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        <title>Die Schweiz</title>
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            <forname>Otto</forname>
            <surname>Flückiger</surname>
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        ﻿Schweiz

Natur und KMrtscftart

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        ﻿
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Mühlacker,

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SIEGFRIED - ATLAS

l Kilonv.

•VIasssUib l 25 000

0
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        ﻿Die Schweiz

Matur und Wirtschaft

Hlon

Dr. K. M'ückiger'

Mit vier Kartenausschnitten

Zweite Auflage

Jürict? 1914

Druck und Werl'ug von ScHuttHeß &amp; Ko.

Weltwirtschaftliche: Archiv
        <pb n="5" />
        ﻿
        <pb n="6" />
        ﻿Wrwort Mr Meilen Auflage.

Die neue Auflage bringt keine durchgreifenden Ände-
rungen des Textes. In den Abschnitten über Industrie
und Handel sind die Zahlen von 1912 verwertet. In-
folge Verwendung eines andern Druckes ist der Umfang
des Buches etwas kleiner geworden.

Zürich, März 1914.

0. F.

Nachtrag zu Seite 2 unten: Der letzte Balkankrieg ver-
Ichaffte Serbien einen bedeutenden Gebietszuwachs.
        <pb n="7" />
        ﻿Inhalt

Allgemeines .

Aufbau.........................

1.	Die Alpen .

2.	Das Mittelland .

3.	Der Jura .

DasKlima

Gewässer.......................

Nutzbare Mineralien
Sie Landwirtschaft:

1.	Allgemeines

2.	Ackerbau ....

3.	Grasland und Viehzucht
Die Industrie:

1.	Allgemeines

2.	Stickerei .	.	.

3.	Baumwollindustrie

4.	Seidenindustrie .

5.	Maschinenbau

6.	Uhrenindustrie

7.	Übrige Industrien

8.	Fabrik- und Heimarbeit

9.	Industrie und Landwirtschaft
DerHandel .
Verkehrswege:

1.	Allgemeines

2.	Eisenbahnen
        <pb n="8" />
        ﻿
        <pb n="9" />
        ﻿Allgemeines

Die Schweiz ist das Kernland Mittel- und West-
europas. Sie liegt, vom Meer abgeschlossen, zwischen
den vier Großmächten Deutschland, Frankreich, Italien
und Österreich-Ungarn. Ms Binnenstaat ist sie, un-
geachtet der natürlichen Verkehrshindernisse, auf enge
Beziehungen zu diesen Nachbarländern angewiesen. Die
Stellung inmitten der vier um vieles größeren Staaten
macht die Schweiz zu einem Durchgangsland. Sie greift
in das Stromgebiet nord- und südeuropäischer Flüsse
hinein und vermittelt zwischen dem nordischen und dem
mittelmeerischen Klima; das gibt ihr den Charakter eines
Übergangsgebietes. Die Schweiz liegt zwischen 45 °
49' und 4?o 49' nördlicher Breite und zwischen 5°
57' und 10° 30' östlicher Länge von Greenwich. Die
Alpen sind der Rückgrat des Landes. Die Schweiz um-
faßt den mittleren Teil des mächtigen Gebirgsbogeus.
Hier lagen die Anfänge des Staates: im Lauf der
Jahrhunderte breitete er sich über das ganze Alpenvor-
land und tief in den Jura hinein aus. Alpen und
Jura sind der natürliche Rahmen der schweizerischen
Landschaft.

Zusammen mit der Rheinlinie bilden die beiden
Gebirge eine natürliche Grenze, die Alpen gegen Süden,
der Rhein mit dem Bodensee gegen Osten und Norden,
und der Jura gegen Nordwesten. Im einzelnen weicht
die politische ^ Grenze davon ab. Der Kanton Tessin
und die südlichen Bündner Täler, sowie das Talstück
von Simpeln an der Simplonstraße reichen nach Süden
über den Hauptkamm der Alpen hinweg. Die badische
Stadt Konstanz liegt diesseits des Rheins; dafür geht

Flückiger, Schweiz

Lage.

Grenzen.

1
        <pb n="10" />
        ﻿2

Größe.

der schweizerische Besitz in den Kantonen Schaffhausen,
Zürich und Basel über die Rheinlinie hinaus. Der
Bezirk Pruntrut schiebt sich in das Hügelland am jen-
seitigen Fuß des Jura vor, während umgekehrt bei Genf
die französische Landschaft von Gex und am Fuß des
Saleve innerhalb des natürlichen Gebirgsrahmens liegt.
Die Grenzlinie der Schweiz mißt 1884 km. Davon
ist V, mit Marksteinen kenntlich gemacht; 2/a liegen als
natürliche Grenze unvermarkt auf Bergkämmen, in Fluß-
läufen und Seen. Aus diesem Verhältnis ist zu er-
kennen, daß die Natur des Landes selbst reichlich für
Grenzschutz sorgt. Das größte Stück der Gesamtlänge
fällt mit 687 km auf die Grenze gegen Italien. Der
stärkste Verkehr der Schweiz ist aber, vorab wegen des
trennenden Alpenwalles, nicht nach Süden gerichtet,
sondern über den Rhein hinweg nach Deutschland, das
einen Grenzanteil von 445 km aufweist. Die Grenze
gegen Frankreich ist 495 km, gegen Österreich 256 km lang.

Die Schweiz bleibt mit einem Flächeninhalt von
41 298 km2 weit hinter der Größe der Nachbarstaaten
zurück. Frankreich und Deutschland sind jedes 13 mal,
Österreich-Ungarn 16 mal und Italien 7 mal so groß
wie die Schweiz. Sie übertrifft ihrerseits das Groß-
herzogtum Baden fast um das Dreifache, das König-
reich Württemberg um das Doppelte, ist aber nur etwas
mehr als halb so groß wie das Königreich Bayern.
Unter den europäischen Staaten kommen ihr Serbien
mit 48 300 km2 und Dänemark mit 38 400 km2 am
nächsten. Die Gesamtbevölkerung der Schweiz beträgt
3 753 000 Seelen, durchschnittlich 91 auf den km2. Das
ist in Rücksicht auf das starke Vorwiegen des Gebirgs-
landes eine große Volksdichte.
        <pb n="11" />
        ﻿Auftrau

Von einem Aussichtspunkt in der Mitte des Landes
aus erkennt man leicht die natürliche Einteilung der
Schweiz in Alpen, Mittelland und Jura. Nach Süden
steigt der Blick über die bewaldeten Vorberge zu den
Felsenmauern und Schneefeldern der Alpenkette, die mit
zackiger Kammlinie in die Ferne zieht. Im Norden
schließt der Jura als eintönig verlaufender Wall von
geringerer Höhe das Landschastsbild ab. Zwischen den
beiden Gebirgen liegt wie eine breite Mulde das Mittel-
land. Seine Hügel steigen am Fuße der Alpen am
höchsten an; nach Nordwesten werden sie niedriger und
laufen am Rande des Jura zu einer breiten Senke aus.

Die Gliederung nach drei Landesteilen läßt sich
über die Ostgrenze der Schweiz hinaus verfolgen. Das
Mittelland, das vom untern Genfersee an nordostwärts
ständig an Breite zunimmt, gewinnt jenseits des Boden-
sees seine größte Ausdehnung in der schwäbisch-bayrischen
Hochebene; im Norden wird sie durch den schwäbischen
lind fränkischen Jura abgeschlossen, und im Süden steigt
sie zu den bayrischen Alpen an.

Die Alpen umfassen mehr als die Hälfte, das
Mittelland fast '/g und der Jura '/« der Schweiz;
dieses Verhältnis hat ihr die häufig gebrauchte Be-
zeichnung als Alpenland eingetragen. Obschon das Mittel-
land an Größe hinter dem Gebirgsland zurücksteht, so
ist es doch vermöge der Fruchtbarkeit des Bodens, des
günstigen Klimas und der größeren Leichtigkeit des Ver-
kehrs zum volksreichen Kernstück der Schweiz geworden.

Dreiteilung.

Größeu-

verhältuis

der

Landesteile.
        <pb n="12" />
        ﻿4

Entstehung	Die Alpen und der Jura sind Faltengebirge; sie verdanken

und^des'Ju"a. ^rc Entstehung dem Schrumpfen der Erdrinde. Das glühend-
heiße Erdinnere verliert durch Ausstrahlung allmählich an Wärme.
Infolge der Abkühlung zieht eZ sich zusammen. Die starre Erd-
kruste wird im Verhältnis zum schwindenden Erdkern zu groß;
sie sinkt ein und legt sich, gleich einem zu groß geschnittenen
Kleid, in parallel laufende Falten. Eine solche Runzelung er-
streckt sich über weite Flächen und schiebt die Gesteinsschichten zu
Falten- oder Kettengebirgen zusammen. Die Stärke des Zusammen-
schubs ist bei den einzelnen Gebirgen recht ungleich. Im Jura
sind die ursprünglich wagrechten Gesteinsbänke nur schwach wellen-
förmig verbogen; die Falten laufen meist mit breiten Zwischen-
räumen, ohne einander zu stören, dahin. In den Alpen war
der Schub viel kräftiger; die Falten erscheinen hier eng zusammen-
gepreßt, als gewaltige Decken bisweilen so übereinandergeschobcn,
iueinandergeknetet oder ausgewalzt, daß es oft schwer hält, dem
Verlaus der einzelnen Gesteinsschichten zu folgen. Eine noch größere
Schwierigkeit, den Aufbau der Alpen kennen zu lernen, liegt darin,
daß die äußeren Formen des Gebirges heute ganz andere sind,
als die Anffaltung allein sie zustande gebracht hätte. Als das
Gebirge sich zu heben begann, da fing die Verwitterung an, die
gehobenen Felsmassen zu zerstören; das fließende Wasser und das
Eis führten fortwährend die Trümmer weg und gruben allmählich
tiefe Täler in den Gebirgskörper ein. In Jahrmillivnen langer
Zerflörungsarbeit sind die Alpen um ein Drittel ihrer Höhe ab-
getragen und durch reich verzweigte Talfurchen zerschnitten worden;
sie sind nur noch eine Ruine des einstigen Baues. Im weit
jttngern Jura hat die Verwitterung die ehemaligen Formen des
Gebirges nicht so stark zu ändern vermocht. Die Falten treten
hier deutlich zu Tage; einzelne unter ihnen, wie der Chaumont
ob Reuenburg, sind so wohl erhalten, als ob ihr Gewölbe erst
jüngst entstanden wäre. So gewaltig und eindrucksvoll die Gebirge
sich auftürmen, so bescheiden ist ihre Höhe im Vergleich zur Größe
der Erde. Auf einem Erdglobus von 3 m Durchmesser müßten
die Alpen als eine Erhöhung von nur 1 mm erscheinen.
        <pb n="13" />
        ﻿1.	Die Alpen

In einem großen, nach Süden offenen Bogen zieht
das Alpengebirge vom Mittelländischen Meer bis zum
Durchbruch der Donau bei Wien. Die Schweiz besitzt
davon das Mittelstück vom Mont Dolent in der Mont-
blancgruppe im Westen bis an die Ortlergruppe im
Osten, und zwar die Nordabdachung und die innern
Landschaften des Gebirges, sowie am Südhaug die
Partie von Simpeln und Gondo an der Simploustraße,
das Tessin und die bündnerischen Täler Misox, Bergell,
Puschlav und Münstertal; der übrige Teil der Süd-
abdachung gehört zu Italien.

Nach der Art des Gesteins bauen sich die Alpen
aus drei deutlich unterschiedenen Längszonen auf. Den
mittlern und am höchsten aufragenden Teil des Ge-
birges setzen die Urgesteine zusammen: Granit, Gneis,
Glimmerschiefer. Längs dieses Kernstückes ziehen zwei
Zonen aus Kalkstein, untermischt mit weichern Mergeln
und Mergelschiefern (Flysch), die als weich geformte,
rundliche Höhen die schroff ansteigenden Kalkstöcke um-
schließen und auf ihrer fruchtbaren Berwitterungserde
saftige Weiden tragen. Auf der Südseite der Alpen
reicht der Kalkgürtel von Osten her nur bis an den
Langensee; weiter nach Westen fehlt er. Der schwei-
zerische Anteil an den südlichen Kalkalpen umfaßt die
Berge in der Umgebung des Luganersees, z. B. Monte
Generoso.

Vor der Entstehung des Gebirges bildeten die Kalkschichten
eine horizontal liegende Decke über den älteren Gesteinen der
Tiefe. Die im Kalkstein eingeschlossenen Versteinerungen von
Meereslieren bezeugen, daß er als Ablagerung oder Sediment
aus den Meeren entstanden ist, die einst während sehr langer

Schweizer

Alpen.

Gesteins-

zonen.

Entstehung.
        <pb n="14" />
        ﻿6

Talbildung.

Einteilung.

Zeiträume über dem ganzen Lande und weit darüber hinaus
lagen. Während der Alpenfaltung spannte sich die Sediment-
decke auf dem ältern Gestein über das ganze Gebirge hinweg;
die südlichen und nördlichen Kalkalpen standen noch miteinander
in Verbindung. Da die Verwitterung die höchstgehobencn Partien
am stärksten benagte und zerstörte, so wurde hier im Laus der
Zeit die Decke bis auf geringe Reste abgetragen; das Urgestein
trat zu Tage und bildet heute die innere Zone mit den höchsten
Gipfeln: Die Walliser Alpen, der östliche Teil der Hauptkette in
den Berner Alpen, die Gotthardgruppe, die Alpen an der Maggia
und am Tessin und die Bündner Alpen. Überreste der Sediment-
decke sind die Kalkalpenzonen beidseits des Gebirges. Wahrschein-
lich setzen sich die Kalkmassen der nördlichen Alpen tief unter dem
Mittellande fort; im Jura kommen sie wieder zum Vorschein.

Durch Hebung und Zusammenschub der Gesteins-
massen allein wären die Alpen zu einem plumpen,
blockartigen Gebirgskörper aufgetürmt worden. Gleich-
zeitig begannen aber die Verwitterung und die Abtragung
ihr zerstörendes Werk und modellierten den unendlichen
Reichtum an Formen heraus, der das Landschaftsbild
der Alpen so abwechslungsvoll gestaltet. Zahllose Wasser-
läufe haben in langer Ausnagearbeit den Gebirgskörper
mit reich verästelten Tälern dermaßen durchfurcht und
zerstückelt, daß die Alpen dem ersten Blick als unüber-
sehbares Gewirr hochragender, zackiger Ketten und reich-
verzweigter Täler erscheinen. Die natürlichste Einteilung
richtet sich nach dem Verlauf der bedeutendsten Tallinien;
sie stimmt zumeist nicht überein mit der Lage der oben
erlvähnten Gesteinszonen.

Im Bild der Schweizer Alpen ist die große
Längstalfurche der Rhone und des Vorderrheins von
Martigny bis Chur mit dein Verbindungsstück des
Urserentalcs der auffälligste Zug. Sie zerlegt das Ge-
birge in die zwei großen Gruppen der Nord- und
Südalpen. Rhone und Rhein brechen in mächtigen
Ouertälern durch die nördliche Hauptkette zum Mittel
        <pb n="15" />
        ﻿7

land hinaus, die Rhone von Martigny zum Genfersee,
der Rhein von Chur zum Bodensee; sie öffnen dem
Verkehr im Osten und Westen bequeme Eingangspforten
zu den inneren Talschaften des Gebirges. Quer ver-
laufende Gewässer zerschneiden den Nordalpenzug,
zwischen Rhone, Rhein und Mittelland, in einzelne
Gruppen: Die Berner Alpen zwischen der Rhone unter-
halb Martigny und der Aare, mit dem Finsteraarhorn
(4275 m) und der Jungfrau (4167 in) als höchsten
Gipfeln; die Urner Alpen zwischen Aare und Neuß
mit dem Dammastock (3633 in) und dem Galenstock
(3597 in); die Glarner Alpen, die ein größeres Gebiet
umfassen, als der Name besagt, von der Neuß bis zum
Rhein unterhalb Chur, mit dem Oberalpstock (3330 in)
und dem Tödi (3623 m); nördlich des Seez-Walcn-
seetales ist die Säntisgruppe weit ins Mittelland vor-
geschoben. Von der Hauptkette der Nordalpen zweigen
eine Reihe von Seitenkämmen nach Norden ab und
werden gegen das Mittelland hin allmählich niedriger;
es sind die Voralpen. Nach Süden fällt die Hauptkette
manerartig steil zur Rhone-Rheintalfurche ab.

Die Südalpen werden durch das quer verlaufende
Tal des Tessins in die zwei großen Gruppen der Walliser
und Bündner Alpen geteilt. In den Walliser Alpen
erreicht das Gebirge die größte Mächtigkeit und Höhe;
die Monterosagruppe weist eine Reihe von Gipfeln mit
über 4000 in Höhe auf, darunter die Dufourspitze
4638 m, den höchsten Punkt der Schweiz. In ver-
größertem Maße wiederholen die Walliser Alpen das
Bild der Berner Alpen. Von der scharf zulaufenden
Hauptkette aus ziehen eine Reihe seitlicher Ketten nach
Norden; sie werden gegen das Rhonetal hin niedriger
und brechen hier schroff ab. Ihre Gipfelhöhe übertrifft
bei weitem die der Voralpen, ja selbst der Stammkette
nördlich der Rhone: Mischabelhörner 4564 m, Weiß-
horn 4512 m, Dent Blanche 4365 m. Die Sciten-
ketten auf der italienischen Südabdachung sind kürzer

Nordalpen.

Süd alpen.
        <pb n="16" />
        ﻿8

Haupttal-

linien.

Gebirgs-
knoten am
Gotthard

Haupt-

straßen.

und nehmen rasch an Höhe ab. Die Täler senken sich
steil zur Poebene hinunter, die mit nur 200 in Meeres-
höhe einen weit niedrigeren Gebirgsfuß bildet, als das
Rhonetal auf der Nordseite, mit 700 in in Brig. Gegen-
über der einfachen Ficderform der Walliser Alpen er-
scheint die Bündner Gruppe als komplizierter Ban von
reich verästelten Bergzügen und Tälern. Jenseits des
Tessins erhebt sich die Adulagruppe im Rheinwaldhorn
zu 3406 in. In der SW—NO Richtung heben sich
sodann zwei Ketten aus den Bergmassen heraus, wovon
die nördliche das Engadin vom Flußgebiet des Rheins
abgrenzt, die südliche zwischen dem Engadin und Lein
Veltlin eine Strecke weit die Landesgrenze bildet und
in der stark vergletscherten Berninagruppe 4052 in den
einzigen Gipfel der östlichen Schweizer Alpen trägt, der
über 4000 in hinausreicht.

Das große Längstal Rhone—Rhein und die quer
verlaufende Furche des Rcuß- und Tessintales zerlegen
die Schweizer Alpen in vier Flügel, die gewöhnlich
als Berner, Glarner, Walliser und Bündner Alpen aus-
einander gehalten werden. Die Ketten des genannten Ge-
birgssystems treffen in der Gotthardgruppe als ihrem
Knotenpunkt zusammen. Von dieser Stelle gehen die
Flußtäler der Rhone, des Rheins, der Reuß und des
Tessins aus; sie leiten zwei wichtige Verkehrswege zur
Straßenkreuzung von Andermatt im Urserental hinauf:

1.	Die Straße vom Genfersee her durch das Rhone-
tal über die Furka und die Oberalp dem Rhein entlang
zum Bodcnsee hinaus. 2. Die Gotthardstraße, die durch
das Reuß- und Tessintal eine direkte Verbindung zwischen
dein Nord- und Südfuß der Alpen herstellt. Gegenüber
den andern Alpenpässen hat der Weg über den Gott-
hard einen besondern Vorzug; hier können die Alpen
auf geradem Weg in einem einzigen Aufstieg und Ab-
stieg durchquert werden, während an andern Stellen zum
mindesten zwei Hauptketten sich einem Alpenübergang
in der geraden Linie entgegenstellen.
        <pb n="17" />
        ﻿Das Landschaftsbild der Alpen wirkt vor allein durch
die eindrucksvolle Größe und den Reichtum der Formen.
Es wird überdies in hohem Maße belebt durch die
reizvolle Abstufung des Pflanzcnkleides mit zunehmender
Höhe. Die Wiesen und Felder der Talsohle weichen
dem steilen Bergwald, der an den untern Halden als
Laubholz auftritt, in den höheren Regionen dagegen aus
Nadelbäumen besteht; oberhalb der Waldgrenze betritt
man das Gebiet der Alpweiden; ihre letzten Ausläufer
verlieren sich nach oben in den Trümmerhalden und an
der Grenze des ewigen Schnees. Im Gegensatz der
weißleuchtenden Schneefelder zu den hellgrünen Alp-
weiden und den dunklen Bergwäldern beruht zum guten
Teil das Anziehende der Alpenlandschaft. Nach der
Pflanzendecke unterscheidet man gewöhnlich folgende
Höhenzonen:

1.	Die Hügel- oder Kulturregion, wo
die Wärme zum Anbau der Weinrebe und der Obst-
bäume genügt; die obere Grenze des Weinstockes schließt
die Region nach der Höhe hin ab, in den nördlichen
Alpen bei 600 w, im Tessin und Wallis bei 700
und 800 m.

2.	Die Region des Laubwaldes oder
die Bergregion; sie geht bis zur obern Grenze
der Buche, im Tessin bis 1500 in, in den übrigen
Teilen der Alpen bis 1200 oder 1300 m.

3.	Die Region des Nadelwaldes, der
bis zur Waldgrenze hinauf die höhern Abhänge ver-
kleidet. ^Die Lage der Waldgrenze ist nicht überall die-
selbe. Sie rückt hinauf, wo nicht nur vereinzelte Gipfel,
sondern eine ausgedehnte Gebirgsmasse samt ihren Tälern
zu bedeutender Höhe ansteigt. Solche Massenerhebungen
wirken als große Heizflächen, die an die Lust mehr
Wärme abzugeben vermögen als einzelstehende Gipfel
von gleicher Höhe. Die Bündner und Walliser Alpen
sind die größten Massenerhebnngen. Die folgenden
Zahlen zeigen, wie die Höhe der Waldgrenze von der

Pflanzenkleid-
der Alpen.

Hügelregion..

Laubwald-

region.

Nadelwald--

region.
        <pb n="18" />
        ﻿10

Waldgrenze.

Region der
Mpweiden.

Massmerhebung des Gebirges abhängt: Säntis 1600 m;
Berner Oberland 1800—1900 m; Monte Rosa-Gruppe
2300 m; Engadin 2200 m.

Der Wald schneidet nicht längs einer an den Berghalden
scharf ausgeprägten Horizontallinie ab. Nahe an der obern Grenze
lockert sich sein Bestand; er löst sich in einzelne Baumgruppen
auf; höher oben stehen noch einige wetterfeste, knorrige Bäume,
und dann folgt die Zone, wo nur noch das niedrige Krumm-
holz ein ärmliches Dasein fristet. Die geringe Wärme, die kurze
Vegetationszeit, der scharfe Wind und der Schneedruck setzen in
dieser Höhe dem Wald eine Grenze. Die Bäume, die bis zur
Waldgrenze reichen, sind meist Fichten und Lärchen. Im obern
Wallis und im Engadin treten Arvenwälder an ihre Stelle. Die
Arve geht, ein Bild ungebrochener Kraft, als äußerster Vorposten
in einzelnen prächtig entwickelten Exemplaren über den geschlossenen
Wald hinaus.

4.	Die Region der Alpwciden. Über dem
dunklen Bergwald liegen die Matten als hellgrüner
Gürtel, der an den Felsen und Schneefeldern der Gipfel-
region abbricht. In den untern Weiden sind die Rasen-
flächen noch unterbrochen vom Krummholzdickicht der
Legföhre, vom Gestrüpp der Alpenerle und vom leuchten-
den Rot der blühenden Alpenrosensträucher. Einzeln
oder in Gruppen beisammen stehen hier an geschützter
Stelle die Sennhütten, meist Holzbauten einfachster Art,
das flach abfallende Bretter- oder Schindeldach mit Steinen
beschwert. Hier findet der Hirte für die kurze Zeit der
Sommermonate Unterkunft, ivenn er das Vieh zur Alp-
weide hinaufführt; im Herbst zieht er wieder zu Tal
und läßt die Weidenregion als einen im Winter un-
bewohnten Höhengürtel zurück. Die obersten Weiden
und ihre Sennhütten liegen in den einzelnen Teilen der
Alpen uilgleich hoch aus demselben Grund, der für die
Höhe der Waldgrenze gilt. In den Walliser Alpen
stehen die letzten Alphütten durchschnittlich 600 in über
denjenigen der Berner Voralpen.
        <pb n="19" />
        ﻿II

Wo im Sommer oberhalb der Weiden und kahlen
Felshalden der Schnee infolge der geringen Wärme
nicht mehr vollständig abschmilzt, da liegt die Schnee-
grenze. Am Säntis steht sie bei 2500 m; alpen-
einwärts steigt sie unter dem Einfluß der Massen-
erhcbung an: Gotthard 2800 m, Bernina 3100 m
und Monte Rosa nahezu 3300 m.

Nur aus der Ferne gesehen scheint die Schneegrenze als
ungefähr horizontale Linie dem Gebirge entlang zn verlaufen.
In der Nähe betrachtet löst sich der untere Rand der Schnee-
felder in größere und kleinere Schneeflecken auf; in schattigen
Mulden und Gräben gehen sie weiter talwärts als an sonnigen
Stellen. Die Schneegrenze wird so zum breiten Streifen, in dem
Schneeflächen und schneefreier Boden ineinandergreifen. Am
sonnigen Südhang schmilzt der Schnee weiter hinaus weg, als
auf der Nordseite der Berggruppe; die oben angeführten Höhen-
zahlen geben den Durchschnitt an.

Der Schnee der höheren Lagen zergeht nur zu
einein Teil unter der Wirkung der Wärme. An steilen
Stellen, besonders häufig in Gehängefurchen, rutscht er
in gewaltigen Massen ab; es sind die Lawinen. Bei
kaltem Wetter fährt der pulverige Schnee, durch Wind-
stöße in Bewegung gesetzt, zur Tiefe. Der Luftdruck
vermag weit über die Lawiuenbahn hinaus den Wald
und die Häuser niederzuwerfen. Die Luft ist dann mit
feinem Schneestaub erfüllt; daher die Bezeichnung
Staublawine. Bei Tauwetter, vorab im Frühling,
gerät der schwere, klebrige Schnee größerer Gehänge-
flächen ins Gleiten, reißt den Boden auf und stürzt
krachend ins Tal hinunter, alles begrabend, was im
Wege liegt; das ist die Grundlawine. Die Lawinen
treten fast immer wieder au denselben Stellen, den
deutlich in die Halden eingegrabenen Lawinenzügen auf.
Durch das Aufforsten und Verbauen des Abrißgebietes
gelingt es, den Schnee am Rutschen zu verhindern.
Mauern und Flechttverk halten den Schnee fest (Siehe

Schnee-

grenze.

Lawinen.

Lawinen-

verbauung.
        <pb n="20" />
        ﻿12

Gletscher.

Moränen.

Kartenbeilage Nr. II, nördlich und südlich von Andermatt).
Es werden Pfähle in den Boden geschlagen, wie um
die Schneedecke festzunageln. Ist es nicht möglich, das
Abrutschen des Schnees zu hindern, so müssen Häuser
und Verkehrswege durch Schutzbauten gegen die Lawinen
gesichelt werden. Gefährdete Straßen und Bahnstrecken
führen durch Gallerien, über deren Dach die Lawine
hinwegsaust. Lawinengallerien bestehen z. B. an den
Straßen über den Gotthard, den Simplon, die Bernina
und all der Gotthard- und Albulabahn.

An weniger steilen Gehängen bleibt der Schnee
liegen; durch das Tauen und Wiedergesrieren wird er
zum körnigen Firnschnee und unter dem Druck der dar-
auf lastenden Massen zu Eis. Aus der Firunmlde
fließt und gleitet in langsamer Bewegung ein Eisstrom,
der Gletscher, talauswärts. Er reicht bis tief unter
die Schneegrenze, nicht selten bis in den Waldgürtel
hinunter und endigt da, wo die Wärnie enbensoviel Eis
abschmilzt, als nachrückt. Der Grindelwaldgletscher geht
am tiefsten; seine Zunge liegt bei 1150 m. Die Fläche
der Firnfelder und Gletscher der Schweiz wurde auf
2038 km* berechnet, das ist fast ‘/ao der Gesamtfläche.
Wegen des schwankenden Gletscherstandes ändert die
Zahl von Jahr zu Jahr. Der mächtigste Eisstrom der
Alpen, der 25 km lange Aletschgletscher, bedeckt eine
Fläche oon 130 km*.

Der vcn den Gehängen abstürzende Schutt wird voni
Gletscher talauswärts verfrachtet; das Eis erscheint dadurch be-
sonders am Gletscherende recht schmutzig. Am Rande des Eis-
stromes enstehen Schuttwälle. Seiten Moränen. Wenn zwei
Gletscher sich vereinigen, so verschmelzen die beiden innern Seiten-
moränen zu einer Mittel Moräne. Die meisten Gletscher sind
ans mehreren Armen zusammengesetzt und tragen eine Reihe
parallel verlaufender Mittel»! oränen. Was von den Gesteins-
brocken auf den felsigen Untergrund gerät, wird hier als Grund-
moräne mitgeschoben und unter dem Druck der Eismasse ge-
        <pb n="21" />
        ﻿13

kritzt, geschliffen oder zermalmt. Der Gletscher lagert dann den
gesamten Schutt an seinem Ende in bogenförmigem Wall als
E n d ni o r ä n e ab.

Die Größe der Gletscher hängt von der Schnee-
menge und der Wärme ab. Bei anhaltend hoher
Temperatur ist das Abschmelzen stärker als der Nach-
schub an Eis; der Gletscher schwindet. Eine Zunahme
des Niederschlags in fester Form läßt ihn anschwellen
und wachsen. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts
sind fast alle Gletscher der Alpen im Rückgang begriffen.
Der Rhonegletscher ist seit 1856 um 1 */* km kürzer
geworden.

Die heutigen Schwankungen der Gletscher er-
scheinen geringfügig im Vergleich zuin gewaltigen Rück-
gang, der nach der Eiszeit eingetreten ist. Damals,
in weit entlegener Zeit, lag die Schneegrenze wenig über
1000 m Meereshöhe. Große Eismassen erfüllten die
Täler und breiteten sich am Alpenausgang fächerförmig
aus; der größte Teil des Mittellandes lag so unter
einem Eiskuchen begraben. Wie weit und wie hoch das
Eis reichte, ist an den Moränen jener Gletscher und
den aus den Alpen herausgeschleppten erratischen
Blöcken oder Findlingen zu erkennen. Der Rhone-
gletscher z. B. erfüllte den südwestlichen Winkel des
Mittellandes; er dehnte sich, vom Wall des Jura ab-
gelenkt, einerseits bis Lyon, anderseits bis unterhalb
Solothurn aus; beim Austritt aus den Alpen bedeckte
das Eis die Felssohle in einer Mächtigkeit von über
1000 in. Unter dem Druck solcher Eislast nutzte die
an der Sohle mitgeschobene Grundmoräne den Fels-
boden ab; das Gletscherbett wurde ausgeschliffen und
vertieft. Während der Fluß allein ein Tal mit V
förmigem Querschnitt gräbt, höhlte der Gletscher die
Flußrinne zu einem UI förmigen Tale aus, dessen flacher
Boden und steile Wände an einen Trog erinnern. Hoch
über den schroffen Talwänden liegen sanft ansteigende

Schwank-

ungen.

Eiszeit.

Eiszeitliche

Talfermen.
        <pb n="22" />
        ﻿14

Stufen-

mündung

Felsriegel.

Entstehung
der Seen'.

Wert der
Talformen
für den
Menschen.

Terrassen, die Überreste eines voreiszeitlichen Talbodens.
Als treffliches Beispiel eines vom Gletscher geformten
Trogtales kann das Lauterbrunnental mit den Terrassen
von Murren und Wengen gelten. Die Seitentäler
führten kleinere Eisströme und wurden nicht so stark
vertieft wie das Haupttal. Sie münden heute hoch
über dem Haupttal aus. Der Seitenbach stürzt da als
Wasserfall über die Mündungsstnfe herunter (z. B. der
Staubbach) oder hat sie im Lauf der Zeit in einer
Schlucht zersägt (Trientschlucht im Wallis). In scharfem,
mühsamem Anstieg führt der Zickzackweg aus dem Haupt-
tal neben der gähnenden Schlucht hinauf zu dem einige
hundert Meter höher liegenden Eingang des Seitentales.
Die Gletscher der Eiszeit formten auch in der Längs-
richtung des Haupttales solche Stufen; flache Fluß-
strecken wechseln mit steilen Stellen, wo der Fluß mit
starkem Gefälle durch eine Schlucht zur nächsten flachen
Talstrecke hinunterstürzt. Die querlaufenden, vom Fluß
zerschnittenen Felsriegel zerlegen das Tal in eine Reihe
langgestreckter und abgestufter Becken (Oberwallis, Hasli-
tal, die Täler der Reuß und des Tessins). Die langen
Seen am Ausgang der Alpentäler sind als solche Fels-
becken aufzufassen, die infolge der ausschürfenden Arbeit
der eiszeitlichen Gletscher enstanden und sich mit dem
Wasser der Talflüsse anfüllten.

Nach einer ältern Ansicht hatte ausschließlich das fließende
Wasser die heutigen Formen der Alpentäler geschaffen. Sie er-
klärt das Entstehen der Seen am Alpenrand durch ein Rücksinken
des, hochgetürmten, schon tief durchtalten Gebirgskörpers; dabei
wäre ein rückläufiges Gefälle der Flüsse entstanden und das Wasser
zu Seen gestaut worden.

Die Steilwände und die Gehängeterrassen der Täler,
die Wasserfälle, Schluchten und Seen machen einen
Hauptreiz der Alpenlandschaft aus; sie sind aber auch
für die Bewohner, ganz besonders für ihr Erwerbsleben,
bedeutungsvoll geworden. Die Menschen bevorzugen für
        <pb n="23" />
        ﻿15

die Alpwirtschaft den schwach geneigten Boden der son-
nigen Terrassen; hoch über der stark bevölkerten Tal-
sohle sind hier eine Reihe von Bergdörfern und ver-
einzelten Sennhütten enstanden. An der Stufenmündung
der Seitentäler nützen zahlreiche Elektrizitätswerke und
1 Fabriken die Kraft des stürzenden Wassers aus (die
Fabriken von Mels und Flums im Seeztal; das
Löntschwerk im Kanton Glarus; die Anlagen im Rhone-
tal). Zum gleichen Zweck baute mau Kraftwerke an
dem Lauf des Talflusses, da, wo er über eine Stufe
zum nächst tiefer gelegenen flachen Talstück hinunter-
eilt. War anfänglich die Industrie auf das Mittclland
und den Jura beschränkt, so dringt sie setzt immer kräftiger
auch in die Alpentäler ein, die ihr so reichlich Wasser-
kraft zur Verfügung stellen. Die Zahl der Auswanderer
hat seit Jahrzehnten stark abgenommen; der sichere Ver-
dienst in der Industrie hält die Talbewohner in der
Heimat zurück, droht aber auch, der Alpwirtschaft die
nötigen Arbeitskräfte zu entziehen. Als Quelle des Er-
werbs ist neben der Industrie der Reisendenverkehr von
weit größerer Bedeutung geworden; darin liegt der
materielle Wert der landschaftlichen Schönheiten der Alpen.
Die Ufer der Gebirgsseen, die Wasserfälle und Schluchten
des Gebirges üben auf das Heer der einheimischen und
fremden Besucher eine starke Anziehungskraft aus. Wie
die althergebrachte Alpwirtschaft, so faßt die moderne
Hotelindustrie auf den sonnigen, aussichtsreichen Höhen
festen Fuß. Auf der Sohle der trogförmigen Täler
verwehren nicht selten^ die Steilwände den Ausblick
zu den Gipfeln und Schneefeldern und erwecken das
beengende Gefühl der Abgeschlossenheit (Meiringen,
-auterbrunnen); von den sonnigen Terrassen aber schweift
der Blick ungehindert in die Gebirgswelt und durch
die Täler hinaus. In solch bevorzugter Lage, hoch
über dem Dunst und den Nebeln der Tiefe, sind in
^, Neuzeit eine Reihe von Kurorten aufgeblüht; so
Glion über dem Genfersee, Mürren und Wengen über

Terrassen-

dörfer.

Kraftwerke.

Fremd en-
mdustrie.
        <pb n="24" />
        ﻿16

Verkehr.

Ausdehnung.

dem Lauterbrunnental, Beatenberg ob dem Thuner-
see, Axalp ob dem Brienzersee, Seelisberg und Mor-
schach über dem Urnersee, Braunwald ob dem Glarner
Linthtal.

Die reich verzweigten Täler öffnen dem Verkehr
viele und verhälnismäßig bequeme Wege ins Innere
der Alpen und durch die Einsattelungen über die Berg-
ketten hinweg. Seitdem die Gotthardbahn und die
Simplonbahn den internationalen Schnellverkehr und
Gütertransport übernommen haben, dienen die Alpen-
straßen und -passe zumeist dem Touristen und Lokal-
verkehr. Im einzelnen finden die Wege im Stufenbau
der Täler manches Hindernis. Zu den Seitentälern,
die einige hundert Meter hoch über dem Haupttal aus-
münden, ist der Zugang stark erschwert; durch kunst-
voll in vielen Windungen angelegte Straßen sucht man
in neuerer Zeit eine bessere Verbindung zu schassen.
Dem Längsverkehr sind die Stufen des Haupttales
ebenfalls recht hinderlich. Die Straße setzt in Kehren
über die Felsbarrieren hinweg; die Eisenbahn be-
wältigt sie in Kehrtunnels. In dem Maß wie Straßen
und Eisenbahnen das Gebirge erschließen, schwinden
die altertümlichen Gebräuche und Einrichtungen, die
sich in der Abgeschlossenheit der entlegenen Talschaften
herausbilden und bis zur Gegenwart erhalten konnten.

2.	Das Mitteltand.

Das schweizerische Mittelland ist ein Teil des Alpen-
vorlandes, das am Genfersee beginnt und sich über
den Bodensee hinaus in die schwäbisch-bayrische Hoch-
ebene fortsetzt. In der Ostschweiz hat es zwischen
dem Säntis und dem Randen im Kanton Schasfhansen
eine Breite von 70 km. Nach Südwesten wird es
immer mehr zwischen Alpen und Jura eingeengt und
verschmälert sich im Winkel von Genf auf etwa 20 km.
Die dreieckförmige Fläche des Mittellandes schneidet
        <pb n="25" />
        ﻿17

im Nordwesten scharf ab an der wie eine Mauer steil
aufsteigenden Kette des Jura. Die Grenze verläuft
als fast gerade Linie vom Rhonedurchbruch unterhalb
Genf bis zum östlichsten Ausläufer des Kettenjura,
zur Lägern, biegt dann nach Norden ans und folgt
dem Rheintal zum Bodensee. Zwischen Alpen und
Mittelland zieht die Grenze in einer mehrfach nach
Norden ausbiegenden Linie, von Vevey am Genfersee
über Bulle, Thun, Vitznau, Weesen und Altstädten im
Rheintal. Zwischen je zwei Bogen dringt das Mittel-
land in die Alpen ein; an diesen Stellen treten die
Flüsse aus den Alpen heraus: Rhone, Saane, Aare,
Reuß, Linth und Rhein.

Die breite Mulde zwischen Alpen und Jura ist
von einem wechselvollen Hügelland erfüllt. Breit ge-
lagerte, rundliche, meist waldbedeckte Rücken ziehen zwischen
flachen Talböden dahin. Die Flüsse gehen vom Alpenrand
aus meist quer durch das Mittelland an den Jurafuß zu
ihrer gemeinschaftlichen Abflußrinnne; ihre vorherrschende
Richtung von 880 nach NNW ist maßgebend für den
Verlauf der riemenförmigen Hügelzüge (z. B. der Linden-
berg). Westlich der Aare treten an Stelle der Rücken
schwächer gewellte Plateauflächen. Die Flüsse unterbrechen
die Hochfläche mit tiefen, engen und zu Schlingen ge-
bogenen Tälern, wie der Lauf der Saane und ihrer Zu-
flüsse zeigt. Für diesen westschweizerischeu Teil des Mittel-
landes dürfte noch am ehesten der vielgebrauchte Name
„Schweizerische Hochebene" gelten. In der breiten Senke
am Fuße des Jura überragen die Hügel mit einer
Meereshöhe von 500 bis 600 m den Talboden nur um
ein geringes. Gegen Süden hin heben sie sich immer
schärfer aus den Flußtälern heraus. Am Alpenrand
steigen vereinzelte Mittellandberge zu der Höhe der Vor-
alpen an, zu denen sie auch in der Schroffheit der For-
men einen Uebergang bilden; Napf 1407 m, Rigi 1800 m,
Speer 1956 m. Was sie aber von den Alpen abgrenzt,
das ist die verschiedene Gesteinsart. Die Hügel des Mittel-

Flückiger, Schweiz	z

Bodengestalt
        <pb n="26" />
        ﻿18

GesteinLart landes sind aus Nagelfluh, Sandstein und einem Ge-
menge von Ton und Kalk, dem Mergel aufgebaut und
zwar so, daß eine Zone von Nagelflnhbergen dem Alpen-
suße entlang zieht (Jorat, Napf, Rigi, Roßberg, Speer,
das Appenzeller Hügelland), Sandstein und Mergel da-
gegen in größerem Abstand von den Alpen den Boden
aufbauen. Die Gesteine des Mittellandes, Nagelfluh,
Sandstein und Mergel, tragen den gemeinschaftlichen
Namen Molasse (molasse = leicht zerreibliches Gestein).

Entstehung	®on Beginn der Alpenfaltung an zerstörte die Verwitterung

des Molaffe- die aufgetürmten FelSmassen des Gebirges. Zahlreiche Flüsse
schleppten den Schutt ins Borland hinaus. Mit wachsender Ent-
fernung von den Alpen wurde das Gefälle der Flüsse geringer.
Sie lagerten den Schutt nach der Größe sortiert ab. Felsbrocken
und kleinere Gerölle blieben schon am Gebirgsfnß liegen; den
Sand und Schlamm vermochte das fließende Wasser noch weiter
hinaus zu befördern. Eine genaue Abgrenzung der Schuttzonen
trat nicht ein; denn ein kräftiges Hochwasser schleppte Gerölle
bis zu der Stelle, wo beim nächsten Niedrigwasser nur noch Sand
oder Schlamm hingelangen konnte. Kies-, Sand- und Schlamm-
bänke griffen so stellenweise ineinander über. Aus den gewaltigen
Schuttmassen der Alpen bauten die Flüsse im Vorland allmählich
eine nach Norden sich senkende Hochebene auf. Im Laufe der
Zeit verkittete eingeschwemmter Schlamm wie eine Zementmasse
die Gerölle zu Nagelfluh, die Sandkörner zu Sandstein; der
tonige und kalkige Schlammabsatz erhärtete zu Mergel. In einer
spätern Zeit gruben die Flüsse Rinnen in ihre eigene Ausschüttung;
sie vertieften und verbreiterten die Furchen zu geräumigen Tälern
und zerlegten die Molasse in rundliche oder plateauartige Höhen-
züge ; das sind die Überreste der einstigen Hochebene. Verdanken
Alpen und Jura ihre Entstehung dem Zusammenschrumpfen der
Erdkruste, einer vom Erdinnern her wirkenden Kraft, so sind die
Hügel und Berge des Mittellandes von außen her durch die aus-
nagende Arbeit der Flüsse geformt worden. Im Gegensatz zu
Alpen und Jura haben hier die Gesteinsbänke ihre ursprüngliche,
wagrechte Lage beibehalten. Eine Ausnahme macht eine breite
        <pb n="27" />
        ﻿19

Zone am Alpenrand vom Gensersee bis zum Bodensee. Verletzte
Teil der Alpenaufsallung ergriff auch die benachbarten Molasse-
fchichten und schob sie zu einem Gewölbe zusammen. Die schräg
aufgerichteten Nagelflnhbänke am Rigi, Roßberg und Speer sind
verwitterte Überreste dieser Molassefalte.

Die Gletscher der Eiszeit überfluteten vvm Aus- Wirkung«
gang der Alpentäler her einen beträchtlichen Teil des ber ®iSäeit’
Mittellandes; außer dem schon genannten Rhonegletscher
waren es vor allem die Eisströme aus dem Aare-,

Reuß-, Linth- und Rheiutal. Sie verkleideten die Rücken
und Täler mit einer mächtigen Schuttdecke und fügten
zu diesen grvßen Zügen der Landschaft einen unendlichen
Reichtum von Moränewällen. Das Gebiet der großen
Emme (Raps) und der Töß (Zürcher Oberland) war
zum größten Teil eisfrei; hier konnte das rinnende Wasser
ungestört ein fein verzweigtes System von Tälern und
Tälchen ausgraben, das in so auffälligem Gegensatz zu
den einfach und steif, verlaufenden, breiten Gletschertälern
steht. In den Mulden, die das Eis im Felsboden aus-
schiwfte, oder hinter Moränenwällen staute sich das Wasser
zu Seen. In jeder Größe, bis hinunter zum Teich, be-
leben sie das Bild des Mittellandes. Die lehmige Erde
der Grundmoräue, die weithin dem Nagelfluh- und Sand
steingrund aufliegt, bietet dem Ackerbau einen fruchtbaren
und tiefgründigen Boden. Die Riedflächen auf feuchten,
wasserundurchlässigen Gründen liefern der Viehzucht das
Streuegras. Die Gletscherbäche verschleppten den Kies
der Moränen zu den sogenannten Schotterfeldern, die
in den ausgedehnten Flußniederungen eine große Fläche
einnehmen. Aus diesen trockenen, sonnendurchwärmten
Böden findet das Getreide die ihm gut zusagenden Be-
dingungen. Auf deni ehedem eisbedeckten Gebiet des
Mittellandes liegen überall erratische Blöcke zerstreut.

An vielen Stellen hat ihre Zahl stark abgenommen, da
der Stein als geschätztes Baumaterial verwendet wurde.

Einzelne durch Lage oder Größe bemerkenswerte Find-

y'
        <pb n="28" />
        ﻿20

Vorzüge des
Mittellandes

Jura

Verlauf

linge bleiben als Naturdenkmäler vor Zerstörung ge-
schützt.

Das Mittelland vermag ungeachtet seiner Anmut
gegenüber dem eindrucksvollen Landschaftsbild der Alpen
nicht zur Geltung zu kommen. Dafür besitzt es eine Reihe
anderer und wichtiger Vorzüge. Fruchtbarer und flach-
liegender Boden, ein gegenüber Alpen und Jura mildes
Klima und die günstige Verkehrslage haben hier eine
große Volksdichte hervorgerufen. In den Alpen sind die
stark bevölkerten Talstreifen durch die ausgedehnte, men-
schenleere Felsen- und Eiswildnis der Gipfelregionen ge-
trennt. Das Mittelland bildet dagegen mit den reich
angebauten Plateauflächen, Hügeln und Tälern eine fast
ununterbrochene Wohnfläche, obschon auch hier die Täler
als Verkehrswege und Industriegebiete die Stellen der
größten Menschenansammlungen darstellen. Ackerbau,
Handel und Industrie sind im Mittelland weitaus am
stärksten entwickelt. Volkszahl und Wohlstand machen
es zum wichtigsten Landesteil der Schweiz.

3.	Deo Iirocr.

Südwestwärts des Gensersees löst sich der Jura
als selbständiges Gebirge von den französischen West-
alpen ab und umschließt als natürlicher Grenzwall in
einem langen, flachen Bogen den Nordwesten und Norden
der Schweiz. Er besteht aus einer Reihe parallel laufen-
der Kalksteinketten. Die höchsten stehen am Südostrand
des Gebirges, wo sie mauerartig steil und ungegliedert
zum Mittelland abfallen. Nach Nordwesten hin werden
die Bergrücken immer niedriger und verflachen sich all-
mählich zum Tiefland der Saöne, des Doubs und des
Rheins. In seinem mittleren Abschnitt am Neuenburger-
und Bielersee gewinnt der Jura die größte Breite. Ueber
20 Ketten liegen hier bis zum Doubs vor Besan^on
hintereinander. Ihre Zahl nimmt nach SW und NO ab,
und damit verringert sich auch die Breite des Gebirges;
        <pb n="29" />
        ﻿21

an beiden Enden läuft der Faltenjura in einer einzigen
Kette aus. Der größere Teil des Berglandes gehört zu
Frankreich; das gilt vor allem von der flachen Nord-
westabdachung. Der Schweizer Jura umfaßt dagegen
die höheren Ketten auf der innern Seite des Gebirgs-
bogens. Ueber dem Waadtländer Mittelland erheben sich
der Mont Tendre zu 1680 in und die Dole zu 1678 in
als höchste Punkte im Schweizer Jura; jenseits der fran-
zösischen Grenze, gegenüber der Stadt Genf, liegt die
höchste Stelle des Juras überhaupt, Erbt de la Neige
1723 m. Der Bergwall fällt hier schroff über l000 in
tief zum Mittelland ab. Nach Nordosten wird er all-
mählich niedriger: Der Chasseral noch 1610 in; der
Weißenstein bei Solothurn 1294 in; die Wasserfluh bei
Aarau 869 in; die letzte, bis in den Kanton Zürich
hineinziehende Jurakette, die Lägern, ist 863 w hoch und
überragt das Mittelland nur noch um 400 m.

Die Juraketten ziehen als wulstförmige (Chaumont)
oder durch die Verwitterung gratartig geschärfte Erhe-
bungen (Chasseral, Lägern) nebeneinander her. Die
Gipfel heben sich nur als schwach anschwellende Kuppen
oder Kämme über den einförmigen Wall hinaus. Zwischen
den Ketten liegen die Längstäler, meist geräumige Mul-
den, die bei der Auffaltung des Gebirges mit entstanden
sind. Ausnahmsweise rücken die Ketten auf kürzere
Strecken soweit auseinander, daß Raum für breite Ebenen
geschaffen wird, wie die Talebcne von Delsberg und die
Mulde des Val de Ruz. Bisweilen gabelt sich ein Berg-
zug in zwei Aeste, die eine Strecke weit parallel gehen
und sich nachher wieder vereinigen; das eingeschlossene
Längstal läuft dann, wie der Boden eines Bootes, an
beiden Enden ansteigend in spitzen Winkeln aus; so das
Längstal von Montier im Berner Jura. Die Gewässer
fließen gegen die Mitte des Tales zusammen und finden
durch den Querdurchbruch einer Klus den Ausgang.

Die Klüsen oder Quertäler durchbrechen als Schluch-
ten die Bergrücken und stellen eine Verbindung zwischen

Längstäler

Klüsen
        <pb n="30" />
        ﻿22

zwei benachbarten Längstälern her. Zu den bekanntesten
Klüsen zählen die von Court und Montier, diejenige am
Ausgang der Schuß aus dem St. Jmmertal (Tauben-
loch bei Biel), die Balstalerklus, die Schlucht des Seyon
quer durch den Chaumont bei Neuenburg und die Klus
von St. Sulpice. Sie sind von den Flüssen geschaffen
worden. Bei der langsamen Auffaltung des Gebirges
vermochte der Fluß im gleichen Maß sein Bett quer durch
die Falte einzugraben, wie sich unter ihm der Boden
hob; zu beiden Seiten wuchs die Faltung immer höher,
während der Flußlauf in seiner frühern Lage blieb. Die
Klus ist von dem Längstal stark verschieden. Auf ihrem
engen Grund bleibt stellenweise neben dem Bach kaum
mehr genügend Raum für die Straße. Schroff anstei-
gende und kühn geformte Felswände schließen das Tal
ein; wie in einem Querschnitt durch das Gebirge liegen
hier die verbogenen Felsbänke zu Tage und lassen in
schönster Weise den Faltenaufbau erkennen Weil die
Klüsen und Längstäler meist im rechten Winkel auf-
einandertreffen, so müssen die Flüsse und Straßen im
Zickzack den Ausgang aus dem Gebirge suchen, wie der
Lauf der Birs es zeigt.

Nicht überall besteht der Jura aus parallelen Ketten
und Tälern. Nördlich des St. Jmmertales im Berner
Plateaujura Jura hat die Verwitterung das Gebirge zu einer welligen
Hochfläche, dem Plateau der Freiberge, umgestaltet. Im
nördlichen Teil der Kantone Basel und Aargau und im
Kanton Schaffhausen sind die Jurahöhen nicht durch
Auffaltung entstanden; die Kalksteinbänke liegen hier fast
Tafeljura wagrecht; es ist der Tafeljura. Tief eingegrabene Fluß-
täler mit den stark verzweigten Seitentälern zerlegen das
ganze Plateau in zahlreiche Bergrücken; so das Tal der
Ergolz, das Fricktal und die Täler des Randen im
Kanton Schaffhausen.

Wald	Aus der Ferne gesehen erscheint der Jura als blaues

Gebirge. Das rührt von dem Tannenwalde her, der die
niedrigen Kuppen vollständig umkleidet und die hohen
        <pb n="31" />
        ﻿23

Ketten beinahe bis zum Kamm hinauf verhüllt. (Jura
von jor — Waldgebirge.) In den tiefern und wärmern
Regionen mischt sich das helle Buchenlaub unter das
dunkle Nadelholz.

Die Jurahöhen leiden trotz der reichen Niederschläge
an Trockenheit; das Regenwasser sickert in den klüftigen,
durchlässigen Kalkboden ein, sammelt sich in Höhlen-
gängen im Berginnern und kommt erst im Tale als
Stromquelle wieder zum Vorschein (Quelle der Birs,
der Areuse; die Noiraigue im Traverstall. Die Weiden
auf den Bergrücken und an den flachen Stellen der Ab-
hänge bekommen im Sommer häufig durch die Dürre
eine rostbraune Farbe; die Weiden in den Hochalpen
dagegen, auf undurchlässigem Boden vom Schmelzwasser
des Schnees berieselt, prangen zur gleichen Zeit in saf-
tigem Grün. Die ausgedehnten Waldflächen an den
Steilhalden und auf den Plateauflächen des Jura erfüllen
die überaus wichtige Aufgabe, die magere Erdkrume auf
dem Felsboden festzuhalten und darin die Feuchtigkeit
aufzuspeichern. Das Abholzen der Wälder hätte zur
Folge, daß überall der nackte, rissige Kalkfels zu Tage
käme; damit würden die Jurahöhen gleich unbewohnbar,
wie einzelne entwaldete Kalkgebirge Südeuropas.

Auf dem wasserarmen, wenig fruchtbaren Kalkboden
erlangt der Ackerbau keine große Bedeutung. Die Gras-
flächen auf Len Bergrücken dienen meist als Viehweide.
Die Sennen bewohnen hier das vereinzelt stehende,
charakteristische Berghaus, das in breitem, niedrigem
Bau wie auf den Boden geduckt erscheint und Schutz
sucht vor der strengen Winterkälte und den rauhen Winden.
Der Regenablauf des Daches wird in einen ausgemauer-
ten Schacht, die Zisterne, geleitet als Wasservorrat für
die trockene Zeit. Auf den Jurahöhen ist infolge der
spärlichen Hilfsmittel und wegen der Lage abseits vom
Verkehr die Volksdichte gering.

Volksreich sind dagegen die geräumigen, sonnigen
Längstäler. Wiesen und Aecker bedecken den breiten Bo-

Wasserarmut

Volk und
Erwerb
        <pb n="32" />
        ﻿24

den der Mulde, und eine Reihe stattlicher Dörfer längs
der Talstraße zeugt für den Wohlstand, der vor allem
durch die Uhrenindustrie eingezogen ist. Bis in das hoch-
gelegene und unwirtliche Jouxtal und das Bergland
von Chaux-de-fonds vermochte die Industrie eine große
Volksdichte und Wohlhabenheit hervorzurufen.

Die Klüsen eignen sich meist nicht als Wohnplatz
für den Menschen. Es fehlt hier vor allem an Raum,
stellenweise auch an Licht und Sonne; überdies sind sie
unangenehm zugig. Für den Verkehr besitzen sie aber
den größten Wert. Sie öffnen quer durch den Berg
einen Weg zwischen den dicht bevölkerten Längstälern
und zu den tiefer liegenden Landschaften am Rande des
Jura; so machen sie das Innere des Gebirges ver-
hältnismäßig gut zugänglich. In den Klüsen sind in
neuerer Zeit eine Reihe industrieller Anlagen (z. B.
Zementfabriken) entstanden, für deren Betrieb der rasch
strömende Fluß die Kraft liefert. Die abgelegenen Jura-
täler, die weder die Vorteile der Industrie noch des
durchgehenden Verkehrs genießen, gehören zu den ärmsten
und am meisten zurückstehenden Gebieten unseres Landes.

&lt;^m-
        <pb n="33" />
        ﻿Das Klima.

Unter dem Einfluß der Luftströmung vom Atlanti-
schen Ozean her hat der Westen Europas milde Winter
und kühle Sommer. In Osteuropa ist dagegen von deni
Wärmeausgleich durch das Meer nur wenig zu ver-
spüren; hier herrschen strenge Winter und heiße Sommer.
Die Schweiz hält zwischen der Atlantischen Küste und
den ausgedehnten Landflächen Osteuropas die Mitte, so-
wohl in der Lage wie auch im Klima des Landes. Hier
und im übrigen Mitteleuropa fließen das Seeklima der
Westküste und das Landklima des Ostens ineinander
über. Je nach der Richtung des Windes macht sich ab-
wechselnd mehr das eine oder das andere geltend. Die
Schweiz ist überdies ein Grenzgebiet zwischen dem rauhen
Nordeuropa und den sonnigen, warmen Mittelmeerlän-
dern. Nordeuropäischen Charakter hat das Gebiet nord-
wärts der Alpen; die südlichen Alpentäler zeigen dagegen
viel Aehnlichkeit mit den Landschaften an der Mittelmeer-
küste. Der Alpenwall liegt als breite Grenzmauer zwischen
den beiden Klimagebieten.

Wärme. Die vom Ozean aufs Land übertretende
Luft mildert nicht nur die Gegensätze der Jahreszeiten;
sie bringt im Durchschnitt unseren! Land auch eine höhere
Wärme. Steht doch in Basel wie in Lugano die mitt-
lere Jahrestemperatur um 4° höher, als im Osten Eu-
ropas in der gleichen geographischen Breite ohne den
Einfluß des Meeres. Im einzelnen ist auf dem ver-

Klimagebiete

Wärme
        <pb n="34" />
        ﻿26

hältnismäßig kleinen Raum der Schweiz die Wärme sehr
Einfluß der verschieden, vor allem wegen der großen Höhenunter-
schiede: Je höher, desto kälter.

Die Lust wird nicht direkt durch die Sonnenstrahlen, sondern
vom Boden her erwärmt. In der Nähe dieser Heizfläche ist sie
am wärmsten; mit zunehmender Höhe wird sie kühler, durch-
schnittlich um 0,5" aus je 100 m.

Rauh und unwirtlich sind schon die Kämme und
hochgelegenen Täler des Jura. La Brevine im Neuen-
burger Jura und die Dörfer des Jouxtales zählen zu
den kältesten im Winter bewohnten Orten der Schweiz.
In den Alpen führt ein Aufstieg der Reihe nach durch
immer kühlere Höhengürtel bis zu jener Höhe, wo bei
der geringen Wärme auch im Sommer der Schnee nicht
mehr weicht. Vom Alpenfuß bis zum ewigen Schnee
der Hochgebirgsgipsel beobachtet man eine ähnliche Ab-
stufung des Klimas und des Pflanzenkleides wie auf
einer Wanderung gegen den Pol. Die niedrig gelegenen
Landesteile haben gegenüber dem Gebirge den Vorteil
höherer Temperaturen, die erst den lohnenden Anbau
der Kulturpflanzen ermöglichen und im Verein mit an-
deren Vorzügen dem Tiefland eine ansehnliche Volks-
dichte sichern. Solche Gebiete sind das südliche Tessin,
das Mittelland, dessen tiefste Lagen am Genfersee auch
die wärmsten sind, und der Nordfuß des Jura bei Basel.
Die Uferlandschaft des obern Gensersees und die Tessiner
Kurorte Locarno und Lugano verdanken allerdings ihr
ungewöhnlich mildes Klima außer der geringen Meeres-
höhe ebenso sehr dem Schutz vor den Nordwinden und
der kräftigen Sonnenstrahlung auf die südwärts fallenden
Abhänge'). Den Einfluß der Höhenlage auf die Wärme
zeigt folgender Vergleich der Temperaturen:

') Vergl. den Abschnitt über Fremdenverkehr.
        <pb n="35" />
        ﻿27

	Meereshöhe	Januar	Juli	Jahr
Gotthardpaß	2l00 m	— 7,7°	7.9°	— 0,6°
La Brevine	1077	— 4	13,4	4,5
Zürich	470	— 1,4	18,4	8,5
Genf	405	0,0	19,5	9.5
Basel	277	-0,1	19,1	9,5
Locarno	239	2	21,9	11,8

Das Klima wechselt überdies von Ort zu Ort aus
Gründen, die nichts mit der Höhenlage zu schaffen haben.
Windgeschützte Halden sind milder als zugige Stellen.
Lausanne hat im Jahresmittel 8,9°, Bern 7,8°; das
Sanatorium Wald (Zürcher Oberland) ist fast um 1 °
wärmer als der Uetliberg in gleicher Meereshöhe. In
allen Tälern bevorzugt der Mensch die Sonnhalde und
die sonnigen Terrassen für den Bodenbau und für seine
Wohnstätten. Große Seen begünstigen die Umgebung,
weniger wegen der Wärmeaufspeicherung in der Wasser-
masse, als weil die auf den Seespiegel fallenden Sonnen-
strahlen reflektiert werden und zum Teil den Userhalden
zugute kommen. Orte in gleicher Höhe und in geringer
Entfernung voneinander können wegen all dieser Ursachen
ganz verschieden warm sein.

Im Winter fließt bei ruhigem Wetter die kalte,
schwere Luft den Berghalden entlang zur Tiefe und sam
mclt sich im Tal zu einem Kältesee; dann sind die son-
nigen Bergterrassen, ja selbst die Gipfel wärmer als der
Talgrund. Die Temperaturumkehr fällt besonders auf,
wenn das Tiefland mit Nebel bedeckt ist.

Oft liegt im Winter tage- und wochenlang ein
Nebelmeer über dem Mittelland. Sonnig und wolken-
los blau wölbt sich darüber der Himmel, und in voll-
kommener Klarheit steigen die Alpen und die Höhen des
Jura über die Nebeldecke empor. Aus dem weißen,
welligen Meer heben sich vereinzelte Bergrücken des Mit
tellandes gleich langen, nebelumflossenen Inseln. Wer
aus den feuchtkalten, grauen Nebeln der Tiefe zum Licht

Örtliche Un-
terschiede

Temperatur-

Umkehr

Nebclmeer
        <pb n="36" />
        ﻿28

Nebel und
Bewölkung

Winde

Wind aus
SW u. VV

Bise

hinaufsteigt, tritt fast plötzlich in eine neue Welt voll
Sonnenschein und Wärme. Der Winter ist die klarste
und sonnigste Jahreszeit im Gebirge. Zahlreiche Winter-
kurorte in den Alpen und auf den Jurahöhen verdanken
diesem glücklichen Umstand den starken Besuch.

Wenn das Mittelland unter den Winternebeln be-
graben liegt, erfreut sich die Südschweiz anhaltenden
Sonnenscheins. Das südliche Tessin mit den Kurorten
Locarno und Lugano hat überhaupt gegenüber der ganzen
übrigen Schweiz den Vorzug der geringsten Bewölkung,
der größten Zahl sonniger Tage. Nebelarm sind auch das
Wallis, Graubünden und die Föhntäler der Nordalpen.

Winde. Die Luftströmungen sind einem starken
Wechsel unterworfen; daher der launenhafte Witterungs-
charakter unseres Landes. Bei aller Unbeständigkeit weht
doch, wie im übrigen Mittel- und Westeuropa, der Wind
am häufigsten aus Südwesten und Westen. Er trägt
die Feuchtigkeit vom Ozean her tief ins Festland hinein
und führt trübes, regnerisches Welker herbei. In ein-
zelnen Teilen der deutschen Schweiz kennt man ihn als
„Wetterluft"; die dem Regen am meisten ausgesetzte
Westfront der Häuser heißt die „Wetterseite" und trägt
häufig zum besondern Schutz eine Verkleidung ans Zie-
geln oder Schindeln. Der Westwind unterbricht die
Sommerhitze durch kühle Regentage und verdrängt im
Winter zeitweilig den Frost durch das milde Tauwetter.
Beinahe ebenso häufig ist der Wind aus der entgegen-
gesetzten Richtung, aus Osten, Nordosten und Norden,
die Bise; sie führt trockene Luft von den großen Land-
flächen Osteuropas her; sie hellt den Himmel auf und
bewirkt im Winter eine durchdringende Kälte. Für beide
Winde öffnet die von Südwest nach Nordost ziehende
Mulde des Mittellandes eine natürliche Gasse. In der
südwestlichen Ecke des Mittellandes weht die Bise stärker
und häufiger als im Osten. Wie in einer Enge des
Flußbettes das Wasser rascher fließt, so wächst die Stärke
        <pb n="37" />
        ﻿29

des Windes, wenn er sich, zwischen Jura und Alpen
immer mehr eingeengt, in den Winkel am untern Genfer-
see hineindrängt. Genf leidet mehr als jede andere Stadt
unter der Heftigkeit der Bise.

Die Alpen sind für quer gerichtete Winde ein Hin-
dernis; ist aber der Luftdruck zu beiden Seiten sehr
verschieden, so geht eine ausgleichende Luftströmung über
den Gebirgswall hinweg. Bei geringem Luftdruck im
nordwestlichen Europa steigt Luft am Südhang der Alpen
empor und stürzt mit großer Gewalt durch die nörd-
lichen Alpentäler hinaus. Das ist der Föhn. Er er-
scheint auf der Nordseite der Alpen als warmer und
trockener Wind; die beiden Eigenschaften erlangt er durch
das Überschreiten des Gebirges.

Die aufsteigende Luft steht in der Höhe unter geringerem
Druck; sie dehnt sich aus und verliert dadurch an Wärme. Beim
Aufstieg am Südabhang der Alpen scheidet die abgekühlte Luft
die Feuchtigkeit in heftigen Regengüssen aus. Als kalter Wind
streicht der Föhn über den Bergkamm und stürzt in die nördlichen
Quertäler hinab. Im Fallen nimmt seine Wärme wieder zu,
um annähernd 1 ° auf 100 m, so daß er mit ungewöhnlich hoher
Temperatur die tiefliegenden Talausgänge am Nordsuß des Ge-
birges erreicht.

Der Föhn tritt meist in den Quertälern auf, da
ihr Verlauf mit seiner Richtung übereinstimmt. Hasli-,
Reuß-, Linth- und Rheintal sind eigentliche Föhnkauäle,
durch die der Südwind brausend ins Vorland hinunter-
stürzt. .In ungestümen Stößen rüttelt der Föhn am
Balkenwerk der Häuser; er wirbelt die Funken vom Herd-
feuer empor und trägt den Brand weithin über die aus-
gedörrten Schindeldächer des Bergdorfes. Viele Ort-
schaften in den Quertälern der Nordalpen sind bei Föhn-
sturm ganz oder teilweise verbrannt, so Meiringen, Grin-
delwald, St. Stephan im Simmental, Altdorf, Glarus,
Bonaduz am Ausgang des Domleschg; von den Dörfern
des St. Galler Rheintales haben fast alle wiederholt

Föhn

Auftreten und
Wirkungen
des Föhns
        <pb n="38" />
        ﻿30

Lolalwlnde

unter Föhnbränden gelitten. Wenn in den Tälern der
Föhn losbricht, so müssen nach Vorschrift der Föhnpolizei
alle Feuer sorgfältig gelöscht werden.

Unter der Sonnenwärme allein würden die Schnee-
massen im Gebirge erst spät im Sommer zergehen; der
Föhn räumt rasch damit auf. Die Bergbewohner fassen
diese wohltätige Wirkung in die Worte zusammen: „Ohne
Föhn kein Frühling!" Seine Trockenheit schädigt wohl
etwa die Baumblüte; aber unter seinem warmen Hauch
reift im Rheintal zwischen Chur und Bodensee der Wein.
Am häufigsten tritt der Föhn in der kühlen Jahreszeit
auf. Altdorf zählt im Jahr durchschnittlich 48 Föhn-
tage, Guttannen im Haslital sogar 79. In Meiringen
wacht die Föhnpolizei an 40—50 Tagen. Die Föhntage
bringen im Winter im Mittel eine Temperaturerhöhung
von 7 °; schon am frühen Morgen kann dann eine ge-
radezu sommerliche Wärme herrschen. Im Mittelland
wird der Föhn selten als Luftströmung verspürt; meist
meldet er sich hier durch andere Anzeichen. Die trockene
Luft zehrt den leichten weißlichen Dunstschleier auf, der
für gewöhnlich die Fernsicht trübt. In scharfen Umrissen
und tiefen Farben stehen dann die Berge in der eigen-
tümlich klaren Luft, scheinbar zum Greifen nahegerückt.
Hinter den Bergzacken im Süden steht unbeweglich eine
Wolkenbank, die „Föhnmauer". Liegt beim Auftreten
des Föhns eine Nebeldecke über dem Mittelland, so löst
er sie, vom Alpenrand nordwärts vorrückend, in kurzer
Zeit auf. Bisweilen vermag er nicht vollständig durch-
zudringen; dann ist es bis in die Mitte des Hügel-
landes hell, während am Jurafuß noch die Nebel stehen.
Bei der trockenen Luft befällt den Menschen ein Gefühl
der Mattigkeit; der Föhn „liegt ihm in den Gliedern".
In gewissen Alpentälern steigert sich die körperliche und
geistige Abspannung zu einem krankhaften Zustande,
zur „Föhnsucht".

Lokalwinde. Höhenrücken drängen häufig die
untern Luftströmungen aus der ursprünglichen Richtung
        <pb n="39" />
        ﻿31

und zwingen sie, der Talfurche zu folgen. Die großen
abgeschlossenen Felsmulden der Alpen sind relativ wind-
still; von den Winden des Mittellandes werden sie
kaum berührt. So kann es vorkommen, daß heftige
Südwestwinde am Wallis und Engadin spurlos vor-
übergehen.

