swinemünde  an  das  Bollwerk.  Da
die  gesamten  Hebungskosten  sich  auf  185  000  Mark  stellten,
der  Verkaufswert  des  Schiffes  aber  auf  184  000  Mark  abgeschätzt ­
  wurde  und  der  Erlös  aus  den  Prähmen,  Kohlen
u.  s.  w.  50  000  Mark  lieferte,  so  ergab  sich  ein  Erlös  von
49  000  Mark  gegenüber  dem  für  die  Sprengung  geforderten ­
  Preis  von  120  000  Mark.
Die  Methode,  die  Hebung  eines  Schiffes  durch  den  Auftrieb  von  Vorrichtungen,
welche  man  an  dasselbe  befestigt,  zu  bewirken,  ist  besonders  in  der  russischen  Marine  beliebt. ­
  Die  Säcke  bestehen  aus  Jndiafaser  und  Hanfzwilch,  welche  Stoffe  in  abwechselnden
Lagen  zusammengelegt  werden.  Die  Länge  derartiger  Säcke  beträgt  5  bis  6  in,  der
Durchmesser  4  bis  5  in,  so  daß  ihre  Hebekraft  6  bis  10  Tonnen  erreicht.
Die  Luftsäcke  leiden  sämtlich  an  dem  Nachteil,  daß  sie  bei  ihrem  Aufsteigen  an  die
Oberfläche  häufig  platzen,  weil  der  Luftdruck  im  Sack  gegenüber  dem  allmählich  abnehmenden ­
  Wasserdruck,  zu  groß  wird.  Um  diesen  Mangel  zu  beseitigen,  hat  man  Druckregulatoren ­
  angebracht.  Da  jedoch  die  Schiffshebnng  auf  diese  Weise  immer  schwierig  ist,
so  hat  man  versucht,  den  Schiffskörper  selbst  als  Lnstsack  zu  benutzen.  Namentlich  für
Fälle,  wo  der  Kiel  oben  liegt,  ist  dieser  Weg  besonders  geeignet,  da  der  Schiffsboden  an
sich  —  bis  auf  das  etwaige  Leck  —  bereits  dicht  ist,  während  bei  einem  aufrecht  gesunkenen ­
  Schiff  erst  das  Deck  abgedichtet  werden  muß,  was  besonders  bei  großen  Tiefen
außerordentliche  Schwierigkeiten  machen  würde.
Für  den  „Großen  Kurfürsten",  welcher  bei  Folkestone  infolge  einer  Kollision  gesunken ­
  ist,  tvar  von  dem  Marineingenieur  Haedicke  die  Abdichtung  in  der  Weise  entivorfen
worden,  daß  ein  Rahmen  (Abb.  586)  um  die  Leckstelle  aufgebracht  und  durch  eingehakte
Schrauben  befestigt  werden  sollte,  welcher,  mit  einem  Deckel  versehen,  den  Schluß  belvirkte.
Alsdann  sollte  unter  entsprechenden  Vorsichtsmaßregeln,  um  das  Auftoppen  des  Wracks  zu
vermeiden,  durch  unter  das  Deck  geführte  Röhren  mit  Hilfe  kräftiger  Pumpen  Luft  eingepreßt ­
  werden,  um  das  Wasser  zu  verdrängen.  Die  Berechnung  ergibt,  daß  das  Wasser
        <pb n="562" />
        590

Heben  und  Bergen  verunglückter  Schiffe.

ungefähr  auf  die  alte  Wasserlinie  hinabgedrückt  hätte  werden  müssen,  um  einen  genügenden
Auftrieb  zu  erzeugen  (Abb.  587).
Um  die  Schnelligkeit  der  Verdrängung  des  Wassers  zu  erhöhen,  also  die  Gefahr  zu
vermindern,  daß  ein  inzwischen  ausbrechender  Sturm  die  Arbeit  stört  oder  vernichtet,  hat
man  das  Einpumpen  der  Luft  durch  die  weit  lebhaftere  Entwickelung  von  Gasen  zu  ersetzen
gesucht.  Dr.  Raydt  in  Hannover  hat  gepreßte  Kohlensäure  in  Vorschlag  gebracht,  welche
in  eisernen  Gefäßen  befindlich,  einen  außerordentlich  kleinen  Raum  einnimmt  und  die
Füllung  sehr  schnell  zu  bewirken  im  stände  ist.  Haedicke  entwarf  zu  gleichem  Zweck  eine
Rakete,  welche,  einmal  (elektrisch)  entzündet,  Pulvergase  in  den  Schiffsraum  treibt.  Dieselbe ­
  ist  aus  Gußeisen  gefertigt  und  enthält  einen  zickzackförmigen,  mit  Raketenmasse  gefüllten ­
  Kanal  von  außerordentlicher  Länge,  so  bemessen,  daß  die  Gase  selbst  nach  ihrer
Abkühlung  den  genügenden  Auftrieb  geben.
Die  Hebung  des  „Großen  Kurfürsten"  ist  jedoch  nicht  zustande  gekommen.

"PI

i

586  u.  587.  Michtrir  des  Lrrsts  des  „Großen  Kurfürsten".
Zu  den  nicht  gerade  selten  eintretenden  Schiffsunfällen  gehört  das  auf  Grund
geraten.  Das  Flottmachen  derartiger  Fahrzeuge  läßt  sich  in  vielen  Fällen  dadurch  erreichen, ­
  daß  die  Fracht  ausgeladen  wird,  worauf  das  Schiff  sich  vom  Boden  erhebt.
Genügt  das  Ausschiffen  der  Fracht  jedoch  nicht,  um  eine  genügende  Verminderung  des
Tiefgangs  zu  erreichen,  so  gestaltet  sich  die  Sachlage  ernster.
Handelt  es  sich  um  sehr  schwere  Schiffe,  etwa  um  ein  modernes  Panzerschiff,  so  ist
selbst  eine  Hebung  mittels  Pontons  und  Luftkasten  nicht  ausführbar,  und  man  muß  seine
Zuflucht  zu  anderen  Hilfsmitteln  nehmen.  Als  ein  solches  stellt  sich  bei  günstigen  Grundverhältnissen
  das  Fortspülen  des  Sandes  dar.  Hierzu  bedient  man  sich  eines  sehr  kräftigen
Wasserstrahls,  der  durch  mächtige  Pumpen  hervorgebracht  wird.  Auf  diese  Weise  ist
z.  B.  das  englische  Panzerschlachtschiff  „Bictorious"  auf  der  Reede  von  Port  Said  flott
gemacht  worden.  Dieses  Schiff  besitzt  eine  Länge  von  119  m,  einen  Tiefgang  von  8,6  in
und  ein  Gewicht  von  14900  t.  In  diesem  Falle  wurde  auf  der  einen  Seite  des  Schiffes
ein  Saugbagger  verlegt,  der  mittels  eines  Rohres  den  Schlamm  am  Boden  durch  Aufsaugen ­
  fortnahm,  während  der  zweite  Bagger  auf  der  anderen  Seite  den  Sand  mittels
einer  Wasserstrahlpumpe  aufwühlte.  Es  gelang,  das  Schiff  innerhalb  weniger  Tage  wieder
flott  zu  machen.
        <pb n="563" />
        588.  jUtiigYptische  KchiWe.

Schiffbau.

Geschichtliche  und  technische  Entwickelung.
sie  Schiffahrt  ist  unstreitig  eines  der  ältesten  Gewerbe;  denn  soweit  man  den
Überlieferungen  bis  in  die  Vorzeit  der  Fabel  und  der  Mythologie  nachgehen
kann,  findet  der  Schiffahrtsbetrieb  Erwähnung.  Es  ist  wohl  anzunehmen,  daß
der  ausgehöhlte  Baumstamm  oder  das  aus  mehreren  Stämmen  zusammengefügte ­
  Floß  die  ersten  schwimmenden  Fahrzeuge  gewesen  sind,  und  daß  die
Schiffsform  sich  allmählich  infolge  der  Vervollkommnung  der  Mittel  zur  Fortbewegung ­
  und  zum  Lenken  des  Schiffes  herausgebildet  hat.  Wie  nun  nach  den  geschichtlichen ­
  Überlieferungen  die  menschliche  Kultur  von  den  Völkern  des  Morgenlandes  ausgegangen ­
  ist,  so  sind  auch  die  ersten  Anfänge  der  Schiffahrt  und  des  Schiffbaues  bei
diesen  Völkern  zu  suchen,  da  gerade  der  Schiffahrtsbetrieb  zur  Ausdehnung  des  Handels
und  zur  Hebung  des  Wohlstandes  der  Völker  in  bedeutendem  Maße  beitrug.  Wenngleich
nach  den  vorhandenen  Forschungen  noch  nicht  klargelegt  ist,  ob  das  Ruder-  und  Segelschiff ­
  als  eine  Erfindung  der  Ägypter  oder  der  Babylonier  zu  betrachten  ist,  so  ist  doch
durch  neuere  Ausgrabungen  und  archäologische  Expeditionen  nach  Ägypten  festgestellt
worden,  daß  die  Ägypter  schon  in  den  Jahren  2500—1300  v.  Chr.  langgestreckte,  flachgehende ­
  Schiffe  besaßen,  welche  sowohl  durch  Ruder  (Riemen),  als  auch  durch  Segel
fortbewegt  wurden  und  zum  Stenern  zwei  schaufelförmige  Ruder  besaßen.  Dr.  Johannes
Dümichen  gibt  in  seinem  Werke:  „Die  Flotte  einer  ägyptischen  Königin  ans  dem  17.  Jahrhundert ­
  vor  unserer  Zeitrechnung"  nach  den  im  Terrassentempel  von  Dkr-el-bah'esi  aufgefundenen ­
  Skulpturen  eine  größere  Anzahl  von  Seeschiffsbildern,  von  denen  Abb.  588
fünf  Schiffe  der  ägyptischen  Flotte  zeigt.  Die  Zeichnung  gibt  den  Schiffsrumpf  mit  den
Stevenformen,  den  Dollbord  mit  den  15  Taukränzen  zur  Führung  für  die  Riemen  der
Ruderer,  die  Anordnung  der  Steuerruder,  sowie  die  gesamte  Takelage  nebst  Segel  so
eingehend  wieder,  daß  man  aus  derselben  ein  klares  Bild  über  das  Schiff  der  Ägypter
jener  Zeit  erhält.  Auffallend  ist  sogar  die  Anwendung  eines  Hängewerkes  zur  Erhöhung
des  Längsverbandes  des  Schiffes,  wie  es  heutzutage  bei  flachgehenden  Flußschiffen  gebräuchlich ­
  ist.  Auch  die  Befestigung  des  Mastes  nach  vorn  durch  Stage,  nach  hinten
durch  das  Segelfall  —  die  seitliche  Verstrebung,  die  sogenannten  Wanten,  fehlen,  da
das  breite  Raasegel  nur  vor  dem  Winde  gefahren  wurde  —  die  Stützung  und  Festlegung ­
  der  Raa  durch  Topenanten  und  Brassen  entspricht  im  allgemeinen  den  jetzigen
Gebräuchen.  Das  für  die  größeren  Schiffe  verwendete  Material  bestand  aus  Mimosenholz. ­
  Die  Außenhaut  war  klinkerartig  gebaut  und  erhielt  eine  Anzahl  Pforten  zur
Beleuchtung  des  Schiffsinneren.  Das  feste  Deck  erhielt  vorn  und  hinten  einen  mit
einem  Lattenzaun  umgebenen  Aufbau  für  den  Führer  des  Schiffes  und  die  Leute  auf
dem  Ausguck.  Es  ist  anzunehmen,  daß  diese  Schiffe,  welche  von  den  Ägyptern  in  der
        <pb n="564" />
        592  Schiffbau.

Hauptsache  zu  Verkehrszwecken  benutzt  wurden,  nur  zum  Befahren  der  Flüsse  oder  der
Meeresküsten  geeignet  waren.
Erst  später  wird  von  den  Phöniziern  berichtet,  daß  sie  sich  mit  ihren  Fahrzeugen
auf  das  offene  Meer  gewagt  haben.  Sie  dehnten  sogar  ihre  Fahrten  über  die  Grenzen
des  Mittelländischen  Meeres  aus  und  wußten  ihren  Kurs  durch  Beobachtung  der  Sterne
festzulegen.  Sie  legten  hiermit  den  Grund  zur  Steuermannskunde.  Leider  sind  uns  über
den  Bau  der  phönizischen  Schiffe  keine  zuverlässigen  Nachrichten  und  insbesondere  keine
geeigneten  Abbildungen  überliefert  worden.  Erst  von  den  Schiffen  der  Griechen  ist  uns
wiederum,  im  besonderen  durch  die  Forschungen  von  August  Böckh  und  Dr.  Bernhard
Graser,  ans  bildlichen  Darstellungen  auf  Münzen,  Gemmen  und  Reliefs,  sowie  aus  In-589.

  KMgricchifche  Triere.  Rekonstruklion  von  R.  Haack.
a  Ein  Teil  der  Außenwand  ist  weggedacht,  so  daß  alle  3  Nuderreihen  auf  ihren  Sitzen  sichtbar  sind,  b  zeigt  die  Ruderer
von  hinten,  e  Seitenansicht,  d  Ansicht  von  oben.

schriften  einiger  Aufschluß  zu  teil  geworden.  Im  besonderen  haben  die  auf  großen
Marmorplatten  eingemeißelten  attischen  Seeurkunden,  welche  1834  im  Piräus  gefunden
und  von  Professor  Böckh  in  der  1840  veröffentlichten  Ausgabe  wiedergegeben  wurden,
näheren  Aufschluß  über  den  Bau  der  athenischen  Schiffe  gegeben,  während  das  im
Jahre  1852  in  der  Akropolis  von  Athen  entdeckte  Marmorrelief  eines  Teiles  einer
Triere  leider  so  unvollständig  ist,  daß  die  Meinungen  über  die  Rekonstruktion  eines
solchen  Fahrzeuges  sehr  anseinandergehen.  Es  steht  nur  fest,  daß  die  Griechen  zur
Fortbewegung  der  Schiffe  Riemen  und  Segel  benutzten,  letztere  fanden  jedoch  nur
für  längere  Fahrten  und  bei  günstigem  Winde  Verwendung.  Bei  den  Kriegsschiffen
lag  die  eigentliche  Treibkraft  in  den  Riemen  —  daher  das  Bestreben,  die  Zahl  derselben ­
  durch  Anordnung  der  Ruderer  in  ein  bis  drei  Reihen  übereinander  zu  vermehren ­
  —  sowie  die  Hauptwaffe  in  der  Bngform  mit  dem  kupfernen  oder  eisernen
Schnabel  oder  Sporn.  Die  Lenkung  der  Schiffe  erfolgte  durch  zwei  Ruder  nach  Art
der  ägyptischen  Schiffe.
        <pb n="565" />
        593

Schiffe  des  Altertums.

In  einem  im  Jahre  1895  veröffentlichten  Aufsatz  über  attische  Trieren  hat
R.  Haack  nach  dem  Relief  der  Akropolis,  sowie  anderen  Bildwerken  und  den  von  Roß
im  Piräus  aufgefundenen  Seeurkunden  die  Rekonstruktion  einer  Triers  durchgeführt,
welche  der  Wirklichkeit  den  schriftlichen  Überlieferungen  gemäß  sehr  nahe  kommen  dürfte
(Abb.  589).
Mit  dem  Aufschwung  Alexandriens  nach  dem  Tode  Alexanders  des  Großen  und  mit
der  Entwickelung  der  mathematischen  und  mechanischen  Wissenschaften  durch  die  Gelehrten
dieser  Stadt  scheint  auch  der  Schiffbau  einen  weiteren  Aufschwung  erhalten  zu  haben,  so
daß  unter  den  Ptolemäern  Ägypten  die  erste  Seemacht  der  Welt  wurde.  Sie  erbauten
Kriegsschiffe  von  bedeutenden  Äbmessungen  und  rüsteten  dieselben  zum  großen  Teil  mit
Maschinen  zum  Schleudern  von  Steinen  aus.  Aus  jener  Zeit  stammt  auch  das  gewaltige
Lastschiff  „Alexandria",  welches  Hiero  II.  von  Syrakus  erbauen  ließ  und  seinem  Bundes-590.

  Wikingerschiff,  gefunden  Im  Sandefjord,  jetzt  im  ethnologischen  Mufeum  zu  Christiania.
genossen  Ptolemäus  zum  Geschenk  machte.  Dieses  Schiff  soll  nach  den  Anleitungen  des
Mathematikers  Archimedes  erbaut  worden  sein,  welcher  durch  das  von  ihm  aufgestellte
hydrostatische  Grundgesetz  die  Grundlage  für  die  Lehre  vom  Auftrieb  und  dem  Gleichgewicht ­
  der  schwimmenden  Körper  gegeben  hat  und  so  als  der  erste  Gelehrte  bezeichnet
werden  muß,  der  auf  die  Theorie  des  Schiffes  fördernd  eingewirkt  hat.  Trotz  dieses
Aufschwungs  der  Schiffbankunst  bleibt  dieselbe  lange  Zeit  an  den  Küsten  des  Mittelmeeres, ­
  im  besonderen  nach  der  Zerstörung  Karthagos,  auf  derselben  Stufe  stehen  und
hat  sogar  durch  die  Römer  einen  Rückgang  zu  verzeichnen,  welcher  viele  Jahrhunderte
andauerte.
Ganz  unabhängig  von  den  Völkern  des  mittelländischen  Meeres  hatte  sich  im  hohen
europäischen  Norden  der  Schiffbau  und  die  Schiffahrt  insbesondere  von  den  Skandinaviern, ­
  den  Nordmannen,  entwickelt.  Die  ersten  Nachrichten  über  die  kühnen  Seefahrten
der  Wikinger,  deren  Beschäftigung  in  Seeräuberei  und  abenteuerlichen  Streifzügen  bestanden,
stammen  aus  dem  Ende  des  achten  Jahrhunderts.  Über  Form,  Größe  und  Bauweise ­
  der  Wikingerschiffe  geben  wertvolle  Funde  im  Moor  von  Schleswig  sowie  im
Sandefjord  Norwegens  eingehenden  Aufschluß.  Das  am  Meeresufer  des  Sandefjord
IX  75
        <pb n="566" />
        594

Schiffbau  im  Mittelalter.

ausgegrabene  und  im  ethnologischen  Museum  zu  Christiania  aufgestellte  Wikiugerschiff
(Abb.  590  gibt  eine  Photographie  desselben  wieder)  soll  aus  dem  9.  Jahrhundert
stammen.  Dieses  wohlerhaltene  Schiff  ist  25  in  lang,  5  in  breit  und  führte  32  Riemen.
Es  ist  ähnlich  unseren  jetzigen  Holzschiffen  aus  Spanten  und  Planken  zusammengebaut.
Die  Schiffsform  ist  vorn  und  achtern  scharf  gehalten,  die  Bor-  und  Achtersteven  sind
stark  gewölbt  und  überragen  die  Bordwand  um  etwa  einen  Meter.  Sie  enden  meistens
in  einen  phantastisch  gehaltenen  Tierkopf.  Zum  Steuern  dient  ein  zur  Seite  des  Hinterschiffes ­
  an  einen  Vorsprung  der  Außenhaut  gelagertes  Ruder,  so  daß  mit  Hilfe  desselben
die  Takelage  und  die  Segelfläche  erheblich  vergrößert  werden  konnte.  Die  Takelage
beschränkt  sich  auf  einen  Mast  mit  Quersegel.  Außer  der  Zahl  der  Rojer  •—  Ruderer  —
betrug  die  Besatzung  der  Wikingerschiffe  30  bis  70  Mann,  und  zum  Schutz  der  Ruderer
dienten  Schilde,  welche  am  Schanzkleide  aufgestellt  waren.  Ein  Verdeck  fehlte,  jedoch
kam  später  im  Hinterschiff  eine  Hütte,  im  Vorschiff  ein  kurzes  Deck  für  die  Kämpfer
hinzu.  Im  Jahre  1000  bis  1200  n.  Chr.  finden  wir  schon  größere  skandinavische
Schiffe  von  höherem  Freibord  mit  einem  Kastell  auf  dem  Vorschiff,  einer  erhöhten
Hütte  achtern  sowie  mit  einer  vergrößerten  Takelage,  welche  sich  auf  drei  Masten  verteilt. ­
  Die  Masten  trugen  im  Top  Mastkörbe  zur  Aufnahnie  von  Kriegern;  auch
wußte  man  die  Stellung  der  Segel  so  einzurichten,  daß  man  auch  bei  halbem,  d.  h.
seitlichem  Winde  fahren  konnte.  Es  tritt  daher  bei  den  nordischen  Völkern  zuerst  das
Bestreben  auf,  die  Segel  fast  ausschließlich  zum  Fortbewegen  der  Schiffe  zu  verwenden,
was  bei  den  ausgedehnten  Fahrten  auf  der  hohen  See,  wo  eine  Benutzung  der  Riemen
erschwert  ist,  erklärlich  erscheint.
Die  skandinavischen  Schiffe  bilden  nun  die  Vorläufer  der  Schiffe  der  deutschen  Hansa,
welche  im  12.  Jahrhundert  von  den  Kaufleuten  der  niederdeutschen  Städte  gegründet
wurde,  um  den  Handelsverkehr  gegen  die  räuberischen  Einfälle  und  Verheerungen  der  Normannen ­
  zn  schützen.  Mit  der  Ausdehnung  des  Handels  des  Hansabundes  wuchs  auch
seine  Kriegsmacht  und  entstanden  so  Flotten,  welche  sogar  später  als  Begleitschiffe  für  die
Kreuzfahrer  ins  Mittelländische  Meer  fuhren.  Die  hanseatischen  Koggen  (Abb.  591)
besaßen  ähnlich  den  skandinavischen  Schiffen  vorn  und  hinten  kastellartige  Erhöhungen,
in  denen  anfangs  Katapulten,  später  Geschütze  Aufstellung  fanden;  sie  wurden  bis  zu
einer  Größe  von  209  Tonnen  Tragfähigkeit  gebaut.  Neben  den  Abmessungen  der  Fahrzeuge ­
  wurden  die  Segelflächen  stetig  vergrößert,  als  durch  die  Einführung  des  am  Hintersteven ­
  fest  gelagerten  Steuerruders  die  Lenkung  des  Fahrzeuges  bei  dem  erhöhten  Segeldruck ­
  möglich  wurde.
In  die  Zeit  des  Aufblühens  der  Hansa  fällt  die  Entwickelung  der  Seemacht  der
beiden  Republiken  Genua  und  Venedig  und  der  mehrere  Jahrhunderte  lang  geführte
Wettstreit  beider  Städte  um  die  Seeherrschaft  im  Mittelländischen  Meere,  welcher  schließlich ­
  mit  der  Überlegenheit  der  Venezianer  endete.  Die  venezianischen  Schiffe,  die  sogenannten
Galeeren,  waren  anfänglich  scharf  gebaute  Ruderschiffe  von  niedrigem  Freibord  bis  zu
50  in  Länge.  Die  Riemen  besaßen  eine  Länge  von  15  in  und  wurden  meist  von
5  Mann  bedient.  Außerdem  führten  die  Galeeren  zwei  Masten  mit  lateinischen  Segeln.
Später  kamen  die  Galeassen  auf,  völlig  gebaute  Fahrzeuge  mit  hohem  Freibord  und
mit  größerer  Takelage.,  Nur  im  Gefecht  wurden  sie  mit  Riemen  bewegt.  Bei  den
größeren  Schiffen  findet  man  zum  erstenmal  vier  Masten,  die  beiden  vorderen,  Fock
und  Großmast  mit  Raasegeln,  die  beiden  hinteren  Besahnmasten  mit  lateinischen  Segeln,
da  die  mit  hohen  Kastellen  versehenen  Fahrzeuge,  um  bei  seitlichem  Winde  nicht  abzutreiben, ­
  eine  größere  Segelfläche  erforderten  (Abb.  592).  Die  Rohrgeschütze  standen  in
den  beiden  Kastellen.
Nach  der  Erfindung  des  Kompasses  und  der  hierdurch  ermöglichten  Orientierung
auf  hoher  See  begannen  nun  gegen  Ende  des  15.  Jahrhunderts  die  Portugiesen  und
Spanier  ihre  glänzenden  Entdeckungsfahrten  und  griffen  auf  diese  Weise  in  die  Entwickelung ­
  des  Schiffbaues  mächtig  ein.  Seit  diesem  Zeitpunkt  tritt  die  Takelage  der
Schiffe  und  ihre  stete  Verbesserung  in  den  Vordergrund,  während  die  Ruderboote  für
        <pb n="567" />
        596  Schiffbau  im  Mittelalter  und  in  der  neueren  Zeit.
Fahrten  auf  hoher  See  und  für  Kriegsschiffe  fast  ganz  verschwinden.  Die  Schiffe  erhalten
durchweg  feste  Decks,  wodurch  ihre  Seefähigkeit  verbessert  wird.
Die  portugiesischen  Karavellen,  welche  vorzugsweise  zu  den  Entdeckungsfahrten
Verwendung  fanden,  waren  Segelschiffe  von  gefälligen  Formen,  verhältnismäßig  scharfem
Boden  und  fein  verlaufenden  Schiffslinien.  Gewöhnlich  hatten  die  Karavellen  in  der
Mitte  einen  niederen  Freibord  und  vorn  und  hinten  hohe  Aufbauten  mit  festen  Decks.
Die  drei  Karavellen  „SantaMaria",  „Pinta"  und  „Nina",  welche  Kolumbus  auf  seiner  ersten
Reise  im  Jahre  1#02  führte,  sind  in  einem  Bilde  des  Marinemaler  Rafael  Manleon  nach
Skizzen  und  Bildern,  aus  Chroniken  sowie  Baureliefs  und  Denkmünzen  zusammengestellt
(Abb.  593),  während  der  Längenschuitt  der  „Nina",  einer  der  „Santa  Maria"  ähnlichen
Karavelle  in  Abb.  594  wiedergegeben  ist.  Die  lateinischen  Segel  der  letzteren  wurden
schon  zu  Anfang  der  Reise  durch  Quersegel  ersetzt.  Die  Besegelung  der  „Santa  Maria"
bestand  aus  Focksegel,  Großsegel,  Großmarssegel,  einem  lateinisch  geschnittenen  Kreuzsegel

593.  Die  KaraucUrii  des  Kolumbus,
und  dem  Segel  der  blinden  Raa  am  Bugspriet.  Eigenartig  ist  die  Durchführung  der
Stenerpinne  durch  das  Spiegelheck  sowie  die  Anwendung  von  sechs  Gats  in  der  Bordwand
inittschiffs  zum  Durchstecken  von  Riemen.
Die  Hauptabmessungen  der  Schiffe  waren:
„Santa  Maria"  „Pinta"  „Nina"
Länge  zwischen  den  Perpendikeln  23,0  m  20,16  m  17,36  m
Größte  Breite  6,7  m  7,28  m  5,6  m
Raumtiefe  /  4,50  m  3,36  m  3,08  m
Deplacement  237  t
Die  „Santa  Maria"  führte  als  Rohrgeschütze  Spingarden  und  Bombarden,  welche
Steinkugeln  schleuderten.
Die  Entdeckungsfahrten  von  Kolumbus,  Vasco  de  Gama  und  anderen  sowie  die  hiermit ­
  verbundene  Besitzergreifung  in  den  fremden  Weltteilen  fanden  nun  bald  bei  den
Engländern  und  Holländern  Nachahmung.  Schiffe  dieser  Nationen  durchfurchten
die  Meere,  wobei  der  Kompaß  und  die  astronomischen  Messungen  mit  den  Oktanten  zur
Orientierung  dienten,  und  so  entstand  frühzeitig  ein  lebhafter  Wettstreit  um  den  Vorrang
der  Herrschaft  zur  See  nach  dem  Grundsatz:  Wer  die  See  beherrscht,  beherrscht  auch  den
        <pb n="568" />
        598  Schiffbau.

Welthandel.  Und  so  waren  die  Schiffahrt  treibenden  Nationen  im  16.  und  17.  Jahrhundert ­
  bestrebt,  den  Schiffbau  nach  Möglichkeit  zu  fördern  und  zu  veroollkomninen.  Die
weiten  Fahrten  über  See  erforderten  günstigere  Schiffsformen  unter  Wasser,  große  Seetüchtigkeit ­
  und  eine  Verbesserung  der  Segeleigenschaften.  Man  begann  den  Schiffsboden
zum  Schutze  gegen  den  Bohrwurm  und  zur  Verminderung  des  Anwuchses  mit  Kupferplatten ­
  zu  beschlagen.  Die  Schiffe  selbst  erhielten  größere  Abmessungen,  stärkere  Verbände
und  zweckentsprechende  Bug-  und  Heckformen.  Vor-  und  Hinterkastell  verschwanden  allmählich, ­
  dafür  trat  das  vorn  ausspringende  Gallion  und  die  Galerien  mit  den  Seitentaschen ­
  am  Heck.  Die  Masten  wurden  geteilt  und  erhielten  Stengen  zum  Fieren.  Die
Segel  wurden  der  Höhe  nach  geteilt  in  Uutersegel,  Marssegel  und  Bramsegel,  auch  kamen
später  die  Leesegel  —  Beisegel,  welche  die  Segelfläche  in  der  Breite  vergrößerten  —  hinzu.
Der  Schnitt  der  Segel  wurde  dabei  so  gewählt,  daß  sie  möglichst  bauchig  am  Winde
standen,  da  man  der  Meinung  war,  daß  der  Wind  sich  in  denselben  fangen  müsse,  ein
vollkommen  unwissenschaftlicher  Grundsatz,  welcher  erst  in  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts
allmählich  verlassen  wurde.

&amp;amp;96.  ptr  erste  Dreidecker  „The  Kovcrcign  of  the  Keas",  erbaut  16S7.

Mit  Bezug  auf  die  Armierung  der  Kriegsschiffe  mit  Geschützen  ergab  sich  seit  dem
Jahre  1500  ein  gewaltiger  Umschwung,  als  man  nach  dem  Vorschlag  des  Franzosen
Decharges  anfing,  Geschützpforten  in  die  Außenhaut  einzuschneiden  und  die  Geschütze  in
der  Breitseite  aufzustellen.  Als  erstes  Breitseitschiff  wurde  im  Jahre  1512  unter  der
Regierung  Heinrich  VIII.  an  der  Themse  das  Linienschiff  „Henry  Grace  de  Dieu"  erbaut.
(Abb.  595).  Es  war  ein  Zweidecker  von  1000  t  Deplacement,  führte  54  Achtzehnund ­
  Neunpfünder  in  den  Batterien  und  26  Stück  Sechs-  und  Einpfünder  auf  Oberdeck,
Hütte  und  Back  und  hatte  eine  Besatzung  von  700  Mann.  Im  Jahre  1637  wurde  alsdann ­
  in  Woolwich  der  erste  Dreidecker  „The  Sovereign  of  the  Seas"  (Abb.  596)
erbaut.  Das  Schiff  hatte  eine  Länge  zwischen  den  Perpendikeln  von  170  Fuß  engl.,  eine
Länge  über  alles  von  232  Fuß  und  eine  größte  Breite  von  48  Fuß  bei  einem  Tonnengehalt ­
  von  1637  Tons.  Es  besaß  drei  feste  Decks  und  führte  100  Geschütze  und  zwar
30  in  der  unteren,  30  in  der  mittleren  und  26  in  der  oberen  Batterie,  während  die
übrigen  auf  dem  Oberdeck  der  Back  und  der  Hütte  verteilt  waren.  Die  untersten  Geschützpforten ­
  lagen  nur  4  Fuß  über  Wasser,  so  daß  dieselben  bei  bewegter  See  geschlossen
werden  mußten.  Wegen  mangelnder  Stabilität  wurde  später  das  oberste  Deck  rasiert  und
das  Schiff  zum  Zweidecker  gemacht.  Die  später  im  Jahre  1735  erbaute  „Victory",  ein
Dreimaster  ähnlicher  Konstruktion  mit  100  Geschützen  (Abb.  597),  kenterte  infolge  des
Schöpfens  der  untersten  Geschützpforten  im  Kanal  im  Jahre  1744  und  ging  mit  der
ganzen  Besatzung  fan  1000  Mann)  unter.
Trotzdem  diese  Schiffe  schon  gewaltige  Abmessungen  auswiesen  und  mit  Bezug  auf
Belastung,  Konstruktion  der  Verbandteile,  Besegelung  und  Stabilität  schwierige  Auf ­
        <pb n="569" />
        599

Bau  und  Armierung  der  Kriegsschiffe  im  16.  u.  17.  Jahrhundert.
gaben  für  den  Schiffbau  in  sich  schlossen,  so  war  doch  bis  zu  dieser  Zeit  von  wissenschaftlichen ­
  Grundsätzen  beim  Bau  der  Schiffe  wenig  zu  spüren.  Die  damaligen
Schiffbaumeister  waren  nichts  weiter  als  geschickte  Handwerksmeister,  welche  ihre  Kenntnisse ­
  und  Fähigkeiten  für  den  Schiffbau  von  ihren  Vätern  erbten,  so  daß  sich  meist
Generationen  von  Schiffbauerfamilien  bildeten.  Ihre  Thätigkeit  beschränkte  sich  darauf,
nach  den  Angaben  der  Besteller  oder  nach  bekannten  und  überlieferten  Vorbildern  die
Schiffsform  zu  wählen  und  durch  Auswahl  gesunder  Bauhölzer  und  sachgemäße  Verbindung ­
  der  Bauteile  ein  möglichst  festes  und  dauerhaftes  Werk  herzustellen.  Schiffspläne
sowie  Berechnungen  zur  Bestimmung  des  Deplacements  und  der  Tragfähigkeit  und  zum  Nach-597.

  prrideckrr  „Mc  Mictory",  erbaut  173».
weis  einer  genügenden  Stabilität  wurden  nicht  verlangt.  Man  bildete  sich  meist  ein  Urteil
hiervon  auf  Grund  eigener  Erfahrungen  bezw.  nach  den  Angaben  der  Kapitäne  und  eigener
in  Fahrt  befindlicher  Schiffe.  Überdies  bot  das  Holz  als  Baumaterial  eine  leichte  Gelegenheit, ­
  unschöne  Formen  des  Schiffes  während  des  Baues  zu  beseitigen  bezw.  Anbauten  nachträglich ­
  anzubringen.  Schon  unter  der  Regierung  der  Königin  Elisabeth  strebte  der  Seemann
und  Gelehrte  Sir  Walter  Raleigh  dahin,  die  wissenschaftliche  Fortbildung  der  Schiffbaukunst ­
  zu  fördern.  Er  tadelte  die  damaligen  Schiffbauer  wegen  ihrer  mangelhaften
technischen  Kenntnisse  und  der  hierdurch  sich  ergebenden  häufigen  Konstruktionsfehler  und
Mißerfolge.  In  seiner  Abhandlung  über  die  königliche  Marine  und  den  Dienst  zur
See  lenkte  er  die  Aufmerksamkeit  auf  den  schädlichen  Einfluß,  welchen  die  Überschreitung
des  Tiefganges  auf  die  Segeleigenschaften  eines  Schiffes  ausübt.  Auch  einer  der  ältesten
französischen  Autoren,  der  Jesuitenpater  und  Lehrer  der  Mathematik  am  Seminar  zu
        <pb n="570" />
        600  Schiffbau.

Toulon  Paul  Hoche,  schreibt  im  Jahre  1690  in  seinem  Werk  „Theoriedelaconstniction
des  vaisseaux“:  „Man  kann  nicht  leugnen,  daß  die  für  den  Staat  so  notwendige  Schiffbaukunst ­
  von  allen  Künsten  die  am  wenigsten  ausgebildete  ist.  Der  Zufall  hat  bei  dem
Schiffbau  so  viel  zu  sagen,  daß  die  mit  der  größten  Aufmerksamkeit  gebauten  Schiffe
gewöhnlich  sehr  schlecht  ausfallen,  während  jene  Schiffe,  die  sehr  nachlässig  gebaut
werden,  oft  die  besten  sind.  So  sind  die  großen  Schiffe  meistens  ganz  verfehlt,  und
unter  den  Kauffahrern  findet  man  mehr  gute  Schiffe  als  in  der  königlichen  Flotte."
Vor  allem  war  das  Problem  der  Stabilität  lange  Zeit  hindurch  den  Schiffbauern ­
  nicht  geläufig.  Neugebaute  Schiffe  erwiesen  sich  daher  oft  so  wenig  stabil,  daß
alle  möglichen  Mittel,  wie  Einbringen  von  Ballast,  Verstärkung  der  Beplankung  in  der

598.  Linienschiff  „Me  Oueen",  erbaut  1839.  Nach  „Navy  and  army  illustrated“.
Wasserlinie  oder  sogar  Abrasieren  des  oberen  Decks  angeordnet  werden  mußten,  um  die
Schiffe  einigermaßen  stabil  zu  machen,  zumal  bei  den  nur  wenig  über  Wasser  befindlichen
Geschützpforten  der  untersten  Batterie  ein  Schöpfen  von  Wasser  durch  diese  Pforten  beim
Krängen  des  Schiffes  und  demnach  ein  Kentern  zu  befürchten  war.  Obwohl  im  Jahre
1757  Daniel  Bernouilli  von  der  „Societe  Royale  des  Sciences“  in  Paris  einen
Preis  für  eine  Denkschrift  erhielt,  in  welcher  die  Bedingungen  für  die  statische  Stabilität
dargestellt  waren,  so  vermochten  noch  30  Jahre  später  englische  Autoritäten  im  Schiffbau ­
  die  Ursache  der  mangelhaften  Stabilität  dreier  Schiffe  nicht  zu  ergründen.  Ein
Grund  lag  zum  Teil  darin,  daß  die  damaligen  theoretischen  Abhandlungen  zu  hohe
mathematische  und  technische  Kenntnisse  voraussetzten,  so  daß  der  berühmte  Mathematiker
Euler  in  der  Einleitung  zu  seinem  im  Jahre  1776  erschienenen  Werk  „Theorie  complete
  de  la  constniction  et  de  la  manoeuvre  des  vaisseaux“  schrieb:  „Wenngleich  schon
vierzig  Jahre  vergangen  sind,  seit  die  Mathematiker  mit  einigem  Erfolge  diesen  Gegenstand ­
  bearbeiten,  so  sind  ihre  Entdeckungen  doch  noch  von  so  schwierigen  Berechnungen
        <pb n="571" />
        601

Kriegsschiffbau  im  17.  u.  18.  Jahrhundert.
begleitet,  daß  die  Seeleute  kaum  irgend  einen  Nutzen  davon  haben."  Zu  gleicher  Zeit
wirkte  der  Schwede  Chapman  mit  seinem  1768  erschienenen  Werk  „Architeetura  navalis
mercatoria“  bahnbrechend,  indem  er  in  die  Schiffbaukunst  ein  wissenschaftliches  System
hineinbrachte  und  mit  Hilfe  der  Mechanik  und  höheren  Mathematik  für  die  einzelnen
Schiffsklassen  Regeln  ableitete,  nach  denen  die  Hauptabmessungen,  die  Schiffsformen
sowie  die  Besegelung  im  voraus  berechnet  werden  konnten.  In  Schweden  und  Dänemark
machte  man  sich  diese  Regeln  beim  Bau  der  Schiffe  bald  zu  nutze,  auch  zeigten  sich  in
Frankreich  und  Spanien  bald  die  ersten  Anfänge  einer  theoretischen  Behandlung  des
Schiffbaues,  während  die
Engländer  noch  länger  an
ihren  praktischen  Überlieferungen ­
  festhielten.  Erst
mit  den  Fortschritten  in
dem  Bau  der  Kriegsschiffe
trat  mehr  und  mehr  das
Bedürfnis  einer  theoretischen ­
  Ausbildung  in  der
Schiffbankunst  in  den  Vordergrund ­
  ,  und  so  wurde
im  Jahre  1811  in  England ­
  die  erste  Schule  für
Schiffbau  durch  die  Admiralität ­
  ins  Leben  gerufen, ­
  welche  später  nach
Portsmouth  verlegt  und
im  Jahre  1864  mit  dem  bgg.  Dampfüoot  von  MUlrr,  Taylor  und  Kymington  im  Jahre  1789.
Royal  Naval  College  in
Greenwich  vereinigt  wurde  und  aus  welcher  eine  große  Zahl  in  der  Mathematik  und  im
Schiffskonstrnktionswesen  ausgebildeter  Zöglinge  hervorgingen,  während  in  Frankreich  in
gleicher  Weise  die  Ecole  du  Genie  maritime  hervorragende  Schiffbauer  heranbildete.
In  Deutschland  machte  man  erst  1830  mit  der  Gründung  der  Schiffbauschule  in  Grabow
bei  Stettin  den  Anfang  zu  einer  wissenschaftlichen  Ausbildung  der  Schiffbauer;  doch  erst
nach  Verlegung  dieser  Schule  nach  Berlin  und  Anschluß  derselben  im  Jahre  1861  an
das  Königliche  Gewerbe-Institut  erhielt  das  Schiffbaufach  in  Deutschland  seine  wissenschaftliche ­
  Grundlage.
Nachdem  England
durch  die  Kämpfe  mit
Frankreich,  Spanien  und
Holland  den  ersten  Rang
unter  den  Seemächten  errungen ­
  hatte,  beherrschte
der  Dreidecker  der  englischen ­
  Kriegsmarine  zwei
Jahrhunderte  hindurch  die
Weltmeere;  er  bildete  mit
seiner  gewaltigen  Artille-  6vo.  Durchschnitt  des  Dampfers  „Charlotte  Dnndas".
rie,  seinen  hohen  Masten
und  der  bedeutenden  Segelfläche  die  höchste  Gefechtsstärke  zur  See.  Das  im  Jahre  1839
erbaute  Linienschiff  „The  Queen"  (Abb.  598),  eines  der  letzten  stolzen  Dreidecker,  führte
HO  Stück  68  und  32  pfündige  Vorderlader.  Die  Länge  zwischen  den  Perpendikeln  betrug ­
  204  Fuß,  die  größte  Breite  60  Fuß,  die  Tiefe  im  Raum  23  Fuß.  Das  Schiff
führte  eine  Besatzung  von  950  Mann.
Während  bis  zum  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  die  Segel  allein  zur  Fortbewegung
der  Schiffe  dienten  und  dementsprechend  die  Fahrten  der  Kauffahrteischiffe  sowie  das
IX  76
        <pb n="572" />
        602  Schiffbau.

Manövrieren  mit  den  Kriegsschiffen  allein  vom  Winde  abhängig  waren,  trat  mit  der
Nutzbarmachung  des  Dampfes  als  Treibkraft  mit  Bezug  auf  die  Bauart  und  die
Formen  der  Kriegs-  und  Handelsschiffe  ein  gewaltiger  Umschwung  ein.  Die  ersten  Versuche, ­
  Schiffe  durch  mechanische  Mittel  fortzubewegen,  fallen  in  den  Anfang  des  17.  Jahrhunderts, ­
  doch  sind  von  diesen  ersten  Anfängen  keine  Überlieferungen  auf  uns  gekommen.
Erst  im  Jahre  1681  veröffentlichte  die  Royal  Society  in  London  ein  von  vr.  Papiu
verfaßtes  Buch,  welches  neben  physikalischen  und  technischen  Erörterungen  den  Vorschlag
enthielt,  ein  Schiff  durch  geeignete  Verwendung  der  Kraft  des  Wafferdampfes  zu  bewegen.
Diese  Ideen  brachte  Papin  einige  Jahre  später  zur  Ausführung,  indem  er  in  Kassel  ein
Räderschiff  erbaute  und  mit  demselben  die  Fulda  hinunter  fuhr.  Leider  wurde  das  Schiff,
als  Papin  die  Durchfahrt  durch  Münden  erzwingen  wollte,  von  den  Mündener  Schiffern
zerstört.  Über  die  Konstruktion  der  Papinschen  Maschine  ist  jedoch  nichts  überliefert
worden.  Später  schien  Papin  keine
weiteren  Versuche  angestellt  zu  haben,
er  starb  bereits  im  Jahre  1700.  In
der  darauf  folgenden  Zeit  wurde  der
Gedanke,  Schiffe  mittels  Dampfkraft  zu
treiben,  nur  durch  die  Schrift  erörtert.
Daniel  Bernouilli  schlug  in  seiner
1738  erschienenen  Hydrodynamica  zuerst ­
  vor,  Schiffe  mit  Hilfe  eines  Reaktionspropellers ­
  zu  treiben  nach  Art
einer  Rakete,  später  brachte  er  in  seiner
1753  von  der  Pariser  Akademie  der
Wissenschaften  preisgekrönten  Schrift
über  den  besten  Propeller  zum  Treiben
von  Schiffen  ohne  Anwendung  des
Windes  in  Vorschlag,  Schrauben  nach
Art  der  Windräder  an  jeder  Seite  des
Schiffes  wirken  zu  lassen  und  dieselben
durch  Dampfmaschinen  oder  Pferdegöpel
zu  drehen.  Auch  Albert  Euler  schlägt
in  den  Memoiren  der  Berliner  Akademie ­
  von  1764  vor,  Ruderräder,  Reaktionsrohre ­
  und  Schraube  zu  benutzen.
Die  weiteren  praktischen  Versuche  wurden ­
  dann  im  Jahre  1776  von  dem
französischen  Marquis  Claude  Joffroy
ausgeführt,  doch  brachten  dieselben  keinen  wesentlichen  Erfolg.  Erst  den  Engländern  war
es  vorbehalten,  das  erste  brauchbare  Dampfschiff  zu  erbauen,  und  hierzu  gab  der  Schotte
Patrick  Miller  den  Anstoß.  Im  Verein  mit  Taylor  und  Symiugton  baute  er  ein  Doppelboot, ­
  in  dessen  Mitte  zwei  Ruderräder  anfänglich  durch  eine  Handhaspel,  später  durch
eine  Dampfmaschine  betrieben  wurden  (Abb.  599).  Rach  den  mit  diesem  Boot  gemachten
günstigen  Erfahrungen  wurde  im  Jahre  1789  ein  größeres  Dampfschiff  mit  einer  zwölfpferdigen
  Maschine  erbaut,  doch  zeigten  sich  die  Schaufelräder  zu  schwach.  Die  Schaufeln
brachen  nacheinander  ab,  und  Miller  gab  dann  weitere  Versuche  aus.  Zu  gleicher  Zeit
machten  in  Nordamerika  Fitch  und  Rumsay  Versuche  mit  Dampfbooten.  Fitch  verwendete
Schaufeln  mit  langen  Stielen,  später  Schrauben,  Rumsay  die  von  Daniel  Bernouilli  vorgeschlagene ­
  Neaktionskraft  als  Propeller,  doch  hatten  beide  keinen  anhaltenden  Erfolg.
Die  Dampfschiffahrt  verschwand  nun  nicht  mehr  von  der  Tagesordnung.  So  sehen  wir
1802  Symington  noch  einmal  und  ganz  anders  als  früher  gerüstet  auftreten.  Unter
der  Protektion  des  Lord  Dundas  erbaute  er  die  „Charlotte  Dundas"  (Abb.  600),  ivelches
Fahrzeug  als  das  erste  praktische  Dampfboot  angesehen  werden  kann.  Es  hatte  eine  doppelt
wirkende  zweicylindrige  Wattsche  Dampfmaschine  mit  Kondensation,  welche  das  am  Heck

601.  Uoirrrt  Fntton.
        <pb n="573" />
        603

Das  erste  Dampfschiff.
gelagerte  Schaufelrad  mittels  zweier  Kurbeln  drehte.  Das  Boot  soll  zwei  Kanalschiffe
mit  einer  Geschwindigkeit  von  lU/4  Seemeilen  (1852  m)  pro  Stunde  geschleppt  haben.
Da  jedoch  die  Kanaleigner  wegen  der  Uferbeschädigungen  infolge  der  vom  Schaufelrad
erzeugten  nicht  unbedeutenden  Wellen  gegen  die  Thätigkeit  derartiger  Dampfboote
protestierten,  so  kam  die  Charlotte  Dundas  nicht  weiter  in  Betrieb  und  geriet  bald  in
Vergessenheit.
Wenn  daher  schließlich  die  Krönung  des  Werkes  nicht  in  England  sondern  in  Nordamerika ­
  erfolgte,  so  hatte  dies  darin  seinen  Grund,  daß  man  in  dem  jungen,  aufstrebenden
Freistaat  dieser  Angelegenheit  größere  Wichtigkeit  beilegte  und  in  der  Entwickelung  der
Dampfschiffahrt  einen  kräftigen  Hebel  für  den  zunehmenden  Handelsaufschwung  erblickte
und  voraussah.  Der  Kanzler  Livingston  zu  New  Jork  hatte  sich  seit  1797  der  Sache
warm  angenommen  und  ließ  alle  Betriebsmittel,  Schaufelräder,  Schrauben,  endlose
Ketten  durchprobieren.  Im  Jahre  1801  traf  Livingston  als  Gesandter  in  Paris  mit

602.  Fulton»  rrstts  Numpfsthiff.

seinem  Landsmann,  dem  jungen  Maler  und  plänereichen  Ingenieur  Robert  Fulton  zusammen, ­
  welcher  eben,  europamüde,  nach  mehrjährigem  Aufenthalt  in  England  und
Frankreich  sich  zur  Heimkehr  rüstete.  Fulton  hatte  verschiedene  Erfindungen  und  Pläne,
wie  Taucherfahrzeuge  und  unter  Wasser  explodierende  Bomben  vergeblich  dem  Direktorium
in  Frankreich  angeboten,  auch  soll  er  von  Symington  wichtige  Auskunft  und  Einsicht  in
dessen  Versuche  erhalten  haben.  Jetzt  durch  Livingston  zum  Bleiben  bestimmt,  und  mit
Mitteln  versehen,  begab  er  sich  mit  allem  Eifer  an  die  Erbauung  eines  Dampfboots,  und
dasselbe  legte  am  9.  August  1803  seine  erste  Probe  auf  der  Seine  mit  Erfolg  ab.
Aber  die  neue  Erscheinung  machte  bei  den  Franzosen  keinen  Effekt.  Die  Köpfe  berauschten ­
  sich  damals  in  immer  neuen  Siegen  der  französischen  Waffen.  Nach  diesen
Mißerfolgen  beschlossen  Fulton  und  Livingston  die  weiteren  Unternehmungen  auf  den
heimatlichen  Boden  zu  verlegen,  dessen  gewaltige  Ströme  und  Seen  ja  ohnehin  hierfür
wie  geschaffen  waren.  Fulton  hatte  mit  Recht  erkannt,  daß  die  Mißerfolge  der  bisherigen
Unternehmungen  größtenteils  in  den  mangelhaften  und  zu  schwach  konstruierten  Dampfmaschinen ­
  ihren  Grund  hatten.  Er  bestellte  daher  bei  der  Firma  Boulton  und  Watt
eine  Maschine,  welche  im  Oktober  1806  nach  New  Aork  geliefert  wurde,  und  sogleich
76*
        <pb n="574" />
        604  Schiffbau.

wurde  der  Bau  des  Dampfers  begonnen.  Das  Schiff,  nach  dem  Wohnort  Livingstons
„Clermont"  genannt,  besaß  eine  Länge  von  42,km,  eine  Breite  von  14,6m,  eine  Raumtiefe ­
  von  2,25  m  und  einen  Tiefgang  von  0,s  m.  Die  20  pferdige  Maschine  hatte  einen
Cylinderdurchinesser  von  0,Ki  m  und  einen  Hnb  von  1,22  m.  Die  beiden  an  den  Seiten
angebrachten  Schaufelräder  hatten  4,6  m  Durchmesser  und  machten  20  Umdrehungen  pro
Minute  (Abb.  602).  Am  17.  August  1807  unternahm  Fulton  die  erste  größere  Probefahrt, ­
  und  der  „Clermont"  blieb  dann  auf  dem  Hudson  als  Passagierboot  dauernd  in  Betrieb. ­
  Fulton  gebührt  daher  das  Verdienst,  das  erste  brauchbare  und  betriebfähige
Dampfschiff  gebaut  zu  haben,  wenngleich  er  sich  hierzu  die  Vorarbeiten  von  Watt,  Miller
und  Symington  zu  nutze  machte.  Nach  diesem  Erfolg  fanden  die  Dampfschiffe  so  rasche
Verbreitung,  daß  in  wenigen  Jahren  auf  dem  Mississippi,  dem  Ohio,  dem  Lorenzstrom
und  ihren  Nebenflüssen  Dampfschiffe ­
  fuhren  und  Handelsbeziehungen ­
  nach  Gegenden
brachten,  wo  bisher  nur  einzelne
Ansiedler  saßen.  Fulton  beschloß
seine  Laufbahn  mit  dem  Bau
einer  schwimmenden  Batterie,
„Demologos",  welche  der  Kongreß ­
  zum  Schutze  des  Hafens
von  New  Jork  in  Auftrag  gab
und  welcher  als  erster  Kriegsdampfer ­
  in  der  Geschichte  der
Dampfschiffahrt  berühmt  geworden ­
  ist.  Der  „Demologos"
war  ein  Doppelschiff  mit  einem
zwischen  beiden  Schiffsgefäßen
eingebauten  Schaufelrad.  Die
Dampfmaschine  war  durch  starke
hölzerne  Umwallungen  geschützt,
und  das  Schiff  trug  30  Geschütze.
Fulton  starb  vor  Fertigstellung
dieses  Baues  am  24.  Febr.  1815.
Schon  im  Jahre  1818  wurde
alsdann  die  „Savannah"  vom
Stapel  gelassen,  welche  als  erstes
Dampfschiff  später  den  Ozean
durchkreuzte.  Es  besaß  bei  einer
Länge  von  30,5  m,  einer  Breite
von  7,s  m  und  einem  Tiefgang
von  4,3  m  eine  Tragfähigkeit  von  300  Tonnen.  Die  Seitenräder  hatten  einen  Durchmesser ­
  von  4,9  m.  Die  „Savannah"  vollendete  ihre  erste  Fahrt  von  Savannah  nach
Liverpool  in  26  Tagen,  wovon  18  Tage  lang  gedampft  und  die  übrige  Zeit  ausschließlich
gesegelt  wurde.
Gegenüber  den  amerikanischen  Erfolgen  konnte  man  in  Europa  und  vor  allem  in
England  nicht  gleichgültig  bleiben.  Im  Jahre  1811  erbaute  der  schottische  Mechaniker
Henry  Bell  in  Helensbnrg  mit  Unterstützung  von  John  Robertson  in  Glasgow  und  John
Thomson  den  „Komet",  das  erste  Dampfboot  der  Alten  Welt,  welches  im  Jahre  1812
seine  ersten  Fahrten  auf  der  Clyde  zwischen  Glasgow  und  Greenock  machte.  Als  Treibkraft ­
  dienten  je  zwei  Schaufelräder  auf  jeder  Schiffsseite  hintereinander  gelagert.  Als
der  „Komet"  bald  durch  schnellere  Dampfbovte  verdrängt  wurde,  dehnte  er  seine  Fahrten
bis  nach  den  schottischen  Hochlanden  aus  und  scheiterte  im  Jahre  1821  an  der  schottischen
Küste.  In  England  war  man  mit  Bezug  auf  die  Einführung  der  Dampfschiffahrt  etwas
zurückhaltender,  so  daß  es  im  Jahre  1820  erst  43  kleine  Schlepp-  und  Personendampfer
        <pb n="575" />
        605

Einführung  der  Schiffsschraube.

gab,  während  man  in  Deutschland  und  Frankreich  gleichfalls  mit  dem  Bau  von  Dampfschiffen ­
  für  die  Flüsse  begonnen  hatte.
Während  so  fast  30  Jahre  das  dampfgetriebene  Schaufelrad  den  Segelschiffen
erfolgreiche  Konkurrenz  machte  und  im  besonderen  auf  den  größeren  Flüssen  Amerikas
und  Europas  die  Raddampfer  den  Hauptverkehr  an  sich  rissen,  brachte  die  erfolgreiche
Einführung  der  Schiffsschraube  durch  Smith  in  England  und  Ericsson  in  Amerika
eine  weitere  Umwälzung  in  dem  Schiffahrtsbetriebe  mit  sich.  Zwar  hatte  der  Österreicher
Joseph  Ressel  bereits  im  Jahre  1829  ein  Dampfschiff  gebaut,  welches  von  einer  Schraube
als  Propeller  getrieben  wurde,  die  im  Hinterschiff  zwischen  Hintersteven  und  Steuerruder
gelagert  war,  doch  veranlaßte  das  Reißen  des  Dampfrohres  bei  der  sonst  günstig  verlaufenen ­
  Versuchsfahrt  die  Behörden,  weitere  Fahrten  mit  diesem  Schiff  zu  untersagen.
Obgleich  nun  Ressel  für  seine
Erfindung  in  England  und
Frankreich  Patente  erhielt,  so
blieb  sie  zunächst  ohne  Ausführung. ­
  Erst  im  Jahre  1836
trat  der  englische  Landwirt
Smith  (Abb.  604)  auf  dem
Paddington  Kanal  und  der
Themse  mit  einem  Boot  auf,
welches  nach  dem  Vorbild  von
Ressel  mit  einer  hölzernen
Schraube  als  Propeller  versehen ­
  war.  Die  Schraube  hatte
einfaches  Gewinde  und  eine
Länge  von  zwei  vollen  Gewindegängeu,
  es  war  also  ein
Stück  der  schon  von  Archimedes
zum  Heben  von  Wasser  konstruierten ­
  Wasserschraube  oder
Schnecke.  Bei  einer  der  Probefahrten ­
  schlug  die  Schraube
auf  einen  festen  Gegenstand  im
Wasser,  so  daß  die  Hälfte  des
Schraubengangs  abbrach,  und
man  bemerkte  sofort  mit  Erstaunen, ­
  daß  dasSchiff  schnellere
Fahrt  machte.  Smith  gab  daher ­
  weiteren  Schrauben  nur  die  eor.  Z.  jr.  Smith.
Länge  eines  Ganges.  Mit
einem  Schiff  von  34  Fuß  Länge  machte  er  dann  Fahrten  in  See  und  bewies  so,  daß  die
Schiffsschraube  sich  in  gleicher  Weise  auch  für  die  Seeschiffe  eigne.  Durch  diese  Erfolge
veranlaßt,  beschloß  die  englische  Admiralität  im  Jahre  1838  den  Bau  eines  größeren
Schraubendampfers.  Die  Abmessungen  dieses  Schiffes,  welches  „Archimedes"  (Abb.  605
bis  607)  getauft  wurde,  sind  folgende:  Länge  zwischen  den  Perpendikeln  32,8  in,  Länge
über  alles  38  ui,  größte  Breite  6,85  m,  Raumtiefe  3,98  in,  Tiefgang  2,9  in.  Die  von
I.  &amp;amp;  G.  Renuie  erbaute  Maschine  bestand  aus  zwei  Cylindern  von  0,91  in  Durchmesser
und  0,9i  in  Hub  und  war  mittschiffs  montiert.  Die  Übertragung  der  Kraft  auf  die
achtern  unterhalb  des  Zwischendeckes  gelagerte  Schraubenwelle  erfolgte  durch  zwei  Satz
Zahnräder  mit  einer  Übersetzung  von  1:5.  Der  Propeller  war  1,5  in  im  Durchmesser
und  2,4  na  lang  und  war  aus  eisernen  Platten  gefertigt  und  auf  der  Schraubenwelle
verkeilt.  Das  Gewicht  von  Maschine,  Kessel,  Schraube  u.  s.  w.  betrug  64  t.  Rach
den  ersten  Fahrten,  bei  welchen  eine  Geschwindigkeit  von  9 3 / 4  Seemeilen  erreicht  wurde,
wurde  die  Schraube  in  eine  zweigängige,  d.  h.  zweiflügelige  geändert.  Mit  dieser
        <pb n="576" />
        606

Schiffbau.

605  bis  607.  Der  Schrmrkrndaurpfev  „Klrchimedes",  erbaut  1838.
Nach  „1^6  LLAiLssr".

Schraube  umfuhr  der  „Archimedes"  ganz  England,  lief  die  Haupthäfen  an  und  gab  der
Erbauer  Smith  so  den  Rhedern,  Ingenieuren  und  Seeleuten  Gelegenheit,  sich  von  der
Wirksamkeit  und  dem  praktischen  Nutzen  der  Schiffsschraube  zu  überzeugen.
Zu  gleicher  Zeit  mit  Smith  machte  der  in  England  lebende  schwedische  Kapitän
Ericsson  (Abb.  608)  Versuche  mit  einem  Propeller,  welcher  aus  zwei  hintereinander
angeordneten  Rädern  mit  je  acht  Schaufelflächen  bestand,  welche  sich  entgegengesetzt
drehten  und  deren  Schaufelflächen  in  entgegengesetzter  Richtung  schraubenförmig  auf  dem
Rad  befestigt  waren  (Abb.  609).  Die  Räder  waren  hinter  dem  Ruder  gnerschiffs  gelagert,
und  war  das  vordere  Rad  auf  einer  hohlen  Welle  befestigt,  durch  welche  die  massive
Welle  des  Hinteren  Rades  hindurch  ging.  Die  Drehung  derselben  erfolgte  direkt  von  der
Kurbel,  die  der  hohlen  Welle  durch  Einschaltung  einer  Welle  und  Stirnrädergetriebe.
        <pb n="577" />
        Entwickelung  der  Dampfschiffahrt.  607
Der  mit  diesem  Propeller  ausgerüstete  Dampfer  „Francis  Ogden"  von  13,7  in  Länge
erzielte  eine  Geschwindigkeit  von  zehn  Knoten.  Trotz  dieser  günstigen  Ergebnisse  fand
Ericsson  in  England  keine  Anerkennung.  Er  entschloß  sich  daher,  mit  Unterstützung  des
Amerikaners  Stockton  in  Amerika  ein  eisernes  Dampfboot  „Robert  Stockton"  zu  erbauen
und  in  Betrieb  zu  setzen.  Dieses  Schiff  fand  in  Amerika  bald  weitere  Nachfolger,  so
daß  schon  im  Jahre  1843  41  Schiffe  mit  Ericssons  Schrauben  in  Fahrt  waren.
Nachdem  so  die  Anwendung  von  Schaufelrädern  und  Schiffsschrauben  für  Fluß-  und
Seeschiffe  als  vorteilhaft  anerkannt  worden  war,  entwickelte  sich  die  Dampfschiffahrt  von
Jahr  zu  Jahr  derart,  daß  die  Zahl  der  Dampfschiffe  sowie  die  Größe  und  Fahrgeschwindigkeit ­
  derselben  bald  zu  ungeahnten  Verhältnissen  sich  steigerte.  Schon  im
Jahre  1836  wurden  in  England  drei  größere  Dampfschiffahrtsgesellschaften  gegründet,
welche  den  Verkehr  zwischen ­
  England  einerseits  und
Nordamerika,  sowie  Ostindien ­
  anderseits  vermitteln
sollten.  Die  „Peninsular
and  Oriental  Steam  Navigation ­
  Company",  gewöhnlich ­
  „P.  L  O.  Company"  genannt, ­
  begann  im  Jahre
1840  mit  den  Radschiffen
„Oriental"  und  „Great
Liverpool"  die  Fahrten  nach
Alexandrien,  die  „Cunard-Linie"
  fuhr  zu  gleicher  Zeit
mit  vier  Radschiffen  „Britannia",
  „Arcadia",  „Caledonia",
  „Columbia"  regelmäßig ­
  von  Liverpool  nach
Nordamerika,  während  die
„Great  Western  Steamship
Company"  eine  Konkurrenzgesellschaft ­
  der  „Cunard-Linie"
  bildete.  Das  derselben ­
  gehörige  Schiff  „Great
Western"  machte  seine  erste
Fahrt  von  Bristol  nach
New  Jork  im  April  1838
in  14  Tagen,  und  auf  kurze
Zeit  trat  mit  demselben  das
erheblich  kleinere  Dampfschiff  „Sirius"  in  Wettbewerb.  Der  „Great  Western"  (Abb.  610),
hatte  folgende  Hauptdimensionen.  Länge  zwischen  den  Perpendikeln  64,o  in,  größte  Breite
10,7  in,  Breite  über  den  Radkasten  17,7  in,  Raumtiefe  7,1  in,  Tiefgang  4,9  m.  Die  von
Maudslay,  Sons  &amp;amp;  Field  erbaute  Seitenbalanciermaschine  leistete  400  nominelle  Pferdestärken ­
  (Abb.  611).  Die  Labyrinthkessel  verbrauchten  30  t  Kohlen  pro  Tag.  Der
»Great  Western"  legte  die  Ozeanfahrt  von  Bristol  nach  New  Jork  durchschnittlich  in
14  Tagen  zurück.  Dem  „Great  Western"  folgte  sehr  bald  der  weit  größere  „Great
Britain"  derselben  Gesellschaft,  welcher  im  Jahre  1843  bei  Patterson  in  Bristol  vom
Stapel  lief.  Die  Hauptabmessungeu  des  Schiffes  waren:  Länge  zwischen  den  Perpendikeln ­
  88,im,  größte  Breite  15,4  m,  Raumtiefe  9,gm,  Tiefgang  beladen  5,8  m,  Deplacement ­
  3480  t.  Der  „Great  Britain"  wurde  nach  den  Plänen  von  Brunel  aus  Eisen
erbaut,  obwohl  dieses  Material  bisher  nur  vereinzelt  für  Seeschiffe  in  Anwendung  gekommen ­
  war,  und  erhielt  als  Propeller  eine  vierflügelige  Schraube  von  4,7  m  Durchmesser ­
  und  8,5  m  Steigung  (Abb.  612).  Die  Dampfmaschine  von  1000  Pferdestärken

608.  John  Erirsson.
        <pb n="578" />
        609.  Erikssons  Schaufelrad.  Nach  Rühlmami.
Schiffe  geliefert  hatte,  so  kam  Brunel  schon  im  Jahre  1851  auf  den  Gedanken,  bei  den
stetig  zunehmenden  Handelsbeziehungen  Englands  mit  Ostindien,  durch  Erbauung  eines
eisernen  Riesenschiffes  eine  Verbindung  zwischen  diesen  Ländern  herstellen.  Das  Schiff
sollte  dementsprechend  so  groß  werden,  daß  es  imstande  war,  seinen  ganzen  Kohlenvorrat
für  diese  Reise  und  zurück  aufzunehmen.  Ferner  hielt  man  es  für  praktisch,  die  Schiffslänge ­
  ebenso  groß  zu  wählen  wie  die  Länge  der  größten  Ozeanwelle,  um  die  Stampfbewegungen ­
  des  Schiffes  nach  Möglichkeit  aufzuheben.  Hiernach  wählte  Brunel  folgende
Hauptabmessungen.  Länge  zwischen  den  Perpendikeln  207,Din,  größte  Breite  25,15  m,
Raumtiefe  17,7  m,  Tiefgang  9,14  m,  Deplacement  27  400  t  (Abb.  615).  Nachdem  Brunel
durch  seine  begeisterten  Vorträge  das  Geld  zum  Bau  des  Riesenschiffes  zusammengebracht
hatte,  wurde  der  Bau  des  „Great  Eastern",  eines  der  kühnsten  Bauwerke  des  neunzehnten
Jahrhunderts,  ein  gewaltiger  Merkstein  in  der  Entwickelung  des  Schiffbaues  und  der  Dampfschiffahrt, ­
  im  Jahre  1852  auf  der  Werft  von  Scott  Ruffel  in  Millwall  bei  London  begonnen. ­
  Für  die  Konstruktion  des  Schiffsrnmpfes,  tvelcher  vollkommen  aus  Eisen  gebaut
wurde,  nahm  Brunel  sich  die  im  Jahre  1850  vollendete  Britanniabrücke  über  die  Menaistraße
  zum  Vorbild,  und  nicht  allein  der  Schiffsboden,  sondern  auch  die  Schiffsseiten  bis
zum  Zwischendeck,  sowie  das  Oberdeck  auf  die  ganze  Länge  des  Schiffes  wurden  nach
dem  Zellensystem  ausgeführt  (Abb.  616  u.  617).  Das  Zellensystem  bestand  aus
der  äußeren  Schiffshaut  und  einem  inneren  Boden  von  je  19  mm  dicken  Platten,  welche
rund  900  mm  voneinander  entfernt  waren  und  durch  aus  Platten  und  Winkeln  gebildete
Trägerkonstruktionen,  die  sogenannten  Längsspanten,  miteinander  verstrebt  und  wasser-608

  Eiserne  Schiffe.
bestand  anfänglich  aus  vier  unter  45°  geneigt  liegenden  Cylindern,  von  denen  je  zwei  auf
eine  Kurbel  wirkten.  Von  der  Kurbelwelle  wurde  die  Bewegung  auf  die  Schranbenwelle
mit  einer  Übersetzung  von  1:3  durch  Ketten  übertragen.  Die  Geschwindigkeit  betrug  im
Mittel  9%  Seemeilen  pro  Stunde.  Das  Schiff  begann  im  Herbst  1844  seine  Fahrten,
und  schon  bei  seiner  vierten  Reise  strandete  es  an  der  Küste  von  Irland  und  brachte
infolgedessen  die  „Great  Western  Steamship  Compagny"  zur  Auflösung.  Obwohl  das
Schiff  elf  Monate  den  Wellen  preisgegeben  war,  erwies  sich  sein  eiserner  Schiffsrumpf
nach  dem  Abbringen  des  Schiffes  noch  so  brauchbar,  daß  der  „Great  Britain"  nach
gründlicher  Ausbesserung  und  Ausstattung  mit  einer  Pennschen  oscillierenden  Maschine
(Abb.  613),  wobei  die  Kettentransmission  durch  kräftige  Stirnräder  ersetzt  wurde  und  neue
Kofferkessel  mit  einer  Atmosphäre  Arbeitsdruck  eingebaut  wurden,  von  einer  Liverpooler
Rhederei  für  Reisen  nach  Australien  in  Fahrt  gestellt  wurde.  Abb.  614  zeigt  den  „Great
Britain"  auf  seiner  ersten  Ausreise  nach  Australien.  Im  Jahre  1873  wurde  das  Schiff
in  ein  Segelschiff  umgewandelt  und  strandete  dann  zum  zweitenmal  im  Jahre  1886  an
den  Falklandsinseln.  Nach  dem  Abbringen  wurde  der  Schiffsrumpf  als  Hulk  aufgebraucht.
Da  der  „Great  Britain"  durch  die  erste  Strandung  einen  glänzenden  Beweis  von
der  großen  Widerstandsfähigkeit  und  Brauchbarkeit  des  Eisens  als  Baumaterial  der
        <pb n="579" />
        610.  Naddampser  „Great  WeNern",  erbaut  18SS.
Nach  „Ike  Laxiaeee".

J.M

611.  Maschine  des  „Great  Mestern".  Nach  »1'ds  Haxlnesr".
IX  77
        <pb n="580" />
        613.  Maschine  de»  „Great  Mritain".  Nach  „rde  Engineer“.
winden,  Kräne,  Pumpen  u.  s.  w.  aufgestellt.  Der  mittlere  tägliche  Kohlenverbrauch  bei
voller  Maschinenleistung  stellte  sich  auf  380  t.  Da  die  Kohlenbunker  10  000  t  Kohlen
fassen  konnten,  so  reichte  der  Kohlenvorrat  für  27  Tampftage.  Neben  dem  Dampfbetrieb
war  die  Fortbewegung  des  gewaltigen  Schiffes  auch  durch  Segel  vorgesehen.  Der  „Great
Eastern"  war  dementsprechend  mit  sechs  Masten  ausgerüstet,  zwei  mit  Raatakelage  und
vier  mit  Schratsegeln  versehen  (Abb.  615).  Die  Masten  mit  Ausnahme  des  Kreuzmastes
sowie  die  Raaen  waren  aus  Eisen.  Die  Hauptraa  war  beispielsweise  37  m  lang  bei
840  mm  im  Durchmesser  und  bei  einem  Gewicht  von  16  t.
Schon  während  des  Baues  dieses  Riesenschiffes  traten  erhebliche  Schwierigkeiten
auf,  welche  auf  die  Rentabilität  des  Unternehmens  ungünstig  einwirkten.  Wegen  der

610

Schiffbau.

dicht  verbunden  wurden.  Die  Längsspanten  waren  derart  auf  dem  Umfang  des  Hauptspants ­
  verteilt,  daß  der  Schiffsboden,  sowie  die  innere  Bodenbeplattung  sicher  unterstützt
waren.  In  ähnlicher  Weise  war  das  Oberdeck  durch  eine  Zellenkonstruktion  verstärkt  und
auf  diese  Weise  in  stand  gesetzt,  die  durch  die  Biegungsbeanspruchungen  des  Schiffes
dort  auftretenden  bedeutenden  Zug-  und  Druckspannungen  aufzunehmen.  Neben  diesen
starken  Längsverbänden  waren  auf  die  ganze  Länge  der  Maschinen-  und  Keffelränme,
rund  120  m,  zwei  Längsschotte,  wie  aus  Abb.  616  u.  617  ersichtlich,  angeordnet,  welche
vom  inneren  Boden  bis  zum  Oberdeck
reichten  und  neben  dem  Nutzen  eines  hervorragenden ­
  Verbandes  für  den  Schiffsrumpf
den  Vorteil  brachten,  das  Innere  des
Schiffes  in  eine  größere  Zahl  wasserdichter
Abteilungen  zu  trennen.  Dieses  wurde
auch  durch  zehn  wasserdichte  Querschotte
'begünstigt,  welche  sämtlich  bis  zum  Oberdeck ­
  hinaufreichten  und  auf  diese  Weise
einen  soliden  Querverband  herstellten.
Die  Maschinenanlage  bestand  aus
einer  viercylindrigen  liegenden  Maschine
von  4000  indizierten  Pferdestärken,  von
James  Watt  &amp;amp;  Co.  in  Soho  erbaut  (Abb.
612.  Schraube  des  „Great  Sritarn".  618),  zum  Betrieb  der  Schiffsschraube  von
7,3  m  Durchmesser  und  12  m  Steigung
bei  einer  Umdrehungszahl  von  39  pro  Minute,  und  aus  einer  oscillierenden  Radmaschine
mit  vier  Cylindern  von  3650  indizierten  Pferdestärken,  von  Scott  Ruffel  erbaut,  welche
die  beiden  Schaufelräder  von  anfangs  17  m,  später  14,6  m  Durchmesser  mit  einer  Umdrehungszahl ­
  von  11  pro  Minute  bewegten.  Den  Dampf  von  1,6  Atmosphären  Druck
lieferten  10  Kofferkessel  mit  einer  gesamten  Rost-  und  Heizfläche  von  200  qm  und
4270  qm.  Je  zwei  Kessel  waren  in  einem  Heizraum  aufgestellt  und  an  einen  Schornstein
angeschlossen.  Außerdem  waren  noch  verschiedene  Hilfsmaschinen  zum  Betrieb  der  Anker-
        <pb n="581" />
        611

Der  „Great  Eastern".

77*

großen  Länge  des  Schiffes  hatte  Brunel  Bedenken,  das  Schiff  in  der  bisher  üblichen
Weise  längsschiffs  vom  Stapel  zu  lassen.  Der  „Great  Eastern"  wurde  daher  auf  einer
Querhelling  erbaut,  d.  h.  die  Längsrichtung  des  Schiffes  parallel  zum  Ufer,  infolge  des
bedeutenden  Ablaufgewichtes  des  Schiffes,  10  000  bis  11000  t,  und  des  hierdurch  sehr
bedeutenden  Flächendruckes  auf  die  Ablaufsbahn  gab  der  Baugrund  nach,  so  daß  das
Schiff  vom  5.  November  1857  bis  zum  30.  Januar  1858  stückweise  verholt  und  so
allmählich  zu  Wasser  gebracht  werden  mußte,  was  allein  einen  Kostenaufwand  von
600  000  Mark  verursachte.  Infolgedessen  wurde  das  Schiff  im  Dezember  1858  an  eine
neue  Gesellschaft  für  3  200  000  Mark  verkauft,  welche  alsdann  den  Bau  fortsetzte  und
im  September  1859  zu  Ende  führte.  Man  stellte  das  Schiff  zunächst  für  die  Fahrt  nach
Amerika  in  Dienst.  Am  17.Juni  1860  begann  der  „Great  Eastern"  von  Southampton
aus  die  erste  Fahrt  und  erreichte  Sandy  Hook  am  28.  Juni,  also  nach  elf  Tagen,  wobei

614.  Kchranbrndampftr  „Errat  Kritain",  erbaut  164».  Nach  „Th«  Engineer“.

eine  größte  Geschwindigkeit  von  14^  Seemeilen  pro  Stunde  erreicht  wurde,  welche
Leistung  um  so  höher  anzuschlagen  ist,  als  ein  Zusammenwirken  von  Rad-  und  Schraubenpropeller ­
  noch  nicht  erprobt  war.  Auf  der  vierten  Reise  lief  das  Schiff  vor  New  Aork
auf  ein  Felsenriff  und  riß  hierbei  die  äußere  Schiffshaut  rund  26  in  lang  auf.  Da  zum
Trockenstellen  des  Schiffes  die  vorhandenen  Docks  nicht  ausreichten,  so  mußte  die  Ausbesserung ­
  durch  Taucher  erfolgen,  eine  Arbeit,  welche  fast  90  000  Mark  erforderte.  Der
Passagier-  und  Frachtverkehr  zwischen  England  und  Amerika  erwies  sich  jedoch  bald  als
unrentabel,  so  daß  diese  Fahrten  eingestellt  wurden.  Später  fand  dann  der  „Great  Eastern"
zum  Legen  der  transatlantischen  Kabel  Verwendung.  Dann  wurde  er  als  Hulk  und  Kohlendepot ­
  benutzt  und  schließlich  im  Jahre  1888  auf  Abbruch  verkauft.  Die  Lebensdauer
des  „Great  Eastern"  weist  demnach  vom  Beginn  des  Baues  bis  zum  Abbruch  nur
36  Jahre  auf.  Trotz  der  gewaltigen  Mühen  und  mannigfachen  Verbesserungen,  welche
die  Erbauer  des  Schiffes  und  der  Maschinen  aufgewandt  hatten,  entsprach  der  „Great
Eastern"  nicht  jenen  ursprünglichen  Zwecken.  So  trübe  auch  sein  finanzieller  Erfolg  tvar,
so  glänzend  ist  dennoch  sein  technischer  Triumph  zu  nennen.  Ja  fünden  Schiffbauer  ist  seine
        <pb n="582" />
        612  Schiffbau.
sinnreiche  Bauweise,  die  ausgiebige  Anwendung  des  Längsspantensystems  in  Verbindung
mit  einem  inneren  wasserdichten  Boden  bis  auf  die  heutige  Zeit  vorbildlich  gewesen.
Das  traurige  finanzielle  Resultat  des  „Great  Eastern"  schreckte  die  übrigen  Dampfergesellschaften ­
  zunächst  davon  ab,  Dampfer  von  ähnlichen  Abmessungen  zu  erbauen,  zumal
es  bei  dem  damaligen  Personen-  und  Frachtverkehr  nicht  möglich  war,  die  große  Zahl
von  Fahrgästen  sowie  eine  Ladung  von  6000  t  für  jede  Überfahrt  zusammenzubringen.
Und  so  gingen  die  Dampfergesellschaften  wieder  zu  kleineren  Schiffsdimensionen  über  und
blieb  man  längere  Zeit  bei  Schiffslängen  von  100  bis  120  in  stehen,  während  die  Geschwindigkeit ­
  beibehalten  wurde.  Dagegen  brachen  sich  nunmehr  allmählich  die  Bestrebungen ­
  Bahn,  die  Ökonomie  der  Schiffsmaschinen  durch  Steigerung  der  Dampfspannung,
Ausnutzung  der  hochgespannten  Dämpfe  durch  eine  mehrstufige  Expansion,  sowie  durch
Einführung  der  Oberflächenkondensation  zu  verbessern  und  hierdurch  den  Kohlenverbrauch
herabzusetzen,  denn  die  Kohlenersparnisse  verminderten  nicht  allein  die  Betriebskosten  der
Dampfschiffe  wesentlich,  sie  brachten  auch  Mehreinnahmen  an  Frachten  ein,  da  durch
Herabsetzung  des  Kohlenvorrats  für  die  Reise  die  Ladefähigkeit  entsprechend  gesteigert
werden  konnte.

Die  Bestrebungen,  die  Ökonomie  der  Schisfsmaschinen  zu  verbessern,  beginnen  schon
zu  Anfang  des  19.Jahrhunderts.  Im  Jahre  1804  erbaute  Arthur  Woolf  eine  doppeltwirkende ­
  Maschine,  bei  welcher  der  Dampf  vom  Kessel  zunächst  in  einen  Üeineren  Hochdruckcylinder ­
  eintrat,  in  demselben  expandierte,  dann  in  einen  größeren  Niederdruckcylinder ­
  übertrat,  um  durch  weitere  Expansion  noch  einmal  Arbeit  zu  verrichten  und
schließlich  in  einem  Wattschen  Einspritz-Kondensator  niedergeschlagen  wurde.  Die  Kolben
der  beiden  Cylinder  wirkten  entweder  vereinigt  auf  eine  Kurbel  oder  getrennt  auf  zwei
nicht  gegeneinander  versetzte  Kurbeln,  so  daß  sie  stets  gleichzeitig  auf  dem  toten  Punkt
standen,  was  den  Nachteil  mit  sich  brachte,  daß  die  Manövrierfähigkeit  sowie  die  Gleichförmigkeit ­
  des  Ganges  der  Maschine  eine  ungünstige  war.  Man  war  daher  bestrebt,  die
Woolfsche  Maschine  mit  nebeneinander  liegenden  Cylindern  derart  umzugestalten,  daß  man
den  Dampf  aus  dem  Hochdruckcylinder  nicht  direkt  in  den  Niederdruckcylinder  überströmen
ließ,  sondern  eine  Zwischenkammer,  den  sogenannten  Receiver  einschaltete,  wodurch  es
möglich  wurde,  die  Kurbeln  unter  99  Grad  gegeneinander  zu  versetzen.  Dieser  Gedanke
wurde  zuerst  im  Jahre  1826  von  Roeutgen,  von  Geburt  ein  Deutscher,  in  die  Praxis
übertragen,  indem  er  in  Fijenoord  in  Holland  die  aus  England  bezogenen  Hochdruckmaschinen
der  Dampfer  „James  Watt"  und  „Herkules"  nach  dem  sogenannten  Verbundsystem  umbaute. ­
  Im  Jahre  1834  nahm  dann  Roentgen  auf  seine  Hoch-  und  Niederdruckmaschine
ein  Patent,  und  in  der  Patentschrift  ist  bereits  auf  eine  mehrfache  Expansionsmaschine
hingewiesen  und  die  Anwendung  eines  hohen  Kesseldrucks  und  von  Dampfmäntcln  empfohlen. ­
  Da  dieses  Patent  in  England  und  Frankreich  auf  den  Namen  des  Vertreters
von  Roentgen,  Ernest  Wolf,  eingetragen  wurde,  so  galt  allgemein  Wolf  als  Erfinder  der
Verbundmaschine.  Trotz  der  günstigen  Erfolge  der  von  Roentgen  gebauten  Verbundmaschine ­
  kam  dieselbe  für  die  Dampfschiffahrt  zunächst  nicht  in  Aufnahme.  Erst  als
        <pb n="583" />
        613

Entwickelung  der  Schiffsmaschine.

im  Jahre  1858  John  Eider  in  Glasgow  die  Roentgensche  Verbundmaschine  mit  dem
Hallschen  Oberflächenkondensator  vereinigte,  wurde  die  nunmehr  mit  dem  Namen
..Compoundmaschine"  belegte  zweifache  Expansionsmaschine  allgemein  eingeführt,  zumal
dieselbe  eine  Kohlenersparnis  von  im  Mittel  33  Prozent  gegenüber  einer  einfachen
mit  Oberflächenkondensation  versehenen  Expansionsmaschine  aufwies.  Dieser  äußerere. ­

  prr  „Great  Güstern".  Schnitt  durch  den  Maschinenramn.  Nach  „The  Engineer“.

ordentliche  Erfolg  regte
dann  zu  einer  weiteren
Steigerung  der  Kesselspannung ­
  und  zur  Einführung
der  dreifachen  Expansionsmaschine ­
  an,  welche  mit
Erfolg  zuerst  im  Jahre
1881  von  Kirk  in  Glasgow ­
  in  Verbindung  mit
einem  Cylinderkessel  aus
Stahl  und  mit  9 x / 2  Atmosphären ­
  Dampfspannung
für  den  Dampfer  „Aberdeen" ­
  erbaut  wurde.  Und
so  wurde  seit  Beginn  der
transatlantischen  Dampfschiffahrt ­
  im  Jahre  1840
mit  Niederdruckmaschinen
und  Einspritzkondensation
bis  zur  Einführung  der
dreifachen  Expansionsmaschine ­
  der  Kohlenverbrauch ­
  der  Schiffsmaschinen ­
  von  2,3  kg  pro  indizierte ­
  Pferdestärke  auf  0,65  kg  herabgedrückt.  Durch  Einführung  des  Pockholzes  für  die
Wellenrohrlager  durch  Penn  1854,  durch  Steigerung  der  Umdrehungsanzahl  der  Kurbelwelle ­
  in  Verbindung  mit  dem  Anwachsen  der  Kolbengeschwindigkeit  bis  zu  5  in  pro  Sekunde,
sowie  durch  die  Verteilung  der  Arbeit  auf  zwei  Schrauben,  zuerst  von  I.  und  W.  Dndgeon
im  Jahre  1862  auf  dem  Dampfer  „Flora"  ausgeführt  (Ab.  619),  waren  endlich  die  Wege

617.  Aurrschnitt  durch  drn  „Great  Tastern".  Nach  Rllhlmann.
A  Doppelboden,  B  Oberdeck,  I)  LängSspanren,  E  Länqslchotte,  1  Oberer  Salon,
2  Kammern,  3  Kammern,  Bäder,  4  Unterer  Salon,  6  Tunnel,  6  Kohlenbunker,
7  Kessel,  8  Schornstein.
        <pb n="584" />
        Schiffbau.
gewiesen,  auf  welchen  ein  weiterer  Fortschritt  zur  Steigerung  der  Maschinenkraft  bei  rationeller ­
  Ausnutzung  des  Brennmaterials  und  Einschränkung  des  für  Maschinen  und  Kesselanlage ­
  verfügbaren  Gewichtes  möglich  war.  Bei  den  Kriegsschifssmaschinen  hat  man  im
besonderen  die  Forcierung  der  Kessel  mit  Rücksicht  auf  Gewichtsersparnisse  noch  weiter
getrieben  durch  Verwendung  der  leistungsfähigeren,  aber  empfindlicher  arbeitenden  Lokomotivkessel,
  sowie  durch  allgemeine  Einführung  von  Wasserrohrkesseln  mit  hoher  Dampfspannung. ­
  In  Verbindung  hiermit  wurde  durch  künstliche  Ventilation  Luft  in  den  Heizraum ­
  gepreßt  und  die  Verbrennung  der  Kohlen  auf  dem  Rost  durch  reichliche  Zuführung
von  Sauerstoff  und  inniges  Vermischen  der  Luft  mit  den  erzeugten  Heizgasen  von  80
bis  90  kg  auf  300  bis  400  kg  pro  1  qm  Rost  und  pro  Stunde  gesteigert,  doch  erwies
        <pb n="585" />
        Schnelldampfer.  615

gegnett,  baute  die  „Cunard-Linie"  die  „Scotia"  von  115,s  ui  Länge,  bekannt  als  der  letzte
große  transatlantische  Raddampfer,  welcher  die  Ozeanfahrt  in  neun  Tagen  zurücklegte.
Im  Jahre  1862  folgte  seitens  der  „Cunard-Linie"  der  erste  Schraubendampfer  „China",
während  die  „Jnman-Linie"  bei  der  „City  of  Paris"  —  das  erste  Schiff  dieses  Namens  —
und  der  „City  of  Brussels"  die  Compoundmaschine  zur  Verringerung  des  Kohlenverbrauchs ­
  einführte.  Später  trat  im  Jahre  1874  die  „White  Star-Linie"  mit  zwei
Dampfern,  „Britannic"  und  „Germanic",  auf  den  Plan,  während  die  1863  errichtete
„Guion-Linie"  im  Jahre  1879—1881  mit  den  Schnelldampfern  „Arizona"'  „Alaska"
und  „Oregon"  die  Reise  von  Liverpool  nach  New  Jork  auf  7  Tage  herunterdrückte.  Im
Jahre  1881  stellte  die  „Cunard-Linie"  infolgedessen  die  „Servia",  die  „Jnman-Linie"
die  später  an  die  „Anchor-Linie"  verkaufte  „City  of  Rome"  in  Fahrt,  es  folgten  1884
die  „Umbria"  und  „Etruria",  während  der  „Norddeutsche  Lloyd"  von  1881  —1889  neun

Schnelldampfer  erbauen  ließ,  von  der  „Elbe"  mit  l6  Seemeilen  Geschwindigkeit  beginnend
bis  zur  „Lahn"  mit  18  Seemeilen.  Dann  übernahm  die  „Jnman-Linie"  im  Jahre  1888
die  Führung  durch  den  Bau  und  die  Jnfahrtsetzung  der  ersten  Doppelschrauben-Schnelldampfer,
  der  neuen  „City  of  Paris",  welche  durch  den  Zusammenbruch  ihrer
Maschine  im  März  1890  zu  so  trauriger  Berühmtheit  gelangt  ist,  sowie  der  „City
of  New  Port".  Schiffe  von  13000  t  Deplacement  und  zwei  dreifachen  Expansionsmaschinen ­
  von  zusammen  20  600  indizierten  Pferdestärken,  welche  die  Ozeanfahrt  in
sechs  Tagen  forcierten.  Es  folgte  im  Jahre  1889—1891  die  „Hamburg-Amerikanische
Paketfahrt"  mit  den  in  England  erbauten  Doppelschraubenschiffen  „Columbia"  und
„Normannia",  sowie  mit  den  ersten  auf  deutscher  Werft  („Aktiengesellschaft  Vulkan"  bei
Stettin)  erbauten  Doppelschraubenschiffen  „Augusta  Victoria"  und  „Fürst  Bismarck",
Schiffen  von  rund  10  500  t  Deplacement  und  zwei  dreifachen  Expansionsmaschinen  von
zusammen  16  000  indizierten  Pferdestärken,  ferner  die  „White  Star-Linie"  mit  der
„Teutonic"  und  „Majestic"  von  12  000  t  Deplacement  und  Maschinen  von  18  000  bis
        <pb n="586" />
        616

Die  neuen  Schnelldampfer.
19  000  indizierten  Pferdestärken,  bis  im  Jahre  1893  der  Bau  der  Riesenschiffe  mit
den  Doppelschraubenschiffen  „Campania"  und  „Lucania"  der  „Cunard-Linie",  Schiffen
von  15  300  1  Deplacement  und  30  000  indizierten  Pferdestärken  zunächst  einen  Abschluß
fand.  Erst  im  Jahre  1897  übernahm  der  „Norddeutsche  Lloyd"  mit  dem  auf  einer
deutschen  Werft  —  „Aktiengesellschaft  Vulkan"  bei  Stettin  —  erbauten  Doppelschraubendampfer ­
  „Kaiser  Wilhelm  der  Große"  die  Führung  in  dem  transatlantischen  Schnelldampferverkehr. ­
  Seine  schnellsten  Überfahrten  von  Southampton  nach  New  York  erfolgten ­
  in  fünf  Tagen  und  19  Stunden.
„Kaiser  Wilhelm  der  Große"  erreicht  bei  einer  Länge  über  alles  von  197,7  m,  einer
Länge  zwischen  den  Perpendikeln  von  190,5  in,  einer  Breite  von  20,i  m  und  einem
Tiefgang  von  8,5  in,  ein  Deplacement  von  20  800  1.  Mit  einer  Maschinenkraft  von
27  000  indizierten  Pferdestärken,  auf  zwei  Maschinen  bezw.  Schrauben  verteilt,  hat  er
eine  Durchschnittsgeschwindigkeit  von  22 1 / 2  Seemeilen  pro  Stunde  erzielt,  wobei  der
Kohlenverbrauch  500  1  pro  Tag  beträgt.

620.  Graphische  Darstellung  der  Sefchlrunigung  der  Dampferfahrten,  1840—1896.
1  Cunardlinie:  „Great  Western",  2  „Great  Britain",  3  „America",  4  Collinslinie  und  Cunardlinie  (Asia),  5  „Persia",
Hamburg-Amerikanische  Paketfahrt,  Norddeutscher  Lloyd,  6  Jnmanlinie,  Comp.  Général  transatlant.,  7  „Great  Eastern",
8  „Gallia",  „City  of  Berlin",  9  „Britannic",  „Germanie",  10  „Arizona",  11  „Servia",  „City  of  Rome",  „Alaska",
12  „Umbria",  „America",  13  „Etruria",  14  „Lahn",  15  „City  of  Paris",  „Teutonic",  „Columbia",  16  „Fürst  Bismarck",
17  „Campania",  18  „Kaiser  Wilhelm  der  Große".
Diese  gewaltigen  Steigerungen  an  Größe  und  Geschwindigkeit  der  Schiffe  und  vor
allem  an  Leistung  der  Maschineuanlagen  sind  jedoch  noch  nicht  zum  Abschluß  gekommen.
Der  von  der  Hamburg-Amerika-Linie  bei  der  „Aktiengesellschaft  Vulkan"  in  Bau  gegebene ­
  und  im  Sommer  des  Jahres  1900  die  Fahrten  aufnehmende  Schnelldampfer
„Deutschland"  übertrifft  den  „Kaiser  Wilhelm  der  Große"  an  Länge  noch  um  12*/,  m,
sein  Deplacement  beträgt  23000  t,  die  Maschinenanlage  soll  33000  indizierte  Pferdestärken ­
  entwickeln  und  es  ist  von  der  Bauwerft  eine  Geschwindigkeit  von  23  Seemeilen  pro
Stunde  gewährleistet.  Die  bisher  noch  nicht  wieder  erreichten  Größenverhältnisse  des
Great  Eastern  sind  durch  den  bei  Harland  &amp;amp;  Wolf  in  Belfast  für  die  White-Star-Linie
erbauten  Schnelldampfer  „Oceanic"  bereits  überholt  worden;  dieses  Schiff  besitzt  bei
einer  Länge  zwischen  den  Perpendikeln  von  208,8  in  und  einer  Länge  über  alles  von
214,2  in  ein  Deplacement  von  28  500  1,  also  1000  1  mehr  als  der  verflossene  Great
Eastern,  während  seine  Geschwindigkeit  bei  einer  Maschinenleistung  von  23000  in-
        <pb n="587" />
        618

Kriegsschiffbau  der  Neuzeit.

dizierten  Pferdestärken  nur  19  Seemeilen  pro  Stunde  beträgt,  also  wesentlich  gegen  die
Fahrtergebnisse  des  „Kaiser  Wilhelm  der  Große"  zurückbleibt.  Um  die  Überlegenheit
der  deutschen  Schnelldampfer  gegenüber  den  englischen  auch  mit  Bezug  auf  die  Größe
anzustreben,  hat  im  Jahre  1900  der  Norddeutsche  Lloyd  einen  Schnelldampfer  bei  der
„Aktiengesellschaft  Vulkan"  in  Auftrag  gegeben,  welcher  an  Größe  der  „Oceanic"  nahe
kommt,  an  Geschwindigkeit  jedoch  der  „Deutschland"  ebenbürtig  sein  soll.  Der  Neubau
erhält  bei  einer  Länge  über  alles  von  214,5  in  ein  Deplacement  von  26  000  t,
und  die  Maschinen  von  38000  indizierten  Pferdestärken  sollen  dem  Schiff  eine  Geschwindigkeit ­
  von  23  Seemeilen  pro  Stunde  verleihen.  Und  so  stellen  die  neuesten
Schnelldampfer  des  Norddeutschen  Lloyd  und  der  Hamburg-Amerika-Linie,  Erzeugnisse
deutschen  Schaffens  und  Fleißes,  mit  ihren  bisher  unerreicht  dastehenden  Leistungen  den
Höhepunkt  in  der  Entwickelung  der  transatlantischen  Dampfschiffahrt  dar  und  geben  der

deutschen  Flagge  auf  See  einen  Vorsprung  anderen  Nationen  gegenüber,  welcher  auch
für  die  nächsten  Jahre  anzuhalten  scheint,  da  von  fremden  Rhedereien  Schiffe  ähnlicher
Leistungen  nicht  in  Bau  gegeben  sind.
Die  Entwickelung  des  Schnelldampferverkehrs  zwischen  Liverpool  bezw.  Southampton
und  New  Dork  vom  Jahre  1840—1896  ist  in  den  schnellsten  Fahrten  durch  die  Abb.  620
graphisch  dargestellt.  Aus  der  Abbildung  sind  neben  dem  Wachsen  der  Schiffsgeschwindigkeiten ­
  und  der  hierdurch  stetig  abnehmenden  Überfahrtszeit  die  Tonnengehalte  der  Schiffe,
die  Leistungen  der  Schiffsmaschinen  sowie  der  entsprechende  Kohlenverbrauch  pro  Reise
in  ihren  wechselnden  Größen  zu  ersehen.  Die  Tafel  (Abb.  621)  gibt  die  Größenverhältnisse
der  Schnelldampfer  innerhalb  dieses  Zeitraumes  und  die  Abb.  622  die  Hauptspantflächen
der  wichtigsten  Schiffe  in  gleichem  Maßstabe  wieder,  welche  in  das  des  „Great  Eastern"
eingezeichnet  sind.
Der  Kriegsschiffbau,  welcher  in  dem  Zeitalter  der  hölzernen  Linienschiffe  zwei
Jahrhunderte  lang  bis  zum  Anfange  des  19.  Jahrhunderts  keine  nennenswerten  Fortschritte ­
  zu  verzeichnen  hatte,  begann  mit  der  Einführung  des  Dampfes  als  Treibkraft
einen  neuen  Aufschwung  zu  nehmen,  sowohl  mit  Bezug  auf  die  Bauart  und  die  Formen
der  Kriegsschiffe  als  auch  mit  Rücksicht  auf  die  Taktik,  da  man  durch  die  Verwendung
der  Schaufelräder  bezw.  der  Schiffsschraube  vollkommen  unabhängig  von  Wind  und  Wetter
wurde.  Man  fing  alsbald  an,  neben  dem  Bau  neuer  Kriegsdampfer  die  hölzernen  Linien-
        <pb n="588" />
        620

Schiffbau.

schiffe  in  Schraubenschiffe  umzubauen,  indem  mau  sie  meist  in  der  Mitte  auseinander
schnitt  und  entsprechend  zur  Unterbringung  von  Maschine  und  Kessel  verlängerte.  Für
die  Linienschiffe  mit  so  großem  Freibord  waren  die  Räder  ungeeignet,  auch  nahmen
dieselben  in  der  Breitseite  des  Schiffes  den  zur  Aufstellung  von  Geschützen  wichtigsten
Teil  in  Anspruch.  Die  Raddampfer  fanden  daher  vorzugsweise  als  Avisos  und  Dampfkorvetten ­
  Verwendung.  Dagegen  bot  die  Schiffsschraube  den  großen  Vorteil,  daß  der
Propeller  unterhalb  der  Wasserlinie  gegen  feindliche  Geschosse  vollkommen  geschützt  lag
und  außerdem  die  Maschinen-  und  Kesselanlage  bei  den  großen  Linienschiffen  gegen
direkte  Treffer  gesichert  war,  wobei  die  Breitseiten  für  die  Geschützaufstellung  vollkommen
verwertet  werden  konnten.  Die  Takelage  der  Linienschiffe  wurde  beibehalten,  um  die
billige  Kraft  des  Windes  nach  Möglichkeit  auszunutzen  und  den  kostspieligen  Dampf  für
das  Gefecht  und  für  besondere  Fälle  aufzusparen.  Die  Gefechtsstärke  der  Schraubenlinienschiffe ­
  bestand  hauptsächlich  in  ihren  Breitseiten,  auf  welchen  die  größte  Zahl  der
Geschütze  vereinigt  waren,  und  die  Taktik  beruhte  dementsprechend  auf  dem  Grundsatz,
dem  Feinde  stets  die  volle  Breitseite  zuzukehren.  Als  beste  Schlachtordnung  galt  daher
die  Kiellinie,  woraus  sich  der  Name  Linienschiff  bildete.  Die  Klassifizierung  und  Benennung ­
  der  Kriegsschiffe  erfolgte  nach  der  Zahl  der  eine  Geschützreihe  tragenden  Decks
in  Linienschiffe,  Schiffe  mit  2  bis  3  gedeckten  Batterien,  auch  in  Zwei-  und  Dreidecker ­

  unterschieden,  Fregatten,
dreimastige  Vollschiffe  mit  einer
gedeckten  Batterie,  Korvetten,
kleinere  Vollschiffe  mit  einem  Batteriedeck, ­
  welches  bei  den  gedeckten
Korvetten  durch  das  Oberdeck  geschützt ­
  war,  während  die  Glattdeckskorvetten ­
  die  Geschütze  auf  dem
Oberdeck  führten.  Man  bezeichnete
sie  später  auch  als  Kreuzerfregatten
und  Kreuzerkorvetten.  Die  kleineren
Fahrzeuge  wurden  unter  dem  Namen
Schraubenkanonenboote  zusammengefaßt. ­


Aber  auch  auf  anderen  Gebieten ­
  der  Marinetechnik  vereinigten
sich  praktische  Erfahrungen  und
Wissenschaft,  um  die  Kriegswerk-S2&amp;lt;.

  Gurrschnitt  einer  gepanzerten  Batterie.

zeuge  zu  vervollkommnen  und  ihre  verheerende  Kraft  zu  steigern.  Nachdem  schon  zu
Anfang  des  19.  Jahrhunderts  Mörser  zum  Werfen  von  Bomben  verwendet  waren,  führte
der  französische  Artillerieoberst  Paixhans  nach  den  Anregungen  Napoleons  im  Jahre
1822  die  Bombenkanone  ein,  welche  sich  nach  und  nach  den  Weg  in  alle  Marinen
bahnte  und  durch  die  verheerende  Wirkung  der  mit  Sprengladung  versehenen  Hohlgeschvsse
  für  die  hölzernen  Schiffe  eine  gefürchtete  Waffe  wurde.  Im  Jahre  1854
bestätigten  die  Bomben  und  Granaten  bei  der  Beschießung  von  Sebastopol  durch  die
vereinigten  englischen  und  französischen  Flotten  die  Erwartungen  vollkommen.  Die
russischen  Granaten  richteten  auf  den  hölzernen  Schiffen  der  Alliierten  derartige  Verheerungen ­
  an,  daß  dieselben  den  Kampf  abbrechen  mußten.  Es  trat  die  Notwendigkeit ­
  ein,  die  Schiffswände  gegen  derartige  Verwüstungen  besser  zu  schützen.  Und  so
wurden  noch  während  des  Krieges  auf  Anregung  Napoleons  III.  von  dem  genialen
Schiffbauer  Dupuy  de  Lome  fünf  gepanzerte  schwimmende  Batterien  in  aller  Eile
erbaut  und  davon  drei  nach  dem  Schwarzen  Meer  geschleppt  (Abb.  624).  Obwohl  diese
Batterien  nur  mit  90  min  starken  Eisenplatten  untergeordneter  Art  bekleidet  waren,  so
bewiesen  sie  sich  bei  der  Beschießung  von  Kinburn  thatsächlich  als  praktisch  unverwundbar,
denn  die  russischen  Granaten  hinterließen  auf  den  Eisenplatten  zwar  tiefe  Eindrücke,  doch
wurde  keine  der  Platten  bedeutend  beschädigt.
        <pb n="589" />
        621

Die  ersten  Panzerschiffe.
Unter  richtiger  Würdigung  dieser  glänzenden  Erfolge  befahl  Napoleon  III.  sofort
den  Bau  des  ersten  Hochseepanzerschiffes  „Gloire",  dessen  Stapellegung  nach  den
Plänen  von  Dupuy  de  Lome  im  Mai  1858  zu  Toulon  stattfand  und  welchem  im  Laufe
desselben  Jahres  die  drei  Schwesterschiffe  „Normandie",  „Jnvincible"  und  „Couronne"
folgten.  Die  „Gloire"  war  aus  Holz  gebaut  und  hatte  eine  Länge  zwischen  den  Perpendikeln ­
  von  76,8  in,  eine  Breite  von  17,o  m  und  ein  Deplacement  von  5618  t.  Sie  führte
36  gezogene  16  cm-Geschütze  und  erreichte  bei  einer  Maschinenkraft  von  800  nominellen
Pferden  eine  Geschwindigkeit  von  12^  Seemeilen.  Das  Schiff  erhielt  über  die  ganze
Länge  einen  Eisenpanzer  von  120  mm  Dicke,  dessen  Platten  auf  der  äußeren  Holzbeplankung ­
  mit  starken  Holzschrauben  befestigt  waren.  Die  Stapellegung  der  „Gloire"
wurde  anfangs  von  den  übrigen  Seemächten  keineswegs  als  der  Ausgangspunkt  zu  einer

625.  Schnitt  durch  den  Masch  menraum  des  „Marrior".
Nach  „The  Engineer“.

vollkommenen  Umgestaltung  des  Kriegsschiffbanes  angesehen,  im  besonderen  erklärte  man
in  England  diese  Bauweise  anfänglich  für  ein  sehr  kostspieliges  Experiment.  Dessenungeachtet ­
  wartete  man  den  Stapellauf  der  „Gloire"  in  England  gar  nicht  ab,  sondern
folgte  wohl  oder  übel  dem  kostspieligen  Wege  Frankreichs,  indem  man  im  Mai  1859
den  Bau  zweier  Panzerschiffe  von  größeren  Abmessungen  „Warrior"  (Abb.  625)  und
„Black  Prince"  befahl.  Die  Hauptdimensionen  der  Schiffe,  deren  Pläne  von  Watts
entworfen  waren,  sind  folgende:  Länge  zwischen  den  Perpendikeln  116,82  m,  größte  Breite
17,68  in,  mittlerer  Tiefgang  8,1  m,  Deplacement  9137  t.  Der  „Warrior"  führte  8  achtzöllige ­
  und  24  siebenzöllige  Geschütze.  Die  Maschine  indizierte  5500  Pferde  und  erzielte
eine  Geschwindigkeit  von  14,3  Seemeilen.  Beide  Schiffe  waren  Eisenkonstruktionen.  Überhaupt ­
  ging  England  sofort  zum  Eisenschiffbau  über,  während  in  Frankreich  bis  zu  Anfang
der  70  er  Jahre  alle  Panzerschiffe,  etliche  Versuchsbauten  ausgenommen,  aus  Holz  gebaut
wurden.  „Warrior"  und  „Black  Prince"  erhielten  einen  eisernen  Panzer  von  114  mm
Stärke.  Die  Platten  wurden  in  Verbindung  mit  einer  doppelten  Lage  Teakholz  von
        <pb n="590" />
        622

Schiffspanzer  und  Schiffsgeschütze.

459  mm  Stärke  durch  starke  eiserne  Bolzen  an  der  eisernen  Schiffswand  befestigt.
Die  Holzhinterlage  sollte  dem  Panzer  eine  elastische  Auflage  bieten.  Später  begnügte
man  sich  mit  einer  Lage  von  Holz,  und  die  Befestigungsweise  ist  bis  in  die  neueste  Zeit
beibehalten  worden.
Die  Bemühungen  der  Schiffbauer,  die  Kampffähigkeit  der  Kriegsschiffe  durch  einen
Panzergürtel  zu  erhöhen,  wurden  alsbald  von  den  Artilleristen  mit  Verbesserungen  der

628.  Englisches  Kasemattschiff  „Alexandra".

62g.  Österreichisches  Kasemattschiff  „Tegetthoff".  632.  Englisches  Citadcllschiff  „Royal-Soveretgn",  18S2.

626  bis  682.  Typen  von  Panzerschiffen.  Nach  ..Marine-Almanach".
Geschützkonstruktion  beantwortet;  durch  Einführung  der  gezogenen  Geschützrohre  mit  Langgeschossen ­
  suchte  man  die  Treffwirkung  sowie  die  Durchschlagskraft  der  Geschosse  zu  steigern.
Auch  konnte  man  den  Langgeschosseu  eine  größere  Sprengladung  geben,  welche,  mit  Zündern
versehen,  das  Krepieren  der  Geschosse  an  der  Bordwand  sicherten.  Mit  dem  Bau  der
ersten  Panzerschiffe  war  der  Stab  über  die  bisherigen  hölzernen  Linienschiffe  gebrochen,
und  nachdem  das  Gefecht  auf  HamPton  Reede  im  März  1862  zwischen  dem  mit4^zölligem
Lamellenpanzer  versehenen  südstaatlichen  „Merrimac"  und  den  ungepanzerten  Unionsschiffen ­
  „Cumberland"  und  „Congreß"  sowie  dem  mit  5zölligem  Lamellenpanzer  versehenen
        <pb n="591" />
        634.  Engiischrs  Linienschiff  „Lriner  George".  Nach  ,Ha»r  and  army  illustrated“.

633.  Russisches  Panxrrschiff  „Noitava".  Nach  Braffey,  „liaval  annual".
        <pb n="592" />
        -■erB 0 ,

636.  Französisches  Panzerschiff  ,,Charlemagne".
635  bis  638.  Typen  von  PanMschiffcn.  Nach  „Marine-Almanach".
        <pb n="593" />
        626  Schiffbau.

Turmschiff  „Monitor"  die  gewaltige  Überlegenheit  der  gepanzerten  Schiffe  den  nicht  gepanzerten ­
  gegenüber  dargethan  hatte,  gingen  alle  Seemächte  zum  Bau  von  Panzerschiffen
mit  beinahe  fieberhafter  Hast  vor.  Um  die  Zahl  der  Panzerschiffe  so  rasch  wie  möglich
zu  vergrößern,  wurden  in  England  sogar  alte  Linienschiffe  rasiert  und  mit  Panzerplatten
umgürtet.  Die  Panzerstärke  blieb  anfänglich  bei  12  bis  15  ein  stehen;  als  indessen  die
Artillerie  den  gepanzerten  Schiffsseiten  gezogene  Geschütze  von  großem  Kaliber  und
wesentlich  vermehrter  Durchschlagskraft  gegenüberstellte,  mußte  man  an  eine  Verstärkung
der  Panzerwand  sowie  an  eine  Verbesserung  des  Panzermaterials  denken.  Die  Anforderungen ­
  steigerten  sich  derart,  daß  nicht  selten  ein  Panzerschiff  schon  veraltet  bezw.  in
seiner  Panzerstärke  zu  schwach  war,  wenn  es  vom  Stapel  lief.  Mit  welcher  Schnelligkeit
die  Umwandlungen  der  einzelnen  Marinen  vor  sich  gingen,  geht  daraus  hervor,  daß
bereits  im  Jahre  1866  Österreich  und  Italien,  zwei  Marinen  zweiten  Ranges,  sich  mit
vollständigen  Panzerflotten  in  der  Seeschlacht  bei  Lissa  gegenüberstanden.  Und  so  entwickelte ­
  sich  ein  heftiger  Wettstreit  zwischen  Artillerie  und  Schiffspanzer,  welcher  hin
und  her  schwankte  und  sowohl  dem  Kriegsschiffbau,  als  auch  der  Marineartillerie  in
kurzer  Zeit  einen  gewaltigen  Aufschwung  verschaffte.  Durch  die  Erfolge  der  Österreicher
in  der  Seeschlacht  bei  Lissa  wurde  ferner  die  Aufmerksamkeit  auf  den  Erfolg  des  Rammstoßes ­
  gelenkt,  so  daß  der  Rammbug  bezw.  der  Sporn,  wie  früher  im  Altertum,  als
ein  hervorragendes  Kampfmittel  wiederum  in  Anwendung  kam  in  Verbindung  mit
einer  möglichst  zahlreichen  Teilung  des  Schiffsrumpfes  in  wasserdichte  Abteilungen  und
Zellen  als  Schutzmaßregel  gegen  den  Rammstoß.  Diese  Gliederung  des  Schiffsrumpfes
wurde  alsdann  noch  weiter  ausgedehnt,  als  die  Gefahr  der  Seeminen  für  Hafensperren
sowie  die  bedeutungsvolle  Erfindung  der  automobilen  Torpedos  und  ihre  Verwendung
an  Bord  der  Schiffe  hinzukam,  so  daß  das  moderne  Schlachtschiff  nicht  allein  gegen  die
verheerende  Wirkung  der  Artillerie,  sondern  auch  gegen  den  verhängnisvollen  Angriff
der  Torpedos  gewappnet  und  geschützt  sein  mußte.  Und  so  mehrten  sich  allmählich  die
Anforderungen  an  die  Defensiv-  und  Offensivkraft  der  Kriegsschiffe  derart,  daß  man
dazu  übergehen  mußte,  dem  Hauptverwendungszweck  entsprechend,  besondere  Schiffstypen
einzuführen,  die  Panzerschiffe  als  Schlachtschiffe,  die  Kreuzer  und  Avisos  als
Aufklärungsschiffe  und  zum  Schutz  des  Handels,  die  Torpedofahrzeuge  für  den
Torpedoangriff.
Bei  den  Panzerschiffen  entstanden  im  Anschluß  an  die  Linienschiffe  zunächst  die
Batterieschiffe,  bei  welchen  die  Batterie  sowie  die  Schiffswand  in  der  Wasserlinie  auf
der  ganzen  Länge  oder  nur  teilweise  gepanzert  war  —  „Gloire",  „Warrior".  Bei  dem
stetigen  Steigen  der  Geschützkaliber  mußte  man  jedoch  die  Zahl  derselben  einschränken,  und
so  kam  man  auf  den  Gedanken,  die  schweren  Geschütze  in  gepanzerten  Türmen  aufzustellen, ­
  um  das  Schußfeld  der  wenigen  Geschütze  möglichst  groß  zu  erhalten  und  die
gepanzerte  Fläche  zu  verringern.  Ericsson  erbaute  nach  diesem  Grundsatz  in  Amerika  den
„Monitor",  welcher  alsbald  einem  besonderen  Typ  von  Küstenverteidigungsfahrzeugen
den  Namen  gab.  Die  Monitors  sind  Panzerschiffe  mit  geringem  Freibord  und  Seitenpanzer ­
  über  die  ganze  Schiffslänge  und  ein  bezw.  zwei  drehbaren  Panzertürmen  auf  dem
Oberdeck,  in  welchen  ein  oder  zwei  schwere  Geschütze  gelagert  sind,  „Terror"  (Abb.  626).
In  England  gab  Coles  den  Turinschiffen  etwas  größeren  Freibord,  versah  sie  auf  die
ganze  Länge  mit  einem  Gürtelpanzer  und  stellte  die  Türme  mittschiffs  versenkt  in  einer
gepanzerten  Citadelle  auf,  so  daß  die  Geschützmündungen  aus  den  Turmscharten  nur
wenig  über  das  Oberdeck  hinausragten  „Preußen"  (Abb.  627).  Nach  dem  Kentern  des
„Captain"  kam  man  jedoch  wieder  auf  die  Batteriedeckschiffe  zurück,  jedoch  wurde  wegen
der  stetig  zunehmenden  Panzerstärke  die  Zahl  der  Geschütze  sowie  die  Panzerung  der
Batterie  der  Länge  nach  eingeschränkt.  Es  entstanden  Schiffe  mit  Gürtelpanzer  und  gepanzerter ­
  Zentralbatterie,  die  sogenannten  Kasemattschiffe.  „Alexandra"  (englisch;
Abb.  628);  „Occan",  „Devastation"  sfranzösisch);  „Tegetthoff"  (österreichisch,  Abb.  629),
„Kaiser",  „Deutschland"  (deutsch).  Bei  einigen  dieser  Schiffe  wurde  die  Aufstellung  der
Geschütze  in  zwei  Decks  übereinander  wieder  eingeführt  und  die  Bordwand  der  Kasematte
so  ausgebaut,  daß  man  mit  den  Kasemattgeschützen  ein  Bug-  und  Heckfeuer  erzielen  konnte.
        <pb n="594" />
        627

Einteilung  der  Kriegsschiffe.

Die  Zunahme  der  Panzerstärke  bis  zu  60  cm  und  der  Geschützkaliber  bis  zu  45  cm
zwang  jedoch  zu  weiteren  Gewichtseinschränkungen  und  brachte  wiederum  die  Turmschiffe
auf  den  Plan.  Es  entstanden  die  Brustwehrturmschiffe,  Schiffe'  mit  niedrigem  Freibord
und  Panzergürtel  über  die  ganze  Schiffslänge,  welche  sich  mittschiffs  nach  oben  in  eine
gepanzerte,  ovale  Brustwehr  fortsetzte,  durch  welche  der  Unterbau  der  Panzertürme
geschützt  wird,  „Devastation"  (englisch  Abb.  630).  In  ähnlicher  Weise  baute  man
auch  die  Küstenverteidigungsschiffe,  die  sogenannten  Brustwehrmonitors.  Der  geringe
Freibord  dieser  Schiffe  machte  dieselben  jedoch  wenig  seefähig,  so  daß  bei  bewegter
See  die  Bedienung  der  Geschütze  sehr  bald  aufhörte,  und  so  kam  man  in  England  zu
den  Citadellschiffen,  Turmschiffen  mit  einer  gepanzerten  Citadelle  auf  etwa  1 / 3  bis  3 / 4
der  Schiffslänge  und  zwei  Panzertürmeu  entweder  diagonal  mittschiffs  aufgestellt  —
„Inflexible"  (englisch,  Abb.  631);  „Dandolo"  (italienisch)  —  oder  an  den  Enden  der
Citadelle  mit  dazwischenliegender  Batterie  für  leichtere  Geschütze.  „Royal-Sovereign"
(Abb.  632),  „Prince  George"  (englisch,  Abb.  634);  „Sardegna"  (italienisch).  Die  ungepanzerten ­
  Schiffsenden  werden  durch  ein  gewölbtes  Panzerdeck  sowie  durch  einen
Korkgürtel  geschützt.  In  Frankreich  hielt  man  am  Gürtelpanzer  über  die  ganze  Schiffslänge ­
  fest  und  stellte  die  schweren  Geschütze  meist  einzeln  in  3  bis  4  Barbettetürmen
auf  hohem  Oberdeck  mit  ungepanzertem,  später  gepanzertem  Unterbau.  „Caimau",
„Marceau"  (Abb.  635)  „JaureZuiberry".  Zur  Zeit  ist  das  Turmschiff  mit  Gürtelund ­
  Citadellpanzer  sowie  gepanzertem  Unterbau  für  die  beiden  Türme  mit  24  bis  28  crn-Geschützen
  in  Verbindung  mit  einer  leicht  gepanzerten  Zentralbatterie  oder  gepanzerten
Drehtürmen  bezw.  Kasematten  für  15  bis  17  cm-Schnellfeuerkanonen  als  den  Anforderungen ­
  der  Neuzeit  entsprechend  anzusehen,  „Kaiser  Friedrich  III."  (deutsch);
„Charlemagne"  (französisch,  Abb.636);  „Canopus"  (englisch);  „Doenadzet  Apostolov",
„Poltava"  (russisch,  Abb.  633).
Die  Kreuzer  zum  Schutz  der  Handelsflotten  und  Handelsniederlassungen  haben
sich  aus  den  früheren  Schraubenkorvetten  entwickelt;  die  Fortschritte  liegen  mehr  in  der
Bauweise  —  Kompositbau  —  und  der  stetig  wachsenden  Maschinenkraft,  während  die
Takelage  fast  ganz  in  Fortfall  kommt.  Die  Armierung  bleibt  in  den  Grenzen  von
10  bis  21  crn-Geschützen.  Mit  dem  Jahre  1881  führte  man  zum  Schutz  der  vitalen
Teile  —  Maschinenanlage,  Munitionskammern,  Steuereinrichtung  —  das  Panzerdeck
ein,  ein  über  die  ganze  Schiffslänge  reichendes,  gewölbtes  Deck  von  30—125  mm  dicken
Stahlplatten  mit  einem  auf  demselben  an  der  Bordwand  entlang  geführten  Korkoder
  Cellulosegürtel  zur  Sicherung  der  Stabilität  bei  Überflutung  des  Panzerdeckes.
„Kaiserin  Augusta"  (deutsch),  „Edgar",  „Powerfull",  „Terrible"  (englisch  Abb.  637:1.639),
„Chateaurenauld"  (französisch).  Infolge  der  Wirkung  der  Schnellfeuerkanonen  wurde
daun  die  Wasserlinie  mit  leichtem  Stahlpanzer  versehen,  und  hieraus  ergaben  sich  die
Panzerkreuzer,  denen  dann  einige  schwere  Geschütze  von  21  bis  24  cm  Kaliber  an
Bord  gegeben  wurden.  „Fürst  Bismarck"  (deutsch,  Abb.  638),  „Jeanne  d'Arc"  (französisch), ­
  „Rjurik"  (russisch).
Die  Avisos,  aus  den  schnelleren  Kanonenbooten  entstanden,  erhalten  neuerdings
auch  ein  leichtes  Panzerdeck  und  leichte  Schuellfeuerkanonen.  Sie  dienen  zum  Depeschenund
  Aufklärungsdienst.  Die  Torpedofahrzeuge  haben  sich  aus  den  Dampfbeibooten  entwickelt ­
  und  sind  später  als  selbständige  seegehende  Boote  mit  großer  Geschwindigkeit  von
18  bis  33  Seemeilen  pro  Stunde  erbaut.  Sie  dienen  zur  Küstenverteidigung  und  zum
Torpedoangriff  auf  Schlachtschiffe  und  gliedern  sich  ihrer  Größe  nach  in  Torpedokanonenboote, ­
  Torpedobootzerstörer  und  Torpedoboote  (Abb.  640  u.  641).
        <pb n="595" />
        628

Schiffbau.

Grundlagen  des  Schiffbaues.
Auftrieb  und  Deplacement.
Ein  auf  einer  Flüssigkeit  schwimmender  Körper  verdrängt  nach  dem  von  Archimedes
aufgestellten  Prinzip  durch  sein  Volumen  so  viel  von  der  Flüssigkeit,  als  der  Körper  wiegt.
Das  Volumen  des  Körpers,  welcher  die  Flüssigkeit  verdrängt,  nennt  man  sein  Deplacement ­
  oder  die  Wasserverdrängung.  Die  Mittelkraft  der  von  der  Flüssigkeit  auf  die
Wandung  des  Schwimmkörpers  übertragenen  Drücke,  welche  vertikal  aufrecht  gerichtet
ist  —  die  horizontalen  Kräfte  heben  sich  gegenseitig  ans  —  ist  von  gleicher  Größe  mit
dem  Gewicht  des  schwimmenden  Körpers  und  geht  durch  den  Schwerpunkt  der  verdrängten
Flüssigkeit;  sie  wird  Auftrieb  oder  Schwimmkraft  genannt.  Die  Ausdrücke  Deplacement,
Wasserverdrängung,  Auftrieb  und  Schwimmkraft,  ausgedrückt  in  einem  Gewichtsmaß,  sind
demnach  ihrer  Größe  nach  gleich  und  werden  daher  vielfach  miteinander  vertauscht.  Nach
diesen  Gesichtspunkten  ist  das  Deplacement,  ausgedrückt  in  Raummaßen,  das  von  demselben ­
  verdrängte  Wasservolumen.  Jede  Zu-  und  Abnahme  von  Gewichten  des  Schiffes
zieht  eine  Veränderung  des  Deplacements  nach  sich  und  bei  gleicher  Form  des  Schiffes
eine  Tiefertauchung  bezw.  ein  Auftauchen.  Der  Tiefgang,  bis  zu  welchem  das  leere
unbeladene  Schiff  eintaucht,  heißt  der  leichte  Tiefgang,  derjenige  mit  vollständiger
Zuladung  der  geladene  Tiefgang.  In  diesem  Zustande  muß  jedoch  für  die  Sicherheit
des  Schiffes  im  Seegang  und  bei  Neigung  durch  den  Winddrnck  der  Schiffsrumpf  einen
derartigen  Freibord—Austanchung  über  Wasser  —  besitzen,  daß  er  eine  genügende
Reserve  an  Schwimmkraft  oder  Auftrieb  bei  etwa  eintretenden  Leckagen  besitzt.  Der
eingetauchte  Teil  des  Schiffes  liefert  dann  den  Auftrieb,  der  über  Wasser  befindliche,
nach  oben  wasserdicht  abgeschlossene  Teil  den  Reserveauftrieb  oder  die  Reserveschwimmkraft. ­
  Das  Verhältnis  des  Reserveauftriebs  zum  Auftrieb  bildet  die  Grundlage  zur
Festsetzung  der  größten  Beladung  oder  des  geringsten  notwendigen  Freibordes  eines  Schiffes.
Das  Deplacement  eines  Schiffes  setzt  sich  zusammen  aus  dem  Gewicht  des  Schiffskörpers ­
  oder  seinem  Eigengewicht  und  dem  Gewicht  der  Zuladung  oder  des  nützlichen
Deplacements.  Die  Zuladung  besteht  aus  den  Gewichten  der  Ladung,  der  Treibapparate ­
  —  Takelage  und  Segel  bezw.  Maschinen  und  Kesselanlage  nebst  Kohlenvorrat ­
  —  sowie  aus  der  Ausrüstung  nebst  Besatzung  und  Proviant.  Bei  Kriegsschiffen
tritt  an  Stelle  der  Ladung  das  Gewicht  von  Geschützen  nebst  Munition,  Torpedoarmierung
und  der  Panzerung.
Für  den  Konstruktionstiefgang,  welcher  von  dem  Konstrukteur  dem  Entwurf  für  das
vollausgerüstete  Schiff  zu  Grunde  gelegt  wird,  ist  die  Zuladung  gleich  dem  Deplacement
minus  Eigengewicht.  Je  geringer  daher  sich  letzteres  ergibt,  je  größer  ist  bei  Handelsschiffen ­
  die  Ladefähigkeit  und  um  so  günstiger  können  bei  Kriegsschiffen  die  Angriffs-  und
Verteidigungswaffen  gewählt  werden  —  stärkere  und  zahlreiche  Artillerie,  größere
Maschinenkraft  und  dementsprechend  große  Schiffsgeschwindigkeit,  größeres  Kohlenfassungsvermögen ­
  sowie  stärkerer  Panzerschutz.  Es  ist  daher  von  höchster  Wichtigkeit  für  den
Bau  des  Schiffsrumpfes  solides  und  dauerhaftes  Material  mit  einer  wohl  durchdachten
Konstruktion  zu  vereinigen,  um  nach  Möglichkeit  an  überflüssigem  Gewicht  zu  sparen.
Über  die  Größe  des  Eigengewichts  im  Verhältnis  zum  Deplacement  gibt  nachstehende
Tabelle  Aufschluß.

SchtffSIlasse

Prozente  des
Eigengewichtes
vom
Deplacement

Relative  Tragfähigkeit ­
  in
Prozenten  vom
Deplacement

Hölzerne  Handelsschiffe  aus  Fichtenholz.  .  .  .

33-38

67—62

„  „  „  Eichenholz....

40—50

60—50

Eiserne  Handelsschiffe

30—40

70—60

Schnelle  Kreuzer,  stählerne  mit  Holzbeplanknng  .

50

50

Neuere  ungetakelte  Panzerschiffe

35—45

65—55

Torpedoboote

30

70
        <pb n="596" />
        629

Das  Deplacement  der  Schiffe.

Ist  das  Deplacement  eines  Schiffes  nach  seinem  Verwendungszweck  dem  Gesamtwert ­
  nach  festgelegt,  so  ist  die  nächste  Aufgabe  des  Konstrukteurs  die  Hauptdimension,
Länge  zwischen  den  Perpendikeln,  größte  Breite  in  der  Wasserlinie  und  Konstruktionstiefgang ­
  sowie  die  Werte  der  einzelnen  Formkoeffizienten  zu  bestimmen.
Die  Perpendikel  des  Schiffes  gehen  bei  eisernen  Schiffen  durch  den  Schnittpunkt
von  Vorkante  Hinter-  bezw.  Rudersteven  und  Hinterkante  Vorsteven  mit  der  Konstruktions-Wasserlinie,
  bei  Holzschiffen  durch  die  entsprechenden  Schnittpunkte  der  Außenkante
Sponung  an  den  Steven,  d.  h.  der  Naht  der  Außenhautbeplankung  am  Steven,  mit  der
Konstruktionswasserlinie.  Die  Länge  zwischen  den  Perpendikeln  ist  zum  Teil  abhängig
von  der  vorgeschriebenen  Schiffsgeschwindigkeit,  da  sie  den  Schiffswiderstand  in  erheblichem ­
  Maße  beeinflußt.  Nach  Froude  macht  man  die  günstigste  Länge  des  Vorschiffs
----  0,1714  Y 2 ,  die  des  Hinterschiffs  L 2  =  0,1144  V 2 ,  worin  Y  die  Geschwindigkeit  des
Schiffes  in  Seemeilen  angibt,  desgleichen  bildet  das  Verhältnis  der  Schiffslänge  zur
Schiffsbreite  —  L  :  B  —  einen  wichtigen  Faktor  mit  Bezug  auf  Stabilität  und  Drehvermögen ­
  des  Schiffes.  Der  Wert  von  L:  B  schwankt  für  die  einzelnen  Schiffstypen  von
2  bis  12  (f.  Tabelle).

Schiffsklasse

L:  B

T:B

ö

a

ß

Segelschiffe,  ältere  ...

3,76—4,5

0,88—0,47

0,65

0,80

0,93

Segeljachten  (Kieljachten)  .  .

6—8

0,8

0,3—0,42

0,72

0,45—0,5

Segelschiffe,  neue

5—6,8

0,49—0,53

0,66

0,8

0,91

Schleppdampfer  ....

4-6

0,3—0,4

0,5—0,6

0,65—0,75

0,75

Fifchdämpfer

4—5

0,48

0,45

0,75

0,75

Frachtdampfer.

5—8

0,45-  0, f  4

0,65—0,73

0,73

0,9—0,96

Schnelldampfer  .  ...

8—10

0,40—0,55

0  58—0,63

0,73

0,89—0,93

Flußraddampser  ....

2—15

0,11—0,14

0,6—0,85

0,77—0,87

0,92—0,99

Torpedoboote  ....

7-  9

0,22

0,42

0,6

0,73

Avisos

7—10

0,35—0,4

0,45—0,5

0,61—0,69

0,75—0,83

Kreuzer

6—7

0,35—0,44

0,48—0,55

0,68—0,75

0,8—0,89

Panzerdeckschiffe  .  ...

6—7,5

0,41—0,44

0,48—0,5

0,67

0,85

Panzerschiffe

4—5,5

0,3—0,4

0,55—0,7

0,71—0,76

0,81—0,87

Die  Schiffsbreite  wird  bei  eisernen  Schiffen  auf  Außenkante  Spanten,  bei  Holzschiffen
  auf  Außenkante  Planken  in  der  Konstruktionswasserlinie  gemessen.  Ihre  Größe
ist  in  der  Hauptsache  durch  die  Stabilität  des  Schiffes  bedingt  und  weiter  durch  das  Verhältnis ­
  L:B  sowie  durch  das  Verhältnis  des  Konstruktionstiefgangs  zur  Breite  —  1:  B  —
festgelegt.  Letzteres  schwankt  zwischen  den  Grenzen  0,25  bis  0,54.  Zu  großes  T:  B  hat
ungenügende  Stabilität  zur  Folge,  zu  kleines  T:B  begünstigt  bei  Segelschiffen  das
Abtreiben  und  verursacht  bei  Schraubenschiffen  ungünstige  Lage  des  Propellers.  Der
Konstruktionstiefgang  reicht  von  der  Konstruktionswasserlinie  bis  Unterkante  Spant
bezw.  Außenkante  Sponung  am  Kiel.
Aus  den  Hauptdimensionen  L,  B  und  T  ergibt  sich  nun  das  Deplacement  des
Schiffes  als  ein  Bruchteil  des  aus  diesen  Hauptdimensionen  gebildeten  Parallelepipeds.
Der  Koeffizient,  welcher  dieses  Verhältnis  angibt,  heißt  Deplacementkoeffizient
und  wird  mit  8  bezeichnet.  Es  ist  alsdann  Deplacement  ---  L.  B.  T.  8.  8  schwankt  von
0,3  bis  0,85,  die  untere  Grenze  findet  man  bei  Jachten  und  kleinen  Fahrzeugen,  die  obere
bei  Flußschiffen  und  flach  gehenden  Panzerschiffen  (siehe  Tabelle).  Mit  dem  Deplacementskoeffizienten ­
  stehen  in  engem  Zusammenhang  der  Völligkeitskoeffizient  der  Konstruktionswasserlinie ­
  &amp;lt;x,  welcher  das  Verhältnis  des  Wasserlinienareals  zum  umschriebenen
Rechteck  —  L  X  B  —  angibt,  sowie  derjenige  des  Hauptspants  ß,  welcher  das  Verhältnis ­
  des  Hauptspantsareals  zum  umschriebenen  Rechteck  —  B  X  T  —  festsetzt,
a  variiert  von  0,6  bis  0,8  und  ist  in  der  Hauptsache  mit  abhängig  vom  Verhältnis  L:  B.
Die  Schärfe  der  Wasserlinie  wird  einesteils  durch  die  Stabilität,  anderenteils  durch  den
Schiffswiderstand  bedingt,  ß  schwankt  zwischen  0,5  bis  0,9  und  gibt  in  der  Hauptsache
den  Charakter  für  die  Spantformen.  Nur  im  Vor-  und  Hinterschiff  sind  dieselben  mit
abhängig  von  den  Umrißlinien  der  Steven  und  den  besonderen  Bug-  und  Heckformen.
Hier  ist  die  Erfahrung  und  der  Geschmack  des  Konstrukteurs  allein  maßgebend.  Zwischen
        <pb n="597" />
        630  Grundlagen  des  Schiffbaues.

4

's  "

1

Spant

3  t  s  6
Hauptspani
!.  KpantarmUmror.

den  Koeffizienten  8,  a  und  ß  hat  Normand  eine  besondere  Beziehung  durch  die  Formel
8  —  «  ßL  festgestellt,  und  K  schwankt  zwischen  0,82  bis  0,89.  Neben  diesen  Koeffizienten
ist  vor  Beginn  des  Konstruktionsrisses  die  Festlegung  des  Deplacementsschwerpunktes
sowie  des  Konstruktionswasserlinienschwerpunktes  von  Wichtigkeit,  sowie  die
Entscheidung,  ob  das  Schiff  auf  ebenem  Kiel  oder  stenerlastig,  d.  h.  hinten  mit  größerem
Tiefgang  erbaut  werden  soll.
Nachdem  die  Hauptdimensionen  festgelegt  sind,  erfolgt  die  Anfertigung  des  Konstruktionsrisses, ­
  um  die  Schifssberechnungen  vor  der  Baulegung  durchführen  und  den
Bau  selbst  nach  dem  Riß  in  Angriff  nehmen  zu  können.  Der  Konstruktionsriß  eines
Schiffes  stellt  die  geometrische  Form  desselben  in  drei  zu  einander  senkrecht  stehenden
Projektionsebenen  dar.  Der  Aufriß  oder  Längenschnitt  gibt  die  Symmetrieebene  des  Schiffes
wieder;  in  demselben  zeigen  sich  die  Formen  des  Vor-  und  Hinterstevens,  des  Kiels,  ferner  der
Verlauf  oder  Strak  der  Reling,  sowie  der
Decks,  sowie  folgende  Schiffslinien,  als  gerade ­
  horizontale  Linien  die  Wasserlinien,
als  gerade  vertikale  Linien  die  Spanten,
als  Kurven  die  Schnitte.  Der  Grundriß
oder  Wasserlinienriß  gibt  die  Formen
der  Wasserlinien  wieder,  er  wird  nur  von
einer  Hälfte  des  Schiffes  gezeichnet,  da  beide  symmetrisch  sind.  In  demselben  zeigen
sich  die  Wasserlinien  als  schlanke  Kurven  —  Schiffslinien  —  die  Spanten  als  gerade
vertikale  Linien,  die  Schnitte  als  gerade  horizontale  Linien.  Der  Seiten-  oder  Spantenriß ­
  enthält  die  Formen  der  einzelnen  Spanten,  und  zwar  zeichnet  man  zur  Linken  der
Symmetrieachse  die  Spanten  des  Hinterschiffes,  zur  Rechten  derselben  diejenigen  des
Vorschiffes;  er  gibt  in  geraden  horizontalen  Linien  die  Wasserlinien,  in  geraden  vertikalen ­
  Linien  die  Schnitte  wieder.  Die  größte  Spantkurve,  welche  in  der  Regel  etwas
hinter  der  Mitte  liegt,  heißt  Hauptspant.  Die  Kunst  der  Anfertigung  eines  Konstruktionsrisses ­
  besteht  nun  in  der  Hauptsache  darin,  für  die  einzelnen  Linien  mit  Bezug ­
  auf  Form  und  Größe  der  Flächen  eine  richtige  Wahl  und  einen  guten  Strak  zu
treffen  und  die  Schiffslinien  und  Kurven  in  den  einzelnen  Projektionsebenen  miteinander
in  Übereinstimmung  zu  bringen.  Zur  besseren  Kontrolle  und  Übersicht  zeichnet  man
meist  noch  die  Senteu  ein,  Schnitte,  welche  die  Spantkurven  möglichst ­
  normal  durchschneiden  und  demnach  in  dem  Spanteuriß  als
zur  Symmetrieachse  geneigte  Gerade,  in  dem  Wasserlinienriß  als
völlige  Kurven  erscheinen.  Die  in  den  Figuren  1  bis  15  der  Tafel
dargestellten  Konstruktionsrisse  eines  Panzerschiffes,  eines  Schnelldampfers, ­
  eines  Segelschiffes,  einer  Segeljacht  und  eines  Torpedobootes ­
  geben  einen  klaren  Aufschluß  über  den  Charakter  der  einzelnen ­
  Schiffslinien.
Die  Berechnung  des  Deplacements  umfaßt  die  Ermittelung ­
  der  Inhalte  der  Wasserlinien,  der  Spante  und  des  Deplacements, ­
  sowie  der  Schwerpunktslagen  der  einzelnen  Flächen  und  Körperteile.  Die  Berechnungen ­
  erfolgen  meist  nach  der  Simpsonschen  Regel.
Flächeninhalt  =  Vs  A  x  t 1  7i  +  4  y 2  +  2  Ys  «•  s-  w.  ff-  4  yn- 1  +  1  yn].
Für  die  Berechnung  der  Spantflächen  geben  die  in  gleichen  Abständen  (/X  x t )  gezeichneten ­
  Wasserlinien  die  Ordinalen  y,  für  die  Berechnung  der  Wasserlinienareale  die
in  gleichen  Abständen  x 2 )  gezeichneten  Spanten  die  Ordinaten  y.  Trägt  man  die  ermittelten ­
  Werte  der  Spantareale  aus  den  entsprechenden  Ordinaten  von  der  Mittellinie
des  Schiffes  als  Abscissenachse  ab,  so  bildet  die  durch  die  Endpunkte  der  Ordinaten  gelegte ­
  Kurve  die  Spantarealkurve  (Fig.  642),  ihr  Flächeninhalt  gibt  das  Deplacement
in  odm  an  und  der  Schwerpunkt  der  Fläche  den  Schwerpunkr  des  Deplacements  der
Länge  nach.  In  ähnlicher  Weise  erhält  man,  wenn  mau  die  Wasserlinienareale  als
Abscissen  von  der  als  Koordinatenachse  gedachten  Mittellinie  des  Schiffes  aufträgt,  durch
Verbindung  der  so  gewonnenen  Endpunkte  die  Wasserlinienarealkurve  oder  Wasserlinien-643.


Masserlinienareirlkurve.
        <pb n="598" />
        Stabilität.

631

skala  (Abb.  643),  und  der  Inhalt  der  durch  die  Kurve  begrenzten  Fläche  ist  gleich  dem  Deplacement ­
  in  cdm,  und  gibt  ihr  Schwerpunkt  die  Lage  des  Deplacementschwerpunktes  der
Höhe  nach  an.  Die  Berechnungen  des  Deplacements  nach  den  Spanten  und  den  Wasserlinien ­
  müssen  übereinstimmen,  die  Areale  der  Spanten-  und  Wasserlinienskala  müssen
demnach  gleich  sein.  Die  Wasserlinienskala  zeigt  keinen  besonderen  Charakter,  dagegen
ähnelt  die  Spantenskala  einer  Parabel  mit  hohl  auslaufenden  Zweigen.  Nach  Colin
Archer  ist  es  mit  Bezug  auf  den  Wasserwiderstand  vorteilhaft,  die  Form  der  Kurve  derart ­
  zu  wählen,  daß  sie  im  Vorschiff  nach  der  Sinuslinie,  im  Hinterschiff  nach  der  Trochoide
verläuft  (Abb.  644).
Um  bei  Hinzufügung  und  Wegnahme  von  Gewichten  den  jedesmaligen  Tiefgang
schnell  ermitteln  zu  können,  konstruiert  man  aus  der  Wasserlinienskala  den  sogenannten
Lastenmaßstab  (Abb.  645);  derselbe  gibt  für  die  Tauchung  des  Schiffes  bis  zu  den
einzelnen  Wasserlinien  das  Deplacement
in  cbm  oder  Tonnen  nach  bestimmten  ^  -
Maßstäben  an.

Sajipfspanl
614.  Spantruskala.  Nach  Colin  Archer.

WO  /SO  ZOO  SSO
615.  Lallenmichstali.

Stabilität.
Unter  Stabilität  eines  Schiffes  versteht  man  das  Bestreben  desselben,  falls  es
durch  äußere  Kräfte  in  eine  geneigte  Lage  gebracht  worden  ist,  sich  unter  dem  Einfluß
seines  Gewichtes  und  des  Auftriebes  in  die  aufrechte  Lage  zurückzubewegen,  sobald  die
Einwirkung  der  äußeren  Kraft  aufgehört  hat.  Das  Drehmoment,  welches  das  Aufrichten
des  Schiffes  bewirkt,  heißt  das  Stabilitätsmoment,  es  gibt
die  Größe  der  statischen  Stabilität  an.  Dasselbe  ist  abhängig
einesteils  von  der  Form  des  eingetauchten  Schiffskörpers,
anderenteils  von  der  durch  die  Verteilung  der  Gewichte  im
Schiff  bedingten  Lage  des  Schwerpunktes.  Man  spricht  daher ­
  von  einer  Formstabilität  und  von  einer  Gewichtsstabilität. ­
  Denkt  man  sich  in  Abb.  646  den  Querschnitt
eines  Schiffes  A  D  B  in  aufrechter  Lage  und  A X D  B,  in
einer  um  den  Winkel  9  geneigten  Lage  dargestellt,  so  wird
sich  der  Schwerpunkt  des  Deplacements  bei  aufrechter  Lage  C
nach  dem  Schwerpunkt  0^  bei  der  Neigung  um  den  Winkel  9
verschieben,  während  der  Systemschwerpunkt  des  Schiffes  G
durch  die  Neigung  keine  Lageänderung  erfährt.  In  der  geneigten ­
  Lage  wirkt  daher  der  Auftrieb  vertikal  durch  den  Schwerpunkt  C 1(  und  diese  Linie
schneidet  die  Mittellinie  des  Schiffes  in  dem  Punkt  M,  welcher  allgemein  Metazentrum
genannt  wird.  Ist  nun  GN  senkrecht  zu  C t  M,  so  ergibt  sich  als  aufrichtendes  Moment?X0M,
wenn  t?  das  Gewicht  des  Schiffskörpers  oder  den  Auftrieb  darstellt.  Da  nun  Gill—GM
sin  9  ist,  so  wird  das  Stabilitätsmoment  —  PX^M  sin  9.  Es  ist  daher  abhängig  von  der
Größe  des  Deplacements  und  dem  Wert  GM,  der  sogenannten  metazentrischen  Höhe.  Nun
ist  GM  =  CM  —  CG,  und  demnach  wird  das  Stabilitätsmoment  =  P  (CM  —  CG)  sin  9.
CM  stellt  nun  den  Wert  der  Formstabilität  und  CG  den  der  Gewichtsstabilität  dar.  Je
nach  dem  Wert  dieser  beiden  Größen  ergeben  sich  nun  die  verschiedenen  Gleichgewichtslagen ­
  des  Schiffes.  Ist  CM  größer  als  CG,  so  ist  stabiles  Gleichgewicht  vorhanden,  und
man  nennt  das  Schiff  steif,  wenn  GM  einen  verhältnismäßig  hohen  Wert  hat  (1  —  3m),
rank,  wenn  es  entsprechend  klein  ist  (0,1—  0,4m).  Ist  CM  kleiner  als  CG,  so  wird
CM  —  CG  negativ.  Das  Gleichgewicht  ist  ein  labiles,  und  das  Schiff  muß  bei  geringster

646.
        <pb n="599" />
        632  Grundlagen  des  Schiffbaues.
Neigung  durch  äußere  Kräfte  umfallen  oder  kentern.  Ist  OM  ---06-,  so  daß  M  mit  6
zusammenfällt,  so  ist  der  Gleichgewichtszustand  indifferent.  Es  besteht  alsdann  die  Gefahr
des  Kenterns,  wenn  beim  Neigen  des  Schiffes  OM  kleiner  wird.  Wird  OM  jedoch  größer,
so  wächst  auch  6M  und  demnach  das  aufrichtende  Moment.  Der  Wert  OM,  welcher
allein  von  der  Form  des  Schiffes  abhängig  ist,  läßt  sich  durch  folgende  Formel  ausdrücken:
„„  Trägheitsmoment  der  Schwimmebene  K.LB 3  KLB 3  L  B' 2
Deplacement  in  cbm  Deplacement  L.  B  T  8  &amp;lt;5  T
Der  Koeffizient  K:  8  schwankt  von  0,08  bis  0,io.
CM  ist  also  um  so  größer,  je  größer  bei  gleichem  Deplacement  das  Trägheitsmoment
der  Schwimmebene,  d.  h.  im  besonderen  je  größer  die  Schiffsbreite  B  gewählt  wird,
da  das  Trägheitsmoment  mit  der  dritten  Potenz  von  B  sich  ändert  oder  aber  je  kleiner
bei  gleichbleibender  Schwimmebene  das  Deplacement  ausfällt,  d.  h.  je  schärfer  das
Unterwasserschiff  gemacht  wird.  Hiernach  ergeben  sich  die  einzelnen  Stabilitätsverhältnisse ­
  der  verschiedenen  Schiffstypen  in  Verbindung  mit  der  Gewichtsstabilität.
Nachgehende,  breite  Schiffe  -  Floß,  flache  Küstenpanzerschiffe  —  besitzen  große  Formstabilität ­
  wegen  des  großen  Trägheitsmoments  der  Schwimmcbene,  schnellsegelnde  Schoner
und  Jachten  wegen  des  scharfen  llnterwasserschiffes,  doch  wird  bei  den  letzteren  wegen
der  scharfen  Wasserlinien  außerdem  eine  große  Gewichtsstabilität  durch  eine  möglichst
tiefe  Lage  des  Systemschwerpnnktes  erzielt,  indem  man  am  Kiel,  am  tiefsten  Punkt,  schwere
Bleimassen  befestigt.  Die  Form-  und  Gewichtsstabilität  muß  nun  bei  dem  Entwurf  des
Schiffes  so  zu  einander  abgestimmt  werden,  daß  die  metazentrische  Höhe  M6  =  CM  —  CG
eine  den  praktischen  Verhältnissen  entsprechende  Größe  erhält.  Zu  kleines  MG  bringt
die  Gefahr  des  Kenterns  mit  sich,  bietet  jedoch  den  Vorteil  langsamer  und  sanfter  Bewegungen ­
  auf  See.  Großes  GM  bietet  vollkommene  Sicherheit  gegen  Kentern,  hat
jedoch  schnelle  und  heftige  Bewegungen  zur  Folge,  welche  teilweise  für  die  Schiffsbesatzung
unerträglich  werden  können,  teilweise  den  Schiffsverband  lockern  und  die  Verwendung
des  Schiffes  für  bestimmte  Zwecke,  wie  z.  B.  für  das  Schießen  auf  See,  in  Frage  stellen.
Die  nachstehende  Tabelle  gibt  für  die  einzelnen  Schiffsklassen  im  voll  ausgerüsteten  Zustande ­
  die  gebräuchlichsten  Werte  von  MG.  Im  allgemeinen  geht  man  mit  MG  nicht
unter  0,4  m;  einige  transatlantische  Schnelldampfer  besitzen  noch  geringere  metazentrische
Höhen.  Diese  Schiffe  haben  dementsprechend  sehr  angenehme  Bewegungen  auf  See,  und
ihre  Sicherheit  liegt  in  der  Hauptsache  in  dem  hohen  Freibord  über  Wasser.  Wenn
sie  mehrere  Grade  überliegen,  also  Schlagseite  erhalten,  stellt  sich  die  nötige  Stabilität
ein  infolge  der  hierdurch  wachsenden  Breite  der  Schwimmebene  und  der  Steigerung
des  Trägheitsmomentes  derselben.
Alte  Segelfregatten  MG  2,2  m
„  Schraubenfregatten  und  Korvetlen  „  1,2—1,5  „
Ältere  Panzerschiffe  „  1,2—2,i  „
Monitors  „  2,1—4,3  „
Neuere  ungetakelte  Panzerschiffe  0,8—1,5  „
Panzerdeckkreuzer  „  0,8—1,3  „
Ungeschützte  Kreuzer  „  0,5—0,8  „
Avisos  „  0,45—1,0  „
Kanonenboote  „  0,45—0,8  „
Torpedoboote  „  0,3—0,5  „
Transatlantische  Dampfer  „  0,1—0,3  „
Fracht-  und  Handelsdampfcr  „  0,45—0,9  „
Segelschiffe  „  0,8—1,0  „
Schleppdampfer  „  0,45—0,6  „
Flußschiffe  „  0,3—0,5  „
Der  Wert  von  MG  ist  jedoch  für  ein  und  dasselbe  Schiff  kein  konstanter,  da  einesteils ­
  die  Tauchungen  und  Tiefgänge  des  Schiffes  je  nach  der  Ausrüstung  und  Ladung
sich  ändern,  anderenteils  auch  die  Belastung  des  Schiffes  und  demnach  die  Lage  des
Systemschwerpunktes  eine  verschiedene  sein  kann,  im  besonderen  bei  Handelsschiffen,  bei
denen  die  Ladung  stets  eine  wechselnde  ist.  Man  muß  daher  beim  Stauen  der  Ladung
auf  Handelsschiffen  besonderen  Wert  darauf  legen,  daß  der  Systemschwerpunkt  dcs  voll-
        <pb n="600" />
        Konstruñtionsrísse  verschiedener  Hchiffstgpen.
        <pb n="601" />
        Stabilität.

633

beladenen  Schiffes  ein  günstiger  wird.  Zn  diesem  Zweck  sind  in  den  größeren  Hafenstädten ­
  besondere  Beamie  angestellt,  welche  die  richtige  Stauung  der  Ladung  im  Interesse
der  Rheder  und  Verfrachter  überwachen.  So  ist  z.  B.  bei  leichten  Ladungen,  wie  Baumwolle, ­
  Thee,  Tabak,  meist  Ballast  im  Schiffsboden  mitzuführen,  da  ohne  denselben  das
Schiff  leicht  zu  rank  wird,  während  bei  schweren  Ladungen,  wie  Eisen-  und  Kupfererze,
Eisenbahnschienen,  Vorsorge  getroffen  werden  muß,  dieselben  nicht  durchweg  tief  im  Schiffsboden ­
  zu  lagern,  zumal  sie  den  Schiffsraum  kaum  bis  zur  Hälfte  ausfüllen  werden,  da
sonst  das  Schiff  in  See  zu  heftige  Bewegungen  macht  und  bei  der  schweren  Belastung
Gefahr  vorhanden  ist,  daß  es  leck  springt.  Man  verteilt  daher  schwere  Ladungen  meist
im  Boden  und  im  Zwischendeck.  Anderseits  ist  auch  die  Stauung  der  Ladung  mit
Bezug  auf  die  Verteilung  auf  die  Schiffslänge  von  Wichtigkeit;  man  muß  dahin  streben,
die  schweren  Ladungen  möglichst  mittschiffs  zu  lagern,  teilweise  um  die  Belastung  des
Schiffsrnmpfes,  welcher  mittschiffs  den  größten  Auftrieb  hat,  günstig  zu  gestalten,  teilweise ­
  um  die  Stampfbewegungen  auf  See  möglichst  zu  mildern,  da  dieselben  bei  Anhäufung ­
  von  schweren  Gewichten  an  den  Schiffsenden  sehr  heftig  werden  können.
Neben  der  Stauung  der  Ladung  mit  Bezug  auf  die  Schwerpunktslage  kommt  nun
noch  ein  anderer  wichtiger  Faktor,  die  Beweglichkeit  der  Ladung,  in  Frage.  Dieser
Umstand,  welcher  bei  flüssigen  Ladungen  —  Petroleum,  Wasser  —  sowie  bei  beweglichen
Ladungen,  Getreide,  Reis,  sehr  lange  Zeit  weniger  beachtet  worden  ist  und  den  Verlust
einer  größeren  Zahl  von  Schiffen  mit  sich  gebracht  hat,
beruht  auf  der  Thatsache,  daß  durch  das  Überschießen  der
Ladung  die  Stabilität  des  Schiffes  sich  erheblich  verringert,
so  daß  ein  Kentern  des  Schiffes  auch  dann  eintreten  kann,
wenn  bei  regelrechter  Stauung  der  Ladung  die  Anfangsstabilität ­
  eine  genügende  war.  Diese  Verringerung  der
Stabilität  hat  darin  ihren  Grund,  daß  beim  Neigen  des
Schiffes  nicht  allein  der  Schwerpunkt  des  Deplacements
oder  Auftriebs  sich  nach  der  eintauchenden  Seite  wendet,
sondern  durch  die  nach  Lee  überschießende  Ladung  der  sonst
fest  anzusehende  Systemschwerpunkt  des  Schiffes  ebenfalls
nach  dieser  Seite  verschoben  wird,  wie  aus  nebenstehender
Abb.647  zu  ersehen  ist.  JstF  der  Schwerpunkt  der  beweglichenLadung  in  der  aufrechten  Lage,
so  geht  er  bei  Neigung  des  Schiffes  infolge  Überschießens  nach  F,  über,  so  daß  der  Systemschwerpunkt ­
  G  die  Symmetrieebcne  verläßt  und  gleichfalls  nach  Lee,  nach  6t,,  wandert.
Der  Hebelarm  der  Stabilität  Gibt  wird  demnach  auf  die  metazentrische  Höhe  um
GE  verkleinert.  Um  sich  ein  klares  Bild  über  die  Wirkung  der  übergeschossenen  Ladung
machen  zu  können,  diene  folgende  Betrachtung.  Das  Gewicht  der  übergeschossenen
Ladung  wirkt  durch  den  Schwerpunkt  derselben  vertikal  nach  abwärts.  Verlängert
man  diese  Vertikale  bis  zum  Schnittpunkt  mit  der  Symmetrieachse  21,,  so  kann  man
sich  in  diesem  Punkt  das  Gewicht  der  übergeschossenen  Ladung  konzentriert  denken  und
dementsprechend  feststellen,  ob  der  hierdurch  nach  oben  gerückte  Systemschwerpunkt  dem
Metazentrum  so  nahe  gekommen  ist,  daß  die  metazcntrische  Höhe  eventuell  null  oder  gar
negativ  geworden  ist.  Außerdem  kommt  durch  das  Überschießen  der  Ladung  nach  Lee
eine  bedeutende  lebendige  Kraft  auf  den  Schiffskörper  zur  Wirkung,  tvelche  dahin  strebt,
die  Neigung  des  Schiffes  in  einem  Moment  zu  vergrößern,  wo  gerade  die  Stabilität
durch  die  Verschiebung  der  Ladung  verringert  ist,  und  so  können  beide  Kräfte  auf  das
Kentern  des  Schiffes  wirken.  Ähnliche  Verhältnisse  treten  ein,  wenn  einzelne  Räume
des  Schiffes  durch  Beschädigung  der  Außenhaut  überflutet  werden.  Wenngleich  das  einströmende ­
  Wasser  im  Inneren  des  Schiffes  eine  möglichst  tiefe  Lage  einnehmen  wird,  und
dadurch  der  Anschein  erweckt  wird,  als  ob  die  Stabilität  sich  unter  allen  Ümständen  hierdurch ­
  vergrößert,  da  der  Systemschwerpunkt  durch  das  hinzugekommene,  tief  gelagerte
Wasser  nach  unten  wandert,  so  ist  dies  nur  ein  Trugschluß,  da  beim  Überneigen  des
Schiffes  das  ins  Schiff  eingedrungene  Wasser  durch  das  Überschießen  seinem  Gewicht
nach  in  dem  Punkt  Ni  gedacht  werden  muß,  also  sehr  hoch  zu  liegen  kommt.  Die  Thatsache,
IX  80
        <pb n="602" />
        634

Grundlagen  des  Schiffbaues.

daß  Schiffe  mit  größerer  Leckstelle  infolge  Kollisionen  u.  s.  w.  vor  dem  Sinken  erst  kentern,
erscheint  hiernach  vollkommen  erklärlich.  Um  dieser  Gefahr  vorzubeugen,  ist  es  daher
nur  nötig,  das  Überschießen  von  Wasser  bezw.  der  Ladung  querschiffs  zu  verhindern.
Auf  Handelsschiffen  baut  man  zu  diesem  Zweck  für  Getreide  und  ähnliche  bewegliche
Ladungen  hölzerne  Längsschotte  ein,  wodurch  die  Verschiebung  der  Ladung  erheblich  verringert ­
  wird;  bei  flüssiger  Ladung,  wie  bei  den  Petroleumtaukdampfern,  werden  wasserdichte ­
  stählerne  Längsschotte  vorgesehen.  Bei  Kriegsschiffen,  bei  denen  die  Gefahr  der
Überflutung  infolge  des  Rammstoßes  oder  durch  die  Wirkung  des  Torpedos  leicht  zu  erwarten ­
  steht,  ist  man  bestrebt,  die  Einteilung  des  Schiffes  in  wasserdichte  Abteilungen
und  Zellen  durch  entsprechende  Quer-  und  Längsschotte  derart  zu  vermehren,  daß  durch
die  freie  Bewegung  des  Flutwassers  die  Stabilität  des  Schiffes  nicht  übermäßig  gefährdet ­
  wird.
Ter  Verlust  an  Stabilität  tritt  jedoch  nicht  allein  durch  Leckagen  unterhalb  der
Wasserlinie  und  entsprechendes  Überfluten  des  Schiffsinneren  ein,  er  kann  auch  ein  erhebliches ­
  Maß  erreichen,  wenn  beim  Zerstören  der  Bordwand  in  der  Wasserlinie  durch
Kollisionen  oder  bei  Kriegsschiffen  durch  die  feindlichen  Geschosse  ein  Teil  des  Schiffsinneren ­
  überflutet  wird,  so  daß  die  Schwimmebene  in  ihrer  ganzen  Ausdehnung  nicht
mehr  intakt  bleibt.  Es  kann  also  dann  nur  derjenige  Teil  der  Schwimmebene  für  die
Stabilität  in  Frage  kommen,  welcher  nicht  überflutet  ist,
und  das  Trägheitsmoment  der  intakten  Schwimmebene  und
hiermit  auch  der  Wert  von  6  N  wird  sich  entsprechend
verkleinern.  Anderseits  wird  durch  die  Überflutung  und
die  Tiefertauchung  des  Schiffes  das  Deplacement  vergrößert, ­
  und  auch  hierdurch  wird  sich  der  Wert  von  0  M
verringern.  Als  ein  Beispiel  möge  das  englische  Panzerschiff ­
  „Inflexible"  angeführt  werden,  dessen  Panzergürtel
in  der  Wasserlinie  sich  nur  auf  etwa  1 / s  der  Schiffslänge
mittschiffs  erstreckt,  während  die  Schiffsenden  in  der  Wasserlinie ­
  ungeschützt  sind  und  nur  unterhalb  der  Wasserlinie
zum  Schutz  der  unteren  Räume  des  Schiffes  ein  starkes
Panzerdeck  tragen.  Für  den  Fall,  daß  die  Seitenwände
648.  der  ungeschützten  Schiffsenden  durchschossen  sind,  so  daß
die  letzteren  bis  zu  den  Panzerdecks  überflutet  werden,  wird
sich  die  metazentrische  Höhe  MG-  von  2,5  m  auf  0,6  m  verringern,  ein  Beweis,  wie
wichtig  der  Schutz  der  Wasserlinie  durch  einen  Panzergürtel  für  die  Sicherung  der
Stabilität  ist.  Man  ist  daher  bestrebt,  die  Wasserlinie  möglichst  auf  die  ganze  Länge
des  Schiffes  zu  panzern  und  die  ungeschützten  Teile,  in  den  meisten  Fällen  das  Achterschiff, ­
  neben  einem  Unterwasserpanzerdeck  an  der  Bordwand  mit  einem  Kork-  oder  Cellulosedamm ­
  zu  umgeben,  welcher  einerseits  das  Eindringen  von  Wasser  durch  das  Schußloch ­
  infolge  des  Quellens  des  Korkes  bezw.  der  Cellulose  möglichst  einschränkt,  anderseits ­
  jedoch  bei  eingetretenem  Überfluten  der  Räume  über  dem  Panzerdeck  gewissermaßen ­
  als  Schwimmgürtel  dient  und  dahin  wirken  soll,  das  Trägheitsmoment  der
Schwimmebene  durch  die  Erhaltung  des  Korkgürtels  in  dem  überfluteten  Teil  nicht
ganz  zu  beseitigen.
Ein  weiterer  Fall  der  Verminderung  der  Stabilität  tritt  ein,  wenn  das  Schiff  mit
seinem  Kiel  auf  Grund  gerät.  Während  bei  einem  schwimmenden  Schiff  dem  Metazentrum ­
  gleichsam  die  Rolle  eines  Aufhängepunktes  zufällt,  so  daß  stabiles  Gleichgewicht
vorhanden  ist,  wenn  der  Schtverpunkt  des  Schiffes  unter  dem  Metazentrum  liegt,  wird  bei
einem  ganz  auf  dem  Kiel  ruhenden  Schiffe,  also  wenn  es  im  Dock  trocken  gestellt  ist,  dieser
Aufhänge-  bezw.  Unterstützungspunkt  an  die  Ünterkante  des  Kiels  verlegt.  Es  muß  daher
ein  labiles  Gleichgewicht  eintreten,  da  alsdann  der  in  seiner  Lage  verbleibende  Schiffsschwerpunkt ­
  erheblich  über  dem  Ünterstützungspunkt  liegt.  Ist  das  Schiff  auf  Grund
geraten,  so  kommt  als  Druck  auf  den  Kiel  nicht  das  ganze  Schiffsgewicht,  sondern  die
Differenz  zwischen  diesem  und  dem  verbleibenden  Auftrieb  in  Frage  und  kann  derselbe
        <pb n="603" />
        11!  f  W

Stabilität.  Schwingungen  des  Schiffes.

635

die  Stabilität  bis  zur  labilen  Gleichgewichtslage  verringern.  Beim  Überholen  des
Schiffes  kann  jedoch  die  stabile  Gleichgewichtslage  wieder  eintreten,  wenn  der  Angriffspunkt ­
  des  Auftriebes  0  derart  zur  Seite  geschoben  wird,  daß  der  Auftrieb  A  und  das
Schiffsgewicht  P  mit  Bezug  auf  den  Kiel  als  Drehpunkt  sich  das  Gleichgewicht  halten,  wenn
also  A  —  ist  (2(66.648).  In  diesem  Falle  wird  8  -----  ^  —  Der  Wert  von  B,  d.  h.
also  der  Druck  des  Grundes  gegen  den  Kiel,  wird  nun  gleich  Null,  wenn  y  =  0,  1).  h.
wenn  man  den  Systemschwerpunkt  des  Schiffes  derart  nach  Lee  verschiebt  durch  Umstauen ­
  von  Ladung  oder  2lusrüstungsgegenstäuden,  daß  er  in  die  Vertikale  des  Auftriebs
fällt,  vorausgesetzt,  daß  ein  genügend  großer  Freibord  und  die  hierdurch  bedingte  Stabilität
des  Schiffes  dies  gestattet.  Alsdann  wird  naturgemäß  auch  wieder  A  =  P,  d.  h.  Auftrieb
gleich  Schiffsgewicht;  hierauf  beruht  das  praktische  Manöver  zum  Abbringen  auf  Grund
geratener  Schiffe.  Es  kommt  hierbei  noch  in  Betracht,  daß  beim  Neigen  des  Schiffes
um  die  Unterkante  Kiel  auf  der  Leeseite  meist  ein  größeres  Keilstück  des  Schiffes  ins
Wasser,  als  auf  der  Luvseite  zum  Austauchen  gelangt,  so  daß  das  Deplacement  und
somit  der  Auftrieb  sich  nach  und  nach  vergrößert  und  ein  Auftauchen  des  Schiffes  veranlaßt.
Schwingungen  des  Schiffes  im  ruhigen  Wasser  und  auf  See.
Die  Schwingungen  des  Schiffes  im  ruhigen  Wasser  entstehen  durch  Gleichgewichtsstörungen, ­
  sei  es  veranlaßt  durch  den  Winddruck,  sei  es  durch  in  regelmäßigen  Zeitläuften
auseinander  folgende  Gewichtsverschicbungen.  Die  schwingende  Bewegung  steht  unter
dem  Einfluß  der  Stabilitätskraft  und  der  Masse  des  Schiffes,  und  das  Schiff  gelangt
erst  infolge  der  Widerstände  im  Wasser  und  in  der  Luft  allmählich  zur  Ruhe.  Die
Schwingungen  des  Schiffes  um  die  Längsachse  nennt  manSchlingernoder  Rollen,  und
mau  bezeichnet  mit  Schlingern  die  kurzen,  hastigen  Bewegungen,  mit  Rollen  die  langsamen,
weitausholenden  Schwingungen  desselben.  Die  Schwingungen  um  die  Querachse  nennt
man  Stampfen  oder  Setzen,  und  zwar  spricht  man  von  Stampfen  bei  Bewegungen
des  Schiffsbuges,  von  Setzen  bei  denjenigen  des  Hecks.  Neben  diesen  schwingenden  Bewegungen ­
  treten  auf  See  auch  vertikale  auf,  bei  welchen  das  Schiff  aus  seiner  ursprünglichen ­
  Schwimmebene  sich  heraushebt  bezw.  sich  in  dieselbe  hineinsenkt.  Diese  Schwingungen
nennt  man  Tauchbewegungen.
Von  den  Schwingungen  des  Schiffes  verdienen  nun  vor  allem  die  Schlingerund ­
  Rollbewegungen  mit  Bezug  auf  die  Sicherheit  und  das  Verhalten  der  Schiffe  auf
See  die  größte  Beachtung.  Die  Größen  derselben  werden  gemessen  durch  die  Neigungen,
welche  das  Schiff  um  die  Längsachse  von  der  aufrechten  Lage  nach  jeder  Seite  vollführt,
und  man  versteht  unter  einer  einfachen  Schwingung  den  Bogen,  welchen  z.  B.  die  Spitze
des  Mastes  von  der  größten  Neigung  nach  Steuerbord  bis  zur  größten  Neigung  nach
Backbord  macht,  und  die  Periode  der  Schwingung  ist  die  Zeit,  welche  hierzu  gebraucht
wird.  Bewegt  sich  daherz.  B.  ein  Schiff  von  einem  Winkel  von  10  Grad  nach  Steuerbord ­
  zu  einem  Winkel  von  9  Grad  nach  Backbord  in  einer  Zeit  von  6  Sekunden,  so  ist  der
Schwinguugsbogeu  19  Grad  und  die  Periode  6  Sekunden.  Sieht  man  von  den  Widerständen ­
  der  Bewegung  ab,  so  kann  man  das  rollende  Schiff  mit  der  Bewegung  eines
physischen  Pendels  vergleichen,  und  aus  eingehenden  Beobachtungen  und  mathematischen
Untersuchungen  hat  sich  ergeben,  daß  die  Länge  des  gleichschwingenden  physischen  Pendels
gleich  dem  Quadrat  des  Trägheitsradius  des  Schiffes  dividiert  durch  die  metazentrische  Höhe
ist.  Die  Periode  oder  Schwingungsdauer  des  Schiffes  in  Sekunden  bestimmt  sich  daher
aus  der  Gleichung  t  ,  worin  r  der  Trägheitsradius  des  Schiffes  ist.  Derselbe
ergibt  sich  aus  dem  Trägheitsmoment  des  Schiffes  I  und  der  Masse  N  desselben  aus  der
Gleichung  Liegen  hiernach  die  Hauptgewichte  des  Schiffes  weit  von  der  Längsachse ­
  desselben  entfernt,  wie  z.  B.  bei  Panzerschiffen  der  Gürtelpanzer  an  den  Schiffsseiten, ­
  so  wird  das  Trägheitsmoment  um  die  Längsachse  und  demnach  der  Trägheitsradius ­
  groß  ausfallen.  Die  Schwingungen  eines  Schiffes  werden  nun  um  so  langsamer
und  sanfter  sich  gestalten,  die  Periode  also  um  so  größer  sein,  je  größer  der  Trägheits-80*
        <pb n="604" />
        636

Grundlagen  des  Schiffbaues.

radius  des  Schiffes  und  je  kleiner  seine  metazentrische  Höhe  ist  und  umgekehrt.  Man  ist
daher  beim  Entwurf  des  Schiffes  im  stände,  die  Schwingungszeit  desselben  im  voraus
festzulegen.  Da  jedoch  die  Gewichtsverteilung  im  Schiff  in  der  Hauptsache  von  anderen
Gesichtspunkten,  wie  Geschützarmierung,  Panzerung  u.  s.  W.  abhängig  ist,  so  liegt  es  nicht
immer  in  der  Macht  des  Konstrukteurs,  dem  Trägheitsradius  im  voraus  eine  bestimmte
Größe  zu  geben;  dagegen  bietet  die  Wahl  von  ein  Mittel,  die  Schwingungszeit
innerhalb  bestimmter  Grenzen  festzulegen.  Diese  Resultate  stimmen  vollkommen  mit  der
praktischen  Erfahrung  überein.  Auch  hat  sich  ergeben,  daß  für  Schwiuguugsausschläge
bis  zu  15  Grad  die  Schwingungszeit  für  kleine  und  große  Ausschlagwinkel  gleich  ist,  so
daß  das  Schiff  als  ein  isochronschwingendes  Pendel  angesehen  werden  kann.
In  Wirklichkeit  treten  nun  beim  Schlingern  des  Schiffes  die  Widerstände  desselben
im  Wasser  hinzu.  Dieselben  setzen  sich  zusammen  aus  der  Oberflächenreibung,  dem
direkten  Wasserwiderstand  der  flachen  Schiffsteile  und  dem  wellenbildendeu  Widerstand,
d.  h.  dem  Kraftverlust,  welcher  durch  die  Erzeugung  der  beim  Schlingern  entstehenden
Wellen  aufgewendet  wird.  Zur  Ermittelung  dieser  Widerstände  sowie  zur  Bestimmung
der  Schwingungsdauer  eines  Schiffes  und  zur  Ermittelung  seines  Trägheitsmoments
dienen  Schlingerversuche  mit  fertig  ausgerüsteten  Schiffen.  Dieselben  bestehen  darin,
Laß  man  das  Schiff  durch  regelmäßiges  Überlaufen  von  Mannschaften  von  Bord  zu
Bord  in  Schwingungen  versetzt  und  nach  plötzlichem  Stillstehen  der  Mannschaft  mittschiffs
das  Schiff  ausschwingen  läßt.  Hiernach  hat  sich  ergeben,  daß  durch  Vergrößern  der
Widerstände  die  Schwingungen  des  Schiffes  bis  zur  Ruhelage  erheblich  abnehmen,
während  die  Zeit  einer  Schwingung  sich  nur  um  einige  Zehntel  Sekunden  ändert.  Die

Vermehrung  des  Widerstandes ­
  erzielt  man  durch
Anbauen  von  Kimm-649.

  Schwingung  eines  Flosses  nuf  einer  Welle.

649.  Schwingung  eines  Flosses  nuf  einer  Welle.

haut  befestigt  werden  und  beim  Schlingern  einen  bedeutenden  Widerstand  im  Wasser
erzeugen,  oder  durch  Einbauen  von  Wasserkammern,  querschiffs  angeordneten  Tanks,
welche  mit  einer  bestimmten  Menge  Wasser  gefüllt  sind.  Ihr  Prinzip  besteht  darin,
daß  beim  Schlingern  des  Schiffes  das  Wasser  nach  der  geneigten  Schiffsseite  überläuft
ähnlich  dem  Überlaufen  von  Mannschaften  beim  Schlingerversuch,  nur  mit  dem  Unterschied, ­
  daß  das  Wasser  der  Zeitfolge  nach  sich  in  entgegengesetzter  Richtung  bewegt  und
demnach  dem  aufrichtenden  Moment  entgegenwirkt.
Betrachtet  man  nun  das  Schiff  auf  einer  Ozeanwelle  und  zwar  in  der  ungünstigen
Lage  querstes,  mit  der  Breitseite  auf  der  Welle  schwimmend,  so  gestalten  sich  die  Verhältnisse ­
  der  Schlingerbewegungen  anders.
Während  der  Auftrieb  des  Schiffes  in  ruhigem  Wasser  stets  vertikal  nach  oben  gerichtet ­
  ist,  stellt  sich  die  Richtungslinie  des  Auftriebs  beim  Schwimmen  des  Schiffes  auf
einer  Welle  stets  normal  zur  Wasseroberfläche  ein,  d.  h.  zur  Oberfläche  desjenigen  Teils
der  Welle,  in  welcher  das  Schiff  schwimmt.  Die  Richtungslinie  des  Auftriebs  ändert
sich  daher  von  Punkt  zu  Punkt  der  Wellenkontur,  und  die  Neigungsänderungen  derselben
gleichen  den  Schwingungen  eines  Pendels,  welches  eine  Periode  besitzt  gleich  der  Periode
der  halben  Wellenlänge.  Infolge  der  Stabilitätskraft  hat  nun  das  Schiff  das  Bestreben,
sich  nach  der  jeweiligen  Richtungslinie  des  Auftriebes  einzustellen.  Bei  Schiffen  mit  großer
metazentrischcr  Höhe  und  kleiner  Schwingungsperiode  wird  das  Einstellen  um  so  schneller
geschehen,  je  größer  die  Schwingungsdauer  der  Richtungsliuie  des  Auftriebes  d.  h.  der
halben  Wellenperiode  ist.  Das  Deck  des  Schiffes  wird  daher  fast  parallel  zur  Wellenkontur ­
  liegen,  ähnlich  einem  Floß  (Abb.  648).  Als  Beispiel  für  diesen  Fall  dienen  die
amerikanischen  Monitors,  welche  eine  sehr  große  metazentrische  Höhe  und  dementsprechend
eine  sehr  kleine  Periode  —  2 3 / 4  Sekunden  —  besitzen  und  welche  bei  der  Fahrt  über  den
Atlantischen  Ozean  beim  Schlingern  quersees  fast  kein  Wasser  auf  das  sehr  niedrig  über
Wasser  liegende  Deck  bekommen  haben.  Sie  bieten  jedoch  keine  stetige  Plattform,  da  sie
        <pb n="605" />
        637

Schwingungen  des  Schiffes.  Besegelung.

sich  ganz  mit  den  Wellen  bewegen.  Bei  schmalen  und  ranken  Schiffen  mit  entsprechend
großer  Stillwasserperiode  wird  die  Bewegung  zum  Einstellen  in  die  Richtungslinie  des
Auftriebes  eine  sehr  langsame  sein.  Das  Schiff  hat  dann  die  Schwingung  noch  nicht
beendet,  wenn  die  halbe  Wellenlänge  vorüber  ist  und  demnach  die  Richtungslinie  des
Auftriebs  ihre  Schwingung  beendet  hat.  Eine  Welle,  deren  Periode  demnach  kleiner  ist
als  die  doppelte  Stillwasserperiode  eines  Schiffes,  wird  daher  dasselbe  nur  wenig  in
seiner  aufrechten  Lage  stören;  das  Deck  bleibt  fast  horizontal  liegen  und  bildet  eine
stetige  Plattform.  Diese  Eigenschaft  des  Schiffes,  welche  man  vorzüglich  bei  Schnell'
dampfern  antrifft,  nennt  man  Stetigkeit.  Ist  nun  die  Stillwasserperiode  eines  Schiffes
gleich  der  halben  Wellenperiode,  so  wird  jeder  Wellenzng,  da  Schiff  und  Richtungslinie
des  Auftriebs  gleichmäßig  schwingen,  den  Neigungswinkel  vergrößern,  und  das  Schiff
wird  nach  dem  Passieren  einiger  Wellenzüge  überrollen  oder  kentern,  wenn  nicht  der  bedeutende ­
  Seitenioiderstand  des  Wassers  die  Bewegung  des  Schiffes  bremst.  Es  entspricht
dies  dem  Fall  eines  Pendels,  welches  zu  großen  Ausschlägen  gebracht  werden  kann,
wenn  dasselbe  in  bestimmten  Zeitintervallen  kleine  Impulse  erhält.  Dieser  theoretisch
begründete  Satz  hat  sich  durch  die  Erfahrungen  bestätigt.  Wenngleich  ein  Kentern  von
Schiffen  wegen  der  beim  Rollen  auftretenden  Widerstände  nicht  immer  eintritt,  so  hat  man
doch  Neigungen  bis  zu  40  und  50  Grad  beobachtet,  wenn  das  sonst  ruhig  schlingernde  Schiff
in  Wellen  zu  liegen  kam,  deren  Periode  doppelt  so  groß  war,  als  die  Schiffsperiode.
Man  muß  daher  bestrebt  sein,  dem  Schiff  beim  Entwurf  eine  Stillwasserperiode  zu  geben,
welche  größer  ist,  als  die  halbe  Wellenperiode  der  größten  Ozeauwellen.  Da  letztere  eine
Periode  von  10  bis  11  Sekunden  haben,  so  ist  eine  Stillwasserperiode  von  5^  Sekunden
günstig.  Sobald  die  Lage  des  Schiffes  zur  Welle  nicht  mehr  querstes  ist,  wenn  also
das  Schiff  unter  einem  Winkel  zum  Welleuzuge  sich  bewegt,  so  wird  sich  die  relative
Wellenperiode  ändern,  und  ergeben  sich  dann  andere  Schlingerbewegungen.  Man  muß
daher  den  Schiffskurs  so  wählen,  daß  man  eine  Übereinstimmung  der  Schiffsperiode  mit
der  halben  Wellenperiode  vermeidet.
Als  seiner  Zeit  das  erste  französische  Panzerschiff  „Gloire"  auf  See  sich  durch  heftiges
Schlingern  auszeichnete,  glaubte  mau  beim  Bau  des  Schwesterschiffes  diesen  Übelstand
dadurch  beseitigen  zu  können,  daß  man  die  Hauptgewichte  und  dementsprechend  den
Systemschwerpunkt  tiefer  brachte,  da  man  irrtümlich  annahm,  daß  das  heftige  Schlingern
durch  die  Topschwere  veranlaßt  sei.  Die  hierdurch  vergrößerte  metazentrische  Höhe  verursachte ­
  jedoch  ein  weit  heftigeres  Schlingern  mit  größeren  Ausschlägen  als  anfänglich,  so
daß  wieder  Gewichte  nach  oben  verschoben  werden  mußten.  Diese  irrtümliche  Auffassung,
daß  ein  heftiges  und  weitausholendes  Schlingern  des  Schiffes  ein  Zeichen  der  Topschwere
bezw.  eines  unstabilen  Schiffes  sei,  ist  noch  vielfach  vertreten,  man  sucht  in  solchem  Fall
irrtümlicherweise  Ballasteisen  tief  zu  verstauen,  da  man  ein  Kentern  zu  befürchten  glaubt,
während  anderseits  die  ranken  und  meist  wenig  stabilen  Schnelldampfer,  weil  sie  in  See
ruhig  liegen  und  sanfte,  wenig  ausholende  Bewegungen  machen,  im  Kreise  der  Laien
als  Schiffe  von  großer  Stabilität  gelten,  was  sie  in  der  That  nicht  sind.
Besegelung  und  Ruder.
Die  Verwendung  der  Segel  zur  Fortbewegung  der  Schiffe  gehört,  wie  wir  in  der
Einleitung  gesehen  haben,  zu  den  ältesten  Hilfsmitteln  des  Schiffbauers,  und  dieselbe  ist
bis  in  die  neueste  Zeit  demselben  treu  geblieben.  Der  mächtige  Aufschwung  der  Dampfschifffahrt ­
  hat  freilich  einen  Rückgang  der  Segelschiffe  zur  Folge  gehabt,  doch  sind  schnelle
Segler  zu  jeder  Zeit  von  Bedeutung  gewesen.  So  gehörten  seiner  Zeit  die  spanischen
und  portugiesischen  Sklavenschiffe,  welche  den  Menschenhandel  zwischen  Afrika  und  Amerika
betrieben,  später  die  sogenannten  Frachtschiffe,  welche  im  Frühjahr  die  ersten  Südfrüchte ­
  vom  Mittelmeer  nach  England  und  Hamburg  brachten,  zu  den  besten  Seglern.
Später  bauten  die  Amerikaner  die  sogenannten  Klipperschiffe,  schnelle  Segler  mit
schlanken  Schiffslinien,  für  den  Verkehr  nach  den  Goldfeldern  in  Kalifornien  um  das
Kap  Horn  herum,  und  heutzutage  reihen  sich  diesen  Seglern  die  gewaltigen  eisernen
        <pb n="606" />
        638  Grundlagen  des  Schiffbaues.

Segelschiffe  an  mit  Takelagen  bis  zu  fünf  vollgetakelten  Masten  für  den  Verkehr
nach  Ostindien  sowie  Ostasien.
Die  Kunst  des  Segelns  ist  schließlich  in  den  letzten  Jahrzehnten  durch  den  Segelsport ­
  und  durch  den  vor  einigen  Jahren  wieder  aufgelebten  Wettstreit  zwischen  den  englischen ­
  und  amerikanischen  Segeljachten  um  den  Amerika-Pokal  zu  einer  Höhe  gelangt,

welche  sie  bis  dahin  noch  nicht  erreicht  hatte.  Infolge  dieses  Wettstreites  haben  sich  in
der  Anordnung  der  Takelage  und  bei  der  Anfertigung  und  dem  Setzen  der  Segel  Verbesserungen ­
  herausgebildet,  welche  teilweise  mit  den  alten  Überlieferungen  der  erfahrenen
Seeleute  brachen.  Während  man  früher  allgemein  dem  Prinzip  huldigte,  die  Segel  so
zuzuschneiden  und  auszubringen,  daß  sie  beim  Winde  einen  Bauch  bezw.  Sack  bildeten,
damit  der  Wind  sich  in  denselben ­
  staut  und  so  scheinbar
in  gehäufter  Weise  seine
Kraft  auf  die  Segel  zur  Geltung ­
  bringt,  ist  man  jetzt,
nach  dem  Vorgang  der  Amerikaner, ­
  auf  die  brettartig  gespannten ­
  Segelflächen  übergegangen ­
  nach  dem  Grundsatz, ­
  daß  eine  ruhende  Luftschicht ­
  nicht  wirksam  ist,  sondern, ­
  daß  die  Segelflächen
von  stets  neuen  Windstößen
getroffen  werden  müssen.
Man  sucht  daher  die  Segelflächen ­
  durch  Einnähen  von
65i.  Srigg  vor  drill  zvilldr  Irgriild.  Latten,  sowie  durch  Anreihen
der  Segel  an  Bäume,  Mast
und  Gaffel  möglichst  brettartig  zu  spannen,  damit  die  auf  das  Segel  geführte  Luft  leicht
und  ohne  erheblichen  Widerstand  entweichen  kann,  und  man  hat  hiermit  die  günstigsten
Erfolge  erzielt.
Die  Wirkungsweise  des  Windes  auf  die  Segel  sowie  auf  die  Fortbewegung
des  Schiffes  ergibt  sich  nun  aus  folgenden  Betrachtungen.  Nach  Erfahrungsdaten
berechnet  sich  der  Winddruck  P  in  kg  senkrecht  auf  eine  Fläche  von  P  qm  Inhalt  zu
        <pb n="607" />
        Besegelung.

639

p  =  O,09.Y 2 F,  worin  Y  die  Geschwindigkeit  des  Windes  in  in  Pro  Sekunde  angibt;
derselbe  ändert  sich  daher  mit  dein  Quadrat  der  Windgeschwindigkeit.  Der  einfachste  Fall
für  die  Fortbewegung  des  Schiffes  durch  den  Wind  ist  derjenige,  bei  welchem  das  Schiff  den

Wind  gerade  in  dem  Rücken  hat,  so  daß  es  also  mit

C

oder  vor  dem  Winde  fährt.  Hierbei  werden  die
Raasegel  rechtwinkelig  zur  Längsachse  des  Schiffes,  /
d.h.  querschiffs  gebraßt  und  kommen  die  sogenannten  /
Schratsegel  weniger  in  Gebrauch.  Die  Fahrt  des
Schiffes  vor  dem  Winde  ist  durchaus  nicht  die  /
schnellste,  im  besonderen  für  Schiffe  mit  großer  /
Takelage,  denn  abgesehen  davon,  daß  hierbei  in  A
der  Hauptsache  nur  die  Segelfläche  des  hinteren  sss.
Mastes  zur  Geltung  gelangt,  da  die  vorderen  Segel
sowie  die  Schratsegel  durch  diese  bekalmt  werden  —  man  sucht  daher  vor  dem  Winde
durch  Setzen  von  Beisegeln,  Leesegel  und  Spinnaker,  an  wirksamer  Segelfläche  zu  gewinnen ­
  —  so  verringert  sich  die  scheinbare  Windgeschwindigkeit  und  demnach  der  Winddruck

0

7,S

653.  Dingen»,m  brtr.  Dichtung  und  Starke  des  Minücs.

auf  die  Segel  durch  das  Vorwärtslaufen  des  Schiffes  um  die  Größe  der  Schiffsgeschwindigkeit. ­
  Für  ein  in  Fahrt  befindliches  Schiff  bildet  daher  nicht  die  wirkliche  Stärke  und  Richtung
des  Windes  die  treibende  Kraft,  sondern  es  ist  für  die  Segelführung  und  Segelstellnng  die
scheinbare  Stärke  und  Richtung  des  Windes  maßgebend.  Sie  werden  durch  einen  an  Bord
befindlichen  Windmesser  und  die  Windfahne  angegeben.  Die  scheinbare  Bewegung  des
Windes  ist  die  Resultante  aus  dessen  wirklicher  Bewegung  und  der  negativ  zu  nehmenden
Bewegung  des  Schiffes.  Gibt  daher  AB  die  Richtung  und  die  Länge  von  AB  die  Geschwindigkeit ­
  des  Schiffes  in  einem  bestimmten  Maßstab  an,  OB  die  Richtung  und  der
Länge  nach  die  Geschwindigkeit  des  wirklichen  Windes,  so  ist  OA  die  Richtung  des  scheinbaren ­
  Windes,  und  die  Länge  von  OA  entspricht  der  Geschwindigkeit  dieses  Windes.
Durch  die  Fahrt  des  Schiffes  voraus  wird  daher  ein  in  der  Kielrichtung  des  Schiffes
von  hinten  wirkender  Wind  in  seiner  Stärke  um  die  Geschwindigkeit  des  Schiffes  verringert ­
  und  in  seiner  Richtung  nicht  geändert.  Ein  von  seitwärts  achtern  einfallender
Wind  kommt  seiner  Richtung  nach  mehr  von  vorn,  während  er  in  seiner  Geschwindigkeit
etwas  verringert  wird,  ein  von  seitwärts  vorn  auf  die  Segel  treffender  Wind  nimmt
einen  spitzeren  Winkel  mit  der  Kiellinie  an  und  an  Stärke  zu.  Je  nach  der  Richtung
des  scheinbaren  Windes  müssen  nun  die  Segelstellungen  so  gewählt  werden,  daß  sie  auf
die  Fortbewegung  des  Schiffes  am  günstigsten  wirken.
        <pb n="608" />
        640  Grundlagen  des  Schiffbaues.

Über  die  Richtung  und  Stärke  des  scheinbaren  Windes,  die  entsprechende  Segelstellung
und  die  erzielte  Geschwindigkeit  des  Schiffes  gibt  nebenstehendes  Diagramm  (Abb.  653)  ein
klares  Bild;  es  ist  für  dasselbe  ein  Segelschiff  mit  Raasegeln,  sowie  eine  Windgeschwindigkeit ­
  von  18  Seemeilen  pro  Stunde  entsprechend  der  Windstärke  VI  —  starke  Brise  —
zu  Grunde  gelegt.  In  diesem  Diagramm  werden  die  wirklichen  Windrichtungen  durch
die  Kompaßrose  angegeben;  die  Schiffsgeschwindigkeiten  in  Seemeilen  parallel  der  Kurslinie ­
  unter  Vernachlässigung  der  Abtrift  sind  durch  starke  Linien,  die  scheinbaren  Windrichtungen ­
  und  Stärken  durch  schwache  Linien  gekennzeichnet,  während  die  betreffenden
Segelstellungen  durch  Doppellinien  angegeben  sind.  Hiernach  erhält  das  von  Norden
nach  Süden  segelnde  Schiff  die  größte  Geschwindigkeit  bei  der  Windrichtung  HO,  d.  h.  bei
dem  sogenanntenBackstagswind  undvariiert  die  scheinbare  Windgeschwindigkeit  von  l  0,7  Seemeilen ­
  bis  21  Seemeilen.  Dieselbe  ist  nun  wiederum  zerlegt  in  eine  Normaldruckkomponente ­
  ans  die  Segelfläche  bl  und  letztere  weiter  in  die  Querschiffskomponente  Q
und  die  Längsschiffskomponente  L.  Die  letztere,  welche  das  Schiff  voraus  treibt,  wird
um  so  größer,  je  weiter  der  Wind  nach  achtern  herumgeht,  während  die  Normaldruckkomponenten
  für
alle  Segelstellungen ­
  ziemlich  gleich
bleiben.  Daß  trotzdem ­
  die  Geschwindigkeit ­
  des  Schiffes
vor  dem  Winde
verhältnismäßig
gering  ist,  hat  in
der  Hauptsache  seinen ­
  Grund  darin,
daß  die  vorderen
Segel  von  den
hinteren  bekalmt
werden,  so  daß  die
ersteren  nicht  voll
zur  Wirkung  gelangen. ­
  Diese  Erkenntnis ­
  ,  welche
sich  erst  allmählich
durch  die  theoretische ­
  Behandlung  der  Schifsbaukunst  Bahn  gebrochen  hat,  hat  dazu  geführt,  möglichst
jede  Windrichtung  zur  Fortbewegung  des  Schisses  auszunutzen.  Ist  nämlich  der  Wind
der  Fahrtrichtung  des  Schiffes  genau  entgegengesetzt,  so  kann  derselbe  zur  Fortbewegung
des  Schiffes  ausgenutzt  werden,  indem  man  gegen  den  Wind  aufkreuzt,  d.  h.  durch  einen
Zickzackknrs  das  Fahrzeug  derart  steuert,  daß  es  immer  hart  am  Winde  liegt,  d.  h.  den
Wind  um  etwa  2  Strich  gleich  22  1 / 2  Grad  von  vorn  erhält.  Hierbei  trifft  dann  der
Wind  die  Segel  abwechselnd  von  Steuerbord  und  Backbord  und  bezeichnet  man  jede
Strecke  des  Zickzackkurses  als  Schlag.  Kommt  z.  B.  der  Wind  von  Osten,  und  soll  das
Schiff  seinen  Weg  nach  Osten,  d.  h.  gegen  den  Wind  einschlagen,  so  muß  man  kreuzen.
Macht  das  Schiff  einen  Schlag  nach  Backbord,  so  daß  der  Wind  von  Steuerbord  auf  die
Segel  trifft,  so  muß  man  die  Segel  so  stellen,  daß  der  Hals  derselben,  d.  h.  die  untere
vordere  Nock  eines  Schratsegels  oder  die  untere  Nock  eines  Raasegels,  welche  bei  angebraßter ­
  Raa  nach  vorn  kommt,  nach  Steuerbord  angeholt  wird,  während  die  Schote,
die  entsprechende  Hintere  Nock  des  Segels,  nach  Backbord  festgesetzt  wird.  Man  sagt
dann,  das  Schiss  liegt  über  Backbordbug  und  segelt  über  Steuerbordhalsen.  Hat  das
Schiss  eine  genügende  Strecke  über  Backbordbug  durchlaufen,  so  wendet  man  dasselbe  in
den  Wind  und  bringt  es  auf  Stenerbordbug,  so  daß  alsdann  der  Wind  von  Backbord
vorn  einfällt  und  die  Halsen  auf  Backbord  angeholt  werden  müssen.  Diese  Wendung  des

654.  Park  mit  halbem  Mindr  segelnd  mit  Ktenerbordhallcn.
        <pb n="609" />
        Besegelung.  641
Fahrzeuges  durch  den  Wind  von  einem  Bug  zum  anderen  nennt  man  über  Stag  gehen,
während  das  Manöver,  welches  das  Schiff  vor  dem  Winde  herum  über  den  anderen
Bug  bringt,  mit  Halsen  bezeichnet  wird.
Fällt  die  Windrichtung  nicht  mit  dem  Schiffskurs  zusammen,  sv  tritt  neben  der
Fortbewegung  des  Schiffes  in  der  Kielrichtung  eine  Seitwärtsbewegung,  die  Abtrift  nach
Lee  ein.  Unter  Zugrundelegung  des  einfachsten  Falles,  ein  Schiff  mit  einem  Raasegel,
ergeben  sich  folgende  Verhältnisse.  Ist  AI!  die  Kiellinie  des  Schiffes,  Ov  die  Stellung
der  Raa  bezw.  des  Segels  und  UL  die  relative  Windrichtung  und  Stärke  des  Windes,
so  zerlegt  sich  UL  in  FG  parallel  der  Segelfläche  und  UL  normal  zu  derselben.  Für
die  Fortbewegung  des  Schiffes  kommt  jedoch  nur  UL  in  Frage,  da  UL  auf  die  Segel
keine  Wirkung  ausübt.  UL  kann  man  nun  zerlegen  in  eine  Kraft  UL  in  der  Richtung
der  Kiellinie  und  UU  normal  zu  derselben,  d.  h.  querschiffs  gerichtet.  Die  Kraft  UL
wirkt  allein  auf  Vorwärtsbewegung,  die  Kraft  UU  erzeugt  die  Abtrift  nach  Lee.  Um
nun  den  Segelschiffen  möglichst  günstige  Fahrt  voraus  zu  erteilen,  muß  man  bestrebt

65b.  Nollschiff  am  Minde  segelnd.  Nach  „The  Engineer“.

sein,  den  Widerstand  des  Schiffes  in  der  Kielrichtung  möglichst  klein,  denjenigen  querab
jedoch  möglichst  groß  zu  gestalten.  Bei  Segeljachten,  welche  bei  jeder  Windrichtung  eine
möglichst  große  Geschwindigkeit  herauspresseu  und  daher  beim  Amwindesegeln  ihr  bestes
Können  beweisen  müssen,  sucht  man  den  seitlichen  Widerstand  entweder  für  kleinere,
flachgehende  Boote  durch  Kielschwerte,  für  größere  Fahrzeuge  durch  Verlängerung  des
Totholzes  und  des  Kieles  nach  unten  so  weit  zu  vergrößern,  daß  die  Abtrift  auf  ein
Minimum  beschränkt  wird,  um  beim  Kreuzen  möglichst  viel  Höhe  herauszusegeln,  d.  h.  möglichst ­
  hart  am  Winde  liegen  zu  können.
Je  geringer  nun  der  Frontwiderstand  eines  Segelschiffes  gegenüber  dem  seitlichen  sich
ergibt  und  je  größer  die  Segelfläche  gewählt  werden  kann,  um  so  mehr  wird  sich  die
Geschwindigkeit  steigern  lassen.  Es  ist  hiernach  keine  Fabel,  daß  Segelschlitten,  welche  infolge
ihrer  Bauart  große  Stabilität  und  großen  seitlichen  Widerstand,  aber  äußerst  geringe  Reibung
in  der  Kielrichtung  besitzen,  größere  Geschwindigkeiten  als  der  quer  einfallende  Wind  erreicht ­
  haben.  Entsprechend  dem  Diagramm  (Abb.  653)  erlangt  bei  einer  Windgeschwindigkeit
von  18  Seemeilen  der  scheinbare  Wind  eine  Geschwindigkeit  von  34  Seemeilen  und  der
Segelschlitten  eine  solche  von  28  Seemeilen,  d.  h.  die  1fache  Windgeschwindigkeit.
IX  81
        <pb n="610" />
        642

Grundlagen  des  Schiffbaues.

FJ

A

\  B

H/H

Die  längs-  und  qncrschiffs  gerichteten  Komponenten  des  Winddrucks  auf  die  Segel
setzen  sich  nun  mit  den  entsprechenden  Widerständen  des  Schiffes  im  Wasser,  dem  Frontbezw.
  Seitenwiderstand,  zu  Kräftepaaren  zusammen,  welche  auf  ein  Niederdrücken  des
Buges  bezw.  Über  neigen  oder  Krängen  des  Schiffes  wirken.  Während  nun  erstere
Wirkung  von  nebensächlicher
Bedeutung  ist,  darf  doch  das
Krängen,  um  dem  Schiffe  genügende ­
  Sicherheit  gegen  Kentern ­
  zu  geben,  ein  bestimmtes
Maß  nicht  überschreiten.  Das
Segelareal  sowie  die  Verteilung ­
  der  Segelfläche  der  Höhe
nach  muß  daher  entsprechend
der  Stabilität  des  Schiffes  gewählt ­
  werden,  während  die
Verteilung  der  Segelfläche  der
Länge  nach  auf  dieManövrierfähigkeit
  des  Schiffes  von  Einfluß  ist.  Ist  z.  B.  (Abb.  657)  AB  die  Kiellinie  des  Schiffes  und
0  die  Lage  des  Schwerpunktes  des  Longitudinalplanes,  d.  h.  derjenige  Punkt,  in  welchem
man  sich  den  gegen  die  Abtrift  wirkenden  seitlichen  Wasserwiderstand  vereinigt  denken  kann,
und  stellen  p,,  p 2 ,  p 3  und  p 4  die  Winddrucke  auf  die  einzelnen  Segel  dar,  in  den  Schwerpunkten ­
  der  Segelflächen  angreifend ­
  gedacht,  so  kann  man
sich  das  Schiff  als  einen  zweiarmigen ­
  Hebel  vorstellen,  welcher ­
  in  dem  Schwerpunkt  des
Longitudinalplans  unterstützt
ist  und  auf  welchen  die  einzelnen ­
  Kräfte  p lr  p 2 ,  p,j  und
p 4  wirken.  Es  findet  nun
Gleichgewicht  statt,  wenn  die
einzelnen  Kräfte  in  ihren  Momenten ­
  um  den  Schwerpunkt
des  Lougitudiualplans  gleich
sind.  Nimmt  man  jedoch  z.  B.
im  Vorschiff  AC  die  Kraft  p,
fort,  so  wird  das  Gleichgewicht
gestört  und  das  Schiff  wird
sich  nach  der  Seite  des  Windes
um  den  Punkt  0  drehen,  d.  h.
das  Schiff  wird  beim  Fortnehmen ­
  von  Vorsegeln  in  den
Wind  drehen,  d.  h.  anluven.
Umgekehrt  wird  das  Schiff
vom  Winde  abdrehen  oder  abfallen, ­
  wenn  man  im  Hinterschiff ­
  Segel  wegnimmt  bezw.
verkleinert  oder  vorn  weitere
Segel  zusetzt.  Das  erstere
Manöver,  d.  h.  das  in  den  Wind  Drehen,  findet  Anwendung,  wenn  man  über  Stag  gehen
will.  Eine  gleiche  Veränderung  der  Gleichgewichtslage  erzielt  man,  wenn  man  unter  Beibehaltung ­
  der  Segelfläche  den  Drehpunkt  0  verschiebt.  Rückt  6  näher  an  A  heran,  also
nach  vorn,  so  erhalten  die  Winddrucke  der  Achtersegel  die  Oberhand,  und  das  Schiff
wird  luvgierig,  d.  h.  es  hat  das  Bestreben,  in  den  Wind  zu  drehen,  was  durch  Legen  des
        <pb n="611" />
        Besegelung.

643

Gaffelsegel.

Chasse-Mareeseflel.
¡Tr§?

Svrietsecrel.

Steuerruders  auszugleichen  ist.  Da  hierdurch  jedoch  der  Widerstand  des  Schiffes  im
Wasser  vermehrt  und  demnach  an  Fahrt  verloren  wird,  so  muß  man  dahin  streben,  daß
der  Gesamtschwerpunkt  der  Segel  mit  dem  Schwerpunkt  des  Longitudinalplanes  in  eine
Vertikale  fällt.  Eine  geringe  Verschiebung  des  Longitudinalschwerpunkts  kann  man  durch
Umstauung  von  Ballast  erreichen,  und  hiermit  ist  den  Schiffbauern  neben  einer  Änderung
des  Segelrisses  ein  Mittel  an  die  Hand  gegeben,  die  Segeleigenschaft  eines  Schiffes  zu  verbessern. ­
  Die  Verteilung  der  Segelflächen  erfolgt  daher  einmal  mit  Bezug  auf  die  Stabilität ­
  des  Schiffes  der  Höhe  nach,  das  andere  Mal  mit  Bezug  auf  die  Manövrierfähigkeit
der  Länge  nach,  nach  bestimmten  Regeln,  und  hiernach  haben  sich  die  einzelnen  Segelschiffstypen ­
  herausgebildet,  je  nach  der  Form  ihrer  Segel  und  der  Art  der  Bemastung.
Die  gebräuchlichsten  Formen  der  Segel  sind  folgende.  Die  Stagsegel  sind  von
dreieckiger  Form  und  fahren  an  Stagen  oder  Leitern  als  Vorsegel  oder  als  Schratsegel
zwischen  den  Masten.  Die  Raasegel  haben  die  Gestalt  eines  Paralleltrapezes  mit  nach
innen  ausgeschnittener  Unterseite  —  Gillung,  während  die  Gaffelsegel  die  Form  eines
Trapezoides  haben;  sie  werden  an  der  Achterkante  des  Mastes,  an  der  Gaffel  bezw.  dem
Baum  ausgeholt.  Die  Topsegel,  welche  zwischen  Gaffel  und  Mast  bezw.  Stenge  fahren,
haben  die  Gestalt  eines  Dreiecks ­
  oder  Trapezoids.  Bei  den
Bootstakelagen  kommen  neben
den  Stag-  und  Gaffelsegeln  die
Luggersegel  mit  geneigter
Raa,  die  Slidinggunter-Segel
  mit  einer  Gleitstange,
die  lateinischen  Segel,
dreieckige  Segel  mit  steilerRaa,
sowie  die  Sprietsegel  mit
dem  Sprietbaum  zur  Verwendung. ­

Je  nachdem  nun  die  einzelnen ­
  Segel  auf  einen  oder
mehrere  Masten  verteilt  werden, ­
  ergeben  sich  die  verschiedenen ­
  Takelagen  und  Segelschiffstypen. ­
  Ein  Fahrzeug
mit  einem  Mast  und  verhältnismäßig  großem  Gaffelsegel  als  Hauptsegel  sowie  mit
mehreren  Stagsegeln,  Fock  und  Klüver,  als  Vorsegel,  heißt  im  allgemeinen  Kutter.  Je
nach  der  Bauart  des  Schiffsrnmpses  und  den  Küstenstrichen,  an  welchen  sie  verkehren,
findet  man  besondere  Namen,  wie  Schaluppe  oder  Schlup  an  der  Küste  Rügens  und  der
Ostsee,  Jacht,  eine  Art  Schlup  aber  ohne  Stenge  an  der  Nordseeküste,  oder  Lomme  im
Frischen  Haff,  Tjalk  an  der  holländischen  Küste.  Die  Bezeichnung  Kutter  im  besonderen
findet  in  der  Hauptsache  auf  schnellsegelnde  Fahrzeuge,  wie  Zoll-  und  Lotsenkutter,  Segeljachten, ­
  Anwendung.  Die  Segelschiffe  mit  zwei  Masten  gliedern  sich  in  eine  größere
Zahl  von  Typen.  Die  bekannteste  Art  ist  der  Schoner  oder  Schuner.  Beide  Masten
tragen  Gaffelsegel  mit  Topsegel  in  Verbindung  mit  einer  größeren  Zahl  von  Vorsegeln,
Zweimastgaffelschoner  oder  Bor-  und  Achterschoner,  oder  der  Fockmast  erhält  mehrere
Raasegel  an  einer  Stenge,  Schoner  im  besonderen.  Besitzt  der  Fockmast  zwei  Stengen,
Mars-  und  Bramstenge,  und  entsprechend  mehr  Raasegel,  so  nennt  man  das  Fahrzeug
Raaschoner,  Schonerbrigg  oder  Brigantine.  Trägt  der  Großmast  wie  der  Fockmast  mehrere
Stengen-  und  Raasegel,  so  entsteht  die  Brigg.  Für  die  Küstenschiffahrt  und  den  Fischereibetrieb ­
  haben  sich  von  den  zweimastigen  Schiffen  weitere  Abarten  herausgebildet.  So
die  Galeas  bezw.  Galiote,  deren  Großmast  mit  Gaffelsegel  und  Topsegel  etwas  vor
der  Mitte  des  Schiffes  steht,  während  sich  hinten  am  Heck  der  Besanmast  mit  Gaffelsegel  befindet. ­
  Die  Schoner-Galeas  besitzt  einen  Großmast  mit  Raatakelage.  Die  größeren  Segelschiffe ­
  mit  drei  oder  vier  Masten  gliedern  sich,  je  nachdem  sie  vorzugsweise  Gaffel-  oder  Raa-81*


Lugscgel.  Sliding-Gunterlegel.  Schedcck-oder  lateinische  Segel,
es«.  Avale  mit  verschiedenen  Kegeln.
        <pb n="612" />
        661.  Raaschoner.

662.  Dreimastschoner.

663.  Brigg.
659  bis  663.  Urrschiedene  Schiffstyprn.

ssg.  Kutter.

seo.  Giifsclschoner

"'"'"'»I  it'^
        <pb n="613" />
        Ruder.  Schiffswiderstand  und  Maschinenkrast.

645

segel  fahren,  in  Dreiinastgaffelschoner  oder  Vollschiffe  (Abb.  655).  Zwischen  beiden
rangiert  das  Barkschiff  mit  einem  mit  Raasegeln  vollgetakelten  Fock-  und  Großmast  und
einem  mit  Schratsegeln  besetzten  Besanmast  (Abb.  654).  Tragen  Fock-  und  Großmast  nur  eine
Stenge  und  dementsprechend  weniger  Raasegel,  so  heißt  die  Takelung  Schonerbark.
Um  das  Schiff  steuern  und  mit  demselben  unterSegel  manövrieren  zu  können,  verwendet
man  das  Ruder.  Dasselbe  besteht  aus  einer  ebenen  Fläche,  der  Ruderfläche,  welche  am
Hintersteven  des  Schiffes  gelagert  ist  und  um  eine  vertikale  oder  geneigte  Achse,  die  Ruderspindel, ­
  mit  Hilfe  eines  Hebels,  der  Pinne,  gedreht  werden  kann.  Das  Ruder  bildet
ein  wichtiges  Element  des  Schiffes,  da  ohne  dasselbe  die  zur  Zeit  gewaltigen  Schiffsgefäße ­
  steuerlos  und  Wind  und  Wellen  vollkommen  preisgegeben  sind.  Auf  eine  sachgemäße
und  dauerhafte  Konstruktion  des  Ruders  ist  daher  ein  besonderer  Wert  zu  legen.
Die  Wirkung  des  Ruders  beruht  auf  dem  Druck  der  Wasserfäden  auf  die  gegen  die
Fahrtrichtung  des  Schiffes  geneigt  gestellte  Ruderfläche.  Ist  AU  ein  Wasserlinienschnitt,
BC  die  Projektion  der  Ruderfläche,  welche  um  den  Winkel  CBD  zur  Seite  gedreht  ist,
so  kann  man  sich  den  Druck  der  Wasserfäden  normal  auf  die  Ruderfläche  in  dem  Schwerpunkt ­
  des  Ruders  durch  die  Kraft  B  vereinigt  denken.  Ist  ferner  G  der  Systemschwerpunkt
des  Schiffes,  so  wirkt  die  Kraft  B  auf  das  Ruder,  an  dem  Hebel  GN  zum  Drehen  des
Schiffes  nach  der  Pfeilrichtung,  da  man  im  allgemeinen  annehmen  kann,  daß  die  Drehung
des  Schiffes  um  eine  durch  den  Systemschwerpunkt  gehende  vertikale  Achse  erfolgt.  Der
Winkel,  um  welchen  das  Ruder  von  der  Mittellage  gedreht  &amp;gt;vird,  schwankt  zwischen  35
und  50  Grad.  Bei  größerem  Ruderfür ­

  das  Drehmoment  kleiner,  anderseits ­
  wirkt  dann  das  Ruder  mehr
auf  Fahrtverminderung,  als  auf
Drehung.

JV
664.  Schwerpunkt  des  Uuders.

Über  die  beste  Form  sowie  die

Größe  der  Ruderfläche  sind  die  Ansichten ­
  etwas  geteilt,  sie  richten  sich  in  der  Hauptsache  nach  der  Schiffsform.  Liegt  die
Ruderfläche  ausschließlich  hinter  der  Drehachse,  so  heißt  das  Ruder  ein  gewöhnliches  Ruder,
liegt  ein  Teil  der  Ruderfläche  vor  der  Drehachse,  so  nennt  man  das  Ruder  ein  Balanceruder; ­
  es  bietet  den  Vorteil,  daß  die  Kraft  zum  Legen  des  Ruders  geringer  ausfällt.  Bei
den  Torpedofahrzeugen  hat  man  meist  neben  dem  Heckrudcr  am  Hintersteven  ein  Bugruder
im  Gebrauch,  welches  im  Bug  eingebaut  und  so  gelagert  ist,  daß  es  in  den  Schiffsrumpf
hineingezogen  werden  kann.  Das  Bugruder  wird  mit  dem  Heckruder  zugleich  gelegt,
doch  stellt  sich  sein  Blatt  entgegengesetzt  dem  Heckruder  ein.  Es  begünstigt  die  Drehung
einesteils  durch  die  Fahrthemmung,  so  daß  dieselbe  gewissermaßen  um  das  Bugruder  als
Drehachse  erfolgt,  anderenteils  auch  durch  das  Drehmoment  der  Bugruderfläche.  Die
Bewegung  des  Ruders  erfolgt  nun  entweder  mit  der  Hand  durch  die  Pinne  oder  das
Steuerrad  in  Verbindung  mit  Ketten  oder  Reepleitungen  oder  bei  den  größeren  Schiffen
durch  einen  Dampfsteuerapparat,  da  die  Kraft  zum  Legen  des  Ruders  zu  groß  wird  und
zuviel  Zeit  beansprucht.

Schiffswiderstand  und  Maschinenkraft.

Die  seit  Einführung  des  Dampfes  sich  stetig  steigernden  Schiffsgeschwindigkeiten,
welche  bei  Fortbewegung  der  Schiffe  durch  Segel  13  Seemeilen  pro  Stunde  selten  überstiegen, ­
  legten  den  Schiffbauern  den  Gedanken  nahe,  den  Widerstand  eines  Schiffes  im
Wasser  näher  zu  erforschen  und  diejenige  Schiffssorm  zu  ergründen,  welche  den  geringsten
Widerstand  verursacht.  Von  den  wissenschaftlichen  Arbeiten  über  den  Schiffswiderstand
waren  diejenigen  von  Scott  Rüssel,  Rankine  und  Froude  am  bahnbrechendsten.  Scott
Rüssel  hat  zuerst  in  seiner  Wellentheorie  die  Aufmerksamkeit  auf  den  Wellenwiderstand
und  seine  Beziehungen  zur  Länge  des  Vor-  und  Hinterschiffes  aufmerksam  gemacht.  Rankine
behandelte  mit  Hilfe  der  Stromlinientheorie  vorzugsweise  die  Oberflächenreibung  des
Schiffes  im  Wasser,  und  Froude  vereinigte  beide  Probleme  zu  seiner  nunmehr  allgemein
        <pb n="614" />
        646

Grundlagen  des  Schiffbaues.
anerkannten  Widerstandstheorie.  Er  stellte  zuerst  durch  Versuche  fest,  daß  der  durch  die
Fortbewegung  des  Schiffes  im  Wasser  verursachte  Wellenzug  mit  Bezug  auf  seine  Lage
zum  Schiff  für  die  Größe  des  Schiffswiderstandes  von  der  größten  Bedeutung  ist.  Bei
Schiffen  in  hoher  Fahrgeschwindigkeit  bildet  sich  nämlich  am  Bug  ein  Wellenberg,  dessen
Lage  und  Höhe  in  der  Hauptsache  von  der  Form  des  Vorschiffes  abhängig  ist.  Bei  langen
scharfen  Schiffen  ist  die  Bugwelle  wenig  auffallend,  während  sie  bei  den  völligeren  Linien
der  Panzerschiffe  unverhältnismäßig  anschwillt  und  den  Widerstand  erheblich  steigert.
Ferner  stellt  sich  am  Heck  meist  ein  zweiter  Wellenberg  ein,  dessen  Mitte  je  nach  der  Größe
der  Schiffsläuge  und  der  Geschwindigkeit  des  Schiffes  am  Hintersteven  entweder  vor  oder
hinter  demselben  zu  liegen  kommt.  Befindet  sich  der  Wellenberg  vor  dem  Hintersteveu,
so  hilft  er  gewissermaßen  das  Schiff  nach  vorwärts  schieben  und  vermindert  so  die  Widerstandsarbeit. ­
  Bildet  sich  jedoch  am  Hintersteven  ein  Wellenthal  und  tritt  der  Wellenberg
erst  hinter  dem  Schiffe  zu  Tage,  so  tritt  eine  erhebliche  Zunahme  der  Widerstandsarbeit
auf.  Mit  Hilfe  von  Modellversuchen  wies  nun  Fronde  nach,  daß  eine  Verlängerung  des
Schiffes  und  demnach  auch  Vergrößerung  des  Deplacements  keine  Vermehrung  der  Widerstandsarbeit ­
  nach  sich  zu  ziehen  braucht,  wenn  durch  die  Verlängerung  die  Heckwelle  mit
Bezug  auf  das  Schiff  derart  verschoben  wird,  daß  am  Heck  an  Stelle  eines  Wellenthales
sich  ein  Wellenberg  einstellt.  Ferner  stellte  Fronde  eingehende  Versuche  an  zur  Ermittelung
des  Reibnngswiderstandes  im  Wasser  mit  Körpern  von  verschieden  rauher  Oberfläche  und
fand  hierbei,  daß  der  Reibungswiderstand  im  allgemeinen  mit  der  1,8?ten  Potenz  der
Geschwindigkeit  variiert.  Hiernach  zerlegte  demnach  Fronde  den  Schiffswiderstand  in  den
Reibungswiderstand,  hervorgerufen  durch  die  Reibung  der  Wafferfäden  an  der  benetzten
Oberfläche,  in  den  Wellen  bildenden  Widerstand,  welcher  sich  durch  die  Ablenkung  der
Stromfäden  im  Vor-  und  Hinterschiff  ergibt  und  neben  der  Form  der  Schiffslinien  von
dem  Verhältnis  der  Schiffslänge  zur  Schiffsgeschwindigkeit  abhängig  ist,  sowie  in  den
Wirbel  bildenden  Widerstand,  verursacht  durch  das  Zusammenfließen  der  Stromfäden  am
Heck  und  die  Wirkung  der  Schraube.  Der  Wellen  bildende  Widerstand  steigt  bis  zu
28  Prozent  des  Gesamtwiderstandes,  während  der  Wirbel  bildende  Widerstand  acht  bis
zehn  Prozent  des  Reibnngswiderstandes  ausmacht.  Das  besonders  Interessante  und  Neue
bei  Froudes  Untersuchungen  ist  nun,  daß  er  nach  diesen  Vorarbeiten  mit  Schiffsmodellen
kleineren  Maßstabes  in  einem  Versnchstank  Schleppversuche  machte  und  den  Widerstand
der  Modelle  beim  Schleppen  durch  Dynamometer  feststellte  und  alsdann  nach  Schleppversuchen ­
  mit  der  englischen  Korvette  „Greyhound"  ein  Gesetz  aufstellte,  nach  welchem
man  von  dem  Widerstand  der  Schiffsmodelle  auf  den  Widerstand  der  wirklichen  Schiffe
von  gleicher  Form  schließen  konnte.  Durch  diese  sinnreichen  Untersuchungen  wurde  es
nicht  nur  möglich,  für  Schiffsentwürfe  durch  Modellversuche  die  Maschinenkraft  für  eine
bestimmte  Geschwindigkeit  mit  großer  Genauigkeit  festzusetzen,  ja  es  zeigte  sich  sogar,  daß
die  bei  den  Modellversuchen  auftretenden  Wellenfvrmen  sich  später  auch  bei  dem  hiernach
erbauten  Schiff  in  gleicher  Weise  einstellten.  Man  hatte  auf  diese  Weise  ein  Mittel  gefunden,
durch  Modellversuche  diejenige  Schiffsform  auszuprobieren,  welche  den  geforderten  Bedingungen ­
  an  Geschwindigkeit,  Fassungsvermögen  und  Seefähigkeit  am  besten  entsprach.
Die  Ermittelung  des  Schiffswiderstandes  durch  Modellversuche  ist  jedoch  wegen  des
umständlichen  und  teueren  Apparates  bisher  nur  auf  vereinzelte  Versuchstanks  beschränkt
geblieben.  Im  allgemeinen  greift  man  auf  die  bekannteren  Formeln  von  Fronde,  Kirk,
Middendorf  und  Riehn  oder  die  englische  Admiralitätsformel  zurück.  Letztere  wird
in  der  Hauptsache  zum  Vergleich  ähnlicher  Schiffe  angewendet,  und  dieselbe  gibt  über  das
Verhältnis  von  Deplacement,  indizierter  Pferdestärke  der  Maschine  und  Schiffsgeschwindigkeit ­
  Aufschluß.  Bezeichnet  man  mit  V  die  Schiffsgeschwindigkeit  in  Seemeilen  pro  Stunde,
mit  D  das  Deplacement  in  Tonnen  und  mit  IH  die  indizierte  Maschinenleistnng,  so  ery3
  j)2/
gibt  die  Formel  0  =  —th  ’  e ' neit  Koeffizienten  C,  welcher  von  60  -350  schwankt
und  alle  Korrekturen  umfaßt,  welche  durch  die  Verschiedenheit  der  Schiffsformen,  der
Maschinentypen  sowie  der  Propeller  sich  ergeben.  Für  gleichartige  Schiffe  mit  ähnlichen
Maschinen  und  Propellern  gibt  er  gute  Vergleichswerte.
        <pb n="615" />
        647

Schissswiderstand  und  Maschinenkraft.

Die  Begründung  der  Formel  ergibt  sich  aus  folgenden  Betrachtungen.  Der  Widerstand, ­
  welchen  die  Wasserfäden  dem  in  Fahrt  befindlichen  Schiff  entgegensetzen,  wächst
im  allgemeinen  mit  dem  Quadrat  der  Schiffsgeschwindigkeit.  Nun  ist  aber  die  Arbeit,
welche  die  Schiffsmaschine  zur  Aufrechterhaltung  der  Geschwindigkeit  leisten  muß,  gleich
dem  Produkt  aus  Schiffswiderstand  und  Schiffsgeschwindigkeit,  mithin  verhalten  sich  die
Widerstaudsarbeiten  ein  und  desselben  Schiffes  wie  die  dritten  Potenzen  seiner  Geschwindigkeiten. ­
  Die  Widerstandsarbeit,  ausgedrückt  in  Meterkilogramm  geteilt  durch  75,  ergibt
nun  die  Anzahl  der  Pferdestärken.  Diese  nur  für  die  Überwindung  des  Wasserwiderstandes
erforderliche,  von  der  Schiffsmaschine  zu  leistende  Arbeit  nennt  man  die  effektive  Pferdestärke. ­
  Außer  dem  Schiffswiderstand  muß  nun  die  Schiffsmaschine  noch  weitere  Widerstände, ­
  wie  Reibung  in  den  Maschinenlagern,  Betrieb  der  zur  Maschiuenanlage  gehörigen
Luft-,  Zirkulations-,  Speise-  und  Säugpumpen,  Widerstände,  welche  der  Propeller,  sei  es
nun  Rad,  Schraube  oder  Turbine,  mit  sich  bringt,  überwinden.  Hierzu  kommt  ferner  noch
die  Rücklaufsarbeit  des  Propellers,  da  derselbe  das  Wasser  mit  größerer  Geschwindigkeit
nach  hinten  wirft,  als  das  Schiff  Fortgang  hat,  so  daß  ein  Teil  dieser  Arbeit  verloren
geht.  Alle  diese  Widerstände,  welche  für  die  Fortbewegung  des  Schiffes  nutzlos  sind,
erreichen  meist  die  Höhe  des  reinen  Schiffswiderstandes,  so  daß  von  den  von  der  Maschine
zu  leistenden  indizierten  Pferdestärken  etwa  45—55  Prozent  durch  Reibungsarbeit  und
Nutzeffekt  des  Propellers  verloren  gehen.
Obgleich  nun  dieser  Prozentsatz  für  alle  Schiffsmaschiuentypen  und  Propeller  nicht
gleich  ausfällt,  am  günstigsten  wirkt  der  Schraubenpropeller  und  unter  diesen  im  besonderen ­
  die  Zweischraubenmaschine,  so  kann  man  doch  im  allgemeinen  die  effektive
Pferdestärke,  innerhalb  bestimmter  Grenzen  der  Schiffsgeschwindigkeit,  der  indizierten  Pferdestärke ­
  proportional  setzen,  so  daß  auch  die  letztere  ebenso  wie  die  Widerstandsarbeit  des
Schiffes  mit  der  dritten  Potenz  der  Schiffsgeschwindigkeit  ab-  und  zunimmt.  Erfordert
z.  B.  ein  Dampfer  zur  Erzielung  einer  Geschwindigkeit  von  12  Seemeilen  eine  Leistung
von  1000  indizierten  Pferdestärken,  so  berechnet  sich  diejenige  für  eine  Geschwindigkeit  von
14  Seemeilen  annähernd  wie  folgt:
1000  :  x  =  12 3 :14 3
also  x  =  1588.
Zur  Vermehrung  der  Geschwindigkeit  um  zwei  Seemeilen  muß  demnach  die  Maschinenleistung ­
  um  mehr  als  die  Hälfte  erhöht  werden.
Neben  ver  Schiffsgeschwindigkeit  hängt  nun  die  Größe  der  Maschineukraft  auch  von
der  Größe  des  Deplacements  ab,  und  zwar  variiert  die  Maschinenkraft  im  allgemeinen  mit
der  dritten  Wurzel  aus  dem  Quadrat  des  Deplacements.  Wird  z.  B.  angenommen,  daß
der  Dampfer  von  12  Seemeilen  Geschwindigkeit  und  1000  indizierten  Pferdestärken  ein
Deplacement  von  1300  t  besitzt,  so  würde,  wenn  das  Deplacement  um  das  fünffache,
also  auf  6500  t  vergrößert  würde,  eine  Maschinenkraft  von  2904  indizierten  Pferdestärken ­
  genügen,  um  das  Schiff  mit  12  Seemeilen  zu  treiben.  Es  erhellt  hieraus,  daß
größere  Dampfer  wirtschaftlicher  arbeiten,  da  sie  mit  Bezug  auf  die  Menge  der  zu  transportierenden ­
  Güter  eine  geringere  Maschinenkraft  erfordern.  Mit  der  Größe  der
Maschinenkraft  hängt  nun  ferner  der  Kohlenverbrauch  zusammen,  und  derselbe  ist  proportional ­
  der  indizierten  Pferdestärke  zu  setzen,  er  wächst  also  auch  mit  der  dritten
Potenz  der  Schiffsgeschwindigkeit  und  der  dritten  Wurzel  aus  dem  Quadrat  des  Deplacements ­
  für  die  Zeiteinheit.  Für  die  Zurücklegung  einer  bestimmten  Wegstrecke  variiert  der
Kohlenverbrauch,  welcher  zum  Durchlaufen  derselben  erforderlich  ist,  nur  mit  dem  Quadrat
der  Schiffsgeschwindigkeit,  da  bei  größerer  Fahrgeschwindigkeit  die  Strecke  naturgemäß
auch  in  kürzerer  Zeit  zurückgelegt  wird.  Wählen  wir  als  Beispiel  die  Route  von
Southampton  nach  New  Jork,  also  eine  Strecke  von  rund  3000  Seemeilen,  so  gebraucht
z.  B.  der  Schnelldampfer  „Lahn"  bei  einem  Deplacement  von  7700  t  und  einer  Geschwindigkeit ­
  von  18  Seemeilen  pro  Stunde  täglich  an  175  t  Kohlen  und  demnach  für
die  7  tägige  überfahrt  1225  t.  Würde  man  nun  für  dieses  Schiff  die  Geschwindigkeit
auf  21  Seemeilen  erhöhen,  so  würde  sich  der  tägliche  Kohlenverbrauch  von  175  t  auf
278  t  steigern,  entsprechend  18 3  zu  21 3 ;  da  jedoch  die  Reise  sich  von  7  Tage  auf  6  Tage
        <pb n="616" />
        648

Schiffbau.

verkürzt,  so  wird  der  Gesamtkohlenverbrauch  pro  Reise  von  1225  t  auf  1668  t  anwachsen, ­
  also  in  dem  Verhältnis  von  18^  zu  21 2 .
Inwieweit  jedoch  mit  dem  Wachsen  der  Geschwindigkeit  der  Kohlenverbrauch
steigen  kann,  ergibt  ein  Vergleich  der  Schiffe  „Lahn"  und  „City  of  Paris".  Während
die  „Lahn"  bei  einer  Geschwindigkeit  von  18  Seemeilen  175  t  Kohlen  täglich  verfeuert,
gebraucht  die  „City  of  Paris"  bei  einem  Deplacement  von  13  000  t  und  einer  Geschwindigkeit ­
  von  19  Seemeilen,  also  nur  eine  Seemeile  pro  Stunde  mehr,  bereits  382  t
Kohlen  pro  Tag,  d.  h.  noch  einmal  so  viel  wie  die  „Lahn".
Die  Aussichten,  die  Fahrzeit  von  Queenstown  nach  New  Jork  auf  5  Tage  zu  verkürzen ­
  und  dementsprechend  die  Geschwindigkeit  der  Schnelldampfer  auf  24  Seemeilen  pro
Stunde  zu  steigern,  dürfte  daher  schon  mit  Bezug  auf  den  kostspieligen  und  gewaltigen
Kohlenverbranch  für  eine  Reise  wenig  Aussicht  auf  Erfolg  haben.
Für  Kriegsschiffe  sind  solche  hohe  Geschwindigkeiten  für  kleinere  Fahrzeuge  —
Torpedoboote  und  Torpedobootszerstörer  —  nicht  mehr  so  vereinzelt,  doch  kommt  es  bei
diesen  Schiffen  darauf  an,  die  maximale  Geschwindigkeit  nur  auf  kurze  Zeit  zu  erreichen,
während  bei  Dauerfahrten  die  Geschwindigkeit  zur  Einschränkung  des  Kohlenverbrauchs
auf  10  bis  12  Seemeilen  herabgesetzt  wird.  Bei  den  großen  Panzerschiffen  und
Kreuzern,  deren  maximale  Geschwindigkeit  18  bis  20  Seemeilen  beträgt,  sind  daher
neuerdings  allgemein  die  Dreischraubenmaschinen  eingeführt,  damit  für  die  Dauerfahrten
von  10  bis  12  Seemeilen  zur  Ersparung  von  Kohlen  nur  die  mittlere  Maschine  allein
mit  günstigstem  Füllungsgrad  in  Betrieb  gehalten  werden  kann.

Praktischer  Schiffbau.
Bis  fast  zur  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  galt  als  Material  zum  Bau  von  Schiffen
vornehmlich  das  Holz,  da  andere  Baumaterialien  bis  zu  jener  Zeit  dem  Schiffbauer  nicht
genügend  zur  Verfügung  standen.  Zwar  war  schon  im  Jahre  1787  in  England  das  erste
eiserne  Schiff  —  ein  Kanalfahrzeug  —  gebaut  worden,  nachdem  die  Eiscnhüttenindustrie
das  erste  Walzwerk  zur  Fabrikation  von  Eisenblechen  sowie  von  eisernen  Winkelstangen  eröffnet
hatte,  doch  hatte  man  trotz  dieser  praktischen  Erfolge  zu  dem  Eisen  als  Schiffbaumaterial  zu
wenig  Vertrauen.  Man  hegte  im  besonderen  Bedenken  gegen  die  geringe  Sicherheit  des  Schiffes
bei  Grundberührungen  und  Verletzungen  des  Schiffsbodens  durch  äußereGewalten  und  traute
sich  nicht  die  Holzwände  der  Schiffe  durch  ein  Material  zu  ersetzen,  welches,  wie  das  Eisen,
im  Wasser  untersinkt.  Später  gab  die  Thatsache,  daß  die  Magnetnadel  des  Kompasses
durch  die  Eisenmassen  des  Schiffes  abgelenkt  wurde,  zu  weiteren  Besorgnissen  mit  Bezug
auf  eine  sichere  Navigierung  des  Schiffes  Veranlassung,  und  man  befürchtete  ferner,  daß
die  eisernen  Schiffe  im  Boden  in  kurzer  Zeit  einen  die  Fahrt  desselben  hindernden  Anwuchs
erhielten  und  das  Eisen  durch  Korrosion  im  Seewasser  sehr  leiden  würde,  was  bei  den
mit  einer  Kupferhaut  versehenen  Holzschiffen  sich  nicht  gezeigt  hatte.  Alle  diese  Bedenken
mußten  jedoch  allmählich  einer  besseren  Erkenntnis  weichen,  und  vorzugsweise  nicht  die  damaligen ­
  ersten  Schiffbauer,  sondern  hervorragende  Bauingenieure  wie  Rapier,  Fairbairn
und  Brunel  neben  den  Schiffbauern  Laird  und  Scott  Rüssel  ergriffen  die  Initiative
zum  Bau  eiserner  Seeschiffe,  im  besonderen  nach  Einführung  der  Dampfschiffahrt.  Die
Erfolge  waren  um  so  durchschlagender,  da  das  Eisen  sich  bei  Grundberührungen  und
anderen  Havarien  sich  als  ein  zähes  und  widerstandsfähiges  Material  erwiesen  hatte,
das  zwar  leicht  Einbeulungen,  aber  seltener  Risse  und  Brüche  erhielt.  Um  die  Sicherheit
des  Schiffes  gegen  Sinken  bei  Leckagen  und  Havarien  zu  erhöhen,  wurden  atsbald  von
dem  Liverpooler  Schiffbauer  John  Laird  die  wasserdichten  Schotte  und  von  dem  Erbauer
des  Great  Eastern,  Brunel,  der  Doppelboden  mit  einem  weit  verzweigten  Zellensystem
eingeführt.  Die  Beeinträchtigung  der  Wirkung  der  Magnetnadel  durch  das  Eisen  im
Schiff  wurde  durch  die  bahnbrechenden  Arbeiten  der  Engländer  Archibald  Smith  und
Kapitän  F.  I.  Evans,  welche  dazu  führten,  diesen  Einfluß  durch  Kompensierung  der
Kompasse  möglichst  auszugleichen,  ohne  Bedeutung,  und  so  traten  immer  mehr  die  Vorzüge
        <pb n="617" />
        Baumaterial.

649

des  Eisens  gegenüber  dem  Holz  als  Baumaterial  für  Schiffe  in  den  Vordergrunds  im
besonderen  da  man  sehr  bald  zum  Bau  von  Riesenschiffen,  als  welches  der  „Great  Eastern"
noch  heutigestags  bezeichnet  werden  muß,  überging.  Mit  Hilfe  der  großen  Widerstandsfähigkeit ­
  und  Festigkeit  des  Eisens  gegenüber  dem  Holz  und  der  Möglichkeit,  die  einzelnen
Verbandteile  durch  eine  solide  Nietung  zu  einem  festen  Schiffsgebäude  zu  vereinigen,
konnte  man  den  Schiffsrumpf  derart  bauen,  daß  das  Material  mit  Bezug  auf  die  Festigkeit
vollkommener  ausgenutzt  wurde,  als  dies  bei  den  hölzernen  Schiffen  möglich  war.  Dies
brachte  dann  ferner  den  großen  Vorteil  mit  sich,  daß  eiserne  Schiffe  ein  geringeres  Eigengewicht ­
  des  Schiffskörpers  erforderten,  als  hölzerne,  obgleich  das  Verhältnis  der  Gewichte
von  Eichenholz  zu  Eisen  (1  zu  9)  sich  kleiner  zeigt  als  das  Verhältnis  der  Festigkeit  der
Materialien  (1  zu  5).  Während  man  bei  hölzernen  Schiffen  das  Eigengewicht  derselben
auf  50  Prozent  des  Deplacements  rechnen  muß,  beträgt  dasselbe  bei  eisernen  Schiffen
im  Mittel  nur  43  Prozent.  Mit  Einführung  des  Siemens-Martin-Stahl  für  den  Schiffbau
durch  die  Franzosen  Mitte  der  70  er  Jahre  —  der  Englische  Lloyd  ließ  den  weichen

66».  Die  Kurfürstliche  Schiffswerft  zu  AauclKerg.  Nach  einem  KllpKrjliq  aus  dem  17.  Jahrhundert.

Stahl  erst  1880  zum  Bau  der  Schiffe  zu  —  konnte  man  sogar  mit  dem  Eigengewicht
des  Schiffskörpers  auf  38  Prozent  des  Deplacements  heruntergehen.  Diese  Ersparnisse
an  Gewicht  am  Schiffskörper  kommen  natürlich  der  Tragfähigkeit  des  Schiffes  zu  gute.
Wählt  man  ein  Segelschiff  von  3000  Tonnen  Deplacement  als  Beispiel,  so  würde  sich
die  Tragfähigkeit  des  Schiffes  für  die  einzelnen  Baumaterialien  wie  folgt  ergeben.
Viaanarwicht  Tragfähigkeit
Eigengewicht  einschließlich  Ausrüstung

Schiffskörper  aus  Holz  1500  t  1500  t
„  „  Eisen  1290  „  1710  „
„  Stahl  1140  „  1860  „

Bei  demselben  Deplacement,  d.  h.  auch  bei  gleicher  Ausrüstung  der  Schiffe  mit  Takelage
und  Segel  und  demnach  gleicher  Besatzungszahl  an  Mannschaften  ist  das  stählerne  Segelschiff ­
  imstande,  etwa  360  Tonnen  Ladung  mehr  zu  tragen,  d.  h.  24  Prozent  mehr  als
das  hölzerne  Schiff.
Neben  diesem  Gewinn  an  Tragfähigkeit  kommt  nun  noch  als  weiterer  Vorteil  hinzu,
daß  die  Bauweise  in  Eisen  geringeren  Raum  beansprucht  wie  der  Holzbau,  so  daß  für
die  Stauung  der  Ladung  oder  der  sonstigen  Nutzlast  ein  größeres  inneres  Volumen  zur
Verfügung  bleibt.  Bei  zwei  nach  demselben  Riß  erbauten  Schiffen  von  Holz  und  Eisen
Verhalten  sich  diese  freien  Volumina  bei  kleineren  Schiffen  wie  4  zu  5,  bei  größeren  wie

IX  82
        <pb n="618" />
        /

650

Schiffbau.

5  zu  G.  Diese  Vorzüge  des  eisernen  oder  stählernen  Schiffes  gegenüber  dem  Holzschiff:
Größere  Tragfähigkeit  und  größerer  Stauraum  sind  für  den  Rheder  in  kommerzieller
Beziehung  von  der  größten  Wichtigkeit;  jedoch  auch  für  den  Kriegsschiffbau  sind  sie  in
Bezug  auf  die  Verwertung  der  Offensiv-  und  Defensivmittel  von  hervorragender  Bedeutung.
Wenngleich  hiernach  der  Wert  des  Holzschiffbaues  gegenüber  dem  zur  Zeit  allgemein
eingeführten  Eisen-  oder  Stahlschiffbau  sehr  eingebüßt  hat,  so  bildete  derselbe  jedoch
eine  notwendige  Vorstufe  zur  Entwickelung  des  Eisenschiffbaues.  Der  hölzerne  Schiffsrumpf ­
  gab  im  besonderen  einen  klaren  Aufschluß  über  den  Wert  und  die  Zweckmäßigkeit
der  einzelnen  Bauteile,  da  bei  seiner  verhältnismäßig  geringen  Widerstandsfähigkeit
die  eintretenden  Deformationen  die  schwachen  Stellen  des  Schiffes  hervortreten  ließen
und  so  einen  Schluß  auf  die  Art  der  Beanspruchung  der  Verbandteile  des  Schiffes
ermöglichten.
Wir  wollen  uns  daher  zunächst  eingehender  mit  dem  Holzschiffbau  und  seinen
Einzelheiten  beschäftigen  und  dann,  der  Entwickelung  des  Schiffbaues  folgend,  zum
Eisen-  und  Stahlschiffbau  übergehen.

668.  Schraubcndampfrr  klar  für  Len  seitlichen  KtapeUauf.  Auf  der  Querhelling.

Holzschiffbau.
Der  Bauplatz  der  Schiffe  heißt  die  Werft.  Die  Schiffswerften  liegen  naturgemäß
an  schiffbaren  Flnßläufen  oder  an  Meeresbuchten,  in  welche  das  fertige  Schiff  geleitet
wird.  Sie  umfassen  in  der  Hauptsache  ein  oder  mehrere  Hellinge,  auf  welchen  das
Schiffsgebäude  zusammengebaut  wird.  Die  Helling  besitzt  ein  Fundament  aus  Pfahlrosten ­
  oder  Betonklötzen  und  ist  nach  der  Wasserkante  zu  derart  geneigt,  daß  der  fertige
Schiffskörper  später  durch  sein  eigenes  Gewicht  auf  entsprechenden  Gleitbahnen  ins  Wasser
gleiten  kann.  Je  nachdem  das  Schiff  winkelrecht  bezw.  geneigt,  oder  parallel  zur  Wasserkante ­
  auf  Stapel  gesetzt  wird,  spricht  man  von  einer  Längs-  oder  einer  Querhelling.
Letztere  finden  in  der  Hauptsache  bei  schmalen  Flnßläufen  oder  auch  beim  Bau  von  sehr
flach  gehenden,  langen  Schiffen  Anwendung.  Die  Neigung  der  Längshelling  schwankt
je  nach  der  Große  des  Schiffes  von  J / 12  bis  1 / 24 ,  die  der  Qnerhelling  von  bis  '/ 8 .
Bei  dem  Bau  von  hölzernen  Schiffen  war  die  Helling  meist  überdacht,  um  die  Bauteile
vor  den  Einflüssen  der  Witterung  zu  schützen.  Jetzt  haben  dieselben  weniger  Wert.
Das  Schiffsgebände  wird  nun  nicht  direkt  aus  der  Helling  erbaut,  sondern  der  Kiel
wird  auf  einer  Reihe  hölzerner  Stapel,  den  sogenannten  Stapelklötzen,  gelagert,  damit
man  unter  dem  Boden  des  Schiffes  später  arbeiten  kann.  Man  sagt  daher  auch,  das
        <pb n="619" />
        Holzschiffbau:  Der  Kiel.  651

Schiff  steht  auf  Stapel,  und  spricht  von  einem  Stapellauf,  wenn  dasselbe  nach  Fertigstellung ­
  des  Rumpfes  zu  Wasser  gelassen  wird.
Ter  Schiffsrnmpf  ist  ein  Bauwerk,  welches  einesteils  durch  die  Festigkeit  seiner
Verbandteile  im  stände  sein  muß,  die  mannigfachen  Belastungen  durch  die  Maschinenanlage, ­
  die  Ladung,  die  Geschütze,  Panzerung  und  dergleichen  im  schwimmenden  Zustande
und  vor  allem  auf  hoher  See  sicher  zu  tragen,  anderenteils  nach  außen  gegen  den  Wasserdruck ­
  derart  abgeschlossen  sein  muß,  daß  es  vollkommen  dicht  ist  und  bleibt  zum  Schutze
der  Ladung  und  zur  Aufrechterhaltung  seiner  Schwimmfähigkeit.  Es  vereinigen  sich
daher  am  Schiffskörper  Verbandteile,  welche  in  der  Hauptsache  auf  Festigkeit  beansprucht
werden,  mit  solchen,  welche  einen  wasserdichten  Abschluß  herstellen.  Die  ersteren  kann
man  wieder  in  Bauteile  gliedern,  welche  den  Längsverband,  und  in  solche,  welche  den
Querverband  aufnehmen.
Zu  den  wichtigsten  Längsverbänden  des  Schiffes  gehört  der  Kiel,  gewissermaßen
das  Rückgrat  des  Schiffsrumpfes.  Derselbe  wird  aus  eichenen,  seltener  aus  rotbuchenen
Langhölzern  gefertigt  und  erhält  rechteckigen  Querschnitt.  Die  Verbindung  der  einzelnen
Kielstücke  miteinander  erfolgt  durch  Laschen  mit  Cylinderzapfen  oder  Dübel,  durch  welche
Laschbolzen  geschlagen  werden.  Zur  Aufnahme  und  wasserdichten  Befestigung  der  dem
Kiel  benachbarten  Außenhautplanken  erhält  derselbe  eine  Rinne  von  dreieckigem  Querschnitt, ­
  die  sogenannte  Sponung.  Unterhalb  des  Kiels  wird  meist  der  Loskiel  angespiekert,
welcher  keinen  Verbandteil  bildet,  sondern  nur  den  Zweck  verfolgt,  bei  Grundberührungen
den  Hauptkiel  zu  schützen.

667.  LiingcnLnrchschiiitt  ciucs  Ijöljcvtitit  Segelschiffs.

Der  Kiel  geht  vorn  in  den  Vorsteven,  hinten  in  den  Achtersteven  über.  Beide  Verbandteile ­
  dienen  in  ähnlicher  Weise  wie  der  Kiel  zur  Aufnahme  und  wasserdichten  Beplankung ­
  der  beiden  Schiffsseiten,  und  zu  diesem  Zweck  wird  die  Sponung  auf  die
Seitenflächen  der  Steven  fortgeführt.  Der  Vorsteven,  welcher  meist  eine  gekrümmte,
ausfallende  Form  erhält,  ivird  aus  einer  größeren  Zahl  von  eichenen  Bauhölzern,  dem
Vorlauf,  dem  Borstevenholz,  dem  Binnenvorsteven,  dem  Stevenkuie,  den  Tothölzern  oder
der  Aufklotzung,  dem  Gallionsschegg  und  den  Gallionshölzern  zusammengebaut  und  durch
Laschen  mit  Cylinderzapfen  und  Klinkbolzen  verbunden.
Der  Hintersteven,  welcher  bei  Segelschiffen  und  Raddampfern  wegen  der  Befestigung
des  Ruders  zugleich  auch  Rudersteven  ist,  setzt  sich  in  gerader  Linie  mittels  Zapfen  auf
dem  Kiel  auf  und  steht  entweder  lotrecht  oder  ist  nach  hinten  geneigt.  Der  eichene  Hintersteven ­
  wird  in  der  Regel  durch  den  Binnensteven  verstärkt,  welcher  gleichfalls  auf  dem
Kiel  verzapft  ist  und  mit  demselben  durch  das  Stevenknie  bezw.  eine  Anzahl  Tothölzer
verbunden  wird.  Bei  Schraubenschiffen  tritt  noch  ein  besonderer  Rndersteven  hinzu,
welcher  unten  auf  dem  Kiel  oder  einem  metallenen  Stevenschuh  aufsteht  und  oben  so  weit
in  den  Schiffsrumpf  hineinragt,  daß  er  mit  den  Decksbalken  verbolzt  werden  kann.  Der
Hintersteveu  nebst  Binnensteven  erhält  zur  Durchführung  der  Schraubenwelle  nebst
Stevenrohr  eine  Anschwellung  und  wird  derselbe  daher  meist  guerschiffs  aus  zwei  Stücken
zusammengebaut.  Das  Wellenrohr  wird  inuenbords  außerdem  in  einem  Langholz,  dem
Wellenklotz,  gelagert,  welches  der  Höhe  nach  aus  zwei  Teilen  besteht.

82*
        <pb n="620" />
        652  Schiffbau.

Während  des  Herrichtens  des  Kiels  und  der  Stevenhölzer  wird  meist  mit  dem
Aussuchen  und  Ausarbeiten  der  Spanthölzer  begonnen.  Die  Spanten  bilden  gewissermaßen ­
  die  Rippen  des  Schiffsrumpfes,  welche  dem  Kiel  oder  Rückgrat  angefügt  werden.
In  Verbindung  mit  den  Decksbalken  bilden  sie  den  Hauptquerverband  des  Schiffes.
Sie  haben  je  nach  der  Schiffsform  eine  stark  gekrümmte  Form  und  können  infolgedessen
nur  selten  aus  einem  Stück  Krummholz  gefertigt  werden.  In  der  Regel  werden  sie  ans
zwei  Lagen  von  Hölzern  zusammengebaut,  deren  Stöße  entsprechend  gegeneinander  verschießen ­
  und  welche  entweder  dicht  an  dicht  liegen  oder  nach  oben  einen  wachsenden
Zwischenraum,  entsprechend  der  Verjüngung  der  Hölzer  erhalten  und  durch  entsprechende
Füllstücke  miteinander  verbolzt  werden.  Der  unterste,  auf  dem  Kiel  ruhende  Teil  der
Spanthölzer  heißt  die  Bodenwrange  oder  auch  das  Bauch-  oder  Flurstück;  es  wechseln
meist  halbe  und  ganze  Bodenwrangen  ab.  Es  folgen  dann  die  Sitzer,  die  Kimmstücke
und  die  Auflanger,  von  denen  es  bei  größeren  Schiffen  zwei  bis  drei  gibt,  und  endlich
das  Topstück.  Die  Spanthölzer  erhalten  in  der  Mitte  des  Schiffes  einen  rechteckigen
Querschnitt,  nach
vorn  und  nach  hinten ­
  wird  derselbe
entsprechend  der
Schärfe  der  Wasserlinienrhombisch,und ­

zwarsindzweiSeiten
normal  zur  Längsschiffsebene
  gerichtet,
die  beiden  anderen
Seiten  verlaufenparallel ­
  der  entsprechenden ­
  Wasserlinie.
Diese  Verschiebung
der  rechteckigen  in
die  rhombische  Form
nenntmanSchmiege.
Dieselbe  ist  also  mittschiffs ­
  gleich  Rull
und  nimmtnachvorn
und  hinten  stetig  zu,
668.  Aufrichten  der  Apantru.  auch  ändert  sie  sich
im  Verlauf  der
Spautkurve  etwas.  Die  Ausarbeitung  eines  Spantholzes  erfolgt  daher  nach  der  Spantknrve
  und  den  einzelnen  Schmiegen  mittels  Schablonen  oder  Mallen  nach  dem  Riß  auf
dem  Schnürboden.  Die  vordersten  und  hintersten  Spanten,  deren  Schmiege  sehr  bedeutend ­
  sein  müßte,  werden  meist  entsprechend  der  Schmiege  im  Vorschiff  nach  vorn,  im
Hinterschiff  nach  hinten  gekantet,  so  daß  die  beiden  Spanthälften  nicht  mehr  in  einer
Ebene  liegen,  sondern  mit  der  Längsschiffsebene  einen  Winkel  bilden.  Die  Spanten
heißen  dann  Kantspanten.  Die  halben  Bodenwrangen  derselben  stoßen  am  Totholz  ab,
und  ganze  Bodenwrangen  kommen  nicht  mehr  zur  Anwendung.  Im  oberen  Teil  erhalten
die  Kantspanten  im  Bug  und  Heck  meist  fächerartig  angesetzte  Abzweigungen,  da  sonst
der  Zwischenraum  zwischen  den  einzelnen  Spanthölzern  zu  groß  werden  würde.  Die
vordersten  Kantspanten,  welche  am  Vorsteven  anliegen  und  meist  die  Öffnung  für  das
Bugspriet  umgrenzen,  heißen  Ohrhölzer,  diejenigen,  welche  die  Öffnungen  für  die  Ankerklüsen ­
  abschließen,  Klüshölzer.  Im  Heck  liegen  am  Hinter-  bezw.  Rudersteven  die  Heckstützen
oder  Gillingshölzer  an  und  umschließen  die  Öffnung  für  den  Ruderkoker,  das  Hennegatt.
Die  Bauweise  der  übrigen  Kantspanten  richtet  sich  nach  der  Heckform.  Runde  Hecks  werden
ähnlich  dem  Vorschiff  gebaut.  Flache  Hecks  erhalten  unterhalb  der  Gillingsstützen  einen
horizontal  liegenden,  meist  etwas  gekrümmten,  starken  Heckbalken,  welcher  mit  dem
        <pb n="621" />
        653

Holzschiffbau:  Die  Spanten.

Hintersteven  verbolzt  ist.  Das  Kantspant,  welches  über  die  Enden  des  Heckbalkens  reicht,
heißt  Randsomholz.  Der  zwischen  diesem  und  dem  Hintersteven  frei  bleibende  Raum
wird  entweder  in  vertikaler  Richtung  durch  Kantspanten,  oder  in  horizontaler  Richtung
durch  die  sogenannten  Worpen-  oder  Spiegelwrangen  ausgefükt.  Zwischen  den  Randsomhölzern
  werden  auf  dem  Heckbalken  die  Heckstützen  oder  Spiegelhölzer  verzapft,  die
mit  den  sie  überkleidenden  und  an  den  Auflanger  des  Randsomholzes  abschließenden
Planken  das  Heck  oder  den  Spiegel  bilden.  Stehen  die  hinteren  Kantspanten  so,  daß  die
Planken  in  kreisförmiger  oder  elliptischer  Kurve  von  der  einen  Schiffsseite  nach  der
anderen  überlaufen,  so  nennt  man  das  Heck  ein  Rundgatt.
Das  Zusammenlegen  und  Verbolzen  der  einzelnen  Spanthölzer  zu  einem  Spant
geschieht  auf  einer  nahe  dem  Kiel  errichteten  Plattform,  der  sogenannten  Zulage.  Ist
das  Spant  fertig,  so  nagelt  man  in  der  Mitte  und  am  oberen  Ende  starke  Querbalken,
auf  denen  die  senkrechte  Mittellinie  genau  bezeichnet  wird,  über  dasselbe,  transportiert
es  mit  größter  Vorsicht  an  die  Stelle  des  Kiels,  auf  der  es  stehen  soll,  und  richtet  es
mittels  Richtbäumen  und  Flaschenzug  auf.  Hierbei  ist  zu  berücksichtigen,  daß  das  Spant
nicht  lotrecht,  sondern  entsprechend  dem  Fall  der  Helling  nach  hinten  zu  geneigt  aufgestellt
werden  muß,  falls  die  Spanten  normal  zum  Kiel  stehen  sollen.  Bei  steuerlastigen  Schiffen
stehen  sie  vielfach  auch  normal  zur  Konstruktionswasserliuie.
Die  Spanten  werden  nicht  dicht  an  dicht  gesetzt,  sondern  bleiben  meist  um  ihre  halbe
Breite,  d.  h.  12  —  22  cm  voneinander  entfernt.  Dieser  Zwischenraum  wird  das  Fach
genannt.  Bei  den  hölzernen  Kriegsschiffen  pflegt  man  das  Fach  vom  Kiel  bis  zur  Kimm
mit  Füllhölzern  dicht  zu  setzen  und  die  Fugen  zu  kalfatern.  Das  Spantsystem  wird  auf
diese  Weise  im  Boden  gegen  Verschieben  gesichert  und  der  Kiel  gegen  durchsacken  verstärkt.
Auch  bietet  diese  Anordnung  den  großen  Vorteil,  daß,  wenn  bei  Grundberührungen  die
Bodenplanken  beschädigt  bezw.  weggerissen  sind,  das  Schiff  auf  den  Füllhölzern  dicht  fährt.
Ehe  alle  Spanten  gerichtet  und  auf  dem  Kiel  verbolzt  sind,  werden  in  den  sich  jetzt
schon  deutlich  kennzeichnenden  Schiffsraum  starke  Langhölzer  eingebracht  und  auf  den
Bodenwrangen  oberhalb  des  Kiels  gelagert.  Diese  Hölzer  werden  als  Kielschwein  oder
Kolschwein  bezeichnet  und  dienen  zur  Verstärkung  des  Kiels  als  Hanptlängsverbandstück.
Das  Kielschwein  wird  mit  den  Bodenwrangen  und  dem  Kiel  durch  Haken  bezw.  Klinkbolzen
  verbunden  und  ist  in  ähnlicher  Weise  wie  der  Kiel  aus  einzelnen  Hölzern  zusammengeballt. ­
  Das  Kielschwein  läuft  vorn  und  hinten  auf  das  Totholz  bezw.  die  Steoenkniee
auf,  bei  Schraubenschiffen  endet  es  am  Stopfbüchsenklotz.  Bei  größeren  Schiffen  genügt
bisweilen  ein  Kielschwein  nicht,  man  wendet  dann  außerdem  Seitenkielschweine  an,  welche
bei  Dampfschiffen  zugleich  als  Kessel-  bezw.  Maschinenfundament  verwertet  werden.
Ist  der  Kiel  gestreckt,  sind  sämtliche  Spanten  sowie  die  Steven  gerichtet,  und  ist
das  Kielschwein  befestigt,  so  sagt  man,  das  Schiff  steht  in  Spanten.  Zur  Verstärkung
dieses  Schiffsgerippes  werden  an  der  Außenfläche  der  Spanten  im  Boden,  in  der  Kimm
und  an  den  Topstücken  starke  Latten,  die  sogenannten  Senten,  fest  genagelt  und  dieselben
durch  Stützen  gegen  den  Hellingboden  verstrebt.
Man  beginnt  nun  mit  dem  Schlichten  der  Hölzer,  um  innen  die  Wegerungsplanken,
außen  die  Außenhautplanken  befestigen  zu  können  und  so  gewissermaßen  dem  Spantengerippe ­
  die  schützende  und  abschließende  Haut  anzufügen.  Man  beginnt  in  der  Regel  mit  den
Balkwegern  der  Zwischendecksbalken,  um  möglichst  frühzeitig  eine  Lage  Querbalken
einbauen  zu  können  und  so  dem  Spantgerippe  eine  solide  Versteifung  querschiffs  zu  geben,
so  daß  die  Spanten  möglichst  in  ihrer  nach  den  Mallen  des  Schnürbodenrisses  festgelegten
Lage  erhalten  bleiben.  Das  Einbauen  der  Balkenweger  bietet  im  besonderen  im  Vor-'
und  Achterschiff  insofern  einige  Schwierigkeiten,  als  die  Hölzer  eine  stärkere  Krümmung
—  Bucht  —  erhalten  müssen,  entsprechend  der  Kurve  der  Wasserlinien  bezw.  Senten.  Zu
diesem  Zweck  werden  die  Hölzer  vor  dem  Anbringen  einem  Dampfbade  in  dem  sogenannten
Steamkasten  mehrere  Stunden  lang  ausgesetzt,  damit  sie  geschmeidig  werden,  und  dann
sofort  in  das  Schiffsgerippe  hineingebracht  und  mittels  Daumkräfte  und  Taljen  gegen
die  Spanten  von  innen  gepreßt  bezw.  angeholt.  Hierfür  ist  naturgemäß  eine  solide
Abstützung  der  Spanten  gegen  die  Helling  erforderlich.  Nach  dem  Erkalten  werden  dann
        <pb n="622" />
        654

Schiffbau.

die  gesteamten  Hölzer  wieder  losgenommen  und  entsprechend  nachgearbeitet  oder  mit  den
Spanthölzern  Provisorisch  befestigt.  Sind  die  Zwischendecks-Balkweger  angebracht  und
die  Zwischendecksbalken  eingebaut,  so  besitzt  das  Schiffsgerippe  genügend  Steifigkeit,  um
von  außen  die  gesteamten  Außenhautplanken  um  die  Spanthölzer  biegen  und  an  denselben
sofort  befestigen  zu  können.  Bei  größeren  Holzschiffen  werden  vor  dem  Anbringen  der
Außenhautplanken  eiserne  Diagonalschienen,  welche  sich  mittschiffs  kreuzen  und  im  Vorund
  Hinterschiff  etwa  im  Winkel  von  45  Grad  nach  unten  verlaufen,  auf  den  Spanthölzern ­
  eingelassen  und  mit  denselben  verbolzt.  Sie  haben  den  Zweck,  die  in  der  Nähe
der  neutralen  Achse  des  Schiffsrumpfes,  d.  h.  also  in  der  Nähe  des  Zwischendecks  am
größten  auftretenden  Schubspannungen ­
  aufzunehmen  und  auf  die
darunter  und  darüber  liegenden
Plankengänge  zu  übertragen.  Ohne
derartige  Diagonalbänder  müßte  die
Übertragung  der  Schubspannung
von  einem  Plankengang  zu  dem  benachbarten, ­
  außer  der  durch  die
spätere  Kalfaterung  mittels  Werg
verursachten  Reibung  der  Plankennähte ­
  gegeneinander,  durch  die
Bolzen  erfolgen,  mit  welchen  die
Außenhaut  und  die  Wegerungs-Planken
  an  den  Spanthölzern  befestigt ­
  werden.  Da  die  Anzahl  der
zuschlagenden  Bolzen  jedoch  beschränkt
ist,  so  genügen  dieselben  bei  größeren ­
  Schiffen  nicht,  um  die  Schubspannungen ­
  aufzunehmen;  auch
werden  die  Hölzer  durch  den  Druck
des  härteren  Bolzenmaterials  zusammengepreßt ­
  und  die  Bolzen  auf
diese  Weise  bei  dem  Hin-  und  Herwraken
  des  Schiffes  in  See  leicht
lose.  An  Stelle  der  eisernen  Diagonalschienen ­
  werden  auch  wohl  die
Wegerungsplanken  in  der  Nähe  der
neutralen  Achse  nicht  horizontal,  sondern ­
  etwa  um  45  Grad  geneigt  zum
Kiel  und  zwar  abwechselnd  nach  vorn
oder  hinten  abfallend  angeordnet
und  auf  diese  Weise  zu  Zug-  und
Druckorganen  ausgebildet.  Diese  sogenannte  Diagonalwegerung  wird  in  Gruppen  von
5  bis  7  Planken  ausgeführt,  welche  oben  in  den  Balkwegern,  unten  in  den  Kimmwegern
bezw.  dem  Wassergang  des  Zwischendecks  treppenförmig  eingelassen  werden,  so  daß  sie  sich
nicht  verschieben  können.  Eine  Befestigung  derselben  mittels  Bolzen  ist  nur  so  weit  erforderlich, ­
  daß  sie  beim  Arbeiten  des  Schiffes  nicht  lose  werden  (Fig.  669).
Das  Anbringen  der  Außenhautplanken  und  der  Wegerung  erfolgt  meist  zugleich
an  drei  Stellen  des  halben  Spantumfangs,  am  Kiel  mit  dem  Kielgang,  an  der  Kimm  mit
dem  Kimmgang  und  in  Höhe  des  Zwischendecks  mit  den  Bergholzplanken.  Die  Außenhautplanken ­
  werden  aus  eichenen  Stämmen  geschnitten  und  erhalten  rechteckigen  Querschnitt, ­
  nur  die  Kielgänge  werden  entsprechend  der  Form  der  Kielsponung  fünfseitig
bearbeitet.  Die  Stärke  der  Planken  ist  je  nach  der  Lage  am  Spant  verschieden.  Am
stärksten  wählt  man  die  Kielplanken  zur  Seite  des  Kiels  und  die  in  der  Nähe  der  neutralen ­
  Achse  des  Schiffsrumpfes  liegenden  Bergholzplanken.  Man  erzielt  für  letztere

669.  Guerschnitt  rrner  Korvette.

a  Halbe  Vodenwrange.  b  Vodenwrange.  c  Kimmstück,  d  Auflanger,
e  Tovstück.  f  Kiel.  g  Loskiel.  h  Kielschwein,  i  Kielplanken,  k  Bodenplanken.
  1  Kimmplanken,  m  Bergholzplanken,  n  Schergang.  v  Kielweger.
P  Stoßweger.  q  Balkenweger,  r  Diagonalwegerung,  s  Wassergang.
t  Setzweger.  u  Zwischendecksbalken,  v  Oberdecksbalken.  w  Balkenknie,
x  Deckplanken,  y  Fink  netz  kästen,  z  Rüst.
        <pb n="623" />
        655

Holzschiffbau:  Außenhautbeplankung.

Plankengänge  ans  diese  Weise  eine  tiefere  Dichtungsnaht  und  vergrößert  dementsprechend
die  Reibungsfläche  in  den  Plankennähten  zur  Übertragung  der  Schubspannung.  Auch
bieten  die  starken  Berghölzer  eine  größere  Sicherheit  bei  lokalen  Beanspruchungen  von
außen  durch  Eisschollen,  Wrackstücke  und  dergl.  Ferner  werden  die  Schergangsplanken,
welche  die  Außenhaut  am  Oberdeck  abschließen,  stärker  gewählt,  um  den  dort  auftretenden ­
  Zugspannungen  zu  begegnen;  dieselben  müssen  daher  auch  vollkommen  astfrei  sein.
Die  Zahl  der  Plankengänge  richtet  sich  nach  dem  Umfang  des  Hauptspantes  und
der  Plankenbreite,  welche  360  min  selten  überschreitet.  Da  die  Spantumfänge  nach  den
Schiffsenden  kleiner  werden,  so  läßt  man  nicht  alle  Plankengänge  bis  zu  den  Steven
durchlaufen,  da  sie  sonst  zu  schmal  ausfallen  würden.  Einzelne  Gänge  hören  daher  vorher
auf,  sie  heißen  verlorene  Gänge,  und  die  beiden  benachbarten  Gänge  werden  entsprechend
verbreitert.  Besondere  Sorgfalt  ist  auf  ein  gutes  Verschießen  der  Stöße  zu  legen,  und
dieselben  sind  stets  auf  einem  Spant  anzuordnen,  damit  die  Plankenenden  solide  befestigt
werden  können;  die  Plankennähte  öffnen  sich  durch  die  meist  konvexe  Spantkurve  nach
außen,  so  daß  das  Einbringen  der  Dichtung  bequem  erfolgen  kann.  Enge  Nähte  müssen
mit  Hilfe  des  Klameieisens,  eines  stählernen  Keils  mit  Stiel,  aufgetrieben  werden.  Die
Dichtung  oder  Kalfaterung  der  Nähte  zum  wasserdichten  Abschluß  der  Außenhaut  erfolgt
durch  Werg  und  Pech.  Das  Werg  wird  aus  geteertem  Tauwerk  durch  Aufdrehen  der
einzelnen  Garnfäden  gepflückt  und  vom  Kalfaterer  in  einen  „Draht"  gedreht.  Je  nach
der  Dicke  der  Außenhautplanken  werden  zwei  bis  vier  Drähte  in  die  Nähte  mittels  des
Dichteisens  mit  dem  Kalfat-  oder  Dichthammer  nacheinander  eingetrieben,  und  hierbei  ist
darauf  zu  achten,  daß  alle  Planken  gleichmäßige  Pressungen  erhalten.  Der  letzte  eingeschlagene ­
  Draht  wird  mittels  eines  Teerqnastes  mit  heißem  Teerpech  bestrichen,  so  daß
er  die  Rille  der  Naht  ausfüllt.  Die  Dauer  einer  guten  Kalfaterung  beträgt  höchstens  fünf
Jahre,  in  der  Regel  kalfatert  man  das  Schiff  aller  drei  bis  vier  Jahre,  wobei  das  verfaulte ­
  Werg  aus  den  Nähten  zunächst  entfernt  werden  muß.
Die  Wegerungsplanken  werden  nicht  durch  Werg  und  Pech  abgedichtet;  sie  schließen
den  Schiffsraum  zur  Aufnahme  der  Ladung  u.  s.  w.  gegen  die  Spanthölzer  ab  und  dienen
zugleich  als  Längsverband.  Im  Raum  tragen  sie  ferner  zur  Verstärkung  der  Stöße
zwischen  den  Bodenwrangen  und  Aufsitzern  —  Stoßweger  —  sowie  zur  Versteifung  der
Kimm  —  Kimmweger  —  bei.  In  Höhe  der  Decks  werden  sie  besonders  stark  gehalten  zur
Auflagerung  der  Balken  und  Verbindung  derselben  mit  den  Spanthölzern  —  Balkweger.  —
Die  Befestigung  der  Wegerungsplanken  erfolgt  teilweise  auf  den  Spanten  allein  mittels
Stumpfbolzen,  teilweise  mit  den  Spanten  und  den  Außenhautplanken  zusammen  durch
Durchbolzen,  welche  von  außen  geschlagen  und  innen  verklinkt  werden.
Der  Querverband  des  Schiffes  wird  durch  die  Decksbalken  hergestellt,  welche  zugleich
den  Zweck  haben,  die  einzelnen  Decks  mit  Hilfe  der  Decksplanken  zu  bilden  zur  Lagerung
von  Gütern,  Geschützen  u.  s.  w.  und  zur  Aufnahme  der  Wohnräume  für  Passagiere  und
Mannschaften.  Die  Stärke  und  die  Zahl  der  Decksbalken  hängt  daher  ab  von  der  voraussichtlichen ­
  Belastung  des  Decks  und  der  Breite  des  Schiffes.  Die  oberen  Decks  erhalten
zum  besseren  Wasserabfluß  querschiffs  nach  oben  eine  leichte  Krümmung  —  Decks-  oder
Balkenbucht  —  die  Raumbalkeu  sind  meist  gerade;  längsschiffs  sind  die  Balken  auf  den
Balkwegern  nach  dem  Deckssprung  gelagert.  Die  Balken  haben  rechteckigen  Querschnitt
und  ruhen  an  den  Enden  auf  den  Balkwegern  auf,  mit  denen  sie  durch  Cylinderzapfeu
und  Bolzen  verbunden  werden.  Mit  der  Wegerung  und  den  Spanten  werden  sie  mit
Hilfe  hölzerner  oder  eiserner  Kniee  derart  verbolzt,  daß  ein  Verziehen  des  Spantes  qnerschiffs
  durch  den  Zug  der  Wanten  des  Mastes  oder  das  Arbeiten  des  Schiffes  in  See
möglichst  verhindert  wird.  Bisweilen  führt  man  die  hängenden  Arme  der  eisernen  Kniee
im  Winkel  von  45°  geneigt  auf  die  Kimmwegerung  herunter  und  bildet  sie  auf  diese
Weise  als  Diagonalbänder  ans.  Auf  den  Enden  der  Decksbalken  werden  zur  Verstrebung
derselben  untereinander,  sowie  zum  Abschluß  gegen  die  Spanthölzer  die  Leibhölzer  und
die  Wassergangsplanken  aufgelegt  und  mit  denselben  verbolzt.  Auf  dem  Leibholz  setzt
sich  dann  der  Setzweger  auf  und  bildet  den  Übergang  zur  Seitenwegernng.  Wo  Öffnungen
(Luken)  im  Deck  angeordnet  werden,  werden  längsschiffs  laufende  Balkenschlingen  ein-
        <pb n="624" />
        656  .Schiffbau.
gebaut,  gegen  welche  alsdann  die  gekürzten,  sogenannten  halben  Balken  abstoßen.  Dieselben
ruhen  auf  den  Schlingen  in  einer  Lippe  und  werden  mit  denselben  durch  flaches  förmige
Schienen  verbunden.  Besondere  Sorgfalt  erfordert  der  Einbau  der  Mastbalken  und
Mastschlingen,  zwischen  welchen  die  Masten  in  den  Hauptdecks  festgekeilt  werben.  Der
Raum  zwischen  Balken  und  Schlingen  wird  zu  diesem  Zweck  durch  Füllhölzer  —  Mastfisch
  —  ausgefüllt,  und  für  den  Durchgang  des  Mastes  wird  ein  elliptisches  Loch  gelassen.
Zwischen  Mast  und  diesen  Füllstücken  werden  dann  kieferne  Mastkeile  eingetrieben.  Die
Mastbalken  sind  mit  den  Spanten  durch  eiserne  Klammern  sowie  mit  diesen  und  mit  dem
Balkenweger  durch  horizontale  Kniee,  welche  von  Balken  zu  Balken  reichen,  verbunden.
Im  Bug  und  Heck  werden  die  Decksbalken  durch  entsprechende  Kniehölzer  —,  Bug  und
Heckbänder  —  ersetzt,  und  zwischen  den  Decks  werden  meist  noch  eiserne  Bänder  zur
Verbindung  der  beiden  Schiffsseiten  eingefügt.  Sind  die  Decksbalken  mit  dem  Setzbord
und  den  Wassergängen  eingebaut,  so  beginnt  man  mit  dem  Legen  der  Decksplanken.  Sie
haben  in  der  Hauptsache  den  Zweck,  den  Schiffsraum  nach  oben  gegen  Feuchtigkeit  wasserdicht ­
  abzuschließen.  Man  verwendet  als  Decksplanken  vorzugsweise  Hölzer  mit  großem
Harzgehalt,  welche  verhältnismäßig  wenig  Wasser  aufnehmen  und  daher  der  Fäulnis
lange  widerstehen.  Kiefern,  Fichten,  sowie  die  amerikanischen  Abarten,  Litell  pine,
Yellow  pine,  White  pine  werden  als  Decksplankenmaterial  fast  ausschließlich  verwendet.
Die  Planken  müssen  möglichst  splint-  und  astfrei  sein;  sie  erhalten  rechteckigen  Querschnitt
mit  geringer  Abfasung  der  Seiten  nach  oben  zur  besseren  Aufnahme  des  Dichtungsmaterials ­
  —  Werg  und  Teerpech.  An  den  Stellen  des  Decks,  welche  starker  Abnutzung
ausgesetzt  sind,  wie  z.  B.  unter  dem  Ankerspill  und  den  Ankerketten  verwendet  man
härtere  Hölzer  aus  Teakholz  —  Fischungsplanken.  Da  die  Decksplanken  nicht  geeignet
sind,  größere  Zugspannungen  zu  übertragen,  wendet  man  bei  größeren  Segelschiffen
eiserne  Längs-  und  Diagonalbänder  an,  welche  auf  den  Balken  eingelassen  werden  und
den  Druck  und  Zug  der  Masten  auf  alle  Balken  und  die  Spanten  gleichmäßig  übertragen.
Der  Abschluß  des  Raumes  zwischen  Außenhautbeplankung  und  Wegerung  erfolgt
oberhalb  des  Oberdecks  durch  den  Schandeckel;  er  bedeckt  zugleich  die  Hirnenden  der
Spantauflanger  und  schützt  sie  gegen  Feuchtigkeit  und  Fäulnis.  Die  Befestigung  des
Schandeckels  erfolgt  einerseits  auf  dem  Wassergaug  des  Oberdecks,  anderseits  aus  dem
Farbegang  der  Außenhaut.  Bei  größeren  Schiffen  besteht  er  aus  zwei  Breiten.  Er  wird
in  der  Regel  durch  die  Relingstützen,  Verlängerungen  der  Auflanger,  durchbrochen  und
an  diesen  Stellen  abgedichtet.  Erhält  das  Schiff  Back  und  Kampagne,  so  liegt  der
Schandeckel  in  diesen  Decks.  Bei  Kriegsschiffen  —  Linienschiffen  —  bildet  der  Schandeckel ­
  zugleich  den  unteren  Drempel  der  Geschützpforten.  Die  Relingstützen  erhalten
außen  eine  Bekleidung  von  dünnen  kiefernen  Planken  —  Schanzkleid  genannt.  Zum
Abfließen  von  überkommenden  Seen  erhält  das  Schanzkleid  eine  größere  Zahl  von
Sturzpforten.  Den  Abschluß  des  Schanzkleids  nach  oben  bildet  die  Relingleiste,  eine  nach
beiden  Seiten  abgerundete  Planke,  welche  auf  den  Relingstützen  verzapft  ist.  Bei
größeren  Schiffen  erhält  die  Relingleiste  noch  einen  Aufsatz  durch  die  Oberreling,
welche  im  Bereich  der  Ladeluken,  der  Fallreeps  u.  s.  w.  zum  Losnehmen  eingerichtet  ist.
Bei  Kriegsschiffen  bildet  der  Finknetzkasten,  ein  rinnenförmiger  Raum  zum  Stauen  der
Hängematten,  den  oberen  Teil  des  Schanzkleids,  und  alsdann  reichen  fast  alle  Spanten
bis  zum  Boden  des  Finknetzkastens.
Die  Verbindung  der  einzelnen  Bauhölzer  —  Spanten,  Außenhaut,  Wegerung  —
geschieht  zunächst  mit  einigen  Stumpfbolzen.  Erst  beim  Anbringen  der  Außenhaut
und  der  Wegerung  erfolgt  die  endgültige  Befestigung  mit  Durchbolzen  und  Holznägeln.
Für  leichtere  Bauteile  verwendet  man  auch  Spieker  und  Nägel.  Die  Zahl  der  Durchbolzen ­
  der  Außenhautplanken  hängt  von  der  Breite  der  Planken  ab,  und  man  unterscheidet ­
  einfache,  doppelte  und  gemischte  Befestigung,  je  nachdem  aus  jedem  zweiten
Spantholz  bezw.  auf  jedem  Spant  ein  oder  zwei  Bolzen  geschlagen  werden.  Die  Durchbolzen ­
  werden  stets  an  dem  Fußende  über  einem  Klinkring  verklinkt.  Das  Material  der
Bolzen  ist  Eisen  oder  Kupfer,  und  zwar  sind  letztere  im  Bereich  des  metallenen  Bodenbeschlags ­
  notwendig,  da  sonst  durch  die  galvanische  Wirkung  im  Seewasser  das  Eisen
        <pb n="625" />
        Holzschiffbau:  Vollendung  des  Rumpfes.

657

leicht  zerfressen  wird.  Man  sagt  dann,  das  Schiff  ist  kupferfest.  Die  über  Wasser
liegenden  Bauteile  können  ohne  Gefahr  durch  eiserne  Bolzen  verbunden  werden.  Die
Befestigung  der  Decksplanken  auf  den  hölzernen  Balken  erfolgt  durch  eiserne,  verzinkte
Spieker  oder  Stumpfbolzen,  und  werden  dieselben  so  tief  versenkt  geschlagen,  daß  sie  durch
einen  hölzernen  Deckspfropfen  bedeckt  werden  können.
Ist  die  Außenhautbeplankung  geschlichtet  und  gedichtet,  so  wird  in  der  Regel  zum
Schutz  des  Unterwasserteils  derselben  ein  Kupfer-  oder  Muntzmetallbeschlag  angebracht.
Derselbe  soll  das  Unterwasserschiff  nicht  allein  gegen  die  Angriffe  der  Bohrwürmer
schützen,  sondern  zugleich  einen  Anwuchs  von  Muscheln,  Algen  u.  s.  w.  verhindern.  Vor
dem  Anbringen  der  Metallhaut  wird  die  Außenhantbeplankung  mit  Teer  bezw.  Marineleim ­
  gestrichen  und  dann  mit  einer  Lage  geteerten  Filzes  oder  groben  Papiers  bedeckt,
auf  welche  alsdann  streifenweise  die  Metallplatten  von  1  bis  1,5  mm  Dicke  und  Abmessungen ­
  von  1,2  m  X  0,s5  bis  0,5  m  mittels  kupferner  Nägel  befestigt  werden.  Die
Platten  überdecken  sich  derart  an  den  Rändern,  daß  die  oberen  Kanten  von  dem  nächsten
Plattengang  überdeckt  werden.  Die  Dauer  einer  Kupferhaut  beträgt  etwa  5  Jahre,  und
nach  diesem  Zeitraum  muß  dieselbe  zum  großen  Teil  erneuert  werden.
Neben  den  Arbeiten  am  eigentlichen  Schiffsrumpf  wird  nach  dem  Legen  der  Decks
und  der  Abdichtung  der  Außenhaut  mit  den  einzelnen  Arbeiten  begonnen,  welche  für  den
Ausbau  und  die

Ausstattung  des
Schiffes  erforderlich
sind.  Es  gehören
hierher  die  Vorkehrungen ­
  für  die  Bemastung ­
  und  Takelage ­
  ,  wie  Mastspuren, ­
  Bugsprietstuhl ­
  ,  Rüsten  mit
Püttingsschienen,
diejenigen  für  die
Ankereinrichtung,
wie  Ankerspille,
Ankerkran  oder  Kranbalken  und  Ankerklüsen,  das  Steuerruder  nebst  Pinne  und  Steuereinrichtung, ­
  die  Pumpen,  die  Einrichtungen  zum  Übernehmen  der  Ladung,  wie  Ladeluken,
  Lade-  und  Ballastpforten,  Ladewinden,  sowie  zur  Unterbringung  der  Mannschaften, ­
  wie  Niedergangsluken,  Fallreepstreppen,  Kajüten  und  Mannschaftslogis,  Wassertanks ­
  und  dergl.
Die  Mastspur  ist  eine  Plattform  von  starken  Balken,  welche  mit  dem  Kielschwein
verbolzt  ist,  sie  erhält  eine  Auskerbung,  in  welche  der  Mastfuß  mittels  vierkantigen
Zapfens  eingesetzt  wird.  Der  Bugsprietstuhl  bildet  in  ähnlicher  Weise  die  Stütze  für  den
Fuß  des  Bugspriets.  Die  Rüsten,  eine  aus  Planken  zusammengefügte  Plattform  in  Höhe
der  Oberdecksbalken,  welche  mittels  Durchbolzen  mit  dem  Schergang  und  den  Spanthölzern ­
  verbunden  und  durch  eiserne  Kniee  an  der  Außenhaut  gestützt  werden,  dienen  den
oberen  Enden  der  Püttingsschienen  als  Auflage.  An  diesen  Schienen  werden  am  oberen
Ende  mittels  Auge  die  Jungfernblöcke  der  Wanten  befestigt,  während  der  untere  Teil
derselben  derartig  an  die  Außenhaut  gebogen  ist,  daß  die  Resultante  aus  den  Spannungen
im  Want  und  im  Püttingeisen  in  der  Mittellinie  der  Rüst  liegt.  Das  untere  Ende  der
Püttingsschienen  wird  durch  die  Püttingsbolzen  gehalten.
Die  Schiffswinden  zum  Lichten  (Heben)  der  Anker  werden  auf  dem  Oberdeck  im
Bug  aufgestellt.  Die  Winden  oder  Spille  mit  liegender  Welle  und  mit  Handantrieb
mittels  Spaken  heißen  Bratspille,  diejenigen  mit  vertikaler  Welle  Gangspille.  Auf  Handelsschiffen ­
  findet  allgemein,  um  an  Bedienungsmannschaft  zu  sparen,  das  Pumpenspill  Verwendung, ­
  ein  Spill  mit  liegender  Welle  und  Antrieb  mittels  Pallen  durch  Bewegung  eines
Pumpenhebels.  Der  Kranbalken  dient  zum  Andeckholen  des  vorgehievten  Ankers.  Die
IX  83

670.  Ankerwinde  (Pnniplpili).  a  Hauptansicht,  b  Seitenansicht.
        <pb n="626" />
        658

Schiffbau.

Klüsen  sind  gußeiserne  Rohre,  welche  in  den  Klüshölzern  gelagert  sind  und  durch  welche
die  Ankerkette  innenbords  geholt  wird.  Das  Steuerruder  wird  aus  einem  starken  Balken,
dem  Ruderstamm,  auch  Ruderherz  oder  Ruderpsosten,  gebaut,  an  dessen  Hinterer  Fläche
Planken  nach  der  Form  der  Ruderfläche  angebolzt  werden.  Das  Ganze  wird  ferner  durch
mehrere  Ruderscheren  zusammengehalten,  welche  an  ihrem  vorderen  Ende  die  Fingerlinge
tragen,  mit  welchen  das  Ruder  in  die  am  Rudersteven  befestigten  Ruderösen  eingehängt
wird.  Die  Ruderfingerlinge  nebst  Scheren,  sowie  die  am  Rudersteven  befestigten  Ruderösen ­
  werden  aus  Eisen  oder  Bronze  gefertigt,  je  nachdem  das  Schiff  eisen-  oder
kupferfest  ist.  Die  hölzernen  Ruder  erhalten  am  oberen  Ruderblatt  ein  Auge  zur
Befestigung  der  Sorgleine,  damit  das  Ruder  beim  Brechen  des  Schloßholzes  nicht
verloren  geht.  Das  Ruderherz  ragt  durch  das  Hennegatt  in  den  Schiffsrumpf  hinein,
und  das  obere  Ende  desselben,  der  Ruderkopf,  erhält  ein  Loch  zum  Einsetzen  der
Ruderpinne.  Die  Bewegung  des  Ruders  erfolgt  bei  den  Segelschiffen  durch  die
Pinne  mittels  Rudertaljen.  Das  Reep  derselben  besteht  aus  Hanf  oder  Stahldraht
und  läuft  über  Führungsrollen  zu  einer  Trommel,  auf  welche  es  durch  Handräder,
Steuerräder  auf-  und  abgewickelt  wird.
Dabei  muß  das  Reep  so  geschoren
daß  beim  Ruderlegen  das
derjenigen  Seite  dreht,

Hand  -  Steuerrad

czfcT

a

o

D

671.  Kandsteurrrinrichtmig  mittels  Ichraubrnspindrl.

GOtHD  werden,
Schiff  nach
nach  welcher  das  Rad  bewegt  wird.
An  Stelle  der  Taljen  verwendet  man
neuerdings  eine  eiserne  Schraubenspindel, ­
  welche  im  vorderen  Teil  mit
Rechtsgewinde,  im  hinteren  Teil  mit
Linksgewinde  versehen  ist  und  durch
das  Steuerrad  gedreht  wird.  Durch
Drehung  der  Schraubenspindel  werden
auf  derselben  zwei  Muttern  hin  und
her  bewegt,  welche  durch  Stangen  geführt ­
  werden,  da  die  Muttern  mittels
Backen  in  zwei  Schlitze  des  Ruderjoches,
welches  auf  dem  Ruderkopf  befestigt  ist,
eingreifen,  wirddasJoch  mitgenommen
und  so  mit  dem  Ruder  gedreht.  Das
Einsetzen  des  Ruders  erfolgt  meist
nach  dem  Stapellauf  des  Schiffes.
Die  Arbeiten  an  dem  Schiffsrumpf  sind  nunmehr  so  weit  gediehen,  daß  man  mit  den
Vorbereitungen  zum  Stapellauf  beginnen  kann.  Dieses  interesignte  Schauspiel,  bei
welchem  das  Schiff  seinem  Element  und  späteren  Lebenszweck  übergeben  wird,  bildet  in
der  Bauperiode  des  Schiffes  einen  wichtigen  Abschnitt,  und  mit  demselben  ist  meist  die
Namengebung  d.  h.  Schiffstaufe  verbunden.  Wenngleich  der  Stapellauf  ein  nach  den
Gesetzen  der  Mechanik  sich  klar  ergebender  Vorgang  ist,  so  ist  derselbe,  wie  die  Erfahrung
gelehrt  hat,  doch  nicht  immer  so  harmlos  von  statten  gegangen,  sondern  hat,  wie  die
Katastrophe  beim  Ablauf  der  „Daphne"  an  der  Clyde  im  Jahre  1884  bewiesen  hat,  bisweilen ­
  die  traurigsten  Unglücksfälle  zur  Folge.  Von  dem  Bau  des  Ablaufsgerüstes,  sowie
von  den  sonstigen  Einrichtungen,  welche  beim  Stapellauf  erforderlich  sind,  soll  später  eingehend ­
  berichtet  werden.
Nach  dem  Stapellanf  wird  der  weitere  Ausbau  des  Schiffes  gefördert,  bestehend  in
der  inneren  Einrichtung  für  die  Unterbringung  von  Passagieren  und  der  Besatzung,
sowie  in  der  Bemastung  und  Takelage.  Der  innere  Ausbau  nimmt  bei  den  Passagierdampfern ­
  und  den  transatlantischen  Schnelldampfern  sowie  bei  den  Kriegsschiffen  eine
Ausdehnung  und  Vielseitigkeit  an,  daß  darüber  im  Zusammenhang  später  gesprochen
werden  soll.  Bei  den  Segelschiffen  handelt  es  sich  in  der  Hauptsache  um  die  Ausstattung
des  Quarterdecks  oder  der  Kampagne  mit  den  Wohnräumen  für  den  Kapitän  und  die
        <pb n="627" />
        Holzschisfban:  Einsetzen  der  Masten.  659

Schiffsoffiziere,  sowie  um  den  Bau  eines  Deckshauses  mittschiffs  zur  Unterbringung  der
Mannschaftslogis  und  der  Schiffsküche.
Das  Einsetzen  der  Untermasten  und  des  Bugspriets  erfolgt  meist  mit  Hilfe  eines
Mastkranes  oder  mit  Hilfe  von  provisorisch  errichteten  Böcken  —  Zweibeinen.  Es  folgt
dann  das  Aufbringen  der  sonstigen  Rundhölzer  als  Stengen,  Raaen,  Gaffel,  Bäume,
sowie  im  Anschluß  hieran  das  Auftakeln,  d.  h.  das  Anbringen  des  stehenden  und  laufenden
Guts  der  Takelage.
Die  Masten  bestehen  der  Höhe  nach  meist  aus  mehreren  Längen,  dem  Untermast
und  den  einzelnen  Stengen.  Der  Untermast  zerfällt  mit  Bezug  auf  seine  Abmessungen
in  drei  Teile.  Der  untere  Teil  reicht  vom  Fuß  bis  unterhalb  des  Oberdecks.  Er  erhält  am
untersten  Ende  einen  vierkantigen  Zapfen,  mit  welchem  er  in  der  Mastspur  gelagert  ist.
Im  Oberdeck  wird  der  Mast  im  Mastloch  durch  die  Mastkeile  festgekeilt.  Der  mittlere
Teil  reicht  vom  Oberdeck  bis  zur  Sahling,  welcher  seitlich  durch  konsolartige  Mastbalken
gestützt  wird.  Der  oberste  Teil  der  Untermasten  heißt  der  Top  des  Mastes.  Er  wird
mit  vertikal  angeordneten  Latten  benagelt,  um  ihn  gegen  das  Scheuern  der  Wanten  zu
schützen,  und  trägt  an  seinem  oberen  Ende  in  einem  vierkantigen  Zapfen  das  Eselshaupt.
Die  Untermasten  werden  ans  Kiefern-  oder  Yellow  pine-Holz,  die  größeren  auch  aus
Stahl  gefertigt.  Die  hölzernen  Masten  werden  meist  aus  mehreren  Hölzern  zusammen-672.

