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        <title>Die wirtschaftliche Entwickelung der Industrie im Osten und ihre Einwirkung auf das Bevölkerungsproblem</title>
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            <forname>Carl</forname>
            <surname>Mollwo</surname>
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        ﻿Bibliothek Professor Harms, Kiel
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        ﻿Die

wirtschaftliche Entwickelung

der

Industrie im Osten

und

ihre Einwirkung aus das Vevölkerungsproblem.

Vortrag,

gehalten im staatswissenschaftlichen Kursus an der posener
Akademie am 17. Juni 1910

von

Professor Dr. Larl lNollroo

Vanzig-Langfuhr, Technische Hochschule.

6 i K

i.	1 2 c. ; l.ftd.

Leipzig

Verlag von &lt;L. L. hirschfeld
1910.
        <pb n="3" />
        ﻿Verlag von C. L. Hirschseid in Leipzig.

Lehrbuch der Finanzwissenschaft. VonDr.Maj

von Heckei, Professor an der Universität in Münster i. W

Erster Band.	Preis M. 10.—, gebunden M. 11.50

Dieses neue Lehrbuch der Finanzwissenschaft ist auf 3 Bände berechnet, von denen der erst«
vollständig abgeschlossen vorliegt. Der Verfasser, dessen Name durch zahlreiche Veröffentlichung«;
auf finanziellem Gebiet zu den bekanntesten zählt, beabsichtigt in diesem Werke den gesamten Stof
des Finanzwesens in einem abgerundeten System der Finanzwissenschaft darzubieten und sucht dabei
aus den neuesten Vorgängen und Fortschritten der Finanzpolitik in unsern Kulturstaaten die Ent
Wicklungstendenzen der Finanzgeschichte und Finanzgesetzgebung herauszuschälen und sie zu festet
Resultaten der Finanztheorie zusammenzufassen.

Die Grundziige der Finanzwissenschaft. Zur
Einführung in das Studium der Finanzwissen«
Schaft. Vom Kaiserlichen Oberrechnungsrat a. D. Dr. Wil-
helm Vocke.	Preis M. 11.—, gebunden M. 13.—.

(1. Band der II. Abteilung des „Hand- und Lehrbuchs der Staatswissenschaften in selbständigen Bänden“.;

Vocke bietet in seinen Grundzügen der Finanzwissenschaft eine zusammenfassende Dar
Stellung der gesamten Materien und damit eine systematische Charakterisierung des öffentlichen Haus
hälts. Der Leser lernt hier das Wesen der Finanzwirtschaft kennen, er findet eine Schilderung dei
verschiedenen Einkommenszweige und insbesondere der Besteuerung, ein Kapitel, das der Verfassei
mit besonderer Sorgfalt und unter einem eigentümlichen Standpunkt beleuchtet. Dann folgen noch
zwei Abschnitte, die die Lehre von den öffentlichen Schulden und ein Schlußkapitel, das die öffent-
lichen Ausgaben, den Staatsaufwand behandelt. So wird vor unsern Augen ein vollständiges und
abgerundetes Bild des finanziellen Staatslebens entrollt.

Das Budget. Von Professor Dr. Max VON Heckei.

Preis M. 10.—, gebunden M. 12.—,

(4. Band der II. Abteilung des „Hand- und Lehrbuchs der Staatswissenschaften in selbständigen Bänden“.)

Der Verfasser bietet in diesem Werke eine möglichst anschauliche Darbietung des ganzen
Entwicklungsganges des Staatshaushaltes in seiner formellen Umrahmung. Dabei war der Verfasser
stets bestrebt, die budget- und finanztechnischen Einrichtungen nicht nur theoretisch zu schildern
sondern dieselben stets mit einer vergleichenden Darstellung des positiven Rechtsstandes in den wichtigsten
Kulturstaaten zu erläutern. Der ganze Stoff ist auf drei Abschnitte verteilt, von denen der erste die
allgemeinen Lehren, die Aufstellung und Votierung des Budgets und die Entwickelung des Etats-
wesens behandelt. Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit der Finanzverwaltung, ihrer'Einrichtung
und ihren Funktionen im Lebensprozesse des Budgets, während der letzte die Kontrolle des Staats-
haushalts und damit das letzte Auswirken des Budgets zum Gegenstand hat.

Die Kommunalfinanzen. (Grossbritannien,
Frankreich, Preussen.) Von Dr. Richard von Kauf-
mann, weil. Geh. Regierungsrat und Professor in Berlin. Zwei
Bände.	Preis M. 27.—, geb. M. 31—.

(5. Band der II. Abteilung des „Hand- und Lehrbuchs der Staatswissenschaften in selbständigen Bänden“.,
Geh, Ober-Regierungsrat Dr. Freund sagt in seiner Besprechung im „Verwaltungsarchiv“:
Das vorliegende Werk unternimmt die schwierige Aufgabe einer Darstellung der Kommunal
finanzwissenschaft vom Gesichtspunkte der Entwickelung, wie sie die drei Kulturstaaten Großbri-
tannien, Frankreich und Preußen genommen haben Es füllt damit eine Lücke in unserer finanz-
wissenschaftlichen Literatur aus und ist des Dankes aller wissenschaftlichen Forscher und praktischer
Arbeiter auf diesem Gebiete gewiß.

Kritische Dogmengeschichte der Geldwert-
theorien. Von Dr. Fr. Hoffmann.	Preis M. 8.—

Äußere Ereignisse wie allgemeine Wirtschaftstheorien haben veranlaßt, daß die Darstellung
der Bestimmungsgründe des Geldwertes und der Folgen, die eine Veränderung dieser Größen her-
vorrufen kann, die Darstellung der Gesetze der Geldstatik und Gelddynamik immer wieder versucht
wurde. Es wird die Geschichte der Hartgeld Werttheorien von der ersten Aufstellung einer Lehre
bis zur neuesten Zeit verfolgt. Knapp werden die allgemeinen Theorien, ausführlich die Lehreij
derjenigen, die einen neuen Weg beschriften, dargestellt und kritisch beleuchtet. Besonders wird
darauf hingewiesen, wie die Geldwertlehre im Zusammenhang steht mit anderen Lehren, vor allen'
mit Wert und Krisentheorien.
        <pb n="4" />
        ﻿wirtschaftliche Entwickelung

der

Industrie im Osten

UNd

ihre Einwirkung auf das Vevölkerungsproblem.

Vortrag,

gehalten im staatswissenschaftlichen Kursus an der posener
Akademie am 17. Juni 1910

von

Professor Dr. LarlsMollwo

Vanzig-Langfuhr, Technische yochlchule.

Leipzig

Verlag von &lt;L. L. Hirschfeld
        <pb n="5" />
        ﻿B i K

'! i ■ 5.

Ki»i

Meine Herren, ich bin beauftragt, Ihnen einen Vortrag
zu halten über die Lage, die durch die wirtschaftliche Entwickelung
der Industrie im Osten und ihre Einwirkung auf das Bevölkerungs-
problem geschaffen ist. Ich selbst bin aus dem Westen vor nicht
langen Jahren in den Osten gekommen und stehe den östlichen
Verhältnissen insofern mit ähnlichen- Gedanken gegenüber, wie
ein großer Teil von Ihnen, die aus dem westen zu diesem Kurs
gekommen sind. Der entscheidendste Eindruck, den alle gehabt
haben werden, die aus dem westen in die Ostmark gekommen
sind, ist wohl der, daß große Teile des Ostens auch heute noch
nicht germanisiert sind, wenigstens wenn man unter „germanisiert
sein" versteht, daß Bevölkerung und Wirtschaft durchaus deutschen
Eharakter tragen, daß keine grundlegenden Differenzen zwischen
der Kultur des Ostens und der des Westens bestehen. Aber der
Osten gehört in weitem Umfang polnischer Kultur an. Die Polen
behaupten ihn, und verhüllt oder unverhüllt tritt auf ihrer
Seite die Anschauung hervor, daß diese Grenzgebiete in der
Hauptsache den Polen gehören, und uns allen wird nach ein-
gehender Beobachtung mehr oder weniger deutlich das zum
Bewußtsein gekommen sein, daß hier in der Ostmark ein Streben
nach polonisierung, nach Slavisierung besteht, wir haben
den Kampf um die Ostmark und nicht allein um den
Boden der Ostmark auf diesem alten Kolonialgebiet
noch einmal wieder aufzunehmen.

von Deutschland aus gesehen, ist der ganze Osten Kolonial-
boden, und wir müssen, um einer schiefen Auffassung vorzubeugen,

von vornherein feststellen, daß er trotz aller Kolonisations-

1*
        <pb n="6" />
        ﻿4 Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Dsten.

versuche, die mit mehr oder minder großem Erfolg seit den
Zeiten des deutschen Ordens hier vorgenommen sind, und trotz
gegenteiliger Behauptungen noch niemals völlig deutsch gewesen
ist; die Germanisation des Ostens ist noch niemals bis zum Rest
durchgeführt. Nie hat es sich bei der Germanisation um etwas
anderes gehandelt, als um die Einführung einer deutschen Ober-
schicht. Diese Tatsache hat in vergangenen Jahrhunderten zu
der Auffassung geführt, daß die politische Eroberung des Ostens
vollzogen sei, weil diese deutsche Oberschicht tatsächlich herrschte.
Diese Periode der Herrschaft einer kleinen reindeutschen Ober-
schicht ist aber durch die grundlegenden politischen und wirt-
schaftlichen Umwälzungen in der letzten Hälfte des vorigen Jahr-
hunderts beseitigt worden.