In den Alpentälern entsteht bei ruhigem Wetter eine
regelmäßig wechselnde Luftströmung, der Berg- und
T a l w i n d. Tagsüber erhitzen sich die Felswände in der
Sonne und die Lust strömt taleinwärts empor. Ge-
wöhnlich setzt der Talwind in der Mitte des Vormit-
tags ein; er trägt die Feuchtigkeit der Tiefe zu den
Berggipfeln hinauf, die sich allmählich in Wolkenballen
hüllen. Nach Sonnenuntergang sinkt die erkaltete Luft
und fließt als Bergwind talauswärts; dann enthüllen
sich die Berge und sind häufig bei Tagesanbruch voll-
ständig klar. Der Talwind ist weit stärker als die
nächtliche Gegenströmung; vielerorts hat er seine Richtung
in den Baumkronen abgebildet, die vom Luftzug an-
geblasen und, Windfahnen gleich, taleinwärts verzogen
erscheinen. Auf den Seen am Alpenrand lassen die
Schisser ihre Segelbarken durch den reglmäßig wechseln-
den Wind treiben; bleibt er aus, so steht nach alter
Erfahrung ein Wetterumschlag bevor.

Niederschläge. An Befeuchtung übertrifft die
Schweiz die meisten Nachbargebiete. Sie verdankt ihren
Wasserreichtum der Nähe des Meeres, vor allem aber
ihren Gebirgen; denn ganz allgemein nimmt die Nieder-
schlagsmenge bis zu einer gewissen Meereshöhe zu. Die
tiefliegenden Teile des Landes sind relativ trockene Stellen
inmitten der schnee- und regenreichen Höhen der Alpen
und des Jura; selbst im Mittellaud ist der Unterschied
der Feuchtigkeit zwischen Tälern und Hügeln zu erkennen.
Wenn der feuchte Westwind an einem Gebirge aufsteigt,
so sondert er den Wasserdampf aus; es fällt Regen
oder Schnee. Niederschlagsreich ist schon der Jura,
besonders auf seiner Westseite, wo die jährliche Regen-

Vera- unb-
Talwind

Niederschläge

Verteilung

der

Niederschläge
        <pb n="40" />
        ﻿32

höhe 200 cm erreicht. Umso trockener ist, im „Wind-
schatten", der Südostfuß des Jura, ein breiter Streifen
vom Genfersee bis über Schaffhausen und zum Boden-
see hinaus. Auf diesem tief liegenden Teil des Mittel-
landes finden die Getreidefelder und Weinberge in der
geringen Regenmenge und der hohen Sonnenwärme gut
zusagende Bedingungen. Mit dem Ansteigen des Mittel-
landes gegen die Voralpen nimmt auch die Regenmenge
zu. In der Mitte zwischen Jura und Alpen erreicht
sie etwa 100 cm, das ist mehr als die Regenhöhe im
größeren Teil Norddeutschlands und in der Poebene.
Die Alpen heben sich als Gebiet großer Niederschläge
von der Umgebung deutlich ab; am Säntis werden
250 cm gemessen. Die Täler der Aare, der Reuß, der
Linth und des Rheins sind dagegen nicht feuchter als
das Mittelland, weil ihnen die Berge den Regen ent-
ziehen. Am regenärmsten sind die Talkessel des Wallis
und des untern Engadins (Sierre im mittlern Wallis
mit 57 cm). Dem Südhang der Alpen geben die starken
Föhnregen einen Überfluß an Wasser (Seite 29).

Schwankungen Die Zahlen für die Niederschlagsmenge sind Mittelwerte
jahrzehntelanger Messungen. Von einem Jahr znm andern er-
leidet aber der Regen- und Schneefall große Schwankungen. In
feuchten Jahren steigt der Niederschlag fast auf das Dreifache der
trockenen Jahre an. Im mittleren Wallis ging die jährliche
Regenmenge schon auf 30 cm zurück; das ist nur wenig mehr
als der Durchschnitt in den Oasen Nordafrikas. So wird es ver-
ständlich, daß der Walliser gleich dem Oasenbewohner für künstliche
Bewässerung seines Bodens besorgt sein muß.

Jahreszeitliche Regen fällt in der Schweiz, wenn auch ungleich

Bertettung verteilt, zu allen Jahreszeiten. Nordwärts der Alpen
ist der Frühsommer die feuchteste Zeit; das Wetter
ist dann noch unbeständig, häufig kühl und zum Reisen
nicht sonderlich geeignet. In der Südschweiz wiegen die
Herbstregen vor, die den Übergang zu den Winterregen
des Mittelmeergebietes darstellen.
        <pb n="41" />
        ﻿33

Die winterliche Schneedecke hält in den tiefern
Landesteilen selten längere Zeit an. Im südlichen Tessin
und am Genfersee schmilzt sie meist schon nach wenigen
Tagen. Im rauheren St. Gallen liegt der Schnee im
Mittel schon über 70 Tage, in Davos und im Ober-
engadin volle sechs Monate. In den höchsten Partien
der Alpen fallen die Niederschläge fast ausschließlich als
Schnee. Der Winter schüttet auch über die untern, von
Menschen bewohnten Bergregionen und über die Jura-
höhen mächtige Schneemassen aus, die die Wege fast
ungangbar machen und mit ihrer Last die halb ver-
wehten Hütten zu erdrücken drohen. In der Schnee-
decke des Gebirges ist eine bedeutende Wassermenge für
die warme Jahreszeit aufgespeichert. Auf den Feldern
des Tieflandes liegt oft den ganzen Winter über nur
ein leichter Anflug von Schnee; gerade hier wäre aber
eine ordentliche Schneedecke besonders willkommen zum
Schutz für die Wintersaat und als Wasservorrat für
das erste Wachstum der Pflanzen im Frühling.

Wetterlagen der Schweiz.

Die Witterung hängt von der Richtung des Windes ab.
Der Wind selbst richtet sich nach der Verteilung des Luftdruckes,
dessen Unterschiede von Ort zu Ort sich im Barometerstand zeigen.
Nach einem Gebiet mit geringem Luftdruck und tiefem Barometer-
stand (Minimum oder Depression) strömt die Luft so lange hin,
bis der Drnckunterschied ausgeglichen ist. Solche Gebiete tiefen
Barometerstandes können an Umfang einem großen Teil Europas
gleichkommen und verlegen meist in kurzer Zeit ihren Standort.
Am häufigsten wandert das Minimum vom Atlantischen Ozean
her über Nordsee und Ostsee und verschwindet im Nordosten
Europas. Je nach der augenblicklichen Lage des Minimums
ändern die ihm zuströmenden Winde ihre Richtung.

Niedriger Luftdruck im nordwestlichen Europa bringt der
Schweiz das Föhuwetter, mit starken Regen in der Slidschweiz,
mit Wärme und Hellem Himmel nordwärts der Alpen. Das
schöne Wetter ist meist von kurzer Dauer. Die bei Föhn anf-
Flückiger, Schweiz	g

Schneedecke

Wetterlagen !

Föhnwetter
        <pb n="42" />
        ﻿Negenlage

Schönweiter-

läge

Hochdrucklage

fallende Farbe und Rahsichtigkeit der Berge gelten als Vorboten
eines Wetternmschlages, der meist schon am zweiten oder dritten
Tag eintritt.

Mit der Wanderung des Minimums nach der Nord- und
Ostiee dreht nämlich der Wind; er kommt jetzt aus SW oder
W und bewirkt Trübung und Niederschläge. Zutreffend sagt
eine alte Bauernregel: „Aus Föhn folgt Regen".

Bei tiefem Barometerstand über der Westhälfte des Mittel-
meeres herrscht in der Schweiz die Bise. Da erfahrungsgemäß
die Depression in Südeuropa meist längere Zeit in ihrer Lage
verharrt, so hält auch die Bise tage-, ja wochenlang an. Eine Bisen-
periode im Winter bedeutet eine Zeit strenger, trockener Kälte. Im
Sommer hemmt der scharfe Wind das Wachstum der Pflanzen
und trocknet bisweilen den Boden so gründlich aus, daß er von
Rissen klafft. In Südfraukreich kennt man den rauhen Nord-
wind, der durch das Rhonetal hinnnterfegt und die Pflanzungen
schädigt, unter dem Namen Mistral.

Wenn sich über dem Alpengebiet hoher Luftdruck einstellt
(ein Maximum), so beginnt ein langsames Sinken und Abfließen
der Lust. Es tritt dann bei klarem Himmel relativ windstilles
Wetter ein. Im Winter bildet sich bei dieser Wetterlage das
Rebelmeer, das so lange über dem Mittelland flutet, als der hohe
Lufdruck anhält.

Sobald vom Atlantischen Ozean her eine neue Depression
anrückt, so erscheint wieder der Föhn, der in kürzester Zeit die
Nebeldecke aufzehrt und dann vom feuchten Südwestwind ab-
gelöst wird. Recht häufig folgen iin Winter die wandernden De-
pressionen rasch nacheinander. Bei jeder wiederholt sich das
Wechselspiel der Winde und Wetterlagen; das verleiht der
Witterung der Schweiz vorab für den Winter den Charakter
großer Unbeständigkeit.
        <pb n="43" />
        ﻿Gewässer.

Die große Schnee- und Regenmenge der Schweiz
speist zahlreiche Bäche und Flüsse, die das ganze Land
mit einem stark verästelten System von Tälern durch-
furchen. Zum größten Teil haben sie ihren Ursprung im
Innern der Alpen. Die Gotthardgruppe erscheint als
Ausgangspunkt der Gewässer; in ihrer Umgebung entstehen
einige der bedeutendsten Wasserläufe Mitteleuropas und
streben, nach allen Himmelsrichtungen auseinandergehend,
den tief liegenden Gebieten der Nachbarländer zu: Der
Rhein (und unter seinen Zuflüssen Aare und Neuß),
die Rhone und der Tessin, während die Quelle des
Inn weiter ostwärts in der Nähe des Maloja liegt.
Der Tessin ergießt sich in den Po, der Inn in die
Donau; so gehören die schweizerischen Gewässer zu den
vier Stromgebieten des Rheins, der Rhone, des Po
und der Donau. Das Einzugsgebiet des Rheins bean-
sprucht fast 3/4 der gesamten Bodenfläche der Schweiz.
Die Rhone entwässert das Wallis und den südwestlichen
Teil des Mittellandes am Nordufer des Genfersees.
Die Südschweiz gehört zum Stromgebiet des Po, das
Engadin zu demjenigen der Donau.

Jeder Fluß führt bald mehr, bald weniger Was-
ser, je nach der Jahreszeit und den augenblicklichen
Witterungsverhältnissen. Die Schwankungen des Wasser-
standes sind im Oberlauf viel größer als in der Nähe
der Mündung; im Quellgebiet ist im allgemeinen auch

Ursprung

Stromgebiete

Schwankungen

des

Wasserstandes
        <pb n="44" />
        ﻿36

Alpenflüsse

Flüsse der
Südschweiz

das Gefälle und die Strömung stärker als im Unter»
lauf. Die vorhin genannten vier Hauptflüsse gehören
nur in ihrem Oberlauf zur Schweiz; das verleiht den
Gewässern unseres Landes ihre ausfälligsten Eigen-
schaften : Bedeutende Schwankungen in der Wassermenge
und ein fast durchwegs starkes Gefälle.

Je nachdem das Einzugsgebiet der Flüsse vor-
wiegend in den Alpen, im Miltelland oder im Jura
liegt, fallen die hohen und niedrigen Wasserstäude auf
verschiedene Zeiten.

Die Alpenflüsse werden vorwiegend durch das
Schmelzwasser der Schneefelder und Gletscher genährt.
Im Frühling fangen sie an zu steigen und erreichen im
Juni und Juli zur Zeit der starken Schneeschmelze im
Gebirge den höchsten Stand; im Winter führen sie
wenig Wasser. Kurze und starke Hochfluten treten auch
im Frühling auf, wenn spätgefallener Schnee auf den
Voralpen unter der Föhnwärme plötzlich zergeht. Im
Sommer steigen und fallen die Gletscherwasser sogar
mit dem Wechsel der Tageszeiten. Bäche, die nach der
Kälte der Nacht wenig Wasser bringen und leicht zu
überschreiten sind, schwellen tagsüber durch das starke
Abschmelzen des Eises so an, daß sie unpassierbar werden.

Die Flüsse der Südschweiz (Tessin, Maggia) haben
einen nur geringen Anteil au Schnee- und Eisfeldern;
ihr Wasserstand richtet sich nach den jeweiligen Nieder-
schlagsverhältnissen. Im Sommer sind sie wasserarm;
unter den heftigen Föhnregen im Heibst und Winter
schwellen sie fast plötzlich zu gefährlicher Wildheit an.
Die Maggia fuhrt dem Langensee bei ihrem tiefsten Stand
wenige ma, zur Zeit der Hochflut dagegen bis 1000 m '
Wasser in der Sekunde zu. Tessin und Maggia samt
ihren Seitenbächen zeigen eine ausfallende Ähnlichkeit
mit vielen Wasserläufen der Mittelmeerlandschast, die
im Sommer fast trocken da liegen und unter den
Winterregen sich mit Wasser anfüllen.
        <pb n="45" />
        ﻿37

Beim Wasserhaushalt der Flüsse, deren Einzugs-
gebiet im Mittelland oder im Jura liegt, wirken keine
Firnfelder mit. Hochwasser tritt hier infolge der Schnee-
schmelze im Frühling oder bei starken und anhaltenden
Regengüssen ein. Im Winter und nach langer Trocken-
heit im Sommer erreichen die Gewässer den tiefsten Stand.

Flußabwärts verringern sich allmählich die Schwank-
ungen in der Wasserhöhe, besonders dann, wenn Zu-
flüsse aus verschiedenartigen Gebieten des Landes ein-
münden (Alpen, Mittelland, Jura). Bringen die einen
viel Wasser, so stehen andere zur selben Zeit mittel
oder niedrig; so gleichen sich die Unterschiede etwas aus.
Die Seen wirken als große Regulatoren im gleichen
Sinne; sie lassen die Hochwasserflut nur mit Verspätung
und erheblich geschwächt abfließen. Die dämpfende Wirk-
ung tritt in den größten Wasserbecken, dem Genfersee
und dem Bodensee, besonders klar zutage. Einzelne
Kraftwerke, am Ausfluß von Seen angelegt, machen sich den
Vorteil einer natürlich regulierten Wasserführung zu
nutze (Elektrizitätswerke Genf). Für die Userschutz- und
Brückenbauten und für die Wasserkraft-Anlagen hängt
sehr viel vom Wasserstand und seinen Schwankungen
ab. Er entscheidet ebenfalls über die Dauer der Schiff-
fahrt auf den dazu geeigneten Flußstrecke».

Im Vergleich zu den Gewässern der großen euro-
päischen Tiefländer haben die schweizerischen Flüsse fast
durchwegs ein starkes Gefälle, besonders in den Alpentälern
und den Querdurchbrüchen des Jura. Zahlreiche Schnellen
und Wasserfälle unterbrechen die längern Flußstrecken
mit ruhiger Strömung; das Gefälle ist noch unaus-
geglichen. Darin liegt eine der Schwierigkeiten für die
zukünftige Schiffbarmachung der Gewässer.

Die Schuß fällt in der Klus von Reuchenette um 145 m
auf einet Strecke von 4 km; die Rhone in der Schlucht unter-
halb Gletsch 380 m auf 8 km, unterhalb Martigny 40 m auf
13 km; der Rhein oberhalb der Einmündung der Aare 11m

Mittelland- u.
Juraflüsse

Wirkung der
Seen

Gefälle
        <pb n="46" />
        ﻿38

.

ans 16 km; dagegen die Rhone vor ihrer Mündung ins Mittel-
ländische Meer 160 m auf 800 km; die Donau vor ihrer Mündung
ins Schwarze Meer 40 m auf 900 km!

ejt	Infolge der raschen Strömung vermögen die Flüsse

Wildbäche gewaltige Massen von Schutt aus dem Gebirge ins
Vorland hinauszuschleppen.

Die seitlichen Halden der Alpentäler sind von un-
zähligen parallel zur Tiefe laufenden Wasserrinnen oder
Runsen durchfurcht. Meist liegen sie trocken. Wenn
aber der Schliee schmilzt oder ein starker Regen fällt,
so füllen sich diese Gräben mit tosend zu Tal stürzendem
Wasser, das den lockern Gehängeschutt mitreißt und auf
den Boden des Tales hinausschwemmt. Das Wasser
gräbt die Rinnen stets tiefer in die Berghalde und
bringt den Boden der Umgebung ins Rutschen. Schlamm
und zertrümmerte Gesteinsbrocken legen sich als flacher
Schuttkegel Schuttkegel vor den Ausgang der Wasserrunse ins Tal.
Nicht selten erhöht der Schuttkegel den Talboden in
seiner ganzen Breite bis zur gegenüberliegenden Halde.
Der Talfluß wird dann aus seiner Richtung abgedrängt
und umfließt das Hindernis in einem großen Bogen.
Auf einzelnen Talstrecken wachsen beidseitig aus Neben-
tälchen und Wildwasserrunsen so viele Schuttkegel ins
Haupttal hinaus, daß der Fluß zu einem schlangenartig
gewundenen Lauf gezwungen wird (Rhone im Wallis).

Verbauung Die verheerenden Ausbrüche der Wildbäche machten
der Wildbäche kostspielige Verbauungsarbeilen notwendig. Mauern und
Dämme längs der gefährdeten Ufersielleu sollen der
Überflutung wehren. Quermauern im Bachbctt unter-
brechen den Wasserlauf durch eine Reihe von Stufen;
darüber hinunter stürzt das Wasser in senkrechtem Fall
und durchfließt dann bis zur nächstfolgenden Stufe eine
Wildbachtreppe Strecke mit geringer Neigung. Eine solche Verbauung,
Wildbachtreppe genannt, verhindert ein tieferes
Ausnagen des Bettes und das Nachrutschen der unter-
wühlten Uferhalden. Als ebenso wirksam hat es sich
        <pb n="47" />
        ﻿39

erwiesen, das ganze Einzugsgebiet mit Wald oder mit
Rasen zu bepflanzen. Der Waldboden hält bei Regen-
fällen einen Teil des Wassers zurück und verhindert ein
plötzliches verheerendes Anschwellen der Bäche; überdies
verwehrt die Pflanzendecke dem rinnenden Wasser, den
Boden aufzureißen und die lockere Erde zur Tiefe zu
schwemmen.

Was die Seitenbäche an Schutt dem Hauptfluß
zutragen oder was er selbst durch das Unterwühlen
der Ufer abreißt, das schleppt die starke Strömung
talauswärts. In flachen Talstrecken und im Vorland,
wo das Gefälle geringer wird, genügt die Stoßkraft des
Wassers nicht mehr zum Weitertransport der Geschiebe-
massen; sie bleiben im Flußbett liegen und füllen es
auf. In der Hochwasserzeit tritt der Fluß aus und
überführt den angrenzenden flachen Boden mit Schutt.
Dann windet er sich, in einzelne Arme zerteilt, durch
die mit Weiden- und Erlengestrüpp und mit Schilf
bewachsene Kieswildnis und durch die Sumpfwiesen der
Talebene. „Verkehrswege und Dörfer mieden von jeher
die von Überschwemmung bedrohte Talsohle und be-
vorzugten eine erhöhte, sichere Lage am Rand des
Sumpflandes. Die Bemühungen der Anwohner, den
Fluß einzudämmen und unschädlich zu machen, hatten
keinen dauernden Erfolg. Die Kiesbänke füllten die
Wasserrinne zwischen den Dämmen immer wieder aus
und verursachten neue Ausbrüche; zudem fehlte es bei
den Uferschutzbauten an einem einheitlichen Plane. Erst
die großen Flußkorrektionen der Neuzeit legten die Sumpf-
flächen endgültig trocken und sicherten sie vor neuer
Schuttüberführung. Geradlinig gebaute Kanäle schneiden
die Flußschlingen ab; im verkürzten Lauf schafft das
rascher strömende Wasser das Geschiebe weiter. In
einzelnen Fällen wurde der Fluß zur Ablagerung seiner
Sinkstoffe in einen naheliegenden See abgeleitet.

Während langer Zeit waren die Flußverbaunngen
hauptsächlich darauf berechnet, durch eine starke Strömung

Schutt-

transport

Überschwem-

mung

Flußkorrek-

tionen
        <pb n="48" />
        ﻿40

Aufforsten des
Ouellgebietes

Korrektions-

Werke

Folgen der
Entsumpfung

das Bett stets vorweg vom Schutt zu säubern und ihn
talauswärts zu transportieren. Gegenwärtig trachtet
man eher, dem Übel in seinen Anfängen zu steuern.
Durch das Aufforsten des Ouellgebietes werden die
Rutschungen verhindert; das rinnende Wasser vermag
dort nicht mehr, mit der frühern Gewalttätigkeit den
Boden aufzureißen. Nach dem Bundesgesetz von 1902
führt der Bund die Oberaufsicht über das Forstwesen
der ganzen Schweiz, insbesondere über jene Bergwälder,
die Schutz vor Wildbachverwüstung und vor Lawinen
bieten sollen. Aufgabe des Staates ist es auch, die
Flußkorrektionen zu unterstützen. Der Bund und die
Kantone haben gemeinschaftlich in zahlreichen kostspieligen
Wildwasserverbauungen und großen Flußkorrektionen den
bedrohten Talbewohnern Hilfe gebracht. Der Bund gab
von 1855 bis Ende 1908 an Beiträgen für Fluß-
korrektionen, Wildbachverbauungen und Entsumpfungen
85,3 Millionen Fr. ans. Unter den wichtigsten Ent-
sumpfungsarbeiten in der Schweiz sind zu nennen: Die
Ableitung der Lütschine in den Brienzersee zum Schutze
des Bödeli; der Kandcrdurchstich zum Thunersee; die
Juragewäsferkorrektion (Tieferlegung des Vieler-, Neuen-
burger- und Murtensees und Durchstich der Aare zum
Bielersee); die Entsumpfung der Linthebene zwischen
Walen- und Zürichsee durch die Ableitung der Linth zum
Walensee; die Rheinkorrektion im St. Galler Rheintal,
die gegenwärtig noch nicht vollendet ist.

Große Flächen anbaufähigen Bodens sind hier
den Überschwemmungen entrissen worden; die Schweiz
hat in friedlicher Arbeit einen ansehnlichen Zuwachs
an Kulturland gewonnen. Mit der Austrocknung des
Bodens besserte sich auch der Gesundheitszustand der
Anwohner; die Malaria, die früher die Hingebung der
Sümpfe heimsuchte, ist heute ganz verschwunden. Der
Lauf der Gewässer hat durch die Korrektionen in den
Gebirgstälern und im Mittelland auf weite Strecken
Veränderungen erfahren, die mehr den Zwecken des
        <pb n="49" />
        ﻿41

Menschen dienen, als einem natürlichen Zustand ent-
sprechen. In neuester Zeit wird das natürliche Bild der
Bäche und Flüsse immer häufiger gestört durch die
Anlagen zur

Ausbeutung d e r W a s s e r k r ä f t e. Das große Ausbeulung
Gefälle der Flüsse in den Alpen, in den höher gelegenen b» Wasser-
Teilen des Mittellandes und in den Klüsen des Jura l“
erlaubt es, in zahlreichen Werken die Strömung des
Wassers auszunutzen. Entweder reihen sich die Fabriken
dem Flußufer entlang, um die Betriebskraft direkt dem
Wasserlauf zu entnehmen; oder es wird durch die
modernen Kraftwerke der elektrische Strom dahin geleitet,
wo man seiner für die Industrie, für den Eisenbahn-
verkehr oder zu Beleuchtungszwecken bedarf. Außerdem
stehen noch heute wie in alter Zeit zahllose Mühlen
und Sägemühlen am Ufer eines Baches, dessen Kraft
ihren Betrieb unterhält.

Der Kraftvorrat unserer Gewässer ist um so höher
zu bewerten, als die Schweiz fast keine eigenen Kohlen
besitzt. Die Einfuhr von Kohle aus dem Ausland (vorab
aus Deutschland) macht einen Betrag von annähernd
100 Millionen Franken aus. Dieser alljährliche Tribut
war ein mächtiger Ansporn zur Ausnutzung der ein-
heimischen Wasserkräfte durch Elektrizitätswerke; von den
Zentralen strahlen die Leitungsdrähte nach allen Richt-
ungen aus und verteilen Kraft und Licht bis zu den
entlegensten Orten. Jedes neue Kraftwerk rückt das
Ziel um einen Schritt näher, von den ausländischen
Kohlengruben unabhängig zu werden, die bisher dem
Auslande entrichteten Summen dem eigenen Lande zu
erhalten. Ist die Schweiz auch reicher mit Wasser-
kräften ausgestattet als manches andere Land, so wird
sie darin doch noch von Skandinavien übertreffen; selbst
Frankreich ist im Verhältnis zu seiner Volkszahl
günstiger gestellt. Von dem Kraftvorrat unseres Landes
sind gegenwärtig in Elektrizitätswerken ungefähr eine
halbe Million Pferdestärken verwertet. Es läßt sich
        <pb n="50" />
        ﻿Elektrizitäts-
werke der
Schweiz

Flußschiffahrt

Großschiffahrt
auf dem Rhei»

voraussehen, daß bei genauester Ausnutzung aller Ge-
fällsstrecken, durch Stauwerke und durch Aufspeichern
der Energie der vierfache Wert dieser Zahl erreicht
werden kann. Unerschöpflich sind also die verfügbaren
Wasserkräfte nicht; aber sie dürften auch in der Zukunft
für den Betrieb der Fabriken, der Eisenbahnen und für
die Beleuchtung ausreichen.

Von den zahlreichen Elektrizitätswerken der Schweiz
seien die größten mit ihrer Leistung in Pferdekräfteu (P. 8.)
hier genannt: Stadt Genf 18450; Grande Eau 11750;
Martigny 8000; Biege und Gampel je 10000; Kraft-
werk Lac de Joux-Orbe: Vallorbe 8200 und Orbe 8000;
Saane bei Montbovon 10500, bei Tush-Hauterive 7200;
Kander bei Spiez 16750; Hagneck 6800; Kallnach
12000; Wangen 9900; Stadt Luzern 8600; Rhein-
felden 25000; Basel-Augst 24000; Kraftwerk Beznau-
Löntsch: Beznau 14100 und Löntsch (im vollen Ausbau)
36000; Kubelwerk bei Herisau 8700; Albulawerk der
Stadt Zürich 24000; Biaschina (Tessin) 54000; Lu-
gano 8500; Brusio im Puschlav 44000; das Elektrizi-
tätswerk von Laufenburg (im Bau) ist auf 50000 P. 8.
berechnet. Das Etzelprojekt (Stausee der Sihl bei Ein-
siedeln, mit Druckleitung an den Zürichsee bei Richters-
wil) sieht eine Leistung von 60000 P. 8. vor.

Flußschiffahrt. Die Flüsse besitzen als Ver-
kehrswege einen geringen Wert; die durchschnittlich
starke Strömung, das unausgeglichene Gefälle (Strom-
schnellen) und die großen Schwankungen des Wasser-
standes sind der Entwicklung der Schiffahrt nicht günstig.
Für den Schiffsverkehr sind gegenwärtig nur wenige
kurze Flußstrecken und Kanäle geeignet: Dampfer be-
fahren den Rhein vom Bodensee bis Schaffhausen, den
Broyekaual zwischen dem Murten- und Neuenburgersee
und gelegentlich auch den Zihlkanal vom Neuenburger-
zum Bielersee; durch einen Kanal gelangen die Dampf-
schiffe des Thunersees bis zum Bahnhof von Jnterlaken.
Die Großschiffahrt auf dem Rhein, die früher in Straß-
        <pb n="51" />
        ﻿43

bürg endete, wird seit einigen Jahren mit Erfolg bis
nach Basel hinauf fortgesetzt; es sind bis setzt meist
Kohlentransporte flußaufwärts geschafft worden. Basel
ist damit Kopfstation der Rheinschiffahrt geworden, wenn
es ihm auch vorläufig an den nötigen Hafenanlagen
fehlt und der Schleppverkehr zwischen Straßburg und
Basel durch den Niederwasserstand unterbrochen wird.
Mit Unterstützung durch den Bund wird von privater
Seite für die Schiffbarmachung des Rheins von Basel
bis zum Bodensee, mit Konstanz als Endstation, vor-
gearbeitet. Um den Schiffen auch zur Zeit des niedrigen
Wasserstandes ein genügend tiefes Fahrwasser zu sichern,
ist die Regulierung des Bodenseespiegels durch Schleusen-
werke am Ausfluß des Rheins notwendig; dazu bedarf
es der Zustimmung aller Bodcnsee-Userstaaten. Das
Schiffahrtsprojekt bedeutet eine gewisse Gefahr für den
Rheinfall, dessen Schönheit durch den Entzug von
Wasser für den Umgehungskanal leiden müßte. Wenn
die Wasserstraße von Basel zum Bodensee wohl in abseh
barer Zeit gebaut wird, so stehen dagegen für andere
Schisfährtsprojekte die Aussichten wegen der hohen Bau-
kosten weniger günstig; das gilt für die Zuflüsse des
Rheins und für den Aare-Rhonekanal, der als inter-
nationaler Wasserweg dem Verkehr von der Nordsee zum
Mittelmcer durch die Schweiz dienen würde.

L&gt;een. Die Schweiz dankt ihre Schönheit nicht
zum wenigsten dem Reichtum an Seen, die das Land-
schaftsbild beleben und bereichern. Sie unterscheiden
sich stark nach Größe und landschaftlichem Charakter,
vom Genfersee, der 582 km2 mißt, durch die Reihe
der mittelgroßen wiesen- und waldumschlossenen Wasser-
becken des Mittellandes bis zu den kleinsten, hochgelegenen
Alpenseelein, in denen sich die kahlen Felshalden und
die Firnfelder wiederspiegeln. Die größten sind als
langgestreckte Talseen in den Lauf der Flüsse eilige
geschaltet. wo diese am Nord- und Südfuß der Alpen
ins Vorland hinaustreten: die alpinen Randseen (über

Schiffahrts

Projekte

Seen

Alpine

Randseen
        <pb n="52" />
        ﻿44

Übersicht der
Sec»

Zuschiittung
der Seen

die Entstehung Seite 14). Nenenbnrger-, Bieter- und
Murlensee bilden die Gruppe der jurassischen Randseen;
sie kommen den ersten an Größe nahe. Der Jura selbst
ist infolge der Wasserarmut seines Kalkbodens arni an
Seen und steht damit in auffälligem Gegensatz zu den
beiden andern Landesteilen. Die folgende Übersicht gibt

einige Maße der größten  Meeres- höhe IN		Seen an:  Fläche  km?	Wasser- Größte inenge km3 Tiefe m	
Genfersee	375	582	89,9	310
Neuenburgersee	432	218	14,2	154
Bielersee	442	42	1,2	75
Murtensee	433	27	0,6	46
Brienzersee	567	30	5,2	261
Thunersee	560	48	6,5	217
Vierwaldstättersee	437	115	11,8	214
Zugersee	417	38	3,2	198
Zürichsee	409	88	3,9	143
Walensee	423	23	2,5	151
Bodensee	399	538	48,4	252
Luganersee	274	50	6,6	288
Langensee	197	212	37,1	372

Die Zahlen für den Luganer- und Langensee zeigen,
daß der Boden dieser Wassermulden tiefer liegt als der
Meeresspiegel.

Die Flüsse füllen bei der Einmündung mit ihrem
Geschiebe das Secbecken auf. Die Anschwemmungsebene,
das Delta, verdrängt vom obern See-Ende her langsam
die Wasserfläche, und nach Jahrtausenden werden die
heute noch bestehenden Seen zugeschüttet sein. Der
Schutt-Transport des Rheins dürfte nach 20—30 000
Jahren den Bodensee ganz ausgefüllt haben. So ge-
hören die Seen zu den vergänglichsten Erscheinungen im
Bild unseres Landes. Die alpinen Randseen reichten
einst, nach den langgestreckten Ebenen an ihrem obern
Ende zu schließen, viel tiefer ins Gebirge hinein als
        <pb n="53" />
        ﻿heute. Der Bodensee zog sich durch	das	St. Galler

Rheintal hinauf und stand an der Talgabel von Sar-
gans in Verbindung mit dem langen, einheitlichen
Wasserbecken der Walen- und Zürichseefurche. Der
Vierwaldstättersee reichte bis Erstfeld. Brienzer- und
Thunersee hingen vor der Aufschüttung der Ebene von
Jnterlaken, des	Bödeli,	zusammen;	das	obere Ende

lag bei Meiringen. Der Genfersee reichte zum mindesten
bis St. Maurice hinauf, der Langensee bis Bellinzona.

Früher wälzten die Flüsse ihr schlammiges Wasser
in gewundenem,	trägem	Lauf durch	die	Ebene dem

See zu, bei Hochwasser die Ufer überflutend. Jetzt
sind sie geradegelegt und eingedämmt. Von erhöhtem
Standpunkt aus	gesehen	heben sich	die	Kanäle als

steife, wie mit dem Lineal gezogene, glänzende Linien
von der dunklen Farbe des einst versumpften Bodens
ab. Schnurgerade in die Ferne ziehende Pappelreihen
verstärken die Eintönigkeit des Landschaftsbildes. Das
Reuland am Rand des Sees trägt noch Weidcngestrüpp
und Schilfbestände; flußaufwärts wird der Boden seit
der Kanalisation mehr und mehr angebaut.

Seitlich dem See zueilende Bäche bauen je eine
kleine Halbinsel („Horn") in die Wasserfläche hinaus,
an Steilufern eine bevorzugte Stelle zur Anlage von
Ortschaften (Mühlehoru und Murg am Walensee,
Sisikon am Urnersee).

Zahllose kleine Wasserbecken unseres Landes sind
zugeschüttet oder durch die überwuchernde Ufervegetation
verlandet. Andere sind erst im Erlöschen begriffen;
Wassertümpel, Sümpfe, Riedflächen bezeichnen ihre
Stelle. Ebenso sind dein intensiven Acker- und Wiesen-
bau der Neuzeit eine Reihe kleiner Seen zum Opfer
gefallen; entweder wurde der Seespiegel gesenkt oder die
Mulde ganz entleert Die Senkung des Lungernsees
und die Austrocknung des Giswilersees, beide in Ob-
walden, können als Beispiele dafür dienen, wie der
Mensch die natürliche Verteilung von Wasser und Land

Deltaland-

schaft

Verlanden
kleiner Seen

Eingriff des
Menschen
        <pb n="54" />
        ﻿umgestaltet, um neuen Kulturboden zu gewinnen. Viele
Seen sind durch Schleuseubanten zu großen Staubecken
umgewandelt worden, deren Wasserstand und Abfluß
nun ebensosehr vom Gutdünken der Anwohner als von
der Wasserführung des Zuflusses abhängt.

Als Wasserstraßen dienen die Seen vorwiegend dem
Verkehr zwischen den Uferorten; der durchgehende Schnell-
verkehr bevorzugt die Eisenbahnen. Auf l 6 der größern
Seen besteht eine regelmäßige Dampfschiffahrt; daneben
besorgen Motorlastschiffe und Seqelbarken den Transport
der Massengüter.

Gewisse Uferstrecken schweizerischer Seen sind dank
ihrer Naturschönheit und milden Lage zu Sammel-
plätzen der Vergnügungsreisenden und Kurbedürftigen
aller Länder geworden; auch die landesansässige Be-
völkerung weiß die vielen Vorzüge der Seeuser zu
schätzen; soweit sich diese zuni Bewohnen eignen, sind
sie schon lange zu Zonen großer Volksdichte geworden.
Eine Reihe stattlicher Orte umsäumt die Wasserfläche;
den Ausfluß des Sees und die zu diesem Punkt zu-
sammenlaufenden Straßen beherrscht meist eine Stadt,
die vermöge der günstigen Lage zum Verkehrsmittel-
punkt des gesamten Seebezirkes geworden ist.
        <pb n="55" />
        ﻿Uutzvave Minevalien.

Die Schweiz ist arm an Kohle^ und Erzen; das
ist das wichtigste Ergebnis einer Übersicht über die
Bodenschätze des Landes. Der Mangel an diesen wert-
vollen Mineralien ist um so empfindlicher, als die Groß-
industrie gerade in erster Linie Kohle und Erze benötigt.

Eisen. Eisenerz kommt in Form kleiner Knol-
len (Bohnerz) in der Talmulde von Delsberg im Berner
Jura vor. Es findet sich meist, in Verwitterungslehm
eingelagert, in Aushöhlungen des Kalksteins. Der
Hochhofen von Choindez, der einzige in der Schweiz,
verhüttet neben dem einheimischen Rohmaterial Eisenerz
aus Spanien und erzeugt jährlich ungefähr l 0,000 t
Eisen. Eine Anzahl von Hochöfen, die früher in der
Gegend von Delsberg im Betrieb waren, sind einge-
gangen. Geringe Erzlager sind in den Alpen weit ver-
breitet. Zahlreiche Bergwerke förderten einst Eisen, Blei,
Kupfer, Nickel, und Gold (Gondo am Simplon,
Calanda bei Chur); jetzt sind sie wegen des unge-
nügenden Ertrages verlassen.

Kohle. Ungeachtet der vielen Fundstellen kommt
die einheimische Kohle gegenüber der starken Einfuhr
kaum in Betracht. Die meisten der früher benutzten
Lager sind erschöpft oder infolge geringer Ausbeute
aufgegeben.

Das Bergwerk von Käpfnach am linken Ufer des
Zürichsees liefert in Mergel eingelagerte Braunkohle,
wenn auch seit langem iu so geringer Menge, daß der
Betrieb nur durch die gleichzeitige Verarbeitung des
Mergels zu Zement aufrecht erhalten werden konnte.

Eisen

Kohle
        <pb n="56" />
        ﻿48

Uznach oberhalb des Zürichsees hat ein ansehnliches
Lager von Schieferkohlen, zwischen Ablagerungen der
Eiszeit eingeschlossen. Sie sind dadurch entstanden,
daß Wälder vom Gletscherschutt zugedeckt wurden und
unter Luftabschluß verkohlten. In den früher benutzten
Schieferkohlengruben von Dürnten und Mörswil ist der
Betrieb eingestellt worden. Im Rhonetal liefern vier
Bergwerke einen bescheidenen Ertrag an Anthrazit,
während zahlreiche andere Minen bereits verlassen sind.

Tori	Torf. Eine beträchtliche Zahl von Torfmooren

ist über alle drei Gebiete des Landes zerstreut; die
meisten gehören dem Mittellande an. Die Torferde
bildet infolge des Reichtums an halbverkohlten Pflanzen-
bestandteilen ein brauchbares Brennmaterial, das meist
in den Dörfern und Städten in der Nähe der Torflager
Absatz findet. Die ausgedehntesten Torfmoore liegen
im Jurahochtal von La Sagne und Les Ponts und im
Tal von la Brevine, im bernischen Seeland, und bei
Einsiedeln-Rothenthurm.

gat ,	Salz. Bier Salinen decken mit einer jährlichen Pro-

duktion von über 650 000 q nahezu den Gesamtbedars
des Landes an Kochsalz. Es sind das Bergwerk von Bex
im waadtländischen Rhonetal und die Salinen am
Rhein: Schweizerhalle bei Basel, Riburg und Rhein-
felden im Kanton Aargau. 1913 ist ein neues Salz-
lager bei Klingnau erbohrt worden. In Bex wird das
Salz, mit Gips und Tongestein vermischt, im Berg.
inuern abgebaut. Die Rheiusalinen dagegen gewinnen
es durch Bohrlöcher, die auf das Salzlager hinunter-
reichen. Wasser wird hineingeleitet, als Salzlauge
(Soole) heraufgepumpt, gereinigt und verdampft; dabei
bleibt das Kochsalz zurück.

Granit, Gneis Granit, Gneis. Die Schweiz ist reich an
Bausteinen verschiedener Art. Das zäheste und wider-
standsfähigste Material liefern der Granit und der
Gneis, die in der Urgesteinszone der Hochalpen zu
Tage liegen. Der Gneis ist nach einer Richtung liecht
        <pb n="57" />
        ﻿49

spaltbar und daher leichter zu bearbeiten als der Granit.

Beide Gesteinsarten eignen sich infolge ihrer Härte für
Grundmauern, Treppenstufen, Trottoirrandsteine, der
Gneis im besondern für Balkonplatten. Zahlreiche Brüche
längs der Gotthardbahn beuten den Gneis des Reuß-
und Livinentales aus (Gurtnellen, Osogna); die Bahn
führt ihn zum größten Teil den Bauplätzen der Städte
im Mittelland zu. Die Gneisindustrie des Verzasca-
und Maggiatales hat eine geringere Bedeutung. Die
Brüche Graubündens arbeiten meist nur für den Bedarf
der nächsten Umgebung. In neuester Zeit haben die
Simplon- und die Lötschbergbahn mächtige Granitlager
Zugänglich gemacht.

Schiefer. Bereinzelte Schieferbergwerke in den Schiefer
Kalkalpen liefern das Material für Tafeln, Tischplatten
und Dachschiefer. Die bekanntesten Gruben liegen bei
Elm und Engt (Landesplattenbergwerk) im Kanton Glarus
und bei Frutigen.

Kalkstein. Das verbreitetste und am meisten Kalkstein
verwendete Baumaterial ist der Kalkstein der Alpen
und des Jura. Die Brüche der Alpen versorgen meist
nur die Umgebung mit dem dauerhaften, grauschwarzen
Stein. Dazwischen treten vereinzelte Marmorlager auf,
so bei St. Triphon und Saillon im Rhonetal. Größere
Bedeutung kommt den Brüchen im Jura zu, wo der
Kallstein das einzige Baumaterial ist und für sämtliche
Orte im Innern und am Rande des Gebirges Ver-
wendung findet; ebenso wandern große Massen von
Kalkstein auf die Bauplätze des Miltellandes hinaus.

Unter den verschiedenartigen weißlichen bis rostbraunen
Jurasteinen verdient derjenige von Hauterive bei Neuen-
bürg als „gelberNeuenburgerstein" eine besondere Er-
wähnung.

Gips ist an vielen Stellen im Jura und in den ®i,,s
Alpen vorhanden. Die größte Ausbeute gewähren die
Lager von Bex, Villeneuve und diejenigen des Simmen-

Flückiger, Schweiz

4
        <pb n="58" />
        ﻿50

tales. Ein Teil des Materials wird für Gipsornamente
verwendet. Der jurassische Gips dient meist als Düngmittel.

Zement	Zement. Aus Kalk und Mergel gewinnt man

durch das Brennen den als Baumaterial unentbehrlichen
Hydrauliken Kalk und die Zemente. Zementfabriken
stehen besonders an der Eisenbahnlinie Biel-Basel, wo
ihnen in den Klüsen neben dem Rohmaterial auch die
Wasserkraft zur Verfügung steht.

Koinuff	Kalktuff, als Absonderung kalkhaltigen Riesel-

wassers, kommt überall vor. Als trockener, leichter Bau-
stein wird er häufig gebraucht, nicht zum wenigsten
wegen seiner Eigenschaft, die Wärme schlecht zu leiten.

Asphalt	Asphalt. Im Traverstal in der Umgebung

des Dorfes Travers kommt ein mürber, asphalthaltiger
Kalkstein vor, der in einigen Minen an der Areuse ab-
gebaut wird. Der Jahresertrag beläuft sich ans
25 000 t. Der Asphalt dient zur Straßenpslästerung.

Findlinge Findlinge. Die im Mittelland weit verbreiteten
erratischen Blöcke oder Findlinge, von der Landbe-
völkerung auch „Geißberger" genannt, sind wegen ihrer
Härte als Bausteine geschätzt. Ungezählte Stücke sind
gesprengt und zum Bauen gebraucht worden. In ein-
zelnen Gegenden, wie z. B. iin Gebiet des eiszeitlichen
Reußgletschers, bestehen die Häuser vorwiegend aus
diesem erratischen Material.

Sandstein Sandstein. Im Molasseland ist der Sand-
stein das am stärlsten verbreitete Baumaterial. Je nach
der Art des Bindemittels, das die Quarzkorner ver-
kittet, konimt er in verschiedener Färbung und Härle
vor. Mit einem tonigen Bindemittel ist der Sandstein
mürbe, leicht zu bearbeiten, aber als Baustein wenig
tauglich, da er rasch verwittert. Harte Sandsteine fin-
den Verwendung zu Fundamentmauern, Bodenplatten,
Treppenstufen und Fensterrahmen. In der Bodensee-
gegend gilt ein an zertrümmerten Muschelschalen reicher
Sandstein, der „Seelafse", als besonders wetterhart.
In den städtischen Bauten des Mittellandes nimmt der
        <pb n="59" />
        ﻿51

Sandstein einen ersten Platz ein; er wird aber immer
häufiger durch billigen Kunststein ersetzt, so daß viele
Brüche infolge dieser Konkurrenz bereits eingegangen
sind. Die an Sandsteinbrüchen reichsten Gegenden des
Mittellandes liegen im Kanton Bern und im Kanton
St. Gallen. Die Ortschaften am Nordfuße des Jura
benutzen zu ihren Bauwerken häufig den sehr dauerhaften
roten Sandstein aus dem Schwarzwald und den
Vogesen.

Kies und Sand sind als Ablagerung der Gletscher
und Flüsse vor allem im Mittelland stark verbreitet
und dienen den verschiedensten Zwecken. Durch eine
Mischung von Sand und Zement erhält man den
Mörtel, der, mit Kies gemengt, zu den Betonarbeiten
verwendet wird. Die Kies- und Sandlager versorgen
zahlreiche Fabriken mit dem Rohmaterial für die Her-
stellung von Röhren und künstlichen Bausteinen.

Die Tonlager sind meist als Grundmoräne eis-
zeitlicher Gletscher oder durch die Verwitterung von
Mergelschichten entstanden. Im Mittelland besitzt nahezu
jedes Dorf eine Lehmgrube mit Ziegelhütte. An den
Eisenbahnen sind in neuerer Zeit große Fabriken ent-
standen, die mit Backsteinen, Röhren und Ziegeln die
Bauplätze des Landes versorgen. Lager von Töpferton
begünstigten stellenweise das Aufblühen der Töpfer-
industrie. Boufol bei Pruntrut liefert das gewöhnliche,
feuerfeste Pruntrutergeschirr, Heimberg bei Thun feinere
Töpferwaren, die Fayence. Nyon und Langenthal sind
durch ihre Porzellanfabriken bekannt. Die Tonwaren-
iudustrie muß durch eine beträchtliche Zufuhr aus dem
Ausland ergänzt werden. So macht die Einfuhr von
Porzellangeschirr allein infolge der hoch entwickelten
schweizerischen Hotelindustrie den Betrag von 3 Millionen
Franken aus.

Mineralquellen. Unser Land ist reich an
Mineralquellen, deren Wasser, zu Bädern oder als
Getränk benutzt, mit Erfolg gegen verschiedene Leiden

Kies, Sand

Ton

Mineral-

quellen
        <pb n="60" />
        ﻿52

Eisen

Schwefel

Natron

Thermen

Soolbäder

Abhängigkeit
der Bauten
von der Ge-
steinsart des
Bodens

gebraucht wird. Die Quellen tragen dadurch zum Wohl-
stand des Landes bei, daß sie als Sammelpunkte der
Kurbedürftigen aller Länder den für die Schweiz so
wichtigen Fremdenverkehr fördern.

Als Mineralwasser gilt nur das Wasser, dessen
Gehalt an gelösten Mineralien 0,5 g aus den Liter
übersteigt. Am häufigsten sind die Heilquellen, die Gips,
Magnesium, Natrium, Kalium, Schwefel oder Eisen
führen. Die warmen Quellen oder Thermen, die mit
bedeutender Wassermenge aus großer Tiefe oder aus
dem Innern des Gebirges hervorbrechen, enthalten
meist ebenfalls gelöste Mineralsubstanz. Einige der
schweizerischen Mineralwässer werden als Tischgetränke -
in den Handel gebracht, wie das Passugger-, Eglisauer-,
Eptinger- und Birmenstorferwasser. Dazu kommt eine
große Einfuhr ausländischen Mineralwassers, das in vielen
Fällen gut durch das einheimische ersetzt werden könnte.

Nachfolgend sind einige der bekanntesten Heil-
quellen genannt:

Eisenquellen: Fideris, Passugg, St. Moritz
und Schuhs (alle in Graubünden).

Schwefelquellen: Die Therme von Lavey
bei St. Maurice, Gurnigel, Schwefelberg, Lenk, Schinz-
nach, Stachelberg, Alveneu.

Alkalische Quellen (Natrium, Kalium):
Tarasp, Passug.

Thermen: Pfäfers-Ragaz 38°; Baden 47°;
Schinzuach 36°; Leukerbad 43°; Lavey 52°.

Die Salzsoole der Salinen von Bcx, Rheinfelden
und Schweizerhalle wird zu Heilzwecken für Soolbäder
verwendet.

Bauten und Boden. Im allgemeinen lehnen
sich die Bauwerke in der Verwendung des Materials
der Gesteinsart des Bodens au. Die Ortschaften im
Jura und seinem Südfuß entlang am Rande des
Mittellandes weisen massive Bauten aus dem gelben
oder Weißen Mauerwerk des Jurakalkes aus. So tritt
        <pb n="61" />
        ﻿im Stadtbild von Neuenburg die rotgelke Farbe des
Bausteines von Hauterive ausfällig hervor. Der Kalk
muß ebenfalls als Schottermaterial dienen, während im
Mittelland zu diesem Zweck die Kieslager herangezogen
werden; daher im Sommer die ungleich lästigere Staub-
plage auf den Straßen der Juratäler. Wo der Bauer
des Mittellandes die Hofstatt mit einem Lattenzaun
umgibt, der Hirte auf den Nagelfluhhöhen am Alpen-
fuß den Weidebezirk durch ein Flechtwerk aus Holz ab-
grenzt, da fügt der Jurassier die Kalkbrocken zur lockern
Mauer, die weithin sichtbar seine Viehweiden umschließt.
Im Städtebau des Mittellandes herrscht das eintönige
Grau des Sandsteins; am Fuße der Alpen hat auch
die Nagelfluh für Gebäude und Straßenmauern Ver-
wendung gefunden. Den Tessinern stellt die Gneis-
landschaft des Livinentales, des Verzasca- und Maggia-
tales einen beneidenswerten Reichtum des besten Bau-
steines zur Verfügung. Die massiv gebauten Häuser
tragen häufig ein Dach aus dünnen Gneisplatten; ein
Doppelzaun aus Platten begleitet die Gotthardstraße
und -bahn durch das Livineutal hinab; Gneissänlen
sind die Träger der Weinlauben von Giornico, in den
Wiesen von Biasca und in den talwärts folgenden
Dörfern. Die Häuser von Aigle im Rhonetal bestehen
aus dem dunklen Marmor der benachbarten Brüche von
St. Tripholl. Die grauen Schieferdächer so vieler
Häuser im Glarnerland weisen auf die Schieferberg-
werke im Sernftal hin. Immer häufiger jedoch drängt
sich der Kunststein neben dem natürlichen Baustein hervor.
Die Verkehrserleichteruug der Neuzeit bringt fremdes
Materials zu den heimischen Bauten. So geht allmäh-
lich die Übereinstimmung der Bauwerke mit der Gc-
steiusart des Felsuntergrundes verloren.
        <pb n="62" />
        ﻿Die KandnnetMaft

Produktiver
und unproduk-
tiver Boden

Bodenart

1.	AUgemeirres.

Volle zwei Drittel der Schweiz sind Gebirgsland;
Hügel- und Flachland machen nur einen Drittel der
Gesamtfläche aus. Das ist für die Landwirtschaft ein
sehr ungünstiges Verhältnis. Es bedeutet in erster Linie
eine starke Einschränkung des Kulturbodens. Denn von
den 41 298 km2 des Landes sind 10424 km2 oder rund
der vierte Teil unproduktiv, d. h. für den Anbau oder die
Nutzung der Pflanzen überhaupt unbrauchbar. Unproduk-
tiv sind die Schneefelder, Gletscher, der kahle Felsboden,
die Schutthalden, Wasserflächen usw. Im Wallis um-
faßt der unproduktive Boden nahezu die Hälfte, im
Kanton Uri mehr als die Hälfte des Landes. Überdies
ist bei der Ungunst des Klimas in den hoch gelegenen Ge-
bieten der Ertrag des landwirtschaftlich benutzten Bodens
gering. Die breite Mulde zwischen Jura und Alpen
ist vermöge ihrer geringern Meereshöhe wärmer als das
Gebirge. Hier zieht sich der anbaufähige nnd gut zu-
gängliche Boden als nahezu ununterbrochene Decke über
Hügel und Täler hinweg. So wird das Mittelland
zum bevorzugten Gebiet der schweizerischen Landwirtschaft.

Nach Art und Fruchtbarkeit des Bodens herrschen
von Ort zu Ort große Unterschiede. Der lehmige
Schutt der eiszeitlichen Gletscher verhüllt weithin den
felsigen Grund des Molasselandes und bietet für den
Anbau einen fetten, schweren und tiefgründigen Boden.
        <pb n="63" />
        ﻿55

Dazwischen breiten sich, aus Kies, Sand und Schlamm
aufgeschüttet, die Ebenen einstiger oder jetzt fließender
Gewässer aus. Sie tragen auf ihrem trockenen, wasser-
durchlässigen und sonnenwarmen Boden vor allem
Kartoffel- und Roggenfelder, die hier die günstigsten
Bedingungen finden. Wo dagegen die Ackererde nur ans
einer dünnen Verwitternngsschicht des Molassefelsens
besteht, da liegen magere, steinige und sandige Felder.
Sie stehen in einem auffälligen Gegensatz zu dem frucht-
baren Moränengrund der alten Gletscherböden. Wärme
und Feuchtigkeit sind nach Höhe und Lage des Landes
sehr ungleich bemessen. Das alles bedingt eine große
Mannigfaltigkeit im Bodcnbau; auf verhältnismäßig
beschränktem Raum können ganz verschiedenartige Kultur-
pflanzen gezogen werden.

Der Moräncnboden, gebildet aus dem Urgesteins-
und Kalkschutt der Alpen, und der Nagelfluh- und
Sandsteinboden sind arm an der als Pflanzennährstoff
wichtigen Phosphorsäure. Durch phosphalthaltige Düng-
mittel kann der Mangel behoben werden. Unter den
künstlichen Düngmilteln riehmen daher die Phosphate
eine erste Stelle ein. Die aus dem Urgestein verwitterte
Erde ist dagegen reich an Kali. Für die Bodenver-
besserung kommt vor allem der natürliche Dünger in
Betracht, der mit der Zunahme des Viehstandes in
immer größerer Menge verwendet wird. Sein Wert
wird auf 150 Millionen Franken geschätzt; dabei ist
immerhin zu sagen, daß stellenweise der Dünger nur
mangelhaft genutzt wird, so daß dem Kulturboden bei
weitem nicht der ganze Wert zugute kommt. Künstliche
Dünger bezieht die Schweiz aus dem Ausland für
jährlich l0 Millionen Franken. Dazu gesellt sich eine
kleinere einheimische Produktion. Durch Düngung und
Bearbeitung sind weite Flächen ursprünglich mageren
Bodens zu guten Ernten vorbereitet worden. Vermöge
der sorgfältigen Bodenpflege ist der Ertrag der Land-
wirtschaft im Verlauf des letzten Jahrhunderts gewaltig

Düngung

Erfolg der
Bodenpflcge
        <pb n="64" />
        ﻿Bäuerliche

Bevölkerung

Arbeiternot
u. Maschinen

56

gestiegen. So wird geschätzt, daß seit 50 Jahren der
Körnerertrag auf der gleichen Fläche sich verdreifacht hat.
Die Verkehrserleichterung und das Anwachsen der in-
dustriellen Bevölkerung in Städten und Fabrikorten ver-
schaffte den landwirtschaftlichen Produkten, auch ent-
legener Gegenden, einen guten Absatz. Infolge des
größeren Ertrages und der beständigen Steigerung der
Lebensmittelpreise hat der Boden an Wert bedeutend
gewonnen.

Die Volkszunahme kommt in der Schweiz wie in
anderen Industrieländern fast ausschließlich den städtischen
Berufsarten zugute. Die bäuerliche Bevölkerung bleibt
sich seit langem an Zahl ungefähr gleich. Im Ver-
hältnis zu den andern Ständen geht sie beständig
zurück. Sie macht heute nur noch einen Drittel der
Gesamtbevölkerung aus. Die Landwirtschaft ist immer
weniger imstande, das Land mit Lebensmitteln zu ver-
sorgen, so daß eine beständig anschwellende Zufuhr von
Lebensmitteln aus den weniger dicht bevölkerten Acker-
baustaaten des Ostens nötig wird.

Eine begrenzte, ungefähr gleichbleibende Kulturflache setzt
dem Anwachsen der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung Schran-
ken. die für Handel und Industrie nicht vorhanden sind. In der
Hügelregion der Ostschwciz ging der Anteil der bäuerlichen an
der Gesamtbevölkerung innert 30 Jahren um 1/3, in stark in-
dustriellen Gebieten sogar um die Halste zurück. Ähnlich steht es
in den übrigen Industriestaaten Westeuropas, die sich längst nicht
mehr selbst mit Nahrungsmitteln versorgen können. So ist in
England die aus der Landwirtschast lebende Bevölkerung ans x/r
der Gesamtzahl zusammengeschrumpft.

Der Zug des Landvolkes nach den Städten und
Fabrikorten hat auf dem Lande eine eigentliche Arbeiter-
not hervorgerufen. Als Ersatz für die menschlichen
Arbeitskräfte fanden die landwirtschaftlichen Maschinen
Eingang, obschon stellenweise der stark geneigte Boden
und die zerstückelte Lage des Kleingrundbesitzes dem
        <pb n="65" />
        ﻿57

modernen Betrieb Schwierigkeiten bereiten. Zu der ein-
heimischen Fabrikation an landwirtschaftlichen Maschinen
kommt eine starke Einfuhr, größtenteils aus Deutschland.
Der Arbeitermangel auf dem Lande machte auch schon
vorübergehend den Zuzug fremder Hilfskräfte notwendig.
In der Ostschweiz werden zeitweilig Denische »nd
Italiener beschäftigt; im beimischen Seeland ist der
Zuckerrübenbau im Großbetrieb Sache polnischer Saison-
arbeiter.

Im Emmental, Toggenburg und Appenzell wird
der Boden vielfach von Einzelhöfen aus bewirtschaftet.
Gegenüber dem Dorf mit dem zerstückelten und weit
zerstreuten Grundbesitz hat der Einzelhof den großen
Vorteil eines abgerundeten, nahe beisammen gelegenen
Kullurbodens; die geringen Entfernungen bedeuten eine
Ersparnis an Zeit und Arbeit. Nur in vereinzelten
Fällen hat die dörfliche Landwirtschaft versucht, durch
den Austausch und das Zusammenlegen der Landstücke
sich den gleichen Vorteil zu sichern.

Die Schweiz übertrifft an Regenmenge die meisten
Länder Europas. Das feuchte Klima begünstigt die
Wiesen und Weiden und die damit verbundene Viehzucht.
Während im regenärmeren Deutschland und in den
Trockengebieten Südosteuropas das Gelb der reifenden
Getreidefelder weithin die hochsommerlichen Fluren be-
herrscht, tritt in unserem feuchten Land der Getreide-
acker neben den ausgedehnten Wiesenflächen bescheiden
zurück. Die Schweiz ist ein grünes Land. Folgendes
ist der Anteils einzelner Kulturen am produktiven Boden:

Wiesen	8813 km2
Weide	7950 „
Getreideland	1961 „
Übriges Ackerland	2781 „
Rebland	263 „
Wald	8988 „

Das Grasland beansprucht mehr als die Hälfte
des produktiven Bodens, das Getreideland dagegen

Fremde Ar-
beiter

Dorf und
Einzclhof

Anteil der
Kulturen am
Areal
        <pb n="66" />
        ﻿58



nur etwa 6%, was vom beackerten Boden 2/s aus-
macht. Erst in der neuesten Zeit hat der Wiesenbau
ein solches Übergewicht erlangt. Noch zu Anfang des
19. Jahrhunderts konnte sich die Schweiz größtenteils
mit eigenem Korn behelfen; einzelne Kantone erzielten
sogar einen Überschuß. In den 50er Jahren begann
Niedergang *&gt;ie Umwälzung, die einen vollständigen Niedergang des
des Getreide- Getreidebaues herbeiführte. Damals kamen allgemein
Kuuv die Eisenbahnen auf; sie erleichterten und beschleunigten
den Verkehr. Gewaltige Mengen von Getreide gelangten
setzt aus den Kornkainmern Osteuropas nach dem
Westen, und bald machte sich mit der Hebung der
Schiffahrt auch die Zufuhr aus den überseeischen Ge-
treideländern fühlbar. Die Kornpreise sanken allmählich
uni die Hälfte. Der Getreidebau war unrentabel ge-
worden. So ging die Landwirtschaft zum Wiesenbau
und zur Viehzucht über, die dem feuchten Klima des
Landes am besten angepaßt sind. Dieser bedeutsame
Wechsel im landwirtschaftlichen Betrieb wurde erleichtert
und befördert durch die anhaltende Preissteigerung der
tierischen Nahrungsmittel: Fleisch, Milch und Milchpro-
dukte. Der Arbeitermangel auf dem Lande tat ein Übriges
zugunsten des Wiesenbaues und der Viehzucht, da sie
weniger Arbeitskräfte erfordern als der Brotfruchtbau.

Geschichtliches. Bevor der Verkehr der Neuzeit billiges
Getreide auf den Markt brachte, waren sogar die Gebirgsgegenden
ans Selbstversorgung angewiesen, so kümmerlich auch bisweilen
die Ernte ausfiel; denn schlechte Wege, Teuerung und Markt-
sperren machten die Zufuhr aus dem Flachland unsicher. Ur-
kunden und Flurnamen beweisen, daß der Ackerbau einst Be-
deutung besaß, wo er heute nahezu verschwunden ist, wie im
Appenzell, in den innern Kantone» und auf den Jnrahöhen.
In der Sage von Arnold aus dem Melchtal läßt der Streit
um das Gespann Ochsen erkennen, daß einst der Getreidebau
selbst im . steilen Melchtal verbreitet war; heute würde man dort
keine» Pflug mehr finden. Frühzeitig versuchte» die Bauern,
        <pb n="67" />
        ﻿59

den Getreidebau zugunsten der Wiesen und der Viehzucht einzu-
schränken. Die Obrigkeit einzelner Orte bemühte sich umsonst,
ihn zu unterstützen, um der Brotteueruug vorzubeugen. Der Rat
von Luzern gebot 1438 den Landvögtcn, der Umwandlung des
Ackerlandes in Wies- und Weideland entgegenzutreten. Die
Regierung von Obwalden erliest im gleichen Sinne Verord-
nungen und setzte für den Ackerbau Belohnungen aus. Zu
Waldmanns Zeit verbot der Rat von Zürich, das Ackerland zu
Rebland zu machen.

Die Landwirtschaft des Mittellandes setzt sich, La»dwi&gt;,
wenn auch zum Teil in anderen Formen, in das Ge-^ »nd J?r«
birgsland hinein fort. Äcker und Wiesen, Obstgärten
und Reben dringen durch die Alpentäler bis zu be-
trächtlicher Höhe vor. Die über der Waldgrenze liegenden
ausgedehnten Grasflächen bienen dein Talvieh zur
Sommerweide; sie sind die Grundlage der für die Vieh-
zucht so wertvollen Alpwirtschaft. Im Jura beschränkt
sich der Ackerbau meist auf die weilen Talmulden; die
Sohlen der Längstäler haben außer der geschützten Lage
auch den Vorzug größerer Fruchtbarkeit gegenüber dem
zerklüfteten Felsbvden der Berghalden. Auf den trok-
kenen Plateauflächen und Bergrücken ist neben dem Wald
zumeist das Weideland die einzig mögliche Kultur und
die Viehhaltung der Haupterwerb der bäuerlichen Be-
völkerung.

Die Entsumpfungen und Bodenverbesserungen, von
Kanton und Bund unterstützt, bringen der Landwirt- der Landwirt-
schaft einen erwünschten Zuwachs an Kulturland. Eine Wa,t
Reihe von Unterrichtsanstalten dienen der Berufsbildung,
so die laridwirtschaftliche Abteilung der Eidgenössischen
Technischen Hochschule, die Schulen für Ackerbau, Molkerei,

Obst- und Weinbau, die landwirtschaftlichen Winter-
schulen. Zahlreiche Vereine fördern die Interessen ihres
Standes; die meisten haben sich zum Schweizerischen
Bauernverband zusammengeschlossen. Ihren Bestrebun-
        <pb n="68" />
        ﻿60

Ackerbau

Getreide

gen kommt das Bundesgesetz betreffend die Förderung
der Landwirtschaft vom Jahre 1893 entgegen. All das
trägt mächtig zur Entwicklung der schweizerischen Land-
wirtschaft bei.

2.	ArKevvcru.

Die Erzeugnisse des Ackerbaues dienen nur zum
kleineren Teil der Volksernährung; in der Hauptsache
werden sie zur Viehzucht aufgebraucht. Je nach Lage,
Bodenart und Nachfrage treten mehr die einen oder
anderen Kulturen in den Vordergrund. So liefert der
Ackerbau in der Nähe volksreicher Städte in erhöhtem
Maß solche Produkte, die rascher Verderbnis ausgesetzt
sind und sich für einen weiten Transport nicht eignen.

Getreidebau. Der in der Schweiz am häufigsten
angebaute Weizen wächst, wie auch das Korn, auf den guten
Böden in den tiefern, wärmern Lagen des Mittellandes.
Der Roggen gedeiht gut auf den kiesigen und sandigen
Ebenen des Flachlandes, steigt aber neben Hafer und
Gerste auch in die Bergregion hinauf. Um vollständig
auszureifen, bedürfen die Körnerfrüchte der Trockenheit
und Wärme; ihr Hauptgebiet liegt im Regenschatten
des Jura und in der Trockenlandschaft des Wallis.
Vom Gros de Vaud, das dem Getreide eine verhältnis-
mäßig bedeutende Fläche einräumt, zieht sich , ein breiter
Streifen des Getreidebaues dem Jurafuß entlang
bis in den Kanton Schaffhausen hinein. Die wichtige
Körnerfrucht des Südens, der Mais, wächst in großer
Menge im Tessin, in bescheidenerem Umfang auch im
Wallis und in den Föhngassen des Rhein- nnd Seez-
tales. Die höhere Hügelregion am Alpeurande ist, be-
sonders in der Ostschweiz, wegen der Feuchtigkeit und
stärkern Bewölkung für das Getreide nicht geeignet,
um so mehr, als es im feuchten Klima unter dem Rost
und unter starker Uukrautbilduug leidet. So tritt es
        <pb n="69" />
        ﻿61

denn hier ganz hinter den Wiesen zurück. Strichweise
könnte wohl noch mit Erfolg Getreide gebaut werden; aber
die Industrie hat die Arbeitskräfte an sich gezogen und
so dem Wiesenbau und der Viehhaltung Vorschub geleistet.

Der jährliche Körnerertrag wird auf etwa 50 Ertrag und
Millionen Franken geschätzt. Der Wert des Strohs ®mWv
macht 30 Millionen Franken aus; es dient vor allem
zur Einstreu; ein kleiner Teil findet bei der Stroh-
flechterei Verwendung. Die Getreideproduklion vermöchte,
nach Abzug dessen, was als Viehfutter und Saatgut abgeht,
die Bevölkerung des Landes im Jahr kaum mehr auf die
Dauer von 80 Tagen zu ernähren. Wäre nicht die
Rücksicht auf den Fruchtwechsel und der große Bedarf
an Stroh als bestes Streuematerial, so hätte unzweifel-
haft der Getreidebau noch mehr an Boden verloren.

Die Einfuhr von Getreide und Mehl macht (1912)

213 Millionen Franken aus; daran ist der Weizen
allein mit 120 Millionen Franken beteiligt. Der Weizen
stammt zum weitaus größten Teil aus Südrußland,

Rumänien und Kanada, Hafer und Mehl aus Deutsch-
land. Die Weizensendungen gelangen auf dem See-
wege nach Genna und mit der Gotthardbahn in die
Schweiz. In neuerer Zeit gehen sie infolge unge-
nügender Transporteinrichtungen in Genua immer häufiger
über Marseille-Genf oder um Westeuropa herum den
Rhein aufwärts bis Mannheim, und von hier mit der
Bahn nach Basel. Der Umstand, daß mehrere Länder
sich an der Getreidelieferung beteiligen, sichert der Schweiz
eine große Regelmäßigkeit der Zufuhr; hat das eine Land
eine Mißernte, so treten die andern in die Lücke. Mit der
Verkehrserleichterung der Neuzeit ist nicht nur das
Brot billiger geworden; es bewegen sich auch die Preis-
schwankungen in recht engen Grenzen.

Kartoffelbau. Der Kartosfelbau ist in der s.artoffc,n
ganzen Schweiz, vorwiegend aber im westlichen Mittel-
land, verbreitet. Der Ertrag wird zur Volksernährung,
zur Herstellung von Branntwein, zu einem großen Teil
        <pb n="70" />
        ﻿62

Gemüse

Zuckerrüben

Tabak

auch zur Schweinemast verwendet. Die Kleinbrenuereieu
der früheren Zeit förderten den Schnapsverbrauch in
solchem Maße, daß er einen schweren Schaden für das
Volk bedeutete. Das Alkoholmonopol räumt jetzt dem
Bunde allein das Recht zur Fabrikation und zum Ver-
kauf des Karloffelbranntweins und des Spiritus ein.

Gemüsebau. Einzig in der Nähe der Städte
und der Konservenfabriken beansprucht der Gemüsebau,
entsprechend dem stärkern Bedarf, größere und zusammen-
hängende Flächen. Dazu kommt eine Einfuhr im Wert
von 12 Millionen Franken; daran haben die frühen
Gemüse aus Südfrankreich und Nordafrika einen be-
deutenden Anteil.