  Insammengcdautr  Masten.

gebaut  —  gebauter  Mast  —  teils  der  Länge  nach,  teils  im  Querschnitt  und  durch  Bolzen
und  warm  aufgezogene  eiserne  Ringe  verbunden.  Man  bildet  entweder  aus  zwei  Hölzern
ein  Herzstück  von  der  vollen  Maststärke  und  ergänzt  die  Seiten  durch  Schalen,  welche
oben  als  Backen  ausgearbeitet  werden,  oder  man  verwendet  ein  polygonales  Holzstück,
welches  von  Schalen  oder  Schwaigen  umgeben  wird.  Die  stählernen  Masten,  welche  sich
durch  größere  Widerstandsfähigkeit  und  Dauerhaftigkeit  auszeichnen,  werden  als  Cylinder
aus  Stahlblechen  mit  innen  liegenden  Naht-  und  Stoßstreifen  zusammengenietet,  und
größere  Masten  erhalten  im  Inneren  Versteifnngswinkel  oder  Stähle,  welche  meist  zugleich
als  Nahtstreifen  dienen.  Die  Balken  bestehen  aus  stählernen  Konsolblechen,  und  der  Top
wird  durch  einen  Deckel  geschlossen.
Die  Verbindung  der  Nntermasten  mit  den  Stengen  erfolgt  mit  Hilfe  des  Marses,
der  Sahlings  und  des  Eselshauptes.  Die  Längs-  und  Quersahlings  dienen  zum  Tragen
des  Marses  und  als  Stützpunkt  für  den  Fuß  der  Marsstenge,  welche  mittels  des  Schloßholzes ­
  auf  ihnen  ruht.  Der  Mars  gibt  dem  stehenden  Gut,  den  Wanten  der  Marsstenge
die  nötige  Spreizung  und  dient  nebenbei  als  Plattform  zur  Bedienung  der  oberen
Takelage.  Das  Eselshaupt,  auch  Eselshooft  genannt,  besteht  aus  zwei  mit  Stegen  verbundenen ­
  eisernen  Ringen,  von  welchen  der  Hintere  auf  den  vierkantigen  Top  des  Untermastes ­
  gekeilt  ist,  während  der  vordere  zum  Halt  der  Stenge  dient.  Die  Fortsetzung  der
Marsstenge  bildet  die  Bramstenge,  diejenige  der  Bramstenge  die  Oberbramstenge  oder
Royalstenge;  letztere  besteht  jedoch  meist  mit  der  Bramstenge  aus  einem  Holz.  Die
Stengen  werden  meist  aus  Kiefern  oder  Yellow  pine,  seltener  aus  Stahl  gefertigt  und
bestehen  aus  einem  Holz.,,  Der  Fuß  hat  einen  quadratischen  oder  achteckigen  Querschnitt
und  paßt  genau  in  die  Öffnung  zwischen  Quer-  und  Längssahlings;  er  trägt  oberhalb
83*
        <pb n="628" />
        660  Schiffbau.
derselben  das  Schloßholz,  einen  hölzernen  oder  eisernen  Keil  zum  Festsetzen  der  Stenge,
sowie  etwas  oberhalb  zwei  Scheibgatten  —  Einschnitte  mit  Scheiben  —  für  das  Stengewindreep. ­
  Am  oberen  Ende  erhalten  die  Stengen  eine  Anschwellung  für  die  Auflage  der
Stengensahling.  Der  Top  erhält  einen  vierkantigen  Zapfen  zur  Befestigung  des  Stengeneselshauptes ­
  oder  bei  der  Oberbramstenge  zur  Aufnahme  des  Flaggcnknopfes.
Das  Bugspriet  wird  in  ähnlicher  Weise  wie  die  Untermasten,  aus  Holz  oder  Stahl
gebaut.  Es  stützt  sich  mittels  eines  vierkantigen  Zapfens  auf  den  Bugsprietstuhl  und
ruht  auf  dem  Vorsteven  oder  einer  besonderen  Bettung  auf.  Am  vorderen  Ende  trägt
es  das  Eselshaupt  zur  Führung  des  Klüverbaums.  Letzterer  sowie  der  Außenklüverbaum
bilden  die  Verlängerungen  des  Bugspriets  und  werden  in  ähnlicher  Weise  wie  die  Stengen
gefertigt.  Der  Klüverbaum  ruht  an  dem  hinteren  Ende  auf  dem  sogenaunteu  Sattel,
und  der  Fuß  wird  meist  durch  eine  Zurrnng  mit  dem  Bugspriet  verbunden.  Die  Funktion
des  Marses  vertritt  die  blinde  Raa  und  der  Stampfstock.
Die  Raaen,  welche  zur  Befestigung  der  Quersegel  —  Raasegel  —  dienen,  werden
meist  aus  Holz  gefertigt;  größere  Unterraaen  werden  aus  zwei  Hölzern  zusammengebaut
oder  aus  Stahl  gefertigt.  Die  Mitte  der  hölzernen  Raa  bleibt  achtkantig  und  erhält
eichene  Schalen,  der  übrige  Teil  ist  bis  auf  die  Nocken,  Enden  der  Raa,  zur  Aufnahme
der  Schildpatten  rund.  An  den  runden  Enden  der  Nocken  sind  Bügel  zum  Durchschieben
der  Leesegelspieren  befestigt,  während  an  der  oberen  Rundung  Jackstaggbolzen,  durch
welche  ein  Stahldraht  geschoben  wird,  vorgesehen  sind.  Die  Raaen  verteilen  sich  auf  die
einzelnen  Teile  der  Masten  und  werden  entsprechend  mit  Unterraaen,  Ober-  und  Untermarsraaen,
  Bramraaen,  Oberbram-  oder  Royalraaen  bezeichnet.  Die  Raaen  werden
in  der  Mitte  mittels  der  Hangerkette  und  des  Raatakels  am  Top  des  Untermastes  bezw.
der  Stengen  aufgehängt  und  durch  Rackketten  oder  eine  eiserne  Rack  an  den  Mast  bezw.
die  Stenge  geholt.  Für  die  beweglichen  Marsraaen  wird  meist  ein  Tonnenrack  verwendet.
Die  Gaffel  dienen  zum  Ausholen  der  Gaffelsegel;  sie  umfassen  den  Mast  bezw.  den
Schnaumast  mit  einer  Klaue.  Der  Besansbaum,  an  welchem  das  Unterliek  des  Gaffelsegels ­
  ausgeholt  wird,  wird  am  Mast  mittels  Gelenkbolzen  befestigt  und  ist  mit  Ringen,
Augbolzen  und  Scheibgatten  versehen.  Für  kleinere  Fahrzeug  werden  die  Masten  mit  Stenge
aus  einem  Holz  gearbeitet  —  Pfahlmasten.  Die  Dimensionierung  der  Rundhölzer  nach
Längen  und  Stärken  erfolgt  in  der  Hauptsache  nach  praktischen  Erfahrungen  und  Regeln.
Die  Masten  stehen  teilweise  senkrecht  (Raaschiffe),  teilweise  geneigt  nach  hinten
(Gaffelschiffe);  man  sagt  dann,  sie  haben  Fall.  Ihre  Verteilung  längsschiffs  richtet  sich
nach  dem  Segelriß.
Die  Masten,  die  den  von  den  Segeln  aufgenommenen  Winddruck  auf  den  Schiffskörper ­
  übertragen,  dienen  in  der  Hauptsache  zur  Aufnahme  von  Druckspannungen.  Die
Zugspannungen  werden  von  dem  stehenden  Gut  der  Takelage,  d.  h.  demjenigen  Tauwerk,
welches  zwischen  den  Teilen  der  Bemastung  und  dem  Schiffsrumpf  fest  ausgespannt  ist,
übertragen.  Das  stehende  Gut  muß  so  angespannt,  d.  h.  gesetzt  werden,  daß  bei  Winddruck ­
  auf  die  Segel  die  Resultante  der  Spannungen  des  stehenden  Gutes  in  die  Achse
des  Mastes  fällt,  um  die  Beanspruchung  desselben  auf  Biegung  möglichst  klein  zu  halten.
Das  stehende  Gut  besteht  aus  starkem  Hanf-  oder  Stahldrahttan;  zu  demselben  gehören
zunächst  die  Wanten,  welche  die  Masten  nach  den  Schiffsseiten  festhalten.  Die  Wanten
erhalten  am  oberen  Ende  eine  Angspliffung,  um  mit  dem  Auge  über  den  Top  der  Masten
gestreift  zu  werden;  am  unteren  Ende  werden  die  Jungfern  aus  Rüsternholz  bezw.  neuerdings ­
  ans  schmiedbarem  Eisenguß  eingebunden,  mit  welchem  die  Wanten  durch  die
Taljereeps,  entsprechend  dünneren  Tauen,  mit  den  Jungfernblöcken  der  Püttingsschienen
verbunden  und  steif  gesetzt  werden.  Die  Wanten  werden  durch  Querleineu  —  Webeleinen ­
  —  verbunden,  und  auf  diese  Weise  ivird  eine  Strickleiter  zum  Besteigen  der  Masten
hergestellt.  Die  Wanten  der  Stengen  reichen  vom  Top  der  Stenge  bis  zu  den  Marsen
oder  Sahlingen,  während  die  Stengepardunen  von  dem  oberen  Ende  der  Stenge,  ähnlich
den  Wanten,  bis  auf  die  Rüsten  gespannt  sind.  Während  die  Wanten  und  Pardunen
in  der  Richtung  querschiffs  ausgespannt  sind,  ivirken  die  Stage  in  der  Richtung  längsschiffs ­
  zur  Verstrebung  der  Bemastung.  Die  Stage  sind  an  Deck  oder  am  Bugspriet
        <pb n="629" />
        A  Nnterschiff.
B  Kiel.
V'  Loser  Kiel.
C  Vordersteven.
D  Gallion  mit  Verzierung.
E  Hintersteven.
F  Ruder.
G  Leck  ober  Spiegel.
H  Schanzdeck  (Schandeckel).
I  Schanzkleid,  Berschanzung.
K  Regeling.
L  Ba,rardregeling,  Basnering,  Fink-Besans-
  oder  Kreuzrüsten.
N  Pültinge  der  Besans-  (Kreuz-)  51  Webeleinen.
Wanten  und  Pardunen.  52  Jungfern  oder  Juffern,
v  Große  Rüsten.  53  Tal-  oder  Taljereepen.
P  Püttinge  der  Großwanten  und  54  Spreelatte.
Pardunen.  55  Wegweiserlatte  (für  laufendes
Q  Fockrüsten.  Tauwerk).
R  Püttinge  der  Fockwanten  und  56  Kreuzslengwantenmit  Webelemen.

37  Großoberbram  oder  -royalstcuge.
38  Großroyal(staggen)top.
39  Fockmast.
40  Lorstenge.
41-  Borvramstenge.
42  Borroyalstenge.
43  Vorroyal(flaggen)top.
44  Besans-  oder  Kreuzmast.
45  Schnaumast.
46  Kreuzstenge.
47  Äreuzbramstenge.
48  Kreuzroyalstenge.
49  Kreuzroyal(flaggen)top.
50  Besans-  oder  Kreuzwanten  mit

73  Großbramstag.
74  Großroyalstag.
75  Fockwant  mit  Webeleinen  wie  65.
76  Borstengwant  mit  Wedeleinen.
77  Vorstengvardunen.
78  Vorbramwanten.
79  Borbrampardunen.
80  Vorroyalpardunen.
81  Fockstag.

82  Vorstengstag.
83  Klüverleiter.
84  Außenklüvcrleiter.
85  Vorbramstag.

91  Klüverstanipfstag.
92  Außenklüverstampjstag.
93  Stampfstocksachterguyen.
93«  Klüverbackstagen.
94  Pferd  zum  Klüverbaum  (Klüverpferd). ­
  .
95  Pferd  zum  Anßenkluverbaum  (Außenklüverpferd).

96  Fockraa.

Borpardnnen.
8  Namensbrett.
T  Krahndalken.
TJ  Pflichtanker.
V  Täglicher  (Patent-)Anker.
w  «ntcrtctte.
X  Ankerboje.
X'  Boiereep.
Y  AnterttUse.
V'  Seilendrlfen.
I  Speigaren.
1  Gig.
I  Fangleine  der  Gig.
8  Btafjetibauin.
4  Bootsdavid.
5  BvotStaljen  oder  «tatet.
6  Strecklette  der  BoolsdavidS.
7  Achterguy  „  „
8  Borguy  „  „
9  Schenkelkette  für  unteren  Fockbraffenblock.

10  Kajüte.
II  Großboot.
12  Roof,  Logis  für  die  Mannschaft
mit  Kochhaus.
13  Gallionsbrett.
14  Ausleger  für  Klüverbackstagen,  ersetzt ­
  die  blinde  Raa.
15  Bugspriet.
16  Esclshoofd  des  Bugspriets.
17  Stampfstock.
18  Klüverbaum.
19  Außenklüverbaum.
20  Großmast.
21  Back  des  Großmastes,  stützt.
22  Große  Langssahling;  auf  ihr  ruht
23  Großmars.
24  Top  des  Großmastes.
25  Großes  Eselshoosd.
26  Püttinge  der  Groß-Stenzwanten,
Großmarspüttinge.
27  Fuß  der  Großstenge.
28  Heiß  der  Großstenge.
29  Top  der  Großstenge.
30  Groß-Brameselshoosd.
31  Langssahling,  Großbramsahlkng.
32  Dwarssahling,  Großbramsahling.
33  Ausleger  (Stütze  für  Bram-  und
Royalpardun).
84  Großbrainvüttinge.
35  Fuß  der  Großbramstenge.
36  Heiß  der  Großbramftenge.

07  Kreuzstengpardunen.
58  Kreuzbramwanten.
59  Kreuzbrampardunen.
60  Kreuzroyalpardunen.
61  Besans-  oder  Kreuzstag.
62  Kreujstengstag.
63  iireujbtamftag.
:t  SVit  au,.
lern,  Tnlrcepcn,  Epreelalle  und
Wegtveiserlatte.
66  (BrvHjtengmanteii  mit  Webele»nen.
67  Großstengparduns.
68  Opoßvramivanten.
69  Großbrainparduns.
70  Großroyalpa-rduns.
71  Großstag.
72  Großstengstag.

97  Doroberleespier.
98  Tragstange  zurBorunterrnarsraa
99  Voruntermarsraa.
100  Vorobermarsraa.
101  Vorobermarsfallsdrehreep.
102  Vorbramleespier.
103  Vorbramraa
104  Voroberbramraa,  -royalraa.
105  Großraa.
106  Großbraß.
107  Tragstange  zur  Großuntermars  -
108  Großuntcrniarsraa.
109  Großobermarsraa.
110  Großobcrmarsbraffenschenlel.
111  Borrnarstopenanl.
112  Großbramraa.
113  Großroyalraa.
114  Große  Gaffel.
115  Hanger  der  Großgaffel.
116  Großgaffelgeerdenschentel.
117  Grosigclfselgeerv.
118  Bagienraa.
119  Krcuzraa.
120  Kreuzbramraa.
121  Kreuzrvyalraa.
122  GafftopsegelSgaffel.
123  Hanger  der  Wsitopsegelsgaffel.
124  Uesmisgaffel.
ILS  LresanspikfaN.  DnS  Klansüll  ist
durch  die  Kreuzwanten  rc.  verbeut.

128  Be
129  Sc
130  Be
131  Be

126  Schenkel  der  Besansgeerden,
127  Besansgecrdeu.
"'sansbaum.
sansbaumbirk.
sansbaumschoot.
sansbaumgeerdenmit  Schenkel.
1  Fock.
II  Voruntermarssegel.
III  Vorobermarssegel.
IV  Vorbramscgel.
V  Vorroyal-(Obcrbram)-segel.
VI  Großsegel.
VII  Großuntermarsscgel.
VIII  Großoberrnarssegel.
IX  Großbramsegel.
X  Großroyal.
XI  Bagienscgel.
XII  Kreuzsegel.
XIII  Kreuzbramsegcl  (Gretje).
XIV  Krcuzroyal.
XV  Besau.
XVI  Gafftopsegel.
XVII  Kreuzstagscgel.
XVIII  Kreuzbrcuttstagst'gel.
XIX  Kreuzronalstagscgel.
XX  Großtreisegel,  Barksegel,
Schnauscgel.
XXI  Großstagskgrl.TeckschlnMrr.
XXII  Grofisteitgilagsegeü
Xxill  Grosibrantstügsegel,
XXIV  Großroyalstagsegel.
XXV  Staatol
XXVI  Nor,tengstagsegel.
XXV11  Klüver.
XXVIII  Auhenklüver.
XXIX  Borbram,tagscgcl,  Jager.
132  Deutsche  Flagge.
133  Flaggcnletue  der  Gaffel.
134  Flaggenleine  der  Gafftopsegcls«
gaffet.
135  Windfahne  bleibt  in  See  Nets  oben.
136  Comtoirllagge  des  Rheders.
137  Flaggeulcine  des  Großtop.
138  Lootsenflagge.
139  Flaggenleine  im  Vortop.

Seitenansicht  eines  hölzernen,  alle  Segel  führenden  Vollschijfs.
        <pb n="630" />
        Holzschiffbau:  Stehendes  und  laufendes  Tauwerk.

661

mittels  Kauschen  oder  Doodshofte  befestigt  und  steigen  zu  den  Masten  und  Stengen  schräg
nach  aufwärts.  Sie  werden  nach  dem  Teil  der  Bemastung,  welchen  sie  stützen,  benannt,
z.  B.  Großstengeflag,  Vorbramstag  n.  s.  w.  Fahren  an  den  Stagen  zugleich  Schratsegel,
so  heißen  sie  Leiter,  z.  B.  Klüverleiter.  Die  Stage  gehen  auch  von  Mast  zu  Mast,  und  auf
diese  Weise  wird  vom  Bugspriet  bis  zum  hintersten  Mast  eine  fortlaufende  Kette  von  Tauen
ausgespannt.  Das  stehende  Tauwerk  des  Bugspriets  bilden  die  Wasserstagcn,  welche  es
nach  unten  halten  und  dem  Zug  des  Fock-  und  Vorsteugestags  entgegenwirken,  und  die
Bugstagen,  welche  das  Bugspriet  seitlich  nach  dem  Bug  des  Schiffes  Verstagen.  Man
verwendet  für  letztere  meist  Ketten.  Der  Klüverbaum  sowie  der  Außenklüverbaum  erhalten
zur  Stützung  Stampfstage,  Taue
oder  Ketten,  welche  über  einen  am
Eselshaupt  des  Bugspriets  befestigten ­
  Stock,  den  sogenannten  Stampsstock,
  als  Spreize  nach  dem  Galliou
geführt  sind.  Der  Stampfstock  wird
durch  Achterholer  nach  jeder  Seite
des  Schiffsbuges  gehalten.  Der
Klüver  -  und  Außenklüverbaum
werden  seitwärts  durch  ihre  Geien
oder  Backstagen,  die  über  die  blinde
Raa  oder  einenAuslieger  am  Kranbalken ­
  nach  dem  Schiffsbugereichen,
gestützt.  Alles  stehende  Tauwerk
wird  an  den  Stellen,  an  welchen  es
um  die  Masten  und  sonstige  Rundhölzer, ­
  sowie  um  die  Jungfern,
Doodshofte  u.  s.  w.  gelegt  wird,  mit
schmalen  Streifen  geteerten  Segeltuchs ­
  —  Schmarting  —  umwunden
und  dann  gekleidet,  d.  h.  mit  dünnem ­
  Tau  —  Schiemaunsgarn  —
umwickelt,  um  es  besser  gegen  lokalen ­
  Druck  zu  schützen.
Zum  stehenden  Tauwerk  sind
noch  zu  rechnen  die  sogenannten
Pferde  oder  Peerde,  welche  unter
allen  Raaen  und  unter  dem  Klüverbaum ­
  in  halberMannshöhe  entfernt  ,  Unterfe(?eI(  2  TOatS , e(te[ ,  8  8tamfCBt
hängen  und  in  bestimmten  Zwischen-  segel,  6  Marsleesegel  oder  Oberleesegel,  7  Bramleesegel,  8  Topenanten.
Whtt***«  i  üt  .  9  Besän,  10  Reffband,  11  Refftalje,  12  Bulain,  13  Geitaue,  i4Leesegelumen
  von  senkrecht  herabgehenden  schote,  15  Leesegelhals,  16  Leesegelfall,  17  Backspierentopenant.
Hangern  (Springstroppen  oder
Springpferden)  gehalten  werden.  Sie  dienen  den  Matrosen  als  Fußstütze  beim  Beschlagen
und  Lösen  der  Segel.  Ferner  gehören  dazu  die  Topenanten,  Taue,  welche  zum  Wagerechthalten
  der  Raaen  von  den  Nocken  derselben  bis  zum  Top  des  Mastes  bezw.  der
Stengen  ausgespannt  sind.  Die  Topenant  des  Baumes  heißt  Dirk.  Das  stehende  Gut
teilt  man  auch  in  Vorgeschirr  -  zwischen  Fockmast  und  Bugspriet  bezw.  Klüverbaum  —  und
Achtergeschirr  oder  benennt  es  nach  den  einzelnen  Abschnitten  des  Mastes,  z.  B.  Marsgnt.
Das  laufende  Gut  der  Takelage  umfaßt  alles  Tauwerk,  welches  bewegt,  d.  h.  geholt
oder  gefiert  wird  und  mit  welchem  die  Raaen  gebraßt,  die  Gaffeln  und  Stengen  geheißt
und  gefiert  sowie  die  Segel  geheißt  bezw.  niedergeholt  oder  geborgen  bezw.  gerefft
werden.  Die  Brassen  sind  an  den  Raaschenkeln  bezw.  Raanocken  befestigt  und  von  dort
direkt  oder  durch  Blöcke  nach  den  benachbarten  Masten  oder  an  Deck  geleitet;  sie  dienen
dazu,  die  Raaen  in  einem  bestimmten  Winkel  zur  Längsschiffsebene  festzustellen.  Am
Großmast  heißen  diese  Taue  Großbrassen,  am  Fockmast  entsprechend  Vorbrassen;  auch

673.  Takelage.
Untcrsegel,  2  Marssegel,  8  Bramsegel,  4  Oberbramsegel,  6  Unterlee-
        <pb n="631" />
        662

Schiffbau.

sind  sie  nach  den  Raaen,  welche  sie  bewegen,  benannt,  z.  B.  Großmarsbrasse.  Zum  seitlichen ­
  Feststellen  der  Gaffeln  dienen  die  Geerden,  Taue,  die  an  der  Piek  der  Gaffel  befestigt ­
  sind.  Die  Gaffeln  werden  durch  sogenannte  Fallen  an  ihrer  Stelle  gehalten,  die
Klaue  durch  das  Klaufall,  welches  nach  der  Hinterkante  des  Marses  und  von  dort  an
Deck  geleitet  ist,  die  Piek  durch  das  Piekfall;  es  reicht  von  der  Piek  über  einen  oder
mehrere  Blöcke  am  Top  des  Mastes  an  Deck.  Zum  Heißen  oder  Fieren  der  Raaen  dient
eine  Kette  oder  ein  Tau  in  Verbindung  mit  einer  Talje,  das  sogenannte  Drehreep,
während  die  Stengen  entsprechend  durch  das  Stengewindreep  geheißt  und  gefiert  werden.
Drehreep  und  Windrecp  laufen  meist  über  einen  am  Mast  bezw.  der  Stenge  aufgehängten
Block  und  durch  eine  in  der  Stenge  in  einem  Scheibgatt  gelagerte  Scheibe.
Der  größte  Teil  der  Segel  wird  an  zwei  Rundhölzern,  an  zwei  Raaen  oder  an
der  Gaffel  und  dem  Baum  ausgespannt,  und  zwar  ist  das  Oberliek  der  Segel  stets  an  der
oberen  Raa  bezw.  der  Gaffel  angereiht.  Das  Unterliek  wird  durch  die  Schote  und  den
Hals  ausgespannt.  Die  Schote,  ein  Tau  oder  eine  Talje,  sitzt  bei  Schratsegeln  an  dem
hinteren,  unteren,  bei  Raasegeln  an  demjenigen  Schothorn,  welches  bei  angebraßter  Raa
nach  hinten  weist.  Der  Hals  ist  bei  Schratsegeln  an  dem  vorderen,  unteren  Halslegel,
bei  den  Raasegeln  an  dem  unteren,  vorderen  Brillenlegel  bei  angebraßter  Raa  befestigt.
Die  Bulienen  nebst  Spruten  dienen  dazu,  das  Luvliek  eines  Untersegels  beim  Amwindesegeln ­
  nach  vorn  zu  spannen.  Die  Geitaue  oder  Dempgordings  dienen  zum  Aufholen  der
Gaffelsegel  an  den  Mast,  die  Bauch-  oder  Nockgordings  zum  Aufholen  des  Fußlieks  bezw.
des  stehenden  oder  Seitenlieks  von  Raasegeln  an  die  obere  Raa,  so  daß  die  Segel
gardinenartig  herunterhängen.  Die  Refftalje  erleichtert  das  Reffen,  d.  h.  das  Verkleinern
der  Segel  und  wird  mittels  derselben  der  Refftakellegel  nach  der  Raanock  gespannt.  Zum
Beschlagen  der  gerefften  Segel  dienen  dünne  Taue,  die  Beschlag-  oder  Reffzeisinge.  Sind
die  Gaffelsegel  an  der  Gaffel  nicht  fest  angereiht,  so  wird  das  Piekohr  des  Segels  durch
den  Einholer  bezw.  Ausholer  längs  der  Gaffel  an  den  Mast  gezogen  bezw.  nach  der
Gaffelnock  ausgeholt.  Die  Stagsegel  haben  zum  Auf-  und  Niederziehen  ein  Fall  bezw.
einen  Niederholer.  Die  übrigen  Teile  des  laufenden  Guts  bestehen  aus  Tauen  —
Läufern  —  welche  in  Verbindung  mit  Blöcken  als  Flaschenzüge  —  Taljen,  Giens,
Take!  —  zu  den  verschiedensten  Arbeitsleistungen  verwendet  werden.  Die  Blöcke  bestehen
aus  einem  hölzernen  bezw.  eisernen  flachen  Gehäuse,  in  welchem  in  einer  oder  mehreren
Öffnungen  —  Scheibgatten  —  Rollen  mit  Hohlkehlung  aus  Pockholz,  Eisen  oder  Bronze
mittels  Bolzen  gelagert  sind.  Zum  Befestigen  des  Blockgehäuses  enthält  es  einen  Stropp
oder  einen  eisernen  Beschlag.  Nach  der  Zahl  der  Scheiben  unterscheidet  man  ein-  bis
vierscheibige  Blöcke,  nach  der  Form  der  Gehäuse,  Klump-,  Leit-,  Puppen-,  Violin-,
Schulter-  und  Kinnbackblöcke.  Erfolgt  die  Befestigung  des  Blocks  mittels  Haken,  so  nennt
man  ihn  einen  Hakenblock,  wird  derselbe  mit  einem  kurzen  Steert  angeschlagen,  so  heißt
er  Steert-  oder  Schwanzblock.  Hakenblöcke  mit  Wirbelhaken  nennt  man  Wirbelblöcke.
Das  durch  Blöcke  geschorene  Tauende  heißt  allgemein  Läufer.  Die  Taljen,  Takel  und
Giens  werden  zum  Einsetzen  und  Herausnehmen  der  Masten,  Mastgien,  zum  Heben  von
Lasten,  wie  Geschütze,  Boote,  Anker,  Ladung,  sowie  zum  Bedienen  der  Takelage,  Stag-,
Nock-,  Ladetakel  u.  s.  w.  in  verschiedenster  Weise  verwendet.
Sind  die  Masten  sowie  das  Bugspriet  eingesetzt,  die  Stengen,  Raaen  und  Gaffeln
aufgebracht,  der  Klüverbaum  ausgeschoben,  ist  das  stehende  Gut  aufgelegt  und  angesetzt,
das  laufende  Gut  eingeschoren,  so  ist  das  Schiff  auf-  oder  zugetakelt.  Es  sind  dann  nur
noch  die  Segel  anzuschlagen  —  unterzubinden,  um  das  Schiff  nach  Beendigung  der  Ausrüstung ­
  mit  Proviant,  Ladung  u.  s.  w.  seefertig  zu  machen.  Sind  die  Segel  abgeschlagen,
laufendes  Gut  ausgeschoren,  Klüverbaum  eingeholt,  Raaen  an  Deck  gelegt  und  die  Stengen
gestrichen  oder  heruntergenommen,  stehendes  Gut  abgenommen,  so  ist  das  Schiff  abgetakelt.
Die  Ausrüstung  des  Schiffes  besteht  nun  in  dem  gesamten  Inventar,  wie  Anker
nebst  Ketten,  Tauwerk,  Boote,  nautische  Instrumente  und  Flaggen,  Segel,  Persenninge
sowie  die  Utensilien  für  Wohn-  und  Mannschaftsräume,  ferner  die  Lebensmittel  an  Brot,
Fleisch  und  Trockenproviant  sowie  Trinkwasser  und  für  Dampfschiffe  Kohlen  und  Schmiermaterialien ­
  u.  s.  w.
        <pb n="632" />
        663

Holzschiffbau:  Anker  und  Boote.

Der  Schiffsanker  hat  den  Zweck,  das  Schiff  im  Hafen  und  auf  der  Rhede  mit
Hilfe  der  Ankerkette  an  einem  bestimmten  Ankerplatz  gegen  Strom  und  Wind  festzuhalten.
Er  muß  derart  eingerichtet  sein,  daß  er  beim  Auswerfen  mit  seinen  Armen  und  Pflügen
schnell  in  den  Grund  eingreift  und  beim  Steifkommen  der  Kette  sicher  haften  bleibt,  beim
Lichten  des  Ankers  jedoch,  wenn  die  Kette  beim  Einhieven  auf
und  nieder  zu  stehen  kommt,  die  Arme  aus  dem  Boden  ausgebrochen ­
  werden.  Die  gebräuchlichste  Ankerform  bildet  der  Normal- ­
  oder  Admiralitätsanker  und  der  Porter-Anker.  Auf  Kriegsschiffen ­
  finden  vorzugsweise  sogenannte  Patentanker  von  Martin,
Jnglefield,  Hall  u.  s.  w.  ohne  Stock  Verwendung,  da  sich  dieselben
besser  verstauen  lassen.  Um  das  Haltevermögen  zu  vergrößern,
greifen  beide  Pflüge  zugleich  in  den  Grund.  Je  nach  der  Lagerung ­
  an  Bord  sowie  nach  ihrem  Verwendungszweck  gliedert  man
die  Anker  in  Buganker  für  den  gewöhnlichen  Gebrauch,  Rüstanker ­
  als  Reserve,  bei  Segelschiffen  meist  auf  der  Fockrüst  verstaut, ­
  Heckanker,  am  Heck  gelagert,  und  in  den  kleinen  Warp-,
Strom-  und  Bootsanker.  Die  Anker  werden  meist  aus  Schmiede
eisen  oder  Stahl  geschmiedet,  die
Patentanker  werden  teilweise  aus
Stahlguß  gefertigt.  Sie  kommen
in  Größen  bis  zu  6000  kg  Gewicht ­
  vor.
Die  Ankerketten  bestehen  für
schwere  Ketten  aus  Gliedern  mit
gußeisernem  Steg,  für  leichte
Ketten  ohne  Steg;  sie  kommen
meist  in  Längen  von  25  in  zur
Verwendung,  und  man  benutzt
für  einen  Anker  7  bis  9  Längen.
Die  Kettenenden  werden  durch  Schäkel  verbunden,  und  6  in  vom  Anker  ist  stets  ein  Wirbelschäkel ­
  eingeschaltet,  um  etwaige  Törns  in  der  Ankerkette  leichter  beseitigen  zu  können.
Die  Anzahl  und  Größe  der  Boote  richtet  sich  nach  der  Größe  und  Besatzungszahl
des  Schiffes.  Bei  den  Schiffen  der  Handelsmarine  dienen  die  Boote  für  den  Verkehr
mit  dem  Lande,  zum  Verholen  des  Schiffes  im  Hafen,  sowie  vor  allem  als  Rettungsboote ­
  bei  Schiffsunfällen.
Sie  sind  vorzugsweise  als
Ruderboote  gebaut,  jedoch
meist  auch  zum  Segeln
eingerichtet.  Bei  den
Kriegsschiffen  ist  der  Verwendungszweck ­
  der  Boote
vielseitiger,  und  bei  denselben ­
  haben  sich  bestimmte ­
  Bootsgattungen
ausgebildet.  Die  Barkassen ­
  sind  Boote  schwerer  676.  Verbesserter  Inglcfietdanker.
Bauart  und  dienen  zum
Transport  schwerer  Gegenstände,  zum  Ausbringen  von  Ankern  u.  s.  w.,  die  Pinassen  sind
etwas  leichter  gebaut  und  dienen  denselben  Zwecken.  Die  Kutter  sind  die  Hauptverkehrsboote ­
  und  in  See  Rettungsboote;  die  Gigs  sind  leichte,  schlanke  Ruderboote  zur  Benutzung ­
  für  den  Kommandanten,  die  Jollen  und  Dingis  sind  kleinere  Verkehrsboote  für
die  Mannschaft.  Außerdem  haben  die  Kriegsschiffe  ein  bezw.  zwei  Dampfbeiboote  an
Bord,  welche  für  den  Wachtdienst  und  zu  Landungsmanövern  mit  einem  leichten  Geschütz
armiert  sind.

674.  Norm-tanker.  67».  p-tent-nker  mit  Iiewrga
  Hand,  Pflug  oder  Flügel,  b  Kreuz.  lichen  Armen.
°  Anlerschast.  &amp;lt;l  Ankerstork.  e  Röhrrtng.  Rach  Porter  und  Trolman.
        <pb n="633" />
        664  Schiffbau.

Die  Kriegsschiffsboote,  sowie  der  größere  Teil  der  Boote  der  Kauffahrteimarine
werden  aus  Holz  gebaut  und  zwar  vorzugsweise  aus  Eichen.  Je  nachdem  die  Außenhautplanken ­
  der  Boote  übereinander  greifen  oder  stumpf  aneinander  stoßen  oder  in  zwei
Lagen  übereinander  angeordnet  und  sich  in  geneigter  Lage  kreuzen,  unterscheidet  man
Klinker-,  Kraweel-  oder  Diagonalboote.  Der  Bau  der  Boote  erfolgt  in  geschlossenen
Werkstätten,  der  Bootsbauwerkstatt.  Die  Rettungsboote  der  Passagierdampfer  sowie  auch
zum  großen  Teil  die  Rettungsboote  der  Gesellschaft  zur  Rettung  Schiffbrüchiger  werden
aus  kanneliertem  Stahlbleche  —  Francis'  Patent  —  erbaut  und  an  den  Seiten,  sowie
vorn  und  hinten  mit  stählernen  Luftkästen  versehen,  um  die  Schwimmfähigkeit  des  Bootes
auch  beim  Vollschlagen  von  der  See  aufrecht  zu  erhalten.

618.  Aampfbriboot.  Nach  „Engineering".

Kompositbau.  Die  Schwierigkeiten,  welche  schon  während  der  Periode  des  Holzschiffbaues ­
  die  Beschaffung  gesunder  Krummhölzer  für  die  Spanten  und  Steventeile  verursachten,
legten  nach  Einführung  des  Walzeisens  den  Gedanken  nahe,  diese  Teile  des  Schiffes,  ähnlich
wie  es  schon  mit  den  Balken  und  Knieen  stellenweise  geschehen  war,  aus  Eisen  herzustellen,
zumal  der  konstruktive  Wert  der  Holzspanten  durch  die  Zusammensetzung  derselben  aus
vielen  Teilen  ein  sehr  geringer  war.  Anderseits  war  die  Beibehaltung  der  hölzernen
Außenhaut  wegen  der  bequemen  Befestigung  eines  metallenen  Bodeubeschlages  von  großer
Wichtigkeit.  Und  so  entstand  der  sogenannte  Kompositbau,  eine  Vereinigung  von  Holz
und  Eisen  zum  Bau  des  Schiffsrumpfes.  Der  Kompositbau  wurde  zuerst  in  England
ausgebildet,  und  zwar  bestehen  in  der  Hauptsache  die  inneren  Verbandsteile  desselben
als  Spanten,  Balken,  Kielschwein,  Diagonalbänder,  Stringer  u.  s.  w.  aus  Eisen,  während
die  äußeren  aus  Dichtigkeit  wirkenden  Bauteile,  wie  Kiel,  Außenhaut  und  Decks  ans
        <pb n="634" />
        Holzschiffbau:  Boote.  Kompositbau.  665

Holz  verblieben.  Zur  Verstärkung  des  Längsverbandes  treten  an  den  am  meisten  beanspruchten ­
  Teilen  und  zwar  am  Kiel,  in  der  Kimm  und  an  den  Schergängen,  Plattengäuge ­
  hinzu,  welche  mit  den  eisernen  Spanten  vernietet  und  miteinander  durch  eiserne
Diagonalschienen  verbunden  wurden.  Ferner  werden  die  Enden  der  eisernen  Decksbalken
durch  die  sogenannten  Stringerplatten  miteinander  und  durch  Stringerwinkel  mit  den
Spanten  verbunden,  so  daß  ein  vollständiges  eisernes  Gerippe  entsteht,  welches  als
Auflage  für  die  hölzerne  Außenhaut  dient.
Auch  die  hölzernen  Steven  suchte  man  durch  entsprechende  eiserne  Trägerkonstruktionen
zu  versteifen.  Besondere  Schwierigkeiten  erforderte  jedoch  die  Befestigung  der  Außenhautplanken ­
  auf  den  eisernen  Spanten,  und  die  zwischen  je  zwei  Spanten  anzuordnenden  Plankenstöße ­
  müssen  auf  kurzen  eisernen  Plattenstücken  verbolzt  werden.  Da  bei  Anwendung
eines  metallenen  Bodenbeschlages  die  Isolierung  des  Metalls  von  dem  eisernen  Schiffsgerippe ­
  schwierig  ist,  so  führte  man  eine  doppelte  Plankenlage  ein,  von  denen  die  innere

!&amp;lt;  16.0  .t|

679.  Frmicis'  Natcntrittiingsboot.

mittels  eiserner  verzinkter  Bolzen  mit  Muttern  an  den  Spanten,  die  äußere  dagegen
durch  metallene  Holzschrauben  an  der  inneren  Holzhaut  befestigt  wurden.  Für  größere
Schiffe  führte  diese  Bauweise  dann  dazu,  den  Schiffsrumpf  ganz  aus  Eisen  oder  Stahl
herzustellen  mit  vollständiger  eiserner  Außenhaut  und  diese  Eisenhaut  dann  mit  einer
doppelten  Holzhaut  zu  bekleiden.  Die  Steven  dieser  Schiffe  werden  dann  meist  aus
Bronze  gefertigt.  Als  Jsolierungsmaterial  zwischen  dem  eisernen  Schiffsrumpf  und  der
inneren  Holzhaut,  sowie  zwischen  dieser  und  der  äußeren  Beplankung  benutzt  man  meist
geteerten  Filz  mit  Marineleim.
Eisen-  brziv.  Stahlschiffbau.
Nachdem  in  Vorstehendem  der  Bau  und  die  Ausrüstung  der  Holzschiffe  und  zwar
im  besonderen  der  hölzernen  Segelschiffe  in  allgemeinen  Umrissen  geschildert  ist,  wenden
wir  uns  zu  dem  heutigestags  allgemein  eingeführten  Eisen-  bezw.  Stahlschiffban,
welcher  in  der  Bauausführung  der  gewaltigen  transatlantischen  Schnelldampfer  sowie  in
dem  Bau  der  gepanzerten  und  schwer  armierten  Linienschiffe  der  Kriegsmarinen  zunächst
einen  Höhepunkt  erreicht  hat,  wie  er  kaum  in  den  Anfängen  des  Eisenschiffbaues  vorauszusehen ­
  war.
Die  Einführung  des  Eisenschiffbanes  brachte  eine  vollkommene  Umwälzung  der
Werftanlagen  sowie  der  Arbeitsmethoden  für  den  Bau  der  Schiffe  mit  sich.  Während
IX  84
        <pb n="635" />
        666  Schiffbau.

man  beim  Holzschiffbau  sich  fast  ausschließlich  mit  Handarbeit  begnügen  konnte,  da  die
Bearbeitung  und  Zurichtung  der  Hölzer  mit  dem  Beil  bezw.  Dechsel  leicht  ausführbar
war,  so  mußte  man  für  die  Bearbeitung  der  Eisen-  bezw.  Stahlmaterialien,  als  Bleche,
Winkel-  und  Profileisen,  Arbeitsmaschinen  zu  Hilfe  nehmen.  Die  Herrichtung  der  einzelnen
Bauteile  bis  zum  Einbau  auf  der  Helling  erstreckt  sich  auf  das  Beschneiden  und  Behobeln
der  Bleche  und  Winkel  auf  richtiges  Längen-  und  Breitenmaß,  die  Herstellung  der  Nietlöcher, ­
  um  die  einzelnen  Schiffsteile  mittels  Nietung  zu  verbinden,  sowie  auf  die  verschiedenen ­
  Arbeitsausführungen,  um  den  Blechen  und  Winkeln  eine  der  Schiffsform
entsprechende  Krümmung  oder  Biegung  zu  geben.
Zum  Beschneiden  der  Bleche  und  Winkel  dienen  solid  gebaute  Blech-  und  Winkelscheren, ­
  zum  Behobeln  der  Blechkauten  im  besonderen  der  Außenhautplatten  besondere
Kantenhobelmaschinen,  während  die
Nietlöcher  in  den  Blechen  und  Winkeln ­
  durch  starke  Lochwerke  oder
Bohrmaschinen  hergestellt  werden.
Da  beim  Schiffbaustahl  das  Material
beim  Lochen  insofern  leidet,  als  sich
um  das  Loch  eine  Zone  von  wesentlich ­
  festerem,  aber  dafür  spröderem
Material  bildet,  so  daß  bei  größerer
Beanspruchung  die  Platten,  von  den
Rändern  der  Nietlöcher  anfangend,
reißen,  so  pflegt  man  die  Stahlbleche
mit  einem  um  3  bis  4  min  kleineren
Stempel  zu  lochen  und  nachher  auf
den  richtigen  Durchmesser  auszubohren, ­
  so  daß  hierdurch  das  im
Umfang  der  Löcher  befindliche  sprödere ­
  Material  entfernt  wird.  Bei
den  Nietlöchern  mit  versenkter  Nietung ­
  wird  das  Aufbohren  meist
unterlassen,  und  man  beschränkt  sich
darauf,  die  Versenkung  des  Loches
nach  dem  Stanzen  zu  bohren.  Hierzu ­
  dienen  besondere  Versenkbohrmaschinen. ­

Da  es  nicht  immer  möglich  ist,
alle  Nietlöcher  in  den  Platten  und
Winkeln  schon  in  der  Werkstatt  zu
lochen  bezw.  zu  bohren,  es  überdies  zum  genauen  Passen  der  Löcher  übereinander
wünschenswert  ist,  die  Löcher  erst  nach  dem  Anpassen  der  Bauteile  ans  der  Helling  herzustellen, ­
  so  hat  man  neuerdings  vielfach  transportable  elektrische  Bohrmaschinen  beim
Schiffbau  mit  gutem  Erfolg  verwandt,  im  besonderen  beim  Bohren  der  Löcher  in  Panzerdecks ­
  u.  s.  w.  Die  Bohrmaschinen  werden  teilweise  durch  Halter  oder  durch  Elektromagnete
  au  dem  Arbeitsstück  festgehalten  (Abb.  681).
Bei  den  Stahlwinkeln  wird  diese  Arbeitsweise  nicht  notwendig,  wenn  dieselbe  nach
dem  Lochen  noch  auf  Rotglut,  wie  zum  Biegen  der  Spanten  erforderlich,  gebracht  werden.
Erhalten  die  Spanten  jedoch  erst  nach  dem  Biegen  in  die  Spantform  Nietlöcher,  so
werden  dieselben  meist  gebohrt.
Eine  besondere  Sorgfalt  und  Geschicklichkeit  erfordert  die  Bearbeitung  der  Bleche
und  Winkel  im  rotwarmen  Zustande,  um  sie  in  die  mannigfachsten  gekrümmten  Formen
zu  bringen.  Hierher  gehört  vor  allem  das  Biegen  und  Schmiegen  der  Spantwinkel,
welche  von  den  Hüttenwerken  in  geraden  Stangen  mit  winkelrechten  Flanschen  bezogen
werden.  Da  der  eine  Flansch  der  Spanten,  ähnlich  wie  die  hölzernen  Spanten  beim
        <pb n="636" />
        667

Eisen-  und  Stahlschiffbau:  Baumaterial.

Holzschiffbau,  normal  zur  Längsschiffebene  gerichtet  ist,  der  andere  jedoch  an  der  Außenhaut ­
  des  Schiffes  anliegen  und  daher  dem  Winkel  zwischen  Außenhaut  des  Schiffes  und
dessen  Querschnitt  entsprechen  muß,  so  muß  der  Spantwinkel  mit  dem  querschiffs  gerichteten ­
  Schenkel  genau  nach  der  Spantform  gebogen  werden,  während  der  längsschiffs
gerichtete  Schenkel  zu  gleicher  Zeit  dem  Verlauf  der  Außenhaut  entsprechend  Schmiege
erhalten  muß.  Das  Schmiegen  besteht  fast  durchweg  in  der  Überführung  des  rechten
Winkels  in  einen  stumpfen,  um  später  die  Niete  zur  Verbindung  der  Spantwinkel  mit
den  Außenhautpatten  bequemer  schlagen  zu  können,  und  daher  werden  die  Spanten  später
so  aufgestellt,  daß  die  Außenhautflanschen  nach  der  Mitte  des  Schiffes  gerichtet  sind.  Das

681.  Elektrische  Vokrinaschine.  Nach  „Engineering".

Biegen  und  Schmiegen  der  Spantwinkel  erfolgt  auf  den  sogenannten  Richtplatten,  schweren,
gußeisernen  Platten,  welche  zum  Befestigen  von  eisernen  Pflöcken  oder  Bügeln  mit  einer
großen  Zahl  von  Löchern  oder  länglichen  Schlitzen  versehen  sind.  Nachdem  die  Spantwinkel ­
  in  einem  besonderen  Glühofen  stark  rotglühend  gemacht  sind,  werden  dieselben  auf
die  Richtplatten  gezogen  und  im  rotwarmen  Zustande  über  eine  Anzahl  eiserner  Pflöcke
gebogen,  welche  der  Spantform  entsprechend  in  den  Löchern  der  Richtplatten  vorher  genau
festgesetzt  sind.  Hierbei  muß  der  auf  den  Richtplatten  liegende  Winkelflansch  auf  diesen
stets  fest  anliegen,  während  der  andere  Flansch  in  derselben  Hitze  der  Schmiege  entsprechend
gerichtet  wird.  Der  gebogene  und  geschmiegte  Winkel  wird  durch  besondere  Bügel  sowie
Keile  bis  zum  Erkalten  festgehalten.  Da  alle  diese  Arbeiten  in  einer  Hitze  erfolgen  müssen
und  das  Bearbeiten  der  Winkel  in  blauwarmein  Zustande  für  das  Material  ungünstig
ist,  so  erfordert  das  Biegen  und  Schmiegen  der  Spantwinkel  eine  sehr  geübte  Mannschaft.
Seit  einigen  Jahren  verwendet  man  zum  Schmiegen  der  Spantwinkel  besondere  Schmiege-84*
        <pb n="637" />
        668  Eisen-  und  Stahlschiffbau.

Maschinen,  Kegelradwalzen,  durch  welche  die  aus  dem  Glühofen  herauskommenden  Winkel,
bevor  sie  auf  der  Richtplatte  gebogen  werden,  hindurchlaufen.  Die  Walzen  können  hierbei ­
  auf  einen  bestimmten  Schmiegewinkel  eingestellt  werden.  In  ähnlicher  Weise  erfolgt
das  Biegen  der  Bleche,  im  besonderen  der  Außenhautplatten  im  Hinterschiff  um  die
Wellenrohre  und  an  der  Gillung,  sowie  der  Kielplatten  in  rotglühendem  Zustande.  Die
Platten  werden  zu  diesem  Zwecke  in  besonderen  Plattenglühöfen  auf  Rotglut  erwärmt
und  in  diesem  Zustand  entweder  mit  der  Hand  durch  Poltern  mittels  Holzhämmer  in  eine
vorbereitete  Form  gestaucht  oder  mittels  hydraulischer  Presse  zwischen  gußeiserne  Versenkstücke ­
  gepreßt.  Das  Richten  und  Spannen  der  Bleche  sowie  das  Biegen  derselben  in
einfachere  gekrümmte  Formen  im  kalten  Zustande  besorgen  starke  eiserne  Blechwalzen.
Überhaupt  ist  man  neuerdings  mehr  und  mehr  bestrebt,  die  Formengebungen  der  Bleche,
wie  Börteln  der  Kanten,  Biegen  der  Kielbleche  u.  s.  w.  im  kalten  Zustande  vorzunehmen,

682.  Glühofen  und  Spantenbiltzciiplan  lNichtplotten)  mit  Schmirgrmnsthine
der  Flrnsdurger  Schiffbau-Gesellschaft.
nachdem  das  Schiffbaumaterial  an  Güte  gewonnen  hat.  Neben  dem  Biegen  und  Schmiegen
des  Spantwinkels  ist  ein  großer  Teil  der  Verbindungswinkel  für  die  einzelnen  Bauteile
warm  zu  bearbeiten,  um  sie  im  Winkel  zu  schweißen  oder  über  andere  Bauteile  zu  kröpfen.
Der  Eisen-  und  Stahlschiffbau  erfordert  daher  eine  große  Menge  von  Arbeitsmaschinen
zur  Bearbeitung  der  Materialien  im  kalten  Zustande  sowie  auch  besondere  Einrichtungen,
wie  Glühöfen,  Schmiedeessen,  um  den  Stahl  in  rotwarmem  Zustande  in  die  richtige  Form
zu  bringen  oder  in  Weißglut  schiveißen  zu  können.
Nachdem  die  einzelnen  Bauteile  in  der  Schiffbauwerkstatt  durch  die  Arbeitsmaschinen
geschnitten,  behobelt  und  mit  Nietlöchern  versehen  sind,  werden  dieselben  zur  Helling
transportiert  und  dort  zusammengebaut,  indem  sie  zunächst  provisorisch  miteinander  verbunden ­
  werden.  Sind  alle  Verbandteile  zur  Stelle,  so  erfolgt  der  endgültige  Einbau
durch  die  Nietung.  Man  verwendet  in  der  Hauptsache  zwei  Arten  von  Nieten,  versenkte
Nieten  und  Schellkopfnieten.  Erstere  finden  überall  dort  Verwendung,  wo  eine  glatte
Oberfläche  erforderlich  ist,  wie  z.  B.  bei  der  Anßenhautbeplattung,  bei  den  eisernen
Decks  u.  s.  w.  Die  Schellkopfnietung  wird  meist  für  die  inneren  Bauteile  benutzt.  Da
die  Zahl  der  für  einen  Schiffsrumpf  erforderlichen  Nieten  eine  ganz  bedeutende  ist  —  in
        <pb n="638" />
        685.  Schnelldampfer  „Kaiser  Friedrich"  in  Spanten  stehend  auf  der  Werft  von  F.  Schichau
in  Danzig.
        <pb n="639" />
        672  Schiffbau.

dein  „Great  Eastern"  sind  seiner  Zeit  zwei  Millionen  Nieten  zur  Verwendung  gekommen,
während  der  neueste  Schnelldampfer  der  White  Star-Linie  „Oceanic"  1  700  000  Nieten
aufzuweisen  hat  —  so  war  man  sehr  bald  darauf  bedacht,  die  Handarbeit,  welche  geschulte
und  tüchtige  Handwerker  erfordert,  durch  Maschinenarbeit  zu  ersetzen.  Und  so  ist  auf
allen  größeren  Werften  eine  größere  Zahl  von  hydraulischen  Nietmaschinen,  namentlich
zum  Vernieten  der  inneren  Bauteile,  Spanten,  Gegenspanten  und  Bodenwrangen,  sowie
Decksbalken  in  Betrieb,  während  neuerdings  vornehmlich  in  Amerika  auch  für  die  Nietung
der  Außenhaut,  sowie  der  Schotte  und  Decks  pneumatische  Nietmaschinen,  welche  durch
Preßluft  getrieben  werden,  Eingang  gefunden  haben.
Der  Zusammenbau  des  Schiffsrumpfes  auf  der  Helling  erfolgt  in  ähnlicher  Weise
lote  beim  Holzschiffbau  mit  dem  Legen  des  Kieles  und  dem  Richten  der  Steven.  Die

666.  Linienschiff  „Kaiser  Friedrich  Kardaroffa"  auf  der  Werft  von  F.  Schichau  in  Sanxig.
Hinterer  Teil  des  Bodens.

weiteren  Bauteile  lassen  sich  jedoch  nicht  so  getrennt  und  übersichtlich  nacheinander  einbauen, ­
  da  dieselben  infolge  ihrer  Verbindung  durch  Nietung  vollkommen  ineinander  übergehen. ­
  Auch  ist  eine  Trennung  der  Verbandteile  wie  beim  Holzschiffbau  in  solche,  welche
vorzugsweise  zur  Aufnahme  der  Zug-,  Druck-  und  Schubspannungen  bestimmt  sind,  und  in
solche,  welche  in  der  Hauptsache  dem  Zwecke  eines  wasserdichten  Abschlusses  dienen  sollen,
nicht  erforderlich,  da  alle  Teile  gleichmäßig  auf  Festigkeit  beansprucht  und  dementsprechend
auch  ausgenutzt  werden.  Der  Längsverband  der  Eisenschiffe  wird  daher  durch  die  Kielverbindung, ­
  die  Kielschweine  und  Längsspanten,  sowie  durch  die  Außenhaut,  die  Decks  und
den  inneren  Boden  aufgenommen,  während  dieQuerspauten  nebstBodenwrangen  undBalken,
sowie  die  Querschotte  den  Hauptquerverband  darstellen.  Je  nachdem  nun  der  Längsverband
oder  der  Querverband  mehr  in  den  Vordergrund  gestellt  wird,  sei  es  aus  Gründen  der
Festigkeit,  sei  es  mit  Bezug  auf  die  praktische  und  ökonomische  Ausführung  des  Baues,
        <pb n="640" />
        673

Eisen-  und  Stahlschiffbau:  Kiel  und  Spanten.

unterscheidet  man  die  Bauweise  nach  dem  Längsspanten-  oder  Querspantensystem.
Das  letztere  lehnt  sich  am  meisten  an  den  Holzschiffbau  an  und  ist  die  ältere  Bauweise.  Sie
findet  noch  heute  für  den  Bau  von  Handelsschiffen  die  weiteste  Verbreitung,  während  das
Längsspantensystem,  welches  zuerst  beim  „Great  Eastern"  in  weitestgehendem  Maße  zur
Verwendung  gekommen  ist,  vorzugsweise  im  Kriegsschiffbau  Eingang  gefunden  hat.
Bei  dem  Querspantensysteme  bilden  die  Querspanten  den  Hauptverbandteil.  Sie
bestehen  aus  dem  äußeren  Spantwinkel,  welcher  zur  Befestigung  der  Außenhaut  dient,
sowie  dem  inneren  Spantwinkel  oder  Gekehrtspant,  welche  im  oberen  Teile  direkt,  im
Boden  durch  Zwischenschaltung  eines  Trägerbleches,  der  sogenannten  Bodenwrange,  miteinander ­
  vernietet  werden.  An  Stelle  der  aus  Außen-  und  Jnnenspantwinkeln  zusammengebauten ­
  Querspanten  verwendet  man  auch  gewalzte  Profilstahle  von  ~l_  oder  IZ  Querschnitt, ­
  und  werden  dieselben  am  unteren  Ende  zur  Zwischenschaltung  der  Bodenwrange
aufgeschnitten  und  auseinander  gebogen.  Die  Querspanten  werden  aus  möglichst  langen
Winkelstangen  zusammengebaut:  die  Außenspauten
  reichen  meist  in  einer  Länge  vom
Kiel  bis  zum  Oberdeck,  während  die  Jnnenspanten
  über  den  Kiel  ununterbrochen  durchlaufen ­
  und  abwechselnd  in  der  Kimm  oder
oberhalb  derselben  gestoßen  werden.  Die
Bodenwrangenbleche  werden  bei  kleineren
Schiffen  aus  einem  Blech  geschnitten,  bei
größeren  stoßen  sie  an  der  Mittelkielplatte
ab,  oder  sie  erhalten  abwechselnd  zur  Seite
desselben  einen  Stoß.
Den  Abschluß  des  Spantrahmens  nach
oben  bildet  nun  der  Decksbalken,  welcher
überdies  den  Querverband  vervollständigt.
Derselbe  wird  aus  Winkeleisen  oder  Bulbstahl ­
  J  bezw.  I-  oder  Stahl  nach  der
Decksbucht  kalt  gebogen  und  mit  den  Querspanten ­
  durch  angeschweißte  Kniee  oder  dreieckige ­
  Stützbleche  vernietet.  Je  nach  der
Höhe  des  Schiffsrumpfes  verteilen  sich  die
Balkenlagen  auf  verschiedene  Decks,  und
dieselben  werden  meist  mit  Holz-  oder  Eisenbelag ­
  zum  Stauen  von  Ladungen  u.  s.  w.
versehen.  Bei  den  Handelsschiffen,  bei  welchen ­
  die  Querspanten  verhältnismäßig  in  enger  Entfernung  voneinander  aufgestellt
tverden,  500  bis  700  mm,  wird  im  allgemeinen  nur  jedes  zweite  Querspant  mit  einem
Balken  versehen.  Bei  den  mit  vollkommener  eiserner  Beplattung  versehenen  Decks  erhält
jedoch  jedes  Spant  einen  Balken  von  entsprechend  schwächerem  Profil.
Die  einzelnen  Teile  der  Querspanten  wie  Außen-  und  Jnnenspanten,  Bodenwrangen
und  eventuell  Decksbalken  werden  meist  zu  ebener  Erde  zusammengelegt  und  mit  der  Hand
oder  hydraulisch  vernietet.  Das  Nieten  erfolgt  meist  am  Kopfe  der  Helling,  und  dann
werden  die  einzelnen  Spantrahmen,  vom  Hintersteven  beginnend,  ähnlich  dem  Holzschiffbau,
in  der  vorgeschriebenen  Entfernung  voneinander  auf  dem  Balkenkiel  bezw.  der  horizontalen
Kielplatte  aufgerichtet.  Diese  Arbeitsweise  ist  zuerst  in  Schottland  an  der  Clyde  und  im
Norden  Englands  an  der  Tyne  eingeführt  worden.  Sind  die  so  gerichteten  Spanten  durch
Stützen  und  Sentlatten  festgesetzt,  so  kann  auf  der  ganzen  Schiffslänge  mit  dem  Einbau
der  Längsträger  innen,  der  Außenhautbeplattnng  außen  vorgegangen  werden.
Die  Längsträger  bestehen  in  der  Hauptsache  aus  der  Kielverbindung  und  den  Seitenund
  Kimmkielschweinen,  sowie  aus  den  Decksstringern  der  einzelnen  Decks.  Als  Kielverbindung ­
  verwendet  man  entweder  den  massiven  oder  einen  aus  der  vertikalen  Mittelkielplatte ­
  und  zwei  seitlichen  Flacheisen  zusammengenieteten  Balkenkiel,  an  welchem  die
IX  85
        <pb n="641" />
        674  Schiffbau.
gebörtelten  Kielplatten  befestigt  werden,  sowie  den  Fiachkiel,  welcher  aus  doppelten  Kielplatten ­
  mit  aufgebogenen  Rändern  besteht,  welche  durch  doppelte  Längswinkel  mit  der
meist  durchlaufenden  Mittelkielplatte  verbunden  werden.  Nach  oben  reicht  die  Kielverbindung ­
  bis  an  die  Oberkante  der  Bodenwrange  oder  so  weit  über  dieselbe  hinaus,  daß
noch  eine  durchlaufende  Trägerkonstruktion,  Mittelkielschwein  genannt,  an  derselben  vernietet ­
  werden  kann.  Bei  Verwendung  eines  massiven  Balkenkieles  fällt  die  Mittelkielplatte
entweder  fort,  oder  sie  wird  nur  in  kurzen  Stücken  —  Jnterkostalplatten  —  zwischen  den
Bodenwrangen  eingebaut.  Die  Seitenkielschweine  werden  meist  in  ähnlicher  Weise  gebaut
mit  an  der  Innenkante  durchlaufendem  Stringerwinkel.  Das  Kimmkielschwein  besteht  in
der  Regel  aus  zwei  Rücken  an  Rücken  vernieteten  Winkeln,  die  mit  den  Gekehrtspanten
durch  kurze  Winkelstücke  vernietet  werden.
Bei  größeren  Schiffen,  bei  welchen  zur  Aufnahme  von  Wafferballast,  sowie  zur
Sicherung  des  Schiffes  bei  Grundberührungen  meist  ein  Doppelboden  vorgesehen  wird,
erfährt  diese  Konstruktion  insofern  eine  Änderung,  als  die  Beplattung  des  Doppelbodens,

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688.  Doppelboden  mit  Eiucrspmitensystcm.

68g.  Doppelboden  mit  Zrllrnsystem.
d.  h.  der  innere  Boden,  als  Verbandstück  mit  herangezogen  wird.  Es  haben  sich  in  der
Hauptsache  zwei  Bauweisen  herausgebildet.  Bei  der  älteren  ist  das  Querspantensystem
beibehalten  worden,  und  auf  den  Bodenwrangen  sind  Längsträger  zur  Stützung  des  inneren
Bodens  eingefügt.  Zum  wasserdichten  Abschlüsse  des  Doppelbodens  durchschneidet  die
Seitenplatte  sämtliche  Querspanten,  und  der  Querverband  ist  durch  Stützbleche  wieder
hergestellt.  Bei  dem  neueren  sogenannten  Zellen-  oder  Bracketplate-System  wird  der
innere  Boden  mit  der  Außenhaut  durch  den  Mittelkiel  sowie  durch  eine  größere  Zahl  von
Längsspanten  und  die  Seitenplatten  des  Doppelbodens  verbunden,  und  auf  diese  Weise
ein  Kastenträger  hergestellt,  welcher  die  Festigkeit  des  Schiffsverbandes  wesentlich  erhöht.
Die  Längsspanten  bestehen  aus  durchlaufenden  von  den  Qnerspantwinkeln  durchbrochenen
Platten,  welche  mit  der  Außenhaut  und  dem  inneren  Boden  durch  kurze  von  Spant  zu
Spant  reichende  Winkelstücke  verbunden  werden,  während  sie  mit  den  über  die  Breite  des
Doppelbodens  ununterbrochen  durchlaufenden  Außen-  und  Jnnenspanten  auf  jedem  zweiten
Spant  durch  zwei  Stützbleche  —  bracketplates  —  und  vertikale  Winkelstücke  verstärkt
sind.  Die  am  Mittelkiel  und  an  den  Seitenplatten  abstoßenden  Stützbleche  werden  auf
jedem  Spant  angeordnet.  Außerhalb  des  Doppelbodens  kommt  das  reine  Querspantensystem ­
  in  Anwendung.  In  den  Maschinen-  und  Kesselräumen  der  transatlantischen  Dampfer,
        <pb n="642" />
        675

Eisen-  und  Stahlschiffbau:  Quer-  und  Langsspantcnsystem.

wo  die  Raumbalken  fortfallen  müssen,  wird  zur  Verstärkung  des  Querverbandes  ein  Teil
der  Querspanten  aus  Blechen  und  Winkeln  zusammengebaut  —  sogenannte  Platten-  oder
Rahmenspanten  —  und  diese  werden  durch  entsprechend  hohe  Raumstringer  miteinander
verstrebt.
Das  reine  Längsspantensystem  läßt  die  Längsverbindnngen  des  Schiffsrumpfes  gegenüber ­
  den  Querverbindungen  noch  mehr  in  den  Vordergrund  treten,  als  das  Zellen-  oder
Bracketplate-System  im  Doppelboden  der  Schiffe.  Die  Zahl  der  durchlaufenden  Längsspanten ­
  wird  vermehrt  und  die  Anordnung  derselben  in  Verbindung  mit  dem  inneren
Boden  auch  über  die  Kimm  hinaus  auf  die  untere  Seitenwandung  des  Schiffes  erweitert,
während  die  Querspanten  in  etwa  doppelt  so  großer  Entfernung  voneinander  gesetzt
werden.  Bei  den  Kriegsschiffen,  in  der  Hauptsache  Panzerschiffen,  kommt  das  Längsspantensystem ­
  für  den  unteren  Teil
des  Schiffsrumpfes  vom  Kiel
bis  zum  Panzerträger  zur
Anwendung,  während  oberhalb ­
  des  letzteren  der  Schiffsrumpf ­
  nach  dem  Querspantensystem ­
  erbaut  wird.
Zur  Seite  des  meist  wasserdicht ­
  hergestellten  Mittelkieles ­
  werden  fünf  bis  sechs
Längsspanten  von  l,o  bis
1,5  m  Höhe  in  Entfernungen
von  1,5  bis  3,o  in  voneinander ­
  angeordnet.  Das
oberste  Längsspant  dient  zugleich ­
  als  Panzerträger  zur
Unterstützung  des  Gürtelpanzers. ­
  In  England  und
Deutschland  ist  es  Gebrauch,
sämtliche  Längsspanten  von
vorn  bis  hinten  ununterbrochen ­
  durchzuführen  und
nur  für  die  Winkel  der
Querspanten  auszuschneiden.
Die  Querspanten  erhalten
zwischen  den  Längsspauten
entweder  volle  oder  mit  Erleichterungslöchern ­
  versehene
Platten  oder  auch  zwei  einzelne  Stützbleche,  welche  mit  den  Spantwinkeln  und  den
Längsspanten  verbunden  werden.  In  Frankreich  läßt  man  vielfach  nur  die  wasserdichten ­
  Längsspanten,  also  neben  dem  Mittelkiel  die  Längsspanten  3  bezw.  4,  und  den
Panzerträger  ununterbrochen  durchlaufen,  während  die  übrigen  in  kurzen  Stücken  von
Querspant  zu  Querspant  reichen.  Dafür  laufen  die  Qnerspanten,  welche  aus  den  beiden
Spantwinkeln  und  einem  mit  Erleichterungsöffnungen  versehenen  Verbindungsblech  bestehen, ­
  vom  Mittelkiel  bis  zum  Längsspant  3  bezw.  4  und  von  dort  bis  zum  Panzerträger ­
  ununterbrochen  durch.  Neben  den  wasserdicht  durchgeführten  Längsspanten,  dem
Mittelkiel,  dem  Längsspant  3  und  dem  Panzerträger  wird  nun  fast  jedes  vierte  bis
sechste  Qnerspant  wasserdicht  hergestellt,  so  daß  zwischen  Außenhaut  und  innerem  Boden
ein  verzweigtes  Zellensystem  entsteht,  welches  bei  Grundberührungen  und  bei  Kriegsschiffen ­
  für  den  Torpedoangriff  die  Sicherheit  des  Schiffes  erheblich  vermehrt.  Gegen
die  Sprengwirkung  der  Torpedos  werden  ferner  an  den  Schiffsseiten,  vom  inneren
Boden  bis  zum  Panzerdeck  reichend,  ein  bis  zwei  Wallgänge  durch  entsprechende  wasserdichte ­
  Längsschotte  hergerichtet  und  im  übrigen  durch  eine  große  Zahl  von  Querschotten
85*

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        <pb n="643" />
        676  Schiffbau.

und  stählernen  Decks  bezw.  Plattformen  eine  weitere  Trennung  der  Räume  in  wasserdichte
Abteilungen  angestrebt.
Während  nun  das  Doppel-  oder  Zellensystem  mit  seinen  zahlreichen  Längsträgern
gewissermaßen  die  untere  Gurtung  des  als  Träger  gedachten  Schiffsrumpfes  bilden,  werden
im  Oberschiffe  die  Beplattungen  der  Decks  sowie  die  oberen  Plattengänge  der  Außenhaut
so  weit  verstärkt  und  derart  miteinander  verbunden,  daß  sie  als  obere  Gurtung  des  Schiffsträgers ­
  zur  Geltung  kommen.  Man  wendet  daher  auf  dem  Oberdeck  starke  Stringerplatten
oder  bei  größeren  Schiffen  vollkommen  beplattete  eiserne  Decks  an,  welche  mit  den  starken
Schergängen  der  Außenhaut  durch  schwere  durchlaufende  Stringerwinkel  verbunden  werden.
Die  Spantwinkel  stoßen,  um  die  Stringerplatten  des  Oberdeckes  nicht  zu  schwächen  und
zugleich  den  wasserdichten  Abschluß  desselben ­
  zu  erleichtern,  meist  unterhalb  des
Oberdeckes  ab,  während  bei  den  unteren
Decks  die  Stringerplatten  zur  Durchführung ­
  der  Querspanten  Ausschnitte
erhalten.
Die  im  Unter-  und  Oberschiffe  durch
das  Doppelbodensystem  einerseits  und
das  stählerne  Oberdeck  in  Verbindung
mit  den  verstärkten  Schergängen  anderseits ­
  gebildeten  Gurtungen,  welche  die
beim  Arbeiten  des  Schiffes  in  See  abwechselnd ­
  auftretenden  Zug-  und  Druckspannungen ­
  aufzunehmen  haben,  werden
nun  durch  die  stählerne  Außenhautbeplattung, ­
  deren  Hauptzweck  in  dem
wasserdichten  '  Abschlüsse  des  Schiffsrumpfes ­
  nach  außen  besteht,  zur
Übertragung  der  Schubspannungen  verbunden. ­
  Die  Außenhautbeplattung  muß
daher  derart  gebaut  werden,  daß  sie
einesteils  einen  soliden,  wasserdichten
Abschluß  bildet,  anderenteils  jedoch  auch
im  stände  ist,  die  Schubspannung  von
einer  Gurtung  zur  anderen  zu  übertragen. ­
  Zugleich  wird  sie  so  ausgebildet,
daß  sie  in  ihren  unteren  und  oberen
Teilen  zur  Verstärkung  der  Gurtungen  beiträgt.  Die  Außenhaut  besteht  ans  längsschiffs
  laufenden  Plattengängen,  welche  durch  Überlappung  derart  miteinander  vernietet
werden,  daß  abwechselnd  ein  Gang  auf  den  Spanten  anliegt,  der  andere  auf  den  anliegenden ­
  Gängen  aufliegt.  Es  entstehen  so  an-  und  abliegende  Gänge.  Der  Raum
zwischen  den  Spanten  und  den  abliegenden  Gängen  wird  durch  schmale  Plattenstreifen
ausgefüllt;  nur  bei  den  wasserdichten  Querschotten  werden  diese  Streifen  verbreitert,
um  den  durch  die  doppelte  wasserdichte  Nietreihe  der  Schottwinkel  geschwächten  Querschnitt ­
  der  Außenhautplatten  entsprechend  auszugleichen.  Der  Verlauf  der  einzelnen
Plattengänge,  der  sogenannte  Plattenstrake,  richtet  sich  nach  der  Schiffsform,  da  man
auf  eine  praktische  Arbeitsmethode  Bedacht  nehmen  muß,  den  Platten  möglichst  nur
nach  einer  Richtung  eine  Krümmung  zu  geben.  Im  Vorder-  und  Hinterschiff  werden
meist,  ähnlich  wie  bei  der  hölzernen  Beplankung,  verlorene  Gängü  vorgesehen.  Die
Stöße  der  Außenhautplatten  müssen  mit  denen  der  benachbarten  Hauptlängsverbände
des  Schiffes  gut  verschließen;  sie  erhalten  meist  innen  liegende  Stoßplatten  mit  doppelter ­
  oder  dreifacher  Nietung.  Bei  den  neueren  Schnelldampfern  werden  die
Platten  eines  Ganges  durch  überlappte  Nietung  verbunden;  zu  diesem  Zwecke  wird
das  hintere  Ende  der  vorderen  Platte  abgebogen  und  überlappt  das  entsprechend  nach

691.  Guerschnitt  eines  Pmrzerdeckkreuzrrs.^
»Doppelboden,  b  Kohlenbunker,  c  Kofferdamm.  d  Korkdamm.
e  Panzerdeck,  f  Zwischendeck,  g  Oberdeck,  h  Korkfüll,  i  Finknetzkasten,
  k  Schlingerkiel.
        <pb n="644" />
        Eisen-  und  Stahlschiffbau:  Anlage  der  Decks.  677

innen  gebogene  und  auf  die  Breite  der  Längsnähte  zugeschärfte  vordere  Ende  der
nächsten  Platte.
Die  Stärken  der  einzelnen  Außenhautgänge  sind  nicht  durchweg  gleich.  Der  Kielgang ­
  sowie  der  Schergang  erhalten  zur  Verstärkung  der  Gurtungen  die  größten  Dicken
und  werden  bei  großen  Schiffen  meist  gedoppelt.  Neben  diesen  Gängen  erfordern  die
Kimmgänge  wegen  ihrer  exponierten  Lage,  sowie  die  Gänge  in  der  Nähe  der  neutralen
Achse  wegen  der  dort  am  bedeutendsten  auftretenden  Schubspannung  eine  Verstärkung
gegenüber  den  übrigen  Gängen.  Die  Verbindung  der  Außenhautplatten  mit  den  Steven
muß  besonders  sorgfältig  ausgeführt  werden.  Das  Anbringen  der  Beplattung  erfolgt,  am
Kiel  beginnend,  zuerst  mit  den  anliegenden  Gängen,  auf  welche  alsdann  fortschreitend  die
abliegenden  Gänge  befestigt  werden.  Das  Übertragen  der  Nietlöcher  von  den  Spanten
und  Längsverbindungen,  sowie  von  den  Nietreihen  der  Überlappung  der  Längsnähte
der  anliegenden  Gänge  auf  die  zu  bearbeitenden  Platten  erfolgt  durch  Lattenmodelle. ­
  Der  wasserdichte  Abschluß  der  Außenhaut  erfolgt  durch  Verstemmen  der  Längsnähte ­
  und  Stöße  von  außen  meist  mit  der  Hand,  neuerdings  vielfach  unter  Zuhilfenahme
eines  pneumatischen  Hammers.  Für  das  Stemmen  müssen  die  Platten  an  den  Stößen
und  die  abliegenden  Gänge  au  den  Längsnähten ­
  gehobelt  werden.
Der  Belag  der  einzelnen  Decks  besteht ­
  entweder  aus  Holzplanken  oder  aus
einer  stählernen  Beplattung,  im  besonderen
bei  größeren  Schiffen.  Letztere  wird
Erzielung  einer  bequemeren  Gangbarkeit
meist  noch  mit  Deckplanken  belegt,  so  daß
das  stählerne  Deck  vorzugsweise  zur  Verstärkung ­
  des  Längsverbandes  dient.  Bei
den  hölzernen  Decks  ordnet  man  auf  der
Stringerplatte  oder  der  Randplatte  des
Stahldeckes  einen  Wasserlauf  an,  indem
man  in  einer  Entfernung  von  etwa  300
bis  400  mm  von  dem  Stringerwinkel  einen
Wasserlaufswinkel  auf  dem  Stringerblech
vernietet,  gegen  welchen  die  Decksplanken
abstoßen.  Der  Wasserlauf  wird  meist  auszementiert ­
  und  erhält  in  jeder  wasserdichten
Abteilung  mindestens  ein  Loch,  das  Speigatt,  an  welches  sich  besondere  Speigattrohre  anschließen, ­
  die  das  Leck-  und  Spülwasser  durch  die  Schiffswand  hindurch  nach  außenbords
leiten.  Das  Belegen  der  Decksbalken  mit  Decksplanken,  das  Verstreben  der  Decksbalken
durch  Längs-  und  Diagonalbänder  erfolgt  in  gleicher  Weise  wie  beim  Holzschiffban.  Die
Stöße  der  Decksplanken  werden  stets  auf  einem  Balken  angeordnet,  und  werden  unter
denselben  kurze  Plattenstreifen  vorgesehen.  Die  Nietung  der  eisernen  Decks,  welche  keine
Holzbeplaukung  erhalten,  wird  stets  oben  glatt  ausgeführt,  und  die  Naht-  und  Stoßstreifen ­
  liegen  unterhalb  der  Beplattung.  Das  Oberdeck  erhält  meist  ein  stählernes  Schanzkleid ­
  in  einer  Höhe  von  600  bis  1400  mm  je  nach  der  Größe  des  Schiffes.  Dasselbe
bildet  keinen  Verbandteil  des  Schiffsrumpfes  und  besteht  daher  nur  aus  dünnen,  4-  bis
6-mm-Blechen,  welche  an  den  oberen  Kanten  meist  mit  einer  profilierten  Relingleiste
garniert  sind  und  nach  dem  Oberdeck  zu  durch  geschmiedete  Relingstützen  abgestrebt  werden.
Bei  Kriegsschiffen  wird  das  Schanzkleid  meist  zum  Bau  der  kastenförmigen  Finknetzkasten
verwertet.
Von  besonderer  Wichtigkeit  für  die  aus  Eisen  oder  Stahl  erbauten  Schiffe  mit
Bezug  auf  ihre  Sicherheit  und  Schwimmfähigkeit  auf  See  ist  die  Teilung  des  Schiffsrumpfes ­
  durch  eiserne  Zwischenwände  —  sogenannte  wasserdichte  Schotte  —  in  eine
möglichst  große  Anzahl  wasserdichter  Abteilungen.  Man  bezweckt  hiermit  bei  größeren
Havarien,  durch  Kollisionen  mit  anderen  Schiffen  oder  bei  Grundberührnugen  zu  er-Kauptspinit

  der  deutschen  AirsfaUpmijerkorortte
  „Kachstie".
        <pb n="645" />
        678  Schiffbau.

reichen,  daß  durch  das  entstandene  Loch  nur  ein  kleiner  Teil  des  Schiffsraumes  voll
Wasser  laufen  kann,  so  daß  das  Schiff  sich  über  Wasser  halten  läßt.  Bei  den  Schiffen
der  Kriegsmarine  hat  man  diese  Teilung  so  weit  getrieben,  daß  in  gewissem  Grade  eine
Unsinkbarkeit  erzielt  wird,  wenn  die  wasserdichten  Schotte  nur  so  weit  Öffnungen  erhalten,
daß  eine  sichere  und  schnelle  Schließung  derselben  durch  Thüren  im  Ernstfälle  gesichert
ist,  da  die  Gefahr  des  Sinkens  durch  den  Rammstoß  oder  den  Torpedoangriff  des
Gegners  sich  erheblich  steigert.  Bei  den  Fracht-  und  Schnelldampfern  der  Handelsmarine,
bei  welchen  diese  Frage  mit  Bezug  auf  die  Sicherheit  von  Schiffsbesatzung  und  Ladung
von  gleicher  Wichtigkeit  ist,  bringt  die  Vermehrung  der  wasserdichten  Schotte  den  Nachteil
mit  sich,  daß  die  Laderäume  verkleinert  werden  und  dementsprechend  sich  das  Ein-  und
Ausladen  der  Ladung  verteuert,  abgesehen  von  der  kostspieligen  Bauweise  und  der
Gewichtsvermehrung  des  Schiffsrumpfes.  Es  hat  daher  große  Schwierigkeiten,
bindende  Vorschriften  über  die  geringste  Teilung  des  Schiffskörpers  in  wasserdichte  Abteilungen ­
  zu  erlassen,  um  die  Leistungsfähigkeit  der  gewöhnlichen  Frachtdampfer  und  der
0  1  2  3  »  5  10  15  y  30  m

693  u.  694.  Guerschnitt  Lurch  Leu  SchnrllLampfrr  „Kaiser  Wilhelm  der  Große".
eisernen  Segelschiffe  nicht  zu  beeinträchtigen.  Dagegen  hat  man  für  Passagierdainpfer
auf  großen  Fahrten  wie  z.  B.  für  die  Schnelldampfer  und  Subventionsdampfer  des
Norddeutschen  Lloyd  die  Forderung  aufgestellt,  daß  die  Einteilung  in  wasserdichte
Abteilungen  derart  erfolgen  muß,  daß  die  Unsinkbarkeit  des  Schiffes  gesichert  ist,  wenn
irgend  zwei  benachbarte  Abteilungen  überflutet  werden.  Es  kennzeichnet  dies  den
ungünstigsten  Fall  einer  Kollision,  bei  welcher  gerade  ein  wasserdichtes  Schott  getroffen
ist,  so  daß  die  Räume  zu  beiden  Seiten  dieses  Schottes  volllaufen  können,  ohne  das
Schiff  manövrierunfähig  zu  machen.  Von  den  Querschotten  sind  die  an  den  Schiffsenden ­
  gelegenen  von  besonderer  Wichtigkeit,  da  dieselben  bei  Kollisionen  und  Grundberührungen, ­
  wodurch  die  Schiffsenden  am  leichtesten  beschädigt  werden,  das  Eindringen
von  Wasser  in  die  Laderäume  verhüten.  Sie  heißen  daher  auch  allgemein  Kollisionsschotte. ­
  Ferner  sind  die  Querschotte,  welche  die  Maschinen-  und  Kesselräume  von  den
Laderäumen  trennen,  von  Bedeutung.  Sämtliche  Querschotte  müssen  naturgemäß  um
ein  Beträchtliches  über  die  Wasserlinie  hinausragen,  damit  sie  auch  dann  noch  von  Wirksamkeit ­
  sind,  wenn  bei  Überflutungen  einzelner  Abteilungen  das  Schiff  wesentlich  tiefer
gesunken  ist.
Neben  der  Vermehrung  der  Sicherheit  der  Schiffe  tragen  die  wasserdichten  Schotte
auch  wesentlich  zur  Stärkung  des  Schiffsverbandes  bei,  teils  zur  Aufnahme  lokaler  Be-
        <pb n="646" />
        679

Eisen-  und  Siahlschiffbau:  Wasserdichte  Schotte.

anspruchungen,  teils  zur  Sicherung  des  Quer-  und  Längsverbandes.  Die  Schotte  werden
in  erster  Linie  wasserdicht  hergestellt  und  derart  versteift,  daß  sie  einen  Wasserdruck  bis
etwa  1  in  über  die  Konstruktionswasserlinie  ohne  dauernde  Durchbiegungen  ertragen
können,  in  zweiter  Linie  müssen  sie  auch  im  stände  sein,  die  mannigfachen  Druck-,  Zug-  und
Schubspannungen  aufzunehmen  und  zu  übertragen.  Die  Querschotte  bestehen  meist  aus
horizontal  angeordneten,  stumpf  aneinanderstoßenden  Plattengängen  von  10—5  mm  Dicke,
welche  mit  der  Außenhaut  durch  doppelte  Spautwinkel  wasserdicht  vernietet  sind.  Als  Nahtstreifen ­
  und  zur  Versteifung  dienen  _!_  Stähle,  während  aus  der  anderen  Seite  vertikale
Versteifungswinkel  oder  I  Stähle  in  Entfernungen  von  700—800  mm  angeordnet
werden.  Die  Anwendung  von  gewellten  Schotten,  die  leichter  und  fester  sind,  ist  nur
vereinzelt  durchgeführt,  da  dieselben  mehr  Raum  beanspruchen.

695.  Achterschiff  eines  im  Amr  begriffenen  Linienschiffs  mit  Koitistonsschott.
Nach  „Engineering".

Den  bedeutenden  Vorzügen  der  wasserdichten  Schotte  stehen  jedoch  auch  einige
Nachteile  gegenüber.  Durch  die  Trennung  der  einzelnen  Räume  durch  Schotte  wird  der
Betrieb  der  gesamten  Maschinen-  und  Kesselanlage  im  besonderen  bei  größeren  Schiffen
sowie  die  Verbindung  zwischen  den  einzelnen  Räumen  sehr  erschwert,  so  daß  man  in  einzelnen ­
  Schotten  Öffnungen  mit  wasserdicht  schließenden  Thüren  nicht  umgehen  kann.
Dieselben  sind  jedoch  derart  konstruiert,  daß  sie  sowohl  vom  Raume  aus,  als  auch  von
einem  höher  gelegenen  Deck  aus  zwangsläufig  geschlossen  werden  können.  Auf  den
Schnelldampfern  sind  in  dem  Längsschnitt  zwischen  den  beiden  Maschinenräumen
meist  Fallthüren  in  Gebrauch.  Um  beim  Herannahen  einer  Kollisionsgefahr  schnell
und  sicher  von  einer  Stelle  aus  auf  mechanischem  Wege  sämtliche  unterhalb  der  Wasserlinie ­
  gelegenen  Schottthüren  schließen  zu  können,  ist  neuerdings  ein  Patent  erteilt,
nach  welchem  das  Schließen  der  Thüren  unter  Zuhilfenahme  von  flüssiger  Kohlensäure
als  treibende  Kraft  erfolgt,  welche  durch  einen  elektrischen  Strom  zum  Überströmen
in  einen  Cylinder  veranlaßt  wird,  dessen  Kolben  direkt  oder  mittels  Zahnstange  auf  die
Thür  wirkt.
        <pb n="647" />
        680  Schiffbau.

Die  Gliederung  des  Schiffsrumpfes  in  wasserdichte  Abteilungen  hat  neuerdings  durch
die  Einführung  von  Petroleum-Tankdampfern  zum  Transport  von  Petroleum  ohne  Gebinde ­
  besondere  Bedeutung  insofern  gewonnen,  als  die  Ausführung  von  öldichtem  Werk
besondere  Bauweisen  nötig  gemacht  hat,  da  das  Petroleum  durch  Auflösen  des  Rostes
und  der  Dichtungsmaterialien  die  für  Wasser  gebräuchlichen  Dichtungen  beseitigt.  Es
muß  daher  bei  Tankdampferu  darauf  geachtet  werden,  daß  die  Scheidewände  der  Behälter,
welche  meist  aus  einem  Mittellängsschott  und  einer  größeren  Zahl  von  Querschotten
bestehen,  nicht  durch  andere  Bauteile  durchbrochen  werden.  Auch  wird  die  Außenwand
wegen  der  fortfallenden  Raumbalken  durch  Rahmenspanten  und  hohe  Seitenstringer  derart
versteift,  daß  die  Außenhautnieten  für  die  Längsfestigkeit  möglichst  entlastet  werden  und
die  Öldichtigkeit  gewahrt  bleibt.  An  die  Endquerschotten  schließt  sich  meist  ein  schmaler
Sicherheitsraum  an,  welcher  mit  Wasser  gefüllt  gefahren  wird,  um  etwaiges  Lecköl,
namentlich  von  dem  im  Hinterschiff  gelegenen  Kesselraume  abzuhalten.
Zu  den  vorstehend  erörterten  Verbandteilen  des  Schiffsrumpfes  treten  nun  bei  Dampfschiffen ­
  die  Maschinen-  und  Kesselfundamente,  die  Wellenlager  und  die  Wellentunnel  für
Schraubenschiffe  solvie  die  Radkästen  mit  den  Radkastenbalken  für  Radschiffe  hinzu,  welche
dazu  dienen,  die  Gewichte  der  Maschinen-  und  Kesselanlage  gleichmäßig  auf  den  Schiffsruinpf

  zu  übertragen  und  die  Reaktionen  der  hin-  und  hergehenden  Massen  der  Maschine  aufzunehmen. ­
  Bei  den  flachgehenden  Hinterraddampfern  für  Flüsse  werden  zur  Erhöhung  des
Längsverbandes,  da  die  schweren  Gewichte  von  Kessel  und  Maschine  meist  an  den  Enden
wirken,  besondere  Sprengewerke  auf  dem  Deck  an  beiden  Bordseiten  aufgestellt  (Fig.  696).
Während  die  vorstehend  erörterten  Verbandteile  des  stählernen  Schiffsrumpfes
durchweg  aus  Walzmaterial  und  zwar  aus  Blechen,  Winkel-  und  Profilstählen  gebaut
und  durch  Nietung  zu  einem  Ganzen  vereinigt  werden,  zeigen  die  Steven  des  Schiffes
insofern  eine  besondere  Bauweise,  als  sie  entweder  aus  einem  durch  Schweißung  hergestellten ­
  größeren  Schmiedestück  oder  aus  einem  Stahlgnßstück  bestehen.  Der  Hintersteven ­
  bildet  vor  allem  ein  besonders  kompliziertes  Werkstück  und  ist  insofern  von  besonderer ­
  Wichtigkeit,  als  er  dazu  bestimmt  ist,  die  Schiffswelle  mit  Schraube  zu  lagern
und  zu  tragen,  sowie  das  Ruder  in  seinen  Befestignngsteilen  zu  stützen.  Bei  Einschraubenschiffen
  verwendet  man  zwei  Steven,  den  Schraubensteven  und  den  Hintersteven,  welche
durch  Stege  zu  einem  Rahmen,  dem  Schranbenrahmeu,  zusammengeschweißt  werden.  Der
Schraubensteven  erhält  in  der  Wellenachse  eine  Anschwellung  zur  Durchführung  des
Stevenrohres  nebst  Welle,  während  der  Rudersteven  entsprechende  Ansätze  —  Ösen  —  für
die  Ruderfingerlinge  besitzt.  Der  Hintersteven  sowie  der  Kielsteg  werden  mit  der  Außenhaut
und  den  Decks  durch  Nietung  bezw.  Schrauben  verbunden.
Bei  den  Zweischraubenschiffen  bietet  die  solide  Lagerung  der  Wellenenden  mit  den
Schrauben  in  den  Schraubenböckeu  besondere  Schwierigkeit,  da  einesteils  beim  Versacken
        <pb n="648" />
        Eisen-  und  Stahlschiffbau:  Vorder-  und  Hintersteven.

681

der  Böcke  leicht  Wellenbrüche  entstehen  können,  anderenteils  durch  die  Vibrationen  der
Schrauben  die  Befestigung  der  Schraubenböcke  am  Schiffskörper  sich  lockern  kann.  Der  Zusammenbruch ­
  der  Steuerbordmaschine  des  Schnelldampfers  derJnman-Linie,„City  ofParis"
wird  auf  ein  Versacken  und  darauf  folgenden  Bruch  der  Welle  zurückgeführt.  Die  Schraubenböcke ­
  werden  meist  aus  Stahlguß  gefertigt.  Der  untere  Arm  wird  mit  dem  entsprechend  nach
vorn  verlängerten  und  mit  horizontalen  Rippen  versehenen  Kielstück  des  Hinterstevens  verschraubt, ­
  während  der  obere  Arm  mittels  Flansch  oder  durch  Winkelstücke  an  der  Außenhaut
befestigt  wird.  Die  Naben  der  Schraubenböcke  erhalten  eine  mit  Pockholzfütterung  versehene
metallene  Buchse  zur  Lagerung  der  Schraubenwelle.  Bei  den  neueren  transatlantischen
Dampfern  werden  die  Schrauben  mit  ihren  Wellen  so  nahe  am  Schiffsrumpf  gelagert,  daß
die  Außenhautbeplattung  um  das  Wellenrohr  und  die  Wellenböcke  herumgeführt  werden
kann,  so  daß  die  ganze  Welle  innenbords  zu  liegen  kommt.  Die  Kreisflächen  der  Schraubenflügel ­
  überschneiden  sich  dann,  und  der  Schiffsrumpf ­
  erhält  zu  diesem  Zweck  eine  entsprechende
Öffnung  ähnlich  dem  Schraubenrahmen  der
Einschraubenschiffe,  deren  Umrahmung  mit
dem  Hintersteven  aus  einem  Stück  besteht.
Der  Hintersteven  sowie  der  Rahmen  für  das
Ruder  werden  allgemein  aus  Stahlguß  gefertigt ­
  wegen  der  komplizierten  Form  derselben
und  bei  größeren  Steven  aus  mehreren  Teilen
zusammengebaut.  Man  ist  dabei  zu  ganz  gewaltigen ­
  Gewichten  gestiegen.  So  wiegt  z.  B.
der  gußstählerne  Hintersteven  nebst  Schraubenböcken ­
  des  Riesendampfers  „Oceanic"  120  t,
während  das  Ruder  mit  Ruderblatt  ein  Gewicht ­
  von  47  t  aufweist.
Der  Vorsteven  bildet  auf  den  Schiffen
der  Handelsmarine  ein  einfacheres  Schmiedestück, ­
  welches  meist  aus  Flacheisen  gebogen
bezw.  geschweißt  und  mit  dem  Balkenkiel  oder
der  Mittelkielplatte  durch  Laschung  verbunden
wird.  Für  Kriegsschiffe,  bei  denen  der  Vor-^
sieben  wegen  des  Rammsporns  eine  besondere  '
B-d.».-»«  b.W  und  w.„»  der  Sponung  .
für  den  Panzergürtel  eine  unregelmäßige  Form  nabe,  a  Kielliiick,  e  Nuderspindcl  oder  Herr,  f  Rudererhalten
  muß,  verwendet  man  als  Material  raimcn '  e  ^^k"Schr-ubenöffnung°"'  1  * in0etllU8e '
vorzugsweise  Stahlfa^onguß.
Die  Bestimmung  der  Materialstärken  der  einzelnen  Verbandteile  der  Handelsschiffe
sowohl  im  Holzschiffbau  als  auch  im  Eisen-  und  Stahlschiffbau  erfolgt  im  allgemeinen
nach  bestimmten  Regeln  und  Tabellen,  welche  von  den  Schiffsklassisikations-Gesellschaften
-  Englischer  Lloyd,  Germanischer  Lloyd  und  Bureau  Veritas  —  nach  praktischen  Erfahrungen ­
  und  theoretischen  Untersuchungen  aufgestellt  sind.  Die  Abmessungen  der  Querverbände ­
  werden  hiernach  von  der  Breite  und  Tiefe  des  Schiffes  bezw.  dem  Umfang  des
Hanptspants,  diejenigen  der  Längsverbände  jedoch  von  der  so  erhaltenen  Quernummer
mal  Schiffslänge  abgeleitet.  Da  jedoch  die  Zahl  der  Handelsschiffs-Typen  infolge  der
verschiedenen  Vermessuugs-  und  Freibordbestimmungen  eine  sehr  große  ist,  so  sind  die
Vorschriften  diesen  entsprechend  modifiziert.  Es  handelt  sich  hierbei  in  der  Hauptsache
um  die  Anordnung,  Höhenlage  über  Wasser  und  Materialstärke  der  oberen  Decks  und
der  Decksaufbanten.
Man  unterscheidet  zunächst  Schiffe  mit  glattem  Deck,  mit  Quarterdeck  und  mit
Poopdeck  oder  Kampagne,  und  diese  Schiffstypen  können  in  Verbindung  mit  einem  Brückendeck ­
  und  einer  Back  die  verschiedensten  Formen  annehmen.  Haben  die  Glattdeckschiffe  ein
bezw.  zwei  vollständige  Tecks  und  eine  Lage  Raumbalken  oder  zwei  bezw.  drei  vollständige
IX  86
        <pb n="649" />
        682

Schiffbau.

Decks,  so  nennt  man  sie  Zwei-  bezw.  Dreideckschiffe.  Wird  das  Oberdeck  mit  einem  leichten
Aufbau  über  die  ganze  Schiffslänge  versehen,  so  entsteht  das  Hurricane-  oder  Awningdeckschiff
  sowie  das  Spardeckschiff.  Das  Quarterdeck  verdankt  seine  Entstehung  dem  Umstande, ­
  daß  durch  die  Wohnräume  sowie  den  Wellentunnel  der  Hintere  Laderaum  im  Verhältnis ­
  zum  vorderen  zu  klein  wurde.  Man  fügte  daher  zur  Unterbringung  der  Besatzung
mittschiffs  ein  Brückendeck  und  vorn  eine  Back  hinzu,  und  so  entstand  für  Dampfer
mittlerer  Größe  ein  sehr  brauchbarer  Typ  mit  Bezug  auf  die  Ladefähigkeit  des  Schiffes.
Mit  Bezug  auf  die  Verbandstärke  zeigten  diese  Schiffe  jedoch  erhebliche  Mängel,  ebenso
erwies  sich  die  zwischen  Back  und  Brückendeck  befindliche  Einsenkung  bei  Übernahme  von
Seen  als  sehr  gefährlich.  Wird  das  Hinterschiff  um  eine  volle  Deckshöhe  höher  gebaut,
wie  das  Oberdeck,  so  nennt  man  diesen  Aufbau  Poop  oder  Kampagne.
Ist  der  Schiffsrumpf  mit  seinen  bisher  besprochenen  Verbandteilen  auf  der  Helling
zusammengebaut  und  vernietet  und  sind  alle  auf  Wasserdichtigkeit  gearbeiteten  Bauteile
sorgfältig  verstemmt,  so  kann  das  Schiff  seinem  Element  übergeben  werden,  d.  h.  es

kann  der  Ablauf  vorbereitet
werden.  Während  der  Stapellauf ­
  der  Holzschiffe  bei  dem
verhältnismäßig  geringen  Gewicht ­
  des  Schiffskörpers  mit
ziemlich  primitiven  Mitteln  erfolgen ­
  konnte,  hat  sich  das
Ablaufsgewicht  für  die  stählernen ­
  Schiffe,  im  besonderen ­
  für  die  transatlantischen
Schnelldampfer  und  Panzerschiffe ­
  im  Laufe  der  Zeit  derart ­
  gesteigert  —  die  „Oceanic"
besaß  ein  Ablaufsgewicht  von
10  700  Tonnen  ■—  daß  kostspielige ­
  und  wohldurchdachte
Einrichtungen  getroffen  wer-Der

  Stapellanf  größerer
Schiffe  erfolgt  meist  auf  zwei

Ablaufsbahnen,  welche  parallel  zum  Kiel  des  Schiffes  in  einer  Entfernung  von  3—4  m
von  demselben  auf  der  Helling  verlegt  werden.  Auf  diesen  Bahnen,  welche  am  Tage
vor  dem  Ablauf  mit  Seife  und  Talg  geschmiert  werden,  wird  je  ein  ans  starken  Balken
zusammengebauter  Läufer  gelagert,  welcher  der  Höhe  nach  aus  zwei  Teilen  besteht.  Die
obere  Hälfte  wird  am  Morgen  des  Ablaufs  durch  Keile  gleichmäßig  derart  unter  dem
Boden  des  Schiffes  aufgctrieben,  daß  das  Schiff  sich  von  den  Kielstapeln  abhebt  und
allein  auf  den  beiden  Läufern  zu  ruhen  kommt.  Die  Läufer  sind  miteinander  durch
Taue,  Ketten  oder  Bandeisen  stark  verbunden  und  bilden  zusammen  den  sogenannten
Ablaufsschlitten,  welcher  durch  Taue  oder  Stahltrossen  derart  mit  dem  Schiffsrumpf  verbunden ­
  ist,  daß  er  sich  mit  demselben  ins  Wasser  bewegen  muß.  Da  nun  nach  dem
Aufkeilen  des  Schlittens  die  Gefahr  besteht,  daß  das  Schiff  mit  dem  Schlitten  frühzeitig
ins  Wasser  gleitet,  so  müssen  besondere  Vorkehrungen  getroffen  werden,  um  den  Schlitten
auf  der  geneigten  Bahn  festzuhalten  und  ihn  im  gegebenen  Zeitpunkt,  d.  h.  nach  Vollziehung ­
  der  Taufe,  freizugeben.  Früher  verwendete  man  hierzu  sogenannte  Wippen,
hölzerne  Streben,  welche  die  Läufer  gegen  den  Boden  der  Helling  abstützten  und  im
gegebenen  Moment  weggeschlagen  wurden.  Neuerdings  kuppelt  man  die  Läufer  an
eine  am  Kopf  der  Helling  quer  gelagerte  Daumenwelle,  welche  durch  Festhalten  eines
auf  derselben  aufgekeilten  Armes  gegen  Drehung  gesichert  ist.  Wird  der  Arm  frei  ge-
        <pb n="650" />
        683

Eisen-  und  Stahlschiffbau:  Stapellauf.

geben,  so  drehen  die  nach  unten  drängenden  Läufer  die  Welle  und  kommen  frei  von  den
Daumen.  Bei  der  „Oceanic"  wurde  der  Arm  der  Welle  durch  eine  hydraulische  Presse
gehalten  (Abb.  700).  Neben  diesen  Sicherheitsvorkehrungen  sind  nun  ferner  Einrichtungen
zu  treffen,  um  das  Schiff,  sobald  es  die  Helling  verlassen  hat,  im  Wasser  aufzustoppen,
damit  es  namentlich  bei  engen  Flußlänfen  nicht  auf  das  gegenüber  liegende  Ufer  aufläuft. ­
  Man  verwendet  hierzu  schwere  Ketten,  welche  durch  Stroppen  derart  gezurrt
sind,  daß  auf  alle  2—3  m  der  Kette  ein  Stropp  reißen  muß,  ehe  dieselbe  mitläuft.  Zuweilen ­
  befestigt  man  am  Ende  der  Kette  statt  eines  schweren  Ankers  einen  Holzkeil,  welcher
beim  Steifwerden  der  Ketten  zwischen  zwei  horizontal  gelagerte  und  solide  verstrebte
Balken  hindurchgezogen  werden  muß.  Auch  finden  Stopperflöße  Verwendung,  welche
das  Schiff  im  Wasser  aufrechtstehend  nachschleppen  muß.

699.  Der  Schnelldampfer  „Geranie"  vor  dem  StaprUanf.
Nach  dem  Stapellauf  beginnt  nun  in  der  Hauptsache  der  Einbau  der  Maschinenund
  Kesselanlage  sowie  der  Hilfsmaschinen  mit  den  erforderlichen  Dampfrohrleitungen,
Kabeln  u.  s.  w.,  die  Aufstellung  der  gesamten  Wohn-  und  Kammereinrichtungen,  die
Fertigstellung  der  Bemastung  nebst  Takelage  und  bei  Kriegsschiffen  das  Anbringen  der
Panzerung  und  die  Aufstellung  der  Geschütz-  und  Torpedoarmierung.  Zum  Anbordbringen
  der  schweren  Teile  bedient  man  sich  besonderer  Kräne  mit  veränderlicher ­
  Ausladung,  die  teilweise  am  Kai,  teilweise  als  Schwimmkran  auf  einem  Ponton
errichtet  sind.
Infolge  der  steten  Steigerung  der  Deplacements  der  Schiffe  erreichen  die  einzelnen
Ausrüstungsgegenstände,  wie  das  Ruder,  die  Ankereinrichtung,  derartige  Abmessungen
und  Gewichte,  daß  die  Bedienung  derselben  mit  Handkraft  nur  in  Ausnahmefällen  durchführbar ­
  ist.  Man  sucht  daher  bei  der  zur  Verfügung  stehenden  Dampfkraft  die  Handarbeit ­
  in  ausgiebigster  Weise  durch  Maschinenkraft  zu  ersetzen,  und  so  hat  sich  die  Zahl
derHilfsmaschinen  an  Bord  der  Schiffe  bedeutend  gesteigert.  Man  verwendet  sie  überall
auch  für  kleine  Leistungen,  um  an  Zeit  und  Personal  zu  sparen,  und  man  ist  neuerdings
86*
        <pb n="651" />
        684  Eisen-  und  Stahlschiffban:  Hilfsmaschinen.

neben  dem  Dampfbetrieb  auch  auf  elektrischen  und  hydraulischen  Antrieb  der  Hilfsmaschinen ­
  übergegangen.
Von  besonderer  Bedeutung  ist  derDampfsteuerapparat  geworden  zur  Bethätigung
des  Ruders.  Abgesehen  davon,  daß  durch  das  schnellere  Legen  des  Ruders  die  Manövrierfähigkeit ­
  des  Schiffes  erheblich  gesteigert  wird,  indem  der  Drehkreis  ein  kleinerer  wird  und
die  Zeit  zum  Durchlaufen  desselben  sich  verkürzt,  so  ermöglicht  der  Dampfsteuerapparat
es,  daß  selbst  bei  den  größten  Schiffen  ein  Mann  allein  im  stände  ist,  das  Ruder  bei
voller  Fahrt  des  Schiffes,  d.  h.  also  bei  den  großen  Schnelldampfern  und  Kriegsschiffen
bei  18  bis  20  Knoten  Geschwindigkeit,  von  hart  Bord  nach  hart  Bord  in  etwa  20  bis
30  Sekunden  zu  legen.  Für  den  Handbetrieb  sind  hierzu  etwa  12  bis  16  Mann  erforderlich, ­
  welche  das  Ruder  nur  mit  äußerster  Kraftanstrengung  denselben  Weg  in  etwa
2  bis  3  Minuten  bewegen  können.  Die  Dampfsteuermaschine  wird  meist  im  Hinterschiff
in  der  Nähe  der  Ruderpinne  oder  des  Ruderjochs,  bei  Kriegsschiffen  möglichst  geschützt
hinter  Panzerschutz,  aufgestellt,  und  dieselbe  wirkt  mittels  Ketten,  Schrauben-  oder  Rädergetriebe ­

  ans  die  Ruderspindel  bezw.  die  Pinne  ein.  Das  Konstrnktionsprinzip  der  Dampfsteuerapparate ­
  besteht  darin,  daß  die  Handhabung  derselben  mittels  Steuerrades  in  derselben ­
  Weise  wie  beim  Stenern  mittels  Handkraft  erfolgt.  Die  Steuerung  des  Dampfsteuerapparates ­
  ist  dementsprechend  so  eingerichtet,  daß  sie  der  Maschine  nur  so  lange
Dampf  zuführt,  als  das  Handrad  gedreht  wird,  und  daß  die  Maschine  verschieden  umläuft, ­
  je  nachdem  das  Handrad  rechts  oder  links  herumgedreht  wird.  Um  dem  Steuermann ­
  Aufschluß  über  die  jeweilige  Ruderlage  zu  geben,  ist  mit  dem  Handrad  stets  ein
Axiometer  verbunden.  Außerdem  ist  eine  Hemmvorrichtung  vorhanden,  welche  die  Dampfmaschine ­
  zum  Stillstand  bringt,  sobald  das  Ruder  die  Hartbordlage  erreicht  hat.  Das  Handrad ­
  steht  meist  auf  der  Kommandobrücke  oder  in  einem  besonderen  Steuerhaus  auf  derselben,
und  von  hier  geht  zum  Dampfsteuerapparat  eine  besondere  Wellenleitung  zur  Bethätigung
des  Schiebers  der  Maschine.  Bei  sehr  großen  Übertragungsentfernungen  wird  es  meist  erforderlich, ­
  um  die  Kraft  zum  Drehen  des  Handrades  und  der  mit  demselben  verbundenen
Wellenleitung  gering  zu  erhalten,  eine  besondere  Zwischenmaschine  einzuschalten,  welche
vom  Handrad  in  Betrieb  gesetzt  wird  und  welche  alsdann  die  Wellenleitung  zur  Bewegung
des  Schiebers  des  Dampfsteuerapparats  dreht.  Auch  hat  sich  die  Bethätigung  des  Schiebers
des  Dampfsteuerapparates  durch  hydraulische  Kraftübertragung  —  Telemotor  von  Brown  —
gut  bewährt.  Bei  kleineren  Dampfern  wird  der  Cteuerapparat  an  der  Kvmmandostelle
aufgestellt  und  die  Bewegung  zur  Ruderpinne  durch  Ketten  und  Stangen  übermittelt.
Auch  zum  Lichten  der  Anker,  deren  Gewicht  ohne  Kette  bis  zu  6000  bis  7000  kg
sich  steigert,  verwendet  man  allgemein  Dampfmaschinen  mit  Schneckenradgetriebe,  da  der
Handbetrieb  eine  zu  große  Mannschaft  und  zu  viel  Zeit  erfordert.
        <pb n="652" />
        701.  Nnn;crkreu;er  „Fürst  Sisninrch"  ;uni  StapeUauf  tzcreit.

702.  Schwimmkran  ?»m  Einsitzen  von  Muschinen  und  Kesses  der  Maschinrnbnu-U.'G.  Nnlkan  in  Nredoui
dei  Stettin.
        <pb n="653" />
        686

Schiffbau.

Jïilf&amp;amp;rDampfsteuer,,

Steuerrad  unter  \  \
Deck  \  \

apparat

703.  Kteperei»richtrnig  des  Schnelldampfers  „Kaiser  Withrlni
der  Große".  Nach  „Engineering".

Bei  den  Kriegsschiffen  kommen  dann  noch
zum  Ein-  und  Aussetzen  der  Boote,  im  besonderen
der  schwerenDampfbeiboote,  welche  bis  zu  16  000kg
wiegen,  die  Bootsheißmaschinen  hinzu,  welche  unter
Benutzung  eines  Ladebaumes  oder  eines  Drehkrans ­
  die  Läufer  der  Bootstakel  aufwinden  bezw.
abwickeln.  Für  die  Munitionsaufzüge  und  Geschoßförderwerke ­
  wird  gleichfalls  Maschinenkraft
verwendet.  Hierzu  kommen  die  Luftkompressionspumpen ­
  zur  Erzeugung  von  Preßluft  zum  Antrieb
der  Torpedos  sowie  hydraulische  Maschinen  und
Pumpen  zum  Drehen  sowie  zur  Bedienung  der
schweren  Geschütze.
Neben  diesen  für  den  seemännischen  Betrieb
und  für  militärische  Zwecke  erforderlichen  Hilfsmaschinen ­
  sind  Winden  zum  Übernehmen  von  Ladung ­
  bezw.  Kohlen  sowie  zum  Aschcheißen  in  Gebrauch. ­
  Neuerdings  erfolgt  die  Beseitigung  der
Asche  aus  den  Heizräumen  durch  besondere ­
  Ascheejektoren,  welche  mittels
Wasserstrahl  die  Asche  in  besonderen
Rohrleitungen  über  Bord  befördern.
Die  größte  Zahl  der  Hilfsmaschinen
kommen  jedoch  im  Maschinenbetrieb,  ferner
für  die  Lenzvorrichtnngen  zur  Sicherheit
des  Schiffes  bei  größeren  Leckagen  sowie ­
  für  gesundheitliche  Zwecke,  d.  h.  zur
Lüftung,  Beleuchtung  und  Heizung  der
Schiffsräume,  für  Koch-  und  Badezwecke,
zur  Erzeugung  von  Eis  u.  s.  w.  zur  Verwendung. ­
  Da  diese  große  Zahl  von
Dampfmaschinen  eine  zahlreiche  und  weitverzweigte ­
  Rohrleitung  für  Dampf-Zuund
  Ableitung  erfordert  —  man  ist
neuerdings  bestrebt,  keinen  Dampf  ausströmen ­
  und  verloren  gehen  zu  lassen,
sondern  ihn  wieder  in  den
Kondensator  zu  leiten,  um  ihn
nach  dem  Niederschlagen  zu
Wasser  zum  Speisen  der  Kessel
wieder  verwenden  zu  können  —
welche  einesteils  durch  Wärmeausstrahlung ­
  die  Schiffsräume
übermäßig  erwärmt,  anderenteils ­
  namentlich  auf  Kriegsschiffen ­
  bei  Beschädigungen  der
Rohrleitung  eine  Dampfgefahr
mit  sich  bringt,  so  ist  man
schon  vielfach  zum  Antrieb  der
Hilfsmaschinen  durch  den  elektrischen ­
  Strom  übergegangen.
Die  Verteilung  des  elektrischen
Stromes  durch  Kabel  ist  verhältnismäßig ­
  einfach  und  un-
        <pb n="654" />
        \

HAUPTMASCHINE

KESSELRAUM

Schnelldampfer  .Kaiser  Wilhelm  der  Große".
erbaut  1897  von  der  Stettiner  Waschinenbau-R.-V.  Vulkan  in  Vredow  bei  Stettin.
        <pb n="655" />
        Eisen-  und  Stahlschiffbau:  Hilfsmaschinen.  687

gefährlich  und  erzeugt  keine  Wärme.  Auf  diese  Weise  werden  vorzugsweise  Ventilationsmaschinen, ­
  kleine  Winden  und  Munitionsaufzüge,  Kaltluftmaschiuen,  Werkzeugsmaschinen ­
  u.  s.  w.  elektrisch  angetrieben.  Der  elektrische  Betrieb  größerer  Winden  wie
der  Boots-  und  Ladewinden,  des  Ankerspills  sowie  der  Steuermaschine  ist  bis  jetzt
nur  vereinzelt  eingeführt.  Die  Verwendung  der  Elektrizität  an  Bord  der  Schiffe,  welche
anfänglich  sich  nur  auf  die  Beleuchtung  des  Schiffes  erstreckte  und  hierin  in  vollkommenster ­
  Weise  durch  Anordnung  verschiedener  Stromkreise,  Tag,  Nacht,  Gefechtsnnd
  Fahrtlampen  ausgebildet  ist,  gewinnt  immer  mehr  an  Ausdehnung  auch  zur
Kraftübertragung.  Einen  besonderen  Fabrikationszweig  bilden  die  elektrischen  Befehlübermittler ­
  für  Maschinentelegraphen,  Schottentelegraphen,  zu  Signalzwecken.  Auch  ist
man  schon  dazu  übergegangen,  besondere  Akkumulatorenbatterien  aufzustellen.  Die  dynamoelektrischen ­
  Maschinen  für  Schiffszwecke  sind  von  gedrungenen  Formen  und  geringem  Gewicht ­
  für  nutzbringende  Watts  und  sind  stets  mit  dem  Motor  direkt  verkuppelt.  Man
verwendet  meist  Gleichstrommotoren  von  60  bis  80  Volt  Spannung,  da  dieselben  bei
den  Kriegsschiffen  zugleich  den  Scheinwerfern  Strom  geben.

704.  Dampfmlkrrwinde.  705.  Frachtwinde.
Es  würde  hier  zu  weit  führen,  auf  die  weiteren  Einzelheiten  der  Hilfsmaschinen
einzugehen.  Um  einen  Überblick  über  die  Zahl  und  die  Mannigfaltigkeit  derselben  zu
geben,  mag  eine  Zusammenstellung  aller  Hilfsmaschinen  folgen,  welche  auf  den  neueren
Schnelldampfern  der  Kriegs-  und  Handelsmarine  zur  Anwendung  kommen.
A.  Hilfsmaschinen  zur  Sicherung  des  Betriebes  der  eigentlichen  Schiffsmaschinen.
1.  Umsteuerungsmaschine,  um  die  Schiffsmaschine  schnell  und  sicher  auf  Vorund
  Rückwärtsgang  einzustellen.
2.  Maschine  zum  Drehen  der  Schiffsmaschine  im  Hafen  bei  Revisionen  und
Reparaturen  einzelner  Teile.
3.  Maschine  zum  Bewegen  des  Absperrventils  für  große  Maschinen.
4.  Zentrifugalkühlwasserpumpen  für  die  Kondensatoren.
5.  Luftpumpenmaschinen,  falls  die  Luftpumpen  nicht  von  den  Hauptmaschineu
angetrieben  werden.
6.  Dampfpumpen  sowie  Injektoren  zum  Speisen  der  Kessel.
7.  Dampfpumpen  (Lenzpumpen)  sowie  Ejektoren  zum  Lenzen  der  Bilge.
8.  Ballastpumpen  zum  Lenzen  der  Wafferballasträume.
9.  Ventilationsmaschinen  für  die  Heizräume  zur  Erzeugung  von  Druckluft  für
forciertes  Heizen.
10.  Ventilationsmaschinen  zum  Lüften  der  Maschinenräume.
11.  Speisewassererzeuger  zur  Herstellung  von  destilliertem  Wasser  für  Kesselspeisung.

12.  Ascheheißmaschinen  bezw.  Ascheejektoren  zur  Beseitigung  der  Asche.
        <pb n="656" />
        706.  Jjptistsaltw  des  Schnelldampfers  „Kaiser  Wilhelm  der  Große".

707.  Ersellschaftssalon  des  Schnelldampfers  „Kaiser  Wilhelm  der  Große".
        <pb n="657" />
        IX  87

709.  Spetsesaal.

710.  Empfangszimmer  des  Kaisers.  7H.  EmpsangSzimmer  der  Kaiserin.
708  bis  711.  Die  kaiserlich  russische  Dampfjacht,  erbaut  von  Burmeister  &amp;amp;  Wain  in  Kopenhagen.  Nach  „Engineering".

708.  Oberdeck.
        <pb n="658" />
        690

Schiffbau.

B.  Hilfsmaschinen  für  den  seemännischen  Betrieb.
1.  Ankerlichtmaschinen  znm  Antrieb  der  Ankerspille.
2.  Dampfsteuerapparate  zur  Bethätigung  des  Ruders.
3.  Verholspillmaschinen  zum  Aufwinden  von  Verholtrossen  im  Hafen.
4.  Bootsheißmaschinen  zum  Ein-  und  Aussetzen  schwerer  Boote.
0.  Hilfsmaschinen  für  militärische  Zwecke.
1.  Turmdrehmaschinen  zum  Drehen  der  schweren  Panzertürme.
2.  Munitionsaufzüge  und  Geschoßförderwerke  zum  Munitionstransport.
3.  Maschinen  zum  Laden  der  schweren  Geschütze.
4.  Luftkompressionspumpen  zur  Erzeugung  von  Preßluft  für  den  Torpedobetrieb. ­

5.  Maschinen  zum  Offnen  und  Schließen  der  Bugtorpedorohrklappen.

712.  Mannschaftsraum  eines  Kriegsschiffs.  Nach  „The  Engineer“.
D.  Hilfsmaschinen  für  den  Schiffsbetrieb.
1.  Dampfmaschinen  zum  Betrieb  der  Dynamos  zur  Stromerzeugung  für  elektrische ­
  Beleuchtung  und  elektrische  Kraftübertragung.
2.  Dampfwinden  bezw.  elektrische  oder  hydraulische  Winden  zum  Übernehmen
von  Ladung,  Kohlen  -n.  s.  w.
3.  Dampffenerspritzen  für  Löscharbeiten  bei  Bränden  an  Bord.
4.  Dampflenzpnmpen  zum  Lenzen  der  Schiffsräume  bei  Havarien  und  Leckagen.
E.  Hilfsmaschinen  für  hygieinische  Zwecke.
1.  Dampfpumpen  znm  Fördern  von  Trinkwasser  für  die  Küche  und  Filter.
2.  Dampfpnmpen  zum  Fördern  von  Wasch-  und  Badewasser  —  Süßwasser.
3.  Dampfpumpen  znm  Fördern  von  Seewasser  zum  Waschen,  Deckspülen  und
Scheuern.
4.  Destillierapparate  mit  Trinkwasser  -  Kondensatoren  zur  Erzeugung  von
Trinkwasser.
5.  Dampfkochapparate.
        <pb n="659" />
        691

Eisen-  und  Stahlschiffbau:  Hilssmaschinen.

6.  Heizvorrichtungen  mittels  Dampfes  und  elektrischen  Stromes.
7.  Kaltlustmaschinen  zur  Erzeugung  von  Eis  und  kalter  Luft  für  die  Kühlräume.
8.  Ventilationsmaschinen  zur  Lüftung  der  Schiffsräume  sowie  für  Trockenräume ­
  zum  Absaugen  der  feuchten  Luft.
Neben  dieser  großen  Zahl  und  Mannigfaltigkeit  der  Hilfsmaschinen  und  Apparate
bieten  nun  die  neueren  Schnelldampfer  der  Handelsmarine  in  ihren  kunstgerechten  und
wohnlichen  Speisesälen,  Damensalons,  Rauchzimmern  u.  s.  w.  in  den  bequemen  und
praktisch  eingerichteten  Schlafkammern  der  Passagiere,  in  den  zahlreichen  Bade-  und  Klosetteinrichtungen
  sowie  den  mannigfachen  Wirtschaftsräumen  für  die  Küche,  den  Kammern
für  den  Schiffs-  und  Postbetrieb  u.  s.  w.  eine  Fülle  von  kunstgewerblichen  Arbeiten  und
praktischen  Einrichtungen,  wie  man  sie  selten  in  so  gedrängter  Form  und  mit  raffinierten
Mitteln  ausgestattet  vorfindet.  Jeder  kleinste  Raum  muß  auf  die  denkbar  beste  Weise
ausgenutzt  und  verwertet  werden,  um  einerseits  die  Zahl  der  nutzbringenden  Wohnräume

713.  Gepanzerter  Kommandotnrnr.  Nach  „The  Engineer“.

sowie  die  übrig  bleibenden  Räume  für  Zwischendeckpassagiere  und  Ladung  zur  Erhöhung
der  Rentabilität  des  Schiffes  zu  steigern,  anderseits  jeden  Raum  möglichst  praktisch  und
wohnlich  einzurichten.  Und  so  müssen  sich  beim  Ban  der  Schnelldampfer  Ingenieur,
Künstler  und  Kaufmann  eng  zusammenschließen,  um  ein  schnelles  und  mit  Bezug  auf  den
täglichen  Kohlenverbrauch  der  Maschinenanlage  ökonomisches,  aber  auch  ein  seetüchtiges
und  sicheres  Fahrzeug  zu  schaffen,  welches  zugleich  einen  bequemen  und  gesunden
Aufenthalt  bietet  und  im  stände  ist,  für  den  Rheder  eine  rentable  Kapitalsanlage  zu  bilden.
Bei  den  Kriegsschiffen  treten  die  ästhetischen  und  finanziellen  Rücksichten  ganz  in
den  Hintergrund,  und  die  Schiffsräume  werden  allein  nach  dem  Grundsatz  eingerichtet,  die
Gefechtsstärke  des  Schiffes  nach  Möglichkeit  zu  steigern  und  die  Mannschaft  durch  Schaffung
von  luftigen  und  gleichmäßig  temperierten  Räumen  jeder  Zeit  gesund  und  kampffähig  zu
erhalten.  Neben  den  großen  Räumen,  welche  zunächst  die  gesamte  Maschinen-  und  Kesselanlage
  beansprucht,  neben  den  Mnnitionskammern  und  Provianträumen,  den  Torpedoräumen ­
  zum  Lancieren  der  Untcrwassertorpedorohre,  wird  nun  jeder  verfügbare  Platz  in
den  unteren  Schiffsräumen  zum  Stauen  von  Kohlen  oder  flüssigem  Brennmaterial  aus-87*
        <pb n="660" />
        692  Schiffbau:  Schiffsmaschinen.

genutzt,  um  den  Aktionsradius  des  Schiffes,  d.  h.  die  längste  Strecke,  welche  das  Schiff
mit  dem  verfügbaren  Kohlenvorrat  unter  Dampf  zurücklegen  kann,  möglichst  groß  zu
gestalten.  Denn  ohne  hinreichenden  Kohlenvorrat  ist  der  Gefechtswert  eines  Schiffes  sehr
beschränkt.  Erst  der  dann  freibleibende  Teil  des  Schiffsraumes  und  der  Decks  kann  zur
Unterbringung  der  Besatzung  verwertet  werden,  und  derselbe  ist  bei  der  hohen  Besatzungsstärke ­
  der  neueren  Kriegsschiffe  sehr  beschränkt.  Die  Mannschaften  müssen  durchweg  in
Hängematten  dicht  gedrängt  schlafen,  und  nur  für  die  Offiziere  und  Decksoffiziere  sind
Kammern  vorgesehen.  Zum  Verstauen  des  Bedarfs  an  Kleidern  und  Stiefeln  u.  s.  w.
stehen  den  Mannschaften  verhältnismäßig  kleine  Spinde  zur  Verfügung,  während  die
Tische  und  Bänke  —  Backen  und  Banken  —  zur  Einnahme  der  Mahlzeiten  bei
Klarschiff  verstaut  werden  müssen,  um  Platz  zur  Bedienung  der  Geschütze,  Torpedorohre
und  sonstigen  Kriegswaffen  zu  schaffen.  Die  Wohn-  und  Mannschaftsräume  an  Bord
der  Kriegsschiffe  müssen  daher  besonders  wirksam  ausgenutzt  und  mit  ausreichender
Lüftung  versehen  werden.
Neben  diesen  Rücksichten  treten  dann  im  besonderen  diejenigen  in  den  Vordergrund,
welche  für  den  Fall  eines  Krieges  für  den  Schutz  des  Schiffsrumpfes  und  der  Mannschaft
gegen  feindliche  Geschosse  und  zur  Sicherung  des  Schiffes  gegen  Feuers-  und  Wassersgefahr
zu  beachten  sind.  Für  den  Kommandanten  und  die  leitenden  Personen  bietet  im  Gefecht  der
Kommandoturm,  von  welchem  aus  durch  die  verschiedensten  Befehlsübermittler  das  Schiff
mit  Bezug  auf  die  Maschinen-  und  Rudermanöver,  auf  den  Geschütz-  und  Torpedoangriff
geführt  und  geleitet  wird,  durch  seinen  starken  Panzer  einen  gesicherten  Stand.  In  den
einzelnen  Decks  und  bei  den  leichten  Geschützen,  welche  keinen  Panzerschutz  haben,  sucht
man  die  in  den  Hängemattskasten  verstauten  Hängematten  als  Kugelfänger  zu  verwerten
und  im  übrigen  darauf  Bedacht  zu  nehmen,  die  Splitterwirkung  der  Geschosse  an  Holzteilen ­
  möglichst  zu  verhindern.  Da  ferner  das  Holz  leicht  Feuer  fängt,  so  ist  man  vielfach
bestrebt,  dasselbe  aus  den  Schlachtschiffen  ganz  zu  vermeiden  und  sich  allein  auf  Stahl
und  unbrennbare  und  nicht  splitternde  Materialien  zu  beschränken.  Das  Aufbrennen  der
spanischen  Panzerkreuzer  in  dem  Gefecht  bei  Santiago  kann  als  ein  warnendes  Beispiel
betrachtet  werden,  wie  gefährlich  auch  bei  Stahlschiffen  hölzerne  Decksbeplankungen  und
hölzerne  Verkleidungen  in  den  Wohn-  und  Mannschaftsräumen  werden  können.  Und  so
muß  man  auf  den  Kriegsschiffen  möglichst  das  Material  entbehren,  welches  zur  Wohnlichkeit ­
  des  Schiffes  wegen  der  guten  Jsolationsfähigkeit  und  der  Eigenschaft,  Feuchtigkeit
aufzunehmen,  besonders  günstig  beiträgt.  Berücksichtigt  mau  ferner,  daß  alle  Mittel,  welche
zur  Erhöhung  der  Gefechtsstärke,  sei  es  zum  Angriff,  sei  es  zur  Abwehr,  nicht  nur  Raum,
sondern  zum  großen  Teil  erhebliche  Gewichte  erfordern,  welche  von  dem  Schiffe  getragen
werden  und  welche  daher  innerhalb  der  Grenze  des  Deplacements  bleiben  müssen,  so  erkennt ­
  man  die  Schwierigkeiten,  welche  die  Konstruktion  und  der  Bau  eines  Kriegsschiffes
erfordert  und  welche  nach  Möglichkeit  überwunden  werden  müssen,  um  nach  den  neuesten
Erfahrungen  der  Seekriegführung  allen  Anforderungen  gerecht  zu  werden.
Schisfsmaschinenb  au.
Einleitung.
Die  Entwickelung  der  Schiffsmaschinen  von  der  Einführung  der  Dampfschiffahrt
bis  zu  den  neuesten  Errungenschaften  des  Schiffsmaschinenbaues  zeigt  in  ihren  einzelnen
Stadien  eine  lange  Kette  von  mannigfachen  Konstruktionssystemeu  und  Bauweisen,  deren
Endglieder  eine  Steigerung  der  Maschinenleistung  von  etwa  50  indizierten  Pferdestärken  des
ersten  Seeschraubendampfers  „Archimedes"  bis  zu  38  000  indizierten  Pferdestärken  des
für  den  Norddeutschen  Lloyd  bei  der  „Aktiengesellschaft  Vulkan"  im  Bau  befindlichen
Schnelldampfers  aufweisen.  Die  seit  den  ersten  Anfängen  der  Dampfschiffahrt  angestrebten
Fortschritte  und  Verbesserungen  erstrecken  sich  neben  der  Kraftsteigerung  vornehmlich  darauf,
den  Wirkungsgrad  der  Maschinenanlage  und  hierdurch  die  Ökonomie  derselben  zu  verbessern ­
  und  das  Gesamtgewicht  soloie  den  Raumbedarf  im  Schiff  nach  Möglichkeit  zu
verringern,  um  das  Dampfschiff  als  Ganzes  mit  Bezug  auf  Kohlenverbrauch  und  Lade-
        <pb n="661" />
        Seitenansicht.

für  Ingenieur-1



p!S»SBI!l|

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aH

Erklärungen  der  durch  Zahlen  bezeichneten  Räume  und
Gegenstände  in  den  deeststiedenen  Darstellungen  dee,  Fluren
schiffes  „Kaiser  Wilhelm  der  Grosze".
S.  =  Seitenansicht,  D.  =  Durchschnitt
1-  Kommando-  und  Laufbrücken  S. r  D-2.
  Aufbaudeck  D.
3.  Oberdeck  D.
4.  Batteriedeck  D.
5.  Panzerdeck  auf  Oberkante  Gürtelpanzer ­
  D.
0.  Gewölbtes  Panzerdeck  D.
7*  Zwischendeck  D.
8.  Plattformdeck  D.
9.  Gepanzerte  Kommandotürme  m.  Schacht
für  Kommandoelemente  S. t  D.
10.  Gepanzerte  Dreh  türme  für  je  2—24  cm
Schnellladegeschütze  mit  Munitionsaufzugsschacht ­
  (10a)  S.,  D.

K  —  'AiUtajiujuui,.
11.  Gepanzerte  Drehtürme  für  je  1—15  cm
Schnellladegeschütz  S.,  D.
12.  Gepanzerte  Kasematten  für  je  1-  15  cm
Schnellladegeschütz  S. t  D.
13.  8,8  cm  Schnellladegeschütze  mit  Schild
S.,  D.

3,7  cm  Maschinenkanonen  S. r  D.
8  mm  Maschinengewehre  S.
Munitionsräume  I).
Kommandantenwohnräume  D.
Offizierswohnränme  D.
Deckoffizierswohnränme  D.
Mannschaftswohnräume  D.
Provianträmne  I).
Trinkwasservorrat  D.
.  Eisraum  D.
.  Maschinenraum  D.
.  Kesselraum  D.
.  Raum  für  Steuermaschine  D.
.  Steuerruder  D.
.  Schraube  i.  d.  Mittellinie  d.  Schiffes  D.
Seitliche  Schraube  D.
&amp;gt;.  Sch  rauben  welle  D.
.  Ankerklüse  mit  Anker  D.
I.  Sporn  des  Schiffes  D.
!.  Seitensenster  D.
I.  Mars  für  Geschütze  S.
5.  Mars  für  Scheinwerfer  S.
8.  Scheinwerfer  im  ausfahrbaren  Zustande ­
  S.,  D.

37.  Stange  mit  Mast  Winkern  zum  Signalisieren ­
  5.
38.  Göschstock  S.,  D.
39.  Kohlenraum  D.
40.  Kadettenmesse  D.
41.  Messe  und  Pantry
aspiranten  D.
42.  Offiziersküche  D.
43.  Mannschaftsküche  D.
44.  Bad  für  Deckofsiziere  D.
45.  Heizerbad  D.
46.  Hängemattkasten  an  den  Seiten  am
Schanzkleid  D.
47.  Waschräume  für  Kadetten  u.  Ingenieuraspiranten
  D.
48.  Klosett  für  Mannschaften  D.
49.  Lazarett  mit  Schwiugkoje  und  Bad  D.
50.  Spillmaschine  D.
51.  Kettenkasten  D.
52.  Bngtorpedoraum  D.
53.  Hellegats  für  Bootsmann,  Steuermann
und  Zimmermann  D.
54.  Hängematten  D.
55.  Mast  in.  Wendeltreppe  z.  d.  Marsen  D.

Vorderansicht.

Durchschnitt.

^0-  Betinge  zum  Belegen  der  Ankerketten  D.
57.  Kettenstopper  D.
58.  Ofsiziersmesse  D.
50.  Kleiderkisten  D.
00.  Hauptdampfrohr  D.
01.  Korkdamm  (auf  dem  Panzerdeck  um  das
Schiff  laufend)  D.

62.  Hecktorpedoraum  D.
63.  Jakobsleiter  zum  Besteigen  d.  hinteren
Mastes  S.
64.  Kräne  zum  Übernehmen  der  Boote  S.
65.  Backspier  S.
66.  Kambüsenschornstein  S.
67.  Regelkompaß  D.

Material  des  Schiffskörpers:  Skalzl.  Gewicht  des  fertig  ausgerüsteten  Schiffes:
Panzermaterial:  Gehärteter  Nickel-  11100  Tonnen.
stahl.  Geschwindigkeit:  18  Knoten  (der  Knoten
Größte  Länge  des  Schiffes:  125  m.  zu  1852  m).
Größte  Breite  des  Schiffes:  20,40  m.  Besatzung:  655  Mann.
Tiefgang  in  der  Mitte:  7,83  m.  Höhe  der  Masten  über  Wasser:  43,75  m.

Deutsches  Linienschiff  „Kaiser  Wilhelm  der  Groffe".
Wandtafel  Deutscher  Kriegsschiffe  von  Willy  Stöwer  (Georg  Lang,  Leipzig).

Verkleinerte  Abbildung  aus  der
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        693

Entwickelung  der  Schiffsmaschinen.

fähigkeit  leistungsfähig  und  gewinnbringend  zu  gestalten.  Inwieweit  diese  Bestrebungen
Erfolg  gehabt  haben,  möge  als  Beispiel  an  einem  Dampfer  von  3500  t  Deplacement
und  einer  Maschinenanlage  von  1000  indizierten  Pferdestärken,  welche  dem  Schiff  eine
Geschwindigkeit  von  etwa  10  Knoten  verleiht,  kurz  erläutert  werden.  Die  ersten  Wattschen
Niederdruckmaschinen  mit  Kofferkesseln  erforderten  ein  Gewicht  von  300  kg  pro  indizierte
Pferdestärke,  und  der  Kohlenverbrauch  derselben  pro  indizierte  Pferdestärke  betrug  im
Durchschnitt  2,8  kg,  während  die  moderne  dreifache,  bezw.  vierfache  Expansionsmaschine
mit  Cylinderkessel  von  12  bis  15  Atmosphären  Dampfspannung  nur  etwa  100  kg  pro
indizierte  Pferdestärke  an  Gewicht  beansprucht  und  hierbei  nur  einen  Kohlenverbrauch  von
0,W  kg  pro  indizierte  Pferdestärke  aufweist.  Legt  man  nun  für  das  Schiff  eine  Dampfstrecke ­
  von  10  Tagen  zu  Grunde,  so  ergibt  sich  für  die  Niederdruckmaschine  eine  Kohlenmenge ­
  von  2,8  X  1000  X  24  X  10  —  600  t,  während  die  vierfache  Expansionsmaschine
sich  mit  0,65  X  1000  X  24  X  10  —  156  t  begnügt.  Ferner  beträgt  das  Maschiuengewicht
der  Niederdruckmaschine  1000  X  300  kg  —  300  t  gegenüber  1000  X  100  kg  —  100  t
der  vierfachen  Expansionsmaschine.  Rechnet  man  nun  das  Eigengewicht  des  Schiffes  zu
40  Prozent  des  Deplacements,  so  ergibt  sich  folgende  Zusammenstellung:
Schiff  mit  Nieder-  Schiff  mit  vierfacher
druckmaschine  Expansionsmaschine
Schiffsgewicht  1400  t  1400  t
Mafchinengewicht  300  t  100  t
Kohlenverbrauch  für  10  Tage  .  .  .  600  1  156  t
Summa  2300  t  1656  t
Es  verbleibt  demnach  eine  Ladefähigkeit ­
  von  .  1200  t  1844J
Summa  3500  t  3500  t
Das  Schiff  mit  vierfacher  Expansionsmaschine  kann  hiernach  rund  50  Prozent  mehr
Ladung  befördern  und  erzielt  außerdem  auf  jeder  Reise  eine  Kohlenersparnis  von  444  t.
Der  Gesamtwirkungsgrad  der  Schiffsmaschine  d.  h.  das  Verhältnis  der  nutzbringenden ­
  Arbeit,  welche  der  Treibapparat  des  Schiffes  für  die  Fortbewegung  desselben  ausübt, ­
  zu  der  im  Schiffskessel  erzeugten  Wärmemenge  beträgt  rund  0,os65,  d.  h.  von  der
totalen  Heizkraft  des  Brennmaterials  werden  nur  3,6  Prozent  für  die  Fortbewegung  des
Schiffes  nutzbringend  angelegt.  Der  Gesamtwirkuugsgrad  ergibt  sich  aus  den  Arbeitsverlusten, ­
  welche  entstehen  1)  bei  der  Dampferzeugung  —  Wirkungsgrad  des  Kessels
etwa  65  Prozent  —  2)  bei  der  Nutzbarmachung  des  Dampfes  etwa  15  Prozent  —
3)  durch  Reibungs-  und  sonstige  Verluste  in  den  Maschinen  ■—  Wirkungsgrad  der
Maschinen  etwa  75  Prozent,  sowie  4)  durch  die  Widerstände  des  Treibapparates  —
Wirkungsgrad  des  Treibapparates  etwa  50  Prozent.
Der  größte  Verlust  entsteht  demnach  durch  die  Ausnutzung  des  Dampfes.  Er  begründet ­
  sich  einesteils  dadurch,  daß  die  Verdampfnngswärme  nur  zum  geringen  Teil
verwertet  werden  kann,  anderenteils  entsteht  er  aus  den  Verlusten  durch  Kondensation
des  Dampfes  in  der  Dampfrohrleitung  und  in  den  Dampfcylindern,  aus  dem  Nachdampfen ­
  in  den  Cylindern,  sowie  aus  den  direkten  Dampfverlusten  durch  Undichtigkeit
des  Dampfkolbens,  der  Schieber  u.  s.  w.  Um  diese  Dampfverluste  herabzusetzen,  war  man
bestrebt  nach  Einführung  der  Oberflächenkondensation  und  der  hierdurch  ermöglichten
Steigerung  der  Dampfspannung,  den  Dampf  in  mehreren  Cylindern  nacheinander  expandieren ­
  zu  lassen  und  hierdurch  das  Temperaturgefälle  in  den  Cylindern  zu  vermindern.
Während  dasselbe  bei  der  Compoundmaschine  —  einer  zweifachen  Expansionsmaschine  —
Pro  Cylinder  etwa  45°  0  beträgt  bei  einer  Anfangsspannung  von  etwa  6  Atmosphären,
sinkt  das  Temperaturgefälle  bei  den  dreifachen  Expansionsmaschinen  mit  einer  Kesselspannung
  von  10  Atmosphären  Überdruck  auf  38°  6,  bei  den  vierfachen  Expansionsmaschinen ­
  mit  15  Atmosphären  Überdruck  auf  32°  6.  Da  die  Menge  des  zu  verbrennenden
Brennmaterials  bei  Steigerung  der  Dampfspannungen  praktisch  fast  gleich  bleibt,  der
Dampfverbrauch  in  der  Maschine  pro  indizierte  Pferdestärke  bei  den  mehrstufigen  Maschinen ­
  sich  jedoch  erheblich  verringert,  so  ergibt  sich  eine  beachtenswerte  Ökonomie  in  der
Ausnutzung  des  Dampfes  durch  Anwendung  mehrstufiger  Expansion.
        <pb n="663" />
        694

Schiffbau:  Schiffsmaschinen.

Zur  Vervollkommnung  der  Dampferzeugung,  d.  h.  zur  Steigerung  der  Wirkungsgrade ­
  des  Kessels  kamen  folgende  Hilfsmittel  in  Aufnahme:  1)  Anwendung  künstlichen
Zuges  zur  Steigerung  der  Verbrennung  in  den  Feuerungen,  2)  Vorwärmung  der  Verbrennungsluft, ­
  3)  Vorwärmung  des  Speisewassers,  4)  Verwendung  von  destilliertem
Wasser  zur  Speisung  der  Kessel  mit  hohen  Dampfspannungen,  um  Salzablagerungen  im
Kessel  zu  verhüten,  wodurch  die  Wärmeabgabe  von  den  Heizgasen  nach  dem  Kesselwasser
begünstigt  wird.  Man  hat  auf  diese  Weise  den  Wirkungsgrad  einzelner  Kessel  bis  auf
85  Prozent  gesteigert,  dagegen  haben  die  Maschinen  sowie  der  Triebapparat  in  ihrem
Wirkungsgrad  nur  geringe  Aufbesserungen  erfahren.
Die  Verminderung  des  Maschinengewichts  pro  indizierte  Pferdestärke  ist  in  der
Hauptsache  erreicht:  1)  durch  die  Steigerung  der  Kolbengeschwindigkeit  bezw.  Vergrößerung
der  Umdrehungen  der  Kurbelwellc,  2)  durch  Einführung  des  künstlichen  Zuges  und  Verwendung ­
  von  Wasserrohrkesseln,  sowie  3)  durch  Verwendung  der  besten  Baumaterialien  und
Herabgehen  auf  den  geringsten  zuverlässigen  Sicherheitskoeffizienten.  Die  Vergrößerung

der  Umdrehungsanzahl  gestattete,  die  Cylinderabmessungen  zu  verringern,  während  der
Wirkungsgrad  der  Schraube,  wie  man  anfänglich  befürchtete,  hierdurch  nicht  beeinträchtigt
wurde.  Die  Kolbengeschwindigkeit  wurde  von  2  m  bis  auf  5  m  pro  Sekunde,  in  einzelnen ­
  Fällen  —  Torpedobootsmaschinen  —  sogar  bis  auf  7,5  m  vergrößert,  während
die  minütliche  Umdrehungszahl  der  Maschinen  für  größere  Maschinen  sich  auf  140,  für
Torpedofahrzeuge  sogar  bis  auf  400  steigerte.  Die  erhöhte  Umdrehungszahl  der  Maschinen
erforderte  zwar  eine  Vergrößerung  der  Lagerflächen,  doch  wurde  die  Gleichmäßigkeit  des
Ganges  und  dementsprechend  die  Beanspruchung  der  Welle  durch  die  Verwendung  von
Drei-  und  Viercylindermaschinen  eine  günstigere.
Durch  die  Einführung  des  künstlichen  Zuges  ergab  sich  eine  lebhaftere  Verbrennung
auf  dem  Rost,  so  daß  pro  1  qm  Rost  im  Verhältnis  mehr  indizierte  Pferdestärken  erzeugt
werden  konnten.  Man  konnte  sich  dementsprechend  mit  einer  geringeren  Gesamtrostfläche
begnügen  und  auf  diese  Weise  die  Größe  und  das  Gewicht  der  Kessel  verringern.  Die
Pressung  des  Unterwindes  wurde  anfänglich  bis  ans  150  mm  Wassersäule  gesteigert,
jedoch  ging  man  bald  bis  auf  30  und  12  mm  zurück,  da  die  Kessel  durch  den  höheren
Winddruck  mit  Bezug  auf  ihre  Haltbarkeit  sehr  beansprucht  wurden  und  erhebliche  Leckagen
zeigten.  Eine  weit  günstigere  Wirkung  mit  Bezug  aus  Gewichtsersparnis  erzielten  die
sogenannten  Wasserrohrkessel,  infolge  Verkleinerung  des  Wasserraumes  des  Kessels  sowie
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        Entwickelung  der  Schiffsmaschinen.  Schiffskessel.  695

durch  die  Reduktion  der  Materialstärken,  da  die  Rohrdurchmesser  sehr  gering  sind  und
der  Dampfdruck  von  innen  wirkt.  Auch  kann  bei  den  Wasserrohrkesseln  die  Verdampfungskraft ­
  durch  Forcierung  der  Verbrennung  ohne  Schaden  für  den  Kessel  gesteigert  werden.
Als  Konstruktionsmaterial  für  Schiffsmaschinen  ist  neben  dem  Gußeisen  für  Dampfcylinder, ­
  Kondensator,  Grundplatte,  Cylinderständer  für  die  drei  letzten  Teile  vielfach
Stahlguß  und  Bronze  eingeführt  worden,  um  die  Abmessungen  und  Wandstärke  der
einzelnen  Teile  zu  verringern.  Die  Schiffswellen  der  Kriegsschiffe  und  der  Schnelldampfer ­
  der  Handelsmarine  werden  ans  Tiegelstahl,  vereinzelt  auch  aus  Nickelstahl  geschmiedet ­
  und  durch  Ansbohren  des  Kernes  hohl  hergestellt,  während  für  Mantelbleche
der  großen  Cylinderkessel  Nickelstahl  Verwendung  gefunden  hat,  um  an  Gewicht  zu  sparen.
Über  diesen  Fortschritt  mit  Bezug  auf  Ökonomie  und  Gewichtsersparnis  sind  noch
einzelne  Neuerungen  hervorzuheben,  welche  für  die  Sicherheit  des  Betriebes  von  Wert
sind.  Infolge  der  Steigerung  der  Dampfspannung  der  Kessel  und  veranlaßt  durch  die
Thatsache,  daß  Kupfer  bei  höheren  Temperaturen  erheblich  an  Festigkeit  einbüßt,  werden
die  Dampfrohre  mit  Stahldraht
umwickelt  und  sogar  ganz  aus
stählernen  Rohren  gefertigt.
Außerdem  werden  bei  langen
Rohrleitungen  besondere  Vorkehrungen ­
  getroffen,  um  bei  den
verschiedenen  Temperaturen  der
Ausdehnung  der  Rohre  Rechnung ­
  zu  tragen.  Bei  den  Kriegsschiffen ­
  tritt  die  Sicherung  der
Maschinen-  und  Kesselanlage
noch  mehr  in  den  Vordergrund,
da  durch  Einschlagen  von  Geschossen ­
  und  Krepieren  von  Granaten ­
  leicht  eine  Dampfgefahr
und  eine  Störung  des  Betriebes
eintreten  kann.  Man  ordnet  daher ­
  die  ganze  Maschinen-  und
KeffelanlagenebstRohrleitungen
möglichst  unter  Panzerschutz  an.
Schiffskessel.
Die  ersten  Schiffskessel
hatten  Kofferform,  d.  h.  sie
bestanden  mit  Ausnahme  der
abgerundeten  Ecken  aus  flachen  Wandungen,  welche  in  der  Länge,  Breite  und  Höhe  durch
starke  Verankerungen  und  Stehbolzen  versteift  wurden.  Die  Kofferkessel  besitzen  zwei
bis  fünf  Feuerungen,  welche  in  die  hintere  Rauchkammer  münden,  von  wo  die  Heizgase
durch  die  über  den  Feuerungen  angeordneten  Siede-  oder  Feuerrohre  in  die  vordere
Rauchkammer  und  von  dort  in  den  Schornstein  gelangen.  Sie  fanden  nur  für  Niederdruckmaschinen ­
  bis  zu  drei  Atmosphären  absoluter  Dampfspannung  Verwendung.  Bei
dem  Steigen  der  Dampfspannung  ging  man  zu  den  Oval-  und  schließlich  zu  den
Cylinderkesseln  über,  mit  cylindrischem  Mantel  und  ebenen  Endflächen  —  Stirn-  und
Rückwand  —  sowie  cylindrischen  Flamm-  oder  Feuerrohren,  so  daß  sich  die  Verankerung
einfacher  gestaltete.  Die  Flammrohre  werden  zur  Zeit  fast  durchweg  zur  besseren  Widerstandsfähigkeit ­
  gegen  Druck  von  außen  nach  dem  Patent  von  Fox  oder  Purves  gewellt
hergestellt  und  geschweißt  und  an  den  Enden  mit  der  Stirnwand  und  der  flachwandigcn
Rauchkammer  durch  Börtelung  verbunden.  Sie  erhalten  einen  Durchmesser  von  l  bis  1,8  m,
und  ihre  Zahl  pro  Stirnwand  schwankt  zwischen  2  und  4.  Die  Rauchkammer  ist  entweder
für  alle  Feuerungen  gemeinsam,  oder  sie  ist  für  die  Flammrohre  einzeln  oder  gruppenweise

715.  Fencrrohrkessri  (Cyiindrrkcssri).  Nach  .Engineering".
        <pb n="665" />
        696  '  Schiffbau:  Schiffsmaschinen.

getrennt.  Die  Seitenwände  sowie  die  Rückwand  der  Rauchkammer  werden  mit  dem  Kesselmantel ­
  bezw.  der  Rückwand  durch  Stehbolzen  verbunden,  während  die  Decke  durch  eine  Brücke
und  die  Rohrwand  durch  die  Siederohre  beziv.  besondere  Ankerrohre  versteift  ist.  Zur  Vergrößerung ­
  der  Rostfläche  und  Ersparung  an  Raum  und  Gewicht  baut  man  die  Cylinderkessel
doppelendig,  sogenannte  Doppelender,  und  erhalten  dieselben  an  beiden  Endflächen
Flammrohre,  welche  in  der  Mitte  in  eine  gemeinsame  oder  in  getrennte  Rauchkammern
münden.  Bei  den  Lokomotivkesseln,  welche  vorzugsweise  auf  Kriegsschiffen,  Avisos  und
Torpedofahrzeugen  Verwendung  fanden,  werden  die  Flammrohre  durch  eine  hohe,  kastenförmige ­
  Feuerbüchse,  früher  aus  Kupfer,  später  aus  Stahlblech  gefertigt,  ersetzt  und  durch
einen  Mantel  von  ähnlicher  Form  umgeben  und  mit  demselben  durch  Stehbolzen  versteift.

716.  KeUroiürkrffrl.  Nach  „Engineering".  '
a  Speisewasscrlammelrohr.  b  Dampssaminler,  c  Rohrbündel,  d  Speisewasserregler,  f  Rost.
,  Die  Cylinder-  und  Lokomotivkessel  werden  bis  zu  Kesselspannungen  von  15  Atmosphären ­
  gebaut.  Bei  höheren  Dampfspannungen  ergeben  sich  ungewöhnliche  Wandstärken,
welche  für  Mantelbleche  sich  bis  auf  42  mm  steigerten.  Man  wandte  sich  daher  einem
Kesselsystem  zu,  welches  nur  geringe  Cylinderdurchmesser  erfordert  und  dementsprechend
eine  Verankerung  unnötig  machte,  den  sogenannten  Wasserrohrkesseln.  In  diesen
Kesseln  wird  das  Wasser  in  einem  System  von  Rohren  von  geringem  Durchmesser  zum
Verdampfen  gebracht  und  der  Dampf  in  einen  cylindrischen  Dampfsammler  von  größerem
Durchmesser  geleitet,  von  wo  er  nach  dem  Passieren  eines  besonderen  Apparates  zum
Abscheiden  des  mitgerissenen  Wassers  in  das  Hauptdampfrohr  geleitet  wird.  Die  Wasserrohrkessel ­
  haben  dementsprechend  einen  verhältnismäßig  kleinen  Wasserraum.  wodurch
das  Gewicht  gering  ausfällt  und  das  Dampfmachen  in  kurzer  Zeit  erfolgen  kann.  Die
anfänglichen  Nachteile  der  Wasserrohrkessel,  Neigung  zum  Überkochen  und  Erzeugung
nassen  Dainpfes,  aufmerksame  Bedienung  mit  Bezug  auf  Kesselspeisung  und  Aufrechterhaltung ­
  des  Dampfdruckes  bei  wechselnder  Dampfentnahme,  sind  zum  großen  Teil
durch  selbstthätig  wirkende  Apparate,  wie  Speisewasserregulatoren,  gehoben;  die  weiteren
        <pb n="666" />
        Schiffskessel.  697
Nachteile,  mangelhafte  Konservierung  und  Kontrolle  seiner  inneren  Teile,  sowie  größerer
Kohlenverbrauch  infolge  ungünstiger  Ausnutzung  der  Wärme  der  Heizgase,  lassen  eine
allgemeine  Einführung  der  Wasserrohrkessel  in  der  Handelsmarine  noch  nicht  aufkommen.
Die  Zahl  der  Kesselthpeu  ist  eine  sehr  große,  und  daher  mögen  nur  die  gebräuchlichsten ­
  in  ihren  verbesserten  Formen  erörtert  werden.  Zu  den  ältesten  Wasserrohrkesseln
gehören  die  Bellevillekessel.  Sie  bestehen  aus  einer  größeren  Zahl  —  8  bis  12  —
übereinander  angeordneter  Rohrbündel  aus  stählernen  Rohren,  welche  gegen  die
Horizontalebene  etwas  geneigt  angeordnet  sind,  an  den  Enden  durch  besonders  geformte
Verbindungsstücke  miteinander  kommunizieren.  Diese  Rohrbündel  oder  Glieder  des  Kessels
stehen  unten  mitdem  Speisewassersammelrohr ­
  in  Verbindung  und
münden  oben  in  den  außerhalb
der  Kesselumhüllung  liegenden
Dampfsammler,  welcher  durch
zwei  Fallrohre  mit  dem  Speiscwassersammelrohr
  in  Verbindung
steht.  Der  in  den  Wasserrohren
sich  bildende  Dampf  steigt  in  den
einzelnen  Gliedern  bis  in  den
Dampfsammler  hinauf  und  wird
in  demselben  durch  einen  besonderen ­
  Dampftrockner  entwässert.
Eine  weitere  Trocknung  des
Dampfes  erfolgt  durch  ein  in  der
Dampfrohrleitung  eingeschaltetes
Drosselventil,  in  welchem  die
Kesselspannung  um  5  bis  7  Atmosphären ­
  herabgesetzt  wird.  Die
Zuführung  des  Speisewassers
wird  selbstthätigregultert.  Neuerdings ­
  werden  die  Bellevillekessel
zur  Erzielung  eines  geringeren
Kohlenverbrauchs  mit  einem
Überhitzer  versehen,  von  gleicher
Konstruktion  wie  der  Dampferzeuger, ­
  aber  mit  Rohren  von
geringerem  Durchmesser.  Der
Bellevillekessel  hat  vorzugsweise
in  der  englischenKriegsmarine  die
weiteste  Verbreitung  gefunden.
Der  Dürrkessel  besteht  aus  einer  senkrecht  stehenden  geschweißten  und  mit  Stehbolzen ­
  verankerten  Wasserkammer,  in  deren  Hinterwand  die  Wasserrohre  eingesetzt  sind.
Die  Rohre  sind  geneigt  angeordnet,  an  den  Enden  geschlossen  und  in  einer  Chamottesteinwand
  derart  gelagert,  daß  sie  sich  frei  ausdehnen  können.  Sie  erhalten  dünnwandige
Einhängerohre,  welche  au  beiden  Enden  offen  sind  und  vorn  in  einer  vertikalen  Trennungs-&amp;gt;vand
  der  Wasserkammer  gelagert  sind.  Das  Speisewasser  tritt  in  den  oberhalb  der
Wasserkammer  gelagerten  Dampfsammler  ein,  gelangt  durch  die  vordere  Hälfte  der
Wasserkammer  in  die  Einhängerohre  und  durch  diese  in  die  Wasserrohre,  wird  hier
verdampft  und  steigt  als  Dampf  in  der  hinteren  Hälfte  der  Wasserkammer  in  den  Dampfsammler.
  Besondere  Dampstrvckner  und  Spcisewasserregulatoren  sind  nicht  erforderlich.
Die  Wasserrohrkessel  mit  gekrümmten  Rohren  sind  am  zahlreichsten  vertreten;  sie
zeichnen  sich  durch  hohe  Elastizität  und  schnelles  Anheizen,  sowie  geringe  Wassermenge
und  starken  Umlauf  des  Wassers  aus  und  kochen  dementsprechend  weniger  leicht  über.
Die  Mängel  bestehen  in  der  Hauptsache  in  der  schwierigen  Zugänglichkeit  und  Reinigung
bezw.  Konservierung  der  Rohre.  Die  Kessel  bestehen  im  allgemeinen  aus  ein  oder  zwei
IX  88
        <pb n="667" />
        698  Schiffbau:  Schiffsmaschinen.

Unterkesseln  und  einem  Oberkessel,  welche  durch  die  gekrümmten  Wasserrohre  sowie  durch
besondere  Abfallrohre  verbunden  sind.  Am  verbreitetsten  ist  der  neuere  Thornycroftkessel
  mit  einem  Unterkessel,  von  welchem  die  Wasserrohre  in  den  Dampfraum  des  Oberkessels ­
  geleitet  werden.  Die  Berbrennungskammern  sind  zu  beiden  Seiten  des  Unterkessels
angeordnet  und  nach  außen  durch  je  eine  Rohrreihe  von  dicht  an  dicht  liegenden
Wasserrohren  abgeschlossen,  welche  unten  in  ein  U-förmig  gebogenes  Wasserkammerrohr
eingedichtet  sind  und  oben  in  den  Dampfraum  des  Oberkessels  münden.  Zur  Trennung
des  Dampfes  von  dem  mitgerissenen  Wasser  sind  im  Oberkessel  vor  den  Mündungen
der  Wasserrohre  Winkelbleche  angeordnet.  Für  eine  gleichmäßige  Speisung  sorgt  ein
selbstthätiger  Speisewasserregler  mit  Schwimmer.
Neben  den  Hauptkesseln  wird  meist  auf  den  Handelsdampfern  ein  kleiner  Hilfskessel
—  Donkeykessel  —  aufgestellt,  welcher  im  Hafen  den  Dampf  für  die  Dampfwinden  und
die  elektrische  Beleuchtung  liefert,
so  daß  die  Hauptkessel  außer  Betrieb ­
  gesetzt  werden  können.
Der  Bau  der  Schiffskessel  erfolgt ­
  in  besonderer  Werkstatt,  der
sogenannten  Kesselschmiede.  Als
Material  für  Schiffskessel  verwendet ­
  man  vorzugsweise  Siemens-Martinstahl, ­
  und  zwar  ist
für  die  feuerberührten  Flächen
des  Kessels  weicher  Stahl,  für  die
Kesselmäntel  härteres  Material,
neuerdings  auch  Nickelstahl,  gebräuchlich. ­
  Die  Siederohre,  sowie
die  Rohre  derWasserrohrkesselsind
gezogenestählerneRohre.  Die  Bearbeitung
  des  Materials  erfolgt
teilweise  im  rotwarmen,  teilweise
im  kalten  Zustande.  Zum  Erhitzen
der  Bleche  dienen  Glühöfen  und
Schmiedefeuer.  Die  Bearbeitung
im  rotwarmcn  Zustand  erfolgt
für  die  Börtclungen.  Die  geschweißten ­
  und  gewellten  Flammrohre ­
  werden  meist  von  den
Hüttenwerken  fertig  geliefert.
Zur  Bearbeitung  im  kalten  Zustand  dienen  schwere  Blechwalzen,  meist  mit  vertikal
angeordneten  Walzen  zum  Biegen  des  Kesselmantels,  ferner  Kantenhobelmaschinen,  sowie
eine  große  Anzahl  von  Bohrmaschinen,  da  für  den  Kesselbau  alle  Nietlöcher  sauber  passend
gebohrt  werden  müssen.  Das  Bohren  der  Nietlöcher  erfolgt  bei  Überlappungen  meist  nach
dem  Zusammenpassen  der  Bleche  durch  beide  Blechdickeu  zugleich.  Man  verwendet  daher
vielfach  transportable  Bohrmaschinen  mit  beweglichen  Wellen  oder  mit  elektrischem  Antrieb.
Besondere  Sorgfalt  erfordert  die  Nietung  der  Kesselwändc,  und  im  besonderen  für  die
dicken  Mantelbleche  finden  hydraulische  Nietmaschinen  Verwendung.  Jedes  Niet  muß
sauber  gestemmt  werden,  und  es  ist,  um  ein  Dichthalten  der  Kessel  bei  hohen  Dampfspannungen ­
  zu  ermöglichen,  besondere  Sorgfalt  darauf  zu  verwenden,  daß  beim  Bohren
der  Nieilöcher  kein  Öl  verwendet  wird,  da  an  fettigen  Stellen  sich  kein  Rost  bilden  kann
und  dementsprechend  leicht  sich  Leckagen  zeigen.  Besondere  Sorgfalt  erfordert  bei  den
Cylinder-  und  Lokomotivkesseln  das  Einziehen  und  Eindrillen  der  Siederohre  in  den  Rohrwänden, ­
  sowie  die  Herstellung  der  Verankerungen  der  flachen  Wände  der  Rauchkammer
bezw.  Feuerbüchse.  Für  den  Bau  der  Wasserrohrkessel  sind  für  die  einzelnen  Kesseltypen
besondere  Werkzeugmaschinen  erforderlich  zum  Stauchen  und  Gewindeschneiden  der  Rohrenden ­
  bei  den  Bellevillekesseln,  zum  Biegen  der  Rohre  bei  den  Thornycroftkesseln.

a  Unterkessel,  b  Oberkessel,  c  Wasserrohre,  d  Wasserkammerrohr,
e  Rost,  f  Fallrohre.
        <pb n="668" />
        Die  verschiedenen  Systeme  der  Schiffsmaschinen.

699

Schiffsmaschine.
Die  verschiedenen  Systeme  der  Schiffsmaschinen  gliedern  sich  nach  der  Art  des  von
ihnen  betriebenen  Propellers  in  Schraubenschiffsmaschinen,  Räderschiffsmaschinen  und
Reaktionsmaschinen,  nach  Art  ihrer  Aufstellung  an  Bord  in  horizontale  oder  liegende
Maschinen,  vertikale  oder  Hammermaschinen  und  schrägliegende  Maschinen.
Die  liegenden  Maschinen  fanden  vorzugsweise  in  der  Kriegsmarine  als  Schraubenschiffsmaschinen ­
  Verwendung,  da  es  wünschenswert  ist,  die  Maschinenanlage  zum  Schutz
gegen  feindliche  Geschosse  unterhalb  der  Wasserlinie  anzuordnen.  Sie  werden  als  Expan-719.

  Liegende  Dampfmaschine.  Nach  „The  Engineer“,
a  Cylinder,  b  Kolben,  o  Kolbenstange.  &amp;lt;1  Kreuzkops,  e  Pleuelstange,  s  Welle,  g  Umsteuerung,
h  Kondensator,  i  Luftpumpe.

sionsmaschinen  mit  Einspritzkondensator,  neuerdings  fast  durchweg  als  Compoundmaschinen
von  zwei  oder  drei  Cylindern  mit  Oberflächenkondensator  konstruiert.  Die  direkt  wirkenden ­
  liegenden  Maschinen  verlangen  kurze  Pleuelstangen  und  geringen  Hub  des  Kolbens;
sie  sind  in  der  Konstruktion  einfach,  übersichtlich  und  leicht  zugänglich.  Die  Maschinen
mit  rückkehrender  Pleuelstange,  durch  Dnpuy  de  Lome  vorzugsweise  in  die  französische
Kriegsmarine  eingeführt,  lassen  größere  Pleuelstangenlänge  und  größeren  Hub  zu;  die
Anordnung  wird  jedoch  wegen  der  zwei  bis  vier  Kolbenstangen  pro  Cylinder,  der  ungünstig ­
  gelegenen  Gleitbahnen  kompliziert  und  unübersichtlich.  In  England  hat  daher
die  von  Penn  in  Greenwich  zuerst  erbaute  Trunkmaschine  allgemeinere  Anwendung
88*
        <pb n="669" />
        701

Die  verschiedenen  Systeme  der  Schisfsmaschinen.

gefunden;  bei  ihr  greift  die  Pleuelstange  direkt  an  den  in  der  hohlen  Kolbenstange,  dem
Trunk,  gelagerten  sogenannten  Trnnkzapfen  an,  so  daß  die  Breitenausdehnung  der
Maschine  fast  um  die  Länge  der  Kolbenstange  verkürzt  wird.  Wegen  der  ungünstigen
Lage  des  Trunkzapfenlagers  innerhalb  des  Cylinders  und  der  leichten  Gefahr  des  Warmlaufens ­
  dieses  Lagers  eignen  sich  die  Trunkmaschinen  nur  für  niedrige  Dampfspannungen,
und  daher  ist  die  Anordnung  der  Compoundmaschine  hierbei  ausgeschlossen.  Auch  ist
der  Arbeitsverlnst  durch  die  Reibung  der  Trunks  in  den  Packungen  der  Trunkstopfbüchsen
sowie  der  Wärmeverlust  an  den  Trunkflächen  bedeutend.
Mit  der  Steigerung  der  Dampfspannung  und  Einführung  der  dreifachen  Expansionsmaschine ­
  sowie  der  Anwendung  von  zwei  und  drei  Schrauben  zur  Fortbewegung  des
Schiffes  ist  man  auch  bei  den  Kriegsschiffen  allgemein  auf  die  Hammermaschinen  übergegangen ­
  wegen  der  geringen  Breitenausdehnung,  und  so  bildet  dieselbe  zur  Zeit  den

723.  Niidorschiffsmaschine.  Nach  „Zettschryt  des  Vereins  Deutscher  Ingenieure".
verbreitetsten  Typ  der  Schraubenschiffsmaschine.  Sie  gestattet  eine  bequeme  Zugänglichkeit
und  größere  Übersichtlichkeit  der  einzelnen  Teile;  die  einseitige  Abnutzung  des  Kolbens,
wie  bei  den  horizontalen  Maschinen,  ist  bei  dem  frei  schwebenden  Kolben  ausgeschlossen,
und  der  Raumbedarf  im  Schiff  ist  ein  geringerer.  Die  Hammermaschinen  werde»  in
der  Kriegsmarine  fast  durchweg  als  dreifache  Expansionsmaschinen,  in  der  Handelsmarine
als  dreifache  bezw.  als  vierfache  Expansionsmaschinen  ausgeführt  und  zeichnen  sich  wegen
der  drei  Kurbelanordnungen  durch  leichte  und  schnelle  Manövrierfähigkeit  sowie  durch
einen  ruhigen  Gang  der  Maschine  aus.
Die  verschiedenen  Anordnungen  der  Hammermaschine  bestehen  in  der  Verschiedenheit
der  Zahl  der  Cylinder  und  in  der  Art  ihrer  Anordnung.  Neben  der  Zweicylindercomponndmaschine
  findet  man  bei  größeren  Maschinen  Dreicylindermaschinen  mit  zwei
Niederdrnckcylindern  und  einem  Hochdrnckcylinder  zwischen  denselben.  Bei  den  dreifachen
Expansionsmaschinen  tvählt  man  die  Reihenfolge  der  Cylinder  meist  wie  folgt:  Hochdruck,
Mitteldrnck,  Niederdruck.  Erhält  man  bei  großen  Maschinenleistungen  Niederdruckcylinder,
welche  2,4  in  im  Durchmesser  übersteigen,  so  Pflegt  man  den  Niederdruckcylinder  in  zwei
Cylinder  zu  teilen  und  stellt  dieselben,  um  die  Kippmomente  der  Maschine  auszugleichen,
        <pb n="670" />
        702  Schiffbau:  Schiffsmaschinen.

an  die  Enden  der  Maschine  und'  den  Mitteldruck-  und  Hochdruckcylindcr  dazwischen.  Bei
der  vierfachen  Expansionsmaschine  ist  die  Gliederung  der  einzelnen  Cylinder  eine  weit
vielseitigere;  man  kann  dieselben  als  Tandemmaschine,  je  zwei  Cylinder  übereinander,
mit  zwei  um  90°  gegeneinander  versetzten  Kurbeln  herstellen,  ferner  als  Dreikurbelmaschine ­
  mit  dem  Hochdruckcylinder  auf  einem  der  anderen  Cylinder  oder  als  Vierkurbelmaschine, ­
  bei  welcher  für  je  einen  Cylinder  eine  Kurbel  vorgesehen  ist.
Die  Räderschiffsmaschinen  gliedern  sich  in  oscillierende,  schrägliegende  und
Balanciermaschinen.  Bei  den  oscillierenden  Maschinen  fehlt  die  Pleuelstange,  und  die
Kolbenstange  greift  direkt  an  die  Kurbelachse  an.  Die  Cylinder  schwingen  um  hohle  Schildzapfen, ­
  durch  welche  die  Dampfeinströmung  und  die  Dampfausströmung  erfolgt.  Man
führt  die  oscillierenden  Maschinen  meist  als  Compoundmaschinen  aus.  Man  verwendet
sie  vorzugsweise  auf  Passagierdampfern,  da  sie  am  wenigsten  Raum  beanspruchen.  Für
Schlepper  und  auf  Flußdampfern  mit  geringem  Tiefgang  ist  die  schrägliegende  Radmaschine ­
  gebräuchlich  als  Compound-  und  dreifache  Expansionsmaschine  konstruiert.  Die

724.  KchrÄgliegriidr  C»mpound-Uüderschiffv»iacchinc.  Nach  „Engineering".

Cylinder  liegen  geneigt  am  Schiffsboden,  und  die  Kolbenstangen  wirken  mittels  doppelt
gelagerter  Kreuzköpfe  und  verhältnismäßig  langer  Pleuelstangen  auf  die  oben  gelagerte
Kurbelwelle.  Die  Balanciermaschinen  mit  über  dem  Oberdeck  liegendem  Balancier  haben
sich  noch  heutigestags  auf  den  amerikanischen  Fluß-  und  Küstenraddampfern  erhalten.
Die  Reaktionsmaschiuen  haben  nur  eine  vorübergehende  Bedeutung  gewonnen.  Bei  denselben ­
  wird  Wasser  durch  im  Inneren  des  Schiffes  liegende  Pumpen  bezw.  Turbinen  angesaugt ­
  und  mit  gesteigerter  Geschwindigkeit  durch  zwei  an  den  Schiffsseiten  oberhalb
der  Wasserlinie  mündende  Ausstoßrohre  ausgeworfen.  Beim  Vorwärtsgang  sind  die
Ausflußöffnungen  nach  hinten,  beim  Rückwärtsgang  nach  vorn  gerichtet.  Die  mit  diesen
Maschinen  erzeugte  Wirkung  ist  nur  eine  geringe,  da  beim  Eintreten  des  Wassers  in  die
Rohrleitung,  durch  die  Reibung  desselben  an  den  Rohrwandungen  sowie  das  Mitschleppen
des  im  Schiff  befindlichen  Wassers  erhebliche  Kraftverluste  entstehen.  In  neuester  Zeit
ist  von  Zeuner  ein  Turbiuenpropeller  mit  Kontraktor  entworfen,  welcher  die  obigen
Mängel  teilweise  beseitigt  und  für  kleine  Flußschiffe  günstige  Resultate  ergeben  hat.
Die  Cylinder  der  Schiffsmaschiuen  werden  aus  Gußeisen  hergestellt  und  sind  in
der  Regel,  um  die  Abnutzung  derselben  durch  den  Kolben  zu  verhüten,  mit  Einsatzcylindern
aus  Stahl  für  den  Hochdruckcylinder  und  aus  härterem  Gußeisen  für  den  Mittel-  und
Niederdruckcyliuder  versehen.  Sie  werden  mit  der  Cylinderwandung  derartig  befestigt
        <pb n="671" />
        Die  verschiedenen  Teile  der  Schiffsmaschinen,

703

725.  Amerikanische  Nalanrirr-Nädrrschiffsniaschiur.  Nach  ..Engineering".
und  abgedichtet,  daß  der  Hohlraum  zwischen  ihnen  und  der  Cylindcrwandung  als  Dampfmantel ­
  mit  Dampf  gespeist  werden  kann.  Bis  vor  kurzem  lagerte  man  die  einzelnen
Cylinder  getrennt  auf  den  Maschinenständern  oder  Säulen  und  verstrebte  sie  nur  durch
Zugstangen  miteinander  und  mit  dem  Schiffskörper,  damit  sich  die  einzelnen  Cylinder
bei  den  wechselnden  Dampftemperaturen  selbständig  ausdehnen  und  zusammenziehen
konnten.  Die  Zwischenkammern  oder  Receiver  wurden  alsdann  als  gekrümmte  Dampfrohre ­
  ausgeführt.  Neuerdings  verschraubt  man  die  einzelnen  Cylinder  mit  den  gußeisernen ­
  Zwischenkammern  zu  einem  starren  Ganzen,  so  daß  sie  in  Verbindung  mit  der
Grundplatte  einen  soliden  Träger  darstellen,  welcher  die  Kippmomente  und  Vibrationen
der  einzelnen  Teile  aufnimmt.  Die  Dampfkolben  werden  entweder  aus  Stahlfa^onguß
oder  aus  geschmiedetem  Stahl  gefertigt,  die  Pleuelstangen  gleichfalls  aus  geschmiedetem
Stahl.  Für  Torpedobootsmaschinen  werden  sie  sogar,  zur  Gcwichtsersparnis,  hohl  gemacht.
        <pb n="672" />
        704  &amp;gt;  Schiffbau:  Schiffsmaschinen.
Die  Dampfverteilungsschieber  sind  beim  Hochdruck-  und  Mitteldruckcylinder
meist  Kolbenschieber,  beim  Niederdruckcylinder  Flachschieber.  Die  Anordnung  der
Dampfkanäle  ist  mit  Bezug  auf  die  Dampfgeschwindigkeit  und  Größe  der  schädlichen
Räume  von  großer  Wichtigkeit.  Die  Lage  der  Schieber  befindet  sich  entweder  zwischen
den  einzelnen  Cylindern  oder  seitlich  derselben  und  hängt  von  der  Art  der  Schiebersteuerung ­
  ab.  Die  erstere  Anordnung  findet  man  bei  der  Umsteuerung  von  Stephenson,
welche  bei  Schiffsmaschinen  am  verbreitetsten  ist.  Die  Umsteuerungen  mit  einem  Exzenter
von  Heusinger  von  Waldegg,  Klug,  Marshall  nebst  ihren  Abarten  beanspruchen  wegen
der  seitlichen  Lage  der  Schieber  weniger  Raum  für  die  Maschine  der  Länge  nach.  Die
Exzenter  werden  stets  mit  Weißmetall  ausgegoffeu,  um  ein  Warmlaufen  zu  verhindern.
Die  Bewegung  der  Steuerung  erfolgt  bei  größeren  Maschinen  durch  eine  besondere
Dampfmaschine,  die  Umstenerungsmaschine,  welche  meist  nach  dem  System  von  Brown
mit  hydraulischem  Sperrcylinder  konstruiert  ist.  Expansionsschieber  für  den  Hochdruckcylinder ­
  kommen  nur  selten  zur  Anwendung.

726.  Kurbclwelle  drs  KchnrNbmnpfcrs  „Kaiser  Miltzrim  brr  Grosze".
Die  Kurbelwelle  der  Schranbenschiffsmaschine  wird  meist  aus  geschmiedetem
Siemens-Martin-Stahl,  für  größere  Maschinen  aus  Tiegelstahl  gefertigt  und  wird  für
kleinere  Maschinen  aus  einem  Stück  geschmiedet;  bei  größeren  Maschinen  setzt  man  dieselben ­
  aus  zwei  bezw.  drei  gleichen  Teilen  zusammen,  und  die  Wellen  werden  meist  hohl
hergestellt,  indem  man  dieselben  nach  dem  Schmieden  ausbohrt.  Man  spart  hierdurch
an  Gewicht  und  hat  eine  Kontrolle  über  die  Beschaffenheit  des  Kernes  der  Welle.
Die  Kurbelwellen  für  Raddampfmaschinen  bestehen  meistens  aus  zwei  oder  drei  Teilen.
Bei  Flußdampfern  ist  vielfach  eine  Entkuppelungsvorrichtung  eingebaut,  um  die  Manövrierfähigkeit ­
  des  Schiffes  zu  erhöhen,  so  daß  jedes  Schaufelrad  selbständig  und  unabhängig
von  dem  anderen  vorwärts  oder  rückwärts  bewegt  werden  kann.  An  die  Kurbelwelle
der  Schraubenschiffsmaschine  schließt  sich  die  Drucklagerwelle  an,  welche  mit  Kämmen
versehen  ist,  die  im  Drucklager  laufen  und  den  Schub  der  Schraube  durch  die  Schiffswelle ­
  auf  das  Schiff  übertragen.  Die  Schiffswelle  besteht  aus  einzelnen  Wellenenden,
welche  im  Wellentunnel  in  entsprechenden  Traglagern  geführt  sind.  Die  hinterste  Kuppelung
ist  meist  eine  Muffenkuppelung,  um  das  hinterste  Wellenende,  die  sogenannte  Schaftwelle,
nach  hinten  durch  das  sogenannte  Stevenrohr  herausziehen  zu  können.  Die  Schaftwelle
ist  im  Stevenrohr  gelagert  und  trägt  am  hinteren  Ende,  fest  aufgekeilt,  die  Schraube.
        <pb n="673" />
        705

Die  verschiedenen  Teile  der  Schisfsmaschincn.  Propeller.

Besondere  Sorgfalt  erfordert  bei  Zweischraubenschiffen  der  Schutz  der  Schiffswellen  gegen
Anfressungen  im  Seewasser.  Man  versieht  sie  .gu  diesem  Zweck  neuerdings  mit  einem
Überzug  von  Hartgummi.
Der  Kondensator  wird  seit  Einführung  der  hohen  Dampfspannungen  und  der
Verwendung  mehrfacher  Expansionsmaschinen  vorzugsweise  als  Oberflächenkondensator
ausgeführt.  Ans  Flußdampfern  findet  vereinzelt  noch  der  Einspritzkondensator  Ber
Wendung.  Der  Oberflächenkondensator  wurde  1834  von  Samuel  Hall  erfunden,  nachdem ­
  bereits  im  Jahre  1829  John  Ericsson  in  Seraing  eine  Schiffsmaschine  mit  Oberflächenkondensation, ­
  soivie  mit  einem  Hochdruckkessel  mit  Unterwindgebläse  konstruiert  hatte.
Der  Kondensator  hat  die  Aufgabe,  den  Abdampf  aus  dem  Niederdruckcylinder  zu  kondensieren ­
  und  als  Wasser  niederzuschlagen.  Die  Kondensierung  erfolgt  durch  Kühlung  des
Dampfes  mittels  Seewaffers,  lvelches  durch  die  sogenannte  Zirkulationspumpe  derart
durch  den  Kondensator  getrieben  wird,  daß  es  von  dem  Dampf  durch  dünne,  metallene
Wandungen  getrennt  ist.  Diese  Wandungen  bestehen  aus  etwa  1  inin  dicken  messingenen
Rohren  von  20  nun  äußerem  Durchmesser,  welche  horizontal  liegend  an  den  Enden  in
bronzenen  Rohrplatten  gelagert  und  in  denselben  stopfbüchsenartig  gedichtet  sind.  Das
Kühlwasser  kommt  von  See  durch  das  Bodenventil  des  Saugrohres  der  Zirkulationspnmpe,
  wird  durch  letztere  durch  die  Rohre  des  Kondensators  getrieben  und  gelangt  durch
ein  zweites  Bodenventil  wieder  nach  außenbord.  Der  Dampf  kondensiert  sich  um  die
Rohre  und  wird  durch  die  Luftpumpe  in  den  Warmwasserraum  —  Lnstpumpendruckraum
  —  und  von  dort  durch  die  Kesselspeisepumpe  in  den  Kessel  gedrückt.  Die  Form
der  Kondensatoren  richtet  sich  nach  den  Raum-  und  Gewichtsverhältnissen.  Bei  den
Hammermaschinen  der  Handelsmarine  lvird  der  Kondensator  mit  den  Chlinderständern
zusammen  aus  Gußeisen  gefertigt,  während  für  Kriegsschiffe  derselbe  meist  in  Walzenform
aus  Bronze  bezlv.  Kupferblech  hergestellt  wird.  Die  Vorteile  der  Oberflächen-  gegenüber
der  Einspritzkondensation  bestehen  in  der  Hauptsache  darin,  daß  wegen  Abschluß  der
Luft  ein  größeres  Vakuum  erzielt  wird,  und  daß  das  kondensierte  Wasser  möglichst  rein
von  Salzen  ist,  so  daß  es  ohne  Schaden  für  den  Kessel  wieder  verwendet  werden  kann.
Infolge  der  Dampfverluste  in  der  Maschine  wird  freilich  nicht  alles  verdampfte  Wasser
wieder  gewonnen,  es  muß  daher  zum  Speisen  der  Kessel  Zusatzwasser  genommen  werden,
lvelches  neuerdings  in  besonderen  Destillierapparaten  oder  Verdampfern  gewonnen  wird,
um  jeglichen  Niederschlag  von  Stoffen  bezlv.  Salzen  auf  den  Kesselwandungen  zu  vermeiden. ­
  Neben  diesen  Speisewassererzeugern  sind  Speisewasservorwärmer  und  Speisewasserreiniger ­
  —  Apparate  verschiedenster  Konstruktion  —  für  Schiffsmaschinen  fast  unentbehrlich ­
  geworden.
Die  Luftpumpe,  sowie  die  Speise-,  Lenz-  und  Spülpumpen  werden  meist  von  der
Hauptmaschine  durch  Balancierantrieb  bewegt,  während  die  Zirknlationspumpe  stets
als  Kreiselpumpe  mit  eigener  Antriebsmaschine  versehen  ist.  Neuerdings  läßt  man  die
Luft-,  Lenz-  und  Spülpumpen  durch  eine  besondere  Maschine  antreiben,  während  die
Speisepumpen  als  selbständige  Dampfpumpen  nach  dem  System  von  Weir  oder  Blake
in  den  einzelnen  Kesselräumen  aufgestellt  werden.
Von  besonderer  Wichtigkeit  für  einen  sicheren  Maschinenbetrieb  ist  die  Anordnung
von  ausgiebigen  und  zum  Teil  selbstthätigen  Schmier-  und  Kühlvorrichtungen,  um  ein
Warmlaufen  der  vielen  Zapfen  und  Lager  zu  verhüten.
Propeller.
Die  zur  Zeit  für  Dampfschiffe  gebräuchlichen  Propulsionsmethoden  zur  Fortbelvegnng
des  Schiffes  beschränken  sich  in  der  Hauptsache  auf  Schaufelräder  und  Schrauben.  Die
Wirksamkeit  dieser  Treibapparate  besteht  in  der  Hauptsache  darin,  daß  beim  Vorwärtsgang ­
  des  Schiffes  der  von  dem  Propeller  nach  hinten  geworfenen  Wassermaffe  eine  gegenüber ­
  der  Schiffsgeschwindigkeit  beschleunigte  Bewegung  erteilt  lvird,  und  dementsprechend
bildet  die  hierdurch  entstehende  Rückwirkung  nach  vorn,  Reaktion,  die  Triebkraft  des  Schiffes.
Das  Schaufelrad,  welches  anfänglich  der  verbreitetste  Propeller  auch  für  Ozeandampfer ­
  war,  wird  jetzt  fast  ausschließlich  nur  für  flachgehende  Flußdampfer  und  auf
IX  89
        <pb n="674" />
        706  Schiffbau:  Schiffsmaschinen.

See  für  Postdampfer  auf  kurze  Strecken  verwendet,  da  die  Räder  an  Wirksamkeit  verlieren,
wenn  sie  in  bewegter  See  verschieden  eintauchen  und  bei  längeren  Reisen  die  Eintauchung
der  Schaufeln  nach  Verbrauch  der  Kohlen  geringer  wird.  Man  unterscheidet  Räder
mit  festen  und  solche  mit  beweglichen  Schaufeln.  Erstere  verwendet  man  vorzugsweise
für  Schlepper.  Ihr  Nutzeffekt  ist  wegen  der  flachen  Ein-  und  Austauchnng  der  Schaufeln
und  der  hierdurch  auftretenden  Erschütterungen  gering.  Für  Paffagierdampfer  bevorzugt
man  daher  Räder  mit  beweglichen  Schaufeln,  welche  an  den  Radarmen  drehbar  gelagert
sind  und  durch  Lenkstangen,  welche  an  einer  zur  Radwelle  exzentrisch  gelagerten  Scheibe
befestigt  sind,  derart  gestellt  werden,  daß  sie  während  des  Durchziehens  durch  das  Wasser
eine  steilere  Lage  annehmen.  Je  nach  der  Richtung  der  Schaufeln  beim  Wasserein-  und
-anstritt  entstanden  die  Räder  von  Buchanan,  Oldham  und  Morgan.
Die  Schiffsschraube  ist  zur  Zeit  der  wirksamste  Propeller  zum  Treiben  der
Schiffe,  da  der  von  derselben  nach  hinten  geworfene  Wafferstrom  den  größten  Querschnitt ­
  besitzt  und  die  Umdrehungsgeschwindigkeit  der  Schraube  leicht  gesteigert  werden
kann.  Während  die  Umdrehungszahl  der  Schaufelräder  nicht  über  50  gesteigert  werden
kann,  sind  Umdrehungen  der  Schraube  von
100  bis  300  nicht  selten.  Die  Schiffsschraube ­
  ist  gewissermaßen  eine  Druckschraube,
welche  durch  den  Druck,  den  die  Hintere
oder  Druckfläche  gegen  das  umgebende  Wasser
ausübt,  das  Schiff  nach  vorn  treibt.  Anfänglich ­
  bestand  die  Schraube  aus  einem
Blatt,  welches  die  Länge  eines  Schraubenganges ­
  von  großer  Steigung  hatte.  Da
jedoch  der  Raum  im  Hinterschiff  zur  Unterbringung ­
  der  Schraube  beschränkt  ist,  so
mußte  man,  um  die  nötige  Druckfläche  zu
,  vfr/r  ,'-&amp;gt;¡1//  |  erhalten,  den  Schraubengang  mehrgängig
machen,  um  sich  mit  einem  Bruchteil  des
^  Ganges  begnügen  zu  können.  Es  entstanden
so  die  zwei-  und  mehrflügeligen  Schrauben,
t,  Man  ging  mit  der  Zahl  der  Flügel  bis  zu
727.  Schrauürnproprllrr.  sechs,  doch  ist  man  zur  Zeit  bei  drei  und
a  Seitenansicht,  b  Hinteransicht.  vier  Flügeln  geblieben,  da  mehrflügelige
Schrauben  größere  Reibungs-  und  Verdrängungsarbeit  beanspruchen.  Die  Wirksamkeit
der  Schraube  ist  von  den  verschiedensten  Umständen,  der  Schiffsform,  der  Maschinenleistung ­
  und  der  Schraubenform  abhängig,  und  daher  lassen  sich  bestimmte  Regeln  zur
Bestimmung  der  Schraubenelemente  nicht  feststellen.  Die  Zahl  der  Schraubenformen
ist  eine  sehr  große,  doch  haben  sich  nur  wenige  in  der  Praxis  eingebürgert.  Sie  unterscheiden ­
  sich  in  der  Hauptsache  nach  der  Gestalt  der  Erzeugungslinie,  d.  h.  derjenigen
Seite  der  Querschnittsfigur  des  Schranbenganges,  welche  die  Druckfläche  erzeugt.  Die
gebräuchlichsten  Schranbenformen  zeigen  die  gewöhnliche  Schraube,  die  Griffithschraube,
die  Thornycroftschraube  und  die  Hirschschraube.
Die  Schrauben  werden  aus  Gußeisen,  Bronze  oder  geschmiedetem  Stahl  gefertigt.
Die  kleinen  Schrauben  werden  aus  einem  Stück  gegossen,  die  größeren  bestehen  aus
der  Schraubennabe,  auf  welcher  die  einzelnen  Schraubenflügel  mittels  Schrauben
und  Keile  befestigt  werden.  Für  Kreuzer  der  Kriegsmarine,  welche  längere  Strecken
unter  Segel  zurücklegen  sollen,  pflegt  man  eine  zweiflügelige  Schraube  in  einem  Heberahmen ­
  zu  lagern,  um  sie  beim  Segeln  in  den  Schraubenbrunnen  zu  heben  und  so
dem  störenden  Einfluß  des  Wassers  zu  entziehen.  Man  verwendet  auch  in  diesem
Falle  die  Bevisschraube,  deren  Schraubenflügel  mittels  einer  in  der  hohlen  Schaftwelle
gelagerten  Stange  derart  gedreht  werden  können,  daß  die  beiden  Schraubenflügel  fast
parallel  zur  Längsschiffsebene  stehen  und  dementsprechend  einen  geringen  Wasserwiderstand ­
  verursachen.
        <pb n="675" />
        Schaufelrad.  Schiffsschraube.

707

89

Da  sowohl  die  Schraube  als  auch  das  Schaufelrad  bei  der  Bewegung  die  Wasserteilchen ­
  nach  hinten  verschieben,  so  können  sie  nicht  in  gleichem  Maße  fortschreiten,  als
wenn  die  Schraube  in  einer  festen  Mutter,  oder  das  Schaufelrad  auf  einer  festen  Bahn
arbeitet.  Bei  jeder  Maschiuenumdrehnng  fällt  daher  der  Schiffsweg  kleiner  aus  als  der
Weg,  welcher  der  Schraubensteigung  bezw.  dem  Radumfang  entspricht.  Der  so  entstehende
Verlust  am  Fortschreiten  des  Schiffes  heißt  Rücklauf  oder  Slip.  Wurde  z.  B.  eine
Schraube  von  5  in  Steigung  und  einer  Umdrehungszahl  pro  Minute  von  80  einem
Schiff  eine  Geschwindigkeit
von  12  Knoten  verleihen,  so
wäre  der  theoretische  Weg  der
Schraube  in  Metern  pro  Stunde
gleich  5.80.60  —  24000  m.
Der  wirkliche  Weg  ist
jedoch,  da  ein  Knoten  =
1852  m  ist,  gleich  12.1852
—  22  224  in.  Es  ergibt  sich
demnach  ein  Verlust  von
24000  —  22224  =  1776  in.
Dieser  Verlust,  in  Prozenten
des  theoretischen  Weges  berechnet, ­
  ergibt  den  Slip  in
1776

Prozenten,  d.  h.  Slip  =
X  100  —  7,4  Prozent.

24000

-  ■»-  wo»“»  (¡fX  l
Der  Slip  der  Schraube
in  Prozenten  soll  bei  gut  proportionierten
  Schrauben  und  ^
normaler  Schiffsform  für
große  Schrauben  15%,  für
kleine  Schrauben  10  %  nicht
übersteigen.  Bei  Zweischraubenschiffen ­
  steigert  sich  der
Slip  bis  zu  20  und  25%.
Unter  5  %  Slip  deutet  im
allgemeinen  auf  ungünstige
Schraubenformen  oder  auf  ein
sehr  völliges  Hinterschiff.  In
vereinzelten  Fällen  ist  sogar
der  Slip  unterhalb  Null  geblieben ­
  ,  d.  h.  er  ist  negativ
ausgefallen.  Diese  anscheinend
paradoxe  Erscheinung  läßt  sich
dadurch  erklären,  daß  das
Schiff  bei  sehr  völligen  Hinterschiffsformen  einen  Wassersogg,  d.  h.  ein  lebhaftes  Nachströmen ­
  des  Wassers  erzeugt,  so  daß  die  Schraube,  wenn  sie  einen  positiven  Slip  aufweisen ­
  soll,  dem  zurückgeworfenen  Wasserteilchen  eine  Geschwindigkeit  erteilen  muß,
welche  größer  ist  als  die  Schiffsgeschwindigkeit  plus  Wassersogg.  Ein  negativer  Slip  ist
daher  immer  ein  Zeichen  einer  sehr  ungünstigen  Schiffsform.  Bei  Schaufelrädern  ist
der  Slip  in  Prozenten  größer  und  beträgt  derselbe  bei  Rädern  mit  festen  Schaufeln
15  bis  30%,  bei  solchen  mit  beweglichen  Schaufeln  12  bis  20%.  Ein  negativer  Slip
ist  bei  Rädern  niemals  beobachtet  worden.

728.  Aweiflügelize  Schraube.
Nach  „The  Engineer“,
        <pb n="676" />
        708

Schiffbau.

Marine-Artillerie.
Die  Verwendung  von  Geschützen  an  Bord  der  Kriegsschiffe  reicht  bis  in  den  Anfang
des  14.  Jahrhunderts  zurück.  Man  verwendete  glatte  Geschützrohre,  welche  teilweise  ans
Bronze,  teilweise  aus  Gußeisen  gefertigt  waren  und  welche  Steiukngeln  oder  gußeiserne
Vollkugeln  schleuderten.  Anfänglich  zeigte  sich  das  Bestreben,  das  Kaliber  der  Rohre
groß  zu  wählen,  um  möglichst  schwere  Kugeln  schleudern  zu  können,  und  man  steigerte
die  Vollkugeln  bis  zu  einem  Getvicht  von  800  Pfund.  Später  ging  man  zu  kleineren
Kalibern  über  und  suchte  die  Handhabung  des  Geschützes  zu  erleichtern  und  die  Genauigkeit
des  Zielens  sowie  die  Schußweite  zu  vergrößern,  und  so  kam  man  gegen  Ende  des
18.  Jahrhunderts  zu  Geschützen,  welche  Kugeln  von  je  18,  24,  32  und  42  Pfund  Gewicht
auf  etwa  2000  Schritt  schossen.  Die  „Victory",  das  berühmte  englische  Linienschiff  und
Flaggschiff  Nelsons,  führte  eine  Geschützarmierung  von  dreißig  42-Pfündern  und
32-Pfündern,  dreißig  24-Pfündern,  vierzig  12-Pfündern  sowie  zwei  68-Pfündigen  Karronaden.
  Diese  große
Anzahl  von  Geschützen
fand  ans  den  Linienschiffen ­
  auf  den  einzelnen ­
  Decks  in  der
Breitseite  Aufstellung.
Die  Rohre  waren  auf
hölzernen  Lafetten
oder  Raperten  gelagert, ­
  welche  aus
zwei  starken  eichenen
Bohlen  bestanden,  die
vorn  und  hinten  durch
entsprechende  Querhölzer ­
  verbunden
waren.  Die  Lafette
wurde  auf  hölzernen,
niedrigen  Blockrädern
729.  Batterie  eines  iitteren  Kriegsschiffes.  bewegt.  Das  Rohr
lagerte  mit  seinen
Schildzapfen  in  entsprechenden  Auskehlungen  der  Lafettenwände.  Die  Höhenrichtung  der
Geschütze  erfolgte  mittels  Handspaken,  mit  welchen  oas  Bodenstück  des  Rohres,  das  stets
mit  Hintergewicht  gelagert  war,  gehoben  wurde,  um  hölzerne  Richtkeile  unterschieben
zu  können.  Mit  denselben  Handspaken  sowie  unter  Benutzung  von  Seitentaljen  wurde
die  geringe  Seitenrichtung  des  Geschützes,  d.  h.  das  Schtvenken  der  Lafette  bewirkt.  Der
Rücklauf  der  Lafette  beim  Schuß  wurde  teilweise  durch  die  Decksbucht,  teilweise  durch  die
Reibung  der  sehr  starken  Achsen  der  Blockräder  gehemmt.  Später  trat  das  Brovktau
hinzu,  welches  die  Radlasette  mit  der  Schiffswand  verband  und  dessen  Elastizität  den
Rückstoß  milderte.  Die  Länge  desselben  wurde  so  bemessen,  daß  nach  dem  Rücklauf  des
Geschützes  seine  Mündung  etwa  2  Fuß  von  der  Bordwand  abstand,  um  das  Rohr  von
neuem  laden  zu  können.  Hierbei  wurde  die  Lafette  durch  die  Einholtalje  festgehalten.
Nach  dem  Laden  mußte  die  Lafette  durch  die  Ausrenntaljen  dicht  an  die  Bordwand  gezogen ­
  werden,  um  die  Geschützmündung  zur  Geschützpsorte  hinauszubringen.
Die  Bedienung  dieser  primitiven  Lafetten,  welche  für  die  damaligen  glatten  Rohre
mit  geringer  Ladung  und  mangelhafter  Schußgenauigkeit  auf  tveitere  Entfernungen
genügten,  erforderte  jedoch  eine  zahlreiche  Bedienungsmannschaft,  welche  sich  z.  B.  für  die
82-Pfünder  auf  14  Mann  pro  Geschütz  belief.  Da  in  der  Regel  in  jedem  Deck  ans
jeder  Schiffsseite  mindestens  15  Geschütze  aufgestellt  tvaren,  so  ergab  sich  für  eine  Bordseite ­
  eine  Bedienungsmannschaft  von  210  Mann  für  jedes  Deck.  Mußten  die  Geschütze
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        709

Entwickelung  bcr  Schiffsgcjchiitze.

auf  beiden  Bordseiten  besetzt  werden,  so  standen  pro  Geschütz  nur  7  Mann  zur  Verfügung.
Die  einzelnen  Geschützdecks  waren  hiernach  mit  Mannschaften  überfüllt,  und  es  ist  daher
nicht  überraschend,  wenn  mit  einer  Lage  der  Breitseitgeschütze,  wie  in  der  Schlacht  bei
Trafalgar  auf  dem  spanischen  Dreidecker  „Lautn  Ana“  400  Mann  außer  Gefecht  gesetzt
wurden.  Diese  verheerende  Wirkung  der  Vollkugeln  einer  Breitseite  beschränkte  sich  jedoch
in  der  Hauptsache  darauf,  eine  große  Zahl  Mannschaften  kampfunfähig  zu  machen  und
die  feindlichen  Geschütze  außer  Gefecht  zu  setzen;  auch  wurden  durch  die  Vollkngeln  die
über  Wasser  liegenden  Teile  des  Schiffsrumpfes  durchschlagen  und  teilweise  die  Masten
und  Teile  der  Takelage  zu  Fall  gebracht.  Eine  Gefahr  für  das  Schiff  und  seine  Schwimmfähigkeit ­
  entstand  jedoch  selten.
Erst  die  Erfindung  der  Bombenkanone  durch  den  französischen  Oberst  Paixhans
im  Jahre  1822,  welche  eiserne  Hohlkugeln  von  20  bis  25  ein  Durchmesser  schoß,  die  in
ihrem  Hohlraum  etwas  über  1  kg  Pulver  enthielten,  wurde  den  hölzernen  Linienschiffen
verhängnisvoll.  Diese  Bomben  oder  Granaten  rissen,  wenn  sie  den  Schiffsrumpf  in  der
Nähe  der  Wasserlinie  trafen  und  dann  krepierten,  gewaltige  unregelmäßige  Löcher  in  die
Schiffswand,  welche  sich  nur  selten  verstopfen  ließen  und  demnach  ein  Sinken  des  Schiffes
zur  Folge  hatten.  Auch  verursachten  die  krepierten  Granaten  einen  Brand  im  Inneren
des  Schiffes,  welcher  meist  verhängnisvolle  Folgen  hatte.  Diese  Wirkung  der  Bomben
oder  Granaten  zeigte  sich  zuerst  im  Jahre  1849  in  dem  Gefecht  von  Eckernförde,  in
welchem  durch  sechs  nassauische  Geschütze  ein  dänisches  Linienschiff  und  eine  dänische
Fregatte  kampfunfähig  gemacht  wurden.  Doch  erst  die  Vernichtung  der  türkischen  Flotte
bei  Sinope  im  Jahre  1853  durch  die  russischen  Granaten,  welchen  die  Türken  nur  gewöhnliche ­
  Kugeln  entgegenzusetzen  hatten,  sowie  die  bedeutenden  Schäden,  welche  die
verbündete  englisch-französische  Flotte  im  Krimkriege  durch  die  Granaten  der  russischen
Strandbatterien  zu  erleiden  hatte,  veranlaßte  die  Verbündeten  zum  Bau  gepanzerter,
schwimmender  Batterien,  von  denen  die  französischen  noch  bei  der  Beschießung  von  Kinburn
im  Oktober  1855  mit  Erfolg  in  Thätigkeit  traten.  Die  Voll-  und  Hohlgeschosse,  welche
die  Russen  auf  diese  Batterien  abfeuerten,  zerschellten  an  den  110  mm  starken  eisernen
Schiffswänden  und  blieben  wirkungslos.  Diese  Erfolge  der  gepanzerten  Batterien  führten
dann  in  Frankreich  1858  und  bald  darauf  in  England  1861  zum  Bau  von  seefähigen
Panzerschiffen,  und  nun  entwickelte  sich  zwischen  Schiffsgeschütz  und  Panzer  ein  heftiger
Kamps,  welcher  in  Zukunft  die  Grundlage  bilden  sollte  für  die  weitere  Entwickelung  der
Schiffsartillerie.
Um  die  Durchschlagskraft  der  Geschütze  zur  Durchdringung  des  Panzers  zu  erhöhen,
ging  man  alsbald  zum  Bau  von  gezogenen  Rohren  über,  welche  Langgeschosse
feuerten,  die  sich  zur  Bekämpfung  des  Panzers  besser  eigneten.  Der  von  den  Amerikanern
anfänglich  verfolgte  Grundsatz,  den  Panzer  durch  das  Anftrcffen  möglichst  schwerer  Rundgeschosse,
  die  ans  glatten  gußeisernen  Rohren  unter  Anwendung  großer  Ladungen  grobkörnigen ­
  Pulvers  gefeuert  wurden,  zu  erschüttern  und  dementsprechend  zu  Bruch  zu
bringen,  fand  keine  Nachahmung  und  wurde  auch  später  von  den  Amerikanern  aufgegeben.
Es  wurden  zu  diesem  Zweck  von  Rodman  Geschütze  bis  zu  50  ran  Kaliber  und  57  t  Rohrgewicht ­
  gegossen,  welche  bei  50  kg  Ladung  ein  Geschoß  von  500  kg  feuerten.
Die  Franzosen  begannen  zuerst  mit  dem  Bau  gezogener  Geschützrohre,  indem  sie  die
alten  gußeisernen  Rohre  mit  Zügen  versahen,  durch  schmiedeeiserne  Ringe  verstärkten  und
de»  in  Amerika  erprobten  Schraubenverschluß  annahmen.  Später  wurden  die  alten  gußeisernen ­
  Rohre  innen  durch  ein  stählernes  Seelenrohr,  sowie  außen  durch  stählerne  Beringungen ­
  verstärkt,  da  das  Gußeisen  sich  für  die  Züge  zu  weich  zeigte  und  man  Bedacht
nehmen  mußte,  das  gußeiserne  Rohr  von  dem  plötzlich  auftretenden  Gasdruck  zu  entlasten.
Auch  zeigten  die  gußeisernen  Rohre  meist  von  den  Schildzapfen  nach  hinten  Riffe.
Die  Engländer  setzten  diesen  Rohren  das  Lancaster-Geschütz  mit  glatter,  aber
spiralförmig  gewundener  Bohrung  von  elliptischem  Querschnitt  entgegen,  und  bald  folgte
Armstrong  mit  seinem  gezogenen  Hinterladegeschütz  mit  Bleimantelgeschossen.  Dasselbe
bestand  ans  einem  gußstählernen  Kernrohr  —  A-Rohr  —  welches  hinten  durch  ein  massiv
geschmiedetes  Hinterstück,  vorn  durch  das  L-Rohr  und  in  der  Mitte  sowie  um  das  Hinter-
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        710  Schiffbau.
stück  durch  schmiedeeiserne  Coils,  alle  Teile  warm  aufgezogen,  verstärkt  wurde.  Die
Coils  wurden  aus  schmiedeeisernen  Barren  von  trapezförmigem  Querschnitt  erzeugt,
welche  mit  der  schmalen  Seite  in  warmem  Zustande  über  einen  Dorn  spiralförmig  ausgewickelt ­
  und  dann  zu  einem  Hohlcylinder  zusammengeschweißt  wurden.  Die  Faser  der
Barren  war  dementsprechend  zur  Aufnahme  des  inneren  Drucks  in  tangentialer  Richtung
gelagert.  Um  die  Herstellungskosten  zu  vermindern,  wurden  dann  die  Rohre  nach  Frasers
Vorschlag  hergestellt,  das  Hinterstück  auch  nach  dem  Coil-Prinzip,  jedoch  entsprechend
der  größeren  Stärke  aus  zwei-  bezw.  dreifach  übereinander  gerollten  Coils  und  die  ^,-Röhre
entweder  nur  durch  das  Hinterstück  und  das'  L-Rohr  oder  noch  durch  einen  stärkeren
Coil  verstärkt.

780.  Geschützrohre.  Nach  „Engineering".
a  34cm  Canet,  b  Woolwich,  c  34cm  de  Bange,  d  Armstrong,  e  40cm  Krupp,  f  34cm  franz.  Schtffskanone  1881.

In  Preußen  ging  Friedrich  Krupp  mit  dem  Bau  von  gezogenen  Hinterladern  aus
Tiegelstahl  vor.  Sie  bestanden  aus  stählernen  Kernrohren  mit  stählernen  Ringen  und
feuerten  Geschosse  mit  Pressionsführung.  Als  Verschluß  diente  anfänglich  der  Kolbenverschluß. ­
  Die  Kruppschen  Geschütze  erreichten  im  besonderen  infolge  des  vorzüglichen
Tiegelstahls  sehr  balb  eine  solche  Überlegenheit  gegenüber  den  Fabrikaten  anderer  Nationen,
daß  Krupp  eine  Zeitlang  ohne  Nebenbuhler  dastand.  Die  Engländer  sowohl  als  die
Franzosen  kauften  in  den  6Oer  Jahren  einige  Rohre  zu  Versuchen  an,  und  diese  wurden
den  schärfsten  Prüfungen  unterworfen,  ohne  daß  das  Material  Schäden  und  Risse  zeigte.
Whitworth  in  England  steigerte  dann  den  Wettbewerb  zur  Herstellung  dauerhafter  und
solider  Geschützrohre  mit  Stahlrohren  aus  flüssigem  komprimierten  Stahl.  Auch  trat  schon
im  Jahre  I860  Longridge  mit  seinen  Versuchen  mit  Rohren  hervor,  welche  durch  eine
Drahtnmwickelnng  verstärkt  waren  und  welche  erst  in  dem  letzten  Jahrzehnt  zum  Bau
der  modernen  englischen  Schnellfeuergeschütze  geführt  haben.
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        Marine-Artillerie:  Gezogene  Geschütze.  711
In  Frankreich,  welches  am  längsten  an  dem  Gußeisen  als  Geschützmaterial  festhielt,
begann  man  erst  im  Jahre  1874  mit  dem  Bau  stählerner  Rohre  aus  Siemens-Martin-Stahl.
  Die  erste  Stahlkanone,  welche  ans  französischem  Stahl  —  St.  Chamond  —
gefertigt  war,  war  die  „Marie  Jeanne"  von  24  cm  Bohrung,  welche  während  der  Belagerung ­
  von  Paris  im  Fort  Mont  Valerien  von  so  großer  Bedeutung  wurde.
Die  Unsicherheit  des  ersten  Armstrongschen  Htnterladeverschlusses  veranlaßte  sehr
bald  die  Engländer,  zu  den  Borderladegeschützen  zurückzukehren,  trotz  der  Vorzüge  des
Hinterladesystems  mit  Bezug  auf  Treffsicherheit  und  schnelle  Geschützbedienung.  Erst  die
stete  Zunahme  der  Rohrlängen  zur  Erhöhung  der  Anfangsgeschwindigkeit  der  Geschosse,
durch  welche  das  Vorderladesystem  an  Bord  der  Schiffe  schließlich  unmöglich  wurde,
brachte  die  Engländer  im  Jahre  1880  wieder  auf  die  Hinterlader  zurück.  Und  so
sehen  wir,  daß  Krupp  mit  seiner  Geschützkonstruktion  von  Anfang  an  bahnbrechend
vorging,  nicht  nur  mit  Bezug  auf  das  Geschützmaterial,  sondern  auch  wegen  seines
beharrlichen  Festhaltens  am  Hinterladesystem.  Nachdem  der  Stahl  allgemein  als  Geschützmaterial ­
  sich  eingebürgert  hatte,  bildet  in  der  Hauptsache  die  Konstruktion  des  Verschlusses ­
  das  wesentliche  Unterscheidungsmerkmal  in  den  Geschützsystemen  der  Kriegsmarinen. ­

Neben  der  Einführung  der  gezogenen  Geschütze  kennzeichnet  sich  nun  der  Kampf
zwischen  Geschütz  und  Panzer  anfänglich  darin,  daß  man  alsbald  bestrebt  war,  das
Kaliber  des  Geschützes  und  hiermit  das  Gewicht  des  Geschosses  zu  vergrößern,  um  die
Aufschlagskraft  des  Geschosses,  d.  h.  die  Energie  oder  die  lebendige  Kraft  desselben  zu
steigern,  da  die  schon  mehrfach  beringten  Rohrwandungen  eine  Erhöhung  des  Gasdrucks
nicht  mehr  zuließen.  Auch  wurde  für  die  Panzergeschosse  ein  härteres  Material  —  Stahl
und  sogenannter  Hartguß  —  sowie  Granaten  eingeführt,  deren  Sprengladung  ohne
Zünder  durch  den  gewaltigen  Stoß,  welchen  das  Geschoß  beim  Auftreffen  auf  die
Panzerung  erleidet,  und  die  hierdurch  auftretende  Erwärmung  entzündet  wurde.  Es
entstanden  auf  diese  Weise  im  besonderen  in  England  und  Italien  die  gewaltigen  Riesengeschütze ­
  von  100  bis  120  t  Rohrgewicht,  welche  Geschosse  bis  zu  1000  kg  Gewicht
feuerten,  deren  Bedienung  nicht  allein  umständlich  und  langsam  &amp;gt;var,  sondern  welche  auch
schon  nach  wenigen  scharfen  Schüssen  derartige  Verbiegungen  im  langen  Felde  zeigten,
daß  ein  weiteres  Schießen  mit  diesen  Geschützen  eingestellt  werden  mußte.  Die  Franzosen
begnügten  sich  mit  Rohren  von  34  cm  Kaliber,  während  man  in  Deutschland  schon  im
Jahre  1875  der  Ansicht  war,  daß  mit  Bezug  auf  die  Geschützbedienung  und  die  Dauerhaftigkeit ­
  des  Rohres  ein  Hinausgehen  über  das  Kaliber  von  28  ein  nicht  wünschenswert ­
  sei.
Doch  erst  durch  die  Einführung  des  langsam  verbrennenden  grobkörnigen  und  des
prismatischen  Pulvers  fand  man  ein  wichtiges  Mittel,  die  Anfangsgeschwindigkeit  der
Geschosse  ohne  Erhöhung  des  Gasdrucks  zu  steigern,  indem  man  die  Rohre  verlängerte
und  den  Gasdruck  auf  das  Geschoß  bis  zum  Verlassen  der  Rohrmündung  ausnutzte.  Es
brachte  das  langsam  brennende  Pulver  den  weiteren  Vorteil  mit  sich,  daß  das  Geschoß
mit  einem  Teil  der  entwickelten  Pulvergase  verhältnismäßig  weich  in  die  Züge  des  Rohres
eingepreßt  wurde  und  durch  die  weitere  Verbrennung  des  Pulvers  eine  immer  beschleunigtere ­
  Geschwindigkeit  erhielt.  Auch  konnte  auf  diese  Weise  der  Drall  nach  der
Mündung  zu  progressiv  verstärkt  werden,  so  daß  dem  Geschoß  mit  zunehmender  Geschwindigkeit ­
  gleichzeitig  eine  schnellere  Drehung  um  seine  Achse  erteilt  wurde,  was  eine
erhöhte  Treffsicherheit  zur  Folge  hatte.  Der  Erfolg  dieses  Grundsatzes  zeigt  sich  z.  B.  darin,
daß  das  160  lex  schwere  Geschoß  eines  40  Kaliber  langen  24  cm-Geschützes,  Länge  des
Rohres  9,6  m,  eine  größere  Durchschlagskraft  besitzt,  als  ein  525  kg  schweres  Geschoß
eines  25  Kaliber  langen  35,5  cm-Geschützes,  Länge  des  Rohres  8,8s  m.
Man  stieg  so  allmählich  von  15  bis  20  Kaliber  langen  Rohren  auf  35  bis
45  Kaliberlänge.  Doch  auch  mit  der  Verlängerung  der  Geschützrohre  ist  eine  Grenze
vorhanden,  da  einesteils  die  langen  Rohre  leichter  durchbiegen,  anderenteils  die  Züge
durch  die  längere  Wirkung  der  Pnlvergase  mehr  leiden  und  leichter  Anfressungen  erhalten.
Man  ist  daher  im  allgemeinen  über  40  Kaliber  lange  Rohre  nicht  hinausgegangen.
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        712

Schiffbau.

Mit  Bezug  auf  die  Rohrläuge  der  Geschütze  und  die  hierdurch  bedingte  Flugbahn
des  Geschosses  unterscheidet  man  Kanonen,  Haubitzen  und  Mörser.  Die  Kanone»  haben
eine  Rohrlänge  von  15  bis  45  Kaliber  und  wirken  gegen  ungedeckte  aufrecht  stehende
Ziele;  sie  besitzen  eine  flache,  gestreckte  Flugbahn,  starke  Ladung  und  große  Geschoßgeschwindigkeit
  und  bilden  fast  ausnahmslos  die  Armierung  der  Kriegsschiffe  gegen  gepanzerte ­
  sowie  ungepanzerte  Ziele.  Die  Mörser,  bestehend  aus  6  bis  8  Kaliber  langen
Rohren,  mit  steiler  Flugbahn,  großer  Elevation  und  kleiner  Ladung,  dienen  für  horizontale
meist  hinter  Deckungen  befindliche  Ziele,  sie  haben  auf  Schiffen  nur  vereinzelt  Verwendung
gefunden.  Die  Haubitzen,  welche  mit  Bezug  auf  die  Kaliberlänge  zwischen  Kanone
und  Mörser  rangieren,  finden  vorzugsweise  für  lebende  Ziele  Verwendung  und  sind
daher  nur  für  den  Festungskrieg  von  Wert.
Die  Geschützrohre  gliedern  sich  dem  Äußeren  nach  in  das  Verschluß-  oder  Bodenstück,
das  Ring-  oder  Mittelstück,  und  den  Konus  oder  das  lauge  Feld.  Das  Verschlußstück
nimmt  den  Verschluß  auf;  bei  den  Vorderladungsrohren  ist  das  Bvdenstück  durch  die
Bodenschraube  abgeschlossen  und  mit  einem  Ansatz,  der  sogenannten  Traube,  versehen.
Das  Ringstück  besteht  aus  dein  mittleren,  meist  mit  Ringen  verstärkten  Teil  des  Rohres
und  enthält  den  Schildzapfenring.  Das  lange  Feld  schließt  sich  an  das  Ringstück  an  und
wird  vorn  durch  die  Mündnngsfläche  begrenzt.
Die  Bohrung  des  Geschützrohres,  die  Seele  genannt,  dient  zur  Aufnahme  des  Geschosses ­
  und  der  Ladung  und  gibt  dem  ersteren  Drehung  und  Richtung.  Ihre  Mittellinie
heißt  die  Seelenachse,  die  Seelenweite  das  Kaliber  des
Geschützes  und  die  seitlichen  Rohrwände  heißen  Seelenwände; ­
  der  Hintere  Abschluß  wird  Seelenboden  genannt.
Ist  derselbe  mit  dem  Rohrkörper  fest  verbunden,  so  daß
ein  Laden  nur  von  der  Geschützmündung  d.  h.  von  vorn
aus  erfolgen  kann,  so  nennt  man  das  Geschütz  einen
Vorderlader.  Erhält  der  Seelenboden  einen  beweglichen
781.  Kruppsch«  Zugform.  Verschluß,  um  das  Rohr  von  hinten  laden  zu  können,
so  hat  man  es  mit  einem  Hinterladegeschntz  zu  thun.  Die
Seele  zerfällt  in  den  gezogenen  Teil  und  den  glatten  Ladnngsraum,  welche  durch  den
Übergangskonns  verbunden  sind.  Der  gezogene  Teil  enthält  die  in  die  Seelenwände
mit  Drall  eingeschnittenen  Züge,  welche  dem  Geschoß  mit  Hilfe  der  Geschoßführung  die
erforderliche  Drehung  geben.  Diese  schnelle  Rotation  der  Lauggeschosse  um  ihre  Längsachse ­
  ist  erforderlich,  um  dem  Geschoß  eine  genügende  Stabilität  zu  geben.  Denn  ohne
solche  Drehung  würde  das  Geschoß  durch  den  Luftwiderstand,  welcher  geneigt  zur
Geschoßachse  wirkt  und  mit  der  Resultante  aus  Geschoßgeschwindigkeit  und  Fallbeschleunigung ­
  nicht  zusammenfällt,  sich  überschlagen.
Die  Form  und  die  Abmessungen  der  Zuge  hängen  wesentlich  von  der  Geschoßkonstruktion ­
  und  der  Ladeweise  ab.  Die  früher  üblichen  Vorderlader  verlangten  Spielranmgeschosse
  mit  Warzenführung  und  Expansionsführungsringen,  da  dieselben  durch  den
gezogenen  Teil  eingebracht  werden  mußten.  Ihre  Führung  war  daher  keine  sehr  genaue,
und  die  Treffsicherheit  der  Vorderlader  stand  daher  den  Hinterladegeschützen  erheblich
nach.  Letztere  verwenden  Geschosse  mit  Pressionsführung.  Dieselben  besitzen  von  Anfang
an  keine  Führungsleisten,  erst  durch  das  Einschneiden  der  weichen  Führung  in  die  Felder
der  Züge  entstehen  die  Leisten,  welche  die  Drehung  der  Geschosse  veranlassen.  Als
Führungsmaterial  dient  ein  in  der  Nähe  des  Bodens  eingepaßter  kupferner  Ring  von
konischer  Form  mit  hinterem  Wulst.  Um  die  Bildung  der  Geschvßleisten  auf  dem  kupfernen
Führnngsring  zu  erleichtern,  gibt  man  den  Zügen  der  Seelenwandung  schmale  Felder
und  geringe  Zugtiese.  Abb.  731  gibt  die  Kruppsche  Zugform  wieder,  welche  sich  am
besten  bewährt  hat.  Der  Drall  der  Züge,  d.  h.  die  Windung  derselben  um  die  Seelenachse, ­
  ist  entweder  konstant  oder  nimmt  allmählich  zu.  Der  zunehmende  Drall,  welcher
den  Vorteil  hat,  daß  der  Druck  auf  die  Geschoßleisten  kleiner  ist  und  demnach  die  Züge
weniger  stark  beansprucht  werden,  ivird  meist  im  Hinteren  Teil  der  Seele  angewendet  und
geht  dann  auf  halber  Rvhrlänge  in  den  konstanten  Drall  über.
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        713

Marine-Artillerie:  Rohrkonstruktion  der  Geschütze.

Der  Ladungsraulii  der  Geschützbohrung  nimmt  das  Geschoß  und  die  Pulverladung
mit  entsprechendem  Spielraum  auf  und  ist  entweder  cylindrisch  oder  konisch  geformt;  im
letzteren  Fall  geht  er  direkt  in  den  gezogenen  Teil  des  Rohres  über,  im  ersteren  ist  der
Übergangskonus  eingeschaltet.  Er  gliedert  sich  in  den  vorderen,  engeren  Geschoßranm
und  den  Hinteren,  weiteren  Kartuschraum.  Der  Geschoßraum  erhält  bei  der  Kupferführung
meist  flache  Züge  und  Ivird  durch  den  Führungsring  des  Geschosses  beim  Laden  vom
Verbrennungsraum  möglichst  gasdicht  abgeschlossen.
Die  Rohrkonstruktiou  der  Schiffsgeschütze  ist  durchweg  eine  künstliche  Metallkvnstruktion,
  da  ein  massives  Rohr  nicht  im  stände  sein  würde,  den  gewaltigen  Druck  der  Pulvergase ­
  von  2000  Atmosphären  und  mehr  auszuhalten.  Denn  die  inneren  Schichten  der
Rohrwandung  erfahren  bei  dem  plötzlich  auftretenden  Gasdruck  eine  größere  Beanspruchung

732.  Bauweise  der  Kchnrllfeurrkanmien.
a  Kcrnrohr,  b  Kernrohr  und  Hinterst««.  °  Kernrohr,  Hinterstück  und  8-Rohr,  d  Kernrohr  mit  einer  Ringlagc,
e  Kernrohr  mit  3  N-Rohrcn,  s  Kernrohr  mit  2  Ringlagen,  g  fertiges  Rohr.

und  stärkere  Ausdehnung  als  die  äußeren  Teile  des  Rohres,  und  eine  Vergrößerung  der
Wandstärke  des  Rohres  allein  hat  keine  nennenswerte  Zunahme  der  Widerstandsfähigkeit
des  Rohres  zur  Folge.  Um  nun  die  inneren  Schichten  der  Rohrwandung  zur  Aufnahme
des  hohen  Gasdruckes  fähig  zu  machen,  sucht  man  das  Seelenrohr  durch  einen  bedeutenden ­
  Druck  von  außen  gewissermaßen  unter  Druckspannung  zu  versetzen,  welche  dann  bei
dem  plötzlich  auftretenden  Gasdruck  erst  bewältigt  werden  muß,  ehe  die  Wandung  des
Seelenrohres  auf  Zug  beansprucht  werden  kann.  Man  erreicht  dies  durch  Aufziehen  von
warmen  Ringen  auf  das  Kernrohr.  Durch  das  beim  Erkalten  der  Ringe  entstehende
Schrumpfmaß  entsteht  dann  ein  Druck  auf  die  Wandung  des  Kernrohres,  welcher  durch
Rechnung  genau  vorher  bestimmt  werden  kann.  Setzt  man  nun  diese  Banweise  durch
Aufziehen  weiterer  Ringe  derart  fort,  daß  jeder  äußere  Ring  auf  den  inneren  einen  bestimmten ­
  Druck  ausübt,  so  kann  man  die  Widerstandsfähigkeit  des  gebauten  Rohres  bedeutend ­
  steigern,  da  durch  diese  Anordnung  die  Beanspruchung  der  einzelnen  Ringschichten
IX  90
        <pb n="682" />
        714  Schiffbau.

788.  Schranbenverschlutz  von  Armstrongs  20,3-cin  Kchnrstfrnrrkanonr  in  Wirgrlafrtte.
Rach  „Engineering".
Je  nach  der  Zahl  und  Länge  der  Ringe,  welche  auf  das  Kernrohr  aufgezogen
werden,  unterscheidet  man  verschiedene  Arten  der  künstlichen  Metallkonstruktion.  So  bestehen ­
  die  Kruppschen  Ringrohre  aus  einem  stählernen  Kernrohr  von  verhältnismäßig
großer  Wandstärke,  welches  im  Hinteren  Teil  den  Verschluß  aufnimmt  und  davor  durch
eine  oder  mehrere  Lagen  Ringe  verstärkt  ist.  Bei  den  Kruppschen  Mantelrohren  reicht
das  Kernrohr  von  der  Mündung  des  Geschützes  nur  bis  zum  Kcilloch  des  Verschlusses
und  wird  im  Hinteren  Teil  oder  in  seiner  ganzen  Länge  durch  ein  Mantelrohr,  welches
den  Verschluß  aufnimmt,  verstärkt.  Wird  der  Mantel  im  Hinteren  Teil  noch  durch  Ringe
verstärkt,  so  entsteht  das  Mantelringrohr.  Abb.  732  zeigt  die  Bauweise  einer  modernen
15  Lin-Schnellfeuerkanone  von  Armstrong.  Canet  in  Frankreich  baut  die  schweren
Geschützrohre  aus  einem  Kernrohr  von  verhältnismäßig  großer  Wandstärke,  welches
durch  zwei  Mantelrohre  über  die  ganze  Länge  verstärkt  tvird.  Die  Mantelrohre  werden
durch  den  Schildzapfcnring  verbunden  und  mit  mehreren  Ringlagen  umgeben.  Alle
Teile  werden  genau  cylindrisch  bearbeitet,  um  beim  Aufziehen  gleichmäßig  beansprucht
zu  werden.

möglichst  gleichmäßig  verteilt  wird.  Dieser  Grundsatz,  die  Widerstandsfähigkeit  eines
Rohres  durch  Vermehren  der  Ringlagen  zu  steigern,  brachte  zuerst  Longridge  auf  den
Gedanken,  das  Kernrohr  mit  dünnem  Bandstahl,  welcher  in  bestimmter  Spannung  gehalten ­
  wurde,  zu  umwickeln  und  so  gewissermaßen  eine  zahlreiche  Beringung  von  dünner
Wandstärke  herzustellen.  Dieses  Konstruktionsprinzip  ist  neuerdings  durch  Woodbridge
in  Amerika,  Schultz  in  Frankreich  und  Armstrong  in  England  wieder  aufgenommen
und  hat  zum  Bau  einer  großen  Zahl  von  Hinterladegeschützen  geführt.  Es  ergibt  sich
jedoch  auch  hier  eine  Grenze,  da  sonst  der  Druck  auf  die  innere  Lage  des  Kernrohres
so  groß  ausfallen  kann,  daß  dieselbe  in  der  Ruhelage,  d.  h.  im  ungeladenen  Zustande
des  Rohres,  zerdrückt  werden  kann.
        <pb n="683" />
        715

Marine-Artillerie:  Verschluß  der  Geschütze.

Der  Verschluß  des  Hinterladerohres  hat  die  Aufgabe,  die  Bohrung  des  Geschützes
nach  dem  Einbringen  der  Ladung  abzuschließen;  derselbe  muß  daher  einen  vollkommen
gasdichten  Abschluß  herstellen  und  derart  zuverlässig  und  solide  eingepaßt  werden,  daß
er  den  hohen  Gasdruck  aushalten  kann  und  sicher  mit  dem  Verschlußstück  verkuppelt  ist.
Der  gasdichte  Abschluß  wird  mit  Hilfe  von  Liderungen  erreicht,  welche  durch  den  Druck
der  Pulvergase  zur  Wirkung  kommen,  da  ein  Aufeinanderschleifen  von  Metall  auf  Metall,
sowie  ein  mechanisches  Anpressen  des  Verschlußstückes  an  den  Seelenboden  allein  bei
den  hohen  Gasspannungen  nicht  genügt.  Am  verbreitetsten  ist  die  Liderung  von
de  Bange  in  Verbindung  mit  dem  Schraubenverschluß,  sowie  der  Broadwell-Ring  für
den  Kruppschen  Rundkeilverschluß.
Die  Verschlüsse  der  Hinterladegeschütze  gliedern  sich  nun  in  der  Hauptsache  in  Keilund
  Schraubenverschlüsse.
Die  Kolbenverschlüsse
mit  Preßspanliderung,
sowie  die  Doppelkeilverschlüsse ­
  mit  Kupferliderung ­
  sind  veraltet.
Der  von  Krupp
eingeführte  und  zur  Zeit
noch  für  alle  Kaliber
gebräuchliche  Rnndkeilverschluß
  in  Verbindung
mit  dem  Broadwell-Ring
hat  sich  tadellos  bewährt. ­

Der  Schraubenverschluß ­
  besteht  in  der
Hauptsache  aus  einer
Verschlußschraube,  deren
Schraubeugewinde  an
drei  Stellen  auf  J /, ;  des
Umfanges  gleichmäßig
verteilt,  bis  auf  den  Kern
weggeschnitten  ist,  während ­
  das  in  das  hintere
Ende  der  Bohrung  eingeschnittene ­
  Muttergewinde ­
  in  gleicher  Weise  784.  Automatischer  Verschluß  uon  Court  sür  Kchuellseurrkanonrn.
durch  glatte  Einschnitte  Nach  „Engineering",
unterbrochen  ist,  derart,
daß  die  Lücken  in  dem  Gewinde  der  Verschlußschraube  beim  Ein-  und  Ausbringen
derselben  in  die  stehen  gebliebenen  Gewindegänge  des  Rohres  passen.  Zum  Schließen
und  Öffnen  des  Verschlusses  genügt  daher  nur  eine  Drehung  der  Verschlußschraube
um  60°.  Die  größere  Verschlußschraube  wurde  anfänglich  durch  eine  Konsole  aufgenommen ­
  und  mit  derselben  zur  Seite  gedreht,  später  wählte  man  eine  Verschlußthür,
welche  durch  einen  Riegel  eine  besondere  Sicherung  erhielt.
Armstrong  hat  eine  Verschlußschraube  von  hinten  cylindrischer,  vorn  stark  konischer
Gestalt  eingeführt,  welche  auf  dem  Cylinder  und  dem  Konus  mit  je  einem  besonderen
Gewinde  versehen  ist,  die  gegeneinander  versetzt  sind.  Hierdurch  kommt  einesteils  ein
größerer  Teil  des  Rohrquerschnitts  in  Eingriff  mit  dem  Verschluß,  anderseits  wird
die  Spannung  auf  den  ganzen  Umfang  der  Verschlußschraube  verteilt.  Die  Handhabung ­
  erfolgt  allein  durch  Drehung  eines  Hebels,  welcher  auf  einem  vertikalen
Zapfen  an  der  Thür  gelagert  ist.  Bei  der  ersten  Drehung  um  90°  wird  mittels  einer
Lenkstange  und  eines  Gleitstückes  die  Verschlußschraube  um  60°  gedreht  und  gelöst,

90*
        <pb n="684" />
        716  Schiffbau.

bis  das  Gleitstück  an  einen  Ansatz  der  Thür  zum  Anliegen  kommt.  Beim  weiteren
Drehen  schwenkt  die  Lenkstange  die  Thür  mit  dem  Verschluß  zur  Seite,  bis  die  Seele
zum  Laden  frei  wird.
Bei  dem  neuesten  Canetschen  Verschluß  hat  der  Verschlußblock  die  Form  einer
halben  Scheibe,  in  deren  Endfläche  kreisförmige  Rillen  eingeschnitten  sind.  In  gleicher
Weise  sind  die  ebenen  Seitenwände  des  Hinteren  Rohrendes  mit  kreisförmigen  Rillen
versehen,  in  welche  das  Verschlußstück  eingedreht  nnd  gegen  das  Herausdrehen  durch  eine
in  dem  Handhebel  befestigte  Schraube  verblockt  wird.  Zum  Offnen  und  Schließen  des
Verschlusses  genügt  nur  eine  Drehung  desselben  um  90°  mittels  des  Handhebels;  das
Öffnen  erfolgt  nach  Lösen  des  Sperrriegels  infolge  des  Übergewichts  des  Hebels  sogar
selbstthätig.  Bei  geöffnetem  Verschluß  dient  der  Berschlußblock  infolge  der  halbkreisförmigen ­
  Aushöhlung  zugleich  als  Ladeschale.

73b.  Nahmrniafrtte  von  Armstrong  mit  Lmnellenbrcmsc.
a  Obcrlafette,  b  Lafettenrahmen,  o  Lamellenbremse,  d  Lafettcnwände,  e  Rollen,  i  Laufrollen,  g  Bremshcbel,
h  Schildzapsenlager,  i  Höhenrichtmaschine,  k  Seitenrichtmaschine.

Mit  der  Verbesserung  der  Geschützkonstruklivn  und  der  Steigerung  der  Durchschlagskraft ­
  der  Geschosse  nach  Einführung  der  langen  Rohre  ging  nun  die  Lafettenkonstrnktion
  Hand  in  Hand.  Die  anfänglichen  primitiven  hölzernen  Lafetten  der
glatten  Geschützrohre  wurden  mit  Einführung  der  gezogenen  Rohre  durch  Eisenkvnstruktionen
  ersetzt  und  besondere  Bremsvorrichtungen  angeordnet,  um  den  Rückstoß  des
Geschützes  zu  mildern.  Es  entstanden  so  zuerst  in  England  die  Rahmenlafetten  mit
Lamellenbremse,  welche  beim  Rücklauf  des  auf  der  Oberlafette  gelagerten  Geschützes  in
Thätigkeit  tritt.  Um  dem  Geschütz  Seitenrichtung  zu  geben,  wurde  der  Rahmen  auf
Laufrädern  um  einen  im  Drempel  der  Geschützpforte  gelagerten  Pivotbolzen  geschwenkt
(Schwenkrahmenlafette).  Später  verlegte  man  den  Pivotbolzen  in  die  Mitte  des  Rahmens,
um  das  Schwenken  bezw.  Drehen  desselben  zu  erleichtern,  und  man  gelaugte  so
zur  Mittelpivotlafettc,  welche  den  Ausgangspunkt  zu  den  heutigen  Lafettenkvustruktionen
  bildet.
        <pb n="685" />
        Marine-Artillerie:  Lasettenkonstruktionen.

717

797.  Krupps  Mittrlpipptlafrtte  mit  Kchutzschild.
Die  weitere  Entwickelung  der  Schiffslafette  entsprach  nun  dem  stetigen  Wachsen  der
Geschützkaliber  und  Rohrgewichte,  sowie  dem  Steigern  der  Geschoßgeschwindigkeiten,
wodurch  einesteils  die  Bremsen  zur  Begrenzung  des  Rücklaufs  vervollkommnet  wurden,
anderenteils  die  Zahl  der  schweren  Geschütze  eingeschränkt  werden  mußte,  zumal  die  Aufstellung ­
  derselben  in  Türmen  hinter  Panzerschutz  uotlvendig  wurde.  Die  ersten  Panzertürme
  wurden  für  Monitors  und  Turmschiffe  nach  dem  System  von  Ericsson  und
Colcs  erbaut.  Mit  dem  Wachsen  der  Geschützkaliber  bis  zu  42  cm  bei  einem  Rohrgewicht ­
  von  110  Tonnen  ging  man  in  England  zn  besonderen  Turmkonstruktionen  über.
Der  geschlossene  Panzerturm  ruht  mittels  eines  Rollenkranzes  von  konischen  Rollen  auf
einem  entsprechenden  Unterbau,  welcher  mit  den  Bewegungsmechanismen  durch  eine  gepanzerte ­
  Citadelle  geschützt  ist.  Der  Turm  bildet  mit  seinem  Boden  gewissermaßen  den
Schwenkrahmen  des  Geschützes  und  nimmt  die  Oberlafette  des  Geschützes  ans,  welche
        <pb n="686" />
        718  Schiffbau.

anfänglich  in  Anlehnung  an  die  Rahmenlafette  konstruiert  wurde.  Die  Drehung  des
Turmes  erfolgt  mittels  Zahnkranzes  durch  ein  Rädergetriebe,  welches  mit  der  Hand  oder
durch  eine  Dampfmaschine  getrieben  wird.
Die  bedeutenden  Gewichte  der  geschlossenen  Panzertürme,  bis  zu  400  Tonnen,  die
geringe  Höhe  des  Geschützstandes,  die  durch  die  Geschützpforte  beschränkte  Elevation  des
Geschützes,  sowie  die  Beschränkung  des  Gesichtsfeldes  für  das  Richten  der  Geschütze  führten
in  Frankreich  zum  Bau  der  Barbettetürme,  oben  offener  Panzerwälle,  über  welche
die  Geschütze  über  Bank  feuern.
Bei  diesen  Türmen  bildet  die
innerhalb  der  Panzerwand  gelagerte ­
  Drehscheibe  den  Rahmen, ­
  auf  welchem  meist  zwei
Oberlafetten  für  zwei  Geschütze
mit  parallelen  Rohrachsen  aufgestellt ­
  sind  —  Drehscheibenlafette. ­
  Die  Lagerung  sowie
Bewegung  der  Drehscheibe  erfolgt ­
  in  ähnlicher  Weise,  wie
bei  den  geschlossenen  Türmen.
Zum  Schutz  der  Lafette  und  der
Bedienungsmannschaft  fügte
man  später  Schutzhauben  hinzu, ­
  welche  an  der  Drehscheibe
befestigt  waren  und  welche  den
Vorteil  des  freien.  Gesichtsfeldes ­
  teilweise  beseitigten.  Auch  ergab  sich  ein  umständlicher  Munitionstranspvrt,  da
durch  die  langen  Hinterladegeschütze  ein  besonderer  Panzerschacht  für  den  Munitionstransport
  erforderlich  wurde  und  das  Laden  der  Geschütze  mur  in  der  Längsachse  des
Schiffes  erfolgen  konnte.
Das  Manövrieren  mit  den  schweren  Geschützen,  sowie  mit  den  schweren  geschlossenen
Panzertürmen  erforderte  nun  stetig  wachsende  Kräfte,  welche  für  einen  schnellen  und
sicheren  Betrieb  mit  der  Hand  nicht  mehr  zu  bewältigen  waren.  Es  wurden  hydraulische

738.  Hauptspant  drs  Turmschiffes  ,.Preußen"
mit  Panrerturm  nach  Cotes.

Motoren  zu  Hilfe  genommen,  welche  für  das  Nehmen  der  Höhen-  und  Seitenrichtnng  des
Geschützes,  für  das  Ein-  und  Ansrennen  desselben  in  Verbindung  mit  der  Rücklaufbremse,
zum  Laden,  zum  Bewegen  des  Verschlusses,  sowie  für  den  Munitionstransport  Verwendung ­
  fanden.  Auch  suchte  man  durch  Einführung  der  Schlittenlafette  eine  minimale
Geschützpforte  zu  erzielen  und  durch  den  Rücklauf  des  Geschützes  in  der  Feuerlinie  den
Rückstoß  fast  ganz  auf  die  Rücklaufsbremse  zu  übertragen.
Mit  dem  allmählichen  Verschwinden  der  Monstregeschütze  ist  man  auch  von  den
hydraulischen  Geschützanlagen  zurückgekommen,  und  neben  dem  Handbetrieb  hat  sich  die
        <pb n="687" />
        Marine-Artillerie:  Lasettenkoilstruktionen.  719

Benutzung  elektrischer  Motoren  mehr  Bahn  gebrochen,  um  so  mehr,  als  letztere  Einrichtung ­
  den  Übergang  zum  Handbetrieb  bei  Beschädigungen  der  Leitung  sehr  erleichtert.
Bei  allen  Lafettenkonstruktionen  bildete  jedoch  die  Rücklaufbremse,  die  nunmehr
allgemein  als  hydraulischer  Cylinder  ausgebildet  wurde,  den  wichtigsten  Teil,  da  gerade
von  ihrer  Wirkungsweise  die  Haltbarkeit  und  Sicherheit  der  Lafette  abhängig  ist.  Sie
müssen  möglichst  so  eingerichtet  sein,  daß  sie  den  Rücklauf  des  Geschützes  selbstthätig
derart  begrenzen,  daß  dasselbe  ohne  merklichen  Stoß  zur  Ruhe  kommt  und  hierdurch  die
einzelnen  Teile  der  Lafette  und  des  Unterbaues  vor  Stößen  bewahrt  werden.  Neben
Vavasseur  haben  Krupp  und  Canet  für  die  hydraulische  Bremse  mannigfache  Konstruktionen ­
  eingeführt  und  die  Anordnung  derselben  zwischen  Ober-  und  Unterlafette
derart  verbessert,  bis  Canet  mit  der  sogenannten  Wiegelafette  sämtliche  bisherigen
Lafettenkonstruktionen,  im  besonderen  für  mittlere  und  leichtere  Artillerie,  aus  dem
Felde  schlug.

740.  32om-Cankt-Grschütz  in  Sarbrtteturm  mit  zentraler  GMMuMrung.
Nach  „Engineering".

Bei  der  Wiegelafette  erfolgt  der  Rücklauf  des  Geschützes  in  der  Feuerlinie  desselben,
so  daß  die  hydraulischen  Bremsen  den  ganzen  Stoß  aufnehmen  und  die  Decks  und  Unterbauten ­
  entlasten;  außerdem  wird  das  Bucken  der  Oberlafette,  welches  leicht  das  Schußresultat ­
  beeinträchtigt,  beseitigt.  Dagegen  müssen  besondere  Vorkehrungen  eingeschaltet
werden,  um  das  Geschütz  nach  dem  Schuß  selbstthätig  in  die  Schußstellung  ausrennen
zu  lassen.  Hierzu  verwendet  man  starke  Federn,  welche  beim  Rücklauf  des  Geschützes
zusammengepreßt  werden.  Das  Geschütz  ruht  hierbei  in  einer  Wiege,  welche  mit  Schildzapfen ­
  versehen  ist  und  ähnlich  den  früheren  Geschützen  zur  Erlangung  der  Höhen-  und
Seitenrichtung  eingestellt  werden  kann,  während  die  hydraulischen  Bremsen,  meist  zwei,
und  die  Ausrennfedern  zwischen  Wiege  und  Geschütz  eingeschaltet  sind.  Tie  Wiegelafette
bietet  nun  dadurch,  daß  die  Visiereinrichtung  an  der  nicht  am  Rücklauf  teilnehmenden
Wiege  befestigt  ist,  den  großen  Vorzug,  daß  der  Zielende  den  Zielpunkt  ständig  im  Auge
behalten  kann,  was  bei  den  schnell  aufeinander  folgenden  Schüssen  der  Schnellladekanonen
von  großer  Wichtigkeit  ist.  Auch  wird  die  Öffnung  der  Schießscharte  bei  Aufstellung
hinter  Panzerschutz  eine  minimale.
        <pb n="688" />
        720

Schiffbau.

Mit  den  Verbesserungen  der  Lafettenkonstruktionen  ging  nun  mit  Einführung  der
Schnellfeuergeschütze  eine  Vervollkommnung  des  Mnnitionstransportes  Hand  in
Hand,  da  die  Erhöhung
der  Feuergeschwindigkeit
eine  schnelle  und  sichere  Geschoßznführung
  bedingte.
Auch  wurde  es  zur  Notwendigkeit, ­
  eine  Ladung
des  Geschützes  in  jeder
Backsrichtung  bewirken  zu
können,  und  so  trat  an  Stelle  der  früheren  Taljen
zum  Heißen  der  Munition  von  den  Munitionskammern
nach  dem  Geschützdeck  und  dem  nach  dem  System  der
Fahrstühle  konstruierten  Munitionsaufzuge,  für  jedes
Geschütz  eine  zentrale  Geschoßznführung.  Dieselbe
wurde  zuerst  von  Canet  für  die  schweren  Turmgeschütze
eingeführt;  sie  steht  meist  in  Verbindung  mit  der
Aufstellung  der  Geschütze  in  einem  Drehturm  und
bildet  alsdann  die  hohle  Pivotsäule  den  Schacht  für
den  Munitionstransport,  welcher  meist  nach  Art  der
Paternosterwerke  ausgeführt  wird.
Die  Einführung  der  Schuellseuerkanonen
  in  die  Kriegsmarine ­
  datiert  aus  dem  Jahre
1873,  nachdem  die  Mitrailleuse
im  Deutsch  -  französischen  Kriege
durch  ihr  Schnellfeuer  Aufsehen
erregt  hatte.  Die  älteren  Maschinenkanonen ­
  von  Hotchkiß,  Gatling, ­
  Gardner  und  Nordenfelt,
  welche  ein  Cchuellfener  von  15  bis  30  Schuß  pro  Minute  gestatteten,  lehnen  sich
an  die  Konstruktion  der  Mitrailleuse  au.  Sie  bestehen  wie  diese  aus  einem  Rohrbündel
von  5  bis  10  Läufen,  welches  mittels
Kurbel  beim  Schießen  in  Drehung  versetzt ­
  wird,  so  daß  jeder  Lauf  immer  erst
bei  jedem  fünften  bezw.  zehnten  Schuß  in

742.  1S«m-NrmItrong-Kchnrllfenerka»one  mit
Mirgetafette  in  gcpomrrtcr  Kufen,ntte.
Thätigkeit  kommt,  und  hierdurch  eine  zu
starke  Ertvärmung  des  Laufs  vermieden
wird.  Diese  Maschinenkanonen  wurden
zunächst  zur  Bekämpfung  der  Torpedoboote
verwendet,  zeigten  jedoch  wegen  der  Erschütterung ­
  des  Laufes  durch  das  Drehen
des  Rohrbündels  keine  günstige  Treff-&amp;gt;vahrscheinlichkeit.
  Als  sich  daher  das
Schnellfeuer  der  Schiffsgeschütze  nicht  allein  zur  Abwehr  von  Torpedobooten,  sondern
auch  für  den  Fernkampf  der  Schlachtschiffe  als  wünschenswert  ergeben  hatte,  war  man
bestrebt,  besondere  Schnellfeuerkaiionen  einzuführen,  welche  neben  dem  Vorteil  der

74!.  (öefchüliturin  für  SchiirllfenerKnnonr  von  Court.
        <pb n="689" />
        Marine-Arlillerie:  Schnellfeuerkanonen.

721

größeren  Feuergeschwindigkeit  eine  sichere  Lafettierung  und  größere  Treffwahrscheinlichkeit
gewährten.  Und  so  entstand  zwischen  den  Geschützfabriken  ein  heftiger  Wettstreit,  um
durch  Verbesserung  der  Rohr-,  Lafetten-  und  Verschlußkonstruktiou  Kanonen,  zunächst  bis
zu  15  am  Kaliber,  herzustellen,  welche  im  stände  waren,  8  bis  12  Schuß  pro  Minute
abzugeben,  und  mit  welchen  man  die  ungeschützten  Teile  der  Schlachtschiffe  zerstören
und  die  Bedienungsmannschaften ­
  der  Geschütze ­
  kampfunfähig
machen  wollte.  Da
die  schweren  Geschütze
der  Panzerschiffe  nur
alle  vier  Minuten
einen  Schuß  abgeben
konnten,  so  ergab  sich
ein  bedeutender  Vorsprung ­
  zu  gunsten  der
Schnellfeuerkanonen.
Die  besondere
Eigenart  und  Neuheit
der  Schnellfeuerkanonen ­
  besteht  nun  in  143.  Mevoivrrkanoiie.
der  sogenannten  Einheitspatrone,
  d.  h.  Geschoß  und  Pulverladnng  sind  wie  beim  Gewehr  zu  einer  Patrone
vereinigt;  durch  diese  Anordnung  wird  einerseits  das  Laden  verkürzt,  da  die  Metallhülse ­
  die  Zündung  in  besonderer  Kapsel  enthält,  und  ein  Auswischen  und  Reinigen
des  Rohres  nach  jedem  Schuß  entbehrlich,  da  die  Patronenhülse  den  gasdichten  Abschluß

besorgt,  der  Ladungsraum ­
  gegen  Ausbrennen ­
  geschützt  ist
und  keine  glimmenden
Teile  zurückbleiben.
Bei  den  schwereren
Kalibern  von  15  cm
aufwärts,  bei  welchen
eine  Einheitspatrone
zu  große  Abmessungen
annehmen  würde,  ist
man  zur  Trennung
von  Geschoß  und
Ladung  übergegangen, ­
  getrennte  Ladung, ­
  doch  hat  man
für  die  Kartusche  die
Patronenhülse  beibehalten. ­
  Der  Verschluß ­
  der  Schnellfeuerkan0NeN,SchraU-
  744.  Maschinenkanone  von  Marin,,
benverschluß  nach
Armstrong  oder  Canet,  Rnndkeilverschluß  nach  Krupp  oder  Fallblockverschluß  nach
Hotchkiß,  ist  derart  vervollkommnet,  daß  seine  Bedienung  möglichst  schnell  und  sicher
von  einem  Mann  ausgeführt  werden  kann  und  zugleich  das  Herauswerfen  der  leeren
Patronenhülse  nach  dem  Schuß  selbstthätig  besorgt  wird.  Bei  einigen  Schnellfeuerkanonen
erfolgt  das  Öffnen  des  Verschlusses  selbstthätig  nach  beendetem  Rücklauf  beim  Ausrennen
des  Rohres;  bei  anderen  wird  das  Schießen  und  Öffnen  des  Verschlusses,  das  Spannen
IX  91
        <pb n="690" />
        722

Schiffbau.

745.  Kchnrlifkiirrkanone.
des  Schlagbolzens  und  die  Bewegung  des  Ausziehens  durch  den  Druck  der  Pulvergase
oder  durch  Drehen  einer  Kurbel  bewirkt.  Diese  Arten  von  Schnellfeuerkanonen  nennt
man  allgemein  Maschinenkanonen.  Die  Entzündung  der  Ladung  erfolgt  entweder
mittels  Schlagbolzen  oder  elektrisch.  Die  Maschinenkanone  von  Maxim  besteht  aus  einem
Rohr  mit  Wasserkühlung.  Die  Feuerschnelligkeit  wird  durch  einen  selbstthätig  wirkenden
Verschluß  erzielt,  indem  mit  Hilfe  des  Drucks  der  Pulvergase  das  Öffnen  des  Verschlusses,
die  Zuführung  der  Patrone,  das  Laden,  das  Schließen  und  Abfeuern  besorgt  wird.  Das
Zufahren  der  Patrone  erfolgt  mittels  Gurtband.  Ist  der  erste  Schuß  aus  der  Hand
abgefeuert,  so  kaun  das  Geschütz  ununterbrochen  Iveiter  schießen  und  braucht  der  Geschützführer ­
  die  Kanone  mittels  des  Schulterstücks  nur  auf  das  Ziel  einzustellen.
        <pb n="691" />
        Marine-Artillerie:  Munition  und  Geschosse.

723

Die  schwereren  Schnellfeuerkanonen  von  8,8  cm  bis  20  cm  Kaliber  besitzen  eine
Feuergeschwindigkeit  von  15  bis  4  Schuß  pro  Minute.  Als  Lafette  wird  allgemein  die
Wiegelafette  benutzt,  um  das  Ziel  stets  im  Auge  behalten  zu  können.  Das  Nehmen  der
Höhen-  und  Seitenrichtung  erfolgt  bei  den  leichteren  Kalibern  bis  4,7  cm  mittels  des
Schulterstücks,  bei  den  mittleren  8,8  cm  bis  15  cm  mittels  Schneckenradgetriebe,  und  in
letzterem  Fall  bewegt  sich  der  Geschützführer,  auf  einem  Sattel  reitend,  mit  der  Lafette.
Die  Munition  der  Schiffsgeschütze  umfaßt  die  Geschützladungen  und  die  Geschosse.
Die  Ladungen  bestehen  aus  Kartuschen,  Beutel  aus  Seidentuch,  welche  mit  dem  Treibmittel ­
  der  Geschosse  —  Pulver,  Cordite,  Ballistit  u.s.  w.  —  gefüllt  sind.  Für  die  schweren
Kaliber  verwendet  man  zwei  Kartuschen,  sogenannte  Halbkartuschen,  die  hintereinander
eingeführt  werden.  Der  Boden  der  Kartuschen  ist  mit  Stramin  ausgelegt  und  erhält  in

74?.  Kanonrnnkerkstatt.  Eiiischittidrn  von  Ingen.

der  Mitte  ein  Loch  zum  Durchschlagen  der  Zündnadel.  Neuerdings  verwendet  man  allgemein ­
  Mctallhülsen,  welche  bei  den  Schnellfeuerkanonen  entweder  mit  dem  Geschoß  zur
Eiuheitspatrone  vereinigt  werden  oder  bei  getrennter  Ladung  mit  einer  Deckplatte  abgeschlossen ­
  werden.
Die  Geschosse  unterscheidet  man  nach  ihrer  Form  in  Rund-  und  Langgeschosse,
nach  der  Ausführung  in  Voll-  und  Hohlgeschosse.  Hohlgeschosse  mit  Sprengladung  nennt
man  Granaten  oder  bei  glatten  Mörsern  Bomben,  solche  mit  einer  größeren  Zahl  von
Kugeln  ans  Hartblei,  mit  Harz  vergossen  und  geringer  Sprengladung  versehen,  Shrapnels.
Die  Sprengladung  wird  entweder  am  Geschoßboden,  in  der  Mitte  oder  am  Kopf  angebracht ­
  und  dient  dazu,  die  Geschoßwandung  zu  zertrümmern.  Besteht  die  Geschvßhülle
aus  Blech,  so  daß  sie  schon  im  Rohr  durch  den  Gasdruck  zertrümmert  wird,  so  nennt
man  das  Geschoß  eine  Kartätsche.  Shrapnels  und  Kartätschen,  sogenannte  Streugeschosse,
finden  nur  gegen  lebende  Ziele  Verwendung.

91
        <pb n="692" />
        724  Schiffbau.

Die  Konstruktion  der  Geschosse  bedingt  genügende  Haltbarkeit  gegen  den  Druck  der
Pulvergase,  hinreichende  Festigkeit  und  Zähigkeit  beim  Auftreffen  auf  Panzerziele,  günstige
Geschoßform  zur  Überwindung  des  Luftwiderstandes  sowie  Zündvorrichtungen,  um  die
Sprengladung  der  Granaten  und  Shrapnels  zur  Explosion  zu  bringen.  Als  Material
verwendet  man  für  Granaten  vorzugsweise  Gußeisen  und  zwar  als  Hartguß.  Die
Panzergranaten  werden  aus  geschmiedetem  und  gehärtetem  Stahl  gefertigt  und  erhalten
neuerdings  besondere  Geschvßkappen  von  weichem  Stahl,  um  das  Durchschlagen  des
Panzers  zu  begünstigen.  Auch  werden  dieselben  mit  Pulver  als  Sprengladung  versehen, ­
  welches  sich  beim  Auftreffen  des  Geschosses  durch  die  Reibung  an  der  Geschoßwandung
  von  selbst  entzündet.  Um  die  Wirkung  der  Explosion  zu  erhöhen,  füllt  man
die  aus  Stahl  gefertigten  hohlgeschmiedeteu  Granaten  mit  detonierendem  Sprengstoff
—  Schießbaumwolle,  Nitroglycerin,  Melinit  —  und  es  wurden  Verzögerungszünder  eingeführt, ­
  welche  die  Detonation  der  Sprengladung  erst  vollziehen,  wenn  die  Granate  das
Ziel  ganz  oder  teilweise  durchschlagen  hat.  Die  Geschoßwandungen  werden  dabei  nur
gerade  so  dick  hergestellt,  daß  die  Granaten  beim  Abfeuern  der  Geschütze  nicht  in  Stücke
gehen.  Besonders  eignen  sich  derartige  Geschosse  für  Haubitzen  und  Mörser,  welche  eine
geringe  Anfangsgeschwindigkeit  und  kleine  Ladungen  aufweisen.
Schiffsxan;er.
Die  Geschichte  der  Schiffspanzer  hängt  mit  der  Entwickelung  der  Marineartillerie
seit  Einführung  der  Bombenkanone  und  der  gezogenen  Geschütze  eng  zusammen.  Der
Schiffspanzer  erhielt,  wie  wir  im  vorigen  Kapitel  gesehen  haben,  bei  der  Beschießung
von  Kinburn  seine  Feuertaufe  und  veranlaßte  bereits  im  Jahre  1858  den  Bau  des
ersten  Panzerschiffes,  der  „Gloire",  welchem  kurz  darauf  die  Schwesterschiffe  „Normandie",
„Jnvincible"  und  „Couronne"  folgten.  Diese  Schiffe  wurden  aus  Holz  erbaut  und  erhielten
über  die  ganze  Länge  einen  Eisenpanzer  von  120  mm  Dicke.  Die  Platten  wurden  auf
der  äußeren  Holzbeplankung  mit  starken  eisernen  Holzschrauben  in  einfachster  Weise  befestigt. ­
  England  folgte  alsbald  mit  dem  Bau  zweier  Panzerschiffe,  „Warrior"  und  „Black
Prince",  welche  aus  Eisen  hergestellt  wurden.  Sie  erhielten  Panzerplatten  von  114  mm
Dicke,  welche  auf  einer  doppelten  Lage  von  Teakholz  von  450  mm  Stärke  gelagert  und
durch  starke  eiserne  Bolzen  an  der  eisernen  Schiffswand  befestigt  waren.  Die  Holzhinterlage ­
  sollte  dein  Panzer  eine  elastische  Auflage  bieten.  Später  begnügte  man  sich  mit
einer  Lage  Holz,  und  hieran  hat  man  bis  in  die  neueste  Zeit  festgehalten.  Die  Panzerstärke ­
  schwankte,  der  Durchschlagskraft  der  damaligen  Geschütze  entsprechend,  längere  Zeit
zwischen  114  und  150  mm.  Als  indessen  die  Marineartillerie  dem  Panzer  Geschütze  von
größerem  Kaliber  und  erheblich  vermehrter  Durchschlagskraft  entgegenstellte,  mußte  man
daran  denken,  einesteils  die  Panzerstärken  zu  vermehren,  anderenteils  die  Herstellungsweisen ­
  und  das  Material  der  Platten  zu  verbessern.  An  Stelle  der  geschmiedeten  Panzerplatten ­
  traten  die  viel  homogener  herzustellenden  gewalzten  Platten,  und  man  steigerte
die  Dicke  stetig,  bis  sich  auch  hier  allmählich  eine  Grenze  bot.  Als  man  durch  die
unausgesetzt  gesteigerte  Leistungsfähigkeit  der  Geschütze  das  Stärkenmaß  der  Panzerplatten
über  250  mm  erhöhen  wollte,  zeigte  es  sich,  daß  dieselben  eine  auffallende  Sprödigkeit
aufwiesen,  so  daß  sie  schon  nach  einem  Schuß  aus  einem  schweren  Geschütz  zersprangen.
Das  anfängliche  Streben,  mit  Hilfe  der  Panzerplatten  die  Granaten  davon  abzuhalten, ­
  die  Schiffswände  zu  durchschlagen  und  ihre  verderbenbringende  Wirkung  in  das
Schiffsinnere  hineinzutragen,  mußte  daher  bald  dahin  ergänzt  werden,  den  Walzeisenplatten ­
  neben  möglichst  großer  absoluter  Widerstandsfähigkeit  gegen  die  lebendige  Kraft
der  aufschlagenden  Geschosse  auch  eine  genügende  Weichheit  und  Zähigkeit  zu  verleihen,
um  zu  verhüten,  daß  sie  bei  inehrfachem  Getroffenwerden  nicht  zu  Bruch  gingen  und
eine  gefahrbringende  Bresche  verursachten.  Da  die  Fortsetzung  des  Kampfes  zwischen
Artillerie  und  Panzer  stetig  größere  Panzerstärken  erforderte,  so  entschloß  man  sich,  statt
einer  Platte  von  größerer  Dicke  deren  zwei  von  geringerer  Stärke  hintereinander  zu  lagern,
und  dieselben  durch  eine  Holzzwischenlage  voneinander  zu  trennen,  das  sogenannte
        <pb n="693" />
        725

Entwickelung  der  Schiffspanzer.

Sandwichsystem.  Da  die  Widerstandsfähigkeit  einer  Panzerplatte  gegen  das  Durchschlagenwerden ­
  mit  dem  Quadrat  ihrer  Dicke  wächst,  so  bedingte  das  Sandwichsystem
fraglos  eine  relative  Schwächung  des  Panzers;  dieselbe  wurde  indessen  um  so  unbedenklicher ­
  mit  in  den  Kauf  genommen,  als  die  bessere  Qualität  jeder  einzelnen  Platte  den
Verlust  zum  großen  Teil  wieder  einbrachte.  Ein  Beispiel  des  Sandwichpanzers  haben
wir  in  den  deutschen  Panzerschiffen  der  Sachsenklasse,  deren  Panzerung  aus  254  mm
plus  152  mm  dicken  Walzeisenplatten  besteht,  die  in  Dillingen
stellung  dieser  Schweißeisenplatten  erfolgte  in  der  Hauptsache
derart,  daß  zwischen  zwei  äußeren,  80  mm  starken  Deckplatten
Schweißeisenpakete  aufgeschichtet  wurden.  Das  Ganze  wurde  in
einem  Glühofen  auf  Schweißhitze  gebracht  und  dann  unter  einer
schweren  Walze  geschweißt  und  auf  die  richtige  Dicke  heruntergewalzt. ­
  Um  die  Materialspannungen  zu  entfernen,  wurden  die
Platten  nach  dem  Walzen  ausgeglüht.
Als  mit  Hilfe  des  Sandwichpanzers  der  verlangte  Schutz
auch  selbst  von  dem  vitalsten  Teile  des  Schiffes  nicht  mehr  erreicht ­
  werden  konnte  —  durch  die  Vermehrung  der  Plattenzahl
ergab  sich  überdies  ein  erhebliches  Mehrgewicht  an  Panzer  -
suchte  man  durch  Verbesserung  des  Panzermaterials  die  Überlegenheit ­
  wieder  auszugleichen.  Bahnbrechend  wirkte  hierbei
Schneider  in  Creuzot,  welcher  bereits  im  Jahre  1876  für
eine  Vergleichsbeschießung  von  Panzerplatten  auf  dem  Schießplatz ­
  von  Muggiano  eine  550  mm  starke  Stahlplatte  zur
Verfügung  stellte.  Bei  diesem  Schießversuch  konkurrierten  neben
der  Schneiderschen  Platte  ebenso  starke  englische  und  französische
Walzeisenplatten  sowie  ein  Sandwichpanzer,  welcher  aus  250
plus  300  mm  starken  Platten  bestand.  Alle  drei  Panzersorten
wurden  der  Einzelbeschießung  sowie  dem  konzentrierten  Salvenfcuer
  aus  25  cm  und  28  cm  Arinstrvnggeschützen  unterworfen,
und  schließlich  wurde  noch  die  100  Tonnen-Armstrongkanone
von  43  cm  Bohrung  gegen  dieselben  ins  Feld  geführt.  Während ­
  die  550  mm  dicken  soliden  Walzeisenplatten  von  dem
1000  kg  schweren  Geschoß  dieses  Geschützes  glatt  durchschlagen
wurden  und  die  Platte  selbst  in  Stücke  ging,  auch  die  Sandwichplatten ­
  mit  Kraftüberschuß  durchschossen  wurden  und  die
äußere  300  mm  dicke  Platte  zu  Bruch  ging,  ließ  die  Stahlplatte ­
  von  Schneider  das  Geschoß  nicht  durch,  ging  aber  ebenfalls ­
  vollständig  zu  Bruch.
Die  Überlegenheit  des  Stahls  gegenüber  dem  Schweißeisen
  war  hiermit  klargestellt,  jedoch  erregte  die  große  Neigung
des  Stahls  zum  Reißen  ernste  Bedenken,  und  so  war  das
weitere  Streben  dahin  gerichtet,  diesen  Fehler  der  Stahlplatten
zu  beseitigen.  Es  wurden  zur  Erreichung  dieses  Zieles  zwei
getrennte  Wege  eingeschlagen.  In  England  kam  die  Firma
Cammel  L  Co.  in  Sheffield  auf  den  glücklichen  Gedanken,
Stahl  und  Eisen  in  einer  Panzerplatte  durch  Schlveißung  zu  vereinigen.  Man  nannte
diesen  Panzer  daher  auch  den  Compoundpanzer.  Der  Zweck  dieser  Bereinigung  war
der,  daß  man  die  außen  liegende,  harte  Stahlplatte  zur  Zurückweisung  und  Zertrümme
rung  des  anfressenden  Geschosses  nutzbar  machen  wollte,  wogegen  die  größere  Zähigkeit
und  Weichheit  der  schmiedeeisernen  Grundplatte  die  etwa  reißende  Stahlplatte  zusammenhalten ­
  sollte.  Die  Fabrikation  dieser  Compvundplatten  nach  dem  Patent  von  Alex.  Wilson
dieser  Firma  besteht  darin,  daß  auf  eine  auf  Rotglut  erhitzte  Eisenplatte,  welche  auf  einer
gußeisernen  Bettung  gelagert  und  mit  gußeisernen  Leisten  umgeben  ist,  flüssiger  Stahl
aufgegossen  wird,  wobei  die  wesentlich  höhere  Temperatur  des  Stahls  gegenüber  der

gefertigt  sind.  Die  Her-748.

  Nu»;rrung  drr  drntschrn
KusfoU-Pirnjrrkorortte
„S-lchsrn".
        <pb n="694" />
        726  Schiffbau.
Rotglühhitze  des  Eisens  sich  der  Oberfläche  des  letzteren  mitteilt  und  die  Zusammenschweißung
  beider  Metalle  ohne  äußeren  Druck  herbeiführt.  In  ähnlicher  Weise  begann
die  Sheffielder  Konkurrenzfirma  John  Brown  L  Co.  die  Herstellung  von  Componndpanzern
  nach  dem  Patent  Ellis.  Ellis  erzeugt  eine  Grundplatte  von  Schmiedeeisen  und
eine  Deckplatte  von  weichem  Stahl  und  geringerer  Dicke.  Beide  Platten  werden,  ans
Rotglut  erhitzt,  in  eine  gußeiserne  Gußgrnbe  derart  eingebracht,  daß  zwischen  beiden
Platten  ein  Spielraum  von  etwa  125  mm  verbleibt.  In  diesen  Spielraum  wird  nun
flüssiger  Stahl  gegossen  und  nach  dem  Erkalten  auf  Rotglut  wird  dann  die  ganze  Masse
herausgenommen  und  unter  der  Walze  bearbeitet.
Die  Cvmpoundplatten  entsprachen  den  gehegten  Erwartungen  vollkommen  und
wiesen  nach  der  Beschießung  auch  mit  großen  Kalibern  keine  oder  nur  unbedeutende
Risse  durch  die  ganze  Platte  hindurch  auf.  Die  englische  Admiralität  führte  daher  den
Componndpanzer  sehr  bald  allgemein  ein.  In  der  deutschen  Marine  fand  derselbe

749.
zuerst  bei  dem  Panzerschiff  „Oldenburg"  Verwendung,  und  waren  die  Compoundplatten
von  der  Dillinger  Hütte  nach  dem  Patent  Ellis  hergestellt.
Schneider  in  Creuzot  blieb  jedoch  seinem  System,  dem  reinen  Stahlpanzer,  treu
und  konnte  durch  Verbesserung  seiner  Fabrikationsmethoden  sehr  bald  den  Kampf  mit
Compoundplatten  aufnehmen.  Auch  dieses  Mal  war  es  wiederum  die  italienische  Regierung, ­
  welche  auf  dem  Schießplatz  zu  Mnggiano  Bergleichsversuche  zwischen  Stahl-  und
Compoundpanzer  veranstaltete.  Es  trat  eine  Stahlplatte  von  Schneider  mit  je  einer
Compoundplatte  von  Cammel  und  Brown  in  Wettbewerb.  Alle  Platten  waren  480  mm
dick  und  besaßen  eine  Länge  von  3,3  m  bei  2,62  m  Höhe.  Die  Platten  wurden  von
einem  100  Tonnen-Armstrongvorderlader  beschossen,  dessen  Geschosse  im  Durchschnitt
900  kg  wogen.  Während  die  Compoundplatten  durch  den  zweiten  Schuß  vollkommen
zerstört  wurden,  zeigte  die  Stahlplatte  von  Schneider  nur  fünf  bis  sechs  unbedeutende
Risse  und  ging  erst  durch  den  vierten  Schuß  zu  Bruch.  —  Zur  Herstellung  der  stählernen
Panzerplatten  verwendet  Schneider  Siemens-Martin-Stahl.  Das  Gewicht  der  Jngots
im  Verhältnis  zur  fertigen  Platte  beträgt  1,8  zu  1.  Die  Stahlingots  werden  alsdann
in  Gasöfen  erhitzt  und  unter  einem  100  Tonnen  Dampfhammer  oder  unter  hydraulischen
        <pb n="695" />
        Schiffspanzer:  Compoundplatten.  Nickelstahlplatten.  727

Pressen  ausgeschmiedet.  Das  Ausschmieden  erfordert  bei  Tag-  und  Nachtarbeit  acht  bis
zehn  Tage.  Ist  die  Platte  auf  Maß  beschnitten,  so  erfolgt  das  Härten  durch  Eintauchen
der  angewärmten  Platte  in  ein  kaltes  Ölbad.  Nach  dem  Härten  wird  die  Platte  nochmals ­
  angewärmt  und  allmählich  erkalten  gelassen.
Vom  Jahre  1890  an  begann  nun  ein  neuer  Aufschlvung  in  der  Panzerplattenfabrikation ­
  durch  die  Einführung  des  Nickelstahls.  Ein  Zusatz  von  Nickel  zum  Stahl
brachte  nicht  allein  eine  bedeutende  Steigerung  der  Festigkeit  mit  sich,  sondern  erhöhte
auch  die  Dehnung  des  Materials  wesentlich,  so  daß  die  Gefahr  des  Reißens  der  Platten
wesentlich  herabgemindert  wurde.  Ferner  konnte  beim  Nickelstahl  der  Härtcprozeß  für
die  Außenfläche  des  Panzers  derart  gesteigert  werden,  daß  dieselbe  eine  diamantharte
Oberfläche  erhielt.  Tresidder  in  England  nahm  ein  Patent  auf  Härten  von  Nickelstahlplatten ­
  durch  Abschrecken  mit  Hilfe  von  zahlreichen  Wasserbrausen  unter  hohem  Druck.

750.  Irmeiitirrofrn  für  Nawerplatten.
Hierbei  ist  die  Gewalt  der  Wasserstrahlen  so  groß,  daß  sie  den  auf  der  heißen  Platte
sich  entwickelnden  Dampf  durchdringen  und  die  ganze  Oberfläche  der  Platte  benetzen.
Harvey  in  Amerika  erzielte  dagegen  die  Härtung  der  Homogenstahlplatte  ans  der  Stirnfläche ­
  durch  einen  Zementierprozeß.  Hierbei  wird  die  fast  fertig  bearbeitete  Platte  in
einem  großen  Gasofen  auf  einen  Wagen  ruhend  gebracht,  auf  der  oberen  Fläche  mit
Holzkohlenstaub  oder  einer  dicken  Schicht  Tierkohle  bedeckt  und  dann  auf  eine  Dauer  bis
zu  14  Tagen  einer  Glühhitze  von  1200°  0.  ausgesetzt.  Hierdurch  geht  der  Kohlenstoff
in  die  oberen  Schichten  der  Platte  über  und  gibt  dieser  eine  größere  Härte  als  der
unteren  Schicht.  Die  Härteschicht  erhält  eine  Dicke  von  5  bis  15  mni  und  geht  allmählich
in  die  weiche,  hintere  Lage  über.  Da  der  Zementstahl  durch  den  Zementierprozeß  ein
grobblätteriges,  krystallinisches  Gefüge  erhält,  so  werden  die  Platten  nach  dem  Zementieren
ausgeglüht  und  durch  ein  Ölbad  vergütet.  Für  Nickelstahl  ist  nun  das  Zementieren  insofern ­
  günstiger,  als  die  Härtung  tiefer  in  die  Platte  eindringt.  Neben  dem  Harvey-Berfahren
  hat  nun  neuerdings  nach  dem  Vorgang  von  Schneider  in  Creuzot  die  Verwendung ­
  von  Leuchtgas  anstatt  Kohlenstaub  allgemeinen  Eingang  gefunden,  da  das
Leuchtgas  bei  starker  Erhitzung  seinen  Kohlenstoff  in  feinster  Teilung  abscheidet,  welcher
        <pb n="696" />
        728  Schiffbau.  Leistungsfähigkeit  der  Panzerplatten.

von  den  glühenden  Stahlplatten  derart  aufgesogen  wird,  daß  eine  sehr  gleichmäßige
Kohlung  bis  zu  50  mm  Tiefe  entsteht.  Die  Bekohlung  gegenüber  dem  Harvey-Prozeß  ist
daher  gleichmäßiger  und  schneller.  Für  den  Zementierprozeß  verwendet  man  meist  zwei
Platten,  welche  mit  den  Stirnseiten  einander  zugekehrt  mit  Spielraum  übereinander  im
Ofen  gelagert  werden.  Der  Raum  zwischen  den  Platten  von  200  bis  300  mm  Höhe
wird  am  Rande  mit  Ausnahme  einiger  Züge  durch  feuerfeste  Steine  und  Asbestpackungen
gasdicht  abgeschlossen  und  wird  durch  denselben  das  Leuchtgas  hindurch  eingeführt.  Nach
dem  Kohlen  der  Platten  erfolgt  stets  das  Vergüten  im  Ölbad  und  zum  Schluß  die  Oberflächenhärtung ­
  durch  Abschrecken  der  rotwarm  gemachten  Platte  mittels  gewaltiger  Wasserbrausen ­
  nach  dem  Tresidder-Verfahren.  Die  Panzerplatten  erhalten  meist  erst  nach  dem
Vergüten,  aber  vor  der  Oberflächenhärtung  ihre  endgültige  Form,  da  eine  Formveränderung
im  gehärteten  Zustand  ausgeschlossen  ist.  Da  beim  Abschrecken  leicht  ein  Verziehen  der

751.  Urrsnche  mit  einer  Kruppschen  gehärteten  Uichrtstahtplattr  von  300  mm  Kietir.
Platten  eintreten  kann,  so  ist  man  bisweilen  gezwungen,  in  den  Fällen,  wo  die  Form
genau  innegehalten  werden  muß,  die  Oberflächenhärtung  fortzulassen.
Nachstehende  Tabelle  bietet  einen  klaren  Überblick  über  die  Steigerung  der  Leistungsfähigkeit ­
  der  Panzerplatten  mit  Bezug  auf  die  lebendige  Kraft  der  Geschosse  zum  Durchschlagen ­
  der  Panzer.

Art  der  Platte

Verhältnis  der
lebendigen  Kraft

Die  Platte  entspricht
einer  schmiedeeisernen
Platte  von

1.  Walzeiscnplatte

1,0

150  mm

2.  Compoundplatte

1,37

183  „

3.  Stahlplatte

1,56
2,03

203  „

4.  Weiche  Nickelstahlplatte  ....

250  „

5.  Harveyplatte
6.  Nickelstahlplatte  nach  Kruppschem

2,96

332  "

Verfahren

4,12

430  „

Die  neuesten  Kruppschen  Platten  erfordern  demnach  zum  Durchschlagen  der  Geschosse
rund  viermal  soviel  lebendige  Kraft  als  die  ebenso  starken  Eisenplatten.
        <pb n="697" />
        IX  92

?52.  Namrrplnttenàroeitungswerkstatt  in  Sheffield
        <pb n="698" />
        730  Schiffbau.
Mit  Einführung  der  Nickelstahlplatten  im  Jahre  1891  hat  auch  die  Firma
Friedr.  Krupp  die  Fabrikation  von  Panzerplatten  aufgenommen  und  durch  Vervollkommnung ­
  der  Fabrikationsmethoden  derartige  Fortschritte  gemacht,  daß  sie  mit  ihren
gehärteten  Nickelstahlplatten  die  Fabrikate  aller  bestehenden  Walzwerke  in  den  Schatten
stellte.  Dabei  hatten  sich  in  allen  Ländern  die  Werke  zur  Herstellung  von  Panzerplatten
bedeutend  vermehrt.  In  England  ivaren  neben  Cammel  und  Brown,  Vickers  und
Beardmore  mit  der  Fabrikation  von  Panzerplatten  vorgegangen,  in  Frankreich  neben
Schneider  in  Creuzot,  St.  Chamond,  Chatillon-Commentry  und  Marrel  Frères.  In
Amerika  traten  die  Carnegie  und  Bethlehem-Werke  in  den  Wettbewerb  ein,  in  Italien  die
Terni-Werke  und  in  Rußland  die  Obuckowschen  Stahlwerke  sowie  die  Kama-Werke,  während
in  Deutschland  und  Österreich  neben  Dillingen,  Krupp  und  Witkvwitz  sich  entlvickelten.

763.  Grusons  Hartgirtzpainrrturm  für  die  Forts  von  Kpcma.
A  Süfelteiiidjtittcii,  B  hydraulischer  Cylinder  für  die  Hiihenrichlung,  C  MoniNonSauszug,  r&amp;gt;  hydraulischer  Seher,  rl  Plaitform
  für  den  Geschützführer,  F  RollenIraiiz,  II  Turmdrehiuaschtne,  J  Hartgubpanzerplatten.

Im  März  1895  stellte  Krupp  auf  dem  Schießplatz  zu  Meppen  eine  300  ININ  dicke
Nickelstahlplatte  mit  gehärteter  Stirnseite  zur  Verfügung,  welche  mit  drei  Schuß  aus  der
35  Kaliber  langen  35  oni-Kanone  mit  Stahlgranaten  von  325  kg  Gewicht  auf  115  m
Entfernung  beschossen  wurde.  Die  Platte  leistete  im  ganzen  einer  Angriffskraft  von
16  286  Metertonnen  Widerstand,  ohne  durchschlagen  zu  werden  oder  einen  durchgehenden
Riß  zu  zeigen.  Die  Erfolge  dieser  Beschießung  waren  so  überzeugend,  daß  die  englischen
und  amerikanischen  Werke  alsbald  das  Kruppsche  Patent  erwarben  und  zu  der  Kruppschen
Fabrikationsmethode,  welche  zur  Zeit  noch  Geheimnis  ist,  übergingen.
Nach  Einführung  der  Compound-Panzerplatten  sowie  der  Stahlplatten,  erfuhr  die
Befestigung  der  Platten  am  Schiffsrumpf  eine  Änderung.  Die  Panzerbolzen  werden  von
innen  etwa  90  min  tief  in  die  Panzerplatten  mittels  Vierkant  eingeschraubt,  um  die
gehärtete  Stirnseite  der  Platten  unbeschädigt  zu  lassen,  und  an  der  doppelten  Haut  des
Schiffsrumpfes  durch  eine  Sechskantmutter  befestigt.  Die  Mutter  wird  mittels  Unterlagscheibe
  auf  eine  Gummiplatte,  welche  in  einer  Schale  gelagert  ist,  gepreßt,  damit  dieselbe,
ivenn  nach  dem  Auftreffen  eines  Geschosses  die  Planzerplatte  wieder  zurückfedert,  das
Abreißen  der  Mutter  verhindert  wird.
Die  gewaltigen  Fortschritte  in  der  Entwickelung  der  Fabrikation  der  Geschütze  und
der  Panzerplatten  für  die  Kriegsmarinen  brachten  naturgemäß  auch  einen  Umschwung
in  dem  Bau  und  der  Armierung  der  Küstenbefestigungen  mit  sich,  welche  dazu  bestimmt
        <pb n="699" />
        731

Schiffspanzer.  Torpcdowesen.

sind,  den  Kampf  mit  den  schwer  armierten  Panzerschiffen  bei  Verteidigung  der  Hafeneinfahrten ­
  und  Rheden  aufzunehmen.  Neben  der  Steigerung  der  Kaliber  der  Küstengeschütze ­
  trat  auch  die  Notwendigkeit  eines  Panzerschutzes  für  dieselben  in  den  Vordergrund.
In  einer  Zeit,  wo  die  Fabrikation  der  Panzerplatten  »och  wenig  entwickelt  und  vorzugsweise
auf  England  beschränkt  war,  trat  in  Deutschland  Gruson  mit  seinem  Hartgnßpanzer
auf  den  Plan  und  errang  mit  demselben  alsbald  eine  solche  Bedeutung,  daß  neben
Deutschland  auch  Belgien,  Holland,  Österreich  und  Italien  Hartgußpanzerungen  bei
Gruson  in  Bestellung  gaben,  nachdem  dieselben  den  härtesten  Proben  lviderstanden  hatten.
Bei  den  Schießversnchen  in  Spezzia  im  Jahre  1886  wurde  eine  Grusonsche  Hartgußpanzerplatte ­
  bon  88  000  kg  Gewicht  mit  dem  1000  kg  schweren  Stahlgeschoß  aus  der
Armstrongschen  43  oin-Kanvne  auf  50  in  Entfernung  beschossen  und  hatte  demnach  eine
lebendige  Kraft  des  Geschosses  von  14  700  Metertvnnen  aufzunehmen.  Die  Platte  hielt
diese  Gewaltprobe  ans  und  lieferte  damit  den  Beweis,  daß  der  Hartgußpanzer  für  Küstenbefestigungen ­
  den  weitestgehenden  Ansprüchen  gewachsen  war.  Infolge  dieser  günstigen
Resultate  bestellte  die  italienische  Regierung  bei  Gruson  Panzerkuppeln  für  die  Forts
um  Spezzia,  tvelche  mit  je  zwei  120  t  Hinterladern  von  Krupp  armiert  wurden  und  für
welche  Armstrong  die  Lafetten  und  Unterbauten  der  Türme  solvie  die  hydraulischen
Betriebseinrichtungen  zum  Drehen  des  Turmes  und  zur  Bedienung  des  Geschützes  lieferte.
Und  so  vereinigten  sich  drei  der  größten  Fabriken  von  Kriegsmaterial,  zwei  deutsche  und
eine  englische,  zu  diesem  hervorragenden  Bau.  Der  Querschnitt  der  Grnsonschen  Hartgnßpanzerkuppeln
  ist  von  elliptischer  Form,  so  daß  die  feindlichen  Geschosse  die  Panzerfläche
nur  unter  einem  spitzen  Winkel  treffen  könne».  Die  einzelnen  Hartgnßplatten  sind  durch
Falze,  die  mit  Weißmetall  ausgegossen  sind,  miteinander  verbunden  ohne  Verwendung
von  Bolzen,  und  die  Kuppel  bildet  demnach  eine  kompakte  Masse,  welche  als  Ganzes  die
lebendige  Kraft  des  anftreffenden  Geschosses  aufnimmt  und  unwirksam  macht.  Da  die
Platten  nach  dem  Guß  an  der  Oberfläche  nicht  bearbeitet  werden,  so  bildet  die  harte
Kruste  einen  vorzüglichen  Schutz  gegen  die  anstreffenden  Geschosse.
Neben  den  Panzertürmen  und  Panzerbatterien  der  Küstenbefestigungen  findet  man
neuerdings  im  besonderen  die  Schnellfeuerkanonen  auch  ans  Verschwindelafetten  montiert,
welche  hinter  Erd-  und  Manerwällen  aufgestellt  sind.
In  neuerer  Zeit  finden  zur  Küstenverteidignng  auch  Mörser  mit  verbesserter
Lafettenkonstrnktion  Verwendung,  und  man  verspricht  sich  bei  der  gesteigerten  Treffwahrscheinlichkeit ­
  von  dieser  Waffe  eine  verheerende  Wirkung  für  die  schwach  gepanzerten  Teile
des  Schiffes  wie  Decks  und  Aufbauten.  Derartige  Mörser  werden  meist  zu  Batterien
zu  4  und  5  Stück  vereinigt  und  bilden  für  Hafeneinfahrten  und  engere  Fahrwasserrinnen
ein  vorzügliches  Verteidigungsinittel  vor  allem,  wenn  sie  ans  Anhöhen  aufgestellt  sind,  so
daß  sie  von  den  feindlichen  Geschossen  der  Schiffe  nicht  erreicht  werden  können.
Torpedo  wesen.
Während  der  Kampf  zlvischen  Geschütz  und  Panzer  seit  dem  Krimkriege  die  Grundlage ­
  bildete  für  die  Entwickelung  der  Kriegsmarinen  und  den  Ausbau  der  neueren
Schlachtschiffe,  traten  seit  dem  nordamerikanischen  Bürgerkriege  auch  die  Unterwasserwaffen, ­
  wie  Seeminen  und  Torpedos,  mit  in  die  Schranken  und  verursachten  eine
weitere  Vervollkommnung  des  Kriegsschiffbaues  und  eine  Umgestaltung  der  Seetaktik,  zumal ­
  auch  die  Seeschlacht  von  Lissa  durch  die  verderbenbringende  Wirkung  des  Rammsporns ­
  die  Folgen  klar  gelegt  hatte,  welche  die  Zerstörung  der  Außenhaut  eines  Schiffes
unterhalb  der  Wasserlinie  nach  sich  zieht.
Der  Gedanke,  durch  Explosionen  von  Sprengstoffen  unter  Wasser  Löcher  in  den
Schiffsrnmpf  zu  reißen  und  hierdurch  feindliche  Schiffe  zum  Sinken  zu  bringen,  hatte
schon  im  Mittelalter  zu  mannigfachen  Erfindungen  geführt.  Den  ersten  schwimmenden
Minen  begegnen  wir  bei  der  Belagerung  von  Antwerpen  (1585)  und  bei  dem  1627  erfolgten ­
  Angriff  ans  La  Rochelle.  Schon  1773  zeigte  dann  der  Amerikaner  Bushnel,
welche  Wirkungen  sich  durch  die  Sprengung  von  Petarden,  welche  unter  Wasser  mit
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        732  Schiffbau.

einem  Schiff  in  Berührung  kamen,  hervorbringen  ließen;  er  baute  sogar  ein  Unterwasserboot, ­
  welches  von  einem  Mann  bewegt  wurde  und  mit  welchem  er  thatsächliche  jedoch
ohne  Erfolg,  sich  einer  englischen  Fregatte  näherte,  um  am  Schiffsboden  derselben  eine
Mine  zu  befestigen.  Im  Jahre  1797  nahm  dann  Fnlton  diese  Gedanken  wieder  auf
und  entwickelte  in  der  Konstruktion  von  Unterwasserwaffen  eine  erstaunliche  Erfindungsgabe. ­
  Er  führte  auch  zuerst  den  Namen  Torpedo,  nach  der  lateinischen  Bezeichnung  für
Zitterrochen,  ein.  Mit  seinen  Seeminen,  Schlepp-  und  Spierentorpedos,  sowie  mit
einem  Unterwasserboot  wußte  er  das  Interesse  Napoleons  zu  erwecken.  Im  Jahre  1801
machte  er  alsdann  in  Brest  eingehende  Versuche  mit  einem  Unterwasserboot  und  legte
mit  demselben  vier  Stunden  lang  eine  Strecke  von  15  Seemeilen  unter  Wasser  zurück,
ohne  daß  das  Boot  am  Wasserspiegel  sichtbar  wurde.  Trotz  dieser  anscheinend  günstigen
Erfolge  ging  Napoleon  I.  auf  Fnltons  Ideen  nicht  weiter  ein.  Als  dann  Fnlton  auch
in  England  für  seine  Erfindungen  keine  rege  Unterstützung  fand,  kehrte  er  nach  Amerika
zurück,  um  sich  ganz  dem  Ban  von  Dampfschiffen  zu  widmen.
Seit  dieser  Zeit  ruhte  die  Entwickelung  der  Unterwasserwaffen  mehrere  Jahrzehnte,
bis  der  nordamerikanische  Bürgerkrieg  die  Wichtigkeit  derselben  mehr  in  den  Vordergrund
brachte.  Im  besonderen  bedienten  sich  die  Südstaaten  mit  großem  Geschick  der  Seeminen
und  Spierentorpedos,  und  durch  dieselben  wurden  im  ganzen  27  Schiffe  zum  Sinken
gebracht  bezw.  kampfunfähig  gemacht.  Trotz
dieser  bedeutenden  Erfolge  der  Unterwafferwaffen
legte  man  denselben  anfänglich  keinen  so  großen
Wert  bei,  da  in  diesem  Kriege  meist  Schiffe
älterer  Konstruktion  in  Aktion  traten,  welche  in
größter  Eile  für  den  Krieg  hergerichtet  waren
und  durchweg  gegen  Unterwasserexplosionen  in
keiner  Weise  geschützt  waren.  Auch  hielt  man
diese  heimtückischen  und  hinterlistigen  Waffen,
welche  ein  Schiff  gewissermaßen  wehrlos,  ohne
Kampf,  ohne  Geschützfeuer  und  Pulverdampf,
zum  Sinken  brachten,  diesseit  des  Ozeans  nicht
7M.  s-rührunssmin-.  für  ebenbürtig  mit  den  bisherigen  Kampfmitteln.
Erst  nachdem  der  österreichische  Fregattenkapitän
Luppis  in  den  Jahren  1864—1868  im  Verein  mit  dem  Ingenieur  Robert  Whitehead
  dazu  überging,  den  Torpedos  eigene  Bewegung  zu  geben  und  sie  als  automobile
Torpedos  gleich  einem  Geschoß  auf  das  feindliche  Schiff  zu  richten,  wurde  der  Torpedo
neben  den  Geschützen  als  Angriffswaffe  bald  allgemein  anerkannt  und  in  allen  Kriegsmarinen ­
  eingeführt.  Und  so  ergab  sich  eine  schnelle  und  glänzende  Entwickelung  des
Torpedowesens,  welche  wiederum  weitere  Umwälzungen  in  dem  Bau  der  Kriegsschiffe
und  Änderungen  der  Taktik  zur  See  zur  Folge  hatte.
Als  Defensivwaffe  hatten  die  sogenannten  Seeminen  seit  Mitte  des  Jahrhunderts
als  Hafensperren  und  zum  Schutz  der  Küsten  und  Flußmündungen  in  Verbindung  mit
den  Küstenbefestigungen  eine  wichtige  Rolle  gespielt,  da  sie  die  feindlichen  Schiffe  veranlaßten, ­
  in  den  Hafen  mit  größerer  Vorsicht  und  geringerer  Fahrt  einzulaufen,  und
auf  diese  Weise  das  Feuer  der  Küsteugeschütze  wirkungsvoller  gestalteten.  In  der  That
wurde  auch  im  Jahre  1848  der  Hafen  von  Kiel  durch  Seeminen  vor  dem  Einlaufen
einer  dänischen  Flotte  geschützt.  Gleichen  Erfolg  hatten  im  Krimkriege  die  Seemiuen,
welche  den  Hafen  von  Kronstadt  sperrten,  als  eine  englische  Flotte  denselben  bedrohte.
Im  Jahre  1859  sperrte  man  den  Hafen  von  Venedig  mit  Seeminen,  1866  dienten  dieselben ­
  zur  Verteidigung  von  Triest  und  1870/71  verhinderte»  sie  einen  Angriff  der  französischen ­
  Flotte  auf  die  deutschen  Küsten  und  Flußmündungen.
Die  älteren  Seemineu  waren  sogenannte  Berührungs-  oder  Kontaktminen,  d.  h.
sie  wurden  durch  den  Stoß  oder  Kontakt  eines  Schiffes  entzündet.  Das  Minengefäß
bestand  aus  einem  aus  Eisenblech  genieteten  Schwimmkörper  von  eylindrischer  oder
birnenförmiger  Gestalt,  welcher  mit  einer  Ladung  Sprengstoff  —  meist  nasse,  gepreßte
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        Torpedowesen:  Seeminen,  733

Schießbaumwolle  —  gefüllt  war  und  entweder  als  Grundmine  auf  dem  Grunde  lag,
oder  als  Auftriebmine  gegen  Forttreiben  in  einer  bestimmten  Tiefe  unter  Wasser  verankert ­
  war.  Für  Häfen  mit  ivechselnden  Gezeitenhöhen  sind  neuerdings  selbstthätig
wirkende  Tiefensteller  in  Gebrauch,  so  daß  die  Mine  stets  in  demselben  Abstand  unter
der  Wasseroberfläche  verbleibt.  Die  Zündung  der  Kontaktminen  erfolgte  anfänglich  ans
mechanischem  Wege,  indem  durch  den  Stoß  des  Schiffes  ein  Gewicht  von  der  Minendecke
fiel  und  einen  Friktionszünddraht  herauszog,  welcher  alsdann  einen  Pulversatz  entzündete.
Später  wandte  man  chemische  Mittel  an.  Aus  den  Minen  ragten  zu  diesem  Zweck  eine
Anzahl  Glascylinder  hervor,  welche  durch  dünne  Bleikappen  geschützt  und  mit  Schwefelsäure ­
  gefüllt  waren.  Stößt  ein  Schiff  gegen  die  Bleikappe  und  verbiegt  dieselbe,  so

7öS.  Vorrichtung  zur  Verteidigung  des  Trirstrr  jiafens  1888.

bricht  der  Glascylinder,  und  die  Schwefelsäure  ergießt  sich  über  eine  Mischung  von  chlorsaurem ­
  Kali  und  Zucker,  entzündet  dieselbe  und  bewirkt  so  die  Zündung  der  Mine.
Diese  Kontaktminen  haben  nun  den  Nachteil,  daß  sie  beim  Auslegen  und  Lichten  sich
leicht  entzünden  können;  auch  bieten  sie  den  eigenen  Schissen  eine  große  Gefahr.  Um
diesen  Nachteilen  entgegenzutreten,  entstanden,  von  dem  österreichischen  Oberst  Freiherr
von  Ebner  erfunden,  die  elektro  -  mechanischen  Minen,  welche  durch  ein  Kabel
vom  Lande  den  Strom  erhalten  und  in  welche  der  erforderliche  Zündstrom  automatisch
durch  den  Kontakt  eines  Schiffes  eingeleitet  wird,  welcher  sodann  die  Detonation
bewirkt.  Wird  die  Stromzuführuug  vom  Lande  ans  abgestellt,  so  ist  eine  Entzündung
der  Minen  ausgeschlossen,  und  dieselben  können  alsdann  gefahrlos  gelichtet  bezw.  ausgelegt ­
  werden.  Die  Minensperren  werden  meist  quer  durch  das  Fahrwasser  gelegt  und
zwar  schachbrettförmig  in  drei  Reihen  derart,  daß  ein  Passieren  von  Schiffen  zlvischeu
den  Minen  unmöglich  ist.  Für  die  eigenen  Schiffe  werden  meist  freie  Öffnungen  als
Thore  gelassen.
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        734

Schiffbau.