Wir haben es heute, wie allenthalben, so auch hier mit
den Fragen der Masse zu tun. Unter diesem Gesichtswinkel
stellt sich das Problem der Germanisterung des Ostens ganz
anders dar, als die Germanisation von Elsaß-Lothringen. Der
größte Teil von Elsaß-Lothringen ist von jeher deutsch gewesen,
er ist niemals romanisiert im Sinne der Nationalitätenfrage;
wohl aber ist dort im vergangenen Jahrhundert eine zeitweilige
Trennung von Deutschland im politischen wie im kulturellen Sinn
erfolgt, die weite Ureise nach diesen beiden Richtungen zu guten
Franzosen gemacht hat, ohne doch die Stammeszugehörigkeit der
Waffe zu Deutschland beseitigen zu können. Deswegen hat es dort
nach der gewaltsamen Revindikation des Reichslandes 1871 nur
in ganz beschränktem Sinn weiteren politischen Rampfes bedurft,
um diesen Teil deutschen Volkes dem Deutschtum wieder zurück-
zugewinnen, sondern es hat nur der Amalgamierung der wirt-
schaftlichen Verhältnisse mit denen Deutschlands bedurft, der Los-
lösung von den französischen Wirtschaftsverhältnissen, um wieder
so gut wie rein deutsches Gebiet zu schaffen.
        <pb n="7" />
        ﻿Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Gsten.

5

Ganz anders liegen die Verhältnisse im Osten. Die Nationali-
tätenfrage, die Zugehörigkeit zweier Hälften der Bevölkerung zu
zwei verschiedenen Nationen, spielt dort neben den gesamten wirt-
schaftlichen Verhältnissen in entscheidendem Nlatze mit. Ls bedarf
nicht allein wirtschaftlicher Amalgamierung des Ostens mit dem
übrigen Deutschland, sondern zuerst der Entscheidung der poli-
tischen Machtfrage, ob der Osten aus die Dauer germanisiert
oder slavisiert werden soll.

Nur ein Mittel zu der nötigen Verschmelzung des Ostens
mit dem gesamten übrigen Deutschland ist die wirtschaftliche
Eroberung, die bisher nicht erreicht ist. Sie alle kennen die
Verhältnisse, die durch das Bernhardsche Buch über das pol-
nische Gemeinwesen im preußischen Staat allen vor Bugen gelegt
sind, die sehen wollen. Ls genügt heute bei dem unbezweifel-
baren Vordringen und dem notorischen Aufschwung des polni-
schen Mittelstandes nicht mehr, eine deutsche Oberschicht in ihrer
Herrschaft über das weite Gebiet des Ostens zu stützen, sondern
es ist in weiten Kreisen als notwendig bezeichnet worden, die
gesamte Bevölkerung zu germanisieren, um die Sicherheit zu
gewinnen, daß dieses von Preußen erworbene Land auf die
Dauer deutsch bleibt. Machtfragen sind es daher in erster
Linie, um die es sich bei diesem. Problem handelt.

Neben dem großen Eindruck der vorhandenen politischen
Differenzen auf dem Gebiete der Nationalitätenfrage steht für
jeden, der aus dem Westen kommt, der Eindruck, daß es sich
ebenso um große industrielle und landwirtschaftliche Differenzen
gegenüber den Verhältnissen des Westens handelt. Wenn nun
feit Jahren von privater Seite aus immer wieder wirtschaft-
liche versuche gemacht sind, um den Osten zu industrialisieren,
um ihn so höherer und deutscher Kultur zuzuführen, so sind diese
ohne weiteres als erfreulich zu begrüßen. Ihre Erfolge und
        <pb n="8" />
        ﻿6 Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im ffijten.

Mißerfolge gehören dem Gebiete privater Kolonisation an, sie
gehen auf das Risiko der betreffenden Unternehmer, sie sind
Verdienst und Unglück von einzelnen je« nach ihrem (Erfolg.
Ganz anders liegen aber die Dinge, wenn vom Staate aus durch
wirtschaftspolitische und Verwaltungs-Maßnahmen ein maß-
gebender Einfluß auf die Abänderung der vorhandenen wirt-
schaftlichen Verhältnisse versucht wird.

„Sapientissime sinnt omnia, quae pro re publica sinnt“,
steht in Danzig am hohen Tor. Das Wort ist häufig miß-
braucht worden, um jeder Kritik an den Maßnahmen einer
Regierung von vorn herein zu begegnen, solcher Kritik unter
dem Gesichtspunkt des beschränkten Untertanenverstandes Zügel
anzulegen. Solche Kritik ist aber absolut vonnöten, um zu
einer wirklichen Erkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse zu
gelangen. Wir haben eine Reihe von Lobrednern der heutigen
Maßnahmen zur Germanisierung des Ostens. Ich verweise
speziell auf den Vortrag, den Herr Professor hintze am ly. Sep-
tember 1903 in Danzig im verbände Ostdeutscher Industrieller
„über die Industrialisierungspolitik Friedrichs des Großen, ver-
verglichen mit den von Goßlerschen Plänen für Westpreußen"
gehalten hat. Lr verweist auf die Politik Friedrichs des Großen
und befürwortet für heute die Durchführung ihrer Grundideen.
Im einzelnen sagt er Seite 4: „Der verstorbene Gberpräsident
von Goßler, dem diese Provinz so viel verdankt, hat den wahr-
haft staatsmännischen Gedanken auf die Bahn gebracht, daß
man auch zugleich den Osten industrialisieren müsse. Er hat
das Problem ausgestellt, deutsche Bauern auf das Land und
deutsche Industrie in die Städte. Mit richtigem politischem In-
stinkt hat er herausgefunden, daß man bei dieser Aufgabe wieder
an die Tradition Friedrichs des Großen anknüpfen müsse, so
weit die gegenwärtigen Verhältnisse das gestatten". Er sagt
        <pb n="9" />
        ﻿Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Osten.

7

weiter Seite 31: „Das kann natürlich heute nicht mehr in ganz
denselben Formen gemacht werden, es kann heute auch nicht
mehr die Aufgabe eines Königs von Preußen sein. Aber, daß
dieser Geist staatlicher Fürsorge da, wo er angebracht ist, und
in den Formen, die den gegenwärtigen Verhältnissen entsprechen,
noch immer von Segen sein kann, das beweist nach allem, was
ich davon gehört habe, die Wirksamkeit des verewigten Gber-
präsidenten von Goßler auf das glänzendste und überzeugendste.
Durch vorübergehende Rückschläge und Krisen darf man sich dabei
nicht entmutigen lassen". „Freilich, wer in der Volkswirtschaft
lediglich einen natürlichen Organismus sieht, dessen Lebens-
prozeß, mag er nun zu Blüte oder verfall neigen, niemals durch
die plumpe und rauhe Hand des Staates gefährdet werden
darf, mit dem ist über diese Dinge nicht zu diskutieren, wer
den wirtschaftenden Menschen sich wie einen überall gleichartig
eingerichteten Automaten denkt, der von den wirtschaftlichen
Selbstinteressen allein so in Bewegung gesetzt werden kann, wie
es seiner Konstruktion entspricht, der wird in dem ganzen
friedericianischen System nur einen großen und verderblichen
Irrtum erblicken können." — „Ls kommt auch für uns, meine
ich, nur darauf an, ob der Staat ein vitales Interesse daran
hat, daß die Ostprovinzen eine Industrie bekommen und ein
solches politisches Interesse liegt meiner Ansicht nach vor, es liegt
in der polenfrage". Ls handelt sich also nach hintze um das
Problem der Industrialisierung des Ostens wegen der Polen-
frage. Die Frage ist also zu diskutieren, ob hintze Recht hat;
ist das Problem so zu lösen?

Run ist es heute Tatsache, daß alle Industrialisierungsver-
suche des Ostens bisher mißglückt sind, hintze selbst gibt in
dem erwähnten Vortrag diese Tatsache vollständig zu für die
Regierung Friedrichs des Großen. Nachdem diese Periode der
        <pb n="10" />
        ﻿8 Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Vsten.

Industrialisierung abgeschlossen war, hat im neuen Reich am
der wende der sechziger und siebziger Jahre ein zweiter 3n-
dustrialisierungsversuch stattgefunden. (Es ist lehrreich, hierfür
eine kleine Schrift des Regierungsrats $. Rlarcinowski ,Ost-
preußens Beruf für die Industrie" vom Jahre 1872 zu ver-
gleichen. Lr erklärt positiv, daß die Industrie Ostpreußens in
seiner Beobachtungsperiode sich nicht allein nicht fortentwickelt
habe, sondern sogar häufig Merkmale des Rückschritts oder
wenigstens des Stillstandes erkennen lasse. AIs Gründe
hierfür führt er herrschende Vorurteile gegen die Möglichkeit
des Gelingens industrieller Unternehmungen an, die er im wesent-
lichen zurückführt auf die Mißerfolge, welche fast sämtliche in
den letzten Jahrzehnten ins Leben gerufenen neuen industriellen
Unternehmungen aufzuweisen haben. Als reellen Grund aber
führt er an: „Wollte man aber dem Anlaß des Fehlschlagens der
industriellen Unternehmungen in den einzelnen Fällen aus den
Grund gehen, so würde man feststellen können, daß nicht der
Mangel irgend eines der Grundelemente der Industrie den Miß-
erfolg verschuldet, vielmehr teils die persönliche Unfähigkeit des
Unternehmers, teils die unrichtige Wahl des Fabrikortes,
teils eine unrichtige Fabrikationsmethode, teils finanzielle
Ralamitäten, teils endlich ungeschickte technische Leitung den
Fall oder Rückgang des Unternehmens zur Folge gehabt
haben. Ls ist allerdings nicht zu leugnen, daß die Provinz
Preußen für manche Industriezweige absolut keinen sicheren
Boden gewährt. Ls ist ferner auch nicht zu verkennen, daß die
Grenzsperre gegen Rußland, die Eisenzölle, die noch nicht ganz
überwundenen Mängel einer gleichmäßigen Rommunikation dem
Umfange der industriellen Unternehmungen zurzeit noch ge-
wisse Schranken setzen. Deshalb darf man aber die Möglich-
keit einer dieser Begrenzung entsprechenden Entwicklung der
        <pb n="11" />
        ﻿Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Osten.