Zuckerrübenbau. Neben den Ländern mit
Großgrundbesitz, wie Österreich-Ungarn, Deutschland,
Frankreich, Rußland, hat die Schweiz Mühe, den
Zuckerrübenbau und die Zuckerfabrikation aufrecht zu
erhalte». Nachdem die Fabrik in Monthey im Rhone-
tal den Betrieb einstellen mußte, scheint die 1899 ge-
gründete Fabrik in Aarberg einem bessern Gedeihen
entgegenzugehen. Der Rübenbau gewinnt auf der Ent-
sumpfungsebene des Großen Mooses und in der West-
schweiz überhaupt ständig an Ausdehnung. Immerhin
deckt der Aarberger Zucker nur einen bescheidenen Teil
des Jahresbedarfs. Aus den großen Rübenländern wie
Österreich, Deutschland und Frankreich muß Zucker im
Betrag von 50 Millionen Franken (1912) eingeführt
werden. Der Anbau der Zuckerrübe ist für den Boden
vorteilhaft, weil er ihn nicht seiner Nährstoffe beraubt.
Die Abfälle der Verarbeitung, die Schnitzel, werden
zur Fütterung des Viehs verwendet.

Tabak wird auf gutem Boden und in milden
Lagen des Broyetales und des südlichen Tessins ange-
baut. Die Ernte wandert in die Tabak- und Zigarren-
fabriken (Seite 86), stellt aber nur einen kleinen Teil
des insgesamt verarbeiteten Rohmaterials dar.
        <pb n="71" />
        ﻿63

Öl- und Gespinstpflanzen sind unter der Öl-und Ge-
Konkurrenz der Baumwolle, der fremden Öle und des spiunstpfianz-n
Petrols fast ganz verschwunden. Die bernische Lein-
wandindustrie bezieht den Rohstoff meist aus dem Ausland.

Weinbau. Dem Weinstock, einem Fremdling auf Wein
unserem Boden, werden die mildesten Lagen eingeräumt.

Während die Reben in Südfrankreich und Spanien weite
Ebenen bedecken, sind sie hier auf sonnige, windgeschntzte
Halden beschränkt; das kommt schon im üblichen Aus-
druck „Weinberg" zur Geltung. Die besten Weinlagen
finden sich am Nordufer des Genfersees, im Wallis, im
südlichen Tessin, dem ganzen regenarmen und geschützten
Südostfuß des Jura entlang bis zu den Rebbergen von
Hallau im Kanton Schaffhausen, an der Lägern, im
nördlichen Teil des Kantons Zürich und im St. Galler
Rheintal. Diesseits der Alpen wird der Weinstock am
Rebstickel in wohlgeordneten Reihen gezogen; im Tessin
bildet er malerische Weinlauben oder klettert mitten
zwischen andern Kulturen an Bäumen empor. Seit Rückgang des
Jahrzehnten verliert der Weinbau beständig an Boden. Weinbaues
Rebenkrankheiten, eine Reihe schlechter Ernten, die er-
drückende Konkurrenz der Weine aus den südeuropäischen
Ländern, die gesteigerten Bodenpreise und Arbeitslöhne
entmutigten die Weinbauern. In den weniger günstigen
Lagen ist der Weinbau allmählich verschwunden oder stark
zurückgegangen und durch den besser lohnenden Wiesen-
bau ersetzt worden, Neuerdings pflanzt man sogar in
besten Weinlagen an Stelle der Reben Spalierobst und
Erdbeeren. Seit 1898 ist im Kanton Ziirich das Reb-
land von 4769 ha im Wert von 39,6 Mill. Fr. auf
3236 ha iin Wert von 18,9 Mill. Fr. zurückgegangen.

Die Bemühungen, den vollständigen Zusammenbruch des
Weinbaus aufzuhalten, werden wohl zu dem Ergebnis
führen, daß die besten Lagen Rebland bleiben, während
der Weinstock das Feld räumt, wo Klima und Boden
ihm nicht ganz zusagen. Im Weinverbrauch, auf die
Kopfzahl berechnet (80 1), übertrifft die Schweiz die
        <pb n="72" />
        ﻿64

Ödst

meisten andern Länder. Der Ertrag des Reblandes er-
leidet von Jahr zn Jahr die größten Schwankungen;
im Mittel beläuft er sich auf über 1 Mill. Kl. Das
entspricht etwa der Hälfte des Bedarfs. 1912 betrug
die Einfuhr 11/2 Mill. hl im Wert von 49 Mill. Fr.
Die wichtigsten Weinlieferanten sind Frankreich für bessere,
Italien und Spanien für im Durchschnitt geringere
Sorten. Der Bund unterstützt die Winzer durch Beiträge
in ihrem Kampf gegen die Reblaus und andere Schäd-
linge des Weinstocks.

Obstbau. Der Obstbau in den tiefern und mitt-
lern Lagen des Landes gewinnt ständig au Wert. Unter
dem Einfluß der Obstbaumschuleu (Wädenswil) und
-kurse macht die Pflege der Bäume und Früchte und die
Auswahl der Sorten nach Klima und Bodenart Fort-
schritte. Die Obstbäume stehen zumeist im gut gedüngten
Wieslaud. Ohne nennenswerte Schädigung des Gras-
wuchses breiten sie ihre Kronen als zweite Etage des
Bodenertrages darüber hin Mit dem starten Überwiegen
des Wiesenbaus im ostschweizerischen Mittelland nimmt
auch die Zahl der Obstbäume zu. Ju den besten Lagen
bilden sie einen zusammenhängenden Obstbaumwald, in
dessen Grün die Dörfer beinahe versteckt sind. Nicht
selten haben hier die Fruchtbäume auch auf dem Acker-
land Fuß gefaßt. Die dichten Obstgärten gehören zum
Bild der ostschweizerischen Kulturlandschaft.

Wein und Obst erleiden oft schweren Schaden durch
die Spätfröste. Darum ist die Obsternte großen Schwan-
kungen unterworfen. Im Durchschnitt wird sie auf
55 Mill. Fr. gewertet. Sie bleibt größtenteils im Lande.
Mostobst wird nach Süddeutschland ausgeführt. Äpfel-
und Birnenmost ist in der Ostschweiz ein allgemein ver-
breitetes Getränk; mit der Annäherung an die neuen-
burgischen und waadtländischen Rebgelände tritt er gegen-
über dem Wein zurück. Baselland, das aargauische Frick-
tal und die Seebezirke von Zug und Schwyz schimmern
im Frühling im Weiß der Kirschbaumblüten. Die Ernte
        <pb n="73" />
        ﻿65

gelangt nur zum Teil auf den Markt; große Mengen
von Kirschen werden zum Brennen von Kirschwasser ver-
wendet. In den Südtälern der Alpen reifen neben der
dichtbelaubten Edelkastanie die Pfirsich- und Feigenbäume
ihre Früchte. Die Edelkastanie erscheint in einzelnen
Gruppen auch nördlich der Alpen an den Halden der
Föhntäler, so im Rheintal, am Walensee und am Vier-
waldstättersee, fernerhin im Wallis und am Genfersee.
Einzelne Olivenhaine, gleichsam von den großen Beständen
am Mittelmeer an den Alpenfuß versprengt, heben sich
am Ufer des Luganersees mit dem feinen, silbergrauen
Laub aus ihrer Umgebung heraus.

1912 betrug die Obstausfuhr 6 Mill. Fr.„ Die
Einfuhr (darunter Dörrobst aus Kalifornien und Öster-
reich-Ungarn) steigt ans 8 Mill. Fr.; noch höher sind die
Auslagen, für Südfrüchte. Obstverwertungs- und Mo-
stereigenossenschaften sind bestrebt, den Obstbau immer
einträglicher zu gestalten.

Wald. Im Verhältnis zur Bodenfläche weist
manches andere Land mehr Wald auf als die Schweiz.
Unter den Nachbargebieten ist vor allem das österreichische
Alpenland reicher an Holz und vermag deshalb einen
starken Zuschuß au den Holzbedaif unseres Landes zu
leisten. Auf den Plateauflächen und an den Berghalden
des Jura treten ausgedehnte zusammenhängende Wald-
flächen auf; sie erfüllen hier wie in den Alpen die Auf-
gabe, die dünne Humusdecke zusammenzuhalten, den
Wasserablanf zu regulieren und Rutschungen zu verhüten;
im Hochgebirge gewähren sie überdies Schutz vor den
Lawinenverheerungen. Nach dem Bundesgesetz von 1902
steht dem Bund die Oberaufsicht zu über das Forstwesen
der ganzen Schweiz und im besondern über die Schutz-
und Bannwaldungen im Gebirge. Gegenüber Jura und
Alpen hat das Mittelland einen durchschnittlich geringern
und stark zerstückelten Waldbestand. Nicht ganz ein
Drittel des Waldes gehört Privaten, zwei Drittel den
Gemeinden und Korporationen und der Heine Rest dem

Flückiger/Schweiz	5

Wald
        <pb n="74" />
        ﻿66

Glasbau

Alpwirtschaft

Staat. Im allgemeinen ist der Staats-, Gemeinde- und
Genossenschaftswald besser unterhalten als der Privat-
besitz. Die jährliche Holzproduktion im Wert von etwa
40 Mill. Fr. wird ergänzt durch die Einfuhr fremden
Holzes für 35 Mill. Fr.

3.	Gvasland und Uielnrrrht.

Grasland. Die große Feuchtigkeit des Landes
sichert dein Wiesenbau ein entschiedenes Übergewicht.
Der Anteil des Graslandes an der Bodenstäche nimmt
mit dem Ansteigen des Mittellandes gegen den Alpen-
rand hin zu. Die Hügelregion der Ostschweiz ist ein
fast ununterbrochenes grünes Wiesenland; so im Appen-
zell, wo die Sticker und Weber neben der Hausindustrie
nicht viel Zeit und Arbeitskräfte für die Besorgung ihres
Gütleins erübrigen können; so auch im Thurgau, wo die
großen Erträge des Obstbaues dein damit verbundenen
Wiesenbau Vorschub leisten. Die Viehzucht im Mittel-
land bevorzugt meist die Stallfütterung; nur im Herbst
werden fast überall die Tiere zur Weide getrieben. Die
Heuernte leidet viel unter der feuchtkühlen Witterung;
mehr und mehr findet deshalb der süddeutsche Brauch
Eingang, das Heu im Freien an Holzträgern zu Stöcken
(zu „Tristen") aufzuschichten, um es hier gären und
vollständig austrocknen zu lassen. Feuchte Sommer
sichern einen großen Emdertrag. Das Weideland be-
ansprucht nahezu die Hälfte der gesamten Grasfläche.
Es ist aus dem Mittelland verschwunden und gehört
heute ins Gebirge; hier dient es einem besondern land-
wirtschaftlichen Betrieb, der Alpwirtschaft. Die Alp-
weiden sind ein Hilfsgebiet für die Landwirtschaft im
Tale. Die Bauern benutzen sie, je nach der Jahreszeit
auf verschiedenen Staffeln, zur Sömmerung des Viehs.
Für die Aufzucht von Jungvieh und zur Gewinnung
guter Milch und Milchprodukte sind die Alpweiden un-
        <pb n="75" />
        ﻿67

erschlich. Sie haben für die Bergbewohner und für das
ganze Land den größten Wert. Der Weidebetrieb ist
außerdem überall da am Platz, wo ein geringwertiger
Boden eine intensive Ausnutzung nicht zuläßt, wo stark
geneigte Halden den Gebrauch der Maschine und der
Sense erschweren und da, wo die Arbeitskräfte fehlen.

Viele Sümpfe sind trockengelegt und zu Wiesland
umgewandelt worden. Immerhin werden die bräunlich-
grünen, eintönigen Sumpfflächen nicht ganz aus dem Land-
schaftsbilde verschwinden, da sie ein geschätztes Streue-
material liefern. Bei dem Rückgang der Strohgewinnung
und bei der wachsenden Bedeutung der Viehzucht machen
die Streuewiesen einen unentbehrlichen Bestandteil der
landwirtschaftlich benutzten Bodenfläche aus.

Viehzucht und Milchproduktion. Der
Futterbau ernährt einen stattlichen Viehstand, mit dem
die Schweiz unter den europäischen Ländern einen hohen
Rang einnimmt. Die Zunahme des Grasbaues und die
stärkere Ausnützung des Bodens machen es erklärlich,
daß die Zahl der Tiere beständig anwächst. Innert
20 Jahren stieg der Wert des Viehstandes um die Hälfte.
Daran ist außer der Vermehrung besonders die höhere
Qualität beteiligt, die durch Prämierungen, Viehmärkte
und Ausstellungen ständig gefördert wird. Bei den hohen
Milch- und Fleischpreisen gewinnt die Rindviehzucht für
den Wohlstand des Landes einen Wert, der von der
gesamten übrigen Tierhaltung bei weitem nicht erreicht
wird. Der Wert des schweizerischen Viehstandes steht
bei 700 Mill. Fr. Davon fallen auf das Rindvieh allein
mit 1 i/2 Mill Stück rund drei Viertel. In der Ost-
schweiz wird Braunvieh gehalten; der Westen des Landes
züchtet zwei Arten von Fleckvieh, den rotweißen Simmen-
taler Schlag und den schwarzweißen Freiburger Schlag.
Die Rindviehzucht der Schweiz zielt in erster Linie auf
einen höchsten Milchertrag ab; Mast, Aufzucht von Rasse-
tieren und Arbeitsleistung nehmen dem Wert nach eine
untergeordnete Stellung ein. Der jährliche Milchertrag

Streuewiescn

Viehzucht

Mafien
        <pb n="76" />
        ﻿68

Milchertrag

Käse

Butter

Milchkonden-

sation

Aufzucht von
Jungvieh

Schlachtvieh

Schweinemast

Pferde

wird auf annähernd 350 Mill. Fr. geschätzt und verteilt
sich wie folgt:

Direkter Verbrauch	48o/o
Käsereien	32 o/o
Milchindustrien	50/o
Aufzucht und Mast	150/0

War früher die Käsebereitung Sache der
Aelpler, so entstammt heute die Hauptproduktion dem
Mittelland, sowohl nach dem Wert als nach der Menge
berechnet. Die auch im Ausland bekanntesten Sorten sind
der Emmentaler- und der Greyerzer-Käse. Die Ausfuhr
geht meist nach den Bereinigten Staaten, nach Frankreich,
Deutschland, Italien und erreichte 1912 den Betrag von
65 Mill. Fr.; sie macht rund die Hälfte der Produktion
aus. Dagegen muß die Butterbereitung der Schweiz
durch eine starke Einfuhr (16 Mill. Fr.) ergänzt werden.

Unter den Milchindustrien sind besonders die Kon-
densation und die Zubereitung von Milchschokolade
zu nennen. Die Milcheindampfungs-Fabriken von Cham,
Düdingen, Payerne und Vevey ziehen aus weitem Um-
kreis ansehnliche Mengen von Milch heran und verar-
beiten sie säst ausschließlich für die Ausfuhr; 1912
brachte sie 47 Mill. Fr. ein. Die Hauptabnehmer sind
England und seine Kolonien.

Die Aufzucht gut entwickelter Rassetiere ist wohl
überall verbreitet, kann aber nur vereinzelt als Haupt-
richtung der Viehzucht gelten; so z. B. im Simmental,
dessen edle Rinder einen guten Absatz im Ausland finden.

Nur in geringem Maß vermag die R i n d v i e h m a st
dem heimischen Fleischbedarf zu genügen, so daß eine
starke Einfuhr von Schlachtvieh und Fleisch nötig wird.
Zum Teil tritt hier die Schweinezucht in die Lücke.
Sie verwertet neben den Kartoffeln besonders die Käserei-
abfälle. In Anlehnung an die gesteigerte Milchwirtschaft
hat sich der Schweinebestand innert 30 Jahren verdoppelt.

Mit dem Ackerland hat die P f e r d e z u ch t an Be-
deutung eingebüßt. Die Freiberge im Jura liefern der
        <pb n="77" />
        ﻿69

Landwirtschaft ausdauernde Arbeitstiere. Die Armee-
pferde müssen dagegen aus dem Auslande bezogen werden.

Seitdem die Schafzucht Australiens, Südafrikas Schafe und
und Argentiniens die Wollpreise herunterdrückt, geht der 3ieäen
Schafbestand unseres Landes gleich wie im übrigen
Nordwesteuropa zurück. Im Mittelland muß der Gras-
wuchs immer ausschließlicher der Milchgewinnung dienen;
so wird das Schaf mehr^ Md mehr in die dem Rind
unzugänglichen höchsten Alpgebiete und auf den gering-
wertigen Weideboden überhaupt zurückgedrängt. Ebenso
sind die Ziegen am stärksten in den alpwirtschaftlichen
Gebieten vertreten; im Saanenland wird der Aufzucht
von Rassetieren große Aufmerksamkeit zugewendet.

Die Geflügelzucht vermag bei weitem nicht, Geflügel und
den großen Bedarf an Eiern zu decken. Die Einfuhr ^er
an Eiern macht jährlich bei 20 Mill. Fr. aus. Die
körnerreichen Länder Südeuropas, Ungarn und Bulgarien,
sowie Norditalien sind die bedeutendsten Lieferanten.

Endlich sei noch die Bienenzucht erwähnt, die Bienen
überall verbreitet, doch besonders in einzelnen Landes-
teilen, wie z. B. Graubünden, große Erträge an fein-
aromatischem Honig abwirft.
        <pb n="78" />
        ﻿Industrie

Allgemeines

Einfluß der
Binnenlage

1. Aiigemeines.

Neben dem Ackerbau und weit über dessen Bedeutung
hinaus erwuchs im letzten Jahrhundert die Großindustrie,
von der heute nahezu die Hälfte der Bevölkerung lebt.
Für die fabrikmäßige Verarbeitung der Rohstoffe und den
Export liegen die Verhältnisse in der Schweiz viel un-
günstiger, als in den meisten andern Ländern, die mit
ihr auf dem Weltmarkt konkurrieren. Die einheimische
Industrie muß sich fast ausschließlich mit fremden Roh-
stoffen und fremden Kohlen behelfen. Die Binnenlage
des Landes verschärft diesen Übelstand in hohem Maße.
Wohl trugen seit der Mitte des letzten Jahrhunderts
die Eisenbahnen durch Erleichterung und Beschleunigung
des Verkehrs mächtig zum Aufblühen der Industrie bei;
sie öffneten den Weg ins Ausland, zum Mittelmeer und
zur Nordsee. Aber die Bahnfracht stellt sich viel teurer
als der Transport auf dem Wasserweg. So ist die
Schweiz gegenüber den Küstenländern benachteiligt und
dies umsomehr, als ihr vorläufig auch, kurze Strecken
abgerechnet, keine schiffbaren Flüsse zur Verfügung stehen.
Der weite Hertransport des Getreides und anderer
Lebensmittel aus dem Ausland verteitert die Lebens-
haltung und bedingt hohe Arbeitslöhne; der Unternehmer
muß sie durch erhöhten Verkaufspreis der Fabrikate
wieder einzubringen suchen. Ebenso belastet die Bahn-
fracht die Einfuhr der Kohle und der Rohstoffe sowie
die Ausfuhr der fertigen Fabrikate. Alle diese Nachteile
        <pb n="79" />
        ﻿71

wirken zusammen, um der schweizerischen Industrie den
Wettbewerb mit den begünstigten Küstenstaaten, wie
England, zu erschweren. Sie sieht sich vor der Aufgabe,
alle Kräfte an solche Gebiete zu setzen, die im Konkurrenz-
kampf mit dem Ausland noch Erfolg versprechen. Ge-
naueste Arbeit, technisch vollendete Konstruktion und bestes
Material haben dem Maschinenbau einen Weltruf ver-
schafft und trotz der hohen Transportkosten den Absatz
in die fernsten Teile der Erde gesichert. Die Seidenstoff-
und Bandweberei, die Genfer Bijouterie und die juras-
sische Uhrenindustrie verarbeiten Rohstoffe, die auf kleinem
Raum und bei geringem Gewicht einen großen Wert
darstellen; im Verkaufspreis fallen die Transportkosten
kaum in Betracht. Noch günstiger verhält es sich in der
binnenländischen Industrie mit der Stickerei. Ihre fer-
tigen Produkte vereinigen hohen Wert auf kleinem Raum;
überdies wird vor allem die feine, künstlerische Arbeit
bezahlt. Am Verkaufspreis sind Fracht und Rohstoff nur
mit einem geringen Betrag beteiligt; beinahe der ganze
Erlös verbleibt dem Laude als Arbeitslohn oder als
Gewinn der Stickereigeschäfte.

Infolge der Nachteile des Landtransportes gegen-
über dem Seeverkehr kaun die schweizerische Industrie
ihren Platz auf dem Weltmarkt nicht durch billige
Preise, sondern nur durch beste Qualität der Pro-
dukte behaupten.

Eine Reihe von Staaten bereiten der schweizerischen Schutzzölle
Industrie eine weitere Schwierigkeit durch die Schutz-
zölle. In der Absicht, die eigene Industrie zu schützen
und zu fördern, verdrängen sie durch hohe Einfuhrzölle
unsere Produkte von ihrem Gebiet. Wollten die Fabri-
kanten nicht auf den Absatz in diesen Ländern verzichten,
so blieb ihnen nur übrig, einen Teil des Betriebes über
die Grenze zu-verlegen. Die Basler Seidenbandweberei
arbeitet für den deutschen Bedarf jenseits der Grenze auf
badischem Boden, um den Zoll zu vermeiden. Die Ma-
schinenfabriken haben Filialen in deutschen Städten errich
        <pb n="80" />
        ﻿72

tct. Ein beträchtlicher Teil der Baumwoll- und Seidenindu-
strie wurde für den italienischen Bedarf nach Italien verlegt.

Förderung der Am Erfolg unseres Landes im Wettkampf mit den
Industrie ersten, von der Natur begünstigten Industrieländern
haben die technische und kaufmännische Tüchtigkeit der
Unternehmer und die Geschicklichkeit der Arbeiter einen
großen 2Xnteis. Die allgemeine Volksbildung ist die
Grundlage guter Leistungen. Zahlreiche Unterrichtsan-
stalten vermitteln speziell die Berufsausbildung. So
fördern die Eidgenössische Technische Hochschule und die
übrigen technischen Schulen den Maschinenbau; für Uhr-
macher, Sticker, Seidenweber und andere Berufsleute
bestehen besondere Schulen. Nicht wenig kommt der In-
dustrie zu statten, daß viele unternehmende Schweizer-
Kaufleute in fernen Ländern als Inhaber von Geschäfts-
häusern oder als Agenten, den Absatz der heimischen
Fabrikate fördern und für den vorteilhaften Einkauf der
fremden Rohstoffe besorgt sind.

Wasierkräste Die hohen Kohlenpreise nötigen die schweizerische
Industrie, die Wasserkräfte des Landes in immer stär-
kerem Maße auszunützen. War bis dahin die Großin-
dustrie hauptsächlich auf das Mittelland beschränkt, so
geht sie jetzt den verfügbaren Wasserkräften nach und
dringt tief in die Täler des Gebirges hinein. Sie ge-
winnt ständig an Boden und an Zahl der Arbeiter;
die Schweiz ist zum Industriestaat geworden.

Industriezweige Die größten und für das Erwerbsleben maßgebenden
Fabrikationszweige sind die Stickerei und die Baumwoll-
industrie der Ostschweiz, die Seidenindustrie von Zürich
und Basel, die Uhrenmacherei im Jura und der Ma-
schinenbau in verschiedenen Orten des Mittellandes.

2. Stickerei.

Ausfuhr Der jährliche Export im Wert von 211 Milt. Fr.
(1912) stellt die Stickerei an die Spitze aller schweize-
rischen Industrien. Da als Material meist Baumwolle
        <pb n="81" />
        ﻿73

verwendet wird, so gilt die Stickerei nicht selten als
Zweig der Baumwollfabrikation. Die kunstvolle Arbeit
und der hohe Produktionswert geben ihr aber eine selb-
ständige Stellung. Die Stickerei umfaßt ein enger be- Ausdehnung
grenztes Gebiet als die übrigen Großindustrien der bet ®tiÄerci
Schweiz. Sie ist in den Kantonen St. Gallen, Appenzell
und Thurgau verbreitet; jenseits der Grenze beschäftigt
sie auch die Bewohner des österreichischen Vorarlbergs.
Mittelpunkt des gesamten Industriegebietes ist die Stadt
St. Gallen. Von hier aus gehen die Arbeitsaufträge in
die Landschaft hinaus; dahin kehren die fertigen Waren
zurück und werden in den Ausrüstereien der Geschäfts-
häuser für den Verkauf im Großen zubereitet. Demnach
ist es verständlich, daß man stets von den St. Galler
Stickereien redet, gleichgültig, in welchem Teil des Jn-
dustriebezirkes^ sie angefertigt wurden. Die Hauptab-
nehmer der St. Galler Stickereien sind die Vereinigten
Staaten und England.

Die feine Handstickerei ist unter der Konkurrenz der Hand- »ud
Stickmaschine seit der Mitte des 19. Jahrhunderts stark
zurückgegangen und beschäftigt heute fast nur noch die eui
Frauen und Mädchen Jnnerrhodens. Dafür hat vom
Bvdensee bis zu den Höhen am Fuß des Säntis die
Maschine ihren Einzug gehalten, in den Dörfern sowohl
wie in den einsam gelegenen Häuschen hoch oben an
steiler Berghalde. Die Maschine ahmt die Handstickerei
nach, ohne jedoch den gleichen Grad der Feinheit zu
erreichen. Sie erzeugt in Menge den Besatz für Weiß-
zeug (Entredeux), Roben, Taschentücher, Schleier. Ein
anderer Zweig, die Kettenstich- oder Grobstickerei, befaßt
sich mit der Anfertigung der Stören und der weißen,
großgemusterten Vorhänge (Rideaux). Die Stickmaschine
wird von Hand betrieben. Sie findet sich vorwiegend
in den Wohnhäusern, in geringer Zahl in Fabriken.

Die mit Wasser oder Dampf betriebene Schisfli-Stick-
maschine ist dagegen ausschließlich für den Fabrikbetrieb
berechnet.
        <pb n="82" />
        ﻿74

Verbindung
mit der!
Landwirtschaft

Kinderarbeil

Entwicklung
der Baumwolle
industrie

Arbeitsraum der Haussticker ist heute selten mehr
der feuchte Keller, der vor dem Einzug der Stickerei als
Webkeller diente. Häufig steht die Maschine in einem
dem Wohnhaus augebauten Raum, dessen große und
zahlreiche Fenster schon von weitem die Bestimmung er-
kennen lassen. Im nahen Umkreis der Stadt St. Gallen
und im untern Toggenburg widmen sich die Hausarbeiter
fast ausschließlich ihrer Industrie. In den übrigen Land-
schaften verbinden sie die Maschinenstickerei meist mit
dem Landbau. Die Landwirtschaft beschränkt sich dann
auf Wiesenkultur und Biehzucht, die nicht so viel Zeit
und Arbeitskräfte erfordern wie der Fruchtbau, der
übrigens im obern Toggenburg und iin Appenzell wegen
der hohen Lage kaum lohnen würde. Landwirtschaft und
Stickerei lassen sich recht wohl vereinigen; die große
Nachfrage nach Stickereien fällt auf den Winter; wenn
die Launen der Mode oder die Überproduktion einen
schlechten Geschäftsgang Hervorrufen, so bewahrt die Land-
wirtschaft den Sticker vor vollständiger Verdienstlosigkeit.
Anderseits mindert die bäuerliche Hantierung die Fähig-
keit, die feinsten Stickereien auszuführen. Das Maschinen-
sticken erfordert eine gewisse körperliche Kraft und ist des-
halb meist Männerarbeit. Den Frauen und Kindern
bleibt dann als Hilfsarbeit das Einziehen des Garns in
die Nadel, das „Fädeln", überlassen. Noch heute gilt
als eine der bedenklichsten Erscheinungen in der ostschwei-
zerischen Hansstickerei, daß die Kinder dabei überanstrengt
und dauernd an der Gesundheit geschädigt werden.

8+ D n irmwoUrnd u stri e.

Aus dem mittelalterlichen Leiuwandgewerbe St. Gallens
erwuchs im Anfang des 18. Jahrhunderts die Baum-
wollindustrie; französische Hugenotten führten sie ein.
Bald waren in weitem Umkreis um die Stadt und
ostwärts des Rheins viele tausend Hände damit be-
schäftigt, neben den gewöhnlichen Baumwolltüchern die
        <pb n="83" />
        ﻿75

feine Musseline anzufertigen und zu besticken. Zur
gleichen Zeit verschafften Hugenotten der Musseline-
fabrikation -auch in Zürich Eingang, wo'man schon lange
Baumwolle verarbeitet hatte. Auch die Bewohner des
Glarnerlandes begannen damals für die Geschäftshäuser
von St. Gallen und Zürich Baumwolle zu spinnen, zu
weben und zu bedrucken. Anfänglich war das Spinnen
und Weben der Baumwolle Handarbeit. Zu Beginn des
19. Jahrhunderts begann die Konkurrenz des englischen
Maschinengarns und der maschinengewobenen Tücher.

Sie wurde so drückend, daß auch in der Schweiz die
Spiunmaschine und der mechanische Webstuhl die ur-
sprüngliche Arbeitsweise ganz verdrängten. Mit dem
mechanischen Betrieb vermochte die ostschweizerische Baum-
wollindustrie den Rang im Wettbewerb init dein Ausland
zu behaupten. Um die Mitte des letzten Jahrhunderts
kam eine Reihe der besten Geschäftsjahre. Später trat
infolge wachsender Konkurrenz und der Zollerhöhungen
einzelner Absatzgebiete ein Rückschlag ein, obwohl die
Fabrikanten bemüht waren, durch die Aufnahme be-
sonderer, vom Ausland vernachlässigter Zweige des Baum-
wollfaches den Niedergang aufzuhalten.

Heute umfaßt das Gebiet der Spinnerei und Weberei Industriegebiet
die Kantone St. Gallen, Appenzell A.-Rh., Thurgau und
Glarus, das Zürcher Oberland, und reicht der Aare
entlang bis in den bernischen Oberaargau hinauf. Die
Hausindustrie von Appenzell A.-Rh. fertigt Plattstich-
gewebe an. Die Glarner Fabrikanten betrieben Jahr-
zehnte hindurch mit bestem Erfolg das Färben und Be-
drucken der Baumwollstoffe. Sie lieferten Tücher in
bunten Farben nach den südeurvpäischen Ländern, Schleier
und Kopftücher (Türkenkappen) nach dem Balkan und
Vorderasien, Sarongs, die Kleidung für die Eingebornen,
nach Java und Sumatra. Eine Glarner Spezialität
sind auch die „Nouclwirs", für die im Lande selbst
noch vielfach die Bezeichnung „Fazzenettli" gebraucht
wird (nach dem italienischen fazzoletto = Taschentuch).
        <pb n="84" />
        ﻿76

Ausfuhr

Anfänge der
Industrie

Zürcher Seide

In den letzten Jahren ist für die Baumwolldruckerei
wegen des verminderten Absatzes eine schlimme Zeit an-
gebrochen; einige Fabriken sind eingegangen. Gegen-
wärtig verlegt sich die Baumwollindustrie wieder mehr
aus die Herstellung feiner Gewebe, vor allein Musseline
für Ostasien.

Der Wert der ins Ausland verkauften Baumwoll-
fabrikate (Garne und Gewebe) belief sich 1912 auf
59 Mill. Fr. Die Ausfuhr macht etwa 2/a der Gesamt-
produktion aus; der Rest findet im Lande selbst Absatz.
Die Rohbaumwolle kommt zum großem Teil aus den
Südstaaten der Union; daneben liefert auch Ägypten ein
durch Qualität ausgezeichnetes Rohmaterial.

4.	Keidenindnjtine.

Für die Verarbeitung der Seide 'kommen als
Mittelpunkte die Städte Zürich und Basel in Betracht,
das erste für die Seidenstofsweberei, dieses für die Band-
weberei. Schon im Mittelalter war das Seidengewerbe
in Zürich heimisch; 1555 brachten ihm reformierte
Glaubensverfolgte aus Locarno eine neue Anregung.
Seither ist die Seidenindustrie für die Stadt und einen
weilen Umkreis zur Quelle des Reichtums geworden.
Die Seidenstoffweberei umfaßt außer Zürich hauptsächlich
die beiden Seeufer und das obere Glattal. Weiterhin
tritt sie mehr vereinzelt auf im Knonaueramt, im Aar-
gau und in der Jnnerschweiz. Die letzten Ausläufer
reichen über den Brünig ins Haslital und im Jura bis
nach Delsberg. Im Zürcher Oberland trifft sie mit der
St. Galler Baumwvllindustrie und Stickerei zusammen,
und im Aargau begegnet sie bereits den Bandwebstühlen,
die für Basel tätig sind. Die althergebrachte Hausweberei
mußte immer mehr hinter dem Fabrikbetrieb zurücktreten;
sie hat sich nur abseits der größern Verkehrswege und
der Fabriken meist als Nebenverdienst zur Landwirtschaft
erhalten.
        <pb n="85" />
        ﻿77

Italien und China liefern die Rohseide. Die Seiden
raupenzucht in der Südschweiz vermag infolge der aus-
ländischen Konkurrenz und einer weit verbreiteten Krank-
heit des Maulbeerbaumes eine nur geringe Menge von
Rohseide beizusteuern, die zum Teil an Ort und Stelle
gesponnen wird. Die Hauptaussuhr an Zürcher Seiden-
stoffen geht nach den Vereinigten Staaten und nach
England. Was an diesen Waren in der Schweiz bleibt,
beläuft sich auf jährlich 8—10 Will. Fr. Immerhin ist
der Selbstverbrauch nicht so hoch, da für einen ansehn-
lichen Betrag Seide an den Fremdenorten verkauft wird.

Die Seidenindustrie Basels geht auf die Mitte des
16. Jahrhunderts zurück, da Locarner und französische
Hugenotten in der Stadt Aufnahme fanden. Reben der
Spinnerei und der Färberei ist das Weben von Seiden-
bändern, die „Posamenterie", der wichtigste Zweig der
Industrie geworden. Die Bandweberei ist außerdem im
höher gelegenen Teil Basellands und in den angrenzenden
Bezirken der Kantone Aargau und Solothurn verbreitet,
wo sie meist als Hausarbeit einen Nebenverdienst zur
Landwirtschaft einbringt. Es bedeutet für die Posamen-
terie einen schweren Nachteil, daß der Verkauf von Jahr
zu Jahr stark schwankt, je nachdem die launenhafte Diode
die Seidenbänder begünstigt oder übergeht. Die ins
Ausland verkauften Bänder machen alljährlich den Wert
von 30—45 Mill. Fr. aus (1918 41 Mill. Fr.). Mehr
als die Hälfte davon geht nach England. Die Florett-
spinnerei Basels erzielt überdies einen Absatz von nahezu
30 Mill. Fr.

Inmitten des Stickerei- und Bamnwollbezirkes an
der Ostgrenze des Landes trifft man einen besonderen,
räumlich beschränkten Zweig der Seidenindustrie. Die
Leute im appenzellischen Wolfhaldcn und Lutzenberg weben
die Seidengaze, die unter dem Namen Bcuteltuch in der
Müllerei gebraucht wird. Hauptabnehmer sind die Ver-
einigten Staaten und Deutschland. Der Jahresexport
hat einen Weit von 5 Mill. Fr. (1912). Die Beutelluch-

Ausfuhr

Basler Seide

Ausfuhr

Beuteltuch-
weberei von
Lutzenberg
        <pb n="86" />
        ﻿78

Weberei muß in einem feuchten Raum betrieben werden,
wo die Seide geschmeidig bleibt und beim Weben nicht
so leicht reißt; meist ist ein Keller der Arbeitsraum.
Die feuchten, ungeheizten und schlecht gelüfteten Webkeller
haben den schädlichsten Einfluß aus die Gesundheit der
Arbeiter.

Im Jahre 1912 wurde Seide (Fabrikate und Roh-
seide) im Wert von 273 Mill. Fr. ausgeführt. An dieser
Zahl sind die Seidenstoffe des Zürcher Industriegebietes
am stärlsten beteiligt. Die Gesamteinfuhr, hauptsächlich
an Rohstoff, erreichte den Betrag von 177 Mill. Fr.

6. Ula|\ijirrenltan.

Anfänge	Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die ostschwei-

zerische Baum Wollindustrie unter der englischen Konkurrenz
zum Fabrikbetrieb überging, erstellten Etablissemente in
Zürich, Winterthur und Rüti die Spinnmaschinen und
mechanischen Webstühle; später kamen die Stickmaschinen
hinzu. Aus diesen Anfängen im Dienste der einheimischen
Textilindustrie entstand der schweizerische Maschinenbau.
Heute liefert er Werke aller erdenklicher Konstruktionen und
Gebiet und für die verschiedensten Arbeitsgebiete. Mit dem Maschinen-
des ^ {,au besassen sich zahlreiche Orte des Mittellandes von
'1,1 ' ' "Arbon bis Genf, und nordwärts des Jura, Schaffhausen
und Basel. Durch die Ausnutzung der Wasserkräfte
wurde diese Industrie mächtig angeregt und gefördert.
Die Zahl der Elektrizitätswerke an den Flußläufen wächst
von Jahr zu Jahr und bringt den Fabriken für elek-
trische Anlagen überreiche und lohnende Arbeit. Dieser
Zweig des Maschinenbaus wird noch mehr an Bedeutung
gewinnen, da die Schweiz bestrebt sein muß, die noch
brach liegenden Wasserkräfte für die Industrie und für
den Betrieb der Eisenbahnen heranzuziehen, um von der
ausländischen Kohle unabhängig zu werden. Die durch
teure Fracht erhöhten Kohlenpreise bedeuteten in unserem
Lande einen mächtigen Antrieb zum Bau von Dynamos;
        <pb n="87" />
        ﻿79

sie geben aber anderseits auch der Konstruktion von Dampf-
maschinen eine bestimmte Richtung. Die Ingenieure wett-
eifern darin, Werke zu erstellen, die bei gleicher Leistung
den geringsten Kohlenverbrauch aufweisen. Der sparsame
Betrieb ist einer der großen Vorzüge der schweizerischen
Dampfmaschinen geworden. In ähnlicher Weise spornten
der Arbeitermangel und die hohen Arbeitslöhne in Nord-
amerika die Ingenieure der Union an, automatisch ar-
beitende Maschinen zu konstruieren.

Unter den verschiedenartigen Produkten der Ma-
schinenindustrie seien- als einige der wichtigsten genannt:
die Webstühle, Spinn- und Stickmaschinen aus den oben
genannten Zürcher Fabrikorlen; die Lokomotiven von
Winterthur; die Dampfmaschinen für Schisse von Zürich
und Baden; die Dampfkessel von Winterthur; die Dy-
namos aus den Fabriken von Örlikon, Baden und
Mönchenstein bei Basel; die landwirtschaftlichen Ma-
schinen aus Winterthur. Mehr als die Hälfte der Ge-
samtproduktion findet im eigenen Lande Absatz. Die
Ausfuhr hat einen Wert von 92 Mill. Fr. (1912); sie
geht in erster Linie nach den vier Nachbarländern, meist
nach Deutschland und Frankreich. Dampfturbinen und
Dynamos tragen den Ruhm der schweizerischen Technik
bis in die fernsten Teile der Erde. Die Schweiz selbst
hat einen ungewöhnlich starken Bedarf an Maschinen.
Zn dem, was von der Eigenproduktion im Lande bleibt,
gesellt sich eine Einfuhr im Betrage von rund 55 Mill.
Franken, zum größten Teil aus Deutschland; an erster
Stelle stehen die landwirtschaftlichen Maschinen.

6. Ut^enirrdujlne.

Am Ende des 16. Jahrhunderts fand die Uhren-
industrie in Genf durch französische Hugenotten Eingang.
Sie wurde vorerst als Zweig der Goldschmiedearbeit
betrieben und galt als vornehme, nicht jedermann zu-

Erzeugnisse

Ausfuhr

Einfuhr

Entwicklung
        <pb n="88" />
        ﻿80

gänzliche Kunst; noch im 18. Jahrhundert war sie durch
strenge Vorschriften geregelt und eingeschränkt. Da fertigte
1681 Daniel Jean Richard in La Sagne die erste Uhr
in den Neuenburger Bergen an und wurde der Begründer
der jurassischen Uhrenindustrie. Eine Reihe günstiger
Umstände kamen ihr hier zu statten. Der magere, trockene
Kalkboden der rauhen Jurahöhen brachte von jeher einen
nur dürftigen Ertrag. Die langen und strengen Winter
verdammten die Bewohner zur Untätigkeit; Armut oder
Auswanderung war ihr Los. In solcher Not bedeutete
die Uhrenindustrie die Rettung des Lands. Der Juras-
sier brachte für die kunstvolle Arbeit eine glückliche An-
lage mit, und keine Berufsvorschriften hemmten hier den
allgemeinen Wetteifer, iinmer Vollkommeneres zu leisten.
Anfangs war die Uhrenmacherei winterlicher Nebeuver-
dienst zur Landwirtschaft; eine Hand fertigte damals
noch das vollständige komplizierte Werk an. Der reich-
liche Verdienst führte dann die meisten Arbeiter ganz zum
neuen Beruf hinüber, und die Teilung der Arbeit machte
es einem jeden möglich, auf seinem besonderen Gebiet
eine große Fertigkeit zu erwerben. Neben der Haus-
arbeit entstand das «atelier», in dem sich eine Anzahl
Arbeiter unter einein Chef zu gemeinschaftlicher Her-
stellung bestimmter Urteile vereinigten. Die 70er Jahre
des letzten Jahrhunderts brachten eine bedeutende Än-
derung. In den Vereinigten Staaten stellte man die
Uhren fabrikmäßig her. Die Konkurrenz der amerikani-
schen Fabrikate schädigte die schweizerische Industrie der-
art, daß sie ebenfalls den mechanischen Betrieb einrichten
mußte. Überall entstanden jetzt Uhrenfabriken, die mit
unvergleichlich genau und rasch arbeitenden Maschinen
die Bestandteile der Uhr herstellten. Vollkommene Ma-
schinen und die aufs Äußerste getriebene Arbeitsteilung
(es gibt etwa 150 verschiedene „Branchen" der Uhren-
industrie) steigerten Menge und Güte der Produktion
gewaltig. War die Uhr einst ein Luxnsgegenstand, so
kann sie jetzt durch die Massenproduktion so billig ge-
        <pb n="89" />
        ﻿81

liefert werden, daß sie zum selbstverständlichen und un-
entbehrlichen Besitz auch des Unbemittelten gehört.

Die Uhrenmacherei ist die wichtigste Industrie der Industriegebiet
Westschweiz. Ihr Gebiet umfaßt Genf, die Juraland- uub F^rNate
schäften der Kantvne Waadt, Neuenburg, Bern, Solo-
thurn, Baselland und reicht bis zur Stadt Schasfhausen.

In Genf hat sich die althergebrachte Verbindung der
Goldschmiedeknnst mit der Uhrenfabrikation bis heute er-
halten. Hier entstehen fast ausschließlich goldene Uhren,
zum Teil reich gravierte und edelsteingeschmückte Prunk-
stücke. Die Genfer Uhren genießen infolge der sorgfältigen
Arbeit als Präzisionswerke einen Weltruf. Chaux-de-
Fonds, der Mittelpunkt des Neuenburger Judustriebe-
zirkes, bringt neben den goldenen Uhren und den auf
größte Genauigkeit gearbeiteten Schisfschronometern auch
billige Ware auf den Markt. Die Fabriken der Berner
Juratäler endlich fertigen in Massen die für geringere
Ansprüche berechnete Uhr in einfacher Metallschale an.

Zahlreiche Fabriken an verschiedenen Orten des jurassi-
schen Industriegebietes befassen sich mit der Herstellung
der für die Uhrenmacherei notwendigen Werkzeuge und
Maschinen.

Die Uhrenindustrie ist hauptsächlich auf den Absatz Absatzgebiet-
ins Ausland angewiesen. In allen Weltteilen sind
Schweizer Geschäftsleute bemüht, für die Uhren neue
Absatzgebiete zu finden und die alten zu sichern. Was
von den Fabrikaten in der Schweiz bleibt, wird auf
rund 8 Milk. Fr. veranschlagt; in dieser Zahl sind die
Uhren inbegriffen, die vom fremden Reisepublikum
während des Aufenthaltes in unserem Lande gekauft
werden. Der Export von Uhren und Uhrenbestandteilen
belief sich im Jahre 1912 auf die Summe von 174 Will.

Franken. La Chaux-de-Fonds allein ist mit 3/s an der
Gesamtsumme beteiligt. Die bedeutendsten Abnehmer sind
Deutschland, England, Österreich, Rußland, Italien und
Ostasien. Die Vereinigten Staaten, die einst in der
Reihe der Käufer zuvorderst standen, suchen jetzt durch

Flückiger, Schweiz

6
        <pb n="90" />
        ﻿82

Hausindustrie

Wirkungen
der Industrie

hohe Zölle (60—80%) die Schweizer Uhren zum
Schutz ihrer eigenen Fabrikation fernzuhalten.

Heute hat beinahe jedes Juradorf seine Uhren-
fabrik, die «N8iu6». Daneben bestehen auch die Ateliers
weiter, als Fabriken im kleinen. Beide nehmen der
Hausindustrie die Arbeitskräfte weg; seit Jahrzehnten
geht sie stark zurück. Die Zahl der Hausarbeiter ist seit
1883 von 40000 auf 10000 gesunken, während doch
in der gleichen Zeit die Zahl der Uhrenmacher überhaupt
um '/§ anwuchs. Immerhin wird der Fabrikbetrieb die
Hansindustrie nicht ganz zugrunde richten, weil keine
Maschine gewisse Handarbeiten, wie das Zusammensetzen,
Gravieren und Reglieren ersetzen kann.

Der westschweizerische Jura verdankt der Uhren-
industrie den Wohlstand, der in dem Bild der stattlich
gebauten, volksreichen Dörfer zutage tritt. Die kunstreiche,
den Erfindergeist anregende Arbeit steigerte die geistige
Beweglichkeit und die Unternehmungslust auf allen Ge-
bieten. Der große Fortschritt wird besonders auffällig
bei einem Vergleich der Jndustriegegend mit solchen
Juratälern, wo der Bodenbau den einzigen Erwerb der
Bewohner bildet. Die Uhrenindustrie hat ein starkes
Wachstum der Volkszahl im Jura bewirkt. Sie hat in
der Meereshöhe von 1000 m in unwirtlicher Lage
Städte wie Chaux-de-Fonds mit 38000 und Locle mit
13000 Einwohnern aufblühen lassen. Alle die jurassischen
Jndustrieorte beziehen einen Teil ihrer Lebensmittel aus
den benachbarten Gegenden des Mittellandes. Auf diesein
Weg fließt von dem im Jura erarbeiteten Wohlstände
eine beträchtliche Summe der Landwirtschaft im Mittel-
lande zu. Wenn auch der Verkauf der Uhren nicht so
den Launen der Mode unterworfen ist, wie die Stickereien
St. Gallens oder die Seidenbänder Basels, so wird doch
auch die jurassische Industrie von Krisen heimgesucht; sie
entstehen meist durch die Überproduktion des modernen
Fabrikbetriebes. Solche Zeiten der verminderten Arbeits-
gelegenheit treffen nicht nur die Judustriebevölkerung mit
        <pb n="91" />
        ﻿83

aller Härte; die Folgen werden auch im benachbarten
Bauernland verspürt.

Uvrige Irrdirstrrren.

Die oben besprochenen Hauptindustrien der Schweiz
lassen sich in die beiden großen Gruppen der Textilin-
dustrie und der Metallverarbeitung einreihen. Daneben
werden aber noch eine Reihe weiterer Industrien be-
trieben; zum Teil schließen sie sich einer der beiden
Hauptgruppen an; andere nehmen eine selbständige
Stellung ein.

Die Wollindustrie ist ohne ausgesprochenes Wollindustrie
Zentrum an zahlreichen Orten des Mittellandes an-
sässig. Wegen des starken Niederganges der einheimischen
Schafzucht ist die Schweiz in der Lieferung der Noh-
wolle fast ganz auf das Ausland, vor allem Australien,
angewiesen. Gegenüber der Konkurrenz des Auslandes hat
die Wollindustrie einen schweren Stand. Für den Ex-
port stellt sie Kammgarne und Kammgarnstoffe her. Die
Militär-, Post- und Bahnverwaltungen des Inlandes
versorgt sie mit ganzwollenen Tuchen zur Anfertigung
der Uniformen. Die Fabrik- und Hausindustrie des
beimischen Emmeutals und Oberaargaus liefert den
braunen Halbleiu, der vielfach aus einheimischer Wolle
bereitet, als Kleidungsstoff der bäurischen Bevölkerung
noch heute weit verbreitet ist.

Auf einem Gang durch das Emmental oder den s-inenmdustrie
Oberaargau sieht man häufig inmitten des grünen Wies-
landes schimmernd weiße Flächen, die aus der Ferne
einen glänzenden Wasserspiegel vortäuschen, in der Nähe
betrachtet sich als Leinwand erweisen, die in vielen langen
Streifen nebeneinander zum Bleichen an die Sonne ge-
breitet wird. Das ist das Gebiet, dessen Bewohner seit
alter Zeit zu Hause spinnen und weben Sie stellen
heute meist fabrikmäßig die bekannte dauerhafte Berner-
Leinwand her. In frühern Jahrhunderten war die
        <pb n="92" />
        ﻿84

Strohflechterei

Metallindustrie

Leinenweberei in der Ostschweiz weit verbreitet. Sie
schulte die Arbeiter und Unternehmer für den technischen
und kaufmännischen Betrieb der nachfolgenden Bamnwoll-
fabrikation und Stickerei. Unter dem Übergewicht der
beiden Großindustrien ist das Leinengewcrbe hier ver-
schwunden.

Die Strohflechterei ist hauptsächlich im aar-
gauischen Freimut zu Hause; sie wird auch in den
Kantonen Freiburg und Luzern, in geringem Maß im
Tessin betrieben. Sie verarbeitet außer dem einheimischen
Weizen- und Roggenstroh auch Roßhaar und ostasiatisches
Flechtmaterial und erzeugt Strohbordüren, Strohstickereien
aus Roßhaaruntcrlage und Hüte. Die Ausfuhr macht
einen Betrag von 16 Mill. Fr. aus (1912) und geht
zum größten Teil nach England. Die Strohflechlerei
war früher nur Hausindustrie; seitdem mit Webstühlen
komplizierte Artikel angefertigt werden, ist sie größtenteils
in die Fabriken übergegangen. Als Hausarbeit ist sie
nieist Nebenverdienst zur Landwirtschaft und wird vor-
zugsweise im Winter ausgeübt.

Im Anschluß an den Maschinenbau müssen die
Herstellung des Roheisens im einzigen Hochofen der
Schweiz, Choindez (Berner Jura), und die Gieße-
reien der v. Rollschen Eisenwerke erwähnt werden.
Unter den Werkzeugfabriken ist die von Örlikon
am bekanntesten geworden. Die Alüminiumfabriken von
Neuhausen, Chippis und Orsieres (beide im Wallis)
fabrizieren Aluminium in so großer Menge, daß sie
nur von der Produktion der Bereinigten Staaten und
Frankreichs übertroffen wird. Verschiedene Städte des
Mittellandes bringen die Erzeugnisse der Feinmechanik,
die Präzisionsinstrumente, auf den Markt, so Zürich,
Aarau, Bern, Neuenburg und Genf; ihnen schließen sich
Basel und Schaffhausen an. In der Westschweiz geht
die Präzisionsmechanik mit der Uhrenindustrie zusammen,
und ebenso kann die Genfer Bijouterie als wichtiger
Zweig der Uhrenmacherei gelten. Inmitten des großen
        <pb n="93" />
        ﻿85

jurassischen Uhrenbezirkes nimmt Ste. Croix mit seinen
Fabriken für Musikwerke und Phonographen
eine Sonderstellung ein.

Die Erzeugnisse der Brienzer Holzschnitzler ei Holzindustrie
gehen teils direkt ins Ausland, teils werden sie an den
schweizerischen Fremdenorten verkauft. In neuerer Zeit
hat sich die Schnitzlerei über die altgewohnten Formen
hinaus der Innenausstattung zugewendet und findet
in der Verzierung von Möbeln eine lohnende Arbeit.

Chalet-,Parkette rie- und Möbelfabriken ver-
treten andere Gebiete der Holzindustrie. Die Papier-
fabrffen der Schweiz, die von Biberist bei Solothurn
an der Spitze, vermögen trotz ihrer starken Produktion
nicht, die beträchtliche Einfuhr von Papierwaren entbehrlich
zu machen.

Die Schuhfabrikativn, mit Schönenwerd bei Schuh-
Olten als Hauptsitz, hat es bereits zu einem Export von fahrn-mo»
14 Mill. Fr. gebracht, dem allerdings ein ungefähr gleich
hoher Import gegenübersteht. Die schweizerischen Fa-
briken beziehen das Leder größtenteils aus dem Ausland;
dafür vermag die Schweiz ihres Viehreichtums wegen
Häute für einen um wenig geringeren Betrag auszuführen.

Die chemische Industrie mit dem Mittelpunkt Chemische
in Basel hat sich in rascher Entwicklung mit einer Aus- Industrie
fuhr von 47 Mill. Fr. einen hohen Rang unter den
schweizerischen Industrien gesichert. Sie verlegt sich
vorzugsweise aus die Herstellung von Anilinfarben,

Säuren und Heilmitteln. Eine Reihe von Wasserkraft-
anlagen liefern die Erzeugnisse der Elektrochemie,
wie Kalziumkarbid (für die Azetylenbeleuchtunq) und
chlorsaures Kali.

Von der N a h r u n g s - und G e n u ß m i t t e l i n - Nahrung- „&gt;»&gt;
du st rie ist hier noch die Herstellung von Schokolade,

Konserven, Bier und Tabak zu erwähnen. Über Käse
und kondensierte Milch siehe Milchproduktivn Seite 68.

Die Fabrikation von Schokolade ist aus kleinen Schokolade
Anfängen der 80er Jahre zu einer Hauptindustrie mit
        <pb n="94" />
        ﻿86

Konserven

Bierbrauerei

Tabakindustrie

-Rückgang der
Hausindustrie

der Jahresausfuhr von 52 Mill. Fr. (1912) angewachsen.
Sie verdankt ihr Ansehen in erster Linie der Güte und
Mannigfaltigkeit ihrer Fabrikate; besondere Anerkennung
hat die Milchschokolade gefunden. Annähernd halb so
viel Schokolade, wie ins Ausland geht, wird von Ein-
heimischen und Fremden im Lande selbst verbraucht.
Der Rohstoff, Kakao, muß im Wert von 15 Mill. Fr.
größtenteils aus Mittel- und Südamerika bezogen werden.
Non der Gesamteinfuhr an Zucker mit 50 Mill. Fr. geht
ein ansehnlicher Teil in die Schololadefabriken. Der dem
Lande verbleibende Gewinn aus der Schokoladenindustrie
darf auf die Hälfte des Ausfuhrwertes geschätzt «erden.

Eine Reihe von Fabriken im Mittelland und im
Wallis erzeugen Obst- und Gemüsekonserven,
meist für den Bedarf des eigenen Landes. Andere Fa-
briken liefern Suppen- oder Fleischkonserven.
Daneben wird viel Büchsenfleisch eingeführt.

Die Bierbrauereien arbeiten fast ausschließlich
für den einheimischen Konsum. Die jährliche Produktion
wird auf 2 Mill. hl tut Wert von 40 Mill. Fr. geschätzt.
Dazu kommt die Einfuhr vorab von Münchner- und
Pilsenerbier im Wert von über 3 Mill. Fr. Die Schweiz
hat, auf die Volkszahl berechnet, einen sehr starken Ver-
brauch an Bier und Wein.

Die Tabak- und Zigarrenfabriken verar-
beiten zu dem im Lande gewachsenen Rohtabak die sieben-
fache Menge (88000 q im Wert von 12 Mill. Fr.) aus-
ländischer Blätter, meist wieder für den sehr bedeutenden
Verbrauch im Inland. Die bekanntesten Fabrikate stamnien
aus Vevey, Grandson, Reinach im aargauischen Wynen-
tal und aus Brissago.

8. Favvrk nnb Heimarkveit.

In nahezu allen Gebieten der Industrie hat wäh-
rend der letzten Jahrzehnte die Hausarbeit ihre frühere
Bedeutung eingebüßt. Die Groß- oder Fabrikindustrie
        <pb n="95" />
        ﻿87

entzieht ihr mehr und mehr die Arbeitskräfte. In ein-
zelnen Zweigen ist der Ruin der Hausindustrie bereits
eingetreten oder steht nahe bevor. Nur in der Stickerei
vermag die Fabrik die Hausarbeit nicht zu verdrängen.

Hier sind im Gegenteil Fabriken eingegangen, und die
sogenannten Plattstich-Stickmaschinen fanden den Weg in
die Wohnung des Einzelstickers zurück. Da die Plattstich-
Stickmaschinen von Hand bewegt werden müssen, so konnte
der fabrikmäßige Betrieb keinen Vorsprung gewinnen. Er
war wegen der vielen bindenden Vorschriften der Fabrik
gesetzgebung (siehe unten) der Hausstickerei gegenüber
sogar im Nachteil.

Der im übrigen allgemeine Rückgang der Heim- Vorzüge und
arbeit mag beklagt werden, weil der Massenbetrieb in Nachteile
der Fabrik die persönliche Art des Arbeiters verflacht,
sein Selbstbestimmungsrecht verkürzt und bisweilen durch
einseitige Beschäftigung das „Interesse und die Freude
am Beruf abstumpft; beim Übergang zur Großindustrie
verliert sich auch das Idyllische, das von jeher mit der
Heimarbeit verbunden schien. Dem gegenüber ist zu be-
achten, daß nur der Schritt von der häuslichen Klein-
arbeit zur raschen, genauen und billigen Fabrikproduktion
die Industrie vor dem Untergang rettete, der infolge der
Konkurrenz des Auslandes drohte. Das zeigt die Ge-
schichte der Spinnerei und Weberei und der Uhrenin-
dustrie. Die Arbeit ist in den Fabrikräumen überdies
der Gesundheit zuträglicher, als in den meisten Arbeits-
räumen der Hausindustrie. Das ist vor allem der eid-
genössischen Fabrikgesetzgebung seit 1876 zu danken. Sie Fabriigesetz
enthält zum Wohl der Arbeiter Vorschriften über Größe,
Beleuchtung, Lüftung und Schutzeinrichtungen der Ar-
beitsräume ; sie gestattet die Nachtarbeit und die Sonn
tagsarbeik nur in Ausnahmefällen; die tägliche Arbeits-
zeit darf in den Geschäften, die der Fabrikgesetzgebung
unterstellt sind, 11 Stunden, an Vorabenden von Sonn-
und Feiertagen 10 Stunden nicht übersteigen; Kinder
unter 14 Jahren dürfen nicht zur Fabrikarbeit verwendet
        <pb n="96" />
        ﻿88

Kinderarbeit

Landflucht

Werden. Für die Hausarbeit gelten diese Schutzbestim-
mungen nicht Da wird häufig in zu kleinen, schlecht
gelüfteten und ungenügend hellen Räumen gearbeitet,
ganz zu schweigen von den feuchten Stickerei- und Web-
kellern des St. Galler Industriegebietes. Anhaltende
Nachtarbeit, bei dringenden Aufträgen üblich, erschöpft
frühzeitig die Kräfte. Wenn die Arbeitsstelle gleichzeitig
als Wohnraum dienen muß, so leidet darunter die Ge-
sundheit der ganzen Familie.

Die Großindustrie entzieht den Arbeiter seiner Fa-
milie und mindert so das Gefühl der engen Zusammen-
gehörigkeit. Es gilt als größter Vorzug der Heimarbeit,
daß der Vater im Familienkreis bleibt und seinen Einfluß
bei der Erziehung der Kinder ausüben kann. Dem steht
als schwerer Nachteil gegenüber, daß gerade in der Haus-
industrie bei dem Mangel an Gesetzesvorschriften die
kindliche Arbeitskraft ausgebeutet wird; die Stickerei ist
wegen der übermäßigen Kinderarbeit geradezu berüchtigt.
Der ständige Aufenthalt in ungesunden Räumen und die
Überarbeitung schädigen die körperliche und geistige Ent-
wicklung der Kinder; das ist zweifellos die schlimmste
Begleiterscheinung der Hausindustrie.

9. Industrie rr.

Je mächtiger die Industrie anwuchs, desto stärker
war ihre Wirkung auf den Landbau. Mißmutig sah der
Bauer die Arbeiter scharenweise die Scholle verlassen und
den Städten, und Jndustrieorten zueilen, &gt;vo sie bei ge-
setzlich beschränkter Arbeitszeit und höherem Lohn ihre
Lage zu verbessern meinten. Infolge der Landflucht trat
im Bauernstand Arbeitermangel ein, der die Löhne in
die Höhe trieb und die landwirtschaftliche Produktion
verteuerte. Günstiger war die Stimmung des Bauern
meist gegenüber solchen Unternehmen, an denen er als
Lieferant direkt interessiert ist, wie Konservenfabriken,
Milchsiedereien, Zuckerfabrik Aarberg. Wie der Zug nach
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2 Kilom .
        <pb n="98" />
        ﻿89

der Stadt den Übergang vom Getreidebau zu Wiesen-
bau und Viehzucht beschleunigte, ist im Abschnitt über
die Landwirtschaft gesagt worden.

Im ganzen genommen hat der Aufschwung der Förderung der
Jndustrie auch den Landbau mächtig gefördert. Mit der randwnijchaft
starken Zunahme der industriellen Bevölkerung fanden
die Lebensmittel immer besseren Absatz und stiegen im
Preise. Die verstärkte Nachfrage spornte zu einem sorg-
fältigen, auf größten Ertrag gerichteten Bodenbau an
und steigerte den Wert des landwirtschaftlichen Grund-
besitzes. Will der Landwirt seine Erzeugnisse vorteilhaft
verkaufen, so muß die Zufuhr aus dem Ausland zurück-
gedämmt werden; ihm ist mit hohen Einfuhrzöllen auf
die Lebensrnittel (z. B. Schlachtvieh. Wein) am besten
gedient. Die Industrie dagegen hat ein Interesse an
wohlfeilen Nahrungsmitteln; eine teure Lebenshaltung
treibt die Arbeitslöhne und damit auch den Preis der
Fabrikate in die Höhe und erschwert den Wettbewerb
mit der ausländischen Industrie. Gleich den andern
Industrieländern muß auch die Schweiz in den Zoll-
verträgen die einander widersprechenden Forderungen der
Landwirtschaft und der Industrie berücksichtigen.

Die Industrie unseres Landes beschränkt sich nicht Dezentralisation
auf wenige, große Fabrikstädte. Sie hat ihren Weg der Industrie
auch auf das Land und in die entlegenen Gebirgstäler
hinein gefunden. Hier sind die Bodenpreise niedriger,
Lebenshaltung und Arbeitslöhne meist billiger als in der
Stadt. Nicht selten bestimmt auch die Wasserkraft eines
Baches den Ort einer Fabrikanlage. In einzelnen Jn-
dustriegegenden steht beinahe in jedem Dorf eine Fabrik,
so im Gebiet der jurassischen Uhrenindustrie. Eine solche Verbindung von
Dezentralisation macht es vielen Arbeitern möglich, neben- d-ndb-u und
her noch Landwirtschaft zu treiben, als Nebenverdienst
und als Gegengewicht zur einseitigen Berufstätigkeit.

Die Verbindung von Landwirtschaft und Industrie wird
zur Regel in einzelnen Hausindustrien, wie Stickerei,

Band- und Seidenweberei. In den beiden letztgenannten
        <pb n="99" />
        ﻿90

Verbreitung der
Hausindustrie

Zweigen kehrt sich das Verhältnis geradezu um: die
Landwirtschaft ist Hauptberuf, die Weberei nur Neben-
verdienst, und liegt der Frau und den Töchtern des
Hauses ob. Der Bauer sieht diese Hausindustrie nicht
ungern; die Töchter bleiben in der Familie und sind
der Notwendigkeit enthoben, ihren Unterhalt in der
Stadt zu suchen. In den Zeiten der dringenden Land-
arbeit helfen sie als billige und zuverlässige Arbeitskräfte
aus und kehren nachher wieder zum Webstuhl zurück.
Flauer Geschäftsgang macht meist zuerst den Hausin-
dustrieüen arbeitslos. Treibt er daneben Landwirtschaft,
so trifft ihn die Not nicht so hart, wie den Arbeiter,
der nur auf den Fabriklohn angewiesen ist. Von einem
Weberelend, wie es iin schlesischen Gebirge in der Leinen-
weberei vorkommt, ist in der Schweiz kaum die Rede.
Wenn ein Arbeiter in zwei Berufsarten tätig ist, so liegt
allerdings die Gefahr nahe, daß eine oder gar beide da-
runter leiden. Die bäuerlichen Sticker im St. Galler
Rheintal und im Appenzell vertauschen häufig den feinen
Plattstich, für den die rauhen Hände nicht recht stanzen,-
mit der Kettenstich- oder Grobstickerei. In der L-eiden-
Hausweberei ist die Klage fast allgemein, daß kein Fort-
schritt erzielt wird; die Arbeiterinnen betrachten das
Weben nur als Nebenverdienst und legen keinen großen
Lerneifer an den Tag.

Die Hausindustrie ist vorab in solchen bäuerlichen
Gegenden heimisch, wo Wiesenbau und Viehzucht vor-
herrschen. Dagegen fehlt sie meist in Landstrichen mit
starkem Ackerbau; hier sind alle Hände und mit nur
geringer Unterbrechung in der Feldarbeit beschäftigt. So
besteht folgendes Verhältnis zwischen Industrie und Land-
bau: die Flucht der Arbeitskräfte nach den Industrie-
orten drängte die Landwirtschaft zum Futterbau und zur
Viehzucht; diese bewahrten wiederum einzelne Hausin-
dustrien vor dem Ruin.
        <pb n="100" />
        ﻿Handel

Nach Bodengestalt, Bodenart und Klima zeigen die Binnenhandel
einzeln Landschaften der Schweiz die größten Unterschiede;
ebenso ungleichartig ist ihre Produktion. Dieser Umstand
nötigte von jeher zu einem lebhaften Güteraustausch zwi-
schen dem Norden und Süden, zwischen Flachland und
Gebirge, zwischen Land und Stadt. In günstiger Ver-
kehrslage entwickelten sich eine Reihe von Orten zu
Handelsmittelpunkten, häufig an Stellen, wo Straßen
aus verschiedener Richtung zusammenlaufen. Solche
Straßenknoten finden sich an der Eingangspforte zu
reich verzweigten Talschaften (Chur. Thun), an altge-
wohnten Flußübergängen (Brugg) und am untern Ende
der Seen (Genf, Neuenburg, Biel, Thun, Luzern, Zürich;
ebenso gilt es für Konstanz).

Ungleich wichtiger als der Binnenhandel ist der
Güteraustausch mit dem Ausland, der Spezialhandel, Spezi«,Handel
dem einzelne Grenzorte ihr Aufblühen verdanken; so
leitet Basel den Verkehr aus dem Rheingebiet und von
der Nordsee her, Genf den Verkehr vom Mittelländischen
Meere durch das Rhonetal in die Schweiz hinein. Einst
war die Schweiz als abgeschlossenes Bergland zum
guten Teil genötigt, sich selbst mit Lebensmitteln und
andern Bedürfnissen zu versorgen. Das Aufblühen der
Industrie, die starke Zunahme der industriellen Bevöl-
kerung und der gesteigerte Verkehr brachten unserm Land
ganz andere Verhältnisse. Heute ist die Schweiz darauf
angewiesen, die Erzeugnisse seiner hochentwickelten In-
dustrie gegen ausländische Lebensmittel und Rohstoffe
        <pb n="101" />
        ﻿92

auszutauschen. In der gleichen Lage befinden sich die
meisten Länder Westeuropas. Dagegen vermögen die
verhältnismäßig schwach bevölkerten Ackerbauländer Ost-
europas dem industriellen Westen ihren Überfluß an
Lebensmitteln abzugeben.

Einfuhr und Die Gesamteinfuhr der Schweiz erreichte 1912 den
Ausfuhr sffieit ßon 1979 UM. Fr., die Ausfuhr 1358 Mill. Fr.
Mit dieser gewaltigen Handelsbewegung steht die Schweiz,
nach der Kopfzahl der Bevölkerung berechnet, weitaus
an der Spitze aller Länder. Die Mehreinfuhr hat nicht
notwendigerweise die Verarmung des Landes zur Folge;
denn durch den Fremdenverkehr und durch Geschäftsunter-
nehmungen kommen bedeutende Summen über die Grenze
herein, die den Unterschied im Güteraustausch mehr als
aufwiegen.

Handel mit den Die Binnenlage nötigt die Schweiz zu einem starken

Grenzländern Warenaustausch mit den Grenzländern. Vor allem lehnt
sie sich an Deutschland an, wie aus der hohen deutschen
Einfuhr hervorgeht; Deutschland sieht in der Schweiz
einen trotz der geringen Größe des Landes wichtigen
Abnehmer seiner Produkte. Unter den vier Grenzstaaten
hat Österreich-Ungarn die schwächsten Handelsbeziehungen
zur Schweiz. Der Grund liegt wohl darin, daß sich
das schwach bevölkerte und an Hilfsmitteln arme öster-
reichische Alpenland als breite Schranke zwischen der
Schweiz und dem Keruland des Donaustaates aufrichtet.
Anteil in Die folgenden Zahlen zeigen den Anteil einzelner
Prozenten Länder an der Einfuhr und Ausfuhr der Schweiz in
Prozenten *.

