90 Verbreitung der Hausindustrie Zweigen kehrt sich das Verhältnis geradezu um: die Landwirtschaft ist Hauptberuf, die Weberei nur Neben verdienst, und liegt der Frau und den Töchtern des Hauses ob. Der Bauer sieht diese Hausindustrie nicht ungern; die Töchter bleiben in der Familie und sind der Notwendigkeit enthoben, ihren Unterhalt in der Stadt zu suchen. In den Zeiten der dringenden Land arbeit helfen sie als billige und zuverlässige Arbeitskräfte aus und kehren nachher wieder zum Webstuhl zurück. Flauer Geschäftsgang macht meist zuerst den Hausin- dustrieüen arbeitslos. Treibt er daneben Landwirtschaft, so trifft ihn die Not nicht so hart, wie den Arbeiter, der nur auf den Fabriklohn angewiesen ist. Von einem Weberelend, wie es iin schlesischen Gebirge in der Leinen weberei vorkommt, ist in der Schweiz kaum die Rede. Wenn ein Arbeiter in zwei Berufsarten tätig ist, so liegt allerdings die Gefahr nahe, daß eine oder gar beide da runter leiden. Die bäuerlichen Sticker im St. Galler Rheintal und im Appenzell vertauschen häufig den feinen Plattstich, für den die rauhen Hände nicht recht stanzen,- mit der Kettenstich- oder Grobstickerei. In der L-eiden- Hausweberei ist die Klage fast allgemein, daß kein Fort schritt erzielt wird; die Arbeiterinnen betrachten das Weben nur als Nebenverdienst und legen keinen großen Lerneifer an den Tag. Die Hausindustrie ist vorab in solchen bäuerlichen Gegenden heimisch, wo Wiesenbau und Viehzucht vor herrschen. Dagegen fehlt sie meist in Landstrichen mit starkem Ackerbau; hier sind alle Hände und mit nur geringer Unterbrechung in der Feldarbeit beschäftigt. So besteht folgendes Verhältnis zwischen Industrie und Land bau: die Flucht der Arbeitskräfte nach den Industrie- orten drängte die Landwirtschaft zum Futterbau und zur Viehzucht; diese bewahrten wiederum einzelne Hausin dustrien vor dem Ruin.