9

Industrie nicht in Frage stellen." In summa ist jedenfalls
nicht zu verkennen, daß die Beobachtungen dieses nüchternen
Regierungsbeamten einen fast vollständigen tatsächlichen
Mißerfolg der damals versuchten Industrialisierung auf dem
Wege der Tätigkeit des freien Unternehmertums konstatieren.
Sie ist speziell charakterisiert durch die Entstehung industri-
eller Anlagen in den Formen der modernen Erwerbsgesellschaft.

Die nächste Periode der Industrialisierung ist charakterisiert
durch die Tätigkeit des Oberpräsidenten von Goßler in Danzig.
Ls kann nicht die Aufgabe dieses Vortrages sein, auf die Miß-
erfolge dieses Versuchs im einzelnen einzugehen. Es genügt
nach dieser Richtung hin zu verweisen auf die absoluten Mißer-
folge der nordischen Llektrizitäts- und Stahlwerke, die nach
immer wiederholten versuchen, dieses Werk zu sanieren und nach
enormen Zubußen seitens der Interessenten und der Stadt Danzig
schließlich doch in Konkurs geraten sind, ohne daß irgendwelche
begründete Aussicht besteht, wesentliches aus diesem Zusammen-
bruch zu retten. Die übrigen unter der Ägide des Herrn von
Goßler durchgeführten wirtschaftlichen Unternehmungen sind ja
über das Stadium der Kinderkrankheiten hinübergeführt worden,
ohne jedoch irgendwelche wesentliche auf eigener Kraft be-
ruhende Entwicklungsfähigkeit zu zeigen, so weit sie nicht mit
den Grundlagen des ostdeutschen Wirtschaftslebens in besonders
nahem Zusammenhang stehen. Es handelt sich also, und das
ist als übereinstimmende Meinung aller an diesen versuchen
aktiv Beteiligter festzustellen, um eine recht problematische
Sache bei dem neuesten versuch, den Osten zu industrialisieren
und es bedarf daher heute wieder einmal dringend einer Dar-
legung der tatsächlichen Grundlagen für die Möglichkeit irgend
einer Industrialisierung, also in erster Linie einer Untersuchung
der natürlichen Gegebenheiten im Osten.
        <pb n="12" />
        ﻿10 Oie wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im (Osten.

Zuerst ist da auf eine enorme Differenz zwischen Schlesien
auf der einen Seite und Posen, Pommern, Ost- und west-
preutzen auf der anderen Seite hinzuweisen. In Schlesien hat
sich eine bodenständige Großindustrie entwickelt auf der Grund-
lage des Besitzes von Kohle, (Eifert und einer Reihe von anderen
Mineralien. Dieses Vorkommen von Erzen und Steinkohlen
fehlt in sämtlichen anderen Teilen des Ostens vollständig. In-
folgedessen hat sich in Schlesien eine natürliche Industrialisie-
rung ohne Staatshilfe vollzogen, trotzdem die Verkehrslage
Schlesiens zum übrigen Deutschland durchaus nicht als besonders
günstig zu bezeichnen ist. Schlesien teilt weiter mit den anderen
östlichen Provinzen dieselbe Gefahr der österreichischen und russi-
schen Grenznahe und der dadurch gegebenen Unterbindung des
Absatzes in sein natürliches Absatzgebiet jenseits der Grenze bei
der herrschenden absperrenden Wirtschaftspolitik Deutschlands.
Schlesien hat das Ziel der Industrialisierung erreicht, trotzdem
für diese Provinz durchaus nicht wesentliche Unterschiede in der
Versorgung des Arbeitsmarktes mit Arbeitskräften vorliegen
gegenüber der anderen Provinzen des Ostens.

Die natürlichen Unterlagen jeder industriellen Produktion
sind von der Natur gebotenes Rohmaterial, Kapital und Arbeits-
kräfte. Da ist festzustellen, daß dem Osten, abgesehen von Gber-
schlesien, eigene Kohle fehlt. Die östlichen Provinzen sind infolge-
dessen aus den Bezug von Steinkohle aus Gberschlesien, Rheinland
und Westfalen oder England angewiesen. Infolgedessen spielt für
diese Provinzen die Frachtfrage der Kohlen eine entscheidende Rolle,
was das Kapital anlangt, so ist nach den Ergebnissen der
preußischen Lrgänzungssteuer evident, daß die vier genannten
Provinzen in ihren Resultaten weit unter dem Durchschnitt des
übrigen Preußen bleiben und für die Möglichkeit industrieller
Produktion ist infolgedessen ebenso mit einem Import von
        <pb n="13" />
        ﻿Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Osten. 11

Kapital, wie von Kohlen zu rechnen. Die Beobachtung der
Bevölkerungsverhältnisse der vier östlichen Provinzen Preußens
hat weiter, was die Frage der Binnenwanderung angeht, eine
sich immer verstärkende Abwanderung speziell der in landwirt-
schaftlichen Betrieben aufgewachsenen Kreise der Bevölkerung
nach dem Westen gezeigt. Der Mangel von Arbeitskräften wird
vielleicht von keiner anderen Gruppe von Unternehmern stärker
beklagt als vom Großgrundbesitz, der in den östlichen Provinzen
überwiegt. Infolgedessen ist ebenso wie mit der Notwendigkeit
des Imports von Kohlen und Kapital mit dem absoluten Zwang
zum Import von Arbeitskräften in dieses Gebiet schon zur
Durchführung des bisher überwiegenden landwirtschaftlichen Be-
triebes zu rechnen, geschweige denn zur Durchführung einer In-
dustrialisierung, die eine weitere Zahl von Arbeitskräften für
ihre Entstehung zur Voraussetzung hat. Und was das Ent-
scheidende ist für die Frage des Bevölkerungsproblems und da-
mit für die Frage der politischen Behandlung dieser ganzen
Dinge, der Nachschub dieser Arbeitskräfte erfolgt
nicht aus germanischen Gebieten, sondern erfolgtim
wesentlichen durch die Einwanderung von Slaven.

Es fehlen also im großenGanzen betrachtet die
drei natürlichen Grundlagen für eine Industriali-
sierung des Ostens, wenigstens wenn man eine In-
dustrialisierung im großen Stile vor Augen hat.

Im einzelnen ist zu dem soeben vorgetragenen zu be-
merken, daß immerhin in gewissem Sinne ein Ersatz für
Steinkohlen für industrielle Zwecke durch Braunkohle
zu ermöglichen ist. Daß sich Braunkohle in gleichem Sinne wie
Steinkohle industriell verwenden lasse, wird von niemand be-
hauptet, aber als Surrogat wäre die Braunkohle nicht zu ver-
achten. Es gibt zweifellos Braunkohlenlager im Osten; ich
        <pb n="14" />
        ﻿12 Die Wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Gsten.

verweise speziell auf die Untersuchung von Meine und von
Rosenberg-Lipinski, die am 20. Oktober 1905 in Posen dem
verband Ostdeutscher Industrieller vorgetragen sind. Meine
resümiert seine Anschauung dahin, daß die Erschließung abbau-
würdiger Braunkohlenlager in absehbarer Zeit zunehmen werde,
er betont aber, daß die Bohrung eine ganz unsichere Sache sei
und daß jedenfalls bisher nichts irgendwie Wesentliches erreicht
sei. Er hebt ferner hervor, daß diese Braunkohle durchaus kein
Surrogat für die Verwendung von Steinkohlen in den Fabriken
sein könne. Bergrat von Rosenberg-Lipinski hebt speziell her-
vor, daß die Hoffnung, in der Provinz Posen Steinkohlen zu
finden, nach dem bisherigen Befund so gut wie aussichtslos sei
und daß also von nutzbaren brennbaren Mineralien das wich-
tigste die Braunkohle sei. Diese komme aber in zu wenig
mächtigen Flözen vor und sei daher wenig abbauwürdig. Außer-
dem komme nur Tiefbau in Frage, nicht Tagebau und es sei
daher von vornherein für jede Inaugurierung von Braunkohlen-
bergbau die Verwendung bedeutender Rapitalmengen erforder-
lich. In Posen handle es sich um relativ schwache, aber breite
Lager von Braunkohlen, deren Oualität als gut zu bezeichnen
sei, besonders wegen ihres Gasgehalts. Der Abbau dieser Bohle
biete aber enorme Schwierigkeiten wegen der großen Bedenken,
die die Wasserführung der zu durchbrechenden Gesteine mit sich
bringe. Er kommt infolgedessen zu dem Resultat, daß die Aus-
dehnung des Braunkohlenbergbaues im Osten technisch zweifel-
los möglich, aber auf alle Fälle teuer sei. Festzustellen sei, daß
bisher nichts erreicht sei. Mit Recht weist er nur auf eine
Möglichkeit hin, den Braunkohlenbergbau dennoch rentabel für
Industrialisierungszwecke zu gestalten, sie liegt darin, daß auch
die Produktion von Steinkohlen in Deutschland immer teurer
werde, wegen des Zwanges, in größere Tiefen zu gehen, um
        <pb n="15" />
        ﻿Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Esten. 13

abbauwürdige Flöze zu treffen. Für jede Braunkohlenförderung
spricht im Osten die Möglichkeit, durch sie Frachtersparnisse gegen-
über dem an sich nötigen Import von Steinkohlen aus anderen Pro-
duktionsgebieten zu erzielen. So richtig diese Tatsache ist, so
wird man ihr doch vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus
gegenüber halten müssen, daß der Transport von Steinkohlen
für die preußischen Staatseisenbahnen einen lukrativen Zweig
ihrer Tätigkeit ausmacht, so daß ein wesentlicher Ausfall auf
diesem Gebiete zu eine Schmälerung der Rente der Staatsbahnen,
die das Rückgrat der preußischen Finanzen darstellen, führen
müsse. Unter solchen Umständen ist der Forderung nach staat-
lichen versuchen zu Hebung des Braunkohlenbergbaues, die er-
hoben wurde, bisher von staatlicher Seite nur in ganz be-
schränktem Maße Folge gegeben, allerdings bisher auch ohne
Erfolg.

