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        <title>Die Schweiz</title>
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            <forname>Otto</forname>
            <surname>Flückiger</surname>
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        </author>
      </titleStmt>
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          <msIdentifier>
            <idno>1008917265</idno>
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        üon  0,  flfldtlg«

Schweiz
Natur  und  KMrtscftart
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JfaseujJiCf'

Mühlacker,

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SIEGFRIED  -  ATLAS

l  Kilonv.

•VIasssUib  l  25  000
0
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        Die  Schweiz
Matur  und  Wirtschaft

Hlon
Dr.  K.  M'ückiger'

Mit  vier  Kartenausschnitten

Zweite  Auflage

Jürict?  1914
Druck  und  Werl'ug  von  ScHuttHeß  &amp;amp;  Ko.
Weltwirtschaftliche:  Archiv
        <pb n="4" />
        Wrwort  Mr  Meilen  Auflage.

Die  neue  Auflage  bringt  keine  durchgreifenden  Änderungen ­
  des  Textes.  In  den  Abschnitten  über  Industrie
und  Handel  sind  die  Zahlen  von  1912  verwertet.  Infolge ­
  Verwendung  eines  andern  Druckes  ist  der  Umfang
des  Buches  etwas  kleiner  geworden.
Zürich,  März  1914.

0.  F.

Nachtrag  zu  Seite  2  unten:  Der  letzte  Balkankrieg  ver-Ichaffte
  Serbien  einen  bedeutenden  Gebietszuwachs.
        <pb n="5" />
        Inhalt

Allgemeines  .
Aufbau
1.  Die  Alpen  .
2.  Das  Mittelland  .
3.  Der  Jura  .
DasKlima
Gewässer
Nutzbare  Mineralien
Sie  Landwirtschaft:
1.  Allgemeines
2.  Ackerbau  ....
3.  Grasland  und  Viehzucht
Die  Industrie:
1.  Allgemeines
2.  Stickerei  .  .  .
3.  Baumwollindustrie
4.  Seidenindustrie  .
5.  Maschinenbau
6.  Uhrenindustrie
7.  Übrige  Industrien
8.  Fabrik-  und  Heimarbeit
9.  Industrie  und  Landwirtschaft
DerHandel  .
Verkehrswege:
1.  Allgemeines
2.  Eisenbahnen
        <pb n="6" />
        Allgemeines

Die  Schweiz  ist  das  Kernland  Mittel-  und  Westeuropas. ­
  Sie  liegt,  vom  Meer  abgeschlossen,  zwischen
den  vier  Großmächten  Deutschland,  Frankreich,  Italien
und  Österreich-Ungarn.  Ms  Binnenstaat  ist  sie,  ungeachtet ­
  der  natürlichen  Verkehrshindernisse,  auf  enge
Beziehungen  zu  diesen  Nachbarländern  angewiesen.  Die
Stellung  inmitten  der  vier  um  vieles  größeren  Staaten
macht  die  Schweiz  zu  einem  Durchgangsland.  Sie  greift
in  das  Stromgebiet  nord-  und  südeuropäischer  Flüsse
hinein  und  vermittelt  zwischen  dem  nordischen  und  dem
mittelmeerischen  Klima;  das  gibt  ihr  den  Charakter  eines
Übergangsgebietes.  Die  Schweiz  liegt  zwischen  45  °
49'  und  4?o  49'  nördlicher  Breite  und  zwischen  5°
57'  und  10°  30'  östlicher  Länge  von  Greenwich.  Die
Alpen  sind  der  Rückgrat  des  Landes.  Die  Schweiz  umfaßt ­
  den  mittleren  Teil  des  mächtigen  Gebirgsbogeus.
Hier  lagen  die  Anfänge  des  Staates:  im  Lauf  der
Jahrhunderte  breitete  er  sich  über  das  ganze  Alpenvorland ­
  und  tief  in  den  Jura  hinein  aus.  Alpen  und
Jura  sind  der  natürliche  Rahmen  der  schweizerischen
Landschaft.
Zusammen  mit  der  Rheinlinie  bilden  die  beiden
Gebirge  eine  natürliche  Grenze,  die  Alpen  gegen  Süden,
der  Rhein  mit  dem  Bodensee  gegen  Osten  und  Norden,
und  der  Jura  gegen  Nordwesten.  Im  einzelnen  weicht
die  politische  ^  Grenze  davon  ab.  Der  Kanton  Tessin
und  die  südlichen  Bündner  Täler,  sowie  das  Talstück
von  Simpeln  an  der  Simplonstraße  reichen  nach  Süden
über  den  Hauptkamm  der  Alpen  hinweg.  Die  badische
Stadt  Konstanz  liegt  diesseits  des  Rheins;  dafür  geht
Flückiger,  Schweiz

Lage.

Grenzen.

1
        <pb n="7" />
        2

Größe.

der  schweizerische  Besitz  in  den  Kantonen  Schaffhausen,
Zürich  und  Basel  über  die  Rheinlinie  hinaus.  Der
Bezirk  Pruntrut  schiebt  sich  in  das  Hügelland  am  jenseitigen ­
  Fuß  des  Jura  vor,  während  umgekehrt  bei  Genf
die  französische  Landschaft  von  Gex  und  am  Fuß  des
Saleve  innerhalb  des  natürlichen  Gebirgsrahmens  liegt.
Die  Grenzlinie  der  Schweiz  mißt  1884  km.  Davon
ist  V,  mit  Marksteinen  kenntlich  gemacht;  2 /a  liegen  als
natürliche  Grenze  unvermarkt  auf  Bergkämmen,  in  Flußläufen ­
  und  Seen.  Aus  diesem  Verhältnis  ist  zu  erkennen, ­
  daß  die  Natur  des  Landes  selbst  reichlich  für
Grenzschutz  sorgt.  Das  größte  Stück  der  Gesamtlänge
fällt  mit  687  km  auf  die  Grenze  gegen  Italien.  Der
stärkste  Verkehr  der  Schweiz  ist  aber,  vorab  wegen  des
trennenden  Alpenwalles,  nicht  nach  Süden  gerichtet,
sondern  über  den  Rhein  hinweg  nach  Deutschland,  das
einen  Grenzanteil  von  445  km  aufweist.  Die  Grenze
gegen  Frankreich  ist  495  km,  gegen  Österreich  256  km  lang.
Die  Schweiz  bleibt  mit  einem  Flächeninhalt  von
41  298  km 2  weit  hinter  der  Größe  der  Nachbarstaaten
zurück.  Frankreich  und  Deutschland  sind  jedes  13  mal,
Österreich-Ungarn  16  mal  und  Italien  7  mal  so  groß
wie  die  Schweiz.  Sie  übertrifft  ihrerseits  das  Großherzogtum ­
  Baden  fast  um  das  Dreifache,  das  Königreich ­
  Württemberg  um  das  Doppelte,  ist  aber  nur  etwas
mehr  als  halb  so  groß  wie  das  Königreich  Bayern.
Unter  den  europäischen  Staaten  kommen  ihr  Serbien
mit  48  300  km 2  und  Dänemark  mit  38  400  km 2  am
nächsten.  Die  Gesamtbevölkerung  der  Schweiz  beträgt
3  753  000  Seelen,  durchschnittlich  91  auf  den  km 2 .  Das
ist  in  Rücksicht  auf  das  starke  Vorwiegen  des  Gebirgslandes
  eine  große  Volksdichte.
        <pb n="8" />
        Auftrau

Von  einem  Aussichtspunkt  in  der  Mitte  des  Landes
aus  erkennt  man  leicht  die  natürliche  Einteilung  der
Schweiz  in  Alpen,  Mittelland  und  Jura.  Nach  Süden
steigt  der  Blick  über  die  bewaldeten  Vorberge  zu  den
Felsenmauern  und  Schneefeldern  der  Alpenkette,  die  mit
zackiger  Kammlinie  in  die  Ferne  zieht.  Im  Norden
schließt  der  Jura  als  eintönig  verlaufender  Wall  von
geringerer  Höhe  das  Landschastsbild  ab.  Zwischen  den
beiden  Gebirgen  liegt  wie  eine  breite  Mulde  das  Mittelland. ­
  Seine  Hügel  steigen  am  Fuße  der  Alpen  am
höchsten  an;  nach  Nordwesten  werden  sie  niedriger  und
laufen  am  Rande  des  Jura  zu  einer  breiten  Senke  aus.
Die  Gliederung  nach  drei  Landesteilen  läßt  sich
über  die  Ostgrenze  der  Schweiz  hinaus  verfolgen.  Das
Mittelland,  das  vom  untern  Genfersee  an  nordostwärts
ständig  an  Breite  zunimmt,  gewinnt  jenseits  des  Bodensees ­
  seine  größte  Ausdehnung  in  der  schwäbisch-bayrischen
Hochebene;  im  Norden  wird  sie  durch  den  schwäbischen
lind  fränkischen  Jura  abgeschlossen,  und  im  Süden  steigt
sie  zu  den  bayrischen  Alpen  an.
Die  Alpen  umfassen  mehr  als  die  Hälfte,  das
Mittelland  fast  '/g  und  der  Jura  '/«  der  Schweiz;
dieses  Verhältnis  hat  ihr  die  häufig  gebrauchte  Bezeichnung ­
  als  Alpenland  eingetragen.  Obschon  das  Mittelland ­
  an  Größe  hinter  dem  Gebirgsland  zurücksteht,  so
ist  es  doch  vermöge  der  Fruchtbarkeit  des  Bodens,  des
günstigen  Klimas  und  der  größeren  Leichtigkeit  des  Verkehrs ­
  zum  volksreichen  Kernstück  der  Schweiz  geworden.

Dreiteilung.

Größeuverhältuis

der
Landesteile.
        <pb n="9" />
        4

Entstehung  Die  Alpen  und  der  Jura  sind  Faltengebirge;  sie  verdanken
und^des'Ju"a.  ^ rc  Entstehung  dem  Schrumpfen  der  Erdrinde.  Das  glühendheiße ­
  Erdinnere  verliert  durch  Ausstrahlung  allmählich  an  Wärme.
Infolge  der  Abkühlung  zieht  eZ  sich  zusammen.  Die  starre  Erdkruste ­
  wird  im  Verhältnis  zum  schwindenden  Erdkern  zu  groß;
sie  sinkt  ein  und  legt  sich,  gleich  einem  zu  groß  geschnittenen
Kleid,  in  parallel  laufende  Falten.  Eine  solche  Runzelung  erstreckt ­
  sich  über  weite  Flächen  und  schiebt  die  Gesteinsschichten  zu
Falten-  oder  Kettengebirgen  zusammen.  Die  Stärke  des  Zusammenschubs
  ist  bei  den  einzelnen  Gebirgen  recht  ungleich.  Im  Jura
sind  die  ursprünglich  wagrechten  Gesteinsbänke  nur  schwach  wellenförmig ­
  verbogen;  die  Falten  laufen  meist  mit  breiten  Zwischenräumen, ­
  ohne  einander  zu  stören,  dahin.  In  den  Alpen  war
der  Schub  viel  kräftiger;  die  Falten  erscheinen  hier  eng  zusammengepreßt, ­
  als  gewaltige  Decken  bisweilen  so  übereinandergeschobcn,
iueinandergeknetet  oder  ausgewalzt,  daß  es  oft  schwer  hält,  dem
Verlaus  der  einzelnen  Gesteinsschichten  zu  folgen.  Eine  noch  größere
Schwierigkeit,  den  Aufbau  der  Alpen  kennen  zu  lernen,  liegt  darin,
daß  die  äußeren  Formen  des  Gebirges  heute  ganz  andere  sind,
als  die  Anffaltung  allein  sie  zustande  gebracht  hätte.  Als  das
Gebirge  sich  zu  heben  begann,  da  fing  die  Verwitterung  an,  die
gehobenen  Felsmassen  zu  zerstören;  das  fließende  Wasser  und  das
Eis  führten  fortwährend  die  Trümmer  weg  und  gruben  allmählich
tiefe  Täler  in  den  Gebirgskörper  ein.  In  Jahrmillivnen  langer
Zerflörungsarbeit  sind  die  Alpen  um  ein  Drittel  ihrer  Höhe  abgetragen ­
  und  durch  reich  verzweigte  Talfurchen  zerschnitten  worden;
sie  sind  nur  noch  eine  Ruine  des  einstigen  Baues.  Im  weit
jttngern  Jura  hat  die  Verwitterung  die  ehemaligen  Formen  des
Gebirges  nicht  so  stark  zu  ändern  vermocht.  Die  Falten  treten
hier  deutlich  zu  Tage;  einzelne  unter  ihnen,  wie  der  Chaumont
ob  Reuenburg,  sind  so  wohl  erhalten,  als  ob  ihr  Gewölbe  erst
jüngst  entstanden  wäre.  So  gewaltig  und  eindrucksvoll  die  Gebirge
sich  auftürmen,  so  bescheiden  ist  ihre  Höhe  im  Vergleich  zur  Größe
der  Erde.  Auf  einem  Erdglobus  von  3  m  Durchmesser  müßten
die  Alpen  als  eine  Erhöhung  von  nur  1  mm  erscheinen.
        <pb n="10" />
        1.  Die  Alpen

In  einem  großen,  nach  Süden  offenen  Bogen  zieht
das  Alpengebirge  vom  Mittelländischen  Meer  bis  zum
Durchbruch  der  Donau  bei  Wien.  Die  Schweiz  besitzt
davon  das  Mittelstück  vom  Mont  Dolent  in  der  Montblancgruppe ­
  im  Westen  bis  an  die  Ortlergruppe  im
Osten,  und  zwar  die  Nordabdachung  und  die  innern
Landschaften  des  Gebirges,  sowie  am  Südhaug  die
Partie  von  Simpeln  und  Gondo  an  der  Simploustraße,
das  Tessin  und  die  bündnerischen  Täler  Misox,  Bergell,
Puschlav  und  Münstertal;  der  übrige  Teil  der  Südabdachung ­
  gehört  zu  Italien.
Nach  der  Art  des  Gesteins  bauen  sich  die  Alpen
aus  drei  deutlich  unterschiedenen  Längszonen  auf.  Den
mittlern  und  am  höchsten  aufragenden  Teil  des  Gebirges ­
  setzen  die  Urgesteine  zusammen:  Granit,  Gneis,
Glimmerschiefer.  Längs  dieses  Kernstückes  ziehen  zwei
Zonen  aus  Kalkstein,  untermischt  mit  weichern  Mergeln
und  Mergelschiefern  (Flysch),  die  als  weich  geformte,
rundliche  Höhen  die  schroff  ansteigenden  Kalkstöcke  umschließen ­
  und  auf  ihrer  fruchtbaren  Berwitterungserde
saftige  Weiden  tragen.  Auf  der  Südseite  der  Alpen
reicht  der  Kalkgürtel  von  Osten  her  nur  bis  an  den
Langensee;  weiter  nach  Westen  fehlt  er.  Der  schweizerische ­
  Anteil  an  den  südlichen  Kalkalpen  umfaßt  die
Berge  in  der  Umgebung  des  Luganersees,  z.  B.  Monte
Generoso.
Vor  der  Entstehung  des  Gebirges  bildeten  die  Kalkschichten
eine  horizontal  liegende  Decke  über  den  älteren  Gesteinen  der
Tiefe.  Die  im  Kalkstein  eingeschlossenen  Versteinerungen  von
Meereslieren  bezeugen,  daß  er  als  Ablagerung  oder  Sediment
aus  den  Meeren  entstanden  ist,  die  einst  während  sehr  langer

Schweizer
Alpen.

Gesteinszonen. ­


Entstehung.
        <pb n="11" />
        6

Talbildung.

Einteilung.

Zeiträume  über  dem  ganzen  Lande  und  weit  darüber  hinaus
lagen.  Während  der  Alpenfaltung  spannte  sich  die  Sedimentdecke ­
  auf  dem  ältern  Gestein  über  das  ganze  Gebirge  hinweg;
die  südlichen  und  nördlichen  Kalkalpen  standen  noch  miteinander
in  Verbindung.  Da  die  Verwitterung  die  höchstgehobencn  Partien
am  stärksten  benagte  und  zerstörte,  so  wurde  hier  im  Laus  der
Zeit  die  Decke  bis  auf  geringe  Reste  abgetragen;  das  Urgestein
trat  zu  Tage  und  bildet  heute  die  innere  Zone  mit  den  höchsten
Gipfeln:  Die  Walliser  Alpen,  der  östliche  Teil  der  Hauptkette  in
den  Berner  Alpen,  die  Gotthardgruppe,  die  Alpen  an  der  Maggia
und  am  Tessin  und  die  Bündner  Alpen.  Überreste  der  Sedimentdecke
  sind  die  Kalkalpenzonen  beidseits  des  Gebirges.  Wahrscheinlich ­
  setzen  sich  die  Kalkmassen  der  nördlichen  Alpen  tief  unter  dem
Mittellande  fort;  im  Jura  kommen  sie  wieder  zum  Vorschein.
Durch  Hebung  und  Zusammenschub  der  Gesteinsmassen
  allein  wären  die  Alpen  zu  einem  plumpen,
blockartigen  Gebirgskörper  aufgetürmt  worden.  Gleichzeitig ­
  begannen  aber  die  Verwitterung  und  die  Abtragung
ihr  zerstörendes  Werk  und  modellierten  den  unendlichen
Reichtum  an  Formen  heraus,  der  das  Landschaftsbild
der  Alpen  so  abwechslungsvoll  gestaltet.  Zahllose  Wasserläufe ­
  haben  in  langer  Ausnagearbeit  den  Gebirgskörper
mit  reich  verästelten  Tälern  dermaßen  durchfurcht  und
zerstückelt,  daß  die  Alpen  dem  ersten  Blick  als  unübersehbares ­
  Gewirr  hochragender,  zackiger  Ketten  und  reichverzweigter ­
  Täler  erscheinen.  Die  natürlichste  Einteilung
richtet  sich  nach  dem  Verlauf  der  bedeutendsten  Tallinien;
sie  stimmt  zumeist  nicht  überein  mit  der  Lage  der  oben
erlvähnten  Gesteinszonen.
Im  Bild  der  Schweizer  Alpen  ist  die  große
Längstalfurche  der  Rhone  und  des  Vorderrheins  von
Martigny  bis  Chur  mit  dein  Verbindungsstück  des
Urserentalcs  der  auffälligste  Zug.  Sie  zerlegt  das  Gebirge ­
  in  die  zwei  großen  Gruppen  der  Nord-  und
Südalpen.  Rhone  und  Rhein  brechen  in  mächtigen
Ouertälern  durch  die  nördliche  Hauptkette  zum  Mittel
        <pb n="12" />
        7

land  hinaus,  die  Rhone  von  Martigny  zum  Genfersee,
der  Rhein  von  Chur  zum  Bodensee;  sie  öffnen  dem
Verkehr  im  Osten  und  Westen  bequeme  Eingangspforten
zu  den  inneren  Talschaften  des  Gebirges.  Quer  verlaufende ­
  Gewässer  zerschneiden  den  Nordalpenzug,
zwischen  Rhone,  Rhein  und  Mittelland,  in  einzelne
Gruppen:  Die  Berner  Alpen  zwischen  der  Rhone  unterhalb ­
  Martigny  und  der  Aare,  mit  dem  Finsteraarhorn
(4275  m)  und  der  Jungfrau  (4167  in)  als  höchsten
Gipfeln;  die  Urner  Alpen  zwischen  Aare  und  Neuß
mit  dem  Dammastock  (3633  in)  und  dem  Galenstock
(3597  in);  die  Glarner  Alpen,  die  ein  größeres  Gebiet
umfassen,  als  der  Name  besagt,  von  der  Neuß  bis  zum
Rhein  unterhalb  Chur,  mit  dem  Oberalpstock  (3330  in)
und  dem  Tödi  (3623  m);  nördlich  des  Seez-Walcnseetales
  ist  die  Säntisgruppe  weit  ins  Mittelland  vorgeschoben. ­
  Von  der  Hauptkette  der  Nordalpen  zweigen
eine  Reihe  von  Seitenkämmen  nach  Norden  ab  und
werden  gegen  das  Mittelland  hin  allmählich  niedriger;
es  sind  die  Voralpen.  Nach  Süden  fällt  die  Hauptkette
manerartig  steil  zur  Rhone-Rheintalfurche  ab.
Die  Südalpen  werden  durch  das  quer  verlaufende
Tal  des  Tessins  in  die  zwei  großen  Gruppen  der  Walliser
und  Bündner  Alpen  geteilt.  In  den  Walliser  Alpen
erreicht  das  Gebirge  die  größte  Mächtigkeit  und  Höhe;
die  Monterosagruppe  weist  eine  Reihe  von  Gipfeln  mit
über  4000  in  Höhe  auf,  darunter  die  Dufourspitze
4638  m,  den  höchsten  Punkt  der  Schweiz.  In  vergrößertem ­
  Maße  wiederholen  die  Walliser  Alpen  das
Bild  der  Berner  Alpen.  Von  der  scharf  zulaufenden
Hauptkette  aus  ziehen  eine  Reihe  seitlicher  Ketten  nach
Norden;  sie  werden  gegen  das  Rhonetal  hin  niedriger
und  brechen  hier  schroff  ab.  Ihre  Gipfelhöhe  übertrifft
bei  weitem  die  der  Voralpen,  ja  selbst  der  Stammkette
nördlich  der  Rhone:  Mischabelhörner  4564  m,  Weißhorn ­
  4512  m,  Dent  Blanche  4365  m.  Die  Scitenketten
  auf  der  italienischen  Südabdachung  sind  kürzer

Nordalpen.

Süd  alpen.
        <pb n="13" />
        8

Haupttallinien. ­


Gebirgsknoten
  am
Gotthard

Hauptstraßen. ­


und  nehmen  rasch  an  Höhe  ab.  Die  Täler  senken  sich
steil  zur  Poebene  hinunter,  die  mit  nur  200  in  Meereshöhe ­
  einen  weit  niedrigeren  Gebirgsfuß  bildet,  als  das
Rhonetal  auf  der  Nordseite,  mit  700  in  in  Brig.  Gegenüber ­
  der  einfachen  Ficderform  der  Walliser  Alpen  erscheint ­
  die  Bündner  Gruppe  als  komplizierter  Ban  von
reich  verästelten  Bergzügen  und  Tälern.  Jenseits  des
Tessins  erhebt  sich  die  Adulagruppe  im  Rheinwaldhorn
zu  3406  in.  In  der  SW—NO  Richtung  heben  sich
sodann  zwei  Ketten  aus  den  Bergmassen  heraus,  wovon
die  nördliche  das  Engadin  vom  Flußgebiet  des  Rheins
abgrenzt,  die  südliche  zwischen  dem  Engadin  und  Lein
Veltlin  eine  Strecke  weit  die  Landesgrenze  bildet  und
in  der  stark  vergletscherten  Berninagruppe  4052  in  den
einzigen  Gipfel  der  östlichen  Schweizer  Alpen  trägt,  der
über  4000  in  hinausreicht.
Das  große  Längstal  Rhone—Rhein  und  die  quer
verlaufende  Furche  des  Rcuß-  und  Tessintales  zerlegen
die  Schweizer  Alpen  in  vier  Flügel,  die  gewöhnlich
als  Berner,  Glarner,  Walliser  und  Bündner  Alpen  auseinander ­
  gehalten  werden.  Die  Ketten  des  genannten  Gebirgssystems
  treffen  in  der  Gotthardgruppe  als  ihrem
Knotenpunkt  zusammen.  Von  dieser  Stelle  gehen  die
Flußtäler  der  Rhone,  des  Rheins,  der  Reuß  und  des
Tessins  aus;  sie  leiten  zwei  wichtige  Verkehrswege  zur
Straßenkreuzung  von  Andermatt  im  Urserental  hinauf:
1.  Die  Straße  vom  Genfersee  her  durch  das  Rhonetal ­
  über  die  Furka  und  die  Oberalp  dem  Rhein  entlang
zum  Bodcnsee  hinaus.  2.  Die  Gotthardstraße,  die  durch
das  Reuß-  und  Tessintal  eine  direkte  Verbindung  zwischen
dein  Nord-  und  Südfuß  der  Alpen  herstellt.  Gegenüber
den  andern  Alpenpässen  hat  der  Weg  über  den  Gotthard ­
  einen  besondern  Vorzug;  hier  können  die  Alpen
auf  geradem  Weg  in  einem  einzigen  Aufstieg  und  Abstieg ­
  durchquert  werden,  während  an  andern  Stellen  zum
mindesten  zwei  Hauptketten  sich  einem  Alpenübergang
in  der  geraden  Linie  entgegenstellen.
        <pb n="14" />
        Das  Landschaftsbild  der  Alpen  wirkt  vor  allein  durch
die  eindrucksvolle  Größe  und  den  Reichtum  der  Formen.
Es  wird  überdies  in  hohem  Maße  belebt  durch  die
reizvolle  Abstufung  des  Pflanzcnkleides  mit  zunehmender
Höhe.  Die  Wiesen  und  Felder  der  Talsohle  weichen
dem  steilen  Bergwald,  der  an  den  untern  Halden  als
Laubholz  auftritt,  in  den  höheren  Regionen  dagegen  aus
Nadelbäumen  besteht;  oberhalb  der  Waldgrenze  betritt
man  das  Gebiet  der  Alpweiden;  ihre  letzten  Ausläufer
verlieren  sich  nach  oben  in  den  Trümmerhalden  und  an
der  Grenze  des  ewigen  Schnees.  Im  Gegensatz  der
weißleuchtenden  Schneefelder  zu  den  hellgrünen  Alpweiden
  und  den  dunklen  Bergwäldern  beruht  zum  guten
Teil  das  Anziehende  der  Alpenlandschaft.  Nach  der
Pflanzendecke  unterscheidet  man  gewöhnlich  folgende
Höhenzonen:
1.  Die  Hügel-  oder  Kulturregion,  wo
die  Wärme  zum  Anbau  der  Weinrebe  und  der  Obstbäume
  genügt;  die  obere  Grenze  des  Weinstockes  schließt
die  Region  nach  der  Höhe  hin  ab,  in  den  nördlichen
Alpen  bei  600  w,  im  Tessin  und  Wallis  bei  700
und  800  m.
2.  Die  Region  des  Laubwaldes  oder
die  Bergregion;  sie  geht  bis  zur  obern  Grenze
der  Buche,  im  Tessin  bis  1500  in,  in  den  übrigen
Teilen  der  Alpen  bis  1200  oder  1300  m.
3.  Die  Region  des  Nadelwaldes,  der
bis  zur  Waldgrenze  hinauf  die  höhern  Abhänge  verkleidet. ­
  ^Die  Lage  der  Waldgrenze  ist  nicht  überall  dieselbe. ­
  Sie  rückt  hinauf,  wo  nicht  nur  vereinzelte  Gipfel,
sondern  eine  ausgedehnte  Gebirgsmasse  samt  ihren  Tälern
zu  bedeutender  Höhe  ansteigt.  Solche  Massenerhebungen
wirken  als  große  Heizflächen,  die  an  die  Lust  mehr
Wärme  abzugeben  vermögen  als  einzelstehende  Gipfel
von  gleicher  Höhe.  Die  Bündner  und  Walliser  Alpen
sind  die  größten  Massenerhebnngen.  Die  folgenden
Zahlen  zeigen,  wie  die  Höhe  der  Waldgrenze  von  der

Pflanzenkleidder
  Alpen.