	Einfuhr	Aussuhr
Deutschland	330/0	230/0
Österreich-Ungarn	6°/o	6 0/0
Die vier Grenzländer	68O/0	46»/o
Europa	860/0	750/0
1 Alle Zahlen gelten für 1912.
        <pb n="102" />
        ﻿93

Die wichtigsten Bezugs- und Absatzgebiete sind mit Einfuhr und
folgenden Summen beteiligt (in Mill. Fr. abgerundet); ^ss-ch^nach

Total	Einfuhr  1979	Ausfuhr  1358
Deutschland	647	307
Österreich-Ungarn	122	89
Frankreich	376	138
Italien	193	91
Grenzländer	1338	624
Belgien	39	28
Großbritannien	117	230
Rußland	80	48
Spanien	30	27
Niederlande	22	12
Rumänien	43	10
Ägypten	25	6
Britisch Indien	11	22
China	10	5
Japan	16	8
Kanada	14	32
Vereinigte Staaten	84	136
Brasilien	21	22
Argentinien	36	30
Australien	15	19

Bezugsländer. Die Schweiz bezieht die Lebens- Be,»M°nder
mittel zum größten Teil ans Rußland, aus den vier ?°bc»s»,ittcl
Nachbarländern, Rumänien, Spanien und Amerika. Ruß-
land und Rumänien liefern den Weizen, Frankreich,

Italien und Spanien Wein, die Nachbarländer, mit
Frankreich an der Spitze, das Schlachtvieh. Den Zucker-
bedarf deckt Österreich mehr als zur Hälfte. Der Kaffee
stammt vorwiegend aus Brasilien und Zentralamerika,

Reis aus Italien und Britisch Indien, Speiseöl aus
Südfrankreich.
        <pb n="103" />
        ﻿94

Rohstoffe	Die Rohstoffe machen mehr als 1/3 der Einfuhr

aus. Deutschland liefert uns Kohle und Eisen, China,
Japan, Italien und Frankreich die Rohseide; die Baum-
wolle stammt zu gleichen Teilen aus Ägypten und den
Südstaaten.der Union, die Wolle aus Australien. Holz
wird aus Österreich, Petrol aus der Union und aus
Österreich zugeführt.

Fabrikate An der Einfuhr fremder Fabrikate ist Deutschland
in hohem Maße beteiligt. Von der Gesamteinfuhr an In-
dustrie-Erzeugnissen (1912) im Wert von 653 Mill. Fr.
macht der deutsche Anteil 363 Mill. Fr. aus. Darin
nehmen Maschinen, Eisenwaren und Textilwaren die erste
Stelle ein. Ähnlich ist das Verhältnis bei der Einfuhr
aus Frankreich, deren Betrag allerdings nur 1/4 der deut-
schen ausmacht. Die Einfuhr an Fabrikaten aus Eng-
land besteht vorwiegend aus Woll- und Baumwollstoffen.

Absatz,,Inder	Absatzländer. In den Ausfuhrziffern der Schweiz

tritt klar die hohe Bedeutung der Industrie zutage, machen
doch die Fabrikate mit rund 1 Milliarde 3/4 des gesamten
Exportwertes aus. Als beste Abnehmer der schweizerischen
Fabrikate stehen Deutschland mit 194 und England mit
186 Mill. Fr. in der vordersten Reihe; die Vereinigten
Staaten folgen mit 115 Mill. Fr. Vom Export schwei-
zerischer Fabrikate war im einzelnen im Abschnitt über
die Industrie die Rede (Seite 70).

Einfuhr und Übersicht der Einfuhr und Ausfuhr nach Waren-
W°?kngattuÄnSa"ungen im Jahr 1912 (die Zahlen bedeuten Mill. Fr.):

Einfuhr:

Lebensmittel	629 —	31,77 °/o

Rohstoffe	697 =	35,240/o

Fabrikate	653 —	32,99 °/o

Ausfuhr:

Lebensmittel	198 —	14,59 0/0

Rohstoffe	149 —	11	°/o

Fabrikate	1010	—	74,410/0

Die Zolleinnahmen 1912 ergaben	87 Mill. Fr.

-&lt;♦&gt;*&lt;♦&gt;------
        <pb n="104" />
        ﻿Uehrkehvswege

1. AUgemernes.

Alpen und Jura umrahmen die Schweiz als mäch- Einfluß *&gt;»-
tige Grenzmauern. An ihnen staut sich der Verkehr. Sie Gebirge
scheinen unserem Land eine strenge Abgeschlossenheit von
den Nachbarländern im Norden und Süden aufzulegen.

Dagegen leitet die Mulde zwischen den beiden Gebirgen,
das Mittelland, die Verkehrswege wie in einem breiten
Kanal in west-östlicher Richtung. Das Mittelland wird
so zum natürlichen Durchgang zwischen dem französischen
Rhonegebiet und den Ländern an der obern Donau.

Zwischen Nord- und Südenropa besteht infolge des
klimatischen Gegensatzes ein viel größerer Unterschied in
den Landeserzeugnissen, als zwischen den Ländern, die
westlich und östlich der Schweiz liegen. Das führt zu
einem besonders lebhaften Güteraustausch in der Nord-Rordsüd-Verteh
südrichtung, quer zu den Bergketten des Jura und der
Alpen, die somit gerade dem Hauptverkehr ein Hindernis
in den Weg legen.

Im allgemeinen passen sich die Wege den Tallinien
an, die ihnen den Vorteil der geringsten Steigung ge-
währen. Der Kleinverkehr stockt an einem Hindernis oder
sucht es zu umgehen. Der durchgehende große Verkehr
dagegen überwindet mit den reichen Mitteln der Technik
die Gebirgsschranken und bahnt sich den kürzesten und
bequemsten Weg. Von jeher führten zahlreiche Pässe über Pässe und
Alpen und Jura hinweg^ viele davon sind im letzten Straßen
Jahrhundert zu breiten Straßen umgebaut worden; vor
        <pb n="105" />
        ﻿96

allem aber haben die Eisenbahnen, dem ungünstigen Bau
des Landes zum Trotz, quer durch die Gebirge den Welt-
verkehr mitten durch unser Land geleitet 1.

Jura	Am Steilabfall des Jura gegen das Mittelland

liegt ein natürliches Verkehrshindernis; nur vereinzelte
Lücken öffnen einen Durchgang. Häufig folgen die Wege
den Querdurchbrüchen der Flüsse. Der Rhonedurchbruch
unterhalb Genf ist die Eingangspforte zur Schweiz vom
südwestlichen Frankreich her. Die großen Verkehrswege
aus dem Norden Frankreichs dringen bei Vällorbe, durch
das Traverstal und bei Locke durch das St. Jmmertal
in das Miltelland ein. Basel sammelt wie ein Brenn-
punkt des Verkehrs die Wege aus dem nordöstlichen
Frankreich und dem Rheingebiet und leitet sie durch drei
Flußtäler quer durch den Jura in die innere Schweiz:
der Birs entlang über die Pierre Pertuis (Siehe Karte IV),
durch das Tal der Ergötz zum obern und untern Hauen-
stein und durch das Fricktal über den Bötzberg. Der
Durchbruch der Aare von Brugg zum Rhein hinaus
wird als Verkehrsweg durch den weniger zugänglichen
und verhältnismäßig schwach bevölkerten Schwarzwald,
der breit vor dem Ausgang liegt, stark beeinträchtigt.
Durch die Lücke zwischen dem Schasfhauser Randen und
dem Bodensee dringen dagegen die Wege ungehindert über
den Rhein hinweg nach Süddeutschland ein. Die aus-
gedehnte Wasserfläche des Bodensees ist ein weiteres
Hemmnis, das vom Schnellverkehr umgangen werden muß.

Alpen	Die Alpen sind nicht ihrer Mächtigkeit entsprechend

unwegsam. Tiefgefurchte und geräumige Täler leiten die
Wege zu den innern Landschaften des Gebirges und über
zahlreiche Einsattelungen hinweg. Von der einzigartigen
Stellung des Gotthards war bereits die Rede (Seite 8).
Als zentraler Alpenübergang vermittelt er vor allem den
Verkehr zwischen den Rheinlanden und Norditalien. Die
Pässe der Berner und Glarner Alpen stehen an Bedeu-

i Über die Flußschiffahrt f. Seite 42.
        <pb n="106" />
        ﻿97

tung weit hinter dem Gotthard zurück. Der große Ver-
kehr unigeht die beiden Flügel der Nordalpen und dringt
durch die Pforten des Rhone- und Nheintales zu den
Bergübergängen der Südalpen vor; seit kurzem öffnet
die Lötschbergbahn einen direkten Zugang durch die Berner
Alpen ins Wallis zum Simplontunnel. Die reiche Glie-
derung der Bergketten durch Quertäler und Paßeinschnitte
erleichtert den Güteraustausch querüber in solchem Maße,
daß die Alpen von jeher als eines der meistbegangenen
Gebirge gelten konnten. Über den Großen St. Bernhard,
Simplon, Splügen, Septimen und Julien führten viel-
benutzte römische Pässe ins Mittelland und zur Rhein-
umbiegung bei Basel hinaus.

Die Hügel des Mittellandes sind für den Verkehr
ein viel geringeres Hemmnis als die Alpen- und Jura-
ketten; immerhin folgen die Wege auch hier sorgfältig
den tiefsten Stellen und weichen den Höhen nach Mög-
lichkeit ans. Ohne Stufe treten die Flußtäler aus den
Alpen ins Mittelland ein und ziehen zwischen den parallel
laufenden Höhenrücken zum Jurafuß hinüber. Ungehindert
dringt der Verkehr aus bequemen Wegen aus dem Mittel-
land in die Alpentäler ein und knüpft zwischen den bei-
den ungleich gearteten Landschaften bisweilen engere Be-
ziehungen, als sie im Mittelland in der Westostrichtung
von Abschnitt zu Abschnitt bestehen. Hier drängen die
quer zum Jura hinüberziehenden Hügel und Täler den
Verkehr aus der geraden Richtung ab. So umgeht die
kürzeste Verbindung zwischen Zürich und Bern die Hügel-
reihe, indem sie dem Limmattal und dann der breiten
Senke des Aaretales folgt.

In der Neuzeit ist der Gütertransport und der
Personenverkehr auf größere Entfernung fast gänzlich auf
die Eisenbahn übergegangen. Die Straßen haben im
stark anschwellenden, örtlichen Kleinverkehr und als Zu-
sahrtslinien zu den Bahnen einen Ersatz gefunden. Der
Bau der Alpenbahnen nahm den Alpenstraßen einen
großen Teil ihrer frühern Bedeutung; insbesondere gilt

Flückiger, Schweiz

Mittelland

Eisenbahnen
nnd Straßen

7
        <pb n="107" />
        ﻿98

dies von den Übergängen, die von Bahnlinien unter-
tunnelt worden sind, Simplon, Gotthard, Albula. Fin-
den engen Zusammenschluß benachbarter Talschaften, für
den Touristen- und Lokalverkehr bleibt der Wert der
Alpenstraßen ungeschmälert.

2. Grsenvlrhnerr.

Wirkung des Der Bau von Eisenbahnen verschaffte der Schweiz
Bal,»Verkehrs einen bequemeren Zugang zu den Nachbarländern und
einen Ausgang an die Nordsee und an das Mittelländische
Meer. Schien die Schweiz vor der Mitte des letzten
Jahrhunderts eher für die Weltabgeschiedenheit eines
Berglandes bestimmt, so rückten die durchgehenden Eisen-
bahnlinien dieses Bergland mitten in den Weltverkehr
hinein. Die Eisenbahnen und die Industrie förderten
einander gegenseitig. Wie infolge des erleichterten Ver-
kehrs die schweizerische Landwirtschaft den Getreidebau
aufgab und sich dem Wiesenbau und der Viehzucht zu-
wandte, wurde früher besprochen. Die Eisenbahnen er-
schlossen die Schweiz den Scharen des internationalen
Reisepublikums; sie setzten überdies auch das einheimische
Volk in Bewegung, ist doch die zunehmende Volksver-
mischung nach Herkunft, Sprache und Glaubensbekenntnis
zum guten Teil dem erleichteiten und gesteigerten Verkehr
der Neuzeit zuzuschreiben.

Das Berg- und Hügelland der Schweiz schien sich
anfänglich zum Bau von Eisenbahnen nicht zu eignen;
nur im Flachland glaubte man, den natürlichen Wegen
folgend, den Betrieb durchführen zu können. Der fort-
schreitenden Technik ist es gelungen, die Schranken zu
überwinden und die Eisenbahnen mit Hülfe großartiger
Kunstbauten quer durch das Gebirge hindurchzuführen.
Dichte des Heute besitzen die schweizerischen Bahnstrecken eine Ge-
B-lhlmetzes samtlänge von rund 5000 km. Weitaus der größte An-
teil fällt auf das dichtbevölkerte Mittelland und auf den
Jura; hier ist das Eisenbahnnetz so engmaschig wie im
        <pb n="108" />
        ﻿99

industriellen Nordfrankreich. Die Länge des Bahnnetzes,
auf die Gesamtfläche berechnet, ergibt eine Dichte der
Eisenbahnlinien, mit der sich die Schweiz neben Deutsch-
land und England stellt und nur hinter dem hochin-
dustriellen Belgien zurückbleibt.

Als erste Bahn auf dem Boden unseres Landes Entwicklung des
entstand 1844 die Linie von St. Ludwig .nach Basel; B-ihnneyes
sie war bestimmt, die Handelsstadt am Rhein den mittel-
europäischen Linien anzuschließen. 1847 wurde die erste
Strecke des Mittellandes, Zürich-Baden, dem Betrieb
übergeben, ein Teilstück des nachmaligen Hauptstranges
vom Bodensee zum Genfersee. 1857 trat das mittel-
schweizerische Eisenbahnnetz durch den Hauenstein über
Basel mit den Linien des Rheingebietes in Verbindung.

Endlich wurde 1882 mit Unterstützung Deutschlands und
Italiens die Gotthardbahn fertig gestellt, die durch den
Wall der Alpen hindurch das Bahnnetz Mittel- und
Nordeuropas mit demjenigen der Poebene verknüpfte und
gleichzeitig das ennetbirgische Land enger an die übrige
Schweiz anschloß. Sie öffnete als neue Hauptlinie neben
dem Brenner in den Ostalpen und dem Mont Cenis in
den Westalpen dem Personenverkehr und Güteraustausch
zwischen Nord- und Südeuropa einen Weg mitten durch
die Schweiz. Mit 1884 brachte die Arlbergbahu eine
Verbindung der Schweiz mit dem Herzen der österreichi-
schen Monarchie durch die Täler der Ostalpen hindurch.

1906 erhielt die Schweiz in der Simplonlinie die zweite
Zufahrt nach Italien. Gemäß der Volksabstimmung 1898
sind die meisten wichtigen Linien des schweizerischen Eisen-
bahnnetzes an der Jahrhundertwende aus den Händen
der Privatgesellschaften an den Bund übergegangen und
tragen nunmehr den Namen „Schweizerische Bundes-
bahnen".

Das Eisenbahnkreuz Genf-Bodensee und Basel- Grundlage de«
(oder Schaffhausen-)Gotthard-Chiasso bildet die Grund- Eisenbahn,,eyes
läge des schweizerischen Netzes; die erste Linie entspricht
der Längsrichtung des Landes; die Gotthardbahn ist der
        <pb n="109" />
        ﻿100

Genf-Bodensee

Arlberg

Genf-Basel

Hauptstrang quer hindurch. Dazu gesellen sich einige
andere Strecken, die als Teilslücke durchgehender Linien
einen starken Verkehr zu bewältigen haben K

1.	Genf-Bodensee. Genf sammelt als süd-
westliches Eiugangstor der Schweiz den Verkehr von
Spanien und dem südlichen Frankreich her. Die Haupt-
linie des Mittellandes zieht sich von Genf über Lausanne,
Freiburg. Bern, Olten, Aarau, Brugg, Zürich und Winter-
lhur nach Romanshorn oder nach St. Gallen-Rorschach
und leitet nordostwärts zu den Donauländern über. Ein
zweiter Hauptarm geht von Lausanne durch die Senke
am Jurafuße über Neuenburg, Biel uud Solothurn nach
Olten. Diese Strecke liegt tiefer als die Linie über Bern
und wird besonders für den Güterverkehr bevorzugt.
Die parallel laufende Broyetalbahn übernimmt in neuerer
Zeit einen Teil der Güterzüge, um die Hauptlinien zu
entlasten.

2.	Arlberglinie. Die - von Frankreich her durch
den Jura ins Miltelland mündenden Bahnen laufen in
Zürich zusammen; zu der Genf-Bodenseebahn kommt die
Linie, die von Nordfrankreich her den Verkehr über
Basel und durch den Bötzbergtunnel leitet. Eine natür-
liche Fortsetzung geht dem Zürich- und Walensee entlang
ins Rheintal hinüber und wendet sich von Buchs aus
dem Arlbergtunnel zu. Die Arlbergbahn übernimmt einen
Teil des Verkehrs der Orientlinie Paris-München-Wien-
Konstantinopel. In Wien trifft sie wieder mit der Haupt-
linie zusammen.

3.	Genf-Basel. Das französische Rhonetal und
Südwestdeutschland stehen durch die Bahn Genf-Basel
miteinander in Verbindung. Dem Jurafuß entlang fällt
sie mit der Längsbahn des Mittellandes zusammen. Von
Biel aus steigt sie durch die Klus von Reuchenette zur
Pierre Pertuis empor und folgt dann durch Längstäler
und Klüsen dem gestaffelten Lauf der Airs nach Basel.

1 Über Tounstenbahnen Seite 107.
        <pb n="110" />
        ﻿101

4.	Gotthard. Die Nordsüdbahn der Schweiz
* dient dem Verkehr aus dem industriereichen Westdeutsch-
land (Rheingebiet) und Belgien nach Italien. Sie geht
über Basel, Hauensteintunneh Olten, Luzern, Gotthard,
Bellinzona, Lugano und Chiasso nach dem Mittelpunkt
der Poebene, Mailand. Eine zweite wichtige Zufahrt
zum Gotthard betritt von Stuttgart her die Schweiz.
Sie führt über Zürich, schneidet den frühern Umweg um
den Aldis durch den Albistunnel ab und erreicht über
Zug bei Goldau die Luzerner Linie. Zürich und Mailand
dürfen als Endpunkte der Gotthardbahn gelten. Der
15 Km lange Gotthardtunnel liegt in seiner Mitte bei
1154m Meereshöhe; dies verleiht der Gotthardbahn
eine größere Leistungsfähigkeit gegenüber den beiden außer-
schweizerischen Alpenbahnen, dem Brenner im Osten, mit
1367 m und dem Mont Cenis im Westen mit 1295 m
Scheitelhöhe. Um dem Gotthard den Vorsprung zu
sichern, kommen die Bundesbahnen dem französischen
Projekt eines Mont Cenis-Baststunnels1 zuvor durch
den Bau eines Hauenstein-Basistunnels, der die gegen-
wärtige Scheitelhöhe um 110 m tiefer legen und die
Zufahrt zum Gotthard beschleunigen soll. Die Gotlhard-
bahn öffnet der Schweiz den Zugang zum Nächstliegenden
Seehafen, zu Genua. Auf diesem Weg gelangt ein Teil
des Weizens aus Südosteuropa in unser Land.

5.	Simplon-Lötschberg. Die Simplonbahn
führt aus dem östlichen und nördlichen Frankreich durch
die Westschweiz über Vallorbe, Lausanne und durch den
Simplontunnel nach Norditalien; hier mündet sie in den
Städten Mailand und Turin. Seit, der Eröffnung der
Zusahrtslinie Delle-Bern-Lötschberg, deren Einzugsgebiet
das industrielle Nordostfrankreich, Belgien und Eng-
land umfaßt, zieht sie auch einen Teil des bisherigen
Gotthardverkehrs an sich. Überdies soll der Juradurch-

* D. h. der Tunnel geht durch den Fuß oder die Basis des
Gebirges.

Gotthard

Simplou-

Lötschberg
        <pb n="111" />
        ﻿102

stich Frasne-Vallorbe für die Simplonlinie, die Kürzung
Münster-Grenchen für den Lötschberg eine bessere Zufahrt
schaffen. Borläufig ist der Gütertransport durch den
Simplon noch gering und steht in keinem Verhältnis zu
den hohen Baukosten; von den neuen Zufahrten erwartet
inan eine starke Steigerung des Verkehrs. Gegenüber
allen andern Alpenbahnen ist der Simplon mit einer
Scheitelhöhe von nur 705 in in dem 20 Irin langen
Basistunnel in beträchtlichem Vorteil. Dagegen hat die
Lötschbergbahn im 13 km langen Tunnel die Höhe von
1249 m zu überwinden. Sie wird, von Spiez bis Brig,
elektrisch betrieben.

Bahnprojekte Bah »Projekte. Die zwei durchgehenden Alpenbahnen
am Gotthard und am Simplon leiten den Weltverkehr hier durch
die Zentralschweiz und Las Tessin, dort durch das Waadtland
und das Wallis. Neuerdings verschafft sich auch Bern durch die
Simplonzusahrt im Lötschberg und im Juradurchbruch Münster-
Grenchen eine günstige Berkehrslage. Die übrigen Landesteile
liegen mehr oder weniger abseits der Alpenquerbahnen; immer
energischer dringen sie auf den Bau eigener, durchgehender Linien.
Der alles beherrschende Nordsüdverkehr und die Querteilnng des
Mittellandes durch die Flnßtäler und Hügelzüge zerlegen die ganze
Schweiz von Westen nach Osten in Verkehrsabschnitte; jeder der-
selben betreibt mit besonderem Interesse den Alpen- und Jura-
durchstich, der ihm den Verkehr zuleiten soll. In Graubünden
Splügen Greina kämpfen vorläufig noch das Splügen- und das Greinaprojekt um
den Vorzug bei der künftigen Anlage der Ostalpenbahn. Der
Splügen gewährt die kürzeste und zugleich selbständige Zufahrt
Bllndens zur Poebene hinaus; dagegen gereicht ihm der Umstand
zum Schaden, daß der Südausgang des Scheiteltunnels wie beim
Simplon auf italienisches Gebiet zu liegen käme, ferner, daß die
übrigen Projekte eine längere.Strecke auf Schweizerboden verlegen
und so der Schweiz einen größer» Anteil an den Betriebsein-
nahmen bringen würden. Die Greinabahn wäre ein rein schwei-
zerisches Unternehmen, könnte aber nur als Zusahrts- und Hilfs-
linie der Gottharobahn gelten. Das Splügenprojekt sieht eine
Scheitelhöhe von 1033 m, die Greinabahn eine solche von 918 m
        <pb n="112" />
        ﻿103

vor. Die letztere müßte in einem Töditnnncl die Fortsetzung durch
das Glarnerland, über Zürich und Schaffhausen durch den Randen
hindurch nach Süddentschland finden. Der Splügen würde da-
gegen den Verkehr vom Comersee her über Chur zum Bodensec
hinaus leiten. Genf, im Winkel zwischen Jura und Alpen einge-
engt, wünscht durch den Faucille-Durchstich einen direkten Zugang
ans Nordfrankreich zu erhalten. Nach einem französischen Projekt
soll einst diese Linie durch einen Mont Blanc Basistunnel zur
Poebene weitergeführt werden. Für einige dieser Alpenbahnen
sind Tunnels von über 20 Km Länge vorgesehen.

Verkehrsmittelp unkte. Die wichtigsten Ver-
kehrszentren liegen im Mittelland an den Schniltpunkten
der Nordsüdlinien mit der Linie Genf-Bodensee; es sind
die Städte Zürich, Olten, Bern und Lausanne.
Die Gotthardzufahrt und der Schienenstrang vom Genfer-
see zum Bodensee wird in Zürich überdies von der Linie
Paris-Basel-Arlberg geschnitten; die unvergleichlich gün-
stige Verkehrslage gibt Zürich ein Übergewicht gegenüber
den andern Eisenbahnknotenpunkten. Unter den andern
wichtigen Plätzen im Mittelland sind die Eisenbahngabeln
Biel und Winterthur zu nennen. An der Landes-
grenze liegen die bedeutendsten Verkehrsmittelpunkte an
den Eingangstoreu, da wo das schweizerische Eisenbahn-
netz den Anschluß an die ausländischen Bahnen findet.
Der stärkste Verkehr mit dem Ausland geht über Basel
zum rheinischen Tiefland und nach Nordfrankreich; Genf
ist die Pforte vom Rhonetiefland her. Unter den übrigen
Grenzorten stehen an erster Stelle Pruntrut, Ver-
rieres, Vall o rbe an den Juraeingängen, Brig am
Simplontunnel, C h i a s s o an der Gotthardbahn, Buchs
an der Arlberglinie, St. Margarethen, Romans-
horn und Schasfhausen am Zugang nach Süd-
deutschland.

Transitverkehr. Die Stellung der Schweiz
als Durchgangsland erhellt, abgesehen von der Personen-
beförderung, aus der starken Durchfuhr an fremden
Gütern (Transit). Der Gütertransit betrug 1912 ins-

Faucille

Verkehrs-

mittelpunkte

Transitverkehr
        <pb n="113" />
        ﻿104



gesamt 12,6 Mill. 4; 1881 erreichte er noch nicht 2 Mill. q.
Die verschiedenartige Produktion Deutschlands und Italiens
macht zwischen diesen Ländern den stärksten Austausch
notwendig; vor allem gehen deutsche Kohlen- und Eisen-
sendungen nach dem Süden. Der Gotthard bewältigt
nahezu den gesamten Nordsüdtransit, da der Brenner
weniger leistungsfähig ist. Der Lötschberg führt einen
Teil der bisherigen Gotthardfrachten dem Simplon zu,
der von dem französisch italienischen Warenaustausch in-
folge der Konkurrenz des Mt. Cenis nur einen bescheidenen
Teil übernehmen konnte. Auf die Westostrichtung fällt
ein geringer Transit, weil die Produktion der Austausch-
länder nicht so verschiedenartig ist, wie diejenige Nord-
und Südeuropas. Am Arlberg bilden überdies die un-
günstigen Betriebsverhältnisse, wie z. B. eine Scheitel-
höhe des Tunnels von 1311 rn, ein Hemmnis für den
Transport der Massengüter. Die Berteilung der schwei-
zerischen Güterdurchfuhr 1912, nach den Austauschländern
berechnet, zeigt den gewaltigen Vorrang des Gotthards:
Italien-Deutschland und umgekehrt 9091000
Italien-Belgien	„	„	770000q

Italien-Frankreich	„	„	669000 q

Deutschland-Frankreich	„	„	730000 q

Österreich-Ungarn-Frankreich „	„ l 039000 q

Elektrischer Bahnbetrieb. Die schweizerischen
Bahnen verbrauchen alljährlich ausländische Kohle im
Wert von rund 2,6 Mill. Fr. Seit Jahren sind die
Vorarbeiten im Gang, um die fremde Kohle durch die
einheimischen Wasserkräfte zu ersetzen. Für das gesamte
Bahnuetz soll der elektrische Betrieb durchgeführt werden;
in erster Linie erfolgt jetzt der Umbau der Gotthardbahn
auf der Strecke Erstfeld-Bellinzona. An schon bestehenden
elektrischen Bahnen mit Normalgeleise sind zu nennen die
Linien Burgdorf-Thun, Spiez-Brig, Freiburg-Murten-
Jns, Orbe-Chavornay, Martigny-Orsieres und die See-
talbahn; ebenso werden die Züge durch den Simplou-
tunnel zwischen Brig und Jselle zur Vermeidung der
        <pb n="114" />
        ﻿105

Rauchplage mit elektrischen Lokomotiven befördert. Schmal-
spur- und Bergbahnen in ansehnlicher Zahl sind für
elektrischen Betrieb eingerichtet, und jedes Jahr werden
neue Strecken elektrifiziert. Die Kraftanlagen und der
Umbau des gesamten Bahnnetzes erfordern einige hun-
dert Millionen Franken. Die geeigneten Wasserkräfte Wasserkräfte
sind ungleichmäßig über das Land verteilt. Das west-
liche Mittelland und die Nordwest-Schweiz verfügen
über nur ungenügende Kräfte und machen kostspielige
Zuleitungen aus den von der Natur begünstigten Landes-
teilen notwendig. Es wird geschätzt, daß sich im Anfang
die Kosten des elektrischen Betriebes gegenüber dem Dampf-
betrieb nur mäßig vermindern (höchstens um 1/i). Für
die Zukunft wird die Rechnung um vieles günstiger, schon
darum, weil die Kohlenpreise und damit auch die Betriebs-
kosten der Dampfbahuen steigen. Der Übergang zur Elek-
trizität soll die schweizerischen Bahnen ans der drückenden
Abhängigkeit von den ausländischen Kohlengruben lösen.

Sind die Wasserkräfte auch nicht umsonst zu haben, so
bleiben doch die aufgewendeten Summen dem Lande er-
halten. Sie kommen größtenteils der heimischen elektrischen
Industrie zugute, die durch den Umbau auf Jahre hinaus
reiche und lohnende Arbeit erhält. Für den elektrischen
Betrieb der Bundesbahnen sind bereits die Wasserkräfte
am Tessin, an der obern Reuß und von dem projektierten
Stausee der Sihl bei Einsiedeln (Etzelwerk) gesichert.

:

I

m
        <pb n="115" />
        ﻿Fremdenverkehr

Fremdenverkehr Alljährlich besuchen Hunderttausende von Fremden
die Schweiz, um die Schönheit des Landes zu genießen,
um sich in der Ruhe und in der reinen Luft der Berges-
höhen von der Alltagsarbeit zu erholen, oder um an den
Heilquellen Genesung zu finden. Für die vom Besuch
bevorzugten Gegenden ist der noch beständig anschwellende
Strom der Vergnügungsreisenden und Kurbedürftigen
längst von hoher Bedeutung geworden, verdanken sie doch
dem Fremdenverkehr einen großen Teil ihres Wohlstandes.

Entwicklung Der gewaltige Fremdenverkehr der Gegenwart geht
auf bescheidene Anfänge zu Beginn des vorigen Jahr-
hunderts zurück. Die ersten Besuche galten dem Rheinfall,
dem Rigi, dem Vierwaldstätter-, Genfer- und Zürichsee.
Allmählich kamen auch die Landschaften der Nordalpen,
vor allen das Berner Oberland an die Reihe. Erst seit
wenigen Jahrzehnten sind auch die inneren Teile der
Alpen, Graubünden mit dem Engadin und das Wallis
im vollen Maß dem Fremdenstrom erschlossen worden.

Fremdengebiete Heute dürfen als die von Fremden und Einheimischen
meist besuchten Gegenden gelten: 1. Der Genfersee
mit den Kurorten Vevey, Clärens, Montreux, Territet-
Glion am Ufersaum des Weingeländes von Lavaux;
ebenso weisen Lausanne und Genf einen regen Fremden-
besuch auf, das letzte auch als Ausgangspunkt für die
Reise ins Tal von Chamonix am Fuße des Mont Blanc.
2. Das Wallis, wo inmitten des Hochgebirges Zermatt
den Mittelpunkt für die Touristen bildet. 3. Das
Berner Oberland mit dem Brienzer- und Thunersee
        <pb n="116" />
        ﻿107

und dem Fremdenort Jnterlaken. Von hier aus dringt
der Verkehr in die Täler hinein und konzentriert sich in
Bleiringen, Grindelwald, Lauterbrunnen, auf der Wengern-
alp und in Lenk. 4. Der Vierwaldstättersee mit
den Aussichtspunkten Rigi, Pilatus, Bürgenstock und
Stanserhorn und dem als Fremdenstadt altberühmten
Luzern. 5. Graubünden, dessen stärkst besuchtes Ge-
biet, das Engadin mit dem Fremdenplatze St Moritz,

Sommer und Winter die gleiche Anziehungskraft be-
währt. 6. In der S ü d s ch w e i z wetteifern Lugano und
Locarno an Bedeutung als Kurorte. ■— Mehr und mehr
wird auch das wiesengrüne, aussichtsreiche Hügelland des
Appenzell als Sommerfrische bevorzugt. Dagegen treten
die Uferlandschaften des Neuenburger-, Vieler- und
Murtensees trotz ihrer Anmut im Fremdenbesuch stark
in den Hintergrund. Der Strom der Reisenden wendet
sich an ihnen vorüber dem Genfersee oder dem Berner
Oberland zu.W

Dem wachsenden Verkehr dienen eine Reihe von
Touristenbahnen, die zum Teil die wichtigen Fremden-Tourift-nbahne»
bezirke miteinander verbinden. Eine elektrische Bahn ver-
knüpft das Chamonix durch das Tal des Trient mit dem
inneren Wallis und dem Genfersee. Ebenso führt eine
elektrische Bahn von Montreux nach Zweisimmen im
Berner Oberland. Die Brünigbahn bringt den Reisenden
aus dein Berner Oberland an den Vierwaldstättersee.

Die Albulabahn dient in besonderem Maße dem Fremden-
verkehr, da sie erst eigentlich dem Engadin die Hochflut
von Reisenden zugeführt hat und nun auch die wichtige
Aufgabe erfüllt, die Verproviantierung der großen
Menschenzahl im produktenarmen Hochtale sicher zu
stellen. Die elektrische Linie von Bevers nach Schuls-
Tarasp erschließt jetzt auch das etwas entlegene Unter-
engadin. Die Fortsetzung der Bahnlinie im Vorderrheintal
über die Oberalp und unter der Furka durch ins Rhonetal
nach Brig schafft die erste durchgehende Längsverbiudung
in den Schweizer Alpen. Wie die Albulabahn dem
        <pb n="117" />
        ﻿Heilquellen

Höhenklima

Wintersport

Engadin, so hat erst die Gotthardbahn den Seen und Kur-
orten am Südfuß der Alpen den Massenbesuch zugeführt.
Infolge des Fremdenverkehrs und zu dessen Förderung
sind viele der schönsten Aussichtspunkte des Landes durch
Bergbahnen bequem zugänglich gemacht worden.

Wo heilkräftige Quellen zutage treten, da sind, von
Einheimischen und Fremden stark besucht, stattliche Kur-
orte, einzelne Badehotels oder ganze Hotelkolonien ent-
standen, wie z. B. Lenk im Wallis, Lenk im Simmental,
Gurnigel, Schinznach, Baden, Stachelberg bei Linthal,
Ragaz, Tarasp im Unterengadin.

Hoch über den Nebeln des Flachlandes machen sich
die Lungenkurorte Davos, Arosa, Leysin u. a. die Haupt-
vorzüge des Höhenklimas zu nutze: Die trockene/ reine
Bergluft und das starke Licht.

Auf dem langen Weg durch die Lufthülle bis zum Boden
werden die Sonnenstrahlen geschwächt; dies trifft besonders in den
untern Luftschichten zu, deren Dunst und Staub sich gleich einem
Sonnenschirm über die Erde breitet. In der Höhe ist die Licht-
und Wärmewirknng der Sonnenstrahlen fühlbar stärker. Die blen-
dende Lichtfülle, verstärkt durch die Rückstrahlung von den Schnee-
feldern, schwärzt den Holzban der Alphlitten, verleiht aber auch
den Alpenblumen die leuchtenden Farben. Die kräftige Strahlung
wirkt tief ans den menschlichen Körper ein; sie bräunt die Haut
und trägt zur Heilung der Lungenkranken in hohem Maße bei.

Direkt von den Sonnenstrahlen getroffene Körper werden stark
erwärmt; die Temperatur der Luft selbst wird von den Strahlen
kaum beeinflußt. Das ist der Grund für die allen Besuchern der
Höhenkurorte bekannte Erscheinung, daß mitten im Winter im
Sonnenlicht eine wohlige, sommerliche Wärme herrscht, während
gleichzeitig im Schatten das Thermometer unter 0° stehen kann.

Der Winter ist die hellste Jahreszeit im Gebirge. Wochen-
lang wölbt sich ein strahlender, blauer Himmel über der Schnee-
landschaft. und die nilnuterbrochene Reihe sonniger Tage läßt ver-
gessen, daß in der Tiefe die kalten, grauen Nebel liegen.

Die Borzüge des Höhenklimas, die immer mehr
anerkannte Schönheit des Gebirges im Winter und die
        <pb n="118" />
        ﻿109

mannigfaltige Gelegenheit zur Ausübung des Schnee-
nnd Eissportes führen zur Winterszeit Scharen von
einheimischen und fremden Besuchern in die Berge. Außer
den oben genannten Lungenkurorten haben sich noch viele
andere Höheuorte zu bekannten Wintersportplätzen ent-
wickelt; allen voran steht St. Moritz; unter den übrigen
sind zu nennen: Pontresina, Andermatt, Engelberg, Rigi,
Grindelwald, Wengen, Kanderstcg, Adelboden, Zweisimmen,
Chateau d'Oex, Les Avants, Caux; auf den sonnigen
Rücken und Hochflächen des Jura u. a. Ste. Croix,
Chaumont, Sonnenberg bei St. Jmier und Weißenstein.
Alle diese Plätze sind für Sommer- und Wintersaison
eingerichtet.

Es wird geschätzt, daß jedes Jahr annähernd 500000
Reisende die vom Fremdenverkehr bevorzugten Gebiete der
Schweiz besuchen. Die Deutschen sind mit 300/o am
stärksten vertreten. Dann folgen die Schweizer selbst mit
20°/o aller Reisenden, die Engländer mit 14°/o und die
Franzosen mit 12°/o. Die Engländer gelten als be-
sonders seßhafte Gäste. Bis jetzt gaben sie auch den
Wintersportplätzen ihr besonderes Gepräge; neuerdings
überwiegt auch hier die Zahl der deutschen Besucher.

Die Hochsaison fällt auf Juli und August. Der
Juni wird zur Vorsaison gerechnet; seine unbeständige
Witterung ist für das Reisen nicht günstig. Im April
und Mai kommt der Strom der Ferienreisenden nach
der Südschweiz; ebenso werden die mildesten Orte am
Nordfuß der Alpen, Gersau, Vitznau, Weggis und
Montreux für den Frühlingsaufenthalt bevorzugt. Da-
gegen tritt für Montreux mit der Hitze des Hochsommers
die stille Zeit ein.

In der schweizerischen Hotelindustrie ist eine Summe
von rund 800 Mill. Fr. angelegt. Stetsfort werden neue
Hotels erstellt, z. T. Prachtsbauten, mit allem erdenklichen
großstädtischen Luxus ausgestaltet (so in St. Moritz,
Luzern, Jnterlaken, am obern Genfersee). Der Ertrag
des Anlagekapitals schwankt ganz bedeutend, einerseits

Winterlurorte

Zahl der
Fremden

Reisezeiten

Einnahmen
        <pb n="119" />
        ﻿110

nach der Witterung und anderseits nach den wirtschaft-
lichen und politischen Verhältnißen der Länder, die uns
die Hanptzahl der Besucher senden. Durchschnittlich ver-
zinst sich das Kapital zu 4,7 o/o. Überdies kommen dem
Land die beträchtlichen Summen zugute, die von den
Fremden außerhalb des Gasthofes ausgelegt werden, wie
z. B. für Benutzung der Eisenbahnen, der Dampfschiffe,
der Fuhrwerke, der Tragtiere; ferner für Post und
Telegraphen, als Entlohnung der Führer und Träger,
sowie für Schmuck, Kleidung, Reiseandenken usw. Kommen
auch die Einnahmen dem ganzen Lande zu gut, so ist
doch vor allem das Alpenland daran interessiert. Hier
Wirkungen des ist der Fremdenverkehr zu einer eigentlichen Industrie
Fremdenverkehrsgx^gxd^ tzjx an Bedeutung hinter keinem der großen
Erwerbszweige zurücksteht. In dem an Hülfsmitteln
armen Bergland ist dank des Fremdenbesuchs ein gewisser
Wohlstand eingezogen. Er begünstigt überdies die land-
wirtschaftliche Produktion und einzelne Industrien, die
an den Fremdenplätzen einen Teil ihrer Fabrikate ab-
setzen, wie Uhren, Bijouterien, Seide, Stickereien, Holz-
schnitzereien, Schokolade.
        <pb n="120" />
        ﻿Kerrölkevnng.

Manche vorgeschichtlichen Funde bezeugen, daß unser
Land seit uralter Zeit von Menschen bewohnt wird. Ihre
ältesten Spuren finden sich in der Höhle des Wildkirchli
am Säntis. Zersplitterte und angebrannte Knochen, unter-
mischt mit rohzugeschlagenen Steinwerkzeugen lassen er-
kennen, daß der Mensch hier neben dem Höhlenlöwen
und Höhlenbären lebte, wahrscheinlich während einer
wärmeren Zwischenperiode in der Eiszeit, als die Gletscher
vorübergehend aus dem Vorland verschwunden waren.
Am Ende der Eiszeit findet sich der Mensch zusammen
mit dem nordischen Renntier im Keßlerloch bei Thaingen
im Schaffhauser Randen; seit jener Zeit durften weit
über 20000 Jahre verstrichen sein. In einer viel späteren
Zeit wohnten die Menschen in Pfahlbauten an den See-
ufern. Sie gebrauchten vorerst rohe, dann bearbeitete
Steinwerkzeuge (ältere und jüngere Steinzeit) und er-
setzten sie endlich mit steigender Kultur durch Bronze
und Eisen. Die Römerherrschaft und die Züge der Völker-
wanderung verpflanzten wohl fremde Volksbestandteile
auf den keltischen Boden Helvetiens, ohne jedoch die
Einheitlichkeit der ansässigen Bevölkerung ganz zu ver-
decken und ohne die schroffen Rassengegensätze anderer
Länder hervorzurufen. Die Alemannen und Burgunder
drangen von Norden her an den Alpenfuß vor; jene
brachten in der Ost- und Mittelschweiz die deutsche
Sprache zur Geltung; diese ordneten sich in der West-
schweiz der gallisch-römischen Kultur ein, und die bnr-
gundische Schweiz wurde zum französischen Sprachgebiet.
        <pb n="121" />
        ﻿112

Mischung

BoNsdichte

Wolmfläche
in den Alpe»

In den Tälern Bündens blieb das rätoromanische Volk
vor der Alemannenüberflutung verschont und bewahrte
seine Sprache bis zur Gegenwart. Die Bewohner der
Südschweiz lehnen sich in Abstammung und Sprache eng
an ihre Nachbarn in Norditalien an.

Die Schweiz liegt als Übergangsgebiet zwischen den
Hellen nordeuropäischen und den dunklen südenropäischen
Völkern. Ungeachtet der Gebirgsschranke hat herüber und
hinüber eine starke Durchdringung beider Bestände statt-
gefunden. Es wird geschätzt, daß zwei Dritteile der
heutigen Bewohner des Landes eine Mischung der Körper-
merkmale nordischer und südlicher Völker aufweisen,

Volksdichte. Nach den Ergebnissen der Volks-
zählung hatte die Schweiz am 1. Dez. 1910 = 3753293
Einwohner. Die Volksdichte berträgt demnach 91 auf
den km2 der Gesamtfläche; ans die Fläche des produk-
tiven Bodens berechnet steigt der Durchschnitt ans 123
für den km2. Infolge der starken Gliederung des Landes
ist die Volksdichte sehr ungleich. Auffällig wirkt besonders
der Gegensatz zwischen Gebirge und Flachland. Eine
Linie vom obern Genfersee dem Alpenfuß entlang zum
obern Ende des Bodensees trennt den stärker bevölkerten
Nordwesten des Landes (Mittelland und Jura) von den
durchschnittlich schwächer bewohnten Alpen. Dichtbevölkerte
Gebiete sind die Städte mit ihrer Umgebung, einzelne
Seeuferstrecken (am obern Genfersee und am untern
Zürichsee), die tiefgelegenen Talschaften des Mittellandes
und des südlichen Tessins, dann aber auch die Industrie-
bezirke der Juratäler und des Appenzeller Hügellandes.
Im Mittelland zieht sich das von Menschen bewohnte
und bebaute Gebiet als fast ununterbrochene Fläche über
Täler und Höhen hinweg. In den Alpen ist der Tal
gründ mit den seitlichen Halden der Schauplatz des
menschlichen Lebens. Als schmaler Streifen zieht sich
das von Menschen besiedelte Gebiet den Talverästelungen
folgend ins Gebirge hinein. Die kahlen oder vereisten
Bergkämme überragen und umschließen als lebens- und
        <pb n="122" />
        ﻿113

verkehrsfeindlicher Saum die Wohnfläche des Tales.

Durch den Gebirgsrahmen von den benachbarten Land-
schaften getrennt schließen sich die Talbewohner zu ge-
meinschaftlicher Arbeit, zu eigener Art und Geschichte
zusammen; als bekannteste Beispiele können die Täler
von Glarus, Uri und das Wallis gelten.

Wohl erscheint die Volkszahl des Alpenlandes, auf
die ganze Fläche verteilt, gering. Berechnet man sie aber,
wie es der Wirklichkeit entspricht, auf die schmalen be-
wohnten Zonen, so kommt man zu einem ganz anderen
Ergebnis. Die Alpentäler gehören zu den dicht bewohnten
Teilen der Schweiz. In Rücksicht auf die geringen Hilfs-
mittel, die der Boden zu bieten vermag, sind einzelne
unter ihnen geradezu übervölkert.

Volkszuwachs. Seit dem Jahre 1850 ist die Boliszuwachs
Bevölkerung der Schweiz von 2393000 auf die oben
genannte Zahl oder um 560/o angewachsen. Seit 1888
beträgt die jährliche Zunahme über l°/o, was vorher nicht
vorgekommen war. Die Zunahme rührt vorwiegend vom
Überschuß der Geburten über die Sterblichkeit, zum ge-
ringen Teil auch vom Überwiegen der Einwanderung
gegenüber der Auswanderung her. Der Bevölkerungs-
zuwachs ist in den Städten und den industriellen Be-
zirken am größten; in den landwirtschaftlichen Bezirken
nimmt die Volkszahl nur langsam zu, besonders in Lagen
abseits des Verkehrs; stellenweise geht sie sogar zurück.

So ist z. B. seit 1850 die Bevölkerung von Schaffhausen
und Neuhausen von 8600 auf,23 500 Seelen angewachsen,
während sich diejenige des [übrigen Kantonsteiles von
26700 auf 22400 Seelen verminderte. Im Durchschnitt
beträgt der jährliche Bevölkerungszuwachs in den land-
wirtschaftlichen Bezirken der Schweiz 6 Promille, in den
industriellen Gebieten 15 Promille, in den Städten von
über 10000 Einwohnern dagegen 20 Promille.

Trotz der stark entwickelten Industrie lebt heute noch der Stadt und Land
weit überwiegende Teil der Bevölkerung auf dem Lande. Während
in manchem Industriestaat die industrielle Bevölkerung sich auf
Flückigcr, Schweiz

8
        <pb n="123" />
        ﻿114

Innere

Wanderung

Auswanderung

einige große Fabrikstädte konzentriert, sind in der Schweiz die
Fabriken und die Arbeiterschaft viel gleichmäßiger über die ver-
schiedenen Gebiete des Landes verteilt, wie aus dem Beispiel der
Uhrenindustrie erhellt. So ist es einem ansehnlichen Teil der
Fabrikbevölkerung möglich, die Vorzüge des Landlebens mit ihrem
städtischen Berus zu vereinigen. Immerhin fallen bei dem ungleich-
mäßigen Volkszuwachs die Städte und großen Orte immer mehr
ins Gewicht. Die Orte von über 10 000 Einwohnern beherbergten
1900 22v/o, 1910 aber schon 24o/o der Gesamtbevölkerung; für
die Orte von über 5000 Einwohner stieg der Anteil im gleichen
Zeitraum sogar von 260/o aus 3l&gt;o/o. Unser Volk ist auf dem
Weg, immer städtischer zu werden.

Viele Städte haben in den letzten Jahrzehnten einen un-
gewöhnlich starken Zuwachs erfahren. 1850 zahlte Zürich (mit
Außengemeinden) 35000 Einwohner, im Jahre 1910 dagegen
190000, also mehr als das Fünffache; Basel stieg in der gleichen
Zeit von 28000 aus 132000, Bern von 28000 auf 85000 Ein-
wohner. Von 1900—1910 vermehrte sich die Bewohnerzahl von Lau-
sanne um mehr als l/s, die von Bern um 1/s, die von Zürich um 1li.

Innere Wanderung. Nach langen Jahrhun-
derten der Seßhaftigkeit und der Anhänglichkeit an das
ererbte Stück heimatlichen Bodens ist unser Volk in eine
immer lebhaftere Bewegung gekommen; die Industrie,
das Wachstum der Volkszahl und Volksdichte und der
erleichterte Verkehr der Neuzeit haben__ an dieser Wand-
lung mitgewirkt. Beständig geht der Überschuß der länd-
lichen Bevölkerung nach den ohnehin volksreichen Städten
und Industriegebieten; von dieser Aufsaugung auf Kosten
der landwirtschaftlichen Gegenden war schon im Abschnitt
über Industrie und Landwirtschaft die Rede. Infolge
des Manderns innerhalb der Landesgrenzen kommt eine
immer stärkere Mischung des Volkes nach Herkunft,
Sprache und religiösem Bekenntnis zustande. 1850 lebten
von 1000 Personen noch 638 an ihrem Bürgerort; 1910
waren es nur noch 336.

Auswanderung. Wie innerhalb der Landes-
grenzen die Volksbestandteile ineinanderfließen, so geht
        <pb n="124" />
        ﻿115

auch an der Grenze selbst eine ansehnliche Wanderung
herüber und hinüber. Schon längst verlassen alljährlich
Tausende die Heimat, um in der Fremde ein besseres
Auskommen zu finden. Von jeher stellten die armen,
übervölkerten Gebirgstäler eine starke Schar von Aus-
wanderern, sah sich doch schon um die Mitte des 18. Jahr-
hunderts der Rat von Bern wiederholt veranlaßt, durch
besondere Maßregeln den Auswandererstrom zurückzu-
dämmen und der Entvölkerung im besondern der Alpen-
täler zu wehren. Als der Fremdenverkehr und die In-
dustrie den Alpenbewohnern einen sichern Verdienst zu
verschaffen begann, sank die Auswanderung. Sie hörte
z. B. im St. Galler Oberland fast gänzlich auf von dem
Zeitpunkt an, da die großen Spinnereien im Seeztal
den Betrieb eröffneten.

Die Statistik verzeichnet nur die Auswanderer, die
nach überseeischen Ländern ziehen und sich zu diesem
Zweck an eine Auswanderungsagentur wenden; die gewiß
nicht geringe Zahl aller übrigen kann nicht festgestellt
werden. Im Jahre 1912 wanderten 5871 Personen
nach überseeischen Ländern aus, wovon 4/s, meist als
Farmer, nach den Vereinigten Staaten; die andern
wandten sich nach Argentinien (besonders aus der Süd-
schweiz), Kanada, Brasilien. Die letzten Jahre zeigen
ein beständiges Anschwellen der Auswanderung:

Jahr . 1908	1909	1910	1911	1912

Personen 3656	4915	5178	5512	5871

Vor 20 Jahren wurden immerhin noch doppelt so viele
Auswanderer gezählt wie heute.

Einwanderung. Für die Ausgewanderten findet Einwanderung
sich ein der Zahl nach mehr als ausreichender Ersatz in
den zuwandernden Ausländern. Zum weitaus über-
wiegenden Teil führt sie der Erwerb über die Grenze
herein; andere studieren an den Hochschulen oder suchen
als politische Flüchtlinge in der Schweiz ein Asyl. Im
Jahrzent 1900—1910 überstieg die Zahl der Zuge-
        <pb n="125" />
        ﻿116

wanderten die der Auswanderer um 71500. Nahezu
die Hälfte der Fremden sind Angehörige des deutschen
Reichs; auch darin machen sich, wie beim Handel, die
engen Beziehungen der Schweiz zum nördlichen Nachbar-
land geltend. Dann folgen der Zahl nach Italiener,
Franzosen und Österreicher. Die Engländer und Russen
treten gegenüber den Bürgern der Nachbarstaaten zurück.

Nationalität . Den Italienern liegt der Eisenbahn- und Tunnel-
bau ob; als Erdarbeiter und Maurer finden sie überall
Verdienst; naturgemäß suchen sie die Orte mit reger
Bautätigkeit auf. Viele Italiener sind Saisonarbeiter,
die im Winter gleich den Tessiner Arbeitern in die
Heimat zurückkehren. Die Deutschen bewohnen als Kauf-
leute, Dekorationsarbeiter, Schriftsetzer, als Arbeiter in
der Seiden- und in der chemischen Industrie vorwiegend
die Städte der Nordschweiz, Basel und Zürich. Die
Österreicher bevorzugen Zürich und St. Gallen, und die
Franzosen sind in den westschweizerischen Städten, vor
allem in Genf, stark vertreten. Die einheimischen Arbeiter
verlassen mehr und mehr gewisse ihnen nicht zusagende
Gewerbe, und an ihre Stelle treten die Zugewanderten.

Allsländerfrage Kein anderes Land Europas beherbergt im Ver-
hältnis zur einheimischen Bevölkerung so viele Ausländer
wie die Schweiz; erreichten sie doch 1910 die Zahl von
565300. 1850 machten sie noch 3°/o der Gesamtbevöl-
kerung aus, gegenüber 15°/o nach der Zählung von 1910.
Unter den Bewohnern der Städte Basel und Zürich ist
je der Dritte ein Ausländer; schlimmer noch liegen die
Verhältnisse in Genf und Lugano. Diese wachsende Über-
flutung erweckt Bedenken, da die Zugewanderten meist
Bürger des Heimatstaates bleiben.

Dem Mißstand kann in der Zukunft durch die
Zwangseinbürgerung gesteuert werden; die Schweiz
würde damit nur dem Beispiel anderer Staaten folgen,
die nach Gesetzesbestimmung die auf ihrem Gebiete ge-
borenen Ausländer als Bürger des eigenen Staatswesens
aufnehmen. Zu mehr als drei Vierteln sind die Aus-
        <pb n="126" />
        ﻿(anbei1 der Schweiz aus den Nachbarstaaten eingewandert.

Sie stehen uns nach Abstammung und Sprache so nahe,
daß sie sich ohne große Schwierigkeiten in unser Volk
einfügen; das gilt besonders für solche Ausländer, die
in der Schweiz in unserer Sprache und Art aufwachsen,
so daß man sie für Einheimische halten könnte.

Sprache. Auf dem Boden der Schweiz stoßen Sprach- .
die großen Gebiete der deutschen, französischen und ita-
lienischen Sprache zusammen. In einzelnen Talschaften
Graubündens gesellt sich das Rätoromanische als vierte
Landessprache hinzu. Klima, Gewässer, Verkehrswege,

Abstammung der Bewohner und nun auch, nicht zum
mindesten, die Vielsprachigkeit verleihen der Schweiz den
Charakter eines Übergangsgebietes.

Die Grenze zwischen dem deutschen und dem fran- Sprachgrenze»
zösischen Sprachgebiet verläuft von Lützel bei Pruntrut
über Schelten (oder La Schenkte, an der bernisch-solo-
thurnischen Grenze im Jura), Twann, Zihlkanal, Broye-
kanal, Berra, Oldenhorn, Weißhorn (in den Berner
Alpen), quer durch das Rhonetal östlich Sierre zur
Deut d'Herens. Zum italienischen Sprachgebiet gehören
außer dem Tessin die südlichen Bündnertäler Misox,

Bergell und Puschlav. Trotz der starken innern Wan-
derung und der Sprachvermischung bleiben die Sprach-
grenzen selbst fast unverändert. Die auf ein anderes
Sprachgebiet übergewanderten geben gewöhnlich recht bald
ihre Muttersprache auf; im besondern gilt dies von den
Deutschschweizern, die sich in großer Zahl in der West-
schweiz niederlassen. Das Romanische hat gegenüber der
deutschen Sprache, die von Norden her, und dem Ita-
lienischen, das von Süden her in die Täler eindringt,
einen schweren Stand. Doch ist man neuerdings mit
Erfolg bemüht, den Rückgang der Sprache aufzuhalten.

Der Simplontunnel hat der italienischen-Einwanderung
ins Wallis das Tor geöffnet und der italienischen
Sprache schon in den wenigen Jahren seit der Eröffnung
der Bahn im Wallis eine starke Verbreitung verschafft.
        <pb n="127" />
        ﻿118

Stärke der Nach der Volkszählung von 1910 sind die Sprachen
Sprachen unseres Landes in folgendem Verhältnis vertreten *:

Deutsche Sprache	=2599154 — 69 °/o

Französische Sprache = 796244 = 21,2o/o
Italienische Sprache = 301325= 8 °/o
Romanische Sprache =	39834 = 1,1 o/o

Andere Sprachen	=	28445= 0,7°/o

Mundarten Die Welschschweizer bedienen sich fast durchwegs
der Schriftsprache; die alte Mundart, das patois, ist
im Neuenburgischen nahezu vergessen; dagegen ist es im
Gros de Vaud und im Kanton Freiburg noch verbreitet.
Die Tessiner sprechen italienische Dialekte. Ebenso sind
in der deutschen Schweiz die verschiedenen alemannischen
Mundarten zu Stadt und Land die Umgangssprache ge-
blieben. Infolge der Volksvermischung und der wachsenden
Zahl der Ausländer haben die heimischen Mundarten,
besonders in den Städten und den verkehrsreichen Ge-
genden, viel von ihrer Kraft und Ursprünglichkeit ein-
gebüßt. Durch Vorträge und literarische Werke sucht man
jetzt überall den Sinn für die reichen Schätze der Mundart
zu wecken, und zu retten, was davon noch vorhanden ist.
Glaubens-	Glaubensbekenntnis. Ist unserem Lande

bekenntnis glücklicherweise ein Sprachenstreit erspart geblieben, so
hat es Jahrhunderte lang umso schwerer unter den
Glaubenskämpfen gelitten. Andere Fragen und Aufgaben
haben in der neuesten Zeit den religiösen Zwist in den
Hintergrund gedrängt und die Gegensätze stark gemildert;
immerhin ist die Spannung nicht überall ganz gewichen.
Verhältnis der Die Volkszählung von 1910 unterscheidet nach dem
Konfessionen Glaubensbekenntnis:

Protestanten

Katholiken

Juden

Andere oder keine Konfession

2108590 = 56 o/o
1590792 = 42,20/0
19023= 0,5»/»
46597 = 1,3cho

1 Für Einzelangaben siehe Sprachentabelle im Anhang.
        <pb n="128" />
        ﻿119

Die Alpenkantone sind überwiegend katholisch, das
Mittelland und der Jura zur Mehrheit protestantisch.
Die lebhafte Volksvermischung hat auch die Glaubens-
bekenntnisse durcheinander gemengt. Heute gibt es kaum
mehr rein protestantische oder katholische Gegenden; zur
herrschenden Konfession gesellt sich immer eine mehr oder
weniger ansehnliche Minderheit von Andersgläubigen!
In industrie- und verkehrsreichen Gebieten ist die Mischung
besonders weit vorgeschritten. Die protestantische Stadt
Zürich zählt 31 °/o Katholiken; ebenso weist Basel eine
starke katholische Minderheit auf. Im Lande Calvins,
im Kanton Genf, haben infolge der Einwanderung aus
Frankreich die Katholiken sogar die Mehrheit erlangt.
Dagegen wohnen viele Protestanten in den katholischen
Städten Luzern und Solothurn. Die als protestantisch
geltende Westschweiz beherbergt heute neben 525000 Prote-
stanten 460000 Katholiken.

Die Juden verlassen mehr und mehr die ländlichen
Bezirke und suchen als Handelsleute die Städte auf.

Die Katholiken nehmen an Zahl etwas stärker zu
als die Protestanten; der Grund dieser Erscheinung liegt
in der beträchtlichen Einwanderung aus den katholischen
Nachbarländern Frankreich, Italien, Österreich und Süd-
deutschland.

Zuwachs

1 Vergleiche die Tabelle der Konfessionen im Anhang.
        <pb n="129" />
        ﻿Ginzelve schveivung

WaMs.

Lage d-s Wallis Vom Gebirgsknoten des Gotthards aus umrahmen
die Berner und Walliser Alpen die südwestliche Hälfte
der großen alpinen Längstalfurche. Zwischen den beiden
Stammketten liegt, als einziges großes Talsystem, das
Einzugsgebiet der Rhone, das Wallis (lat. vallis = Tal);
es umfaßt allein mit über 5000 km2 rund 1/s der Ge-
samtfläche der Schweiz. Bei Martigny biegt das Rhonetal
im rechten Winkel aus der Längsrichtung ab und geht
in einem gewaltigen, breiten Querdurchbruch durch die
Nordalpenkette zum Genfersee hinaus. Das Längstal
liegt im mittleren und untern Teil bis zum Rhoueknie
bei Martigny hart am Hauptkamm der Berner Alpen,
die hier mit schroffen Kalkwänden zur Rhone abbrechen.
Der Kamm der Walliser Alpen tritt in großem Bogen
weit nach Süden zurück. Zahlreiche Quertäler senken sich
zwischen den nordwärts ziehenden Seitenketten zum Haupt-
tal hinaus, während die Rhone von den Berner Alpen
her aus steilen, schluchtartigen Tälern nur kurze und
unbedeutende Zuflüsse empfängt. Von den 16 bewohnten
Seitentälern des Wallis gehören nur 2 der Nordseite
an. Im obern Wallis treten die Bergketten näher zu-
sammen, und zwischen ihren Urgesteinsmassen hält das
Rhonetal ungefähr die Mitte inne.

Taiform-N Von der Rhone aus sind die schneebedeckten Gipfel
des Hochgebirges nicht sichtbar, zumeist auch nicht durch
die Lücken der Seitentäler. Das Rhonetal bildet einen
        <pb n="130" />
        ﻿121

gewaltigen Trog, dessen steile Wände den Ausblick ab-
sperren. Die Seitentäler münden meist hoch über dem
Haupttal aus; die Stufe zur Rhone herunter wird von
dem Seitenbach in einer Schluckt zersägt. Einzelne Fels-
riegel zerlegen das obere Rhonetal selbst in eine Reihe
langgestreckter, flacher Becken. In engem, felsigem Bett
braust der Talfluß durch die Stufe zum nächsttieser-
liegenden Becken hinab. Die flachen Talstrecken durch-
fließt er auf den eigenen Aufschüttungen, Kies, Sand
und Schlamm; er wird hier durch die Schuttkegel der
Seitenbäche zu gewundenem Lauf von der einen Talseite
zur anderen gezwungen. Das Bild der aufgeschütteten,
breiten Talebene im untern Wallis erinnert an die ein-
tönigen Deltalandschaften am obern Ende der Seen. In
fast endloser Reihe stehen, vom Talwind zerzaust, die
Pappeln am Fluß; ein grüner Streifen von Weiden-
und Erlengestrüpp und Schilf säumt die Ufer ein; auf
lange Strecken ist die Rhone kanalisiert, die früher ver-
sumpfte Talebene trocken gelegt.

Wo die Bäche mit starkem Gefälle aus den Seiten- Einfluß auf di-
tälern hervorbrechen, hat sich die Industrie bereits in Bev°ii-rung
zahlreichen Anlagen der Wasserkräfte bemächtigt. Die
Mündungsstufen der Seitentäler und die Felsriegel des
Haupttales waren von jeher ein stark fühlbares Verkehrs-
hindernis; sie zerlegen das Wallis in eine Reihe gut
abgetrennter Talschaften, deren jede ihre Bewohner zu
einem besonderen Völklein von gleichen Sitten und ähn-
lichem Erwerbsleben zusammenschließt.

Der Gebirgskranz der Berner und Walliser Alpen Klima
ist entscheidend für das Klima des Wallis. Die feuchten
Südwestwinde geben Regen und Schnee am Außenrand
und in den hochliegenden Teilen des Gebirges ab. Der
Talkessel der Rhone dagegen ist trocken. Die Nieder- Trockenheit
schlagsmenge sinkt im mittleren Wallis bei Siders auf
57 om, bei Grächen im Nikolaital, dem trockensten Ort
der Schweiz, auf 53 em im Durchschnitt. Bei der ge-
ringen Bewölkung und der Seltenheit der Nebel ist die
        <pb n="131" />
        ﻿122

Bewässerung

Landesprodukte

Sonnenstrahlung so wirksam wie in den südlichen Alpen-
tälern. In den Hochsommertagen strahlen die sonnen-
durchglühten Felswände noch lange nach Sonnenuntergang
die Wärme zurück, so daß oft erst um Mitternacht die
Kühle eintritt. Dem landesunkundigen Besucher verrät
sich die Trockenheit des mittleren Wallis schon durch die
mächtige Staubschicht der Landstraßen und durch die
Kahlheit der ausgedörrten Felshalden. Unter der ver-
sengenden Glut der Sonne wachsen auf dem trockenen
Felsgrund kleinblättrige Gestrüppe und Pflanzen, die
durch ein Haarkleid die Verdunstung mindern oder in
fleischigen Blättern Feuchtigkeit aufspeichern. Die Trocken-
heit macht künstliche Bewässerung nötig. Lange Leitungen,
die Wasserfuhren oder „dissss", mit staunenswerter
Kühnheit den Schutthalden und senkrechten Felswänden
entlang und über Schluchten hinweg angelegt, führen
von den Gletschern des Talhintergrundes oder aus Berg-
seelein das Wasser zu den Getreidefeldern und zu den
Bergwiesen hinaus. Sogar der Weinstock, der in der
übrigen Schweiz eher unter zu großer Feuchtigkeit leidet,
muß hier bewässert werden. Der gemeinschaftliche Unter-
halt und die gemeinschaftliche Nutzung der Wasserfuhren
nach den genau befolgten Satzungen des Wasserrechtes
stärken in hohem Maße den Zusammenhalt der Gemeinde-
glieder.

Bis zur Höhe von 1000 in über Meer sind an
den sonnigen Halden terrassenartig ausgemauerte Wein-
berge angelegt. Der heiße Sommer kocht hier jene süßen
Trauben, die in Menge in die übrige Schweiz versandt
oder zu dem vorzüglichen, schweren Walliserwein gekeltert
werden. Die Obstgärten des untern Wallis versorgen
die ganze Schweiz mit einem Reichtum von edlen Früchten,
Aprikosen, Pfirsichen, Äpfeln und Birnen; die Gemüse-
felder auf der Schlammerde der Rhoneebene liefern die
bekannten Walliser Spargeln. Inmitten des Überflusses
an Früchten gewinnt die Konservenbereitung einen stets
wachsenden Wert. An den Halden des Rhonequertales
        <pb n="132" />
        ﻿123

vom Genfersee bis nach Martigny bildet die schattige
Edelkastanie ganze Bestände. Im innern Wallis dehnen
sich auf der bebauten Talsohle von Martigny bis nach
Brig hinauf die Maisfelder aus. Gegenüber anderen
Landschaften der Alpen hat das Wallis einen stark ver-
breiteten Getreidebau, der neben dem Weinbau an den
Felshalden und auf der Sohle des untern Rhonetales
vorherrscht, aber bis zur Meereshöhe von 2000 m vor-
dringt. Die höchstgelegenen Weizen- und Roggenfelder
bringen in ärmlichem Wuchs nur noch kurze Halme und
magere Ähren hervor. Oft vermögen die Körner vor
dem Einwintern kaum zu reifen; das Getreide wird dann
geschnitten und auf Holzgerüsten zum völligen Ausdörren
ausgebreitet. — Ebenso sind im obersten Tessintal und
in höhern Lagen Bündens die Dörfchen und einzelste-
henden Hütten mit den „Korngalgen" umstellt, an denen
das Korn ausreifen soll. — Der Getreidebau lohnt hier
längst nicht mehr; er wird hauptsächlich noch betrieben,
weil die Bevölkerung von alters her bestrebt ist, sich mit
allem Nötigen selbst zu versorgen. Wie für den Weinstock
und das Getreide, so steigen im Bereich der Massener-
hebung der Walliser Alpen die Höhengrenzen überhaupt
zu ungewöhnlicher Höhe an, wie dies früher für die
Wald- und Schneegrenze und für die Lage der obersten
Alphütten gezeigt wurde. Die oberste Sennhütte steht
bei 2665 m auf der Alp de Lona im Val d'Hörens; am
Abhang des Jllhorns, nahe der Waldgrenze, stehen bis
1936 m die sonnengeschwärzten Holzhäuschen von Chan-
dolin, dem höchstgelegenen Kirchdorf im Wallis.

Die Dörfer des Rhonetales wurden, zum Schutz
vor den Verwüstungen der Rhone, meist am Rande der
Talebene in etwas erhöhter Lage angelegt. Die größten
stehen auf den Schuttkegeln der Seitenbäche, wo sie zu-
gleich den Verkehr ins Seitental hinein beherrschen. Die
sonnige Talseite wird, eine im Gebirge bekannte Er-
scheinung, als Wohnfläche bevorzugt; der Wald erscheint
hier gegenüber der Schattseite stark zurückgedrängt. Ein-

Höhengrenzen.

Dörfer
        <pb n="133" />
        ﻿124

Wirtschaft zelne Gemeinden besitzen Kulturland in allen Höhenlagen,
von der Sohle des Rhonetales an bis zum Gebirgskamm
hinauf. So wird der Walliser Winzer, Getreidebauer
und Senne in einer Person. Die Vereinigung so ver-
schiedener Zweige des Bodenbaues setzt die Bevölkerung
in stand, für die eigenen Bedürfnisse selbst aufzukommen,
wie denn auch in den konservativen Landschaften des Goms
und der Seitentäler die Anfertigung der Geräte, der
Kleider, ja sogar der Bau der einfachen Häuser noch
vielfach den Familiengliedern selbst obliegt. Die Ab-
geschlossenheit der einzelnen Talschaften nötigte die Be-
wohner frühzeitig, sich auf eigene Füße zu stellen und
jede Abhängigkeit von der Außenwelt zu vermeiden.
Dieser Zug beherrscht die Geschichte des ganzen Landes,
das, auch als zugewandter Ort der Eidgenossenschaft,
stets sorgfältig bemüht war, seine staatliche Sonderstellung
zu wahren. Bei der Abgeschlossenheit des Landes und
dem geringen Verkehr über die Bergpässe hinweg hielt
sich die Bevölkerung des Wallis mehr als irgend ein
anderes Bergvolk der Schweiz von den neuzeitlichen
Kulturveränderungeu fern und bewahrte sich bis zur
Gegenwart in der Art des Erwerbs, in Sitte und
Tracht einen reichen Schatz ursprünglichen Volkslebens.
Seitdem der Fremdenverkehr die südlichen Wallisertäler
aufsucht und die Talbewohner selbst zum Hoteldienst
außer Landes gehen, meist in Saisonstellen nach Genf
oder an die Riviera, tritt eine Änderung in den patriar-
chalischen Verhältnissen ein. Dies gilt um so mehr, als
das Rhonetal durch die Eröffnung des Simplontunnels
mitten in den Weltverkehr hineingerückt worden ist und
nun durch den Lötschbergtunnel auch noch einen direkten
Zugang von Norden her erhalten hat.