Neben Steinkohlen und Braunkohlen kommt als Feuerungs-
material der Torf in Betracht. Ls steht fest, daß dieser sich
bisher in keiner Form für industrielle Zwecke geeignet hat,
speziell für die Großindustrie. Nach den Ergebnissen der Unter-
suchungen von Dr. M. Taro und Dr. v). Feldt, die diese am
16. November 1906 dem verband Ostdeutschen Industrieller
vorgetragen haben, ist zuzugeben, daß bedeutende Moorflächen
für die Torfausbeute in diesen Gebieten in Betracht kommen.
Der Torf kann in der Form sorgfältig gearbeiteten Maschinen-
torfs ein recht gutes Heizmaterial bieten, das für alle Zwecke der
Heizung verwendet werden kann, falls die Heizanlagen der Ver-
wendung von Torf speziell angepaßt werden. Er bietet aber
auf alle Fälle, wie Taro feststellt, ein minderwertiges Heiz-
material dar. Die Methode der Verkokung von Torf auf dem
Wege der trockenen Destillation ähnlich der der Holzverkohlung
bietet nach einzelnen versuchen die Möglichkeit rationeller ver-
        <pb n="16" />
        ﻿14 Oie wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Gsten.

Wendung des Torfs. Taro stellt aber fest, daß der wirtschaftliche
Erfolg dieser Verfahren von allzuvielen Faktoren abhängig sei,
als daß er ständig sein sollte. Speziell für den Osten stellt Taro für
jetzt die Möglichkeit rationeller Verwendung der Destillations-
verkokung direkt in Abrede. Etwas bessere Aussichten sieht Taro
in der Möglichkeit, den Torf zu vergasen und das erhaltene
Gas in Gasmaschinen zu verwenden. Aus diesem Wege sei
rechnungsmäßig die Möglichkeit der Beschaffung einer Iahres-
pferdekraft in Form von Elektrizität mit ca. 70 bis 80 Mk.
festzustellen, also nicht höher, als an solchen Stellen Deutschlands,
die über große lvafferkräfte verfügen. Am wichtigsten scheint
Taro die Verwendung des Torfs durch direkte Vergasung zur
Erzeugung von Kräften, die bei der Fabrikation von Kalkstick-
stoff zu gebrauchen seien. Er sagt: ,,Ls wird das Moor in
großem Maßstabe verwertet, es wird das Land kulturfähig
gemacht und es wird eine Produktion geschaffen, welche im
Land fast unbeschränkte Aufnahme als Ersatz eines Auslands-
produktes findet und in denselben landwirtschaftlichen Betrieben
verwendet wird, die auf den enttorften Flächen aufblühen. Die
Angliederung der holzschleif- beziehungsweise Kalkstickstoff-Fabri-
kation ergibt endlich verwertbare transportable Produkte, die
unter Benutzung der Hilfsquellen des Landes entstehen und im
Lande Geld durch verkauf nach anderen Ländern, beziehungs-
weise durch Ersparnis der Auslandseinfuhr einbringen. Diese
Industrien müssen deshalb als bodenständig angesehen werden
und ihre Durchführung liegt im Rahmen des Erreichbaren und
Nützlichen". Schließlich betont Taro, daß unter Anwendung
des sogenannten Mond-Taroschen Vergasungsverfahrens für hal-
dentrockenen Torf fast der gesamte Stickstoff von Torf in Form
von Ammoniak gewonnen werden könne. Der Erlös aus dem
Ammoniak, welches in der Form von Ammonsulfat als leicht
        <pb n="17" />
        ﻿Die wirtschaftliche Lntwickleng der Industrie im Gsten.	7 g

absetzbares, stickstoffhaltiges Düngemittel erhalten wird, decke
nicht nur die Rosten des Betriebes, sondern werfe vielfachen
Gewinn ab. Die bei der Fabrikation von Ammonsulfat ent-
haltenen Gase seien nicht nur für Rraftzwecke besonders gut ge-
eignet, weil sie von konstanter Zusammensetzung und besonders
rein seien, sondern sie könnten auch für alle Zwecke der Heizung
verwendet werden und ergeben, entsprechende Feuerungen voraus-
gesetzt, die höchste Temperatur. Besonders gut eignen sich der-
artige Anlagen zum Stahlschmelzen, da das Gas absolut schwefel-
frei sei.

vorerst bestehen nun im Gsten keinerlei Anlagen, um
diese technischen Möglichkeiten auszunutzen. Ls ist daher fest-
zustellen, daß es, bis derartige Anlagen geschaffen worden sind,
bei dem Fehlen von Steinkohlen, der relativen Ungeeignetheit
von Braunkohle und der bisher nicht in wesentlichem Umfang
in die Praxis überführten Verwendungsmöglichkeit des Torfes
für größere industrielle Zwecke dabei bleibt, daß das wichtigste
Rohprodukt für eine Industrialisierung, das Heizmaterial in
diesem Gebiete nicht zu dem Preise zur Verfügung steht, zu
dem es in den bisherigen Industriegegenden Deutschlands und
rund um die deutsche Grenze herum im Auslande zur Ver-
fügung steht.

Und ebenso geht es mit dem Vorkommen von Eisen.
Die wenigen Brauneisenstein- und Raseneisensteinlager können
für eine Industrialisierung bisher nicht gezählt werden. Ls
würde also neben dem Import von Brennmaterial für eine Groß-
industrie des Imports von Roheisen, lvalzeisen, Stabeisen, Guß-
eisen und Stahl bedürfen, um auch nur eine Fertigfabrikatin-
dustrie in diesen Gegenden unterhalten oder neu ins Leben rufen
zu können. Line Hochofenindustrie wäre nach den bisherigen
Ermittelungen und Erfahrungen nur an der Rüste mit fremder
        <pb n="18" />
        ﻿16 Oie wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Gsten.

Kohle und fremden Erzen denkbar. $ik den Osten bleibt also
auf diesem Gebiet im besten Sali die Möglichkeit, eine den
speziellen lokalen Bedürfnissen des östlichen Wirtschaftslebens
angepaßte Kleineisenindustrie, speziell Maschinen- und Guß-
warenindustrie, wie sie schon in Graudenz in bedeutenden Werken
durchgeführt ist, ins Leben zu rufen.

Auch sonst ist aber an dieser Stelle der Gedanke zu ven-
tilieren, ob es nicht denkbar erscheint, an die Stelle der alten
Vorbedingungen der Großindustrie wenigstens zu einem Teil
die Erzeugung von Kraft durch die vereinigt erfolgende Ver-
wendung der vorhandenen Wasserkräfte zu beschaffen. Es wird
nach dem heutigen Stande der Technik zuzugeben sein, daß in
Pommern und Teilen Westpreußens eine derartige Ausnutzung
von Wasserkraftanlagen durchaus innerhalb des Bereiches der
Möglichkeit liegt. Wir finden daher hier schon jetzt allgemein
ein tatkräftiges Eingreifen von Kommunen und seitens der
Provinzen, um durch Einrichtung von Stauwerken, durch Tal-
sperren und ähnliches, industrielle Kraftanlagen herzustellen,
vorerst werden diese Überlandzentralen allerdings wohl im
wesentlichen Beleuchtungszwecken und der Beschaffung von Kraft-
antrieb für landwirtschaftliche Maschinen dienen, die Möglichkeit
der Angliederung bedeutenderer industriellen Betriebe an diese
Überlandzentralen scheint jedoch unter der Voraussetzung, daß
diese Zentralen von vornherein in genügenden Dimensionen
ausgebaut werden, durchaus innerhalb des Bereiches der Mög-
lichkeit zu liegen.

wir sahen, die wichtigsten Naturfaktoren für eine Indu-
strialisation des Ostens im großen sind nicht gegeben. Bedeutend
ist für den Osten nur die Produktion von holz, die aber immer-
hin noch nicht so groß ist, daß sie die Verwendung ausländi-
schen Holzes innerhalb dieses Gebietes verhindert. An industri-
        <pb n="19" />
        ﻿Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Osten. 17

eilen natürlich begründeten Anlagen sind hier zu nennen die
bedeutenden Schneidemühlen, Zellulosefabriken und Möbelfa-
briken, die, wie die Erfahrung gezeigt hat, bei verständiger
Leitung durchaus zu prosperieren vermögen. Aber alle diese
Industriezweige sind ebenso wie diejenigen, die auf der Ge-
winnung von Kalk, Mergel und Gips begründet sind, sowie
Ziegeleibetriebe, auf ausgedehnte Verwendung von Arbeits-
kräften angewiesen. Für diese Betriebe spielt also speziell die
Arbeiterfrage eine bedeutende Rolle.