Hügelregion..

Laubwaldregion.


Nadelwald--region.
        <pb n="15" />
        10

Waldgrenze.

Region  der
Mpweiden.

Massmerhebung  des  Gebirges  abhängt:  Säntis  1600  m;
Berner  Oberland  1800—1900  m;  Monte  Rosa-Gruppe
2300  m;  Engadin  2200  m.
Der  Wald  schneidet  nicht  längs  einer  an  den  Berghalden
scharf  ausgeprägten  Horizontallinie  ab.  Nahe  an  der  obern  Grenze
lockert  sich  sein  Bestand;  er  löst  sich  in  einzelne  Baumgruppen
auf;  höher  oben  stehen  noch  einige  wetterfeste,  knorrige  Bäume,
und  dann  folgt  die  Zone,  wo  nur  noch  das  niedrige  Krummholz ­
  ein  ärmliches  Dasein  fristet.  Die  geringe  Wärme,  die  kurze
Vegetationszeit,  der  scharfe  Wind  und  der  Schneedruck  setzen  in
dieser  Höhe  dem  Wald  eine  Grenze.  Die  Bäume,  die  bis  zur
Waldgrenze  reichen,  sind  meist  Fichten  und  Lärchen.  Im  obern
Wallis  und  im  Engadin  treten  Arvenwälder  an  ihre  Stelle.  Die
Arve  geht,  ein  Bild  ungebrochener  Kraft,  als  äußerster  Vorposten
in  einzelnen  prächtig  entwickelten  Exemplaren  über  den  geschlossenen
Wald  hinaus.
4.  Die  Region  der  Alpwciden.  Über  dem
dunklen  Bergwald  liegen  die  Matten  als  hellgrüner
Gürtel,  der  an  den  Felsen  und  Schneefeldern  der  Gipfelregion ­
  abbricht.  In  den  untern  Weiden  sind  die  Rasenflächen ­
  noch  unterbrochen  vom  Krummholzdickicht  der
Legföhre,  vom  Gestrüpp  der  Alpenerle  und  vom  leuchtenden ­
  Rot  der  blühenden  Alpenrosensträucher.  Einzeln
oder  in  Gruppen  beisammen  stehen  hier  an  geschützter
Stelle  die  Sennhütten,  meist  Holzbauten  einfachster  Art,
das  flach  abfallende  Bretter-  oder  Schindeldach  mit  Steinen
beschwert.  Hier  findet  der  Hirte  für  die  kurze  Zeit  der
Sommermonate  Unterkunft,  ivenn  er  das  Vieh  zur  Alpweide ­
  hinaufführt;  im  Herbst  zieht  er  wieder  zu  Tal
und  läßt  die  Weidenregion  als  einen  im  Winter  unbewohnten ­
  Höhengürtel  zurück.  Die  obersten  Weiden
und  ihre  Sennhütten  liegen  in  den  einzelnen  Teilen  der
Alpen  uilgleich  hoch  aus  demselben  Grund,  der  für  die
Höhe  der  Waldgrenze  gilt.  In  den  Walliser  Alpen
stehen  die  letzten  Alphütten  durchschnittlich  600  in  über
denjenigen  der  Berner  Voralpen.
        <pb n="16" />
        II

Wo  im  Sommer  oberhalb  der  Weiden  und  kahlen
Felshalden  der  Schnee  infolge  der  geringen  Wärme
nicht  mehr  vollständig  abschmilzt,  da  liegt  die  Schneegrenze. ­
  Am  Säntis  steht  sie  bei  2500  m;  alpeneinwärts
  steigt  sie  unter  dem  Einfluß  der  Massenerhcbung
  an:  Gotthard  2800  m,  Bernina  3100  m
und  Monte  Rosa  nahezu  3300  m.
Nur  aus  der  Ferne  gesehen  scheint  die  Schneegrenze  als
ungefähr  horizontale  Linie  dem  Gebirge  entlang  zn  verlaufen.
In  der  Nähe  betrachtet  löst  sich  der  untere  Rand  der  Schneefelder ­
  in  größere  und  kleinere  Schneeflecken  auf;  in  schattigen
Mulden  und  Gräben  gehen  sie  weiter  talwärts  als  an  sonnigen
Stellen.  Die  Schneegrenze  wird  so  zum  breiten  Streifen,  in  dem
Schneeflächen  und  schneefreier  Boden  ineinandergreifen.  Am
sonnigen  Südhang  schmilzt  der  Schnee  weiter  hinaus  weg,  als
auf  der  Nordseite  der  Berggruppe;  die  oben  angeführten  Höhenzahlen ­
  geben  den  Durchschnitt  an.
Der  Schnee  der  höheren  Lagen  zergeht  nur  zu
einein  Teil  unter  der  Wirkung  der  Wärme.  An  steilen
Stellen,  besonders  häufig  in  Gehängefurchen,  rutscht  er
in  gewaltigen  Massen  ab;  es  sind  die  Lawinen.  Bei
kaltem  Wetter  fährt  der  pulverige  Schnee,  durch  Windstöße ­
  in  Bewegung  gesetzt,  zur  Tiefe.  Der  Luftdruck
vermag  weit  über  die  Lawiuenbahn  hinaus  den  Wald
und  die  Häuser  niederzuwerfen.  Die  Luft  ist  dann  mit
feinem  Schneestaub  erfüllt;  daher  die  Bezeichnung
Staublawine.  Bei  Tauwetter,  vorab  im  Frühling,
gerät  der  schwere,  klebrige  Schnee  größerer  Gehängeflächen
  ins  Gleiten,  reißt  den  Boden  auf  und  stürzt
krachend  ins  Tal  hinunter,  alles  begrabend,  was  im
Wege  liegt;  das  ist  die  Grundlawine.  Die  Lawinen
treten  fast  immer  wieder  au  denselben  Stellen,  den
deutlich  in  die  Halden  eingegrabenen  Lawinenzügen  auf.
Durch  das  Aufforsten  und  Verbauen  des  Abrißgebietes
gelingt  es,  den  Schnee  am  Rutschen  zu  verhindern.
Mauern  und  Flechttverk  halten  den  Schnee  fest  (Siehe

Schneegrenze. ­


Lawinen.

Lawinenverbauung. ­
        <pb n="17" />
        12

Gletscher.

Moränen.

Kartenbeilage  Nr.  II,  nördlich  und  südlich  von  Andermatt).
Es  werden  Pfähle  in  den  Boden  geschlagen,  wie  um
die  Schneedecke  festzunageln.  Ist  es  nicht  möglich,  das
Abrutschen  des  Schnees  zu  hindern,  so  müssen  Häuser
und  Verkehrswege  durch  Schutzbauten  gegen  die  Lawinen
gesichelt  werden.  Gefährdete  Straßen  und  Bahnstrecken
führen  durch  Gallerien,  über  deren  Dach  die  Lawine
hinwegsaust.  Lawinengallerien  bestehen  z.  B.  an  den
Straßen  über  den  Gotthard,  den  Simplon,  die  Bernina
und  all  der  Gotthard-  und  Albulabahn.
An  weniger  steilen  Gehängen  bleibt  der  Schnee
liegen;  durch  das  Tauen  und  Wiedergesrieren  wird  er
zum  körnigen  Firnschnee  und  unter  dem  Druck  der  darauf ­
  lastenden  Massen  zu  Eis.  Aus  der  Firunmlde
fließt  und  gleitet  in  langsamer  Bewegung  ein  Eisstrom,
der  Gletscher,  talauswärts.  Er  reicht  bis  tief  unter
die  Schneegrenze,  nicht  selten  bis  in  den  Waldgürtel
hinunter  und  endigt  da,  wo  die  Wärnie  enbensoviel  Eis
abschmilzt,  als  nachrückt.  Der  Grindelwaldgletscher  geht
am  tiefsten;  seine  Zunge  liegt  bei  1150  m.  Die  Fläche
der  Firnfelder  und  Gletscher  der  Schweiz  wurde  auf
2038  km*  berechnet,  das  ist  fast  ‘/ao  der  Gesamtfläche.
Wegen  des  schwankenden  Gletscherstandes  ändert  die
Zahl  von  Jahr  zu  Jahr.  Der  mächtigste  Eisstrom  der
Alpen,  der  25  km  lange  Aletschgletscher,  bedeckt  eine
Fläche  oon  130  km*.
Der  vcn  den  Gehängen  abstürzende  Schutt  wird  voni
Gletscher  talauswärts  verfrachtet;  das  Eis  erscheint  dadurch  besonders ­
  am  Gletscherende  recht  schmutzig.  Am  Rande  des  Eisstromes
  enstehen  Schuttwälle.  Seiten  Moränen.  Wenn  zwei
Gletscher  sich  vereinigen,  so  verschmelzen  die  beiden  innern  Seitenmoränen
  zu  einer  Mittel  Moräne.  Die  meisten  Gletscher  sind
ans  mehreren  Armen  zusammengesetzt  und  tragen  eine  Reihe
parallel  verlaufender  Mittel»!  oränen.  Was  von  den  Gesteinsbrocken ­
  auf  den  felsigen  Untergrund  gerät,  wird  hier  als  Grundmoräne
  mitgeschoben  und  unter  dem  Druck  der  Eismasse  ge-
        <pb n="18" />
        13

kritzt,  geschliffen  oder  zermalmt.  Der  Gletscher  lagert  dann  den
gesamten  Schutt  an  seinem  Ende  in  bogenförmigem  Wall  als
E  n  d  ni  o  r  ä  n  e  ab.
Die  Größe  der  Gletscher  hängt  von  der  Schneemenge
  und  der  Wärme  ab.  Bei  anhaltend  hoher
Temperatur  ist  das  Abschmelzen  stärker  als  der  Nachschub ­
  an  Eis;  der  Gletscher  schwindet.  Eine  Zunahme
des  Niederschlags  in  fester  Form  läßt  ihn  anschwellen
und  wachsen.  Seit  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts
sind  fast  alle  Gletscher  der  Alpen  im  Rückgang  begriffen.
Der  Rhonegletscher  ist  seit  1856  um  1  */*  km  kürzer
geworden.
Die  heutigen  Schwankungen  der  Gletscher  erscheinen ­
  geringfügig  im  Vergleich  zuin  gewaltigen  Rückgang, ­
  der  nach  der  Eiszeit  eingetreten  ist.  Damals,
in  weit  entlegener  Zeit,  lag  die  Schneegrenze  wenig  über
1000  m  Meereshöhe.  Große  Eismassen  erfüllten  die
Täler  und  breiteten  sich  am  Alpenausgang  fächerförmig
aus;  der  größte  Teil  des  Mittellandes  lag  so  unter
einem  Eiskuchen  begraben.  Wie  weit  und  wie  hoch  das
Eis  reichte,  ist  an  den  Moränen  jener  Gletscher  und
den  aus  den  Alpen  herausgeschleppten  erratischen
Blöcken  oder  Findlingen  zu  erkennen.  Der  Rhonegletscher ­
  z.  B.  erfüllte  den  südwestlichen  Winkel  des
Mittellandes;  er  dehnte  sich,  vom  Wall  des  Jura  abgelenkt, ­
  einerseits  bis  Lyon,  anderseits  bis  unterhalb
Solothurn  aus;  beim  Austritt  aus  den  Alpen  bedeckte
das  Eis  die  Felssohle  in  einer  Mächtigkeit  von  über
1000  in.  Unter  dem  Druck  solcher  Eislast  nutzte  die
an  der  Sohle  mitgeschobene  Grundmoräne  den  Felsboden ­
  ab;  das  Gletscherbett  wurde  ausgeschliffen  und
vertieft.  Während  der  Fluß  allein  ein  Tal  mit  V
förmigem  Querschnitt  gräbt,  höhlte  der  Gletscher  die
Flußrinne  zu  einem  UI  förmigen  Tale  aus,  dessen  flacher
Boden  und  steile  Wände  an  einen  Trog  erinnern.  Hoch
über  den  schroffen  Talwänden  liegen  sanft  ansteigende

Schwankungen. ­


Eiszeit.

Eiszeitliche
Talfermen.
        <pb n="19" />
        14

Stufenmündung ­


Felsriegel.

Entstehung
der  Seen'.

Wert  der
Talformen
für  den
Menschen.

Terrassen,  die  Überreste  eines  voreiszeitlichen  Talbodens.
Als  treffliches  Beispiel  eines  vom  Gletscher  geformten
Trogtales  kann  das  Lauterbrunnental  mit  den  Terrassen
von  Murren  und  Wengen  gelten.  Die  Seitentäler
führten  kleinere  Eisströme  und  wurden  nicht  so  stark
vertieft  wie  das  Haupttal.  Sie  münden  heute  hoch
über  dem  Haupttal  aus.  Der  Seitenbach  stürzt  da  als
Wasserfall  über  die  Mündungsstnfe  herunter  (z.  B.  der
Staubbach)  oder  hat  sie  im  Lauf  der  Zeit  in  einer
Schlucht  zersägt  (Trientschlucht  im  Wallis).  In  scharfem,
mühsamem  Anstieg  führt  der  Zickzackweg  aus  dem  Haupttal ­
  neben  der  gähnenden  Schlucht  hinauf  zu  dem  einige
hundert  Meter  höher  liegenden  Eingang  des  Seitentales.
Die  Gletscher  der  Eiszeit  formten  auch  in  der  Längsrichtung ­
  des  Haupttales  solche  Stufen;  flache  Flußstrecken ­
  wechseln  mit  steilen  Stellen,  wo  der  Fluß  mit
starkem  Gefälle  durch  eine  Schlucht  zur  nächsten  flachen
Talstrecke  hinunterstürzt.  Die  querlaufenden,  vom  Fluß
zerschnittenen  Felsriegel  zerlegen  das  Tal  in  eine  Reihe
langgestreckter  und  abgestufter  Becken  (Oberwallis,  Haslital,
  die  Täler  der  Reuß  und  des  Tessins).  Die  langen
Seen  am  Ausgang  der  Alpentäler  sind  als  solche  Felsbecken ­
  aufzufassen,  die  infolge  der  ausschürfenden  Arbeit
der  eiszeitlichen  Gletscher  enstanden  und  sich  mit  dem
Wasser  der  Talflüsse  anfüllten.
Nach  einer  ältern  Ansicht  hatte  ausschließlich  das  fließende
Wasser  die  heutigen  Formen  der  Alpentäler  geschaffen.  Sie  erklärt
  das  Entstehen  der  Seen  am  Alpenrand  durch  ein  Rücksinken
des,  hochgetürmten,  schon  tief  durchtalten  Gebirgskörpers;  dabei
wäre  ein  rückläufiges  Gefälle  der  Flüsse  entstanden  und  das  Wasser
zu  Seen  gestaut  worden.
Die  Steilwände  und  die  Gehängeterrassen  der  Täler,
die  Wasserfälle,  Schluchten  und  Seen  machen  einen
Hauptreiz  der  Alpenlandschaft  aus;  sie  sind  aber  auch
für  die  Bewohner,  ganz  besonders  für  ihr  Erwerbsleben,
bedeutungsvoll  geworden.  Die  Menschen  bevorzugen  für
        <pb n="20" />
        15

die  Alpwirtschaft  den  schwach  geneigten  Boden  der  sonnigen ­
  Terrassen;  hoch  über  der  stark  bevölkerten  Talsohle ­
  sind  hier  eine  Reihe  von  Bergdörfern  und  vereinzelten ­
  Sennhütten  enstanden.  An  der  Stufenmündung
der  Seitentäler  nützen  zahlreiche  Elektrizitätswerke  und
1  Fabriken  die  Kraft  des  stürzenden  Wassers  aus  (die
Fabriken  von  Mels  und  Flums  im  Seeztal;  das
Löntschwerk  im  Kanton  Glarus;  die  Anlagen  im  Rhonetal). ­
  Zum  gleichen  Zweck  baute  mau  Kraftwerke  an
dem  Lauf  des  Talflusses,  da,  wo  er  über  eine  Stufe
zum  nächst  tiefer  gelegenen  flachen  Talstück  hinuntereilt. ­
  War  anfänglich  die  Industrie  auf  das  Mittclland
und  den  Jura  beschränkt,  so  dringt  sie  setzt  immer  kräftiger
auch  in  die  Alpentäler  ein,  die  ihr  so  reichlich  Wasserkraft ­
  zur  Verfügung  stellen.  Die  Zahl  der  Auswanderer
hat  seit  Jahrzehnten  stark  abgenommen;  der  sichere  Verdienst ­
  in  der  Industrie  hält  die  Talbewohner  in  der
Heimat  zurück,  droht  aber  auch,  der  Alpwirtschaft  die
nötigen  Arbeitskräfte  zu  entziehen.  Als  Quelle  des  Erwerbs ­
  ist  neben  der  Industrie  der  Reisendenverkehr  von
weit  größerer  Bedeutung  geworden;  darin  liegt  der
materielle  Wert  der  landschaftlichen  Schönheiten  der  Alpen.
Die  Ufer  der  Gebirgsseen,  die  Wasserfälle  und  Schluchten
des  Gebirges  üben  auf  das  Heer  der  einheimischen  und
fremden  Besucher  eine  starke  Anziehungskraft  aus.  Wie
die  althergebrachte  Alpwirtschaft,  so  faßt  die  moderne
Hotelindustrie  auf  den  sonnigen,  aussichtsreichen  Höhen
festen  Fuß.  Auf  der  Sohle  der  trogförmigen  Täler
verwehren  nicht  selten^  die  Steilwände  den  Ausblick
zu  den  Gipfeln  und  Schneefeldern  und  erwecken  das
beengende  Gefühl  der  Abgeschlossenheit  (Meiringen,
-auterbrunnen);  von  den  sonnigen  Terrassen  aber  schweift
der  Blick  ungehindert  in  die  Gebirgswelt  und  durch
die  Täler  hinaus.  In  solch  bevorzugter  Lage,  hoch
über  dem  Dunst  und  den  Nebeln  der  Tiefe,  sind  in
^,  Neuzeit  eine  Reihe  von  Kurorten  aufgeblüht;  so
Glion  über  dem  Genfersee,  Mürren  und  Wengen  über

Terrassendörfer. ­


Kraftwerke.

Fremd  enmdustrie.
        <pb n="21" />
        16

Verkehr.

Ausdehnung.

dem  Lauterbrunnental,  Beatenberg  ob  dem  Thunersee,
  Axalp  ob  dem  Brienzersee,  Seelisberg  und  Morschach
  über  dem  Urnersee,  Braunwald  ob  dem  Glarner
Linthtal.
Die  reich  verzweigten  Täler  öffnen  dem  Verkehr
viele  und  verhälnismäßig  bequeme  Wege  ins  Innere
der  Alpen  und  durch  die  Einsattelungen  über  die  Bergketten ­
  hinweg.  Seitdem  die  Gotthardbahn  und  die
Simplonbahn  den  internationalen  Schnellverkehr  und
Gütertransport  übernommen  haben,  dienen  die  Alpenstraßen ­
  und  -passe  zumeist  dem  Touristen  und  Lokalverkehr. ­
  Im  einzelnen  finden  die  Wege  im  Stufenbau
der  Täler  manches  Hindernis.  Zu  den  Seitentälern,
die  einige  hundert  Meter  hoch  über  dem  Haupttal  ausmünden, ­
  ist  der  Zugang  stark  erschwert;  durch  kunstvoll ­
  in  vielen  Windungen  angelegte  Straßen  sucht  man
in  neuerer  Zeit  eine  bessere  Verbindung  zu  schassen.
Dem  Längsverkehr  sind  die  Stufen  des  Haupttales
ebenfalls  recht  hinderlich.  Die  Straße  setzt  in  Kehren
über  die  Felsbarrieren  hinweg;  die  Eisenbahn  bewältigt ­
  sie  in  Kehrtunnels.  In  dem  Maß  wie  Straßen
und  Eisenbahnen  das  Gebirge  erschließen,  schwinden
die  altertümlichen  Gebräuche  und  Einrichtungen,  die
sich  in  der  Abgeschlossenheit  der  entlegenen  Talschaften
herausbilden  und  bis  zur  Gegenwart  erhalten  konnten.
2.  Das  Mitteltand.
Das  schweizerische  Mittelland  ist  ein  Teil  des  Alpenvorlandes, ­
  das  am  Genfersee  beginnt  und  sich  über
den  Bodensee  hinaus  in  die  schwäbisch-bayrische  Hochebene ­
  fortsetzt.  In  der  Ostschweiz  hat  es  zwischen
dem  Säntis  und  dem  Randen  im  Kanton  Schasfhansen
eine  Breite  von  70  km.  Nach  Südwesten  wird  es
immer  mehr  zwischen  Alpen  und  Jura  eingeengt  und
verschmälert  sich  im  Winkel  von  Genf  auf  etwa  20  km.
Die  dreieckförmige  Fläche  des  Mittellandes  schneidet
        <pb n="22" />
        17

im  Nordwesten  scharf  ab  an  der  wie  eine  Mauer  steil
aufsteigenden  Kette  des  Jura.  Die  Grenze  verläuft
als  fast  gerade  Linie  vom  Rhonedurchbruch  unterhalb
Genf  bis  zum  östlichsten  Ausläufer  des  Kettenjura,
zur  Lägern,  biegt  dann  nach  Norden  ans  und  folgt
dem  Rheintal  zum  Bodensee.  Zwischen  Alpen  und
Mittelland  zieht  die  Grenze  in  einer  mehrfach  nach
Norden  ausbiegenden  Linie,  von  Vevey  am  Genfersee
über  Bulle,  Thun,  Vitznau,  Weesen  und  Altstädten  im
Rheintal.  Zwischen  je  zwei  Bogen  dringt  das  Mittelland ­
  in  die  Alpen  ein;  an  diesen  Stellen  treten  die
Flüsse  aus  den  Alpen  heraus:  Rhone,  Saane,  Aare,
Reuß,  Linth  und  Rhein.
Die  breite  Mulde  zwischen  Alpen  und  Jura  ist
von  einem  wechselvollen  Hügelland  erfüllt.  Breit  gelagerte, ­
  rundliche,  meist  waldbedeckte  Rücken  ziehen  zwischen
flachen  Talböden  dahin.  Die  Flüsse  gehen  vom  Alpenrand
aus  meist  quer  durch  das  Mittelland  an  den  Jurafuß  zu
ihrer  gemeinschaftlichen  Abflußrinnne;  ihre  vorherrschende
Richtung  von  880  nach  NNW  ist  maßgebend  für  den
Verlauf  der  riemenförmigen  Hügelzüge  (z.  B.  der  Lindenberg). ­
  Westlich  der  Aare  treten  an  Stelle  der  Rücken
schwächer  gewellte  Plateauflächen.  Die  Flüsse  unterbrechen
die  Hochfläche  mit  tiefen,  engen  und  zu  Schlingen  gebogenen ­
  Tälern,  wie  der  Lauf  der  Saane  und  ihrer  Zuflüsse ­
  zeigt.  Für  diesen  westschweizerischeu  Teil  des  Mittellandes ­
  dürfte  noch  am  ehesten  der  vielgebrauchte  Name
„Schweizerische  Hochebene"  gelten.  In  der  breiten  Senke
am  Fuße  des  Jura  überragen  die  Hügel  mit  einer
Meereshöhe  von  500  bis  600  m  den  Talboden  nur  um
ein  geringes.  Gegen  Süden  hin  heben  sie  sich  immer
schärfer  aus  den  Flußtälern  heraus.  Am  Alpenrand
steigen  vereinzelte  Mittellandberge  zu  der  Höhe  der  Voralpen ­
  an,  zu  denen  sie  auch  in  der  Schroffheit  der  Formen ­
  einen  Uebergang  bilden;  Napf  1407  m,  Rigi  1800  m,
Speer  1956  m.  Was  sie  aber  von  den  Alpen  abgrenzt,
das  ist  die  verschiedene  Gesteinsart.  Die  Hügel  des  Mittel-Flückiger,
  Schweiz  z