Ein  freieres  Spiel  gewähren  die  sogenannten  Bevbachtungsminen,  deren  Entzündung ­
  vom  Lande  aus  durch  den  elektrischen  Strom  erfolgt.  Die  Beobachtungsminen
liegen  meist  so  tief  unter  dem  Wasserspiegel,  daß  sie  die  Bewegung  der  Schiffe  nicht  behindern; ­
  sie  erhalten  dementsprechend  eine  stärkere  Ladung  —  250  Kg  Schießbaumwolle
gegenüber  40  kg  bei  den  Kontaktminen.  Die  Zündstation  am  Lande  muß  derart  auf
einer  Anhöhe  erbaut  sein,  daß  sie  einen  freien  Überblick  über  den  Hafen  gewährt.  Sie
wird  meist  durch  Erdwälle  oder  Panzer  geschützt  und  ist  mit  sinnreichen  Apparaten  ausgerüstet, ­
  welche  den  Eintritt  der  feindlichen  Schiffe  in  das  Minenfeld  anzeigen.  Bei  der
Hafenverteidigung  von  Triest  bestand  die  Zündstation  aus  einer  Camera  obscura;  sie
hatte  völlig  geschwärzte  Wände  und  eine  einzige  Lichtöffnung,  in  welcher  eine  große
Sammellinse  angebracht  war.  Letztere  warf  das  Bild  des  Hafens  auf  ein  Prisma  und
wurde  von  diesem  auf  eine  matte  Glasscheibe  heruntergespiegelt,  auf  welcher  durch
schwarze  Punkte  mit  mathematischer  Genauigkeit  die  Stellen  bezeichnet  waren,  wo  entsprechend ­
  dem  Bilde  des  Hafens  die  Minen  verankert  waren.  Born  an  dem  Tisch  war
ferner  eine  Klaviatur  angebracht,  mit  deren  Hilfe  der  Strom  für  die  einzelnen  Minen
geschlossen  werden  konnte.  Verfolgt  nun  der  Leiter  der  Zündstation  durch  das  Spiegelbild ­
  die  Bewegung  der  feindlichen  Schiffe,  so  kann  er,  sobald  -ein  Schiff  sich  einem
schwarzen  Punkt  nähert,  durch  einen  Druck  ans  die  entsprechende  Taste  die  Mine  zur
Explosion  bringen  und  hierdurch  das
feindliche  Schiff  kampfunfähig  machen.
Der  Apparat,  welcher  sich  bei  den
Versuchen  glänzend  bewährte,  trat
nicht  in  Aktion,  da  Tegetthoff  bei
Lissa  den  Feind  bereits  unschädlich
gemacht  hatte.
Diese  Methode  verspricht  jedoch
nur  Erfolg  bei  genügender  Beleuchtung ­
  des  Minenfeldes.  Man  verwendet ­
  daher  neuerdings  meist  Beobachtungsapparate, ­
  sogenannte  Minenzielapparate, ­
  welche  auf  zwei  etwa
500  m  voneinander  entfernt  liegenden ­
  Stationen  aufgestellt  sind.  Sie  bestehen  aus  beweglichen  Fernrohren,  deren  Drehung
elektrisch  auf  zwei  Zeiger  übertragen  wird.  Visiert  man  mit  diesen  Fernrohren  ständig
das  feindliche  Schiff  an,  so  ergibt  der  Schnittpunkt  der  Zeiger  auf  der  Meßtischplatte
den  Ort  des  Schiffes.
Während  die  Minensperren  im  allgemeinen  einen  defensiven  Charakter  haben,
können  sie  doch  auch  als  Offensivwaffe,  als  Blockademinen,  verwandt  werden,  um
feindliche  Geschwader  in  Häfen  einzuschließen,  sowie  als  Kontre-  oder  Gegenminen
Benutzung  finden,  um  feindliche  Minensperrungen  zu  zerstören.  Hierher  gehört  auch
die  sogenannte  Schleppmine,  welche  vom  eigenen  Schiff  an  einem  Tau  nachgeschleppt
wird  und  am  Bug  des  verfolgenden  feindlichen  Schiffes  meist  durch  elektrische  Zündung
zur  Explosion  gebracht  wird.  Diese  Mine,  welche  schon  in  den  Bereich  der  Torpedos
übergeht,  wurde  vom  Kapitän  Harvey  empfohlen,  hat  jedoch  nur  beschränkte  Verwendung ­
  gefunden.
Die  Enwickelung  des  Angriffstorpedos  steht  nun  mit  der  Einführung  und  Vervollkommnung ­
  des  automobilen  Torpedos  durch  Lnppis  und  Whitehead  in  engem
Zusammenhang.  Die  sogenannten  Spierentorpedos,  d.  h.  an  langen  Stangen  oder
Spieren  befestigte  Minengefäße,  welche  von  kleinen,  schnelllaufenden  Dampfbooten  aus
gegen  das  feindliche  Schiff  vorgeschoben  werden  und  vom  Boot  aus  meist  auf  elektrischem
Wege  durch  eine  Zündmaschine  zur  Detonation  gebracht  werden,  haben  es  zu  keinem
großen  Wirkungskreis  gebracht,  da  ihre  Verwendung  wegen  der  unzulänglichen  Seefähigkeit ­
  ihrer  Boote  ausschließlich  für  Hafenverteidigungen  beschränkt  ist.  Der  erste  von
Luppis  im  Jahre  1860  konstruierte  automobile  Torpedo  wurde  durch  ein  Uhrwerk  ge-756.

  Älteres  Torpedoboot  mit  einem  ausgcschobencn  nnb
einem  ;nm  Ausschicben  bereiten  Kpirrcntorpcdo.
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        Torpedowesen.  735

trieben,  besaß  am  Heck  zwei  Steuer,  welche  vom  Lande  aus  durch  Leinen  bewegt  wurden,
und  enthielt  am  Kopf  eine  Sprengladung,  welche  durch  einen  Perkussionszünder  zur
Detonation  gebracht  wurde.  Dieses  Modell,  welches  Luppis  Küstenretter  taufte,  mußte
wegen  der  Steuerung  vom  Lande  aus  an  der  Oberfläche  schwimmen  und  war  daher  den
Einflüssen  von  Wind  und  Wetter,  sowie  den  feindlichen  Blicken  preisgegeben.  Als  sich
daher  Luppis  zur  Vervollkommnung  seines  Torpedos  mit  dem  Ingenieur  Whitehead
vereinigte,  erkannte  dieser  sehr  bald,  daß,  um  den  Torpedo  lebensfähig  zu  gestalten,  es
notwendig  sei,  denselben  in  einer  bestimmten  Wassertiefe,  d.  h.  unsichtbar,  gegen  das
feindliche  Objekt  zu  bewegen  und  überdies  die  Triebkraft  desselben  zu  verbessern.  Als
solche  wählte  er  Druckluft,  die  sich  noch  heute  als  bestes  Mittel  zur  Fortbewegung  des
Torpedos  erhalten  hat.  Um  den  Torpedo  während  seines  Laufes  in  einer  bestimmten
Tiefenlage  unterhalb  der  Wasseroberfläche  zu  erhalten,  erfand  dann  Whitehead  den
sogenannten  Tiefenregulator.  Mit  eisernem  Fleiß  arbeitete  nun  Whitehead  mit  zwei
Arbeitern  und  seinem  zwölfjährigen  Sohn  persönlich  zwei  Jahre  lang  an  dem  Bau  eines
Torpedos.  Derselbe  war  aus  Stahlblech  gebaut,  hatte  Zigarrenform  mit  zugespitzten  Enden
und  ergab  bei  einer  Länge  von  3,85  na  und  einem  größten  Durchmesser  von  0,855  in  ein
Gewicht  von  136  kg.  Er  besaß  vorn  und  hinten  in  seinem  Längsschnitt  zwei  feste
Flossen  und  am  vorderen  Ende  ein  horizontal  liegendes,  drehbares  Flossenpaar,  welches
vom  Tiefenregulator  gestellt  wurde.  Die  Wirkung  desselben  beruht  auf  dem  wechselnden

Wasserdruck  in  verschiedenen  Tiefen  und  bestand  aus  einer  beweglichen  Ventilplatte,  auf
welche  von  außen  der  Wasserdruck,  von  innen  eine  Feder  drückt,  welche  für  bestimmte
Wassertiefen  eingestellt  werden  kann.  Geht  z.  B.  der  Torpedo  tiefer,  als  der  Federspannung
  entspricht,  so  treibt  der  überwiegende  Wasserdruck  die  Ventilplatte  nach  einwärts ­
  und  bewegt  hierdurch  die  horizontalen  Flossen  nach  oben,  so  daß  der  Torpedo
bei  der  Fahrt  nach  oben  abgelenkt  wird.  Läuft  der  Torpedo  zu  flach,  so  überwiegt  der
Federdruck  und  treibt  die  Ventilplatte  nach  außen;  die  Horizontalflossen  werden  dann
nach  unten  gedreht  und  bewirken  ein  Tiefergehen  des  Torpedos.  Die  Maschine  bestand
aus  zwei  oscillierenden  Cylindern,  welche  auf  eine  Kurbel  wirkten  und  eine  am  Hinterteil ­
  des  Torpedos  in  einer  Aussparung  der  vertikalen  Flossen  gelagerte  Schraube
treiben.  Die  Druckluft  von  25  Atmosphären  war  in  einem  Reservoir  aufgespeichert.  Die
Raumeinteilung  des  Torpedos  war,  von  vorn  beginnend,  folgende:  Zündspitze  mit  8  kg
schwerer  Sprengladung,  dann  die  Kammer  mit  dem  Tiefenregulator,  die  Maschinenkammer, ­
  das  Luftreservoir  und  das  Schwanzstück  mit  der  Schraube.  Bei  der  im  Jahre  1866
vorgenommenen  Erprobung  des  Torpedos  hielt  derselbe  bei  einer  Geschivindigkeit  von
6  bis  7  Knoten  im  allgemeinen  seine  Richtung  sowie  seine  Tiefenlage  inne  und  rechtfertigte ­
  demnach  die  von  Whitehead  gemachten  Verbesserungen.
Da  der  Torpedo  noch  erhebliche  Tiefenschwankungen  zeigte  —  bei  der  geringen
Masse  des  Torpedos  bewirkte  die  Bewegung  der  Horizontalflossen  eine  sehr  kräftige
Ablenkung  desselben  —  so  war  Whitehead  zunächst  darauf  bedacht,  den  Tiefenregulator
empfindlicher  zu  gestalten.  Er  fügte  daher  ein  Kontrollpendel  hinzu,  welches  mit  einem
zweiten,  vor  der  Schraube  angebrachten  Flossenpaar  in  Verbindung  stand  und  dem
vorderen  Flossenpaar  entgegenwirkend,  die  Ablenkungen  desselben  milderte.  Bei  horizontal
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        736  Schiffbau.

liegendem  Torpedo  übt  das  Pendel  keine  Wirkung  aus.  Steuert  der  Torpedo  nach  unten,
so  schwingt  das  Pendel  nach  vorn  und  bewegt  das  Hintere  Horizontalruder  nach  oben,
steigt  der  Torpedo  nach  oben,  so  geht  das  Pendel  nach  hinten  und  dreht  das  Horizoutalruder
  nach  unten.  Der  Tiefenregulator  ist  daher  bestrebt,  den  Torpedo  in  die  richtige
Tiefenlage  zu  bringen,  während  das  Pendel  dahin  Ivirkt,  diese  Tiefenlage  in  möglichst
horizontalem  Lauf  beizubehalten.  Später  hat  Whitehead  die  Bewegungen  des  Tiefenregulators ­
  und  des  Pendels  miteinander  verkuppelt.  Die  resultierende  Bewegung  wird
dann  einem  Verteilnngsschieber,  einer  Steuermaschine,  mitgeteilt,  welche  mit  Preßluft
arbeitet  und  deren  Kolben  ein  am  Schwanzende  gelagertes  Horizontalruder  bethätigt.
Auf  diese  Weise  wird  die  Wirkung  des  Tiefenapparates  verstärkt  und  der  Ruderausschlag
vergrößert.  Die  Wirkung  vom  Tiefenregulator  und  Pendel  ergibt  sich  aus  nebenstehender ­
  Abbildung.  Läuft  der  Torpedo  zu  tief,  so  lvird  die  Beutilplatte  nach  hinten
bewegt.  Die  Stange  t  dreht  dann  den  Hebel  n  um  a  nach  hinten.  Die  am  Ende  des
Hebels  in  c  angreifende  Steuerstange  s  wird  hierdurch  gleichfalls  nach  hinten  geschoben
und  bethätigt  die  Stenermaschine  derart,  daß  die  Kolbenstange  g  das  Ruder  nach  oben

756.  Arottzertzood-Mnschink  für  Torpedos.  Nach  „Engineering".

dreht.  Hierdurch  wird  der  Torpedo  nach  oben  steuern.  Infolgedessen  bewegt  sich  das
Pendel  nach  hinten.  Während  dieser  Bewegung  bleibt  der  Tiefenregulator  und  dementsprechend ­
  die  Stange  t  stehen,  und  nunmehr  bildet  l&amp;gt;  den  Drehpunkt  des  Hebels.
Durch  die  Bewegung  des  Pendels  nach  hinten  wird  nun  auch  a  nach  hinten  verschoben,
der  Angriffspunkt  c  der  Steuerstange  muß  demnach  sich  nach  vorn  bewegen  und  schiebt
die  Steuerstange  8  gleichfalls  nach  vorn,  was  zur  Folge  hat,  daß  auch  §  nach  vorn  geht
und  das  Ruder  nach  unten  dreht.  Die  Wirkungen  des  Tiefenregulators  und  des  Pendels
wirken  daher  entgegengesetzt  und  gleichen  sich  allmählich  aus,  so  daß  der  Torpedo  langsam
in  die  vorgeschriebene  Tiefe  steuert  und  sich  in  derselben  erhält.
Da  beim  Lancieren  des  Torpedos  vom  Schiff  aus  das  Pendel  infolge  seiner  Trägheit
relativ  zum  Torpedo  sich  nach  hinten  bewegen  und  dementsprechend  das  Ruder  nach  unten
stellen  wird,  wodurch  der  Torpedo  eine  große  Tiefenlage  annehmen  würde,  so  wird  das
Pendel  beim  Lancieren  zunächst  arretiert  und  erst  freigegeben,  wenn  der  Torpedo  eine
möglichst  horizontale  Lage  angenommen  hat.
Allmählich  steigerte  Whitehead  die  Preßluft  auf  90  Atmosphären  und  verwendete
eine  dreicylinderige  Brotherhood-Maschine  bis  zu  70  Pferdestärken.  Die  Ingangsetzung
der  Maschine  erfolgt  durch  den  Öffnungshebel,  welcher  beim  Vorwärtstreiben  des  Torpedos
im  Tvrpedolancierrohr  gegen  den  Öffnungshaken  stößt,  nach  hinten  umgelegt  wird  und
        <pb n="705" />
        737

Torpedowesen:  Steuerung  der  Torpedos.

hierdurch  das  Absperrventil  öffnet.  Um  min  zu  verhüten,  daß  die  ans  dem  Windkessel
ausströmende  Luft  die  Maschine  voll  betreibt,  solange  der  Torpedo  noch  in  der  Luft
schwebt,  und  demnach  die  Schrauben  keinen  Widerstand  zu  überwinden  haben,  so  daß  ein
Durchgehen  der  Maschine  zu  befürchten  ist,  ivird  der  Luftzutritt  durch  ein  Verzögerungsventil ­
  gedrosselt  und  der  volle  Querschnitt  der  Luftleitung  erst  freigegeben,  wenn  der
Torpedo  sich  im  Wasser  befindet.  Dies  bewirkt  die  Wasserschlagklappe.  Die  Luft  tritt
nun  mit  vollem  Druck  von  90  Atmosphären  in  den  Regulator,  ein  Reduzierventil,
welches  die  Spannung  auf  etwa  40  Atmosphären  heruntersetzt.  Zum  Ausgleich  von
Druckschwankungen  tritt  die  Luft  daun  in  einen  Windkessel  und  von  dort  durch  die  Stoppvorrichtung ­
  in  den  Schieberkasten  der  Maschine.  Durch  Flach-  oder  Kolbenschieber  gelangt ­
  dann  die  Luft  hinter  die  Kolben,  treibt  dieselben  nach  innen  und  entweicht  nach
dem  Expandieren  nach  dem  Kurbelraum  der  Maschine  und  von  hier  in  die  hohle
Schraubenwelle  nach  hinten  aus  dem  Torpedo  heraus.  Die  entweichende  Luft  wirkt  auf

759.  Schwanzstück  eines  Mhitehrad-Torprdos  mit  Schrauben  und  Karizontatruder.
Nach  »Engineering".
a  Schrauben,  b  Horizontalruder,  c  Stoppvvrrtchtung.

diese  Weise  durch  Reaktion  mit  auf  Vorwärtsbewegung  des  Torpedos.  Die  Stoppvorrichtung ­
  bringt  die  Maschine  nach  beliebig  einzustellender  Laufentfernung  zum  Stillstand ­
  und  setzt  dann  bei  scharf  geladenen  Torpedos  die  Sinkvorrichtung  in  Thätigkeit,  ein
Ventil  zum  Tunnelstück,  damit  der  Torpedo,  wenn  er  das  Ziel  verfehlt  hat,  auf  den
Grund  geht.  Bei  Übungstorpedos  bethätigt  die  Stoppvorrichtung  das  Horizontalrudcr
und  läßt  den  Torpedo  aufschwimmen.
Die  Maschine  betreibt  zwei  zweiflügelige  Schrauben,  welche  mit  entgegengesetzter
Drehvorrichtung  umlaufen,  um  eine  Ablenkung  des  Torpedos  durch  die  Wirkung  der
Schrauben  aufzuheben.  Die  hintere  linksgängige  Schraube  ist  zu  diesem  Zweck  fest  auf
der  Hauptwelle  befestigt,  während  die  vordere  rechtsgängige  Schraube  auf  einer  hohlen
Welle  sitzt,  durch  welche  die  Hauptwelle  hindurchgeht  und  welche  mittels  konischer  Räder
von  dieser  angetrieben  wird.  Die  neueren  Torpedos  erreichen  bei  einer  Länge  von  5  m
und  einem  größten  Durchmesser  von  0,4b  rn  ein  Gewicht  bis  zu  600  kg  und  führen  im
Kopf  eine  Sprengladung  bis  zu  100  leg  Schießbaumwolle.  Sie  haben  eine  Geschwindigkeit ­
  bis  zu  30  Knoten  bei  einer  Lanflänge  von  1000  in  erreicht.
Während  bis  vor  einigen  Jahren  die  Seitenablenkungen  des  Torpedos  durch  festes
Einstellen  von  kleinen  Vertikalrndern  ausgeglichen  wurden,  ist  im  Jahre  1897  von  dem
93
        <pb n="706" />
        738

Schiffbau.

Ingenieur  Ludwig  Obry  in  Triest  ein  sinnreicher  Apparat  erfunden,  welcher  ein  Vertikalrüder
  betreibt  und  dem  Torpedo  einen  geraden  Lauf  erteilt.  Er  heißt  daher  auch
Geradlaufapparat.  Er  besteht  im  wesentlichen  aus  einem  Gyroskop,  dessen  Achse  in
der  Längsachse  des  Torpedos  liegt,  und  einem  Servomotor,  welcher  das  Vertikalruder
betreibt.  Das  Schwungrad  des  Gyroskops  wird  durch  eine  starke  Feder  mittels  Zahnsektors ­
  in  Bewegung  gesetzt,  sobald  durch  den  Öffuungshebel  die  Feder  freigegeben  wird.
Die  mit  diesem  Apparate  erzielten  Erfolge  sind  ganz
hervorragend,  und  derselbe  gestaltet  den  Whitehead-Torpedo
  zu  einer  Präzisionswaffe  ersten  Ranges.  Er
hat  bereits  in  allen  Kriegsmarinen  Eingang  gefunden.
Von  dem  übrigen  automobilen  Torpedos  ist
neben  dem  Whitehead-  nur  noch  der  Howell-Torpedo
  von  Bedeutung. ­
  Die  Triebkraft
desselben  bildet  ein
Schwungrad,  welches
vor  dem  Lancieren
durch  eine  am  Ausstoßrohr ­
  gelagerte  Dampfturbine ­
  eine  Umdrehungsgeschwindig ­
 ­
  von  10000  Touren
pro  Minute  erhält.
Das  Schwungrad  treibt
mit  der  ihm  verliehenen ­
  lebendigen  Kraft  durch  konische
Räderübersetzung  zwei  nebeneinanderliegende ­
  Schrauben.  Der
Tiefenapparat  ist  nach  Art  des
Whiteheadschen  konstruiert.  Der
Howell-Torpedo  hat  eine  große
Richtkraft  infolge  seines  Bestrebens, ­
  die  Richtung  des  Schwungrades ­
  beizubehalten,  ist  jedoch
durch  den  Whitehead-Torpedo  mit
Obryschem  Geradlaufapparat  bedeutend ­
  überholt.
Die  sonstigen  automobilen
Torpedos  sind  meist  lenkbare  vom
Lande  aus.  Sie  werden  teils  durch
Elektrizität,  Kohlensäure  und  Seilzug ­
  getrieben.  Besonders  originell
ist  der  Brennan-Torpedo.  Die
beiden  nach  Art  des  Whitehead-Torpedos
  gelagerten  Schraubenpropeller ­
  werden  durch  je  eine
Trommel  in  Drehung  versetzt,  welche  mit  Klaviersaiten  bewickelt  sind.  Vor  dem  Lancieren ­
  werden  die  Trommeln  durch  Abwickeln  der  Saiten  in  schnelle  Umdrehung  versetzt.
Durch  die  hier  im  Wasser  eintretende  Fahrt  des  Torpedos  werden  die  Saiten  stetig
weiter  abgerollt  und  wird  demnach  der  Torpedo  durch  die  Differenz  des  Vorwärtsschubes
der  Schrauben  und  der  Zugkraft  der  Klaviersaiten  getrieben.
Die  Einführung  der  Whitehead-Torpedos  als  Angriffswaffe  in  die  Kriegsmarine
führte  sehr  bald  dazu,  die  Kriegsschiffe  mit  besonderen  Einrichtungen  zu  versehen,  Torpedos
zu  lancieren  und  die  für  den  Betrieb  derselben  erforderliche  Preßluft  zu  liefern.  Die

76a.  Whitehead-Torpedo.  Rach  .Engineering",
a  Schlagbolzen  mit  vierflügeliger  Schraube,  b  Gefechlskopf  mit  Schießbauin
wolle  geladen,  o  Tiesenregnlaior  mit  Pendel.
        <pb n="707" />
        Automobile  Torpedos.  739

Torpedolancier-  oder  Ausstoßrohre  verfolgen  den  Zweck,  den  gefechtsbereiten  Torpedo
vom  Schiff  ins  Wasser  zu  befördern  und  demselben  hierbei  eine  bestimmte  Laufrichtung
zu  geben.  Sie  haben  daher  dieselben  Dienste  zu  verrichten  wie  die  Kanonenrohre,  nur
mit  dem  Unterschied,  daß  der  Impuls  des  Torpedos  nur  ein  geringer  zu  sein  braucht,
da  er  im  Wasser  mit  eigener  Kraft  sich  fortbewegt.  Mau  verwendet  daher  zum  Treiben
des  Torpedos  komprimierte  Luft  oder  auch  eine  Pulverpatrone.  Anfänglich  baute  man
die  Lancierrohre  in  den  Decks  über  Wasser  ein  und  zwar  entweder  fest,  in  Bug  und  Heck,
so  daß  das  Nichten  des  Torpedos  allein  mit  dem  Schiff  erfolgen  mußte,  oder  zum
Schwenken  eingerichtet  in  der  Breitseite,  so  daß  das  Richten  des  Torpedos  bei  beliebiger
Fahrtrichtung  des  Schiffes  mit  Hilfe  des  Rohres  geschah.  Um  eine  Ablenkung  des
Torpedos  beim  Anftreffen  aufs  Wasser  zu  vermeiden,  erhielten  die  Breitscitrohre  nach

761.  Lanriernng  eines  Torpedos.

außen  eine  löffelförmige  Verlängerung,  in  welcher  der  Torpedo  mit  Hilfe  seiner  über
seinem  Schwerpunkt  angebrachten  "P-förmigen  Hängewarze  so  lange  geführt  wurde,  bis
er  horizontal  frei  herabfallen  konnte.  Da  die  Überwasserrohre  den  feindlichen  Geschossen
ausgesetzt  sind  und  daher  im  Gefecht  durch  einen  Treffer  leicht  der  Gefechtskopf  dcS
Torpedos  durchschlagen  und  zur  Detonation  gebracht  werden  kann,  so  ist  man  neuerdings
zu  den  Unterwasserlancierrohren  übergegangen.  Die  Bauart  dieser  Rohre  erforderte
jedoch  wiederum  eigenartige  und  ingenieuse  Einrichtungen,  da  der  Torpedo,  sobald  er
aus  dem  Rohr  tritt,  von  den  an  der  Schiffswand  entlanggleitenden  Wasserfäden  abgelenkt
wird  und  überdies  das  Schwanzende  desselben  durch  Anstoßen  an  die  Schiffswand  leicht
beschädigt  werden  kann.  Es  wurden  daher  starke  Führnngsstangen  aus  dem  Schiffskörper
vor  dem  Lancieren  des  Torpedos  hinausgeschoben,  welche  selbst  bei  hoher  Geschwindigkeit
genügende  Festigkeit  gegen  den  Wasserdruck  besaßen  und  nach  dem  Torpedoschuß  teilweise ­
  selbstthätig  zum  Einrennen  gebracht  wurden.  Die  Unterwasserrohre  erfordern
ferner  besondere  Schlensenschieber,  welche  das  Innere  des  Rohres  nach  außenbords
abschließen,  wenn  der  Torpedo  ins  Rohr  eingeführt  wird.  Nach  dem  Schließen  des
93*
        <pb n="708" />
        740

Schiffbau.

Lancierrohres  kann  das  Lancieren  des  Torpedos  erst  dann  erfolgen,  wenn  der  Schleusenschieber
  wieder  geöffnet  ist,  was  durch  eine  besondere  Verblockung  mit  der  Abzugstange
sichergestellt  ist.
Zur  Erzeugung  der  komprimierten  Luft  zum  Auffüllen  der  Torpedoluftkessel,  zum
Lancieren  derselben  sowie  zum  Treiben  sonstiger  Hilfsmaschinen  für  die  Torpedowaffe

dienen  besondere  Luftkompressionspumpen  mit  Wasserkühlung  nach  dem  System  von
Brotherhood  und  Whitehead.  Die  aus  gezogenen  Mannesmannrohren  bestehenden  Luftsammler ­
  bilden  gewissermaßen  einen  Akkumulator,  um  den  Luftdruck  zu  verteilen.  Das
Einstellen  der  Über-  und  Unterwasserrohre  in  die  Ziellinie  erfolgt  meist  von  besonderen
Torpedozielstellen  mittels  der  Torpedozielapparate.  Dieselben  stellen  beim  Zielen  auf  das
feindliche  Schiff  die  Mittellinie ­
  des  Lancierrohres  ein,
R  unter  Berücksichtigung  der
—j§l  Geschwindigkeit  und  Fahrtrichtung ­
  des  feindlichen
Schiffes  und  der  Geschwindigkeit ­
  des  Torpedos.
Während  nun  der
Torpedo  für  die  Schlachtschiffe ­
  schweren  und  leichten ­
  Kalibers  nur  eine
Gelegenheitswaffe  im  Nahkampf ­
  ist  und  im  Mclee
des  Gefechts,  im  richtigen
Augenblick  gegen  das
feindliche  Schiff  lanciert,
seine  verderbenbringende
Wirkung  äußern  kann,
ist  er  bei  den  Torpedobooten ­
  in  Verbindung
mit  der  Torpedobootstaktik
zu  einerselbständigen  Waffe
geworden.  Als  Vater  der
heutigen  Torpedoboote
kann  ohne  Zweifel  der  englische ­
  Ingenieur  Thornycroft
  hingestellt  werden,  welcher  zuerst  den  Beweis  lieferte,  daß  sich  auch  mit  kleinen
Dampfbooten  eine  hohe  Geschwindigkeit  erreichen  lasse.  Die  von  ihm  im  Jahre  1873
erbaute  „Miranda"  lief  bei  einem  Deplacement  von  16  i  die  außerordentliche  Geschwindigkeit ­
  von  16  Seemeilen  die  Stunde.  Dieser  Erfolg  führte  zum  Bau  der  ersten
Torpedoboote,  welche  mit  Whithead-Torpedos  ausgerüstet  wurden  mit  einer  hohen

76».  Torpedozirlapparat.  Nach  „Engineering".
        <pb n="709" />
        Torpedoboote.  741

Geschwindigkeit  von  —  18  Knoten  beginnend  —  eine  große  Manövrierfähigkeit  vereinigten ­
  und  infolge  ihrer  kleinen  Abmessungen  den  feindlichen  Geschossen  nur  eine
kleine  Zielfläche  boten.  Das  von  Thornycroft  im  Jahre  1878  erbaute  Torpedoboot
„Lightning"  diente  als  Vorbild  für  die  nunmehr  in  allen  Kriegsmarinen  auftretenden
Torpedoboote,  und  neben  Thornycroft  traten  alsbald  in  England  Narrow,  in  Frankreich
Normand  und  in  Deutschland  Schichau  mit  besonderen  Torpedobootstypen  in  den  Wettbewerb ­
  mit  ein.  Anfänglich  begnügte  man  sich  mit  zwei  Klassen  von  Torpedobooten;  die
größeren  bildeten  selbständige  Boote  für  die  hohe  See,  die  kleineren  dienten  vorzugsweise
für  die  Küsten-  und  Hasenverteidigung  oder  wurden  den  Schlachtschiffen  als  Wachtboote
mitgegeben.  Während  letztere  bei  einem  Deplacement  bis  zu  30  t  eine  Geschwindigkeit
bis  16  Seemeilen  erreichten,  entwickelten  die  Hochseetorpedoboote  bei  einem  Deplacement
von  85  bis  250  t  eine  Geschwindigkeit  von  18  bis  zu  26  Seemeilen.  Neuerdings  hat

764.  Panxerschiff  „Victoria"  »iit  Torprroschutznetz".  Nach  „Engineering".

man  mit  den  Torpedobootszerstörern  ein  Deplacement  von  400  t  und  eine  Geschwindigkeit ­
  bis  zu  32  Seemeilen  erreicht.  Dieselben  werden  meist  als  Zweischraubenbovte
  gebaut.  Die  anfänglich  auf  Torpedobooten  gebräuchlichen  Lokomotivkessel  sind  bei
der  stetigen  Steigung  der  Geschwindigkeit  durch  Wasserrohrkessel  ersetzt  worden.  Zur
Erhöhung  der  Steuerfähigkeit  besitzen  alle  Torpedoboote  neben  dem  Heckruder  ein  besonderes ­
  Bugräder.  Die  Torpedoboote  haben  durchweg  nur  einen  geringen  Freibord  und
ein  gewölbtes  Deck  und  meist  zivei  Türme,  von  denen  aus  das  Boot  gesteuert  und  die
Torpedos  lanciert  werden.  Die  Räume  für  den  Kommandanten  und  die  Mannschaft  sind
sehr  beschränkt,  da  der  größte  Teil  des  Schiffsraumes  von  der  Maschinen-  und  Kesselanlage
nebst  Kohlenbunker  in  Anspruch  genommen  ist.  Die  Armierung  der  Torpedoboote  besteh!
außer  einigen  Schnellfeuer-  oder  Maschinenkanonen  meist  aus  drei  Überwasserlancierrohrcn,
und  zwar  ein  Rohr  fest  im  Bug  eingebaut  und  zwei  Rohre  auf  dem  Deck  zum  Schwenken
eingerichtet  für  den  Breitseilschuß.
Nachdem  der  Whitehead-Torpedo  in  allen  Kriegsmarinen  eingeführt  und  im  besonderen ­
  bei  seiner  Verwendung  auf  schnell  laufenden  Torpedobooten  zu  einer  wichtigen
Angriffsivaffe  ausgebildet  war,  brach  sich  allmählich  das  Bestreben  Bahn,  den  Torpedos
        <pb n="710" />
        742  Schiffbau.

Schutzmaßregeln  und  Abwehrmittel  entgegenzustellen.  Abgesehen  von  der  Einteilung  des
Schiffsrumpfes  in  eine  möglichst  große  Anzahl  von  wasserdichten  Abteilungen  in  Verbindung ­
  mit  einem  ausgedehnten  Lenzsystem,  wodurch  die  Schwimmfähigkeit  des  Schiffes
auch  bei  Zerstörung  der  Außenhaut  durch  ein  Loch  im  allgemeinen  gesichert  ist,  sowie
abgesehen  von  der  Einführung  bezw.  der  Verbesserung  von  Schnellfeuerkanonen  kleinen
Kalibers  zur  Bekämpfung  der  angreifenden  Torpedoboote,  kamen  sehr  bald  in  allen
Kriegsmarinen  die  sogenannten  Torpedoschutznetze  nach  dem  Vorschlage  von  Bullivant
in  Aufnahme.  Sie  verfolgten  den  Zweck,  den  Torpedo  in  angemessener  Entfernung  vom
Schiff  zur  Detonation  zu  bringen  und  auf  diese  Weise  die  Wirkung  der  Explosion  von
der  Schiffswand  möglichst  fernzuhalten.  Zu  diesem  Zweck  wurden  die  Schiffe  mit  starken
Drahtnetzen  umgeben,  welche  an  etwa  6  na  langen  Spieren  aufgehängt  waren,  so  daß
der  Schiffsrumpf  unter  Wasser  vom  Kiel  bis  zur  Schwimmebene  durch  diese  Netze  maskiert
war.  Die  Torpedoschutznetze  zeigten  jedoch  namentlich  bei  Schiffen  in  Fahrt  ernste  Übelstände, ­
  da  sie  einesteils  die  Fahrgeschwindigkeit  sowie  die  Manövrierfähigkeit  des  Schiffes
sehr  beeinträchtigten,  anderenteils  bei  Zerstörung  der  Spieren  und  der  Aufhängevorrichtung
durch  die  feindliche  Kleinartillerie  die  Netze  sich  leicht  in  die  Schraubenflügel  verwickeln
konnten  und  dieselben  unklar  machten.  Man  beschränkte  daher  das  Ausbringen  der
Schutznetze  meist  auf  vor  Anker  liegende  Schiffe  und  nahm  die  Netze  fort,  sobald  das
Schiff  in  Fahrt  war.  Als  später  besondere  Netzscheren  erfunden  wurden,  welche  an
dem  Gefechtskopf  der  Torpedos  befestigt  wurden  und  welche  mit  Erfolg  die  Maschen
der  Schutznetze  zerschnitten,  so  daß  ein  Vordringen  der  Torpedos  durch  das  Netz  möglich
wurde,  ehe  der  Gefechtskopf  zur  Explosion  kam,  wurde  der  Erfolg  der  Torpedoschutzuetze ­
  noch  mehr  in  Frage  gestellt,  so  daß  man  in  einzelnen  Marinen  dieselben  ganz  aufgegeben ­
  hat.
Dagegen  wurden  andere  Abwehrmittel  weiter  vervollkommnet,  welche  es  ermöglichen,
die  herannahenden  Torpedoboote  beim  Nachtangriff  rechtzeitig  zu  sichten  und  durch  ein
wohlgezieltes  Schnellfeuer  der  Kleinartillerie  unschädlich  zu  machen.  Man  vermehrte  die
sogenannten  Scheinwerfer  und  suchte  durch  zweckmäßige  Aufstellung  an  Bord  sowie
durch  Steigerung  der  Leuchtkraft  derselben  das  Vorterrain  so  weit  zu  beleuchten,  daß  eine
Überraschung  durch  feindliche  Torpedoboote  ausgeschlossen  erscheint.  Die  von  der  Firma
Schuckert  in  Nürnberg  konstruierten  Scheinwerfer,  welche  außer  in  der  deutschen  Marine
auch  in  anderen  Kriegsmarinen  Eingang  gefunden  haben,  haben  durch  Verwendung  eines
geschliffenen  Glasparabolspiegels  mit  Silberbelag  die  Intensität  des  reflektierten  Strahlenbüschels ­
  derart  gesteigert,  daß  sie  zur  Zeit  ohne  Konkurrenz  dastehen.  Um  die  Streuung
der  Lichtstrahlen  je  nach  der  Entfernung  des  zu  beleuchtenden  Objekts  regulieren  zu  können,
läßt  Schuckert  die  Strahlen  zwei  zu  einander  parallel  stehende  Systeme  von  Streulinsen
passieren,  welche  einander  genähert  oder  voneinander  entfernt  werden  können,  so  daß
das  Lichtbündel  für  die  Fernstellung  fast  cylindrisch,  für  die  Nahstellung  in  einem  Lichtkegel ­
  entsendet  wird.  Die  Lichtstärken  der  Schuckertschen  Scheinwerfer  für  Kriegsschiffe
schwanken  zwischen  20  000  bis  50  000  Kerzen.
Neben  diesen  mehr  passiven  Abwehrmitteln  ist  man  neuerdings  mehr  darauf  bedacht,
die  Torpedoboote  durch  sogenannte  Torpedobootzerstörer,  d.  h.  große  und  schnelle
Torpedofahrzenge  mit  einer  entsprechenden  Armierung  von  Schnellfeuerkanonen  aufzusuchen ­
  und  zu  vernichten  bezw.  kampfunfähig  zu  machen,  bevor  sie  die  Schlachtschiffe
gefährden  können,  und  im  besonderen  ist  England  mit  dem  Bau  dieser  Fahrzeuge  energisch
vorgegangen.  Welche  von  den  besprochenen  Abwehrmitteln  den  Erwartungen  am  meisten
entsprechen  wird,  kann  nur  im  Ernstfall  entschieden  werden,  und  in  diesem  Punkte  sind  wir
ans  die  Erfahrungen  der  nächsten  Seekriege  angewiesen.
Neben  der  Entwickelung  der  Torpedoboote  und  Torpedobootzerstörer,  welche  in
den  letzten  Jahren  durch  Steigerung  der  Fahrtgeschwindigkeit  eine  weitere  Steigerung
ihrer  Leistungsfähigkeit  erfahren  haben,  hat  man  sich  seit  den  letzten  zehn  Jahren  im
besonderen  in  Frankreich  wieder  dem  Ban  und  der  Vervollkommnung  der  Unterwasserboote ­
  zugewandt,  nachdem  durch  die  Fortschritte  der  Elektrotechnik  Akkumulatoren ­
  zum  Betrieb  dieser  Boote  dienstbar  gemacht  werden  konnten.  Wenngleich  man
        <pb n="711" />
        743

Torpedoboote  und  Torpedobootzerstörer.  Unterwasserboote.
die  Aufgabe  dieser  Boote  nicht  allein  darin  erblicken  darf,  daß  sie  längere  Fahrten  unter
der  Wasseroberfläche  zurücklegen  sollen,  so  ist  es  doch  immerhin  von  großem  Wert,
wenn  ein  Boot,  welches  ähnlich  den  Torpedobooten  für  gewöhnlich  sich  an  der  Wasseroberfläche ­
  bewegt,  für  den  Nahangriff  plötzlich  untertaucht  und  dann  seine  verderbenbringende ­
  Waffe  ungesehen  und  sicher  vor  feindlichen  Geschossen  aus  nächster  Entfernung ­
  gegen  das  feindliche  Schiff  lancieren  kann.  Auch  kann  das  Unterwasserboot
zum  Erforschen  der  Minensperren  sowie  zum  Zerstören  derselben  für  den  Angriff  auf
feindliche  Häfen  eventuell  gute  Dienste  leisten.  Zur  Zeit  haften  jedoch  noch  den  Unterwasserbooten ­
  Mängel  an,  welche  sie  zu  einer  zuverlässigen  und  kriegsbrauchbaren  Waffe
noch  nicht  gestempelt  haben.
Zunächst  bildet  den  schwächsten  Punkt  der  Unterwasserboote  die  geringe  Sichtigkeit
unter  Wasser  und  das  Fehlen  eines  freien  Ausblicks.  Die  größte  Sichtweite  unter  Wasser
beträgt  günstigstenfalls  20  m.  Die  Unterwasserfahrt  gleicht  daher  der  Navigierung  eines
Schiffes  im  dichten  Nebel.  Das  Boot  muß  daher  häufig  an  die  Oberfläche  auftauchen,
um  dem  Führer  die  nötige  Orientierung  zu  verschaffen.  Man  hat  zwar  versucht,  mit  Hilfe
von  Winkelteleskopen,  die  in  einem  teleskopartig  zu  verlängernden  Rohr  installiert  sind,
welches  vom  Unterwasserboot  bis  an  die  Wasseroberfläche  reicht,  den  Horizont  in  einem
Umkreise  von  zwei  Seemeilen  für  die  Besatzung  im  Boot  sichtbar  zu  machen,  auch  hat
man  durch  das  Gyroskop  von  Tourne  ein  Mittel  an  der  Hand,  die  Richtung  nach  dem
Ziel  trotz  Rollen,  Stampfen  und  Ablenkung  des  Bootes  beizubehalten  und  hiernach  auch
ohne  Sichtigkeit  auf  das  Ziel  loszusteuern,  doch  sind  die  schwierige  Navigierung  des
Bootes  in  bestimmter  Wassertiefe  sowie  die  geringe  Geschwindigkeit  desselben  unter  Wasser
—  6  bis  8  Seemeilen  —  zur  Zeit  noch  Grund  genug,  die  kostspieligen  Experimente
mit  Unterwasserbooten  einzuschränken.
Die  Einrichtungen  zum  Senken  und  Heben  des  Bootes  bestehen  meist  in  dem
wechselnden  Spiel  von  Wasserballast,  welcher  beim  Senken  eingelassen,  beim  Auftauchen
ausgeworfen  wird,  und  zwar  durch  komprimierte  Luft  oder  Pumpen.  Die  elektrisch  angetriebenen ­
  Pumpen  werden  dann  meist  automatisch  durch  ein  Manometer  mit  Strom
versehen,  welches  die  vom  Fahrzeug  einzuhaltende  Tiefenlage  angibt.  Auch  bestehen  für
die  Änderung  der  Tiefenlage  besondere  Bertikalpropeller,  und  zur  Regulierung  derselben
findet  auch  das  Whiteheadsche  Pendel  Verwendung,  das  in  Verbindung  mit  einem  Servomotor ­
  das  Horizontalruder  bethätigt.
Besondere  Einrichtungen  erfordert  ferner  die  Ventilation  des  Unterwasserbootes.
Die  Lufterneuernng  des  Bedienungsraumes  erfolgt  durch  komprimierte  Luft  bezw.  Sauerstoff, ­
  während  die  durch  das  Atmen  der  Besatzung  entstehende  verdorbene  Luft,  welche
wegen  ihrer  großen  spezifischen  Schwere  zu  Boden  sinkt,  durch  besondere  Pumpen  nach
Außenbord  gedrückt  wird.
Als  Armierung  dienen  automobile,  lenkbare  Torpedos  sowie  Whitehead-Torpedos,
welche  aus  teleskopartigen  Lanzierrohren  ausgestoßen  werden.  Als  Treibkraft  benutzt
man  fast  ausschließlich  Elektromotoren,  welche  durch  Akkumulatoren  gespeist  werden.
Letztere  haben  jedoch  den  Nachteil,  daß  sie  während  ihrer  Thätigkeit  Wasserstoff  abscheiden,
welcher  mit  dem  Sauerstoff  der  im  Boot  befindlichen  Luft  ein  explosives  Gemenge  bildet.
Es  sind  daher  auch  bereits  verschiedene  Explosionen  vorgekommen,  bei  welchen  der
Schiffsrumpf  erhebliche  Beschädigungen  erlitt.  Goubet  verwendet  daher  zur  Speisung
seines  Motors  Batterien  mit  Merkursulfat.
Nach  diesen  Grundprinzipien  sind  in  Frankreich  in  den  letzten  Jahren  verschiedene
Unterwasserboote  gebaut  und  erprobt.  Es  entstanden  in  rascher  Aufeinanderfolge
„Goubet  I",  „Gymnote",  „Gustave  Zede",  „Morse",  „Goubet  II",  und  zur  Zeit  sind
noch  weitere  im  Bau.  „Goubet  II"  besitzt  ein  Deplacement  von  10  Tonnen,  während
„Gustave  Zede",  das  größte  bisher  gebaute  Unterwasserboot,  im  untergetauchten  Zustand ­
  268  Tonnen  Wasserverdrängung  besitzt.  In  Amerika  ist  von  Holland  ein  submarines ­
  Boot  von  168  Tonnen  Deplacement  erbaut,  welches  bei  der  Fahrt  über
Wasser  durch  Dampfmaschinen  mit  Petroleumheizung,  bei  der  Unterwasserfahrt  durch
Elektromotoren  getrieben  wird,  welche  durch  Akkumulatoren  gespeist  werden.  Es  hat
        <pb n="712" />
        744  Schiffbau.  Torpedowesen.
diese  Anordnung  den  Vorteil,  daß  bei  der  Überwasserfahrt  die  Akkumulatoren  durch
Dampfdynamos  so  lange  gespeist  werden  können,  bis  das  Boot  untertaucht,  was  in
20  Sekunden  erfolgen  kann  und  wobei  die  Petroleumbrenner  in  den  Dampferzeugern
gelöscht  werden,  so  daß  man  die  elektromotorische  Kraft  gänzlich  für  den  Gefechtszweckaufspeichern ­
  kann.
Wenn  nach  vorstehendem  die  Entwickelung  der  Torpedowasse  noch  nicht  zum  Abschluß ­
  gekommen  ist,  so  muß  doch  schon  jetzt  zugestanden  werden,  daß  sie  einerseits  in
Bezug  auf  die  Entwickelung  der  Seetakttk  einen  neuen  Impuls  gegeben  hat,  anderseits
durch  die  Gewöhnung  der  auf  den  verhältnismäßig  kleinen  Fahrzeugen  allen  Einflüssen
von  Wind  und  Wetter  preisgegebenen  Mannschaft  an  Strapazen  aller  Art  bis  fast  zur
Erschöpfung  einen  wichtigen,  nicht  zu  unterschätzenden  erzieherischen  Faktor  bildet,  welcher
um  so  höher  anzuschlagen  ist,  weil  durch  den  Fortfall  der  Takelage  auf  den  Panzerschiffen ­
  eine  regelrechte  Drillung  der  Besatzung  erschwert  ist.  Im  besonderen  wird  den
jüngeren  Offizieren  als  Torpedobootskommandanten  im  reichsten  Maße  Gelegenheit
gegeben,  unter  schwierigen  Verhältnissen  durch  Kaltblütigkeit  und  Entschlossenheit  und
mit  Hilfe  der  streng  geschulten  Mannschaft  das  Fahrzeug  durch  alle  Fährlichkeiten  zu
führen  und  sich  eingehend  mit  der  Dampffahrkunst  vertraut  zu  machen.  Die  Torpedowaffe ­
  bildet  daher  eine  vorzügliche  Schule  für  die  Seemannschaft  und  wird  schon  aus
diesem  Grunde  ihre  Bedeutung  nie  verlieren.
        <pb n="713" />
        Vivat!  und  ins  Harn  ich  stoße,
Vivat,  wie  so  hell  es  klingt,
Wenn  es  in  der  Morgenstunde
Einen  Gruß  zum  Abschied  bringt!
Und  die  Peitsche  knallt  dazwischen,
Und  die  Räder  rasseln  drein.
Und  die  Funken  und  die  Flammen
Stieben  über  Stock  und  Stein.
Posten  und  Postuiesen.
Oie  Nalur  des  Bostwesens.  (Die  kosten  im  Ullerlum.  Äns  Bostwesen  im  Mllelnller.  Gründung  des  allere»
deutschen  Bostwesens.  Nosteinrichtungen  Frankreichs.  Bosteinrichlungcn  Englands.  (Das  Londoner  Hauplpoflanil.
Englisch-oltindische  Äderlandpost.  Bojlainl  auf  der  Bookpinscl.  Entwickelung  des  Bostwesens  in  Österreich,  Ungar»,
der  Schweiz,  Italien,  Spanien  und  den  Niederlanden.  Boflverkehr  in  anderen  Ländern  Europas.  (Die  russischen  Bostanstalteu.
  Bostwesen  in  der  Türkei.  Bosten  in  Afrika  und  Asien.  (Die  Bost  in  den  Bereinigten  Staaten  von
Amerika.  Bostverkeljr  i»  Amerika  und  Australien.  (Das  clicmalige  Bostwesen  Breustens.  (Der  dentsch-öslerrcichische
Bostverein.  Äas  Bostwcsen  des  norddeutschen  Bundes.  Äie  jetzige  deutsche  Neichspost.  Bostverkehr  in  (Deutschland. ­
  Bostregal  und  Bostzwang.  Äas  Briefgeheimnis.  (Die  Haftpflicht  der  Bost.  Bostversendungsgegenstände.
Soll  die  Bakel-  und  Bcrsoneuüesördcrung  der  Bost  vcrüleiken?  (Die  Bost  und  das  Jeitungsweseu.  Versendung
von  Drucksachen  und  Unstern.  Bostkarlcn.  Harlcnßriese.  Bostanweisungen.  Bostanfträge.  Bostsparkassen.
Bostlaren.  Bostwertzeichen.  Bostdiensträume.  Bostlransportmiltel.  Äas  Landpostwese».  Feldpost.  Tauöenpott.
Ballonpost.  Nohrpost.  Äas  Bostmuseun,  in  Berlin.  (Der  Weltpostverein.  Bergleichende  Betrachtungen  älter
die  Leistungen  der  Bosten  in  verschiedenen  Ländern.  Bostverkehr  Europas.

»im  eine  andere  Verkehrseinrichtung  hat  sich  so  sehr  in  das  Volk  eingelebt  wie
die  Post;  sie  ist  populär,  ihre  Vorteile  erstrecken  sich  bis  zu  den  entlegensten
Dörfern  und  Weilern,  sie  bildet  ein  tägliches  Bedürfnis  für  alle.  Als  Vermittlerin ­
  privater  Mitteilungen  dient  sie  dem  einzelnen  und  als  Zeitungsspediteur
  der  Gesamtheit.  Soweit  die  zivilisierte  Welt  reicht,  verbindet  sie  die
zerstreuten  Glieder  der  menschlichen  Gesellschaft;  in  der  Reihe  aller  anderen
Verkehrsmittel,  Eisenbahnen,  Telegraphen,  Dampfschiffahrt  bildet  die  Post  ein  wesentliches
Glied.  Mittels  der  Bahnposten  benutzt  sie  die  geflügelte  Schnelle  der  Lokomotiven;  von
den  einzelnen  Stationen  des  Schienenwegs  befördert  sie  in  die  seitwärts  gelegenen  Gegenden
Personen,  Güter  und  Briefschaften,  vermittelst  der  Landbotenpost  zieht  sie  ein  wohlgeordnetes ­
  Verkehrsnetz  über  das  platte  Land,  und  als  Feldpost  gibt  sie  dem  Krieger
Nachrichten  aus  der  Heimat,  zu  deren  Schutz  er  auszog.
Die  Natur  des  Postwesens.  Die  Posteinrichtungen  stehen  im  innigsten  Zusammenhang ­
  mit  dem  geistigen  und  materiellen  Leben  eines  Volkes  und  einer  Zeit  und
mit  den  Einrichtungen  des  gesamten  Staatswesens.  Unter  dem  Postwesen  der  Jetztzeit ­
  versteht  man  die  öffentlichen  Brief-,  Güter-  und  Personentransportanstalten,  deren
Benutzung  unter  Leitung  und  Aufsicht  der  Staatsbehörden  jedermann  gegen  bestimmte
feste  Gebühren  freisteht  und  deren  Wesen  auf  möglichst  schneller,  sicherer  und  voraus  bestimmter ­
  regelmäßiger  Beförderung  der  ihnen  anvertrauten  Sendungen  beruht.
In  neuerer  Zeit  hat  die  Post  auch  noch  die  Vermittelung  des  baren  Geldverkehrs
in  den  Bereich  ihrer  Thätigkeit  gezogen  und  durch  Einführung  des  Postanweisungs-,  Postauftrags- ­
  und  Postnachnahmeverfahrens  dem  Geldumlauf  neue  Bahnen  eröffnet,  so  daß
94
        <pb n="714" />
        746  Posten  und  Postwesen.

sie  nunmehr  mit  den  Funktionen  einer  Beförderungsanstalt  auch  diejenigen  eines  Bankinstituts ­
  in  sich  vereinigt.
Die  Post  der  Gegenwart  unterscheidet  sich  von  den  vormaligen  verwandten  Anstalten
ganz  wesentlich.  Während  nämlich  die  Posten  der  alten  Zeit,  insbesondere  die  persischen
und  römischen  Staatsposten,  als  ausschließliche  Staatsanstalten  fast  nur  dynastischen,
polizeilichen  und  Verwaltungszwecken  der  Machthaber  dienten  und  ihre  Benutzung  in
Privatangelegenheiten  im  allgemeinen  ausgeschlossen  war,  während  weiterhin  die  Botenanstalten ­
  des  deutschen  Mittelalters  außerhalb  der  öffentlichen  Verwaltung  des  Staates
standen  und  meist  nur  den  Insassen  der  Klöster,  den  ansehnlicheren  Bürgern  der  Handelsstädte ­
  sowie  den  Lehrern  und  Schülern  an  den  höheren  Unterrichtsanstalten  zu  gute  kamen,
zeichnet  sich  die  moderne  Post  charakteristisch  dadurch  aus,  daß  sie  ihre  Thätigkeit  weder
auf  staatliche  und  dynastische  Zwecke,  noch  auf  einzelne  Körperschaften  beschränkt,  vielmehr
den  Verkehr  aller  vermittelt  und  den  Bedürfnissen  sämtlicher  Staatsangehörigen  dient.
Die  Posten  im  Altertum.  Um  einen  Vergleichsmaßstab  für  die  Einrichtungen
der  modernen  Post  zu  gewinnen,  wollen  wir  zuvörderst  einen  Blick  auf  das  Postwesen
der  alten  Völker  werfen.  Die  ältesten  Nachrichten  über  postalische  Einrichtungen  finden
wir  bei  Herodot,  Tenophon  und  anderen  griechischen  Geschichtsschreibern,  sowie  in  der  Bibel
im  Buche  Esther  vor.  Als  Gründer  der  ersten  Posten  wird  der  Perserkönig  Cyrus  genannt. ­
  Aber  erst  Darius,  der  große  Organisator  des  persischen  Reiches,  hob  und
vervollkommnete  das  Postwesen.  Schriftsteller  jener  Zeit  sprechen  mit  Anerkennung  und
Bewunderung  von  dieser  nützlichen  Anstalt,  deren  zweckmäßige  Einrichtungsweise  auch  uns,
wenn  wir  die  frühe  Zeit  ihrer  Entstehung  in  Betracht  ziehen,  überraschen  muß.  In  den
3  bis  4  Meilen  voneinander  entfernten,  an  den  Straßen  gelegenen  Stationshäusern  standen
stets  gesattelte  Pferde  und  zum  Aufbruche  fertige  Männer  bereit.  Der  erste  Reiter  übergab ­
  das  zu  Befördernde  dem  zweiten,  der  zweite  dem  dritten  u.  s.  f.,  bis  der  letzte  mit
seiner  Sendung  ans  Ziel  gelangte.  Diese  Kuriere  hießen  auf  Persisch  „Angaren".  Ein
griechischer  Berichterstatter  sagt  von  ihnen:  „Nichts  auf  der  Welt  ist  schneller  als  sie.  Die
Tauben  und  Kraniche  vermögen  ihnen  kaum  zu  folgen.  Auf  jeder  Station  wechseln  Roß
und  Reiter,  die  ihren  Lauf  zu  vollenden  weder  Regen,  noch  Schnee,  noch  Frost,  noch  Hitze,
noch  die  Finsternis  der  Nacht  hindern  kann."  Diese  Angaren  brauchten,  um  die  Strecke
von  Susa  nach  Sardes  (13  500  Stadien  oder  337  deutsche  Meilen)  zurückzulegen,  nicht
länger  als  sechs  Tage.  Sie  machten  also,  ohne  den  notwendigen  Aufenthalt  zu  rechnen,
in  einem  Tage  56,  in  einer  Stunde  2 1 / 3  deutsche  Meilen.  Nach  der  Zerstörung  des
Perserreichs  durch  Alexander  den  Großen  kam  das  persische  Postwesen  auch  nach  Ägypten
und  nach  anderen  Teilen  des  Orients,  verlor  aber  nach  dem  Verfall  des  von  dem  genannten
Welteroberer  gegründeten  Reichs  seine  Bedeutung.
Der  Postverkehr  im  alten  Griechenland  fand,  gemäß  der  Beschaffenheit  des  küstenund
  inselreichen  Landes,  vielfach  zur  See  statt.  Landboten,  die  bei  Tag  und  Nacht  ihrem
Berufe  oblagen,  kannte  man  nicht.  Die  Hemerodromen  oder  Schnellläufer,  welche
in  einzelnen  Fällen  dem  provinziellen  Verkehre  dienten,  wechselten  nicht  regelmäßig  ab,
gingen  auch  über  die  Grenzen  des  einzelnen  Staates  nicht  hinaus.  Ihre  Schnelligkeit
war  berühmt,  und  manchem  von  ihnen  wurden  wegen  seiner  hervorragenden  Leistungen
Auszeichnungen  zu  teil.  Von  den  zahlreichen  Häfen  liefen  zeitweilig  Postschiffe  nach  dem
Archipelagus  oder  der  ionischen  Küste  aus.  Mit  der  Sicherheit  sah  es  freilich  schlimm
aus,  denn  im  Hinterhalte  lauerten  nicht  selten  Seeräuber  und  Abenteurer,  die  in  den  Baien
und  Meeresbuchten  sichere  Schlupfwinkel  fanden.  Der  Ordnung  des  griechischen  Postwesens ­
  stand  die  politische  Zerfahrenheit  hindernd  im  Wege,  die  Landstraßen  waren  gewöhnlich ­
  schlecht,  denn  fast  nur  zu  den  nationalen  Heiligtümern,  den  Orakeln  und  den
Wettkampfplätzen  führten  gute  Wege.  Die  Fahrpreise  für  die  Passagiere,  welche  den  Gefahren ­
  einer  Reise  Trotz  boten,  waren  bei  weitem  billiger  als  heutzutage,  selbst  wenn  man
den  veränderten  Geldwert  in  Betracht  zieht.  So  machte  man  beispielsweise  die  Seefahrt
nach  Ägypten  für  nur  zwei  Drachmen  oder  1 1 j 2  Mark!  Erst  in  späteren  Zeiten  begingen
regelmäßige  Boten  die  griechischen  Landstraßen  und  brachten  Nachrichten  und  Briefe
        <pb n="715" />
        Posten  im  Altertum.  747

von  Ort  zu  Ort.  Viel  älter  ist  der  Gebrauch  brieflicher  Mitteilungen;  hat  man  doch  in
Ägypten  unter  Ruine»  Briefe  aufgefunden,  die  ans  dem  15.  Jahrhundert  v.  Chr.
herrührten  und  auf  Thontafeln  mit  babylonischer  Keilschrift  geschrieben  waren;  bekannt
ist  ferner  aus  der  Bibel  (II.  Buch  Samnelis  11,  14)  der  Uriasbrief,  den  König  David
an  Joab  schrieb;  auch  Homer  erlvähnt  einen  Brief,  und  Sappho  dichtete  im  7.  Jahrhundert ­
  (v.  Chr.)  ein  Rätsel,  dessen  Auflösung  wir  dem  Leser  überlassen:
Es  gibt  ein  Wesen,  dessen  zarte  Brut  Zu  allen  Menschen,  die  sie  hören  sollen,
Im  falt'gen  Kleide  seiner  Mutter  ruht;  Bon  Land  zu  Land  und  durch  der  Wogen  Grollen,
lind  sind  die  Kleinen  auch  der  Stimme  bar,  Selbst  der  Entfernteste  vernimmt  sie  noch;
Dringt  ihre  Sprache  dennoch  wunderbar  Er  hört  sie  nicht,  und  er  versteht  sie  doch.

Von  den  späteren  Griechen  und  Römern  haben  wir  ganze  Briefsammlungen  in  gebundener ­
  und  ungebundener  Rede,  die  in  jeder  Beziehung  den  schönsten  Erzeugnissen  der
klassischen  Litteratur  beigezählt  tverden.  Die  äußere  Form  der  Briefe  war  sehr  verschieden.
In  ältester  Zeit  beschrieb  man  Thon-  oder  Holztafeln  und  Lammfelle,  während  man  später
meist  kunstreich  ans  Papyrosrohr
  verfertigtes,  zartes  ägyptiches
  Papier  benutzte,  selbiges
parfümierte,  zierlich  zusammenrollte, ­
  mit  seidenen  Bändern
umwand  und  diese  mit  Siegeltvachs
  und  gestochenen  Petschaften ­
  oder  Ringen  schloß.
Ähnlich  den  persischen  waren ­
  auch  die  alten  römischen
Posteinrichtungen.  Schon  unter
der  Republik  mußten  die  in  den
Provinzen  reisenden  Beamten
von  den  Bewohnern  nach  gesetzlichen ­
  Bestimmungen  verpflegt ­
  und  mit  Vorspann  weiter
befördert  werden.  Ebenso  verschmähten ­
  die  Senatoren  nicht,
mit  Freipässen,  die  mehrere
Jahre  gültig  waren,  kostenfrei  765.  Komischer  Eilbote,
zu  reisen.  Cäsar  bediente  sich
immer,  wenn  er  sich  znm  Heere  begab,  einer  Tag  und  Nacht  fahrenden  Kalesche,  deren
Vorspann  ihm  gratis  geleistet  wurde.  In  den  Provinzen  unterhielten  die  Statthalter
Ordonnanzen  und  Eilboten  sowohl  für  ihre  amtlichen  Berichte  als  auch  für  Privatbriefe. ­
  Nach  dem  Falle  der  Republik  wendete  der  Kaiser  Augustus  der  Vervollkommnung ­
  der  postalischen  Einrichtungen,  welche  nunmehr  „cursus  publicus“  genannt
wurden,  seine  besondere  Aufmerksamkeit  zu,  weil  ihm  dieselben  zur  Beherrschung  des
großen,  weiten  Weltreiches  außerordentliche  Dienste  leisteten.  Er  führte  an  den  Hauptpunkten ­
  des  Reichs  auf  Kosten  der  Provinzen  Fahrposten  ein,  durch  deren  Vermittelung
er  seine  Befehle  und  Anweisungen  entweder  schriftlich  oder  durch  geeignete  Personen
mit  großer  Schnelligkeit  bis  an  die  äußersten  Grenzen  des  Reichs  gelangen  lassen
konnte,  und  die  ihm  zugleich  dazu  dienten,  von  wichtigen  Vorfällen  und  Ereignissen  in
den  Provinzen  und  den  angrenzenden  Ländern  in  kürzester  Frist  Kenntnis  zu  erhalten.
Der  kaiserliche  Postdienst  war  so  gut  geregelt,  daß  Augustus  Nachrichten  aus  Kleinasien
in  zwanzig,  aus  Parma  in  fünf  Tagen  empfing.  Zu  bemerken  ist  hierbei  jedoch,  daß,  wie
schon  oben  erwähnt,  alle  diese  Einrichtungen  lediglich  zu  Regierungszwecken  hervorgerufen
und  unterhalten  wurden,  und  daß  für  den  Privatverkehr  davon  kein  Gebrauch  gemacht
werden  konnte.  Zur  Übermittelung  privater  Nachrichten  und  Sendungen  mußte  man
daher,  wenn  sich  dazu  keine  andere  Gelegenheit  darbot,  besondere  Boten  verwenden.  So

94*
        <pb n="716" />
        748

Posten  und  Postwesen.

schreibt  Cicero,  daß  das  Briefschreiben  zwar  eine  schöne  Sache  sei,  um  sich  mit  seinen
entfernten  Freunden  zu  unterhalten  und  zu  oerständigen,  das;  man  aber  leider  keine
Mittel  besitze,  um  die  Briefe  an  ihren  Bestimmungsort  gelangen  zu  lassen.
Der  cursus  publicus  des  Angustus  war  folgendermaßen  organisiert:  In  den  zahlreichen ­
  Stationshäusern,  die  in  Entfernungen  von  je  einer  Tagereise  an  den  Straßen
lagen,  standen  oft  bis  40  Pferde,  Maultiere,  Ochsen  oder  Esel,  wohl  auch  leichte  Fahrzeuge
und  Packwagen  für  reisende  Beamte,  kaiserliche  Kuriere,  hochgestellte  Bürger  und  Boten,
überhaupt  für  solche  Personen  bereit,  welche  kraft  kaiserlicher  Beglaubigung  die  Weiterbeförderung ­
  auf  Staatskosten  verlangen  konnten.  Zwischen  den  Hauptstationen  lagen
5  bis  8  Umspannungsstationen.  Die  Stationen  befanden  sich  meist  an  bewohnten  Orten,
um  für  den  Fall  des  Bedarfs  Vorspann  schnell  heranziehen  zu  können.  Diese  Einrichtungen ­
  beschränkten  sich  indes  auf  die  großen  Hauptstraßen.  Auf  Nebenstraßen  waren  die
Ortsbehörden  verpflichtet,  für  die  Fortschaffnng  derjenigen  Personen  und  Briefe  Sorge

zu  tragen,  deren  Beförderung  durch  kaiserliche  Verfügungen  angeordnet  war.  Von  den
Nachfolgern  des  Angustus  liegen  viele,  das  Postwesen  regelnde,  oft  bis  ins  kleinste  gehende
Verordnungen  vor,  die  sich  namentlich  auf  die  Benutzung  der  Posten,  die  Bespannung,
die  zu  befördernden  Gegenstände,  die  Trinkgelder  und  die  Postwagen,  sowie  auf  Kuriere
und  Briefboten  beziehen.  Wer  die  Post  benutzen  wollte,  bedurfte  dazu  eines  Diploms,
das  entweder  vom  Kaiser  selbst  oder  von  einem  das  Postwcsen  leitenden  oder  überwachenden ­
  Präfekten  ausgestellt  wurde.  Die  Posten  zerfielen  in  die  gewöhnliche,  mit
Ochsen,  Maultieren  oder  Eseln  bespannte  Wagenpost,  in  die  für  Schnellreisende,  Eilgüter ­
  und  Briefe  bestimmte  Schnellpost  und  in  die  in  dringenden  Fällen  gebrauchte
Kurierpost.  Zur  Beförderung  der  letzten  beiden  Postengattungen  bediente  man  sich
ausschließlich  der  Pferde.  Geld  wurde  sowohl  mit  der  gewöhnlichen  wie  mit  der  Schnellpost ­
  befördert.  Die  Gestellung  und  Unterhaltung  der  Transportmittel  ans  den  Stationen
war  Sache  der  Gemeinden,  denen  daraus  eine  drückende  Last  erwuchs.  Die  Kaiser
Hadrian  und  Septimius  Severus  machten  zwar  Versuche,  den  Gemeinden  einige  Erleichterung ­
  zu  verschaffen,  indem  sie  die  Übernahme  eines  Teils  der  Leistungen  auf  den  Staat
verfügten.  Diese  Anordnungen  fruchteten  indes  wenig  und  waren  nur  von  vorüber-
        <pb n="717" />
        Postwesen  int  Mittelalter.  749
gehender  Wirkung.  Andere  Kaiser  mißbrauchten  die  Einrichtung  in  unerhörter  Weise.
So  schickte  Konstantin  in  einem  Kriege  gegen  die  Perser  ein  ganzes  Heer  mit  der  Post,
auch  ließ  er  durch  sie  zahlreiche  Geistliche  zum  Besuche  der  vielen  Synoden  und  Konzilien
befördern.  Eine  so  außerordentliche  Inanspruchnahme  der  Transportmittel  legte  natürlich
den  Gemeinden  wieder  vermehrte  Opfer  ans,  da  die  vom  Staate  unterhaltenen  Gespanne
und  Wagen  zu  so  umfangreichen  Leistungen  völlig  unzureichend  waren  und  die  notwendige
Ergänzung  derselben  den  Gemeinden  oblag,  welche  dafür  keinerlei  Entschädigung  empfingen.
Julian  verminderte  die  Lasten  der  mit  Vorspann  geplagten  Gemeinden  von  neuem,  und
Theodosius  brachte  das  römische  Postwesen,  welches  sich  ungefähr  über  100  Provinzen,
von  London  bis  zur  Parthergrenze  und  von  der  Donaumündung  bis  an  die  Meerenge
von  Gades  erstreckte,  auf  den  eigentlichen  Höhepunkt.  Das  ursprünglich  15  lex  wiegende
Felleisen  der  Kuriere  wuchs  nach  Einführung  der  Reitsessel  auf  50  kg,  eine  Kalesche
durfte  höchstens  mit  100,  ein  Eilwagen  mit  500  und  ein  gewöhnlicher  Postwagen  mit
750  kg  Gepäck  beladen  werden.  Die  Aufsicht  über  die  den  Stationen  vorstehenden  Posthalter ­
  führten  in  den  einzelnen  Provinzen  die  Prokonsuln  oder  auch  eigens  eingesetzte
Postinspektoren,  und  das  gewöhnliche  Personal  bildeten  die  Schirrmeister,  sowie  die  Stallund ­
  Reitknechte,  zu  denen  sich  noch  die  Posttierärzte  und  Briefboten  gesellten.  Tie  Habsucht
und  die  Bestechlichkeit  der  für  die  Zwecke  des  Postdienstes  eingesetzten  Beamten  gaben
später  zu  allerlei  Mißbräuchen,  Bedrückungen  und  Erpressungen  Anlaß.  Das  Postwesen
kam  dadurch  in  argen  Verruf  und  wurde  von  den  Bewohnern  der  Provinzen  nur  als
eine  Landplage  angesehen.  Mit  der  Auflösung  des  römischen  Reichs  und  in  der  jahrhundertelang ­
  andauernden  Unsicherheit  gingen  auch  die  postalischen  Einrichtungen  der
vormaligen  Herren  der  Alten  Welt  zu  Grunde.
Das  Po  st  wesen  im  Mittelalter.  Die  Völkerwanderung  und  die  mit  ihr  hereinbrechende ­
  Zeit  der  Umwälzung  der  Staatengebilde  waren  nicht  geeignet,  der  Entwickelung
und  Ausbreitung  des  Postwesens  Vorschub  zu  leisten.  Ihre  zerstörenden  Wirkungen  machten
sich  vielmehr  auch  auf  dem  Gebiete  des  Verkehrslebens  in  dem  Maße  geltend,  daß  sie  beinahe ­
  jede  Spur  der  ehedem  bestandenen  desfallsigen  Einrichtungen  verwischten.  Erst  nach
Jahrhunderten,  als  die  Völker  sich  wieder  an  feste  Wohnsitze  gewöhnt  hatten,  trat  das
Bedürfnis  zur  Errichtung  von  Verkehrsanstalten  von  neuem  hervor.  So  ließ  Karl  der
Große,  um  sich  mit  den  einzelnen  Teilen  seines  weit  ausgedehnten  Reiches  in  Verbindung
zu  setzen,  Postkurse  einrichten,  die  von  Frankreich  nach  Spanien,  Italien  und  Deutschland
führten.  Es  fehlt  uns  jedoch  an  näheren  Nachrichten  über  diese  Postanlagen.
Unter  den  späteren  deutschen  Kaisern  ist  jahrhundertelang  behufs  Unterhaltung  von
Straßen  und  Schaffung  von  Verkehrserleichterungsmitteln  von  Reichswegen  so  gut  wie
nichts  geschehen.  Es  ist  überhaupt  eine  in  der  Zerfahrenheit  der  politischen  und  gesellschaftlichen ­
  Zustände  begründete  eigentümliche  Erscheinung  jener  Zeit,  daß  die  Bestrebungen
zur  Herstellung  von  Verkehrseinrichtungen  nicht,  wie  im  Altertum  und  besonders  in  der
Neuzeit,  vorzugsweise  von  den  Staaten,  sondern  von  einzelnen  Körperschaften,  Städten,
Stiften,  Klöstern  rc.  ausgingen.  In  erster  Reihe  waren  es  die  Klöster,  damals  beinahe
die  einzigen  Stätten  geistiger  Bildung,  welche  das  Bedürfnis  empfanden,  sowohl  untereinander ­
  als  auch  mit  Rom  in  Verkehr  zu  treten  und  dauernde  Beziehungen  zu  unterhalten.
Zur  Befriedigung  dieses  Bedürfnisses  bedienten  sie  sich  der  Pilger,  Mönche  oder  Klosterdiener ­
  als  Boten.  Später,  als  Universitäten  entstanden,  errichteten  diese  besondere
Botenanstalten  in  der  Absicht,  zwischen  den  Lehrern  der  verschiedenen  Hochschulen  den
Austausch  von  Ideen  zu  erleichtern  und  zugleich  den  Studierenden  Gelegenheit  zu  bieten,
Nachrichten  in  ihre  Heimat  gelangen  zu  lassen  und  in  umgekehrter  Richtung  von  ihren
Angehörigen  Briefe,  Gelder  und  sonstige  Gegenstände  zu  beziehen.  Diese  Universitätsbotenanstalten ­
  gewannen  allmählich  eine  große  Ausdehnung,  so  daß  sie  in  vielen  Fällen
behufs  Fortschaffung  der  ihnen  anvertrauten  Sachen  Pferde  und  auch  wohl  Wagen  zu
verwenden  genötigt  waren  und  sich  alsdann  auch  mit  der  Beförderung  von  Personen  befaßten. ­
  Bon  diesen  Botenanstalten  war  diejenige  der  Pariser  Universität  die  bei  weitem
bedeutendste.  Die  Boten  waren  kräftige,  zuverlässige  Leute,  die  mancherlei  Privilegien
        <pb n="718" />
        750

Posten  und  Postwesen.

genossen  und  bei  der  Bevölkerung  in  großem  Ansehen  standen.  Es  steht  außer  Zweifel,
daß  dieselben  auch  für  andere  als  den  zur  Universität  in  Beziehung  stehenden  Personen
die  Besorgung  von  Briefen  u.  s.  w.  gegen  Entgelt  übernahmen.
Zur  Überbringung  von  Nachrichten  in  nicht  sehr  entfernte  Gegenden  und  nach  Orten,
welche  abseits  der  Hauptverkehrsstraßen  lagen,  bediente  man  sich  auch  wohl  der  zum
Zwecke  des  Einkaufs  von  Vieh  viel  herumkommenden  Viehhändler  und  Metzger,  woher
der  Name  Metzgerpost  stammt.
Von  den  Deutschen  Ordensrittern  im  entfernten  Preußen  wurden  ums  Jahr
1276  zur  Herstellung  von  Verbindungen  zwischen  den  Ordenshäuseru  und  einzelnen
Rittern  Posten  mit  angestellten  Postmeistern,  Briefstafetten,  Boten  u.  s.  w.  eingerichtet.
Über  den  Abgang  und  die  Ankunft  dieser  Posten  fanden  auf  den  einzelnen  Stationen,
als  welche  meist  die  Ordenshäuser  dienten,  genaue  Aufzeichnungen  statt,  so  daß  etwaige
Verzögerungen  und  Nachlässigkeiten  auf  einer
Station  leicht  entdeckt  werden  konnten.  Diese
Einrichtungen  waren  jedoch  lediglich  für  die
Zwecke  des  Ordens  bestimmt  und  anderen
Personen  nicht  zugänglich.
Eine  hervorragende  Rolle  in  dem  Verkehrsleben ­
  des  Mittelalters  spielte  das  Botenwesen
  der  Städte.  Die  von  diesen  unterhaltenen ­
  Botenanstalten  wurden  außer  von
den  städtischen  Verwaltungen  auch  vielfach  von
den  Fürsten,  den  Kaufleuten,  den  Gewerbtreibenden
  benutzt.  In  den  größeren  Städten
nahm  der  Rat  der  Stadt  oder  die  Kaufmannschaft
  zur  Beförderung  von  Briefen,  kleinen
Paketen  und  Wertsachen  zuverlässige  Leute  als
Boten  an,  die  zur  gewissenhaften  Wahrnehmung ­
  ihrer  Obliegenheiten  eidlich  verpflichtet
wurden.  Für  ihre  Dienstleistungen  erhielten
sie  anfänglich  bestimmte  Löhne;  später  aber,
als  der  Verkehr  sich  mehr  und  mehr  hob  und
man  die  Benutzung  der  Botenanstalten  auch
anderen  Personen  gestattete,  ward  ihnen  ein
gewisser  Anteil  an  den  aufkommenden  Gebühren ­
  für  die  von  ihnen  beförderten  Sachen
zugestanden,  wohl  aus  dem  Grunde,  um
ihr  Interesse  an  der  weiteren  Entwickelung  der  Anstalten  rege  zu  erhalten.  Viele  Boten
waren  uniformiert  und  trugen  als  äußeres  Zeichen  ihres  Amtes  ein  Schild,  das  ihnen
in  den  Augen  des  Volks  nicht  wenig  Ansehen  verlieh.  Da  sie  überdies  unter  dem
Schutze  der  Städte  und  Korporationen  standen,  für  welche  sie  die  Transporte  besorgten,
auch  wohl  von  den  Fürsten,  durch  deren  Gebiet  ihr  Weg  führte,  mit  Geleitsbriefen
versehen  waren,  so  blieben  sie  auf  ihren  Reisen  meistens  unbehelligt.  Manche  von  ihnen
führten  ein  Horn  und  einen  Spieß  mit  sich.  Das  erstere  benutzten  sie,  um  ihre  Ankunft
anzukündigen  und  Einlaß  zu  begehren,  wenn  sie  nachts  vor  einem  verschlossenen  Stadtthore ­
  ankamen,  oder  um  Hilfe  herbeizurufen,  falls  ihnen  ein  Unfall  zustieß;  der  Spieß
diente  ihnen  zur  Abwehr  ettvaiger  Angriffe  und  als  Stütze  zum  leichteren  Übersetzen  über
Gräben  u.  s.  w.  Die  Annahme  der  durch  sie  zu  befördernden  Gegenstände  erfolgte  in
sogenannten  Botenstuben,  wo  auch  die  Boten  ihre  Abfertigung  erhielten.  Der  Transport
der  Sachen  geschah  in  Büchsen  oder  Botentaschen.  Ihre  Reisen  legten  die  Boten  zu  Fuß,
auf  größere  Entfernungen  aber  meistens  zu  Pferde  oder  auch  zu  Wagen  zurück.  Es
gingen  fahrende  Posten  im  13.  Jahrhundert  schon  zwischen  Köln,  Frankfurt  a.  M.,
Nürnberg,  Augsburg,  Bamberg,  Ulm,  Salzburg,  Wien,  Stuttgart,  Leipzig,  Hamburg,

767.  Ariefbotr  aus  dem  15.  Jahrhundert.
(Ambraser  Sammlung  in  Wien.)
        <pb n="719" />
        Postwescn  im  Mittelalter.  Das  ältere  deutsche  Postwejen.  751
Breslau,  Bremen,  Braunschweig,  Lübeck,  Rostock,  Stettin,  Danzig,  Königsberg  i.  Pr.,
Riga  u.  s.  w.  Diese  sowie  die  nachher  ausgekommenen  Lohnkutschen,  welche  zur  Meßzeit ­
  von  einem  Orte  zum  anderen  fuhren,  waren  die  Vorläufer  unserer  postalischen  Einrichtungen ­
  in  Deutschland.  An  einen  regelmäßigen  Gang  der  Botenpostzüge  und  an  ein
Ineinandergreifen  derselben  durch  Herstellung  von  Anschlüssen  zwischen  ihnen  war  jedoch
zu  jener  Zeit  noch  nicht  zu  denken.  Man  mußte  sich  eben  behelfen,  so  gut  es  ging,  und
es  ging,  solange  das  Bedürfnis  bessere  Verkehrsmittel  nicht  erheischte.
Gründung  des  älteren  deutschen  Postwesens.  Der  Familie  Taxis  gebührt
das  Verdienst,  zuerst  in  Deutschland  zu  jedermanns  Gebrauch  größere  Postkurse  errichtet,
sie  miteinander  in  Zusammenhang  gebracht,  sowie  eine  schnelle  und  regelmäßige  Beförderung
auf  denselben  hergestellt  zu  haben.  Nachdem  schon  Kaiser  Friedrich  III.  in  seinem  italienischen ­
  Kriege  durch  den  aus  Italien  stammenden  Edelmann  Roger  von  Taxis  (Oberjägermeister ­
  der  Grafschaft  Tirol)
zur  Überbringung  von  Nachrichten ­
  uniformierte  Reitboten
eingeführt  hatte,  entstand  eine
regelmäßige,  dem  gesamten  Verkehr ­
  dienende  Reichspost  zu  Anfang ­
  des  16.  Jahrhunderts.  Sie
war  aber  keine  Staatsanstalt,
sondern  lediglich  ein  Privatunternehmen, ­
  das  mit  Genehmigung
  des  Kaisers  Maximilian  I.
von  Franz  von  Taxis  gegründet ­
  wurde.  Dieser  legte  um
das  Jahr  1505  einen  Postkurs
zwischen  Brüssel  und  Wien  über
Speier  und  Augsburg  an,  welcher ­
  gewissermaßen  den  Grundstock ­
  der  taxisschen  Postanlagen
bildete,  an  den  sich  dann  später
weitere  Kurse  anschlossen.  Dem
kaiserlichen  Postmeister  lag  die
pünktliche,  unentgeltliche  Beförderung ­
  sämtlicher  kaiserlichen
Depeschen  ob  unter  der  Gegengewähr ­
  des  erblichen  Eigentumsrechts ­
  der  zu  jenem  Zwecke  errichteten,  allgemeinem  Gebrauche  offen  gehaltenen  Anstalt.
Um  die  Reichsposten  in  ihrer  die  Erleichterung  des  Verkehrs  bezweckenden  Wirksamkeit
kräftig  zu  unterstützen,  wurden  ihnen  vom  Kaiser  verschiedene  Vorrechte  eingeräumt.  So
durften  z.  B.  die  Vorsteher  der  Postanstalten  zu  persönlichen  bürgerlichen  Dienstleistungen  nicht
herangezogen  werden.  Die  Postboten  waren  unverletzlich,  von  der  Entrichtung  von
Zöllen  und  Wegegeldern  befreit  und  genossen  außerdem  mancherlei  andere  Gerechtsame.
War  man  auch  anfangs  darüber  im  Zweifel,  ob  der  Unternehmer  bei  dem  Geschäfte
seine  Rechnung  finden  werde,  so  lehrte  doch  die  Erfahrung  bald,  daß  er  sich  damit  eine
ergiebige  Quelle  reichlichen  Gewinns  erschlossen  hatte,  denn  die  Vorzüge  der  Schnelligkeit
und  Sicherheit,  welche  die  neue  Einrichtung  gegen  das  übliche  Botenwesen  darbot,  brachten
ihr  bald  Anerkennung  und  dem  Unternehmer  erhöhte  Einnahme.  Die  folgenden  Kaiser
bestätigten  die  allerdings  vielfach  bestrittenen  Privilegien  der  Familie  Taxis.  Kaiser
Rudolf  erteilte  1595  Leonhard  von  Taxis  das  Patent  als  „Reichs-General-Oberstpostmeister"
  und  ließ  zum  Zwecke  der  Unterdrückung  der  Neben-,  Metzger-  und  Botenposten, ­
  welche  den  Reichsposten  erheblichen  Abbruch  thaten  und  deren  gedeihliche  Entwickelung ­
  beeinträchtigten,  verschiedene  Mandate  ergehen.  Unter  dem  mächtigen  Schutze

768.  Lamorol  von  Toris,  Ueicho-Genevoipostmeistcr.
        <pb n="720" />
        752  Posten  und  Postwesen.

der  Reichsregierung  dehnten  sich  dann  die  taxisschen  Posten  immer  weiter  aus,  so  daß
ihre  Postwagen  und  Postreiter  bis  nach  Italien  und  Frankreich  hinein  verkehrten.  Die
Reiter  mit  ihrem  welschen  Namen  caväliero  oder  Chevalier  wurden  vom  oberdeutschen
Publikum  bald  in  „Schwaiger"  umgetauft,  woraus  später  „Schwager"  entstand,  eine
Bezeichnung,  welche  für  „Postillon"  bei  uns  noch  heute  gang  und  gäbe  ist.  Im
Jahre  1615  wurde  der  später  zum  Reichsgrafen  ernannte  Baron  Lamoral  von  Taxis
vom  Kaiser  Matthias  mit  dem  General-Oberstpostmeisteramte  im  Reiche  belehnt.  Der
weiteren  Ausbreitung  der  Reichsposten  setzten  mehrere  Städte,  darunter  Nürnberg,  Frankfurt ­
  a.  M.,  Köln,  Bremen  heftigen  Widerstand  entgegen,  welchen  Lamoral  von  Taxis
nur  dadurch  zu  brechen  vermochte,  daß  er  das  Versprechen  gab,  er  wolle  durch  seine  Posteinrichtungen ­
  ihren  hergebrachten  Privilegien  in  keiner  Weise  zu  nahe  treten,  vielmehr
nur  den  Handel  und  Verkehr  befördern.  So  kam  es  denn,  daß  neben  den  neu  eingeführten
taxisschen  Posten  auch  das  städtische
Botenwesen  fortbestand  und  sich  noch
lange  Zeit  erhielt.  Am  meisten  aber
wurde  die  Entwickelung  der  Reichsposten ­
  durch  die  Errichtung  landesherrlicher ­
  Posten  gehemmt.  Von  vornherein ­
  hatten  die  Kaiser  die  Reichsposten ­
  von  ihren  österreichischen  Landen
ausgeschlossen  und  für  die  letzteren
eine  eigene  Postverwaltung  eingesetzt.
Dem  hiermit  gegebenen  Beispiele  folgten ­
  die  Kurfürsten  von  Brandenburg
und  Sachsen  sowie  die  Herzöge  von
Braunschweig  -  Lüneburg,  Mecklenburg
und  andere  Fürsten,  indem  sie  eigene
Posten,  in  ihren  Landen  errichteten  und
trotz  entgegengesetzter  kaiserlicher  Verordnungen ­
  mit  Eifer  und  Erfolg  bemüht ­
  waren,  die  Posten  der  Grafen
von  Taxis  von  ihren  Gebieten  fernzuhalten. ­
  Insbesondere  trat  der  Große
Kurfürst,  Friedrich  Wilhelm  von  Brandenburg, ­
  dem  Verlangen  des  Grafen
von  Taxis,  die  Reichsposten  in  seinen
Landen  zuzulassen,  mit  großer  Entschiedenheit ­
  entgegen,  was  zur  Folge  hatte,  daß  er  mit  ähnlichen  Anträgen  nicht  mehr
behelligt  wurde.
Der  Streit  um  die  Berechtigung,  Posten  anzulegen  und  zu  unterhalten,  welche
einerseits  für  ein  Reservatrecht  des  Kaisers  erklärt,  anderseits  von  den  Landesherren
und  freien  Reichsstädten  in  Anspruch  genommen  wurde,  dauerte  jahrhundertelang  und
ward  zeitweise  mit  großer  Heftigkeit  geführt,  wobei  es  mitunter  sogar  zwischen  den  Bediensteten ­
  der  streitenden  Parteien  zu  Thätlichkeiten  kam.  Trotz  der  sehr  ins  Gewicht
fallenden  kaiserlichen  Unterstützung  war  die  taxissche  Verwaltung  doch  nicht  immer  im
stände  ihre  Ansichten  und  Pläne  durchzusetzen,  mußte  sich  vielmehr  zu  dem  Zugeständnisse
bequemen,  daß  einzelne  Fürsten  und  Reichsstädte  befugt  sein  svllten,  innerhalb  ihrer  eigenen
Landesgrenzen  Posten  einzurichten.  Die  Herstellung  postalischer  Verbindungen  zwischen
den  verschiedenen  Ländergebieten  in  Deutschland  sollte  aber  ausschließlich  den  Reichsposten ­
  vorbehalten  bleiben.  Temungeachtet  ließen  die  meisten  Landesherren  und  freien
Städte,  die  ein  eigenes  Postwesen  besaßen,  ihre  Posten  auch  auf  andere  Gebiete  übergreifen.
Es  gehörte  demnach  gar  nicht  zu  den  Seltenheiten,  daß  in  einein  und  demselben  Lande
der  Postdienst  von  verschiedenen  Verwaltungen  wahrgenommen  wurde;  namentlich  war

1S9.  Voflfuhdote  «ns  dem  17.  Jahrhundert.
Wach  einem  Nürnberger  fliegenden  Blatte.)
        <pb n="721" />
        753

Das  ältere  deutsche  Postwesen.

dies  in  den  größeren  Handelsstädten  der  Fall.  Es  befanden  sich  z.  B.  in  Hamburg  hambnrgische
  (städtische),  taxissche,  preußische,  dänische,  schwedische,  mecklenburgische,  hannoversche
und  braunschweigische  Postanstalten,  in  Bremen  bremensche,  taxissche,  hessische,  preußische
Postanstalten  u.  s.  w.  So  zersplitterte  sich  das  deutsche  Postwesen  in  viele  einzelne  Verwaltungen, ­
  die  jede  für  sich  selbständige,  von  denen  der  anderen  oftmals  abweichende
Grundsätze  hinsichtlich  der  Behandlung,  Leitung  und  Taxierung  der  Postsachen  befolgten.
Daß  hieraus  für  das  Geschäftsleben  vielfache  Unzuträglichkeiten  erwachsen  mußten,  liegt
ans  der  Hand.  So  unleidlich  nun  diese  Zustände  an  und  für  sich  für  den  Verkehr  auch
waren,  so  brachten  sie  dem  Publikum  doch  wenigstens  den  einen  Nutzen,  daß  die  Postpreise ­
  infolge  des  Wettbewerbs  der  verschiedenen  Verwaltungen  untereinander  sich  auf
sehr  mäßiger  Höhe  hielten.
So  lagen  die  Verhältnisse  noch  im  achtzehnten  Jahrhundert.  Die  nach  der  französischen
Revolution  in  Deutschland  geführten  Kriege  waren  für  das  deutsche  Reich  und  die  Reichsposten ­
  von  den  verderblichsten  Folgen.  Sämtliche  linksrheinische  Gebietsteile  gingen  im
Jahre  1801  an  Frankreich  verloren,  und  die  Reichsposten  wurden  von  den  überrheinischen
Ländern  gänzlich  ausgeschlossen.  Für  den  dadurch  erlittenen  Schaden  erhielt  das  Haus
Taxis  eine  Abfindung  in  Ländereien.  Im  weiteren  mußten  die  Reichsposten  aus  denjenigen ­
  Gebieten  rechts  des  Rheins  weichen,  welche  an  Preußen  gefallen  waren,  da  dieser
Staat  andere  Posten,  als  die  eigenen,  auf  seinem  Gebiete  nicht  duldete.  Durch  den  Reichsdepntations-Hauptschluß
  vom  Jahre  1803  ward  der  Familie  Taxis  der  Stand  der  Posten
in  dem  Umfange,  wie  er  nach  dem  Lnneviller  Frieden  im  Jahre  1801  sich  befand,  gewährleistet. ­
  Auf  diese  Zusicherung  nahm  man  indes  bei  den  weiteren  Gebietsveränderungen,
welche  sich  im  Laufe  der  nächsten  zehn  Jahre  in  Deutschland  vollzogen,  wenig  Rücksicht.
Mit  der  Auflösung  des  deutschen  Reichs  im  Jahre  1806  hörte  die  Bezeichnung  „Reichspost" ­
  für  die  von  Taxis  verwaltete  Verkehrsanstalt  und  damit  zugleich  die  ihr  bis  dahin
eingeräumt  gewesene  bevorzugte  Stellung  auf;  sie  mußte  sich  hinfort  ohne  den  kaiserlichen
Schutz  behelfen.
Eine  recht  empfindliche  Einbuße  erlitt  der  Besitzstand  des  taxisschen  Postwesens  dadurch, ­
  daß  die  Regierungen  der  von  Napoleon  in  Deutschland  neu  geschaffenen  Staaten
eigene  Posten  einrichteten  und  die  taxisschen  verdrängten.  Im  Jahre  1810  bestanden  im
Gebiete  des  ehemaligen  deutschen  Reichs  nahe  an  30  verschiedene  Postverwaltnngen,  und  die
Verwirrung  in  der  Leitung  und  Taxierung  der  Postsachen  erreichte  damals  den  höchsten  Grad.
Nach  Beendigung  der  napoleonischen  Kriege  war  das  Bestreben  der  taxisschen  Postverwaltung ­
  vor  allem  darauf  gerichtet,  mit  den  Landesverwaltungen,  in  deren  Gebieten
ihr  die  Ausübung  des  Postdienstes  verblieben  war  bczw.  zustand,  eine  Verständigung
über  die  Bedingungen  herbeizuführen,  unter  welchen  sie  ihren  Betrieb  ungestört  fortsetzen
oder  wieder  aufnehmen  konnte.  Das  gelang  ihr  nach  langlvierigen  und  schwierigen  Verhandlungen ­
  meistens  erst,  nachdem  sie  sich  zur  Zahlung  einer  mehr  oder  minder  bedeutenden ­
  Jahresvergütung  an  die  betreffenden  Landesfürsten  oder  Staaten  bereit  erklärt  hatte.
In  die  deutsche  Bundesakte  vom  Jahre  1815  wurde  die  Bestimmung  aufgenommen,  daß
das  Haus  Taxis  in  dem  durch  den  Reichsdeputations-Hauptschluß  von  1803  oder  durch
spätere  Verträge  bestätigten  Besitz  und  Genuß  der  Posten  verbleiben  solle.  Dies  war
der  Rechtstitel,  auf  Grund  dessen  Taxis  für  die  Abtretung  oder  Überlassung  seiner  Posten
angemessene  Entschädigung  in  Anspruch  nehmen  konnte.  Nur  wenige  Staaten  machten
von  dem  ihnen  zugestandenen  Rechte  Gebrauch  und  lösten  die  taxisschen  Postgerechtsame
ab.  So  richteten  Bayern  und  Baden,  später  auchWürttemberg,  eigene  Posten  ein;  Preußen
zahlte  für  Überlassung  des  Postwesens  in  den  neu  erworbenen  Landesteilen  an  Taxis
Abfindungssummen.
Nach  Ordnung  der  Verhältnisse  im  Jahre  1815  blieben  in  Deutschland  noch  17  verschiedene ­
  Postverwaltungen  bestehen.  Wenn  man  nun  auch  die  Nachteile,  welche  diese
Zerrissenheit  der  postalischen  Einrichtungen  für  den  Verkehr  zur  Folge  haben  mußte,
durch  Abschließung  von  Verträgen  zwischen  den  einzelnen  Verwaltungen  einigermaßen  zu
mildern  suchte,  so  blieb  zu  berechtigten  Klagen  doch  immer  noch  sehr  viel  Ursache  übrig,
95
        <pb n="722" />
        754  Posten  und  Postwegen.
da  manche  Inhaber  der  Postgerechtsame  ihr  eigenes  Interesse  allzusehr  verfolgten  und
die  Rücksicht  ans  das  Allgemeinwohl  aus  dem  Auge  verloren.  Es  war  daher  kein  Wunder,
daß  das  Verlangen  nach  einer  einheitlichen  Gestaltung  des  Posttvesens  in  Deutschland
laut  erhoben  und  von  Zeit  zu  Zeit  immer  wiederholt  tvurde.  Zwar  trat  1847  zu
Dresden  eine  aus  Vertretern  verschiedener  deutscher  Postvertvaltungen  gebildete  Postkonferenz ­
  zusammen,  um  eine  Verbesserung  der  postalischen  Verhältnisse  in  Deutschland
anzubahnen.  Die  Beratungen  blieben  indes  erfolglos.  Die  kleinlichen  Sonderinteressen
einzelner  Postinhaber  zeigten  sich  eben  stärker  als  die  Geneigtheit,  das  Allgemeinwohl
zu  fördern.  Die  Einheitsbestrebungen  in  Deutschland,  denen  besonders  im  Jahre  1848
kräftiger  Ausdruck  gegeben  wurde,  trugen  dann  wohl  mit  dazu  bei,  die  deutschen  Regierungen ­
  zu  einer  zeitgemäßen  Überbrückung  der  Grenzen  der  einzelnen  Postgebiete  zu  be-770.

  4frnniöstfri)£S  Postamt  unter  Ludwig  XV.
wegen.  So  erfolgte  denn  1850  die  Gründung  des  deutsch-österreichischen  Postvereins,
welche,  wie  wir  tveiter  unten  sehen  werden,  eine  erhebliche  Besserung  der  traurigen  postalischen ­
  Zustände  in  Deutschland  herbeiführte.  Den  allgemeinen  Wünschen  entgegen  blieb
die  taxissche  Postverwaltung  noch  bestehen.  Wie  weit  eigentlich  sie  für  die  Unterlassungssünden ­
  während  der  letzten  Jahrzehnte  ihres  Bestehens  verantwortlich  zu  machen  ist,
haben  wir  hier  nicht  zu  untersuchen,  sondern  nur  zu  bestätigen,  daß  sie  überall  als  Melkkuh ­
  im  Dienste  eines  bevorrechteten  Einzelnen  angesehen  ward  und  täglich  in  immer
größeren  Widerspruch  mit  den  volkswirtschaftlichen  Gesamtinteressen  geriet.  Die  kriegerischen ­
  Ereignisse  des  Jahres  1866  führten  endlich  ihre  Beseitigung  herbei,  indem
Preußen  gegen  eine  Entschädigungssumme  von  drei  Millionen  Thalern  am  1.  Juli  1867
das  gesamte  taxissche  Postwesen  erwarb.
In  Frankreich  gingen  die  ersten  postalischen  Einrichtungen  von  der  Universität
zu  Paris  aus,  welche  bereits  im  Jahre  1315  im  Lande  Relais  errichten  ließ.  König
Ludwig  XI.  erkannte  besser  als  seine  Vorgänger,  wie  große  Dienste  ihm  und  seiner  auf
Zentralisation  des  Reichs  gerichteten  Politik  derartige  Einrichtungen  leisten  konnten.  Er
        <pb n="723" />
        Posteinrichtungen  Frankreichs.  755
verfügte  deshalb  int  Jahre  1464,  daß  auf  den  Hauptstraßen  des  Reichs  in  mäßigen  Entfernungen ­
  voneinander  berittene  Leute  (Kuriere)  aufgestellt  wurden,  durch  deren  Vermittelung ­
  er  schnell  aus  allen  Teilen  des  Reichs  Nachrichten  empfangen  und  ebendahin
gelangen  lassen  konnte.  Diese  Einrichtung,  welcher  man  zum  erstenmal  den  Namen  „Post"
beilegte,  war  ursprünglich  nur  für  Regierungszwecke  bestimmt.  Später  jedoch  wurde  auch
Privatpersonen  der  Gebrauch  derselben  gegen  Entgelt  gestattet.  Die  Postreiter  führten
auf  dem  Rücken  des  Pferdes  ein  Felleisen  (malts)  mit  sich,  um  darin  die  Postsachen  zu
verwahren,  woher  die  jetzt
noch  gebräuchliche  Bezeichnung ­
  „Mallepost"  stammt.
Eine  regelmäßige  Abfertigung
  der  Posten  fand  nicht
statt;  sie  wurden  nur  abgelassen, ­
  wenn  das  Bedürfnis ­
  dazu  hervortrat.
Erst  in  der  zweiten  Hälfte
des  16.  Jahrhunderts  wurden ­
  regelmäßig  kursierende
Posten  hergestellt.  Die
königlichen  Posten  machten  77l.  Mallepost  unter  Kaiser  Napoleon  I.
der  Pariser  Universitätsbotenanstalt ­
  nicht  geringe  Konkurrenz,  und  es  war  daher  natürlich,  daß  die  Leistungen
der  letzteren  um  so  mehr  zurückgingen,  je  weiter  die  ersteren  ihre  Wirksamkeit  ausdehnten.
Nachdem  Ludwig  XIV.  im  Jahre  1643  die  Post  als  Regal  erklärt  hatte,  vereinigte
er  die  Universitäts-Botenanstalt  mit  der  Staatspost  und  bewilligte  der  Universität  für
den  Wegfall  der  ihr  ans  jener  erwachsenen  Einkünfte  eine  Entschädigung.
Vom  Jahre  1672  an  gab  man  die  Verwaltung  der  Posten  in  Pacht.  Die  jährliche
Pachtsnmme,  welche  anfänglich  1200000  Livres  betrug,  wurde  allmählich  bis  ans
12000000  Livres  erhöht,  es  war  also  zuletzt  das  Zehnfache  des  ursprünglich  festgesetzten
Pachtbetrages  zu  zahlen.
Erst  zur  Zeit  der  ersten
Revolution  nahm  der  Staat
die  Verwaltung  der  Posten
wieder  selbst  in  die  Hand.
Die  Staatspost  in
Frankreich  befaßt  sich  nur
mit  der  Beförderung  von
Briefpostgegenständen,  der
Transport  von  Paketen
und  Personen  ist  Privaten
überlassen  Die  Diligencen ­
  (Eilwagen)  und
Nlessagerien  (gewöhn-  77z.  Mrssagerir  royal  unter  König  Lollis  Philipp,
liche  Postwagen),  welche
diesen  Teil  des  Verkehrs  vor  Entstehung  der  Eisenbahnen  hauptsächlich  vermittelten,  waren
Privatunternehmungen,  die  vom  Staate  konzessioniert  wurden  und  an  diesen  eine  Abgabe  zu
entrichten  hatten.  Die  Beförderung  der  Briefposten  wurde  gegen  angemessene  Vergütungen
Posthaltern  übertragen,  welche  auch  die  Gestellung  von  Extraposten  und  Estafetten  für
ihre  eigene  Rechnung  zu  besorgen  hatten.  Frühzeitig  schon  wurde  in  Frankreich  der  Landpostdienst ­
  eingeführt  und  allmählich  weiter  ausgebildet.  In  einzelnen  tief  gelegenen
Gegenden,  die  von  Gräben  und  Sümpfen  durchzogen  waren,  stieß  die  Ausführung  des
Bestellgeschäfts  ans  Schwierigkeiten,  welche  man  indes  durch  Ausrüstung  der  Landbriefträger
mit  Stelzen  beseitigte,  auf  denen  die  unwegsamen  Stellen  leichter  passiert  werden  konnten.
95*
        <pb n="724" />
        756

Posten  und  Postwesen.

In  keinem  Staate  Europas  wurde  das  Postivesen  noch  bis  in  die  neueste  Zeit  als
Finanzquelle  so  ausgebeutet,  wie  in  Frankreich;  es  sind  deshalb  auch  dort  mit  den  Posttaxen ­
  die  verschiedenartigsten  Experimente  gemacht  worden.  Bald  wurde  das  Porto  ermäßigt, ­
  bald  wieder  erhöht,  je  nachdem  man  sich  von  einer  solchen  Maßregel  günstige
finanzielle  Erfolge  versprach.  So  fand  eine  Erhöhung  der  Taxen  zur  Revolutionszeit  und
später  noch  einmal  im  Jahre  1806  statt,  um  die  Posterträgnisse  noch  ergiebiger  zu
machen.  Dieser  Zweck  wurde  indes  verfehlt.  Denn  die  Posteinnahmen  gingen  nun  dermaßen
zurück,  daß  1808  noch  nicht  einmal  der  vor  der  ersten  Erhöhung  erzielte  Reinertrag  wieder
erreicht  wurde,  obgleich  das  französische  Postgebiet  inzwischen  einen  beträchtlichen  Länderzuwachs ­
  erhalten  hatte.  Trotz  dieses  Mißerfolges  hat  man  in  neuerer  Zeit  doch  wieder
zu  einer  Erhöhung  der  Portosätze  seine  Zuflucht  genommen,  um  den  infolge  des  Krieges
von  1870  und  1871  erschöpften ­
  Staatskassen  durch  Überschüsse ­
  aus  der  Verwaltung
des  Postwesens  noch  mehr  als
seither  zu  Hilfe  zu  kommen.
Man  erhöhte  das  Porto  innerhalb ­
  des  französischen  Postgebiets ­
  für  frankierte  Briefe
von  20  ans  25,  für  unfrankierte ­
  auf  40  Centimes,  und
das  der  Stadtpostbriefe  von
10  auf  15  Centimes.  Die
Folge  war  ein  Herabgehen  der
Postbenutzung.  Die  Zahl  der
beförderten  Briefe  war  von
1,22  Millionen  Stück  im
Jahre  1848  auf  364  Millionen ­
  (1869)  gestiegen,  sank
aber  im  Jahre  1870  infolge
der  kriegerischen  Ereignisse  auf
281  Millionen  herab  und  erreichte ­
  ,  nachdem  inzwischen
(1871)  die  vorbezeichnete  Erhöhung ­
  der  Taxen  eingetreten
war,  erst  drei  Jahre  nach  dem
77g.  Landbrirstriiger  im  Departement  des  Landes.  Kriege  wieder  die  Höhe  V0N
Nach  einer  Zeichnung  von  Prof.  Ludwig  Burger  im  Reichspostmuseum  zu  Berlín.  Z50  ÜDÍiíItOltert.  35iettlt  TUtlt
auch  die  Überschüsse  der  Postverwaltung ­
  unter  der  Einwirkung  des  hohen  Tarifs  und  äußerster  Sparsamkeit  in  den
Betriebsausgaben  eine  nicht  unbeträchtliche  Steigerung  erfuhren,  so  war  doch  der  finanzielle ­
  Erfolg  der  Maßregel  nur  ein  scheinbarer,  denn  die  Mehrerträge  von  den  Posten  waren
nicht  ausreichend,  um  die  Staatskasse  für  den  Ausfall  an  Einnahmen  schadlos  zu  halten,
welchen  dieselbe  infolge  der  Verkehrserschwernisse  bei  anderen  Verwaltungszweigen  zu
verzeichnen  hatte.  Als  es  sich  im  Jahre  1874  um  die  Gründung  eines  Weltpostvereins
handelte,  zögerte  Frankreich,  seinen  Anschluß  zu  erklären,  weil  die  Grundidee  des  Vereins: ­
  den  Postverkehr  durch  Billigkeit  der  Portosätze  nach  Möglichkeit  zu  erleichtern,
in  finanzieller  Hinsicht  nicht  den  Grundsätzen  entsprach,  nach  welchen  man  seither  in
Frankreich  das  Postwesen  verwaltet  hatte.  Aber  schon  kurze  Zeit  nach  dem  Inkrafttreten ­
  des  Vereinsvertrags  kam  man  zu  der  Einsicht,  daß  die  Stellung  des  Landes
außerhalb  des  Vereins  nicht  lange  aufrecht  erhalten  werden  konnte,  ohne  den  eigenen
Verkehrsinteressen  die  empfindlichsten  Nachteile  zuzufügen.  So  entschloß  man  sich  denn,
dem  Vereine  (zum  1.  Januar  1876)  beizutreten  und  damit  eine  Politik  aufzugeben,.
        <pb n="725" />
        757

Posteinrichtungen  Frankreichs  nnd  Englands.

welche  jahrhundertelang  unablässig  darauf  gerichtet  gewesen  war,  ans  dem  Postwesen
möglichst  hohe  Einkünfte  zu  erzielen.  Die  notwendige  Folge  dieses  Schritts  war  die
Herabsetzung  des  Portotarifs  für  den  inneren  Verkehr,  denn  man  konnte  für  letzteren  unmöglich ­
  die  hohen  Portosätze  beibehalten,  nachdem  man  für  den  Auslandsverkehr  die
niedrigen  Vereinstaxen  angenommen  hatte.  Welchen  Aufschwung  des  Verkehrs  diese  erlösende ­
  That  zur  Folge  hatte,  können  wir  am  besten  aus  der  nachfolgenden  Vergleichung
der  Betriebsergebnisse  der  französischen  Posten  aus  den  Jahren  1876  nnd  1898  entnehmen. ­
  In  dem  erstgenannten  Jahre  betrug  die  Zahl  der  beförderten  Briefe
420  Millionen,  der  Postkarten  27  Millionen,  der  Drucksachen,  Zeitungsnummern,  Geschäftspapiere, ­
  Warenprobensendungen  415  Millionen,  der  Postanweisungen  7102000,
der  Briefe  mit  Wertangabe  1974000,  die  Gesamtzahl  aller  Postsendungen  871  Millionen;
1898  war  die  Zahl  der  Sendungen  angewachsen:  bei  den  Briefen  auf  983  Millionen,
bei  den  Postkarten  auf  60  Millionen,  bei  den  Drucksachen,  Zeitungsnummern,  Geschäftspapieren, ­
  Warenprobensendungen  auf  1417  Millionen,  bei  den  Postanweisungen  auf
39  600000,  bei  den  Briefen  mit  Wertangabe  auf  8877  000  und  bei  allen  Sendungen
zusammen  genommen  auf  2573  Millionen.  Demnach  hat  sich  der  Postverkehr  in  den
22  Jahren  um  295  Prozent,  in  jedem  Jahre  also  durchschnittlich  um  mehr  als  13  Prozent
gesteigert.  Im  Jahre  1898  waren  in  Frankreich  9664  Postanstalten  und  69859  Briefkasten ­
  vorhanden.  Das  Post-  und  Telegraphenpersonal  bestand  aus  72082  Beamten
und  Unterbeamten.  Die  Einnahmen  aus  dem  Post-  und  Telegraphenwesen  beliefen  sich
auf  200353856  Mark,  die  Ausgaben  auf  147  777172  Mark,  so  daß  sich  ein  Überschuß
von  52  576  684  Mark  ergab.  In  den  vorstehenden  Angaben  sind  die  für  Algerien  mitenthalten, ­
  da  dieses  Land  zum  französischen  Postgebiet  gehört.
Posteinrichtnngen  Englands.  Im  Jahre  1481  legte  Eduard  IV.  während
des  schottischen  Krieges  für  Regierungszwecke  Reitposten  an,  die  stationsweise  befördert
wurden.  Sie  erhielten  später  größere  Ausdehnung,  aber  noch  zur  Zeit  der  Königin
Elisabeth  bestand  für  das  Publikum  keine  Postanstalt.  Unter  Jakob  I.  wurde  in  London
eine  Postanstalt  für  Briefe  nach  fremden  Ländern  „zum  Besten  der  englischen  Kaufleute"
errichtet.  Erst  unter  der  Regierung  Karls  I.  ums  Jahr  1635  erfolgte  die  Einrichtung
einer  Postanstalt  für  inländische  Briefe,  deren  Benutzung  jedermann  freistand.  Im
Jahre  1678  wurde  die  erste  regelmäßig  abgehende  Postkutsche  zwischen  Edinburg  und
Glasgow  errichtet.  Die  Entfernung  beider  Städte  beträgt  44  englische  Meilen;  zur
Überwindung  aller  Wegschwierigkeiten  bedurfte  man  eines  Vorspanns  von  nicht  weniger
als  sechs  Pferden  und  gelangte  dennoch  erst  nach  drei  Tagen  ans  Ziel.  Es  ward  schon  als
eine  große  Verbesserung  angesehen,  als  die  „Stage-Coach"  jene  kurze  Strecke  im  Jahre  1750
binnen  36  Stunden  zurücklegte,  während  inan  heute  mit  der  Eisenbahn  in  einer  Stunde
von  Edinburg  nach  Glasgow  fährt.  Im  Jahre  1763  gab  es  zwischen  Edinburg  und  London
nur  einmal  monatlich  eine  „Stage-Coach-Verbindung",  welche  acht  Tage  zur  Vollendung
der  Reise  brauchte,  wozu  man  heute  wenig  mehr  als  acht  Stunden  nötig  hat.  Die  Zahl
der  Passagiere  zwischen  beiden  Königsstädten  betrug  allmonatlich  25,  und  nur  bei  außergewöhnlichen ­
  Gelegenheiten  stieg  sie  auf  50.  Der  Fortschritt  zeigte  sich  im  Jahre  1835,
indem  damals  schon  mit  der  Post  täglich  140  Personen  von  London  nach  Edinburg
und  umgekehrt  fuhren,  während  eine  mindestens  gleiche  Anzahl  sich  zum  Fortkommen  der
Seedampfschiffe  bediente.  Der  Verkehr  zwischen  beiden  Städten  war  demnach  1835  bereits
160mal  so  groß  wie  1763.
Mit  den  von  Jahr  zu  Jahr  wachsenden  Bedürfnissen  des  allgemeinen  Verkehrs
lvurden  insbesondere  nach  Entstehung  der  Eisenbahnen  sowie  der  beschleunigten  Personenbeförderung ­
  die  Gebrechen  des  Postwesens  vornehmlich  in  Bezug  auf  Briefbefördernng
und  deren  Kostspieligkeit  immer  empfindlicher,  infolgedessen  die  Notwendigkeit  einer  Reform
immer  dringender.  Den  entscheidenden  Antrieb  zur  britischen  Postreform  gab  Rowland
Hill  in  den  Jahren  1837  bis  1840.  Als  das  Eisenbahnwesen  zu  einer  bedeutenden
Verkehrsmacht  emporwuchs  und  sich  immer  mehr  entwickelte,  als  dessen  Rückwirkung  auf
Handel  und  Wandel  die  Anforderungen  des  Publikums  an  die  Posten  immer  höher
        <pb n="726" />
        758

Posten  und  Postwesen.

steigerte,  da  konnten  die  Verwaltungen  der  öffentlichen  Meinung  nicht  länger  widerstehen
und  mußten  energischer  den  Weg  zu  Verbesserungen  betreten.  Es  ist  bemerkenswert,  daß
die  wichtigsten  Verbesserungen  auf  dem  Gebiete  des  Postlvesens  in  England  von  Personen
ausgingen,  welche  dem  Institute  ursprünglich  fern  standen,  also  nicht  zu  den  Fachmännern
gehörten.  So  wurde  im  Jahre  1683  die  Londoner  Stadtpost  durch  einen  Tapetenhändler
Namens  Murray  gegründet.  Hundert  Jahre  später  wurde  das  Postwesen  durch  den
Theaterdirektor  Palmer  unter  Mitwirkung  des  großen  Pilt  trotz  aller  Hemmnisse  neu  gestaltet. ­
  Bis  dahin  waren  die  Briesschasten  lediglich  mit  reitenden  Posten  befördert  worden,
die  nur  drei  bis  vier  englische  Meilen  in  der  Stunde  zurücklegten.  Viele  andere  Beförderungsmittel, ­
  namentlich  die  Landkutschen,  welche  von  Privatleuten  zur  Beförderung

774.  LandKntfche  in  England  IN  Anfang  des  18.  Jahrhunderts.
Nach  einem  Kupferstiche  von  William  Hogarlh.

von  Personen  und  auch  von  Paketen  unterhalten  wurden,  waren  schneller  als  die  Post.
Auf  Palmers  Vorschlag  wurden  nun  diese  Landkutschen  (Mailcoachs)  zur  Beförderung
der  Briefposten  mitbenutzt  und  der  Gang  derselben  so  beschleunigt,  daß  sie  in  der  Stunde
durchschnittlich  sechs  englische  Meilen  zurücklegten.  In  merklicher  Weise  hatte  sich  schon
kurze  Zeit  nach  Einführung  des  neuen  Systems,  infolge  der  schnelleren  und  regelmäßigen
Beförderung  der  Briefschaften,  bei  einem  ermäßigten  Tarifsätze  eine  Vermehrung  der
Briefbewegnng  eingestellt.  Seitdem  waren  lveitere  Erleichterungen  zur  Ausführung  gelangt, ­
  jedoch  vergingen  volle  50  Jahre,  bevor  von  bedeutenderen  Fortschritten  berichtet
werden  konnte.  Die  durchschlagendste  Reform  im  Briefbeförderungswesen,  d.  h.  die  Ermäßigung ­
  der  Briefportosätze  ans  einen  einzigen  niedrigen  Satz  ist  indes  um  die  Wende
des  vierten  und  fünften  Jahrzehnts  des  19.  Jahrhunderts  von  England  ausgegangen
und  hat  Anerkennung  sowie  Nachahmung  gefunden  in  allen  bedeutenden  Kulturstaaten
der  Welt.  Rowland  Hill,  Sekretär  der  Kommissäre  für  die  Kolonisation  Südaustraliens,
hat  sich  mit  Recht  den  Namen  eines  Reformators  des  englischen  Postwesens  erworben,
        <pb n="727" />
        Postemrichtungen  Englands.  759
zumal  da  er  seine  Verbesserungen  nach  harten  Kämpfen  trotz  aller  Verfolgungen,  die  er
seitens  des  Generalpostdirektorinms  zu  erdulden  hatte,  durchzuführen  wußte.  Unmittelbar ­
  vor  der  Reform  betrug  das  Porto  für  einen  einfachen  Brief  auf  eine  Entfernung
bis  zu  l  5  engl.  Meilen  4  d.,  von  15  bis  20  Meilen  5  d.,  von  20  bis  30  Meilen  6  d.,
von  30  bis  50  Meilen  7  d.,  von  50  bis  80  Meilen  8  d.,  von  80  bis  120  Meilen  9  cl.,
von  120  bis  170  Meilen  10  d.,  von  170  bis  230  Meilen  11  d.,  von  230  bis
300  Meilen  12  d.  und  auf  jede  weiteren  100  Meilen  1  d.  mehr.  Ws  einfacher  Brief
galt  ein  solcher,  der  nur  ans  einem  Bogen  oder  Blatt  bestand;  für  jeden  weiteren
Bogen  oder  jedes  weitere  Blatt  mußte  der  einfache  Portosatz  entrichtet  werden,  so  daß
ein  Brief,  der  aus  drei  Bogen  oder  Blättern  bestand,  wenn  er  auch  nicht  mehr  als  1 I 2  Unze
wog,  das  dreifache  Porto  kostete.  Dieser  außerordentlich  hohe  Tarif  gab  den  Anlaß
dazu,  daß  viele  Briefe  auf  andere  Weise  als  durch  die  Post  verschickt  wurden.  Es  war

77S.  Mailpost  Zwischen  Gstenü  uut&amp;gt;  London  im  L-chnrr  stecken!».

einleuchtend,  daß  nach  Einführung  einer  niedrigen  Brieftaxe  der  größte  Teil  jener  Briefe
der  Post  zugewendet  und  dadurch  eine  sehr  bedeutende  Steigerung  des  Postbriefverkehrs
veranlaßt  werden  würde.  Nachdem  Hill  außerdem  ermittelt  hatte,  daß  an  Beförderungskosten ­
  für  einen  einfachen  Brief  ohne  Rücksicht  auf  die  Entfernung  noch  nicht  einmal  der
zehnte  Teil  eines  Penny  seitens  der  Postverwaltung  aufzuwenden  war,  und  daß  die
richtige  Taxierung  der  Briefe  nach  der  Zahl  der  verwendeten  Bogen  oder  Blätter  in  der
Praxis  auf  Schwierigkeiten  und  Widerwärtigkeiten  stieß,  trat  er  mit  dem  Vorschlage
hervor,  für  die  Festsetzung  des  Briefportos  weder  die  Entfernung  vom  Abgangs-  bis  zum
Bestimmungsorte  noch  die  Zahl  der  zu  den  Briefen  verwendeten  Bogen  oder  Blätter,
sondern  lediglich  das  Gewicht  als  Maßstab  gelten  zu  lassen,  und  für  alle  bis  zu  %  Unze
(14,17  g)  schweren  Briefe  einen  einzigen  niedrigen  Gebührensatz  (1  Penny),  für  schwerere
Briefe  das  Doppelte  dieses  Satzes  zu  bestimmen.  Die  öffentliche  Meinung  sprach  sich  sofort
zu  gunsten  des  Vorschlages  aus,  während  er  in  Regierungskreisen  anfänglich  scharfen
Widerspruch  erfuhr.  Auf  Wallaces  Anregung  erhielt  das  Parlament  mit  dem^  Gegenstände ­
  Befassung.  Nach  eingehender  Prüfung  durch  einen  Parlamentsausschuß  wurde
der  Plan  endlich  sowohl  vom  Parlament  als  auch  von  der  Regierung  gutgeheißen.
        <pb n="728" />
        760  Posten  und  Postwesen.

Damit  begann  eine  neue  Ära  für  das  gesamte  europäische  Postweseu  infolge  der
Erschließung  einer  freien  und  weniger  kostspieligen  Berkehrsbeweguug,  deren  vorteilhafte
Folgen,  wenn  auch  nicht  in  den  ersten  Jahren  der  Reform,  so  doch  schon  in  der  nächsten
Zeit,  den  Posten  selbst  wieder  zu  gute  kamen.  Mit  dem  Jnslebentreten  der  Portoreform
(am  10.  Januar  1840)  fand  eine  ganze  Reihe  von  Verkehrserleichterungen  statt,  deren
großartige  Ergebnisse  allseitig  bekannt  sind.  Um  den  Betrieb  zu  vereinfachen,  wurden
zur  Entrichtung  der  Gebühren  Briefmarken  und  gestempelte  Briefumschläge  eingeführt. ­
  Gleichzeitig  trat  eine  sehr  erhebliche  Beschränkung  der  Portofreiheiten  ein,  die
eine  außerordentliche  Ausdehnung  gewonnen  hatten.
Dem  englischen  Pennyportosystem  sind  die  einschlagenden  Einrichtungen  der  übrigen
Knltnrstaaten  Europas  mehr  oder  minder  nachgebildet.  Der  Bann  war  gelöst.  Der  Hillschen
  Postreform  ist  namentlich ­
  von  Fachmännern  der
Vorwurf  gemacht  worden,
daß  sie  zu  radikal  gewesen
und  bei  Einführung  derselben ­
  der  finanziellen  Seite
der  Maßregel  nicht  die  gebührende ­
  Beachtung  geschenkt
worden  sei.  Wenn  auch  nicht
zu  leugnen  ist,  daß  die  Einnahmen ­
  in  den  ersten  Jahren
nach  der  Reform  hinter  den
Erwartungen  weit  zurückblieben ­
  ,  so  müssen  doch
anderseits  die  großen  volkswirtschaftlichen ­
  Vorteile  in
Betracht  gezogen  werden,
welche  durch  die  Erleichterung ­
  und  Förderung  des
Verkehrs  geschaffen  wurden.
Nach  dieser  wichtigsten  Seite
hin  ist  die  Reform  von  dem
glänzendsten  Erfolge  begleitet
gewesen.  In  Zahlen  ausgedrückt, ­
  lassen  sich  die  geivonnenen
  Resultate  der  englischen ­
  Postreform  kurz  so
zusammenfassen:  Gegen
1839,  das  letzte  Jahr  unter
der  alten  Einrichtung,  hatte  sich  1870  in  Großbritannien  die  Zahl  der  beförderten  Briefe
von  82  Millionen  ans  862  Millionen,  die  Bruttoeinnahme  von  2  390  763  Pfund  Sterling
ans  4  993  475  Pfund  Sterling  gehoben.  Im  Jahre  1898  wurden  in  England  sogar
2186  Millionen  Briefe,  382  Millionen  Postkarten,  855  Millionen  Drucksachen,  Warenprobensendungen ­
  und  Zeitungen,  im  ganzen  3496  Millionen  Postsendungen  bestellt.  I»
diesen  Zahlen  ist  der  Verkehr  der  englischen  Kolonien  nicht  mit  inbegriffen.  Von
100  Briefen,  welche  in  England  eingehen,  rühren  24  aus  den  Vereinigten  Staaten  von
Amerika,  21  ans  Frankreich,  14  aus  Deutschland  her.  Auf  diese  drei  Staaten  entfällt
sonach  mehr  als  die  Hälfte  des  Briefverkehrs  nach  England  von  dem  Auslande.  Englands
große  Kolonialgebiete  von  Indien  und  Kanada  nehmen  an  dem  Verkehr  nach  dem  Mutterlande
  nur  mit  je  vier  Briefsendungen  unter  100  teil.  Der  Postverkehr  zwischen  England
und  seinen  Kolonien  ist  trotz  der  großen  Zahl  und  Ausdehnung  der  letzteren  also  verhältnismäßig ­
  gering.

776.  Kir  Rowland  AiU.
        <pb n="729" />
        —■

Posteinrichtungen  Englands.  761
Der  großartige  Briefverkehr  Englands  ist  um  so  überraschender,  wenn  man  bedenkt,
daß  daselbst  noch  ein  nicht  unerheblicher  Bruchteil  der  unteren  Volksklassen  des  Schreibens
unkundig  ist.
Mit  der  Einrichtung,  der  zufolge  nach  allen  Teilen  des  vereinigten  Königreichs
jeder  Brief  nur  einen  Penny  kostete,  ging  ein  gewisser  Freimachungszwang  Hand  in
Hand.  Zwar  befördert  die  englische  Post  nicht  freigemachte  Briefe,  doch  gilt  das  Nichtfreimachen ­
  für  unanständig  und  hat  gewöhnlich  die  Weigerung  der  Annahme  seitens  des
Adressaten  zur  Folge.  Im  Jahre  1859  wurde  der  Versuch  gemacht,  den  unbedingten
Freimachungszwang  für  alle  sich  innerhalb  der  Grenzen  des  vereinigten  Königreichs  be-Ivegenden
  Briefe  einzuführen.  Die  Maßregel  stieß  jedoch  sowohl  im  Publikum  als  auch  in
parlamentarischen  Kreisen  auf  so  heftigen  Widerstand,  daß  man  sie  nach  ganz  kurzer  Zeit
lvieder  aufheben  mußte.
Die  Summe  des  auf  Postanlveisungen  und  auf  Postbons  vermittelten  Barverkehrs
belief  sich  im  Jahre  1898  auf  etwa  1208  Millionen  Mark.  Die  Zahl  der  Postanstalten

777.  Englisches  Frrikonvrrt  1840.
betrug  21197,  die  der  Briefkasten  51  595.  An  Beamten  und  Unterbeamten  waren
150  110  im  Post-  und  Telegraphendienste  thätig,  von  denen  indes  sehr  viele  nur  aushilfsweise ­
  beschäftigt  wurden.  Die  Einnahmen  aus  dem  Post-  und  Telegraphenwesen  erreichten ­
  im  Verwaltungsjahre  1898/99  die  Höhe  von  250  000  000  Mark,  wogegen  die
Ausgaben  sich  auf  175  000  000  Mark  stellten.
Eine  eigenartige  Einrichtung  besteht  in  England  seit  1891  hinsichtlich  der  Beförderung ­
  der  sogenannten  Eisenbahnbriefe.  Diese  dürfen  das  Gewicht  von  1  Unze
nicht  überschreiten.  Sie  werden  vom  Absender  mit  einer  Postfreimarke  zu  1  ci.  beklebt,
aber  nicht  der  Post,  sondern  der  Eisenbahn  übergeben,  welche  für  die  Beförderung  nach
dem  Bestimmungsorte  sorgt  und  dafür  ihrerseits  noch  eine  Gebühr  von  2  6.  erhebt.  Am
Bestimmungsorte  können  die  Briefe  von  der  Eisenbahn  abgeholt  werden.  Geschieht  dies
nicht,  so  überliefert  die  Eisenbahn  die  Sendungen  an  die  Post  behufs  Übergabe  an  den
Adressaten.  Die  Maßregel  erstreckt  sich  jedoch  nur  auf  bestimmte  Eisenbahnen.  Von
diesen  dürfen  die  Briefe  auch  nur  mit  solchen  Zügen  befördert  werden,  die  sonst  nicht  zum
Transport  von  Postsachen  dienen.  Das  Verfahren  erscheint  nicht  unbedenklich,  da  die
Postverwaltung  sich  damit  ihres  Vorrechts  der  ausschließlichen  Briefbeförderung  teilweise
entäußert,  auch  die  Wahrung  des  Briefgeheimnisses  unzweifelhaft  in  weit  geringerem
66
        <pb n="730" />
        762

Posten  und  Postwejen.

Grade  gesichert  ist,  als  bei  postseitiger  Besorgung  der  Briefe.  Die  englische  Postverwaltung
hat  jedoch  geglaubt,  dieses  Zugeständnis  dem  Publikum  machen  zu  sollen,  weil  sie  aus
übergroßer  Sparsamkeit  nur  sehr  wenige  Eisenbahnzüge  zu  Posttransporten  benutzt  und
sich  wegen  des  Kostenpunktes  beharrlich  dagegen  sträubt,  die  Zahl  der  Postvcrbindungeu
namentlich  aus  den  Eisenbahnen  in  angemessener  Weise  zu  vermehren.  Angesichts  eines
Reinertrages  von  75  Millionen  Mark,  den  die  Posten  und  Telegraphen  in  England  1898
geliefert  haben,  ist  ein  solches  Verhalte»  nicht  zu  billigen.  Überhaupt  muß  hier  bemerkt
werden,  daß  das  hohe  Ansehen,  welches  das  britische  Postwesen  in  den  Augen  des
Publikums  diesseits  des  Kanals  im  allgemeinen  genießt,  durchaus  nicht  begründet  ist.
Wenn  man  von  dem  ungeheuren  Umfange  des  Postverkehrs  in  England  hört,  ist  mau
geneigt,  zu  glauben,  derselbe  werde  durch  entgegenkommende  Einrichtungen  der  Postbehörde
  wesentlich  gefördert.  Das  ist  jedoch  ein  Irrtum.  Fast  in  keinem  Lande  Europas
ist  man  mit  Verbesserungen  auf  dem  Gebiete  des  Postwesens  so  zurückhaltend  wie  in
England,  obgleich  zu  solchen  dort  die  dringendste  Veranlassung  vorliegt.  Erstaunen  muß
mau,  wenn  man  liest,  daß  von  der  Hauptstadt  nach  den  bedeutendsten  Handelsplätzen  des
vereinigten  Königreichs  durchschnittlich  nur  zwei  tägliche  Postverbindungen  bestehen  und
daß  die  Briefbestellung  nach  Landorten  noch  im  Jahre  1896  so  mangelhaft  war,  daß
etwa  16  Millionen  nach  solchen  Orten  gerichtete  Briefe  nicht  au  die  Adressaten  bestellt,
sondern  bei  den  Postanstalten  oder  bei  besonderen  Niederlagsstellen  in  den  Landbezirken
zur  Abholung  bereit  gehalten  wurden.  Im  deutschen  Reichspostgebiete  zählt  man  dagegen
zwischen  bedeutenden  Verkehrsarten  oft  zehn  und  mehr  Pvstverbindungen  täglich,  und  es
existiert  in  diesem  Gebiete  kein  Ort  und  kein  Gehöft,  nach  denen  die  Postsendungen  nicht
mindestens  einmal  täglich  (mit  Ausnahme  des  Sonntags)  abgetragen  werden.  Neuerdings
scheint  man  die  weitere  Ausgestaltung  des  Landpostdienstes  in  England  etwas  energischer
zu  betreiben.  In  diesem  Lande  wird  die  Post  als  sehr  ergiebige  Erwerbsquelle  für  den
Staat  betrachtet,  worauf  denn  auch  die  möglichste  Beschränkung  der  Ausgaben  für  postalische
Einrichtungen  dort  zurückzuführen  ist.
Das  Londoner  Hauptpostamt,  in  Martins-le-Grand  gelegen,  hat  für  den
Weltverkehr  seit  Einführung  der  von  Rowland  Hill  angeregten  Reformen  durch  die  Großartigkeit ­
  seines  Betriebes  die  bei  weitem  hervorragendste  Bedeutung  gewonnen.
Wenn  es  auch  schwer  fällt,  einen  Blick  in  das  Allerheiligste  dieses  ersten  Berkehrsinstituts
  seiner  Art  zu  werfen,  so  verlohnt  es  sich  doch  schon  der  Mühe,  besonders  au
einem  Freitagabend,  wo  die  Mehrzahl  der  in  London  erscheinenden  Wochenblätter  für  das
Inland  aufgegeben  wird,  einen  Gang  nach  jenem  Gebäude  zu  machen.
Den  ganzen  Tag  hindurch  bietet  die  eine  Seite  der  großen  Halle  ein  sehr  bewegtes
Bild;  die  geöffneten  Briefkasten,  bestimmt  zur  Aufnahme  der  nach  allen  Weltteilen  abgehenden ­
  Briefschaften,  sind  beständig  von  Menschen  umlagert.  Aber  auch  die  großen,
während  des  Tages  geschlossenen  Fenster  werden  weit  aufgethau,  sobald  die  Schlußzeit
für  die  Abendposten'  herannaht,  welche  für  Zeitungen  und  sonstige  Drucksachen  auf
51/2  Uhr,  für  Briefe  auf  6  Uhr  festgesetzt  ist.  Dann  drängt  sich  eine  hitzige  Menge  in
die  Halle,  und  Briefe  und  Zeitungen  beginnen  förmlich  in  einem  litterarischen  Hagelschauer ­
  herabzufallen.  Je  näher  die  Schlußzeit  heranrückt,  desto  sichtlicher  wächst  der
Aufruhr,  denn  man  ist  sich  der  beängstigenden  Wahrheit  bewußt,  daß  die  Postbeamten
niemals  auch  nur  eine  Minute  zugeben,  und  daß  alles  vorüber  sein  muß,  sobald  der  letzte
Schlag  der  Uhr  ertönt.  In  ähnlicher  Weise  vermehrt  sich  das  Gedränge  um  die  Briefkasten, ­
  in  welche  allein  in  der  letzten  Viertelstunde  vor  der  Schlußzeit  weit  über
20  000  Sendungen  geworfen  werden.  Zwar  werden  auch  nach  6  Uhr  bis  7 x / 2  Uhr
abends  noch  Briefe  zur  Beförderung  mit  den  an  demselben  Abende  abgehenden  Posten
angenommen,  dieselben  unlerliegen  jedoch  einem  Portozuschlage  von  l  bis  2  Pence.
Das  Postamt  hat,  gleich  einem  gewaltigen  Ungetüm,  eine  ungeheure  Mahlzeit  verschluckt
und  sich  zum  Übermaß  gesättigt  —  jetzt  muß  der  Verdauungsprozeß  beginnen.  In  weiten,
hell  erleuchteten  Räumen  bewegen  sich  Hunderte  hin  und  her,  welche  gewaltige  Haufen
von  Briefen  und  noch  gewaltigere  Haufen  von  Zeitungen  packen,  stempeln  und  sortieren.
        <pb n="731" />
        763

Das  Londoner  Hauptpostamt.

In  dem  Zeituiigszimmer  sind  Personen  damit  beschäftigt  gewesen,  die  hineingeworfenen
Säcke  zn  leeren,  die  einzelnen  Zeitungen  in  große  Körbe  zusammen  zu  legen  und  sie  auf
Hebewerken  in  die  verschiedenen  Abteilungen  des  Gebäudes  zn  schaffen.
Man  kann  sich  von  diesen  natürlich  durch  Dampf  in  Bewegung  gesetzten,  mechanischen
Vorrichtungen  einen  ungefähren  Begriff  ans  dem  Umstande  machen,  daß  Hunderte  von
Tonnen  Papier  wöchentlich  auf  diese  Weise  gehoben  und  wieder  heruntergelassen  werden.
In  dem  Briefzimmer  geht  es  nicht  minder  geschäftig  her.  Hier  werden  erst  die
einzelnen  Briefe  mit  der  Adresse  nach  oben  geordnet,  um  den  Prozeß  des  Abstempelns  zn
erleichtern.  Dies  geschieht  teils  mit  einer  Maschine,  teils  mit  der  Hand,  und  besteht
darin,  daß  ans  jeden  Brief  Datum,  Stunde  und  Ort  der  Aufgabe  gedruckt  und  zugleich
die  aufgeklebte  Freimarke  durch  Abstempeln  unbrauchbar  gemacht  wird.  Etwa  50  Briefe

778.  Geiierarpoliamt  zn  London.

werden  in  einer  Minute  gestempelt.  Unfrankierte  Briefe  werden  dabei  ausgeschieden  und
besonders  behandelt:  das  doppelte  Porto  aber,  das  sie  kosten,  wiegt  kaum  die  Mühe  und
die  Umstände  auf,  indem  jeder  Postbeamte,  durch  dessen  Hand  sie  gehen,  bar  darüber  abzurechnen ­
  hat.
Wenn  die  Briefe  abgestempelt  und  die  ungenügend  frankierten  ausgesucht  sind,  gelangen ­
  sie  an  die  Sortierstelle.  Hier  werden  sie  zunächst  nach  Kursen,  an  denen  die  Bestimmungsorte ­
  liegen,  geordnet,  dann  noch  mehrmals  in  Unterabteilungen  geschieden  und,
mit  Ausnahme  derjenigen  Briefschaften,  welche  später  in  den  Bahnpostwagen  sortiert
werden,  zur  Verteilung  fertig  gemacht.  Ruhig  und  ohne  Wirrwarr  sind  Hunderte  von
Händen  mit  dem  Sondern  beschäftigt;  hin  und  wieder  setzt  ein  Einzelner  einmal  ab  und
legt  einen  Brief  beiseite,  wenn  er  Geld  darin  entdeckt  hat,  ohne  daß  der  Absender  den
Brief  hat  einschreiben  lassen.  Es  wird  dann  ein  Strafporto  von  2  d.  dafür  berechnet,
und  im  ersten  Halbjahr  nach  Einführung  der  neuen  Verordnung  wurden  allein  in  London
mehr  als  58000  Briefe  von  diesem  Schicksal  betroffen.  Auch  alle  Briese  mit  unleserlichen ­
  oder  mangelhaften  Adressen  werden  ausgemustert  und  in  eine  Stube  gebracht,
welche  den  Namen  „Blind  Letter-Office“  führt.  Zahllos  sind  die  Briefe,  deren  Adresse
96*
        <pb n="732" />
        764  Posten  und  Postwesen.

nur  den  Namen  des  Empfängers  nebst  der  Bezeichnung  seines  Hauses  oder  Landsitzes  enthalten; ­
  aber  kostet  es  auch  Arbeit  und  Zeit,  die  Postanstalten  zu  ermitteln,  denen  die
Briefe  behufs  Aushändigung  an  die  Adressaten  zuzuführen  sind,  so  gewährt  doch  eine
reiche  Bibliothek  von  Adreßbüchern  der  verschiedensten  Grafschaften,  Städte  und  Flecken
in  vielen  Fällen  einen  Anhaltspunkt.  Natürlich  liefert  die  falsche  Orthographie  ein  nicht
unbedeutendes  Kontingent  „blinder"  Briefe.  Briefe  freilich  mit  einer  solchen  Aufschrift,
wie  „Uncle  John.  Hopposite  the  Church.  Hengland.“  übersteigen  auch  die  Kräfte
der  durch  Übung  zu  Meistern  in  der  Adressenwitterung  herangebildeten  „Blind-Officers“
und  wandern  dann  als  „stockblind"  in  das  Bürean  der  unbestellbaren  Briefe,  wo  sie  erbrochen ­
  werden,  um  dem  Absender  wieder  zugestellt  lverden  zu  können.
Im  ganzen  kann  der  Erfolg  dieser  Einrichtung  ein  äußerst  befriedigender  genannt
werden,  da  von  sechs  zweifelhaften  Briefen  in  der  Regel  nur  einer  in  das  „Dead-Letter-Office“
  wandert.
Enthält  ein  Brief
Wertsachen,  wie  Banknoten, ­
  Anweisungen,  Freimarken ­
  oder  dergleichen,
so  wird  er  besonders  eingetragen ­
  und  als  eingeschriebener ­
  Brief  dem  Büreau
  überantwortet.  Geld
findet  sich  jährlich  im  Betrage ­
  von  12-  bis  14000
Pfund  Sterling  in  solchen
Briefen.  Von  dieser
Summe  fallen  etwa  500
Pfund  Sterling  jährlich
dem  Schatze  anheim,  insofern ­
  sich  weder  eine
Adresse  dabei  befunden
hat,  noch  später  von  den
Beteiligten  Nachfrage  gehalten ­
  ist.  Die  gleichfalls
gefundenen  Wechsel  und
779.  NrieMcmprlnmschine.  auf  Private  ausgestellten
Banknoten,  sogen,  postbankbills,
  stellen  im  Durchschnitt  jährlich  einen  Wert  von  3  Millionen  Pfund  Sterling
dar.  Durch  die  bei  den  Banken  oder  den  Ausstellern  der  Wechsel  angestellten  Nachfragen
lassen  sich  indes  die  Adressaten  leicht  ermitteln,  und  so  kommt  in  diesen  Fällen  selten  ein
Verlust  vor.  Schließlich  enthalten  etwa  40000  Briefe  Dinge  der  verschiedensten  Art,  darunter ­
  Geschenke,  wie  Ringe,  Tuchnadeln,  Broschen  u.  s.  w.  Dergleichen  den  Briefen  entfallene ­
  Einlagen  erreichen  nie  ihren  Bestimmungsort  und  können  wegen  mangelnder
Adresse  auch  nicht  zurückgeschickt  werden;  sie  gehen  in  das  Eigentum  der  Krone  über.
Sämtliche  Briefe,  welche  weder  bestellt  noch  zurückgeschickt  werden  können,  bewahrt
die  Post,  wenn  sie  auch  von  keinem  Wert  sind,  einen  Monat  auf.  Dann  fallen  sie  der
Vernichtung  anheim,  aus  dem  Auslande  kommende  genießen  sogar  eine  Frist  von  zwei
Monaten.  Nicht  englische  Briefe  mit  Wertsachen  werden  an  das  betreffende  ausländische
Hauptpostamt  zurückgeschickt.
In  Zeit  von  zwei  Stunden  muß  die  Hauptarbeit  im  Londoner  Postamt  beendet
sein,  denn  pünktlich  um  8  Uhr  werden  die  Briefsäcke  auf  die  im  Hofe  haltenden  Postkarren
  geladen,  welche  die  Abendpost  nach  den  verschiedenen  Bahnhöfen  zur  Weiterbeförderung ­
  zu  besorgen  haben.  Wenige  Minuten  später  scheinen  die  Hallen,  die  soeben
noch  voll  des  regsten  Lebens  und  des  geschäftigsten  Treibens  waren,  wie  ausgestorben.
        <pb n="733" />
        Englisch-ostindische  Überlandpost.  Postamt  aus  der  Boobyinsel.  765
Bewunderung  erregend  durch  die  Massenhaftigkeit  der  mit  ihr  zur  Beförderung  gelangenden ­
  Briefe  ist  die
Englisch-ostindische  Überlandpost.  Während  diese  bis  zum  Jahre  1870  über
Marseille  und  Suez  befördert  wurde,  nimmt  sie  gegenwärtig  ihren  Weg  über  Brindisi
und  Suez.  Die  Abfertigung  der  Post  aus  London  erfolgt  ivöchentlich  einmal,  und  zwar
des  Freitags  abends.  Sie  durchläuft  Calais  Sonnabend  um  12^  Uhr  früh,  Paris  an
demselben  Tage  um  7  Uhr  morgens,  geht  dann  durch  den  Mont  Cenis  und  quer  durch
Italien  nach  Brindisi,  immer  unter  der  Obhut  eines  englischen  Postbegleiters,  ivelcher
Sonntags  abends  an  letzterem  Orte  eintrifft.  Dort  wird  die  Post  sogleich  auf  einen
Dampfer  der  Peninsular-  und  Oriental-Steam-Navigation-Company  übergeladen,  welcher
sie  durch  den  Suezkaual  nach  Suez  bringt.  Von  da  geht  das  Schiff  mit  der  Post  jeden
Donnerstag  ab,  berührt  Aden  und  fährt  von  hier  direkt  nach  dem  Bestimmungsorte
Bombay,  wo  es  Sonnabends  nachmittags  eintrifft.  Die  Entfernung  zwischen  London  und
Brindisi,  welche  2384  km  beträgt,  wird  in  45  Stunden,  diejenige  zwischen  Brindisi  und
Bombay  in  13  Tagen  zurückgelegt.  Die  Beförderung  vom  Anfangs-  bis  zum  Endpunkte
der  Linie  geschieht  demnach  in  15  Tagen,  während  früher  (vor  dem  Jahre  1834),  als
die  Beförderung  noch  um  das  Kap  der  Guten  Hoffnung  stattfand,  dazu  84  Tage  nötig
ivaren.  Die  Fahrt  über  Brindisi  hat  sich  im  allgemeinen  im  Vergleich  zu  derjenigen  über
Marseille  als  die  vorteilhaftere  erwiesen,  da  der  Weg  über  Brindisi  eine  schnellere  Beförderung ­
  gestattet.  Eine  Zeitlang  hat  die  Post  auch  ihren  Weg  durch  Deutschland  über
Triest  und  später  über  den  Brenner  genommen,  und  sie  wird  ohne  Zweifel  auf  die  deutsche
Linie  zurückkehren,  sobald  im  Anschlüsse  an  die  Eisenbahnlinie  Wien-Konstantinopel  die
Bahn  von  Haidar-Pascha  über  Konia  nach  Bagdad  fertig  gestellt  und  von  da  noch  bis
Bassora  weitergeführt  sein  wird.
Die  Peninsular-  und  Oriental-Steam-Navigation-Company  besorgt  die  Beförderung
schon  seit  dem  Jahre  1840  und  erhält  dafür  von  der  englischen  Regierung  eine  Beihilfe
von  5  200000  Mark.  Die  gewöhnliche  Post  umfaßt  etwa  800  bis  1000  Briefsäcke,
von  denen  jeder  ungefähr  25  kg  wiegt,  tritt  jedoch  die  australische  Post  hinzu,  was
alle  14  Tage  geschieht,  so  vermehrt  sich  die  Zahl  der  Säcke  auf  etwa  1200  Stück,  zu
deren  Fortschaffung  fünf  bis  acht  Eisenbahnwagen  erforderlich  sind.  Im  Berwaltungsjahre
  1891/92  sind  mit  der  englisch-ostindischen  Überlandpost  nach  Indien  im  ganzen
58  539  Postsäcke  und  in  umgekehrter  Richtung  19  342  Säcke  befördert  worden.  Der
Postverkehr  nach  Indien  ist  also  viel  stärker  als  der  aus  Indien.  Daß  bei  solchem  Berkehrsumfauge
  keine  häufigere  als  eine  wöchentlich  einmalige  Postverbindung  zwischen  Ostindien ­
  und  England  besteht,  ist  für  das  Sparsamkeitssystem  der  englischen  Postverwaltung ­
  bezeichnend.
Postamt  auf  der  Boobyinsel.  Nur  wenigen  wird  diese  einzig  in  ihrer  Art  dastehende ­
  postalische  Einrichtung  in  den  gefährlichen,  korallen-  und  klippenreichen  nordaustralischen ­
  Gewässern  bekannt  sein.  Hier  ereignen  sich  häufig  Schiffbrüche,  und  namentlich  ist
es  die  zwischen  Neuguinea  und  Australien  liegende  Torresstraße,  welche  unter  den  Seefahrern ­
  eine  traurige  Berühmtheit  erlangt  hat.  In  ihr  liegt  unter  10°  36'  südl.  Breite
und  141°  östl.  Länge  die  Boobyinsel,  aus  der  sich  ein  ozeanisches  Postamt  von  ganz
eigentümlicher  Beschaffenheit  befindet.  Die  englische  Admiralität  hat  dort  für  einen
Briefkasten  sowie  für  Vorräte  zum  Nutzen  der  Seefahrer  aller  Nationen  gesorgt.  Ein
hoher  Flaggenstock  deutet  die  Örtlichkeit  an;  am  Fuße  derselben  befindet  sich  eine  Tonne
mit  der  Aufschrift  „Postamt".  Dort  liegen  Papier,  Tinte,  Federn  und  ein  Buch,  in  welches
man  den  Namen  und  Bemerkungen  einträgt,  die  für  später  kommende  Seefahrer  von  Nutzen
sein  können.  In  der  Tonne  befindet  sich  eine  Blechbüchse  mit  einer  Menge  von  Briefschaften. ­
  Wenn  Schiffe  aus  dem  Atlantischen  Ozean  vorbeikommen,  so  legen  sie  ihre  Briefe
nach  der  Heimat  in  die  Büchse  nieder,  und  wenn  Schiffe  aus  der  anderen  Richtung  die
Insel  passieren,  so  nehmen  sie  diese  Briefe  mit,  soweit  sie  dieselben  ihren  Bestimmungsländern ­
  zuführen  können.  In  der  Tonne  lagern  ferner  Vorräte  von  Zigarren,  Zucker,
Thee,  Salz,  Tabak,  Schiffsbrot,  gesalzenem  Fleisch  und  Rum;  denn  jedes  Schiff,  welches
        <pb n="734" />
        vorüberkommt  und  nicht  in  Not  ist,  ergänzt  oder  vermehrt  den  Bestand  dieses  für  Schiffbrüchige ­
  so  wertvollen  Magazins.
In  Österreich  sind,  wie  im  übrigen  Deutschland,  gegen  Ende  des  Mittelalters  Botenanstalten, ­
  welche  von  einigen  größeren  Städten  unterhalten  wurden,  die  Vorläufer  der
jetzigen  Posteinrichtungen  gewesen.  Unter  der  Regierung  Friedrichs  III.  (1440—93)  legte,
wie  schon  oben  erwähnt  wurde,  Roger  von  Taxis  einen  Postkurs  von  Wien  durch  Tirol
und  Steiermark  nach  Italien  an.  Später  folgten  weitere  ähnliche  Einrichtungen  zur
Verbindung  von  Wien  und  Prag,  Preßburg  und  anderen  Städten.  Obschon  die  Landesherren ­
  in  Österreich  zu  jener  Zeit  zugleich  deutsche  Kaiser  waren,  so  wurde  doch  das  österreichische ­
  Postwesen  von  demjenigen  im  Reiche  streng  getrennt  gehalten.  Bis  zum
Jahre  1612  hatte  die  Familie  Taxis  die  Verwaltung  der  österreichischen,  ungarischen
und  böhmischen  Posten  in  Händen,  dann  ging  sie  auf  den  Italiener  Karl  Magni  über,
dessen  Sohn  sie  im  Jahre  1623  an  den  Freiherrn  von  Paar  abtrat.  Dieser  erhielt  im
darauf  folgenden  Jahre  vom  Kaiser  Ferdinand  II.  das  Obersthofpostmeisteramt  über  die
vorgenannten  Posten  als  Mannlehn  und  wurde  kurz  nachher  in  den  Grafenstand  erhoben.

780.  Postamt  auf  der  Noobyiaset.
Die  Familie  Paar  bezog  alle  Einkünfte  aus  den  Posten,  hatte  dagegen  die  Verpflichtung,
die  kaiserlichen  Sendungen,  Kuriere  rc.  unentgeltlich  zu  befördern.  In  diesem  Verhältnisse
trat  1722  insofern  eine  Änderung  ein,  als  von  da  ab  die  Posteinnahmen  zur  Staatskasse ­
  verrechnet  wurden,  während  die  Leitung  des  Postbetriebes  noch  der  Familie  Paar
verblieb.  Erst  61  Jahre  später  übernahm  die  Regierung  die  gesamte  Verwaltung  des
Postwesens  selbst.
Mit  den  österreichischen  Posten  wurden  anfangs  nur  Briefe  und  kleine  Pakete  befördert;
späterhin  jedoch  dehnte  sich  ihre  Wirksamkeit  auch  auf  den  Personentransport  aus,
und  schon  um  die  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  konnte  mau  sich  der  Posten  zu  Reisen  bedienen. ­
  Gerade  dieser  Dienstzweig  wurde  besonders  gepflegt,  und  die  natürliche  Folge
davon  war,  daß  die  österreichischen  Fahrposten  bald  in  sehr  gutem  Rufe  standen  und  sich
beim  reisenden  Publikum  großer  Beliebtheit  erfreuten.
Unter  der  unmittelbaren  Verwaltung  des  Staates  hat  die  Entwickelung  des  österreichischen ­
  Postwesens  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  rasche  Fortschritte  gemacht,  was
nicht  zum  wenigsten  dem  Umstande  zuzuschreiben  ist,  daß  die  österreichische  Postbehörde
mit  großer  Sorgfalt  den  Gang  des  Verkehrs  beobachtete  und  es  sich  angelegen  sein  ließ,
den  hervortretenden  Bedürfnissen  durch  Einführung  von  Verbesserungen  Rechnung  zu
tragen.  Den  durch  die  Lage  des  Landes  begünstigten  Handelsbeziehungen  zum  Orient
        <pb n="735" />
        Entwickelung  des  Postwesens  in  Österreich,  Ungarn  und  der  Schweiz.  767
schenkte  sie  besondere  Aufmerksamkeit  und  verschaffte  dem  bezüglichen  Verkehr  durch  Errichtung ­
  österreichischer  Postanstalten  an  verschiedenen  fremden  Hafenplätzen,  z.  B  Konstantinopel, ­
  Salonichi,  Beirut,  Alexandrien  u.  a.  sehr  schätzbare  Erleichterungen.  Die
Zahl  der  Pvstanstalten  und  Postverbindungen  im  Inneren  des  Landes  wurde  erheblich
vermehrt,  die  früher  ziemlich  hohen  Portvtaxen  erfuhren  eine  bedeutende  Ermäßigung,
und  verschiedene  andere  zweckmäßige  Einrichtungen  und  Anordnungen  trugen  zur  Hebung
des  Verkehrs  lvesentlich  bei.  Im  Jahre  1897  gab  es  in  Österreich  5658  Postanstalten  und
19  929  Postbriefkasten.  Post-  und  Telegraphenbeamte  waren  43  687  im  Dienste.  Befördert
wurden  im  ganzen  1096  Millionen  Postsendungen,  darunter  befanden  sich  606  Millionen
Briefe,  201  Millionen  Postkarten,  2&amp;gt;4  Millionen  Drucksachen,  Zeitnngsnnmmern,  Geschäftspapiere ­
  und  Warenprobensendungen,  22  394000  Postanweisungen,  45  326000
Pakete  und  5  597  000  Briefe  mit  Wertangabe.  Die  Einnahmen  betrugen  76001448
Mark,  die  Ausgaben  69  286  326  Mark.  Die  Beträge  ans  dem  Telegraphenwesen  sind
hierin  mit  enthalten.
Was  die  Posten  in  Ungarn  betrifft,  so  wurde  die  Verwaltung  derselben  ursprünglich
von  Wien  ans  geführt.  Später,  als  in  Österreich  die  Regierung  das  Postwesen  übernahm,
geschah  dies  auch  von  seiten  der  ungarischen  Regierung,  doch  befaßte  sich  diese  nur  mit
der  Briefpost,  lvährend  die  Fahrpost  in  Ungarn  von  der  obersten  Hofpostverwaltung  in
Wien  für  eigene  Rechnung  betrieben  wurde.  Dieses  Verhältnis,  welches  die  weitere  Ausbildung ­
  der  Posteinrichtnngen  nicht  ivenig  beeinträchtigte,  fand  erst  1849  seine  Endschaft,
als  Ungarn  die  selbständige  staatliche  Stellung  verlor  und  samt  seinem  Postwesen  in
österreichische  Verwaltung  genommen  wurde.  Auf  die  postalischen  Zustände  des  Landes
wirkte  diese  Veränderung  so  vorteilhaft  ein,  daß  eine  erhebliche  Besserung  der  Verhältnisse ­
  sehr  bald  zu  bemerken  war.  Bei  der  Zweiteilung  der  österreichisch-ungarischen
Monarchie  im  Jahre  1867  übernahm  die  ungarische  Regierung  die  Verwaltung  des  Postwesens ­
  des  Landes  im  ganzen  Umfange  und  führte  dieselbe  mit  sichtlichem  Erfolge  weiter.
Über  den  Stand  des  Postbetriebs  und  Postverkehrs  im  Jahre  1898  gewähren  die  nachfolgenden ­
  Angaben  einen  Überblick.  Die  Zahl  der  Postanstalten  betrug  4352,  die  der
Briefkasten  8649.  Im  Post-  und  Telegraphendienste  waren  19  781  Personen  beschäftigt.
Der  gesamte  Versendungsverkehr  umfaßte  441  Millionen  Gegenstände,  darunter  180  Millionen ­
  Briefe,  69  Millionen  Postkarten,  151  Millionen  Drucksachen,  Zeitungsnummern,  Geschäftspapiere
  und  Warenprobensendungen,  18678000  Postanweisungen,  286000  Postaufträge, ­
  20106000  Pakete,  1736000  Briefe  mit  Wertangabe.  Die  Einnahmen  aus
dem  Post-  und  Telegraphenwesen  bezifferten  sich  auf  34413000  Mark,  die  Ausgaben
auf  25  707000  Mark.
In  der  Schweiz  bildete  die  Post  vor  dem  Jahre  1798  keine  einheitlich  verwaltete
Verkehrsanstalt;  der  Betrieb  wurde  vielmehr  in  einzelnen  Kantonen  von  diesen  selbst
wahrgenommen,  in  anderen  hingegen  an  Privatunternehmer  abgetreten.  Demnach  gab  es
in  dem  an  und  für  sich  schon  kleinen  Lande  eine  Menge  von  Postgebieten,  welche  ihre
besonderen  Vorschriften  und  Einrichtungen,  auch  verschiedene  Tarife  hatten.  Diese  Zerrissenheit ­
  und  Ungleichheit  wirkten  natürlich  hemmend  auf  die  Fortentwickelung  des  Postwesens ­
  ein  und  waren  die  Ursache,  daß  letzteres  dem  allgemeinen  Verkehrsbedürfnisse
auch  nicht  im  entferntesten  zu  genügen  vermochte.  Es  kann  nicht  befremden,  daß  unter
solchen  Verhältnissen  zur  notwendigen  Ergänzung  der  Verkehrseinrichtungen  noch  Privatbotenanstalten ­
  hinzukamen,  welche  freilich  die  Verwirrung  noch  vermehrten,  so  daß  die
Post  in  der  Schweiz  zu  jener  Zeit  ein  Bild  der  Unordnung  und  Zerfahrenheit  darbot,
wie  tvir  es  uns  bei  unseren  jetzigen  musterhaften  postalischen  Zuständen  kaum  noch  vorstellen ­
  können.  Nach  Gründung  der  helvetischen  Republik  im  obenerwähnten  Jahre  ging
man  dazu  über,  das  Postwesen  für  das  ganze  Gebiet  der  schweizerischen  Eidgenossenschaft
nach  einheitlichen  Grundsätzen  zu  regeln  und  einer  einzigen  Verwaltungsbehörde  zu  unterstellen. ­
  Aber  schon  nach  fünf  Jahren  gab  man  gleichzeitig  mit  der  neuen  Regierungsform
auch  diesen  ersten  Versuch  zur  Zusammenfassung  der  postalischen  Einrichtungen  wieder
auf  und  kehrte  damit,  daß  man  den  Kantonen  die  Postgerechtsame  von  neuem  übertrug,
        <pb n="736" />
        768

Posten  und  Postwesen.

zu  den  vorher  geschilderten  traurigen  Zuständen  zurück.  Erst  die  Bundesverfassung  vom
Jahre  1848  setzte  dem  verworrenen  Treiben  auf  dem  Gebiete  des  Verkehrslebens  ein
Ziel,  indem  sie  die  Übernahme  des  gesamten  Postwesens  durch  den  Bund  verfugte.  Auf
Grund  dieser  Bestimmung  wurde  letzteres  alsbald  einheitlich  geordnet  und  damit  die
Grundlage  für  eine  gedeihliche  Entwickelung  desselben  gewonnen.  Diese  ließ  denn  auch
nicht  lange  auf  sich  warten.  Unter  einsichtsvoller  und  geschickter  Leitung  nahm  das  Postinstitut
  nunmehr  einen  solchen  Aufschwung,  daß  die  Schweiz  jetzt  zu  denjenigen  Staaten
zählt,  in  welchen  dieser  Verkehrszweig  am  meisten  ausgebildet  ist.  Welchen  Umfang  der
letztere  im  Jahre  1898  gewonnen  hatte,  ergibt  sich  aus  folgender  Darstellung:  Es  waren
vorhanden  3472  Postanstalten,  9148  Briefkasten,  11124  Postbedienstete.  Befördert

781.  Schweizerischer  Alpenpostwagen.
Nach  einem  Modell  im  Reichspostmuseum  in  Berlin.

wurden  im  ganzen  381  445  000  Sendungen,  darunter  132  992  000  Briefe,  42  997  000
Postkarten,  169  934  000  Drucksachen,  Zeitungsnummern,  Geschäftspapiere  und  Warenprobensendungen, ­
  6  217  000  Postanweisungen,  945  000  Postaufträge,  22613000  Pakete
und  216000  Briefe  mit  Wertangabe.  Die  Einnahmen  beliefen  sich  auf  24998000  Mark,
die  Ausgaben  auf  24  163  000  Mark.
Begünstigt  durch  die  Lage  des  Landes  und  den  außerordentlich  großen  Fremdenzufluß ­
  ist  der  Postauslandsverkehr  der  Schweiz  überaus  bedeutend!  er  umfaßt  beinahe
den  dritten  Teil  sämtlicher  Sendungen.  Auch  der  Postreiseverkehr  ans  den  großen  Alpenstraßen, ­
  so  weit  die  eisernen  Schienenwege  dahin  noch  nicht  vorgedrungen'sind,  ist  recht
umfangreich.  Zur  Bewältigung  desselben  werden  meist  große,  bequem  eingerichtete,
vierspännige  Postwagen  verwendet,  wie  sie  jetzt  in  anderen  Ländern  kaum  noch  zu
finden  sind.
In  Italien  gab  es  vor  dem  Jahre  1860  sieben  verschiedene  Postverwaltungen,
deren  Leistungen  im  allgemeinen  auf  sehr  niedriger  Stufe  standen.  Die  geringe  Ausdehnung ­
  der  einzelnen  Gebiete  hielt  den  Postverkehr  in  engen  Schranken,  und  bei  der
        <pb n="737" />
        769

Postverkehr  in  Italien  nnb  Spanien.

Gleichgültigkeit  der  meisten  Regierungen  gegenüber  den  Anforderungen  des  Verkehrs
geschah  nichts,  um  den  Nachteilen,  welche  aus  jenem  Übelstande  entsprangen,  einigermaßen
zu  begegnen.  Erst  mit  dem  Zusammenfassen  der  einzelnen  Länder  Italiens  zu  einem
einzigen  geordneten  Staatswesen  im  vorbezeichneten  Jahre  wurde  auch  der  freien  Entwickelung ­
  des  Postverkehrs  Bahn  gebrochen.  Freilich  war  es  für  die  Regierung  des  neuen
Einheitsstaates  keine  leichte  Aufgabe,  das  Postwesen  aus  dem  verwahrlosten  Zustande
heraus  zu  einer  achtunggebietenden  Stellung  emporzubringen,  und  es  bedurfte  dazu  nicht
nur  der  größten  Anstrengungen,  sondern  auch  der  Aufwendung  sehr  beträchtlicher  Geldmittel. ­
  Inwieweit  diese  Aufgabe  gelöst  worden  ist  und  wie  der  Postverkehr  in  neuester
Zeit  zugenommen  hat,  erhellt  aus  folgender  Gegenüberstellung  der  Betriebsergebnisse
der  italienischen  Posten  aus  den  Jahren  1875  und  1897.  Die  Zahl  der  Postanstalten,
welche  im  Jahre  1875  sich  auf  4142  belief,  war  1897  auf  7662  gestiegen;  in  dem
gleichen  Zeitraume  sind  die  Briefkasten  von  7690  ans  20  949  vermehrt  worden  und  ist
das  Beamteupersonal  von  14  914  ans  24  253  angewachsen.  Im  Jahre  1875  wurden
129341000  Briefe,  12  194000  Postkarten,  138082000  Drucksachen,  Zeitungsnummern, ­
  Geschäftspapiere  und  Warenprobensendungen,  3  890  000  Postanweisungen
und  25  000  Geldbriefe  befördert.  Im  Jahre  1897  dagegen  kamen  218  145  000  Briefe,
74  458  000  Postkarten,  292  193  000  Drucksachen,  Zeitungsnummern,  Geschäftspapiere
und  Warenprobensendungen,  11  678  000  Postanweisungen,  782  000  Postaufträge,
9  315  000  Pakete  und  1  457  000  Briefe  mit  Wertangabe  zur  Versendung.  Im  Jahre
1875  betrugen  die  Einnahmen  19  732  000  Mark,  die  Ausgaben  17  099  000  Mark;
1897  hatten  sich  die  Einnahmen  auf  53  829  000  Mark  und  die  Ausgaben  auf
47  091000  Mark  vermehrt.
Eine  der  italienischen  Postverwaltung  eigene  Einrichtung  sind  die  Postschreibstuben,
  die  vorzugsweise  von  schreibunkundigen  Personen  und  von  Ausländern  benutzt
werden.  Der  Inhaber  einer  solchen  Schreibstube,  welcher  für  die  Überlassung  des  betreffenden ­
  Raumes  im  Postgebäude  an  die  Postverwaltung  eine  entsprechende  Entschädigung ­
  zu  zahlen  hat,  besorgt  gegen  Entgelt  auf  Wunsch  nicht  nur  die  Abfassung  von
Briefen,  sowie  die  Verpackung  und  Adressierung  von  Sendungen  jeglicher  Art,  sondern
stellt  auch  dem  Nachsuchenden  das  zur  Anfertigung  von  Postsendungen  erforderliche
Material  zur  Verfügung  und  gibt  Auskunft  über  postalische  Einrichtungen  und  Vorschriften.
Den  Postannahmebeamten  wird  dadurch  eine  nicht  unwesentliche  Erleichterung  ihres
Dienstes  zu  teil,  da  sie  der  Mühe  überhoben  werden,  dem  die  Postschreibstuben  benutzenden
Publikum  über  die  bei  Auflieferung  der  Postsendungen  zu  beobachtenden  Vorschriften  Belehrung ­
  zu  erteilen.  Außerdem  erzielt  die  Postverwaltung  aus  der  Vermietung  der
Räume  eine  nicht  unbeträchtliche  Einnahme.  Auch  die  Inhaber  der  Postschreibstuben
sollen  ganz  gute  Geschäfte  machen.
Spanien  spielte  im  16.  und  17.  Jahrhundert  als  politische  Macht  in  Europa  eine
hervorragende  Rolle.  Dementsprechend  war  auch  das  Posttoesen  in  diesem  Lande  zu  jener
Zeit  schon  ziemlich  entwickelt,  so  daß  es  den  gleichen  Verkehrsinstituten  in  Frankreich  und
Deutschland  völlig  ebenbürtig  zur  Seite  stand.  Zu  Anfang  des  16.  Jahrhunderts  wurde
Simon  von  Taxis,  ein  Bruder  des  Generalpostmeisters  im  deutschen  Reiche  Franz
von  Taxis,  von  dem  Könige  Philipp  dem  Schönen  zum  Correo  mayor  von  Spanien  ernannt ­
  und  mit  der  Verwaltung  des  Postwesens  im  Lande  betraut.  Indes  gelang  es
weder  diesem  noch  seinen  Nachfolgern  im  Amte,  die  Post  in  Spanien  einheitlich  zu
organisieren,  weitste  dabei  auf  übergroße  Hindernisse  stießen,  welche  ihnen  von  seiten  der
städtischen  Behörden  und  der  religiösen  Brüderschaften  zum  Zwecke  der  Erhaltung  ihrer
eigenen  Botenanstalten  entgegengesetzt  wurden.  Die  Oorrsos  naayorss  wandten  ihre  Aufmerksamkeit ­
  daher  zunächst  vorzugsweise  den  Posten  auf  den  großen  Postkursen  zu,
tvährend  die  gedachten  Botenanstalten  den  Verkehr  auf  den  kleinen  Kursen  vermittelten.
Im  17.  Jahrhundert  bestand  in  Spanien  alle  14  Tage  eine  regelmäßige  Postverbindung
mit  England,  den  Niederlanden  und  Deutschland.  Inden  Provinzen  des  Landes  unterhielten
die  Bvtenanstalten  eine  wöchentliche  Verbindung  mit  der  Hauptstadt.  Im  Jahre  1706
97
        <pb n="738" />
        770

Posten  und  Postwesen.

wurde  die  Post  zum  Regal  erklärt,  doch  übernahm  die  Regierung  die  Verwaltung  des
Postwesens  nicht  sogleich  selbst,  sie  verpachtete  dasselbe  vielmehr  noch  auf  mehrere  Jahre.
Erst  1716,  nach  Auflösung  des  Pachtverhältnisses  begann  die  Wirksamkeit  der  Post  als
unmittelbare  Staatsanstalt.  Durch  Einführung  von  Verbesserungen,  namentlich  von
billigen  Taxen,  und  durch  sonstige  zweckmäßige  Einrichtungen  tvurde  der  Postverkehr  so
gehoben,  daß  aus  demselben  schon  im  Jahre  1738  eine  Reineinnahme  von  3203000  Realen
erzielt  tvurde.  Das  war  zu  jener  Zeit  eine  sehr  bedeutende  Summe.  Bald  darauf  folgte
die  Einrichtung  von  Eilwagenfahrten  durch  einen  gewissen  Diego  Rudolph,  welcher  sich
zugleich  anheischig  machte,  an  den  Straßen,  auf  welchen  diese  Fahrten  stattfanden,  zur  Bequemlichkeit ­
  der  Reisenden  Gasthäuser  zu  erbauen.  Das  Unternehmen  gewann  bald  eine
große  Ausdehnung  und  trug  mit  anderen  Berkehrserleichterungen  dazu  bei,  das  Postwesen
auf  eine  sehr  hohe  Stufe  der  Vervollkommnung  zu  bringen.  Schon  im  Jahre  1764
wurde  staatlicherseits  eine  regelmäßige  Postverbindung  zwischen  Spanien  und  den  Kolonien
dieses  Landes  in  Amerika  hergestellt.  Die  zur  Beförderung  der  Postsachen  benutzten  Schiffe
verkehrten  einmal  monatlich  zwischen  der  spanischen  Hafenstadt  Coruña  und  dem  westindischen
Hafenplatze  San  Cristobal  de  la  Habanna.  Die  politischen  Ereignisse,  welche  gegen  Ende
des  18.  Jahrhunderts  sich  in  Frankreich  vollzogen,  und  später  die  langen,  andauernden
Kriegswirren  im  eigenen  Lande  übten  auf  das  Verkehrsleben  Spaniens  eine  beinahe
vernichtende  Wirkung  ans,  und  erst  in  den  40  er  Jahren  des  19.  Jahrhunderts  gelang
es  den  Anstrengungen  des  an  die  Spitze  der  Verwaltung  gestellten  Grafen  de  Quinto,
die  postalischen  Zustände  des  Landes  wieder  einigermaßen  in  Ordnung  zu  bringen.  Bei
der  Neuregelung  des  Betriebsdienstes  nahm  man  ans  die  Bedürfnisse  des  Reiseverkehrs
durch  Wiedereinrichtung  von  Eilwagenkursen  besondere  Rücksicht,  denn  mit  dem  Eisenbahnbau
  war  man  damals  in  Spanien  noch  weit  zurück.  Eine  Fahrt  auf  solchem  Kurse  wird
uns,  wie  folgt,  geschildert:  „Die  Maultiere  sind  paarweise  voreinander  gespannt,  oft
acht,  zehn  und  zwölf,  mit  buntem  Kopfzeug  und  Schellengeläuten  geschmückt  und  durch
Riemen  und  Geschirr  miteinander  sehr  einfach  verbunden.  Auf  dem  Rücken  bis  zur  Hälfte
des  Bauches  sind  diese  Tiere  geschoren,  damit  sie  nicht  so  von  Ungeziefer  und  Schweiß  zu
leiden  haben.  Die  Bespannung  ist  derart,  daß  die  Stränge,  aneinander  ohne  Wage  geknüpft, ­
  bis  unter  dem  Sitze  des  Majorats  (Kondukteurs)  zusammenlaufen,  und  daß  man
von  Zügeln  und  Leitseilen,  außer  bei  den  Deichselpferden,  auch  nicht  viel  gewahr  wird.
Der  Ruf  des  Führers  und  die  gute  Abrichtung  der  Tiere  ist  die  Hauptsache,  und  man
wird  es  in  Deutschland  gar  nicht  für  möglich  halten,  daß  so  ein  langer  Postzug  vom  Bocke
aus  im  vollsten  Trabe  und  Galopp  gelenkt  tverden  kann.  In  den  engen  Straßen  der
Städte  bei  schroffen  plötzlichen  Biegungen  und  Wendungen  oder  bei  gefährlichen  Stellen
rennt  dann  der  Zagal  (Fuhrmann)  neben  den  Tieren  her,  ergreift  mit  Blitzesschnelle  das
vorderste  bei  der  Halfter,  galoppiert  über  die  gefährliche  Stelle  weg,  schwingt  sich  wieder
gewandt  auf  seinen  Sitz  und  unter  dem  Gebrülle:  auäa,  arriba  a  la  montana,  Cabrera,
Gitana  u.  s.  w.  stürmt  der  Postwagen  vorwärts.  Der  Spanier  ist  ein  vortrefflicher  Fuhrmann, ­
  insbesondere  versteht  der  Katalonier  die  Kunst,  bei  schlechten  Wegen  schnell  und
sicher  zu  fahren.  Das  spanische  Fuhrwesen  zeigt  viel  Eigentümliches,  und  der  Fremde
wird  beim  Anblick  desselben  vielleicht  ebenso  überrascht,  als  um  Hals  und  Beine  besorgt
gemacht."  So  waren  die  Postbetriebsmittel  in  Spanien  vor  40  Jahren  beschaffen;  heutzutage ­
  freilich,  wo  die  Eisenbahnen  ihr  Netz  auch  über  dieses  Land  ausgebreitet  haben
und  meist  nur  noch  Nebenkurse  von  Posten  befahren  werden,  tvird  man  ähnliche  Postzüge ­
  wohl  kaum  noch  antreffen.
Bon  den  Fortschritten,  welche  das  spanische  Postwesen  in  den  Jahren  1875  bis  1897
gemacht  hat,  legen  die  nachstehenden  Zahlen  Zeugnis  ab.  Von  diesen  beziehen  sich  die
nicht  in  Klammern  eingeschlossenen  auf  das  Jahr  1897,  die  eingeklammerten  hingegen
auf  das  Jahr  1875.  Der  Postdienst  wurde  bei  2929  (2494)  Postanstalteu  von  10425
(7370)  Beamten  und  Unterbeamten  versehen.  Briefkasten  waren  12  542  (350)  vorhanden. ­
  Zur  Versendung  kamen  129189000  (79  Millionen)  Briefe,  1057  000  (1376000)
Postkarten,  120200000  (51393000)  Drucksachen,  Zeitungsnummern,  Geschäftspapiere
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        Postverkehr  in  Spanien  und  den  Niederlanden.  771

und  Warenprobensendungcn.  Die  Einnahmen  beliefen  sich  auf  19854000  (9  631000)
Mark,  die  Ausgaben  auf  9129000  (5948000)  Mark,  so  daß  sich  ein  Überschuß  von
10  725000  (3  683000)  Mark  herausstellte.
In  den  Niederlanden  wurden,  ähnlich  wie  in  Deutschland,  anfänglich  Posten  von
Städten,  Korporationen  und  Privatunternehmern  eingerichtet  und  unterhalten.  Den  Postverkehr
  nach  und  von  dem  Auslande  vermittelten  vorzugsweise  die  taxisschen  und  französischen
Posten.  Um  die  Mitte  des  achtzehnten  Jahrhunderts  ging  Holland,  die  bedeutendste  der
vereinigten  Provinzen,  damit  vor,  die  bestehenden  Posten  in  die  Verwaltung  des  Staats
zu  bringen.  Nach  Errichtung  der  Batavischen  Republik  ward  im  Jahre  1799  für  die
sämtlichen  Provinzen  eine  General-Postverwaltung  eingesetzt  und  von  dieser  allein  das
Recht  zur  Beförderung  von  Briefen  in  Anspruch  genommen  und  ausgeübt.  Im  Jahre
1814  übernahm  die  niederländische  Regierung  die  Verwaltung  des  Postwesens  und  sorgte
für  eine  zeitgemäße  Neugestaltung  desselben.  Bei  der  Lostrennung  der  südlichen  Provinzen

782.  Eitwagcir  irr  Kpanien.  (Mitte  des  19.  Jahrh.)
und  ihrer  Vereinigung  zum  Staate  Belgien  (1830)  ging  auch  das  Postwesen  in  diesen
Provinzen  auf  die  belgische  Regierung  über.  In  den  bei  den  Niederlanden  verbliebenen
Landesteilen  wurde  gegen  das  vom  Staate  ausgeübte  Postregal  vielfach  verstoßen,  indem
man  sich  wegen  der  Höhe  der  Posttaxen  zur  Versendung  von  Briefen  häufig  anderer
Beförderungsgelegenheiten  als  der  Post  bediente,  wodurch  die  Einnahmen  der  letzteren
natürlich  geschmälert  wurden.  Um  diesem  Unwesen  zu  steuern,  setzte  man  im  Jahre  1850
das  Briefporto  bedeutend  herab  und  führte  zunächst  einen  Dreizonentarif  ein,  der  aber
bald  in  einen  Zweizonentarif  umgewandelt  wurde.  Zur  Ermäßigung  des  Briefportos
auf  den  Einheitssatz  von  5  Cents  entschloß  man  sich  aber  erst  im  Jahre  1870,  also
30  Jahre  später  als  das  viel  größere  England.  Nach  Herabsetzung  des  Portos  machte  die
Entwickelung  des  niederländischen  Postverkehrs  gute  Fortschritte,  wie  aus  den  nachstehenden
statistischen  Zahlenangaben  hervorgeht.  Die  Niederlande  ausschließlich  der  Kolonien  hatten
im  Jahre  1875:  1265  Postanstalten,  1289  Briefkasten,  4237  Postbedienstete  und  einen
Postversendungsverkehr  von  zusammen  92*/2  Millionen  Gegenständen.  Die  Einnahmen
betrugen  6  097  000  Mark,  die  Ausgaben  dagegen  4  420  000  Mark.  Im  Jahre  1898
war  die  Zahl  der  Postanstalten  auf  1303,  der  Briefkasten  auf  4079,  der  Postbediensteten
        <pb n="740" />
        772  Posten  und  Poflweseii.
auf  6983  gestiegen  und  der  Postversenduugsverkehr  auf  306  Millionen  Gegenstände  angewachsen. ­
  Die  Summe  aller  Einnahmen  belief  sich  auf  15  163  000  Mark,  die  der
Ausgaben  auf  12  009  000  Mark.
Die  Entwickelungsgeschichte  der  Posten  und  deren  Einrichtungen  in  Belgien,
Luxemburg,  Portugal,  Dänemark,  Schweden,  Norwegen,  Griechenland,
Rumänien,  Bulgarien  und  Serbien  bietet  keine  besonders  bemerkenswerten  Momente
dar;  der  Vollständigkeit  und  des  Vergleichs  wegen  stellen  wir  jedoch  für  diese  Staaten
einige  den  Umfang  ihres  Postverkehrs  kennzeichnende  Daten  hier  zusammen.
In  Belgien  bestanden  1898:  973  Postanstalten  und  waren  7617  Briefkasten
vorhanden.  Das  Postpersoual  zählte  6479  Köpfe.  Sendungen  wurden  im  ganzen
504  Millionen  Stück  befördert,  worunter  sich  144  Millionen  Briefe,  53  Millionen  Postkarten, ­
  289  Millionen  Drucksachen,  Zeitungsnummern,  Geschäftspapiere  und  Warenprobenseudungen,
  3  388  000  Postanweisungen,  8  817  000  Postaufträge,  4  658  000  Pakete  und
450  000  Briefe  mit  Wertangabe  befanden.  Die  Einnahmen  erreichten  die  Höhe  von
18169  000  Mark,  Ivährend  die  Ausgaben  auf  10180  000  Mark  zu  stehen  kamen.
In  Luxemburg  wurden  1898  bei  76  Postanstalten  im  ganzen  14  162  000  Sendungen ­
  expediert,  darunter  4  776  000  Briefe,  2  617  000  Postkarten,  6  379  000  Drucksachen, ­
  Zeitungsnummern,  Geschäftspapiere  und  Warenprobensendungen,  342  000  Postanweisungen, ­
  115  000  Postaufträge,  507  000  Pakete  und  11  000  Briefe  mit  Wertangabe.
Briefkasten  gab  es  579.  Im  Post-  und  Telegraphendienste  waren  495  Personen  thätig.
Die  Einnahmen  bezifferten  sich  auf  1  222  000  Mark,  die  Ausgaben  auf  1  201  000  Mark.
In  diesen  Beträgen  sind  die  für  die  Telegraphie  mit  enthalten.
Portugal  mit  den  Azoren  und  Madeira  zählte  1897:  2393  Postanstalten,
5303  Briefkasten  und  6018  im  Post-  und  Telegraphendienste  beschäftigte  Personen.  Zur
Beförderung  gelangten  62  Millionen  Postgegenftände;  davon  waren  28  Millionen  Briefe,
7  821000  Postkarten,  25  663  000  Drucksachen,  Zeitungsnummern,  Geschäftspapiere  und
Warenprobensendungen,  219  000  Postanweisungen,  194000Postaufträge,  222000  Pakete,
33  000  Briefe  mit  Wertangabe.  Die  Einnahmen  aus  dem  Post-  und  Telegraphenwesen
betrugen  5  727  000  Mark,  die  Ausgaben  4  592  000  Mark.
Dänemark  mit  den  Färöer  besaß  1897:  845  Postanstalten  und  9945  Briefkasten. ­
  5872  Personen  waren  in  Thätigkeit,  um  68  760  000  Briefe,  5  316  000  Postkarten, ­
  81  981  000  Drucksachen,  Zeitungsnummern,  Geschäftspapiere  und  Warenprobensendungen, ­
  2  390000  Postanweisungen,  2  980  000  Pakete  und  862  000  Briefe  mit
Wertangabe  postalisch  zu  behandeln.  Vereinnahmt  wurden  8167000  Mark,  verausgabt
7  431000  Mark.
Schweden  hatte  1898:  2485  Postanstalten  und  4712  Briefkasten.  Das  Personal
bestand  ans  7112  Beamten  und  Unterbeamten.  Zur  Versendung  gelangten  80  557  000
Briefe,  9  366  000  Postkarten,  128  398  000  Drucksachen,  Zeitungsnummern,  Geschäftspapiere ­
  und  Warenprobensendungen,  2  301000  Postanweisungen,  416  000  Postaufträge
und  Nachnahmebriefe,  1  264  000  Pakete  und  1  645  000  Briefe  mit  Wertangabe.  Die
Einnahmen  stellten  sich  auf  11  859  000  Mark,  die  Ausgaben  auf  10  836  000  Mark.
In  Norwegen  waren  1898:  2190  Postanstalten  und  3249  Briefkasten  vorhanden. ­
  Die  Zahl  der  Postbediensteten  betrug  3439.  Unter  den  101  266  000  mit  den
Posten  beförderten  Gegenständen  befanden  sich  39  571  000  Briefe,  4  269  000  Postkarten,
54  121  000  Drucksachen,  Zeitungsnummern,  Geschäftspapiere  und  Warenprobensendungen,
327  000  Postanweisungen,  2000  Postaufträge,  648  000  Pakete,  2  328  000  Briefe  mit
Wertangabe.  Eingenommen  wurden  4997  000  Mark,  ausgegeben  dagegen  4  648  000  Mark.
In  Griechenland  gab  es  1897:  362  Postanstalten  und  580  Briefkasten.  Das
Personal  bestand  aus  963  Post-  und  Telegraphenbeamten.  Expediert  wurden  9  131  000
Briefe,  288  000  Postkarten,  8  825  000  Drucksachen,  Zeitnngsnummern,  Geschäftspapiere
und  Warenprobensendungen,  77  000  Postanweisungen,  154  000  Pakete.  Die  Einnahmen
berechneten  sich  auf  3  241000  Mark,  die  Ausgaben  auf  2  048  000  Mark.  In  diesen
Beträgen  sind  die  für  die  Telegraphie  mit  enthalten.
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        Postverkehr  in  den  anderen  Ländern  Enropas.  77Z
Rumänien  zählte  1897:  3062  Postanstalten,  4550  Briefkasten,  6528  Post-  und
Telegraphenbeamte.  Befördert  wurden  25  202  000  Briefe,  14  348  000  Postkarten,
33  724  000  Drucksachen,  Zeitungsnummern,  Geschäftspapiere  und  Warenprobensendungen,
835  000  Postanweisungen,  16  000  Postaufträge,  1006  000  Pakete,  259  000  Briefe
mit  Wertangabe.  Die  Einnahmen  für  Post  und  Telegraphie  betrugen  7  210  000  Mark,
die  Ausgaben  6  460  000  Mark.
In  Bulgarien  mit  Ostrumelien  waren  1898:  1978  Postanstalten,  590  Briefkasten ­
  und  3446  Post-  und  Telegraphenbedienstete  vorhanden.  Der  Versendungsverkehr
umfaßte  13  896  000  Briefe,  3  266  000  Postkarten,  15  420  000  Drucksachen,  Geschäftspapiere ­
  und  Warenprobensendungen,  377  000  Postanweisungen,  173  000  Pakete,
9000  Briefe  mit  Wertangabe.  Die  Post-  und  Telegraphen-Einnahmen  beliefen  sich  auf
2  337  000  Mark,  die  Ausgaben  auf  2  502  000  Mark.

783.  posthaus  zu  AtschinsK  in  Sibirien.
In  Serbien  befanden  sich  im  Jahre  1891:  100  Postanstalten  und  314  Briefkasten. ­
  Das  Post-  und  Telegraphenpersonal  zählte  570  Köpfe.  Unter  den  18  056  000
beförderten  Postsendungen  waren  8  849  000  Briefe,  354  000  Postkarten,  8  400  000
Drucksachen,  Zeitungsnummern,Geschäftspapiere  und  Warenprobensendungen,  52000  Postanweisungen, ­
  237  000  Pakete  und  159  000  Briefe  mit  Wertangabe  enthalten.  Für
Post  und  Telegraphie  wurden  vereinnahmt  668  000  Mark,  verausgabt  984  000  Mark.
Die  russischen  Postanstalten  zeigen  namentlich  im  Osten  des  unermeßlichen
Reiches,  vornehmlich  also  in  Sibirien  und  nach  den  asiatischen,  weitausgedehnten  Grenzländern ­
  hin,  die  ganze  Ursprünglichkeit  einer  frühesten  Entwickelungsperiode;  regelmäßige
Posten  zur  Personenbeförderung  gibt  es  dort  nicht,  die  Reisen  müssen  vielmehr  mittels
Extrapost  zurückgelegt  werden.  Die  Straßenanlagen  befinden  sich  in  Rußland  gegenwärtig ­
  noch  größtenteils  in  sehr  primitivem  Zustande  und  sind  kaum  bei  leidlich  trockener
Witterung  befahrbar,  geschweige  denn  bei  schlechtem,  nassem  Wetter.  Am  besten  reist
sich's  noch  zur  Winterszeit,  wo  die  Wege  mit  Schnee  bedeckt  sind  und  die  Fahrt  im
Schlitten  zurückgelegt  werden  kann.  Das  erste,  lvas  man  dort  zur  Reise  bedarf,  ist  ein
Paradoschna,  eine  Anweisung  auf  Postpferde,  welche  unter  der  Kontrolle  der  Regierung
stehen;  das  zweite  Erfordernis  ein  Reisepaß.  Vorn  auf  der  Tarantasse  oder  dem  Schlitten
        <pb n="742" />
        774

Posten  und  Postwesen.

schwingt  der  Jamtschik  oder  Postillon  die  Peitsche  und  schnalzt  die  Pferde  an.  Auf
der  großen,  Sibirien  der  Länge  nach  durchziehenden  Heerstraße,  welcher  jetzt  auch  der
Telegraph  folgt,  erfährt  der  Reisende  zum  Überdruß,  wie  sehr  die  russischen  Posteinrichtungen
  noch  in  den  Kinderschuhen  stecken.  Dort  findet  sich  eine  Anzahl  kleinerer
Stationen,  auf  welchen  nur  mit  Mühe  und  Rot  frische  Pferde  aufzutreiben  sind;  auch
ein  mit  dem  kaiserlichen  Siegel  versehenes  Postbeschwerdebuch,  das  an  einer  Kette  befestigt
ist,  hat  nicht  viel  zu  bedeuten;  höchstens  finden  die  Klagen  der  Staatskuriere  Berücksichtigung. ­
  Brücken  und  gesicherte  Stege  bestehen  auf  dieser  ganzen  wichtigen  Route
nirgends.  Die  Wagen  und  Schlitten  sind  von  ursprünglichster  Einrichtung  und  bieten
dem  Reisenden  nicht  die  geringste  Bequemlichkeit,  sie  entbehren  sogar  häufig  der  Sitzplätze,
so  daß  man  nur  liegend  in  ihnen  reisen  kann.  In  den  Steppen  Ostsibiriens  werden
statt  der  Pferde  Renntiere  zum  Fortschaffen  der  Fahrzeuge  verwendet.  Diese  Tiere  sind
von  großer  Genügsamkeit  und  im  stände,  13  bis  16  Werst  in  der  Stunde  zurückzulegen.
In  anderen,  namentlich  den  nördlichen  Gegenden  Sibiriens  findet  man  auch  Hundeposten.
Es  werden  sechs  bis  zwölf  Hunde  vor  eine  Narta  (Postschlitten)  gespannt,  denen  ein
Leithund  vvraneilt.  Letzterer  hört  auf  den  Zuruf  des  Schirrmeisters  und  leitet  den  ganzen
Zug  mit  großer  Geschicklichkeit.  Die  Stationen  sind  sehr  weit  —  oft  40  bis  80  Werst  —
voneinander  entfernt.  Die  Hunde  legen  diese  Strecken  jedoch  mit  großer  Ausdauer
zurück  und  halten  behufs  der  Fütterung  verhältnismäßig  selten  Rast.  Mit  dem  Fortschreiten ­
  des  vor  mehreren  Jahren  begonnenen  Baues  der  großen  Eisenbahnlinie,  welche
ganz  Sibirien  von  Westen  nach  Osten  durchziehen  soll  und  von  der  jetzt  über  die  Hälfte
fertiggestellt  ist,  geht  die  Entwickelung  des  Postwesens  dort  Hand  in  Hand.  Auf  den
Hauptstationen  der  Bahn  werden  Postanstalten  errichtet,  mit  denen  die  umliegenden  Gemeinden ­
  sich  in  Verbindung  setzen.  Im  Kaukasus  sind  die  Straßen  so  unsicher,  daß
räuberische  Anfälle  auf  die  Posten  dort  nicht  selten  sind,  obgleich  letzteren  in  1)er  Regel
militärische  Eskorten  beigegeben  werden.  Wenn  schon  bei  uns  die  Post  zu  den  liebsten
öffentlichen  Einrichtungen  gehört,  wie  sehr  muß  erst  das  Nahen  des  Postwagens  oder
Postreiters  diejenigen  Menschen  erfreuen,  die,  wie  in  Rußland,  äußerst  dünn  auf  weiten
Strecken  zerstreut  sind.  Man  ist  dort  auch  in  seinen  Ansprüchen  an  die  Post  bescheidener.
Noch  im  Jahre  1892  hatten  von  den  5845  Postorten  1109  eine  nur  wöchentlich  zweimalige ­
  oder  noch  seltenere  Postverbindung,  ja  es  gab  darunter  sogar  Orte,  die  monatlich
nur  ein-  oder  zweimal  Postsachen  erhielte».  Bei  der  ungeheueren  Ausdehnung  des  Reichs
und  der  verhältnismäßig  geringen  Anzahl  von  Postanstalten  ist  es  nicht  zu  verwundern,
wenn  in  den  spärlich  bevölkerten  Gegenden  manche  Ortschaften  über  100  Werst  von  der
nächsten  Postanstalt  entfernt  sind.  Da  in  Rußland  eine  Bestellung  der  Postsachen  nach
Landorten  nicht  stattfindet,  so  ist  es  den  Kreisen  überlassen,  Kreisposten  einzurichten,  um
die  Ortschaften  des  Kreises,  welche  sich  des  Vorteils  einer  Postanstalt  nicht  erfreuen,  mit
einer  solchen  in  Berührung  zu  bringen.  Diese  Landposten  lassen  aber  meist  viel  zu
wünschen  übrig,  da  ihr  Abgang  sowie  ihre  Ankunft  oft  sehr  unregelmäßig  erfolgen  und
nicht  selten  von  der  Willkür  des  betreffenden  Beamten  abhängen.  Etwas  besser  freilich,
als  in  Sibirien,  sind  die  Postverhältnisse  im  europäischen  Rußland.  Hier  bestanden
schon  vor  60  Jahren  tägliche  Briefposten  zwischen  St.  Petersburg  und  Moskau,  eine
wöchentlich  dreimalige  Post  zwischen  St.  Petersburg  und  Tauroggen  (an  der  preußischen
Grenze),  eine  wöchentlich  zweimalige  Post  zwischen  St.  Petersburg  und  Warschau  u.  a.  m.
In  neuerer  Zeit  hat  man  auch  in  Rußland,  nach  dem  Vorgänge  anderer  Staaten  sich
veranlaßt  gesehen,  den  Postdienst  wenigstens  in  den  wichtigsten  Provinzen  einigermaßen
zeitgemäß  zu  gestalten.  Weit  ist  man  aber  damit  bis  jetzt  noch  nicht  gediehen.  Zwar
ist  die  Zahl  der  Postanstalten  in  den  Jahren  1875  bis  1897  von  3412  auf  9395,  der
Briefkasten  von  5319  auf  15  808  angewachsen.  Was  will  das  aber  in  dem  weiten
Rußland  sagen,  das  einen  Flächenraum  von  22  434  000  qkm  enthält  und  von  mehr  als
129  Millionen  Menschen  bewohnt  wird?  Im  Jahre  1875  umfaßte  der  Postversenduugsverkehr
  70  Millionen  Briefe,  1  419  000  Postkarten,  45  Millionen  Drucksachen,  Zeitungsuummern,
  Geschäftspapiere  und  Warenprobenseudungen,  5  671  000  Briefe  mit  Wert-
        <pb n="743" />
        775

Die  russischen  Postanstalten.  Postwesen  in  der  Türkei.

angabe,  1  842  000  Pakete;  dagegen  wurden  1897  befördert:  333  Millionen  Briefe,
61  Millionen  Postkarten,  266  Millionen  Drucksachen,  Zeitungsnummern,  Geschäftspapiere
und  Warenprobensendungen,  17  245  000  Briefe  mit  Wertangabe,  5  227  000  Pakete.
Die  Einnahmen  aus  dem  Post-  und  Telegraphenwesen  bezifferten  sich  1897  auf
136  128  000  Mark,  die  Ausgaben  auf  105  694  000  Mark.
In  der  eigentlichen  Türkei  gab  es  noch  vor  70  Jahren  Posten  fast  gar  nicht.
Später  wurden  zwar  einige  Veranstaltungen  zur  Vermittelung  des  Postverkehrs  getroffen,
dieselben  erfreuten  sich  aber  so  wenig  des  Vertrauens  der  auswärtigen  Mächte,  daß  die
meisten  von  diesen  zur  Förderung  ihrer  Handelsinteressen  dazu  übergingen,  an  verschiedenen ­
  Orten  der  Türkei,  in  Verbindung  mit  dem  dort  mit  ganz  besonderen  Vorrechten
ausgestatteten  Konsulatswesen,  eigene  Postanstalten  zu  errichten.  So  befinden  sich  jetzt  in
der  Türkei  38  österreichische  und  sechs  deutsche  Postämter  (hiervon  zwei  in  Konstantinopel ­
  und  je  eins  in  Smyrna,  Beirut,  Jaffa  und  Jerusalem)  sowie  verschiedene  französische,
englische  und  russische  Postanstalten.  In  neuerer  Zeit  hat  die  hohe  Pforte  wiederholt
Versuche  gemacht,  die  fremden  Postanstalten  ans  ihrem  Betriebe  zu  verdrängen,  es  ist
ihr  dies  jedoch  nur  hinsichtlich  des  griechischen  und  des  ägyptischen  Postamts  in  Konstantinopel ­
  gelungen,  während  die  üvrigen  fremden  Mächte  ihr  entschiedenen  Widerstand
leisteten,  da  die  türkischen  postalischen  Einrichtungen  nicht  derartig  sind,  um  die  fremdländischen ­
  Postanstalten  in  genügender  Weise  zu  ersetzen.  Zwar  hat  die  Regierung  in
der  letzten  Zeit  große  Anstrengungen  gemacht,  um  ihr  Postwesen  in  die  Höhe  zu
bringen,  der  Erfolg  ist  aber  nur  ein  sehr  bescheidener  gewesen.  Der  Postverkehr  mit
dem  Auslande  wird  vorzugsweise  von  den  fremdländischen  Postanstalten  vermittelt;
die  Thätigkeit  der  türkischen  Postämter  erstreckt  sich  daher  mehr  auf  den  Verkehr
im  Inneren  des  Landes.  Dieser  ist  aber  nur  wenig  entwickelt,  weil  bei  den  meisten
Bewohnern  das  Bedürfnis  gegenseitiger  schriftlicher  Mitteilungen  noch  kein  reges,  auch
die  Zahl  der  schreibknndigen  Personen  nur  eine  geringe  ist.  Es  fehlt  hiernach  vielfach
noch  an  der  Grundbedingung  zum  schriftlichen  Austausch  der  Gedanken,  und  diesem
Mangel  abzuhelfen,  liegt  außerhalb  der  Aufgabe  der  Post.  Sie  kann  den  schriftlichen
Verkehr  wohl  erleichtern,  ist  aber  nicht  im  stände,  ihn  hervorzurufen.  Daß  unter  den
dargestellten  ungünstigen  Verhältnissen  die  auf  Verbesserung  der  postalischen  Zustände
gerichteten  Bestrebungen  der  türkischen  Regierung  nicht  erfolgreicher  gewesen  sind,  ist
begreiflich.  Ein  Teil  der  Schuld  davon  mag  übrigens  ans  die  Rechnung  des  Charakters
der  Türken  gesetzt  werden,  der  sich  in  ihrem  umständlichen  und  gemächlichen  Wesen  kundgibt ­
  und  sie  daran  verhindert,  den  raschen  Pulsschlägen  unseres  Verkehrslebens  zu  folgen,
denn  der  Grundsatz  „Zeit  ist  Geld"  kommt  bei  ihnen  noch  wenig  zur  Geltung.  Die
Beförderung  der  türkischen  Posten  geschieht  zu  Wagen  oder  zu  Pferde.  Auf  den  großen
Poststraßen,  z.  B.  zwischen  Angora  und  Bagdad,  Eskischehr  und  Damaskus,  Trapezunt
und  Wan  u.  a.  kursieren  in  der  Regel  einmal  wöchentlich  Kurierposten,  welche  von  Tataren
begleitet  werden  und  Briefe  sowie  Wertsendungen  befördern.  Zwischen  Damaskus  und
Bagdad  verkehrt  ebenfalls  einmal  wöchentlich  eine  Kamelpost,  die  aber  nur  Briefe  und
Postkarten  mitnimmt.  Sie  legt  ihren  Weg  in  zehn  bis  elf  Tagen  zurück.
Im  Jahre  1894  wurden  von  den  Posten  in  der  Türkei  (einschließlich  der  asiatischen
und  afrikanischen  unmittelbaren  Besitzungen)  versandt:  15896000  Briefe,  225000  Postkarten, ­
  4400000  Drucksachen,  Zeitungsnummern,  Geschäftspapiere  und  Warenprobeusendungen,
  319000  Pakete.  Postanstalten  waren  1048  im  Betriebe,  Briefkasten  gab  es
284.  Das  Postpersonal  bestand  aus  1357  Beamten  und  Unterbeamten.  Die  Einnahmen
beliefen  sich  auf  4  579000  Mark,  die  Ausgaben  auf  1471000  Mark.  Die  in  der  Türkei
befindlichen  fremden  Postanstalten  sind  hierbei  außer  Betracht  gelassen.
Das  deutsche  Postamt  in  Konstantinvpel,  welches  im  Jahre  1870  errichtet  wurde,
hatte  anfänglich  keinen  bedeutenden  Verkehr.  Der  letztere  hat  sich  aber  im  Laufe  der  Jahre
sehr  gehoben,  denn  1895  betrug  die  Zahl  der  durch  das  genannte  Postamt  expedierten  Briefpostsendungen ­
  schon  1218000,  der  Pakete  12000,  der  Postanweisungen  8270  Stück  über
544000  Mark  und  der  abonnierten  Zeitungen  1300  Stück  mit  mehr  als  250000  Nummern.
        <pb n="744" />
        776

Posten  und  Postwesen.

Posten  in  Afrika  und  Asien.  Die  Post  hat  sich  ihren  zioilisatorischen  Weg  nicht
bloß  über  den  Splügen  und  über  den  Brenner  gebahnt,  nicht  nur  der  Ural  und  die
Steppen  Sibiriens  werden  vom  Postwagen  durcheilt;  auch  die  Wüsten  Afrikas  und  der
Mongolei  haben  sich  aus  die  Dauer  nicht  dem  Boten  des  Gedankens  verschließen  können.
Ägypten  hat  seine  Wüstenpost  und  von  Constantine  und  Algier  führt  nach  den  Oasen  der
Sahara  die  Messagerie  der  Sahara.  Auf  dem  jammervollen  Wege  von  Stora  nach
Tuggurt  z.  B.,  welcher  den  prunkvollen  Namen  der  „Kaiserstraße"  führte,  verkehrt  jeden
fünften  Tag  ein  mit  vier  arabischen  Rossen  bespannter  Wagen,  auf  dessen  Bock  ein  Beduine
als  Postillon  thront.  Über  Flußrinnen,  Steine  und  Blöcke,  durch  den  fahlen  Wüstensand
eilt  hier  die  kulturvermittelnde  Post  nach  einer  Oase,  wo  wenige  Kolonisten  angesiedelt
und  französische  Truppen  gegen  die  aufständischen  Kabylen  stationiert  sind.
Im  schwarzen  Erdteil  sind  in  postalischer  Beziehung  außer  Algerien,  das  zum
französischen  Postgebiete  gehört,  nur  Ägypten,  die  britische  Kolonie  Kapland  und  die  südafrikanische ­
  Republik  von  einiger  Bedeutung.  In  Ägypten  gab  es  schon  im  Altertum
und  auch  im  Mittelalter  wohlorgauisierte  Anstalten  (darunter  auch  Taubenposten),  welche
von  den  Beherrschern  des  Landes  errichtet  waren,  um  schnell  Nachrichten  nach  den  wichtigsten ­
  Punkten  des  Reiches  gelangen  zu  lassen  oder  von  da  zu  empfangen.  Diese  Veranstaltungen ­
  hatten  jedoch  keinen  dauernden  Bestand.  Die  jetzige  ägyptische  Post  ist  erst
1865  als  Staatsanstalt  eingerichtet  worden.  Sie  hat  aber  in  der  kurzen  Zeit  ihres  Bestehens ­
  sich  ziemlich  schnell  entwickelt.  Im  Jahre  1898  bestanden  bereits  822  Postanstalten ­
  mit  1330  Beamten.  Die  Zahl  der  beförderten  Briefsendungen  belief  sich  auf
beinahe  28  Millionen,  die  der  Pakete  auf  378000,  Postanweisungen  kamen  494000  Stück
zur  Versendung.  Die  Gesamteinnahme  betrug  122867  ägyptische  Pfund,  die  Ausgabe
99  690  ägyptische  Pfund.  Zu  den  Laudbefördernngen  werden  teils  Kamele,  teils  Läufer
verwendet;  den  Dienst  auf  den  Binnengewässern  versehen  der  Postverwaltung  gehörige
Dampfschiffe,  welche  auch  zur  Personenbeförderung  dienen.
Die  Kapkolonie  hat  trotz  ihrer  geringen  Einwohnerzahl.(etwas  über  1 1 / 2  Millionen)
einen  recht  lebhaften  Postverkehr.  Im  Jahre  1897  waren  dort  965  Postanstalten  und  1139
Briefkasten  vorhanden.  Die  Einnahmen  betrugen  349  000  Pfund  Sterling,  die  Ausgaben
316000  Pfund  Sterling.  In  demselben  Jahre  gelangten  32  Millionen  Briese,
740000  Postkarten,  21500000  Drucksachen,  Zeitungen  und  Warenproben  zur  Versendung. ­
  Postanweisungen  wurden  432000  Stück  befördert.  Unter  den  nach  dem  Auslande ­
  gerichteten  Sendungen  befanden  sich  286000  Einschreibebriefe.  Der  Inhalt  der
letzteren  besteht  häufig  aus  Diamanten,  Gold  oder  Straußenfedern,  ist  also  meistens  sehrwertvoll.

In  der  südafrikanischen  Republik  wurden  durch  die  Posten  im  Jahre  1895
etwa  9'/,  Millionen  Gegenstände  befördert;  die  Zahl  der  abgegangenen  Postanweisungen
belief  sich  auf  129  364  Stück.  Postanstalten  gab  es  186.
Von  den  deutschen  Kolonien  in  Afrika  ist  Deutsch-Ostafrika  die  bedeutendste.
Der  Postdienst  wurde  im  Jahre  1898  dort  von  20  Postanstalten  versehen,  von  denen
die  wichtigeren  mit  Fachbeamten  besetzt  sind,  während  die  anderen  von  Gonvernementsbeamten
  mit  verwaltet  werden.  Die  Postverbindung  mit  dem  Heimatlande  wird  vorzugsweise ­
  durch  Reichs-Postdampfer  unterhalten,  welche  alle  14  Tage  zwischen  Hamburg  und
der  Kolonie  verkehren.  Den  Posttransport  im  Inneren  des  Landes  besorgen  Postboten.
1898  wurden  versandt:  400000  Briefe,  5378  Pakeie,  15600  Postanweisungen  über
2  700000  Mark.  Tie  übrigen  deutsch-afrikanischen  Kolonien  haben  einen  noch  geringeren
Postverkehr.
Wenden  wir  uns  aus  dem  Wüstenmeer  nach  dem  „Lande  der  Gräser",  nach  Jnnerasien,
  wo  der  Mongole  seine  Filzjurte  aufschlägt  und  lange  Karawanenzüge  von  Peking,
der  Hauptstadt  des  himmlischen  Reiches,  nach  Kiachta  an  der  sibirischen  Grenze  ziehen.
Hier  findet  seit  dem  Jahre  1865  viermal  monatlich  eine  direkte  Postverbindung  statt,  und
cs  kostet  ein  einfacher  Brief  30  Kopeken  Porto.  Russische  oder  chinesische  Kuriere,  meist
mongolische  Lamas  (Geistliche),  besorgen  den  Dienst.  Mit  unterlegten  Pferden  machen  sie
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        777

Posten  in  Afrika  und  Asien.

die  Reise  von  Kalgan  an  der  chinesischen  Mauer  bis  nach  Kiachta,  eine  Entfernung,  die
780  englische  Meilen  beträgt,  in  17  bis  19  Tagen.  Wenn  die  frommen  Boten  sich
indessen  etwas  mehr  beeilen  wollten,  so  könnten  sie  die  Reise  in  zehn  Tagen  vollbringen;
statt  dessen  aber  sprechen  sie  in  den  Jurten  vor,  erteilen  den  Segen,  trinken  Thee  und
verplaudern  manche  Stunde  mit  ihren  zopftragenden  Landsleuten.
Der  europäische  Reisende,  welcher  die  Mongolei  jetzt  durchreisen  darf,  seit  die  europäischen ­
  Westmächte  im  Jahre  1860  die  Eröffnung  Chinas  für  den  Weltverkehr  erzwangen,
bedient  sich  zur  Postfahrt  der  zweiräderigen,  ganz  geschlossenen  und  sehr  leicht  gebauten
mongolischen  Karren,  die  mit  vier  Pferden  bespannt  sind  und  im  Fluge  durch  die  Graswüste
  Gobi  hinsausen.  Die  Leichtigkeit,  mit  welcher  sich  die  mongolischen  Postillone  in  der
Wüste  zurecht  finden,  erregt  die  Bewunderung  aller  Reisenden.  Sie  bedürfen  gar  keiner
Landmarken  und  wissen  immer  genau,  wo  die  Brunnen  liegen,  nach  denen  sich  die  Reiselinie
  richtet.  Ihr  nomadischer  Instinkt,  der  ihnen  angeboren  ist  und  welchen  sie  im  hohen
Grade  weiter  ausgebildet  haben,  leitet  sie  stets  richtig.

784.  Nusstsch-chinestsche  post.

Ziemlich  geordnet  erscheint  das  Postwesen  in  China  schon  seit  den  ältesten  Zeiten.
Nirgends  fehlt  es  an  Straßen,  Chausseen  und  Kanälen,  an  Herbergen  und  Pferdestationen.
Die  Regierung  unterhält  Botenposten  und  Eilposten.  Die  ersteren  sind  auf  die  18  Provinzen ­
  des  eigentlichen  China  beschränkt  und  für  nicht  eilige  Sachen  bestimmt,  während
die  Eilposten  das  ganze  große  „Reich  der  Mitte"  von  einem  Ende  bis  zum  anderen  durchziehen ­
  und  nicht  allein  Briefe,  sondern  auch  Geldsendungen,  Steuerbeträge,  Tributgegenstände, ­
  Kupfer  aus  den  Minen  des  Iünnan  und  andere  Sachen  nach  der  Hauptstadt
des  Reiches  befördern,  ja  sogar  zur  Fortschaffung  von  Verbrechern  dienen.  Als  Beförderungsmittel ­
  kommen  Pferde  und  zweiräderige  Karren,  Kamele,  Maulesel  und  aus
den  Gewässern  Boote  zur  Anwendung.  Die  Zahl  der  Botenpostämter  ist  eine  sehr  große,
und  russischen  Angaben  zufolge  sollen  in  China  nicht  weniger  als  150000  Postbeamte
in  Thätigkeit  sein.  Die  Benutzung  dieser  Posten  durch  das  Publikum  war  jedoch  bis
vor  kurzem  ausgeschlossen,  sie  dienten  nur  den  Zwecken  des  Hofes  und  der  Regierung.
Zur  Besorgung  von  Privatsendungen  bestehen  in  den  Hauptorten  an  den  großen  Verkehrsstraßen ­
  des  Reiches  Privatanstalten;  dieselben  sind  aber  nur  mangelhaft  organisiert
und  befördern  vorzugsweise  Pakete,  nur  nebenher  auch  Briefe.  Zwischen  den  Unter-98
        <pb n="746" />
        778

Posten  und  Postwesen.

nehmern  dieser  Anstalten  herrscht  große  Konkurrenz,  so  daß  sie  oft  ihre  Leute  aussenden,
um  Sendungen  einzusammeln.  Außerdem  befaßte  sich  die  Zollverwaltung  mit  der  Besorgung ­
  von  Briefsendungen  zwischen  verschiedenen  Hafenstädten  und  nach  Peking.  Ferner
haben  fremde  Staaten,  welche  zu  China  vorzugsweise  in  Verkehrsbeziehungen  stehen,  an
einzelnen  Plätzen  eigene  Postämter  errichtet,  die  hauptsächlich  den  Verkehr  mit  dem  Auslande
  unterhalten.  So  gibt  es  deutsche  Postanstalten  in  Shanghai,  Tientsin  und  Tsingtau,
britische  in  Hongkong,  Shanghai,  Hankow,  Ningpo,  Foochow,  Amoy,  Kanton  und  Hochow,
russische  in  Shanghai,  Hankow,  Tschifn,  Tientsin,  Peking,  Urga  und  Kalgan,  japanische
in  Shanghai  und  Chefoo,  französische  in  Shanghai  und  Tientsin  und  eine  amerikanische
in  Shanghai.

785.  Eilfahrt  durch  die  Müste  Godi.

Die  Mangelhaftigkeit  der  postalischen  Einrichtungen  für  den  Privatverkehr  hat  die
chinesische  Regierung  endlich  bewogen,  die  Vermittelung  dieses  Verkehrs  selbst  in  die
Hände  zu  nehmen.  Sie  will  damit  indes  nur  allmählich  vorgehen  und  die  Privatanstalten
einstweilen  noch  fortbestehen  lassen.  Zunächst  sind  die  Zollpostämter  in  den  Vertragshäfen
Anfang  Februar  l897  in  Reichspostämter  umgewandelt,  deren  Leitung  vorläufig  noch
den  Zollkommissarien  verblieb.  Die  unbefugte  Beförderung  von  Briefen  ist  nunmehr
bei  Strafe  untersagt.  Das  Porto  für  den  einfachen  1 / i  Unze  (etwa  7  g)  schweren  Brief
beträgt  2  Cents  (8 3 / 4  Pfg.).  Auf  die  weitere  Entwickelung  der  neuen  chinesischen  Reichspost ­
  darf  man  gespannt  sein.  Wir  wollen  wünschen,  daß  sie  bald  die  Bevölkerung  des
Himmlischen  Reichs  in  den  Genuß  aller  der  Vorteile  und  Annehmlichkeiten  setzen  werde,
welche  ein  wohlgeordnetes  Postinstitut  der  Allgemeinheit  zu  bieten  imstande  ist.
Weiter  vorgeschritten  ist  das  Postwesen  in  Japan,  wo  alle  Straßenentfernnngen  des
Reiches  nach  der  großen  Brücke  in  Jedo  gerechnet  werden.  Die  kaiserlichen  Kuriere,
deren  immer  zwei  gemeinschaftlich  reisten,  führten  Glöckchen  mit  sich,  damit  jeder,  auch
der  höchste  Beamte,  ihnen  ausweiche;  sie  trugen  die  Briefe  in  kleinen  Kisten  aus  schwarzem
        <pb n="747" />
        779

Posten  in  Asien.

Holz.  Als  Europa  noch  keine  Ahnung  von  Reisehandbüchern  hatte,  kannte  Japan  dergleichen ­
  längst,  »nd  zwar  in  der  Gestalt  von  Fächern,  die  den  Japanern  unentbehrlich
sind.  Im  Jahre  1871  begann  man  damit,  das  japanische  Postwesen  den  Anforderungen
der  Neuzeit  entsprechend  umzugestalten.  Diese  Maßregel  war  vom  besten  Erfolge
begleitet.  Während  im  Jahre  1875  nur  1300  Postbüreaus  vorhanden  waren,  weist

786.  Chinesisches  postboot  in  Khanghai.  Nach  einem  Modell  Im  Reichspostmuseum  zu  Berlin.

die  Statistik  für  1897  deren  bereits  4079  nach.  Die  Zahl  der  beförderten  Sendungen
hat  im  letztgenannten  Jahre  55  700000  betragen.
Den  ersten  Rang  unter  den  Postverwaltnngen  Asiens  nimmt  diejenige  von  Britisch-Jndien
  ein.  Bei  einem  Bestände  von  11742  Postanstalten  zählte  sie  im  Jahre  1897
über  50000  Beamte  und  Unterbeamte.  Briefkasten
gab  es  21548;  bestellt  würben  230  Millionen  Briefe,
179  Millionen  Postkarten,  32  Millionen  Zeitungen,
21  Millionen  Bücher-  und  Mustersendungen.  Außerdem ­
  kamen  nahezu  3  Millionen  Pakete  und  11 1 / 2  Millionen ­
  Postanweisungen  zur  Versendung.  Zur  Beförderung ­
  der  Posten  werden,  außer  den  Eisenbahnen,

787.  KchirbKarren  zur  Beförderung  von  Person«»  und
Kuchen  zwischen  Khanghai  und  Peking.
Nach  einem  Modell  im  Reichspostmuieuiu  zu  Berlin.

788.  Amtlicher  Futzbote  von  brr  Insel
Formoso.

Elefanten,  Kamele,  Ochsen,  Karren,  Boote  und  Läufer  verwendet.  Das  Amt  der
letzteren  ist  nicht  ungefährlich,  da  sie  namentlich  in  waldigen  Gegenden  Angriffen  von
Räubern  und  wilden  Tieren  ausgesetzt  sind.  So  erfahren  &amp;gt;vir  aus  den  Jahresberichten ­
  der  britisch-indischen  Postverwaltung,  daß  Postboten  bei  Ausübung  ihres
Dienstes  von  Leoparden  und  Tigern  zerrissen,  andere  durch  Räuber  verwundet  oder  getötet ­
  worden  sind.

98*
        <pb n="748" />
        780

Posten  und  Postweseu.

789.  Indischer  Aameirritcr  mit  postfrslriftn.
Nach  einer  Pholograph&amp;gt;e  im  Reichspostmuseum  zu  Berlin.

79V.  Siamesischer  Kurier  zu  Pferde.

In  dem  ausgedehnten  Gebiete  von  Niederländisch-Jndien  konzentriert  sich  der
Postverkehr  vorzugsweise  auf  den  Inseln  Java  und  Sumatra,  die  sogenannten  Außengebiete ­
  sind  nur  wenig  verkehrsreich.  Die  Zahl  der  Postanstalten  betrug  im  Jahre  1897:
1433,  die  der  beförderten  Sendungen  etwa  18  Millionen.
Die  kleine  britische  Kolonie  der  Straits-Settlements  auf  der  Halbinsel  Malakka
unterhält  einen  sehr  lebhaften  Postverkehr,  der  im  Jahre  1898  nicht  weniger  als  6660000
Sendungen  umfaßte.  Der  Postbankverkehr  bezifferte  sich  auf  1641000  Dollar.
In  Siam  bestand  noch  vor  20  Jahren  nur  in  der  Hauptstadt  Bangkok  eine  staatliche ­
  Ortspost.  Geregelte  Postverbindungen  zwischen  der  Hauptstadt  und  dem  Inneren
des  Landes  gab  cs  nicht.  Der  internationale  Korrespondenzverkehr  wurde  durch  Handelsschiffe ­
  vermittelt,  wobei  das  britische  Konsulat  in  Bangkok  die  Annahme  und  Ausgabe
der  Sendungen  besorgte.  Auf  Wunsch  des  Königs  von  Siam  entsandte  die  deutsche
Reichs-Postverwaltnng  einen  ihrer  Beamten,  um  das  Postwesen  in  Siam  nach  deutschem
Muster  einzurichten.  Das  ist  denn  auch  in  verhältnismäßig  kurzer  Zeit  gelungen,  wie

die  nachfolgenden  statistischen  Angaben  für  1897  erkennen  lassen.  In  diesem  Jahre  gab
es  in  Siam  schon  165  Postanstalten  sowie  35  Hilfs-Postanstalten  und  Freimarken-Berkanfsstellen,
  298  Briefkasten.  Beamte  waren  520  im  Postdienste  thätig.  Sendungen
wurden  im  ganzen  etwa  867  000  Stuck  beförvert.
Die  Post  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  erstreckt  sich  über  ein  ausgedehntes,
im  ganzen  noch  dünn  bevölkertes  Gebiet,  welches  die  verschiedenartigsten  Kultnrzustände
aufzuweisen  hat.  Die  Post  hat  sich  demnach  den  hochentwickelten  Verhältnissen  der  östlichen
Staaten  ebenso  anzuschmiegen,  wie  den  primitiven  Zuständen  in  den  westlichen  Staaten.
Zu  den  Posttransporten  im  Osten  werden  vorzugsweise  Eisenbahnen  benutzt,  während
im  schwach  bevölkerten  Westen,  wo  Schienenwege  noch  spärlich  vorhanden  sind,  die  Landposten ­
  als  Hauptverkehrsmittel  dienen.  Die  größeren  Städte  sind  untereinander  und  mit
den  Eisenbahnen  durch  Eilwagenfahrten  verbunden;  im  übrigen  wird  der  Postverkehr
durch  reitende  Boten  vermittelt,  welche  häufig  noch  Kämpfe  mit  Indianern  oder,  wie  in
den  Goldfeldern  Kaliforniens,  mit  organisierten  Räuberbanden  zu  bestehen  haben.  Eine
besondere  Ausrüstung  bedarf  der  kalifornische  Stafettenreiter.  Ein  solcher  Reiier  ist  mit
einem  vollständigen  Anzug  von  Bvckfell  mit  dem  vollen  Haare  versehen;  die  haarige
        <pb n="749" />
        781

Die  Post  in  den  Vereinigten  Staaten.

Seite  ist  nach  außen  gekehrt,  so  daß  im  Falle  eines  Sturmes  der  Schnee  und  Regen
nicht  eindringen  kann,  sondern  von  der  mehr  oder  minder  öligen  Substanz  in  den  Haaren
abläuft.  Die  Brieftaschen,  vier  an  der  Zahl,  befinden  sich  dicht  unter  dem  Sattelknopfe
am  Pferde.  Vier  achtzöllige  Coltrevolver,  jeder  zu  sechs  Schuß,  vollständig  geladen,  sind
so  angehalftert,  daß  sie  halb  aufgezogen  fertig  zum  Dienst  sind;  sodann  führt  der  Reiter
ein  Messer  von  ungefähr  J / 2  m  Länge  mit  sich,  dessen  Rücken  eine  Höhlung  bildet,  welche
mit  Quecksilber  gefüllt  ist,  so  daß  beim  Stoße  das  Quecksilber  nach  vorn  schießt  und  den
Stoß  kräftiger  macht.
Es  ist  in  den  Vereinigten  Staaten  bei  den  meisten  Postanstalten  nicht  Brauch,  die
angekommenen  Postsachen  dem  Adressaten  durch  Briefträger  ins  Haus  bringen  zu  lassen,
die  ersteren  sind  vielmehr  von  der  Post  abzuholen.  Zur  Bequemlichkeit  des  Publikums
hat  man  bei  den  bedeutenderen  Postämtern  Briefausgabeschränke  mit  einer  großen  Anzahl
von  Fächern  herstellen  lassen,  welche  von  der  Außenseite  verschließbar  eingerichtet  und
dem  Publikum  zugänglich  sind.  In  ein  solches  Fach,  welches  den  Abholern  gegen  Entrichtung ­
  einer  Fachgebühr  zur  Benutzung  überlassen  wird,  legen  die  Postbeamten  die  für
den  betreffenden  Korrespondenten  eingegangenen  Postsachen  nieder.  Dieser  kann  das  Fach
mittels  eines  von  der  Postverwaltung  ihm  überwiesenen  Schlüssels  öffnen  und  aus  demselben ­
  jederzeit  die  für  ihn  vorliegenden  Briefschaften  entnehmen,  ohne  daß  es  dazu  eines
Postbeamten  bedarf.  Die  gleiche  Einrichtung  besteht  auch  in  verschiedenen  anderen
Staaten,  im  deutschen  Reichs-Postgebiete  bei  den  Postämtern  in  Bremen  und  Mannheim.
Man  hat  hier  damit  einen  Versuch  gemacht,  der  indes  nicht  zu  gunsten  der  Neuerung  ausgefallen ­
  zu  sein  scheint,  da  man  mit  derselben  nicht  weiter  vorgegangen  ist.  Hierbei  wird
ausschlaggebend  gewesen  sein,  daß  das  Vorkommen  von  Unrichtigkeiten  beim  Sortieren
der  Sendungen  in  die  Fächer,  selbst  wenn  es  durch  die  gewandtesten  Beamten  geschieht,
nicht  ganz  ausgeschlossen  ist.  Die  falsch  sortierten  Briefe  u.  s.  w.  geraten  alsdann  in
unbefugte  Hände,  was  zu  begründeten  Klagen  Anlaß  gibt.  Werden  die  Sendungen  am
Schalterfenster  durch  einen  Beamten  ausgegeben,  so  unterwirft  sie  dieser  in  der  Regel
vorher  noch  einer  Durchsicht,  wobei  die  beim  Sortieren  vorgekommenen  Versehen  entdeckt
und  berichtigt  werden.
In  mehreren  größeren  Städten  der  Vereinigten  Staaten  ist  im  Jahre  1863  zuerst
ein  Briefbestelldienst  eingerichtet,  der  im  Laufe  der  Jahre  auf  andere  verkehrsreiche  Orte
ausgedehnt  worden  ist,  so  daß  bis  zum  Jahre  1898  688  Plätze  dieser  Verkehrsverbesserung ­
  teilhaftig  geworden  sind.  Von  der  gleichen  Vergünstigung  sind  jedoch  alle
diejenigen  Orte  ausgeschlossen,  die  nicht  mehr  als  10000  Einwohner  zählen,  oder  in
denen  die  Posteinnahme  nicht  mindestens  10000  Dollar  ausmacht.  Mit  der  Landbriefbestellnng
  werden  seit  einigen  Jahren  Versuche  gemacht,  die  sich  indes  noch  in  sehr  engen
Grenzen  bewegen.
Die  Verwaltung  der  nordamerikanischen  Post  lvird  nicht  nach  fiskalischen  Grundsätzen
geführt.  Die  Post  will  dort  lediglich  eine  gemeinnützige  Anstalt  sein  und  verzichtet  deshalb
grundsätzlich  auf  finanzielle  Erfolge.
Demgemäß  zeichnen  sich  die  amerikanischen  Posten  durch  einen  sehr  billigen  Tarif
aus.  Derselbe  ist  insbesondere  hinsichtlich  der  Zeitungen  so  niedrig,  daß  die  Ausgaben
in  der  Regel  die  Einnahmen  übersteigen.  Gleichwohl  führt  die  Bundesregierung  fortwährend ­
  Erleichterungen  und  Verbesserungen  ein.  Da  die  amerikanische  Post  Pakete
nur  gegen  Briefporto  befördert,  auch  noch  bis  vor  kurzem  für  den  Verlust  oder  die
Beschädigung  von  Sendungen  keinerlei  Ersatz  gewährte,  so  werden  fast  alle  Päckereien,
Wertsendungen  u.s.w.  den  „Expreßkompanien"  übergeben,  zumal  sie,  ohne  feste  Tarife
zu  haben,  gegen  billige  Preise  befördern  und  im  Verlustfalle  für  den  deklarierten  Schaden
Ersatz  leisten.  Außerdem  gewähren  diese  Anstalten  Vorschüsse,  erheben  Nachnahmen  und
zahlen  auswärts  fällige  Wechsel.  Diese  ihre  ausgebreiteten  Geschäftsbeziehungen,  in  Verbindung ­
  mit  gefälligen  Beamten,  machen  die  Expreßanstalten  zu  einem  ebenso  nützlichen
als  allgemein  beliebten  Institut;  sie  sind  in  der  That  die  Post  des  Volkes  im  Gegensatz
zu  jener  der  Regierung.  Die  erste  geordnete  derartige  Privattransportanstalt  gründete
        <pb n="750" />
        ML

782

Posten  und  Postwesen.

vor  60  Jahren  ein  unternehmender  Mann,  Namens  Adams,  zwischen  New  Dort  und
Boston.  Nach  diesem  Muster  entstanden  später  mehrere  Gesellschaften,  auf  Aktien
gegründet,  die  alle  ihren  Hanptsitz  in  New  Jork  haben.  Einer  jeden  dieser  Gesellschaften
steht  die  ganze  Union  offen.  Die  drei  bedeutendsten  sind  die  „Kompanie  Adams",  welche
dem  Verkehr  New  Jorks,  Bostons  und  der  Südstaaten  dient,  die  „Vereinigte  Staaten-Gesellschaft"
  für  den  westlichen  und  nordwestlichen  Teil  der  Union,  sowie  die  „Amerikanische
Kompanie"  in  den  Mittelstaaten  und  Kalifornien.  Alle  bedienen  sich  zum  Transport  der
Eisenbahnen,  auf  denen  ihre  eigenen  Wagen  mit  den  Schnellzügen  laufen,  der  vornehmsten ­
  Dampfbootlinien,  auf  welchen  sie  ihre  besonderen  Geschäftsräume  haben,  endlich
eigenen  Fuhrwerks,  wo  andere  Verkehrsmittel  nicht  vorhanden  sind.
Um  dem  Leser  einen  Begriff  von  der  Ausdehnung  des  nordamerikanischen  Postwesens
zu  geben,  führen  wir  hier  folgende  Daten  an.  Die  Länge  der  Poststraßen  im  ganzen
Reiche  der  Union  betrug  im  Jahre  1863  139  598  englische  Meilen,  die  Zahl  der  Postämter ­
  20047;  die  Einnahmen  der  Postverwaltung  erreichten  die  Höhe  von  11  163  000
Dollar,  die  Ausgaben  bezifferten  sich  auf  11314  000  Dollar.  Mit  den  verschiedenen
Dampferlinien  gingen  im  Jahre  1862  in  der  Union  2  566000  Briefe  und  848000  Zeitungen ­
  ein.  Dagegen  wurden  von  der  Union  nach  Europa  zurück  2  644  000  Briefe  und
2  552  000  Zeitungen  befördert.  Dies  gibt  jedoch  nur  einen  Maßstab  für  den  auswärtigen ­
  Postverkehr  ab.  Über  die  Zahl  der  im  Lande  selbst  verbliebenen  Briefe  und
Zeitungen  liegt  für  das  Jahr  1862  kein  Ausweis  vor,  weil  Aufstellungen  darüber  nicht
stattfinden,  aber  die  Größe  des  damaligen  Verkehrs  kann  nach  dem  Umstande  beurteilt
werden,  daß  in  jenem  Jahre  der  Verkauf  von  Briefmarken,  gestempelten  Briefumschlägen
und  Zeitungsschleifen  (vrappsrs)  die  Zahl  278  481  000  im  Werte  von  7  835  000  Dollar
erreichte.  Und  wie  sehr  hat  die  neueste  Entwickelung  dieses  Bild  in  den  Schatten  gestellt!
Im  Verwaltungsjahre  1897/98  betrug  die  Zahl  der  Postanstalten  73  000,  die  Ausdehnung ­
  der  zur  Postbeförderung  benutzten  Verkehrswege  480  000  engl.  Meilen,  das
Gewicht  der  nach  anderen  Ländern  abgesandten  Briefe  und  Postkarten  380  107  kg,  der
sonstigen  Gegenstände  2  846  652  kg.  Auf  28  753  000  Postanweisungen  wurden
204  Millionen  Dollar  ein-  bezw.  ausgezahlt.  Freimarken,  Postkarten,  gestempelte  Briefumschläge ­
  und  Streifbänder  wurden  4614  Millionen  Stück  für  85  Millionen  Dollar
verkauft.  Die  Zahl  aller  mit  den  Posten  zur  Versendung  gekommenen  Gegenstände  wird
auf  mehr  als  6000  Millionen  geschätzt.  Von  den  nach  dem  Auslande  abgeschickten  Briefen
und  Postkarten  kamen  39  Prozent  auf  Großbritannien  und  19  Prozent  auf  Deutschland.
Die  Gesamteinnahme  belief  sich  auf  89  012  618  Dollar,  die  Gesamtausgabe  auf
98  033  523  Dollar,  so  daß  ein  Zuschuß  von  9  020  905  Dollar  aus  der  Staatskasse
erforderlich  war.  Dieses  sehr  ungünstige  finanzielle  Ergebnis  wird  teils  der  großen  Ausdehnung, ­
  welche  die  portofreie  Versendung  von  Postsachen  gewonnen  hat  —  im  Jahre
1893  wurden  nicht  weniger  als  467  Millionen  Sendungen  im  Gelvichte  von  87  Millionen
Pfund  unentgeltlich  befördert  —  teils  dem  Umstande  zugeschrieben,  daß  die  sehr  billige
Taxe  für  Zeitungen  von  den  Versendern  bei  einer  großen  Menge  anderer  Drucksachen,  die
einer  höheren  Taxe  unterliegen,  mißbräuchlich  angewendet  wird.  Es  ist  bisher  nicht  gelungen, ­
  diesem  Treiben  Einhalt  zu  thun,  was  übrigens  bei  der  mangelhaften  Beaufsichtigung ­
  des  Postbetriebes  in  Amerika  nicht  auffällig  erscheint.
Die  Postverwaltung  von  Kanada  umfaßt  die  Ländergebiete,  welche  nördlich  von
den  Vereinigten  Staaten  liegen  und  unter  englischer  Herrschaft  stehen,  mit  Ausnahme
von  Neufundland.  Im  Jahre  1897  betrug  die  Zahl  der  Postanstalten  dort  9371.  Postsendungen ­
  tvurden  im  ganzen  etwa  187  Millionen  Stück  befördert.  Die  Einnahmen
bezifferten  sich  auf  4  125  000  Dollar,  die  Ausgaben  auf  4  923  000  Dollar.
In  Mexiko  haben  sich  im  Jahre  1897  die  Einnahmen  aus  dem  Postwesen  auf
1  330  000  Dollar,  die  Ausgaben  auf  1659  000  Dollar  belaufen.  Die  Ausdehnung
der  Postkurse  auf  Landstraßen  betrug  etwa  76  000  km,  wovon  nur  ein  geringer  Teil
auf  Fahrposten  entfiel.  Die  Benutzung  der  letzteren  zu  Reisen  ist  bei  der  Natur  des
Landes  sowie  bei  der  schauderhaften  Beschaffenheit  und  Unsicherheit  der  Wege  beschwerlich
        <pb n="751" />
        783

Postverkehr  in  Amerika.
und  nicht  immer  ungefährlich,  da  Raubanfälle  auf  die  Posten  nicht  zu  den  Seltenheiten
gehören.  Mexiko  hatte  1897  im  ganzen  1663  Postanstalten,  bei  denen  etwa  113  Millionen
Briefpostgegenstände  zur  Versendung  gelangten.
Guatemala  besaß  1894:  176  Postanstalten  mit  einem  Verkehr  von  5  Millionen
Briefpostsendungen.
In  der  Republik  Kolumbien  kamen  1893  im  ganzen  etwa  2 1 / 2  Millionen  Postgegenstände ­
  zur  Versendung.  Der  Postverkehr  ist  hiernach  noch  wenig  entwickelt,  und  die
postalischen  Einrichtungen  lassen  viel  zu  wünschen  übrig.
Von  Peru  erzählt  uns  Alexander  von  Humboldt,  es  habe  dort  schwimmende  Postboten ­
  gegeben,  welche  ein  um  den  Kopf  geschlungenes  Tuch  als  Briefbehälter  benutzten

791.  Schwicrigrr  postverkehr  zwischen  Urracrnz  und  Mrriko.

und  die  beim  Schwimmen  einen  leichten  Tragbalken  mit  sich  führten,  um  unterwegs  nicht
leicht  zu  ermüden.  Sind  auch  die  Zeiten  einer  solchen  Postbeförderung  vorüber,  so  liegen
doch  die  Transportverhältnisse  dort  bei  der  gebirgigen  Natur  des  Landes  noch  heute
recht  ungünstig,  so  daß  selbst  bedeutendere  Orte  selten  mehr  als  einmal  wöchentlich  Postverbindung ­
  haben.  Im  Jahre  1897  zählte  Peru  339  Postanstalten,  duAh  welche  zwölf
Millionen  Briefsendungen  expediert  wurden.
Ungleich  besser  sind  die  Postverkehrsverhältnisse  in  Chile,  wo  im  Jahre  1897  von
670  Postanstalten  58  Millionen  Postsendungen  befördert  wurden.  In  diesem  Lande
besteht  die  eigentümliche  Einrichtung,  daß  die  Postanstalten  sich  mit  dem  Vertriebe  von
Büchern  befassen,  wofür  sie  eine  Kommissionsgebühr  von  15  Prozent  des  Erlöses  berechnen. ­
  Sehr  schwierig  gestaltet  sich  der  Postbeförderuugsdienst  in  den  ausgedehnten
Länderstrecken  des  Kaiserreichs  Brasilien.  Im  Inneren  des  Landes  erfolgt  der  Trans-
        <pb n="752" />
        792.  Schwimmender  Kurier  in  Peru  mit  Kopfiinnd,  in  dem  die  Briefe  untergebracht  find.

In  Australien  hat  sich  das  Postwesen  in  der  Neuzeit  sehr  vervollkommnet.  Die
Kolonie  Viktoria  hatte  1897  schon  1604  Postämter  und  2997  Verkaufsstellen  für  Postwertzeichen. ­
  Das  Personal  zählte  4643  Köpfe.  Auf  den  Postkursen  wurden  12  Millionen
Kilometer,  davon  beinahe  7  Millionen  auf  Eisenbahnen  zurückgelegt.  Zur  Versendung
von  Postsachen  nach  Europa  boten  alle  14  Tage  Dampfschiffe  Gelegenheit,  welche  die
Fahrt  nach  London  in  30  bis  33  Tagen  machten.  Die  Zahl  der  Postsendungen  belief
sich  auf  98  Millionen.  Die  Einnahmen  erreichten  die  Höhe  von  690000  Pfd.  Sterling,
wogegen  die  Ausgaben  sich  auf  497  000  Pfd.  Sterling  stellten.
In  Neusüdwales  waren  1897:  2050  Postanstalten  und  3363  Briefkasten  vorhanden. ­
  Das  Post-  und  Telegraphenpersonal  bestand  ans  5869  Beamten  und  Unterbeamten. ­
  Die  Länge  aller  Postkurse  betrug  55462  Ion,  davon  kamen  4430  auf  Eisenbahnen, ­
  1326  auf  Dampfschiffe.  Postsachen  wurden  131  Millionen  Stück  befördert,
darunter  befanden  sich  503000  Postanweisungen  und  1076000  Stück  Postnoten.
Queensland  zählte  1892:  951  Postanstalten  mit  einem  Personale  von  2308
Köpfen.  Die  Postkurse  hatten  eine  Gesamtlänge  von  44600  Ion,  von  denen  3750  auf
Eisenbahnen  entfielen.  Zur  Versendung  gelangten  30  Millionen  Briefsendnngen,
119000  Postanweisungen,  106  000  Postnoten.  Die  Einnahmen  betrugen  135000  Pfund
Sterling,  die  Ausgaben  201000  Pfund  Sterling.

Posten  und  Postwe  en.

784

Port  der  Postsachen  vorzugsweise  durch  Schiffe  und  reitende  Boten.  Die  Zahl  der  Verbindungen ­
  ist  gering.  So  verkehren  auf  dem  Amazonenstrom  die  Dampfschiffe  nur  fünf
mal  im  Monat;  andere  Binnengewässer  werden  noch  seltener  durch  Schiffe  befahren.  In
den  kultivierteren  Gegenden  ist  durch  Postanlagen  für  die  Bedürfnisse  des  Verkehrs  in
ausreichender  Weise  Sorge  getragen.  Brasilien  zählte  1893  im  ganzen  2826  Postanstalten, ­
  von  denen  auf  die  2888000  qkm  enthaltende,  aber  sehr  schwach  bevölkerte
Provinz  Amazonas  nur  wenige  entfielen.  Die  Gesamtzahl  der  Sendungen  belief  sich  auf
43  Millionen.  In  Argentinien,  wo  die  Postbeförderungsverhältnisse  günstiger  sind
als  in  Brasilien,  wurden  im  Jahre  1897  192  Millionen  Postsendungen  verschickt  und
1716  Postanstalten  unterhalten.  Uruguay  hatte  im  gleichen  Jahre  638  Postanstalten
und  einen  15'/ 2  Millionen  Sendungen  umfassenden  Postverkehr.
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        Postverkehr  in  Amerika  und  Australien.  Das  ehemalige  Postwesen  Preußens.  785
Die  Doppelinsel  Neuseeland  erfreut  sich  eines  sehr  entwickelten  Postwesens;  es
waren  1897  bei  1533  Postanstalten  3083  Personen  beschäftigt.  Briefkasten  gab  es
2113.  Die  Postkurse  hatten  eine  Ausdehnung  von  40612  Kilometer.  Befördert  wurden
33  Millionen  Briefe,  2  Millionen  Postkarten,  19  Millionen  Bücher-  und  Mustersendungen,
196  000  Pakete,  314  000  Postanweisungen.  Die  Einnahmen  berechneten  sich  auf
274000  Pfund  Sterling,  die  Ausgaben  auf  199  900  Pfund  Sterling.
Das  ehemalige  Postwesen  Preußens  ward  um  die  Mitte  des  17.  Jahrhunderts
gegründet.  Zwar  bestanden  schon  vorher  zwischen  Berlin  und  anderen  bedeutenden  Städten
z.  B.  Küstrin,  Königsberg  i.  Pr.,  Stettin,  Leipzig,  Ansbach,  Kleve  u.  a.  Botenposten,
welche  den  Korrespondenzverkehr  des  Hofes  und  der  Regierung  vermittelten,  doch  verkehrten ­
  diese  Posten  nicht  regelmäßig,  sondern  nur  im  Bedürfnisfalle,  auch  war  ihnen  die
Mitnahme  von  Sachen  von  anderen  und  für  andere  untersagt.  Als  nach  Beendigung
des  Dreißigjährigen  Krieges  Handel  und  Verkehr  sich  wieder  zu  beleben  begannen,  hielt
der  Große  Kurfürst  Friedrich  Wilhelm,  der  weitschauende  und  weise  Regent,  den
Zeitpunkt  für  gekommen,  „zur  Förderung  der  Kommerzien,  zur  Erleichterung  des
Gouvernements  und  zur  Herstellung  eines  engeren  Zusammenhangs  unter  den  Territorien
der  brandenburgisch  -  preußischen
Lande"  mit  der  Errichtung  einer
auch  für  den  Privatverkehr  bestimmten ­
  Staatspost  vorzugehen.
Er  ordnete  deshalb  im  Jahre  1649
an,  daß  die  mit  seiner  Genehmigung ­
  schon  einige  Jahre  vorher
von  demKönigsbergerBotenmeister
in  Gang  gesetzten  Posten  zwischen
Memel  und  Kleve,  sowie  die  Verwaltung ­
  des  gesamten  Postwesens
in  seinen  Landen  vom  Staate  übernommen ­
  wurden,  und  wandte  dem
neugeschaffenen  Institute  besondere
Sorgfalt  zu.  Im  Anschlüsse  an
den  vorerwähnten  Postkurs  Memel-—Kleve,
  welcher  u.  a.  die  Städte
Königsberg  i.  Pr.,  Marienwerder,
Küstrin,  Berlin,  Halberstadt,  Minden,  Wesel  berührte,  wurden  allmählich  Seitenkurse  von
Memel  nach  Riga,  von  Königsberg  nach  Warschau,  von  Berlin  nach  Hamburg,  Leipzig,
Breslau,  von  Halberstadt  nach  Kassel,  von  Kleve  nach  Amsterdam  angelegt  und  in  dieses
Kursnetz  noch  verschiedene  wichtige  Verkehrsorte  hineingezogen.  Die  preußisch-brandenburgischen
  Posten  zeichneten  sich  bald  durch  Ordnung  und  Schnelligkeit  aus  und  wurden
von  dem  Publikum  um  so  lieber  benutzt,  als  die  Posttaxen  niedrig  waren.  Während  die
Post  in  den  ersten  Jahren  ihres  Bestehens  noch  eines  Zuschusses  von  etwa  6000  Thalern
jährlich  bedurfte,  lieferte  sie  1688,  dem  Todesjahre  ihres  Begründers,  bereits
39000  Thaler  Überschuß.
Anfänglich  war  die  obere  Leitung  des  Postwesens  dem  Geheimen  Staatsrate  anvertraut, ­
  als  aber  die  damit  verbundenen  Geschäfte  immer  mehr  zunahmen,  wurde  im
Jahre  1700  zu  deren  Erledigung  eine  besondere  Behörde,  das  „General-Postamt",  eingesetzt, ­
  welches  diese  Bezeichnung  noch  bis  zum  Jahre  1880  geführt  hat.  Die  erste
rechtliche  Grundlage  für  die  postalischen  Einrichtungen  bildete  die  unter  der  Regierung
des  Königs  Friedrich  I.  im  Jahre  1712  erlassene  Postordnung,  welche  zugleich  die
Rechte  und  Pflichten  der  Postbeamten  näher  bestimmte,  das  Verhältnis  der  Post  zum
Publikum  regelte  und  eine  Zusammenstellung  der  wichtigsten  Dienstvorschriften  enthielt.
Zu  jener  Zeit  erfolgte  auch  die  Einführung  von  Extraposten  in  Preußen.  Aus  Liebhaberei ­
  für  seine  oranische  Erbschaft  ließ  der  vorgenannte  König  an  den  Postnniformen
orangefarbige  Aufschläge  anbringen,  woher  das  noch  heute  gebräuchliche  „Postgelb"
99

793.  plascnLrr  Postillon  aus  dem  17.  Jahrhundert.
        <pb n="754" />
        786  Posten  und  Postwesen.

rührt.  Friedrich  Wilhelm  I.,  der  sparsame  Monarch,  wußte  den  volkswirtschaftlichen
Wert  der  Post  besser  zu  würdigen,  als  sein  prachtliebender  Vorgänger,  er  schrieb  für
die  Postverwaltung  mit  eigener  Hand  den  Grundsatz  vor:  „Die  Posten  sollen  angelegt
werden  von  Ort  zu  Ort,  ich  will  haben  ein  Land,  das  kultiviert  sein  soll;  höret  Post
dazu."  Demgemäß  war  er  auch  mit  Eifer  bemüht,  das  Postwesen  durch  Verbesserung
und  Erweiterung  der  Postanlagen  und  Verbilligung  der  Posttarife  nach  Kräften  zw
fördern.  Daß  unter  Friedrich  dem  Großen  die  wichtigste  Staatsverkehrsanstalt  nicht
zurückblieb,  wird  der  Erwähnung  kaum  bedürfen.  Doch  zeigte  der  große  König  für
die  finanziellen  Erfolge  der  Posten  weit  größeres  Interesse,  als  für  ihre  volkswirtschaftliche
  Bedeutung.  Er  ließ  sich  verleiten,  die  Verwaltung  der  Posten  1766  iw
französische  Regie  zu  geben,  um  daraus  einen  höheren  Reinertrag  zu  erzielen.  Die
Regiebeamten  hatten  nichts  Eiligeres  zu  thun,  als  die  Posttaxen  sämtlich  bedeutend  zw
erhöhen.  Die  von  dieser  Maßregel  erwarteten  glänzenden  Finanzresultate  blieben  aber
aus.  Die  Posteinnahmen  gingen  im  Jahre  1768  gegen  das  Vorjahr  um  109000  Thaler
und  im  folgenden  Jahre  um  weitere  25000  Thaler  zurück.  Der  König  erkannte  den
Mißgriff  bald  und  machte  der
unheilvollen  Wirksamkeit  der
Regie  beim  Postwesen  schon  nach
drei  Jahren  mit  der  Sentenz  eiw
Ende:  „Ich  will  keine  Franzosen ­
  mehr,  sie  seynd  gar  zw
ltderlich  und  machen  lauter  liderliche ­
  Sachen."  Die  Posttaxew
wurden  zwar  alsbald  wieder  ermäßigt, ­
  zu  ihrer  Herabsetzung
auf  die  früheren  billigeren  Sätze
ließ  sich  der  König  jedoch  nicht:
bewegen.  Die  von  der  Regie
der  Post  zugefügten  Schäden  glich
eine  umsichtige  Verwaltung  baldwieder
  aus,  und  das  Institut  entwickelte ­
  sich  in  naturwüchsiger
Kraft  stetig  weiter.  Als  im  Jahre
1784  die  Roheinnahmen  der
Post  zum  erstenmal  die  Höhe  einer  Million  Thaler  erreichten,  machte  Friedrich  am  Rande
des  ihm  vorgelegten  Berichts  die  Bemerkung:  „Das  ist  admirabel!"  Was  Ivürde  der
große  König  erst  bei  der  Nachricht  gesagt  haben,  daß  jene  Einnahme  im  Jahre  1865„
dem  letzten  vor  den  großen  Umwälzungen  in  Deutschland,  sich  auf  das  Dreizehnfache
jener  Summe  belief,  wovon  ein  Reingewinn  von  mehr  als  1  x / 9  Millionen  Thalern  zur
Staatskasse  floß?  Durch  Ausgabe  einer  neuen  Postordnung  im  Jahre  1782  erfuhren  die
Bestimmungen  der  älteren  Postordnung  mehrfache  Abänderungen  und  Ergänzungen.
Die  kriegerischen  Wirren,  welche  in  dem  letzten  Jahrzehnt  des  18.  Jahrhunderts
ihren  Anfang  nahmen  und  sich  bis  zum  Jahre  1815  fortsetzten,  schlugen  der  preußischen.
Post  tiefe  Wunden,  deren  Heilung  erst  nach  längerer  Zeit  gelang.  Nach  Beendigung  dev
Kriege  wurde  die  Organisation  des  Postwesens  in  den  neuerworbenen  Landesteileu  mit
Eifer  betrieben.  Unter  Leitung  des  1821  zum  Chef  der  Postverwaltung  ernannten
Generalpostmeisters  von  Nagler  ging  man  mit  Verbesserungen  auf  postalischem  Gebieb
energisch  vor.  Zunächst  fand  noch  in  demselben  Jahre  eine  durchgreifende  Reform  des-Postzeitungswesens
  und  zugleich  die  Errichtung  einer  Zentralstelle  für  den  Zeitungsvertrieb ­
  unter  dem  Namen  „Zeitungscomtoir"  in  Berlin  statt,  das  als  „Post-Zeitungsamt"
  noch  heute  besteht.  Zur  gleichen  Zeit  wurden  behufs  Beschleunigung  der  Posttransporte ­
  Schnellposten  eingerichtet,  die  sich  bald  der  Gunst  des  Publikums  erfreuten,
und  in  der  Folgezeit  eine  solche  Ausbreitung  gewannen,  daß  im  Jahre  1837  deren  182:

794.  Preußischer  Persaiieiipostulagen  uus  der  ersten  Hülste
des  18.  Jahrhunderts.
        <pb n="755" />
        787

Das  ehemalige  Postwesen  Preußens.

im  Gang  waren.  Die  Zahl  der  Postanstalten  und  der  Postkurse  wuchs  beständig  an,
die  Konstruktion  sowie  die  innere  Einrichtung  der  Postwagen  erhielten  Verbesserungen,
die  neu  entstandenen  Eisenbahnen  traten  in  die  Reihe  der  Postbeförderungsmittel,  die
bis  dahin  nur  an  Postorten  üblich  gewesene  Austragung  der  angekommenen  Postsachen
durch  Briefträger  wurde  auch  auf  Landorte  ausgedehnt  und  überhaupt  den  durch  den
lebhaften  Aufschwung  des  Handels  und  der  Gewerbethätigkeit  hervorgerufenen  Verkehrsbedürfnissen ­
  in  jeder  Weise  Rechnung  getragen.  Auf  dem  Gebiete  des  Tarifwesens
führte  das  Portotax-Regulativ  vom  Jahre  1824  rationellere  Grundsätze  bei  Feststellung
der  Portotaxen  ein,  indem  die  letzteren  nicht  mehr  nach  der  Länge  der  von  den  Sendungen
durchlaufenen  Beförderungsstrecke, ­
  sondern  nach
der  geradlinigen  Entfernung ­
  vom  Abgangs-  bis
zum  Bestimmungsorte  bemessen ­
  wurden.  Eine  bedeutende ­
  Ermäßigung  der
Briefportosätze  fand  jedoch
erst  1844  statt,  wo  der
21  stufige  Briefportotarif
in  einen  6  stufigen  umgewandelt ­
  wurde.  Unter
derumsichtigenBerwaltung
des  im  Jahre  1849  an  die
Spitze  des  Postwesens  gestellten ­
  Generalpostdirektors ­
  Schmückert  und  seines ­
  Nachfolgers,  des
Generalpostdirektors  von
Philipsborn,  entwickelte
sichdiepreußischePost  mächtig ­
  weiter.  Beide  Männer
entfalteten  eine  rastlose
Thätigkeit,  um  die  ihrer
Leitung  anvertraute  Verkehrsanstalt ­
  immer  mehr  zu
heben.  In  welchem  Maße
ihnen  dies  gelungen  ist,
mögen  die  folgenden  Zahlenangaben ­
  darthun.  Von  795.  Geurralpollmristcr  von  Nagler.
1850  bis  1865  stieg

die  Zahl  der  Postanstalten

von

1756  auf

2  711,

„

„

„  Postbediensteten

„

9156

„

20  596,

„

„

„  Briefpostsendungen

„

54  964  000

„

189  911000,

„

„

„  Zeitungsnummern

„

29  591000

„

81016  000,

,,

„

„  gewöhnlichen  Pakete

„

6  376  000

„

18  326000,

, r

„

„  Geld-  und  Wertsendungen

„

4  413  000

„

8  313  000,

„

„  Sendungen  mit  Postvorschuß

„

542  000

„

1  739  000,

„

„

„  baren  Einzahlungen

„

80  000

„

5  366  000,

„

„

„  Postreisenden

„

217000

n

3  832  000,

„

Summe  aller  Einnahmen

7  254  097

„

13  770  370  !

„

„  Ausgaben

„

6  424  671

„

12  232  346

der  Überschuß

„

829  426

„

1  538  024
        <pb n="756" />
        788

Posten  und  Postwesen.

Demnach  hatten  sich  in  dem  Zeitraum  von  15  Jahren  die  mit  den  Posten  beförderten ­
  Sendungen  um  mehr  als  das  dreifache,  die  Einnahmen  um  beinahe  90  Prozent
und  der  Überschuß  um  85^  Prozent  vermehrt.
Nach  dem  Gesetze  vom  21.  Dezember  1849  erfuhr  das  Briefporto  abermals  eine
bedeutende  Ermäßigung  durch  Einführung  des  Dreizouentarifs  mit  den  Sätzen  von  1,
2  und  3  Sgr.  für  den  einfachen  Brief.
Um  den  Verkehrsbedürfnissen  in  den  verschiedenen  Landesteilen  näher  zu  treten  und
den  Postdienst  besser  leiten  und  beaufsichtigen  zu  können,  schritt  man  am  1.  Januar  1850
zur  Dezentralisation  der  Verwaltung,  indem  man  für  jeden  preußischen  Regierungsbezirk
und  die  Hauptstadt  Berlin  eine  Oberpostdirektion  errichtete,  welche  den  Verwaltungsdienst ­
  für  ihren  Bezirk  innerhalb  der  ihr  vom  Generalpostamte  vorgezeichneten  Grenzen
wahrzunehmen  hatte.
In  der  Absicht,  den
Postverkehr  zwischen  den
verschiedenen  deutschen  Postgebieten ­
  zu  erleichtern,  gründeten ­
  Preußen  und  Österreich
1850  den  deutsch-österreichischen ­
  Postverein.  1852  kam
in  Preußen  ein  Postgesetz
zustande,  welches  mit  dem
dazu  erlassenen  Reglement
einen  zeitgemäßen  Ersatz  für
die  veraltete  Postordnung
von  1782  bildete.  1865
ward  das  Postanweisungsöerfahren
  eingeführt.  Nach
Bereinigung  der  Posten  in
den  1866  neuerworbenen
Ländern  sowie  der  taxisschen
Posten  mit  dem  preußischen
Postwesen  ging  das  letztere
nach  217  jährigem  Bestehen
am  1.  Januar  1868  in  demjenigen ­
  des  Norddeutschen
Bundes  auf.
795.  GencralpostdirrKtor  Kchmückrrt.  Der  deUtsch  -  österreichische
  Postverein
wurde  zunächst  von  Preußen  und  Österreich  durch  Vertrag  vom  6.  April  1850  gegründet.
Bayern  und  Sachsen  schlossen  sich  ihm  sogleich  an,  während  die  übrigen  deutschen  Staaten
erst  nach  und  nach  ihren  Beitritt  erklärten.  Der  ausgesprochene  Zweck  des  Vereins  war
die  Herbeiführung  einer  einheitlichen  Behandlung  und  Taxierung  der  im  Verkehr  zwischen
den  verschiedenen  Vereinsgebieten  gewechselten  Sendungen.  Bei  Feststellung  der  Brieftaxe
wurden  die  sämtlichen  Vereinsländer  als  ein  Postgebiet  angesehen  und  die  Sätze  von
1,  2  und  3  Sgr.  bzw.  3,  6  und  9  Kreuzer  süddeutscher  Währung  nach  dem  von  Preußen
für  seinen  inneren  Verkehr  bereits  angewandten  Dreizonentarif  angenommen.  Von  der
Einführung  einer  Einheitstaxe  für  Briefe  sah  man  im  Hinblick  auf  die  in  England  damit
gemachten  Erfahrungen  ab.  Weitere  Vereinbarungen  betrafen  die  Beschleunigung  der
Korrespondenzbefördernng,  die  Verhältnisse  zum  Auslande,  die  Förderung  der  Vereinszwecke ­
  durch  spätere  Postkonferenzen.  Durch  die  Beschlüsse  der  letzteren  wurde  denn  auchdas
  Vereinswerk  allmählich  weiter  ausgebaut,  namentlich  brachte  die  Münchener  Postkonferenz ­
  im  Jahre  1857  eine  vollständige  Umgestaltung  der  Vereins-Fahrposttaxe  zustande,
welche  bis  dahin  für  jede  an  dem  Transporte  einer  Sendung  beteiligte  Verwaltung  be-
        <pb n="757" />
        789

Der  deutsch-österreichische  Postverein.  Ter  Norddeutsche  Bund.

sonders  zu  berechnen  war,  nunmehr  aber  unter  Zugrundelegung  der  direkten  Entfernung
vom  Abgangs-  bis  zum  Bestimmungsorte  in  einem  einzigen  Satze  zur  Anwendung  gelangte.
Ließ  sich  in  dem  vom  Vereine  dem  Publikum  Gebotenen  immerhin  gegen  früher  ein
Fortschritt  erkennen,  so  war  damit  doch  verhältnismäßig  wenig  erreicht.  Die  Vereinsbestimmungen ­
  galten  nicht  für  den  inneren  Verkehr  der  einzelnen  Postbezirke,  es  blieben
also  für  diesen,  der  ungleich  umfangreicher  war  als  der  Vereinsverkehr,  die  verschiedenen
gesetzlichen,  Verwaltungs-,  Betriebs-,  Tarif-  u.  s.  w.  Vorschriften  meist  bestehen  und
demnach  in  der  Hauptsache  die  Hoffnungen  auf  einheitliche  Gestaltung  des  deutschen  Postwesens ­
  einstweilen  unerfüllt.  Erst  die  Entscheidung  des  Schwertes  im  Jahre  1866  machte
den  beklagenswerten  Zuständen  ein  Ende;  sie  führte  zur  Errichtung  des  Norddeutschen
Bundes,  in  dessen  Verfassung  die  Bestimmung  aufgenommen  wurde,  daß  für  das  gesamte ­
  Bundesgebiet  die  Post  als  einheitliche  Staatsverkehrsanstalt  eingerichtet  und  verwaltet ­
  werden  sollte.
Damit  war  der  Grund  für  das  Postwesen  des  Norddeutschen  Bundes  gelegt.
Die  Erwerbung  der  taxisschen  Posten  durch  Preußen  hatte  den  Boden  für  die  Neuordnung
der  Verhältnisse  geebnet.  Das  Generalpostamt  in  Berlin,  das  bis  dahin  die  preußische  Post
verwaltet  hatte,  wurde  als  oberste  Postbehörde  des  Bundes  eingesetzt  und  mit  der  Leitung
des  Postwesens  in  sämtlichen  Bundesstaaten  betraut.  Gleichzeitig  beseitigte  man  im  Wege
des  Übereinkommens  die  damals  im  Bundesgebiete  noch  vorhandenen  fremdländischen  Postanstalten. ­
  Neben  dem  großen  norddeutschen  Postbezirke  gab  es  nunmehr  in  Deutschland  nach
dem  Ausscheiden  Österreichs  und  Luxemburgs  nur  noch  in  den  südlich  der  Mainlinie  gelegenen ­
  Staaten  Bayern,  Württemberg  und  Baden  besondere  Postverwaltungen.  Es
war  also  wenigstens  für  Norddeutschland  eine  völlig  einheitliche  Verwaltung  der  Posten
erreicht.  Durch  Bundesgesetz  vom  2.  November  1867  wurden  die  Rechte  und  Pflichten
der  Post  für  das  ganze  Bundesgebiet  bestimmt.  Schon  seit  längerer  Zeit  hatte  man  in
Deutschland  für  Einführung  eines  gleichmäßigen  niedrigen  Briefportosatzes  gewirkt,  die
diesfälligen  Bemühungen  blieben  jedoch  bei  der  großen  Abneigung  einzelner  deutscher
Regierungen  gegen  eine  derartige  Portvreform  zunächst  ohne  Erfolg.
Kaum  aber  hatte  Preußen  infolge  der  Gründung  des  Norddeutschen  Bundes  die
Verwaltung  des  Postwesens  in  den  meisten  deutschen  Staaten  in  die  Hände  genommen,
so  trat  es  auch  mit  der  Portoreform  hervor,  nach  welcher  für  jeden  einfachen  Brief  ohne
Rücksicht  auf  die  Entfernung  innerhalb  Deutschlands  der  gleichmäßige  Portosatz  von
einem  Groschen  bezw.  drei  Kreuzern  süddeutscher  Währung  festgesetzt  wurde.  Der
finanzielle  Erfolg  dieser  durchgreifenden  Maßregel  entsprach  zwar  in  den  ersten  beiden
Jahren  nach  der  Reform  noch  nicht  den  gehegten  Erwartungen,  im  dritten  Jahre  jedoch
war  derselbe  schon  vollständig  gesichert,  nachdem  man  mit  weiser  Umsicht  nicht  nur  durch
weitere  Verkehrserleichterungen  neue  Einnahinequellen  aufgesucht,  sondern  auch  in  den
Verwaltungs-  und  Betriebsausgaben  ohne  Beeinträchtigung  der  Verkehrsinteressen  Ersparnisse ­
  herbeigeführt  und  das  sehr  ausgedehnte  Portofreitum  erheblich  beschränkt  hatte.
Mit  der  Neugründung  des  Deutschen  Reiches  im  Jahre  1871  wurde  auch  die
deutsche  Reichspost  wieder  ins  Leben  gerufen,  freilich  gegen  früher  in  sehr  veränderter
Gestalt.  Nach  den  Bestimmungen  der  Reichsverfassung  ward  das  Postwesen  für  das
gesamte  Deutsche  Reich  als  einheitliche  Staatsverkehrsanstalt  eingerichtet.  Auf  Bayern
und  Württemberg  fanden  diese  Bestimmungen  aber  leider  keine  Anwendung,  hinsichtlich
dieser  Staaten  wurde  dem  Reiche  vielmehr  nur  die  Gesetzgebung  über  die  Vorrechte  der
Post,  über  die  rechtlichen  Verhältnisse  der  letzteren  zum  Publikum,  über  die  Portofreiheiten
und  über  das  Posttaxwesen,  jedoch  ausschließlich  der  reglementarischen  und  Tarif-Bestimmungen
  für  den  inneren  Verkehr  der  genannten  beiden  Staaten,  eingeräumt.
Sonach  hat  wenigstens  die  Postgesetzgebung  für  das  ganze  Reich  eine  einheitliche  Regelung
erfahren.  Während  in  Baden  der  Landesfürst,  dessen  große  Verdienste  um  die  Herstellung
der  deutschen  Reichseinheit  ja  allbekannt  sind,  in  Übereinstimmung  mit  den  Landständen
im  Jahre  1871  den  hochherzigen  Entschluß  faßte,  das  Landespostwesen  an  das  Reich  abzutreten, ­
  haben  sich  Bayern  und  Württemberg  bisher  nicht  entschließen  können,  den  gleichen
        <pb n="758" />
        790  Posten  und  Postwesen.
Schritt  zu  thun  und  damit  der  deutschen  Einheit  ein  Opfer  zu  bringen,  das  von  der
Handels-  und  Verkehrswelt  schon  lange  ersehnt  worden  ist  und  mit  großer  Befriedigung
aufgenommen  werden  würde.
Die  neue  deutsche  Reichspvst  ist  bisher  nach  volkswirtschaftlichen  Grundsätzen  geleitet ­
  worden.  Ihre  Ziele  waren  nicht  vorzugsweise  auf  den  Gelderwerb  gerichtet,  vielmehr ­
  war  bei  allen  ihren  Anlagen  und  Einrichtungen  in  erster  Linie  die  Bedürfnisfrage
maßgebend.  Wir  glauben  uns  der  Hoffnung  hingeben  zu  dürfen,  daß  auch  fernerhin  die
gleichen  Grundsätze  zur  Anwendung  kommen  werden.  An  den  Vorteilen,  welche  die
jetzige  Reichspost  zur  Unterhaltung  und  Erleichterung  des  Verkehrs  bietet,  nehmen  alle
Schichten  der  Bevölkerung  in  den  Städten  wie  auf  dem  Lande  teil.  Ihre  Überschüsse
fließen  nicht  in  den  Säckel  eines
einzelnen,  sondern  werden  zur
Bestreitung  der  Ausgaben  des
Reichs  mit  verwendet,  kommen
also  mittelbar  allen  Angehörigen
des  Reichs-Postgebietes  zu  gute.
Wenn  die  Post  jetzt  ziemlich ­
  hohe  Überschüsse  zur  Reichs-Hauptkasse
  abliefert,  so  steht
das  mit  obigen  Ausführungen
durchaus  nicht  im  Widersprüche.
Diese  Überschüsse  rühren  nämlich ­
  größtenteils  von  den  unentgeltlichen ­
  Leistungen  der
Eisenbahnen  für  die  Post  her
(s.  Seite  62),  sie  würden  sehr
zusammenschrumpfen,  wenn  die
freie  Benutzung  der  Eisenbahnen ­
  durch  die  Post  für  eine
große  Anzahl  ihrer  Sendungen
aufhörte.
Die  obere  Leitung  des
Reichspostwesens  wurde  den
bewährten  Händen  des  Generalpostamts ­
  in  Berlin  anvertraut,
an  dessen  Spitze  seit  1870  der
Generalpostdirektor  Stephan
stand.  Die  großartigen  Leistungen, ­
  welche  wir  diesem  ersten  Leiter  der  deutschen  Reichspost  verdanken,  sichern  ihm
für  alle  Zeiten  einen  hervorragenden  Platz  in  der  Kulturgeschichte.  Er  hat  es  wie  kein
anderer  verstanden,  seine  gediegenen  Fachkenntnisse  und  seine  langjährigen  Erfahrungen
auf  dem  Gebiete  des  Postwesens  in  geistreichster  Weise  und  mit  außergewöhnlicher  Thatkraft ­
  zum  allgemeinen  Besten  glänzend  zu  verwerten.
Durch  die  Gesetze  über  das  Postwesen  des  Deutschen  Reichs  und  über  das  Posttaxwesen
  des  Deutschen  Reichs  vom  28.  Oktober  1871  fanden  die  rechtlichen  Verhältnisse
der  Post  und  die  Portotaxen  eine  ähnliche  Regelung  wie  unter  der  Herrschaft  des  Norddeutschen ­
  Bundes.  1873  wurde  die  Reform  des  „Post-Pakettarifs"  ins  Werk  gesetzt,
deren  Durchführung  zur  Belebung  des  kleinen  Warenverkehrs  und  zur  Hebung  des  Volkswohlstandes ­
  außerordentlich  viel  beigetragen  hat.  Nach  der  am  1.  Januar  1874  eingeführten ­
  Taxe  wird  innerhalb  Deutschlands  ein  Paket  bis  zum  Gewichte  von  5  Lg  im
Umkreise  von  10  Meilen  für  25  Pfennig  und  auf  alle  größeren  Entfernungen  für  den
billigen  Preis  von  50  Pfennig  durch  die  Post  befördert.  Dieser  niedrige  Portosatz  ermöglicht ­
  es  jedem,  seinen  Bedarf  an  Waren  in  kleinen  Mengen  selbst  auf  große  Ent-
        <pb n="759" />
        U

Die  deutsche  Reichspost.  791
fernungen  von  da  zu  beziehen,  wo  er  sie  am  billigsten  und  besten  einkaufen  kann.  Auf
der  anderen  Seite  erleichtert  der  billige  Paketposttarif  den  Absatz  der  Waren  für  den
Verkäufer  und  führt  zum  Ausgleich  erheblicher  Preisunterschiede  für  Waren  gleicher
Gattung  in  verschiedenen  Landesteilen.
Als  1876  die  Vereinigung  des  Reichs-Telegraphenwesens  mit  der  Post  stattfand,
wurde  die  „oberste  Post-  und  Telegraphenbehörde"  geschaffen  und  Stephan  als
Chef  derselben  zum  Generalpostmeister  ernannt.  1880  erhielt  die  genannte  Behörde ­
  die  Benennung  „Reichspostamt"  und  der  Generalpostmeister  den  Titel
„Staatssekretär  des  Reichspostamts".  In  demselben  Jahre  begann  die  Neuordnung ­
  des  Landpostdienstes,  welche  den  Zweck  verfolgte,  durch  Errichtung  einer

798.  Das  neue  NkichspoUamtstzebaaLe  i»  DrrUn.
großen  Anzahl  von  Postanstalten  in  Laudorten,  durch  bedeutende  Vermehrung
des  Landbestellpersouals  und  der  von  diesem  zu  verrichtenden  Gänge,  durch  Ausrüstung
von  Landbriefträgern  mit  Fuhrwerk,  sowie  durch  Anbringung  zahlreicher  Briefkasten  an
verschiedenen  Orten  die  ländliche  Bevölkerung  in  erhöhtem  Maße  an  den  Vorteilen
postalischer  Einrichtungen  teilnehmen  zu  lassen.  Diese  mit  großer  Beharrlichkeit  und
vielem  Geschick  durchgeführten  Maßnahmen  haben  den  schönen  Erfolg  gehabt,  daß  jetzt
jeder  Landbewohner  im  deutschen  Reichspostgebiete  seine  Briefe  und  Zeitungen  mindestens
einmal  täglich,  an  manchen  Orten  sogar  zwei-,  drei-  und  viermal  des  Tages  durch  die
Post  zugestellt  erhält.  Zur  Belebung  des  Postverkehrs  mit  dem  Auslande  trugen  die
Gründung  des  Weltpostvereins  (s.  Seite  80)  und  die  Herstellung  besonderer  „Reichs-Postdampferlinien"
  nach  Ostasien,  Australien  und  Ostafrika  erheblich  bei.  Die  deutsche
Reichspost  besteht  jetzt  erst  wenig  länger  als  ein  Vierteljahrhundert.  So  kurz  dieser  Zeitraum ­
  in  dem  Leben  der  Völker  auch  ist,  so  hat  die  Entwickelung  der  genannten  Verkehrsanstalt ­
  in  ihm  doch  so  ungeheure  Fortschritte  gemacht,  daß  diejenigen  früherer  ganzer
        <pb n="760" />
        792

Posten  und  Postwesen.

Jahrhunderte  dahinter  weit  zurückbleiben.  Wenn  auch  zur  Erzielung  solcher  Erfolge  die
Zeitverhältnisse,  die  großartige  Entfaltung  des  Handels,  der  Gewerbe-  und  Fabrikthätigkeit, ­
  die  Zunahme  geistiger  Bildung,  die  schnelle  Verwertung  wissenschaftlicher
Forschungsergebnisse,  die  rege  Unterhaltung  vorhandener  und  die  Anknüpfung  neuer  Beziehungen ­
  auf  allen  Gebieten  des  menschlichen  Daseins  und  nicht  zum  wenigsten  die
Segnungen  des  Friedens  das  ihrige  beigetragen  haben,  so  steht  doch  fest,  daß  ein  nicht
geringer  Anteil  davon  dem  1897  verstorbenen  ersten  Generalpostmeister  des  neu  erstandenen ­
  Deutschen  Reichs  gebührt.  Nach  der  bisherigen  Wirksamkeit  seines  Nachfolgers,
des  Staatssekretärs  des  Reichspostamts  von  Podbielski  glauben  wir  uns  zu  der  Annahme ­
  berechtigt  halten  zu  dürfen,  daß  er  die  ihm  anvertraute  Verwaltung  des  Reichspostwesens
  in  gleichem  Sinne  fortführen  wird.
Die  amtliche  Statistik  der  deutschen  Reichspostverwaltung  legt  Zeugnis
davon  ab,  welchen  Aufschwung  der  postalische  Verkehr  und  Betrieb  im  deutschen  Reichspostgebiete ­
  genommen  hat.  Wir  geben  hier  einen  gedrängten  Auszug  aus  derselben  und
bemerken,  daß  Bayern  und  Württemberg  bei  den  nachstehenden  Angaben  nicht  mit  berücksichtigt ­
  sind.

1872

1898

Postanstaltcn

5  755

31  693

Amtliche  Verkaufsstellen  für  Postwertzeichen  .  .

2  202

20  705

Postbrieskasten

29  150

94  838

Gesamtpersonal

49  945

173  976

Zur  Postbefvrderung  täglich  benutzte  Eisenbahnzüge ­


2  291

9  901

Postkurse  auf  Landstraßen

3  831

10  284

Postverbindungen  auf  Wasserstraßen  ....

117

76

Zahl  der  von  den  Posten  zurückgelegten  Kilometer

116  149  237

252  857  132

Gesamtzahl  der  beförderten  Sendungen  .  .  .

783  659  800

4  050  804  634

darunter:  Briefe

422  267  400

1371  567  250

Postkarten

8  471  000

632  022  580

Drucksachen,  Geschäftspapiere,  außergewöhnliche
Zeitungsbeilagen  und  Warenproben  .  .  .

60  636  100

736  056  884

Zeitungsnummern

226  868  300

1  023  979  226

Postanweisungen

12  786  800

112  513  515

Postauftragsbriefe

143  300

5  465  968

Briefe  mit  Wertangabe

13  917  900

9  522  410

Pakete  ohne  Wertangabe

33  061  300

156  631  694

Pakete  mit  Wertangabe

3  033100

3  045  107

Gesamtwertbetrag  der  Geldsendungen  Mark

13  981  421  200

23  149  587  554

und  zwar:  der  Pakete  mit  Wertangabe  „

5  514  564  800

4  709  592  830

der  Briese  mit  Wertangabe

7  934  010  400

10  944  654  120

der  Postanweisungen  „

475  022  600

6  555  813  704

der  Postauftragsbnefe  „

9  433  900

572  627  200

der  Postnachnahmesendungen  .  .  .  .  „

48  389  500

366  899  700

Gesamtgewicht  der  Paketsendungen  .  .  .  kg

140  468  000

650  825  250

Zahl  der  Postreisenden

5  558  214

1  579  966

Eine  Postanstalt  auf  je  qkm  .

77,6

14,1

Eine  Postanstalt  auf  je  Einwohner  .....

5  967

1405

Gesamteinnahmen  Mark

88  745  091

349  150  754

Bei  dem  Personal  und  den  Einnahmen  beziehen  sich  die  Angaben  für  1898  zugleich
mit  auf  das  Telegraphenwesen,  während  dies  für  1872  nicht  der  Fall  ist.
Nach  dieser  Zusammenstellung  hat  der  Verkehr  in  dem  26jährigen  Zeitraum  von
1872  bis  1898  bei  den  Postkarten  um  mehr  als  das  74fache,  bei  den  Postauftragsbriefen ­
  um  das  38fache,  bei  den  Postanweisungen  beinahe  um  das  13fache,  bei  den
Drucksachen  u.  s.  w.  um  das  12  fache  und  bei  allen  Sendungen  zusammengenommen  um
das  5fache  sich  vermehrt,  während  bei  den  Briefen  mit  Wertangabe  ein  ganz  bedeutender
Rückgang  eingetreten  ist,  was  mit  der  Vermehrung  des  Postanlveisungsverkehrs  im  Zusammenhange ­
  steht.  Die  ungewöhnlich  hohe  Verkehrszunahme  bei  den  Postkarten  und
        <pb n="761" />
        100

793

Die  deutsche  Reichspost.

den  Postanstragsbriefen  erklärt  sich  dadurch,  daß  im  Jahre  1872  der  Gebrauch  der  Postkarten ­
  sowie  das  Postauftragsverfahren  noch  neu  waren,  und  daß  man  die  Vorteile  beider
erst  im  Laufe  der  Zeit  richtig  kennen  und  schätzen  gelernt  hat.  Die  sehr  erhebliche  Abnahme ­
  des  Postreiseverkehrs  findet  ihre  Erklärung  in  der  größeren  Verdichtung  des
Eisenbahnnetzes.
Für  das  Jahr  1898  lassen  wir  hier  noch  einige  den  Umfang  der  Betriebseinrichtungen ­
  und  des  Verkehrs  der  deutschen  Reichspost  eingehender  schildernde  Zahlen  folgen:
Bon  den  31693  Postanstalten  waren  640  Postämter  I.  Klasse,  686  Postämter
II.  Klasse,  2983  Postämter
III.  Klasse,  8622  Postagenturen ­
  ,  507  Stadtpostanstalten, ­
  18110  Posthilfsstellen, ­
  32  Bahnpostämter,
4  Umspannorte  sowie  6
deutsche  Postämter  und  49
deutsche  Postagenturen  im
Auslande.  Amtliche  Verkaufsstellen ­
  für  Postwertzeichen ­
  befanden  sich
14870  in  Ortsbestellbezirken
und  5835  in  Landbestellbezirken
  der  Postanstalten.
Von  den  Postbriefkasten
waren  66  301  in  Orten  mit
Postanstalten,  25  309  in
Orten  ohne  Postanstalten,
2952  an  Bahnpostwagen
bezw.  an  Postabteilungen  der
Eisenbahnwagen,  120  an
Postwagen,  die  auf  Landstraßen ­
  verkehren,  und  156
an  Fahrzeugen  auf  Wasserstraßen ­
  angebracht.  Die
Zahl  der  Orte  mit  Postbriefkasten ­
  belief  sich  auf
55310.  Das  Personal
der  Post-  und  Telegraphenverwaltung ­
  bestand  aus
76  025  Beamten,  darunter
4665  weiblichen,  75  817
Unterbeamten  und  Postillonen ­
  der  reichseigenen  Posthaltereien,  920  Posthaltern,  3510  Postillonen  der  nicht
reichseigenen  Posthaltereien  und  17  704  außerhalb  des  Beamtenverhältnisses  stehenden
dauernd  oder  in  regelmäßiger  Wiederkehr  beschäftigten  Personen,  darunter  1568  weiblichen. ­
  Posthaltereien  gab  es  1008  mit  4432  Postillonen.  Es  wurden  9648  Pferde
sowie  15  776  Wagen  und  Schlitten  im  Postdienste  verwendet.  Die  Gesamtlänge  der
Postkurse  betrug  130178  km,  davon  entfielen  40808  km  auf  Eisenbahnen,  87127  km
stuf  Landwegen,  2243  km  auf  Wasserstraßen.  Bon  den  Eisenbahnposten  wurden
178155897  km,  von  den  Posten  auf  Landstraßen  73607  742  km  und  von  den  Posten
auf  Wasserstraßen  innerhalb  des  Reichspostgcbietes  1093  493  km  zurückgelegt.
Unter  den  2630912280  Briefsendungen  (Briefen,  Postkarten,  Drucksachen,  Geschäftspapieren ­
  und  Warenprobensenduugen)  befanden  sich  271802  500  Ortssendungen
ld.  h.  im  Bcstellbezirke  der  Aufgabe-Postanstalt  verbliebene  Sendungen),  196665940

799.  Ktantssekretar  von  PoLtnclski.
        <pb n="762" />
        794

Posten  und  Postwesen.