Eine besondere Gruppe für die Industrialisierung des
Ostens spielen natürlich diejenigen Betriebe, die aus der
Basis oder im Anschluß an landwirtschaftliche Betriebe er-
richtet werden können. Es handelt sich speziell um die
Mühlenindustrie, die auf das engste verbunden ist mit dem
Bezug von Getreide aus den landwirtschaftlichen Großbe-
trieben. Diese Großmühlen haben die alten, in großen Mengen
vorhandenen Lohnmühlen im wesentlichen zurückgedrängt,
ebenso wie die kleinen Brauereien und Brennereien nicht mehr
in dem Sinne überwiegen, wie das vor kurzer Zeit der Fall
war. Die großen industriellen Mühlen, Brauereien und Brenne-
reien stellen eben den entschiedenen technischen und wirtschaftlichen
Fortschritt dar. Es kann nicht bezweifelt werden, daß alle
diese Industriezweige durch eine Öffnung der russischen Grenze
einen lebhaften Impuls für ihre Tätigkeit finden würden. Aber
auch unter den jetzt obwaltenden Verhältnissen ist zu konstatieren,
daß diese Betriebe im allgemeinen eine auf ihrer Bodenständig-
keit basierte Rentabilität zeigen und innerhalb des durch die
Tatsachen der allgemeinen Wirtschaftspolitik gegebenen Rahmens
auf die Dauer ein gesundes Wirtschaften in Anssicht stellen. Als
blühend sind daher in diesem Bezirk die sogenannten landwirt-
schaftlichen Nebengewerbe, die Spiritus- und Stärkeindustrie

2
        <pb n="20" />
        ﻿18 Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im (Dften.

wegen des vorhandenen Rartoffel- und Getreidebaues, die Roh-
zuckerindustrie wegen des ausgedehnten Rübenbaues und die
Zuckerraffinerien infolge der Verfügung über deutschen Rohzucker
neben ausländischem zu bezeichnen. Dasselbe gilt von der
Molkereiproduktion, die sich durch die allmählich glücklicherweise
etwas ansteigende Viehhaltung wesentlich hebt, der sämtliche Fort-
schritte der Intensivierung der Landwirtschaft, besonders was die
Verwendung der Abfälle der landwirtschaftlichen Nebengewerbe,
Stallfütterung und Verwendung landwirtschaftlicher Maschinen
angeht, zugute kommt.

Als Resultat werden wir also feststellen können, daß die
natürlichen Gegebenheiten des Ostens nur dahin auszubeuten
sind, daß sie die Entwicklung von Industrien ermöglichen, die im
Anschluß an das Hauptgewerbe des Ostens sich betätigen, an
die Großlandwirtschaft. Über auch diese werden zu einer Blüte
nur da gelangen können, wo ihnen Rapital und Arbeitskräfte
neben genügender kaufmännischer Leitung in ausreichendem
Maße zur Verfügung stehen.

Daneben handelt es sich aber um den großen Einfluß,
den die geographische Lage des Ostens auf die Möglich-
keit der Industrialisierung ausübt. Einmal hindert die
geographische Lage eine intensive wirtschaftlich-industrielle
Entwicklung, weil diese Provinzen sich ein breitem Streifen
an der russischen Grenze, die für uns wirtschaftspolitisch
geschlossen ist, hinziehen und dadurch von dem Verkehr mit
mindestens der Hälfte ihres natürlichen Absatzgebietes so gut
wie ausgeschlossen sind, von den Hauptproduktions- und Ron-
sumtionsgebieten in Deutschland sind diese Gegenden nur durch
Binnentransportwege, für die zum größten Teil nur die Eisen-
bahnen in Betracht kommen, erreichbar. Die Ronkurrenz der
englischen, oberschlesischen und westfälischen Steinkohle ist speziell
        <pb n="21" />
        ﻿Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Osten. 19

durch diese Verhältnisse auf das intensivste beeinflußt. Ls ist
also festzustellen, daß die natürliche Lage dieser Gegenden durch
wirtschaftspolitische, speziell aber durch tarifarische Maßnahmen
für den Verkehr auf Eisenbahnen und Wasserstraßen, besonders
durch den klusbau von Wasser- und Schienenstraßen, durch staat-
lich Maßnahmen also, wirtschaftlich grundlegend verschoben
werden Kann, so weit die natürlichen Gegebenheiten, wie wir
vorher erörterten, eine Beeinflussung dieser Gegend überhaupt
ermöglichen. Ich verweise speziell auf einen kiufsatz von Max
Bahr, der in der Zeitschrift für Binnenschifffahrt, in der „Ost-
deutschen Industrie" 1909 Br. l und als Broschüre veröffentlicht
worden ist „über die Erhaltung der Ostmark für das Deutsch-
tum durch die Schaffung durchgehender Wasserstraßen, 1909
1. Ianuar". Bei diesen Darlegungen wird es auch dem Laien
einleuchten, daß es gerade die Tarife der Staatsbahnen und
die geplante Tarifierung für den Verkehr auf den Wasser-
straßen sind, die eine allmähliche Beteiligung des Ostens
am mitteldeutschen Wirtschaftsleben heute in den meisten
Fällen ausschließen, ohne daß das an sich nötig wäre.
Die vereinigten Staaten von Amerika liegen für Danzig heute
näher, als Berlin, weil die Tarifmaßnahmen der Staatsbahn
gemessen an den Seefrachten diese Grtsdifferenz größer erscheinen
lassen. Die einfache Multiplikation des Tarifsatzes verhindert
die Verfrachtung ostdeutscher Produkte nach dem Westen und
die Möglichkeit, zu billigen Preisen das dem Osten für eine
Industrialisierung fehlende Rohmaterial dorthin aus dem Westen
zu überführen, wirklich überwinden lassen sich die großen Ent-
fernungen zwischen dem Westen und Osten abgesehen von tarifa-
rischen Maßnahmen aber ausschließlich durch die Erbauung
eines schiffbaren Wasserweges zwischen Weichsel, Oder, Elbe,

Weser und Rhein mit Tarifen, die dem Osten, einen Austausch

2"
        <pb n="22" />
        ﻿20 Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Osten.

mit dem Westen ermöglichen. (Es bedarf also unbedingt des
Ausbaues des Mittelgliedes Magdeburg-Hannover und der Ver-
tiefung der vorhandenen östlichen Wasserwege in Annäherung an die
westdeutschen llanaltiefenverhältnisse der staatlichen Wasserstraßen.
(Es bedarf also unbedingt einer (Eisenbahntarifpolitik und einer
Wasserstraßenpolitik, die den Osten mit dem Westen verbindet,
um den Osten im Westen konkurrenzfähig zu machen und dem
Osten die Rohmaterialien zuzuführen, ohne die eine Industriali-
sierung des Ostens auf die Dauer immer ausgeschlossen bleiben
wird. Ls giebt also nichts Törichteres, als den Widerstand
gegen eine derartige Entwickelung der Eisenbahn- und Wasser-
straßenpolitik, wenn man die Industrialisierung des Ostens will.

Ganz anders liegt die Frage natürlich, wenn man von vorn-
herein dem Gedanken derartiger Industrialisierung grundsätzlich
ablehnend gegenübersteht oder dem Westen grundsätzlich diese
durch staatliche Tätigkeit erst zu schaffende Konkurrenz des
Ostens ersparen will.

Aber selbst, auch wenn diese Fragen zugunsten des Planes
einer Industrialisierung des Ostens gelöst sein werden, wird
immer noch die Frage der Kreditverhältnisse entscheidend
für die Möglichkeit der Durchführung des Problems in Frage
kommen. Neben den natürlichen Verhältnissen, wie sie sich aus
der Lage des Ostens zum übrigen Deutschland und seinen
natürlichen Absatzgebieten ergeben, ist von entscheidender Be-
deutung die Frage, ob für eine Industrialisierung Kapital zur
Verfügung steht oder nicht, und besonders, ob vorhandenes
Privatkapital für diesen Zweck zur Verfügung gestellt werden
kann. Nun ist es notorisch, daß Privatkapital selbst in den
Formen der Aktiengesellschaft und der G. m. b. h. relativ schwer
für den Osten aufzutreiben ist. Die Gründe liegen nicht allein
in einem mehr oder minder berechtigten Mißtrauen gegen die
        <pb n="23" />
        ﻿Oie wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Dsten 21