Sprache	Alemannische Einwanderer haben vom 9. Jahr-

hundert an das Oberwallis und den obersten Teil des
italienischen Tosatales besetzt. Hier herrscht die deutsche
Sprache. Das größere und volkreichere Unterwallis ge-
hört, von Sierre (Siders) an abwärts, zum französischen
        <pb n="134" />
        ﻿125

Sprachgebiet. Die Simplonbahn begünstigte in den letzten
Jahren eine starke italienische Zuwanderung. Der sprach-
lichen Teilung steht die Einheit des Glaubensbekenntnisses
gegenüber; die Walliser sind fast ausschließlich katholisch.

Vom schweizerisch-savoyischen Grenzort St. Gin- Rhonetal
g o l p h vom Genfersee her zieht sich ein Streifen Wal- M-rUgny-
liser Boden links der Rhone talaufwärts. Monthey
liegt am Ausgang des weidenreichen Val d'Jlliez, das
sich am Nordfuß der Deut du Midi ausbreitet. In der
Gegend von Champery, im Hintergrund des Val
d'Jlliez, hat sich eine sonderbare Tracht erhalten; um den
Herden besser in die schwer zugänglichen Teile des Ge-
birges folgen zu können, sind die Frauen vereinzelt noch
heute den Männern ähnlich gekleidet; sie schmücken sich
überdies mit einem fremdartig anmutenden, grellroten
Kopftuch. Bei dem alten Städtchen St. Maurice
öffnet sich die Türe zum eigentlichen Wallis. Die Deut
du Midi und die Deut de Morcles flankieren hier das
Rhonetal und bilden mit ihren Felsausläufern einen
jener Talriegel, durch die sich der Fluß in engem Durch-
bruch einen Weg schafft. Hier laufen die Eisenbahnen
von der schweizerischen und der französischen Seite des
Genfersees zur Simplonlinie zusammen. Über St. Mau-
rice sperrt eine moderne Befestigung das Wallis ab.

Straße und Bahn laufen auf der eintönigen Aufschültungs-
ebene taleinwärts und biegen bei Martigny in die
Längstalrichtung des innern Wallis ein. Am Rhoneknie
mündet die Dranse, die das Wasser aus den drei Dranse-
tälern vor dem Austritt aus dem Gebirge sammelt. Das
westliche, Val de Ferret, liegt am Fuße des vereisten
Dreiländersteins, des Mont Dolent. Das wilde, wenig
begangene Val de Bagnes reicht zu den Gletschern des
Grand Combin 4317 m und des Mont Blanc de Seillon
3871 m hinauf. Durch das mittlere Tal, das Val
d'Entremont, führt der altberühmte Weg über die Paß-
höhe des Großen St. Bernhard 2472 m, an den
Taldörfern Sembrancher, Orsieres und St. Pierre
        <pb n="135" />
        ﻿126

vorbei. Alljährlich werden im Hospiz auf der Paßhöhe
an 20000 Reisende verpflegt, und immer noch halten
die Mönche die bekannten Bernhardinerhunde, die den
in Sturm und Nebel irrenden Wanderern Hilfe bringen.
Die Römer benutzten den Paß, um von der Poebene über
Augusta Praetoria (Aosta) ins Rhonetal und ins Mittel-
land hinaus zur Hauptstadt Helvetiens, Aventicum
(Avenches), und weiter zum Rhein hinab zu gelangen.

Unterhalb Martignh setzt das Hochtal des Trient
die Furche des Rhonelängstales ins Chamonix hinüber,
an den Fuß der Mont Blanc Gruppe, fort. Bon Ver-
nayaz im Rhonetal klimmt die Straße in vielen engen
Kehren über die nahezu 500 m hohe Stufe zum Tal-
cingaug von Salvan hinauf, das wie Finhaut zum
Luftkurort geworden ist. Eine elektrisch betriebene Tou-
ristenbahn verbindet Martignh durch das Trienttal unter
dem Col des Montets 1445 in hindurch mit Chamonix.
Die Landesgrenze liegt nicht auf der Paßhöhe, sondern
herwärts an einer in frühern Zeiten leicht zu beherrschenden
felsigen Talenge. Der Trient durchsägt die Mündungs-
stufe in einer großartigen Schlucht, während etwas
weiter rhonetalabwärts ein kleines Flüßchen, die Salanfe,
im Wasserfall Pissevache über die gleiche Talwand hi-
nunterstürzt.

Das	Inmitten der Weinberge, Obstgärten und Gemüse-

mitttereisajatciäselber am Rande der Rhoneebene liegt Saxon mit
Konservenfabrik und weiter talaufwärts Riddes an
Kohlenlagern. Die malerische Hauptstadt des Landes,
Sion (Sitten) mit 6500 Einwohnern, gruppiert sich
am Fuße von zwei Felshügeln, dem burggekrönten Tour-
billon und Valeria. Sie beherrscht den gestuften Eingang
zum Val l/Herens (und dem Val d'Heremence), mit dem
Hauptort Evolena. Die Talhintergründe ragen in die
Eisfelder des Mont Collon, der Dent d'Herens und der
Deut Blanche 4365 m hinein. Die Borgne drängt ober-
halb Sitten mit ihrem Schuttkegel die Rhone in weit
ausbiegendem Lauf an die nördliche Talwand hinüber.
        <pb n="136" />
        ﻿127

Von Sitten aus führt der Sanetschpaß ins Saanental
und der Rawilpaß ins Simmental hinüber. Die som-
merliche Hitze steigt in der Hauptstadt so hoch, daß die
Bewohner mit Vorliebe einen Aufenthalt auf hochgelegener
Bergterrasse, von Saviese bis zum Luft- und Licht-
kurort Montana hinüber, suchen. Sierre (Siders)
steht in weinreicher Umgebung inmitten der Trümmer
eines vorgeschichtlichen Bergsturzes, der von der Wand
der Berner Alpen herniederbrach. Uber eine 400 in hohe
Stufe gewinnt der Weg den Eingang ins Val dÄnni-
viers (Eifischtal), das aus der vergletscherten Weißhorn-
gruppe 45 &gt;2 in sich zum Rhonetal hinaus senkt. Wie
das Val d^Herens beherbergt es in der Gebirgsabge-
schlossenheit eine in Sitten und Erwerbsleben eigenartige
Bevölkerung.

Das Anwachsen der Volkszahl nötigt die Bewohner, Val d'Amiivters
den Boden aller Höhenlagen als Acker- oder Weidland
auszunutzen, von den Weinbergen bei Siders in 550 m
Meereshöhe bis hinauf zu den obersten Alpstaffeln bei
2700 in am Rande der Gletscher. Der zerstückelte und
stundenweit auseinanderliegende Besitz zwingt die Anni-
viarden zu einem komplizierten Wanderleben, um die
Kulturflächen der verschiedenen Höhenregionen der Reihe
nach zu bewirtschaften. Einzig durch dieses bewunderns-
werte System der genauesten Ausnützung einer großen
und weitläufigen Wirtschaftsfläche vermag der Anniviarde
sich einen genügenden Unterhalt zu verschaffen, um nicht
auswandern zu müssen.

Chippis im Rhonetal benutzt die Kraft der durch Rhon-tal
die Stufe des Val d'Anniviers hervorbrechenden Navi- Sierre-Bng
geuze für ein Aluminiumwerk. Bei Leuk, dem ersten
größern Ort im deutschen Oberwallis, mündet vom
Balmhorn her die Data; in ihrem Tal werden die
Thermen von L e u k e r b a d zur Kur gebraucht; über die
steile Nordwand klettert der Gemmipaß zum Kandertal
hinüber. Am Jllhorn öffnet sich mit schreckhaft steilen
Wänden der berüchtigte Jllgraben; die Schuttmassen aus
        <pb n="137" />
        ﻿128

Simplon

seinen Wildbachrunsen legen sich als mächtiger Schutt-
kegel quer über das Rhonetal, verhüllt durch die Föhren-
wipfel des ausgedehnten Pfinwaldes. Hier lag, verschärft
durch die Dalaschlucht, von jeher ein Verkehrshindernis;
an dieser Stelle geht die Sprachgrenze quer durch das
Rhonetal. Durch das bisher verkehrsarme Lötschental
erreicht jetzt die elektrische Lötschbergbahn das Rhonetal
und den Simplonzugang. Bei V i sp öffnet sich der breite
Eingang ins Visp-Tal, das sich bereits bei Stalden
in Rikolaital und Saastal gabelt; das sind die beiden
Pforten zur eindrucksvollen Hochgebirgslandschaft der
Monte Rosa-Gruppe. Zwischen Mischabelhörnern 4554 m
und Weißhorngruppe 4512 m zieht sich das Nikolaital
zum Bergkessel von Zermatt 1620 m hinauf, um den
sich rings die höchsten Gipfel der Walliser Alpen grup-
pieren : Monte Rosa 4638 m, Breithorn, die kühne Pyra-
mide des Matterhorns 4505 m, Zinal Rothorn und
Weißhorn. Das ganze majestätische Gipfel- und Gletscher-
panorama erschließt sich dem Blicke aus dem Gornergrat,
zu dem vou Zermatt aus eine Bergbahn hinausführt.
Zermatt ist der Sammelplatz der Bergsteiger und einer
internationalen Fremdenwelt überhaupt; es steht durch
eine Touristenbahn mit der Hauptlinie des Rhonetales
in Verbindung. Das geräumigere Saastal liegt zwischen
den Mischabelhörnern und Fletschhorn 4000 m — Weiß-
mies 4031 m eingebettet; seine Fremdenmittelpunkte sind
Saas Fee und Saas Grund.

Von Brig an unterfährt die Bahn im 20 km
langen Simplontunnel den Monte Leone 3561 m; der
Südausgang ist bei Jselle auf italienischem Boden.
In starkem Gefälle erreicht die Simplonbahn Domo-
dossola und tritt am Südende des Langensees vorbei in
die norditalienische Tiefebene hinaus. Auf der Tunnel-
strecke werden die Züge durch elektrische Lokomotiven be-
fördert. In Brig beginnt die kunstvoll angelegte Simplon-
straße, die durch das Tal der Saltine die breite Paß-
lücke bei 2009 m Höhe gewinnt; vor dem Bau des
        <pb n="138" />
        ﻿129

Tunnels vermittelte sie einen lebhaften Verkehr. Sie
wurde 1800—1806 auf Befehl Napoleons I. als Mi-
litärstraße gebaut. Jenseits der Paßhöhe liegen noch
Simpeln und Gondo auf schweizerischem Gebiet.

Über die Talstufe von Grengiols an der Mün- Da» ob-
düng der Binn aus dem Binnental erreicht die Talstraße Wams
F i e s ch, den Sammelplatz der Besucher des obern Wallis.

Das leicht zu besteigende Eggishorn 2934 m bietet eine
umfassende Rundsicht in die Walliser und Berner Alpen.

Von den Firnmulden der Jungfraugruppe her zieht an
seinem Fuß der gewaltige Eisstrom des Aletschgletschers
zum Rhonetal hinaus und staut an seiner Flanke den
kleinen, mit Eistrümmern erfüllten Märjelensee. Vom
Finsteraarhorn senkt sich der Fieschergletscher gegen das
Dorf Fiesch hinunter.

über eine neue Stufe von 400 m Höhe, durch-
brochen vom tosenden Talfluß, hier „Rotten" genannt,
erreichen die Straßenkehren das Goms, den obersten ®»m«
größern Talabschnitt. Eng gebaute Dörfer stehen hier
an der sonnigen Halde, von Wildbachverwüstungen und
Lawinenbrüchen bedroht. Auf dem grünen Talgrund
umzieht die junge Rhone in schäumenden Windungen
die zahlreichen Schuttkegel. Die letzten kleinen Riemen
von magerem Getreideland nutzen am steilen Hang das
Sonnenlicht aus. Dem lichtgeschwärzten Gebälk der
Häuser verleihen die weißgestrichenen Fensterrahmen ein
etwas freundlicheres Aussehen. Unter den zahlreichen
Dörfern seien nur Münster und Ulrichen genannt.

Von O b e r w a l d aus führt die Straße in steiler Schlucht
durch die letzte Felsenstufe von 400 m zur Rhonequelle,
dem rauhen Talkessel von Gletsch 1761 m hinauf. In
seinem Hintergrund bricht der Rhonegletscher, vom Firn-
gebiet des Dammastockes und Galenstockes her, in pracht-
vollem Eissturz über die Felswand zur Talsohle hernieder.

Die Grimselstraße aus dem Haslital und die Furkastraße
aus dem Urserental bringen im Sommer in die Felsen-
einöde von Gletsch einen lebhaften Reisendenverkehr.

Flückiger, Schweiz	S
        <pb n="139" />
        ﻿130

Tessin.

Lage	Zwischen den beiden gewaltigen Massenerhebungen

der Walliser und der Bündner Alpen liegt, wie eine
breite Einsenkung, eine Berggruppe von geringerer Kamm-
und Gipfelhöhe. Die quer zur Hauplrichtung der Alpen
südwärts laufenden Täler des Tessins und seiner Zu-
flüsse haben hier eine tiefe Scharte in das Gebirge
hineingerissen und den wasserscheidenden Hauptkamin der
Südalpen in einen nordwärts ausgreifenden Bogen zurück-
gedrängt. Der Kanton Tessin ist das einzige größere
Gebiet der Schweiz auf der Südabdachung der Alpen.
Er erstreckt sich von den Gipfeln der Gotlhardgruppe
bei über 3000 in Höhe durch die verschiedensten Klima-
und Pflanzenregionen hinunter bis zum Langensee bei
rund 200 m Meereshöhe, der tiefsten Stelle der Schweiz,
und geht in einem schmälern Streifen südwärts über den
Luganersee hinaus zu den welligen Hügeln am Rande
der Poebene. Der Anteil an so verschiedenen Höhenstufeu
verleiht dem Tessin die größte Mannigfaltigkeit des
Landschaftsbildes.

Höhen und Die Täler des Tessins, der Verzasea und der
Tiesen Maggia und ihre reich gegabelten Seitentäler senken
sich in starkem Gefälle zum Alpenfuß hinaus. Sie sind
in dem regenreichen Klima durch das reißende Wasser
zu schmalen und tiefen Furchen ausgenagt worden. Die
Bergketten erinnern mit den steilen Wänden und scharfen
Gräten trotz der verhältnisniäßig geringen Höhe von
2000—3000 m ganz an die Formen des Hochgebirges.
Die heftigen Regengüsse schwemmen den Berwitteruugs-
schutt der Urgesteinsmasse vorweg zur Tiefe; so erscheinen
die obern Berghalden mit ihren magern Wiesen weithin
kahl und eintönig. Die Bäche und Flüsse schwellen unter
den Föhnregen zu gefährlichen Wildwassern an, die wegen
des großen Schutttransportes kostspielige Bauten nötig
machen. Anderseits verschaffen der rasche Lauf und zahl-
reiche Gefällsstufen dem Land einen ungewöhnlichen
        <pb n="140" />
        ﻿131

Reichtum an Wasserkräften, der bis heute nur zum
kleinen Teil ausgenutzt ist.

Kein anderer Teil der Schweiz weist so verschieden-
artige Klimagebiete auf wie das Tessin; von den eisigen
Höhen des Alpenkammes bis hinunter zummittelmeerischen
Klima am Langen- und Luganesersee sind alle Übergänge
vertreten. Die Südabdachnng sichert dem Lande, besonders
in den tief liegenden Teilen, eine verhältnismäßig hohe
Wärme. Anderseits fängt der Südabfall der Alpen die
starken Föhnregen auf, die hier so energisch an der Tal-
bildung arbeiten. Die jährliche Regenhöhe beträgt 150
bis 200 cm, also weit mehr als am Nordfuß der Alpen.
Der Regen fällt meist in kurzen, heftigen Güssen; dann
hellt der Himmel rasch wieder auf. Eine ansehnliche
Niederschlagsmenge bei einer großen Zahl sonniger Tage:
darin besteht der Hauptvorzug des Klimas, der mächtig
zur Entwicklung der Kurorte beigetragen hat. Die Be-
wölkung ist ebenso gering wie im mittlern Wallis, der
Nebel fast unbekannt. In den südlichen, tiefen Talland-
schaften ist auch der Winter ungewöhnlich mild; der
Schnee schmilzt meist schon nach kurzer Zeit.

Wer von Norden her das Tal des Tessins betritt,
darf nicht erwarteit, gleich südwärts des Gotthards eine
südländische Begetation vorzufinden. Die höhern Tal-
schaften bieten im Schmuck der dunklen Nadelholzwälder
ein nordisches Bild. Erst auf tiefern und Würmern
Stufen stellen sich die Vertreter einer südlichen Pflanzen-
welt ein. Die Edelkastanie bildet an den schuttreichen
Talhalden ausgedehnte Wälder; als Fruchtbaum ist sie
für die Volksernährung von größtem Wert geworden.
Mll der Kastanie wechseln in bunter Mischung Reben
und Pfirsichbäume, zu denen sich im südlichen Tessin
auch die Maulbeerbäume gesellen. Der Weinstock klettert
aii Mauern und Bäumen empor oder kriecht über das
Sparrenwerk von Laubengängen hinweg. Im Schallen
der Rebe wird in den Weinbergen Gemüse, wohl auch
Mais gebaut. In den Talsohlen des südlichen Tessins

Klima

Pflanzenwuchs
        <pb n="141" />
        ﻿132

breiten sich die Maisfelder aus, die den Landesbewohnern
die Nationalspeise, die „potente,“, liefern. Überall hat
der Wald stark unter Verwüstung gelitten; das vermehrt
die Wildbachgefahr. Im südlichen Tessin sind die Ge-
hänge weithin mit Buschwald verkleidet. Auf den Höhen
wandert man stundenlang durch bunt gemischtes Nieder-
holz von Kastanien, Eichen und Haselbüschen, das erst
am Fuße des Berges von hochstämmigen, knorrigen Ka-
stauienbäumen abgelöst wird. Der Buschwald überzieht
die Berge mit einem sammetartigen, grünen Schimmer,
der die zahllosen Wasserrinnen der Gehänge und die
Bergumrisse mit aller Schärfe zeichnet, während der
Hochwald als dicker Mantel die Formen des Untergrundes
verhüllt.

Ackerbau	Beim Vorwiegen steiler Halden und eines stark

zerstückelten Bodens ist der Ackerbau erschwert; er gehört
fast ausschließlich in den südlichen, tiefer liegenden Kantons-
teil. Während in der Ebene der Mais in ganzen Feldern
reift, können am terrassierten Steilhang nur schmale, aus-
gemauerte und schwer zugängliche Riemen bebaut werden.
Vielfach liegt der Ackerbau den Frauen und Kindern ob,
da die Männer scharenweise als Bauarbeiter nach den
Bauplätzen der Nordschweiz wandern und nur wenige
Wintermonate bei ihrer Familie zubringen. Daneben

Auswanderung besteht eine eigentliche Auswanderung; die Tessiner ziehen
als Südfrüchtehändler über die Alpen, oder sie finden in
Argentinien oder in den Vereinigten Staaten eine neue
Heimat.

Granit- und Der nördliche und größere Kantonsteil besteht aus

Gneisindustrie (grcmip und Gneisgebirgen, die seit dem Bau der Gott-
hardbahn in zahlreichen Steinbrüchen einen hochgeschätzten
Baustein liefern. Am wichtigsten sind die Brüche an der
Gotthardlinie selbst. Dem Reichtum an Baustein ent-
sprechen die massiv gebauten Häuser mit flachen, gneis-
plattenbedeckten Dächern; sie drängen sich um den italienisch

Bauten anmutenden Campanile (Glockenturm) und schließen an
den Berghalden enge und holperige Dorfgassen ein.
        <pb n="142" />
        ﻿133

Im obersten Lauf durchfließt der Tessin das Längs-
talstück des Bedrettv, das den Nufenenpaß ins Wallis
und den für Gotthardbahn und -Festung militärisch wich-
tigen San Giacomopaß ins italienische Tosatal nach
Domodossola hinunter sendet. Bei Airolo erreichen die
Gvtlhardstraße von Andermatt her und der Bahntunnel
das Tessintal, beschützt durch eine moderne Feftungsanlage
mit Außenwerken. Das Livinental (Leventina) zeigt einen
ähnlicheil Stufenbau wie das obere Wallis; es wird
durch die Schluchten des Monte Piottino und der Bias-
china in langgestreckte Talbecken zerlegt. Die Gvtthard-
bahn überwindet die Stufen in se einem doppelten Kehr-
tunnel. Die Wasserkraft des 800 m über dem Hanpt-
tal liegenden Ritomsees im Val Piora und der Schlucht
am Monte Piottino ist bereits für den elektrischen Be-
trieb der Gotthardbahn gesichert. Während in Quinto
noch der Tannenwald herrscht, treten im Becken von
F a i d o bereits die Kastanien als Vorboten des Südens
auf. Sie umspannen im Verein mit den ersten Wein-
lauben auch die Bergsturztrüminer der Talstufe von
Giornico. Bei Biasca mündet das Bleuivtal, in
dessen Hintergrund Olivone die Lnkmanierstraße und
den Greinapaß zuin bündnerischen Vorderrheintal be-
herrscht. Biasca liegt mit 339 in in gleicher Höhe wie
der tiefste Ort im nördlichen Mittelland bei Brugg.
Auf seiner grünen Talsohle bildet die Rebe durch Gneis-
säulen gestützte Lauben. An der steilen Talhalde von
Osvgna ist einer der größten Steinbrüche in Betrieb.
Bei Arbedo nimmt der Tessin die Moesa aus dem
Misox auf und wendet sich dann, westwärts umbiegend,
auf immer breiter werdender Talsohle dem Langensee
zu. Von Giornico an begleiten Waldstreifen von Pappeln,
Weiden und Erlen den Fluß auf dem verwilderten und
oft überschwemmten Talboden stundenweit bis zur Mün-
dung in den See. Am Ausgang der Talstreckc der Ri-
viera zum langgestreckten Delta des Tessins liegt die
kleine Hauptstadt Bellinzona 10400 Einwohner,

Nördlicher

Tessin
        <pb n="143" />
        ﻿134

Verzasca- und
Maggiagebiet

Sopra- und
Sottoceneri

überragt von drei Hügeln, auf denen die Burgen „Uri",
„Schwyz" und „Unterwalden", nach der ehemaligen
Herrschaft der drei Orte benannt, einst den Zugang zum
Gotthard bewachten. Die vom Tessin früher oft ver-
heerte, gestrüppbewachsene Ebene unterhalb Bellinzona
kann jetzt nach den Korreklionsarbeiten allmählich zu
Kulturland umgewandelt werden. Aus den Tessiner
Alpen treten die reich verästelten, steilen Täler der
Verzasca und Maggia durch Schluchten zum Langensee
hinaus. Als reißende Wildwasser schleppen sie bei Föhn-
regen gewaltige Schuttmassen talauswärts; die Maggia
hat ein halbkreisförmiges, strauchbedecktes Kiesdelta in
den See vorgeschoben und wird einst den obersten Teil
des Sees abtrennen, wie es durch die Adda aus dem
Veltlin am obern Comersee bereits geschehen ist. Haupt-
orte des landschaftlich reizvollen Maggiatales sind Cevio
und Bignasco. In einem engen, felsigen Seitental
liegt der deutsche Ort Bosco, der allmählich der
Berwelschung entgegengeht. Durch das Tal von Cento-
valli führt die Straße nach Domodossola hinüber. In
milder, nebelfreier Lage und durch die größte Zahl
sonniger Tage ausgezeichnet, lehnt sich das alle Städt-
chen Locarno an das Seeufer, immer mehr als Kurort
für den Winter- oder Frühlingsaufenthalt bevorzugt. In-
mitten einer üppigen, südlichen Vegetation liegen weiter
seeabwärts Ascona und Brissago, dessen Bewohner
im Tabakbau und in der Zigarrenfabrikalion den Haupt-
erwerb finden.

Südlich der Mündungsebene des Tessins trennt
der niedrige Zug des Monte Ceneri nach Größe, Boden-
gestalt, Volksdichte und Volksart ungleiche Gebiete des
Kantons, das Sopra- und Sottoceneri (ober- und
unterhalb des Ceneri). Im Sottoceneri erreichen die
Berggipfel eine geringere Höhe und machen in ihrem
Kleid aus Buschwald einen freundlicheren Eindruck als
das Gebirgsland am Tessin; immerhin steigen sie mit
steilen Halden aus den breiten, gut bebauten Tälern
        <pb n="144" />
        ﻿135

empor. Täler und Bergzüge gruppieren sich unter dem
blauen Himmel des Südens zu einem reizvollen Land-
schaftsbild um das vielarmige Becken des Luganersees.
Die eine Bucht zieht sich zum italienischen Porlezza
hinüber, das durch eine Talmulde mit den Ufern des
Comersees in Berbindung steht. Ein anderer Zipfel des
Sees dringt am Fuß des aussichtsreichen Kalkgipfels des
Monte Generoso 1701 ui nach Süden vor, wo Riva
und Capolago das Ende bezeichnen. Ein Arm biegt
um den zypressengekrönten Felsvorsprung von Morcote
und umschließt eine halbinselförmige Berggruppe, aus
der als weitschauender Punkt der San Salvatore auf-
ragt. Am Bergfuß liegt im Kranz um die nördliche
Seebucht der größte Ort des Tessins, Lugano, mit
13000 Einwohnern; die Stadt ist rings von prächtig
gelegenen Villen und Hotelkolonien umgeben, die inmitten
der Reblanben und Kastanienbäume das Landschaftsbild
mit hellen, reichen Farben beleben. Lugano ist der von
Fremden meist besuchte Ort der Südschweiz; granitene
Fahrbahn in den Straßen, Bogengänge im Erdgeschoß
und offene Werkstätten erinnern an italienische Bauart
und Lebensweise. Vororte am See sind das hotelreiche
P a r a d i s o am Fuße des San Salvatore und C a -
stagnola in geschützter Bucht; durch Olivenbestände
führt ein Felsensteig zu dem au steiler Halde am See-
ufer klebenden, italienisch gebauten Fischerort Gandria.
Von Bellinzona her unterfährt die Gotthardbahn den
Straßen Übergang des Monte Ceneri und erreicht durch
die Frnchtfelder des Agnotales Lugano auf aussichtsreicher
Terrasse über der Stadt. Bei M e l i d e gewinnt sie auf
einem Damm quer durch den See das östliche Ufer und
tritt über M e n d r i s i o und die Grenz- und Zoüstation
Chiasso in die Poebene hinaus. Die Umgebung von
Mendrisio, das Mendrisiotto, ist mit ihrem Reichtum an
Wein, Mais, Tabak und Früchten der Garten des Tessins
und bietet mit den zahlreichen Maulbeerbäumen die Grund-
lage der Seidenraupenzucht und Seidenspinnerei. Inmitten

Luganersee

Mendrisiotto
        <pb n="145" />
        ﻿136

der zur Poebene auslaufenden Hügelwellen des Mendri-
siotto liegt der Badeort Stabio.

Die Tresa führt das Wasser des Luganersees dem
78 in tiefer liegenden Langensee zu. Über den Grenzort
Ponte Tresa leitet das Flußtal den Verkehr zu den
Fremdenorten des Langensees hinüber.

(ffrvanbünbexx*

zage und Graubünden liegt im Südosten der Schweiz. Es

Bedeutung umfaßt, in mancher Beziehung ein Gegenstück zum
Wallis, den östlichen Flügel des großen Südalpen-
zuges, die Bündner Alpen, und überdies die Südab-
dachung der Glarner Alpen. Graubünden ist mit rund
7100 öm? Fläche der größte Kanton der Schweiz. Er
kommt aber als Gebirgsland mit geringer Volksdichte
nicht zu einer Geltung, die der Größe entspricht; nahezu
die Hälfte des Bodens ist unproduktiv, der Ertrag in-
folge der hohen Lage gering; die Bündner Berge sind
ein armes Land.

Gestalt	Die Längstalfurche der Rhone findet über das

Mittelstück des Urserentales hinweg ihre Fortsetzung im
bündnerischen Vorderrheintal. Der Rhein fließt von der
Oberalp aus am Fuß der schroff abstürzenden Nord-
alpenkette entlang bis Chur und durchbricht sie dann,
nordwärts umbiegend, in einer breiten Quertallücke, ähn-
lich der Rhone unterhalb Martigny. Von den Bündner
Alpen laufen zahlreiche Qnertäler nordwärts zum Rhein
hinaus, während von der Nordwand nur unbedeutende
Bäche in kurzen, steilen Tälern und Nunsen herunter-
stürzen. Die Bündner Alpen zeigen gegenüber der ein-
fachen Stammkette der Walliser Alpen einen recht ver-
wickelten Bau. Vom Gotthard an ostwärts begegnen
sich an einem Kamm die Hintergründe der Rhein- und
der Tessintäler. Dann aber heben sich weiterhin aus
dem Gewirr von Bergkämmen zwei Hauptzüge heraus,
die das Engadin einschließen; sie ergeben die natürliche
        <pb n="146" />
        ﻿137

Einteilung des Landes in das Einzugsgebiet des Rheins,
das Jnntal und die Täler der Südabdachung: Misox,
Bergell, Puschlav und Münstertal.

Die Bündner Alpen können sich an Höhe der ein-
zelnen Gipfel nicht mit den Walliser und Berner Alpen
messen; die Bernina erreicht als höchster Punkt 4052 m.
Dagegen sind sie durch eine ungewöhnlich hohe Lage der
Talsohlen ausgezeichnet; St Moritz auf dem Talgrnnd des
Oberengadins hat die gleiche Meereshöhe wie Rigikulm
1800 m. So stellen denn die Bündner Alpen, ungeachtet
der geringeren Gipfelhöhe, eine ähnliche Massenerhebung
dar wie die Walliser Alpen. Denkt man sich das Mittel-
land der Schweiz von einem Meer überflutet, dessen Spiegel
1000 m über dem heutigen liegt, so würden Meeresarme
durch die nördlichen Alpentäler bis an den Haupttämm der
Nordalpen eindringen, bis in die Talhintergründe von Elm,
Göschenen, Guttannen, Grindeltvald, Lenk und Saanen;
das Prätigau, Vorder- und Hinterrheintal, und Albulatal
müßten weit taleinwärts unter Wasser stehen. Dagegen
würden die Seitentäler des Vorderrheins, das Rheinwald,
Avers, das Oberhalbstein, die Talmulden von Davos und
Bergün und das ganze Engadin als Gebiete großer Er-
hebung über dem Meeresspiegel liegen. Fehlt es auch
den Bündner Alpen nicht an kühn geformten Gipfeln
und stark vergletscherten Gruppen, so überwiegen doch
im Landschaftsbild die auf breitem Fuß mit geringerer
Böschung ansteigenden und weit hinauf mit Wald und
Weiden verkleideten Gebirge; sie heben sich über hoch-
liegende Talmulden hinaus und machen, von hier ans ge-
sehen, naturgemäß nicht den Eindruck schreckhafter Steilheit
und Größe, &gt;vie die Walliser Alpen von ihren Nordtälern
oder gar von der Poebene in 200 m Meereshöhe aus.

Im Einzugsgebiet des Rheins setzt sich auf weite
Flächen der Untergrund aus dunkeln, mürben Tonschiefern,
dem Bündner Schiefer, zusammen. Auf dem zu
fruchtbarer Erde verwitterten Schieferboden steigen üppig
grüne Weiden bis zu den gerundeten Bergkämmen hin-

Einteilung

Bündner Alpen

Bündner

Schiefer
        <pb n="147" />
        ﻿138

Straßen
und Pässe

Klima

aus. Die Halden sind aber auch beständig von Rut-
schungen und von der Verwüstung durch Wildbäche be-
droht, die bei Regen oder Schneeschmelze mit schlammigen,
dunkeln Fluten aus den tief in den Berg gerissenen
Tobeln hervorbrechen und den offenen Talboden mit
Schutt überführen; hier sind überall Verbauungen nötig
geworden. Für Flußkorrektiouen, Wildbach- und Lawinen-
verbauungen hat Graubüuden wie kein anderer Alpen-
kanton schon gewaltige Opfer gebracht.

Der Verkehr erreicht von Norden her den Boden
Bündens durch die Quertalpforte unterhalb Chur; über
die Kette der Glarner Alpen hinweg setzen nur wenig
begangene, mühsame Pässe. Durch die Täler und Paß-
lücken der Bündner Alpen öffnen sich zahlreiche, zum
Teil von prächtigen Kunststraßen benutzte Übergänge nach
Süden. Vom Gotthard bis zum Septimer leiten sie
direkt in die Täler der Südabdachung über; hier ist
der Splügen als kürzeste Verbindung zwischen Chur
und dem Comersee zu hoher Bedeutung gelangt. Ost-
wärts des Septimer münden die Übergänge ins Hoch-
tal des Engadin und müssen durch einen zweiten Paß
die Fortsetzung zu den außerschweizerischen Talschaften
am Südfuß der Bündner Alpen suchen. Die Täler an
den Südausgängen des Engadin sind von großer Steil-
heit; so senkt sich das Puschlav von der Bernina bis
zur Landesgrenze von 2300 auf 500 m.

Wie in der Bodengestalt, so läßt sich Graubünden
auch klimatisch dem Wallis an die Seite stellen. Die
Gebirgsumrahmung entzieht sowohl der tiefen Mulde
des Rheiugebietes als dem Jnntal die Feuchtigkeit. Chur
hat eine Niederschlagshöhe von 90 cm; an der Maloja
beträgt sie 140 cm, nimmt aber durch das ganze En-
gadin hinaus beständig ab und erreicht im Unterengadin
nur noch 70 cm. Die abgeschlossenen Täler haben an
den Windströmungen des Vorlandes nur geringen An-
teil ; so ist es denn nicht selten, daß sie auch in der Gesamt-
Witterung eine Ausnahme bilden. Es kommt vor, daß
        <pb n="148" />
        ﻿139

der Zug der Albulalinie aus dem sonnigen Wetter von

Bevers im Engadin durch den Tunnel in den Regen

des Albulatales hinaus fährt. Die Massenerhebung der

Bündner Alpen bewirkt eine hohe Lage der Wald-, Pflanzendecke

Weiden- und Schneegrenze; im Engadin und im Münster-

tal steht der oberste Wald bei 2200 in; an der Bernina

steigt die Schneegrenze auf 3100 m. Die Gebirgstäler

Graubündens erhalten ihren Landschaftscharakter durch die

Nadelholzwaldungen, die stundenweit als dunkles Kleid

die Gehänge verhüllen, und durch die prächtigen, blumigen

Alpweiden. Durch die Föhnzasse des Rheinquertales

dringt die Rebe bis nach Chur hinauf vor. Getreide

wird taleinwärts bis zu großer Höhe angebaut; so steigen

in sonniger Lage im Engadin die Getreidefelder neben

den Obstbäumen bis zu 1700 rn, an der Ofenstraße bis

1800 na. Immerhin wird der Boden meist alpwirtschaft- Alpwirtschaft

lich benutzt. Die Alpweiden unterhalten einen Viehstand,

der zum wichtigsten Besitz des Landes gehört. Aus den

Hochtälern stammt das luftgekrocknele Fleisch, das unter

dem Namen „Bündner Fleisch", meist von Chur aus

versandt wird. Schott längst vermochte die Alpwirtschaft

nicht mehr allein die wachsende Bevölkerung zu ernähren;

daher der Trieb so vieler Bündner, im besondern der Wanderung

Engadiner, nach den großen Städten Norditaliens und

des übrigen Europa auszuwandern, um als Zuckerbäcker,

Wirte, Hotelangestellte oder Geschäftsleute sich einen ge-
wissen Wohlstand zu verschaffen und in späteren Jahren
wieder nach der Heimat zurückzukehren. Diese Kräfte
werden neuerdings immer mehr im Lande zurückgehalten
durch den sichern Verdienst im Fremdeubesuch, der Grau- Fremdenverkehr
blinden wegen seiner landschaftlichen Schönheit und der
Heilwirkungen seines Höhenklimas und der zahlreichen
Mineralquellen bevorzugt. Die rätische Bahn und die
Alpenstraßen bewältigen mid fördern einen großen Tou-
ristenverkehr. Im Winter wenden sich die fremden Be-
sucher nach den bekannte» Schnee- und Eissportplätzen
St. Moritz, Davos und Klosters. Durch den Bau einer
        <pb n="149" />
        ﻿140

Ostalpenbahn (Seite 102) sucht Graubünden seine mittel-
alterliche Stellung als bevorzugtes Durchgangsland zwi-
schen Nord- und Südeuropa zurückzugewinnen.

Bo»	Graubünden hat eine sprachlich und konfessionell ge-

mischte Bevölkerung von 117100 Seelen, die sich natur-
gemäß sehr ungleich über die gesamte Fläche verteilt.
Stark bevölkert sind die Talsohlen, die vielfach, wie im
Engadin, nur einen langen und schmalen Streifen be-
wohnten Bodens tragen. Die ansehnlichste Volksdichte
findet sich im untern Rheintal bis über Chur hinauf,
im Prätigau, in den Kurlandschaften des Engadin und
des Davos und an den Ausgängen der Südtäler. Die
rätoromanische Sprache wird heute noch von 31 °/o der
Gesamtbevölkerung gesprochen (gegenüber 40°/o im
Jahre 1880). Ihr Gebiet umfaßt mehr als die Hälfte
des Kantons; es gehören dazu das Vorderrheingebiet
bis nach Ems, ausgenommen das Saften- und Valser-
tal, das Domleschg ohne die Gegend von Thusts, Schams,
Oberhalbstein, der größere Teil des Albulatales, das
Engadin ohne Samnaun, und das Münstertal. Zwischen
den beiden Hauptgruppen des Oberländer Romanisch (im
Rheintal) und der Engadiner Mundart, des Ladinischen,
bildet der Dialekt des Oberhalbsteins einen Übergang.
Die deutsche und romanische Sprache wechseln stellenweise
von Ort zu Ort. Gegenüber der von Norden her vor-
dringenden deutschen Sprache hat das Romanische be-
trächtlich an Gebiet eingebüßt, gehörte ihm doch einst
auch das Prätigau. Italienisch sind die Talschaften des
Misox, Bergell und Puschlav. Katholiken und Prote-
stanten verteilen sich auf alle drei Sprachgebiete.

Lage der Dörfer Es ist eine in allen Alpentälern bekannte, auch in
Graubünden häufige Erscheinung, daß die Ortschaften
abseits vom gefahrdrohenden Talfluß auf Schultkegeln
oder auf sonnigen Terrassen stehen. Die Bauart der
Häuser ist nach den Talschaften recht verschieden; im all-
gemeinen bevorzugt der Romane auch für einfache Ge-
bäude den massiven, halb städtisch anmutenden Steinbau.
        <pb n="150" />
        ﻿Der natürliche Zugang von Norden her führt durch
den Rebbezirk der „Herrschaft" im Quertal des Rheins.
Hier lehnt das Städtchen Mayenfeld an einen weit
ausladenden Schuttkegel, über den eine früher Diel be-
gangene Straße zur veralteten Befestigung.Luziensteig
und in das rechtsrheinische Ländchen Liechtenstein hinüber-
führt. Bei Malans bricht aus enger Mündungsklus
die Landquart aus dem breiten, anmutigen Tal des
Prätigau. Es zeigt überall die weichen Formen des
Bündnerschiefers, im Norden überragt von den Steil-
wänden der Rätikonkette mit der Scesaplana. Über
Schiers steigt die Straße und die rätische Bahn nach
Klosters hinauf, das neben den Bädern von Fideris
und S e r n e u s und dem St. Antöniental den Fremden-
besuch an sich zieht. In steilem Anstieg gewinnen die
„Stütz"straße und die Bahn das Hochtal des Landwassers.
In dieser sonnigen und nebelfreien Mulde nützt der Kur-
ort Davos (11300 Einwohner) in zahlreichen Sana-
torien für Lungenkranke die Heilwirkung des Höhenlichtes
aus. Der Ort ist überdies zum berühmten Wintersport-
platz geworden. Von hier ans zieht die Flüelastraße
nach dem Unterengadin. An der sonnigen Nordwand
geht der Strelapaß am Sanatorium Schatz alp vorbei
ins Schanfigg, wo der Lungenkurort Arosa, in 1900in
Höhe, mit Davos den Wettbewerb aufnimmt. Aus dem
Schanfigg mündet die Plessur zum Rhein hinaus. Hier
lehnt die Hauptstadt des Kantons, Chur, 14500 Ein-
wohner, an die Talwand. Sie galt zu allen Zeiten als
wichtiger Sammelpunkt der bündnerischen Alpenübergänge.
In einiger Entfernung von der Neustadt an der Talsohle
zieht der eingedämmte Rhein inmitten kahler Kies- und
Sandflächen am Fuß des Calanda entlang.

Oberhalb des ersten romanischen Dorfes Ems liegt
beim Schloß Reichenau die Talgabel des Vorder- und
Hinterrheins. Den Zugang zum Vorderrheintal versperrt
der gewaltige Bergsturz von Flims, der nach der Eis-
zeit von der Nordwand niederbrach. Die Trümmermasse

„Herrschaft"

Prätigau

Davos

Schanfigg

Borderrhein-

gebiet
        <pb n="151" />
        ﻿142









ä

Hinterrheiiital

wird auf 15kmZ geschätzt. Sie bildet heute eine wechsel-
volle, waldige Hügellandschaft, durchbrochen vom Tobel
des Rheins und der Rabiusa aus dem Safiental. Die
Straße umgeht sie über den Kurort Flims. Das
Städtchen Jlanz, ein Marktort, sammelt die Wege
aus den weiden- und viehreichen Seitentälern. Auf
Schuttkegeln und Terrassen reihen sich talaufwärts die
Dörfer. Vom obersten Talstück, dem Tavetsch mit Se-
tz run, führt die Straße über den Oberalppaß, 90 Kur
von Chur entfernt, ins Urserental. Bei dem Klosterort
D i s e n t i s zweigt die Lukmanierstraße durch das Tal Wie-
dels zum Bleniotal ab. das überdies von Somvix her auch
den spärlichen Touristenverkehr über den Greinapaß auf-
nimmt. Von der Berggruppe des Rheinwaldhorns 3398 m
senken sich das breite, stark verzweigte Lugnez und das
schmale Safiental zum Rhein hinaus. Sie find, wie
das Prätigau, das Schanfigg und das benachbarte Dom-
leschg, in den Bündnerschiefer eingeschnilten, dessen ver-
witterte und rutschende Halden üppige Wiesen und Weiden
tragen. Im Lugnez liegen in den Hintergründen des
Glennertales die Orte Vals und Vrin.

Der unterste Abschnitt des Hinterrheintales ist das
Domleschg; in seinem Hintergrund ist Thusts ein Ver-
kehrsmittelpunkt. Aus dem Schiefergestein des Heinzen-
berges bricht hier ein gefürchtetes Wildwasser, die „schwarze"
Nolla, hervor, dessen Verheerungen mit einer kostspieligen
Verbauung Einhalt getan werden mußte. Durch die groß-
artige Schlucht der Viamala, hoch über dem in schwarzer
Tiefe tosenden Fluß, erreicht die Straße ein höher lie-
gendes Talbecken des Hinterrheins, das Schams mit
Andeer, und in erneutem Anstieg durch die Rofna-
schlucht das Rheinwald, den obersten Talabschnitt. Vom
Dorfe Splügen zieht die gleichnamige Straße über
die Paßhöhe nach dem italienischen Chiavenna hinunter,
und von Hinterrhein geht die Bernardino-Straße
ins Misox und nach Bellinzona. Das entwaldete,
weidenreiche Aversertal birgt die höchsten ständig be-
        <pb n="152" />
        ﻿143

wohnten Ortschaften der Schweiz, Cresta und Inf
2130 in, der Gipfelhöhe des Pilatus gleich.

Bei Thusis bricht die Albula aus der gewaltigen
Schynschlucht hervor. Die Albulabahn, von Chur her-
kommend, erzwingt sich an den Steilwänden und über
kühne Brücken hinweg den Zugang zu dem Talkessel und
Straßenkreuz von T i e f e n k a st e l. Von Chur her leitet
ein alter Verkehrsweg durch das Tal von Churwalden
ins Oberhalbstein hinauf und gabelt sich in die beiden
schon zur Römerzeit benutzten Übergänge des Septimer
zum Bergell und der Juliei straße ins obere Engadin.
Von Davos führt eine Straße dem Landwasser entlang
durch die Schlucht der „Züge" über den Badeort A l -
Venen, begleitet von der Bahn, die in Filisur mit
der Albulabahn zusammentrifft. Diese überwindet in
Schleifen und Kehrtunnels die Stufen des Tales von
B e r g ü n und dringt in 7 km langem Tunnel unter
dem Paßübergang der Albulaftraße ins Engadin ein.

Eine von den Straßenübergängen des Julier, der
Albula und des Flüela durchquerte Bergkette trennt das
bündnerische Rheingebiet von dem schmalen Einzugsgebiet
des Inn. Sie trägt die Gipfel des Piz d'Err, Piz Kesch,
Piz Vadred, Piz Linard und Piz Buin, alle zwischen
3200 und 3000 m hoch.

Das Engadin zählt zu den höchsten bewohnten Alpen-
tälern. Die breite Talsohle des Oberengadin liegt in
1800 rn Meereshöhe, am Fuße der eisumhüllten, schim-
mernden Berninagruppe, von der die prächtigen Talgletscher
Rosegg und Morteratsch herunterfließen. Das Jnntal
geht ohne Rückwand an der Maloja in das Bergell
über. Der junge Inn bildet die drei kleinen, durch ge-
rundete, waldige Felskuppen getrennten Seen von Sils,
Silvaplana und St. Moritz. Das anmutige und
eindrucksvolle Landschaftsbild und die Vorzüge des Höhen-
klimas sichern den Orten des Oberengadins einen noch
stets zunehmenden Fremdenbesuch, dessen Hauptanteil auf
St. Moritz fällt. Als Kurort und Wintersportplatz zählt

Albulatal

Engadin
        <pb n="153" />
        ﻿144

es zu den ersten Fremdenzentren der Welt. Seine Heil-
quelle wurde schon zur Römerzeit geschätzt. Der alte
Mittelpunkt des Oberengadins ist Sam ad en. Zwischen
der Bernina und dem berühmten Aussichtspunkt des Piz
Languard gehen die Berninastraße und neuerdings die
elektrische Bahn an Pontresina vorüber taleinwärts,
um über die Bernina-Paßhöhe 2330 in hinweg das
Puschlav und das Beltlin zu erreichen. Weiter innab-
wärts wird das Tal nur wenig vom großen Fremdenstrom
berührt; hier liegen die Dörfer Zuoz und Siranfs.
Bon Zernez führt die Straße des Ofenpasses zum
Münstertal hinüber, und in S ü s endet die Flüelastraße.
Während im obern Engadin der Inn auf flacher Tal-
sohle dahinzieht, fließt er im Unterengadin, bei Zernez
durch den Spölbach verstärkt, in enggeschnittenem, be-
waldetem Tal. Die Dörfer stehen 'an der Nordhalde auf
sonniger Terrasse. Die Heilquellen und die reine Luft
der waldreichen Gegend begründeten den Ruf der Kur-
orte Schuls und Tarasp, die nun auch durch eine
elektrische Bahn in bequemer Verbindung mit dem obern
Engadin stehen. Unterhalb Martinsb ruck tritt der
Inn ins Tirol hinüber. Das auf österreichischen Boden
ausmündende arme Bergtal des Samnaun erhält jetzt
mit Bundeshilfe durch eine kunstvolle Straße den engern
Anschluß an das schweizerische Engadin.

Naturschutz	Der schweizerische Bund für Naturschutz hat in den Bergen des

Unterengadins zwilchen den Gemeinden Scanfs, Zernez und Schuls
ein Schutzgebiet (totale Reservation) für alle Pflanzen und Tiere an-
^^ttonalpark" 3^9^ das hinfort als Schweizerischer Nationalpark gellen soll. Das
Schutzgebiet ist dazu bestimmt, in seinem Bereich die durch Erwerbs-
tätigkeit der Anwohner und durch den Touristenverkehr bedrohte
Natur vor Verarmung zu bewahren. Hier sollen sich die Pflanzen
und Tiere wieder so einleben und entwickeln können, wie vor der
Zeit, da der Mensch in rücksichtslosem Eigennutz anfing, die Natur
nach seinen Bedürfnissen umzugestalten und zu verwüsten.

Die Gebirgswelt des Osenpasses eignet sich vortrefflich als
Nationalpark. Sie ist von großer landschaftlicher Schönheit, reich
        <pb n="154" />
        ﻿145

bewaldet und einsam; sie beherbergt eine reiche Pflanzen- und
Tierwelt; hier hat der Bär noch zeitweilig eine Zufluchtsstätte
gefunden. Das Verbot der Jagd, des Weidganges und des Holz-
schlages wird die sich selbst überlassene Natur vor weiterer Zer-
störung bewahren. Die Reservation umfaßt bereits das linksseitige
Scarltal und die Täler am Piz Quater Vals und Piz d'Esen,
darunter das Val Cluoza bei Zernez. Das große Verbindungs-
stück zwischen diesen beiden Gebieten mit den prächtigen Wäldern
an der Ofenbergstraße soll binnen kurzem hinzutreten. Damit er-
reicht der Nationalpark die Größe von über 200 km2, nahezu der
Fläche des Kantons Zug gleich. In Italien besteht die Absicht,
den obern Teil des Livignotales als italienischen Nationalpark
unserem Schutzgebiet anzuschließen.

Der Bund für Naturschutz hat sich überdies bereits mit
Erfolg bemüht, die erratischen Blöcke als ehrwürdige Natur-
denkmäler vor der Zerstörung zu retten und die Alpenpflanzen vor
der Ausrottung durch die Scharen der einheimischen und sremden
Besucher zu bewahren.

Die Täler am Südabsall der Alpen senken sich
meist stufenförmig in steilem Absturz von den Alpweiden
der Paßhöhe zu den Kastanienwäldern, Weinbergen und
Feigengärten an ihrem Südausgang. Im Misox (Me-
socco) verknüpft sich der überraschende Übergang vom
alpinen zum südländischen Landschaftsbild mit einer Tal-
stufe unterhalb Misox. Die Moesa, verstärkt durch
den Abfluß des wilden Calancatales, fließt an Rove-
r e d o vorüber zum Tessin und leitet an ihrem Talgrund
den Verkehr vom Bernardino nach Bellinzona. Von
Chiavenna her steigt eine vielbegangene Straße durch
das Bergell (Bregaglia) über die schweizerischen Orte
Castasegna und Vicosoprano zur Felskante von
Maloja hinauf, wo sich das Hochtal der Engadiner Seen
öffnet. Das Puschlav (Poschiavo) tritt an seinem Süd-
ausgang mit der Talenge von Campocologno bei
Brusio hart an die Weinberge und Maisfelder des
Veltlins heran. Das Elektrizitätswerk an der Landes-
grenze versorgt durch eine 160 km lange Fernleitung

Flückiger, Schweiz	10

Misox

Bevgell

Puschlav
        <pb n="155" />
        ﻿146

Münstertal

Lage

Gotthardverkehr

die Spinnereien und Webereien in der Umgebung von
Mailand mit Kraft. Den Sommer über gehen vom
Grenzort Campocologno beträchtliche Sendungen von
Beerenfrüchten (Heidelbeeren) aus dem Veltlin in die
innere Schweiz. Hauptort der Talschaft ist P o s ch i a v o;
talauswärts liegt der gleichnamige See, an dessen Ufer
entlang Straße und Touristenbahn Tirana im Veltlin
zustreben. Das Münstertal wird vom Rambach zur Etsch
entwässert. An der Landesgrenze liegt, vor dem Tal-
ausgang an der Calven, Münster 1250 m hoch. Bon
Santa Maria steigt die neue Umbrailstraße zum
italienischen Abschnitt der Stilfserjochstraße hinüber, die
hart an der Schweizergrenze in 2800 m Höhe die wich-
tige Verbindung zwischen dem italienischen Veltlin und
dem österreichischen Etschgebiet herstellt.

Uni.

Aus den Flanken der Gotthardgruppe bricht die
Reuß in mächtigem Quertal durch die Bergmassen des
Nordalpenzuges zum Vierwaldstättersee hinaus. Von
den Quellen bis zum See durchfließt sie den Kanton
Uri. In seinen Tälern beherbergt er nur 22100 Ein-
wohner und bleibt damit der volksärmste unter allen
Kantonen. Ein imposanter Gebirgsrahmen und die
Steilufer des Urnersees scheinen das Land zu gänzlicher
Abgeschlossenheit zu bestimmen; aber längst schon leitet
der Gotthardübergang den Weltverkehr durch das einst
so entlegene Reußtal.

Im Altertum uni) im Frühmittelalter kannte man den am
zentralsten gelegenen Alpenpaß nicht; die Reisenden querten das
Gebirge über die Bündner und Walliser Pässe. Anfangs des
13. Jahrhunderts wurde durch den Ban der „stiebenden Brücke"
in der Schöllenenschlucht der Gotthardweg geöffnet, der den großen
Verkehr heranzog und der vorher wenig beachteten Talschaft eine
hohe Bedeutung verlieh. Durch das Reich von der Herrschaft
des Grafen von Habsburg losgekauft und als reichssrei erklärt,
        <pb n="156" />
        ﻿147

wurde der kleine Paßstaat zum Kern der Eidgenossenschaft. Die
Neuzeit ersetzte den alten Saumweg durch die Gotthardstraße und
die Gotthardbahn; jene wurde 1830. diese kurz nach dem Durch-
schlag des 15 km langen Tunnels zwischen Göschenen und Airolo
im Jahre 1882 fertiggestellt. Diese Bauten erhöhten die Wichtig-
keit des Gotthards für das Ländchen. HNoch heute ist Uri ein
Paßstaat; die Gotthardbah» ist seine Lebensader.

Die Reuß sammelt in dem ringsum geschlossenen Urserental
Becken des Urserentales die Bäche aus dem Gebirgs-
körper des Gotthards (Pizzo Rotondo 3197 in und
Pizzo Centrale 3008 hi). Über die Paßlücken treten
die Furkastraße vom Rhonetal, die Oberalpstraße vom
Rheintal und die Gotthardstraße vom Tessin her im
Verkehrsmittelpunkt And er matt zusammen (Karten-
beilage II), wo einzelne Werke der Gotthardbefestigung
den Durchgang beherrschen. Hospental und Re alp
liegen da, wo die Gotthard- und die Furkastraße die
Sohle des wiesengrünen, entwaldeten Urserentales er-
reichen. Der Talfluß durchbricht bei Andermatt die
Nordwaud in der steilen, wilden Schöllenenschlucht, in
der die Straße sich durch den Felsentunnel des Urner-
loches und über die kühngewölbte Teufelsbrücke nach
Göschenen, am Ausgang des Gotthardtunnels, hin- GSschemn-
unterwindet. Hier mündet das Göschenental, dessen
Verzweigungen sich zu den Eisfeldern des Dammastockes
3638 m und der Sustenhörner 3511 in hinauf ver-
lieren. Unterhalb Göschenen senkt sich das tief ein-
geschnittene Reußtal wiederum in mächtiger Stufe, die
von der Gotthardbahn bei Massen in einer kunstvollen
Doppelschleife überwunden wird. An dem gestuften Aus-
gang des Meientales bei Massen vereinigt sich der Susten-
paß vom beimischen Haslital her mit der Gvtthardstraße.

Massen und Gurtuelleu sind die Hauptplätze der Granit-
industrie im Reußtale. Bei Am st eg tritt die Reuß Amsteg bis @ee
auf den flachen Talboden hinaus, der mit dem ein-
tönigen Delta am Südzipfel des Vierwaldstättersees
bei Flüelen abschließt. Bei Amsteg öffnet sich das
        <pb n="157" />
        ﻿148

Vier-

waldstättersee

Maderanertal, dessen Hintergründe am Oberalpstock
3330 m und am Claridenstock 3264 m liegen. Die
prachtvoll geformte Pyramide des Bristenstockes scheint,
vom See her gesehen, das Reußtal abzusperren. Tal-
auswärts folgen Silenen, Erstfeld und, dem Fuß
des Urirotstockes 2932 in gegenüber, der Hauptvrt A l t -
dorf mit 3800 Einwohnern. Durch das Schächental
mit Bürgten gewinnt die Klansenstraße die Paßhöhe
von 1952 ni und über den Urnerboden das Glarner
Linthtal. Die Umgebung von Altdorf steht unter der
Wirkung des Föhns, der weit reußaufwärts das Obst
reifen läßt, aber auch auf dem Urnersee gefährliche
Stürme entfacht. Die steilen Trogwände des Urnersees
sperrten früher den Landweg aus dem Reußtal ab.
Heute erzwingen sich am Ostufer die berühmte Axen-
straße in den Felsgalerien und die Gotthardbahn in
einer langen Tunnelreihe den Durchgang. Inmitten der
Felsenwildnis liegt, Sisikon in einer grünen, wind-
geschützten Oase. Über den See hinweg streift der Blick
die stolzen Hotelbauten auf der Felskante von S e e l i s -
berg und sucht am Fuß des Steilhangs die wald-
umsäumte, stille Wiese des Rütli. Am Seeufer des
Axenbergs erinnert die Tellskapelle an den Helden der
Nationalsage.

Der Bierwaldstältersee übertrifft an Großartigkeit
und reizvollem, überraschendem Wechsel des Landschafts-
bildes alle andern Seen der Schweiz. Er setzt sich aus
verschiedenen Becken zusammen, die den merkwürdig
gekreuzten Talzügen folgen und, um Bergvorsprünge
biegend, durch See-Engen ineinander übergehen. Der
Urnersee öffnet sich zum Becken von Gersau und Buochs,
das zwischen den scharfen Felsrippen am Bürgenstock
und Rigi einen schmalen Ausgang zum Busen von
Weggis findet. Am untern See laufen die Becken von
Küsnacht, Stansstad mit dem Alpnachersee und Luzern
im Kreuztrichter zusammen. Die Talschaften des inner-
schweizerischen Reußgebietes senken sich von allen Seiten
        <pb n="158" />
        ﻿149

her zum Vierwaldstättersee; sie fanden von jeher an
seinem Ende in der Stadt Luzern ihren gemeinschaft-
lichen Marktort.

Unterwalden.

Die zum Vierwaldstättersee ausmündenden Täler
der Sarner- und der Engelberger Aa bilden das Gebiet
des Kantons Unterwalden, 30900 Einwohner. Er
besteht aus weidenreichen, nur an vereinzelten Stellen
zur Schneeregion aufragenden Landschaften. An den
Talsohlen und tief in die Seitentäler hinein lieferte
einst der Ackerbau Überschüsse an Korn. Heute ist er
längst zugunsten des Wiesenbaues zurückgedrängt und
fast völlig verschwunden; Unterwalden ist der grünste
Teil der Schweiz. Die prächtigen, ertragreichen Wiesen
und die Alpweiden machen den ganzen Reichtum des
Landes aus. Die hoch entwickelte Viehzucht vermag
aber nicht, der gesamten Bevölkerung einen ausreichenden
Erwerb zu verschaffen; viele Unterwaldner wandern aus
und finden auf den Gütern Ostpreußens als „Schweizer"
Anstellung.

Unterwalden ist politisch geteilt. Der Halbkanton
Obwalden umfaßt das «arnental und die Landschaft
Engelberg; zu Nidwalden gehören der untere Teil des
Eugelbergertales und das Südufer des Gersauer Beckens.

Obwalden steht durch Brünigbahn und -straße mit
dem Berner Oberland fin Verbindung. Vom breiten,
bequemen Paßübergang an senkt sich das Sarnental in
Stufen zum Spiegel des Alpnachersees. Im obersten
Abschnitt hat sich Lungern am gleichnamigen Seelein
zu einer hekannten Sommerfrische entwickelt. Um der
Landnot zu steuern, senkten die Anwohner 1836 den
Seespiegel und gewannen damit 170 ha Kulturboden.
In der gleichen Absicht wurde bis 1850 der Giswiler-
see entleert; der ehemalige Seeboden liefert jetzt dem
viehreichen Land Streuematerial. Vom schilfumsäumten

Gebiet

Produktion

Politische

Teilung

Obwalden
        <pb n="159" />
        ﻿150

Engelberg

Nidwalden

Gebiet

flachen Ufer des Sarnersees steigt ein Weg ins Melchtal
und über Melchsee - Frutt zum Jochpaß. Vom Haupt-
ort Sarnen, 4600 Einwohner, läuft der breite und
flackie Talboden zum Aadelta aus. Am Rand des stellen-
weise sumpfigen Wiesengrundes liegt der Terrassenort
Kerns und nahe dem See A l p n a ch mit dem Schiff-
landeplatz Alpnachstad.

Der Klosterort Engelberg, von der breiten
Schueekuppe des Titlis 3239 m überragt, wird zu
Luftkuren und als Wintersportplatz stark besucht. Die
elektrische Bahn Stansstad-Engelberg schafft eine bequeme
Zufahrt, und über die Trübseealp stellt der Jochpaß
die Verbindung mit Meiringen her.

Um den Alpnacherbusen gruppieren sich die aus-
sichtsreichen Gipfel des Pilatus 2133 in, Stanserhorn
und Bürgenstock; alle sind durch Bergbahnen dem
Fremdenstrom erschlossen. Der inselartig über die Um-
gebung aufsteigende Bürgenstock war einst am Südfuß
vom See umgeben; durch das Delta der Engelberger
Aa, den Stanserboden, ist er jetzt breit mit dem einstigen
Seeufer verwachsen. Der Hauptort Nidwaldens, Stans
2900 Einwohner, steht über die Seebrücke von Stans-
stad mit Hergiswil am Fuß des Pilatus in be-
quemem Verkehr. Auf einer hohen Bergterrasse über
Beckenried liegt Emmeten. Der Hafen von Buochs
an der gleichnamigen Seebucht verlandet allmählich durch
den Schuttransport der Engelberger Aa, die ihr Delta
immer weiter in den See hinausbaut.

Kchiriy;.

Der Kanton Schwyz umfaßt das Bergland zwischen
dem Vierwaldstättersee, dem oberen Zürichsee und dem
Westabfall des Glärnisch. Seine Voralpenhöhen senken
sich nach Nordwesten zu den waldgekrönten und gerundeten
Hügeln des Molasselandes. Das Land ist reich au Wald
und Weiden; in den tiefen und milden Lagen der See-
        <pb n="160" />
        ﻿151

ufer bilden die Obstbäume ausgedehnte Fruchtgärten.

Der Kanton Schwyz, 58400 Einwohner, vereinigt sich
mit Uri, Unterwalden, Luzern, Zug, dem aargauischen
Freiamt und dem sanktgallischen Gaster zu einem ab-
gerundeten Machtbereich der katholischen Konfession, der
sich rückwärts an das katholische Wallis, Tessin und
Vorderrheintal anlehnt.

Der Hauptort Schwyz, 8000 E., lagert an grüner vaubwaft am
Talhalde am Fuße der beiden schroffen Bergstöcke der »*«. .
Mythen; die weiße Häusermasse ist weithin auf dem Vier-
waldstättersee sichtbar. Unfern von Schwyz öffnet sich der
schmale Ausgang des Muottatales, dessen oberste Ver-
zweigungen in die trostlos öden, vom Wasser zernagten
Kalksteinflächen der Silbernalp und Karrenalp am West-
abhang der Glärnischkette eindringen. Das Dorf Muotta-
tal liegt am Fuß zweier Pässe, des Kinzig aus dem
Schächental und des Pragel aus dem Glarner Linthtal.

In einem Winkel des Muotta-Deltas beherrscht der
Fremdenplatz Brunnen die Axenstraße. Darüber er-
scheinen aus hoher Felskante die Hotelbanten von Axen-
stein und Axenfels. Weiter zurück lehnt sich, Seelis-
berg gegenüber, der Terrassenort Morsch ach an den
Fuß des Frohnalpstockes. Die Gotthardbahn quert die
Talebene von Schwyz und teilt sich südlich des Zuger-
sees bei Gold au in die Linien nach Zürich und Luzern.

Die reichen Obstbaumwälder begleiten sie weit über Zug
hinaus; es ist die Landschaft, wo die ansehnliche Kirschen-
ernte zur Herstellung des berühmten Kirschwassers ver-
wendet wird. Am Westufer des kleinen Lowerzersees
dehnt sich das gewaltige Trümmerfeld des Goldauer
Bergsturzes aus, der im Jahr 1806 vom Roßberg her
vier Ortschaften mit über 400 Menschen verschüttete.

Inmitten der Nagelfluhblöcke steht der neue Ort Goldau
als wichtiger Eisenbahnknoten.

Aus den Wasserflächen und Talmulden erhebt sich Rigi
inselartig der Rigi zu 1800 m Meereshöhe. Unter der
gratartig geschärften Kalkmasse der Hvchfluh ob Gersau
        <pb n="161" />
        ﻿152

tauchen die Nagelfluhbänke empor und steigen zu Rigi-
kulm an. Wegen der ungleichen Härte der Schichten
wechseln an den Rigiwänden schwach geböschte Weide-
bänder mit den Waldstreifen der schroff abbrechenden
Gesteinsbäuke; die Nordwand fällt steil in Stufen zum
Seearm von Küsnacht ab („Riginen" ----- Treppenstufen).
Der Rigi ist mit seinen zahlreichen Hotelbauten ein alt-
berühmter Mittelpunkt des Fremdenverkehrs. Als letzter
hoher Berg am Rande des Hügellandes gewährt er eine
umfassende Aussicht. An seinem Südfuß bergen sich in
geschützten Buchten das föhnwarme Gersau und auf
luzernischem Boden Weggis und Vitznau, die mit
Kastanienwäldchen und Feigen am Seeufer eine südliche
Landschaft vortäuschen. Von Vitznau und Goldau führen
Bergbahnen nach Rigikulm hinauf. An die Nordwand
des Rigi lehnt sich Küßnacht, am Ende des gleich-
namigen Busens; unweit davon steht die Tellskapelle
an der hohlen Gasse. In der Gabel der Gotthardbahn
am Südende des Zugersees liegt Arth inmitten eines
Obstbaumwaldes.

Hochland v°n Der Paß zwischen Roßberg und Mythen erschließt
Einsiedeln Sattel und die düstern Torfmoore von Rothen-
thurm das rauhe Hochtal der obern Sihl. Mittelpunkt
ist der berühmte Wallfahrtsort Einsiedeln, 8400
Einwohner, überragt von den Türmen der Klosterkirche.
Die Häusermasse steht auf kahlem, baumlosem Wiesen-
grund, am Rande der Sumpffläche, die zum Stausee
der Sihl für das koinmende große Elektrizitätswerk be-
stimmt ist. Die Quellbäche der Sihl entströmen den
Felsschluchten am Drusberg 2281 m. An seinem Ab-
sturz vorüber windet sich die Straße von Jberg nach
Schwyz hinab. Der Talfluß verläßt das weite Becken
von Einsiedeln in einer waldigen Schlucht durch die
Lücke zwischen Etzel 1100 m und Hohe Rone 1228 m.
In dieser Enge vereinigt die Bahn bei Biberbrücke
die Linien von Goldau-Rothenthurm und von Einsiedeln
her und zieht mit der Straße über Schindellegi
        <pb n="162" />
        ﻿153

zum Zürichsee hinunter. Der Etzel beherrscht als Aus-
sichtspunkt das reiche Ufergelände des Sees, das mit
dem Kranz stattlicher Dörfer inmitten der Weinberge
und eines Waldes von Obstbäumen einen überraschenden
Gegensatz zur Kahlheit und Armut des Schwyzer Hoch-
landes bietet. Am obern Zürichsee besitzt Schwyz die
fruchtbaren Landschaften der „Höfe" und der March;
dem Kloster Einsiedeln im besondern gehört die liebliche
Insel Usenau. Die Halbinsel von Hürden, eine End-
moräne des eiszeitlichen Linthgletschers, leitet von Pfäffi-
k o n her Straße und Bahn auf einer Dammbrücke quer
über den See nach dem Städtchen Rapperswil. Am
Südufer des Oberstes liegt Lachen nahe der Mündung
der Wäggitaler Aa, die aus dem gleichnamigen, weiden-
reichen Tal hervorbricht.

&amp;lavn&amp;*

Das Glarnerland ist, gleich Uri und Wallis, ein
einziges scharf umgrenztes Flußtal, das Einzugsgebiet
der Linth. Den mauerartig aus der Talsohle aufsteigenden
Bergrahmen überragen der Mürtschenstock 2442 m im
Winkel zwischen Linth und Walensee, der Tödi 3623 m
im Talhintergrund und der Kalkklotz der Glärnischgruppe
2921 in. Die Linth sammelt bei Schwanden zu den
Gewässern aus dem Groß- oder Linthtal den Ablauf
des Sernftales, das bogenförmig die Bergmasse des
Kärpfstockes 2798 in umfaßt. Hoch über dem Talgrund
auslaufende Seitentäler schmücken das Land mit Wasser-
fällen und Schluchten; an ihren Mündungsstufen nutzt
die Industrie in steigendem Maß die Wasserkräfte aus.
Als Quertalfurche von ziemlich genau südnördlichem Ber-
lauf ist der Kanton Glarus heftigen Föhnstürmen aus-
gesetzt, die das ohnehin durch Wildbäche und Lawinen
bedrohte Tal bisweilen noch mit den gefürchteten Föhn-
bräuden heimsuchen.

March

Bodengestalt
        <pb n="163" />
        ﻿154

Volk und
Erwerb

Linthkorrektion

Die regsame und unternehmende Bevölkerung des
Berglandes hat es verstanden, durch die Baumwollindustrie
einen Wohlstand zu erarbeiten, den ihr die Alpwirtschaft
der frühern Zeiten nie hätte verschaffen können. Tal-
einwärts erscheinen überall die fenfterreichen Fronten
und die qualmenden Schlote der Baumwollspinnereien
und -Webereien, die der abgeschlossenen idyllischen Gegend
den Charakter einer hochentwickelten Industrielandschaft
verleihen. Immerhin hat der industrielle Erwerb die
Blütezeit hinter sich; seit 1870 ist die Bolkszahl zurück-
gegangen. Ein altvererbter Trieb zum Wandern und
Handeln führt die glarnerische Jungmannschaft in die
Geschäftszentren europäischer und überseeischer Länder;
hier suchen die Ausgewanderten für die heimische Industrie
neue Absatzgebiete und tragen ans diesem Wege zur
Förderung ihrer engern Heimat bei. Die infolge starker
Abwanderung verwaisten Arbeitsplätze in den Glarner
Fabriken werden neuerdings durch ganze Kolonien ita-
lienischer Arbeiterinnen besetzt. Die Zahl der Arbeiter
beläuft sich auf rund 8000 bei einer Gesamtbevölkerung
von 33300 Seelen; das spricht deutlich für die hohe
Bedeutung der Industrie. Die Alpwirtschaft und Vieh-
haltung tritt nur in einzelnen Produkten hervor; so kennt
man überall den grünen Glarner Schabzieger, der im
Unterland fabrikmäßig hergestellt wird.