Sendungen  vom  Auslande,  232  648290  Sendungen  nach  dem  Auslande  und  216340450
Sendungen,  die  im  Durchgang  durch  das  deutsche  Reichspostgebiet  befördert  wurden.
Der  Auslandsverkehr  umfaßte  ungefähr  27  Prozent  des  gesamten  Briefversands  der
deutschen  Reichspost.  Von  100  nach  dem  Auslande  abgeschickten  Briefsendungen
waren  21  nach  Bayern,  17  nach  Österreich-Ungarn,  12  nach  Württemberg,  9  nach  Großbritannien ­
  und  Irland,  8  nach  Frankreich,  je  4  nach  den  Niederlanden,  der  Schweiz,  Rußland ­
  und  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika,  3  nach  Belgien,  2  nach  Italien  gerichtet; ­
  unter  100  vom  Auslande  eingegangenen  Briefsendungen  rührten  25  ans  Bayern,
19  ans  Österreich-Ungarn,  13  aus  Württemberg,  je  6  ans  Großbritannien  und  Irland  und
Frankreich,  je  4  aus  den  Niederlanden,  der  Schweiz,  Rußland  und  den  Vereinigten
Staaten  von  Amerika,  2  aus  Belgien  her.  Von  den  nach  dem  Auslande  abgegangenen
Briefsendungen  waren  1  124  750  Stück  nach  Asien,  1514  640  Stück  nach  Afrika,
12367  600  Stück  nach  Amerika  und  393150  Stück  nach  Australien  bestimmt,  während
aus  Asien  897  680,  aus  Afrika  995010,  aus  Amerika  9253630  und  aus  Australien
232  610  Briefsendnngen  eingingen.
Von  den  durch  Vermittelung  der  deutschen  Reichspostanstalten  bezogenen  3872281
Zeitnngsexemplaren  waren  3695030  im  Reichspostgebiete,  153076  in  Bayern  und
Württemberg,  5566  in  Österreich-Ungarn,  18  609  in  anderen  Ländern  erschienen  und
wurden  87  586  nach  Bayern,  30957  nach  Württemberg,  23032  nach  Österreich-Ungarn,
42  323  nach  den  übrigen  europäischen  Ländern,  248  nach  Asien,  813  nach  Afrika,  363
nach  Amerika  und  111  nach  Australien  abgesetzt.  Hierin  sind  die  unmittelbar  von  den
Verlegern  unter  Band  oder  im  Wege  des  Buchhandels  bezogenen  Zeitungen  und  Zeitschriften ­
  nicht  inbegriffen.
Unter  den  169199  211  Packerei-  und  Geldsendungen  befanden  sich  14181544
nach  dem  Anslande,  12109955  vom  Auslande  und  1822050,  die  im  Durchgang  durch
das  Reichspostgebiet  befördert  wurden,  ferner  702  720  Ortssendungen.  Nach  Asien  gingen
von  jenen  16950,  nach  Afrika  35497,  nach  Amerika  3^458  und  nach  Australien
1804  Stück.
Postanweisungen  wurden  von  den  deutschen  Reichspostanstalten  3  032  135  Stück
nach  Bayern,  1  793  387  nach  Württemberg,  1045  698  nach  Österreich-Ungarn,  157  922
nach  Frankreich,  107  291  nach  den  Niederlanden,  100011  nach  Italien,  94  259  nach  der
Schweiz,  60  413  nach  Großbritannien  und  Irland,  51818  nach  Belgien,  43  113  nach
den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  abgesandt,  während  im  Reichspostgebiete  aus  Bayern
3  641  302,  aus  Württemberg  1  284  490,  aus  Österreich-Ungarn  1  136  614,  aus  der
Schweiz  222  778,  ans  Frankreich  219  256,  aus  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika
144  551,  aus  den  Niederlanden  102  176,  aus  Dänemark  96  303,  aus  Belgien  73  113,
aus  Großbritannien  und  Irland  70  842,  aus  Italien  20  493  Postanweisungen  ankamen.
Die  Zahl  der  Postnachnahmesendungen  belief  sich  ans  23  934  490,  von  denen
im  Reichspostgebiete  etwa  der  achte  Teil  uneingelöst  blieb.
An  Postwertzeichen  wurden  im  ganzen  2394281353  Stück  für  238678236  Mk.
7  Pfg.  verkauft.
Den  oben  angegebenen  Gesamteinnahmen  für  das  Etatsjahr  1898  standen
311  361262  Mk.  Ausgaben  gegenüber,  so  daß  sich  ein  Überschuß  von  37  789492  Mk.  ergab.
Wenn  es  sich  um  Beurteilung  der  Postbetriebs-  und  Verkehrsverhältnisse  im
Deutschen  Reiche  handelt,  muß  man  sich  stets  gegenwärtig  halten,  daß  das  Gebiet  der
Reichspost  nur  44  380  206  Einwohner  zählt,  und  daß  Bayern  und  Württemberg  mit
zusammen  7  899  695  Einwohnern  selbständige  Postorganisationen  besitzen.  Den  für  das
Reichspostgebiet  gegebenen  Zahlen  müssen  deshalb  noch  diejenigen  für  Bayern  und  Württemberg ­
  hinzugerechnet  werden,  um  für  Gesamtdeutschland  zu  gelten.  Für  dieses  gelangt  man
alsdann  zu  folgenden  Ergebnissen.
Im  Jahre  1898  bestanden  in  Deutschland  35  462  Postanstalten.  Postbriefkasten
gab  es  112179.  Posthaltereien  waren  1850,  Postpferde  13430,  Postwagen  und  Schlitten
20  049  vorhanden.  Die  Länge  aller  Postkurse  betrug  153  336  Irin,  davon  entfielen  auf
        <pb n="763" />
        Postverkehr  in  Deutschland.  795
Eisenbahnen  49  102  lim,  auf  Landstraßen  101801  km,  auf  Wasserstraßen  innerhalb
Deutschlands  2433  km.
Die  Gesamtzahl  der  mit  den  Posten  beförderten  Sendungen  belief  sich  auf
4  603  555  556,  davon  rührten  169147  602  vom  Auslande  her  und  waren  204  277  093
nach  dem  Auslande  gerichtet;  im  Durchgänge  durch  Deutschland  wurden  189  497100  Stück
versandt.  Unter  den  vorbezeichneten  Gegenständen  befanden  sich  1  510  084  570  Briefe,
679  636  540  Postkarten,  620  560  980  Drucksachen  und  Geschäftspapiere,  50  702  810
Warenprobensendungen,  123  580  106  Postauweisungen,  5  888  068  Postauftragsbriefe,
1  295  777  724  Zeitungsnummern,  131  680  626  außergewöhnliche  Zeitungsbeilagen,
171  332  997  Pakete  ohne  Wertangabe,  3  502  728  Pakete  mit  Wertangabe,  10  808  407
Briefe  und  Kästchen  mit  Wertangabe.
Die  Zahl  der  Postreisenden  betrug  3  033  061.
Eine  Vergleichung  des  Postverkehrs  in  Deutschland  mit  dem  in  anderen  europäischen
Ländern  geben  wir  in  einem  besonderen  Kapitel  am  Ende  dieses  Abschnitts.
Wersen  wir  nun  noch  einen  Blick  auf  die  Ertrags-,  Betriebs-  und  Verkehrsverhältnisse
der  bayrischen  und  Württembergischen  Posten.
In  Bayern  betrug  die  Gesamteinnahme  aus  dem  Post-  und  Telegraphenverkehr  im
Jahre  1898:  31  837  148  Mark,  die  Gesamtausgabe  dagegen  27  133  608  Mark,  der
Ueberschuß  also  4  703  540  Mark.  Postanstalten  waren  in  demselben  Jahre  2820  in
Thätigkeit,  es  entfiel  demnach  je  eine  Postanstalt  ans  26,9  qkm  und  auf  2063  Einwohner.
Briefkasten  gab  es  12  744,  von  denen  6115  in  Postorten,  4399  in  Orten  ohne  Postanstalt, ­
  831  an  Bahnpostwagen,  1393  an  Postwagen  auf  Landstraßen  und  6  an  Fahrzeugen ­
  auf  Wasserstraßen  angebracht  waren.  Das  Post-  und  Telegraphenpersonal  bestand
aus  16  568  Köpfen.  Posthaltereien  waren  648  mit  1319  Postillonen  und  2845  Pferden
vorhanden.  Postwagen  und  Schlitten  standen  3073  zur  Verfügung.  Postverbindungen
wurden  täglich  unterhalten:  auf  Eisenbahnen  1614,  ans  Landstraßen  2458,  auf  Wasserstraßen ­
  6.  Die  Posten  legten  im  Jahre  zurück  27  276  436  km  auf  Eisenbahnen,
12105  798  km  auf  Landwegen.  Befördert  wurden  174069800  frankierte  und  2  242160
unfrankierte  Briefe,  52  943  350  Postkarten,  62  036  580  Drucksachen,  5  482  790  Warenprobensendungen, ­
  261  351  367  Zeitungsnninmern,  11  255  841  Postanweisungen  über
653  706  303  Mark,  492  734  Postauftragsbriefe,  1  473  122  Briefe  und  Kästchen  mit
Wertangabe  von  1  401057  060  Mark,  22  069  569  Pakete  ohne  Wertangabe,  653  778
Pakete  mit  Wertangabe  von  545  979  680  Mark,  l  366  440  Briefe  und  1  950  320  Pakete
mit  Nachnahme  von  45  008  950  Mark.  Das  Gesamtgewicht  der  beförderten  Paketsendnngen
  betrug  95  371  640  kg.  Mit  den  Posten  reisten  888112  Personen.
In  Württemberg  gab  es  im  Verwaltungsjahre  1897/98:  996  Postanstalten,
darunter  303  Posthilfsstellen;  es  kam  daher  je  eine  Postanstalt  auf  19,e  qkm  und  auf
2090  Einwohner.  Amtliche  Verkaufsstellen  für  Postwertzeichen  lvaren  741  vorhanden.
Die  Zahl  der  Postbriefkasten  betrug  4186,  außerdem  boten  die  Briefeinwürfe  an  93  Bahnpostwagen ­
  und  3  Eisenbahngepäckwagen  sowie  die  Briefladen  an  Postwagen  auf  Landwegen
Gelegenheit  zur  Briefeinlieferung.  Das  Personal  bestand  aus  6455  Post-  und  Telegraphenbeamten ­
  und  Unterbeamten,  von  denen  1108  gleichzeitig  im  Eisenbahndienste  thätig  waren.
Zu  den  Postbeförderungen  auf  Landstraßen  waren  794  Wagen  und  317  Schlitten  im
Gebrauch  und  wurden  932  Pferde  verwendet.  Die  Gesamtlänge  der  Postkurse  auf
Eisenbahnen  betrug  1793  km,  auf  Landstraßen  3528  km.  Auf  Wasserstraßen  wurden
durchschnittlich  täglich  37  Dampfschiffsverbindungen  mit  einer  Kurslänge  von  73  km
benutzt.  Die  Posten  legten  zurück  auf  Eisenbahnen  8  649  778  km,  auf  Landwegen
3  708  043  km,  auf  Wasserstraßen  154  110  km.  An  Postgegenständen  wurden  überhaupt
215  664  764  Stück  befördert,  darunter  71  069  492  Briefe,  27  444  928  Postkarten,
35  449  284  Drucksachen  und  Geschäftspapiere,  1  708  928  Warenprobensendungen,
55  527042  Zeitungsnummern,  5  695  085  außergewöhnliche  Zeitungsbeilagen,  5353411
Postanweisungen  über  503  175  730  Mark,  332  228  Postauftragsbriefe,  688  740  Briefe
mit  Wertangabe  von  568  016  202  Mark,  11  427  598  Pakete  ohne  Wertangabe,  358  124
100*
        <pb n="764" />
        796

Posten  und  Postwesen.
Pakete  mit  Wertangabe  von  335  153  390  Mark,  609  544  Briefe  mit  Nachnahme  über
15  341  872  Mark.  Das  Gesamtgewicht  der  Pakete  berechnete  sich  auf  47  503  225  kg.
Mit  den  Posten  reisten  594048  Personen.  Für  Postwertzeichen  wurden  10918354  Mark
gelöst.  Die  Post-  und  Telegrapheneinnahmen  beliefen  sich  auf  12  660  796  Mark,  die
Ausgaben  auf  10  385  493  Mark.  Der  Überschuß  stellte  sich  mithin  auf  2  275  303  Mark.
Nachdem  wir  in  Vorstehendem  ein  freilich  nur  skizzenhaftes  Bild  von  der  Entwickelung ­
  der  Posten  und  ihres  Verkehrs  in  den  bedeutenderen  Kulturländern  der  Erde
geliefert  haben,  wollen  wir  die  rechtliche  Stellung  der  Post  im  Deutschen  Reiche  sowie
ihre  wichtigsten  Einrichtungen  noch  einer  kurzen  Besprechung  unterziehen.
Postregal  und  Postzwang.  Um  der  Post  die  Erfüllung  ihrer  volkswirtschaftlichen, ­
  das  allgemeine  Wohl  ins  Auge  fassenden  Aufgaben  zu  erleichtern  und  einen  ihre
Wirksamkeit  lähmenden  Mitbewerb  fernzuhalten,  sind  ihr  in  den  meisten  Staaten  besondere
Rechte  vorbehalten  worden.  Das  bedeutendste  von  diesen  ist  das  Po  st  re  gal,  das  in  der
ausschließlichen  Befugnis  des  Staats  zur  Beförderung  von  Personen  und  Gegenständen
besteht.  Hieraus  entwickelte  sich  später  der  Postzwang,  d.  h.  die  dem  Publikum  auferlegte ­
  Verpflichtung,  sich  zur  Versendung  gewisser  Gegenstände  ausschließlich  der  Post
zu  bedienen.  Das  Postregal  beschränkt  nur  das  Transportgewerbe,  der  Postzwang  dagegen ­
  lrifft  alle  Versender,  also  das  gesamte  Publikum.  Der  Umfang  des  Postregals
weicht  in  den  verschiedenen  Ländern  sehr  voneinander  ab.  Während  es  sich  z.  B.  in  der
Schweiz  auf  die  Beförderung  von  verschlossenen  Briefen,  Postkarten,  Zeitungen  politischen
Inhalts  und  von  verschlossenen  Sendungen  aller  Art  bis  zum  Gewichte  von  5  kg  sowie
auf  den  Transport  von  Personen  durch  regelmäßige  Fahrgelegenheiten  und  mittels  Extrapost ­
  erstreckt,  hat  es  in  England  und  Frankreich  lediglich  die  Beförderung  verschlossener
Briefe  zum  Gegenstände.  In  Deutschland  ist  nach  der  Gesetzgebung  von  1871  das  Postregal ­
  nur  noch  hinsichtlich  der  Beförderung  von  verschlossenen  Briefen  und  Zeitungen
politischen  Inhalts,  welche  mindestens  viermal  monatlich  erscheinen,  von  einem  Postorte
nach  einem  anderen  Postorte  aufrecht  erhalten.  Diese  Gegenstände  unterliegen  zugleich
dem  Postzwange.  Ihre  Versendung  auf  andere  Weise  als  durch  die  Post  ist  jedoch  zulässig,
wenn  die  Beförderung  entweder  unentgeltlich  oder  durch  besondere  Boten  geschieht,  ferner
wenn  sich  am  Abgangs-  oder  am  Bestimmungsorte  eine  Postanstalt  nicht  befindet,  oder
wenn  bei  Zeitungen  der  zweimeilige  Umkreis  ihres  Ursprungsortes  nicht  überschritten
wird.  Zuwiderhandlungen  gegen  die  gesetzlichen  Vorschriften  über  das  Postregal  und  den
Postzwang  sind  strafbar.  Durch  Gesetz  vom  20.  Dezember  1899  ist  das  Postregal  und
der  Postzwang  auch  auf  verschlossene  Briefe  ausgedehnt  worden,  die  innerhalb  der  Gemeindegrenzen ­
  ihres  mit  einer  Postanstalt  versehenen  Ursprungsorts  verbleiben,  und  der
Betrieb  von  Anstalten  zur  gewerbsmäßigen  Einsammlung,  Beförderung  oder  Verteilung
von  unverschlossenen  Briefen,  Karten,  Drucksachen  und  Warenproben  verboten.
Weitere  Vorrechte,  welche  den  deutschen  Posten  hauptsächlich  zur  Sicherung  eines
ungestörten  Betriebes  verliehen  sind,  bestehen  darin,  daß  andere  Fuhrwerke  den  Posten
ausweichen  müssen,  daß  letztere  bei  schlechter  Beschaffenheit  der  Wege  über  ungehegte
Äcker  und  Wiesen  fahren  dürfen,  daß  eine  Pfändung  gegen  die  Posten  nicht  erlaubt  ist,
daß  die  Anwohner  der  Straßen  verpflichtet  sind,  den  Posten  Hilfe  zu  leisten,  falls  ihnen
ein  Unfall  begegnet,  daß  das  Inventar  einer  Posthalterei  nicht  mit  Beschlag  belegt
werden  darf  n.  a.  m.
Das  Briefgeheimnis,  dessen  strenge  Bewahrung  unbedingt  notwendig  ist,  um
das  Vertrauen  des  Publikums  zur  Post  zu  erhalten,  ist  in  Deutschland  und  den  meisten
übrigen  Staaten  gesetzlich  gewährleistet.  In  früherer  Zeit  wurde  es  nicht  sonderlich
respektiert,  namentlich  wenn  Korrespondenzen  von  und  an  Personen  in  Frage  kamen,
von  denen  eine  Gefährdung  der  Interessen  des  Staats  erwartet  werden  konnte.  Insbesondere ­
  hat  man  in  Frankreich  das  Öffnen  von  Briefen  systematisch  betrieben  und  dazu
in  Paris  ein  besonderes  Bureau,  das  berüchtigte  „schwarze  Kabinett",  unterhalten.
Auch  in  Deutschland  hielt  man  sich  nicht  frei  von  derartigen  Mißbräuchen.  Heutzutage
wird  indes  wenigstens  bei  der  deutschen  Post  auf  die  Wahrung  des  Briefgeheimnisses
        <pb n="765" />
        797

Postregal  und  Postzwang.  Das  Briefgeheimnis.

streng  gehalten,  so  daß  Klagen  über  Verletzung  desselben  stets  als  unbegründet  haben
zurückgewiesen  werden  können.  Daß  in  Kriegszeiten  auf  Beobachtung  des  Briefgeheimnisses
nicht  gerechnet  werden  kann,  ist  natürlich.
Ein  weiteres  Erfordernis,  um  das  Vertrauen  des  Publikums  zur  Postverwaltung
zu  befestigen,  ist  die  Haftpflicht  der  letzteren.  Diese  erstreckt  sich  allgemein  nicht  auf
gewöhnliche  Briefsendungcn,  dagegen  tritt  sie  in  Deutschland  ein  bei  Sendungen,,  welche
der  Absender  ihrer  Wichtigkeit  wegen  auf  der  Post  einschreiben  läßt  (Einschreibsendungen),
ferner  bei  Briefen  mit  angegebenem  Wertinhalte,  bei  Paketen  mit  und  ohne  Wertangabe
sowie  bei  Beträgen,  welche  auf  Postanweisungen  eingezahlt  oder  auf  Postaufträge
und  Nachnahmesendungen  von  der  Post  einkassiert  worden  sind.  Für  Einschreibbriefe
wird  nur  im  Verlustfalle,  für  die  übrigen  vorgenannten  Sendungen  aber  sowohl  in
Verlust-  als  auch  in  Beschädigungsfällen  Ersatz  geleistet.  Auch  findet  bei  stattgehabter
Beschädigung  von  Reisenden  auf  den  ordentlichen  Posten  die  Wiedererstattung  der  erforderlichen ­
  Kur-  und  Verpflegungskosten  statt.  Die  meisten  übrigen  Postverwaltungen
leisten  ebenfalls  für  gewisse  Gattungen  von  Sendungen  Garantie,  die  Post  der  Bereinigten
Staaten  von  Amerika  erkennt  indes  eine  Haftpflicht  dem  Publikum  gegenüber  nur  für
eingeschriebene  Briefe  und  Postkarten  des  inneren  Verkehrs  an.
Als  Postverseudungsgegenstände  werden  alle  Sachen  zugelassen,  welche  sich
nach  ihrer  Beschaffenheit,  ihrem  Umfange  und  ihrer  Schwere  zum  Posttransport  eignen.
Sie  zerfallen  in  Briefsendungen  und  in  Paketsendungen.  Zu  ersteren  gehören  außer
den  gewöhnlichen  Briefen  die  Einschreibbriefe,  Nachnahmebriefe,  Postaufträge,  Postanweisungen, ­
  Briefe  mit  Wertangabe,  Briefe  mit  Zustellungsurkunde,  Postkarten,  Warenproben- ­
  und  Mustersendungen,  Drucksachen  unter  Band  oder  in  offenen  Umschlägen  und
Zeitungen.  Die  Paketsendungen  bestehen  aus  gewöhnlichen  Paketen,  Einschreibpaketen,
Nachnahmepaketen  und  Paketen  mit  Wertangabe.
Als  in  Deutschland  der  Transport  von  Paketen  und  Personen  ganz  freigegeben
war,  erörterte  man  im  Hinblick  auf  andere  Länder,  wo  sich  die  Post  mit  der  Paket-  und
Personenbeförderung  nicht  befaßt,  vielfach  die  Frage,  ob  die  Post  nicht  auch  bei  uns  diese
Verkehrszweige  ganz  aufgeben  und  sie  lediglich  der  Privatindustrie  überlassen  sollte.  Es
sind  denn  auch  in  Deutschland  wiederholt  Versuche  gemacht  worden,  einen  Paketbeförderungsdienst ­
  durch  Privatunternehmungen  zu  organisieren;  doch  sind  diese  Versuche,  soweit  es
sich  dabei  nicht  bloß  nm  einzelne  Städte  handelt,  seither  nur  ungünstig  ausgefallen.  Das
ist  auch  leicht  erklärlich,  da  die  Post  diesen  Dienst  besser  und  billiger  versehen  kann  als
irgend  ein  Privatunternehmer.  Sie  ist  genötigt,  zu  der  ihr  obliegenden  Briefbeförderung
viele  Transportanstalten  zu  unterhalten,  und  es  ist  in  den  meisten  Fällen  nur  eine  mäßige
Erweiterung  oder  anderweite  Einrichtung  derselben  erforderlich,  um  sie  auch  für  die
Paket-  und  Personenbeförderung  verwendbar  zu  machen.  Die  Vereinigung  dieser  drei
Verkehrszweige  verringert  natürlich  die  Kosten  für  jeden  einzelnen  beträchtlich.  Ein  Privatmann ­
  hingegen  kann,  da  ihm  die  Briefbeförderuug  gesetzlich  untersagt  ist,  nur  der  Paketund
  Personenbeförderung  sich  widmen.  Wenn  nun  schon  die  Postverwaltung  aus  diesen
letzteren  beiden  Beförderungsarten,  wie  statistisch  nachgewiesen  ist,  einen  Reingelvinn  nicht
erzielt,  wie  viel  weniger  wird  dies  einem  Privatmanne  möglich  sein,  welcher  die  der  Post
für  den  Pakettransport  auf  den  Eisenbahnen  gesetzlich  zustehenden,  nicht  unbedeutenden
Vergünstigungen  entbehren  muß.  Zwar  soll  nicht  in  Abrede  gestellt  werden,  daß  auch
Privatunternehmer  auf  frequenten  Kursen  in  dem  Paket-  und  Personentransport  lohnenden
Erwerb  wohl  finden  können,  der  Allgemeinheit  ist  aber  damit  nicht  gedient.  Es  wird
schwerlich  jemand  geneigt  sein,  Transportanstalten  da  hervorzurufen,  wo  dieselben  einen
Gewinn  nicht  erhoffen  lassen.  Alle  diejenigen  Orte  also,  welche  in  verkehrsärmeren
Gegenden  liegen,  würden  des  Vorteils  derartiger  Unternehmungen  nicht  teilhaftig  werden.
Darin  liegt  nun  der  große  volkswirtschaftliche  Nutzen  der  Post,  daß  sie  ihre  Einrichtungen
nicht  bloß  für  die  verkehrsreichen,  sondern  auch  für  die  minder  frequenten  Ortschaften  und
Gegenden  trifft,  daß  sie  die  Überschüsse,  welche  an  Orten  mit  lebhaftem  Verkehr  erzielt
werden,  zum  Teil  dazu  verwendet,  den  Verkehr  da  zu  erleichtern,  wo  derselbe  der  Unter-
        <pb n="766" />
        798  Postversendungsgegenstände.
stützung  benötigt  ist.  Hiernach  kann  man  im  allgemeinen  Interesse  nur  wünschen,  daß  die
Paket-  und  Personenbeförderung  da,  wo  sie  sich  bereits  in  den  Händen  der  Post  befindet,
dieser  auch  verbleibe.  Ja  es  hat  sich  in  neuester  Zeit  selbst  in  einigen  Ländern,  in  welchen
seither  die  Post  auf  die  Briesbeförderung  sich  beschränkte,  die  Überzeugung  Bahn  gebrochen,
daß  die  Mitübernahme  des  Pakettransports  durch  die  Post  eine  das  allgemeine  Wohl  der
Bevölkerung  fördernde  Maßregel  sei,  welche  außerdem  nicht  zu  verachtende  finanzielle
Vorteile  gewähre.  In  dieser  Erkenntnis  sind  z.  B.  die  Postverwaltungen  von  Italien,  den
Niederlanden,  Großbritannien  und  Irland,  deren  Betrieb  sich  zuvor  nur  auf  die  Beförderung
von  Briefpostgegenständen  erstreckte,  dazu  übergegangen,  auch  die  Fortschaffung  von  Paketen
in  den  Bereich  ihrer  Thätigkeit  zu  ziehen.  Die  Anregung  dazu  mag  wohl  der  Antrag  der
deutschen  Reichspostverwaltung  auf  Herstellung  eines  internationalen  Paketpostdienstes  gelegentlich ­
  des  Pariser  Postkongresses  gegeben  haben.  Von  den  genannten  drei  Verwaltungen
führte  zuerst  die  italienische  am  1.  Oktober  1881  den  Paketbeförderungsdienst  im
Inneren  des  Landes  ein;  ihr  folgte  am  15.  März  1882  die  niederländische  und  dieser  am
1.  August  1883  die  britische.  Die  segensreichen  Folgen  dieser  Erweiterung  des  Postbetriebes ­
  machten  sich  schon  nach  kurzer  Erprobung  derselben  in  vollem  Maße  geltend,
und  es  wird  allseitig,  namentlich  auch  in  der  Presse  der  betreffenden  Länder,  unumwunden
anerkannt,  daß  die  Postverwaltungen  der  drei  Staaten  der  Bevölkerung  der  letzteren  durch
die  Übernahme  des  Pakettransports  eine  große  Wohlthat  erwiesen  haben.  Die  Anschauung,
daß  Verkehrseinrichtungen  (auch  Eisenbahnen  u.  s.  w.),  weil  sie  überhaupt  für  die  von
einzelnen  Personen  betriebene  Privatindustrie  unmöglich  sind,  auch  nicht  in  den  Händen
von  Privatgesellschaften  sein  sollten  (welche  doch  eben  auch  eine  Beamtenhierarchie  u.  s.w.
voraussetzen),  sondern  von  der  Korporation  gehandhabt  werden  müssen,  welche  das  größte
öffentliche  Vertrauen  besitzt,  also  dem  Staate,  kommt  immer  mehr  und  mehr  zur  allgemeinen
Geltung  und  hat  in  neuerer  Zeit  namentlich  in  Preußen  zur  Verstaatlichung  einer  großen
Anzahl  von  Eisenbahnunternehmungen  geführt.  In  England  wurden  im  Jahre  1898
bereits  nahezu  72  Millionen  Pakete  durch  die  Post  befördert.  Wie  ungeheuer  der  Postpaketverkehr ­
  in  Deutschland  angewachsen  ist,  haben  wir  schon  oben  gezeigt.  In  Berlin
allein  belief  sich  die  Zahl  der  aufgelieferten  und  eingegangenen  Pakete  1898  auf
28  791  972  Stück.  Von  der  Massenhaftigkeit  dieser  Sendungen  kann  man  sich  nur
schwer  eine  Vorstellung  machen.  In  einen  Eisenbahngüterwagen  können  in  der  Regel
nicht  mehr  als  1400  Pakete  verladen  werden,  demnach  füllen  die  in  Berlin  in  einem
Jahre  eingegangenen  und  von  da  abgesandten  Pakete  nicht  weniger  als  20565  Eisenbahnwagen ­
  aus.  Zur  Bewältigung  dieser  Paketmassen  sind  natürlich  großartige  Vorkehrungen ­
  getroffen.  Das  gilt  namentlich  hinsichtlich  der  ankommenden  gewöhnlichen
Pakete,  welche  bei  einer  einzigen  Zentralstelle  (dem  Paketpostamt)  zusammenfließen.  Von
diesen  Paketen  werden  die  an  Abholer  gerichteten  in  besonderen  Räumen  übersichtlich  geordnet ­
  zur  Abholung  bereit  gestellt,  die  übrigen  dagegen  in  die  Bestell-Paketkammern  geschafft. ­
  Letztere  bestehen  aus  zwei  langgestreckten,  einander  gegenüberliegenden  und  durch
einen  ziemlich  breiten  Hof  getrennten  Räumen,  welche  106  Fachwerke  enthalten.  Die
ganze  Stadt  ist  in  ebenso  viele  Paketbestellreviere  eingeteilt,  so  daß  also  für  jedes  Revier
ein  Fach  vorhanden  ist,  in  welches  die  in  dem  Reviere  zu  bestellenden  Sendungen  niedergelegt ­
  werden.  Es  finden  wochentäglich  drei  Paketbestellungen  statt,  zu  denen  meistens
einspännige,  selten  zweispännige  Wagen  benutzt  werden.  Die  Zahl  der  bei  den  einzelnen
Bestellungen  zur  Verwendung  kommenden  Fahrzeuge  ist  verschieden  und  richtet  sich  nach
der  Menge  der  in  Betracht  kommenden  Sendungen.  Während  bei  der  ersten  Ausfahrt
oft  100  und  mehr  Wagen  einzustellen  sind,  reichen  bei  der  zweiten  und  dritten  jedesmal
etwa  60  aus.  Bleibt  die  Zahl  der  Wagen  hinter  derjenigen  der  Bestellreviere  zurück,  so
werden  einzelne  Fahrzeuge  zur  Bestellung  der  Pakete  in  zwei  oder  mehr  Revieren  benutzt.
Nachdem  die  Pakete  aus  den  Fachwerken  der  Bestell-Paketkammern  in  die  Wagen  verladen ­
  worden  sind,  fahren  diese  in  die  Reviere  ab,  was  in  den  freilich  selten  vorkommenden
Fällen,  wo  die  Abfahrt  sämtlicher  Wagen  gleichzeitig  erfolgt,  einen  ganz  imposanten  Anblick ­
  gewährt.  Bei  der  stetigen  erheblichen  Zunahme  des  Paketverkehrs  und  bei  der  an-
        <pb n="767" />
        800  Posten  und  Postwesen.

dauernden  Vergrößerung  des  Stadtgebiets  wird  man  indes  bald  zu  einer  Dezentralisation
der  Bestelleinrichtungen  für  die  in  Berlin  ankommenden  Pakete  schreiten  müssen,  um  die
Massen  besser  bewältigen  zu  können.
Die  Post  und  das  Zeitungswesen.  Von  unberechenbarer  Bedeutung  erscheint
die  Post  als  Vermittlerin  des  geistigen,  zumal  des  Zeitungsverkehrs  unserer
Tage,  wo  die  Tagespresse  für  jedermann  gewissermaßen  die  tägliche  geistige  Speise
liefert.  Die  ersten  gedruckten  Zeitungen  entstanden  in  Deutschland  im  Reformationszeitalter, ­
  jener  denkwürdigen  Epoche,  welche  mit  ihrem  gewaltigen  Jdeeninhalt  die  mitteleuropäische ­
  Menschheit  nach  allen  Richtungen  hin  aus  ihrer  Lethargie  aufrüttelte.
Bon  den  jetzt  bestehenden  Zeitungen  ist  wohl  der  „Kin  Pan"  in  China  die  älteste;
sie  soll  im  Jahre  911  unserer  Zeitrechnung  gegründet  sein.  Anfänglich  wurde  sie  in
unbestimmten  Fristen,  von  1361  an  wöchentlich  herausgegeben.  Seit  1804  erscheint  sie

801.  Wagemrbfatirt  am  pakctpastamt  in  Berlin.
in  drei  Ausgaben  täglich.  Unter  den  jetzigen  deutschen  Zeitungen  wird  das  „Frankfurter
Journal"  als  die  älteste  angesehen;  sie  ist  1615  entstanden.  Das  Zeitnugswesen  ist
erst  groß  gezogen  worden  durch  die  Posten.  Man  betrachtete  ehedem  und  auch  später
das  Zeituugsgeschäft  als  eine  Ausgabe  der  Postanstalt;  insbesondere  behauptete  die  frühere
Reichspost  in  Deutschland  nicht  nur  das  Recht  der  Versendung,  sondern  auch  des  Drückens
der  Zeitungen  und  geriet  deshalb  in  mancherlei  Konflikte  mit  anderen  Zeitungsunternehmern. ­
  Aus  jener  Periode  rühren  denn  auch  noch  die  Journale  her,  welche  den  Titel
„Postzeitung",  „Postreiter"  u.  s.  w.  tragen.  Sobald  in  Deutschland  regelmäßig
erscheinende  Neuigkeitsblätter  aufkamen,  bildete  deren  Versendung  unbestritten  einen
Zweig  des  Postdienstes,  und  die  daraus  erwachsenden  Einnahmen  waren  den  Postbeamten
überlassen.  Die  Zusendungsgebühren  wurden  freilich  nach  Willkür  festgesetzt,  und  vornehmlich ­
  zeichneten  sich  die  Postanstalten  der  Kleinstaaten  und  Kleinstaatchen  in  ihrer
Weise  durch  maßloses  Aufschlagen  aus.  Ein  Blatt  z.  B.,  welches  in  Bamberg  4^/z  Gulden
kostete,  wurde  in  dem  nicht  fernen  Eichstädt  um  7  Gulden  verkauft.
Während  die  Posten  in  England  und  Frankreich  sich  nur  mit  der  Beförderung
der  Zeitungen  befassen,  hat  die  deutsche  Post  auch  das  Zeitungsvermittelungsgeschäft  beibehalten, ­
  d.  h.  die  Post  besorgt  die  Annahme  und  Ausführung  von  Bestellungen,  die
        <pb n="768" />
        Postzeitungswesen.  801
Beförderung  der  Zeitungen  vom  Verlagsorte  nach  den  Absatzorten  und  die  Verteilung
der  einzelnen  Nummern  sowie  die  Einziehung  der  Abonnementsgelder  und  die  Zahlung
derselben  an  den  Verleger.  In  den  Vereinigten  Staaten  befaßt  sich  die  Post  gar  nicht
mit  Abonnementsannahmen  und  dem  Austragen  von  Zeitungen;  vielmehr  werden  letztere
unter  Streifband  versandt  oder,  namentlich  die  großen  täglich  erscheinenden,  in  Masse
durch  die  vorhin  erwähnten  Expreßanstalten  an  Agenten  in  benachbarte  Städte  geschickt
und  daselbst  mit  einem  mäßigen  Aufschlag  für  Fracht  und  Trägerlohn  verkauft.  Bei
der  großen  Bedeutung  des  heutigen  Zeitungswesens  fällt  der  Post  sicher  die  Aufgabe
zu,  die  Zeitungen  möglichst  wohlfeil  zu  befördern,  damit  jedermann,  namentlich  auch  der
Unbemittelte,  sein  Bedürfnis  nach  Zeitungslektüre  befriedigen  kann.  Dieser  Aufgabe  entsprechen ­
  jedoch  unsere  Posten  noch  nicht  überall  und  nicht  genügend.  Bei  dem  internationalen ­
  Zeitungsverkehr  tritt  für  politische  Blätter  ein  Postaufschlag  ein,  welcher

802.  iln-  Aritungsvcrpackirngssaat  im  Zritungspostmnt  ;u  Leipzig.

sich  auf  100  Prozent  belaufen  kann  und  das  Aufkommen  einer  wohlfeilen  politischen
Presse  ganz  außerordentlich  erschwert.  Dies  ist  um  so  weniger  gerechtfertigt,  als  die
Teilnahme  des  Volkes  an  den  öffentlichen  Angelegenheiten  mittels  Benutzung  der  internationalen ­
  Zeitnngspresse  grundsätzlich  erleichtert  werden  sollte;  denn  ein  wohlunterrichtetes ­
  Volk  ist  an  und  für  sich  einsichtsvoller  und  verläßlicher  als  die  unwissende
Masse.  Zur  Hebung  des  Zeitungsverkehrs  wie  der  Volksbildung  überhaupt  ist  eine  entsprechende ­
  Ermäßigung  der  Speditionsgebühren  im  Verkehr  mit  dem  Auslande  dringend
erforderlich.
Um  dem  Publikum  für  den  Bezug  ausländischer  Zeitungen  vorteilhaftere  Bedingungen
zu  verschaffen,  wurde  auf  dem  Weltpostkongresse  zu  Wien  1891  zwischen  Deutschland,
Österreich-Ungarn,  Belgien,  der  Schweiz,  Dänemark,  Schweden,  Norwegen  und  mehreren
anderen  Staaten  eine  Übereinkunft  getroffen,  wonach  der  internationale  Zeitungsdienst
in  ähnlicher  Weise  wie  der  im  Inneren  Deutschlands  wahrgenommen  werden  soll.  Dem
Übereinkommen,  das  am  1.  Juli  1892  in  Kraft  getreten  ist,  haben  sich  leider  England,
Frankreich,  Italien,  die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  u.  a.  noch  nicht  angeschlossen.
Daß  dies  baldigst  geschehe,  ist  im  Interesse  der  weiteren  Förderung  des  internationalen
Zeitungsverkehrs  sehr  zu  wünschen.

101
        <pb n="769" />
        802

Posten  und  Postwesen.

Die  Zahl  sämtlicher  auf  der  Erde  erscheinenden  Zeitungen  beträgt  über  40000,
wovon  Europa  mehr  als  die  Hälfte  liefert;  Asien  ist  mit  etwa  4000  beteiligt,  von  denen
die  meisten  in  Japan  erscheinen.  In  Afrika  werden  nur  etwa  400  Zeitungen  herausgegeben, ­
  während  Amerika  sich  einer  sehr  entwickelten  Zeitungsindustrie  erfreut.  In
Europa  nimmt  Deutschland  in  der  Zeitungsproduktion  die  erste  Stelle  ein,  ihm  folgen
zunächst  England,  dann  Frankreich,  Italien,  Österreich-Ungarn,  Spanien,  Rußland  u.  s.  w.
Von  dem  Postzeitungsamte  in  Berlin  allein  wurden  im  Jahre  1895:  785  Blätter  mit
280  Millionen  Nummern  und  15  Millionen  außerordentlichen  Beilagen  in  5400000  Paketen ­
  an  mehr  als  10000  Postanstalten  regelmäßig  versandt.
Ordnet  man  die  Zeitungen  nach  Sprachen,  so  steht  die  englische  mit  der  größten
Zahl  obenan,  dann  folgen  die  deutsche,  die  französische,  die  spanische  Sprache.  Die  vom
Postzeitnngsamte  in  Berlin  für  1900  herausgegebene  Zeitnngspreisliste  weist  im  ganzen
12456  Zeitungen  nach,  von  denen  8784  in  deutscher,  1299  in  englischer,  1075  in
französischer,  224  in  dänischer,  189  in  schwedischer,  154  in  italienischer,  139  in  polnischer, ­
  je  107  in  holländischer  und  in  russischer,  105  in  spanischer,  87  in  norwegischer,
36  in  ungarischer  und  die  übrigen  in  verschiedenen  anderen  Sprachen  gedruckt  waren.
Davon  erschienen  in  Berlin  1001,  in  Leipzig  361.  Unter  den  Tagesblättern  soll  jetzt
das  „Petit  Journal"  in  Paris  mit  nahezu  500000  Abnehmern  das  verbreitetste  sein;
in  Deutschland  zählt  der  Berliner  Lokalanzeiger  die  meisten  Abonnenten,  nämlich  über
220000.  Die  teuerste  Zeitung,  das  „New  Jork  Maritime  Register",  kostet  497  Mark
30  Pfennig  für  das  Jahr.
Versendung  von  Drucksachen  und  Mustern.  Postkarten.  Kartenbriefe.
Durch  Einführung  eines  sehr  niedrigen  Portos  für  Sendungen  unter  Band  ist  die  Versendung ­
  von  Drucksachen  und  Warenproben  außerordentlich  erleichtert.  Alle  gedruckten ­
  oder  sonst  auf  mechanischem  Wege  hergestellten  Gegenstände,  wie  Familienanzeigen, ­
  Preislisten,  Geschästsanzeigen,  Landkarten  und  Korrekturbogen,  in  denen  selbst
schriftliche  Änderungen  und  Zusätze  angebracht  werden  können,  genießen  in  Deutschland
sowie  in  den  meisten  anderen  Ländern  so  ermäßigte  Taxen,  daß  dadurch  namentlich  dem
geschäfttreibenden  Publikum  wesentliche  Vorteile  geboten  werden.  Gleich  wichtig  erscheint
auch  die  ermäßigte  Taxe  für  Warenproben,  wie  Leinen-,  Tuch-  und  Tapetenmuster,  die
unter  Kreuzband,  und  Getreide-,  Kaffee-  oder  Sämereienproben  u.  dgl.,  welche,  in
Säckchen  u.  s.  w.  verpackt,  eine  ähnliche  Vergünstigung  genießen  wie  Drucksachen.  Eine
sehr  dankenswerte  Einrichtung  ist  in  neuerer  Zeit  durch  die  Einführung  der  Postkarten
geschaffen,  welche  man,  mit  schriftlichen  Eintragungen  versehen,  für  den  billigen  Preis
von  5  Pfennig  durch  ganz  Deutschland,  und  für  10  Pfennig  von  einem  Ende  der  Welt
bis  zum  anderen  versenden  kann.  Obgleich  seit  der  Entstehung  dieses  neuen  Postversendungsgegenstandes ­
  kaum  drei  Jahrzehnte  verflossen  sind,  hat  derselbe  doch  schon
eine  ungemein  große  Verbreitung  gefunden,  denn  im  Jahre  1898  sind  davon  in  Deutschland ­
  allein  697  Millionen  Stück  befördert  worden.  Erfinder  der  Postkarte  ist  der
Staatssekretär  des  Reichspostamts  I)r.  von  Stephan.  Sein  im  Jahre  1865  gemachter
Vorschlag,  offene  Karten  von  der  Größe  eines  gewöhnlichen  Briefumschlags,  mit  schriftlichen ­
  Eintragungen  versehen,  im  Postverkehr  zuzulassen,  ging  aus  der  Erwägung  hervor,
daß  die  derzeitige  Briefform  für  eine  erhebliche  Anzahl  von  Mitteilungen  nicht  die  genügende ­
  Einfachheit  und  Kürze  gewähre,  und  daß  Karten  der  vorbezeichneten  Art  diesem
Übelstande  abzuhelfen  geeignet  feien.  Allein  die  Idee  fand  nicht  sogleich  Anklang.  Erst
später  wurde  sie  von  der  österreichischen  Postverwaltung  wieder  aufgenommen  und  am
1.  Oktober  1869  verwirklicht.  Der  Nutzen  des  neuen  Verkehrsgegenstandes  trat  sehr
bald  hervor,  und  die  meisten  übrigen  Postverwaltungeu  zögerten  dann  auch  nicht  länger,
dem  von  Österreich  gegebenen  Beispiele  folgend,  die  Postkarte  bei  sich  einzuführen.  In
Norddeutschland  geschah  dies,  sobald  Stephan  die  oberste  Leitung  des  Postwesens  des
Norddeutschen  Bundes  übernommen  hatte,  im  Jahre  1870.  Ihren  vollen  Wert  erhielt
die  neue  Einrichtung  aber  erst  dadurch,  daß  man  das  Porto  für  die  Postkarte  allgemein
auf  die  Hälfte  des  einfachen  Briefportosatzes  festsetzte.  In  allen  Schichten  der  Be-
        <pb n="770" />
        803

Versendung  von  Drucksachen.  Postkarten.  Postanweisungen.
völkernug  erfreut  sich  jetzt  die  Postkarte  der  größten  Beliebtheit;  sie  enthebt  uns  in  vielen
Fällen  der  Notwendigkeit,  langatmige  Briefe  zu  schreiben,  und  gewährt  anderseits  auch
wieder  das  erwünschte  Mittel,  unseren  Geschäftsfreunden,  Angehörigen  u.s.  w.  in  der
Ferne  kurze  Nachricht  von  uns  zukommen  zu  lassen,  was  sonst  Wohl  unterbleiben  würde.
In  letzter  Zeit  ist  die  Versendung  von  Postkarten  mit  Abbildungen  auf  der  Rückseite
sehr  in  Aufnahme  gekommen,  und  das  Sammeln  solcher  Ansichtspostkarten  wird  sowohl ­
  von  der  Herren-  als  auch  von  der  Damenwelt  eifrig  betrieben.  Die  Versendung
derartiger  Karten  hat  bereits  einen  ganz  ansehnlichen  Umfang  gewonnen.  So  wurden
im  Jahre  1898  vom  Niederwalddenkmal  bei  Rüdesheim  aus  216  000  Stück,  vom  Kyffhäuserdenkmal
  aus  168  000  Stück,  vom  Brocken  (im  Harz)  aus  144  000  Stück  Ansichtspostkarten ­
  abgeschickt.  Eine  Erfindung  der  neuesten  Zeit  sind  die  Kartenbriefe,  welche
zuerst  von  Privat-Stadtbrief-Beförderungsanstalten  in  den  Verkehr  gebracht  und  dann
auch  von  verschiedenen  Postverwaltungen  eingeführt  worden  sind.  Bei  der  deutschen
Reichspost  finden  sie  seit  dem  1.  November  1897  Verwendung.  Sie  bestehen  aus  einem
etwa  13  cm  breiten,  31  cm  langen  Streifen  dünnen  Kartonpapiers,  der  zweimal  zusammengefaltet ­
  ist  und  am  Ende  in  eine  Verschlußklappe  ausläuft.  Zur  Herstellung  des
Verschlusses  sind  die  Spitze  der  Verschlußklappe  und  die  beiden  Seitenränder  des  Kartenbriefs ­
  nach  innen  zu  mit  Klebstoff  versehen.  Um  das  Öffnen  zu  erleichtern  ist  der  Brief
an  beiden  Seiten  durchlocht,  so  daß  die  Ränder  mühelos  abgetrennt  werden  können.
Die  Kartenbriefe  unterliegen  demselben  Porto  wie  gewöhnliche  Briefe.  Anfänglich
wurden  sie  vom  Publikum  der  Neuheit  wegen  viel  gekauft,  jetzt  hat  jedoch  ihr  Absatz
sehr  nachgelassen.
Postanweisungen.  Postnachnahmesendungen.  Postaufträge.  Die  Post
ist  bei  der  ihr  zunächst  zufallenden  Aufgabe,  als  Beförderungsanstalt  zu  dienen,  nicht
stehen  geblieben;  sie  hat  auch  die  Vermittelung  des  baren  Geldverkehrs,  soweit  es  sich
dabei  um  nicht  hohe  Beträge  im  einzelnen  handelt,  in  den  Kreis  ihrer  Wirksamkeit  gezogen. ­
  Zn  dem  Zwecke  wurde  Ende  der  vierziger  Jahre  des  19.  Jahrhunderts  in
Preußen  das  Verfahren  der  baren  Ein-  und  Auszahlung  von  Beträgen  bei  den  Postanstalten ­
  eingeführt.  Wegen  der  Umständlichkeit  desselben  sowie  wegen  der  Höhe  der
Gebühren  machte  indes  die  Entwickelung  des  neuen  Dienstzweiges  nur  langsame  Fortschritte. ­
  Das  änderte  sich  sofort,  als  man  im  Jahre  1865  an  die  Stelle  des  bestehenden
das  sehr  einfache  Postanweisungsverfahren  setzte  und  die  Gebühren  sehr  bedeutend
ermäßigte.  Jetzt  können  bei  allen  Postanstalten  auf  Postanweisungen  Beträge  bis  zu
800  Mark  behufs  der  Wiederauszahlung  an  den  Empfänger  der  Postanweisung  gegen
eine  geringe  Gebühr  eingezahlt  werden.  Der  Postanweisungsverkehr  in  Deutschland  hat
infolge  dieser  Erleichterungen  einen  solchen  Aufschwung  genommen,  daß  er  demjenigen
von  England  und  Frankreich  zusammengenommen  gleichkommt.  Durch  Einführung  von
telegraphischen  Postanweisungen  ist  in  diesem  Verkehrszweige  eine  noch  weiter  gehende
Erleichterung  geschaffen  worden.  Wenn  nämlich  zwischen  der  Aufgabestation  und  dem
Auszahlungsorte  eine  öffentliche  telegraphische  Verbindung  besteht,  so  kann  der  Einzahlende ­
  verlangen,  daß  die  Postanstalt  am  Aufgabeorte  mittels  Telegramms  die  Postanstalt ­
  am  Wohnorte  des  Adressaten  von  der  Einzahlung  des  Betrages  in  Kenntnis  setzt,
woraus  an  letzterem  Orte  sofort  die  Auszahlung  gegen  Quittung  auf  dem  Postanweisungstelegramm ­
  erfolgt.  Da  die  Postanweisungstelegramme  sogleich  durch  Eilboten  dem
Empfänger  zugestellt  werden,  kann  in  möglichst  kurzer  Frist  einer  weit  entfernten  Person,
die  sich  z.  B.  in  augenblicklicher  Geldverlegenheit  befindet,  geholfen  werden,  während  auf
einfachem  brieflichen  Wege  eine  Verzögerung  und  Zeitverlust  ganz  unabwendbar  sein
würden.  Die  Beträge  der  für  Girokunden  der  Reichsbank  eingegangenen  Postanweisungen
liefert  die  deutsche  Reichspost  für  Rechnung  der  Adressaten  auf  deren  Wunsch  gleich  an
die  Reichsbank  ab,  wodurch  den  betreffenden  Geschäftsleuten  Mühe  und  Zeit  erspart
wird.  Die  Postverwaltung  besorgt  ferner  nicht  allein  im  Wege  des  Nachnahmeverfahrens, ­
  sondern  auch  auf  Grund  von  Postauftragsbriefen  das  Einziehen  von
Geldbeträgen  (bis  800  Mark)  und  kommt  in  einem  solchen  Grade  den  allgemeinen  Ver-101*
        <pb n="771" />
        804  Posten  und  Postwejen.

kehrsbedürfnissen  entgegen,  daß  sich  behaupten  läßt,  sie  wird  zur  Wohlthäterin  auf  dem
gesamten  Verkehrsgebiete.  Der  namentlich  durch  den  Postanweisungsdienst  bei  den  Postanstalten ­
  hervorgerufene  beträchtliche  Umsatz  von  baren  Geldmitteln  hat  zuerst  in  England
auf  den  Gedanken  geführt:
Postsparkassen  einzurichten.  Dort  waren  diejenigen  Personen,  welche  ihre  kleinen
Ersparnisse  zinsbar  anlegen  wollten,  bis  zum  Jahre  1860  lediglich  auf  Privatsparkassen
angewiesen.  Die  Unzuverlässigkeit  verschiedener  dieser  Institute  und  die  dadurch  für  die
Sparer  herbeigeführten  Verluste  gaben  zu  dem  Vorschlage  Anlaß,  unter  der  Garantie
des  Staates  für  das  ganze  Land  eine  allgemeine  Sparkasse  zu  gründen  und  als  Annahme- ­
  und  Auszahlungsstellen  derselben  die  Postanstalten  zu  bestimmen.  Die  Vorteile
einer  solchen  Einrichtung  waren  einleuchtend;  sie  bestanden  vornehmlich  in  der  Sicherheit
der  Spareinlagen,  da  der  Staat  unbedingt  für  dieselben  haftet,  ferner  in  der  Bequemlichkeit
des  Verkehrs  mit  der  Sparkasse,  welche  bei  der  großen  Zahl  der  durch  die  Postanstalten
repräsentierten  Annahme-  und  Auszahlungsstellen  und  der  leichten  Zugänglichkeit  derselben ­
  zu  jeder  Tageszeit  sich  bietet,  endlich  in  der  leichten  Übertragbarkeit  der  Spareinlagen ­
  von  einem  Orte  auf  den  anderen,  die  insbesondere  für  die  wandernde  Arbeiterbevölkerung ­
  von  nicht  zu  unterschätzendem  Werte  ist.  Der  Vorschlag  fand  denn  auch  an
maßgebender  Stelle  sogleich  eine  günstige  Aufnahme  und  gelangte  im  Jahre  1861  zur
Ausführung.  Die  mit  der  neuen  Einrichtung  in  England  erzielten  bedeutenden  Erfolge
veranlaßten  die  Postverwaltungen  einer  Reihe  anderer  Staaten  z.  B.  Belgien,  Frankreich, ­
  Italien,  Niederlande,  Österreich,  Schweden  u.  a.  in  gleichem  Sinne  vorzugehen.
Überall  hat  die  Maßregel  zu  günstigen  Ergebnissen  geführt.  So  betrug

die  Zahl  der
Sparbücher

das  Gutbaben  der  Sparer

1898  in  Großbritannien  und  Irland

8  000  000

123  000  000  Pfd.  Sterb,

„  „  Frankreich

3  087  000

875  021  000  Frank,

„  „  den  Niederlanden  .  .  ■

693  000

70  012  000  Gulden,

1897  „  Belgien

1  377  000

532  08  l  000  Frank,

„  „  Schweden

495  000

58107  000  Kronen,

1896  „  Italien

2  909  000

478  596  000  Lire,

„  „  Oesterreich

1  174  000

49  691  000  Gulden.

In  Deutschland  haben  wir  uns  der  Segnungen  einer  solchen  Veranstaltung  bis  jetzt  leider
noch  nicht  zu  erfreuen;  daran  trägt  aber  nicht  die  ja  sonst  so  rührige  Reichspostverwaltung ­
  die  Schuld,  vielmehr  ist  es  in  diesem  Falle  merkwürdigerweise  die  Volksvertretung, ­
  welche  sich  den  bezüglichen  Anträgen  der  Regierung  gegenüber  ablehnend
verhält.  Es  ist  ja  nicht  zu  verkennen,  daß  die  dabei  in  Betracht  kommenden  Verhältnisse
in  Deutschland  ganz  anders  liegen  als  in  England  und  auch  wohl  in  anderen  Staaten,
und  daß  den  gegen  die  Einführung  der  Postsparkassen  bei  uns  erhobenen  Bedenken,
deren  nähere  Darlegung  uns  hier  zu  weit  führen  würde,  eine  gewisse  Berechtigung  nicht
abzusprechen  ist.  Immerhin  sind  dieselben  nicht  schwerwiegend  genug,  um  die  großen
Wohlthaten,  welche  die  Postsparkassen  den  unteren  Bevölkerungsklassen  gewähren  müssen,
diesen  noch  länger  vorzuenthalten.  Niemand  wird  leugnen  wollen,  daß  die  Vermehrung
der  vorhandenen  Sparstellen  in  Deutschland  durch  den  Hinzutritt  von  etwa  13  000  Postanstalten ­
  sowie  der  bequeme  Verkehr  mit  den  letzteren  den  Sparsinn  in  der  Bevölkerung
mächtig  anregen  und  sowohl  in  sittlicher  als  auch  in  volkswirtschaftlicher  Beziehung  von
den  heilsamsten  Folgen  begleitet  sein  würde.  In  dieser  Erkenntnis  sollte  man  den
Widerstand  gegen  die  durchaus  volkstümliche  Einrichtung  fallen  lassen  und  auch  unser
Vaterland  der  unbestreitbaren  Vorteile  der  Postsparkassen  recht  bald  teilhaftig  werden  lassen.
Unter  Posttaxen  versteht  man  die  an  die  Post  für  ihre  Leistungen  zu  entrichtenden
Gebührensätze.  Diese  wurden  in  früheren  Zeiten  für  jeden  neu  eingerichteten  Postkurs
besonders  festgesetzt.  Soweit  es  sich  um  Versendnngsgegenstände  handelte,  kamen  dabei
deren  Gattung,  Gewicht  oder  Wert,  sowie  die  Beförderungsstrecke  in  Betracht.  Je  mehr
die  Postkurse  sich  im  Laufe  der  Zeit  ausbreiteten,  desto  größer  wurde  natürlich  die  Zahl
        <pb n="772" />
        Postsparkassen.  Postwertzeichen.  805

der  Portosätze  und  desto  schwieriger  gestaltete  sich  deren  Anwendung.  Um  diese  zu  vereinfachen, ­
  kam  man  auf  den  Gedanken,  bei  Feststellung  der  Taxen  für  die  Sendungen
statt  der  wirklichen  Beförderungsstrecke  die  direkte  Entfernung  vom  Abgangs-  bis  zum
Bestimmungsorte  in  der  Luftlinie  zu  Grunde  zu  legen.  In  Preußen  fand  dieser  Grundsatz ­
  zuerst  in  dem  Portotax-Regulativ  vom  Jahre  1824  praktische  Verwertung.  Die  Folge
davon  war  eine  sehr  bedeutende  Herabsetzung  der  Zahl  der  Portosätze.  Später  haben
diese  durch  Verminderung  der  Entfernuugs-  und  Gewichtsstufen  eine  immer  größere  Einschränkung ­
  erfahren,  so  daß  man  schließlich  sogar  hinsichtlich  der  meisten  Briefsendungen
zu  einem  für  alle  Entfernungen  gültigen  Einheitssätze  gelangte.  Die  neueren  Bestrebungen
zur  Verbesserung  des  Posttaxwesens  sind  nun  vorzugsweise  darauf  gerichtet,  die  noch  bestehenden ­
  Gewichtsstufensätze  nach  Möglichkeit  zu  beseitigen,  um  damit  eine  weitere  Vereinfachung ­
  der  Taxen  zu  erreichen.  Diese  sollten  überhaupt  so  eingerichtet  sein,  daß  sie
von  jedermann  leicht  berechnet  werden  können.  Was  ihre  Höhe  betrifft,  so  wäre  diese  im
allgemeinen  so  zu  bemessen,  daß  durch  die  Einnahmen  nicht  nur  die  Betriebs-  und  Ver-803.

  Großbritannien  804.  Ver.  Staaten
1840.  von  Amerika  1842.

80b.  Brasilien
1843.

806.  Kanton  Genf
1843.

807.  Bayern
1649.

808.  Belgien
1849.

809.  Frankreich
1849.

810.  Spanten
1850.

811.  Preußen
1850.

812.  Sachsen
1850.

813.  iJiterreiO]
1850.

603  bis  813.  Die  ältesten  Postfreimarkrn.

waltungskosten  gedeckt,  sondern  auch  Mittel  erübrigt  würden,  die  in  erster  Linie  zu  Verbesserungen ­
  im  Verkehrswesen,  dann  aber  auch  als  Beitrag  zu  den  Staatsbedürfnissen
Verwendung  zu  finden  hätten.  Letzteres  dürfte  aber  nur  in  bescheidenem  Maße  geschehen,
weil  die  zu  große  Ausnutzung  der  Post  als  Finanzquelle  des  Staats  eine  übelangebrachte
Besteuerung  des  Postverkehrs  in  sich  schlösse.  Im  Deutschen  Reiche  werden  die  Posttaxen
für  die  gewöhnlichen  Briefe,  Geldbriefe,  Pakete  und  Zeitungen  durch  gesetzliche  Bestimmungen, ­
  für  die  übrigen  Gegenstände  und  für  den  Reiseverkehr  im  Berordnungswege
geregelt.  Die  Verrechnung  der  Portotaxbeträge  findet  jetzt  meistens  durch  Postwertzeichen ­
  statt,  welche  aus  Freimarken,  gestempelten  Briefumschlägen,  gestempelten  Postkarten ­
  und  Kartenbriefen,  sowie  aus  gestempelten  Postanweisungsformularen  bestehen.
Der  Buchdrucker  Chalmers  in  Dundee  gilt  als  Erfinder  der  heutigen  Briefmarke.  Sie
wurde  zuerst  in  England  im  Jahre  1840  eingeführt,  und  ihr  Gebrauch  hat  sich  schnell
über  den  ganzen  Erdball  verbreitet.  In  einigen  Kantonen  der  Schweiz  und  in  Brasilien
fand  sie  1843,  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  1847,  in  Bayern,  Belgien  und
Frankreich  1849,  in  Österreich,  Preußen,  Spanien  1850  und  später  in  allen  übrigen
zivilisierten  Ländern  Eingang.  Ihre  Verwendung  hat  sehr  wesentliche  Erleichterungen
im  Postbetriebe  zur  Folge  gehabt,  die  sich  zum  Teil  auch  auf  den  Verkehr  des  Publikums
bei  deu  Postannahinestellen  erstreckt  haben.  Während  der  Absender  früher  genötigt  war,
für  die  einzelnen  zu  frankierenden  Postsendungen  an  dem  Postschalter  den  Fraukobetrag  bar
        <pb n="773" />
        806

Postwertzeichen.

zu  erlegen,  kann  er  diesen  jetzt  in  den  meisten  Fällen  durch  Aufkleben  von  Freimarken
entrichten  und  die  so  frankierten  Gegenstände  durch  Einlegen  in  Briefkasten  der  Post  zur
Beförderung  überliefern.  Zum  Bezüge  des  Bedarfs  an  Postwertzeichen  in  beliebigen
Mengen  findet  er  nicht  nur  bei  den  Postanstalten  Gelegenheit,  sondern  auch  bei  den  Briefträgern ­
  und  bei  zahlreichen  amtlichen  Verkaufsstellen  für  Postwertzeichen,  welche  in  verschiedenen ­
  Orten  errichtet  sind.  Da  die  Inhaber  solcher  Verkaufsstellen  im  Reichspostgebiete ­
  für  den  Vertrieb  der  Marken  keinerlei  Vergütung  von  der  Post  beziehen,  so  zeigen
sie  für  diesen  Geschäftszweig  wenig  Interesse.  Daher  kommt  es,  daß  der  Absatz  an  Wertzeichen ­
  bei  den  gedachten  Stellen  nur  gering  ist.  Die  schweizerische  Postverwaltnng  gewährt ­
  den  Markenverkäufern ­
  eine  Entschädigung ­
  von  einem  Prozent ­
  des  von  ihnen  aus
dem  Verkaufe  der  Wertzeichen ­
  erzielten  Erlöses. ­
  Ja,  in  Spanien
ist  man  so  weit  gegangen, ­
  den  ganzen  Einzelvertrieb ­
  der  Briefmarken ­
  den  Tabaksverkäufern ­
  gegen  Bezug
bestimmter  Prozentsätze
vom  Erlöse  zu  übertragen ­
  und  die  Postannahmestellen ­
  von
diesem  Geschäfte  ganz
zu  befreien.  Natürlich
tritt  dadurch  eine  sehr
bedeutende  Verminöerung
  des  Verkehrs  an
den  Postschaltern  ein,
und  es  wäre  angesichts
des  an  letzteren  bei  uns
häufig  vorkommenden
Gedränges  wohl  die
Frage  der  Erwägung
wert,  ob  nicht  auch  in
814  bis  817.  Briefkasten  verschiedener  Art.  Deutschland  zur  Ab-813
  Hölzerner  Briefkasten  der  vreußischen  Post  (1850—1860),  814  Gußeiserner  Briefkasten  rk-.ir-(1860—1870),
  816  Gußeiserner  Briefkasten  der  deutschen  Reichspost  (seit  1876),  leniuug  eines  L.eiis  oes
816  Emaillirter  Landbrtefkasten  (1892).  Verkehrs  VvN  beit  Postannahmestellen
  durch
Bewilligung  angemessener  Remunerationen  an  die  Markenverkäufer  eine  erheblich  größere
Inanspruchnahme  der  gedachten  Stellen  durch  das  Publikum  sich  erreichen  ließe.  Die
Herstellung  der  Postwertzeichen  für  das  deutsche  Reichspostgebiet  erfolgt  durch  die  Reichsdruckerei ­
  in  Berlin.
Das  Sammeln  von  Postwertzeichen  aller  Gattungen  und  Länder  findet  seit  drei
Jahrzehnten  viele  Liebhaber,  und  der  Austausch,  sowie  der  An-  und  Verkauf  von  benutzten
Freimarken  u.  s.  w.  hat  sich  zu  einem  umfangreichen  und  gewinnbringenden  Geschäftszweige ­
  herausgebildet.  An  verschiedenen  Orten  bestehen  sogar  Börsen,  die  lediglich  den
Handelsverkehr  mit  solchen  Werten  vermitteln.  Im  Jahre  188  l  wurde  zu  Wien  die  erste
öffentliche  Ausstellung  von  Postwertzeichen  veranstaltet,  der  bald  weitere  in  München,
Dresden,  Stuttgart,  Antwerpen,  New  Jork  und  au  anderen  Orten  folgten.  Eine  der
größten  Briefmarkensammlungen  der  Well  befindet  sich  im  britischen  Museum  zu  London.
        <pb n="774" />
        808

Posten  und  Postwesen.

Sie  ist  diesem  Institute  durch  ein  Parlamentsmitglied  geschenkt  und  im  Laufe  der  Jahre
immer  mehr  vergrößert  worden,  so  daß  sie  jetzt  außer  einer  großen  Menge  von  Briefumschlägen, ­
  Postkarten,  Streifbändern  u.  s.  w.  über  200000  Briefmarken  umfaßt  und
einen  Wert  von  mehr  als  einer  Million  Mark  repräsentiert.
Die  Diensträume  für  den  Betrieb  der  Postanstalten  befanden  sich  ehedem  meistenteils ­
  in  wenig  befriedigendem  Zustande.  Sie  waren  eng,  niedrig  und  dumpfig,  so  daß
der  dauernde  Aufenthalt  in  ihnen  für  die  Beamten  nicht  selten  eine  Schädigung  der  Gesundheit ­
  mit  sich  brachte.  Das  Publikum  erhielt  seine  Abfertigung  entweder  auf  dem
Hausflur  oder  wohl  gar  auf  der  Straße  an  dem  Fenster  der  Pvststnbe,  wo  es  der  Zugluft ­
  und  den  Unbilden  der  Witterung  ausgesetzt  war.  Diese  elenden  Zustände  sind  jetzt
überall  beseitigt.  Namentlich  hat  sich  der  Generalpostmeister  von  Stephan  durch  Herstellung ­
  oder  Anmietung  besserer  Dienstränme  große  Verdienste  erworben.  Während  der
Zeit  seiner  Amtsthätigkeit  an  der  Spitze  der  Postverwaltuiig  sind  gegen  300  reichseigene
Posthäuser  mit  einem  Kostenanfwande  von  nahezu  120  Millionen  Mark  neu  errichtet
oder  umgebaut  worden,  deren  äußere  Gestalt  der  Würde  des  Reichs  entspricht,  und  deren
innere  Einrichtung  ebenso  den  Bedürfnissen  des  Dienstes  wie  den  Anforderungen  der
Hygiene  im  vollsten  Maße  gerecht  wird.  Die  für  das  Publikum  bestimmten  Räume  sind
dabei  im  allgemeinen  mit  einer  besseren  Ausstattung  bedacht  worden  als  die  sonstigen
Diensträume.  Überall  findet  man  bei  den  Postämtern  schöne,  hohe  und  geräumige  Schaltervorzimmer, ­
  die  gegen  Zugluft  geschützt  sind  und  in  der  kalten  Jahreszeit  erwärmt  werden.
Sie  gewähren  den  an  den  Postschaltern  verkehrenden  Personen  einen  behaglichen  Aufenthalt
und  sind  mit  Schreibvorrichtungen  zum  allgemeinen  Gebrauche  versehen.  Welch  ein  Abstand ­
  gegen  früher!  Und  wie  sticht  erst  das  Äußere  der  reichseigenen  Posthäuser  gegen
die  Bauten  der  meisten  anderen  Verwaltungen  ab?  Hier  büreaukratisches  Schablonenwesen, ­
  dort  wahrhaft  künstlerisches  Schaffen.  Unter  den  Fassaden  der  Posthäuser  findet
man  die  verschiedensten  Baustile  vertreten,  je  nachdem  der  eine  oder  der  andere  davon  sich
für  den  betreffenden  Ort  als  passender  erwies.  Die  Bauten  sind  alle  mit  gutem,  dauerhaftem ­
  Material  in  gediegener,  zum  Teil  kunstvoller  Arbeit,  doch  ohne  Luxus  ausgeführt,
so  daß  sie  Zierden  der  Städte  bilden  und  schon  mehrfach  zur  Nachahmung  angeregt  haben.
Für  diejenigen  Postämter,  zu  deren  Unterbringung  reichseigene  Posthäuser  nicht  zur  Verfügung ­
  stehen,  werden  die  Dienstränme  mietweise  beschafft.  Die  Anmietung  geschieht  entweder ­
  für  unmittelbare  Rechnung  der  Pvstkasse  oder  durch  den  Post-Amtsvorsteher  ans
seine  Kosten.  In  letzterem  Falle  erhält  er  aus  der  Postkasse  eine  angemessene  Mietsentschädigung. ­
  Wie  sehr  die  Verwaltung  bestrebt  gewesen  ist,  für  den  Postbetrieb  auch
mietweise  bessere  Räume  zu  gewinnen,  geht  daraus  hervor,  daß  der  Etatsansatz  zur  Anmietung ­
  von  Postdiensträumen,  der  1877/78  erst  2170000  Mark  betrug,  1896/97  die
Höhe  von  6464000  Mark  erreichte.  Bei  den  kleineren  Postanstalten  (Postagenturen),
deren  Betrieb  nur  wenig  Raum  erfordert,  werden  die  Postdienstgeschäfte  meist  in  Zimmern
verrichtet,  die  auch  noch  zu  anderen  Zwecken  dienen.  Die  Zahlung  einer  besonderen
Mietsentschädigung  findet  hier  nicht  statt.
Als  Transportmittel  werden  von  der  deutschen  Reichspost  Eisenbahnen,  Fuhrwerke, ­
  Fußboten  und  Schiffsgelegenheiten  benutzt.  Unter  diesen  nehmen  die  Eisenbahnen
die  hervorragendste  Stelle  ein.  Ihre  weite  Verbreitung  und  die  Schnelligkeit,  »nt  der
die  Beförderung  auf  ihnen  stattfindet,  haben  die  Postvermaltnng  veranlaßt,  von  dem  ihr
zustehenden  Rechte,  sich  zur  Fortschaffung  der  Postgegenstände  der  Eisenbahnen  zu  bedienen, ­
  in  ausgiebigstem  Maße  Gebrauch  zu  machen.  Den  Eisenbahnen  in  Deutschland
liegt  gesetzlich  die  Verpflichtung  ob,  mit  jedem  regelmäßig  verkehrenden  Zuge  auf  Verlangen ­
  der  Postverwaltung  einen  von  dieser  gestellten  Wagen  unentgeltlich  mitzunehmen.
Die  freie  Beförderung  erstreckt  sich  auch  auf  den  Inhalt  des  Wagens,  soweit  solcher  aus
Briefsendungen,  Zeitungen,  Gold,  Silber,  Juwelen,  Pretiosen  und  aus  Paketen  bis  zum
Einzelgewichte  von  10  kg  besteht.  Ferner  steht  dem  zur  Begleitung  der  Sendungen  und
zur  Verrichtung  des  Dienstes  unterwegs  erforderlichen  Postpersonal  freie  Mitfahrt  in
dem  Wagen  zu.  Es  mag  auf  den  ersten  Blick  unbillig  erscheinen,  daß  den  Eisenbahnen
        <pb n="775" />
        Postdiensträume.  Posttransportmittel.  809
ein  solches  Maß  unentgeltlicher  Leistungen  zu  gunsten  der  Post  auferlegt  ist.  Betrachtet  man
die  Sache  aber  genauer,  so  wird  man  finden,  daß  das  Verfahren  seine  volle  Berechtigung
hat.  Vor  Entstehung  der  Eisenbahnen  hatten  die  Posten  für  die  Vermittelung  nicht  nur
des  Briefverkehrs,  sondern  auch  des  Personen-  und  eines  großen  Teils  des  Güterverkehrs
zu  sorgen.  Als  dann  Schienenwege  hergestellt  wurden,  wählte  man  dazu  natürlich  die
verkehrsreichsten  und  einträglichsten  Linien.  Die  Überschüsse,  welche  die  Post  auf  diesen
Linien  erzielt  hatte,  waren  zum  Teil  dazu  verwendet  worden,  minder  verkehrsreichen
Gegenden  die  Vorteile  regelmäßiger  Verkehrsverbindungen  zuzuwenden,  zum  Teil  dienten
sie  mit  zur  Bestreitung  der  Ausgaben  für  allgemeine  Staatsbedürfnisse.  Nachdem  die
Eisenbahnen  die  Post  aus  ihren  den  meisten  Gewinn  abwerfenden  Stellungen  verdrängt
hatten,  hätte  die  letztere  fernerhin  weder  Beiträge  zur  Bestreitung  der  Staatsausgaben
liefern,  noch  diejenigen  Gegenden,  in  denen  Verkehrseinrichtungen  sich  nicht  genügend
bezahlt  machen,  mit  solchen  bedenken  können.
Dadurch  wäre  also  nicht  nur  der  Staat,  sondern ­
  auch  der  hilfsbedürftigere  Teil  der  Bevölkerung ­
  benachteiligt  worden.  Es  war  daher ­
  nur  ein  Akt  der  Gerechtigkeit,  bei  Konzessiouierung
  der  Eisenbahnen  von  diesen  für
die  ihnen  von  der  Post  abgetretenen  Rechte
Gegenleistungen  zu  verlangen,  durch  welche  die
Post  in  den  Stand  gesetzt  wurde,  dem  Staat
und  der  Bevölkerung  das  bis  dahin  Gebotene
auch  ferner  zu  leisten.  Die  beanspruchten  unentgeltlichen ­
  Dienste  der  Eisenbahnen  sind  gewissermaßen ­
  als  eine  diesen  auferlegte  Steuer
anzusehen,  die  für  sie  um  so  weniger  drückend
ist,  als  von  ihnen  dafür  besondere  Aufwendungen ­
  nicht  zu  machen  sind.
Post  und  Eisenbahn  sind  keineswegs
Konkurrenten  auf  dem  Gebiete  des  Transportwesens. ­
  Während  die  Eisenbahnen  zum  Teil
nach  und  nach  die  Personen-  und  Güterbeförderung ­
  absorbieren  werden,  bleibt  der  Post  vorzugsweise ­
  die  Aufgabe,  den  allgemeinen  Gedankenverkehr ­
  in  der  ganzen  Nation  und  mit
fremden  Völkern  zu  vermitteln.  Will  sie  diesen  sie.  Inneres  eines  Eisrnbahnpogwogens.
hohen  Beruf  vollständig  erfüllen,  so  muß  sie
die  geflügelte  Eile  der  Lokomotive  sich  nutzbar  machen.  Anfangs  geschah  dies  in  der
Weise,  daß  die  an  den  Eisenbahnen  gelegenen  Postanstalten  sich  gegenseitig  die  Postsachen ­
  in  Briefpaketeu,  Briefbeuteln  u.  s.  w.  mittels  der  Eisenbahn  zusandten.  Als  aber
die  Ausbreitung  der  Eisenbahnen  immer  größere  Fortschritte  machte,  war  ein  solcher
Verkehr  zwischen  den  sämtlichen  Eisenbahnpostanstalten  nicht  mehr  möglich.  Man
schritt  deshalb  dazu,  einen  Teil  des  Versendungsdienstes  auf  die  Schiene«  zu  verlegen
und  in  Eisenbahnwagen  Postbureans  einzurichten,  welche,  mit  den  Zügen  dahinbrausend, ­
  die  Entgegennahme  und  Ablieferung  der  Postsendungen  auf  den  einzelnen
Stationen  besorgen  und  während  der  Fahrt  die  empfangenen  Gegenstände  nach  ihren
Bestimmungsorten  sondern  und  zur  Ablieferung  bereit  stellen.  Je  schneller  die  Fahrt,
desto  größer  die  Eile,  mit  welcher  diese  Geschäfte  erledigt  werden  müssen.  Die  Eisenbahnwagen, ­
  in  welchen  der  Dienst  wahrgenommen  wird,  unterscheiden  sich  äußerlich
nicht  erheblich  von  den  Personenwagen,  sind  aber  im  Inneren  dem  Zwecke  entsprechend
eingerichtet.  Sie  enthalten  meist  einen  Geschäftsraum,  in  welchem  die  Briefschaften  bearbeitet ­
  werden,  und  einen  etwas  größeren  Packraum  zur  Niederlegung  der  Pakete.  Der
erstere  Raum  ist  mit  der  nötigen  Anzahl  von  Brieffächern  ausgestattet,  um  darin  die
102
        <pb n="776" />
        810  Posttransportmittel.
Briefsendungen  für  die  einzelnen  Stationen  niederzulegen.  Ferner  befinden  sich  in  dem
Wagen  die  erforderlichen  Tische  und  Stühle  sowie  Heiz-  und  Beleuchtungsvorrichtungen.
Überhaupt  ist  die  ganze  innere  Einrichtung  der  Wagen  den  dienstlichen  Bedürfnissen  genau
angepaßt.  Auf  den  Stationen  erfolgt  der  Austausch  der  Sendungen  an  den  Wagenthüren
mit  einer  erstaunlichen  Sicherheit  und  Raschheit.  Die  Einrichtung  der  fahrenden  Postämter, ­
  auch  Eisenbahnpostbureaus,  Bahnposten  u.  s.  w.  genannt,  erfolgte  im  Jahre  1840
in  Amerika,  1845  in  Frankreich  und  1849  in  Preußen.  Seitdem  sind  fast  alle  Postverwaltungen ­
  der  Welt  dem  gegebenen  Beispiele  gefolgt.  Wie  ungeheure  Massen  von
Briefschaften  einzelnen  Bahnposten  mitunter  zugehen,  mag  beispielsweise  daraus  entnommen ­
  werden,  daß  beim  Eintreffen  starker  überseeischer  Posten  zur  Bearbeitung  derselben ­
  in  den  betreffenden  Eisenbahnzug  von  Ostende  nach  Köln  mehrere  Postwagen
eingestellt  und  12  bis  16  Beamte  herangezogen  werden,  welche  oft  nur  mit  größter  Anstrengung ­
  die  ihnen  zufallende  Arbeit  auf  der  Fahrt  bis  Köln  zu  beivältigen  vermögen.
Im  Jahre  1898  waren  im  Bahnpostdienste  des  Deutschen  Reichs  2293  Beamte  und  3795
Unterbeamte  thätig,  welche  täglich  in  5683  Eisenbahnzügen  351713  km  zurücklegten.
Zur  Postbeförderung  überhaupt  wurden  jeden  Tag  9901  Eisenbahnzüge  auf  eine  Entfernung ­
  von  488  098  km  benutzt.  Die  Postbehörde  bestimmt,  mit  welchen  fahrplanmäßigen ­
  Zügen  Postsachen  befördert  werden  sollen.  Liegen  zu  einzelnen  Zügen  in  der
Regel  nicht  so  viele  Sendungen  vor,  daß  sich  die  Einstellung  ganzer  Postwagen  verlohnt,
so  erfolgt  die  Beförderung  der  Postsachen  entweder  in  Abteilungen  von  Eisenbahnwagen
unter  Begleitung  von  Postunterbeamten  oder  durch  Vermittelung  des  Eisenbahnpersonals.
Diese  beiden  Beförderungsarten  kommen  namentlich  aus  Neben-  und  Kleinbahnen  in
Anwendung.  Die  Eisenbahnen  empfangen  dafür  von  der  Post  Entschädigung.
Auf  den  Landstraßen  geschieht  die  Postbeförderung  mittels  Fuhrwerks  oder  durch
Fußboten.  In  früherer  Zeit  unterschied  man  Briefposten  (auch  wohl  Reitposten)  und
Fahrposten.  Briefschaften  wurden,  in  „Felleisen"  verschlossen,  von  reitenden  Postillonen,
später  in  leichten  einspännigen  Wagen  (Karriolen)  von  Ort  zu  Ort  weitergebracht,  während
die  Personenbeförderung  sowie  die  Versendung  von  Paketen  und  nicht  eiligen  Gegenständen
mit  den  Fahrposten  erfolgte.  Gegenwärtig  besorgen  die  Eisenbahnen  den  Personen-  und
Gütertransport  auf  den  Hauptverkehrslinien.  Nach  den  von  den  Eisenstraßen  und  Dampfschiffahrtslinien ­
  entfernt  liegenden  Orten  bestehen  aber  überall  noch  Fußboten-,  Karriol-,
Güter-  und  Personenposten.  Die  letzteren  dienen  zum  Transporte  von  Personen
und  Postgegenständen  aller  Art,  die  Güterposten  befördern  Päckereien,  mittels  der  Karriolund
  Fußbotenposten  werden  meistens  alle  Gattungen  von  Postsachen,  mitunter  aber  auch
nur  Briefsendungen  verschickt.  Früher  nannte  man  diejenigen  Personenposten,  welche  eine
tägliche  Verbindung  von  Ort  zu  Ort  unterhielten,  Journaliören.  Zwischen  Berlin
und  Potsdam  verkehrten  solche  zuerst  im  Jahre  1754.  Noch  in  den  ersten  Jahrzehnten
des  19.  Jahrhunderts  war  eine  Reise  von  Berlin  nach  Leipzig  ein  großes  Unternehmen;
Leute,  die  gar  von  Hamburg  nach  Wien  fuhren,  machten  vorher  ihr  Testament.  Tagelang ­
  saß  man  in  dem  engen  Postkasten,  machte  freilich  dabei  Bekanntschaften,  weit  mehr
als  dies  jetzt  auf  Eisenbahnen  der  Fall  ist,  und  lauschte  zeitweilig  den  Nachrichten,  die
der  Schirrmeister  zum  besten  gab,  oder  den  Tönen  des  Posthornes,  das  der  „Schwager"
trefflich  zu  blasen  verstand.  Das  Posthorn  gehört  so  recht  eigentlich  als  bezeichnendes
Merkmal  dem  reitenden  und  fahrenden  Postpersonale  vornehmlich  in  Deutschland  au,
während  in  der  Schweiz  und  in  Frankreich  die  Rosselenker  nicht  im  Blasen,  sondern  in
der  kunstfertigen  Handhabung  der  Peitschen,  beziehentlich  im  Knallen,  ihre  Stärke  suchen.
Langte  die  Post  in  einer  Stadt  an  und  entlud  ihren  Inhalt  an  Menschen,  Briefschaften,
Schachteln,  Koffern  u.  s.  w.,  dann  strömte  alt  und  jung  neugierig  herbei,  um  die  „geräderten" ­
  Ankömmlinge  zu  begrüßen  und  Neuigkeiten  von  ihnen  zu  erhaschen.
Um  die  sprichwörtlich  gewordene  Langsamkeit  der  Postbeförderung  (Schneckenpost)
in  das  Gegenteil  umzuwandeln,  stellte  die  Thurn  und  Taxissche  Postverwaltung  1805
die  ersten  Eilwagen  ein.  Später  sind  diese  in  Frankreich  unter  der  Bezeichnung
„Velociferes",  in  Preußen  unter  dem  Namen  „Schnellposten"  und  auch  anderswo
        <pb n="777" />
        102*

820.  Ankunft  der  Ditigenre  im  18.  Jahrhundert.  Nach  dem  Gemälde  von  Boilly  im  Musenm  des  Louvre  zu  Paris.
        <pb n="778" />
        812  Posttransportmittel.
vielfach  nachgeahmt  worden.  Nunmehr  wurde  auch  dem  Postwagenban  größere  Aufmerksamkeit ­
  zugewendet.  Die  Erfindung  der  Federn  und  die  Anwendung  eiserner  Achsen
machten  es  mögliche  Fahrzeuge  von  sanfterer  Gangart  herzustellen.  Das  Innere  der
Personenpostwagen  richtete  man  nach  und  nach  immer  bequemer  ein,  und  der  äußeren
Gestalt  aller  Postwagen  gab  man  ein  gefälligeres  Aussehen.  Ihre  Farbe  blieb  die  frühere,
gelbe.  Sie  haben  aber  ihre  Schwerfälligkeit  verloren  und  rollen  jetzt  auf  gut  unterhaltenen ­
  Straßen  leicht  dahin.  Die  gewöhnlichen  Personenpostwagen  sind  hinten  mit
einem  Magazine  und  vorn  unter  dem  Postillonssitze  mit  einem  Behältnisse  zur  Aufnahme
von  Postsendungen  versehen.  Bei  den  Omnibus-Postwagen  finden  letztere  teils  unter
dem  Postillonssitze,  teils  auf  dem  Verdecke  Platz.  Die  bei  den  Posten  als  Hauptwagen
kursierenden  Fahrzeuge  werden  in  der  Regel  für  unmittelbare  Rechnung  der  Postkasse
angeschafft  und  unterhalten,  die  Beiwagen  dagegen  meistens  von  den  Posthallern  gegen
Entschädigung  hergegeben.  Die  Gestellung  der  Postillone  und  Pferde  zu  den  Postfuhren
erfolgt  durch  kontraktlich  angenommene  Posthalter  gegen  fest  verabredete  Vergütungssätze. ­
  Nur  in  Berlin,  Köln  a.  Rh.  und  Düsseldorf  wird  der  Postfuhrbetrieb  durch  reichseigene ­
  Posthaltereien  von  der  Postverwaltung  selbst  wahrgenommen,  weil  an  diesen
Orten  geeignete  Unternehmer  zu  annehmbaren  Bedingungen  nicht  haben  gewonnen  werden
können.  Die  genannten  drei  Posthaltereien  zählten  im  Jahre  1898  zusammen  922
Postillone  und  1259  Pferde.
Außer  den  vorerwähnten  Postengattungen,  deren  Unterhaltung  für  unmittelbare
Rechnung  der  Postkasse  erfolgt,  finden  auf  Landstraßen  zu  Postbeförderungen  auch  noch
Privatfuhrwerke  Verwendung.  Die  Unternehmer  empfangen  dafür  angemessene  Vergütungen ­
  aus  der  Postkasse.  Die  Abgangs-  und  Ankunftszeiten  dieser  Fuhrwerke  bestimmt
alsdann  die  Postverwaltung.
Die  frühere  Stafettenbeförderung  d.  i.  die  sofortige  Weiterbeförderung  von  besonders ­
  aufgegebenen,  nicht  umfangreichen  Gegenständen  durch  reitende  oder  fahrende
Postillone  hat  mit  der  weiteren  Ausbreitung  der  Eisenbahnen  und  Telegraphen  ihre
Bedeutung  eingebüßt  und  ist  jetzt  ganz  aufgehoben.  Auch  der  Gebrauch  der  Extraposten
mit  ihrem  Systeme  geregelten  Pferdewechsels  behufs  Weiterbeförderung  von  Reisenden,
die  sich  weder  eigener  Pferde  noch  sonstiger  Personenfuhrgelegenheiten  bedienen  wollen,
ist  sehr  zurückgegangen.  Es  sind  deren  im  ganzen  deutschen  Reichspostgebiete  1898  nur
370  gestellt  worden.
Zur  Fortschaffung  der  Postsachen  auf  Wasserstraßen  werden  Schiffsgelegenheiteu
  benutzt.  Preußen  besaß  früher  auf  der  Ostsee  eigene  Postdampfer.  Die  deutsche
Reichspost  verfügt  nicht  über  solche,  sie  läßt  ihre  Sendungen  vielmehr  durch  Schiffe  befördern, ­
  die  anderen  Unternehmern  gehören,  und  zahlt  dafür  entsprechende  Vergütungen.
Besonders  umfangreich  ist  der  Seepostverkeyr  zwischen  Deutschland  und  den  Vereinigten ­
  Staaten  von  Amerika.  Um  an  den  Endpunkten  der  Seepostkurse  die  weitergehenden ­
  Sendungen  so  schnell  wie  möglich  auf  die  anschließenden  Postrouten  überführen
zu  können,  wurden  1891  zwischen  Deutschland  und  den  Vereinigten  Staaten  besondere
Seeposten  eingerichtet,  bei  denen  die  Postgegenstände  für  die  sofortige  Weilersendung
während  der  Seefahrt  durch  Postbeamte  in  ähnlicher  Weise  vorbereitet  werden,  wie  es
in  den  Bahnposten  geschieht.  Im  Jahre  1898  machten  diese  Seeposten  von  Deutschland
nach  Amerika  75  Fahrten  und  nahmen  auf  jeder  Fahrt  durchschnittlich  147  000  gewöhnliche ­
  Briefe,  2203  Einschreibbriefe  und  193  Säcke  Drucksachen  und  Warenproben  mit;
in  umgekehrter  Richtung  legten  sie  76  Fahrten  zurück  und  beförderten  jedesmal  im  Durchschnitt ­
  53  000  gewöhnliche  Briefe,  712  Einschreibbriefe  und  78  Säcke  mit  Drucksachen
und  Warenproben.
Standen  der  deutschen  Reichspost  zur  Vermittelung  des  Postverkehrs  mit  Amerika
verschiedene  von  deutschen  Häfen  ausgehende  Dampfschiffsverbindungen  zu  Gebote,  so
war  dies  hinsichtlich  des  überseeischen  Verkehrs  mit  Asien,  Afrika  und  Australien
nicht  der  Fall.  Zur  Beförderung  ihrer  Sendungen  nach  diesen  Erdteilen  mußte  sie  sich
vielmehr  stets  ausländischer  Schiffe  bedienen.  Um  diesem  der  Würde  des  Reichs  wenig
        <pb n="779" />
        814  Posten  und  Postwesen.

entsprechenden  Zustande  ein  Ende  zu  machen,  ferner  um  die  Erweiterung  der  Handelsbeziehungen ­
  Deutschlands  zu  verschiedenen  Ländern  der  genannten  Weltteile  zu  begünstigen
und  um  den  Erzeugnissen  des  heimischen  Gewerbfleißes  vermehrten  Absatz  zu  verschaffen,
wurden  nach  dem  Gesetze  vom  Jahre  1885  subventionierte  deutsche  Reichs-Postdampferlinien
  eingerichtet.  Die  von  Bremen  und  Hamburg  ausgehenden  Reichs-Postdampfer
  besuchen  die  wichtigsten  Hafenplätze  von  Ostasien,  Australien  und
Ostafrika  in  regelmäßig  wiederkehrenden  Zeiträumen  und  haben  zur  Belebung  des
Handels-  und  Postverkehrs  Deutschlands  mit  jenen  Gegenden  schon  ungemein  viel  beigetragen. ­

Hat  die  Post  ihre  Sendungen  nach  den  Empfangsorten  befördert,  so  kommt  es
darauf  an,  sie  möglichst  schnell  und  zuverlässig  auch  den  Adressaten  zuzustellen.  Zur
größeren  Beschleunigung  der  Briefbestellung  ist  für  einzelne  bedeutende  Verkehrsorte  die

822.  JIer)»nenrangen  in  ilerlintnform.
Einrichtung  getroffen,  daß  den  die  Hauptkorrespondenz  überbringenden  Bahnposten  Beamte
der  Ortspostanstalten  eine  Strecke  weit  entgegenfahren,  um  in  den  Bahnpostwagen  schon
unterwegs  für  die  einzelnen  Bestellbezirke  des  Orts  die  Briefschaften  zu  verteilen,  damit
das  Austragen  der  letzteren  durch  die  Briefträger  fast  unmittelbar  nach  Ankunft  der  Züge
beginnen  kann.  Bei  wichtigen  Nachrichten  genügt  aber  oft  die  gewöhnliche  Austragung
des  Briefes  durch  den  Briefträger,  welcher  in  größeren  Städten  sechs-  bis  siebenmal,
in  Berlin  sogar  neunmal  täglich  die  Runde  macht,  nicht  mehr.  Auf  Wunsch  des  Absenders ­
  tritt  alsdann  gegen  besondere  Vergütung  die  Beförderung  durch  Eilboten  ein,
wenn  auf  dem  Briefe  die  Bemerkung  „durch  Eilboten  zu  bestellen"  angebracht  ist.  In
den  Städten  gestaltet  sich  das  Briefbestellgeschäft  im  allgemeinen  einfacher  als  nach
den  Landorten.
Das  Landpostwesen  hat  die  Aufgabe,  die  nicht  mit  Postanstalten  versehenen  Ortschaften ­
  und  Ansiedelungen  des  platten  Landes  in  den  großen  Strom  des  postalischen
Verkehrs  durch  regelmäßige  Verbindungen  hineinzuziehen.  In  Deutschland  machte  1824
Preußen  den  ersten  Versuch  mit  der  Landbriefbestellung,  ihm  folgten  bald  Frankreich  und
        <pb n="780" />
        Belgien.  Dieses  großartige  Institut,  das  man  noch  heutzutage  in  verschiedenen  Ländern
gar  nicht  kennt,  hat  in  Deutschland  jetzt  eine  solche  Ausdehnung  erreicht,  daß  nicht  bloß
jede  Ortschaft,  sondern  sogar  jedes  einzeln  stehende  Haus  mit  Ausnahme  des  Sonntags
täglich  Postverbindung  hat.
Namentlich  ist  seit  1880
zur  Verbesserung  der  Landbestelleinrichtungen ­
  sehr  viel
geschehen.  Die  Einrichtung
von  Posthilfsstellen  in
den  ländlichen  Ortschaften
hat  den  Bewohnern  der  letzteren ­
  die  Annehmlichkeit
verschafft,  am  Orte  selbst
jederzeit  Sendungen  einliefern ­
  und  Postfreimarken
ankaufen  zu  können,  ohne
erst  die  Ankunft  des  Landbriefträgers ­
  abwarten  zu
müssen.  Ferner  ist  für  viele
Orte  die  Zahl  der  Verbindungen ­
  vermehrt  worden.
Während  1880  eine  werktäglich ­
  zweimaligeBestellung
der  Postsachen  nur  nach  sr».  Ui-rMiger  Gmmbuspostwugen.
3015  Landorten  stattfand,
war  dieselbe  im  Jahre  1895  bereits  auf  72  771  Orte  ausgedehnt.  Nach  979  Orten
fand  sogar  eine  täglich  drei-  oder  mehrmalige  Bestellung  statt.  Auch  hat  die  Postverwaltung ­
  durch  Einführung  der  Sonntagsbestellung  nach  einer  bedeutenden  Anzahl  von
Orten  dem  hervorgetretenen  bezüglichen  Verkehrsbedürfnisse ­
  in  zuvorkommendster  Weise  Rechnung
getragen.  Eine  wesentliche  Beschleunigung  des
Bestell-  und  Beförderungsdienstes  ist  durch  Ausrüstung ­
  einer  Anzahl  von  Landbriefträgern  mit
Fuhrwerk  erreicht  worden.  Nebenbei  bietet  diese
neue  Einrichtung  den  Landbewohnern  eine  oft  sehr
erwünschte  Reisegelegenheit  dar.  Im  Jahre  1898
gab  es  im  deutschen  Reichspostgebiete  schon  2365
fahrende  Landbriefträger.  Die  Zahl  der  bei  den
Postanstalten  für  Landbewohner  eingegangenen
Sendungen  hat  1895  sich  ans  494  Millionen  belaufen. ­
  Davon  sind  40  Millionen  abgeholt,  die
übrigen  den  Adressaten  ins  Hans  gebracht  worden.
Zur  Bestellung  dieser  Sendungen  hat  das  damals
beinahe  30  000  Mann  zählende  Landbriefträgerpersonal ­
  zusammen  eine  Wegestrecke  von  204  Millionen ­
  Kilometer  im  Jahre,  oder  560  000  km
täglich,  d.  i.  das  Vierzehnfache  des  Erdnmkreises
zurückzulegen  gehabt,  und  es  sind  dafür  über  ^4.  Deutscher  Landbri-ftr-s-r.
19  Millionen  Mark  aufgewendet  worden.  Die
überall  gern  gesehenen  Landpostboten,  welche  mit  ihrer  ledernen  Tasche  von  Dorf  zu
Dorf  wandern  und  ihre  Ankunft  in  den  Orten  durch  den  schrillenden  Ton  einer  Metallpfeife ­
  verkünden,  wirken  segensreicher  auf  den  Verkehr  als  das  Begehen  der  Bezirke
durch  den  Gendarmen,  so  nötig  dieser  auch  sein  mag.  Mit  jedem  Briefgange  wird
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        816  Die  Feldpost.
die  ländliche  Bevölkerung  mehr  und  mehr  in  den  großen  Kreis  allgemeiner  Interessen
gezogen.  Die  Einsammlung  von  Briefen  auf  dem  Lande  durch  die  Landbriefträger
ist  durch  Anbringung  von  Briefkasten,  welche  von  den  Landbriefträgern  auf  ihren
Gängen  regelmäßig  geleert  werden,  ungemein  erleichtert.  Überdies  ist  die  zweckmäßige
Anordnung  getroffen,  daß  die  Landpostboten  soweit  als  irgend  thunlich  ihren  Rückweg
über  dieselben  Orte  nehmen,  welche  sie  auf  dem  Hinwege  berührt  haben,  damit  man
auf  einen  empfangenen  Brief  das  Antwortschreiben  dem  Boten  auf  seinem  Rückwege
gleich  wieder  mitgeben  kann.  Gleich  günstige  Postverkehrsverhältnisse  für  die  ländliche
Bevölkerung  sind  bisher  noch  in  keinem  anderen  Lande  hergestellt  worden,  und  noch  vor
wenig  Jahrzehnten  erfreuten  sich  Städte  mittlerer  Größe  kaum  vorteilhafterer  Postverbindungen, ­
  als  sie  jetzt  beinahe  jedes  Dorf  aufzuweisen  hat.

825.  Landdriestrüger  mit  Fuhrwerk.
Die  Feldpost.  Aber  nicht  bloß  im  Frieden,  sondern  auch  im  Kriege  zeichuet  sich
die  deutsche  Post  durch  hervorragende  Leistungen  aus.  Die  intellektuelle,  moralische  und
physische  Beschaffenheit  des  Kriegsmannes  wird  gehoben,  wenn  man  über  dem  Soldaten
nicht  den  Menschen  vergißt.  Dessen  ganze  Tüchtigkeit  entscheidet  den  Krieg.  Diese  aber
wird  gefördert  durch  die  musterhaften  Institutionen  der  deutschen  Armee  und  in  nicht
geringem  Grade  durch  die  beständige  Verbindung  des  Soldaten  mit  seinem  Vaterlande,
mit  seiner  speziellen  Heimat,  mit  seinem  Dörfchen,  mit  seinen  Angehörigen.
Diesen  Zusammenhang  zu  vermitteln,  bildet  eine  der  vornehmsten  Leistungen  der
Feldpost.  Sie  versorgt  den  Soldaten  mit  geistiger  Nahrung.  Ihre  nächste  Aufgabe  besteht ­
  in  der  Verbindung  der  einzelnen  Kommandos  untereinander,  in  der  schleunigen  und
sicheren  Beförderung  der  Dienstkorrespondenz  und  anderer  dienstlicher  Dinge.  Sogleich
mit  Eintritt  der  Heeresmobilmachung  findet  auch  die  Einrichtung  der  Feldpost  statt,
deren  Personal  schon  in  Friedenszeiten  vvrbestimmt  ist.  Für  das  große  Hauptquartier
des  obersten  Kriegsherrn  wird  das  Feldoberpostamt,  für  die  Oberkommandos  der  verschiedenen ­
  Armeen  je  ein  Armeepostamt,  für  jedes  Armeekorps  ein  Feldpostamt  und  für
        <pb n="782" />
        Eine  Feldpostrrpcdition  auf  dem  Schtachtftldr  1870.

826.
        <pb n="783" />
        818

Posten  und  Postwesen.

jede  Division  eine  Feldpostexpedition  etabliert.  Das  Personal  einer  jeden  Feldpostanstalt
besteht  aus  3  —  7  Beamten  und  der  erforderlichen  Anzahl  von  Feldpostschaffnern  und
Postillonen.  Ferner  wird  dieselbe  mit  der  nötigen  Zahl  von  Pferden  und  Fahrzeugen
versehen  und  mit  den  für  den  Postbetrieb  bestimmten  Utensilien,  Drucksachen  u.  s.  w.  ausgerüstet, ­
  so  daß  sie  jederzeit  selbst  auf  freiem  Felde  ihre  Thätigkeit  aufnehmen  kann.
Die  Sendungen  für  die  Truppenteile  werden  von  den  Feldpostanstalten  durch  Ordonnanzen
abgeholt.  Der  Feldwebel  nimmt  dann  die  Verteilung  vor,  sowie  er  es  auch  ist,  der  die
von  seinen  Soldaten  geschriebenen  Briefe  zur  Weiterbeförderung  sammelt.  Bei  Adressierung
der  Soldatenbriefe  ist  natürlich  die  Angabe  des  Truppenteils,  des  Regiments,  der  Compagnie, ­
  Schwadron,  Batterie  erforderlich,  da  der  Absender  ja  nie  zuverlässig  wissen  kann,
wo  der  Adressat  sich  befindet.  Die  Beförderung  der  Sendungen  durch  die  Feldpost  erfolgt ­
  größtenteils  portofrei.
Wie  großartig  die  Leistungen  der  deutschen  Feldpost  im  Kriege  gegen  Frankreich
in  den  Jahren  1870  —  71  waren,  geht  zur  Genüge  daraus  hervor,  daß  durch  die
deutschen  Feldpostanstalten  in  der  Zeit  vom  Beginn  des  Krieges  (Juli  1870)  bis  zum
31.  März  1871  über  89  Millionen  Briefe  und  zwei  Millionen  Zeitungsexemplare  befördert ­
  worden  sind.  Die  Thätigkeit  der  Feldpost  erstreckte  sich  aber  nicht  bloß  auf  die
Beförderung  von  Briefen  und  Zeitungen,  sondern  auch  auf  die  Zuführung  von  Packereien
an  die  Soldaten.  Die  Zahl  dieser  Gegenstände  betrug  in  derselben  Zeit  beinahe
zwei  Millionen.
Bevor  die  Briefe  u.  s.  w.  an  die  Feldpostanstalten  gelangten,  wurden  sie  nach  den
Truppenteilen,  für  die  sie  bestimmt  waren,  bereits  im  Jnlande  sortiert  und  zu  dem  Behufe ­
  von  den  Postanftalten  auf  Sammelstellen  geleitet,  deren  sich  je  eine  in  Berlin,
Hamburg,  Leipzig,  Kassel,  Köln,  Frankfurt  a.  M.  und  Saarbrücken  befand.  Bei  diesen
Sammelstellen  waren  sehr  viele  Personen,  bei  der  Sammelstelle  in  Berlin  beispielsweise
zu  gewissen  Zeiten  150  Mann  thätig.  Zur  Zeit  des  regsten  Verkehrs  wurden  allein  bei
der  Sammelstelle  in  Berlin  täglich  130  000  gewöhnliche  Briefe  und  beinahe  3000  Geldbriefe ­
  expediert.
Die  Beförderung  der  Feldpostbriefe  zur  Armee  erfolgte  von  Berlin  aus  mit  dem
um  8^2  Uhr  abends  vom  Anhaltischen  Bahnhöfe  nach  Frankfurt  a.  M.  abgehenden
Kurierzuge,  und  zwar  in  einem  für  diesen  Zweck  besonders  eingestellten  Postwagen.  Zum
Transport  der  Briefsäcke  von  der  Sammelstelle  nach  dem  Bahnhöfe  waren  5  bis  7  zweispännige
  Güterpostwagen  erforderlich.
Taubenpost.  Erwähnenswert  ist  eine  andere  Einrichtung,  welche  mit  der  Briefbeförderung ­
  im  Zusammenhange  steht.  So  gut  die  Zugvögel  von  ihren  weiten  Reisen
den  Rückweg  nach  ihrer  Heimat  zu  finden  wissen,  so  kehren  auch  unsere  Haustauben  dahin
zurück,  von  woher  sie  ausgeflogen  sind.  Auf  Grund  dieser  Wahrnehmung  hat  man  schon
in  den  frühesten  Zeiten  Brieftauben  als  Boten  verwendet,  namentlich  im  Orient,  wo
man  sich  dazu  der  türkischen  Taube  bediente  und  heute  noch  bedient.  Schon  der  griechische
Dichter  Anakreon  (530  v.  Chr.)  spricht  von  den  Tauben  als  Briefboten.  Auch  den
Römern  war  der  Taubenpostdienst  bekannt.  Die  Sarazenen  unterhielten  im  12ten  und
13ten  Jahrhundert  viele  Verbindungen  durch  Tauben.  Kaufleute  zu  Aleppo  ließen  sich
vor  mehr  als  200  Jahren  die  Ankunft  von  Schiffen  im  Hafen  von  Alexandrette  durch
Brieftauben  melden.  Holländische  Schiffer,  die  in  Ägypten  den  Wert  des  Taubenpostdienstes
  kennen  gelernt  hatten,  verpflanzten  ihn  im  16  ten  Jahrhundert  nach  Europa.  Er
wurde  bei  der  Belagerung  von  Haarlem  und  Leyden  im  Jahre  1573  mit  großem  Nutzen
angewandt.  Napoleon  I.  machte  zur  Übersendung  von  Nachrichten  gleichfalls  von  Brieftauben ­
  Gebrauch.  In  neuerer  Zeit  bedienten  sich  die  Bankiers  der  großen  Wechselplätze
der  Tauben  als  Briefträger,  um  Nachrichten  über  den  Stand  der  Kurse  schnell  weiter  zu
befördern.  Doch  hat  der  Entwickelungsgang  der  elektrischen  Telegraphie  auch  dieses  verhältnismäßig ­
  schnelle  und  leichte  Verkehrsmittel  zurückgedrängt.  —  Die  zu  Briefträgern
bestimmten  Tauben  werden  an  ihren  Bestimmungsort  gebracht  und  dort,  nachdem  man
ihnen  den  in  Wachs  getränkten  Brief  unter  dem  Flügel  an  die  Fußwurzcl  befestigt,  los-
        <pb n="784" />
        Die  Feldpost.  Taubenpost.

819

gelassen.  Den  Weg  von  Paris  nach  Köln  am  Rhein  haben  die  Brieftauben  schon  in
etwa  130  Minuten  zurückgelegt.  Gewöhnlich  braucht  die  Taubenpost  für  25  Meilen  nicht
über  eine  Stunde.
Eine  gewinnbringende  Benutzung  der  Taubenposten  führte  im  Jahre  1849  Reuter,
der  bekannte  Besitzer  des  großen  Telegraphenbureaus  zu  London,  in  Aachen  ein,  als  der
elektrische  Draht  zwischen  Berlin  und  Aachen  bereits  vollendet,  aber  zwischen  Aachen  und
Brüssel  noch  eine  Unterbrechung  der  Leitung  vorhanden  war.  Zwischen  diesen  beiden
Städten  wurde  zur  Beförderung  von  Depeschen  die  Taubenpost  eingerichtet,  wodurch  die
Weiterleitung  der  an  dem  einen  oder  anderen  der  beiden  Plätze  ankommenden  Depeschen
um  etwa  acht  Stunden  beschleunigt  wurde.  Die  für  den  Osten
bestimmten  Depeschen,  die  in  Brüssel  mit  der  Post  ankamen,
wurden  von  dort  aus  in  drei  Abschriften  vermittelst  dreier
verschiedenen  Tauben  nach  Aachen  gesandt.  (Die  dreifache  Versendung ­
  der  Depeschen  geschah  nur,  um  Regelmäßigkeit  und
verlässige  Ankunft  zu  sichern,  auch  für  den  Fall,  daß  ja  der
eine  oder  andere  der  geflügelten  Boten  zu  Grunde  ging.)
Die  Tauben  legten  die  Entfernung  von  Brüssel  nach  Aachen
in  einer  Stunde  zurück.  Von  letzterem  Orte  wurde  dann  das
Telegramm  dem  elektrischen  Draht  anvertraut  und,  in  Berlin
angekommen,  an  den  Bestimmungsort  auf  das  schleunigste
weiter  befördert.  Die  für  den  Westen  bestimmten  Depeschen
wurden  von  Berlin  nach  Aachen  mit  dem  Telegraphen  befördert ­
  und  von  dort  mit  Taubenpost  in  oben  angeführter
Weise  nach  Brüssel,  um  von  letzterem  Platze  ihrem  Bestimmungsorte ­
  zugeführt  zu  werden.  Der  geschäftliche  Nutzen
wurde  bald  erkannt,  und  man  bediente  sich  des  Reuterschen
Bureaus  in  ausgedehntester  Weise.  Wie  die  deutsche  Verkehrszeitung ­
  mitteilt,  ist  in  England  ein  Gutsbesitzer,  der  von
der  nächsten  Telegraphenstation  8  bin  entfernt  wohnt,  auf  den
Gedanken  gekommen,  die  für  ihn  eingehenden  Telegramme
sich  durch  Brieftauben  bestellen  zu  lassen.  Er  stationiert  zu
dem  Zwecke  mehrere  von  ihm  gezüchtete  Tauben  in  der  Nähe
der  Telegraphenanstalt  bei  einem  Kanfmanne,  an  welchen
jedes  für  ihn  bestimmte  Telegramm  abgegeben  wird.  Der
Kaufmann  rollt  das  Telegramm  zusammen  und  befestigt  es
am  Halse  einer  Taube  so,  daß  die  Rolle  quer  über  den  oberen ­
  Teil  der  Brust  zu  liegen  kommt.  Die  Taube  wird  nun
losgelassen  und  überbringt  das  Telegramm  dem  Adressaten
innerhalb  10  Minuten.  Die  Tauben  sollen  in  dieser  Weise
bis  zu  28  g  Gewicht  tragen  können,  ohne  im  Fluge  behindert ­
  zu  sein.
Eine  hervorragende  Rolle  haben  die  Taubenposten  in  dem  jüngsten  Deutsch-französischen ­
  Kriege  gespielt.  Namentlich  haben  die  Bewohner  von  Paris  während  der  fünfmonatigen ­
  Einschließung  ihrer  Stadt  durch  die  deutschen  Heere  den  Wert  der  luftigen
Boten  kennen  gelernt.  Während  man  sich  zur  Vermittelung  des  Briefverkehrs  von  der
bedrängten  Stadt  nach  außerhalb  der  Ballonposten,  von  denen  wir  weiter  unten  noch
reden  werden,  bediente,  blieb  für  den  Verkehr  von  außerhalb  nach  Paris  nur  übrig,  zur
Einrichtung  von  Taubenposten  seine  Zuflucht  zu  nehmen.  Denn  so  viele  Versuche  man
auch  damit  angestellt  hat,  Luftballons  trotz  widriger  Winde  nach  einem  bestimmten  Punkte
hin  zu  leiten,  so  ist  die  Lösung  dieses  Problems  doch  bis  jetzt  noch  nicht  gelungen.  Um
die  belagerte  Hauptstadt  mit  Nachrichten  von  außerhalb  zu  versehen,  wurde  anfänglich
zu  Tours  und  später,  als  die  Deutschen  bis  in  diese  Stadt  vorgedrungen  waren,  zu  Poitiers
ein  förmlicher  Taubenpostdienst  eingerichtet.  Auf  diesen  Stationen  sammelte  man  alle

827.  Brieftaube  mit  geNempriten
Schwanzfedern.
        <pb n="785" />
        820

Posten  und  Postwesen.
Depeschen  aus  der  Provinz,  die  für  Paris  bestimmt  waren,  stellte  sie  in  Form  eines
Journals  auf  typographischem  Wege  zusammen  und  verminderte  demnächst  ihren  räumlichen ­
  Umfang  mikroskopisch  durch  Photographie  soviel  als  möglich.  Zu  diesen  Photographien ­
  verwendete  man  anfangs  Papier,  später  aber  ganz  dünne,  besonders  präparierte
Häutchen,  welche  so  leicht  waren,  daß  eine  einzige  Taube  18  Exemplare  derselben  mitzunehmen ­
  vermochte,  weil  diese  18  Häutchen  zusammen  kaum  das  Gewicht  von  einem
halben  Gramm  erreichten.  Auf  einem  solchen  Blättchen,  das  3  cm  lang  und  1  cm  breit
war,  wurden  16  bedruckte  Folioseiten  wiedergegeben,  und  da  eine  Taube  so  viele  Häutchen
trug,  so  brachte  ein  einziger  solcher  Bote  oft  Tausende  von  Depeschen  in  das  belagerte
Paris.  Diese  Depeschen  wurden  in  6  bis  20,  ja  sogar  bis  30  gleichlautenden  Exemplaren
durch  ebenso  viele  geflügelte  Boten  nach  Paris  entsendet,  um  auf  die  Ankunft  wenigstens
eines  Exemplars  am  Bestimmungsorte  mit  Sicherheit  rechnen  zu  können.  Sie  wurden
zusammengerollt  in  einen  Federkiel  gesteckt,  welchen  man  versiegelte  und  mit  einem  Seidenfaden ­
  unter  der  mittleren  Schwanzfeder  der  Brieftaube  befestigte.  Im  Laufe  der  Belagerung ­
  der  Stadt  wurden  etwa  300  Tauben  nach  Paris  entsendet,  von  denen  jedoch
nur  einige  siebzig  ihr  Ziel  erreichten.  Diese  genügten  jedoch,  um  den  Parisern  115  000
verschiedene  Depeschen  zuzuführen.  Die  Depeschen  gingen  an  die  Zentralpostverwaltung
in  Paris.  Dort  wurde  ihr  Inhalt  auf  photographischem  Wege  vergrößert  und  demnächst
in  die  verschiedenen  Quartiere  der  Stadt  weitergesaudt.  Durch  die  Taubenpost  erhielten
die  Pariser  unausgesetzt  Kenntnis  nicht  nur  von  den  Vorgängen  in  der  Provinz,  sondern
auch  von  dem  Befinden  der  Ihrigen,  die  außerhalb  der  Metropole  sich  befanden,  und  die
die  Stadt  belagernden  Deutschen  mußten  mit  Plinius  ausrufen:  „Was  helfen  Schildwachen, ­
  Wälle  oder  Netze  in  den  Flüssen,  wenn  man  durch  die  Luft  Botschaften  senden
kann."  Die  vortrefflichen  Dienste,  welche  den  Parisern  während  der  Belagerung  durch
die  Taubenposten  geleistet  worden  sind,  haben  die  deutsche  Militärverwaltung  veranlaßt,
auf  verschiedenen  Punkten,  namentlich  an  den  Küsten  und  in  festen  Plätzen,  Stationen  zu
errichten,  wo  Brieftauben  gezüchtet  und  zum  Fluge  von  bestimmten  Gegenden  her  nach
dem  Stationsorte  abgerichtet  werden,  um  dieselben  für  den  Fall  des  Krieges  zum  Nachrichtendienst ­
  verwenden  zu  können.  Auch  verschiedene  in  Deutschland  bestehende  Taubenzuchtvereine ­
  sind  die  Verpflichtung  eingegangen,  Tauben  den  Wünschen  der  Militärverwaltung ­
  entsprechend  auszubilden  und  sie  dieser  im  Kriegsfälle  zu  überlassen.  Zum
Schutze  solcher  Tauben  sind  besondere  gesetzliche  Bestimmungen  ergangen.
Die  größere  Fluggeschwindigkeit  der  Schwalben  sowie  deren  bekannter  Orientierungssinn ­
  haben  Veranlassung  gegeben,  auch  mit  Schwalbenposten  Versuche  anzustellen.
Dabei  hat  man  gefunden,  daß  die  Schwalben  den  Tauben  hinsichtlich  der  Schnelligkeit
weit  überlegen  sind,  daß  aber  die  Zähmung  und  Abrichtung  der  ersteren  ungleich  schwieriger
und  mühevoller  ist,  als  die  der  letzteren.
Ballonpost.  Eine  Erfindung  der  neuesten  Zeit  ist  die  Ballonpost.  Von  derselben
wurde  im  Deutsch-französischen  Kriege  1870  —  71  in  ausgedehntem  Maße  Gebrauch
gemacht.  Während  der  Einschließung  von  Paris  wurden  aus  dieser  Stadt  von  Zeit  zu
Zeit  Luftballons  entsendet,  um  den  übrigen  Bewohnern  Frankreichs  von  der  Hauptstadt
aus  Nachrichten  zuzuführen.  Die  Ballons  wurden  für  Rechnung  der  Postverwaltung
ausgerüstet  und  von  derselben  auch  befrachtet.  Die  mit  denselben  zu  befördernden  Briefe
unterlagen  einem  Porto  von  20  Centimes  für  je  4  g  Gewicht.  Sie  wurden  mit  einem
Stempel  „par  ballon  monté“  bedruckt.  Die  Ballons  waren  aus  gefirnistem  Baumwollstoffe ­
  in  der  Größe  von  etwa  2000  cbm  hergestellt.  Zur  Füllung  wurde  gewöhnliches
Leuchtgas  benutzt,  welches  bei  gleichem  Volumen  etwa  um  die  Hälfte  leichter  ist  als  die
atmosphärische  Luft  und  billiger  zu  stehen  kommt  als  das  sonst  zur  Füllung  der  Ballons
verwendete  Wasserstoffgas,  dessen  spezifisches  Gewicht  allerdings  noch  erheblich  geringer
ist  als  dasjenige  des  Leuchtgases.  Unter  dem  Ballon  war  eine  Gondel  angebracht,  welche
die  Luftschiffer,  die  etwaigen  Passagiere,  die  Briefsäcke  und  den  Ballast  aufnahm.  Ferner
wurden  Anker,  Hemmseile,  Barometer  und  Proviant  mitgenommen.  Die  Ballons  stiegen
langsam  bis  zu  1000  m  Höhe  und  bewegten  sich  dann  in  der  Richtung  des  Luftstromes
        <pb n="786" />
        Taubenpost.  Rohrpost.  Ballonpost.  821
fort,  in  dem  sie  schwebten.  An  jedem  Ballon  befanden  sich  zwei  Sicherheitsventile,  das
eine  an  dem  oberen  und  das  andere  an  dem  unteren  Ende.  Nach  zwei-  bis  dreistündiger
Fahrt  gingen  die  Ballons  nieder.  Während  der  Belagerung  von  Paris  wurden  von  da
65  Ballons  abgelassen;  davon  fielen  36  in  den  vom  Feinde  nicht  besetzten  französischen
Landesteilen  nieder,  14  kamen  in  den  von  den  Deutschen  besetzten  Departements  an,  doch
gelangten  nur  fünf  hiervon  in  die  Hände  des  Feindes,  die  übrigen  neun  wurden  von
Franzosen  geborgen.  13  Ballons  gingen  im  Auslande  nieder,  und  zwei  gerieten  aufs
Meer,  wo  sie  ihren  Untergang  fanden.  Im  ganzen  sind  durch  die  Ballonpost  etwa
2  500  000  Briefe  im  Gewichte  von  ungefähr  10  000  kg  befördert  worden.  Die  Pariser
Journale  wurden  ebenfalls  mit  der  Ballonpost  nach  den  Departements  expediert.  Mit
der  Kapitulation  von  Paris  erreichten  auch  diese  eigentümlichen  Unternehmungen  ihre
Endschaft.  Doch  wird  militärischerseits  dem  gedachten  Beförderungsmittel  fortgesetzt  die
größte  Aufmerksamkeit  geschenkt  und  die  Handhabung  desselben  durch  eine  Luftschifferabteilung ­
  der  Eisenbahnbrigade  der  deutschen  Armee  schon  in  Friedenszeiten  eingeübt,  um
im  Kriege  für  den  Notfall  davon  Gebrauch  machen  zu  können.
Nachdem  wir  hier  zwei  Arten  von  Posten  besprochen  haben,  die  ihren  Weg  durch
die  Lüfte  nehmen,  wollen  wir  noch  eine  Gattung  erwähnen,  welche  im  Gegensatze  zu
jenen,  dem  Maulwurfe  gleich,  auf  unterirdischen  Bahnen  sich  bewegt;  es  ist  die
Rohrpost,  durch  welche  in  einzelnen  großen  Städten  Sendungen  von  einem  Stadtteile ­
  zum  anderen  befördert  werden.  Obgleich  sie  noch  nicht  sehr  lange  besteht,  hat  sich  die
Rohrpost  doch  schon  zu  einem  unentbehrlichen  Verkehrsmittel  der  großen  Städte  herausgebildet. ­
  Sie  wurde  zuerst  in  London  im  Jahre  1854  angelegt;  später  folgten  Paris,
Wien  und  1876  Berlin  mit  der  gleichen  Einrichtung.  Wie  bei  der  Ballonpost,  so  bildet
auch  bei  ihr  die  Luft  die  bewegende  Kraft.
Die  zu  befördernden  Sendungen  werden  in  Kapseln  eingeschlossen,  deren  Fortbewegung ­
  in  eisernen,  in  die  Erde  gebetteten  Röhren  erfolgt.  In  London  laufen  die
Röhren  strahlenförmig  von  der  Hauptstation  aus,  so  daß  die  übrigen  Stationen  nur  mit
der  Hauptstation  in  unmittelbaren  Verkehr  treten  können,  während  in  Paris  und  Wien
die  Röhren  im  Kreisläufe  verschiedene  Stationen  berühren  und  den  Verkehr  zwischen
diesen  untereinander  ermöglichen.  In  Berlin  wurde  zunächst  das  letztere  System  gewählt,
weil  bei  diesem  die  Anlage-  und  Betriebskosten  sich  erheblich  niedriger  stellten  als  bei
dem  anderen.  Nachdem  sich  aber  gezeigt  hatte,  daß  bei  Anwendung  des  erstgedachten
Systems  sich  im  allgemeinen  eine  weit  schnellere  Übermittelung  der  Sendungen  nach  dem
Bestimmungsorte  erreichen  ließ,  wurde  die  kreisförmige  Anlage  bis  zum  Jahre  1884
nach  und  nach  in  eine  strahlenförmige  umgewandelt.  Die  Rohrpostanlage  in  Berlin
(mit  Einschluß  der  Vororte  Charlottenburg,  Rixdorf  und  Schöneberg)  bestand  1898  aus
118,05  km  schmiedeeiserner  Röhren  von  65  mm  lichtem  und  74  mm  äußerem  Durchmesser.
Sie  liegen  etwa  1,25  m  tief  unter  dem  Straßenpflaster  und  verbinden  53  Rohrpostämter
miteinander.  Durch  diese  Röhren  wird  täglich  in  der  Zeit  von  7  Uhr  morgens  bis
10  Uhr  abends  zwischen  je  zwei  Stationen  alle  Viertelstunden  ein  Zug  von  5  bis  10
Briefkapseln  befördert.  Letztere  sind  in  cyliudrischer  Form  aus  1  mm  dickem  Aluminiumblech
hergestellt;  ihre  Länge  beträgt  etwa  15  am,  während  ihr  Umfang  dem  inneren  Raume
der  Röhren  so  angepaßt  ist,  daß  zwischen  ihnen  ein  Spielraum  von  3 1 / 2  mm  verbleibt.
Die  Cylinder  haben  an  dem  einen  Ende  einen  Metallverschluß,  während  sie  an  dem
anderen  offen  sind,  um  die  zur  Beförderung  bestimmten  Gegenstände  aufzunehmen.  Nach
der  Füllung  der  Cylinder  wird  ihr  Verschluß  durch  eine  11  cm  lange  lederne  Kappe
hergestellt,  die  sich  an  die  äußeren  Metallwände  des  Cylinders  eng  anschließt.  Der  Kopf
der  Kappe  besteht  aus  mehrfach  übereinander  gelegten  Lederstücken,  um  die  Wirkung  der
Stöße,  welche  die  Kapseln  bei  der  Beförderung  zu  erleiden  haben,  abzuschwächen.  Die
Fortbewegung  der  Kapseln  in  den  Röhren  geschieht  entweder  durch  Druck  mittels  gepreßter
Luft  oder  durch  Ansaugen  mittels  verdünnter  Luft.  An  acht  verschiedenen  Stellen  der
Stadt  Berlin  sind  Dampfmaschinen  aufgestellt,  durch  welche  unter  Verwendung  von  je
zwei  Luftpumpen  die  Luft  in  geräumigen,  von  starkem  Eisenblech  gefertigten  Behältern
        <pb n="787" />
        822  Rohrpost.
verdünnt  oder  verdichtet  wird.  Diese  Luftbehälter  stehen  durch  Rohre  mit  den  vorerwähnten ­
  Röhren  in  Verbindung.  Der  Luftzutritt  wird  durch  Hähne  geregelt.  Soll  eine
Reihe  von  Kapseln  von  einer  Station  zur  anderen  mittels  Luftdrucks  befördert  werden,
so  läßt  man  auf  der  Abgangsstation,  nachdem  die  Kapseln  in  das  Rohr  eingelegt  sind,
durch  Drehung  des  Hahnes  gepreßte  Luft  aus  dem  betreffenden  Behälter  in  das  Rohr
dicht  hinter  der  Kapselreihe  eintreten,  so  daß  diese  durch  den  Luftdruck  zur  nächsten
Station  getrieben  wird.  Hingegen  wird  bei  Beförderung  der  Kapseln  durch  Ansaugen
auf  der  Empfangsstation  eine  Verbindung  zwischen  der  Luft  im  Beförderungsrohre  und
derjenigen  im  Behälter  für  verdünnte  Luft  hergestellt  und  auf  der  Abgangsstation  in  das
Rohr  dicht  hinter  den  eingelegten  Kapseln  atmosphärische  Luft  eingelassen.  Da  die  Kapseln
den  Hohlraum  der  Röhren  nicht  ganz  ausfüllen,  so  fügt  man,  um  nicht  einen  erheblichen
Teil  der  als  Triebkraft  dienenden  Luft  unbenutzt  an  dem  Zuge  vorüberstreichen  zu  lassen,
dem  letzteren  am  Schluffe  einen  11  cm  langen,  58  mm  dicken,  cylindrischen  Kolben  aus
Holz  an,  welcher  ganz  mit  Leder  überzogen  und  am  Ende  mit  einer  2  mm  starken  Ledermanschette ­
  versehen  ist.  Letztere
hat  einen  Durchmesser  von  90  mm
und  ist  an  dem  Kolben  mittels
Schraube  befestigt.  Während  der
Beförderung  legt  sich  die  Manschette ­
  um  die  Wände  des  Kolbens
und  füllt  den  Spielraum  zwischen
diesem  und  den  Röhrenwänden
dergestalt  aus,  daß  daneben  von
der  als  Triebkraft  dienenden  Luft
nur  sehr  wenig  hinstreichen  kann.
Um  auf  der  Empfangsstation  ein
heftiges  Anprallen  der  Kapseln
zu  verhindern,  wird  ihnen  kurz
vor  dem  Eintreffen  ein  entsprechender ­
  Luftdruck  entgegengesetzt,
so  daß  sie  am  Endpunkte  in  langsamem ­
  Tempo  ankommen.  Die
Ankunft  eines  Zuges  bei  dem
durch  ein  telegraphisches  Signal
kurz  vorher  angekündigt.  Die  für  die  Station  bestimmten  Kapseln  bzw.  Sendungen
werden  zurückbehalten,  die  übrigen  Kapseln  aber  mit  den  auf  der  Station  zugehenden  vereinigt ­
  zur  nächsten  Station  weiter  befördert.  Die  Auswechselung  vollzieht  sich  mit  großer
Schnelligkeit,  der  Aufenthalt  ist  demnach  nur  ein  ganz  geringer.  Alsbald  nach  Ankunft
eines  Transportes  gehen  von  der  Station  Briefträger  aus,  welche  die  angekommenen
Gegenstände  den  Adressaten  sogleich  überbringen.
Mit  der  Rohrpost  gelangen  vorzugsweise  Telegramme  zur  Versendung,  welche  von
auswärts  auf  dem  Haupttelegraphenamte  ankommen  und  an  Adressaten  in  Berlin  gerichtet,
oder  welche  bei  den  einzelnen  Post-  und  Telegraphenanstalten  der  Reichshauptstadt  aufgegeben ­
  und  von  dem  Haupttelegraphenamte  nach  auswärts  abzutelegraphieren  sind.  In
dem  Gebäude  des  letzteren  befindet  sich  deshalb  auch  die  Zentralrohrpoststation,  welche  zugleich ­
  den  Ausgangs-  und  den  Endpunkt  aller  Röhren  bildet.  Wegen  des  sehr  regen
Verkehrs  zwischen  dem  Haupttelegraphenamte  und  der  im  Börsengebäude  untergebrachten
Telegraphenbetriebsstelle  sind  zwischen  den  Rohrstationen  dieser  Stellen  zwei  Röhrenstränge ­
  gelegt,  wodurch  es  möglich  geworden  ist,  zwischen  diesen  Stationen  alle  7V 2  Minuten
Sendungen  auszutauschen.  Die  Rohrpoststationen  sind  stets  mit  dem  in  dem  betreffenden
Gebäude  vorhandenen  Post-  oder  Telegraphenamte  vereinigt.  Durch  die  Benutzung  der
Rohrpost  wird  nicht  nur  eine  erhebliche  Beschleunigung  der  Zustellung  der  Telegramme
an  Adressaten  in  Berlin  sowie  der  Abtelegraphierung  der  in  den  verschiedenen  Teilen

Rohrpostamte  wird  von  dem  Absendungsamte  jedesmal
        <pb n="788" />
        825

Das  Reichspostmuseum.

der  Stadt  aufgelieferten,  nach  auswärts  bestimmten  Depeschen  erreicht,  sondern  auch  eine
bedeutende  Ersparnis  an  Arbeitskräften  erzielt.  Außer  den  Telegrammen  werden  mit
der  Rohrpost  aber  auch  Postkarten  und  Briefe  befördert,  welche  letztere  jedoch  im  einzelnen
das  Gewicht  von  10  g  nicht  überschreiten  dürfen.  Die  Beförderungsgebühr  für  einen
Rohrpostbrief  beträgt  30  Pfennig,  für  eine  Rohrpostkarte  25  Pfennig.  Im  Jahre  1898
hat  die  Zahl  der  Rohrpostsendungen  in  Berlin  sich  auf  6  235  505  Stück  belaufen,  wovon
5002  688  Telegramme,  die  übrigen  Briefe  und  Karten  waren.
Rohrpostanlagen  gibt  es  jetzt  auch  noch  in  verschiedenen  anderen  großen  Städten
z.  B.  in  Philadelphia,  Liverpool,  Birmingham,  Manchester,  Dublin,  Glasgow  u.  a.
Vor  etwa  zehn  Jahren  tauchte  das  Projekt  auf,  England  und  Frankreich  durch  eine
Rohrpost  zu  verbinden.  Die  Röhren  sollten  aber  nicht  unterseeisch,  sondern  etwa  50  m
hoch  über  dem  Meeresspiegel  geführt  und  durch  eiserne,  auf  dem  Meeresgrunde  fundierte
Pfeiler  gestützt  werden.  Es  war  beabsichtigt,  den  Röhren  eine  solche  Weite  zu  geben,  daß
in  ihnen  der  größte  Teil  der  Korrespondenz  zwischen  England  und  Frankreich  Beförderung
erhalten  konnte.  Als  Betriebskraft  war  die  Elektrizität  in  Aussicht  genommen.  Über  die
Ausführung  des  Planes  hat  man  jedoch  in  neuerer  Zeit  nichts  mehr  gehört.
Das  Reichspostmnseum  ist  in  dem  an  der  Leipziger-  und  Mauerstraße  gelegenen
Eckbau  des  Reichspostamtsgebäudes  zu  Berlin  untergebracht,  in  dessen  Lichthofe  sich  ein
Standbild  des  Schöpfers  des  Museums,  Staatssekretärs  von  Stephan,  erhebt.  In  den
Vorbemerkungen  zu  dem  im  Jahre  1897  neu  herausgegebenen  Kataloge  wird  als
Zweck  der  Sammlung  hingestellt:  „die  Entwickelung  des  Verkehrswesens  von  den
Völkern  des  Altertums  beginnend  bis  zur  neuesten  Zeit  kulturgeschichtlich  zu  veranschaulichen ­
  und  den  Beamten  der  Reichspost-  und  Telegraphenverwaltung  bei  ihren  Studien
ein  umfassendes  Hilfsmittel  für  das  Werden  und  die  Fortbildung  der  Verkehrseinrichtungen
  zu  schaffen".  Der  Katalog  weist  in  27  Abteilungen  auf  575  Seiten  alle  Gegenstände ­
  nach,  welche  teils  aus  Modellen  oder  Abbildungen  bestehen,  teils  im  Originale
vorliegen,  darunter  eine  große  Anzahl  von  Schriftstücken.  Die  Modelle  sind  aus  Gips
oder  aus  Bleiguß  gefertigt  und  die  Abbildungen  großenteils  auf  photographischem  Wege
hergestellt.  Die  ersten  fünf  Abteilungen  enthalten  auf  das  Verkehrswesen  im  Altertum,
im  Mittelalter,  im  16.,  17.  und  18.  Jahrhundert  Bezügliches.  In  der  sechsten  Abteilung
werden  uns  die  deutschen  Posteinrichtungen  im  19.  Jahrhundert  vorgeführt,  und  zwar
A.  Gebäude,  B.  Gerätschaften  für  den  technischen  Postbetrieb,  6.  Dienstkleidungen,
D.  Postwagen  für  gewöhnliche  Landwege  und  Ausrüstung  der  Pferde,  E.  Bahnpostwagen,
E.  Postschiffe,  G.  Feldpostansrüstungen,  H.  Betriebsdienst  und  I.  Gegenstände  von  allgemeiner ­
  Beziehung  auf  das  Verkehrswesen.  Von  besonderem  Interesse  ist  die  siebente
Abteilung,  welche  die  ausländischen  Posteinrichtungen  und  verwandten  Verkehrsmittel  im
19.  Jahrhundert  zur  Darstellung  bringt.  Sv  finden  wir  aus  Belgien  eine  gußeiserne
Briefkastensäule;  aus  England  das  Modell  einer  vierspännigen  ums  Jahr  1840  gebräuchlich ­
  gewesenen  Mailcoach;  aus  Dänemark  die  Abbildung  eines  Kugelpostwagens,
wie  solcher  in  der  ersten  Hälfte  dieses  Jahrhunderts  zur  Briefbeförderung  benutzt  wurde;
aus  Norwegen  die  Modelle  von  Segelbooten  sowie  einer  zweiräderigen  Karriole  mit
sehr  schmalem  Sitz  für  nur  eine  Person  und  eines  zweiräderigen  Fuhrwerks  (Kärra)  mit
breitem  Sitz  und  Wagenkasten;  aus  Rußland  bildliche  Darstellungen  der  Renntier-  und
Hundepost,  der  Schlittenpost,  des  Postkarbas  (Segelboot),  der  zweiräderigen  grusinischen
Arba  (Leitkarren  mit  Stieren  bespannt);  aus  Afrika  die  Abbildung  einer  Wüstenpost
(Kamelreiter)  nach  einem  Gemälde  von  Horace  Vernet.
Einen  besonders  reichen  und  wertvollen  Zuwachs  erhielt  das  Postmuseum  durch  Modelle ­
  ostindischer  Posteinrichtungen,  welche  von  der  britischen  Postverwaltnng  in
Ostindien  aus  Anlaß  des  Eintritts  Indiens  in  den  Weltpostverein  dem  Museum  1878
zum  Geschenk  gemacht  wurden.  Unter  den  originellen  Modellen  und  Bildern  aller  Art
fallen  am  meisten  auf  ein  Postsegelboot  für  den  Golf  von  Bombay,  ein  Dugaut  (Boot
mit  runder  Überdachung  aus  Schilf  in  drei  Teilen),  ein  birmanisches  Postboot  mit  viereckiger ­
  Schilfüberdachung  und  vor  allem  ein  aus  Bündeln  getrockneter  Kürbisse  her-104
        <pb n="789" />
        826  Der  Weltpostverein.
gestelltes  Floß,  welches  von  Eilboten  zum  Übersetzen  von  Flüssen  benutzt  und  durch
Männer,  welche  neben  dem  Floß  herschwimmen,  geleitet  wird.  Ähnlich  ist  ein  Floß,
welches  aus  irdenen  Töpfen  und  einem  von  den  Eingeborenen  gebrauchten  Bett  (Dscharpai)
zusammengesetzt  ist.  Originell  ist  auch  die  Figur  der  Hurkara.  Es  sind  dies  Postboten,
welche  den  Postsack  über  den  Rücken  geschnallt  oder  an  einem  Stock  tragen,  der  an  einem
Ende  mit  kleinen  Glöckchen,  am  anderen  mit  einem  Spieß  versehen  ist.  Die  Glöckchen
sollen  giftige  Reptilien  verscheuchen  und  zugleich  die  Ankunft  der  Post  verkünden.  Die
Abbildungen  zeigen  schließlich  noch  eine  Kamelpost  sowie  einen  Postboten  auf  dem  Reitrad. ­
  In  der  japanischen  Sammlung  fällt  uns  besonders  die  bildliche  Darstellung  des
gesamten  Betriebes  der  japanischen  Post  in  16  auf  weißer  Seide  gemalten  Aquarellen
auf.  Außerordentlich  reichhaltig  ist  die  chinesische  Abteilung,  in  der  wir  u.  a.  verschiedene ­
  Bootmodelle,  z.  B.  ein  Ma-lom-teng  (d.  h.  Pantoffelboot),  das  zur  Beförderung ­
  eiliger  Briefschaften  auf  dem  Kantonflusse  benutzt  wird,  ferner  einen  amtlichen
Fußboten  von  der  Insel  Formosa,  der  von  seinen  Landsleuten  „Tausendmeilenpferd"
genannt  wird,  auch  einen  kaiserlichen  Kabinettskurier  finden.
In  den  Abteilungen  8  bis  20  sind  Gegenstände  dargestellt,  die  auf  das  Telegraphenwesen ­
  Bezug  haben.  Die  Abteilungen  21  bis  23  enthalten  Urkunden  und  sonstige
Schriftstücke,  Bücher  und  Karten  aus  dem  Verkehrsgebiete.  In  der  24.  Abteilung  wird
uns  eine  sehr  reichhaltige  Sammlung  von  größtenteils  unentwerteten  Postfreimarken,
Briefumschlägen,  Formularen  nebst  Druckplatten  und  Stempeln  vorgeführt,  während  die
Abteilungen  25  bis  27  Büsten,  Reliefbilder,  Porträts,  Denkmünzen  und  Verschiedenes
darbieten.  Das  ganze,  mit  großem  Fleiß  zusammengetragene  und  wohlgeordnete  Material
des  Reichspostmuseums  bildet  schon  jetzt  eine  vorzügliche  Illustration  der  Entwickelung
des  Verkehrswesens  in  allen  Weltteilen.
Der  Weltpostverein.  Wenn  im  Laufe  der  letzten  Jahrzehnte  die  Wirtschaft
immer  mehr  die  nationalen  und  staatlichen  Schranken  durchbrach  und  zurWeltwirtschaft
wurde,  so  konnte  es  nicht  fehlen,  daß  das  den  Briefwechsel  umfassende  Verkehrsmittel
auch  immer  mehr  zu  einem  internationalen  wurde.  Verhindert  wurde  dieser  Prozeß
lange  Zeit  durch  die  Hemmnisse,  welche  in  der  Verschiedenheit  der  postalischen  Einrichtungen ­
  der-  einzelnen  Staaten,  in  der  Schwerfälligkeit  des  Übergangs  aus  einem
Postgebiet  in  ein  anderes,  in  der  Engherzigkeit  bei  Abwickelung  der  Abrechnungen  der
verschiedenen  Postverwaltungen  untereinander  und  in  der  Höhe  der  Tarife  für  den
internationalen  Briefwechsel  bestanden.
Einen  Anfang  für  die  Erweiterung  des  deutschen  Wirtschaftsgebietes  hatte  bereits
der  deutsch-österreichische  Postverein  gemacht.  Auf  Einladung  der  Vereinigten  Staaten
von  Amerika  traten  im  Jahre  1863  zu  Paris  Abgeordnete  verschiedener  Postverwaltungen
zusammen,  um  für  die  Abschließung  internationaler  Postverlräge  gewisse  einheitliche
Grundsätze  zu  vereinbaren.  Die  Ergebnisse  dieser  Konferenz  entsprachen  jedoch  nicht
den  Erwartungen.
Der  deutschen  Postverwaltung  und  vor  allem  ihrem  ersten  Chef,  dem  Staatssekretär ­
  Or.  von  Stephan,  gebührt  der  Ruhm,  die  Anschauungen  der  Weltwirtschaft
gegenüber  allen  kultivierten  Staaten  der  Welt  zur  Geltung  gebracht  zu  haben.  Auf
seine  Anregung  kamen  im  September  1874  Bevollmächtigte  der  Pvstverwaltungen  von
22  Staaten  in  Bern  zusammen,  um  den  von  ihm  entworfenen  Plan  der  Gründung
eines  allgemeinen  Postvereins  zu  beraten,  und  schon  am  9.  Oktober  desselben  Jahres
wurde  der  aus  diesen  Beratungen  hervorgegangene  internationale  Postvertrag  unterzeichnet, ­
  welchem  nach  und  nach  fast  alle  Kulturländer  der  Welt  beigetreten  sind.  Im
Jahre  1875  umfaßte  der  Verein  ein  Gebiet  von  33Üg  Millionen  Quadratkilometern
mit  ungefähr  332  Millionen  Bewohnern;  1898  war  das  Vereinsgebiet  auf  111  Millionen
Quadratkilometer  mit  1071  Millionen  Bewohnern  angewachsen.
Das  einfache  Vereinsbriefporto  beträgt  allgemein  25  Centimes  (20  Pfennig).
Wenn  man  bedenkt,  daß  noch  vor  30  Jahren  ein  frankierter  Brief  von  Deutschland  nach
den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  1  Mark  20  Pfennig  und  nach  der  Westküste  von
        <pb n="790" />
        104

830.  Im  Keichspostmusrum,
        <pb n="791" />
        828

Posten  und  Postwesen.
Südamerika  sogar  2  Mark  43  Pfennig  kostete,  so  ist  der  stattgefundene  Fortschritt  beinahe
unfaßbar,  welcher  es  ermöglicht,  für  20  Pfennig  und,  wenn  man  eine  Postkarte  benutzt,  nur
für  10  Pfennig  eine  schriftliche  Mitteilung  fast  rund  um  die  Erde  zu  senden.  Die  oben
von  uns  für  den  auswärtigen  Postverkehr  Deutschlands  gegebenen  Zahlen  zeigen  auch
deutlich  genug,  daß  von  der  Möglichkeit,  nach  fernen  Ländern  gegen  billiges  Porto  zu
korrespondieren,  ausgedehnter  Gebrauch  gemacht  wird.
Man  wird  es  begreiflich  finden,  daß  mit  dem  in  so  kurzer  Zeit  zustande  gekommenen
großen  Werke  nicht  gleich  etwas  in  jeder  Beziehung  Vollkommenes  geschaffen  wurde.
Der  weitere  Ausbau  desselben  an  der  Hand  inzwischen  gewonnener  Erfahrungen  blieb
späterer  Vereinbarung  vorbehalten.  Zu  dem  Zwecke  wurde  auf  den  1.  Mai  1878  nach
Paris  ein  internationaler  Postkongreß  berufen,  welcher  sich  mit  der  Revision  der
Vertragsbestimmungen  befaßte.
Der  Berner  Vertrag  gestattete  als  Übergangsmaßregel  einem  jeden  Lande,  mit  Rücksicht ­
  auf  seine  Münz-  und  sonstigen  Verhältnisse  einen  höheren  oder  niedrigeren  als  den
Portosatz  von  25  Centimes  zu  erheben,  vorausgesetzt,  daß  derselbe  nicht  mehr  als  32
und  nicht  weniger  als  20  Centimes  betrug.  Auch  diese  Ausnahme  fiel  nunmehr,  und
das  Porto  des  einfachen,  frankierten  Briefes  wurde  allgemein  auf  25  Centimes  festgesetzt. ­

Dem  Kongreß  lagen  zur  Beratung  vor:  1.  der  Entwurf  des  neuen  internationalen
Postvertrages;  2.  die  zugehörige  Ausführuugsübereinkunft;  3.  ein  Übereinkommen,  betreffend ­
  den  Austausch  von  Briefen  mit  Wertangabe  und  von  Postanweisungen.  Diese
Vorlagen  sind  sämtlich  angenommen  worden.  In  dem  Vertrage  wurde  dem  Vereine
zuerst  der  Name  Weltpostverein  beigelegt.
Die  auf  Grund  des  Berner  Vertrags  erfolgte  Einrichtung  eines  mit  der  Leitung
der  Vereinsgeschäfte  und  mit  der  Besorgung  der  Abrechnung  zwischen  den  Vereinsverwaltungen ­
  betrauten  internationalen  Postbureaus,  dessen  Kosten  von  den  Postverwaltungen ­
  sämtlicher  Staaten  des  Vereins  bestritten  werden,  blieb  aufrecht  erhalten.
Dem  Kongreß  wurde  von  seiten  der  deutschen  Postverwaltung  auch  noch  ein  Vorschlag ­
  über  den  Austausch  von  kleinen  Paketen  bis  zum  Gewichte  von  3  kg  unterbreitet.
Da  eine  Einigung  darüber  nicht  sogleich  zu  erzielen  war,  so  wurde  die  Angelegenheit
dem  internationalen  Bureau  zu  Bern  zur  Prüfung  überwiesen.  Die  einmal  angeregte
Idee  fand  unter  den  Vereinsverwaltungen  bald  eine  genügende  Anzahl  von  Anhängern,
so  daß  schon  im  Jahre  1880  eine  Konferenz  zur  Regelung  des  internationalen  Paketpostdienstes ­
  nach  Paris  einberufen  werden  konnte.  Das  Ergebnis  der  Verhandlungen
derselben  war  der  Abschluß  einer  Übereinkunft,  betreffend  den  Austausch  von  Postpaketen
zwischen  Deutschland,  Österreich-Ungarn,  Belgien,  Bulgarien,  Dänemark,  Aegypten,
Spanien,  Frankreich,  Großbritannien  und  Irland,  Britisch-Jndien,  Italien,  Luxemburg,
Montenegro,  Niederlande,  Persien,  Portugal,  Rumänien,  Serbien,  Schweden  und  Norwegen, ­
  der  Schweiz  und  der  Türkei.  Die  Taxe  der  Postpakete  wurde  auf  so  vielmal
50  Centimes  (40  Pfennig)  festgesetzt,  als  Verwaltungen  an  der  Beförderung  teilnehmen.
Für  die  etwaige  Seebeförderung  soll  außerdem  eine  nach  Maßgabe  der  Länge  der  Beförderungsstrecke ­
  zu  berechnende  mäßige  Gebühr  zur  Erhebung  kommen.  Der  in  dieser
Vereinbarung  liegende  Fortschritt  auf  dem  Gebiete  des  internationalen  Postbeförderungsdienstes ­
  ist  ein  für  das  ganze  Verkehrsleben  so  bedeutungsvoller,  daß  wir  ihn  als  das
wichtigste  postalische  Ereignis  der  neuesten  Zeit  ansehen  können.  Der  1885  in  Lissabon
zusammengetretene  Postkongreß  beschäftigte  sich  mit  einer  Reihe  von  Fragen,  die  eine
Verbesserung  bezw.  Ergänzung  der  bestehenden  Vereiusbestimmungen  bezweckten.  So
wurde  die  Einführung  telegraphischer  Postanweisungen  im  Vereinsverkehr  beschlossen,
auch  kam  zwischen  verschiedenen  Staaten  eine  Übereinkunft  wegen  Herstellung  eines  internationalen ­
  Postauftragsdienstes  zustande.  Dagegen  wurde  die  Beschlußfassung  über  verschiedene ­
  Vorschläge,  welche  die  Einrichtung  eines  internationalen  Zeitungsbezugs  durch
die  Post  zum  Gegenstände  hatten,  auf  spätere  Zeit  verschoben.  Auf  dem  1891  zu  Wien
abgehaltenen  vierten  Weltpostkongresse  ist  dann  ein  Zeitungsabkommen  zustande  ge ­
        <pb n="792" />
        829

Der  Weltpostverein.  Postverkehr  Europas.

kommen,  von  dem  schon  oben  (Seite  59)  die  Rede  gewesen  ist.  Durch  denselben  Kongreß
wurden  Erleichterungen  in  der  Versendung  von  Warenproben  und  Drucksachen,  sowie  im
Postanweisungsverkehr  beschlossen  und  die  Errichtung  einer  Zentral-Abrechnungsstelle
bei  dem  internationalen  Bureau  des  Weltpostvereins  genehmigt.  Der  neueste  Weltpostkongreß ­
  zu  Washington,  der  im  Mai  1897  eröffnet  wurde,  hat  sich  mit  der
Einführung  von  Verbesserungen  im  Briefpostverkehr,  sowie  im  Postanweisungs-  und
Paketpostdienste  beschäftigt.  Der  nächste  Postkongreß  soll  in  Rom  stattfinden.  So  macht
die  Ausbildung  des  inneren  Vereiusorganismus  immer  weitere  Fortschritte,  während  zugleich ­
  das  Bereinsgebiet  durch  den  Hinzutritt  neuer  Länder  von  Jahr  zu  Jahr  sich  vergrößert. ­

Vergleichende  Betrachtungen  über  die  Leistungen  der  Posten  in  den
größeren  europäischen  Ländern.  Nach  dem  allbekannten  Ausspruche  Liebigs  ist
der  größere  oder  geringere  Verbrauch  der  Seife  bei  verschiedenen  Nationen  als  ein  Gradmesser ­
  für  die  Kultur  der  letzteren  anzusehen.  Mit  gleichem  Rechte  kann  aber  auch  der
Briefverkehr  als  Maßstab  der  Bildungshöhe  gelten,  da  derselbe  in  erster  Linie
von  der  Allgemeinheit  der  Verbreitung  der  elementarsten  Schulkenntnisse  abhängt.  Wenn
wir  daher  in  Nachstehendem  die  Staaten  nach  der  Zahl  der  Briefe  und  Postkarten
ordnen,  welche  auf  jeden  Kopf  der  Bevölkerung  durchschnittlich  kommen,  so  gibt  das
eine  Art  Zensurentabelle  für  die  Bildung  der  betreffenden  Nationen,  aber  auch  für  den
Grad  der  Entwickelung  der  betreffenden  Posteinrichtungen,  da  nur  bei  bequemen  Einrichtungen ­
  und  billigen  Taxen  die  Fähigkeit,  Briefe  zu  schreiben,  sich  in  höherem  Grade
bethätigen  kann.  Die  Zahlen  beziehen  sich  für  die  meisten  Staaten  auf  das  Jahr  1898.
Für  einige  Staaten  sind  die  jüngsten  bekannten  Zahlen  gegeben.

Großbritannien  .  .  .

.  .  .  59,4

Schweiz

.  .  .  50,0

Deutschland  ....

.  .  .  37,4

Dänemark

.  .  .  30,9

Österreich

.  .  .  29,7

Belgien

.  .  .  26,3

Niederlande

Frankreich

.  .  .  21,8

Luxemburg

.  .  .  21,o

Norwegen

.  .  .  17,5

Schweden

.  .  .  15,6

Ungarn

.  .  .  12,o

Italien

...  8,4

Spanien

...  6,8

Portugal

...  6,4

Rumänien  ....

Bulgarien  ....

...  4,7

Serbien

.  .  .  3,1.

Rußland

...  2,9

Griechenland  .  .  .

...  2,8

Türkei

Diese  Zensurentabelle  gilt  jedoch  nicht  ohne  weiteres.  Sie  will  vielmehr  mit  gewissen ­
  Einschränkungen  angewendet  sein.
Wenn  man  den  bedeutend  größeren  Briefverkehr  in  Großbritannien  mit  dem
deutschen  vergleicht,  so  findet  der  erstere  allerdings  seine  Erklärung  zunächst  in  der  ungemein
  entwickelten  Fabrik-  und  Handelsthätigkeit  dieses  Landes  und  der  Zusammenziehung ­
  der  Bevölkerung  in  zahlreichen  großen  Städten.  Es  ist  dabei  aber  in  Betracht
zu  ziehen,  daß  bei  der  obiger  Berechnung  zu  Grunde  gelegten  Anzahl  der  Briefsendungen
für  das  deutsche  Postgebiet  der  Vergleichbarkeit  wegen  weder  Geldbriefe,  noch  Postaufträge, ­
  noch  Paketsenbungen  und  Postanweisungen  berücksichtigt  sind.  Erfahrungsgemäß
wird  aber  in  Deutschland  fast  jedes  durch  die  Post  versandte  Paket  und  jeder  Geldbrief
zu  brieflichen  Mitteilungen  benutzt  und  stellt  mithin  zugleich  einen  Brief  dar.  Dasselbe
gilt  von  den  Postanweisungen  und  Postaufträgen.  Der  englischen  Post  sind  dagegen
Geldbriefe  und  Postaufträge  ganz  fremd;  ferner  ist  das  Postanweisungsverfahren  bei  derselben ­
  in  der  Weise  geordnet,  daß  der  Absender  einen  Abschnitt  der  Postanweisung,
welcher  ihm  von  der  Annahmepostanstalt  ausgehändigt  wird,  mittels  Briefs  dem  Empfänger ­
  zu  übersenden  hat,  die  Zahl  der  Postanweisungen  also  in  der  zur  Berechnung
gezogenen  Summe  der  Briefe  mit  enthalten  ist;  endlich  bleibt  die  Zahl  der  Paketsendungen
  in  England  hinter  derjenigen  von  Deutschland  um  90  Millionen  Stück  zurück.
Zieht  man  diese  Umstände  in  Berücksichtigung,  so  kommt  die  Brieffrequeuz  in  Deutschland
derjenigen  in  England  nahezu  gleich.
        <pb n="793" />
        830

Posten  und  Postwesen.

Die  auffällige  Erscheinung,  daß  die  Schweiz,  deren  Posteinrichtungen  im  allgemeinen
jenen  in  Deutschland  gleichen  und  deren  Einwohner  kaum  eine  höhere  Durchschnittsbildung ­
  besitzen  dürften  als  die  deutschen,  eine  so  erheblich  höhere  Brieffrequenz  aufzeigt,
erklärt  sich  leicht,  wenn  man  an  die  Hunderttausende  von  Reisenden  denkt,  welche  einer
Völkerwanderung  gleich,  alljährlich  das  Land  überschwemmen  und  die  eigene  Bevölkerung
desselben  von  2,a  Millionen  Einwohnern  unverhältnismäßig  steigern.
Ordnet  man  dieselben  Länder  nach  der  Zahl  der  in  ihnen  vorhandenen  Postanstalten,
die  im  allgemeinen  als  Maßstab  für  die  Entwickelung  der  postalischen  Einrichtungen  in
den  betreffenden  Ländern  gelten  kann,  so  ergibt  sich  die  nachstehende  Reihenfolge.  Es
kamen  auf  je  eine  Postanstalt

in  der  Schweiz  ....

.  .  11,9  qkm  und

840

„  Großbritannien  .  ■  .

.  .  14,9

n

1833

„  Deutschland  ....

.  .  15,3

„

1477

„  den  Niederlanden  .  .

.  .  25,4

n

if

3895

„  Belgien

.  .  30,3

„

n

6855

„  Luxemburg  ....

.  .  34,2

„

2863

„  Italien

.  .  37,4

n

„

4084

„  Portugal

.  .  38,5

„

„

2110

„  Dänemark  ....

.  .  46,9

2586

„  Rumänien  ....

.  .  52,3

n

n

1766

„  Österreich

.  .  53,0

4223

„  Ungarn

.  .  74,1

„

4013

„  Frankreich

.  .  117,1

4444

„  Norwegen

.  .  147,2

„

f

990

„  Spanien

.  .  172,2

„

u

5988

„  Griechenland  ....

.  175,7

6723

„  Schweden

.  .  176,6

„

2037

„  Serbien

.  .  485,9

21170

„  Bulgarien

.  .  490,5

15094

„  Rußland

.  .  2387,2

„

13753

„  der  Türkei  ....

.  .  2838,2

„

„

23507

Der  gesamte  Postverkehr  Europas  (mit  Einschluß  des  asiatischen  Rußlands,
der  asiatischen  und  afrikanischen  Türkei  und  von  Algerien),  umfaßte  im  Jahre  1897  etwa
14  556  Millionen  Sendungen,  von  denen  beinahe  der  dritte  Teil  auf  Deutschland  entfiel. ­
  Mehr  als  die  Hälfte  aller  Postsendungen  bestand  aus  Briefen  und  Postkarten,  deren
Stückzahl  sich  auf  7784  Millionen  für  das  Jahr,  also  auf  mehr  als  21  Millionen  täglich
belief.  In  Europa  (einschließlich  der  oben  genannten  außereuropäischen  Landesteile)
kamen  im  Jahre  auf  jeden  Kopf  der  Bevölkerung  etwa  34  Postsendungen,  darunter
18  Briefe  und  Postkarten.
        <pb n="794" />
        Entwickelung  der  Welttelegraphie.
Die  unterseeische  Telegraphie.  Schwierigkeiten  und  Hilfsmittel  zu  deren  Nöerwindung.  Telegraphische  Veröindung
der  Alten  und  Neuen  Well.  Die  graste»  kontinentalen  Tclegraphenlinien.  Heutige  Ausdehnung  der  Weltlelegraphie.
Die  Telegraphie  de»  Deutschen  Neich».  Statistik  dersesticn  und  die  Leistungen  anderer  Staaten.  Internationale
Vertrage.  Telegraphische  Bureau».  Die  Entwickelung  de»  Fernsprechwesens.

ist  ein  wunderbares  Zauberband,  welches  unsere  großen  Erfindungen  mit  dem
Weltverkehr  innig  verknüpft.  Sie  verwirklichen  nicht  selten,  ja  sie  übertreffen
sogar  an  Erfolg,  was  sich  die  kühnste  Phantasie  der  Dichter  vergangener  Zeiten
nur  immer  zu  träumen  gewagt  hat.  Bekanntlich  läßt  Shakespeare  im
„Sommernachtstraum"  den  neckischen  Geist  Puck,  der  von  seinem  Gebieter
Oberon  den  Auftrag  erhält,  in  kürzerer  Frist,  als  der  Leviathan  eine  Meile
zurücklegen  könne,  nach  einer  zauberwirkenden  Pflanze  zu  suchen,  mit  dem  kühnen  Worte
entgegnen,  daß  er  in  40  Minuten  einen  Gürtel  rund  um  die  Erde  ziehen  wolle.  Aber
sicherlich  hat  der  geniale  britische  Dichter  hierbei  keine  Ahnung  davon  gehabt,  daß  in
weniger  als  30  Jahrzehnten  ein  solcher  Gürtel  für  den  Austausch  der  Gedanken  um  den
Erdball  gezogen  sein  könnte!  Näher  dieser  Wirklichkeit  treten  schon  die  weitgehenden
Erwartungen,  welche  man  in  der  ersten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  an  den  Magnetoder ­
  Polstein  knüpfte.  Mit  bewußterem  Verständnis  für  die  Möglichkeit  eines  seedurchquerenden ­
  Gedankenverkehrs  mittels  der  elektrischen  Kraft  hat  sich  aber  erst  im  Jahre
1773  der  gelehrte  Odier  in  einem  Briefe  folgendermaßen  ausgesprochen:  „Es  wird
Sie  vielleicht  erheitern",  schreibt  er  an  eine  Dame,  „wenn  Sie  erfahren,  daß  ich  mich  mit
gewissen  Versuchen  beschäftige,  durch  welche  eine  Unterhaltung  mit  dem  Kaiser  von  China,
mit  den  Engländern  oder  mit  irgend  einem  anderen  Volke  der  Welt  in  solcher  Weise  ermöglicht ­
  werden  kann,  daß  Sie  ohne  Mühe  alles,  was  Sie  wünschen,  auf  5000  Meilen
weit  in  weniger  als  einer  halben  Stunde  Ihrem  Korrespondenten  mitteilen  können."
        <pb n="795" />
        832

Die  Welttelegraphie.

Und  wenn  wir  heute,  nach  wenig  mehr  als  hundert  Jahren,  dieses  Ziel  in  Wahrheit
so  gut  wie  erreicht  haben,  so  ist  ein  so  großartiger  Erfolg  nicht  zum  geringsten  Teile  den
mühsam  gewonnenen  Erfahrungen  zu  danken,  welche  man  auf  dem  Gebiete  der  unterseeischen ­
  Telegraphie,  insbesondere  während  der  zehn  Jahre  schwerer  Arbeit  an  dem  großen
atlantischen  Telegraphenwerke,  gesammelt  hatte.  Eine  verhältnismäßig  große  Zahl  von
Kabeln  landen  in  England,  welches  als  Inselstaat  für  seinen  internationalen  Verkehr  in
erster  Linie  auf  unterseeische  Leitungen  angewiesen  ist.  Den  Kanal  allein  durchziehen
acht  Kabel  mit  35  Drähten  zum  Anschluß  an  das  französische  Telegraphennetz,  vier
Kabel  mit  zusammen  18  Drähten  kreuzen  die  Nordsee  für  den  Austausch  mit  Belgien
und  den  Niederlanden,  fünf  Kabel  dienen  dem  telegraphischen  Verkehr  mit  Deutschland,
zwölf  vermitteln  den  Verkehr  mit  Irland  und  den  Anschluß  an  die  atlantischen  Leitungen.
Ostwärts  hat  Großbritannien  seine  telegraphischen  Fäden  ausgedehnt  bis  Norwegen,
Schweden,  Dänemark  bezw.  bis  nach  Rußland  mittels  einer  vierfachen  Linie,  deren  eine
durch  Dänemark  und  über  die  Insel  Bornholm,  dann  durch  das  Baltische  Meer  nach
Libau  sich  erstreckt,  während  ein  anderer  Strang  über  Norwegen  und  Schweden  sich  zieht
und  in  Nystadt  mittels  eines  dreifachen  Kabels  das  russische  Telegraphennetz  erreicht.  In
südlicher  Richtung  hat  sich  England  durch  eine  doppelte  direkte  unterseeische  Leitung  bis
Bilbao  mit  der  iberischen  Halbinsel  und  durch  eine  Fortsetzung  derselben  von  Barcelona
bis  Marseille  mit  dem  südlichen  Frankreich  in  unmittelbare  Verbindung  gesetzt;  zwei
weitere  Kabel,  welche  von  Falmouth  ausgehen,  ziehen  sich  um  die  Westspitzen  Frankreichs
und  Spaniens,  Vigo,  Caminha  und  Lissabon  berührend,  und  erhalten  eine  Fortsetzung
durch  zwei  Kabel,  welche  nach  Osten  wendend  durch  das  Mittelmeer  direkt  bis  Malta
sich  erstrecken,  der  Hauptstation  für  die  Weiterbeförderung  der  Depeschen  aus  Europa
und  Afrika  nach  dem  Orient.  Ferner  ist  England  bezw.  Irland  der  vornehmste  Ausgangspunkt ­
  für  die  Verbindungslinien  zwischen  der  Alten  und  der  Neuen  Welt.  Nicht
weniger  als  acht  transatlantische  Kabel  nehmen  ihren  Ausgang  an  englischen  bezw.
irländischen  Küstenpunkten,  während  drei  Kabel  von  Frankreich  nach  Nordamerika  und
zwei  Kabel  von  Portugal  nach  Südamerika  verlaufen.
Im  Weltverkehr  nehmen  die  unterseeischen  Telegraphenlinien,  abgesehen  von  ihrer
Wichtigkeit  für  den  großen  internationalen  Verkehr,  auch  hinsichtlich  ihrer  Ausdehnung
eine  bedeutende  Stellung  ein.  Während  indes  die  Staatstelegraphenverwaltungen  mit
der  Legung  von  Unterwasser-  bezw.  Unterseekabel  in  der  Regel  nur  insoweit  vorgegangen
sind,  als  es  zur  Verbindung  und  Vervollständigung  der  Landtelegraphenlinien  erforderlich
war,  befinden  sich  die  großen  unterseeischen  Kabellinien  fast  ausschließlich  in  den  Händen
von  Privatgesellschaften.  Die  nachstehenden  Tabellen  geben  einen  Überblick  über  den
Stand  der  vorhandenen,  dem  engeren  und  weiteren  Verkehr  dienenden  unterseeischen
Kabel  zu  Ende  des  Jahres  1897.
Inzwischen  sind  weitere  Kabellegungen  in  Aussicht  genommen  bezw.  zur  Ausführung
gebracht.  Beispielsweise  ist  ein  Kabel  Japan—Formosa  (1300  Seemeilen),  ein  zweites
deutsch-schwedisches  Kabel  zwischen  Rügen  und  der  schwedischen  Küste,  ein  Kabel  von  Brest
nach  New  Pork  u.  a.  verlegt.  Von  besonderer  Bedeutung  für  Deutschland  ist  die  Vollendung ­
  des  ersten  deutsch-amerikanischen  Kabels  von  Emden  über  die  Azoren  nach  New
Jork.  Geplant  ist  eine  direkte  Kabelverbindung  von  England  nach  dem  Kap  der  guten
Hoffnung  und  von  dort  nach  Mauritius,  Albany  und  Adelaide  (Australien)  u.  a.
Die  unterseeische  Telegraphie.  Einer  der  ältesten  Versuche,  den  elektrischen
Strom  unter  Wasser  fortzuleiten,  an  der  Mündung  des  Gangesstromes  zu  Kalkutta  angestellt, ­
  stammt  aus  dem  Jahre  1839,  die  erste  Idee  einer  praktischen  Benutzung  aus
dem  nächstfolgenden  Jahre.  Und  doch  verging  ein  volles  Jahrzehnt,  ehe  eine  glückliche
Vereinigung  günstiger  Vorfälle  es  gestattete,  das  erste  lebenskräftige  Unternehmen  jener
Art  zu  schaffen  und  mit  dauerndem  Erfolg  in  Ausführung  zu  bringen.
Der  glückliche  Erfolg  der  1851  ausgeführten  Kabellegung  zwischen  Saugatte  bei
Calais  und  South-Foreland  bei  Dover  veranlaßte  bald  die  Ausführung  weiterer  unterseeischer ­
  Verbindungen,  und  in  wenigen  Jahren  befanden  sich  in  Europa  über  ein  Dutzend
Kabel  in  Thätigkeit.  Anderseits  scheiterten  freilich  an  örtlichen  Schwierigkeiten,  nament-
        <pb n="796" />
        Die  Unterseekabel.  833

I.  Unterseekabel  der  Staatstelegraphenverwaltungen.

Zahl

Länge  (in  Seemeile»)

Zahl

Länge  (in  Seemeile»)

der

der

der

Kabel

Kabel

ßettunaen

Kabel

Kabel

Leitunaen

Belgien

2

54,609

280,785

Übertrag

863

13725,188

21502,932

Dänemark  ....

73

235,166

686,997

Senegal

1

3,000

3,000

Deutschland  ...

58

2224,561

43  78,229

Britisch  Amerika  .  .

1

199,923

199,923

Frankreich  ....

54

5035,400

55  94,548

Argentinien....

13

59,824

138,544

Griechenland  .  .  .

46

54,931

54,931

Brasilien  ....

36

58,965

103,212

Großbritannien  und

Süd  australien  .  .  .

3

48,350

48,360

Irland  ....

135

1989,050

6151,868

Neuseeland  ....

4

208,428

208,423

Italien

39

1060,647

1126,429

Neusüdwales  .  .  .

4

31,577

31,577

Niederlande  .  .  .

24

61,982

88,522

Queensland....

20

56,874

60,294

Norwegen  ....

325

323,974

323,974

Neukaledonien  .  .  .

1

1,000

1,000

Österreich  ....

41

214,406

221,995

Asiatisches  Rußland  .

1

70,017

70,017

Portugal

4

115,050

115,050

Britisch  Indien  .  .

111

1919,665

1926,120

Europäisches  und  kau-Niederländisch

  Indien

7

690,794

890,794

kasisches  Rußland  .

8

160,916

184,471

Bahama-Jnseln  .  .

1

213,000

213,000

Schweden  ....

14

95,825

171,616

Kochinchina  und  Ton-Schweiz



2

9,827

13,337

kin

2

774,490

7  7  4,490

Spanien

15

1744,608

1744,508

China

2

113,000

113,000

Europäische  und  asia-Macao



1

1,930

1,930

tische  Türkei.  .  .

23

344,288

365,672

Japan

70

1507,843

1621,989

863

13  725,188  |21502,932

Summe:

1141

19833,878

27908,610

II.  Unterseekabel  der  Kabelgejellschaften.

Zahl
der  Kabel

Länge  (in  Seemeilen)
der  Kabel  &amp;gt;der  Leitunaen

1.  Deutsche  Seetelegraphen-Gesellschaft

i

1114,385

1114,385

2.  Direct  Spanish  Telegraph  Company

4

710,247

710,247

3.  India  Rubber,  (lutta  Percha  and  Telegraph  Works  Comp

3

145,631

145,531

4.  Black-Sea  Telegraph  Company

1

337,140

337,149

5.  Indo-European  Telegraph  Company

2

14,599

43,590

6.  Grande  Compagnie  des  télégraphes  du  Nord  ....

24

6982,897

72  1  2,965

7.  Eastern  Telegraph  Company  .

83

25923,922

25  9  25,278

8.  Eastern  and  South  African  Telegraph  Company  .  .  .

13

8906,877

8906,877

9.  Eastern  Extension  Australasia  and  China  Telegraph  Comp

27

17358,999

17358,909

10.  The  Europe  and  Azores  Telegraph  Company  ....

2

1053,989

1053,989

11.  Anglo-American  Telegraph  Company

15

12292,179

12890,317

12.  Direct  United  States  Cable  Company

2

3099,427

3099,427

13.  Compagnie  française  des  câbles  télégraphiques  .  .  .

23

8251,996

8251,996

14.  Western  Union  Telegraph  Company

12

7342,295

7342,295

15.  The  Commercial  Cable  Company

7

9069,472

9909,344

16.  United  States  and  Hayti  Telegraph  and  Cable  Company

1

1389,600

1389,090

17.  Halifax  and  Bermudas  Cable  Company

1

849,969

849,960

18.  Brazilian  Submarine  Telegraph  Company

6

7375,977

73  75.077

19.  South  American  Cable  Company

2

2049,499

2049,490

20.  African  Direct  Telegraph  Company

8

2938,259

2938,259

21.  West  African  Telegraph  Company

11

2976,648

2976,648

22.  Cuba  Submarine  Telegraph  Company  ....

4

1049,099

1049,000

23.  West  India  and  Ban  ama  Telegraph  Company  ....

22

4557,999

4557,909

24.  Western  and  Brazilian  Telegraph  Company

16

6154,909

6154,999

25.  River  Plate  Telegraph  Company  .  .

1

32,909

32,099

26.  Mexican  Telegraph  Company

3

1528,599

1528,590

27.  Central  and  South  American  Telegraph  Company

14

7500,599

7500,599

28.  West  Coast  of  America  Telegraph  Company  ....

8

1965,919

1965,919

29.  Compañía  telegrafico-telefonica  del  Plata

1

28,990

28,000

30.  Compañía  telegráfica  del  Rio  de  la  Plata  ....

1

28,099

28,099

Summa

318

143  023,812

144722,543

Dazu  die  Unterseekabel  der  Staatstelegraphenverwaltungeu

!

1141

19883,878

27  908,610

Zusammen

||  1459

162907,690

172631,158

105
        <pb n="797" />
        834

Die  Welttelegraphie.

lich  im  Mittelländischen  Meere,  damals  verschiedene  Kabellegungen,  welche  erst  später,
nachdem  bereits  an  größeren  Linien  wichtige  Erfahrungen  gewonnen  waren,  zustande
gekommen  sind,  so  namentlich  die  schon  im  Jahre  1853  mehrfach  unternommene,  aber
erst  im  Jahre  1870  gelungene  Verbindung  zwischen  Marseille  und  Bona  in  Algier,
welche  später  durch  direkte  Kabel  zwischen  Marseille  und  der  Stadt  Algier  selbst  vervollständigt ­
  worden  ist.
Im  ganzen  bietet  die  eigentliche  Legung  eines  Kabels  selbst,  sobald  nur  eine  günstige ­
  Jahreszeit  gewählt  wird,  auf  weniger  lange  Strecken  und  in  minder  beträchtliche
Wassertiefen  nur  geringe  Schwierigkeiten  dar.  Vom  Hinterteil  des  Schiffes  aus  wird
das  zu  versenkende  Tau  mittels  eines  Rades  oder  durch  eine  Klüse  hinabgelassen,  wobei
die  Abwickelung  gewöhnlich  von  einer  großen  gußeisernen  Trommel  vor  sich  geht.  Dabei
wird  durch  das  ablaufende  Tau  bereits  mit  dem  Ausgangspunkte  an  der  Küste  der  erste
telegraphische  Verkehr  unterhalten,  allerdings  zunächst  nur,  um  die  Leitungstüchtigkeit
des  Kabels  festzustellen.  Hierzu  wird  das  von  Gauß  und  Poggendorff  erfundene  und
namentlich  von  Thomson  verbesserte,  höchst  empfindliche  Spiegelgalvanometer
benutzt,  welches  aber  nicht  bloß  dazu  dient,  die  Leitungsfähigkeit  und  Isolierung
des  Kabels  in  jedem  Augenblicke  während  der  Versenkung  selbst  zu  prüfen,  sondern
auch  zugleich  als  Zeichengeber  und  noch  heute  als  Sprechinstrument  für  den  wirklichen
Depeschenverkehr  zwischen  Europa  und  Amerika  angewendet  wird.  Dieser  sehr  feine
Apparat  läßt  noch  die  schwächsten  elektrischen  Ströme  erkennen,  deren  man  sich  zur
Zeichengebung  bedient,  um  die  Leitungskraft  des  Kabels  nicht  zu  gefährden.  Während  der
Versenkung  des  Taues  findet  eine  fortwährende  Zeichengebung  zwischen  dem  Schiff  und
der  Küste  statt,  wie  es  Abb.  832  anzeigt,  auf  welcher  0-  und  6'  die  Thomsonschen  Spiegelgalvanometer ­
  vorstellen.  Der  geringste  Strom,  welcher  durch  die  Drahtumwindung  a  b
geht,  lenkt  die  Magnetnadel,  an  welcher  ein  kleines  Spiegelchen  befestigt  ist,  ab.  Auf  das
Spiegelchen  läßt  man  einen  Lichtstrahl  fallen,  der  reflektiert  und  auf  eine  mit  Teilstrichen
versehene  Skala  geworfen  wird.  Bei  der  Bewegung  der  Magnetnadel  ändert  sich  die
Stellung  des  Spiegelchens  und  somit  auch  die  Richtung  des  reflektierten  Lichtstrahles,
d.  h.  das  Bild  des  Lichtstrahles  wandert  auf  der  Skala  hin  und  her.  Da  der  Winkel,
unter  welchem  der  Lichtstrahl  reflektiert  wird,  stets  doppelt  so  groß  ist,  als  der  Winkel,
um  welchen  sich  das  Spiegelchen  gedreht  hat,  so  läßt  sich,  wenn  die  Skala  genügend  weit
von  der  Magnetnadel  aufgestellt  ist,  selbst  die  kleinste  Schwankung  der  letzteren  leicht
beobachten.  B  bezeichnet  die  Batterie  und  T  einen  Taster,  dessen  oberer  Hebel  niederzudrücken ­
  ist,  so  daß  sich  die  beiden  Teile  bei  1  trennen  und  der  zur  Erdplatte  P  führende
Draht  k  außer  Verbindung  mit  der  Batterie  gesetzt  wird.  K  K  ist  das  im  Meer  gelagerte ­
  und  bei  s  vom  Schiffe  ablaufende  Kabel,  dessen  Kupferkern  bei  d  mit  dem
Galvanometer  verbunden  ist.  In  dieser  Anordnung,  solange  die  Taster  T  an  der  Küste
wie  auf  dem  Schiffe  geschlossen  sind,  geht  der  Strom  der  Batterie  B  in  der  Positiven  Richtung ­
  a,  Gr',  b,  KK,  e,  s,  g,  Gr,  h  in  das  Meer  und  mittels  der  Erdleitung  durch  das
Meer  zurück  nach  P,  k,  i,  T  zum  negativen  Pole  der  Batterie.  Daher  sind  in  diesem
Falle  bei  völlig  geschlossenem  und  rücklaufendem  Strom  die  Galvanometer  auf  beiven
Stationen  abgelenkt  und  der  Lichtzeiger  weist  auf  einen  bestimmten  Punkt  der  Skala.
Jede  noch  so  geringe  Bewegung  des  Lichtzeigers  aber  ist  ein  untrügliches  Zeichen,  daß
sich  etwas  in  diesen  Dingen  geändert  hat,  sei  es  in  der  Leitung  oder  Isolierung  des
Leitungsdrahtes,  sei  es  infolge  der  willkürlichen  Bewegung  des  Tasters,  wodurch  eben
ein  Zeichen  gegeben  wird.  Mit  Hilfe  dieser  Zeichen,  deren  Richtung  und  Zeitdauer  genau
verabredet  sind,  kann  man  einen  ununterbrochenen  Austausch  von  Nachrichten  tvährend
der  Kabellegung  zwischen  Küste  und  Schiff  unterhalten  und  sich  fortwährend  von  dem
Zustande  des  Kabels  wie  von  dem  Fortschreiten  der  Legung  gegenseitig  unterrichten.
Da  man  zur  Legung  des  Kabels  möglichst  sichere  Witterung  aussucht,  so  geht  der
erste  Teil  der  Ausführung  in  der  Regel  auch  glücklich  von  statten.  Bei  stürmischer  Luft
aber,  wenn  wegen  heftiger  Schwankung  sich  die  Mannschaft  auf  dem  Schiffe  kaum  aufrecht ­
  zu  erhalten  vermag,  wenn  plötzliche  Finsternis  hereinbricht  und  die  genaue  Überwachung ­
  des  abrollenden  Taues  erschwert,  kommt  das  Kabel  leicht  in  Unordnung,  und
        <pb n="798" />
        835

Die  unterseeische  Telegraphie:  Spiegelgalvanometer.  Legung  des  Kabels.

die  Gefahr  eines  Bruches  tritt  um  so  näher,  wenn  außerdem  noch  der  Meeresboden  ungewöhnlich ­
  tiefe  Stellen  bietet,  infolge  deren  das  Tau  oft  plötzlich  mit  einer  sehr  großen
Beschleunigung  hinabschießt,  aller  Bremsversuche  spottend.  Dann  wird  nicht  selten  der
Kurs  verloren,  und  das  Kabel  muß,  wenn  es  nicht  schon  vorher  von  selbst  gerissen,
geopfert  d.  h.,  um  nur  Schiff  und  Mannschaft  zu  retten,  auf  offener  See  gekappt  werden.
Alle  diese  Gefahren  und  Schwierigkeiten  nehmen  natürlich,  je  weiter  der  Weg,  je
schwerer  das  Getvicht  des  Taues  und  je  tiefer  der  Meeresboden  ist,  an  Bedeutung  zu,
und  es  bedarf  dann  nicht  nur  der  sorgsamsten  Vorbereitung  für  alle  Fälle,  der  Unterstützung ­
  durch  Maschinen  und  Hilfsmittel,  sondern  auch  der  höchsten  Ruhe  wie  Geistesgegenwart ­
  des  Leiters  der  Fahrt,  um  im  Moment  der  größten  Widerwärtigkeiten  doch
noch  soviel  als  möglich  von  dem  ganzen  Unternehmen  zu  retten.  Die  größte  Leistung
der  unterseeischen  Telegraphie,  die  Legung  des  ersten  atlantischen  Kabels,  ist  an  Beispielen
solcher  Art  reich.  Ganz  abgesehen  von  dem  wirklichen  Bruch  des  Drahtseiles  kommen
genug  Fälle  vor,  wo  sich  im  Verlauf  der  Abwickelung  schadhafte  Stellen  zeigen  oder  entstehen, ­
  und  da  man  bei  der  großen  Spannung  des  Kabels  dasselbe  in  seinem  Hinabschießen ­
  nicht  immer  aufhalten  kann,  werden  nachträgliche  Auffischnngen
  behufs  der  Wiederherstellung  oder  Bergung  nötig.
Um  für  diese  später  anzustellenden  Rettungsversuche  den  Ort
zu  bezeichnen,  werden  Bojen  an  Ankerketten  ausgesetzt.  Läßt
sich  aber  durch  solche  sichtbare  Merkzeichen  die  Stelle  nicht
wiederfinden,  so  muß  dieselbe  vom  Lande  aus  bestimmt  werden.
Dies  ist  ausführbar,  wenigstens  bis  auf  annähernde  Entfernung
mit  Hilfe  eines  sehr  empfindlichen  Galvanometers.  Das  Jn-832.

  Anwendung  des  Spiegrlgalvanometcro  an  der  Themse  während  der  KlldrUrgung.

strument  ist  ein  Apparat  mit  einer  sehr  empfindlichen  Magnetnadel,  welche,  je  nachdem  der
elektrische  Strom  ein  mehr  oder  weniger  langes  Stück  der  Leitung  bis  zur  verletzten  Stelle
zu  durchlaufen  hat,  mehr  oder  weniger  weit  auf  einer  Skala  ausschlägt  und  dadurch  gestattet, ­
  ungefähr  die  Gegend  zu  bestimmen,  an  welcher  die  Leitung  unterbrochen  ist.  Der
untersuchende  Ingenieur  folgt  auf  einem  Schiffe  der  Lage  des  Kabels,  nachdem  er  den
Fehler  mit  Hilfe  jenes  Instrumentes  thunlichst  genau  ermittelt  hat.  Dann  läßt  er  mittels
eines  Greisankers  oder  Enterhakens  nach  dem  Kabel  suchen.  An  Bord  heraufgewunden,
wird  letzteres  genau  geprüft,  die  schadhafte  Stelle  ausgeschnitten  und  mittels  einer
Spleißung  ein  neues  Stück  Kabel  eingefügt.  So  bietet  die  Ausbesserung  eines  Kabels
heutzutage  keine  besonderen  Schwierigkeiten  mehr  dar,  namentlich  wenn  die  Tiefe,  im
welcher  dasselbe  geborgen,  die  Heraufholung  nicht  zu  sehr  erschwert.
Sieben  Jahre  lang  leisteten  die  beiden  ersten,  im  Jahre  1866  glücklich  verlegten
bzw.  wieder  hergestellten  transatlantischen  Kabel  dem  Handel  und  dem  politischen  Verkehr
zwischen  der  Alten  und  Neuen  Welt  ziemlich  ununterbrochen  ihre  Dienste,  dann  ivurde  zu
Anfang  1873  das  Doppelband  für  den  Gedankenverkehr  zwischen  beiden  Halbkugeln  von
neuem  verletzt;  etwa  900  km  jenseit  Valentias  brach  abermals  das  ältere  Kabel  in  der
bedeutenden  Meerestiefe  von  beinahe  4  km;  die  Kosten  zur  Auffischung  seiner  beiden
Teile  und  zur  Wiederherstellung  des  Ganzen  sind  auf  etwa  3  Millionen  deutsche  Reichsmark ­
  veranschlagt  worden.  Inzwischen  war  aber  bereits  seitens  der  àgio  American
105*
        <pb n="799" />
        836

Die  Welttelegraphie.
Telegraph  Company  eine  zweite,  von  Frankreich  ansgehende  Verbindnng  zwischen  Europa
und  Amerika  im  Jahre  1869  glücklich  vollendet;  sie  nimmt  ihren  Anfang  zu  Petit-Minou
bei  Brest  und  landet  jenseits  auf  St.  Pierre-Miquelon,  südlich  von  Neufundland.  Von
derselben  Gesellschaft  rühren  vier  in  den  Jahren  1873,  1874,  1880  und  1894  verlegte
Kabel  her,  welche  Valentia  (Irland)  mit  Hearts-Content  (Neufundland)  verbinden.
Nachdem  weiterhin  in  den  Jahren  1874—75  ein  Kabel  von  Ballinskelligs  Bay  (Irland)
nach  Halifax  (Neuschottland)  verlegt,  hat  mau  im  Jahre  1879  ein  zweites  französisches
Kabel  durch  den  Atlantischen  Ozean,  und  zwar  auf  der  Strecke  zwischen  Deolin  bei  Brest
und  St.  Pierre-Miquelon  hergestellt.  In  den  Jahren  1881  und  1882  folgten  zwei
Kabel  der  Western  Union  Telegraph  Company,  beide  ausgehend  von  Sennen  Cove  bei
Penzanee  in  England  und  endigend  in  Dover-Bay  bei  Canso  in  Neuschottland.  Die
Commercial  Cable  Company  verlegte  im  Jahre  1884  zwei  Kabel  und  im  Jahre  1894
ein  drittes  Kabel  von  Waterville  (Irland)  ebenfalls  nach  Dover-Bay.  Im  Jahre  1874
wurde  zur  Verbindung  Europas  mit  dem  südamerikanischen  Festland  eine  Linie  vollendet,
welche  von  Lissabon  ausgeht  und  über  Madeira  und  die  Kapverdischen  Inseln  nach
Pernambueo  in  Brasilien  führt.  Ein  zweites  Kabel  ist  in  den  Jahren  1882  und  1884
vollendet  worden.
Von  außereuropäischen  Verbindungen  haben  sich  die  Kabel  der  Ea8tern  Extension
Australasia  and  China  Telegraph  Company  zwischen  Madras  und  Penang,  Rangun  und
Penang,  Penang-Malakka-Singapnr,  Singapur-Saigun,  Saigun-Hongkong  u.  s.  w.  als
vortrefflich  erwiesen.  Das  Gleiche  gilt  von  den  Kabeln  der  Great  Northern  Telegraph
Company,  welche  die  Hauptverkehrsorte  in  China  (Hongkong,  Amoy,  Schanghai)  untereinander ­
  und  mit  den  wichtigsten  Handelsplätzen  Japans  (Nagasaki)  und  Rußlands
(Wladiwostock)  durch  Kabel  verbinden;  von  denjenigen  der  Eastern  Telegraph  Company
die  Kabel  Malta-Alexandria-Suez-Adeu-Bombay  u.  a.  in.  In  Nordamerika  sind  bereits
über  hundert  mehr  oder  minder  lange  unterseeische  Telegraphenlinieu  in  Thätigkeit,  von
denen  mehrere  unter  großen  Schwierigkeiten  und  mit  beträchtlichem  Kostenaufwande  hergestellt ­
  wurden.  Besonders  wichtig  für  Amerika  ist  das  Telegraphennetz  der  Antillen,
welche  man  bereits  vor  mehreren  Jahren  mit  dem  Festlande  Nordamerikas  durch  Kabel
verbunden  hatte,  die  von  Florida  aus  über  Key-West  nach  Cuba  führen.  An  diese  ersten
Leitungen  sind  dann  von  Jahr  zu  Jahr  neue  Zweige  geknüpft  worden,  z.  B.  eine  Linie
bis  nach  Demerara  im  britischen  Guayana,  von  San  Domingo  nach  Caracas,  von  Jamaica
nach  Colon  u.  a.;  die  meisten  Inseln  sind  auch  untereinander  verbunden.  Havana  ist
westwärts  auch  mit  Panama  in  telegraphische  Verbindung  gesetzt,  und  hieran  fügt  sich
eine  an  der  Westküste  Südamerikas  herunterlaufende  Linie  bis  Valparaiso.  Von  dort
aber  besteht  schon  eine  Landverbiudung  quer  durch  das  südamerikanische  Festland,  über
Santiago  und  Buenos  Ayres  mit  Montevideo,  so  daß  die  von  hier  an  der  Ostküste
Südamerikas  nordwärts  über  Portalegre,  Rio  de  Janeiro,  Bahia,  Pernambuco  und
dann  nordwestlich  bis  Para  und  Demerara  zurücklaufende  Linie  nicht  nur  den  südamerikanischen ­
  Telegraphenring  schließt,  sondern  auch  bei  Pernambuco  an  die  atlantische  Linie
über  die  Kapverdischen  Inseln,  Madeira  und  Lissabon  Anschluß  besitzt.
Festländische  Weltlinien.  Von  besonderer  Wichtigkeit  ist  die  Verbindung
der  einzelnen  unterseeischen  Kabel  mit  Überlandlinien  zur  Herstellung  festländischer
Verbindungen,  durch  welche  mehrere  Weltteile  miteinander  in  unmittelbaren  Verkehr  gesetzt ­
  werden.  Die  längste  durchgehende  Linie  dieser  Art,  in  der  Richtung  der  Breitengrade ­
  von  Westen  nach  Osten  laufend,  durchzieht  die  drei  wichtigsten  Erdteile  Amerika,
Europa,  Asien  und  kreuzt  den  Atlantischen  Ozean.  Sie  umspannt  die  ungeheure  Weite
von  260  Breitengraden  und  reicht  von  San  Francisco  an  der  Westküste  Nordamerikas
bis  Nikolajewsk  an  der  Ostküste  des  asiatischen  Rußland,  mit  den  wichtigeren  Stationen
New  Uork,  Valentia,  London,  Petersburg,  Kasan,  Kiachta.  Sonach  wird  sie  zusammengesetzt ­
  durch  vier  Hauptstrecken:  zunächst  die  nordamerikanische  Landlinie,  welche  schon
früher,  durch  Hunderte  von  Meilen  pfadloser  Wildnis  geleitet,  gegenwärtig  den  Schienenwegen ­
  der  vereinigten  Pacificbahneu  (z.  B.  über  Omaha  und  Chicago)  folgt,  sodann
die  atlantischen  Kabel  zwischen  St.  Pierre  bezw.  Hearts  Content  auf  Neufundland  oder
        <pb n="800" />
        Dover-Bay  bezw.  Halifax  und  Causa  auf  Neuschottland  und  Valentin  bezw.  Waterville
und  Ballinskelligs-Bay  in  Irland  sowie  Sennen  Cove  in  England  und  Brest  in  Frankreich, ­
  ferner  die  kombinierte  Linie  durch  England,  über  Glasgow  durch  die  Nordsee,
durch  Jütland,  die  Ostsee  bis  Riga,  endlich  die  russisch-sibirische  Strecke,  welche,  über
Wilna,  St.  Petersburg  und  Moskau  führend,  die  Stationen  Nishnij-Nowgorod,  Kasan,
Perm,  Katharinenburg,  Omsk,  Tomsk,  Krasnojarsk,  Irkutsk,  Kiachta,  Tschita,  Nertschinsk
und  Blagowjeschtschensk  berührt,  bis  sie  in  einem  südlichen  Bogen  Nikolajewsk  erreicht.  Hier
fehlt  nur  noch  zum  Anschluß  ein  Kabel  durch  den  Großen  Ozean,  welches,  die  Lücke  von
100  Breitengraden  ausfüllend,  den  vollständigen  Ring  um  die  Erde  schließen  würde.  Doch
hat  der  menschliche  Unternehmungsgeist  auch  die  Ausführung  dieses  Planes  bereits  in  Aussicht ­
  genommen,  insbesondere  hat  der  Amerikaner  Field  unter  anderen  Entwürfen  eine  telegraphische ­
  Verbindung  über  die  Sandwichinseln  mit  San  Francisco  in  Vorschlag  gebracht.
Eine  zweite  durchgehende  Linie  dehnt  sich  vom  nordwestlichen  Europa  (von  London
aus)  in  südöstlicher  Richtung  bis  nach  dem  Süden  Asiens  und  weiterhin  bis  nach
Australien.  Diese  telegraphische  Verbindung  durchzieht  zunächst  in  Europa  Deutschland
(Berlin),  Österreich  (Wien,  Pest),  Bulgarien  (Rustschuk)  und  die  Türkei  (Konstantinopel),
läuft  dann  durch  Kleinasien,  berührt  ferner  Bagdad  und  Bassora,  führt  von  Abuschir  am
Persischen  Golf  entlang  der  Küste  des  Persischen  Meeres;  sie  taucht  in  den  Persischen
Meerbusen,  landet  bei  Gwaddar  an  der  Südküste  Belutschistans  und  geht  von  hier  über
Land  nach  Karatschi,  dann  nach  Bombay,  weiterhin  durch  den  südlichen  Teil  Vorderindiens ­
  nach  Madras;  hierauf  kreuzt  sie  den  Busen  von  Bengalen  und  zieht  sich  durch
die  Südspitze  Hinterindiens  bis  nach  Singapur,  um  von  hier  aus  über  Batavia  durch  den
Indischen  Ozean  Port  Darwin  an  der  Nordküste  Australiens  zu  erreichen  und  zuletzt
noch  diesen  Erdteil  von  Norden  nach  Süden  zu  durchziehen.  In  Singapur  trifft  sie  mit
der  von  Nordosten  (aus  Tokio  in  Japan)  kommenden  Linie  zusammen,  welche  über
Nagasaki,  Schanghai,  Hongkong,  Saigun  sich  erstreckt.  In  Abuschir  hatte  sie  sich  bereits
mit  einer  Parallellinie  vereinigt,  welche  von  Berlin  über  Warschau,  Odessa,  durch  das
Schwarze  Meer,  ferner  über  Tiflis,  Teheran  und  Jspahan  in  Persien  sich  hinzieht.
Außerdem  bildet  Bombay  noch  einen  Knotenpunkt,  welcher  die  aus  dem  Mittelmeer  über
Malta  kommende  Verbindung  aufnimmt,  die  über  Suez  durch  das  Rote  Meer  führt,  um
das  Kap  Aden  biegt  und  den  Indischen  Ozean  durchläuft.
Die  hier  genannten  einzelnen  Teile  der  großen  Verbindung  von  dem  Nordwesten
nach  dem  Südosten  befinden  sich  hauptsächlich  im  Besitze  mehrerer  Gesellschaften,  welche
ihren  Hauptsitz  in  London  haben.  Von  diesen  Kompanien  errichtete  zunächst  die  Anglo
Mediterranean  Telegraph  Company  um  1869  eine  eigene  für  den  indischen  Depeschenverkehr ­
  bestimmte  Landlinie  durch  Italien  und  Sizilien  und  schlug  von  dort  eine  Brücke
durch  das  Mittelmeer  nach  Malta,  Tripolis  und  an  der  afrikanischen  Küste  nach  Ägypten,
wohin  man  auch  bald  darauf  ein  Kabel  von  Brindisi  legte.  Auf  anderem  Wege  steuerte
die  Kalmouth  Gibraltar  and  Malta  Telegraph  Company  auf  das  Ziel,  indem  sie  das
schon  oben  erwähnte  Kabel  von  Falmonth  aus  über  Lissabon  und  Gibraltar  nach  Malta
zustande  brachte,  an  welches  sich  hier  die  Leitungen  der  erstgenannten  Gesellschaft  anschließen. ­
  Von  Ägypten  aus  führen  dann  die  von  der  British  Indian  submarine
Telegraph  Company  verlegten  Kabel  (Suez-Aden  und  Aden-Bombay)  direkt  nach  Indien.
Dem  Unternehmungsgeist  dieser  drei  bedeutenden  Gesellschaften,  welche  sich  zu  einer
einzigen  Kompanie  vereinigt  haben,  dankt  England  eine  telegraphische  Verbindung  mit
seinen  indischen  Besitzungen,  welche  das  langersehnte  Ziel  möglichster  Unabhängigkeit  nahezu
vollständig  erreicht  hat.  Die  weitere  Fortführung  des  Telegraphen  von  Indien  aus,
dessen  internes  Telegraphennetz  unter  landesherrlicher  Verwaltung  steht,  nach  China  und
Australien  ist  einerseits  durch  die  British-Indian  Extension  Company,  anderseits  durch
die  British-Australian  Company  ins  Werk  gesetzt  worden.
Als  eine  der  schwierigsten  Leistungen  in  der  Vervollständigung  dieses  großen  Telegraphennetzes ­
  ist  jedenfalls  die  Leitung  durch  das  noch  so  gut  wie  unbekannte  Innere
Australiens  hervorzuheben,  welche  in  ähnlicher  Weise  wie  die  vormals  durch  die  ganze
Breite  Nordamerikas  gespannte  Linie  eine  der  merkwürdigsten  Unternehmungen  unserer
        <pb n="801" />
        839

Festländische  Weltlinieu.

Zeit  bildet;  denn  sie  liefert  uns  ein  Beispiel  von  der  bedeutsamen  Wahrnehmung,  daß
der  Telegraph  nicht  allein  den  Verkehr  zwischen  zivilisierten  Ländern  vermittelt,  sondern
auch  selbst  zum  Pionier  der  Kultur  wird,  welcher  der  geographischen  Forschung  die  Wege
bahnt.  Bei  der  erwähnten  Drahtführung  durch  Amerika  ist  die  energische  Überwindung
der  gewaltigen  Schwierigkeiten  auf  jenen  weiten  Strecken,  namentlich  durch  Nordamerika,
wahrhaft  bewundernswert.  Bald  ging  dort  die  Linie  durch  Hunderte  von  Meilen  in
pfadlosen  Wildnissen,  die  bis  dahin,  von  keinem  zivilisierten  Menschen  besiedelt,  noch
zum  Jagdgebiete  der  Indianer  gehörten,  bald  durch  öde,  ganz  baumlose  Steppen,  zu
denen  das  Holz  für  die  Telegraphenstangen  oft  meilenweit  herbeizuschaffen  war.  Bei
Ausführung  dieser  Linie  hatte  sich  übrigens  von  neuem  der  eigentümliche  Zauber  bewährt,
welchen  die  Telegraphenleitungen  überall,  selbst  auf  die  wildesten  Völkerschaften  ausüben,
die  sich  nur  sehr  selten  an  den  stummen  Bahnen  des  Gedankenverkehrs  vergreifen.  Natürlich ­
  trug  auch  das  freundliche  Entgegenkommen  der  Unternehmer  gegen  die  Indianer  vieldazu
  bei,  so  daß  sich  ausdrücklich  mehrere  Häuptlinge  für  die  Sicherheit  der  Stangen  und
Drähte  verbürgten.  Unter  anderem  schickte  noch  während  der  Vollendung  der  langen  Linie,
im  Jahre  1861,  das  Oberhaupt  der  Schlangenindianer  folgende  Botschaft  nach  San
Francisco:  „Im  Postwagen  habe  ich  Carpentier  gesehen,  den  großen  Chef  der  Telegraphen; ­
  ich  habe  ihm  die  Hand  gedrückt,  denn  ich  liebe  ihn  und  den  Telegraphen.
Meine  Indianer,  deren  ich  5000  habe,  werden  den  Telegraphen  nicht  zerstören.  In
sechs  Wochen  werde  ich  nach  San  Francisco  kommen,  um  die  Dampfschiffe  und  das
große  Meer  zu  sehen;  alle  Männer  des  Telegraphen  behandeln  mich  gut."  —  Da  die
amerikanische  Linie  sich  im  Osten  nordwärts  durch  Neubraunschweig,  Neuschottland  bis
St.  John,  also  an  die  äußerste  Ostspitze  von  Neufundland  fortsetzt,  so  überschreitet  sie
bei  einer  Länge  von  865  deutschen  Meilen  im  ganzen  70  Längengrade.  Auf  überzeugende
Weise  ward  hier  der  Beweis  geliefert,  wie  viel  schneller  der  elektrische  Strom  dahineilt
als  die  flüchtige  Zeit,  denn  eine  in  St.  John  um  Mittag  12  Uhr  aufgegebene  Depesche
trifft  in  San  Francisco  zwischen  8  bis  9  Uhr  morgens  nach  dortiger  Zeit  ein.  Mit
Hilfe  des  elektrischen  Telegraphen  haben  wir  Raum  und  Zeit  überholt,  ja  die  Sonne  in
ihrem  Laufe  überflügelt.  Au  den  großen  festländischen  Linien  sowie  den  atlantischen
Kabeln  besitzen  wir  gegenwärtig  eine  zusammenhängende  Telegraphenverbindung  von
Britisch-Columbia  an  der  Ostküste  des  Großen  Ozeans  durch  Nordamerika,  den  Atlantischen ­
  Ozean,  Europa  und  Asien  bis  nach  Hinterindien,  und  von  dieser  Linie  zweigt  sich
eine  andere  Weltlinie  ab,  welche  durch  russisches  Gebiet  die  Westküste  des  Großen  Ozeans
erreicht  und  deren  Fortsetzung  binnen  wenigen  Jahren  die  telegraphische  Kette  um  die
Erde  ebenfalls  schließen  wird.
Heutige  Ausdehnung  der  Welttelegraphie.  Hiernach  schreitet  die  Welttelegraphie, ­
  d.  h.  die  vollständige  elektrische  Umspannung  der  Erde,  welche  den  geistigen
Verkehr  zwischen  allen  Punkten  unseres  irdischen  Kulturlebens  mit  der  Geschwindigkeit
des  Gedankens  ermöglicht,  immer  mehr  ihrer  Vollendung  zu,  und  bald  werden  auch  die
isolierten  Telegraphennetze,  die  in  den  einzelnen  Ländern,  Staatengruppen  und  Weltteilen
entweder  schon  bestehen  oder  noch  geplant  sind,  derart  untereinander  verbunden  sein,  daß
von  jeder  beliebigen  Telegraphenstation  auf  dem  Erdball  nach  jeder  anderen  der  telegraphische ­
  Verkehr  ohne  Unterbrechung  vor  sich  gehen  kann.  Wie  viele  Enttäuschungen
mußten  aber  erst  durchgemacht,  wie  viele  Erfahrungen  gewonnen  werden,  ehe  diese
Erfolge  erreicht  werden  konnten!  Es  ist  nicht  der  zufällige  oder  glückliche  Gedanke  eines
einzelnen,  nicht  das  Verdienst  oder  der  Ruhm  eines  einzigen  Mannes,  sondern  es  ist,
wie  bei  allen  großen  und  weitgehenden  Erfindungen,  die  in  das  ganze  Leben  der  Menschheit ­
  umgestaltend  eingreifen,  die  emsige,  durch  lauge  Jahre  fortgesetzte  Arbeit  einer
großen  Zahl  ausgezeichneter  Geister  und  das  vollbewußte  Ringen  vieler  tüchtiger  Kräfte
mit  allen  Schwierigkeiten  der  Naturkraft  und  Menschenschwäche,  wodurch  das  große  Ziel,
welches  schon  vor  hundert  Jahren  ein  wissenschaftlicher  Sinn  vorausschaute,  nunmehr
seiner  endlichen  Vollendung  nahe  gekommen  ist.  Bei  alledem  ist  jedoch  keine  Erfindung,
was  ihre  praktische  Verwertung  betrifft,  so  schnell  in  sich  vervollkommnet  worden  und  so
rapide  über  die  ganze  Erde  gegangen,  wie  das  Verkehrsmittel  der  elektrischen  Telegraphie.
        <pb n="802" />
        840

Die  Welttelegraphie.

Im  Jahre  1840  kam  der  Mitte  der  30  er  Jahre  von  dem  deutschen  Physiker
Wilhelm  Weber  vorgeschlagene  und  auch  von  ihm  und  Gauß  iu  Göttingen  bereits  zu
wissenschaftlichen  Zwecken  benutzte  elektromagnetische  Telegraph  zum  erstenmal  an  der
Blackwall-Eisenbahn  in  England  zur  praktischen  Anwendung;  im  Jahre  1843  ließ  die
Direktion  der  rheinischen  Eisenbahn  bei  Aachen  die  erste  kurze  Leitung  auf  deutschem
Boden  ausführen,  1844  wurde  Washington  mit  Baltimore  verbunden,  1845  fand  das
neue  Verkehrsmittel  für  Gedanken  Eingang  in  Frankreich,  1847  in  Holland,  1849  in
Belgien,  1851  in  Rußland,  1852  in  die  Schweiz,  1855  in  Norwegen;  und  jetzt,  nach
60  Jahren?  Heutzutage  besteht  eine  fast  unübersehbare  Reihe  von  täglich  noch  zunehmenden ­
  Linien,  deren  Gesamtlänge  wohl  sechzigmal  um  die  Erde  reichen  würde;
Europa  allein  besitzt,  ausschließlich  der  Eisenbahnlinien  und  Leitungen,  ein  Netz  von
rund  650  000  km  Linien  mit  etwa  2  000  000  km  Draht,  denn  die  Gestänge  (Linien)
'tragen  durchschnittlich  drei  (manche  zehn  bis  zwölf,  ja  fünfzehn  und  mehr)  Leitungen.
Die  gesamte  Leitungslänge  würde  also  hinreichen,  fünfzigmal  unseren  Weltkörper  zu  umspannen, ­
  oder  der  fünffachen  Entfernung  zwischen  Erde  und  Mond  gleichkommen.
Für  den  ganzen  Erdball  kann  die  Länge  aller  Telegraphenlinien  auf  zwei  und  eine
halbe  Million  km  und  die  sämtlicher  Telegraphendrähte  auf  rund  acht  Millionen  km
veranschlagt  werden,  eine  Länge,  die  genügen  würde,  um  zweihundertmal  den  Äquator
zu  umspannen.  Dieses  Ergebnis  wirkt  um  so  überraschender,  wenn  man  es  mit  den
gleichzeitigen  Leistungen  im  Bau  der  Eisenbahnen  zusammenhält,  welche  der  Zeit  nach
vor  den  elektrischen  Telegraphen  zehn  Jahre  voraus  haben  und  doch,  an  Gesamtlänge ­
  mit  annähernd  700  000  km  etwa  siebenzehnmal  den  Erdumfang  messend,  nur
einem  Drittel  von  der  Ausdehnung  der  Telegraphenlinien  gleichkommen.  Das  schnellste
Verkehrsmittel  für  Gedankenbewegung  hat  das  Verkehrsmittel  für  die  Güterbewegung
weit  überholt.  Wenn  nun  auch  die  größere  Leichtigkeit  in  der  Herstellung  von  Telegraphenleitungen ­
  in  Anschlag  kommt,  so  tritt  doch  der  Umstand  hinzu,  daß  die  Bedürfnisse ­
  der  Gedankenbewegung  an  Massenhaftigkeit  jederzeit  die  Bedürfnisse  der  Güterbewegung ­
  überragen.  Jenes  Verhältnis  in  der  Entwickelung  und  Ausdehnung  der  beiden
modernen  Verkehrsanstalten  scheint  demnach  im  ganzen  ein  erfreuliches  Anzeichen  für
den  zunehmenden  geistigen  Fortschritt  unseres  Geschlechts  zu  liefern,  und  die  Statistik
des  Telegraphenverkehrs,  aus  welcher  wir  nun  einige  Angaben  vorführen  wollen,  dürfte
vornehmlich  einen  maßgebenden  Schluß  auf  die  zunehmende  Bildung  und  Gesittung  der
Menschheit  im  großen  und  ganzen  gestatten.  Im  Anfange  an  den  Verlauf  der  Eisenbahnlinien ­
  gebunden,  hat  sich  der  elektrische  Telegraph  sehr  bald  frei  gemacht,  und  ganz
selbständig  läuft  er  über  die  höchsten  Gebirge,  iuirch  Wüsten  und  Wälder,  wo  häufig  die
die  Anlage  bewirkenden  Ingenieure  und  Arbeiter  die  ersten  Menschen  waren,  welche  jene
Gegenden  betraten.

Entwickelung  des  Telegraphenverkehrs  in  Europa.

Jahre

Länge  in  KUomeleru
Linien  |  Leitungen

Anz
Telegraphenanstalten ­


ahl  der
Telegramme

Jahre

Länge  in  Kilometern
Linien  Leitungen

Anzahl  der
Telegraphen-  !  ,
anstauen  Telegramme

1860

126

140

293

832

3

502

8

917

938

1885

478

000

1

382

o
O

44

700

116

820

000

1865

178

114

534

144

7

785

20

850

511

1886

496

000

1

446

000

47

300

137

021

000

1869

271

297

728

592

13

387

38

567

298

1887

526

000

1

550  000

50

600

170

012

000

1872

318

266

873

920

20

676

61

648

134

1888

534

OM

1

575

000

51

700

175

461

MO

1875

336

925

942

039

26

019

78

976

140

1889

554

000

1

601

000

53

700

192

020

000

1876

351

394

1004

291

27

264

81

757

981

1890

565

000

1

635

000

55

600

199

448

MO

1877

377

800

1  044

800

29

034

86

204

359

1891

583

000

I

746

000

58

200

209

052

000

1878

385

000

1  071

000

31

000

76

000

000

1892

593

OM

1

775

000

59

900

213

415

000

1879

403

800

1146

000

32

700

83

500

000

1893

619

000

1

873

000

62

000

222

548

000

1880

415

000

1  165

000

34

000

90

000  000

1894

621

000

1

888

000

64

700

223

685

000

1881

433

000

1  216

000

36

MO

101

858

000

1895

635

000

1

954

000

66

900

229

955

000

1882

448

000,

1  260

000

38

000

108

709

000

1896

652

000

1

995

000

69

300

245

564

000

1883

463

000

1305

000

41

500

116

892

000

1897

668

000

2

193

000

72

200

249

945

000

1884

472

000  [

1359

000

43

100

116

095

000

1898

687

000

2

694

000

74

900

289

020

000
        <pb n="803" />
        841

Die  heutige  Ausdehnung  der  Welttelegraphie.

Hierin  sind  nur  die  Linien  und  Leitungen  der  Staatstelegraphen  einbegriffen,  nicht
aber  die  der  zahlreichen  Privattelegraphen,  zumal  der  Eisenbahnverwaltungen;  dagegen
sind  die  Zahlen  der  sämtlichen  dem  Verkehr  eröffneten  Telegraphenanstalten  angegeben.
Die  Angaben  über  die  Anzahl  der  Telegramme  hinsichtlich  der  Jahre  1878  —  98  beziehen ­
  sich  nur  auf  die  aufgegebenen,  nicht  auf  die  überhaupt  verarbeiteten  Telegramme.
Nach  Journal  Télégraphique  ist  der  Bestand  der

Telegraphenuetze  der  Erde.

Leitungslänge
in  Kilometern

In  Europa

2  841  326

„  Amerika

4  051  642

„  Asien

500  203

„  Australien

350141

„  Afrika

160  065

Überhaupt:

7  903  377

Alljährlich  erweitert  sich  dieses  gewaltige  Netz,  indem  teils  bestehende  Verbindungen
vermehrt,  teils  neue  geschaffen  werden.
An  keiner  anderen  Erfindung  ist  die  internationale  Bedeutung  und  das  gegenseitige
Interesse  für  alle  Völker  so  greifbar  hervorgetreten  wie  bei  der  elektrischen  Telegraphie,
die  wie  spielend  mit  Raum  und  Zeit  ihren  Weg  in  wenigen  Jahren  um  die  ganze  Erde
.genommen  hat.  Keine  andere  Erfindung  steuert  aber  auch  so  unmittelbar  auf  das  Ziel
hin,  die  einzelnen  Völkerwirtschasten  zur  Weltwirtschaft  zu  einigen;  sie  allein  vermittelt
eine  geistige  Verbindung  über  Ländergebiete,  die  jeder  anderen  Art  des  regelmäßigen
Verkehrs  bisher  verschlossen  waren.  So  ist  es  ein  wahrer  Sieg  des  kosmopolitischen
Geistes,  welcher  sich  in  dem  rastlosen  Vordringen  offenbart,  durch  das  die  Blitzschrift  und
ihre  Benutzung  zu  einem  Gemeingut  der  Menschheit  geworden.  Und  dieser  Thatsache
steht  keineswegs  die  Erfahrung  entgegen,  daß  die  elektrische  Telegraphie  in  gleichem
Maße  wie  für  den  friedlichen  Verkehr  auch  für  das  blutige  Zusammentreffen  der  Völker
einen  unschätzbaren  Wert  gewonnen  hat.  Jedem  Leser  wird  es  bekannt  sein,  welche
außerordentliche  Rolle  der  elektrische  Draht  bei  dem  großen  Kampfe  des  wiedererstehenden
Deutschlands  gespielt  hat!  Für  den  Felddienst  nicht  nur,  in  Bewegung  und  Leitung  der
Heere,  zur  Beschaffung  ihrer  Vorräte  und  ihrer  Verpflegung,  sondern  auch  für  die  schnelle
Beruhigung  und  Erhebung  von  Millionen  bang  schlagender  Herzen  daheim  hat  der
Telegraph  damals  durch  seine  pünktliche  Verbreitung  täglicher  Nachrichten  die  unersetzlichsten ­
  Dienste  geleistet.  Daher  sind  seine  Leistungen  innig  verwachsen  mit  der  Wiedererhebung ­
  unseres  Vaterlandes,  in  dessen  jungem,  auf  wirtschaftliche  Verkehrsinteressen
wesentlich  gegründetem  Neubau  dieses  Weltverkehrsmittel  einen  schlußfesten  Baustein  mit
eingefügt  hat.
Eine  ganz  neue  Ara  für  die  Benutzung  und  Bedeutung  des  Telegraphen  ist  in
unseren  Tagen  mit  der  Erfindung  des  Telephons  oder  Fernsprechers  (von  dem
Deutschen  Reiß  gemacht,  späterhin  aber  von  dem  Amerikaner  Graham  Bell  verbessert)
und  des  Mikrophons  (von  Hughes  erfunden)  angebrochen.  Für  den  internationalen
Verkehr  scheint  allerdings  die  bisherige  Form,  die  Telegraphie,  noch  auf  längere  Zeit
hinaus  die  maßgebende  bleiben  zu  sollen,  obgleich  auch  nach  dieser  Richtung  der  Fernsprecher ­
  bereits  bedeutsame  Erfolge  aufzuweisen  hat.  Wo  es  sich  aber  um  kleinere  Entfernungen ­
  handelt,  spielt  schon  jetzt  der  Fernsprecher  eine  hervorragende  Rolle  und  hat
teilweise  den  schreibenden  Telegraphen  verdrängt.  Hinsichtlich  der  mächtigen  Umgestaltungen,
weiche  diese  neue  Erfindung  bereits  hervorgerufen  hat,  wollen  wir  hier  nur  auf  die
Entwickelung  des  Fernsprechers  als  hervorragendes  Verkehrsmittel  in  größeren  Städten
und  zwischen  benachbarten  Orten  sowie  darauf  hinweisen,  daß  angestellte  Versuche  auch
die  Verwendung  des  Fernsprechers  im  Belagerungs-  und  Vorpostendienst  als  in  hohem
Grade  nützlich  erwiesen  haben.  Wir  kommen  am  Schluffe  des  gegenwärtigen  Kapitels
auf  die  Entwickelung  des  Fernsprechwesens  noch  ausführlicher  zu  sprechen.
106
        <pb n="804" />
        842

Die  Welttelegraphie.
Das  Telegraphenmesen  der  einzelnen  Kulturländer.  Die  deutsche
Reichstelegraphie  erstreckt  sich  auf  das  Gebiet  des  Deutschen  Reiches  mit  Ausschluß
von  Bayern  und  Württemberg,  welche  eigene  Post-  und  Telegraphenverwaltungen  haben.
Die  frühere  Generaldirektion  der  Telegraphen  ist  mit  derjenigen  des  Reichspostwesens
vereinigt  worden,  und  seit  dem  1.  Januar  1876  ist  die  Verwaltung  des  Post-  und  Telegraphenwesens ­
  vom  Ressort  des  Reichskanzleramts  getrennt  und  die  Leitung  derselben
unter  der  Verantwortlichkeit  des  Reichskanzlers  dem  Generalpostmeister,  bezw.  dem
Staatssekretär  des  Reichspostamts  übertragen  worden.  Letzterer  übt  zugleich  den  verfassungsmäßigen ­
  Einfluß  auf  die  bayrischen  und  Württembergischen  Post-  und  Telegraphenverwaltungen ­
  aus.
Eine  wesentliche  Umgestaltung  hatte  das  deutsche  Telegraphenwesen  dadurch  erfahren, ­
  daß  unter  Aufgabe  des  Zonentarifs  für  das  ganze  Deutsche  Reich,  einschließlich
Luxemburgs,  mit  dem  1.  März  1876  ein  und  derselbe  Worttarif  eingeführt  wurde,
nach  welchem  das  Telegramm  an  sich  20  Pfennig  und  jedes  Wort  in  demselben  5  Pfennig
kostete,  sodaß  es  möglich  war,  für  weniger  als  eine  Mark  ein  Telegramm  von  Schleswig
nach  Passau  oder  von  Königsberg  nach  Straßburg  zu  schicken.
Das  neue  System,  welches  sich  zunächst  in  der  deutschen  Verwaltung  trefflich  bewährte, ­
  fand  bald  auch  bei  anderen  Staaten  Anklang,  so  daß  die  Schweiz,  Frankreich
und  Österreich-Ungarn  schon  in  den  nächsten  Jahren  sich  zur  Einführung  desselben  entschlossen. ­
  Hierdurch  wurde  aber  auch  die  Möglichkeit  geboten,  den  Worttarif  in  den
internationalen  Verkehr,  zunächst  allerdings  nur  mit  den  Nachbarstaaten,  einzuführen.
Ermutigt  durch  diese  Erfolge,  schlug  die  deutsche  Reichstelegraphenverwaltung  der  im
Jahre  1879  in  London  tagenden  internationalen  Telegraphenkonferenz  eine  einheitliche
Regelung  des  europäischen  Telegraphentarifs  vor,  auf  der  Grundlage  einer  Grundtaxe
von  50  Centimes  und  einer  Gebühr  von  20  Centimes  für  jedes  Wort.  Mit  diesem
Vorschlage  vermochte  indes  die  deutsche  Reichstelegraphenverwaltung  leider  nicht  durchzudringen, ­
  und  auch  auf  der  internationalen  Telegraphenkonferenz  zu  Berlin  im
Jahre  1885,  welcher  die  deutschen  Vorschläge  aufs  neue  unterbreitet  wurden,  kam  es  zu
einer  Annahme  derselben  nicht,  wohl  aber  wurde  erreicht,  daß  als  Basis  des  internationalen ­
  Tarifs  folgende  Grundsätze  angenommen  wurden:  1)  Die  Gebühr  für  alle
zwischen  den  Telegraphenanstalten  zweier  beliebiger  Staaten  gewechselten  Telegramme
soll  eine  gleichmäßige  sein  und  2)  die  Höhe  der  Gebühr  wird  von  Staat  zu  Staat  und
im  Einvernehmen  mit  den  zwischenliegenden  Staaten  festgesetzt.  Ferner  wurde  die  einfache ­
  Wortgebühr  mit  der  Maßgabe  angenommen,  daß,  einige  Ausnahmen  abgerechnet,
die  Streckengebühr  10  Centimes  und  die  Durchgangsgebühr  8  Centimes  für  das  Wort
betragen  solle.  Die  Form,  in  welcher  die  Gebühr  in  jedem  einzelnen  Staate  zur  Erhebung ­
  kommen  sollte,  wurde  den  letzteren  festzusetzen  überlassen.  Als  Zeitpunkt  für  das
Inkrafttreten  des  neuen  Tarifs  wurde  der  1.  Juli  1886  bestimmt.  Von  dem  gleichen
Zeitpunkte  ab  wurde  für  die  deutsche  Reichstelegraphenverwaltung  die  Gebühr  für  die
Beförderung  eines  Telegramms  auf  der  ganzen  Beförderungsstrecke  für  das  Wort  festgesetzt, ­
  mit  der  Maßgabe  jedoch,  daß  im  Verkehr  mit  Großbritannien  und  Irland  außer
der  Wortgebühr  eine  &amp;gt;  Grundtaxe  von  40  Pfennig  berechnet  und  für  den  Verkehr  in
Deutschland  sowie  im  Verkehr  nach  allen  Ländern  als  Mindestbetrag  für  ein  gewöhnliches ­
  Telegramm  60  Pfennig  erhoben  werden  sollten.  Die  Worttaxe  betrug  für  den
inneren  Verkehr  Deutschlands  6  Pfennig,  nach  Österreich-Ungarn  10  Pfennig,  nach
Frankreich  15  Pfennig,  nach  Italien  20  Pfennig,  nach  Niederland  10  Pfennig,  nach
Norwegen  20  Pfennig,  nach  dem  europäischen  und  kaukasischen  Rußland  25  Pfennig,
nach  dem  asiatischen  Rußland  erste  Region  1  Mark  45  Pfennig,  bezw.  zweite  Region
2  Mark  35  Pfennig  u.  s.w.  Im  Jahre  1891  wurde  für  den  inneren  Verkehr  Deutschlands ­
  die  Wortgebühr  von  6  auf  5  Pfennig  und  der  Mindestbetrag  für  ein  Telegramm
auf  50  Pfennig  herabgesetzt.  Die  gleichen  Gebührensätze  traten  vom  1.  Januar  1892
ab  im  Verkehr  mit  Österreich-Ungarn  in  Kraft.  Inzwischen  sind  auch  die  Gebührensätze
für  den  Verkehr  Deutschlands  mit  allen  anderen  Ländern  auf  die  reine  Wortgebühr  zurückgeführt ­
  und  nicht  unerheblich  ermäßigt  worden.  Es  beträgt  die  Gebühr  für  das  Wort
        <pb n="805" />
        843

Die  deutsche  Reichstelegraphie.
im  Verkehr  mit  Großbritannien  und  Irland  15  Pfennig,  mit  Frankreich  12  Pfennig,
mit  Italien  15  Pfennig,  mit  Norwegen  15  Pfennig,  mit  dem  europäischen  und  kaukasischen ­
  Rußland  20  Pfennig,  mit  dem  asiatischen  Rußland  erste  Region  75  Pfennig,
zweite  Region  1  Mark  u.  s.  w.  Auf  den  internationalen  Telegraphenkonferenzen  in
Paris  1890  und  in  Budapest  1896  sind  grundsätzliche  Änderungen  in  Bezug  auf  die
Tarife  nicht  zu  erlangen  gewesen.
Dem  internationalen  Telegraphenvertrage  gehören  gegenwärtig  folgende  Staaten
an:  Deutschland,  Argentinische  Republick,  Australien,  Österreich-Ungarn,  Belgien,  Bosnien
und  Herzegowina,  Brasilien,  Bulgarien,  Kap  der  Guten  Hoffnung,  Kochinchina,  Dänemark, ­
  Ägypten,  Spanien,  Spanische  Kolonien,  Frankreich  mit  Algier,  Großbritannien
nebst  Gibraltar  und  Malta,  Griechenland,  Britisch-Jndien,  Italien,  Japan,  Luxemburg.
Montenegro,  Natal,  Nicaragua,  Norwegen,  Niederland  und  Niederländisch-Jndien,  Portugal, ­
  Portugisische  Kolonien,  Peru,  Persien,  Rumänien,  Rußland,  Senegal,  Serbien,
Siam,  Schweden,  Schweiz,  Tunis,  die  Türkei.  Von  Kabelgesellschasten  sind  dem  Vertrage ­
  beigetreten,  zum  Teil  nur  für  einzelne  Linien:  Eastern  Telegraph  Company,  Direct
Spanish  Telegraph  Company,  Black  Sea  Telegraph  Company,  Indo-European  Telegraph ­
  Company,  West-India  and  Panama  Telegraph  Company,  The  Commercial  Cable
Company,  Det  Stone  Nordiske  Telegraph  Selskab  (Grande  Compagnie  des  tdlegraphes
du  Nord),  "West  African  Telegraph  Company,  Compagnie  franpaise  des  cäbles  telegraphiques,
  Compagnie  Tdlegraphique  et  Telephonique  de  la  Plata,  South  American
Cable  Company,  Halifax  and  Bermudas  Cable  Company.  Die  übrigen  Privat-Telegraphengesellschaften
  bringen  die  Bestimmungen  des  internationalen  Telegraphenvertrages
teils  vollständig,  teils  im  wesentlichen  zur  Anwendung.
Das  deutsche  Reichspost-  und  Telegraphengebiet  umfaßt  445  275,86  qkm  (ausschließlich ­
  4343,81  qkm  Wasserfläche),  und  am  2.  Dezember  1895  hatte  dasselbe
44  380  206  Einwohner,  oder  100  Einwohner  auf  den  qkm.  In  demselben  bestanden
zur  Zeit  der  Vereinigung  der  Telegraphenverwaltnng  mit  der  Postverwaltnng  1688,
am  Ende  des  Jahres  1898  19  605  Telegraphenanstalten,  deren  Zahl  inzwischen  noch
beträchtlich  vermehrt  worden  ist.  Das  Personal  derselben  ist  zum  Teil  identisch  mit  dem
der  Postanstalten.  Das  Gesamtpersonal  beider  Anstalten  zählte  Ende  1876  60  330  Personen, ­
  1898  173  976  Beamte,  Unterbeamte,  Posthalter  und  Postillone.  Ausschließlich  im
Telegraphendienst  beschäftigt  wurden  1876  3599  Personen  gegen  12  565  im  Jahre  1898.
Die  Zahl  der  im  Betriebe  befindlichen  Apparate  betrug  1876  5288,  1898  27  328.  Von
letzteren  waren  12  254  nach  dem  System  Morse,  552  nach  dem  System  Hughes,  Klopferapparate ­
  1122,  nach  dem  Fernsprechsystem  13  174,  226  nach  anderen  Systemen.  Die
Zahl  der  Isolatoren  betrug  Ende  1876  2  201  504,  1896  6  167  400,  die  der  aufgestellten ­
  Telegraphenstangen  1876  618  456,  1896  1  711  956.  Ende  1876  hatte  das
Telegraphennetz  38  790  km  Linien  und  142  883  km  Drahtleitungen,  1898  148  159  km
Linien  und  819  051  km  Drahtleitungen.  Hierzu  sind  noch  zu  rechnen  die  Landtelegraphen ­
  in  den  deutschen  Schutzgebieten  (Deutschafrika:  Bagamoio-Tanga,  Dar-es-Salaarn-Mohorro-Kilwa;
  Togogebiet:  Klein-Popo-Lome-Grenze  Gvldknste)  mit  757  km
Linien  und  761  km  Leitung.
In  den  Jahren  1877  bis  1881  sind  sämtliche  wichtigere  Orte  des  Deutschen
Reiches  durch  unterirdische  Telegraphenkabel,  von  denen  jedes  in  der  Regel  sieben  Drahtleitungen ­
  enthält,  verbunden  worden.  Die  Gesamtlänge  der  unterirdischen  Kabellinien
des  Reichstelegraphengebietes  im  Jahre  1898  betrug  5961  km,  die  Gesamtlänge  der
Kabelleitungen  40  329  km.  Dieselben  verbinden  die  nachstehend  bezeichneten  Orte  untereinander: ­


1.  Berlin-Halle-Kassel-Frankfnrt  (Main).
2.  Halle(Saale)-Leipzig.
3.  Berlin-Hamburg.
4.  Hamburg-Kiel.
5.  Frankfurt(Main)-Straßbnrg  (Elsaß).
6.  Berlm-Magdeburg-Hamm-Köln.
7.  Barmen-Köln.

8.  Hamburg-Kuxhaven.
9.  Hamüurg-Bremen-Oldenbnrg-Emden.
10.  Bremen-Bremerhaven.
11.  Sande-Wilhelmshaven.
12.  Killn-Koblenz-Trier-Mctz.
13.  Kölm  Mainz.
14.  Metz-Strafiburg.

106*
        <pb n="806" />
        844

Die  deutsche  Reichstelegraphie.

15.  Berlin-Dresden.
16.  Berlin-Breslau.
17.  Berlin-Thorn.
18.  Berlin-Stettin.
19.  Thorn-Danzig.

21.  Stettin-Danzig.
22.  Köln-Aachen.

23.  Kiel-Flensburg.
24.  Flensbnrg-Hoyer.

25.  Dresden-Hof-München.
26.  KarlsrnhefBadens-Stnttgart.

20.  Danzig-Königsberg.

Die  unterseeischen  Kabel  der  Reichstelegraphenverwaltung  haben  eine  Länge  von
3760,oi  lein  Linie  und  8136,14  km  Leitung.  Sie  zerfallen  in  Kabel
a)  für  den  inneren  Verkehr:
zwischen  dem  Festland  und  Helgoland,
zwischen  dem  Festland  und  den  übrigen  deutschen  Inseln,  sowie  zwischen  diesen  Inseln
untereinander;
b)  für  den  internationalen  Verkehr:
Emden-Borkum-Lowestoft  (England),
Emden-Greetsiel-Valentia  (Irland),
Hoyer-Sylt-Arendal  (Norwegen),
Norddeich(Norden)-Norderney  (Fortsetzung  des  Englischen  Kabels  Lowestoft-Norderney),
Emden-Greetsiel-Borkum  (Vorratskabel  für  die  überseeischen  Linien),
Rügen-Schwedische  Küste  (gemeinschaftlicher  Besitz  von  Deutschland  und  Schweden),
Alsen-Fünen  (gemeinschaftlicher  Besitz  von  Deutschland  und  Dänemark),
Warnemünde-Gjedser  (gemeinschaftlicher  Besitz  von  Deutschland  und  Dänemark),
Emden-Borkum-Bacton  (von  Borkum  ab  gemeinschaftlicher  Besitz  von  Deutschland  und
Großbritannien).
Außerdem  sind  als  Bestandteile  des  Reichstelegraphennetzes  anzusehen  die  überseeischen ­
  Kabel:
Norderney-Lowestoft  (im  Besitz  Großbritanniens),
Valentia-Sidney  (Kap  Breton)  (im  Besitz  der  Anglo-American  Telegraph  Company),
Zanzibar-Bagamoio-Dar-es-Salaam  (im  Besitz  der  Lastern  and  South  African  Telegraph
Company),
Bonny-Kamerun  (im  Besitz  der  African  Direct  Telegraph  Company),
Emden-Vigo  (im  Besitz  der  deutschen  Sectelegraphengesellschaft)  zum  Anschluß  in  Borkum
(über  Emden)  an  die  Linien  der  deutschen  Reichstelegraphenverwaltung  und  in  Vigo
an  die  Spanischen  Landlinien,  sowie  an  das  Telegraphennetz  der  Lastern  Telegraph
Company.
Die  Gesamtausdehnung  dieser  Kabel  beträgt  an  Linien  7213,17  hm,  an  Leitung
8505  hm.
Mit  der  Herstellung  des  Kabels  Emden-Vigo  hat  Deutschland  den  ersten  Schritt
zur  Erlangung  eigener  transatlantischer  Verbindungen  unternommen,  inzwischen  ist  auch
das  erste  deutsch-amerikanische  Kabel  verlegt  und  in  Betrieb  gesetzt  worden.  Das  Kabel
ist  Eigentum  der  neu  gebildeten  Deutsch-Atlantischen  Kabelgesellschaft  und  durch  deutsches
Privatkapital  geschaffen.  Dieser  Vorgang  ist  von  außerordentlicher  Bedeutung,  da  er  die
Beförderung  der  deutschen  telegraphischen  Korrespondenz  unabhängig  namentlich  von  den
Linien  der  englischen  Kabelgesellschaften  zu  machen  bestimmt  ist.  Ein  weiterer  Vorteil
der  Verbindung  wird  neben  erhöhter  Sicherheit  und  Schnelligkeit  der  Beförderung  in
der  Ermäßigung  der  Telegrammgebühren  bestehen.  Voraussichtlich  wird  nunmehr  in
nicht  ferner  Zeit  die  Einrichtung  weiterer  selbständiger  Kabelverbindnngen  nach  überseeischen ­
  Ländern  folgen,  die  frei  von  fremdländischen  Einflüssen  in  erster  Linie  den
deutschen  Interessen  dienen  werden.
Über  den  Umfang  und  das  Wachstum  des  deutschen  Telegrammverkehrs
gibt  nachstehende  Zusammenstellung  ein  anschauliches  Bild.  Dieselbe  schildert,  mit  dem
Jahre  1851  beginnend,  bis  1866  den  Telegraphenverkehr  in  Preußen,  von  da  bis  1870
im  Norddeutschen  Bunde  und  von  1871  an  im  deutschen  Reichstelegraphengebiet,  also
ohne  Bayern  und  Württemberg.  An  der  Bewältigung  dieser  vielen  Millionen  von
Telegrammen  sind  hauptsächlich  die  großen  Verkehrscentren,  in  erster  Linie  das  Haupttelegravhenamt
  in  Berlin  beteiligt.  Die  Abb.  70  gibt  ein  anschauliches  Bild  des  großen
        <pb n="807" />
        Die  deutsche  Reichstelegraphie.

847

Wachstum  des  deutschen  Telegrammverkehrs.

Im  Jahre

aufgegeben

Telegramme
angekommen

durchgegangen ­


Staats-Stalionen


Einnahmen
in
Reichsmark

Ausgaben
in
Reichsmark

1851

39  972

—

42

252129

1  720  989

1855

152  820

156  494

14  115

67

1  405  782

1  803  810

1860

384  335

394  548

113  960

120

2  338  134

1  981  374

1861

459  002

469  365

134  840

136

2  658  165

2  165  018

i?

1862

660  297

666  095

138  914

197

2  844  717

2  885  205

1863

877  583

876  318

—

294

3  084  309  '

3195186

1864

1  269  590

I  267  978

214  274

388

3  261  144

3  534  012

1865

1  527  455

1  529  097

274  162

469

3  682  455

3  832  980

1866

1  964  032

1  955  074

371  524

538

3  494  125

4  044  873

1867

3  234  880

3  221  050

473  000

830

4  796  881

5  057  682

5s  ,

1868

4  304  600

4  344  757

466  240

993

5  598  402

6  682  866

€»

1869

4  970  912

5  034  404

395  465

1041

6  308  097

7  154  102

A

1870

5  690  832

—

357  222

1078

6  553  263

7  082  160

1871

6  398  589

6  459  899

448  033

1  130

7  333  242

7  258  614

1872

8  249  223

8  337  612

.354  739

1391

9  695166

10  426  293

1875

9  003  379

9  211  503

307  852

1945

10  594  538

?

1876

8  678  214

8  768  535

375  369

2  532

11  513  032

?

1877

9  327  549

9  409  734

349  323

3  287

13  440  139

?

1878

9  505  501

9  673  305

340  274

4143

13  912  533

?

1879

10  627  038

10  619  278

383  941

5114

14  270  992

?

CO

1880

11  690  584

11  721  937

448  208

5  659

15  669  038

7

iS

1881

12  481  961

12  583  839

493  519

5  896

17  137  999

7

1882

12  963  515

13  069  372

756  154

6167

17  359  828

7

g

1883

13  353  653

13  447  906

791  874

6  608

18  810  011

?

ä

1884

13  741  242

13  841  215

777  924

7  527

19  516  747

7

s

1885

13  869  055

14  025  820

816  176

8  207

19  883  240

7

g

1886

14  817  661

15  055  322

759  402

8  841

20  700  811

7

ä)

1887

15  636  824

15  871  448

854  863

9  400

22  602  479

7

w

1888

17  423  988

17  553  671

984  954

10  016

26  356  881

7

A

1889

18  820  397

19  022  700

1  065  861

10  607

29  581  425

7

d

1890

19  609  411

19  826  466

1  113  438

11447

31  651  991

7

SS

1891

22  015  439

21  857  572

1  150  553

12122

32  655  923

7

1892

23  047  415

23  357  713

1  084  770

12  438

33  954  039

7

1893

24  416  889

24  878  436

1  234  441

12  908

36  737  415

7

1894

24  852  663

25  640  578

1  268  254

13  218

39  027  283

7

1895

26  979  209

28  319  070

1  367  362

13  729

42  989  223

?

1896

27  709  678

28  653  581

1  369  994

14  227

45  483  860

7

1897

29  620  245

30  209  674

1  500  118

14  735

49  817  791

?

1898

31  436  750

32  175  075

1  523  785

15  181

55  521  555

7

Hughes-Belriebssaales  des  Berliner  Amtes,  in  welchem  die  wichtigsten  Leitungen  des
internen  und  des  internationalen  Verkehrs  betrieben  werden.
Wegen  Vereinigung  der  Telegraphie  mit  der  Post  lassen  sich  die  durch  das  Telegraphenwesen ­
  verursachten  Ausgaben  in  den  letzten  Jahren  nicht  mehr  besonders  anführen. ­
  Für  Post  und  Telegraphie  zusammen  waren  im  Jahre  1876  die  Bruttofinanzergebnisse ­
  folgende:  Gesamteinnahme  116  967  739  Mark,  Gesamtausgabe  108  154  705
Mark,  der  Überschuß  betrug  mithin  8  813  034  Mark,  oder  nach  Abzug  der  außergewöhnlichen ­
  Ausgaben  mit  1  260  140  Mark  noch  7  552  894  Mark.  Im  Jahre  1898  erreichte
die  Gesamteinnahme  349  150  754  Mark,  die  Gesamtausgabe  302  003  110  Mark  und
der  Überschuß  47  147  644  Mark.
Das  vorstehende  Bild  müssen  wir,  um  es  für  Deutschland  vollständig  zu  machen,
noch  durch  eine  Skizze  des  Umfangs  des  Telegraphenwesens  in  Bayern  und  Württemberg ­
  vervollständigen.  Das  Königreich  Bayern  besaß  Ende  1898  2327  Staatstelegraphenanstalten ­
  mit  4602  Apparaten,  17  572  Icm  Linienlänge  und  53  324  km  Drahtleitungen. ­
  Im  internen  Verkehr,  einschließlich  im  Verkehr  mit  Württemberg  und  mit  dem
Reichstelegraphengebiet,  wurden  2  220  695  gebührenpflichtige  Telegramme  abgesendet,
        <pb n="808" />
        848

Die  Welttelegraphie.

nach  anderen  Ländern  gerichtete  Telegramme  kamen  297  188  Stück,  im  ganzen  also
2  517  883  Telegramme  zur  Aufgabe.  Die  Einnahme  au  Telegrammgebühren  betrug
1  930  411  Mark.
Im  Königreich  Württemberg  gab  es  Ende  1898  777  Staatstelegraphenanstalten,
Apparate  waren  1359  vorhanden  sowie  5795  km  Telegraphenlinien  und  17  852  km
Leitungen.  Aufgegeben  wurden  gebührenpflichtige  Telegramme,  einschließlich  im  Verkehr
mit  Bayern  und  dem  Reichstelegraphengebiet  742  844,  nach  anderen  Ländern  gerichtet
95  821  Telegramme,  zusammen  838  665  Stück.  Die  Einnahmen  an  Telegrammgebühren
betrugen  668  584  Mark.
Ehe  wir  an  die  Besprechung  des  Telegraphenwesens  in  den  außerdeutschen  Staaten
gehen,  wollen  wir  in  der  nachstehenden  Tabelle  eine  Übersicht  über  den  Stand  des
Telegraphenverkehrs  in  den  europäischen  Staaten  im  Jahre  1898  geben:

Relativer  Stand  des  Telegraphenverkehrs  in  den  europäischen  Staaten.

Nr.

Länder

Staatstelcgraphen
Linien  &amp;gt;  Leitungen
kni  km

Staatstele-




E
Tcltgrap
entfäl

ne
Heilanstalt
t  auf
Einwohner

Beförderte  Telegramme ­
  (aufgegebene. ­
  vom
Ausland  eingegangene. ­
  im
Durchgang  beförderte) ­


Auf  100
Einwohner
entfallen
aufgegebene
Telegramme

i

Deutschland  .  .  .

123  813

449  087

18  285

23.6
28.7

2  283

42  127  359

67,8

2

Belgien  ....

6  365

32  463

935

6  501

5  947  858

62,0

3

Bulgarien  (Ostrumelien


5  244

10  827

149

518,1

16  684

1  342  807

36,1

4

Dänemark.  ,
Frankreich.

4  811

13  758

293

72,3

3  988

1  931  751

43,7
102,7

5

101  372

352  149

8  409

44,2

3171

44  515  175

6

Griechenland  1897)

8  241

9  765

203

301,4

11  535

1  473  018

43,9

7

Großbritannien  und
Irland  ....

64  512

422  489

8172

30,2

3  807

85  938  814

202,9

8

Italien  (1897)  .  .

40  513

127  236

3  841

48,8

5  332

10  973  374

30,2

9

Luxemburg  •  .  .

612

1032

91

18,4

1543

135  944

37,5

10

Montenegro  (1888)  .

338

338

15

628,9

19  067

—

—

11

Niederland  .  .  .

5  907

20  945

587

35,4

5  427

5  072  788

71,2

12

Norwegen....

12  046

28  384

300

590,3

3  971

2  074  236

74,9

13

Österreich  (1897)  .

33  893

104  573

2  874

60,7

4  835

13  771  084

37,2

14

Ungarn  ....

22  016

107  370

1  276

106,5

5  771

7  494  644

30,8

15

Bosnien  und  Herzegowina ­
  ....

2  822

7182

81

424,o

13  347

532  890

17,6

16

Portugal  mit  Azoren
u.  Madeira  (1897)

7  381

15  257

425

217,0

11  882

1  744  977

17,8

17

Rumänien  .  .  .

6  903

16  593

252

308,0

10  397

2  335  420

35,2

18

Rußland,  einschließt,
asiatisches  Rußland ­
  (1897)  .  .

139  660

291  734

2  444

4  431,0
294,9

25  521

16  318  059

10,8

19

Schweden....

8  776

25177

388

3  402

2  434  270

31,2

20

Schweiz  ....

7144

21  083

1  973

20,3
401,5

1  431

3  977  576

84,3

21

Serbien  (1891)  .  .

2  978

4  981

73

17  496

617  071

25,6

22

Spanien  (1897)  .  .

31  678

72  825

929

353,3

12  283

5  149  534

25,1

23

Türkei,  einschließlich
asiatische  u.  afrikanische ­
  Türkei  .

36  138

63  754

666

3  957,9

32  781

3124168

10,8

Wie  aus  der  vorstehenden  Tabelle  ersichtlich,  nimmt  Deutschland  nach  der  relativen
Zahl  der  aufgelieferten  Telegramme  unter  den  europäischen  Staaten  den  sechsten  Platz
ein,  steht  dafür  aber,  wenn  man  von  der  Schweiz  und  Luxemburg,  wo  besondere  Verhältnisse ­
  die  Entwickelung  des  Telegraphenwesens  beeinflussen,  absieht,  bezüglich  der
relativen  Anzahl  der  Telegraphenanstalten  an  erster  Stelle.
Die  relativ  hohe  Stellung  des  telegraphischen  Verkehrs  der  Schweiz  ist  keineswegs
ausschließlich  dem  hohen  Verkehrsverhältnis  der  Schweizer  Bevölkerung  zuzuschreiben,
sondern  erklärt  sich  durch  die  außerordentliche  Frequenz  der  Reisenden  aller  Länder,
welche  eine  starke  telegraphische  Korrespondenz  zu  unterhalten  pflegen.
        <pb n="809" />
        Der  telegraphische  Verkehr  in  Württemberg,  in  der  Schweiz  und  in  Großbritannien.  849
Zur  Belebung  des  internen  Telegraphenwesens  in  der  Schweiz  hat  auch  die  Einführung ­
  eines  für  das  ganze  Bundesgebiet  einheitlichen  Worttarifs  beigetragen  (30  Centimes,
dazu  2!/ 2  Centimes  für  jedes  Wort).  Im  Jahre  1896  hatte  die  Schweiz  1936  Telegraphenanstalten, ­
  7145  km  Linien  und  20308  km  Drähte.
Bei  dem  Telegraphenverkehr  hat  sich  das  allgemein  gültige  Verkehrsgesetz,  daß  die
Ermäßigung  jedes  Tarifsatzes  nicht  nur  eine  verhältnismäßig  weit  höhere  Belebung  des
Verkehrs  zur  Folge  hat,  sondern  auch,  den  Vorteilen  des  Massenumsatzes  und  der  besseren
Ausnutzung  der  Verkehrsmittel  entsprechend,  schließlich  auf  die  Ertragsfähigkeit  der  Verkehrsanstalt ­
  selbst  wohlthätig  zurückwirkt,  ebenfalls  bewährt,  insbesondere  nach  der  allgemeinen ­
  Einführung  des  Worttarifs.  Wenn  auch  überall  die  Wahrnehmung  gemacht
worden  ist,  daß  mit  der  Steigerung  des  Telegrammverkehrs  die  Einnahmen  nicht  in
demselben  Verhältnis  gewachsen  sind,  so  ist  dies  noch  kein  Beweis,  daß  das  finanzielle
Ergebnis  ein  ungünstiges  gewesen  ist.  Die  Leistungen  der  Telegraphenverwaltungen
haben  in  den  Einnahmen  ein  entsprechendes  Entgelt  gefunden,  weil  die  Telegramme
kürzer  geworden  sind,  d.  h.  das  Publikum  hat  gelernt,  sich  kürzer  und  präziser
auszudrücken  und  sich  immer  mehr  an  die  Anforderungen  unserer  raschlebigen  Zeit
zu  gewöhnen.
In  solchem  Sinne  hält  uns  die  Telegraphie  den  praktischen  Satz,  daß  Zeit  Geld  ist,
mehr  als  jede  andere  Erfindung  in  Erinnerung.  Im  Jahre  1873  passierten  nahe  an
40  000  Telegramme  die  europäisch-indischen  Linien.  Ein  Brief  brauchte  durchschnittlich ­
  42  Tage,  um  von  Europa  nach  Indien,  Australien  oder  China  zu  gelangen,
ein  Telegramm  nicht  mehr  als  höchstens  zwei  Tage.  Dies  ergibt  für  jedes  Telegramm
einen  Gewinn  von  40  Tagen,  für  die  40  000  Telegramme  somit  einen  Zeitgewinn  von
40  Jahrhunderten;  die  nämliche  Berechnung  auf  die  Telegramme  angewendet,  welche
jährlich  die  transatlantischen  Kabel  durchlaufen,  ergibt  einen  noch  höheren  Zeitgewinn,
so  daß  durch  die  gegenwärtig  bestehenden  transozeanischen  Telegraphen  in  jedem  Jahre
die  Zeit  von  mehr  als  10  000  Jahren  gewonnen  wird.
Von  besonderer  Wichtigkeit  ist  natürlich  die  möglichst  weite  Verzweigung  eines  gut
organisierten  Telegraphennetzes  in  Staaten  von  großer  Ausdehnung  oder  in  Reichen,  deren
Teile  durch  weite  Entfernungen  getrennt  sind,  wie  Großbritannien  mit  seinen  indischen
Besitzungen  und  Kolonien,  ferner  das  weit  ausgedehnte  russische  Reich,  endlich  Amerika.
Über  die  mehrfache  telegraphische  Verbindung  zwischen  England  und  Indien  ist  schon
früher  gesprochen  worden;  der  Dienst  in  Indien  selbst  ist  auf  allen  Stationen  des  weitverzweigten ­
  Telegraphennetzes  vortrefflich  geregelt,  und  die  Beförderung  der  Telegramme
erfolgt  mit  großer  Präzision  wie  auf  den  besten  europäischen  Telegraphenämtern,  obschon
auf  allen  Stationen  auch  Hindus  beschäftigt  sind,  die  sich  übrigens  für  diese  Thätigkeit
besonders  geschickt  zeigen.  Durch  die  neuere  Gebührenberechnung  unter  Einführung  des
Worttariss  ist  der  Verkehr  bedeutend  erleichtert  und  beträchtlich  erweitert  worden.  Im
Jahre  1896  umfaßte  das  indische  Telegraphennetz  80  993  km  Linien  mit  249  267  km
Leitung;  in  demselben  Jahre  wurden  dort  5  713  227  Telegramme  befördert.  Die  Gesamteinnahme ­
  belief  sich  auf  21  583  585  Frank.
Weiterhin  haben  die  Engländer  auch  für  eine  gute  Telegraphenverzweigung  in
ihren  Besitzungen  am  Kap  der  guten  Hoffnung  Sorge  getragen,  wo  im  Jahre  1889
7257  km  Linie  mit  18  219  km  Leitungen  und  404  Telegraphenanstalten  dem  Verkehr
übergeben  waren.  Der  früher  gebräuchliche  Zonentarif  ist  im  Jahre  1882  einem  neuen
Worttarif  gewichen,  indem  für  ein  gewöhnliches  Telegramm  bis  zu  zehn  Worten  1  Schilling
und  für  jede  weiteren  fünf  Worte  6  Pence  als  Beförderungsgebühr  festgesetzt  wurden.
In  Australien  selbst  haben  die  Telegraphenlinien  ebenfalls  schon  eine  ziemliche  Ausdehnung ­
  erlangt;  jede  der  vier  Provinzen,  Queensland,  Neusüdwales,  Viktoria  und
Südaustralien,  hat  ihr  eigenes  telegraphisches  Netz,  das  sich  täglich  weiter  ausdehnt;  die
Zahl  der  im  Jahre  1885  durch  sämtliche  Provinzen  sowie  durch  Tasmanien  und  Neuseeland ­
  beförderten  Telegramme  belief  sich  auf  nahe  an  3  Millionen.
Rußland  hat  eine  außerordentliche  Thätigkeit  entwickelt,  um  nach  allen  Richtungen
hin  Telegraphenlinien  über  sein  weithin  gedehntes  Gebiet  auszuspannen.  Trotz  aller
        <pb n="810" />
        850

Die  Welttelegraphie.

Schwierigkeiten,  welche  die  großen  Entfernungen,  die  Kosten  des  Transports  der  Materialien ­
  und  ungünstige  klimatische  Verhältnisse  bereiten,  sind  die  beiden  Hauptstädte  mit  den
entferntesten  und  wichtigsten  Städten  des  Reichs  und  mit  allen  Grenzen  der  benachbarten
Staaten  Europas  sowie  über  den  Kaukasus  mit  Persien  telegraphisch  verbunden  worden.
Die  Korrespondenz  des  westlichen  Europa  und  Amerika  mit  Persien,  Indien  und  Australien
wird  über  Warschau,  Kertsch  und  Djulfa,  die  mit  China  und  Japan  über  Sibirien,  beziehungsweise ­
  Wladiwostok  besorgt.  Infolge  der  großen  Entfernnngeu  zwischen  den
russischen  Städten  ist  die  Zahl  der  Stationen  nur  gering  im  Verhältnis  zur  Leitungslänge, ­
  doch  werden  fortwährend  in  rascher  Folge  neue  Stationen  eröffnet.  Auch  die
Gesamteinnahme  ist  seit  dem  Jahre  1860  in  fortwährendem  Steigen  gewesen;  sie  betrug
damals  noch  nicht  eine  volle  Million  Rubel  und  stieg  im  Jahre  1865  bis  auf  2  Millionen.
Im  Jahre  1874  stellte  sich  die  gesamte  Einnahme  ans  19  552  309  Frank,  während
die  Ausgabe  15  983  485  Frank  betrug.  Im  Jahre  1896  erreichten  die  Einnahmen
56  903  224  Frank.  Die  Vereinigten  Staaten  Nordamerikas  besaßen  1896
306  632  km  Linien  mit  1344  811  km  Leitung;  die  Anzahl  ihrer  Telegraphenanstalten
belief  sich  auf  21  666  und  die  Summe  der  im  Jahre  1896  beförderten  Telegramme  auf
58109  860,  welche  die  Einnahme  von  112  847  895  Frank  erzielten.
Gleich  den  Eisenbahnen  haben  sich  die  Telegraphen  seit  der  verhältnismäßig
sehr  kurzen  Zeit  ihres  Bestehens  vollständig  in  das  Volksleben  eingebürgert.  Sie  sind
bereits  ein  so  unentbehrliches  Hilfsmittel  für  die  Anforderungen  des  heutigen  Zusammenlebens ­
  der  Menschheit  geworden,  daß  dessen  zeitweilige  Aufhebung,  wie  es  durch  die
letzten  großen  Kriege  geschah,  die  empfindlichsten  Störungen  im  Verkehr  mit  sich  bringt.
Fällt  auch  der  größte  Teil  der  telegraphischen  Arbeit  auf  kaufmännische  Geschäfte,  so
umfaßt  ihr  Dienst  doch  zugleich  die  wichtigsten  Interessen  des  Staates  wie  die  geringfügigsten ­
  Seiten  des  Privatlebens.  In  den  europäischen  Kultnrstaaten  ist  fast  jede  Stadt
in  das  allgemeine  Telegraphennetz  gezogen.  Die  fortgesetzte  Verminderung  des  Tarifs
hat  eine  immer  allgemeinere  Benutzung  zur  Folge;  alle  Schattierungen  von  Lust  und
Schmerz,  der  einfache  Glückwunsch  wie  die  Botschaft  über  Tod  und  Leben  werden  dem
stummen  und  schnellen  Gedankenleiter  anvertraut.  Man  konsultiert  Ärzte  aus  der  Ferne,
bestellt  schon  unterwegs  sein  Nachtlager  in  einem  fremden  Ort;  ja  man  heiratet  wohl
selbst,  wie  es  vor  kurzem  zwischen  Boston  und  New  Pork  geschehen  sein  soll,  per  Telegraph.
Ja,  für  einige  der  wichtigsten  Seiten  des  öffentlichen  Lebens  ist  heutzutage  der  Telegraph
eine  unerläßliche  Wohlthat.  Seitdem  zuerst  in  England  1842  ein  Mörder  auf  der  Flucht
mit  Hilfe  des  Telegraphen  zur  Haft  gebracht  wurde,  ist  die  Ausübung  der  Polizei  ohne
dieses  Hilfsmittel  kaum  mehr  denkbar;  sein  Dienst  bei  der  Feuerwehr  in  großen  Städten
hat  sich  als  wirksamster  Schutz  gegen  die  Ausbreitung  des  zerstörenden  Elements  erwiesen;
die  Sicherheit  des  Eisenbahnbetriebs  hängt  zum  großen  Teil  von  ihm  ab,  durch  ihn  erhielt ­
  die  Meteorologie  eine  ganz  neue  Richtung  und  in  den  Sturmsignalen  praktische  Anwendung; ­
  durch  ihn  wird  endlich  der  Güter-  und  Warenaustausch  beschleunigt  und  an
Orte  oder  nach  Gegenden,  wo  ein  Notstand  sich  fühlbar  macht,  mit  entsprechender
Schnelligkeit  herangeführt  oder  auch  genügende  Hilfe  gegen  die  Macht  hereinbrechender
Elemente  mit  verdoppelter  Eile  herbeigerufen.  So  übt  der  elektrische  Telegraph  aus  alle
Verhältnisse  des  Lebens,  indem  er  den  Verkehr  der  Menschheit  unendlich  vervielfältigt,
eine  ganz  unberechenbare  Rückwirkung,  deren  Folgen  nur  der  Bildung  und  Gesittung  zu
gute  kommen.  Daher  ist  auch,  was  wir  schon  oben  andeuten  konnten,  keine  andere  Verkehrseinrichtung ­
  in  gleichem  Maße  auf  die  internationale  Pflege  angewiesen,  und  mit
Recht  gebührt  in  dieser  Hinsicht  unser  Dank  den  einflußreichen  Bestrebungen  der  internationalen ­
  Telegraphenvereinigung,  welche,  von  den  Abgesandten  der  Hauptstaaten  beschickt, ­
  alle  drei  Jahre  regelmäßige  Generalkonferenzen  abhält,  außerdem  besondere
Kommissionen  für  häufigere  Vorberatungen  delegiert  und  durch  diese  Organe  das  internationale ­
  Band  im  Interesse  des  Telegraphenverkehrs  immer  enger  zu  ziehen  und  zu
festigen  sucht.  Zuerst  in  Paris  1865  begründet,  hatte  diese  Institution,  deren  dauernd
thätiges  Lrrreau  international  unter  den  Schutz  der  Schweiz  gestellt  ist  und  zu  Bern  seinen
Sitz  hat,  in  der  zweiten  Konferenz  zu  Wien  hauptsächlich  die  Ordnung  der  technischen
        <pb n="811" />
        Der  telegraphische  Verkehr  in  Rußland.  Internationale  Verträge.  851
und  administrativen  Bedürfnisse  der  internationalen  Telegraphie  ins  Auge  gefaßt  und
dann  zu  Rom  Anfangs  1872  eine  neue  Revision  des  internationalen  Vertrags  zustande
gebracht,  auf  welchem  die  neuen  Telegraphenordnungen  (z.  B.  Deutschlands  und  Oesterreichs)
wesentlich  fußen.  Es  waren  damals  außer  den  Vertretern  der  Schweiz,  Italiens  und
Deutschlands  (sowohl  des  Deutschen  Reichs  als  Bayern  und  Württembergs)  auch  die
Abgesandten  von  Frankreich,  Österreich,  England  und  Rußland,  ferner  von  Belgien,
Niederland,  Dänemark,  Schweden  und  Norwegen,  Spanien  und  Portugal,  Rumänien,
Serbien  und  der  Türkei  erschienen.  Aus  Amerika  war  der  bekannte  Förderer  der  Telegraphie, ­
  Field,  gekommen,  um  dahin  zu  wirken,  daß  die  internationale  Telegraphie  und
namentlich  die  unterseeischen  Leitungen  für  den  Fall  eines  Krieges  unter  den  Schutz  des
Völkerrechts  gestellt  werden  möchten.  Es  wurde  dann  auch  der  Beschluß  gefaßt,  das
moralische  Gewicht  der  Konferenz  für  die  Neutralitätserklärung  der  Telegraphen  in  die
Wagschale  zu  legen,  wenn  man  sich  auch  anderseits  nicht  verhehlen  mochte,  daß  die  Durchführung ­
  einer  solchen  Maßregel  mit  großen  Schwierigkeiten  zu  kämpfen  haben  würde;
denn  schwerlich  läßt  es  sich  einem  Staate  verwehren,  ein  Kommunikationsmittel,  das
zwar  vornehmlich  für  den  friedlichen  Verkehr  errichtet,  aber  sich  im  Kriege  doch  als  eine
wirksame  Waffe  des  Angriffs  wie  der  Verteidigung  bewährt  hat,  auch  nach  Kriegsrecht
zu  behandeln.  In  einer  zur  endgültigen  Regelung  dieser  hochwichtigen  Frage  im  Jahre
1883  nach  Paris  einberufenen  internationalen  Konferenz  wurde  eine  Übereinkunft  geschlossen, ­
  nach  welcher  in  Friedenszeiten  den  Kabeln  ein  internationaler  Schutz  gewährt
werden  sollte.  Eine  vollständige  Neutralerklärung  der  unterseeischen  Telegraphenkabel
auch  in  Kriegsfällen  ist  nicht  erreicht  worden.  Nicht  minder  wichtigen  Bedenken,  aber
mehr  technischer  Natur,  begegnete  bei  der  Konferenz  zu  Rom  die  privatrechtliche  Frage
nach  Einführung  einer  Garantiepflicht  der  Telegraphenverwaltungen  für  die  richtige
und  zuverlässige  Übermittelung  der  ihnen  anvertrauten  Telegramme.  Es  läßt  sich  nicht
verkennen,  daß  die  bisher  geübte  Praxis  völliger  Haftlosigkeit  manche  Unzuträglichkeiten
für  das  Publikum  mit  sich  bringt,  während  anderseits  die  schnelle  Arbeit  des  Telegraphierens
  sowie  manche  andere  Umstände  den  möglichen  Irrtum  fast  unvermeidlich  machen
und  daher  eine  volle  Verantwortlichkeit  der  Beamten  wie  ihrer  Behörden  ausschließen.
Indessen  wird  doch  in  Amerika,  wo  die  Telegraphie  sich  hauptsächlich  in  den  Händen  von
Privatgesellschaften  befindet,  schon  seit  langem  die  Versicherung  der  Telegramme  zu  jedem
beliebigen  Wertbetrage  gegen  entsprechende  Prämien  zugelassen.  Ob  die  zur  Erreichung
ähnlicher  Zwecke  von  der  Konferenz  befürwortete  und  dann  auch  wirklich  eingeführte
Kollationierung  der  Telegramme  und  dergl.  einen  Ersatz  für  die  volle  Haftpflicht  zu  gewähren ­
  vermag,  muß  als  eine  offene  Frage  dahingestellt  bleiben,  deren  Lösung  vielleicht
durch  den  Einfluß  späterer  internationaler  Konferenzen  zu  erwarten  steht.
Inwieweit  die  internationalen  Telegraphenkonferenzen  in  London  und  in  Berlin
im  Jahre  1885  beigetragen  haben,  namentlich  in  Bezug  auf  das  Tarifwesen  grundlegende
Neuerungen  zu  schaffen  und  weitere  Fortschritte  in  der  Richtung  des  Einheitstarifs  zu
zeitigen,  ist  bereits  weiter  oben  erörtert  worden;  ebenso  daß  die  Konferenzen  in  Paris
1890  und  Budapest  1896  grundlegende  Änderungen  in  dieser  Beziehung  nicht  gebracht
haben.  Möge  es  der  nächsten  Konferenz  beschieden  sein,  das  Ziel  zu  erreichen,  welches
die  deutsche  Reichstelegraphenverwaltung  und  ihr  großer,  leider  zu  früh  verstorbener
Leiter,  der  Staatssekretär  vr.  von  Stephan,  mit  Ausdauer  und  Beharrlichkeit  erstrebt
haben,  den  Einheitstarif.
Telegraphische  Bureaus.  Der  Schöpfer  der  telegraphischen  Bureaus,  welche
bekanntlich  die  Zeitungen  mit  telegraphischen  Mitteilungen  versorgen  und  es  ermöglichen,
daß  die  Tagespresse  stets  die  wichtigsten  Nachrichten  mit  größter  Beschleunigung  dem
Publikum  vorzulegen  vermag,  ist  ein  Deutscher,  Reuter  aus  Kassel.  Reuter  verlegte
1851  seine  Telegraphenanstalt  von  Aachen  nach  London,  welches  damals  für  ein  solches
Unternehmen  die  besten  Aussichten  bot.  Das  unterseeische  Kabel  war  damals  glücklich
zwischen  Calais  und  Dover  gelegt  und  somit  der  unmittelbare  Verkehr  mittels  Telegraph
mit  dem  Festlande  hergestellt  worden.  Bisher  hatte  das  Reutersche  Bureau  seine  Aufmerksamkeit ­
  nur  Handelstelegrammen  zugewandt,  jetzt  aber  glaubte  Reuter  den  Zeit-107*
        <pb n="812" />
        852

Die  Welttelegraphie.

Punkt  herangenaht,  auch  für  politische  Nachrichten  sein  System  nützlich  machen  zu  können,
indem  er  der  Presse  telegraphische  Mitteilungen  machte.
Viele  Schwierigkeiten  waren  zu  überwinden,  von  denen  eben  nicht  die  geringste  die
war,  daß  die  englischen  Journale  nur  ungern  alle  dieselben  Telegramme  veröffentlichen
wollten,  sondern  daß  jedes  seine  eigenen,  ihm  allein  angehörenden  Telegramme  zu  geben
wünschte.  Es  gelang  erst  nach  längerer  Zeit,  dieses  Vorurteil  zu  besiegen  und  die  Londoner ­
  Zeitungen  an  den  Gedanken  zu  gewöhnen,  daß  alle,  ohne  sich  etwas  zu  vergeben,
dieselben  telegraphischen  Berichte  veröffentlichen  könnten.  Jedoch  noch  vor  Beginn  des
italienischen  Feldzuges  sollte  schon  die  Aufmerksamkeit  der  öffentlichen  Meinung  auf
die  Reuterschen  Telegramme  gelenkt  werden,  und  zwar  waren  es  die  von  Napoleon  IIL
am  1.  Januar  1859  an  den  österreichischen  Gesandten  gerichteten  verhängnisvollen  Worte,
welche  das  Reutersche  Bureau  bekannt  machte.  Die  vorerwähnte  Ansprache  des  Kaisers
wurde  gegen  1  Uhr  mittags  in  den  Tuilerien  gehalten,  und  um  2  Uhr  —  also  nur
eine  Stunde  später  —-  war  das  Londoner  Publikum  damit  in  einer  dritten  Ausgabe  der
„Times",  unter  der  Aufschrift  „Reuters  Telegrams“,  bekannt  gemacht.  Nun  wollten
auch  die  Zeitungen  der  Provinz  nicht  länger  hinter  denen  Londons  zurückstehen,  und  so
wurden  auch  sie  Abnehmer  der  Reuterschen  Telegramme,  und  das  Interesse  der  Bevölkerung ­
  steigerte  sich  mit  jedem  Tage.
Vom  fernen  Osten  und  Westen,  wo  immer  sich  etwas  Wichtiges  ereignet,  berichtet
das  Reutersche  Bureau  auf  das  genaueste  uud  benutzt  hierzu  jeden  bestehenden  elektrischen ­
  Draht.  Wo  dieser  fehlt,  werden  alle  zu  Gebote  stehenden  Mittel  in  Anwendung
gebracht,  um  die  Übermittelung  der  Telegramme  zu  beflügeln.  Überall  sind  Korrespondenten ­
  angestellt,  die  jedes  wichtige  Ereignis  an  das  Hauptbureau  auf  das  schnellste  zu
melden  haben.  Dies  bezieht  sich  nicht  nur  auf  den  Kontinent,  wo  auf  allen  Hauptplätzen
das  Bureau  vertreten  ist;  auch  in  Afrika,  Asien  mit  Indien  und  China,  Australien,  ebenso
in  Amerika,  Brasilien,  Westindien  u.  s.  w.  hat  Reuter  Agenten  aufzuweisen,  so  daß  das
Publikum  von  allen  Weltteilen  aus  mit  Nachrichten  durch  den  Telegraphen  versehen
werden  kann.
Nach  dem  Vorgänge  Reuters  sind  dann  auch  verschiedene  Telegraphenbureaus  auf  dem
Kontinent  errichtet  worden,  welche  dem  Reuterschen  Unternehmen  zum  Teil  nicht  nachstehen.
Wir  erwähnen  nur  die  Agence  Havas  in  Paris  und  das  Wolfsche  Bureau  in  Berlin.
Entwickelung  des  Fernsprechwesens.  Wenngleich  die  Telegraphie,  wie  wir
gesehen  haben,  trotz  der  kurzen  Zeit  ihres  Bestehens,  die  überraschendsten  Erfolge  aufzuweisen ­
  hat,  so  beziehen  sich  dieselben  im  allgemeinen  doch  nur  auf  den  Verkehr  der
größeren  und  weit  voneinander  entfernten  Orte,  während  die  Beförderung  von  Nachrichten ­
  durch  den  Telegraphen  zwischen  kleineren  oder  nahe  gelegenen  Orten  nicht  die
gleiche  Bedeutung  erlangt  hat.  Die  Entwickelung  der  Telegraphie  in  Bezug  auf  den
engeren  Verkehr  ist  einerseits  durch  die  Kostspieligkeit  der  technischen  Einrichtungen  der
Telegraphenanstalten,  anderseits  dadurch  behindert  worden,  daß  die  Bedienung  der  letzteren
neben  einem  gewissen  Grade  von  Intelligenz  nicht  unbedeutende  Vorkenntnisse  und  Vorübungen ­
  erfordert.  Erst  seit  dem  Bekanntwerden  des  Fernsprechers  ist  es  möglich  gewesen, ­
  nach  dieser  Richtung  hin  Abhilfe  zu  schaffen  und  auch  die  kleineren  Orte  mit
geringem  Verkehr  an  das  Welttelegraphennetz  anzuschließen.  Der  deutschen  Reichstelegraphenverwaltung ­
  gebührt  das  Verdienst,  diesen  Apparat  zuerst  für  die  Zwecke  der
Telegraphie  nutzbar  gemacht  zu  haben,  und  das  schnelle  Anwachsen  der  Telegraphenanlagen
mit  Fernsprechbetrieb  in  Deutschland  hat  gezeigt,  wie  sehr  durch  die  Einführung  des  Fernsprechers ­
  einem  vorhandenen  Bedürfnis  genügt  worden  ist.
Die  erste  Nachricht  von  der  Erfindung  des  Fernsprechers  durch  den  Amerikaner  Bell
kam  durch  die  Nummer  des  „8eientiüc  American"  vom  6.  Oktober  1877  nach  Berlin,
uud  der  damalige  Generalpostmeister  Stephan  erkannte  sofort  die  Wichtigkeit  dieses  Instruments ­
  für  den  öffentlichen  Verkehr.  Schon  in  den  Tagen  vom  25.  bis  31.  Oktober
wurden  teils  in  den  Geschäftsräumen  des  Generaltelegraphenamts,  teils  mit  benachbarten
und  entfernteren  Orten  eingehende  Sprechversuche  angestellt,  und  zwar  mit  Schöneberg
bei  Berlin  (6  km),  mit  Potsdam  (26  km),  mit  Brandenburg  (61  km).  Die  günstigen
        <pb n="813" />
        Telegraphische  Bureaus.  Das  Fernsprcchwesen.  853

Ergebnisse  dieser  Versuche  führten  zunächst  zur  ersten  Fernsprechverbindung  zwischen  den
der  Reichspostverwaltung  gehörigen  Grundstücken  in  der  Leipzigerstraße  15  und  in  der
Französischen  Straße  33  in  Berlin  und  am  12.  November  zur  Errichtung  der  ersten
Telegraphenanstalt  mit  Fernsprechbetrieb  in  Friedrichsberg  bei  Berlin.  Der  nicht  unbedeutende ­
  telegraphische  Verkehr  dieses  Ortes  wickelte  sich  mit  den  zu  jener  Zeit  noch
ziemlich  unvollkommenen  Apparaten  so  leicht  und  sicher  ab,  daß  bereits  am  19.  November
die  Anordnung  zur  Einrichtung  von  weiteren  zwölf  und  am  21.  November  von  weiteren
sechs  Fernsprechanstalten  erfolgen  konnte.  Der  Erfolg  dieser  Maßregel  veranlaßte  die
Reichstelegraphenverwaltung,  den  Fernsprecher  als  öffentliches  Verkehrsmittel  dauernd  einzuführen. ­
  Die  großen  Vorzüge  des  Apparats  lagen  auf  der  Hand.  Derselbe  war  billig,
leicht  und  ohne  wesentliche  Vorübung,  also  nahezu  von  jedermann  zu  handhaben.  Die  Reichstelegraphenverwaltung ­
  befand  sich  daher  in  der  Lage,  auch  an  solchen  Orten  Telegraphenanlagen ­
  zu  errichten,  wo  für  die  Bedienung  des  Morseapparates  geeignete  Personen  nicht
vorhanden  waren,  und  diesem  Umstande  ist  es  vornehmlich  zu  danken,  daß  die  Vermehrung
der  Telegraphenanstalten  des  deutschen  Reichstelegraphengebiets  in  so  außerordentlichem
Umfange  stattgefunden  hat.  Die  nachstehenden  Angaben  mögen  dazu  dienen,  über  die  Entwickelung ­
  dieses  Zweigs  der  Telegraphie  in  Deutschland  einen  Überblick  zu  gewähren.
Telegraphenanstalten  mit  Fernsprechbetrieb  waren  vorhanden  (zu  Ende  der  Jahre):

1877:

16

1885:  3170

1892:  6628

1878:

287

1886:  3702

1893:  6983

1879:

788

1887:  4197

1894:  7317

1880:  1126

1888:  4679

1895:  7778

1881:  1278

1889:  5147

1896:  8243

1882:  1462

1890:  5228

1897:  8579

1883:  1800
1884:  2582

1891:  6404

1898:  9000

Zieht  man  in  Betracht,  daß  zu  Ende  des  Jahres  1898  neben  den  9000  Telegraphenanstalten ­
  mit  Fernsprechbetrieb  6169  Reichstelegraphenanstalten  mit  Morse-  rc.  Betrieb
vorhanden  gewesen  sind,  so  ergibt  sich  die  gewiß  interessante  Thatsache,  daß  zu  jenem
Zeitpunkte  bereits  60  Prozent  sämtlicher  Reichstelegraphenanstalten  mittels  Fernsprecher
betrieben  wurden.
Der  ursprünglich  zur  Verwendung  gekommene  Fernsprecher  von  Bell  ist  zunächst
durch  den  Siemensschen  Fernsprecher  mit  Signalpfeife  ersetzt  worden.  Alsdann  ging
die  Verwaltung  dazu  über,  statt  der  einfachen  Fernsprecher  von  Siemens  sogenannte  Fernsprechgehäuse ­
  mit  Siemensschem  Fernsprecher  und,  an  Stelle  der  Signalpfeife,  mit  Ruhestrom, ­
  unter  Umständen  auch  mit  Jnduktionsströmen  betriebene  Wecker  zu  verwenden.  Seit
dem  Jahre  1891  sind  die  Siemensschen  Fernsprecher  durch  Mikrophone  ersetzt  worden.
Das  Vorgehen  der  deutschen  Telegraphenverwaltung  mit  der  Einführung  des  Fernsprechers ­
  in  den  Dienst  des  Welttelegraphenverkehrs  hat  in  anderen  Ländern  nur  verhältnismäßig ­
  geringe  Nachahmung  gefunden.  Dagegen  hat  der  Fernsprecher  namentlich  in  Amerika
früher  und  in  ausgedehnterem  Maße  als  in  Deutschland  Anwendung  gefunden  für  den
Verkehr  in  größeren  Städten.  In  den  größeren  Städten  Nordamerikas  hatten  seit  1872
Privatgesellschaften  von  einzelnen  Zentralstellen  aus  nach  Privathäusern  Telegraphenleitungen ­
  gelegt,  durch  welche  einfache  Signalapparate  in  Thätigkeit  gesetzt  werden  konnten.
Man  bestellte  mittels  derselben  Boten,  rief  Polizeibeamte  zu  Hilfe,  meldete  Feuersgefahr
u.  a.  m.  Als  dann  der  Fernsprecher  erfunden  war,  führte  man  diesen  an  Stelle  der
Sigualapparate  ein,  und  so  waren  denn  bereits  im  Jahre  1880  die  bedeutendsten  Städte
der  Vereinigten  Staaten,  wie  New  Jork,  Philadelphia,  Washington,  Baltimore  u.  a.  m.,
mit  Stadtfernsprecheinrichtungen  versehen.  Statt  der  früheren  einfachen  Signale  war
es  den  Teilnehmern  an  den  Stadtfernsprecheinrichtungen  nunmehr  möglich,  einander  auf
schnellstem  Wege  Nachrichten  zukommen  zu  lassen,  Anfragen  zu  stellen  und  die  Beantwortung
derselben  zu  erhalten  u.  s.  w.,  so  daß  die  Fernsprecheinrichtungen  bald  für  jede  Art  von
Geschäftsleuten,  namentlich  für  Kaufleute,  Spediteure,  Fabrikanten,  Ärzte,  Apotheker  u.  s.  w.
ein  unentbehrliches  Hilfsmittel  wurden.  Über  die  bedeutendsten  Stadtfernsprecheinrichtungen
der  Vereinigten  Staaten  Amerikas  im  Jahre  1895  gibt  die  folgende  Tabelle  Auskunft:
        <pb n="814" />
        854

Die  Welttelegraphie.

Städte

Zahl  der
Teilnehmer

Einwohnerzahl

Ein  Teilnehmer
lommt  auf
Einwohner

Chicago

10  848

1  099  850

101,3

New  Fork

10  396

1  515  301

145,7

Boston

6  488

448  477

69,1

San  Francisco

6  061

298  997

59,0

Brooklyn

4  652

806  343

173,3

Detroit  ....

4  277

205  876

48,1

Philadelphia

4153

1  046  964

252,1

Cincinnati

4  095

334  279

81,6

St.  Louis

3  972

451  770

113,7

Pittsburg

3  487

238  617

68,1

Cleveland

3  453

261  353

75,6

Providence

2  979

132  146

44,3

Kansas  City

2  702

157  984

58,4

Buffalo

2  652

255  664

96,4

Baltimore

2  550

434  439

170,4

Louisville

2  497

161129

64,5

Milwaukee

2  457

204  468

83,2

Minneapolis

2148

164  738

76,6

Washington

1845

230  392

120,7

Omaha

1  775

140  452

79,1

New  Orleans

1620

242  039

149,4

St.  Paul

1  505

133  156

88,4

Newark

1  161

181  830

156,6

Jersey  City

758

163  003

215,0

Dem  Vorgänge  der  amerikanischen  Privatindustrie  entsprechend,  bildeten  sich  alsbald
auch  in  Europa  ähnliche  Gesellschaften,  zunächst  in  England  und  Frankreich,  welche,  allerdings ­
  mit  verhältnismäßig  wenigen  Teilnehmern,  in  den  größeren  Städten  allgemeine
Fernsprecheinrichtungeil  ins  Leben  riefen.  In  England  waren  es  zunächst  die  Edison
Telephone  Company  und  die  Telephone  Company,  welche  in  London  die  ersten  Stadtfernsprecheinrichtungen ­
  herstellten.  Bald  folgten  gleichartige  Einrichtungen  in  Manchester,
Liverpool,  Glasgow,  Sheffield,  Hüll,  Durham,  Birmingham  u.  s.  w.,  und  gegenwärtig
sind  alle  wichtigeren  Städte  in  England  mit  öffentlichen  Fernsprechanlagen  versehen.  Der
Hauptsache  nach  befinden  sich  die  englischen  Stadtfernsprecheinrichtungen  auch  jetzt  noch
in  den  Händen  von  Privatgesellschaften,  deren  bedeutendste  die  National  telephone  Company
ist.  Diese  Gesellschaft  hatte  1895  ihre  Einrichtungen  auf  537  Städte  und  Plätze  ausgedehnt ­
  und  besaß  593  Vermittelungsanstalten.  Die  Zahl  der  Teilnehmerleitungen  betrug ­
  75  216,  die  der  Apparate  86  032.  Die  Zahl  der  Verbindungen  erreichte  die  Höhe
von  139  639  032.  Staatliche  Fernsprecheinrichtungen  bestehen  nur  in  verhältnismäßig
wenigen  Orten  und  mit  geringen  Teilnehmerzahlen,  zum  Teil  neben  solchen  von  Privatgesellschaften. ­
  Die  bedeutendste  befindet  sich  in  Newcastle  mit  617  Teilnehmern  neben
einer  solchen  der  National  telephone  Company  mit  1117  Teilnehmern.  Die  wichtigsten
Fernsprecheinrichtungen  der  genannten  Company  waren  im  Jahre  1895  folgende:

Städte

Zahl  der
Teilnehmer ­


Zahl  der
Einwohner

Ein  Teilnehmer ­

kommt  auf
Einwohner

Städte

Zahl  der
Teilnehmer ­


Zahl  der
Einwohner

Ein  Teilnehmer ­

kommr  auf
Einwohner

London  .  .  .

10  848

5  633  806

519

Dublin  .  .  .

1350

323  984

239

Liverpool.  .

6  040

791  240

131

Dundee  .  .  .

1291

153  308

118

Glasgow  .  .  .

5  221

565  839

108

Newcastle  .  .

1271

327  894

257

Manchester  .  .

3  645

537  877

147

Belfast  .  .  .

1237

323  444

261

Sheffield  .  .  .

2  757

485  472

176

Sunderland.  .

1133

305  189

260

Birmingham.  .

2  213

594  127

268

Brighton.  .  .

1126

151  824

134

Bradford  .  .  .

2161

363  373

168

Nottingham.  .

I  113

284  326

255

Leeds  ....

2  090

396  411

156

Aberdeen.  .  .

1029

122  002

118

Edinburg.  .  .

1741

329  932

189

u.  s.  w.

Bristol  .  .  .

1  418

367  825

259
        <pb n="815" />
        855

Das  Fernsprechwesen  in  Amerika,  England,  Frankreich  und  Deutschland.

In  Frankreich  bildeten  sich  im  Jahre  1879  drei  Gesellschaften,  welche  zunächst  in
Paris  öffentliche  Fernsprechanlagen  einrichteten,  aber  sich  bald  zu  einer  Gesellschaft  unter
dem  Namen  Looißts  generale  des  Telephones  vereinigten  und  ihre  Thätigkeit  über  ganz
Frankreich  ausbreiteten.  Seit  dem  Jahre  1883  ist  auch  die  staatliche  Telegraphenverwaltung ­
  mit  der  Herstellung  von  Stadtfernsprecheinrichtungen  vorgegangen.  Die  bedeutendsten
Stadtfernsprechanlagen  sind  nach  dem  Stande  von  1895  folgende:

Städte

Zahl  der
Teilnehmer ­


Zahl  der
Einwohner

Ein  Teilnehmer ­

kommt  auf
Einwohner

Städte

Zahl  der
Teilnehmer ­


Zahl  der
Einwohner

Ein  Teilnehmer ­

kommt  auf
Einwohner

Paris  Stadt.  .

12  500

2  537  000

203

Marseille  .  .

r  1000

442  000

442

„  Vororte  .

1500

Le  Havre  .  .

1000

119  000

119

Lyon  ....

I  200

466  000

388

Rouen  .  .  .

600

113  000

190

Bordeaux.  .  .

1200

257  000

214

u.  s.  w.

In  Deutschland  machte  die  Reichstelegraphenverwaltung  unterm  14.  Juni  1880  ihre
Absicht,  in  Berlin  eine  Stadtfernsprecheinrichtung  ins  Leben  zu  rufen,  öffentlich  bekannt,
und  das  Unternehmen  fand  in  kaufmännischen  und  industriellen  Kreisen  des  Publikums
sogleich  ausreichende  Unterstützung.  Fast  gleichzeitig  mit  der  Ausführung  der  Anlage  in
Berlin  wurden  auch  in  Mülhausen  (Elsaß)  und  in  Hamburg  die  Arbeiten  zur  Herstellung
von  Stadtfernsprecheinrichtungen  in  Angriff  genommen.  Die  erste  derartige  Anlage  wurde
am  24.  Januar  1881  in  Mülhausen  dem  öffentlichen  Verkehr  übergeben,  am  1.  April
folgte  die  Inbetriebsetzung  der  Anlage  in  Berlin  und  am  16.  April  diejenige  in  Hamburg.
Unter  der  unermüdlichen  Thätigkeit  der  Reichstelegraphenverwaltung  ist  die  Entwickelung
des  Stadtfernsprechens  mit  schnellen  Schritten  vorangegangen,  so  daß  nach  dem  Stande
von  Ende  Dezember  1899  bereits  in  1014  Orten  Stadtfernsprecheinrichtungen  mit  194  692
Sprechstellen  und  312  059  hin  Leitungen  im  Betriebe  sich  befunden  haben.  Die  Zahl
der  Sprechstellen  betrug  zu  dem  gedachten  Zeitpunkte  in

Berlin
Hamburg.  .  .  .
Dresden  .  .  .  .
Frankfurt  (Main)  .
Leipzig  .  .  .  .
Köln  &amp;gt;  Rhein)  .  .
Breslau  .  .  .  .
Hannover.  .  .  .
Magdeburg  .  .  .
Düsseldorf  .  .  .
Stettin  .  .  .  .
Bremen  .  .  .  .
Chemnitz  .  .  .  .
Mannheim  .  .  .
Aachen  .  .  .  .
Charlottenburg  .  .  .

42  438
16  837
7  649
7  015
6  885
6  047
4  840
3  529
2  868
2  638
2  402
2  380
2  356
1998
1  744
1716

Elberfeld
Altona
Halle
Königsberg  Pr
Kassel
Braunschweig
Krefeld
Barmen
Mainz
Dortmund
Straßburg  Elf
Kiel
Essen  (Ruhr)
Lübeck
u.  s.  w.

1  677
1610
1  533
1462
1422
1354
l  244
1  236
1200
1  162
1067
1056
993
839

Das  Fernsprechnetz  in  Berlin  hat  neun  Vermittelungsanstalten,  dasjenige  in  Hamburg
fünf,  Leipzig  und  Dresden  haben  je  zwei,  die  übrigen  je  eine  Vermittelungsanstalt.  Im
Laufe  des  Jahres  1899  sind  573  583  551  oder  täglich  1840223  Verbindungen  hergestellt ­
  worden.  Hierzu  waren  6043  Beamte  erforderlich.  Ferner  entfielen  durchschnittlich
täglich  9,4  Verbindungen  auf  den  Tag  und  die  Sprechstelle.  Die  Jahresvergütung  für
die  Überlassung  einer  Sprechstelle  betrug  bis  zum  1.  April  1900  in  allen  Städten  gleichviel, ­
  nämlich  150  Mark.  Von  diesem  Zeitpunkt  ab  wird  die  Gebühr  in  den  einzelnen
Orten  nach  der  Zahl  der  Teilnehmer  bemessen.  In  Orten

bis  zu  50  Teilnehmern  werden  erhoben  jährlich  80  Mark

„  „  100

„  100

„  „  200

n

ff

„  120

„

„  „  500

n

„  140

„  1000

„

If

„  150

„  „  5  000

n

„  160

„  „  20000

n

ft

„  170

„

bei  mehr  als  20  000

„

„

„

„  180

„
        <pb n="816" />
        856

Die  Welttelegraphie.