Bodengestalt
        <pb n="23" />
        18

GesteinLart  landes  sind  aus  Nagelfluh,  Sandstein  und  einem  Gemenge ­
  von  Ton  und  Kalk,  dem  Mergel  aufgebaut  und
zwar  so,  daß  eine  Zone  von  Nagelflnhbergen  dem  Alpensuße
  entlang  zieht  (Jorat,  Napf,  Rigi,  Roßberg,  Speer,
das  Appenzeller  Hügelland),  Sandstein  und  Mergel  dagegen ­
  in  größerem  Abstand  von  den  Alpen  den  Boden
aufbauen.  Die  Gesteine  des  Mittellandes,  Nagelfluh,
Sandstein  und  Mergel,  tragen  den  gemeinschaftlichen
Namen  Molasse  (molasse  =  leicht  zerreibliches  Gestein).
Entstehung  ®on  Beginn  der  Alpenfaltung  an  zerstörte  die  Verwitterung
des  Molaffe-  die  aufgetürmten  FelSmassen  des  Gebirges.  Zahlreiche  Flüsse
schleppten  den  Schutt  ins  Borland  hinaus.  Mit  wachsender  Entfernung ­
  von  den  Alpen  wurde  das  Gefälle  der  Flüsse  geringer.
Sie  lagerten  den  Schutt  nach  der  Größe  sortiert  ab.  Felsbrocken
und  kleinere  Gerölle  blieben  schon  am  Gebirgsfnß  liegen;  den
Sand  und  Schlamm  vermochte  das  fließende  Wasser  noch  weiter
hinaus  zu  befördern.  Eine  genaue  Abgrenzung  der  Schuttzonen
trat  nicht  ein;  denn  ein  kräftiges  Hochwasser  schleppte  Gerölle
bis  zu  der  Stelle,  wo  beim  nächsten  Niedrigwasser  nur  noch  Sand
oder  Schlamm  hingelangen  konnte.  Kies-,  Sand-  und  Schlammbänke ­
  griffen  so  stellenweise  ineinander  über.  Aus  den  gewaltigen
Schuttmassen  der  Alpen  bauten  die  Flüsse  im  Vorland  allmählich
eine  nach  Norden  sich  senkende  Hochebene  auf.  Im  Laufe  der
Zeit  verkittete  eingeschwemmter  Schlamm  wie  eine  Zementmasse
die  Gerölle  zu  Nagelfluh,  die  Sandkörner  zu  Sandstein;  der
tonige  und  kalkige  Schlammabsatz  erhärtete  zu  Mergel.  In  einer
spätern  Zeit  gruben  die  Flüsse  Rinnen  in  ihre  eigene  Ausschüttung;
sie  vertieften  und  verbreiterten  die  Furchen  zu  geräumigen  Tälern
und  zerlegten  die  Molasse  in  rundliche  oder  plateauartige  Höhenzüge ­
  ;  das  sind  die  Überreste  der  einstigen  Hochebene.  Verdanken
Alpen  und  Jura  ihre  Entstehung  dem  Zusammenschrumpfen  der
Erdkruste,  einer  vom  Erdinnern  her  wirkenden  Kraft,  so  sind  die
Hügel  und  Berge  des  Mittellandes  von  außen  her  durch  die  ausnagende ­
  Arbeit  der  Flüsse  geformt  worden.  Im  Gegensatz  zu
Alpen  und  Jura  haben  hier  die  Gesteinsbänke  ihre  ursprüngliche,
wagrechte  Lage  beibehalten.  Eine  Ausnahme  macht  eine  breite
        <pb n="24" />
        19

y'

Zone  am  Alpenrand  vom  Gensersee  bis  zum  Bodensee.  Verletzte
Teil  der  Alpenaufsallung  ergriff  auch  die  benachbarten  Molassefchichten
  und  schob  sie  zu  einem  Gewölbe  zusammen.  Die  schräg
aufgerichteten  Nagelflnhbänke  am  Rigi,  Roßberg  und  Speer  sind
verwitterte  Überreste  dieser  Molassefalte.
Die  Gletscher  der  Eiszeit  überfluteten  vvm  Aus-  Wirkung«
gang  der  Alpentäler  her  einen  beträchtlichen  Teil  des  ber  ® iSäeit ’
Mittellandes;  außer  dem  schon  genannten  Rhonegletscher
waren  es  vor  allem  die  Eisströme  aus  dem  Aare-,
Reuß-,  Linth-  und  Rheiutal.  Sie  verkleideten  die  Rücken
und  Täler  mit  einer  mächtigen  Schuttdecke  und  fügten
zu  diesen  grvßen  Zügen  der  Landschaft  einen  unendlichen
Reichtum  von  Moränewällen.  Das  Gebiet  der  großen
Emme  (Raps)  und  der  Töß  (Zürcher  Oberland)  war
zum  größten  Teil  eisfrei;  hier  konnte  das  rinnende  Wasser
ungestört  ein  fein  verzweigtes  System  von  Tälern  und
Tälchen  ausgraben,  das  in  so  auffälligem  Gegensatz  zu
den  einfach  und  steif,  verlaufenden,  breiten  Gletschertälern
steht.  In  den  Mulden,  die  das  Eis  im  Felsboden  ausschiwfte,
  oder  hinter  Moränenwällen  staute  sich  das  Wasser
zu  Seen.  In  jeder  Größe,  bis  hinunter  zum  Teich,  beleben ­
  sie  das  Bild  des  Mittellandes.  Die  lehmige  Erde
der  Grundmoräue,  die  weithin  dem  Nagelfluh-  und  Sand
steingrund  aufliegt,  bietet  dem  Ackerbau  einen  fruchtbaren
und  tiefgründigen  Boden.  Die  Riedflächen  auf  feuchten,
wasserundurchlässigen  Gründen  liefern  der  Viehzucht  das
Streuegras.  Die  Gletscherbäche  verschleppten  den  Kies
der  Moränen  zu  den  sogenannten  Schotterfeldern,  die
in  den  ausgedehnten  Flußniederungen  eine  große  Fläche
einnehmen.  Aus  diesen  trockenen,  sonnendurchwärmten
Böden  findet  das  Getreide  die  ihm  gut  zusagenden  Bedingungen. ­
  Auf  deni  ehedem  eisbedeckten  Gebiet  des
Mittellandes  liegen  überall  erratische  Blöcke  zerstreut.
An  vielen  Stellen  hat  ihre  Zahl  stark  abgenommen,  da
der  Stein  als  geschätztes  Baumaterial  verwendet  wurde.
Einzelne  durch  Lage  oder  Größe  bemerkenswerte  Find-
        <pb n="25" />
        20

Vorzüge  des
Mittellandes

Jura
Verlauf

linge  bleiben  als  Naturdenkmäler  vor  Zerstörung  geschützt. ­

Das  Mittelland  vermag  ungeachtet  seiner  Anmut
gegenüber  dem  eindrucksvollen  Landschaftsbild  der  Alpen
nicht  zur  Geltung  zu  kommen.  Dafür  besitzt  es  eine  Reihe
anderer  und  wichtiger  Vorzüge.  Fruchtbarer  und  flachliegender ­
  Boden,  ein  gegenüber  Alpen  und  Jura  mildes
Klima  und  die  günstige  Verkehrslage  haben  hier  eine
große  Volksdichte  hervorgerufen.  In  den  Alpen  sind  die
stark  bevölkerten  Talstreifen  durch  die  ausgedehnte,  menschenleere ­
  Felsen-  und  Eiswildnis  der  Gipfelregionen  getrennt. ­
  Das  Mittelland  bildet  dagegen  mit  den  reich
angebauten  Plateauflächen,  Hügeln  und  Tälern  eine  fast
ununterbrochene  Wohnfläche,  obschon  auch  hier  die  Täler
als  Verkehrswege  und  Industriegebiete  die  Stellen  der
größten  Menschenansammlungen  darstellen.  Ackerbau,
Handel  und  Industrie  sind  im  Mittelland  weitaus  am
stärksten  entwickelt.  Volkszahl  und  Wohlstand  machen
es  zum  wichtigsten  Landesteil  der  Schweiz.
3.  Deo  Iirocr.
Südwestwärts  des  Gensersees  löst  sich  der  Jura
als  selbständiges  Gebirge  von  den  französischen  Westalpen ­
  ab  und  umschließt  als  natürlicher  Grenzwall  in
einem  langen,  flachen  Bogen  den  Nordwesten  und  Norden
der  Schweiz.  Er  besteht  aus  einer  Reihe  parallel  laufender ­
  Kalksteinketten.  Die  höchsten  stehen  am  Südostrand
des  Gebirges,  wo  sie  mauerartig  steil  und  ungegliedert
zum  Mittelland  abfallen.  Nach  Nordwesten  hin  werden
die  Bergrücken  immer  niedriger  und  verflachen  sich  allmählich ­
  zum  Tiefland  der  Saöne,  des  Doubs  und  des
Rheins.  In  seinem  mittleren  Abschnitt  am  Neuenburgerund
  Bielersee  gewinnt  der  Jura  die  größte  Breite.  Ueber
20  Ketten  liegen  hier  bis  zum  Doubs  vor  Besan^on
hintereinander.  Ihre  Zahl  nimmt  nach  SW  und  NO  ab,
und  damit  verringert  sich  auch  die  Breite  des  Gebirges;
        <pb n="26" />
        21

an  beiden  Enden  läuft  der  Faltenjura  in  einer  einzigen
Kette  aus.  Der  größere  Teil  des  Berglandes  gehört  zu
Frankreich;  das  gilt  vor  allem  von  der  flachen  Nordwestabdachung. ­
  Der  Schweizer  Jura  umfaßt  dagegen
die  höheren  Ketten  auf  der  innern  Seite  des  Gebirgsbogens.
  Ueber  dem  Waadtländer  Mittelland  erheben  sich
der  Mont  Tendre  zu  1680  in  und  die  Dole  zu  1678  in
als  höchste  Punkte  im  Schweizer  Jura;  jenseits  der  französischen ­
  Grenze,  gegenüber  der  Stadt  Genf,  liegt  die
höchste  Stelle  des  Juras  überhaupt,  Erbt  de  la  Neige
1723  m.  Der  Bergwall  fällt  hier  schroff  über  l000  in
tief  zum  Mittelland  ab.  Nach  Nordosten  wird  er  allmählich ­
  niedriger:  Der  Chasseral  noch  1610  in;  der
Weißenstein  bei  Solothurn  1294  in;  die  Wasserfluh  bei
Aarau  869  in;  die  letzte,  bis  in  den  Kanton  Zürich
hineinziehende  Jurakette,  die  Lägern,  ist  863  w  hoch  und
überragt  das  Mittelland  nur  noch  um  400  m.
Die  Juraketten  ziehen  als  wulstförmige  (Chaumont)
oder  durch  die  Verwitterung  gratartig  geschärfte  Erhebungen ­
  (Chasseral,  Lägern)  nebeneinander  her.  Die
Gipfel  heben  sich  nur  als  schwach  anschwellende  Kuppen
oder  Kämme  über  den  einförmigen  Wall  hinaus.  Zwischen
den  Ketten  liegen  die  Längstäler,  meist  geräumige  Mulden, ­
  die  bei  der  Auffaltung  des  Gebirges  mit  entstanden
sind.  Ausnahmsweise  rücken  die  Ketten  auf  kürzere
Strecken  soweit  auseinander,  daß  Raum  für  breite  Ebenen
geschaffen  wird,  wie  die  Talebcne  von  Delsberg  und  die
Mulde  des  Val  de  Ruz.  Bisweilen  gabelt  sich  ein  Bergzug ­
  in  zwei  Aeste,  die  eine  Strecke  weit  parallel  gehen
und  sich  nachher  wieder  vereinigen;  das  eingeschlossene
Längstal  läuft  dann,  wie  der  Boden  eines  Bootes,  an
beiden  Enden  ansteigend  in  spitzen  Winkeln  aus;  so  das
Längstal  von  Montier  im  Berner  Jura.  Die  Gewässer
fließen  gegen  die  Mitte  des  Tales  zusammen  und  finden
durch  den  Querdurchbruch  einer  Klus  den  Ausgang.
Die  Klüsen  oder  Quertäler  durchbrechen  als  Schluchten ­
  die  Bergrücken  und  stellen  eine  Verbindung  zwischen

Längstäler

Klüsen
        <pb n="27" />
        22

zwei  benachbarten  Längstälern  her.  Zu  den  bekanntesten
Klüsen  zählen  die  von  Court  und  Montier,  diejenige  am
Ausgang  der  Schuß  aus  dem  St.  Jmmertal  (Taubenloch ­
  bei  Biel),  die  Balstalerklus,  die  Schlucht  des  Seyon
quer  durch  den  Chaumont  bei  Neuenburg  und  die  Klus
von  St.  Sulpice.  Sie  sind  von  den  Flüssen  geschaffen
worden.  Bei  der  langsamen  Auffaltung  des  Gebirges
vermochte  der  Fluß  im  gleichen  Maß  sein  Bett  quer  durch
die  Falte  einzugraben,  wie  sich  unter  ihm  der  Boden
hob;  zu  beiden  Seiten  wuchs  die  Faltung  immer  höher,
während  der  Flußlauf  in  seiner  frühern  Lage  blieb.  Die
Klus  ist  von  dem  Längstal  stark  verschieden.  Auf  ihrem
engen  Grund  bleibt  stellenweise  neben  dem  Bach  kaum
mehr  genügend  Raum  für  die  Straße.  Schroff  ansteigende ­
  und  kühn  geformte  Felswände  schließen  das  Tal
ein;  wie  in  einem  Querschnitt  durch  das  Gebirge  liegen
hier  die  verbogenen  Felsbänke  zu  Tage  und  lassen  in
schönster  Weise  den  Faltenaufbau  erkennen  Weil  die
Klüsen  und  Längstäler  meist  im  rechten  Winkel  aufeinandertreffen, ­
  so  müssen  die  Flüsse  und  Straßen  im
Zickzack  den  Ausgang  aus  dem  Gebirge  suchen,  wie  der
Lauf  der  Birs  es  zeigt.
Nicht  überall  besteht  der  Jura  aus  parallelen  Ketten
und  Tälern.  Nördlich  des  St.  Jmmertales  im  Berner
Plateaujura  Jura  hat  die  Verwitterung  das  Gebirge  zu  einer  welligen
Hochfläche,  dem  Plateau  der  Freiberge,  umgestaltet.  Im
nördlichen  Teil  der  Kantone  Basel  und  Aargau  und  im
Kanton  Schaffhausen  sind  die  Jurahöhen  nicht  durch
Auffaltung  entstanden;  die  Kalksteinbänke  liegen  hier  fast
Tafeljura  wagrecht;  es  ist  der  Tafeljura.  Tief  eingegrabene  Flußtäler ­
  mit  den  stark  verzweigten  Seitentälern  zerlegen  das
ganze  Plateau  in  zahlreiche  Bergrücken;  so  das  Tal  der
Ergolz,  das  Fricktal  und  die  Täler  des  Randen  im
Kanton  Schaffhausen.
Wald  Aus  der  Ferne  gesehen  erscheint  der  Jura  als  blaues
Gebirge.  Das  rührt  von  dem  Tannenwalde  her,  der  die
niedrigen  Kuppen  vollständig  umkleidet  und  die  hohen
        <pb n="28" />
        23

Ketten  beinahe  bis  zum  Kamm  hinauf  verhüllt.  (Jura
von  jor  —  Waldgebirge.)  In  den  tiefern  und  wärmern
Regionen  mischt  sich  das  helle  Buchenlaub  unter  das
dunkle  Nadelholz.
Die  Jurahöhen  leiden  trotz  der  reichen  Niederschläge
an  Trockenheit;  das  Regenwasser  sickert  in  den  klüftigen,
durchlässigen  Kalkboden  ein,  sammelt  sich  in  Höhlengängen ­
  im  Berginnern  und  kommt  erst  im  Tale  als
Stromquelle  wieder  zum  Vorschein  (Quelle  der  Birs,
der  Areuse;  die  Noiraigue  im  Traverstall.  Die  Weiden
auf  den  Bergrücken  und  an  den  flachen  Stellen  der  Abhänge ­
  bekommen  im  Sommer  häufig  durch  die  Dürre
eine  rostbraune  Farbe;  die  Weiden  in  den  Hochalpen
dagegen,  auf  undurchlässigem  Boden  vom  Schmelzwasser
des  Schnees  berieselt,  prangen  zur  gleichen  Zeit  in  saftigem ­
  Grün.  Die  ausgedehnten  Waldflächen  an  den
Steilhalden  und  auf  den  Plateauflächen  des  Jura  erfüllen
die  überaus  wichtige  Aufgabe,  die  magere  Erdkrume  auf
dem  Felsboden  festzuhalten  und  darin  die  Feuchtigkeit
aufzuspeichern.  Das  Abholzen  der  Wälder  hätte  zur
Folge,  daß  überall  der  nackte,  rissige  Kalkfels  zu  Tage
käme;  damit  würden  die  Jurahöhen  gleich  unbewohnbar,
wie  einzelne  entwaldete  Kalkgebirge  Südeuropas.
Auf  dem  wasserarmen,  wenig  fruchtbaren  Kalkboden
erlangt  der  Ackerbau  keine  große  Bedeutung.  Die  Grasflächen ­
  auf  Len  Bergrücken  dienen  meist  als  Viehweide.
Die  Sennen  bewohnen  hier  das  vereinzelt  stehende,
charakteristische  Berghaus,  das  in  breitem,  niedrigem
Bau  wie  auf  den  Boden  geduckt  erscheint  und  Schutz
sucht  vor  der  strengen  Winterkälte  und  den  rauhen  Winden.
Der  Regenablauf  des  Daches  wird  in  einen  ausgemauerten ­
  Schacht,  die  Zisterne,  geleitet  als  Wasservorrat  für
die  trockene  Zeit.  Auf  den  Jurahöhen  ist  infolge  der
spärlichen  Hilfsmittel  und  wegen  der  Lage  abseits  vom
Verkehr  die  Volksdichte  gering.
Volksreich  sind  dagegen  die  geräumigen,  sonnigen
Längstäler.  Wiesen  und  Aecker  bedecken  den  breiten  Bo-Wasserarmut



Volk  und
Erwerb
        <pb n="29" />
        24

den  der  Mulde,  und  eine  Reihe  stattlicher  Dörfer  längs
der  Talstraße  zeugt  für  den  Wohlstand,  der  vor  allem
durch  die  Uhrenindustrie  eingezogen  ist.  Bis  in  das  hochgelegene ­
  und  unwirtliche  Jouxtal  und  das  Bergland
von  Chaux-de-fonds  vermochte  die  Industrie  eine  große
Volksdichte  und  Wohlhabenheit  hervorzurufen.
Die  Klüsen  eignen  sich  meist  nicht  als  Wohnplatz
für  den  Menschen.  Es  fehlt  hier  vor  allem  an  Raum,
stellenweise  auch  an  Licht  und  Sonne;  überdies  sind  sie
unangenehm  zugig.  Für  den  Verkehr  besitzen  sie  aber
den  größten  Wert.  Sie  öffnen  quer  durch  den  Berg
einen  Weg  zwischen  den  dicht  bevölkerten  Längstälern
und  zu  den  tiefer  liegenden  Landschaften  am  Rande  des
Jura;  so  machen  sie  das  Innere  des  Gebirges  verhältnismäßig ­
  gut  zugänglich.  In  den  Klüsen  sind  in
neuerer  Zeit  eine  Reihe  industrieller  Anlagen  (z.  B.
Zementfabriken)  entstanden,  für  deren  Betrieb  der  rasch
strömende  Fluß  die  Kraft  liefert.  Die  abgelegenen  Juratäler, ­
  die  weder  die  Vorteile  der  Industrie  noch  des
durchgehenden  Verkehrs  genießen,  gehören  zu  den  ärmsten
und  am  meisten  zurückstehenden  Gebieten  unseres  Landes.

&amp;lt;^m-
        <pb n="30" />
        Das  Klima.

Unter  dem  Einfluß  der  Luftströmung  vom  Atlantischen ­
  Ozean  her  hat  der  Westen  Europas  milde  Winter
und  kühle  Sommer.  In  Osteuropa  ist  dagegen  von  deni
Wärmeausgleich  durch  das  Meer  nur  wenig  zu  verspüren; ­
  hier  herrschen  strenge  Winter  und  heiße  Sommer.
Die  Schweiz  hält  zwischen  der  Atlantischen  Küste  und
den  ausgedehnten  Landflächen  Osteuropas  die  Mitte,  sowohl ­
  in  der  Lage  wie  auch  im  Klima  des  Landes.  Hier
und  im  übrigen  Mitteleuropa  fließen  das  Seeklima  der
Westküste  und  das  Landklima  des  Ostens  ineinander
über.  Je  nach  der  Richtung  des  Windes  macht  sich  abwechselnd ­
  mehr  das  eine  oder  das  andere  geltend.  Die
Schweiz  ist  überdies  ein  Grenzgebiet  zwischen  dem  rauhen
Nordeuropa  und  den  sonnigen,  warmen  Mittelmeerländern.
  Nordeuropäischen  Charakter  hat  das  Gebiet  nordwärts ­
  der  Alpen;  die  südlichen  Alpentäler  zeigen  dagegen
viel  Aehnlichkeit  mit  den  Landschaften  an  der  Mittelmeerküste. ­
  Der  Alpenwall  liegt  als  breite  Grenzmauer  zwischen
den  beiden  Klimagebieten.
Wärme.  Die  vom  Ozean  aufs  Land  übertretende
Luft  mildert  nicht  nur  die  Gegensätze  der  Jahreszeiten;
sie  bringt  im  Durchschnitt  unseren!  Land  auch  eine  höhere
Wärme.  Steht  doch  in  Basel  wie  in  Lugano  die  mittlere ­
  Jahrestemperatur  um  4°  höher,  als  im  Osten  Europas ­
  in  der  gleichen  geographischen  Breite  ohne  den
Einfluß  des  Meeres.  Im  einzelnen  ist  auf  dem  ver-Klimagebiete



Wärme
        <pb n="31" />
        26

hältnismäßig  kleinen  Raum  der  Schweiz  die  Wärme  sehr
Einfluß  der  verschieden,  vor  allem  wegen  der  großen  Höhenunterschiede: ­
  Je  höher,  desto  kälter.
Die  Lust  wird  nicht  direkt  durch  die  Sonnenstrahlen,  sondern
vom  Boden  her  erwärmt.  In  der  Nähe  dieser  Heizfläche  ist  sie
am  wärmsten;  mit  zunehmender  Höhe  wird  sie  kühler,  durchschnittlich ­
  um  0,5"  aus  je  100  m.
Rauh  und  unwirtlich  sind  schon  die  Kämme  und
hochgelegenen  Täler  des  Jura.  La  Brevine  im  Neuenburger ­
  Jura  und  die  Dörfer  des  Jouxtales  zählen  zu
den  kältesten  im  Winter  bewohnten  Orten  der  Schweiz.
In  den  Alpen  führt  ein  Aufstieg  der  Reihe  nach  durch
immer  kühlere  Höhengürtel  bis  zu  jener  Höhe,  wo  bei
der  geringen  Wärme  auch  im  Sommer  der  Schnee  nicht
mehr  weicht.  Vom  Alpenfuß  bis  zum  ewigen  Schnee
der  Hochgebirgsgipsel  beobachtet  man  eine  ähnliche  Abstufung ­
  des  Klimas  und  des  Pflanzenkleides  wie  auf
einer  Wanderung  gegen  den  Pol.  Die  niedrig  gelegenen
Landesteile  haben  gegenüber  dem  Gebirge  den  Vorteil
höherer  Temperaturen,  die  erst  den  lohnenden  Anbau
der  Kulturpflanzen  ermöglichen  und  im  Verein  mit  anderen ­
  Vorzügen  dem  Tiefland  eine  ansehnliche  Volksdichte ­
  sichern.  Solche  Gebiete  sind  das  südliche  Tessin,
das  Mittelland,  dessen  tiefste  Lagen  am  Genfersee  auch
die  wärmsten  sind,  und  der  Nordfuß  des  Jura  bei  Basel.
Die  Uferlandschaft  des  obern  Gensersees  und  die  Tessiner
Kurorte  Locarno  und  Lugano  verdanken  allerdings  ihr
ungewöhnlich  mildes  Klima  außer  der  geringen  Meereshöhe ­
  ebenso  sehr  dem  Schutz  vor  den  Nordwinden  und
der  kräftigen  Sonnenstrahlung  auf  die  südwärts  fallenden
Abhänge').  Den  Einfluß  der  Höhenlage  auf  die  Wärme
zeigt  folgender  Vergleich  der  Temperaturen:

')  Vergl.  den  Abschnitt  über  Fremdenverkehr.
        <pb n="32" />
        27

Meereshöhe

Januar

Juli

Jahr

Gotthardpaß

2l00  m

—  7,7°

7.9°

—  0,6°

La  Brevine

1077

—  4

13,4

4,5

Zürich

470

—  1,4

18,4

8,5

Genf

405

0,0

19,5

9.5

Basel

277

-0,1

19,1

9,5

Locarno

239

2

21,9

11,8

Das  Klima  wechselt  überdies  von  Ort  zu  Ort  aus
Gründen,  die  nichts  mit  der  Höhenlage  zu  schaffen  haben.
Windgeschützte  Halden  sind  milder  als  zugige  Stellen.
Lausanne  hat  im  Jahresmittel  8,9°,  Bern  7,8°;  das
Sanatorium  Wald  (Zürcher  Oberland)  ist  fast  um  1  °
wärmer  als  der  Uetliberg  in  gleicher  Meereshöhe.  In
allen  Tälern  bevorzugt  der  Mensch  die  Sonnhalde  und
die  sonnigen  Terrassen  für  den  Bodenbau  und  für  seine
Wohnstätten.  Große  Seen  begünstigen  die  Umgebung,
weniger  wegen  der  Wärmeaufspeicherung  in  der  Wassermasse,
  als  weil  die  auf  den  Seespiegel  fallenden  Sonnenstrahlen ­
  reflektiert  werden  und  zum  Teil  den  Userhalden
zugute  kommen.  Orte  in  gleicher  Höhe  und  in  geringer
Entfernung  voneinander  können  wegen  all  dieser  Ursachen
ganz  verschieden  warm  sein.
Im  Winter  fließt  bei  ruhigem  Wetter  die  kalte,
schwere  Luft  den  Berghalden  entlang  zur  Tiefe  und  sam
mclt  sich  im  Tal  zu  einem  Kältesee;  dann  sind  die  sonnigen ­
  Bergterrassen,  ja  selbst  die  Gipfel  wärmer  als  der
Talgrund.  Die  Temperaturumkehr  fällt  besonders  auf,
wenn  das  Tiefland  mit  Nebel  bedeckt  ist.
Oft  liegt  im  Winter  tage-  und  wochenlang  ein
Nebelmeer  über  dem  Mittelland.  Sonnig  und  wolkenlos ­
  blau  wölbt  sich  darüber  der  Himmel,  und  in  vollkommener ­
  Klarheit  steigen  die  Alpen  und  die  Höhen  des
Jura  über  die  Nebeldecke  empor.  Aus  dem  weißen,
welligen  Meer  heben  sich  vereinzelte  Bergrücken  des  Mit
tellandes  gleich  langen,  nebelumflossenen  Inseln.  Wer
aus  den  feuchtkalten,  grauen  Nebeln  der  Tiefe  zum  Licht