Chancen dort neu zu gründender Lrwerbsunternehmungen, wie
es an sich nach den Ergebnissen der früheren Industrialisierungs-
versuche begreiflich war, sondern zu beträchtlichem Teil in dem
relativen Mangel an freiem Privatkapital, da ohne jeden Zweifel
der weitaus größte Teil der östlichen privatvermögen entsprechend
dem vorwiegen der landwirtschaftlichen Betriebe in Grund und
Boden nnd Inventar investiert ist. Für die Beschaffung von An-
lagekapital kommen daher in erster Linie Banken und Bankiers
in Betracht. In etwas bedeutenderem Maßstabe als im übrigen
Deutschland sind noch heute kleine Privatbankiers im Gsten
tätig. Ls kann aber nicht übersehen werden, daß auch hier
dieser Breis selbständiger Kreditvermittler immer mehr durch
die lokalen Aktienbanken in seiner Tätigkeit beschränkt, ja
teilweise aus dieser mehr mehr und mehr verdrängt wird.
Trotzdem ist festzustellen, daß eine Reihe von mittleren und
kleinen lokalen Aktienbanken ein durchaus solides, auf dem
Boden der Ostmark aufgebautes Kreditgeschäft regelmäßig ab-
wickelt. Ls ist nicht zu verkennen, daß der Grad von Kon-
zentration im Bankwesen, der in West- und Mitteldeutschland
erreicht ist, im Dsten noch nicht durchgeführt ist. Ls handelt
sich im Gsten nicht so sehr um eine Konzentration im Bank-
wesen, als um eine Beeinflussung der dortigen Kreditgewährung
durch Affilirung und Ankauf von Beteiligungen seitens der Groß-
banken, es handelt sich mehr um eine Ansaugung als um eine
Aufsaugung des östlichen Geschäfts durch die Zentren unseres
deutschen Bankverkehrs. Der entscheidende Grund dafür scheint
darin zu liegen, daß von Berlin aus die lokalen Verhältnisse
des Ostens bei ihrer völligen Verschiedenheit von denen des
Westens weniger übersichtlich und klar verständlich erscheinen,
so daß den lokalen Instanzen ein größerer Spielraum nach
allen Richtungen hin gewährt zu werden pflegt. Zudem
        <pb n="24" />
        ﻿22 Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Osten.

Kann nicht verkannt werden, daß das Erwerbsinteresse
der Großbanken im östlichen Geschäft in keiner weise
einen besonderen Anreiz findet gegenüber den normalen Ge-
schäften im Westen und im Auslande. Jedenfalls kann man
nicht behaupten, daß das Geschäft im Osten irgend welche größere
Chancen böte, als das übrige Geschäft der Großbanken. Ent-
sprechend der historischen Entwickelung ist in der Hauptsache
die preußische Staatsbank, die königliche Seehandlung und die
von ihr speziell für die Bedürfnisse des Ostens aufgenommene
und ausgestaltete Gstbank für Handel und Gewerbe für die
Bedürfnisse eingetreten, die mit der Durchführung des Gedankens,
eine Industrialisierung des Ostens zu versuchen, an die Bank-
welt herantraten. Es ist hier nicht der Grt, über die Betei-
ligung der Seehandlung, die teilweise und zwar in ent-
scheidenden Fällen gerade ohne die Vorschiebung der Ostbank
erfolgt ist, im einzelnen zu handeln, da die Verhältnisse der
nordischen Elektrizitäts- und Stahlwerke heute noch nicht voll-
ständig abgewickelt sind. Man kann hier nur feststellen, daß
mit dem ausgesprochenen Zweck, im Osten Industrie aus dem
Boden zu stampfen, eine Reihe von Millionen seitens der See-
handlung dort investiert worden sind, deren Verwendung voll-
kommen resultatlos gewesen ist. Ls kann weiter nicht verkannt
werden, daß gerade das Eingreifen der Seehandlung als llredit-
geberin in diesen Fällen verschiedentlich die lokalen Banken zu
Beteiligungen veranlaßt hat, gegen die diese lokalen Instanzen
selbst die allerschwersten Bedenken hatten und verschiedentlich
offen zum Ausdruck gebracht haben. Es kann weiter leider
nicht verkannt werden, daß auf diesem Wege eine nicht unbe-
denkliche Scheu der lokalen Kreditgeber gegenüber weiteren
Industrialisierungsversuchen sich gezeigt hat, der ein unbefangener
Beurteiler guten Grund nicht absprechen kann.
        <pb n="25" />
        ﻿B i K

Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Gsten 23

Neben den Großbanken und den affilierten lokalen Aktien-
banken wäre es denkbar, Genossenschaftsbanken zur eventuellen In-
dustrialisierung des Ostens heranzuziehen, besonders solche Schultze-
Delitzschscher Observanz. Ls ist das bisher im großen und ganzen
nicht geschehen und bei den eigentümlichen Verhältnissen des Gstens
mit dem Überwiegen der Genossenschaften Raiffeisenscher Obser-
vanz wird diese Entwickelung im allgemeinen als naturgemäß zu
bezeichnen sein.

So bietet die wirtschaftliche Lage der östlichen Industrie
und die versuche, sie zu erweitern, wenn man die natürlichen
Gegebenheiten, die Lage und die Rapitalbeschaffungs-Hrage ins
Rüge faßt, kein erfreuliches Bild. Allein aus diesem Grunde
muß daher schon jeder versuch, künstlich eine Industrialisierung
des Gstens in die lvege zu leiten, vom wirtschaftlichen Stand-
punkt als höchst bedenklich betrachtet werden. Trotzdem wird
zuzugeben sein, daß aus den oben angeführten Gründen tech-
nisch ein Fortschritt durch das Eingreifen des Staates auf dem lvege
derwirtschaftspolitik und Verkehrsstraßenpolitik denkbar erscheint.

Aber die ganze Angelegenheit wird durch die Arbeiter-
frage in der bedenklichsten weise weiter kompliziert, da zu
sehr großen Teilen die eventuell zur Verfügung stehenden Arbeiter-
massen Polen sind, und nach Ausweis der neueren Zahlen das
polnische Element absolut im Vordringen begriffen ist. Nach
der Reichstagswahlstatistik wurden folgende polenstimmen ab-
gegeben: 1881: 19490, 1890: 246800, 1903: 347800 und
1907: 453 900. Ls entfielen infolgedessen Abgeordnete: 1881:
18, 1890: 16, 1903: 16, 1907: 20. Bei dieser zweifellosen
numerischen Zunahme der Polen speziell im Osten haben wir
aber seit mehr als einer Generation dort großen, wachsenden,
allgemeinen Landarbeitermangel, wir können direkt von einer
Landflucht der Arbeiter aus den östlichen Bezirken sprechen.
        <pb n="26" />
        ﻿24 Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im ©jten.

Wir haben weiter notorisch eine bedeutende Abwanderung von
Deutschen und Polen in die westlichen Industriebezirke, bei denen
heute schon teilweise die Gefahr völliger Poionisierung der
Masse vorliegt und wir haben als Folge dieser Landflucht und
Binnenwanderung ein Nachdrängen der Polen aus Russisch-
Polen und Galizien und darüber hinaus von ruthenischen Ele-
menten besonders in die östlichen Provinzen Preußens. Und
das ist eine Entwickelung, die eingesetzt hat, nachdem um Mitte
des vorigen Jahrhunderts ein Rückgang des polentums, be-
sonders ein verschwinden jedes aggresiven Charakters des
polentums gegen die Germanisierung positiv festzustellen
war. Wir haben inzwischen die Entstehung des polnischen
Mittelstandes, die Entstehung eines polnischen Gemeinwesens
im preußischen Staate erlebt und dürfen uns keinen
Zweifeln darüber hingeben, daß diese Tatsachen in Verbindung
mit der politischen Stellung der Polen in den beiden Nachbar-
reichen dem preußischen Staate mit seinem großen Bestandteil
von polnischen Staatsangehörigen nicht günstig sind und leb-
hafteste Aufmerksamkeit erfordern. Die entscheidende Frage ist
also hier: wie wirkt jede Industrialisierung einmal auf das
Arbeiterproblem im Gsten im ganzen, d. h. in erster Linie auf
die Landarbeiterfrage, da ja die Landwirtschaft heute das vor-
wiegende Gewerbe im Gsten ist, und zweitens, wie wirkt jeder
Industrialisierungsversuch auf die polenfrage? Allenthalben,
wo Industrie sich entwickelt, finden wir nun eine positiv nach-
weisbare Ronzentration der Bevölkerung an der Betriebsstelle
und zwar einerlei, ob diese in der Stadt oder dezentralisiert
über das Land verteilt liegen. Jeder versuch einer Industriali-
sierung im Gsten wird also mehr oder minder starke Massen-
ansammlungen von Arbeitern zur Folge haben, die auf dem Ab-
zug von Landarbeitern, speziell aus den Bezirken des Groß-
        <pb n="27" />
        ﻿Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Gsten. 25

grundbesitzes beruften. Im Osten gibt es aber für den Abzug
von Landarbeitern bestimmte Momente, die unaufhaltsam, schon
ohne das Bestehen derartig neuer Industriezentren wirken,
durch deren Entstehung aber in ihrer Gesamtheit ohne weiteres
gefördert werden müssen. Für den östlichen Arbeiter kommt
ganz allgemein der Zug nach dem Westen in Betracht, weil
ganz allgemein die Anschauung verbreitet ist — es soll hier
nicht untersucht werden, ob diese Anschauung richtig ist - daß
der Westen eine bessere Lebenshaltung gewährleiste, als die
patriarchalischen Verhältnisse des Ostens ermöglichen; speziell in
den Kreisen der Handwerker, noch mehr aber in denen der
fabrikmäßig ausgebildeten Arbeiter ist dieser Gedanke allgemein
vertreten. Es ist mir eine charakteristische Ziffer seitens einer
großen Maschinenfabrik mitgeteilt worden, von den dort hand-
werksmäßig ausgebildeten Arbeitern wandern über 90 °/o nach
kurzer Zeit, fast sofort nach vollendeter Ausbildung in den Westen
ab. Auch wird die Anschauung, die mir gegenüber von dem Spn-
dikus des Vereins Ostdeutscher Industrieller, Dr. John, vertreten
wurde, daß in der östlichen Arbeiterschaft ein stärkeres Fluk-
tuieren beliebt werde, als es im Westen und Mitteldeutschland
zu beobachten sei, richtig sein. Für die größeren Güter spricht
dann meines Erachtens in nicht seltenen Fälle eine unrichtige
Behandlung der Arbeiter für die mangelhafte Seßhaftigkeit mit.
Patriarchalische Methoden der Krbeiterbehandlung sind theoretisch
speziell bei dem Menschenbestand des Ostens an sich möglich;
in demselben Moment aber, wo sie nicht mit dem vollen Be-
wußtsein pädagogischer Rücksichten, sondern aus althergebrachter
Auffassung und scheinbarer oder wirklicher Nichtachtung des
Menschenmaterials verwendet werden, sind sie mindestens gegenüber
der altansässigen deutschen Bevölkerung heutzutage absolut un-
angebracht und wirken direkt als Mittel, die Abwanderung zu
        <pb n="28" />
        ﻿26 Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Gsten.