Daneben  ist  auch  die  Entrichtung  einer  Grundgebühr  und  einer  Gesprächsgebühr
gestattet.  Die  Grundgebühr  beträgt  in  Orten
bis  zu  1000  Teilnehmern  60  Mark
„  „  5  000  „  75  „
„  „  20  000  „  90  „
bei  mehr  als  20  000  „  100  „  .
Die  Gesprächsgebühr  beträgt  fünf  Pfennig  für  jede  Verbindung,  mindestens  jährlich
20  Mark.  Inzwischen  ist  die  Reichstelegraphenverwaltung  dazu  übergegangen,  in  den
Orten  des  flachen  Landes  öffentliche  Fernsprechstellen  einzurichten,  an  welche  auch  Teilnehmer ­
  angeschlossen  werden.  Die  Zahl  dieser  Orte  beträgt  bereits  11672,  so  daß  die
Zahl  der  Orte  mit  selbständigen  Fernsprecheinrichtungen  die  Höhe  von  12  686  erreicht.
Diese  Maßnahme  wird  für  den  Verkehr  von  den  segensreichsten  Folgen  sein.
Auch  in  den  meisten  übrigen  Staaten  Europas  hat  der  Fernsprecher  als  öffentliches
Verkehrsmittel  in  größeren  Städten  mehr  und  mehr  Ausbreitung  gefunden,  es  würde
indes  zu  weit  führen,  wollten  wir  mit  gleicher  Ausführlichkeit  auf  die  Entwickelung  dieser
Verkehrseinrichtungen  in  den  einzelnen  Ländern  eingehen.  Die  nachstehende  Tabelle  bezieht ­
  sich  nur  auf  die  wichtigeren  Stadtfernsprechnetze:

Länder

Städte  mit  Fern-Anzahl

  der

Länder

Städte  mit  Fern-Anzahl

  der

sprecheinrichtungen

Teilnehmer

sprechetnrichtnnaen

Teilnehmer

Österreich-Ungarn

Wien

10  573

Brüssel

3  500

Budapest

672

Belgien  .  .  .

Antwerpen

2  000

(1897)

Prag

2  205

Verviers

800

Triest

1003

St/  Petersburg

1  100

Dänemark  .  .

Kopenhagen

5  000

Moskau

650

Spanien  (1894)  {

Barcelona
Madrid

1821
1786

Rußland.  .  .

Warschau
Helsingfors

600
575

Rom

2  350

Odessa

500

Mailand

1518

Riga

400

Genua

780

Stockholm

18  000

Italien  (1893)  .

Neapel

721

Schweden  .  .

Gotenburg

738

Turin

762

Malmö

1000

Florenz

860

Norwegen  .  .

Christiania

7  600

Palermo

455

Genf

3  532

Bologna

300

Zürich

4  965

Livorno

370

Schweiz  1897

Basel

3  080

Amsterdam

1830

Lausanne

1492

(1895)

Rotterdam
Haag

963
387

Bern

1805

Aber  auch  in  alle  übrigen  Weltteile  hat  der  Fernsprecher  seinen  siegreichen  Einzug
gehalten.  Von  asiatischen  Städten  haben  bedeutendere  Stadtfernsprecheinrichtungen:
Kalkutta,  Madras,  Bombay,  Kurrachee,  Rangoon  und  Moulmein  mit  zusammen  1537  Teilnehmern, ­
  Batavia  zählt  600,  Samarang  244  und  Soerabaja  431  Teilnehmer.  In
Afrika  hatte  im  Jahre  1885  Alexandrien  eine  Stadtfernsprecheinrichtung  mit  434  Teilnehmern, ­
  Kairo  eine  solche  mit  218,  außerdem  sind  derartige  Einrichtungen  vorhanden
in  Zagazig,  Mansurah,  Port-Said  und  Assuan;  in  Australien  sind  zu  bemerken  die  Stadtfernsprecheinrichtungen ­
  in  Brisbane  mit  287,  Adelaide  mit  529,  Sydney  mit  260,  Melbourne ­
  mit  1462,  Dunedin  mit  541,  Auckland  mit  461  und  Wellington  mit  426  Teilnehmern. ­

Wie  aus  den  vorstehenden  Angaben  ersichtlich,  nimmt  der  Fernsprecher  als  Verkehrsmittel ­
  in  größeren  bezw.  in  Handels-  und  industriereichen  Städten  eine  bedeutende  Machtstellung ­
  ein,  und  es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  mit  der  fortschreitenden  Entwickelung ­
  der  Technik  auch  für  den  großen  internationalen  Verkehr  der  Fernsprecher  von
hervorragender  Bedeutung  werden  wird.  Schon  hat  sich  allerorten  das  Bedürfnis  herausgestellt, ­
  Stadtfernsprecheinrichtungen  verschiedener  Orte  untereinander  in  Verbindung  zu
setzen.  In  Deutschland  sind  derartige  Verbindungsanlagen  in  großem  Umfange  hergestellt
worden,  so  daß  Ende  Dezember  1899  deren  bereits  1695  vorhanden  waren.  Die
wichtigsten  Anlagen,  die  zum  Teil  auch  bereits  dem  internationale«  Verkehr  dienen,  sind
        <pb n="817" />
        Fernsprechverbiiidimgsanlagen.  857
die  Linien  Berlin-Paris  mit  1200  km  Doppelleitung,  Berlin-Budapest  mit  970  km
(Reichsgebiet  542  km),  Berlin-Wien  mit  661  km  (Reichsgebiet  227  km),  Berlin-München
  mit  660  km  (Reichsgebiet325  km),  Berlin-Köln  (Rhein)  mit  632  km,  Berlin-Frankfurt
  (Main)  mit  571  km,  Berlin-Amsterdam  mit  838  km,  Berlin-Rotterdam  mit
858  km,  Köln-Brüssel  mit  231  km,  Köln-Antwerpen  mit  275  km,  Berlin-Kopenhagen
mit  785  km,  Berlin-Posen-Königsberg-Meinel  mit  1032  km,  Berlin-Breslau  mit
355  km  u.  s.  w.  Mittels  der  Verbindungsanlagen  wurden  täglich  nicht  weniger  als
238134  Gespräche  geführt,  was  für  das  ganze  Jahr  rund  87  Millionen  Verbindungen  ergibt.
Sehr  bedeutende  Ausdehnung  haben  die  Berbindungsanlagen  in  Amerika  gewonnen.
Die  größte  Entfernung,  auf  welche  ein  regelmäßiger  Fernsprechverkehr  bisher  eingerichtet
worden  ist,  dürfte  diejenige  zwischen  New  Jork  und  Chicago  mit  1600  km  sein.  Dann
folgen  die  Verbindungsanlagen  zwischen  Kansas  City  und  St.Louis  mit  515  km,  Milwaukee-Oskosh
  mit  282  km,  Boston-Portland  mit  187  km,  Worcester-Springfield  mit  160  km  u.s.w.
Frankreich  hat  Verbindungsanlagen  hergestellt  zwischen  Paris  und  allen  wichtigeren  Orten,
insbesondere  mit  Lille,  Valenciennes,  Rouen,  Havre,  Reims,  Nancy,  Lyon,  Bordeaux  u.s.w.
Ferner  bestehen  internationale  Verbindungen  zwischen  Paris  einerseits  und  London,
Brüssel  und  Amsterdam  anderseits.  England  zählt  ebenfalls  eine  große  Anzahl  Verbindungsanlagen ­
  zwischen  den  Hauptindustrieorten  und  den  Nachbarorten,  z.  B.  zwischen
London  und  Glasgow,  Edinburg,  Liverpool  und  den  bedeutenderen  Häfen,  verschiedene
Kabelverbindungen  mit  Irland  u.  s.  w.  Zu  erwähnen  sind  noch  die  Verbindungen  zwischen
Liverpool  und  Accrington,  Ashton,  Blackburn,  Blackpool,  Bolton,  Burnley,  Bury  u.  a.  m.;
zwischen  Manchester  und  Salford;  zwischen  Newcastle  und  Sunderland,  Southshields,
Northshields;  zwischen  Glasgow  und  Edinburg,  Greenock,  Paisley,  Coatbridge,  Dumbarton
und  Hamilton;  zwischen  Birmingham  und  Wolverhampton,  Wednesbury,  zwischen  Cardiff
und  Newport  u.  a.  In  Schweden  sind  ebenfalls  zahlreiche  Verbindungsanlagen  vorhanden. ­
  Erwähnt  seien  die  Verbindungen  Stockholm-Gotenburg,  Stockholm-Christiania
und  Stockholm-Kopenhagen.  Eine  große  Anzahl  von  Fernsprechverbindungsanlagen
findet  sich  auch  in  der  Schweiz.
Die  Herstellung  von  Fernsprechverbindungsanlagen  ist  häufig  mit  nicht  unerheblichen
Schwierigkeiten  verbunden.  Solange  es  sich  nur  um  die  Anlage  einer  Verbindungsleitung ­
  zwischen  zwei  verschiedenen  Orten  handelt,  läßt  sich  die  Ausführung  dadurch  erreichen, ­
  daß  ein  besonderes  Gestänge  hergerichtet  und  an  diesem  die  Leitung  angebracht
wird.  Macht  sich  dagegen  das  Bedürfnis  nach  mehreren  Verbindungsleitungen  geltend,
so  müssen  besondere  Vorkehrungen  getroffen  werden,  um  die  Induktion  zwischen  denselben
zu  beseitigen.  Das  Wesen  der  Induktion  besteht  bekanntlich  darin,  daß,  wenn  in  einem
von  mehreren  nebeneinander  verlaufenden  Metalldrähten  ein  elektrischer  Strom  erregt
wird,  in  jedem  der  übrigen  Drähte  ein  dem  Hauptstrome  entgegengesetzt  gerichteter
sogenannter  Jnduktionsstrom  entsteht.  Dieser  Vorgang  vollzieht  sich  auch  bei  allen
Telegraphenleitungen,  die  durch  Morse-,  Hughes-  oder  sonstige  Apparate  bedient  werden,
ohne  indes  auf  den  Betrieb  schädlich  einzuwirken,  weil  die  Jnduktionsströme  nur  von  sehr
kurzer  Dauer  sind  und  die  verhältnismäßig  schwerfälligen  Morseapparate  u.  s.  w.  nicht
zum  Ansprechen  bringen  können.  Anders  dagegen  verhält  sich  die  Sache  mit  dem  Fernsprecher, ­
  der  bei  seiner  überaus  großen  Empfindlichkeit  selbst  auf  die  geringsten  elektrischen
Ströme  anspricht,  so  daß,  wenn  in  einer  Leitung  gesprochen  wird,  in  allen  übrigen
Leitungen  die  geführte  Unterhaltung  genau  mitgehört  wird.  Die  Frage  der  Beseitigung ­
  der  Jnduktionserscheinungen  in  Fernsprechleitungen  hat  die  Techniker  lange  Zeit
vergeblich  beschäftigt;  gleichwohl  ist  es  gelungen,  auch  dieser  Schwierigkeit  Herr  zu  werden.
Seit  dem  Jahre  1885  ist  die  deutsche  Reichstelegraphcnverwaltung  damit  vorgegangen,
induktionsfreie  Fernsprechleitnngen  nach  einem  einfachen  System  herzustellen.  Dasselbe
besteht  darin,  daß  die  zweite,  dritte  u.  s.  w.  Leitung  mit  einer  Rücklcitung  versehen  und
die  so  gebildeten  Schleifleitungen  an  bestimmten  Punkten  gekreuzt  werden,  wie  in  der
Abb.  835  angedeutet  ist.  Dadurch  werden  in  den  Schleifleitungen  stets  gleichstarke,  aber
entgegengesetzt  gerichtete  Jnduktionsströme  erzeugt,  die  sich  gegenseitig  aufheben  oder  vernichten, ­
  so  daß  in  jeder  Leitung  unabhängig  von  den  anderen  Leitungen  gesprochen  werden
X  108
        <pb n="818" />
        858

Die  Welttelegraphie.
kann.  Die  Verbindung  der  Teilnehmerleitungen  mit  den  Schleifleitungen  wird  durch  die
Jnduktionsrollen  a  a  bewirkt.  Diese  Methode  der  Herstellung  induktionsfreier  Leitungen
hat  sich  in  verschiedenen  Ländern  Eingang  verschafft.  Ein  weiterer  Vorteil  ist  mit  derselben
insofern  verbunden,  als  sie  die  Anbringung  von  Fernsprechleitungen  auch  an  gewöhnlichen
Telegraphengestängen  gestattet,  ohne  daß  das  Sprechen  durch  die  Induktion  von  Morseströmen ­
  u.  s.  w.  gestört  wird.  Eine  andere  Methode,  die  besonders  in  England  bevorzugt
wird,  besteht  darin,  daß  die  Schleifleitungen  in  Schraubengängen  an  dem  Gestänge  angebracht ­
  werden.  Seit  einigen  Jahren  wendet  man  in  Deutschland  ein  sehr  einfaches
Mittel  zur  Beseitigung  des  sogenannten  Mitsprechens  an,  das  sich  vortrefflich  bewährt ­
  hat.  Man  bringt  die  beiden  Zweige  der  Schleife  thunlichst  nahe  aneinander  und
befestigt  die  Schleifen  am  Gestänge  in  Entfernungen  von  etwa  50  am.
Eine  Methode,  die  Telegraphenleitungen  selbst  zum  Fernsprechen  zu  verwenden,  ist
von  van  Rysselberghe  angegeben  worden.  Da  die  Erfahrung  gelehrt  hat,  daß  langsam
anschwellende  Batterieströme  im  Fernsprecher  keine  lauterzeugende  Wirkung  hervorbringen,
sich  also  für  das  Ohr  nicht  bemerkbar  machen,  so  hat  van  Rysselberghe  durch  Einschaltung
von  Jnduktionsrollen  und  Kondensatoren  das  plötzliche  Anschwellen  der  Batterieströme
verhindert.  Es  wird  hierbei  die  Erscheinung  nutzbar  gemacht,  daß  in  einer  mit  einem
Batteriepole  in  Verbindung  gesetzten  Drahtleitung  zunächst  ein  entgegengesetzt  gerichteter
sogenannter  Extrastrom  entsteht,  welcher  das  plötzliche  Anwachsen  des  Batteriestromes  verhindert, ­
  und  daß  bei  Öffnung  ein  dem  Batteriestrom  gleichgerichteter  Extrastrom  den
Batteriestrom  nicht  sofort  auf  den  Wert  Null  herabsinken  läßt.  Diese  Wirkungen  werden

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835.  Induktionsfreie  Fernfprrchleitung.

erheblich  verstärkt,  wenn  in  die  Leitung  eine  Drahtrolle  eingeschaltet  wird,  welche  innen
und  außen  mit  starken  Eisenmassen  versehen  ist.  Ähnlich  verhält  es  sich  mit  der  Einschaltung ­
  von  Kondensatoren  in  eine  Leitung.  Beim  Schluß  der  Batterie  ladet  sich  derselbe,
was  einer  Schwächung  des  Stromes  bei  seinem  Entstehen  gleichkommt,  und  beim  Verschwinden ­
  des  Batteriestromes  muß  sich  der  Kondensator  erst  entladen,  was  einer  Verlängerung ­
  der  Stromesdauer  entspricht.  So  einfach  dieses  System  im  Prinzip  erscheint,
seine  praktische  Anwendung  ist  doch  mit  Schwierigkeiten  und  Kosten  verbunden,  da  sämtliche
an  einem  Gestänge  befindliche  Leitungen  mit  diesen  Apparaten  ausgerüstet  werden  müssen.
Dazu  kommt,  daß  immer  nur  eine  Sprechleitung  gewonnen  wird,  weil  die  betreffenden
Apparate  zwar  die  Wirkung  der  Batterieströme,  nicht  aber  diejenige  der  Fernsprechströme
abzuschwächen  oder  zu  beseitigen  vermögen.
Gleichwohl  sind  mit  dem  Rysselberghescheu  System  umfassende  Versuche  angestellt
worden.  In  Belgien,  dem  Vaterlande  van  Rysselberghes,  sind  die  Telegraphendrähte
zwischen  Brüssel-Antwerpen,  Brüssel-Gent,  Brüssel-Löwen,  Brüssel-Lüttich,  Brüssel-Charleroi
  u.  s.  w.  zu  Fernsprechverbindungen  hergerichtet;  in  Österreich,  Frankreich  und
Deutschland  haben  die  Versuche  keine  günstigen  Ergebnisse  geliefert.  Die  Einrichtungen
sind  daher  wieder  beseitigt  worden.  Dagegen  ist  es  seit  einiger  Zeit  gelungen,  Fernsprechschleifleitungeu
  sowohl  zum  gleichzeitigen  Telegraphieren,  als  auch  zum  Doppelsprechen ­
  vorzurichten.  Während  man  für  das  Sprechen  und  Telegraphieren  mit  einer
Doppelleitung  auskommt,  bedarf  man  für  das  Doppelsprechen  zwei  Doppelleitungen.
Durch  Einschaltung  von  Drahtrollen,  welche  so  eingerichtet  sind,  daß  sie  dem  Durchgang
der  Sprechströme  sehr  großen  Widerstand  entgegensetzen,  ist  es  thunlich,  sowohl  die
Sprechströme  als  auch  die  Telcgraphierströme  zu  zwingen,  die  für  sie  bestimmten  Wege
zu  durchlaufen.  Diese  Einrichtungen  sind  von  großer  Wichtigkeit,  da  sie  ohne  nennenswerte ­
  Kosten  eine  höhere  Ausnutzung  der  teuren  Fernsprechleitungen  gestatten.  Als
        <pb n="819" />
        Fernsprechleitungsanlagen.  Stadt-  und  internationaler  Verkehr.  859
Verbindungen,  auf  welchen  gesprochen  und  telegraphiert  wird,  sind  zu  nennen:  Köln-Frankfurt
  (Main),  London-Paris,  Brüssel-Paris.  Das  Doppelsprechen  ist  besonders
sorgfältig  in  der  deutschen  Reichstelegraphenverwaltung  ausgebildet  und  findet  selbst  auf
den  längsten  Fernsprechlinien  Anwendung,  z.  B.  zwischen  Berlin  und  Hamburg,  Berlin
und  Köln,  Berlin  und  Breslau,  Hamburg  und  Magdeburg  u.  s.  w.
Die  erste  Fernsprechverbindung  für  den  internationalen  Verkehr  ist  im  Jahre
1885  zwischen  Deutschland  und  der  Schweiz,  und  zwar  zwischen  den  Stadtfernsprechnetzen
in  St.  Ludwig  (Elsaß)  und  Basel  ins  Leben  gerufen.  Dieser  Vorgang  gab  der  deutschen
Reichstelcgraphenverwaltung  Veranlassung,  gelegentlich  der  internationalen  Telegraphenkonferenz ­
  zu  Berlin  im  Jahre  1885  eine  allgemeine  Regelung  des  internationalen  Fernsprechverkehrs ­
  herbeizuführen.  Es  wurde  festgesetzt,  daß  die  Verbindungsleitungen  bei
jeder  der  in  Betracht  kommenden  Verwaltungen  in  eine  Bermittelnngsanstalt  eingeführt
werden  sollen,  und  daß  es  den  Teilnehmern  zu  gestatten  sei,  von  ihren  Fernsprechstellen
aus  in  wechselseitigen  Verkehr  zu  treten.  Diese  Bestimmung  ist  von  großer  Wichtigkeit,
da  der  Fernsprecher  nur  dann  in  ganzem  Umfange  zur  Ausnutzung  gelangen  kann,  wenn
die  Teilnehmer  in  der  Lage  sind,  sich  desselben  jederzeit  bedienen  zu  können.  Die  Festsetzung ­
  der  Gebühren  ist  dem  Ermessen  der  Verwaltungen  überlassen,  dagegen  ist  die
Dauer  eines  Gesprächs  allgemein  auf  fünf  Minuten  begrenzt
worden.  Diese  Bestimmungen  sind  im  wesentlichen  auch  auf  der
Budapester  Telegraphenkonferenz  im  Jahre  1896  aufrechterhalten ­
  worden,  nur  daß  die  Gesprächsdauer  von  fünf  auf  drei
Minuten  herabgesetzt  worden  ist.  Wie  sich  inzwischen  der  internationale ­
  Fernsprechverkehr  entwickelt  hat,  ist  schon  weiter  oben
erörtert  worden.  Danach  darf  man  wohl  schon  jetzt  der  Zuversicht ­
  Ausdruck  geben,  daß  der  Fernsprecher  als  internationales ­
  Verkehrsmittel  eine  gleiche  Wichtigkeit  erhalten  wird,  wie
sie  derselbe  im  inneren  Verkehr  der  Völker  bereits  erlangt  hat.
Besondere  Schwierigkeiten  bei  Herstellung  von  Stadtferneinrichtungen
  bietet  die  Führung  der  Teilnehmerleitungen
nach  der  Vermittelungsanstalt  und  die  Einrichtung  der  letzteren.
Für  die  Konstruktion  der  Teilnehmerleitungen  hat  man  von
Anfang  an  die  oberirdische  Führung  der  Leitnngsdrähte  ins
Auge  gefaßt  und  dieselben  teils  an  Stangen  befestigt,  welche  in
den  Straßen  Aufstellung  gefunden  haben,  teils  mittels  hölzerner  oder  eiserner  Träger
über  die  Dächer  der  Häuser  fortgeführt.  Diese  Methode,  welche  auch  jetzt  noch  die
allgemeine  ist,  bietet  mannigfache  Unzuträglichkeiten  namentlich  in  den  größeren  Städten,
in  welchen  elektrische  Bahnen  und  Lichtanlagen  vorhanden  sind.  Es  sind  daher  auch
bereits  vor  längerer  Zeit  Versuche  angestellt  worden,  die  oberirdischen  Bronzedrahtleitungen ­
  durch  Kabel  zu  ersetzen.  Hierbei  ergab  sich  indes,  daß  bei  Verwendung
von  Kabeln  auf  größere  Entfernungen  die  Lautwirkung  der  Fernsprecher  erheblich  geschwächt ­
  und  außerdem  in  den  benachbarten  Kabelleitungen  so  starke  Induktion  erzeugt
wurde,  daß  das  in  einer  Leitung  Gesprochene  in  den  anderen  Leitungen  mitgehört
und  verstanden  werden  konnte.  Die  Bestrebungen  der  Technik,  die  Induktion  zu  beseitigen, ­
  wurden  bis  zu  einem  gewissen  Grade  von  Erfolg  begleitet,  indem  es  der
Firma  Felten  &amp;amp;  Guilleaume  in  Mühlheim  (Rhein)  gelang,  durch  Umwickclung  der  einzelnen ­
  Kabeladern  mit  Stanniolstreifeu  induktionsfreie  Kabel  von  einigen  Kilometern
Länge  herzustellen.  Dagegen  ließ  sich  gegen  die  Verschlechterung  der  Verständigung,
welche  auf  den  Verbrauch  eines  Teils  der  Sprechströme  zur  Ladung  der  Kabel  zurückzuführen ­
  ist,  ein  Mittel  zunächst  nicht  auffinden.  Erst  in  neuerer  Zeit  ist  dieser  Übelstand
durch  Herstellung  von  Kabeln  mit  Papier-  und  Luftisolation  nahezu  beseitigt  worden.
Dadurch  ist  die  Verwendung  unterirdischer  Kabelleitungen  auch  auf  größere  Entfernungen
ermöglicht,  und  man  ist  in  der  That  bereits  vielfach  dazu  übergegangen,  an  Stelle  der
oberirdischen  Leitungen  Kabelleitungen  zu  verlegen.  Bei  Einführung  der  Teilnehmerleitungen ­
  in  die  Vermittelungsanstaltcn  leisten  die  Kabel  besonders  ersprießliche  Dienste.
108*
        <pb n="820" />
        860

Die  Welttelegraphie.

Die  Anforderuitgen,  welche  an  die  Einrichtung  einer  Fernsprechvermittelungsanstalt
gestellt  werden  müssen,  wachsen  nicht  in  gleichem  Verhältnis  mit  der  Zahl  der  Teilnehmerleitungen, ­
  sondern  in  einem  wesentlich  höheren.  Daher  kommt  es,  daß  Einrichtungen,
welche  für  kleinere  Fernsprechnetze  ihren  Zweck  vollständig  erfüllen,  für  größere  Fernsprechanlagen ­
  unzureichend  sind,  und  daß  wiederum  auch  die  Einrichtungen  großer  Vermittelungsanstalten ­
  sich  als  unvollkommen  erweisen,  sobald  eine  weitere  Steigerung  der
Teilnehmerzahl  eintritt.  Die  sich  hieraus  ergebenden  Schwierigkeiten  hat  man  zunächst
dadurch  zu  umgehen  versucht,  daß  man  statt  einer  Vermittelungsanstalt  mehrere  solche
einrichtete.  Die  Vermehrung  der  Vermitteluugsanstalten  ist  aber  für  den  Betrieb  nicht
förderlich,  lveil  die  Verbindung  der  an  zwei  verschiedene  Vermittelungsanstalteu  angeschlossenen ­
  Teilnehmer  in  der  Regel  die  Mitwirkung  von  drei  Beamten  und  demnach
auch  mindestens  die  dreifache  Zeit  beansprucht.  Abgesehen  von  den  höheren  Betriebskosten, ­
  welche  das  Verfahren  erfordert,  entstehen  für  die  Teilnehmer  durch  die  verzögerte
Ausführung  der  Verbindungen  viele  Unbequemlichkeiten,  und  es  leidet  auch  die  Sicherheit ­
  des  Betriebes  in  nicht  geringem  Maße.  Gleichwohl  wird  man  dieses  Auskunftsmittels
nicht  immer  entraten  können.  Schon  jetzt  sind  nach  dieser  Richtung  bedeutende  Fortschritte

837.  Linke  untere  Gcke  eines  Klappcnschrankes.

838.  Stromtaufskixxr.

zu  verzeichnen,  so  daß  es  möglich  geworden  ist,  in  einer  Vermittelungsanstalt  bis  zu
12  500  Teilnehmerleitungen  unterzubringen,  während  man  anfangs  nicht  wagte,  mehr
als  etwa  200  Teilnehmerleitungen  in  einer  Vermittelungsstelle  zu  vereinigen.
Die  für  eine  Fernsprechvermittelungsanstalt  erforderlichen  Apparate  bestehen  der
Hauptsache  nach  in  der  Anrufsvorrichtung,  durch  welche  die  Beamten  der  Vermittelungsstelle ­
  seitens  der  Teilnehmer  von  ihrem  Wunsche,  mit  anderen  Teilnehmern  sprechen  zu
wollen,  benachrichtigt  werden,  und  in  der  Umschaltevorrichtung,  mittels  deren  die  einzelnen
Teilnehmerleitungen  untereinander  verbunden  werden.
Als  Anrufsvorrichtung  wird  allgemein  ein
elektromagnetisches  Apparatsystem  verwendet.  Über
einem  Elektromagneten  ist  ein  leicht  drehbarer  Anker
angebracht,  welcher  im  Ruhezustände  mittels  eines
aufgesetzten  Häkchens  eine  Fallscheibe  festhält.  Geht  ein  elektrischer  Strom  durch  die
Drahtumwindungen  des  Elektromagneten  e  (Abb.  836),  so  erfolgt  die  Anziehung  des
Ankers  A,  und  die  bisher  durch  das  Häkchen  II  festgehaltene  Scheibe  wird  durch  eine
kleine  Blattfeder  B  abgedrückt,  bzw.  zum  Fallen  gebracht,  wobei  sie  sich  auf  den  kleinen
Stift  I  auflegt.  Hinter  der  Fallscheibe  befindet  sich  die  Nummer  der  mit  dem  betreffenden ­
  Anrufsapparat  verbundenen  Teilnehmerleitung,  und  der  Beamte  wird  daher  durch
das  Fallen  der  Klappe  sofort  in  Kenntnis  gesetzt,  welcher  Teilnehmer  zusprechen  wünscht.
—  Die  von  den  verschiedenen  Verwaltungen  benutzten  Anrufsapparate  stimmen  im
        <pb n="821" />
        Einrichtungen  der  Fernsprechvermittelungsanstalten.
Prinzip  mit  dem  eben  beschriebenen  Apparat  überein,  welcher  in  der  deutschen  Reichstelegraphenverwaltung ­
  früher  allgemein  Verwendung  fand;
sich  allerdings  mehr  oder  weniger  wesentliche  Abweichungen.
Der  wichtigste  Apparat  der  Vermittelungsanstalt  ist  die  Umschaltevorrichtung.
Anfangs  verwendete  man  hierzu  den  in  der  Telegraphie  gebräuchlichen  Linienwechsel
oder  Linienumschalter,  der  im  wesentlichen  aus  zwei  übereinander  befindlichen  isolierten
Lagen  von  Metallschienen  besteht,  welche  gegeneinander  eine  senkrechte  Stellung  einnehmen. ­
  Da  sämtliche  Schienen  an  den  Kreuzungsstellen  durchbohrt  sind,  so  kann  man
je  zwei  beliebige  Schienen  durch  einen  Metallstöpsel  miteinander  leitend  verbinden.  Führt

840.  Frrnsprechvrrniittrlungsamt  ix  Mailand.

man  also  z.  B.  die  Teilnehmerleitnngen  an  die  vertikalen  Schienen,  so  wird  durch  einfache ­
  Stöpselung  jede  beliebige  Verbindung  zwischen  denselben  hergestellt  werden  können.
Damit  nun  aber  auch  der  Beamte  die  Wünsche  der  Teilnehmer  entgegennehmen  kann,
muß  mit  dem  Umschalter  ein  Sprechapparat  und  eine  Signalvorrichtung  zum  Anrufen
der  Teilnehmerstellen  verbunden  sein.  Abb.  840  zeigt  einen  solchen  früher  bei  der  Vermittelungsanstalt ­
  in  Mailand  aufgestellten  Umschalter.
Das  Umschaltersystem  ist  indes  für  größere  Bermittelungsanstalten  nicht  geeignet,
da  dasselbe  wenig  übersichtlich  ist  und  bei  der  Ausführung  von  Verbindungen  leicht  zu
Irrtümern  Anlaß  gibt.  Diese  Ubelstände  wurden  durch  ein  System  von  Umschaltevorrichtungen
  beseitigt,  welche  die  Bezeichnung  Klappenschränke  führen  und  bei  welchen  die
Verbindungen  durch  au  Leitungsschnürcn  befestigte  Stöpsel  ausgeführt  werden.  Die  Abb.  83  7
        <pb n="822" />
        862  Die  Welttelegraphie.

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©c®©B«oe®c»&amp;gt;eee8e»&amp;gt;»
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3«oc©eße8ceeeo»ert

zeigt  einen  Teil  eines  Klappcnschrankes,  wie  er  ursprünglich  in  der  deutschen  Reichstelegraphenverwaltung ­
  gebräuchlich  gewesen  ist.
Fünfzig  Stück  der  vorhin  beschriebenen  Anrufsvorrichtungen,  kurz  Klappen  genannt,
sind  in  einem  Schranke  von  1,os  m  Höhe  und  0,66  m  Breite  zusammengestellt.  Jede
Klappe  besitzt  noch  zwei  Kontaktvorrichtungen  oder  Klinken,  welche  mit  je  einem  Stöpselloche ­
  versehen  sind.  Die  eine  der  zugehörigen  Klinken  befindet  sich  unmittelbar  unter  der
betreffenden  Klappe,  die  andere  seitlich  am  Schranke.  Die  Verbindung  der  einzelnen
Apparatteile  ergibt  Abb.  838.
Die  Verbindung  zweier  Teilnehmerleitungen  geschieht  nun  derart,  daß  mittels
zweier  durch  eine  Leitnngsschnur  verbundener  Stöpsel  (Abb.  839)  zwei  entsprechende
Klinken  miteinander  verbunden  werden.  Die  Stöpsel  heben  die  Federn  F  bzw.  R  von
den  Winkelstützen  F  bezw.  R‘  (Abb.  838)  ab  und  stellen  die  Verbindung  zwischen  den
beiden  Leitungen  her.  Die  neueren  Klappenschränke  zeigen  gegen  die  älteren  einige

841.  Niclfachumschalter.

Abweichungen,  die  für  den  Betrieb  zwar  vorteilhaft  sind,  an  dem  Prinzip  derselben  indes
nichts  ändern.
Der  Betrieb  der  Fernsprechämter  wickelt  sich  mittels  der  Klappenschränke  wesentlich
leichter  ab  als  mittels  der  älteren  Linienumschalter.  Gleichwohl  haben  sich  aber  auch  bei
der  neueren  Einrichtung  Schwierigkeiten  ergeben,  die  namentlich  dann  sehr  störend  auftreten, ­
  wenn  in  einer  Vermittelungsanstalt  eine  größere  Einzahl  von  Klappenschränken
aufgestellt  werden  muß.  Denn  da  die  Teilnehmerleitungen  an  die  verschiedenen  Klappenschränke ­
  geführt  sind,  so  müssen  vielfach  zwei  Beamte  bei  der  Ausführung  einer  Verbindung ­
  mitwirken,  und  die  an  die  verschiedenen  Schränke  verteilten  Beamten  müssen  sich
daher  die  Nummern  u.  s.  w.  der  gewünschten  Teilnehmerleitungen  zurufen,  was  oft  ein
unerträgliches  Geräusch  hervorruft,  unter  welchem  auch  die  Sicherheit  des  Betriebes  leidet.
Diesen  Nachteil  beseitigte  der  von  der  Western  Electric  Company  in  Amerika  ausgeführte ­
  sogenannte  Vielfachumschalter  (multiple  switchboard),  bei  welchem  jeder  Beamte
sämtliche  in  eine  Vermittelungsanstalt  eingeführte  Leitungen  zu  seiner  Verfügung  hat,  und
selbständig,  also  ohne  Mitwirkung  eines  zweiten  Beamten,  jede  beliebige  Verbindung
zwischen  je  zwei  Teilnehmer  auszuführen  und  wieder  aufzuheben  vermag.  In  seiner
Bauart  unterscheidet  sich  der  Vielfachumschalter  (Abb.  841)  von  den  eben  beschriebenen
        <pb n="823" />
        Der  Vielfachumschalter.  863
Klappenschränken  hauptsächlich  dadurch,  daß  jeder  Schrank  so  viele  Klinken  erhält,  wie
Teilnehmerleitungen  in  das  Vermittelnngsamt  eingeführt  sind.  Abb.  841  zeigt  eine  solche
Einrichtung  für  1200  Teilnehmer.  Über  den  zu  übersichtlichen  Gruppen  vereinigten
200  Klappen  befinden  sich  ebenfalls  übersichtlich  gruppiert  1200  Klinken,  mit  welchen
sämtliche  1200  Teilnehmerleitungen  in  Verbindung  stehen.  Der  an  diesem  Schranke
thätige  Beamte  ist  daher  in  der  Lage,  jede  der  mit  den  200  Klappen  verbundenen  Teilnehmerleitnngen
  durch  einfache  Stöpselung  mit  jedem  beliebigen  anderen  Teilnehmer
selbständig  zu  verbinden.  Die  Beschreibung  der  weiteren  technischen  Einrichtungen  der
Vielfachschränke  würde  hier  zu  weit  führen;  es  sei  indes  noch  bemerkt,  daß  nicht  lose
Stöpselschnüre  Verwendung  finden,  sondern  daß  die  letzteren  oberhalb  des  Schrankes  oder

842.  Trlephoiilritung  für  Potizrizweckc  in  Chicago.
unterhalb  der  Klappen  in  dem  vorstehenden  Brett  über  Rollen  geleitet  und  beim  Gebrauche ­
  straff  gespannt  werden,  damit  sich  dieselben  nicht  verwickeln  und  zu  störender
Verwirrung  der  Schnüre  Anlaß  geben.  Die  oberhalb  der  Stöpsellöcher  ersichtlich  gemachten ­
  Klappen  sind  in  die  Leitungsschnüre  eingeschaltet  und  bestimmt,  die  Schlußzeichen
nach  Beendigung  der  Gespräche  anzuzeigen,  während  die  unterhalb  der  Teilnehmerklappen
angebrachten  Tasten  zur  Abgabe  von  Wecksignalen  u.  s.  w.  dienen.
Von  diesen  Apparaten  sind  mehrere  Hundert  in  Amerika  und  Europa  im
Betriebe.  Der  erste  nach  Europa  überkommene  Vielfachumschalter  ist  in  Liverpool  aufgestellt ­
  worden;  es  finden  sich  indes  gleichartige  Umschaltevorrichtungeu  auch  in  London,
Budapest,  Stockholm,  Christiania,  Antwerpen,  Genf  n.  a.  O.;  auch  die  Reichstelegraphenverwaltung ­
  hat  einzelne  Vermittelungsämter  mit  solchen  Vielfachumschaltern  ausgerüstet.
Die  Vorteile,  welche  diese  Umschaltevvrrichtung  gegenüber  den  älteren  Modellen
bietet,  sind  zwar  sehr  bedeutend,  gleichwohl  haften  auch  ihr  verschiedene  Übelstände  an,
        <pb n="824" />
        864

Umschaltesystem  in  Tischform.  Das  Mikrophon.

Stöpselbrett

Klappen
Schlüssel
bren'

Fussbodens


Klinkenfeld.

Verbindungskabel ­


Einsenkung  in
den  fufsboden
oder
HöhedesTritts.

die  zu  Unzuträglichkeiten  und  Störungen  des  Betriebes  führen  können.  Hervorzuheben
ist  namentlich  der  Umstand,  daß  die  technische  Ausführung  eines  Vielfachumschalters  wegen
der  großen  Anzahl  von  Drähten,  welche  in  demselben  vereinigt  werden  müssen,  außerordentlich ­
  schwierig  ist  und  die  größte  Sorgfalt  erfordert.  Die  Zahl  der  Drähte  wächst
überdies  mit  der  Zahl  der  Leitungen,  welche  in  eine  Vermittelungsanstalt  eingeführt  werden.
Die  Folge  davon  ist,  daß  die  Übersichtlichkeit  der  Drahtführungen  in  hohem  Maße  leider
und  daß  bei  eintretenden  Störungen  die  Auffindung  der  Fehlerstelle  große  Ümsicht  erfordert.
Von  diesen  Schwierigkeiten  wird  man  sich  einen  ungefähren  Begriff  machen  können,  wenn
man  bedenkt,  daß  in  einer  nur  1200  Teilnehmer  fassenden  Vermittelungsanstalt  bereits
mehr  als  100  Irrn  Drahtleitung  zu  den  erforderlichen  Verbindungen  notwendig  sind.  Mit
Hilfe  dieses  Systems  ist  man  imstande, ­
  in  einer  Vermittelungsanstalt
bis  zu  5000  Anschlußleitungen  zu
vereinigen.  Dieses  Fassungsvermögen ­
  genügt  aber  auch  nicht  mehr,
und  so  ist  die  Reichstelegraphenverwaltung ­
  dazu  übergegangen,
Bermittelungsanstalten  mit  einem
Fassungsvermögen  bis  12  500  Anschlußleitungen ­
  einzurichten.  Sie
bedient  sich  dazu  des  Umschaltesystems
  in  Tischform,  dessen  Einrichtung ­
  aus  Abb.  843  ersichtlich
ist.  Das  Klinkenfeld  für  12  500
Anschlüsse  liegt  wagerecht  in  Tischhöhe ­
  und  kann  von  zwei  Seiten  aus
benutzt  werden.  Jede  Seite  des  Umschalters ­
  enthält  an  der  Borderwand
200  Klappen  für  Teilnehmerleitungen; ­
  das  Brett  mit  den  Umschaltern ­
  und  Ruftasten  ist  unterhalb ­
  der  Klappen,  das  Stöpselbrett
über  den  Klappen  angebracht.  Die
Kabel  sind  unterhalb  des  Gestells
angeordnet.  Diese  Einrichtung  macht
es  indes  erforderlich,  daß  das  Gestell, ­
  welches  die  Klinken  und  Kabel
trägt,  80  bis  100  cm  in  den  Fußboden ­
  versenkt  oder,  wo  dieses  nicht
angeht,  ringsum  mit  einem  ebenso
hohen  Podiüm  versehen  wird.  Die
Mikrophone  hängen  an  einem  aus  Messingröhren  gefertigten  Gestell  von  solcher  Höhe,
daß  die  Bedienung  der  Tafeln  nicht  behindert  wird,  oder  sie  werden  von  den  Beamtinnen ­
  auf  der  Brust  getragen  und  mittels  Stöpselschnüren  mit  dem  Umschalter  in
Verbindung  gebracht.  Die  Abb.  844  veranschaulicht  die  erste  derartige  Einrichtung  in
Hamburg,  es  gibt  deren  aber  bereits  auch  in  Berlin,  Frankfurt  a.  M.,  Dresden  und
in  anderen  Orten.
Als  Sprechapparate  dienen  allgemein  Mikrophone,  deren  Kohle  aus  festen  Stücken
—  Walzen,  Ringen  —  oder  aus  kleinen  Körnern  (Pulverformmikrophone)  besteht.  Der
Anruf  erfolgt  neuerdings  ausschließlich  mittels  Induktors.  Die  Einrichtung  des  in  der
Reichstelegraphenverwaltung  früher  allgemein  verwendeten  Mikrophons  mit  Dämpfung
ist  aus  Abb.  845  u.  846  ersichtlich.  Die  Kohlenwalzen  c  sind  in  den  massiven  Kohlenklötzen ­
  5  gelagert,  welche  auf  der  Rückseite  der  Sprechplatte  P  befestigt  sind.  Mittels  der
Federn  ä  werden  die  Walzen  leicht  gegen  ihre  Lager  gepreßt.  Spricht  man  durch  den

843.  KUnkentilfrl.
        <pb n="825" />
        866  Die  Welttelegraphie.

Schalltrichter  I  gegen  die  Platte  P,  so  ändern  sich  die  Widerstände  an  den  Berührungsstellen ­
  der  Kohlenwalzen  und  ihren  Auflagern  und  dementsprechend  auch  die  Stärke  des
durch  die  Kohle  geschlossenen  Sprechstromes.
Man  hat  sich  bald  nicht  mehr  damit  begnügt,  bestimmte  Personen  an  die  Stadtfernsprechnetze ­
  anzuschließen,  sondern  hat  auch  in  Erkenntnis  der  Wichtigkeit,  welche  der
Fernsprecher  für  alle  Arten  des  geschäftlichen  und  geselligen  Lebens  zu  erlangen  fähig
ist,  die  Fernsprecheinrichtung  namentlich  in  den  größeren  Städten  durch  Einrichtung
öffentlicher  Sprechstellen  dem  allgemeinen  Verkehr  zugänglich  gemacht.  In  einzelnen
amerikanischen  Städten  sind  derartige  Anstalten  ausschließlich  zu  polizeilichen  Zwecken
hergestellt,  um  bei  Unfällen  in  schnellster  Weise  Hilfe  und  Unterstützung  herbeizurufen,
anderseits  aber  auch  bei  Aufläufen  und  sonstigen  Störungen  des  Straßenverkehrs  polizei-844

  u.  845.  Das  Mikrophon  mit  Diimpfnng.

liche  Hilfe  herbeizuschaffen.  Abb.  78  zeigt  eine  solche  in  Chicago  für  die  Zwecke  der
Polizei  eingerichtete  Fernsprechstelle.
Wenn  man  den  Entwickelungsgang,  welchen  das  Fernsprechwesen  in  der  kurzen
Spanne  Zeit  von  der  Erfindung  des  Fernsprechers  bis  zum  heutigen  Tage  zurückgelegt
hat,  überblickt,  so  muß  man  staunend  gestehen,  daß  sich  dieses  wunderbarste  Erzeugnis
moderner  Technik  die  Welt  im  Fluge  erobert  hat.  Und  das  Fernsprechweseu  steht  doch  erst
in  den  Anfängen  seiner  Entwickelung!  Wie  lange  wird  es  dauern,  und  der  Fernsprecher,
welcher  schon  heute  ein  unentbehrliches  Hilfsmittel  für  viele  Hunderttausende  ist,  wird
nicht  nur  in  jedem  Haushalt,  in  jeder  Familie  seine  unschätzbaren  Dienste  von  Haus  zu
Haus  leisten,  sondern  auch  als  gleichberechtigtes  und  ebenbürtiges  Glied  neben  seiner
älteren  Schwester,  der  Telegraphie,  stehen,  eine  wertvolle  Ergänzung  derselben  im  Weltverkehr ­
  bildend.
        <pb n="826" />
        J7st  160  130  HO  J30  120  110  100  90  80  70  00  50  40  30  20  10  O  JO  20  30  LA  LO  60  7  0  80  90  100  110  120  130  MO  150  180  170  |80  170

SpitabeifgeTi

úríuitsk.

I$rAeqtibrAj

varschaxL  /

S&amp;amp;íiifmtdnr  M

JPafám

'•^TeHeraro
Per  s  i  t
°Js/h7um.
fe  SI

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r MLchvny].

iM-Jchtl

'  oSan&amp;amp;We.
'oliunbia

guato:  y.

orneo  1

mis  ac

iofhant

Kontineiitale  Eisenbahnen,  Seepostluirse

'tlíLrtonm

Welttelegraplieníim  en

UrvtersuékabeL
Laruttelpjp'aphm  '

JDeulscíve.
        <pb n="827" />
        Die  Weltwirtschaft.
Der  Entwickelungsgang  unseres  Wirtschaftslebens.

Allgemeines.

Pie  Grundlagen,  auf  denen  sich  unser  ModernesWirtschaftsleben  aufbaut,  sind  Ar-Wj&amp;gt;

  beitsteilung  und  Tausch.  Der  Einzelne  stellt  nicht  mehr  selbst  in  eigener  Wirtschaft
  alle  jene  mannigfachen  Gegenstände  her,  die  er  zur  Befriedigung  seiner
Bedürfnisse  benötigt.  Seine  Thätigkeit  ist  eine  einseitige  geworden,  sie  beschränkt
  sich  auf  die  Hervorbringung  einer  bestimmten  Art  von  Gütern  oder
y?  auf  Leistung  bestimmter  Arbeiten,  um  im  Austausch  dieser  gegen  jene  der
anderen  sich  die  Mittel  zur  Befriedigung  der  eigenen  Bedürfnisse  zu  verschaffen.  Jeder
Einzelne  übernimmt  gewissermaßen  einen  bestimmten  Anteil  an  der  ganzen  Summe  von
Arbeit,  die  notwendig  ist,  um  den  Bedarf  der  Gesamtheit  zu  decken,  und  erwirbt  dafür
den  Anspruch,  nach  Maßgabe  des  von  ihm  Geleisteten  an  der  gesamten  Gütermenge  teilzunehmen, ­
  welche  zur  Befriedigung  dieses  Bedarfes  zur  Verfügung  steht.  Auf  diese
Weise  sind  die  Einzelwirtschaften  zu  einer  höheren  Einheit  verknüpft,  die  man  als
Volkswirtschaft  zu  bezeichnen  pflegt,  und  eine  ähnliche  Verknüpfung,  wie  sie  zwischen  den
Einzelwirtschaften  eines  Volkes  besteht,  ist  durch  die  moderne  Entwickelung  des  Verkehres
auch  zwischen  den  Wirtschaften  der  einzelnen  Völker  hervorgebracht  worden.  Zahlreiche
Erzeugnisse  fremder  Zonen,  wie  der  Kaffee,  der  Thee,  der  Tabak,  sind  uns  unentbehrliche
Gegenstände  des  täglichen  Verbrauches  geworden,  während  anderseits  Europa  und
Nordamerika  gewissermaßen  die  großen  Jndustriewerkstätten  sind,  welche  eine  halbe  Welt
mit  den  Erzeugnissen  entwickelten  Gewerbefleißes  versehen.  Wir  essen  Brot,  zu  dem  das
Korn  auf  den  Ebenen  Südrußlands  und  Argentiniens  gewachsen  ist,  der  Pflug  aber,
der  dort  den  Acker  furcht,  ist  vielleicht  aus  einer  deutschen  oder  englischen  Werkstätte
hervorgegangen.  Unsere  Tuchfabriken  verarbeiten  die  Wolle  australischer  Schafe,  und
das  Gewebe,  das  vom  Stuhle  kommt,  findet  wieder  seinen  Weg  in  entfernte  Weltteile. ­
  Ein  immer  dichter  werdendes  Netz  wirtschaftlicher  Beziehungen  verbindet  die
entlegensten  Länder,  und  wenn  diese  Beziehungen  an  Innigkeit  auch  nicht  zu  vergleichen
sind  mit  jenen,  welche  die  Einzelwirtschaften  zur  Volkswirtschaft  verbinden,  so  kaun  man
doch  wenigstens  in  dem  Sinne  von  einer  Weltwirtschaft  sprechen,  daß  Hervorbriugung
und  Verbrauch  sich  wechselseitig  ergänzen  und  die  Kulturerrungenschaften  und  Fortschritte
jedes  Landes,  seine  wirtschaftlichen  und  politischen  Zustände  weit  über  seine  Grenzen  hinaus ­
  eine  tief  einschneidende  Wechselwirkung  entfalten.
Diese  auf  Arbeitsteilung  und  Tausch  gegründete  Produktionsorganisation  ist  uns
heute  schon  etwas  so  Gewohntes  und  Selbstverständliches  geworden,  daß  ein  anderer
Zustand  uns  völlig  fremd,  ja  undenkbar  erscheint,  und  daß  wir  bei  der  Betrachtung

109*
        <pb n="828" />
        868

Die  Weltwirtschaft.
anderer,  von  den  unsrigen  verschiedener  Wirtschaftsformen  geneigt  sind,  von  vornherein
jene  Gesetze  auf  sie  auszudehnen,  die  wir  für  unser  eigenes  Wirtschaftsleben  in  der
Gegenwart  anerkennen.
Dies  kommt  auch  in  der  Art  zum  Ausdruck,  wie  man  die  Entwickelung  des  Wirtschaftslebens ­
  geschichtlich  zu  erfassen  bestrebt  ist.  Die  klassische  Nationalökonomie  setzte
die  Wirtschaftlichkeit,  das  ist  das  Bestreben,  mit  möglichst  geringen  Mitteln  eine
möglichst  vollständige  Befriedigung  der  Bedürfnisse  zu  erlangen,  als  natürlich  gegebene,
unter  allen  Umständen  vorhandene  Eigenschaft  des  Menschen  voraus.  Sie  ließ  schon  den
rohen  Naturmenschen,  von  diesem  Grundsätze  beherrscht,  ebenso  denken  und  handeln  wie
einen  westeuropäischen  Kulturmenschen  der  Jetztzeit,  ließ  ihn  Tauschgeschäfte  machen,
Arbeitslohn  zahlen,  Grundrente,  Zins  und  Unternehmergewinn  beziehen.  Nicht  viel
weiter  ist  man  lange  Zeit  bei  dem  Versuche  gekommen,  aus  der  Verwertung  der  überlieferten ­
  Nachrichten  geschichtliche  Entwickelungsstufen  unseres  Wirtschaftslebens  zu
konstruieren.  So  ließ  Friedrich  List  fünf  Epochen,  die  Perioden  des  Jagdlebens,  des
Hirtenlebens,  des  Ackerbaues,  die  Agrikultur-Manufakturperiode  und  die  Agrikultur-Manufaktur-Handelsperiode,
  in  der  Geschichte  jedes  Volkes  folgen,  B.  Hildebrand
unterscheidet  nach  der  Art,  in  welcher  der  Tauschverkehr  sich  abspielt,  ein  Zeitalter  der
Naturalwirtschaft,  der  Geldwirtschaft  und  der  Kreditwirtschaft,  beide  setzen
aber  voraus,  daß  es  immer  eine  Volkswirtschaft  gegeben  habe,  und  daß  nur  die  Formen
der  Erzeugung  in  dem  einen,  des  Verkehrs  in  dem  anderen  Falle  zu  verschiedenen
Zeiten  verschieden  gewesen  seien.  Erst  Bücher*)  hat  in  neuester  Zeit  den  Grund  gelegt
zu  einer  Auffassung  des  wirtschaftlichen  Lebens  der  Vergangenheit,  welche  den  Lebensbedingungen ­
  jener  Zeiten  gerecht  wird  und  die  wirtschaftlichen  Erscheinungen  aus  ihnen
heraus  zu  erklären  strebt.  Er  gelangt  dabei  zu  dem  Ergebnisse,  „daß  die  Volkswirtschaft
das  Produkt  einer  jahrtausendelangen  historischen  Entwickelung  und  nicht  älter  ist  als
der  moderne  Staat;  daß  vor  ihrer  Entstehung  die  Menschheit  große  Zeiträume  hindurch
ohne  Tauschverkehr  oder  unter  Formen  des  Austausches  von  Produkten  und  Leistungen
gewirtschaftet  hat,  die  als  Volkswirtschaft  nicht  bezeichnet  werden  können".  Seinen  grundlegenden ­
  Untersuchungen  über  diesen  Gegenstand  folgen  auch  wir  bei  der  Darstellung  des
Entwickelungsganges  unseres  Wirtschaftslebens.
Der  wirtschaftliche  Urzustand.
Da  geschichtliche  Zeugnisse  über  das  Leben  und  die  Wirtschaftsweise  der  heutigen
Kulturvölker  in  der  Urzeit  fehlen,  ist  man  in  Bezug  auf  den  wirtschaftlichen  Urzustand
der  Menschheit  auf  das  angewiesen,  was  uns  über  die  Lebensgewohnheiten  der  noch
heute  lebenden  Naturvölker  bekannt  geworden  ist.  Dabei  muß  man  selbstverständlich  von
solchen  Völkerschaften  absehen,  welche,  wie  die  Bewohner  der  Polargegenden  oder  der
Steppengebiete  Zentralasiens  durch  die  Natur  zu  einer  einseitigen  Lebensweise  hingedrängt
worden  sind.  Man  muß  die  Untersuchungsgebiete  auf  Gegenden  beschränken,  wo  die
reiche  Fülle  der  Natur  Freiheit  der  Entwickelung  gewährte,  im  wesentlichen  also  auf  die
Tropengegeuden  und  deren  Bewohner,  und  man  kann  dies  umso  eher  thun,  als  aller
Wahrscheinlichkeit  nach  die  ersten  Verbreitungsgebiete  der  Menschheit  in  diese  Länder  fallen.
Für  die  unterste  Stufe  menschlichen  Daseins  fehlt  uns  jedoch  auch  hier  ein  unmittelbares ­
  Beispiel.  Allen  bis  jetzt  entdeckten  Stämmen  ist  wenigstens  der  Gebrauch
des  Feuers,  die  Verwendung  der  allereinfachsten  Werkzeuge  und  Waffen  bekannt.  Denkt
man  jedoch  aus  dem  Leben  der  niedrigst  stehenden  Stämme  diese  einfachsten  Kulturelemente
  weg,  so  gibt  es  immer  noch  ein  anschauliches  Bild  der  untersten  Daseinsstufe
des  Menschen,  die  man  als  die  Stufe  der  individuellen  Nahrungssuche  bezeichnen
könnte.  Es  sind  dies  die  Völker,  die  man  niedere  Jäger  zu  nennen  pflegt  (z.  B.  die
Buschmänner  in  Afrika,  die  Weddas  auf  Ceylon,  die  Waldindianer  Brasiliens,  die  Austral-*)

  „Die  Entstehung  der  Volkswirtschaft",  2.  Anst,,  Tübingen,  Lauppsche  Buchhandlung,  1898,
„Die  Wirtschaft  der  Naturvölker",  Dresden,  v.  Zahn  &amp;amp;  Jaensch  1898.
        <pb n="829" />
        Der  wirtschaftliche  Urzustand.  869
ueger  des  Festlandes  u.  s.  w.).  In  kleinen  Gruppen  schweifen  sie,  ähnlich  wie  das  Standwild ­
  auf  verhältnismäßig  kleinen  Gebieten  umher.  Nachtlager  und  Obdach  bietet  ein
Baum,  eine  Höhle,  ein  Busch  oder  eine  Grube  in  der  Erde.
Das  Nahrungsbedürfnis  ist  das  einzige,  das  sie  zur  Thätigkeit  treibt.  Mit  Pfeil
und  Bogen,  mit  Lanze  und  Wurfholz  stellt  der  Mann  den  Jagdtieren  nach,  das  Weib
durchsucht  den  Wald  nach  Früchten  und  Beeren  und  wühlt  mit  einem  spitzen  Stück  Holz
im  Boden  nach  Knollengewächsen  und  Wurzeln.  So  bildet  sich  schon  in  frühester  Zeit
eine  gewisse  Arbeitsteilung  zwischen  beiden  Geschlechtern  heraus:  der  Mann  schafft  den
animalischen,  das  Weib  den  vegetabilischen  Teil  der  Nahrung.  Vorsorge  für  die  Zukunft
oder  für  den  Nebenmenschen  ist  dabei  etwas  gänzlich  Unbekanntes.  Jeder  verschlingt
sofort  was  er  findet  und  soviel  er  kann,  ohne  Rücksicht  auf  den  anderen.  Höchstens,
daß  reiche  Jagdbeute,  ein  ergiebiger  Fundplatz  von  Pflanzennahrung  für  eine  Zeit
das  ganze  Rudel  zu  gemeinsamem  Genusse  versammelt.  Von  organisierten  gesellschaftlichen ­
  Verbänden  findet  sich  kaum  eine  Spur,  es  ist  sogar  strittig,  ob  eine  dauernde  Gemeinschaft ­
  zwischen  Mann  und  Weib  besteht.  Die  engste  Verbindung  findet  sich  noch
zwischen  Mutter  und  Kind,  denn  bei  dem  herumschweifenden  Leben  ist  das  Kind  länger
als  sonst  auf  die  Nahrung  aus  der  Brust  oder  dem  Munde  der  Mutter  angewiesen,  die
es  auf  allen  Zügen  mit  sich  herumschleppt.  Gleichwohl  ist  auch  dieses  Verhältnis  locker
genug.  Kaum  zur  selbständigen  Nahrungssuche  fähig,  oft  schon  im  achten  oder  zehnten
Jahre  trennt  es  sich  von  der  Gemeinschaft.  Anderseits  sind  Kindestötungen  regelmäßige
Erscheinungen  und  leicht  erklärlich  durch  die  Hinderung,  die  das  Kleine  beim  Herumwandern ­
  bildet.  Aus  dem  gleichen  Grunde  werden  Alte  und  Kranke  häufig  getötet  oder
hilflos  verlassen.  Die  Schärfe  der  Sinne,  die  körperliche  Behendigkeit  und  Gewandtheit
sind  auf  das  äußerste  ausgebildet,  dagegen  entwickelt  sich  die  technische  Kunstfertigkeit  nur
äußerst  langsam  und  einseitig  und  beschränkt  sich  lange  Zeit  hindurch  auf  die  Herstellung
der  kunstlosen  Waffen  und  Werkzeuge.  Das  ganze  Dasein  des  Menschen  auf  dieser
Stufe  unterscheidet  sich  wenig  von  dem  tierischen  Zustande,  es  ist  ein  ruheloses  Wanderleben, ­
  ausgefüllt  von  steter  Nahrungssorge,  hingebracht  im  Wechsel  zügelloser  Schlemmerei,
wenn  ein  Glücksfall  reichlich  Nahrung  bringt,  und  äußerster  Not.
Die  Wirtschaft  der  höheren  Naturvölker.
Langsam  führt  von  dieser  untersten  Stufe,  wo  von  einer  Wirtschaft  überhaupt  nicht
die  Rede  sein  kann,  der  Weg  aufwärts  zu  höheren  Daseiusformen.  Dabei  wirkt  die
Scheidung  der  Thätigkeit  beider  Geschlechter,  die  wir  auf  der  niedrigsten  Stufe  beobachteten, ­
  noch  nach.  Die  Frau  mit  ihrem  Grabstocke  schreitet  vom  Sammeln  wildwachsender ­
  Früchte  und  Knollen  zum  Anbaue  von  Nahrungsgewächsen  vor,  wobei  allmählich ­
  die  kurzgestielte  Hacke  das  einfache  Gerät  der  Urzeit  ersetzt.  So  ist  der  Ackerbau
gewissermaßen  eine  weibliche  Erfindung.  Er  bleibt  auch  bei  den  meisten  vorgeschritteneren
Naturvölkern  Sache  der  Frau,  der  Manu  hilft  höchstens  beim  Roden  neuen  Landes.
Gebaut  werden  zumeist  Knollengewächse  —  auch  ein  Hinweis  auf  den  Ursprung  des  Acker
baues  vom  Wurzelgraben  —  Bananen,  Kürbisse,  Bohnen  und  die  verschiedenen  Getreidearten. ­
  Die  Felder  sind  klein,  in  Beete  geteilt,  gartenähnlich  gepflegt  und  zum  Schutze  gegen
wilde  Tiere  umhürdet.  Düngung  kommt  selten  vor,  eher  noch  Bewässerung.  Ist  der  Grund
erschöpft,  so  geht  man  einfach  weiter  und  rodet  ein  frisches  Stück  Land.  Vorräte  werden
nur  von  Getreide  gehalten  und  auch  da  nur  im  geringen  Umfange,  da  die  tropische  Sonne
mehrere  Ernten  im  Jahre  gestattet  und  die  Aufbewahrung  noch  Schwierigkeiten  macht.
Wo  die  Natur  der  gepflanzten  Gewächse  es  erlaubt,  z.  B.  bei  Bananen,  Wurzelund
  Knollengewächsen,  wird  auch  das  Feld  nicht  auf  einmal  abgeerntet,  sondern  Tag  für
Tag  genommen,  was  gerade  reif  ist  und  gebraucht  wird.  Auch  der  kleine  Umfang  der
Felder  erklärt  sich  daraus,  daß  man  nur  wenig  oder  gar  keine  Vorräte  sammelt.  Man
baut  nur  soviel,  als  man  innerhalb  kurzer  Zeit  verbrauchen  kann.  Pflug  und  Wagen,
sowie  der  Gebrauch  der  Zugtiere  sind  auf  dieser  Stufe  des  Ackerbaues  noch  unbekannte
Dinge,  daher  bezeichnet  man  sie  auch  zutreffend  als  die  Stufe  des  Hackbaues,  ein  Wirt ­
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        870

Die  Weltwirtschaft.

schaftssystem,  das  trotz  seiner  Einfachheit  heute  noch  zu  den  verbreitetsten  der  Erde  zählt
und  ganz  Zentralafrika,  das  Innere  von  Süd-  und  Mittelamerika,  die  australische  und
ostindische  Inselwelt,  sowie  einen  großen  Teil  Hinterindiens  und  Ostasiens  beherrscht.
Auf  der  anderen  Seite  schreitet  der  Mann  bei  verbesserter  Ausrüstung  und  planmäßigem ­
  Betriebe  zu  ergiebigerer  Ausübung  von  Jagd  und  Fischfang  vor.  Die
Sicherung  des  Besitzes  der  Jagdgründe  und  Gewässer,  die  gemeinsame  Veranstaltung
von  Jagden  und  Fischzügen  unter  Anwendung  entwickelterer  Fangarten,  die  Verteilung
der  dabei  gewonnenen  Beute  bedingen  ein  geregeltes  Zusammenwirken  vieler,  eine  Organisation ­
  der  Arbeitsgemeinschaft  und  werden  damit  von  größter  Bedeutung  für  die
Ausbildung  politischer  Gemeinschaften.  Das  Trocknen  und  Räuchern  des  Fleisches  und
der  Fische  wird  bereits  geübt.  Die  Zähmung  von  Haustieren  und  die  Viehzucht  geht
wohl  gleichfalls  von  dem  jagenden,  herumschweifenden  Manne  aus.  Doch  besitzt  sie  für
die  Nahrungsmittelproduktion  der  Naturvölker  im  allgemeinen  eine  untergeordnete  Bedeutung. ­
  Maßgebend  für  die  Zähmung  von  Tieren  scheint  nicht  ihr  Nutzen  sondern  das
Vergnügen  gewesen  zu  sein.  Der  brasilianische  Indianer  zähmt  und  hält  die  verschiedensten ­
  Tiere,  ohne  irgend  einen  Nutzen  von  ihnen  zu  ziehen,  rein  seines  Vergnügens
wegen,  so  daß  seine  Hütte  oft  wie  eine  Menagerie  aussieht,  und  in  ähnlicher  Weise  nützen
manche  afrikanische  Negerstämme,  welche  ganze  Rinderherden  besitzen,  die  Rinder  weder
als  Zug-  noch  als  Schlachtvieh,  manche  genießen  sogar  ihre  Milch  nicht.  Der  Rinderbesitz ­
  ist  ihnen  lediglich  „Repräsentant  des  Reichtumes  und  Gegenstand  einer  geradezu
schwärmerischen  Verehrung"  —  bloße  Liebhaberei.  Jedenfalls  hat  die  Viehhaltung  auch
dort,  wo  sie  Hauptnahrungsguelle  geworden  ist,  ihren  Ausgang  von  der  Zähmung  der
Tiere  zum  Vergnügen  genommen.
Ebenso  sind  auch  andere  Beschäftigungen,  die  über  die  bloße  Nahrungssuche  hinausgehen, ­
  weniger  dem  Bedürfnisse  und  überlegendem  Streben  nach  seiner  Befriedigung,
als  dem  Nachahmungs-  und  Spieltriebe  entsprungen,  wie  wir  ihn  auch  bei  Tieren  finden.
Gewerbliche  Thätigkeit  scheint  allerorten  auszugehen  von  der  Körperbemalung,  der
Tättowierung  oder  Durchbohrung  von  einzelnen  Körperteilen,  um  nach  und  nach  fortzuschreiten ­
  zur  Herstellung  von  Schmuck  und  Zierat.  Die  Buschmänner  in  Südafrika,  die
heute  noch  das  Dasein  eines  auf  der  untersten  Stufe  befindlichen  niederen  Jägervolkes
führen,  verzieren  Höhlenwände  und  Felsblöcke  mit  roh  in  den  Stein  geschnittenen  Tierbildern. ­
  Die  Töpferei,  die  Holzbearbeitung  und  die  Flechtkunst  beginnen  mit  der  Herstellung ­
  von  Tier-  und  Pflanzenfiguren,  und  in  den  Formen  verschiedener  Gebrauchsgegenstände, ­
  wie  Töpfe,  Schemel  u.  a.,  zu  deren  Erzeugung  man  später  überging,  kommt
vielfach  noch  die  Tier-  oder  Pflanzengestalt  zum  Ausdruck.
Dabei  wird  die  aus  der  Zeit  der  individuellen  Nahrungssuche  überkommene  Zweiteilung ­
  der  Arbeitsgebiete  bei  allen  übrigen  Thätigkeiten  ebenso  festgehalten  wie
beim  Nahrungserwerbe.  Gleich  dem  Ackerbaue  ist  alles,  was  mit  der  Gewinnung  und
Zubereitung  von  Pflanzenstoffen  zusammenhängt,  Sache  der  Frau.  Sie  besorgt  das
Mahlen  oder  Stoßen  des  Getreides,  das  Backen  des  Brotes,  die  Verfertigung  der  Thongeschirre ­
  zum  Kochen  und  den  Bau  der  Hütte  aus  trockenem  Stroh  oder  Gras.  Dagegen
fällt  dem  Manne  neben  dem  Fischfänge,  der  Jagd  und  Viehzucht  die  Herstellung  von
Waffen  und  Geräten  dafür,  die  Bearbeitung  von  Tierknochen  und  Häuten,  der  Bau  des
Bootes  zu.  Die  Teilung  geht  so  weit,  daß  bei  manchen  Stämmen  das  Braten  des
Fleisches  nur  vom  Manne  besorgt  wird,  und  daß  eine  Frau  ein  Rind  nicht  berühren,
das  Melken  der  Kühe  nicht  vornehmen  darf.  Spinnen,  Weben  und  Flechten  sind,  wohl
nach  der  Verschiedenheit  des  ursprünglich  dazu  verwendeten  Materiales,  bald  dem  einen,
bald  dem  anderen  Geschlechte  zugeteilt.  Immer  aber  wird  die  übliche  Teilung  streng  eingehalten; ­
  sie  überträgt  sich  auch  auf  den  Konsum,  indem  religiöse  Speiseverbote  dem  einen
Geschlechte  den  Genuß  bestimmter  Nahrungsmittel  untersagen,  ein  gesondertes  Bereiten  der
Mahlzeiten,  abgesondertes  Essen  und  Wohnen  der  einzelnen  Personen  des  Haushaltes  sich
findet:  lauter  Reste  aus  der  Zeit  der  individuellen  Nahrungssuche,  wo  jeder  für  sich,  oft
heimlich  und  versteckt  vor  dem  anderen  seine  Nahrungsbedürfnisse  zu  befriedigen  suchte.
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        871

Die  Wirtschaft  der  höheren  Naturvölker.

Dabei  erzeugt  jede  Familie  so  ziemlich  alles,  was  sie  bedarf,  selbst.  Eigene  Berufsarbeiter, ­
  die  ein  bestimmtes  Gewerbe  betreiben,  gibt  es  mit  wenigen  Ausnahmen  nicht,
die  einzelnen  Familienwirtschaften  jedes  Stammes  bilden  gewissermaßen  eine  Summe
gleichartiger  Einheiten,  unter  denen  schon  aus  diesem  Grunde  zur  Entwickelung  eines
wechselseitigen  Ta  lisch  Verkehrs  untereinander  der  Anlaß  fehlt.
Dazu  kommt,  daß  in  Bezug  auf  die  Nahrungsmittel  nahezu  Gütergemeinschaft
herrscht.  Es  gilt  vielfach  dem  Diebstahle  gleich,  dem  Nachbar  von  einem  geschlachteten
Stück  Vieh  nichts  mitzuteilen,  und  ganze  Gemeinden  besuchen  im  Falle  einer  Mißernte
ihre  Nachbarn,  um  sich  von  ihnen  erhalten  zu  lassen.  Für  Gebrauchsgegenstäude  und
Werkzeuge  besieht  unter  den  Stammesgenossen  allgemein  die  Sitte  des  Leihens,  die  fast
zu  einer  Verpflichtung  wird.  Übertragung  von  Gütern  aus  einer  Wirtschaft  in  die  andere
kommt  daher  innerhalb  des  Stammes  fast  nur  beim  Frauenkaufe,  bei  der  Entrichtung
von  Abgaben,  Vermögensstrafen  und  Gaben  an  den  Häuptling,  Sänger,  Tänzer  oder  Beschwörer ­
  vor.  Dagegen  hat  sich  wohl  ein  Verkehr  von  Stamm  zu  Stamm  herausgebildet,
der  darin  seinen  Grund  hat,  daß  einzelne  Naturprodukte,  wie  z.  B.  Salz,  Eisen,  manche
Tier-  oder  Pflanzenstoffe  nicht  überall  vorkommen,  oder  daß  die  Angehörigen  eines
Stammes  in  der  Herstellung  einzelner  Erzeugnisse  besonders  geschickt  sind.
Ursprünglich  war  dieser  Verkehr  kein  Tauschverkehr.  Die  Einrichtung  des  Tausches
ist  dem  Naturmenschen  keineswegs  etwas  Geläufiges,  und  noch  weniger  kann  von  einer
Neigung  zum  Tausche  bei  ihm  gesprochen  werden.  Manche  Stämme  haben  vom  Tausche
gar  keinen  Begriff,  gleichwohl  findet  auch  bei  ihnen  ein  Verkehr  von  Stamm  zu  Stamm
statt,  der  sich  in  der  Form  des  Gastgeschenkes  vollzieht.  Der  ankommende  Fremdling
erhält  ein  Geschenk,  das  er  erwidert,  worauf  er  bei  der  Abreise  ein  zweites  Gastgeschenk
erhält.  Bezüglich  der  Gaben  können  Wünsche  geäußert  werden,  und  kein  Teil  ist  seiner
Gastpflicht  eher  ledig,  als  bis  der  andere  sich  befriedigt  erklärt  hat.  Erst  allmählich  hat
der  Tausch  sich  hieraus  entwickelt.  Noch  im  Homerischen  Zeitalter  spielt  das  Gastgeschenk
für  den  Gütererwerb  eine  Rolle,  die  jene  des  Tausches  oder  Kaufes  lveit  überragt,  und
bei  der  Beschreibung  königlicher  Schätze  wird  in  den  Homerischen  Gedichten  zumeist  der
Raub  oder  die  Schenkung  durch  einen  Gastfreund,  nicht  der  Tausch  als  die  Quelle  des
Erwerbes  angeführt.  Auch  die  Sitten  und  Gebräuche,  von  denen  bei  einzelnen  Völkerschaften ­
  der  Abschluß  des  Tausches  begleitet  ist,  deutet  auf  seinen  Ursprung  aus  dem
Gastgeschenke  zurück.
Mit  der  Zeit  schuf  sich  dann  der  auf  diese  Weise  entstehende  Tauschverkehr  seine  eigenen
Einrichtungen.  Es  entstanden  die  Märkte,  zumeist  auf  Plätzen,  die  in  der  Nähe  der
Stammesgrenzen  liegen,  oft  an  Orten,  welche  durch  eine  religiöse  Überlieferung  geheiligt
sind.  Sie  bilden  ein  neutrales  Gebiet,  auf  dem  alle  Feindschaft  ruhen  muß,  und  strenge
Strafen  schützen  den  Marktfrieden.  Jeder  Stamm  bringt  auf  den  Markt,  was  ihm  im
Gegensatze  zu  dem  anderen  an  Naturprodukten  oder  Erzeugnissen  der  Handfertigkeit
eigentümlich  ist,  und  er  tauscht  dafür  Produkte  ein,  die  er  überhaupt  nicht  oder  doch  nicht
ebenso  gut  wie  der  Nachbarstamm  erzeugt.  Auf  diese  Weise  wird  jeder  Stamm  wieder
veranlaßt,  jene  Erzeugnisse,  die  seine  Besonderheit  bilden,  in  überschüssiger  Menge  hervorzubringen, ­
  um  dafür  auf  dem  Markte  die  eigentümlichen  Erzeugnisse  anderer  Stämme
eintauschen  zu  können.  Es  entwickelt  sich  eine  Art  internationaler  Arbeitsteilung
im  kleinen,  lange  Zeit  bevor  innerhalb  des  Volkes  eine  Teilung  der  Arbeit  von
Wirtschaft  zu  Wirtschaft  stattgefunden  hat.
Mit  den  Märkten  und  dem  Tauschverkehr  von  Stamm  zu  Stamm  steht  zum  Teil
auch  die  Entstehung  des  Geldes  im  Zusammenhang.  Es  ist  leicht  begreiflich,  daß  für
jeden  Stamm  die  Ware,  die  er  selbst  nicht  erzeugt,  sondern  von  Fremden  regelmäßig
eintauscht,  zum  allgemeinen  Tauschmittel  wird,  das  jeder  annimmt  und  wofür  alles
zu  haben  ist.  Da  er  seinen  Besitz  an  solcher  Tauschware  nicht  willkürlich  vermehren
kann,  so  wird  sie  zum  Wertmaße  für  den  übrigen  Besitz,  und  bald  wird  sie  auch  zu
Wertübertragungen  unter  Stammesgenossen  (z.  B.  beim  Brautkaufe,  bei  der  Entrichtung ­
  von  Abgaben)  und  zur  Schatzbildung  benützt.  Selbstverständlich  ist  das  Um ­
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        872

Die  Weltwirtschaft.

laufgebiet  dieser  primitiven  Geldsorten  oft  ein  eng  begrenztes;  von  Stamm  zu  Stamm
wechselt  die  marktgängige  Tauschware.  Einzelne  seltener  vorkommende  Waren,  z.  B.  die
Salztäfelchen  in  salzarmen  Gegenden  besitzen  wieder  ein  weites  Umlaufgebiet,  innerhalb
dessen  ihr  Wert  mit  der  Entfernung  vom  Ursprunglande  stetig  wächst.
So  zeigen  sich  in  dem  Wirtschaftsleben  der  Naturvölker  bereits  die  ersten  Keime  der
wirtschaftlichen  Erscheinungsformen,  die  auf  den  höheren  Stufen  der  Entwickelung  zu
beobachten  sind.  Im  ganzen  sehlt  jedoch  selbst  bei  den  Fortgeschritteneren  unter  ihnen
noch  vieles  an  der  einheitlichen  Geschlossenheit  der  Hauswirtschaft,  mit  der  die  europäischen ­
  Kulturvölker  bereits  in  die  Geschichte  eintreten.  „Überall  klaffen",  wie  Bücher
treffend  sagt,  „noch  tiefe  Risse,  und  dem  Individuum  ist  eine  wirtschaftliche  Selbständigkeit
gewahrt,  die  uns  fremdartig  anmutet"  —  ein  Überbleibsel  aus  der  Zeit  der  individuellen
Nahrungssuche.
Die  geschlossene  Hauswirtschaft.
Die  nächste  Stufe  der  Entwickelung,  die  der  geschlossenen  Hauswirtschaft,  beherrscht
das  Wirtschaftsleben  der  europäischen  Kulturvölker  von  dem  Beginne  unserer  geschichtlichen
Kenntnis  über  sie  bis  in  das  Mittelalter  hinein.  Sie  kennzeichnet  sich  dadurch,  daß  jedes
Hauswesen  für  sich  eine  abgeschlossene  und  sich  selbst  genügende  Einheit  bildet,  innerhalb
deren  sich  der  ganze  Kreislauf  von  der  Gütererzeugung  bis  zum  Verbrauche  vollzieht.
Art  und  Maß  der  Produktion  bestimmt  sich  lediglich  nach  dem  Bedürfe  der  Hausgenossen
(der  Familie,  des  Geschlechtes)  an  Verbrauchsgütern.  Auch  die  gewerbliche  Thätigkeit
ist  ausschließlich  Hauswerk  (Hausfleiß),  das  ist  Produktion  im  Hause  für  das  Haus  aus
selbstgewonnenen  Rohstoffen.  Jedes  Produkt  durchläuft  seinen  ganzen  Werdegang  von
der  Gewinnung  der  Rohstoffe  bis  zur  Genußreife  in  der  gleichen  Wirtschaft.
Dies  bedingt  zunächst  freie  Verfügung  jeder  einzelnen  Wirtschaft  über  den
nötigen  Grund  und  Boden.  Denn  sämtliche  Rohprodukte,  deren  das  Hans,  sei  es
zum  unmittelbaren  Genusse,  sei  es  zur  weiteren  Verarbeitung,  bedarf,  müssen  von  ihm
selbst  gewonnen  werden,  und  sein  Recht  an  Grund  und  Boden  muß  so  weit  reichen,  daß
diese  möglich  wird.  Wer  nicht  aus  eigenem  Rechte  über  den  Boden  verfügt,  kann  keine
eigene  Wirtschaft  führen  und  kann  sein  Leben  nur  fristen,  wenn  er  zum  Knechte  des
Grundeigentümers  wird  und  als  dienendes  Glied  in  den  Bereich  einer  anderen  Hauswirtschaft ­
  eintritt.
Anderseits  setzt  die  geschloffene  Hauswirtschaft  eine  solche  Vielseitigkeit  des  Könnens
und  der  Beschäftigung  voraus,  daß  eine  weitgehende  Arbeitsteilung  unter  den  Gliedern
der  Familie  notwendig  wird,  während  gleichzeitig  die  Einfachheit  der  Arbeitsbehelfe  ein
Zusammenwirken  vieler  bei  einer  Aufgabe  häufig  erfordert.  Eine  Familie  im  heutigen
Sinne,  bestehend  aus  einem  Ehepaare,  dessen  Kindern  und  einigen  Dienstboten  wäre
außer  stände,  allen  diesen  Ansprüchen  gerecht  zu  werden.  Im  Beginne  der  Wirtschaftsgeschichte ­
  finden  wir  daher  als  wirtschaftliche  Einheit  auch  nicht  die  Familie,  sondern  die
Sippe  (Geschlecht,  Gens,  Clan),  das  sind  größere,  aus  mehreren  Generationen  blutsverwandter ­
  Personen  bestehende  Gruppen,  die  gemeinsames  Grundeigentum  haben,
gemeinsame  Wirtschaft  führen,  einen  gemeinsamen  Rechtsschutzverband  bilden.  Die  Niederlassung ­
  erfolgt  gewöhnlich  derart,  daß  die  Geschlechtsgenossen  zusammen  große  Höfe  und
Dörfer  begründen.  Erst  allmählich  scheiden  sich  aus  diesen  großen  Verbänden  kleinere
familiäre  Hausgemeinschaften  aus,  aber  noch  jahrhundertelang  blieb  der  Grund  und
Boden  im  Gemeineigentum  der  Sippe,  und  auch  seine  Bebauung  geschah  lange  Zeit  hindurch ­
  noch  gemeinsam,  wenngleich  der  Verbrauch  der  Früchte  in  jedem  Hanse  gesondert
erfolgte.  Mit  der  fortschreitenden  wirtschaftlichen  Aussonderung  der  einzelnen  Familien
wurde  es  jedoch  immer  schwerer,  den  Ansprüchen  an  die  wirtschaftliche  Leistungsfähigkeit
zu  genügen,  und  um  die  sich  hieraus  ergebende  Schwächung  der  wirtschaftlichen  Leistungsfähigkeit ­
  zu  vermeiden,  wurde  ein  doppelter  Weg  eingeschlagen:
Der  eine  bestand  darin,  daß  man  für  größere  Aufgaben,  denen  die  Einzelfamilie ­
  nicht  gewachsen  war,  die  alten  Geschlechtsverbände  fortbestehen  ließ,  sei
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        873

Die  geschlossene  Hauswirtschaft.

es  in  der  Form,  daß  einzelne,  alle  Familien  gleichmäßig  betreffende  Wirtschaftsaufgaben
nach  wie  vor  durch  den  Geschlechtsverband  besorgt  wurden,  wie  j.  B.  das  gemeinsame
Weiden  des  Viehes,  sei  es,  daß  innerhalb  desselben  sich  freiwillige  Arbeitsgemeinschaften ­
  bilden,  um  Arbeiten  durchzuführen,  welche  zwar  nicht  alle,  aber  einen
Teil  der  Einzelfamilien  des  Geschlechtsverbandes  berühren  und  für  den  einzelnen  zu
schwer  wären,  z.  B.  das  Roden  eines  Waldes,  der  Bau  eines  Hauses  u.  s.  w.  Die  freiwillige ­
  gegenseitige  Hilfeleistung  unserer  Bauern  beim  Hausbaue,  die  Elendhilfe  bei
Bränden  erinnern  noch  heute  an  diese  Organisation.
Ein  zweiter  Weg  zur  Vermeidung  der  Nachteile,  die  aus  der  Auflassung  der  Geschlechtsverbände ­
  drohen,  war  die  künstliche  Erweiterung  der  Familie  durch  die  Angliederung ­
  fremder  Elemente  mittels  der  Sklaverei  und  Hörigkeit.  Der  unterworfene ­
  Feind  wird  unfrei  gemacht  und  zur  Arbeit  gezwungen.  Ob  dies  nun  die
Ursache  oder  die  Folge  der  Auflösung  des  Sippenverbandes  war,  sicherlich  wurde  dadurch
die  wirtschaftliche  Leistungsfähigkeit  der  Einzelfamilien  gesteigert,  eine  Erweiterung  und
Verfeinerung  der  Bedürfnisse  ermöglicht.  Einzelne  Unfreie  konnten  für  bestimmte  Verrichtungen ­
  besonders  ausgebildet  und  ihr  ganzes  Leben  lang  damit  beschäftigt  werden.
Je  reicher  der  Herr  und  je  größer  die  Zähl  der  Unfreien,  die  er  seinem  Hause  angegliedert
hatte,  desto  mannigfaltiger  und  reichlicher  konnte  auch  die  Stoffgewinnung  und  Stoffveredelung ­
  innerhalb  seiner  Wirtschaft  sich  entfalten.
Im  ganzen  Altertum,  bei  den  Griechen  und  Karthagern,  wie  bei  den  Römern  war
dies  die  Grundlage  aller  Wirtschaft.  Rechtlich  findet  das  System  der  durch  Sklavenarbeit
vervollkommneten  geschlossenen  Hauswirtschaft  seine  vollendetste  Verkörperung  in  der
xatria  xotssta«,  dem  unumschränkten  Herrenrechte  des  römischen  Hausvaters  über  alle
Familienangehörigen,  Hauskinder  wie  Unfreie;  wirtschaftlich  gelangt  es  zur  höchsten
Vollendung  in  der  Entwickelung  des  römischen  Latifundienwesens  mit  seinen  ungeheuren ­
  Sklavenscharen.  Man  zählt  mehr  als  150  Benennungen  für  die  verschiedenen
Funktionen  der  unfreien  Arbeiter  eines  reichen  römischen  Hauses.  In  der  unmittelbaren
Umgebung  des  Herrn  in  der  Stadt  befindet  sich  die  familia  urbana,  die  das  VerwaltungsPersonal ­
  und  den  großen  Troß  der  Hausbediensteten  umfaßt.  Auf  seinen  Landgütern
fronen  unter  Verwaltern  und  Aufsehern  die  landwirtschaftlichen  und  gewerblichen  Arbeiter,
um  alle  die  Gebrauchsgegenstände  fertig  zu  stellen,  die  das  Hanswesen  des  Herrn  bedarf.
Die  Persönliche  Kraft  des  Hausherrn  wird  durch  einen  kunstreichen,  mit  Hilfe  eines
strengen  Strafen-  und  Züchtigungssystems  straff  zusammengehaltenen  Organismus  sozusagen ­
  vertausendfacht,  und  wesentlich  durch  diesen  Umstand  ist  es  zu  erklären,  daß  eine
Handvoll  von  Aristokraten  das  ungeheure  römische  Weltreich  beherrschen  konnte.  Der
Staat  selbst  wirtschaftete  nicht  anders.  In  Athen  wie  in  Rom  sind  alle  Unterbeamtenund
  Dienerstellen  mit  Sklaven  besetzt.  „Sklaven  bauen  die  Straßen  und  Wasserleitungen,
arbeiten  in  Steinbrüchen  und  Bergwerken,  Sklaven  sind  Polizeidiener,  Scharfrichter  und
Gefängniswärter,  die  Ausrufer  bei  Volksversammlungen,  die  Austeiler  bei  den  öffentlichen
Spielen,  die  Tempel-  und  Opferdiener,  Staatskassierer,  Schreiber  und  Boten."
Auch  im  Mittelalter  führte  das  Bedürfnis  des  wirtschaftlichen  Fortschrittes  zu
einem  ähnlichen  Ausbaue  der  geschlossenen  Hauswirtschaft,  der  hier  von  den  großen  Besitzungen ­
  der  Könige,  des  Adels  und  der  Kirche  ausging.  Den  Mittelpunkt  dieser  sogenannten ­
  Fronhofwirtschaft  bildet  der  Herrenhof,  von  dem  aus  der  Herr  oder  sein
Meier  (Verwalter)  mit  Hilfe  der  Hörigen,  die  auf  dem  Hofe  Wohnung  und  Unterhalt
empfingen,  das  unmittelbar  zum  Hofe  gehörige  Salland  bewirtschaftete.  Außerdem  zählte
der  Fronhof  unter  sein  Gesinde  zahlreiche  hörige  Handwerksleute,  die  für  seinen  Bedarf
arbeiteten;  Schmiede,  Gold-  und  Silberarbeiter,  Schuhmacher,  Drechsler,  Zimmerleute,
Schildmacher,  Fischer,  Vogelsteller,  Seifensieder,  Metbrauer,  Bäcker  und  Netzstricker
werden  bereits  von  Karl  dem  Großen  in  seiner  Anweisung  zur  Verwaltung  der  königlichen
Landgüter  genannt.  Mit  dem  Sallande  liegen  die  Landstellen  der  hörigen  Bauern
im  Gemenge,  die  auf  ihrer  Hufe  selbständig  wirtschaften,  jedoch  zur  Leistung  von  Diensten
und  Naturalzinsen  verpflichtet  sind.  Diese  Zinse  und  Dienstleistungen  sind  teils  land-
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        874

Die  Weltwirtschaft.

wirtschaftlicher,  teils  gewerblicher  Natur,  so  daß  unter  den  Hörigen  eine  gewisse  gewerbliche
Spezialisierung  sich  herausbildet,  die  ebenso  wie  die  betreffende  Abgabe  mit  dem  Besitze
der  einzelnen  Landstelle  erblich  verbunden  ist.  Im  Gegensatz  zu  dem  römischen  Latifundium, ­
  das  den  Bauer  durch  seine  Sklavenherden  ersetzte,  finden  wir  somit  in  der
mittelalterlich-germanischen  Fronhofverfassung  zwar  einen  in  sich  selbst  geschlossenen,  wohlgeglieverten
  Organismus,  doch  ist  die  Verwendung  unfreien  Gesindes  auf  das  Notwendigste ­
  beschränkt  und  dem  einzelnen  Hörigen  die  Führung  einer  eigenen  Landwirtschaft
für  seine  engere  Familie  und  damit  eine  gewisse  persönliche  Unabhängigkeit  gesichert.
Es  entstehen  innerhalb  der  geschlossenen  Hauswirtschaft  des  Fronhofes  eine  Art  kleiner
Sonderwirtschaften.
Soweit  aber  auch  die  geschlossene  Hauswirtschaft  durch  Angliederung  fremder
Arbeiter  vervollkommnet  werden  mag,  eine  für  alle  Zeiten  ausreichende  Befriedigung  der
sich  entwickelnden  Bedürfnisse  ist  durch  sie  nicht  zu  erzielen.  Es  bleiben  Lücken  in  der
Deckung  des  Bedarfes,  anderseits  bleiben  Überschüsse  unverbraucht,  bereitstehende  Arbeitskräfte ­
  unverwendet.  Zu  dem  herkömmlichen  Leihen  und  Aushelfen  gesellen  sich  daher
bald  wirkliche  Tauschvorgänge  zwischen  den  einzelnen  Hauswirtschaften.  Sie  beschränken ­
  sich  zunächst  auf  Dinge,  die  nicht  überall  vorkommen,  wie  Salz,  Eisen,  Metalle.
In  ähnlicher  Weise  werden  aber  allmählich  auch  andere  Überschüsse,  die  sich  im  Wirtschaftsbetriebe ­
  ergeben,  durch  Tausch  nutzbar  gemacht,  und  hiervon  ist  nur  noch  ein  kleiner
Schritt  zur  absichtlichen  Hervorbringung  landwirtschaftlicher  oder  gewerblicher  Erzeugnisse
über  den  eigenen  Bedarf  hinaus.  Dieser  Schritt  vollzog  sich  um  so  leichter,  als  die  Erzeugung ­
  solcher  Überschüsse  zu  dem  Zwecke,  sie  auf  den  Märkten  gegen  die  Erzeugnisse
anderer  Gegenden  oder  Stämme  auszutauschen,  längst  hergebracht  war.  Neben  den
Tanschverkehr  mit  der  Fremde  tritt  auf  diese  Weise  allmählich  ein  Tauschverkehr  der
benachbarten  Hauswirtschaften  untereinander.  Charakteristisch  für  die  geschlossene ­
  Hauswirtschaft  aber  bleibt  es,  daß  trotz  dieses  Eindringens  des  Tauschverkehrs
für  die  Wirtschaftsführung  in  erster  Linie  der  eigene  Bedarf  des  Hauses  richtunggebend
ist,  nicht  wie  heute  der  Bedarf  des  Marktes,  das  ist  der  anderen.  Der  Tausch  bleibt  trotz
der  gesteigerten  Ausdehnung,  in  der  er  mit  der  Zeit  auftritt,  eine  Ausnahme,  etwas
der  ganzen  Wirtschaftsorganisation  Wesensfremdes,  dessen  Eindringen  sie  möglichst  lange
widerstrebt,  und  von  dem  sie  schließlich  auch  zerstört  wird.  In  ihrer  anfänglich  reinen
Form  kennt  die  geschlossene  Hauswirtschaft  nur  die  Produktion  für  den  eigenen  Verbrauch,
und  wo  diese  zur  Bedarfsdeckung  nicht  ausreicht,  den  Eintausch  aus  der  Fremde,  Geschenke ­
  und  Gegengeschenke,  Leihen  von  Gebrauchsgegenständen  und  Raub.
Gegenüber  der  vorangegangenen  Entwickelungsstufe  des  Wirtschaftslebens  ist  die
Organisation  der  Produktion  und  Konsumtion  eine  andere  geworden.  Ihre
Grundlage  bildet  nicht  mehr  die  wirtschaftliche  Selbständigkeit  des  Individuums,  sondern
die  der  Familie,  des  Hauses,  das  ist  einer  größeren  oder  kleineren  Gruppe  von  Personen,
die  durch  persönliche  Herrschafts-  und  Abhängigkeitsverhältuisse  verschiedenster  Art  zu
einer  wirtschaftlichen  Einheit  zusammengefaßt  sind.  Die  Struktur  des  Verkehrslebens ­
  ist  dieselbe  geblieben.  Sie  erleidet  erst  Veränderungen,  wenn  die  geschlossene
Hauswirtschaft  selbst  durchlöchert  und  zersprengt  zu  werden  beginnt.
Unserer  heutigen,  gerade  durch  die  Entwickelung  des  Verkehrs  charakterisierten
Wirtschaftsverfassung  gegenüber  zeichnet  sie  sich  durch  das  vollständige  Fehlen  der  meisten
für  uns  maßgebenden  wirtschaftlichen  Begriffe  und  Erscheinungen  aus.  Für  viele  dieser
Begriffe  fehlen  den  alten  Sprachen  sogar  die  unterscheidenden  Ausdrücke.  Es  gibt,  wie
Bücher  treffend  sagt,  in  der  Periode  der  geschlossenen  Hauswirtschaft  keine  volkswirtschaftliche ­
  Arbeitsteilung,  und  darum  keine  Berufsstände,  keine  Unternehmungen,  kein
Kapital  im  Sinne  eines  zu  Erwerbszwecken  dienenden  Gütervorrates;  es  gibt  keine
Waren,  keinen  Preis,  keinen  Güterumlauf,  keine  Einkommensverteilung,  demgemäß  keine
Arbeitslöhne,  keinen  Unternehmergewinn,  keine  Zinsen  als  besondere  Einkommensarten.
Nur  die  Grundrente  beginnt  sich  bereits  abzuscheiden  in  Form  der  Zinse  und  Fronden,
die  der  Kolone  oder  hörige  Bauer  dem  Grundherrn  leistet.
        <pb n="835" />
        Die  geschlossene  Hauswirtschaft.  Die  Stadtwirtschaft.

875

Das  Geld  wird  weniger  zur  Vermittelung  des  Tausches  gebraucht  wie  als  Wertmesser, ­
  als  Mittel  der  Wertübertragung  bei  Abgaben,  Bußen  und  Entschädigungen,
endlich  zur  Wertaufbewahrung,  zur  Schatzbildung.  Dementsprechend  behielten  alle  älteren
Geldsorten,  selbst  die  unedlen  Metalle  lange  die  Form  von  Gebrauchsgegenständen  bei,
so  daß  sie  ebensowohl  als  Geld  wie  zur  unmittelbaren  Bedürfnisbefriedigung  verwendet
werden  konnten.  Es  sei  hier  nur  an  die  spiralig  gewundenen  Metallreifen  erinnert,  die
den  verschiedensten  Völkern  als  Schmuck  wie  als  Geld  dienten.  Darlehen  kommen  zwar
bereits  vor,  sie  sind  aber  Konsumtivkredite,  hervorgegangen  aus  dem  gegenseitigen  Aushelfen ­
  beim  Mißraten  der  Ernte,  bei  Unfällen,  welche  die  Vorräte  einer  einzelnen  Wirtschaft ­
  vernichten.  Denn  mit  der  Entwickelung  geschlossener  Wirtschaftseinheiten  hat  auch
der  Anspruch  auf  Mitgenuß,  den  wir  in  älterer  Zeit  finden,  aufgehört;  dementsprechend
sind  die  Darlehen  auch  zumeist  unverzinsliche,  das  verzinsliche  Gelddarlehen  ist  etwas
dem  Wesen  der  geschlossenen  Hauswirtschaft  ebenso  Fremdes  und  Widersprechendes  wie
der  Tausch;  wo  es  vorkommt,  führt  es  rasch  zum  Verderben  des  Schuldners,  wie  die
römische  Agrargeschichte  zeigt.  Denn  die  geschlossene  Hauswirtschaft  liefert  kein  Geldeinkommen, ­
  sondern  nur  Gebrauchsgüter  für  den  Wirt  und  seine  Familie,  der  somit  wohl
ein  Naturaldarlehen  zurückerstatten,  nicht  aber  die  Zinsen  einer  Geldschuld  erschwingen
kann.  Das  ist  auch  der  innere  Grund  und  die  Rechtfertigung  des  kanonischen  Zinsenverbotes, ­
  das  man  in  fälschlicher  Anwendung  der  Begriffe  des  modernen  Wirtschaftslebens ­
  auf  verflossene  Epochen  lange  als  ungerechtfertigte  Übertragung  moraltheologischer
Erwägungen  auf  das  Gebiet  des  Wirtschaftslebens  erklärte.
Die  Stadtwirtschaft.
Das  fortgesetzte  Eindringen  des  Tausches  in  den  Organismus  der  geschlossenen
Hauswirtschaft  führte  allmätflich  zu  ihrer  Ersetzung  durch  eine  auf  den  direkten  Güteraustausch ­
  zwischen  den  verschiedenartigen  Produzenten  gegründete  Wirtschaftsverfassung,
die  mau  als  „Stadtwirtschaft"  bezeichnet,  weil  sie  in  den  mittelalterlichen  Städten  der
deutschen  und  romanischen  Länder  am  reinsten  zum  Ausdrucke  kommt.
Bei  der  Entstehung  der  Städte  wirkten  zwei  Ursachen  zusammen.  Sie  gingen  hervor ­
  aus  den  Marktorten,  in  denen  sich  der  primitive  Tauschverkehr  in  den  Zeiten  der
geschlossenen  Hauswirtschaft  abspielte,  stellten  jedoch  ursprünglich  nichts  anderes  dar,  als
befestigte  Plätze,  welche  in  Kriegszeiten  den  Bewohnern  der  Umgebung  Schutz  gewährten.
Zwischen  ihren  Bewohnern  und  jenen  des  umliegenden  Landes  bestand  in  Bezug  auf
ihre  Beschäftigung  anfänglich  kaum  ein  Unterschied.  Jene  waren  Landwirte  so  gut  wie
diese,  nur  daß  sie  innerhalb  der  Stadtmauer  wohnten  und  in  erster  Linie  die  Verpflichtung ­
  zum  Wachtdienste,  zur  Verteidigung  und  zur  Instandhaltung  der  Befestigungswerke ­
  hatten.  Das  umliegende  Land  bildete  mit  der  Stadt  eine  Art  militärischen  Schutzverbandes. ­
  Seine  Bewohner  hatten  das  Recht,  sich  im  Kriegsfälle  mit  ihrer  Habe  in
die  Stadt  zu  flüchten  (Burgrecht)'und  mußten  dafür  an  der  Erhaltung  und  Verteidigung
der  Festungswerke  teilnehmen.  Da  aber  die  Stadt  zugleich  der  Marktort  war,  verband
sich  mit  dem  Burgrecht  auch  das  Recht  des  freien  Kaufes  und  Verkaufes  auf  dem  städtischen ­
  Markte.  Der  militärische  Verband  wurde  zu  einem  wirtschaftlichen,  das  Schutzgebiet ­
  der  Stadt  zu  einem  einheitlich  organisierten  Wirtschaftsgebiete.  Mit  dem  Steigen
der  städtischen  Bevölkerung,  zu  deren  Ernährung  die  Stadtgemarkung  nicht  mehr  ausreichte, ­
  erfuhr  die  Wirtschaft  der  Städter  eine  einseitige  Fortbildung  in  gewerblicher
Hinsicht.  Die  Stadt  wurde  der  Sitz  der  Gewerbe  und  des  Marktes,  das  umliegende
Land  ihr  Zufuhr-  und  Absatzgebiet,  das  sich  in  demselben  Maße  über  den  ursprünglichen
Burgrechtsverband  hinaus  ausdehnte,  als  die  Bevölkerung  der  Stadt  und  die  gewerbliche
Spezialisierung  ihrer  Bewohner  zunahm.  Das  ganze  Land  zerfiel  gewissermaßen  in
kleine,  um  die  einzelnen  Städte  sich  gruppierende  Wirtschaftsgebiete,  die  im  südwestlichen ­
  Deutschland  durchschnittlich  zwei  bis  zwei  einhalb,  im  mittleren  und  nordwestlichen
drei  bis  vier,  im  östlichen  fünf  bis  acht  Quadratmeilen  umfaßten.  Nach  außen  hin  zeigt
die  Wirtschaft  dieser  Gebiete  eine  ähnliche  Geschlossenheit,  wie  früher  die  einzelnen  Haus-110*
        <pb n="836" />
        876

Die  Weltwirtschaft.

wirtschaften.  Die  Landbewohner  bringen  Lebensmittel  und  Rohstoffe  in  die  Stadt
und  kaufen  für  den  Erlös  die  gewerbliche  Arbeit  der  Städter;  zunächst  in  der  Form
des  Lohnwerks,  d.  h.  sie  lassen  ihre  eigenen  Rohstoffe  durch  den  städtischen  Gewerbsmann
  zu  Gebrauchsgegenständen  für  ihren  eigenen  Bedarf  verarbeiten,  so  daß  dieser  nur
seine  Arbeitskraft  und  die  notwendigen  Werkzeuge  beistellt.  Dabei  kommt  der  Gewerbetreibende ­
  entweder  in  das  Haus  des  Landwirtes  und  erhält  dort  Wohnung,  Kost  und
Tagelohn,  bis  die  Arbeit  vollendet  ist  (Störarbeit),  oder  er  übernimmt  den  Rohstoff  zur
Bearbeitung  in  seiner  eigenen  Wohnung  oder  Betriebsstätte  (Heimwerk);  letzteres  ist  die
Regel  dort,  wo  stehende  Betriebsmittel  und  Werksvorrichtungen  notwendig  sind,  wie
z.  B.  Mühlen,  Walken,  Feueressen.  Beide  Betriebsformen  kommen  auch  schon  bei  der
geschlossenen  Hauswirtschaft  vor,  nur  daß  das  Entgeltliche  und  Berufsmäßige  der  gewerblichen ­
  Arbeit  weniger  hervortritt.  Der  Störarbeiter  hat  seinen  Vorläufer  in  dem
helfenden  Nachbar,  der  Heimwerker  in  dem  Besitzer  einer  Mühle,  Walke  oder  ähnlichen
Vorrichtung,  der  anfänglich  nur  die  Benützung  dieser  Geräte  dem  Nachbar  gestattet,
dann  die  Überwachung  und  endlich  auch  die  Leistung  der  Arbeit  selbst  übernimmt.  Demgemäß ­
  herrschte  im  Anfange  der  Städte  in  ihrem  Gewerbebetriebe  das  Lohnwerk  vor.
Der  zünftige  Handwerkerstand  des  Mittelalters  ist  keineswegs  das,  was  man  sich  heute
unter  Handwerkern  vorstellt,  das  ist  ein  Stand  kleiner  Unternehmer,  sondern  vielmehr  ein
gewerblicher  Arbeiterstand,  der  sich  von  dem  heutigen  nur  dadurch  unterscheidet,  daß  der
einzelne  Arbeiter  für  eine  Mehrheit  von  Konsumenten,  nicht  aber  für  einen  einzelnen
Unternehmer  arbeitet.  Erst  allmählich  bürgert  sich  die  Beistellung  des  Rohstoffes  durch
den  Meister  ein,  anfänglich  bloß  für  die  ärmeren  Kunden.  Damit  taucht  eine  neue  Betriebsform ­
  auf:  das  Handwerk  oder  Preiswerk,  das  allerdings  seinen  Vorläufer
ebenfalls  schon  in  der  überschüssigen  Erzeugung  von  Produkten  des  bäuerlichen  Hausfleißes ­
  (wie  Leinwand,  Wollenstoff,  Holzwaren)  für  den  Markt  hat.  Der  Meister  ist
jetzt  in  dem  Besitze  sämtlicher  Produktionsmittel,  der  Arbeitskraft,  der  Werkzeuge  und
des  Rohstoffes,  und  in  dem  Preise,  den  er  für  das  fertige  Erzeugnis  erhält,  ist  nicht
nur  die  Vergütung  für  seine  Arbeitsleistung  wie  beim  Lohnwerker,  sondern  auch  das
Entgelt  für  den  von  ihm  gelieferten  Rohstoff  enthalten.  Doch  ist  sein  Betrieb  ausschließlich ­
  Kundenproduktiou.  Der  mittelalterliche  Handwerker  arbeitet  immer  für
den  unmittelbaren  Absatz  an  den  Verbraucher,  hauptsächlich  auf  Bestellung.  Was  er
auf  Vorrat  erzeugt,  setzt  er  nicht  an  den  Zwischenhändler,  sondern  auf  offenen  Märkten
an  den  Verbraucher  ab.
Dies  kommt  auch  in  der  städtischen  Wirtschaftspolitik  zum  Ausdrucke.  Der
Konsument  des  Stadtgebietes  soll  für  seinen  Bedarf  ein  ausschließliches  Kaufrecht, ­
  der  städtische  Gewerbetreibende  für  seine  Waren  ein  ausschließliches  Absatzrecht ­
  auf  dem  städtischen  Markte  haben.  Daher  wird  Sorge  getragen,  daß  wo  möglich
alles  in  der  Stadt  selbst  erzeugt  wird.  Der  Fremde  wird  auf  dem  Markte  nur  notgedrungen ­
  geduldet,  und  ist  ein  Gewerbe  in  der  Stadt  nicht  vertreten,  so  sucht  der  Rat
mit  Opfern  und  Begünstigungen  einen  fremden  Meister  zur  Ansiedelung  zu  bewegen.
Dem  gleichen  Grundgedanken  entspringt  eine  Reihe  von  Maßnahmen,  welche
regelnd  in  das  Verhältnis  zwischen  Handwerkern  und  Kunden  eingreifen  und  eine  Ausbeutung ­
  des  Monopolsrechtes  der  ersteren  zum  Schaden  der  letzteren  verhindern  sollen:  die
obrigkeitliche  Beschau  und  Prüfung  der  Waren  auf  ihre  Güte,  der  Erlaß  von  Preistaxen  für
die  verschiedenen  Erzeugnisse  und  Arbeitsleistungen,  die  Festsetzung  öffentlicher  Verkaufsplätze, ­
  auf  denen  die  Verkäufer  derselben  Ware  nebeneinander  im  offenen  Wettbewerb
unter  Überwachung  des  Marktmeisters  feilhalten.  Aus  demselben  Grunde  mußte  auch
das  übermäßige  Wachstum  eines  einzelnen  Betriebes  unwillkommen  erscheinen.  Es  erschien ­
  überflüssig,  wenn  man  ausschließlich  die  Versorgung  des  Stadtgebietes  ins  Auge
faßte,  und  gefährlich  für  die  Aufrechthaltung  des  unmittelbaren  Verkehrs  zwischen  Erzeugern ­
  und  Verbrauchern,  wie  für  die  Sicherung  des  Fortkommens  der  übrigen  Meister,
ihrer  „bürgerlichen  Nahrung".  Daher  rühren  die  zahlreichen  Verbote,  mehr  als  eine
bestimmte  Zahl  von  Gesellen  zu  beschäftigen,  was  wieder  zur  Absplitterung  immer  neuer
        <pb n="837" />
        877

Die  Stadtwirtschaft.

Gewerbe  führte,  wenn  der  Fortschritt  der  Technik  eine  Teilung  der  Arbeit  erforderte,  die
in  dem  engen  Rahmen  des  Kleinbetriebes  nicht  mehr  durchgeführt  werden  konnte.  Die
Arbeitsteilung  vollzog  sich  nicht  wie  heute  innerhalb  des  Betriebes,  sondern  durch  die  Entstehung ­
  immer  neuer  Gewerbe,  deren  Rechte  voneinander  sorgfältig  abgegrenzt  wurden.
Aber  nicht  nur  der  Verkehr  mit  gewerblichen  Erzeugnissen  war  von  dem  Gesichtspunkte ­
  aus  geregelt,  den  Absatz  auf  dem  städtischen  Markte  dem  ortsansässigen  Handwerker ­
  zu  sichern  und  anderseits  dem  Verbraucher  eine  möglichst  vollständige  und  entsprechende ­
  Befriedigung  seines  Bedürfnisses  zu  gewährleisten.  Es  wurde  auch  auf  der  anderen
Seite  dafür  vorgesorgt,  daß  alles,  was  an  Lebensmitteln  und  sonstiger  Zufuhr  in  die
Stadt  hereinkam,  zunächst  dem  städtischen  Konsumenten  zum  Kaufe  gestellt  wurde.
Der  Verkauf  an  Wiederverkäufer  wurde  erst  eine  bestimmte  Zeit  nach  Eröffnung  des
Marktes  gestattet;  das  Verbot  des  Vorkaufes  vor  den  Thoren  sorgte  dafür,  daß  die  Landwirte ­
  mit  ihren  Waren  wirklich  in  die  Stadt  kamen,  die  Stapel-  und  Niederlagsrechte
zwangen  den  fremden  Kaufmann  mit  den  Gütern,  die  er  aus  der  Ferne  brachte,  in  der
Stadt  zum  Verkaufe  anzuhalten.  So  ist  auch  hier  das  Vorzugsrecht  der  Konsumenten
und  seine  Sicherung  gegen  das  Eindringen  des  Zwischenhandels  leitender  Gesichtspunkt
für  die  städtische  Verwaltung.
Nichtsdestoweniger  entwickelte  sich  im  Laufe  der  Zeit  in  den  Städten  ein  Kleinhandel ­
  mit  „Pfennwerten  für'den  armen  Mann",  notgedrungen  geduldet  als  unentbehrlicher ­
  Vermittler  für  jene  unbemittelten  Bevölkeruugsschichten,  ivelche  von  der
Hand  in  den  Mund  leben  und  sich  nicht  auf  den  Wochen-  oder  Jahrmärkten  für  längere
Zeit  im  voraus  versorgen  können.  Es  gibt  drei  Gruppen  solcher  Händler,  die  Höker,
welche  die  sonst  nur  auf  dem  Wochenmarkte  erhältlichen  Lebensmittel  feilhalten,  dann
die  Krämer  und  die  Gewandschneider,  welche  mit  den  von  weiterher  gebrachten  und
in  der  Regel  nur  auf  Jahrmärkten  erhältlichen  Kaufmannswaren,  mit  Spezereien,  Tuchen
und  ähnlichen  Artikeln  handelten.
Der  Großhandel  beschränkt  sich  auf  solche  Güter,  die  im  Stadtgebiete  nicht  erzeugt ­
  wurden,  wie  Gewürze,  Südfrüchte,  getrocknete  und  gesalzene  Seefische,  Pelze,  feine
Tücher  und  Seidenstoffe,  in  manchen  Gegenden  auch  Salz,  Wein  und  Eisen.  Er  wurde
ausschließlich  in  der  Form  des  Wander-  und  Meßhandels  betrieben.  Der  Großkaufmann
  aus  den  Städten,  welche  durch  ihre  Lage  an  der  See,  an  den  großen  Handelsstraßen ­
  oder  in  den  betreffenden  Prodnktionsgebieten  die  natürlichen  Vermittler  dieses
Verkehrs  waren,  zog  mit  seinen  Wagen  und  Saumtieren  durch  das  Land  und  setzte  seine
Ware  auf  den  Jahrmärkten  und  Messen  und  in  den  städtischen  Kaufhäusern  ab.
Die  ganze  Entwickelung  des  städtischen  Wirtschaftslebens  im  Mittelalter,
wie  wir  sie  jetzt  zu  schildern  versuchten,  schließt  organisch  an  die  Wirtschaftsverfassung ­
  des  Fronhofes  an.  Wie  früher  der  Fronhof  mit  seinen  Hintersassen,
bildete  jetzt  jede  Stadt  mit  ihrer  Landschaft  ein  geschlossenes  Wirtschaftsgebiet;  nur  daß
die  kleinen  Sonderwirtschaften,  die  früher  in  dem  gegliederten  Organismus  der  geschlossenen ­
  Hauswirtschaft  des  Fronhofes  zusammengefaßt  waren,  jetzt  selbständig
geworden  sind,  und  daß  an  Stelle  der  gezwungenen  Arbeitsteilung  innerhalb  der
Wirtschaft  des  Grundherrn  die  freie  Arbeitsteilung  zwischen  den  selbständig  gewordenen
bürgerlichen  und  bäuerlichen  Einzelwirtschaften  des  Stadtgebietes  getreten  ist.
Die  Berufsstände  des  Bauern,  des  Handwerkers  und  des  Händlers  haben
sich  gebildet.  Noch  fehlt  aber  ein  gewerblicher  Arbeiterstand  im  heutigen  Sinne..
Der  Handwerksgeselle,  der  Gehilfe  des  Kaufmanns  führen  keine  eigene  Wirtschaft;  sie
sind  Glieder  des  Haushaltes  ihres  Meisters  oder  Handelsherrn,  mit  dem  sie  nicht  nur
in  eine  Produktionsgemeinschaft,  sondern  auch  in  eine  Kousumtionsgemeinschaft  eingeordnet ­
  sind.  Wie  sie  in  seiner  Werkstätte  arbeiten,  leben  sie  an  seinem  Tisch  und  unter
seinem  Dach,  und  sie  bilden  auch  insofern  keinen  eigenen  Berufsstand,  als  ihre  Stellung
nur  den  Durchgang  zur  Selbständigkeit  bedeutet,  den  jeder  mitmachen  muß,  sowie  jeder
Geselle  anderseits  die  Gewißheit  hat,  dereinst  selbst  Meister  zu  werden.  Daher  ist  in  der
mittelalterlichen  Stadtwirtschaft  auch  die  Arbeiterfrage  nicht  vorhanden.
        <pb n="838" />
        878

Die  Weltwirtschaft.
Der  Kreis  der  wirtschaftlichen  Erscheinungen  ist  gegenüber  der  geschlossenen
Hauswirtschaft  reicher  und  mannigfaltiger  geworden.  Wenn  auch  die  einzelnen  Sonderwirtschaften ­
  noch  immer  den  größten  Teil  ihres  Bedarfes  selber  decken,  so  besteht  doch
ein  regelmäßiger  auf  Arbeitsteilung  gegründeter  Tauschverkehr.  —  Trotzdem  gibt  es  aber
keinen  Güterumlauf,  keine  Handelsware  im  heutigen  Sinne.  Eine  Ausnahme  bilden
nur  die  wenigen  Artikel  des  Großhandels  und  der  „Pfennwerte".  Der  Betrieb  des  Handwerkers ­
  ist  keine  Unternehmung,  die  Handelswaren  erzeugt,  sondern  ein  Übernehmen
von  Arbeit  für  den  Konsumenten,  das  Entgelt,  das  er  dafür  empfängt  im  wesentlichen
Arbeitslohn.  Dementsprechend  findet  sich  auch  ein  Unternehmungskapital  höchstens  beim
Handel.  Zinsen  und  Leihkapital  treten  uns  zwar  schon  entgegen,  doch  ist  ihre  Bedeutung
gering,  und  der  Kredit  verbirgt  sich  fast  immer  unter  einem  Kaufgeschäft,  der  Zins  unter
der  Grundrente,  welche  neben  dem  Arbeitslöhne  die  einzig  deutlich  erkennbare  Einkommensart ­
  bildet.  So  spielt  sich  die  Belehnung  von  Grundstücken  durch  die  Satzung
in  der  Form  ab,  daß  das  verpfändete  Grundstück  bis  zur  Bezahlung  der  Schuld  in  den
Besitz  des  Gläubigers  übergeht,  und  die  Hauptform  des  mittelalterlichen  Kredits,  der
Gült-  oder  Rentenkauf,  ist  gleichfalls  kein  Darlehensvertrag  im  heutigen  Sinne,  sondern
es  wird  das  Recht  zum  Bezüge  einer  Leibrente  wie  eine  Ware  gekauft,  so  daß  der  ganze
Vorgang  mehr  einer  Versicherung,  zn  der  er  ja  auch  den  ersten  Ansatz  bildet,  als
einem  Kreditgeschäfte  gleicht.
Die  Volkswirtschaft.
Zu  ungehemmtester  Entwickelung  gelangte  das  Städtewesen  in  Italien.  Hier
wandelte  sich  die  wirtschaftliche  Herrschaft  der  Städte  über  das  umliegende  Land  zur
politischen.  Stadtstaaten  entstanden,  ähnlich  wie  im  alten  Griechenland,  der  Bauer  wurde
enteignet  durch  das  städtische  Kapital  und  zum  elenden  Halbpächter  heruntergedrückt,  der
er  großenteils  heute  noch  ist.
In  Deutschland  stieß  die  Entwickelung  der  Städte  auf  den  Widerstand  der  großen
Grundherren,  die  bei  der  Schwäche  der  Reichsgewalt  zu  Landesfürsten  geworden  waren
und  in  dem  kleinen,  durch  Gemeinsamkeit  agrarischer  Interessen  mit  ihnen  verbundenen
Landadel  eine  Stütze  ihrer  Bestrebungen  fanden.  Es  kam  zu  scharfen  Kämpfen  der
Adels-  und  Fürstenmacht  gegen  die  Städte,  in  dem  diese  ihre  politische  Selbständigkeit
zwar  zum  Teil  behaupteten,  aber  den  Bauernstand  nicht  der  Herrschaft  der  Feudalgewalt
zu  entreißen  vermochten.  Der  Bauer  verfiel  der  Leibeigenschaft,  wurde  aber  gleichzeitig
durch  das  emporkommende  Landesfürstentum  vor  der  Proletarisierung  bewahrt,  die  ihn
in  Italien  ereilte.
In  Westeuropa,  iu  Frankreich  und  England,  wie  auf  der  pyrenäischen  Halbinsel
setzte  sich  dagegen  die  königliche  Gewalt  siegreich  gegen  die  Selbständigkeitsgelüste  der
großen  Grundherren  und  der  Städte  durch,  die  einen  gegen  die  anderen  benützend.  Es
entstanden  national  geeinigte  Staaten  mit  starker  Zentralgewalt.  An  die  Stelle  der
großen  Lehensträger  und  Feudalherren,  denen  früher  die  Ausübung  der  königlichen  Hoheitsrechte ­
  übertragen  war,  tritt  die  Verwaltung  durch  besoldete,  besonders  geschulte  Beamte, ­
  an  die  des  Aufgebots  der  Lehensleute  das  stehende  Heer,  mit  einem  Wort,  der
Feudalstaat  wird  durch  den  modernen  Staat  ersetzt.  Damit  war  die  Voraussetzung
für  eine  neue  Stufe  der  wirtschaftlichen  Entwickelung  gegeben.  Zum  erstenmal  in  der
Geschichte  tritt  der  Begriff  der  Volkswirtschaft  auf.  Ähnlich  wie  bei  der  Stadtwirtschaft ­
  zwischen  Stadt  und  Land  und  ihren  verschiedenen  Berufsständen,  findet  jetzt  eine
Arbeitsteilung  zwischen  den  verschiedenen  Teilen  des  Staates  und  den  einzelnen  Gruppen
seiner  Bevölkerung  statt,  und  wie  die  Wirtschaftspolitik  der  mittelalterlichen  Städte
seiner  Zeit  daraus  ausging,  die  möglichst  vollständige  und  vielseitige  Bedürfnisbefriedigung
innerhalb  des  Stadtgebietes  zu  erzielen,  strebte  jetzt  die  der  Staaten  dahin,  das  Staatsgebiet ­
  zu  einem  nach  außen  hin  abgeschlossenen,  sich  selbst  genügenden  Wirtschaftsgebiete
zu  machen  und  gleichzeitig  alle  produktiven  Kräfte  zu  entwickeln  und  in  den  Dienst  der
Gesamtheit  zu  stellen.
        <pb n="839" />
        879

Die  Volkswirtschaft.

Man  bezeichnet  diese  Wirtschaftspolitik  als  die  des  Merkantilismus.  Die
vollendetste  Durchbildung  erfuhr  sie  durch  Colbert,  den  Minister  Ludwigs  XIV.
Sie  beherrschte  aber  alle  europäischen  Staaten  vom  16.  bis  18.  Jahrhundert  und  zwar
die  Territorialstaaten  Deutschlands  so  gut,  wie  die  großen  nationalen  Staaten  des
Westens.  Die  Binnenzölle  und  Straßenmauten,  welche,  teils  fiskalischen,  teils  wirtschaftlichen ­
  Beweggründen  entsprungen,  den  Staat  in  kleine  Wirtschaftsgebiete  zerschnitten  und
den  Verkehr  hemmten,  fielen.  An  ihre  Stelle  traten  Grenzolllinien  gegen  das  Ausland, ­
  welche  nicht  nur  finanziellen,  sondern  auch  handelspolitischen  Zwecken  dienten.
Hohe  Prohibitivzölle  und  Einfuhrsverbote  hielten  die  Einfuhr  fremder  Fabrikate  fern,
um  die  Entstehung  einer  Industrie  im  Jnlande  zu  fördern;  anderseits  erstrebten  Ausfuhrzölle ­
  auf  Nahrungsmittel  und  Rohstoffe  die  Sicherung  des  eigenen  Bedarfs.  Durch
die  Hereinziehung  neuer  Industrien,  die  Gewährung  von  Begünstigungen  an  neu  begründete ­
  Fabriken,  durch  Neuordnung  der  vielfach  entarteten  und  verrotteten  Zünfte  und
die  Beseitigung  vieler  Beschränkungen  des  Gewerbebetriebes,  wie  sie  aus  der  Zeit  der
Stadtwirtschaft  überkommen  waren,  suchte  man  den  Gewerbefleiß  zu  heben,  und  wie
früher  die  Stadtobrigkeit  durch  die  Beschau,  suchte  man  jetzt  durch  staatliche  Stempelung
der  Waren  und  technische  Reglements  für  die  Erzeugung  die  Güte  des  Fabrikates  zu
gewährleisten.  Man  zögerte  nicht,  sogar  staatliche  Unternehmungen  ins  Leben  zu  rufen,
Monopolrechte  zu  verleihen,  wo  auf  anderem  Wege  die  Hebung  oder  Neueinführung
einer  Industrie  nicht  möglich  schien.  Da  man  den  Volkswohlstand  abhängig  hielt  von
einer  günstigen  Handelsbilanz  und  seine  hauptsächlichste  oder  sogar  ausschließliche  Quelle
in  der  Ausfuhr  von  Fabrikaten  und  in  dem  Anteil  des  Landes  an  dem  Handel  mit
Kolonialprodukten  suchte,  bildete  der  Erwerb  von  Kolonien,  von  deren  Ausbeutung
alle  anderen  Nationen  ausgeschlossen  wurden,  und  die  Beförderung  der  Seeschiffahrt
einen  wesentlichen  Bestandteil  der  damaligen  Wirtschaftspolitik.
Nach  dem  Muster  Spaniens  wurden  nacheinander  Holland,  Frankreich  und
England  zu  Kolonialmächten.  Es  war  die  Zeit  der  großen,  mit  Monopolrechten  begabten
Handelskompanien,  welche,  wie  die  englisch-ostindische,  dem  Mutterlande  ganze  Reiche
eroberten,  der  Kolonialkriege  und  der  staatlich  organisierten  Kaperei  als  Gegenstück  zu
dem  monopolistischen  Ausschlüsse  der  Fremden  vom  Verkehr  mit  den  Kolonien.
Auch  für  den  Binnenverkehr  wurde  durch  Verbesserung  der  Verkehrswege  und  des
Nachrichtendienstes,  durch  Regelung  des  Handelsrechtes,  wie  des  Maß-  und  Gewichtswesens, ­
  Vorsorge  getroffen.  Künste  und  Wissenschaften  erfuhren  eine  eifrige  Pflege,  jedoch
mit  dem  einseitigen  Ziele,  der  Industrie  künstlerische  Vorbilder  und  technische  Hilfskräfte,
dem  Staate  geschulte  Verwaltungsorgane  zu  liefern.
Voraussetzung  des  Gelingens  dieser  staatlichen  Bestrebungen  war  allerdings  das
Vorhandensein  wirtschaftlicher  Kräfte,  welche  in  gleicher  Richtung  wirkten.
Schon  vor  dem  Einsetzen  des  Merkantilismus  hatte  der  Großhandel  in  den
Städten  steigende  Bedeutung  gewonnen,  das  gewachsene  Handelskapital  wurde  zum  Leihkapital, ­
  aus  dem  Rentenkauf  entwickelte  sich  das  Versicherungswesen  einerseits,  das  verzinsliche ­
  Darlehen  anderseits,  aus  dem  Geldwechsler  des  Marktes  die  Girobank,  und  im
16.  Jahrhundert  finden  wir  schon  ein  eigentliches  Kreditwesen.  Mit  der  Verbesserung
und  erhöhten  Sicherheit  der  Straßen  steigert  sich  der  Verkehr,  und  die  Verfrachtung
der  Güter,  die  der  Händler  früher  selbst  besorgte,  indem  er  auf  den  Messen  und  Märkten
herumzog,  wird  zu  einem  selbständigen  Erwerbszweig.  Einzelne  Städte  hören  auf,  bloß
Sitze  des  Marktes  und  der  Gewerbe  für  die  Umgebung  zu  sein,  und  werden  zu  zentralen
Handelsplätzen,  zunächst  allerdings  nur  für  wenige  Waren  des  mittelalterlichen  Großhandels; ­
  bald  aber  beschränkte  sich  das  Handelskapital  nicht  mehr  ausschließlich  auf  dieses
enge  Gebiet,  es  ging  über  zur  Ausfuhr  von  Erzeugnissen  des  heimischen  Gewerbefleißes
und  rief  damit  eine  Umwälzung  im  Gewerbewesen  selbst  hervor.
Die  Händler  begannen,  zunächst  für  den  Absatz  in  die  Ferne,  die  Erzeugnisse  des
städtischen  Handwerkes  zu  kaufen,  dem  Lohnwerker  Rohstoffe  zur  Verarbeitung  zu  übergeben ­
  und  dem  Bauer  die  Erzeugnisse  seines  Hausfleißes  abzunehmen.  Das  städtische
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Die^Weltwirtschaft.

Gewerbe  hört  dadurch  auf,  ausschließlich  für  den  Absatz  im  Orte  selbst  zu  erzeugen,  und
verliert  seinen  unmittelbaren  Zusammenhang  mit  dem  Verbrauch.  Während  früher  jeder
Hand-  und  Lohnwerker  für  eine  Mehrzahl  von  Konsumenten  arbeitete,  arbeitet  jetzt  eine
Mehrzahl  von  Gewerbetreibenden  für  einen  Händler,  der  den  weiteren  Vertrieb  der  Ware
an  den  Verbraucher  vermittelt.  Die  Erzeuger  geraten  dadurch  allmählich  in  immer
tiefere  Abhängigkeit  von  dem  Händler,  sie  werden  seine  Arbeiter,  und  er  wird  ihr  Verleger, ­
  das  ist  ein  kaufmännischer  Unternehmer,  der  eine  Vielzahl  von  Arbeitern  außerhalb ­
  seiner  Betriebsstätte  in  ihren  eigenen  Wohnungen  oder  Werkstätten  beschäftigt.  Ein
neues  Betriebssystem  ist  entstanden,  das  Verlagssystem,  das  nicht  mehr  auf  dem
lokalen,  sondern  auf  dem  nationalen  und  internationalen  Markt  begründet
ist.  Die  alten  Formen  der  gewerblichen  Thätigkeit,  das  Handwerk,  das  Lohnwerk,  der
Hausfleiß,  der  Überschüsse  für  den  Verkauf  produziert,  bleiben  dabei  äußerlich  zunächst
unverändert,  sie  verlieren  nur  die  unmittelbare  Berührung  mit  dem  Verbraucher  ihrer
eigenen  Erzeugnisse.  Der  Absatz  ihrer  Waren  wird  durch  den  Verleger  im  großen
organisiert.  Später  schritt  dann  der  kaufmännische  Verleger  dazu,  Hausindustrie  anzusetzen, ­
  d.  h.  die  Landbevölkerung  einzelner  Orte  zu  gewerblicher  Arbeit  bestimmter  Art
abzurichten  und  sie  in  gleicher  Weise  zu  beschäftigen,  wie  die  in  Abhängigkeit  geratenen
Handwerker  der  Städte.  Ans  diese  Weise,  durch  das  Herabdrücken  des  zünftigen  Gewerbetreibenden ­
  zum  abhängigen  Arbeiter  oder  durch  die  Verpflanzung  gewerblicher  Thätigkeit
auf  das  flache  Land,  entstanden  zahlreiche  Hausindustrien,  die  zum  Teil  heute  noch  vorhanden, ­
  zum  Teil  in  den  Fabrikbetrieb  übergegangen  sind;  als  Beispiele  seien  nur  erwähnt
die  Tuchmacherei  und  die  Seidenweberei  in  den  rheinischen  Städten,  die  Leinenweberei  in
Schlesien,  die  Erzeugung  von  Eisen-  und  Stahlwaren  in  Remscheid,  Solingen  und  Schmalkalden, ­
  die  Spielwarenindustrie  des  Thüringerwaldes,  die  Spitzenindnstrie  des  Erzgebirges,
die  Erzeugung  von  Glasschmuck  und  Perlen  in  der  Gablonzer  Gegend  und  viele  andere.
Tiefer  in  die  gewerblichen  Verhältnisse  greift  die  zweite  neuentstehende  Betriebsform ­
  ein,  die  Fabrik.  Sie  steckte  zu  den  Zeiten  des  Merkantilismus  noch  in
den  Kinderschuhen,  wogegen  der  Verlag  sich  bis  in  die  mittelalterlichen  Handelsstädte
zurückverfolgen  läßt.  Eine  überragende  Stellung  erringt  sie  erst  im  Zeitalter  des  Dampfes
und  der  Maschinen.  Während  beim  Verlag  das  Kapital  sich  bloß  des  Vertriebes  der
Produkte  bemächtigt,  ergreift  es  bei  der  Fabrik  den  ganzen  Hergang  der  Erzeugung.
Es  unterwirft  sich  hier  nicht  bestehende  Formen  gewerblicher  Thätigkeit,  sondern  schafft
eine  neue.  Die  Fabrik  vereinigt  sämtliche  Arbeiter,  die  sie  beschäftigt,  in  einer  Betriebsstätte, ­
  die  mit  allen  Hilfsmitteln  der  Technik  ausgestattet  ist.  Die  ganze  Arbeit  wird  in
eine  Reihe  einfachster,  aufeinanderfolgender  Verrichtungen  zerlegt,  und  hierdurch  die  Beschäftigung ­
  von  Menschenkräften  verschiedenster  Art,  von  gelernten  und  ungelernten
Arbeitern,  von  Männern,  Frauen  und  Kindern,  von  Hand-  und  Kopfarbeit  einerseits,
die  umfassende  Verwendung  maschineller  Hilfsmittel  anderseits  ermöglicht,  die  Produktivität ­
  der  Arbeit  bis  aufs  äußerste  gesteigert.  Die  Anwendung  der  mechanischen
Kräfte  des  Wassers,  des  Dampfes  und  der  Elektrizität  in  jenem  weiten  Umfange,  wie  dies
heute  geschieht,  wurde  erst  durch  die  Fabrik  mit  ihrer  Arbeitsteilung  möglich.  Diese
weitgehende  Arbeitszerlegung  bringt  ferner  mit  sich  die  Notwendigkeit  des  Großbetriebes, ­
  das  bedeutende  Kapitalerfordernis  und  endlich  die  wirtschaftliche
Unselbständigkeit  des  Arbeiters.
Schon  das  Auftreten  des  Verlags,  die  Lösung  des  unmittelbaren  Verhältnisses
zwischen  Erzeuger  und  Verbraucher  und  die  Entstehung  von  Handwerksbetrieben  mit
größerer  Gehilfenzahl,  beraubte  den  Gesellen  in  zunehmendem  Maße  der  Aussicht,  dereinst
selbständiger  Unternehmer  zu  werden.  Für  den  Arbeiter  in  der  Fabrik  besteht  diese
Möglichkeit  in  der  Regel  überhaupt  -nicht  mehr.  Nur  besonders  Begabte  und  vom  Glück
Begünstigte  vermögen  den  Weg  aufwärts  zu  nehmen.  Die  Beschäftigung  als  gewerblicher ­
  Arbeiter  hört  auf,  für  die  Masse  eine  Zwischenstufe  im  Lebensgang  zu
sein,  sie  wird  zum  Lebensberuf,  und  damit  entsteht  eine  neue  Berufsklasse,  der
gewerbliche  Arbeiterstand.  Dies  bringt  eine  tiefgehende  Umwälzung  in  der  Auf ­
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Die  Volkswirtschaft.

fassung  des  Arbeitsverhältnisses  mit  sich.  Der  Arbeiter,  der  jetzt  die  Gründung  einer
Familie  und  eines  Hausstandes  nicht  mehr  bis  zur  Erlangung  der  Selbständigkeit  hinausschieben ­
  kann,  fordert  eine  unabhängigere  Stellung;  er  tritt  aus  dem  Familienverbande
des  Unternehmers  heraus,  und  je  hoffnungsloser  er  in  Bezug  auf  seine  produktive
Thätigkeit  in  Abhängigkeit  vom  Unternehmer  versinkt,  desto  freier  und  unabhängiger  strebt
er  sich  hinsichtlich  seiner  Konsumtion  zu  machen.  Er  erhebt  die  Forderung  nach  einem
höheren  Anteil  am  Arbeitsertrag,  nach  besseren  Arbeitsbedingungen,  nach  einer  Lebenshaltung, ­
  welche  ihm  schon  als  Arbeiter  die  Anteilnahme  an  der  materiellen  und  geistigen
Kultur  des  Volkes  ermöglicht.  Es  kommt  zu  Jnteressenkonflikten,  zu  Klassengegensätzen
und  Kämpfen  zwischen  Unternehmern  und  Arbeitern,  die  soziale  Frage  meldet  sich  an,
und  die  merkaniilistische  Wirtschaftspolitik  begegnet  ihr  zuerst  dadurch,  daß  sie  durch  Lohnsatzungen ­
  und  Reglements  eine  Regelung  des  Arbeitsverhältnisses  herbeizuführen  strebt.
War  früher  das  Arbeitsverhältnis  durch  das  Herkommen  und  durch  die  autonomen  Festsetzungen ­
  der  Zünfte,  denen  Meister  und  Gesellen  als  bis  zu  einem  gewissen  Grade
gleichberechtigte  Mitglieder  angehörten,  geregelt  worden,  so  tritt  jetzt  dessen  staatliche
Ordnung  ein;  dabei  wird  jedoch  der  Arbeiter  noch  keineswegs  als  ein  dem  Unternehmer
gleichberechtigter  Vertragschließender  aufgefaßt,  die  alte  Vorstellung  vom  Arbeitsknechte
wirkte  noch  nach.  Das  Arbeitsverhältnis  wird  zunächst  als  ein  Herrschaftsverhältnis  des
Unternehmers  über  den  Arbeiter  beurteilt,  ähnlich  wie  das  des  Grundherrn  zu  dem
hörigen  Bauer  oder  Landarbeiter.
So  tritt,  geführt  und  gefördert  vom  absoluten  Staat,  eine  durchgreifende  Umwälzung
des  ganzen  Wirtschaftslebens  ein.  Doch  würde  man  irren,  wenn  man  glauben  wollte,
daß  alles  Alte  verschwunden  und  ein  gründlicher  Umsturz  eingetreten  wäre.  Im  Gegenteil,
durchsetzt  und  umsponnen  von  den  Lebensäußerungen  der  neu  entstandenen  Volkswirtschaft,
bestanden  die  Überreste  vergangener  Wirtschaftsepochen  gewissermaßen  versteinert  noch
fort:  Die  Grundlasten,  die  städtischen  Wirtschaftsorganisationen  mit  ihren  Zünften  und
Bannrechten,  die  zahlreichen  Beschränkungen  der  Freizügigkeit.  Im  Verein  mit  den  Beschränkungen, ­
  welche  der  Merkantilismus  selbst  nach  anderer  Richtung  hin  wieder  mit  sich
brachte,  wie  die  Monopole  und  Privilegien,  die  Ein-  und  Ausfuhrsbeschränkungen,  die
Reglementierung  des  gesamten  Wirtschaftslebens,  führte  dies  zu  geradezu  unerträglichen
Zuständen,  sobald  die  Volkswirtschaft  erstarkt  und  der  gängelnden  Hand  des  Staates
entwachsen  war.  Die  geweckten  wirtschaftlichen  Kräfte  verlangten  nach  freier,  ungehemmter ­
  Entfaltung.  Der  Ausdruck  dieses  Strebens  ist  die  physiokratische  Lehre  und
der  aus  ihr  entsprungene  wirtschaftliche  Liberalismus,  welchervolle  Freiheit  des  wirtschaftlichen ­
  Lebens,  Beseitigung  der  bestehenden  Schranken,  Nichteinmischung  des  Staates
in  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  fordert.  Diese  Lehre  ist  eigentlich  nichts  als  die  naturgemäße ­
  Folge  des  merkantilistischen  Systems.  Die  Erziehungsmittel,  die  dieses  gebraucht,
wurden  überflüssig,  sobald  ihr  Zweck  erreicht  war.  Das  alte  Wirtschaftsrecht  mußte  fallen,
sobald  es  in  Widerspruch  mit  der  neuen  Entwickelung  stand.
Auf  politischem  Gebiete  entspricht  dem  das  Streben  des  Bürgerstandes,  als  des
Trägers  der  neuen  Entwickelung,  nach  Anteil  am  Staatsleben,  und  der  politische  Sieg
des  bürgerlichen  Liberalismus,  der  die  Revolutionszeit  von  1789—1848  abschloß,  war
größtenteils  nur  eine  Folge  der  Umwälzung,  die  sich  in  den  wirtschaftlichen  Verhältnissen
vollzogen  hatte.  An  die  erste  merkantilistische  Epoche  der  Volkswirtschaft
schließt  sich  die  liberalistische.  Der  Großgrundbesitz  hatte  aufgehört,  die  wirtschaftlich
mächtigste  Klasse  im  Staate  zu  sein,  damit  fiel  auch  die  feudale  Organisation  der  Landwirtschaft, ­
  die  Leibeigenschaft  wurde  aufgehoben,  die  Grundlasten,  und  Fronden  abgelöst, ­
  die  Frciteilbarkeit  und  die  freie  Veräußerung  des  Grundes  und  Bodens  anerkannt.
Auch  das  besondere  bäuerliche  Erbrecht,  das  die  Nachfolge  eines  Haupterben  in  den  Besitz
des  Hofes  sicherte,  wurde  in  den  meisten  Ländern  beseitigt,  und  war  in  älterer  Zeit  das
gesamte  Rechtsleben  von  agrarischen  Anschauungen  beherrscht,  so  werden  jetzt  auch  für
die  Ordnung  der  landwirtschaftlichen  Verhältnisse  Rechtsanschauungen  maßgebend,  die
dem  Verkehrsleben  des  Kapital  besitzenden  Bürgertums  entspringen.  Die  Auflösung  der
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Die  Weltwirtschaft.

Bauernhufen  in  Zwergwirtschaften,  die  ihren  Besitzer  nicht  zu  ernähren  vermögen  und
ihn  zwingen,  als  Tagelöhner  oder  im  Gewerbe  einen  Nebenberuf  zu  suche»,  die  steigende
Verschuldung  des  Grundbesitzes,  die  an  Stelle  der  alten  Grundlasten  eine  moderne  Schuldknechtschaft ­
  setzt,  sind  unerwünschte  Folgen,  die  sich  für  den  Grundbesitz  aus  dieser  Umwälzung ­
  im  Rechtsleben  da  und  dort  einstellen.  Auf  gewerblichem  Gebiete  beseitigte
die  liberale  Gesetzgebung  die  Reglements  und  Ordnungen,  welche  der  absolute  Staat
geschaffen  hatte,  ebenso  wie  die  noch  bestehenden  Reste  der  zünftigen  Handwerksverfassung
aus  den  Zeiten  der  Stadtwirtschaft.  Die  Zünfte  und  Innungen  werden  aufgehoben  oder
doch  ihres  Zwangscharakters  entkleidet,  der  Antritt  und  Betrieb  eines  Gewerbes  durch
Einführung  der  Gewerbefreiheit  jedermann  zugänglich  gemacht.  Die  Enthaltung  des
Staates  von  jeder  Einmischung  in  das  Gewerbsleben,  die  ungehemmte  Entfaltung  der
freien  Konkurrenz  werden  zum  Grundsatz  der  Wirtschaftsgesetzgebung.
Entsprechend  diesem  Grundsätze  hört  auch  die  staatliche  Regelung  des  Arbeitsverhältnisses ­
  ans.  Das  Verhältnis  zwischen  Arbeitsgeber  und  Arbeitsnehmer  wird  als
ein  reines  Vertragsverhältnis  anerkannt,  in  das  der  Staat  sich  nicht  einzumischen
hat.  Die  Arbeit  wird  als  eine  Ware  erklärt,  deren  Preis  so  gut  wie  der  einer  jeden
anderen  Ware,  durch  die  freie  Konkurrenz,  durch  Angebot  und  Nachfrage,  bestimmt
werden  soll.  Man  übersah  jedoch  dabei  den  Unterschied,  der  zwischen  der  Ware  „Arbeit"  und
allen  anderen  Waren,  und  zwischen  dem  sie  zum  Kaufe  anbietenden  Arbeiter  und  allen  anderen
Warenverkänfern  besteht.  Wer  seine  Arbeit  verkauft,  muß  notwendig  dem  Käufer  ein
gewisses  Verfügungsrecht  über  seine  Person  einräumen,  auf  einen  Teil  seiner  persönlichen
Freiheit  verzichten  und  sich  den  äußeren  Bedingungen  unterwerfen,  die  ihm  der  Arbeitgeber ­
  auferlegt.  Er  muß  die  Gefahr  für  Leben  und  Gesundheit  auf  sich  nehmen,  die
die  Art  der  Beschäftigung,  die  Beschaffenheit  der  Werkräume,  das  Fehlen  von  Schutzvorkehrungen
  in  gefährlichen  Betrieben  mit  sich  bringen.  Er  kann  ferner  nicht  wie  ein
anderer  Warenverkäufer  mit  dem  Angebot  seiner  Ware,  der  Arbeit,  warten,  bis  eine
günstigere  Marktlage  ihm  die  Erzielung  eines  entsprechenden  Preises  dafür  ermöglicht,
sondern  er  muß  sie  fortwährend  feilbieten,  weil  sie  die  einzige  Quelle  seines  Lebensunterhaltes ­
  ist,  selbst  auf  die  Gefahr  hin,  seinen  und  seiner  Arbeitsgenossen  Lohn  dadurch
herunter  zu  drücken;  daher  schließt  die  rechtliche  Anerkennung  der  Gleichberechtigung
des  Arbeiters  beim  Abschluß  des  Arbeitsvertrages  noch  nicht  die  thatsächliche  in  sich.
Tritt  er  vereinzelt  dem  Arbeitgeber  gegenüber,  so  muß  er,  weil  besitzlos  und  auf  die
fortwährende  Verwertung  seiner  Arbeitskräfte  angewiesen,  sich  den  Bedingungen  unterwerfen, ­
  die  der  Arbeitgeber  ihm  stellt.  Erst  die  Bildung  von  Vereinigungen  (Gewerkschaften, ­
  Mucks-unions),  die  den  Arbeiter  in  den  Stand  setzen,  mit  dem  Ausgebot
seiner  Arbeit  zu  warten,  bis  ihm  der  entsprechende  Preis  geboten  wird,  und  auf  dieser
Grundlage  für  die  gesamten  Arbeiter  einer  Industrie  die  Vereinbarung  der  Arbeitsbedingungen ­
  mit  dem  Arbeitgeber  übernehmen,  vermag  den  Arbeiter  auch  thatsächlich  zu
einem  gleichwertigen  Kontrahenten  zu  machen.  Die  Entstehung  solcher  Vereinigungen
ist  zugleich  die  Voraussetzung  eines  ergänzenden  Eingreifens  des  Staates,  indem  sie  bestehende ­
  Übelstände  aufdecken,  die  Forderungen  der  Arbeiter  formulieren  und  vertreten
und  so  die  Erlassung  staatlicher  Vorschriften  über  die  Beschaffenheit  der  Arbeitsräume,
über  die  Verhütung  von  Unfällen,  über  die  Beschäftigung  von  Frauen  und  Kindern,  die
durch  eigene  Organisation  eine  Besserung  ihrer  Lage  sich  nicht  erkämpfen  können,  anregen
und  die  Durchführung  dieser  Anordnungen  erleichtern.  Nach  beiden  Richtungen  hin  verhielt ­
  sich  die  liberalistische  Gesetzgebung  ablehnend.  Die  Koalition  der  Arbeiter  widersprach
ihrem  Grundsätze  des  unbeschrankten,  freien  Wettbewerbes,  die  Erlassung  von  Arbeiterschntzgesetzen
  dem  Grundsätze  der  Nichteinmischung  des  Staates.  Erst  langjährige  soziale
Kämpfe  führten  zur  Anerkennung  der  Koalitionsfreiheit  des  Arbeiters  und  zur  Erlassung
von  Arbeiterschutzgesetzen,  zunächst  in  England,  dann  auch  in  den  übrigen  Ländern.
Wie  die  innere  Wirtschaftspolitik,  so  war  auch  die  Handelspolitik  der  Staaten
nach  außen  von  den  liberalistischen  Anschauungen  der  physiokratischen  Lehre  durchdrungen.
Strebte  man  früher,  durch  Prohibitivzölle  und  Einfuhrsverbote  die  fremde  Konkurrenz
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auszuschließen  und  den  Staat  zu  einem  selbständigen  Wirtschaftsgebiete  zu  machen,  das
alles  Notwendige  innerhalb  seiner  eigenen  Grenzen  hervorbringt,  so  ging  man  jetzt  von
dem  Grundsätze  aus,  daß  vernünftigerweise  jedes  Land  sich  auf  die  Hervorbriugung  jener
Erzeugnisse  werfen  solle,  aus  die  es  seiner  Natur  nach  angewiesen  ist.  Der  Grundsatz
der  internationalen  Arbeitsteilung  und  des  wechselseitigen  Austausches  der  Produkte  beherrschte ­
  unter  dem  Schlagworte  des  Freihandels  die  Handelspolitik  der  Staaten  um
die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts.  Ein  neues  Zeitalter  schien  angebrochen,  das  der
Weltwirtschaft.  Die  ungeahnte  Entwickelung,  die  das  Verkehrswesen  durch  Eisenbahn
und  Dampfschiffahrt  nahm,  schien  diese  Entwickelung  zu  fördern.  Gleichzeitig  erlitt  die
industrielle  Produktion  durch  eine  Reihe  von  Erfindungen  auf  dem  Gebiete  des  Maschinenwesens ­
  und  durch  Dienstbarmachung  der  Dampfkraft  eine  tiefgreifende  Umwälzung,  der
fabriksmäßige  Großbetrieb  wurde  die  herrschende  Betriebsform.  Ihren  Ausgang  nahm
diese  Entwickelung  von  England,  das  dank  seiner  insularen  Lage  von  den  das  Festland
durchtobenden  Kriegsstürmen  verschont  geblieben  war,  ja  durch  eine  Erweiterung  seines
Kolonialbesitzes  aus  denselben  nur  neue  Kräfte  gezogen  hatte  und  jetzt  allen  anderen
Staaten  in  der  Entwickelung  voraneilte.  Es  schien  zur  Zentralwerkstätte  der  Welt  geworden ­
  zu  sein.  Bald  war  seine  Landwirtschaft  nicht  mehr  imstande,  die  infolge  der
industriellen  Entwickelung  rasch  wachsende  Bevölkerung  zu  ernähren.  Es  wurde  daraus
angewiesen,  einen  Teil  seines  Getreidebedarses  regelmäßig  von  außen  einzuführen.  Mit
der  Vielseitigkeit  und  dem  Umfange  seiner  Industrie  stieg  gleichzeitig  sein  Bedarf  an
fremden  Rohstoffen,  und  den  Gegenwert  für  diese  massenhafte  Einfuhr  mußte  es  in  der
Ausfuhr  seiner  Jndustrieprodukte  suchen.  Dieser  Umstand  und  der  Vorsprung,  den  es
in  industrieller  Beziehung  vor  den  übrigen  Staaten  erlangt  hatte,  machte  es  zum  naturgemäßeu
  Vertreter  des  Freihandels,  denn  er  bedeutete  für  England  den  ungehinderten
Absatz  seiner  überlegenen  Industrie  ins  Ausland  und  den  ungehinderten  Bezug  von
Nahrungsmitteln  und  Rohstoffen.
Mittlerweile  hatte  sich  jedoch  auf  dem  Fcstlande  ein  Umschlag  in  den  Verhältnissen
vorbereitet.  Die  lange  Friedensperiode  in  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrh,  hatte  in  den
festländischen  Staaten  zu  einer  Erstarkung  ihrer  eigenen  Volkswirtschaft  geführt.  Die
nationale  Idee,  geboren  unter  dem  Donner  der  Napoleonischen  Kriege,  empfing  eine
mächtige  Förderung  aus  der  Erkenntnis,  daß  die  kleinen  Splitterstaaten,  in  welche  die
bis  dahin  noch  nicht  national  geeinten  Völker  zerfielen,  den  großen  wirtschaftlichen  Aufgaben ­
  der  neuen  Zeit  nicht  gewachsen  seien.  Man  wies  darauf  hin,  daß  der  Freihandel
wohl  für  das  vorgeschrittene  England,  nicht  aber  für  die  zurückgebliebenen  Staaten  des
Festlandes  die  angemessene  Handelspolitik  sei,  mau  verlangte  die  Bildung  eines  großen
deutschen  Wirtschaftsgebietes,  als  der  ersten  Voraussetzung  einer  kräftigen  Entwickelung
der  deutschen  Volkswirtschaft,  und  die  Rückkehr  zu  einem  System  des  Schutzzolles  gegen
die  übermächtige  Industrie  Englands,  deren  Konkurrenz  die  Entfaltung  einer  heimischen
Industrie  in  den  übrigen  Staaten  unmöglich  machte.  Der  erste  Ausdruck  dieser  Bestrebung ­
  war  die  Bildung  des  deutschen  Zollvereins.  Es  folgte  in  den  Jahren  1866
und  1871  die  politische  Einigung  Deutschlands  und  Italiens.
Damit  beginnt  ein  neuer  Abschnitt  zunächst  für  die  wirtschaftliche  Entwickelung
dieser  Länder,  weiterhin  aber  für  die  Volkswirtschaft  überhaupt.  Der  Bestand  einer
starken  Zentralgewalt  im  nationalen  Einheitsstaat,  welche  volle  Machtentfaltung  nach
außen,  stetige  Entwickelung  im  Inneren  sicher  stellt,  war  die  Grundlage  der  wirtschaftlichen
Blüte  in  Frankreich  und  England.  Verspätet  war  diese  Grundlage  jetzt  auch  in  Deutschland ­
  und  Italien  geschaffen  worden,  und  in  Deutschland  war  damit  der  plötzliche  Aufstieg ­
  zu  einer  Machtstellung  ersten  Ranges  verbunden.  Naturgemäß  suchte  man  nunmehr
auch  auf  wirtschaftlichem  Gebiete  das  Versäumte  nachzuholen.  Anfänglich  widerstrebend
begann  man  auf  die  Mittel  der  merkantilistischen  Politik  teilweise  zurückzugreifen.  Wollte
man  die  eigene  Industrie  entwickeln,  so  war  ihr  Schutz  gegen  die  Konkurrenz  der  vorgeschrittenen ­
  Industriestaaten  des  Westens,  vor  allen  Englands,  ein  unerläßliches  Gebot
der  Notwendigkeit.  Nach  derselben  Richtung  hin  drängte  die  von  dem  Wettbewerbe  der
111*
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Die  Weltwirtschaft.

überseeischen  Getreideproduktion  bedrückte  Landwirtschaft.  Deutschland  ging  zu  einer
Schutzzollpolitik  über,  und  dasselbe  geschah  in  den  übrigen  Festlandsstaaten  von
Europa.  Gleichzeitig  begannen  die  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  die
Monroe-Doktrin,  die  in  dem  Schlagworte  „Amerika  den  Amerikanern"  gipfelt,  vom
politischen  auf  das  wirtschaftliche  Gebiet  zu  übertragen,  durch  hohe  Schutzzölle  den  nordamerikanischen ­
  Markt  gegen  die  ausländische  Einfuhr  abzuschließen  und  die  Herstellung
enger  Beziehungen  zu  den  übrigen  amerikanischen  Staaten  zu  einem  bleibenden  Grundsatz ­
  ihrer  Politik  zu  machen.  England,  das  sich  durch  diese  Abschließungsmaßregeln
der  anderen  Staaten  in  dem  Absätze  seiner  Jndustrieerzeugnisse  bedroht  sah,  wurde
hierdurch  mehr  als  bisher  auf  seine  kolonialen  Märkte  hingewiesen,  und  fast  gleichzeitig
mit  den  zollpolitischen  Schutzmaßnahmen  der  europäischen  Staaten  taucht  in  England
der  Gedanke  auf,  das  vereinigte  Königreich  mit  seinen  Kolonien  zu  einem  großen,  dem
Auslande  gegenüber  sich  abschließenden  Wirtschaftsgebiete  zu  machen;  die  Kolonien  sollen
die  bevorzugten  Lieferanten  für  den  Bedarf  des  Mutterlandes  an  Nahrungsmitteln  und
Rohstoffen  werden  und  einen  geschützten  Markt  für  den  Absatz  der  englischen  Jndustrieerzeugnisse ­
  bilden.  Daher  ist  die  englische  Politik  in  den  letzten  Jahrzehnten  von  dem
Bestreben  getragen,  den  englischen  Kolonialbesitz  zu  sichern  und  zu  erweitern.  Die  Besetzung ­
  von  Cypern  und  Ägypten,  die  Ausbreitung  des  Kolonialbesitzes  in  Ostafrika  und
am  Niger,  der  Sudanfeldzug,  die  Einverleibung  des  inneren  Südafrika  bis  an  die
Grenzen  des  Kongostaates  und  die  Gewaltpolitik,  die  gegen  die  beiden  Bnrenrepubliken
eingeschlagen  wurde,  sind  Glieder  einer  Kette  von  Maßnahmen,  die  alle  auf  dasselbe
Ziel  hinauslaufen.  Zn  immer  energischerem  Ausgreifen  wurde  diese  Politik  angespornt
durch  die  wirtschaftlichen  Fortschritte  Deutschlands  und  die  politischen  Errungenschaften ­
  Rußlands  in  Asien.  Unter  dem  Schutze  der  von  Bismarck  eingeleiteten ­
  Zollpolitik  war  die  deutsche  Industrie  zu  einer  auf  vielen  Gebieten  ebenbürtigen,
auf  manchen  sogar  überlegenen  Konkurrentin  der  englischen  emporgewachsen,  bedrohlich
schob  sich  der  deutsche  Handel  an  den  englischen  heran,  neben  ihm  die  zweite  Stelle  im
Weltverkehr  einnehmend.  Die  Entstehung  deutscher  Kolonien  in  Afrika  ließ  England
fürchten,  in  diesem  Weltteil  politisch  überholt  zu  werden,  und  gestützt  auf  seine  zur  Zeit
noch  überlegene  Seemacht,  trachtete  es,  ihm  bei  Zeiten  durch  Einverleibung  weiter
Landesstrecken  in  seinen  Schutzbereich  einen  Riegel  vorzuschieben.  Dem  Vordringen  des
deutschen  Handels  auf  seinem  Kolonialmarkte  suchte  es  durch  das  Warenbezeichnungsgesetz ­
  entgegenzutreten,  und  die  Weigerung,  in  einen  neuen  Handelsvertrag  die  Bestimmung
wieder  aufzunehmen,  daß  die  deutsche  Ausfuhr  in  die  englischen  Kolonien  dieselben  Vorteile ­
  wie  die  englische  genießen  soll,  läßt  das  Hinstreben  nach  einem  engeren  wirtschaftlichen ­
  Zusammenschluß  mit  den  Kolonien  klar  als  das  Ziel  der  englischen  Politik  hervortreten. ­
  Thatsächlich  hat  seither  bereits  Kanada  der  englischen  Einfuhr  günstigere  Zölle
eingeräumt  als  jener  aller  übrigen  Staaten,  und  auch  in  Australien  ist  bei  dem  jüngst
erfolgten  Zusammenschluß  der  dortigen  Kolonien  zu  einer  Zollunion  ein  gleiches  Vorgehen ­
  wenigstens  in  Betracht  gezogen  worden.  Wie  durch  Deutschland  in  seiner  wirtschaftlichen, ­
  sieht  Großbritannien  durch  Rußland  sich  in  seiner  politischen  Weltstellung
bedroht.  Die  bedenkliche  Annäherung  der  Grenzen  des  russischen  Besitzes  in  Zentralasien
an  Indien,  den  Schlüssel  der  englischen  Weltmacht,  das  russische  Vordringen  in  Persien,
wo  es  bereits  in  das  englische  Einflnßgebiet  am  Persischen  Meerbusen  überzugreifen  beginnt, ­
  die  Ausbreitung  seines  Machtgebietes  im  nördlichen  China  und  an  den  Küsten
des  Stillen  Ozeans  sind  für  England  um  so  bedeutungsvoller  geworden,  als  Rußland
durch  die  Vervollkommnung  seines  europäischen  Bahnnetzes  und  durch  den  Ausbau  der
sibirischen  und  transkaspischen  Bahnen  die  Schwäche  beseitigt  hat,  die  in  der  ungeheuren
Ausdehnung  seines  Reiches  gelegen  war.
Aber  nicht  nur  gegen  England  richtet  sich  die  aus  dem  Wachstum  des  russischen  Weltreiches ­
  entspringende  Gefahr.  Nach  einer  Periode  gemäßigter  Schutzzölle  seit  ungefähr
20  Jahren  zu  einem  Prohibitivzollsystem  zurückgekehrt,  stellt  Rußland  heute  schon  ein  einheitliches ­
  Wirtschaftsgebiet  von  ungeheuerer  Ausdehnung  dar,  das  seiner  wachsenden
        <pb n="845" />
        885

Die  Volkswirtschaft.

Bevölkerung  noch  ungeheuere  Flächen  produktiven  Bodens  offen  hält  und  durch  die  fortschreitende ­
  Einverleibung  tropischer  und  subtropischer  Gebiete,  die  mit  seinem  Vordringen
in  Persien  und  im  südlichen  Zentralasien  erfolgt,  allmählich  die  Bedingungen  völliger
Geschlossenheit  sich  schafft.
Endlich  hat  auch  Frankreich  durch  die  von  Deutschland  zeitweise  sogar  begünstigte
Vermehrung  seines  Kolonialbesitzes  in  Jndochina  und  namentlich  in  Afrika  ein  großes
Kolonialreich  sich  angegliedert  und  auch  in  seiner  Handelspolitik  eine  Richtung  eingeschlagen,
die  in  ähnlicher  Richtung  sich  bewegt,  wie  jene  der  anderen  großen  Kolonialmächte.
So  ist  die  Periode  des  Freihandels,  die  eine  Zeit  lang  auf  den  Ersatz  der
Volkswirtschaft  durch  die  Weltwirtschaft  hinauszulaufen  schien,  abgelöst  worden  durch
eine  Periode  der  Bildung  großer  nationaler  Wirtschaftsgebiete.  Die  Bestrebungen ­
  des  als  jüngstes  Glied  in  die  Reihe  der  Weltmächte  eingetretenen  Deutschen
Reiches  nach  Mehrung  seines  überseeischen  Besitzes  und  nach  Gewinnung  einer  Einflußsphäre ­
  in  Vorderasien,  die  durch  den  Bau  der  deutschen  Bagdadbahn  verheißungsvoll
eingeleitet  wurde,  ist  ein  weiterer  Ausfluß  dieser  Entwickelung,  ebenso  wie  die  immer
wieder  auftauchenden  Bestrebungen,  durch  einen  handelspolitischen  Zusammenschluß
der  mitteleuropäischen  Staaten  (Österreich-Ungarn,  Italien,  Schweiz,  Belgien,
Holland)  und  der  Balkanländer  mit  Deutschland  den  Wirtschaftsgebieten  der  großen
Kolonialmächte  ein  geschlossenes  zentraleuropäisches  Wirtschaftsgebiet  gegenüber  zu  setzen.
Aber  auch  in  einer  veränderten  Richtung  der  inneren  Wirtschaftspolitik
der  Staaten  kennzeichnet  sich  der  Anbruch  einer  neuen  Periode  der  Volkswirtschaft.
Ihren  Ausgangspunkt  nimmt  diese  Entwickelung  auf  sozialem  Gebiete.  Von
England  aus  bricht  sich  die  Anerkennung  der  Koalitionsfreiheit  der  Arbeiter  Bahn;
das  Deutsche  Reich  geht  voran  mit  der  Einführung  der  staatlichen  Arbeiterversicherung, ­
  die  den  Arbeiter  für  den  Fall  der  Arbeitsunfähigkeit,  trete  sie  nun  durch  Krankheit, ­
  Unfall,  Invalidität  oder  Alter  ein,  von  der  Sorge  um  den  Lebensunterhalt  befreit.*)
Gleich  großartig  in  seinem  Grundgedanken  wie  in  seiner  Durchführung,  enthält  die
deutsche  Arbeiterversicherungsgesetzgebung  die  Anerkennung  einer  Verpflichtung  des  Staates
zur  Fürsorge  für  den  erwerbsunfähig  gewordenen  Arbeiter,  der  die  Unterstützung  jetzt
nicht  mehr  in  der  entwürdigenden  und  ungenügenden  Form  des  Almosens,  sondern
auf  Grund  eines  erworbenen  Rechtes  empfängt.  Bon  Deutschland  ausgehend  hat  sich
dieser  Gedanke  in  allen  Kulturstaaten  Geltung  zu  verschaffen  gewußt.  Ähnliche  Gesetze ­
  sind  in  anderen  Staaten  zum  Teil  bereits  beschlossen,  zum  Teil  in  Vorbereitung,
und  sogar  in  England,  das  am  längsten  sich  der  staatlichen  Organisation  der  Arbeiterversicherung
  gegenüber  ablehnend  verhielt,  denkt  man  bereits  an  ein  staatliches  Eingreifen ­
  in  der  Frage  der  Alters-  und  Jnvaliditätsversorgung.  Auch  die  Erlassung
von  Arbeiterschutzvorschriften,  die  sich  auf  die  Dauer  der  Beschäftigung,  auf  die
Zulassung  der  Frauen-  und  Kinderarbeit,  auf  die  Beschaffenheit  der  Werkräume  und  die
Fernhaltung  gesundheitsschädlicher  Einflüsse  beziehen,  ist  in  allen  Staaten  zu  einem
Gegenstand  gesetzlicher  Regelung  geworden,  so  daß  der  Grundsatz  der  Nichteinmischung
des  Staates  in  das  gewerbliche  Arbeitsverhältnis  heute  fast  überall  verlassen  erscheint.
Ja  man  kann  im  Gegenteile  sagen,  daß  je  länger,  je  mehr  die  Verpflichtung  des  Staates
zu  einem  Eingreifen  in  die  sozialen  Verhältnisse  im  Sinne  einer  Besserung  der  Lage
des  Arbeiterstandes  überall  anerkannt  wird.
Eine  ähnliche  Veränderung  der  Anschauungen  vollzog  sich  auch  auf  anderem  Gebiete. ­
  Die  liberale  Doktrin  hatte  ebenso  wie  ein  Eingreifen  des  Staates  in  die  wirt-*)
  Die  Großartigkeit  dieses  Gesetzgebungswerkes  wird  am  besten  gekennzeichnet  durch
Zahlen.  Die  Zahl  der  Mitglieder  der  "  deutschen  Krankenkassen  beträgt  nicht  weniger  als
acht  Millionen,  die  Zahl  der  gegen  Unfall  versicherten  gewerblichen  und  landwirtschaftlichen  Arbeiter ­
  rund  18  Millionen;  die  ausgezahlten  Entschädigungsbeträge  und  Renten  beliefen  sich  bei
der  Unfallversicherung  im  Jahre  18%  auf  57  Millionen,  bei  der  Alters-  und  Invaliditäts-Versicherung
  auf  26  Millionen  Mark,  der  Vermvgensstand  der  Alters-  und  Jnvaliditätsversicherungsanstalten
  im  selben  Jahre  auf  460  Millionen  Mark,  die  Reservefonds  der  Unfallversicherung  auf
134  Millionen  Mark.
        <pb n="846" />
        886

Die  Weltwirtschaft.

schriftlichen  Verhältnisse,  auch  die  Entstehung  vonJnteressentenorganisationen  ausgeschlossen,
welche  durch  autonome  Regelung  den  freien  Wettbewerb  und  das  ungehemmte  Spiel  der
wirtschaftlichen  Kräfte  zu  beschränken  oder  auszuschließen  beabsichtigten.  Diese  Grundanschauung ­
  kam  schon  in  der  Feindschaft  der  liberalen  Gesetzgebung  gegen  die  Koalitionen
der  Arbeiter  zum  Ausdruck.  Sie  lief  gewissermaßen  auf  eine  Atomisierung  der  Gesellschaft ­
  hinaus.  Zweifellos  hatte  diese  Richtung  das  Gute,  daß  alte  und  überlebte  Organisationen ­
  zerschlagen  und  für  Neubildungen  Raum  geschaffen  wurde.  Diese  Neubildungen ­
  treten  jetzt  ans  Licht  und  erringen  sich  teils  Duldung,  teils  gesetzliche  Anerkennung.
Von  den  Koalitionen  der  Arbeiter  ist  bereits  gesprochen  worden.  Aber  auch  die  Industrie ­
  schafft  sich  in  Verbänden  und  Kartellen  ähnliche  Organe  der  Selbstverwaltung.
Durch  Regelung  der  Produktion  und  die  gemeinsame  Festsetzung  der  Warenpreise,  wie
sie  die  Kartelle  bezwecken,  soll  in  Zeiten  günstiger  Marktlage  eine  übermäßige  Ausdehnung
der  Produktion,  bei  rückläufiger  Konjunktur  ein  regelloses  Unterbieten,  Preissturz  und
Krisen  verhindert  werden,  und  man  kaun  nicht  leugnen,  daß  dieses  Ziel  durch  die  Kartelle
zum  großen  Teil  erreicht  worden  ist,  wenn  sie  auch  anderseits  zu  vielfachen  Mißbräuchen
führten.  Die  staatliche  Gesetzgebung  steht  hier  vor  einer  neuen  und  vorläufig  noch  ungelösten ­
  Aufgabe.
Ähnlich  wie  bei  den  Arbeitern  und  in  der  Industrie  treten  auch  bei  anderen  Berufsstäuden
  Organisatiousbestrebungen  zu  Tage,  teils  in  der  Absicht,  unmittelbar  durch  eigene
Thätigkeit  ein  wirtschaftliches  Ziel  zu  erreichen,  wie  die  zahlreichen  Vereinigungen  zu
genossenschaftlicher  Selbsthilfe,  teils,  um  den  Staat  zu  einem  gesetzgeberischen  Eingreifen
in  bestimmter  Richtung  zu  veranlassen,  wie  die  neuerwachte  Jnnungsbewegung  unter  den
Handwerkern.
Beständig  wachsen  durch  diese  neuen  Erscheinungen  auf  wirtschaftlichem  Gebiete  auch
die  Aufgaben  des  Staates.  In  immer  größerem  Umfange  wird  gleichzeitig  auch  sein
unmittelbares  Eingreifen  in  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  gefordert.  Auf  allen  Gebieten ­
  tritt  ein  Rückschlag  gegen  die  doktrinäre  Gleichmacherei  der  liberalen  Wirtschastsgesetzgebung
  ein,  welche  in  erster  Linie  den  Bedürfnissen  des  beweglichen  Kapitals  angepaßt ­
  war.  Die  Landwirtschaft  fordert  eine  ihren  Bedürfnissen  entsprechende  Ausgestaltung ­
  des  Agrarrechtes.  Ein  besonderes  bäuerliches  Erbrecht;  gesetzlicher  Schutz  gegen
die  Überschuldung  und  Zersplitterung  der  Bauerngüter,  wie  gegen  ihre  Aufsaugung
durch  Latifundien;  staatliche  Maßnahmen  zur  Zerlegung  von  Großgütern  in  Bauernhufen
(innere  Kolonisation);  eine  Reform  des  landwirtschaftlichen  Kreditwesens  werden  von  der
Gesetzgebung  zum  Teil  verlangt,  zum  Teil  gewährt.
Auf  gewerblichem  Gebiete  wird  der  Staat  zum  Eingreifen  gegen  die  Auswüchse
der  Spekulation,  gegen  den  unlauteren  Wettbewerb,  zu  Maßnahmen,  welche  die  Weiterentwickelung ­
  bestimmter  Betriebsformen,  wie  z.  B.  des  Kleingewerbes  und  des  Detailhandels ­
  beeinflussen  sollen,  gedrängt,  ja  er  beginnt,  einzelne  für  die  Allgemeinheit  besonders ­
  wichtige  Wirtschaftszweige  allmählich  in  die  eigene  Verwaltung  zu  übernehmen,
wie  die  teils  vollzogene,  teils  noch  erstrebte  Verstaatlichung  der  Verkehrsanstalten,  des
Versicherungs-  und  Bankwesens  zeigt.
All  dies  deutet  darauf  hin,  daß  wir  im  Beginne  einer  dritten  Periode  der
Volkswirtschaft  stehen,  welche  sich  von  den  beiden  vorangegangenen,  der  merkautilistischen
und  liberalistischen,  wesentlich  unterscheidet;  man  könnte  sie  die  nationale  Periode
nennen,  weil  sie  unter  dem  Zeichen  der  Bildung  großer,  national  abgegrenzter  Wirtschaftsgebiete ­
  steht.  Man  könnte  sie  aber  mit  demselben  Rechte  auch  als  eine  soziale
bezeichnen,  weil  es  sich  in  unserer  Zeit,  wie  Bücher  schön  sagt,  „nicht  mehr  bloß  um
möglichst  felbständige  und  reichliche  Deckung  der  nationalen  Bedürfnisse  durch  nationale
Produktion,  sondern  um  gerechte  Güterverteilung,  um  eigene  gemeinwirtschaftliche  Bethätigung ­
  des  Staates  mit  dem  Ziele  handelt,  alle  seine  Angehörigen  nach  ihren  wirtschaftlichen ­
  Leistungen  an  den  Gütern  der  Kultur  zu  beteiligen".  Sozialer  Fortfchritt
  im  nationalen  Staat,  das  ist  die  Richtung  der  Entwickelung,  welche  für  die
Zukunft  uns  vorgezeichnet  ist.
        <pb n="847" />
        Die  Volkswirtschaft  von  heute.

887

Volks-  und  Weltwirtschaft  von  heule.
Allgemeines.
Das  Bild  des  wirtschaftlichen  Entwickelungsganges  der  Menschheit,  wie  es  der  vorangegangene ­
  Abschnitt  zu  entwerfen  versucht,  bedarf  einer  Ergänzung  durch  eine  Darstellung ­
  der  in  der  Gegenwart  wirksamen  wirtschaftlichen  Kräfte.  Diese  Darstellung  wird
zunächst  ausgehen  müssen  von  einer  Übersicht  über  die  Ausdehnung  und  die  Bevölkerung
der  einzelnen  Staaten.  Denn  wie  der  Boden  die  Grundlage  aller  Wirtschaft,  so  ist  der
Anteil  der  einzelnen  Völker  an  der  bewohnten  Erdoberfläche  eine  der  grundlegenden  Voraussetzungen ­
  für  ihre  weitere  Entwickelung  und  dies  in  um  so  höherem  Grade,  je  mehr
die  Entwickelung  auf  die  Bildung  großer  selbständiger  Wirtschaftsgebiete  und  auf  die
wirtschaftliche  Abschließung  der  Nationen  von  einander  hingeht.  Der  Landbesitz  eines
Volkes  bildet  gewissermaßen  den  äußeren  Rahmen  für  die  Weiterentfaltung  seiner  wirtschaftlichen ­
  Kräfte,  den  freien  Ellbogenraum,  den  es  sich  im  Wettbewerb  der  Völker  für
die  Zukunft  vorweg  gesichert  hat,  vorausgesetzt,  daß  es  auch  die  Kraft  besitzt,  ihn  gegen
die  andringenden  Nebenbuhler  zu  behaupten.
Den  Maßstab  für  das  Vorhandensein  dieser  Kraft,  für  die  Fähigkeit  eines  Volkes,
sein  äußeres  Machtgebiet  sich  nutzbar  zu  machen,  es  zu  behaupten  und  zu  erweitern,
bildet  zunächst  die  Größe  und  die  Bewegung  der  Bevölkerung,  sowie  anderseits ­
  die  Art  ihrer  beruflichen  Gliederung  ein  Bild  feiner  wirtschaftlichen  Eigenart ­
  liefert.
Vervollständigt  wird  dieses  von  der  Betriebsstatistik,  welche  die  in  den  landwirtschaftlichen ­
  und  gewerblichen  Betrieben  vollzogene  Vereinigung  der  sachlichen  und  persönlichen ­
  Produktivkräfte  zur  Darstellung  bringt  und  hinüberleitet  gxtr,  SBefjjred&amp;amp;ung  der  Erzeugung ­
  und  des  Verbrauches  der  wichtigsten  Welthandelsgüter  und  der  Bedeutung,  welche
die  einzelnen  Produktionsländer  hiefür  besitzen.  An  diese  reiht  sich  naturgemäß  die
Darstellung  des  Güteraustausches  zwischen  den  verschiedenen  Produktionsgebieten  des
Welthandels  und  der  Stellung,  welche  die  verschiedenen  Völker  darin  einnehmen.  Zum
Schlüsse  soll  versucht  werden,  das  Ergebnis,  das  die  wirtschaftliche  Thätigkeit  für  ihren
Wohlstand,  für  die  Höhe  des  Volkseinkommens  und  Volksvermögens  in  den  einzelnen ­
  Ländern  hatte,  übersichtlich  zur  Darstellung  zu  bringen.
Boden  und  Bevölkerung.
Flächeninhalt  und  Bevölkerung  der  einzelnen  Staaten.
Die  jüngsten  Zählungen  und  Schätzungen  ergeben  für  die  einzelnen  Staaten  und
die  von  ihnen  beherrschten  Gebiete  die  in  der  auf  S.  888  bis  891  folgenden  Tabelle
zusammengestellten  Zahlen.
Diese  Ziffern  reden  eine  eindringliche  Sprache.  Sie  sind  ein  Beleg  für  das,  was
in  dem  vorangegangenen  Abschnitte  über  die  Bildung  großer  Wirtschaftsgebiete,  über  die
Macht-  und  Wirtschaftspolitik  der  großen  Weltmächte  gesagt  wurde.
An  der  Spitze  aller  Knlturstaaten  steht  in  Bezug  auf  die  Ausdehnung  seines  Machtkreises ­
  England;  rund  ein  Viertel  der  bewohnten  Erde  und  ein  noch  größerer  Teil  ihrer
Belvohnerschaft  —  einschließlich  Ägyptens  und  des  Sudans  25,7%  —  gehören  dem
britischen  Weltreiche  an.  Während  die  englischen  Staatsmänner  in  ihren  Reden  beteuerten, ­
  daß  „der  Grundzug  der  englischen  Politik  ein  strenger  Konservatismus  sei,
tveil  England  wünsche,  daß  die  Dinge  so  verbleiben,  wie  sie  sind,  weil  es  nach  außen
hin  nichts  begehre",  hat  das  britische  Reich  seinen  Gebietsumfaog  seit  1866  von
12,8  auf  32,17  oder  mit  Einrechnnng  Ägyptens  und  des  Sudans  sogar  auf  34,ie  Millionen
Geviertkilometer  ausgedehnt.  Scheinbar  war  es  ein  friedliches  Wachstum  und  thatsächlich
geschah  es  ohne  Zusammenstoß  mit  einer  gesitteten  Macht,  durch  Verträge  mit  Barbarenstaaten, ­
  hei  deren  Abschluß  allerdings  dann  und  wann  mit  sanfter  Gewalt  nachgeholfen
        <pb n="848" />
        888

Die  Weltwirtschaft.

Staaten  und  Länder

Flächeninhalt
in  Quadratkilometer ­


Einwohnerzahl ­


»  a
g  ¿4
f  D
®  ¥

A.  Europa  samt  den  Hrschungrii  der  europäischen  Ztaateu

82  638  423

837  888  000

11,2

I.  Britisches  Reich

32  175  291

412  466  000

12,8

1.  Großbritannien  und  Irland

314  628

40  189  000

127

2.  Auswärtige  Besitzungen  und  Schutzgebiete  .  .

31  860  663

372  277  000

11,3

Besitz  ini  mittelländischen  Meere  (Gibraltar,
Malta  und  Cypernl

9  929

409  000

41

Kaiserreich  Indien

4  597  418

291  000  000

63

Ceylon

65  690

3  008  000

46

Besitzungen  in  Hinterindien

92  359

1  232  000

13,3

Hongkong

76

245  000

3224

Britisch-Borneo

396  838

551  000

1,4

zusammen  Besitzungen  in  Asien

5  152  381

296  036  000

57,4

Britisch  Westafrika  und  Niger-Territorien  .  .

1  165  000

36  730  000

31,5

Capland  und  Natal  mit  Britisch  Süd-  und
Zentralafrika

3  454  700

6  430  000

1,8

Britisch  Ostafrika  und  Somaliküste  ....

2  780  579

20  160  000

7

Mauritius  und  andere  Inseln

2  731

402  000

147

zusammen  Besitzungen  in  Afrika

7  403  010

63  722  000

5,2

Arktisches  Nordamerika

1  301  000

?

?

Kanada

9  340  880

4  838  000

0,6

Neufundland  mit  Labrador

109  300

202  000

0,5

Britische  Besitzungen  in  Westindien  und  auf
dem  Festlande  von  Mittel-  und  Südamerika

298  157

1  835  000

6,1

zusammen  Besitzungen  in  Amerika

11  049  337

6  870  000

?

Festland  von  Australien

7  856  999

4  060  000

0,5

Tasmanien

68  334

172  000

2,5

Neuseeland

270  899

743  000

2,7

Salomons-  und  Fidschiinseln,  andere  Besitzungen ­
  an  der  Südsee  und  zerstreute  Inseln

49  774

265  000

5,3

zusammen  Besitzungen  in  Australien

8  246  006

5  240  000

0,6

II.  Russisches  Reich

22  194  466

131  189  000

6

1.  Europäisches  Rußland

5  389  985

106  192  000

20

2.  Auswärtige  Besitzungen  und  Schutzgebiete.  .  .

16  804  481

24  997  000

1,5

Unmittelbarer  Besitz  in  Kaukasien,  Zentralasien ­
  und  Sibirien*)

16  508405*)

22  697  000

1,3

Chiwa

57  806

500  000

8,5

Buchara

238270

1  800  000

7,5

III.  Frankreich  und  die  französischen  Kolonien

9  006  521

86  342  000

9,3

1.  Frankreich

536  408

38  518  000

72

2.  Auswärtige  Besitzungen  und  Schutzgebiete  .  .

.8  470113

47  824  000

5,4

Borderindische  Besitzungen  und  Jndochina  .  .

895  919

24  829  000

28

Algerien

797  770

4  175  000

5,2

Tunesien

116  000

1  500  000

13

Senegambien,  Guinea,  französischer  Sudan  und
westliche  Sahara

4  659  800

7  053  000

1,5

Französischer  Kongo

1  287  000?

6  000  000

?

*)  Der  Flächeninhalt  des  Kaspischen  Meeres  und  des  Aralsees  von  506  000  □km  ist
hier  nicht  aufgenommen.
        <pb n="849" />
        Flächeninhalt  und  Bevölkerung  der  einzelnen  Staaten.

889

Staaten  und  Länder

Flächeninhalt
in  Quadratkilometer ­


Einwohnerzahl ­


r-.  g
f  a
&amp;amp;  ss

Obock

8  000

23  000

2,9

Madagaskar,  Reunion  und  benachbarte  Inseln

595  952

3  732  000

6,3

zusammen  Besitzungen  in  Afrika

7  464  522

22  483  000

3

Cayenne  und  französische  Antillen

81  992

417  000

5,0

Besitzungen  in  der  Südsee  n.  zerstreute  Inseln

27  680

95  000

3,4

IV.  Deutsches  Reich  und  seine  Besitzungen  .  .

3  145  055

67  641  000

20

1.  Deutsches  Reich

540  657

52  280  000

97

2.  Auswärtige  Besitzungen  und  Schutzgebiete  .  .

2  604  398

15  361  000

4

Kiautschou  (Pachtgebiet)

540

80  000

148

Togo

76  000

2  000  000

26

Kamerun  •

495  000

3  500  000

7

Deutsch-Südmestafrika

835  100

300  000

0,4

Deutsch-Ostafrika  .  .

941  100

9  000  000

3,2

zusammen  Besitzungen  in  Afrika  I

2  347  200

14  800  000

4,2

Kaiser-Wilhelmsland  (auf  Neuguinea)  .  .  .

181  650

110  000

06

Bismarck-Archipel

47  100

188  000

4

Nördliche  Salomo-Inseln

22  255

89  000

4

Marshall-Inseln

415

16  000

39

Karolinen  und  Marianen

2  590

46  000

18

Samoa-Inseln

2  648

32  000

12

zusammen  Besitzungen  in  Australien

256  658

481  000

1,9

V.  Niederlande  und  seine  Besitzungen  ....

2  078  694

40  343  000

19

1.  Niederlande

33  000

5  004  000

152

2.  Auswärtige  Besitzungen  und  Schutzgebiete  .  .

2  045  694

35  339  000

12

Niederländisch-Indien

1  518  260

34  962  000

23

Niederländisch  -  Westindien,  Guayana  ....

130  230

139  000

1

Niederländisch  Neuguinea

397  204

238  000

0,6

VI.  Belgien  und  Kongostaat

2  282  237

21  587  000

9,4

1.  Belgien  .  ...

29  457

6  587  000

224

2.  Kongostaat

2  252  780

15  000  000

6,6

VII.  Schweiz

41346

2  918  000

71

VIII.  Italien  und  seine  Besitzungen  .  .  .  ..

1  311589

31  890  000

24,3

1.  Italien
2.  Auswärtige  Besitzungen  und  Schutzgebiete  auf

286  589

31  290  000

109

Erythräa  und  Somalküste

1  025  000

600  000

0,6

IX.  Österreich-Ungarn

676  365

42  927  000

63,6

1.  Österreich

300  013

23  895  000

79

2.  Ungarn

325  324

17  464  000

54

3.  Bosnien  und  Herzegowina

51028

1  568  000

31

X.  Christliche  Balkanstaaten

350  182

13  735  000

39,2

1.  Rumänien

131  020

5  417  000

41

2.  Serbien

48  303

2  346  000

49

3.  Montenegro

9  080

228  000

25

4.  Griechenland

65  119

2  434  000

37

5.  Bulgarien  und  Ostrumelien

96  660

3  310  000

34

XL  Türkei  und  ihre  Besitzungen

5  060  817

40  217  000

8

1.  Europäische  Türkei  mitSandjakNowibazar  ».Kreta

178  518

6  259  000

35

2.  Auswärtige  Besitzungen  und  Schutzgebiete.  .  .

4  882  299

33  958  000
112

7
        <pb n="850" />
        890

Die  Weltwirtschaft.

Staaten  und  Länder

Flächeninhalt
in  Quadratkilometer ­


Einwohnerzahl ­


V»  Jj
f  D

Asiatische  Türkei

1  837  499

16  669  000

9,1

Ägypten  (ohne  ägyptisch  Arabien)  mit  den

Oasen  der  lybischen  Wüste*)

994  000

9  689  000

?

Ägyptischer  Sudan*)

1  000  000

6  600  000

6,6

Tripolitanien  und  Kufra-Oasen

1  050  800

1  000  00.0

?

XII.  Spanien

1  137  767

17  694  000

15,6

1.  Spanien  mit  Centa

497  244

17  269  000

35

2.  Auswärtige  Besitzungen

640  523

425  000

0,7

Kanarische  Inseln

7  273

292  000

40

Sonstige  afrikanische  Besitzungen

666  250

133  000

0,2

XIII.  Portugal

2  169  058

19  254  000

9

1.  Portugal  mit  den  Azoren

91342

4  916  000

54

2.  Auswärtige  Besitzungen  und  Schutzgebiete  .  .

2  077  716

14  338  000

6,9

Portugiesische  Besitzungen  in  Indien,  auf  den

Molukken  und  Macao

19  970

893  000

45

Portugiesisch  Guinea

37  000

180  000

4,9

Angola
Portugiesisch  Ostafrika

1  315  000

12  000  000

9.1

700  000

1  000  000

1,4

Madeira,  Kapverdische  Inseln,  Principe  und

Säo  Thomè

5  746

265  000

46

zusammen  Besitzungen  in  Afrika

2  057  746

13  445  000

6,6

XIV.  Dänemark  und  seine  Besitzungen.  .

232  860

2  432  000

10,4

1.  Dänemark

38  340

2  304  000

60

2.  Island  und  Farör

106  110

84  000

3.  Auswärtige  Besitzungen  und  Schutzgebiete  .  .

88  410

44  000

0,5

Grönland  (gletscherfreies  Gebiet)

88  100

11  000

0,1

Dänisch  Westindien

310

33  000

105

XV.  Skandinavien

772  878

6  998  000

9

1.  Norwegen

322  304

1  988  000

6,2

2.  Schweden

450  574

5  010  000

11

XVI.  Kleinere  Staaten

3  252

255  000

77,8

1.  Andorra

425

6  000

13

2.  Liechtenstein

159

9  000

59

3.  Luxemburg

2  587

218  000

84

4.  Monaco

22

13  000

616

5.  San  Marino

59

9  000

144

B.  Amerika

29  633  557

125  442  000

4,2

I.  Bereinigte  Staaten  von  Nordamerika

und  ihre  Besitzungen

9  644  648

72  517  000

7,6

1.  Vereinigte  Staaten

9  212  300

62  982  000

6,8

2.  Auswärtige  Besitzungen  und  Schutzgebiete  .  .

432  348

9  535  000

22

Cuba,  Puertorico  und  Virgininseln  ....

128  317

2  437  000

19

Hawaii  (Ozeanien)

17  710

109  000

6,2

Tutuila  (Samoa-Insel)

139

4  000

29

Philippinen  (Asien)

286  182

6  985  000

24

II.  Mexiko

1  987  324

12  620  000

6,4

*)  Heute  wohl  rechtlich  noch  ein  Teil  der  Türkei,  thatsächlich  unter  der  Herrschaft  Englands.
        <pb n="851" />
        ;

Flächeninhalt  und  Bevölkerung  der  einzelnen  Staaten.

alle  Länder  zusammen

132  894  000

891

Staaten  und  Länder

Flächeninhalt
in  Quadratkilometer ­


Einwohnerzahl ­


S  S
SS  ^
f  D
ö  I

III.  Zentral-Amerika

521  263

4  812  000

9,2

1.  Costarica

54  070

295  000

5,4

2.  Dominikanische  Republik

48  577

417  000

8,6

3.  Guatemala

125  100

1365  000

11

4.  Haiti

28  676

1  211  000

42

5.  Honduras

119  820

399  000

3,3

6  Nicaragua

123  950

321  000

2,6

7.  Salvador

21070

804  000

38

IV.  Süd-Amerika

17  480  322

35  493  000

2

1.  Argentinien

2  885  620

4  045  000

1,3

2.  Bolivia

1  334  200

2  000  000

1,5

3.  Brasilien

8  361  350

15  000  000

1,8

4.  Chile

776  118

2  983  000

3,8

5.  Colombia

1  203  100

3  321  000

2,8

6.  Ecuador

307  234

1  400  000

4,5

7.  Paraguay

253  100

480  000

1,9

8  Peru

1  137  000

3  000000

2,6

9.  Uruguay  ■

178  700

819  000

4,6

10.  Venezuela

1  043  900

2  445  000

2,3

0  Asien  (unabhängige  Gebiete)

17  069  706

446  891  000

26

1.  Arabien  (ohne  Oman  und  türkisches  Gebiet)  ....

2  290  000

1  100  000

0,5

2.  Oman

212  000

1  500  000

1,1

3.  Persien

1  645  000

9  000  000

4,7

4.  Afghanistan

550  000

5  000  000

9,1

5  Bhutan  und  Nepal

188  000

3  200  000

17

6.  China  mit  Nebenländern

10  925  000

367  300  000

34

7.  Korea

212  000

10  500  000

50

417  706

44  291  000

106

9.  Siam

630  000

5  000  000

7,19

D.  Afrika  (unabhängige  Gebiete)

3  538  370

19  229  000

5,4

1.  Oranje-Freistaat

131  070

220  000

1,7

2.  Südafrikanische  Republik

.  326  700

909  000

2,8

3.  Abessinien

540  000

4  500  000

8.3

4.  Wadai

450  000

2  500  000

5,7

5.  Kanem

57  000

100  000

1,8

6.  Bagirmi

184  000

1  500  000

8,2

7.  Liberia

37  300

1  000  000

27

8.  Sahara  (ohne  marokkanische  und  algerische  Sahara)  .

1  000  000

500  000

0,5

9.  Marokko  .

812  300

8  000  000

9,8

B.  Australien  und  Ozeanien

Unabhängige  Inselgruppen  in  der  Südsee  (Tonga,  Neue

Hebriden  und  andere)

14  368

112  200

8

Die  Süd-  und  Nordpolarländcr,  das  Innere  von  Grönland

und  einzelne  nicht  bewohnte  zerstreute  Inseln  mit  einem

Gesamtflächeninhalte  von  2940000  [U  km,  sowie  der

Flächeninhalt  des  Kaspischen  Meeres  und  des  Aralsees

von  506  000  km  sind  hier  nicht  eingerechnet.

1  529  862  000  11,5
112*
        <pb n="852" />
        892  Die  Weltwirtschaft.

wurde,  durch  kleine  Kolonialkämpfe,  Überfälle  und  Bombardements,  um  deren  Begründung
als  Maßnahmen  zur  Sicherung  des  friedlichen  Handels,  zur  Herstellung  geordneter  Zustände ­
  oder  zur  Hintanhaltung  feindlicher  Angriffe  gegen  die  alten  Grenzen  britischen
Gebietes  man  nicht  verlegen  war.  „Taschenkriege"  hat  Peez  diese  Kämpfe  treffend
genannt,  und  doch  war  der  Gewinn  Englands  aus  ihnen  ein  größerer,  als  der  Preis  der
blutigsten  Kriege,  welche  die  Festlandsvölker  in  diesem  Jahrhundert  unter  einander  geführt ­
  haben.  Sticht  nur  die  wertvollsten  Tropenländer,  sondern  auch  weite,  für  europäische
Ansiedelung  geeignete  Landstriche  gehören  zum  Riesenbesitz  des  britischen  Reiches.  An
allen  Küsten  hat  es  seine  Kriegshäfen  und  Flottenstationen,  die  wichtigsten  Straßen  des
Weltverkehrs  befinden  sich  in  seiner  Hand.
Den  zweiten  Platz  nimmt  Rußland  ein.  Es  umfaßt  in  Europa  und  Asien
22,ig  Millionen  Geviertkilometer,  das  ist  16,7°/ 0  der  bewohnten  Erdoberfläche,  mit
231  Millionen  Einwohnern,  und  unaufhaltsam  schiebt  es  die  Grenzen  seines  Einflußgebietes ­
  weiter  vor,  indem  es  Nordchina  einerseits,  Persien  anderseits  in  seinen  Machtkreis ­
  einzubeziehen  strebt.  Ihm  folgen  die  Nordamerikanische  Union  und  Frankreich  mit
seinen  Kolonien.  Erst  an  fünfter  Stelle  steht  Deutschland,  das  nach  der  Ausdehnung
und  Beschaffenheit  seines  Kolonialbesitzes  kaum  zu  den  „Größerstaaten"  zu  rechnen  ist
und,  wie  Schmoller  in  seiner  Flottenrede  jüngst  bemerkt  hat,  zusammen  mit  Frankreich
eine  Art  Mittelstellung  zwischen  den  großen  Erobernngs-  und  Kolonisierungsmächten  und
den  kleineren  Staaten  einnimmt.
Unleugbar  besteht  die  Gefahr,  daß  die  mitteleuropäischen  Staaten  von  den  großen
Reichen  im  Osten  und  Westen  mit  der  Zeit  gänzlich  überflügelt  und  auf  eine  Stellung
herabgedrückt  werden,  die  sie  zu  völliger  Bedeutungslosigkeit  verurteilt  und  auf  die
Gnade  ihrer  glücklicheren,  übermächtig  gewordenen  Konkurrenten  im  Kampfe  um  die
Weltherrschaft  anweist.  Schon  der  Überblick  über  den  mächtigen  Besitz  der  einzelnen
Staaten,  wie  er  aus  der  Größe  ihrer  Volkszahl  und  des  von  ihnen  beherrschten  Landes
sich  ergibt,  läßt  diese  Gefahr  erkennen.  Zum  vollen  Bewußtsein  kommt  sie  erst,  wenn
man  die  Zahlen,  die  den  Landbesitz  und  die  Volkszahl  der  einzelnen  Staaten  wiedergeben, ­
  gegenseitig  in  Beziehung  setzt  und  auch  die  Dichte  der  Bevölkerung,  das  ist  die
Zahl  der  ans  die  Flächeneinheit  durchschnittlich  entfallenden  Einwohner,  sowie  ihre  Bewegung ­
  (Größe  der  Zu-  und  Abnahme,  Ein-  und  Auswanderung)  in  Betracht  zieht.

Dichte  und  Bewegung  der  Bevölkerung  und  ihre  Bedeutung  für  das
Wirtschaftsleben.
Die  Dichte  der  Bevölkerung  ist  selbstverständlich  äußerst  verschieden.  Neben  den
dichten  Bevölkerungsgebieten  in  Süd-  und  Ostasien,  in  Europa  und  an  der  Ostküste  von
Nordamerika  finden  wir  weite  Striche  kaum  besiedelten  Landes.  Maßgebend  für  die
Dichte  der  Bevölkerung  sind  in  erster  Reihe  die  natürlichen  Verhältnisse:  Klima,  Bodenbeschaffenheit, ­
  Reichlichkeit  der  vorhandenen  Nahrungsmittel.  Je  fruchtbarer  der  Boden,
desto  dichter  ist  im  allgemeinen  die  Bevölkerung,  wenigstens  so  weit  es.  sich  um  Länder
mit  einfachen  Verhältnissen  handelt.  Die  außerordentlich  dichte  Bevölkerung,  die  China
und  Indien  aufweisen,  beruht  heute  noch  neben  der  Genügsamkeit  der  Bewohner  fast
ausschließlich  auf  der  Fruchtbarkeit  dieser  Länder,  die  einer  verhältnismäßig  großen  Volkszahl ­
  Unterhalt  gewährt.  Eine  Zunahme  der  Bevölkerung  über  die  Grenze  hinaus,  die
durch  die  Hervorbringung  des  eigenen  Landes  an  Nahrungsmitteln  gesteckt  ist,  hat  —  wenn
nicht  Massenauswanderung  oder  Hungersnot  eintreten  soll  —  zur  Voraussetzung,  daß
durch  Steigerung  der  Handelsthätigkeit  und  des  Gewerbefleißes  die  Mittel  beschafft
werden,  die  fehlenden  Nahrungsstoffe  von  auswärts  zu  beziehen.  Damit  ändern  sich  aber
auch  die  natürlichen  Vorbedingungen  für  das  weitere  Wachstum  der  Bevölkerung.  Die
günstige  Lage  zur  See  und  zu  den  Straßen  des  Welthandels,  das  reichliche  Vorhandensein
von  Naturschätzen  (wie  Erze,  Kohle,  Wasserkräfte),  die  kaufmännische  und  gewerbliche
Tüchtigkeit  der  Bewohner,  die  politische  Entwickelung  des  Landes  mit  ihrem  Einfluß  auf
        <pb n="853" />
        893

Dichte  und  Bewegung  der  Bevölkerung.

die  Volkswirtschaft  wird  entscheidend  für  das  weitere  Wachstum  der  Bevölkerung,  während
der  Reichtum  an  Erzeugnissen  des  Ackerbaues  an  Bedeutung  dafür  verliert.  Ja  es  zeigt
sich  oft,  daß  auf  dieser  Stufe  der  Entwickelung  Länder  mit  rauhem  Klima  und  kargem
Boden,  deren  Bevölkerung  schon  frühzeitig  zur  Fristung  des  Lebens  auf  Gewerbe  und
Handel  hingewiesen  war,  sogar  einen  Vorsprung  vor  den  gesegneten  Agrargegenden  mit
mildem  Klima  erlangen.
Klar  zeigt  sich  dieser  Einfluß  der  wirtschaftlichen  Entwickelung  in  der  Bevölkerungsdichtigkeit ­
  der  europäischen  Länder.  Obenan  steht  in  dieser  Beziehung  Belgien,  eines
der  ältesten  Industrie-  und  Handelsländer  des  Festlandes,  mit  224  Einwohnern  auf  den
Geviertkilometer.  Ihm  folgen  die  Niederlande  mit  152,  England  mit  &amp;gt;27,  Italien
mit  109,  das  Deutsche  Reich  mit  97,  Österreich-Ungarn  mit  79,  Frankreich  mit  72  Einwohnern ­
  auf  den  Geviertkilometer.  Im  Gegensatze  dazu  zählt  das  wirtschaftlich  zurückgebliebene ­
  Spanien  bloß  deren  35,  Rußland  sogar  nur  20.
Noch  einleuchtender  wird  die  Wirksamkeit  dieser  Faktoren,  wenn  man  nicht  die
Dichte,  sondern  Wachstum  und  Abnahme  der  Bevölkerung  während  eines
längeren  Zeitraumes  ins  Auge  faßt.  Die  nachfolgende  Tabelle  gibt  für  die  europäischen ­
  Staaten  eine  Übersicht  über  die  Entwickelung  der  Bevölkerung  während  des
19.  Jahrhunderts.

Bevölkerungszunahme  im  19.  Jahrhundert.

Länder

Stand  der  Bevölkerung  zu  Ende  des  Jahres

Bevölkerungsziffer

von  1895
in  o/o  jener
von  1800

1800

1830

1860

1890

1895

Frankreich

26  900

31  900

35  741

38  340

38  500

143,1

Spanien

11  500

13  300

15  675

17  800

18  220

158,4

Portugal

2  920

3  200

3  665

5  050

5  445

186,4

Italien  .  .

18  125

20  850

25  100

30  000

31  103

171,6

romanische  Länder

59  445

69  250

80  181

91  190

93  268

156,8

Schweiz

1  750

2  100

2  508

2  953

3  010

172

Deutschland

24  500

29  544

87  779

49  475

52  298

213,4

Österreich  ohne  Galizien  .  .  .

9  600

11  500

13  767

16  650

17  374

180,9

Belgien

3  000

3  760

4  665

6  069

6  411

213,7

Niederlande

2  150

2  640

3  325

4  565

4  859

226

England  mit  Wales  .  .

9  250

14  100

20  150

29  075

30  725

332,1

Schottland

1  675

2  400

3  090

4  060

4180

249,7

Irland

5  500

7  716

5  802

4  700

4  568

83,05

Skandinavien,  Island,  \
Dänemark,  Finnland  /

5  248

6  655

8  910

11436

11  786

224,5

vorwiegend  germanische  Länder

62  673

80  415

99  996

128  983

135  211

215,7

Westeuropa

122  463

150  102

180  697

220  771

229  100

187,7

Rußland

38  000

51600

66  200

98  500

101  249

266,4

Galizien  und  Bukowina  .  .  .

3  700

4  800

5  423

7  260

7  576

204,7

Ungarn

10  000

12  200

14  400

17  475

18  345

183,4

Balkanländer

13  200

15  260

17  400

21  262

22  094

167,3

Osteuropa

64  900

83  860

103  423

144  497

149  264

229,9

Europa

187  363

233  962

284  120

365  268

378  364

201,9

Im  Anschlüsse  daran  sei  im  folgenden  für  mehrere  europäische  und  außereuropäische
Staaten  der  durchschnittliche  jährliche  Bevölkerungszuwachs  auf  Grund  der  letzten  Volkszählungsergebnisse, ­
  vom  100  der  mittleren  Bevölkerung  gerechnet,  nach  den  Angaben
G.  v.  Mayrs  mitgeteilt:
        <pb n="854" />
        894

Die  Weltwirtschaft.

Länder

Zeiträume

Ul»
1511
■e—  =5
S=°  S5

Länder

Zeiträume

.iss  «
§gS  §
f
(?)S£

Frankreich

1886—1891

0,07

Ungarn

1,04

Spanien

1877—1887

0,54

Rußland

1871—1880

1,41

Schweiz

1880—1888

0,38

Vereinigte  Staaten  .  .

1880—1890

2,21

Deutsches  Reich  .  .  .

1885—1890

1,07

darunter:

darunter:  Preußen  .  .

„

1,12

Nordatlantische  Staaten

„

1,81

Sachsen  .  .

„

1,92

Südatlantische  Staaten.

„

1,53

Bayern  .  .

„

0,64

Nördliche  Centralstaaten

„

2,52

Württemberg.

„

0,41

Südliche  Centralstaaten

„

2,06

Österreich

1880—1890

0,76

Westliche  Staaten  .  .

„

5,25

Belgien  ......

1880—1890

0,95

Kanada

„

1,11

Niederlande

1879—1889

1,17

Britisch  Indien  .  .  .

1881—1891

0,93

Großbritannien  und  Ir-Viktoria



„

2,78

land

1881—1891

0,78

Neusüdwales  ....

„

3,97

darunter:  England  und

Queensland

4,01

Wales  .  .  .

„

1,10

Südaustralien  ....

„

1,35

Schottland

„

0,75

Westaustralien  ....

„

5,06

Irland.  .  .

„

—  0,95

Wie  aus  diesen  Übersichten  hervorgeht,  leben  wir  in  Europa  in  einer  Periode
raschen  Wachstums  der  Bevölkerung,  wie  sie  in  der  Geschichte  ohne  Beispiel  dasteht.
Von  1800  aus  1895  hat  sich  die  Bevölkerung  Europas  mehr  als  verdoppelt;  sie  ist  in
diesem  Zeitraum  von  187,3  auf  378,3  Millionen  gestiegen,  während  sie  für  das  Zeitalter ­
  Luthers  noch  auf  bloß  60  —  70  Millionen  geschätzt  wurde.
Im  allgemeinen  war  die  Zunahme  in  Osteuropa  stärker  als  im  Westen.  Namentlich
in  Rußland  hat  die  dünne  Bevölkerung  weiter  Landstriche  ein  rasches  Wachstum  der
Volkszahl  begünstigt.  Trotzdem  wird  Rußland  von  dem  dicht  bevölkerten  industriellen
England  an  Raschheit  der  Volkszunahme  noch  weit  übertroffen.  Die  unvergleichliche
Weltstellung,  die  Englands  Industrie  und  Handel  einnimmt,  setzte  es  in  stand,  eine  Bevölkerung ­
  zu  ernähren,  die  dreimal  so  groß  ist  als  die,  die  es  mit  dem  Ertrag  seiner
heimischen  Äcker  erhalten  könnte.  Einen  treffenden  Beleg  für  den  großen  Einfluß  der  wirtschaftlichen ­
  Verhältnisse  auf  die  Volksvermehrung  und  einen  scharfen  Gegensatz  zu  England
bildet  Irland,  wo  die  herrschenden  Engländer  keine  Industrie  aufkommen  ließen  und
gleichzeitig  agrarische  Mißstände  der  Bevölkerung  auch  den  landwirtschaftlichen  Erwerb
schmälern.  Infolgedessen  trat  eine  Verminderung  der  Bevölkerung  von  7,7  Millionen
im  Jahr  1830  auf  4,s  Millionen  im  Jahr  1895  ein,  was  in  den  letzten  Jahren  einer
Abnahme  von  nahezu  1%  entsprach.
Aber  auch  die  übrigen  germanischen  oder  vorwiegend  germanischen
Länder  Westeuropas  zeigen  eine  Volksvermehrung,  die  nur  wenig  hinter  der  russischen
zurückbleibt.  Im  Deutschen  Reiche,  wo  die  Bevölkerung  im  Anfange  des  18.  Jahrhunderts ­
  noch  14—15  Millionen  betragen  haben  dürfte,  war  sie  im  Jahre  1800  bereits
auf  24,5,  im  Jahre  1895  auf  52,9  Millionen  gestiegen.  Die  jährliche  Bevölkerungszunahme ­
  beträgt  mehr  als  1  °/ 0 ,  so  daß,  wenn  das  gleiche  Wachstum  anhält,  das  deutsche
Volk  zu  Ende  des  20.  Jahrhunderts  150—200  Millionen  ausmachen  dürfte.  Interessant ­
  ist  die  Verschiedenheit  der  Volksvermehrung  in  den  einzelnen  Gebieten.  Auch
hier  tritt  die  Überlegenheit  der  industriellen  Länder  hervor;  das  industrielle  Preußen
und  Sachsen  übertrifft  an  Raschheit  der  Zunahme  weitaus  das  mehr  agrarische  Süddeutschland. ­

Die  geringste  Zunahme  haben  im  allgemeinen  die  romanischen  Länder  zu
verzeichnen.  In  Frankreich,  dessen  Bevölkerung  bis  1860  ungefähr  gleich  rasch  wuchs
wie  die  Deutschlands,  ist  seither  eine  empfindliche  Verlangsamung  der  Zunahme  eingetreten, ­
  die  fast  zum  Stillstand  geworden  ist.  Von  35,7  Millionen  im  Jahre  1860  ist
        <pb n="855" />
        895

Dichte  und  Bewegung  der  Bevölkerung.

seine  Bevölkerung  auf  38,5  Millionen  im  Jahre  1895  gestiegen,  während  Deutschland
in  derselben  Zeit  eine  Zunahme  von  37,?  auf  52,2  Millionen  zu  verzeichnen  hat,  und
1898  war  der  Geburtenüberschuß  Deutschlands  (847  000)  schon  größer  als
die  Gesamtzahl  der  Geburten  in  Frankreich  überhaupt  (843  000).
Diese  geringe  Zunahme  der  Bevölkerung  bildet  schon  seit  langem  den  Gegenstand
ernster  Besorgnis  für  die  französischen  Politiker.  Wohl  wird  von  manchen  darauf  hingewiesen, ­
  daß  der  Stillstand  der  französischen  Bevölkerung  außerordentlich  günstig  für
die  Erhaltung  eines  wohlthätigen  Gleichgewichtes  zwischen  den  vorhandenen  Erwerbsquellen ­
  und  der  von  ihnen  zehrenden  Volksmenge  sei  und  daß  er  das  Steigen  des  Volkswohlstandes ­
  und  eine  günstige  Entwickelung  der  sozialen  Verhältnisse  befördere.  Zweifellos
aber  schwächt  er  die  Expansivkraft  des  Volkes  nach  außen,  und  wenn  man  darüber
klagt,  daß  die  französischen  Kolonien  ihrer  Mehrzahl  nach  Beamten-  und  Militärkolonien
seien,  und  daß  die  geordneten  Verhältnisse,  welche  die  französische  Verwaltung  dort  hergestellt ­
  hat,  mehr  dem  Handel  fremder  Nationen  als  dem  französischen  zu  gute  kommen,
so  hat  dies  zum  guten  Teil  seinen  Grund  in  der  geringen  Volksvermehrung  des  Mutterlandes ­
  und  in  dem  Fehlen  eines  französischen  Auswandererstromes,  der,  nach  den
eigenen  Kolonien  gerichtet,  ein  neues  Frankreich  jenseit  des  Meeres  erstehen  ließe.
Im  Gegensatze  zu  England,  das  alle  für  europäische  Ansiedelungen  geeigneten  Teile
seines  weiten  Kolonialreiches  mit  einer  englisch  redenden  Bevölkerung  zu  füllen  verstand, ­
  vermag  Frankreich  sein  Kolonialgebiet  nicht  genügend  zu  nutzen,  und  man  versteht ­
  es,  wenn  ein  französischer  Gelehrter,  Leroy-Beaulieu,  bei  der  vergleichenden
Gegenüberstellung  der  französischen  und  der  deutschen  Bevölkerungszunahme  schmerzlich
ausruft:  „Völker  mit  so  geringem  Wachstum  wie  das  französische  würden  in  100  Jahren
zur  Bedeutungslosigkeit  herabgedrückt  sein."
Noch  klarer  tritt  die  Bedeutung  der  Bevölkerungsbewegung  für  die  Weltstellung
eines  Volkes  und  ihr  Zusammenhang  mit  den  wirtschaftlichen  Verhältnissen  hervor,  wenn
man  sich  nicht  damit  begnügt,  die  Zu-  oder  Abnahme  der  Bevölkerung  in  den
einzelnen  Ländern  zum  Gegenstände  der  Betrachtung  zu  machen,  sondern  auf  die  Ursachen ­
  dieser  Erscheinungen  näher  eingeht.  Es  kommen  dabei  die  natürliche  Volks-Vermehrung
  und  die  Ein-  oder  Auswanderung  in  Betracht.  Für  die  Gebiete  mit  alter
Kultur  und  dichter  Bevölkerung,  wie  es  die  europäischen  Staaten  der  Mehrzahl  nach
sind,  ist  vor  allem  die  natürliche  Volksvermehrung  durch  den  Überschuß  der  Geburten ­
  über  die  Todesfälle  maßgebend.  Die  Wanderungen  sind  für  die  Bevölkerung
dieser  Länder  nur  insofern  von  Bedeutung,  als  eine  Abwanderung  stattfindet,  welche
das  Ergebnis  der  natürlichen  Bevölkerungszunahme  unter  Umständen  erheblich  verändert. ­
  Die  Tabelle  auf  S.  896  gibt  eine  Übersicht  über  die  natürliche  Vermehrung
der  Bevölkerung  in  den  wichtigsten  europäischen  Ländern,  indem  sie  die  Zahl  der  auf  je
1000  Einwohner  entfallenden  Geburten  und  Todesfälle  in  einer  Reihe  von  Jahren  einander ­
  gegenüber  stellt.
Hieraus  ergeben  sich  zwei  Haupttypen  der  Bevölkerungsentwickelung,  die
G.  v.  Mayr  zutreffend  die  Typen  der  „zurückhaltenden  und  der  verstärkten  Bevölkerungsentwickelung" ­
  nennt.  Ein  Beispiel  für  den  ersten  Typus  bildet  Frankreich ­
  mit  seiner  niedrigen  Geburtsziffer.  Allerdings  wird  dieser  durch  einen  niedrigen  Stand
der  Sterblichkeit  das  Gleichgewicht  gehalten,  so  daß  die  Bevölkerung  stationär  bleibt.
Was  oben  über  die  Richtung  der  Bepölkerungsentwickelung  in  Frankreich  gesagt  wurde,
findet  durch  diese  Zahlen  seine  Bestätigung.  Die  niedrige  Sterblichkeitsziffer,  die  hauptsächlich ­
  auf  eine  geringe  Kindersterblichkeit  zurückzuführen  ist,  ist  ein  Beleg  für  die  günstige
Entwickelung  der  sozialen  Verhältnisse,  während  die  Geringfügigkeit  des  Geburtenüberschusses ­
  zeigt,  daß  die  schwache  Bevölkerungszunahme  in  Frankreich  nicht  etwa
durch  Abwanderung  der  überschüssigen  Bevölkerung,  sondern  durch  die  Schwäche  der
natürlichen  Volksvermehrung  hervorgerufen  wird.  Eine  noch  ungünstigere  Richtung
nimmt  die  Entwickelung  in  Ländern,  wo  infolge  mißlicher  sozialer  Verhältnisse  eine
niedrige  Geburtenziffer  mit  hoher  Sterblichkeit  zusammentrifft.  Hier  führt  die  zurück-
        <pb n="856" />
        896

Die  Weltwirtschaft.

Geburten,  Sterbefälle  und  Geburtenüberschuß
in  den  wichtigsten  europäischen  Kulturstaaten  1885—1897.

Auf  1000  Einwohner  (bet  mittleren  Bevölkerung)  kamen

1885

1886

1887

]  888

1889

1890

1891

1892

1893

1894

1895

1896

1897

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

i,  !

12

13

14

Geborene  (ohne

Totgeborene)

Deutsches  Reich  .

37,1

37,i

86,9

36,6

36,4

35,7

37

35,7

36,8

35,9

36,1

36,3

36

Frankreich  .  .  .

24,2

23,9

23,5

23

22,9

21,8

22,6

22,3

22,8

22,3

21,7

22,5

22,4

Großbritannien  .

32,8

32,9

31,8

31,3

31,1

80,3

31.4

30,6

30,8

29,7

30,3

30

29,8

Irland  ....

23,5

23,2

23,1

22,8

22,7

22,3

23,1

'22,5

23

22,9

23,2

23,6

23,4

Italien  ....

38,7

37,i

39,1

37,7

38  5

36

37,4

36,6

36,8

35,8

35,2

35,1

35,1

Niederlande  .  .

34,4

34,6

33,7

33,7

33,2

32,9

33,7

32

33,8

32,5

32,8

32,7

32.5

Schweiz  .  .  .

28

28

28

27,8

27,7

26,7

28,3

28,1

28,5

28,2

28

29,i

29,2

Österreich  .  .  .

37,5

37,9

38,2

37,8

37,8

36,3

38,2

36

37,9

36,6

37,9

37,8

—

Ungarn....

44,8

45,6

44,2

43,8

43,7

40,3

42,3

40,3

42,5

41,1

41,5

40,3

—

Belgien  .  .  .

30,1

29,8

29,5

29,3

29,3

29

29,8

28,8

29,4

28.8

28,7

29,2

29

Rußland  .  .  .

49

48,5

Gestorbene

ohne

Totgeborene)

Deutsches  Reich  .

25,7

26,2

24,2

23,8

23,7

24,8

23,4

24,1

24,6

22,3

22,1

20,8

21,3

Frankreich  .  .  .

21,9

22,5

22

21,8

20,7

22,8

22.9

22,8

22,6

21,2

22,2

20

19,6

Großbritannien  .

19,2

19,5

19

18,2

18,2

19,6

20,3

19

19,2

16,7

18,8

17,2

17,6

Irland  ....

1.8,4

17,8

18,2

17,9

17,4

18,2

18,4

19,4

18

18,2

18,4

16,6

18,4

Italien  ....

27,1

28,8

28,1

27,6

25,7

26,5

26,3

26,4

25,4

25,2

25,3

24,3

22,2

Niederlande  .  .

21

21,8

19,7

20,4

20,1

20,5

20,7

21

19,2

18,5

18,7

17,2

16,9

Schweiz  .  .  .

21,4

20,8

20,3

20

20,4

21

20,7

19,3

20,5

20,9

19,7

18,6

18,3

Österreich  .  .  .

30,1

29,4

28,9

29,2

27,8

29,1

28

28,7

27,1

27,8

27,5

26,2

—

Ungarn....

31,9

31,7

33,8

32

29,8

32,4

33,1

35

31,1

30,2

29,5

28,8

—

Belgien....

20,2

21,3

19,4

20,2

19,8

20,8

21,1

21,7

20,2

18,8

19,6

17,6

17,1

Rußland  .  .  .

35

32,6

33

32,4

34,8

-

Mehr  Geborene

als  Gestorbene

Deutsches  Reich  .

11,4

10,9

12,7

12,8

12,7

11,4

13,6

11,8

12,2

13,6

14

15,6

14,7

Frankreich  .  .  .

2,3

1,4

1,5

1,2

2,2

-1

—0,3

-0,5

0,2

1,1

-0,5

2,5

2,8

Großbritannien  .

13,6

13,4

12,8

13,1

12,9

10,7

11,1

11,6

11,8

13

11,5

12,8

12,2

Irland  ....

5,1

5,4

4,9

4,9

5,3

4,1

4,7

3,1

5

4,7

4,8

7

5

Italien  ....

11,6

8,3

11

10,1

12,8

9,5

11,1

10,1

11.4

10,6

9,9

10,8

12,9

Niederlande  .  .

13,4

12,8

14

13,3

13,1

12,4

13

11

14,6

14

14,1

15,5

15,6

Schweiz  .  .  .

6,6

7,2

7,7

7,8

7,3

5,7

7  6

8,8

8

7,3

8,3

10,5

10,9

Österreich  .  .  .

7.4

8,5

9,3

8,6

10,5

7,2

10,2

7,3

10,8

8,8

10,4

11,6

—

Ungarn....

12,9

13,9

10,4

11,8

13,9

7,9

9,2

5,3

11,4

10,9

12

11,5

—

Belgien....

9,9

8,5

10,1

9,1

9,5

8,2

8,7

1,1

Q  9

10

9,1

11,6

11,9

Rußland  .  .  .

14

15,9

haltende  Bevölkerungsentwickelung  statt  zur  stationären  zu  einer  abnehmenden  Bevölkerung. ­

Die  verstärkte  Bevölkerungsentwickelung  ist  gekennzeichnet  durch  einen  bedeutenden ­
  Überschuß  der  Geburten  über  die  Sterbefälle.  Ebenso  wie  die  zurücktialtende
spaltet  auch  sie  sich  in  eine  günstige  und  in  eine  weniger  günstige  Entwickelungsrichtung.
  In  den  ihrer  Hauptsache  nach  agrarischen,  wirtschaftlich  weniger  entwickelten
Ländern  des  europäischen  Ostens,  wie  in  Rußland,  Österreich,  Ungarn,  zum  Teil
auch  in  Italien  ist  die  natürliche  Vermehrung  der  Bevölkerung  wohl  eine  ziemlich
rasche,  doch  ist  dies  das  Ergebnis  einer  außerordentlich  hoben  Geburtenziffer  bei  gleichzeitig ­
  hoher  Sterblichkeit.  In  diesen  Ziffern  spiegelt  sich  die  Ungunst  der  sozialen
Verhältnisse  der  genannten  Länder.  Der  Tiefstand  des  Lebensfußes,  der  geringe  Bildungsgrad ­
  und  die  elende  Lage  breiter  Volksmassen  führt  hier  zur  Außerachtlassung  wirtschaftlicher ­
  Erwägungen  bei  der  Familiengründung  und  dementsprechend  zu  hohen  Geburtenziffern ­
  bei  gleichzeitig  hoher  Kindersterblichkeit,  auf  welche  die  Höhe  der  Sterbeziffern
        <pb n="857" />
        Dichte  und  Bewegung  der  Bevölkerung.  897
hauptsächlich  zurückzuführen  ist.  Das  Lebensgewebe  der  Nation  ist,  wie  Mayr  sich  ausdrückt, ­
  in  diesem  Falle  aus  verhältnismäßig  kürzeren  Lebensfäden,  aber  in  steigender
Breite  sich  entwickelnd  hergestellt.  Die  günstigste  Entwickelungsform  weisen  jene  Länder
auf,  welche  bedeutende  Geburtenüberschüsse  bei  geringer  Sterblichkeit  erzielen,  wie  England, ­
  Holland,  Belgien,  die  Schweiz  und  in  neuerer  Zeit  auch  das  Deutsche
Reich.  Obwohl  ihre  Geburtenziffer  zumeist  weniger  hoch  ist  als  bei  der  zuletzt  genannten
Ländergruppe,  weisen  sie  trotzdem  zum  Teil  eine  raschere  Zunahme  der  Bevölkerung
auf,  weil  die  geringere  Sterblichkeit  die  niedrigere  Geburtenziffer  mehr  als  aufhebt.  Die
Bevölkerungszunahme  wird  hier  mit  den  geringsten  Opfern  an  Kurzlebigen,  namentlich
durch  eine  geringere  Kindersterblichkeit  erzielt.  So  bildet  diese  Art  der  Bevölkerungsentwickelung ­
  gleichzeitig  einen  Beleg  für  die  fortschreitend  günstige  Gestaltung
der  sozialen  und  wirtschaftlichen  Verhältnisse.  Der  enge  Zusammenhang  zwischen
diesen  und  der  Bevölkerungsbewegung  tritt  namentlich  an  dem  Beispiele  Deutschlands
hervor.  Während  hier  noch  im  Jahre  1875  auf  10  000  Einwohner  406  Geburten  und
276  Todesfälle  entfielen  —  eine  Ziffer,  die  ungefähr  dem  gegenwärtigen  Zustande  in
Ungarn  entspricht  —  ist  seither  unter  dem  Einflüsse  der  günstigen  Entwickelung  des
deutschen  Wirtschaftslebens  die  Geburtenziffer,  in  weit  höherem  Maße  aber  noch  die  Zahl
der  Sterbefälle  heruntergegangen,  so  daß  im  Jahre  1897  auf  10  000  Einwohner  nur
mehr  360  Geburten  und  213  Todesfälle  entfielen.  In  der  Zwischenzeit  hat  Deutschland
den  Übergang  vom  Agrarstaat  zum  Industriestaat  vollzogen,  die  deutsche  Volkswirtschaft ­
  hat  sich  zu  ungeahnter  Blüte  entwickelt,  der  Volkswohlstand  ist  gestiegen,  der
Verdienst  und  die  Lebenshaltung  der  arbeitenden  Klassen  eine  bessere  geworden.  Die
Folge  davon  war,  daß  der  Arbeiter  bei  gesteigerten  Ansprüchen  an  das  Leben  mit
der  Familiengründung  vorsichtiger  wurde,  wodurch  zwar  die  Geburtenziffer  sank,  aber
gleichzeitig  auch  die  Kindersterblichkeit  infolge  besserer  Lebenshaltung  eine  Verminderung ­
  erfuhr.
Eine  erhebliche  Veränderung  erfahren  die  Ergebnisse  der  natürlichen  Bevölkeruugsentwickelung
  durch  die  Wanderbewegung.  Der  Vergleich  der  oben  mitgeteilten  Zahlen
über  die  durchschnittliche  Zunahme  der  Bevölkerung  in  den  europäischen  Staaten  und
über  die  Ergebnisse  der  natürlichen  Volksvermehrung  zeigt,  daß  der  Geburtenüberschuß
die  Bevölkerungszunahme  zum  Teil  wesentlich  übersteigt.  Sie  sind  eben  Auswanderungsländer, ­
  die  von  ihrem  Bevölkerungszuwachse  jährlich  einen  bedeutenden  Teil  an  überseeische ­
  Länder  abgeben.  Die  große  Wanderbewegung  über  See  ist  eine  in  der  Geschichte ­
  verhältnismäßig  neue  Erscheinung.  Das  Altertum  und  das  Mittelalter  kannten
im  allgemeinen  nur  Stammeswanderungen  zu  Lande,  Eroberungszüge  ganzer  Völker  nach
neuen  Wohnsitzen.  Nur  einzelne  Völker,  wie  die  Griechen,  Phönicier,  Angelsachsen  und
Normannen  gingen  nach  neuen  Siedelungen  über  See,  und  auch  diese  entsprechend  dem
damaligen  Stande  der  Schiffahrt  nur  nach  verhältnismäßig  nahe  gelegenen  Gebieten.
Auch  die  großen  Entdeckungen  des  15.  Jahrhunderts  brachten  hierin  zunächst  keine  bedeutende ­
  Änderung  hervor;  sie  riefen  nur  den  Kaufmann,  den  Schiffer,  den  Soldaten
und  Abenteuerer  über  das  Meer  in  die  neuen  Gebiete.  Erst  im  17.  Jahrhundert  beginnt
eine  Auswanderung  nach  Nordamerika  in  größerem  Umfange.  Schmoller  schätzt  für  diese
Zeit  die  Zahl  der  außerhalb  Europas  ansässigen  Menschen  europäischer  Rasse  auf  höchstens
eine  Million.  Von  da  ab  beginnt  jedoch  infolge  des  raschen  Wachstums  der  Bevölkerung
in  Europa  bei  teilweise  unbefriedigenden  wirtschaftlichen  Verhältnissen  in  der  Heimat  und
infolge  der  Fortschritte  im  Verkehrsleben  eine  neue  Wanderbewegung,  die  bald  einen
großartigen  Umfang  annimmt.  Für  das  19.  Jahrhundert  wird  die  Zahl  der  aus  Europa
Ausgewanderten  mit  ziemlicher  Sicherheit  auf  rund  20  Millionen  geschätzt.  Die  Zahl
der  in  fremden  Weltteilen  ansässigen  Europäer,  für  die  selbstverständlich  auch  die  natürliche ­
  Vermehrung  der  in  den  neuen  Ländern  Angesiedelten  in  Betracht  kommt,  wird  für
1890  mit  etwa  91  Millionen  veranschlagt.  Im  Jahre  2000  dürfte  sie,  eine  gleich
starke  Bolkszunahme  vorausgesetzt,  etwa  500—600  Millionen  betragen.  Mit  Recht  sagt
daher  Schmoller:  „Die  Thatsache,  daß  in  Europa  und  draußen  900  bis  1200Millionen
        <pb n="858" />
        898

Die  Weltwirtschaft.

Menschen  europäischer  Rasse  sitzen  und  die  Welt  beherrschen  werden,  daß  die  europäische
und  die  außereuropäische  Hälfte  nur  durch  das  Wasser  mit  einander  verbunden  sein
werden,  das  wird  die  erheblichste  politische,  volkswirtschaftliche  und  kulturelle  Erscheinung
des  20.  Jahrhunderts  sein.  Von  der  Art,  wie  sie  sich  durchsetzt,  wie  die  einzelnen
Nationen  und  Staaten  daran  teilnehmen,  hängt  die  Geschichte  Europas  und  der  ganzen
Welt  wie  der  einzelnen  Staaten  ab.  Die  Teilnahme  an  dieser  Wasserwanderung,  an
dieser  Art  der  Bevölkerungszunahme  wird  die  Stelle  bestimmen,  die  jede  Nation  in  Zukunft ­
  im  Range  der  Völker  einnimmt."  Man  hat  diese  nationale  Seite  der  Auswanderungsbewegung ­
  lang  übersehen  oder  doch  unterschätzt  und  sich  in  der  Beurteilung  der
Auswanderungsfrage  lediglich  von  wirtschaftlichen  Gesichtspunkten  leiten  lassen.  Gewiß
hängt  die  Stärke  der  Auswanderung  mit  der  Gunst  oder  Ungunst  der  wirtschaftlichen
Verhältnisse  in  der  Heimat  eng  zusammen.  Das  Aufblühen  der  deutschen  Volkswirtschaft
hatte  einen  starken  Rückgang  der  deutschen  Auswanderung  im  Gefolge,  da  sich  in  der
Heimat  der  wachsenden  Bevölkerung  genügender  Erwerb  bot  und  man  der  schaffenden
Arme  zu  Hause  bedurfte.  Ebenso  drückt  sich  der  unbefriedigende  Zustand  der  wirtschaftlichen ­
  Verhältnisse  in  Italien  in  der  andauernd  starken  Auswanderung  dieses  Landes  aus,
und  in  Irland  hat  die  wirtschaftliche  Not  zu  einer  förmlichen  Landflucht  geführt,  so
daß  dieses  Land  infolge  einer  bedeutenden  Auswanderung  trotz  der  sehr  erheblichen
natürlichen  Vermehrung  der  Bevölkerung  eine  Verminderung  des  Einwohnerstaudes  aufweist. ­
  Seit  1845,  wo  die  irische  Bevölkerung  ihren  höchsten  Stand  mit  8,3  Millionen
erreicht  hatte,  ist  sie  jährlich  um  14,8  °/ 0  gefallen  und  hat  sich  im  ganzen  um  zwei
Millionen  verringert.  In  solchen  Fällen  stellt  die  Auswanderung  zweifellos  eine  krankhafte ­
  Erscheinung  am  Körper  der  Volkswirtschaft  dar.  Wo  sie  dagegen,  wie  beispielsweise ­
  heute  in  England,  bei  einer  im  allgemeinen  günstigen  Gestaltung  der  wirtschaftlichen ­
  Verhältnisse  in  der  Heimat  in  gleichmäßiger  Höhe  andauert,  ist  sie  ein  regelmäßiges
Abströmen  des  Bevölkerungsüberschusses,  das  nur  wohlthätig  wirkt,  insbesondere  wenn
der  Abfluß  nicht  in  die  Fremde,  sondern  in  die  eigenen  Kolonien  des  Auswanderungslandes ­
  erfolgt.
Die  Macht  des  britischen  Reiches  beruht  zum  guten  Teil  darauf,  daß  eine.heute
schon  zehn  Millionen  übersteigende  und  fort  und  fort  sich  verstärkende  Zahl  von  Engländern ­
  in  den  britischen  Kolonien  von  Nordamerika,  Südafrika  und  Australien  die  Hauptmasse ­
  der  Bevölkerung  bildet.  Der  Auswanderer  bleibt  hier  seiner  Nation  erhalten,
seine  wirtschaftliche  Kraft  kommt  nicht  einem  fremden  Gemeinwesen,  sondern  dem  eigenen
Mutterlande  zu  gute.  Hierin  liegt  die  nicht  hoch  genug  anzuschlagende  Bedeutung  des
ungeheuren  Besitzes,  den  England  in  den  genannten  Gebieten,  Rußland  in  Zentralasien
und  Sibirien  an  ansiedelungsfähigem  Lande  hat,  für  die  nationale  Entwickelung  der
angelsächsischen  und  slawischen  Rasse.  Ähnlich  günstig  wirkt  übrigens  die  Auswanderung
für  die  nationale  Entwickelung  auch  dann,  wenn  die  Ansiedelung  zwar  in  der  Fremde,
jedoch  in  geschlossenen  Gebieten  und  unter  Wahrung  der  eigenen  Nationalität  erfolgt.
Dagegen  bedeutet  die  Auswanderung  nach  Ländern,  wo  der  Einwandernde  in  der
Masse  der  fremden  Bevölkerung  sich  verliert  und  seine  Kinder  oder  Kindeskiuder  bereits ­
  vollkommen  entnatoinalisiert  werden,  einen  unmittelbaren  Verlust  an  Volkskraft.
Wie  hoch  dies  anzuschlagen  ist,  geht  aus  der  Tabelle  auf  S.  899  hervor,  welche  den  Anteil
Deutschlands  an  der  überseeischen  Auswanderung  gegenüber  den  anderen  Staaten  erkennen ­
  läßt.
Die  gesamte  deutsche  Auswanderung  betrug  im  19.  Jahrhundert  etwa
6  —  7  Millionen  Menschen,  die  leider  zum  größten  Teile  in  Gebiete  gingen,  wo  sie
der  Entnationalisierung  anheimfielen.  An  nnvergoltenen  Erziehungskost  n  und  mitgenommenem ­
  Kapital  bedeutet  das  nach  einer  Schätzung  Schmollers  allein  den  Verlust
von  6—8  Milliarden  Mark.  Nur  in  einzelnen  Teilen  von  Nordamerika,  ferner  in
Südbrasilien  und  in  Südafrika  sind  geschlossene  deutsche  Siedelungen  entstanden.  Von
den  bisherigen  deutschen  Kolonien  kann  als  Auswandernngsgebiet  für  die  Zukunft
höchstens  Deutsch-Südwestafrika  in  Frage  kommen.  Man  darf  sich  über  die  nationale
        <pb n="859" />
        113

Auswanderung  aus  europäischen  Staaten  1871—1896.

Jahr

1871
1872
1873
1874
1875
1876
1877
1878
1879
1880
1881
1882
1883
1884
1885
1886
1887
1888
1889
1890
1891
1892
1893
1894
1895
1896

Deutsches
Reich

Österreich

Ungarn

Großbritannien ­

und  Irland

Frankreich

Belgien

Schweiz

Italien

Portugal

Niederlande

Schweden

Norwegen

76  224

9  205

294

192  751

5  947

3  852

13  186

12  276

128  152

9  014

595

210  494

15  829

—

4  899

—

17  284

11968

13  865

110  438

10  266

962

228  345

8  404

—

4  957

—

12  989

9  642

10  352

47  671

8  974

927

197  272

7  163

—

2  672

—

14  835

3  569

4  601

32  329

11055

1065

140  675

4  284

—

1772

—

15  440

3  689

4  048

29  644

10  832

625

109  469

2190

—

1  741

19  756

11035

_

3  796

22  898

6  723

652

95  195

2116

—

1691

21  087

11  057

2  997

3  206

25  627

5  130

803

112  902

2  316

—

2  608

18  535

9  926

_

4  400

4  863

35  888

7  366

1  759

164  274

3  634

—

-4  288

40  824

13  208

12  866

7  608

117  097

20  993

8  766

227  542

4  612

—

7  255

37  934

12  597

36  398

20  212

220  902

24  712

11257

243  002

4  450

—

10  935

41  607

14  637

10  100

40  762

25  976

203  585

18  119

17  520

279  366

4  858

—

10  896

65  748

18  272

7  304

44  585

28  804

173  616

19  581

14  839

320  118

4  011

—

12  758

68  416

19  251

4  855

25  911

22  167

149  065

21039

13  195

242  179

6100

—

8  975

58  049

17  518

3  729

17  895

14  776

110  119

16  372

12  348

207  644

6  063

1  286

6  928

77  029

13  153

2146

18  466

13  981

83  225

19  403

25  149

232  900

7  314

2  048

5  803

85  355

13  738

2  024

28  271

15  158

104  787

20  156

18  270

281  487

11  170

3  834

6  801

127  748

14  521

5  018

46  556

20  741

103  951

24  819

17  786

279  928

23  339

7  794

7  432

195  993

23  632

4  628

45  864

21  452

^0  070

21  090

22  064

253  795

31354

8  406

7  445

113  093

19  647

9  111

29  067

12  642

97  103

28  236

27  422

218  116

20  560

2  976

6  693

104  733

28  945

3  526

30  128

10  991

120  089

53  778

21419

218  507

6  217

3  456

6  521

175  520

30  234

4  075

38  318

13  341

116  öcjy

50  374

24  673

210  042

5  528

5  174

7  835

107  369

20  772

6  299

41  275

17  049

87  677

48  840

16  704

208  814

5  586

3  881

6  177

124  312

30  893

4  820

37  504

18  778

39  204

17  139

5  427

156  030

—

1267

3  849

101  207

26  656

_

8  246

6  114

37  40  ö

34  259

31842

185  181

—

—

3107

181908

_

12  708

6  207

32  152

—

—

161  939

—

—

—

—

—

—

12  919

Dänemark

3  906
6  893
7  200
3  322
2  088
1581
1  877
2  972
3  068
5  658
7  985
11614
8  375
6  307
4  346
6  263
8  801
8  659
8  967
10  298
10  382
10  422
9  150
4105
3  607

Dichte  und  Bewegung  der  Bevölkerung.  899
        <pb n="860" />
        •JjffplfflmiPCEK  3?®  006

I.  Die  Erwerbsthätigen
nach  dem  Geschlecht,  im  Verhältnis  zur  Bevölkerung.

,  männliche

weibliche

überhaupt

Land

ZählungSjahr


iseiamroevoirerung

iLrwervsryallge

ErwerbSthätige  in

°lo  der

männlich

weiblich

überhaupt

männlich

weiblich

überhaupt

männlichen

weiblichen
Bevölkerung

Gesamt-Deutschland

  .  .  .

1895

25  409  161

26  361  123

51  770  284

15  531  841

6  578  350

22  110  191

61,1

25

42,7

Österreich  ....

1890

11  689  129

12  206  284

23  895  413

7  391  834

5  771  734

13  163  568

63,2

47,3

55,1

Ungarn

1890

8  668  175

8  795  616

17  463  791

5446  844

2  189  978

7  636  822

62,8

24,9

43,7

Italien

1881

14  265  383

14  194  245

28  459  628

9  450  633

5  701275

15  151  908

66,3

40,2

53,2

Schweiz

1888

1  417  574

1  500  180

2  917  754

870  460

435  190

1  305  650

61,4

29

44,8

Frankreich  ....

1891

18  932  354

19  201  031

38  133  385

11  137  065

5  191  084

16  328  149

58,8

27

42,8

Belgien  .  .  .  .  .

1890

3  026  954

3  042  367

6  069  321

1  811  273

797  143

2  608  416

59,8

26,2

43

Niederlande  .  .  .

1889

2  228  487

2  282  928

4  511415

1  299  670

353  059

1  652  729

58,3

15,5

36,6

Dänemark  ....

1890

1  059  157

1  113  223

2  172  380

608  625

233  453

842  078

57,s

21

38,8

Schweden  ....

1890

2  317  187

2  467  794

4  784  981

1  263  532

486  872

1  750  404

54,5

19,7

36,6

Norwegen  ....

1891

951  290

1  037  384

1  988  674

530  725

244  747

775  472

55,8

23,6

39

England  und  Wales

1891

14  052  901

14  949  624

29  002  525

8  883  254

4  016  230

12  899  484

63,2

26,8

44,6

Schottland  ....

1891

1  942  717

2  082  930

4  025  647

1  220  388

556  564

1  776  952

62,8

26,7

44,1

Irland

1891

2  318  953

2  385  797

4  704  750

1  504  319

634  948

2  139  267

64,9

26,8

45,5

Großbritannien  und
Irland  ....

1891

18  314  571

19  418  351

37  732  922

11  607  961

5  207  742

16  815  703

63,4

26,8

44,5

Ver.  Staaten  von
Amerika  ....

1890

32  067  880

30  554  370

62  622  250

18  821  090

3  914  571

22  735  661

58,7

12,8

36,3
        <pb n="861" />
        Die  Bevölkerung  nach  Beruf  und  Erwerb.  901
Wichtigkeit  der  Auswandererfrage  nicht  dadurch  täuschen  lassen,  daß  die  Auswanderung
aus  Deutschland  gegenwärtig  eine  geringe  ist.  Schon  ein  Umschwung  in  der  augenblicklich ­
  günstigen  Lage  unserer  Industrie  kann  eine  Wiederkehr  der  hohen  Auswanderungsziffer ­
  früherer  Jahre  herbeiführen.  Außerdem  ist  die  Bevölkerungszunahme  in  Deutschland ­
  eine  so  rasche,  daß  man  für  das  20.  Jahrhundert  eine  Auswanderung  von  etwa
20  Millionen  als  wahrscheinlich  bezeichnen  muß.  Das  Beispiel  Englands  zeigt,  was
für  ein  mächtiger  Faktor  eine  derartige  Auswanderung  für  die  nationale  Entwickelung
ist.  Deutschlands  Aufgabe  wird  es  sein,  sich  ihn  durch  Sicherung  der  geschlossenen  Ansiedelungen ­
  im  Auslande,  wie  unmittelbar  durch  Erwerbung  von  Ackerbaukolonien  im
v  ollen  Maße  nutzbar  zu  machen.
Die  Bevölkerung  nach  Beruf  und  Erwerb.
Von  der  Gesamtmasse  der  Bevölkerung  kommt  für  die  erwerbende  Thätigkeit  nur
die  kleinere  Hälfte  in  Betracht.  Ein  großer  Teil  der  Menschen  ist  schon  durch  die  Natur
von  der  Arbeit  überhaupt  ausgeschlossen.  Es  sind  dies  die  Kinder,  die  noch  nicht,  und
die  Greise,  die  nicht  mehr  arbeitsfähig  sind.  Aber  auch  wenn  man  von  diesen  großen
Gruppen  absieht  und  die  im  Vergleich  dazu  geringe  Zahl  jener,  die  sich  absichtlich  der
Arbeit  entziehen,  von  der  Gesamtbevölkerung  in  Abzug  bringt,  deckt  sich  der  Rest  noch
nicht  mit  der  Zahl  der  erwerbsthätigen  Personen.  Die  gesamte  Arbeit  im  Haushalte,
soweit  sie  nicht  von  bezahlten  Dienstboten,  für  die  sie  Lebensberuf  und  Broterwerb  ist,
sondern  von  der  Hausfrau  und  den  Familienangehörigen  geübt  wird,  wird  in  den  Berufsstatistiken ­
  nicht  zur  erwerbenden  Thätigkeit  gerechnet,  weil  sie,  so  wichtig  sie  sein
mag,  nicht  unmittelbar  den  Zwecken  des  Erwerbes  dient.  Die  Zahl  der  Erwerbsthätigen ­
  in  den  wichtigsten  europäischen  Ländern  und  in  den  Vereinigten  Staaten,
sowie  ihr  Verhältnis  zur  Gesamtbevölkerung  ist  in  der  nebenstehenden  Tabelle  (S.  900)
enthalten.
Im  Mittel  beträgt  hiernach  die  Zahl  der  Erwerbsthätigen  in  den  Kulturländern
etwa  42—45°/ 0  der  Gesamtbevölkerung,  in  Deutschland  42,?  °/ 0  und  beinahe  ebensoviel ­
  in  Frankreich  und  Belgien,  nur  daß  in  diesen  beiden  Ländern  das  weibliche
Geschlecht  etwas  stärker,  das  männliche  etwas  schwächer  an  der  Berufsarbeit  beteiligt  ist.
Der  oberen  Grenze  des  Durchschnittes  nähert  sich  die  Schweiz,  Großbritannien
und  Irland.  In  der  Schweiz  ist  dies  ausschließlich  auf  die  stärkere  Heranziehung  des
weiblichen  Geschlechtes  zum  Erwerb  begründet.  In  Großbritannien  ist  jedoch  die  Verhältniszahl ­
  der  Erwerbsthätigen  für  das  männliche  und  weibliche  Geschlecht  höher  als  in
Deutschland,  was  um  so  beachtenswerter  erscheint,  als  der  Begriff  der  Erwerbsthätigkeit
gerade  von  der  englischen  Statistik  sehr  enge  gefaßt  wird  und  insbesondere  alle  mithelfenden ­
  Familienmitglieder  von  der  Zählung  ausgeschlossen  sind,  so  daß  bei  Anwendung
der  gleichen  Zählungsgrundsätze  wie  in  Deutschland  die  englische  Berufsstatistik  einen
noch  größeren  Anteil  der  Erwerbsthätigen  an  der  Gesamtbevölkerung  ausweisen  würde.
Ähnlich  wie  in  England  hat  man  auch  in  den  skandinavischen  Ländern,  den
Niederlanden  und  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  die  mithelfenden
Familienangehörigen  von  der  Einreihung  unter  die  Erwerbsthätigen  zum  großen  Teile
ausgeschlossen,  wodurch  sich  das  zum  Teil  recht  erhebliche  Zurückbleiben  dieser  Länder
hinter  den  oben  angegebenen  Durchschnittsziffern  erklärt.  Man  wird  kaum  fehl  gehen,
wenn  man  in  Berücksichtigung  dieses  Umstandes  für  das  Verhältnis  der  Erwerbsthätigen
zur  Gesamtbevölkerung  hier  ähnliche  Zahlen  annimmt  wie  in  Deutschland.  Umgekehrt
ist  man  in  Österreich  und  Italien  mit  der  Einreihung  der  mithelfenden  Familienmitglieder ­
  unter  die  Erwerbsthätigen  sehr  weit  gegangen.  In  Italien  mag  allerdings
die  weite  Verbreitung  und  besonders  genaue  Erfassung  der  Kinderarbeit  dazu  beigetragen
haben,  die  Ziffer  der  Erwerbsthätigen  zu  erhöhen.  Jedenfalls  übersteigt  sie  in  beiden
Ländern  sehr  wesentlich  die  Höhe,  die  sie  bei  Anwendung  gleicher  Zählungsgrundsätze
wie  in  Deutschland  erreichen  würde.  Bei  gesonderter  Betrachtung  der  Zahlen  für  beide
Geschlechter  ergeben  sich  für  die  männliche  Bevölkerung  60—64%,  für  die  weibliche
        <pb n="862" />
        902  Die  Weltwirtschaft.
25—27°/ 0  als  das  mittlere  Maß  für  die  Beteiligung  an  erwerbender  Arbeit.  Auch
für  die  Abweichungen  von  diesen  Zahlen  gilt  das  oben  im  allgemeinen  Gesagte,  und
keinesfalls  bilden  die  Ergebnisse  der  Berufsstatistik,  selbst  wenn  man  diese  Korrektur  nicht
vornimmt,  einen  Beleg  für  die  oft  aufgestellte  Behauptung,  daß  die  Verbreitung  der
Frauenarbeit  von  Osten  und  Süden  nach  Westen  und  Norden  hin  abnehme.  Die  Verteilung ­
  der  Erwerbsthätigkeit  auf  einzelne  Hauptberufsklassen  bringt  folgende  Tabelle
zur  Darstellung.

II.  Die  Erwerbsthätigen  nach  Berufsabteilungen.

Land

Land-  und
Forstwirtschaft. ­

Fischerei

Industrie
und
Bergbau

Handel  und
Verkehr
(Gast-  und
Schank-Wirtschaft)


Armee
und  Marine

Sonstiger
öffentlicher
Dienst  und
freie  Berufe

Häusliche
(persönliche)
Dienstboten

Sonstige
Erwerbstätige ­


Deutschland  .  .

8  292  692

8  281  220

2  238  511

630  978

794  983

1  339  316

432  491

Österreich  .  .  .

8  469  223

2  880  897

845  073

187  507

324  591

456  277

—

Ungarn  .  .  .

4  474  653

961422

249  051

114  393

165  089

376  270

1  295  944

Italien  ....

8  580  978

4  185  461

592  784

160  155

498  923

596  172

537  435

Schweiz  .  .  .

-488  530

431005

140  289

816

49  837

80  304

14  869

Frankreich  .  .  .

6  535  599

4  548  098

2185  818

561  875

768  245

1  609  432

119  082

Belgien....

649  252

1  081  503

327  091

48  282

724  040

Niederlande  .  .

541  274

532  181

268  730

20  880

98  005

166  495

25  164

Dänemark  .  .  .

228  316

200  700

69  300

8  429

44  723

217  232

73  378

Schweden  .  .  .

944  562

263  317

102  381

89  455

46  137

237  918

116  634

Norwegen  .  .  .

384  426

177  511

91  257

3  962

22  989

81380

13  947

England  u.  Wales

1  336  945

7  336  344

1  399  735

126  473

799  659

1  900  328

—

Schottland.  .  .

249  124

1  032  404

180  952

7  588

103  731

203  153

—

Irland  ....

940  621

657  154

95  446

31  293

176  538

238  215

—

Großbritannien

und  Irland

2  526  690

9  025  902

1  676  133

165  354

1  079  928

2  341  696

—

Vereinigte  Staaten

von  Amerika  .

8  626  088

5  478  541

3  326  122

30  845

913  488

4  360  577

—

Von  100  Erwerbsthätigen  gehören  zu  jeder  Berufsabteilung

Deutschland  .  .

37,5

37,4

10,6

2,8

3,6

6  A

2

Österreich  .  .  .

64,8

21,9

6,4

1,4

2,5

3,5

—

Ungarn....

58,6

12,6

3,3

1,6

2,1

4,9

17

Italien  ....

56,7

27,6

3,9

1

3,3

3,9

3,6

Schweiz  .  .  .

37,4

40,7

10,7

0,1

3,8

6,2

1,1

Frankreich  .  .  .

40

27,9

13,4

3,4

4,7

9,9

0,7

Belgien....

22,9

38,2

11,6

1,7

25,6

Niederlande  .  .

32,7

32,2

16,3

1,3

5,9

10,1

1,5

Dänemark  .  .  .

27,i

23,9

8,2

i

5,3

25,8

8,7

Schweden  .  .  .

54

15

*  5,8

2,3

2,6

13,6

6,7

Norwegen  .  .  .

49,6

22,9

11,7

0,5

3

10,5

1,8

England  u.  Wales

10,4

56,9

10,8

1

6,2

14,7

Schottland.  .  .

14

58,1

10,2

0,4

5,9

11,4

—

Irland  ....

44

30,7

4,5

1,5

8,2

11,1

Großbritannien

und  Irland

15,1

53,7

10

1

6,4

13,8

—

Vereinigte  Staaten

von  Amerika  .

38

24,1

14,6

0,1

4

19,2

—

Als  Länder  mit  vorwiegend  agrarischem  Charakter  erscheinen  hiernach
Ungarn,  Österreich  und  Italien.  Mehr  als  die  Hälfte  aller  Erwerbsthätigen  entfallen ­
  in  diesen  Ländern  auf  die  Land-  und  Forstwirtschaft.  Ähnlich  liegen  die  Verhältnisse ­
  in  den  skandinavischen  Ländern,  wenngleich  hier  nach  der  Statistik  nur  in
Schweden  mehr  als  die  Hälfte  aller  Erwerbsthätigen  auf  die  Land-  und  Forstwirtschaft
        <pb n="863" />
        Die  Bevölkerung  nach  Beruf  und  Erwerb.  903
entfällt.  Man  muß  daselbst  in  Rechnung  ziehen,  daß  die  mithelfenden  Familienglieder,
die  gerade  in  der  Landwirtschaft  eine  große  Rolle  spielen,  hier  zum  Teil  nicht  erfaßt
wurden,  und  daß  insbesondere  in  Dänemark  zahlreiche  Hilfsarbeiter  der  Landwirtschaft
als  häusliche  Dienstboten  gezählt  werden.  Zu  bemerken  ist  auch,  daß  in  diesen  Ländern
ein  nicht  unbeträchtlicher  Teil  der  in  der  Urproduktion  thätigen  Bevölkerung  auf  die
Fischerei  entfällt,  in  Norwegen  8—9°/ 0 .  Immerhin  aber  ist  die  Zahl  der  in  der  Landwirtschaft ­
  im  engeren  Sinne  thätigen  Personen  um  ein  erhebliches  größer  als  in  Deutschland. ­
  Von  den  übrigen  europäischen  Staaten  weist  nur  noch  Frankreich  in  der  Landund
  Forstwirtschaft  eine  größere  Zahl  von  Erwerbsthätigen  auf  als  in  der  Industrie.
Die  Ursache  davon  liegt  hier  in  der  weiten  Verbreitung  des  kleinen  Grundbesitzes.  Doch
beträgt  die  Gesamtzahl  der  landwirtschaftlich  thätigen  Personen  in  Frankreich  schon
weniger  als  die  Hälfte  aller  Erwerbsthätigen  (40%).  In  Deutschland  hält  sich  die
Landwirtschaft  und  die  Industrie  ungefähr  die  Wage.  Auf  jede  dieser  beiden  Hauptbernfsgruppen
  entfallen  rund  37%  der  erwerbsthätigen  Bevölkerung.  Faßt  man
jedoch  Industrie,  Handel  und  Verkehr  zusammen,  so  übersteigen  diese  Berufsgruppen  mit
einem  Anteil  von  49%  aller  Erwerbsthätigen  um  ein  bedeutendes  den  Anteil,  der  auf
die  Land-  und  Forstwirtschaft  entfällt.  Die  Landwirtschaft  hat  somit  in  Deutschland
aufgehört,  den  Haupterwerbszweig  der  Bevölkerung  zu  bilden,  und  der  sich  vollziehende
Übergang  vom  Agrar-  zum  Jndustriestaate  kommt  in  diesen  Zahlen  deutlich  zum  Ausdruck. ­
  Ähnlich  wie  in  Deutschland  liegen  die  Verhältnisse  in  der  Schweiz  und  in  den
Niederlanden;  in  Belgien  übertrifft  die  Industrie  schon  um  ein  bedeutendes  den
Anteil  der  Landwirtschaft  an  der  erwerbenden  Bevölkerung.  Den  reinen  Typus  des
Industriestaates  stellt  Großbritannien  dar.  Hier  entfallen  nur  noch  15%  von
der  Gesamtzahl  der  Erwerbsthätigen  auf  die  Landwirtschaft,  und  bei  einer  Einwohnerzahl ­
  von  40  Millionen,  die  somit  erheblich  hinter  der  des  Deutschen  Reiches  (52  Millionen)
zurückbleibt,  stellt  es  die  Riesenzahl  von  mehr  als  nenn  Millionen  in  der  Industrie  thätiger
Personen,  nahezu  um  eine  Million  mehr  als  im  Deutschen  Reiche  in  den  gleichen  Berufen
thätig  sind.  Allerdings  fällt  auch  hier  wieder  ins  Gewicht,  daß  die  in  der  Landwirtschaft
besonders  zahlreichen  mithelfenden  Familienangehörigen  nicht  gezählt  werden.  Aus  dem
gleichen  Grunde  erscheint  auch  die  Zahl  der  im  Handel  thätigen  Personen  kleiner,  als
sie  wirklich  ist,  abgesehen  davon,  daß  ein  Teil  des  Handels  (der  Detailhandel  und  die
Gast-  und  Schankwirtschaft)  von  der  englischen  Berufsstatistik  bei  der  Industrie  gezählt
wurde;  immerhin  bilden  jedoch  diese  Zahlen  eine  treffende  Kennzeichnung  der  englischen ­
  Volkswirtschaft  und  der  britischen  Wirtschaftspolitik,  die  darauf  hinausgeht,
England  gewissermaßen  zur  Zentralindustriewerkstätte  der  Welt  zu  machen.
Einen  scharfen  Gegensatz  zu  den  übrigen  Teilen  des  vereinigten  Königreiches  bildet
nur  Irland,  wo  noch  40%  der  erwerbsthätigen  Bevölkerung  in  der  Landwirtschaft
gezählt  werden.
Eine  ganz  eigentümliche  Gliederung  zeigt  im  Hinblick  auf  den  Beruf  die  Bevölkerung
der  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika.  Der  agrarische  Grundzug  seiner  Wirtschaft ­
  kommt  zum  Ausdrucke  in  der  Stärke  seiner  landwirtschaftlichen  Bevölkerung,  die
ungefähr  gleichviel  Köpfe  zählt  wie  die  der  gleichen  Berufsgruppe  in  Deutschland  und
annähernd  ebenso  stark  ist  als  Industrie  und  Handel  zusammengenommen.  Gleichzeitig
tritt  aber  das  rasche  Emporblühen  der  amerikanischen  Industrie  in  der  großen  Zahl  der
in  dieser  Berufsgruppe  gezählten  Personen  zu  Tage.
Über  die  soziale  Schichtung  der  Bevölkerung,  das  ist  über  das  Verhältnis
der  selbständigen  und  der  angestellten  Arbeiter  in  den  einzelnen  Berufsgruppen  liegen
nicht  für  alle  der  oben  angeführten  Länder  vergleichbare  Angaben  vor.  Soweit  solche
vorhanden,  sind  sie  in  der  Tabelle  ans  S.  904  zusammengefaßt.  Unter  den  verschiedenen
Hauptberufsgruppen  ist  die  Zahl  der  Selbständigen  am  größten  in  der  Landwirtschaft.
Sie  beträgt  hier  in  Deutschland  nahezu  31%  der  in  dieser  Berufsgruppe  erwerbsthätigen ­
  Personen.  Nahezu  dasselbe  Verhältnis  dürfte  auch  in  den  Niederlanden
und  in  Österreich  obwalten,  obwohl  für  das  letztgenannte  Land  infolge  von  Ver-
        <pb n="864" />
        904

Die  Weltwirtschaft.

Länder

Gesamtzahl
der  Erwerbsthätigen ­


Selbständige

Abhängige

auf  100  Erwerbstbätige
  entfallen

Selbstständige ­


Abhängige ­


in  der  Landwirtschaft:

Deutsches  Reich

8  292  692

2  568  725

5  723  967

30,98

69,02

Österreich

8  469  223

2  006  764

6  462  459

23,7

76,3

Ungarn

4  474  653

1  904  060

2  570  593

42,5

57,5

Schweiz

491  743

213  585

278  158

44,6

55,4

Frankreich

6  535  599

3  570  016

2  965  583

54,8

45,4

Belgien

—

—

—

—

—

Niederlande

541  274

167  555

373  719

30,9

69,1

Dänemark

228  316

191  007

37  309

83,7

16,3

Schweden

944  562

530  485

414  077

56,2

43,8

Norwegen

384  426

164  728

219  698

42,9

57,1

in  der  Industrie:

Deutsches  Reich

8  281  220

2  061  764

6  219  456

24,9

75,1

Österreich

2  880  897

597  847

2  283  050

20,8

79,2

Ungarn

917  167

390  109

527  058

42,53

57,47

Schweiz

431  005

127  172

303  833

27,4

72,6

Frankreich

4  548  098

1  021  659

3  526  439

22,5

77,5

Belgien

1  081  503

197  485

884  018

18,3

81,7

Niederlande

532  181

152  335

379  846

28,6

71,4

Dänemark

200  700

101  994

98  706

50,8

49,2

Schweden

263  317

97  640

165  677

37,1

62,9

Norwegen

177  511

64  729

112  782

36,5

63,5

im  Handel  und  Perkehr:

Deutsches  Reich

2  338  511

843  557

1  494  954

36,07

63,93

Österreich

845  073

314  577

530  496

37,2

62,8

Ungarn

249  051

95  015

154  036

38,15

61,85

Schweiz

140  289

47  491

89  380

33,85

66,15

Frankreich

2  185  818

931  470

1  254  348

42,8

57,4

Belgien

—

—

—

—

—

Niederlande

268  730

137  247

131  483

51,1

48,9

Dänemark

69  300

39  140

30160

56,5

43,5

Schweden

102  381

40  903

61478

40

60

Norwegen

91  257

24  067

67  190

26,4

73,6

schiedenheiten  der  Zählungsweise  eine  viel  geringere  Anzahl  von  Selbständigen
ausgewiesen  wird.  Bedeutend  höher  ist  die  verhältnismäßige  Zahl  der  selbständigen
Wirtschaftsbesitzer  in  der  Schweiz  (44,6°/ 0 ),  in  Frankreich  (54,6  °/ 0 )  und  in  den
skandinavischen  Ländern.  In  der  Industrie  zeigen  die  fortgeschrittensten  Staaten,
wie  das  Deutsche  Reich,  Frankreich  und  Belgien  einen  verhältnismäßig  geringen
Prozentsatz  der  Selbständigen;  das  Vorherrschen  der  Großindustrie  als  Betriebsform
kommt  hierin  zum  Ausdruck.  Im  vollen  Gegensatze  dazu  stehen  die  mehr  agrarischen
Staaten  wie  Skandinavien  und  Ungarn,  wo  die  Zahl  der  Selbständigen  bis  zu
50,8  °/o  steigt.  Im  Handel  und  Verkehr  endlich  überwiegen  durchweg  wieder  die
kleinen  Betriebe,  und  dem  entsprechend  ist  die  Zahl  der  Selbständigen  auch  hier  eine
größere.  Sie  beträgt  beispielsweise  in  Deutschland  36°/ 0 ,  in  Frankreich  sogar  42,6  der
in  dieser  Gruppe  erwerbsthätigen  Personen.  Für  Nordamerika  wird  die  Zahl  der
Eigentümer  von  landwirtschaftlichen  oder  gewerblichen  Betrieben  mit  7  492  886  Personen
angegeben  (33°/ 0  aller  Erwerbsthätigen),  jene  der  angestellten  Handelsgehilfen  und  Beamten ­
  mit  1  363  180  (5,9  0 / 0 ),  jene  der  gelernten  Arbeiter  mit  5  480  435  (24,i  °/ 0 ),  jene
der  ungelernten  Arbeiter  mit  8  419  160  (37°/o).  Für  Großbritannien  liegen  keine  Zahlen
über  die  Berufsstellung  der  erwerbsthätigen  Personen  vor.
        <pb n="865" />
        Getreidebau  und  Viehzucht.

905

Die  Landwirtschaft.
Getreidebau  und  Viehzucht.
Die  geschilderte  rasche  Zunahme  der  Bevölkerung  in  den  westeuropäischen  Staaten
bewirkte  bald,  daß  immer  größere  Volksmassen  außerhalb  der  Landwirtschaft  Unterhalt
suchen  mußten.  Daher  rührt  die  in  Westeuropa  ganz  allgemein  zu  beobachtende  Erscheinung, ­
  daß  auf  die  landwirtschaftlichen  Berufe  ein  immer  geringerer  Prozentsatz  der
Bevölkerung  entfällt.  Der  Bevölkerungszuwachs  wurde  zum  größten  Teile  von  den
Städten  und  der  Industrie  aufgenommen.  Im  Jahre  1858  wohnten  von  der  damals
mit  ungefähr  26,8  Millionen  zu  veranschlagenden  Bevölkerung  des  heutigen  deutschen
Reichsgebietes  noch  73°/ 0  auf  dem  Lande,  27°/ 0  in  den  Städten.  Nach  der  Zählung  vom
Jahre  1895  betrug  die  Bevölkerung  des  flachen  Landes  nur  noch  5O°/ 0  der  Gesamtbevölkerung ­
  von  51,77  Millionen,  und  auch  von  dieser  findet  ein  guter  Teil  in  der
Industrie  seinen  Unterhalt.  Die  heimische  Landwirtschaft  vermochte  der  gestiegenen  Bevölkerung ­
  aber  nicht  nur  keine  Beschäftigung  zu  gewähren,  sie  war  auch  bald  nicht  mehr
imstande,  die  nötigen  Nahrungsmittel  zu  ihrem  Unterhalte  hervorzubringen.  Am  frühesten
ist  dieser  Zustand  in  England  eingetreten.  Schon  in  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts ­
  erschienen  die  Getreidezölld,  durch  die  damals  die  englische  Landwirtschaft  geschützt ­
  war,  als  eine  unerträgliche  Last  für  die  gestiegene  industrielle  Bevölkerung,  der  sie
das  Brot  verteuerten,  so  daß  sie  beseitigt  werden  mußten,  und  heute  erzeugt  England
kaum  ein  Drittel  seines  Weizenbedarfes  und  weniger  als  die  Hälfte  seines  Bedarfes  au
anderen  Getreidearten  im  Lande  selbst.  Ähnlich  ist  Deutschland  —  das  in  den  40er
Jahren  noch  eine  Mehrausfuhr  von  durchschnittlich  4’/ 2  Millionen  Meterzentner  verzeichnete ­
  und  an  der  Versorgung  Englands  mit  Brotkorn  damals  in  erster  Reihe  beteiligt
war  —  schon  seit  1870  auf  regelmäßige  Getreidezufuhr  angewiesen.  Heute  deckt  es
seinen  Bedarf  an  Getreide  zu  einem  Fünftel  bis  einem  Siebentel  aus  dem  Auslande.
In  welchem  Maße  es  für  die  einzelnen  Getreidesorten  hinsichtlich  seines  Bedarfes
von  der  fremden  Einfuhr  abhängig  ist,  zeigt  folgende  Tabelle:

Getreideart

1885/86

1890/91

1895/96

1897/98

Roaaen:

Ernte  ■»

5  842  658

5  868  078

6  595  7o8

6  932  506

Mehreinfuhr  !  •  ,
Aussaat  s  m  1

765  680

879  784

924  601

750  397

992  455

989  451

1  001911

1  014  352

Verbrauch  '

5  615  883

5  758  411

6  518  448

6  668  551

per  Kopf  in  kg

120

117

125

125

Weizen  mit  Spelz:

Ernte  i
Mehreinfuhr  S  .  .
Aussaat  (  m  1

3  074  466

3  323  891

3182  132

3  259  996

558  343

672  381

1  263  835

1  008  141

423  977

428  073

415710

404  511

Verbrauch  '

3  208  832

3  568  199

4  030  257

3  863  626

per  Kops  in  kg

69

73

78

72

Gerste:

Ernte  .

2  264  829

2  283  432

2  411  731

2  242  015

Mehreinfnhr  s  ,  ,

413  330

728  867

911  592

1  045  000

Aussaat  s  *

278  781

266  369

270  494

266  562

Verbrauch  *

2  399  378

2  745  930

3  052  829

3  020  453

per  Kopf  in  kg

52

56

59

56

Hafer:

Ernte  .

4  358  039

4  913  544

5  252  590

4  841  446

Mehreinfuhr  I  -  ,

205  262

187  266

184  044

526  577

Aussaat  }  lnt

530  158

546  563

564016

618  853

Verbrauch  ;

4  033  143

4  554  247

4  872  618

4  749  170

per  Kopf  in  kg

86

92

94

88

Auch  Belgien,  die  Niederlande,  Frankreich  und  in  neuerer  Zeit  Italien
führen  Getreide  regelmäßig  in  größeren  Mengen  ein.  Allein  au  Weizen  betrug  im
Jahre  1897  die  Mehreinfuhr  der  westeuropäischen  Länder  über  70  Mill.  Meterzentner.

114
        <pb n="866" />
        906

Die  Weltwirtschaft.

Mit  dieser  ungeheueren  Steigerung  des  Bedarfes  an  Brotgetreide  fiel  die  gewaltige ­
  Entwickelung  des  Verkehrswesens  zusammen.  Der  rasch  fortschreitende
Ausbau  des  Eisenbahnnetzes  aller  in  den  Kreis  moderner  Kultur  einbezogenen  Länder,
die  Herstellung  wichtiger  Kanäle,  vor  allem  des  Suezkanales,  die  Entwickelung  der
Dampfschiffahrt  und  die  Vervollkommnung  der  Handelstechnik,  die  in  Verbindung  mit
den  Fortschritten  im  Verkehrswesen  eintrat,  hat  eine  so  außerordentliche  Verbilligung
des  Warenbezuges  und  der  Warenlieferung  aus  der  Ferne  herbeigeführt,  daß  der  bis
dahin  an  enge  Grenzen  gebundene  Verkehr  in  agrarischen  Massenprodukten  binnen  kurzem
zu  einem  den  ganzen  Erdball  umspannenden  Welthandel  wurde.  Die  entferntesten
Gegenden  der  Erde  wurden  mit  ihren  Erzeugnissen  gewissermaßen  vor  die  Thore  Westeuropas ­
  geschoben  und  in  den  Stand  gesetzt,  die  natürliche  Gunst  ihrer  Prodnktionsbedingungen
  voll  geltend  zu  machen  und  nicht  nur  mit  näher  gelegenen  europäischen
Getreideländern  in  der  Deckung  des  riesenhaft  gestiegenen  westeuropäischen  Getreidebedarfes ­
  erfolgreich  in  Wettbewerb  zu  treten,  sondern  auch  die  heimische  Landwirtschaft
Westeuropas  teilweise  aus  dem  Felde  zu  schlagen.  Neben  den  Weizen  Ungarns  und
Rumäniens  ist  auf  den  europäischen  Märkten  das  Getreide  der  russischen  Tiefebenen  und
der  uordamerikanischcn  Prairien,  die  Zufuhr  aus  Ostindien,  Argentinien,  Kanada  und
Australien  getreten.
Obenan  stehen  unter  den  Getreideausfuhrländern  die  Vereinigten  Staaten
von  Nordamerika  und  Rußland.  Noch  zu  Anfang  der  60er  Jahre,  vor  dem
Sezessionskriege,  war  Nordamerika  für  den  Getreidehandel  ohne  Bedeutung.  Erst  als
der  Bau  der  Pacifischen  Bahnen  und  die  infolge  wirtschaftlicher  Krisen  in  Europa  gestiegene ­
  Einwanderung  die  Erschließung  und  rasche  Besiedelung  des  waldarmen  und
fruchtbaren  Prairiegebietes  ermöglichte,  begannen  sie  die  europäischen  Märkte  mit  immer
gewaltiger  anschwellenden  Getreidemassen  zu  überschwemmen.  Sprunghaft  ging  die  Anbaufläche ­
  für  Getreide  in  die  Höhe.  Im  Jahre  1849  waren  erst  acht  Millionen  aorss
mit  Weizen  bebaut,  1871  betrug  diese  Fläche  bereits  20  Millionen,  1876  27  Millionen,
1880  38  Millionen  und  1898  44  Millionen  aoros.«  Die  Anbaufläche  für  Mais  ist
zwischen  1871  und  1898  von  34  auf  77  Millionen  aorss,  jene  für  Hafer  von  8  auf
25  Millionen  acres,  die  für  Roggen,  Gerste  und  Buchweizen  von  2,7  auf  4,7  Millionen
acres  gestiegen.
Gleichen  Schritt  mit  dieser  Ausdehnung  der  Anbauflächen  hielt  die  Steigerung  der
Erntemenge.  Sie  betrug  in  Millionen  Meterzentnern

für

im  Jahre

1871

1881

1891

1897

1898

Weizen

62,8

104,3

166,5

144,3

183,8

Roggen

3,9

5,3

8,1

7,0

6,5

Gerste

5,8

8,9

18,9

14,5

12.2

Hafer

37,1

60,5

107,2

101,5

106,1

Mais

252,0

303,5

523,3

483,3

488,8

Buchweizen....

1,7

2,0

2,6

3,1

2,4

Zusammen

363,8

484,5

826,6

753,7

799,8

Bei  extensivster  Bewirtschaftung,  die  oft  in  reinen  Raubbau  ausartet,  liefert  der  frisch
unter  den  Pflug  genommene,  jungfräuliche  Boden  reiche  Erträge  mit  geringen  Produktionskosten. ­
  Auf  den  großen  Stapelplätzen  des  Inneren,  in  Chicago,  St.  Louis,  Milwaukee,
Detroit,  Duluth  sammeln  sich  die  Zufuhren.  Großartige  Speicheranlagen  (Elevatoren)
—  deren  Chicago  allein  im  Jahre  1885  27  mit  einem  Fassungsranme  von  25  Millionen
Bushels  zählte  —  mit  den  vollkommensten  mechanischen  Einrichtungen  für  Reinigung,
Sortierung,  Mischung,  Einlagerung  und  zeitweise  Durchlüftung  der  Ware  nehmen  hier
das  Getreide  auf,  und  ein  ausgebildetes  Kreditsystem  ermöglicht  es  dem  Landwirte,  es  in
        <pb n="867" />
        907

Getreidebau  und  Viehzucht.

den  Speichern  mittels  Warrants  bis  zu  80  und  90  %  seines  Wertes  bankmäßig  belehnen
zu  lassen  und  so  sein  Kapital  rasch  wieder  verfügbar  zu  erhalten.  Bis  in  das  Herz  der
Getreidegebiete  des  Westens  geführte  Bahnen,  reichlich  vorhandene  natürliche  Wasserwege
und  ein  sich  daran  schließendes  großartiges  Kanalnetz  ermöglichen  die  rasche  und  billige
Beförderung  des  Getreides  aus  dem  Inneren  an  die  atlantischen  Häfen,  nach  New  Aork,
Baltimore,  Philadelphia  und  Boston,  neben  denen  in  neuerer  Zeit  New  Orleans  und
Montreal  zu  wichtigen  Stapelplätzen  für  Getreide  sich  entwickelten,  ersteres  durch  seine
Lage  an  der  Mündung  des  nunmehr  auch  für  Seeschiffe  fahrbar  gemachten  Mississippi,
letzteres  infolge  seiner  Kanalverbindung  mit  den  großen  Seen  und  des  Baues  der
kanadischen  Überlandbahn.  Die  Frachtsätze  haben  durch  die  Konkurrenz  und  die  Vervollkommnung ­
  der  Verkehrsmittel  eine  unglaubliche  Erniedrigung  erfahren.  So  kostete
die  Beförderung  eines  Bushels  Weizen  von  Chicago  nach  New  Aork  im  Jahre  1868  zu
Wasser  (See  und  Kanal)  22,79,  bei  kombinierter  Fracht  (See  und  Eisenbahn)  29  Cents,
bei  ausschließlicher  Benützung  der  Eisenbahn  29,so  Cents,  1898  jedoch  nur  noch  4,42
bezw.  9,so  und  11,52  Cents,  und  die  Seefracht  von  New  Aork  nach  Liverpool  ist  im
gleichen  Zeitraume  von  14,5  auf  5,02s  Cents  zurückgegangen.
Dem  entsprechen  auch  die  Ziffern  für  die  Ausfuhr;  sie  betrug  im  Jahre  1897  für
Weizen  40,s,  für  Roggen  2,6,  für  Gerste  3,4,  für  Hafer  7,5  und  für  Mais  48  Millionen
Meterzentner.
Daszweite  große  Exportland  für  den  europäischen  Getreidehandel  ist  Rußland.  Bereits
in  den  sechziger  Jahren  zu  einer  Zeit,  wo  sich  der  amerikanische  Wettbewerb  kaum  fühlbar ­
  machte,  erschien  es  mit  bedeutenden  Getreidemassen  auf  dem  europäischen  Markte.
Seine  Ausfuhr  betrug  bereits  im  Jahre  1871  17,9  Millionen  Meterzentner  Weizen.
Im  Jahre  1897  führte  es  an  Weizen  34,9  Millionen,  Roggen  12,  Gerste  14,6,  Hafer  7,1,
Mais  3,4  Millionen  Meterzentner  aus.  Auch  hier  war  der  Ausbau  des  Bahnnetzes  im
Inneren  des  Reiches  und  die  Entwickelung  der  Schiffahrt  nach  den  baltischen  und  südrussischen ­
  Häfen  maßgebend  für  die  Entwickelung  der  Ausfuhr.  In  neuerer  Zeit  suchte
die  Regierung  diese  dadurch  zu  begünstigen,  daß  sie  durch  Einstellung  von  Exporttarifen ­
  die  Transportkosten  von  jedem  Punkte  des  weiten  Reiches  nach  der  Grenze  gleich
hoch  stellte  und  so  allen  Produktionsgebieten  die  Ausfuhr  unter  gleichen  Bedingungen
ermöglichte.  Die  Anbaufläche  hat  in  Rußland  nicht  dieselbe  sprunghafte  Entwickelung
genommen  wie  in  Nordamerika.  Sie  ist  von  64,6  Millionen  im  Jahre  1881  nur  auf
67,6  Millionen  im  Jahre  1897,  das  ist  um  4,5°/g  gewachsen.  Die  schnelle  Zunahme ­
  der  russischen  Ausfuhr  liegt  eben  weniger  in  der  fortschreitenden  Ausdehnung  des
Getreidebaues  als  in  der  zunehmenden  Nutzbarmachung  der  vorhandenen  Ernten  für
die  Ausfuhr.
Ungefähr  seit  1876,  in  größerem  Umfange  seit  1881  erscheint  auch  Britisch-Ostindien
  mit  bedeutenden  Weizenmengen  ans  dem  europäischen  Markte,  wenn  auch  die
Höhe  seiner  Weizenausfuhr  stark  wechselt,  da  infolge  der  klimatischen  Verhältnisse  periodische
Mißernten  eintreten  und  überdies  die  Einfuhr  ostiudischen  Weizens  wegen  seiner  höheren
Frachtkosten  nur  lohnend  erscheint,  sobald  der  amerikanische  Weizenpreis  eine  gewisse
Höhe  erreicht  hat.  Als  Getreideausfuhrländer  kommen  ferner  für  den  europäischen  Markt
noch  in  Betracht  die  Balkanländer,  Ägypten,  Algier,  Kanada  und  Australien,
in  neuerer  Zeit  auch  die  La  Plata-Staaten,  namentlich  Argentinien.  Seine
Weizenausfuhr  hat  sich  mit  beispielloser  Schnelligkeit  entwickelt.  1889  betrug  sie
erst  229  000,  1894  hatte  sie  bereits  den  Betrag  von  16,1  Millionen  Hektoliter  erreicht.
Dabei  ist  von  der  gesamten  auf  16  Millionen  Hektar  geschätzten,  für  den  Weizenbau
geeigneten  Fläche  dieses  Landes  nicht  viel  mehr  als  eine  Million  Hektar  unter  den  Pflug
genommen.  Der  Boden  ist  von  einer  unvergleichlichen  Fruchtbarkeit,  die  Urbarmachung
bei  dem  Mangel  an  Baumwuchs  leicht,  das  Klima  gestattet  zwei  Ernten  im  Jahre  und
die  Vornahme  landwirtschaftlicher  Arbeiten  das  ganze  Jahr  hindurch,  so  daß  die  Gunst  der
natürlichen  Verhältnisse  kaum  von  irgend  einem  Erdstrich  übertroffen  werden  kann.  Dazu
kommt  noch  der  die  Ausfuhr  fördernde  Einfluß  einer  tief  entwerteten,  schwankenden  Papier-
        <pb n="868" />
        908

Die  Weltwirtschaft.

Valuta.  Seit  der  teilweisen  Eröffnung  der  sibirischen  Bahn  ist  endlich  auch  Zentralasien ­
  in  die  Reihe  der  Getreideländer  getreten.  Seine  Ausfuhr  geht  über  den  Don  und
die  südrussischen  Häfen  und  betrug  im  Jahre  1898  30  Millionen  Pud  Weizen.  Bei  der
ungeheuren  Ausdehnung  dieser  großenteils  für  den  Getreidebau  vorzüglich  geeigneten
Gebiete  liegt  eine  ähnliche  Entwickelung,  wie  wir  sie  in  Nordamerika  und  Argentinien
erlebten,  für  Sibirien  keineswegs  außer  dem  Bereiche  der  Möglichkeit.
Einen  Überblick  über  die  gegenwärtigen  Produktionsverhältnisse  von  Getreide
gewährt  folgende  Zusammenstellung,  welche  die  jährliche  Getreideernte  der  wichtigsten
Staaten  im  Durchschnitte  des  Jahrzehntes  1888—1898  in  Millionen  Tonnen  angibt:

Land

Getreide
überhaupt

Wetzen

Roggen

Davon
Gerste

Hafer

Maid

Vereinigte  Staaten  von  Nordamerika ­


78,08

13,89

0,74

1,45

11,69

45,31

Rußland

46,82

10,76

20,61

4,29

10,64

0,52

Deutschland

17,63

2,99

7,28

2,44

4,84

—

Österreich-Ungarn  ....

17,08

5,23

3,28

2,61

2,68

3,28

Frankreich

16,35

8,61

2,17

0,99

3,91

0,67

Britisch-Ostindien  ....

6,68

6,68

—

—

—

England

6,16

1,42

0,06

1,66

3,02

—

Italien

5,64

3,22

0,13

0,15

0,31

1,83

Spanien

4,73

2,43

0,63

0,23

1,31

—

Rumänien

4,30

1,64

0,17

0,52

0,19

1,88

Kanada

3,66

1,35

0,04

0,33

1,44

0,39

Argentinien

2,67

1,68

—

—

—

0,99

Schweden-Norwegen  .  .  .

2,32

0,09

0,60

0,41

1,22

—

Andere  Länder

17,03

—

—

—

—

—

Zusammen

223,94

67,18

38,08

17,91

42,54

58,20

Den  Wert  einer  guten  Getreideernte  auf  der  ganzen  Welt  berechnet  man  auf  etwa
22—25  Milliarden  Mark.
Auch  in  Bezug  auf  das  zweite  Hauptnahrungsmittel  der  Bevölkerung,  das  Fleisch,
tritt  in  den  Kultur-  und  Industriestaaten  West-  und  Mitteleuropas  eine  steigende
Abhängigkeit  von  fremden  Zufuhren  hervor.  Der  absolute  Viehstand  hat  sich  infolge ­
  der  Verbesserung  der  Viehzucht  und  der  teilweisen  Verdrängung  des  Körnerbaues ­
  durch  die  Viehwirtschaft  zwar  bedeutend  gehoben,  doch  hat  diese  Vermehrung
nicht  überall  gleichen  Schritt  mit  der  Vermehrung  der  Bevölkerung  gehalten,  so  daß  der
^relative  Viehstand,  das  ist  sein  Verhältnis  zur  Bevölkerung,  teilweise  zurückgegangen  ist.
Gleichzeitig  ist  unter  dem  Einflüsse  der  städtischen  Lebensweise  und  der  industriellen  Beschäftigung ­
  der  Anteil  des  Fleisches  an  der  Ernährung  der  Bevölkerung  gestiegen.  Unter
dem  Zusammenwirken  dieser  Umstände  sind  England,  in  geringerem  Maße  auch  das
Deutsche  Reich,  Frankreich,  das  cisleithanische  Österreich,  Italien  und  die  Schweiz  zu
Einfuhrländern  für  Vieh  und  Fleisch  geworden.  Für  die  Deckung  des  Bedarfes  der
genannten  Festlandsstaaten  kommen  hauptsächlich  die  viehreichen  Länder  Nord-  und
Osteuropas  in  Betracht:  Dänemark,  Schweden,  Rußland,  Ungarn,  Serbien  und  Rumänien.
Vielfach  zeigt  sich  dabei  die  Erscheinung,  daß  ein  Land  seinen  eigenen  Fleischverbrauch
mit  Hilfe  der  Zufuhr  minderen  Viehes  aus  einem  Nachbarlande  deckt  und  sein  eigenes
hochwertiges  Mastvieh  ausführt.  So  werden  beispielsweise  die  Budapester  Märkte  mit
serbischem  Vieh  versorgt,  die  vorzügliche  eigene  Mastware  Ungarns  aber  geht  nach  Wien.
In  England  dagegen  liefern  den  Hauptteil  der  Vieh-  und  Fleischeinfuhr  die  überseeischen
Länder,  Amerika  und  Australien.  In  diesen  Ländern  hat  die  Viehzucht  eine  noch  raschere
Entwickelung  genommen  als  der  Getreidebau.  In  den  Vereinigten  Staaten  ist  die
Zahl  der  Rinder  von  17  Millionen  Stück  im  Jahre  1850  auf  53  Millionen  im
Jahre  1894  gestiegen.  Eine  Fläche  so  groß  als  ganz  Europa  ohne  Rußland  dient  dort
der  Weidewirtschaft.  Da  das  Vieh  auf  diesen  ungeheuren,  unter  dem  Namen  ,.Range
        <pb n="869" />
        Getreidebau  und  Viehzucht.  909

and  Ranch  Cattle  Area“  *)  bekannten  Grasländereien  sich  selbst  seinen  Unterhaltlsichern
muß,  sind  die  Gestehungskosten  äußerst  niedrig.  Sie  werden  für  ein  zum  Austrieb  auf
den  Märkten  geeignetes  vierjähriges  Rind  mit  4  bis  5  Dollar  angegeben.  Der  wichtigste
Markt  ist  der  von  Chicago.  Ungeheure  Viehhöfe  und  Schlachthäuser  nehmen  hier  das
von  allen  Seiten  herbeigetriebene  Vieh  auf.  Das  Fleisch  der  geschlachteten  Rinder  wird
teils  frisch  nach  den  Städten  der  Union  versendet,  teils  zu  Büchsen-  oder  Pökelfleisch  verarbeitet ­
  oder  in  gefrorenem  Zustande  zur  Ausfuhr  nach  Europa  gebracht.  In  gleichem
Umfange  wird  die  Schweineschlächterei  betrieben.  Auch  lebendes  Vieh  geht  von  den  Vereinigten ­
  Staaten  und  von  Kanada  in  Menge  nach  England.  Neben  Nordamerika  sind
die  La  Plata-Staaten  Hauptlieferanten  für  den  englischen  Markt.  Auf  den  ungeheuren
Ebenen  Argentiniens  und  Uruguays  hat  sich  das  von  den  Spaniern  eingeführte  Vieh  in
halbwildem  Zustande  zu  riesigen  Herden  vermehrt.  Lange  Zeit  fanden  bloß  Häute  und
Hörner  der  Tiere  für  die  Ausfuhr  Verwendung.  Dann  schritt  man  zur  Herstellung  von
Tassajo  (gedörrtem  Fleisch)  für  die  Ausfuhr  nach  anderen  Staaten  Südamerikas  und  zur
Fabrikation  von  Fleischextrakt;  in  neuester  Zeit  geht  bereits  lebendes  Vieh  und  gefrorenes
Fleisch  nach  England.  In  Australien  ist  namentlich  die  Schafzucht  und  die  Ausfuhr  gefrorenen ­
  Hammelfleisches  von  Bedeutung.
Über  den  Viehstand  der  wichtigsten  Länder  gibt  auf  Grund  der  jüngsten  Zählungen
folgende  Zusammenstellung  Aufschluß:

Land

Rm!
Tausende
Stück

)vieh
auf  100
Einw.

Schafe
Tausende  auf  100
Stück  Einw.

Schl
Tausende
Stück

oeine
auf  100
Einw.

Deutsches  Reich

17  555

66,5

13  589

27,6

12174

24,8

Belgien

1  383

25,1

365

6,6

646

11,7

Dänemark

1  433

67

1  304

59,7

771

35,3

Frankreich

13  364

34,9

21505

56,1

6  337

16,6

Großbritannien  ....

11  208

29,6

31  775

83,9

3  278

8,7

Italien

4  783

16,8

8  596

30,2

1  164

4,1

Niederlande

1  513

34,0

811

18,0

577

12,1

Österreich

8  644

36,2

3  187

13,3

3  550

14,9

Ungarn

4  879

33,8

10  595

73.4

4  804

33,3

Rumänien

2  520

50

5  002

99,3

926

18,4

Rußland

27  623

30,6

48  220

52,9

10  742

11,8

Schweden

1920

40

1  345

28

655

13,6

Norwegen

1  004

50,6

1412

71

121

6,1

Schweiz

1  213

42,8

342

12,1

395

14

Vereinigte  Staaten.  .  .  .