Örtliche  Unterschiede ­


Temperatur-Umkehr


Nebclmeer
        <pb n="33" />
        28

Nebel  und
Bewölkung

Winde

Wind  aus
SW  u.  VV

Bise

hinaufsteigt,  tritt  fast  plötzlich  in  eine  neue  Welt  voll
Sonnenschein  und  Wärme.  Der  Winter  ist  die  klarste
und  sonnigste  Jahreszeit  im  Gebirge.  Zahlreiche  Winterkurorte
  in  den  Alpen  und  auf  den  Jurahöhen  verdanken
diesem  glücklichen  Umstand  den  starken  Besuch.
Wenn  das  Mittelland  unter  den  Winternebeln  begraben ­
  liegt,  erfreut  sich  die  Südschweiz  anhaltenden
Sonnenscheins.  Das  südliche  Tessin  mit  den  Kurorten
Locarno  und  Lugano  hat  überhaupt  gegenüber  der  ganzen
übrigen  Schweiz  den  Vorzug  der  geringsten  Bewölkung,
der  größten  Zahl  sonniger  Tage.  Nebelarm  sind  auch  das
Wallis,  Graubünden  und  die  Föhntäler  der  Nordalpen.
Winde.  Die  Luftströmungen  sind  einem  starken
Wechsel  unterworfen;  daher  der  launenhafte  Witterungscharakter ­
  unseres  Landes.  Bei  aller  Unbeständigkeit  weht
doch,  wie  im  übrigen  Mittel-  und  Westeuropa,  der  Wind
am  häufigsten  aus  Südwesten  und  Westen.  Er  trägt
die  Feuchtigkeit  vom  Ozean  her  tief  ins  Festland  hinein
und  führt  trübes,  regnerisches  Welker  herbei.  In  einzelnen ­
  Teilen  der  deutschen  Schweiz  kennt  man  ihn  als
„Wetterluft";  die  dem  Regen  am  meisten  ausgesetzte
Westfront  der  Häuser  heißt  die  „Wetterseite"  und  trägt
häufig  zum  besondern  Schutz  eine  Verkleidung  ans  Ziegeln ­
  oder  Schindeln.  Der  Westwind  unterbricht  die
Sommerhitze  durch  kühle  Regentage  und  verdrängt  im
Winter  zeitweilig  den  Frost  durch  das  milde  Tauwetter.
Beinahe  ebenso  häufig  ist  der  Wind  aus  der  entgegengesetzten ­
  Richtung,  aus  Osten,  Nordosten  und  Norden,
die  Bise;  sie  führt  trockene  Luft  von  den  großen  Landflächen ­
  Osteuropas  her;  sie  hellt  den  Himmel  auf  und
bewirkt  im  Winter  eine  durchdringende  Kälte.  Für  beide
Winde  öffnet  die  von  Südwest  nach  Nordost  ziehende
Mulde  des  Mittellandes  eine  natürliche  Gasse.  In  der
südwestlichen  Ecke  des  Mittellandes  weht  die  Bise  stärker
und  häufiger  als  im  Osten.  Wie  in  einer  Enge  des
Flußbettes  das  Wasser  rascher  fließt,  so  wächst  die  Stärke
        <pb n="34" />
        29

des  Windes,  wenn  er  sich,  zwischen  Jura  und  Alpen
immer  mehr  eingeengt,  in  den  Winkel  am  untern  Genfersee
  hineindrängt.  Genf  leidet  mehr  als  jede  andere  Stadt
unter  der  Heftigkeit  der  Bise.
Die  Alpen  sind  für  quer  gerichtete  Winde  ein  Hindernis; ­
  ist  aber  der  Luftdruck  zu  beiden  Seiten  sehr
verschieden,  so  geht  eine  ausgleichende  Luftströmung  über
den  Gebirgswall  hinweg.  Bei  geringem  Luftdruck  im
nordwestlichen  Europa  steigt  Luft  am  Südhang  der  Alpen
empor  und  stürzt  mit  großer  Gewalt  durch  die  nördlichen ­
  Alpentäler  hinaus.  Das  ist  der  Föhn.  Er  erscheint ­
  auf  der  Nordseite  der  Alpen  als  warmer  und
trockener  Wind;  die  beiden  Eigenschaften  erlangt  er  durch
das  Überschreiten  des  Gebirges.
Die  aufsteigende  Luft  steht  in  der  Höhe  unter  geringerem
Druck;  sie  dehnt  sich  aus  und  verliert  dadurch  an  Wärme.  Beim
Aufstieg  am  Südabhang  der  Alpen  scheidet  die  abgekühlte  Luft
die  Feuchtigkeit  in  heftigen  Regengüssen  aus.  Als  kalter  Wind
streicht  der  Föhn  über  den  Bergkamm  und  stürzt  in  die  nördlichen
Quertäler  hinab.  Im  Fallen  nimmt  seine  Wärme  wieder  zu,
um  annähernd  1  °  auf  100  m,  so  daß  er  mit  ungewöhnlich  hoher
Temperatur  die  tiefliegenden  Talausgänge  am  Nordsuß  des  Gebirges ­
  erreicht.
Der  Föhn  tritt  meist  in  den  Quertälern  auf,  da
ihr  Verlauf  mit  seiner  Richtung  übereinstimmt.  Hasli-,
Reuß-,  Linth-  und  Rheintal  sind  eigentliche  Föhnkauäle,
durch  die  der  Südwind  brausend  ins  Vorland  hinunterstürzt. ­
  .In  ungestümen  Stößen  rüttelt  der  Föhn  am
Balkenwerk  der  Häuser;  er  wirbelt  die  Funken  vom  Herdfeuer
  empor  und  trägt  den  Brand  weithin  über  die  ausgedörrten ­
  Schindeldächer  des  Bergdorfes.  Viele  Ortschaften ­
  in  den  Quertälern  der  Nordalpen  sind  bei  Föhnsturm ­
  ganz  oder  teilweise  verbrannt,  so  Meiringen,  Grindelwald, ­
  St.  Stephan  im  Simmental,  Altdorf,  Glarus,
Bonaduz  am  Ausgang  des  Domleschg;  von  den  Dörfern
des  St.  Galler  Rheintales  haben  fast  alle  wiederholt

Föhn

Auftreten  und
Wirkungen
des  Föhns
        <pb n="35" />
        30

Lolalwlnde

unter  Föhnbränden  gelitten.  Wenn  in  den  Tälern  der
Föhn  losbricht,  so  müssen  nach  Vorschrift  der  Föhnpolizei
alle  Feuer  sorgfältig  gelöscht  werden.
Unter  der  Sonnenwärme  allein  würden  die  Schneemassen ­
  im  Gebirge  erst  spät  im  Sommer  zergehen;  der
Föhn  räumt  rasch  damit  auf.  Die  Bergbewohner  fassen
diese  wohltätige  Wirkung  in  die  Worte  zusammen:  „Ohne
Föhn  kein  Frühling!"  Seine  Trockenheit  schädigt  wohl
etwa  die  Baumblüte;  aber  unter  seinem  warmen  Hauch
reift  im  Rheintal  zwischen  Chur  und  Bodensee  der  Wein.
Am  häufigsten  tritt  der  Föhn  in  der  kühlen  Jahreszeit
auf.  Altdorf  zählt  im  Jahr  durchschnittlich  48  Föhntage, ­
  Guttannen  im  Haslital  sogar  79.  In  Meiringen
wacht  die  Föhnpolizei  an  40—50  Tagen.  Die  Föhntage
bringen  im  Winter  im  Mittel  eine  Temperaturerhöhung
von  7  °;  schon  am  frühen  Morgen  kann  dann  eine  geradezu ­
  sommerliche  Wärme  herrschen.  Im  Mittelland
wird  der  Föhn  selten  als  Luftströmung  verspürt;  meist
meldet  er  sich  hier  durch  andere  Anzeichen.  Die  trockene
Luft  zehrt  den  leichten  weißlichen  Dunstschleier  auf,  der
für  gewöhnlich  die  Fernsicht  trübt.  In  scharfen  Umrissen
und  tiefen  Farben  stehen  dann  die  Berge  in  der  eigentümlich ­
  klaren  Luft,  scheinbar  zum  Greifen  nahegerückt.
Hinter  den  Bergzacken  im  Süden  steht  unbeweglich  eine
Wolkenbank,  die  „Föhnmauer".  Liegt  beim  Auftreten
des  Föhns  eine  Nebeldecke  über  dem  Mittelland,  so  löst
er  sie,  vom  Alpenrand  nordwärts  vorrückend,  in  kurzer
Zeit  auf.  Bisweilen  vermag  er  nicht  vollständig  durchzudringen; ­
  dann  ist  es  bis  in  die  Mitte  des  Hügellandes ­
  hell,  während  am  Jurafuß  noch  die  Nebel  stehen.
Bei  der  trockenen  Luft  befällt  den  Menschen  ein  Gefühl
der  Mattigkeit;  der  Föhn  „liegt  ihm  in  den  Gliedern".
In  gewissen  Alpentälern  steigert  sich  die  körperliche  und
geistige  Abspannung  zu  einem  krankhaften  Zustande,
zur  „Föhnsucht".
Lokalwinde.  Höhenrücken  drängen  häufig  die
untern  Luftströmungen  aus  der  ursprünglichen  Richtung
        <pb n="36" />
        31

und  zwingen  sie,  der  Talfurche  zu  folgen.  Die  großen
abgeschlossenen  Felsmulden  der  Alpen  sind  relativ  windstill; ­
  von  den  Winden  des  Mittellandes  werden  sie
kaum  berührt.  So  kann  es  vorkommen,  daß  heftige
Südwestwinde  am  Wallis  und  Engadin  spurlos  vorübergehen. ­

In  den  Alpentälern  entsteht  bei  ruhigem  Wetter  eine
regelmäßig  wechselnde  Luftströmung,  der  Berg-  und
T  a  l  w  i  n  d.  Tagsüber  erhitzen  sich  die  Felswände  in  der
Sonne  und  die  Lust  strömt  taleinwärts  empor.  Gewöhnlich ­
  setzt  der  Talwind  in  der  Mitte  des  Vormittags ­
  ein;  er  trägt  die  Feuchtigkeit  der  Tiefe  zu  den
Berggipfeln  hinauf,  die  sich  allmählich  in  Wolkenballen
hüllen.  Nach  Sonnenuntergang  sinkt  die  erkaltete  Luft
und  fließt  als  Bergwind  talauswärts;  dann  enthüllen
sich  die  Berge  und  sind  häufig  bei  Tagesanbruch  vollständig ­
  klar.  Der  Talwind  ist  weit  stärker  als  die
nächtliche  Gegenströmung;  vielerorts  hat  er  seine  Richtung
in  den  Baumkronen  abgebildet,  die  vom  Luftzug  angeblasen ­
  und,  Windfahnen  gleich,  taleinwärts  verzogen
erscheinen.  Auf  den  Seen  am  Alpenrand  lassen  die
Schisser  ihre  Segelbarken  durch  den  reglmäßig  wechselnden ­
  Wind  treiben;  bleibt  er  aus,  so  steht  nach  alter
Erfahrung  ein  Wetterumschlag  bevor.
Niederschläge.  An  Befeuchtung  übertrifft  die
Schweiz  die  meisten  Nachbargebiete.  Sie  verdankt  ihren
Wasserreichtum  der  Nähe  des  Meeres,  vor  allem  aber
ihren  Gebirgen;  denn  ganz  allgemein  nimmt  die  Niederschlagsmenge ­
  bis  zu  einer  gewissen  Meereshöhe  zu.  Die
tiefliegenden  Teile  des  Landes  sind  relativ  trockene  Stellen
inmitten  der  schnee-  und  regenreichen  Höhen  der  Alpen
und  des  Jura;  selbst  im  Mittellaud  ist  der  Unterschied
der  Feuchtigkeit  zwischen  Tälern  und  Hügeln  zu  erkennen.
Wenn  der  feuchte  Westwind  an  einem  Gebirge  aufsteigt,
so  sondert  er  den  Wasserdampf  aus;  es  fällt  Regen
oder  Schnee.  Niederschlagsreich  ist  schon  der  Jura,
besonders  auf  seiner  Westseite,  wo  die  jährliche  Regen-Vera-

  unb-Talwind


Niederschläge

Verteilung
der
Niederschläge
        <pb n="37" />
        32

höhe  200  cm  erreicht.  Umso  trockener  ist,  im  „Windschatten", ­
  der  Südostfuß  des  Jura,  ein  breiter  Streifen
vom  Genfersee  bis  über  Schaffhausen  und  zum  Bodensee ­
  hinaus.  Auf  diesem  tief  liegenden  Teil  des  Mittellandes ­
  finden  die  Getreidefelder  und  Weinberge  in  der
geringen  Regenmenge  und  der  hohen  Sonnenwärme  gut
zusagende  Bedingungen.  Mit  dem  Ansteigen  des  Mittellandes ­
  gegen  die  Voralpen  nimmt  auch  die  Regenmenge
zu.  In  der  Mitte  zwischen  Jura  und  Alpen  erreicht
sie  etwa  100  cm,  das  ist  mehr  als  die  Regenhöhe  im
größeren  Teil  Norddeutschlands  und  in  der  Poebene.
Die  Alpen  heben  sich  als  Gebiet  großer  Niederschläge
von  der  Umgebung  deutlich  ab;  am  Säntis  werden
250  cm  gemessen.  Die  Täler  der  Aare,  der  Reuß,  der
Linth  und  des  Rheins  sind  dagegen  nicht  feuchter  als
das  Mittelland,  weil  ihnen  die  Berge  den  Regen  entziehen. ­
  Am  regenärmsten  sind  die  Talkessel  des  Wallis
und  des  untern  Engadins  (Sierre  im  mittlern  Wallis
mit  57  cm).  Dem  Südhang  der  Alpen  geben  die  starken
Föhnregen  einen  Überfluß  an  Wasser  (Seite  29).
Schwankungen  Die  Zahlen  für  die  Niederschlagsmenge  sind  Mittelwerte
jahrzehntelanger  Messungen.  Von  einem  Jahr  znm  andern  erleidet ­
  aber  der  Regen-  und  Schneefall  große  Schwankungen.  In
feuchten  Jahren  steigt  der  Niederschlag  fast  auf  das  Dreifache  der
trockenen  Jahre  an.  Im  mittleren  Wallis  ging  die  jährliche
Regenmenge  schon  auf  30  cm  zurück;  das  ist  nur  wenig  mehr
als  der  Durchschnitt  in  den  Oasen  Nordafrikas.  So  wird  es  verständlich, ­
  daß  der  Walliser  gleich  dem  Oasenbewohner  für  künstliche
Bewässerung  seines  Bodens  besorgt  sein  muß.
Jahreszeitliche  Regen  fällt  in  der  Schweiz,  wenn  auch  ungleich
Bertettung  verteilt,  zu  allen  Jahreszeiten.  Nordwärts  der  Alpen
ist  der  Frühsommer  die  feuchteste  Zeit;  das  Wetter
ist  dann  noch  unbeständig,  häufig  kühl  und  zum  Reisen
nicht  sonderlich  geeignet.  In  der  Südschweiz  wiegen  die
Herbstregen  vor,  die  den  Übergang  zu  den  Winterregen
des  Mittelmeergebietes  darstellen.
        <pb n="38" />
        33

Die  winterliche  Schneedecke  hält  in  den  tiefern
Landesteilen  selten  längere  Zeit  an.  Im  südlichen  Tessin
und  am  Genfersee  schmilzt  sie  meist  schon  nach  wenigen
Tagen.  Im  rauheren  St.  Gallen  liegt  der  Schnee  im
Mittel  schon  über  70  Tage,  in  Davos  und  im  Oberengadin ­
  volle  sechs  Monate.  In  den  höchsten  Partien
der  Alpen  fallen  die  Niederschläge  fast  ausschließlich  als
Schnee.  Der  Winter  schüttet  auch  über  die  untern,  von
Menschen  bewohnten  Bergregionen  und  über  die  Jurahöhen
  mächtige  Schneemassen  aus,  die  die  Wege  fast
ungangbar  machen  und  mit  ihrer  Last  die  halb  verwehten ­
  Hütten  zu  erdrücken  drohen.  In  der  Schneedecke ­
  des  Gebirges  ist  eine  bedeutende  Wassermenge  für
die  warme  Jahreszeit  aufgespeichert.  Auf  den  Feldern
des  Tieflandes  liegt  oft  den  ganzen  Winter  über  nur
ein  leichter  Anflug  von  Schnee;  gerade  hier  wäre  aber
eine  ordentliche  Schneedecke  besonders  willkommen  zum
Schutz  für  die  Wintersaat  und  als  Wasservorrat  für
das  erste  Wachstum  der  Pflanzen  im  Frühling.
Wetterlagen  der  Schweiz.
Die  Witterung  hängt  von  der  Richtung  des  Windes  ab.
Der  Wind  selbst  richtet  sich  nach  der  Verteilung  des  Luftdruckes,
dessen  Unterschiede  von  Ort  zu  Ort  sich  im  Barometerstand  zeigen.
Nach  einem  Gebiet  mit  geringem  Luftdruck  und  tiefem  Barometerstand ­
  (Minimum  oder  Depression)  strömt  die  Luft  so  lange  hin,
bis  der  Drnckunterschied  ausgeglichen  ist.  Solche  Gebiete  tiefen
Barometerstandes  können  an  Umfang  einem  großen  Teil  Europas
gleichkommen  und  verlegen  meist  in  kurzer  Zeit  ihren  Standort.
Am  häufigsten  wandert  das  Minimum  vom  Atlantischen  Ozean
her  über  Nordsee  und  Ostsee  und  verschwindet  im  Nordosten
Europas.  Je  nach  der  augenblicklichen  Lage  des  Minimums
ändern  die  ihm  zuströmenden  Winde  ihre  Richtung.
Niedriger  Luftdruck  im  nordwestlichen  Europa  bringt  der
Schweiz  das  Föhuwetter,  mit  starken  Regen  in  der  Slidschweiz,
mit  Wärme  und  Hellem  Himmel  nordwärts  der  Alpen.  Das
schöne  Wetter  ist  meist  von  kurzer  Dauer.  Die  bei  Föhn  anf-Flückiger,
  Schweiz  g

Schneedecke

Wetterlagen  !

Föhnwetter
        <pb n="39" />
        Negenlage

Schönweiterläge


Hochdrucklage

fallende  Farbe  und  Rahsichtigkeit  der  Berge  gelten  als  Vorboten
eines  Wetternmschlages,  der  meist  schon  am  zweiten  oder  dritten
Tag  eintritt.
Mit  der  Wanderung  des  Minimums  nach  der  Nord-  und
Ostiee  dreht  nämlich  der  Wind;  er  kommt  jetzt  aus  SW  oder
W  und  bewirkt  Trübung  und  Niederschläge.  Zutreffend  sagt
eine  alte  Bauernregel:  „Aus  Föhn  folgt  Regen".
Bei  tiefem  Barometerstand  über  der  Westhälfte  des  Mittelmeeres ­
  herrscht  in  der  Schweiz  die  Bise.  Da  erfahrungsgemäß
die  Depression  in  Südeuropa  meist  längere  Zeit  in  ihrer  Lage
verharrt,  so  hält  auch  die  Bise  tage-,  ja  wochenlang  an.  Eine  Bisenperiode ­
  im  Winter  bedeutet  eine  Zeit  strenger,  trockener  Kälte.  Im
Sommer  hemmt  der  scharfe  Wind  das  Wachstum  der  Pflanzen
und  trocknet  bisweilen  den  Boden  so  gründlich  aus,  daß  er  von
Rissen  klafft.  In  Südfraukreich  kennt  man  den  rauhen  Nordwind, ­
  der  durch  das  Rhonetal  hinnnterfegt  und  die  Pflanzungen
schädigt,  unter  dem  Namen  Mistral.
Wenn  sich  über  dem  Alpengebiet  hoher  Luftdruck  einstellt
(ein  Maximum),  so  beginnt  ein  langsames  Sinken  und  Abfließen
der  Lust.  Es  tritt  dann  bei  klarem  Himmel  relativ  windstilles
Wetter  ein.  Im  Winter  bildet  sich  bei  dieser  Wetterlage  das
Rebelmeer,  das  so  lange  über  dem  Mittelland  flutet,  als  der  hohe
Lufdruck  anhält.
Sobald  vom  Atlantischen  Ozean  her  eine  neue  Depression
anrückt,  so  erscheint  wieder  der  Föhn,  der  in  kürzester  Zeit  die
Nebeldecke  aufzehrt  und  dann  vom  feuchten  Südwestwind  abgelöst ­
  wird.  Recht  häufig  folgen  iin  Winter  die  wandernden  Depressionen ­
  rasch  nacheinander.  Bei  jeder  wiederholt  sich  das
Wechselspiel  der  Winde  und  Wetterlagen;  das  verleiht  der
Witterung  der  Schweiz  vorab  für  den  Winter  den  Charakter
großer  Unbeständigkeit.
        <pb n="40" />
        Gewässer.

Die  große  Schnee-  und  Regenmenge  der  Schweiz
speist  zahlreiche  Bäche  und  Flüsse,  die  das  ganze  Land
mit  einem  stark  verästelten  System  von  Tälern  durchfurchen. ­
  Zum  größten  Teil  haben  sie  ihren  Ursprung  im
Innern  der  Alpen.  Die  Gotthardgruppe  erscheint  als
Ausgangspunkt  der  Gewässer;  in  ihrer  Umgebung  entstehen
einige  der  bedeutendsten  Wasserläufe  Mitteleuropas  und
streben,  nach  allen  Himmelsrichtungen  auseinandergehend,
den  tief  liegenden  Gebieten  der  Nachbarländer  zu:  Der
Rhein  (und  unter  seinen  Zuflüssen  Aare  und  Neuß),
die  Rhone  und  der  Tessin,  während  die  Quelle  des
Inn  weiter  ostwärts  in  der  Nähe  des  Maloja  liegt.
Der  Tessin  ergießt  sich  in  den  Po,  der  Inn  in  die
Donau;  so  gehören  die  schweizerischen  Gewässer  zu  den
vier  Stromgebieten  des  Rheins,  der  Rhone,  des  Po
und  der  Donau.  Das  Einzugsgebiet  des  Rheins  beansprucht ­
  fast  3 / 4  der  gesamten  Bodenfläche  der  Schweiz.
Die  Rhone  entwässert  das  Wallis  und  den  südwestlichen
Teil  des  Mittellandes  am  Nordufer  des  Genfersees.
Die  Südschweiz  gehört  zum  Stromgebiet  des  Po,  das
Engadin  zu  demjenigen  der  Donau.
Jeder  Fluß  führt  bald  mehr,  bald  weniger  Wasser, ­
  je  nach  der  Jahreszeit  und  den  augenblicklichen
Witterungsverhältnissen.  Die  Schwankungen  des  Wasserstandes ­
  sind  im  Oberlauf  viel  größer  als  in  der  Nähe
der  Mündung;  im  Quellgebiet  ist  im  allgemeinen  auch

Ursprung

Stromgebiete

Schwankungen
des
Wasserstandes
        <pb n="41" />
        36

Alpenflüsse

Flüsse  der
Südschweiz

das  Gefälle  und  die  Strömung  stärker  als  im  Unter»
lauf.  Die  vorhin  genannten  vier  Hauptflüsse  gehören
nur  in  ihrem  Oberlauf  zur  Schweiz;  das  verleiht  den
Gewässern  unseres  Landes  ihre  ausfälligsten  Eigenschaften ­
  :  Bedeutende  Schwankungen  in  der  Wassermenge
und  ein  fast  durchwegs  starkes  Gefälle.
Je  nachdem  das  Einzugsgebiet  der  Flüsse  vorwiegend ­
  in  den  Alpen,  im  Miltelland  oder  im  Jura
liegt,  fallen  die  hohen  und  niedrigen  Wasserstäude  auf
verschiedene  Zeiten.
Die  Alpenflüsse  werden  vorwiegend  durch  das
Schmelzwasser  der  Schneefelder  und  Gletscher  genährt.
Im  Frühling  fangen  sie  an  zu  steigen  und  erreichen  im
Juni  und  Juli  zur  Zeit  der  starken  Schneeschmelze  im
Gebirge  den  höchsten  Stand;  im  Winter  führen  sie
wenig  Wasser.  Kurze  und  starke  Hochfluten  treten  auch
im  Frühling  auf,  wenn  spätgefallener  Schnee  auf  den
Voralpen  unter  der  Föhnwärme  plötzlich  zergeht.  Im
Sommer  steigen  und  fallen  die  Gletscherwasser  sogar
mit  dem  Wechsel  der  Tageszeiten.  Bäche,  die  nach  der
Kälte  der  Nacht  wenig  Wasser  bringen  und  leicht  zu
überschreiten  sind,  schwellen  tagsüber  durch  das  starke
Abschmelzen  des  Eises  so  an,  daß  sie  unpassierbar  werden.
Die  Flüsse  der  Südschweiz  (Tessin,  Maggia)  haben
einen  nur  geringen  Anteil  au  Schnee-  und  Eisfeldern;
ihr  Wasserstand  richtet  sich  nach  den  jeweiligen  Niederschlagsverhältnissen. ­
  Im  Sommer  sind  sie  wasserarm;
unter  den  heftigen  Föhnregen  im  Heibst  und  Winter
schwellen  sie  fast  plötzlich  zu  gefährlicher  Wildheit  an.
Die  Maggia  fuhrt  dem  Langensee  bei  ihrem  tiefsten  Stand
wenige  m a ,  zur  Zeit  der  Hochflut  dagegen  bis  1000  m  '
Wasser  in  der  Sekunde  zu.  Tessin  und  Maggia  samt
ihren  Seitenbächen  zeigen  eine  ausfallende  Ähnlichkeit
mit  vielen  Wasserläufen  der  Mittelmeerlandschast,  die
im  Sommer  fast  trocken  da  liegen  und  unter  den
Winterregen  sich  mit  Wasser  anfüllen.
        <pb n="42" />
        37