Der natürliche Eingang des Landes öffnet sich an
der Linthebene am untern Ende des Walensees. Die
Ebene wurde aus den Geschiebemassen des wilden Berg-
flusses aufgeschüttet; das Delta trennte den einst zusammen-
hängenden, langen Talsee in die beiden Becken des Walen-
und Zürichsees. Hier fand vor einem Jahrhundert eine
der bedeutendsten Entsumpfungsarbeiten statt. Früher
wurde die Ebene häufig überschwemmt und mit Kies
verschüttet; man leitete nun die Linth zur Geschiebeablage-
rung in den Walensee und gab dem Abfluß zum Zürich-
see in geradlinigem Kanalbett ein stärkeres Gefälle. Die
Korrektion, angeregt und durchgeführt von Hans Konrad
        <pb n="164" />
        ﻿155

Escher von der Linth, entriß die Ebene dem Elend der
Versumpfung und gewann dem Land eine große Fläche
kulturfähigen Bodens.

Auf dem Kerenzerberg am Absturz des Mürtschen-
stockes schaut von hoher Terrasse O b st a l d e n auf den
Walensee hinaus. Im Talzuge der Linth folgen sich
an den Seitenhalden die Dörfer Niederuruen,
Näfels, Mollis und Netstal. Hier mündet in
einer Schlucht der Löutsch aus dem Klöntal; die Gefälls-
stuse des Baches liefert dem Löntschwerk die Kraft An
der steilen, terrassierten Nordwand des Glärnisch ruht
der Klöntalersee; an feinem Ufer entlang geht der Pragel-
paß ins Muottatal. Inmitten der Trümmerhügel vor-
geschichtlicher Bergstürze steht am Fuß des Vorderglärnisch
der Hauptort Glarus 5100 Einwohner; nach dem
großen Föhubrand von 1861 wurde der Flecken städtisch
und regelmäßig wieder aufgebaut. Am andern Ufer der
Linth ist das reiche Dorf Ennenda der bevorzugte
Wohnort der Fabrikanten und Kaufleute. Der Fabrikort
Schwanden beherrscht den Eingang zum Sernftal,
wo im Landesplattenbergwerk Engi Dachschiefer, in
Elm weicher Schiefer für Tafeln und Griffel abgebaut
wird. Im Jahre 1881 brach eine durch das Schiefer-
bergwerk unterhöhlte Bergmasse über Elm herein und
verschüttete 115 Menschen. Aus dem Sernftal klimmen
zwei mühsame Pässe, der Panixerpaß am Hausstock und
der Segnespaß am Saurenstock vorbei, nach dem Vorder-
rheintal hinüber.

Im Haupttal liegt am Ende der Eisenbahn, in
einer Sackgasse, das Jndustriedorf Linthal. Die Linth
tritt aus dem Felsenkessel am Fuß des Tödi in einer
großartigen Schlucht ins Tal hinaris, überragt vom mäch-
tigen Stock des Selbsanft. Der Sandalppaß und der
Kistenpaß stellen eine beschwerliche Verbindung mit dem
Rheintal her. Von Linthal ans windet sich die Klausen-
straße über die Mündungsstufe des Fätschbachfalles zum
Uruerboden hinauf und verschafft über die Paßhöhe

Einzelgebiete
        <pb n="165" />
        ﻿156

Landschaften

Volk

dem Touristenverkehr einen Zugang zum Schächental und
zur Gotthardlinie. Hoch über Linthal steht auf sonniger
Bergterrasse der Kurort Braunw ald, bei Linthal selbst
an großen Waldungen das Bad Stachelberg.

St. Gatten.

Gegenüber der Geschlossenheit mancher anderer
Kantone umfaßt St. Gallen eine Reihe von Landschaften,
die nach Bodengestalt, geschichtlicher Entwicklung und
Volksart stark von einander abweichen. Es reicht süd-
wärts in die Täler und zur Hauptkette des Nordalpen-
zuges hinauf, da wo dessen Ende vom Rheinknie um-
schlossen wird, und erstreckt sich über die vielgestaltigen
und schroffen Bergformen der Voralpengruppen hin-
weg zu den Molassehügeln am Bodensee; der Ost-
abfall des Gebietes wird auf der ganzen Strecke von
der breiten Talebene des Rheins begleitet. Der Alpen-
anteil des Kantons St. Gallen gliedert sich durch gut
ausgeprägte Tiefenlinien in drei Gruppen; die Talstrecke
Seez-Walensee trennt die Bergketten des Saurenstockes
und der Grauen Hörner von der Churfisten-Alvierkette,
an deren Nordfuß der Paßübergang von Wildhaus und
das oberste Talstück der Thur den Säntis als isoliertes,
ins Hügelland vorgeschobenes Gebirge erscheinen lassen.
Diese Hohenzüge halten eine Anzahl natürlich umgrenzter
Landschaften auseinander: Das Seez-Walenseetal mit
den vom Nordalpenkamm herabsteigenden Seitentälern
(Sarganserland); den Anteil an der Linthebene (Gaster)
und den Seebezirk von Rapperswil; das Tal der Thur
oder Toggenburg; das Hügelland des nördlichen Kantons-
teils in der Umgebung der Hauptstadt (Fürstenland oder-
alte Landschaft); das Rheintal. Rings von St. Galler
Boden umschlossen liegt im Säntis und an dessen Nord-
fuß der Kanton Appenzell.

Wie nach der wechselvollen Bodengestalt zu erwarten
ist, besiedeln die 302900 Einwohner die Fläche des
        <pb n="166" />
        ﻿157

Landes sehr ungleich dicht. Stark bewohnt sind die In-
dustrielandschaften im Norden, das Toggenburg und die
Tiefenzone Seez-Rheintal, gegenüber den höher gelegenen
Teilen des St. Galler Oberlandes mit einer geringen
Volksdichte. Die Vielgestaltigkeit des Landes spiegelt sich
in den politischen und religiösen Verhältnissen. In buntem
Wechsel lösen sich die Gebiete der beiden Konfessionen ab;
das Sarganserland, Gaster und das Fürstenland sind
vorwiegend katholisch, das Rheintal vorwiegend prote-
stantisch, und in den übrigen Teilen halten sich die beiden
religiösen Parteien ungefähr die Wage.

Die tiefe, geräumige Talfurche der Seez und des Seez-
Walensees verbindet in ungefähr ostwestlicher Richtung Waiense-iai
die Täler des Rheins und der Linlh. Sie leitet vom
Zürichsee her die Verkehrswege rheinaufwärts nach Grau-
bünden, rheiuabwärts nach Vorarlberg hinein. Am Fuße
des Gonzen, der als gewaltiger Bergsporn in der Tal-
gabelung steht, liegt ein breiter Flachboden zwischen Rhein
und Seez, das seltene Bild einer Talwasserscheide. Hier
trat in der Eiszeit ein Arm des Rheingletschers in das
benachbarte Tal über, dessen obere Hälfte jetzt von den
Aufschüttungen der Seez und dessen westlicher Teil vom
Walensee eingenommen wird, und formte es zum Trog
um, über dessen Halden weitschauende Terrassen liegen
und die Seitentäler in Stufenmündungen auslaufen.

Rach ihrem Austritt aus dem Weißtannental wendet sich
die Seez in scharfer Umbiegung als geradliniger Kanal
westwärts durch den ebenen Talboden, dessen Ried-
flächen und Pappelreihen die Deltalandschaft kennzeichnen.

Ein Seitenkanal sainmelt das Wasser der Wildbäche, die
aus den Runsen der Nordwand herabstürzen, und leitet
es parallel zum Talfluß in den Walensee. Die Rand-
dörfer sind von Obstgärten und Maisfeldern um-
schlossen, die unter dem an der Talgabel abgezweigten
Föhnwind reiche Ernten liefern. Über der Tal- und See-
landschaft steigt in ungewöhnlicher Schroffheit die Kalk-
mauer der Churfirsteukette empor. Der Kamm ist durch
        <pb n="167" />
        ﻿158

die ausnagende Arbeit der Bäche tief zerschartet und in
eine Reihe turmförmiger Gipfel aufgelöst, wovon der
höchste zu 2303 m ansteigt. An der Talgabel liegt
als Straßen- und Eisenbahnknotenpunkt das Städtchen
Sargans mit weithin sichtbarem Schloß am Steil-
abfall des Gonzen. Am Ausgang des Taminatales zum
Rhein nutzt der Kurort Ragaz die Heilwirkung der
Therme ans, die in der wilden Taminaschlucht der Fels-
wand entquillt und in langer Leitung dem Badeort zu-
geführt wird. Südwärts stellt der Kunkelspaß die Ver-
bindung mit dem Vorderrheintal her. An den gestuften
Talausgängen westlich der Tamina haben die Industrie-
orte Mels und Flums ihren Platz gefunden; das
weidenreiche Weißtannental reicht mit seinen Ausläufern
zum Saurenstock 3056 m und in die Grauen Hörner
2847 m hinauf. Von Walenstadt folgt der Verkehr
dem Südufer des Walensees; die reizvolle Bahnstrecke
erinnert mit der Tunnelreihe und ihren Ausblicken auf
See und Gebirge an die Gotthardbahn am Urnersee.
In der Mitte des linken Seeufers hat die Murg aus
dem steilen, schön gestuften Murgtal ein Delta in den
See vorgebaut, auf dem das Dorf Murg steht. An
den Felsabstürzen des rechten Ufers liegt, nur auf müh-
samen Zugängen erreichbar, Quinten, dessen Name
neben Terzen und Quarten jenseits des Sees auf
Gasterland römische Stationen hindeutet. Am untern See-Ende folgt
das Städtchen Wesen am Fuß der schräg aufsteigenden
Nagelfluhbänke des Schänniserberges und des aussichts-
reichen Speer 1956 m, gegenüber dem Talausgang des
Glarnerlandes. Eine Bergstraße führt zum Kurort A in -
den hinauf, dessen Häuser in grüner, sonniger Mulde
hoch über dem See sich ausbreiten. An den tnselförmig
aus der Linthebene aufragenden Sandsteinrippen des
obern und untern Buchberges entlang erreicht man über
Seebezirk Uznach das Seestädtchen Rapperswil, das von
grünumsponnenem Schloß auf einem Felssporn überragt
wird. Die wichtige Rickenstraße verbindet das Gebiet
        <pb n="168" />
        ﻿159

am obern Zürichsee mit dem Toggenburg; sie wird vom
8,6 km langen Rickentunnel unterfahren, der den Ver-
kehr vom Bodensee und von St. Gallen her, unter Ver-
meidung des frühern Umweges über Zürich, zum Kanton
Glarus und dem obern Zürichsee entlang in die Jnner-
schweiz leitet.

Das Toggenburg ist das Flußtal der obern Thur;
zwischen den wiesengrünen Berghalden der Churfirsten-
kette und des Säntis öffnet sich über den Paßübergang
von Wildhaus die Verbindung zum Rheintal. Die Thur
nimmt nach wechselvollem Lauf durch Flußengen und
breite Mulden im untern Toggenburg von rechts aus
waldiger Schlucht den Necker auf. Nach der Umbiegung
bei Wil zieht sie auf breitem, oft überschwemmtem Kies-
boden dahin. Bei Bischosszell mündet die Sitter (mit
Urnäsch), deren waldiges Schluchttal von prächtigen
Brücken überspannt wird. An der Sittermündung biegt
die Thur nach NW ab, um durch den Thurgau den
Rhein zu erreichen. In der hochindustriellen Thurland-
schaft sind die Wasserkräfte in zahlreichen Anlagen ver-
wertet.

Im Toggenburg wie im Zürcher Oberland und im
Appenzell haben die Flüsse mit ihren Seitenbächen und
deren letzten Verästelungen ein stark gegliedertes Hügel-
land von sonnigen Rücken, bewaldeten Steilabstürzen und
schattigen Tälchen geschaffen; in den Kleinbezirken des
reich zerschnittenen Bodens machten sich die Bewohner
auf Einzelhöfen heimisch. Sind auch an der Talsohle
unter dem Einfluß des Verkehrs und der Industrie
Dörfer aufgeblüht, so lebt doch die Mehrzahl der Toggen-
burger in einzelstehenden Häusern, die wie von einer
Riesenhand über die grüne Wiesenlandschaft hingesäet
erscheinen und noch von hoher Berghalde ins Tal Hinunter-
schauen. Überall gehen hier Wiesenbau und Industrie
nebeneinander her. Eine lange Reihe von Ortschaften
folgt dem Lauf der Thur; außer dem schon genannten
Wildhaus sind es Stein, Neßlau, Ebnat,

Toggenburg

Thnrgebiet

Einzelhöfe
        <pb n="169" />
        ﻿160

Wrstenland

Rheintal

Kappel, Wattwil am Fuß des Ricken und an einer
Flußverengerung das Städtchen Lichten steig, ein schon
früh benutzter Brückenübergang.

Von Zürich-Winterthur herkommend, steigt die
Hauptverkehrslinie am alten Abtftädtchen Wil vorbei
und durch die stattlichen Jndustrieorte Flawil und
G o ß a u über das Sittertobel zum Hochtal von St. Gallen
in 650 m Meereshöhe hinauf, um gleich nachher sich in
steilem Abfall auf 400 in am Bodenseeufer zu senken.
Obwohl Mittelpunkt der ostschweizerisch-vorarlbergischen
Baumwollindustrie und Stickerei, zeigt St. Gallen
(75000 Einwohner) keineswegs das Bild einer an Rauch-
schloten reichen Fabrikstadt. Es besorgt die Fertigstellung
und den Versand der Jndustrieerzeugnisse und ist der
Sitz einer wohlhabenden Kaufmannschaft. Die Stadt
gruppiert sich um das mächtige, altberühmte Kloster mit
der Stiftskirche und steigt mit den Villenquartieren an
die Halden des Rosenberges und Freudenberges hinauf.
Am Bodensee liegt der Hafenvrt Rorschach, 12700
Einwohner.

Von der Talgabel bei Sargans fließt der Rhein
auf breiter Aufschüttungsebene zwischen den immer weiter
auseinandertretenden Talwänden nordwärts dem Boden-
see zu. Das St. Galler Rheintal durchfurcht als mäch-
tiger Graben in schrägem Schnitt die von SW nach
NO verlaufenden Höhenzüge der Alpen und des vor-
gelagerten Molasselandes, an deren Steilabsall nur we-
nige Straßen den Übergang zu den St. Galler und Ap-
penzeller Hochtälern finden. Das Rheinbett wird weithin
von Buschwaldstreifen und Sumpfflächen begleitet; in-
folge des geringen Gefälles überführte der Fluß von
jeher die weite Talebene mit Geschiebemassen. Durch
Dammbauten wurde den Überschwemmungen nur vor-
übergehend gewehrt; der Rhein erhöhte allmählich sein
Bett und zieht nun auf mächtigem Damm durch die
Ebene; im untern Rheintal liegt der Wasserspiegel in
gleicher Höhe wie die Hausdächer der benachbarten Dörfer.
        <pb n="170" />
        ﻿7-’/

/fern



Massstab 1:1.00 000

3	4	ö	G

DUFOUR - KARTE
        <pb n="171" />
        ﻿161

Infolge der Rheinkorrektion, ausgeführt durch die Schweiz
und Österreich, ist heute die Gefahr weiterer Überschwem-
mungen nahezu beseitigt. Der Fußacher Durchstich leitet
in verstärktem Gefälle den Rhein zur Nächstliegenden Bucht
des Bodensees hinaus, und flußaufwärts arbeitet man
bereits am Durchstich von Diepoldsau, der die nach Osten
ausbiegende Schleife des Rheins abschneiden soll. Die
beiden Durchstiche verkürzen den Rheinlauf um 10 km.
Die günstigen Folgen des Entsumpfungswerkes zeigen sich
im wachsenden Wohlstand der Anwohner, die neben der
Industrie jetzt auch die fruchtbaren, aus angeschwemmtem
Schieserschlamm aufgebauten Böden der ehemaligen Ried-
flächen in Kultur nehmen. An der föhnwarmen Talsohle
reist der Mais, das Obst und der Wein. Die von 8 W
her schräg ins Rheintal vorspringenden Bergsporne bieten
an ihren Südosthalden dem Weinstock sonnige und wind-
geschützte Lagen, so in den Talwinkeln von Altstätten und
Berneck. Die Ortschaften des Rheintales liegen meist
als Randsiedelungen an der vor Überschwemmung ge-
sicherten Berghalde. Bei Buchs, dem Hauptort der
Landschaft Werdenberg, verknüpft sich die Arlbergbahn
mit dem schweizerischen Bahnnetz. Talabwärts steht
Gams durch die Bergstraße von Wildhaus in Ver-
bindung mit dem obern Toggenburg. Über Sennwald
und O b e r r i e d am Steilabfall der Säntisketten gelangt
man nach dem Markt- und Stickerort Altstätten an
der Vereinigung der beiden aus dem Appenzell herab-
steigenden Bergstraßen. Diepoldsau ist im Begriff,
durch die Flußkorrektion zu einem rechtsrheinischen Orte
zu werden. Am Nordostfuß des weingesegneten Berg-
vorsprungs von Bern eck biegt das alte Rheinbett ab
und windet sich an der Grenzstation St. Margrethe n
und an dem Städtchen Rh ein eck vorüber zum See
hinaus. In obst- und weinreicher Gegend ist Thal
der Mittelpunkt für die appenzellische Beuteltuchweberei
geworden.

Flückiger, Schweiz

11
        <pb n="172" />
        ﻿162

Hügelland

Säntis



AppenzeU.

Rings von St. Galler Gebiet umschlossen, umfaßt
das Land Appenzell das Säntisgebirge und das Hügel-
land an seinem Nordfuß. Der nördliche Kantonsteil
gehört zum hochgelegenen, dem Alpenrand benachbarten
Teil des ostschweizerischen Mittellandes, das sich in
scharfem Abfall zum Rheintal und zum Bodensee senkt.
Die in der Molassefalte schief gestellten und durch die
Verwitterung aufgeschnittenen Nagelfluhbänke streichen
als weiden- und waldbedeckte Parallelkämme nordost-
wärts, von den Hauptflüssen in malerischen Wald-
schluchten quer durchbrochen. Die durch Verzweigung
zahlloser Tälchen in kleine Einzelhöhen aufgelöste Hügel-
landschaft erscheint wie übersäet mit weißleuchtenden
Punkten, den Einzelhöfen, die in den schön gebauten
Jndustriedörfern der Talmulden ihr gemeinschaftliches
Zentrum finden. Über den grünen Weiden und den
dunklen Tannenwäldern der Nagelfluhhöhen türmen sich
im Süden die schroffen und kahlen Wände des Säntis-
gebirges empor. Der Säntis (oder das Alpsteingebirge)
besteht aus parallel laufenden Kalksteinkelten, die in
schönster Weise den Bau der nordwärts überschobenen
Falten zutage treten lassen. Die jäh zu den engen Tal-
sohlen abstürzenden Felshänge spiegeln sich in stillen
Bergseelein; der Fählensee und der Sämblisersee ent-
senden ihr Wasser durch den zerklmteten Fels in unter-
irdischem Abfluß, während der Seealpsee durch den Quell-
bach der Sitter entwässert wird. Der wegen seiner um-
fassenden Fernsicht viel besuchte Säntisgipfel 2504 m
trägt die höchste Wetterwarte der Schweiz. In den
Mulden seiner Nordhalde liegen zwei Schneeflecken, die
eine tiefste Lage der Schneegrenze in den Schweizer
Alpen bezeichnen. Der Nachbargipfel Altmaun geht in
die östliche Randketle über, die hoch über der Rheinebene
zum Hohe» Kasten und Kamor ansteigt. Die Molasse-
rücken des Vorlandes erheben sich im Gäbris zu 1250 in.
        <pb n="173" />
        ﻿163

Am Ende des Reformationsjahrhunderts vollzog
sich im Appenzell die religiöse und politische Trennung
in die Halbkantone Inner- und Außer - Rhoden, jenes
mit katholischer, dieses mit protestantischer Bevölkerung Bon
(14700 und 58000 Einwohner). Das Appenzeller
Hügelland gehört zu den stärkst bewohnten Gebieten der
Schweiz. Der selten von Äckern unterbrochene grüne
Wiesengrund unterhält einen reichen Vtehstand, dessen
Besorgung allenthalben neben der Jndustriearbeit einher-
geht. Die Maschinensticker Außev Rhodens und die Hand-
stickerinnen Inner-Rhodens arbeiten im Dienste St.

Gallens, das von jeher für das Appenzell Marktort
und wirtschaftlicher Mittelpunkt war. Die Appenzeller
sind ein geistig regsames Bolk von starkem Unabhängig-
keitssinn, das auch in den Zeiten industrieller Krisen
seinen fröhlichen Lebensmut nicht einbüßt.

Hanptort und einzige größere Siedlung Inner- J»,ier-Rhod-n
Rhodens ist Appenzell (5100 Einwohner), in prächtig
grüner Talmulde an der Sitter, der Mittelpunkt zahl-
reicher Kurorte, wie Gonteubad, Jakobsbad und Weiß-
bad. Hoch über dem Seealpsee steht an jäher Fels-
wand das Wildkirchli, in dessen Höhlengewölbe die
ältesten Spuren der Menschen in der Schweiz aufgedeckt
wurden; durch eine Felskluft im Berginnern steigt man
zur Ebenalp empor.

Außer-Rhoden ist ungewöhnlich reich an stattlichen Außer-Rhod-n
Ortschaften. Im westlichen Teil des Landes liegt der
Hauptort Herisau (15300 Einwohner), an der Bahn,
die über Urnäsch im Hintergrund des gleichnamigen
Tales nach Appenzell hinausführt. Au den Abhang der
Hnndwiler Höhe lehnt der Ort Hundwil. Östlich
des Sitterrales gruppieren sich um die Höhenzüge am
Gäbris die z. T. als Luftkurorte bekannten Dörfer
Gais und Trogen an den Straßen von Altstätten
herauf, Speicher und Teufen. In erhöhter Lage
über dein Bodensee und durch eine Bahn mit seinem
Ufer verbunden, ist auch Heiden ein vielbesuchter
        <pb n="174" />
        ﻿164

Bodengestalt

Produktion

Luftkurort. Westlich von Walzenhausen liegt das
kleine Industriegebiet der Beuteltuchweber vom Lutzenberg.

Thurgau.

Zuni Thurgau gehört das fruchtbare Hügelland
beidseits der untern Thur und am Ufer des Bodensees.
Von der Sittermündung an durchfließt die Thur das
Land in vorwiegend westlicher Richtung in einer brei-
ten Mittelfurche. Das Thurtal ist im untern Teil
mit einer steilen Nordhalde ein nicht unbedeutendes
Hindernis für den Querverkehr. Um die früher stän-
dige Überschwemmungsgefahr für die flache Talsohle
zu mindern, wurde der gewundene Flußlauf vielerorts
zu geradlinigen Kanalstrecken eingedämmt. Zwischen der
Thur und dem Bodensee erhebt sich der breite Seerücken
zu Plateauflächen und einzelnen Kuppen. Die Wald-
ungen seiner wasserscheidenden Höhen bilden einen na-
türlichen Grenzsaum zwischen den Kulturflächen und
volksreichen Siedlungszonen des Seeufers und des Thur-
tales. Das Molasseland südlich der Thur wird von
trockenen oder mit bescheidenen Wasserrinnen belebten
Tälern eiszeitlicher Flüsse nach allen Richtungen durch-
zogen ; es erscheint als ein Gewirr von gerundeten, aus
flacher Talsohle aufsteigenden Jnselbergen, zwischen denen
die Verkehrswege allenthalben einen bequemen Durch-
gang finden. In einem südwestlichen Ausläufer lehnt
sich der Kanton Thurgau an die Bergflanken des Hörnli.

Der Thurgau ist das obstreichste Land der Schweiz;
seine Fruchtbäume bilden in den besten Lagen ganze
Waldungen über die Wiesenflächen hin und stehen häufig
auch in den Äckern. In den Jahren reicher Ernte
wird eine ansehnliche Menge Obst nach Süddeutschland
verkauft; Äpfel- und Birnenmost ist das allgemein ver-
breitete Getränk. Neben dem Obstbau werden die übri-
gen Zweige der Landwirtschaft nicht vernachlässigt. Der
Thurgau ist ein Bauernland, so starke Verbreitung auch
        <pb n="175" />
        ﻿165

die Industrie im Dienste St. Gallens, Baumwollspinnerei
und -Weberei, sowie die Stickerei, besonders im östlichen
Kantonsteil gefunden hat. Dem Verkehr dienen vor
allem zwei Eisenbahnstrecken, das Ostende der Linie
Genf-Romanshorn und die Bodenseeuferlinie, sowie die
Schiffskurse quer über den Bodensee. Der Kanton zählt
eine konfessionell gemischte Bevölkerung (zu zwei Dritteln
Protestanten) von 134900 Seelen.

Im obern Thurgau liegt das Städtchen Bischofs-
zell an der Vereinigung der Sitter mit der Thur.
Weinfelden im Thurtal lehnt sich an die weinreiche
Südhalde des Ottenberges. Das Dorf Pfin bezeichnet
die Stelle, wo „an der Grenze" (lat. ad fines) der
Provinz Raetien eine römische Befestigung stand,' deren
Spuren noch erhalten sind. Von links mündet weiter
flußabwärts die Murg; sie durcheilt ein malerisches,
bewaldetes Engtal und muß so zahlreichen Industrie-
anlagen ihre Kraft leihen, daß sie geradezu als Fabrik-
kanal gelten könnte. Bei ihrem Austritt ins Thurtal
fließt sie am Hauptort Frauenfeld 8400 E. vorüber.
Die Thur zieht auf kiesiger Talsohle der Steilhalde des
Nordufers entlang an dem zürcherischen Audelsingen vor-
über zum Rhein hinaus. Im Quellgebiet der Murg
liegt Fisch in gen am Fuß des Hörnli.

Der Höhenzug nördlich der Thur senkt sich im
Osten mit sanfter Abdachung, im Westen mit steilem
Abfall zum Bodenseeufer. Der Bodensee bildet auf eine
lange Strecke die natürliche Grenze des Landes, nur
unterbrochen durch das einspringende Gebiet der badi-
schen Stadt Konstanz herwärts des Rheins, da, wo er
den Untersee an die große Wasserfläche des Bodensees
anschließt. Der See erfüllt den tiefsten Teil einer sehr
ausgedehnten und mit Moränenhügeln des eiszeitlichen
Rheingletschers besetzten Mulde, aus der von allen
Seiten her die Bäche der zentralen Wasserfläche zu-
streben. In der untern Hälfte spaltet sich der Boden-
see in die beiden Becken des Überlingersees und des

Volk

Thurtal

Bodensee
        <pb n="176" />
        ﻿166

Untersees, der sich allmählich zum Rheinausfluß bei
Stein verengert. Fünf Staaten haben sich mehr oder-
weniger bedeutende Uferanteile gesichert: Außer der
Schweiz sind es Baden mit Konstanz, Württemberg
mit Friedrichshafen, ein schmaler Streifen bayrischen
Bodens längs der alten Handelsstraße von Augsburg
her mit der Kopfstatiou Lindau und endlich das öster-
reichische Vorarlberg mit Bregenz.

An der großen Wasserfläche des „schwäbischen Meeres"
läßt sich bei klarer Fernsicht bentlich die Wölbung des Seespiegels
infolge der Kugelgestalt der Erde beobachten. Aus der 40 Ion
langen Strecke zwischen Lindau und Konstanz wölbt sich der
Wasserspiegel 31,4 m hoch über der Geraden (über der Bogen-
sehne). ’ Wer vom Ufer von Lindau aus mit dem Fernglas die
Seefläche absucht, dem scheint die Hänserinasse von Konstanz
hinter der Wasserwölbung versunken zu sein; nicht einmal die
Türme tauchen in den Gesichtskreis empor.

Orte am See Die Ortschaften am Seeufer sind aus ehemaligen
Fischersiedluugen durch günstige Verkehrslage, Industrie
und Landwirtschaft zu ihrer gegenwärtigen Größe und
Bedeutung herangewachsen; manche unter ihnen haben
in den hart am Wasser liegenden Vierteln den Charakter-
voll Fischerdörfern gewahrt. Der Ertrag der Fischerei
wird durch den Umstand beeinträchtigt, daß die Nach-
barn am rechten Ufer die ganze Seefläche als Gemein-
gut der fünf Uferstaaten betrachten und mit Vorliebe
auf der Schweizer Seite dem Fang nachgehen.

Das einstige Fischerstädtchen Arbon ist durch die
Stickerei und den Maschinenbau zum volksreichsten Ort
des Thurgaus geworden, 10300 E. Rom ans Horn
ist ein bedeutender Getreidemarkt; als Endpunkt des
Hauptcisenbahnstranges Genf-Bodensee steht es in leb-
haftem Schiffsverkehr mit den gegenüberliegenden Ufer-
orten Friedrichshafen, Lindau und Bregenz. 1913 be-
förderten die Trajektschiffe 85000 Güterwagen über den
See. In der Nähe des wichtigsten Bodenseehafens, Kon-
stanz, eröffnet das Dorf G o t t l i e b e n die Reihe der an
        <pb n="177" />
        ﻿167

die Weinhalden des Untersees lehnenden Ortschaften. Un-
fern Ermattn gen am See liegt Sa len stein mit
dem geschichtlich bekannten Schloß Arcnenberg. Die viel-
besuchten Inseln Reichenau im Unterste und Mainau
gehören zum Großherzogtum Baden. Westlich von Steck-
born treten die Seeufer allmählich näher zusammen
und entlassen beim Schaffhauser Städtchen Stein den
Rhein durch das reizvolle Flußtal, in dem vor Schaff-
hausen das Städtchen Dießenhofen einen alten
Brückenübergang beherrscht.

KrhaMarrsen.

Der Kanton Schaffhausen liegt in drei ungleich
großen Stücken rechts des Rheins. Das Hauptgebiet
umfaßt den Randen und den Klettgau. Das Plateau
des Randen ist ein Teil des Tafeljura; es fällt im
Westen schroff zum Tal der Wutach ab, in dem eine
Strecke weit die Grenze verläuft; im Süden stößt es
an die breite Talmulde des Klettgaus und im Osten an
das Senkungsfeld des Hegaus, aus dem wie Pfropfen eine
Doppelreihe verwitterter Vulkane (Hohentwiel) auftauchen.
Der ’ Randen wird durch steilwandige Flußtäler und ihre
Verzweigungen in zahlreiche ebenflächige Riemen zerlegt.
Die zerklüftete Kalksteinunterlage läßt das Wasser rasch
einsickern und bietet dem Bodenbau eine magere Acker-
erde ; überdies ist das Plateau, in rund 900 ru Meeres-
höhe, windig und rauh. So bleibt die Hochfläche besser
den ausgedehnten Waldungen überlassen; die spärliche
Bevölkerung hat sich hier in Einzelhöfen und kleinen
Dörfern niedergelassen, die bei der allgemeinen Trocken-
heit des Kalkbodens zum Teil in kostspieligen Anlagen
das Trinkwasser zuleiten müssen. Das alte Flußtal des
Klettgaus öffnet sich vom Rhein her durch eine Enge
und gewinnt nach Westen zwischen den auseinander-
tretenden Gehängen an Breite. In den windgeschützten,
sonnigen Lagen am Fuß des Randen reift ein vortresf-

Randen

Klettgau
        <pb n="178" />
        ﻿168

Rheintal licher Wein. Die fruchtbaren Niederungen des Klett-
gaus und des Rheintals werden von dem Hauptteil der
Bevölkerung bewohnt. Der Rhein fließt von Osten her
auf den Eingang des Klettgans und den Abfall der
Juratafel zu und biegt hier nach Süden ab. Er fand
nach der Eiszeit nicht überall das verschüttete Bett wie-
der auf, trat unterhalb der Umbiegungsstelle aus eine
Kalkbank und stürzt nun in dem imposanten, 24 m
hohen Rheinfall zu dem ehemaligen Flußlauf hinunter.
Der Rheinfall gehörte früher mehr als heute zu den
berühmtesten und meist besuchten Naturwundern unseres
Landes. Flußabwärts beschreibt der Rhein eine mäch-
tige Schlinge und wendet sich hierauf nach Süden, um
von der Tößmündung an wieder die ursprüngliche West-
richtung einzuschlagen.

Orte	Die Täler aus dem Randen treten gegen den

Rhein hin bei Schaffhausen fächerartig zusammen.
Schaffhausen, 18000 Einwohner, mit seinen erker-
geschmückten Häusern und dem massigen Bau der Hügel-
festung „Munot" ein mittelalterliches Städtebild, ist der
Hauptort des 46100 meist protestantische Bewohner
zählenden Kantons. Die aufblühende Industrie des
Landes hat ihren Sitz weniger in der Hauptstadt selbst
(Spinnereien), als in dem rheinabwärts gelegenen Neu-
hausen, das für seine Fabriken (Aluminium, Waffen,
Eisenbahnwagen) einen Teil der Wasserkraft am Falle
ausnutzt. Bon Schaffhausen zum Untersee und nach
Konstanz besteht eine Dampfschiffverbindung. Zum Klett-
gau gehören das Städtchen Neunkirch und die wein-
berühmten Dörfer Ober- und Unterhallau. An
den Westabfall der Randenhöhen lehnt sich Schleit-
heim; nahe der Ostgrenze liegt an dem Flüßchen Biber
und an der Bahnlinie Schaffhausen-Singen-Konstanz
das durch urgeschichtliche Funde bekannte Th a in gen.
Ein kleines, auf drei Seiten von deutschein Boden um-
schlossenes Gebiet des Kantons hat das altertümliche
Städtchen Stein am Rhein zum Mittelpunkt; dazu
        <pb n="179" />
        ﻿169

gehört auch das Dorf Ramsen. Das dritte und kleinste
Stück von Schaffhausen befindet sich, mit dem Dorf Buch-
berg, in dem Rheinwinkel an der Mündung der Töß.

Der Bereich des Kantons Zürich geht von der
Hohen Rone über dem waldigen Sihltal bis zum Rhein
bei der Stadt Schaffhausen und von der das Toggen-
burg im Westen abschließenden Hörnlikette bis zum Grat
der Lägern. Er umfaßt ein wechselvolles Hügelland,
das im Südosten die bedeutendsten Höhen aufweist, im
Nordwesten gegen die Rheinlinie dagegen in langgezogene
stäche Rücken ausläuft; darin sind die nordwestlich oder
westlich verlaufenden Täler der Sihl, des Zürichsees
und der Limmat, der Glatt, Töß und Thur eingelagert.
Sind die höheren und rauhen Lagen meist mit Wald
verhüllt, so dient das Flachland einer intensiven Land-
wirtschaft. Der Reichtum an Wiesen unterhält einen
ansehnlichen Viehstand; allenthalben sind die Dörfer in
Obstbaumwäldern fast versteckt; an sonnigen Halden
bleibt der Boden dem Weinbau überlassen. In weitem
Umkreis begünstigt der große Bedarf der Stadt Zürich
die Gewinnung von Lebensmitteln. Für den Volkswohl-
stand sind aber von weit größerer Bedeutung die In-
dustrien, die in der Hauptstadt und in einzelnen Land-
schaften ihren Sitz aufgeschlagen haben; allen voran steht
die Seidenspinnerei und -Weberei; einzelne Orte blühen
durch Maschinenbau, und im Osten greift die St. Galler
Baumwollindustrie in die Zürcher Seidenbezirke über.
Dank der starken industriellen Tätigkeit und der zahl-
reichen Erwerbsgelegenheiten überhaupt gehört der Kanton
Zürich mit 503900 Einwohnern (vorwiegend protestan-
tischer Konfession) zu den dichtest bevölkerten Teilen der
Schweiz.

Das Kernstück des Landes besteht aus der Tal-
mulde des Zürichsees und der Limmat. Der Zürichsee

Gebiet

Erwerb

Bolk

Zürichsee und
Limmattal
        <pb n="180" />
        ﻿170

Zürich

spiegelt in langgestreckter und verhältnismäßig schmaler
Wasserfläche eine anmutige Uferlandschaft; das oberste
Drittel, der Obersee, wird durch einen Moränenwall des
eiszeitlichen Linthgletschers (Halbinsel von Hürden) fast
ganz vom Hauptbecken abgetrennt. Die Limmat durch-
bricht bei ihrem Ausfluß aus dem See eine andere,
das See-Ende umrandende Endmoräne, die den ältesten
Anlagen der Stadt Zürich eine gefestigte Stellung ver-
lieh, und nimmt noch innerhalb des Stadtgebietes die
Sihl aus dem Bergland von Einsiedeln auf. In ge-
wundenem Lauf durch das breite Limmattal geht sie noch
durch zwei Endmoränenzüge, bevor sie den Juradurch-
bruch bei Baden erreicht.

Zürich ist seit der Angliederung von 11 Außen-
gemeinden im Jahre 1893 mit 189100 Einwohnern die
größte Stadt der Schweiz^); sie umrahmt das untere
Ende des Sees mit stattlichen Quartieren und den schönen
Quaianlagen, die das Userbild vollständig umgestaltet
haben. Die aussichtsreichen und sonnigen Halden des
Zürichberges bedecken sich allmählich bis zur waldigen
Höhe mit gartenumschlossenen Villen, und anderseits wächst
die Häusermasse der Stadt immer weiter in die Ebene des
Limmattales hinaus. Die mächtigen Bauten der Eidgenös-
sischen technischen Hochschule und der Universität schauen
vom Zürichberg auf den verkehrsbelebtesten Stadtteil, in
dem neben dem großen Bahnhof das schweizerische Landes-
museum steht. Aus dem Häusergewirr der alten Stadt
erhebt sich das doppeltürmige Großmünster auf einer
Terrasse über der Limmat. Zürich verdankt seinen Auf-
schwung der ungemein günstigen Verkehrslage am Schnitt-
punkt der drei Hauptlinien Geuf-Bodensee, der Gotthard-
und der Arlbergbahn; die Seidenindustrie und der Ma-
schinenbau verschaffen der Stadt einen bedeutenden Wohl-
stand. Von jeher unterhielt Zürich lebhafte Beziehungen
zu Norditalien; unter den Ausländern,.sind neben den
an Zahl überwiegenden Deutschen und Österreichern die
Italiener stark vertreten. Die Villenquartiere am See-

0 1913 : 202,000 E.
        <pb n="181" />
        ﻿171

ufer gehen seeaufwärts in die lange Reihe der blühenden
Dörfer über, die zusammen mit der Stadt als dicht be-
wohnte, reiche Kulturlandschaft nur am obern Genfersee
ein Gegenstück finden. Die städtisch gebauten, von Fabrik-
kaminen überragten Ortschaften am linken Seeuser Thal-
w i l, H o r g e n, Wädeuswil 9000 Einwohner, und
Richterswil stehen mit ihren Seidenwebereien im
Dienste des hauptstädtischen Seidenhandels; Wädenswil
beherbergt überdies die ostschweizerische Obst- und Wein-
bauschule. Die Orte des rechten Seeufers haben an der
Industrie einen geringern Anteil; die Dörfer Küsnacht,
Meilen, Männedorf und Stäfa nutzen die sonnige
Lage im althergebrachten Weinbau aus. In Uetikon
ist eine der größten Fabriken für chemische Produkte im
Betrieb. Im Limmattal beschäftigt die Weberei neben
der Landwirtschaft und dem Weinbau zahlreiche Hände,
so in Höngg und in Dietikon.

Hinter den moränengekrönten und von Obstbäumen
verhüllten Höhen des linken Seeufers fließt die Sihl
dem Fuß der Albiskette entlang, an den Dörfern Lang-
nau und A d l i s w i l vorüber; große Fabrikgebäude (für
Seidenweberei) verleihen auch dem Sihltal den Charakter
einer Industrielandschaft.

Sihl und Reppisch laufen in engen Tälern an den
beiden Flanken der Albiskette; sie untergraben die steilen
Hänge und verursachen häufige Rutschungen. Mit schar-
fem Grat und zahlreichen Abrißnischen unterscheidet sich
der Albis auffällig von den gerundeten oder flachen
Höhen der übrigen Mittellandberge. Bor seinem Abfall
zum Limmattal trägt er den Gipfel des Ütlibergs, 873 in,
den vielbesuchten Aussichtspunkt der Stadt Zürich.

Jenseits der Albiskette geht das Bauernland des
Knonaueramtes bis an die Lorze und die Reuß. Neben
der Landwirtschaft hat in Fabrik- und Hausindustrie
die Seidenweberei Eingang gefunden. Die größten
Dörfer sind Affoltern, Knonau und Kappel.

Am Nordufer des Zürichsees steigt die Halde zu

Limmaltak

Sihltal

Albis

Knonauer-

amt
        <pb n="182" />
        ﻿172

dem breiten Rücken des Zürichberges und Pfannenstiels
an. Die Gehängeterrassen sind weithin kenntlich ge-
macht durch die Obstbaumreihen aus den flachen Böden
und den Rebbergen an den steiler geböschten Stufen.

Gl-ittal Jenseits der bewaldeten Höhen liegt das Glattal, das
als ungemein breite, flache Mulde in nordwestlicher
Richtung durch die Mitte des Landes zieht. Es wurde
in der Eiszeit von einem Arm des Linthgletschers über
die niedrige Bodenschwelle von Rapperswil hinweg über-
flutet und mit einer fruchtbaren Grundmoränendecke und
einem Reichtum von Schuttwällen ausgestattet. Einzelne
der Endmoränen trugen durch den Aufstau des Wassers
zur Bildung der Seen bei. Der von Riedflächen um-
schlossene Pfäffikersee entsendet die Aa zum größer»
Greifensee, dessen Abfluß, die Glatt, in vielfach korri-
giertem Lauf durch eine sumpfige Talsohle zieht; erst
im Unterlauf erlangt der Fluß in engerem Tal ein
verstärktes Gefälle. Oberhalb der Glattmündung über-
spannt die Eisenbahnlinie Zürich-Schaffhausen in mäch-
tiger Brücke die Rebhalden des alten Rheinstädtchens
Rafzerfeld Eglisau. Die große Ebene am Nordufer des Rheins,
das Rafzerfeld mit dem Dorfe R a f z, ist reich an Rüben-
und Kartoffelfeldern; die Ernte findet auf dem Markt
Nördliches von Zürich guten Absatz. Mittelpunkt des Bauernlandes
Glattal an der untern Glatt ist Bülach. Am Nordfuß der
Lägerukette zieht sich das abgelegene Wehntal hin, an
dessen Ostausgang Dielsdorf liegt. Hier findet der
Faltenjura sein Ende im östlichen Sporn der Lägern,
der das weitschauende alte Städtchen Regensberg
Mittleres trägt. In einem seitlichen Arm des Glattales haben
Glattal jj{e Dörfer Affoltern und Regensdorf in der
Nähe des moränengestauten Katzensees noch vorwiegend
bäuerlichen Charakter behalten, während S e e b a ch und
Örlikon bereits als industrielle Vororte von Zürich
gelten können. Die Straßen und die Bahn von Zürich
her dringen an einer Einsattelung des Zürichberges bei
Örlikon in das höher gelegene Glattal ein und streben
        <pb n="183" />
        ﻿173

hier nach allen Richtungen auseinander; Hauptlinien
führen nordwärts nach Schaffhausen und nordöstlich über
Winterthur zum Bodensee. Das verkehrsreiche Örlikon
baut in berühmter Fabrik Werkzeugmaschinen, Mühlen-
einrichtungen und elektrische Motoren. Während in der
Umgebung von Kloten und Dübendorf die Land-
wirtschaft noch durchaus vorherrscht, bietet das oberste
Glattal urzd die Umgebung des Pfäffikersees mit zahl-
reichen blühenden Orten und einem außergewöhnlich
dichten Straßennetz das Bild einer reichen Kulturland-
schaft, in der sich ein mit höchster Sorgfalt betriebener
Bodenbau mit den Zürcher Industrien Seidenweberei
und Maschinenbau vereinigt. Ilster, 8600 Einwohner,
ist der Kern des dichtbevölkerten Gebietes. Nahe der
Bodenschwelle von Rapperswil liegen Grüningen
und Bubikon, am Pfäfsikersee Psäffikon.

An den Fuß des Zürcher Oberlandes lehnen sich
die Fabrikorte R üt i an der Jona, das Webstühle liefert,
Hinwil, das mit der Seidenweberei die Baumwoll-
verarbeitung verbindet, und Wetzikon mit Spinnerei,
Weberei und Stickerei. Im Zürcher Oberland greifen
die Zürcher und St. Galler Industrien ineinander über;
hier hat neben der Baumwollindustrie im besondern die
Stickerei Eingang gefunden. Ostwärts der Glattalmulde
steigen die Wald- und weidenreichen Nagelfluhhöhen des
Bachtel 1119 in, des Schnebelhorns 1295 m und des
Hörnli 1136 m aus, tief durchfurcht von zahllosen
Waldtälchen, die einen überraschenden Reichtum von
Kleinformen in das Landschaftsbild hineintragen. Am
Fuß des Bachtel liegt Wald mit einem Lungensanatorium.
Zwischen den langgestreckten Höhen windet sich die Töß
durch ein enges Tal an den Dörfern Fischental,
Bauma und Türkental vorüber. Fischental steht
über die Hulftegg mit dem Toggenburg in Verbindung.
Das Tößtal verrät seine Nachbarschaft zum Toggenburg
durch eine Reihe von Baumwollspinnereien. Seinen
Nordausgang beherrscht die zweite Stadt des Kantons,

Oberes

Glattal

Oberland

Tößtal
        <pb n="184" />
        ﻿174

Winterthur mit 25100 Einwohnern. Winterthur
sammelt als belebter Verkehrsmittelpunkt Straßen und
Bahnen aus allen Himmelsrichtungen. Zwei Wellfirmen
begründen seinen Ruf als Industriestadt, die schweizerische
Lokomotivfabrik und eine Maschinenfabrik, die vorzugs-
weise Dampfmaschinen, Webstühle und Spinnmaschinen
baut. Unter den Schulanstalten ragt das Technikum
hervor.

Weinland Zwischen Töß und Rhein steigt nur noch die ein-
förmige Tafel des Jrchel, 690 in, über das flachwellige
Hügelland hinaus. Diese ganze Gegend wird von einer
Landwirtschaft treibenden Bevölkerung bewohnt. Allent-
halben liefern die Weinberge noch gute Ernten, so an
den sonnigen Halden von Elgg, Neftenbach (Karten-
beilage I), Andelfingen im breiten Thurtal, Stamm-
heim im nordöstlichen, rings vom Thurgau umschlossenen
Zipfel des Kantons Zürich, in Marthalen und bei
Rheinau in der großen Flußschlinge unterher des
Rheinfalls. Der Reichtum an Weinbergen hat dieser
Landschaft den Namen des Zürcher Weinlaudes ein-
getragen.

Zug.

Das Bergland zwischen der mittlern Sihl und
dem Zugersee und die Ebene au seinem Nordufer bilden
das Gebiet von Zug, des kleinsten Schweizer Kantons.

Zuger- Der Nordabhang des Roßberges und die Molassehöhen
Bergland	Zuger und Gottschalkenberges halten in anmutiger

Mulde den Ägerisee umschlossen. Sein Abfluß, die Lorze,
erreicht nach kurzem Lauf mit einem Gefälle von über
300 ni durch das Lorzetobel den Zugersee; unfern der
Einmündung verläßt die Lorze den See wieder und
wendet'sich nach Norden der Reuß zu. Auf dem stillen
Ägerisee hat sich bis zur Gegenwart das primitive
Fahrzeug der Pfahlbauzeit, der Einbaum, erhalten. Bon
Ober- und U n t e r ä g e r i führt die Straße dem steilen
        <pb n="185" />
        ﻿175

Ostufer entlang, an der Schlachtkapelle von Morgarten
vorüber nach dem schwyzerischen Sattel. Auf dem Plateau
zwischen Lorze und Sihl liegt in 800 m Höhe der aus-
sichtsreiche Luftkurort Menzingen. Das Bergland
von Menzingen trägt auf undurchlässiger Molasseunterlage
mächtige Decken und Wälle von Gletscherschutt, der das
Wasser aufspeichert und es besonders in den Einschnitten
der Flüsse in starken Quellen zutage treten läßt; einige
dieser Quellen speisen die Trinkwasserversorgung der
Stadt Zürich.

Der Zugersee erstreckt sich mit seinem südlichen Ende
in die Talmulde zwischen Rigi und Roßberg hinein;
im mittlern Teil wird er von S.-W. her durch zwei
bewaldete Felssporne, Rippen der gefalteten Molasse,
eingeengt; das nördliche Becken liegt mit flachen, schilf-
umkränzten Ufern in der breiten Ebene des Reuß- und
Lorzelaufes. Walchwil am Ostufer des Sees verrät
durch seine Bestände an Edelkastanien ähnliche klimatische
Vorzüge wie die Frühlingskurorte am Vierwaldstätter-
see, Gersau, Vitznau und Weggis. Es wird im Nord-
osten durch die Wand des Zugerberges geschützt, dessen
Hochfläche neuerdings als Sommerfrische und Winter-
sportplatz einen lebhaften Besuch erhält. Am untern
Ende des Sees erscheint die altertümliche Hauptstadt
Zug 8000 Einwohner, von Rutschungen des Ufers
wiederholt, das letzte Mal im Jahre 1887, heimgesucht.
Wo die Lorze aus der Vergschlucht ins Flachland hin-
austritt, steht der große Ort Baar am Rande des
Baarer Bodens, den ein Wald von Obstbäumen ver-
hüllt. In der Ebene und poch oben au den Halden
des Zugerberges bringen die Kirschbäume reiche Ernten;
das Zuger Kirschwasser gehört zu den geschätztesten Landes-
produkten. Reich an Obst ist auch die Reußebene, zu-
meist ein fruchtbares Acker- und Wieseuland, strichweise
dagegen von Slreuewiesen eingenommen. Am Ausfluß
der Lorze aus dem Zugersee ist Cham durch die große
Milchsiederei zu einem industriellen Mittelpunkte geworden.

Zugersee

und

Umgebung
        <pb n="186" />
        ﻿176

Erwerb

Gebiet

Entlebuch

War früher der Kanton Zug ein ausgesprochenes
Bauernland, so beschäftigt heute die Industrie schon
nahezu die Hälfte der Arbeitskräfte; im besondern sind
die Spinnereien des Lorzetales, in Baar und Ägeri, zu
erwähnen. Mit 28200 Einwohnern vorwiegend katho-
lischer Konfession steht Zug noch über der Volkszahl
des viereinhalbmal so großen Alpenkantons Uri.

Krrzern.

Neben den drei Urkantonen Uri, Schwyz und Unter-
walden umfaßt Luzern, als letzte der vier „Waldstätte",
einen Teil des gleichnamigen Sees. Der Bereich des
Kantons geht von den Voralpengipfeln des Pilatus und
des Brienzergrates nordwärts in die Täler des Mittel-
landes hinaus, stellenweise bis nahe an die breite Boden-
furche des Aaretales und erstreckt sich anderseits vom
Lindenberg bis auf die Höhen des Napf.

Zwischen dem untern Ende des Vierwaldstättersees
und dem Brienzersee erhebt sich als Randzone der Alpen
die kühn geformte Berggruppe des Pilatus, des Feuer-
steins, der Schrattenfluh und des Brienzer Rothorns,
auf der die Grenze gegen Obwalden verläuft. Vom
Rothorn kommen die Quellbäche der Kleinen Emme, die
zuerst nordöstlich dem Fuß des Napf entlang und dann
mit scharfer Umbiegung nach Osten das stark hügelige
Wiesenland des Entlebuch durchfließt; sie mündet in die
Neuß nahe an deren Ausfluß aus dem Vierwaldstätter-
see und überträgt dem größern Gewässer ihre bisherige
Richtung. Das Entlebuch wird als gut abgegrenzte
Landschaft von einer in Lebensweise und Sitte eigen-
artigen Bauernbevölkerung bewohnt. Alljährlich finden
noch in Flühli zu oberst im Tal der Kleinen Emme
Schwing- und Älplerfeste statt, wo sich die Entlebucher
mit den Schwingern aus Unterwalden, dem Berner
Oberland und dem Emmental messen. Das stattliche
Dorf Escholzmatt steht in 850 m Höhe auf der
        <pb n="187" />
        ﻿177

Talwasserscheide zwischen der Kleinen Emme und der
Jlsis, die der Großen Emme zueilt. Diese Stelle wird
von der Bahnlinie Bern - Luzern als bequemer Durch-
gang benutzt. An der Talsohle des Enllebuchs folgen
sich die Dörfer Schüpfheim, Entlebuch und Wol-
husen, wo die Straßenzüge vom Aaretal her einmünden
und über Malters und Littau nach Luzern weiter-
leiten.

Zwischen der Reuß, die von der Emmemündung
an nordostwärts der breiten Talfnrche des Zugersees und
der Lorze zustrebt, und dem Küßnachter Arm des Vier-
waldstättersees wechseln parallel streichende, waldgekrönle
Molasserippen mit den dazwischen eingebetteten Eng-
tälchen; durch eine dieser Tallinien läuft am stillen,
kleinen Rotsee vorüber die Eisenbahn von Zug nach
Luzern.

Eine niedrige Bodenschwelle trennt den Talzug
Emme-Reuß von den nordwärts davon liegenden Land-
schaften des Luzerner Mittellandes. Eine Reihe kleiner
Flüsse ziehen hier in parallelen Furchen zwischen breiten,
schwach geböschten und langgestreckten Hügelrücken zur
Aare an den Jurafnß hinüber. In der Eiszeit über-
flutete der Reußgletscher die geringe Bodenerhebung im
Quellgebiet dieser Flüsse und drang in einzelnen Armen
nordwärts durch die Täler hinaus. Die flachen Tal-
böden und die Gehänge wurden damals mit seinerdigem,
fruchtbarem Gletscherschutt verkleidet, der heute die Grund-
lage des Ackerbaues bildet. Aus dem luzernischen Bauern-
land fließen, von West nach Ost genannt, die Wigger,
die Suhr, die Wynen und die Aa der Aare zu; der untere
Teil ihrer Täler gehört zum Kanton Aargau.

Die obersten Verzweigungen der Wigger reichen
an den Napf hinauf, der hier in schroffen Flühen zu
den Runsen der Quellbäche abbricht. In dem aus-
gedehnten Flachland, das sich nördlich davon ausbreitet,
vereinigt sich das Gewirr von Bachläufen zum einheit-
lichen Talfluß; an dieser Stelle öffnet sich ein geräu-

Flückiger, Schweiz	ir

Mittelland

Wiggertal
        <pb n="188" />
        ﻿178

Tal der
Suhr

Whnental

Seetal

Luzern

miger Durchgang zum Nachbartal im Osten, den die
Gotthardbahn zur kürzesten Verbindung zwischen Hauen-
stein-Olten und Luzern benutzt. In einem engen Tal
der Napfgruppe liegt das Dorf Lut Hern am gleich-
namigen Zufluß der Wigger. Das Städtchen Willisau
ist der Marktort und Mittelpunkt des umliegenden Bauern-
landes; durch die Bahn Langenthal - Wolhusen steht es
über Menznan mit dem Entlebuch und mit der Haupt-
stadt in Verbindung. In einer der zahlreichen Parallel-
surchen des obern Wiggergebietes reihen sich die Dörfer
Ruswil, Buttisholz und Groß Wan gen, im
untern Wiggertal Dagmerseilen und Neiden.

Die Suhr entwässert durch eine einfach geformte,
flache Talmulde den ihrem obern Teil eingelagerten an-
mutigen Sempachersee; an seinem Ufer stehen die alten
Städtchen Sursee, der Hauptort des Tales, und
Sempach. Talauswärts halten sich die Dörfer Knutt-
wil, Büron und Triengen an den Rand der
breiten Talsohle. Die Hauptstraße nach Luzern berührt
oberhalb des Sempachersees Neuenkirch.

Das Wynental gehört fast in seiner gesamten Länge
zum Kanton Aargan; am teilweise sumpfigen Oberlauf
liegt der luzernische Ort Münster.

Am Fuß des Lindenbergs, eines langgestreckte»,
zu 900 m ansteigenden Molasserückens, bildet die Aa
zwei Talseen, den Baldegger- und Hallwilersee, die der
Landschaft den Namen Seetal eingetragen haben. Die
beiden Mittelpunkte des Luzerner Anteils sind Hoch-
dorf und Hitzkirch.

Aus all diesen Tälern, sowie vom Entlebuch und
vom Reuß-Zugergebict her laufen die Eisenbahnen und
Straßen zu einem Bündel von Verkehrswegen in der
Hauptstadt zusammen; als Marktort des Vierwaldstätter-
sees unterhält sie überdies einen lebhaften Verkehr mit
den Talschaften der Jnnerschweiz und steht als Handels-
platz dank der Gotthardbahn an der Pforte zu Italien.
Die Stadt Luzern, 39200 Einwohner, umschließt die
        <pb n="189" />
        ﻿179

enge Nordbucht des Sees und die ihm entströmende
Reuß; Stadt, See und Gebirge vereinigen sich zu einem
Landschaftsbild von überraschender Anmut und Groß-
artigkeit. Hinter der stolzen Hotelreihe am Quai bleibt
dem Blick vom See her die Häusermasse der Stadt
teilweise verborgen. Im Hintergrund bilden auf steiler
Höhe die Museggtürme der mittelalterlichen Stadtbefesti-
gung einen reizvollen Abschluß. Nach Süden öffnet sich
ins Gebirge die breite Lücke des Sees, flankiert von
den Bergmassen des Rigi und des Pilatus. Der ge-
samte Fremdenverkehr des Vierwaldstättersees findet in
Luzern seinen belebten Mittelpunkt.

Am Südwestabfall des Rigi liegen auf Luzerner Rigi-Pilatus
Gebiet die schon früher genannten Kurorte Weggis
und Vitznau; nahe bei Luzern am Fuß des Pilatus
hat sich Kriens durch Maschinenbau zu einem volks-
reichen Ort entwickelt (7100 Einwohner).

Der Kanton Luzern zählt 167200 überwiegend Bon
katholische Bewohner. Die Landwirtschaft nimmt die
ineisten Kräfte in Anspruch; dazu gesellt sich, außer der
Metallindustrie, die Seidenspinnerei in der Umgebung
von Luzern, im Wigger- und Suhrtal. Vom aargaui-
schen Freiamt greift die Strohflechterei, meist als winter-
liche Hausarbeit neben der Landwirtschaft betrieben, ins
Seetal und ins Entlebuch hinüber.

Aarrgau.

Das Kernstück des Landes besteht, wie schon der Gebiet
Name es sagt, aus dem Aaretal: daran schließen sich
die untern Abschnitte der vom luzernischen Mittelland
her zur Aare ausmündenden Flußtäler, von der Wigger
im Westen bis zur Limmat im Osten; in einem dritten
Gebiet greift der Kanton über den östlichen Jura hin-
über und bildet dem Rhein entlang bis nahe vor Basel
auf eine lange Strecke die Landesgrenze. Das sind nach
Bodengestalt und geschichtlicher Entwicklung recht un-
        <pb n="190" />
        ﻿180

Südliche

Seitentäler

Aaretal

Jura

gleichartige Landschaften. Wegen des Reichtums an Ge-
wässern, die sich mit der Aare vereinigen, kann der
Aargau als der Trichter der Schweiz gelten; insbeson-
dere trifft die Bezeichnung zu für den Zusammenfluß
der Aare, der Reuß und der Limmat unterhalb Brugg,
deren Einzugsgebiet 2/5 der Schweiz ausmacht.

Mit der Annäherung an das Aaretal werden die
Hügelrücken, die durch das Mittelland querüber zum
Jura ziehen, immer niedriger. An ihren Gehängen und
quer durch die Flußtäler bauten einzelne Lappen des
eiszeitlichen Reußgletschers ansehnliche Moränenwälle
auf. Unterhalb der Endmoränen treten die Flüsse in
breiter Talöffnung zur Aare hinaus; ihr Bett ist an
diesen Stellen in ausgedehnte, mit Wiesen und Ackern
bestellte Kiesebenen eingeschnitten, die ihre Entstehung
dem reichen Geschiebetransport der eiszeitlichen Flüsse
verdanken.

Zwischen den nördlichsten, nur wenig über die Tal-
sohle aufragenden Molassehöhen und dem Steilabfall
des Jura fließt die Aare in geräumiger Ebene dahin;
meist hält sie sich hart an die Nordwand; stellenweise
durchbricht sie in engem Querschnitt niedrige Kalkfalten,
die als Ausläufer des Jura spornartig ins Mittelland
hineinragen. In einem solchen Durchbruch verläuft die
Aare zwischen Aarburg und Olten und wiederum bei
Schinzuach, wo die Schlösser Wildegg und Habsburg
die Jurahöhen rechts der Aare krönen. Reuß und
Limmat queren denselben Juraausläufer oberhalb ihrer
Bereinigung mit der Aare. Unterhalb Brugg biegt die
Aare nach Norden um und erreicht durch das große
Juraquertal den Rhein bei Koblenz.

Der Aargauer Jura wird am Südrand durch eine
Zone von Ketten gebildet, deren östlicher Ausläufer, die
Lägernkette, jenseits der Limmat ins Zürcher Mittelland
vordringt. Gegenüber dem Jura der Westschweiz sind
hier die Falten so niedrig (Wasserfluh bei Aarau 869 in),
daß der Verkehr über ihre Einsattelungen hinweg keinen
        <pb n="191" />
        ﻿181

großen Schwierigkeiten begegnet. Nördlich der Ketten
setzt sich das Gebirge als Taseljura gegen den Rhein
hin fort, vom Fricktal und seinen Verzweigungen in
einzelne Rücken und Plateauflächen zerteilt. Wie der
Schaffhauser Randen, so ist auch der Aarganer Jura
mit großen Waldungen bekleidet.

Neben der Landwirtschaft und dem Obstbau, der V°n
in den tiefen Lagen der Mittellandtäler und im Frick-
tal vorzügliche Bedingungen findet, sind im Aargau ver-
schiedene Industrien verbreitet, so die Strohflechterei,
die Zigarrenfabrikation, die Seidenweberei im Dienste
von Zürich und Basel, vielfach als Hausarbeit betrieben,
und durch das ganze Aaretal hinauf die Baumwoll-
industrie ; das alles sichert den Bewohnern mannigfaltige
Erwerbsgelegenheiten. Der Kanton Aargau zählt eine
zur Mehrheit protestantische Bevölkerung von 830600
Seelen; größere katholische Gebiete sind das Freiamt
(Täler der Reuß und der Bünz) und das Fricktal.

Im Wiggertal liegt das Städtchen Zo sin gen Orte an
und am Talausgang zur Aare Aarburg, dessen Alt- ^'Uhr'"&gt;^
stadt und Schloß auf weitschauendem, untertunneltem
Felsen am Eingang des Aareguertales durch einen ab-
geirrten Jurasporn steht. Zum Tal der untern Suhr
gehören die Dörfer Schöftland, Kölliken, Ent-
felden und Suhr, nahe der Einmündung der Wynen
in das gleichnamige Flüßchen.

Das Wynental ist der Sitz der aargauischen Tabak- Wynental
industrie. Sie ist vielerorts als Hausindustrie ein Neben-
verdienst zur Landwirtschaft und nimmt dabei nicht selten
über Gebühr die Kinderarbeit in Anspruch. Neuerdings
findet ein ansehnlicher Zuzug italienischer Arbeiterinnen
nach diesem kleinen Industriegebiet statt. Die Haupt-
orte für Tabak- und Zigarrenfabrikation sind R e i n a ch
und Kulm; talauswärts folgt Gränichen.

Die Landwirtschaft des untern Aa- oder Seetales Seetal
wurde durch die beiden Konservenfabriken von Lenz-
burg und Seon zum Gemüsebau im Großen an-
        <pb n="192" />
        ﻿182

Freiamt

Aaretal

Limmattal

geregt, der einzelne Stellen in der Umgebung der beiden
Orte als ausgedehntes Gartenland erscheinen läßt. Lenz-
burg, am Fuß eines Felshügels, der das alte Schloß
der Grafen von Lenzburg trägt, ist zum Eisenbahnknoten
geworden. Hier zieht die Seetalbahn südwärts nach
Luzern; am Ufer des Hallwilersees berührt sie Bein-
wil, das sich an der Tabakindustrie des Wynentales
seinen Anteil gesichert hat.

Jenseits des Lindenbergs geht das Freiamt der Bünz
und der Reuß entlang weit nach Süden bis nahe au den
Zugersee. Die Neuß fließt auf flachem, zum Teil sumpfi-
gem, an Gräben und Hecken reichem Talboden und bildet
in seinem untern Teil eine Reihe von Schlingen. Im
Freiamt beschäftigt die Strohflechterei zahlreiche Arbeits-
kräfte; ihr Marktort ist das große Dorf Wohlen; an
der obern Bünz liegt Muri. Die Brückenstädtchen an
der Reuß, Bremgarten und Mellingen, haben
im Zeitalter der Eisenbahnen viel von ihrer frühern
Bedeutung verloren.

Im Aaretal ist Aarau mit 9500 Einwohnern
die Hauptstadt; ihre Fabriken liefern u. a. Präzisions-
instrumente. Bei Wild egg zweigt die elektrisch be-
triebene Seetalbahn ab. Das Schloß Wildegg be-
herrscht den Eingang zur Talverengerung, in der das
Bad Schinznach liegt, überragt vom Schloß Habs-
burg. Das alte Brückeustädtchen Brugg ist heute ein
Eisenbahnknotenpunkt; hier treffen die Aaretallinie und
die Bahn von Basel-Bötzbergtunnel zusammen und führen
durch das Limmattal nach Zürich weiter (Kartenbeilage III).
Unterher Brugg sind die Mündungsstellen der Reuß und
der Limmat, da wo die Aare zum Juradurchbruch um-
biegt. Beim Dörfchen Windisch befand sich auf tal-
beherrschender Terrasse der römische Waffenplatz Vindo-
nissa, dessen Amphitheater heute freigelegt ist.

Die Limmat durchbricht die Lägernkette in einem
Engtal und schneidet dabei eine wasserführende Kalk-
schicht an; hier treten im Flußbett und am Ufer die
        <pb n="193" />
        ﻿183

Thermen zutage, denen Baden seit der Römerzeit den
Ruhm als Badeort verdankt. Die Stadt (8200 Ein-
wohner) beschäftigt im Maschinenbau eine zahlreiche
Arbeiterschaft, die teilweise das benachbarte Wettin gen
(6000 Einwohner) bewohnt. Am windgeschützten Süd-
hang der Lägern und im Quertal der Limmat finden
sich vorzügliche Rebhalden.

Vom Nordfuß der Lägern eilt das kleine Flüßchen Surbt-a
Surb der Aare zu; es mündet bei dem Städtchen
Klingnau. Die Dörfer Lengnau und Endingen
im Surbtal waren früher stark von Juden bewohnt;
neuerdings wenden sich die Juden als Geschäftsleute
mehr den großen Städten zu. Oberhalb des Zusammen-
flusses von Aare und Rhein liegen am Rheinufer Ko-
blenz gegeuüber der Einmündung der badischen Wutach,
der einst durch seine Messen berühmte Ort Zur zach
und das Städtchen Kaiser stuhl. Bei Zurzach wurde
Ende 1913 ein mächtiges Steinsalzlager erbohrt.

Das Fricktal leitet Bahnlinie und Straße von Fri-ktal
Basel her zum bequemen Übergang des Bötzbergs hinauf
und ins Aare- und Limmattal hinüber. In der Mitte
des obstbaumreichen Tales ist Frick der Hauptort, durch
die Bergstraße der Stafselegg mit Aarau verbunden.

In den tiefen Lagen reift das Obst etwas früher als
im Mittelland; so findet der Hauptteil der ansehnlichen
Kirschenernte auf den Märkten des Mittellandes als
Frühobst guten Absatz; eine geringere Menge dient zur
Herstellung des Kirschwassers.

Einst bildeten die badischen Städtchen Säckingen Rh-innu
gegenüber dem Ausgang des Fricktales und Waldshut
gegenüber der Aaremündung mit den beiden linksrheinischen
Städtchen Laufenburg und Rh eins elden den Bund
der „vier Waldstätte am Rhein". Der Rhein zieht von
der Aaremündung an in einem breiten Tal als Grenz-
fluß westwärts, bisweilen durch Felsbarrieren eingeengt,
die das Wasser in Strudeln und Stromschnellen durch-
bricht. Der „Laufen" von Laufenburg, die schönste dieser
        <pb n="194" />
        ﻿184

Bafel-Stadt

Stromschellen, ist jetzt dem modernen Kraftwerk dieses
Ortes geopfert worden, wie denn überhaupt Rhein und
Aare in diesem Gebiet eine starke Ausbeutung der Wasser-
kräfte in Elektrizitätswerken erfahren haben (z. B. Beznau-
Werk an der Aare unterhalb Brugg). An den Schnellen von
Laufenburg und Rheinfelden waren Haltepunkte und Um-
ladestellen der mittelalterlichen Flußschiffahrt. Von jeher
lieferte hier die Lachsfischerei ansehnliche Erträge. In der
flußumzogenen Ebene bei Rheinfelden liegt das Dorf Möh-
lin, in dessen Nähe die Reihe der schweizerischen Rhein-
salinen beginnt. Ri bürg und Rheinfelden liefern
jährlich 300000 ^ Salz. Rheinfelden nutzt die Salz-
soole zu den heilkräftigen Soolbädern aus. Die Salinen
stehen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts im Betrieb.
Beidseits der Ergolz nehmen Kaiseraugst und Basel-
augst die Stelle der Römerstadt Augusta Rauracorum
ein, die noch in ihren Überresten für die einstige Größe
zeugt.