53  091

84,8

45  048

71,9

45  206

72,2

Buenos  Ayres

8  557

1  118,2

51  239

6  695,9

205

26,8

Australien

11  819

310,9

124  287

3  269,3

1068

28,1

Serbien

911

39,4

3  051

132,1

895

38,7

Ähnlich  wie  mit  Fleisch  geht  es  mit  anderen  tierischen  Produkten.  Die
australische  und  die  Capwolle  hat  die  Wollproduktion  Europas  unlohnend  gemacht
und  langsam  vernichtet.  Der  heutige  Markt  wird  beherrscht  von  der  Zufuhr  aus  Südamerika ­
  und  Indien  und  selbst  in  Molkereierzeugnissen  beginnt  die  überseeische  Zufuhr ­
  sich  fühlbar  zu  machen.  Im  Jahre  1890  umfaßte  die  Ausfuhr  Neuseelands
3,8  Millionen  Pfund  Butter  und  3,7  Millionen  Pfund  Käse,  jene  Kanadas  8,4  Millionen
Pfund  Käse.
Naturgemäß  übt  diese  gesteigerte  Konkurrenz  der  unter  günstigeren  Bedingungen
produzierenden  überseeischen  Landwirtschaft  einen  starken  Druck  auf  den  Preis  der  europäischen ­
  Märkte  aus.  Am  stärksten  wurde  er  in  dem  freihändlerischen  England  fühlbar,
das  bloß  die  Einfuhr  lebenden  Viehs  durch  das  Gebot  der  Schlachtung  am  Einfuhrhafen
einigermaßen  beschränkt  und  keinerlei  Zoll  von  Lebensmitteln  erhebt.  Hier  ist  der

*)  Range  Cattle,  Vieh  auf  öffentlichen  Ländereien,  dessen  Eigentümer  bloß  aus  dem  Brandzeichen
  erkennbar  ist;  Ranch  Cattle,  Vieh,  das  auf  ungehcgten,  im  Einzeleigcntum  stehenden
Weideplätzen  gehalten  wird.
        <pb n="870" />
        910

Die  Weltwirtschaft.

Weizenpreis  von  83  sh  11  d  für  das  Quarter  im  Durchschnitt  der  Jahre  1801  bis
1810  auf  31  sll  11  d  im  Jahre  1890  gesunken,  was  einem  Preis  von  143,s  Mark  für
die  Tonne  entspricht.  Im  Jahre  1895  fiel  er  sogar  ans  108  Mark  für  die  Tonne.
Auch  in  den  übrigen  Getreidesorten  trat  ein  wenngleich  geringer  Rückgang  der  Preise  ein,
und  seit  1883  sind  auch  die  Viehpreise  erheblich  gefallen.  Ans  den  festländischen
Märkten  sind  die  Preise  im  allgemeinen  der  Bewegung  des  Londoner  Marktes  gefolgt,
wenngleich  sie  um  den  Betrag  der  jeweils  eingehobenen  Zölle  höher  sind.  Einen  Maßstab ­
  für  die  Preisbewegung  in  Deutschland  bildet  folgende  Übersicht-über  die  Getreidepreise ­
  in  Berlin.  Hier  betrug  der  Durchschnittspreis  in  Mark  für:

Jahr

Weizen

Roggen

Gerste

Hasrr

1651—1700

74,50

53,40

54,84

52,94

1701  —  1750

84,70

62,72

52,92

52,52

1751  —  1800

125,82

101,42

108,40

96,50

1801—1850

185,80

136,00

127,20

136,60

1851  —  1880

211,00

161,40

153,60

155,20

1881  —  1890

176,20

146,00

152,80

144,40

1891

224,21

211,23

153,8

165,83

1892

176,41

176,84

148,2

149,44

1898

151,34

133,85

136,5

157,02

1894

136,18

117,75

123,8

131,28

1895

142,5

119,8

116,2

121,4

1896

156,2

118,8

129,2

124,7

Bei  den  Zahlen  aus  älterer  Zeit  wird  mau  den  höheren  Geldwert  wohl  berücksichtigen
müssen.  Doch  zeigt  die  Zusammenstellung  klar  die  Steigerung  der  Getreidepreise,  so  lange
der  Bedarf  das  Angebot  überwog,  und  ihren  scharfen  Rückgang,  seit  die  Konkurrenz  der
jungen  Kulturländer  entfernter  Erdstriche  voll  einsetzt,  also  etwa  seit  1880.
Das  Sinken  der  Getreidepreise  war  für  die  Landwirtschaft  um  so  empfindlicher,  als
gleichzeitig  infolge  der  bestehenden  Überproduktion  auch  die  Preise  für  Spiritus,  durch
dessen  Erzeugung  man  eine  bessere  Verwertung  für  das  Bodenprodnkt  gesucht  hatte,  und
für  Zucker  um  rund  60%  zurückgingen  und  die  Wollen-  und  Rapspreise  infolge  der
Konkurrenz  der  überseeischen  Wolle,  des  Petroleums  und  der  verschiedenen  tropischen
Öle  um  einen  ähnlichen  Betrag  fielen.  Eine  günstige  Entwickelung  haben  nur  die  Preise
für  tierische  Erzeugnisse  genommen,  zum  großen  Teile  infolge  veterinär-polizeilicher ­
  Einfuhrsverbote  für  ausländisches  Vieh  und  Fleisch.  Die  Preise  für  geschlachtetes
Vieh  stellten  sich  auf  dem  Berliner  Markte  für  100  kg  in  Mark:

Jahr

Rinder
Fleischgewicht
Ila
Lurchschnittspreis

Schweine
Lebendgewicht
II  A
höchster  Preis

Kälber
Fleischgewicht
Ia
niedrigster  Preis

Hammel
Fleischgewicht
Ia
Durchschnittspreis

1882

97,9

108,2

108,1

106,9

1886

98,5

94,2

86,5

92,7

1890

100,9

115,7

103,2

106,8

1894

109,8

101,8

99,1

96,3

1895

109,7

90,1

104,0

100,9

1896

103,4

86,2

99,4

94,6

Das  Ergebnis  der  Entwickelung  ist  somit  auf  allen  wichtigen  Märkten  Europas
ein  seit  den  70er  Jahren  anhaltender  allgemeiner  und  starker  Preisrückgang  der
wichtigsten  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse,  der  für  die  Ertragsfähigkeit  unserer
Landwirtschaft  um  so  schwerer  ins  Gewicht  fällt,  als  gleichzeitig  ihre  Produktionskosten
durch  die  gestiegenen  Arbeitslöhne  eine  Erhöhung  erfuhren.  Außerdem  haben  viele
Wirtschaftsbesitzer  in  der  dem  Auftreten  der  überseeischen  Konkurrenz  vorangegangenen,
bei  dem  gesteigerten  Bedarf  für  die  europäische  Landwirtschaft  außerordentlich  günstigen
Periode  beim  Erwerb  ihrer  Wirtschaften  Boden-  oder  Pachtpreise  gewährt,  die  sich
        <pb n="871" />
        911

Getreidebau  und  Viehzucht.

unter  den  geänderten  Verhältnissen  als  viel  zu  hoch  erwiesen.  Auch  die  auf  den
Gütern  haftenden  Schulden  wurden  jetzt  weniger  leicht  getragen  als  früher,  und  zudem
wurde  die  ungünstige  Lage  der  Landwirtschaft  selbst  in  vielen  Fällen  zur  Ursache  weiterer
Schuldenzunahme.  Alle  diese  Umstände  wirkten  zusammen,  in  der  europäischen  Landwirtschaft ­
  ein  wirtschaftliches  Unbehagen  zu  erzeugen,  das  man  kurzweg  als  Agrarkrisis
bezeichnet.
Die  Wirkungen  dieser  Krisis  auf  den  landwirtschaftlichen  Betrieb  äußerten  sich  verschieden ­
  in  England  und  auf  dem  Festlande.
In  England  befindet  sich  fast  der  ganze  Grundbesitz  als  eine  Art  Fideikommiß
in  den  Händen  weniger  reicher  Familien,  die  ihn  jedoch  nicht  selbst  bewirtschaften,
sondern  höchstens  mit  Ausnahme  eines  Gutes  von  geringem  Umfange,  das  mehr  zum
Vergnügen  bewirtschaftet  wird,  verpachten.  Als  der  Preisrückgang  der  landwirtschaftlichen ­
  Erzeugnisse  eintrat,  wurden  dadurch  zunächst  nur  die  Pächter  getroffen,  und  für
viele  bedeutete  es  eine  wirtschaftliche  Katastrophe,  da  sie  ihren  Verpflichtungen  nicht  nachkommen ­
  konnten,  die  Pacht  aufgeben  mußten  und  zudem  das  Betriebskapital,  für  das  in
England  die  Pächter  zu  sorgen  haben,  einbüßten.  Vielfach  wurden  jedoch  von  den
Gutsbesitzern  entsprechende  Pachtnachlässe  gewährt,  und  auch,  wo  dies  nicht  der  Fall  war,
mußten  die  Pachtzinsen  bald  notgedrungen  den  gesunkenen  Preisen  der  landwirtschaftlichen ­
  Erzeugnisse  angepaßt  werden,  da  die  Pachtverträge  meist  über  kurze  Fristen  laufen
und  zum  alten  Pacht  kein  Pächter  zu  finden  war.  Manche  Grundstücke  von  geringerer
Fruchtbarkeit  konnten  überhaupt  nicht  mehr  verpachtet  werden  und  mußten  unbebaut
bleiben  oder  auf  Wald  umgelegt  werden.  Die  Verminderung,  die  das  Einkommen  der
Landlords  durch  diese  Herabminderung  der  Pachtzinsen  erfuhr,  wird  auf  zehn  Millionen
Pfund  Sterling  oder  auf  ein  Fünftel  ihres  jährlichen  Einkommens  geschätzt.  Diese
Einbuße  konnte  jedoch  verhältnismäßig  leicht  getragen  werden,  da  diese  Grundbesitzerfamilien, ­
  abgesehen  von  ihrem  großen  Reichtum,  znm  großen  Teil  auch  an  Jndustrieunternehmungen
  beteiligt  oder  im  Besitze  städtischer  Grundstücke  sind,  welche  von  der  Ertragsminderung ­
  nicht  getroffen  wurden.  Hierin  liegt  wohl  auch  einer  der  Gründe  dafür,  daß
der  Preissturz  der  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse  in  England  zu  keiner  Agrarbewegung
unter  den  Großgrundbesitzern  führte.
Ferner  ermöglichte  diese  Agrarverfassung  verhältnismäßig  leicht  den  Übergang  zu
einem  den  neuen  Verhältnissen  angepaßten  Wirtschaftssystem.  Man  schritt
im  weitesten  Umfange  zum  Ersätze  des  Ackerbaues  durch  Viehzucht  und  Weidewirtschaft, ­
  und  die  englische  Gesetzgebung  leistete  dem  insofern  Vorschub,  als  die  durch
das  Gesetz  vorgeschriebene  Schlachtung  fremden  Viehes  in  den  Einfuhrshäfen  dem
heimischen  Züchter  bei  der  Lieferung  lebenden  Viehes  einen  Vorteil  vor  dem  Importeur
gewährt.  Der  Übergang  zur  Weidewirtschaft  gestattet  ferner  eine  Herabminderung  der
Produktionskosten,  er  erfordert  weniger  Arbeitskräfte,  die  klimatischen  Verhältnisse  des
Landes  sind  für  die  Viehzucht  besonders  geeignet,  und  schließlich  sind  Fleisch  und  tierische
Produkte  von  der  Entwertung  weit  weniger  betroffen  worden  als  das  Getreide.  In
welchem  Umfange  diese  Umwandlung  der  landwirtschaftlichen  Betriebe  stattfand,  geht
daraus  hervor,  daß  sich  die  Ackerfläche  vom  Durchschnitt  der  Jahre  1867—1872  bis
zu  jenem  der  Jahre  1893—1897  von  17,7g  auf  14,04  Millionen  aoros  vermindert  hat,
während  das  Gras-  und  Kleeland  von  28,3  auf  33,8,  die  Waldfläche  von  0,8  auf
3  Millionen  acres  zunahm.  Die  stärkste  Verminderung  zeigt  die  Anbaufläche  von  Weizen,
die  von  3,8  auf  1,8  Millionen  acres  zurückging,  während  Gerste  und  Hafer,  die  vielfach
als  Futtergetreide  dienen,  sich  so  ziemlich  auf  gleichem  Stande  erhalten  haben  und  nur
unbedeutende  Verminderungen  erfuhren.  Durch  zweckmäßige  Organisation  des  Absatzes
und  Erleichterungen  im  Verkehr  auf  den  Eisenbahnen  suchte  man  ferner  den  Absatz  von
Milch  und  Molkereierzeugnissen  zu  erleichtern;  endlich  nahm  in  der  Nähe  großer  Städte
das  Gartenland  zu,  wenn  auch  nicht  in  dem  gewünschten  Maße,  weil  der  Gartenbau
wegen  der  großen  Anforderungen  an  die  Arbeitskraft  und  die  notwendigen  Meliorationen
sich  mehr  für  den  kleinen,  selbst  wirtschaftenden  Eigentümer  als  für  den  Pächter  eignet.
        <pb n="872" />
        912

Die  Weltwirtschaft.

Jedenfalls  hat  die  bestehende  Agrarverfassung  in  England  die  Anpassung  an  die  neuen
Verhältnisse  wesentlich  erleichtert,  hauptsächlich  wohl  deshalb,  weil  die  Entwertung  des
Grundbesitzes,  die  infolge  der  ausschließlich  von  industriellen  Gesichtspunkten  geleiteten
Handelspolitik  Englands  und  der  bewußten  Preisgebung  der  landwirtschaftlichen  Interessen
zu  gunsten  billiger  Ernährung  der  industriellen  Bevölkerung  eingetreten  war,  nicht  von
kleinen,  an  der  Industrie  nicht  interessierten  Grundbesitzern  getragen  werden  mußte,
sondern  auf  die  Schultern  weniger  Großgrundbesitzer  übergewälzt  wurde,  die  selbst  wieder
mit  der  Industrie  verknüpft  sind,  während  der  den  Bauernstand  des  Festlandes  vertretende
kleine  Pächter  sich  durch  die  Herabminderung  der  Pachtprcise  schadlos  hielt.
Anders  auf  dem  Festlande.  Hier,  namentlich  in  Deutschland,  bildet  der  Pachtbesitz ­
  die  Ausnahme.  Über  83%  der  gesamten  bewirtschafteten  Grundfläche  stehen  in
Eigenwirtschaft.  Dabei  herrscht  im  allgemeinen  der  bäuerliche  Betrieb  vor,  wie  die  nachfolgende ­
  Übersicht  zeigt:

Es  entfielen  auf  die  Betriebe  mit  einer  landwirtschaftlichen
Fläche  von

weniger  als
2  lia

2—20  ha

20—100  ha

100  ha
und  mehr

von  der  Gesamtzahl  der  Betriebe

3  236  367

2  015  122

281  767

25  061

von  der  gesamten  landwirtschaftlichen

  Fläche

1  808  444

13  007  859

9  869  837

7  831  801

von  je  100  Betrieben

58,2

36,3

5,1

0,45

von  je  100  ha  landwirtschaftlicher

Fläche

5,6

40,0

30,3

24,1

Hiernach  nimmt  der  kleine  und  mittlere  bäuerliche  Betrieb  in  Deutschland  den  bedeutendsten ­
  Raum  ein,  zusammen  70%  der  landwirtschaftlichen  Fläche,  während  auf  den
Großbetrieb  kaum  %  entfällt.  Der  Zwergbetrieb  in  kleinen  Parzellen  ist  nur  der  Zahl
der  Betriebe  nach  stark  vertreten,  hat  aber  landwirtschaftlich  keine  besondere  Bedeutung,
weil  er  kaum  6%  der  Gesamtfläche  einnimmt.  Gegenüber  der  Zählung  von  1882  ist
der  Großbetrieb  eher  noch  zurückgegangen,  da  auf  ihn  im  Jahre  1882  24,4%,  im
Jahre  1895  24,1%  der  bewirtschafteten  Fläche  entfallen.  Ebenso  haben  die  Betriebe
mit  20—100  ha  im  Jahre  1882  31,i  im  Jahre  1895  30,3  %  der  Fläche  eingenommen,
während  die  Kleinbetriebe  mit  2—20  ha  von  38,8  auf  40%  gestiegen  sind.  Der  Zwergbetrieb ­
  unter  2  ha  weist  ebenfalls  eine  Verminderung  von  5,7  auf  5,6  %  auf.
Im  Osten  und  Nordosten  Deutschlands  erleidet  dieses  Verhältnis  allerdings  bedeutende
Verschiebungen.  Hier  herrscht  der  Großgrundbesitz  vor.  So  entfallen  beispielsweise  in
Schlesien  33.  in  Brandenburg  38,  in  Ostpreußen  39,  in  Westpreußen  43,  in  Posen  52,
in  Pommern  55,  in  Mecklenburg  sogar  60%  Gesamtfläche  auf  die  Betriebe  mit  mehr  als
100  ha,  während  in  West-  und  in  Süddeutschland  der  bäuerliche  Betrieb  kleineren  und
mittleren  Umfanges  entschieden  vorherrscht  und  der  auf  den  Großgrundbesitz  entfallende
Anteil  unter  das  Durchschnittsmaß  sinkt.
Entsprechend  der  Verschiedenheit  der  wirtschaftlichen  Verhältnisse  waren  nun  auch
die  Wirkungen  des  Preissturzes  der  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse  für  den  Osten  und
Westen  Deutschlands,  für  Großgrundbesitz  und  Bauernstand  verschieden.  Für  den  Großgrundbesitz ­
  im  Osten  waren  Getreide  und  Brennkartoffeln  für  die  Spiritusbrennerei  die
Haupterzcugnisse;  beide  hatten  unter  dem  Preisrückgang  am  schwersten  zu  leiden.  In
Mitteldeutschland  und  in  der  Provinz  Sachsen  wurde  der  Großgrundbesitz  durch  den
Preisrückgang  des  Zuckers  schwer  getroffen,  da  er  hier  hauptsächlich  den  Rübenbau  pflegte.
Außerdem  bedeutet  die  Verteuerung  der  Arbeitskräfte  und  die  Abwanderung  vom  flachen
Lande  nach  den  Jndustrieorten  und  in  die  Städte  in  erster  Linie  für  die  großen  Güter
eine  Erschwerung  und  Verteuerung  ihres  Wirtschaftsbetriebes,  der  kleine  und  mittlere
Grundbesitzer  war  weniger  davon  betroffen,  weil  er  einen  großen  Teil  der  in  der  Wirtschaft ­
  notwendigen  Arbeit  selbst  und  durch  Familienangehörige  bestreitet.
        <pb n="873" />
        Getreidebau  und  Viehzucht.  91Z

Außerdem  hatte  sich  der  Kleinbetrieb  seit  jeher  mehr  mit  der  Viehzucht  und  Molkerei
beschäftigt,  insbesonders  in  West-  und  Süddeutschland,  wo  die  zahlreichen  Städte,  die
Dichtigkeit  der  Bevölkerung  und  die  Nachfrage  nach  derlei  Erzeugnissen  ihn  darauf  hinführten. ­
  Endlich  verbraucht  der  Bauer  einen  großen  Teil  seiner  Erzeugnisse  im  eigenen
Haushalt,  so  daß  er  von  der  Wirkung  steigender  oder  sinkender  Marktpreise  zum  Teil
unberührt  bleibt.  Für  den  Kleinbetrieb  spielen  daher  teilweise  dieselben  günstigen  Umstände ­
  mit,  die  in  England  dem  Pächter  über  die  Krisis  hinweghalfen,  während  der  Großgrundbesitz ­
  sie  in  ihrer  vollen  Schärfe  empfindet.
Dies  drückt  sich  im  Maße  der  Verschuldung  aus.  Durchwegs  zeigen  die  östlichen
Provinzen  eine  weit  höhere  Verschuldung  als  die  westlichen.  In  den  östlichen  Provinzen
machen  die  Schuldzinsen  nach  angestellten  Ermittelungen  durchschnittlich  44—65^,  in  den
westlichen,  wo  der  bäuerliche  Besitz  vorherrscht,  14—29%  des  Einkommens  der  Grundbesitzer ­
  aus.  .Den  Hauptanlaß  für  die  Verschuldung  bilden  in  allen  Fällen  Besitzveränderungen: ­
  Erbteile,  die  nicht  ausbezahlt  wurden,  Kaufschilliugsreste,  die  stehen  bleiben.
Die  übermäßig  hohe  Bewertung  des  Grundes  in  der  für  die  Landwirtschaft  günstigen
Periode  äußerte  hier  ihre  Nachwirkung.  Bei  hoher  Verschuldung  wird  dies  dadurch  gefährlich, ­
  daß  die  fest  verzinsliche  Schuld  jährlich  einen  unveränderlichen  Betrag  vorweg
nimmt,  ohne  Rücksicht  auf  die  Höhe  des  Ertrages,  und  daß  daher  alle  Schwankungen
der  Erträge  voll  dem  Wirtschaftsbesitzer  zur  Last  fallen.
Äußerlich  drückt  sich  die  ungünstige  Lage  der  Landwirtschaft  auch  auf  dem  Festlande
schon  im  Rückgang  der  Anbauflächen  aus.  Am  größten  ist  dieser  in  den  westlichen ­
  Ländern,  in  Belgien,  in  den  Niederlanden,  dann  in  Dänemark  und
Skandinavien.  In  Frankreich  sind  die  Anbauflächen  für  Roggen,  Gerste,  Halbfrucht, ­
  Mais  und  Buchweizen  schon  seit  den  70  er  Jahren  beständig  verkleinert  worden.
Das  Weizenland  jedoch  erhält  sich  mit  verschiedenen  Schwankungen  fortgesetzt  nahe  dem
Stande  von  rund  sieben  Millionen  Hektar.  Im  Deutschen  Reiche  sind  die  Anbauflächen
noch  bis  Anfang  der  90  er  Jahre  gewachsen,  von  1893  an  jedoch  sind  sie  bei  Weizen
beständig,  bei  den  anderen  Fruchtgattungen  unter  Schwankungen  bis  1897  zurückgegangen.
In  Österreich  hält  das  Wachstum  der  Anbaufläche  bis  1895  an,  um  seither  einem
Rückgang  Platz  zu  machen.  In  Ungarn  endlich  ist  noch  im  Jahre  1898,  dem  letzten,
für  das  die  Ergebnisse  vorliegen,  eine  Vermehrung  der  Anbauflächen  eingetreten.  Die
Bewegung  zeigt  somit  deutlich  ein  Fortschreiten  von  Westen  nach  Osten.  Sie  tritt  am
schärfsten  in  England  und  in  den  gegenüber  liegenden,  von  den  englischen  Marktverhältnissen ­
  unmittelbar  beeinflußten  Gebieten  auf  und  verflacht  gegen  Osten  hin,  um  in  Ungarn,
das  noch  in  die  Reihe  der  Agrarstaaten  und  Ausfuhrländer  zählt,  gänzlich  zu  verschwinden.
Dabei  ist  die  Intensität  des  Betriebes  durchweg  eine  größere  geworden,  der  mittlere
Ertrag  von  einem  Hektar  ist  überall  gestiegen.  Nach  Sundbärg  betrug  der  durchschnittlich ­
  auf  ein  Hektar  entfallende  Ernteertrag  in  Westeuropa  in  Meterzentnern

in  den  Jahren

1876  -  1885

1886-1895

1896

für  Weizen

10,9

11,2

12,0

„  Roggen

10,2

10,9

11,8

„  Gerste

13,0

13,2

13,0

„  Hafer

11,7

12,0

12,1

„  Mais

11,2

10,9

11,8

In  Deutschland  wurden  1878  —  1882  13  qu.,  1895—1899  16,6  qu.  Weizen  pro
Hektar  geerntet;  es  scheint,  daß  man  durch  größere  Intensität  der  Wirtschaft  der  Krisis  zu
begegnen  suchte.  Teilweise  mag  die  Aufrechthaltung  der  bestehenden  Betriebsart,  wohl
auch  in  Hoffnung  besserer  Zeiten,  durch  Einschränkung  der  Lebenshaltung,  Heranziehung
von  Ersparnissen,  Unterlassung  von  Anschaffungen  und  Neuerungen  erkauft  worden  sein.
Es  ist  nicht  zu  leugnen,  daß  einzelne  Anzeichen  auf  ein  Nachlassen  in  der  Stärke  der
überseeischen  Konkurrenz  schließen  lassen.  Bei  dem  heutigen  Stand  der  Getreidepreise
115
        <pb n="874" />
        914

Die  Weltwirtschaft.

besteht  nicht  mehr  jener  Anreiz  für  die  Ausdehnung  der  Produktion  in  fernen  Gebieten,  den
die  hohen  Preise  der  60  er  und  70  er  Jahre  boten;  eine  sprunghafte  Ausdehnung
der  Erzeugung,  wie  sie  in  früheren  Jahren  stattfand,  setzt  einen  starken  Anreiz  voraus;
außerdem  sind  in  den  meisten  Ländern  die  günstigsten  Gebiete  schon  unter  dem  Pfluge,
auf  ungünstige  aber  kann  man  nur  greifen,  wenn  ein  erhöhter  Bedarf  erhöhte  Preise
bringt,  welche  die  größeren  Produktionskosten  decken.  Selbstverständlich  kommen  dann
diese  höheren  Preise  auch  unserer  heimischen  Landwirtschaft  zu  gute.  Endlich  wirken
die  Bahnen  in  den  Exportstaaten  bei  dem  Weiterausbau  ihrer  Nebenlinien  nicht  mehr
ausschließlich  wie  bisher  als  Saugadern  für  den  Weltverkehr,  sondern  auch  als  Verteilungskanäle ­
  im  eigenen  Lande,  um  so  mehr  als  in  den  wichtigsten  Exportländern,  in
Nordamerika  und  Rußland,  die  Bevölkerung  und  dementsprechend  der  heimische  Verbrauch ­
  in  starkem  Steigen  begriffen  ist.  Nichtsdestoweniger  wird  man  sagen  müssen,
daß  die  Zukunft  der  europäischen  Landwirtschaft  mehr  im  Kleinbetriebe,  in  der  Viehwirtschaft, ­
  im  Anbau  von  Gemüsen,  Hackfrüchten.  Wein  und  Handelsgewächsen,  und  in
der  Produktion  von  Rohstoffen  für  die  landwirtschaftlichen  Nebengewerbe,  wie  Brauerei,
Brennerei  und  Zuckerfabrikation  liegt,  als  im  Großbetrieb  und  im  Getreidebau.
Anbau  von  Wein  nnd  Handelsgewächsen.
Wein.  Im  Gegensatze  zu  den  übrigen  Zweigen  der  Landwirtschaft  überragt  der
europäische  Weinbau  heute  noch  den  der  überseeischen  Länder  an  Güte  und  Menge  der
Erzeugung,  da  er  die  intensivste  Bewirtschaftung  des  Bodens  voraussetzt,  wie  sie  nur  in
Ländern  mit  alter  Kultur  und  dichter  Bevölkerung  möglich  ist.
In  Europa  selbst  stehen  die  Länder  Süd-  und  Südwesteuropas  obenan,  ihnen  zunächst ­
  Deutschland  (im  Rheingebiet),  Österreich  (Südtirol,  Steiermark,  Niederösterreich),
Ungarn  und  die  Balkanländer.  In  Griechenland  werden  die  Trauben  großenteils  nicht
zu  Wein,  sondern  zu  Korinthen  verarbeitet,  die  einen  Hauptausfuhrartikel  des  Landes
bilden.  In  neuerer  Zeit  hat  auch  im  Süden  von  Rußland  (Krim)  der  Weinbau  Bedeutung ­
  gewonnen,  ebenso  in  Algier  und  Tunis,  wohin  er  von  Frankreich  verpflanzt
wurde.  Von  überseeischen  Ländern  sind  Nordamerika,  Argentinien,  Chile  und  das  Kapland ­
  als  Weinproduzenten  zu  nennen.
Die  Weinernte  ergab  im  Jahre  1897  folgenden  Ertrag  (in  Millionen  hl):

Frankreich

.  .  .  32,350

Bulgarien

1,090

Italien

Serbien

0,920

Spanien

.  .  .  18,900

Rumänien

3,200

Portugal  .  ...

.  .  .  2,600

Türkei  und  Chpern....

1,800

Deutsches  gleich  .  .  .

.  .  2,100

Algier  und  Tunis  ....

4,457

Österreich

Vereinigte  Staaten....

1,147

Ungarn

.  .  .  1,200
.  .  .  1,250

Argentinien

1,440

Schweiz

Chile

2,800

Rußland

.  .  .  2,500

Kapland

0,195

Griechenland  ....

.  .  .  1,200

Azoren,  Madeira,  Kauarien  .

0,250

Handelspflanzen.  Außer  dem  Weinbau  hat  auch  der  Anbau  von  Handelsgewächsen ­
  gerade  bei  den  gegenwärtigen  Verhältnissen  der  europäischen  Landwirtschaft
erhöhte  Bedeutung  gewonnen.  Hierher  gehört  der  Anbau  von  Hopfen,  Färbepflanzen,
Karden,  Flachs,  Lein,  Tabak.  Verwertbare  Angaben  liegen  nur  für  die  drei  letzteren
vor.  Über  den  Flachs-  und  Hanfbau  werden  nähere  Angaben  in  dem  Abschnitt  über
die  „Industrie  und  deren  Rohstoffe"  mitgeteilt.  Hier  sei  nur  die  Erzeugung  und  der
Verbrauch  des  Tabaks  einer  näheren  Besprechung  unterzogen.
Seine  Gesamterzeugung,  soweit  sie  im  Welthandel  zum  Vorscheine  kommt,  wird  auf
7  bis  8  Millionen  Meterzentner  geschätzt;  davon  kommen  auf  die  europäischen  Ernten
etwa  2,  auf  die  außereuropäischen  5  bis  6  Millionen.  In  Europa  wird  der  Tabakbau
am  umfangreichsten  in  Ungarn  und  Rußland  betrieben,  auf  die  zusammen  mehr  als
die  Hälfte  der  europäischen  Ernte  entfällt.  Das  Deutsche  Reich  bringt  30  bis  40,  Frankreich ­
  20  bis  25  Millionen  kg  jährlich  hervor.  Von  hervorragender  Bedeutung  ist  der
        <pb n="875" />
        Wein  und  Handelsgewächse.  Die  landwirtschaftlichen  Gewerbe.  915
Tabakbau  ferner  in  den  Balkanländern  wegen  der  vorzüglichen  Güte  des  Erzeugnisses.
Von  den  außereuropäischen  Tabakländern  steht  Nordamerika  mit  einer  Ernte  von
200  Millionen  kg  obenan.  Das  nächstwichtigste  Produktionsgebiet  ist  Westindien,  vor
allem  Cuba  mit  seinen  Havannatabaken.  Steigende  Bedeutung  hat  der  Tabakbau  in
Mittel-  und  Südamerika,  namentlich  in  Brasilien,  ferner  auf  Java  und  Sumatra,  deren
Tabake  mit  den  cubanifchcn  konkurrieren,  und  in  Ostindien  gewonnen.  Endlich  kommt
das  türkische  Vorderasien  und  Persien  für  den  Bau  von  Tabaken  teilweise  vorzüglicher
Güte  in  Betracht.
Der  Tabakverbrauch  wird  in  den  Bereinigten  Staaten  auf  2,55,  im  Deutschen
Reiche  auf  1,W,  in  Österreich  aus  1,4,  in  Ungarn  auf  1,14,  in  Frankreich  auf  0,99,  in  England ­
  auf  0,79,  in  Italien  auf  0,60  kg  für  den  Kopf  der  Bevölkerung  berechnet.  Doch  hat
er  in  den  letzten  Jahren  im  Deutschen  Reiche  eine  beträchtliche  Steigerung  erfahren,  so
daß  er  gegen  74  Millionen  kg  im  Jahre  1894  auf  93  Millionen  im  Jahre  1897,  der
Durchschnittsverbrauch  für  den  Kopf  auf  1,8  kg  gewachsen  ist.  Man  wird  auch  dies,
ebenso  wie  die  Zunahme  des  Verbrauches  anderer  Genußmittel,  als  ein  Zeichen  steigenden
Wohlstandes  der  Bevölkerung  auffassen  dürfen.
Die  landwirtschaftlichen  Gewerbe.
Je  schwerer  der  Kampf  ist,  den  die  europäische  Landwirtschaft  gegen  diejenige  der
überseeischen  Länder  zu  führen  hat,  von  desto  größerer  Bedeutung  werden  für  sie  die
landwirtschaftlichen  Gewerbe,  welche  ihr  gestatten,  ihre  Erzeugnisse  in  der  Form  einer
höherwertigen  Ware  auf  den  Markt  zu  bringen,  und  gleichzeitig  die  Abfälle  dieser  Produktion ­
  ihrem  Wirtschaftsbetriebe,  vor  allem  der  Viehhaltung,  wieder  zuzuführen.  Welche
Bedeutung  diese  Gewerbe  als  Abnehmer  für  die  Landwirtschaft  besitzen,  geht  aus  folgender
Zusammenstellung  hervor,  die  den  Verbrauch  der  deutschen  Zuckerfabriken,  Brennereien,
Stärkefabriken  und  Bierbrauereien  an  landwirtschaftlichen  Erzeugnissen  darstellt.  Es
verbrauchen:

die  Zuckerfabriken

140  Mill.  qn.

Zuckerrüben  im  Werte

von  252  Mill.  Mark

die  Spiritusbrennereien

20  „  „

Kartoffeln  „

„

„

50  „  „

die  Kornbranntweinbreunereien

1  „  ,,

Gerste  „

"

"

18  „  ,,

und  Preßhefefabriken

2  ,,  ,,

Getreide  „

„

„

30  „  „

die  Stärkefabriken

20  „  „

Kartoffeln  „

„

„

50  „

1  „  ..

Getreide

„

„

10  ..

die  Bierbrauereien

18  „  „

Gerste  „

„

„

325  „  ..

20,2  „  „

Hopfen

„

„

53  „  ..

0,28  „  „

Weizen

„

„

5  „

Zusammen  verbrauchten  somit  die  landwirtschaftlichen  Gewerbe  Bodenerzeugnisse
im  Werte  von  788  Millionen  Mark.
Der  Wert  der  Abfälle  dieser  Gewerbe,  der  zum  größten  Teile  der  Landwirtschaft
wieder  als  Viehfutter  u.  s.  w.  zugeführt  wird,  beträgt  jährlich  93,5  Millionen  Mark.
Im  folgenden  sollen  die  wichtigsten  drei  Zweige  der  landwirtschaftlichen  Gewerbe,  die
Bierbrauerei,  Branntweinbrennerei  und  Zuckerfabrikatiou  nach  ihrem  Stande
in  den  verschiedenen  Ländern,  sowie  der  Verbrauch  ihrer  Erzeugnisse  eine  nähere  Darstellung ­
  erfahren.
Bier.  Die  Erzeugung  von  Bier  hat  in  den  europäischen  Staaten  in  der  Zeit  von
1868—73,  und  nach  einem  vorübergehenden  Rückschläge  neuerdings  seit  1887  einen
bedeutenden  Aufschwung  genommen.  Die  größte  Erzeuguugsmenge  weist  das  Deutsche
Reich  auf.  Ihm  zunächst  kommen  Großbritannien  und  Österreich-Ungarn.  Von  außereuropäischen ­
  Staaten  hat  die  nordamerikanische  Union  eine  großartige  Bierindustrie  entwickelt. ­
  Zugleich  mit  dem  Aufschwünge  seiner  Erzeugung  hat  sich  der  Verbrauch  dieses
Genußmittels  nicht  nur  in  den  alten  Erzeugungsländern  gesteigert,  sondern  auch  über
115*
        <pb n="876" />
        916

Die  Weltwirtschaft.
Gebiete  verbreitet,  in  denen  es  früher  kaum  bekannt  war.  So  weist  z.  B.  der  Bierverbrauch ­
  in  Frankreich  eine  rasche  und  bedeutende  Zunahme  auf.  Nähere  Aufschlüsse
über  die  Biererzeugung  in  den  einzelnen  Staaten  gibt  für  das  Jahr  1897  die  nachfolgende ­
  Zusammenstellung:

Land

Brauereien
in  Betrieb

Erzeugung
in  M

Auf  den  Kopf
der
Bevölkerung
entfallen  l

Deutsches  Reich

21  236

61  478  453

115,9

Großbritannien  und  Irland

8  196

57  825  095

136,9

Österreich-Ungarn

1  662

20  823  333

45,2

Schweiz

304

1802  961

44,2

Frankreich

2  546

9  248  814

27,9

Belgien

3  057

10  364  816

146,8

Niederlande

428

1  326  860

29,6

Dänemark

324

1  854  948

87

Schweden

540

1  521  720

24,8

Norwegen

47

632  950

20,95

Rußland

l  l36

4  862  726

5,91

Italien

89

78  367

1,93

Spanien

36

85  865

1,15

Rumänien

17

64  760

3,11

Serbien

12

62  958

1,9

Bulgarien

21

57  867

1,8

Griechenland

11

81715

2,6

Europäische  und  asiatische  Türkei,  Indien
(Britisch  Indien)  nebst  anderem  europäischen

  Besitz

39

411  260

0,041

Vereinigte  Staaten  von  Nord-  und  Südamerika,

  Australien  u.  s.  w

2  471

52  756  382

74,15

Branntwein.  Für  die  Erzeugung  von  Spiritus  im  großen  als  Stapelartikel
für  den  Welthandel  kommt  vorzugsweise  die  Verarbeitung  von  stärkemehlhaltigen  Stoffen,
namentlich  von  Getreide  und  Kartoffeln  in  Betracht.  Auch  für  die  Landwirtschaft
sind  vorzugsweise  diese  Zweige  der  Branntweinbrennerei  von  Bedeutung.  In  Gegenden,
wo  ein  sandiger,  leichter  Boden  auf  den  Kartoffelbau  hinweist,  bildet  die  Verarbeitung
dieser  Frucht  zu  Branntwein  oft  die  einzige  Möglichkeit  ihrer  nutzbringenden  Verwertung,
da  eine  Verfrachtung  der  Kartoffel  auf  größere  Entfernungen  infolge  ihres  geringen
Wertes,  der  keine  hohen  Transportkosten  verträgt,  ausgeschlossen  ist,  und  der  örtliche
Verbrauch  in  keinem  Verhältnisse  zur  Größe  der  Ernten  steht.  Unter  Umständen  können
ähnliche  Rücksichten  auch  die  Verarbeitung  von  Getreide  zu  Spiritus  vorteilhafter
erscheinen  lassen,  als  seine  Versendung.  In  beiden  Fällen  liefert  überdies  die  Spiritusfabrikation ­
  noch  ein  wertvolles  Nebenprodukt,  die  Schlempe,  die  ein  treffliches  Viehfutter
  bildet,  so  daß  der  Betrieb  der  Brennereien  gleichzeitig  eine  ausgedehntere  Viehhaltung ­
  und  intensivere  Wirtschaft  ermöglicht.
In  einzelnen  Ländern  mit  starkem  Steinobstbau  (namentlich  Pflaumen)  bildet
die  Branntweinbrennerei  oft  die  einzige  Möglichkeit  einer  entsprechenden  Verwertung
der  Obsternte.  So  bildet  z.  B.  in  Kroatien,  Slawonien,  Serbien  und  Bosnien  aus
Pflaumen  hergestellter  Branntwein  (Slibovitz)  einen  bedeutenden  Ausfuhrartikel.  Erwähnt ­
  sei  ferner  die  Destillation  von  Wein  in  manchen  Weingegenden  (Cognac,  Tokai)
und  die  Verwendung  von  Zuckerrohr,  Palm-  und  Sorghumsaft  zur  Branntweinbereitung ­
  in  tropischen  Ländern  (Rum  und  Arak).  Auch  ein  Abfallprodukt  bei  der
Rübenzuckerfabrikation,  die  Melasse,  bildet  einen  wichtigen  Rohstoff  der  Branntweinindustrie. ­
  Erzeugt  werden  jährlich  nach  den  neuesten  Angaben  in  Rußland  4,3,  im
Deutschen  Reiche  3,1,  in  Frankreich  2,2,  in  Österreich-Ungarn  2,  in  den  Vereinigten
Staaten  1,7,  in  Großbritannien  1,  in  Dänemark  0,3,  in  Schweden  und  Norwegen
0,23  Millionen  hl  reinen  Alkohols.
        <pb n="877" />
        Die  landwirtschaftlichen  Gewerbe.  917

Über  den  Branntweinverbrauch  in  den  verschiedenen  Ländern  liegen  verläßliche
Angaben  nicht  durchweg  vor.  In  Deutschland  wurden  im  Betriebsjahre  1896/97
2  280  800  Irl  (4,30  1  auf  den  Kopf)  als  Trinkbranntwein  und  867  400  bl  (1,6  1  auf
den  Kopf)  zu  gewerblichen  und  anderen  Zwecken  verwendet.  Bemerkenswert  ist  die  bedeutende ­
  Zunahme  der  Verwendung  des  Branntweins  für  gewerbliche  Zwecke,  die  sich  in
Deutschland  in  den  letzten  zehn  Jahren  auf  das  Doppelte  gesteigert  hat.  Für  den  internationalen ­
  Spiritushandel  kommen  insbesondere  Frankreich,  Deutschland,  Österreich-Ungarn
und  Rußland  als  Ausfuhrländer  in  Betracht.  Die  englische  Ausfuhr  geht  zum  größten
Teile  nach  den  Kolonien.
Zucker.  Infolge  des  raschen  Wachstumes  der  europäischen  Rübenzuckerindustrie
übertrifft  deren  Gesamterzeugung  heute  schon  die  auf  dem  Weltmärkte  erscheinende  Menge
des  Rohrzuckers,  wenngleich  die  Gesamterzeugung  des  letzteren,  einschließlich  der  in  den
Erzeugungsländern  verbrauchten  Mengen,  ihr  vielleicht  immer  noch  voransteht.  Diese
Entwickelung  ist  wesentlich  eine  Folge  der  Politik,  die  bei  der  Besteuerung  dieses  unentbehrlich ­
  gewordenen  Genußmittels  von  den  Staaten  verfolgt  wurde,  und  der  damit
zusammenhängenden  Entstehung  von  Ausfuhrprämien  für  Zucker.  Im  Betriebsjahre
1852/53  betrug  die  Rübenzuckererzeugung  erst  14  der  damals  mit  1,46  Millionen  t
bezifferten  Zuckerproduktion  für  den  Weltmarkt.  In  den  Jahren  1882—89  halten  sich
Rohr-  und  Rübenzucker  bereits  ungeführ  die  Wage,  von  da  an  überwiegt  der  Rübenzucker, ­
  und  im  Betriebsjahre  1896/97  stehen  4  791  700  t  Rübenzucker  gegen  2  624000  t
Rohrzucker.  Allerdings  ist  dieses  riesige  Überwiegen  der  Rübenzuckererzeugung  zum
großen  Teile  auf  die  Wirren  in  Cuba  zurückzuführen.  Infolge  des  Kriegszustandes  ist
die  cubanische  Zuckererzeugung  von  1  160  000  t  im  Jahre  1893/94  auf  300  000  t  im
Jahre  1896/97  zurückgegangen.  Jetzt,  wo  Amerika  in  Cuba,  Portorico,  den  Sandwichinseln ­
  und  den  Philippinen  die  wichtigsten  Rohrzuckerländer  seiner  Herrschaft  unterworfen ­
  hat,  dürfte  ein  Wendepunkt  in  der  Entwickelung  eintreten.  Bisher  schon  lieferten
diese  Länder  die  Hälfte  alles  Kolonialzuckers.  Mit  der  Wiederkehr  friedlicher  Zustände
und  unter  dem  Einflüsse  amerikanischen  Kapitals  und  Unternehmungsgeistes  wird  ihre
Bedeutung  für  die  Zuckerindustrie  rasch  wachsen,  und  dem  europäischen  Rübenzucker  steht
ein  harter  Kampf  um  die  Absatzgebiete  im  Auslande  bevor,  um  so  mehr  als  Nordamerika
darunter  einen  bedeutenden  Rang  einnimmt  und  durch  Zollmaßnahmen  jedenfalls  der
Zuckerindustrie  seiner  neuen  Kolonien  ein  Vorzugsrecht  zu  sichern  trachten  wird.
Die  Entwickelung  der  Rübenzuckerindustrie  in  den  europäischen  Staaten  stellt
folgende  Übersicht  über  die  Rübenzuckererzeugung  (in  Tonnen)  der  wichtigsten  Länder  dar:

Land

1875(76

1885/86

1896(97

Deutsches  Reich  ....

358  048

846  211

1  821  000

Österreich-Ungarn....

321  830

395  300

927  000

Frankreich
Rußland

462  257

296  633

700  000

247  340

528  52  l

725  000

Belgien

105  307

62  947

271  700

Holland

30  930

26  130

175  000

Andere  Länder  ....

4  039

22  769

172  000

Zusammen

1  529  751

2  178  511

4  791  700

Das  Deutsche  Reich  steht  hiernach  obenan.  Es  nimmt  auch  unter  den  Zucker  ausführenden ­
  Staaten  den  ersten  Rang  ein.  In  weitem  Abstande  folgen  Österreich-Ungarn
und  Frankreich.  Rußland  arbeitet  hauptsächlich  für  seinen  eigenen  Bedarf.
Die  Rohrzuckererzeugung  betrug  im  Jahre  1896/97:

in  Nordamerika  ....  354000  t  auf  Jamaika  30000  t
auf  Cuba  .  ...  300  000  „  in  Südamerika  380  000  „
„  Portorico  .  .  .55  000  „  auf  Java  540  000  „
„  den  Saudwichiuseln  .  .  200  000  „  „  Mauritius  und  Riunion  195  000  „
„  den  Philippinen  .  .  230  000  „  in  Ägypten  95  000  „
„  „  kleinen  Antillen.  .  245  000  „
        <pb n="878" />
        918

Die  Weltwirtschaft.

Dabei  sind  jedoch  nur  die  im  Welthandel  sichtbar  werdenden  Mengen  in  die  Aufstellung ­
  einbezogen,  da  von  den  meisten  Kolonialländern  die  Erzeugung  für  den  eigenen
Verbrauch  unbekannt  ist  und  nur  die  Ausfuhr  ermittelt  wird.
Die  wichtigsten  Einfuhrländer  für  Zucker  sind  England  und  die  Vereinigten
Staaten.  In  neuester  Zeit  erscheint  europäischer  Rübenzucker  auch  auf  den  ostindischen
Märkten  in  größeren  Mengen,  so  daß  man  daran  denkt,  Schutzmaßregeln  zu  gunsten
der  dortigen  Rohrzuckerindustrie  zu  ergreifen.
Der  Zuckerverbrauch  betrug  im  Jahre  1893/94  in  Großbritannien  33,8,  in  den
Vereinigten  Staaten  20,8,  in  Dänemark  13,5,  in  Frankreich  12,4,  in  der  Schweiz  11,7,
im  Deutschen  Reiche  10,i,  in  den  Niederlanden  9,5,  in  Schweden  8,1,  in  Österreich  7,5,
in  Norwegen  5,5,  in  Belgien  4,  in  Italien  3,5  kg  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung.
Bis  zu  einem  gewissen  Grade  spiegelt  sich  darin  der  Wohlstand  der  Bevölkerung,
was  insbesondere  in  dem  raschen  Wachstum  des  deutschen  und  französischen  Zuckerverbrauchs ­
  zu  Tage  tritt.  Zu  bemerken  ist  dabei  jedoch,  daß  auf  die  Höhe  des  Zuckerverbrauches ­
  in  England  und  den  Bereinigten  Staaten  die  Verbilligung  einwirkt,
die  der  Zucker  dort  infolge  der  Ausfuhrprämien  der  europäischen  Zuckerländer  erfährt.
Die  Erzeugnisse  der  tropischen  Landwirtschaft.
Unter  den  eigentümlichen  Erzeugnissen  der  tropischen  Länder  haben  Kaffee,  Thee
und  Kakao  als  für  uns  unentbehrliche  Genußmittel  hohe  Bedeutung  für  den  Welthandel
gewonnen.  Die  Anpflanzung  des  Kaffees  hat  sich  von  seiner  ostafrikanischen  und
arabischen  Heimat  rasch  über  Indien  und  den  Sundaarchipel,  sowie  nach  den  westindischen
Inseln  verbreitet.  Sie  griff  dann  auf  das  südamerikanische  Festland  über,  und  heute
ist  Brasilien,  namentlich  die  Staaten  Sao  Paulo  (Santos)  und  Rio,  das  hauptsächlichste
Produktionsgebiet,  während  in  Ostindien  und  auf  den  Sundainseln  infolge  der  Verwüstungen, ­
  welche  Krankheiten  des  Kaffeebaumes  in  den  Pflanzungen  hervorriefen,  der
Kaffeebau  namhaft  zurückging,  und  auf  den  Antillen,  namentlich  auf  Cuba,  großenteils
die  Zuckerrohrpflanzung  an  seine  Stelle  trat.  In  der  Zukunft  dürfte  sich  unter  anderem
Ostafrika  zu  einem  Haupterzeugungsgebiete  für  Kaffee  entwickeln.
Für  das  Jahr  1896/97  wird  die  Kaffeeernte  in  den  einzelnen  Erzeugungsländern,
soweit  sie  in  den  Welthandel  übergeht,  auf  folgende  Mengen  geschätzt:

Brasilien  448  990  t  Portorico  26  262  t
Venezuela  50  000  „  Britisch-Ostindien  u.  Ceylon  12  929  „
Columbia  21  500  „  Java  und  übriges  Nieder-Mittelamerika
  71  843  „  ländisch-Jndien  ....  53793
Mexiko  14  817  „  Alle  übrigen  Länder  .  .  .  20  000
Haiti  u.  S.  Domingo  .  .  35  803  „  Welternte  755  937  „
Der  Kaffeeverbrauch  betrug  im  Jahre  1897:
im  Deutschen  Reiche  .  135  890  metr.  1  in  Belgien  ....  29  000  metr.  t
in  Frankreich  .  .  .  77  310  „  „  der  Schweiz  .  .  .  10  150  „
„  Österreich-Ungarn  .  39  880  „  „  den  Verein.  Staaten
„  Großbritannien.  .  12  420  „  von  Nordamerika  .  318170  „

In  der  Erzeugung  von  Thee  nimmt  seine  Urheimat  China  immer  noch  den  ersten
Rang  ein.  Doch  begegnet  es  dem  steigenden  Wettbewerb  von  Ostindien,  Ceylon  und
Java,  wo  man  an  Stelle  der  vielfach  durch  Krankheiten  verwüsteten  Kaffeepflanzungen
den  Theebau  mit  Erfolg  einzuführen  begann.  Die  große  Ungleichmäßigkeit  des  zumeist
aus  kleinen  Pflanzungen  stammenden  chinesischen  Thees  und  die  Häufigkeit  seiner  Verfälschung ­
  beförderten  die  Verdrängung  Chinas  auf  dem  Weltmärkte.  Auch  in  Natal
und  auf  den  Fidschiinseln  wurde  die  Anpflanzung  von  Thee  mit  Erfolg  versucht.
Im  Jahre  1895  bezw.  1896  betrug  die  Theeausfuhr:

aus  China  116  Will,  kg  aus  Java  5,1  Will,  kg
..  Japan  20,ii  „  „  „  Fidschi  0,075  „
„  Ostindien  ....  52  „  „  „  Natal  0,225  „  „
„  Ceylon  ....  44  „  „
        <pb n="879" />
        Erzeugnisse  der  tropischen  Landwirtschaft.  91g
Für  Kakao  sind  die  Haupterzeugungsgebiete  die  Länder  des  tropischen  Süd-  und
Mittelamerika  und  Mexiko.  Die  Hauptmenge  der  in  den  Handel  gelangenden  Kakaobohnen ­
  stammt  aus  Ecuador,  das  jährlich  an  14  000  t  ausführt.  In  neuerer  Zeit
wird  Kakao  auch  auf  Celebes  und  im  tropischen  Afrika  gebaut.  Die  Gesamtmenge  des
aus  den  Erzengungsländern  jährlich  ausgeführten  Kakaos  beläuft  sich  auf  durchschnittlich ­
  30  000  t.
Die  Entwickelung  des  Verbrauches  von  Kaffee,  Thee  und  Kakao  im  Gebiete  des
Deutschen  Reiches  geht  aus  der  nachfolgenden  Übersicht  hervor.

Verbrauch  von  Kaffee,  Thee  und  Kakao  im  deutschen  Zollgebiete.

Durchschnittlich
jährlich

Kaffe
im  ganzen
t

e  roh
Pro  Kopf
kg

Thee
im  ganzen  I  pro  Kops
t  1  kg

Kakao  und  Bohnen
im  ganzen  ,  pro  Kopf
t  kg

1836/40

26  600

1,01

122

0,004

371

0,oi

1841/45

35  373

1,26

137

0,004

411

0,01

1846/50

39  810

1,34

172

0,01

535

0,02

1851/55

49  054

1,57

621

0,02

727

0,02

1856/60

59  770

1,79

646

0,02

780

0,02

1861/65

65  924

1,87

637

0,02

960

0,03

1866/70

82  827

2,20

748

0,02

1  259

0,03

1871/75

93  249

2,27

1  018

0,02

1  941

0,05

1876/80

101  366

2,33

1  381

0,03

2  019

0,05

1881/85

110  907

2,44

1  564

0,03

2  806

0,06

1886/90

114  263

2,38

1  912

0,04

4  954

0,10

1891/95

122  897

2,41

2  614

0,05

8  148

0,16

1896

129  884

2,48

2  625

0,05

12  114

0,23

1897

135  890

2,63

2  654

0,05

14  332

0,27

Industrie  und  Gewerbe.
Die  Formen  des  modernen  Industriebetriebes.
Wir  haben  bei  der  Besprechung  des  Entwickelungsganges  unserer  Volkswirtschaft
die  verschiedenen  Formen  des  Gewerbebetriebes  in  der  Reihenfolge,  wie  sie  in  der  Geschichte ­
  auftreten,  kennen  gelernt  und  gefunden,  daß  für  jedes  Zeitalter  der  wirtschaftlichen ­
  Entwickelung  eine  bestimmte  Betriebsform  charakteristisch  ist.  Man  würde  jedoch
irren,  wenn  man  dies  zugleich  für  die  ausschließliche  Betriebsform  des  betreffenden  Zeitalters ­
  halten  wollte.  Vielmehr  ragen  in  die  spätere  Periode  immer  noch  mehr  oder
weniger  bedeutende  Reste  der  früheren  Wirtschaftsformen  herein,  und  heute  noch  finden
wir  den  verschiedensten  Wirtschaftsstufen  angehörige  Betriebsformen  nebeneinander  vor.
In  den  bäuerlichen  Wirtschaften  unserer  Alpenthäler  und  der  osteuropäischen  Länder
haben  sich  vielfach  noch  Reste  der  geschlossenen  Hauswirtschaft  erhalten.  In  den
gleichen  Gegenden  spielt  auch  der  Hausfleiß  noch  eine  bedeutende  Rolle.  Die  sogenannte ­
  nationale  Hausindustrie  des  Ostens  (wie  die  Herstellung  von  Teppichen,
Stickereien,  Lederarbeiten,  bemalten  und  geschnitzten  Gefäßen  in  Ungarn,  Bosnien,
Kroatien  u.  s.  w.),  die  Erzeugung  von  Holzarbeiten  und  Schnitzwaren  in  manchen  Waldgegenden ­
  unserer  Gebirge  gehören  hierher.  Es  handelt  sich  dabei  nicht  um  eine  förmliche
gewerbliche  Thätigkeit,  sondern  um  die  Ausnutzung  der  in  der  Familie  vorhandenen
Arbeitskräfte  zu  Zeiten,  wo  die  landwirtschaftliche  Arbeit  ruht,  und  um  die  Verwertung
von  Erzeugnissen,  die  gelegentlich  in  einer  den  eigenen  Bedarf  übersteigenden  Menge
hergestellt  werden.  Ebenso  wird  in  unseren  Alpenländern  das  Handwerk  heute  noch  in
der  alten  Form  der  Störarbeit  betrieben.  Der  Handwerker  zieht  mit  seinen  Gesellen
auf  den  Bauernhöfen  herum  und  fertigt  dort  aus  dem  vom  Bauer  oft  noch  felBft  gesponnenen ­
  und  gewebten  Loden  oder  aus  dem  Leder,  das  dieser  aus  der  Haut  eines
geschlachteten  Tieres  sich  gerben  ließ,  Kleidungsstücke  und  Schuhe.  In  den  Städten  hat
sich  neben  dem  kapitalistischen  Großbetrieb  das  Handwerk,  das  unmittelbar  für  die
Kunden  arbeitet,  in  weitem  Umfange  erhalten,  und  die  Herstellung  von  Waren  für  den
        <pb n="880" />
        920

Die  Weltwirtschaft.

Absatz  im  großen  erfolgt  nicht  nur  in  dem  modernen,  für  unsere  Zeit  charakteristischen
Fabrikbetriebe,  sondern  großenteils  noch  im  Verlage.  Nichts  destoweniger  kann
man  jedoch  das  Vordringen  des  Großbetriebes  und  insbesondere  des  Fabrikbetriebes  als
die  zweifellose  Richtung  der  industriellen  Entwickelung  bezeichnen.  Deutlich  geht  dies  aus
letzten  deutschen  Gewerbezählungen  von  1882  und  1895  hervor.  Während  die  Zahl  den
der  Kleinbetriebe  von  1882  bis  1895  um  8,6  °/ 0 ,  im  Personal  um  2,4  °/ 0  zurückgegangen
ist,  hat  sich  die  Zahl  der  mittleren  Betriebe  um  64,i  °/ 0 ,  ihr  Personal  um  71,s  °/ 0 ,  die
Zahl  der  Großbetriebe  um  89,3  °/ 0 ,  ihr  Personal  um  87,2  °/ 0  vermehrt.  Die  Betriebe
mit  mehr  als  200  Arbeitern  haben  ihr  Personal  sogar  verdoppelt.  Am  stärksten  ist
somit  der  Großbetrieb  gewachsen.  Neben  ihm  hat  auch  der  mittlere  Betrieb  einen  Fortschritt ­
  zu  verzeichnen,  während  die  ganz  kleinen  Unternehmungen,  namentlich  jene  primitiven ­
  Betriebe,  in  denen  der  Inhaber  allein,  ohne  die  Unterstützung  von  Gehilfen  oder
Motoren  arbeitet,  einen  scharfen  Rückgang  zu  verzeichnen  haben.  Am  mächtigsten  entwickelt ­
  ist  der  Großbetrieb  in  der  Textil-,  chemischen  und  Maschinenindustrie,  namentlich
aber  im  Bergbau  und  Hüttenwesen.  Fast  zwei  Drittel,  im  Bergbau  95,2  °/ 0  aller  gewerblichen ­
  Arbeiten  werden  da  in  Unternehmungen  mit  mehr  als  50  Personen  verrichtet.
Es  sind  dies  die  Gewerbe,  in  denen  die  Anwendung  mechanischer  Hilfsmittel  und
motorischer  Kraft  am  weitesten  gediehen  ist.  Hier  ist  dem  Kleinbetriebe  die  technische
Grundlage  geschwunden.  Es  ist  heute  undenkbar,  die  Spinnerei,  die  Eisenerzeugung,
die  Herstellung  chemischer  Massenprodukte  in  kleinen  Unternehmungen  zu  betreiben.  Aber
auch  in  Gewerben,  in  denen  die  Maschinentechnik  dem  Kleinbetriebe  zugänglich  ist,  besitzt
der  Großbetrieb  Vorteile,  die  ihn  zur  wirtschaftlich  überlegenen  Betriebsform  machen.
Schon  die  motorische  Kraft  stellt  sich  in  der  Regel  um  so  billiger,  je  größer  der  Motor
ist;  dann  ist  die  Ausnützung  der  Maschinen  im  Großbetriebe  eine  bessere,  und  dies  gewährt ­
  die  Möglichkeit,  für  einzelne  Arbeiten  Spezialmaschinen  aufzustellen,  die  in  kleinen
Unternehmungen  keine  genügende  Beschäftigung  finden,  um  rentabel  sein  zu  können.  Es
hängt  dies  zusammen  mit  der  stärkeren  Arbeitsteilung  im  Großbetriebe.  Diese  ermöglicht
auch  eine  bessere  Organisation  der  menschlichen  Arbeitskräfte,  die  planmäßige  Durchführung ­
  weit  getriebener  Arbeitsteilung  und  Arbeitsvereinigung  auch  dort,  wo  es  sich
um  Handarbeit  handelt.  Einen  weiteren  Vorteil  gewährt  dem  Großbetriebe  die  Massenhaftigkeit
  seines  Bedarfes  beim  Einkäufe  von  Rohstoffen  und  die  Möglichkeit  einer  entsprechenden ­
  kaufmännischen  Organisation  des  Absatzes.  In  Gewerben,  in  denen  die
Technik  des  Großbetriebes  von  jener  des  Kleinbetriebes  nicht  wesentlich  verschieden  ist,
wie  z.  B.  in  der  Kleidermacherei,  sind  diese  letztgenannten  Vorteile  des  Großbetriebes  die
ausschlaggebenden.  Mit  der  modernen  Entwickelung  des  Verkehrs  und  dem  raschen
Wachstum  der  Städte,  das  für  unsere  Zeit  charakteristisch  ist,  hat  auch  die  Art  der
Bedürfnisbefriedigung  eine  Veränderung  erfahren;  der  Kauf  fertiger  Ware  hat  die  Bestellung ­
  vielfach  verdrängt.  In  den  Städten  sind  die  großen  Läden  und  Magazine  entstanden, ­
  in  denen  man  alle  möglichen  Sachen  fertig  vorfindet,  und  auch  der  Landbewohner
zieht  es  oft  vor,  bei  einem  Besuche  in  der  Stadt  die  fertige  Ware  zu  kaufen,  statt  sie
beim  ortsansässigen  Gewerbetreibenden  zu  bestellen.  Zwischen  den  Handwerker  und
seinen  Kunden  hat  sich  der  Händler  eingeschoben,  und  in  vielen  Fällen,  so  z.  B.  in  der
Konfektionsindustrie  ist  ein  großer  Teil  der  Handwerker  zu  Verlagsarbeitern  des  Händlers
herabgedrückt  worden.  Dieselbe  Entwickelung  ist  dort  eingetreten,  wo  Produkte  der
Handfertigkeit  ohne  Mithilfe  der  Maschinen  für  den  Export  erzeugt  werden,  wie  z.  B.  in
der  Spielwarenindustrie,  der  Drechslerei  und  ähnlichen.  Betrachtet  man  auch  die  großen
Verlagsgeschäfte  in  diesen  Gewerbezweigen  als  einheitliche  Unternehmungen,  in  denen
bloß  die  Erzeugung  in  den  Werkstätten  der  verschiedenen  abhängigen  Kleinmeister  und
Hausindustriellen  dezentralisiert  ist,  während  der  Absatz  der  Waren,  und  in  vielen  Fällen
auch  der  Einkauf  des  Rohstoffes,  die  ganze  kaufmännische  Seite  des  Geschäftes,  in  großem
Stile  durch  den  Verleger  abgewickelt  wird,  so  wächst  der  Raum,  den  der  Großbetrieb  in
unserer  Wirtschaft  einnimmt,  noch  ganz  erheblich.  Die  Folge  dieser  Entwickelung  ist
eine  stetige  Abnahme  der  selbständigen  Unternehmer.  Ihre  Zahl  betrug  im  deutschen
        <pb n="881" />
        921

Die  Formen  des  modernen  Industriebetriebes.
Gewerbe  im  Jahre  1892  2  209  239,  im  Jahre  1895  2  060  865,  so  daß  sie  um  67°/ 0
zurückgegangen  ist,  während  die  Gesamtzahl  der  in  der  Industrie  thätigen  Personen  im
gleichen  Zeitraum  von  5  933  663  auf  8  000  503  gestiegen  ist.  Die  sozialen  Folgen
dieser  Entwickelung  sind  bereits  oben  bei  Besprechung  der  Berufsverhältnisse  berührt  worden.
Die  Gliederung  unserer  Bevölkerung  erlitt  durch  die  großindustrielle  Entwickelung  eine
durchgreifende  Verschiebung,  die  sozialen  Unterschiede  sind  stärker,  die  Kluft,  welche  die
einzelnen  Gesellschaftsklassen  voneinander  trennt,  ist  großer  geworden.  Zweifellos
waren  damit  auch  schwerwiegende  soziale  Nachteile  verbunden,  namentlich  im  Anfange
der  Entwickelung,  solange  die  neue  Wirtschaftsverfassung  sich  noch  nicht  ihr  neues  Wirtschaftsrecht ­
  geschaffen  hatte.  Heute,  wo  die  Koalition  dem  Arbeiter  die  Möglichkeit  gibt,
einen  entsprechenden  Einfluß  auf  die  Feststellung  der  Arbeitsbedingungen  auszuüben  und
sich  nötigenfalls  seinen  Anteil  an  dem  Ertrage  der  nationalen  Produktion  zu  erkämpfen,
wo  der  Staat  durch  die  Arbeiterschutzgesetzgebung  und  Arbeiterversicherung  regelnd  einzugreifen ­
  begonnen  hat,  sind  die  nachteiligen  wirtschaftlichen  Folgen  der  Entwickelung  für
die  zunehmende  Zahl  der  Abhängigen  großenteils  gemildert  worden;  sie  bestehen  in
vollem  Umfange  nur  auf  jenem  Gebiete  industrieller  Thätigkeit  fort,  das  sich  bisher  dem
regelnden  Einflüsse  der  staatlichen  Gesetzgebung  entzogen  hat  und  den  Organisationsbestrebungeu
  der  Arbeiterschaft  unzugänglich  blieb,  namentlich  auf  dem  Gebiete  der  Verlagsarbeit. ­
  Hier  bildet  die  gesetzliche  Regelung  der  Arbeitsverhältnisse,  wie  sie  für  die
Fabriken  längst  stattgefunden  hat,  ein  noch  ungelöstes  Problem.  Der  Organisation  stellt
sich  die  Zersplitterung  der  Arbeiter  in  eine  Unzahl  kleiner  Werkstätten,  die  zahlreiche
Beschäftigung  von  Frauen  und  Kindern  hindernd  entgegen,  und  so  finden  wir  thatsächlich
in  der  Hausindustrie  aller  Länder  die  schwersten  sozialen  Übelstände,  ungemessene  Arbeitszeit, ­
  niedrige  Löhne,  regellose  Ausbeutung  der  Frauen-  und  Kinderarbeit,  auf  das  tiefste
herabgedrückte  Lebenshaltung.  Gegenüber  diesen  sozialen  Nachteilen  der  Entwickelung
zum  Großbetriebe  darf  man  jedoch  ihre  Vorteile  nicht  übersehen.  Die  durch  den  Großbetrieb ­
  unendlich  gesteigerte  Produktivität  der  menschlichen  Arbeit  gewährt  einer  viel
größeren  Anzahl  von  Menschen  den  Lebensunterhalt,  als  dies  bei  dem  alten  Wirtschaftssystem ­
  möglich  gewesen  wäre.  Dabei  hat  sie  eine  derartige  Verbilligung  der  für  den
täglichen  Bedarf  notwendigen  Massenprodukte  herbeigeführt,  daß  die  Lebenshaltung  des
einzelnen  gegen  früher  eine  höhere,  seine  Bedürfnisbefriedigung  eine  bessere  und  vielseitigere ­
  geworden  ist.  Endlich  hat  die  Industrie,  wenn  sie  auch  den  alten  Mittelstand
der  Handwerker  zum  Teil  vernichtete,  einen  kräftigen  neuen  Mittelstand  geschaffen,  der
sich  vielfach  in  günstigerer  materieller  Lage  befindet  als  die  selbständigen  Handwerksmeister ­
  der  früheren  Zeit.  Hierher  zählen  die  kaufmännischen  und  technischen  Beamten, ­
  sowie  die  Werkmeister,  Vorarbeiter  und  auch  eine  große  Zahl  der  gelernten
Berufsarbeiter  in  unserer  Fabriksindustrie.  Auch  über  die  Anzahl  dieser  Kategorien
gewährt  die  Statistik  einigen  Aufschluß.  Bei  der  Berufszählung  vom  Jahre  1895
wurden  in  der  Industrie  49  492  technisch  gebildete  Betriebsbeamte,  105120  Aufseher, ­
  Werkmeister  und  andere  Aufsichtspersonen,  109  133  kaufmännische  Bureauund
  Rechnungsbeamte,  3  851  929  gelernte  und  2  047  779  ungelernte  Arbeiter  gezählt. ­
  Dazu  kommen  noch  56  003  mithelfende  Familienangehörige  der  selbständigen
Geschäftsleute.  Über  die  Steigerung,  welche  die  Zahl  der  höheren  Angestellten  in  den
Industriebetrieben  erfahren  hat,  gibt  der  Vergleich  der  in  demselben  Jahre  durchgeführten
Gewerbezählung  mit  den  Daten  aus  dem  Jahre  1882  wenigstens  für  die  Kategorie  des
technischen  Aufsichts-  und  des  Kontorpersonals  Aufschluß.  Als  solche  Angestellte  wurden
im  Jahre  1882  118  020,  im  Jahre  1895  267  962  Personen  gezählt,  was  eine  Zunahme
von  127  °/ 0  bedeutet.  Dazu  kommt  noch,  daß  die  industrielle  Entwickelung,  die  einer  ungeheuer ­
  gestiegenen  Bevölkerungszahl  Unterhalt  gewährt,  auf  andere  Wirtschaftszweige
einen  fördernden  Einfluß  gewonnen  hat  Zahlreiche  kleine  Existenzen  verdanken  ihr  auf
diese  Weise  mittelbar  ihr  Bestehen;  namentlich  ist  eine  große  Anzahl  von  Handelsgeschäften ­
  neu  entstanden,  welche  die  Verteilung  der  in  den  Großbetrieben  hergestellten
Massenprodnkte  in  die  Kanäle  des  Verkehrs  besorgen.  Aus  dem  Vergleiche  der  beiden
116
        <pb n="882" />
        922

Die  Weltwirtschaft.

letzten  Gewerbezählungen  ergibt  sich,  daß  die  Zahl  der  Betriebe  im  Handel  und  Verkehr,
einschließlich  der  Gast-  und  Schankwirtschaften  von  700  332  im  Jahre  1882,  auf  955  684
im  Jahre  1895  gestiegen  ist.  Die  Zahl  der  Selbständigen  in  diesen  Gruppen  stieg
von  668  729  auf  846  655,  das  ist  um  26,6  °/ 0 .  Auch  im  Gewerbe  selbst  hat  die  moderne
Entwickelung  auf  einzelnen  Gebieten  neue  Erwerbsmöglichkeiten  für  den  kleinen  und
mittleren  Betrieb  geschaffen.  Es  sei  hier  nur  auf  die  zahlreichen  Gewerbe  hingewiesen,
welche  sich  mit  der  Reparatur  großindustriell  hergestellter  Waren  beschäftigen  und  erst
in  dem  Augenblicke  überhaupt  entstehen  konnten,  wo  die  massenhafte  und  billige  Erzeugung
des  Großbetriebes  aus  den  betreffenden  Waren  einen  Gegenstand  des  Massenverbrauches
machte.  Als  Beispiele  seien  nur  angeführt  die  Uhren,  die  erst  seit  ihrer  billigen,  fabrikmäßigen ­
  Herstellung  ein  ganz  allgemein  verbreiteter  Gebrauchsgegenstand  wurden,  das
Fahrrad,  die  Nähmaschine  und  anderes  mehr.  Ein  neues  Feld  der  Bethätigung  erwuchs
dem  Kleinbetriebe  auch  daraus,  daß  die  oberen  Gesellschaftsklassen  sich  in  dem  Maße  als
die  vom  Großbetriebe  hergestellten  Massenwaren  in  den  allgemeinen  Verbrauch  eindringen, ­
  zur  Befriedigung  ihres  Luxusbedürfnisses  dem  Verbrauch  mit  der  Hand  gearbeiteter ­
  Waren  zuwenden,  die  dem  besonderen  Bedürfnisse  des  Bestellers  Rechnung
tragen  und  den  Stempel  der  Persönlichkeit  an  sich  haben.  Nicht  nur  das  Kunstgewerbe
ist  auf  diese  Weise  auf  eine  gesicherte  Grundlage  gestellt  worden,  auch  in  zahlreichen
anderen  Gewerben,  so  insbesondere  in  der  Bekleidungsindustrie,  ist  hierdurch  dem  kleinen
und  mittleren  Betriebe  ein  stetig  sich  erweiterndes  Feld  der  Bethätigung  gesichert.
Endlich  darf  man  auch  die  Möglichkeit  nicht  unterschätzen,  daß  auf  dem  Wege  der
Association  dem  Handwerk  die  neue  Betriebsform  dienstbar  gemacht  wird.  Wie  die
Verhältnisse  der  arbeitenden  Klassen  eine  befriedigende  Gestaltung  erst  von  dem  Augenblicke ­
  an  erfahren  konnten,  als  die  Arbeiter  zur  Koalition  schritten,  ivird  auch  die  Lösung
der  Haudwerkerfrage  in  einem  für  diesen  Stand  günstigen  Sinne  davon  abhängen,  ob
das  Handwerk  der  Associationsidee  mit  Erfolg  sich  zu  bemächtigen  vermag.
Die  industrielle  Entwickelung  der  wichtigsten  Staaten.
Wir  gehen  nunmehr  zu  einer  Besprechung  der  industriellen  Entwickelung  der
wichtigsten  Staaten  über,  soweit  die  vorhandenen  statistischen  Materialien  eine  derartige
vergleichende  Darstellung  gestatten.
In  den  Agrarstaaten  Osteuropas,  wie  in  Rumänien,  Rußland,  Ungarn,
befindet  sich  die  industrielle  Entwickelung  noch  in  ihren  Anfängen.  Ihren  Ausgangspunkt ­
  hat  sie  in  diesen  Ländern  meist  von  der  Ausbeutung  vorhandener  Naturschätze
genommen,  welche  in  vielen  Fällen  mit  Hilfe  ausländischen  Kapitals  erfolgte.  So  sind
die  großen  Eisen-  und  Kohlenwerke  in  Südrußland,  die  Anlagen  zur  Ausbeulung  der
Napthaquellen  in  Baku,  die  metallurgischen  und  Bergwerksanlagen  im  Ural  und  an  der
Wolga  zum  großen  Teile  durch  belgisches,  englisches,  französisches  und  deutsches  Kapital
ins  Leben  gerufen.  Bon  großer  Bedeutung  für  die  Entwickelung  der  Industrie  in  diesen
Ländern  sind  die  Bestrebungen  ihrer  Regierungen,  das  Land  in  Bezug  auf  die  industrielle
Produktion  vom  Ausland  unabhängig  zu  machen  und  die  Entstehung  einer  eigenen
Industrie  zu  fördern.  In  erster  Linie  kommen  dabei  die  Zollmaßnahmen  in  Betracht.
Die  vielfach  prohibitiven  Zölle,  mit  denen  Rußland  seine  Grenzen  abschloß,  bewogen
zahlreiche  ausländische  Unternehmer,  die  sich  vor  die  Unmöglichkeit  gestellt  sahen,  ihre
Erzeugnisse  bei  dem  erhöhten  Zolle  nach  Rußland  einzuführen,  dazu,  in  Rußland  selbst
Fabriken  zu  errichten  und  so  wenigstens  den  Gewinn  der  Fabrikation  sich  zu  sichern.
Die  auf  diese  Weise  entstandenen  Fabriken  waren  dann  die  Vorbilder  für  den  heimischen
Unternehmungsgeist  und  die  Quellen,  aus  denen  ein  geschulter  Arbeiterstand  hervorging.
Unter  dem  Schutze  dieser  und  ähnlicher  Regierungsmaßnahmen  ist  Rußland  heute  bereits
in  den  Besitz  einer  kräftig  entwickelten  Eisen-,  Metall-,  Textil-  und  Papierindustrie  gelangt, ­
  die,  wenn  sie  auch  den  heimischen  Bedarf  noch  lange  nicht  zu  decken  vermag,  doch
schon  mitgezählt  werden  muß.  Auch  die  landwirtschaftlichen  Gewerbe,  namentlich  die
Zuckerfabrikation  und  Spiritusbrennerei,  zählen  in  der  Regel  zu  denjenigen,  die  in  der
Entwickelung  vorangehen.  Im  übrigen  zeigt  der  Gewerbefleiß  des  europäischen  Ostens
        <pb n="883" />
        923

Industrielle  Entwickelung  der  wichtigsten  Staaten.

noch  recht  ursprüngliche  Formen,  und  die  industrielle  Bevölkerung  ist  im  Vergleich  zu
der  von  der  Landwirtschaft  ernährten  eine  geringe.  Ein  ziemlich  zutreffendes  Beispiel
hiefür  bildet  Ungarn.  Nach  der  Zählung  von  1890  waren  hier  nur  1  210  473  Personen
oder  6,9  °/ 0  der  Bevölkerung  gewerblich  thätig,  während  in  Deutschland  das  Gewerbe
über  10 1 / 4  Millionen,  das  ist  etwa  den  fünften  Teil  des  deutschen  Volkes  beschäftigt.
Unter  der  Gewerbethätigkeit  selbst  nehmen  die  Wandergewerbe,  die  Haus-  und  Volksindustrie ­
  einen  breiten  Raum  ein.  Man  zählte  im  Bergbau-  und  Hüttenwesen,  einschließlich ­
  der  Steinbrüche,  Kalk-  und  Zementbrennereien  48  412,  in  der  Industrie  und
im  Gewerbe  913  010,  im  Handel  und  Verkehr  242  051  Personen,  wobei  von  den  in  der
Industrie  beschäftigten  44  264  auf  die  Volks-  und  Hausindustrie  und  die  Wandergewerbe
entfallen.  Selbstverständlich  überwiegt  auch  in  der  eigentlichen  Industrie  der  Kleinbetrieb
weitaus.  Fast  die  Hälfte  aller  darin  thätigen  Personen  sind  selbständige  Unternehmer.
Großindustrielle  Unternehmungen  gibt  es  im  ganzen  1244  mit  112  345  Arbeitern,  von
denen  136  das  ist  10,9  °/ 0  mit  17  830  Arbeitern  in  den  Händen  ausländischer  Unternehmer ­
  sind.  Hauptsächlich  vertreten  sind  unter  der  ungarischen  Fabrikindnstrie  außer
den  landwirtschaftlichen  Gewerben  (Zuckerfabrikativn,  Spiritusbrennerei  und  Großmüllerei)
die  Eisen-  und  Maschinenindustrie  und  die  Textilindustrie.
Inmitten  der  Agrarstaaten  des  Ostens  und  den  Industriestaaten  des  Westens  steht
in  seiner  industriellen  Entwickelung  Österreich.  Während  die  Bukowina  und  Galizien
osteuropäische  Verhältnisse  zeigen  und  auch  in  der  Mehrzahl  der  österreichischen  Alpenländer
landwirtschaftliche  Interessen  alle  anderen  weit  überwiegen,  haben  die  von  Deutschen  bewohnten ­
  nördlichen  und  nordwestlichen  Teile  Böhmens  eine  Stufe  industrieller  Entwickelung ­
  erreicht,  die  einen  Vergleich  mit  den  benachbarten  Gegenden  Deutschlands  gestatten,
und  außerdem  besitzen  auch  Wien  und  das  südliche  Niederösterreich,  Mähren,  Schlesien  und
das  eisenreiche  Obersteiermark  eine  entwickelte  Industrie.  Im  übrigen  sei  bei  dem  Mangel
gewerbestatistischer  Daten  auf  die  oben  mitgeteilten  Zahlen  der  Berufsstatistik  verwiesen.
Für  die  Schweiz  liegen  Angaben  nur  über  die  Zahl  der  Fabrikbetriebe  vor.  Als
solche  werden  betrachtet  alle  Betriebe  mit  mehr  als  zehn  Arbeitern  und  außerdem  noch
die  Betriebe  mit  mehr  als  fünf  Arbeitern,  welche  einen  Motor  verwenden  oder  jugendliche ­
  Arbeiter  beschäftigen,  sowie  jene  Betriebe,  die  gewisse  Gefahren  für  Leib  oder  Gesundheit ­
  mit  sich  bringen.  Die  Gesamtzahl  dieser  Betriebe  betrug  im  Jahre  1895
4933  mit  zusammen  200  199  Arbeitern.  3303  Unternehmungen  verwendeten  Motoren
mit  einer  Gesamtleistung  von  152  718  Pferdestärken.  Infolge  des  großen  Reichtums
der  Schweiz  an  natürlichen  Wasserläufen  werden  dabei  zumeist  Wassermotoren  verwendet,
während  in  Deutschland  die  Dampfkraft  in  erster  Reihe  steht.  Bon  den  einzelnen  Industriezweigen ­
  ist  am  zahlreichsten  die  Textilindustrie  vertreten;  sie  umfaßt  etwa  ein  Drittel
aller  gezählten  Unternehmungen  und  nahezu  die  Hälfte  aller  Fabrikarbeiter.  Unter  ihnen
kommen  hauptsächlich  die  Seidenindustrie  mit  143  Unternehmern  und  23  367  Arbeitern,
die  in  der  Ostschweiz  großenteils  als  Hausindustrie  betriebene  Maschinenstickerei  mit  814
Unternehmungen  mit  11  721  Arbeitern,  die  Baumwollspinnerei  mit  103  Unternehmungen
und  11  600  Arbeitern  und  die  Baumwollweberei  mit  128  Unternehmungen  und  15  406
Arbeitern  in  Betracht.  Außerdem  besitzen  noch  als  Exportindustrien  die  Maschinenindustrie
(396  Betriebe  mit  23  921  Arbeitern),  die  Uhrenfabrikation  (463  Unternehmungen  mit
15442  Arbeitern),  die  Schuhfabrikation  und  die  Tabakindustrie  hervorragende  Bedeutung.
Der  durchschnittliche  Umfang  der  Betriebe  ist  geringer,  der  fabriksmäßige  Großbetrieb  nicht
so  stark  ausgebildet  wie  im  Deutschen  Reich,  obwohl  die  Gesamtindustrie  in  beiden  Ländern
ungefähr  gleich  stark  entfaltet  ist;  nahezu  ein  Drittel  aller  Schweizer  Fabriken  zählt  weniger
als  zehn  Arbeiter.  Unter  den  Betrieben  mit  mehr  als  500  Arbeitern  —  23  an  der  Zahl
—  gehören  nur  5,7  der  Bevölkerung  als  Arbeiter  an,  während  in  Deutschland  535  derartige ­
  Großbetriebe  8,6  °/ 0  der  Gesamtbevölkerung  in  sich  vereinen.
Für  Frankreich  können,  obwohl  es  nach  England,  Deutschland  und  den  Vereinigten ­
  Staaten  der  größte  Industriestaat  ist,  keine  näheren  Angaben  gemacht  werden,  da
die  Berufs-  und  Gewerbezählung  von  1896  noch  nicht  vollständig  erschienen  ist  und
ältere  Angaben  nicht  verwertbar  sind.

116*
        <pb n="884" />
        924

Die  Weltwirtschaft.

In  Belgien  stehen  obenan  die  Kohlen-  und  Eisenindustrie,  außerdem  ragt  es  noch
in  der  Textil-  und  keramischen  Industrie  hervor.  Die  Zählung  von  1880,  die  sich  nur
auf  57  wichtigere  Industriezweige  erstreckt,  ergibt  eine  Gesamtzahl  von  26  521  Betrieben
mit  428  755  Arbeitern  und  242  435  Pferdestärken.  Für  die  einzelnen  wichtigeren
Industriezweige  werden  folgende  Zahlen  nachgewiesen:

Betriebe

Beschästtgte
Personen

Verwendete
Pferdestärken

Wert
der  Produkte
(Frank)

Steinkohlenbergwerke  ....

173

97  751

87  439

155  943  164

Leinenindustrie

1863

35  792

8  459

95  649  371

Wollenindustrie

467

25  045

13  140

148  409  722

Zuckerfabrikation  .  ....

158

23  740

10  983

82  471032

Keramische  Industrie  ....

1333

21422

2  370

28  279  271

Eisenindustrie

92

19  256

24  651

136  550  079

Stein-,  Marmor«,  Schieserbrüche
Baumwollenindnstrie  ....

660

19  005

4  695

26  341  528

216

17  532

9  863

65  564  838

Von  den  Betrieben  zählten  20,9

%  von

6—50,

5,3  °/ 0  Über  50  Arbeiter;  Unternehmungen

  mit  mehr  als  1000  Arbeitern  wurden  43  gezählt,  während  das  benachbarte
Rheinland-Westphalen  im  Jahre  1882  51,  das  Königreich  Sachsen  8  Betriebe  dieses
Umfanges  aufwies.  Die  Zahl  der  Unternehmer  betrug  28096,  die  der  Angestellten
(Beamte,  Ingenieure,  Werkmeister)  15508,  die  der  Arbeiter  384065.
In  England  liegen  nur  Angaben  über  die  der  Fabrikinspektion  unterstellten
Fabriken  und  Werkstätten  vor.  Man  zählte  im  Jahre  1896:  9891  Textilfabriken  mit
1077  687  beschäftigten  Personen,  69388  mit  Motoren  arbeitende  andere  Fabriken  mit
2  665  731  beschäftigten  Personen,  81669  Werkstätten  ohne  Motoren  mit  655565  Personen,
zusammen  160948  inspektionspflichtige  Betriebe  mit  4398  983  Arbeitern.
Selbstverständlich  ist  hierunter  nicht  die  Gesamtzahl  der  industriellen  Arbeiterschaft
begriffen,  da  nicht  sämtliche  Betriebe  der  Fabrikinspektion  unterliegen.  Auf  die  einzelnen
Industriezweige  verteilt  sich  die  gezählte  Arbeiterschaft  folgendermaßen:
Zahl  der  befcfcäfttßten  Personen
in:
1.  Textilindustrie  in:  gaftortes  Workshops
Baumwolle  532  920
Wolle  131685
Kammwolle  142  450
Flachs  108  871
Hanf  und  Jute  53  592
Seide  35  850
Strumpfwirkerei  35  952
anderen  Textilzweigen

2.  Nichttextilindustrie:
Flachs-Schwingerei
Druckerei,  Bleicherei,  Färberei
Holz.  —  Sägemühlen,  Zimmerei
Tischlerei,  Herstellung  von  Möbeln  re
Metall-Gewinnung  und  -Verarbeitung
Maschinen,  Gerätschaften,  Fuhrwerke,  Werkzeuge  .  .
Metalle:  Galvanisierung,  Fertigstellung  rc
Bekleidung
Papier,  Druckerei,  Papierwaren  re
Speisen,  Getränke,  Tabak,  Cigarren  rc
Juwelen,  Galanterie,  Kunstartikel,  feine  Instrumente  rc.
Leder.  —  Lohgerber,  Kürschner  rc
Gummi  und  Guttapercha
Glas,  Thon,  Stein  rc
Chemikalien  rc  (einschließlich  Explosivstoffen)  .  .  .

Alle  anderen  Industrien

36  367

4  745
138  769
93  141
52  306
295  535
813  325
18  909
228  064
238  269
241  220
46  196
29  927
18  627
155  029
99  549
51702
140  418

14  672

16  827
41  547
33
57  778
1  716
338  536
10  427
71523
26  744
1614
1353
11725
3  387
33
57  650

Zusammen  3  743418

655  565
        <pb n="885" />
        925

Industrielle  Entwickelung  der  wichtigsten  Staaten.

Für  die  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  gibt  der  alle  10  Jahre  stattfindende ­
  Census  Aufschluß  über  die  Verhältnisse  aller  industriellen  Betriebe  mit  einer
Produktion  im  Mindestwerte  von  500  Dollar.  Im  Jahre  1890  wurden  355415  Betriebe ­
  dieser  Art  gezählt.  In  diesen  Betrieben  waren  4  712  622  Personen  beschäftigt.
Über  Wert  und  Kosten  der  Produktion  enthält  der  Census  folgende,  allerdings  meist  auf
Schätzungen  beruhende  Angaben:
Wert  der  Produktion  9372,4  Millionen  Dollar,
Angelegtes  Kapital  6525,2
Kosten  für  Materialverbrauch  5162
Jahreslohnsumme  der  beschäftigten  Arbeiter  2283,2  „  „
Verschiedene  Ausgaben  bei  der  Fabrikation  631,2  „
Mechanische  Kraft  wurde  in  100  735  Betrieben  verwendet,  die  Gesamtzahl  der  Pferdestärken ­
  betrug  5  954  655,  wovon  4581595  auf  Dampfkraft,  1255206  auf  Wasser,
15569  auf  Elektrizität  entfielen.  Die  motorische  Kraft,  die  in  diesen  Betrieben  verwendet ­
  wurde,  übertrifft  somit  weitaus  die  in  sämtlichen  Betrieben  des  Deutschen  Reiches
vorhandene.  Ein  Vergleich  mit  den  Censusergebnissen  früherer  Jahre  ergibt,  wenn  man
zur  Herstellung  der  Vergleichbarkeit  die  neuen,  etwas  erweiterten  Erhebungen  auf  den
Umfang  der  alten  zurückführt,  von  1870  auf  1890  eine  Vermehrung  in  der  Zahl  der
Betriebe  von  252148  auf  322  638;  in  derselben  Zeit  stieg  die  Zahl  der  Beschäftigten
auf  mehr  als  das  Doppelte,  von  2  053  996  auf  4476  884.  Die  Summe  des  in  der
Industrie  angelegten  Kapitals  erhöhte  sich  von  1694,8  Millionen  auf  6139,4  Millionen
Dollar,  also  auf  mehr  als  das  Dreifache,  der  Wert  der  Produktion  von  3385,9  aus
9056,8  Millionen  Dollar.  Das  Ganze  liefert  ein  treffendes  Bild  der  gigantischen  Entwickelung, ­
  welche  die  amerikanische  Volkswirtschaft  auch  auf  industriellem  Gebiete  genommen ­
  hat.
Für  das  Deutsche  Reich  enthält  die  auf  der  nächsten  Seite  folgende  Tabelle  auf
Grund  der  Gewerbezählung  von  1895  die  wichtigsten  Ziffern  über  die  Zahl  der  Betriebe
und  der  darin  beschäftigten  Personen,  über  die  Verbreitung  der  Hausindustrie  und  die
Benutzung  von  Motoren,  gesondert  nach  den  einzelnen  Gewerbegruppen,  und  zwar  sowohl
für  die  eigentliche  Industrie  wie  für  die  Gärtnerei,  Tierzucht,  Fischerei  und  für  die
Handels-  und  Verkehrsgewerbe.
Die  Gesamtzahl  der  Hauptbetriebe,  das  ist  jener  Betriebe,  wo  mindestens  eine  Person
ihrem  Hauptberufe  nach  thätig  ist,  betrug  hiernach  3144977,  außerdem  wurden  jedoch
513111  Nebenbetriebe  gezählt,  das  ist  Betriebe,  die  von  einer  in  einem  anderen  Berufe
thätigen  Person  nebenbei  geführt  werden,  ohne  daß  irgend  jemand  seinem  Hauptberufe
nach  in  diesem  Betriebe  thätig  wäre.  Die  Gesamtzahl  der  gewerbethätigen  Personen,  die
sich  hiernach  selbstverständlich  nur  auf  die  Hauptbetriebe  bezieht,  betrug  10  269  269.
Weitaus  die  überwiegende  Mehrheit  der  Betriebe  —  2146  972  —  und  der  darin  beschäftigten ­
  Personen  —  über  acht  Millionen  —  entfallen  auf  die  eigentliche  Industrie
einschließlich  des  Bergbaues  und  Baugewerbes.  Auf  Handel  und  Verkehr,  Gast-  und
Schankwirtschaft  kommen  955684  Betriebe  mit  2  165688  darin  beschäftigten  Personen,
der  kleine  Rest  entfällt  auf  die  Gewerbe  der  Urproduktion.  Unter  den  einzelnen  Gruppen
der  Industrie  sind  der  Zahl  der  Personen  wie  jener  der  Betriebe  nach  am  stärksten  vertreten ­
  die  Bekleidungsgewerbe  und  die  Industrie  in  Nahrungsmitteln.  Hieran  schließen
sich  die  Baugewerbe,  die  Industrie  in  Holz-  und  Schnitzstoffen  und  die  Textilindustrie.
Zn  einem  anderen  Bilde  gelangt  man,  wenn  man  den  Umfang  der  Betriebe  mit  in  Betracht ­
  zieht  und  zunächst  nur  die  Großindustrie  ins  Auge  faßt.  Innerhalb  dieser  weist
die  größte  Arbeiterzahl  auf  die  Textilindustrie,  der  Berg-  und  Hüttenbetrieb  und  die
Maschinenindustrie.  Zusammen  mit  der  chemischen  Industrie  zählen  diese  Gewerbegruppen
gleichzeitig  zu  jenen,  in  denen  die  Mehrzahl  der  beschäftigten  Personen  (beim  Bergbau
und  Hüttenbetrieb  95,3  °/ 0 ,  bei  der  chemischen  Industrie  61,7  °/ 0 ,  bei  der  Maschinen-  und
Textilindustrie  je  59°/g)  in  großindustriellen  Unternehmungen  in  Arbeit  stehen.  Im
        <pb n="886" />
        926  Die  Weltwirtschaft.

Zahl  der

Von  den  Hauptbetrieben  sind

Personal  der  Hauptbetriebe

3
S  &amp;amp;

s«

Gewerbegruppen

Haupt-Neben-





Mittelbetriebe

Großbetriebe

Zahl  der  Unternehmer ­


Zahl  d.  Angestellten ­
  u.  Arbeiter

'S“  QS
rt  ^

g  S’
o

Betriebe

Betriebe

Betriebe

Personen

Betriebe

Personen

Betriebe

Personen

Im
ganzen

darunter
weiblich

Im
ganzen

darunier
loeiblich

Betriebe

Personen

8"

I.  Kunst-  und  Handelsgärtneret

  ....

24768

3176

22  345

45094

2  367

23  642

47

6255

13  297

712

50  852

15782

70

236

496

973

II.  Tierzucht  u.  Fischerei

17  553

8  050

17  344

24  997

204

2211

5

929

5  542

151

10  975

1353

—

—

2352

118

Zusammen  Gewerbe

der  Urproduktion  .

42  321

11226

39  698

70091

2  571

25  853

52

7184

18839

863

61827

17135

70

236

2  848

1121

III.  Bergbau.  Hütten-  u.

Salinenwesen.  .  .

4  003

2  272

1741

3  640

logs

21465

1164

511184

2180

17

533760

16  660

1787

995  069

IV.  Industrie  der  Steine

und  Erden  .  .  .

48229

4  818

31495

71208

14  804

237  530

1930

249  548

26  236

895

521477

51026

2  273

4  236

6855

197  796

V.  Metallverarbeitung  .

158618

15  622

145  009

285262

12187

157  452

1422

197  041

95862

2  075

486356

41361

10795

20105

9  429

142141

VI.  Industrie  der  Maschinen ­
  und  Instrumente

  ....

87  879

14  680

79353

128  918

6  898

110064

1628

343  690

40868

777

496727

12811

6749

9  093

6943

184  821

VII.  Chemische  Industrie

10385

1156

8  228

18122

1781

25993

376

71116

7  249

216

104897

15916

318

299

2  636

63  587

VIII.  Industrie  der  Leuchtstoffe,

  Seifen  .  .  .

6191

1933

4  268

8795

1728

26113

195

23  001

4  234

176

52  501

5785

50

131

2616

29  942

IX.  Textilindustrie  .  .

205292

43325

193358

258181

8  674

147  477

3  260

587  599

51910

4196

792814

390  370

162  435

195  780

10414

515  583

X.  Papierindustrie  .  .

17  631

1078

14019

27150

3  010

48  241

602

77  518

1')  230

609

136068

46  457

2703

5843

2102

201422

XI.  Lederindustrie  .  .

47  325

4  242

43  847

81225

3228

39  849

250

39  269

25259

671

111416

10  572

2  780

5106

2  086

82  377

XII.  Industrie  der  Holzund

  Schnitzstoffe.  .

219914

42  338

204  702

346121

14  458

176  852

754

75  523

92  884

2209

390  401

27  093

23356

37140

18914

203  235

XIII.  Industrie  der  Nahrungsmittel

  .  .  .

269  971

44  502

246  567

530163

21578

244  837

1826

246  490

173  631

7  627

788  786

193  960

9  930

15918

68481

686  263

XIV.  Bekleidungsgewerbe  .

848845

72110

830  657

1117  324

17  392

184455

796

88  825

190741

39497

548266

211703

120298

159360

2045

19  235

XV.  Baugewerbe  .  .  .

198  985

31852

167  833

282  449

27  854

413965

3  298

349102

90  285

1077

849  902

9  545

321

766

1562

46  274

XVI.  Polygraphische  Gewerbe



14  193

897

9  556

20  961

4214

61038

423

45868

10008

434

113947

20  412

649

2136

3  734

18  432

XVII.  Künstlerische  Gewerbe

9  511

676

8  939

11606

555

6718

17

1555

1939

44

10318

793

830

1835

83

361

Zusammen  Industrie

und  Bergbau  .  .  .

2146972

281501

1989  572

3191125

139459

1902  049

17911

2  907  329

823  516

60  522

5  939  638

1054464

342  487

457  748

139  687

3  556  538

XVIII.  Handelsgewerbe  .  .

635  209

142  286

603  209

943  545

31490

337  025

510

52  423

240  418

29640

742  003

260  616

6160

52  877

XIX.  Versicherungsgewerbe

7  342

11896

6  668

8  825

621

7  941

53

5490

1887

13

14  871

416

—

—

4

31

XX.  Verkehrsgewerbe  .  .

78696

91950

74911

124  307

3  484

41683

301

64  441

32  140

1559

158051

2  509

15  327

10  582

XXI.  Gast-  und  Schank-Wirtschaftsgewerbe

  .

234  437

44252

220  665

432  776

13  676

139782

96

7  400

117  670

16  345

404058

306  017

—

—

457

6176

Zusammen  Handel

und  Verkehr  .  .  .

955684

220384

905  453

1509  453

49271

526431

960

129754

392115

47  557

1318  983

569  558

—

—

21948

69  666

Gewerbe  überhaupt  .  .  .

31,4  977

513111

2  934  723

4770669

191301

2  454  333

18  953

3014267

1234470

108  942

7  320  448

1641157

342  557

457  948

164484

3  427  325
        <pb n="887" />
        927

Industrielle  Entwickelung  der  wichtigsten  Staaten.

Mittelbetriebe  liegt  der  Schwerpunkt  namentlich  beim  Bau-  und  polygraphischen  Gewerbe. ­
  Als  die  Domäne  des  Kleinbetriebes  erscheint  die  Bekleidungsindustrie,  wo
80%  aller  Arbeitskräfte  im  Kleinbetriebe  in  Verwendung  stehen  und  nur  6,4  °/ 0  auf  den
Großbetrieb  entfallen,  sodann  die  Industrie  der  Holz-  und  Schnitzstoffe  und  jene  der
Nahrungs-  und  Genußmittel.  Auch  im  Handelsgewerbc  überwiegt  weitaus  der  Kleinbetrieb. ­
  Die  Beschäftigung  von  Frauen  ist  innerhalb  der  eigentlichen  Industrie  am
stärksten  bei  der  Textilindustrie,  wo  mehr  als  die  Hälfte  aller  Arbeiter  dem  weiblichen
Geschlechte  angehören,  dann  in  der  Bekleiduugs-  und  Nahrungsmittelindustrie.  Im  Gastund
  Schankgewerbe  ist  die  Zahl  der  weiblichen  Gehilfen  mehr  als  dreimal  so  groß  wie
die  Zahl  der  männlichen.  Im  Handelsgewerbe  halten  beide  Ziffern  sich  die  Wage.
Besonderes  Interesse  bieten  die  Zahlen  über  die  Verbreitung  der  Hausindustrie.
Als  hausindustrielle  werden  jene  Betriebe  bezeichnet,  welche  nicht  für  eigene  Rechnung
sondern  für  einen  anderen  Gewerbetreibenden,  den  Verleger,  arbeiten.  Bei  der  Zählung
wurden  342  557  derartige  Betriebe  ermittelt,  welche  zusammen  457  984  Personen  beschäftigen. ­
  Am  weitesten  verbreitet  ist  die  Hausindustrie  im  Textil-  und  Bekleidungsgewerbe. ­
  Hierher  gehören  alle  die  zahllosen  Hausweber,  die  Näherinnen  und  Stückschneider, ­
  die  für  Geschäfte  und  Konfektionäre  arbeiten.  Gegenüber  den  Zahlen  des
Jahres  1882  fällt  auf,  daß  die  Zahl  der  hausindustriellen  Personen  in  der  Textilindustrie ­
  um  nicht  weniger  als  89322  zurückgegangen  ist,  ein  treffendes  Beispiel  für  die
Raschheit,  mit  welcher  in  diesen  Gewerben  die  maschinelle  Technik  vordringt  und  den
Hausweber  von  seinem  alten  Handstuhl  weg  in  die  Fabrik  zum  mechanischen  Stuhle
treibt.  Außerdem  ist  auch  in  der  Industrie  der  Holz-  und  Schnitzstoffe,  wohin  die  gleichfalls ­
  oft  hausindustriell  betriebene  Drechslerei,  Holzschnitzerei  und  Korbflechterei  gehören,
und  in  der  Metallverarbeitung  —  hier  bei  der  Messer-  und  Kleinzeugschmiederei  —  eine
größere  Zahl  von  Hausindustriellen  zu  verzeichnen.
Die  Zahl  der  Betriebe,  welche  Motoren  verwendeten,  betrug  164484;  sie  verwendeten ­
  zusammen  3427  325  mechanische  Pferdekräfte;  davon  entfielen  629065  auf
Wasserkräfte,  2  721218  auf  Dampfkraft,  53000  auf  Gasmotoren,  11085  auf  Druckluftmotoren, ­
  2259  auf  Elektrizität,  der  Rest  auf  Petroleum-,  Benzin-  und  andere  Motoren.
Im  Gegensatz  zur  Schweiz  und  Amerika  besitzt  somit  in  Deutschland  die  Dampfkraft  eine
ganz  überragende  Bedeutung.  Von  den  einzelnen  Industrien  ist  der  Bergbau  und  Hüttenbetrieb ­
  am  stärksten  mit  mechanischer  Kraft  ausgerüstet.  Ihm  kommt  zunächst  die  Nahrungsmittelindustrie ­
  ivegen  der  vielen  hierher  zählenden  Mühlen.  In  dieser  Gruppe  findet  auch
die  stärkste  Verwendung  von  Wasserkräften  statt;  es  stehen  hier  281090  Pferdestärken
Wasserkraft  gegen  392827  Pferdestärken  Dampfkraft.  Die  Verwendung  von  Wasserkraft
überwiegt  ferner  in  der  Papierindustrie,  welche  112  407  Pferdestärken  Wasserkraft  und
bloß  87  904  Pferdestärken  Dampfkraft  verwendet.  In  Bezug  auf  den  gesamten  Kraftaufwand ­
  steht  der  Nahrungsmittelindustrie  die  Textilindustrie  am  nächsten.  Dabei  hat
die  Motorenbenutzung  gegenüber  1882  bedeutend  zugenommen.  In  diesem  Jahre  wurden
81280  Betriebe  mit  fünf  Gehilfen  und  darunter  gezählt,  welche  Motoren  verwendeten,
gegenüber  einer  Zahl  von  95  558  derartigen  Betrieben  im  Jahre  1895.  Die  Zahl  der
Motorenbetriebe  mit  mehr  als  fünf  Personen  hat  sich  von  28142  auf  65137  vermehrt.
Das  gleiche  Bild  einer  energisch  fortschreitenden  Entwickelung  bietet  sich  uns,  wenn  wir
die  Arbeitsmaschiuen  in  Betracht  ziehen,  welche  durch  elementare  Kraft  in  Bewegung
gesetzt  unmittelbar  die  menschliche  Arbeit  ersetzen.  Die  rasch  um  sich  greifende,  auf  immer
neue  Gebiete  sich  ausdehnende  Verwendung  solcher  Maschinen  ist  die  Grundlage  und
Lebensbedingnng  des  modernen  Fabrikbetriebes.  Sie  gestattet,  die  größten  Kräfte  zur
Anwendung  zu  bringen,  indem  beispielsweise  der  große  Dampfhammer  des  Kruppschen
Werkes  ein  Fallgewicht  von  50000  kg  niedersausen  läßt  und  der  elektrische  Ofen  zum
Graphitieren  von  Kohle  für  elektrische  Lampen  und  ähnliche  Zwecke  eine  Hitze  von  mehr
als  3200  Graden  erzeugt.  Indem  sie  die  Arbeit  in  einfache  Bewegungen  auflösen,
steigern  sie  die  Schnelligkeit,  Sicherheit  und  zumeist  die  Güte  der  geleisteten  Arbeit,  gestatten ­
  es  mit  geringerem  Aufwand  an  Kosten  und  insbesondere  an  menschlicher  Arbeitskraft ­
  ein  reicheres  Ergebnis  zu  erzielen.  Für  die  wichtigsten  derartigen  Maschinen  gibt
        <pb n="888" />
        928  Die  Weltwirtschaft.

die  nachfolgende  Übersicht  die  Zahl  der  im  Jahre  1895  überhaupt  und  der  bei  gewerblichen ­
  Betrieben  mit  mehr  als  fünf  Arbeitern  ermittelten  Stücke  an  und  setzt  die  letztere
Zahl  in  Vergleich  mit  den  Zählungsergebnissen  von  1875,  in  welchem  Jahre  sich  die
Ermittelungen  über  Maschinen  bloß  auf  Betriebe  mit  mehr  als  fünf  Arbeitern  erstreckten.

Arbeitsmaschinen

Im  Jahre  1895
überhaupt  vorhanden ­


In  Betrieben  mit  mehr  als
fünf  Personen

im  Iabre  1895

im  Jahre  1875

Koksöfen

16  438

16  260

10  310

Mechanisch  betriebene  Pressen  für  Ziegel  u.  Röhren

5  254

4  678

2  109

Brennöfen  für  Ziegel-  und  Thonwaren  ....

27  616

17  418

9  263

Glasschmelzöfen

1  214

1  167

646

Mahlgänge,  deutsche

67  570

13  487

2  946

„  französische,  amerikanische  u.  a.  .  .  .

46  462

10  940

5  596

Sägegatter  .

21  995

12  410

3  811

Holz-,  Kreis-  und  Bandsägen

42  516

29  446

8  851

Holz-,  Hobel-  und  Fräsmaschinen

19  681

16  375

3  073

Krempeln  (auch  Vorspinnkrempeln)

38  628

37  061

35  373

Kämmmaschinen

5  305

5  160

2  202

Feinspindeln

10  076  900

10  025  634

7  634  420

Jacquardstühle  mit  Handbetrieb

23  139

13  401

9  877

„  ,,  Kraftbetrieb

41  026

40  927

16  333

Stühle  ohne  Jacquard  mit  Handbetrieb

74  583

37  096

30  046

„  „  ,,  ,,  Kraftbetrieb  ....

255  468

254  530

111  069

Eiscnhochöfen

240

227

509

Puddelöfen  ...

1  206

1  202

2  510

Bessemerbirnen  (Konverters)

111

111

79

Kupolöfen

2  906

2  723

2  142

Dampfhämmer

2  978

2  910

2  007

Metallfräsmaschinen

34  777

34  034

4  557

Metallschleif-  und  Poliermaschinen

'  19  601

16  685

9  020

Papier-  und  Pappenmaschinen  .  .

2  350

1  998

1059

Schnellpressen  in  Druckereien

15  513

13  117

3  994

Die  Zahl  der  verwendeten  Arbeitsmaschinen  und  Werkvorrichtungen  hat  somit  fast
für  alle  Arten  derselben  erheblich  zugenommen,  und  auch  dort,  wo  ein  scheinbarer  Rückgang ­
  eingetreten  ist,  wie  in  der  Zahl  der  Hochöfen  und  Puddelöfen,  ist  dies  durch  eine
gesteigerte  Leistungsfähigkeit  mehr  als  ausgeglichen  worden.  Die  Vervollkommnung,
welche  die  maschinelle  Ausrüstung  der  Industrie  erfahren  hat,  läßt  somit  gleichfalls  den
gewaltigen  wirtschaftlichen  Aufschwung  erkennen,  den  das  Deutsche  Reich  genommen  hat.
Mit  der  Riesensumme  von  3,5  Millionen  mechanischer  Pferdekräfte,  die  es  in  den  Dienst
seiner  Industrie  gestellt  hat,  mit  seiner  industriellen  Armee  von  8  Millionen  Arbeitern
ist  es  heute  an  die  zweite  Stelle  unter  den  Industriestaaten  der  Erde  getreten  und  das
rasche  Wachstum  seiner  Bevölkerung,  die  Tüchtigkeit  und  der  Fleiß  seiner  Bewohner  geben
die  Bürgschaft,  daß  es  diesen  Platz  auch  in  der  Zukunft  zum  mindesten  behaupten  wird.
Erzeugung  und  Verbrauch  der  wichtigsten  Jndustrieprodukte  und  der  zu
ihrer  Herstellung  notwendigen  Rohstoffe.
Wir  haben  in  dem  vorangegangenen  Abschnitte  versucht,  ein  Bild  der  produktiven
Kräfte  zu  entfalten,  welche  in  der  Industrie  der  verschiedenen  Länder  thätig  sind.  Über
das  Ergebnis  dieser  Thätigleit,  das  ist  über  Menge  und  Wert  der  erzeugten  industriellen
Produkte  liegen  halbwegs  vollständige  Angaben  für  die  hauptsächlich  in  Betracht  kommenden
Länder  nur  in  jenen  Industriezweigen  vor,  welche  Massengüter  des  Welthandels  verarbeiten ­
  oder  erzeugen.  Hierher  gehören  die  Gewinnung  von  Kohle,  von  Eisen  und
anderen  Metallen  und  die  Verarbeitung  der  verschiedenen  Spinnstoffe.  Im  nachfolgenden
soll,  soweit  die  vorhandenen  Angaben  reichen,  ein  Bild  der  Produktion  und  des  Verbrauches ­
  dieser  Waren  in  den  verschiedenen  Ländern  gegeben  werden.
        <pb n="889" />
        Erzeugung  und  Verbrauch  der  Jndustrieprodukte  sowie  der  Rohstoffe.  929

Kohle.  Kohle  bildet  heute  den  wichtigsten  Rohstoff  der  Industrie.  Ihre  wirtschaftliche ­
  Bedeutung  erlangte  sie  von  dem  Zeitpunkte  an,  wo  man  sie  bei  der  Verhüttung  des
Eisens  zu  verwenden  begann,  und  in  gleicher  Richtung  wirkten  die  Erfindung  der  Dampfmaschine, ­
  die  Entwickelung  des  maschinellen  Großbetriebes,  des  Eisenbahnwesens  und  der
Dampfschiffahrt.  Das  Zurückgehen  der  Waldbestände  und  die  Erfindung  des  Leuchtgases
verschafften  ihr  eine  weitreichende  Verwendung  auch  zur  Beleuchtung  und  zu  häuslichen
Zwecken.  Unter  dem  Zusammenwirken  aller  dieser  Umstände  hat  die  Kohlenförderung
eine  ungeheuere  Steigerung  erfahren.  Sie  betrug:

Im  Jahre  1860  136  Millionen

1866  185
1872  260
1875  283
1880  345

t.

Im  Jahre  1885  407  Millionen  t.

1890  514
1895  587.7
1896  605.7
1897  649.8

Auf  die  einzelnen  Länder  verteilen  sich  diese  Förderungsmengen  (in  1000  Tonnen)
in  folgender  Weise:

I.  Europa.

Land

1885

1890

1895

1896

1897

Großbritannien  und  Irland

161901

184  520

192  696

198  487

205  364

Deutsches  Reich.  ...

73  676

89  291

103  957

112  471

120  431

Frankreich

19  511

26  083

28  020

29  190

30  735

Oesterreich

17  893

24  260

28  112

28  735

30  951

Belgien

17  438

20  366

20  451

21  252

21  535

Rußland

4  373

6  206

9  098

9  255

9  255

Ungarn

2  443

3  244

4  543

4  894

4  989

Spanien

946

1  037

1  784

1  908

2  065

Italien

190

390

305

276

276

Schweden.

302

327

224

226

224

Sonstige  Länder  ....

75

85

167

180

190

Zusammen

298  748

355  809

389  357

406  922

426  015

II.  Außereuropäische  Länder.

Ver.  Staaten  v.  Amerika  .

97  366

143  137

175  185

174159

197  595

Neu-Sndwales

2  925

3  619

3  827

3  999

4519

China

3  000

3  000

3  800

3  800

3  800

Kanada

1  705

2  467

3  187

3  395

3  516

Japan

1  038

2  259

4817

4  900

4  900

Britisch  Ostindien  ....

1  315

2  203

3  594

3  910

4128

Sonstige  Länder  ....

1  274

1  625

3  972

4  583

4  891

Zusammen

108  623

158  310

198  382

198  746

223  349

Weltproduktion  I.  und  II.

407  371

514  119

587  789

605  668

649  364

Diese  rasche  Steigerung  der  Kohlenentnahme  hat  die  Befürchtung  nahegelegt,  daß
die  Kohlenlager  der  Erde  in  absehbarer  Zeit  erschöpft  und  der  Industrie  ihr  wichtigster
Hilfsstoff  entzogen  werde.  Neuerliche  Schätzungen  der  vorhandenen  Kohlenlager  lassen
jedoch  diese  Befürchtung  noch  in  weitem  Felde  erscheinen.  Der  Kohlenvorrat  beträgt  in
Großbritannien  noch  100  bis  150,  im  Deutschen  Reiche  112,  in  Frankreich  18,  in
Österreich  17,  in  Belgien  16,  in  den  Vereinigten  Staaten,  ungerechnet  die  Lager  im
Westen  der  Union,  684  Milliarden  Tonnen.  Dabei  sind  die  reichen  Lager  in  Rußland,
Zentral-  und  Ostasien  mangels  zuverlässiger  Schätzungen  nicht  berücksichtigt.  Aber  selbst
wenn  der  Kohlenvorrat  der  Erde  auf  die  erstgenannten  Mengen  beschränkt  wäre,  würde
seine  Erschöpfung  unter  der  Annahme  eines  gleichförmigen  Verbrauches  nicht  vor
500  Jahren  eintreten,  ja  in  Deutschland  würde  bei  Aufrechterhaltung  der  gegenwärtigen
Förderung  eine  solche  Erschöpfung  erst  in  800  bis  1000  Jahren  zu  befürchten  sein.  Der
117
        <pb n="890" />
        930  Die  Weltwirtschaft.
Verbrauch  an  Kohle  gibt  bei  seiner  Abhängigkeit  von  dem  industriellen  Bedarfe  einen
beachtenswerten  Maßstab  für  die  industrielle  Entwickelung  der  einzelnen  Länder.  Er
betrug,  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  gerechnet,  zu  Anfang  der  90  er  Jahre  in  Großbritannien ­
  4,2,  in  Belgien  2,7,  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  2,5,  im
Deutschen  Reiche  1,9,  in  Frankreich  1,  in  Österreich-Ungarn  0,6,  in  Rußland  0,1  t  jährlich. ­
  In  gleicher  Weise  gibt  die  Steigerung  des  Kohlenverbrauches  eines  Landes  innerhalb ­
  einer  Reihe  von  Jahren  auch  einen  brauchbaren  Maßstab  für  das  Fortschreiten
seiner  industriellen  Entwickelung.  So  betrug  der  Verbrauch  an  Stein-  und  Braunkohle
auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  gerechnet  im  Jahre:

Im
Deutschen  Reiche

In  England

Im
Deutschen  Reiche

In  England

&amp;gt;875

&amp;gt;&amp;gt;28  kg

3567  kg

1892

1876  kg

3797  kg

&amp;gt;880

1279  „

36,1

1893

1905  „

3353  „

1881

1532  „

3875  „

1894

1954  „

3814  „

1890

1836  „

3908  „

1895

2028  „

3810  ,.

1891

ln32  ,.

3908  „

1896

2153  „

3882  „  .

Diese  Gegenüberstellung  ist  in  hohem  Maße  bezeichnend  für  die  rasch  emporstrebende
Entwickelung  der  deutschen  Industrie,  welche  den  zu  Anfang  der  90er  Jahre  eingetretenen ­
  Rückschlag  schon  1894  gänzlich  überwunden  hatte,  während  England  den  Höhepunkt, ­
  den  es  in  den  Jahren  1890/91  eingenommen  hatte,  nicht  wieder  zu  erreichen  vermochte, ­
  und  der  Abstand  zwischen  ihm  und  Deutschland  sich  stetig  verringert.
Eisen.  Ähnlich  wie  der  Verbrauch  der  Kohle  bildet  auch  derjenige  des  Eisens  einen
Gradmesser  der  industriellen  Enttvickeluug.  Dementsprechend  hat  die  Entfaltung  der  Eisenindustrie ­
  mit  jener  der  industriellen  Thätigkeit  überhaupt  gleichen  Schritt  gehalten.  An
Stelle  der  mit  Holzkohle  geheizten  Stucköfen  und  der  Hammerwerke  in  den  Gebirgsthälern,
die  den  zünftigen  Schmied  des  Mittelalters  mit  Eisen  und  Stahl  versorgten,  sind  die
modernen,  mit  mineralischen  Brennstoffen  geheizten  Hochöfen  und  die  großen  Walzwerksanlagen ­
  getreten.  Der  alte  Prozeß  der  Schweißeisenerzeugnng  im  offenen  Frischfeuer  ist
zunächst  durch  den  Puddelofen  und  weiterhin  durch  die  Flußeiscuerzeugung  mit  Hilfe  des
Bessemer-  und  Martinverfahrens  in  den  Hintergrund  gedrängt  worden,  welche  die  massenhafte ­
  Erzeugung  schmiedbaren  Eisens  und  Stahles  mit  bedeutend  verringerten  Produktionskosten ­
  gestattet,  und  endlich  hat  das  im  Jahre  1879  entdeckte  Verfahren  der  Entphosphorung ­
  des  Eisens  (Thomasverfahren)  es  ermöglicht,  auch  phosphorhaltiges  Roheisen  zur
Herstellung  von  Schmiedeeisen  zu  vertuenden.  Gleichzeitig  mit  diesen  Fortschritten  in  der
Massenerzeugung  des  Eisens  und  mit  der  Verbilligung  seiner  Produktionskosten  hat  der
Verbrauch  von  Eisen  und  Stahl  für  die  zahlreichen  Maschinen,  welche  die  moderne  Technik
in  den  verschiedenen  Gewerben  notwendig  macht,  für  den  Bau  von  Eisenbahnen  und
Dampfschiffen,  sowie  zu  Bauzwecken  überhaupt,  eine  ungeheuere  Ausdehnung  erlangt,  so
daß  die  Eisenindustrie  heute  in  viel  höherem  Maße  als  jemals  mit  der  Gesamtheit  unserer
Produktion  verknüpft  ist.  Daher  bietet  der  Gang  der  Eisenindustrie  ein  treues  Spiegelbild ­
  unserer  industriellen  Entwickelung  überhaupt.  Die  Gründungszeit  von  1871—1873,
die  darauf  folgende  Krisis  in  den  Jahren  1874—1879,  das  Wiedererwachen  des  Unternehmungsgeistes ­
  während  der  Jahre  1880—1883,  der  Stillstand  in  der  Mitte  der
80er  Jahre  und  der  neuerliche  Aufschwung  seit  1886  —  1887  spiegeln  sich  in  den
Ziffern  der  Produktionsstatistik  des  Eisens.
Die  Roheisenerzeugung  in  den  zivilisierten  Staaten  betrug  im  Jahre:

1840

ca.

2900

Mill.  kg.

1884

ca.  20166  Mill.

1891

ca.  25897  Mill.  kg.

1860

7360

„  „

1885

„  19687

„

1892

„  26665  „  „

1870

12095

,,  ,,

1886

„  20651

„

,,

1893

„  24982  „  „

1873

14943

n  tt

1887

„  22  757

„

1894

„  25808  „  „

1875

13961

tr  n

1888

„  23858

,,

n

1895

„  29639  „  „

1876

„

13  717

n  ti

1889

„  25672

,,

„

1896

31075  „  „

1880

„

18385

ii  a

1890

„  27458

„

1897

„  33318  „

1883

„

21562

ii  a
        <pb n="891" />
        931

Erzeugung  und  Verbrauch  der  Jndustricprodukte  sowie  der  Rohstoffe.

Unter  den  einzelnen  Staaten  hat  lange  Zeit  England  in  der  Eisenindustrie  den
ersten  Rang  eingenommen.  Die  großen  Erfindungen,  welche  für  den  Fortschritt  der  Eisenerzeugung ­
  maßgebend  waren,  wurden  zumeist  in  England  gemacht,  das  auch  von  den  verheerenden ­
  Kriegen,  welche  Europa  im  17.  und  18.  Jahrhundert  verwüsteten,  verschont
blieb,  und  unter  allen  Ländern  zuerst  eine  Großindustrie  im  modernen  Sinne  entwickelte.
In  neuerer  Zeit  ist  ihm  jedoch  das  Deutsche  Reich  ebenbürtig  an  die  Seite  getreten,  und
wenn  es  auch  in  der  Roheisenerzeugung  der  Menge  nach  England  noch  nicht  erreicht  hat,
so  hat  doch  die  deutsche  Eisenindustrie  in  der  Ausbildung  ihrer  Technik  die  englische  bereits
überflügelt.  Von  den  übrigen  europäischen  Staaten  kommen  für  die  Eisenerzeugung  namentlich ­
  Österreich,  das  in  seinen  Alpengegenden  große  Schätze  reinen  Eisenerzes  und  eine
altberühmte  Eisenindustrie  besitzt,  Frankreich,  Belgien  und  Schweden  in  Betracht.  Auch
in  Rußland  hat  die  Ausbeutung  der  reichen  Erzschätze,  welche  im  Süden  des  Reiches  und
im  Ural  sich  befinden,  vielfach  unter  Zuziehung  ausländischen  Kapitales  rasche  Fortschritte
gemacht.  Eine  überraschende  Entwickelung  hat  die  Eisenindustrie  in  den  Vereinigten
Staaten  von  Nordamerika  durchgemacht.  In  den  letzten  25  Jahren  hat  sich  ihr  Umfang
nahezu  verzehnfacht.  Reiche  Lager  von  Erz  und  Kohle,  namentlich  von  dem  zur  Verhüttung ­
  des  Eisens  vorzüglich  verwendbaren  Anthrazit,  billige  Verkehrswege,  ein  starker
innerer  Bedarf  an  Eisen  insbesondere  für  den  Eisenbahnbau  und  der  Ausschluß  des  fremden
Wettbewerbes  durch  hohe  Schutzzölle  haben  zusammengewirkt,  um  die  nordamerikanische
Eisenindustrie  zu  einer  der  ersten  in  der  Welt  zu  machen.  Heute  tritt  amerikanisches  Eisen,
als  Ballast  der  Baumwoll-  und  Getreidedampfer  nahezu  kostenlos  über  den  Ozean  verfrachtet,
bereits  auf  den  europäischen  Märkten  in  Wettbewerb,  und  ebenso  nimmt  die  Ausfuhr
amerikanischer  Eisen-  und  Stahlfabrikate,  namentlich  jene  von  Werkzeugen  und  Maschinen,
bereits  einen  Umfang  an,  der  den  europäischen  Fabrikanten  unbequem  zu  werden  droht.
Ziffernmäßige  Angaben  über  den  Anteil  der  einzelnen  Länder  an  der  gesamten
Eisenproduktion  enthält  die  folgende  Tabelle:

Roheisenerzeugung  in  Tausenden  t  tm  Jadre

1870

1890

1895

1896

1897

Großbritannien

6  059

8  031

8  022

8  798

8  930

Vereinigte  Staaten  von  Nordamerika.

1  693

9  348

9  598

8  761

9  806

Deutsches  Reich

1  391

4  658

5  465

6  373

6  88&amp;gt;&amp;gt;

Frankreich

1  178

1  962

2  006

2  340

2  472

Oesterreich-Ungarn

403

965

1  100

1  218

1  330

Belgien

563

788

829

948

1  035

Rußland

358

927

1456

1  595

1  901

Schweden

300

456

463

494

542

Andere  Länder

150

323

700

548

422

Zusammen

12  095

27  458

29  639

31  075

33  318

Die  weitere  Verarbeitung  des  Roheisens  zu  Schmiedeeisen  und  Stahl  und  zu  den  verschiedenartigen ­
  Eisen-  und  Stahlwaren  ist  schon  wegen  der  Mannigfaltigkeit  dieser  Fabrikate
statistisch  schwer  zu  erfassen.  Die  einzige  Möglichkeit  dazu  bietet  eine  Darstellung  des
Eisenverbrauches  der  wichtigsten  Länder,  wie  sie  in  der  Tabelle  S.  932  oben  versucht  ist.
Als  Ausfuhrländer  für  Roheisen  kommen  hiernach  in  erster  Linie  Großbritannien
mit  einer  Mehrausfuhr  von  1  548  000  t  und  die  Vereinigten  Staaten  mit  einer  solchen
von  626  000  t  in  Betracht,  sodann  in  geringerem  Maße  Frankreich  und  Schweden.  Dagegen ­
  weisen  Deutschland,  Belgien  und  Österreich  nicht  unerhebliche  Mehreinfuhren  von
Roheisen  auf.  Wesentlich  anders  gestalten  sich  die  Verhältnisse,  wenn  man  auch  die  Ausund
  Einfuhr  von  Halb-  und  Ganzfabrikaten  (Schmiedeeisen  und  Stahl,  Eisen-  und  Stahlwaren, ­
  Maschinen  aus  Eisen),  auf  Roheisen  umgerechnet,  in  Betracht  zieht.  Großbritannien
steht  auch  in  diesem  Falle  mit  einer  Mehrausfuhr  von  2  749  000  r  Eisenwarcn  an  der
Spitze  der  Ausfuhrländer.  Ihm  folgen  Deutschland  mit  1  677  000,  Belgien  mit  744  000
und  Frankreich  mit  46  000  t  Mehrausfuhr.  Die  Mehreinfuhr  von  Roheisen  nach  dem
Deutschen  Reiche  und  Belgien  wird  daher  durch  ihre  Mehrausfuhr  an  Eisen-  und  Stahl-117
  *
        <pb n="892" />
        932  Die  Weltwirtschaft.

Etsenverbrauch  im  Jahre  1897  in  Tausenden  Tonnen.

2  85
&amp;amp;

§
s
&amp;amp;

o  £
-8  ^

s

£
d
rs

g
St
83

1

Hochofenproduktion  ......

6880

8930

2472

1330

1035

542

1901

9806

Einfuhr  von  Roheisen

461

40

125

165

364

54

—

42

Ausfuhr  von  Roheisen

129

1588

210

12

27

73

—

668

Im  Jnlande  verarbeitetes  Roheisen

7212

7382

2387

1483

1372

523

9180,5

Einfuhr  von  Eisen-  und  Stahlwaren,

ans  Roheisen  umgerechnet.  .  .

231

491

151

113

132

—

—

—

Ausfuhr  von  Eisen-  und  Stahlwaren,

aus  Roheisen  umgerechnet.  .  .

1908

3240

197

65

876

—

—

—

Einheimischer  Eisen-Verbrauch  auf

Roheisen  umgerechnet  ....

5535

4633

2341

1531

628

—

2724*)

—

Bevölkcrungszahl  in  Millionen.  .

53

40

38,5

46

6,5

5

132

73

Auf  den  Kops  kommen  Lg:

der  eigenen  Hochofenprodnktion.

129,8

223,3

64,2

28,9

159,2

108,4

14,4

134,3

des  im  Jnlande  verarbeiteten

Roheisens

136

184,5

62

32,2

211

104,6

—

125,8

des  einheimischen  Eisenverbrauches

104,4

115,8

60,8

33,8

96,6

—

20,6

—

waren  doppelt  und  dreifach  ausgewogen,  ein  Zeugnis  für  die  hohe  Entwickelung  der  eisenverarbeitenden ­
  Industrien  dieser  Länder,  der  die  eigene  Erzeugung  an  Roheisen  nicht  zu
genügen  vermag.  Dagegen  decken  England  und  Frankreich  nicht  nur  den  Bedarf  der
eigenen  Industrie  an  Roheisen,  sondern  führen  solches  auch  noch  aus.  Das  Gleiche  ist  bei
Schweden  und  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  der  Fall,  wenngleich  für  sie  kein
genügendes  Material  zur  Aufstellung  einer  genauen  Berechnung  vorliegt.  Alle  übrigen  Länder
haben  eine  Mehreinfuhr  an  Eisen  und  Eisenwaren  aufzuweisen,  die  jedoch  nur  für  Österreich-Ungarn
  (mit  48  000  t)  und  für  Rußland  (mit  823  000  t)  ziffernmäßig  zu  bewerten  ist.
Andere  Metalle.  Auch  die  Erzeugung  und  der  Verbrauch  der  anderen  unedlen
Metalle  hat  in  der  jüngsten  Zeit  eine  bedeutende  Steigerung  erfahren,  namentlich  infolge
des  Bedarfes  der  Elektrotechnik.  Dabei  hat  ihr  Verbrauch  fast  durchweg  verhältnismäßig
am  meisten  im  Deutschen  Reiche  zugenommen,  das  übrigens  auch  absolut  nach  England
die  größten  Mengen  davon  verwendet:  abermals  ein  Beleg  für  die  günstige  Entwickelung,
welche  die  deutsche  Industrie  nicht  nur  an  sich,  sondern  auch  im  Vergleiche  zu  den  älteren
Industriestaaten  genommen  hat.  Die  nachfolgenden,  den  statistischen  Zusammenstellungen
der  Metallurgischen  Gesellschaft  in  Frankfurt  a.  M.  entnommenen  Zahlen  geben  eine  Übersicht ­
  über  die  Weltproduktion  der  wichtigsten  Metalle  und  über  ihren  Verbrauch  in  Deutschland, ­
  England  und  Frankreich  in  den  Jahren  1889  und  1897  in  Tonnen  zu  1000  Lg.

Well-Produk'ion


Deutschland

Verbrauch  in
England

Frankreich

Blei  1889  .  .  .

549  000

77  320

152  876

57  510

„  1897  .  .  .

701  000

129  898

182  334

86  735

+  oder  —  in  %  •

+  30°/ 0

+  68%

+  42  %

+  50%

Kupfer  1889.  .  .

266  000

46  668

88  762

27  292

„  1897.  .  .

405  135

89  798

105  263

51  869

+  oder  —  in  °/o  •

+  50%

+  93%

+  18,6%

+  82%

Zink  1889  .  .  .

335  000

83  814

81981

35  295

„  1897  .  .  .

443177

119  110

86  463

54  433

+  oder  —  in  %  ■

+  30%

+  42%

+  5%

+  54%

Zinn  1889  .  .  .

55  200

8  937

17  909

1  547

„  1897  .  .  .

71  100

12  463

15  029

7  053

+  oder  —  in  %  •

+  28%

+  40%

-16%

+  34%

*i  Die  Mehreinfuhr  Rußlands  in  Eisen  und  Eisenwaren  betrug,  in  Roheisen  ausgedrückt,
823  000  t.
        <pb n="893" />
        Erzeugung  und  Verbrauch  der  Jndustrieprodukte  sowie  der  Rohstoffe.  933

Die  Erzeugung  von  Nickel  ist  im  gleichen  Zeitraume  von  1830  auf  4758  1,  jene  von
Aluminium  von  71  auf  3394  t  gestiegen,  wovon  942  t,  also  nahe  ein  Drittel,  im
Deutschen  Reiche  verbraucht  werden.  Zum  Teil  war  die  Produktionssteigerung  mit  einer
Verschiebung  der  Produktionsgebiete  verbunden.  So  hat  Chile,  das  einst  das  wichtigste
Erzeugungsgebiet  für  Kupfer  war,  hinter  Nordamerika  zurücktreten  und  seine  Erzeugung
bedeutend  einschränken  müssen,  da  es  den  zum  europäischen  Markte  günstiger  gelegenen
Gebieten  gegenüber  in  Bezug  auf  die  Frachtkosten  benachteiligt  war  und  außerdem  als
kapitalsarmes  Land  nicht  in  der  rationellen  Ausgestaltung  des  Betriebes  Schritt  halten
konnte.
Die  Bergwerkserzeugung  von  Kupfer  betrug  im  Jahre  1897:

In  Chile  ....  22  250  metrische  Tonnen
„  Nordamerika  .  210  5  l7  „  „
„  Spanien  .  .  53  909  „  „
„  Japan  .  .  .  23  368  „
„  Deutschland  .  20  467  „  „
In  der  Erzeugung  von  Blei  nehmen
einigten  Staaten  die  größte  Bedeutung  in
Jahre  1897  in:

In  Mexiko  ...  13  584  metrische  Tonnen
„  Australien  .  .  17  272  „  „
„  den  übrigen
Kupferländern.  34  767  „  „
Zusammen  405  135  metrische  Tonnen
Spanien,  das  Deutsche  Reich  und  die  Ver-Anspruch.
  Die  Erzeugung  belief  sich  im

dem  Deutschen  Reiche  .

auf

118  900

Spanien......

„

171  700

England

40  000

Österreich-Ungarn.  .  .

12  200

Italien

20  500

Belgien

&amp;gt;7  000

Frankreich

9  900

Griechenland  ....

„

16  000

anderen  europ.  Ländern  auf  3  500  t
Vereinigten  Staaten  von
Nordamerika  .  .  .  „  179  400  „

Mexiko  69  800
Kanada  18100
Australien  „  22  000
Südamerika  n.  Ostindien  „  2  000

Zusammen  701  000  t

Für  Zink  befinden  sich  weitaus  die  wichtigsten  Erzeugungsstätten  auf  deutschem
Boden.  Von  den  443  177  t,  die  im  Jahre  1897  erzeugt  wurden,  entfielen  auf:

das  Deutsche  Reich,  Belgien  Österreich  8  315  t
und  Holland  282  955  t  Rußland  5  852  „
England  23  804  „  die  Vereinigten  Staaten.  .  89  618  „
Frankreich  und  Spanien.  .  32  633  „

Für  Zinn  kommt  die  europäische  Erzeugung  nur  in  untergeordnetem  Maße  in
Betracht.  Die  wichtigsten  Produktionsgebiete  sind  die  Halbinsel  Malakka  und  die  in  ihrer
Nähe  gelegenen  Inseln  Banka  und  Biliton,  ferner  Australien  und  Bolivia.  Bon  der
Gesamtmenge  von  71  277  t,  die  1897  auf  den  europäischen  und  amerikanischen  Markt
kam,  stammten  aus:

Großbritannien.  .  .
dem  Deutschen  Reiche
Österreich
Malakka

4  572  t
930  „
70  „
42  367  „

Banka  9  042  t
Biliton  5  181  „
Australien  3  521  „
Bolivia  5  594  „

Für  Nickel  ist  eine  der  Hauptfundstellen  Neukaledonien,  dessen  Erze  hauptsächlich
in  England  und  Frankreich,  zum  Teil  auch  in  Deutschland  verhüttet  werden.  Außerdem
werden  in  Deutschland  auch  heimische  Erze  verarbeitet;  bedeutend  ist  die  Nickelgewinnung
noch  in  Nordamerika.  Im  Jahre  1897  betrug  die  Nickelerzeugung  in  Deutschland  898,
in  England  715,  in  Frankreich  1245,  in  den  Vereinigten  Staaten  und  Kanada  1900  t.
An  der  Erzeugung  von  Aluminium,  die  an  das  Vorhandensein  großer  Wasserkräfte ­
  geknüpft  ist,  beteiligten  sich  im  genannten  Jahre  die  Schweiz  mit  800,  England
mit  310,  Frankreich  mit  470  und  die  Vereinigten  Staaten  mit  1814  t.
Baumwolle.  Unter  den  verschiedenen  Spinnstoffen  nimmt  heute  die  Baumwolle
vielleicht  den  ersten  Rang  ein.  Die  ersten  Heimstätten  der  Baumwollindustrie  in  Europa
waren  Griechenland,  Süditalien  und  Spanien,  wohin  der  Bau  der  Baumwollpflanze  und
die  Verwertung  ihrer  Faser  durch  die  Araber  verpflanzt  wurde.  Nachdem  sich  die  Ber-
        <pb n="894" />
        934

Die  Weltwirtschaft.

arbeitung  der  Baumwolle  nach  Norditalien  und  Venedig  verbreitet  hatte,  drang  sie  von
hier  im  13.  Jahrhundert  nach  Deutschland  vor,  wo  sich  in  Ulm  und  Regensburg  eine
bedeutende  Baumwollweberei  (Barchentweberei)  entwickelte.  Mit  den  Umwälzungen,  welche
die  Entwickelung  des  Seeweges  nach  Ostindien  sür  den  Welthandel  im  Gefolge  hatte,  ging
die  führende  Stellung  in  der  Baumwollindustrie  auf  die  Niederlande  über,  bis  gegen  Ende
des  17.  Jahrhunderts  mit  dem  Sinken  der  holländischen  Seemacht  England  an  seine  Stelle
trat.  Die  Erfindung  der  Spinnmaschine  und  des  mechanischen  Webstuhles  verschafften
diesem  Lande  lauge  Zeit  eine  geradezu  herrschende  Stellung  in  der  Baumwollindustrie.
Diese  erfuhr  noch  eine  Verstärkung,  als  im  Anfange  dieses  Jahrhunderts  der  Anban  der
Baumwolle  in  Nordamerika  in  größerem  Umfange  eingeführt  wurde,  und  die  Union  die
alten  Produktionsländer  Ostindien,  Ägypten  und  Vorderasien  an  Menge  und  teilweise
auch  an  Güte  der  erzeugten  Baumwolle  rasch  überflügelte.  Die  überragende  Stellung
Englands  gründete  sich  jetzt  nicht  nur  auf  die  hohe  Entwickelung  seiner  Baumwollindustrie,
sondern  auch  auf  seine  günstige  Lage  zu  dem  nunmehr  wichtigsten  Produktionslande  des
Rohstoffes.  Der  amerikanische  Sezessionskrieg,  der  in  den  Jahren  1862  —  1864  die
amerikanische  Baumwollausfuhr  lahmlegte,  verschaffte  den  anderen  Produktivusländern
wieder  eine  erhöhte  Bedeutung.  In  dieser  Zeit  nahm  der  Anbau  der  Baumwolle  in  Ostindien, ­
  Ägypten  und  Südamerika  wieder  einen  bedeutenden  Aufschwung.  Nach  Wiederherstellung ­
  des  Friedens  in  Amerika  trat  zwar  ein  Rückschlag  ein,  doch  behaupteten
diese  Länder  wenigstens  in  einem  gewissen  Umfange  die  wiedergewonnene  Stellung.  Viele
Abnehmer  hielten  die  einmal  eingegangenen  Verbindungen  aufrecht,  zum  Teil  entstand
auch  auf  Grund  des  einheimischen  billigen  Rohmateriales  eine  inländische  Baumwollindustrie, ­
  und  endlich  war  der  europäische  Bedarf  an  Baumwolle  mittlerweile  so  sehr  gestiegen, ­
  daß  ihn  Nordamerika  selbst  bei  den  glänzendsten  Ernten  nicht  mehr  voll  befriedigen
konnte.  Befördert  durch  Schutzzollmaßregeln  erstarkte  nämlich  die  Baumwollindustrie  auf
dem  europäischen  Festlande,  und  während  in  den  30er  und  40er  Jahren  der  Baumwollverbrauch
  Großbritanniens  noch  fast  doppelt  so  groß  war  als  derjenige  des  übrigen
Europa,  bleibt  er  heute  bereits  hinter  diesem  zurück.  Endlich  hat  in  Amerika  selbst  die
Baumwollspinnerei  und  -Weberei  eine  überaus  rasche  Entwickelung  genommen,  so  daß  ein
großer  Teil  der  amerikanischen  Baumwolle  im  Lande  selbst  verbraucht  wird.
Heute  stehen  an  der  Spitze  der  Länder,  welche  Rohbaumwolle  erzeugen,  die  Vereinigten ­
  Staaten,  Ostindien  und  Ägypten.  Letzteres  ragt  insbesondere  durch  die  Güte
seiner  Erzeugnisse  hervor,  während  die  ostindische  Baumwolle  wegen  ihrer  kürzeren  Faser
und  der  weniger  sorgfältigen  Reinigung  hinter  der  amerikanischen  erheblich  zurücksteht.
Eine  große  Bedeutung,  namentlich  für  den  russischen  Markt,  dürfte  mit  der  Zeit  der
Baumwollbau  in  Zentralasien  (Turkestan)  gewinnen.  Im  Durchschnitt  der  Jahre  1891
bis  1899  erreichte  die  Baumwollernte  in  den  einzelnen  Ländern  folgende  Höhe:

L  ä  n  d  r  r

Millionen
kt?

%  der
Wellerrne

Länder

Millionen
kg

%  der
Welte:  nie

Vereinigte  Staaten  von

Afrika  außer  Ägypten  .

68,1

2,1

Nordamerika.  .  .  .

2038,3

62,5

Brasilien

20,0

0,7

Ostindien.  -

497,0

15,3

Mexiko

32,9

1,0

Ägypten

238,7

7,3

Westindien

C,4

0,01

Türkei

14,0

0,4

Columbien  n.  Venezuela

1,0

0,02

Persien

7,0

0,2

Peru

4,3

0,1

Asiatisches  Rußland  .  .

61,0

1,9

Italien

0,6

0,02

China

258,7

7,9

Griechenland  ....

1,7

0,04

Japan

13,0

0,4

Australien  und  andere

Französisch  Cochinchina  .

2,1

0,5

Länder

2,0

0,08

Welternte

3260,8

100,o

Von  dem  im  Durchschnitte  der  Jahre  1886—1890  auf  2116,4  Millionen  kg  geschätzten ­
  Verbrauch  an  Rohbaumwolle  entfielen  auf:
        <pb n="895" />
        Erzeugung  und  Verbrauch  der  Jndustrieprodukte  sowie  der  Rohstoffe.

935

Millionen
kg

kg  auf  den
Kopf  der
Bevölkerung

England

700,22

19

die  Vereinigten  Staaten.  .

528,14

8,86

die  Schweiz

23,83

8,14

das  Deutsche  Reich  .  .  .

201,05

4,19

Belgien

22,37

3,72

Frankreich

115,21

3,01

Spanien

49,61

2,86

die  Niederlande  ....

10,03

2,25

Österreich-Ungarn....

90,90

2,24

Italien

66,80

2,25

Rußland

147,62

1,55

Indien

120

0,43

Für  das  Jahr1898  wird  der  Weltverbrauch  an  Rohbaumwolle  auf  11300000  Ballen
(rund  2260  Millionen  kg)  geschätzt.  Welches  Wachstum  die  Baumwollindustrie  im
Deutschen  Reiche  genommen  hat,  geht  aus  der  Steigerung  des  jährlichen  Verbrauches
hervor.  Dieser  betrug:
1836—1840  8617  t,  0,34  kg  auf  den  Kopf,  1891—1895  252381  t,  4,95  kg  au  den  Kopf,
1856—1860  46529  „  1,39  „  „  „  „  1896  256556  „  4,85  „  „
1876—1880  124549  „  2,86  „  „  „  „  1897  287  888  „  5,36  „  „  „
1886—1890  201056  „  4,19  „  „  „  „
Über  den  Stand  der  Baumwollindustrie  im  Jahre  1895  veröffentlicht  der  Verband ­
  der  Baumwollindustriellen  in  Österreich  folgende  Angaben:

Staaten

Spindeln

Webstülile

Arbeiter

Großbritannien

45  270  000

660  000

530  000

Bereinigte  Staaten  von  Amerika  .

15  831  823

328  790

260  000

Deutschland

6  071332

245  000

230  000

Rußland

6  000  000

200  000

210  000

Frankreich  ...

5  039  000

126  000

—

Oesterreich-Ungarn

2  935  651

133  928

163  500

Spanien

2  110  000

66  000

—

Schweiz

1  772  000

23  721

48  500

Italien

1  340  000

47  000

88  000

Belgien

970  000

—

—

Schweden

340  000

7  000

—

Niederlande

290  000

20  160

—

Portugal

160  000

—

—

Griechenland

90  000

2  100

—

Macédonien

24  200

7

—

Kleinasien

25  000

—

—

Britisch-Jndien

3  649  736

31  154

130  000

Japan

447  376

35  000

—

China

37  000

550

—

Brasilien

225  122

4  836

—

Wolle.  Während  die  Wollenerzeugung  früher  ein  wichtiger  Zweig  der  europäischen ­
  Landwirtschaft  war,  sind  heute  auf  diesem  Gebiete,  ebenso  wie  in  dem  Getreidebau,
überseeische  Länder  maßgebend  geworden.  Noch  im  Jahre  1860  entfielen  von  der  gesamten,
damals  auf  372  Millionen  kg  berechneten  Wollproduktion  der  Erde  280  Millionen  kg
auf  Europa,  der  Rest  so  ziemlich  zu  gleichen  Teilen  auf  Amerika  und  Australien.  Die
mächtige  Entwickelung  des  Verkehres  hat  seither  die  zur  Schafzucht  besonders  geeigneten
Gebiete  am  Kap,  in  Australien  und  am  La  Plata  dem  europäischen  Markte  erschlossen,
und  Verbesserungen  in  der  Schafzucht  dieser  Länder  wie  in  der  Reinigung  der  dort  erzeugten ­
  Wolle  hat  sie  auch  in  jenen  feineren  Wollsorten  konkurrenzfähig  gemacht,  in  denen
die  europäische  Landwirtschaft  lange  den  Vorrang  behauptete.
        <pb n="896" />
        936

Die  Weltwirtschaft.

Heute  beträgt  die  gesamte  Wollerzeugung  der  Erde  ungefähr  1240  Millionen  kg;
davon  entfallen  auf:
:opa:  Außereuropäische  Länder:
2S0  Millionen  kg,
ISO
200
70
90

Europa:

Außereuropäisch

Rußland  ....

190  Millionen  kg,

Australien

England  ....

80

„

„

Nordamerika  ....

Frankreich  ....

40

„

„

Südamerika  (Argentinien

das  Deutsche  Reich  .

22

„

„

und  Uruguay)  .

Österreich-Ungarn  .

20

„

„

Afrika  (Kap,  Natal).  .

Spanien  und  Portugal

25

„

„

Asien

Italien

10

„

„

Zusammen

das  übrige  Europa  .

23

„

„

Zusammen  410  Millionen  kg.

In  der  Wollverarbeitung  nimmt  Großbritannien  immer  noch  den  ersten  Rang
ein.  Es  waren  hierbei  ähnliche  Verhältnisse  maßgebend  tüte  in  der  Baumwollindustrie,
doch  war  seine  Stellung  hier  niemals  eine  gleich  überragende  wie  auf  jenem  Gebiete,  da
die  Wollverarbeitung  auf  dem  europäischen  Festlande  zur  Zeit,  als  die  industrielle  Entwickelung ­
  Englands  begann,  viel  allgemeiner  verbreitet  und  weiter  fortgeschritten  war  als
die  Baumwollindustrie.  Es  sei  hier  nur  an  die  alte  Blüte  der  Tuchindustrie  in  den
flandrischen  und  rheinischen  Städten  erinnert.
Den  zweiten  Rang  in  der  Wollindustrie  hat  heute  das  Deutsche  Reich  inne,  das
in  den  letzten  30  Jahren  die  Zahl  seiner  Spindeln  nahezu  verdreifacht  hat.  Diesem
folgen  die  Vereinigten  Staaten  und  Frankreich,  dann  in  weiteren  Abständen  Belgien  und
Österreich.  Genaueres  über  die  Zahl  der  Spindeln  und  Webstühle  in  den  genannten
Ländern  enthält  folgende  Zusammenstellung:

Spindeln

Mechanische
Webstühle

1870

1897

1897

Großbritannien

4  958  000

6  700  000

140  000

Deutschland

2  430  000

3  600  000

80  000

Amerika

1  472  000

3  600  000

78  000

Frankreich

2  730  000

3  500  000

72  000

Belgien

1  260  000

1  600  000

31  000

Österreich-Ungarn  ....

610  000

800  000

47  000

Flachs,  Hanf  und  Jute.  Neben  der  Wolle  ist  die  Faser  der  Flachspflanze  der
älteste  von  den  europäischen  Völkern  verwendete  Spinnstoff.  Seit  der  Einführung  der
Baumwolle  hat  jedoch  seine  Verwendung  an  Umfang  eingebüßt,  und  in  neuerer  Zeit  ist
der  Flachsbau  in  Europa  erheblich  zurückgegangen.  Der  durch  die  Konkurrenz  der  Baumwollgewebe
  verursachte  Preisfall  des  Flachses  ließ  den  Anbau  anderer  Approvisionierungsgewächse,
  namentlich  jenen  der  Zuckerrübe,  vielfach  als  lohnender  erscheinen.  Der  Flachsbau
hat  daher  selbst  in  solchen  Ländern,  die  dafür  vorzüglich  geeignet  sind,  wie  z.  B.  Irland,
bedeutend  nachgelassen.
Für  die  Ausfuhr  wird  Flachs  nur  noch  in  Rußland  und  in  den  Niederlanden  gebaut. ­
  Alle  übrigen  Staaten  decken  nur  ihren  eigenen  Bedarf  oder  nicht  einmal  diesen.
Die  Länder  mit  entwickelter  Flachsindustrie  sind  zum  größten  Teile  auf  die  Einfuhr  des
Rohstoffes  angewiesen.
Für  das  Jahr  1890  wird  die  europäische  Flachsernte  auf  525  Millionen  kg  geschätzt,
welche  sich  auf  die  einzelnen  Länder  folgendermaßen  verteilen:

Rußland  .
Deutschland
Österreich  .
Frankreich
Belgien
Irland
Italien

.  .  341  100  t

Niederlande  .  .

.  .  24  992  „

Ungarn  .  .  .

.  .  38  548  „

Schweden  .  .  .

.  .  22  034  „

Finnland  .  .  .

.  .  20  440  „

Dänemark  .  .

.  .  19  624  „

Großbritannien  .

.  .  18  700  „

Griechenland  .  .

Zusammen  505  038  t.

9  324  t
5  161  „
2  079  „
1  890  „
558  „
467  „
121  „
        <pb n="897" />
        Erzeugung  und  Verbrauch  der  Jndustrieprodukte  sowie  der  Rohstoffe.  937

Die  Verarbeitung  von  Flachs  zu  Garnen  und  Geweben  war  im  15.  und  16.  Jahrhundert ­
  in  Deutschland  zur  höchsten  Blüte  gediehen.  Durch  den  Dreißigjährigen  Krieg
fast  vernichtet,  blühte  sie  später  zwar  wieder  von  neuem  auf,  vermochte  aber  den  Vorsprung ­
  nicht  mehr  einzuholen,  den  mittlerweile  Frankreich  und  England  gewonnen  hatten,
um  so  mehr,  als  diese  Länder  früher  zum  maschinellen  Betriebe  übergingen  als  Deutschland. ­
  Übrigens  ist  die  Handweberei  in  der  Leinenindustrie  noch  keineswegs  so  weit
zurückgedrängt  wie  in  der  Baumwollindustrie.  Manche  Artikel  werden  mit  Hilfe  des  Handwebstuhls ­
  noch  vorteilhafter  hergestellt,  und  auch  wo  dies  nicht  der  Fall  ist,  führt  der
hausindustrielle  Handweber  unter  Not  und  Entbehrungen,  bei  maßloser  Arbeitszeit  und
den  niedrigsten  Löhnen  den  Kampf  gegen  die  Maschine  weiter,  freilich  ohne  Aussicht
auf  Erfolg.
Den  Umfang  der  Leinenindustrie  in  den  einzelnen  Staaten  kennzeichnen  folgende
Angaben  über  die  Zahl  der  Spindeln  und  Webstühle  im  Jahre  1894:

Spindeln

Mechanische
Stühle

Handstühle

Großbritannien

1  500  000

56  000

Frankreich

520  000

16  400

20  000

Deutschland

340  000

16  400

75  000

Österreich-Ungarn....

320  000

4  000

60  000

Belgien

260  000

4  000

—

Rußland

210  000

3  100

45  000

Italien

75  000

700

6  000

Spanien

32  000

5  900

12  000

Schweiz

11  000

—

—

Holland

8  000

1200

—

Schweden

6  000

200

—

Die  Hanferzeugung  leidet  vielfach  unter  ähnlichen  Verhältnissen  wie  der  Flachsbau. ­
  Das  wichtigste  europäische  Produktionsgebiet  für  Hanf  ist  Rußland,  das  etwa
122  000  t  erzengt;  ihm  ,  zunächst  kommen  Italien  mit  79  000,  Ungarn  mit  47  000,
Frankreich  mit  37  000,  Österreich  mit  26  000  und  das  Deutsche  Reich  mit  10  000  t.
Die  Welternte  an  Hanf  wird  auf  340  600  t  geschätzt.
Eine  überlegene  Konkurrenz  ist  dem  europäischen  Hanfbau  durch  die  seit  den  60  er
Jahren  von  den  Philippinen  eingeführte  Faser  des  Manilahanfes  erstanden.  Diese
Einfuhr  betrug  im  Jahre  1871  erst  29,  im  Jahre  1891  bereits  71  Millionen  kg.
Ein  zweites  Ersatzmittel  für  Hanf  bildet  die  Jute,  namentlich  für  grobe  Webwaren
wie  Säcke  und  Gurten  und  für  die  Bindfadenerzeugung.  Teilweise  ist  die  Jute,  so  z.  B.  bei
der  Erzeugung  von  Möbelstoffen,  auch  an  die  Stelle  von  Lein  und  Wolle  getreten.  Für
die  Erzeugung  von  Jute  kommt  fast  ausschließlich  Bengalen  in  Betracht,  wo  in  neuerer
Zeit  auch  eine  bedeutende  Juteindustrie  sich  entwickelt  hat,  welche  Jutegarn  und  Jutewebwaren ­
  bereits  in  erheblichen  Mengen  nach  Europa  ausführt.
Seide.  Die  Gewinnung  von  Rohseide  hat  in  Europa  trotz  vielfacher  anderweitiger
Versuche  nur  in  den  südlichen  Ländern  eine  Heimat  gefunden.  Obenan  steht  Italien,
das  einzige  europäische  Produktionsgebiet,  das  eine  den  eigenen  Bedarf  übersteigende
Erzeugung  von  Rohseide  aufweist.  Seine  jährliche  Mehransfuhr  hat  einen  Wert  von
rund  200  Millionen  Lire.  Zunächst  folgt  Südfrankretch,  wo  der  Seidenbau  neuestens
wieder  an  Umfang  gewinnt,  nachdem  durch  Pasteur  ein  Mittel  zur  Bekämpfung  der
Seidenraupenkrankheit  gefunden  worden  war.  Ferner  wird  der  Seidenbau  in  nennenswertem ­
  Umfange  noch  in  Südtirol,  den  österreichischen  Küstenlanden,  Südungarn,  den
Balkanländern  und  Spanien  betrieben.  Im  europäischen  Rußland  ist  die  Seidenzucht
ohne  Bedeutung;  dagegen  ist  sie  in  Kaukasien  und  Turkestan  neuestens  im  raschen  Empor-118
        <pb n="898" />
        938

Die  Weltwirtschaft.

blühen  begriffen.  Das  Hauptgebiet  der  Seidenzucht  befindet  sich  jedoch  heute  noch  in  der
ursprünglichen  Heimat  dieses  Erzeugnisses,  in  Ostasien  (China,  Japan,  Ostindien),  das
den  größten  Teil  des  europäischen  Einfuhrbedarfes  deckt.
Die  gesamte  Rohseidegewinnung  wird  für  das  Jahr  1896  folgendermaßen  veranschlagt: ­

.  784  t  Griechenland  40  t
.  3083  „  Kaukasus  250  „
.  102  „  Persien  (Ausfuhr)  48  „
.  294  „  .  f  (Ausfuhr  aus  Schanghai)  3885  „
.  415  „  U)ttW  l  (  „  „  Kanton)  .1691,,
420  „  Japan  (Ausfuhr  aus  Iokohama)  2999  „
.  170  „  Britisch-Jndieu  (Ausfuhr  aus  Kal-45
  „  kutta)  270

Frankreich.  .  .
Italien....
Spanien  .  .  .
Österreich-Ungarn
Anatolien  .  .  .
Syrien....
Saloniki,  Adrianopel
Bulgarien  .  .  .

Zusammen  14  496  1.
In  Bezug  auf  die  industrielle  Verarbeitung  von  Seide  steht  unter  den  europäischen ­
  Ländern  Frankreich  obenan.  Es  besitzt  eine  altberühmte  Seidenindustrie,  die  sich
um  Lyon  konzentriert,  den  wichtigsten  Seidenmarkt  Europas.  Es  verarbeitet  jährlich  an
4  Millionen  kg  Rohseide.  Italien  hat  seine  Seidenindustrie  insbesondere  während  des
letzten  Zollkrieges  mit  Frankreich  entwickelt  und  führt  jetzt  nicht  unerhebliche  Mengen  aus,
während  es  früher  eine  Mehreinfuhr  an  Seidenwaren  zu  verzeichnen  hatte.  Seine  Mehrausfuhr ­
  an  Seidenwaren  stellte  im  Jahre  1897  einen  Wert  von  12,5  Millionen  Lire
dar,  im  ganzen  führte  es  in  diesem  Jahre  für  34,2  Millionen  Lire  Seidenwaren  aus.
Eine  bedeutende  Seidenindustrie  besitzt  ferner  die  Schweiz,  welche  jährlich  2*/*  bis
3  Millionen  kg  Seide  verbraucht,  sowie  Deutschland  (namentlich  um  Krefeld,  Freiburg
und  im  Oberelsaß),  dessen  Mehreinfuhr  an  Roh-  und  Florettseide  rund  2 1 / 3  Millionen  kg
jährlich  beträgt.  In  England  ist  die  Seidenindustrie  ziemlich  stationär  geblieben,  ja
teilweise  hat  sie  sogar  einen  Rückgang  zu  verzeichnen.  Ihr  jährlicher  Verbrauch  an  Rohseide ­
  wird  auf  2  Millionen  kg  geschätzt.  Österreich-Ungarn  verbraucht  jährlich  etwa
600  000  kg.
Eine  überraschende  Entwickelung  hat  in  der  neuesten  Zeit  die  nordamerikanische
Seidenindustrie  genommen,  hauptsächlich  unter  dem  Einflüsse  der  hohen  Schutzzölle.  Seine
Rohseideneinfuhr,  die  im  Jahre  1880  noch  2  7 2  Millionen  Pfund  betrug,  ist  im  Jahre  1892
bereits  auf  7flz  Millionen  Pfund  gestiegen.
Über  den  Gesamtumfang  der  Seidenverarbeitung  in  den  wichtigsten  Ländern
liegen  folgende  Angaben  vor:
Zahl  der

Spindeln

Websliihle

Arbeiter

Italien

.  .  .  1534  849

15  849

172  356

Frankreich....

.  .  .  957  711

89  659

64110

Großbritannien  .  .

.  .  .  1029  353

11  464

41  277

Deutsches  Reich  .  .

...  60  265

38  651

38  780

Österreich-Ungarn  .

...  70  000

7  000

20000

Schweiz  ....

.  .  .  120  000

?

31  145

Vereinigte  Staaten

.  .  .  1254  798

22  569

50  913

Für  die  anderen  Industrien  liegen  vergleichbare  Angaben  nicht  vor.  Doch
gewährt  wenigstens  für  das  Deutsche  Reich  die  im  Jahre  1897  durchgeführte  produktionsstatistische ­
  Erhebung  die  Möglichkeit,  für  eine  größere  Anzahl  von  Waren  Erzeugung  und
Verbrauch  zu  ermitteln  und  durch  Gegenüberstellung  der  Erzeugung  mit  der  Ein-  und
Ausfuhr  die  Bedeutung  der  deutschen  Produktion  für  den  Weltmarkt  zu  kennzeichnen.  Die
betreffenden  Zahlen  enthält  die  S.  939  u.  940  folgende  Tabelle,  mit  der  wir  gleichzeitig
unsere  Ausführungen  über  die  industrielle  Produktion  beschließen.
        <pb n="899" />
        Erzeugung  und  Verbrauch  der  Judustrieprodukte  sowie  der  Rohstoffe.

939

Einfuhr

Ausfuhr

+  |  g

g  CT.

Gattung  der  Erzeugnisse

Inländische
Erzeugung

Hill

Oi*—  C
-  2"  "
g  tt  »

M  —  Menge

im  Spezialhandel

irr-ir-TN  S~*  &amp;amp;

».=  §

"  s  S

W  —  Wert  In  1000  Mark

II  "

'S  2

SS  "  ®

Bergbau.

(Mengen  in  lovo  Tonnen.)

Steinkohlen  .  ,  .  .  .  .  {^

91  055
648  939

6  072
66  545

12  390
133  450

+  6,94
H-  10,3

84  737
582  034

1620,83  kg
11,13  Mk.

Braunkohlen  {  ^

29  420
66  251

8  111
51100

19
120

—  27,5
—  76,95

37  511
117  231

717,5  kg
■  2,24  Mk.

Eisenerz  {  ^

15  466

3186

3  230

+  0,29

15  421

295  kg

60  088

46  742

9  607

—  61,8

97  223

1,86  Mk.

Sonstige  Erze  {  ^

1  704
51785

568
43  985

81
3  712

—  28,55
—  77,77

2191
92  058

42  kg
1,76  Mk.

Salz  M

1080

23

200

-f~  16,39

909

17,38  kg

Hüttenwesen,  Eisen-  und

'

Maschinenindnstrie.

(Mengen  in  1000  Tonnen.)

Rohzink  {äjy

151
50  477

19
7  219

50
17  103

+  20,35
+  19,68

120
40  593

2,29  kg
0,77  Mk.

Rohblei  (w

119

35

24

—  9,26

130

2,48  kg

28  641

9  401

6  082

—  11,59

31960

0,68  Mk.

Rohkupfer  {  ^

26
27  366

68
68  090

7
7  331

—  270,73
—  222

86
88  125

1,65  kg
1,68  Mk.

Roheisen

6  870

461

129

—  4,83

7  202

137,76  kg

349  652

23  230

7  238

—  4,57

365  644

7,  Mk.

Luppen,Rohschicncn,Jngots,  /  M

1353

1

40

+  2,88

1314

25,13  kg

Zementstahl  .....  i  W

114  518

114

3  594

+  3,04

110  986

2,12  Mk.

Eisenbahnschienen  und  Eisen-  f  M

1084

4

174

+  15,68

914

17,52  kg

bahnmaterial  .  .  .  .IW

134  021

664

22  494

~r  16,28

112  191

2,14  Mk.

Handelseisen,  Bleche,  Drähte  f  M

3  627

37

536

+  13,75

3  128

60  kg

und  Röhren  IW

444  016

8  431

70  807

+  14

381  640

7,3  Mk.

Andere  Eisen-  u.  Stahlsorten,  t  ^
Geschirrguß  ,  gußeiserne  ■  w
Röhren,  sonstige  Gußwaren  1

1619
298  462

61
23  958

507
194  547

+  27,54
+  57,15

1173
127  873

22,48  kg
2,44  Mk.

Kriegsmaterial  aller  Art  .  |  ^

16
18  884

114

,  1
6  652

+  6,25
+  34,62

15
12  346

0,28  kg
0,23  Mk

Kesselschmiedearbeiten  aller  r  M
Art  IW
Eisenkonstruktionen  .  .  ■  {

190
78110
279
80  182

I  Die  Zahlen  über  Ein-  und  Ausfuhr  dieser  Er-&amp;gt;
  zeugnisse  sind  in  der  Außenhandelsstatistik  nicht

j

besonders  nachgetmesen.

Maschinen  {  ^

887
619  509

67
43  883

154
116  128

+  9,78
+  11,66

800
547  264

—

Lokoinotiven  u.  Lokomobilen  {  ^y

68
62  134

3
2  480

13
12  576

+  15
+  16,32

58
51  988

—

Schiffe  ans  Eisen  .  .  .  .  {^

140
71  998

1263

6  782

+  7,67

66,479

—

Eisenbahn-  u.  Straßenbahn-  r  M

176

—

—

—

—

wagen  IW

62  777

222

4  839

+  7,35

58  160

Getränke.

(Mengen  in  1000  Hektoliter.)

Bier  M

66  378

576

648

+  •  0,1

66  306

1,27  hl

Branntwein  M

3  288

36

87

1  1,55

(*)3  237

0,06  hl

: )  Darunter  zu  gewerblichen  Zwecken  889  000  dl,
zum  Trinkverbrauch  2  295  000  hl.

118
        <pb n="900" />
        940

Die  Weltwirtschaft.

Inländische
Erzeugung

Einfuhr
im  E)

Ausfuhr
ezialhandel

g
SsS'g  §=s
  .5  s  24
SÄ  g®
li  "

©  «2
2  «  iH
S&amp;gt;!§

C  Æ  C
»  ®

1  639  101

1379

1  113  769

+

67,86

505  078

9,66  kg

45  372

109

2  834

+

6

42  647

0,82  kg

324  996

11  650

4  359

2,24

332  287

6,35  Mk.

59  940

26  047

10  076

26,64

71  911

1,37  Mk.

25  964

5186

1402

—

14,67

29  748

0,57  Mk.

74  190

1398

17  999

+

22,37

57  589

1,1  Mk.

78  877

'  813

21  687

+

26,46

58  003

1,2  kg

52  412

1359

35  055

+

64,29

18  716

0,36  Mk.

386  555

6  953

68  149

+

15,83

325  359

6,22  kg

61  365

2  947

17  066

+

23

47  246

0,9  Mk.

524  907

13  109

104  557

+

17,42

433  459

8,29  kg

115  215

7  954

27  861

+

17,28

95  308

1,82  Mk.

336  253

72  779

93  303

+

6,13

315  729

6,4  Mk.

15  896

11467

8  030

—

19,74

19  333

0,37  kg

79132

52  901

42  042

13,72

89  991

1,72  Mk.

345  869

32118

16  452

4,53

361  535

6,91  kg

503  105

81  583

64  457

—

3,4

520  231

9,95  Mk.

156  806

15  839

9  619

_

3,96

163  026

3,il  kg

116  350

19  356

9  142

—

8,77

126  564

2,43  Mk.

56  336

16  972

218

—

29,74

73  090

1,4  kg

274  897

76  799

1  118

—

27,63

350  578

6,7  Mk.

625

1262

349

146

1538

0,029  kg

15  017

18  721

6  096

—

84,07

27  642

0,628  Mk.

448  417

32  778

79  999

+

10,63

401  196

7,67  Mk.

138  168

6  932

14  051

+

5,16

131  049

2,50  Mk.

744  891

14  885

242  016

+

30,49

517  760

9,9  Mk.

194  950

18  527

18  492

—

0,01

194  985

3,72  Mk.

13  322

84

965

+

6,61

12  441

0,23  Mk.

141  330

1135

82  276

+

57,04

60  189

1,15  Mk.

104  084

593

42  964

+

40,78

61  713

1,18  Mk.

52  708

14  036

27  691

+

25,9

39  053

0,74  Mk.

2  708

74

277

+

7,49

2  505

0,047  Mk.

769  000

9  889

5  674

0,56

773  215

14,78  kg

26  428

939

681

—

0,98

26  686

0,51  Mk.

250  698

17  667

55  006

+

14,89

213  359

4,08  kg

48  414

4  063

13  751

+

20

38  726

0,74  Mk.

777  976

7  511

93  674

-f

11,07

691  813

13,23  kg

204  701

2  777

28  356

+

12,49

179  122

3,42  Mk.

Gattung  der  Erzeugnisse
M  —  Menge
W  —  Wert  in  1000  Mark

Sonstige  Genußmittel.
(Mengen  in  Tonnen.)
Zucker  M
Stärkezucker  M
Tabakfabrikate  W
Industrie  in  Steinen
und  Erden.
(Mengen  in  Tonnen.)
Steine  und  Steinwaren.  .
Kalk
Zement

Porzellanwaren  .  .  .
Andere  keramische  Waren
Glas  und  Glaswaren

.  W
.  W
.  W
jM
IW
(M
IW

/  M
•\W
Leder-  und  Kautschukindustrie. ­

(Mengen  in  Tonnen.)
Leder

.  W
fM
■iw

Kautschuk
Textilindustrie.
(Mengen  tu  Tonnen.)
Baumwollgarn,  Streich-  und  r  ,  ,
Vigognegarn,  Baumwoll-  1  ^
zwirn  I  vv
Flachs-,  Hanf-,Jute-rc.Garn,  /  M
'  ~  "  .  1  W

auch  Seilerwaren
Kammgarn
Chappe-  und  Nähseide  .
Baumwollene  Webwaren
Leinen-,  Jute-,  Bastfaser
Webwaren  ....
Woll.  u.  gemischte  Webwaren
Seidene  Webwaren  .  .  .
Gardinen  W
Wirkwaren  W
Posamente
Stickereien  W
Netzfabrikate  W
Papierindustrie.
(Mengen  in  Tonnen.)
Holzschliff

;M
■iw
(M
■iw
.  W
"}  w
w
w

/M
iw

Zellstoff  .  .  .  .
Papier  und  Pappe

/M
■iw
(M
■iw
        <pb n="901" />
        Der  Welthandel.

941

Güterumlauf  und  Gütervrrteilung  in  der  Weltwirtschaft.
Der  Welthandel.
Wir  haben  in  den  vorangegangenen  Abschnitten  versucht,  ein  Bild  der  landwirtschaftlichen ­
  und  industriellen  Produktion  in  den  verschiedenen  Ländern  der  Erde  zu  entwerfen. ­
  Dabei  hat  sich  gezeigt,  daß  die  Verschiedenheit  in  den  natürlichen  Produktionsbedingungen, ­
  in  der  Dichte  der  Bevölkerung  und  der  wirtschaftlichen  Entwickelung  einerseits
eine  den  eigenen  Bedarf  weit  übersteigende  Erzeugung  bestimmter  Waren  mit  sich  bringt,
anderseits  die  Notwendigkeit  des  Bezuges  anderer  Gegenstände  aus  dem  Auslande  hervorruft. ­
  Infolgedessen  stehen  die  einzelnen  Volkswirtschaften  in  einem  beständigen  Austausch ­
  der  Produktion,  in  einem  regen  Wechselverkehr,  dessen  Umfang  sich  in  den  Umsätzen
des  Welthandels  ausdrückt.  Die  gesamten  Umsätze  werden  von  Neumann-Spallart
und  Juraschek  auf  Grund  der  Außenhandelsstatistik  der  einzelnen  Länder  in  folgender
Weise  berechnet:

Im  Jahre

Einfuhr
in

Ausfuhr
Millionen  M

Zusammen
ark

Im  Jahre

Einfuhr
in

Ausfuhr
Millionen  M

Zusammen
ark

1867  —  68

23  314

20  900

44  214

1888

33  819

29  607

63  426

1872  —  73

31  088

26  677

57  765

1889

36  732

31  660

68  392

1877

29  457

27  108

56  565

1890

38  001

32  624

70  625

1880

34  262

29  561

63  823

1891

38  528

32  966

71494

1881

34178

30  214

64  392

1892

38  093

32  450

70  543

1882

35  933

31  193

67  126

1893

37  535

32  590

70  125

1883

36  325

31  540

67  865

1894

37  007

31  754

68  761

1884

34  657

30  428

65  085

1895

38  179

33  369

71  548

1885

32  879

28  814

61  693

1896

39  981

34  303

74  284

1886

31590

27  454

59  044

1897

41136

35  600

76  736

1887

32  577

28  450

61  027

In  diesen  Ziffern  spiegeln  sich  die  ungeheuren  Fortschritte,  die  unser  Verkehrsleben
gemacht  hat.  In  den  drei  Jahrzehnten,  auf  die  sich  die  Aufstellung  erstreckt,  hat  sich  der
Wert  der  Umsätze  im  Welthandel  um  73 u /„  erhöht,  allerdings  nicht  ohne  zeitweise  Rückschläge. ­
  Ähnlich  wie  die  Erzeugung  einzelner  wichtiger  Rohstoffe  und  Jndustrieprodukte
geben  auch  die  Umsatzziffern  des  Welthandels  ein  treues  Spiegelbild  unserer  wirtschaftlichen
Entwickelung.  Der  wirtschaftliche  Aufschwung  zu  Anfang  der  70  er  Jahre  kennzeichnet  sich
durch  die  rasche  Steigerung  der  Einfuhrziffern  dieser  Zeit.  Die  Krisis,  die  im  Jahre  1873
hereinbrach,  und  das  damit  in  Verbindung  stehende  Fallen  der  Warenpreise,  der  Konsumtion ­
  und  der  Produktion  äußert  sich  in  einem  Rückschläge  der  Einfuhrswerte  um
2  Milliarden  Mark.  Erst  1880  beginnt  wieder  eine  aufsteigende  Bewegung,  die  jedoch
nicht  von  Dauer  ist  und  ihren  Grund  weniger  in  einer  allgemein  günstigen  Gestaltung
der  wirtschaftlichen  Verhältnisse  als  in  den  besonderen  Verhältnissen  des  Getreidehandels
und  in  der  in  diese  Zeit  fallenden  ungeheueren  Ausdehnung  der  amerikanischen  Getreideausfuhr ­
  hat.  Die  durch  den  Wettbewerb  des  überseeischen  Getreides  in  der  europäischen
Landwirtschaft  hervorgerufene  Krisis  und  die  dadurch  bedingte  Herabminderung  der
Konsumtionskraft  breiter  Bevölkerungsmassen  in  den  alten  Kulturländern  drückt  sich  in
dem  neuerlichen  Sinken  der  Einfuhrswerte  aus,  das  um  die  Mitte  der  80  er  Jahre
eintritt.  Erst  in  dem  Maße,  als  die  zum  Schutze  der  heimischen  Landwirtschaft  in  den
Festlandsstaaten  ergriffenen  Maßregeln  ihre  Wirkung  zu  äußern  und  gleichzeitig  die  in
Anpassung  an  die  geänderten  Verhältnisse  eintretende  industrielle  Entwickelung  den  Schaden
wettzumachen  beginnt,  den  die  europäische  Landwirtschaft  erlitten  hatte,  machte  sich  wieder
eine  Steigerung  der  Einfuhrsziffern  geltend;  sie  beginnt  im  Jahre  1887.  Im  Jahre  1889
wird  die  höchste  in  früheren  Jahren  (1883)  erreichte  Einfuhr  bereits  überschritten,  und
nach  einem  vorübergehenden  Rückschlag  der  Jahre  1893  und  1894  tritt  ein  rasches  An ­
        <pb n="902" />
        942

Die  Weltwirtschaft.

wachsen  der  Umsätze  ein,  das  den  Ausdruck  der  in  den  letzten  Jahren  zu  beobachtenden
allgemeinen  Blüte  der  Industrie  und  der  dadurch  gesteigerten  Kaufkraft  der  Bevölkerung ­
  bildet.
Das  gleiche  Bild  bietet  im  allgemeinen  die  Bewegung  der  Ausfuhrsziffern.
Doch  bleiben  diese  in  der  Höhe  regelmäßig  hinter  den  Ziffern  der  Einfuhr  zurück.  Dieser
für  den  ersten  Augenblick  befremdliche  Umstand  ist  einesteils  darauf  zurückzuführen,  daß
die  Einfuhrstatistik  wegen  ihres  engen  Zusammenhanges  mit  der  Zollerhebung  fast  in
sämtlichen  Ländern  genauer  und  verläßlicher  ist  als  jene  der  Ausfuhr.  Außerdem  kommt
in  der  größeren  Höhe  der  Einfuhrswerte  der  Wertzuwachs  zum  Ausdrucke,  den  die
Waren  durch  die  Verfrachtung  erfahren.  Selbstverständlich  ist  ja  beispielsweise  Getreide
in  Argentinien  billiger  zu  kaufen,  als  es  nach  geschehener  Überfahrt  auf  dem  Londoner
Markt  verkauft  wird;  es  erscheint  daher  auch  in  den  englischen  Einfuhrlisten  mit  einem
höheren  Werte  als  in  der  Ausfuhrstatistik  Argentiniens.
Von  den  einzelnen  Weltteilen  hat  den  größten  Anteil  am  Welthandel  Europa.
Es  ist  gewissermaßen  zum  städtischen  Wirtschaftszentrum  der  Erde  geworden.  Aus  allen
Teilen  der  Welt  werden  ihm  zur  Erhaltung  seiner  riesenhaft  gestiegenen  Bevölkerung,  zu
deren  Ernährung  die  Ernten  des  heimischen  Bodens  nicht  mehr  ausreichen,  und  zur  Versorgung ­
  seine  Industrie  mit  Rohstoffen,  Bodenerzeugniffe  zugeführt,  nach  allen  Seiten
sendet  es  im  Austausche  dafür  die  Erzeugnisse  seiner  hochentwickelten  Industrie  hinaus.
Ihm  zunächst  steht  Amerika,  im  weiteren  Abstande  folgen  Asien,  Australien  und
Afrika.  Über  die  Verteilung  der  Welthandelsziffern  auf  die  einzelnen  wichtigeren  Länder
der  Erde  gibt  die  Tabelle  auf  Seite  943  Aufschluß.
Obenan  steht  unter  allen  Staaten  England,  dessen  Gesamtumsatz  im  internationalen ­
  Warenverkehr  im  Jahre  l898  die  Riesensumme  von  13,m  Milliarden  Mark
(16,8%  der  gesamten  Umsätze  im  Welthandel)  erreichte.  Rechnet  man  die  Ein-  und  Ausfuhr ­
  der  britischen  Kolonien  jener  des  Mutterlandes  zu,  so  entfällt  auf  das  britische  Reich
nahezu  %  der  gesamten  Handelsbewegung  der  Erde.  An  zweiter  Stelle  steht  das
Deutsche  Reich  mit  einer  Umsatzziffer  von  8,83  Milliarden  Mark  in  Ein-  und  Ausfuhr. ­
  Ihm  zunächst  kommen  die  Vereinigten  Staaten  und  Frankreich.  Dabei  hat
der  deutsche  Handel  eine  fortschreitende  günstige  Entwickelung  genommen.  Von  dem  gesamten ­
  Warenverkehr  der  in  der  obigen  Tabelle  enthaltenen  Staaten  entfielen
im  Jahre

auf  das  deutsche  Zollgebiet

1882
10,3%

188b
10,1%

1890
10,9%

1895
10,8%

1898
11,3%

auf  Frankreich

11,1%

10,2  %

9,7  %

8,4  %

8,3%

auf  Frankreich  samt  seinen  Kolonien  .  .

—

9,3%

auf  Großbritannien

19,7%

18,8  %

18,4%

17,4%

16,8  %

auf  Großbritannien  samt  seinen  Kolonien

31,7%

31,6  %

31,5  %

30,6  %

—

auf  die  Vereinigten  Staaten

9,9  %

9,5  %

9,9%

9,2%

9,7  %

Hiernach  ist  der  Anteil  Deutschlands  am  Welthandel  in  stetiger  Zunahme
begriffen;  während  es  im  Jahre  1882  noch  hinter  Frankreich  zurückstand,  hat  es  seit
1890  dieses  überholt  und  ist  in  die  zweite  Stelle  gerückt,  so  daß  es  heute  schon  einen
größeren  Umsatz  verzeichnet  als  Frankreich  samt  seinen  Kolonien.  In  überaus  rascher
Entwickelung  ist  auch  der  Handel  der  Vereinigten  Staaten  begriffen.  Unter  dem
Einflüsse  einer  prohibitiven  Zollgesetzgebung  ist  ihre  Einfuhr  ständig  zurückgegangen,
während  ihre  Ausfuhr,  die  bis  1890  rund  3  Milliarden  jährlich  betrug,  von  1890
bis  1898  auf  mehr  als  5  Milliarden  angewachsen  ist  und  heute  nicht  nur  mit  landwirtschaftlichen, ­
  sondern  auch  mit  industriellen  Erzeugnissen  auf  den  europäischen  Märkten
in  Wettbewerb  tritt.
Im  Gegensatze  zu  den  hohen  Ausfuhrüberschüssen  Amerikas  ist  es  eine  auffallende
Erscheinung,  daß  die  großen  Industriestaaten  Westeuropas  durchaus  eine  passiveHandelsbilanz
  zeigen,  d.  h.  daß  die  Einfuhr  die  Ausfuhr  überwiegt  und  zwar  durchweg  in  sehr
bedeutendem  Maße.  England  hat  einer  Einfuhr  von  8,3?  Milliarden  nur  eine  Ausfuhr
von  4,76  Milliarden  Mark  gegenüberzustellen.  In  Deutschland  beträgt  der  Überschuß
        <pb n="903" />
        Der  Welthandel.

943

Der  Außenhandel  der  wichtigeren  Länder  der  Erde  seit  1882.
(Wert  der  Waren  in  1000  Mark.)

1898

1897

1896

1895

1890

1885

1882

Europa.
Großbritannien

Einfuhr  ....

8370641

7  989662

7877318

7293224

7272488

6386601

7106086

Ausfuhr  ....

4767524

4785115

4906183

4619  795

5383938

4353939

4933171

Britisch  Indien

Gesamteinfuhr.

—

2363894

2270774

2193487

2420138

1817208

1671991

Gesamtausfuhr.  .

—

2523554

2612363

2798379

2526617

2070009

2027433

Australasien

Gesamteinfuhr  .  .

—

1341413

1281451

1037109

1390159

1297877

1310462

Gesamtausfuhr.  .

—

1478213

1360311

1309032

1324273

1055005

1055782

Kanada

Gesamteinfuhr  .  .

—

500474

495407

465048

511547

463679

508278

Gesamtausfuhr.  .

—

-579109

508012

477041

406148

379814

434730

Kap  der  guten  Hoffnung

367699

Gesamteinfuhr  .  .

—

383492

390111

206466

101987

197374

Gesamtaussuhr.  .

—

442514

346697

345369

203687

127156

174901

Rußland

Einfuhr  ....

—

1814394

1910984

1744766

1348051

1406704

1836406

Ausfuhr  ....

—

2354262

2230973

2232626

2246  616

1745229

2001659

Finnland

Einfuhr  ....

—

164028

139840

121780

113888

88295

135314

Ausfuhr  ....

—

136640

128743

115777

74861

72781

97097

Frankreich

Einfuhr  ....
Ausfuhr  ....

3622725

3204360

3076866

3013119

3593889

3311604

3905658

2843829

2914380

2754729

2732778

3040254

2501361

2895264

Algier

Einfuhr  ....

52264

39522

41663

42428

52833

44539

70610

Ausfuhr  ....

33285

31483

27  729

31227

32747

56172

61214

Tunis

Gesamteinfuhr  .  .

—

—

37620

35710

—

—

—

Gesamtausfuhr.  .

—

—

27951

33410

—

—

—

Cochinchina  u.  Kambodscha, ­
  Annam  u.  Tonkin

Gesamteinfuhr  .  .

—

—

05(578

72105

48801

88067

—

Gesamtausfuhr.  .

—

—

71936

78000

46166

69223

—

Alle  übrigen  französischen
Kolonien

Gesamteinfuhr  .  .

—

—

132255

123460

121924

—

—

Gesamtausfuhr.  .

—

—

116579

111106

109344

—

—

Deutsches  Reich

Einfuhr  ....

5  080646

4680697

4307163

4120669

4145548

2922362

3098977

Ausfuhr  ....

3756566

3634975

3525130

3317900

3326542

2866724

3224104

Deutsch  Ostafrika,  Kamerun ­
  und  Togo

Gesamteinfuhr  .  .

23641

17538

15912

15619

—

—

—

Gesamtausfuhr.  .

10405

9200

9729

10395

—

—

—

Niederlande

Einfuhr  ....

—

2845879

2752295

2431371

2183027

1812893

1655326

Ausfuhr  ....

—

2499622

2258998

1988684

1827989

1502873

1263082

Belgien

Einfuhr  ....

1656229

1517140

1439153

1361130

1354413

1091109

1302127

Ausfuhr  ....

1447476

1317361

1189035

1122206

1163989

972002

1073994

Schweiz

Einfuhr  ....

934934

902698

860084

793897

812040

580853

Ausfuhr  ....

632953

605423

598307

570587

586720

542489

—

Österreich-Ungarn

Einfuhr  ....

1393  662

1283942

1199838

1228238

1038246

948512

1112096

Ausfuhr  ....

1372957

1302615

1315807

1261077

1311339

114254h

1329  218
        <pb n="904" />
        944

Die  Weltwirtschaft.

1898

1897

1896

1895

1890

1885

1882

Italien

Einfuhr  .  .  .

1144801

965195

955940

961703

1068907

1182501

993897

Ausfuhr  .  .  .

974891

884305

852199

840543

725715

769945

932946

Rumänien

Gesamteinfuhr  ■

—

288184

273718

246706

293861

217517

217770

Gesamtausfnhr.

—

181586

262486

214689

223526

200854

198231

Serbien

Einfuhr  .  .  ■

33293

36704

27093

22874

30816

32400

38880

Ausfuhr  .  .  .

46163

45311

43243

35146

37131

29565

32400

Bulgarien

Gesamteinfuhr  .

58911

68035

61989

55906

68469

35672

33668

Gesamtausfuhr.

53895

48431

88079

62926

57551

36349

27744

Griechenland

Einfuhr  .  .  .

—

—

94184

88784

97837

—

124864

Ausfuhr  .  .  ■

—

—

58706

58468

77592

—

69419

Türkei

Gesamteinfuhr  .

445295

—

316905

445397

389268

381796

360493

Gesamtausfuhr  ■

254375

—

341288

254445

280690

236766

208963

Spanien

Gesamteinfuhr  .

—

636452

654198

659181

727236

597446

628358

Gefamtausfuhr.

—

732447

715582

617836

755272

557458

614201

Portugal

Einfuhr  .  .  .

220767

183530

179471

180878

201145

148585

152839

Ausfuhr  .  .  ■

141321

123992

118671

122403

97783

102817

102413

Dänemark

Einfuhr  .  .  .

—

366647

358464

350853

301888

250763

253800

Ausfuhr  .  .  .

—

273897

245900

243815

219488

149513

180563

Norwegen
Einfuhr  .  .  •

287663

258977

240118

227244

159105

177047

Ausfuhr  .  .  ■

—

179639

154976

144459

139986

109981

134837

Schweden

Gesamteinfuhr  .

—

459374

403104

387326

423073

378862

329925

Gesamtausfnhr.

—

402969

382818

350363

342415

276920

285433

Afrika.
Ägypten

Einfuhr  .  .  .

228935

220033

203952

174093

167681

186522

130372

Ausfuhr  .  .  .

244954

255661

274564

262114

246427

237069

224868

Amerika.
Bereinigte  Staaten

Einfuhr  .  .  .

2498408

3132125

3193336

3014861

3262459

2360484

2970815

Ausfuhr  .  .  .

5083226

4334434

3625440

3332246

3550235

3052069

3079608

Mexiko

Gesamteinfuhr  .

183133

177257

177467

142813

218480

150524

163884

Gefamtausfuhr.

541687

467653

441071

381591

262496

196018

122149

Argentinische  Republik

Einfuhr  .  .  .

—

398070

454264

385139

576076

373499

248046

Ausfuhr  .  .  .

.

409734

473048

486275

408317

339710

244575

Paraguay

Einfuhr  .  .  .

—

8922

11183

9963

11040

5982

5739

Ausfuhr  .  .  .
Uruguay
Einfuhr  .  .  .

—

52277

49783

51552

11753

6727

6687

—

79024

103397

102813

131200

102364

73609

Ausfuhr  .  .  .

—

118746

123132

131803

117798

102275

89355

Asien.
China

Einfuhr  .  .  .

1358072

1314332

1312783

1112597

823563

571536

503593

Ausfuhr  .  .  .
Japan
Einfuhr  .  .  .

1030560

1059486

849405

928539

564693

421239

436344

1164538

920451

720132

542149

343014

137260

137416

Ausfuhr  .  .  .

684193|

678128

489619

566962

234326

151822

158382
        <pb n="905" />
        Der  Welthandel.  945

der  Einfuhr  über  die  Ausfuhr  1,33,  in  Frankreich  0,78  Milliarden  Mark.  Die  Ursache
dieser  Erscheinung  liegt  darin,  daß  in  all  den  genannten  Ländern  die  Mehreinfuhr  an
Nahrungsmitteln  und  an  Rohstoffen  der  Industrie  höhere  Beträge  ausmacht  als  die
Mehrausfuhr  an  Jndustrieerzeugnissen.
Fassen  wir,  um  Ursache  und  Wirkung  dieser  Erscheinung  näher  zu  beleuchten,
im  besonderen  den  Handel  Deutschlands  ins  Auge,  so  ergibt  sich  nach  den  Berechnungen
Voigts*),  die  wir  der  nachfolgenden  Darstellung  zu  Grunde  legen,  für  das  Jahr  1898
an  Erzeugnissen  des  Ackerbaues  eine  Mehreinfuhr  von  rund  1050bis  1060  Will.Mark;
davon  entfallen  604  Millionen  ans  Getreide,  rund  50  Millionen  auf  vegetabilische  Spinnstoffe, ­
  die  auch  von  der  europäischen  Landwirtschaft  erzeugt  werden,  wie  Flachs  und
Hanf,  255  auf  frisches  und  zubereitetes  Obst,  Sämereien,  Futter-  und  Küchengewächse,
Kartoffeln,  Ölfrüchte  u.  s.  w.,  20  auf  Wein,  117  endlich  auf  Abfälle  und  Düngstoffe.
Auch  die  Viehzucht  weist  bedeutende  Fehlbeträge  auf.  An  Pferden  machte  die  Mehreinfuhr ­
  82,2,  an  lebendem  Vieh,  Fleisch  und  tierischem  Fett  207,3  Millionen  Mark  aus;
außerdem  wurden  Käse  und  Butter  für  25,9,  Wolle  für  241,8  Millionen  oder  einschließlich
der  Mehreinfuhr  von  Wollgarn  für  290  Millionen,  Felle  und  Häute  für  105  Millionen,
andere  tierische  Produkte,  wie  Hörndr,  Knochen,  Pelze  u.  s.  w.  für  45  Millionen,  Geflügel,
Eier  und  Federn  für  rund  185  Millionen  mehr  eingeführt  als  ausgeführt,  so  daß  sich
kür  das  Jahr  1898  ein  Gesamtfehlbetrag  der  Viehzucht  von  900  Millionen  Mark  ergibt.
Auf  dem  Gebiete  der  Forstwirtschaft  steht  einer  eigenen  Produktion  von  Holz  im
Werte  von  490  Millionen  Mark  ein  Einfnhrsüberschuß  von  300  Millionen  Mark  gegenüber. ­
  Hierzu  kommen  noch  40  bis  50  Millionen  für  künstliche  Düngstoffe,  namentlich
Chilisalpeter,  und  rund  100  Millionen  für  Tabak  (gegenüber  einer  deutschen  Tabakernte ­
  von  etwa  30  Millionen  Marks,  so  daß  der  durch  die  Einfuhr  zu  deckende  Fehlbetrag ­
  an  land-und  forstwirtschaftlichen  Erzeugnissen  im  Jahre  1898  rund  2 J / a  Milliarden
Mark  ausmachte.  Das  Verhältnis  zwischen  der  eigenen  Erzeugung  Deutschlands  an  landwirtschaftlichen ­
  Produkten  und  dem  durch  die  Einfuhr  gedeckten  Fehlbeträge  gestaltet  sich
folgendermaßen:
Eigene  Erzeugung  Einfuhr
Ackerbau  .  .  .  2500  Millionen  Mark  1050—1200*")  Millionen  Mark,
Viehzucht  .  .  .  4000  „  „  900  „  „
Forstwirtschaft.  .  500  „  „  300—  330  „
Zusammen  7000  Millionen  Mark  2250—2530  Millionen  Mark.
Mehr  als  ein  Viertel  unseres  Bedarfes  an  landwirtschaftlichen  und
forstwirtschaftlichen  Erzeugnissen  wird  daher  durch  die  ausländische  Zufuhr
gedeckt.  Dabei  ist  dieser  Bedarf  in  fortwährendem  Wachsen  begriffen.  Die  einheimische
Landwirtschaft  vermag,  wenn  man  die  jetzige  Art  der  Ernährung  zu  Grunde  legt,  eine
nicht  agrarische  Bevölkerung  von  etwa  22  Millionen  zu  erhalten;  mehr  als  14  Millionen
Menschen  sind  heute  schon  in  Deutschland  für  die  einheimische  Landwirtschaft  zu  viel
vorhanden,  sie  sowie  der  weitere  Bevölkerungszuwachs  sind  zur  Deckung  ihres  Bedarfes
an  Nahrungsmitteln  auf  die  ausländische  Zufuhr  angewiesen.  Dabei  ist  es  ein  Glück
für  Deutschland,  daß  es  bis  jetzt  trotz  der  herrschenden  Agrarkrisis  seine  landwirtschaftliche ­
  Erzeugung  in  ziemlich  unvermindertem  Umfange  aufrecht  zu  erhalten  vermochte;
hätte  es  ebenso  wie  England  seine  Landwirtschaft  geopfert,  so  würde  es  seine  Einfuhr
an  landwirtschaftlichen  Erzeugnissen  auf  sieben  Milliarden,  seine  Gesamteinfuhr  auf  zehn
Milliarden  steigern  müssen:  einen  größeren  Betrag,  als  Großbritannien  jetzt  überhaupt
an  Waren  aller  Art  einführt.  Die  Schwierigkeit,  für  eine  so  ungeheuer  gewachsene  Einfuhr ­
  durch  Fabrikatenausfuhr  und  auswärtige  Kapitalsanlagen  den  Gegenwert  zu  schaffen,

*)  „Deutschland  und  der  Weltmarkt"  in:  Handels-  und  Machtpolitik,  Reden  und  Aufsätze
im  Aufträge  der  „Freien  Bereinigung  für  Floitenvorträge"  herausgegeben  von  Gustav  Schmoller,
Max  Sering.  Adolph  Wagner.  Stuttgart  1900.  I.  G  Cotta'sche  Buchhandlung  Nachf.
**)  Die  höhere  Zahl  ergibt  sich  durch  Einrechnung  der  künstlichen  Düngstoffe  und  des  Tabaks.
119
        <pb n="906" />
        .  /
946  Die  Weltwirtschaft.
läßt  die  Notwendigkeit  eines  kräftigen  Schutzes  der  heimischen  Landwirtschaft  klarer  als
irgend  etwas  zu  Tage  treten.
Die  Einfuhr  hat  aber  nicht  nur  den  Fehlbetrag  der  einheimischen  Landwirtschaft
zu  decken,  sie  erstreckt  sich  auch  auf  die  Deckung  unseres  Bedarfes  an  Nahrungs-  und
Genußmitteln,  die  im  Jnlande  überhaupt  nicht  erzeugt  werden.  Hierher  gehören
Kolonialwaren  und  Südfrüchte  sowie  Seefische,  deren  Mehreinfuhr  im  Jahre  1898
zusammen  gegen  rund  400  Millionen  Mark  ausmachte.  Nicht  minder  bedeutend  als  die
Nahrnngsmitteleinfnhr  ist  ferner  die  Einfuhr  an  Rohstoffen  der  Industrie.  Trotz
des  großen  Mineralreichtums  Deutschlands  wurden  im  Jahre  1898  für  etwa  175  Millionen ­
  Mark  Erz  und  Rohmetall  eingeführt.  Die  Textilindustrie  bezog  Baumwolle ­
  und  Baumwollgarne  im  Werte  von  254,  Seide  im  Werte  von  110—120  und
Jute  im  Werte  von  32  Millionen  Mark;  zusammen  mit  den  Bezügen  an  Spinnstoffen,
die  zum  Teile  auch  im  Jnlande  erzeugt  werden,  beläuft  sich  der  durch  Bezug  aus  dem
Auslande  zu  deckende  Rohstoffbedarf  der  Textilindustrie  auf  fast  750  Millionen  Mark.
Die  chemische  Industrie  führt,  ungerechnet  die  künstlichen  Düngstoffe,  für  etwa
90  Millionen  Mark  Rohstoffe  ein,  die  Kautschukindustrie  für  44.  Außerdem  ist  noch
die  Industrie  in  Fettstoffen  und  Mineralölen  auf  den  Bezug  von  Petroleum  und
tropischen  Ölfrüchten  und  noch  eine  Reihe  anderer  Industrien  mehr  oder  minder  ans  die
Zufuhr  ausländischer  Rohstoffe  angewiesen.  Der  Einfuhr  an  Werkhvlz  und  an  Häuten  für
unsere  Holz-  und  Lederindustrie  ist  bereits  oben  gedacht  worden;  ferner  kommt  noch
für  diese  Industrien  der  Bezug  von  überseeischen  Gerbstoffen,  exotischen  Hölzern  und  Schnitzstoffen ­
  wie  Elfenbein,  Perlmutter  u.  a.,  für  die  Bekleidungsindustrie  jener  von  Vogelbälgen ­
  und  Schmuckfedern,  für  die  Schmuckwarenindustrie  die  Einfuhr  von  Edelsteinen, ­
  Korallen  u.  s.  w.  in  Betracht.  Der  Gesamtbedarf  der  deutschen  Industrie
an  ausländischen  Rohstoffen  wird  auf  ungefähr  1100  Millionen  Mark  veranschlagt.
Welche  Bedeutung  die  ungehinderte  Zufuhr  dieser  Rohstoffe  für  die  deutsche  Volkswirtschaft ­
  besitzt,  geht  am  besten  daraus  hervor,  daß  die  zum  größten  Teil  auf  den  Bezug
ausländischer  Rohstoffe  angewiesene  Textilindustrie  einschließlich  der  von  ihr  abhängenden
Bekleidungsindustrie  —  die  Erwerbsthätigen  und  ihre  Angehörigen  zusammen  gerechnet ­
  —  vier  Millionen  Menschen  ernährt.  Die  Erzeugung  und  Verarbeitung  von
Leder,  für  die  die  Häuteeinfuhr  eine  Lebensfrage  ist,  ernährt  1%  Millionen  Menschen,
die  chemische  Industrie  400  000,  die  Metall-  und  Maschinenindustrie,  die  ihren  Bedarf
an  Eisen  bis  zu  %,  an  Kupfer  bis  zu  %,  an  Zinn  ganz  aus  dem  Auslande  decken
muß,  über  drei  Millionen,  die  Holzindustrie,  deren  Rohstoffe  zu  %  aus  dem  Auslande
eingeführt  werden  müssen,  über  1%  Millionen  Menschen.  Alles  in  allem  sind  rund  %
unserer  industriellen  Bevölkerung  mit  ihrer  Arbeit  von  der  Zufuhr  ausländischer  Rohstoffe ­
  abhängig,  und  die  gesamte  Warenmenge,  die  Deutschland  zur  Deckung  des  Fehlbetrages ­
  an  Nahrungsmitteln  und  Robstoffen  der  Industrie  jährlich  einführen  muß,
erreicht  einen  Gesamtwert  von  3 3 / 4 —4  Milliarden  Mark.
Zur  Deckung  der  Zahlungen  an  das  Ausland,  die  hierdurch  notwendig  werden,
steht  zunächst  die  deutsche  Mehrausfuhr  an  Fabrikaten  zur  Verfügung;  auch  sie
weist  entsprechend  der  günstigen  Entwickelung  unserer  Industrie  eine  stetige  Steigerung
auf,  doch  bleibt  diese  Steigerung  hinter  der  Zunahme  der  Nahrungsmittel-  und  Rohstoff-Einfuhr
  erheblich  zurück.  Von  1889—  1898  ist  die  deutsche  Mehrausfuhr  an  Fabrikaten
um  279  Millionen  Mark  gestiegen,  während  die  Mehreinfuhr  an  Rohstoffen  und
Nahrungsmitteln  in  demselben  Zeitraum  um  774  Millionen  Mark  in  die  Höhe  ging.
Die  Textil-  und  die  Lederindustrie  haben  sogar  einen  nicht  unbedeutenden  Rückgang  ihrer
Ausfuhr  zu  verzeichnen.  Gleichwohl  zählt  die  Textilindustrie  immer  noch  zu  den  wichtigsten ­
  deutschen  Exportindustrien,  da  ihre  Mehrausfuhr  in  Leinenwaren  5%,  in  Baumwollwaren
  IO"/,,,  in  Wollwaren  30%,  in  Posamenten  40%  und  in  Wirkwaren  sogar
57  %  der  heimischen  Erzeugung  ausmacht.  Einen  ganz  hervorragenden  Rang  nimmt
ferner  unter  den  Exportindustrien  die  Zuckerindustrie  ein,  die  mehr  als  eine  Million
Tonnen  oder  67%  ihrer  Erzeugung  ins  Ausland  führt.  An  Zement  werden  22%,  an
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        Ter  Welthandel.  947
Majolika,  Steingut  und  anderen  keramischen  Waren  23%,  an  Porzellan  64%  der  gesamten ­
  heimischen  Erzeugung  im  Auslande  abgesetzt.  Die  Papierindustrie  sendet  20%
ihrer  Erzeugung  an  Zellstoff  und  12  %  ihrer  Papierzeugung  über  die  Grenze,  ungerechnet ­
  der  Ausfuhr  an  Papierwaren.  Von  den  Erzeugnissen  der  Maschinenindustrie
gehen  10—15%,  von  jenen  der  Eisenindustrie  in  einzelnen  Branchen  noch  weit  mehr
ins  Ausland.*)
Im  ganzen  stellt  sich  die  Bilanz  zwischen  Ein-  und  Ausfuhr  des  deutschen  Spezialhandels ­
  im  Jahre  1898  folgendermaßen:
Einfuhr  Ausfuhr
Rohstoffe  für  Jndustriezwecke  .  .  .  2246,8  Mill.  Mark  856,4  MM.  Mark
Fabrikate  1015,1  „  „  2396,1  „  „
Nahrungs-  und  Genußmittel,  Vieh  _.  1819,1  „  „  504,1  „  „
Zusammen  508ü,7Mill7Maü  3756,%Mill7Mark.
Es  ergibt  sich  somit  aus  der  Bilanz  des  deutschen  Außenhandels  ein  durch  die
Ausfuhr  nicht  gedecktes  Passivum  von  1324,1  Millionen  Mark.
Ähnlich  liegen  die  Verhältnisse  auch  in  den  anderen  großen  Industriestaaten  Europas.
England  hat,  seitdem  es  die  Interessen  seiner  Landwirtschaft  der  ungestörten  Entwickelung
seiner  Industrie  zuliebe  preisgegeben,  eine  Mehreinfuhr  von  7—8  Milliarden  an  landwirtschaftlichen ­
  Produkten  und  Rohstoffen.  Seine  Ausfuhr  hat  sich  noch  ungünstiger
entwickelt  als  die  deutsche;  sie  betrug  im  Jahre  1898  4767  Millionen,  während  sic  in
früheren  Jahren  weit  höhere  Beträge  ausmachte,  so  im  Jahre  1890  5383,g  Mill.  Mark.
Seit  fast  zwei  Jahrzehnten  schwankt  sie  bhne  dauernde  Zunahme  zwischen  4%  und
5  Milliarden,  dagegen  nimmt  die  englische  Einfuhr  fast  beständig  zu,  so  daß  das  Passivum
der  englischen  Handelsbilanz  von  zwei  Milliarden  zu  Anfang  der  80  er  Jahre  auf  drei
Milliarden  im  Jahre  1898  gewachsen  ist.  Weniger  groß  ist  die  Unterbilanz  in  Frankreich, ­
  sie  betrug  778,s  Millionen  Mark.  Auch  Belgien  wies  im  Jahre  1898  einen
Überschuß  der  Einfuhr  über  die  Ausfuhr  im  Betrage  von  208,  Holland  einen  solchen
von  346,2,  die  Schweiz  von  302  Millionen  Mark  auf,  und  in  allen  diesen  Staaten  ist
das  Überwiegen  der  Einfuhr  über  die  Ausfuhr  eine  andauernde  Erscheinung.
Es  ist  klar,  daß  diese  ständige  Wiederkehr  eines  Fehlbetrages  im  Warenhandel  zu
einer  steigenden  Verschuldung  an  das  Ausland  und  schließlich  zu  den  schwersten  volkswirtschaftlichen ­
  Krisen  führen  muß,  wenn  er  nicht  ans  anderen  Aktivposten  der  Volkswirtschaft ­
  gedeckt  werden  kann.  In  erster  Linie  kommen  hierfür  die  Einnahmen  ans
dem  Verkehrswesen  in  Betracht.  Die  Verfrachtung  fremder  Waren  auf  Eisenbahnen,
namentlich  im  Dnrchzugsverkehre,  der  Verdienst  der  Spediteure,  insbesondere  aber  die
Einnahmen  aus  der  Seeschiffahrt  gehören  hierher.  Für  das  Deutsche  Reich  werden  die
Einnahmen  aus  der  Reederei  auf  den  Betrag  von  300  Millionen  geschätzt,  und  auch
von  dem  Betriebsüberschusse  der  Eisenbahnen,  der  jährlich  rund  725  Millionen  Mark
beträgt,  entfällt  gewiß  ein  nicht  unbeträchtlicher  Teil  auf  die  Beförderung  ausländischer
Waren.  Für  Länder,  in  denen,  wie  z.  B.  in  der  Schweiz,  der  Fremdenverkehr  ein  besonders ­
  starker  ist,  so  daß  er  den  Verkehr  der  eigenen  Staatsangehörigen  in  das  Ausland
überwiegt,  fallen  auch  die  hieraus  fließenden,  oft  nicht  unbeträchtlichen  Einnahmen  in  die
Wagschale.  Auch  der  Gewinnüberschuß  der  Versicherungsgesellschaften,  der  allein
bei  der  Lebensversicherung  in  Deutschland  schon  4%  Millionen  Mark  beträgt,  stellt  einen
Aktivposten  der  Volkswirtschaft  dar,  soweit  die  Versicherungsgesellschaften  ihre  Thätigkeit
auf  das  Ausland  erstrecken  und  ihr  Überschuß  aus  ausländischen  Versicherungen  herrührt.
Ferner  dienen  der  Deckung  des  Defizits  im  Warenhandel  die  Verdienste,  welche  inländische ­
  Kapitalisten  an  fremden,  auf  den  inländischen  Börsen  gehandelten  Wertpapieren ­
  und  Anleihen  und  durch  Operationen  an  fremden  Börsen  machen.  Welche
Bedeutung  diese  Einnahmequelle  besitzt,  geht  daraus  hervor,  daß  im  Jahre  1897  890,
und  im  Jahre  1898  2534  Millionen  Mark  an  ausländischen  Werten  (dem  Nominal-*1
  Vergleiche  die  Übersicht  auf  Seite  939  f.
119*
        <pb n="908" />
        948

Die  Weltwirtschaft.

betrag  nach)  zum  Handel  an  den  deutschen  Börsen  neu  zugelassen  wurden.  Eine  noch
größere  Rolle  spielt  dieser  Einnahmeposten  in  England,  das  geradezu  zur  Zentralbankstelle
der  Welt  geworden  ist  und  dessen  Bedeutung  für  den  Handel  in  Geld  und  Wertpapieren
heute  seine  Bedeutung  auf  industriellem  Gebiete  schon  in  den  Hintergrund  zu  drängen
beginnt.  Weitaus  übertroffen  werden  aber  alle  diese  Einnahmeposten  durch  die  Einkünfte, ­
  welche  aus  Kapitalsanlagen  im  Auslande  gezogen  werden.  Diese
Kapitalsanlagen  erfolgen  zum  großen  Teile  in  der  Form  direkter  Verschuldung
des  kapitalsärmeren  Landes  an  das  kapitalsreichere.  Die  moderne  Staatswirtschaft ­
  erfordert  häufig  die  Verwendung  bedeutender,  aus  den  laufenden  Staatseinnahmen ­
  nicht  zu  deckender  Mittel  zur  Erreichung  produktiver  Zwecke,  wie  z.  B.  zum  Bau
von  Eisenbahnen,  Kanälen,  zur  Herstellung  von  Hafenanlagen,  zu  Flußregulierungen  u.  s.  w.
Hierher  gehören  in  gewissem  Sinne  auch  Auslagen  für  Rüstungszwecke,  die,  insoweit  sie
die  Sicherung  des  Machtbereiches  und  der  wirtschaftlichen  Stellung  eines  Landes  zum
Zwecke  haben,  unter  die  produktiven  Auslagen  gerechnet  werden  können  und  gewissermaßen ­
  eine  Versicherungsprämie  für  die  ungestörte  Fortdauer  gesicherter  Verhältnisse
darstellen.  Endlich  können  Unglücksfälle,  wie  z.  B.  ein  verlorener  Krieg  oder  ausgedehnte
Verwüstungen  des  Landes  durch  Elementarereignisse,  den  Staat  zu  plötzlichen  größeren
Kapitalsaufwendungen  nötigen.  Die  Form,  in  der  derartige  Kapitalien  aufgebracht
werden,  ist  die  der  Staatsschuld.  Der  Staat  sichert  die  Zahlung  einer  Rente,  unter
Umständen  auch  die  Tilgung  der  Schuld  aus  den  Steuereingängen  künftiger  Jahre  zu
und  empfängt  im  Kaufpreise  der  von  ihm  ausgegebenen  Schuldverschreibung,  des  Staatspapieres, ­
  den  geforderten  Kapitalsbetrag.  Zn  kapitalsreichen  Staaten  sind  die  Käufer
der  Schuldverschreibungen  die  eigenen  Staatsangehörigen;  die  Aufbringung  des  Kapitals
und  die  Zahlung  der  Rente  vollzieht  sich  im  Rahmen  der  eigenen  Volkswirtschaft.  Es
werden  einfach  die  Ersparnisse  des  Volkes  statt  in  neuen  Unternehmungen  oder  in  Privatschuldforderungen ­
  zum  Teile  auch  in  Staatspapieren  angelegt.  Anders  in  kapitalsarmen
Staaten:  diese  müssen  sich  zur  Aufbringung  solcher  Schuldkapitalien  an  das  Ausland
wenden,  und  mit  der  Rente,  die  ins  Ausland  geht,  wird  die  eigene  Volkswirtschaft  der
fremden  gewissermaßen  zinsbar  und  die  fälligen  Schuldzinsen  müssen  durch  Ausfuhr  von
Landeserzeugnissen,  durch  Leistung  von  Verkehrsdiensten  u.  s.  w.  gedeckt  werden,  wenn
nicht  eine  steigende  Verarmung  durch  Abfluß  des  Bargeldes  und  schließlich  eine  fortschreitende ­
  Verschuldung  des  Landes,  die  unter  Umständen  zum  finanziellen  Zusammenbruch ­
  und  zur  Einstellung  der  Zahlungen  führt,  eintreten  soll.  Beispiele  für  eine  derart
ungünstige  Entwickelung  bieten  Griechenland  und  Portugal,  die  beide  bei  gleichzeitig
hoher  Verschuldung  ans  Ausland  einen  erheblichen  Überschuß  der  Einfuhr  gegenüber  der
Ausfuhr  aufweisen  und  schließlich  außer  stände  waren,  die  eingegangenen  Schuldverpflichtungen ­
  zu  erfüllen.
Am  bedenklichsten  wird  die  Verschuldung  eines  Staates  an  das  Ausland  dann,
wenn  sie  nicht  infolge  produktiver  Kapitalsanlage  oder  vorübergehender  Unglücksfälle,
sondern  infolge  eines  ständigen  Zurückbleibens  der  Staatseinnahmen  hinter  den  Staatsausgaben ­
  eintritt.  Die  beiden  obengenannten  Länder  bieten  auch  hierfür  den  treffendsten
Beleg.
Eine  andere  Form  der  Verschuldung  an  das  Ausland  ist  der  Bau  von  Eisenbahnen ­
  oder  die  Errichtung  industrieller  Anlagen  durch  ausländisches
Kapital.  Diese  Form  der  auswärtigen  Kapitalsanlage  tritt  namentlich  dann  ein,  wenn
ein  Staat,  der  Jndustrieprodukte  regelmäßig  ans  dem  Auslande  bezieht,  durch  hohe  Zölle
sich  abzuschließen  beginnt.  Das  Kapital  der  Industriestaaten,  welche  seine  Einfuhr  bisher
bestritten,  greift  dann  regelmäßig  zu  dem  Auswege,  in  dem  fremden  Lande  industrielle
Anlagen  zu  errichten  und  sich  auf  diese  Weise  wenigstens  den  Fabrikationsgewinn  zu
sichern;  so  sind  beispielsweise  in  den  russischen  Bergwerken  und  Eisenhütten  280  Will.
Frank  belgisches  und  rund  100  Millionen  Frank  französisches  Kapital  angelegt.  Für
andere  Jndustrieunternehmungen  und  Straßenbahnen  wird  die  Summe  des  daselbst
angelegten  belgischen  Kapitals  aus  160  Millionen  Frank  geschätzt.  Die  Aktien  der  großen
        <pb n="909" />
        949

Der  Welthandel.  Geld  und  Kreditwesen.

kaukasischen  Naphthawerke  sind  größtenteils  in  englischem  Besitz,  und  deutsches  Kapital
im  Betrage  von  rund  160  Millionen  Mark  ist  in  Zweigniederlassungen  der  deutschen
Elektrizitätsgesellschaften,  in  Hütten-  und  Farbwerken  angelegt.  '
In  manchen  Ländern  hat  auch  die  Hypothekarverschuldung  an  das  Ausland
bedeutenden  Umfang  angenommen,  namentlich  dort,  wo  im  Hypothekarkredit  die  Form
des  Pfandbriefes  eingebürgert  ist.  So  wird  das  Defizit  der  ungarischen  Volkswirtschaft,  die
gleichfalls  mit  einer  passiven  Handelsbilanz  zu  kämpfen  hat,  größtenteils  durch  den  Verkauf ­
  von  Bodenpfandbriefen  an  das  Ausland  gedeckt.  In  tropischen  Ländern  spielt  auch
der  Erwerb  von  Plantagenbesitz  durch  Ausländer  eine  Rolle.  Durch  alle  diese  verschiedenen ­
  Formen  der  Kapitalsanlage  im  Auslande  zieht  das  kapitalreichere  Volk  einen
Teil  des  Ertrages  der  fremden  Volkswirtschaft  an  sich,  ähnlich  wie  im  Privatleben  der
Gläubiger  einen  Teil  des  Einkommens  seines  Schuldners,  und  die  Einkünfte  aus  diesen
Anlagewerten  werden  naturgemäß  in  erster  Linie  zur  Bezahlung  der  Rohstoffbezüge  aus
den  betreffenden  Ländern  verwendet.  Die  Kapitalsanlage  im  Auslande  besitzt  überdies
noch  eine  große  politische  Bedeutung.  Die  Ausbreitung  des  Wirtschaftsgebietes
unserer  großen  Industriestaaten,  die  moderne  Kolonisation,  erfolgt  nicht  nur  durch  förmliche ­
  Besitzergreifung  und  Eroberung  fremden  Landgebietes,  sondern  in  viel  größerem
Maße,  wenn  auch  unmerklich  und  langsam,  durch  Herbeiführung  wirtschaftlicher  Abhängigkeit, ­
  der  oft  viel  später  erst  die  politische  folgt.  Ein  Beispiel  hierfür  bieten  die  Eisenbahnkonzessionen ­
  in  China  und  der  Türkei,  die  heute  schon  von  den  mit  einander  um  den
Einfluß  in  diesen  Gebieten  ringenden  Mächten  als  politische  Angelegenheit  ersten  Ranges
behandelt  werden.
Über  die  Höhe  des  im  Auslande  angelegten  deutschen  Kapitals  wurden
im  Jahre  1898  von  der  Reichsregierung  Erhebungen  veranstaltet.  Danach  befanden
sich  1214  Milliarden  Mark  ausländischer  Effekten  in  deutschen  Händen,  außerdem  waren
7 1 /.,  Milliarden  in  Industrie  und  Handel  in  überseeischen  Ländern  angelegt,  und  zwar
in  Südamerika  2  Milliarden,  in  Mittelamerika,  Mexiko  und  Westindieu  gegen  1  Milliarde, ­
  in  den  Bereinigten  Staaten  und  Kanada  über  2  Milliarden,  in  Afrika  einschließlich ­
  der  deutschen  Kolonien  im  ganzen  l^/z  Milliarden,  in  der  Türkei  und  den
Balkanstaaten  400—500  Millionen,  in  Ostasien  370—400,  im  übrigen  Asien  200—250,
in  Australien  und  Ozeanien  560—600  Millionen  Mark.  Das  in  Europa,  namentlich
in  Rußland,  Österreich-Ungarn,  in  den  Skandinavischen  Staaten  und  der  Schweiz
arbeitende  deutsche  Kapital  wird  ungefähr  ebenso  hoch  als  das  in  der  Übersee  angelegte,
also  ebenfalls  auf  etwa  7 1 / 2  Milliarden  Mark  eingeschätzt,  so  daß  der  gesamte  Besitz
Deutschlands  an  ausländischen  Kapitalsanlagen  mit  271/2  Milliarden  Mark  anzunehmen
sein  wird.  Die  gesamten  Einnahmen  aus  dem  Ertrage  dieses  Kapitals  werden  mit
1300—1400  Millionen  beziffert.  Schlägt  man  dazu  noch  die  rund  300  Mill.  Mark
betragenden  Einnahmen  aus  der  Reederei  als  die  einzige  ziffernmäßig  bekannte  unter
den  übrigen  Einnahmeposten,  so  ergibt  sich  nach  Deckung  des  oben  berechneten  Fehlbetrages ­
  im  Warenhandel  noch  rund  eine  Summe  von  300—400  Millionen  als  Aktivbilanz ­
  der  deutschen  Volkswirtschaft.  Die  französischen  Kapitalsanlagen  im  Auslande
bleiben  heute  hinter  den  deutschen  schon  erheblich  zurück.  Dagegen  sind  diejenigen  Englands ­
  weitaus  größer.
Geld  und  Kreditwesen.
Das  Bestehen  eines  internationalen  Verkehrs  bedingt  das  Vorhandensein  eines
internationalen  Zahlungsmittels,  welches  zum  Ausgleich  der  aus  dem  Verkehre  der  verschiedenen ­
  Länder  sich  ergebenden,  nicht  durch  Warenbezüge  gedeckten  Forderungen  dient.
Dieses  Zahlungsmittel  muß  vor  allem  die  Eigenschaft  der  Marktgängigkeit  haben,  d.  h.  es
muß  überall  bereitwillig  an  Zahlungsstatt  genommen  werden,  und  man  muß  sicher  sein,
dafür  immer  und  überall  andere  Waren  sich  verschaffen  zu  können.  Da  es  ferner  nicht
nur  der  Wertübertragung  sondern  auch  der  Wertaufbewahrung  zu  dienen  hat,  muß  es
außerdem  noch  dauerhaft  und  wertbeständig  sein.  Es  darf  weder  dem  Verderben  noch
        <pb n="910" />
        950  Die  Weltwirtschaft.

großen  Schwankungen  im  Werte  unterliegen.  Endlich  muß  es  die  Eigenschaft  leichter
Teilbarkeit  ohne  Wertminderung  besitzen,  um  den  verschiedensten  Umsätzen  dienen  zu  können.
Allen  diesen  Anforderungen  entsprechen  am  vollkommensten  die  Edelmetalle,,  die  außerdem
wegen  ihres  hohen  Eigenwertes  es  gestatten,  mit  verhältnismäßig  kleinen  und  leicht  zu  befördernden ­
  Metallmengen  große  Umsätze  zu  bewerkstelligen.  Seit  den  ältesten  Zeiten  dienen
sie  daher  als  das  vorzugsweise  Mittel  der  Wertübertragung,  und  heute  ist  die  Edelmetallmünze ­
  die  ausschließliche  Grundlage  des  Geldwesens,  zum  mindesten  die  rechnungsmäßige.
Allerdings  gestalten  sich  die  Verhältnisse  verschieden  im  nationalen  und  im  internationalen ­
  Verkehr.
Während  nämlich  im  internationalen  Zahlungswesen  die  Sicherheit  der
Annahme  des  Zahlungsmittels  durch  seinen  allgemein  anerkannten  Eigenwert,  das  heißt
beim  Metallgelde  dadurch  bedingt  ist,  daß  der  Nennwert  der  Münze  mit  ihrem  Metallwert
übereinstimmt,  kann  innerhalb  der  Grenzen  eines  Staates  diese  Sicherheit  auch  durch
staatliche  Vorschrift  herbeigeführt  werden.  Thatsächlich  geschieht  dies  auch  überall.
Für  den  Kleinverkehr  dienen  die  Scheidemünzen,  deren  Metallwert  weit  hinter  dem
ihnen  durch  die  Gesetzgebung  beigelegten  Werte  zurückbleibt,  und  die  ihre  Geltung  nur
dadurch  haben,  daß  der  Staat  sie  bei  der  Stenerentrichtung  in  Zahlung  nimmt  und
gleichzeitig  vorschreibt,  daß  sie  bis  zu  einem  gewissen  Betrage  auch  allgemein  angenommen
werden  müssen.  Ähnlich  verhält  es  sich  mit  dem  Staatspapiergeld,  dessen  Geltung
gleichfalls  auf  der  Möglichkeit,  damit  die  Stenern  zu  entrichten  und  auf  der  durch
staatliche  Verfügung  ausgesprochenen  Verpflichtung,  es  bei  Zahlungen  unbeschränkt  anzunehmen, ­
  beruht.  Über  die  Staatsgrenzen  hinaus  äußern  derartige  Vorschriften  selbstverständlich ­
  keine  Wirkung.  Werden  daher  in  einem  Staate  übermäßige  Mengen  von
unterwertiger  Scheidemünze  oder  Papiergeld  in  Umlauf  gesetzt,  so  verdrängen  sie  allmählich ­
  das  vollwertige  Metallgeld,  da  man  sich  bei  Zahlungen  im  Auslande  der  Goldoder ­
  Silbermünzen  bedient,  bei  denen  der  innere  im  internationalen  Verkehre  anerkannte
Wert  mit  dem  Nennwert  übereinstimmt,  während  die  Zahlungen  im  Jnlande  mit  dem
Papiergelde  oder  der  unterwertigen  Scheidemünze  vorgenommen  werden,  die  im  Auslande ­
  keinen  Kurs  haben.  Das  schlechte  Geld  verdrängt  das  gute  Geld.  Der
gleiche  Vorgang  vollzieht  sich,  wenn  in  einem  Lande  das  Wertverhältnis  zwischen  den
vollwichtig  ausgeprägten  Gold-  und  Silbermünzen  gesetzlich  festgestellt  ist,  das  Preisverhältnis ­
  der  beiden  Metalle  auf  dem  Weltmärkte  aber  von  diesem  Wertverhältnis
abweicht.  So  ist  beispielsweise  in  Frankreich  das  Wertverhältnis  zwischen  Gold  und
Silber  mit  1:15^  festgestellt,  während  es  auf  dem  offenen  Weltmärkte  ungefähr  1:31
beträgt.  Würde  nun  in  Frankreich  ebenso  wie  Gold  auch  Silber  zur  unbeschränkten
Ausprägung  für  Privatrechnung  angenommen  werden,  so  würde  das  im  Anslande  gekaufte ­
  Silber  durch  die  Ausprägung  in  Frankreich  und  durch  die  Verpflichtung  unbeschränkter ­
  Annahme  nach  dem  Wertverhältnisse  von  1:15*/,  im  inneren  französischen
Verkehr  eine  Werterhöhung  auf  ungefähr  das  Doppelte  erfahren.  Man  würde  daher
alle  Zahlungen  nach  und  in  Frankreich  in  Silber  leisten,  während  die  Zahlungen  Frankreichs ­
  an  das  Ausland  in  Gold  geleistet  werden  müßten,  so  daß  binnen  kurzem  das  letzte
Goldstück  aus  dem  französischen  Münzumlaufe  verschwunden  sein  würde.  Um  dies  zu
verhüten,  wurde  denn  auch  in  Frankreich  die  freie  Silberprägung  für  Privatrechnung
eingestellt,  so  daß  nur  die  schon  im  Umlaufe  befindlichen  Silbermünzen  ihre  Geltung
behalten  und  infolge  ihrer  gleichbleibenden,  durch  den  Verbrauch  sogar  sich  vermindernden
Mengen  eine  Verdrängung  des  Goldes  nicht  eintreten  kaun.
Aber  auch  im  internationalen  Verkehre  kommen  Ersatzmittel  für  das  Edelmetallgeld ­
  vor,  wie  beispielsweise  die  Banknoten,  Cheks  und  ähnliche  Schuldverschreibungen. ­
  Auch  hier  ist  der  innere  Wert  entscheidend,  und  eine  Banknote  wird  im
internationalen  Verkehr  nur  dann  Geltung  haben,  wenn  man  die  Gewißheit  besitzt,
jederzeit  dafür  die  entsprechende  Menge  vollwertigen  Metallgeldes  erhalten  zu  können.
Die  Bedeutung,  welche  jedem  der  beiden  Metalle  Gold  und  Silber  für  den  Weltverkehr ­
  als  Wertmesser  und  Zahlungsmittel  zukommt,  war  eine  wechselnde.  Lange  Zeit
        <pb n="911" />
        Geld  und  Kreditwesen.  951
hindurch  war  das  Silber  das  Hauptmünzmetall,  heute  ist  das  Gold  der  allgemein
anerkannte  Wertmesser  für  den  internationalen  Verkehr.  Die  Ursache  dieser  Verschiebungen ­
  liegt  in  den  Veränderungen,  die  in  der  Produktion  der  Edelmetalle  wie  in
der  Nachfrage  nach  denselben  vor  sich  gegangen  sind.  Halbwegs  zuverlässige  Ermittelungen
über  die  Erzeugung  von  Edelmetallen  liegen  nur  für  die  Zeit  nach  der  Entdeckung
Amerikas  vor.  Ihr  Ergebnis  ist  in  nachfolgender  Übersicht  zusammengestellt.

Jährliche  Edelmetallerzeugung  der  Welt  seit  1493.

Im  Durchichnilt
der  Jahre
hezw.  im  Jahre

Silber
kg

Gold
kg

Wertverhältnis
von  Gold  zu  Silber

1493  -1600

211  429

6  988

1:  10,5  bis  1:  11,8

1601  —  1700

372  340

9  123

1  :  12,25  bis  1  :  15

1701  —  1800

570  340

19  001

1  :  14,22  bis  1  :  15,42

1801  —  1850

654  476

23  697

1  :  15,51  bis  1  :  15,83

1851  —  1860

895  552

200  569

1:  15,30  bis  1  :  15,41

1861  —  1865

1  101150

185  057

1:  15,40

1866  —1870

1  339  085

195  026

1:  15,55

1871  —  1875

1  969  425

173  904

1  :  15,98

1876—1880

2  450  252

172  414

1  :  17,81

1881  —  1885

2  861  709

149  137

1  :  18,63

1886

2  902  471

159  741

1  :  20,78

1887

2  990  398

159  155

1  :  21,13

1888

8  385  606

165  807

1  :  21,99

1889

3  901  809

185  809

1  :  22,io

1890

4  144  233

178  823

1  :19,76

1891

4  267  380

196  586

1  :  20,92

1892

4  764  542

220  910

1  :  23,72

1893

5  147  841

236  974

1  :  26,49

1894

5121017

273  197

1  :  32,56

1895

5  236  059

301  542

1  :  31,50

1896

4  886  200

304  317

1  :  30,21

1897

5  104  300

359  333

1  :  33,71

Im  ganzen  wurden  von  1493  bis  1897  260242132  kg  Silber  und  12  847  731  kg
Gold  gewonnen.
Auf  die  einzelnen  wichtigeren  Länder  verteilte  sich  die  Edelmetallgewinnung  des

Jahres  1897  folgendermaßen:

Silber

Gold

Deutschland  .  .  .

.  .  .  .  171000  kg

2  066  kg

Österreich-Ungarn

....  61  300  „

3  364  „

Rußland  ....

....  8900  „

34  977  „

Übriges  Europa  .

....  283300  „

376  „

Vereinigte  Staaten

....  1  657600  „

86  312  „

Mexiko  ....

....  1  677  000  „

11  285  „

Übriges  Amerika  .

....  805200  „

25  438  „

Asien

....  52500  „

27  983  „

Afrika  ....

.  .  .  .

88111  „

Australien  .  .  .

....  369500  „

79  244  „

Vor  der  Entdeckung  Amerikas  Ivurde  die  Hauptmenge  des  Münzmetalles  durch  den
europäischen  Bergwerksbetrieb  geliefert.  Von  da  ab  tritt  eine  plötzliche  Steigerung  in
der  Edelmetallproduktion  ein  infolge  der  gewaltigen  Mengen,  welche  aus  dem  spanischen
Amerika  nach  Europa  fließen.  Insbesondere  die  Erzeugung  von  Silber  nimmt  einen
gewaltigen  Aufschwung,  und  infolgedessen  erleidet  im  Laufe  des  17.  Jahrhunderts  das
Wertverhältnis  beider  Metalle  eine  bedeutende  Verschiebung  zu  gunsten  des  Goldes.
Während  es  sich  in  den  ersten  Jahren  des  17.  Jahrhunderts  noch  wie  1:12  stellte,  verhält ­
  sich  schon  in  feiner  zweiten  Hälfte  der  Wert  des  Goldes  zu  dem  des  Silbers  wie  1:15.
Von  da  ab  bis  1850  bewegten  sich  die  Schwankungen  im  Werte  beider  Metalle  zwischen
1:14,75  und  1:15,88.  Die  starke  Nachfrage  der  europäischen  Münzstätten  nach  Silber,
        <pb n="912" />
        952

Die  Weltwirtschaft.

insbesondere  aber  die  gesetzliche  Fixierung  des  Verhältnisses  beider  Metalle  in  der
französischen  Gesetzgebung  mit  1:15,5  bewirkte  trotz  der  gesteigerten  Silberproduktion
diese  Gleichmäßigkeit.  Doch  geht  in  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  die  Richtung
der  Entwickelung  im  ganzen  schon  auf  eine  Verbilligung  des  Silbers  hin.  Diese
Preisentwickelung  erlitt  jedoch  eine  Unterbrechung  durch  die  Entdeckung  der  kalifornischen
und  australischen  Goldfelder  und  die  infolgedessen  eintretende  plötzliche  Steigerung  der
Goldproduktion.  In  der  Zeit  von  1850  bis  1865  steht  der  Silberpreis  auf  dem  offenen
Weltmärkte  unter  dem  von  der  französischen  Münzgesetzgebung  festgesetzten  Wertverhältnisse ­
  beider  Metalle,  und  Frankreich  mußte  besondere  Maßregeln  ergreifen,  um  zu  verhüten, ­
  daß  sein  Silbergeld  ausgeführt  und  im  Auslande  nach  dem  Silberwerte  verkauft
werde.  Die  Folge  des  gestiegenen  Silberpreises  war  ein  bedeutender  Aufschwung  der
Silberproduktion,  namentlich  in  den  Vereinigten  Staaten.  Gleichzeitig  begannen  die
Goldfelder  in  Kalifornien  und  Australien  weniger  ergiebig  zu  werden,  nachdem  die  Lager
leicht  zu  gewinnenden  Waschgoldes  erschöpft  waren  und  man  zur  bergmännischen  Gewinnung ­
  des  Goldes  aus  festem  Gestein  übergehen  mußte.  Endlich  wurde  die  Nachfrage
nach  Silber  für  Münzzwecke  erheblich  herabgemindert,  indem  zunächst  Deutschland  im
Jahre  1871  zur  Goldwährung  überging  und  einen  großen  Teil  seines  gemünzten  Silbers
auf  den  Markt  brachte.  Das  Zusammenwirken  dieser  Umstände  hatte  ein  Sinken  des  Silberpreises ­
  zur  Folge,  das  einem  förmlichen  Preisstürze  Platz  machte,  als  auch  Frankreich  und
die  übrigen  Staaten  der  lateinischen  Münzunion  die  freie  Silberprägung  einstellten  und
gleichzeitig  die  skandinavischen  Staaten  und  die  Niederlande  zur  reinen  Goldwährung
übergingen.  Wiederholte  gesetzgeberische  Maßnahmen  in  den  Vereinigten  Staaten,  welche
den  jährlichen  Ankauf  bedeutender  Silbermengen  durch  das  Schatzamt  vorschrieben,  blieben
ohne  Wirkung,  da  die  Produktion  sich  vervielfachte.  Bald  mußten  auch  Staaten  mit
Papierwährung,  wie  Österreich-Ungarn  und  Rußland,  die  freie  Silberprägung  einstellen,
und  als  sie  endlich  auch  in  Ostindien  suspendiert  wurde,  sank  der  Preis  des  fast  überall
demonetisierten  Silbers  bis  auf  30  Pence,  entsprechend  einem  Wertverhältnisse  von  1:  31,4.
Die  Folge  dieser  raschen  Wertveränderungen  war,  daß  das  Silber  als  internationales
Zahlungsmittel  hinter  dem  Golde  zurücktreten  mußte  und  Gold  als  das  wertbeständigste
Metall  heutzutage  zum  hauptsächlichsten  Wertmesser  geworden  ist.  Nur  in  den  ostasiatischen ­
  Ländern  ist  Silber  noch  das  überwiegende  Münzmetall,  und  die  durch  Ausfuhr
europäischer  Jndustrieerzeugnisse  nicht  gedeckten  Bezüge  an  Kolonialwaren  aus  diesen
Ländern  werden  heute  noch  zum  größten  Teile  mit  Silber  bezahlt.
Wenn  somit  das  Gold  zum  vorherrschenden  Wertmesser  im  Verkehre  der  Kulturstaaten
  untereinander  geworden  ist,  würde  man  doch  irren,  wenn  man  glauben  wollte,
daß  alle  aus  dem  internationalen  Verkehr  sich  ergebenden  Zahlungen  effektiv  mit  Gold
geleistet  werden.  Der  weitaus  größte  Teil  der  internationalen  Zahlungen  vollzieht  sich
ohne  Geldbewegung  im  Wege  des  Kreditverkehrs  durch  das  hochentwickelte  moderne
Bankwesen.  Der  Wechsel,  der  Kontokorrentkredit,  die  Banknote  treten  ergänzend  neben
die  metallenen  Unilaufsmittel,  die  gegenseitigen  Zahlungen  werden  im  internationalen
Verkehre,  um  ein  Bild  zu  gebrauchen,  gewissermaßen  durch  gegenseitige  Kompensation
der  Forderungen  ausgeglichen  und  erst  wo  dieses  Mittel  versagt,  tritt  die  Bargeldsendung
ein.  Es  betrugen  im  Jahre  1892  in  Millionen  Mark

in

Der  Vorrat  an  gemünztem

England

Literreich-Ungarn


Deutschland

Frankreich

Rußland

Vereinigte
Staaten

Edelmetall  ....
Der  Papiergeld-  und  Bank-2951



893

3384

6364

1609

5096

Notenumlauf  .  .  .
Stand  d.  Wechfelportefeuilles

21,4

934,7

256,g

61

2433,7

522,8

in  den  Notenbanken.

475

292

769

476

?

9118

Die  verhältnismäßig  geringen  Mengen  von  Metallgeld  und  Banknoten,  mit  denen
England  seinen  Geldumlauf  bestreitet,  werden  erklärlich  durch  die  hoch  ausgebildete  Ent-
        <pb n="913" />
        953

Geld  und  Kreditwesen.  Volkseinkommen  und  Volkswohlstand.
daß  ein  Sovereign  in  Bewegung  gesetzt  wird,  die  Rechnungen  ihrer  Kunden  ausgleichen.
Die  Umsätze  im  Londoner  Clearinghause  betrugen  im  Jahre  1892  6491,56  Millionen
Pfd.  Sterling  oder  132  610,83  Millionen  Mark;  eine  ähnliche  Anstalt  in  Manchester
verzeichnet  einen  Umsatz  von  157,i  Millionen  Pfd.  Sterling.  Der  Giroverkehr  der
deutschen  Reichsbank,  der  vermöge  der  großen  Zahl  von  Bankstellen  für  Deutschland
eine  ähnliche  Bedeutung  besitzt,  wie  das  Clearingwesen  für  England,  verzeichnet  im
gleichen  Jahre  einen  Umsatz  von  41170  Millionen  Mark.
Volkseinkommen  und  Volkswohlstand.
Schon  die  in  dem  früheren  Abschnitte  mitgeteilten  Zahlen  über  die  landwirtschaftliche
und  industrielle  Produktion  der  einzelnen  Länder  und  über  ihren  Anteil  am  Welthandel
gestatten  einen  Rückschluß  auf  das  wirtschaftliche  Wohlbefinden  der  Völker,  auf  den  Stand
des  Volksvermögens  und  des  Volkseinkommens.  Es  liegen  jedoch  auch  direkte  Schätzungen
vor,  welche  sich  zumeist  auf  das  Ergebnis  der  Einkommens-  und  Vermögensbesteuerung
gründen.  Sie  zeigen  in  augenfälligen  Ziffern  das  rasche  Wachstum  des  Volksvermögens
in  den  modernen  Industrie-  und  Handelsstaaten.  In  England  wurde  der  Stand  des
Volksvermögens
im  Jahre  1800  auf  18  Millionen  Pfd.  Sterl.
„  „  1840  „  4  000
„  „  1860  „  6  000
„  „  1875  .,  8  548
„  „  1880  „  9  000
„  „  1885  „  10  087
„  „  1893  „  10  400
veranschlagt.  Das  Einkommen  des  englischen  Volkes  schätzte  man  für  das  Jahr  1896/97
auf  etwa  1250  bis  1300  Millionen  Pfund.  In  Frankreich  wurde  die  Summe  der
Privatvermögen  im  Jahre  1853  mit  125  Milliarden  Frank,  1861  mit  175  Milliarden,
1872  mit  195,  1878  mit  240—260,  1881  mit  216  und  1890  mit  225  Milliarden  Frank
angenommen.  Das  gesamte  Einkommen  der  französischen  Staatsbürger  veranschlagt
De  Foville  für  das  Jahr  1892  mit  25  000  Millionen  Frank.  In  Deutschland  liegen
bloß  für  Preußen  und  Sachsen  auf  Grund  der  dortigen  Einkommensteuerergebnisse
länger  zurückreichende  Beobachtungsreihen  vor.  Wir  stellen  im  folgenden  die  von
Soetbeer  und  Böhmert  auf  Grund  der  Einkommensteuerergebnisse  berechneten  Zahlen  für
das  Volkseinkommen  in  Preußen  und  Sachsen  für  eine  Reihe  von  Jahren  einander
gegenüber.  Hiernach  betrug  das  Volkseinkommen  im  Jahre
1875  1880  1885  1890
in  Preußen  7628,3  8149,6  8720  9936,1  Millionen  Mark
in  Sachsen  1017,6  982,4  1236,6  1495,9
Das  gesamte  Einkommen  des  deutschen  Volkes  tvird  1899  nach  den  günstigsten
Berechnungen  aus  26  Milliarden,  nach  den  ungünstigsten  auf  21  Milliarden  Mark
jährlich  veranschlagt,  während  man  das  Bolksvermögen  auf  210  —  220  Milliarden  Mark,
darunter  75  Milliarden  Mark  mobiles  Kapital  in  Börsenwerten,  berechnet.  Bon  diesem
Gesamteinkommen  entfallen  nach  May  auf  jene  Bevölkernngsschichten,  in  denen  die
Erwerbsthätigen  nur  ein  Einkommen  unter  900  Mark  erreichen,  ungefähr  12%  Milliarden,
auf  die  mittleren  Einkommen  von  900—3000  Mark  6%  Milliarden,  und  5%  Milliarden
auf  die  Wohlhabenden  mit  einem  Einkommen  über  3000  Mark.  Die  Zahl  der  Erwerbsthätigen ­
  und  Rentner  verteilt  sich  auf  diese  drei  Einkommensklassen  derart,  daß  auf  die
niederste  unter  900  Mark  18%  Millionen,  auf  die  mittlere  mit  einem  Einkommen  von
900—3000  Mark  3%  Millionen,  auf  die  höchste  endlich  mit  einem  Einkommen  von
mehr  als  3000  Mark  %  Million  Erwerbsthätiger  oder  ohne  Erwerb  von  ihren
Renten  lebender  Personen  kommen.  Einen  genaueren  Einblick  in  die  Verteilung  des
Einkommens  auf  verschiedene  soziale  Schichten  ermöglicht  die  preußische  Einkommenssteuerstatistik: ­


120
        <pb n="914" />
        954

Die  Weltwirtschaft.

In  Preußen  betrug  im  Jahre
1892/93
die  Zahl  der  Personen  mit  einem  Einkommen  von  900  Mark
aufwärts  samt  ihren  Angehörigen  8  907  165
die  Zahl  der  Personen  mit  einem  Einkommen  von  weniger  als
900  Mark  sanit  ihren  Angehörigen
die  Gesamtbevölkerung  nach  der  Personenstandesaufnahme  für
die  Steuerveranlagung
das  Gesamteinkommen  der  Personen  mit  einem  Einkommen  von
900  Mark  aufwärts  in  Millionen  Mark
das  Einkommen  der  Personen  mit  einem  Einkommen  von  weniger
als  900  Mark  in  Millionen  Mark  3876,131
das  Gesamteinkommen  des  Volkes  9881,360

1897/98
10  644  320

20  952  059  21  204  796
29  859  224  31  849  116
6005,229  6  728,607

3932,887
10  660,944

Das  Gesamteinkommen  der  Bevölkerung  hat  sich  somit  in  diesen  5  Jahren  um
780  Millionen  oder  7,8v%  vermehrt,  die  Bevölkerung  dagegen  nur  um  6,13%.  Dabei
trifft  die  Steigerung  namentlich  die  Einkommen  über  900  Mark;  sie  haben  sich  in  ihrem
Gesamtbeträge  um  19,4%  erhöht,  während  die  Einkommen  unter  900  Mark  nur  eine
Vermehrung  um  1,2%  aufweisen.
Daß  diese  Erhöhung  der  Einkommen  über  900  Mark  nicht  in  einer  einseitigen
Steigerung  der  ganz  großen  Einkommen,  sondern  in  einer  Vermehrung  des  Einkommens
breiter  Schichten  ihren  Grund  hat,  geht  aus  folgender  Zusammenstellung  hervor,
welche  gleichzeitig  über  die  Verschiedenheit  der  Einkommensverhältnisse  in  Stadt  und
Land  Aufschluß  gibt.
Auf  je  10  000  Köpfe  der  Bevölkerung  kommen  Steuerträger  mit  einem  Einkommen

tm  Jahre
1892/98  1896/97

in  den  Siadlen

auf  dem  Lande

in  den  Sladren

auf  dem  Lande

i  900—

1500

Mark

681

389

708

410

1  500-•

  2  100

187

83

190

83

2  100-■

  3  000

123

43

137

46

3  000-9

  500

161

38

159

37

9  500-100

  000

38

5

37

4

mehr  als

100  000

„

1,13

0,13

1,10

0,16

Der  auf  die  drei  untersten  Einkommensstufen  entfallende  Teil  der  Gesamtbevölkeruug
ist  somit  sehr  erheblich  gestiegen,  während  die  Stufen  über  3000  Mark  im  Jahre  1897/98
sogar  verhältnismäßig  schwächer  besetzt  sind  als  im  Jahre  1892/93.  Diese  Erscheinung
hat  ihren  Grund  nicht  etwa  darin,  daß  die  Zahl  der  Steuerträger  in  den  obersten  Stufen
absolut  geringer  geworden  ist,  d.  h.  daß  ein  Herabsinken  auf  ein  niedrigeres  Einkommen
stattgefunden  hat.  Vielmehr  ist  die  Zahl  der  Steuerträger  auch  hier  nicht  unerheblich
gewachsen;  sie  betrug
1892/98  1896/97
für  die  Einkommensstufe  von  3  000—  9  500  Mark  260  105  272  819
„  „  „  „  9  500-100  000  „  55126  56  574
„  „  „  „  mehr  als  100  000  „  ,1  658  1699

Bei  fortdauernder  Zunahme  der  großen  Einkommen  geht  daher  die  oben  festgestellte
Verschiebung  darauf  zurück,  daß  sich  der  Aufstieg  aus  der  untersten  Einkommcnsstufe  von
weniger  als  900  Mark  in  die  drei  nächst  höheren  rascher  und  in  einer  größeren  Anzahl
von  Fällen  vollzieht  als  das  Aufsteigen  aus  diesen  in  die  obersten  Einkommensklassen.
Von  1892/93  auf  1896/97  ist  die  Zahl  der  Steuerträger  mit  einem  Einkommen  von
900—3000  Mark  von  2  118  969  auf  2  321  424  gestiegen.  Die  Entwickelung  der
Einkommensverhältnisse  ist  somit  in  erster  Reihe  durch  das  Wachstum  der  kleineren
und  mittleren  Einkommen  gekennzeichnet.
Auf  ein  Wachstum  des  Mittelstandes  läßt  auch  die  Bewegung  der  Durchschnittsziffern ­
  für  den  mittleren  Betrag  der  besseren  Einkommen  über  3000  Mark  schließen.
Er  ist  von  1892/93—1896/97  in  den  preußischen  Städten  von  9329  Mark  auf
9161  Mark,  auf  dem  Lande  von  7509  auf  7344  Mark  zurückgegangen.  '  Da  gleich-
        <pb n="915" />
        Volkseinkommen  und  Volkswohlstand.  955
zeitig  in  den  höchsten  Einkommensstufen  keine  erhebliche  Verschiebung  eingetreten  ist  —
die  Zahl  der  Einkommen  über  500  000  Mark  betrug  in  den  beiden  Jahren  103  —
so  läßt  sich  auch  diese  Erscheinung  nur  durch  das  verhältnismäßig  stärkere  Wachstum
der  mittleren  Einkommen  erklären.  Man  kann  diese  Entwickelung  als  eine  ziemlich
günstige  bezeichnen.
Zählt  man  den  Einkommensträgern  die  von  ihnen  erhaltenen  Angehörigen  zu,  so
ergibt  sich  für  1896  folgende  Verteilung  der  preußischen  Bevölkerung  auf  die
verschiedenen  Einkommensstufen:

Es  leben  von  einem
Einkommen  von

in  den  Städten

auf  dem  Lande

Zusammen

unter  000  Mk
900—  3000  „  .  .  .  .

7800162  =
3847086  =

62,65  %
30,9  %

14043898  =  76,48%
4021913  =  21,90%

7868999  =

25,54%

3000—  6000  „  .  .  .  .

519063  =

4,17%

224589=  1,22%
39609=  0,22%

743652  =

2,41%

6000—  9500  „  .  .  .  .

146344  =

1,18%

185953  =

0,60%

9500—  30500  „  ....

113  813  =

0,91%

26007=  0,14%

139820  =

0,45%

30500—100000

20773  =

0,17%

5093  =  0,03%

25  866  =

0,08%

über  100000  „  ....

3272  =

0,03%
no/  \

961=  0,01%

4233  =

0,01%

Gesamtbevölkcrung  12450513(100%)  18362070(100%)  30812583(100%)

Im  Besitze  eines  ergänznngssteuerpflichtigen  Vermögens,  d.  i.  eines  Vermögens ­
  von  mehr  als  6000  Mark,  soweit  es  nicht  kraft  besonderer  Bestimmungen  wegen
zu  geringen  Einkommens  seines  Besitzers  steuerfrei  bleibt,  waren  in  dem  genannten  Jahre
1  152  332  Personen,  die  mit  ihren  Angehörigen  4  347  875  Köpfe,  d.  i.  14,xi  °/ 0  der
Gesamtbevölkerung  ausmachen.  Die  besitzenden  Klassen  bilden  somit  nicht,  wie  behauptet
wird,  einen  verschwindenden  Bruchteil  der  Bevölkerung,  sondern  eine  Masse  von  erheblichem ­
  Gewicht,  insbesondere  wenn  man  berücksichtigt,  daß  zur  besitzenden  Klasse  auch
zahlreiche  der  Ergänzungssteuer  nicht  unterworfene  Personen  gehören.  So  ist  beispielsweise ­
  in  den  zahlreichen  Gegenden,  in  denen  der  Grundwert  200  Mark  für  das  Hektar
nicht  übersteigt,  der  Besitzer  eines  lastenfreien  Bauerngutes  von  30  Hektar  nicht  ergänzungssteuerpflichtig. ­

Der  Gesamtbetrag  des  steuerpflichtigen  Vermögens  machte  im  Jahre  1896
63,92  Milliarden  Mark  aus,  wovon  38,35  auf  die  Stadt  und  25,57  auf  das  flache  Land
sielen.  Das  auf  einen  Steuerträger  durchschnittlich  entfallende  Vermögen  betrug  in  den
Städten  73  723,  auf  dem  Lande  40  466  Mark.  Samt  ihren  Angehörigen  machten  die
Vermögenssteuerpflichtigen  in  den  Städten  1  717  908,  d.  i.  13,8%,  auf  dem  Lande
2  629  967  Köpfe,  d.  i.  14,32°/ 0  der  Gesamtbevölkerung  aus.
Im  allgemeinen  kann  man  sagen,  daß  das  durchschnittliche  Vermögen  der  Steuerpflichtigen ­
  und  die  Summe  des  steuerbaren  Vermögens  in  den  Städten  weit  größer  als
auf  dem  Lande  ist;  auch  ist  die  Zahl  der  großen  Vermögen  in  der  Stadt  weitaus  bedeutender. ­
  Auf  die  Steuerträger  mit  mehr  als  3000  Mark  Einkommen  entfallen  in  den
Städten  33,88,  auf  dem  Lande  11,72  Milliarden  steuerbaren  Vermögens.  Auf  dem
Lande  sind  die  kleinen  und  mittleren  Vermögen  häufiger,  der  auf  die  vermögenden
Schichten  entfallende  Anteil  der  Gesamtbevölkerung  ist  etwas  größer  als  in  den  Städten;
es  zeigt  bei  geringerem  Reichtum  eine  gleichmäßigere  und  gesündere  Vermögensverteilnng.
  Dagegen  ist  die  Gestaltung  der  Einkommensverhältnisse  in  den  Städten  eine
günstigere,  auch  in  Bezug  auf  die  kleinen  und  mittleren  Einkommen.  Während  auf  dem
Lande  über  drei  Viertel  der  Gesamtbevölkerung  von  einem  Einkommen  unter  900  Mark
leben  müssen,  entfallen  in  den  Städten  weniger  als  zwei  Drittel  der  Bevölkerung  auf
diese  Einkommensstufe.  Ein  Einkommen  von  900—3000  Mark  beziehen  in  den
Städten  30,9,  auf  dem  Lande  21,90/0  der  Gesamtbevölkerung  und  für  die  höheren  Einkommensstufen ­
  ist  die  Besetzung  in  den  Städten  fast  durchweg  mehr  als  drei  Mal  so
stark  wie  auf  dem  Lande.
Der  hervorragende  Anteil,  den  die  städtische  Industrie  an  unserem  wachsenden
Wohlstände  hat,  kommt  auch  hierin  klar  zum  Ausdruck.  Die  Städte  erscheinen  als  die
120*
        <pb n="916" />
        956

Die  Weltwirtschaft.

hauptsächlichen  Sammelpunkte  der  großen  Vermögen  und  Einkommen;  aber  auch  die
arbeitenden  Klassen  finden  in  den  Städten  günstigere  Lebensbedingungen,  wie  die  geringere ­
  Zahl  der  städtischen  Einkommen  unter  900  Mark  zeigt.
Jedenfalls  geht  aus  diesen  Zahlen  hervor,  daß  das  Wachstum  des  Volkseinkommens
und  des  Volksvermögens  keineswegs  auf  die  obersten  Klassen  beschränkt  blieb,  sondern
daß  auch  die  kleinen  Einkommen  eine  günstige  Entwickelung  verzeichnen.  Daß  insbesondere ­
  das  Einkommen  des  Arbeiters  an  der  allgemeinen  Steigerung  des  Volkseinkommens ­
  seinen  Anteil  nimmt,  wird  auch  durch  die  Statistik  der  Arbeiter-Jnvaliditätsund
  Altersversicherung  bestätigt.  Die  Jnvaliditätsvcrsicherung  unterscheidet  vier  Lohnklassen, ­
  von  denen  die  unterste  die  Jahreslöhne  bis  350,  die  2.Klasse  die  von  350—550,
die  dritte  jene  von  550—850,  die  4.  Klasse  endlich  die  Jahreslöhne  von  mehr  als
850  Mark  umfaßt.  Nun  entfallen  von  den  Beitragenden
auf  die  Lohnklasse
unter  350  Mark  350—550  Mark  550  -  850  Mark  über  850  Mark
im  Jahre  1891  25,3%  38,4°/«  21,7°/ 0  14,6°/«
im  Jahre  1897  •  21,4%  37,9°/«  24,2%  16,5%
Es  hat  sich  somit  in  diesen  sechs  Jahren  die  Besetzung  der  beiden  oberen  Klassen
zusammen  um  4,4°/«  gehoben.  Damit  stimmt  überein,  daß  der  Durchschnittsbetrag  der
anrechuungsfähigen  Löhne  bei  den  Berufsgenossenschaften  der  Unfallversicherung  von
612  Mark  im  Jahre  1888  auf  704  Mark  im  Jahre  1897  gestiegen  ist.
Was  die  Verwendung  des  Volkseinkommens  betrifft,  so  werden  in  Deutschland ­
  jährlich  etwa  3  —  4  Milliarden  erspart  und  in  Unternehmungen,  Papieren  oder
Sparkassen  angelegt.  Von  den  hiernach  noch  verbleibenden  22  Milliarden  Mark  werden
rund  5  Milliarden  in  Form  von  Steuern  und  Abgaben  für  die  Aufgaben  der
öffentlichen  Verwaltung  in  Anspruch  genommen,  der  Rest  stellt  mit  ungefähr  17  Milliarden ­
  den  jährlichen  Verbrauch  des  Volkes  dar;  3—4  Milliarden  gehen  von  dieser
Summe  für  eingeführte  Nahrungemittel  und  Rohstoffe  in  das  Ausland.  Alles  übrige
kommt  wieder  der  heimischen  Produktion  zu  gute,  die  somit  den  ganz  überwiegenden
Vorteil  von  der  Steigerung  des  Volkseinkommens  und  des  allgemeinen  Verbrauches  hat.
Gegenüber  diesem  ungeheueren  Bedarf  der  heimischen  Bevölkerung  erscheint  die  nur
3,7  Milliarden  betragende  Ausfuhr  an  Erzeugnissen  der  heimischen  Industrie  und  Landwirtschaft ­
  eigentlich  gering,  und  dieses  Verhältnis  hat  vielfach  zu  dem  Schluffe  geführt,
daß  es  verfehlt  sei,  das  Heil  für  die  Zukunft  in  der  gesteigerten  Entwickelung  unseres
Exportes  zu  suchen.  Viel  wichtiger  als  dieser  sei  die  Steigerung  der  Kaufkraft  des
eigenen  Volkes,  die  Hebung  des  inneren  Verbrauches.  Hierdurch  werde  der  vaterländischen ­
  Produktion  ein  sicherer,  allen  Zufälligkeiten  entrückter  Markt  geschaffen,  wie
ihn  der  Export  nimmer  zu  bieten  vermöge.  Man  übersieht  jedoch  hierbei,  daß  diese
Steigerung  der  Konsumtionskraft  nicht  anhalten  kann,  wenn  wir  auf  den  Export  verzichten ­
  müssen.  Gewiß  hängt  die  Blüte  unserer  Industrie  in  hohem  Grade  von  der
Steigerung  des  inneren  Verbrauches  ab.  Diese  Steigerung  erfordert  jedoch  bei  dem
raschen  Wachstum  unserer  Bevölkerung  eine  steigende  Zufuhr  an  Nahrungsmitteln  und
Rohstoffen  von  auswärts,  die  aus  unserer  Ausfuhr  an  Fabrikaten,  aus  unseren  Zinseneinnahmen ­
  von  auswärtigen  Kapitalsanlagen  und  aus  dem  Verdienst  im  Transportwesen ­
  bezahlt  werden  müssen.  Geben  wir  unsere  Ausfuhr  preis,  versäumen  wir  die
Sicherung  unserer  Schiffahrt  und  unserer  auswärtigen  Niederlassungen,  so  wird  die
passive  Handelsbilanz  zu  einer  passiven  Zahlungsbilanz,  wir  müssen  Teile  des  Volksvermögens ­
  hingeben,  um  die  auswärtigen  Zufuhren  zu  bestreiten,  unsere  gestiegene
Bevölkerung  zu  ernähren  und  unsere  Industrie  mit  Rohstoffen  zu  versehen.  Wohin  die
Andauer  solcher  Verhältnisse  führt,  zeigt  uns  das  Beispiel  von  Staaten  wie  Portugal.
Trotz  der  überwiegenden  Bedeutung  des  inneren  Marktes  für  unsere  Industrie  und
Landwirtschaft  ist  somit  unsere  Ausfuhr  ein  unentbehrlicher  Bestandteil  unserer  Volkswirtschaft, ­
  unsere  künftige  Entwickelung  abhängig  von  der  Sicherung  unserer  Stellung
in  der  Weltwirtschaft.
        <pb n="917" />
        957

Die  Fortschritte  des  Weltverkehrs  seit  1900.
1.  Die  großen  Hauxtlinien  des  Weltverkehrs  zu  Lrmdr.
Unter  den  großen  Hauptbahnen  des  Weltverkehrs,  die  seit  der  letzten  Jahrhundertwende ­
  dem  Betrieb  übergeben  worden  sind,  hat  für  europäische  Verhältnisse  zweifellos  keine
eine  größere  Bedeutung  erlangt  als  die  große  Sibirische  Bahn.  Über  diese  ist  bereits  oben
ans  S.  46  einiges  gesagt  worden  (vgl.  auch  die  Karte  ans  S.  47).  Während  die  ursprünglich ­
  am  Amur  entlang  geplante  Strecke  erst  gegenwärtig,  unabhängig  von  der  Hauptlinie,
als  sogenannte  „Amurbahn"  gebaut  wird,  ist  die  Hauptbahn  durch  das  chinesische  Gebiet
der  Mandschurei  hindurch  in  der  auf  S.  47  veranschaulichten  Weise  geführt  worden.  Tie
gesamte  Sibirische  Bahn  ist  6526  Werst  (1  Werste  1066  in)  lang;  der  Bau  wurde  am
31.  Mai  1891  begonnen  und  am  3.  November  1901  nach  wenig  mehr  als  zehnjähriger  Bauzeit ­
  vollendet.  Es  ist  dies  eine  ganz  hervorragende  Leistung,  die  angesichts  der  unwirtlichen
Gegenden  und  des  furchtbaren  Klimas  dcS  Landes  doppelt  bewundernswert  ist.  Wurden
doch  im  Durchschnitt  täglich  über  1 1 / 2  km  Bahn  hergestellt!  Das  ist  ein  Ergebnis,  wie
es  noch  bei  keinem  anderen  Bahnbau  erzielt  worden  ist.  Allerdings  wurde  das  sehr
schwierige  Stück,  das  den  Baikalsee  im  Süden  umgeht  und  das  zum  Teil  durch  wildes  Gebirgslaud
  führt,  erst  später,  1906,  mit  Hilfe  von  33  Tunnels  und  210  Brücken,  Überführungen ­
  und  anderen  Kunstbauten  und  mit  einem  Kostenaufwand  von  210  Millionen
Mark  fertiggestellt,  während  bis  dahin  die  Verbindung  über  den  See  zwischen  den  beiden
llfcrendeu  der  Bahn  im  Sommer  durch  große  Dampffähren  bewerkstelligt  wurde,  und  im
Winter,  zumal  im  Kriegswinter  1904,05,  durch  eigene  Schienen,  die  über  das  dicke  Eis
des  Sees  gelegt  wurden  und  auf  denen  die  Züge  die  Menschen  und  Frachten  beförderten.
Ter  Endpunkt  der  Sibirischen  Bahn  ist  Wladiwostok,  der  wichtigste  Stützpunkt  der
russischen  Herrschaft  im  fernen  Osten.  Doch  verabsäumten  die  Russen  nicht,  auch  die  1898
Von  ihnen  „gepachtete"  Kwantung-Halbinsel  mit  der  wichtigen,  seit  1904  so  berühint  gewordenen ­
  Festung  Port  Arthur  und  dem  neu  von  ihnen  ins  Leben  gerufenen  Handelshafen
'Dalni  an  die  Sibirische  Bahn  anzuschließen.  In  Charbin  (Kharbin)  wurde  zu  diesem  Zwecke
eine  1577  km  lange  Seitenbahn  südlich  abgezweigt.  Sowohl  diese  „südmandschurische"
wie  die  ganze  Sibirische  Bahn  haben  1904/05  zur  Genüge  gezeigt,  welche  ungeheure  strategische ­
  Bedeutung  ihnen  zukam.  Ohne  sie  wäre  Rußlands  unglücklicher  Krieg  gegen  Japan
noch  viel  verhängnisvoller  verlaufen,  ohne  sie  hätte  Rußland  auch  nicht  den  verhältnismäßig ­
  noch  günstigen  Frieden  von  Portsmouth  (29.  August  1905)  erlangen  können;  aber
durch  die  Bahn  war  es  in  der  Lage,  den  schon  fast  erschöpften  Japanern  immer  neue
Truppen  aus  Europa  entgegenwerfen  zu  können,  so  daß  die  Sieger  einen  raschen  Frieden
und  einen  nur  teilweisen  Erfolg  der  weiteren  Versuchung  des  Kriegsglückes  vorzogen.
Immerhin  wurde  damals  mit  Süd-Sachalin  und  der  Kwantung-Halbinsel  auch  der  südliche
Teil  der  Südmandschurischen  Bahn,  bis  zur  Station  Kwangtschöngtsu,  japanisch,  so  daß
die  von  den  Russen  zum  Schutz  ihrer  militärischen  Herrschaft  gebaute  Bahn  heute  den  Japanern ­
  ein  strategisches  Mittel  ersten  Ranges  zur  steten  Bedrohung  der  russischen  Macht
in  Ostasien  geworden  ist.
Wichtiger  aber  als  in  strategischer  Hinsicht  ist  die  Sibirische  Bahn  für  das  Wirtschaftsleben ­
  Europas  und  Asiens  geworden.  Nachdem  sie  während  des  Krieges  für  die  öffentliche
Benutzung  vollständig  gesperrt  und  nur  für  die  Transporte  der  russischen  Regierung  reserviert ­
  war,  hat  sie  sich  nach  dem  Friedensschluß  überraschend  schnell  entwickelt.  Sie  kürzte
die  Reise  zwischen  Europa  und  Russisch-Ostasien  bzw.  Japan,  ja  selbst  China  außerordentlich ­
  stark  ab,  und  wenn  auch  die  West-  und  Mitteleuropäer  anfangs  nicht  unberechtigte
Bedenken  gegen  die  „russischen  Zustände"  im  kulturfernen  Sibirien  hegten,  so  hat  sich  die
Xl  120a
        <pb n="918" />
        958  Die  großen  Hauptlinien  des  Weltverkehrs  zu  Lande.
riesenhafte  Bahn  doch  durch  pünktlichen  und  zuverlässigen  Verkehr,  durch  Schaffung  aller
Bequemlichkeiten  in  ihren  gut,  ja  selbst  luxuriös  eingerichteten  Wagen  rasch  eine  steigende
Beliebtheit  beim  reisenden  Publikum  erworben,  und  heute  benutzen  auch  verwöhnte  Reisende,
wie  Prinzen,  Diplomaten  usw.,  für  die  Reise  von  Europa  nach  Ostasien  oder  umgekehrt  sehr
gern  die  Sibirische  Bahn,  die  durchschnittlich  zur  Zurücklegnng  der  Strecke  kaum  die  Hälfte  der
Zeit  gebraucht  wie  der  auf  den  Indischen  Ozean  und  den  Suezkanal  angewiesene  Schnelldampfer. ­
  Da  inzwischen  die  Südmandschurische  Bahn  auch  Anschluß  an  die  chinesischen
Bahnen  erlangt  hat  und  da  andrerseits  die  Japaner  von  Mukden  aus  eine  bequeme  Verbindung ­
  zum  koreanischen  Hafen  Fusan  geschaffen  haben,  so  wird  man,  wenn  in  naher
Zukunft  einige  abkürzende  Strecken  auf  der  Sibirischen  Bahn  fertiggestellt  sein  werden,
von  Berlin  nach  Tokio  und  nach  Peking  in  nur  etwa  14  Tagen  zu  gelangen  vermögen.
Die  letztgenannte  Verbindung  wird  sogar  noch  ganz  bedeutend  weiterhin  verkürzt  werden
können,  wenn  die  transmongolische  Bahn  durch  die  Wüste  Gobi  geschaffen  werden  wird,
die  eine  gradlinige  Verbindung  zwischen  der  nahe  dem  Baikalsee  gelegenen  Station  Werchne
Udinsk  der  Sibirischen  Bahn  und  der  chinesischen  Station  Kalgan  im  Nordwesten  von  Peking
herstellen  soll.  Diese  Bahn  würde  über  Kiachta  und  Urga  dem  Wege  der  alten  „Teestraße"
folgen,  auf  der  der  chinesische  Tee  vor  der  Eröffnung  der  Sibirischen  Bahn  nach  Europa
geschafft  wurde.  Prinzipiell  haben  sich  die  Chinesen  und  Russen  über  den  Bau  dieser
transmongolischen  Bahn  bereits  verständigt,  die  nur  auf  russischem  Gebiet  einige  kleinere
technische  Schwierigkeiten  bieten  würde,  und  wenn  auch  zurzeit  das  berechtigte  Mißtrauen
Chinas  gegen  die  russische  Expansionspolitik  jeder  transmongolischen  Bahn  widerstrebt
und  widerstreben  muß,  -so  wird  dieser  Schienenweg  wohl  später  einmal  geschaffen  werden,
der  künftig  die  Reise  Paris  bis  Peking  in  11  Tagen,  die  Reise  Berlin—Tsingtau  (Knautsch ­
  au)  in  12  Tagen  möglich  machen  würde.
Der  gewaltige  Wert  der  Sibirischen  Bahn  für  ganz  Europa  ist  aber  auch  schon  jetzt
unverkennbar,  nicht  zum  wenigsten  in  der  raschen  Beförderung  der  ostasiatischcu  Post,  die
früher  über  den  Suezkanal  oder  über  Nordamerika  befördert  werden  mußte  und  die  jetzt
über  Sibirien  nur  noch  die  halbe  Transportzeit  gegen  früher  beansprucht.  —  Für  die  Beförderung ­
  von  Gütermengen  im  Durchgangsverkehr  kommt  die  Sibirische  Bahn  nur  in
bescheidenem  Umfang  in  Betracht,  weil  die  Frachtkosten  eine  zu  große  Höhe  erreichen,  so  daß
von  einem  Wettbewerb  des  ostasiatischen  Durchgangsverkehrs  auf  der  Bahn  mit  den  älteren
Seewegen  kaum  die  Rede  sein  kann.  Doch  hat  die  Bahn  immerhin  eine  nicht  geringe  Bedeutung ­
  für  die  Ausfuhr  Sibiriens  selbst,  das  ja  der  modernen  Verkehrsverbindungen  mit
Europa  sonst  völlig  entbehrt.  Besonders  das  sibirische  Getreide,  doch  auch  Geflügel,  Fleisch,
Butter,  chinesischer  Tee  usw.,  neuerdings  auch  chinesische  Seide,  werden  auf  der  Sibirischen
Bahn  in  großen  Mengen  nach  dem  europäischen  Rußland  befördert,  und  ein  Teil  davon  geht
auch  über  die  russische  Grenze  hinaus  und  kommt  den  übrigen  europäischen  Ländern  zugute.
Übrigens  ist  Rußland  eifrig  bestrebt,  die  Verbindungen  zwischen  Sibirien  und  seinen  Ostseehäfen ­
  zu  verbessern,  um  somit  die  Ausfuhr  Sibiriens  immer  mehr  zu  fördern.
Neben  dieser  großartigen  Transkontinentalbahn  ist  im  20.  Jahrhundert  bisher  nur
noch  an  einer  Stelle  eine  bedeutende  Überlandbahn  zwischen  zwei  Meeren  neu  zustande
gekommen.  Pläne  zu  solchen  Überlandbahnen  sind  noch  in  großer  Menge  mannigfach  erörtert ­
  worden,  in  Asien  (Indo-Europäische  Bahn,  Bagdadbahn),  in  Afrika  (Kap—Kairo-Bahn,
Swakopmund—Beira,  Benguella—Daressalam  usw.),  in  Australien  (Sydney—Perth,
Sydney—Port  Darwin)  und  in  Amerika  (zweite  Kauada-Pazifikbahn,  verschiedene  neue  Überlandbahnen ­
  auf  dem  mittelamerikanischen  Isthmus  und  in  Südamerika),  aber  nur  an  einer
Stelle  haben  sie  nach  jahrzehntelangem  Hin  und  Her  noch  zu  einem  greifbaren  Ergebnis  geführt,
nämlich  in  Südamerika  zwischen  Buenos  Aires  und  Valparaiso.  Hier  ist  seit  1909
die  Transandinobahn  (llspallatabahn)  nach  mannigfach  ivcchselndcn  Geschicken
fertiggestellt  und  in  Betrieb  genommen  morden,  die  für  das  Wirtschaftsleben  Südamerikas
kaum  eine  geringere  Rolle  spielen  wird  als  die  Sibirische  Bahn  für  Asien  und  Europa.  Auch
auf  Europas  Verkehrsbeziehungen  wirkt  die  transandinische  Bahn  in  sehr  merklicher  Weise
zurück.
        <pb n="919" />
        Die  Sibirische,  transandische  und  Tehuantepecbahn.

959a

Der  Plan  der  transandinischen  Bahn  reicht  bis  1886  zurück.  Von  Mendoza,  bis
wohin  von  Buenos  Aires  damals  schon  das  argentinische  Bahnnetz  reichte,  sollte  sie  westwärts ­
  über  den  berühmten,  stets  vielbenutzten,  hohen  Uspallatapaß  (3967  rn  über  dem
Meer)  nach  Chile  führen.  Doch  ließen  finanzielle  Schwierigkeiten  das  mehrfach  in  Angriff
genommene,  kostspielige  Projekt  stets  aufs  neue  scheitern,  und  erst  in  der  jüngsten  Zeit
gelang  die  Durchführung  des  Gedankens.  Die  Bahn  ist  nicht  über  den  Paß  selbst  geführt
worden,  sondern  durchbricht  das  Hochgebirge  unterhalb  des  Passes  in  zwei  gewaltigen,
5067  bzw.  3/30  in  langen  Tunnels  in  3188  in  Meereshöhe.  Zur  Erreichung  der  großen
Höhe,  der  auf  beiden  Seiten  des  Gebirges  ein  ziemlich  rascher  Abfall  folgt,  dient  der  Zahnstangenbetrieb ­
  nach  dem  System  Abt;  die  Steigung  beträgt  im  Maximum  1:12,5.  Zum
Schutz  gegen  Schneeverwehungen  im  Winter  ist  die  im  Hochgebirge  verlaufende  Bahn  vielfach ­
  in  sogenannten  Tunnelgalerien  geführt  worden.
Ter  Durchbruch  des  großen  Tunnels  erfolgte  nach  Überwindung  sehr  großer  Schwierigkeiten ­
  Ende  November  1909;  die  Betriebsübergabe  der  Strecke  fand  am  5.  April  1910  statt.
MitHilfe  dieser  ersten  südamerikanischcn  Überlandbahn  kann  die  Reife  zwischen  Buenos
Aires  und  Valparaiso  über  den  Uspallatapaß,  der  früher  auf  Maultieren  überritten  werden
mußte,  jetzt  günstigenfalls  in  29  Stunden  zurückgelegt  werden.  Hinderlich  für  eine  glatte
Reise,  hinderlich  vor  allem  für  den  Gütertransport  ist  die  mehrfach  wechselnde  Spurweite:
in  der  argentinischen  Ebene  beträgt  diese  1,686  in,  in  Chile  1,678  in,  auf  der  Gebirgsstrecke
hingegen  herrscht  die  Meterspur.  Trotzdem  hat  die  Überlandbahn  für  Südamerika  eine
wahre  Verkehrsumwälzung  mit  sich  gebracht.  Kein  Reisender,  der  von  den  Ländern  des
Atlantischen  Ozeans  nach  Chile,  Peru,  Bolivien  usw.  reisen  will,  wird  natürlich  heute  noch
die  gefürchtete  Schiffahrt  durch  die  Magelhaensstraße  wählen;  auch  die  Post  wird  stets  die
schnelle  Fahrt  auf  der  transandinischen  Bahn  vorziehen,  und  nur  der  Güterverkehr  kann
bis  auf  weiteres  die  Reise  um  die  Südspitze  von  Amerika  herum  wegen  ihrer  größeren
Billigkeit  noch  nicht  entbehren.  •—  Es  ist  nicht  zu  viel  gesagt,  wenn  man  behauptet,  daß
die  südamerikanische  Bahn  in  der  Abwickelung  des  Weltverkehrs  fast  dieselbe  Bedeutung
hat,  wie  die  großen  Pazifikbahnen  Nordamerikas,  obwohl  der  Wechsel  der  Spurweite  notwendig ­
  eine  fühlbare  Beeinträchtigung  darstellt.
Außer  dieser  transandinischen  Bahn  ist  in  Amerika  seit  dem  Beginn  des  20.  Jahrhunderts ­
  nur  noch  an  einer  Stelle  eine  hochwichtige  Überlandverbindung  von  Ozean  zu
Ozean  zustande  gekommen,  die  freilich  nur  den  Neu-  und  Umbau  einer  bereits  seit  längerer
Zeit  vorhandenen,  älteren  Bahn  darstellt.  Es  ist  die  sogenannte  Tehuantepecbahn  in
Mexiko.  Ter  Isthmus  von  Tehuantepec  (Tehuantcpec---Jaguarhügel)  bildet  die  engste  Einschnürung ­
  der  mittelamerikanischen  Landenge  im  Norden.  Er  hatte  schon  Cortez'  Aufmerksamkeit ­
  als  bequemer  Übergang  vom  einen  Ozean  zum  andern  erregt,  und  Alex,  von
Humboldt  bezeichnete  ihn  als  „natürliche  Brücke  des  Welthandels".  Zeitweilig  hatte
man  daran  gedacht,  hier  einen  Kanal  zwischen  beiden  Ozeanen  zu  graben,  der  ungleich  wertvoller ­
  gewesen  wäre  als  in  den  erheblich  weiter  südlich  gelegenen  Isthmen  von  Nikaragua
und  Panama.  Doch  war  die  Wasserscheide  zu  hoch  (224  na),  obwohl  gerade  an  dieser
schmalen  Stelle  die  sonst  in  Mexiko  z.  T.  sehr  hohen  Gebirgszüge  eine  merkliche  Erniedrigung ­
  erfahren.  Das  Kanalprojekt  ist  daher  nie  über  eine  allgemeine  Erörterung  hinausgediehen. ­
  Wohl  aber  baute  man,  nach  jahrzehntelangem,  durch  die  vielen  Unruhen  des
Landes  immer  wieder  unterbrochenen  Plänen,  eine  Eisenbahn  über  den  Isthmus,  zwischen
Coahacoalcos  undSalinaCruz.  Sie  wurde  am  II.SePtember  1894eröffnet,warabcrzunächst
wenig  leistungsfähig,  bis  die  berühmte  englische  Firma  S.  Pearson  and  Son  Ltd.  sich  die
Konzession  auf  eine  neue,  vollwertige  Bahn  an  der  gleichen  Stelle  erteilen  ließ,  die  mit
einem  Kostenaufwand  von  15  Millionen  mexikanischen  Dollars  auch  gebaut  wurde,  wozu  noch
40  Millionen  mexikanische  Dollar  Kosten  für  den  modernen  Ausbau  der  Endhäfen  hinzukamen. ­
  Die  beiden  Endhäfen,  Coatzacoalcos  (seit  1907  Puerto  Mexiko  geheißen)  und  Salina
Cruz,  entsprechen  jetzt  allen  Anforderungen  eines  hochgesteigerten  Verkehrs  und  ermöglichen
es  u.  a.,  daß  die  Schiffe  ihre  Waren  unmittelbar  durch  die  Decken  der  Eisenbahn-Güterwagen ­
  in  diese  Hineinladen  bezw.  ihnen  entnehmen.  So  vermittelt  die  Eisenbahn  heute
120»*
        <pb n="920" />
        959b

Die  großen  Häuptlingen  des  Weltverkehrs  zu  Lande.

ohne  Zeitverlust  den  Frachtentransport  aus  dem  Atlantischeu  in  den  Pazifischen  Ozean  und
umgekehrt.  Die  310  km  lange  Bahnstrecke  Puerto  Mexiko—Salina  Cruz  wird  in  zwölfstündiger
  Fahrt  von  den  Zügen  zurückgelegt.
Seit  ihrer  in  Gegenwart  des  damaligen  Präsidenten  Porsirio  Tiaz  erfolgten  feierlichen ­
  Eröffnung  am  23.  Januar  1907  hat  die  neue  Tehuantepecbahn  eine  erstaunlich
günstige  Entwicklung  durchgemacht;  sie  hat  schon  jetzt  eine  sehr  viel  größere  Bedeutung,  als
sie  die  alte,  in  den  fünfziger  Jahren  gebaute  Panamabahn  jemals  besessen  hat,  und  es
wird  auch  von  Jahr  zu  Jahr  wahrscheinlicher,  daß  in  ihr  der  werdende  Pcmamakanal  eine
überaus  gefährliche  Konkurrentin  besitzen  wird.  In  der  Zeit  vom  1.  Juli  1910  bis  zum
30.  Juni  1911  gingen  über  die  76  km  lange  Panamabahn  nur  Güter  im  Werte  von
26  Millionen  Dollar,  über  die  310  km  lange  Tehuantepecbahn  hingegen  Güter  im  Werte
von  73 3 / 4  Millionen  Dollar.  Nur  5  Jahre  früher  belief  sich  der  gesamte  Wert  des  jetzt  auf
100  Millionen  Dollar  zu  veranschlagenden  Güterverkehrs  überden  mittelamerikanischen  Isthmus ­

  nur  auf  6  Millionen  Dollar.  Ob  der  Panamakanal  in  der  Lage  sein  wird,  der  Tehuantepecbahn ­
  ihre  jetzt  unbedingt  dominierende  Stellung  wieder  zu  entwinden,  muß  äußerst
zweifelhaft  erscheinen,  um  so  mehr  als  die  Tehuantepecbahn  eine  eigne  Flotte  besitzt,  die
ihr  als  Zuträger  dient.  Dazu  werden  ihre  Endpunkte  gegenwärtig  von  nicht  weniger  als
20  Dampferlinien  angelaufen,  unter  denen  sich  8  europäische  befinden.
Von  den  neuerdings,  nach  jahrzehntelanger  Pause  ruhiger  und  friedlicher  Entwicklung
wieder  ausgebrochenen  mexikanischen  Wirren  und  chronischen  Revolutionen  hatte  die  Bahn
bisher  anscheinend  wenig  zu  leiden;  es  ist  aber  nicht  ausgeschlossen,  daß  ernstere  Störungen
sich  noch  einstellen  werden,  und  dann  besteht  die  Möglichkeit,  daß  die  Amerikaner,  die  anscheinend ­
  jede  Gelegenheit,  sich  in  Mexiko  einzumischen,  mit  Vergnügen  benutzen  und  die
überdies  das  größte  Interesse  au  der  ungestörten  Aufrechterhaltung  des  Tehuantepecverkehrs
  haben,  Veranlassung  nehmen  werden,  die  Kontrolle  über  die  Tehuantepeclinie  in
der  einen  oder  anderen  Weise  an  sich  zu  bringen  und  dadurch  die  Konkurrenz  zum  Panamakanal
im  Bedarfsfälle  nach  Wunsch  zu  regulieren.  Jedenfalls  verdient  die  Tehuantepecbahn,
daß  ihr  große  Aufmerksamkeit  entgegengebracht  wird,  denn  es  ist  gar  nicht  ausgeschlossen,
daß  sie  noch  dereinst  ein  ernster  politischer  Zankapfel  werden  wird,  wobei  hauptsächlich  die
nordamerikanische  Union  und  England  als  etwaige  Gegner  in  Betracht  zu  ziehen  wären.
Neben  den  bereits  in  Betrieb  befindlichen  wichtigen  Überlandbahnen  des  amerikanischen ­
  Kontinents  gibt  es  noch  eine  ganze  Reihe  andrer,  die  entweder  unwichtig  oder  zurzeit ­
  erst  im  Bau  oder  überhaupt  erst  projektiert  sind.  Auch  diese  Linien  seien  zum  mindesten ­
  hier  ausgezählt.  Von  Norden  nach  Süden  in  ihrer  Reihenfolge  geordnet,  handelt  cs  sich
dabei  um  folgende  Überlandbahnen:
1.  Tie  im  Bau  befindliche  kanadische  Grand  Trunk  Pacific  Railway,  die  nördlich ­
  von  der  schon  seit  1886  bestehenden  älteren  kanadischen  Überlandbahn  verlaufen
soll  und  Quebec  bzw.  Halifax  über  Winnipeg  mit  Port  Simpson  am  Stillen  Ozean  verbinden ­
  wird;
        <pb n="921" />
        959c

Amerikanische  Bahnprojekte.  Die  panamerikanische  Bahn.