Beim  Wasserhaushalt  der  Flüsse,  deren  Einzugsgebiet ­
  im  Mittelland  oder  im  Jura  liegt,  wirken  keine
Firnfelder  mit.  Hochwasser  tritt  hier  infolge  der  Schneeschmelze ­
  im  Frühling  oder  bei  starken  und  anhaltenden
Regengüssen  ein.  Im  Winter  und  nach  langer  Trockenheit ­
  im  Sommer  erreichen  die  Gewässer  den  tiefsten  Stand.
Flußabwärts  verringern  sich  allmählich  die  Schwankungen ­
  in  der  Wasserhöhe,  besonders  dann,  wenn  Zuflüsse ­
  aus  verschiedenartigen  Gebieten  des  Landes  einmünden ­
  (Alpen,  Mittelland,  Jura).  Bringen  die  einen
viel  Wasser,  so  stehen  andere  zur  selben  Zeit  mittel
oder  niedrig;  so  gleichen  sich  die  Unterschiede  etwas  aus.
Die  Seen  wirken  als  große  Regulatoren  im  gleichen
Sinne;  sie  lassen  die  Hochwasserflut  nur  mit  Verspätung
und  erheblich  geschwächt  abfließen.  Die  dämpfende  Wirkung ­
  tritt  in  den  größten  Wasserbecken,  dem  Genfersee
und  dem  Bodensee,  besonders  klar  zutage.  Einzelne
Kraftwerke,  am  Ausfluß  von  Seen  angelegt,  machen  sich  den
Vorteil  einer  natürlich  regulierten  Wasserführung  zu
nutze  (Elektrizitätswerke  Genf).  Für  die  Userschutz-  und
Brückenbauten  und  für  die  Wasserkraft-Anlagen  hängt
sehr  viel  vom  Wasserstand  und  seinen  Schwankungen
ab.  Er  entscheidet  ebenfalls  über  die  Dauer  der  Schifffahrt ­
  auf  den  dazu  geeigneten  Flußstrecke».
Im  Vergleich  zu  den  Gewässern  der  großen  europäischen ­
  Tiefländer  haben  die  schweizerischen  Flüsse  fast
durchwegs  ein  starkes  Gefälle,  besonders  in  den  Alpentälern
und  den  Querdurchbrüchen  des  Jura.  Zahlreiche  Schnellen
und  Wasserfälle  unterbrechen  die  längern  Flußstrecken
mit  ruhiger  Strömung;  das  Gefälle  ist  noch  unausgeglichen. ­
  Darin  liegt  eine  der  Schwierigkeiten  für  die
zukünftige  Schiffbarmachung  der  Gewässer.
Die  Schuß  fällt  in  der  Klus  von  Reuchenette  um  145  m
auf  einet  Strecke  von  4  km;  die  Rhone  in  der  Schlucht  unterhalb ­
  Gletsch  380  m  auf  8  km,  unterhalb  Martigny  40  m  auf
13  km;  der  Rhein  oberhalb  der  Einmündung  der  Aare  11m

Mittelland-  u.
Juraflüsse

Wirkung  der
Seen

Gefälle
        <pb n="43" />
        38

.
ans  16  km;  dagegen  die  Rhone  vor  ihrer  Mündung  ins  Mittelländische ­
  Meer  160  m  auf  800  km;  die  Donau  vor  ihrer  Mündung
ins  Schwarze  Meer  40  m  auf  900  km!
ejt  Infolge  der  raschen  Strömung  vermögen  die  Flüsse
Wildbäche  gewaltige  Massen  von  Schutt  aus  dem  Gebirge  ins
Vorland  hinauszuschleppen.
Die  seitlichen  Halden  der  Alpentäler  sind  von  unzähligen ­
  parallel  zur  Tiefe  laufenden  Wasserrinnen  oder
Runsen  durchfurcht.  Meist  liegen  sie  trocken.  Wenn
aber  der  Schliee  schmilzt  oder  ein  starker  Regen  fällt,
so  füllen  sich  diese  Gräben  mit  tosend  zu  Tal  stürzendem
Wasser,  das  den  lockern  Gehängeschutt  mitreißt  und  auf
den  Boden  des  Tales  hinausschwemmt.  Das  Wasser
gräbt  die  Rinnen  stets  tiefer  in  die  Berghalde  und
bringt  den  Boden  der  Umgebung  ins  Rutschen.  Schlamm
und  zertrümmerte  Gesteinsbrocken  legen  sich  als  flacher
Schuttkegel  Schuttkegel  vor  den  Ausgang  der  Wasserrunse  ins  Tal.
Nicht  selten  erhöht  der  Schuttkegel  den  Talboden  in
seiner  ganzen  Breite  bis  zur  gegenüberliegenden  Halde.
Der  Talfluß  wird  dann  aus  seiner  Richtung  abgedrängt
und  umfließt  das  Hindernis  in  einem  großen  Bogen.
Auf  einzelnen  Talstrecken  wachsen  beidseitig  aus  Nebentälchen
  und  Wildwasserrunsen  so  viele  Schuttkegel  ins
Haupttal  hinaus,  daß  der  Fluß  zu  einem  schlangenartig
gewundenen  Lauf  gezwungen  wird  (Rhone  im  Wallis).
Verbauung  Die  verheerenden  Ausbrüche  der  Wildbäche  machten
der  Wildbäche  kostspielige  Verbauungsarbeilen  notwendig.  Mauern  und
Dämme  längs  der  gefährdeten  Ufersielleu  sollen  der
Überflutung  wehren.  Quermauern  im  Bachbctt  unterbrechen ­
  den  Wasserlauf  durch  eine  Reihe  von  Stufen;
darüber  hinunter  stürzt  das  Wasser  in  senkrechtem  Fall
und  durchfließt  dann  bis  zur  nächstfolgenden  Stufe  eine
Wildbachtreppe  Strecke  mit  geringer  Neigung.  Eine  solche  Verbauung,
Wildbachtreppe  genannt,  verhindert  ein  tieferes
Ausnagen  des  Bettes  und  das  Nachrutschen  der  unterwühlten ­
  Uferhalden.  Als  ebenso  wirksam  hat  es  sich
        <pb n="44" />
        39

erwiesen,  das  ganze  Einzugsgebiet  mit  Wald  oder  mit
Rasen  zu  bepflanzen.  Der  Waldboden  hält  bei  Regenfällen ­
  einen  Teil  des  Wassers  zurück  und  verhindert  ein
plötzliches  verheerendes  Anschwellen  der  Bäche;  überdies
verwehrt  die  Pflanzendecke  dem  rinnenden  Wasser,  den
Boden  aufzureißen  und  die  lockere  Erde  zur  Tiefe  zu
schwemmen.
Was  die  Seitenbäche  an  Schutt  dem  Hauptfluß
zutragen  oder  was  er  selbst  durch  das  Unterwühlen
der  Ufer  abreißt,  das  schleppt  die  starke  Strömung
talauswärts.  In  flachen  Talstrecken  und  im  Vorland,
wo  das  Gefälle  geringer  wird,  genügt  die  Stoßkraft  des
Wassers  nicht  mehr  zum  Weitertransport  der  Geschiebemassen; ­
  sie  bleiben  im  Flußbett  liegen  und  füllen  es
auf.  In  der  Hochwasserzeit  tritt  der  Fluß  aus  und
überführt  den  angrenzenden  flachen  Boden  mit  Schutt.
Dann  windet  er  sich,  in  einzelne  Arme  zerteilt,  durch
die  mit  Weiden-  und  Erlengestrüpp  und  mit  Schilf
bewachsene  Kieswildnis  und  durch  die  Sumpfwiesen  der
Talebene.  „Verkehrswege  und  Dörfer  mieden  von  jeher
die  von  Überschwemmung  bedrohte  Talsohle  und  bevorzugten ­
  eine  erhöhte,  sichere  Lage  am  Rand  des
Sumpflandes.  Die  Bemühungen  der  Anwohner,  den
Fluß  einzudämmen  und  unschädlich  zu  machen,  hatten
keinen  dauernden  Erfolg.  Die  Kiesbänke  füllten  die
Wasserrinne  zwischen  den  Dämmen  immer  wieder  aus
und  verursachten  neue  Ausbrüche;  zudem  fehlte  es  bei
den  Uferschutzbauten  an  einem  einheitlichen  Plane.  Erst
die  großen  Flußkorrektionen  der  Neuzeit  legten  die  Sumpfflächen ­
  endgültig  trocken  und  sicherten  sie  vor  neuer
Schuttüberführung.  Geradlinig  gebaute  Kanäle  schneiden
die  Flußschlingen  ab;  im  verkürzten  Lauf  schafft  das
rascher  strömende  Wasser  das  Geschiebe  weiter.  In
einzelnen  Fällen  wurde  der  Fluß  zur  Ablagerung  seiner
Sinkstoffe  in  einen  naheliegenden  See  abgeleitet.
Während  langer  Zeit  waren  die  Flußverbaunngen
hauptsächlich  darauf  berechnet,  durch  eine  starke  Strömung

Schutttransport ­


Überschwemmung ­


Flußkorrektionen ­
        <pb n="45" />
        40

Aufforsten  des
Ouellgebietes

Korrektions-Werke


Folgen  der
Entsumpfung

das  Bett  stets  vorweg  vom  Schutt  zu  säubern  und  ihn
talauswärts  zu  transportieren.  Gegenwärtig  trachtet
man  eher,  dem  Übel  in  seinen  Anfängen  zu  steuern.
Durch  das  Aufforsten  des  Ouellgebietes  werden  die
Rutschungen  verhindert;  das  rinnende  Wasser  vermag
dort  nicht  mehr,  mit  der  frühern  Gewalttätigkeit  den
Boden  aufzureißen.  Nach  dem  Bundesgesetz  von  1902
führt  der  Bund  die  Oberaufsicht  über  das  Forstwesen
der  ganzen  Schweiz,  insbesondere  über  jene  Bergwälder,
die  Schutz  vor  Wildbachverwüstung  und  vor  Lawinen
bieten  sollen.  Aufgabe  des  Staates  ist  es  auch,  die
Flußkorrektionen  zu  unterstützen.  Der  Bund  und  die
Kantone  haben  gemeinschaftlich  in  zahlreichen  kostspieligen
Wildwasserverbauungen  und  großen  Flußkorrektionen  den
bedrohten  Talbewohnern  Hilfe  gebracht.  Der  Bund  gab
von  1855  bis  Ende  1908  an  Beiträgen  für  Flußkorrektionen, ­
  Wildbachverbauungen  und  Entsumpfungen
85,3  Millionen  Fr.  ans.  Unter  den  wichtigsten  Entsumpfungsarbeiten ­
  in  der  Schweiz  sind  zu  nennen:  Die
Ableitung  der  Lütschine  in  den  Brienzersee  zum  Schutze
des  Bödeli;  der  Kandcrdurchstich  zum  Thunersee;  die
Juragewäsferkorrektion  (Tieferlegung  des  Vieler-,  Neuenburger- ­
  und  Murtensees  und  Durchstich  der  Aare  zum
Bielersee);  die  Entsumpfung  der  Linthebene  zwischen
Walen-  und  Zürichsee  durch  die  Ableitung  der  Linth  zum
Walensee;  die  Rheinkorrektion  im  St.  Galler  Rheintal,
die  gegenwärtig  noch  nicht  vollendet  ist.
Große  Flächen  anbaufähigen  Bodens  sind  hier
den  Überschwemmungen  entrissen  worden;  die  Schweiz
hat  in  friedlicher  Arbeit  einen  ansehnlichen  Zuwachs
an  Kulturland  gewonnen.  Mit  der  Austrocknung  des
Bodens  besserte  sich  auch  der  Gesundheitszustand  der
Anwohner;  die  Malaria,  die  früher  die  Hingebung  der
Sümpfe  heimsuchte,  ist  heute  ganz  verschwunden.  Der
Lauf  der  Gewässer  hat  durch  die  Korrektionen  in  den
Gebirgstälern  und  im  Mittelland  auf  weite  Strecken
Veränderungen  erfahren,  die  mehr  den  Zwecken  des
        <pb n="46" />
        41
Menschen  dienen,  als  einem  natürlichen  Zustand  entsprechen. ­
  In  neuester  Zeit  wird  das  natürliche  Bild  der
Bäche  und  Flüsse  immer  häufiger  gestört  durch  die
Anlagen  zur
Ausbeutung  d  e  r  W  a  s  s  e  r  k  r  ä  f  t  e.  Das  große  Ausbeulung
Gefälle  der  Flüsse  in  den  Alpen,  in  den  höher  gelegenen  b»  Wasser-Teilen
  des  Mittellandes  und  in  den  Klüsen  des  Jura  l “
erlaubt  es,  in  zahlreichen  Werken  die  Strömung  des
Wassers  auszunutzen.  Entweder  reihen  sich  die  Fabriken
dem  Flußufer  entlang,  um  die  Betriebskraft  direkt  dem
Wasserlauf  zu  entnehmen;  oder  es  wird  durch  die
modernen  Kraftwerke  der  elektrische  Strom  dahin  geleitet,
wo  man  seiner  für  die  Industrie,  für  den  Eisenbahnverkehr ­
  oder  zu  Beleuchtungszwecken  bedarf.  Außerdem
stehen  noch  heute  wie  in  alter  Zeit  zahllose  Mühlen
und  Sägemühlen  am  Ufer  eines  Baches,  dessen  Kraft
ihren  Betrieb  unterhält.
Der  Kraftvorrat  unserer  Gewässer  ist  um  so  höher
zu  bewerten,  als  die  Schweiz  fast  keine  eigenen  Kohlen
besitzt.  Die  Einfuhr  von  Kohle  aus  dem  Ausland  (vorab
aus  Deutschland)  macht  einen  Betrag  von  annähernd
100  Millionen  Franken  aus.  Dieser  alljährliche  Tribut
war  ein  mächtiger  Ansporn  zur  Ausnutzung  der  einheimischen ­
  Wasserkräfte  durch  Elektrizitätswerke;  von  den
Zentralen  strahlen  die  Leitungsdrähte  nach  allen  Richtungen ­
  aus  und  verteilen  Kraft  und  Licht  bis  zu  den
entlegensten  Orten.  Jedes  neue  Kraftwerk  rückt  das
Ziel  um  einen  Schritt  näher,  von  den  ausländischen
Kohlengruben  unabhängig  zu  werden,  die  bisher  dem
Auslande  entrichteten  Summen  dem  eigenen  Lande  zu
erhalten.  Ist  die  Schweiz  auch  reicher  mit  Wasserkräften ­
  ausgestattet  als  manches  andere  Land,  so  wird
sie  darin  doch  noch  von  Skandinavien  übertreffen;  selbst
Frankreich  ist  im  Verhältnis  zu  seiner  Volkszahl
günstiger  gestellt.  Von  dem  Kraftvorrat  unseres  Landes
sind  gegenwärtig  in  Elektrizitätswerken  ungefähr  eine
halbe  Million  Pferdestärken  verwertet.  Es  läßt  sich
        <pb n="47" />
        Elektrizitätswerke ­
  der
Schweiz

Flußschiffahrt

Großschiffahrt
auf  dem  Rhei»

voraussehen,  daß  bei  genauester  Ausnutzung  aller  Gefällsstrecken,
  durch  Stauwerke  und  durch  Aufspeichern
der  Energie  der  vierfache  Wert  dieser  Zahl  erreicht
werden  kann.  Unerschöpflich  sind  also  die  verfügbaren
Wasserkräfte  nicht;  aber  sie  dürften  auch  in  der  Zukunft
für  den  Betrieb  der  Fabriken,  der  Eisenbahnen  und  für
die  Beleuchtung  ausreichen.
Von  den  zahlreichen  Elektrizitätswerken  der  Schweiz
seien  die  größten  mit  ihrer  Leistung  in  Pferdekräfteu  (P.  8.)
hier  genannt:  Stadt  Genf  18450;  Grande  Eau  11750;
Martigny  8000;  Biege  und  Gampel  je  10000;  Kraftwerk ­
  Lac  de  Joux-Orbe:  Vallorbe  8200  und  Orbe  8000;
Saane  bei  Montbovon  10500,  bei  Tush-Hauterive  7200;
Kander  bei  Spiez  16750;  Hagneck  6800;  Kallnach
12000;  Wangen  9900;  Stadt  Luzern  8600;  Rheinfelden
  25000;  Basel-Augst  24000;  Kraftwerk  Beznau-Löntsch:
  Beznau  14100  und  Löntsch  (im  vollen  Ausbau)
36000;  Kubelwerk  bei  Herisau  8700;  Albulawerk  der
Stadt  Zürich  24000;  Biaschina  (Tessin)  54000;  Lugano ­
  8500;  Brusio  im  Puschlav  44000;  das  Elektrizitätswerk ­
  von  Laufenburg  (im  Bau)  ist  auf  50000  P.  8.
berechnet.  Das  Etzelprojekt  (Stausee  der  Sihl  bei  Einsiedeln, ­
  mit  Druckleitung  an  den  Zürichsee  bei  Richterswil)
  sieht  eine  Leistung  von  60000  P.  8.  vor.
Flußschiffahrt.  Die  Flüsse  besitzen  als  Verkehrswege ­
  einen  geringen  Wert;  die  durchschnittlich
starke  Strömung,  das  unausgeglichene  Gefälle  (Stromschnellen) ­
  und  die  großen  Schwankungen  des  Wasserstandes
  sind  der  Entwicklung  der  Schiffahrt  nicht  günstig.
Für  den  Schiffsverkehr  sind  gegenwärtig  nur  wenige
kurze  Flußstrecken  und  Kanäle  geeignet:  Dampfer  befahren ­
  den  Rhein  vom  Bodensee  bis  Schaffhausen,  den
Broyekaual  zwischen  dem  Murten-  und  Neuenburgersee
und  gelegentlich  auch  den  Zihlkanal  vom  Neuenburgerzum
  Bielersee;  durch  einen  Kanal  gelangen  die  Dampfschiffe ­
  des  Thunersees  bis  zum  Bahnhof  von  Jnterlaken.
Die  Großschiffahrt  auf  dem  Rhein,  die  früher  in  Straß-
        <pb n="48" />
        43

bürg  endete,  wird  seit  einigen  Jahren  mit  Erfolg  bis
nach  Basel  hinauf  fortgesetzt;  es  sind  bis  setzt  meist
Kohlentransporte  flußaufwärts  geschafft  worden.  Basel
ist  damit  Kopfstation  der  Rheinschiffahrt  geworden,  wenn
es  ihm  auch  vorläufig  an  den  nötigen  Hafenanlagen
fehlt  und  der  Schleppverkehr  zwischen  Straßburg  und
Basel  durch  den  Niederwasserstand  unterbrochen  wird.
Mit  Unterstützung  durch  den  Bund  wird  von  privater
Seite  für  die  Schiffbarmachung  des  Rheins  von  Basel
bis  zum  Bodensee,  mit  Konstanz  als  Endstation,  vorgearbeitet. ­
  Um  den  Schiffen  auch  zur  Zeit  des  niedrigen
Wasserstandes  ein  genügend  tiefes  Fahrwasser  zu  sichern,
ist  die  Regulierung  des  Bodenseespiegels  durch  Schleusenwerke ­
  am  Ausfluß  des  Rheins  notwendig;  dazu  bedarf
es  der  Zustimmung  aller  Bodcnsee-Userstaaten.  Das
Schiffahrtsprojekt  bedeutet  eine  gewisse  Gefahr  für  den
Rheinfall,  dessen  Schönheit  durch  den  Entzug  von
Wasser  für  den  Umgehungskanal  leiden  müßte.  Wenn
die  Wasserstraße  von  Basel  zum  Bodensee  wohl  in  abseh
barer  Zeit  gebaut  wird,  so  stehen  dagegen  für  andere
Schisfährtsprojekte  die  Aussichten  wegen  der  hohen  Baukosten ­
  weniger  günstig;  das  gilt  für  die  Zuflüsse  des
Rheins  und  für  den  Aare-Rhonekanal,  der  als  internationaler ­
  Wasserweg  dem  Verkehr  von  der  Nordsee  zum
Mittelmcer  durch  die  Schweiz  dienen  würde.
L&amp;gt;een.  Die  Schweiz  dankt  ihre  Schönheit  nicht
zum  wenigsten  dem  Reichtum  an  Seen,  die  das  Landschaftsbild ­
  beleben  und  bereichern.  Sie  unterscheiden
sich  stark  nach  Größe  und  landschaftlichem  Charakter,
vom  Genfersee,  der  582  km 2  mißt,  durch  die  Reihe
der  mittelgroßen  wiesen-  und  waldumschlossenen  Wasserbecken ­
  des  Mittellandes  bis  zu  den  kleinsten,  hochgelegenen
Alpenseelein,  in  denen  sich  die  kahlen  Felshalden  und
die  Firnfelder  wiederspiegeln.  Die  größten  sind  als
langgestreckte  Talseen  in  den  Lauf  der  Flüsse  eilige
geschaltet.  wo  diese  am  Nord-  und  Südfuß  der  Alpen
ins  Vorland  hinaustreten:  die  alpinen  Randseen  (über

Schiffahrts
Projekte

Seen

Alpine
Randseen
        <pb n="49" />
        44

Übersicht  der
Sec»

Zuschiittung
der  Seen

die  Entstehung  Seite  14).  Nenenbnrger-,  Bieter-  und
Murlensee  bilden  die  Gruppe  der  jurassischen  Randseen;
sie  kommen  den  ersten  an  Größe  nahe.  Der  Jura  selbst
ist  infolge  der  Wasserarmut  seines  Kalkbodens  arni  an
Seen  und  steht  damit  in  auffälligem  Gegensatz  zu  den
beiden  andern  Landesteilen.  Die  folgende  Übersicht  gibt

einige  Maße  der  größten
Meereshöhe ­
  IN

Seen  an:
Fläche
km?

Wasser-  Größte
inenge  km 3  Tiefe  m

Genfersee

375

582

89,9

310

Neuenburgersee

432

218

14,2

154

Bielersee

442

42

1,2

75

Murtensee

433

27

0,6

46

Brienzersee

567

30

5,2

261

Thunersee

560

48

6,5

217

Vierwaldstättersee

437

115

11,8

214

Zugersee

417

38

3,2

198

Zürichsee

409

88

3,9

143

Walensee

423

23

2,5

151

Bodensee

399

538

48,4

252

Luganersee

274

50

6,6

288

Langensee

197

212

37,1

372

Die  Zahlen  für  den  Luganer-  und  Langensee  zeigen,
daß  der  Boden  dieser  Wassermulden  tiefer  liegt  als  der
Meeresspiegel.
Die  Flüsse  füllen  bei  der  Einmündung  mit  ihrem
Geschiebe  das  Secbecken  auf.  Die  Anschwemmungsebene,
das  Delta,  verdrängt  vom  obern  See-Ende  her  langsam
die  Wasserfläche,  und  nach  Jahrtausenden  werden  die
heute  noch  bestehenden  Seen  zugeschüttet  sein.  Der
Schutt-Transport  des  Rheins  dürfte  nach  20—30  000
Jahren  den  Bodensee  ganz  ausgefüllt  haben.  So  gehören ­
  die  Seen  zu  den  vergänglichsten  Erscheinungen  im
Bild  unseres  Landes.  Die  alpinen  Randseen  reichten
einst,  nach  den  langgestreckten  Ebenen  an  ihrem  obern
Ende  zu  schließen,  viel  tiefer  ins  Gebirge  hinein  als
        <pb n="50" />
        heute.  Der  Bodensee  zog  sich  durch  das  St.  Galler
Rheintal  hinauf  und  stand  an  der  Talgabel  von  Sargans
  in  Verbindung  mit  dem  langen,  einheitlichen
Wasserbecken  der  Walen-  und  Zürichseefurche.  Der
Vierwaldstättersee  reichte  bis  Erstfeld.  Brienzer-  und
Thunersee  hingen  vor  der  Aufschüttung  der  Ebene  von
Jnterlaken,  des  Bödeli,  zusammen;  das  obere  Ende
lag  bei  Meiringen.  Der  Genfersee  reichte  zum  mindesten
bis  St.  Maurice  hinauf,  der  Langensee  bis  Bellinzona.
Früher  wälzten  die  Flüsse  ihr  schlammiges  Wasser
in  gewundenem,  trägem  Lauf  durch  die  Ebene  dem
See  zu,  bei  Hochwasser  die  Ufer  überflutend.  Jetzt
sind  sie  geradegelegt  und  eingedämmt.  Von  erhöhtem
Standpunkt  aus  gesehen  heben  sich  die  Kanäle  als
steife,  wie  mit  dem  Lineal  gezogene,  glänzende  Linien
von  der  dunklen  Farbe  des  einst  versumpften  Bodens
ab.  Schnurgerade  in  die  Ferne  ziehende  Pappelreihen
verstärken  die  Eintönigkeit  des  Landschaftsbildes.  Das
Reuland  am  Rand  des  Sees  trägt  noch  Weidcngestrüpp
und  Schilfbestände;  flußaufwärts  wird  der  Boden  seit
der  Kanalisation  mehr  und  mehr  angebaut.
Seitlich  dem  See  zueilende  Bäche  bauen  je  eine
kleine  Halbinsel  („Horn")  in  die  Wasserfläche  hinaus,
an  Steilufern  eine  bevorzugte  Stelle  zur  Anlage  von
Ortschaften  (Mühlehoru  und  Murg  am  Walensee,
Sisikon  am  Urnersee).
Zahllose  kleine  Wasserbecken  unseres  Landes  sind
zugeschüttet  oder  durch  die  überwuchernde  Ufervegetation
verlandet.  Andere  sind  erst  im  Erlöschen  begriffen;
Wassertümpel,  Sümpfe,  Riedflächen  bezeichnen  ihre
Stelle.  Ebenso  sind  dein  intensiven  Acker-  und  Wiesenbau ­
  der  Neuzeit  eine  Reihe  kleiner  Seen  zum  Opfer
gefallen;  entweder  wurde  der  Seespiegel  gesenkt  oder  die
Mulde  ganz  entleert  Die  Senkung  des  Lungernsees
und  die  Austrocknung  des  Giswilersees,  beide  in  Obwalden, ­
  können  als  Beispiele  dafür  dienen,  wie  der
Mensch  die  natürliche  Verteilung  von  Wasser  und  Land

Deltalandschaft ­


Verlanden
kleiner  Seen

Eingriff  des
Menschen
        <pb n="51" />
        umgestaltet,  um  neuen  Kulturboden  zu  gewinnen.  Viele
Seen  sind  durch  Schleuseubanten  zu  großen  Staubecken
umgewandelt  worden,  deren  Wasserstand  und  Abfluß
nun  ebensosehr  vom  Gutdünken  der  Anwohner  als  von
der  Wasserführung  des  Zuflusses  abhängt.
Als  Wasserstraßen  dienen  die  Seen  vorwiegend  dem
Verkehr  zwischen  den  Uferorten;  der  durchgehende  Schnellverkehr ­
  bevorzugt  die  Eisenbahnen.  Auf  l  6  der  größern
Seen  besteht  eine  regelmäßige  Dampfschiffahrt;  daneben
besorgen  Motorlastschiffe  und  Seqelbarken  den  Transport
der  Massengüter.
Gewisse  Uferstrecken  schweizerischer  Seen  sind  dank
ihrer  Naturschönheit  und  milden  Lage  zu  Sammelplätzen ­
  der  Vergnügungsreisenden  und  Kurbedürftigen
aller  Länder  geworden;  auch  die  landesansässige  Bevölkerung ­
  weiß  die  vielen  Vorzüge  der  Seeuser  zu
schätzen;  soweit  sich  diese  zuni  Bewohnen  eignen,  sind
sie  schon  lange  zu  Zonen  großer  Volksdichte  geworden.
Eine  Reihe  stattlicher  Orte  umsäumt  die  Wasserfläche;
den  Ausfluß  des  Sees  und  die  zu  diesem  Punkt  zusammenlaufenden ­
  Straßen  beherrscht  meist  eine  Stadt,
die  vermöge  der  günstigen  Lage  zum  Verkehrsmittelpunkt ­
  des  gesamten  Seebezirkes  geworden  ist.
        <pb n="52" />
        Uutzvave  Minevalien.