Sasel.

Westlich des Aargauer Fricklales bilden der Tafel-
jura im Flußgebiet der Ergolz und das Flachland an
der Einmündung der Airs in den Rhein das Gebiet
des Kantons Basel; seit 1833 ist er politisch getrennt
in jdie beiden Halbkantone Baselstadt und Baselland
(136300 und 76600 Einwohner überwiegend protestan-
tischer Konfession).

Die Stadt Basel hält die für den Verkehr un-
gewöhnlich wichtige Stelle inne, wo der Rhein nach
Norden umbiegend die große und volksreiche oberrheinische
Tiefebene zwischen Schwarzwald und Vogesen betritt.
Von Norden her führen beidseits des Stromes die Ver-
kehrswege in Basel zusammen und vereinigen sich hier,
nahe der burgundischen Pforte zwischen Jura und Vo-
gesen, mit den Linien aus dem nordöstlichen Frankreich;
die drei Jurafurchen des Birs-, Ergolz- und Fricktales
        <pb n="195" />
        ﻿185

leiten den Verkehr ins Mittelland weiter. Neuerdings
ist Basel zur Kopfstation der Oberrheinschisfahrt geworden,
und es besteht begründete Aussicht, daß auch die Strecke bis
zum Bodensee für den Schiffsverkehr geöffnet werden
kann. Die Stadt ist der Sitz einer altberühmten Uni-
versität; als wichtiger Industrie- und Handelsplatz steht
sie nach der Volkszahl mit 132000 Einwohnern unter
den Schweizerstädten an zweiter Stelle.') Der Hauptteil
der Stadt, Großbasel, liegt am linken Rheinufer, über-
ragt vom doppeltürmigen Münster auf hoher Terrasse,
von der der Blick in die dunstige Ferne der süddeutschen
Rheinebene hinausreicht. Das Rheinknie hält am rechten
Ufer das industrielle Kleinbasel umschlossen, dessen Seiden-
bandwebereien und chemische Fabriken (für Farbstoffe und
Arzneimittel) den Ruhm der Basler Industrie begründen.
Der gemeinnützige Sinn der Bevölkerung betätigt sich in
zahlreichen Werken der Wohltätigkeit; der bekannte Reich-
tum der Stadt stellt dazu die Mittel in weitgehendem
Maße zur Verfügung. Als Mittelpunkt des Verkehrs,
der Geschäftsunternehmungen und der Industrie übt die
Grenzstadt auf die Ausländer, im besondern auf die
Reichsdeutschen, eine starke Anziehung aus.

Zum Gebiet von Basel-Stadt gehören noch Riehen
und Kleinhüningen in der Nähe des Schwarzwald-
flüßchens Wiese, das unterhalb Kleinbasel den Rhein
erreicht.

Die Ergolz reicht mit zahlreichen Quelltälern süd-
wärts in den Kettenjura hinein und löst den Tafeljura
in einzelne flache Bergrücken ans. In den rauhen, Hähern
Lagen hat neben dem Ackerbau überall die Hausindustrie
Eingang gefunden, und zwar sowohl die Bandweberei
für die Basler Geschäftshäuser, als die Uhrenmacherei
vom Neuenburger und Berner Jura her. Im nördlichen
Teil der Basler Landschaft werden dagegen die verfüg-
baren Arbeitskräfte nach den Fabriken der Stadt gezogen.
Gleich dem Fricktal versorgt hier der Obstbau der tiefen
und warmen Lagen den Markt mit frühen Kirschen.

i) 1913; 139700 E.

Basel-Land
Gebiet
der Ergolz
        <pb n="196" />
        ﻿186

Die zahlreichen Talfurchen schaffen bequeme Über-
gänge nach dem Aaretal. Über Waldenburg und
Langend ruck gewinnt der obere Hauenstein an Bals-
tal vorbei und durch die Klus von Anfingen den Aus-
gang zum Mittelland. Ein anderes Talstück leitet die
Bahnlinie von Basel zum untern Hauenstein, den sie
von L äufelfin gen an in steil abfallendem Tunnel
unterfährt. Bereits haben die Arbeiten begonnen, um durch
den Hauenstein-Basistunnel die starke Steigung zwischen
Olten und dem Ergolztal zu mindern. An der Vereini-
gungsstelle der beiden Hauensteinstraßen liegt die Haupt-
stadt von Basel-Land Liestal mit 6000 Einwohnern.
Talaufwärts folgen an der Ergolz die Dörfer S iss ach
und Gelterkinden, flußabwärts Pratteln, Basel-
Augst und Muttenz. Das Soolbad Schweizer-
hall knüpft sich an die gleichnamige, größte Saline der
Schweiz mit einem Jahresertrag von rund 250000 q
Salz.

Birstal Baselland umfaßt überdies den untersten Talab-
schnitt der Birs, die aus den Ketten des Berner Jura
hervorbricht und oberhalb Basel in den Rhein mündet;
• die größten Orte sind hier das katholische Dorf Arles-
heim und das durch Maschinenbau aufblühende Mön-
ch e n st e i n.

Birsigtal An der in Basel mündenden Birsig ist B i n n i n g e n
hart an der Stadtgrenze zum rasch anwachsenden Vorort
und mit seinen 6300 Einwohnern zur volksreichsten Ort-
schaft des Halbkantons Basel-Land geworden.

KolotlMün.

eandschaftcn Im weiten Umkreis um den Kern, die Hauptstadt
Solothurn an der Aare, schließen sich recht verschieden
geartete Landschaften zum Gebiet des Kantons zusammen.
Er umfaßt ein Stück des Flachlandes am Jurafuß, von
den Dörfern oberhalb Solothurn an bis nahe an die
Stadt Aarau, nur kurz unterbrochen durch die Ümgebung
        <pb n="197" />
        ﻿187

des bernischen Städtchens Wangen, dazu die über dem
Aaretal aufsteigenden Juraketten mit den Höhepunkten
der Hasenmatte 1449 m, des nach der weißen Gesteins-
farbe benannten Weißeusteins 1294 m, der Röthifluh
1398 m und der Schafmatte 963 in. Außerdem reicht
der Kanton mit einem breiten Streifen quer über den
Jura hinweg zum untern Birstal und dringt anderseits
mit der Landschaft des Bucheggberges südwestlich in das
flachwellige Hügelland zwischen Aare und Emme vor.

Der wechselvollen Bodengestalt entsprechend ist die
Bevölkerung von 117000 Einwohnern, vorwiegend ka-
tholischer Konfession, sehr ungleich über das Land verteilt.
Die größte Volksdichte weist das Aaretal auf, in dessen
westlichem Abschnitt die Uhrenindustrie neben der überall
verbreiteten Landwirtschaft viele Hände beschäftigt. Ge
ringer ist die Volkszahl der bäuerlichen Dörfer auf der
Plateaufläche des Bucheggberges und noch schwächer sind
die rauhen Höhen des Jura bewohnt, wo die Seiden-
spinnerei und -Weberei einen Nebenverdienst zum Ertrag
des Ackerbaues bringt.

Am Fuß des Weißensteins, der wegen seiner um-
fassenden Aussicht auf das Mittelland und die Alpen-
kette viel besucht wird, liegt die altertümliche Aarestadt
Solothurn mit 11700 Einwohnern. Das weite Flach-
land östlich des Bncheggberges im Umkreis der Emme-
mündung wird durch hochragende, rauchende Fabrikschlote
als Industriegebiet gekennzeichnet. Hier hat Biber ist
die bedeutendste Papierfabrikation der Schweiz; Deren-
dingen treibt Kammgarnspinnerei und Gerlafingen
besitzt ein großes Hammerwerk. Solothurn steht durch
eine Jurabahn unter dem Weißenstein durch in Ver-
bindung mit Münster an der Linie Biel-Basel. Bei
Oberdorf tritt die Bahn in den 3,7 km langen
Weißensteintunncl ein. Die Haupteisenbahnlinie dem
Jurafuß entlang berührt zwischen Solothurn und Biel
Selz ach und das dank seiner Uhrenindustrie zum blü-

Voir

Oberes

Aaretal
        <pb n="198" />
        ﻿188

Unteres

Aaretal

Juragebiet

Schwarz-

bubenland

hendsten und volksreichsten Dorf angewachsene Gr en ch en
mit 7000 Einwohnern.

Unterhalb des beimischen Aarebezirkes von Wangen
folgen am Fuße des Jura Önsingen, Kestenholz,
Neuendorf und Buch fiten im Tal der Dünnern.
An der Mündung dieses Flusses in die Aare hat sich
Olten mit 9800 Einwohnern zu einem Mittelpunkt
des Verkehrs und der Industrie entwickelt. Hier schneidet,
vom Hauensteintunnel herkommend, die Gotthardlinie den
Hauptschienenstrang Bodensee-Genfersee, der weiterhin in
zwei Armen über Bern und über Biel-Neuenburg der
Westschweiz zustrebt. An de» ausgedehnten Bahnhofan-
lagen liegt die Reparaturwerkstätte der Bundesbahnen.
Nahe bei Aarau ist Schönen werd durch die bedeu-
tendste Schuhfabrik Europas, mit zahlreichen Filialen in
der übrigen Schweiz, aus einem bescheidenen Bauern-
dorf zu einem wichtigen Jndustrieort geworden, dem
alltäglich aus den Dörfern im Umkreis ein kleines Heer
von Arbeitern zuströmt.

Bei Önsingen öffnet die Klus der Dünnern durch
die vorderste Jnrakette einen bequemen Eingang nach
Balsthal, das mit 488 in Meereshöhe nur um ein
geringes über die Sohle des Mittellandes hinausgeht.
Hier fand schon zur Römerzeit die Straße des obern Hauen-
steins den niedrigsten Jnraübergang (Langenbruck an der
Paßhöhe 713 in); die Bahn durch den unternHanenstein
hat dem alten Verkehrsweg freilich viel von seiner frühern
Bedeutung genommen. Im Längstal der Dünnern hinter
der Weißensteinkette, abseits vom großen Verkehr, liegt
Welschenrohr, das neuerdings über Gänsbrunnen
am Nordausgang des Weißensteintunnels einen kürzern
Zugang zur Hauptstadt erlangt hat. Von Balsthal
findet eine Straße über Mümliswil den Übergang
über die Paßwangkette 1207 in in den nördlichsten Kantons-
teil, in das Schwarzbubenland. Die Täler und Höhen
dieser Juralandschaft richten ihren Hauptverkehr nach der
Stadt Basel hin: sie zeigen im Dialekt, in der Sied-
        <pb n="199" />
        ﻿189

lungsweise und in den Erwerbsverhältnissen große Über-
einstimmung mit dem benachbarten Baselland. Im Berg-
land liegen die Dörfer Büsserach undSeewen, im
offenen Birstal Dornach.

Jenseits der Birs besitzt Solothurn an der elsässischen
Grenze zwei kleine abgetrennte Bezirke mit den Dörfern
Klein - Lützel an dem Flüßchen Lützel und H o f st e t t e n
an der Nordseite der Blauenkette 771 in.

Kevn.

Vermöge seiner Ausdehnung über die drei Haupt-
gebiete des Landes ist der Kanton Bern ein Bild der
Schweiz im Kleinen. Er reicht vom Hauptkamm der
Nordalpenkette über Boralpen, Mittelland und Jura
hinweg und dringt mit seinen nördlichsten Gebietsteilen
einerseits bis ins untere Birstal in die Nähe von Basel,
anderseits mit der Landschaft von Pruntrut in das Flach-
land der burgundischen Pforte zwischen Jura und Vo-
gesen vor. Der weitaus größte Teil des Landes, von
den Hochalpen bis zu den südlichen Juratälern, wird
durch die Aare entwässert. Die Täler des nördlichen
Juragebietes gehören dagegen überwiegend zum Fluß-
gebiet der Birs, die oberhalb Basel in den Rhein mündet.

Mit 645900 Bewohnern steht Bern unter den
Schweizer Kantonen in der Volkszahl an erster Stelle.
Dicht bevölkert sind das Landwirtschaft treibende Mittel-
land, die höhern rauhen Lagen ausgenommen, und die
durch Uhrenindustrie blühenden Juratäler. Das Alpen-
gebiet dagegen, das Berner Oberland, durch den starken
Anteil des unproduktiven Bodens gleich ungünstig gestellt
wie . das benachbarte Wallis und Uri, hat eine durch-
schnittlich geringe Einwohnerzahl; eine ansehnliche Volks-
verdichtung besteht nur in den vom Fremdenverkehr be-
vorzugten Talschaften am Brienzer- und Thunersee und
in den westlichen, alpwirtschaftlich bedeutenden Tälern.

Von einer gewissen Übereinstimmung der Berner

Abgetrennte"

Bezirke

Umfang

Volk

Berner Alpe»
        <pb n="200" />
        ﻿190

Haslital

Alpen mit den Walliser Alpen war schon einmal die
Rede (Seite 7). Die Hauptgipfel der stark vergletscher-
ten Stammkette entsenden seitliche Ketten, die Voralpen,
nordwärts zum Brienzer- und Thunersee in der Aaretal-
furche; zwischen den Bergzügen dringen die Seitentäler
der Aare an den Hauptkamm des Gebirges heran. Die
Gipfel fallen mit gewaltiger Steilwand zu den Tal-
hintergründen und zu den Voralpen ab, die meist mit
einer Einsattelung an die Hauptkette anschließen und
nirgends in die Schneeregion hinausragen. Die Schnee-
grenze befindet sich in den Berner Alpen bei 2900 in. Der
Nadelwald verkleidet die Berghalden, erreicht aber durch-
schnittlich bei 1800—1900 in seine obere Grenze; die
Kämme der Voralpen liegen in der Weidenregion.

Der Oberlauf der Aare liegt im östlichsten der
zahlreichen Quertäler des Berner Oberlandes, im Hasli-
tal. Nahe der Grimselstraße, die über eine bequeme
Einsattelung der Hauptkette hinweg den Zugang zur
■ Nhonequelle gewinnt, entspringt die Aare an den moränen-
bedeckten Eiszungen des obern und des untern Aare-
gletschers, die vom höchsten Gipfel der Berner Alpen,
dem Finsteraarhorn, 4275 in, herabsteigen. Die Um-
gebung des Grimselhospizes zeigt in den geschrammten
und zu Rundbuckeln niedergeschliffenen Felspartien in
schönster Weise die Tätigkeit der eiszeitlichen Gletscher.
Der obere Teil des in seinem ganzen Verlauf stufen-
förmig fallenden Haslitals ist eine öde Felsenwildnis,
eingebettet zwischen den vereisten Bergmassen des Lauter-
aarhorns 4043 ni, der Schreckhörner 4080 m und des
Wetterhorns 3703 in im Westen und der Gruppe des
Dammastockes und der Tierberge 3446 in im Osten.
Das starke Gefälle des Talflusses wird künftig einein
großen Kraftwerk dienstbar gemacht, das die wilde Schön-
heit der Landschaft, im besondern den Handeckfall, zu
beeinträchtigen droht. Das oberste Dorf ist Guttannen.
In der Talweitung von Jnnertkirchen mündet der
Gadmenbach, dessen Quellen an den Eisfeldern des
        <pb n="201" />
        ﻿191

Titlis, der Sustenhörner und des Triftgebietes an den
Tierbergen liegen. An G ad men vorüber zieht der
Sustenpaß ins Meiental, am Fuß des Titlis vorbei
der Jochpaß nach Engelberg Unterhalb Jnnertkirchen
sperrt der Kalksteinriegel des „Kirchet" das Tal ab;
die Aare durchbricht ihn in der großartigen Aareschlucht
und betritt in geradlinigem Kanalbett die Ebene, die
sich als Deltalandschaft bis zum Brienzersee erstreckt.
Am Ausgang der Aareschlucht steht das nach dem Föhn-
brand 1891 in massivem Steinbau wiedererstandene
Meiringen, der Hauptort des Haslitales, überhöht
von weitschaumden Bergterrassen, von welchen der Alp-
bachfall und der Reichenbachfall über die Trogwände
herunterstürzen. Meiringen liegt am Fuß der Brünig-
straße und -bahn und des Weges über die Große Scheid-
egg, der am Rosenlauigletscher und an der Wand des
Wetterhorns vorbei nach Grindelwald führt. Die grüne
Wasserfläche des Brienzersees ist zwischen der Faulhorn-
gruppe 2683 m und dem Brienzergrat in ein Längstal
eingelagert, das sich zum obern Teil des Thunersees
fortsetzt. Brienz ist neben Meiringen der Hanptplatz
der Holzschnitzlerei. Eine kühne Bergbahn erklimmt den
aussichtsreichen Gipfel des Brienzer Rothorns 2351 in.
Brienz gegenüber stürzt der Gießbach von der Axalp in
sieben weißschäumenden Fällen durch den dunklen Tannen-
wald in den See.

Brienzer- und Thunersee bildeten einst ein einziges
8'förmig gebogenes Wasserbecken, in dessen Mitte in
der Folge der Lombach aus dem Habkerntal und die
Lütschine das Bödeli aufschütteten. Mitten im Bödeli er-
scheinen die stolzen Hotelreihen des weltbekannten Fremden-
platzes Jnterlaken (lateinisch inter lacus = zwischen
den Seen). Von der durch eine Bergbahn erschlossenen
Schinigen Platte 2064 in umfaßt der Blick das wunder-
bare Panorama der Berner Alpenkette, aus der in über-
wältigender Schönheit die Jungfraugruppe (Jungfrau,
Mönch und Eiger) emporsteigt. Von Jnterlaken ans

Brienzersee

Bödeli
        <pb n="202" />
        ﻿192

ist durch die Lücke des Lütschinentales nur die Jungfrau
sichtbar.

^ütsHinen- Das Lütschineutal gabelt sich bei Z w e i l ü t s ch i n e n
in die beiden Äste des Lauterbrunuen- und des Grindel-
waldtales. Im Winkel zwischen der weißen und schwarzen
Lütschine bietet der Männlichen den schönsten Blick aus
die Jungfraugruppe. Das Lauterbrunnental steigt als
gewaltiger Trog zwischen schroffen, stellenweise senkrechten
Felswänden zu den Eisfeldern des Breithorns 3779 in
hinauf; auf hohen Seitenterrassen machen sich die Kur-
orte Murren und Wengen die sonnige, weitfchauende
Lage zu nutze. Über die Felskante stürzen die Seiten-
bäche in schmalen Silberbändern zur Tiefe; darunter
ist der Staubbach bei Lauterbrunnen mit 400 ra
Sturzhöhe der bekannteste. Grindelwald liegt in-
mitten einer wiesengrünen, häuserbesäeten Talmulde, im
Süden umschlossen von den schreckhaft steilen Wänden
der Hochgebirgsgipfel des Wetterhorns, der Schreck-
hörner, Fiescherhörner 4040 in und des Eigers 3975 in.
Aus ihren Firnfeldern senken sich die schnttbedeckten Eis-
ströme des obern und untern Grindelwaldgletschers bis
in die Obstbaumregion des Talgrundes hinab. Grindel-
wald ist berühmter Sommer- und Winterkurort. Dicht
an den Felsabstürzen und Gletschern der Jungfraugruppe
verbindet der Weg über die Kleine Scheidegg und die
Wengernalp Grindelwald mit Lanterbrunnen. Mit furcht-
barer Steilheit überragt die Eigerwaud den Aufstieg zur
Kleinen Scheidegg; auf 2 km Horizontalentfernung be-
saeiigevmitp trägt der Höhenunterschied 2,3 km. Der Weg über die
Wengernalp ist wie kein anderer Alpenpaß mit seinem
überaus starken Fremdenbesuch zu einer eigentlichen
Völkerstraße geworden. Die Wengernalpbahn erleichtert
den Verkehr. Von der Kleinen Scheidegg 2070 m
dringt die Jungfraubahn durch das Berginnere des
Eigers zum Felsenfenster der Eigerwand, dann zur
Station Eismeer auf der Südseite des Eigers und
weiterhin durch die Felsmassen des Mönchs 4105 m
        <pb n="203" />
        ﻿193

zum Jungfraujoch, mit 3450 m der höchsten Bahnstation
Europas. Vorläufig bleibt noch unentschieden, ob später
der Tunnel bis unter den Gipfel der Jungfrau 4166 m
weitergeführt wird.

Am sonnigen Nordufer des Thunersees, der „Riviera
des Oberlandes", sind im Schutze des Sigriswilergrates
2053 m und der Blume 1395 m Sigriswil, Ober-
hofen und Hilterfingen, von reichen Kirschbaum-
wäldern umgeben, beliebte Kurorte. Über dem obern
See-Ende hat St. Beatenberg eine hohe Terrasse
angesichts des Gebirges inne. Die Thunerseebahn folgt
dem Südufer über Leissigen und dem am Ausgang
zweier Täler rasch aufblühenden Bahnknvten Spiez.

Das Kandertal wurzelt mit seinen Talhintergründen
in den vereisten Hochalpengipseln Blümlisalp 3670 m,
Doldenhorn 3647 m, Balmhorn 3698 m, Altels 3634 m
und Wildstrubel 3266 m. Zwischen der prächtigen Pyra-
mide des Niesen 2366 m und dem Ausläufer des
Morgenberghorns 2251 m im Plateau von Äschi öffnet
sich der Taleingang. Bei Reichenbach mündet das
reizvolle Kiental. Frutigen, der Hauptort des Tales,
beherrscht an der Talgabel den Zugang zu den Fremden-
orten Adelboden und Kan der st eg. Die Bahn,
deren Kopfstation bisher Frutigen war, findet nun ihre
wichtige Fortsetzung durch den Lötschberg als Zufahrts-
liuie zum Simplon. In einem von Blümlisalp und
Doldenhorn umrahmten Felskessel liegt hoch über Kander-
steg der kleine Öschinensee eingebettet. Das Kandertal
steht seit alter Zeit durch den Gemmipaß in Verbindung
mit dem Wallis; von der Paßhöhe am Daubensee klet-
tert der Pfad an schwindlig jäher Wand zum Leukerbad
hinab.

Unterhalb Wimmis am Fuß des Niesen nimmt
die Kander von links her die Simme aus denr Simmen-
tal auf und durchbricht mit starkem Gefälle den moränen-
gekrönten Uferrücken zum See; hier hat sie innert zwei
Jahrhunderten ein großes, gestrüppbewachsenes Kiesdelta,

Flückiger, Schweiz	&gt;z

Kandertal

Kander-

mündung
        <pb n="204" />
        ﻿194



das Kandergrien, angelegt. Bis 1714 umfloß die Kander,
bei Hochwasser mit starken Verheerungen, den Uferhügel
(gleich wie die Sihl bei Zürich) und mündete unterhalb
Thun in die Aare; dann wurde sie durch ein künstliches,
nunmehr durch die Flußarbeit erweitertes und vertieftes
Felsbett zum See geleitet. Die Gefällsstufe liefert dem
Kanderwerk bei Spiez die Wasserkraft.

Simmental Bei Wimmis läuft an der Burgfluh, einer natür-
lichen Talsperre, das Simmental aus; es ist zwischen
den Ketten des Niesen und des Stockhorns 2192 m
eingelagert. Die prächtigen Wiesen und Weiden unter-
halten einen großen Viehstand; besondere Sorgfalt wird
ans die Aufzucht von edelrassigen Tieren, dem Simmen-
taler Fleckvieh, verwendet; die Verwertung der Milch
in Käsereien hat hier geringere Bedeutung als in an-
dern Landschaften der Alpen. Oberhalb der Mündung
des Diemtigentales mit Diemtigen ist Erlenbach
der Viehmarlt des Landes. Talaufwärts folgen Där-
stetten, Oberwil, Boltigeu. Zweisimmen im
obern Simmental, ein Sommer- und Winterkurort, ent-
sendet eine Straße über die Saanenmööser nach der Tal-
schaft von Saane». Hier endigt die elektrische Montreux-
Berneroberland-Bahn und findet ihre Fortsetzung in der
Bahn zum Thunersee. Zu oberst im Simmental liegt
der Badekurort Lenk am Fuß des Rawilpasses, der
durch die Einsattelung zwischen Wildstrnbel und Wild-
horn 3264 in das Rhonetal mit Sitten erreicht.

Saanenlcind Der Oberlauf der Saane vor der Umbiegung zum
waadtländischeu Pays d'en Haut bildet das beruische
Saanenland, durchwegs über 1000 m hoch gelegen;
hier werden die als Rassetiere geschätzten Saanenziegen
gehalten. Sa anen an der Montreux-Berueroberland-
Bahn ist der Hauptort der Talschaft, die einst zu den
entlegensten Gebieten des Kantons gehörte, neuerdings
aber von Knrbedürftige» und Vergnügungsreisenden immer
stärker besucht wird. Kurort ist nun auch das idyllische
Lauenen. Von Gsteig zweigt die Pillonstraße zu
        <pb n="205" />
        ﻿195

den Ormonttälern und der Sanetschpaß zwischen Wild-
horn und Oldenhorn 3134 m hindurch zum Rhonetal ab.

Thun, 7400 Einwohner, am untern Ende des
Thunersees, ist die Eingangspforte zum Berner Ober-
land und der natürliche Vereinigungspunkt und Markt-
ort seiner Täler. Zwischen der Aare und der einstigen
Kandermündung breitet sich die Thuner Allmend aus,
die dem Artilleriewaffenplatz als Übungsfeld dient.

Das Aaretal unterhalb des Thunersees bildet den
östlichen Teil einer ausgedehnten, steif verlaufenden
Bodenfurche, die in die hohen Molassehügel am Alpen-
fuß eingeschnitten ist. Der linksseitigen Halde folgt
durch teilweise versumpften Boden vom Ganterist her
die Gürbe. Sie vereinigt sich nnt der Aare unterher
des Belpberges, der als langgestreckter Tafelberg, ein
Überrest der ehemaligen höhern Landoberfläche, die beiden
Flußtäler trennt. Diese Gegend ist, wie das gesamte
Land zwischen Alpen und Jura überhaupt, ein bevor-
zugtes Gebiet des Ackerbaues und der Viehhaltung.

Die Umgebung von Thun beleben die Dörfer
Thierachern, Ütendorf, Steffisburg und
das durch die Töpferei bekannte Heimberg. Kirch-
dorf und Gerzensee halten eine niedrige Stelle des
Plateaus zwischen Aare und Gürbe besetzt. In Mün-
s in gen steht die kantonale Irrenanstalt. Die obere
Gürbe mit Blumen st ein und Wattenwil bildet
den Westrand einer prächtigen Moränenlandschaft, deren
wellige Kuppen kleine Seelein einschließen. Belp steht
an der Vereinigungsstelle der beiden Täler am Nordfuß
des Belpberges.

An den Nordabfall der Stockhornkette lehnt ein
rauhes, wenig zugängliches Molasse-Bergland. Am
schroffen Ostrand führen nur wenige Straßen herauf.
Im Westen hemmt die Senseschlucht, auf lange Strecke
die bernisch-freiburgische Grenze, mit stellenweise senkrecht
abstürzenden Wänden den Verkehr. Das Schwarzwasser
und seine Seitenbäche zerlegen durch Waldschluchten das

Thun

Aaretal

Sense-

Bergland
        <pb n="206" />
        ﻿Emme

Napf

Erwerb und
Orte im
Emmental

Bergland in zahlreiche Einzelhöhen, wie die ganz be-
waldete Giebelegg 1131 m und die Biitschelegg. Nach
Norden nehmen die Hügel an Höhe ab, bis zum Gurten,
dem Aussichtsberg von Bern, mit 62 l in Meereshöhe.
Der Mittelpunkt der Landschaft, Schwarzenburg,
ist durch eine Bahn von der Hauptstadt aus erschlossen;
in seiner Nähe liegt Wählern. Die andern Dörfer
Guggisberg, Nüschegg und Rüeggisberg stehen
dagegen abseits vom größern Verkehr.

An der Ostflanke des Aaretales öffnen einige Tal-
lücken bequeme Zugänge zum Tal der Emme, über
Schwarzen egg, über Linden und Röthenbach
und durch die Mulde zwischen dem Kurzenberg und
Hundschüpfen an Zäziwil und Sign au vorüber.
Die Große Emme bricht zwischen den Kalkwänden der
Schrattenfluh 2098 in und des Hohgant 2202 m in
das wiesengrüne Tal von Schangnau und Eggiwil
hervor. Unterhalb Sign au nimmt sie die Jlfis auf
und durchfließt in einer Mittelfurche das nach ihr be-
nannte Emmental. An der Talenge von Burgdorf be-
tritt sie ein breites Flachland, das sie bis zur Ein-
mündung in die Aare bei Solothurn durchzieht und bei
Hochwasser mit Ueberschwemmung bedroht. Zwischen
dem Flußgebiet der Emme uud der Wigger erheben sich
die Nagelfluhhöhen des Napf 1411 m auf einer nahezu
kreisrunden Fläche. Vom höchsten Punkt strahlen nach
allen Seiten die engen, bisweilen schluchtartigen Fluß-
täler aus, die mit zahlreichen ebenso engen Seitentälchen,
„Gräben" genannt, die Bergmasse in ein Gewirr von
reich verzweigten Gräten auflösen. Diese schmalen, son-
nigen Rücken, von bewaldeten Gräben umzogen, heißen
„Egg". Trotz ihrer hohen Lage sind sie auffällig reich
an Getreidefeldern, die im Sommer zusammen mit den
Wiesen und den zerstückelten Waldflächen der Napf-
landschaft ein buntfarbiges Aussehen verleihen. Die
Emmentaler Bauern haben es verstanden, durch sorg-
fältige Pflege ihren Boden zu einem der reichsten Ge-
        <pb n="207" />
        ﻿197

biete des Acker- und Wiesenbaues in der Schweiz zu
machen. Berühmt ist der Emmentaler Käse, der haupt-
sächlich von den großen Handelshäusern in Langnau
und Burgdorf exportiert wird. Neben den Dörfern aus
der Talsohle erscheint das Emmental wie übersäet von
Einzelhöfen, die je die Mitte eines abgerundeten Grund-
besitzes einnehmen und die natürlichste Anpassung an die
zahllosen Kleinformen der Landschaft darstellen. In
Dörfern und Einzelhöfen wird seit alters die Leinwand-
industrie betrieben. Zum Einzugsgebiet der Jlfis ge-
hören Trub in einem Tal des Napf und der stattliche
Marktort Langnau mit 8500 Einwohnern. In der
Mitte des Emmentales sind Lützelslüh und Hasle-
Rüe gsau Straßenvereinigungspunkte; in einem Seiten-
tal breiten sich Sumiswald und Trachselwald
ans. Das Schloßstädtchen Burgdorf, 9300 Ein-
wohner, beherrscht den Zugang von Norden her; es ist
der natürliche Marktort der Landschaft an der untern
Emme. Das kantonale Technikum ist seine bekannteste
Schule. Oberhalb des Städtchens das industrielle Ober-
burg (Maschinenbau). Den westlichen Teil des reich
gegliederten Emmentaler Hügellandes halten die auch
durch Industrie und Käsehandel bedeutenden Bauerndörfer
Worb, Großhöchstetten und Biglen besetzt.

Dem Lauf der Emme folgt eine Eisenbahnlinie
von Solothurn über Burgdorf nack Langnau, wo sie
den Anschluß an die Linie Bern-Luzern findet. Die
Bergmasse des Napf bildet für den Verkehr ein durch
seine Ausdehnung beträchtliches Hindernis, das im Kreis
von Straßen und Bahnen umgangen werden muß.

Die Hauptlinie des Mittellandes durchzieht zwischen
Burgdorf und Olten die Landschaft des bernischcn Ober-
aargaus, dessen Bevölkerung ihr Auskommen im Acker-
bau und in der Leinen- und Baumwolliudustrie findet.
Unter den zahlreichen Ortschaften ragen durch Größe
und Wohlstand Herzogenbuchsee und Langen-
thal hervor. Langenthal steht durch das Tal der

Verkehr

Oberaargau
        <pb n="208" />
        ﻿198

Untere

Emme

Bern

Langeteil über Madiswil, Huttwil und am lu-
zernischen Willisau vorüber in Bahnverbindung mit dem
Entlebuch und Luzern. Im Winkel zwischen Langeten
und Rothbach an der Aargauer Grenze liegt R o g g w i l.
Wangen und Aarwangen an der Aare beherrschen
Flußübergänge znm Bipperamt mit BiPP, das von
Solothurner Gebiet umschlossen an den Fuß der vorder-
sten Jurakette lehnt.

Den untern Teil des Emmegebietes beleben die teil-
weise durch den wilden Bergfluß gefährdeten Bauern-
dörfer Bätterlinden, Utzenstorf und Kirchberg;
Koppigen, Fraubrunnen und Jegenstorf halten
sich weiter vom Fluß entfernt.

Auf einer von dem tiefen Aaretal umschlungenen
Sandsteinhalbinsel steht Bern, 85270 Einwohner, die
Hauptstadt des Kantons und Bundesstadt der Schweiz *);
ihre Lage verknüpft sich mit den Endmoränen des eis-
zeitlichen Aaregletschers. Aus den an parallel laufenden
Laubengassen eng gedrängten Häusern der Altstadt steigt
der mächtige Bau des Münsters empor; von der Münster-
terrasse hoch über der Aare schweift der Blick über die
bewaldeten Hügel zu der Alpenkette. In gleicher Flucht
schaut der Kuppelbau des Bundeshauses mit breiter
Front über das Aaretal hinweg nach Süden. Auf stadt-
beherrschender Anhöhe erhebt sich das Universitätsgebäude.
Hohe Brücken stellen die Verbindung der Altstadt mit
den volksreichen Außenquartieren her. Als Buudesstadt
weist Bern zahlreiche Verwaltungsgebäude und eine starke
Beamtenschaft auf; neuerdings sind auch einzelne Indu-
strien im Aufblühen begriffen. Mehr als in den übrigen
deutschschweizerischen Städten macht sich in Bern der
Einfluß des nahen französischen Sprachgebietes bemerk-
bar. Zum weitern Umkreis von Bern gehören die
Dörfer Münchenbuchsee und Schöpfen an der
Linie nach Biel, Völligen am Fuße des Bantiger
mit 6100 Einwohnern, Köniz am Gurten mit 7700
Einwohnern, Bümpliz an der Linie Bern-Freiburg
~ l) 1913: 94700 E.
        <pb n="209" />
        ﻿199

und Wohlen an der Aare. Westlich des großen „Forst"
stehen das Schloßstädtchcn Lausten und das Dorf
Neuenegg an Senseübergängen.

Von Bern windet sich die Aare in vielen Schlingen
westwärts durch ein enges, bewaldetes Sandsteintal zur
Saanemündung, um dann mit einer Umbiegung nach
Norden in die Ebene des Seelandes hinauszutreten. Seeland
Früher floß sie mit geringem Gefälle in nordöstlicher
Richtung nach Büren und verheerte bei Hochwasser ihre
Umgebung; gleichzeitig überfluteten die drei Juraseen
die niedrig gelegene Ebene des Großen Mooses, das je-
weils nach dem Rückgang des Hochwassers als malaria-
versenchter Sumpf zurückblieb. Die Juragewässerkorrektion
(1878) senkte die drei Seen durch einen vertieften Ab- Korrektion
flnß um etwas über zwei Meter und leitete durch den
Aarberg-Hagneckkanal die Aare dem Bielersee zu. Die
Überflutungen hörten damit auf und für den Anbau war
ein Neuland von 4500 Hektaren gewonnen. Der Moos-
boden liefert nun Zuckerrüben für die Zuckerfabrik im
nahen Brückenstädtchen Aarberg am Austritt der Aare
aus den Molassehügeln und am Beginn des Kanals
zum See. Über die Höhe des Frienisbergs hinweg zieht
die alte Bernstraße an Seedorf und Meikirch vor-
bei. Lyß ist Verkehrsinittelpunkt und Jndustriedorf an
der Einmündung der Broyetalbahn in die Bern-Biel-
Linie; zum Hügelland östlich davon gehören die Bauern-
dörfer Großaffoltern und Rapperswil.

Der grünliche Wasserspiegel des Bielersees scheidet Bielersee
zwei ganz verschieden geartete Landschaften (Kartenbeilage
IV). Zum Nordufer senken sich die sonnendurchglühten
Kalkwände und Weinberge der vordersten Jurakette mit
den eng gedrängten Steinbauten der Weinbauorte Tw ann,

Ligerz und Neuenstadt. Am Südufer liegen breit
auf schwach gewellten Molassehöhen obstbaumumkränzte
Bauerndörfer, wie Täuffelen und Walperswil.

Eine ehemalige Untiefe verbindet seit der Korrektion als
schilfbewachsener Landstreifen das obere See-Ende mit der
        <pb n="210" />
        ﻿200

St. Petersinsel, deren prächtig bewaldete Kuppe nun als
das Ende dieser flachen Landzunge erscheint. Der mit
Feldbefestigungen verstärkte Jolimont sperrt den Durch-
gang zwischen dem Neuenburger- und Bielersee; an sei-
nem Ostfuß steht das Weinbauern- und Uhrenmacher-
städtchen Erlach. Das große Dorf Ins am Rande
des Mooses ist Kopsstation der elektrischen Bahn Frei-
burg - Murten - Ins an der Direkten Bern-Neuenburg.
Nid au am untern See-Ende, ein gewerbreiches Städt-
Bo» chen, verwächst allmählich mit dem nahen Biel, mit
23600 Einwohnern der zweiten Stadt des Kantons;
das durch die Uhrenindustrie aufblühende, zweisprachige
Biel umfaßt mit volksreichen, nüchtern anmutenden Quar-
tieren in der Ebene die höher gebaute, durch steile und
enge Gassen malerische Altstadt; hier steht das stark
besuchte westschweizerische Technikum. Nach ihrer Lage
gehört die Stadt zum Seeland; politisch zählt sie zum
Jura, zu dem der Querdurchbruch der Schüß (Klus von
Reuchenette und Taubenlochschlucht, s. Kartenbeilage IV)
beim nahen Bözingen auf lange Strecke den einzigen
Zugang öffnet. Biel ist für zahlreiche Uhrenmacherdörfer
der Umgebung der industrielle Mittelpunkt, so für Bö-
zingen, Mett und Lengnau an der Linie nach Solo-
thurn. Das altertümliche Städtchen Büren steht am
Rande der weiten Aareebeue unterher der Vereinigung
des Nidau-Bürenkanals mit dem alten Aarelauf.

Berner Jura Der Berner Jura liegt ganz im Gebiet der von
SW nach NO streichenden Falten, die nach Norden
allmählich niedriger werden. Die Talsohlen sind zu-
meist mit langen Reihen stattlicher Uhrenmacherdörfer
besetzt; der mühsame Ackerbau in den rauhen und trok-
keuen Höhen bleibt immer _ mehr den einwandernden
Deutschbernern überlassen. Über dem Ufergelände des
Bielersees breitet sich zwischen dem Chasseral 1610 in
und einer vorgelagerten Seekette die versumpfte Tal-
mulde des Tessenbergs mit den Randdörfern Di esse,
Nods und dem nenenbnrgischen Lignieres aus. Der
        <pb n="211" />
        ﻿201

wegen seiner umfassenden Rundsicht viel besuchte Chasseral
steigt mit weideubedecktem Grat über den Waldgürtel der
Tiefe hinaus; im Westen gabelt er sich in die beiden
das Val de Ruz umfassenden Ketten des Chaumont und
der Tßte de Ran. Hinter dem Chasseral bildet das
von der Schüß durchflossene St. Jmmertal mit den
Orten Courtelary, St. Immer (St. Inner) St.Jmmertai
mit 7400 Einwohnern und Sonvilier einen bequem
ansteigenden Zugang zur Hochfläche von La Chaux-de-
Fonds. Über der nördlichen Talwand von St. Immer
entwickelt sich der Sonnenberg zu einem bekannten
Winter- und Sommerkurort. Er liegt am Rand der
rund 1000 rn hohen, Industrie, Ackerbau und Pferde-
zucht treibenden Plateaufläche der Freiberge (Franches Fr-w-rge
Montagnes); ihre Dörfer stehen in engen Beziehungen
zum neuenburgischen Uhrenmarkt von La Chaux-de-Fonds;
die bedeutendsten sind Saignelegier und Noirmont.

Auf den schwachwelligen Höhen steht der Wald häufig
so licht, daß er eher den Eindruck einer tannendurchsetzten
Weide hervorruft. Das Plateau fällt im Nordwesten
schroff zum Grenzfluß Doubs ab, der mit schluchtartigem,
tiefem Tal eine lange Schleife in den Berner Jura
hineinzieht und auf seiner ganzen Linie ein schwer zu
überwindendes Hindernis bildet.

Von der Klus von Reuchenette herkommend,
gewinnen Straße und Bahn bei Sonceboz über die
schon von den Römern benutzte Einsattelung der Pierre
Pertuis in der Montozkette das obere Birstal. Die
Birs leitet in zickzackförmigem Lauf durch Längstalstrecken MrStai
und zahlreiche Klüsen die Verkehrswege von Biel quer
durch den Jura nach Basel. Sie tritt am Fuß der
Pierre Pertuis als Stromquelle hervor, durcheilt mit
einem Zufluß von Tramelan her die lange Talmulde
von Tavannes und bricht bei Court in der gleich-
namigen Klus durch den Mt. Graitery zum Längstal
von Münster (Montier) hinaus. In diesem Industrie-
dorf mündet die Weißensteinbahn in die Linie Biel-
        <pb n="212" />
        ﻿202

Pruntrut

Landschaften

Basel. Die Birs quert die Talmulde und zwängt sich
durch die prächtige Klusenreihe im Mt. Raimeup zwischen
Münster und Courrendlin. Kurz vor dem Ausgang
der Schlucht steht bei Choindez der einzige Hochofen
der Schweiz mit großer Gießerei. Ein Teil des ver-
arbeiteten Bohnerzes stammt aus der 5 km breiten Tal-
ebene von Delsberg (D e l e m o n t). Der gewerbreiche
Hauptort, 6100 Einwohner, vereinigt die Bahnlinie aus
dem oberen Birstal mit der Linie von Paris her, die
über Pruntrut nach Basel zieht. Verstärkt durch die
Sorne, windet sich die Birs unterhalb Delsberg schräg
durch die nördlichsten, niedrigen Juraketten am deutsch-
sprachigen Städtchen Laufen und an Grellingen
vorüber zum Rhein hinaus. Zahlreiche Fabriken der
Zementindustrie verleihen auf dieser Strecke dem. Fluß
den Charakter eines Fabrikkanals. Die Straßen aus
der Delsbergermulde treten an dem wichtigen Übergang
Les Rangiers zusammen, der die Verbindung mit Prun-
trut und dem Flachland der burgnndischen Pforte her-
stellt. Die Bahn berührt im Sornetal Bonconrt
und Glovelier, durchtunnelt bei St. Ursänne die
Mont Terri-Kette und gelangt durch das Tal der Al-
laine zur französischen Grenzstadt Delle. Pruntrut
(Porr ent ruh), 6600 Einwohner, nimmt die Mitte
der Landschaft Ajoie ein. Der Töpferort Bonfol nahe
der Grenze liefert das feuerfeste Pruntrutergeschirr.

Uerrerrvrrvg.

Die Ketten und Plateauflächen des Berner Jura
finden nach Südwesten ihre natürliche Fortsetzung tut
Kanton Neuenburg. Es ist das Gebiet zwischen dem
Neuenburgersee und dem Grenzfluß Doubs, das im
wesentlichen vier gut gesonderte Landschaften umfaßt:
Das Hochland von La Chaux-de-Fonds; das Traverstal;
das Val de Ruz; das Ufergelände über dem See am
        <pb n="213" />
        ﻿203

Südostabfall des Jura, nach seinen Weinbergen „Le
Vignoble" genannt.

Das Neuenburger Hochland zeigt, ähnlich dein
Plateau der bernischen Freiberge, einen Wechsel von
schwachwelligen Höhen und breiten Mulden, die zum Teil
von Torfmooren erfüllt sind. Die trockenen Juramatten
sind vielfach unterbrochen durch einzelne Exemplare oder
durch parkartige Gruppen prächtiger Wettertannen, zwischen
denen die Herdentiere der Weide nachgehen. Infolge der
Meereshöhe von durchschnittlich über 1000 m hat das
Bergland ein rauhes Klima, gekennzeichnet durch lang
dauernde, schneereiche und kalte Winter. Da überdies
der Kalkboden den Ackerbau wenig begünstigt, so ver-
möchte er nur eine wenig zahlreiche und ärmliche Hirten-
bevölkerung zu erhalten, wenn nicht die Uhrenindustrie
dem Lande eine ansehnliche Volksdichte und einen blü-
henden Wohlstand gesichert hätte. Das breite, niedrige
Jurahaus der Sennberge tritt nun ganz in den Hinter-
grund gegenüber dem stattlichen Wohnhaus der Industrie-
orte, das als hoher Bau durch große und zahlreiche
Fensterflächen für die feine und kunstvolle Arbeit der
Uhrenmacherei das Tageslicht auszunützen sucht. La
Chaux-de-Fonds,376OO Einwohner, ist der Mittel-
punkt des neuenbnrgischen Industriegebietes und zugleich
der größte Uhrenmarkt der Welt; sein Uhrenexport be-
läuft sich auf rund 90 Millionen Franken, d. h. mehr
als die Hälfte der schweizerischen Gesamtansfuhr. Die
Stadt erinnert mit den parallel verlaufenden, eintönigen
Straßenzügen und der schachbrettartigen Anlage der
Häusermassen an nordamerikanische Städtebilder. In
der gleichen Mulde, aber tiefer gelegen, ist Le Locle
mit 12700 Einwohnern ein zweites Industriezentrum,
zugleich wichtiges Eingangstor an einer Bahn von Frank-
reich her. An der Grenze erweitert sich der Doubs zum
schmalen, felsumschlossenen Lac des Brenets; der Abfluß
speist den 29 in hohen Saut du Doubs und bildet dann
in nordöstlichem Lauf vorerst in einer halbkreisförmigen

Charakter

des

Hochlandes

Orte
        <pb n="214" />
        ﻿204

Traverstal



Schlucht und weiterhin in einem tiefen, waldigen Tal
die Landesgrenze. Über dem gleichnamigen See steht
das Dorf Les Brenets. Am Nordsuß der mit einer
weidenbedeckten Kuppe aus den Fichtenwaldungen auf-
steigenden Tete de Ran 1425 iu zieht sich die kahle
Talmulde von La Sagne und Les Ponts hin, auf
weite Flächen ein eintöniges, düsteres Torfmoor, das
die Städte des Berglandes mit Brennmaterial versorgt.
Das Talflüßchen verliert sich durch die zerklüftete Kalk-
unterlage des Sumpfbodens. Im entlegenen südwest-
lichen Teil der Neuenburger „Montagnes" darf La
Brevine mit seiner eisigen Winterkälte als das neuen-
bnrgische Sibirien gelten.

Das Traverstal liegt hinter der breiten, stellen-
weise plateauflächigen Kette des Creux du Ban 1465 m
und dem schroffer geformten Chasseron 1611 m. Gegen-
über den geräumigen Mulden anderer Längstäler, wie
z. B. des St. Jmmertales, erscheint es eng; stellen-
weise wird es von kühn aufragenden Kalkwänden ein-
gerahmt. Als starke Stromquelle tritt die Areuse in der
Klus von St. Sulpice zu Tage; am untern Ende
des Tales durchbricht sie in schrägem Schnitt die vor-
gelagerte Kette und erreicht mit starkem Fall den Neuen-
burgersee. Dieses Quertal ist bekannt als die Gorge
de lÄreuse. Ihren Felswänden entlang gewinnt die Bahn
von Nenenburg die hochgelegene Sohle des Traverstales
und leitet durch das Trockental von Verlier es auf französi-
schen Boden über. Den mittlern Teil des Val de Travers
halten eine Reihe von Uhrenmacherdörfern besetzt, deren
größtes, Flenrier, in einer Talgabel am Fuße der
Bergstraße von Ste. Croix liegt. Talanswärts folgen
Motiers, Couvet und Travers, wo neben der
Uhrenindustrie die Herstellung von Uhrmacherwerkzeug
und die Ausbeutung der Asphaltminen Verdienst bringen.
Roiraigue (— schwarzes Wasser) am Beginn der
Gorge de l'Areuse trägt seinen Namen von dem Wasser,
das unterirdisch aus dem Moorboden des Hochtales von
        <pb n="215" />
        ﻿205

Les Ponts abfließt und mit schwärzlicher Schlamm-
beimischung als mächtige Stromquelle aus der Seiten-
wand des Val de Travers hervorbricht.

Zwischen dem Bergland von La Chaux-de-Fonds
und dein See treten die Ketten der Tete de Ran-Mt.
d'Amin und des Chaumont auseinander und umrahmen
die längliche Mulde des Val de Ruz. Hier trägt der
Kalkuntergrund einen Sandsteinmantel, überlagert von
mächtiger Grundmoränendecke, die von einem über die
tiefste Einsattelung des Chaumont eingedrungenen Arm
des Rhonegletschers herrührt. Dank dieser natürlichen
Ausstattung ist das Val de Ruz, ein seltenes Bild, zur
iuselartigen Fläche einträglichen Ackerbaues mit reichen
Kornfeldern inmitten der weiden- und waldbedeckten
Kalklandschaft des Jura geworden. Der Talfluß bahnt
sich in den nach ihm benannten Gorges du Schon in
starkem Fall durch das wohlerhaltene flache Gewölbe
des Chaumont den Ausgang zum See; ein zweites,
unterirdisches Flüßchen entströmt den Kalkwänden bei
Serrieres und erreicht den See durch einen tiefen Ein-
schnitt. Am obern Ende der Klus des Seyon beherrscht
das Städtchen Val eng in mit dem geschichtlich berühm-
ten Schloß den Zugang zum dörfer- und volksreichen
Tal. Fontaines nimmt die Mitte des Flachbodens
ein. Der sonnigen Halde folgen eine Reihe durch Uhren-
industrie und Landwirtschaft blühende Ortschaften, da-
runter Cernier, der Hauptort der Talschaft, und
Dombresson. Das Val de Ruz leitet die Straße
von Neuenburg über die Einsattelung der „Vue des
Alpes", die Eisenbahn durch den Tunnel von Les Loges
nach Chaux-de-Fonds hinauf.

Im sonnendurchglühten Rebgelände am Seeufer
ist die Hauptstadt Neuenburg, 23500 Einwohner,
terrassenartig an die Halden des bewaldeten Chaumont
hinaufgebaut. Enge, alte Quartiere umlagern einen
weitschauenden, schloß- und kirchengekrönten Felsrücken,
von dem der Blick die prächtigen Bauten am Quai

Val de R»z

Vignoble
        <pb n="216" />
        ﻿206

und den Kranz von Villen in den Rebbergen ob der
Stadt umfaßt. Wenn Nenenburg auch vom großen
Strom der Vergnügungsreisenden wenig berührt wird,
so nützt es dafür in einer besondern Art der Fremden-
industrie die französische Sprache aus. Jahr für Jahr
werden seine Schulen und „Welschland"-Jnstitute von
Scharen junger Leute aus dem deutschen Sprachgebiet,
vorab aus der deutschen Schweiz, besucht; die Akademie
ist neuerdings zur Universität erweitert worden. Die
Welschlandgängerei der deulschschweizerischen Jugend
kommt ebenfalls den Weinbaudörfern am See, in ge-
ringerem Maße den höheren Landschaften zugute. See-
aufwärts benützt das industrielle Serrieres, mit
bekannter Schokoladefabrik, die Stromquelle eines unter-
irdischen Abflusses aus dem Val de Ruz. Den Schlucht-
ausgang des Traverstales umgeben Colombier, das
weiuberühmte Cortaillod, Bevaix und das Städt-
chen Boudry; an den Uferhalden des Creux du Vau
und des Mt. Ändert liegt St. Aubin. Am untern
See-Ende sammelt St. Blaise die Verkehrswege, die
vom Bielersee her und durch die Landenge zwischen
Bieter- und Neuenburgersee am Jolimont vorüber nach
Neuenburg ziehen. Nahe bei St. Blaise beutet Haute-
rive den gelben Kalkstein aus, den die öffentlichen
Zihlebene Gebäude der Hauptstadt zur Schau tragen. Nahe dem
Bielersee steht in der eintönigen Ebene des Zihlkanals
das altertümliche, katholische Städtchen Landeron,
dessen Kern mit einer Doppelreihe von Häusern zwischen
zwei Toren eine kurze Gasse umschließt. Die Weinbau-
dörfer Cornaux und Cressier breiten sich am Rand
der Zihlebene aus. Hoch über dem obern Ende des
Bielersees liegt Li girieres am Rande der schon früher
erwähnten Hochtalmulde am Südabhaug des Chasseral.

Bevölkerung Der Kanton Neuenburg zählt 1331OO Einwohner,
weit überwiegend protestantischer Konfession. Während
die einheimische, französisch sprechende Bevölkerung mit
Vorliebe die stattlichen Jndustrieorte und die Weinbau-
        <pb n="217" />
        ﻿207

dörfer am See bewohnt, leben die zugewanderten Deutsch-
berner, wie im Berner Jura, in Dörfern und vereinzel-
ten Höfen des Berglandes der Weidewirtschaft und Vieh-
haltung und dem wenig einträglichen Ackerbau.

Fveivurig.

Das Gebiet des Kantons Freiburg umfaßt eine sage
breite Zone von den zu äußerst im Südwesten gelegenen
Voralpeuketten über das westschweizerische Mittelland
zum Murten- und Neuenburgersee. Drei abgesonderte
Gebietsteile sind vom Waadtland umschlossen, der größte
als ausgedehntes Ufergelände am Neuenburgersee mit
Estavayer als Mittelpunkt. Die Saaue (französisch ®nb'elnuf
Sarine) hat als Landesfluß für Freiburg eine ähnliche
Bedeutung wie die Aare für Bern und den Aargau,
die Rhone für das Wallis usw. Ihr Tal durchfurcht
als scharf ausgeprägte Mittellinie das Land in seiner
südnördlich gerichteten Längsausdehnung. Vom waadt-
ländischen Paps d'en Haut her biegt der Fluß, im rech-
ten Winkel zur freiburgischen Talschaft von Greyerz ab,
in deren unterem Teil ihm von rechts der Jaunbach
zufließt. Unterhalb des Beckens von Bulle durchzieht
die Saane das Mittelland in zahlreichen Schlingen und
mündet auf bernischem Gebiet beiWilervltigen, zur Regen-
zeit ein trübes, reißendes Hochwasser, in die Aare. Ober-
halb Freiburg nimmt sie von links die Glane, talabwärts
die Sense auf, die auf lange Strecke die Grenze bildet.

Das Gefälle der Saane wird an verschiedenen Stellen
durch Kraftwerke ausgebeutet, deren bedeutendste bei Mont-
bovon und bei Tusy-Hanterive liegen.

Die Talschaft von Gruyeres oder Greyerz ist Greyerz
als prächtig grünes Wiesen- und Weideland zwischen
den Voralpengipfeln des Moleson 2005 in, der Denk
de Lys 2015 m, des Vanil Noir 2386 in und der
Dent de Brenleire 2356 nr eingebettet; die wald- und
weidenbedeckten Höhen des Moleson werden der weiten
        <pb n="218" />
        ﻿208

Erwerb und
Orte

Wcstschwet-

zerisches

Mittelland

Rundsicht wegen häufig besucht. Die Matten ernähren
ansehnliche Herden des schwarz-weiß gescheckten, in der
Westschweiz stark verbreiteten Freiburger Rindviehs.

Der Milchreichtum der Talschaft findet Absatz in
den zahlreichen Käsereien, die den berühmten Greyerzer
Käse herstellen, sowie neuerdings auch in der großen
Milchschokolade-Fabrik in Broc. Die altertümlichen
Städtchen Greyerz, auf einem Felssporn im Tal-
grund gebaut, und Bulle, der Sammelpunkt von
Straßen aus allen Richtungen, sind die Viehmärkte des
Landes. Als Nebenverdienst zur Viehzucht ist im Greyerz
und in den andern Tälern des südlichen Kantonsteils
die Strohflechterei verbreitet, der die Landwirtschaft des
Alpenvorlandes durch den Anbau von Roggen das Flecht-
material verschafft.

Bei Broc öffnet sich von rechts das Jauntal, von
einer Hirtenbevölkerung bewohnt, die eine einfache Lebens-
weise und die altvererbten Sitten und Bräuche treu bis
auf die Gegenwart bewahrt hat. Im Talhiutergrund
steht Jaun durch eine Bergstraße in Verbindung mit
dem Simmental; Charmey ist ein besuchter Luftkurort.

In Bulle vereinigen sich die Bahnlinien von Vevey
und von Romont her und finden über Greyerz talauf-
wärts in Montbovon Anschluß an die Montreux-
Berneroberland-Bahn.

Der inittlere und nördliche Teil des Kantons Frei-
burg gehört zum schweizerischen Mittelland zwischen
Genfersee und Aare. Seine flachwelligen Hügel über-
ragen meist nur unbedeutend eine weite Hochebene. Die
parallel nach Nordosten ziehenden Rücken treten am
Alpenrand in der gefalteten Molasse stärker hervor;
gegen die Juraseen hin verflacht sich die Landschaft.
Überdies besteht, durch den Lauf der Gewässer gekenn-
zeichnet, eine Neigung des Bodens nach Nordosten. Die
ausgedehnte Hochfläche, mit dem einheimischen Namen
als „plateau suisse“ bezeichnet, liegt durchweg einige
hundert Meter höher als die Talsohlen des ostschweize-
        <pb n="219" />
        ﻿209

rischen, von steiler geböschten Höhenzügen gequerten Mittel-
landes. Die Saane durchfließt das Molasseland mit
vielen Schlingen in tief eingeschnittenem, schluchtartigem
Waldtal, an dem die Plateaufläche mit Sandsteinwänden
jäh abbricht. Ein ganz ähnliches Bild, wenn auch ohne
die weit ausholenden Schlingen, zeigt der Lauf der
Sense, und selbst die kleineren Seitenbäche der Saane
und Sense streben in schwer zugänglichen Waldschluchten
dem Hauptfluß zu. Die von hohen Steilwänden um-
schlossenen Talrinnen hemmen den Verkehr, vorab in
der Weftostrichtung; hier stockte die hin und her flutende
Bewegung der Landesbewohner zu beiden Seiten der
Saanelinie. In dieser verkehrsfeindlichen Grenzzone
verläuft denn heute auch die Sprachgrenze. Dem neu-
zeitlichen Verkehr genügen die tief unten liegenden Über-
gänge mit den mühsam die Höhe erklimmenden Wegen
nicht mehr; er zieht auf einigen kühn gebauten Hoch-
brücken über das Hindernis hinweg.

Auf dem Sandsteinkopf einer Saaueschlinge erhebt
sich, in ähnlicher Lage wie Bern, die Hauptstadt Frei-
burg, 20300 Einwohner. Die altersgrauen Häuser-
massen, aus welchen mittelalterliche Festungsmauern und
-türme sich abheben, steigen vom Saaneufer neben schroff
abbrechenden Felswänden au steilen und engen Gassen
zu den Stadtteilen des Plateaus hinauf, über die der
stumpfe Turm des Münsters hinausragt. Über die
Saaneschlucht gespannte Drahtseile tragen die berühmten
Hängebrücken; die Bahnlinie Bern-Lausanne quert das
Tal auf der mächtigen Grandfey-Brücke im Norden der
Stadt. Freiburg besitzt eine katholische Universität.

An der Haupteiseubahnlinie, die das Land in
südwestlicher Richtung durchzieht, liegt das Städtchen
Romont; sein altertümliches Schloß überschaut von
hohem Felsrücken weithin das flache Glanetal. Am
Mittellauf der Broye ist Surpierre mit Umgebung
als losgetrennter Gebietsteil rings vom Waadtland um-
schlossen. Hoch über dem Tal der oberen Broye steht

Flückiger, Schweiz	14

Grenzzone
des Saane-
gebieres

Freiburg

Südwestlicher

Kantonsreil
        <pb n="220" />
        ﻿210

Saanebezirk

Seebezirk

das kleine Schloßstädtchen Rue. Der südwestliche Teil
Freiburgs wird bereits durch die Veveyse zum Genfer-
see entwässert; Mittelpunkt ist hier Chatel St. Denis,
das den Verkehr vom Genfersee und vom obern Broye-
tal über Semsales ins Greyerzerland hinaufleitet.

Im weiten Umkreis um die Saanetalfurche ist das
Land reich an Waldungen, die zumeist die flachwelligen
Höhen verkleiden. Die mit Gletscherschutt bedeckten frucht-
baren Mulden dienen vorwiegend als Wiesland der
Viehhaltung und Milchproduktion. Im Bauernland des
Saanebezirkes lehnt sich das Dorf F a r v a g n y an die
Nordhalde des Mt. Gibloup, dessen dunkle, waldverhüllte
Molassehöhe mit 1212 m weit über die niedrigen Boden-
wellen des Vorlandes aufsteigt. An der Bahnlinie west-
lich der Hauptstadt liegt Matran, östlich von der
Saane Marly und La Roche am Fuß des äußersten
Voralpengipfels La Berra 1723 in. In entlegener Berg-
landschaft über der Sense gelangt man vom Dorf Plaf-
feien zum Schwarzsee hinauf. Düdingen an der
Linie Bern-Freiburg macht sich den Milchreichtum des
Landes in einer bedeutenden Milchsiederei zu nutze; süd-
lich von Düdingen liegt Täfers. Freiburg entsendet
quer zur Hauptrichtung eine Eisenbahnlinie über Bel-
faux und das waadtländische Payerne zu dem am
Neuenburgersee gelagerten Städtchen Estavayer und
zur Hauptlinie am Jurafuß bei Iverdon.

In der Umgebung des Murtensees und weit ins
Broyetal hinauf wird in den mildesten Lagen und auf
gutem Boden Tabak angebaut; die Blätter hangen im
Herbst dicht gereiht unter dem vorspringenden Dach der
Bauernhäuser zum Ausdörren. Die Sonnhalde des Mt.
Bully (Wistenlach) zwischen Neuenburger- und Murten-
see ist ein durch gute Erträge ausgezeichnetes Rebgelände;
im weiten Umkreis um den steil zum Broyekanal und
zum Großen Moos abbrechenden, plateauartigen Molasse-
rücken breiten sich die Gemüsefelder aus, deren Erzeug-
nisse in den volksreichen Städten der Westschweiz auf den
        <pb n="221" />
        ﻿211

Markt kommen. Am Südufer des Murtensees ist das
mit Laubengängen und guterhaltenen Ringmauern ge-
zierte Städtchen Murten der Mittelpunkt des See-
bezirkes und Kreuzungsstelle der Broyetalbahn und der
elektrisch betriebenen Linie Freiburg-Murten-Jns. Weiter-
hin berührt die Broyetalbahn das Bauerndorf Kerzers
am Rande des Großen Mooses.

Die 139 700 Einwohner des Kantons Freiburg
sprechen zu mehr als zwei Dritteln französisch und be-
kennen sich, mit Ausnahme des protestantischen Murten-
bietes, zur katholischen Kirche.

Ulcradt.

Ähnlich dem Kanton Bern wiederholt das Waadt-
land im kleinern Maßstab den Aufbau der Schweiz.
Bon den Diablerets in der Hauptkette der Nordalpen
reicht es über die Voralpen zum Mittelland hinaus,
das in langgestrecktem Ufersaum im Süden zum Becken
des Genfersces abfällt, und umfaßt weiterhin die höch-
sten Ketten im südwestlichen Abschnitt des Schweizer
Jura.

Über dem Südostabfall des Waadtländer Jura
erheben sich als schwach anschwellende Kuppen die
Dole 1678 m, die wegen ihrer weiten Rundsicht
viel bestiegen wird, der Noirmont 1560 in und der
Mt. Tendre, mit 1680 in der höchste Punkt des Schweizer
Jura. Hinter dieser vordersten Kette liegt in rund 1000 in
Meereshöhe das Längstal der Orbe, die Vallee de Joux,
nach Nordwesten abgeschlossen durch die mit prachtvollen
Waldungen besetzte Grenzkette des Mt. Nisoux 1423 m.
Das Hochtal birgt in seinem untern Ende den Jouxsee,
dessen Wasser durch Schlundlöcher im zerklüfteten Kalk-
stein verschwindet und jenseits des unten abgeriegelten
Tales hinter Ballorbe als mächtige Stromquelle wieder
zutage tritt. Das rauhe, durch lange und strenge Winter-
ausgezeichnete Jouxtal ist mit volksreichen Dörfern ein

Bo»

Landschaften

Waadttänder

Jura

Orte und
Erwerb
        <pb n="222" />
        ﻿212

Mittelland

Erwerb

Hauptgebiet der Uhrenindustrie; hier entstehen jene kom-
plizierten, mit äußerster Genauigkeit gearbeiteten Chrono-
meter, die entweder für Genfer Firmen hergestellt wer-
den oder direkt den Weg ins Ausland finden; den See
umschließen die Orte Le Pont, Le Lien und Le
Sentier. Jenseits der Dent de Vauliou nützt Val-
lorbe, das in der Fabrikation von Feilen einen be-
sonderen Zweig der Metallindustrie pflegt, die Wasser-
kraft der Orbe aus. Es beherrscht einen Querdurchbruch
des Jura, durch den die Eisenbahnlinie von Paris nach
Lausanne und zum Simplon zieht. Bei der hohen Lage
des Überganges kommen im Winter durch die bedeuten-
den Schneemassen recht häufig Verkehrsstockungen vor.
In einer Hochtalmulde am Chasseron über dem obern
Ende des Neuenburgersees ist Ste. Croix der Mittel-
punkt einer Gruppe von Dörfern, die sich außer der
Uhrcnmacherei hauptsächlich mit der Fabrikation von
Musikdosen und neuerdings der Phonographen befassen.

Das waadtländische Mittelland umfaßt das flach-
hügelige Plateau der Westschweiz im Winkel zwischen
Jura und Genfersee. Von den Jurarandseen steigt es
südwestwärts allmählich zu den wasserscheidenden Höhen
an, die sich mit einem Steilabfall von einigen hundert
Metern zum Spiegel des Genfersees in nur 375 m
Meereshöhe senken. Hier erhebt sich hart über dem
See der an ausgedehnten Forsten reiche Jorat (von gor,
S. 23) zu 928 m, Seine Ausläufer erstrecken sich
dem Südufer des Neuenburgersees entlang zum Tafel-
berg des Bully und trennen die nordostwärts ziehende
Hauptfurche Orbe-Thiele (Zihl) - Neuenburgersee vom
Broyetal. Zum Genfersee steigen zahlreiche Bäche in
kurzen, steilen Tälern hinab. Das waadtländische Mittel-
land ist ein Gebiet hochentwickelten Ackerbaues, der im
Erwerb der Bevölkerung an erster Stelle steht. Im
besondern bringt der westliche Teil, das „Gros de Vaud",
als Trockengebiet im Regenschatteu des Jura gegenüber
dem alles beherrschenden Wiesenbau der höhern und
        <pb n="223" />
        ﻿213

feuchtem Lagen des Mittellandes noch heute reiche Ernten
an Getreide hervor. Am Neuenburgersee und im Orbe-
tal. sowie an geschützten Stellen überall im Hügelland
wird Wein gebaut; vor allem aber ist das Nordufer
des Genfersees ein einziger riesiger Weinbezirk. Die
Tabakfelder des Broyetales liefern den Zigarren- und
Tabakfabriken von Grandson, Uoerdorr, Payerne und
Vevey einen Teil des Rohmaterials.

Die Broye wurzelt mit malerischen Waldtälchen in
der 'Nordflanke des Jorat. Die Quellbäche treten bei
Mondon zusammen; in immer breiter und flacher
werdendem, gefällsarmem Tal strebt der Fluß dem
Murtensee zu; er berührt weiterhin Lucens und Pa-
yerne, das als Eisenbahnknoten und durch die Tabak-
industrie den gewerbsamen Mittelpunkt des Broyetales
bildet; seine Milcheindampfungsfabrik bezieht die Milch
aus der ganzen Talschafc und aus weiterem Umkreis.
Unfern des Murlensees steht Aveuches auf den Trüm-
mern der römisch-helvetischen Stadt Aventicum; sie lag
au der noch heute streckenweise erhaltenen und benutzten
Militärstraße, die vom Großen St. Bernhard her über
Vevey, das Broyetal, Solothurn und den obern Hauen-
stein zur Rheinebeue hinunterführle. Gegenüber der
Stadt Neueuburg besitzt die Waadt den Uferort Cudre -
sin. Die Broyetalbahn und die Linie Freiburg-Lausanne
treffen bei Palezieux zusammen; in ihrem Winkel
liegt Oron-la-Ville. An der bewaldeten Nagelfluh-
kuppe des Mont Pelerin entlang zieht die Bahn zum
Tunnel von Chexbres, an dessen Südansgang sich
dem überraschten Blick das wunderbare, reiche Bild des
ganzen Genferseebeckens erschließt. Die Jurafnßliuie er-
reicht Lausanne über die alten Städtchen Grandson
und Iverdorr am Neuenburgersee. In reizloser Lage
am Ende des versumpften Tales der Orbe- Thiele ist
Iverdon mit 8600 Einwohnern an der Vereiniguugs-
stelle wichtiger Verkehrswege als Industrie- und Bade-
ort der Mittelpunkt des nördlichen Kauionsteils; durch

Broyetal

Gros de
Vaud
        <pb n="224" />
        ﻿214

Genfersee

eine Bergbahn steht es mit Ste. Croix in Verbindung.
Die Orbe tritt bei dem Städtchen Orbe aus dem
Jura in die sumpfige Ebene hinaus; hier nimmt sie
von rechts den Talent auf; dieser entsendet den zur
Schiffahrt allerdings untauglichen Verbindungskanal von
Entreroches über die Rhein-Rhone-Wasserscheide zur
Venoge, die südwärts dem Genfersee zufließt. Dieeuropäische
Wasserscheide wird bei La Sarraz durch einen vom Jura
abgeirrten Kalksporn gebildet, den die Linie Averdon-
Lausanne in einem Tunnel unterfährt. Weiterhin liegen
hoch über der Venoge und der Bahn die Städtchen
Cossonay und Vuff lens. Das vom Jorat zum
Neuenburgersee hinunterziehende Tal der Mentue wird
von Lausanne über Echallens durch eine Nebenbahn
erschlossen.