beschleunigen. Lokales Heimatgefühl kann eben nur entstehen
und erhalten werden, wo keine entscheidenden Gründe vorliegen,
die dieses Gefühl in den Hintergrund zu drängen Kraft genug
besitzen, heutzutage besitzen politische Erwägungen, ganz be-
sonders aber der Gedanke, unrechtmäßig behandelt zu werden,
zweifellos diese Kraft, von ganz entscheidender Bedeutung ist
aber für die Abwanderung großer, speziell landwirtschaftlicher
Arbeiterkreise die volle Umwandlung der landwirtschaftlichen
Betriebstechnik, die Umwandlung der Großlandwirt-
schaft in ein Saisongewerbe mit zeitweiliger Verwendung
großer Arbeitermengen und der Möglichkeit, zeitweilig nur
ganz geringen Bedarf an Arbeitskräften zu haben. Aus diesem
Grunde ist speziell für den Großbetrieb in der heutigen Land-
wirtschaft die Beschäftigung von unständigen Arbeitern häufig
durchaus erwünscht. Es ist notorisch, daß pro Morgen im
Großbetriebe heute weniger Arbeiter beschäftigt werden, als
bis vor kurzer Zeit, und diese Erscheinung geht nicht allein
auf den vorhandenen Mangel an Landarbeitern zurück, sondern
im wesentlichen auf die veränderte Betriebstechnik, wobei ganz
außer acht gelassen werden soll, ob diese veränderte Betriebs-
technik durch den Mangel an Arbeitern veranlaßt ist. Mag
sie herrühren woher sie will, sie ist nicht wieder zu beseitigen.
Die Folge ist jedenfalls heute, daß eine bedeutende Abwande-
rung landwirtschaftlicher und sonstiger Arbeiter aus dem Gsten in
den Westen stattfindet. Eine Rückwanderung findet wohl statt,
sie ist aber als höchst zweifelhaftes Vergnügen für den Gsten
zu bezeichnen, denn nicht diejenigen Elemente, die im Westen
ein neues Leben gefunden haben, kehren zurück, sondern die
gescheiterten Existenzen.

Diese Verhältnisse, die ganz allgemein zu einer Abwande-
rung von Arbeitern geführt haben, werden nun durch den
        <pb n="29" />
        ﻿Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Dsten. 27

versuch einer künstlichen Industrialisierung wesentlich gestärkt.
Besonders wird das für die Abwanderung vom Lande gelten
müssen, denn im Osten mutz der Industriearbeiter in der lsaupt-
sache vom Lande kommen und aus den kleinen Städten, also
aus den Kreisen, die man immer noch als die landwirtschaft-
licher, bäuerlicher Erziehung bezeichnen kann. Eine Zuwande-
rung von Industriearbeitern aus dem Westen muß bei einer
Industrialisierung sicher erfolgen, weil es natürlich undenkbar
ist, mit den ungeschulten Arbeitern des Ostens technisch feinere
industrielle Betriebe aufzumachen. Sie wird aber quantitativ
irrelevant sein, besonders schon deswegen, weil ja auch im westen
eine unausgesetzt wachsende Nachfrage nach Industriearbeitern
vorhanden ist. Unter diesen Umständen wird der Erfolg einer
Industrialiesirung des Ostens für die Landwirtschaft einmal
der sein, daß die Landarbeiternot verstärkt wird, auf der
anderen Seite wird, falls der versuch einer Industrialisierung
gelingt, möglicherweise ein Ausgleich für die Gefährdung bei
der in der Hauptsache auf den verkauf ihrer Produkte hinar-
beitenden Großlandwirtschaft darin liegen, daß der gesteigerte
Konsum der größeren Massen die Rente dieser großlandwirt-
schaftlichen Betriebe heben wird. Aber die Folge dieser Situa-
tion muß die sein, daß die aus der Landwirtschaft in die In-
dustrie abwandernden, jedoch im Osten bleibenden Kreise in dem
Betrieb der Großlandwirtschaft ersetzt werden müssen, entweder
durch eine noch weitere Unabhängigmachung der Großland-
wirtschaft von menschlichen Arbeitskräften, die sich durch stärkere
Einstellung von Maschinenkraft oder, und so weit das technisch
nicht geht, unbedingt durch den Nachschub auswärtiger slawischer
Saisonarbeiter in diese Betriebe. Und ob es gelingen wird,
diesem Ersatz innerhalb Deutschlands wandernder Industriear-
beiter durch ausländische Slawen in der Landwirtschaft auf
        <pb n="30" />
        ﻿28 Oie wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Osten.

die Dauer die Rnsiedlung zu versagen, scheint mir durchaus
zweifelhaft.

Ls mutz aber hier die Frage aufgeworfen werden: Ist denn
Großgrundbesitz in der Hand eines deutschen Eigentümers, bei dem
Deutsch so gut wie niemand weiter ist als der nominelle Eigentümer,
der Besitzer, und vielleicht das Inspektionspersonal, ist solcher Groß-
grundbesitz wirklich noch deutsch? Die Frage auswerfen, heißt
sie verneinen. Ist nicht bei solcher Situation aus bevölkerungs-
politischen Rücksichten jede Wahrscheinlichkeit, die den Zuzug von
Slaven in weiterem Umfange in die Wege zu leiten geeignet
ist, absolut zurückzudrängen, und zwar sowohl für die Rreise
der Industrie, wie für die Rreise der Landwirtschaft? Ls kann
ja nicht verkannt werden, daß die Rnstedlungskommisfion in
letzter Zeit bedeutende Erfolge für den deutschen landwirtschaft-
lichen und kleingewerblichen Mittelstand innerhalb des Gebietes
ihrer Tätigkeit erzielt hat. Ebensowenig kann bezweifelt
werden, daß mit diesen Erfolgen das Ziel, den Osten zu ger-
manisieren, in keiner weise erreicht ist, daß vielmehr diese Er-
folge quantitativ als sehr gering anzusprechen sind. Und es kann
nicht verkannt werden, daß die Frage, ob eine Verstärkung
der Betriebsmittel der Rnsiedlungskommission und die Verwen-
dung der Enteignung und ebenso die Möglichkeit, nach anderen
Prinzipien als bisher Großgrundbesitz in Rleingrundbesitz zu
verwandeln, höchst diskutabel ist und je nach der Stellungnahme
des Beurteilers zu allgemeinen politischen Fragen sehr ver-
schieden beantwortet werden wird.

Uber das Line kann man jedenfalls feststellen, daß bei
dieser Situation nicht die geringste Aussicht besteht,
durch eine Industrialisierung den Polen beizukom-
men, denn Polen wie Deutsche werden, wenn auf dem Wege
staatlicher Förderung oder auf dem Wege eigener Initative Lr-
        <pb n="31" />
        ﻿Oie wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Nsten 29

folge einer Industrialisierung eintreten, gleichermaßen Vorteile
von dieser neuen Sachlage ziehen, so lange gleiches Recht für alle
besteht. Vas ist aber heute noch rechtens in Preußen.

Aber man kann ja auch anders. Und macher, der einen
Kampf, nicht einen Konkurrenzkampf, sondern einenKampf umden
Grund und Boden, um das Land, in dem wir sitzen, durchführen
will, wird auch die Mittel, die zum siegreichen Austrag des Kampfes
führen, wollen. Das entscheidende Mittel ist dann hier allein
die Ausnahmegesetzgebung mit Eigentums-, Freizügigkeits-,
Gewerbtätigkeitsbeschränkungen für die Polen. Daneben könnte
dann eine staatliche Förderung deutscher Industrieller stattfinden
über die Betriebe hinaus, die, wie wir oben gezeigt haben,
bodenständig sind und von sich aus, so weit wie sie gut fun-
diert sind, durchaus Aussicht auf dauernde Rentabilität gewähr-
leisten. Aber dieser Ausnahmegesetzgebung stehen die großen
Bedenken politischer, staatsrechtlicher und ethischer Natur gegen-
über, die wir im 20. Jahrhundert nicht von der Hand weisen
können, vom staatlichen, rein politischen Standpunkt aus ist
die Frage der Möglichkeit einer wirklichen Ausnahmegesetz-
gebung gegen die Polen ohne weiteres zu verneinen, wenn
man sich nicht zum Grundsatz der Revolution von oben
bekennen will, und auch der wirtschaftliche Erfolg wird immer-
hin noch zweifelhaft bleiben müssen, wir können im heutigen
Staate nicht mehr so politisch wirtschaften, wie zu einer Zeit, als
es noch kein verfassungsrecht für den Staatsangehörigen gab.
Man wird also ohne weiteres der Unmöglichkeit
ins Gesicht sehen müssen, durch eine Industrialisie-
rung eine Gemanisierung herbeiführen zu können.