Die  Schweiz  ist  arm  an  Kohle^  und  Erzen;  das
ist  das  wichtigste  Ergebnis  einer  Übersicht  über  die
Bodenschätze  des  Landes.  Der  Mangel  an  diesen  wertvollen ­
  Mineralien  ist  um  so  empfindlicher,  als  die  Großindustrie ­
  gerade  in  erster  Linie  Kohle  und  Erze  benötigt.
Eisen.  Eisenerz  kommt  in  Form  kleiner  Knollen ­
  (Bohnerz)  in  der  Talmulde  von  Delsberg  im  Berner
Jura  vor.  Es  findet  sich  meist,  in  Verwitterungslehm
eingelagert,  in  Aushöhlungen  des  Kalksteins.  Der
Hochhofen  von  Choindez,  der  einzige  in  der  Schweiz,
verhüttet  neben  dem  einheimischen  Rohmaterial  Eisenerz
aus  Spanien  und  erzeugt  jährlich  ungefähr  l  0,000  t
Eisen.  Eine  Anzahl  von  Hochöfen,  die  früher  in  der
Gegend  von  Delsberg  im  Betrieb  waren,  sind  eingegangen. ­
  Geringe  Erzlager  sind  in  den  Alpen  weit  verbreitet. ­
  Zahlreiche  Bergwerke  förderten  einst  Eisen,  Blei,
Kupfer,  Nickel,  und  Gold  (Gondo  am  Simplon,
Calanda  bei  Chur);  jetzt  sind  sie  wegen  des  ungenügenden ­
  Ertrages  verlassen.
Kohle.  Ungeachtet  der  vielen  Fundstellen  kommt
die  einheimische  Kohle  gegenüber  der  starken  Einfuhr
kaum  in  Betracht.  Die  meisten  der  früher  benutzten
Lager  sind  erschöpft  oder  infolge  geringer  Ausbeute
aufgegeben.
Das  Bergwerk  von  Käpfnach  am  linken  Ufer  des
Zürichsees  liefert  in  Mergel  eingelagerte  Braunkohle,
wenn  auch  seit  langem  iu  so  geringer  Menge,  daß  der
Betrieb  nur  durch  die  gleichzeitige  Verarbeitung  des
Mergels  zu  Zement  aufrecht  erhalten  werden  konnte.

Eisen

Kohle
        <pb n="53" />
        48

Uznach  oberhalb  des  Zürichsees  hat  ein  ansehnliches
Lager  von  Schieferkohlen,  zwischen  Ablagerungen  der
Eiszeit  eingeschlossen.  Sie  sind  dadurch  entstanden,
daß  Wälder  vom  Gletscherschutt  zugedeckt  wurden  und
unter  Luftabschluß  verkohlten.  In  den  früher  benutzten
Schieferkohlengruben  von  Dürnten  und  Mörswil  ist  der
Betrieb  eingestellt  worden.  Im  Rhonetal  liefern  vier
Bergwerke  einen  bescheidenen  Ertrag  an  Anthrazit,
während  zahlreiche  andere  Minen  bereits  verlassen  sind.
Tori  Torf.  Eine  beträchtliche  Zahl  von  Torfmooren
ist  über  alle  drei  Gebiete  des  Landes  zerstreut;  die
meisten  gehören  dem  Mittellande  an.  Die  Torferde
bildet  infolge  des  Reichtums  an  halbverkohlten  Pflanzenbestandteilen ­
  ein  brauchbares  Brennmaterial,  das  meist
in  den  Dörfern  und  Städten  in  der  Nähe  der  Torflager
Absatz  findet.  Die  ausgedehntesten  Torfmoore  liegen
im  Jurahochtal  von  La  Sagne  und  Les  Ponts  und  im
Tal  von  la  Brevine,  im  bernischen  Seeland,  und  bei
Einsiedeln-Rothenthurm.
gat  ,  Salz.  Bier  Salinen  decken  mit  einer  jährlichen  Produktion ­
  von  über  650  000  q  nahezu  den  Gesamtbedars
des  Landes  an  Kochsalz.  Es  sind  das  Bergwerk  von  Bex
im  waadtländischen  Rhonetal  und  die  Salinen  am
Rhein:  Schweizerhalle  bei  Basel,  Riburg  und  Rheinfelden
  im  Kanton  Aargau.  1913  ist  ein  neues  Salzlager ­
  bei  Klingnau  erbohrt  worden.  In  Bex  wird  das
Salz,  mit  Gips  und  Tongestein  vermischt,  im  Berg.
inuern  abgebaut.  Die  Rheiusalinen  dagegen  gewinnen
es  durch  Bohrlöcher,  die  auf  das  Salzlager  hinunterreichen. ­
  Wasser  wird  hineingeleitet,  als  Salzlauge
(Soole)  heraufgepumpt,  gereinigt  und  verdampft;  dabei
bleibt  das  Kochsalz  zurück.
Granit,  Gneis  Granit,  Gneis.  Die  Schweiz  ist  reich  an
Bausteinen  verschiedener  Art.  Das  zäheste  und  widerstandsfähigste ­
  Material  liefern  der  Granit  und  der
Gneis,  die  in  der  Urgesteinszone  der  Hochalpen  zu
Tage  liegen.  Der  Gneis  ist  nach  einer  Richtung  liecht
        <pb n="54" />
        49

spaltbar  und  daher  leichter  zu  bearbeiten  als  der  Granit.
Beide  Gesteinsarten  eignen  sich  infolge  ihrer  Härte  für
Grundmauern,  Treppenstufen,  Trottoirrandsteine,  der
Gneis  im  besondern  für  Balkonplatten.  Zahlreiche  Brüche
längs  der  Gotthardbahn  beuten  den  Gneis  des  Reußund
  Livinentales  aus  (Gurtnellen,  Osogna);  die  Bahn
führt  ihn  zum  größten  Teil  den  Bauplätzen  der  Städte
im  Mittelland  zu.  Die  Gneisindustrie  des  Verzascaund
  Maggiatales  hat  eine  geringere  Bedeutung.  Die
Brüche  Graubündens  arbeiten  meist  nur  für  den  Bedarf
der  nächsten  Umgebung.  In  neuester  Zeit  haben  die
Simplon-  und  die  Lötschbergbahn  mächtige  Granitlager
Zugänglich  gemacht.
Schiefer.  Bereinzelte  Schieferbergwerke  in  den  Schiefer
Kalkalpen  liefern  das  Material  für  Tafeln,  Tischplatten
und  Dachschiefer.  Die  bekanntesten  Gruben  liegen  bei
Elm  und  Engt  (Landesplattenbergwerk)  im  Kanton  Glarus
und  bei  Frutigen.
Kalkstein.  Das  verbreitetste  und  am  meisten  Kalkstein
verwendete  Baumaterial  ist  der  Kalkstein  der  Alpen
und  des  Jura.  Die  Brüche  der  Alpen  versorgen  meist
nur  die  Umgebung  mit  dem  dauerhaften,  grauschwarzen
Stein.  Dazwischen  treten  vereinzelte  Marmorlager  auf,
so  bei  St.  Triphon  und  Saillon  im  Rhonetal.  Größere
Bedeutung  kommt  den  Brüchen  im  Jura  zu,  wo  der
Kallstein  das  einzige  Baumaterial  ist  und  für  sämtliche
Orte  im  Innern  und  am  Rande  des  Gebirges  Verwendung ­
  findet;  ebenso  wandern  große  Massen  von
Kalkstein  auf  die  Bauplätze  des  Miltellandes  hinaus.
Unter  den  verschiedenartigen  weißlichen  bis  rostbraunen
Jurasteinen  verdient  derjenige  von  Hauterive  bei  Neuenbürg ­
  als  „gelberNeuenburgerstein"  eine  besondere  Erwähnung. ­

Gips  ist  an  vielen  Stellen  im  Jura  und  in  den  ® i,, s
Alpen  vorhanden.  Die  größte  Ausbeute  gewähren  die
Lager  von  Bex,  Villeneuve  und  diejenigen  des  Simmen-Flückiger,
  Schweiz

4
        <pb n="55" />
        50

tales.  Ein  Teil  des  Materials  wird  für  Gipsornamente
verwendet.  Der  jurassische  Gips  dient  meist  als  Düngmittel.
Zement  Zement.  Aus  Kalk  und  Mergel  gewinnt  man
durch  das  Brennen  den  als  Baumaterial  unentbehrlichen
Hydrauliken  Kalk  und  die  Zemente.  Zementfabriken
stehen  besonders  an  der  Eisenbahnlinie  Biel-Basel,  wo
ihnen  in  den  Klüsen  neben  dem  Rohmaterial  auch  die
Wasserkraft  zur  Verfügung  steht.
Koinuff  Kalktuff,  als  Absonderung  kalkhaltigen  Rieselwassers, ­
  kommt  überall  vor.  Als  trockener,  leichter  Baustein ­
  wird  er  häufig  gebraucht,  nicht  zum  wenigsten
wegen  seiner  Eigenschaft,  die  Wärme  schlecht  zu  leiten.
Asphalt  Asphalt.  Im  Traverstal  in  der  Umgebung
des  Dorfes  Travers  kommt  ein  mürber,  asphalthaltiger
Kalkstein  vor,  der  in  einigen  Minen  an  der  Areuse  abgebaut ­
  wird.  Der  Jahresertrag  beläuft  sich  ans
25  000  t.  Der  Asphalt  dient  zur  Straßenpslästerung.
Findlinge  Findlinge.  Die  im  Mittelland  weit  verbreiteten
erratischen  Blöcke  oder  Findlinge,  von  der  Landbevölkerung ­
  auch  „Geißberger"  genannt,  sind  wegen  ihrer
Härte  als  Bausteine  geschätzt.  Ungezählte  Stücke  sind
gesprengt  und  zum  Bauen  gebraucht  worden.  In  einzelnen ­
  Gegenden,  wie  z.  B.  iin  Gebiet  des  eiszeitlichen
Reußgletschers,  bestehen  die  Häuser  vorwiegend  aus
diesem  erratischen  Material.
Sandstein  Sandstein.  Im  Molasseland  ist  der  Sandstein ­
  das  am  stärlsten  verbreitete  Baumaterial.  Je  nach
der  Art  des  Bindemittels,  das  die  Quarzkorner  verkittet, ­
  konimt  er  in  verschiedener  Färbung  und  Härle
vor.  Mit  einem  tonigen  Bindemittel  ist  der  Sandstein
mürbe,  leicht  zu  bearbeiten,  aber  als  Baustein  wenig
tauglich,  da  er  rasch  verwittert.  Harte  Sandsteine  finden ­
  Verwendung  zu  Fundamentmauern,  Bodenplatten,
Treppenstufen  und  Fensterrahmen.  In  der  Bodenseegegend ­
  gilt  ein  an  zertrümmerten  Muschelschalen  reicher
Sandstein,  der  „Seelafse",  als  besonders  wetterhart.
In  den  städtischen  Bauten  des  Mittellandes  nimmt  der
        <pb n="56" />
        51

Sandstein  einen  ersten  Platz  ein;  er  wird  aber  immer
häufiger  durch  billigen  Kunststein  ersetzt,  so  daß  viele
Brüche  infolge  dieser  Konkurrenz  bereits  eingegangen
sind.  Die  an  Sandsteinbrüchen  reichsten  Gegenden  des
Mittellandes  liegen  im  Kanton  Bern  und  im  Kanton
St.  Gallen.  Die  Ortschaften  am  Nordfuße  des  Jura
benutzen  zu  ihren  Bauwerken  häufig  den  sehr  dauerhaften
roten  Sandstein  aus  dem  Schwarzwald  und  den
Vogesen.
Kies  und  Sand  sind  als  Ablagerung  der  Gletscher
und  Flüsse  vor  allem  im  Mittelland  stark  verbreitet
und  dienen  den  verschiedensten  Zwecken.  Durch  eine
Mischung  von  Sand  und  Zement  erhält  man  den
Mörtel,  der,  mit  Kies  gemengt,  zu  den  Betonarbeiten
verwendet  wird.  Die  Kies-  und  Sandlager  versorgen
zahlreiche  Fabriken  mit  dem  Rohmaterial  für  die  Herstellung ­
  von  Röhren  und  künstlichen  Bausteinen.
Die  Tonlager  sind  meist  als  Grundmoräne  eiszeitlicher ­
  Gletscher  oder  durch  die  Verwitterung  von
Mergelschichten  entstanden.  Im  Mittelland  besitzt  nahezu
jedes  Dorf  eine  Lehmgrube  mit  Ziegelhütte.  An  den
Eisenbahnen  sind  in  neuerer  Zeit  große  Fabriken  entstanden, ­
  die  mit  Backsteinen,  Röhren  und  Ziegeln  die
Bauplätze  des  Landes  versorgen.  Lager  von  Töpferton
begünstigten  stellenweise  das  Aufblühen  der  Töpferindustrie. ­
  Boufol  bei  Pruntrut  liefert  das  gewöhnliche,
feuerfeste  Pruntrutergeschirr,  Heimberg  bei  Thun  feinere
Töpferwaren,  die  Fayence.  Nyon  und  Langenthal  sind
durch  ihre  Porzellanfabriken  bekannt.  Die  Tonwareniudustrie
  muß  durch  eine  beträchtliche  Zufuhr  aus  dem
Ausland  ergänzt  werden.  So  macht  die  Einfuhr  von
Porzellangeschirr  allein  infolge  der  hoch  entwickelten
schweizerischen  Hotelindustrie  den  Betrag  von  3  Millionen
Franken  aus.
Mineralquellen.  Unser  Land  ist  reich  an
Mineralquellen,  deren  Wasser,  zu  Bädern  oder  als
Getränk  benutzt,  mit  Erfolg  gegen  verschiedene  Leiden

Kies,  Sand

Ton

Mineralquellen ­
        <pb n="57" />
        52

Eisen

Schwefel

Natron

Thermen

Soolbäder

Abhängigkeit
der  Bauten
von  der  Gesteinsart ­
  des
Bodens

gebraucht  wird.  Die  Quellen  tragen  dadurch  zum  Wohlstand ­
  des  Landes  bei,  daß  sie  als  Sammelpunkte  der
Kurbedürftigen  aller  Länder  den  für  die  Schweiz  so
wichtigen  Fremdenverkehr  fördern.
Als  Mineralwasser  gilt  nur  das  Wasser,  dessen
Gehalt  an  gelösten  Mineralien  0,5  g  aus  den  Liter
übersteigt.  Am  häufigsten  sind  die  Heilquellen,  die  Gips,
Magnesium,  Natrium,  Kalium,  Schwefel  oder  Eisen
führen.  Die  warmen  Quellen  oder  Thermen,  die  mit
bedeutender  Wassermenge  aus  großer  Tiefe  oder  aus
dem  Innern  des  Gebirges  hervorbrechen,  enthalten
meist  ebenfalls  gelöste  Mineralsubstanz.  Einige  der
schweizerischen  Mineralwässer  werden  als  Tischgetränke  -
in  den  Handel  gebracht,  wie  das  Passugger-,  Eglisauer-,
Eptinger-  und  Birmenstorferwasser.  Dazu  kommt  eine
große  Einfuhr  ausländischen  Mineralwassers,  das  in  vielen
Fällen  gut  durch  das  einheimische  ersetzt  werden  könnte.
Nachfolgend  sind  einige  der  bekanntesten  Heilquellen ­
  genannt:
Eisenquellen:  Fideris,  Passugg,  St.  Moritz
und  Schuhs  (alle  in  Graubünden).
Schwefelquellen:  Die  Therme  von  Lavey
bei  St.  Maurice,  Gurnigel,  Schwefelberg,  Lenk,  Schinznach,
  Stachelberg,  Alveneu.
Alkalische  Quellen  (Natrium,  Kalium):
Tarasp,  Passug.
Thermen:  Pfäfers-Ragaz  38°;  Baden  47°;
Schinzuach  36°;  Leukerbad  43°;  Lavey  52°.
Die  Salzsoole  der  Salinen  von  Bcx,  Rheinfelden
und  Schweizerhalle  wird  zu  Heilzwecken  für  Soolbäder
verwendet.
Bauten  und  Boden.  Im  allgemeinen  lehnen
sich  die  Bauwerke  in  der  Verwendung  des  Materials
der  Gesteinsart  des  Bodens  au.  Die  Ortschaften  im
Jura  und  seinem  Südfuß  entlang  am  Rande  des
Mittellandes  weisen  massive  Bauten  aus  dem  gelben
oder  Weißen  Mauerwerk  des  Jurakalkes  aus.  So  tritt
        <pb n="58" />
        im  Stadtbild  von  Neuenburg  die  rotgelke  Farbe  des
Bausteines  von  Hauterive  ausfällig  hervor.  Der  Kalk
muß  ebenfalls  als  Schottermaterial  dienen,  während  im
Mittelland  zu  diesem  Zweck  die  Kieslager  herangezogen
werden;  daher  im  Sommer  die  ungleich  lästigere  Staubplage ­
  auf  den  Straßen  der  Juratäler.  Wo  der  Bauer
des  Mittellandes  die  Hofstatt  mit  einem  Lattenzaun
umgibt,  der  Hirte  auf  den  Nagelfluhhöhen  am  Alpenfuß ­
  den  Weidebezirk  durch  ein  Flechtwerk  aus  Holz  abgrenzt, ­
  da  fügt  der  Jurassier  die  Kalkbrocken  zur  lockern
Mauer,  die  weithin  sichtbar  seine  Viehweiden  umschließt.
Im  Städtebau  des  Mittellandes  herrscht  das  eintönige
Grau  des  Sandsteins;  am  Fuße  der  Alpen  hat  auch
die  Nagelfluh  für  Gebäude  und  Straßenmauern  Verwendung ­
  gefunden.  Den  Tessinern  stellt  die  Gneislandschaft ­
  des  Livinentales,  des  Verzasca-  und  Maggiatales
  einen  beneidenswerten  Reichtum  des  besten  Bausteines ­
  zur  Verfügung.  Die  massiv  gebauten  Häuser
tragen  häufig  ein  Dach  aus  dünnen  Gneisplatten;  ein
Doppelzaun  aus  Platten  begleitet  die  Gotthardstraße
und  -bahn  durch  das  Livineutal  hinab;  Gneissänlen
sind  die  Träger  der  Weinlauben  von  Giornico,  in  den
Wiesen  von  Biasca  und  in  den  talwärts  folgenden
Dörfern.  Die  Häuser  von  Aigle  im  Rhonetal  bestehen
aus  dem  dunklen  Marmor  der  benachbarten  Brüche  von
St.  Tripholl.  Die  grauen  Schieferdächer  so  vieler
Häuser  im  Glarnerland  weisen  auf  die  Schieferbergwerke ­
  im  Sernftal  hin.  Immer  häufiger  jedoch  drängt
sich  der  Kunststein  neben  dem  natürlichen  Baustein  hervor.
Die  Verkehrserleichteruug  der  Neuzeit  bringt  fremdes
Materials  zu  den  heimischen  Bauten.  So  geht  allmählich ­
  die  Übereinstimmung  der  Bauwerke  mit  der  Gcsteiusart
  des  Felsuntergrundes  verloren.
        <pb n="59" />
        Die  KandnnetMaft

Produktiver
und  unproduktiver ­
  Boden

Bodenart

1.  AUgemeirres.
Volle  zwei  Drittel  der  Schweiz  sind  Gebirgsland;
Hügel-  und  Flachland  machen  nur  einen  Drittel  der
Gesamtfläche  aus.  Das  ist  für  die  Landwirtschaft  ein
sehr  ungünstiges  Verhältnis.  Es  bedeutet  in  erster  Linie
eine  starke  Einschränkung  des  Kulturbodens.  Denn  von
den  41  298  km 2  des  Landes  sind  10424  km 2  oder  rund
der  vierte  Teil  unproduktiv,  d.  h.  für  den  Anbau  oder  die
Nutzung  der  Pflanzen  überhaupt  unbrauchbar.  Unproduktiv ­
  sind  die  Schneefelder,  Gletscher,  der  kahle  Felsboden,
die  Schutthalden,  Wasserflächen  usw.  Im  Wallis  umfaßt ­
  der  unproduktive  Boden  nahezu  die  Hälfte,  im
Kanton  Uri  mehr  als  die  Hälfte  des  Landes.  Überdies
ist  bei  der  Ungunst  des  Klimas  in  den  hoch  gelegenen  Gebieten ­
  der  Ertrag  des  landwirtschaftlich  benutzten  Bodens
gering.  Die  breite  Mulde  zwischen  Jura  und  Alpen
ist  vermöge  ihrer  geringern  Meereshöhe  wärmer  als  das
Gebirge.  Hier  zieht  sich  der  anbaufähige  nnd  gut  zugängliche ­
  Boden  als  nahezu  ununterbrochene  Decke  über
Hügel  und  Täler  hinweg.  So  wird  das  Mittelland
zum  bevorzugten  Gebiet  der  schweizerischen  Landwirtschaft.
Nach  Art  und  Fruchtbarkeit  des  Bodens  herrschen
von  Ort  zu  Ort  große  Unterschiede.  Der  lehmige
Schutt  der  eiszeitlichen  Gletscher  verhüllt  weithin  den
felsigen  Grund  des  Molasselandes  und  bietet  für  den
Anbau  einen  fetten,  schweren  und  tiefgründigen  Boden.
        <pb n="60" />
        55

Dazwischen  breiten  sich,  aus  Kies,  Sand  und  Schlamm
aufgeschüttet,  die  Ebenen  einstiger  oder  jetzt  fließender
Gewässer  aus.  Sie  tragen  auf  ihrem  trockenen,  wasserdurchlässigen ­
  und  sonnenwarmen  Boden  vor  allem
Kartoffel-  und  Roggenfelder,  die  hier  die  günstigsten
Bedingungen  finden.  Wo  dagegen  die  Ackererde  nur  ans
einer  dünnen  Verwitternngsschicht  des  Molassefelsens
besteht,  da  liegen  magere,  steinige  und  sandige  Felder.
Sie  stehen  in  einem  auffälligen  Gegensatz  zu  dem  fruchtbaren ­
  Moränengrund  der  alten  Gletscherböden.  Wärme
und  Feuchtigkeit  sind  nach  Höhe  und  Lage  des  Landes
sehr  ungleich  bemessen.  Das  alles  bedingt  eine  große
Mannigfaltigkeit  im  Bodcnbau;  auf  verhältnismäßig
beschränktem  Raum  können  ganz  verschiedenartige  Kulturpflanzen ­
  gezogen  werden.
Der  Moräncnboden,  gebildet  aus  dem  Urgesteinsund ­
  Kalkschutt  der  Alpen,  und  der  Nagelfluh-  und
Sandsteinboden  sind  arm  an  der  als  Pflanzennährstoff
wichtigen  Phosphorsäure.  Durch  phosphalthaltige  Düngmittel
  kann  der  Mangel  behoben  werden.  Unter  den
künstlichen  Düngmilteln  riehmen  daher  die  Phosphate
eine  erste  Stelle  ein.  Die  aus  dem  Urgestein  verwitterte
Erde  ist  dagegen  reich  an  Kali.  Für  die  Bodenverbesserung ­
  kommt  vor  allem  der  natürliche  Dünger  in
Betracht,  der  mit  der  Zunahme  des  Viehstandes  in
immer  größerer  Menge  verwendet  wird.  Sein  Wert
wird  auf  150  Millionen  Franken  geschätzt;  dabei  ist
immerhin  zu  sagen,  daß  stellenweise  der  Dünger  nur
mangelhaft  genutzt  wird,  so  daß  dem  Kulturboden  bei
weitem  nicht  der  ganze  Wert  zugute  kommt.  Künstliche
Dünger  bezieht  die  Schweiz  aus  dem  Ausland  für
jährlich  l0  Millionen  Franken.  Dazu  gesellt  sich  eine
kleinere  einheimische  Produktion.  Durch  Düngung  und
Bearbeitung  sind  weite  Flächen  ursprünglich  mageren
Bodens  zu  guten  Ernten  vorbereitet  worden.  Vermöge
der  sorgfältigen  Bodenpflege  ist  der  Ertrag  der  Landwirtschaft ­
  im  Verlauf  des  letzten  Jahrhunderts  gewaltig