Die Plateauflächen des in runder Zahl 700 m
hohen westschweizerischen Mittellandes senken sich in
langem, durch die Tälchen der Seiteubäche nur wenig
gegliedertem Steilabfall zum Genfersee. Die 80 km
lange Wasserfläche dringt mit ihrem obern Ende in Me
schroff abbrechenden Voralpen hinein und zieht in sicky -
förmiger Umbiegung mit dem schmalen Südwestende in
die zwischen Jura und Alpen eingeengte Landschaft von
Genf. Am Südufer des obern Sees entsteigen die be-
waldeten und spärlich bewohnten Steilhalden der Savoyer
Alpen den tiefblauen Fluten. Im denkbar auffälligsten
Gegensatz dazu steht die reiche Kulturlandschaft der
Schweizer Seite. Das windgeschützte, sonnige User-
gelände, einem riesigen Spalier vergleichbar, prangt bis
zu den dunstverschleierten Fernen in dem sammetartigen
Grün der terrassierten Weinberge. Ein schimmernder
Kranz von Uferorten spiegelt sich im See, dessen Fläche
von zahlreichen Dampfern belebt ist. Lastbarken mit
der charakteristischen „voile latine“, zwei hohen, ge-
kreuzten Dreiecksegeln, verfrachten den Kalkstein aus den
Brüchen des savoyischen Uferortes Meillerie nach den
Bauplätzen des Nordufers.
        <pb n="225" />
        ﻿215

Lausanne, 63900 Einwohner, die Hauptstadt
des 317500 Seelen zählenden protestantischen Kantons,
breitet in herrlicher Lage über dein See am Abhang des
Jorat seine Billenquartiere um die eng gebaute, vom
Munster beherrschte Altstadt aus. Der hügelige Boden
erforderte zur bequemen Verbindung der hoher gelegenen
Stadtteile den Bau von Brücken über die Talmulden
hinweg. Auf der Hügelterrasse des Montbenon steht
der Palast des schweizerischen Bundesgerichtes. Durch
die Universität, die übrigen Schulanstalten und die wie
nirgends sonst so zahlreichen Welschlandinstitute übt Lau-
sanne eine starke Anziehung aus. Dank seiner reizvollen
Umgebung ist es ein Hauptplatz des Fremdenverkehrs.
Hier laufen wie in einem Brennpunkt die wichtigen Bahn-
linien aus Frankreich und aus dem schweizerischen Mittel-
land zusammen, um durch das Rhonetal den Simplon
zu erreichen. Seewärts ist die Stadt nahezu verwachsen
mit dem Uferort Ouchy, der quer über den See zum
savoyischen Badeort Evian eine Dampfschiffverbindung
unterhält. Seeabwärts werden die hinter dem Ufer-
streifen aufsteigenden Höhen allmählich flacher; hier zieht
sich in geschützter Lage das durch vorzügliche Weine be-
rühmte Rebgelände von La Cöte hin. Uber den Wein-
bergen erscheint hier nahe dem Städtchen Aubonne
das „Signal de Bougy", von dem aus der Blick die
gesamte Fläche des Sees umfaßt. Am nahen Jurafuß
stehen Gimel und der Artilleriewasfenplatz Biere
durch die Bergstraße von Marcheiruz in Verbindung
mit dem Jouxtal. Am Seeufer folgen sich die alter-
tümlichen Städtchen Morges, Rolle, Nyon und
Coppet. Von Nyon steigt in vielen Kehren eine
Straße zum aufblühenden Kurort St. Cergues hin-
auf und führt durch die Einsattelung zwischen der Dole
und dem Noirmont nach Frankreich.

In der Uferlandschaft La Vaux oberhalb Lausanne
unterbrechen kleine, auf dem kostbaren Boden eng ge-
drängte Weinbaustädtchen und -dörfer die von weiß

Lausanne

La C6tc

La Vaux
        <pb n="226" />
        ﻿216

Rhoncebene

leuchtenden Stützmauern durchzogenen Weingärten. In
dieser Reihe seien Lutry und Cully genannt. Im
Schutz der Voralpenhöhen ist am obern Genfersee in
mildester Lage Montreux der belebte Mittelpunkt der
waadtländischen Riviera; mit den benachbarten Orten
Territet und Clärens stellt es eine einzige glänzende
Folge prunkvoller Hotelbaulen dar. Die Fremden- und
Industriestadt Vevey (Bivis), 13600 Einwohner,
auf dem Deltavorsprung t er Beveyse, bildet den west- .
lichen Abschluß der Hotelkolonie Vevey ist der Schau-
platz der in unregelmäßigen Zeilabständen gefeierten
Winzerfeste. Montreux veranstaltet alljährlich im Früh-
ling das Narzissenfest, wenn die Berghalden im Blüten-
schnee schimmern. Über Territet breitet sich die Berg-
terrasse von Glion aus, die selbst wieder von den
weithin sichtbaren Hotelpalästen von Caux überragt
wird. Hinter Caux steigt die Wand der Rochers de
Nahe zu 2044 in an, wegen ihrer umfassenden Rund-
sicht als Rigi des Waadtlandes bekannt. Am steilen
Felsufer entsteigt dem See das Schloß Chillon.

Bei Villeueuve weitet sich die Üferebene zu
dem gewaltigen Rhonedelta, das sich talaufwärts zu der
Felsenpforte von St. Maurice verengt. Mit den end-
losen Pappelreihen und dem Gestrüppwald am Seeufer
sticht die eintönige Aufschüttungsebene von dem reizvollen
und formenreichen Gebirgsrahmen seltsam ab. Das
kalte Rhonewasser dringt als trüber Strom eine kurze
Strecke weit in die blauen Fluten des Sees vor und
sinkt dann als Wasserfall durch das wärmere und dess
halb leichtere Seewasser auf den Grund. Längs der
scharf gezeichneten Grenze, wo die Rhone untertaucht,
entstehen als „bataillere“ bezeichnete gefährliche Wirbel.
Die gleiche Erscheinung ist an der Mündung des Rheins
in den Bodensee unter dem Namen „Brech" bekannt.
Die bedeutenden Orte des Rhonetales lehnen sich am
Rand der Ebene an die rebengeschmückte Berghalde, am
Fuß hoher Bergterrassen. Ivorne hat die berühmtesten
        <pb n="227" />
        ﻿217

Weinlagen. Aigle an der Grande Eau ist zum großen
Teil aus dem dunklen Marmor der benachbarlen Brüche
von St. Triphon erbaut. Nahe der Talenge von St.

Maurice liegt am Avanxon der Kurort Bex mit der
ältesten Saline der Schweiz (Jahresertrag 45000 q)
und besuchten Soolbätern.

Aus den Tälern des Waadtländer Oberlandes Obciian»
brechen die Alpenflüßchen in einer Stufe zum Rhonetat
hinaus. Das einst verlehrsentlegene Hirtenland ent-
wickelt sich neueidings mit zahlreichen Fremdenorten zur
Kurlandschaft. Eine elektrische Bahn von Bex nach den
Scmmer- und Wintertu,orten Billars und Ehe-
sie res erschließt das Tal des Avan^on, dessen Quell-
flüsse vom Grand Moeveran 3001 in herabsteigen. Der
Mittelpunlt des Tales ist Gryon. Hoch über der
Grande Eau breitet sich der sonnige und nebelsreie
Lungenknrort Leysin aus; das Tal von Ormont
dessus wurzelt in der von mächtigen Plateauglelschern
bedeckten Bergmasse der Diablerets 3246 m und steht
durch die Pillonstraße mit dem bernischen Saanenland
in Berbindung. Aus dem untern Ormonttal führt die
Straße von Les Mosses zum eigentlichen Pays d'en Haut,
dem waadtländischen Saanetal, dessen Mittelpunkt Cha-
teau d'Oex an der Montreux-Berneroberland-Bahn
als Sommer und Winterkurort bekannt ist.

Genf.

Das zwischen sanft geböschten Ufergeländen ein- Landschaft
geengte Südwestende des Genfersees, der Petit Lac,
dringt tief in die Landschaft von Genf ein, die von
rechtwinklig aufeinanderstoßenden Bergzügen umschlossen
wird. Dein Seeufer parallel verläuft im Hintergrund
die bewaldete, einförmige Jurakette, die als gelinge An-
schwellung den Eiet de la Neige 1723 in trägt; am
Grand Credo 1624 m fällt sie jäh zum Rhone-
durchbruch von Fort de l'Ecluse ab. Jenseits der Rhone

1
        <pb n="228" />
        ﻿218

grenzt der querüber ziehende Mont Vuache 1111 m
die Landschaft nach Südwesten ab. Parallel zu See und
Jura streicht im Südosten mit hellen Gesteinsbändern
die schroff aufragende Kalkmauer des Mont Saleve
1379 in dahin; durch eine Einsattelung gewinnt die
Zahnradbahn die Plateauhöhe. Der Mont Saleve ist
der vielbesuchte Aussichtsberg der Genfer. Wie ein
Schmuckkästchen liegt zu seinen Füßen die reiche, dicht
bewohnte Mulde, aus der einzelne Flußstrecken der
großen Rhoneschlingen Heraufschimmern. Die politischen
Grenzen des Kantons sind enger gezogen als der natür-
liche Bergrahmen der Genfer Landschaft. Allseitig reicht
französisches Gebiet über die Wasserscheide herüber. Zu-
sammen mit dem Arvetal, das vom Mont Blanc herunter-
steigt und in Genf ausmündet, bilden diese französischen
Gebietsteile an der Innenseite der Bergzüge eine zoll-
freie Zone; ihr natürlicher Marktort und ihre wirt-
schaftliche Hauptstadt ist Genf.

Stadt Genf Die Stadt Genf hält mit prächtigen Quaianlagen
uud einer stolzen Reihe von Hotelbanten das See-Ende
und den reißenden Ausfluß der Rhone umschlossen. Aus
beherrschender Höhe thront die Altstadt; ihre um steile
Gassen gedrängten hohen Häuser umgeben die Haupt-
kirche St. Pierre. Am Fuße des Hügels liegen die
neueren Quartiere; in ihren stark belebten Straßen be-
wundert man die glänzenden Auslagen der Geschäfte,
die den Ruhm der Genfer Uhrenindustrie, Goldschmiede-
kunst und Feinmechanik in der Welt verbreiten. Die
an zwei Elektrizitätswerken in der Stadt und unter-
halb der Arvemündung gestaute Rhone liefert der Industrie
die Kraft. Genf liegt als bedeutender Handelsplatz am
Südwesteingang der Schweiz; es unterhält lebhafte Be-
ziehungen zu Südfrankreich und Spanien. Schon vor
Jahrhunderten bot die Rhonesladt religiösen und politi-
schen Flüchtlingen ein Asyl; die Zugewanderten förderten
ihrerseits Handel und Industrie und bereicherten in fühl-
barer Weise das geistige Leben.
        <pb n="229" />
        ﻿219

Die 122600 Einwohner der Stabt1 sind zum über-
wiegenden Teil aus der deutschen Schweiz und aus
Frankreich zugewandert. Für den ganzen Kanton Genf
machen die Kantonsangehörigen 3 t °/o, die Bürger aus-
ländischer Staaten dagegen 41 °/o der 154900 Seelen
zahlenden Gesamtbevölkerung aus. Genf besitzt eine
Universität. Die Schönheit der Stadt, ihr reges geistiges
Leben und die reizvolle Umgebung mit dem schlösser-
geschmückten Ufergelände machen Genf zum weltbekannten
Sammelpunkt des Fremdenverkehrs.

Jura und Alpen lreten in der Landschaft von Genf zu
einem Trichter zusammen, in dem sich der Nordostwind, die Bise, Bise
häufig zu sturmartiger Heftigkeit steigert. Während in der übrigen
Schweiz die Bise den Himmel aufhellt, liegt manchmal gleichzeitig
über Genf in halber Höhe des Mt. Salevc eine dunkle Wolken-
decke; an dem geschlossenen Bergrahmen muß die Luftströmung
aufsteigen, und dabei verdichtet sich der Wasserdampf; diese Er-
scheinung bezeichnet der Genfer als „In biss npire“.

Unterher der großen Flußschlingen der Arve liegt als Orte der
Vorstadt Genfs Carouge, 7900 Einwohner. Überder llm!,etm1'3
Rhone erhebt sich auf eiilem Plateau das große Dorf
Bernex, und östlich der Hauptstadt leitet Chene
eine Eisenbahnlinie von Genf ins Arvetal. Von der
Jmahöhe her dringt die französische Landschaft Gex bis
nahe an den Genfersee heran; eine Bergstraße erklimmt
in langen Kehren von Gex aus den wichtigen Col de
la Fancille.

11913: 127 600 E.

&lt;♦&gt;#&lt;♦&gt;
        <pb n="230" />
        ﻿Offizielle

Karten

Topographi-
scher Atlas
oder Sieg-
fried-Atlas

Die Karten der Hchrnen.

Die vier Kartenbeilagen des Buches sind Ausschnitte
aus offiziellen Karten der Schweiz. I und II geben
je eine Probe des Topographischen Atlas der Schweiz
oder des Siegfried-Atlas in den Maßstäben I : 25000
und 1 : 50000. III ist der Dufour-Karte 1 :100000
und IV der Generalkarte der Schweiz 1 : 250000 ent-
nommen. Das Eidgenössische topographische Bureau
(jetzt Schweizerische Landestopographie) hat ferner die
Ilbersichtslarte der Schweiz mit ihren Grenzgebieten
I : 1000000 und die Schulwandkarte der Schweiz
1 : 200000 herausgegeben.

&gt;. Der Topograpische Atlas der Schweiz wird
kurzweg Siegfried-Atlas benannt, nach Oberst Sieg-
fried, einem frühern Leiter des eidgenössischen topo-
graphischen Bureaus, der die Beröffentlichung der Karte
anregte. Der Jura, das Mittelland und das südliche
Tessin sind im Maßstab 1 : 25000 dargestellt, d. h.
I cm auf der Karte bedeutet eine Strecke von 250 m
im Gelände. Für das Hochgebirge, das schwächer be-
wohnt und weniger zugänglich ist, so daß bei seiner Dar-
stellung eine geringere Zahl von Einzelheiten berücksichtigt
werden müssen, beträgt der Maßstab 1 : 50000 ; 1 cm
der Karte entspricht 500 m in der Natur. Die Blätter
der Grenzgebiete zwischen Alpen und Alpenvorland sind
in beiden Maßstäben bearbeitet worden. Die Größe
eines Blattes beträgt 35 cm auf 24 cm, was im Maß-
stab 1 : 25000 einer Länge von 8750 m und einer
Breite von 6000 m, bei 1 : 50000 den Strecken von
17500 m und 12000 m entspricht. Die Horizoutal-
abstände können mit Hilfe des Maßstabes ohne weiteres
auf der Karte abgelesen werden. Um auch die dritte
        <pb n="231" />
        ﻿L.UE XKUCHATEI.

GENERAL - KARTE

IV





'maiffnp

’C/utttyl'



\ f'd. tru&gt; ’Jft.mwfßffiriit'













’!cnu'ter'/ efisty&amp;Su

\oj/na&amp;h

TrciUcti





xf"f







Massslab 1:250 000

Kl Kilom .

puojutpff
        <pb n="232" />
        ﻿221

Dimension, die Höhe, darzustellen und ein getreues
Bild der Bodenformen des Landes zu geben, verwendet
der Siegfried-Atlas die Horizontal kurven.

Verbindet man im Gelände die Punkte von gleicher ab- Horizontal
soluter Höhe, so entstehen den Geländeformen entsprechend flimn
ein- und ausbiegende Linien, die Horizontalkurven oder Iso-
hypsen (= Linien gleicher Höhe). Die Uferlinie des Meeres
oder eines Sees ist eine solche Isohypse. Für die karto-
graphische Darstellung versieht man das Relief mit Hori-
zontalkurven von je gleichem senkrechtem Abstand. Der senk-
rechte Abstand der Kurven, die Äquidistanz, beträgt 10 in
für die Karte 1:25000 und 30 IN für die Karte 1:50000.

Je die zehnte Kurve ist als gestrichelte Linie kenntlich
gemacht und mit der Höhenzahl in gleicher Farbe ver-
sehen; in Karte I betrifft es die Höhenlinien von 100
zu 100 in, in Karte II von 300 zu 300 in. Un-
bewachsene, felsige Partieen erscheinen in schwarzen, be-
wachsener Boden und Seen in braunen und Gletscher
und Schneefelder in blauen Kurven (II). Um kleine
Bodenformen darzustellen, die zwischen den Normal-
kurven liegen, werden bisweilen punktierte Zwischenkurven
in halber Äquidistanz angebracht (I östlich Punkt 512
aus Taggenberg am rechten Kartenrand; 11 bei Punkt
1445,1 an der Reuß unterhalb Hospental). Kleine
Böschungen, z. B. an Bahndämmen und -Einschnitten,
für die die Kurven nicht ausreichen, sind durch braune
Schraffen kenntlich gemacht (I Bahnlinie; Ziegelhütte
südwestlich Neftenbach und andere Stellen). An sehr
steilen und zerrissenen Felshängen werden die Kurven
der Anschaulichkeit halber durch eine schwarze Fels-
zeichnung ergänzt oder ersetzt (II). Außer den Zahlen
für jede zehnte Kurve bietet die Karte eine Menge von
Höhenangaben für bemerkenswerte einzelne Punkte, wie
Gipfel, Straßengabeln, Brücken. Will man für irgend
einen Punkt nach der Kurvenkarte die Höhe bestimmen,
so sucht man die Nächstliegende Höhenzahl und berechnet
nach der Zahl der Kurven und der bekannten Äquidistanz
        <pb n="233" />
        ﻿222

den Höhenunterschied. Je höher eine Erhebung ist, desto
mehr Kurven sind zu ihrer Darstellung notwendig. Bei
flachen Böschungen liegen sie weit auseinander; je steiler
der Hang, desto näher treten sie zusammen. Liegen die
Kurven mit gleichen Zwischenräumen nebeneinander, so
zeigen sie eine gleichmäßige Böschung an.

Denkt man sich für Len Geländeabschnitt der Karte I
ein Steigen des Meeresspiegels um 500 in, so schneidet
der Wasserspiegel den Beerenberg in der gestrichelten 500 nx
Linie, die durch die Weinberge des Südabhangs verläuft;
was innerhalb der Kurve liegt, ragt als Insel zu 94 in Höhe
über den Meeresspiegel hinauf. Steigt das Wasser nacheinander
je um weitere 10 w, so bezeichnet stets die nächstinnere Horizontal-
kuroe die neue Uferlinie der Insel. In 590 in Höhe umschließt
der Wasserspiegel mit der innersten und kleinsten Kurve den Punkt
594. Am Taggenberg und an der Höhe Wald bei Punkt 504
liegen ebenfalls kleine Gebiete innerhalb und über der 500 in
Kurve. Beim Anstieg des Wassers auf 510 m würde die zweite
der beiden Kuppen, bei einem nochmaligen Steigen um 10 m
auch die erste überflutet. Ein Wasserspiegel von 490 m Höhe
würde den Taggenberg längs der Horizontalkurve begrenzen, die
durch die Hänsergruppe von Taggenberg geht, und bei einem
weitern Sinken um 10 m müßten, wie der Verlauf der nächsten
Kurve zeigt, die beiden Höhen über die Einsattelung Punkt 484
hinweg miteinander in Verbindung treten.

Borteil lind Die Kurvenkarte gibt eine genaue, geometrische
Nachteil Darstellung des Reliefs, die erlaubt, die absolute und
relative Höhe aller Punkte rasch und sicher zu bestimmen;
dagegen fehlt es dem Kartenbild an der Plastik, und
es bedarf einer gewissen Überlegung, um die Boden-
formen klar zu erkennen. Um die plastische Wirkung
mit der mathematischen Genauigkeit zu verbinden, ver-
sieht man bisweilen die Kurvenkarte mit einem Reliefton..

Dusour-Karte 2. Die Dufour-Karte ist nach ihrem Schöpfer,
General Dufour, benannt, der die Landesaufnahme der
Schweiz durchführte. Der Maßstab ist 1 : 100000;
1 Lin der Karte bedeutet 1 km im Gelände. Die
        <pb n="234" />
        ﻿223

Karte besteht aus 25 Blättern von 70/48 ein; ihre
Gesamtgröße beträgt 3,50 in auf 2,40 in. Sie bildet
die Bodenformen durch Schraffen ab.

Die Darstellung der Bodenformen durch Horizontal- Schaffen
kurven bildet die Grundlage für die Schraffenkarte,

Zwischen je zwei Kurven werden nebeneinander Striche
oder Schraffen gezogen; sie folgen der Richtung des
stärksten Gefälles, oder, was gleichviel besagt, der Rich-
tung des rinnenden Wassers und treffen die Horizontal-
linien stets in rechtem Winkel. Wenn alle Höhenschichten
mit solchen Schraffenreihen ausgefüllt sind, so werden
die Kurven, die in diesem Fall nur Hilfslinien waren,
entfernt. Da jede Schraffenschicht den Raum zwischen
zwei Kurven einnimmt, so kann man nach der Zahl der
Schichten die Höhe der Erhebungen beurteilen. Je nach-
dem die Kurven mit größeren oder geringeren Zwischen-
räumen verlaufen, müssen die Schraffen länger oder
kürzer werden. Lange Striche bedeuten eine schwache,
kurze dagegen eine starke Neigung. Je kürzer die Schrof-
fen, desto dicker werden sie ausgezogen und desto schmaler
werden die weißen Zwischenräume zwischen den einzelnen
Strichen belassen; je dunkler der Ton, desto steiler die
Böschung.

Die Schraffenkarte bietet ein plastisches und über- ^Nacht-n^
sichtliches Bild der Bodenformen, gestattet aber nicht,
mit gleicher Genauigkeit und Sicherheit die Neigungs-
verhältnisse abzulesen, wie das Kurvensystem.

Die Schraffenkarten der Nachbarländer nehmen für
die Verteilung von Licht und Schatten eine senkrechte
Beleuchtung an. Die Dufour-Karte verwendet die schiefe B-nuchtunj,
Beleuchtung, bei dev man sich die Sonnenstrahlen unter
einem Winkel von 45 o von Nordwesten her einfallend
zu denken hat. Für unser Gebirgsland, dessen Haupt-
züge von SW nach NO quer zu der Richtung der
Strahlen lausen, schafft die Schraffenmanier mit schiefer
Beleuchtung von Nordwesten her ein prachtvoll plastisches
Bild. Dem Vorzug der starken Reliefwirkung stehen
        <pb n="235" />
        ﻿224

Generalkarte

Übersichts-

karte

Schul-

wandkarte

zwei Nachteile gegenüber: die sonnigen Südostabhänge
erscheinen dunkel und unfreundlich, die schattigen Nord-
westhalden sind beleuchtet; infolge der Verteilung von
Licht und Schatten rufen die Böschungen der Südost-
seite den Eindruck größerer Steilheit hervor als die der
Nordwestseite.

Die Dufour-Karte wurde nach den Original-Auf-
nahmen des Topographischen Atlas hergestellt, der ur-
sprünglich nur dazu bestimmt war, mit seinen Horizontal-
kurven als Grundlage für die Schrafsenzeichnung zu
dienen, und erst später als selbständiges Werk erschien.

3.	Die Generalkarte der Schweiz 1:250000
(1 cm der Karte — 2,5 km im Gelände) besteht aus
vier Blättern; die Gesamtgröße beträgt 140/96 cm.
Sie ist eine Reduktion der Dufour-Karte, mit der sie
durch die Schraffenmanier und die schiefe Beleuchtung
die starke Reliefwirkung gemein hat (IV Juraketten).

4.	Die Übersichtskarte der Schweiz mit
ihren Grenzgebieten 1 : 1000000 (1 cm der
Karte = 10 km der Natur) ist ebenfalls in Schrasfen
ausgeführt. Als strategische Karte hebt sie besonders
die Straßenzüge und Eisenbahnlinien der Schweiz und
ihrer Grenzgebiete hervor.

5.	Die Schulwandkarte der Schweiz im
Maßstab 1 : 200000 (1 cm der Karte — 2 km im
Gelände) und in der Größe von 190 auf 120 cm
wurde infolge des Beschlusses der eidgenössischen Räte
vom Jahre 1894 erstellt und vom Bund kostenlos an
die schweizerischen Schulen abgegeben. Ein System von
Horizontalkurven mit der Äquidistanz 100 m bildet die
Grundlage der Karte. Die wundervolle Reliefwirkung
beruht auf der Kartenmalerei, die unter der Annahme
schiefer Beleuchtung die Bergkämme mit rötlichen Farben
aus den bläulich grünen Tönen der Tiefe hervortreten
läßt. Die Schulwandkarte ist ein Meisterwerk der Terrain-
malerei.
        <pb n="236" />
        ﻿Anhang.

Größe und Wohnbevölkerung der Kantone.

Kantone	Größe in km2	Wohnbe-  völkerung	Hauptorte	Wohnbe-  völkerung
		1910		1910

1.	Zürich

2.	Bern

3.	Luzern

4.	Uri

5 Schwyz

6.	Obwalden

7.	Nidwalden

8.	Glarus

9.	Zug

10.	Freiburg

11.	Sololhurn

12.	Basel-Sladt

13.	Basel-Land

14.	Schaffhausen

15.	Appenzell A.-Rh.

16.	Appenzell J.-Rh.

17.	St. Gallen

18.	Graubünden

19.	Aargau

20.	Thurgau

21.	Tessin

22.	Waadt

23.	Wallis

24.	Neuenburg

25.	Genf

Schweiz

1 729,10	503	915
6 883,52	645	877
1 492,29	167	223
1 074,38	22	113
907,99	58	428
492,90	17	161
274,76	13	788
684,52	33	316
240,06	28	156
1671,09	139	654
791,40	117	040
37,07	135	918
426,98	76	488
298,12	46	097
242,49	67	973
172,58	14 659	
2 013,68	302	896
7 113,49	117	069
1 403,43	230	634
1 005,78	134	917
2 813,43	156	166
3 212,38	317	457
5 235,20	128	381
799,52	133	061
282,11	154906	
41298	3 753	293

Zürich	189 088
Bern	85 264
Luzern	39 152
Altdorf	3 837
Schwyz	7 993
Sarnen	4 640
Stans	2 936
Glarus	5 089
Zug	8 038
Freiburg	20 297
Solothurn	11659
Base!	131 914
Liestal	5 932
Schaffhausen	18 010
Herisau	15 273
Appenzell	5126
St. Gallen	37 657
Chur	14 489
Aarau	9 536
Frauenseld	8 377
Bellinzona	10 416
Lausanne	63 926
Sitten	6 519
Neuenbnrg	23 505
Genf	122 583

Flückiger, Schweiz

15
        <pb n="237" />
        ﻿Die ortsanwesende DevAkerung der Schweiz nach -er Sprache.

(Vorläufige Ergebnisse der Volkszählung 1910.)

Kantone	Deutsch	Französisch	Italienisch	Roma-  nisch	Andere  Spra-  chen
1. Zürich	472 990	5 714	19 696	634	4 601
2. Bern	528 554	104 412	12 247	172	2198
3. Luzern	161 083	1316	4 808	126	365
4. Uri	20 937	80	1053	66	15
5. Schwyz	56 311	258	1 612	64	60
6. Obwalden	16 738	66	330	28	23
7. Nidwalden	13 329	31	319	5	6
8. Glarus	31 733	66	1306	69	120
9. Zug	26 406	217	1454	26	. 71
10. Freiburg	42 634	94 378	1911	42	586
! 11. Solothurn	111373	2 818	2 570	21	179
12. Basel-Stadt	127 491	3 601	4 021	138	1062
13. Basel-Land	72 809	1124	2 548	27	114
14. Schaffhansen	43 795	379	1712	18	193
15. Appenzell A.-Rh.	56 505	134	1285	27	68
I 16. Appenzell J.-Rh.	14 469	32	97	4	6
17. St, Gallen	282 722	1099	17 584	456	967
18. Graubünden	58 465	838	20 963	37147	2 441
19. Aarqau	222 571	1 532	6197	72	389
20. Thurgau	125 876	593	8 328	. 89	291
21. Tessin	5 829	1008	147 790	131	457
22. Waadt	34 422	264 222	16 694	220	8194
23. Wallis	37 351	80 316	10 412	16	165
24. Neuenburq	17 305	111597	3 747	50	816i
25. Genf	17 456	120 413	12 641	196	5058
Schweiz	2 599154	796 244	301 325	39 834	28 445
in o/o	69 o/o	21,2 o/o	8 o/o	1,1 °/o	0,7 o/o
        <pb n="238" />
        ﻿227

Die ortsanwrscnde Bevölkerung der Schwei?
nach dem religiösen Bekenntnis.

(Vorläufige Ergebnisse der Volkszählung 1910.)

Kantone	Protestantisch	Katholisch	Israelitisch	Anderes oder kein Bekenntnis
; 1. Zürich	379 920	108 667	5 526	9 522
2. Bern	547 612	92 278	2088	5 605
3. Luzern	17 354	148 806	491	1047
4. Uri	1243	20 822	9	67
5. Schwyz	2 347	55 869	13	76
6. Obwalden	535	16 631	1	18
7. Nidwalden	233	13 448	1	8
8. Glarus	23 951	9 272	14	57
9. Zug	2 590	25 490	13	81
10. Freiburg	19 206	119 929	196	220
11. Solothurn	39 004	77 202	200	555
12. Basel-Stadt	86 015	45 564	2 396	2338
13. Basel-Land	57115	18 850	232	425
14. Schaffhausen	35 616	10 054	45	382
15. Appenzell A.-Rh.	50 763	6 958	41	257
16. Appenzell J.-Rh.	985	13 615	2	6
17. St. Gallen	116 080	183 612	1010	2126
18. Graubünden	61 087	57 552	390	825
19. Aargau	128 065	100 362	902	1432
20. Thurgau.	85 383	48 453	159	1182
21. Tessin	4 109	145 270	109	5 727
22. Waadt	263 720	52 979	1883	5170
23. Wallis	3 093	124 212	77	878
24. Neuenburg	112 185	18 605	1043	1682
25. Genf	70 379	76 292	2182	6 911
Schweiz	2108 590	1 590.792	19 023	46 597
in o/o	56 o/o	42,2 o/o	0,5 o/o	1,3 o/o
        <pb n="239" />
        ﻿Register:.

Aarau

Aarberg

Aarburg

Aare

Aareschlucht

Aargau

Aarwangen

Absatzgebiete

Ackerbau

Adelbodeu

Adliswil

Adulagruppe

Affoltern a. Aldis

Affoltern b. Zürich

Ägeri

Aigle

Ajoie

Aldis

Albula

Albulawerk

Alemannen

Aletschgletscher

Alkoholmonopol

Allaine

Alpbachfall

Alpen

„ Entstehung

„ Einteilung

„ Verkehr
Alpenflüsse
Alpenstraßen
Alpenrandseen
Alphiitten
Älpnach
Alpnachstad
Alpweiden

182	Alpwirtschaft	66
62, 199	Altdorf	29, 30, 118
181	Alteis	193
35, 190	Altmann	162
191	Altstälten	161
179	Aluminium	84
198	Alveneu	52, 143
93	Amden	158
60	Amsteg	147
109, 193	Andeer	142
171	Andelfingen	174
8	Andermatt	109, 147
171	Anthrazit	48
172	Appenzell	162, 163
174	Arbedo	133
53, 217	Arbon	166
202	Arenenberg	167
171	Areuse	23, 204
143	Arlbergbahn	99, 100
42	Arlesheim	186
111	Arosa	108, 141
12, 129	Arth	152
62	Ascona	131
202	Asphalt	50
191	Aubonne	215
3,	5	Augst	42
4	Ausfuhr	92
6	Ausländer	116
96	Außer-Rhoden	75, 163
36	Auswanderung	114
96	Abandon i	217
14	Avants, Les	109
10	Avenches	213
150 !	Avers	142
150	Axalp	16, 191
66	Axenfels	151
        <pb n="240" />
        ﻿Axen st ein
Axenstraße

Baar

Bachtel

Baden

Bahnnetz

Bahnprojekte

Balmhorn

Balsthal

Bandweberei

Basel

Baselland

Baselstadt

Basel-Augst

Bätterkinden

Bauma

Baumwollindustrie

Beatenderg

Beckenried

Beinwil

Belsaux

Bellinzona

Belp

Bergell

Bergün

Bergwind

Bern (Kanton)

Bern (Ort)

Bernardino

Bcrneck

Berncx

Bernina

Berra

Beuteltuchweberei

Bevaix

Bevölkerung

Bewölkung

Bex

Beznau

Bezugsgebiete

Biasca

Biaschina

Biber

Biderbrücke

Biberist

		229
151	Biel	200
148	Bielersee	44, 199
	Bienenzucht	69
175	Bierbrauerei	86
173	Biere	215
52, 108, 183	Biglen	197
9!)	Bignasco	134
102	Bijouterie	71, 84
193	Binn	129
22, 188	Binnenhandel	91
77	Binnenlage	70
25, 77, 184	Binningen	186
185	Bipp	198
184	Birmenstorf	52
186	Birs	186, 201
198	Birstg	186
173	Bischofszell	165
74	Bise	28&gt; 219
16	Blauenkette	189
150	Bleniotal	133
182	Blume	193
210	Blumenstein	195
133	Bitmlisalp	193
195	Bödeli	45, 191
5, 145	Bodenart	54
143	Bodensee	44, 165
31	Bohnerz	47
189	Völligen	198
27, 198	Voltigen	194
142	Bouaduz	29
161	Boncourt	202
219	Bonfol	202
8, 137	Bötzberg	96, 182
117, 210	Boudry	206
77	Vözingen	200
206	Braunkohle	47
111	Braunvieh	67
28	Braunwald	16, 156
, 49, 52, 217	Breithorn	126, 192
42	Bremgarten	182
93	Brenets, Les	204
53, 133	Brevine, La	27, 204
42	Brienz	191
168	Brienzer Rothorn	191
152	Brienzersee	44, 191
187	Brig	128
        <pb n="241" />
        ﻿230  Brissago	134	Charmey	208
Bristenstock	148	Chasseral	21, 200
Broc	208	Chasseron	204
Bronzezeit	111	Chateau d'Oex	109, 217
Broyekanal	42	Chatel St. Denis	210
Broyetal	100, 213	Chaumont	109, 205
Brugg	96, 182	Chaux-de Fonds, La	81, 82. 203
Brünig	149	Chemische Industrie	85
Brunnen	151	Chene	219
Brusio	42, 145	Ehesteres	217
Bubikon	173	Chexbres "	213
Buchberg	158	Chiasso	135
Buchberg (Ort)	169	Chillon	216
Bucheggberg	187	Chippis	127
Buchs	161	Choindez	47, 202
Buchsiten	188	Chur	141
Bulach	172	Churfirsten	157
Bulle	208	Churwalden	143
Bümpliz	198	Clärens	216
Bündner Schiefer	137	Clariden	148
Buochs	150	Colombier	206
Büren	200	Coppet	215
Burgdorf	197	Cornaux	206
Bürgenstock	150	Cortaillod	206
Bürglcn	148	Cossonay	214
Burgunder	111	Cöte, La	215
Büro»	178	Conrrendlin	202
Buschtvald	132	Court	22, 202
Büfferach	189	Courtelary	201
Butter	68	Couvet	204
Buttisholz	178	Cressier	206
Calancatal	145	Cresta  Crkt de la Neige	143 21. 217
Calanda	47. 141	Creux du Ban	204
Campocologno	145	Cudrefin	213
Capolago	135	Cully	216
Castagnola	135		
Castasegna	145	Dagmersellen	178
Carouge	219	Dala	127
Canx	109, 216	Dammastock	7. 147, 190
Centovalli	134	Dampfmaschinen	79
Cernier	205 j	Dampsschiffahrt	46
Cevio	134 |	Därstetten	194
Cham	68, 175	Davos	33, 108, 141  rw	i rr slAsi
Champery	125	Delcmont &gt;	
Chandolin	123	Delsberg /	21, 47, 202
        <pb n="242" />
        ﻿Deut Blauche
Sem de Brenleire
Deut de Lys
Deut de Morcles
Den! d'Hcrens
Deut du Midi
Deut de Vaulion
Depression
Derendingen
Diablerets
Sielsdorf
Siemtigen
Siepvldsau
Dieffe

Dießenhofen

Sietikon

Sisemis

Soldenhvrn

Döle

Sombresfon

Somleschg

Donau

Dörnach

Sonds

Dranse

Drusberg

D.übendorf

Dndingen

Dufoiirkarte

Dufourspitze

Sun nern

Dürnten

Ebenalp

Ebnat

Echallens

Eggishorn

Eggiwil

Eglisan

Eiger

Einfuhr

Einsieüeln

Einwanderung

Einzelhöfe

Eisen

Eisenbahnen

231

7, 126	Eisenquellen	52
207	Eisenzeit	111
207	Eismeer -	192
12b	Eiszeit	13
117	Eiszeitliche Talformen	13
125	Eivischtal	127
212	Elektrischer Bahnbetrieb	104
33	Elektrizitätswerke	42, 78
187	Elektrochemie	85
217	Elgg	174
172	Elm	49, 155
194	Emme, Große	196
161	Emme, Kleine	176
200	Emmenlal	68, 196
167	Emmeten	150
171	Ems	141
142	Endingen	183
193	Endmoränen	13
21, 211	Engadin	143
205	Engelberg	109, 150
142	Engi	49, 155
35, 38	Ennenda	155
189	Entfelden	181
201	Entlebnch	176
125	Entsumpfungen	39, 59
152	Epiingen	52
173	Ergolz	96, 185
68, 210	Erlach	200
223	Erlenbach	194
7	Ermatingen	167
188	Erratische Blöcke	13, 19, 50
48	Erstseld	148
	Escholzmatt	176
163	Estavayer	210
159	Etzel	153
214	Etzelwerk	42
129		
196	Fabrikgesetz	87
52	Fählensee	162
192	Faido	133
92	Faltengebirge	4
42, 48, 152	Farvagny	210
115	Fälschdach	155
57. 159, 196	Faucille	103, 219
47	Faulhorn	191
98	Fayence	51
        <pb n="243" />
        ﻿232

Feinmechanik

Feuerstein

Fideris

Fiesch

Filisur

Findlinge

Finhaut

Finsteraarhorn

Fischental

Fischingen

Flawil

Fleckvieh

Flenrier

Flims

Flüela

Fistele»

Flühli

Flums

Flußkorrektionen

Flußschiffahrt

Flysch

Föhn

Foutaines

Forstwesen

Forstgesetz

Fraudrunnen

Frauenseld

Freiaint

Freiberge

Freiburg (Kanton)

Frciburg (Ort)

Freidurgerrasse

Fremdenverkehr

Frickral

Frohnalpstock

Frutigen

Frutt

Fnrka

Fstrsteuland

Fußach

Gäbris

Gadmen

Gais

Galeustock

Gampel

84	Gams	161
176	Gandria	135
52, 141	Gänsbrunnen	188
129	Gaster	158
143	Geflllgelzucht	69
13, 19, 50	Gelterkinden	186
126	Gemüsebau	62
190	Gemmipaß	127, 193
173	Geueralkarte	224
165	Genf (Kanton)	217
160	Genf (Ort)	27, 42, 218
67	Genfersee	44, 45, 214
204	Gerlastngen	187
141	Gersau	109, 152
141	Gerzensee	195
147	Gespinnstpflanzen	63
176	Getreidebau	60
158	Gewässer	35
40	Gex	2, 219
42	Gibloup	210
5	Giebelegg	196
29, 33	Gießbach	191
205	Gießerei	84
40, 65	Gimel	215
65	Gips	49
198	Giswilersee	45, 149
165	Glürnisch	153
182	Glarus (Kanton)	153
22, 68, 201	Glarus (Ort)	29, 75, 155
207	Glatt	172
209	Glaubensbekenntnis	118
67	Glenner	142
15, 106	Gletsch	128
96, 183	Gletscher	12
151	Gletscherbäche	36
193	Glimmerschiefer	5
150	Gliou	15, 216
8, 129	Glovelier	202
160	Gneis	5, 48
161	Goldan	151
	GolLschmiedearbeit	79
162	Goms	129
191	Gondo	5, 47, 129
163	Gontenbad	163
7	Gonzen	157
42	Goßan	160
        <pb n="244" />
        ﻿Gotthard	8, 27, 35,	101,	146
Gottlieben		166
Gottschalkenberg		174
Gornergrat		128
Göschenen		147
Grächen		121
Graitery		201
Grand Combin		125
Grand Credo		217
Grand Moeveran		217
Grandson		217
Gränichen		181
Granit	5,	48
Graubünden		136
Graue Hörner		158
Greiiensee		172
Greina	133,	142
Grellingen		202
Grenchen		188
Grengiols		129
Greyerz	68,	207
Grimsel	129,	190
Grindelwald	29,	109,	192
Grindelwaldgletscher		12
Gros de Vaud	60,	212
Großaffoltern		199
Grobes Moos		62
Großhöchstetten		197
Großwangen		178
Grundlawinen		11
Grundmoränen		12
Grllningen		173
Gryon		217
G steig		194
Gnggisberg		196
Gürbe		195
Gurnigel		108
Gurten		195
Gurtnellen		147
Güterlransit		104
Guttannen	30,	190
Habsburg		182
Hagneck		42
Hallau	63,	168
Handel		91

Handstickerei	73
Hasenmatte	187
Haste	197
Haslikal	190
Hauenslein, Oberer	186, 188
Haueustein, Unterer	186
Hausindustrie	82, 86, 90
Hausstock	155
Hauterive (Freiburq)	42
Hauterive (Neuenburg)	49, 206	
Heiden	163
Heilmittel	85
Heilquellen	108
Heimarbeit	82, 86, 90
Heimberg	51, 195
Herbstregen	32
Hergiswil	150
Herisau	163
Herzogenbuchsee	197
Hilterfingen	193
Hinterrheintal	142
Hinwil	173
Hitzkirch	178
Hochdorf	178
Hochebene	17
Höfe	153
Hofstetten	189
Höhengrenzen	10, 11, 123
Hohenkasten	162
Höhenklima	108
Hohe Rone	152
Hohgant	196
Höhlenbewohner	110
Holz	65, 94
Holzindustrie	85
Höngg	171
Horgen	171
Hörnli	173
Hospenthal	147
Hugenotten	74, 79
Hulftegg	173
Hundwil	163
Hürden	153
Hnttwil	198
Jakobsbad	163
        <pb n="245" />
        ﻿234

Jann

Jberg

Jlanz

Jlfis

Jllgraben

Jllhorn

Industrie

Inn

Inner-Rhoden

Jnnertkirchen

Ins

Jnterlaken

Jochpaß

Jolimont

Jorat

Jouxtal

Jrchel

Juden

Inf

Julier

Jungfrau

Jura

„ , Entstehung
„ » , Flüsse
Jura-Gewässerkorrektion

Kaiseraugst

Kaiserstuhl

Kalkstein

Kallnach

Kamor

Kander

Kanüersteg

Käpfnach

Kappel (St. G.)

Kappel (Zch.)

Kärpfstock

Karrenalp

Kartvsselbau

Käse

Katholiken

Katzensee

Kerns

Kerzers

Keßlerloch

Kestenholz

208	Kinderarbeit	74, 88, 181
152	Kinzigpaß	151
142	Kilchberg	198
177, 196	Kirchdorf	195
127	Kirchet	191
123, 127	Kirschwasser	65, 175
70	Kistenpaß	155, 170
35, 143	Klausenstraße	148, 155
163	Kleinhüningen	185
190	Kleinllltzel	189
200	Klettgau	167
191	Klima	25
150	Klingnau	183
200	Klöntal	155
212	Klosters	141
211	Kloten	173
174	Klüsen .	21
118, 119	Knonau	171
148	Knnttwil	178
143	Koblenz	183
191, 193	Kochsalz	48
20	Kohlen	41, 47
4	Kölliken	181
37	Kondensierte Milch	68
40, 199	Konfession	118
	Köniz	198
184	Konserven	62, 86
183	Konstanz	43, 91
5, 49	Koppigen	198
42	Kraftwerke	15, 42, 78
162	Kriens	179
40, 193	Kubelwerk	42
109, 193	Kulm	181
47	Kunkelspaß	158
160	Kurorte	15, 106
171	Küsnacht	171
153	Kllßnacht	152
151		
61	Lachen	153
68	Ladinisch	140'
118	Lägern	21, 63, 182
172	Landeron	206
150	Landquart	141
211	Landwirtschaft	64, 88
111	Langenbruck	186
188 1	Langensee	44, 45, 134
        <pb n="246" />
        ﻿Langenthal	51,	197	Luganersee	44,	135
Langnau (Zch.)		171	Lugano	26, 42.	135
Langnau (Bern)		197	Lugnez		142
Lauenen		194	Lukmanier	133,	142
Läuselfingen		186	Lungern		149
Laufen		202	Lungernsee		45
Laufenburg	42,	183	Lnthern		178
Laupen		199	Lntry		216
Lausanne		215	Lntschine		191
Lauterbrnnnen	14, 16,		192	Lützel		189
Lavey		52	Lntzelflüh		197
Lawinen		11	Lutzenberg	77,	164
Lehm		51	Luzern (Kanton)		176
Leinenindustrie		83	Luzern (Ort)		178
Leißigen		193	Luziensteig		141
Lengnan (Aargau)		183	Lyß		199
Lengnau (Bern)		200			
Lenk	52,	107,	194	Maderanertal		148
Lenzburg		181	Maüiswil		198
Lenk		127	Maggia	36,	134
Leukerbad	52,	108,	127	Maians		141
Leysin	108,	217	Maloja		143
Lichtensteig		160	Malters		177
Lichtwirkung		108	Männedorf		171
Liestal		186	March		153
Lien, Le		212	Marcheiruz		215
Ligerz		199	Marmor		49
Lignieres		206	Marthalen		174
Limmat		169	Martigny	42,	125
Linden		196	Martinsbruck		144
Lindenberg		182	Maschinenbau		78
Linth		154	Maschinenstickerei		73
Linthal		155	Matlerhorn		128
Linthwerk'	40,	154	Matran		210
Littau		179	Maximum		33
Livigno		145	Mayenfeld		141
Locarno	26, 27,	107,	134	Medels		142
Lvcle, Le	82,	203	Meiental		147
Lokalwinde		30	Meikirch		199
Löntlch		155	Meilen		171
Löntlchwerk	15,	42	Bieiringen	30, 45,	191
Lorze		174	Melchtal	58,	150
Lötschberg		102	Melide		135
Lütschental		128	Mellingen		182
Lowerzersee		151	Mels		158
Lucens		213	Mendrisio		135
        <pb n="247" />
        ﻿Mentue	214	Moudon		2,3
Menzingen	175	Montier	21,	201
Menznau	178	Mühlehorn		45
Mergel	18	Miimliswil		188
Metallindustrie	84	Mundarten		118
Mett	200	Münsingen		195
Milchproduktion	67	Münster (Wallis)		129
Mineralien	47	„	(Graub.)		146
Mineralquellen	51	„	(Luzern)		178
Minimum	33	„	(Bern)	21,	201
Mischabelhörner	128	Münstertal (Graub.)		146
Misox	145	Muotatal		151
Mittelland	3, 16, 97	Murg	45,	158
Mittelmoränen	12	Murg (Fluß)		165
Moesa	133	Muri		182
Möhlin	184	Mürren	14, 15.	192
Molasse	18	Murten	211	
Moleson	207	Murtensee		44
Mollis	155	Mürtschenstock		155
Mönch	192	Musikwerke		85
Mönchenstein	186	Musseline		76
Montana	127	Mutlenz		186
Mt. Blanc de Seillon	125	Mythen		151
Montbovon	208			
Mte. Ceneri	134	Näfels		155
Mt. Cenis	101	Naqclfluh		18
Mt. Collon	126	Napf	18.	196
Mt. Dolent	125	Nationalpark		144
Mte. Generoso	135	Natronquellen		52
Monthey	62, 125	Naturschutz		144
Mte. Leone	128	Naviqenze		127
Montoz	201	Nebel		28
Montreux	106, 216	Nebelineer		27
Mt. Risoux	211	Necker		159
Mte. Rosa	7, 10, 128	Neftenbach		174
Mi. Saleve	218	Neßlau		159
Mt. Tendre	211	Netstal		155
Ml. Vuache	218	Neuenburg (Kanton)		202
Moränen	12, 19	„	(Ort)		205
Marcote	135	„	(See)		44
Morgarten	175	Neuendors		188
Morges	215	Neuenegg		199
Morjchach	16, 151	Neuenkirch		178
Mörswil	48	Neuenstadt		199
Morleratsch	143	Neuhausen		168
Motiers	204	Neunkirch		168
        <pb n="248" />
        ﻿237

Nidau	200
Nidwalden	150
Niederschläge	31
Niederurnen	155
Niesen	194
Nikolaital	128
Nods	200
Noiraigue	23, 204
Noirmont (Bern)	201
„	(Waadt)	211
Nolla	142
Nyon	51, 215
Oberaargau	197
Oberalp	141
Oberburg	197
Oberdorf	187
Oberhalbstein	143
Oberried	161
Oberwald	129
Obstalden	155
Obstbau	64
Obwalden	149
Osenstraße	144
Oldenhorn	117
Olivone	133
Olten	103, 188
Anfingen	188
Orbe	42, 214
Orlikon	172
Ormont	217
Oron	213
Orsieres	125
Osogna	133
Ostalpenbahn	102
Ottenberg	165
Ouchy	215
Palezienx	213
Panixerpaß	155
Papierfabriken	85
Paradiso	135
Pässe	95
Passugg	52
Payerne	68, 213
Pfäfers	52

Pfäsfikon	153
Pfannenstiel	172
Pferdezucht  Pfin	68
	165
Pfinwald	128
Pierre Pertuis	100, 201
Pilatus	179
Pissevache	126
Piz Buin	143
„ d'Err	143
„ Languard	144
„ Linard	143
„ Kesch	143
„ Quatervals	145
„ Badred	143
Pizzo Centrale	147
„ Rotondo	147
Plaffeien	210
Plateaujura	22
Plessur  Po	141
	35
Pont, Le	212
Ponte Tresa	136
Pontresina	109, 144
Ponls, Les	48, 204
Porzellan	51
Poschiavo  Pragelpaß  Präligau	145
	151
	141
Pratteln	186
Präzisionsinstrumente	84
Produktiver Boden	54
Protestanten	118
Prunlrnt	202
Puschlav	145
Ouarten	158
Quinten	158
Quinto	133
Rabinsa	142
Rnsz	172
Ragaz	52, 108, 158
Raimeux	202
Rambach	146
Ramsen	169
        <pb n="249" />
        ﻿238



Randen	167

Randseen	14, 43

Rangiers, Les	201

Rapperswil (Zch.)	158

„ (Bern)	199

Rätikon	141

Rätoromanen	112, 140

Rawilpaß	127, 194

Realp	147

Reben	63

Regenmenge	31

Regensberg	172

Regensdorf	172

Regenverteilung	32

Reichenau	141

Reichenbach	193

Reichenbachfall	191

Neiden	178

Reinach	181

Reuchenette	201

Reuß	35,	146

Rhein	35,	136

Rheinau	174

Rheineck	161

Rheinfall	43,	168

Rheinfelden	42,	183

Rheinkorrektion	40

Rheintal, St. Galler	160

Rheinwald	142

»theinwaldhorn	142
Rhone	35, 37
Rhonegletscher	13
Riburg	48, 184
Richterswil	171
Ricken	159
Riddes	126
Riehen	185
Rigi	19, 106, 151
Ri'ndviehzucht	67
Riva	135
Rochers de Nahe	216
Rofna	142
Roqqwil	198
Rolle	215
Romanisch	140
Romanshorn	166

Romont

Rorschach

Rosegg

Roßberg

Röthenbach

Rothenthurm

Rothorn, Brienzer

Rotsee

Roveredo

Rne

Rlleggisberg

Rüschegg

Ruswil

Rüti

Rütli

209
160
143
151
196

48, 152
191

177
145

210
196
196

178
173
148

Saane	207
Saanen	194
Saas Fee	128
Saas Grund	128
Saastal	128
Safiental	142
Sagne, La	48, 204
Saignelegier	201
St. Anbin	206
St. Blaise	206
St. Cergues	215
Sie. Croix	109, 212
St. Gingolph	125
St. Inner	201
St. Maurice	125
St. Pierre	125
St. Sulpice	22, 204
St. Triphon	49
St. Ursanne	202
Salanfe	126
Salenstein	167
Saleve	218
Salinen	48
Salvan	126
Salz	48
Samaden	144
Sämbtisersee	162
Samnaun	144
Sand	51
Sandalppaß	155
        <pb n="250" />
        ﻿239

Sandstein	18, 50

Saneischpaß	127,	195

St. Beatenberg	193

St. Bernhard	125

St. Gallen (Kanton)	156

„ (Ort) 73, 133, 160
St. Immer	201

St. Margrethen	161

St. Moritz	52, 109, 143

St. Petersinsel	200

St. Stephan	29

St. Sulpice	22,	204

San Salvatore	135

Santa Maria	146

Säntis	7, 10, 32, 162

Sargans	45,	158

Sarnen	150

Sarnental	150

Sarraz, La	214

Sattel	152

Saurenstock	158

Saviese	127

Saxon	126

Scarltal	145

Scesaplana	141

Schächental	148

Schaffhausen (Kanton)	167

„ (Ort)	168

Schasmatte	187

Schafzucht	69

Schams	142

Schanfigg	141

Schangnau	196

Schänniserberg	158

Schatzalp	141

Scheideqa, Große	191

„	, Kleine	192

Schelten	117

Schiefer	49

Schieferkohle	48

Schiers	141

Schindellegi	152

Schinige Platte	191

Schinznach	52, 108, 182

Schlachtvieh	68,	93

Schleitheim	168

Schnebelhorn		173
Schneedecke		33
Schneegrenze		11
Schöftland		181
Schokolade		85
Schöllenen		147
Schönenwerd		188
Schrattenfluh		196
Schreckhörner		190
Schuhfabriken		85
Schuls		52, 144
Schulwandkarte		224
Schüpsen		198
Schlipfheim		177
Schütz		37, 200
Schuttransport		38
Schutzzölle		71, 82
Schwanden		155
Schwarzbubenland		188
Schwarzenburg		196
Schwarzenegg		196
Schwarzwasser		196
Schwefelberg		52
Schwefelquellen		52
Schweinezucht		68
Schweizerhalle	48,	52, 186
Schwyz (Kanton)		150
„ (Ort)		151
Schynschlucht		143
Sedrnn		142
Seealpsee		162
Seebach		172
Seedorf		199
Seelaffe		50
Seeland		48, 199
Seelisberg		16, 148
Seen	14,	37, 44
Seerncken		164
Seetal		178, 181
Seez		157
Segnespaß		155
Seidenindustrie		76
Seidenraupenzucht		77
Seitenmoranen		12
Selbsanft		155
Selzach		187
        <pb n="251" />
        ﻿240				
Sembrancher		125	Splügen	102, 142
Sempach		178	Spölbach	144
Semsales	\	210	Sprache	117
Sennhütten		10	Stachelberg	52, 108, 156
Sennwald		161	Stäfa	171
Sense		195	Staffelegg	183
Sentier, Le		212	Stalden	128
Seon		181	Stammheim	174
Septimen		143	Stans	150
Serneus		141	Stanserhorn	150
Sernslal		155	Stansstad	150
Serrieres		206	Staubbach	14, 192
Seyon	22,	205	Staublawinen	11
Siders 1		197	Steckborn	167
Sierre /	dJ, 111		Slesfisburg	195
Siegfriedkarte		220	Stein (St, G.)	159
Signau		196	Stein (a. Rh.)	168
Siqriswil		193	Steinzeit	111
Sihl		152	Stickerei	72
Sihltal		171	Straßen	95
Silbernalp		151	Strelapaß	141
Silenen		148	Streuewiesen	67
Sils		143	Stroh	61
Silvaplana		143	Strohflechterei	84
Simme		194	Stromgebiete	35
Simpeln	5,	129	Stromquellen	23
Simplon	99, 101,	129	Stromschnellen	42
Sisikon		148	Stusenmündung	14
Sissach		186	Stützstraße	141
Sitten (Sion)		126	Südfrüchte	65
Sitter		159	Snhr (Fluß)	178
Solothurn (Kanton)		186	(Ort)	18 l
„	(Ort)		187	Snmiswald	197
Somvix		142	Surbtal	183
Sonceboz		201	Surpierre	209
Sonnenberg	109,	201	Snrfee	178
Sonvilier		201	Süs	144
Sopraceneri		134	Sustenhörner	147
Sorne		202	Sustenpaß	147
Soltoceneri		134		
Spätfröste		64	Tabakindustrie	86
Speer	17,	158	Tafeljura	22
Speicher		163	Täfers	210
Spezialhandel		90	Talbildung	6
Spiez	42,	193 1	Talstufen	14
Spinnerei		74	Talwind	31
        <pb n="252" />
        ﻿Sambia  Tarasp	52, 108,
Taubenloch	22,
Täuffelen  Tavannes  Tavetsch  Tellskapelle	148,
Temperaturen  Terrassen  Terrilec  Terzen  Tessin	35, 36,
Töte Le Ran Tem'elsbrticke Teufen  Textilindustrie  Thainqen	110,
Thal '  Thalwil  Thermen  Thiele  Thierachern  Thun  Thunerfee	44,
Thur	159,
Thurgau	73,
Thusis  'Tiefenkastel  Titlis  Töoi	103,
Toggenburg  Töpferei  Torf  Löß  Trachselwald  Tramelan  Transitverkehr  Travers  Traverstal	96,
Trefa  Trienqen  Trieni	14,
Trogen  Trub  Turbental  Tusy	

	241	
Twann	117,	199
Nberlingersee		165
Übersichtskarte		224
Mendorf		194
Ütikon		171
Usenau		153
Uhrenindustrie		79
Ulrichen		129
Umbrailstraße		146
Unproduktiver Boden		54
Untersee		166
Unterwalden		149
Urgestein		5
Uri		146
Urirotstock		148
Urnäich (Fluß)  (Ort)		159  163
Urnerboden		155
Urnerloch		147
Urnersee		148
Urserental		147
listn		173
Ütliberg		171
Utzenstorf		198
Uznach	48,	158
Bal Cluoza		145
Val d'Änniviers		127
Bal de Bagnes		125
Bal d'Entremont		115
Val de Ferret		125
Bal d'Heremence  Bal L'Herens		126
		126
Val d'Jlliez		125
Val de Rnz		205
Balengin		205
Vallee de Joux		211
Vallorbe	42, 103,	212
Vals	142,	155
Vanil Noir		207
Vaux, La		215
Venoge		214
Verkehrsmittelpnnkte		103
Verkehrswege		95
Bernayaz		126

158

144

200

199

201

142

152

25

15

216

158

130

204

147

163

83

168

161

171

52

213

195

195

193

165

164

142

143

150

153

159

öl

48

173

197

201

103

204

204

136

178

126

163

197

173

42
        <pb n="253" />
        ﻿242

Verrieres		204	Weide	57, 66
Verwitterung		4, e	Weinbau	63
Verzasca		134	| Weinselden	165
Vevey		68, 216	| Weißbad	163
Biamala		142	j Weißenstein	21,	1(9 187
Vicosoprano		146	Wcißhorn	117, 128
Biege		42	Weißmies	128
Viehzucht		66	Weißtannental	158
Vierwaldstättersee		44, 148	Weizen	61, 93
Vignoble		205	! Welschenrohr	188
Billars		217	Wengen	14, 15,	109, 192
Villeneuve		216	Wengernalv	192
Visp		128	Werdenberg	161
Vitznau	109,	152, 179	Wesen	158
Vivis		216	Wetterhörner	191
Bolksdichte		2, 112	Wetterlagen	33
Voralpen		7	Wetlingen	183
Vorderrheintal		141	Wetzikon	173
Vrin		142	Wiese (Fluß)	185
Vusflens		214	Wiesen	57, 66
Bully		210	Wigger  Wil ’	178, 181 160
Waadt		211	Wildbäche	38
Wädenswil		171	Wildbachverbauung	38, 40
Wäggital		153	Wildegg	182
Wählern		196	Wildhans	159
Walchwil		175	Wildhorn	194
Wald		57, 65	Wildkirchli	111, 163
Wald (Ort)		27, 173	Wildstrubel	194
Waldenburg		186	Willisau	178
Waldgrenze		10	Wimmis	193
Walensee		44, 158	Winde	28
Walenstadt		158	Windisch	182
Wallis		120	Winterknrorte	109
Walperswil		199	Winterthur	79,	174, 190
Walzenhausen		164	Wistenlach	210
Wangen		42, 198	Wohlen (Aarg)	182
Wärme		25	„ (Bern)	199
Waffen		147	Wohnfläche	112
Wasserflut)		21, 180	Wolfhalden	77
Wassersuhren  Wasserkräfte		122	Wolhusen	177
	41	72, 105	Wolle	94
Wattenwil		195	Wollindustrie	83
Wattwil		160 !	Worb	197
Weberei		75 I	Wutach	167
Weggis	109,	152, 179	Wynen	178, 181
        <pb n="254" />
        ﻿3) d ertön
Dvorne

Zäziwil

Zement	50,

Zermatt	106,

Zernetz

Ziegenzucht

Zigarrenfabriken

Z-Hl

Zihlkanal	117,

Zinal Rothorn

Zisternen

Zofingen

Zollfreie Zone



	243
Zollverträge	89
Zucker	62, 93
Zuckerrübenbau	57, 62
Zug (Kanton)	174
(Ort)	175
Zugerberg	174
Zugersee	44, 175
Zuoz	144
Zürich (Kanton)	169, 184
„ (Ort)	27, 76, 170
Zürichberg	170, 172
Zürichsee	44, 169
Zurzach Zweilütschinen Zweisimmen '	183 192 109, 194

213

216

196

51

128

144

69

86

206

206

128

23

181

218
        <pb n="255" />
        ﻿Schuttheß &amp; Co., Nerlagsbuchlsandlung, Zürich

Jeste und Wrciuche
des SchweizernoLkes

Meines Landbuch des schweizerischen Müisbrauches
der Hegenwart in gemeinfaßlicher Zarjteü'ung

Aer schweizerischen Lehrerschaft gewidmet
von

Professor Dr. G. Kofsrnunn -Auuyeu

«reis gcvunden Jir. 3. —

Sechstes Tausend

Schweizer Bürgerkunde

herausgegeben von

Dr Rudolf Lzotz (Bafel)

Abreis gebunden Ar. 2. 60.

Bei einmaligem Bezüge von 50 und mehr Exemplaren: Preis des Buches Ar. 1.80
Die Aargauer Nachrichten schreiben: „Wir haben uns durch die Lektüre überzeugt, daß da
ein sehr praktisches Handbuch für den Schweizerbürger geschaffen wurde. Der Verfasser hat es
verstanden, den Stoff prägnant zu behandeln und manches Kapitel, wie z. B. dasjenige über die
politischen Parteien der Schweiz, zeugt von der genauen Kenntnis, dem treffenden Urteil und
der gesunden Objektivität des Autors. Das Buch gehört in die Bibliothek jedes gebildeten
Schweizerbürgers".	________

Staatsbürgerliches Lexikon

-er schweizerischen Gi-genassenschast

von

Dr. Gustav A-vlf Frey

Z'rcis gcvuiideil Kr. 4.80

Die Neue Zürcher Zeitung schreibt: „Es ist ei» gründliches, ernsthaftes und aufschluß-
reiches Buch, das bei jung und all in Helvetiens Gauen die „staatsbürgerliche Erziehung"
zu fördern und zu vertiefen vermag".
        <pb n="256" />
        ﻿Kchulthtß &amp; Co., Uerlagsbuchhandlnng. Zürich

Daterlaudskimdc der Schweiz

Geographie, Geschichte und Uersassungskunde
für Fortliildungs- und Mittelschulen von
Dr. Ernst Kcrch

Fweis gekunden Kr. 2. 60

Bei einmaligem Bezüge von 50 und mehr Exemplaren Preis des Buches Fr. 1.80

Der Samariter schreibt: ,.Da der Stil vorbildlich flott ist, so liest sich das Werl stellen-
weise wie eine spannende Erzählung; eS ist das eine Eigenschaft, die man einem „Baterlands-
Inndebuch" selten nur nachzurühmen in der Lage sein dürste",

ttechtskuude

für Kaufleute und Gewerbetreibende

Die Grunchüge des Handels- und Wechselrechts

Gin Kettfaden für den Unterricht an schwel!. Handels- und Gcwerdefchulen

von Dr. I. Heuderger, Rechtsanwalt in Aaran

D'reis kartoniert Kr. 3.20

Bei einmaligem Bezüge von 50 und mehr Exemplaren Preis des Buches Fr, 2.20
Herr Bundesrichter Dr- Theodor Weiß schreibt in Nr. 62 der Neuen Zürcher Zeitung
(2. März 1912) u. a.: ,,Noch ein Vorzug des Buches darf besonders ins Licht gerückt werden:
£9 ist prädestiniert, als ausgezeichneter Aührer für Aandcl'sschulen Verwendung zu finden".

Wirtschaftskunde der Schweiz

von

Dr. T. Geering

Sekretär der Basler Handelskammer
und

Dr. Rudolf Hotz

Gymnasiallehrer in Basel
Fünfte, neu bearbeitete Auflage (1914)
        <pb n="257" />
        ﻿von Dr. K. Dändliker

Verfasser der dreibändigen Geschichte der Schweiz

Preis gebunden Fr. 2.—

Geschichtsunterricht
im Landesmuseum

Im Aufträge der pädagogischen Vereinigung des
Lehrervereins Zürich verfaßt von
Dr. H. Gubler und Dr. A. Mantel. Zürich

Preis kartoniert Fr. I. -

Die Neue Zürcher Zeitung schreibt: „Dieses billige Büchlein ist zwar in erster
Linie lür die Lehrer geschrieben, die mit ihren Schülern das Landesmnseum besuchen,
um dort den Geschichtsunterricht durch Besichtigung und Erklärung der Sammlungen
zu ergänzen; es wird aber auch ältern Schillern und Erwachsenen, die nicht dem Lehrer-
stande angehören, gute Dienste leisten. Das Scliriftlein mochte durch kleine historische
Einleitungen die Vorbesprechungen erleichtern und zugleich Hinweise aut die typischen
Exemplare unter den Objekten der verschiedenen Epochen geben. Es will natürlich keine
Konkurrenz zmn offiziellen Katalog sein; von seiten der Direktion des Landesmuseums
dürsten sich die Verfasser wertvoller Mithilfe erfreuen“.

Quellenbuch zur Schweizergeschichte

bearbeitet von Wilhelm Oechsli

Preis gebunden Fr. 10.—

Diese kleine einbändige Ausgabe von Oechslis Quellenbuch zur , Schweizergesohichte
enthält einerseits den Inhalt der zweibändigen Ausgabe in reduziertem Maße, berück-
sichtigt anderseits abec auch das 18. und 19. Jahrhundert reichlich. Dem Geschichts-
freunde erschließt sich an Hand des Oechslischen Quellenbuches ein Einblick in die histo-
rische Vergangenheit unseres Landes von farbiger Frische und lebendiger Anschaulichkeit.
        <pb n="258" />
        ﻿



Schultheß Co.. Nerlagsbuchhandlung. Zürich

Bei uns ist soeben erschienen:

per Kleine Merkur

Kleines Handbuch des aus dem Gebiete der

Kandetswissenschaften Wissenswerten

von

W. Wick

Rektor der kantonalen Handelsschule Basel
I?reis gcöundeir Kr. 3.80

Bei uns erscheint Sommer 1914:

Allgemeine Wirtschafts-
und Handelsgeographie

für detl Gebrauch an
kaufmännischen und gewerblichen schulen

von

Dr, Rudolf Hotz (Basel)

Herausgeber der „Schweizer-Bürgerkunde" und Mitherausgeber der
„Wirtschaftskunde der Schweiz" von Geering und Hotz
        <pb n="259" />
        ﻿
        <pb n="260" />
        ﻿the scale towards

223

besteht aus 25 Blättern von 70/48 cm; ihre
: tgröße beträgt 3,50 m auf 2,40 m. Sie bildet
jbenformen durch Schroffen ab.

)ie Darstellung der Bodenformen durch Horizontal-
bildet die Grundlage für die Schraffenkarte,
'"&gt;en je zwei Kurven werden nebeneinander Striche
schroffen gezogen; sie folgen der Richtung des
m Gefälles, oder, was gleichviel besagt, der Rich-
)es rinnenden Wassers und treffen die Horizontal-
stets in rechtem Winkel. Wenn alle Höhenschichten
»lchen Schraffenreihen ausgefüllt sind, so werden
rrven, die in diesem Fall nur Hilfslinien waren,
Pit. Da jede Schrasfenschicht den Raum zwischen
Kurven einnimmt, so kann man nach der Zahl der
ten die Höhe der Erhebungen beurteilen. Je nach-
&gt;ie Kurven mit größeren oder geringeren Zwischen-
n verlausen, müssen die Schraffen länger oder
werden. Lange Striche bedeuten eine schwache,
vagegen eine starke Neigung. Je kürzer die Schraf-
"esto dicker werden sie ausgezogen und desto schmaler
tt die weißen Zwischenräume zwischen den einzelnen
len belassen; je dunkler der Ton, desto steiler die
ing.

Oie Schraffenkarte bietet ein plastisches und über-
hes Bild der Bodenformen, gestattet aber nicht,
ileicher Genauigkeit und Sicherheit ^die Neigungs-
'&lt;tnisse abzulesen, wie das Kurvensystem.

Oie Schraffenkarten der Nachbarländer nehmen für
Verteilung von Licht und Schatten eine senkrechte
chtung an. Die Dufour-Karte verwendet die schiefe
chtung, bei der man sich die Sonnenstrahlen unter
Winkel von 45 0 von Nordwesten her einfallend
nken hat. Für unser Gebirgsland, dessen Haupt-
■-bon SW nach NO quer zu der Richtung ber-
sten laufen, schafft die Schraffenmanier mit schiefer
chtung von Nordwesten her ein prachtvoll plastisches
Dem Vorzug der starken Relieswirkung stehen

Schroffen

VorMg und-
Nachteil

Schiefe

Beleuchtung
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