Richt unmöglich ist aber die Beförderung der In-
dustrialisierung durch den Staat. Diese kann aber hier
im Gsten nur auf Kosten der Allgemeinheit geschehen; sie
        <pb n="32" />
        ﻿30 Oie wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Gsten.

wird nur in beschränktem Umfang möglich sein und eine
Rentabilität nur dann versprechen, so weit sie mit den natür-
lichen Gegebenheiten des Ostens unter der Voraussetzung der
Beibehaltung der heutigen Wirtschafspolitik übereinstimmt. Gegen
einen Teil der Allgemeinheit innerhalb des Staates auf Rosten
der Allgemeinheit gerichtet, ist aber eine Industrialisierung des
Ostens nicht zu befürworten; sie würde die Grundlagen des
Staates in Auflösung bringen.

Wir kommen zum Schluß. Die Stellung der Frage der
Begünstigung einer Industrialisierung über die Unterstützung
der bodenständigen vorhandenen Industrien hinaus ist wirtschaft-
lich im höchsten Grade bedenklich. Sie ist technisch möglich
durch künstliche Verschiebung der Verkehrsmöglichkeiten auf dem
Wege der Wasserstraßen- und Lisenbahnpolitik, verbunden
mit einer grundlegenden Änderung unseres Tarifwesens. Diese
Verschiebungen sind aber wieder bedenklich und jedenfalls nicht
leicht durchzuführen wegen des dadurch neuentstehenden Inter-
essenkonflikts zwischen der großen bestehenden westlichen und
der beförderten östlichen Industrie, sowie wegen der Nebenwir-
kungen auf die Staatsfinanzen. Ob Resultate demgemäß auf
diesem Wege zu erzielen sein werden, erscheint immerhin nicht
ganz sicher. Also schon hier kann man von einem günstigen
Resultat nicht sprechen. Der versuch einer Industrialisierung
ist ferner bevölkerungspolitisch, was die Frage des Uampfes
zwischen Deutschen und Polen um die Ostmark angeht, verkehrt,
weil sie ohne Ausnahmegesetzgebung Polen und Deutsche gleichmäßig
fördern muß, und wo sie durch eine Bevorzugung des deutschen
Elements und Unterdrückung des polnischen durchgeführt werden
soll, nur denkbar ist auf Rosten der Allgemeinheit gegen einen Teil
des Ganzen. Eine derartige Industrialisierung ist also resultatlos
für den Nationalitätenkampf und kostspielig, weil unrentabel für
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        ﻿Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Osten. 31

die Allgemeinheit. Die besondere Form der Industrialisierung durch
Zurückdrängung, Entrechtung des polentums ist staatspolitisch un-
anwendbar, da ihre Durchführung nur unter Verletzung der
Grundlagen des Staates Resultate verspricht. Die Antwort auf
die Frage, ob und wie eine Industrialisierung der Ostmark
in die Wege zu leiten sei, lautet also dahin, daß eine Industria-
lisierung auf natürlicher Basis an sich zu empfehlen ist, weil
sie in langsamer Arbeit bescheidene Resultate verspricht. Auf
künstlicher Basis sind Resultate nur zu erwarten, falls der Ent-
schluß zur Gewalttat vorhanden ist.

Wir wollen den Osten Deutschlands politisch gegen den
Ansturm der Slawen erhalten und selbstverständilich unseren
Osten gegen jeden versuch politischer Loslösung zugunsten des
polentums schützen. Das Wittel kann, soweit die Frage
der Wöglichkeit einer Industrialisierung ins Auge gefaßt
wird, nur das sein, Hebung der östlichen Wirtschaft ohne Rück-
sicht auf die polenfrage, Industrialisierung auf natürlicher Basis
mit möglichster Schonung der vorhandenen und durch die all-
mähliche Verknüpfung des Ostens mit dem Westen neu ent-
stehenden Interessen.
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        ﻿
        <pb n="35" />
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Kritische Dogmengeschichte der Geldwerttheorien.

Von Dr. Friedrich Hoffmann.	Preis M. 8.—.

Lehrbuch der Finatizwissenschaft.

I. Band. Von Professor Dr Max von Hechel in Münster i. W.

Preis M. 10.—, geb. M. 11.50.

Leitende Gedanken gesunder Volkswirtschaft.

Von Dr. Eugen Bönninger.	Preis M. 2.20.

Lehrbuch der Nationalökonomie.

Von k. k. Hofrat, Prof. Dr. Fr. von Kleinwächter in Cz- rnovvitz.
Zweite Auflage.	Preis M. 8.40, geb. M. 10.—

Kleine Eeichsbanknoten.

Das deutsche Banknotengesetz von 1906 im Lichte der
Geschichte und Theorie des Banknoten- und Papiergeld-
wesens. Von Dr. Willy Büppel.	Preis M. 4.50.

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Eine neue Antwort auf eine alte Frage und Gesichtspunkte
zu einer Stahiliernng der wirtschaftlichen und Geldmarkt-
verhältnisse. Von Dr. H. Eckener.	Preis M. 1.50.

Porblematisches zu Friedrich List.

Mit Anhang: Lists Briefe aus Amerika in deutscher Über-
setzung. Von Dr. Curt Köhler.	Preis M. 6.—

Untersuchungen über die Methodologie der Wirt-

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Von Dr. F. Lifschitz in Bern.	Preis M. 2.—.

Die bewegenden Kräfte der Volkswirtschaft

Von Professor Dr. K. Beinhold. Preis M. 10.—, geb. M. 12.—.

Zur Erkenntnislehre volkswirtschaftlicher Er-

scheinungen.

Von Dr. Stanislaus Grahski.	Preis M. 4.50

Der Wirtschaftliche Fortschritt.

Sein Verlauf und Wesen. Dargestellt au der Hand der wirt-
schaftlichen Entwicklung von der Höhe des Mittelalters bis zu
der neuesten Zeit. Von Professor Dr. Waldemar Mitscherlich.

Preis M. 5.—

Die Eeichsfinanzreform

und ihr Zusammenhang mit Deutschlands Volks- und Welt-
wirtschaft- Von Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Jul. Wolf. PreisM. 4.—.
        <pb n="36" />
        ﻿Verlag von C. L, Hirschfeld in Leipzig.

Der Einfluß der wirtschaftlichen Entwicklung

auf den

ostmärkischen Nationalitätenkampf

von

Dr. W. Mitscherlich

Professor d. Staatswissenschaften an d. kgl. Akademie zu Posen.

Preis M. 1.50.

Mitscherlichs Abhandlung geht eine kurze Untersuchung über
die Entstehungsursachen der Nationalitätenkämpfe voran und
gipfelt in der Ausführung, dass er nur eine Etappe in der grossen
Entwicklungsgeschichte der Menschheit ist.

Der wirtschaftliche Fortschritt

sein Verlauf und Wesen.

Dargestellt an der Hand der wirtschaftlichen Entwicklung von
der Höhe des Mittelalters bis zu der neuesten Zeit

von

Dr. W. Mitscherlich

Professor d Staatswissenschaften an der kgl. Akademie zu Posen.

Preis M. 5.—

Druck von J. B. H i r s c h f e 1 d in Leipzig.
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I CD

Q

Die wirtschaftliche Entwicklung der Industrie im Dften 29

einer Industrialisierung eintreten, gleichermaßen Vorteile
»(er neuen Sachlage ziehen, so lange gleiches Recht für alle
. Das ist aber heute noch rechtens in Preußen,
der man kann ja auch anders. Und macher, der einen
, nicht einenRonkurrenzkampf, sondern einenRampf umden
und Boden, um das Land, in dem wir sitzen, durchführen
.ird auch die Mittel, die zum siegreichen Austrag desUampfes
, wollen. Das entscheidende Mittel ist dann hier allein
usnahmegesetzgebung mit Eigentums-, Freizügigkeits-,
btätigkeitsbeschränkungen für die Polen. Daneben könnte
eine staatliche Förderung deutscher Industrieller stattfinden
chie Betriebe hinaus, die, wie wir oben gezeigt haben,
tändig sind und von sich aus, so weit wie sie gut fun-
ind, durchaus Aussicht auf dauernde Rentabilität gewähr-
Rber dieser Ausnahmegesetzgebung stehen die großen
len politischer, staatsrechtlicher und ethischer Ratur gegen-
,die wir im 20. Jahrhundert nicht von der Hand weisen
t. vom staatlichen, rein politischen Standpunkt aus ist
rage der Möglichkeit einer wirklichen Ausnahmegesetz-
3 gegen die Polen ohne weiteres zu verneinen, wenn
E sich nicht zum Grundsatz der Revolution von oben
.len will, und auch der wirtschaftliche Erfolg wird immer-
ich zweifelhaft bleiben müssen. Mir können im heutigen
v nicht mehr so politisch wirtschaften, wie zu einer Zeit, als
^ h kein Verfassungsrecht für den Staatsangehörigen gab.

wird also ohne weiteres der Unmöglichkeit
Gesicht sehen müssen, durch eine Industrialisie-
eine Gemanisierung herbeiführen zu können,
licht unmöglich ist aber die Beförderung der In-
- llisierung durch den Staat. Diese kann aber hier
sten nur auf Kosten der Allgemeinheit geschehen; sie
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