Düngung

Erfolg  der
Bodenpflcge
        <pb n="61" />
        56

Bäuerliche
Bevölkerung

Arbeiternot
u.  Maschinen

gestiegen.  So  wird  geschätzt,  daß  seit  50  Jahren  der
Körnerertrag  auf  der  gleichen  Fläche  sich  verdreifacht  hat.
Die  Verkehrserleichterung  und  das  Anwachsen  der  industriellen ­
  Bevölkerung  in  Städten  und  Fabrikorten  verschaffte ­
  den  landwirtschaftlichen  Produkten,  auch  entlegener ­
  Gegenden,  einen  guten  Absatz.  Infolge  des
größeren  Ertrages  und  der  beständigen  Steigerung  der
Lebensmittelpreise  hat  der  Boden  an  Wert  bedeutend
gewonnen.
Die  Volkszunahme  kommt  in  der  Schweiz  wie  in
anderen  Industrieländern  fast  ausschließlich  den  städtischen
Berufsarten  zugute.  Die  bäuerliche  Bevölkerung  bleibt
sich  seit  langem  an  Zahl  ungefähr  gleich.  Im  Verhältnis ­
  zu  den  andern  Ständen  geht  sie  beständig
zurück.  Sie  macht  heute  nur  noch  einen  Drittel  der
Gesamtbevölkerung  aus.  Die  Landwirtschaft  ist  immer
weniger  imstande,  das  Land  mit  Lebensmitteln  zu  versorgen, ­
  so  daß  eine  beständig  anschwellende  Zufuhr  von
Lebensmitteln  aus  den  weniger  dicht  bevölkerten  Ackerbaustaaten ­
  des  Ostens  nötig  wird.
Eine  begrenzte,  ungefähr  gleichbleibende  Kulturflache  setzt
dem  Anwachsen  der  landwirtschaftlich  tätigen  Bevölkerung  Schranken. ­
  die  für  Handel  und  Industrie  nicht  vorhanden  sind.  In  der
Hügelregion  der  Ostschwciz  ging  der  Anteil  der  bäuerlichen  an
der  Gesamtbevölkerung  innert  30  Jahren  um  1 /3,  in  stark  industriellen ­
  Gebieten  sogar  um  die  Halste  zurück.  Ähnlich  steht  es
in  den  übrigen  Industriestaaten  Westeuropas,  die  sich  längst  nicht
mehr  selbst  mit  Nahrungsmitteln  versorgen  können.  So  ist  in
England  die  aus  der  Landwirtschast  lebende  Bevölkerung  ans  x /r
der  Gesamtzahl  zusammengeschrumpft.
Der  Zug  des  Landvolkes  nach  den  Städten  und
Fabrikorten  hat  auf  dem  Lande  eine  eigentliche  Arbeiternot ­
  hervorgerufen.  Als  Ersatz  für  die  menschlichen
Arbeitskräfte  fanden  die  landwirtschaftlichen  Maschinen
Eingang,  obschon  stellenweise  der  stark  geneigte  Boden
und  die  zerstückelte  Lage  des  Kleingrundbesitzes  dem
        <pb n="62" />
        57

modernen  Betrieb  Schwierigkeiten  bereiten.  Zu  der  einheimischen ­
  Fabrikation  an  landwirtschaftlichen  Maschinen
kommt  eine  starke  Einfuhr,  größtenteils  aus  Deutschland.
Der  Arbeitermangel  auf  dem  Lande  machte  auch  schon
vorübergehend  den  Zuzug  fremder  Hilfskräfte  notwendig.
In  der  Ostschweiz  werden  zeitweilig  Denische  »nd
Italiener  beschäftigt;  im  beimischen  Seeland  ist  der
Zuckerrübenbau  im  Großbetrieb  Sache  polnischer  Saisonarbeiter. ­

Im  Emmental,  Toggenburg  und  Appenzell  wird
der  Boden  vielfach  von  Einzelhöfen  aus  bewirtschaftet.
Gegenüber  dem  Dorf  mit  dem  zerstückelten  und  weit
zerstreuten  Grundbesitz  hat  der  Einzelhof  den  großen
Vorteil  eines  abgerundeten,  nahe  beisammen  gelegenen
Kullurbodens;  die  geringen  Entfernungen  bedeuten  eine
Ersparnis  an  Zeit  und  Arbeit.  Nur  in  vereinzelten
Fällen  hat  die  dörfliche  Landwirtschaft  versucht,  durch
den  Austausch  und  das  Zusammenlegen  der  Landstücke
sich  den  gleichen  Vorteil  zu  sichern.
Die  Schweiz  übertrifft  an  Regenmenge  die  meisten
Länder  Europas.  Das  feuchte  Klima  begünstigt  die
Wiesen  und  Weiden  und  die  damit  verbundene  Viehzucht.
Während  im  regenärmeren  Deutschland  und  in  den
Trockengebieten  Südosteuropas  das  Gelb  der  reifenden
Getreidefelder  weithin  die  hochsommerlichen  Fluren  beherrscht, ­
  tritt  in  unserem  feuchten  Land  der  Getreideacker ­
  neben  den  ausgedehnten  Wiesenflächen  bescheiden
zurück.  Die  Schweiz  ist  ein  grünes  Land.  Folgendes
ist  der  Anteils  einzelner  Kulturen  am  produktiven  Boden:

Wiesen

8813  km 2

Weide

7950  „

Getreideland

1961  „

Übriges  Ackerland

2781  „

Rebland

263  „

Wald

8988  „

Das  Grasland  beansprucht  mehr  als  die  Hälfte
des  produktiven  Bodens,  das  Getreideland  dagegen

Fremde  Arbeiter ­


Dorf  und
Einzclhof

Anteil  der
Kulturen  am
Areal
        <pb n="63" />
        58

nur  etwa  6%,  was  vom  beackerten  Boden  2 /s  ausmacht. ­
  Erst  in  der  neuesten  Zeit  hat  der  Wiesenbau
ein  solches  Übergewicht  erlangt.  Noch  zu  Anfang  des
19.  Jahrhunderts  konnte  sich  die  Schweiz  größtenteils
mit  eigenem  Korn  behelfen;  einzelne  Kantone  erzielten
sogar  einen  Überschuß.  In  den  50er  Jahren  begann
Niedergang  *&amp;gt;ie  Umwälzung,  die  einen  vollständigen  Niedergang  des
des  Getreide-  Getreidebaues  herbeiführte.  Damals  kamen  allgemein
Kuuv  die  Eisenbahnen  auf;  sie  erleichterten  und  beschleunigten
den  Verkehr.  Gewaltige  Mengen  von  Getreide  gelangten
setzt  aus  den  Kornkainmern  Osteuropas  nach  dem
Westen,  und  bald  machte  sich  mit  der  Hebung  der
Schiffahrt  auch  die  Zufuhr  aus  den  überseeischen  Getreideländern ­
  fühlbar.  Die  Kornpreise  sanken  allmählich
uni  die  Hälfte.  Der  Getreidebau  war  unrentabel  geworden. ­
  So  ging  die  Landwirtschaft  zum  Wiesenbau
und  zur  Viehzucht  über,  die  dem  feuchten  Klima  des
Landes  am  besten  angepaßt  sind.  Dieser  bedeutsame
Wechsel  im  landwirtschaftlichen  Betrieb  wurde  erleichtert
und  befördert  durch  die  anhaltende  Preissteigerung  der
tierischen  Nahrungsmittel:  Fleisch,  Milch  und  Milchprodukte. ­
  Der  Arbeitermangel  auf  dem  Lande  tat  ein  Übriges
zugunsten  des  Wiesenbaues  und  der  Viehzucht,  da  sie
weniger  Arbeitskräfte  erfordern  als  der  Brotfruchtbau.

Geschichtliches.  Bevor  der  Verkehr  der  Neuzeit  billiges
Getreide  auf  den  Markt  brachte,  waren  sogar  die  Gebirgsgegenden
ans  Selbstversorgung  angewiesen,  so  kümmerlich  auch  bisweilen
die  Ernte  ausfiel;  denn  schlechte  Wege,  Teuerung  und  Marktsperren ­
  machten  die  Zufuhr  aus  dem  Flachland  unsicher.  Urkunden ­
  und  Flurnamen  beweisen,  daß  der  Ackerbau  einst  Bedeutung ­
  besaß,  wo  er  heute  nahezu  verschwunden  ist,  wie  im
Appenzell,  in  den  innern  Kantone»  und  auf  den  Jnrahöhen.
In  der  Sage  von  Arnold  aus  dem  Melchtal  läßt  der  Streit
um  das  Gespann  Ochsen  erkennen,  daß  einst  der  Getreidebau
selbst  im  .  steilen  Melchtal  verbreitet  war;  heute  würde  man  dort
keine»  Pflug  mehr  finden.  Frühzeitig  versuchte»  die  Bauern,
        <pb n="64" />
        59

den  Getreidebau  zugunsten  der  Wiesen  und  der  Viehzucht  einzuschränken. ­
  Die  Obrigkeit  einzelner  Orte  bemühte  sich  umsonst,
ihn  zu  unterstützen,  um  der  Brotteueruug  vorzubeugen.  Der  Rat
von  Luzern  gebot  1438  den  Landvögtcn,  der  Umwandlung  des
Ackerlandes  in  Wies-  und  Weideland  entgegenzutreten.  Die
Regierung  von  Obwalden  erliest  im  gleichen  Sinne  Verordnungen ­
  und  setzte  für  den  Ackerbau  Belohnungen  aus.  Zu
Waldmanns  Zeit  verbot  der  Rat  von  Zürich,  das  Ackerland  zu
Rebland  zu  machen.
Die  Landwirtschaft  des  Mittellandes  setzt  sich,  La»dwi&amp;gt;,
wenn  auch  zum  Teil  in  anderen  Formen,  in  das  Ge-^  »nd  J?r«
birgsland  hinein  fort.  Äcker  und  Wiesen,  Obstgärten
und  Reben  dringen  durch  die  Alpentäler  bis  zu  beträchtlicher ­
  Höhe  vor.  Die  über  der  Waldgrenze  liegenden
ausgedehnten  Grasflächen  bienen  dein  Talvieh  zur
Sommerweide;  sie  sind  die  Grundlage  der  für  die  Viehzucht ­
  so  wertvollen  Alpwirtschaft.  Im  Jura  beschränkt
sich  der  Ackerbau  meist  auf  die  weilen  Talmulden;  die
Sohlen  der  Längstäler  haben  außer  der  geschützten  Lage
auch  den  Vorzug  größerer  Fruchtbarkeit  gegenüber  dem
zerklüfteten  Felsbvden  der  Berghalden.  Auf  den  trokkenen
  Plateauflächen  und  Bergrücken  ist  neben  dem  Wald
zumeist  das  Weideland  die  einzig  mögliche  Kultur  und
die  Viehhaltung  der  Haupterwerb  der  bäuerlichen  Bevölkerung. ­

Die  Entsumpfungen  und  Bodenverbesserungen,  von
Kanton  und  Bund  unterstützt,  bringen  der  Landwirt-  der  Landwirtschaft ­
  einen  erwünschten  Zuwachs  an  Kulturland.  Eine  Wa,t
Reihe  von  Unterrichtsanstalten  dienen  der  Berufsbildung,
so  die  laridwirtschaftliche  Abteilung  der  Eidgenössischen
Technischen  Hochschule,  die  Schulen  für  Ackerbau,  Molkerei,
Obst-  und  Weinbau,  die  landwirtschaftlichen  Winterschulen. ­
  Zahlreiche  Vereine  fördern  die  Interessen  ihres
Standes;  die  meisten  haben  sich  zum  Schweizerischen
Bauernverband  zusammengeschlossen.  Ihren  Bestrebun-
        <pb n="65" />
        60

Ackerbau

Getreide

gen  kommt  das  Bundesgesetz  betreffend  die  Förderung
der  Landwirtschaft  vom  Jahre  1893  entgegen.  All  das
trägt  mächtig  zur  Entwicklung  der  schweizerischen  Landwirtschaft ­
  bei.

2.  ArKevvcru.
Die  Erzeugnisse  des  Ackerbaues  dienen  nur  zum
kleineren  Teil  der  Volksernährung;  in  der  Hauptsache
werden  sie  zur  Viehzucht  aufgebraucht.  Je  nach  Lage,
Bodenart  und  Nachfrage  treten  mehr  die  einen  oder
anderen  Kulturen  in  den  Vordergrund.  So  liefert  der
Ackerbau  in  der  Nähe  volksreicher  Städte  in  erhöhtem
Maß  solche  Produkte,  die  rascher  Verderbnis  ausgesetzt
sind  und  sich  für  einen  weiten  Transport  nicht  eignen.
Getreidebau.  Der  in  der  Schweiz  am  häufigsten
angebaute  Weizen  wächst,  wie  auch  das  Korn,  auf  den  guten
Böden  in  den  tiefern,  wärmern  Lagen  des  Mittellandes.
Der  Roggen  gedeiht  gut  auf  den  kiesigen  und  sandigen
Ebenen  des  Flachlandes,  steigt  aber  neben  Hafer  und
Gerste  auch  in  die  Bergregion  hinauf.  Um  vollständig
auszureifen,  bedürfen  die  Körnerfrüchte  der  Trockenheit
und  Wärme;  ihr  Hauptgebiet  liegt  im  Regenschatten
des  Jura  und  in  der  Trockenlandschaft  des  Wallis.
Vom  Gros  de  Vaud,  das  dem  Getreide  eine  verhältnismäßig ­
  bedeutende  Fläche  einräumt,  zieht  sich  ,  ein  breiter
Streifen  des  Getreidebaues  dem  Jurafuß  entlang
bis  in  den  Kanton  Schaffhausen  hinein.  Die  wichtige
Körnerfrucht  des  Südens,  der  Mais,  wächst  in  großer
Menge  im  Tessin,  in  bescheidenerem  Umfang  auch  im
Wallis  und  in  den  Föhngassen  des  Rhein-  nnd  Seeztales.
  Die  höhere  Hügelregion  am  Alpeurande  ist,  besonders ­
  in  der  Ostschweiz,  wegen  der  Feuchtigkeit  und
stärkern  Bewölkung  für  das  Getreide  nicht  geeignet,
um  so  mehr,  als  es  im  feuchten  Klima  unter  dem  Rost
und  unter  starker  Uukrautbilduug  leidet.  So  tritt  es
        <pb n="66" />
        61

denn  hier  ganz  hinter  den  Wiesen  zurück.  Strichweise
könnte  wohl  noch  mit  Erfolg  Getreide  gebaut  werden;  aber
die  Industrie  hat  die  Arbeitskräfte  an  sich  gezogen  und
so  dem  Wiesenbau  und  der  Viehhaltung  Vorschub  geleistet.
Der  jährliche  Körnerertrag  wird  auf  etwa  50  Ertrag  und
Millionen  Franken  geschätzt.  Der  Wert  des  Strohs  ® mWv
macht  30  Millionen  Franken  aus;  es  dient  vor  allem
zur  Einstreu;  ein  kleiner  Teil  findet  bei  der  Strohflechterei ­
  Verwendung.  Die  Getreideproduklion  vermöchte,
nach  Abzug  dessen,  was  als  Viehfutter  und  Saatgut  abgeht,
die  Bevölkerung  des  Landes  im  Jahr  kaum  mehr  auf  die
Dauer  von  80  Tagen  zu  ernähren.  Wäre  nicht  die
Rücksicht  auf  den  Fruchtwechsel  und  der  große  Bedarf
an  Stroh  als  bestes  Streuematerial,  so  hätte  unzweifelhaft ­
  der  Getreidebau  noch  mehr  an  Boden  verloren.
Die  Einfuhr  von  Getreide  und  Mehl  macht  (1912)
213  Millionen  Franken  aus;  daran  ist  der  Weizen
allein  mit  120  Millionen  Franken  beteiligt.  Der  Weizen
stammt  zum  weitaus  größten  Teil  aus  Südrußland,
Rumänien  und  Kanada,  Hafer  und  Mehl  aus  Deutschland. ­
  Die  Weizensendungen  gelangen  auf  dem  Seewege ­
  nach  Genna  und  mit  der  Gotthardbahn  in  die
Schweiz.  In  neuerer  Zeit  gehen  sie  infolge  ungenügender ­
  Transporteinrichtungen  in  Genua  immer  häufiger
über  Marseille-Genf  oder  um  Westeuropa  herum  den
Rhein  aufwärts  bis  Mannheim,  und  von  hier  mit  der
Bahn  nach  Basel.  Der  Umstand,  daß  mehrere  Länder
sich  an  der  Getreidelieferung  beteiligen,  sichert  der  Schweiz
eine  große  Regelmäßigkeit  der  Zufuhr;  hat  das  eine  Land
eine  Mißernte,  so  treten  die  andern  in  die  Lücke.  Mit  der
Verkehrserleichterung  der  Neuzeit  ist  nicht  nur  das
Brot  billiger  geworden;  es  bewegen  sich  auch  die  Preisschwankungen ­
  in  recht  engen  Grenzen.
Kartoffelbau.  Der  Kartosfelbau  ist  in  der  s . artoffc , n
ganzen  Schweiz,  vorwiegend  aber  im  westlichen  Mittelland, ­
  verbreitet.  Der  Ertrag  wird  zur  Volksernährung,
zur  Herstellung  von  Branntwein,  zu  einem  großen  Teil
        <pb n="67" />
        62

Gemüse

Zuckerrüben

Tabak

auch  zur  Schweinemast  verwendet.  Die  Kleinbrenuereieu
der  früheren  Zeit  förderten  den  Schnapsverbrauch  in
solchem  Maße,  daß  er  einen  schweren  Schaden  für  das
Volk  bedeutete.  Das  Alkoholmonopol  räumt  jetzt  dem
Bunde  allein  das  Recht  zur  Fabrikation  und  zum  Verkauf ­
  des  Karloffelbranntweins  und  des  Spiritus  ein.
Gemüsebau.  Einzig  in  der  Nähe  der  Städte
und  der  Konservenfabriken  beansprucht  der  Gemüsebau,
entsprechend  dem  stärkern  Bedarf,  größere  und  zusammenhängende ­
  Flächen.  Dazu  kommt  eine  Einfuhr  im  Wert
von  12  Millionen  Franken;  daran  haben  die  frühen
Gemüse  aus  Südfrankreich  und  Nordafrika  einen  bedeutenden ­
  Anteil.
Zuckerrübenbau.  Neben  den  Ländern  mit
Großgrundbesitz,  wie  Österreich-Ungarn,  Deutschland,
Frankreich,  Rußland,  hat  die  Schweiz  Mühe,  den
Zuckerrübenbau  und  die  Zuckerfabrikation  aufrecht  zu
erhalte».  Nachdem  die  Fabrik  in  Monthey  im  Rhonetal ­
  den  Betrieb  einstellen  mußte,  scheint  die  1899  gegründete ­
  Fabrik  in  Aarberg  einem  bessern  Gedeihen
entgegenzugehen.  Der  Rübenbau  gewinnt  auf  der  Entsumpfungsebene ­
  des  Großen  Mooses  und  in  der  Westschweiz ­
  überhaupt  ständig  an  Ausdehnung.  Immerhin
deckt  der  Aarberger  Zucker  nur  einen  bescheidenen  Teil
des  Jahresbedarfs.  Aus  den  großen  Rübenländern  wie
Österreich,  Deutschland  und  Frankreich  muß  Zucker  im
Betrag  von  50  Millionen  Franken  (1912)  eingeführt
werden.  Der  Anbau  der  Zuckerrübe  ist  für  den  Boden
vorteilhaft,  weil  er  ihn  nicht  seiner  Nährstoffe  beraubt.
Die  Abfälle  der  Verarbeitung,  die  Schnitzel,  werden
zur  Fütterung  des  Viehs  verwendet.
Tabak  wird  auf  gutem  Boden  und  in  milden
Lagen  des  Broyetales  und  des  südlichen  Tessins  angebaut. ­
  Die  Ernte  wandert  in  die  Tabak-  und  Zigarrenfabriken ­
  (Seite  86),  stellt  aber  nur  einen  kleinen  Teil
des  insgesamt  verarbeiteten  Rohmaterials  dar.
        <pb n="68" />
        63

Öl-  und  Gespinstpflanzen  sind  unter  der  Öl-und  Ge-Konkurrenz
  der  Baumwolle,  der  fremden  Öle  und  des  spiunstpfianz-n
Petrols  fast  ganz  verschwunden.  Die  bernische  Leinwandindustrie ­
  bezieht  den  Rohstoff  meist  aus  dem  Ausland.
Weinbau.  Dem  Weinstock,  einem  Fremdling  auf  Wein
unserem  Boden,  werden  die  mildesten  Lagen  eingeräumt.
Während  die  Reben  in  Südfrankreich  und  Spanien  weite
Ebenen  bedecken,  sind  sie  hier  auf  sonnige,  windgeschntzte
Halden  beschränkt;  das  kommt  schon  im  üblichen  Ausdruck ­
  „Weinberg"  zur  Geltung.  Die  besten  Weinlagen
finden  sich  am  Nordufer  des  Genfersees,  im  Wallis,  im
südlichen  Tessin,  dem  ganzen  regenarmen  und  geschützten
Südostfuß  des  Jura  entlang  bis  zu  den  Rebbergen  von
Hallau  im  Kanton  Schaffhausen,  an  der  Lägern,  im
nördlichen  Teil  des  Kantons  Zürich  und  im  St.  Galler
Rheintal.  Diesseits  der  Alpen  wird  der  Weinstock  am
Rebstickel  in  wohlgeordneten  Reihen  gezogen;  im  Tessin
bildet  er  malerische  Weinlauben  oder  klettert  mitten
zwischen  andern  Kulturen  an  Bäumen  empor.  Seit  Rückgang  des
Jahrzehnten  verliert  der  Weinbau  beständig  an  Boden.  Weinbaues
Rebenkrankheiten,  eine  Reihe  schlechter  Ernten,  die  erdrückende ­
  Konkurrenz  der  Weine  aus  den  südeuropäischen
Ländern,  die  gesteigerten  Bodenpreise  und  Arbeitslöhne
entmutigten  die  Weinbauern.  In  den  weniger  günstigen
Lagen  ist  der  Weinbau  allmählich  verschwunden  oder  stark
zurückgegangen  und  durch  den  besser  lohnenden  Wiesenbau ­
  ersetzt  worden,  Neuerdings  pflanzt  man  sogar  in
besten  Weinlagen  an  Stelle  der  Reben  Spalierobst  und
Erdbeeren.  Seit  1898  ist  im  Kanton  Ziirich  das  Rebland
  von  4769  ha  im  Wert  von  39,6  Mill.  Fr.  auf
3236  ha  iin  Wert  von  18,9  Mill.  Fr.  zurückgegangen.
Die  Bemühungen,  den  vollständigen  Zusammenbruch  des
Weinbaus  aufzuhalten,  werden  wohl  zu  dem  Ergebnis
führen,  daß  die  besten  Lagen  Rebland  bleiben,  während
der  Weinstock  das  Feld  räumt,  wo  Klima  und  Boden
ihm  nicht  ganz  zusagen.  Im  Weinverbrauch,  auf  die
Kopfzahl  berechnet  (80  1),  übertrifft  die  Schweiz  die
        <pb n="69" />
        64

