22. Die Bewegungen des Geldmarkts. 77 suchen, die die Diskonterhöhung entbehrlich oder mindestens zur ultima ratio, nicht zur ersten Maßregel machen sollten. Kür Gesterreich-Ungarn, Rußland, Italien, die unter dem Zwangskurs einen niedrigen, selten veränderten Zins gehabt haben, wurde es beim Uebergang zur Gold währung eine der wichtigsten Aufgaben nach Wegen zu suchen, welche die Diskonterhöhung soviel als möglich vermeiden lassen sollten, und der Eintritt einer Epoche teuren Geldes legte auch der Reichsbank die gleiche Krage nahe. Die theoretische Begründung der Diskontpolitik ist nur wenig geändert worden — in praxi hat sich aber ein starker Wandel vollzogen. Die heute geltende Diskontpolitik ist nur verständlich, wenn öle Bewegungen des Geldmarkts näher analysiert werden,' die Noten banken der Gegenwart bemessen ihre Rate nicht bloß nach dem mo- mentanen Status, sondern nach Schätzung des künftigen Bedarfs — und dieser läßt sich nur nach Renntnis der regelmäßigen Marktbewegun- gen bestimmen. Der Darstellung der Bewegungen des Geldmarkts folgt eine Analgsierung der für die Bemessung der Diskontpolitik in der Gegenwart geltenden Gesichtspunkte, ferner jener bankpolitischsn Mittel, welche angewendet werden, um die Maßnahme der Diskont erhöhung nur subsidiär wirken zu lassen und endlich des Verhältnisses zwischen Roten- und Kreditbanken bei Bestimmung des Leihgeld satzes 22. Die Bewegungen des Geldmarkts. Der Geldmarktbedarf setzt sich aus der Summe von Betriebs- und Effektenkreditbedarf zusammen. Die Nachfragekurve nach beiden liegt in Epochen starker Rapitalinvestition höher als in solchen langsamer Kortentwicklung. Wie in der Zeit des Eissnbahnbaus im dritten viertel des vorigen Jahrhunderts so erfordern in jener der raschen Industrie- entfaltung, in der wir heute leben, die sich erweiternden Unterneh mungen mehr Betriebskredit, der Effektenmarkt, auf den fortwährend Neuemissionen zur Aufbringung des stehenden Kapitals gelangen, mehr Effektenkredit. Oie dem Geldmarkt zur Verfügung stehenden Mittel pflegen in solchen Epochen nicht in derselben Proportion wie die Nachfrage zu wachsen,' wohl nehmen die Kassenreserven der In dustriegesellschaften entsprechend der Erweiterung der Geschäfte und dem Steigen der Preise zu, aber jener Teil der Einlagen, der im zeitlichen Zwischenraum zwischen Einkommenserzielung und Kapital- anlage dem Geldmarkt zur Verfügung steht, wächst langsamer heran,