2.  je  eine  vorhandene  mexikanische  Überlandverbindung  zwischen  Tampieo  und  Manzanillo
  und  zwischen  Tampico  bzw.  Matamoros  und  Mazatlan,  die  jedoch  für  den
Durchgangsverkehr  keine  Bedeutung  haben;
3.  eine  im  Bau  befindliche  Überlandbahn  in  Guatemala  zwischen  Puerto  Barrios
und  San  Jose;
4.  zwei  geplante  Überlandbahnen  in  Honduras  zwischen  Puerto  Cortez  und  La  Brea
bzw.  zwischen  Truxillo  und  San  Lorenzo;
5.  eine  geplante  Überlandbahn  in  Nikaragua  zwischen  Monkey  Point  und  Corinto;
6.  eine  vorhandene,  am  1.  November  1911  eröffnete  Überlandbahn  in  Costa  Rica
zwischen  Puerto  Limon  und  Punta  Arenas;
7.  verschiedene  Überlandbahnen  in  Argentinien  und  Chile  bzw.  Peru,  von  denen
die  Linien  Buenos  Aires—Mollendo  (bzw.  Buenos  Aires—Arica)  und  Buenos  Aires—
Caldera  (über  den  St.-Franzisko-Paß)  ihrer  Vollendung  entgegengehen,  während
die  sogenannte  Antucobahn  zwischen  Bahia  Bianca  und  Concepcion  geplant  und
die  Neuqusnbahn  zwischen  Bahia  Blanca  und  Valdivia  in  Erwägung  gezogen  ist.
An  zwei  andere  Stellen  Südamerikas  knüpfen  Projekte  an,  die  eine  aus  Eisenbahnen ­
  und  schiffbaren  Flußläusen  kombinierte  Überlandverbindnng  zwischen  den  beiden
größten  Ozeanen  herzustellen  wünschen.  Das  eine  betrifft  den  äußersten  Norden  Kolumbiens ­
  und  kann  als  vorläufig  aussichtslos  hier  außer  Betracht  bleiben.  Das  andre  aber
bezweckt  eine  Überlandverbindnng  zwischen  der  brasilianischen  und  der  peruanischen ­
  bzw.  chilenischen  Küste  und  ist  von  besonderem  Interesse,  da  ja  Brasilien
gerade  an  der  breitesten  Stelle  des  südamerikanischen  Kontinents  gelegen  ist.  Ter  betreffende ­
  Plan  selbst  ist  schon  einige  Jahrzehnte  alt;  er  ist  aber  neuerdings  mit  besonderer
Lebhaftigkeit  wieder  aufgenommen  worden,  nachdem  1912  die  schwierig  herzustellende  Bahn
Arica—La  Paz  dem  Betrieb  übergeben  werde»  konnte.  Diese  soll  nun  unter  Umständen
über  Ornro  und  Cochabamba  ostwärts  nach  Chimorü  im  Quellgebiet  des  zum  Amazonenstromgebiet ­
  gehörenden  Rio  Mamorv  verlängert  werden.  Hier  würde  eine  in  sechstägiger
Biotorbootfahrt  zurückzulegende  Wasserstrecke  anschließen,  die  sich  bis  Guayaramerin  erstreckt.
Dort  wird  die  sonst  so  vortrefflich  schiffbare  Strecke  des  Mamors-,  Madeira-  und  Amazonenstroms ­
  in  empfindlicher  Weise  durch  Wasserfälle  und  Stromschnellen  unterbrochen,
die  das  Niveau  der  Fahrstraße  auf  220  km  Entfernung  um  91  in  sinken  lassen.
Die  auf  dem  Mamorü  und  dem  Bcni  bis  au  den  Fuß  der  Anden  gehende  Schiffahrt
Boliviens,  sowie  der  Verkehr,  der  auf  dem  Guapors,  dem  Grenzflüsse  zwischen  Bolivien
und  Brasilien,  bis  an  die  unter  15"  s.  Br.  gelegene,  ehemals  bedeutende  Bergstadt  Matto
Grosso  oder  Villa  Bella  mit  bis  400  t  fassenden  Dampfern  bestritten  werden  kann,  erlitten
dadurch  eine  empfindliche  Störung,  die  erst  in  der  allerletzten  Zeit  —  seit  1909  —  beseitigt ­
  zu  werden  beginnt.  Eine  mit  belgischem  und  französischem  Kapital  arbeitende  Gesellschaft ­
  hat  auf  dem  rechten  Ufer  des  Madeira,  ausgehend  vom  Orte  Santo  Antonio,
der  einmal  monatlich  von  der  Staatshanptstadt  Manaos  durch  einen  Dampfer  besucht  wird,
eine  Eisenbahnlinie  zu  bauen  begonnen,  deren  191  km  entfernter  Endpunkt  der  Ort  Manier« ­
  nahe  der  Einmündung  des  Beni  in  den  Mamorö  sein  wird.  Unter  sehr  großen  Schwierigkeiten ­
  soll  diese  Umgehungsbahn  bis  Ende  1912  fertiggestellt  werden.  Die  Bahn  reicht
bis  Puerto  Vigo,  wo  die  schiffbare  Strecke  des  selbst  in  der  Trockenzeit  für  400-tons-Dampfer
  befahrbaren  Rio  Madeira  erreicht  wird  und  von  wo  bis  zur  Amazonasmündung
eine  ununterbrochene  Schiffahrtsstraße  besteht.  Auch  diese  Überlandverbindung  durch  ein
großenteils  dem  Weltverkehr  noch  völlig  entzogenes  Gebiet  dürfte,  wenn  sie  geschaffen  werden ­
  sollte,  hohe  Bedeutung  erlangen.
Wir  können  die  großen  amerikanischen  Bahnprojekte  nicht  verlassen,  ohne  in  Kürze
der  Panamerikanischen  Bahn  zu  gedenken,  die  von  den  Vereinigten  Staaten,  allen
Schwierigkeiten  zum  Trotz,  mit  bewundernswerter  Energie  angestrebt  wird.  Tie  panamerikanische ­
  Bahn  soll  alle  amerikanischen  Staaten  durch  einen  fortlaufenden  Schiencnstrang
  miteinander  verbinden.  Der  Gedanke  mutet  uns  Europäer  ivie  eine  Marotte,  wie
eine  Ausgeburt  des  Spleens,  an,  denn  er  läßt  sich  weder  durch  wirtschaftliche  noch  durch
        <pb n="922" />
        959  d

Die  großen  Hauptlinien  des  Weltverkehrs  zu  Lande-

politische  oder  strategische  oder  andere  Gründe  rechtfertigen  —  aber  es  ist  eine  großartige
Marotte,  und  um  sie  zu  verwirklichen,  wenden  die  Amerikaner  geradezu  ungeheure  Summen ­
  auf.
Von  der  Hndsonbai  und  von  der  Mündung  des  Hudson-Flusses  (New  Uork)  soll  die
künftige  panamerikanische  Bahn  die  Vereinigten  Staaten  und  Mexiko  in  südlicher  Richtung,
durchziehen,  dann  den  gesamten  mittelamerikanischen  Isthmus  in  der  Achse  durchschneiden
und  weiterhin,  unter  Entsendung  eines  Seitenzweigs  nach  Venezuela,  durch  Kolumbien,
Ekuador,  Peru,  Bolivien  und  Argentinien  verlaufen,  um  schließlich  an  der  La-Plata-Mündnng
  zu  enden.  Brasilien  und  Chile  würden  durch  Zweigbahnen  angeschlossen  werden.
Etwa  2 / 3  der  panamerikanischen  Bahn  sind  bereits  vorhanden,  freilich  zum  überwiegenden
Teil  ans  lokalen  Bedürfnissen  der  betreffenden  Länder  entstanden.  Von  New  Dork  reicht
die  panamerikanische  Bahn  bis  nach  Tapachnla  an  der  Grenze  von  Mexiko  und  Guatemala;
im  Süden  fehlt  nur  noch  ein  kurzes  Stück  zur  Fertigstellung  einer  fortlaufenden  Bahnlinie ­
  von  Buenos  Aires  bis  Cuzco.  In  der  Mitte  hingegen,  zwischen  Mexiko  und  Peru,
ist  außer  einigen  Bruchstücken,  die  von  der  künftigen  Bahn  benutzt  werden  könnten,  noch
so  gut  wie  nichts  vorhanden.
Tie  gesamte  Bahn  von  New  Uork  bis  Buenos  Aires  würde  16469  km  lang  sein.
Im  Norden  ist  eine  6050,  im  Süden  eine  rund  3000  km  lange  Strecke  bereits  fertig;
mit  den  übrigen  kurzen,  benutzbaren  Stücken  des  mittleren  Teils  stellt  sich  der  gesamte
vorhandene  Schienenstrang  der  panamerikanischen  Bahn  auf  rund  11000  km,  also
etwa  ans  2 / 3  der  gesamten  Linie.  Könnten  somit  die  Aussichten  auf  das  Zustandekommen
der  ganze  Strecke  anfangs  günstig  erscheinen,  so  muß  doch  der  stärkste  Zweifel  ausgesprochen ­
  werden,  ob  das  allzu  phantastische  Unternehmen  dereinst  als  ein  lebensfähiges  Gebilde
zustande  kommen  wird.  Von  Mexiko  mag  dereinst  eine  Fortsetzung  bis  Panama  geschaffen
werden,  obwohl  auch  eine  solche  Bahn  vollkommen  überflüssig  sein  würde,  da  die  mittelamerikanischen ­
  Republiken  weder  Menschen  noch  Güter  in  nennenswerter  Menge  miteinander ­
  auszutauschen  haben:  aber  von  Panama  bis-Euzco  müßte  die  Bahn  überwiegend
durch  fast  unkultiviertes,  menschenarmes,  wirtschaftlich  totes  Land  und  überdies  nahezu  unausgesetzt ­
  durch  schwierigstes  Anden-Hochgebirge  verlaufen,  so  daß  schwer  zu  sagen  ist,  ob  die
ungeheuren  Kosten  des  Baus  oder  seine  totale  Nutzlosigkeit  größer  sein  würden.  Dazu  kommt,
daß  die  heute  noch  fehlenden  Teile  der  panamerikanischen  Bahn  durch  häufige  Erdbeben
voraussichtlich  recht  oft  betroffen  werden  würden,  so  daß  die  sicher  in  Massen  erforderlichen
Tunnels  immer  wieder  einstürzen  dürften.  Weiterhin  würde  die  gesamte  Bahn  keine  einheitliche ­
  Spurweite  aufweisen,  sondern  in  den  südamerikanischen  Gebirgsländern,  wo  die
meisten  vorhandenen  Bahnen  nur  nach  den  lokalen  Bedürfnissen  hergestellt  wurden,  wechselt
die  Spur  sehr  oft  und  ohne  jede  Regel.  Ein  Umbau  in  eine  Einheitsspnr  aber  würde,
wenigstens  in  der  viele  tausend  Kilometer  langen  Gebirgsstrecke,  einem  vollkommenen  Neubau ­
  gleichen.
Kurz  und  gut,  von  welcher  Seite  man  auch  das  Unternehmen  der  panamerikanischen
Bahn  betrachtet,  es  ist  absolut  nicht  zu  erkennen,  wie  man  daraus  ein  lebensfähiges
Gebilde  will  Herstellen  können,  und  auch  die  gewaltigsten  Summen,  die  das  panamerikanische ­
  Bahnkomitee  in  Washington  auf  die  Förderung  des  nur  als  politische  Temonstration
und  Unterstreichung  des  Monroe-Gedankens  zu  bewertenden  Planes  verwendet,  werden  nicht
darüber  hinwegtäuschen  können,  daß  es  sich  um  ein  totgeborenes  Kind  handelt.  Aber  der
Plan  ist  nun  einmal  vorhanden  und  wird  in  den  Vereinigten  Staaten  (die  andren  amerikanischen ­
  Länder  stehen  der  Idee  sehr  kühl,  in  Mittelamerika  fast  feindlich  gegenüber)  niit
großer  Liebe  und  nationalem  Stolz  gehegt  und  gefördert.  So  mußte  er  denn  auch  an
dieser  Stelle  erwähnt  werden,  obwohl  man  ihn  gar  nicht  skeptisch  genug  bewerten  kann.
Afrika  entbehrt  bisher  der  Überlandbahnen  noch  vollständig,  obwohl  in  diesem  Erdteil ­
  dasjenige  Überlandbahnprojekt  zu  finden  ist,  das  nächst  dem  Plane  der  Bagdadbahn
am  meisten  die  Gemüter  beschäftigt,  nämlich  die  Kap—Kairo-Bahn.  Auf  den  ersten
Blick  mutet  dieses  gigantenhafte  Projekt,  das  einen  fortlaufenden  britischen  Schienenweg
vom  Kap  der  Guten  Hoffnung  bis  zur  Nilmündung  herstellen  will,  ebenso  phantastisch  an,
        <pb n="923" />
        959  e

Die  panamerikanische  Bahn.  Afrika.  Kap—Kairo-Bahn.

wie  der  eben  skizzierte  Plan  der  panamerikanischen  Bahn.  Aber  es  hat  dennoch  in  erheblich ­
  höherem  Maße  Hand  und  Fuß,  und  wenn  auch  die  Kap—Kairo-Bahn  nie  eine  Durch  -
gangsbahn  sein  wird  nnd  kann,  so  entsprechen  doch  ihre  einzelnen  Teile  den  wirtschaftlichen ­
  Bedürfnissen  der  durchzogenen  Landesteile  in  hervorragendem  Maße  nnd  stellen
außerdem  eine  geniale  verkehrspolitische  Maßnahme  dar,  welche  die  britischen  Interessen
in  Afrika  in  trefflichster  Weise  zu  fördern  geeignet  ist.  Der  dem  Hirn  des  Cecil  Rhodes
entsprungene  Gedanke  der  Kap—Kairo-Bahn  ist  daher  ungleich  bedeutsamer  nnd  ernster
zu  nehmen  als  das  verwandte  amerikanische  Projekt.
Ähnlich  wie  bei  der  panamerikanischen  Bahn,  sind  die  ersten  Glieder  der  Kap—Kairo-Bahn
  natürlich  nur  aus  lokalen  Bedürfnissen  heraus  und  nicht  im  Hinblick  auf  den  erst
in  den  neunziger  Jahren  aufgetauchten  Rhodesschen  Plan  geschaffen  worden.  In  Ägypten
gab  es  schon  1856  eine  Eisenbahnlinie  (Alexandria—Tanta—Benha),  die  heute  als  Teilstrecke ­
  der  Kap—Kairo-Bahn  in  Anspruch  genommen  wird,  und  auch  in  der  Kapkolonie ­
  waren  Hunderte  von  Kilometern  der  heutigen  Kap—Kairo-Bahn  bereits  vorhanden,
ehe  die  politischen  Ereignisse  der  neunziger  Jahre  und  das  Aufblühen  der  britischen  Herrschaft ­
  im  inneren  Afrika,  vor  allem  die  Schaffung  von  „Rhodesia",  im  Hirn  des  „ungekrönten ­
  Königs  von  Südafrika^  die  gewaltige  Idee  reifen  ließen,  die  britische  Vorherrschaft ­
  im  schwarzen  Erdteil  mittels  eines  ununterbrochenen  Schienenstranges  zu  sichern
und  unangreifbar  zu  machen.
Ganz  im  ursprünglichen  Sinne  wird  nun  freilich  die  Kap—Kairo-Bahn,  mindestens
einstweilen,  nicht  zustande  kommen.  Auf  den  fortlaufenden  Schienenweg  hat  man  bis  auf
weiteres  Verzicht  geleistet,  da  er  doch  nicht  allenthalben  durch  britisches  Land  führen,
sondern  am  Tanganjika  deutsches  oder  belgisches  Territorium  kreuzen  müßte.  Man  will
sich  zunächst  damit  begnügen,  die  Verbindung  Kap—Kairo  unter  Hereinziehung  der  schiffbaren ­
  Wasferstrecken  ins  Leben  zu  rufen.  Die  gesamte  Strecke  wird  daun,  von  Norden
nach  Süden  betrachtet,  folgendes  Aussehen  Habens

Strecke

Entfernung ­

in  engl.
Meilen

Bahnlinie
oder  Wasserweg

Fertig  seit

Alexandria—Schellal

590

Bahn

1897

Schellal—Wadi  Haifa

220

Wasserweg  (MI)

—

Wadi  Haifa—Berber

380

Bahn

1898

Berber—Chartum

180

„

1899

Chartum—Faschoda

450

Wasserweg  (Nil)

—

Jaschoda—Redjaf

550

tt  tt

im  Bau

Redjaf—Dufilo

100

Bahn

Dufilö—Albert-See  (Südende)

200

Wasserweg
(Nil  nnd  Albert-See)

Albcrt-Sce—Kiwu-See  (Nordende)

220

Bahn

geplant

Kiwu-See
Kiwu-See—ltsambara  (Nordende  des  Tangan-60



Wasserweg

jika-Sees)

90

Bahn

geplant

Tanganjika-See
Kitnta  (Südende  des  Tanqanjika-Sees)—Broken

400

Wasserweg

Hill

450

Bahn

im  Bau

Broken  Hill—Kalomo

281

1906

Kalomo—Viktoriafälle

93

1905

Biktoriasälle—Buluwano

275

1904

Buluwayo—Mafeking

490

1897

Mafeking—Vrybnrg

96

1894

Bryburg—Kimberley

126

1890

Kimberley—Kapstadt

648

1885

Besondere  Erwähnung  verdient  ein  Seitenzweig  der  Kap—Kairo-Bahn,  den  die  Engländer ­
  von  Broken  Hill  in  Rhodesia  nordwärts  in  die  wegen  ihrer  ungeheuren  Mineralschätze ­
  berühmte  Landschaft  Katanga  im  belgischen  Kongostaat  gebaut  haben.  Dieser
        <pb n="924" />
        959f

Dic  großen  Hauptlinien  des  Weltverkehrs  zu  Lande.

Kataugazweig  der  Kap—Kairo-Bahn  ist  am  12.  Dezember  1909  dem  Betrieb  übergeben
worden.  Es  sieht  neuerdings  so  aus,  als  ob  dieser  ursprüngliche  Seitcnzweig  sich  allmählich ­
  zur  Hauptstrecke  der  Kap—Kairo-Linie  auswachsen  wird,  indem  durch  weitere  vorhandene ­
  und  geplante  Bahnlinien  im  Kongostaat  schließlich  durch  Katanga  hindurch,  unter
Umgehung  des  Tanganjika  und  über  den  Kongo  hinweg  zum  Nil,  das  Nord-  und  das
Südstück  der  Kap—Kairo-Bahn  bogenförmig  miteinander  verbunden  werden.  Außerdem  aber
wendet  sich  ein  weiterer  Zweig  von  Katanga  nach  Westen  und  lvird  in  wenigen  Jahren  mit
einer  andren  britischen  Bahn  zusammenwachsen,  die  vom  Hafen  Benguella  in  Portugiesisch-Westafrika
  ziemlich  genau  ostwärts  ebenfalls  auf  Katanga  fortschreitet.  Ta  die  Kap—Kairo-Bahn
  von  Bnluwayo  aus  auch  nach  Osten  Anschluß  ans  Meer,  an  den  wichtigen  Hafen  Beira
in  Mozambique,  hat,  so  wird  dann  eine  (späterhin  noch  abzukürzende)  ost-westliche  Überlandbahn ­
  durch  Afrika  zlvischen  Beira  und  Benguella  zustande  kommen.
Solche  afrikanische  Ost-West-Bahnen  werden  sich,  im  Zusammenhang  mit  der  fortschreitenden ­
  Erschließung  der  einzelnen  Kolonialländer,  noch  an  verschiedenen  Stellen
ganz  von  selbst  ergeben.  So  ist  neuerdings  die  Möglichkeit  einer  künftigen  Überlandlinie
Benguella—Daressalam  oder,  im  Anschluß  an  die  1911er  Kongopolitik  des  Teutschen
Reiches  und  unter  Einbeziehung  der  Kongo-Wasserstraße,  von  einer  (zunächst  noch  stark
phantastisch  anmutenden)  deutschen  Überlandlinie  Dnala  —  Daressalam  die  Rede  gewesen. ­
  Und  andrerseits  ertönt  auch  von  Jahr  zu  Jahr  lebhafter  der  Ruf  nach  einem
Anschluß  der  deutschen  Bahnen  an  das  Bahnnetz  Britisch-Südafrikas,  dessen  Herstellung
aber  &amp;gt;vohl  erst  in  Jahrzehnten  erreicht  werden  lvird,  aller  Voraussicht  nach  unter  Benutzung ­
  der  heutigen  Otavibahn  auf  dem  Wege  Swakopmnnd—Caprivizipfel—Viktoriafälle—Bulu ­
  tu  a  l)o—Beira.
Auch  in  Australien  plant  man  energisch  die  Schaffung  von  transkontinentalen  Überlandbahnen, ­
  die  dort  von  besonderer  Bedeutung  sein  würden,  weil  die  wichtigsten  Städte
des  Erdteils  bekanntlich  gerade  im  Südosten,  also  in  den  von  den  Hauptstraßen  des  Weltverkehrs ­
  entferntesten  Teilen  liegen.  Es  handelt  sich  dort  vornehmlich  um  eine  ziemlich
in  der  Mitte  verlaufenden  Nord-Süd-Bahn  zwischen  Port  Darwin  und  Adelaide
und  eine  Ost-West-Bahn  zwischen  Perth  und  Sydney,  die  beide  ungefähr  gleich
wichtig  sein  würden.  —  Tie  erstere  würde  die  im  Norden  vorhandene,  320  km  lange  Bahn
Port  Darwin—Pine  Creek  und  die  im  Süden  befindliche,  1088  km  lange  Bahn  Adelaide—
Oodnadatta  miteinander  verbinden;  zu  diesem  Zwecke  müßten  1711  km  Bahnlinie  durch
großenleits  univirtliches,  menschenarmes,  z.  T.  vollkommen  wüstenartiges  Land  neu  gebaut ­
  werden.  Die  Nord-Süd-Bahn  würde  in  wirtschaftlicher  und  in  strategischer  Hinsicht
für  Australien  von  großer  Bedeutung  sein.  Noch  wichtiger  aber  wäre  sie  für  den  internationalen ­
  Reiseverkehr.  Von  Colombo  ans  Ceylon  bis  Sydney  dauert  gegenwärtig  die
Reise  im  günstigsten  Falle  18,  oft  20—22  Tage.  Künftig  würde  die  Fahrtdaner  sich  auf
15  Tage  verkürzen  lassen,  indem  dic  Reise  von  Colombo  über  Singapore  nach  Port  Darwin
10  Tage,  die  Eisenbahnfahrt  von  Port  Darwin  bis  Adelaide  3  und  von  Adelaide  bis
Sydney  2  Tage  beanspruchen  wird.  Noch  beträchtlicher  wird  die  Zeitersparnis  für  den
wichtigen  Reiseverkehr  zwischen  den  südaustralischen  Hauptstädten  und  Hinterindien,  China
und  Japan  sein.  Von  Adelaide  nach  Ostasien  tviid  man  künftig  12  Tage  schneller  als
gegenwärtig  gelangen  können.  Fährt  man  also  mit  der  Bahn  von  Europa  nach  Talni,
von  dort  zu  Schiff  nach  Port  Darwin  und  schließlich  mit  der  australischen  Nord-Süd-Bahn
nach  Adelaide,  so  ließe  sich  die  Reisedauer,  die  gegenwärtig  von  London  durch  den  Suezkanal ­
  nach  Adelaide  42—43  Tage,  nach  Melbourne  46—47  und  nach  Sydney  49—50
Tage  beträgt,  auf  29  —  32  Tage  abkürzen.
Auch  dic  australische  West-Ost-Transkontinentalbahn  würde  in  erster  Linie  für
Australiens  Wirtschaftsleben  selbst  von  Bedeutung  sein,  daneben  aber  auch  für  den  internationalen ­
  Reiseverkehr,  denn  die  durch  sie  ermöglichte  Vermeidung  der  Schiffahrt  parallel
der  Südküste  Australiens  wird,  wegen  der  oftmals  recht  unruhigen  Beschaffenheit  der  dortigen
Meeresteile,  vielfach  freudig  begrüßt  werden.  Tie  Fahrt  auf  der  nahezu  3000  km  langen
Bahn  würde  freilich  nicht  nur  verhältnismäßig  kostspielig  sondern  auch  etwas  unbequem
        <pb n="925" />
        Afrikanische  Ost-West-Bahnen.  Australien.  Überlandbahn  nach  Indien.  959g
sein,  denn  wiederholt  wechselt  die  Spurweite  und  macht  ein  Umsteigen  der  Personen  und
ein  Umladen  der"  Güter  erforderlich.
Nur  der  Vollständigkeit  halber  kurz  erwähnt  seien  zwei  australische  Überlandbahnprojekte, ­
  die  Sydney  und  Brisbane  lebhaft  befürworten,  während  die  anderen  australischen
Hauptstädte  sie  als  schädlich  ablehnen:  nämlich  Sydney  —  Pt.  Darwin  und  Sydney—
Derby.
Tic  wichtigsten  Überlandbahnpläne  knüpfen  aber  doch  wieder  an  den  größten  Erdteil ­
  an,  an  Asien,  und  erstrecken  sich  auf  eine  Zugänglichmachung  Indiens  und  des  Persischen ­
  Golfes  mit  Hilfe  des  Schienenweges.
Eine  direkte  Überlandbahn  Europa—Indien  konnte  schon  seit  30  und  mehr  Jahren ­
  bestehen,  wenn  nicht  politische  Momente  ein  bisher  unwiderrufliches  Veto  eingelegt
hätten.  Tie  russischen  Bahnen  in  Transkaspien  haben  bereits  1885  Merw  und  1898
Kuscht  an  der  nordafghanischen  Grenze  erreicht,  anderseits  sind  die  indo-britischen  Bahnen
im  Süden  gleichfalls  schon  bis  nach  New  Chaman  in  unmittelbarer  Nähe  der  afghanischen
Grenze  vorgedrungen.  Das  Grenzgebirge  Chodscha  Amrum  ist  von  den  Engländern  durch
einen  Tunnel  durchbrochen  worden,  der  es  ihnen  ermöglichen  würde,  mit  großer  Schnelligkeit ­
  die  Bahn  über  New  Chaman  bis  nach  dem  nicht  mehr  fernen  Kandahar  zu  verlängern,
von  wo  die  Weiterführung  nordwärts  über  Herat  nach  Kuschk  technisch  keine  allzu  hohen
Anforderungen  mehr  stellen  würde.  Aber  die  russischen  wie  die  britischen  Bahnen  sind
gezwungen,  an  der  afghanischen  Grenze  haltzumachen,  nicht  aus  Respekt  vor  der  Unabhängigkeit ­
  Afghanistans  und  dem  Wunsche  seines  Emirs,  sein  Land  eisenbahnrein  zu
erhalten,  sondern  lediglich  aus  dem  Bewußtseiu  der  beiden  europäischen  Nationen  heraus,
daß  jedes  politische  Vordringen  der  einen  oder  anderen  über  die  Grenzen  des  ohnehin
nur  schmalen  Pufferstaates  Afghanistan  unter  Umständen  einen  kriegerischen  Zusammenstoß ­
  von  unabsehbaren  Folgen  zwischen  der  größten  Seemacht  und  der  ausgedehntesten
Landmacht  Europas  nach  sich  ziehen  könnte.  In  diesem  Bewußtsein  stehen  England  und
Rußland  seit  nahezu  einem  Vierteljahrhundert  längs  der  afghanischen  Grenze  gegenüber.
Und  unter  diesem  Zustand  leiden  die  friedlichen  Bedürfnisse  der  Kulturvölker,  ihr  Handclsund
  Verkehrsleben  aufs  schwerste.  Wäre  nämlich  nicht  die  gegenseitige  Eifersucht  Englands
und  Rußlands  und  die  englische  Befürchtung  vor  der  russischen  Invasion  in  Indien  ein
unüberwindliches  Hindernis,  so  wäre  zweifellos  ein  Uberlandverkehr  zwischen  Europa  und
Indien  durch  Afghanistan  hindurch  scholl  seit  langer  Zeit  geschaffen  worden,  und  die  Welt
wäre  um  eines  der  wertvollsten  Verkehrsmittel  reicher:  von  London  würde  man  dann  in
neun  Tagen  nach  Bombay,  in  zehn  nach  Kalkutta  gelangen  können.
Ta  die  indische  Bahn  durch  Afghanistan  hindurch  in  absehbarer  Zeit  keinesfalls  zustande ­
  kommen  wird,  obwohl  das  fehlende  Stück  von  650  Irrn  im  Verhältnis  zur  Gesamtstrecke
  nur  so  groß  ist,  als  ob  etwa  auf  der  Berlin-Wiener  Bahn  die  kleine  Linie  Dresden—
Aussig  fehlen  würde,  so  wurde  in  den  letzten  Jahren  mit  wachsender  Häufigkeit  der  Gedanke ­
  einer  transpersischen  Bahn  nach  Indien  erörtert,  welche  den  kaukasischen  Bahnen
Rußlands  eine  Verlängerung  in  der  Diagonale  durch  Persien  und  Belutschistan  nach  Indien
gewähren  soll.  Rußland  und  England  haben  über  diese  Bahn  verhandelt,  verschiedene
große  Banken  haben  über  die  Finanzierung  beraten,  allgemein  begegnet  der  Gedanke,  dessen
Verwirklichung  eine  neue,  beträchtliche  Verkürzung  der  Entfernungen  auf  Erden  herbeiführen ­
  würde,  größter  Sympathie  —  und  dennoch  darf  man  es  als  rundweg  ausgeschlossen
betrachten,  daß  er  in  absehbarer  Zeit  verwirklicht  werden  wird,  einmal  deshalb,  weil  die
Bahn  zum  größten  Teil  durch  wirtschaftlich  ziemlich  wertloses  Gebiet  laufen  müßte,  vor
allem  aber  deshalb,  weil  die  Wünsche  der  Russen  und  der  Engländer  über  den  indischen
Endpunkt  der  Bahn  in  einem  derartig  schroffen  Gegensatz  zueinander  stehen,  daß  eine
Einigung  ganz  unmöglich  zu  sein  scheint.  Die  Russen  habe»  nämlich  nur  dann  Interesse
an  der  Bahn,  wenn  diese  ihnen  eine  strategische  Bedrohung  Indiens  ermöglicht;  für  die
Engländer  jedoch  ist  der  ganze  Plan  nur  diskussionsfähig,  wenn  eine  solche  strategische
Bedrohung  ihres  indischen  Besitzes  unter  allen  Umständen  ausgeschaltet  ist.  Demgemäß
wird  Rußland  das  umstrittene  Projekt  nur  verfolgen,  wenn  Schikarpur  oder  ein  andrer
        <pb n="926" />
        959  h

Die  großen  Hauptlinien  des  Weltverkehrs  zn  Lande.

im  Binnenland  gelegener  Ort  an  der  indischen  Grenze  als  Endpunkt  bestimmt  wird,  England
und  Indien  hingegen  werden  keinen  Bahnban  genehmigen,  der  nicht  in  Kurratschi
an  der  Küste  endet  und  dessen  letzte  paar  hundert  Kilometer  nicht  gehorsam  an  der  Küste,
im  Herrschaftsbereich  der  britischen  Kanonen,  verlaufen.  Dieser  unüberbrückbare  Gegensatz ­
  in  der  Auffassung  der  beiden  Großmächte  ist  bei  den  Vorverhandlungen  sorgfältig  verschleiert ­
  worden.  An  ihm  wird  aber  unweigerlich  das  schöne  Projekt  der  transpersischen
Bahn  nach  Indien  scheitern  müssen.
Ta  auch  die  transafghanische  Bahn  noch  auf  unabsehbare  Zeit  aus  demselben  politischen ­
  Grunde  ausgeschlossen  ist,  so  würde  der  Gedanke,  eine  Überlandbahn  nach  Indien  zu
schaffen,  ein  Gedanke,  dessen  Verwirklichung  für  das  Verkehrsleben  von  ganz  Europa  von
einschneidendster  Bedeutung  sein  würde,  völlig  hoffnungslos  sein,  wenn  sich  nicht  die  Möglichkeit ­
  ergeben  würde,  daß  dereinst  die  Bagdadbahn  nach  ihrer  Fertigstellung  der  Verwirklichung ­
  des  großartigen  Planes  dienen  könnte,  ohne  daß  politische  Bedenken  irgendwelcher
Art  sich  dem  entgegenstellen.  Um  diese  Behauptung  zn  begründen,  bedarf  es  zunächst  einer
Betrachtung  des  Bagdadbahnplanes  selbst,  eines  Bahnunternehmens,  das  mehr  als
jedes  andere  außereuropäische  in  den  letzten  Jahren  immer  wieder  die  öffentliche  Aufmerksamkeit ­
  des  deutschen  Volkes  in  nachhaltigster  Weise  beschäftigt  hat.
Nachdem  verschiedene  englische  Projekte  vorausgegangen  waren,  entweder  von  der
syrischen  Küste  des  Mittelmcers  oder  gar  von  der  Nilmünduug  her  eine  Überlandbahn
zum  Persischen  Golf  ins  Dasein  zu  rufen,  kam  durch  die  persönlichen  Bemühungen  des
verstorbenen  genialen  Georg  v.  Siemens  am  23.  Dezember  1899  ein  Vertrag  mit  der
türkischen  Regierung  zustande,  wonach  deutsche  Unternehmer  bzw.  die  vorwiegend  von  deutschem ­
  Kapital  finanzierte  „Anatolische  Eisenbahngcscllschaft",  unterstützt  durch  türkische  Zinsgarantien,
  den  vorhandenen  Torso  der  kleinasiatischen  Bahnen  fortführen  und  bis  an  die
Euphratmündung  verlängern  sollten.  Man  durfte  nun  hoffen,  daß  in  wenigen  Jahren  das
alte,  großartige  Problem  einer  Eisenbahnerschließung  des  Zweistromlandes  Tatsache  sein
werde,  und  so  ist  denn  auch  oben,  auf  S.  45,  die  baldige  Fertigstellung  der  Bahn  nach
Bagdad  als  sicher  angegeben  worden.  Tatsächlich  ist  die  Bagdadbahn  aber  auch  heute  noch
nicht  über  die  ersten  Anfänge  hinausgediehen,  und  es  wird  noch  manches  Jahr  ins  Land
gehen,  bevor  der  Schienenweg  die  alte  Kalifenstadt  dem  modernen  Weltverkehr  erschlossen
haben  wird.
Das  so  viel  diskutierte  und  mit  so  hohen  Erwartungen  begrüßte  Unternehmen  der
Bagdadbahn  hat  unerwartet  geringfügige  Fortschritte  gemacht;  auch  hier  hinderten  nämlich ­
  politische  Erwägungen  ein  gedeihliches  Vorwärtsschreiten  des  großartigen  Gedankens
lange  Jahre  hindurch  mit  solchem  Erfolg,  daß  bis  1908  von  der  gesamten,  2220  hin
langen  Bagdadbahn  nur  200  Irin  neu  fertiggestellt  wurden,  vom  alten  Endpunkt  der  Anatolischen
  Bahn  Koma  bis  nach  Bulgurlu,  am  Fuße  des  zilizischen  Taurus.  Es  bedurfte
langwieriger  Verhandlungen  und  eines  ungewöhnlichen  Geschicks,  um  auch  hier  dem  Weiterbau ­
  alle  Hindernisse  ans  dem  Wege  zu  räumen.  Endlich  wurde  durch  Vertrag  voin  2.  Juni
1908  der  Weiterbau  über  Bulgurlu  zunächst  bis  zum  Torfe  El  Helif  im  nördlichen  Mesopotamien ­
  sichergestellt.
Im  Frühjahr  1909  begann  denn  auch  der  Weiterbau  über  Bulgurlu  hinaus.  Er
gedieh  freilich  nur  sehr  langsam  vorwärts,  denn  die  Strecke  über  den  zilizischen  Taurus
hinweg  und  der  steile  Abstieg  in  die  Ebene  von  Adana  boten  große  technische  Schwierigkeiten ­
  dar.  Zwei  Jahre  später,  am  1.  Juli  1911,  wurde  der  Betrieb  erst  bis  Ulukischla
im  Taurus,  37  hm  jenseits  von  Bulgurlu,  aufgenommen,  und  am  27.  April  1912  folgte
ein  weiteres,  140  hm  langes  Teilstück  in  der  zilizischen  Ebene  Torak—Adana—Deirmen
Odjak.  Es  steht  jetzt  endgültig  fest,  daß  die  Bahn  als  deutsches  Unternehmen  mindestens
bis  Bagdad  und  dann  weiter  unter  britischer  Kontrolle  zum  Persischen  Golf  gebaut  werden
wird.  Ter  Winter  1910/11,  der  erst  die  Potsdamer  Zusammenkunft  zwischen  Kaiser
Wilhelm  II.  und  dem  Zaren  und  mit  ihr  die  Aufgabe  des  russischen  Widerstands  gegen
die  deutsche  Bagdadbahn  brachte  und  der  dann  am  21.  März  1911  den  Vertrag  über
den  Weiterbau  der  Bahn  bis  Bagdad  in  Konstantinopcl  unterzeichnen  sah,  hat  das  lang ­
        <pb n="927" />
        Die  Bagdadbahn.  959i

wierige  Intrigenspiel  um  die  deutsche  Bagdad-Linie  im  wesentlichen  zu  einem  für  Deutschland ­
  erfreulichen  und  ehrenvollen  Ausgang  gedeihen  lassen.
Die  Weiterführung  der  Bahn  über  El  Helif  nach  Mossul  und  dann  tigrisabwärts
bis  Bagdad  als  deutsches  Unternehmen  ist  danach  sichergestellt.  Es  wurde  außerdem
beschlossen,  von  der  Station  Osmanije  eine  Zweigbahn  z»  dem  bedeutenden  Hafen  Alexandrette
  zu  bauen.  Man  gewann  damit  neben  dem  strategischen  Vorteil  der  Hinterlandführung
  einen  Anschluß  an  den  wichtigsten  der  in  Betracht  kommenden  Mittelmeerhäfen.
Diese  Lösung  des  schwierigen  Problems  der  künftigen  Führung  der  Bahn,  die  sich  nunmehr ­
  anschickt,  aus  den  schwierigen  kleinasiatischen  Gebirgen  ins  nördliche  Syrien  und

847.  Der  endgültige  Verlauf  der  Künftige»  Sagdadbayn.
bald  in  die  weite,  bequeme  mesopotamische  Ebene  einzudringen,  darf  entschieden  als
glücklich  bezeichnet  werden.  An  der  Erreichung  von  Bagdad  durch  die  deutsche  Bahn
kann  somit  kaum  noch  ein  Zweifel  obwalten,  und  in  einigen  Jahren  dürfte  somit  das
ivesentlichste  Ziel  des  großartigsten  und  Weitestschauenden  Betätigungsgebietes  deutschüberseeischer
  Verkehrspolitik  erreicht  sein.
Die  Fortführung  der  Bagdadbahn  über  Bagdad  hinaus  bis  an  den  Persischen  Golf,
die  ursprünglich  gleichfalls  den  Deutschen  konzessioniert  war,  die  aber  für  die  Engländer
einen  besonders  empfindlichen  Stein  des  Anstoßes  bildete,  wird  freilich  nicht  als  deutsches
Unternehmen  erfolgen,  sondern  als  überwiegend  britisches.  Um  den  Vertrag  vom  21.  Mürz  1911
überhaupt  möglich  zu  machen,  mußten  die  Teutschen  auf  diesen  Teil  der  Konzession  verzichten,
und  England,  das  im  Zweistromland  nur  ein  noch  dem  Namen  nach  türkisches,  in  Wahrheit
britisches  Gebiet  zu  sehen  gewohnt  ist,  ist  drauf  und  dran,  sich  eine  Konzession  für  eine
von  Bagdad  nach  Basra  oder  Kuweit  laufende  Bahn  geben  zu  lassen,  welche  die  durch  Sir
William  Willeocks  in  Angriff  genommenen  Bewässerungsgebiete  im  unteren  Zwcistromland
        <pb n="928" />
        959  k

Kleinere  neue  Bahnbauten  von  Bedeutung.

/

durchschneiden  soll.  —  Die  südliche  Verlängerung  über  Bagdad  ist  für  das  deutsche  Unternehmerinteresse
  verloren  gegangen.  Doch  ist  auch  ohnedies  mit  dem  Vertrag  vom  21.  März  1911  schon
viel  erreicht  worden.
Die  weitaus  wichtigste  Aufgabe  der  Bagdadbahn  besteht  bekanntlich  in  der  Wiederbelebung ­
  der  alten  Kulturländer  Kleinasiens,  Mesopotamiens  und  Babyloniens,  die  nur
der  geduldigen  Arbeit,  der  Bewässerung  und  —  der  Eisenbahn  harren,  um  die  Welt  aufs
neue  mit  reichen  Bodenschätzen  mannigfacher  Art  zu  versorgen.  Ähnlich  wie  bei  der
Sibirischen  Bahn,  wird  auch  im  Betriebe  der  fertigen  Bagdadbahn  der  Überlandverkehr
von  Meer  zu  Meer  für  die  Personenbeförderung  von  ungleich  größerer  Bedeutung  sein
als  für  den  Gütertransport,  der  die  hohen  Beförderungskosten  der  Eisenbahn  nur  ganz
ausnahmsweise  würde  vertragen  können.  Um  so  wichtiger  wird  aber  die  Bagdadbahn  in
volkswirtschaftlicher  Beziehung  wieder  für  die  Ein-  und  Ausfuhr  der  von  der  Bahn  durchzogenen ­
  Länder  sein.
Von  höchster  Bedeutung  wird  dereinst  auch  der  Anschluß  der  Bagdadbahn  an  das
in  Persien  neu  entstehende  russische  Bahnnetz  sein,  der  ebenfalls  seit  der  Potsdamer  Zarenznsammenkunft
  vom  Herbst  1910  als  gesichert  gelten  kann.  Es  ist  für  die  deutsche  Bagdadbahn ­
  nach  ihrer  Fertigstellung  eine  Abzweigung  von  Bagdad  nach  Chanikin  an  der  persischen ­
  Grenze  in  Aussicht  genommen.  Nach  der  Entstehung  eines  Eisenbahnnetzes  in  Persien
wird  sich  dann  ganz  von  selbst  dereinst  ein  Anschluß  von  Bagdad  an  die  persischen  Bahnen
ergeben.  Damit  aber  eröffnet  sich  gleichzeitig  die  Aussicht  auf  einen  Ausbau  der  Bagdadbahn ­
  zu  einem  Überlandwege  vom  Bosporus  bis  Indien.
Diese  durch  Kleinasien,  Mesopotamien  und  Persien  laufende  indische  Überlandbahn
würde  sogar  erheblich  kürzer  sein  als  die  transpersische  oder  die  transafghanische;  auch
würde  für  sie  die  Frage  nicht  brennend  sein,  ob  ihr  letztes  Stück  vor  dem  Übertritt  nach
Indien  an  der  Küste  oder  im  Binnenland  verläuft,  denn  für  die  Deutschen,  die  Türken
und  Perser  hat  die  genannte  Bahn  nur  friedliche,  keine  strategische  Bedeutung,  und  sie
haben  daher  keine  Veranlassung,  sich  der  von  England  zum  Schutz  gegen  russische  Jnvasionsgelüste
  aufgestellten  Forderung  der  Küstenführnng  zwischen  Bender  Abbas  und
Kurratschi  zu  widersetzen.  —  Demnach  scheinen  die  Aussichten,  daß  die  seit  Jahrzehnten
ersehnte  Überlandbahn  nach  Indien  dereinst  unter  Vermittlung  der  deutschen  Bagdadbahn
ins  Leben  treten  wird,  nicht  ungünstig  zu  sein,  günstiger  jedenfalls  als  die  jedes  andren
konkurrierenden  Planes.
2.  Kleinere  neue  Vahnbsuken  von  Bedeutung.
In  dem  vorliegenden  Absatz  über  die  neuen  Hanptlinien  des  Weltverkehrs  zu  Lande
mußte  unser  Erdteil  Europa  naturgemäß  fehlen,  da  hier  die  großen  Überlandlinien  seit
langem  bereits  bestehen.  Abkürzungen  und  Beschleunigungen  auf  bestehenden  Hauptstrecken
durch  Neubauten  sind  zwar  noch  an  manchen  Stellen  möglich,  insbesondere  dort,  wo  größere
Gebirgszüge  der  Verbindung  benachbarter  Landesteile  erhebliche  Schwierigkeiten  in  den
Weg  legen;  aber  im  übrigen  ist  Europa,  zum  wenigsten  in  seinen  wichtigsten  zentralen
und  westlichen  Teilen  im  allgemeinen  „eisenbahngesättigt",  so  daß  die  neu  entstehenden
Linien,  so  ivichtig  sie  im  allgemeinen  sein  mögen,  doch  im  wesentlichen  nur  mehr  lokale
Bedeutung  haben.  Während  die  oben  behandelten  außereuropäischen  Überlandlinien  in  der
Hauptsache  neue  Eilverbindungen  zwischen  Gebieten  schaffen,  die  bisher  gar  nicht  oder  nur
auf  langwierigen  und  unbequemen  Seereisen  miteinander  in  Menschen-  und  Güteraustausch
treten  können,  ist  der  europäische  Kontinent  in  fast  allen  seinen  wesentlichen  Teilen  seit
langem  durch  ein  Netz  von  Schienenwegen  überspannt,  und  die  neu  auftauchenden  Bestrebungen ­
  sollen  im  wesentlichen  nur  verbessern,  nicht  neu  schaffen.
Nur  zwei  Länder  Europas  sind  bis  heute  noch  vollkommen  vom  übrigen  Bahnnetz
des  Erdteils  abgeschnitten  und  können  lediglich  auf  dem  Seewege  daran  Anschluß  finden.
Das  eine  ist  natürlich  das  Jnselreich  Großbritanien,  das  andere  ist  Griechenland.  —
Daß  England  und  mit  ihm  Schottland  und  Irland  noch  auf  eine  nicht  immer  angenehme
        <pb n="929" />
        England,  Kanalbrücke  oder  Kanaltunnel.  Griechenland.

9591.

Seereise  angewiesen  sind,  um  zu  dem  kontinentalen  Bahunctz  zu  gelangen,  ist  freilich  keine
unbedingte  Naturnotwendigkeit.  Die  englische  und  die  französische  Küste  kommen  einander
nahe  genug,  daß  eine  Schiffsverbindung,  die  ja  immer  wesentlich  langsamer,  unsicherer
und  umständlicher  als  eine  Bahnverbindung  ist,  nicht  als  unvermeidlich  bezeichnet  werden  kann.
Der  Ärmelkanal  mit  seiner  geringsten  Breite  von  33  Irin  und  seiner  Tiefe  von  nur  meist  unter
50  rn  würde  unsrer  Technik  keine  unbczwinglichcn  Aufgaben  stellen,  wenn  man  ernstlich  daran
ginge,  ihn  mit  einer  Brücke  zu  überspannen  oder  besser  zu  untertunneln.  Tatsächlich  ist  ja  auch  seit
mehr  als  50  Jahren  sowohl  das  Projekt  der  Kanalbrücke,  die  freilich  ungebührlich  teuer
werden  müßte,  wie  der  sehr  viel  billigere  und  durchaus  rentable  Plan  des  Kanaltunncls
immer  wieder  und  wieder  erörtert  worden,  aber  obwohl  speziell  der  Kanaltunnel  mehrfach ­
  dicht  vor  seiner  Verwirklichung  zu  stehen  schien,  ist  der  Gedanke  bis  heute  an  der  etwas
kindlich  anmutenden  Angst  der  Engländer  gescheitert,  daß  eine  solche  „feste  Verbindung"
zwischen  Dover  und  Calais  einen  feindlichen  Einfall  seitens  der  Franzosen  oder  gar  der
viel  mehr  gefürchteten  „clamned  Germans“  begünstigen  könnte!  Diese  törichte  Besorgnis ­
  des  „Dreadnought-Volkes"  hat  es  tatsächlich  bewirkt,  daß  noch  heut  die  Verbindung
zwischen  England  und  dem  Kontinent  in  bezug  auf  Schnelligkeit  nicht  entfernt  dem  ent-848.

  Projekt  einer  Brücke  über  den  Ärmelkanal.

spricht,  was  im  Zeitalter  des  zwanzigsten  Jahrhunderts  geleistet  werden  könnte.  Trotz  all  der
wunderbaren  Einrichtungen  auf  den  verschiedenen  Schiffsverbindungen  über  den  Kanal,  trotz
der  im  allgemeinen  sehr  großen  Pünktlichkeit,  mit  der  die  Fahrten  zurückgelegt  werden,
steht  der  Schnellverkehr  Englands  mit  dem  übrigen  Europa  durchaus  nicht  ganz  auf  der
Höhe  der  Zeit,  aber  es  ist  nicht  abzusehen,  wann  der  bestehende  Zustand  einmal  in  durchgreifender ­
  Weise  geändert  werden  wird.  Nur  allenfalls  mit  der  Einrichtung  eines  Trajektverkehrs ­
  über  den  Ärmelkanal  wird  man  vielleicht  in  absehbarer  Zeit  rechnen  können.
Daß  hingegen  Griechenlands  Eisenbahnnetz  bis  zu  unseren  Tagen  »och  keinen
Anschluß  an  die  übrigen  Schienenwege  gefunden  hat,  ist  eine  Wirkung  einer  ganzen  Reihe
von  störenden  Einflüssen,  unter  denen  die  Lässigkeit  der  benachbarten  Türkei  im  Ausbau
ihrer  Linien  und  strategische  Besorgnisse  die  wichtigste  Rolle  spielen.  Immerhin  ist  damit
zu  rechnen,  daß  in  einigen  Jahren  ein  solcher  Bahnanschluß,  vielleicht  sogar  schließlich  an
mehreren  Stellen,  zustande  kommen  wird.
Ein  drittes  europäisches  Reich,  das  durch  seine  geographische  Lage  vom  Bahnanschluß
an  die  großen  Verkehrslinien  Mitteleuropas  fast  noch  gründlicher  abgeschnitten  ist  als  England, ­
  hat  sich  dennoch  unter  den  obwaltenden  Umständen  eine  Bahnverbindung  mit  Mittelund ­
  Westeuropa  geschaffen,  die  unter  den  obivaltenden  Umständen  als  vollwertig  bezeichnet  werden ­
  muß,  nämlich  Skandinavien  und  mit  ihm  die  dänischen  Inseln,  also  der  wichtigste
Teil  Dänemarks.  Daß  Skandinavien  im  Norden  mit  dem  übrigen  Europa  zusammenhängt,
ist  natürlich  verkehrsgeographisch  ohne  Bedeutung,  ganz  abgesehen  davon,  daß  ein
        <pb n="930" />
        95  9  m

Kleinere  neue  Bahnbauten  von  Bedeutung.
unmittelbarer  Anschluß  zwischen  den  schwedischen  und  finnischen  Bahnen  noch  nicht  existiert.
Für  das  Verkehrsleben  ist  Skandinavien  nicht  eine  Halbinsel,  sondern  eine  Insel,  und
sogar  eine  solche,  die  durch  ein  breiteres  Meer  als  England  vom  Festland  getrennt  ist.
Dennoch  ist  durch  einen  großartigen  Trajektverkehr  die  Lücke  ausgeschaltet,  und  die  Eisenbahnzüge ­
  können  zwischen  den  skandinavischen  Reichen  und  Mitteleuropa  verkehren,  als
sei  kein  trennendes  Meer  vorhanden.
Das  erste  Trajekt  wurde  am  1.  Oktober  1903  zwischen  Warnemünde  und
Gjcdser  ins  Leben  gerufen  und  schafft  in  zwei  Stunden  die  ganzen  Eisenbahnzüge  von
Mecklenburg  zur  Insel  Laaland  und  umgekehrt,  so  daß  man  etwa  zwischen  Berlin  und
Kopenhagen  in  zlvöls  Stunden  hin-  und  Herreisen  kann,  ohne  den  Eisenbahnwagen  zu  verlassen. ­
  Ein  zweites,  noch  größeres  Trajekt  verkehrt  seit  dem  6.  Juli  1909  zwischen  Saßnitz ­
  und  Trelleborg  und  ermöglicht  somit  auch  eine  ununterbrochene  Reise  im  Eisenbahnwagen ­
  zwischen  Berlin  und  Stockholm.  —  Dennoch  wird  auch  damit  vielleicht  noch
nicht  der  schnellstmögliche  Verkehr  erzielt  sein,  denn  die  Seefahrt,  die  so  viel  langsamer
vor  sich  geht  als  die  Eisenbahnfahrt,  ist  immerhin  nicht  völlig  ausgeschaltet,  und  neuerdings
wird  daher  immer  häufiger  ein  Projekt  erörtert,  eine  über  Fehmarn,  Laaland  und  Seeland  verlaufende ­
  „feste  Verbindung"  zwischen  Mitteleuropa  und  Skandinavien  in  der  Weise  zu  schaffen,

849.  Fährschiff  des  Trafekts  Warnemünde—Gfevser  mit  der  Fährantage  in  Warnemünde.

daß  die  nicht  tiefen  und  nicht  sehr  breiten  Meeresarme  zwischen  jenen  Inseln  bzw.  den
Inseln  und  dem  Festland  untertunnelt  werden.  Doch  hat  die  Verwirklichung  dieses  an
sich  sehr  interessanten  und  aussichtsreichen  sogenannten  „Fehmarn-Projektes",  mindestens
aber  die  völlige  Ausschaltung  der  Seefahrt,  wohl  noch  gute  Weile.
Auch  nach  Osten  hin,  nach  Rußland,  hat  Skandinavien  seine  Verbindungen  ganz  erheblich ­
  verbessert.  Früher  ließen  diese,  insbesondere  im  Winter,  oft  sehr  zu  wünschen  übrig
und  waren  nicht  selten  für  längere  Zeit  völlig  unterbrochen.  Seit  dem  1.  Oktober  1911
besteht  zwischen  Stockholm  und  ^bo  jedoch  ein  viermal  wöchentlich  verkehrender  Schifsfahrtsdienst
  mit  anschließenden  Schnellzügen  zwischen  ^bo  und  Petersburg  über  Helsingfors,
der  auch  im  Winter  unter  allen  Umständen  aufrechterhalten  wird,  da  große  Eisbrecher
jederzeit  bereit  sind,  den  Schiffen  den  Weg  freizumachen.
Fast  ein  größeres  Hindernis  als  die  Meere  sind  heute  für  die  Abwickelung  eines  Schnellverkehrs ­
  die  Gebirge.  Freilich  haben  auch  diese  viel  von  ihrer  störenden  Wirkung  verloren,
seitdem  man  gelernt  hat,  immer  größere  Tunnels  zu  schaffen,  so  daß  man  heute  die  Überschreitung ­
  der  Pässe  durch  Bahnen  tunlichst  vermeidet  und  statt  ihrer  lieber  die  Züge  in
niedrigeren  Meereshöhen  in  Tunnels  durch  die  Gebirgsstvcke  treibt.  100  in  Steigung
bedeuten  für  eine  Eisenbahn  auch  unter  günstigsten  Umständen  ebensoviel  Zeit-  und  Kraftverlust ­
  wie  ein  Umweg  von  30  Uni  —  man  wird  also  eine  Bahn  heute  lieber  einen  Bogen
        <pb n="931" />
        Skandinavien.  Gebirgsbahnen.

95  9  n

Von  150  km  Mehrlänge  beschreiben  lassen,  wenn  man  ihre  Steigung  um  500  in  verringern ­
  kann.  Trotzdem  lassen  sich  die  Paßbahnen  nicht  überall  durch  Tunnelbohrungen
und  große  Umwege  der  Linien  vermeiden.  Zwar  die  berühmteste  und  bedeutendste  aller
europäischen  Paßbahnen,  die  Brennerbahn,  würde  man  heute  sicher  anders  bauen,  als  es  in
den  60er  Jahren  geschah;  ja  es  ist  noch  neuerdings  vorgeschlagen  worden,  durch  Anlage  eines
14  km  langen  Tunnels  zwischen  Gries  und  Gossensaß  die  Scheitelhöhe  der  Bahn  von
1370  auf  1160  m  herabzudrücken  und  somit  die  Fahrzeit  der  Brennerbahnen  etwa  um
eine  Stunde  zu  kürzen.  Dennoch  ist  auch  in  neuerer  Zeit  noch  eine  reine  Paßbahn  in  den
Alpen  entstanden,  die  Engadinbahn ­
  (Berninabahn),
die  zurzeit  dieweitaus  h  ö  chste
vollspurige  Bahn  von  Europa ­
  ist,  da  sie  sich  bis
2330rnMeereshöhe  erhebt.
Sie  ist  im  Jahre  1910  eröffnet ­
  worden.
Sonst  aber  ist  man
je  länger  je  mehr  darauf  bedacht, ­
  große  Tunnels  durch
dieGebirgezubohrcnundsomit
  die  natürlichen  Schranken ­
  immer  wirksamer  auszuschalten. ­
  Die  ersten  großen ­
  Tunnelbahnen  in  den
Alpen  waren  bekanntlich
die  Mont  Csnis-  und  Gotthardbahn
  (vgl.  S.  123  bis
127),  die  seitdem  17.  September ­
  1871  bzw.  seitdem
1.  Juni  1882  in  Betrieb
sind.  Sie  haben  neuerdings
einen  ebenbürtigen  Konkurrenten ­
  in  der  Simplonbahn
  gefunden,  die  das
Rhonetal  mit  Mailand  verbindet ­
  und  zwischen  Brig
und  Domodossola  im  größten ­
  Tunnel  der  Erde,  dem
19  803  m  langen  Simplontunnel,
  den  Stockder
Alpen  durchbricht.  Eine  weitere,  zurzeit  noch  nicht  fertiggestellte  Bahn  ist  die  Lötschbergbahn
  mit  dem  am  31.  März  1911  glücklich  beendeten,  14  536  m  langen  Lötschbergtnnnel.
Etwa  im  Jahre  1913  wird  die  Betriebsübergabe  erfolgen  und  damit  eine  bedeutsame,  neue
Verbindung  zwischen  Bern  bzw.  Jutcrlaken  und  dem  Rhonetal  bzw.  der  Simplonlinie
geschaffen  werden.
Weiter  seien  in  aller  Kürze  erwähnt  die  wegen  ihrer  hohen  landschaftlichen  Reize  und
ihrer  großartigen  technischen  Kunstwerke  gleich  bewundernswerte  Albulabahn  Thusis—
St.  Moritz  und  die  mit  ihr  verbundene  Rhätische  Bahn  (Abb.  850),  die  das  obere  Rheintal ­
  mit  dem  Engadin  und  den  berühmten  Schweizer  Weltknrortcn  seit  1904  verbinden,  sowie
die  Tauernbahn,  die  dem  Salzkammergut  und  Süddeutschland  in  verschiedenen  Teilbahnen
  einen  bequemen  Zugang  nach  Kärnten  und  Triest  schafft  und  deren  einzelne  Strecken
zwischen  1905  und  1908  dem  Verkehr  übergeben  wurden.  Ihr  Haupttnnnel  unter  den
Hohen  Tauern  ist  9600  m  lang  und  befindet  sich  zwischen  Bad  Gastein  und  Mallnitz.

850.  Der  Landwasser-Gradukt  der  Rhätlschen  Gähn.
        <pb n="932" />
        9Ö9o

Kleinere  neue  Bahnbauten  von  Bedeutung.

Unter  den.  übrigen  größeren  Gebirgen  Europas,  soweit  sie  zwei  Nachbarreiche  voneinander ­
  trennen,  erweisen  sich  viele,  trotz  verhältnismäßig  geringer  Höhe  und  Ausdehnung,
für  die  Abwickelung  des  Verkehrs  als  ein  größeres  Hindernis  denn  die  Alpen.  So  wird
vor  allein  Spanien  durch  die  Pyrenäen  noch  in  sehr  unangenehm  fühlbarer  Weise  am
Verkehr  mit  dem  übrigen  Europa  behindert,  obwohl  gerade  an  den  beiden  Enden  des
Gebirges  die  niedrigeren  Küstenstreifen  dem  Eisenbahnstrang  den  Durchgang  gestatten. ­
  Tie  eigentlichen  Pyrenäen  sind  jedoch  noch  nicht  überschient,  obwohl  schon  seit
vielen  Jahrzehnten  Projekte  hierfür  in  reichlicher  Fülle  auftauchten.  Zwischen  den  drei
Strecken  Olsron—Jaca,  St.Hirons—Lerida  und  Ar  les  Thermes—Ripoll  schwankt  die  Entscheidung, ­
  die  um  so  länger  ans  sich  warten  lassen  dürfte,  als  ernsthafte  strategische  Bedenken ­
  die  Spanier  veranlassen,  sich  mehr  als  lau  gegen  den  Plan  zn  verhalten  und  die
Fertigstellung  keineswegs  zu  beschleunigen.
Fast  genau  in  gleicher  Weise  wie  die  Pyrenäen  wirken  im  Verkehr  zwischen  Frankreich
und  Deutschland  die  Vogesen,  die  freilich  nur  einen  Teil  der  langgezogenen  Grenze  der
beiden  Nachbarreiche  bedecken.  Auch  die  Vogesen  sind  bisher  an  keiner  Stelle  von  der
Schiene  bezwungen  worden,  wobei  wieder  strategische  Bedenken  beider  Teile  das  Haupthindernis ­
  abgaben.  Projekte  für  eine  Trans-Vogesenbahn  sind  freilich  wieder  vorhanden
und  knüpfen  vor  allem  an  die  Strecke  Mülhausen—Alt-Münsterol—Belfort  an.
Das  sächsische  Erz-  und  Elbsandsteingebirge  samt  dem  Böhmerwald  würden
zwischen  Deutschland  und  Österreich  eine  ebenso  wirksame  Schranke,  wie  die  Vogesen,  errichtet
haben,  wenn  nicht  der  Durchbruch  der  Elbe  durchs  Elbsandsteingebirge  eine  breite  und  bequeme ­
  natürliche  Pforte  geöffnet  hätte,  die  demnach  auch  zn  den  verkehrsreichsten  Punkten  ganz
Deutschlands  gehört.  Außer  an  dieser  Stelle  läuft  keine  Bahn  durch  die  Gebirgsmanern,
die  Anspruch  auf  größere  Bedeutung  für  den  Weltverkehr  erheben  kann;  doch  wird  neuerdings
eine  Strecke  Chemnitz—Annabcrg—Wcipert—Karlsbad  mit  einem  Tunnel  durch  den  Keilberg, ­
  den  höchsten  Berg  des  Erzgebirges,  ernstlich  geplant.  —  Österreich-Ungarn  ist  auch
an  anderen  Stellen,  insbesondere  im  Süden,  durch  bergige  Länder  von  seinen  Nachbarreicheü
  geschieden.  Es  hätte  daher  noch  an  mancherlei  gebirgsdurchbrcchenden  Bahnen,
von  denen  hier  vor  allem  die  sogenannte  Tonan-Adriabahn  auf  der  einen  Seite,
die  Sands  chakb  ahn  Sarajevo—Novipazar—Mitrovitza  und  die  Roten  turmbahn  zwischen
Ungarn  und  Rumänien  im  Osten  genannt  sei,  ein  dringendes  Interesse,  an  dem  auch  die
verschiedenen  kleineren  Balkanstaaten  nachdrücklich  beteiligt  sind.  Ta  es  sich  hier  aber  durchweg ­
  um  noch  schwebende  Projekte  handelt,  sei  an  dieser  Stelle  nicht  weiter  darauf  eingegangen. ­

Rußland  ist  auf  europäischem  Boden  fast  nirgends  durch  größere  Gebirge  von  seinen
Nachbarstaaten  getrennt.  Nur  im  Süden  erhebt  sich,  nahe  der  türkisch-persischen  Grenze,
der  gewaltige  Kaukasus  und  bildet  zwischen  dem  Schwarzen  und  dem  Kaspischen  Meer
eine  fast  unbezwingliche  Mauer,  die,  wie  die  Pyrenäen,  bisher  eine  gänzliche  VerkehrSscheide
  sein  würde,  wenn  nicht  im  äußersten  Osten,  in  der  Gegend  von  Baku,  eine
Umgehung  möglich  gewesen  wäre.  Jetzt  ist  freilich  auch  eine  Transkaukasusbahn
anscheinend  endgültig  in  Aussicht  genommen,  die  Wladikawkas  und  Tiflis  in  ziemlich  gerader ­
  Linie  miteinander  verbinden  und  am  Col  d'Archote  in  einer  Meereshöhe  zwischen
1296  und  1350  in  in  einem  Riesentunnel  von  23 1 / 2  km  Säuge  das  Gebirge  durchbrechen
soll.  —  Im  übrigen  ist  Rußland,  trotz  der  vorwiegend  ebenen  und  für  Eisenbahnlinien
trefflich  geeigneten  Beschaffenheit  seiner  Grenzgebiete  in  Europa,  durch  weniger  Schienenstränge ­
  als  irgendeine  der  anderen  Großmächte  mit  seinen  Nachbarländern  verbunden.  Es
hat  eine  stark  ausgeprägte  und  für  viele  Fälle  ziemlich  unverständliche  Scheu  vor  guten
Bahnverbindungen  nach  dem  Ausland,  wobei  wieder  zumeist  strategische  Bedenken  die  verkehrshemmende ­
  Wirkung  Hervorrufen.  Hat  es  doch  nicht  zum  wenigsten  aus  militärischen
Rücksichten  seine  große  Spurweite  fl,624  m)  gewählt,  die  im  Kriegsfälle  feindlichen  Bahnen
einen  Übergang  auf  russisches  Gebiet  vereitelt,  die  aber  dafür  auch  im  Frieden,  zusammen
mit  den  sonstigen  berüchtigten  Zoll-  und  Paßschwicrigkeiten  der  Russen,  für  den  Verkehr
sehr  lästige  Verzögerungen  mit  sich  bringen.  Auch  die  Zahl  der  Grenzübcrgänge  der
        <pb n="933" />
        Gebirgsbahnen  in  Europa  und  Asien.  959  p
russischen  Eisenbahnen  entspricht  nicht  den  Anforderungen,  die  einer  Knlturmacht  im
20.  Jahrhundert  angemessen  sind.  Gibt  es  doch  z.  B.  nördlich  von  Eydtkuhnen-Wirballen
keinen  Bahnübergang  über  die  russische  Grenze!
Tie  beiden  skandinavischen  Reiche  Schweden  und  Norwegen  sind  voneinander,
&amp;gt;vie  bekannt,  ebenfalls  durch  ein  Tausende  von  Kilometern  langes  Grenzgebirge  wildester
Art  getrennt,  das  sich  bis  jetzt  gleichfalls  als  ein  äußerst  fühlbares  Verkehrshemmnis  erwiesen
hat  und  verbindende  Bahnen  an  den  meisten  Stellen  unmöglich  macht.  Norwegen  ist  für  seinen
Verkehr  überwiegend  noch  auf  den  Seeweg  angewiesen  und  würde  es  vollständig  sein,  wenn
nicht  im  Süden  an  der  Küste  die  Linie  Christiania—Gotenburg  eine  wichtige  Verbindung
geschaffen  hätte.  Tie  übrigen  wichtigsten  Städte  tut  südlichen  Norwegen,  vor  allem  Bergen
imb  Trontheim,  hatten  dagegen  bis  in  die  neuere  Zeit  keinen  Eisenbahnanschlnß  an  das
übrige  Europa,  und  erst  durch  die  1910  eröffnete  großartige  Bahn  zwischen  Christiania
und  Bergen  ist  diesem  Zustand  ein  Ende  gemacht  worden.  —  Außerdem  ist  aber  noch
an  einer  weiteren  Stelle,  hoch  im  Norden,  seit  einigen  Jahren  das  trennende  Gebirge
durch  eine  Bahn  überwunden  worden,  die  zu  den  eigenartigsten  und  landschaftlich  reizvollsten
von  ganz  Europa  gehört.  Es  ist  dies  die  sogenannte  Ofotenbahn,  die  nördlichste  Eisenbahn ­
  der  ganzen  Erde,  die  vom  schwedischen  Ostseehafen  Luleä  und  dem  berühmten  Erzbezirk ­
  von  Gellivare  seit  1907  nach  dem  hoch  jenseits  des  Polarkreises  gelegenen  norwegischen
Hafen  Narvik  läuft.  Der  ursprüngliche  Zweck  der  Bahn  war  die  leichtere  Heranführung
der  Erzschätze  Nordschwedens  ans  Weltmeer;  die  Linie  hat  sich  aber,  da  sie  mit  Stockholm
in  Verbindung  steht,  auch  als  ein  Anlockungsmittcl  ersten  Ranges  für  den  Touristenverkehr
erwiesen,  was  kein  Wunder  ist,  da  die  großartige  nordische  Gebirgsnatur  nirgends  leichter
zugänglich  ist.
In  Asien  sind  die  nächst  der  Transsibirischen  Linie  wichtigsten  Bahnen  zumeist  im
Osten  entstanden.  In  China  ist  die  sogenannte  Jangtse-Bahn  am  21.  Juni  1912  dem
Betrieb  übergeben  worden,  die  eine  Verbindung  zwischen  Peking  und  Schanghai  schafft.
Sie  läuft  von  Tientsin  über  Tsinanfu  zur  Mündung  des  Jangtsekiang  und  erhält  in  Tschinkiang
  durch  eine  bereits  bestehende  Bahn  Anschluß  nach  Schanghai  und  Nanking.  Ter  nördliche ­
  Teil  der  Jangtse-Bahn  ist  von  deutschen,  der  südliche  von  britischen  Unternehmern  im
Auftrag  der  chinesischen  Regierung  auf  Grund  eines  Vertrages  vom  13.  Januar  1908
gebaut  worden;  sie  ist  die  erste  Bahn,  die  den  Norden  und  den  Süden  Chinas  miteinander
verbindet.  In  Tsinanfu  erreicht  die  Jangtse-Bahn  das  bisher  blind  endende  Stück  der  von
der  deutschen  Schantung-Gesellschaft  hauptsächlich  für  bergbauliche  Zwecke  ins  Leben  gerufenen, ­
  am  16.  März  1904  dem  Betrieb  übergebenen  Schantung-Bahn,  die  ihren  Endpunkt ­
  am  Meer  im  deutschen  Tsingtau  am  Hafen  von  Kiautschou  finvet.  Durch  die  Jangtse-Bahn
  hat  demnach  Kiautschou  eine  Bahnverbindung  mit  Peking  und  weiterhin,  durch  die
Mandschurei,  mit  Sibirien  und  sogar  mit  Europa  erhalten.  —  Eine  weitere,  noch  wichtigere
Bahn,  die  den  Norden  und  den  Süden  Chinas  in  engere  Beziehung  zueinander  bringen
soll,  entsteht  zwischen  Peking  und  Kanton.  Es  ist  die  chinesische  Zentralbahn,  die  den
Hoangho  bei  Kaiföng,  den  Jangtsekiang  bei  Hankou  kreuzt.  Das  nördliche  Stück  bis  Hankou
  wurde  1897  einer  belgisch-französischen  Gruppe  konzessioniert  und  am  11.  Juni  1905
eröffnet;  das  südliche  Stück  Hankou-Kauton  hingegen  wurde  zwar  auch  schon  1898  eineramerikanischen
  Gesellschaft  konzessioniert,  ist  aber  infolge  sehr  unwürdiger  Intrigenspiele
der  einzelnen  auf  jeden  Nebenbuhler  eifersüchtigen  europäischen  Kulturnationen  bis  heute
noch  nicht  zustande  gekommen.  Nachdem  11  Jahre  vergangen  waren,  ohne  daß  das  Südstück ­
  der  Zentralbahn,  trotz  wiederholter  Konzessiouserteilungen,  richtig  in  Angriff  genommen
war,  einigten  sich  die  um  den  fetten  Bissen  zankenden  Natioueit  endlich  dahin,  daß  der
Ban  den  Engländern  übertragen  wurde,  während  die  übrigen  Nationen  anderweitig  entschädigt ­
  wurden,  darunter  die  Deutschen  mit  der  Konzession  für  eine  von  Hankou  in  die
Provinz  Szetschnan  führende  Bahn.  —  Tie  1911  ausgebrochene  chinesische  Revolution ­
  und  der  Sturz  der  Mandschu-Dynastie  haben  jedoch  aufs  neue  der  Eisenbahnerschließung
  Chinas  Hindernisse  in  den  Weg  gelegt.  —  Kurze  Erwähnung  verdient  noch
eine  von  den  Chinesen  selbst  von  Peking  über  den  Nankon-Paß  nach  Kalgan  gebaute
XI120b
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        Kleinere  neue  Bahnbauten  von  Bedeutung.

959  q

220  km  lange  Bahn,  die  am  2.  Oktober  1909  dem  Betrieb  übergeben  wurde.  Sie  dürfte
später,  wenn  der  etwas  primitive  chinesische  Bau  durch  eine  vollwertige,  modernen  Ansprüchen ­
  genügende  Anlage  erseht  ist,  ein  Teil  der  wichtigsten  künftigen  Transkontinentalbahn ­
  werden,  die  dereinst  die  europäischen  Kulturzentren  über  die  Westhälfte  der  sibirischen ­
  Bahn  und  eine  durch  die  Wüste  Gobi  neu  zu  schaffende  Bahn  binnen  9  —10  Tagen
mit  Peking  in  Verbindung  bringen  dürfte  (vgl.  S.  958).
In  Japan  ist  die  bedeutendste  neue  Bahn  die  am  1.  Mai  1911  eröffnete  Zentralbahn ­
  Tokio—Nagoia.  Außerdem  haben  die  Japaner  in  dem  ihnen  gehörigen  Korea  und
in  der  von  ihnen  wirtschaftlich  beherrschten  Südmandschurei  Schritte  getan,  um  eine
neue  Weltlinie  ins  Leben  zu  rufen  und  den  Überland-Schnellverkehr  zwischen  Japan  und
Europa  von  dem  bisher  dominierenden  Hafen  Wladiwostok  abzulenken  und  Fusan  in
Korea  zum  wichtigsten  Welthafen  im  nördlichen  Ostasien  zu  machen.  Diesem  Zweck  diente
vor  allem  der  großzügige  Umbau  der  Strecke  Antung—  Mulden,  die  seit  dem  3.  November ­
  1911  aus  einer  unbedeutenden  Schmalspurbahn  zu  einer  wichtigen,  dem  Schnellverkehr
dienenden  Normalspurstrecke  geworden  ist.
In  Mittelasien  war  das  bedeulendste  eisenbahntechnische  und  -politische  Ereignis
neuerer  Zeit  die  Eröffnung  der  Strecke  Orenburg—Taschkent  am  26.  Juli  1905.  Die
mittelasiatischen  Besitzungen  Rußlands,  die  bis  dahin  nur  durch  einen  umständlichen
Trajektverkehr  übers  Kaspische  Meer  (zwischen  Baku  und  Kraßnowodsk)  ans  europäische
Bahnnetz  angeschlossen  waren,  erlangten  damit  eine  schnelle  „trockene"  Verbindung  mit
den  russischen  Hauptstädten  und  mit  Mitteleuropa.  In  absehbarer  Zeit  wird  diese  Bahn  über
Taschkent  nordostwärts  durch  die  Kirgisensteppe  und  den  Altai  bis  an  die  Sibirische  Bahn
verlängert  werden,  wodurch  die  russischen  Absichten  auf  die  chinesische  Mongolei  eine
wesentliche  Förderung  erfahren  dürften.  —  Auf  die  mannigfachen  sonstigen,  z.  T.  für  den
Weltverkehr  sehr  wichtigen  ZukunftsProjekte  zur  Erweiterung  des  asiatischen  Eisenbahnnetzes ­
  kann  hier  aus  Platzmangel  nicht  weiter  eingegangen  werden.
Im  Südwesten  Asiens  ist  neben  der  fortschreitenden  Bagdadbahn  als  der  bedeutendste
nahezu  fertiggestellte  Bahnban  die  Mekkabahn  oder  Hedschasbahn  zu  betrachten,
welche  die  heiligen  Stätten  Arabiens,  Mekka  und  Medina,  den  mohammedanischen  Pilgern
leichter  erreichbar  machen  und  gleichzeitig  der  türkischen  Regierung  ein  gutes  strategisches
Mittel  darbieten  soll,  um  die  oft  unbotmäßigen  Stämme  in  Temen  und  auch  im  übrigen
Arabien  in  Schach  zu  halten.  Im  Frühjahr  1901  begann  der  Ban  vom  nördlichen  Anfangspunkt, ­
  Dimischk  (Damaskus),  aus,  der  wichtigsten  Stadt  des  heutigen  Syrien,  unter  Oberleitung ­
  des  Dresdener  Ingenieurs  Meißner-Pascha  und  des  türkischen  Marschalls  Kiassim-Pascha,
  der  die  zum  Bau  herangezogenen  Truppen  befehligte.  Die  ganze  Hedschasbahn
von  Damaskus  bis  Mekka  ist  1735  km  lang,  wozu  noch  161  km  der  Zweigbahn  Haifa—
Der'at  kommen.  Das  nördlichste  Stück  Damaskus—Der'at  (123  km)  wurde  am  1.  September ­
  1903,  eine  weitere  477  km  lange  Strecke  bis  zur  Oase  Müan  es  Sauan  am  1.  September ­
  1905  dem  Betriebe  übergeben,  während  die  genannte  Zweiglinie  Der'at—Haifa  am
15.  Oktober  1905  eröffnet  wurde.  Am  1.  September  1908  erfolgte  die  Betriebsübergabe
bis  Medina.  Das  letzte  Stück  Medina—Mekka  ist  1912  in  Angriff  genommen  worden.  Der
Bahnbau  ist  wohl  der  billigste  der  ganzen  Erde  gewesen,  einmal  weil  Soldaten  als  Arbeiter
beschäftigt  wurden,  dann  aber  auch  noch  ans  einem  anderen  Grunde.  Um  den  religiösen
Charakter  des  Bahnbaues  so  recht  zum  Bewußtsein  zu  bringen,  hatte  die  türkische  Regierung
verkündet,  daß  der  Schienenweg  zu  den  heiligen  Stätten  nach  Möglichkeit  von  freiwilligen
Spenden  der  Gläubigen  gebaut  werden  solle,  und  der  Erfolg  dieses  Aufrufes,  der  zunächst
vielfach  als  ein  Phantasina  belächelt  wurde,  war  der  denkbar  günstigste.  Aus  allen  Teilen  der
Welt,  wo  Mohammedaner  wohnten,  strömten  die  Gaben  zum  Gott  wohlgefälligen  Werke  zusammen, ­
  so  daß  der  fromme  Plan  verwirklicht  werden  konnte:  die  Mekkabahn  ist  tatsächlich  zu
einem  erheblichen  Teile  von  dem  freiwillig  beigesteuerten  Gelde  der  Gläubigen  erbaut  worden!
In  Amerika  sind  außer  den  obengenannten  Durchgangslinien  verhältnismäßig
wenig  Linien  von  größerer  Bedeutung  neu  entstanden.  In  den  Vereinigten  Staaten  und
        <pb n="935" />
        Asien.  Nord-  und  Südamerika.

959  r

in  Kanada  werden  die  Neubauten  großenteils  nach  Gesichtspunkten  ins  Leben  gerufen,  die
für  die  Allgemeinheit,  zumal  für  Europa,  sehr  wenig  Interesse  haben:  die  Bahnen  befinden
sich  dort  durchweg  im  Besitz  von  Privatgesellschaften,  die  sich  untereinander  oft  scharf
befehden  und  durch  neue  Bahnnnternehmungen  hier  und  da  einen  „Einbruch"  in  das
Interessengebiet  irgendeines  Konkurrenten  anstreben.  Kein  Wunder,  wenn  unter  solchen
Umständen  die  amerikanische  „Verkehrspolitik"  von  der  europäischen  grundverschieden  ist!
In  anderen  amerikanischen  Staaten  hingegen,  z.  B.  in  Mexiko,  Argentinien,  Brasilien  usw.,
sind  die  reichlich  entstehenden  neuen  Bahnen  überwiegend  von  lokaler  Bedeutung;  sie
erschließen  dem  Wirtschaftsleben  oftmals  neue,  z.  T.  wichtige  Gebiete,  aber  sie  haben  selten
für  die  Abwicklung  des  Weltverkehrs  merkliche  Bedeutung.
Ans  Nordamerika  seien  ihrer  Eigenart  wegen  zwei  neue  Bahnstrecken  besonders
hervorgehoben.  Tie  eine  ist  die  sonderbare,  mitten  durch  den  großen  Salzsee  verlaufende ­
  Bahn,  die  andre  die  Bahn  über  die  Florida  Keys,  die  neuerdings  als  Eisenbahn ­
  durchs  Meer  des  öfteren  besprochen  worden  ist.  Die  erstgenannte  hat  der  ältesten,
1869  entstandenen  nordamerikanischen  Pazisikbahn  eine  nicht  unwichtige  Abkürzung
geboten,  die  sich  für  den  Schnellverkehr  zwischen  New  Uork  und  San  Franzisco  bemerkbar
genug  macht.  Tie  Pazifikbahn  umging  den  großen  Salzsee,  der  sich  ihrer  gradlinigen
Verlängerung  entgegenstellte,  früher  im  Norden.  Nun  aber  faßte  man  den  Entschluß,  die
von  New  Pork  kommende  Bahn  genau  westwärts  über  den  See  hinwegzuleiten.  Trotz  der
sehr  beträchtlichen  Breite  des  gewaltigen  Sees  konnte  man  eine  solche  Idee  ins  Auge
fassen,  weil  das  Gewässer  fast  durchweg  nur  sehr  geringe  Tiefen,  meist  nur  1—2  m,  und
nur  ganz  vereinzelt  13  m  als  Maximaltiefe  aufweist,  und  weil  außerdem  auf  dem  infolge
seines  hohen  Salzgehalts  fischlosen  See  keine  Schiffahrt  stattfindet.  Tie  Bahn  ist  auf  eine
Länge  von  46  lein  durch  den  See  gebaut  und  Ende  1906  eröffnet  worden.  Tie  Pazifik-Route
  ist  dadurch  um  88  km  abgekürzt  worden.  Tie  Brücke  über  den  See  allein  hat
16  Millionen  Mark  gekostet  nnb  125000  cbm  Holz  erfordert.  —  Die  Bahn  über  die
Florida  Keys  (Abb.851)  hat  hingegen  die  Aufgabe,  den  Verkehr  der  Vereinigten  Staaten,  vor
allem  New  Docks,  mit  Kuba  und  mit  dem  Luxusbad  Key  West  in  der  Floridastraße  zu  beschleunigen. ­
  Dies  tvird  dadurch  ermöglicht,  daß  sich  von  der  Südküste  Floridas,  320  km
weit,  eine  langgestreckte  Kette  flacher  Inseln,  genannt  die  Florida  Keys,  quer  durch  die
halbe  Floridastraße  bis  nach  Key  West,  der  letzten  dieser  Inseln,  erstreckt  und  daß  das  Meer
zwischen  diesen  insgesamt  42  kleinen  Inseln  ganz  außerordentlich  seicht  ist  und  überall  nur
Tiefen  von  etwa  3—8  m  aufweist,  so  daß  vielfach  Erdanschüttungcn  möglich  sind,  die  die
Herstellung  eines  Bahndammes  ermöglichen,  während  an  den  übrigen  Stellen  überall
Brückenpfeiler  fundamentiert  werden  konnten,  die  aus  Beton  gefertigt  sind  und  Eisenrippen
enthalten.  Nicht  weniger  als  insgesamt  45  km  der  210  km  langen  Bahn  verlaufen  auf
großartigen  Viadukten  in  10  m  Höhe  über  dem  Meeresspiegel.  Der  Bau  hat  60  Millionen
Mark  gekostet.  Tie  Strecke  ist  am  22.  Januar  1912  dem  Betrieb  übergeben  worden.  Sie
ist  auch  von  Bedeutung  für  den  Verkehr  der  Vereinigten  Staaten  mit  Kuba,  da  zwischen
Key  West  und  Havana  ein  Trajekt-Schnellverkehr  eingerichtet  ist,  der  die  gesamten  Eisenbahnzüge ­
  in  4  Stunden  nach  Kuba  hinüberschafft.
In  Südamerika  ist  außer  den  schon  oben  (S.  959c)  aufgezählten  Strecken  noch
keine  neueBahn  von  allgemeinerem  Interesse  dem  Verkehr  eröffnet  worden.  Tie  wichtige  chilenische ­
  Längsbahn,  die  in  dem  langgestreckten  Chile  parallel  der  Küste  eine  Verbindung
der  hauptsächlichsten  Städte  untereinander  schaffen  will,  wird  noch  lange  auf  ihre  Fertigstellung ­
  warten  lassen.  —  Einer  besonderen  Erwähnung  wert  sind  aber  die  außerordentlichen ­
  Meereshöhen,  in  denen  die  südamerikanischen  Bahnen  des  Andengebiets  nicht
selten  verlaufen.  Den  Ruhm,  die  höchste  Eisenbahn  der  Welt  zu  sein,  konnte  seit  1873
volle  vier  Jahrzehnte  lang  die  berühmte  Oroyabahu  in  Peru  für  sich  in  Anspruch  nehmen,
die  vom  Hafen  Lima  aus  in  das  peruanische  Hinterland  läuft  und  bei  durchaus  nicht
großer  Gesamtlänge  in  eine  Höhe  hinaufklimmt,  die  ziemlich  genau  der  höchsten  Erhebung
Europas,  der  Montblanchöhe,  entspricht.  Bei  4775  m  betritt  sie  den  sogenannten  Passo
di  Galera  und  steigt  in  diesem  noch  weiter  an,  um  erst  bei  4834  m  (nach  Hahn)  ihren
1206*
        <pb n="936" />
        959  s

Kleinere  neue  Bahnbauten  von  Bedeutung.

Scheitelpunkt  zu  erreichen.  Die  Lokomotive  bezwingt  hier  also  eine  Höhe,  die  den  höchsten
Montblancgipfel  noch  um  24  m  übertrifft.  Es  waren  in  verschiedenen  Teilen  der  Anden
seither  noch  Bahnen  geschaffen  worden,  die  in  außerordentlich  große  Meereshöhen  emporsteigen ­
  —  der  Oroyabahn  hatte  es  bisher  noch  keine  gleichgetan.  Jetzt  aber  hat  seit  Anfang
Juli  1912  die  Oroyabahn  ihren  Ruf  als  höchste  Bahn  der  Welt  an  eine  andere  Linie
in  Bolivien  abtreten  müssen.  Schon  seit  längerer  Zeit  gibt  es  eine  Bahnlinie,  die  vom
chilenischen  Hafen  Antofagasta  nordostwärts  ins  bolivianische  Gebiet  hinein,  nach  Oruro,
läuft.  Sie  bewegt  sich  auf  beträchtliche  Entfernungen  in  sehr  großen  Höhen,  viele  Meilen
hindurch  läuft  sie  iu  einer  gleichbleibenden  Meereshöhe  von  3660  m  dahin,  und  ihren
höchsten  Punkt  erreicht  sie  bei  Aseatan  in  3956  in  Höhe.  Von  ihr  zweigt  nun  eine  Seitenlinie ­
  ab,  die,  gleich  der  Oroyabahn,  Höhen  von  mehr  als  4800  in  bezwingt.  Sie  läuft
von  einer  kleinen  Station  der  Linie  Antofagasta—Oruro,  namens  Rio  Mulati,  nach
Potosi,  der  genaue  Wert  der  von  ihr  erreichten  größten  Höhe  ist  noch  nicht  bekannt,  doch
ist  es  sicher,  daß  ihr  oberster  Punkt  mindestens  auf  4880  na  liegt.  —  Auch  in  anderen

851.  Großer  Viadukt  der  -key-Westeisenbahn.

Teilen  der  Anden  mehren  sich  die  sehr  großen  Eiscnbahnhöhen  neuerdings  rasch.  Die
bolivianische  Bahn,  die  vom  Titicacasee  nordwärts  zur  alten  Jnkahauptstadt  Cuzco
läuft  und  deren  Fertigstellung  unmittelbar  bevorsteht,  erreicht  eine  größte  Höhe  von  4751  m,
die  im  März  1912  eröffnete  Bahn  Arequipa—La  Paz  bringt  es  bei  Laguna  Blanca
auf  4624  in,  eine  Drahtseilbahn  auf  dem  Ostabhaug  der  Anden,  die  von  Chilecito
in  Argentinien  nach  Mejicana  läuft,  bleibt  nur  um  6  irr  hinter  der  letztgenannten  zurück.
Weitere  sehr  hohe  Scheitelpunkte  befinden  sich  auf  der  Strecke  Arequipa—Puno  (4470  m
bei  Vincocaya),  am  Titicacasee  bei  Portez  bei  Cruzera  (4270  m)  und  bei  Palacayo  in
Bolivien  (4152  in).
In  Afrika  verdienen  für  deutsche  Leser  neben  der  Kap-Kairo-Bahn  entschieden  das
meiste  Interesse  die  deutschen  Kolonialbahnen.  Solche  Bahnen  sind  um  so  notwendiger
in  unseren  Kolonien,  als  diese  nirgends  natürliche  Verkehrswege  von  hoher  Bedeutung
in  Gestalt  großer,  schiffbarer  Flüsse  besitzen.  Tie  mit  schönen,  schiffbaren  Strömen  ausgestatteten ­
  Kolonialländcr  Afrikas  sind  nahezu  durchweg  in  britischem  Besitz,  vereinzelt  auch
Jahrhunderte  altes  portugiesisches  Eigentum,  und  in  einem  Fall  hat  das  kleine  Belgien  das
Glück  gehabt,  sich  infolge  einer  eigenartigen  Entwicklung  in  neuester  Zeit  ein  Kolonialland
mit  einem  der  prachtvollsten  Ströme  zu  sichern.
Tie  deutschen  Kolonien  sind  von  der  Natur  nirgends  in  dieser  Weise  begünstigt.
Daher  müssen  wir  uns  die  Verkehrsmittel  daselbst  erst  künstlich  schaffen.  Das  vornehmste
Mittel  hierzu  sind  die  Eisenbahnen.  —  Tie  Anfänge  der  deutschen  Kolonialbahnen  reichen
        <pb n="937" />
        Die  deutschen  Kolonialbahnen  in  Afrika.

989  t

ja  denn  auch  schon  verhältnismäßig  weit  zurück,  bis  ins  Jahr  1891.  Damals  begann  die
Deutsch-Ostafrikanische  Gesellschaft  von  Tanga  aus  eine  Bahn  ins  Hinterland  zu  bauen,
das  erste  Stück  der  heutigen  sog.  Usambarabahn,  die  den  Norden  Deutsch-Ostafrikas
erschließt.  Der  Bau  der  später  von  der  Regierung  übernommenen  Bahn  ist  jedoch  unendlich
langsam  fortgeschritten;  erst  in  den  letzten  Jahren  wird  die  Bahn  rascher  gefördert.  Trotzdem ­
  reicht  sie,  nachdem  am  4.  Oktober  1911  der  Betrieb  nach  Moschi  aufgenommen  worden
ist,  zurzeit  erst  etwa  400  tun  weit  ins  Innere,  während  die  parallel  laufende  britische
Ugandabahn,  obwohl  sie  6  Jahre  später  in  Angriff  genommen  wurde,  schon  seit  11  Jahren
bis  zum  Viktoriasee  nach  Port  Florence  hinwegläuft  und  segensreich  gewirkt  hat.  Die
Usambarabahn  läuft  zurzeit  bis  Moschi  und  soll  vorläufig  bei  Aruscha  am  Meruberge  enden,
muß  aber  unbedingt  einst  bis  zum  Viktoriasee  fortgeführt  werden.  —  Die  zweite  Bahn
in  Teutsch-Ostafrika  ist  die  von  Daressalam  ziemlich  genau  westwärts  zum  Tanganjika
strebende  sog.  Zentralbahn,  die  die  Kolonie  in  fast  zwei  gleiche  Hälften  schneidet  und
die  an:  25.  Februar  1912  bis  zu  dem  wichtigsten  Punkt  des  Binnenlandes,  Tabora
(867  km),  fertiggestellt  worden  ist,  um  nun  mit  größter  Beschleunigung  in  der  Richtung
auf  Udjidji  (Kigomabucht)  fortzuschreiten.  An  dieser  Bahn,  die  noch  vor  wenigen  Jahren
erst  ganze  15  km  weit  ins  Innere  reichte,  ist  besonders  deutlich  zu  erkennen,  welchen
schweren,  gar  nicht  wieder  gut  zu  machenden  Fehler  wir  dadurch  begangen  haben,  daß  wir
unsere  ostafrikanische  Kolonie  nicht  schon  frühzeitig  durch  Bahnen  erschlossen  haben.  Ter
größte  Wert  der  Bahnen  in  Ostafrika  ist  vielleicht  in  allgemein  volkswirtschaftlicher  Hinsicht ­
  zu  suchen,  weil  Hnnderttansende  schwarzer  Berufsträger,  die  zurzeit  der  Arbeit  auf
den  Farmen  zum  größten  Schaden  des  kulturellen  Fortschrittes  des  Landes  entzogen  bleiben,
durch  die  Bahn  zu  anderer  Arbeit  verfügbar  gemacht  werden.  —  Unter  den  Bahnprojekten ­
  der  Zukunft  ist  von  besonderer  Bedeutung  die  schon  vom  Gouverneur  von  Schele
empfohlene  Südwestbahn  Kilossa  —  Bismarckburg  oder,  statt  dieser,  die  sog.  Südbahn ­
  von  Kilwa  oder  Lindi  zum  Nhassasee.  Seit  vielen  Jahren  haben  erste  Autoritäten
wiederholt  darauf  hingewiesen,  daß  eine  solche  Bahn  die  vielleicht  bedeutsamste  verkehrspolitische ­
  Aufgabe  darstellt,  die  Deutschland  in  seinen  Kolonien  überhaupt  zu  erfüllen  hat,
da  sie  den  beginnenden  „Kampf  um  den  Nyassaverkehr"  von  vornherein  zu  Deutschlands
Gunsten  entscheiden  würde.  Trotzdem  ist  seit  vielen  Jahren  nicht  das  geringste  geschehen,
um  diese  enorm  wichtige  Bahn  ins  Leben  zu  rufen;  auch  au  die  Bewilligung  der  Mittel
zum  Ban  ist  vorläufig  nicht  zu  denken.  Inzwischen  rüsten  sich  die  Engländer,  auch  aus
diesem  Fehler  der  Deutschen  Nutzen  zu  ziehen:  wie  sie  im  Norden  Tenlsch-Ostafrikas  mit
ihrer  Ugandabahn  den  Viktoriasee  erobert  und  Kapital  ans  der  mangelnden  Entschlußfähigkeit ­
  der  Teutschen  gezogen  haben,  so  planen  sie  gegenwärtig  die  vom  Südnfer  des  Nyassa
zum  Sambesi  laufende  Schire-Hochlandbahu  bis  Beira  zu  verlängern  und  damit
den  Gewinn  ans  dem  Nyassaverkehr  ebenfalls  in  britische  Taschen  zu  lenken.  Obendrein
planen  die  Engländer  auch  noch,  über  portugiesisches  Gebiet  von  Puerto  Amelia  eine
Bahn  an  den  Nyassa  heranzuführen.
In  Dentsch-Südwcstafrika  sind  vier  Hauptbahnen  zu  unterscheiden:  dieRegicrnngsbahn
  Swakopmund—Windhuk  (382  km),  die  ehemals  private,  seit  1.  April
1910  verstaatlichte  Otavi  bahn  (567  km),  die  „  Südbahn"  Lüderitzbucht—Keetiuanshoop,
mit  ihrem  südlichen  Zweige  nach  Kalkfontein  und  die  am  3.  März  1912  dem  Betrieb  übergebene, ­
  507  km  lange  Nord-Süd-Verbindungsbahn  Windhuk—Kalkfontein.  Tie
erste  ist  die  älteste;  ihre  Anfänge  gehen  bis  auf  das  Jahr  1898  zurück;  doch  ist  ihr  westlicher ­
  Teil,  der  ursprünglich  in  technisch  sehr  ungünstiger  Führung  durch  das  Khaugebirgc
gebaut  wurde,  neuerdings  zugunsten  der  etwas  nördlicher  verlaufenden  Weststrecke  derOtavibahn
  ganz  aufgegeben  worden.  Tie  Otavibahn  war  bis  vor  kurzem  die  längste  deutsche
Kolonialbahu  überhaupt  und  hat  sich  trotz  ihrer  Schmalspur  von  0,6  in  trefflich  bewährt.
Sie  dient  zunächst  nur  der  Ausbeutung  der  Kupfer-  und  Bleilager  von  Otavi  und  Tsumeb,
dürfte  aber  leicht  eine  große  Zukunft  haben,  wenn  sie  einmal  nach  Angola  oder  in  den  sog.
Caprivizipfel  verlängert  werden  sollte,  in  dem  das  Okavangogebiet  der  wertvollste  Teil
der  ganzen  südwestafrikanischen  Kolonie  zu  sein  scheint.  Tie  Südbahu  ist  von  Anfang
        <pb n="938" />
        959u

Kleinere  neue  Bahnbanteu  von  Bedeutung.

an  in  Kapspur  (1,067  in)  gebaut  worden,  die  man  neuerdings  auch  auf  der  Regierungsbahn
nach  Windhuk  nach  erfolgtem  Umbau  eingeführt  hat.  Um  die  Bahn  von  Lüderitzbucht  nach
Keetmanshoop,  die  von  höchster  strategischer  Wichtigkeit  zur  Niederwerfung  des  Aufstands
1904/06  schien,  entbrannten  jene  sensationellen,  hitzigen  Kämpfe  im  Deutschen  Reichstag
am  26.  Mai  1606,  die  in  der  Folge  zu  jener  bekannten  Schwenkung  der  inneren  Regierungspolitik, ­
  zur  Reichstagsauflösung  vom  13.  Dezember  1906  und  zur  Wahl  des  ersten
durchaus  „kolonialfreundlichen"  Reichstags  Veranlassung  gaben.  Tie  zehnmonatige  Verzögerung ­
  des  Bahnbaus,  die  der  Verärgerungsbeschluß  des  Reichstags  vom  26.  Mai  1906
verursachte,  hat  dem  deutschen  Volk  ungezählte  Millionen  gekostet  und  bewirkt,  daß  unser
südwestafrikanischer  Krieg  einer  der  relativ  teuersten  Kriege  der  ganzen  Weltgeschichte  geworden ­
  ist.  —  Von  höchstem  Wert  für  die  wirtschaftliche  Zukunft  der  Kolonie  wäre  ein
Anschluß  der  Bahnen  in  Teutsch-Südwestafrika  an  das  britische  Bahnnetz  in  der  Kapkolonie
und  in  Rhodesia.  Tie  Aussichten  hierfür  sind  aber,  obwohl  keinerlei  technische  Schwierigkeiten ­
  im  Wege  stehen,  wenig  günstig,  denn  die  Engländer  werden  unter  keinen  Umständen
die  Erlaubnis  geben,  daß  die  deutschen  Bahnen  auf  britisches  Territorium  verlängert  werden,
weil  sonst  Lüderitzbucht  oder  Swakopmund  sich  zu  gefährlichen  Konkurrenten  für  Kapstadt
würden  entwickeln  können.  Die  einzige  Bahn,  die,  wenn  auch  xrst  in  späterer  Zeit,  auf
einen  Anschluß  an  die  Kap—Kairobahn  hoffen  darf,  bleibt  die  Otavibahn,  da  sie  durch  den
Caprivizipfel  bis  in  die  nächste  Nähe  der  Viktoriafälle  über  deutsches  Gebiet  geleitet  werden
kann  und  somit  des  englischen  Placet  nicht  bedarf.  Aber  gerade  sie  ist  leider  nicht  in
Kapspur  gebaut,  und  Vorbedingung  für  den  Anschluß  an  das  Bahnnetz  des  Jnnenlandes
wäre  daher  zunächst  der  kostspielige  Umbau  in  Kapspur.
In  Togo  sind  nur  drei  kurze  Bahnen  vorhanden,  die  45  ton  lange,  an  der  Küste
entlanglaufende  Bahn  Lome—Anecho,  ferner  die  Bahn  Lome  —  Agome  Palime  und
als  jüngste,  längste  und  wichtigste  Strecke  die  239  km  lauge  Linie  Lome—Atakpame,
die  dereinst  tiefer  ins  Hinterland  gebaut  werden  muß,  um  die  bei  Banjeli  und  Bassari  gefundenen ­
  Erzlager  verwertbar  zu  machen.  Tie  Bahnen  Togos  rentieren  sich  vortrefflich,
wie  überhaupt  die  Ergebnisse  sämtlicher  afrikanischen  Bahnen  alle  Erwartungen  übertroffen
haben.
Kamerun  war  bis  in  die  allerletzten  Jahre  hinein  noch  ganz  ohne  Bahnen.  Im
Mai  1911  wurde  endlich  die  erste,  160  kni  lange  Bahn  dem  Betrieb  übergeben,  die  vom
Haupthafen  und  Regierungssitz  Tuala  zum  Manengubagebirge  läuft.  Auch  diese  „Nordtz
  ahn"  wird  aber  erst  voll  leistungsfähig  werden  und  vorzügliche  Erträgnisse  abwerfen,
wenn  sie  den  Urwaldgürtel  überwunden  und  ins  „Grasland"  Bamum  oder  noch  weiter
in  die  gesegnete  volkreiche  Landschaft  Adamana  oder  gar  bis  nach  Garua  am  Benuö  und
vielleicht  bis  zum  Tschadsee  verlängert  sein  wird.  Die  Gegend  um  den  Tschadsee,  die  vor
allem  für  die  Baumwollkultur  von  höchster  Bedeutung  werden  kann,  entbehrt  bisher  jeder
Bahnverbindung  mit  dem  Meer.  Wird  dereinst  eine  deutsche  Bahn  von  Tuala  zum  Tschadsee
gebaut,  so  würde  mit  dieser  Linie,  der  weitaus  kürzesten  Verbindung  zum  Meere,  die  für
den  Tschadsee  gefunden  werden  kann,  keine  andere  Strecke  jemals  konkurrieren  können,
somit  der  deutschen  Bahn  ein  reicher  Durchgangsverkehr  gesichert  fein.  Ter  bisherige  Güterverkehr ­
  des  nördlichen  Kamerun  kommt,  da  eine  Bahn  zur  Küste  nicht  vorhanden  ist  und
der  Trägerverkehr  auf  so  große  Entfernungen  unrentabel  sein  würde,  den  Engländern  zugute,
die  durch  Britisch  Nigeria  auf  dem  vortrefflichen  Wasserweg  des  Niger  und  seines  großen
Nebenflusses,  des  Benuö,  ins  Hinterland  von  Kamerun  gelangen.  —  Eine  zweite  Bahn  in
Kamerun,  die  zurzeit  geschaffen  und  in  nächster  Zukunft  dem  Verkehr  übergeben  werden
wird,  ist  die  sog.  Mittellandbahn,  die  ebenfalls  in  Tuala  beginnt  und  ziemlich  genau
ostwärts  in  der  Richtung  auf  Widimenge  verlaufen  soll;  sie  wird  sich,  als  bisher  einzige
deutsche  Kolonialbahn,  durch  Kunstbauten  von  bemerkenswerter  Größe  auszeichnen,  unter
denen  die  gewaltige  Brücke  über  den  Sanaga  am  wichtigsten  ist.  Ter  Bau  der  sogenannten
Südbahn,  die  in  Kribi  beginnen  soll  und  die  von  den  Ansiedlern  im  südlichen  Kamerun
lebhaft  befürwortet  wird,  ist  bisher  noch  nicht  gesichert,  da  die  Regierung  erklärt,  noch  einen
weiteren  Hafen  außer  Tuala  nicht  ansbauen  zu  wollen.  Es  ist  jedoch  wahrscheinlich,  daß
        <pb n="939" />
        Die  deutschen  Kolomalbahnen  in  Afrika.  959  v
man  jetzt  nach  der  Erwerbung  von  Teilen  des  Kongogebiets  auch  diesem  Gedanken  wieder
näher  treten  wird.
Tie  gesamten  deutschen  Kolonialbahnen  in  Afrika  haben  bisher  nur  lokale  Bedeutung, ­
  was  auch  nicht  Verwunderung  erregen  kann,  da  noch  keine  von  ihnen  Anschluß  an
das  Bahnnetz  des  Binnenlandes  gefunden  hat.  Dasselbe  gilt  für  die  meisten  andren  Bahnen,
die  irgendwo  in  Afrika  seit  1900  hinzugekommen  sind.  Es  kann  daher  auch  an  dieser
Stelle  von  einer  Aufzählung  der  verschiedenen  Neubaustrecken  abgesehen  werden,  und  nur
die  wichtigsten  noch  nicht  genannten  neuen  Linien  seien  hier  kurz  genannt.
Für  Deutschlands  Interessen  am  bedeutendsten  ist  unter  den  seit  1900  hinzugekommenen
  Bahnen  die  britische  Ugandabahn.  —  Uganda  ist  die  an  Deutsch-Ostafrika  nördlich ­
  angrenzende  Landschaft  in  Britisch-Ostafrika  zwischen  dem  Viktoriasee  und  der  Küste.
Vom  Hafen  Mombassa  ist  nun  die  Ugandabahn  nordwestlich  zum  Viktoriasee  gebaut
worden,  um  die  z.  T.  recht  reichen  Gebiete  um  diesen  See  zu  erschließen,  dessen  südliche
Hälfte  bekanntlich  zu  Deutschland  gehört.  1896  wurde  der  Bahnbau  in  Angriff  genommen, ­
  und  schon  am  20.  Dezember  1901  konnte  die  939^  km  lange  Strecke  dem  Verkehr
übergeben  werden.  Es  ist  etwas  beschämend  für  die  Kunktatorpolitik  des  deutschkolonialen
  Verkehrs,  daß  die  deutschen  Stationen  im  Süden  des  Viktoriasees,  vor
allem  Muanza,  durch  jene  britische  Bahn  sehr  viel  mehr  Vorteile  gehabt  haben,  als  sie
von  allen  Maßnahmen  der  deutschen  Regierung  bisher  zu  gewinnen  vermochten.
Eine  weitere,  der  besonderen  Erwähnung  werte  afrikanische  Bahn  ist  die  sogenannte
Berberbahn,  durch  die  der  obere  Sudan  mit  seiner  Hauptstadt  Chartum  einen  wesentlich ­
  näheren  Weg  zum  Meer  erhalten  hat,  als  ihn  der  Nil  zu  gewähren  vermag.  Die
Berberbahn  beginnt  im  Süden  der  Stadt  Berber  an  der  Mündung  des  Atbara  in  den
Nil  und  läuft  ostwärts  zum  Roten  Meer,  das  sie  in  Port  Sudan  nördlich  von  Suakin
erreicht.  Tie  578  km  lange  Bahn  wurde  am  27.  Januar  1906  dem  Verkehr  übergeben.
Chartums  Entfernung  vom  Meer  ist  dadurch  von  2253  auf  805  km  verringert  worden.
Auch  einer  politisch  wichtigen  französischen  Bahn  in  Abessinien  sei  kurz  gedacht,
die  im  französischen  Hafen  Tjibuti  in  der  Obock-Kolonie  beginnt  und  seit  Januar  1903
bis  Diredaua  bei  Harrar  im  Betrieb  ist.  An  ihrer  Fortsetzung  bis  zur  abessinischen  Hauptstadt ­
  Addis  Abeba  wird  zur  Zeit  gebaut.  Auch  diese  Bahn  ist  zunächst  nur  von  lokalem
Interesse,  dürfte  aber  wachsende  politische  und  wirtschaftliche  Bedeutung  erlangen.  —
Ähnliches  gilt  von  der  Schire-Hochlandbahn,  die  zwischen  dem  Südzipfel  des  Nyassasees
  und  dein  Sambesi  eine  Verbindung  herstellt,  und  die  ein  außerordentlich  reiches  und
klimatisch  begünstigtes  Land  erschließt,  das  Schire-Hochland,  das  —  fast  möchte  man
sagen:  natürlich  —  den  Engländern  gehört.  Tie  Schire-Hochbahu  ist  524  km  lang  und
wurde  1901  in  Angriff  genommen.  Wie  oben  (@.  959t)  gesagt,  soll  sie  demnächst  südwärts ­
  bis  Beira  verlängert  werden,  wodurch  der  Ryassasee  wirtschaftlich  ebenso  für
England  erobert  sein  wird,  wie  es  dem  Viktoriasee  schon  früher  widerfahren  ist.
Die  Elektrisierung  von  Eisenbahnen.
Als  man  erkannte,  daß  es  möglich  sei,  den  gewohnten  Dampfbetrieb  der  Eisenbahnen
durch  den  elektrischen  Betrieb  zu  ersetzen,  da  nahm  wohl  mancher  an,  in  wenigen  Jahrzehnten ­
  werde  die  Tampfeisenbahn  der  Vergangenheit  angehören,  und  das  Schicksal  der
alten,  guten  Postkutsche  werde  sich  auch  an  ihr  erfüllen.  Dennoch  erkennen  wir  heute,  daß
hiervon  in  weit  absehbarer  Zeit  durchaus  nicht  die  Rede  sein  kann.  Vielmehr  haben  sich
die  auf  den  elektrischen  Betrieb  gesetzten  Hoffnungen  bisher  nur  in  recht  bescheidenem
Maße  verwirklicht.  Es  sind  meist  nur  kurze  Linien,  Vorortsstrecken  und  vor  allem  die
Straßenbahnen,  bei  denen  der  elektrische  Betrieb  ziemlich  allgemein  eingeführt  wird,  und
auch  hier  ist  die  Neuerung  keineswegs  überall  am  Platze.  So  ist  z.  B.  die  in  jüngster
Zeit  so  oft  erörterte  Absicht,  die  Berliner  Stadtbahn  zu  elektrisieren,  ein  außerordentlich ­
  kostspieliges  Experiment,  dessen  Vorteile  voraussichtlich  in  keinem  Verhältnis  zu  den  dafür
aufgewandten  Mitteln  stehen  werden  und  das  schwerlich  zur  Wiederholung  ermutigen  wird.
        <pb n="940" />
        959  w

Die  Elektrisierung  von  Eisenbahnen.

Die  Geschichte  des  elektrischen  Bahnbetriebs  hat  sich  bisher  zumeist  in  Deutschland
abgespielt,  und  dennoch  ist  die  Elektrisierung  der  großen  Fern-  und  Vollbahnen  in  Deutschland ­
  gegenüber  manchen  anderen  Staaten  entschieden  stark  im  Rückstand.  Tie  erste
elektrische  Bahn  der  Welt  war  1879  auf  der  Berliner  Gewerbeausstellung  zu  sehen;  sie
war  nur  300  in  lang,  die  Lokomotive  leistete  nur  4—5  PS,  die  Spannung  betrug  150
Volt.  Diese  Versnchsbahn  war  des  großen  Werner  Siemens  Werk,  ebenso  die  erste  in
praktische  Benutzung  genommene  elektrische  Bahn,  die  vom  Bahnhof  Gr.-  Lichterfelde  der
Berlin—Anhaltischen  Bahn  zur  nahen  Hauptkadettenanstalt  lief  und  am  16.  Mai  1881
dem  Betriebe  übergeben  wurde.  Die  Stromzuführung  erfolgte  bei  diesen  ältesten  beiden
Bahnen  durch  Schienen;  in  der  Folgezeit  ging  man  jedoch  bei  den  Straßenbahnen  meist
zu  dem  zuverlässigeren  Oberleitungsbetrieb  über.
Nachdem  dann  in  den  Jahren  1900  und  1901  ans  der  Berlin—Potsdamer  Vorortsstrecke ­
  der  „Wannseebahn"  durch  eine  Versuchsstrecke  gezeigt  worden  war,  daß  auch  schwere
Eisenbahnzüge  durch  Elektrizität  bequem  betrieben  werden  können,  brachten  die  beiden
folgenden  Jahre  die  sensationellen  Versuchsfahrten  der  „Studiengesellschaft  für  elektrische
Schnellbahnen"  auf  der  17  lcm  langen  Militärbahnstrecke  Marienfelde—Zossen.
Hier  wurden  mit  Hilfe  von  Drehstrom,  der  10  000  Voll  Spannung  aufwies,  die  weitaus
größten  Geschwindigkeiten  erzielt,  mit  denen  jemals  auf  Erden  Menschen  und  Gegenstände
befördert  worden  sind:  am  25.  Oktober  1903  wurde  eine  Fahrgeschwindigkeit  von  nicht
weniger  als  208  lein  in  der  Stunde  erreicht.  —  Als  diese  in  der  ganzen  Kulturwelt  das
größte  Aufsehen  erregenden  Ergebnisse  bekannt  wurden,  da  tauchten  verlockende  und  gut
begründet  scheinende  Zukunftsbilder  in  den  Zeitungen  auf,  wonach  man  in  nicht  ferner
Zeit  von  Berlin  nach  Hamburg  in  70  Minuten,  nach  Köln  in  3,  nach  Paris  in  5  Stunden
werde  reisen  können.  Seither  sind  rund  10  Jahre  ins  Land  gegangen,  und  doch  fahren  unsere
Eisenbahnen  noch  immer  wie  einst  mit  Dampfbetrieb,  und  die  elektrischen  Züge  stehen  uns
noch  immer  als  Zukunftsideal  vor  Augen,  von  einigen  ivenigen  Strecken  abgesehen.
Diese  Tatsache  kann  um  so  mehr  verwundern,  da  in  einigen  anderen  europäischen
Ländern  der  elektrische  Betrieb  auf  Vollbahnen  bereits  einen  ziemlich  erheblichen  Umfang
angenommen  hat  und  da  andere  Länder,  vor  allem  Schweden,  sich  energisch  rüsten,  um
eine  allmähliche  Elektrisierung  des  gesamten  Staatsbahnnetzes  vorzubereiten.  Es  ist  aber
in  Fachkreisen  seit  langem  bekannt,  daß  das  wichtigste  Bedenken  gegen  den  elektrischen
Bahnbetrieb  im  großen  in  strategischen  Erwägungen  begründet  ist.  Weil  die  Zerstörung ­
  einer  Kraftzentrale  im  Kriege  sogleich  den  Bahnbetrieb  eines  ganzen  Landesgebietes
lahmlegen  würde,  zögert  man  mit  der  allgemeinen  Elektrisierung.  Zweifellos  ist  dies
Argument  überaus  gewichtig  und  wird  in  einem  militärisch  so  exponierten  Lande,  wie  es
Deutschland  ist,  wohl  auch  noch  auf  lange  hinaus  seine  verkehrshemmende  Bedeutung
behalten.
Dennoch  hat  die  jüngste  Zeit  Fortschritte  im  elektrischen  Betrieb  preußischer  Bahnen
kleineren  Umfangs  gebracht,  die  von  grundlegender  Bedeutung  zu  sein  scheinen.  Nach
mannigfachen  kleineren  Versuchen  mit  elektrischem  Bahnbetrieb,  insbesondere  auf  der
Berliner  Wannseebahn  und  der  Strecke  Hamburg—Ohlsdorf,  beantragte  im  Jahre  1909
die  preußische  Regierung  beim  Landtag  die  Bereitstellung  von  Mitteln  für  die  Elektrisierung
einer  ersten  Vollbahnstrecke  Bitterfeld—Dessau.  Die  ausgewählte  Probestrecke,  für
die  das  fauch  in  anderen  Ländern  immer  häufiger  benutzte)  System  des  einphasigen
Wechselstroms  mit  15  Perioden  gewählt  wurde,  war  25  Icm  lang  und  wies  5  Zwischenstationen ­
  auf.  Die  Versuchsepoche  bewies,  daß  für  friedliche  Zeiten  der  elektrische  Betrieb
dem  Dampfbetrieb  in  jeder  Hinsicht  ganz  bedeutend  überlegen  ist;  auf  die  Vorzüge  sei
hier  im  einzelnen  nicht  eingegangen  und  nur  erwähnt,  daß  die  elektrische  Bahn  nicht  nur
schneller,  sondern  auch  wirtschaftlicher  in  mehrfacher  Hinsicht  ist,  überdies  natürlich  auch
sehr  viel  hygienischer,  da  die  oft  zur  Kalamität  für  ganze  Landstriche  und  Städte  werdende ­
  Rauchplage  ganz  in  Fortfall  kommt.  Die  Betriebseröffnung  der  Bahn  erfolgte  am
18.  Januar  1911,  der  Probebetrieb  bewies,  daß  kleine  Zugverspätungen  schon  auf  sehr
kurze  Strecken  durch  Erhöhung  der  Fahrgeschwindigkeit  wieder  eingeholt  werden  können,
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        959x

Die  Elektrisierung  non  Eisenbahnen.

so  daß  der  elektrische  Betrieb  eine  Pünktlichkeit  der  Zugankunft  und  -abfahrt  gewährleistet,
die  der  Dampfeisenbahn  fremd  bleiben  müssen,  obwohl  auch  diese  in  Deutschland,  im
Verhältnis  zu  zahllosen  anderen  Ländern  vielfach  mit  bewundernswerter  Pünktlichkeit
funktionieren.
Die  Umwandlung  des  Dampfbetriebes  in  den  elektrischen  ist  zwar  ziemlich  kostspielig:
die  Elektrisierung  der  Strecke  Bitterfeld—Dessau  hat  2  600000  Mark  gekostet,  also  genau
100000  Mark  für  den  Kilometer,  wozu  noch  die  Anschafsungskosten  für  11  elektrische
Lokomotiven  kamen  —  dennoch  aber  sind  die  Betriebsersparnisse  so  bedeutend,  daß  sich  die
Aufwendung  solcher  beträchtlichen  Mittel,  nötigenfalls  selbst  im  größten  Maßstabe,  vollauf
rechtfertigen  läßt.  Zunächst  sind  vom  Landtag,  mit  der  Verabschiedung  des  jüngsten  Eisen  -
bahnanlcihegesetzes,  die  Mittel  zur  Elektrisierung  der  gesamten  Strecke  Magdeburg—Bitterfeld—Leipzig—Halle ­
  sowie  einer  weiteren,  Lauban—Dittersbach—Königszelt,
nebst  einigen  Zweigstreckcn  zur  Verfügung  gestellt.  Daß  der  elektrische  Betrieb  sich  hier  nicht
weniger  gut  als  in  Bitterfeld—Dessau  bewähren  wird,  kann  kaum  zweifelhaft  sein.  Tann
aber  wird  wohl  ein  allmähliches  Fortschreiten  des  elektrischen  Bahnbetriebes  nicht  mehr
aufzuhalten  sein,  ungeachtet  des  Einspruchs  der  Militärs,  deren  an  sich  höchst  gerechtfertigte
Bedenken  doch  immerhin  nur  für  einen  Teil  des  gesamten  Staatsbahnennetzcs  in  Betracht
kommen  können.  Für  Kraftstationen,  die  tief  im  Binnenlande  gelegen  sind,  und  für  Bahnstrecken, ­
  die  sich  nirgends  der  Reichsgrenze  nähern,  wird  man  ja  ohnehin  numöglich  ans
die  Tauer  strategische  Bedenken  ins  Feld  führen  können,  um  einen  gewaltigen  friedlichen
Fortschritt  technischer  Art  zu  vereiteln!
Somit  geht  die  Einführung  des  elektrischen  Bahnbetriebs  in  Norddeutschland  nur
langsam  aber  —  man  darf  Wohl  sagen:  sicher  vorwärts.  Auch  in  Süddeutschland  ist,  obwohl ­
  dort,  wegen  der  reicheren  Wasserkräfte,  die  Verhältnisse  günstiger  als  im  Norden
liegen,  trotz  langjähriger  Erörterungen  bisher  noch  so  gut  wie  nichts  geschehen,  um  den
elektrischen  Bahnbetrieb  im  großen  einzuführen.  In  Bayern  ist  das  vielerörterte  Walchenseeprojekt ­
  im  Zusammenhang  mit  der  Elektrisierung  der  Bahnen  Jahr  für  Jahr  besprochen ­
  und  meist  eifrig  umstrstten  worden,  d.  h.  der  Plan,  den  oberen  Lauf  der  Isar
in  den  Walchensee  abzuleiten  und  dann  durch  einen  gewaltigen  Wassersturz  zu  dem
benachbarten,  200  in  tiefer  liegenden  Kochelsee  die  Energiemenge  zu  beschaffen,  mit
der  man  das  gesamte  Bahnnctz  Südbayerns  mit  billiger  elektrischer  Betriebskraft  versorgen ­
  könnte.
Unbedingt  die  meisten  Fortschritte  hat  der  elektrische  Bahnbetrieb  in  der  Schweiz
gemacht.  Es  ist  kein  Zufall,  daß  gerade  die  gebirgigen  Länder,  wie  die  Schweiz,  Italien,
Südfrankreich,  Schweden,  besonders  darauf  bedacht  sind,  die  Elektrisierung  der  Vollbahnen ­
  in  möglichst  großem  Umfang  baldigst  einzuführen.  Bieten  doch  die  Bergländer
einmal  die  natürlichen  Wasserkräfte,  die  einen  billigen  elektrischen  Betrieb  ermöglichen,  in
großer  Anzahl  und  oft  in  bedeutender  Stärke  dar.  Tann  aber  erweist  sich  der  elektrische
Betrieb  nirgends  mehr  dem  Dampfbetrieb  überlegen  als  in  den  im  Gebirge  so  häufigen
Tunnels.  In  diesen  bedeutet  die  Dampfentwicklung  oft  genug  nicht  nur  eine  arge  Belästigung, ­
  sondern  auch,  wegen  der  Beeinträchtigung  der  Aussicht,  geradezu  eine  Gefahrfür
  den  Menschen-  und  Gütertransport.  Tie  Zahl  der  in  den  Tunnels  vorkommenden
Eisenbahnnnfälle  ist  ja  verhältnismäßig  groß.  —  So  ist  es  denn  kein  Zufall,  daß  auch  in
der  Schweiz  gerade  diejenigen  Strecken,  auf  denen  größere  Tunnels  zu  durchfahren  sind,
vor  allem  für  den  elektrischen  Betrieb  eingerichtet  bezw.  in  Aussicht  genommen  sind.  Im
Simplontunnel  verkehrten  von  der  Betriebsübcrgabe  an  (1010)  nur  elektrisch  betriebene
Züge,  die  Elektrisierung  der  Gotthardbahn  ist  nur  noch  eine  Frage  der  Zeit,  und  auch
für  die  neu  entstehenden  Tunnelbahnen,  wie  z.  B.  die  Lötschbergbahn,  wird  mit
wachsender  Vorliebe  der  elektrische  Betrieb  von  Anfang  an  in  Aussicht  genommen.
Ganz  hervorragendes  allgemeines  Interesse  verdienen  auch  die  in  Schweden  zu
Tage  tretenden  Pläne  für  eine  allmähliche  Einführung  des  elektrischen  Betriebs  auf  allen
Bahnen  des  Landes.  Hier  ist  die  Frage  vielleicht  von  größerer  wirtschaftlicher  Bedeutung
als  irgendwo  anders.  Schweden  besitzt  selbst  nur  ganz  unbedeutende  Kohlenlager  (eines
        <pb n="942" />
        Seeschiffahrt.

959y

z.  B.  bei  Höganäs  im  äußersten  Süden),  zahlt  jährlich  etwa  70  Millionen  Kronen  für  Kohlen
an  England,  wovon  rund  der  zehnte  Teil  auf  die  Staatsbahnen  fällt,  während  es  andererseits ­
  an  natürlichen  Wasserkräften  nächst  Norwegen  das  reichste  Land  Europas  ist.  Eine
allgemeine  Einführung  des  elektrischen  Bahnbetriebs  würde  daher  für  Schweden  Ersparnisse
von  einer  Höhe  im  Gefolge  haben,  wie  sie  für  Deutschland  bei  weitem  nicht  zu  erwarten
wären.  Die  Politik  der  schwedischen  Regierung,  die  seit  einer  Reihe  von  Jahren  die  wichtigsten ­
  Wasserkräfte  des  Landes,  so  weit  es  noch  möglich  ist,  dem  Staat  sichern  will,  ist
also  durch  die  besonderen  Verhältnisse  des  Landes  wohl  verständlich.
Tie  Probestrecke,  die  zuerst  elektrisiert  werden  soll,  ist  die  Reichsgrenzbahn  im  höchsten ­
  Norden  des  Landes.  Reichsgrenzbahn  ist  die  amtliche  Bezeichnung  für  den  nördlichen ­
  schwedischen  Teil  der  Ofotenbahn,  von  der  oben  (S.  959p)  die  Rede  war.  Für
die  Elektrisierung  kommt  nämlich  bis  ans  weiteres  lediglich  die  insgesamt  t  29  km  lange
Strecke  von  Kiruna  bis  zur  Reichsgrenze  in  Betracht.  Man  hat  mitAbsicht  gerade  diese
nördlichste  schwedische  Bahn  als  Versnchsstrecke  in  Aussicht  genommen,  denn  keine  andere
hat  im  Winter  unter  hartem  Frost  und  heftigen  Schneefällen  gleich  stark  zn  leiden,  und
man  erwartet,  daß  der  elektrische  Betrieb,  wenn  er  hier  allen  Wetterunbilden  gewachsen
ist,  sich  in  anderen  Teilen  des  Landes  unter  allen  Umständen  gut  bewähren  wird.  Auch
hier  war,  neben  verschiedenen  andren  Gründen  von  Bedeutung,  für  die  Elektrisierung  die
Tatsache  maßgebend,  daß  die  Reichsgrenzbahn  zwischenAbisko  und  Björkliden  einen  1100nr
langen  Tunnel  von  10°/oo  Steigung  durchfahren  muß,  in  dem  der  den  Lokomotiven  entströmende ­
  Rauch  wiederholt  die  Aussicht  so  benommen  hat,  daß  Betriebsunfälle  erfolgten.
Ans  diesen  Gründen  hat  man  es  vorgezogen,  den  Umbau  in  der  Weise  vorzunehmen,  daß
der  leistungsfähigere  elektrische  Betrieb,  der  sich  in  Schweden  auf  den  kleineren  Versuchsstrecken ­
  Stockholm—Järfva  und  Tomteboda—Värtan  bereits  wunschgemäß  bewährt  hatte,
in  Aussicht  genommen  wurde.  Tie  Ersparnis  an  Betriebskosten  wird,  trotz  wesentlich  gesteigerter ­
  Leistungsfähigkeit,  sehr  erheblich  sein:  man  hat  berechnet,  daß  im  Jahr  1913  bei
einer  Beförderung  von  fast  4  Millionen  Tonnen  Erz  472500  M.  gegenüber  dem  jetzigen
Dampfbetrieb  würden  erspart  werden  können.  —  Tie  norwegische  Regierung  hat  übrigens
beschlossen,  auch  den  anschließendennorwegischenTeil  derOfotenbahn  mit  elektrischem
Betrieb  zu  versehen.  Es  ist  zn  erwarten,  daß  in  wenigen  Jahrzehnten  der  elektrische  Betrieb
in  Skandinavien  und  ebenso  in  der  Schweiz  ziemlich  allgemein  eingeführt  sein  und  den
Dampfbetrieb  im  wesentlichen  verdrängt  haben  wird.
Außerhalb  Europas  sind  natürlich  lange  elektrisch  betriebene  Eisenbahnlinien  ebenfalls ­
  schon  in  großer  Menge  zn  finden,  so  insbesondere  in  den  Vereinigten  Staaten;
doch  ist  keine  von  den  vorhandenen  Bahnen  so  bedeutsam,  daß  sie  an  dieser  Stelle  eigens
hervorgehoben  zu  werden  brauchte.

Seeschiffahrt.
Deutschland  nimmt  heute  unter  den  Nationen  unbestritten  den  zweiten  Platz  in  der
Beherrschung  der  Meere  ein.  Um  recht  zu  verstehen,  was  dies  bedeutet,  muß  man  sich  daran
erinnern,  daß  dieser  zweite  Platz  in  nur  etwa  einem  halben  Jahrhundert  erobert  worden  ist.
Es  ist  jetzt  gerade  ein  halbes  Jahrhundert  her,  daß  der  englische  Premier  Lord  Palmerfton,
  kurz  nach  der  Gründung  der  heutigen  Hambnrg-Amerika-Linie  und  des  Norddeutschen
Lloyd,  das  ebenso  verächtliche  wie  (im  Hinblick  auf  die  mittelalterliche  Hansa)  historisch
unbegründete  Wort  sprach:  „Tie  Teutschen  mögen  den  Boden  pflügen,  mit  den  Wolken
segeln  und  Luftschlösser  bauen,  aber  nie  seit  dem  Anfang  der  Zeiten  hatten  sie  das  Genie,
das  Weltmeer  zu  durchfurchen  oder  auch  nur  die  schmalen  Gewässer  zu  durchfahren",  und
kurz  zuvor  hatten  die  Londoner  „Times"  die  Regierung  aufgefordert,  das  Aufkommen
einer  deutschen  Kriegsflotte  nicht  zu  dulden  und  die  Schisse  mit  einer  schwarz-rot-goldenen
Flagge  als  Seeräuber-Fahrzeuge  zu  behandeln.  —  Und  heute?  Nun,  Englands  Handelsund
  Kriegsflotte  ist  der  deutschen  an  Zahl  und  Seegeltuug  noch  ganz  enorm  überlegen,
aber  dennoch  ist  die  letztere  derartig  gewachsen  und  wächst  weiter  von  Jahr  zu  Jahr,  daß
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        Seeschiffahrt.

959z

man  in  England  diese  Tatsache  seit  langem  bekanntlich  wie  einen  beklemmenden  Alpdruck
empfindet,  gegen  den  man  aber  dennoch  mit  friedlichen  und  ehrlichen  Mitteln  nichts  wird
ausrichten  können.
Ter  Anteil  der  einzelnen  wichtigsten  Nationen  am  Handelsverkehr  der  Welt  stellt  sich,
geordnet  nach  der  Gesamtzahl  der  Brntto-Registertons  der  beteiligten  Handelsflotte,  folgendermaßen: ­


Gesamt-Tonnage  in  Tons
Nation  Dampfer  Segler  zusammen
England  18122000  1118000  19240000
Deutschland  3893000  433000  4326000
Ver.  Staate»  1955000  1305000  3260000
Norwegen  1533000  654000  2187000
Frankreich  1471000  470000  1941000
Italien  1040000  372000  1412000
Nußland  390000  539000  929000

Typisch  für  die  heutige  Seegcltnng  der  europäischen  Nationen  —  die  Bedeutung  der
amerikanischen  Handels-  und  Kriegsflotte  steht  in  gar  keinem  Verhältnis  zur  sonstigen
Stellung  der  Vereinigten  Staaten  —  ist  der  Anteil  ihrer  Flagge  im  Suezkanal-Verkehr.
Dieser  stellte  sich  nun  im  Jahre  1911  folgendermaßen:

Nationalität

Schiffe

Registrierter
Nettotonnengehalt ­


Gesamtprozent
1911  1910

Großbritanien  ■  •  ■

3036

9501  100

63,7

62,5

Deutschland  •  ■  •  ■

622

2250888

15,1

15,2

Holland

278

823330

5,5

5,5

Frankreich

231

725900

4,9

5,4

Oesterreich-Ungarn

180

502782

3,4

3,8

Japan

81

307458

2,1

2,3

Rußland

112

247909

1,7

1,7

Italien

83

171886

1,1

1,3

Dänemark

41

86863

0,6

0,6

Schweden

28

77150

0,5

0,4

Spanien

26

62252

0,4

0,4

Türkei

50

61829

0,4

0,2

Norwegen

24

46233

0,3

0,3

Andere  Länder  •  •  •

26

38895

0,3

0,4

Summe  4858

14904475

100

100

Die  deutschen  Schiffe  stellten  also  knapp  ein  Viertel  der  englischen,  aber  sie  waren
denen  der  Holländer  und  Franzosen,  also  zweier  seit  Jahrhunderten  Seefahrt  treibenden
Völker,  um  das  L^-fache  überlegen  und  werden  den  errungenen  zweiten  Platz  schwerlich
in  absehbarer  Zeit  wieder  hergeben  —  für  ein  Volk,  dessen  neuzeitlicher  Anteil  am  Weltverkehr ­
  auf  ein  noch  so  jugendliches  Alter  zurückblickt,  ist  ein  solches  Ergebnis  aller  Ehren  wert!
Tie  wichtigsten  deutschen  Reedereien  der  Gegenwart  sind  die  nachfolgenden:

Reederei

Gründ.-Jahr


Aktienkap.in

Mill.Mk.

Anz.

Schiffe  im  Dienst  1911
Brutto  Maschinen-Reg.-T.
  stärke  i.  PS

Buchwert
der  Flotte
Mill.  Mk.

Im  Bau
Brutto-Anz.
  Reg.-T.

Hamburg-Amerika-Linie

1847

125

162

897055

472770

199,0

15

314000

Norddeutscher  Lloyd

1857

125

122

739740

557  243

167,1

6

60000

Dampfsch.-Ges.  Hansa
Hamb.-Südam.  Damps-1881



25

58

289873

?

35,6

schiff-Ges.
Dentsch-Austr.  Dampf-1871



15

44

221859

109900

43,7

4

26000

schiff-Ges.

1888

16

43

199757

116500

34,8

9

90000

Dampfsch.-Ges.  Kosmos

1872

14

30

153324

76850

19,6

5

60000

Deutsche  Levante-Linie

1889

9

47

121243

?

17,0

1

8000

Dtsch.-Ostafrika-Linie

1890

10

29

103703

57700

19,1

2

13000

Woermann-Linie

1880

—

34

98134

48511

—

3

18000

Dtsch.-Am.  Petrol.-Ges.

1890

—

21

84219

39250

—

10

?
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        959  aa

Seeschiffahrt

Tie  heutige  „Hamburg-Amerika-Linie",  die  ehemalige  Hamburg-Amerikanische  Paketfahrt
  Aktien-Gesellschaft  (Hapag)  ist  die  größte  Schiffahrtsgesellschaft  der  Welt.  Zwischen
ihr  und  den  großen  englischen  Reedereien  spielt  sich  in  erster  Linie  der  friedliche  Wettkampf
beider  Nationen  in  der  Seegeltung  ab.  Beide  Teile  suchen  einander  fortwährend  durch
rasche  Fahrten,  durch  Größe,  Behaglichkeit  und  Luxus  der  großen  Passagierdampfer  zu
überbieten.  In  diesem  wie  in  jedem  Wettstreit  liegt  die  beste  Garantie  eines  steten  Fortschritts ­
  zu  höherer  Vollkommenheit,  aber  er  birgt  auch  manche  Gefahren  in  sich,  in  die
freilich  die  englische  Schiffahrt  mehr  als  die  deutsche  verstrickt  worden  ist:  der  entsetzliche
Untergang  des  Riesendampfers  „Titanic"  auf  seiner  ersten  Ozeanfahrt  infolge  Zusammenstoßes ­
  mit  einem  kleinen  Eisberg  in  der  Nacht  vom  14.  zum  15.  April  1912  hat  wie
ein  eindringliches  Menetekel  gezeigt,  wohin  cs  führt,  wenn  die  Stimme  der  Vernunft,
die  sich  infolge  der  Meldungen  von  Eisgefahr  notwendig  regen  mußte,  zugunsten  eines
zum  Spleen  ausgearteten  Schnelligkeitssports  unterdrückt  wird.  Glücklicherweise  kann  man
unsern  deutschen  Reedereien  nachsagen,,  daß  ihnen  die  Sicherheit  und  Gesundheit  ihrer
Passagiere  noch  immer  höher  gestanden  hat  als  die  alberne  Rekordbrecherei  um  jeden
Preis.  —
Ter  Aufschwung  der  Schiffahrt  zeigt  sich  in  nichts  deutlicher  als  in  der  rapiden  Vergrößerung ­
  der  Dimensionen  der  großen  Schnelldampfer.  Als  in  den  50  er  Jahren  der
berühmte  Riesendampfer  „Great  Eastern"  mit  207  m  Länge,  25,3  m  Breite  und  27400
Brutto-Registertonnen  in  den  Atlantischen  Dienst  gestellt  wurde,  erwies  sich  nach  nur  zweimaliger ­
  Ozeanfahrt  der  Betrieb  als  viel  zu  kostspielig;  er  wurde  deshalb  aus  dem  Passagierdienst
  zurückgezogen  und  hätte  ein  unrühmliches  Ende  gefunden,  wenn  er  nicht  eine  neue
Aufgabe  in  der  Verlegung  der  ersten  transatlantischen  Kabel  gefunden  und  damit  den  Ruhm
der  Unsterblichkeit  gewonnen  hätte.  —■  Jahrzehntelang  wagte  man  so  große  Schiffe  nicht
wieder  zu  bauen;  erst  1903  wurden  die  Dimensionen  des  „Great  Eastern"  wieder  erreicht
und  übertroffen,  nachdem  der  Passagierverkehr  über  den  Ozean  einen  ungeheuren  Aufschwung ­
  erfahren  hatte.  Im  Jahre  1905  waren  öie  englischen  Dampfer  „Oeeanic"  und
„Celtic"  die  größten  der  Welt;  der  letztere  wies  213m  Länge  und  36000t  Brutto-Registertonnen ­
  auf.  Der  Hamburger  Dampfer  „Kaiserin  Augusta  Viktoria"  (1906)  und  der
Bremer  „George  Washington"  (1908)  kamen  der  „Celtic"  ungefähr  gleich.  Auch  diese
gewaltigen  Dimensionen  sind  aber  in  den  letzten  Jahren  ganz  erheblich  überboten  worden.
Nachdem  noch  in  der  Mitte  der  90  er  Jahre  der  Dampfer  „Pennsylvania"  der  Hapag  mit
feinen  13333  Brntto-Rcgistcrtonnen  als  ein  Riese  betrachtet  worden  war,  folgten  jetzt  die
Dampfer  „Lusitania"  und  „Mauretania"  1907  mit  240m  Längenndetwa40000  Brutto-Registertonnen ­
  und  dann  die  britischen  Dampfer  „Olympie"  und  die  unselige„Titanic"  mit  250  m
Länge  und  45000  Brutto-Registertonnen,  und  schon  werden  auch  diese  Meeresungcheuer
bald  überboten  sein  von  dem  neuesten  Ricsendampfer  der  Hambnrg-Aincrika-Linie,  dem  neuerdings ­
  so  vielgenannten  „Imperator",  der  am  23.  Mai  1912  nach  zweijähriger  Bauzeit ­
  auf  der  Hamburger  Werft  von  Blohm  und  Boß  vom  Stapel  gelaufen  ist  und  im
Frühjahr  1913  seine  erste  Ausreise  antreten  soll.  Er  wird  nebst  zwei  Schwesterschiffen,
die  ihm  bald  folgen  sollen,  eine  Länge  von  268  m  aufweisen,  sein  Raumgehalt  wird
50000  Brutto-Registertonnen  betragen,  sein  Gewicht  34000  t.  Die  Wasserverdrängung
wird  etwa  60000  Tonnen  betragen,  der  Antrieb  erfolgt  durch  4  Dampfturbinen  von  je
15000  Pferdestärken,  die  Geschwindigkeit  wird  22  Seemeilen  (41  km)  in  der  Stunde  betragen. ­
  Elf  Stockwerke  werden  in  dem  neusten  Ozeanriesen  übereinander  liegen,  die  höchste
Mastspitze  wird  volle  75  in  über  den  Kiel  hinausragen.  Tie  Schornsteine  werden  21  in
hoch  sein  und  einen  ovalen  Querschnitt  von  rund  50  gm  (9  m  in  der  Länge,  ö 1 ^  m  in
der  Breite)  aufweisen.  Vollbesetzt  wird  das  Schiff  5000  Menschen,  also  die  Einwohnerschaft ­
  einer  kleinen  Stadt,  aufnehmen  können.
Nichts  aber  wird  wohl  deutlicher  den  kolossalen  Aufschwung  der  deutschen  Seeschifffahrt ­
  illustrieren  als  die  Angabe,  daß  noch  im  Jahre  1892,  also  vor  zwei  Jahrzehnten,
der  gesamte  Jahresverkehr  der  Hapag  sich  nur  auf  154182  Registertonnen,  also  nur  auf
das  Dreifache  des  ganzen  „Jmperator"-Raumgchalts,  belief!
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        959  bb

Die  neuen  Seekanäle.
Es  ist  charakteristisch  für  unser  Zeitalter  weltwirtschaftlicher  Betätigung,  in  der  schließlich ­
  die  gesamte  bewohnte  Erde  ein  einziges  großes  Wirtschaftsgebiet  werden  wird,  daß  trotz
des  immer  feiner  sich  verästelnden  Eisenbahnnetzes  in  allen  Ländern  alle  großen  Städte  und
Mittelpunkte  des  Welthandels  von  einem  alljährlich  unverkennbarer  hervortretenden  Drang
znm  Meere  erfaßt  worden  sind,  der  sich  allenthalben  in  dem  Bestreben  kundgibt,  an  die  znm
Meere  führenden,  schiffbaren  Flüsse  und,  wenn  irgend  möglich,  an  die  von  Seeschiffen  zu
befahrenden  Wassergebiete  gute  Anschlüsse  zu  gewinnen.  Immer  klarer  bricht  sich  die  Erkenntnis ­
  Bahn,  daß  es  eine  verkehrsgeographische  Notwendigkeit  und  keineswegs  ein  Zufall
ist,  wenn  die  stolzesten  Zentren  des  Handelsverkehrs  im  1.9.  und  20.  Jahrhundert  durchweg ­
  an  solchen  Stellen  liegen,  wo  gleichzeitig  ein  sicheres  und  bequemes  Anlaufen  der
größten  Seeschiffe  möglich  ist  und  ein  größerer  Fluß  einen  leicht  zugänglichen  Weg  in  ein
gcwerbe-  und  handelsfrohes  Hinterland  eröffnet.  London,  Rotterdam,  Antwerpen,  Hamburg, ­
  Marseille,  New  Uork,  Buenos  Aires  und  andre  ähnlich  gelegene  Orte,  in  zweiter
Linie  auch  Bremen,  Stettin,  Danzig,  Petersburg,  Stockholm,  Odessa,  Astrachan,  Alexandria,
New  Orleans,  usw.  sind  gewissermaßen  die  von  der  Natur  prädestinierten  Stellen  für  einen
größtmöglichen  Aufschwung  des  Handels-  und  Verkehrs  leb  ens.  Diese  Erkenntnis  bricht
sich  immer  mehr  Bahn,  und  demgemäß  drängen  selbst  tief  im  Binnenland  gelegene  Städte
ungestüm  nach  guten  Wasserverbindungen  mit  den  hauptsächlichsten  Seehäfen,  während  die
küstennahen,  aber  nicht  ohne  weiteres  für  Seeschiffe  zugänglichen  größeren  Plätze  darauf
bedacht  sind,  durch  künstlich  angelegte,  tiefe  Wasserstraßen  die  Seeschiffe  zu  sich  heranzulocken, ­
  wobei  oft  genug  die  städtischen  Wünsche  sich  mit  den  verkehrspolitischen  Absichten
der  jeweiligen  Regierungen  begegnen.
So  sind  denn  in  den  letzten  Jahrzehnten  verschiedene  sehr  bedeutsame  Seekanäle
entstanden,  welche  der  Seeschiffahrt  künstliche  Zugänge  zu  sonst  nicht  ohne  weiteres  erreichbaren ­
  wichtigen  Handelsplätzen  eröffnen.  Drei  dieser  Seekanäle,  die  einer  bestimmten  Stadt
zugute  kommen,  wurden  schon  oben  erwähnt:  der  Manchester  Seekanal  (S.  501),  der
Amsterdamer  Seekanal  (2.  492)  und  der  Petersburg—Kronstädter  Seekaual
(&amp;lt;3.  513).  :  In  ähnlicher  Weise  wurde  1905  der  Brügger  Seekanal  und  1901  der
Königsberger  Seekanal  dem  Verkehr  übergeben.
Die  künstlich  geschaffenen  Kanäle  bedürfen  dabei  verhältnismäßig  sehr  häufig  der  Vertiefung ­
  und  Erweiterung.  Tie  beängstigend  rasch  wachsenden  Dimensionen  der  Schiffe
haben  oft  genug  schon  wenige  Jahre  nach  der  Eröffnung  eines  neuen,  großartigen  Kanalnnternehmens
  die  gewählten  Dimensionen  veraltet  scheinen  lassen.  So  horten  wir  auf
S.  500,  daß  der  1869  eröffnete  Suezkanal  schon  1884  erweitert  werden  mußte.  Eine
neue  Erweiterung  auf  9  m  Tiefe  und  20  m  Sohlenweite  ist  1911  in  Angriff  genommen
worden.
Ähnlich  ist  es  dem  deutschen  Kaiser-Wilhelm-Kanal  ergangen,  der  1895  eröffnet
wurde  (S.  ,503ff.).  Tie  Benutzung  dieses  Kanals  ging  in  kürzester  Zeit  ganz  bedeutend
über  den  Voranschlag  hinaus,  der  mit  einer  Befahrung  durch  jährlich  18000  Schiffe  mit
51/2  Millionen  Netto-Registertonnen  Raumgehalt  rechnete.  Die  tatsächlichen  Verhältnisse  gestalteten ­
  sich  in  der  Weise,  daß  schon  im  ersten  vollen  Betriebsjahr,  1896,  die  veranschlagte
Zahl  der  durchfahrenden  Schiffe  überschritte:!  wurde:  es  benutzten  damals  nämlich  19  660
Fahrzeuge  den  Kanal,  zwölf  Jahre  nach  der  Eröffnung,  1907,  aber  nicht  weniger  als  rund
35000  Schiffe  mit  6423  000  Netto-Registertonnen  und  im  16.Jahr  (1910)  45569  Schiffe
mit  7  679339  Registertonnen.
Nachdem  der  Kaiser-Wilhelm-Kaual  etwa  ein  Jahrzehnt  lang  den  Ansprüchen  der
dcutschen  Kriegsmarine  genügt  und  auch  trotz  des  immer  steigenden  Verkehrs  der  Handelsschiffahrt ­
  große  Dienste  geleistet  hatte,  mußte  der  Erkenntnis  Raum  gegeben  werden,  daß
seine  Einrichtungen  im  Vergleich  zu  den  stetig  wachsenden  Anforderungen  der  Kriegsmarine
und  der  Handelsschiffahrt  an  der  Grenze  ihrer  Leistungsfähigkeit  angelangt  seien  und  bald
unzulänglich  sein  würden.
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        wj

löte  neue  Hochbrücke  über  Len  Äaiser-WiUtelut-Äaval  bet  HoUenan
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        »Kaiser-Wilhelm-Kanal.  Panamakanal.

959  ää

Tie  Schiffsabmessungen  hatten  sprungweise  und  in  ungeahntem  Maße  zugenommen,
und  cs  scheint  so,  als  ob  diese  Entwicklung  bei  weitem  noch  nicht  ihr  Ende  erreicht  hat.
Schon  seit  einigen  Jahren  können  die  größten  Handelsschiffe  den  Kaiser-Wilhelm-Kanal
nicht  mehr  befahren,  und,  was  im  Sinne  der  Wehrhaftigkeit  des  Deutschen  Reiches  erheblich ­
  bedenklicher  ist:  auch  die  neueren  Linienschiffe  und  die  großen  Kreuzer  können  durch
den  alten  Kanal  und  seine  Schleusen  nicht  mehr  hindurchkommen.
Auf  Grund  eines  Gesetzes  von  1907  wurden  daher  Verbesserungen  der  Kanallinie
geschaffen.  Von  größeren  Änderungen  ist  der  Durchstich  bei  Rade  und  die  Geradelegung
der  Strecke  zwischen  Levensau  und  Holtenau  mit  Hilfe  zweier  Durchstiche  zu  nennen.  Die
neue  Kanalmittellinie  wird  erheblich  flachere  Krümmungen  als  der  jetzige  Kanal  aufweisen.
Radien  unter  1800  in  wird  der  Kanal  künftighin  nicht  mehr  kennen.
Das  neue  Kanalnormalprofil  soll  44  m  Sohlenbreite  bei  11  in  Wassertiefe  unter  gewöhnlichem ­
  Kanalwasserstande  und  102  in  Wasserspiegelbreite  bei  diesem  Wasserstande
haben:  dadurch  vergrößert  sich  der  Wasserquerschnitt  auf  825  qm.  Tie  neue  Sohle  wird
doppelt  so  breit  wie  die  bisherige  und  der  neue  Wasserquerschnitt  auch  doppelt  so  groß
sein,  während  die  Tiefe  um  2  m  erhöht  wird.
Unter  allen  Seekanälen  der  letzten  Jahre  aber  hat  kein  andrer  ebenso  oft  und  anhaltend ­
  die  Gemüter  der  Kulturwelt  beschäftigt  wie  der  seiner  Vollendung  entgegengehende
Panamakanal.  Das  traurige  Schicksal  des  alten  Lessepsschcn  Unternehmens  wurde  bereits ­
  auf  S.  515  erörtert.  Seit  der  Jahrhundertwende  ist  nun  die  Angelegenheit  in  ein
neues  Stadium  getreten,  das  entschieden  als  aussichtsreicher  bezeichnet  werden  muß,  obwohl
sich  nicht  verhehlen  läßt,  daß  das  letzte  Wort,  ob  das  Unternehmen  wirklich  in  einer  den
hochfliegenden  Erwartungen  entsprechenden  Weise  zu  Ende  geführt  werden  kann,  noch  ganz
und  gar  nicht  gesprochen  worden  ist.
Schon  Ende  der  neunziger  Jahre  gingen  die  Vereinigten  Staaten  daran,  das  Unternehmen, ­
  an  dem  die  französische  Gesellschaft  verblutet  war,  als  staatliches  Werk  fortzuführen.
Zwar  war  die  Unionsregierung  England  gegenüber  durch  den  Clayton-Bulwer-Vcrtrag
von  1850  gebunden,  wonach  keiner  von  beiden  Staaten  einen  Kanal  durch  den  mittelamerikanischen ­
  Isthmus  als  staatliches  Unternehmen  in  Angriff  nehmen  durfte;  aber  durch
den  neuen  Hay-Pauncefote-Vertrag  vom  18.  November  1901  erlangte  die  amerikanische
Regierung  die  Aufhebung  des  älteren  Vertrages.  1902  wurde  durch  die  Spooncr-Bill
die  Herstellung  des  Panamakanals  ans  Staatskosten  zum  Gesetz  erhoben,  im  November  1903
bewirkte  der  amerikanische  Einfluß  hinter  den  Kulissen  die  Losreißung  Panamas  von  Kolumbien ­
  auf  revolutionärem  Wege  und  die  Schaffung  der  „selbständigen"  Republik  Panama,
am  23.  April  1904  kaufte  die  Unionsregierung  den  Lessepsschen  Kanal  für  40  Millionen
Dollar  an,  und  am  4.  Mai  1904  übernahm  sie  den  Kanal,  nachdem  einige  Wochen
zuvor  durch  Vertrag  (vom  18.  November  1903)  mit  der  neuen  Republik  Panama  der
künftige  Kanal  nebst  einem  je  10  Meilen  breiten  Landstreifeu  auf  seinen  beiden  Ufern
territoriales  Eigentum  der  Vereinigten  Staaten  geworden  war.
Die  französische  Gesellschaft  hatte  die  Schaffung  eines  Niveaukanals  geplant,  der
73  lern  lang  und  8i/z  in  tief  sein  sollte  bei  40  m  Spiegel-  und  22  m  Sohlenbreite.  1887,
als  die  Ausgaben  für  den  Kanal  schon  eine  beängstigende  Höhe  erreicht  hatten,  war  man
dann,  wie  erwähnt,  zum  Schleusenkanal  übergegangen,  doch  der  Zusammenbruch  der  Gesellschaft ­
  ließ  die  Arbeiten  nicht  viel  weiter  gedeihen.  Die  Amerikaner  entschieden  sich,  nach
langem  Hin  und  Her,  für  einen  Schleusenkanal,  und  als  solcher  wird  er  denn  nun
auch  tatsächlich  gebaut,  wobei  Oberst  Goethals  die  Leitung  des  Baues  in  Händen  hat.
Der  Kanal  beginnt  bei  Colon  und  läuft  zunächst  durch  die  Limonbucht  nach  Mindi.
Hier  beginnt  der  erste  Durchbruch  nach  Gatun,  es  schließt  sich  ein  großes,  22  englische
Meilen  langes  Staubecken  an,  dessen  Ende  bei  Obispo  liegt.  Dann  folgt  der  zweite,  erheblich ­
  größere  Durchstich,  der  sogenannte  „Culebraeinschnitt".
Dieser  10  Meilen  lange  Durchstich  geht  über  die  Wasserscheide  hinweg  und  endet  in
Paraiso,  wo  ein  zweites  kleineres,  bis  La  Boca  reichendes  Staubecken  beginnt.  Der  Kanal
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        959  ee

Die  neuen  Seekanäle.

endet  schließlich  in  der  Bai  von  Panama  bei  der  Insel  Perice.  Bis  Gatun  liegt  der  Kanal
im  Meerniveau.  Dann  wird  er  durch  eine  dreistufige  Toppelschlense  um  volle  26,7  in  gehoben; ­
  der  höchste  Hub  beträgt  dabei  10  in  mehr  als  irgendein  anderer  auf  der  Erde
existierender.  Auf  der  pazifischen  Seite  befinden  sich  hingegen  zwei  Schleusen,  erstens  die
sogenannte  Pedro  Mignelschlense  bei  Parniso,  die  den  Wasserspiegel  wieder  um  17  in  sinken
läßt,  und  außerdem  die  Miraflores-Schleuse,  die  den  Ausgleich  mit  dem  Mecrniveau
des  Stillen  Ozeans  bewirkt.  Dieser  weist  nämlich  Ebbe  und  Flut  in  ziemlich  dedentendem
Maße  auf,  während  der  Atlantische
Ozean  der  Gezeitenunterschiede  entbehrt.
Deshalb  ist  der  Kanal,  zur  Verminderung ­
  der  Gezeitenströmungen,  bassinartig ­
  bis  Miraflores  auf  150  in  erweitert ­
  worden.
Besondere  Schwierigkeiten  machen
dem  Kanal  die  alljährlichen  kolossalen
Überschwemmungen  des  Chagresflusses.
Ihretwegen  ist  im  Oberlauf  des  Flusses
ein  Regulierungsstau  angelegt  worden,
der  700  Millionen  Kubikmeter  Wasser
aufzusammeln  vermag,  um  sie  dann  allmählich ­
  wieder  abzugeben.  Die  wichtigste
Wasserhaltung  aber  stellt  der  riesige
Stausee  bei  Gatun  dar,  der  volle  1400
Millionen  Kubikmeter  Wasser  aufnimmt
und  das  für  die  Durchschleusungen  der
einzelnen  Schiffe  erforderliche  Wasser  liefern ­
  soll.  Man  rechnet,  daß  nicht  weniger
als  600000  obin  Wasser  für  jede  einzelne
Turchschleusung  erforderlich  sein  werden.
Ter  große  Gatun-Stausee,  dessen  Herstellung ­
  auch  eine  Verlegung  der  alten
Panamabahn  erforderlich  gemacht  hat,
wird  durch  einen  gewaltigen,  31na  hohen
Abschlußdamm  einen  höchsten  Stauungsspiegel ­
  von  25  in  erhalten.  Ter  Abschlußdamm ­
  selbst  wird  nach  Goethals'
Plänen  aus  Baggergut  aufgeführt.
Technisch  am  schwierigsten  ist  der
große  Culebraeinschnitt,  an  dem  auch
die  Lessepsschc  Gesellschaft  hauptsächlich
gescheitert  ist.  Hier  muß  der  Kanal  durch
vulkanisches,  sehr  hartes  Gestein  in  Tiefen
bis  über  160  nr  hindurchgebrochen  wer-«cr
  pauamalunml  «na  der  Vogelschau.  bot,  und  ungeheure  Massen  von  Material
waren  hier  zu  entfernen.  Der  Kanal  wird  in  seiner  endgültigen  Ausführung  eine  Tiefe
von  10  in  im  Süßwasser,  eine  solche  von  9,7  m  im  Salzwasser  erhalten.  Die  Breite
wird  am  Wasserspiegel  67  in,  an  der  Sohle  45  nr  betragen.  Seitdem  Oberst  Goethals
im  März  1907  die  Leitung  der  Arbeiten  übernommen  hat,  sind  die  Leistungen  bedeutend
gesteigert  worden;  es  werden  täglich  etlva  120000  obm  Erde  bewältigt.  Ursprünglich  verwandte ­
  man  zumeist  Neger  als  Arbeiter,  später  Japaner  und  neuerdings  vorwiegend  Spanier
und  Italiener.  Tie  Zahl  der  Arbeiter  schwankt  um  30000—40  000.
Was  die  Amerikaner  seither  in  Panama  geleistet  haben,  ist  unbedingt  höchster  Bewunderung ­
  wert,  und  zumal  in  den  letzten  Jahren  ist  eine  Arbeit  bewältigt  worden,  wie  noch

PANAMA

STILLER

OZEAN

853.
        <pb n="949" />
        Der  Panamakanal.

959  ff

bei  keinem  andern  Kulturwerk  der  Erde.  Die  Gesamtkosten  belaufen  sich  schon  jetzt  auf
etwa  2  Milliarden  Mark,  rund  das  Dreifache  der  ursprünglich  veranschlagten  Summe,  und
werden  noch  sehr  hoch  anschwellen.  Bevor  man  an  die  eigentlichen  technischen  Arbeiten
gehen  konnte,  mußte  man  zunächst  einmal  gegen  die  fürchterlichen  Gesundheitszustände  auf
dem  Isthmus  von  Panama  ankämpfen  (die  Gegend  ist  wohl  die  ungesündeste  der  ganzen
Erde),  was  den  Amerikanern,  den  unerreichten  Meistern  in  der  Bekämpfung  der  Tropenkrankheiten, ­
  denn  auch  in  trefflichster  Weise  gelungen  ist.
Wie  die  Tinge  heute  liegen,  hoffen  die  Erbauer  des  Kanals  vielleicht  schon  im  September ­
  1913,  spätestens  aber  zu  Neujahr  1915,  die  Wasserstraße  zwischen  den  beiden  größten
Ozeanen  der  Erde,  wenigstens  provisorisch,  dem  Verkehr  übergeben  zu  können,  wenn  man
auch  im  günstigsten  Falle  dann  noch  lange  Jahre  zu  arbeiten  haben  dürfte,  bevor  man
wirklich  über  einen  idealen,  allen  Ansprüchen  genügenden  Kanal  verfügen  wird.  Daß  die
Amerikaner  alle  Kräfte  und  jede  beliebige  Geldsumme  daran  setzen  werden,  in  der  Tat  bis
zum  1.  Januar  1915  das  gewaltige  Kunstwerk  fertigzustellen,  ist  keinen  Augenblick  zu  bezweifeln. ­
  Ob  die  stolze  Absicht  sich  freilich  verwirklichen  lassen  wird  oder  ob  widrige
Verhältnisse  einen  Strich  durch  'die  Rechnung  machen  werden,  läßt  sich  heute  noch  nicht
sicher  übersehen.  Bei  objektiver  Beurteilung  muß  man  erklären,  daß  die  amerikanischen
Berichte,  die  so  zuversichtlich  mit  einer  Kanaleröffnung  bis  spätestens  Neujahr  1915  bestimmt ­
  rechnen,  reichlich  optimistisch  sind,  denn  die  Möglichkeit,  um  nicht  zu  sagen  die  Wahrscheinlichkeit, ­
  einschneidender  Störungen  im  Fortgang  der  Arbeiten  ist  leider  recht,  recht  groß.
Tie  anscheinend  ernsteste  Gefahr,  die  der  glücklichen  Vollendung  des  Kanals  droht,
sind  die  gewaltigen  Abrutschnngen,  die  an  den  Böschungen,  besonders  im  großen  Cnlebradurchstich
  auftreten.  Dieser  ist  ohnehin  ein  sehr  schwieriges  Beginnen,  da  der  Kanal  hierdurch ­
  hartes  Felsgestein  in  sehr  große  Tiefen  hinein  und  in  einer  Breite  von  100  m  gebrochen ­
  werden  muß.  Nun  finden  sich  aber  in  den  Fels  eingelagert  Tonmassen  in  unerwünschter ­
  Häufigkeit,  die  von  jedem  stärkeren  Regenguß  zum  Gleiten  gebracht  werden
können  und  die  dann  große  Teile  des  umliegenden  Felsgesteins  in  den  Absturz  ins  fertige
Kanalbett  mitreißen.  Schon  der  Lessepssche  Kanal  hatte  unter  diesen  Abrutschungen  aufs
schwerste  zu  leiden,  1887  stürzten  einmal  78000  obm  in  einer  einzigen  Nacht  ab.  Bereits
1885  wurde  von  dem  deutschen  Ingenieur  Peschek  dem  Kanal  prophezeit,  er  werde  überhaupt ­
  nie  zustande  kommen,  tvenn  die  Tone  häufiger  in  dein  Fels  anzutreffen  seien.  Tatsächlich ­
  finden  sie  sich  nun  erschreckend  oft.  Die  Amerikaner  kämpfen  mit  großen  Kosten
durch  stete  Verringerung  der  Böschungswinkel  gegen  das  Unheil  an,  aber  mit  nur  teilweisem ­
  Erfolg;  erst  am  9.  Februar  1911  erfolgte  die  größte,  überhaupt  je  dagewesene
Abrutschung:  nicht  weniger  als  300000  obnr  Gestein  stürzten  ins  Kanalbett,  wobei  allein
drei  Eisenbahnzüge  verschüttet  und  150  Menschen  getötet  wurden!  Ein  Jahr  später,  am
10.  Februar  1912,  stürzten  wieder  ellva  250000  cbm  ab,  und  am  6.  September  1912
wurde  gemeldet,  daß  gar  1200000  cbm  abgerutscht  seien!  Solche  Vorkommnisse  sind  um
so  verhängnisvoller,  als  der  Druck  des  abgestürzten  Gesteins  den  Boden  des  Kanalbetts
seitlich  um  viele  Meter  aufzuwölben  pflegt.  Kommt  nun  einmal  etwas  Ähnliches  vor,  nachdem ­
  die  Schiffahrt  im  Kanal  eröffnet  ist,  so  kann  durch  die  unvermutete  und  schwer  kontrollierbare ­
  Verringerung  der  Wassertiefe  die  Benutzung  der  Verkehrsstraße  für  große  Fahrzeuge
auf  Monate  hinaus  unterbrochen  werden!
Tie  Abrutschnngen  bilden  aber  nicht  das  einzige  Damoklesschwert,  das  dauernd  über
der  Vollendung  und  Befahrbarkeit  des  Kanals  hängt.  Einen  weiteren  Gegenstand  schwerster
Sorge  bildet  die  Frage,  wie  man  der  Schlensenfahrstraße  ständig  die  erforderlichen  Wassermengen ­
  zuführen  soll.  Die  Niederschläge  im  Jsthmusgebiet  sind  in  vielen  Zeiten  des  Jahres
auffällig  gering;  die  Flüsse,  die  den  Kanal  speisen  sollen,  führen  oft  lange  Zeit  minimale
Wassermengen,  um  dann  gelegentlich  durch  einen  schweren  Regenguß  wieder  zu  reißender,
zerstörender  Stärke  anzuschwellen.  Es  scheint  heute  ziemlich  sicher  zu  sein,  daß  man  die
Wasserznführung  der  Flüsse  überschätzt  hat,  daß  der  gewaltige  Stausee  niemals  genügend
gefüllt  werden  wird  —  die  möglichen  Folgen  für  den  Kanalbetrieb  sind  dann  aber,  wie
sich  jeder  von  selbst  sagen  kann,  verhängnisvoll  genug!
XI  120o
        <pb n="950" />
        Die  Fortschritte  der  Binnenschiffahrtsstraßen.

959§ss

Und  noch  ein  Trittes  kommt  hinzn.  Um  die  Wassermassen  des  Gebietes  zu  sammeln!
und  für  den  Kanal  nntzbriitgend  zu  verwerten,  haben  die  Amerikaner  den  riesigen  Stausee
von  Gatun  mit  Hilfe  eines  großen  Dammes  geschaffen.  Nun  aber  ist  inan  nicht  nur  in
schwerer  Sorge,  wo  man  die  nötigen  Wassermassen  hernehmen  soll,  um  den  See  nur  erst
einmalig  zu  füllen,  sondern  es  ergibt  sich,  wenn  dies  gelingen  sollte,  wieder  eine  neue  Gefahr: ­
  es  steht  nämlich  nicht  mit  absoluter  Sicherheit  fest,  daß  die  Unterlage,  ans  der  der
Tamm  sich  erhebt,  vollkominen  wasserdicht  ist.  Die  bauleitenden  Ingenieure  behaupten
zwar  die  unbedingte  Zuverlässigkeit  ihres  Bauwerkes;  andere  sehr  urteilsfähige  Fachleute
bezweifeln  sie  jedoch  und  scheinen  um  so  mehr  dazu  berechtigt  zu  sein,  als  der  Gatundamm
an  zwei  Stellen  über  alte  Flußbetten  geführt  worden  ist,  die  bis  in  sehr  große  Tiefen  hinein
mit  Geröll,  Schlamm  und  andern  Flußablagernngen  angefüllt  sind.  Es  ist  ja  möglich,  daß
dennoch  die  Zuversicht  der  leitenden  Ingenieure  begründet  ist.  Wie  aber,  wenn  die  Zweifler
recht  behalten?  Wenn  auch  nur  an  einer  einzigen  Stelle  die  Unterlage  des  Dammes
Wasser  durchsickern  läßt?  Gewißheit  hierüber  wird  man  leider  erst  erlangen  können,  wenn
der  Stausee  gefüllt,  die  Berichtigung  eines  Irrtums  also  nicht  mehr  möglich  ist.  Liegt
aber  ein  solcher,  wenn  auch  noch  so  kleiner  Irrtum  vor,  so  wäre  ein  Dammbruch  unvermeidlich, ­
  der  mit  einer  völligen  Zerstörung  des  Kanals  fast  identisch  wäre.
Dazu  kommen  noch  die  Gefahren,  die  dem  Kanal  von  Erdbeben  drohen.  Zwar  wird
glücklicherweise  gerade  der  Isthmus  von  Panama  von  ihnen  verhältnismäßig  seltener  als
die  meisten  andern  Teile  des  bebenreichen  Mittelamerika  betroffen,  und  das  letzte  schwere
zerstörende  Panamabeben,  das  im  Jahre  1621  stattfand  und  die  Stadt  Panama  in  Trümmer
legte,  liegt  schon  fast  300  Jahre  zurück.  Aber  bei  dem  bedenklichen  labilen  Zustande  der
Böschungen  im  Culebradurchschnitt  und  des  Gatundammes  genügt  schon  ein  leichtes  Beben,
wie  es  hier  und  da  auch  in  Panama  vorkommt  und  u.  a.  noch  während  des  Lessepsschen
Kanalbaues  im  Jahre  1882  stattfand,  um  unberechenbare,  fürchterliche  Wirkungen  hervorzurufen, ­
  vielleicht  gar  in  wenigen  Sekunden  das  stolze  Kulturwunder  zu  vernichten.  —  Mitte
März  1912  wurde  ja  gar  gemeldet,  es  hätten  sich  im  Culebraeinschnitt  Spuren  beginnender
vulkanischer  Tätigkeit  gezeigt.  Diese  Sensationsnachricht  hat  sich  glücklicherweise  nicht  bestätigt ­
  oder  doch  eine  sehr  harmlose  Aufklärung  gefunden;  aber  der  Ausbruch  des  für
erloschen  gehaltenen  Vulkans  Chirlqui  aiu  5.  April  1912,  der  nur  etwa  200  km  vom
Kanal  entfernt  ist,  war  dennoch  eine  Tatsache,  die  zu  kaum  minder  großen  Befürchtungen
Anlaß  geben  mußte.
Aus  dem  Gesagten  geht  jedenfalls  hervor,  daß  das  stolze  Kulturwerk,  das  sich  seiner
wenigstens  Provisorischen  Vollendung  mit  Riesenschritten  nähert,  noch  von  zahlreichen  und
großen  Gefahren  umlauert  ist,  und  niemand  vermag  zu  sagen,  ob  die  Zukunft  des  Kanals
tatsächlich  dem  hoffnungsvollen  Bilde  entsprechen  wird,  das  man  sich  beim  Gedanken  an  den
werdenden  Panamakanal  so  leicht  auszumalen  geneigt  ist!
Von  sonstigen  großen  Seekanälen  sei  nur  in  aller  Kürze  auf  die  an  der  nordamerikanischen ­
  Ostküste  geplanten  Neubauten  hingewiesen.  Der  alte,  1824—1829  gebaute
Kanal  zwischen  der  Delaware-  und  der  Chesapeakebai,  der  mit  seiner  geringen
Tiefe  von  3  m  und  19,8m  Breite  neuzeitlichen  Anforderungen  nicht  mehr  entsprach,  soll
mit  einer  Tiefe  von  10,6  m  und  einer  Breite  von  45  m  neu  geschaffen  werden.  Außerdem
soll  die  Halbinsel  Cape  Cod  durchstochen  werden;  die  105  lern  lange  Halbinsel  stellt
für  die  Schiffahrt  ein  bedeutendes  Hindernis  und,  wegen  der  häufigen,  schweren  Nebel  an
der  Nordspitze,  eine  große  Gefahr  dar,  der  nun  mit  der  Schaffung  eines  13  km  langen,
75—90  m  breiten  und  7,6  m  tiefen  Kanals  begegnet  werden  soll.
Die  Fortschritte  der  Binnenschiffahrtsstratzen.
Die  seit  1900  ausgeführten  Anlagen  zum  Ausbau  der  Binnenschiffahrtsnetze  sind  in
allen  Ländern  verhältnismäßig  recht  unbedeutend  gewesen,  obwohl  viel  von  allerhand  Bestrebungen ­
  zur  Verbesserung  der  vorhandenen  Flußwege  und  Kanäle  die  Rede  war.
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        Deutsche  Kanalprojekte.

959  hh

Speziell  von  den  deutschen  Wasserstraßen  und  Kanalprojekten  ist  schon  auf  Seite
481—492  eingehend  die  Rede  gewesen.  Es  braucht  daher  an  dieser  Stelle  nur  das  oben
Gesagte  ergänzt  zu  werden.  Nach  langwierigen,  z.  T.  außerordentlich  hitzigen  Kämpfen
innerhalb  und  außerhalb  des  Parlaments  wurde  der  vorläufige  Ausbau  der  preußischen
Wasserstraßen,  die  ja  den  integrierenden  Bestand  des  deutschen  Binncnschiffahrtsuetzes  bilden,
durch  das  Gesetz  vom  1.  April  1905  in  folgender  Weise  festgelegt.
Mit  einem  Kostenaufwand  von  insgesamt  rund  334^  Millionen  Mark  sollten  neu
geschaffen  bzw.  verbessert  werden:
Kostenanschlag
Mark
Ein  Schiffskanal  vom  Rhein  bei  Ruhrort  bis  Herne  (Rhein—Hernekanal)

einschließlich  einer  Abzweigung  von  Datteln  nach  Hamm  74500  000
Ergänzungsbauten  am  Dortmund—Emskanal  von  Dortmund  bis  Bevergern  6150000
Eine  Abzweigung  vom  Dortmund—Emskanal  von  Bevergern  zur  Weser
bei  Bückeburg  mit  Zweigkanälen  nach  Minden  und  Osnabrück  ....  81000000
Ein  Anschlußkanal  von  Bückeburg  nach  Hannover  mit  Abzweigung  nach  Linden  39  500000
Kanalisierung  der  Lippe  und  Seitenkanäle  von  Wesel  nach  Datteln  und
von  Hamm  nach  Lippstadt  44600000
Großschiffahrtsweg  Berlin—Stettin  (Berlin—Hohensaathen)  43000000
Verbesserung  der  Wasserstraße  zwischen  Oder  und  Weichsel,  sowie  der  Warthe
von  der  Netzemündung  bis  Posen  21175000
Kanalisierung  der  Oder  von  der  Mündung  der  Glatzer  Neiße  bis  Breslau
und  Versuchsbauten  auf  der  Strecke  Breslau—Fürstenberg  (Oder)  .  .  19  650000
Verbesserungen  der  Landeskultur  .  .  .  500000

334575000
Der  bedeutsamste  Zug  dieses  Kanalprogramms  ist  der  Verzicht  auf  die  Ausführung  des
Mittellandkanals  (vgl.  S.491).  Tie  chinesische  Mauer  des  Wirtschaftslebens,  diezwischen
dem  Osten  Deutschlands  und  dem  Westen  bzw.  Süden  infolge  des  vollständigen  Fehlens
jeglicher  Wasserstraße  zwischen  Elbe  und  Weser  in  einer  von  der  Industrie  nur  allzu  bitter
empfundenen  Weise  errichtet  worden  ist,  wird  also  in  absehbarer  Zeit  noch  nicht  fallen.
Ter  so  dringend  notwendige  Rhein—Elbekanal  wird,  teils  wegen  des  Widerspruchs  der
Agrarier,  teils  um  die  Interessen  Schlesiens  gegen  die  wirtschaftliche  Übermacht  des  Westens
zu  schützen,  einstweilen  nicht  oder  doch  nur  in  verstümmelter  Gestalt  zustande  kommen,  indem
er  vom  Rhein  über  die  Weser  hinweg  bis  nach  Hannover  gebaut  wird,  während  seltsamerweise ­
  das  Schlußstück  Hannover—Magdeburg  fehlen  soll!
Der  übrig  gebliebene  Rhein—Hannoverkanal  hat  eine  Länge  von  314  km  und  ist
für  Fahrzeuge  bis  65  m  Länge  und  600  t  Tragfähigkeit  befahrbar,  würde  also  für  die
größeren  Rheinschisie,  die  1000  und  mehr  Tonnen  Tragfähigkeit  aufweisen,  ohnehin  nicht
benutzbar  sein.  Er  gestattet  im  Jahr  8  Millionen  Tonnen  Güter  zu  befördern;  man  denkt  die
Zahl  künftig  durch  Anlage  von  drei  Schleusen  nebeneinander  auf  16  Millionen  steigern  zu
können.  Die  wesentlichsten  Entfernungen  des  Dortmund  —  Ems-  und  des  mit  ihm  eng
zusammenhängenden  Ems—Hannoverkanals  sind  die  folgenden:
Herne—Emden  266,4  km
Herne—Münster  67  km
(Von  Münster  nach  Emden  findet  ein  Abstieg  über  17  Fluß-  und  2  Seeschleusen  statt.)

Bevergern—Hannover  .  .

.  .  173

km

Datteln—Hamm  ....

.  .  37

km

Datteln—Lippstadt  .  .  -

.  .  38

km

Datteln—Wesel  ....

.  .  64

km

Neben  dem  genannten  Anschluß  Hannovers  an  das  westliche  Wasserstraßennetz  ist  der  allgemein ­
  interessanteste  und  originellste  Teil  des  Kanalgesetzcs  von  1905  sicherlich  die  Herjtellung
des  Berlin  —Stettiner  Großschiffahrtsweges.  Ter  Güterumschlag  der  vereinigten
Berliner  und  Charlottenburger  Häfen  geht  schon  jetzt,  obwohl  nur  kleinere  Schiffe  dieReichs-120c*
        <pb n="952" />
        959  ii

vSte  Fortschritte  der  Biiincnschiffahrtsstraßeii.

Hauptstadt  anzulaufen  vermögen,  über  den  Binnenverkehr  Hamburgs  und  fast  aller  übrigen
deutschen  Häfen  hinaus.  Es  ist  demnach  klar,  daß  es  wirtschaftlich  von  unabsehbarer  Bedeutung ­
  sein  würde,  wenn  es  möglich  wäre,  die  kleineren  Seeschiffe  der  Ostsee,  die  heute  bis
Stettin  zu  fahren  vermögen,  bis  nach  Berlin  gelangen  zu  lassen.  Diesem  Zweck  soll  ein  neuer
Oder—Havel—Spreekanal  entsprechen,  der  bei  Hohensaathen  von  der  Oder  abzweigt  und  von
dort  in  einer  Gesamtlänge  von  106,7  lein,  ungefähr  im  Zuge  des  alten  Finowkanals,  nach
Berlin  verlaufen  soll.  Er  erhält  eine  Breite  von  33,  eine  Tiefe  von  durchgängig  2,4,  in
der  Mitte  von  3  in,  so  daß  er  von  zwei  je  600  t  fassenden  Schiffen  nebeneinander  befahren
werden  kann.  Der  Kanal  wird  in  naher  Zukunft  (1913)  dem  Verkehr  übergeben  werden
und  sicher  speziell  für  Berlins  und  Stettins  Wirtschaftsleben  rasch  große  Bedeutung  erlangen.
Wenn  somit  die  Zeit  gekommen  ist,  daß  kleinere  Seeschiffe  bis  nach  Berlin  gelangen
können,  daß  in  gewissem  Sinne  Berlin  Seestadt  wird,  so  ist  es  nicht  zu  verwundern,
daß  auch  andre  binnenländische  Großstädte  mit  reicher  Industrie  ähnliche  Wünsche  hegen.
Daß  z.  B.  Paris  und  Roin  seit  langer  Zeit  den  Ehrgeiz  hegen,  Seestädte  zu  werden,  wurde
schon  oben  auf  S.  490  erörtert.  Doch  auch  in  Deutschland  regt  es  sich  selbst  in  den  meerfernsten
  großen  Städten  immer  lebhafter,  gute  Schiffahrtsstraßen  großen  Stils  bis  zum
Meer  zu  erhalten,  so  insbesondere  in  den  drei  wichtigsten  rechtsrheinischen  Staaten  Süddeutschlands. ­
  Die  badische  Hauptstadt  Karlsruhe  verfügt  durch  die  umfassenden  Rhein-Regulierungsarbeiten
  seit  dem  März  1909  über  eine  ununterbrochene  Wasserstraße  zur
Nordsee  und  hat  sich  in  den  Jahren  1898  bis  1901  einen  großen,  neuen  Rheinhafen  geschaffen, ­
  der  im  Mai  1901  dem  Verkehr  übergeben  wurde.  Ungleich  schlechter  sind,  infolge
ihrer  geographischen  Lage,  natürlich  diebeidenanderensüddeutschenHauptstädteMünchenund
Stuttgart  und  die  andren  bayrischen  und  württenibergischen  großen  Städte  daran.  Hier
konnte  bisher  erst  sehr  wenig  erreicht  werden,  da  die  beiden  Hauptflüsse  Bayerns  und  Württembergs, ­
  die  nach  Norden,  zum  Weltmeer,  weisen,  der  Main  und  der  Neckar,  auf  preußischein
bzw.  badischem  Gebiet  in  den  Rhein  münden,  so  daß  beide  Staaten  ohne  die  Genehmigung
ihrer  Nachbarn  nicht  viel  zur  Verbesserung  ihrer  Wasserstraßen  tun  konnten.  Ter  dritte
große  Fluß  aber,  au  dem  Bayern  und  Württemberg  Anteil  haben,  die  Donau,  ist  in  seinem
Oberlauf  für  die  Schiffahrt  wegen  seiner  reißenden  Strömung  nicht  sehr  geeignet  und  führt
außerdem  nicht  zum  Weltmeer  hin,  sondern  von  ihm  fort.
Es  ist  zunächst  noch  durchaus  unbestimmt,  welche  Kanalpläue  in  Süddeutschlaud  zur
Ausführung  gelangen  werden.  Man  spricht  von  einem  Main—Donaukanal  im  Zuge
des  alten  Ludwigskanals,  von  Abkürzungen  der  gewaltigen,  die  Entfernungen  unnötig  erhöhenden ­
  Mainschleifen,  von  einem  großartigen,  von  Nürnberg  aus  nach  Steppberg  an
der  Donau  verlaufenden  Seitenkanal,  der  über  die  Donau  hinweg  nach  Augsburg  und
München  verlängert  werden  soll,  andrerseits  von  einer  K  a  n  a  lisi  eru  ng  d  es  N  e  ck  a  r  und  einem
von  Eßlingen  nach  Gundelsingen  an  der  Donau  abzweigenden  Neckar—Donau-Seitenkanal, ­
  ferner  von  einer  Kanalisierung  des  Rheins,  der  zurzeit  bis  Basel  sicher  schiffbar
gemacht  wird,  über  Basel  hinaus  bis  zum  Bodensee,  von  einem  Donau—Bodenseekanal ­
  zwischen  Ulm  und  Friedrichshafen  und  schließlich  sogar  von  einem  Kanal  zwischen
Werra  und  Main,  der  bei  Bamberg  münden  soll  und  Bayern  zum  Hinterland  Bremens
machen  würde.  Doch  stehen  alle  diese  Pläne  zurzeit  noch  auf  dem  Papier,  und  es  ist  noch
nicht  abzusehen,  ob  und  wann  der  eine  oder  der  andre  von  ihnen  verwirklicht  werden  wird,
trotz  außerordentlich  reger  Propaganda  und  obwohl  der  „Kanalprinz",  der  bayrische  Thronfolger ­
  Prinz  Ludwig,  keine  Gelegenheit  vorübergehen  läßt,  um  mit  aller  Energie  immer
wieder  und  wieder  die  unbedingte  Notwendigkeit  eines  großen  süddeutschen  Wasserstraßennetzes ­
  zu  betonen.  Nur  die  Rheinkanalisierung  zum  Bodensee  dürfte  gesichert  sein.
Auch  in  Preußen  sind  weit  über  den  Rahmen  des  Kanalgesetzes  von  1905  hinaus
noch  von  der  Zukunft  große  Aufgaben  zu  erfüllen,  die  hier  nur  in  aller  Kürze  erwähnt
werden  sollen,  weil  es  noch  ganz  zweifelhaft,  ob,  wann  und  wie  sie  verwirklicht  werden.
Die  vornehmste  Aufgabe  bleibt  nach  wie  vor  die  Vollendung  des  Mittellandkanals,
in  Gestalt  des  Hannover—Elbekanals.  Von  hoher  Wichtigkeit  ist  ferner  die  vielumstrittene
Moselkanalisierung  nebst  der  damit  zusammenhängenden  Saarkanalisierung,  die
        <pb n="953" />
        M

Deutsche  Kanalprojekte.  959LL
vor  allem  dem  wirtschaftlich  so  wichtigen  Saargcbiet  und  Lothringen  einen  schiffbaren
Anschluß  au  die  Rheinstraße  gewähren  und  es  von  dem  heut  allein  vorhandenen  Anschluß
an  die  französischen  Wasserwege  (eine  Nachwirkung  der  Zeit  vor  1870/71)  erlösen  sollen.
—  Im  Osten  der  Monarchie  ist,  außer  gewissen  Verbesserungen  der  Oder,  die  ja  z.  T.
durch  das  Gesetz  von  1905  endgültig  beschlossen  sind,  als  die  vielleicht  wichtigste  Aufgabe
die  Schaffung  der  masurischen  Wasserstraße  zu  bezeichnen,  die  dem  großen  Mauersee
und  somit  dem  ganzen  Lande  Masuren  eine  schiffbare  Verbindung  zur  Alle  und  demnach
zum  Frischen  Haff  gewähren  sollen.  1908  ging  dem  Landtag  ein  Gesetzentwurf  zu,  der
die  Bewilligung  von  16 1 /,  Millionen  Mark  zur  Herstellung  dieses  Kanals  forderte.
In  den  letzten  Jahren  ist  die  Erörterung  der  einzelnen  deutschen  Kanalunternehmnngen
  und  Kaualprojekte  entschieden  in  den  Hintergrund  getreten  hinter  einer  Frage  von
allgemeiner  und  prinzipieller  Bedeutung:  dem  Problem  der  Schiffahrtsabgaben.  Ter
§  54  der  Reichsverfassung  hat  die  Schiffahrt  auf  den  deutschen  Flüssen  für  frei  erklärt  und
verbietet  es,  sie  mit  Abgaben  fiir  die  Benutzung  der  Wasserstraßen  zu  belasten.  Die  Reichsverfassung ­
  stammte  jedoch  noch  ans  der  Zeit,  wo  man  glaubte,  daß  ein  Neubau  von  Kanälen ­
  infolge  des  wachsenden  Eisenbahnnetzes  gar  nicht  mehr  oder  nur  noch  in  bescheidenem
Umfange  erfolgen  werde.  Nun  wurde  aber  das  preußische  Gesetz  vom  1.  April  1905  vom
Abgeordnetenhaus  nur  gegen  das  Zugeständnis  angenommen,  daß  die  großen  Kosten  der
neuen  Wasserstraßen  mindestens  teilweise  von  den  Benutzern  getragen  werden  müßten  und
daß  demgemäß  Abgaben  von  den  Schiffen  erhoben  werden  sollten.  Die  preußische  Regierung ­
  wollte  davon  zunächst  nichts  wissen,  änderte  dann  aber  ziemlich  plötzlich  ihre  Meinung ­
  und  wurde  zur  eifrigsten  Verfechterin  der  Abgabenpolitik.  Daraus  ergaben  sich  natürlich ­
  scharfe  Konflikte,  da  ja  die  preußischen  Wasserstraßen  auch  von  nichtprenßischen  Schiffen
befahren  werden  und  da  die  Reichsverfassung  im  Widerspruch  mit  den  Bestimmungen  des
Gesetzes  vom  1.  April  1905  stand.  Eine  reichsgesetzliche  Regelung  der  damit  zusammenhängenden ­
  Fragen  blieb  schließlich  der  einzige  Ausweg  ans  so  verwickelten  Verhältnissen.
Nach  niannigfachen,  unendlich  langwierigen  Debatten  ergab  sich  dann  als  Resultat
der  zwischen  den  Staaten  geführten  Verhandlungen  ein  Gesetzentwurf  über  den  Ausbau
von  Wasserstraßen  und  die  Erhebung  von  Schiffahrtsabgabeu,  der  Ende  des  Jahres  1910
dem  deutschen  Reichstag  unterbreitet  wurde.
Ter  Grundgedanke  dieses  Gesetzentwurfs,  der  im  Reichstag  und  Bundesrat  noch
manche  durchgreifenden  Wandlungen  erfuhr,  war  der,  daß  die  ans  den  Schiffahrtsabgaben
zu  erzielenden  Einnahmen  lediglich  der  Verbesserung  der  Schiffahrtsstraßen  zu  dienen  hatten,
so  daß  Industrie,  Handel  und  Schiffahrt,  die  natürlich  auf  die  Schiffahrtsabgabeu  schlecht
zu  sprechen  waren,  immerhin  das  versöhnende  Bewußtsein  haben  konnten,  daß  die  von  ihnen
aufzubringenden  Kosten  im  letzten  Grunde  wieder  der  von  ihnen  gewünschten  Verbesserung  der
Wasserstraßen  immer  aufs  neue  zugute  kommen  würden.  Eine  grundlegende  Bestimmung  des
Gesetzentwurfs  war  ferner  die  Einführung  von  gesonderten  Strombauverbänden  für  Rhein,
Weser  und  Elbe,  denen  die  durch  die  Abgaben  erzielten  Einnahmen  zuflössen  und  die  dann
ihrerseits  auch  über  die  Verwendung  der  vorhandenen  Mittel  für  Zwecke  ihres  eignen  Stromgebietes ­
  bestimmen  konnten.  Und  zwar  sollen  die  Einkünfte  verwendet  werden:
1.  im  Rheinverband:
a)  zur  Herstellung  von  Fahrwasfertiefen  von  2  m  zwischen  Straßbnrg  und  Sondernheim ­
  und  von  2,50m  zwischen  Mannheim  und  St.  Goar;
b)  zur  Kanalisierung  das  Mains  zivischen  Aschaffenburg  und  Offenbach  auf  2,50  m
Fahrwassertiefe;
c)  zur  Kanalisierung  des  Neckars  von  Heilbronn  bis  zur  Mündung  in  den  Rhein
auf  2,20  m  Fahrwassertiefe;
2.  im  Weserverband  zur  Herstellung  von  Fahrstraßen:
a)  in  der  Weser  von  1,10  m  für  die  Strecke  Münden—Karlshafeu,  1,25  m  Karlshafen—Minden, ­
  1,50  m  Minden—Allermündung,  1,75  m  Allermündung—
Bremen:
b)  in  der  Aller  bis  zur  Leinemündung  1,50  m;
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        95911

Die  Fortschritte  der  Bimienschisfahrtsstraßeu.

3.  im  Elbverbande  zur  Herstellung  von  Fahrwassertiefen;
a)  in  der  Elbe,  welche  bei  dem  niedrigsten  Wasserstande  des  Jahres  1904  1,10  in
oberhalb  und  mindestens  1,25  in  unterhalb  der  Saalemündung  betragen  sollen;
d)  zum  Ausbau  der  Saale  von  der  Einmündung  des  geplanten  Verbindungskanals
mit  Leipzig  in  der  Nähe  von  Kreypau  bis  Halle  für  Schiffe  von  mindestens  400  t
Tragfähigkeit  sowie  zur  Verbesserung  des  Fahrwassers  von  Halle  bis  zur  Mündung ­
  in  die  Elbe.
Es  ist  zu  erwarten,  daß  mit  der  endgültigen  Einführung  der  Schiffahrtsabgaben,  die
freilich  noch  immer  viele  und  erbitterte  Feinde  haben,  eine  ganz  neue  Ära  der  Entwickelung
der  deutschen  Binnenschiffahrt  beginnen  wird  —  hoffentlich  eine  erfreuliche!
In  Österreich  wurde  im  ersten  Anfange  des  Jahrhunderts  ein  energischer  Anlauf
zur  Schaffung  eines  großartigen,  neuen  Kanalnetzes  genommen,  dem  jedoch  bis  heute  nicht
die  Verwirklichung  gefolgt  ist.  1901  legte  die  österreichische  Regierung  dem  Parlament
einen  Antrag  zur  Durchführung  von  Wasserstraßen  und  Flußregulierungen  vor,  der
auch  in  beiden  Häusern  genehmigt  wurde.  Dieses  Wasserstraßengesetz  vom  11.  Juni  1901
setzte  die  Erbauung  des  Donau  —Oderkanales,  des  Donau—Moldaukauales  nebst
Kanalisierung  der  Moldaustrecke  Budweis—Prag,  des  March  —  Elbekanales  nebst
Kanalisierung  der  oberen  Elbe  von  Pardubitz  bis  Melnik,  des  Oder—Weichsel-  und
Weichsel—Dnjcstrkanales  fest.  Die  Wahl  der  Tracen,  der  Ausgangs-  und  Endpunkte
wurde  der  Regierung  überlassen.  Eine  in  Wien  aufgestellte  Direktion  für  den  Bau  der  Wasserstraßen ­
  hatte  die  notwendigen  Studien  und  Vorarbeiten  durchzuführen  und  die  Projekte  zu  verfassen; ­
  hierbei  ergaben  sich  aber  eine  Menge  Schwierigkeiten  rechtlicher,  technischer  und
finanzieller  Natur;  es  erstanden  dem  Projekte  zahlreiche  Gegner,  welche  auf  die  Unmöglichkeit ­
  einer  Rentabilität  hinwiesen  und  die  Anlegung  von  Massengüterbahnen  an  Stelle
der  Kanäle  befürworteten:  es  verringerte  sich  allmählich  die  Lust  zum  Bau  von  Kanälen,
zumal  da  auch  politische  Fragen  damit  verquickt  würden,  und  die  Folge  davon  war,  daß
bis  ans  einige  Vorbereitnngsarbeiten  bis  heute  nichts  von  jenem  Progamm  verwirklicht
worden  ist.  1911  wurden  sogar  der  Donau—Moldau-  und  der  March  —Elbekanal  endgültig ­
  zurückgestellt,  und  nur  der  Donau—Oder—Weichsel—Tnjestrkanal  soll  demnächst
geschaffen  werden.  Mit  den  Weichsclregulierungsarbeiten  und  dem  Krakauer  Hafenbau
ist  bereits  begonnen  worden.
Sind  in  Deutschland  und  Österreich  die  Fortschritte  des  Binnenschiffahrts-  und  Kanalwesens ­
  seit  der  Jahrhundertwende  im  wesentlichen  noch  als  Wechsel  auf  die  Zukunft  zu
betrachten,  so  gilt  für  die  übrigen  Kulturländer  genau  dasselbe,  denn  überall  hatte  man
3—4  Jahrzehnte  lang  den  Ausbau  des  Binnenwasserstraßennetzes  zugunsten  des  Eisenbahnnetzes ­
  nur  allzusehr  vernachlässigt.  Allenthalben  geht  man  mit  großartigen  Ideen
um,  deren  Verwirklichung  eine  ganz  neue  Epoche  der  Binnenschiffahrt  bedeuten  würde,
aber  allenthalben  ist  man  auch,  wie  in  Süd  deutsch  land,  über  die  Erwägungen  auf  dem
Papier  noch  nicht  wesentlich  hinausgekommen.  Es  können  hier  unmöglich  alle  die  weitblickenden ­
  Projekte  von  einschneidender  Bedeutung  erörtert  werden,  wie  sie  insbesondere
in  Österreich-Ungar»,  Frankreich,  England  und  in  den  für  gewaltige  Kanalbauten  so  besonders ­
  gut  geeigneten  Ländern  des  europäischen  und  asiatischen  Rußlands  sowie  in  Nordamerika ­
  seit  geraumer  Zeit  erörtert  und  immer  aufs  neue  diskutiert  werden.  Nur  einiges
Wenige  über  ein  paar  tatsächlich  bereits  gesicherte  Kanalisierungen  und  Kanalbauten  sei
daher  mitgeteilt.
In  England  bewältigen  die  Kanäle  den  siebenten  Teil  des  Gesamtgüterverkehrs
des  Landes.  Unter  ihnen  ist  der  1894  eröffnete  Manchester-Schifsskanal  weitaus  der  wichtigste. ­
  1906  wurde  eine  „Royal  Commission  of  Canals  and  Watenvays“  ernannt,  die
über  alle  möglichen  Kanalfragen  und  auch  über  den  von  vielen  Seiten  befürworteten  Ankauf
der  meist  im  privaten  Besitz  befindlichen  Kanäle  durch  den  Staat  beraten  sollte.  Über  das
Beraten  ist  man  aber  leider  bisher  noch  nicht  hinausgekommen,  und  für  die  nächsten  Jahre
ist  eine  Änderung  dieser  Zustände  auch  schwerlich  zu  erwarten.  —  Anderswo  in  Europa
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        Postverkehr.

959  mm

setzen  die  Dinge  ganz  ähnlich  aus:  umfangreiche,  z.  T.  großartige  Projekte  und  Vorarbeiten,
aber  noch  wenig  positive  Leistungen!  Besonders  hervorgehoben  sei  der  1909  in  Angriff
genommene  Umbau  des  schwedischen  Trollhätta-Kanals  (vgl.  S.  473),  der  bis  zum  Jahre
1915  auf  4  m  Tiefe  gebracht  werden  soll.
In  den  Vereinigten  Staaten  ist  von  den  großartigen  Plänen,  die  u.  a.  auf  die
Schaffung  eines  Großschiffahrtsweges  von  den  Großen  Seen  bis  zum  Mexikanischen  Golf
und  zur  Hudsonmündung  hinauslaufen,  ebenfalls  noch  wenig  verwirklicht  worden.  Die
bedeutsamste  Leistung  der  letzten  Jahre  war  der  Umbau  des  in  seinen  Anfängen  aus
dem  Jahre  1825  stammenden  Eriekanals,  der  die  überaus  wichtige  Verbindung  zwischen
dem  Hudsonfluß,  d.  h.  also  New  Jork,  und  den  Großen  Seen  vermittelt.  Der  alse  Kanal
genügte  natürlich  für  die  Dimensionen  der  heute  gebräuchlichen  Schiffe  in  keiner  Weise  mehr.
Nach  langen  Überlegungen  und  hitzigen  Kämpfen  über  die  vorteilhafteste  Umgestaltung  wurde
1903  ein  nachträglich  durch  Volksabstimmung  gutgeheißener  Gesetzentwurf  veröffentlicht,
der  insgesamt  751  km  Kanalweg  im  Erie-,  Champlain-  und  Oswegokanal  mit  einem
Kostenaufwand  von  424  Millionen  Mark  für  Schiffe  von  1000  t  (später  auf  2000  t  erhöht)
Tragfähigkeit  umzubauen  empfahl,  wozu  später  noch  37  weitere  irrn  zur  Verbindung  mit
dem  Cayuga-  und  Senecasce  bewilligt  wurden.  Die  Tiefe  wurde  auf  3,66  m,  die  Spiegelbreite ­
  auf  37,52  m,  die  Sohlenbreite  auf  22,8  irr  festgelegt.  Mit  dem  Bau  wurde  1905
begonnen;  ursprünglich  sollte  er  in  sieben  Jahren  beendet  werden,  doch  dürfte  wohl  das
Jahr  1915  herankommen,  bevor  die  Betriebsübergabe  erfolgen  kann.
In  Kanada  ist  der  wichtigste  Fluß,  der  St.  Lorenzstrom,  der  der  Schiffahrt  eine
vortreffliche  Wasserstraße  bis  ins  Herz  des  Landes  öffnet,  der  aber  von  Ozeanschiffen  ohne
weiteres  nur  bis  Quebec  befahren  werden  kann,  seit  1907  bis  Montreal  hinauf  auf  eine
Tiefe  von  10,4  m  gebracht  worden,  nachdem  schon  in  den  vorausgegangenen  Jahrzehnten
das  ursprünglich  nur  3 2 / s  m  tiefe  Flußbett  zu  wiederholten  Malen  vertieft  worden  war.
Ebenfalls  im  Jahre  1907  wurde  mit  dem  Bau  des  Trentkanals  begonnen,  der  den
Ontario-  mit  dem  Huronsee,  zwischen  Trenton  und  Toronto,  verbinden  wird:  bisher  ist
der  Kanal  jedoch  noch  nicht  beendet.
Postverkehr.
Tie  Ausgestaltung  des  Postwesens  in  allen  Kulturländern  ist,  vor  allem  dank  der
genialen  Tätigkeit  Heinrichs  v.  Stephan,  schon  in  der  letzten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts
so  großartig  gewesen,  daß  es  kein  Tadel,  sondern  eine  ehrende  Anerkennung  ist,  wenn  man
feststellt,  daß  seit  der  letzten  Jahrhundertwende  großzügige,  einschneidende  Fortschritte  und
Verbesserungen  nicht  mehr  zu  verzeichnen  waren.  Im  Verkehr  mit  bestimmten  Gebieten
der  Erde  sind  zwar  durch  den  steten  Ausbau  des  Welteisenbahnnetzes  erhebliche  Abkürzungen ­
  des  Posttransports  ermöglicht  worden  —  es  sei  nur  erinnert  an  den  Verkehr  zwischen
Europa  und  Ostasien,  der  sich  jetzt  zum  überwiegenden  Teil  auf  der  Sibirischen  Bahn  in
ungefähr  der  Hälfte  der  früher  benötigten  Zeit  abspielt.  Im  übrigen  aber  beziehen  sich
die  Fortschritte  zumeist  auf  verhältnismäßig  untergeordnete  Fragen,  Portoermäßigungen,
Beschleunigungen  usw.  Auf  jedem  der  alle  paar  Jahre  stattfindenden  Weltpostkongresse
werden  einige  der  von  der  Handels-  und  Geschäftswelt  geäußerten  Wünsche  berücksichtigt,
die  meist  nur  nebensächlicher  Art  sind.  Die  einzige  große  prinzipielle  Angelegenheit  des
Weltvostverkehrs,  die  bisher  noch  nicht  verwirklicht  worden  ist  und  in  der  die  beteiligten  Regierungen ­
  den  Wünschen  des  internationalen  Handels  noch  nicht  nachzukommen  vermochten,  ist  die
.Forderung  des  einheitlichen  Welt-Pennhportos,  die  dahin  geht,  daß  man  für  10  Pfennig ­
  oder  10  Cts.  einen  Brief  in  jedes  dem  Weltpostgebiet  angehörende  Land  senden  kann,  wie
es  z.  B.  von  Deutschland  nach  Österreich,  nach  den  Vereinigten  Staaten  und  nach  den  deutschen
Kolonien  schon  heute  möglich  ist.  1906  wurde  auf  dem  Postkongreß  in  Rom  von  den  Vertretern ­
  Ägyptens  und  Neuseelands  ein  Antrag  auf  allgemeine  Einführung  des  Welt-Pennyportos
  gestellt,  doch  lehnten  die  führenden  Kulturländer  den  Antrag  einmütig  ab,  da  sie
von  der  Verwirklichung  zu  große  Einnahmeausfälle  befürchteten.  Auch  jetzt  noch  sind  die
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        959nn

Postverkehr.

Aussichten  für  die  Einführung  des  einheitlichen  Penny-Portos  wenig  günstg,  und  es  stehen
nicht  unerhebliche  Bedenken  der  Durchführung  dieser  immer  dringender  werdenden  Forderung ­
  entgegen;  aber  kommen  muß  die  Zeit,  in  der  die  ganze  Welt  ein  in  Portofragen
einheitlich  behandeltes  Gebiet  sein  wird:  die  Entwickelung  drängt  mit  unwiderstehlicher
Macht  dahin!
Eine  Neuerung  des  20.  Jahrhunderts  sind  gewisse  Kombinationen  zwischen
Briefen  und  Telegrammen,  z.  B.  die  Ozeanbriefe,  deren  Inhalt  von  einem  fahrenden ­
  Schiff  auf  drahtlosem  Wege  an  Land  oder  zu  einem  andren  Schiff  in  geeigneter  Fahrtrichtung ­
  telegraphiert  werden,  um  dann  von  der  nächsten  Landstation  als  gewöhnlicher  Brief
weiter  befördert  zu  werden,  oder  die  Brieftelegramme,  die  1909  in  Frankreich,  am
1.  Oktober  1911  in  ganz  Deutschland,  zunächst  nur  versuchsweise,  eingeführt  wurden  und
deren  Eigenheit  darin  besteht,  daß  sie  in  den  Abendstunden  zwischen  7  und  12  Uhr  nach
jedem  beliebigen  Ort  mit  Nachttelegraphendienst  depeschiert  werden  können,  um  dann  mit  der
ersten  Morgenpost  von  dort  als  Brief  zur  Bestellung  zu  gelangen.  So  kann  z.  B.  ein
Kaufmann  spät  abends  noch  eine  umfangreiche  Nachricht  (die  Wortgebühr  für  die  Brieftelegramme ­
  beträgt  nur  1  Pfennig)  bis  zum  nächsten  Morgen  sicher  an  einen  Kunden  oder
Lieferanten  gelangen  lassen,  den  ein  gleichzeitiger  abgehender  Brief  vielleicht  erst  am  nächsten
Abend  oder  übernächsten  Morgen  erreichen  würde.  —  Eine  ähnliche  Erleichterung  für  spät
abends  abgehende  Briefsachen  sind  die  „  Spätlingsbriefe",  die  noch  nach  dem  Postschluß  auf
dem  Bahnhof  am  Zuge  in  Empfang  genommen  und  gegen  eine  kleine  Gebühr  sofort  befördert ­
  werden.  In  englischen  und  in  einzelnen  amerikanischen  Städten  kannte  man  die
Spätlingsbriefe  als  „lots  iss  letters“  schon  seit  ein  paar  Jahren,  am  1.  November  1911
sind  sie  auch  in  Berlin  zur  Einführung  gelangt  und  dürften  bald  auch  andren  deutschen
Großstädten  beschert  werden.
Tie  zweifellos  bedeutsamste  Neuerung  ans  postalischem  Gebiet  stellt  aber  der  sogenannte
Postscheck-  oder  Postgiro-Verkehr  dar.  Tie  Anfänge  dieser  rasch  zu  kolossaler  Bedeutung
gelangten  Vcrkehrseinrichtung  sind  in  Österreich  zu  suchen  und  gehen  bis  anfs  Jahr  1883
zurück.  Es  gab  in  Österreich  eine  Postsparkasse,  und  es  wurde  nun  damals  die  Einrichtung
getroffen,  daß  man  von  jeder  Postanstalt  aus  Einzahlungen  oder  Zahlungsüberweisungen
ans  andre  Konten  bei  der  Postsparkasse  vornehmen  konnte.  Tie  Neuerung  bewährte  sich
gut  und  wurde  1890  auch  in  Ungarn,  1906  in  der  Schweiz,  1909  in  Deutschland,  1910
in  Belgien  eingeführh  wobei  auch  diese  einzelnen  Länder  miteinander  durch  Vermittelung
der  Post  in  Scheckverkehr  treten  konnten.  In  Österreich  und  Ungarn  vermittelten  die  Postsparkassenämter ­
  den  Verkehr,  in  Deutschland  und  in  der  Schweiz  wurden  eigne  „Postscheckämter" ­
  eingerichtet,  9  im  Reichspostgebiet,  3  in  Bayern,  1  in  Württemberg,  22  in  der
Schweiz.
Der  Umsatz  der  Postscheckämter  hat  in  kurzer  Zeit  riesenhafte  Summen  erreicht.  In
Deutschland  wurden  bereits  Ende  1909  nicht  weniger  als  43929  Konten  geführt,  Ende
1910  60023,  Ende  1911  74726.  Der  Umsatz  betrug  1911  volle  29509  Millionen,
also  fast  30  Milliarden  Mark;  in  Österreich  ist  er  ungefähr  ebenso  groß.  —  Nach  den  bisher ­
  erzielten  glänzenden  Erfolgen  kann  es  nicht  zweifelhaft  sein,  daß  der  Postscheckverkehr
allmählich  von  den  meisten  Kulturländern  angenommen  werden  wird.  Italien  und  Japan
planen  schon  gegenwärtig  seine  Einführung,  und  sicher  wird  der  Weltpostkongreß,  der  1913
in  Madrid  stattffndet,  diesen  jüngsten  Zweig  der  postalischen  Betätigung  weiter  kräftig  gedeihen ­
  lassen.

Telexhonverkehr.
Der  Tclcphonverkehr  steht  hinsichtlich  der  Schnelligkeit  seiner  Zunahme  an  der  Spitze
aller  Zweige  des  Verkehrswesens.  Tie  Zahl  der  jährlichen  Gespräche  beträgt  allein  im
Reichspostgebiet  weit  über  eine  Milliarde.  Dennoch  steht  die  Entwickelung  des  deutschen
Fernsprechwesens,  relativ  wie  absolut,  hinter  dem  andrer  Länder  ganz  bedeutend  zurück.
Weitaus  am  großartigsten  entwickelt  ist  der  Telephonbetrieb  in  den  Vereinigten  Staaten,
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        Telephonverkehr.

959oo

wo  zurzeit  etwa  7—8  Milliarden  Telephongespräche  im  Jahr  geführt  werden  und  wo
einzelne  Städte,  wie  z.  B.  Los  Angeles,  eine  solche  Fülle  von  Telephonanschlüssen  aufweisen,
oaß  je  ein  Anschluß  auf  nur  vier  Einwohner  kommt.  Auch  in  Europa  sind  etwa  die  skandinavischen ­
  Länder  in  bezug  auf  ihre  telephonische  Entwickelung  Deutschland  ganz  erheblich
überlegen.
Das  Streben  der  Fernsprechtechnik  geht  einmal  dahin,  die  Schnelligkeit  der  Anschlüsse
tunlichst  zu  verbessern,  ferner  dahin,  über  bedeutende  Entfernungen  die  Deutlichkeit  der  Verständigung ­
  ständig  zu  erhöhen  und  eine  telephonische  Unterhaltung  auf  immer  größere  Distanzen ­
  zu  ermöglichen.  —  Dem  ersteren  Zweck  dienen,  neben  zahlreichen  andren  technischen
Neuerungen,  vor  allem  die  automatischen  Telephonämter,  die  es  jedem  Teilnehmer
gestatten,  sich  mit  wenigen  Handgriffen  jeden  gewünschten  Nummeranschluß  zu  verschaffen
und  sich  somit  unabhängig  zn  machen  von  der  oft  unzuverlässigen  und  leicht  nervös  machenden ­
  menschlichen  Vermittelung  des  „Telephonfräuleins".  Die  automatischen  Ämter,  deren
genaue  Beschreibung  einen  sehr  breiten  Raum  einnehmen  würde,  dürften  sich  nach  und  nach
alle  Großstädte  erobern:  bisher  ist  nur  ein  automatisches  Amt  in  Deutschland  dem  Betrieb
übergeben  worden:  in  München.
Tie  Bestrebungen,  die  Entfernungen  des  Telephonverkehrs  vergrößern  zu  wollen,
schienen  lange  Zeit  scheitern  zu  wollen,  nicht  so  sehr  an  technischen  als  an  finanziellen
Schwierigkeiten.  Das  Fernsprechen  durch  einen  Metalldraht  von  bestimmter  Dicke  ist  nicht
auf  beliebige  Entfernungen  möglich,  sondern  räumlich  begrenzt.  Will  man  weiter  sprechen,
so  muß  man  den  Querschnitt  der  Leitung  erhöhen.  Ta  nun  aber  die  Kosten  der  Leitung
natürlich  proportional  dem  Querschnitt  zunehmen,  so  ist  es  klar,  daß  der  Betrieb  bald  unrentabel ­
  wird,  und  daß  man  nur  zwischen  den  Hauptknotenpunkten  des  Verkehrs-  und
Geschäftslebens  lange  Fernsprechverbindungen  von  vielen  hundert  Kilometern  herstellen
kann.  Demgemäß  ist  die  Zahl  der  ausländischen  Orte,  mit  denen  die  deutschen  Großstädte
telephonisch  verkehren  können,  durchaus  nicht  groß;  über  1000  km  gingen  noch  vor  einigen
Jahren  nur  folgende  Linien  hinaus:
Berlin—Paris  1186  km
Paris—Rom  1593  km
Berlin—Marseille  1800  km.
Besonders  arg  wurde  das  Hindernis  der  Entfernung  empfunden,  wenn  ein  Meeresteil
im  Zuge  der  beabsichtigten  Telephonverbindung  lag.  Größere  Meeresarme  waren  bis  in
die  jüngste  Zeit  gar  nicht  oder  nur  ausnahmsweise  vom  Fernsprechverkehr  zu  überwinden,
und  schon  die  Herstellung  von  Fernsprechlinien  zwischen  Paris  und  London  (zuerst  1891
durch  ein  Kabel  Sangatte—Dover  erreicht)  oder  Berlin  und  Kopenhagen  war  mit  beträchtlichen ­
  Schwierigkeiten  verknüpft.  Strecken,  wie  etwa  Berlin—London  oder  Berlin—
Stockholm  haben  sich,  ungeachtet  ihrer  außerordentlich  großen  Wichtigkeit,  bis  ans  den
heutigen  Tag  als  nicht  durchführbar  erwiesen,  dürften  aber  gleichfalls  in  einer  Reihe  von
Jahren  ermöglicht  werden.
Ta  nun  hat  das  zwanzigste  Jahrhundert  eine  Methode  kennen  gelehrt,  um,  wenigstens
für  viele  Fälle,  dem  genannten  Übelstand  mit  Erfolg  entgegentreten  zu  können.  Diese
Methode  besteht  in  der  künstlichen  Erhöhung  der  sogenannten  Selbstinduktion  der
Kabel  und  Luftleitungen.  Diese  wurde  entweder  erreicht  durch  eine  Umspinnung  der
Kupferleiter  mit  feinem  Eisendraht  (Krarnpsche  Methode),  wie  sie  z.  B.  bei  einem  Fernsprechkabel ­
  zwischen  Fehmarn  und  Laaland  (1903)  und  bei  einigen  kleinen  Kabeln  in  der
Nordsee  Anwendung  gefunden  hat,  oder  aber  durch  Einschaltung  von  eigenartig  konstruierten
  Spulen  in  regelmäßigen  Entfernungen,  die  bei  Kabeln  meist  etwa  1 1 j 2 t  bei  Freileitungen ­
  4  bis  8  km  beträgt  (Pupinsche  Methode).  Insbesondere  das  Pupinsche  System,
das  1900  bekannt  gegeben  wurde,  hat  hohe  Bedeutung  erlangt  und  dürfte  in  Zukunft  sich
immer  noch  wichtiger  erweisen.  In  der  amerikanischen  Union,  der  Heimat  der  Erfindung,
hat  man  mit  Hilfe  des  Pupinsystems  schon  einen  rationellen  Fernsprechbetrieb  über
3200  km  durch  Freileitung  (New  Uork—Denver)  und  über  700  km  durch  Kabel  (Washington—Baltimore—Wilmington—New ­
  Uork  -Boston)  ermöglicht.  In  Europa  hat  man  die
        <pb n="958" />
        Fortschritte  im  Seekabelwesen.

959pp

Vorteile  der  neuen  Methode  nicht  entfernt  in  dem  Maße  ausgenutzt,  wie  es  eigentlich  möglich
gewesen  wäre.  In  Deutschland  hat  man  einige  lange  Freileitungen,  wie  z.  B.
Berlin—Stralsund  240  km
Berlin—Düsseldorf  560  km
Berlin—Frankfurt  a.  M.  580  km
Berlin—Aachen  700  km
nach  dem  Pupinsystem  ausgerüstet  und  die  Anlagen  dadurch  bedeutend  verbilligt  und  gleichzeitig ­
  verbessert;  auch  einige  „interurbane"  Fernsprechkabelverbindungen  sind  mit  den
Pupinspulen  versehen  worden,  wie
Berlin—Potsdam,  32 1 / 2  km  (100  paariges  Kabel),
Hamburg—Harburg,  17  km  (100  paariges  Kabel),
Düsseldorf—Elberfeld,  32 1 / 2  km  (28  paariges  Kabel),
Dortmund—Essen—Ruhrort,  60  km  (100—200paariges  Kabel).
Hierzu  soll  demnächst  ein  gewaltiges  Fernsprechkabel  treten,  das  von  Berlin  über
Magdeburg  in  den  rheinischen  Jndustriebezirk  führen  soll.
In  der  Seekabeltechnik  ist  hingegen  die  Ausnützung  der  hohen  Vorzüge  der  Pupinschen
Methode  bisher  nur  in  bescheidenem  Maße  erfolgt,  wobei  die  großen  technischen  Schwierigkeiten ­
  der  Spulenunterbringung  innerhalb  der  Kabelhülle  nicht  allein  die  Erklärung  abzugeben
haben.  Es  wurde  ini  August  1906  ein  vieradriges  Probeseekabel  von  13  km  Länge  mit
Pupinspulen  und  Papierisolation  der  Kupferadern  quer  über  den  Bodensee  von  Friedrichshafen ­
  nach  Romanshorn  verlegt,  und  im  Mai  1910  erfolgte  die  Verlegung  eines  40  km
langen  Pupinseekabels  mit  Guttaperchaisolation  zwischen  Dover  und  Calais  zur  Verbesserung ­
  des  englisch-französischen  Fernsprechverkehrs.  Diesem  Seekabel  schloß  sich  alsdann
ein  weiteres  zwischen  England  und  Belgien  an  (St.  Margarets  Bai—La  Panne),  das  volle
88  km  lang  ist.  Tie  Hoffnung,  daß  das  Pupinsystem  auch  einen  Fernsprechverkehr  Berlin—
London  möglich  machen  werde,  hat  sich  bisher  noch  nicht  erfüllt,  und  in  noch  sehr  viel  weiterer
Ferne  stehen  die  wohl  als  Utopien  zu  bewertenden  Zuknuftsträume  eines  transozeanischen
Telephonverkehrs  zwischen  Europa  und  Amerika.  Hingegen  dürften  lange  Freileitungen,
wie  z.  B.  Berlin—Mailand—Rom  (2000  km),  Berlin—Warschau—Petersburg  und  ähnliche ­
  in  naher  Zukunft  verwirklicht  sein;  die  erstere  ist  bereits  in  Angriff  genommen.  Die
Reichweite  von  Freileitungen  bestimmter  Stärke  wird  durch  das  Einschalten  von  Pupinspulen
  im  allgemeinen  verdoppelt.
t
Fortschritte  im  Seekabelwesen.
Ta  die  Errichtung  von  drahtlosen  Verbindungen  verhältnismäßig  billig  ist  und  im
allgemeinen  nur  den  nicht  sehr  kostspieligen  Bau  der  Stationen  erfordert,  hat  sich  die  drahtlose ­
  Telegraphie  rasch  zu  einem  sehr  mächtigen  Nebenbuhler  der  alten  Kabeltelegraphie
entwickelt.  Dennoch  hat  auch  der  Ausbau  des  Seekabelnetzes  der  Erde  bisher  noch  immer
bedeutende  Fortschritte  gemacht,  und  wenn  das  Tempo  seiner  Weiterentwickelung  in  Zukunft
sicher  langsamer  werden  wird  als  bisher,  so  wird  weniger  die  Tatsache  daran  schuld  sein,
daß  die  drahtlose  Telegraphie  die  Kabel  überflüssig  macht,  als  der  Umstand,  daß  die  wesentlichsteir
  Aufgaben  für  ein  vollwertiges  Telegraphennetz  um  den  Erdball  bereits  erfüllt  sind.
Solange  die  drahtlose  Telegraphie  nicht  unabhängig  von  Witterungsstörungen  wird,  solange
die  gewollte  und  ungewollte  Absaugung  und  Störung  der  auf  drahtlosem  Wege  beförderten
Depeschen  so  leicht  möglich  ist,  wie  gegenwärtig,  werden  die  Telegraphendrähte  und  Seekabel ­
  nicht  nur  nicht  entbehrlich  werden,  sondern  vollauf  ihre  alte  Bedeutung  behalten.
Bisher  hat  sich  die  drahtlose  Telegraphie  sogar  unbedingt  als  förderlich  für  die  Kabelunternchmnngen
  erwiesen,  da  sie  den  Kabeln  Telegramme  aus  entlegenen  Gegenden  (z.  B.
Inseln)  zuträgt,  die  sonst  ans  Welttelegraphennetz  nicht  angeschlossen  sind.  Ob  freilich  im
Laufe  der  Zeit  nicht  eine  schärfer  werdende  Konkurrenz  zwischen  Drahttelegraphie  und
drahtloser  Telegraphie  sich  bemerkbar  machen  wird,  bei  der  die  erstere  zweifellos  den  Kürzeren ­
  würde  ziehen  müssen,  mag  dahingestellt  bleiben.
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        Fortschritte  im  Seekabelwesen.

959qq

Die.Hauptereignisse  auf  dem  Gebiet  der  Seekabelverleguugeu  seit  1900  sind  einmal
die  Überwindung  des  vorher  unbezwungenen  Stillen  Ozeans  durch  je  ein  amerikanisches
und  englisches  Kabel  und  fernerhin  die  rapide  Entwickelung  des  deutschen  Kabelnetzes.
Am  4.  Juli  1903  wurde  das  Kabel  dem  Betrieb  übergeben,  das  die  Amerikaner  von  San
Francisco  nach  den  Philippinen  verlegt  hatten,  und  seit  diesem  Tage  ist  der  kupferne  Ring
der  Kabelstränge  um  den  Erdball  geschlossen.  Ein  Begrüßungs-Telegramm,  das  damals  an
den  Präsidenten  Roosevelt  aus  dem  Badeort  an  der  See,  wo  er  sich  gerade  befand,  rund  um
die  ganze  Erde  gesandt  wurde,  brauchte  zur  Beförderung  nur  11  Minuten  Zeit,  die  Antwort
sogar  nur  9  Minuten!  —  Das  deutsche  Seekabelnetz  hingegen,  das  für  die  wichtigsten  Teile  der
Erde  eine  Befreiung  vom  britischen  Kabelmonopol  zu  schaffen  beabsichtigte,  hat  diese  anfangs ­
  fast  unlösbar  scheinende  Aufgabe  im  Laufe  eines  Jahrdutzends  in  überraschend  glücklicher ­
  Weise  in  großen  Zügen  verwirklicht.  Tie  verschiedenen  deutschen  Seekabel-Gesellschaften ­
  verfügen  heute  über  folgende  großen  Weltverkehrslinien:

Bezeichnung  der  Linie
Emden—Vigo  (Spanien)
Emden—Horta—Azoren—New  Dort  I
Emden—Horta—Azoren—New  Jork  II
Eonstanza  (Rumänien)—Konstantinopel
Ate»ado  (Celebes)—Iap—Guam  I
Dap—Schanghai  s
Emden—Sta.  Cruz  (Teneriffa)
Sta.  Cruz—Monrovia  (Liberia)
Monrovia—Pernambnco

Betriebseröffnung
23.  Dezember  1896
1.  September  1900
1.  Juni  1904
20.  Juli  1905
1.  November  1905
26.  August  1909
21.  März  1910
29.  März  1911

Besitzer
Deutsch-atlantische  Telegraphen-Gesellschaft
  (Köln)
Deutsch-atlantische  Telegraphen-Gesellschaft
  (Köln)
Deutsch-atlantische  Telegraphen-Gesellschast
  (Köln)
Osteuropäische  Telegraphen-Gesellschaft
  (Köln)
|  Deutsch-niederländische  Tele-|
  graphen-Gesellschaft  (Köln)
Deutsch-Südamerikanische  Telegraphen-Gesellschaft
  (Köln)
Dcuts'ch-Südamerikanische  Telegraphen-Gesellschaft
  (Köln)
Deutsch-Südamerikanische  Telegraphen-Gesellschaft
  (Köln)

Das  deutsche  Telegraphen-Seekabelnetz,  das  noch  zu  Anfang  1900  erst  6186  km
Kabel  umfaßte,  besteht  jetzt  (1912)  aus  insgesamt  40  920  km  Seekabeln,  und  wenn  es  sich
auch  nicht  entfernt  mit  dem  erdrückenden  Übergewicht  der  englischen  Kabel  messen  kann,  so
macht  es  doch  immerhin  den  stattlichen  Bruchteil  von  etwa  9°/ 0  des  gesamten  Weltkabelnetzes ­
  aus,  das  zurzeit  (1912)  rund  480000  km  Seekabel  umfaßt.
Die  großen  Hauptlinien  des  Weltkabelnetzes  zwischen  den  einzelnen  Kontinenten
sind  gegenwärtig  die  folgenden:

I.  Atlantische  Kabel  nach  Nordamerika.

Nationalität ­


Verlauf

Jahr  der
Herstellung

Besitzer

englisch

1.  Valentia  (Irland)—Hearts  Content  (Neufundland) ­


1873

Anglo  American  Telegraph ­
  Co.

englisch

2.'  Valentia  (Irland)—Hearts  Content  (Neufundland) ­


1874

Anglo  American  Telegraph ­
  Co.

englisch

3.  Batlinskelligs  Bay  (Irland)—Halifax  (Neuschottland) ­


1874/5

Direct  United  States
Cable  Eo.

französisch

4.  Deolen  bei  Brest—St.  Pierre—Cap  Cod
(Mass.)

1879

Co.  française  des  Câbles
telegraph

englisch

5.  Valentia  (Irland)—Hearts  Content  (Neu-Anglo

  American  Telesundland)



1880

praph  Co.

amerik.

6.  Sennen  Cove  bei  Penzance—Canso  („North
Cable")

1881

Western  Union  Telegraph ­
  Co.

amerik.

7.  Sennen  Cove  bei  Penzance—Canso  („South
Cable")

1882

Western  Union  Telegraph ­
  Co.

amerik.

8.  Waterville  (Irland)—Canso  (Nenschottlaud)

1884

Commercial  Cable  Co.
        <pb n="960" />
        959  rr

Fortschritte  im  Seekabelwesen.

Nationalität ­


Verlauf

Jahr  der
Herstellung

Besitzer

amerik.

9.  Waterville  (Irland)—Canso  (Neuschottland)

1884

Commercial  Cable  Co.

amerik.

10.  Waterville  (Irland)—Canso  (Neuschottland)

1894

Commercial  Cable  Co.

englisch

11.  Valentia  (Irland)—Hearts  Content  (Neu-Anglo

  American  Telefundland)



1894

graph  Co.

französisch

12.  Döolen  bei  Brest—St.  Pierre  bei  Ncnfnnd-1898



Co.  française  des  câbles

land

télégraph

deutsch

13.  Borkum—Horta  (Azoren)—Coney  Island.

1900

Deutsch-atlantische  Telegraph.-Gesellschaft



amerik.

14.  Waterville  (Irland)—Fayal—Canso  (Neuschottlnnd)



1900/01

Commercial  Cable  Co.

deutsch

15.  Borkum—Horta  (Azoren)—Coney  Island

1904

Deutsch-atlantische  Telegraph.-Gesellschaft



amerik.

16.  Waterville  (Irland)—Canso  (Neuschottland)

1905

Commercial  Cable  Co.

amerik.

17.  Waterville  (Irland)—St.  Johns  (Nensnndland)



1910

Commercial  Cable  Co.

englisch
englisch
französisch
englisch
deutsch

II.  Atlantische  Kabel  nach  Südamerika.
1.  Lissabon  —  Madeira—-  St.  Vincent  —  Pernambuco ­
  .  1874
2.  Lissabon  —  Madeira  —  St.  Vincent  —  Pernambuco ­
  1882/4
3.  St.Louis  (Senegal)—Fernando  dc  Noronha
—Pernambuco  1892
4.  Porthcurno  (England)  —  Madeira  —  St.
Vincent  1901
5.  Emden—Teneriffa  —  Monrovia—Pernambuco ­
  1909/11

Western  Telegraph  Co.
Western  Telegraph  Co.
Franz.  Staat.
Eastern  Telegraph  Co..
Deutsch-Südamerik.
Telegraph.-Gescllschaft

englisch

amerik.
deutsch
deutsch
amerik.  u.
japanisch
englisch
englisch
englisch
französisch
englisch
spanisch
französisch
deutsch

englisch

s  /.

III.  Pazifische  Kabel.
1.  Vancouver  —  Fanning  —  Suva  (Fidschi)—
Norfolk-Jsland—Queensland  bzw.  Neuseeland ­

2.  San  Francisco—Honolulu—Midway  Island—Guam—Philippinen—Schanghai ­

3a.  Guam—Jap—Menado  (Celebes)  .  .  .
3b.  Aap—Schanghai
4.  Guam—Bonin-Jnseln—Uokohama  .  .

:}

1902
1902/6
1905
1906

IV.  Große  atlantische  Kabellinien  nach  Afrika  (vgl.

Pacific  Cable  Board
Commercial  Pacific
Cable  Co.
Deutsch-Niederländische
Telegraph.-Gesellschaft
Commercial  Pacific  Cable
Co.  u.  japanischer  Staat
hierzu  auch  II).

1.  Porthcurno  —  Madeira—St.  Vincent.  .  .
2.  St.Vincent—Ascension—St.  Helena—Kapstadt ­

3.  Sierra  Leone—Ascension
4.  Brest—Dakar  (Kap  Verde)
5.  Fayal—St.  Vincent
..  I  Cadix—Teneriffa
\  Teneriffa—St.  Louis  (Senegambien)  .  .
7.  Emden—Teneriffa—Monrovia

vgl.  II.
1899  bis
1900
1901
1904
1906
1907
1885
1910/11

Eastern  Telegraph  Co.
Eastern  Telegraph  Co.
Französischer  Staat
Western  Telegraph  Co.
Spanischer  Staat
Französischer  Staat
Deutsch-Südamerika».
Telegraph.-Gesellschaft

V.  Indischer  Ozean.

1.  Aden—Bombay
2.  Aden—Bombay
3.  Aden—Bombay
4.  Madras—Penang  (Hinterindien)  —  Singapore—Banjoewangi ­
  (Java)  —  Port  Darwin ­
  (Australien)
5.  Madras—Penang  (Hinterindien)—Singapore ­

6.  Singapore—Banjoewangi  (Java)—Port
Darwin  (Australien)
7.  Banjoewangi  (Java)—Roebuck-Bay  (Australien) ­


1870  )
1877  i
1891  J

Eastern  Telegraph ­
  Co.

1870/71
1891/92
1890

Eastern  Extension
Australasia  and
China  Tel.  Co.

1889
        <pb n="961" />
        Die  drahtlose  Telegraphie.

95988

Nativ-Verlauf



Jahr  der

nalität

Herstellung

Besitzer

englisch

8.  Aden—Zanzibar—Mozambique—Delagoa-Bay
  —  Durban
9.  Zanzibar—Seychellen—Mauritius  .  .  .

1879
1893

I  Mstern  and  South
I  African  Tel.  Co.

10.  Durban  (Natal)—Mauritius

1901

Eastern  Telegraph  Co.

„

11.  Mauritius  —  Rodriguez-Insel—Kokos-Jnsein—Perth

  (Australien)
12.  Perth—Adelaide
13.  Kokos-Inseln—Batavia

1901
1902

!&amp;gt;  Australasia  and
China  Tel.  Co.

Dir  drahtlose  Telegraphie.
Tie  erhabensten  Großtaten  des  19.  Jahrhunderts  für  die  Förderung  des  Verkehrswesens ­
  waren  neben  der  Schaffung  des  Suezkanals  die  Einführung  des  Eisenbahn-  und
Dainpfschifsbetriebs,  die  Erfindung  der  elektrischen  Telegraphie  und  des  Telephons.  Das
20.  Jahrhundert,  so  jung  es  noch  ist,  hat  dennoch  schon  weitere  Fortschritte  gebracht,  die
sich  würdig  den  genannten  zur  Seite  stellen  können,  vor  allem  die  Ausbildung  der  drahtlosen ­
  Telegraphie  und  die  Eroberung  der  Luft.
Die  Anfänge  der  drahtlosen  Telegraphie-reichen  ja  noch  ins  endende  19.  Jahrhundert
zurück.  Der  Name,  der  am  engsten  damit  verbunden  ist,  ist  der  eines  Italieners,  Marconi,
doch  sind  die  wesentlichsten  Leistungen  auf  dem  Gebiet  in  der  Hauptsache  geistiges  Eigentum
der  Engländer  und  der  Deutschen,  zumal  da  ja  auch  Marconi  selbst  seit  langen  Jahren
in  England  lebt  und  wirkt.  Ter  geistige  Vater  dieses  neuesten  großartigen  Nachrichtenmittels
war  der  geniale,  jung  verstorbene  deutsche  Physiker  Heinrich  Hertz  (ff  1894),  der  i.  I.  1887
und  1889  seine  epochemachenden  Untersuchungen  über  das  Wesen  der  Elektrizität  veröffentlichte, ­
  wobei  er  nachwies,  daß  die  elektrischen  Wellen  sich,  auch  ohne  Draht,  nach  Art  des
Lichtes  durch  den  Raum  fortpflanzen.  Auf  dieser  Wahrnehmung  basierte  Marconis  Erfindung ­
  von  1896,  die  Fortpflanzung  der  elektrischen  Wellen  durch  die  freie  Luft  zur  telegraphischen ­
  Zeichengebung  zu  benutzen.  Der  von  Branly  1890  konstruierte  Kohärer  oder  Fritter
gestattete  die  Aufsaugung  und  Verdeutlichung  der  telegraphischen  Signale.  1897  gelang  Marconi ­
  zum  ersten  Male  die  Übermittlung  einer  drahtlosen  Depesche  auf  12  km  Entfernung  von
der  Küste  des  Golfs  von  Spezia  auf  ein  Schiff.  Nachdem  die  ersten  Nachrichten  über  Marconis ­
  Arbeiten  bekannt  geworden  waren,  bildeten  die  deutschen  Forscher  Prof.  Slabh  in
Charlottenburg  und  Prof.  Braun  in  Straßburg,  später  auch  der  Amerikaner  de  Forest
und  noch  andere,  von  ähnlichen  Grundlagen  ausgehend,  neue  Systeme  der  drahtlosen
Telegraphie  aus.  Aus  Mangel  an  Raum  kann  hier  auf  die  Unterschiede  der  einzelnen
„Systeme"  und  ihre  z.  T.  außerordentlich  erbitterten  Kämpfe  widereinander  nicht  näher
eingegangen  werden.  Tie  von  Marconi  gegründete  englische  Marconigesellschaft  (Wireless
Telegraph  Company)  richtete  seit  1900  systematisch  Stationen  für  drahtlose  Telegraphie
auf  Schiffen  und  dein  Lande  ein  und  nahn:  sie  in  Betrieb.  Sie  hatte  anfangs  das  entschiedene ­
  Übergewicht  und  suchte  es,  mit  der  bekannten  britischen  Rücksichtslosigkeit,  zur  Erdrückung
der  konkurrierenden  Systeme  und  durch  Boykottierung  feindlicher  Stationen  zu  einem  die
ganze  Erde  umfassenden  Weltmonopol  zu  erweitern.  Fast  wäre  dies  gelungen:  aber  rechtzeitig ­
  einigten  sich  noch  die  beiden  anfangs  gleichfalls  einander  befehdenden  deutschen  Systeme ­
  Slaby-Arco  und  Braun-Siemens  und  taten  sich  im  Juni  1903  zu  der  deutschen  Telefunkengesellschaft
  zusammen,  welche  die  ehrgeizigen  Pläne  der  Marconigesellschaft  nach
überaus  hitzigen  Kämpfen  vereitelte  und  ihr  heute  an  Bedeutung  mindestens  ebenbürtig,  wenn
nicht  überlegen  ist.  Durch  den  Berliner  internationalen  Kongreß  für  Funkentelegraphie  im
Herbst  1906  und  die  im  Schlußprotokoll  vom  3.  November  1906  niedergelegten  Beschlüsse
wurden  die  Monopolgelüste  der  Marconileute  endgültig  aus  dem  Felde  geschlagen  und  nachdem ­
  die  britische  Gesellschaft  erkannt,  daß  die  deutsche  Konkurrenz  nicht  erdrosselt  werden
konnte,  trug  sie  den  Tatsachen  Rechnung,  milderte  die  Schroffheiten  des  Konkurrenzkampfes
und  verstand  sich  schließlich  sogar  dazu,  bis  zu  einem  gewissen  Grade  mit  ibr  zusammen ­
        <pb n="962" />
        959  tt

Die  drahtlose  Telegraphie.

zugehen,  insofern  als  sie  der  Gründung  der  „Deutschen  Betriebsgesellschaft  für  drahtlose ­
  Telegraphie",  der  „Tebeg",  im  Januar  1911  zustimmte,  auf  die  der  drahtlose
Betrieb  aller  an  Bord  der  deutschen  Handelsschiffe  befindlichen  Stationen  und  das  Verfügungsrecht ­
  über  alle.  Marconi-  und  Telefnnkenpatentc  überging.  Damit  ist  die  Telegraphie
zwischen  verschiedenen  Schiffen  für  die  Marconi-  und  Telefunkengesellschaft  monopolisiert,
soweit  deutsche  Schiffe  in  Frage  kommen.
Bonden  2442  drahtlosen  Küsten-  und  Bordstatioueu,  die  im  März  1912  uachzutveisen
waren  (vgl.  Juniheft  1912  der  Zeitschrift  „Weltverkehr  und  Weltwirtschaft",  S.  128/129),
entfielen  rund  82  Prozent  auf  das  Marconi-  und  Telefnnkensystem,  deren  Stationen  ungefähr ­
  in  gleicher  Anzahl  vorhanden  find.  Tie  Fortschritte,  die  dem  deutschen  Telefunkensystem
  in  letzter  Zeit  vergönnt  waren,  erhellen  wohl  am  deutlichsten  aus  der  Tatsache,  daß
allein  im  Jahre  1911  390  Stationen  in  Arbeit  waren,  nachdem  die  Gesamtlieferung  bis  zum
Jahre  1911,  also  in  den  sieben  vorhergehenden  Jahren,  500  Stationen  betragen  hatte.
Im  März  1912  gab  es  an  ständig  vorhandenen  nachweisbaren  Küsten-  und  Bordstationen ­
  auf  der  ganzen  Erde,  wie  gesagt,  2442;  darunter  waren  417  Küsten-  und  2025
Bordstationen.  (Hierzu  kamen  noch  36  Stationen  an  den  Küsten  der  großen  nordamerikanischen ­
  Seen.)  Davon  gehörten  775  England  und  seinen  Kolonien,  430  Deutschland  nebst
Kolonien,  224  Frankreich,  149  Italien,  ca.  780  den  Vereinigten  Staaten  usw.  Zn  den
genannten  Stationen  kommen  noch  diejenigen  im  Binnenlande,  die  teils  staatlich,  teils
privat  sind  und  deren  Zahl  sich  nicht  annähernd  schätzen  läßt.
Tie  zur  drahtlosen  Telegraphie  über  weite  Entfernungen  erforderlichen  Hochfrequenzströme, ­
  Wechselströme  mit  einer  hohen  Periodenzahl  von  100000  bis  1000000  pro  Sekunde, ­
  erzeugt  das  Telefunkensystem  durch  Funkenentladungen  und  wendet  dabei  als  vollkommenste ­
  Form  der  Funkenmethode  das  1908  erfundene  System  der  „tönenden  Löschfunken"  an,
während  als  andere  Herstellungsmöglichkeit  heute  noch  die  Hochfrequenzmaschine,  eine  besonders ­
  hierfür  gebaute  Wechselstromdynamo  die  Hauptrolle  spielt.  Bisher  hafteten  jedoch
der  Hochfreqnenzmaschine  große  Mängel  an,  die  1911  eine  wesentliche  Einschränkung  infolge ­
  einer  Vervollkommnung  durch  den  Darmstädter  Professor  Dr.  Goldschmidt  erfahren
haben.  Tie  Lorenz  Akt.-Ges.,  die  schon  1906  das  höchst  wichtige  Patent  des  Dänen  Ponlsen
erworben  hatte,  kaufte  auch  das  deutsche  Goldschmidt-Patent  an  und  rief  die  Hochfrequenzmaschinen
  Akt.-Ges.  ins  Leben,  deren  Bestreben  dahin  geht,  durch  die  Hochfrequenzmaschine
große  Energiemengen  zu  erzeugen  und  durch  deren  Ausstrahlung  in  langen  Wellen  besonders
weite  Entfernungen  zu  überbrücken.  Die  Ausstrahlung  großer  Energiemengen  in  Form  hochfrequenter ­
  Wechselströme  erfordert  jedoch  hohe  Türme,  und  die  Hochfrequenzmaschinen
Akt.-Ges.  hat  daher  beschlossen,  bei  Hannover  einen  Turm  von  250  in  Höhe  zu  errichten,  von
dem  ans  sie  eine  direkte  Verbindung  mit  Amerika  herstellen  will.  Ihre  Absicht  ist,  von  Kontinent ­
  zu  Kontinent  zu  telegraphieren,  da  ihr  das  Gebiet  der  Schiffstelegraphie  durch  das
Marconitelefnnkenmonopol  verschlossen  ist.  Inwiefern  ihr  der  Kampf  mit  der  fast  übermächtig ­
  gewordenen  Telefunkengesellschaft  gelingen  wird,  muß  dahingestellt  bleiben.  Im
Frühjahr  1912  hieß  es  obendrein,  Graf  Arco  von  der  Telefunkengesellschaft  habe  eine
verbesserte  Hochfrequenzmaschine  erfunden,  die  am  23.  Juni  1912  auch  dem  in  London
versammelten  internationalen  Kongreß  für  Funkentelegraphie  vorgeführt  wurde.  Doch
war  über  sie  bis  zur  Drucklegung  dieser  Zeilen  Näheres  nicht  zu  erfahren.  Der  berühmte,
zu  Versuchszwecken  errichtetete  Riesenturm  der  Telefunkengesellschaft  bei  Nauen,  der  anfangs ­
  100  in  hoch  war  und  im  Winter  1911/12  auf  200  in  erhöht  wurde,  konnte  ja  schon
auf  6000  lein  Entfernung  Depeschen  entsenden  und  gelegentlich  schon  mit  den  Stationen
in  Togo  und  Kamerun  direkt,  ohne  Zwischenstation,  verkehren.  Er  ist  ja  leider  bei  einem
Sturm  am  30.  März  1912  eingestürzt,  wird  aber  wieder  gebaut  werden.
Bei  der  ungeheuer  schnellen  Vermehrung  der  Zahl  von  drahtlosen  Stationen  in  allen
bewohnten  Teilen  der  Erde  wird  die  Zeit  nicht  mehr  fern  sein,  wo  man  mit  Hilfe  der  drahtlosen ­
  Telegraphie,  unter  Benutzung  von  Zwischenftationen,  nach  allen  Gegenden  der  Welt
telegraphieren  kann.  Ja,  die  großen,  mit  Kolonien  reichlich  gesegneten  Staaten,  England,
Frankreich  und  die  Vereinigten  Staaten,  sind  sogar  schon  drauf  und  dran,  sich  ein  um  den
ganzen  Erdball  reichendes  Netz  von  „nationalen"  Stationen  zu  schaffen.
        <pb n="963" />
        Die  drahtlose  Telegraphie.

959  uu

Königsberg  )

issniiz

Helgoland^

irunsbüttell

Barkw

■inemünde

.Schwerin

iremei

Stettin

Bremen

r  Braunsem

^uisbur^
•Düsseidorf  Kassel,

Breslai

^  rulaa'-f
  v.  «Frankfurt
'  ^^T#Darm  stadt
\  V—J  s^j
Mannheimk

I  •  Tes  esunken  -  Sta  Hohen

•Number

^Versuchsstationen  der  Gesell  &amp;gt;
Schaft  für  drahtlose  Te/egrxphie

NauerX^.
^  DreslcTvv^
iMarkau  oZeestö’&amp;amp;'v
^jVVernltz

¡(Stuttgart

Rohrbeck-  ,
Carpznw  p r ; ort  Staaken
fLmt  t °* b ;fflu  Se ; bu ^
f  Kartzow.-  Gatoi
cn^'^fahrlaiid  g
Die  Stationen  für  drahtlose  Telegraphie  in  Deutschland  im  Sommer  1912.
180  bis  200  Meilen  von  den  deutschen  Dampfern  „Prinzeß  Irene"  und  „Batavia"  aufgefangen, ­
  die  schleunigst  dem  Strandungsplatze  zusteuerten  und  Besatzung  wie  Reisende
noch  rechtzeitig  zu  retten  vermochten.
Ähnlich  ging  es  dem  Dampfer  „Kentucky"  von  der  Eastern  Steamship  Company,
der  im  Februar  1910  aus  der  Höhe  von  Kap  Hatteras  sank,  nachdem  kurz  zuvor  alle
46  Mann  der  Besatzung  von  dem  auf  drahtlose  Notsignale  herbeigeeilten  Dampfer  „Alamo"
gerettet  worden  waren.  Die  „Kentucky"  hatte  bereits  den  ganzen  Tag  Notsignale  gegeben,
weil  das  Schiff  leckgesprungen  und  im  allmählichen  Sinken  begriffen  war.  Längst  war  die
Hoffnung  auf  Rettung  unter  seiner  Besatzung  geschwunden,  schon  mußten  die  Funkspruchapparate ­
  ihre  Tätigkeit  einstellen,  der  Untergang  der  Mannschaft  erschien  unvermeidlich;
da  nahten  im  entscheidenden  Augenblick  die  so  sehnsüchtig  erwarteten  Helfer.
Weiter  wurde  die  Funkentelegraphie  zum  rettenden  Engel  beim  Untergange  des
Dampfers  „Merida"  der  Wardlinie  im  Mai  1911.  Die  drahtlosen  Notsignale,  die  das

Bisher  hat  die  drahtlose  Telegraphie  ihre  größten  Segnungen  im  Verkehr  von  Schiff
zu  Schiff  und  von  Schiff  zu  Land  entfaltet.  Insbesondere  die  Sicherheit  zur  See  hat
durch  die  Möglichkeit,  Nachrichten  in  weite  Ferne  gelangen  zu  lassen,  ganz  enorm  gewonnen;
bei  der  fürchterlichen  „Titanic"-Katastrophe  in  der  Nacht  zum  15.  April  1912  hat  ja  die
drahtlose  Telegraphie  allein  es  möglich  gemacht,  daß  ein  Paar  hundert  Überlebende  rechtzeitig ­
  dem  Massengrab  inmitten  der  Eisberge  des  Atlantischen  Ozeans  entrissen  werden  konnten.
Einige  der  berühmtesten  ähnlichen  Fälle  waren  die  folgenden:
Der  Cunarddampfer  „Slavonia"  erlitt  1909  zwei  Meilen  von  der  Insel  Flores
Schiffbruch.  Seine  ununterbrochenen  drahtlosen  Hilferufe  wurden  in  Entfernungen  von
        <pb n="964" />
        959  vv

Die  Luftschiffahrt.

sinkende  Schiff  abgab,  wurden  von  den  Kriegsschiffen  „Iowa"  und  „Hamilton"  aufgefangen. ­
  Die  „Iowa"  war  zuerst  zur  Stelle;  sie  ließ  ihre  Boote  herab,  um  die  zweihundert ­
  Reisenden  nebst  der  Mannschaft  zu  bergen,  was  ihr  auch  glücklich  gelang.
So  könnte  man  in  langer  Kette  Erfolg  an  Erfolg  reihen.  Immer  zeigt  sich,  daß  die
Funkentelegraphie  den  gehegten  Erwartungen  als  Retter  in  Seenot  entspricht.  Fürwahr,
die  Technik  hat  uns  wunderbar  weit  gebracht.  Aber  noch  stehen  wir  inmitten  der  Entwickelung. ­
  In  der  Zukunft  Schoße  ruhen  noch  ganz  andere  Erfolge.  Wem  fiele  bei  solchen
Betrachtungen  nicht  jenes  Zukunftsbild  ein,  das  Professor  Ayrton  von  der  einstigen  Gestaltung ­
  des  menschlichen  Gedankenaustausches  in  folgende  Worte  kleidet:  „Einst  wird
kommen  der  Tag,  wenn  wir  alle  vergessen  sind,  wenn  Kupferdrähte,  Guttaperchahüllen
und  Eisenband  nur  noch  im  Dunkel  der  Museen  ruhen,  da  wird  das  Menschenkind,  das
mit  dem  Freunde  zu  sprechen  wünscht  und  nicht  weiß,  wo  er  sich  befindet,  mit  elektrischer
Stimme  rufen,  die  allein  nur  jener  hört,  der  das  gleichgestimmte  elektrische  Ohr  besitzt.
Er  wird  rufen:  „Wo  bist  du?"  Und  die  Antwort  wird  erklingen  in  sein  Ohr:  „Ich  bin
in  der  Tiefe  des  Bergwerks",  „auf  dem  Gipfel  der  Anden"  oder  „auf  dem  weiten  Ozeane".
Oder  vielleicht  wird  keine  Stimme  antworten,  und  er  weiß  dann,  sein  Freund  ist  tot."  —
Die  Luftschiffahrt.
Die  Großartigkeit  der  Erfolge  der  drahtlosen  Telegraphie,  so  allgemeine  Anerkennung
sie  finden,  ist  doch  nicht  ohne  weiteres  im  ganzen  Umfange  im  großen  Publikum  gewürdigt;
die  drahtlose  Telegraphie  entbehrt  gewissermaßen  der  Popularität,  was  nicht  zum  wenigsten
daran  liegt,  daß  die  technischen  Einzelheiten  dem  Laienverständnis  nicht  ganz  leicht  zugänglich ­
  sind,  in  erster  Linie  aber  darauf  zurückzuführen  ist,  daß  diese  technische  Großtat
so  ganz  und  gar  nicht  eine  sportliche  Auswertung  möglich  macht.  Wo  das  sportliche  Interesse ­
  geweckt  wird,  das  jetzt  auch  schon  in  Deutschland  einen  fast  gar  zu  breiten  Raum  einnimmt, ­
  da  treten  die  epochemachenden  technischen  Neuerungen  von  vornherein  viel  mehr  in
den  Brennpunkt  der  öffentlichen  Aufmerksamkeit  und  werden  dementsprechend  ungleich  mehr
gewürdigt.  Das  zeigt  sich  nirgends  deutlicher  als  in  der  Lösung  des  Problems,  das  seit
Jahrtausenden  unzählige  phantasiereiche  Köpfe  mit  magischer  Gewalt  angezogen  hat  und
dessen  stolze  Überwindung  zwar  noch  nicht  vollständig  gelungen,  aber  doch  in  glückverheißendster ­
  Weise  angebahnt  worden  ist:  in  der  Lösung  des  Flugproblems.
Man  kann  schon  heute  mit  einiger  Sicherheit  behaupten,  daß  die  Kunst  des  Fliegens
voraussichtlich  dem  ganzen  zwanzigsten  Jahrhundert,  so  jung  es  noch  ist,  das  charakteristische
Gepräge  in  technischer  Beziehung  aufdrücken  wird.  Die  Verwirklichung  eines  der  ältesten
und  holdesten  Ideale  der  Menschheit,  die  Erfüllung  eines  unzählig  oft  geträumten,  lieblichen ­
  Traumes,  die  sich  in  den  allerletzten,  wenigen  Jahren  vor  unsren  staunenden  Augen
vollzogen  hat,  sie  stellen  einen  so  handgreiflichen,  auch  dem  blödesten  Verstand  einleuchtenden
Fortschritt  dar,  daß  man  wirklich  nicht  weiß,  welchen  sonstigen  technischen  Fortschritt  das
zwanzigste  Jahrhundert  noch  sollte  bringen  können,  der  cs  an  Volkstümlichkeit  und  Begeisterungskraft ­
  mit  der  Luftschiffahrt  in  ihren  beiderlei  Gestalten,  dem  Lenkballon  und  dem
Flugapparat,  sollte  aufnehmen  können.
Für  beide  Zweige  der  Luftschiffahrt  ist  ein  und  dasselbe  Jahr  als  das  eigentliche
Epochejahr  zu  bezeichnen:  1908.  Nicht  mit  einem  Schlage  wurden  die  sentationellen  ersten
Erfolge  jenes  denkwürdigen  Sommers  erreicht;  schon  in  den  vorausgegangenen  10  oder
20  Jahren  waren,  von  der  Öffentlichkeit  weniger  bemerkt,  beachtenswerte  Leistungen  vollbracht ­
  worden.  Aber  was  damals  in  rascher  Aufeinanderfolge  Graf  Zeppelin  und  die
beiden  Brüder  Wright  sowie  manche  andren  Vorkämpfer  der  Eroberung  der  Luft  der  staunenden ­
  Mitwelt  offenbarten,  das  war  der  Angel-  und  Ausgangspunkt  einer  unerhört  raschen
und  glänzenden  Entwickelung,  auf  die  wir  schon  heute,  obwohl  ihre  Geschichte  erst  wenige
Jahre  zurückreicht,  mit  fast  ehrfürchtiger  Bewunderung  zurückblicken  müssen.
Mit  den  Fragen  des  Weltverkehrs  hat  die  Luftschiffahrt,  streng  genommen,  noch
nichts  zu  tun.  Wir  glauben  und  hoffen,  daß  die  Luftschiffe  und  Flugapparate  dereinst  ein
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        :

Entwickelung  der  Luftschiffahrt.

959  w~\v

hervorragendes  Verkehrsmittel  werden  können,  aber  gegenwärtig  kann  man  in  ihnen,  auch
bei  optimistischer  Beurteilung,  nicht  mehr  sehen  als  ein  wahrscheinlich  ausnehmend  zukunftsreiches ­
  Mittel  sportlicher  Betätigung,  und  die  verschiedenen  Versuche,  einen  regelmäßigen
Luftverkehr  der  einen  oder  andren  Art  ins  Leben  zu  rufen,  halten  bis  jetzt  zumeist  nur  einen
Kuriositätswert.  —  Die  Luftschiffe  werden  sich  ja  wohl  noch  zuerst  in  den  Dienst  der
regelmäßigen  Verkehrsabwickelung  stellen,  obwohl  einstweilen  die  notwendigerweise  noch
sehr  hohen  Benutzungskosten  die  Fahrt  darin  zu  einem  Luxusvergnügen  stempeln,  das  sich
recht  merklich  von  jeder  andren  Benutzung  irgendwelcher  Verkehrsmittel  unterscheidet.
Das  Ideal  des  Zukunftsverkehrs  sind  aber  doch  dieFlugapparate,  und  mancher  schwärmte
schon  in  Gedanken  von  einer  nahen  Zukunft,  wo  jeder,  der  über  einen  entsprechenden  Geld
beutel  verfügt,  sich  einen  eignen  Flugapparat  würde  anschaffen  können,  wie  man  sich  in  den
letzten  Jahren  wohl  ein  Zweirad  oder  ein  Automobil  kaufte.  Nun,  mit  der  Verwirklichung  dieser
Träume  hat  es  noch  gute  Weile.  Einstweilen  werden  die  Flugapparate  nach  wie  vor  rein
sportliche  Instrumente  bleiben,  und  obwohl  sie  in  mannigfacher  Hinsicht  geradezu  ideale
Verkehrsmittel  darstellen,  obwohl  ihre  Geschwindigkeit  und  Landefähigkeit  sich  außerordentlich ­
  rasch  vervollkommnet  haben,  so  fehlen  ihnen  doch  noch  einige  Eigenschaften,  die
vollkommen  unentbehrlich  für  ein  richtiges  Verkehrsmittel  sind,  vor  allem  die  unbedingt
sichere  Gleichgewichtshaltung,  die  zurzeit  in  Luftwirbeln  und  Böen  doch  zuweilen  noch  recht
fühlbar  versagt,  und  die  unvermeidliche  Unzuverlässigkeit  der  Motoren.  Gefahren  bringtjeder
neu  aufkommende  Fortschritt  anfangs  in  hohem  Maße  mit  sich,  und  Todesopfer  heischt  jede
großartige  Verbesserung  im  Verkehrsleben  zunächst  in  nicht  geringer  Anzahl  —  dennoch  aber
übersteigen  die  Gefahren  des  Flugsports  alle  andren,  aus  mannigfachen  Gründen,  recht
erheblich,  und  die  erschreckend  große  Hekatombe  von  Leichen,  die  der  Tod  alljährlich  aus  der
Schar  der  Jünger  dieses  Sports  fordert,  lehrt  zur  Genüge,  daß  den  Flugapparaten  eben
noch  eine  Voraussetzung  jedes  ordnungsmäßigen  Verkehrsmittels  fehlt:  die  leidliche  Betriebssicherheit. ­
  Dennoch  wäre  es  mehr  als  Unrecht,  wenn  man  an  diese  offenbar  vorhandenen  Mängel
pessimistische  Betrachtungen  knüpfen  wollte.  Wie  Rom  nicht  in  einem  Tage  erbaut  worden  ist,
so  wird  auch  der  Flugapparat  nicht  von  heute  auf  morgen  ein  vollwertiges  Verkehrsmittel  werden
können;  aber  die  Anfänge  hierzu  sind  glücklich  gemacht  worden,  viel  schöner  und  herrlicher
gemacht,  als  es  noch  vor  wenigen  Jahren  die  üppigste  Phantasie  zu  hoffen  wagte.  —  Daher
ist  es  auch  an  dieser  Stelle  angebracht,  wenigstens  die  bedeutsamsten  Tatsachen  zu  erwähnen,
die  in  der  bisherigen  Geschichte  eines  so  wichtigen  Weltverkehrsmittels  der  Zukunft  zu  verzeichnen ­
  waren.
Die  ersten  Bemühungen  zur  Herstellung  eines  Lenkballons  gehen  bis  auf  das
große  Epochejnhr  der  Luftschiffahrt,  1783,  zurück.  Zahlreiche  bald  mehr  bald  minder  ernste
Projekte  haben  die  nachfolgenden  Jahrzehnte  gezeitigt.  Der  erste  größere  Erfolg  wurde
von  den  französischen  Offizieren  Renard  und  Krebs  am  9.  August  1884  erreicht:  mit  einem
Motorluftschiff  von  50,42  m  Länge,  8,4  m  Durchmesser  und  1864  cbm  Inhalt  gelang
es,  eine  Fahrt  von  25  Minuten  Tauer  am  Ausgangspunkte  wieder  enden  zu  lassen.  Die  mit
Unterstützung  der  Regierung  vorgenommenen,  sehr  verheißungsvollen  Fahrten  mußten  aber
nach  Jahresfrist  eingestellt  werden,  als  neue  Männer  ans  Ruder  kamen,  die  kein  Verständnis ­
  für  die  Bedeutung  der  Sache  hatten  und  die  Gelder  nicht  weiter  bewilligten.  Auch
in  Deutschland  regten  sich  ähnliche  Bestrebungen.  Von  den  ziemlich  unbedeutenden  Leistungen
Ganswindts  abgesehen,  ist  hier  der  Buchhändler  Wolfert  aus  Leipzig  zu  erwähnen,  der  seit
1887  dem  Problem  des  lenkbaren  Ballons  nachging.  Er  unternahm  am  28.  und  29.  August
1896  auf  der  Berliner  Gewerbeausstellung  mit  gutem  Erfolg  kleine  Probefahrten,  die  im
nächsten  Jahr  wiederholt  wurden.  Auf  einer  Fahrt  aber,  am  12.  Juni  1897,  geriet  das
Luftschiff  in  Brand,  und  Wolfert  kam  ums  Leben.  Etwa  gleichzeitig  führte  der  ungarische
Holzhändler  David  Schwarz  mit  einem  von  ihm  ersonnenen  Aluminiumluftschiff  zwei  erfolgreiche, ­
  kleine  Fahrten  in  Petersburg  aus.  Als  ihm  aber  glaubhaft  hinterbracht  wurde,
daß  die  russische  Regierung,  wenn  die  entscheidende  dritte  Probefahrt  gelang,  sich  des  Luftschiffs ­
  bemächtigen  und  ihn  selbst  als  Spion  verschwinden  lassen  wolle,  zerstörte  er  sein
Luftschiff  und  flüchtete  aus  Rußland  nach  Deutschland.  Hier  nahm  er  seine  Arbeit  wieder
XI  1204
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        959xx  Die  Luftschiffahrt.
auf  und  baute  mit  Hilfe  des  Kriegsministeriums  ein  neues  Aluminiumluftschiff  von  41  m
Länge,  13,5  m  Durchmesser  und  3250  cbm  Inhalt,  das  aber  bei  seinem  ersten  Aufstieg
am  3.  November  1897  durch  den  zu  kräftigen  Wind  zum  Scheitern  gebracht  und  vollständig
zertrümmert  wurde.
Gleichzeitig  mit  Schwarz  arbeitete  jedoch  in  gleicher  Richtung  der  Mann,  der  dem
großen  Gedanken  der  lenkbaren  Luftschiffe  schließlich  als  erster  zum  Siege  verhalf,  der
General  der  Kavallerie  Graf  Ferdinand  v.  Zeppelin,  der  sich  etwa  seit  1892  mit  dem
Problem  beschäftigte.  Er  wollte  ebenfalls  ein  gewaltiges  Luftschiff  aus  Aluminium  herstellen
(„starres  System"),  doch  wurden  seine  Ideen  von  einer  militärischen  Prüfungskommission
und  im  Verein  deutscher  Ingenieure  äußerst  ungünstig  beurteilt  und  als  phantastische  Torheit
belächelt.  Zeppelin  aber  ließ  sich  nicht  beirren  und  baute,  zumeist  aus  eignen  Mitteln,  das
erste  seiner  riesenhaften,  heute  jedem  Kinde  wohlbekannten  Luftschiffe.  Am  2.  Juli  1900
unternahm  das  128  m  lange  und  11300  cbm  fassende  Fahrzeug  auf  dem  Bodensee  bei
Friedrichshafen  einen  ersten  Aufstieg  von  17,  am
17.  Oktober  einen  zweiten  von  80  Minuten  Dauer,
wobei  geschlossene  Kurven  beschrieben  wurden.  Seitwärts ­
  vom  Luftschiff  waren  Luftschrauben  angebracht, ­
  die  durch  zwei  Daimlermotoren  von  11,5  PS
in  Bewegung  gesetzt  wurden.  —  Mit  einem  neuen
Luftschiff  von  gleichen  Abmessungen,  das  aber  bedeutend ­
  kräftigere  Motoren  (35  PS)  besaß,  wurde
dann  erst  am  17.  Januar  1906  der  Aufstieg  wiederholt, ­
  der  jedoch  unglücklich  endete,  da  das  von  stürmischem ­
  Wind  abgetriebene  Luftschiff  an  ungeschützter ­
  Stelle  landen  mußte,  wo  es  in  der  Nacht  vom
Sturm  völlig  zerstört  wurde.  Schon  am  9.  Oktober
1906  konnte  aber  ein  drittes  Luftschiff,  das  genau
nach  dem  Muster  des  vernichteten  gebaut  war,  einen
abermaligen  erfolgreichen  Aufstieg  wagen,  und  es
zeigte  sich,  daß  das  Fahrzeug  durchaus  sicher  fahren
konnte  und  die  beträchtliche  Eigengeschwindigkeit
von  15  m  in  der  Sekunde  entfaltete.  —  Nun  verstummten ­
  die  Zweifel  allmählich;  das  Reich  baute
dem  Grafen  eine  schwimmende  Ballonhalle  auf  dem
Bodensee,  und  nach  Vornahme  einiger  Verbesserungen ­
  tvar  das  Luftschiff  am  30.  September  1907
imstande,  eine  glückliche  Fahrt  von  sieben  Stunden  Dauer  zu  unternehmen.  Zeppelin  baute  nunmehr ­
  ein  viertes,  noch  größeres  Luftschiff  (136  in  lang,  13  m  Durchmesser,  15000  cbm  Inhalt), ­
  daS  nach  einer  kleinen  Probefahrt  (20.  Juni  1908)  plötzlich  am  1.  Juli  1908  ganz
unvermutet  eine  sensationelle  Reise  vom  Bodensee  bis  nach  Luzern  und  wieder  zurück  unternahm, ­
  die  durch  Täler  und  über  Berge,  zuweilen  gegen  einen  recht  kräftigen  Gegenwind,
mit  glücklichstem  Erfolg  vonstattcn  ging  und  Zeppelins  Triumph  entschied.  Ter  greise
Graf,  der  eben  in  jenen  denkwürdigen  Tagen,  am  8.  Juli,  seinen  70.  Geburtstag  feierte,
erbot  sich  nun  zu  einer  24stündige»  Versuchsfahrt,  deren  Erfolg  über  den  Ankauf  des
Luftschiffs  durch  das  Deutsche  Reich  entscheiden  sollte.  Diese  berühmteste  aller  Luftfahrten
neuer  Zeit  ging  unter  der  fieberhaften  Spannung  des  ganzen  deutschen  Volkes,  ja,  unter
Anteilnahme  der  ganzen  Welt,  am  4.  und  5.  August  1908  vonstatten:  in  stolzem  Flug
legte  das  Fahrzeug  unter  unbeschreiblichem  Jubel  der  durchflogenen  Ortschaften  die  in
Aussicht  genommene  Strecke  rheinabwärts  vom  Bodensee  bis  nach  Mainz  zurück,  um  dann
aber  auf  dem  Rückwege,  als  es  in  Württemberg  bei  Echterdingen  eine  Zwischenlandung
vorgenommen  hatte,  vom  Wirbelwind  erfaßt,  durch  atmosphärische  Elektrizität  in  Brand
gesteckt  und  völlig  zerstört  zu  werden.  Den  furchtbaren  Schlag  verwandelte  die  Opferfreudigkeit ­
  des  deutschen  Volkes  in  den  stolzesten  Triumph:  nach  wenig  Wochen  konnte

856.  Gros  von  Zeppelin.
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        Die  Luftschiffe  Zeppelins,  Groß'  und  Parsevals.  959  yy

Graf  Zeppelin  den  Betrag  von  6  096  555  Mark  als  Nationalspende  zur  Fortsetzung  seines
Lebenswerkes  entgegennehmen,  von  denen  1300  000  Mark  schon  am  Abend  des  Unglückstages ­
  von  Echterdingen  gezeichnet  waren!
Ter  Sieg  des  Luftschiffes  war  damit  gesichert!  Noch  mancher  stolze  Luftkrenzcr  ist  in
der  Folgezeit  durch  allerhand  widrige  Unfälle  zerstört  worden,  ohne  daß  jemals  Menschen
dabei  zu  Schaden  kamen,  aber  immer  neue  Luftschiffe  entstanden,  und  immer  sicherer  legen
sie  ivcite  Fahrten  mit  überraschender  Zuverlässigkeit  zurück.  Tie  Zeit  ist  sicher  nicht  mehr
fern,  wo  man  von  Land  zu  Land  regelmäßige  Luftfahrten  unternehmen  wird,  aber  das
Schönste  und  Erhabenste  in  der  bisherigen  Geschichte  des  Luftschiffs  war  doch  die  herrliche
Begeisterung  All-Deutschlands  in  den  Augusttagen  des  Jahres  1908  und  die  bewundernswerte ­
  Kundgebung  des  ganzen  Volkes,  die  allzeit  ein  stolzes  Ruhmesblatt  in  der  Geschichte
des  deutschen  Idealismus  bilden  wird.

857.  Das  Zeppelin-Luftschiff  Viktoria  Luise  bei  der  Vegatia  der  Mieter  Woche.
Hinter  den  Großtaten  der  Zeppelinlnftschifse  verschwanden  damals  die  verschiedenen
ähnlichen  Bestrebungen  andrer  tüchtiger  Erfinder  in  fast  bedauerlicher  Weise.  Major  Hans
Groß,  der  Kommandeur  des  preußischen  Luftschifferbataillons,  schuf  gemeinsam  mit  dem
Ingenieur  Basenach  ein  „halbstarres"  Luftschiff,  das  am  23.  Juli  1907  zum  erstenmal
aufstieg  und  wenige  Wochen  nach  Zeppelins  Triumphfahrt,  am  13.  September  1908,  eine
höchst  achtenswerte,  13stündigc  Nachtfahrt  von  Berlin-Tegel  nach  Magdeburg  und  wieder
zurück  unternahm.  Doch  scheint  dieses  System  noch  am  wenigsten  dauernde  Bedeutung
zu  erlangen.  —  Ein  dritter  deutscher  Offizier,  Major  August  v.  Parseval,  ein  Bayer,
wurde  gleichzeitig  der  Schöpfer  des  „unstarren"  Systems.  Ein  48  m  langes  Luftschiff  von
2500  cbm.  Inhalt,  das  tunlichst  wenig  Metall-  und  Holzbeitandteile  enthielt,  und  das
durch  zwei  ins  Innere  der  Gashülle  eingebaute  Balloiretts  eine  straffe  Form  erhielt,  stieg
schon  am  26.  Mai  1906  in  Tegel  bei  Berlin  zum  ersten  Male  auf.  Tie  Konstruktion  erfuhr ­
  in  der  Folge  noch  mehrfache  Verbesserungen,  und  ebenfalls  im  Jahre  1908  wurden
auch  Parseval  die  entscheidenden  Erfolge  beschert:  sein  neues,  58  in  langes  und  3800  cbm
fassendes  Luftschiff  entfaltete  eine  Eigengeschwindigkeit  bis  zu  14  m  in  der  Sekunde  und
1206*
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        959  zz

Die  Luftschiffahrt.

konnte  sich  auf  einer  Fahrt  nicht  weniger  als  11 1 / 2  Stunden  ununterbrochen  in  der  Luft
halten.  Kürzlich,  am  8./9.  Juni  1912,  ist  der  Parseval-Ballon  in  11  Stunden  40  Minuten
von  Berlin-Tegel  bis  in  die  Nähe  von  Königsberg  geflogen,  hat  also  bei  Übertvindung
einer  Entfernung  von  550  km  die  recht  ansehnliche  Stundengeschwindigkeit  von  beinahe
50  km  entfaltet.  —  Alle  drei  deutschen  Luftschiffe  haben  sich  als  vollauf  brauchbar  erwiesen;
jedes  hat  seine  Vorteile  und  seine  Nachteile,  aber  eine  Zukunft  dürfte  ihnen  allen  gesichert ­
  sein.
Auch  außerhalb  Deutschlands  war  man  bei  der  beginnenden  Eroberung  der  Luft  nicht
untätig;  doch  nur  in  Frankreich  konnte  man  im  Luftschiffbau  Erfolge  aufweisen,  die  sich
den  deutschen  an  die  Seite  stellen  konnten.  Alberto  Santos-Dumont,  ein  in  Paris
lebender,  schwerreicher  Brasilianer,  baute  eine  Reihe  von  Luftschiffen  und  konnte  am  19.  Oktober ­
  1901  eine  Fahrt  rund  um  den  Eiffelturm  unternehmen  und  dann  gegen  den  Wind
zur  Ausgaugsstelle  zurückkehren.  Auch  Severot  und  Julliot  schufen  französische  Luftschiffe,
hattet:  aber  nur  geringe  Erfolge.  Nachdem  ein  von  Julliot  erbautes,  halbstarres  Luftschiff
„La  Patrie",  auf  das  man  sehr  große  Hoffnungen  gesetzt  hatte,  am  1.  Dezember  1907  vom
Winde  entführt  und  im  Ozean  versunken  war,  hat  neuerdings  ein  von  Kapperer  erbautes,
62  m  und  3200  odm  fassendes,  mit  sehr  eigenartigen  Stabilisierungsballons  versehenes
Luftschiff  „Bille  de  Paris"  beachtenswerte  Erfolge  zu  verzeichnen  gehabt.  ■—  In  England
hat  man  es  auf  dem  Gebiete  des  nationalen  Luftschiffbaus  über  sehr  hochmütige  Ankündigungen ­
  und  einen  sehr  schönen  Namen  für  das  Luftschiff  („Nullt  secundus")  noch  kaum
hinausgebracht.  Auch  in  andren  Ländern  sind  bisher  tiur  bescheidene  Erfolge  erzielt  worden.
Die  Ehre,  dem  lenkbaren  Luftschiff  zum  Dasein  verholfeu  zu  haben,  kommt  im  vollen  Umfang ­
  Deutschland  und  Frankreich  allein  zu.
Es  ist  bemerkenswert,  daß  auch  die  grundlegenden  Erfindungen  auf  dem  Gebiete  der
Flugschiffahrt  überwiegend  in  Deutschland  gemacht  worden  sind.  Wenn  trotzdem  Deutschland ­
  heute  ganz  und  gar  nicht  die  Führung  in  der  «Aviatik  hat,  so  ist  daran  ausschließlich
der  alte  Erbfehler  der  Teutschen  schuld,  ihr  hervorragend  unpraktisches  Wesen,  das  die
Tragweite  neuer  technischer  Ideen  meist  viel  zu  spät  und  in  der  Regel  erst  dann  erkennt,
wenn  das  Ausland  sich  anschickt,  die  in  Deutschland  geborenen  Gedanken  materiell  nutzbar
zu  machen  und  in  klingende  Münze  umzusetzen.  So  galt  auch  für  die  Schaffung  der  Flugapparate ­
  das  alte,  tadelnde:  „Vinosrs  scis,  victoria  uti  nescis“.
Gelegentliche  Flugversuche  sind  vermutlich  so  alt,  wie  die  Menschheit  selbst;  die  ungeheure
Menge  der  über  die  ganze  Erde  verbreiteten  Flugsagen  zeigt  zur  Genüge,  daß  der  Traum,
den  Vögeln  gleich  emporschweben  und  davonfliegen  zu  können,  die  Menschenseele  von  jeher
beschäftigt  hat,  und  wo  dieser  Traum  die  Gedanken  gepackt  hat,  da  reizt  er  immer  und
immer  wieder  wagemutige  Idealisten,  Leib  und  Leben  an  seine  Verwirklichung  zu  wagen.
In  den  letzten  tausend  Jahren  ist  kaum  ein  Jahrhundert  vergangen,  in  dem  sich  nicht
mindestens  ein  stets  sehr  ernst  gemeinter,  wenn  auch  oft  mit  primitivsten  Mitteln  unternommener ­
  Versuch  zur  Nachahmung  des  Vogelfluges  historisch  nachweisen  läßt.  Noch  vor
100  Jahren  wurde  zum  letztenmal  in  Deutschland  der  Versuch  gemacht,  mit  Hilfe  künstlicher ­
  Vogelschwingen  das  Flugrätsel  zu  lösen,  als  der  „Schneider  von  Ulm",  Albr.  Ludwig
Berblinger,  am  31.  Mai  1811  vom  Nlmer  Donauufer  einen  stolzen  Flug  antrat,  der
freilich  noch  in  derselben  Minute  in  den  Wellen  des  Stromes  endete.  1852  ereignete  sich
ein  ähnlicher  Fall  in  Paris.
Im  19.  Jahrhuitdert  hinderte  die  Konzentrierung  der  Aufmerksamkeit  auf  die  Luftballons ­
  lange  Zeit  hindurch  weitere  Versuche,  das  Flugproblem  für  den  Menschen  zu  lösen.
In  Deutschland,  Österreich  und  Frankreich  lebte  erst  in  den  letzten  zwei  Jahrzehnten  das
alte  Streben  abermals  auf.  1878  begann  der  Wiener  Ingenieur  Wilhelm  Kreß,  auf
mathematisch-wissenschaftlichen  Berechnungen  basierend,  das  Studium  des  Vogelfluges;  er
konnte  aber  seine  durchaus  gesunden  Ideen  nicht  verwirklichen,  teils  aus  Mangel  an  Mitteln,
teils,  weil  eS  damals  noch  nicht  genügend  leichte  Motoren  gab,  und  als  solche  schließlich
geschaffen  wurden,  fehlte  es  Kreß  an  Geld,  so  daß  er  nur  ein  befruchtender  Anreger,  nicht
ein  wirklicher  Pfadweiser  geworden  ist.  —  Ähnlich  erging  es  dem  Franzosen  Ader,  der
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        Flugschiffahrt.  Lilienthal.  Die  Brüder  Wright.

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sich  seit  den  achtziger  Jahren  mit  der  Konstruktion  des  ersten  „Drachenfliegers",  eines
Eindeckers,  beschäftigte.  Sein  Apparat  „Avion"  besaß  zusammenfaltbare  Tragflächen,  denen
der  Fledermausflügel  als  Vorbild  gedient  hatte,  und  wurde  durch  zwei  elastische  Schrauben
angetrieben,  die  vorn  angebracht  und  durch  einen  Dampfmotor  bewegt  wurden.  Seitensteuer
und  Höhensteuer  fehlten  dem  „Avion"  noch,  dennoch  gelang  es,  mit  dem  Apparat  gelegentlich
kleinere  Flüge  von  einige»  hundert  Metern  auszuführen.  Tie  Versuche  wurden  ganz  im
geheimen  angestellt  und  erstellten  sich  bis  1899  staatlicher  Unterstützung.  Diese  wurde  aber
dem  Erfinder  wieder  entzogen,  als  ein  neuer  Kriegsminister  ernannt  wurde,  der  von  der
ganzen  Fliegerei  nichts  hielt.  Am  9.  Oktober  1900  führte  Ader  einen  öffentlichen  Flug  von
etwa  50  m  aus;  sein  Apparat  hat  jedoch  nur  noch  historisches  Interesse  und  steht  heute
im  Pariser  „Musee  des  Arts  et  Metiers“.
Von  unbedingt  größerer  Bedeutung  waren  die  grundlegenden  Versuche  des  deutschen

858.  -Lilienthals  Legelfingapparat.
Nach  dem  Leben  aufgenommen  von  Ottomar  Anschütz.

Ingenieurs  Otto  Lilienthal,  der  mit  Recht  als  der  eigentliche  Vater  der  heutigen,  auf
wissenschaftlichen  Prinzipien  beruhenden  Flugtechnik  zu  betrachten  ist.  Er  konstruierte  seit
1889  Segelflngapparate,  mit  denen  er  ohne  Eigenbewegung  vom  Winde  über  größere
Strecken  davongetragen  werden  konnte.  Er  hat  mehr  als  tausend  Flüge,  zum  Teil  über
300  in,  von  natürlichen  oder  künstlichen  Hügeln  aus  unternommen,  bis  er  am  9.  August  1896
in  den  Rhinower  Bergen  bei  Potsdam  durch  eine  Windböe  einen  schweren  Sturz  erlitt,
dem  er  am  folgenden  Tage,  48jährig,  als  erstes  Opfer  der  modernen  Aviatik,  erlag.
Sein  Beispiel  gab  jedoch  Anregung  zu  den  großartigen  Erfolgen,  die  seither  erzielt
worden  sind.  Ein  amerikanischer  Ingenieur  Chanute  wurde  durch  Lilienthals  Erfolge  angeregt, ­
  auf  dem  gleichen  Gebiet  zu  arbeiten,  und  da  er  selbst  zu  alt  war,  forderte  er  die
beiden  Männer  zu  praktischen  Versuchen  ans,  an  deren  Namen  sich  die  ersten  großen  Errungenschaften ­
  der  Flugtechnik  für  alle  Zeiten  geknüpft  haben,  die  Brüder  Orville  und
Wilbur  Wright.  Ein  Fliegermodell  war  in  Amerika  schon  zwischen  1891  und  1896
Von  Langley  geschaffen  worden,  ein  durch  Motor  angetriebener  Flugapparat,  der,  allerdings
unbemannt,  1200  m  weit  flog.  Doch  erst  den  Brüdern  Wright  war  es  beschicden,  der
neuen  Epoche  zum  Siege  zu  verhelfen.  In  Kitty  Hawk  (Nord-Carolina)  und  in  Tayton
        <pb n="970" />
        959bbb

Die  Luftschiffahrt.

(Ohio)  experimentierten  sie  in  tiefster  Zurückgezogenheit  mit  einem  durch  einen  Motor  getriebenen ­
  Gleitflieger,  der  imstande  war,  einen  Mann  zu  tragen.  Die  Versuche  begannen
1901.  Schon  am  17.  Dezember  1903  gelang  es  ihnen,  einen  Flug  von  260  m  gegen
einen  kräftigen  Wind  in  59  Sekunden  auszuführen.  Am  20.  September  1904  durchflogen
sie  zum  ersten  Male  einen  geschlossenen  Kreis,  und  am  6.  November  1904  gelang  ihnen  garem ­
  Flug  über  fast  fünf  Kilometer.  Am  26.  September  1905  durchflogen  sie  in  nur
18  Minuten  eine  Strecke  von  fast  18  km,  und  diese  Leistung  wurde  in  den  nächsten  Tagen
immer  mehr  verbessert,  bis  sie  es  am  5.  Oktober  auf  eine  Strecke  von  rund  39  km  brachten,
die  in  33  Minuten  durchflogen  wurde.  Damit  war  bereits  erwiesen,  daß  die  Flugapparate
mit  Schnellzugsgeschwindigkeit  die  Luft  zu  durchschneiden  vermochten.  Die  Erfolge  ließen
sich  jetzt  nicht  mehr  verheimlichen;  aber  die  Berichte  darüber  fanden  an  den  maßgebenden
Stellen  nur  Unglauben  und  Spott.  Die  Brüder  wollten  erst  dann  vor  einer  amtlichen
Kommission  ihre  Künste  zeigen,  wenn  sie  den  Kaufpreis  für  ihre  Apparate  in  der  Tasche
hatten,  aber  keiner  von  allen  den  Staaten,  denen  sie  ihre  Erfindung  anboten,  war  begreiflicherweise ­
  ohne  weiteres  bereit,  die  Katze  im  Sacke  zu  kaufen.  Da  entschlossen  sich  im
Zeppelinjahr  1908  die  Brüder  zu  öffentlichen  Flügen:  Orville  Wright  produzierte  sich  in
Washington,  Wilbnr  Wright  in  Le  Maus.  Am  12.  September  1908  flog  Orville  73  km
in  1 1 / 4  Stunde,  am  18.  Dezember  schon  120  km  in  knapp  zwei  Stunden,  während  Wilbur
in  Washington  am  3.  Oktober  mit  einem  Passagier  fast  eine  Stunde  in  der  Luft  blieb.
Auch  größere  Höhen  von  über  100  m  wurden  von  den  Wrights  zuerst  aufgesucht.
Damit  war  der  Beweis  erbracht,  daß  das  Fliegen  in  der  Tat  eine  Kunst  sei,  die  dem
Menschen  erlernbar  ist.  Nun  regte  es  sich  allenthalben:  von  Jahr  zu  Jahr  wurden  immer
erstaunlichere  Leistungen  von  einer  großen  Zahl  von  Fliegern  vollbracht,  und  wenn  auch
die  Todesopfer  zahlreich  und  schwer  waren,  so  ist  doch  kaum  je  zuvor  ein  neuer  technischer
Fortschritt  mit  so  erstaunlicher  Schnelligkeit  weiter  entwickelt  worden.  War  im  Jahre  1904
schon  ein  Flug  von  ein  paar  hundert  Metern  oder  wenigen  Kilometern  ein  bemerkenswertes
Ergebnis,  so  finden  heute  schon  Flüge  über  weite  Landstrecken  statt,  so  von  Berlin  nach  Wien
oder  von  Paris,  wo  heute  gewissermaßen  das  Zentrum  der  Flugtechnik  zu  suchen  ist,  nach
Madrid  und  Rom  (mit  Zwischenlandungen)  oder  gar  übers  Meer  nach  London,  nachdem
der  Wrightsche  Flug  über  den  Hafen  von  New  Dork  (1907)  oder  die  Blorivtsche  erste  llberfliegung
  des  Ärmelkanals  (25.  Juli  1909)  heute  bereits  als  kaum  besonders  bemerkenswerte ­
  Vorkommnisse  erscheinen  würden,  da  sie  seither  zu  oft  wiederholt  worden  sind.  Die
Höhenrekorde  wachsen  mit  erstaunlicher  Schnelligkeit;  zurzeit  ist  die  größte  von  einem  Flieger
(Legagneux)  erreichte  Höhe  5720  w,  und  die  Geschwindigkeit  übersteigt  alles,  was  bei
Menschenwerken  sonst  vorkommt,  mit  alleiniger  Ausnahme  der  elektrischen  Bahngeschwindigkeit
auf  derZossener  Versnchsstrecke  (vgl.S.959rv).  Hat  doch  der  französische  Flieger  Vodrines  Ende
Februar  1912  mit  seinem  Apparat  eine  Stundengeschwindigkeit  von  170  km  erreicht,  etwa
das  Dreifache  der  normalen  Schnellzugsgeschwindigkeit,  wobei  noch  zu  berücksichtigen  ist,
daß  die  Flugzeuge  unbekümmert  um  alle  Unebenheiten  des  Geländes  nach  jedem  Ziel  in
gerader  Linie  hinzusteuern  vermögen!
Ein  stattliches  Heer  von  Berufs-  und  Amateurfliegern  hat  sich  seither  herangebildet,
dessen  Menge  von  Jahr  zu  Jahr  anschwillt  und  in  dem  ein  ungewöhnlich  hoher  Prozentsatz ­
  von  Militärfliegern  zu  verzeichnen  ist,  da  der  militärische  Wert  der  Flugapparate  von
den  meisten  Autoritäten,  wenn  auch  nicht  ganz  unbestritten,  sehr  hoch  eingeschätzt  wird,  so
daß  ein  zukünftiger  Land-  oder  Seekrieg  mit  völlig  ungewohnten,  neuen  Möglichkeiten  zu
rechnen  hat.
Zweifellos  hat  Frankreich  zurzeit  die  Führung  ans  nviatischem  Gebiet  inne  und  sucht
sie  sich  eifersüchtig  zu  wahren,  nicht  zum  wenigsten  im  Hinblick  auf  etwaige  kriegerische
Zukunftsereignisse.  An  zweiter  Stelle  stehen  die  Vereinigten  Staaten,  wo  von  privater
Seite  besonders  reiche  Mittel  zur  Ausbildung  der  Fliegeknnst  zur  Verfügung  gestellt  wurden.
Deutschland  und  England  hingegen,  von  andren  Staaten  ganz  zu  schweigen,  stehen  merklich
zurück.  In  England  ging  es  mit  den  „nationalen"  Flugapparaten,  die  nach  den  Angaben
des  amerikanischen  Obersten  Codh  gebaut  wurden,  nicht  anders  als  mit  den  Luftschiffen:
        <pb n="971" />
        Arten  der  Motorflugapparate.

939  cce

auf  hochtönende  Ankündigungen  von  noch  nie  dagewesenen  Leistungen  folgten  lächerlich
geringe,  lange  Zeit  durchaus  wertlose  Leistungen.  In  Deutschland  wurde  —  wieder  einmal!
—  der  grobe  Fehler  gemacht,  daß  die  erfolgversprechenden  Experimente  eines  Lilienthal
und  Kreß  und  andrer  Pioniere  der  Aviatik  lange  Zeit  weder  durch  staatliche  noch  durch
private  Mittel  gefördert  wurden,  und  wir  sind  dadurch  dermaßen  ins  Hintertreffen  geraten,
daß  wir  den  Vorsprung  der  andren  schwerlich  so  bald  wieder  einholen  werden.  Die  erfolgreichsten ­
  deutschen  Flieger  waren  bisher  Hans  Grade  in  Magdeburg,  der  mit  Dreideckern  und
Eindeckern  schöne  Resultate  erzielte  (während  der  einzige  deutsche  Konstrukteur,  der  sich  auf
dem  Gebiet  des  Drachenflugs  versuchte,  jahrelang  der  Hannoveraner  Jatho  war),  sowie
der  Sieger  im  Berlin—Wiener  Wettflug  Hellmuth  Hirth.  Erst  seit  1909  ist  man  auch  in
Deutschland  zur  Förderung  der  Flugtechnik  in  umfassenderem  Maße  geschritten,  aber  begangene ­
  Unterlassungssünden  ließen  sich  durch  die  zu  spät  erwachende  Opferfreudigkeit
leider  nicht  wieder  aus  der  Welt  schaffen.

859.  Die  Nnmpler-Tcmlie.

Man  hat  im  wesentlichen  drei  Klassen  von  Motorflugapparaten  zu  unterscheiden:
Drachenflieger,  Schraubenflieger,  Schwingenflieger.  Die  ersten,  denen  zweifellos
die  Zukunft  zum  größten  Teil  gehören  wird,  beruhen  auf  dem  Prinzip  der  Kinderdrachen.
Gewölbte  Tragflächen,  die  durch  Propeller  etwas  schrägstehend  vorwärts  getrieben  werden,
werden  durch  Luftansammlung  unter  ihnen  schwebend  und  im  Gleichgewicht  erhallen.  Je
nach  der  Zahl  der  benutzten  Tragflächen  unterscheidet  man  Ein-,  Zwei-  und  Dreidecker.
Bei  den  Schraubenfliegern  ermöglichen  Tragschrauben  mit  vertikaler  Welle  ein  Auffliegen
ohne  Anlauf,  wie  er  bei  den  Drachenfliegern  notwendig  ist.  Auch  kombinierte  Trachenund
  Schraubcnflieger  sind  gelegentlich  versucht  worden.  Verhältnismäßig  am  tvenigsten
wichtig  sind  die  Schwingenflieger,  bei  denen  es  darauf  ankommt,  daß  auf-  und  abschwingende
Flügel  sich  bei  der  Aufwärtsbewegnng  öffnen,  um  die  Luft  hindurchstreichen  zu  lassen,  bei
der  Abwärtsbewegung  hingegen  schließen,  um  sie  zu  verdicken.  Die  Zahl  der  Systeme  in
allen  drei  Gruppen  ist  bereits  außerordentlich  groß  und  wächst  von  Jahr  zu  Jahr.
Noch  stehen  wir  mitten  in  den  ersten  Anfängen  dieser  wunderbaren  Kunst  zur  Beherrschung ­
  des  Luftmeers;  noch  läßt  sich  nicht  sagen,  wohin  die  Entwickelung  steuern  wird  —
aber  fest  steht,  daß  hier  der  menschliche  Geist  drauf  und  dran  ist,  eines  der  ältesten  Probleme
des  sinnenden  Gedankens  zu  lösen  und  einen  seiner  größten  und  stolzesten  Triumphe  zu
feiern!  Ter  Wunsch  der  Schillerschen  „Marie  Stuart":  „Eilende  Wolken,  Segler  der  Lüfte,
Wer  mit  euch  wanderte,  wer  mit  euch  schiffte!"  ist  heute  jedenfalls  erfüllbar!
        <pb n="972" />
        imi  MreMer.

A  —  Abbildung,  T  —  Tafel,  die  Ziffern  bedeuten  die  Seitenzahlen.

Aachen,  Seilbahn  bei  335,
Aalrinne  A  451.
Aare,  Brücke  bei  Olten  über
die  399.
Abdampf  (Lokomot.)  186.
Abdrehen  des  Schiffes  642.
Abfallboden  am  Wehr  443.
Abfallen  des  Schiffes  642.
Ablaufsbahnen  (Schiffbau)
682.
Ablaufsgewicht  eisernerSchiffe
682.
Ablaufsschlitten  f.  Stapellauf
682;  —  Vorkehrung,  um
den  Schlitten  auf  geneigter
Ebene  zu  halten  A  684.
Aborteinrichtungen  in  Eisenbahnwagen ­
  250.
Abschlußsignale  (Eisenb.)  282,
T  283.
Abts  selbstthätige  Ausweichstelle ­
  (Seilb.)  345,  A  346;
—  Gießbachbahn  341,A340;
—  Weiche  für  Zahnbahnen
167,  A  164;  —  Zahnradantrieb ­
  A  233;  —  Zahnradlokomotive ­
  A  229;  —
viercylindrige  mit  einarmiger ­
  Schwinge  229,  A  230;—
der  Bahn  Tiszolcz-Zolyom
brezo  234,  A  235;  —  Zahnstange ­
  165;  —  Zahnstangenstrecken ­
  inmitten  von  Reibungsbahnen ­
  136,  A  135.
Abtakeln  eines  Schiffes  662.
Abtrag  bei  Eisenbahnbauten
96.
Abtrift  nach  Lee  (Seew.)  641.
Abwerfen  der  Brücken  387.
Abzweigstation,  Weichensicherung ­
  e.  englischen  (Eisenb.)
A  289.
Acetylengasbeleuchtung  256.
Achsbuchsen  an  Eisenbahnwagen ­
  260.
Achsen,  verstellbare,  an  Eisenbahnwagen ­
  240;  —  freie
241.
Achtergeschirr  (Schiffstakel)
661.
Achterschiff  eines  im  Bau  begriffenen ­
  Linienschiffes  mit
Kollisionsschott  A  679.
Achterschoner,  Segelschiff  643.
Achtersteven  (Schiffb.)  651.
Achtungssignale  (Eisenb.)  285.
Avoka,  Verkehrswesen  unter  8.
Adams  (Postw.)  782.
Adams,  Bridges,  Rillenschiene
von  158;  —  schwebender

Schienenstoß  149,  A  150;  —
Trägerschiene  148,  158,  A
148.
Addabrücke  bei  Paderno  400;
—  bei  Trezzo  386.
Adhäsionsbahnen  102.
Admiralitätsanker  A  663.
Admiralitätsformel,  die  englische ­
  646.
African  Direct  Telegraph
Company  833.
Afrika,  Eisenbahnen  in  46,
81,  83;  —  Flußschiffahrt
420;  —  Posteinrichtungen
776;  —  Telephone  856.
Agudio,  Ingenieur  338  f.
Ägypten,  Eisenbahnen  in  83;
—  Flußschiffahrt  im  alten
413;  —  Handel  u.  Verkehr
im  alten  7,  12;  —  Postwesen ­
  776;  —  Schiffbau
591  f.,  A  591.
Aiken  (Zahnradlokom.)  227  f.
Airekanal  481.
Aisne-Oisekanal  480.
Akersvaß,  Schleusen  von  474.
Albemarlekanal  477.
Alberti,  Ingenieur  469.
Albula,  Solysbrücke  über  die
64,  A  62.
Alcantara,  Römerbrücke  bei
381,  A  382.
„Alexandra",  Kasemattschiff
626,  A  622.
Alexandria,  Hafenanlagen  v.
517.
„Alexandria",  Luftschiff  des
Hiero  593.
Algier,  Eisenbahnen  in  83.
Allan,  Horatio,  Ingenieur
206,  208,  210.
Aliens  Papierrad  A  269.
Allier,  Brücke  über  den  387.
Alpenpostwagen,  schweizerischer ­
  A  768.
Alpenstraßen  63  p;  —  römische ­
  58.
Alster,  Schiffahrt  auf  der  438.
Amalfi,  Handel  von,  im
Mittelalter  16.
Amazonenstrom,  Schiffahrt
auf  dem  419.
Amerika,  Eisenbahnen  in  46,
81,  83;  —  Eisenbahnwagen:
dreiachsiges  Drehgestell  für
249,  A  250;  —  Personenwagen ­
  243,  A  242;  —
innere  Einrichtung  A  251;
—  Luxuswagen^von  Pullmann
  242  f.,  A  244  f.;  —

Lokomotivbau  205;  —
Kessel  einer  Riesenlokomotive ­
  A  177;  —  Schnellzugslokomotiven, ­
  ältere  A
178;  208,  A  210;  jüngere
208,  A  210  f.;  223,  A  222;
—  zwölfräderige  Güterzuglokomotive ­
  223,  A  226;  —
Petroleumlampe  für  Eisenbahnwagen ­
  253,  A  254;  —
Flußschiffahrt  419;  —  Holzbrückenbau ­
  389;  —  Kanäle
in  Nordamerika  476;  —  festländische ­
  Telegraphenlinien
839;  —  Telephonie  853,
857;  —  Unterseekabel  833,
836.
Amerikanischer  elektr.  Wagen
72,  A  70.
Ammanati,  Bartol.,  Baumeister ­
  387.
Amsterdam,  Hafenanlagen  in
538;  —  Handel  im  16.
Jahrh.  29;  —  Kanal  von
492.
Anderton,  Hebewerk  bei  484,
490.
Andreossy,  Franyois,  Ingenieur ­
  471.
Angaren  (Postw.)  746.
Angers,  Brücke  von  392.
Anglo-American  Telegraph
Company  833,  835.
Anglo-Mediterranean  Telegraph ­
  Company  838.
Angola,  Eisenbahnen  von  83.
Angora,  Brücke  bei  383.
Angrifsstorpedos  734.
Anker,  Schiffs-  663:  —  Normal- ­
  A  663;  —  Patentmit
  bewegl.  Armen  A  663;
—  verbesserter  Jnglefield-A
  663;  —  Lichten  des  684;
—  Ankerwinde  A  657;
—  Dampfankerwinde  A
687.
Ankerbojen  (Seew.)  525.
Ankerketten  663.
Anlandevorrichtungen  in
Häfen  529.
Anluven  des  Schiffes  642.
Anrufsvorrichtung  (Teleph.)
860,  A  859.
Ansegelungstonnen  (Seew.)
A  549.
Ansichtspostkarten  803.
Antilibanon,  Eisenbahn  über
den:  Eintritt  in  den  Tunnel
bei  Barada  A  44;  —  Strecke
im  Tale  des  Barada  A  45.

Antofagasta-Oruro-Eisenbahn
100.
Antwerpen  als  Handelsstadt
im  16.  Jahrh.  28;  —  Kai-Anlagen
  zu  524,  A  454.
Apollodorus  von  Damaskus,
Baumeister  381.
Applegarth  (Taucherlampen&amp;gt;
577.
Aquädukte,  gotische,  römische
383;  —  alter  Barton-A.
A  35.
Araber,  Brückenbau  der  363;
—  Handel  14.
Arba,  Fahrzeug  825.s
Arbel  (Eisenbahnräder)  268.
Arboga,  Kanal  von  473.
Archer,  Colin  (Schiffb.)  631.
Archimedes:  Theorie  des
Schiffes  592.
„Archimedes",  Schraubendampfer ­
  605,  A  606.
Argandlampe  561.
Argentinien,  Eisenbahnen  m
83;  —  Postwesen  784;  —
Unterseekabel  833.
Arhuaco-Jndianer,  Straßen
der  60.
Arlbergbahn  100,  106;  —
Kraftstationen  98;  —  Trisanabrücke
  399,  A  398.
Arles,  Viadukt  von  406.
Armstrong:  Hinterladegeschütz.
709;  —  gezogenes  Geschützrohr ­
  709,  A  710;  —  Bauweise ­
  einer  15  crn-Schnellfeuerkanone
  714,  A  713;  —
Schraubenverschluß  der
20,3  crn-Schnellfeuerkanone
in  Wiegelafette  715,  A  714;
—  Verschlußschraube  715;
—  Rahmenlafette,  mit  Lamellenbremse ­
  A  716;  —
Panzerturm  A  718;  —
15  crn-Schnellfeuerkanone
mit  Wiegelafette  in  gepanzerter ­
  Kasematte  A  720.
Arnobrücke  in  Florenz  387.
Arth-Rigi-Bahn  134.
Artillerie,  Marine-  s.  Geschütze. ­

Ascheejektoren  auf  Schiffen
686.
Asien,  Eisenbahnen  in  46,  81,
83;  —  Posteinrichtungen
776;  —  Telephonie  856.
„Athabaska",  Bergung  der
A  587.
Athen,  Häfen  von  517.
Atschinsk,  Posthaus  zu  A  773.
        <pb n="973" />
        Namen-  und

Sachregister.

961

Aufklotzung  am  Vorsteven  661.
Aufkreuzen  des  Schiffes  640.
Auslanger  (Schissb.)  652.
Aufschneiden  der  Weichen
(Eisenb.)  305.
Aufschrumpfen  der  Radreifen
(Eilenb.)  270.
Auftakeln  eines  Schiffes  669,
662.
Auftrag  bei  Eisenbahnbauten
26.
Austrieb  eines  Schiffes  628.
Anftrtebmioe  733.
Aufzugbrllcken  !.  Hubbrllcken.
Aufzüge  in  Häfen  628.
Augsplissung  a.d.  Wanten  660.
..Augusta  Viktoria",  Dampfer
616.
Augustowoer-Kanal  472.
Auguftus,  Postwefen  unter
747.
Ausdehnungsplättchen  (Eisenbahnen) ­
  161.
Ausfahren  von  Seitenthälern
(Eisenb.)  108,  118.
Aussabrsignale  (Eiicnb.)  277.
Ausfahitsignal  mit  elektr.
AuSIöscvorrichtunglEtsenb.)
318.  A  319.
Aasfallpanzerkorvette  „Sachsen" ­
  ,  HauptipantderL.677;
—  Panzerung  A  726.
AuSgletchschienen  (Eisenb.)
161.
Ausgletchseil  bei  Seilbahnen
342.
Ausgleichvorrtchtungen  sür
Weichen  u.  Signalleitungen
806  ;  —  duich  Doppelhcbel
A808;  —  GeienkauSgleicher
für  Gestänge  A  808.
Ausholer,  Schtsfstau  662.
Auskragen  beim  Brückenbau
880.
Auslegcrbrücken  379:  —  alte
in  Ecuador  379  A38i;  —
eiserne  394;  —  über  den
Firth  of  Förth  894,  A396s.;
—  über  den  Niagara  399,
A  897.
Auslösevorrichtung,  elektr.,
auf  Blockstationen  817,  A
818;  —  Aussahrisignal  mit
elektr.  3is,  A  319.
Ausrenntatjen  an  Schiffslafetten ­
  708.
Ausrüste»  (Brückenb.)  406.
Ausrüstung  eines  Schiffes  662.
Außencylinder,  Lokomotiven
mit  183,  203.
Aubenhaupt  an  der  Schlcufe
470.
AubenhautgängetEisenschiffb.)
677.
Außenhautplanken  sSchiffb.)
664.
Außenhautvlatten,  Biegen  der
(Eisenschiffb.&amp;gt;668;  —  Blechwalze ­
  668  A  669.
Außenrahmen,  Lokomotiven
mit  A  183.
Ausstoßrohre  f.  Torpedos  789.
Australien,  Eisenbahnen  in
46,  81,  84;  —  Flußschifffahrt ­
  420:  —  Postwesen
784;  —  Telegraphie  833,
838  ,  849  ;  —  Tetephonie
866.
Ausweichstellen  auf  Seilbahnen ­
  846;  —  Abtiche  A  846.
Automobilen  s.  Siraßenmotorcn.

Avignon,  Brücke  zu  386  f.
A  385.
Avisos,  Dampfschiffe  627.
Avon.  Cliftonbrllcke  über  den
392.
Awningdeckschiffe  682.
Axenstraße  am  Vierwaldstätter
See  64,  A  63.

Baader,  von  (Eisenb.)  78.
Babylonien,  Flußschiffahrt  in
413;  —  Kanalbauten  466
s.;  —  Veikehrswesen  7.
Back  (Schtffb.)  882.
Backbordbug.  Schiff  über  640.
Backstagcn,  Schiffstaue  661.
Backslagswind  640,
Baden,  Eisenbahnen  in  82,
86;  —  Landstraßen  37;  —
Postwesen  789,
Bagdad,  Eisenbahn  nach  46.
Bagger  427;  —  Dampf-  A
428:  —  „Beta"  o.  d.  Mississippi ­
  A  433;  —  Eimertrocken- ­
  A  495;  —  Greis-466,
  A  466;  —  Pumpen-587,
  A  538;  —  Spül-  606,
A  507;  —  Trocken-  606,
A  606;  —  Hebung  eines
gefunkenen  A  684.
Bahama-Jnfeln,  Unterseekabel, ­
  der  833.
Bakmpost  322.
Balkatsee,  Eisenbahnfähre
über  den  382,  384.
Bailh,  ThomllS,  Ingenieur
Baken  (Seew.)  647;  —  Wind-A
  6'47;  —  Schaarhörn-647.A648;
  —  hohe  Mcllum-A
  648;  —  Leucht-  A  657.
Baker,  Benjamin,  Ingenieur
850,  49b.
Balanceruder  646.
Balancier-Räderfchiffsmaschtne
  702,  A  703.
Baidwins  Lokomotive  „Old
Jronsides"  208,  A  209;  —
mit  Drehgestell  208,  A  209.
Baiken.  halbe  (schtffb.)  656.
Balkenbrücken  392.
Balkenbucht  (Schiffb.)  655.
Balkenkiel  (Schtffb.)  673.
Baltweger  (Schiffb.)  653,  665.
Ballastfeil  bei  Seilbahneu342.
Ballastwaffer  bei  Seilbahnen
840  f.,  348.
Ballonpost  820.
Ballylaoarefluß,  Flfchtreppen
im  460.
Balufch  (Kanalbau)  508.
Bamberg,  Regnttzbrückc  zu
889.
Bandakkanal  474  A  415.
Bandon.  Brücke  bet  389.
Bange,  de,  gezogenes  Geschützrohr ­
  von  A  7io;  —  Liderung ­
  716.
Bangor,  Brücke  über  die
Menaistraße  bet  392,
Banken  der  Schiffe  632.
Barbetletürme7l8;  —  32  oro-Geschütz
  mit  zentraler  Geschoßzufüdrung
  tu:  A  719.
Barenttn,  Viadukt  von  406.
Bark  mit  halbem  Winde  segelnd ­
  mit  Steuerbordhalsen
A  640.
Barkassen  663.
Barkschiff  646.
Barlows  Sattelschtene  A  148;
—  Schienenstoß  149.
Barren.  Sandbänke  427.
Barlon  Aquädukt,  alter  A36.
Barton,  Drehbrücke  bei  (Manchesterlaual)
  A  501.
Bast.  Spitzkehre  bei  (Eisenb.)
116.
Batterie  eine?  älteren  Kriegsschiffes ­
  A  708;  —  schwimmende, ­
  „Demologos"  604;
—  gepanzerte  schwimmende
620,  709;  —  Teil  einer  A
620.
Batteriedeckschiffe  626.
Batterieschtffe  626.
Vauchgordiugs  (SchiffStauwerk)
  662.
Bauchstück  (Schiffb.)  662.

Bauer,  Ingenieur  684.
Bayern,  Eisenbahnen  in  82,
85;  —  Kanäle  482;  —
Postwesen  789,  79b;  —
Staatsstraßen  37;  —  Telegraphenwesen ­
  846.
Beatenbergbahn  343  A  341.
Behr  (Hängebahn)  375.
Beirut-Damaskus-Eisenbahn
137;  —  Eintritt  in  den
Tunnel  bei  Barnda  A  44;
—  Strecke  im  Thale  des
Barada  A  45;  —  Spurweite ­
  92;  —  Tagespost  46,
A  48.
Bela  von  Gonda,  Ingenieur
435.
Beleuchtung  der  Eisenbahnzüge ­
  253;  —  amerikan.
Petroleum  lampe  253.  A
254;  —  Jntensivlampe  für
Feltgas  254,  A  255.
Belgien,  Eisenbahnen  in  82,
85;  —  Sandbergs  Goliathschiene
  A  147;  —  Fahrpeictnmnbtflfcit325;
  —  Spurweite ­
  91;  —  Kanäle  492;
—  Mitlclkanal:  Hebewerk
bei  La  Louviöre  A  485,
490,  492;  —  Postwesen
772;  —Telegraphenverkehr
848;  —  Unterseekabel  833.
Bell  (Teleph.)  841.  852.
Bell,  Henry  (Schiffb.)  504.
Bellefonds.  Linant  de  (Suezkanal) ­
  496.
Bellevillekessel  (Schiffsmasch.)
697,  A  696.
Bell'Ngralh  (Kanalw  )  483.
Bell  Rock,  Leuchtturm  auf
554  A  555.
Benediktiner.  Brückenbau  der
384.
Benezet  (Brückende  384.
Bemon-Harbors  Gasoltnemolorwagen
  72  A  71.
Benz,  Ingenieur  71.
Beobachlungsminen  734.
Beresinakanal  472  f.
Bergholzplanken  (Schiffb.)
654.
Bergkrankheit  101.
Berglokomotive  von  Fink  214,
A  215.
Berkinshaws  gewalzte  Schiene
144,  A  145;  —  Schienenstoß ­
  150.
Berlin,  Eisenbahnen  in  87;
—  elektr.  Hochbahn  372,
A  372  f.:  —  Stadtbahn
318;  —  Blockoerfahren  auf
der  318;  —  Unterpflasterbahn ­
  374;  —  Flußschiffahrt
418,  464;  —  Hafenanlagen
464;  —  Kanalverbindung
m.  der  See  490;  —  Postpaketverkehr ­
  798;  —  Paketannahme ­
  beim  Hochpostamt
A  799;  —  Wagenabfahrt
am  Paketpostamt  A800;  —
Neichspostamlsgebäude  A
79i;  —  Reichspostmuseum
825,  A  827;  —  Rohrpost
821,  A  822f.;  —  Schiffbauschule
  601;  —  Verkehrsleben ­
  53.
Berlin  -  Spandauer  Kanal
491.
Berlin-Zehlendorfer  Eisenbahn ­
  81.
Berline,  Postwagen  237,A814.
Bern.  Kirschfeldbrücke  bet  A
400.
Bcrnouilli,  Daniel  (Schiffbau)
600,  602.
Berührungsmine  A  732.
Besanmast  594.
Besansbaum  660.
1  Belchlagzeisinge.  Schiffslaue
I  662.

Besegelung  der  Schiffe  637;
—  Fünfmaster  A  638;  —
Brigg  vor  dem  Winde
segelnd  A  638;  —  Diagramm ­
  betr.  Richtung  und
Stärke  des  Windes  640  f.
A639;  —  Bark  mit  halbem
Winde  segelnd  mit  Steuerbordhalsen ­
  A  640;  —  Vollschiff ­
  am  Winde  segelnd
645,  A  641:  —  Kiellinie
A  642;  —  Boote  mit  verschiedenen ­
  Segeln  A  643;
—  verschiedene  Segelschiffstypen ­
  A  644;  —  Seitenansicht ­
  eines  hölzernen,  alle
Segel  führenden  Vollschiffes
T  659.
Bethlehem-Werke  (Panzerpl.)
730.
Betriebsmittel  tm  Eisenbahnverkehr ­
  s.  Lokomotiven,
Wagen.
Bevis  Schiffsschraube  706.
Bevölkerung.  Bedeutung  der,
im  Wirtschaftsleben  887.
Bewässerungsanlagen  tm  Altertum ­
  465.
Bewegungswiderstände  bei
Eisenbahnen  102.
Beyer  (Schwebebahn)  375.
Biaschinaschluchr,  Kehrtunnel
der  Gotthardbahn  in  der
124,  T  125,  A  125  ;  —  bet
Giornico  A  126.
Biel-Magglingen-Bahn  343.
Bienenkorb  (Linsenapvarat)
für  Leuchttürme  564,  A565.
Bilbao,  Schwebefähre  in  410,
A  411.
Bingerloch  436.
Binnensteven  (Schiffb.)  651.
Binnenvorsteven  (Schiffb.)
651.
Birmingham,  Niederlagegebäude ­
  zu  (1780)  A  31.
Büsiliger(Zahnbahn)i36.165.
Btwaseekanal  492;  —  Schleuse
492,  A  493;  —  geneigte
Ebene  488.
Blackett  (Lokomot.)  189.
Blackflußkanal  477.
„Black  Prince",  Panzerschiff
621.  724.
Black-Sea  Telegraph  Company ­
  833,843.
BlackwaU-Bahn  336.
Blake  (Dampfpumpe)  705.
Blankenburg-Tanne-  Eisenbahn ­
  136;  —Zahnstangeneinfahrt ­
  167,  A  164.
Blasrohr  a.  d.  Lokomotivel76.
Blattstoß  an  Eisenbahnschienen
A  152;  —  Wechselstegblattstoß ­
  152,  A  153.
Blechwalze  für  Außenhautplatten ­
  (Eisenschiffb.)  668,
A  669.
Blenkinsops  Zahnbahn  (18'2)
130,  236,  A  236;  —  Lokomotive ­
  188,  227,  A  188.
Bliesen  (Seew.)  561.
Blindachse  an  Lokomotiven
Blind-Lettre-Office  763.
Blinkfeuer  (Seew.)  565.
Blitzfeuer  (Seew.)  565.
Blockademinen  734.
Blöcke  (Schiffstakel.)  662.
Blockfelder  s.  u.  Blockverfahren.

Blockverfahren  (Eisenb.)  308;
—  Blockwerk  von  Siemens
&amp;amp;  Halske  309,  A  310;  —
Sralionsblockung  311;  —
Stalionsblockwerk  geschlossen ­
  .  geöffnet  311,  A  312;
—  Verschublineal  A  313;
—  mechanisch  verschlossenes
Doppelsignal  der  Londoner
121
        <pb n="974" />
        962

Namen-  und

Sachregister.

Untergrundbahnen  A313;
—  Streckenblockung  314;
zweifeldrig  A  314;  vierfeldrig
  316.  A  317;  —
elektr.  Auslösevorrichtung
von  Siemens  &amp;amp;  Halske
317,  A  318;  —  Ausfahrtsignal ­
  mit  elektr.  Auslösevorrichtung ­
  318,  A  319-Blockwerk
  s.u.  Blockverfahren.
Blohm  &amp;amp;  Boß.  Schwimmdock
der  Werft  von  534,  A  535.
Böcke  am  Wehr  444.
Boden,  Baumeister  503.
Bodenstück  an  Geschützen  712.
Bodeuwrange  (Schiffb.)  652,
673.
Boesynge,  Schleuse  bei  471.
Bogenbrücken,  eiserne  399.
Bogskär,  Leuchtturm  von  560.
Bohlenbahnen  142.
Bohlenweg,  römischer  A  58.
Bohrmaschine,  elektr.,  im
Eisenschiffbau  666,  A  667.
Bojen  548;  —  eiserne  Glokkenboje
  A  549;  —  AnsegelungStonnen
  A  549;  —
Heulboje  A  550;  —  Gasboje ­
  551,  A  550.
Bolgar.  Handelsstadt  26.
Bolivia,  Eisenbahnen  in  83.
Bollöe  (Damplomnibus)  70.
Bollwerk  a.  Flußhafen  A  456.
Bolzen  beim  Schiffbau  654.
Bombay,  Hafenanlagen  von
546.
Bomben  709,  723.
Bombenkanone  von  PaixhanS
620,  709.
Bonn.  Rhetnbrücke  bei  A  400.
Boobyirüel,  Postamt  auf  der
765,  A  766.
Boot  „Nautilus",  unterseeisches ­
  580,  A  579.
Boot,  Taucher-,  von  Haedicke
A  579.
Boote,  Dampfbei-  668,  686,
A  664;  —  Kriegs  schiffs-663,
  A  664  f.:  —  Rettungs-664,
  A  665;  —  Schiffs-663.
  A  664  f.;  —  Segel-A
  643.
Booth  (Lokomot.)  200.
Boolsanker  663.
Boolsheißmaschinen  686.
Bore.  Flutwelle  429.
Borkum.  Leuchtturm  auf  563.
Borries,  v.  (Lokomot.)  220.
Borsig  (Lokomot.)  209.
BosnischenEtsenbahnen.Spurweite ­
  der  92;  —  Telegraphenverkehr
  848.
Boston,  Signalbrücken  auf
dem  neuen  Bahnhof  zu  298,
A  299.
Botenanstalten  der  Universitäten ­
  749.
Botenstuben  (Postw.)  750.
Bolenwesen  der  Städte  750.
Brabant,  Straßenbau  in  61.
Bracketplatesystem  (Eiienschiffbau)
  674;  —  Doppelboden
Mit  A  674.
Brad,  Holzgleisbahn  i.  d.
Apostelgrube  zu  141.
Braithwaite  &amp;amp;  Ericssons  Lokomotive ­
  „Novelty"  A200;
—  Kessel  A  201.
Bramraaen  660.
Bramsegel  598.
Bramstenge  (Seew.)  659.
Brasilien.  Eisenbahnen  in  83;
—  Postwesen  783;  —  Unterseekabel ­
  833.
Brask,  Hans  (Kanalbau)  473.
Brassen,  Schiffstaue  661.
Brassen  der  Raaen  661.
Bratipille  auf  Schiffen  657.
Braunschweig-  Wolfenbütteler
Eisenbahn  81.

Brazilian  Submarine  Company
  833.
Breitsußschiene  von  Stevens
146.  A  147;  —  der  preußischen ­
  StaaiSbahnen  &amp;lt;  1885)
A  147,  157;  —  Sandbergs
Goliathschiene  A  147;  —
von  VignoieS  A  147.
Breilfußschtenengleise  153.
Breitspurbahnen  90.
Bremen,  Hasenanlagen  zu
525;  —  Kohlenschüttkran  im
Freihafen  A  530;  —  Schiffsverkehr ­
  423,  464.
Breinen,  von,  &amp;amp;  Co.  (Taucherapp.)
  576.
Bremerhaven,  Hafenanlagen
in  522,  A  523.
Bremsberge  335.
Bremsen  an  Eisenbahnwagen
256;  —  Hardh-Bremse  256,
A  259;  —  durchgehende
285,  257  ;  —  Westinghouse-Schnellbrernse
  259.  A  260f.
Brennan  Torpedo  738.
Brenner-Bahn  42,  lOO,  106,
109,  114;  —  tra  Pslerschthale
  113,  A  114;  —  im
Schmirner  Thal  118,  A
114.
Breslau,  Hasenanlagen  zu
464:  —  Schiffsverkehr  464;
—  Großschiffahrtsweg  438.
Breuschkanal  491.
Brtare,  Kanal  von  471.
Bridgewaterkanal  474,  A  34;
—  alter  Barton  Aguädukt
A  35.
Briesdote  f.  Briefträger.
Briefe,  Alter  der  747;  —
blinde  764;  —  mit  Wertsachen ­
  764.
Briefgeheimnis  796.
Briefkasten  816;  —  verschiedene ­
  Arten  A  806.
Briefmarken  760,  805;  —  die
ältesten  A  806;  —  Verkaufsstellen ­
  806;  —  Sammlungen ­
  806.
Bri-sposten  810.
Briefstempelmaichine  A  764.
Brieftauben  818,  A8i9;  —
im  SchiffahrtSdtenste  567.
Briefträger  814;  —  aus  dem
15.  Jahrh.  A750;  —Landbriefträger ­
  im  Departement
des  Landes  A  756;  —
deutscher  A  815;  —  mit
Fuhrwerk  A  816.
Briefumschläge,  gestempelte
760.
Bricfoerkebr  in  Europa  829.
Brigantine,  Segelschiff  643.
Brigg,  Segelschiff  643,  A644  ;
—  vor  dem  Winde  segelnd
A  638.
Brillenlegel  (SchiffStakel.)
662.
Brindley,  James,  Ingenieur
85  f.
Brioudebrllckc  387.
Brisbane,  auftral.  Fluß  420.
Bristol,  Cliftonbrlicke  bei  392.
Britanniabrütke  über  die
Menaiftraße  112  ,  392,
A  113.
British-Australian  Company
838.
British-Indian  Extension
Company  838.
British-Indian  submarine
Telegraph  Company  838.
Broadgauge  (Eisenb.)  90.
Broadwell-Ring  an  Geschützvcrichlüsscn
  715.
Brockenbahn,  Lageplan  der
A  120.
Bromberger  Kanal  482,  491.
Brooktau  an  Schiffsgeschützen
708.

Brotherhood  -  Maschine  für
Torpedos  A  736.
Broughton,  Brücke  von  392.
Brown,  A.  u.  F.  (Sirene)
569.
Brown  LCo.  (Panzerplatten)
725.
Brownsche  Hebewerke  (Kanalbau) ­
  478,  A  477.
Brownscher  Telemotor  684;
—  UmsteuerungSmalchine
704.
Brückel,  von,  Ingenieur  472.
Brücken  u.  Viadukte  379;  —
Pont  du  Beguinage  zu
Brügge  A  29;  —  Britanniallber
  die  Menaiftraße  112,
A  113;  —  Thal-  über  die
Kalte  Rinne  HO,  A  ill;
—  Müngstener  Thal-  112,
Am;  —  Thal-  der  strategischen ­
  Schwarzwaldbahn
A  122;  —  SoliS-  über  die
Albula  am  Schynpaß  64,
A  62;  —  Hänge-  über  den
Rio  Chatatumpo  379,  A
380;  —  alte  Ausleger-  in
Ecuador  379.  A  380;  —
römische  bei  Alcantara  381,
A  382;  —  HalbkretSgewölbe
381,  A  383;  —  Segmentgewölbe ­
  381,  A  383;  —
Lehrgerüst  381,  A  388;  —
Brücke  über  den  Halys  383,
A  384;  —  zu  Avignon  385  f..
A  385;  —  von  Martorell
A  386;  —  alte  zu  Frankfurt ­
  aW.  A  387;  —  Rhetnbet
  Schaffhaulen  A  388;  —
A  388;  —  Portage-Thal-A
  869;  —  Eisen-  zu  Coalbrookdale
  A  390:  —  zu
Sunderland  A  391;  —
gußeiserne  über  das  Strtegauer
  Wasser  A  891;  —
Ketten-  zu  Budapest  A  392;
—  Eisenbahn-  bet  Mainz
A  392;  —  Eisenbahn-  über
den  Johnifluß  A  394;  —
über  den  Firth  of  Forth  394,
A  112,  395s.,  T  396;  —
Niagara-  der  Michigan-Zentralbahn
  399,  A  397;
—  Trisana-  399,  A  398;  —
über  den  Vindclelsven  400,
A  399;  —  Ktrschfeld-  bet
Bern  A  400;  —  Rhein-  bei
Bonn  A  400;  —  Zulage
des  groben  Bogens  der
Kaiser  Wilhelm-  bei  Müngsten
  A  400;  —  die  neue
East  River-  A  401;  —
bei  der  Probebelastung  zusammengebrochene ­
  401,  A
402;  —  Montagegcrüst  402,
A  403:  —  steinerne  404;
—  Göltzschthal-405,  A  404;
—  Pruth-  bet  Jaremecze
405,  A  404;  —  Donaubei ­
  Jnzigkosen  A  405;  —
bewegliche  406;  —  Baakenin
  Hamburg  406,  A  407;
—  Auszug-  über  den  Murray ­
  406,  A  408  ;  —  Hubzwischen
  dem  Segeischtffu.
  Oberländer  Hafen  in
Hamburg  410,  A  408;  —
bet  Kairo  410,  A  409;  —
Schmiede-  in  Königsberg
410,  A  409;  —  EiSüber
  den  Susquehanna  A
4io;  —  Schwebesähre  in
Bilbao  410,  A  411;  —  die
neue  Elb-  bei  Hamburg  412,
A  411;—Wiederherstellung
des  gesvrenaten  Viadukts
von  Xertlgny  1870  A  412.
Brückenbauanstalten  401.
Biückenbrüder,  Orden  der  384.
Brückendeck  (Schissb.)  682.

Brückenfähren  410.
Brückschienen  147,  A  148.
Bruderfahrten  21.
Brügge,  Pont  du  Beguinage
zu  A  20.
Brunel:  Eisenbahnspurweite
90;  —  Schiene  147,  A148;
—Tunnel  unter  derThemie
44  s.;  —  „Great  Eastern"
607  s.,  648.
Brünigbahn  135,  A  97;  —
FelSeinfchnttt  A  97;  —
Lokomotive  A  232.
Brunnenfundierung  eines
Kais  A  457.
Brunon  (Eisenb.)  268.
Brunsbüttel,  Molenball  in
A  522.
Brunshausen,  WasserstandSzeiger
  zu  A  570.
BruntonS  Lokomotive  A  189.
Brüssel,  Kanaiverbindung  mit
dem  Meere  495.
Brüssel-Mechelner  Eisenbahn
81.
Brustwehrmonitors  627.
Brustwehrturmschtffe  627;  —
„Devastation"  627,  A  622.
Buchanan  (Schaufelrad)  706.
Bücher  (Zahnbahn)  168,  347.
Buck,  Ingenieur  401.
Budapest,  Kettenbrücke  bei  A
892;  —  Franz  Josephsbrücke
399;  —  Seilbahn  340;  —
Unterpflasterbahn  364,  A
365  ff.
Buffer,  Eisenbahn-  A  272;  —
mit  Spiralfeder  und  Bufferkreuz
  272,  A  271.
Bufferkrcuz  (Eisenb.)  272,  A
271.
Buganker  668.
Bugbänder  (Schiffb.)  656.
Bugruder  645.
Bugspriet  652,  660.
Bugiprietstuhl  657.
Bugstagen  (Schissstauw.)  661.
Buhnen  (Sirombau)  427,433.
Buildwas,  Elsenbrücke  zu  390.
Bulgarien,  Postwesen  in  773;
—  Teiegraphenverkehr  848.
Bulienen  (Schiffstauw.)  662.
Bulk,  Nedelsignalstalion  bei
569;  —  Sirene  A  568.
Bullivant  (Torpedoschutznctz)
742.
Button  &amp;amp;  Watt  (Schissb.)  608.
Bureaus.  telegraphische  851.
Bürgenstock-Bahn  340  ;  —
Wagen  347,  A  346.
Bmy  &amp;amp;  Co.,  Lokomotive  von
207,  A  206.
Bushnel  (Torpcdowesen)  731.
Büssing«  Drahtspanner  am
Weichenhebel  292,  A  293;
—  Druckschiene  304;  —
Spttzenverschluß  mit  Abscherbolzen ­
  305,  A  30«;—
GelenkauSgletcher  für  Gestänge ­
  A  308;  —  Stellwerk ­
  288.
Byzanz  als  Handelsstadt  12,
14.
Byzantiner,  Brückenbau  der
383.

Cab,  Londoner  elektrisches
71,  A  70.
Cailsche  Fischtreppe  A  450.
Caissons  (Brückenbau)  398.
Ealedontan-Kanal  476.
Callao-Oroya-Eiscnbabn  100,
106;  —  Verruga-Biadukt
101,  A  103;  —  Spitzkehren
117.
Eammel  &amp;amp;  Co.  (Panzerplatten) ­
  726.
„Campania",  Doppelschraubenschiff ­
  616;  —  Hinter-
        <pb n="975" />
        Namen-  und

Sachregister.

963

«

fteoeit  mit  Schraubenböllen
681,  A  682,
Canet,  Geschützrohre  von  114,
A  710;  —  automatischer
Verschluß  für  Schnellfeuerkanonen
  716,  A  716;  —
82  ern-Geschlltz  in  Barbettetürm
  mit  zentraler  Geschoßzuführung ­
  A  719  ;  —  Wiegelafette ­
  719  ;  —  Geschützlurm
für  Schnellfeuerkanone  A
720;  —  zentrale  Geschoßzuführung
  720.
Cantileverbrückcn  894,
Capstans  in  Häfen  626,
Carccllampe  661.
Carguero  (Lastträger)  4,
Carnegie  lPanzerplatten)  739,
Carpenterbremse  269,
Cäsars  Rheinbrülle  379.
Cäfarea,  Hafen  von  617,
Cathcarts  Zahnstange  189  ;  —
Zahnradlolomotive  A  227.
Cattle  tracks  62.
Cayngakanal  477.
Ceard  (Straßenbau)  64.
Central  and  South  American
Telegraph  Company  833.
Centre,  Kanal  du  492;  —
Hebewerk  bei  La  Louvière
485,  490,  A  485.
Cernavoda,  Donaubrülle  bei
899.
Ceylon,  Eisenbahnen  auf  88.
Chaisen  52.
ChalinerS  (Postw,)  895.
Chambers  (Eisend.)  288,
Champlatnlanal  477.
Chaohing,  Viadukt  von  884.
Chapman:  Drehgestell  an
Eisenbahnwagen  298  ;  —
Ketienlokomot.  189;  —  ,,architectura
  navalis“  601.
Chappe  (Gignaiw.)  276.
CbareS,  Bildhauer  551.
„Charlemagne",  Turmschiff
627,  A  624.
„Charlotte  Dundas",  Dampfboot
  692,  A  69t.
Charlottenburg,  Wehr  im
Werderschen  Mühlgraben
bet  448.
Chasse-Marèesegel  A  64g.
Chat-Moor  (Liverpool-Manchester-Eisenb.)
  295,  A  41.
Chatillon-Commentry  (Panzervlattcn)
  780.
Chausseen  s.  Landstraßen.
Chausseewalzen  67.
Cheasapeake  -  Delawarekanal
477.
Cheasapeakekanal  477.
Cheasapealc-Ohiokanal  477;
—  geneigte  Ebene  488.
Chemunglanal  477.
Chenangolanai  477.
Chicago,  Hochbahn  in  A  89;
—  Televhonleitung  für
Polizeizwecke  866  ,  A  868.
Chicagokanal478;—Brownsche
Hebewerke  zum  Aushebert
478,  A  477;  —  Drahtseilbahn ­
  für  den  Bau  478,  A
479;  —  Riesen  Iran  zum
Ausheben  478,  A  479.
Chicfe,  Philipp  de  (Kanalbau)
481.
Chile,  Eisenbahnen  in  88;  —
Postwesen  788.
China,  Brückenbau  in  884;  —
Eisenbahnen  88;  —  Flußschiffahrt ­
  418;  —  Hohlweg
8,  A  9:  —  Kanalbauien
466;  —  Kaiserkanalb,  466,
A  7;  —  Plan  von  Soutscheou
  A  467  :  —  Postwesen
777;  —  russisch-chinesische
Post  A  7  77  ;  —  Postboot
826,  A779  ;  —  Schieblarren
zur  Beförderung  von  Perfönen

  u.  Sachen  A  779;  —
amtlicher  Fußbote  auf  Formosa ­
  A  779;  —  Unterseekabel ­
  888;  —Verkehrswesen
8,  14;  —  Stadtverkehr  52.
Cbirk,  Viadukt  hon  496.
Christensen  (Kanalbau)  598,
Cincinnati,  Ohiobrücke  bei898.
Ciiadellschiffe  627;  —  „Inflexible" ­
  627,  A  622;  —
„Prince  George"  627,  A623;
—  „Royal  Sovereign"  627,
A  622.
„City  of  New  Uork",  Dampfer
615.
„City  of  Paris",  Dampfer
615,  648,  681.
City-  und  Slldlondonbahn
861  f.
Clairflusse,  St.,  Eisenbahn
unter  dem  368.
Clark,  E.(Blockversahren)3i4.
Clark  &amp;amp;  Standficld,  Dock  von
535.
Clarke,  Ingenieur  86.
„Clermont",  Fulions  erstes
Dampfschiff  694,  A  608.
Clyde,  Regulierung  der  424.
Coalbrootdale,  Eisenbrücke  zu
A  390.
Cochinchina,  Eisenbahnen  in
88.
Cockerills  Lokomotive  „Seraing"
  A  213;  —  Engerthlokomotive
  215.
Codicarii,  Körperschaft  der
415.
Cotls  an  Geschützen  719.
Colbert,  Straßenbau  unter  61.
Coles  (Turmschiffe)  626,
Collins-Dampserlinie  614.
Colomb,  Ingenieur  578,
Colorado,  Eisenbahnen  in  196;
—  Georgetown-Schlinge  u,
Überschienung  des  Hagerman-PasfeS
  119,  A  12g.
Colorado.Eifcnbahndrückeüber
den  399.
Colzaöl  561.
Commercial  Cable  Company ­
  833,  836,  843.
Compagnie  franjaise  des
cäbles  telegraphiques  839,
843.
Compagnie  Generale  Transatlantique
  614.
Compafiia  telegrasica  del
Rio  de  la  Plata  833.
Compania  telegrafico-telefonica
  del  Plata  833.
Coinpoundpanzet  725.
Compound  -  RäderschiffSmaschine
  A  792.
Conway,  Brücke  über  d.  392.
Cooper,  Peter  (Lokomotive)
297,
Cotcovadobahn  140.
Cordouan,  Leuchtturm  von
A  652.
Correo  mayor  (Postw.)  769.
Couiissensteuerung  an  Lokomotiven ­
  219.
Courtenavs  Heulboje  A  559.
Cowcaicher  (Eisevb.)  298,
Crampton  -  Lokomotive  175,
219,  A  212.
Creme,  Schmalspurbahn  in
der  Eisenbahnwerkstätte  zu
94.
Crinan-Kanal  476.
Crookedseekanai  477.
Cuba,  Eisenbahnen  auf  83.
Cuha  Submarine  Telegraph
Company  833.
Cnbitt,  Ingenieur  496.
Cugnots  Dampfwagen  184,
A  69.
Culmann,  Techniker  184.
Cunard-Dampsschifflinie  697,
615  f.

Cnrrs  Schienenweg  142,  A
143;  —  gußeiserne  Winkelschiene
  142,  A  143.
Cursus  publicus  59,  747  f.
Cylinder  an  Schiffsmaschinen
792.
Cylinderkessel  &amp;lt;SchiffSmasch.)
695,
Cylinderwehr  448.
Cyrus,  Postwesen  unter  746.
o-Zllge  248,  A  247.
Dahlsttöm,  H.  (Kanalbau)
598.
Daimlerscher  Motor  71;  —
Motorfrachtwagen  A  74.
Dalben  (Hafenanl.)  525.
Daleys  Gasoiine-Motorwagen
72,  A  71.
Dalmann(FIußkorrektion)424.
Damaskus,  Bedeutung  für
den  Handel  6,19;  —  Eisenbahn ­
  nach  Beirut  45,  A
44  f.;  —  Tagespost  nach
Beirut  A  48.
Dammbalken  a.  d.  Schleuse
479.
Dammfalze  a.  d.  Schleuse  479.
Dompfankerwinde  A  687.
Dampfausnutzung  der  Schiffsmaschinen ­
  698.
Dampfbagger  427  ,  A  428;
—  von  Evans  A  185.
Dampsbetboote  686  ,  663,  A
664.
Dampfboot  „Charlotte  Dnndas"
  692  ,  A  601;  —
„Clermont"  von  Fulton
694  ,  A  603;  —  „Komet"
604;  —  von  Miller,  Taylor
u.  Symington  (1789)  691,
A  602.
Dampfheizung  in  Eisenbahnwagen ­
  235,  252.
Damvssacht,  die  kaiserlich
russische:  Oberdeck,  Speisesaal
  u.  Empfangszimmer
A  689.
Dampf  -  Kieifelschneeschaufel,
Görlitzer  339,  A  329.
Dampsläuiewerk,  Latowskisches
  (Eisenb.)  286.
Dainpfmaschine  von  Evans
A  185;  —  liegende,  für
Schiffe  A  699.
Dampf  -  Motorwagen  von
Shaver  72,  A  71;  —
Simons  72,  A  71.
Dampfpietfe  an  Lokomotiven
294,  277,  285;  —  f.  Schifffahrtssignale
  568.
Dampfprähme  506.
Dampfsammler  an  Lokomotiven ­
  223,  A  224.
Dampfschiffahrt,  Einführung
der  42t,  602.
Dampfschiffe,  graphische  Darstellung ­
  der  Beschleunigung
der  Dampferfahrten  (1849
bis  1896),  A  616;  —
Größenverhältnisse  der  Passagier- ­
  u.  Schnelldampfer
(1837—1897)  618,  A  617;
—  „City  of  New  Dort"  615;
—  „City  of  Paris"  615,
648,  681;  —  „Augusta
Viktoria"  615;  —  „Francis
Ogden"  697;  —  „Fürst
Btsmarck"  615;  —  „Great
Eastern"  608  ,  672  ,  A
612f.,  614;  —  „Great  Britain"
  697,  A  610  f.;  —
Hinterraddampser  A  680;
—  „Robert  Stockton"  607;
—  „Savannah"  604;  —
„Scotia"  616;  —  „Teutonic"
  615;  —  Doppelschraubenschiffe ­
  ,  Schnelldampfer, ­
  Panzerschiffe  u.
s.  w.  s.  d.

Dampfschläge  (Lokomot.)  219,
230.
Dampfschneeschaufeln  329;  —
von  Leslie  329,  A  328.
Dampfsirene  (Schiffahrt)  569,
A  568.
Dampfsteuerapparat  684;  —
d.  Schnelldampfers  ..Kaiser
Wilhelm  d.  Gr."  A  686.
Dampfstrahlpumpe  182.
Dampfstraßenwalzen  68.
Dampftrompete  an  Lokomotiven ­
  205,  277,  A  204.
Dampfverteilungsschieber  an
Schiffsmaschinen  703.
Dampswagen  von  Cuanot  184,
A  69;  —  von  Murdock  A
184.
Dänemark,  Eisenbahnen  in
82,  85;  —  Postwesen  772;
—  Telegraphenverkehr  848;
—  Telephonte  856;  —
Unterseekabel  833.
Darius.  Postwesen  unter  746.
Darjeeling-Bahn  94.
Darly  (Brückenb.)  890.
Datoll  (Nebelhorn)  568.
Dausse,  Ingenieur  66.
Dawenport,  Mississippibrücke
bei  389.
Dead-Letter-Office  762.
Dean,  Viadukt  von  406.
Deblockieren  von  Eisenbahnstrecken ­
  315.
Decauville,  Ingenieur  94.
Decharges  (Schiffb.)  598.
Decks,  eiserne  (Schiffb.)  676  f.
Decksbalken  (Schiffb.)  655,
678.
Decksbucbt  (Schiffb.)  655.
Decksplanken  (Schiffb.)  656.
Decksstringer  (Schiffb.)  673.
Decksystem  im  Straßenbau  69.
Dee,  Viadukt  des  406.
Deidemühle,  Viadukt  von  406.
Deime  -  Seckenburger  Kanal
491.
Delaware,  Holzbrücke  über  den
389.
Delaware-Divisionkanal  477.
Delawarekanal  477.
Delaware-Rai  itankanal  477.
Delhi-Kanal  468,  476.
Delorme,  Ingenieur  »88.
„Demologos",  erste  schwimmende ­
  Batterie  604.
Dempgordings,  Schiffstaue
662.
Denayrouze  (Taucherk.)  574.
Denis,  Ingenieur  79.
Denis,  St.,  Schleuse  mit  10m
Hubhöhe  im  Kanal  von  470,
A  471.
Deplacement  eines  Schiffes
628;  —  -koeffizient  629.
DeSdonits  Versuche  über  Laufwiderstände ­
  der  Eisenbahnzüge ­
  104,  A  105.
Detmer  (Kanalbau)  502.
Deutschland,  Brückenbau  im
Mittelalter  386  f.;  —  Eisenbahnen ­
  46  f.,  80  ,  82  ,  85;
—  Fahrgeschwindigkeit  325;
—  Gepäckbeförderung  326;
—  Lokomotivbau  209;  —
Personenverkehr  326;  —
Signalbilder  282  f.,  284  f.,
T  283;  —  Signalbrücke  f.
Wegesignale  A  283;  —
Spurweite  91;  —  Flußschiffahrt ­
  418;  —  Schiffsverkehr ­
  546;  —  Kanäle
481,  468,  490;  —  Poftwesen
  749  ff.,  785  ff.,  78  9  ;
—  Reichspost  789;  —  Postverkehr ­
  792;  —  Straßenbau ­
  61,  66;  —  Tclegraphenwesen
  842  ff.;  —  Telephonie
  853,  855  f.;  —
Unterseekabel  833,  844;  —
121*
        <pb n="976" />
        964

Namen-  und

Sachregister.

Berkehrsverhältnisse  16,18,
21  f.,  23  f.,  26,  34,  37.
„Deutschland",  Schnelldampfer ­
  616.
Deutsch-Ostafrika,  Postans'talren
  in  776.
Deutsch-österreichischer  Postverein ­
  788.
„Devastation",  Turmschiff
627,  A  622.
Diagonalboote  664.
Diagonalwegerung  (Schiffb.)
664.
Dichthammer  (Schiffb.)  656.
Dichtung  der  Schiffe  655.
Dickstegschienen  152.
Dilatarionsplättchen  (Eisenb.)
151.
Dil'gence  755;  —  Ankunft
der  (18.  Jahrh.)  A  811.
Dingis,  Schiffsboote  663.
Diolkos  (Schiffstransport)
483.
Dioptrische  Beleuchtungsapparate
  564.
Direct  Spanish  Telegraph
Company  833,  843.
Direct  United  States  Cable
Company  833.
Dirk.  Schiffstau  661.
Dirschau,  Weichselbrücke  bei
393,  399.
Distanzsignale  (Eisenb.)  276.
Dockbänke  532,  A  533.
Dockhäfen  520.
Docks,  Schwimm-  534,  A  535;
—  eisernes  A  536;  —
Trocken-  531.
Dockschleusen  522.
Dodd,  Ingenieur  193.
Dodgeschleuse  bei  Georgetown
A  484.
Dom  am  Lokomotivkessec  180,
203.
Domigani,  Jnaenieur  66
Dominici,  Ingenieur  66.
Dominikanischen  Republik,
Eisenbahnen  der  83.
Donau,  Blücken  über  die:
Ketten-  bei  Budapest  A  392;
—  Franz  Josephs-  bei  Budapest ­
  399;  —  bei  Cernavoda
399;  —  bei  Jnzigkoien  A
405;  —  bei  Munderkingen
405;  —  zu  Neuburg  389;
—  bei  Negensburg  387;  —
Trojans-  380:  —  Regulierung ­
  am  eisernen  Thor:
Grebennase  434,  A  434;  —
Aushebung  des  Kanals  A
435;  —  Regulierung  der
Sulinamündung  436  ;  —
Schleuse  am  Nußdorfer
Spitz  442,  A  440.
Donau-Mainkanal  482.
Donau  -  Moldau  -  Elbekanal,
Schleusen  im  470.
Donkeykessel  (Schiffsmasch.)
698.
Doodsbofte  (Schiffstauwerk)
660.
Doppelboden  (Eisenschiffb.)
674;  —  mir  Querspantensystem ­
  A  674;  —  mit
Zellensystem  A  674.
Doppelender  (Schiffsmasch.)
696.
Doppelkeilverschlüsse  an  Geschützen ­
  715.
Dopvelkopfschiene  von  Locke
(Stuhlschiene)  A  148.
Doppelschraubenschiffe  615;  —
„Campania"  616;  —  „Lucania"
  616;  —  „Majestic"
615;  —  dreifache  Expansionsmaschine ­
  701,  A  700.
Doppeltrunkmaschine  von
Penn  A  699.
Dordogne,  Brücke  über  die
392.'

Dortmund,  Hafenanlagen  zu
464.
Dortmund  -  Emskanal  490,
492;  —  Hebewerk  bei  Henrickenburg
  485  ,  488  ,  A
486  f.,  489.
Dost,  Ingenieur  405.
Douro,  Brücke  bet  Porto  über
den  400.
Dover.  Anlandevorrichtung  in
529.
Drahtrißsperre  an  Weichen
306,  A  307.
Drahtseilbahnen  s.  Seilbahnen. ­

Drall  der  Geschützrohre  712.
Drehbrücken  406,  507;  —  des
Manchesterkanals  A  501;
—  Baakenbrücke  in  Hamburg ­
  A  407.
Drehfeuer  (Seew.)  565.
Drehgestell  an  Lokomotiven
207  A  183;  —  Schnellzuglokomotive ­
  mit  169  A  171;
—  amerikan.  dreiachsiges
249  A  250  f.;  —  Plattformwagen ­
  mit  262,  A  263.
Drehreep  (Schiffstakel.)  662.
Drehscheibenlafette  718.
Dreideckschiffe  682;  —  „The
Queen"  600,  A  601;  —
„The  Sovereign  of  the
Seas"  A  598;  —  „The
Vicrory"  598,  A  599.
Dreimastgaffelschoner  645.
Dreimastschoner  A  644.
Dreischienenbahn  von  Lartiaue
374,  A  375;  —  Lokomotive
A  375.
Drempel  an  Schleusen  470;
—  auf  Kriegsschiffen  656.
Dresden,  Brücke  bei  387;  —
Hafen  454  f.;  —  Schiffsverkehr ­
  464.
Dresel  (Hebung  gesunk.  Schiffe)
588.
Druckknopfsperren  an  Blockwerken ­
  316.
Drucksachen,  Portotaxe  für
802.
Druckschiene  303;  —  mit
Riegel  A  303:  —  mit
Doppelriegel  A  303.
Düvbel  bei  Holzbrücken  388.
Dubic,  Ingenieur  471.
Ducdalben  (Hafenanl.)  525.
Dudgeons  Schiffsmaschine
613,  A  615.
Dugaut,  Postsegelboot  825.'
Duisburg,  Hafenanlagen  von
454,  464;  —  Schiffsverkehr
464.
Dungneß,  Leuchtturm  von
562.
Duplex  -  Verbund  -  Lokomotive
von  Mallet  218,  A  217.
Dupuy  de  Lome:  Einführung
der  schwimm.  Batterien
620  s.;  —  Schiffsmaschine
699.
Durchbolzen  im  Schiffbau
655  f.
Durchgangswagen  237.
Durchsacken  des  Kieles
(Scbiffb.)  653.
Durchstich  bei  Januschkowitz
(Oder)  A  441.
Dürrer,  Ingenieur  347  ;  —
(Zahnbahn)  168.
Dürrkesscl  (Schiffsmasch.)  A
697.
Düsseldorf,  Binnenschiffahrtsverkehr ­
  von  464;  —  Hafenanlagen ­
  464,  A  453;  —
elektrisch  betriebene  Winkelportalkräne
  A  460;  —
Rheinbrücke40i;  —  Signalu.
  Weichenstellwerk  A  295.
D-Züge  248,  A  247.

EadS  (Schtsssetkenbohn),  SIS.  |
Eames-Bremse  261.
Eastern  and  South  African
Telegraph  Company  833.
Eastern  Extension  Australasia
  anfl  China  Telegraph ­
  Comp.  833,  836.
Eastern  Telegraph  Company ­
  833,  836,  843.
Eastmans  Heizwagen  268,  A
267.
East  River,  Brücke  bei  New
Aork  überd.  394;  —  neue
Brücke  A  401.
Ebbe  425.
Ebenen,  geneigte  (Kanalbau)
482,  488;  —  bei  Elbing
A  483.
Ebner  (Minen)  733.
Ecktersches  Wandgemälde  im
Slaatsbahnhof  zu  München
A  75.
Ecole  desponts  et  chaussees
63
Ecuador,  Eisenbahnen  in  83;
—  Auslegerbrücke  379,  A.
381.
Eddystone,  Leuchtturm  von  A
553.
Edinburg,  Firthof  Forlhbrücke
s.  d.;  —  Granlonfähre  bei
332.
Edison  Telephone  Company
854.
Egells  (Lokomot.)  209.
Egestorff  (Lokomot.)  209.
Eiderkanal  502.
Eigengewicht  eines  Schiffes
628.
Eigenwiderstand  eines  Fahrzeuges ­
  102.
Eilboten,  Post-  814;  —  römischer ­
  A  747.
Eilfatirt  durch  die  Wüste
Gobi  777,  A  778.
Eilwagen,  Post-  810;  —
spanischer  A  770.
Eimerlrockenbagger  A  495
Einbaum  6.
Einbuffer  (Eisenb.)  271.
Einfahrsignale  (Eisenb.)  277,
282,  T  282.
Einheitspatrone  f.  Schnellfeuerkanonen ­
  721.
Einholer.  Schiffstau  662.
Einholtalje  an  Schiffslafetten
708.
Einschienenbahnen  349,  374.
Einschraubenschiffen,  Steven
auf  680.
Einzelachsen,  verstellbare,  a.
Eisenbahnwagen  240.
Eisbrücke  über  den  Susquehanna
  A  410.
Eisenbahnbriefe  761.
Eisenbahnen  75;  —  Echtersches
Wandgemälde  im  Staatsbahnhos
  zu  München  A  7  5;
—  Bedeutung  für  die  Kulturentwickelung ­
  37;  —  Geschichtliches ­
  39;  —  Ausbreitung ­
  in  den  einzelnen
Ländern  78;  —  Einteilung
89;  —  Bauliches,  Zugwiderstände ­
  u.  Steigungs-Verhältnisse
  95;  —  Linienführung ­
  108;  —  Zahnbahnen ­
  130;  —  Oberbau
141;  —  Oberbau  der  Steilbahnen ­
  163;  —  Betriebsmittel: ­
  Lokomotiven  169;
—  Geschichte  der  Zahnradlokomotive ­
  227:  —  Wagen
236;  —  Bremsen  256;'  —
Signalwesen  u.  Wcichensicherung
  275;  —  Blockverfahren ­
  808;  —  Sickerung
der  Schienenübergänge319;
—  Zugdienst  u.  Fahrgeschwindigkeit ­
  82i;  —

I  Schneepflüge  u.  Scknee-|
  schleudermasckinen  327;  —
Fährboote  (Trajektanstalten) ­
  331;  —  Seilbahnen
335;  —  Stadtbahnen  347  ;
—  Untergrundbahnen  349;
—Tunnelröhrenbahnen359;
—  Unterpflasterbahnen  364;
—  Hochbahnen  369;  —
Hänge-  od.  Schwebebahnen
374.
Eisenbahnpostwagen.  Inneres
eines  A  809.
Eisenbahnräder  268;  —  Gußeisenrad ­
  A  268;  —  Holzrad ­
  268,  A  269;  —  schmiedeeisernes ­
  Speichenrad  268,
A  269;  —  Papierrad  A
A  269;  —  Räderform  an
der  Lauffläwe  A  270;  —
Sprengringbefcstigungen  A
271.
Eisenbahnwagen  .  2.36;  —
Blcnkinsops  Zahnbahn  A
236;  —  Züge  der  Liverpool-Manchester ­
  Eiienbahn
(1830—1835)  236,  T  236;
—  Personenwagen  237;  —
erster  Personenwagen  der
Stockton  Darlington-Eisenbahn ­
  (1825)  236.  A  237  :
—  englische  Personenwagen
1839  -  1897  237.  A  238  f.,
243;  —  Gangart  240:  —
freie  Lenkachsen  A  241;  —
amerikanische  Personenwagen ­
  243,  A  242;  —  engl.
Personenwagen  mit  verstellbaren ­
  Eudachsen  244,  A
243;  —  amerikan.  Luxuswagen ­
  von  Pullmann242f.
A  244  f.,  246;  —  Wagen
mir  Seitengang  248:  —
Luxuszüge248;  —  D-Wagen
ter  Gotthardbahn  249,  A
247;  —  Inneres  eines
Speisewagens  A  249;  —
dreiachsiges  amerikanisches
Drehgestell  249,  A  250  f.;
—  Polsterung  t.  d.  Wogen
der  preuß.  Slaatsbahnen
249,  A  250;  —  Wasch-  u.
Avorteinrichtungen  250;  —
Heizung  250;  —  innere
Einrichtung  eines  amerikan.
Personenwagens  A  25i;  —
durchlaufende  Personenwagen ­
  323;  —  Lüftung
253:  —  Beleuchtung  253:  —
amerikan.  Petroleumlampe
253,  A  254;  —  Jntensivlampe
  für  Fettgas  254,  A
255;  —  Bremsen  256;  —
Anordnung  des  Hardy-Bremscylinders
  und  der
Kuvvelung  258.  A  259;  —
Westinghouse-Schnellvremse
259,  A  260  f.;  —  Güterwagen ­
  26l;  —  Plattformwagen ­
  mit  Drehgestellen
262,  A  263;  —  englische
Güterwagen  1844—1897
262.  A  264  f.;  —  Talbots
Güterwagen  263,  A  266;
—Kruppscher  Geschützwaoen
263,  A  266;  —  Fischwagen
266.  A  267;  —  Heizwagen
268.  A  267;  —  Gußeisenrad
  A  268;  —  schmiedeeisernes ­
  Speichenrad  268,
A  269;  —  Papierrad  A
269;  —  Holzrad  268,  A
269;  —  Räderform  an  der
Lauffläche  A270:  —  Sprengringbefestigungen ­
  A  271;
—  Buffer  mit  Spiralfeder
u.  Bufferkreuz  272.  A  271;
—  Eisenbuffer  272;  —
Buffer  der  Londoner  Untergrundbahnen ­
  A  272;  —
        <pb n="977" />
        Namen-  und

Sachregister.

965

Sicherheitskupplung  A273;
—  Zugvorrichtung  A  274.
Eisenbrücken  390.
Eisen-  u.  Stahlschiffban  655:
—  Komposilbau  664,  A
666;  —  elektr.  Bohrmaschine ­
  666.  A  667;  —  Glühofen ­
  u  Spantenbieuepian
(Nichtplatteu)mitSchmiegemaschine
  A  668;  —  Blechwalze
  für  Außenhauiplatten
663,  A  669;  —  fahrbarer
Heuingkran  mit  hydraulischen ­
  Nietmaichinen  A  67  O;
—  Schnelldampfer  „Kaiser
Friedrich"  in  Spanten
stehend  auf  der  Werst  von
Schichau  A  671;  —  Linienschiff ­
  „Kaiser  Barbarossa"
auf  der  Werft  von  Sctnchau
A  67  2;  —  Kielverbinduugen
A  678;  —  Doppelboden
mit  Querspantensystem  A
674;  —  Doppelboden  mit
Zellensystem  A  674;  —
Hauptspant  eines  Panzerschiffes ­
  A  675;  —  Querschnitt ­
  eines  Panzerdeckkreuzers ­
  A  676;  —  Haupispant
  der  Ausfallpanzerkorvette
  ..Sachsen"  A  677;
—  Querschnitt  durch  den
Schnelldampfer  „Kaiser
Wilhelm  d.  Gr."  A  678;  —
Achterschiff  eines  im  Bau
bepriffenenLimenschiffes  mit
Kollisionsschott  678,  A679;
—  Hintcrraddampfer  A  680;
—  Hintersteven  mit  Steuerruder ­
  A  681;  —  Hintersteven ­
  des  Schnelldampfers
„Eampania"  mit  Schraubenböcken ­
  681.  A  682;  —
Schnelldampfer  „Oceanic"
vor  dem  Stapellauf  A  683;
—  Vorkehrung,  um  den
Schlitten  auf  geneigter
Ebene  zu  halten  682,  A  684;
—  Panzerkreuzer  „Fürst
Bismarck"  auf  Hellgen  zum
Stapellauf  bereit  A  685;
—  Schwimmkran  zum  Einsetzen ­
  von  Maschinen  u.
Kessel  A  685;  —  Steuereinrichtung ­
  des  Schnelldampfers ­
  „Kaiser  Wilhelm
d.  Gr."  6  84,  A  686;  -
Dampfankerwinde  684,  A
687;  —  Frachtwinde  686,
A  687  ;  —  Speisesalon
u.  Gesellschaftssalon  des
Schnelldampfers  „Kaiser
Wilhelm  d.  Gr."  A  688;
—  Oberdeck,  Sveisesalon
u.  Empfangszimmer  der
kaiserlich  russischen  Dampfjacht ­
  A  689;  —  Mannschaftsraum ­
  eines  Kriegsschiffes ­
  692,  A  690;  —
Linienschiff  „KaiserWilhelm
d.  Gr.":  Seitenansicht,Vorderansicht, ­
  Durchschnitt  T
691;  —  gepanzerter  Kommandoturm ­
  692,  A  691.
Eisenschwellen  (Eisenb.)  &amp;gt;56.
Eisernen  Thor,  Regulierungsarbeiten ­
  am  434;  —  Grebennase ­
  A  43  4;  -  Aushebung ­
  des  Kanals  A  435.
Elbe.  Brücke  lui  Dresden  über
die  387:  —  neue  Brücke
bei  Hamburg  412  A  411;
—  Schiffahrt  416,  418;  —
Wehranlage  bei  Pcetzien447;
A  446.
Elberfeld-Barmener  Schwebebahn ­
  376,  A  377.
Elbe-Travekanal  491  f.
Elbing-Oberländischer  Kanal
488,  491.

Elder,  John  (Lampsmasch.)
613.
Elefant  als  Lasttier  5.
Elektrizität,  Verwendung  der,
auf  Schiffen  68?,
Elevator,  Getreide-  462,  A
461;  —pneumatischer  A  462.
Ellis  (Panzerplatten)  726.
Elm,  Spitzkehre  bei  116,
Elsaß-Lothringen,  Eisenbahnen ­
  in  82.
Elsterthalviadult  46s  f.
Einig  »anlemvagen  (Eisenb,)
321,
Ems-Jadekanat  492.
Endachsen,  engl,  Personenwagen ­
  mit  verstellbaren
244,  A  243.
Engerth-Lokomotive  213,216.
England,  Brückenbau  tns85,
390;  —  Eisenbahnen  46,
82,  85;  —  Fahrgeschwindigfett
  324  f.;  —  Gepäckbefdrdernng
  326;  —  Gleisübergang ­
  349,  A  820;  —
Güterwagen  1844—1897
262,  A  264  f.;  —  Lokomottvenban
  186;  —  Mastensignal ­
  A  277;  —  Personenverkebr
  326;  —  Personenwagen ­
  1889-  1897  237,  A
238  f.,  243;  —  Schnellzuglokomotiven
  228,  A  226;
—  Sicherung  einer  Gleiskreuzung ­
  296,  A  297  ;  —
Stgnalbrücke  mit  44  Flügelsignalen
  283,  A  285;  —
Sperrwe,  r  für  Wegschranken
  819,  A  820;  —  Spurweite ­
  91;  —  Stellwerke
296;  —  Stellwerlhcbel  mit
Verschlußvorrichtung  29t,
A  292;  —  Weichensicherung
einer  Abzwergstaito  A  289;
—  Handels-  u.  Verkehrs-Verhältnisse
  2t,  30,  34;  —
Kanäle  474;  —  Postwescn
757;  —  Landlutsche  zu  Ansang ­
  des  18,  Jahrh,  A  758;
—  Mallpost  tut  Schnee
steckend  A  759;  —  Fretlouvert
  A  761;  —Generalpostamt
  zu  London  A  763;
—  Briesstempelmaschine  A
764;  —  engltsih-ostindische
Überlandpost  765;  —Schiffbau ­
  596,  601;  —  dt-  englisch- ­
  Kairalflott-  1863  A
619;  —  Straßenbau  62;
—  Telegraphenvertehr  848;
—  Telephonie  864,  867;  —
Unterseekabel  832  f.
Enos'  Hängebahn  375,  A  376.
Entlllflungsanlage  f.  Untergrundbahn ­
  A  358.
Erde.Eisenbahnnetzder  46,82;
—  Telegraphennetz  841.
Ericsson,  Jodn:  Porträt  A
607  ;  —  Schleusen  474;  —
„Monitor"  626;  —  Schaufelrad ­
  606,  A  608;  —
Schiffsschraube  605  f.
Ericsson,  Nils  (Lokomot.)
474;  —  s.  a.  Braithwatte.
Eric-Eisenbahn,  Portage-Tdalbrücke
  der  A  889.
Ertelanal  477  f.,  478.
Elision,  John  (Schiffsmasch.)
705.
Erkralh,  Seilbahn  bei  385  s.
Eselshaupt  am  Maste  669.
Eselshooft  am  Maste  669.
Esprit,  St.,  Brücke  zu  886.
Effexkanal  477.
Est,  Kanal  de  1'  480.
Etienne-Lhoner  Eisenbahn  81.
Etrusker,  Brückenbau  der  380;
—  Verkehrswesen  10.
Etzel,  von,  Ingenieur  118.
Euler,  Albert(Schiffbau)  602.

Euler,  Leonhard  (Schiffbau)
600.
Euphrotbrückc  in  Babylon  379.
Europa.  Eisenbahnen  in  81  f.;
—  Flußschiffahrt  414;  —
Telegraphenverkehr  840.
Europe  and  Azores  Telegraph ­
  Company  833
Evans,  g.  I.  (Kompaß)  648.
Evans,  Oliver,  Dampsbagger
von  A  185;  —  Dampfboot
421;  —  Dampfmaschine  A
185;  —  Dampfwagen  70.
Evolventenvcrzahnung  (Zahnbahn)
  165.
Expansronsmaschine,dreifache,
für  Zweischraubenschiffe.für
Kriegsschiffe  701,  A  700,
Expreßkompanien  (Postw.)
781,
Extrapost  785,  812.

Fach  (Schiffb.)  653.
Fachbaum  am  Wehr  443.
Fährdoote  für  Eisenbahnen
881;  —  am  St.  Lorenzstrom ­
  A  332;  —  Solanosähre
  bet  San  Francisco
383,  A  334.
Fähren  879;  —  Schwebefähren ­
  4)0;  —  in  Bilbao
A  411.
Fahrgeschwindigkeit  der  Eisenbahnzüge ­
  321.
Fahrpost  810;  —  Thurn  u.
Taxislche  A  818.
Fahrpreise  der  Eisenbahnen
326.
Fahrsignale  (Eisenb.)  288,  T
283.
Fahrstraßen  selber  (Blockbersahren)
  811.
Fahrftraßenhebel  (Etscnb.)
294.
Fairdairn  (Schiffb,)  648.
Fatrüelokomottven  175,  216,
A  215.
Falkscher  Schienenstoß  151.
Fall  im  Schiffsiauwerk  662,
Ealrnouth  Cidraltar  and
ltlalta  Telegraph  Company ­
  888.
Fatschsvuren  der  Eisenbahnwagen ­
  302.
Favre,  Louis  (Gotthardbahn)
127.
Fehrbelltner  Kanal  491.
Feld.  das  lange,  anGeschiitztn
712.
Feldbahnen  mit  Dampfbetrieb
A  98;  —  mit  elektrischem
¡Betrieb  A  98;  —  mit  Handbetrieb ­
  A  93;  —  mit  Tierbetrieb ­
  A  93.
Feldpost  816;  —  auf  dem
Schlacht'elde  A  817.
Fell  (Eilend.)  140,  214,  874.
gelten  &amp;amp;  Guilleaume  (Teleph.)
859.
Fenten,  Ingenieur  251.
Fernsprechwesen  s.  Telephonie.
Feinstraße  64.
Feroze-Kanal  467.
Ferriol,  St.,  Wafferbehälter
von  471.
Festiniogbahn  in  Wales  92,
Fettgas,  Jntenstvlampe  für
254,  A  255.
Feuer,  farbige  (Seew.)  566;
—  feste,  unterbrochene  565;
—  tauchendes  A  566.
Feuerbllchse  a.  d.  Lokomotive
176,  179.
Feuerkiste  an  der  Lokomotive
176.
FeuerrohrkeffeliSchiffsmasch.)
695,  A  694  f.
I  Feuerschiff  (Seew.)  666,  A  567.

Feuerungsmittel  f.  Lokomotiven ­
  218.
Fiaker  52.
Field  (Telegr.)  888,  861.
Fieren  dev  Tauwerks  661.
Ftndh  Y  (Eisend.)  286.
Fingerlinge  am  Steuerruder
668.
Finlsche  Berglokomolwe  214,
A  215.
Finknetzkasten  (Schiffb.)  656,
677
Finow-Kanal  417,  482,  491.
Ftrih  os  Fvrthbrücke  895,  898,
A  112;  —  im  «au  T  396  ;
—  lebendes  Modell  A  895;
—  Pfeiler  im  Bau  398,  A
896;  —  Träger  während
des  Baues  A  397.
Fischbauchschiene,  gußeiserne
von  Jessop,  auf  Steinwürseluiirerlage
  148,  A  144:
—  schmiedeeiserne  (1880)
A  145.
Fischereihäfen  520.
Ftlchersioß  (Etsenb.)  162.
gtsd,paffe  450;  —  Macdonald-Icher
  A  461.
Fischtreppen  449,  A  449;  —
Eailsche  A  450.
Fischungsplanken  (Schiffb.)
656.
Fischwagen,  Eisenbahn-  266,
A  267.
Fischweg  (Flußkanalisier.)  A
449.
Fitch  (Schiffb.)  42),  602.
Flaciiliel  (Elsenschiffb.)  674.
Flachlandbahnen  89.
Flachschiene  der  Leipzig-Dresdener ­
  Bahn  (1887)  146,
A  147.
Flandern,  Straßenbau  in  61.
Fleete,  Kanäle  519;  —  großes
in  Hamburg  A  50.
Fletcher  &amp;amp;  Farnell  (Taucherboot)
  580.
Fltckshstemim  Straßenbau  69.
Florenz.  Arnoorücke  in  887.
Flond-dorf-Wagramer  Eisenbahn ­
  81.
Flöße  6.
Floßschleusen  448.
Flugasche  176.
Flugelsignale  (Etscnb.)  276.
Flurstück  (Schiffb.)  652.
Flußdampfichiffahrt,  Anfänge
der  421.
Flußhäsen  452;  —  Hafenanlagen ­
  zu  Düsseldorf  A  463;
—  Kaianlagen  zu  Antwerpen ­
  A  454;  —  Greifbagger
456,  A  455;  —  Querschnitt
eines  Bollwerles  A  456  —
«rmnienfunbierung  d.  Kais
zu  Glasgow  A  467;  —
Kaimauer  auf  Pfahlwerk
mit  Steinschüttung  am
Hasen  von  New  Uork  A
467;  —  Kaimauer  aus
Psadlro»  459,  A  458;  —
Mauer  aus  Beton  A  458;
—  Kaimauer  mit  Stein»
listeniandterung  A459;  —
clektrifch  betriebene  Winkelportalkräne
  in  Düsseldorf
A  460;  —  Lagerhaus  zu
Worms  A  460;  —  Getreideelevator ­
  in  Thätig  kett  A
461;  —  pneumatischer  Getretdeheber
  A  462;  —
Werst-  u.  Hasenanlagen  i.
d.  Rheinau  zu  Köln  A  463.
Flußkanalisierung  488;  —
des  Mains  488,  A  440;  —
Staustufe  bei  Konti)  (Oder)
A  440;  —  Schleuse  am
Rußdorser  Spitz  (Donau)
442,  A  440;  —  Durchs!  cf)
von  Januschkowttz  A  441;
        <pb n="978" />
        966
Nadelwehr  mitKlaPpenwehr
444,  A  445;  —  Wehranloge
  Sei  Pretzien  a.  b.  Elbe
447,  A  446;  —  Klappenwehr
  A  447;  —  Trommelwehr
  448,  A  447;  —  Fischweg
  A  449;  —  Treppe  des
Pernathwehres  A  449;  —
Catlsche  Treppe  A  460;  —
Macdonalbs  Fischpatz  a,  b.
Potomacsüllen  450,  A  451;
—  Aalrinne  A  451.
Flußkorrekttonen422;—Flutkurpe
  A  426;  —  Dampfbagger ­
  auf  der  Elbe  427,
A  428;  —  Längenvrofil  des
Flutgebtets  der  Weser  A
431;  —  Bagger  Beta  auf
dem  Mississippi  A  433;  —
eisernes  Thor:  Grebennase
A  484;  Aushebung  beä
Kanals  A  485;  —  Ansicht
eines  Taucherschachtes  A
486;  —  Taucheischacht  der
Rheinstrombauverwaltung
A  487.
Flubliiufe  u.  Flußschiffahrt
418;  —  am  oberen  Jantjeliang
  A  414;  —  Ganges
bei  Benares  A  415;  —
Hudsondampfer  A  421;  —
elektr.  Tauerboot  A  42s.
Flußschiffahrt,  Anfänge  der  6;
—  s.  Flußläuse.
Flut  425.
glutgrenze  426.
Flutkurve  A  426.
Flutmesser  426.
Flutwellen  426.
Fachen,  Viadukt  von  466.
Fockmast  594.
Foix,  Louis  de,  Ingenieur  552.
Folkestone,  Viadukt  von  466.
Fondaco  dei  TedescM  20.
Fontenah,  Ingenieur  406.
Fontinettes,  Schiffshebewerk
bei  485,  490.
Fordon,  Weichselbrüikebei899.
Forellen,  Treppen  sllr  A  449.
Formosa,  amtlicher  Fußbote
auf  A  779.
Formstabilität  eines  Schiffes
681.
Fossa  Mariana  423,  518;  —
Trajana  428.
Fowler.  John,  Ingenieur:
Firth  of  Forthbrücke  895;
—  Stoßbrüike  152  A  153;
—  Untergrundbahn  350.
Fox  (Flammrohre)  695.
Frachtwagen,  Daimlerscher
Motor-  A  74.
Frachtwinde  A  687.
Francis'  Patentretlungsboot
644,  A  665.
„Francis  Ogden",  Dampfschiff ­
  607.
Francisco,  Sau,  Kabelbahn
von  886;  —  Solanosähre
bet  888  A  334.
Frankfurt  a.  M.,  alte  Brücke
zu  A  387  ;  —  Hafenanlagen
464:  —Schiffsverkehr  464.
Frankfurter  Journal  800.
Frankreich,  Biiinenschisfahrt
480;  —  Brückenbau  884,
888;  —  Eisenbahnen  46,82,
85;  —  Fahrgeschwindigkeit
825;  —  Personenverkehr
826;  —  Kanäle  471,  480;
—  Postwesen  754;  —  Postamt ­
  unter  Ludwig  XV.
A.  754;  —  Mallepost  unter
Napoleon  I.  A.  755;  —
Messagerte  royale  unter
Louis  Philipp  A  756.;  •—
Landbriesträger  im  Departement ­
  des  Landes  A  756:
—  Straßenbau  87,  61,  64,
A  61;  -  -  Telegraphenver-Namen-

  und
kehr  848  ;  —  Telephonie
865,  857;  —  Unterseekabel ­
  833.
Franzius,  L.  lFlußkorrektion)
424,  428,  482.
Fraser  lGeschlltzw.)  710.
Fregatten  620.
Freibord  am  Schiffe  628.
Freibura,Saanebiückebei392.
Frcikouvert,  englisches  &amp;lt;1840)
A  761.
Freilagerplätze  in  Flußhäfen
459.
Freising,  Jsarbrücke  zu  889.
Freitauchen  572.
Fresnel,  Augustin  (Beleucht.)
561,  564.
Fresnel,  Léonard  (Dioptrik)
564.
Freycinet  (Kanalbauten)  480.
Friedrich  I.  von  Preußen,
Postwesen  unter  785.
Friedrich  d.  Gr.,  Postwesen
unter  786.
Friedrich-Franzkanal  491.
Friedrichsgraben,  Großer  491.
Frtedrichskanal  482.
Friedrich  Wilhelm  I.,  Postwesen ­
  unter  König  785.
Friedrich  Wilhelm  I.,  Postwesen ­
  unter  Kurfürst  785.
Friedrich-Wilhelmkanal  4SI.
Frischen  (Stgnalw  )  281.
Fronde  (Schiffb.)  629,  645  f.
Fruchtschiffe  637.
Fuchs,  Zimmermeister  388.
Führerhäuser  (Etsenb.)  235.
Führungsschiene  15g  A  160.
Fulda,  Kanalisierung  der  439  ;
—  Wehr  bei  Münden  442.
Füllhölzer  (Schiffb.)  658.
güllrohr  s.  Ballastwasser  bei
Seilbahnen  841,  A.  889,
843.
Fälscher,  Ingenieur  503.
Fulton,  Robert,  Ingenieur
603;  —  Porträt  A.  602;
—  erstes  Dampfschiff  421,
603  ,  A.  603;  —  Unterwasserwaffen ­
  732.
Fundamentierung  der  Brücken
386.
Fünfmaster  A  638.
Funk,  Zimmermeister  388.
Funkelseuer  (Seew.)  565.
Funkensänger  a.  Lokomotiven
176.
Furkastraße  116.
„Fürst  Bismarck",  Doppelschraubenschiff ­
  615.
„Fürst  Bismarck",  Panzerkreuzer ­
  627,  A  624  ;  —  zum
Stapellauf  bereit  A  685.
Furten  879.
Futzbotenpost  810  ;  —  amtlicher ­
  Fußbote  auf  Formosa ­
  A  779.
Fußwärmer  in  Eisenbahnwagen ­
  251.

Gaffel  (Schiffstakel.)  660.
Gaffelschiffe  660.
Gaffelschoner  A  644.
Gaffelsegel  A  643.
Galeas,  Segelschiff  643.
Galeassen,  venezianische  694.
Galeeren,  venezianische  594.
Galeratunnel  42
Galerien  auf  Schiffen  598.
Galerien  an  Straßen  64;  —
der  Axenstraße  64,  A  63;
—  der  Weinzettlwand
(Semmeringbahn)  A  110.
Galiote,  Segelschiff  643.
Gallion  (Schiffb.)  598.
Gallionshölzer  am  Vorsteven
651.
Gallionsschegg  am  Vorsteven
651.

Sachregister.
Gangart  der  Eisenbahnwagen
240.
Ganges  bei  Benares  414,  A
415.
Gangeskanal  476.
Gangipclls  525,  657.
Garabittholbrücke  400.
Gardenreiter  24.
Gardner  (Geschützt».)  720.
Gasbose  A  550.
Gasoline  -  Motorwagen  von
Benton-Harbor  72,  A  71;
—  von  Baleb  72,  A  71.
Galling  (Geschütz«.)  720.
Gauß  (Belegt.)  884,  840.
Gauthey,  Ingenieur  388.
Gebirgsbahnen  89.
Geerdet!»  Schiffstaue  662.
Geien,  Schiff-taue  661.
Geitaue  (Schiffstakel.)  662.
Gekehrtspanr  (Eisenschiffb.)
673.
Geldwesen  941.
Geleit  im  Mittelalter  24.
Gelenklokomotiven  213.
Generalpostamt  in  London
762,  A  763.
Geneseethalkanal  477.
Genua,  Hafenanlagen  von  542;
—  Handel  im  Mittelalter
16,  18,  20  f.,  27.
Georgetownschlinge  (Colorado) ­
  122,  A  123.
Gepäckbeförderung  aus  Eisenbahnen ­
  326.
Geradlausapparat  für  Torpedos ­
  738.
Gercke  (Flußregul.)  431.
Gerdau,  Ingenieur  488.
Gerstner,  Franz  von,  Ingenieur ­
  78.
Gerwig  (Elsenb.)  118.
Geschäftswagen,  elektrisch  betriebener ­
  73,  A  72.
Geschosse,  Artillerie-  722,  A
722.
Geschoßförderwerke  ans  Schiffen ­
  686.
GeichoßraumderGeschlltze  718.
Geschoßzusührung,  zentrale
720;  —  82  «in  -  Canet-Geschütz
  in  Barbetteturm
mit  A  719.
Geschütze,  Marine-  708;  —
Batterie  eines  älteren
Kriegsschiffes  A  708;  —
Geschützrohre  A  710;  —
Kruppsche  Zugsorm  A  712:
—  Bautveise  der  Schnellfeuerkanonen ­
  714,  A  713;
—  Schraubenverschlub  von
Armstrongs  20,3«m  Schnellseuerkanone
  in  Wiegelafette
715,  A  714;  —  automatischer ­
  Verschluß  von  Canet
für  Schnellseuertanonen
716,  A  715;  —  Rahmenlafette ­
  von  Armstrong  mit
Lamellenbremse  A  716;  —
Rahmenlasette  von  Vavasseur
  716,  A  717;  —Krupps
Mittelvivotlasette  mit
Schutzschild  716,  A  717;
—  Panzerturm  von  Armstrong ­
  717,  A  7I8;  —
Hauptspant  des  Turmschiffes ­
  „Preußen"  mit
Panzerturm  717,  A  718;
—  82  «in  -  Canet-Geschütz
in  Barbetteturm  mit  zentraler ­
  Geschoßzusührung  A
719;  —  15  «m-Arnistrong-Schnellseuerkanone
  mit
Wiegelafeue  in  gepanzerter
Kasematte  A  720;  —  Geschlltzturm
  sllr  Schnellfeuerkanone
  von  Eanet  A  720;
—  Revolverlauone  A721;
—  Maschinenkanone  von
Maxim  A721;  —  Schnell-  [

feuerkanone  A  722;  —  Einschneiden ­
  von  Zügen  A723;
—  Geschosse  722,  A.  723.
Geschützrohre,  gezogene  709,
A7io;  —  französisches  711,
A  710.
Geschlltzturm  f.  Schnellfeuerkanone ­
  von  Canet  A  720.
Gelchllkwagen  von  Krupp  263,
A  266.
Gesellschastswagen  für  12  Personen, ­
  elektrisch  betriebener
73,  A  72.
Getreideeleoator  462,  A  461;
—  pneumatischer  A  462.
Getreidetransport  auf  Schiffen
462.
Geulthal,  Viadukt  im  406.
Gewichtsstabilität  eines  Schisses ­
  631.
Gewölbe  imBrllckenbau  380  f.;
—  Halbkreis-,  Segmentgewölbe
  881,  A  883.
Ghega,  Ingenieur  108.
Gidsons  Sprengringbefestigung
  A  271.
Giens  (Schiffstakel.)  662.
Gteßbachbahu  340  f.;  —  obere,
untere  Station  A  839;  —
eiserner  Viadukt  341,  A  340;
—  Umkehrrolle  nebst  Füllrohr ­
  845,  A  343.
Giffard  (Injektor)  182.
Gigs,  Schiffsboote  663.
Gilbert  (Lokomot.)  186.
GillingShölzer  (Schiffbau)
652.
Gillung  am  Raa  lege!  643.
Gitterbrllcken  393.
Glasgow,  Hasenarbeiieu  in
424;  —  Brunnenfundierung
des  Kais  A  457.
Glattdeckschiffe  681.
Glehn,  de  (Lokomot.)  221.
Gleis,  gepflasterte  Landstraße
mit  A  68.
Gleisbau  int  Eisenbahn  bau
153;  —  Hakennagel,  Schienenschraube ­
  A  154;  —
Laschenverbinduug  A  155;
—  Schienenstuhl  A  156;
—  abgenutzter  Ectncnenstuhlnagel
  157,  A  156;  —
Holzdübel  für  Schtenenstüble
  157,  A  156;  —  englischer ­
  Holzdübel  mit  Eisennagel ­
  157,  A  156;  —
Stuhlschienenoberbau  157,
A  166;  —  Sckiienenbesestigung
  durch  Hakenplatte  u.
Klemmplättchen  A.  167;  —
Hartwichs  Schwellenschiene
168,  A  167:  —  Haarmanns
Straßenbahn-Oberbau  mit
Schutzschiene  158,  A  157;
—  Rillen-  oder  Phönixschiene
  158,  A  157;  —
Greaves'  Glockenunterlagen
A  158;  —  Zwangsschtene
in  Gleisbögen  A  160;  —
Schleppweiche  A  160;  —
verschiedene  Weichen  A161.
Gleisbogen  der  New  Uorker
Hochbahn  369  A  371.
Gleisdreieck  der  Berliner  Hochbahn ­
  A  372.
Gleise,  Hasen-  526.
Gleiskreuzung,  Signalsicherung ­
  einer  296,  A  297.
Gleisplan  f.  Weichensicherung
800,  A  801.
Gleisllbergang,  englischer  819,
A  320.
Glocken,  Taucher-  677.
Glockenboje,  eiserne  A  549.
Glockenunterlagen  sllr  Eisenbahnschienen ­
  von  Greaves
A  168.
„Gloire",  Hochseepanzerschiff
621,  724.
        <pb n="979" />
        Namen-  und

Sachregister.

967

V

Glühofen  u.  Spanlenbiegenplan
  mit  Schmiegemaschine
(Eisenschiffb.)  667,  A  668
Gobi,  Eilsahrt  durch  die
Wüste  777,  A  778,
Golbcy,  Schleusentreppe  von
480,
Goliathschiene  von  Sandberg
A  147,
Göltzschlhalviadukl  112,405s.,
A  404.
Gooch  (Lolomot,)  210.
Görlitz,  Viadukt  bei  406,
Görlitzer  Dampf-Krelselschneeschaufel
  830,  A  829,
Gornergralbahu  100,  140;  —
Brücke  über  den  Jindelenbach
  A  88;  —  Spurweite
95;  —  fertiges  Tunnelportal ­
  :80,  A  129;  —  Beginn ­
  eines  Tunnelbaues
180,  A  129;  —  Lokomotive ­
  A  229,
Götakanal  474,
Goten,  Baukunst  der  888,
Gottbardbahn  100,  106,  123;
—  bei  Giornico  A  43;  —
Kraftftationen  98  ;  —
Schleifen  u.  Schlingen:
Kehrtunnel  im  Tesstnlhale
124,  1'  125;  —  Wasener
Schleife  124,  T  125  ;  —
Kehrtunnel  i.  b.  Biaschinaschlucht ­
  124,  T  125,  A  125;
—  Schnellzug  der  A  221  ;
—  v-Wagen  249,  A  247.
Gotthardstraße  66,  115;  —
die  Schoellenen  A  65,
Goubet(Unterwasserboot&amp;gt;748,
Graben  ,  Elbe  -  Oderkanal
416,
Grabow,  Schiffbauschule  zu
601,
Granaten  709,  72s,
Grande  Compagnie  des  télégraphes ­
  du  Nord  833,
843.
Grand  -  Junctlon  -  Eisenbahn,
älteste  Standsignale  der
275,  A  276,
Grands  ohemlns  61.
Grand-Westernkaual  484:  —
Hebewerk  484,  490.
Granton-Eisenbahnfähre  882.
Grasshopper  beam  185.
Graubünden,  Straßenbau  in
64.
Gravenhorst,  Baurat  69.
„Great  Brilain",  Dampfer
607,  A  6li;  —  Maschine
A  610;  —  Schraube  A6I0.
„Great  Eastern",  Dampfschiff ­
  608,  672,  A  612  s,,
614.
Great  Northern  Telegraph
Company  836.
„Great  Western",  Tamvsschiff
607,  A  609  ;  —  Maschine
A  609,
Great-Western-Eisenb,,  älteste
Standsignale  A  276.
Great  Western  Steamshiv
Company  607.
Grealhead,  Ingenieur  859.
Greaves'  Glockenunterlagen
(Eisenb.)  A  158.
Green  Mountains,  Zahnbahn
in  den  140.
Greenwich,  Schiffbauschule  zu
601;  —  Viadukt  von  406.
Gregory  (Signaiw.)  276.
Greifbagger  456,  A  455.
Griechenlands  Eisenbahnen  in
82;  —  Handelsverkehr  im
Altertum  10  ;  —  Postwesen
772;  im  Altertum  746;  —
Schiffbau  im  Altertum  592  ;
—  Triere  A  592  :  —  Seehäfen ­
  im  Altertum  517  ;  —
Straßenbau  im  Altertum

55;  —  Tklcgraphcnverlehr
848;  —Unterseekanal  883.
Grisflth-schtffsschraube  706.
Grimselstraße  116.
Grödel-Eisterwerdakanal  491.
Groß  brassen,  Schiffstaue  661.
„Großer  Kurfürst",  Heben  des
verunglückten  589,  A  590.
Gr.-Horst,  Leuchtturm  zu  560.
GroßmarSbrassen,  Schiffstaue
662.
Großmast  594.
Großschiffahrtsweg  von  Breslau ­
  488,
Großstengestag  (Schiffstauwerkl
  661,
Grubenmann,  I,  U,,  Zimmermeister
  388,
Grundminen  733,
Grundruhrrecht  25.
Grllninger,  Ingenieur  184.
Grupven-Bliukfeuer  (Seeiv.)
565.
Grusons  Hartgußpanzerturm
781,  A  730.
Grüischalpbasm  106,  840,
A  337;  —  Seilgewicht
342;  —  Steigung  340;  —
Viadukt  340,  A  338.
Guatemala,Postwesen  in  783.
Guion-Damvferlinie  615,
GümhersLokomotive„Wiener-Neustadt"
  217,  A  213,  216.
Gurney  (Blasrohr)  199.
Gurtungen  (Eisenschiffb.)  676.
Gußeisenrad,  Eisenbahn-  A
268.
Gußstahlradrcisen  von  Krupp
269.
Gut,  lausendes,  der  Takelage
661;  —  stehendes  660,
Glltecpoft  810.
Güterumlauf  und  Güterverteilung ­
  i.  d,  Weltwirtschaft
933.
Güterwagen  s.  Eisenbahnwagen. ­

Güterzuglokomotive,  zwölfrädrige
  amerikanische  223,
A  226;  —  süniachstge  der
vreuß.  Staatsbahnen  A
173.
Guyana,  Britisch-,  Eisenbahnen ­
  in  83.
Guyer-  Zellers  Entwurf  der
Jungsraubahn  A  99.
Haarmann  (Eisenb.)  144;  —
Hakenplatte  A  157;  —
Schwellenschienc  158;  —
Straßenbahn-Oberbau  mit
Sckmtzschiene  158,  A  157;
—  Wechselstegblattstoß  162,
A  153.
Hackney-chairs  52.
Hackworths  Lokomotiven
A202,197,  200s,;  —  Kessel
180.
Haddan  (Hängebahnen)  874.
Hadcln-  und  Geestekanal  491.
Haedickes  Submartnegucker
A  580;  —  Tieftauchapparat ­
  579)  A  578;  —  Taucherboot ­
  A  679;  —  Hebung
gefunkener  Schiffe  589  f.
A  590,
Häsens,  Flußhäfen,  Seehäfen.
Hafenbecken  453.
Hakenblock  (Schiffstakel.)  662.
Hafcnmauern,  steinerne  458.
Hafenschleusen  522.
Haftpflicht  der  Post  797.
Hagerman-Paß,  Überschienung
  des  122,  A  123.
Hakenlasche  an  Eisenbahnschienen ­
  150.
Hakennägel  für  Schienenbesesligung
  147,  A  154.
Hakenplatte,  Schienenbesestigung
  durch  A  157.

Halbkreisbogen  im  Brückenbau ­
  381,  A  383.
Halifax  and  Bermudas  Cable
  Company  833,  843.
Hall  (Schlffsanker)  668.
Hall,  Samuel  (Schiffsmasch.)
705.
Hallensignale  des  Bahnhofs
Fork  288,  A  287.
Hallets  Point,  Leuchtturm  auf
562.
Halley  (Taucherglocke)  571.
Hallidie  (Seilbahn)  336.
Halsen  (Seew.)  641,  652.
Halslegel  (Schiffstakel.)  662.
Haltsignale  (Elsenb.)  282,
T  283.
Haltungen  (Flußkanalisier.)
Halhs,  Brücke  über  den  883,
A  384.
Hamburg,  Binnenschiffahrlsverkehr
  464;  —  Baakenbrücke ­
  in  406,  A  407;  —
neue  Elbbrllcke  412,  A  411;
—Fernsprechvermittelungsamt
  864,  A  865;  —  großes ­
  Fleet  A  50;  —  Hasen ­
  620;  —  Hubbrücke
zwischen  dem  Segeischiffund
  Oberländer  Hafen  tu
Hamburg  410,  A  408;  —
Kaischuppcn  und  SoeicherblockS
  am  Sandthorkai  A
526;  —  Kailerkat-Speicher
mit  Zeilball  A  569;  —
großer  Kran  am  Kranhöst
A  527;  —  Landungsanlage
St,  Pauli  531:—Schwimmdock ­
  der  Werft  von  Blohm
&amp;amp;  Boß  534,  A  586;  —
S-gelschtffhasen  638,  A
625,  539  ;  —  Seehandcl
537.
Hamburg-Amerikan.  Pakelfahrt-Akttengeseufchast
  614
s.,  616.
Hammcrmaschtnen  (SchiffSmafchtne)
  701,  A  700.
HanckeS  (Leuchtturm)  556.
Handbremsen  für  Eisenbahnwagen ­
  257.
Handsignale  (Elsenb.)  282.
Handsteuereliirlchlung  mittels
Schraubenspindel  A  668.
Hängebahnen  374;  —  LarligueS
  Drelschtenenbahn.
Lokomotive  874,  A  375;  —
von  Langen  375,A376;  —
Von  Enos  375  A  376;  —
Elberfeld-Barmen  876,  A
377.
Hängebrücke  über  den  Rio
Ehalatumbo  379,  A  380;
—  eiserne  391.
tzangerlelle  in  der  Schlffstakettmg
  360,
Hannover,  Bahnbos  zu  297,
Hannover-Lehrter  Etsenbahii
81,
Hansabund  20;  —  Schiffbau
594,
Hansa-Kogge  (14,  Jahrh.)
594,  A  595.
Hansen  (Kanalbau)  603.
Hardy-Bremie  258,  A  259.
Harkort  (Eisenb.)  79.
Harlan«  &amp;amp;  Wolf,  Werst  in
Belfast  616.
Harlemflusse,  Tunnel  unter
dem  45;  —  Washingtonbrücke
  bei  New  Uvrk  über
den  400.
HarmonikazUge  248.
Hartgußvanzeriurmv.  Gruson
731,  A  730.
Harlmann  (Lokomol.)  209.
Hariwich,  (Brückenbau)  399;
—  Schwellenschienc  A  167.
Harvey  (Panzerplatten)  727.

Harvey  (Torpedos)  734.
Haubitzen  712.
Hauer,  Architekt  412.
Haupldimension  eines  Schiffes
629,
Hauplglelse  (Elsenb.)  292.
Hauplspant  (Schiffb.)  629  f.  ;
—  eines  Panzerschiffes  A
67  5  ;  —  der  Ausfallpanzerkorvette ­
  „Sachsen"  A  677  ;
—  des  Turmschlffcs  „Preußen" ­
  mit  Panzeriurm  A
718.
Hauswirtschaft,  geschloffene
872.  „
Haule-Deulekanal  481.
Havelberg,  lursürstl,  Schiffswerft ­
  zu  A  649,
Havelländischer  Haupikanal
491.
Hâvre-La  Côte,  Seilbahn  340.
Hawai,  Eisenbahnen  aus  84.
Heberlelns  Reibungsbremse
26l,
Hebevorrichtungen  in  Flußhäfen ­
  459;  —  beim  Kanalbau ­
  484;  —  Brownsche
478,  A  477;  —  bei  Henrichenburg
  485,  488,  A  486
f.,489;  —  von  La  Louvière
485,  490,  A  485,
Heck  (Schiffb,)  652  s,
Heckanker  668,
Heckbailen  (Schiffb,)  K52  f,
Hcckbandcr  (Schiffb.)  656.
Heckruder  l  Schiffb.)  645.
Heckstützen  (Schiffb.)  652.
Hcdlcys  Lokomotive  (1818)
A  190;  —  (1815)  A  191.
Heidelberg,  Seilbahn  zu  840.
Heiligenborn,  Viadukt  v.  406.
Heilige  Straßen  tm  allen
Griechenland  55.
Heilmann-Lokomoiive  222.
Heinke  &amp;amp;  Davis  (Taucherlampe)
  577.
Heißen  der  Stengen,  der
Segel  66  l.
Heißtäufer  (Eisenb.)  269.
Heizfläche  in  Lokomotiven
180.
Hcizstoffe  s.  Lokomotiven  218.
Heizung  in  Eisenbahnwagen
250.
Heizwagen,  Eisenbahn-  268,
A  267,
Helling  (schiffb,)  536,  650;
—  Slivhelling  A  537.
Hellingkran,  iahrbarer,  mit
hydraulischen  Nicimaschinen
672,  A  670.
Hellwag,  Ingenieur  123,
Helm,  Taucher-,  mit  Verschluß ­
  572,  A  571;  —  von
Marcilhacy  577,  A  576,
Hemerodromen  (Postw.)  746.
Hcnnegatt  (Schiffb.)  652.
Henrlchenburg,  Hebewerk  bei
485,  488,  A  486  s,,  489,
„Henry  Grâce  de  Dieu",
Linienschiff  (Modell)  598,
A  597,
Henschel  (Lolomot,)  78;  —
Lokomotive,,Drache"  209  f.,
A  212,
Herbergen  im  Mittelalter  25.
Herkulesschiene  158.
Hersenis  Taucherschacht  579,
A  577.
Herzegowina.  Tclegraphenverkehr
  i.  d  848.
„Herzog  Alexander  von
Würtremberg"-  Kanalihstcm
  in  Rußland  472.
Herzstück  einer  Weiche  160,
A  161.
Hessen,  Landstraßen  in  37.
Heulboje  A  550.
Heusinger  von  Waldegg,
210,  248,  704.
        <pb n="980" />
        968

Namen-  und  Sachregister.

Hive  (la),  Leuchtturm  auf
563.
Heysi-Bruggekanal  496.
Hilf  (Eilend.)  157.
HilfSbläser  auf  Lokomotiven
235.
Hilfsmaschinen  an  Bord  der
Schiffe  68».
Hill.  RowlandtPostw.)  757  f.,
759  f.;  —  Porträt  A  760.
Hintcrladegeschütze  709  ff.
Hinlerraddampfer  A  680.
Hintersteren  (Schiffb.)  651  ;
—  auf  Etsenlchtffen  680,
A  681;  —  des  Schnelldampfeis
  „Campania"  mit
Schraubenböcken  681,  A
682.
Hippalns,  Seefahrer  14.
Hirsch-Schiffsschraube  706.
Hochbahnen  348;  —  in
Chicago  A  89;  —  in  New
Dork  369;  —  Gleisbogen
»69,  A  »71;  —  Lageplan
369,  A  370:  —  Querschnitt ­
  einer  Station  369,
A  »71;  —  in  Berlin  »82;
—  Gleisdreieck  A  372;  —
Oberbaumbrllcke  372,  A
373;  —  Station  Gitschiiierstraße
  im  Bau  A  »73.
Hochs,  Paul  (Schiffb,)  600.
Hochfeepanzerschtff  „Gloice"
621.
Hochfcetorpedoboote  741.
Höhe,  metazentrische,  eines
Schiffer  631.
Hohenegger  (Eisenbahnbau)
157.
Hohlgeschosse  722,
Hohlweg,  chinesischer  8,  A  9.
Holen  des  Tauwerks  661,
Holland,  Eisenbahnen  in  82;
—  Fahrgeschwindigkeit  325:
—  Personenverkehr  826;
—  Kanäle  470,  492;  —
Schiffbau  im  16.  Jahrh.
596.
Holm  am  Nadelwehr  444.
Holmes  (Nebelhorn)  568.
Holzbrücken  888.
Holzdübel  für  Schienenstühle
A  166:  —  englischer  A
156.
Holzgärten  (Kanalw.)  477.
HolzaletSbähnen  141;  —  in
einem  deutschen  Bergwerke
des  16.  Jahrh.  A  Ul;  —
zu  Newcasrle-on-Thiie  im
17.  n.  18.  Jahrh.  A  142.
Holzrad,  Eisenbahn-  268  s.,
A  269.
Holzschtffbau  650;  —  Schraubendampser
  klar  für  den
seitlichen  Stapellauf  A  650;
—  Längendurchschnitt  eines
hölzernen  Segelschiffes  A
651;  —  Ausrichten  der
Spanten  A  652;  —  Querschnitt ­
  einer  Korvette  A
654;  —Ankerwinde  (Pumpspill) ­
  A  667;  —  Handsteuereinrichtung
  mittels
Schraubenspindel  A  658;
—  Seitenansicht  eines  hölzernen, ­
  alle  Segel  führenden
«ollschiffs  T  659;  —  zusammengebaute ­
  Maste  A
659;  —Takelage  A  661;  —
Normalanker  A  668;  —  Patcnranker
  mit  beweglichen
Armen  A  663;  —  verbesserter ­
  Jnglefieldanker  A
663;  —  KricgSschifskutler
A  664;  —  Dampsbelboot
A  664;  —  Francis'  Patentrettungsboot ­
  A  665;  —
Komposltbau  664,  A  666.
Home  Signals  (Eisend.)  276,
288.

Horseshoeknrve  (Pactficbahn)
109.
Hörsignale  im  Schiffahrtsdienst ­
  568;  —  Dantpssirene
A  568.
Holchktß  (Geschützw.)  720.
Howe,  Ingenieur  389.
Howeit-Torpedo  738.
Hlibbiücken  406;  —  über  den
Murray  A  408;  —  in  Hamburg ­
  410,  A  408.
Hudson,  Auslegerbrllcke  über
den  899.
Hudsondampser  A  421.
Hudsonkanal  477.
Hughes  (Mikrophon)  841.
HugheS-Betriebssaal  des  Berliner ­
  HaupttclegraphenamteS
  846,  A  846.
Hund  als  Zugtier  5.
Hundepost  in  Sibirien  774.
Hunte-EmSkanal  492.
Hurkara,  Postboten  826.
Hurricanedcckschiffe  682.
Hwang-ho,  chines.  Fluß  414.

Jhlekanal  491.
Iller-Viadukt  406.
JllinoiS-Michigankanal  478.
Jllinois-Mississtpptkanal  478.
Inclia  Hadder,  (luita  Percha
and  Telegraph  Works
Comp.  833.
Indien,  Britisch-,  Eisenbahnen ­
  in  8»;  —  Kanäle
467,476:  —Postwesen779;
—  Kamelreiter  mir  Postfelleisen
  A  780;  —  Seeverkehr ­
  »ach  I.  in  srührer  Zeit
13  f  ;  —  Straßenbau  unter
Apoka  8;  —  Telegraphenwesen ­
  849;  —  Unterseekabel ­
  833.
Indien,  Niederländisch-,  Eisenbahnen ­
  in  83;  —  Feldbahn ­
  mit  Tierbetrieb  A  93;
—  Post  780;  —  Unters-ekabel
  833.
Indien,  Portugiesisch-,  Eisenbahnen ­
  in  83.
Indo-European  Telegraph
Company  838,  843.
Jndre-Viaduki  406.
Jndukitonssiete  Fernsprechlettung
  857,  A  868.
Indus,  Tunnel  unter  dem  45,
Industrie  n,  Gewerbe,  Statistik ­
  in  919.
„Inflexible",  Citadellschiff
627,  A  622.
Jiiglefieldaiiker,  verbesserter
A  663.
Injektor  von  Giffard  182.
Fnkareich,  Straßenbau  im  60.
Jnman-Dainpferlinie  614  s.
Jnnenchlinder,  Lokomotiven
mit  18»,  208.
Jnnenhaupt  an  der  Schleuse
470.
Jnnenrahmen,  Lokomotiven
mir  183.
Jniensivlampe  für  FettgaS
254,  A  255.
Jnterkostalplatten  (Eisenschiffb.)
  674.
Jnzigkosen,  Donaubrllcke  bei
A  405.
Irland,  Kanäle  in  474:  —
Spurweite  der  Eisenbahnen
92,
Jrwell,  Barton  Aquädukt  über
den  A  35.
Jsarbrllcke  zu  Freistng  389.
Italien,  Eisenbahnen  in  82;
—  Kanäle  469;  —  Postwesen
  7  68;  —Telegraphenverkehr ­
  848;  —Telephonie
856;  —  Unterseekabel  833.
Jlincrarien  60.

Jachten  648;  —  Segel-  641,
643  ;  —  die  kaisrrl.  russische
Dampf-  A  689,
Jackstaggbolzen  (Schiffstakel,)
660,
Jacobi  (Schiffszüge)  494,
Jalousienwehre  446.
Jamtschik,  russ,  Postillon  774,
Janney-riupvelung  (Eisenb.)
273.
Janßen,  Adrian,  Zimmermeister ­
  468.
Jamse-Kiang,  am  oberen  A
414.
Januschkowitz,  Durchstich  bet
(Oder)  A  441.
Japan,  Eisenbahnen  in  83;
—  Postwesen  778;  —
Unterseekabel  833.
Jaremecze,  Pruthbrücke  bei
405  A  404.
Java,  Feldbahn  mit  Dampfbetrieb ­
  in  A  93,
Jersey,  Eisenbahnen  aus  82.
Jervis,  John  (Lokomot.)  208.
Fessop,  Ingenieur  36,  519;
—  gußeiserne  Ftschbauchschtene
  auf  Steinwürselunterlage
  143  A  144;  —
gußeiserne  Pilzschtene  A
143,
JinriskischarS  53.
Jolmsfliiß,  Eisenbahnbrücke
über  d,  A  894.
Johnstone,  Ingenieur  217.
Jollen,  Schiffsboote  663
Jouffroy,  Claude  (Schiffb,)
421,  602.
Journalièren  (Postw.)  810.
Joy  (Lokomot.)  210.
Julin  (Bineta)  20.
Julius  Lacer,  Baumeister
381.
Julls  Schneeschaufel  A  331  ;
—.  Schneeschleudermaschine
329.
Jungfern  a,  d.  Wanten  660,
Jungsraubahn  100,  140:  —
Spurweite  95;  —  Kraftstationen ­
  98;  —  Lageplan
u,  Längenschnitt  nach  dem
älteren  Entwurse  A  99  ;  —
Totalansicht  T  100;  —
Arbeiterzug  A  100  ;  —
Oberbau,  Schtenenzange,
Zahnstangenwetche  167  A
166.
Jurabahn,  Steigungsgrenze
der  106.
Jura-Simplon-Bahn,  Beleuchtung ­
  der  256.

Kabelbahnen  836.
Kabellegung  832;  —  Zusammenspleißung
  zweier
Kabelenden  an  Bord  des
„Great  Eastern"  835,  A
831;  —  Unterseekabel  der
Slaats-Telegraphenvcrwaltungen,
  der  Kabelgesellschasten
  88»;  —  Spiegelgalvanometer
  834,  A  885;
—  Arbeiten  an  Bord  zur
Wiederaufnahme  des  verlorenen ­
  Kabels  A  837;  —
Verbindung  mit  Überlanbltnien
  836.
Kabinett,  das  schwarze  796.
Kai-Anlagen  A  454;  —
Biunnenfundierung  A  457;
—  Steinkistenfundierung  A
459;  —  auf  Psahlwerk  mit
Steinschüttung  A  457;  —
auf  Pfaülrost  459,  A  468;
—  auf  Beton  A  458;  —
Ausbesserung  mittels  eines
offenen  Caissons  A  585.
Kairo,  Kanallandschaft  bei  A
15;  —  Karawanserei  in  A

18;  —  Klappbrücke  bei  410
A  409.
Katschuppen  525,  A  526.
„Kaiser  Friedrich",  Schnelldampfer, ­
  in  Spanten  stehend
A  671.
„Kaiser  Friedrich  Barbarossa",
Linienschiff  A  672
„Kaiser  Wilhelm  der  Große",
Linienschiff,  Seilen-,  Vorderaiisicht
  u.  Durchschnitt
T  691.
„Kaiser  Wilhelm  der  Große",
Schnelldampfer  616;  —
Querschnitt  A  678;  —
Steuereinrichtung  A  686;
—  Speisesalon  u.  Gesellschastssalon
  A  688;  —
Kurbelwelle  A  704.
Kaiser  Wilhelmkanal  602;  —
Hochbrücke  bei  Grünenthal
400,  507,  A  508;  -  Hochbrücke ­
  bei  Levensau  400,
507;  Montagegerüst  A  403;
—  Trockenbagger  506,  A
505;  —  Spülbagger  mit
angespültem  Sanddamm
506,  A  507;  —  Schleuse
zu  Brunsbüttel  508,  A  509.
Katserkanal  in  China  8,  466,
A  7.
Kaledonischer  Kanal  36.
Kalfaterung  der  Schiffe  655;
Kalfathammer  (Schiffo.)  655.
Kaliber  der  Geschütze  7  i.
Kalifornischer  Stasettenreiter
780.
Kalte  Rinne,  Thalbrücke  über
die  (Semmeringbahn)  lio,
A  in.
Kamel  als  Lasttier  5.
Kamelreiter,  indischer,  mit
Postselletsen  780.
Kammerschleusen  442,  465,
469,  A  470.
Kampagne  (Schiffb.)  682.
Kämpfer  im  Gewölbebau  381.
Kanada,  Eisenbahnen  in  83;
—  Postwesen  782,
Kanadischen  Seen,  Kanalsystem ­
  der  478;  —  Schifffahrt ­
  auf  den  419.
Kanäle  s.  Schiffahrts-,  Seekanäle. ­

Kanalisierung  der  Flüsse  ff.
Flußkanalisierung.
Kanallandschaft  bet  Kairo  A
15.
Kanonen  712;  —  s.  Geschütze.
Kantspanten  (Schiffb.)  652.
Kapland,  Eisenbahnen  in  83;
-  Post  776;  —  Telegraphcnwefen
  849.
Kappen  d.  Eisenbahnschwellen
155.
Karavellen  des  Kolumbus  A
596  f.
Karawanen  6;  —  kleine  auf
d.  StraßeBetrut-Damaslus
A  6.
Karawanserei  in  Kairo  A  is.
Karl  der  Große,  Verkehrswesen ­
  unler  16;  —  Postwesen ­
  749.
Karlsgraben  in  Schweden  473.
Karra,  Fuhrwerk  825.
Karren,  Lastfuhrwerk  7.
Karriolpost  810.
Kartätschen  728,  A  722.
Kartenbriefe  803.
Kartuschraum  der  Geschütze
713.
Kasematie,  15  om-Armstrong-Lchnellfenerlanone
  mit
Wiegelaselte  in  gepanzerter
A  720.
Kasematlschiffe  626;  —  „Alexandra" ­
  626,  A  622;  —
„Tegetlhoff"  626,  A  622.
Kastenschleuie  468.
        <pb n="981" />
        Namen-  und

Sachreglster.

969

Katodioptrische  Apparate  664.
Katoplrsche  Apvaraw  664.
Kaub  mit  Bura  Guttensels
u.  die  Pfalz  !m  Rhein  A.
23.
Käulchen  lSchiffstauw.)  660.
Kegelradwalzrn  lEisenschtffb.)
A  668.
Kehrtunnel  der  Gotthardbahn
im  Tessinthale.  i.  d.  Biaschinaschlucht ­
  124,  T  126,
A  126.
Keilverschlüsse  an  Geschützen
716.
Kemp  (Lolomot.)  220.
Kerls»,  Handelsstadt  26.
Kesselstein  182.
Keßler  lLokomot.)  209,  216.
Kettenbrücke  bei  Budapest  A
392.
Kettenlokomotive  von  Chapman
  189.
Kettenschiffahrt  422.
Kiathla,  Römerbiücke  bei  381.
Klan  Lai-Ho,  Kanal  467.
Kiel,  Schiffs-  661.
Kiel,  Reichrküegshasen  und
Katierl.  Werft  in  r  620.
Kieler  Bucht  620.
Ktelgang  lEisenschtffb.)  677.
Kielholen  der  Schiffe  632,  A
Kiellinie  eines  Schiffes  A  642.
Kielplanken  lSchiffb.)  664.
Klelplatten,  Biegen  d.  lEtsenschiffb.)
  668.
Kielschwein  lSchiffb.)  663.
Kielstapel  682.
Kielvervindungen  (Elscnschiffb.)
  A  673.
Kiew,  Handelsstadt  27.
KimingLngesEisenlchisfb.)  677.
Ktminkielen  lSchiffb.)  636.
KimmkielschweinlEisenschiffb.)
674.
Kiminstücke  lSchiffb.)  652.
Kimmung  des  Meeres  A  661.
Klmmweger  lSchiffb.)  664  f.
Kink.  Zimmerineister  388.
Kinnbackblöcke  lSchiffSkakel.)
662.
„Kin  Pan",  chinesische  Zeitung ­
  800.
Kioto-Tu,  Kanal  von  492;  —
Schleuse  492,  A  493;  —
geneigte  Ebene  488.
Kirchlengcrn-Wallücker  Eisenbahn ­
  94;  —  Wechselsiegblattstoß
  152,  A  163;  —
Berbund-Tenderlokomotive
217,  A  216.
Kirchweger,  Ingenieur  214.
Kirk  lSchiffsinasch.)  613,  646.
Kissen  zum  Heben  verunglückter ­
  Schiffe  686.
Klaineieisen  (Schiffb.)  666.
Klammerring  an  Eisenbahnrädern
  271.
Klappbrücken  410;  —  bei  Kairo
A  409;  —  Echmiedebrücke
in  Königsberg  A  409.
Klappenschlank  (Telegr.)  861
A  860.
Klapvenwehr  444,  A  445,  447.
Klappplähme  606.
Ülausall  &amp;lt;Schiffstauwerk)662.
Kleinasien,  Eisenbahnen  in  83.
Kleinbahnen  92.
Klemmplällchen.  Schtenenbesestigung
  durch  A  167.
Klinkbolzen  lSchiffb.)  651,
663.
Klinkentasel  sTelePh.)  A  864.
Klinkerboote  664.
Klinkerchaussee  A  68.
Klippcrschiffe  637.
Klodnitzkanal  491.
Klose  (Eisend  )  136,  166,  235.
Klöster.  Berkchrseinrichtungcn
der  749.

Klug  lSchiffsinasch.)  704.
Klumpblöck«  (Schiffstakel.)
662.
Klüsen  am  Schiffe  668.
Klüshölzer  lSchiffb.)  662.
Klüverbaum(Schiffstakel.)660.
Klüverlciter  lSchiffSkakel.)
66&amp;gt;.
Knallsignale  lEisenb.)  277,
286.
Koblenz,  Rheinbrücke  bei  399
Kochinchina,  Unterseekabel
von  833.
Kofferkessel  &amp;lt;Ichtffsmasch.)6g5.
Kogge,  Hansa-  (14.  Jahrh.)
694,  A  695.
Kohlbachlhal,  Damm  im  112.
Kohlenbahnen  79.
Kohlenhäfen  462,  620.
Kohlenjumper  629.
Koblcnlipper  629.
Kohlenschütlkran  A  630.
Kohlenverbrauch  der  Dampfschiffe ­
  693.
Koblenverladevorrichtungen  in
Häse»  528,  iA  530.
Kolm  (Eilendahnbau)  152.
Kokern  anHebesahrzeugen  686.
Kolbcnverschlüssean  Geschützen
716.
Kolchis,  Bedeutung  f.  d.  Handel ­
  10.
Kollisionsscholt  lSchiffb.)  678:
—  Achterschiff  eines  im  Bau
begriffenen  Linienschiffs  mit
A  679.
Köln,  Rhein  brücke  bet  393;
—  Schiffsverkehr  464;  —
Werft-  und  Hafenanlagen
in  der  Rheinau  zu  A  464.
Kolschwein  (Schiffb.)  653.
Kolumbia,  SuSquehannabrücke
  bei  389.
Kolumbien.  Eisenbahnen  in
83;  —  Postwesen  788;  —
Straßen  60.
Kolumbus,  Karavellen  des
A  596  f.
„Komet".  Dampsbool  604.
Kommaiidoturm  eines  Kriegsschiffes. ­
  gepanzerter  692,  A
69l.
Kompositbau  im  Schiffbau
664.  A  666.
Kondensator  an  Schiffsmaschinen ­
  705.
Kongo.  Eilenbahnen  am  83;
—  Schiffahrt  auf  dem  420.
Königsberg,Binnenschiffahrts-Verkehr
  von  464:  —
Echmiedebrücke  in  410,  A
409.
Königskanal  in  Rußland
472  f.
Köntgsstraßen  ln  Deutschland
24;  —  lm  Perserreich  56.
König  Wilhelmkanal  492.
Konsianiinopel  als  Handelsstadt ­
  12,  14,  20;  —  deutsche» ­
  Postamt  in  776.
Koniakimine  A  732.
Konus  an  Geschützen  712.
Koppels  Schmalspurbahnen
94,  A  98.
Korinth,  Kanal  von  612;  —
Mündung  A  614;  —  Diolkos
  483.
Korrektionen  der  Flußläuse
s.  Flußkorrektionen.
Körlings  Lufisaugebrcmse  268.
Korvetten  620;  —  Querschnitt
einer  A  66«:  —  Aussallpanzer-
  „Sachsen"  A  677.
Kasel,  Hasen  in  466,  462,
Köligen  lSchiffszug)  494,
Kramer  lSignaiiv,)  280.
Kranbalken  (Schlffb.)  667.
Kräne  469,  626:  —  großer
A  627;  —  Kohlenschlltt-528,
  A  530;  —  Riescnfür

  Kanalbauten  478,  A
479;  —  Schwimm-  A  528,
686;  —  elektrisch  betriebene
Winkelportai-  A  460.
Krängen  des  Schiffes  642.
Krauß,  Ingenieur  214.
Krawcclbooie  664.
Kreditwesen  941.
Krciselgebiäsc  f.  Lokomotiven
Kreuzer,  Panzerschiffe  627;  —
„Powerfull"  62?,  A  625;
—  „Terrible"  627,  A  624.
Kreuzeriregatten  620.
Kreuzerkorvetten  620.
Kreuzungsweiche  160,  A  161;
—  doppelte  300,  A  302.
Krcuzzüge.  ihre  Bedeutung
für  den  Handel  17.
Kriegsschiffe  618.  691;  —
gepanzerter  Kommandoturm ­
  692,  A  691;  —
Maunschastsrauni  A  690;
—  Batterie  eines  älteren
A  708;  —  dreifache  Expansionsmaschine ­
  für  701,  A
700.
Krtegssckiffsboote;  633;  —
Kutter  A  664;  —  Dampfbeiboot
  A  664.
Krohn  (Brückenbau)  402.
Krone  am  Flußwehr  448.
Krupp:  gezogene  Geschützrohre
A  710;  —  Zugsoriri  der
Geschützrohre  A  712;  —
Mittelptvot  tafelte  mit
Schutzschild  716,  A  717;  —
Ringrohrc,  Mantelrohre,
Mantelrtngrohre  7  i  4;  —
Rundkeilverschluß  715;  —
Geschützwagen  263,  A  266;
—  Guhstahlrelsen  269;  —
Schmalspurbahn  94;  —
Sprengrtngbefcstigung  lEisenb.) ­
  271;  —  Schtcßversuche
aufelnegehäneteNickelstahlplatte
  von  300  mm  Dicke
A  728;  —  Panzerplaiienfabrikatto»
  730.
Küddow,  Wehr  an  der  448.
Kuhsänger  a.  d.  Lokomotive
208.
Kühlwagen,  Eisenbahn-  266.
Kuplerbeschlag  f.  Schiffe  667.
Kupferlkste  Schiffe  657.
Kuppelachse  (Elsenb.)  188.
Kuppelschleuse  470,  A  476.
Kuppelung  der  Eisenbahnwagen ­
  272;—Sicberhetts-A
  273.
Kurbelwellen  der  Schiffsmaschrnen
  704)  —  des
Schnelldampfers  „Kaiser
Wilhelm  d.  G."  A  704.
Kurier,  schwimmender,  in
Peru  7  83,  A  7  84;  —  siamesischer ­
  zu  Pserd  A  780.
Kurswagen  lEisenb.)  328.
KurvcnbcweglicheLokomoliven
213.
Kurveirwlderstand  bei  Fahrzeugen ­
  102.
Küfteiibelestiguug  730.
Küftenkarlen  lSeew.)  647.
Küftenvcrtetdrgungsschiffe  627.
Kutter  643,  663,  A  644,  664.
Laasan.  Brücke  über  das  Striegauer
  Wasier  bet  A  391.
Lachinekanal  178.
Lachse,  Treppen  für  A  449.
Ladefähigkeit  der  Dampfschiffe
693.
Ladetakel  lSchiffslakel.)  662.
Ladungsraum  der  Geschütze
713.
„Lady  Cathrine",  Hebung  des
Dampfers  A  688  f.
Lase,len,  Schiffs-  708,  716;
—  Rahmen-  von  Armstrong

mir  Lamellenbremse  A  716;
—  Mittelptvot-  von  Krupp
mit  Schutzschild  716,  A
717:  —  Rahmen-  von
Vavassenr  A  717;  —  Drelischeiben-
  718;  —  Schlttten-718.

Lafitte  (Omnibus)  53.
Lagerhaus,  Hafen-  in  Worms
A  460.
Lagerräume  in  Flußhäfen  459.
Lahn,  Kanalisierung  der  442.
„Lahn",  Schnelldampfer  647  f.
Laird  (Schiffb.)  648.
La  Louviere,  Hebewerk  von
485.  490.  A  485.
Lama  als  Lasttier  5
Lamb  (schiffszüge)  494.
Lamellenbremse,  Rabmenlafette
  von  Armstrong  mit
A  716.
Lampen,  Taucher-  576,  A  576.
Lancaster-Geschütz  709.
Lancierung  eines  Torpedos
A739.
Landbriefträger  815;  —  deutscher ­
  A  815;  —  mit  Fuhrwerk ­
  A  816;  —  im  Departement ­
  des  Landes  A  756.
Landebrücken  531.
Landkutschen.  Einführung  der
33;  —  englische  im  18.
Jahrh.  A  758.
Landmarken  (Secw.)  547.
Landpostwesen  79t,  814.
Landquarl  -  Davos  -  Eisenbahn
106.
Landstraßen  37.55;—  Straßenbau ­
  55;  —  Via  Appia  56,
A  57;  —  Trajansstraße
58,  A  57;  —  römischer
Bohlenweg  A  58;  —  Querschnitt ­
  einer  Römerstraße
58.  A  59;  —  französischer
Siraßenunterbau  A  61;  —
Solysbrücke  über  dieAlbnla
am  Schynpaß  64,  A  62;  —
Axenstraße  am  Vierwaldstätter ­
  See  64.  A  63;  —
die  Schoellenen  (Gottbardstraße)
  66,  A  65;  —  Stilsserjochftraße
  66,  A  65;  —
Profil  der  Napoleonsstraße
66,  A  67;  —  Szöchenyistraße
  A  67;  —  Klinkerchaussee ­
  A  68;  —  Schieneneinbauung
  A  68;  —  gepflasterte ­
  L.  mit  Geleis  A
68;  —  Straßenmotoren  s.  d.
Landungsanlagen  in  Häferr
529.
Landwirtschaft,  Statistik  der
905.
Langensche  Schwebebahn  375,
A  376.
Langer.  Ingenieur  219.
Langkessel  der  Lokomotive
176.
Langsamiahrstgnale  (Eiienb.)
282,  T  283.
Langschwellen  (Eisenb.)  157.
Langschwellen-Oberbau  (Eiienb
  )  146,  153
Längshelling  (Lchiffb.)  650.
Längssahlings  (Seew.)  659.
Längsspanten  (Schiffb.)  608.
Längsspaniensystem  (Eisenschiffd.)
  67  b.
Lartigues  Dreischienenbahn
374,  A  875,  —  Lokomotive
A  375.
Laschen  an  Eisenbahnschienen
149f.
Laschenverbindung  (Eisenb.)
A  155.
Lastenmaßstab(  Lchiffb.)  A681.
Lateinisches  Segel  A  643.
Latcralkanäle  477.
LatowSktichesDampfläuteweU
(Eisenb.)  286.
122
        <pb n="982" />
        970

Laufachse  an  Lokomotiven  211;
—  Lokomotive  mit  A  188.
Lausendes  Gut  der  Takelage
661.
Läuser,  Schiffstaue  662;  —
s.  Stopeliaus  682.
Lausflächen  derEtsenbahnräder
210.
Laufwiderstand  beiFahrzeugen
104;  —  Versuche  von  DesdonitS
  A  105.
Lausanne,  elellr.  Straßenbahn
in  106.
Laußmann,  Ingenieur  218.
Lauterbrunnen  -  Grütschalpbabn
  106,  340,  A  837;  —
Seilgewicht  342  ;  —  Steigung ­
  340;  —  Viadukt  340,
A  838.
Lauterbrunnen  -  Mürren,
Oberbau  der  Drahtseilbahn
168,  A  167.
Läutewerke  (Eisenb.)  280;  —
mit  Doppelglocke  A  280  f.;
—  Latowskisches  Dainpf-286.

Lavaurbrllcke  405.
Leader,  William,  Ingenieur
601.
Lee,  Abtrift  nach(Seew.)  641.
Lee,  Francis  (Kanalbau)  472.
Leesegel  598.
Leesegelspteren  660.
Lehighkanal  477.
Lehrgerüst  beim  Gewölbcbau
381,  A  383.
Leibhölzer  (Schiffb.)  655.
Leibrand,  von  (Brückenbau)
405.
Leibung  im  Brückenbau  381.
Leinpfad  462.
Leipzig,  Zeitungspostamt  in
A  801.
Leipzig  -  Althener  Eisenbahn
81.
Leipzig  -  Dresdener  Bahn,
Flachlchiene  der  (1837)  146,
A  147.
Leitblöcke  (Schiffstakel.)  662.
Leiter  i.d  Schiffstamverk  681.
Leilseuer  (Seew.)  666.
Lenkachsen,  freie,  an  Eisenbahnwagen ­
  A  241.
Lentze,  Ingenieur  393,  503.
Leonardo  da  Vinci:  Kanalschleusen
  469.
Leonhardt  (Signalw.)  280.
Le  Roh-Stone  (Hängebahn)
374.
Lesltes  Schneeschleudermaschtne
  329,  A  328.
Lesjcps,  Ferdinand  von:  Panamakanal ­
  515;  —  Suezkanal ­
  496.
Leuchtbake  (S-ew.)  A  559.
Leuchtfeuer  (Seew.)  561.
Leuchttürme  551;  —  aufReuwerk
  552,  A  551:  —  von
Cordouan  A  652;  —  von
Eddpstone  A  653;  —  Rolhesand-
  554,  A  656s.,  558;  —
auf  Bell  Rock  554,  A  655;
—  Leuchtbaie  A  557;  —
Kimmung  oder  Wölbung
des  Meeres  A  661;  —  parabolische ­
  Linse  A  664;  —
parabolischer  Spiegel  A  664;
—  Polhgonallinle  A  664;
—  von  Penmarch-Eckmübl:
Linsenapparat  (Bienenkorb)
564,  A  665;  —  tauchendes
Feuer  A  666.
Liderungen  au  Geschützverschlüssen ­
  715.
Limmat.  Brücke  bei  Wettingen
über  die  888.
Linienführung  im  Eisenbahnbau ­
  108;  —  Lageplan  der
Semmeringbahn  lio,  A
108;  —  Weinzetllwand

Namen-  und  Sachregister.

(Semmeringbahn)  A  109  f.;
—  Thalbrücke  über  die  Kalte
Rinne  (Semmeringbahn)
110,  A  in  ;  —  Mllngstener
Thalbrücke  112,  A  in;  —
Firih  of  Forth-Briicke  A
112;  —  Britanntabrücke
über  die  Menaistraße  112,
A  113;  —  Führung  der
Brennerbadn  im  Schmirner
Thal,  im  Pflerschthal  113,
A  114;  —  einfache  Spitzkehre ­
  A  115;  —  doppelte
Spitzkehre  der  Eisenbahnlinie ­
  Tangi-Muhesa  116,
A  115;  —  Schwarzwaldbahn ­
  mit  den  Triberger
Schleifen  118,  A  116  f.;  —
Bahnstrecke  über  die  Sierra
Nevada  (Trestle  Work)
119,  A  118;  —  Schneedach
zum  Schutze  der  Eisenbahnen
A  ii9;  —  Lageplan  der
Brockenbahn  A  120;  —
Lageplan  der  strategischen
Schivarzwaldbahn  120,  A
121;  Thalbrücke  und
Tunnelschlinge  A  122;  —
Georgetown  -  Schlinge  und
iiberschtenung  des  Hagerman-Passcs
  122,  A  123;  —
Gotthardbahn:  Schleisen  u.
Schlingen  T  124:  Kehren
i.  d.  BiaSchinaschlucht  A
125;  BiaSchinaschlucht  bei
Giornico  A126;  —  Gornergratbahn:
  Beginn  eines
Tunnelbaues  130,  A  129;
fertiges  Tunnelportal  130,
Linienschiffe  620;  —  Achterschiff ­
  eines,  mit  Kollisionsschott ­
  A  679;  —  „Henry
Grace  de  Dien"  (Modell)
596,  A  598;  —  „Kaiser
Friedrich  Barbarossa"  im
Bau  A  672  ;  —  „Kaiser
Wilhelm  d.  Gr."  T  691;  —
„Prince  Georg"  A  623:  —
„The  Queen"  600,  A  601;
—  „The  Bictorh"  708.
Linienumschalter  (Teleph.)
861.
Ltnksweichc  160,  A  161.
LmUthgow,  »tabuki  von  406.
Linse,  parabolische,  Polygonal-, ­
  sllr  Leuchttürme  A
664.
Linseuapparat  (Bienenkorb)
für  Leuchttürme  564,  A  565.
Linz-Budweiser  Eisenbahn
1828  ,  PersonentranSport
der  A  78.
Lissabon,  Aquädukt  bet  383.
List,  Friedrich  (Eisenb.)  79.
Liverpool,  Hasenanlagen  von
644;  —  Güterstationen  im
Hasengebtet  A  87;  —  LandungSanlage
  681.
Liverpool-Manchester  -  Eisenb.
81,  204;  —  Bahnhof  Liverpool ­
  der  (1830)  A  89;  —
Bahnhof  Edge  Hill  in  Liverpool ­
  (1830)  A  41;  -  Ansicht ­
  des  Chat  Moß  A  41  ;—
Schienenweg  der  (1880)  A
145;  —  schmiedeeiserne
Fischbauchlchiene  (1830)  A
145;  —  Olive-Mount-Einschnitt
  A  205  ;  —  Zllge
(1830-1835)  236  T  236;
—  älteste  Standsignale  275,
A  276.
Livesey  (Eisenbahnbau)  158.
Livingston  (Schiffb.)  603.
Lobregat,  Teufelsbrücke  über
den  A  386.
Locher,  Ingenieur  140,  165.
Locke,  Ingenien!  406;  —
Doppelkopfschienc  (Stuhlschiene) ­

  A  148;  —  Stuhljchienenoverbau
  165.
Lohnkutichen  (Postw.)  761.
Lohse  (Brückenbau)  893.
Lokomotive  169;  —  Schnabel-A
  104;  —  Grundlage  für
den  Bau  u.  die  Wirkungsweise ­
  der  L.  169;  —  vierachsige
  zweigekuppelte
Schnellzugs-  der  preuß.
StaalSbahnen  mit  Drehgestell ­
  169,  A  171;  —  sünfachstge
  viergekuppelte  Gllterzug-
  der  preuß.  SlaatSbahnen
  172,  A  173;  —
Umgrenzung  der  größten
zulässigen  Breiten-  und
Höhenmaße  der  Eisenbahnfahrzeuge ­
  A  174;  —  Umgrenzung ­
  des  lichten  Raumes ­
  für  die  Hauptcisenbahuen
  Deutschlands  A174;
—  Kessel  einer  neueren
amerikanischen  Riesen-  &amp;gt;76.
A  177;  —  amerikanische
Schnellzugs-(1848)A  178;
—  Schmalspur-Tender-  aus
dem  Dampscylindergußstück
einer  amerllan.  Riesen-180,
  A  179;  —  Slehbolzen
A  180;  —  explodierte  L.
A  181;  —  Ansicht  einer
2/3  Personen-  zugleich  mit
vorderer  Laufachse  und
Außenrahmen  A  183;  —
Geschichte  der  L.  184;  —
von  Mnrdock  (1784)  A  184;
—  Evans'  Dampimaschine
A  186;  —  Evans'  Dampfbagger
  „Oruclor  Amphtbotus"
  A  185;  -  TrcvithtkS
  Schwungrad!.  A  186;
verbesserte  A  187;  —
BlcnktnsopS  Zahnradl.  A
188;  —  von  Brunion  A
189;  —  von  Hebtet):  erste
(1818)  191,  A  190;  achträdrige
  (1815)  A  191;  —
von  G.  Stephenson  193  f.
198,  A  193  f.,  195  f„  197;
—  von  Hockworth  „Royal
George"  (1827)  A  197;  —
von  Seguin  A198,  201;  —
von  R.  Stephenson  „Rocket"
A  199,  201;  —  von  Hackworth ­
  „Sanspareil"  A
200  f.;  —  von  Brailhwatte
u.  Ertcson  „Novetty"  A
200  f.;  —  Röhrenkessel  A
201;  —  von  Hackworth
„Globe"  A  202;  —  von
R.  Slephenson  „Planet"
A  203;  —  Dampftrompele
205,  A  204;  —  Oltve-Mounr-Einlchnitt
  der  Liverpool-Manchester ­
  Eisenbahn
A  205;  —  „Stourbridge
Löwe"  A  206;  —  von  Bnry
L  Co.  207,  A  206;  —
„John  Bull"  207  ;  —  von
Miller  „The  best  friend"
208,  A  20?;  —  von  Batdwtn
  208,  A  209;  —  neuere
amerik.  Schncllzugsl.  u.  L,
aus  dem  Jahre  1831  208,
A  210;  —  Vorderansicht
einer  amerik  Schnellzugl.
208,A2ll;  —  vontzenschel
&amp;amp;  Sohn  „Drache"  210  A
212;  -  von  Crampton  2ll,
A  212;  —  Semmering-Konkurrenz-
  „Wiener-Neustadt", ­
  „Seraing"  213,  A
218  s.;  —  Berg-  von  Fink
214,  A  215;  —  Fairlie-A
  215;  —  Meyers  Doppelt-Berbund-Tender-
  217,  A
216:  —  Mallelsche  Dnplex-Berbund-
  218  ,  A  217;  —
Schnellzug  der  Gotthardbahn ­

  A  223;  —  die  schnellste
der  Welt  226,  A  222;  —
Verbund-Schnellzug-  der
Österreich.  SiaotSbahn  226,
A  223;  —  eng  tische  Schnellzug- ­
  226,  A  224;  —  zwölfräderige
  amerikan.  Güterzug- ­
  A  225;  —  elektrische
einer  Tunnelröhrenbahn  A
862;  —  Zahnradlokomotive
f.  d.
Lokomotivkessell76,  A171;  —
einer  neuen  amerik.  Rtesenlokomotive
  Am;  —  Stehbolzcn
  A180;  —  explodierte
Lokomotive  A  181;  —  sllr
Schisssmaschtnen  696.
Lamme,  Segelboot  643.
London.  Brücken  in;  die  alte
Brücke  385;  —  Londonbrücke
  359;  —  Southwarkbrücke
  39l;  —  Towerbrücke
406;  —  Eisenbahnen;  Plan
86,  T  86;  —  Lageplan  der
drei  unterirdischen  Gülerstalionen
  A  86;  —  Seilbahnen ­
  336;  —  elektrische
Tunnelröhrenbabnen  359,
A  360  ff;  —  Untergrundbahnen ­
  349  f.,  T  86,  A
351  ff.;  —  Buffer  A  272;
—  Stellwerkhaus  des  Kopfbahnhofes
  Cannon  Street
290.  A  291;  —  mechanisch
verschlossenes  Dovpelsignal
(Blockversahren)  A  313;  —
Schienenstuhl  A  165;  —
Wasserkran  A  323;  —
Sicherheitsweiche  &amp;gt;60,  A
161;  —  London  u.  Nortb-Weftern
  Eisenbahn:  Stuhlschienenoberbau ­
  A  156;  —-CrampionS
  Lokomotive
2li,A2l2;  —Dockantagen
544,  A  543;  —  Hauptpostamt ­
  762,  A  763.
Londoner  elektrische-  Cab  71,
A  70.
Long,  Ingenieur  389.
Longrtdge  (Geschützt».)  710,
714.
Lorenzostrom,  Kanalisierung
478;  —  Schiffahrt  419;  —
Trasekiieruna  von  Eisenbahnwagen ­
  A  334.
Lolchwitz,  Schwebebahn  bet
878.
Losh,  William;  Stoßsugenform
  151,  A152;  —  vampssedern
  196;  —  Speichenräder ­
  268.
LoSkicl  am  Schiff  651.
Lolsenlntler  643.
Loyang,  Viadukt  von  406.
Lübeck,  tm  Mittelalter  20;  —
im  17.  Jahrh.  A  19.
„Lucania",  Doppelschraubenschiff ­
  616.
LuciuSBetus  (Kanalbau)  471.
Ludwigskanal  491.
Lustdruckbremsen  an  Eisenbahnzügen258;—
  Westing-House-Schnellbrcmsc
  259,
A  260  i.
Luftgegendruckbremse  an  Lokomotiven ­
  228.
Lufthetzuna  in  Eisenbahnwagen ­
  251.
Luftsaugebremse  f.  Eisenbahnzüge
  258.
Lüftung  in  Eisenbahnlvagen
253.
Luftwiderstand  b.  Fahrzeugen
104.
Lugano,  San  Saloatorc-Bahn
bet  840.
Luggersegel  643.
Lugsegel  A  643.
Luken,  Schiffs-  655.
LupPiS  (Torpedos)  732,  734.
        <pb n="983" />
        Namen-  und

Sachregister.

971

Luvgierige  Schiffe  642.
Luxemburg.  Posiwesen  in  772  ;
—  Telegraphenverkehr  848.
Luxuswagen  von  Pullmann
242  f..  A  244  f.
Luxuszüge  248.  A  244  f.,
246  f..  249.
Lyon.  Rhonebrücke  zu  385;
—  Seilbahn  a.  d.  Croix
Rouffe  bei  339.
Maas,  Klapverrwehre  in  der
447.
Mac  Adam  (Straßenbau)  62.
Macao.  Unterieekabel  von  833.
Macdonaldscher  Fischpaß  450,
A  451.
Madison  -  Jndianapolisbahn,
Lokomotive  der  A  227.
Madras,  Pier  bet  A  531.
Maffei  (Lokomot.)  209;  —
„Bavaria"  213  f.
Magdeburg.  Hafenanlagen  zu
464;  —  Schiffsverkehr  464.
Magin,  Karl  (Postm.)  766.
Mailand,  Fernsprechvermittelungsamt
  in  A  861.
Mailcoach  (Postw.)  758.
Mailpost  im  Schnee  steckend
A  759.
Main,  alte  Brücke  bei  Frankfurt ­
  über  den  A  387  ;  —
Eisenbahnbrücke  bei  Mainz
A  392  ;  —  Kanalisierung
438  ;  —  Längenprofil  A  440.
Main-Donaukanal  482.
Mainz,  Eisenbahnbrücke  bei
A  393;  —  Hafenanlagen
464;  —  Schiffsverkehr  464.
„Majestic",  Doppelschraubenschlff
  615.
Majoral  (Postw.)  771.
Malaiischen  Staaten,  Eisenbahnen ­
  der  83.
Malakka,  Eisenbahnen  von  83.
Mallen  (Schiffb  )  652.
Mallepost  unter  Napoleon  I.
A  755.
Mallets  Lokomotive  m.  Verbundwirkung ­
  219  f.  ;  —
Duplex  -  Verbund  -  Lokomot.
218,  A  217.
Ma-lom-teng,  Postboot  826.
Malta,  Ersenbahnen  auf  82.
Man  (Luxuswagen)  244.
Man,  Eisenbahnen  auf  82.
Manchester-Seekanal  501:  —
Lageplan  A  34;  —  Drehbrücke ­
  bei  Barton  A  KOI.
Manleon,  Marinemaler  596.
Männerkraftwaqen  53.
Mannheim,  Hafen  in  455,
464;  —  Schiffsverkehr  464.
Mannschaftsraum  eines
Kriegsschiffes  A  690.
Mansard,  Baumeister  388.
Manscll-Räder  A  269;  —
Klammerring  271.
Mantelrtngrohre  (Geschützw.)
714.
Mantelrohre  (Geschützw.)  714.
„Marceau",  Panzerschiff  627.
A  624.
Marcilhachs  Taucherl  elm  m.
elektr.  Lampe  577,  A  576.
Marcotty.  Ingenieur  219.
Marien-Kanalsystem  in  Rußland ­
  472  f.
Marine-Artillerie  s.  Geschütze.
Marklschiffe  420.
Marne-Rheinkanal  481.
Marne-Saonekanal  480.
Mars  (Secw.)  659.
Marseille,  Hafenanlagen  von
542  A  540  f.  ;  —  Handelsbedeutung ­
  518
Marseille-Algier-Kabel  834.
Marsgut  (Schiffstauw.)  661.
Marsh  lZahnbahn)  132,  163;
—Zahnradlokomotive  227  s.

A  227;  —  Luftgeqendruckbremse
  228
Marshall  (Schiffsmafch.)  704.
Marsraaen  660.
Marssegel  598.
Marsstenge  (Seew.)  659.
Martesana,  Kanal  469.
Martin  (Schiffsanker)  663.
Martorell,  Brücke  von  A  386.
Mascaret,  Flutwelle  429.
Maschinenkanonen  722  ;  —
von  Maxim  A  721.
Massenausgleich  berm  Eisenbahnbau ­
  96.
Mastbalken  (Schiffb.)  656.
Masten  659;  —  zusammengebaute ­
  A  659;—  stählerne
659.
Mastensiqnale  (Eisenb.)  276,
282,  T  282;  —  englisches
A  277  ;  —  Stellvorrichtung
mit  Vorsignal  u.  gleichzeitiger ­
  Verriegelung  der
von  Hand  gestellten  Spitzweiche
  A  305.
Mastfisch  (Sà'ffb.)  656.
Mastgien  (Schiffstakel.)  662.
Mastodon  -  Lokomotive  209,
Mastschlingen  (Schiffb.)  656.
Mastspur  (Schiffb.)  65?.
Maudslay  (Scbiffb.)  607.
Mauritius,  Eisenbahnen  von
83.
Maxim,  Maschinenkanone  von
722,  A  721.
Mecklenburg,  Eisenbahnen  in
85.
Mellumbake  ,  hohe  547,  A
Menaistraße,  Britanniabrücke
über  die  112,  392,  A  113.
Merkpfahl  an  Gleiskreuzungen
304.
„Merrimac",  Panzerschiff  622.
Mersey,  Tunnel  unter  dem
45;  —  Tiefbuhn  362.
Messagerie  royale  unter  Louis
Philippe  A  755.
Meiazentrum  eines  Schiffes
631.
Metzaerpost  750.
Mexican  Telegraph  Company ­
  833.
Mexiko,  Eisenbahnen  in  83;
—  Straßenbau  im  alten
60;  —  Postwesen  782;  —
schwieriger  Postverkehr  zwischen ­
  Veracruz  u.  Mexiko
Meyer  (Schiffseisenbahn)  488.
548.
Meyer,  Franz  Andreas
(Brückenbau)  412.
Meyer-Lokomotive  215,  217,
A  216.
Miamikanal  478.
Michigansee,  Eisenbahnfähren
auf  dem  332.
Middendorf  (Schiffb.)  646.
Middleton-Kohlenbahn  130.
Midi,  Kanal  du  471.
Mikrophon  853  ;  —  mit  Dämpfung ­
  864,  A  866.
Miladi,  Ingenieur  406
Militärischer  Brückenbau  412.
Millers  Lokomotive  „The  he8t
friend  of  Charlestown“
A  207.
Miller,  Patrick  (Schiffb.)  602;
—  Dampfboot  A  601.
Miller-Kuppelung  (Eisenb.)
273.
Milliarium  aureum  56.
Minen,  See-  733;  —elektromechanische ­
  733;  —  Zielapparate ­
  733.
Mirville,  Viadukt  von  406.
Mississippi,  Brücke  bei  Dawenvorr
  über  den  389;  —
Brücke  bei  St.  Louis  400;

—  Regulierung  433;  —
Kanäle  des  M.-Beckens  478.
Mississippi  -  Michigankanal
478.
Mittelkielschwein  (Eisenschiffbau) ­
  674.
Mittellandkanal  491.
MlttelmeerfaHrzeug
(14.  Jahrh.)  594,  A  595.
Mittelpivotlafette7i6;  —  mit
Schutzschild  von  KruppA?  17.
Mittelstück  an  Geschützen  712.
Moldau,  Brücke  bei  Prag  über
die  387;  —  Kanalisierung
439.
Mole  zu  Neapel  A  521;  —
in  Brunsbüttel  A  522.
Möller,  Ingenieur  53.
Mönche.  Brü^enbau  der  884.
Mongolei,  Postverkehr  in  der
776.
..Monitor",  Turmschiff  626.
Monitors  626;  —  Brustwehr-627.

Monklandkanal  484;  —  geneigte ­
  Ebene  488.
Mont  Cenis-Bahn  100;  —
Seilebene  339.
Mont  Cenis-Straße  66.
Mont  Cenis-Tunnel  128.
Montenegro,  Telegraphenverkehr ­
  848.
Montierung  eiserner  Brücken
402;  —  Montagegerüst  A
403.
Mont  Saleve,  elektr.  Zahnbahn ­
  auf  den  A  137.
Morand,  Ingenieur  388.
Morandiere  (Lokomot.)  220.
Morgan  (Schaufelrad)  706.
Morriskanal  477;  —  geneigte
Ebene  488.
Mörser  712,  731.
Mortonsche  Patentschleppe
536.
Mosel,  Kanalisierung  der  438.
Moskau  im  Mittelalter  26.
Mororfrachtwagen,  Daimlerscher ­
  A  74.
Motorwagen  s.  Straßenmotoren. ­

Mount  Washington-Bahn
132,  140;  —  Oberbau  mit
Zahnstange  163,  A  162;
—  Zahnrad-Lokomotive  von
Marsh  228,  A  227.
Mozambique,  Eisenbahnen
von  83.
Msta,  Brücke  über  den  389.
Muldenthalbrücke  112.
Müllroser  Kanal  416.
München,  Echtersches  Wandgemälde ­
  im  Slaatsbahnhof
zu  A  75.
Munderkingen.  Donaubrücke
bei  405.
Müngstener  Thalbrücke  112,
400,  A  ui;  —  Zulage
des  großen  Bogens  T  400.
Munitronsaufzüge  auf  Schiffen ­
  686.
Munitionstransport  in
Kriegsschiffen  720.
Muntzmetallbeschlag  f.  Schiffe
657.
Murdocks  Dampfwagen  A184.
Murray  (Postw.)  758.
Murray,  Ingenieur  188.
Murray,  auftrat.  Fluß  420;
—  Aufzugbrücke  über  den
406,  A  408.
Muster  (Warenproben),  Posttaxe ­
  für  802.
Muys,  Zimmermeister  469.
Nachtmarken  (Seew.)  547
Nackttaucher  576  A  574.
Nadellehne  am  Webr  444.
Nadelwehr  444,  A  445.
Näff,  Ingenieur  134.

Nagler,  von  (Postw.)  786;  —
Porträt  A  787.
Napier  (Schiffb.)  648.
Napoleon  I.,  Straßenbau
unter  63  f.,  66,  A  67.
Napoleonskanal  480.
Narta,  russ.  Postschlitten  774.
Natal.  Eisenbahnen  in  83.
National  Telephone  Company ­
  854.
Natronfüllungsheizung  im
Eisenbahnwagen  251.
Naturvölker,  Wirnchast  der
höheren  869.
Navigationsakte  29.
Neapel,  Molo  San  Vincenzo
zu  A  521.
Nebelhorn  568.
Nebelfignale  (Eisenb.)  286.
Nebelwärter  (Eisenb.)  286.
Nebengleise  (Eisenb.)  292.
Neuburg,  Donaubrücke  zu
389.
Neufahrwafser,  Leuchtturm
von  563.
Neufossè,  Kanal  de:  Hebewerk
485,  490.
Neufundland,  Eisenbahnen  in
83.
Neuguinea,  Feldbahn  mit
Handbetrieb  in  A  93.
Neuilly,  Seinebrücke  von  388.
Neukaledonten,  Unterseekabel
von  833.
Neuseeland,  Eisenbahnen  in
84;  —  Leuchttürme  557;
—  Postwesen  7  84  ;  —  Unrerseekabel
  833.
Neusüdwales,  Eisenbahnen
in  84;  —  Postwesen  784;
—  Unterseekabel  833.
Neuwert,  Leuchtturm  auf
552.  A  551.
Neville,  Ingenieur  201.
Newcastle-on-Tyne.  Holzbahn
im  17.  u.  18.  Jahrh,  zu
A  142.
New  Jork  aus  der  Vogelschau
T  544  ;  —  East  Riverbrücke
894;  —  die  neue  East  Riverbrücke ­
  A  40i;  —  Washingtonbrücke
  über  ven  Hanemfluß
  4u0  ;  —  Hafenanlagen
544.  A  545;  —  Kaimauer
auf  Pfahlwerk  mit  Slemfchütlung
  A457  ;  —  Leuchtturm ­
  551  :  —  Hochbahnen
869.  A  370  f.
New  Nork-Eriebahn.  Brücke
der  389.
Niagarabrücken  393,  401;  —
der  Michigan-Zentralbahn
399,  A  397.
Nicaraguakanal  515.
Nickelstahlpanzeiplatten  727,
A  728.
Niederholer.  Schiffslau-  662.
Niederlande.  Handel  der.  im
16.  Jahrh.  28;  —  Postwesen ­
  771;  —  Telegravhenverkehr
  848;  —  Telephonie
856  ;  —  Unterseekanal  833.
Niederneuendorfer  Kanal  491.
Nienburg  (Flußregul.)  431.
Nieten,  versenkte(Eisenschiffb.)
668.
Nietmaschinen,  hydraulische
(Eisenschiffb.)  A  670.
Nietung  beim  Brückenbau  402  ;
—  im  Elsenschiffbau  666,
668.
Nil,  Schiffabrt  auf  dem  413,
420.
Nilkanal  12.
Nîmes,  Viadukt  von  406.
Nippflut  425.
Nixon  (Eisenbahnbau)  144.
Nocken  an  der  Raa  660.
Nockaordings  tSchiffstakel.)
662.
122*
        <pb n="984" />
        972

Namen-  und

Sachregister.

Nocktakel  (Schiffstake!.)  662.
Nordamerika,  Kanüle  in  476.
Norddeutscher  Bund,  Postwesen ­
  im  789.
Norddeutscher  Lloyd  614  f.,
616,  618.
Nordenfelt  (Geschütz».)  720.
Nord  -  Ostseekanal  s.  Kaiser
Wtlhelmkanal.
Normalanker  A  663.
Normalspurbahneu  91.
Normand  (Schiffb.)  630,  741.
Normannen,  Schiffbau  der
592;  —  Wikingerschiff  A
593.
Norrts,  Ingenieur  208;  —
Schienenstoß  151.
Norwegen,  Eisenbahnen  in
82;  —  Spurweite  92;  —
Kanäle  474;  —  Postwesen
772;  —  Telegraphenverkehr
848;  —  Unterseekabel  833.
Notlekanal  491.
Nowgorod  im  Mittelalker  26.
Nürnberg-Fürther  Eisenbahn
79;  —  Eröffnung  am  7.  Tez.
1835  A  80;  —  Schienenbefestigung ­
  (1835)  A  146;
—  Oberbau  (1835)  A  146.
Nußdorfer  Spitz  (Donau),
Schleuse  am  442,  A  440.
Oberbau  im  Eisenbahnbau
141;  —  Holzbahn  in  einem
deutschen  Bergwerk  des
16.  Jahrh.  A  hi  :  —  Holzbahn ­
  zu  Newcastle-on-Tyne
im  17.  u.  18.  Jahrh.  A142;
—  Reynolds'  gußeiserner
Schienenbelag  A  142;  —
Currs  gußeiserne  Winkelschiene ­
  142,  A  143;  —
Currs  Schienenweg  142,  A
143;  —  Jessops  gußeiserne
Pilzschiene  A  143;  —  Jessops ­
  gußeiserne  Fischbauckischiene
  auf  Stemwürfelunterlage
  143,  A  144;  —
Berkimhaws  gewalzte  und
gearbeitete  Schiene  144,  A
145;  —  schmiedeeiserne
Frschbauchsckiene  u.  Schienenweg ­
  der  Liverpool-Manchester ­
  Eisenbahn  (1830)  A
145;  —  Schienenbefestigung ­
  .  Oberbau  der  Nürnberg ­
  -Fürrher  Bahn  (1835)
A  H6;  —  Flachschiene  der
Leipzig  -  Dresdener  Balm
(1837)  146  ,  A  147,-  —
Stevenssche  Breitfußschiene
146,  A  147;  —  Vignoles'
Breitfußschiene  A  147:  —
Schiene  der  preußischen
StaalSbahnen(i885)  A147;
—  Sandbergs  Goliathschiene
A  147;  —  Schienenstoß  iür
Brückschienen  147.  A  148;
—  Strickland  -  (Brunei-)
Schiene  147,  A  148;  —
Barlows  Sartelschiene  A
148;  —  Adams  Trägerschiene ­
  A  148;  -i-  Lockes
Dovpelkopfschiene  (Stuhlschiene)
  A  148;  —  Ochsenkopfschiene ­
  149,  A  148;  —
Schienenstoß  149;  —  schwebender ­
  Schienenstoß  von
Adams  149,  Ai50;  —  Stoß
im  Betrieb  A  150;  —  verschiedene ­
  Stoßformen  151,
A  152;  —  Haarmanns
Wechselsteablattstoß  152,  A
153;  —  Stoßbrücke  (1849)
152,  A  153:  —  Stoßfangschiene
  A  153;  —  Gleisbau
153  ;  —  Hakennagel,  Schienenschraube ­
  A  154;  —
Laschenverbindung  A  155;
—  Schienenstuhl  A  155;

—  abgenutzter  Scbienenstublnaael
  A  156;  —  Holzdübel ­
  für  Schienenftühle  A
156;  —  englischer  Holzdübel
mit  Eisennagel  A  156;  —
Stuhlschienenoberbau(  1890)
A  156;  —  Schienenbefestigung ­
  durch  Hakenplatte  u.
Klemmplättcheu  A  157  ;  —
Haruvichs  Schwellenschiene
158,  A  157;  —  Haarmanns
Straßenbahn-Oberbau  mit
Schutzschiene  158,  A  157;
—  Rillen-  oder  Phönixschiene
  für  Straßenbahnen
158,  A  157;  —  GreaveS'
Glockenunterlagen  A  158;
—  Zwangsschiene  in  Gleisbögen ­
  A  160;  —  Schleppweiche ­
  (1835)  A  160;  —
verschiedene  Weichen  A161;
—  Oberbau  der  Zahn  bahn
Mount  Washinaton  163,  A
162;  —  Oberbau  stützen  der
Zahnbahn  Vitznau  -  Riaikulm
  163,  A  162;  —
Sonderheiten  im  Oberbau
der  Sleilbahnen  163;  —
Entwickelungsformen  der
Zahnstange  165,  A  163;
—  Abts  Weiche  für  Zahnbahnen
  165,  A  164;  —
Zahnstangeneinfahrt  167,
A164  f.;  —  Jungfraubahn:
Oberbau,  Schienenzanpe.
Strubs  Zahnstangenweiche
167,  A  166;  —  Schienenli.
  Zangenbremfe  der  Stanserhornbabn
  168,  A  167;
—  Drahtseilbahn  Lauierbrunnen
  -  Mürren  166,  A
167.
Oberbramraaen  (Seew.)  660.
Obeibramstenge  (Seew.)  659.
Oberhaupt  an  der  Schleuse
470.
Oberländerhafen  520.
Overländischer  Kanal  482.
Oberliek  eines  Segels  662.
Obermarsraaen  660.
Oberpostdirektionen  788.
Oberreling  (Schiffb.)  656.
Oberwagenlaternen  (Eisenb.)
284,  T  283.
Obnekowsche  Stahlwerke  730.
Obry  (Torpedowesen)  738.
„Lceanic",  Schnelldampfer
616,  672,  681  f  ,  683;  —
vor  dem  Stapellauf  A  683.
Ochse  als  Zugtier  5.
Ochsenkvpfichiene  149,  A  148.
Oder,  Kanalisierung  der  438;
-  Staustufe  bei  Koniy  A
440;  —  Durchstich  bei
Januschkowitz  A  441;  —
Schiffahrt  416,  418.
Oder-Spreekanal  481,  490,
492.
Odessa,  Hafenanlagen  von
538.
Oginskikanal  472  f.
Ohiobrücke  bei  Cineinnati
393.
Ohiokanal  478.
Ohrhölzer  (Schiffb.)  652.
Oisekanal  481.
OldenbU'  g,  Eisenbahnen  in  85.
„Oldenburg",  Panzerschiff
726.
Oldham  (Schaufelrad)  706.
Olive-Mount-Einschnitt  der
Liverpool  -  Manchester  Eisenbahn ­
  A  205.
Ölschiffe  461.
Olten,  Aarebrücke  bei  399.
Omnibus  52.
Omnibuspostwagen,  viersitziger
  A  815.
Ordensritter,  Posteinrichtungen ­
  der  deutschen  750.

Oranje  -  Freistaat  ,  Eisenbahnen ­
  nn  83.
Ordtnarischiffe  421.
Oructor  Amphibolua  von
Evans  A  185.
Osnabrücker  Stahlwerk,
..  Schmalspurbahn  des  94.
Österreich  -  Ungarn  ,  Eisenbahnen ­
  in  46.  78,  82,  85;
—  Fahrgeschwindigkeit  325;
—  Personenverkehr  326;  —
Verbund  -  Schnellzuglokomotive ­
  223,  A  224;  —
Postwesen  766;  —  deutschösterreichischer ­
  Postverein
788;  —  Telegraphenverkehr ­
  848;  —  Telephonie
856;  —  Unterseekabel  833.
Ostia,  Hafen  517.
Ostsee-Hammekanal  491.
Ostsee-Schwarzes  Meer-Kanal
473.
Oswego  -  Blackflußkanal  477.
Ouchy  -  Lausanne  -  Seilbahn
339  f.,  345.
Ovalkessel  (Schiffsmasch  )  695.
P.  &amp;amp;  O.  Company  (Dampfschiffahrt) ­
  607.
Paar,  von  (Postw.)  766.
Pacificbahnen  106,  109,  117,
119;  —  Solanofähre  der
Zentral-P.-B.  333,  A  334;
—  Pecos-Thalbrücke  der
Süd-P.-B.  390.
Paderno,  Addathalbrücke  bei
400.
Paixhans  (Arttll.)  620,  709.
Pakelbeförderung  durch  die
Post  797  ;  —  Wagenabfahrt
am  Paketpostamt  in  Berlin
A  800;  —  Paketannahme
beim  Hochpostamt  in  Berlin ­
  A  799.
Palastmafahrten  int  Mittelalter ­
  17.
Pallakopas,  Kanal  423.
Palmer  (Hängebahnen)  374
Palmer  (Postw.)  758.
Palu-d'  Aveyres,  Viadukt  von
406.
Panamakanal  513.
Pandangbahn,  Lokomotiven
der  233.
Panzer  deck  lreuzers  ,  Querschnitt ­
  eines  676.
Panzerkreuzer  6^7;  —  ..^ürst
Bismarck"  627.  A  624;  -
auf  Hellgen  zum  Stapellauf
  bereit  A  685.
Panzerplattenbearbeitungswerkstatl
  in  Sheffield  A
729.
Panzerplattenwalze  A  726.
Panzerplatienzementierofen  A
727.
Panzerschiffe,  Einführung  der
621  ,  709;  —  Hauptspant
eines  A  675;  —  Konstruktionsriß ­
  T  630;  —  Typen
A  622  ,  624  ,  T  629  ;
—  „Alexandra"  626  ,  A
622;  —  „Black  Prince"
724.  A  621  ;  —  „Charlemagne"
  627  ,  A  624;  —
„Devastation"  627,  A  622;
—  „Fürst  Bismarck"  627,
A  624,  685;  —  „Gloire"
621,  ,724;  -  „Inflexible"
627,  A  622;  —  „Marceau"
627,  A624;  -„Merrimac"
622;  —  „Monitor"  626;  —
„Oldenburg"  726;  —  „Pol-10100"
  627.  A  623;  —
„Powerfull"  627,  A  625;
—  „Preußen"  626.  A  622;
—  „Prince  George"  627,  A
623;  —  „Royal-Sovereian"
627.  A  622;  —„Tegetthoff"
626,  A  622;  —  „Terrtble"  |

627.  A  624;  —  „Terror"
626,  A  622;  —  „Warrior"
724,  A  621.
Panzertürme  auf  Schiffen
717;  —  Hauptspanr  des
Turmschiffes  „Preußen"  mit
A  718;  —  von  Armstrong
A  718;  —  von  Gruson  731,
A  730.
Panzerung  von  Schiffen  s.
Schiffspanzer.
Papierrad  von  Allen  A  269
Papin  (Dampfschiffahrt)  421,
602.
Parabolische  Linse.  Spiegel
f.  Leuchttürme  A  564.
Paradoschna  (Postw.)  773.
Paraguay,  Schiffahrt  auf  dem
419.
Paraguay.  Eisenbahnen  in  83.
Parallelträger  (Brückenbau)
393.
Paraná,  Schiffahrt  auf  dem
419.
Paranahyba,  Schiffahrt  auf
dem  420.
Pardunen,  Stenge-  (Schiffstakel.) ­
  660.
Paris.  Arcolebrücke  in  399.
Passagierdampfer,  Größenverhälrnisse
  der  (1837—1897)
618,  A  617.
Passagium  17.
Palenranker  A  663.
Patterson,  Ingenieur  63.
Pauli  (Brückenbau)  393.
PaulitschkysSchneebagger33l.
Pecos-Tbal  drücke  390.
Peer!  e  im  Schiffstauwerk  661.
Pegeltürme  im  Kaiser  Wilhelmkanal ­
  509.
Pelletan  (Blasroh,)  199.
Penmarcb-Eckmübl,  Linsenapparar ­
  des  Leuchtturms
von  564,  A  565
Penn  (Schiffsmasch.)  613;  —
DoppellrunkmaschineA699.
Pennsylvanien,  Kanalsvstem
von  477.
Penranhwehr,  Fischtreppe  am
A  449
Perpendikel  eines  Schiffes
629.
Perronet,  Ingenieur  63.  388
Perry,  John,'Inge,  ieur  472.
Perser,  Brückenbau  der  383;
—  Handel  12;  —  Straßenbau ­
  56.
Persien,  Eisenbahnen  in  83;
—  Postwesen  746.
Personenpostwagen  812;  —
preußischer  aus  dem
18.  Jahrb.  A  786;  —  in
Berltnenform  A  8.4.
Personenverkehr  auf  Eisenbahnen ­
  326  i  —  auf  der
Post  797,  810.
Personenwagen  s.Eisenbahi.w.
Personenzuglokomolive,  Ansicht ­
  einer  2/g-,  mit  vorderer
Laufachse  u.  Außenrahmen
A  183.
Peru,  Eisenbahnen  in  42,  83,
100  f.;  —  Verruga-Viudukt
101,  A  103;  —  Seilebene
der  Südbahn  339;  —
Postwescn  783;  —  schwimmender ­
  Kurier  A  784;  —
Straßenbau  int  alten  60.
Pest-Waitzcner  Eisenbahn  81.
Peter  d.  Gr.,  Kanalbauten
unter  472
Peter  von  St.  Mary,  Baumeister ­
  385.
Petersbera  (Siebengebirge),
Zahnbahn  auf  den  137.
PeterSbu  g  -  Krasnoje  -  Eeloer
Eisenbahn  81.
Pelersburg-Kronstadter  Kanal
512.  A  513.
        <pb n="985" />
        Namen-  und

Sachregister.

973

Perra,  Handelsstadt  10.
Petroleumlampe,  amerikan.,
für  Eisenbahnwagen  253,  A
254.
Petroleum-Tankdampfer,
Schotlensystem  in  680.
Pelroleumverladung  auf
Schiffen  461:
Peutingersche  Tafel  60.
Peymann,  von  (Kanalb.)  502.
Pfahlmasten  660.
Pfahlrost,  Kaimauer  auf  459,
A  458.
Pfeife,  Dampf-,  an  Lokomotiven ­
  204,  277.  285;  —
f.  Schiffahrtssignalc  568.
Pferd,  elektrisches,  f.  Schiffszug ­
  494.
Pferde  im  Schiffstauwerk  661.
Pferdebahnen  58.
Pflerschthale,  Führung  der
Brennerbahn  im  113,  Ali  4.
Pharus,  Leuchtturm  auf  517,
552.
Philadelphia,  Brücke  über  den
Schuylkill  bei  389.
Philippsborn,  von  (Postw.)
787.
Phönixschiene  für  Straßenbabnen
  158.  A  157;  —  von
Adams  158.
Phönizier.  Handel  der  10;  —
Schiffbau  592;  —  Seehäfen
516;  —  Straßenbau  55.
Piekfall  (Schiffstauwerk)  662.
Pier  bei  Madras  A  531.
Pikes  Peak-Zahnbahn  101,
140;  —  Lokomotive  229,  A
280.
Pilar-Bahia-Seilbahn  106,
340.
PilatuSbahn.  Eselspartie,
Wolfsschlucht  der  140,  A
138  s.;  —  Lokomotive  A
231;  —  Seilebene  339.
Pilgerfahrten  nach  Palästina
im  Mittelalter  17.
Pilzschiene  145;  —  von  Jessop
A  143.
Pinassen  663.
Pinne  am  Steuerruder  645,
658.
Pintsch,  Jul.  (Gasbeleucht.)
254;  —  Gasboje  551,  A  550.
Piräus,  Hafen  517.
Pisa,  Handel  im  Mittelalter
16,  20  f.
Pivotbolzen  (Schiffslafette)
716.
Plankengänge  (Schiffb.)  655;
—  verlorene  655.
Platen,  von  (Kanalbau)  474.
Plattengänge  (Eisenschiffb.)
676;  —  verlorene  676.
Plattenspanten  (Elsenschiffb.)
675.
Plattenstrake  (Eisenschiffb.)
676.
Plattformwagen  mit  Drehgestellen ­
  262,  A  263.
Plauescher  Kanal  417,  482,
491.
Pneumatischer  Getreideheber
A  462;  —  Tunnelbau  1
581.
Pockholz  (Schiffb.)  613.
Podbielski,  von  (Postw.)
792;  —  Porträt  A  793.
Poggendorff  (Galvanometer)
834.
Polhemschleuse  473  f.
Polizeizwecke.  Telephonleilung
  in  Chicago  für  866,
A  863.
Poller  in  Häfen  525.
Polonceau,  Ingenieur  67.
Polsterung  i.  Eisenbahnwagen
249,  A  250.
„Poltawa",  Panzerschiff  627,
A  623.

Polygonallinse  f.  Leuchttürme
A  546.
Poncelet  (Eisenbahnb.)  A  158.
Pondichéry,  Eisenbahncn  von
8.1.
Pons  Älius  380:  —  Cestius
380:  —Fabricius  380;  —
Sublicius  379.
Ponlaillac,  Leuchtturm  v.557.
Pontons  534-Pontonbrücken
  410.
Poop  (Schiffb.)  682.
Portage-Thalbrücke  A  889-Porte
  chaise  52,  A  51.
Portens-Gemeinden  64.
Porterankcr  663.
Porto,  Durodrücke  bei  400.
Portugal,  Eisenbahnen  in  82;
—  Handelim  16.Jahrh.  27;
—  Postwesen  772;  —  Telegraphenverkehr ­
  848  ;  —
Unterseekabel  833;  —
Schiffbau  595;  —  Karavellen
  A  596  f.
Post,  Ursprung  des  Namens
755.  v
Post  von  Beirut  nach  Damaskus ­
  46,  A  48.
Post  und  Postwesen  745;  —
Entwickelung  in  den  bedeutenderen ­
  Kulturländern
746;  —  römischer  Eilbote
A  747  ;  —  römischer  Reisewagen ­
  A  748;  —  Briefbote ­
  aus  dem  15.  Jahrh.
A  750;  —  Postfußbote
aus  dem  17.  Jahrh.  A  752;
—  französisches  Postamt
unter  Ludwig  XV.  A  754;
—  Mallepost  unter  Napoleon ­
  1.  A  755;  —  Messagerie ­
  royale  unter  Louis
Philipp  A  755;  —  Landbriefträger
  im  Departement ­
  des  Landes  755,  A
7  56;  —  Landkutsche  des
18.  Jahrh.  A  758;  —
Mailpost  zwischen  Ostend
und  London  im  Schnee
steckend  A  759;  —  englisches ­
  Freikouvert  A  761;
—  Generalpostamt  zu  Lom
don  762,  A  763;  —  Briefstempel ­
  Maschine  A  764;—
Postamt  auf  der  Boobyinsel
  765  ,  A  766;  —
schweizerischer  Alpenpostwagen ­
  A  768;  —  Eilwagen
  in  Spanien  A  770  ;
—  Posthaus  zu  Atschinsk
A  773;  —  russisch-chinesische ­
  Post  A  777  ;  —  Erfahrt ­
  durch  die  Wüste  Gobi
777,  A  778;  —  chinesisches
Postboot  A  779;  —  chinesischer ­
  Schiebkarren  zur
Beförderung  von  Personen
und  Sachen  A  779;  —
amtlicher  Fußbole  auf
Formosa  A  779;  —  indischer ­
  Kamelreiter  A  780;
—  siamesischer  Kurier  zu
Pferde  A  780;  —  schwieriger ­
  Postverkehr  zwischen
Veracruz  und  Mexiko  A
783  ;  —  schwimmender  Kurier ­
  in  Peru  783,  A  784  ;
—  blasender  Postillon  aus
dem  17.  Jahrh.  A  785;  —
preußischer  Personenpostwagen ­
  aus  dem  18.  Jahrh.
A  786;  —Reichspostamtsgebäude
  in  Berlin  A  791  ;
—  rechtliche  Stellung  und
wichtigste  Einrichtungen  in
Deutschland  796:  —  Paketannahme ­
  beim  Hofpostamle
in  Berlin  A  799;  —  Wagenabfahrt ­
  am  Paketpostamt
in  Berlin  798,  A  800;  —

Zeitungsverpackungssaal  im
Zeitungspostamt  zu  Leipzig
A  801;  —  die  ältesten
Postfreimarken  A  805;  —
Briefkasten  verschiedener  Art
A  806;  —  Postschalkerhalle
A  807;  —  Inneres  eines
Eisenbahnpostwagens  A
809  ;  —  Ankunft  der  Diligence ­
  im  18.  Jahrh.  A
8ii;  —  Thurn  und  Taxissche
  Fahrpost  in  Frankfurt
a/M.  A813;  —Personenwagen ­
  in  Berlinenform  A
814;  —  viersitziger  Omnibuswagen ­
  A  815;  —  deutscher ­
  Landbriekträger  A
815  :  —  Landbrwfträger
mit  Fuhrwerk  815,  A816;
—  Feldpostexpedition  (1870)
816,  A  817;  —  Brieftaube
mir  gestempeltem  Schwanz
A  819;  —  Rohrpostbrtefkapsel
  und  Aluminiumhülse
  A  822;  —  in  einem
Nohrpostamt  in  Berlin  821,
A  823;  —  im  Rcichspostmuseum
  A  827.
Postamt  auf  der  Boobyinsel
765,  A  766;  —  deutsches
in  Konstantinopcl  775;  -
franz.  unter  Louis  XV.
A  754  ;  —  .  Londoner
Gcneralpostamt762,  A763;
—  deutsches  Neichspostamt
A  791.
Postanweisungen  803.
Postanweisungstelegramme
803.
Postaufträge  803.
Postbankbills  764.
Postboot,  chinesisches  A  779.
Postbureau,  Internat.  82k.
Postdampfer  812
Postdiensträume  808.
Postfreimarken.  die  ältesten
A  805;  —  s.  a.  Briefmarken. ­

Postfußbote  a.  d.  17.  Jahrh.
A  752.
Postgelb,  Ursprung  des  785.
Posthalter.  Posthaltereien  812.
Posthaus  zu  Atschinsk  A  773.
Posthtlfsstellen  815.
Posthorn  810
Postillon,  blasender,  a.  d.
17.  Jahrh.  A  785.
Postkarbas  825.
Postkarten  802.
Postnnchnahmesendungen  803.
Post-Paketbeförderung  797.
Post-Pakettarif  790.
Post  -  Personenbeförderung
797.
Postregal  796.
Postschalterhalle  A  807.
Postschreibstubeu  in  Italien
769.
Postiparkasien  804.
Poststraßen  im  Gebirge  115.
Posttarifwesen  in  Preußen
787.
Posttaxen  804.
Posttransporimittel  808.
Postverein,  allgemeiner  826;
—  deutsch-österr.  788;  —
Weltpostverein  828.
Postverkehr  in  Deutschland
792;  —  in  Europa  830.
Postversendungsgegenstände
797.
Postwagen  812;  —  elektrisch
betriebener  A  73.
Postwertzeichen  805;  —  die
ältesten  Freimarken  A  805;
—  Verkaufsstellen  806;  —
Sammlungen  806.
PostzeitungSwesen  786,  800;
—  Zeitungsverpackungssaal
in  Leipzig  A  801.

Postzüge  321.
Poüzwang  796.
„Powerfull",  Kreuzer  627,  A
625.
Prag,  Brücke  bei  387.
Preece  (Eisenb.)  315.
Piellpfähle  in  Häfen  525.
Preßkohlenheizung  in  Eisenbahnwagen ­
  251.
Pretzien  a  d.  Elbe,  Wehranlage ­
  bei  447,  A  446.
Preußen,  Eisenbahnen  in  82.
85;  —  Fahrgeschwindigkeit
324  f.;  —  fünfachsige  viergekuppelte ­
  Güterzuglokomolive
  A  173;  —  Laschenverbindung ­
  A  155;  —  Schiene
A  147  :  —  vietachsige  zweigckuppelte
  Schnellzuglokomotive ­
  A  171;  —  Sprengringbe'eftiguug
  A  271;  —
gepolsterter  Wagen  249,  A
250;  —  Wasserkran  323.  A
322;  —  Kanäle  481  f;  —
Landstraßen  37;  —  Postwesen ­
  785  f.;  —  Personenwaaen
  a  d.  18.  Jahrh.
A  786.
„Preußen",  Turmschiff  626,
A  622;  —  Hauplspant  mir
Panzerturm  A  718.
Primärbahnen  90.
„Prince  George'.  Citadellschiff
  627,  A  623.
Probebelastung,  Brücke  zusammengebrochen ­
  bei  der
401,  A  402.
Propeller  s.  Schaufelrad,
Schiffsschraube.
Prüsmann  (Lokomot.)  177.
Pruth,  Brücke  bei  Jaremccze
über  d.  405,  A  404.
Ptolemäern,  Seewesen  unter
den  592.
Pullmannsche  Luxuswagen
243  f.,  A  244  f.
Pulverformmikrophon  864.
Pumpen  auf  Dampfschiffen
705.
Pumpenbagger  537,  A  538.
Pumpspill  A  657.
Puppenblöcke  (Schiffstakel.)
622.
Purkinje  (Kabelbahnen)  336.
Purves  (Flammrohre)  695.
Püttiugsschiencn  (Schiffb.)
657.
Quarterdeckschiffe  682.
Queensland,  Eisenbahnen  in
84;  —  Postwesen  784;  —
Unterseekabel  833.
Quentin,  St.,  Kana  l  von  480f.
Querhelling  (Schiffb.)  611;
—  Stapellauf  auf  A  650.
Queriaylings  (Seew.)  659.
Querschotte  (Schiffb.)  678.
Querschwellen-Oberbau
(Eisenb.)  153.
Quersegel-Karavelle  (15  .Jahrhundert) ­
  596,  A  597.
Querspantensystem  im  Eisen,
schtffbau  673;  —  Doppelboden ­
  mit  A  674.
Quinto,  de  (Postwesen)  770.
Naaen  660.
Raaschiffe  660.
Raaschoner,  Segelschiff  643,
A  644.
Raasegel  643,  660.
Raatakel  660.
Rack  (Schiffstakel.)  660.
Rackkctten  (Schiffstakel.)  660.
Raddampfer,  Einführung  der
602.
Räder.  Eisenbahn-  s.  Eisenbahnräder. ­

Räderschiffsmaschine  702  ,  A
701;  —  schrägliegende
        <pb n="986" />
        974

Compound-  A  702;  —
Balancier-  702,  A  703.
Radlenker  einer  Weiche  160,
A  161.
Radreifen  für  Eisenbahnräder
269.
Rahmenlafette  von  Armstrong
mit  Lamellenbremse  A  716;
—  von  Vavasseur  715,  A
717.
Nahmenspanten  (Etsenscyiffb.)
675.
Rainhill,  Lokomottvenschlacht
bei  202.
Rainwege  31.
Raleigh,  Sir  Walter  (Schiffbau) ­
  599.
Rammbug  der  Schlachtschiffe
626.
Rammstoß  der  Schlachtschiffe
626.
Ramsbottom  (Eisenb.)  323.
Randsomholz  (Schtffb.)  653.
Rangiersignale  (Eisenb.)  286.
Ranke  Schiffe  63  l.
Rankine  (Schiffb.)  645.
Raperten  (Schiffsgeschützw.)
708.
Ratho.  Viadukt  von  466.
Ratsche  (Sperrrad)  184.
Raubritterwesen  23.
Rauchkammer  i.  d.  Lokomolive
  176.
Rauchplage  der  Lokomotiven
210.
Raum,  lichter  (Eisenbahnw.)
174.
Raumblockung  (Eisenb.)  314.
Raydt  (Hebung  gesunk.Schiffe)
590.
Raz-  Tina,  Leuchtturm  von
560.
Read,  Dampfwagen  von  70.
Read,  Nathan  (Röhrenkessel)
200.
Reaktwnsmaschinen  (Schiffsmasch.)
  699,  702.
Receiver  a.  d.  Dampfmaschine
219,  612.
RechtSweiche  160,  A  161.
Reede  620
Reep  am  Steuerruder  658.
Reffen  der  Segel  661.
Refftakellegel  (Schlffstakel.)
662
Refftalje.  SchiffStau  662.
Reffzeisinge,  SchiffStaue  662.
RegenSburg,  Brücke  bei  387;
—  Handel  im  Mittelalter20.
Regnitz,  Brücke  zu  Bamberg
über  die  389.
Reibbölzer  in  Häfen  525.
Reibur  g  der  Lokomotivräder
170.
Reibungsbahnen  102.
Reibungsbremsen  261.
Reibungslokomotiven  183;  —
mit  Zahnradi  vereinigt232.
Reichspostamr  79l;  —  Gebäude ­
  in  Berlin  A  791.
ReichSpostdampserltnien  791,
814.
Reichspostmuieum  824,  A825.
Reiferts  Zughaken  A  273.
Reihenfahrt  (Flußschiffahrt)
417.
Reisegeschwindigkeit  d.  Eisenbahnzüge ­
  321.
Reisen  zu  Pferde  11.
Reisewagen,  römischer  A  748.
Reiß  (Teleph.)  841.
Reitpost  810.
Reüngleiste  (Schiffb.)  656.
Relingslützen  (Schtffb.)  656.
Remscheid,elektr.Straßenbahn
in  106.
Rennte,  Ingenieur  36,  391,
519.
Rennte,  I.  &amp;amp;  G.  (Schiffsmasch)
  605.

Namen-  und  Sachregister.

Ressel,  Josevh  (Schiffsschrbe.)
605;  —  Porträt  A  604.
Rettungsboote  664;  —  Francis' ­
  Patentrettungsboot  A
665.
Reuleaux,  Techniker  134.
Réunion,  Eisenbahnen  von  83.
Reuters  telegraphisches
Bureau  851;  —  Taubenpost ­
  819.
Revolverkanone  A  721.
Reynolds  gußeiserner  Schienenbelag ­
  A  142  ;  —  geneigte
Ebene  483.
Rhein.  Brücken  über  den:  bei
Bonn  A  400;  —  von  Cäsar
379;  —  bei  Düsseldorf  401;
—  bei  Koblenz  399;  —
bei  Köln  393  ;  —  bei
Schaffhausen  A  388;  —
Eisenbahnfähren  333;  —
als  Handelsstraße  im  Mittelalter ­
  22;—  RegulierungSarbeiten
  436;  —  Schiffahrt
415.  418.
Rhein-Marnekanal  491.
Rhein-Rhönekanal  491.
Rhinkanal  4  91.
Rhodus.  Hafenanlagen  von  A
518;  —  Koloß  518,  551.
Rhone,  Brücke  bei  Avignon
385  f.,  A  385:  —  zu  Lyon
38b;  —  Schiffahrt  415.
RhSne-Cettc-Canal,  Wehr  im
448.
Rhyndacus,  Brücke  über  den
383.
Richtplatten  (Eisenschiffb.)
667,  A  668.
Ricour,  Ingenieur  104.
Riegelrolle  an  Weichen  305,
A  304.
Riegellopf  für  Spitzweichen
(Eisenb.)  304.  A  305.
Riehu  (Schiffb.)  646.
Riesenkran  f.  Kanalbauten
478,  A  479.
Riga,  Handel  im  Mittelalter
26;  —  Leuchtturm  bet  557.
Riggenbach.  Zahnbahn  I82f.,
135,  165;  —  Lokomotive
09Q  A  OOQ
Rigibahn  180.  132,  140;  —
Ansicht  A  131;  —  Oberbaustützen ­
  165,  A  162;  —
Lokomotive  v.  Riggenbach
229  A  228
Rillenschiene  für  Straßenbahnen ­
  158,  A  167  ;  —  von
Adams  158.
Rtllenweae  141.
Rimrottsche  Lolvmottven2i8.
Rtngrohre  (Geschützw.)  714.
Ringstllck  an  Geschützen  712.
Rio  Grande-Eisenbahn  119;
—  Georgetown-Schlinge  u.
üVerschienung  des  Hagerman-Passes
  11g,  A  128.
RIguel,  Paul,  Ingenieur  471.
Ritter,  Zimmermstr.  88».
Nivor  Plate  Telegraph
Company  883.
„Rodert  ©tocfton",  Dampfschiff ­
  607.
Robertson,  Ingenieur  406.
Robertson,JodusSchiffb.)  604.
Robison,  Physiker  69,  184.
Rübling  (Brückend  )  898  f.
Rodman  (Geschütz!».)  709.
Röhrenbahnen  s.  Tunnelröhrenbahncn

Röhrenkessel  198,  200;  —
älteste  A  201.
Rohrpost  821  ;  —  Briefkapsel
u.  Aluminiumhüiie  A  822  ;
—  Postamt  in  Berlin  A
828.
Rollbrücken  (Kanalw.)  406,
488;  —  chinesische  A  482.
Rollen  des  Schiffes  68b.

Rollwiderstand  b.  Fahrzeugen
102.
Rom  i  Engelsbrücke  880;  —
Hasenanlagen  im  alten  517.
Römer,  Biückenbau  der  880;
—  Kanalbauten  466;  —
Postwesen  59,  747  ;  —  Eilbote ­
  A  747;  —  Retsewagen
A  748;  —  Seehasen  517;
—  Straßenbau  56;  —  Bia
Appia  56,  A  57;  —  Trajansstraße
  68,  A  57;  —
Bohlenweg  A  58;  —  Querschnitt ­
  einer  Römerstraße
58,  A  69;  —  Transportmittel ­
  7;  —  Verkehrswesen
11.
Röntgen,  G.  SD!.,  Ingenieur,
220.  612.
Rostfläche  in  Lokomoti»enl78.
Rostock-Güstrowkanal  492.
Rothenburg  ob  der  Tauber
A  26.
Rothcsand  -  Leuchtturm  554,
A  556  f.,  558.
Rotterdams  Kanalverbindung
mit  dem  Meere  492.
Rottflußbrücke  bet  Schärding
889.
Rouen,  Hafen  von  480.
Rouguaprol  (Taucherk.)  574.
Ronalraaen  660.
„Royal  Sovereign",  Citadellichtff
  627,  A  622.
Royalstenge  (Seew.l  669.
Rücklaus  des  Dampfschiffes
707.
Rllcklaufbremse  an  Lafetten
719.
Ruder  am  Schiff  645;  —
Schwerpunkt  A  645;  —  s.
Steuerruder.
Ruderfingerltnge  am  Steuerruder ­
  658.
Ruderherz  am  Steuerruder
65».
Ruderkoker  (Schiffb  )  652.
Ruderkops  am  Steuerruder
658.
Ruderösen  am  Steuerruder
658.
Ruderpfosten  am  Steuerruder
558.
Ruderpinne  am  Steuerruder
658.
Ruderscheren  am  Steuerruder
658.
Ruderstamm  am  Steuerruder
658.
Rudersteven  (Schtffb.)  651.
Rudolph,  Diego  (Postw.)  770.
Rudyerd,  John  (Leuchtt.)  55».
Ruhrort,  Hasen  ln  455,  462.
Rumänien,  Eisenbahn  in  82;
—  Postwesen  773;  —Telegraphcnoerkehr
  848.
Rumsay  (Schtffb.)  421,  602.
Rundgatt  (Schiffb.)  668.
Rnndkeiloerschluß  an  Geschützen ­
  715.
Rüppell  (Eisenb.)  152,  288.
Ruopiner  Kanal  491.
Ruffel,  Scott  (Schiffb.)  508,
645,  648.
Rußland,  Eisenbahnen  in
46  f.,  82,  85;  —  Fahrgeschwindigkeit ­
  824;  —  Personenverkehr ­
  826;  —  Spurweite ­
  92;  —  sibirische  Bahn
46,  88,  A  47;  —  transkaspische ­
  Bahnen  46,  83;
—  Kanäle  472;  —  Postwesen ­
  773;  —Tclegraphenwesen
  848  f.;  —  Unterste,
kabel  883.
Rüstanker  668.
Rüsten  (Schiffb.)  657.
Ryffelberghe,  Van  (Teleph.)
858.

Saale,  Schleusen  in  der  482.
Saanebrücke  bei  Freiburg  392.
Saarkohlenkanal  44g,  480,
491;  —  Langcnprofil
(Schleusen  treppe)478A469.
Sabäerreich  8.
Saccardo,  Ingenieur  219.
Sachsen,  Eisenbahn  in  82,85;
—  Staatsstraßen  37.
„Sachsen",  Ausfallpanzerkorvette,
  Haupispant  d.  A677;
—  Panzerung  A  725.
Sahlings  (Seew.)  659.
Saida,  Meerschloß  zu  517,  A
516.
Saligny,  Ingenieur  399.
Salinenkanal  491.
Salonwagen,  englischer  244,
A  243.
Salvatore,  San,  Seilbahn
auf  den  »40,  345,  A  344.
Salzburg,  Tunnel  „Neulhor"
in  128.
Samuel  (Lokomot.)  220.
SandbergS  Goliathschiene  A
H7.
Sandstreuer  f.  Eisenbahnzüge
170.
Sandwichsystem  i.  d.  Schiffs-Panzerung
  725.
Sänsten  52.
Sangaite-South-Foreland-Kabel
  882.
Sangho,  Hängebrücke  »79.
Sarat,  Handelsstadt  26.
Saltelschtene  von  Barlow  A
148.
Sault  Saint  Mary,  Stromschnellen
  bei  478.
„Saoannah",  Dampfschiff  604.
Savery,  Physiker  69.
Sayby  (Eisenb.)  288.
Scophanderapparal  (Taucherkunst) ­
  574.
Scarpe,  Schiffsverkehr  auf
der  481.
Schaathörnbake  547,  A  548.
Schächte,  Taucher-  578;  —
von  Hersent  579,  A  577.
Schachtschleuse  470.
Schaffyausen,  Rheinbrücke  bei
A  388.
Schäkel  an  Anker  ketten  663.
Schaluppe  643.
Schandcckel  (Schiffb.)  656.
Schanzkleid  (Schiffv.)  656,
677.
Schärding,  Rottflußbrücke  bet
389.
Scharrer,  I.  (Eisenb.)  79.
Schaufelräder  an  Dampfschiffen705;
  —  von  Ericsson
A  608.
Schebecksegel  A  643.
Schefflers  Schwellenschiene
168-Scheibenräder,
  Eisenbahn-268,
  A  267,  269.
Scheibgatten  (Ichiffb.)  660,
662.
Scheinwerfer  aufSchtffen742.
Schellkopsnieten  (Eiienscbiffb.)
668.
Schergang  (Eisenschiffb.)  677.
SchergangSplanken  (Schiffb.)
655.
Schichau  (Schtffb.)  741.
Schieb-lokomotioe  172.
Schtebepontons  584.
Schiebkarren,  chinesischer,  zur
Besörderung  Von  Personen
u.  Sachen  A  779.
Schtemannsgarn  661.
Schienen,  Eisenbahn-143;  —
Ausgleich-  161;  —  Brettfuß-
  von  Stevens  146,  A
147;  —  Breitsnß-  von  «Signales ­
  A  147;  —  Brück-,
Strickland-,  Brunei-  147,
A  148;  —  Dickste«.  152;  —
        <pb n="987" />
        Namen-  und  Sachregister.

Doppelkopf-  (Stuhl-)  von
Locke  A  148;  —  Druck-A
  sog;  —  gußeiserne  Fischbauch-
  von  Jessop  143.  A
144;  —  schmiedeeiserne
Fischbauch-  (1830)  A  146;
—  Flachschiene  (1837)  146,  A
147;  —  Führungs-  169,A
160;  —  gewalzte  u.  gearbeitete ­
  von  Berkinihaw
144,  A  146;  —  Goliathvon
  Sandberg  A  147;  —
Herkules-  168;  —  Ochsenkovf-149,
  A  148;  —Phönix-168,
  A  167;  —  Pilz-146;
—  Pilz-  von  Jessop  A  143;
—  der  preußischen  Staatsbahnen ­
  (1886)  A  147;  —
Rillen-  168,  A  167;  —
Sattel-  von  Barlow  A  148;
—  Schutz-  für  Straßenbahnen ­
  168,  A  157;  —
Schwellen-  von  Haarmann
168:  —  Schwellen-  von
Hartwich  A  167:  —
Schwellen-  von  Scheffler
168;  —Steg-iss;  —Stoßsang-
  A  153;  —  Smhl-166;
  —  Träger-  von  Adam?
A148:  —  gußeiserne  Winkelvon
  Curr  142,  A  143;  —
Zwangs-  159,  A  160.
Schienenbefestigung  (1836)  A
146;  —  durch  Hakenplatte
und  Klemmblättchen  A  167.
Schtenenbelag,  gußeiserner,
von  Reynolds  A  142.
Schienenbremse  (Seilbahn)
168,  A  167.
Schtcnenetnbauung  in  einer
Landstraße  A  68;  —  gepflasterte ­
  Landstraße  mit
GelciS  A  68.
Schtenenretbung  170.
Schienenschraubc  A  154.
Schienenstotz  für  Brückschienen
147,  A  148;  —  fester,
ruhender  149;  —  schwebender ­
  149,  A  150;  —  Stoß
im  Betrieb  A  150;  —
Fallscher  151;  —  Rorrisscher
  151;  —  Stoßfugen
151;  —  Stoßfugensormen
151,  A  162;  —  Haarmann«
Wechlelstcgblattstoß  162,  A
163;  —  Stoßbrücke  192,  A
168;  —  Stoßfangschiene  A
153.
Schienenstuhl  A  166;  —Holzdübel ­
  für  A  166;  —  englischer ­
  A  156.
Schienenstuhlnagel,  abgenutzter ­
  A  156.
Schienenübergänge,Sicherung
btt  319;  —  englisches  Sperrwerk ­
  für  Wegschronken  319,
A  320  :  —  englischer  Gleisübergang
  319,  A  820.
Schieneniibeihöhung  159.
Schienenweg  von  Curr  142,
A  143;  —  der  Liverpool-Manchester
  Eisenbahn(l830)
A  145.
Schienenzange  der  Jungfraubahn ­
  167,  A  166.
Schlsfahrtskaniile  465;  —
Lageplan  des  Bridgewater-,
des  Manchester-Kanals  u.
d.  Eisenbahn  A  84;  —
Kaiserkanal  in  China  8,466,
Al;  -  Plan  von  Soutscheou
  A  467  ;  —  Längenprofil ­
  des  Saarkohlenkanals
A  469;  —  Kammerschleuse
469,  A  470;  —  Schleuse
mit  10  m  Hubhöhe  im
Kanal  von  St.  Denis  A
471;  —  Bandakkanal  in
Telemarken  474,  A  476;  —
Brownsche  Hebewerke  zum

Ausheben  desChicagokanalS
478,  A  477;  —Riesenkran
zum  Ausheben  des  Chicagokanals
  478,  A  479;  —
Tralilieilbabn  für  den  Bau
des  Chicagokanals  478,  A
479;  —  chinesische  Rollbrücke ­
  483,  A  482;  —  die
geneigte  Ebene  bei  Elbing
A  483;  —  Dodgeschleuse
bet  Georgetown  A  484;  —
Hebewerk  bei  La  Soupiere
485,  490,  A  485,-  —  Hebewerk ­
  bei  Henrichenburg  486,
488,  A  486f.,  489;  —
Schleuse  des  Biwa-Kanals
492,  A  493:  —  elektrischer
SchiffsjUg  494,  A  493.
Schiffahrtszeichen  647;  —
WindbakeA.547;  —Schaorhörnbake
  547,  A  648;  —
hohe  Mellunibake  547,  A
648;  —  AnsegelungStonnen
A  549;  —  eiserne  Glockenboje ­
  A  649;  —  Heulboje
A  550;  —  Gasboje  A  660;
—  Leuchttürme:  auf  Neuwerk ­
  552,  A  551;  —  von
Cordouan  A  652;  —  von
Eddystone  A  553;  —  aus
Bell  Rock  554,  A  555;  —
Rolhesand-Leuchtiurm  554,
A  556  f.,  658  ;  —  Lcuchtbake
  A  569;  —  Kimmung
oder  Wölbung  des  Meeres
A  561;  —  parabolische
Linse  A  564:  —  parabolischer ­
  Spiegel  A  564;  —
Polygonallinse  A  564;  —
Linsenapparat  (Bienenkorb)
des  Leuchtturms  von  Penmarch-Eckmühl
  A  566;  —
tauchendes  Feuer  A  566;
—  Feuerschiff  A  567;  —
Dampssirene  zu  Bülk  569,
A  568;  —  Kaiserkai-Speicher
mit  Zeitball  in  Hamburg
A  569;  —  Wasserstaudzeiger
bei  Brunshausen  A  570.
Schiffbau:  geschichtliche  und
technische  Ea  iwickelung  691;
—  Grundlagen  des  Schlffb.:
Austrieb  u.  Deplacement
628;  —  Stabilität  631;  —
Schwingungen  des  Schiffes
im  ruhigen  Wasser  u.  auf
See  635;  —  Besegelung  u,
Ruder  637;  —  SchiffSwtderftand
  u.  Maschtnenkrast
  646;  —  praktischer
Schiffbau:  Holzschiffbau
650;  —  Eisen-  u.  Stahlschiffbau ­
  665;  —  Schiffsmaschinenbau
  692;  —  Marineartillerie708;—
  Schiffspanzer ­
  724;  —  Torpedowesen
  731,
Schiffbrücken  335.
Schiffe,  verunglückte,  Heben
und  Bergen  der  584;  —
umgefallenes  Schiff  584,  A
580;  —  Aufrichten  eines
umgefallenen  Schiffes  584,
A  583;  —  Hebung  eines
Baggers  A  584;  —  Ausbesserung ­
  einer  Kaimauer
A  586;  —  Hebung  eines
Torpedobootes  586,  A  687;
—Bergungder,,AlhabaSka"
688,  A  587;  —  Hebung
des  Dampfers  ,,Lady  Cathrine"
  A  588  f.;  —  Dichten
des  Lecks  des  „Großen  Kurfürsten" ­
  589,  A  690.
Schiffs  boote  663;  —  Kriegsschiffskuiter
  A  664;  —
Dawpsbelboot  A  664;  —
Francis'  Patentrettungsboot ­
  A  666.
Schiffsbrette  (Schiffb.)  629.  [

SchiffsdurchlässeWußkanalis.)
443.
Schiffseisenbahnen  488.
Schiffshebewerke  s  Hebewerke.
Schiffrkeffel  s,  Schiffsmaschinenbau. ­

Schiffsklassifikations  -  Gesellschaften ­
  68  l.
Schiffslinien  630,
Schiffsmaschinenbau  692;  —
Compoundmaschine  613;  —
von  Dudgeon  613,  A  615;
—  „Great  Britain"  A610;
—„Great  Eastern"A  613  f.;
—  „Great  Western"  A  609;
—  Schiffswiderstand  u.  Maschinenkrast
  645;  —  Feuerrohrkessel ­
  A  694  f.;  —
Bellevtllekcssel  697,  A  696;
—  Dürrkessel  A  697;  —
Tbornycroftkessel  A  698;  —
liegende  Dampfmaschine  A
699;  —  Perms  Doppeltrunkmaschine ­
  A  699;  —
dreifache  Expansionsmaschine ­
  für  Zweischraubenschiff
701,  A  700;  —  dreifache
ExvansionStnaschine  für
Kriegsschiffe  701,  A  700;
—RäderschiffSmaschine702,
A  701;  —  schrägliegende
Compound-Räderstdiffsma-Ichine
  A  702;  —  amerikan.
Balancier  -  RäderschtffSmaschine
  702,  A  703;  —
Kurbelwelle  des  Schnelldampfers ­
  „Kaiser  Wilhelm
d.  Gr."  A704;—Schraubenpropeller ­
  A  706;  —  zweiflügelige ­
  Schraube  A  707.
Schiffspanzer  724;  —  Panzerung ­
  der  AuSfall-Panzerkorvette
  „Sachsen"  A  725;
—  Panzervlattenwalze  A
726;  —  Zementierosen  A
727;  —  Versuche  mit  einer
KruppschengedärletenNickelstahlplatte
  von  300  mm
Dicke  A  728;  —  Panzer»
platlcnbearbcitungSwerkstalt
  in  Sheffield  A  729:
—  Grufons  Harrgußpanzerturm
  für  die  Forts  von
Spezzia  731,  A  730.
Schiffsschrauben  706;  —
Schrandenpropellcr  A706;
—  zweiflügelige  Schraube
A  707;  —  Einführung  der
605;  —  des  „Great  Britain" ­
  A  610.
Schiffstypen,  Konstruktionsrtsse
  von  630,1629.  A622,
624.
Schiffewiderstand  u.  Maschinenkraft ­
  645.
Schtffswinden  657.
Schiffszug,  elektrischer  494,
A  493.
Schifftransport,  Anfänge  6.
Schild  zum  Vortreiben  einer
Tunnels  A  860.
Schlafwagen  243.
Schlag  beim  Aufkreuzen  des
Schiffes  640.
Schleifen  im  Etsenbahnbau
117;  —  Schwarzwaldbahn
mit  den  Triberger  Schleifen
118,  A  116  f.;  —  Tunnelschlinge ­
  der  strategischen
Schwarzwaldbahn  A  122;
—  Georgetown-Schlinge  u
Überschienung  des  Hager
man-Paffes  122,  A  123
—  Kehren  der  Gotthardbahn
in  der  Biaschinaschlucht
124,  A  125  f.;  —  Linienentwickelung
  der  Goithardbahn
  durch  Schleifen  und
Schlingen  124,  1  125.
Schleiserbremse  261,

_  975
Schleppe  im  Schiffsbau  636.
Schlepper,  elektrischer,  für
Schiffszug  494.
Schleppminen  734.
Schlevptender  (Eisenb.)  183,
A  224.
Schlepptender  -  Lokomotiven
223.
Schlcppweiche  (Eisenb.)  A160.
Schleppzug,  mechanischer,  aus
Kanälen  494;  —  elektrischer
A  493.
Schleudern  der  Lokomotive
170.
Schleusen:  des  Biwaseekanals
492,  A  493;  —  mit  10  m
Hubhöhe  im  Kanal  von  St.
Denis  470,  A  471;  —
Dodge-  A  484;  —  Floß-443;
  —  im  Kaiser  Wilhelm-Kanal
  508,  A  509:  —
Kammer-  442.  466,  469,
A  470;  —  Kasten-  468;  —
Kuppel-  470,  A  470;  —
am  Nußdotser  Spitz  (Donau)
442,  A  440:  —  Polhem-473
  f.;  —Schacht-  470;  —
Sperr-  453;  —  Stau-  468;
—  Zwillings-  477.
Schleusenkammern,  geneigte
Ebenen  ohne,  mit  beweglichen ­
  483  f.
Schleusentreppe  470,  A  469.
Schlichten  der  Hö!zer(Schiffb.)
658.
Schlingen  im  Eisenbahnbau
i.  Schleifen.
Schlingern  der  Lokomotive
235;  —  des  Schiffes  685,
Schlitten,  Segel-  641.
Schlttlenlafette  713.
Sch  loßholz  an  Stengen  660.
Schtuv,  Segelboot  643.
Schlüffeltrue  (Seew.)  549.
Schlußsignale  (Eisenb.)  2841
283.
Schmalspurbahnen  92.
Schmalspur-Tenderlokomotive
aus  dem  Gußstück  derDampfchltnder
  etner  neuern  amerikan. ­
  Riesenlokomotive  180,
A  179.
Schmarting,  Segeltuch  661.
Schmidts  Reibungsbremse
261.
Schmiege  (Schiffb.)  652.
Schmieaemaschine  (Schiffb.)
A  668.
Schmiegen  der  Spantwlitkel
(Schiffb.)  667.
Schmirner  Thal,  Führung
der  Brennerbahn  im  113,
A  114.
Schmitckert  (Postw.)  787;—
Porträt  A  788.
Schnadellokomotive  A  104.
Schnaumaft  660.
Schneebagger  von  Paulttschky
331.
Schneedach  zum  Schutze  der
Eisenbahnen  A  119.
Schneepflüge  327.
Schneeschaufeln  s.  u.  Schnecschleudermaschinen.

Schneeschleudermaschinen  327;
—  nach  LeSlie  329,  A  328;
—  Görlitzer  Dampf-Kreiselschnceschausel
  8»0,  A  829  ;
—  Schneeschaufel  bet  der
Arbeit  331,  A  330;  —  Julls
Schneeschaufel  A  831.
Schneider  -  Grcu  jot  (Schiffs-Panzer)
  725  f.,  727.
Schnellbremse  von  Westinghouse
  258,  A  260  f.
Schnelldampfer,  Größenverhältuisse
  der  (1837—1897)
618,  A  617;  —  Querschnitte
der  größten  A  618;  —  Konstruktionsriß
  T  630;  —
        <pb n="988" />
        976

Namen-  und

Sachregister.

..Deutschland"  616;  —
..Kaiser  Friedrich"  in  Spanten ­
  stehend  A  671;  —  ..Kaiser
Wilhelm  der  Grobe"  616,
A  688;  Kurbelwelle  A  704;
im  Querschnitt  A  678;
Steuereinrichtung  A686;  —
„Lahn"  647  f.;  —  „Oceanic"
616.  672,  681  f&amp;gt;.  683;  vor
dem  Stavellauf  A  683.
Schnellfeuerkanonen  A  722  ;
—  Bauweise  der  A  713;
—  Einführung  der  720:  —
Armstrongs  Schraubenverschluß ­
  715,  A  714;  —  automatischer ­
  Verschluß  von
Canet  716,  A  715:  —
15  eins,  von  Armstrong
mit  Wiegelasette  in  gepanzerter ­
  Kasematte  A  720;
—  Geschützturm  von  Canet
A  720.
Schnellläufer  (Postw.)  746.
Schnellpost  786,  810.
Schnellzüge  321:  —  der  Gotthardbahn ­
  A  221.
Schnellzuglokomotive.  amerikanische ­
  (1848)  A  178;  —
Vorderansicht  einer  amerikanischen ­
  208,  A211:  —  bre
schnellste  der  Welt  223,  A
222:  —  neuere  amerikan.,
u.  Lokomotive  a.  d.  Jahre
1831  208,  A  210:  —  englische ­
  223,  A  225:  —  der
önerreich.  Staarsbalm  223,
A  224;  —  vierachsige  der
vreuß.  Staatsbahnen  mit
Drehgestell  169,  A  m.
Schnürboden  (Brückenbau)
402.
Schoellenen  (Gotthardstraße)
66.  A  65.
Schoner,  Segelschiff  643.
Schonerbark,  Segelschiff  645.
Schonerbrigg,  Segelschiff  643.
Schoner-Galeas,  Segelschiff
643.
Schornstein  an  Lokomotiven
177.
Schöre,  Schiffbau  662.
Schotte,  wasserdichte  (Etsenschiffb.)
  677.
Schottland,  Kanäle  in  476;
—  Straßenbau  62.
Schratsegel  643.
Schraube,  zweiflügelige,  für
Dampfer  A  706.
Schraubenböcke  (Eisenschiffb.)
68i;  —  Hinlersteven  mit
681.  A  682.
Schraubendampfer,  Einführung ­
  der  605;  —  ..Archimedes" ­
  605  ,  A  606;  —
„Great  Western"  607  ,  A
609;  —  klar  für  den  seitlichen ­
  Stapellauf  A  650.
Schraubendampfermaschinen
699,  A  699.
Schraubenkanonenboote  620.
Schraubenkuppelung  f.  Eisenbahnwagen ­
  272.
Schraubenpropeller  für
Dampfer  A  706.
Schraubenrahmen  (Eisenschiffb.)
  680.
Schraubenspindel,Handsteuereinrichtung ­
  mittels  A  658.
Schraubensteven  auf  Eisenschiffen ­
  680.
Schraubenverschluß  an  Geschützen ­
  715;  —  von  Armstrongs ­
  20,3  era  -  Schnellfeuerkanone
  in  Wiegelafette
715,  A  714.
Schubert  (Eisenbahnw.)  209.
Schubkarre  s.  Personentransport ­
  53.
Schubspannung  (Schiffbau)
654.

Schulterblöcke  (Schiffstakel.)
662.
Schultz  (Geschützw.)  714.
Schuner,  Segelschiff  643.
Schuppen.  Lager-,  in  Häfen
459,  525,  A  526.
Schüttrinnensystem  f.  Kohlenverladung ­
  529.
Schützentafeln  am  Wehr  446.
Schutzhäfen  520.
Schutzschiene.  Haarmanns
Straßenbahnoberbau  mit
158,  A  157.
Schuylkill,  Brücke  über  den
889;  —  Kanalisierung  477.
Schwager,  Bezeichnung  für
Postillon  752.
Schwalbenpost  820.
Schwaigen  am  Maste  659.
Schwanenfluß  in  Australien
420.
Schwanzblock  (Schiffstakel.)
662.
Schwarzen  Meer,  Handelsverkehr ­
  am  10.
Schwarzwaldbahn  mit  den
Triberger  Schleifen  118,  A
116  f.;  —  strategische  120,
A  121  f.
Schwarz  Wasserdrücke  (Schwei  z)
400.
Schwebebahnen  s.  Hängebahnen. ­

Schwebefähren  410;  —in
Bilbao  A  411.
Schweden,  Eilenbahnen  in  82;
—  Spurweite  92;  —  Kanäle ­
  473;  —  Postweien
77  2  ;  —  Telegraphenverkehr ­
  848;  —  Telephonie
857:  —  Unterseekabel  833.
Schwedler  (Brückenbau)  393.
Schweiz,  Enenbabnen  in  der
82;  —  Postwesen  767  ;  —
Alvenvostwagen  A  -  68;  —
Straßenbau  63;  —  Telegraphenwesen ­
  848  f.;  —
Telephonie  857;  —  Unterseekabel ­
  833.
Schwellen,  Eisenbahn-  142,
154;  —  eiserne  156.
Schwellenschienen  153;  —  von
Haarmann  158;  —  von
Hartwich  A  157;  —  von
Scheffler  158.
Schwenkrahmenlafette  716.
Schwimmdocks  534,  A  535;
—  eisernes  A  536.
Schwtmmkraft  eines  Schiffes
628.
Schwimmkran  A  528,  685.
Schwimmpontons  534.
Schwinghebel,  Zahnradlokomotiven ­
  mit  A  229  f.
Schwingungen  des  Schiffes
635;  —  eines  Flosses  auf
einer  Welle  A  636.
Schwoien  der  Schiffe  521.
Schwungradlokomortve  von
Trevithik  (1802)  A  186;  —
verbesserte  (1803/4)  A  187.
„Scotta",  Dampfschiff  615.
Sechtenburger  Kanal  491.
Seehäfen  516;  —  Meerschloß
in  Saida  517,  A  516;  —
Hafenanlagen  von  Rhodus
A  518;  —  Reichskriegshafen
u.  Katserl.  Werft  tn  Kiel
T  520;  —  Mole  von  Neapel
A  521;  —  Molenbau  tn
Brunsbüttel  A  522;  —
neuer  Hafen  in  Bremerhaven ­
  522,  A  523;  —
Segelschiffhafen  zu  Hamburg ­
  A  525:  —  Katsch  "ppen
u.  Speicherblocks  am  Sandthorkai
  in  Hamburg  A  526;
—  großer  Kran  am  Kranhöft
  in  Hamburg  A  527;
—  Schwimmkran  A  528;

—  Verladevorrtchtung  in
Eric  Pa  A  529;  —  Kohlenverladevorrichtung
  528,  A
680  ;  —  Kohlenschütlkran
im  Freihafen  zu  Bremen
528,  A  530;  —  Ster  bei
Madras  A  531;  —  Kielholen ­
  eines  Schiffes  532,
A  638;  —  Dockbank  zur
Ebbezeit  532,  A  583:  —
Schwimmdock  der  Werft
von  Blohm  &amp;amp;  Boß  in  Hamburg ­
  534,  A  535;—  eisernes ­
  Schwimmdock  535,  A
536;  —  Slipdellina  des
Österreich.  Lloyd  536,  A
637;  —  Pumpenbagger
637,  A  538;  —  Segelschiffhafen
  zu  Hamburg  538,  A
639;  -  Hafen  von  Marseille
I  n.  II  542,  A  640  f.;  —
Londoner  Dockanlaaen  544,
A  548;  —  New  Dort  aus
der  Vogelschau  5  44,  T  544;
Hafeneinfahrt  A  545.
Seekanäle  494;  —  Eimertrockenbagger ­
  A  495;  —
Querschnitte  A  496;  —
Suezkanal  u.  seine  Umaebuna
  496,  A  497;  bet
Port  Said  A  498;  bei  Port
Tewfic  A  499;  —  Drehbrücke ­
  der  Manchester  Seekanals ­
  A  601;  —  Kaiser
Wilhelmkanal:  Trockenbagger ­
  A  505;  —  Spülbagger ­
  mit  angespültem
Sanddamm  A  507;  —  Einschnitt ­
  bei  Grünenthal  mit
Hochbrücke  507.  A  508;  —
Schleuse  zu  Brunsbüttel
508,  A  509;  —  St.  Petersburg- ­
  Kronstadter  Kanal
512,  A  518;  —  Mündung
des  Kanales  von  Korintb
512,  A  514.
Seele,  Seelenachse,  -baden,
-wände,  -weile  in  Geschützrohren ­
  7&amp;gt;2.
Seeminen  782.
Seepostverkehr  812.
Seetelegraphen-Gesellschaft,
Deutsche  833,
Seezeichen  s.  Schiffahrtszeichen. ­

Segel  s.  Besegelung.
Segeljachten  641;  —  Konstrukiionsriß
  einer  '1'  630.
Segelschiff,  Konstruktionsriß
1  630;  —  s.  Besegelung.
Segelschlitten  641.
Segmentgewölbe  im  Brückenbau ­
  881,  A  383.
Söguins  Lokomotive  mit
Röhrenkessel  u.  Gebläse  A
198;  —  stationärer  Röhrenfeffet
  A  20l.
Seifert,  L.,  Ingenieur  554.
Seilbahnen  106,  168,  335  ff.;
—  Abts  selbstthätige  Ausweichstelle ­
  345,  A  346;  —
drcischienige  Seilbahn  aus
den  Beatenberg  mit  Ausgleichletl
  843,  A  341;  —
Wagen  der  Bllrgenftock-Bahn
  847,  A  846;  —  Gietzbachbahn:
  obere,  untere
Station  A  889;  Umkehrrolle ­
  nebst  Fllllrohr  345,
A  348;  eiserner  Bladnkt  A
340;  —  Grütschalpbahn  bei
Lautcrbrminen  840,  A  337;
Viadukt  340,  A  388;  —
Oberbau  der  Bahn  Lauterbrunnen ­
  -  Mürrcn  168,  A
167;  —  San  Salvatore-Bahn
  mit  zwei  Schienen
u.Abtkcher  Zahnstange  345,
A  344;  —  Stanserhornbahn:
  Schienen-  u.  Zangenbremse

  168,  A  167;  Umsteigestation ­
  345,  A.  342:
—  Terrtlet  -  Glion  -  Bahn
mit  vier  Schienen  u.  Riggenbachscher
  Zahnstange  A
845;  —  Drahtseilbahn  f.
d.  Bau  des  Chicagokanals
A  479.
Setlbrücke  über  den  Chatatumbo
  379,  A  880.
Setlebenen  bet  Settbahnen
388.
Seilgewicht  bei  Seilbahnen
842.
Scilschiffahrt  422.
Setlzug  aus  Kanälen  494.
Seine,  Arcolebrllcke  tn  Parts
überd.  899;  —  Brückevon
Nenilly  888;  —  Regulierung ­
  429;  —  Schiffsverkehr
4SI;  —  Wehre  447.
Settenkielschwein  (Eisenschiffb.)
  67«.
Seknndärbghncn  90.
Semaphore  276,  A  277.
Semmeringbahn  42,44,108s.;
—  Lageplan  lio,  A  108;
—  Wetnzettlwand  A109  f.;
—  Thalbrllcke  über  die  Kalte
Rinne  110,  A  111;  —  Konkurrenzlokoinotwe
  .Wiener
Neustadt"  A  213;  —  Konkurrenzlokomotive ­
  „Seraing"
A  218.
Senecakanal  477.
Senegal,  Eisenbahnen  von
83;  —  Unterseekabel  833.
Sensiekanal  481.
Senken  (Schiffb.)  680,  653.
Serajewo  -  Konjica-  Eisenbahn
136.
Serbien,  Eisenbahnen  in  82;
—  Postwesen  773;  —  Telegraphenverkehr ­
  848.
Serpentinen  bei  Eisenbahnanlagen
  115.
Setzen  des  Schiffes  685.
Severin  (Kanalbau)  482.
Severnfluß,  Fischtreppen  im
450;  —  Elsenbrücke  über
den  A  890.
Shawers  Damps-Motorwagen
72,  A  71.
Shessield.  Panzerplatlenbearbetiungswerknalt
  in  A  729.
Chrapnels  728,  724,  A  722.
Shula,  Seilbrllcke  879,  A  »so.
Siam,  Eisenbahnen  in  83;—
Postwesen  780;  —  Kurier
zu  Pferde  A  780.
Sibirien,  Eisenbahnen  in  46,
83;  —  Karte  A  47;  —
Fahrgeschwindigkeit  324;  —
Eisenbahnfähre  aus  dem
Baikalsee  832,  83«;  —
Postwesen  773;  —  Posthaus ­
  zu  Alschinsk  A  773.
Sicard  (Taucher!.)  574.
Sicherheitsschranbenkuppelung
  272,  A  271.
Sicherheitsweiche  160,  A  161.
Sidon,  Hafen  von  516.
Siemens,  Fernsprecher  v  853.
Siemens  &amp;amp;  Halste:  clektr.
Auslösevorrichtung  (Blockvers.)
  817,  A  818;  —  Blockwerk ­
  809,  A  810;  —  elektr.
Hochbahn  372;  —  Signalwesen
  280;  —  aufschneidbarerWeichenhebel
  mtt  Büssings ­
  Drahtspanner  292,
294,  A  293;  —  elektrischer
Stgnalantrteb  298,  A  800;
—  Streckenblocknng  316  f.;
—  elektr.  Unterpflasterbahn
in  Budapest  364;  —  Weichensteltvorrichtung
  mit
Svitzenverichluß  u.  Drahtrißsperre.
  Schnitt  306,  A
807.
        <pb n="989" />
        Namen-  und  Sachregister.

977

Sierra  Nevada.  Bahnstrecke
in  der  (Trestle  work)
119,  A  118.
Sievers  (Kanalbau)  472.
Signalantrieb,  elektrischer
(Eisenb  )  298.  A  300
Signalbrücken  (Eisenb.)  A  283,
285.  299:  —  engliirbe
Signalbrücke  mit  44  Flügelsignalen ­
  283.  A  285.
Signale.  Schiffahrts-  s.  Sckiifffahrksz«'ichenEisenbahn-

  Signalwesen.
Signalfelder  (Blvckverfahren)
311.
Signalflügelgruppen  (Eisenb.)
289,  A  290.
Signaltafel  (Eisenb.)  283,  T
Signalturm  (Eisenb.)  291.
Signalwesen  f.  Eisenbahnen
2lb;  —  Geschichilicbes  275;
—  Signalformen  278;  —
Läutewerke  280;  —  Handsignale ­
  282  ;  —  Mastensignale
  282;  —  Vorsignale
284  :  —  Weichensignale  284  ;
—  Signale  am  Zuge  284;
—  Weichen-  u.  Signalsicherung ­
  288;  —  Blockverfahren
  308;  —  Sicherung
der  Schienenübergänge  319.
Simons  Dampf-Motorwagen
72,  A  71.
Stmplonbahn,  Kraftstationcn
der  98:  -  Tunnel  44.128.
Simplonstraße  64.
Simpsonsche  Regel  (Schiffb.)
630.
Single-Maschinen  170,  223.
A  225.
Stnkstoffe  in  Flüssen  424.
Sirene  (Schiffahrt)  569,A  568.
Sitzer  (Schiffb.)  652.
Skandinavier,  Schiffbau  der
592  ;  —  WikingerschiffA593.
Skerryvore.  Leuchtturm  von
554.
Sliding-Guntersegel  A  643.
Slip  des  Dampfschiffes  707.
Slipheüing  (Schiffb.)  536,  A
537.
Smeaton,  Ingenieur  36,  554.
571.
Smith,  Archibald  (Kompaß)
648.
Smith.  I.  V.  (Schiffsschraube)
605;  —  Porträt  A  605.
Smolensk  im  Mittelalter  27.
Société  générale  des  Téléphones ­
  855.
Södenborg.  Ingenieur  473.
Sog.  Bodensog  586.
Solani-Aquädukr  476.
Solano-Eisenbahnfähre  333.
A  334.
Soldaja.  Handelsstadt  27.
Soldaienbriefe  818.
Sommerweg  68.
Sophia.  Brücke  der  heiligen
383.
Sorgleine  amSteuerruder658.
Soroche.  Bergkrankheit  loi.
Sostratus,  Baumeister  517,
552.
South  American  Cable
Company  833,  843.
South-Foreland.  Leuchtturm
zu  562.
South-  Foreland-  Sangatte-Kabel
  832.
Sou'b-Western  Eisenbahn.
Viadukt  der  406
Soutscheou,  Plan  von  A  467.
Spagnoletti  (Eisend.)  315.
Spanien,  Eisenbahnen  in  82;
—  Fahrgeschwindigkeit  324  ;
—  Spurweite  92  ;  —  Handel ­
  im  16.  Jahrh.  28;  —
Postwesen  769:  —  Eilpost-  |

wagen  A  770;  —  Schiffbau
595;  —  Telegraphenverkehr ­
  848:  —  Telephonie
856;  —  Unterseekabel  833.
Spantarealkurve  (Schiffb.)  A
630.
Spanten  (Schiffb.)  652;  —
Aufrichten  der  A  652;  —
Schiff  in  653.
Spantenbiegenplan  (Eisenschiffb.) ­
  667.  A  668.
Spantenriß  eines  Schiffes  630.
Spanienskala  (Schiffb.  )A  631.
Spantwinkel,  Biegen  u.
Schmiegen  d.  (Eisenschiffb.)
666.
Spardeckschiffe  682.
Spediteur  50.
Speichenrad,  schmiedeeisernes
268,  A  269.
Speicherräume  in  Häfen  459,
525,  A  526.
Speigatt  (Schiffb.)  677.
Speisepumpen  für  Lokomotiven ­
  182.
I  Speisewagen  2,44,  324,  A  249.
Sverrschleuse  453.
Sperrtlwre  a.  d.  Schleuse  508.
Sperrwerk  für  Wegschranken,
englisches  (Etsenb.)  319,  A
320.
Spiegel  (Schiffb  )  653.
Spiegel,  parabolische,  für
Leuchttürme  A  564.
Spiegelgalvanometer  834;  —
Anwendung  A  835.
Spiegelhölzer  (Schtffb.)  653.
Spiegelwrangen  (Schiffb.)653.
Spieker  im  Schiffbau  657.
Spierentorpedos  734;  —  Torpedoboot ­
  mit  A  734.
Spille  auf  Schiffen  A  657.
Spindel,  Ruder-  645.
Spirale  im  Eisenbahnb.  120.
Sviraltunnel  122.
Spitzenverschlüffe  (Eisenb.)
305;  —  mit  Abscherbolzen
von  Büssing  305,  A  306;
—  Weichenstellvorrichtuna  j
mir  aufschneidbarem  S.  u.  j
Drahtrißsperre  Schnitt  306,  l
A  307.
Spitzkehren  im  Eisenbahnb.  !
115:  —  einfache  A  115:
—  doppelte  der  Eisenbahnlinie ­
  Tanga-Muhesa  116.
A  115.
Spitzweichen  (Eisenb.)  296;
—  Riegeltopf  für  304,  A
3«)5.
Spleißung  zweier  Kabelenden
an  Bord  des  „Grear
Eastein"  835.  A  831.
Splügenstraße  66.
Spoleto.  Aquädukt  bei  383
Sponung  am  Kiel  651.
Svorn  der  Schlachtschiffe  626
Spree.  Schiffsverkehr  auf  de,
4)8.464;  —  Schleusen443
Spree-Oderkanal  481.
!  Spreetunnel  130.
Sprengewerke  auf  Hinierradj
  dampfern  680.
Sprengringbefesttgung  (Eisenbahn) ­
  A  271.
Sprietsegel  A  643.
Spnngfield,  Brücke  bet  389.
-  Springflut  425.
i  Springpferde  (Schiffstauwerk)
661.
i  Springstroppen  (Sckiffstauwerk)
  661.
Spruten,  Schiffstaue  662.
Spülbagger  mit  angespültem
Sanddamm  5  06,  A  507.
i  Spülbecken  (Flußregul.)  427  ;
|  —  in  Häfen  536.
:  Spurerweiterung  (Eisenbahn)
158.
Spurkranz  an  Schienen  143.

Spurwege  31.
Spurweite  derEisenbahnen  90.
Stabilität  der  Schiffe  600,
631.
Stadtbahnen  89.  347;  —
Londoner  Untergrundbahnen ­
  349;  —  Boden-  u.
Neigungsverhältntsse  des
Jnnenrtngs  der  Londoner
Untergrundbahnen  350,  A
351:  —  Steigungsverhältnisse ­
  der  East-London-Bahn
A  352;  —  Umertunnelung
einer  Häusergruppe  A  352;
—  Tunnelquerschnitte  A
353;  —  Tunnel  mit
Steineisendecke  353  A  354;
—  Tunnelquerschnitt  unterhalb ­
  der  Londoner  Docks
A  354;  —  Station  Gower
Street  355.  A  354;  —
Station  mitGlas-Eiseridach
A  355;  —  Schnitt  durch
die  Cannon  Street-Station
A  356;  —  Querschnitt  der
Station  Wapping  356,  A
357  ;  —  offener  Einschnitt
der  Station  Shadwell  356,
A  357;  —  Enllüftungsanlage
  i.  d.  Cannon  Street
A  358;  —  Londoner  elektrische ­
  Tunnelröhrenbahn
359;  —  Querschnitt  des
Tunnels  A  360:  —  Stahlschild ­
  zum  vortreiben  des
Tunnels  A  360;  —  Arbeitsbühne ­
  u.  Einsteigeschacht  i.
d.  Themse  A  361;  —  Schnitt
durch  eine  Station  A  361:
—  Längsschnitt  der  elektr.
Lokomotive  A  362;  —
Schnitt  durch  eine  Zwischenstation ­
  der  Zentral-London-Bahn
  A  363;  —  Mansion
House-Station  A  364;  —
elektrische  Unterpflasterbahn
in  Budapest  364;  —  Tunnel ­
  mit  Unterführung  einer
Wasserleitung  364.  A  365:
—  Tunnel  i.  d.  Grundwasserstrecke ­
  d.  Andrassystraße
  A  865;  —  eiserner
Decken  bau  der  Station
Arenastraße  3  65,  A  366;
—  Treppenhäuschen  der
Station  Arenastraße  365,
A  366;  —  Bau  der  Haltestelle ­
  Giselovlatz  A  367;  —
inneie  Ansicht  der  Station
Oktogonvlatz  365,  A  368;
Wagen  mir  vierpoligem  um
die  äußere  Drehgestellachse
gebauten  Motor  365,  A
368;  —  New  Jorker  Hochbahnen ­
  369:  —  Lageplan
A  370;  —  Gleisbogen  369.
A  371:  —  Querschnitt
einer  Station  369,  A  371;
Berliner  elektriiche  Hochbahn ­
  372;  —  Gleisdreieck
A  372;  —  Oberbaumbrücke
372,  A  373;  —  Station
Gitschinerstraße  im  Bau  A
373;  —  Berliner  Unter  1
pflasterbahn  374;—  Hängeoder
  Schwebebahnen  374  ;
—  Lartigues  Dreischienen  b.
Lokomotive  374,  A  375;  —
Enos'  Hängebahn  375,  A
376:  —  Langensche  Schwebebahn ­
  375,  A  376:  -
Elberfelder  Schwebebahn
376,  A  377.
Städte.  Boienwesen  der,  im
Mittelalter  750.
Stadttroastühle  52.
Stadtverkehr  51.
Stadtwirtschaft  675.
Stafettenbeförderung  812.
Stafettenreiter,  kaliforn.  780.

Stage  (Schiffstakelung)  660;
—  über  Stag  gehen  des
Schiffes  64t.
Stage-Coach  (Postw.)  767.
Stagseget  64g.
Stagtakel  (Schiffstakel.)  662.
Stadlplattenpanzer  726.
Stahlschiffbau  s.  Eisenschiffb.
Stampsbelon  im  Brückenbau
406.
Stampfen  des  Schiffes  666.
Stampsstage  (Schiffstauweik)
661.
Stampfstock  am  Bugspriet  66t.
StLnder  am  Wehr  447.
Standstgnale.  ältestelEisenb.)
276.  A  276.
Stanserhornbahn  106,  343,
A  107;  —  Schienen-  u.
Langenbremse  168,  A
167;  —  Steigung  340;  —
U  m  steige  station  344,  A  342.
Stapeiklöhe  (Schtffb.)  660.
Stapcllaus  661,  658;  —
Schraubendampser  klar  für
den  seitlichen  A  660;  —
eiserne  Schiffe  682;  —
„Dceontc"  vor  dem  A  683;
—  Vorkehrung,  um  den
Schlitten  auf  geneigter
Ebene  z»  halten  A  684;  —
„Fürst  Bismarck"  zum  St.
bereit  A  685.
Stapelrecht  24.
Siationsblockung  (.  u.  Blockverfahren. ­

SiationSstgnale  276.
Stauschleusen  (Kanalb.)  468.
Staustufe  (Flußkanalister)
A  440.
Stauwand  am  Wehr  443.
Stauwerke  s.  Flußkanalisierung. ­

Steamlasten  lSchiffb.)  663.
Slecknih,  Schiffahrt  auf  der
438.
Stccknitzkanal  468.
Steeles  Luftdruckbremse  26g.
Steenke  (Kanalbau)  482.
Sieertblock  (Schiffstakel.)  662.
Siegs-knenen  152.
Stkhbolzen  an  Lokomotivkeffeln
  A  180.
Stehendes  Gut  i.  d.  Takelage
660.
Stehlin  (Zahnbahn)  140.
Steife  Schiffe  631.
Steige,  Za  deiner  116.
Stet  ungeg  enze  der  Eisenbahnen ­
  106.
SIeigungsverbältniffe  i.  Eisenbahnbau ­
  102,  A  106.
Stetldabnen  s.  Seilbahnen,
Zahnbahnen.
Steina,  Viadukt  von  406.
Sieinkistensundierung,  Kaimauer ­
  mit  A  469.
Steinwllrfelunterlage,  gußeiserne ­
  Fischbauchschiene  von
Jessop  auf  143,  A  144.
Stellwerke  s.  u.  Weichen-  u.
Signalsicherung  288.
Stelliverkbaus  des  Kopfbabnboies
  Cannon  Street  in
London  290,  A  291.
Stellwerkhebel,  englischer,  mit
VerschlußvorrichtunglEisen»
bahn)  291,  A  292.
Stemmlbore  (Krnalbau)  470.
Stengensahling  (Seclv.)  660.
Stengepardunen(SchiffStakel.)
660.
StengewindreePlSchiffstakel.)
662.
Stephan,  von  (Postw.)  790;
—  Porträt  A  790;  —  Postkarte ­
  802;  —  Diensträume
808;  —  Reichsvostmuseuin
825  ;  —  Weltpostverein
826;  —  Telephonie  862.
123
        <pb n="990" />
        978

Namen-  und

Sachregister.

Stephenson,  George,  Ingenieur ­
  192;  —  Porträt
A  192;  —  Vlackwallbahn
336;  —  Eisenvahnsianale
275;  —  Liverpool-Manchester-Eisenbahn ­
  204;  —
Lokomotiven:  Nr  i.  A  196;
zweiter  Bauart  (1815)  A
194;  dritter  Bauart  (1816)
A  195;  „Adler"  203;  —
Spurweite  90;  —  Suezkanal
  496;  —  Walzschtene
143,  145;  —  Zahnradantrieb ­
  für  d.  Lokomotive
„Blücher"  (1814)  A  193.
Stephenson,  Robert,  Ingenieur ­
  205;  —  Britanniabrücke
  112,  392,  A  113;  —
Lokomotive  „America"
(1828)  198,  A  197,  206;  —
Lokomotive  ..Rocket"  200,
A  199;  —  Röhrenkessel  der
„Rocket"  A  201;  —  Lokomotive ­
  „Planet"  A  203;
—  Steuerung  210,  704;  —
Zwillingslokomotiven  216.
Stetigkeit  eines  Schiffes  637.
Stettin  z.  Z.  d.  Hansa  20.
Sleuerbordbug,  Schiff  über
640.
Steuerbordhalsen  640;  —
Bark  mit  halbem  Winde
segelnd  mit  A  640.
Steuerlastige  Schiffe  630.
Steuerruder  658;  —  Handsteuereinrichtung
  mittels
Schraubenspindel  A  658;
—  Hintersteven  mit  (Eisenschiffb.) ­
  680,  A  68l;  -
Damvssteuerapparat  684,
A  686.
Steuerung  an  Lokomotiven
210.
Steven  (Schiffb.)  680.
Stevenknie  am  Vorsteven
651.
Stevenrohr  (Schiffb.)  651.
Stevens,  John  (Eisenbahnw.)
206.
Stevens,  Robert,  Breitfußschiene ­
  von  146,  A  147.
Stevenson,  Alan  (Leuchtt.)
554.
Stevenson,  Robert  (Leuchtt.)
554.  560.
Stevin,  Simon  (Kanalbau)
468.
Stilfserjochftraße  66,  A  65.
Stockport.  Viadukt  von  406-Stockton
  (Schiffb.)  607.
Stockton-Darlingtoner  Bahn
90;  —  Stephensons  Lokomotive ­
  „Locomotion"  A
196;  —  erster  Personenwagen ­
  der  236,  A  237.
Stopfbüchsenklotz  (Schiffb.)
653.
Stopperflöße  683.
Slöpsel  mit  Leikungsschnur
(Teleph.)  862,  A  860.
Störkanal  49l.
Storkowkanal  491.
Stoßbrücke  (Eisenb.)  152,  A
153.
Stoßfangschiene  A  153.
Stoßfugen  (iifenb)  151,
165.
Stoßfugenformen  (Eisenb.)
151,  A  152.
Stoßvorrichtungen  f.  Eisenbahnwagen ­
  271,  A  271  f.
Stoßweger  (Schiffb)  655.
„Stourbridge  Löwe",  Lokomotive ­
  206.
Straits-Settlements.Postverkehr
  in  780.
Strak  (Schiffb.)  630.
Strandrecht  51.
Straßburg,  Schiffahrtsverkehr
von  464.

Straßenabschlämmmaschinen
68.
Straßenbahnoberbau  mit
Schutzschiene  v.  Haarmann
158,  A  157.
Straßenbau  s.  Landstraßen.
Straßen  eisenbahnen  53.
Straßenkehrmaschinen  68.
Slraßenmoloren  69;  —
CugnotS  Dampfwagen  A
69;  —  Trevithiks  Straßenlokomotive ­
  70,  A  69;  —
Londoner  elektrisches  Cab
71  A  70;  —  amertk.  elektr.
Wagen  72,  A  70;  —
Shavers  Dampf-Motorwagen ­
  72,  A71;  —  SimonS
Dampf-Moiorwagen  72,  A
71;  —  Daleys  Kasoline-Motorwagen
  72,  A  71;  -
Benton-Harbers  Gasoline-Mororwagen
  72,  A  71;  —
elektrisch  betriebener  Gesellschaftswagen ­
  f.  12  Personen
73.  A  72;  —  elektrisch  betriebener ­
  Geschäftswagen
73.  A  72;  —  elektrisch  betriebener ­
  Postwagen  A  73;
—  Datmlerscher  Motorfrachtwagen
  A  74.
Straßenpflaster  i.  Mittelalter
52.
Straßenverkehr  im  18.  Jahrh.
(Porte  chaise)  A  51.
Straßenwalzen  68.
Straßenzwang  24.
Streckenblockung  s.  u  Blockverfahren. ­

Streckensignale  (Eisenb.)  278.
Streugeschosse  723.
Strickland-Schiene  147,  A
148.
Striegauer  Wasser,  gußeis.
Brücke  über  das  A  391.
Stringerplatten  (Schiffb.)  665,
676.
Stringerwinkel  (Schiffb.)  665,
674.
Stromankec  668.
Strombaukunst  423.
Stromlaufskizze  (Teleph.)
862,  A  860.
Stropp  (Schiffstakel.)  662.
Strub  (Zahnbahn)  136,  165;
—  Oberbau,  Schienenzange,
Zahnstangenweiche  d.  Jungfraubahn ­
  167,  A  166
Stufenräder  bei  Zahnbahnen
165.
Stuhlschiene  A  148.
Stuhlschienengleise  153.
Stuhlichienenoberbau  (Eisenbahnb.) ­
  153,  155,  A  156.
Stumpfbolzen  im  Schiffbau
657
Sturmflut  425.
Sturzbelt  am  Wehr  443.
Sturzpfonen  (Schiffb.)  656.
Stützkörper  am  Wehr  443.
Sudmarinegucker  580,  A  580  f.
Südafiikanische  Republik,
Eisenbahnen  in  der  83;  —
Feldbahn  mit  elektrischem
Betrieb  A  98;  —  Postwesen ­
  776.
Sudan,  Eisenbahnen  im  83.
Suez,  Kanal  von  465,  496;
—  Karte  A  497  ;  —  bei
Port  Said  A  498;  —  bei
Port  Tewfic  A  499.
Sulinamündung,  Regu-Uerungsarbeiten
  an  der
436.
Sully  Straßenbau  unter  61.
Sunderland,  Brücke  zu  A  391.
Superga-Seilbahn  339.
Susquehnnna,  Brücke  bei
Columbia  über  den  389;
—  E'sbrückeA  410;  —  Eisenbahnfähre ­
  333.

Susquehannakanal  477.
Swakopmund-Windhoeker
Bahn  94.
Swift  boats  474.
Sykes  (Eisenb.)  315.
Syminglon,  Ingenieur  69,
421,  602;  —  Dampfboot
A  601.
Szechönyistraße  a.  d  unteren
Donau  A  67.

Tafel,  Peutingersche  60.
Tagesmarken  (Seew.)  547.
Tagespost  von  Beirut  nach
Damaskus  46,  A  48.
Tajo,  Römerbrücke  über  den
381,  A  382.
Takel  (Schiffsraum.)  662.
Takelage,  stehendes,  laufendes
Gut  der  660  f.
Takelung  eines  Schiffes  659.
Talbots  Güterwagen  263,
A  266.
Taljen  (Schiffsraum.)  662;
—  am  Sleueruder  658.
Taljereeps.  Taue  660.
Tampico-  Mexiko,  Lokomotive
der  Bahn  217.
Tana,  Handelsstadt  18,  26.
Tanga-Muhesa,doppelte  Spitzkehre ­
  der  Eisenbahnlinie
116,  A  115.
Tanks.  Tankschiffe  46l;  —
Schotteniystem  in  680.
Tarbö  (Straßenbau)  66.
Tarifwesen,  Post-,  in  Preußen ­
  787.
Tasmanien,  Eisenbahn,  in  84.
Taubenpost  818;  —  Brieftaube ­
  A  819.
Tauchbewegungen  d  Schiffes
635.
Taucherkunst  571;  —  Taucherhelm ­
  mit  Verschluß  572,  A
571;  —  Taucher  im  Anzug ­
  u.  mit  Luftpumpe  A
572;  —  amerikan.  Taucherausrüstung ­
  576,  A  573;  —
Taucher  mit  Luftregulator
ohne  Helm  u.  Anzug  (Nackttaucher) ­
  576,  A  574;  —
Taucher  mit  Luftregulator,
Vorrichtung  zum  Sprechen
u.  Hören,  Lampe  576,  A
575;  —  unterseeische  Petroleumlampe ­
  A  576;  —
Marcilbacys  Taucherhelm
mit  elekrr.  Lampe  577  ,  A
576;  —  Herfents  Taucherschacht ­
  579,  A  577;  —
Haedickes  Tieftaurbavvaral
57  9.  A  578;  —  Haedickes
Taucherboor  A  579;  —
unterseeisches  Boot  „Nautilus" ­
  570.  A  579;  -
Haedickes  Submartnegucker
580;  —  Submarinegucker
für  kleine  Fahrzeuge,  für
Boote,  im  Kugelgelenk  A
581;  —  pneumatischer
Tunnelbau  T  581.
Taucherschachte  für  Stromregulierung ­
  A  436  f.
Tauerboot,  elektrisches.  A422.
Taurus,  Handelsstadt  18.
Taxissche  Post  751  ff.,  766,
769.
Taxis,  Franz  von  (Postw.)
61.  751.
Taxis.  Lamoral  von  (Postw.)
752;  —  Portiät  \  751.
Taxis,  Leonhard  von  (Postw.)
751.
Taxis,  Roger  von  (Postw.)
751.  766.
Taxis,  Simon  von  (Postw.)
769.
Taylor  (Schiffb.)  602  ;  —
Dampfboot  A  601.

„Tegetthoff",  Kaiemattschiff
626.  A  622.
Tehuantepec,  Schiffseisenbahn
von  515.
Telegraphenvereinigung,  inlerna'.ionale
  850.
Telegraphie:  Entwickelung
der  Welttelegraphie  831;  —
unterseeische  832;  —  Zusammenspleißen ­
  zweier
Kabelenden  an  Bord  des
„Great  Eastern"  835,  A
831  ;  —  Anwendung  des
Spiegelgalvanometers  bei
Kabellegung  834,  A  835;  —
Arbeiten  an  Bord  zur
Wiederaufnahme  des  verlorenen ­
  Kabels  A  837;  —
festländische  Weltlinien  836  ;
—  heutige  Ausdehnung  der
Welttelegraphie  839  ;  —  in
den  einzelnen  Kulturländern
842;  —  Worttarif  842;  —
unterirdische  Kabel  843;  —
Hughes-Betriebssaal  des
Berliner  Haupttelegraphenamtes ­
  846.  A  845;  —  telegraphische ­
  Bureaus  851.
Telemotor  von  Brown  684.
Telephone  Company  854.
Telephonie,  Entwickelung  der
852  ;  —  Fernsprechverbtndungsanlagen
  856;  —
induktionsfreie  Fernsprechleitung ­
  857,  A  858;  —
Anrufsvorrìchlung  860,  A
859;  —  linke  untere  Ecke
eines  Klappenschrankes  862,
A  860;  —  Stromlaufskizze
860.  A  862;  —  Stöpsel  mit
Leitungsschnur  862,  A  860;
—  Fernsprechvermittelungsaml
  in  Mailand  A  861  ;  —
Vielfachumschalter  A  892  ;
—  Telephonleitung  für  Polizeizwecke
  in  Chicago  866,
A  863;  —  Klinkentafel
A  864;  —  Fernsprechvermittelungsamt ­
  in  Hamburg
mit  Umschallesystem  in
Tischform  864,  A  865;  —
Mikrophon  mit  Dämpfung
864.  A  866.
Teliener  (Eisenbahnw.)  136.
Telford,  Ingenieur  86,  62,
392,  406.
Tender  183.
Tenderlokomotiven  183.
Tenderwache  277.
Ternl-Werke  (Panzerplatten)
730.
Terre-Nègre,  Leuchtturm  von
557.
..Terrible",  Kreuzer  627,  A
624.
Territet-Glion-Seilbahn  A
345.
Terliärbahnen  90.
Telsinthal,  Kehrtunnel  der
Gotlhardbahn  im  124,  T
125.
Teufelsbrücke  über  den  Lobregat
  A  386.
..Teulonic",  Dampfschiff  615.
Thalbrücken  s.  u.  Brücken.
Tharschlch.  sagenh.  Land  10.
Themse,  die  alte  Brücke  zu
London  über  die  385;  —
Souihwarkbrücke  zu  London
391  ;  —  Towe,  brücke  406.
Theodosius,  Postwesen  unter
749.
.The  Queen",  Linienschiff
600  A  601.
.The  Sovereign  of  the  Seas",
Dreidecker  A  558.
.The  Victory",  Dreidecker
598,  A  599.
,The  Victory",  Linienschiff
708.
        <pb n="991" />
        979

Namen-  und  Sachregister.

Thomson  (Galvanometer)  834.
Thomson,  John  (Schiffb.)607.
Thornycrosl:  Kessel  (Schiffsmaschine) ­
  A  698;  —  Schiffsschraube ­
  706;  —  Torpedoboote ­
  740.
Thunberg,  Daniel,  Ingenieur
474.
Thurn  und  Taxissche  Fahrpost ­
  in  Frankfurt  a/M.
A  813.
Tiber,  Schiffahrt  auf  dem  415.
Tichwinsches  Kanalsystem
472  f.
Tiefbahnen  89,  348.
Tiefenregulator  für  Torpedos
73b:  —  Wirkung  736,  A735.
Tiefgang  eines  Schiffes  628.
Tieftauchapparate  579:  —
von  Haedicke  579,  A  578.
Tiete.  Schiffahrt  auf  dem  420
Tiszolcz-Zolyom  brezo-Etsenbahn
  136;  —  Abtsche  Lokomotive ­
  234,  A  235.
Tjalk,  Segelboot  643.
Tonkin,  Eisenbahnen  von  83;
—  Unterseekabel  833.
Tonnen  (Seew.)  s.  Bojen  548.
Tonnenrack  i.  d.  SchiffsiakelUNg
  660.
Top  des  Mastes  659.
Topenanten.  Schiffstaue  661.
Topfflöße  6.
Topsegel  643.
Topstück  (Schiffb.)  652.
Toptakel  586.
Topzeichen  (Seew.)  549.
Torpedoboote  627,  740,  A
625;  —  Konstruktionsriß
T  630;  —  Hebung  eines
gesunkenen  586,  A  587  ;  —
älteres  mit  Spierentorpedos
A  743.
Torpedobootzerstörer  627,  741
f.,  A  625.
Torpedokanonenboot  mit
Torvedobooten  627,  A  625.
Torpedoschutznetz,  Panzerschiff
,,Victoria"  mit  742,  A  74i.
Toselli  (Taucherapp.)  581.
Torpedowesen  781;  —  Berührungsmine ­
  A  732;  —
Vorrichtung  zur  Verteidigung ­
  des  Trtester  Hafens
734.  A  733;  —  älteres
Torpedoboot  mit  Spierenlo-.pedo
  A  734;  —  Wirkung ­
  von  Tiefenregulator
u.  Pentel  736,  A  736;  —
Brorherhood-Maschine  A
736;  —  Whitehead-Torpedo ­
  A  737  f.;  —  Lancierung
  eines  Torpedos  A  739;
—  Überwasserlancierrohr  A
740;  —  Torpedozielapparat
740;  —  Panzerschiff  ^Victoria" ­
  mir  Torpedoschutznetz ­
  742,  A  741.
Tote  Last  bet  Fahrzeugen  140.
Tothölzer  am  Vorsteven  651.
Towerbrücke  in  London  406.
Town,  Ingenieur  389.
Trocieren  der  Straßen  69.
Trägerschtene  von  Adams  A
148.
TraqstÜhle  52.
Trajansbrücke  Über  die  Donau
380;  —  über  den  Tajo  381,
A  382;  —  -straße  am
Kasanpaß  58,  A  57.
Trajektanstalten  s.  Fährboote.
Transandinische  Eisenbahn  95.
Transkaspische  Eisenbahn  46.
Transvaal.  Eisenbahnen  in
83:  —  Feldbahn  mit  elektrischem ­
  Betrieb  in  A  93.
Traube  an  Geschützen  712.
Treibachse,  Lokomotive  mit
183;  —  mit  freier  170.
Treidelweg  452.

Trent-  u.  Merseykanal:  Hebewerk ­
  484,  49O.
Tresidder  (Nickelstahl)  727.
Trestle  works  119,  389;  —
Bahnstrecke  über  die  Sierra
Nevada  119,  A  118.
Trevithiks  Schwungradlokomotive ­
  (1802),  A  186;  —
verbesserte  (1803/4)  A  i87  ;
—  Londoner  Straßenlokomotive
  70,  A  69.
Trevithik  Sohn  (Eisenbahnw.)
174.
Trew,  John.  Ingenieur  A35.
Trezzo,  Addabrücke  bei  386.
Triberger  Schleifen.  Schwarzwaldbahn ­
  mit  den  118  A
116  f.
Triere,  altgriechische  A  592.
Triest,  Hafenanlagenvon  542;
—  Vorrichtung  zur  Verteidigung ­
  des  Hafens  734,
A  733.
Trisanabrücke  (Arlbergbahn)
399,  A  398.
Trockenbaggev  506,  A  505;
—  Eimer-  A  495.
Trockendocks  531.
Trollüättakanal  473.
Trommelwehr  448,  A  447.
Trompete.  Dampf-277.  A204.
Troske  (Lokomot.)  178.
Truen  s.  Bojen.
Trunkmaschine  von  Penn  A
699.
Tunis,  Eisenbahnen  in  83.
Tunnelbau  44,  I22f.  ;  —
Tunnel  bei  Barada  der  Antilibanon-Eisenbahn
  A  44:
—  Beginn  eines  Tunnelbaues ­
  130,  A129  ;  —  fertige  s
Tunnelportal  130.  A  129;
—  pneumatischer  T  581;  —
s.  ci.  Untergrund-.  Unterpflaster-
  ,  Tunnelröhrenbahnen. ­

Tunnelröhrenbahnen.  elektrische, ­
  in  London  359:  —
Tunnelquerschnitt  A  360;
—  Stahlschild  zum  Vortreiben ­
  des  Tunnels  A  360;
—  Arbeitsbühne  und  Einsteigeschachl
  t.  d.  Themse
A  36i;  —  Schnitt  durch
eine  Station  A  361  ;  —
Längsschnitt  der  Lokomotive
I  A  362  ;  —  Zentral-Londonbahn
  363  ;  —  Schnitt  durch
eine  Zwischenstation  A  363  ;
—  Mansion  House-Station
363,  A  364.
Tunnelschlinge  d.  strategischen
Schwarzwaldbabn  A  122.
Turin-Genua-Seilbahn  338.
Türkei,  Eisenbahnen  in  der
82:  —  Brückenbau  383:-Postwesen
  775;  —  Telegraphenverkelir
  848;  —
Untcr'eekabel  833.
Turmschiffe  626  f.;  —  ..Charlemagne" ­
  627  ,  A  624:  —
„Devastation"  627,  A  622;
—  ..Marceau"  627.  A  624;
—  „Monitor"  626;  —
„Preußen"  626,  A  622;  —
„Preußen".  Hauptspant  mit
Panzerturm  A  718.
Dürr,  Stefan  (Kanalb.)  513.
Tyne,  Regulierung  des  429  :
—Viaduktb.  Newcastle  406.
Überlandpost,  englisch-ostin-„
  dische  765.
Überneigen  des  Schiffes  642.
Überwasserlancierrohr  f.  Torpedos ­
  A  74O.
Ufereinfassungen  in  Häfen  524
UmgrenzungSprofil  der  Eisenbahnfahrzeuge ­
  174,  A  171,
174.

Umkehrrolle  nebst  Füllrohr  der
Gießbachbahn  345,  A  343.
Umschlagsplätze  (Verkehrsw.)
452.
Umschaltesystem  in  Tischform,
Fernsprechverrmttelungsamt
  mit  864,  A  865.
Umschaltevorrichtung  (Telephon) ­
  861.
Umschlagsrecht  (Handelsverkehr) ­
  24.
Umstetgestation  der  Stanserhornbahn
  343  f.,  A  342.
Unionkanal  477.
United  States  and  Hayti
Telegraph  and  Cable
Company  833.
Universitäten,  Botenanstalten ­
  der,  im  Mittelalter
749.
Untergrundbahnen  89  ,  348;
—  in  London  349;  —
Boden-  u.  Neigungsverhältnisse ­
  des  Jnnenrings  350,
|  A  351;  —  Steigungsvert
  hältnisse  der  East-London-Babn
  A  352:  —  Unter,
tunnelung  einer  Häusergrupve
  am  Pembridge
Square  A  352:  —  Tunnelquerschnitt ­
  (1861.  1881).  A
353;  —  Tunnel  mit  Stein-Eisendecke
  353,  A  354:  —
Tunnel  unter  den  Docks  A
354;  —  Station  Gower
Street  355.  A  354;  —
Station  mit  Glas-Eisendach
A  355  ;  —  Cannon  Street
Station  A  356;  —  Station
Wapping  356  ,  A  357;  —
Station  Shadwell  356,  A
357;  —  Entlüftungsanlage
A  358.
Unterhaupt  an  der  Schleuse
470.
Unterliek  eines  Segels  662.
Untermarsraaen  660.
Untermast  659.
Unterpflasterbahnen  89,  348;
—  elektrische  in  Budapest
364;  —  Tunt  el  mit  Unterführung ­
  einer  Wasserleitung
A  365;  —  Tunnel  i.  d.
Grundwasserstrecke  der  Andrassystraße
  A  365:  --  eiierner
  Deckenban  d.  Station
Arenastr.  A  866;  —  Treppenhäuschen ­
  der  Station
Arenastr  365.  A  366;  -
Bau  der  Haltestelle  Giselaplatz
  A  367;  —  Station
Oktogonplatz  365,  A  368;
—  Wagen  mit  vierpoligem
um  die  äußere  Drehgestellachsegebauien
  Motor  A368;
—  in  Berlin  374.
Unteraaen  660.
Unterseekabel  s.  Kabel.
Untersegel  598.
Unterwafferboote  742.
Unterwasserlancierrohr  für
Torpedos  739.
Unterwasserwaffen  731.
Uruguay,  Eisenbahnen  in  83;
—  Postwesen  784.
Ütlibergbavn  106.
Bäsärhelyi,  Ingenieur  67.
Bauclain  (Lokomot.)  220  f.
Vautter,  Ingenieur  343.
Bavasseur,  Rahmen  Lafette  von
A  717.
Velocities  (Postw.)  810.
Venedig,  Handel  im  Mittelalter
  16  f.,  18,  20  f..  27  f.;
—  Lagunenviadukt  406;  —
Rialrobrücke  387;  —Schiffbau ­
  594;  —  Mittelmecrfabrzeng
  A  595.
Venezuela,  Eisenbahnen  in  83.

Verbinder  (Lokom.)  219.
Verbrennung  mit  künstlichem
Zuge  (Lokomot)  177.
Verbundlotomoliven  183,
219  f.;  —  Verbund-Tenderlokomotive ­
  nach  Günther-Meyer
  217,  A  216;  —
Maliers  Duplex-  A  217;  —
dreicylmdrige  220;  —  viercylmdrige
  221;  —  Schnellzug ­
  der  Gotthardbahn  A
223;  —zwölfräderige  amerikanische ­
  223,  A  226
Verbundschnellzuglokomotiven:
  die  schnellste  der
Well  223,  A  222;  —  der
öiterreich.  Staatsbahn  223,
A  224;  —  englische  223,
A  225.
Verbund  -  Tenderlokomotive
nach  Günther-Meyer  217,
A  216.
Verbundwirkung.Lokomotiven
mit  219
Verdampfnngsfähigkeit  des
Lokomotivkessels  173.
Verein  deutscher  Eisenbahnverwaltungen ­
  275.
Verein.  Staaten  von  Amerika,
Eisenbahnen  in  den  83;  —
Fahrgeschwindigkeit  324;  —
Gepäckbeförderung  326;  —
Postwesen  780;  —  Telegraphenwesen ­
  850;  —  Telepbonie
  853.
Verkehrswesen  s.  Weltverkehr.
Verladevorrichtung,  Kohleu-A
  529.
Verona.  Burgbrücke  bet  387.
Verruga-Viadukt  im,  A  103.
Verschießen  d.  Stöße  (Schiffb.)
655.
Verschlußrolle  an  Weichen  305,
A  304.
Verschlußstück  an  Geschützen
712;  —  Schraudenverschluß
von  Armstrongs  20,  3  ern-Schnellfeuerkanone
  in  Wiegelafette
  715,  A  714;  —
automatischer  Verschluß  von
Canet  716,  A  715.
Verschlußtafel  für  Weichensicherung ­
  300,  302.  A  301.
Verschublineal  eines  Stationsblockwerkes
  A  313.
Vesuvbahn  339  f.,  343.
Via  Appta  56.  A  57.
Viadukt  der  Grütschalpbahn
340,  A  338:  —  eiserner
der  Gießbachbahn  341,  A
340;  —  Verruga-  101,  A
103;  —  f.  a.  Brücken  u.  V.
Viaur,  Thalbrücke  über  den
112,  401.
Vickers  (Panzerplatten)  730
Vielfachumschalter  (Teleph.)
862  f..  A  862.
Vierkuppler  (Lokomot.)  216.
Vierwaldstätter  See.  Arenstraße
  am  64,  A  63.
VignoleS  (Eisenb  )  214;  —
Breitfußschiene  A  147.
Viktoria,  Eisenbahnen  in  84;
—  Postwesen  784.
Vindelelfve»,  Brücke  über  den
400,  A  399.
Viñeta  (Julin)  20.
Violinblöcke  (Schiffstakel.)
662.
Vivian  (Lokomot.)  186.
Volkseinkommen  945.
Volkswirtschaft  878,  887.
Vollqeschosse  722.
VölligketlSkoeffizient  (Schiffb.)
629.
Vollschiff  645:  —  am  Winde
segelnd  A  641;  —  Seitenansicht ­
  eines  hölzernen,  alle
Segel  führenden  T  659.
Vorboden  am  Wehr  443.
123*
        <pb n="992" />
        980

Namen-  und

Sachregister.

Vorbramstag  (Schiffstakel.)
661.
Vorbraffen,  Schiffstaue  661.
Vordernberg-Eisenerzer  Bahn
137.
Vorgeschirr  (Schiffstakel.)  661.
Vorhäfen  621.
Vorlaus  am  Vorsteven  651.
Vorschoner.  Segelschiff  643.
Vorsegel  643.
Vorsignale  (Eisenb.)  277,  284,
T  283.
Vorspannlokomotive  172.
Vorsteven  (Schtffb.)  661,
681.
Vorstevenholz  (Schtffb.)  651.
Vorwrcksignale  (Blockversahren)
  316.
..Vulkan",  Werft  in  Stettin
616s.,  618.
Wabalch-Eriekanal  478.
Wädensweil-Elnsiedelner  Eisenbahn ­
  106.
Wagen,  amerikanischer  elektrischer ­
  72.  A  70.
Wagen,  Eisenbahn-  s.  Eisenbahnwagen. ­

Wagenkuppciung,  Eisenbabn-272;
  —  Sicherhetts-  A273.
Wagner  (Luxuswagen)  244.
Wale«,  Festtntogbahn  ln  92,
A  91.
Walwyn,  Viadukt  von  466.
Wanderstsche,  Treppen  für
449.  A  449  f.,  451.
Wandern  der  Gleise  165.
Wanten  (Schiffstakel.)  660.
Warenproben.  Postlaxe  für
802.
Wärmflaschen  in  Eisenbahnwagen ­
  250.
Warmwasserheizung  in  Eisenbahnwagen ­
  252.
Warpanker  663
„Warrior".  Panzerschiff  724,
A  621.
Wascheinrichtnngen  in  Eisenbahnwagen ­
  250.
Wasener  Schielte  (Gotthardbahn)
  124,  T  125.
Wasserballast  bei  Seilbahnen
840  s.,  843.
Wafferdiligence  420.
Wassergangsplanken  ISchiffb.)
655.
Wasserkammern  im  Schiffe
636.
Wasserkran  der  preuß.  Staatsbadnen
  823.  A  322;  —
der  Londoner  Untergrundbahnen ­
  A  323.
Wasserlaus  auf  eisernen
Schiffsdecks  677.
Wasserlinienarealkurve
(Zchiffb.)  A  630.
Wasserlintenrtß  eines  Schiffes
630.
Wasserltnienslaia  (Schiffb.)  A
680.
Wassernebmen  der  Lokomotiven ­
  322;  —  Vorrichtung
(1860)  823,  A  824;  —
Wasserkräne  323,  A  822  f.
Wasserrohrkessel  (SchifsSnrafcfime)
  694,  696  f.
Waslersoga  (Schiffahrt)  707.
Wasserstagen  (Schiffstakel.)
661.
Waffcrstandszelgcr  an  Lokomotiven ­
  181;  —  an  Seeküsten ­
  A  570.
Wasjersiationen  (Eisenb.)  323.
Wasserstraßen  413:  —  Flußläufe
  u.  Flußschiffahrt  413;
—  Flnßkorrekiioncn  422;  —
Flußkanalisierung  488;  -
Flußhäfen  452;  —  Schiffiabriskanöle
  466;  —  Seekanäle ­
  494;  —  Seehäfen

516;  —  Schiffahrtszeichen
547;  —  Taucherkanft  571;
—  Heben  u.  Bergen  verunglückter ­
  Schiffe  584.
Waffertiefe  in  Häfen  523.
Wasserverdrängung  eines
Schiffes  628.
Watt.  James.  Ingenieur  36;
—  Dampswagen  (1784)  69.
184.
Wearmouth.  Eisenbrücke  bet
A  391.
Webb,  Ingenieur  220
Weber.  Wilhelm  (Telegr.)
840.
Wechselfeuer  (Seew.)  565.
Wechselstegblattstoß  von  Haarmann ­
  152.  A  153.
Wegerungsplanken  (Schiffb.)
654  f.
Wegesignalc  (Eilend.)  283,  A
283,  T  282.
Wegner,  von  Kanalbau)  502.
Wegschranken.  englisches
Sperrwerk  für  (Eisenb.)  319.
A  820.
Wehre,  Fluß-  441;  —  bewegliche ­
  448:  —  Nadel-  mit
Klappenwehr  444,  A  44  5;  —
Anlage  bei  Pretzien  a.  d.
Elbe  447,  A  446;  —  Cylinder- ­
  448;  —  Jalousien-  446;
—  Klappen-  A  447  ;  —
Trommel-  448,  A  447:  —
Ftschwege  an  449.  A  449  f.,
451.
Wehrkörper  am  Wehr  443.
Weichen  160;  —  Schlepp-A
  i6o;  —  Rechts-,  Links-,
dreifache  160,  A  161;  —
symmetrische  160,  A  161;
—  Kreuzungs-  160,  A  161;
—  Sicherheits-160,  A161;
—  einfache,  doppelte  800,
A  302;  —  für  Zahnbahnen
von  Abt  167  .  A  1641  —
für  Seilbahnen  von  Abt
845,  A  846.
Wcichenhebel,  aufschneidbarer,
von  Siemens  &amp;amp;  Halste  mit
'Büssings  Drahtspanner  292,
294.  A  293.
Weichen-  und  Signalsich  rung
288;  —  Stellwerke  288;  —
Hallensignale  des  Bahnhofs
&amp;gt;rk  288,  A  287;  —
icherung  einer  engl.  Abzweigstation ­
  A  289;  —
Signal  fliigelgruppen  289,  A
290;  —  StcllwerkhauS  des
KopsbahnhoseS  Cannon-Strcet
  in  London  290,  A
291;  —  englischer  Stellwerkhebel
  mit  Verschlußvorrichtung ­
  291,  A  292;  —
aurschneidbarer  Weichenhebkl
  von  Siemens  &amp;amp;  Halste
mit  Büssings  Drahispanner
292,  294,  A  293;  —  Stellwerk ­
  in  Düsseldorf  A  295:
—  Sicherung  einer  englischen
GleiSkrcuzung  296.  A  297:
—  Weichen-  u.  Signalstellvorrichtung ­
  mit  Luftdruck
u.  elektr.  Auslösung  297.
A  298;  —  Signalvrücken
auf  dem  neuen  Bahnhof  zu
Boston  298.  A  299;  -
elektrischer  Signalantrieb
298,  A  800;  —  Verichlußtafel
  800,  802,  A  301  ;  —
Gleisplan  300,  A  301;  —
einfache  Welche  300,  A  302;
—  doppelte  Kreuzungsweiche
800,  A  302;  —  Schema
des  zweiflügeligen  Mastes
300,  A  302;  —  Druckschiene
mit  Riegel,  mit  Doppelriegel
  A  303;  —  Weichenverriegelung ­
  durch  das  Stgnal

  305,  A  304;  —  Stellvorrichtung ­
  e&amp;gt;neS  Mastensignals
  mit  Vorsignal  und
gleichzeitiger  Verriegelung
der  von  Hand  gestellten
Spitzweiche  A  805  ;  —
Büssings  Spitzenverschluß
mit  Abscherbolzen  805,  A
306;  —  Weichenstellvorrichtung ­
  mir  aufschneidbarem
Spitzenverschluß  u.  Drahtrißiperre
  306,  A  307;  —
Ausgleichvorrichtung  durch
Doppelhebel  807,  A  308;
—  GelenkauSglelcher  f.  Gestänge ­
  307,  A  308;  —
Blockverfahren  s.  d.
Welchcnsignale  (Eisenb.)  284,
T  283.
Weichenstellwerk  (Eisenb.)  160.
Weichenturm  (Eisenb.)  160,
291.
Weichenverriegelung  (Eisenb.)
305,  A  304.
Wetchenzungen  (Eisenb.)  160.
Weichsel,  Brücke  bei  Dtrschau
über  die  893,  899;  —  bei
Fordon  399;  —  Regulierung
438.
Weichsel-Haffkanal  491.
Weinzettlwand  (Semmeringbahn) ­
  A  109  f.
Weir  (Dampfpumpe)  705.
Wellandtanal  478.
Wellenbrecher  621;  —  zu
Neapel  A  521.
Wellenklotz  (Schiffb.)  661.
Wellenrohr  (Schiffb.)  651.
Welthandel  933.
Weltpostverein  791,  826.
Welttelegraphie  s.  Telegraphie. ­

Weltverkehr  und  seine  Mittel
l;  —  geschichtliche  Entwickelung ­
  des  Verkehrswesens ­
  8;  —  Landstraßen
55.  —  Eisenbahnen  75;  —
Brücken  u.  Viadukte  379;
—  Wasserstraßen  413;  —
Schiffbau  591;  —  Polt  u.
Postwelen  745;  —  Welttelegraphie ­
  631:  —  T  866.
Weltwirtschaft  867  f.
Wengerbremse  261.
Wengernalpbahn  A  133;  —
Spurweite  92.
Werbelltner  Kanal  491.
Wersten  520,  650;  —  in  Kiel
T  520;  —  kurfürstliche  zu
Havelberg  A  649;  —  i.  d.
Rheinau  zu  Köln  A  468.
Weier,  Kanalisierung  der
438  f.;  —  Regulierung  480;
—  Unterweserkorreklion
428  f  ,  430:  —  Längenprofil ­
  des  Flußgebiets  A
431;  —  Schiffbarkeit  423.
West  African  Telegraph
Company  833,  843.
West  Coast  of  America
Telegraph  Company  633.
Western  and  Brazilian
Telegraph  Company  833.
Western  Union  Telegraph
Company  833,836.
West  Jndia  and  Panama
Telegraph  Company  833,
843,
Westinghouse  -  Schnellbremse
258,  A  260  f.
Wettingen.  Brücke  über  die
Limmat  bet  388.
Whitehead-Torpedos  732,785,
A  737  f.
WhiteStar-DampserUnie6l5.
Whitworth,  I.  (Geschützw.)
710.
Whitworth,  Robert,Ingenieur
36.
Wtchert  (Eisenbahnw.)  252.

Widened  Lines  in  London  850.
Widerlager  im  Brückenb.  381.
Widerstandskoeffizient  bei
Fahrzeugen  102.
Wtebeking,  Ingenieur  888  f.
Wiegelafette  719;  —  Schraubenverswluß
  der  20.  8  am,
Schnellfeuerkanone  in  715,
A  714;  —  16  em-Schnellseuerkanonevon
  Armstrong
in  gepanzerter  Kasematte
mit  A  720.
Wien,  Handel  im  Mittelalter ­
  20.
Wiener-Gloggnttzer  Lokomottvensabrlk
  213.
Wiaham  (Brenner)  562.
Wikingerschtff  A  693.
Wikingerzüge  17.
Wilhelmshaven.  Hasen  von
520.
Wille,  Ingenieur  405.
Wilkmson  (Brückenb.)  890.
Willebroeck,  Kanal  von  496.
Wilson,  Alex.  (Panzerplatten)
725.
Winans  (Eisenbahnw.)  208.
Windbake  A  547.
Winde.  Anker-  A  657;  —
Dampsanker-  A  687;  —
Fracht-  A  687.
Windreep  (Schtffstanw.)  662.
Winkellasche  an  Eisenbahnschienen ­
  150.
Winkelportalkräne  A  460.
Winketschtene,  Currs  gußeiserne ­
  142,  A  143.
Winstanley  (Leuchtt.)  553.
Winterhäfen  520.
Wippen  (Schiffb.)  682.
Wirbelblöcke  (Schiffstakel.)
662.
Wirtschaftsleben  867.
Wisby,  Handelsstadt  20.
Wischni  -  Wolotschok  -  Kanal
478.
Wittenberge.  Brücke  bei  389.
Wähler,  Ingenieur  241.
Wolf,  Ernest  (Lampsmasch.)
612.
Wood  (Eisenb.)  195,198,  269.
Woodbridge  (Geschützw.)  714.
Woolf,  Arthur  (Dampsmasch.)
612.
Woolwich-Geschützrohr  A  710.
Woottenkesscl  (Lokomot.)  175.
Worms,  Lagerhaus  in  A  460.
Worpenwrangen  (Schtffb.)
663.
Worsdell  (Lokomot.)  220.
Worttarif  (Telegr.)  842.
Wltxttemberg,  Eisenbahnen  tn
82,  85;  —  Postwelen  789,
795.  —  Staatsstraßen  37;
—  Telegraphenwesen  848.
Xertigny,  Wiederherstellung
des  gesprengten  Viadukts
von  (1870)  A  412.
Narrow  (Torpedoboot)  741.
Aguassu,  Schiffahrt  auf  dem
420.
Bork.  Hallensignale  des  Bahnhofs ­
  288,  A  287.
Nverdon-St.  Croix  Bahn  106,
114.
Jaberner  Steige  115.
Zagal  (Postw.)  771.
Zahnbahnen  106,  130  f.,
168  s.;  —  Felseinschniit
der  Briinigbahn  A  96;  —
Jungfraubahn  99,  100,  T
100;  Oberbau.  Schienenzange, ­
  StrubSZahnstangenwetche
  167,  A  166;  —
Stanierhornbahn  A  106;
—  Rtgibahn  132,  A  131;
—  Wengernalpbahn  A133
        <pb n="993" />
        981

Namen-  und

Sachregister.

—  Längenprosile  Üblicher
Zahnstangen  strecken  inmitten ­
  von  Reibungsbahnen
A  135;  —  Längenvrosile
Abtscher  Zahnbahnen  A136;
—  erste  eleftr.  aus  d,  Mont
Saleve  bei  Gens  A  137;  —
Pilatusbahn;  Eselspartie,
Woissschlucbt  I4u,  A  138f.;
—  Oberbau  mit  schmiedeeisernerZah,istangc(Mount

Washington)  163,  A  162;
—  Oderbaustützen  der  Zahnbahn
  Bitznan-Rigikulm  165,
A  162;  —  Entwickelungsformcn
  der  Zahnstange  165,
A163;  —  Abt«  Weiche  167,
A  164;  —  Zahnstangenkinsahrt
  167,  A  164  f.;  —
Zahnbahn  von  Blenkinsop
(1812)  A  236.
Zahnradantrieb  von  Abt  A
233;  —  für  StephenionS
Lokomotive  „Blücher'Algg
Zahnradbahnen  s.  Zahnbahnen, ­

Zahnradlokomotive,Geschichte
der  227;  —  von  Blenkinsop
A  188;  —  der  Britnigbahn
A  232;  —  mit  Doppelschwinge
  der  Gornergratbahn
  A  229;  —  f.  b.

Madison-Jndianapotisbahn
von  Eathcart  A  227;  —
der  Mount  Washington
Bahn  von  Marsh  288,  A
227;  —  viercplindrtge  mit
einarmiger  Schwinge  der
Pikes  Pea!  Bahn  22g,  A
230;  —  der  Pilatusbahn
A  231;  —  der  Rigtbahn
(1871)  229,  A  228;  —
Abtsche  der  Bahn  TtSzolcz-Zoiyom
  brezo  234,  A  235;
—  Abts  Zahnradantrieb
A  233;  —  vereinigte  Z,
und  Retbungsioloinottve
232,
Zahnstange,  Entwickelungssormen
  der  165  A  163;  —
bet  Seilbahnen  346.
Zahnstangenbahnen  f.  Zahnbahnen, ­

Zabn'iangeneinsahrt  167,  A
164.
Zangenbremse  bet  Seilbahnen
168,  347,  A  167.
Zapsenplatte  (Eisend.)  157.
Zapfenreibung  bei  Fahrzeugen
102.
Zeitball  (Seew.)  569:  —
Katserkai-Speicher  in  Hamburg ­
  mit  A  569.
Zeitblocksystem  (Eisenb.)  814.

Zettungsvostoerkehr786,  800;
—  Zeitungsverpackungssaal ­
  im  Zeitnngspostamt
zu  Leipzig  A  801.
Zeiiverschluß  f.  Druckschienen
(Eisenb.)  304.
Zellensyftem  im  Schiffbau
608,  674;  —  Doppelboden
mit  A  674.
Zementterdfen  für  Panzerplatten ­
  A  727.
Zentralbuffer  271;  —  Kuppelung, ­
  selbstthätige  273.
Zentral-Londonbahn  363.
Zentralöler  a.  Lokomotiven
235.
Zermattbahn  136.
Zeuner  (Schiffrmasch.)  702.
Ziclapparat,  Torpedo-  A  740.
Zollkutter  643.
Zollwesen  im  Mittelalter  in
Deutschland  22.
Zschotke,  Ingenieur  132.
Zschovauviadukt  406.
Zugdienst  (Elsenb.)  321;  —
Wasserkräne  323,  A  322  f.;
—  Vorrichtung  zum  Wassernehinen
  wahrend  der  Fahrt
323,  A  324.
Züge  in  Geschützrohren  712;  —
Kruppsche  Zugsorm  A  712;
—  Einichnetden  der  723.

Zughaken,  -stangen  an  Eisenbahnwagen ­
  273.  A  274.
Zugkraft  der  Lokomotive  169.
Zugsignale  (Eisenb.)  284,  1
283.
Zugstab  (Eisenb.)  319.
Zugvorrichtungen  f.  Eisen-  .
bahnen  271.
Zuladung  eines  Schiffes  628.
Zulage  (Schiffb.)  653.
Zürich,  elektr.  Straßenbahn
in  106.
Zurrung  am  Bugspriet  660.
Zusammenspleißen  zweier
Kabelenden  an  Borb  des
„Great  Eastern"  835,  A
831.
Znstimmungsselder  (Blockvcrsahren)
  311.
Zustimmungshebel  an  Stellwerken ­
  (Eisenb.)  295.
ZwangSichienen  in  Gleisbögen
159,  A  160.
Zweibufferspslem  271.
Zweidecklchisfe  682.
Zweimastgaffelschoner  643.
Zweischraubendampfer  615.
Zwillingslokoinoliven  175.
Zwilltngsschleusen  477.
Zwischendecksbalken  (Schiffb  &amp;gt;
653.
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deutschen  Litteratur  den  Linklang  von  Schönheit  der  Form  und  höchster,  edelster  Sittlichkeit  zeigen,  richtet
Leixner  seinen  kritischen  Sinn  auf  Ausscheidung  des  Idealen,  Bleibenden,  Tiefen  von  dem  bloß  äußerlich  Glänzenden,
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:eöen  651.
iffes  640.
)  652.
Weichen
Radreifen
Iiiffes  659,
"ihnbauten
^  .ffes  628.
’  abbrücken.
-  &amp;gt;28.
anten  660.
.  Dampfer
472.
en  unter
&amp;gt;en  (Eisententhälern

3.
enb.)  277.
it  elektr.
lg(Etsenb.)
:te  „SachderA677
  ;
^  725.
(Etsenb.)
veilbahnen
1  gen  für
lleitungen
^ioppelhebel
rusgleicher
808.
m  662.
-Srückenbau
9:  —  alte
A  381;  —
üver  den
4,  A395f.;
igara  399,
',  elektr.,
in  317,  A
rsignal  mit
1  19.
**  t  Schiffs-Nb.)
  405.
»chiffes  662.
oko  Motiven
ZI  :r  Schleuse
i'  iisenschiffb.)
.!  lSchiffb.)
.  Biegen  der
z;  —  Blech-»9.

Dkomotiven
rpedos  739.
ibahnen  in
Flußschtff-Poslwesen

aphie  833,
Telephonie
af  Seilbahtiche
  A  346.
Slrahen-J
  zu  385  f.
iffe  627.
^cke  Über  den

Awningdeckschiffe  682.
Axenstraße  am  Vierwaldstätter
See  64,  A  63.

Namen-  und
Baader.  von(Eifenb.)?8.
Babylonien,  Flußschiffahrt  in
413;  —  Kanalvauten  465
f.;  —  Verkehrswesen  7.
Back  (Schiffb.)  682.
Backbordvug.  Schiff  über  640.
Vackstagen,  Schiffstaue  661.
Backstagswind  640
Baden,  Eisenbahnen  in  82,
85;  —  Landstraßen  37  ;  —
Postwesen  789.
Daadad,  Eisenbahn  nach  45.
Bagger  427;  —  Dampf-  A
428  ;  —  »Beta"  a.  d.  Mississippi ­
  A  433;  —  Eimertrocken-
  A  495;  —  Greif-456,
  A  455;  —  Pumpen-537.
  A  538;  —  Spül-  506,
A  507;  —  Trocken-  506,
A  505;  —  Hebung  eines
gesunkenen  A  584.
Bahama-Jnseln,  Unterseekabel, ­
  der  833.
Balmpost  3*22.
Baikalsee,  Eisenbahnfähre
über  den  332,  334.
Vaily,  Thomas,  Ingenieur
272.
Baken  (Seew.)  547;  —  Wind-A
  547;  —  Schaarhörn-547,
  A548;  —  hohe  Mellum-A
  548;  —  Leucht-  A  557.
Baker,  Benjamin,  Ingenieur
350,  495.
Balanceruder  645.
Balancier-RÜderschiffsmaschine
  702,  A  703.
Baldwins  Lokomotive  „Old
Jronsides"  208,  A  209;  —
mit  Drehgestell  208,  A  209.
Balken,  halbe  (Schiffb.)  656.
Balkenbrücken  392.
Balkenbucht  (Scviffb.)  655.
Balkenkiel  (Schiffb.)  673.
Balkweger  (Scküffb.)  653,  655.
Ballastseil  bei  Seilbahnen342.
Ballastwasser  bet  Seilbahnen
340  f.,  343.
Ballonpost  820.
Ballysaoarefluß,  Flschtreppen
im  450.
Balusch  (Kanalbau)  503.
Bamberg,  Regnitzbrücke  zu
389.
Bandakkanal  474  A  415.
Bandon,  Brücke  bei  389.
Bange,  de.  gezogenes  Geschützrohr ­
  von  A  7io;  —  Liderung ­
  715.
Vangoc,  Brücke  über  die
Menaistraße  bei  392.
Banken  der  Schiffe  532.
Barbettetürme718;  —  32  cm=Geschütz
  mit  zentraler  Gefchoßzufuhrung
  im  A  719.
Barentin,  V-adukr  von  406.
Bark  mit  halbem  i'vinde  segelnd ­
  mit  Steuerbordhalsen
A  640.
Barkassen  663.
Barkschiff  645.
Barlows  Sattelschiene  A  148;
—  Schienenstoß  149.
Barren,  Sandbänke  427.
Barton  Aquädukt,  alter  A  35.
Barton.  Drehbrücke  bei  (Manchesterkanal) ­
  A  501.
Bast,  Spitzkehre  bei  (Eisenb.)
116.
Batterie  eines  älteren  Kriegsschiffes ­
  A  708;  —  schwimmende, ­
  „Demoloqos"  604;
—  gepanzerte  schwimmende
620,  709;  —  Teil  einer  A
620.
Batteriedeckschiffe  626.
Batterieschiffe  626.
Bauchgordings  (Schiffstauwerk) ­
  662.
Bauchstück  (Schiffb.)  652.

Sachregister.
Bauer,  Ingenieur  b84.
Bayern,  Eisenbahnen  in  82.
85;  —  Kanäle  482;  —
Postwesen  789,  79b;  —
Staatsstraßen  37;  —  Telegraphenwesen ­
  846.
Bentenbergbahn  343  A  341.
Vehr  (Hängebahn)  375.
Beirut-Damaskus-Eisenbahn
137;  —  Eintritt  in  den
Tunnel  bei  Barada  A  44;
—  Strecke  im  Thale  des
Barada  A  45;  —  Spurweite ­
  92;  —  Tagespost  46,
A  48.
Vela  von  Gonda,  Ingenieur
435.
Beleuchtung  der  Eisenbahnzüge ­
  253;  —  amerikan.
Petroleumlampe  253.  A
254;  —  Jntensivlampe  für
Fcttgas  254,  A  255.
Belgien,  Eisenbahnen  in  82,
85;  —  Sandbergs  Goliathschiene
  A  147;  —  Fahrgeschwindigkeit ­
  325;  —  Spurweite ­
  91;  —  Kanäle  492;
—  Mittclkanal:  Hebewerk
bei  La  Louviöre  A  4  85,
490,  492;  —  Postwesen
772;  —Telegraphenverkehr
848;  —  Unterseekabel  833.
Bell  (Teleph.)  841.  852.
Bell,  Henry  (Schiffb.)  504.
Bellefonds,  Linant  de  (Suezkanal) ­
  496.
Bellevillekessel  (Schiffsmasch.)
697.  A  696.
Bellingrath  (Kanalw  )  483.
Bell  Rock,  Leuchtturm  auf
554  A  555.
Benediktiner,  Brückenbau  der
384.
Benezet  (Brückenb.)  384.
Benlon-Harbors  Gasolinemotorwagen
  72  A  71.
Benz,  Ingenieur  71.
Beobachrungsminen  734.
Beresinakanal  472  f.
Bergholzplanken  (Schiffb.)
654.
Bergkrankheit  101.
Berglokomotive  von  Fink  214,
A  215.
Berkinshaws  gewalzte  Schiene
144,  A  145;  —  Schienenstoß ­
  150.
Berlin,  Eisenbahnen  in  87;
—  elektr.  Hochbahn  372,
A  372  f.;  —  Stadtbahn
318;  —  Blockoerfahren  auf
der  318;  —  Unterpflasterbahn ­
  374;  —  Flußschiffahrt
418,  464;  —  Hafenanlagen
464;  —  Kanalverbindung
m.  der  See  490;  —  Postpaketverkehr ­
  798;  —  Paketannahme ­
  beim  Hochpostamt
A  799;  —  Wagenabfahrt
am  Paketpostamt  A800;  —
Reichspostamlsgebäude  A
791;  —  ReichSpostmuseum
825  ,  A  827  ;  —  Rohrpost
821,  A  822  f.;  —  Schiffbauschule ­
  601;  —  Verkehrsleben ­
  53.
Berlin  -  Spandauer  Kanal
491.
Berlin-Zehlendorfer  Eisenbahn ­
  81.
Verline,  Postwagen  237,  A814.
Bern,  Kirschseldbrücke  bet  A
400.
Bernouilli.  Daniel  (Schiffbau)
600,  602.
Berührungsmine  A  732.
Besanmast  594.
Besansbaum  660.
Beschlagzeisinge,  Schiffstaue
662.

Besegelung  der  Schiffe  637;
—  Fünfmaster  A  638;  —
Brigg  vor  dem  Winde
segelnd  A  638;  —  Diagramm ­
  betr.  Richtung  und
Stärke  des  Windes  640  f.
A  639;  —  Bark  mit  halbem
Winde  segelnd  mit  Steuerbordhalsen ­
  A  640;  —  Vollschiff ­
  am  Winde  segelnd
645,  A  641;  —  Kiellinie
A  642;  —  Boote  mit  verschiedenen ­
  Segeln  A  643;
—  verschiedene  Segelschiffstypen ­
  A  644;  —  Seitenansicht ­
  eines  hölzernen,  alle
Segel  führenden  Vollschiffes
T  659.
Bethlehem-Werke  (Panzerpl.)
730.
Betriebsmittel  im  Eisenbahnverkehr ­
  s.  Lokomotiven,
Wagen.
Bevis  Schiffsschraube  706.
Bevölkerung,  Bedeutung  der,
im  Wirtschaftsleben  887.
Bewässerungsanlagen  im  Altertum ­
  465.
Bewegungswiderstände  bei
Eisenbahnen  102.
Beyer  (Schwebebahn)  375.
Biaschinaschluchr,  Kehrtunnel
der  Gotthardbahn  in  der
124.  T  125,  A  125;  —  bet
Gwrnico  A  126.
Bicl-Magglingen-Bahn  343.
Bienenkorb  (Linscnopparar)
für  Leuchttürme  564,  A  565.
Bilbao,  Schwebefähre  in  410,
A  411.
Bingerloch  436.
Binnensteven  (Schiffb.)  651.
Binnenvorsteven  (Schiffb.)
651.
Birmingham,  Niederlagegebäude ­
  zu  (1780)  A  31.
Biffinger  (Zahnbahn)  186,165.
Biwaseekaual  492;  —  Schleuse
492,  A  493;  —  geneigte
Ebene  488.
Blackett  (Lokomot.)  189.
Blackflußkanal  477.
„Black  Prince",  Panzerschiff
621,  724.
Black-Sea  Telegraph  Company ­
  833,843.
Blackwall-Bahn  336.
Blake  (Dampfpumpe)  705.
Blankenburg-Tanne-  Eisenbahn ­
  136:  —  Zahnstangeneinfahrt
  167,  A  164.
Blasrohr  a.  d.Lokomotivei76.
Blattstoß  an  Eisenbahnschienen
A  152;  —  Wechselstegblattstoß ­
  152,  A  153.
Blechwalze  für  Außenhautplatten ­
  (Eisenschiffb.)  668,
A  669.
Blenkinsops  Zahnbahn  (18'2)
130,  236,  A  236;  —  Lokomotive ­
  188,  227,  A  188.
Bliesen  (Seew.)  561.
Blindachse  an  Lokomotiven
214.
Blind-Lettre-Office  763.
Blinkfeuer  (Seew.)  565.
Blitzfeuer  (Seew.)  565.
Blockademinen  734.
Blöcke  (Schiffstakel.)  662.
Blockfelder  s.  u.  Blockverfahren. ­

Blockverfahren  (Eisenb.)  308;
—  Blockwerk  von  Siemens
&amp;amp;  Halske  309,  A  310;
Stationsblockung  311;  —
Slalionsblockwerk  geschlossen ­
  ,  geöffnet  311,  A  312;
—  Verschublineal  A  313;
—  mechanisch  verschlossenes
Doppelsignal  der  Londoner
121
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