Ödst

meisten  andern  Länder.  Der  Ertrag  des  Reblandes  erleidet ­
  von  Jahr  zn  Jahr  die  größten  Schwankungen;
im  Mittel  beläuft  er  sich  auf  über  1  Mill.  Kl.  Das
entspricht  etwa  der  Hälfte  des  Bedarfs.  1912  betrug
die  Einfuhr  11/2  Mill.  hl  im  Wert  von  49  Mill.  Fr.
Die  wichtigsten  Weinlieferanten  sind  Frankreich  für  bessere,
Italien  und  Spanien  für  im  Durchschnitt  geringere
Sorten.  Der  Bund  unterstützt  die  Winzer  durch  Beiträge
in  ihrem  Kampf  gegen  die  Reblaus  und  andere  Schädlinge ­
  des  Weinstocks.
Obstbau.  Der  Obstbau  in  den  tiefern  und  mittlern ­
  Lagen  des  Landes  gewinnt  ständig  au  Wert.  Unter
dem  Einfluß  der  Obstbaumschuleu  (Wädenswil)  und
-kurse  macht  die  Pflege  der  Bäume  und  Früchte  und  die
Auswahl  der  Sorten  nach  Klima  und  Bodenart  Fortschritte. ­
  Die  Obstbäume  stehen  zumeist  im  gut  gedüngten
Wieslaud.  Ohne  nennenswerte  Schädigung  des  Graswuchses ­
  breiten  sie  ihre  Kronen  als  zweite  Etage  des
Bodenertrages  darüber  hin  Mit  dem  starten  Überwiegen
des  Wiesenbaus  im  ostschweizerischen  Mittelland  nimmt
auch  die  Zahl  der  Obstbäume  zu.  Ju  den  besten  Lagen
bilden  sie  einen  zusammenhängenden  Obstbaumwald,  in
dessen  Grün  die  Dörfer  beinahe  versteckt  sind.  Nicht
selten  haben  hier  die  Fruchtbäume  auch  auf  dem  Ackerland ­
  Fuß  gefaßt.  Die  dichten  Obstgärten  gehören  zum
Bild  der  ostschweizerischen  Kulturlandschaft.
Wein  und  Obst  erleiden  oft  schweren  Schaden  durch
die  Spätfröste.  Darum  ist  die  Obsternte  großen  Schwankungen ­
  unterworfen.  Im  Durchschnitt  wird  sie  auf
55  Mill.  Fr.  gewertet.  Sie  bleibt  größtenteils  im  Lande.
Mostobst  wird  nach  Süddeutschland  ausgeführt.  Äpfelund
  Birnenmost  ist  in  der  Ostschweiz  ein  allgemein  verbreitetes ­
  Getränk;  mit  der  Annäherung  an  die  neuenburgischen ­
  und  waadtländischen  Rebgelände  tritt  er  gegenüber ­
  dem  Wein  zurück.  Baselland,  das  aargauische  Fricktal
  und  die  Seebezirke  von  Zug  und  Schwyz  schimmern
im  Frühling  im  Weiß  der  Kirschbaumblüten.  Die  Ernte
        <pb n="70" />
        65

gelangt  nur  zum  Teil  auf  den  Markt;  große  Mengen
von  Kirschen  werden  zum  Brennen  von  Kirschwasser  verwendet. ­
  In  den  Südtälern  der  Alpen  reifen  neben  der
dichtbelaubten  Edelkastanie  die  Pfirsich-  und  Feigenbäume
ihre  Früchte.  Die  Edelkastanie  erscheint  in  einzelnen
Gruppen  auch  nördlich  der  Alpen  an  den  Halden  der
Föhntäler,  so  im  Rheintal,  am  Walensee  und  am  Vierwaldstättersee, ­
  fernerhin  im  Wallis  und  am  Genfersee.
Einzelne  Olivenhaine,  gleichsam  von  den  großen  Beständen
am  Mittelmeer  an  den  Alpenfuß  versprengt,  heben  sich
am  Ufer  des  Luganersees  mit  dem  feinen,  silbergrauen
Laub  aus  ihrer  Umgebung  heraus.
1912  betrug  die  Obstausfuhr  6  Mill.  Fr.„  Die
Einfuhr  (darunter  Dörrobst  aus  Kalifornien  und  Österreich-Ungarn) ­
  steigt  ans  8  Mill.  Fr.;  noch  höher  sind  die
Auslagen,  für  Südfrüchte.  Obstverwertungs-  und  Mostereigenossenschaften ­
  sind  bestrebt,  den  Obstbau  immer
einträglicher  zu  gestalten.
Wald.  Im  Verhältnis  zur  Bodenfläche  weist
manches  andere  Land  mehr  Wald  auf  als  die  Schweiz.
Unter  den  Nachbargebieten  ist  vor  allem  das  österreichische
Alpenland  reicher  an  Holz  und  vermag  deshalb  einen
starken  Zuschuß  au  den  Holzbedaif  unseres  Landes  zu
leisten.  Auf  den  Plateauflächen  und  an  den  Berghalden
des  Jura  treten  ausgedehnte  zusammenhängende  Waldflächen ­
  auf;  sie  erfüllen  hier  wie  in  den  Alpen  die  Aufgabe, ­
  die  dünne  Humusdecke  zusammenzuhalten,  den
Wasserablanf  zu  regulieren  und  Rutschungen  zu  verhüten;
im  Hochgebirge  gewähren  sie  überdies  Schutz  vor  den
Lawinenverheerungen.  Nach  dem  Bundesgesetz  von  1902
steht  dem  Bund  die  Oberaufsicht  zu  über  das  Forstwesen
der  ganzen  Schweiz  und  im  besondern  über  die  Schutzund
  Bannwaldungen  im  Gebirge.  Gegenüber  Jura  und
Alpen  hat  das  Mittelland  einen  durchschnittlich  geringern
und  stark  zerstückelten  Waldbestand.  Nicht  ganz  ein
Drittel  des  Waldes  gehört  Privaten,  zwei  Drittel  den
Gemeinden  und  Korporationen  und  der  Heine  Rest  dem
Flückiger/Schweiz  5

Wald
        <pb n="71" />
        66

Glasbau

Alpwirtschaft

Staat.  Im  allgemeinen  ist  der  Staats-,  Gemeinde-  und
Genossenschaftswald  besser  unterhalten  als  der  Privatbesitz. ­
  Die  jährliche  Holzproduktion  im  Wert  von  etwa
40  Mill.  Fr.  wird  ergänzt  durch  die  Einfuhr  fremden
Holzes  für  35  Mill.  Fr.

3.  Gvasland  und  Uielnrrrht.
Grasland.  Die  große  Feuchtigkeit  des  Landes
sichert  dein  Wiesenbau  ein  entschiedenes  Übergewicht.
Der  Anteil  des  Graslandes  an  der  Bodenstäche  nimmt
mit  dem  Ansteigen  des  Mittellandes  gegen  den  Alpenrand ­
  hin  zu.  Die  Hügelregion  der  Ostschweiz  ist  ein
fast  ununterbrochenes  grünes  Wiesenland;  so  im  Appenzell, ­
  wo  die  Sticker  und  Weber  neben  der  Hausindustrie
nicht  viel  Zeit  und  Arbeitskräfte  für  die  Besorgung  ihres
Gütleins  erübrigen  können;  so  auch  im  Thurgau,  wo  die
großen  Erträge  des  Obstbaues  dein  damit  verbundenen
Wiesenbau  Vorschub  leisten.  Die  Viehzucht  im  Mittelland
  bevorzugt  meist  die  Stallfütterung;  nur  im  Herbst
werden  fast  überall  die  Tiere  zur  Weide  getrieben.  Die
Heuernte  leidet  viel  unter  der  feuchtkühlen  Witterung;
mehr  und  mehr  findet  deshalb  der  süddeutsche  Brauch
Eingang,  das  Heu  im  Freien  an  Holzträgern  zu  Stöcken
(zu  „Tristen")  aufzuschichten,  um  es  hier  gären  und
vollständig  austrocknen  zu  lassen.  Feuchte  Sommer
sichern  einen  großen  Emdertrag.  Das  Weideland  beansprucht ­
  nahezu  die  Hälfte  der  gesamten  Grasfläche.
Es  ist  aus  dem  Mittelland  verschwunden  und  gehört
heute  ins  Gebirge;  hier  dient  es  einem  besondern  landwirtschaftlichen ­
  Betrieb,  der  Alpwirtschaft.  Die  Alpweiden ­
  sind  ein  Hilfsgebiet  für  die  Landwirtschaft  im
Tale.  Die  Bauern  benutzen  sie,  je  nach  der  Jahreszeit
auf  verschiedenen  Staffeln,  zur  Sömmerung  des  Viehs.
Für  die  Aufzucht  von  Jungvieh  und  zur  Gewinnung
guter  Milch  und  Milchprodukte  sind  die  Alpweiden  un-
        <pb n="72" />
        67

erschlich.  Sie  haben  für  die  Bergbewohner  und  für  das
ganze  Land  den  größten  Wert.  Der  Weidebetrieb  ist
außerdem  überall  da  am  Platz,  wo  ein  geringwertiger
Boden  eine  intensive  Ausnutzung  nicht  zuläßt,  wo  stark
geneigte  Halden  den  Gebrauch  der  Maschine  und  der
Sense  erschweren  und  da,  wo  die  Arbeitskräfte  fehlen.
Viele  Sümpfe  sind  trockengelegt  und  zu  Wiesland
umgewandelt  worden.  Immerhin  werden  die  bräunlichgrünen, ­
  eintönigen  Sumpfflächen  nicht  ganz  aus  dem  Landschaftsbilde
  verschwinden,  da  sie  ein  geschätztes  Streuematerial ­
  liefern.  Bei  dem  Rückgang  der  Strohgewinnung
und  bei  der  wachsenden  Bedeutung  der  Viehzucht  machen
die  Streuewiesen  einen  unentbehrlichen  Bestandteil  der
landwirtschaftlich  benutzten  Bodenfläche  aus.
Viehzucht  und  Milchproduktion.  Der
Futterbau  ernährt  einen  stattlichen  Viehstand,  mit  dem
die  Schweiz  unter  den  europäischen  Ländern  einen  hohen
Rang  einnimmt.  Die  Zunahme  des  Grasbaues  und  die
stärkere  Ausnützung  des  Bodens  machen  es  erklärlich,
daß  die  Zahl  der  Tiere  beständig  anwächst.  Innert
20  Jahren  stieg  der  Wert  des  Viehstandes  um  die  Hälfte.
Daran  ist  außer  der  Vermehrung  besonders  die  höhere
Qualität  beteiligt,  die  durch  Prämierungen,  Viehmärkte
und  Ausstellungen  ständig  gefördert  wird.  Bei  den  hohen
Milch-  und  Fleischpreisen  gewinnt  die  Rindviehzucht  für
den  Wohlstand  des  Landes  einen  Wert,  der  von  der
gesamten  übrigen  Tierhaltung  bei  weitem  nicht  erreicht
wird.  Der  Wert  des  schweizerischen  Viehstandes  steht
bei  700  Mill.  Fr.  Davon  fallen  auf  das  Rindvieh  allein
mit  1  i/2  Mill  Stück  rund  drei  Viertel.  In  der  Ostschweiz ­
  wird  Braunvieh  gehalten;  der  Westen  des  Landes
züchtet  zwei  Arten  von  Fleckvieh,  den  rotweißen  Simmentaler ­
  Schlag  und  den  schwarzweißen  Freiburger  Schlag.
Die  Rindviehzucht  der  Schweiz  zielt  in  erster  Linie  auf
einen  höchsten  Milchertrag  ab;  Mast,  Aufzucht  von  Rassetieren ­
  und  Arbeitsleistung  nehmen  dem  Wert  nach  eine
untergeordnete  Stellung  ein.  Der  jährliche  Milchertrag

Streuewiescn

Viehzucht

Mafien
        <pb n="73" />
        68

Milchertrag

Käse

Butter

Milchkondensation ­


Aufzucht  von
Jungvieh

Schlachtvieh

Schweinemast

Pferde

wird  auf  annähernd  350  Mill.  Fr.  geschätzt  und  verteilt
sich  wie  folgt:

Direkter  Verbrauch

48o/o

Käsereien

32  o/o

Milchindustrien

50/o

Aufzucht  und  Mast

150/0

War  früher  die  Käsebereitung  Sache  der
Aelpler,  so  entstammt  heute  die  Hauptproduktion  dem
Mittelland,  sowohl  nach  dem  Wert  als  nach  der  Menge
berechnet.  Die  auch  im  Ausland  bekanntesten  Sorten  sind
der  Emmentaler-  und  der  Greyerzer-Käse.  Die  Ausfuhr
geht  meist  nach  den  Bereinigten  Staaten,  nach  Frankreich,
Deutschland,  Italien  und  erreichte  1912  den  Betrag  von
65  Mill.  Fr.;  sie  macht  rund  die  Hälfte  der  Produktion
aus.  Dagegen  muß  die  Butterbereitung  der  Schweiz
durch  eine  starke  Einfuhr  (16  Mill.  Fr.)  ergänzt  werden.
Unter  den  Milchindustrien  sind  besonders  die  Kondensation ­
  und  die  Zubereitung  von  Milchschokolade
zu  nennen.  Die  Milcheindampfungs-Fabriken  von  Cham,
Düdingen,  Payerne  und  Vevey  ziehen  aus  weitem  Umkreis ­
  ansehnliche  Mengen  von  Milch  heran  und  verarbeiten ­
  sie  säst  ausschließlich  für  die  Ausfuhr;  1912
brachte  sie  47  Mill.  Fr.  ein.  Die  Hauptabnehmer  sind
England  und  seine  Kolonien.
Die  Aufzucht  gut  entwickelter  Rassetiere  ist  wohl
überall  verbreitet,  kann  aber  nur  vereinzelt  als  Hauptrichtung ­
  der  Viehzucht  gelten;  so  z.  B.  im  Simmental,
dessen  edle  Rinder  einen  guten  Absatz  im  Ausland  finden.
Nur  in  geringem  Maß  vermag  die  R  i  n  d  v  i  e  h  m  a  st
dem  heimischen  Fleischbedarf  zu  genügen,  so  daß  eine
starke  Einfuhr  von  Schlachtvieh  und  Fleisch  nötig  wird.
Zum  Teil  tritt  hier  die  Schweinezucht  in  die  Lücke.
Sie  verwertet  neben  den  Kartoffeln  besonders  die  Käsereiabfälle. ­
  In  Anlehnung  an  die  gesteigerte  Milchwirtschaft
hat  sich  der  Schweinebestand  innert  30  Jahren  verdoppelt.
Mit  dem  Ackerland  hat  die  P  f  e  r  d  e  z  u  ch  t  an  Bedeutung ­
  eingebüßt.  Die  Freiberge  im  Jura  liefern  der
        <pb n="74" />
        69

Landwirtschaft  ausdauernde  Arbeitstiere.  Die  Armeepferde ­
  müssen  dagegen  aus  dem  Auslande  bezogen  werden.
Seitdem  die  Schafzucht  Australiens,  Südafrikas  Schafe  und
und  Argentiniens  die  Wollpreise  herunterdrückt,  geht  der  3ie ä en
Schafbestand  unseres  Landes  gleich  wie  im  übrigen
Nordwesteuropa  zurück.  Im  Mittelland  muß  der  Graswuchs ­
  immer  ausschließlicher  der  Milchgewinnung  dienen;
so  wird  das  Schaf  mehr^  Md  mehr  in  die  dem  Rind
unzugänglichen  höchsten  Alpgebiete  und  auf  den  geringwertigen ­
  Weideboden  überhaupt  zurückgedrängt.  Ebenso
sind  die  Ziegen  am  stärksten  in  den  alpwirtschaftlichen
Gebieten  vertreten;  im  Saanenland  wird  der  Aufzucht
von  Rassetieren  große  Aufmerksamkeit  zugewendet.
Die  Geflügelzucht  vermag  bei  weitem  nicht,  Geflügel  und
den  großen  Bedarf  an  Eiern  zu  decken.  Die  Einfuhr  ^er
an  Eiern  macht  jährlich  bei  20  Mill.  Fr.  aus.  Die
körnerreichen  Länder  Südeuropas,  Ungarn  und  Bulgarien,
sowie  Norditalien  sind  die  bedeutendsten  Lieferanten.
Endlich  sei  noch  die  Bienenzucht  erwähnt,  die  Bienen
überall  verbreitet,  doch  besonders  in  einzelnen  Landesteilen, ­
  wie  z.  B.  Graubünden,  große  Erträge  an  feinaromatischem ­
  Honig  abwirft.
        <pb n="75" />
        Industrie

Allgemeines

Einfluß  der
Binnenlage

1.  Aiigemeines.
Neben  dem  Ackerbau  und  weit  über  dessen  Bedeutung
hinaus  erwuchs  im  letzten  Jahrhundert  die  Großindustrie,
von  der  heute  nahezu  die  Hälfte  der  Bevölkerung  lebt.
Für  die  fabrikmäßige  Verarbeitung  der  Rohstoffe  und  den
Export  liegen  die  Verhältnisse  in  der  Schweiz  viel  ungünstiger,
  als  in  den  meisten  andern  Ländern,  die  mit
ihr  auf  dem  Weltmarkt  konkurrieren.  Die  einheimische
Industrie  muß  sich  fast  ausschließlich  mit  fremden  Rohstoffen ­
  und  fremden  Kohlen  behelfen.  Die  Binnenlage
des  Landes  verschärft  diesen  Übelstand  in  hohem  Maße.
Wohl  trugen  seit  der  Mitte  des  letzten  Jahrhunderts
die  Eisenbahnen  durch  Erleichterung  und  Beschleunigung
des  Verkehrs  mächtig  zum  Aufblühen  der  Industrie  bei;
sie  öffneten  den  Weg  ins  Ausland,  zum  Mittelmeer  und
zur  Nordsee.  Aber  die  Bahnfracht  stellt  sich  viel  teurer
als  der  Transport  auf  dem  Wasserweg.  So  ist  die
Schweiz  gegenüber  den  Küstenländern  benachteiligt  und
dies  umsomehr,  als  ihr  vorläufig  auch,  kurze  Strecken
abgerechnet,  keine  schiffbaren  Flüsse  zur  Verfügung  stehen.
Der  weite  Hertransport  des  Getreides  und  anderer
Lebensmittel  aus  dem  Ausland  verteitert  die  Lebenshaltung ­
  und  bedingt  hohe  Arbeitslöhne;  der  Unternehmer
muß  sie  durch  erhöhten  Verkaufspreis  der  Fabrikate
wieder  einzubringen  suchen.  Ebenso  belastet  die  Bahnfracht ­
  die  Einfuhr  der  Kohle  und  der  Rohstoffe  sowie
die  Ausfuhr  der  fertigen  Fabrikate.  Alle  diese  Nachteile
        <pb n="76" />
        71

wirken  zusammen,  um  der  schweizerischen  Industrie  den
Wettbewerb  mit  den  begünstigten  Küstenstaaten,  wie
England,  zu  erschweren.  Sie  sieht  sich  vor  der  Aufgabe,
alle  Kräfte  an  solche  Gebiete  zu  setzen,  die  im  Konkurrenzkampf ­
  mit  dem  Ausland  noch  Erfolg  versprechen.  Genaueste ­
  Arbeit,  technisch  vollendete  Konstruktion  und  bestes
Material  haben  dem  Maschinenbau  einen  Weltruf  verschafft ­
  und  trotz  der  hohen  Transportkosten  den  Absatz
in  die  fernsten  Teile  der  Erde  gesichert.  Die  Seidenstoffund ­
  Bandweberei,  die  Genfer  Bijouterie  und  die  jurassische ­
  Uhrenindustrie  verarbeiten  Rohstoffe,  die  auf  kleinem
Raum  und  bei  geringem  Gewicht  einen  großen  Wert
darstellen;  im  Verkaufspreis  fallen  die  Transportkosten
kaum  in  Betracht.  Noch  günstiger  verhält  es  sich  in  der
binnenländischen  Industrie  mit  der  Stickerei.  Ihre  fertigen ­
  Produkte  vereinigen  hohen  Wert  auf  kleinem  Raum;
überdies  wird  vor  allem  die  feine,  künstlerische  Arbeit
bezahlt.  Am  Verkaufspreis  sind  Fracht  und  Rohstoff  nur
mit  einem  geringen  Betrag  beteiligt;  beinahe  der  ganze
Erlös  verbleibt  dem  Laude  als  Arbeitslohn  oder  als
Gewinn  der  Stickereigeschäfte.
Infolge  der  Nachteile  des  Landtransportes  gegenüber ­
  dem  Seeverkehr  kaun  die  schweizerische  Industrie
ihren  Platz  auf  dem  Weltmarkt  nicht  durch  billige
Preise,  sondern  nur  durch  beste  Qualität  der  Produkte ­
  behaupten.
Eine  Reihe  von  Staaten  bereiten  der  schweizerischen  Schutzzölle
Industrie  eine  weitere  Schwierigkeit  durch  die  Schutzzölle. ­
  In  der  Absicht,  die  eigene  Industrie  zu  schützen
und  zu  fördern,  verdrängen  sie  durch  hohe  Einfuhrzölle
unsere  Produkte  von  ihrem  Gebiet.  Wollten  die  Fabrikanten ­
  nicht  auf  den  Absatz  in  diesen  Ländern  verzichten,
so  blieb  ihnen  nur  übrig,  einen  Teil  des  Betriebes  über
die  Grenze  zu-verlegen.  Die  Basler  Seidenbandweberei
arbeitet  für  den  deutschen  Bedarf  jenseits  der  Grenze  auf
badischem  Boden,  um  den  Zoll  zu  vermeiden.  Die  Maschinenfabriken ­
  haben  Filialen  in  deutschen  Städten  errich
        <pb n="77" />
        72

tct.  Ein  beträchtlicher  Teil  der  Baumwoll-  und  Seidenindustrie ­
  wurde  für  den  italienischen  Bedarf  nach  Italien  verlegt.
Förderung  der  Am  Erfolg  unseres  Landes  im  Wettkampf  mit  den
Industrie  ersten,  von  der  Natur  begünstigten  Industrieländern
haben  die  technische  und  kaufmännische  Tüchtigkeit  der
Unternehmer  und  die  Geschicklichkeit  der  Arbeiter  einen
großen  2Xnteis.  Die  allgemeine  Volksbildung  ist  die
Grundlage  guter  Leistungen.  Zahlreiche  Unterrichtsanstalten ­
  vermitteln  speziell  die  Berufsausbildung.  So
fördern  die  Eidgenössische  Technische  Hochschule  und  die
übrigen  technischen  Schulen  den  Maschinenbau;  für  Uhrmacher, ­
  Sticker,  Seidenweber  und  andere  Berufsleute
bestehen  besondere  Schulen.  Nicht  wenig  kommt  der  Industrie ­
  zu  statten,  daß  viele  unternehmende  Schweizer-Kaufleute
  in  fernen  Ländern  als  Inhaber  von  Geschäftshäusern ­
  oder  als  Agenten,  den  Absatz  der  heimischen
Fabrikate  fördern  und  für  den  vorteilhaften  Einkauf  der
fremden  Rohstoffe  besorgt  sind.
Wasierkräste  Die  hohen  Kohlenpreise  nötigen  die  schweizerische
Industrie,  die  Wasserkräfte  des  Landes  in  immer  stärkerem ­
  Maße  auszunützen.  War  bis  dahin  die  Großindustrie ­
  hauptsächlich  auf  das  Mittelland  beschränkt,  so
geht  sie  jetzt  den  verfügbaren  Wasserkräften  nach  und
dringt  tief  in  die  Täler  des  Gebirges  hinein.  Sie  gewinnt ­
  ständig  an  Boden  und  an  Zahl  der  Arbeiter;
die  Schweiz  ist  zum  Industriestaat  geworden.
Industriezweige  Die  größten  und  für  das  Erwerbsleben  maßgebenden
Fabrikationszweige  sind  die  Stickerei  und  die  Baumwollindustrie ­
  der  Ostschweiz,  die  Seidenindustrie  von  Zürich
und  Basel,  die  Uhrenmacherei  im  Jura  und  der  Maschinenbau ­
  in  verschiedenen  Orten  des  Mittellandes.
2.  Stickerei.
Ausfuhr  Der  jährliche  Export  im  Wert  von  211  Milt.  Fr.
(1912)  stellt  die  Stickerei  an  die  Spitze  aller  schweizerischen ­
  Industrien.  Da  als  Material  meist  Baumwolle
        <pb n="78" />
        73

verwendet  wird,  so  gilt  die  Stickerei  nicht  selten  als
Zweig  der  Baumwollfabrikation.  Die  kunstvolle  Arbeit
und  der  hohe  Produktionswert  geben  ihr  aber  eine  selbständige ­
  Stellung.  Die  Stickerei  umfaßt  ein  enger  be-  Ausdehnung
grenztes  Gebiet  als  die  übrigen  Großindustrien  der  bet  ® tiÄerci
Schweiz.  Sie  ist  in  den  Kantonen  St.  Gallen,  Appenzell
und  Thurgau  verbreitet;  jenseits  der  Grenze  beschäftigt
sie  auch  die  Bewohner  des  österreichischen  Vorarlbergs.
Mittelpunkt  des  gesamten  Industriegebietes  ist  die  Stadt
St.  Gallen.  Von  hier  aus  gehen  die  Arbeitsaufträge  in
die  Landschaft  hinaus;  dahin  kehren  die  fertigen  Waren
zurück  und  werden  in  den  Ausrüstereien  der  Geschäftshäuser ­
  für  den  Verkauf  im  Großen  zubereitet.  Demnach
ist  es  verständlich,  daß  man  stets  von  den  St.  Galler
Stickereien  redet,  gleichgültig,  in  welchem  Teil  des  Jndustriebezirkes^
  sie  angefertigt  wurden.  Die  Hauptabnehmer ­
  der  St.  Galler  Stickereien  sind  die  Vereinigten
Staaten  und  England.
Die  feine  Handstickerei  ist  unter  der  Konkurrenz  der  Hand-  »ud
Stickmaschine  seit  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  stark
zurückgegangen  und  beschäftigt  heute  fast  nur  noch  die  eui
Frauen  und  Mädchen  Jnnerrhodens.  Dafür  hat  vom
Bvdensee  bis  zu  den  Höhen  am  Fuß  des  Säntis  die
Maschine  ihren  Einzug  gehalten,  in  den  Dörfern  sowohl
wie  in  den  einsam  gelegenen  Häuschen  hoch  oben  an
steiler  Berghalde.  Die  Maschine  ahmt  die  Handstickerei
nach,  ohne  jedoch  den  gleichen  Grad  der  Feinheit  zu
erreichen.  Sie  erzeugt  in  Menge  den  Besatz  für  Weißzeug
  (Entredeux),  Roben,  Taschentücher,  Schleier.  Ein
anderer  Zweig,  die  Kettenstich-  oder  Grobstickerei,  befaßt
sich  mit  der  Anfertigung  der  Stören  und  der  weißen,
großgemusterten  Vorhänge  (Rideaux).  Die  Stickmaschine
wird  von  Hand  betrieben.  Sie  findet  sich  vorwiegend
in  den  Wohnhäusern,  in  geringer  Zahl  in  Fabriken.
Die  mit  Wasser  oder  Dampf  betriebene  Schisfli-Stickmaschine
  ist  dagegen  ausschließlich  für  den  Fabrikbetrieb
berechnet.
        <pb n="79" />
        74

Verbindung
mit  der!
Landwirtschaft

Kinderarbeil

Entwicklung
der  Baumwolle
industrie

Arbeitsraum  der  Haussticker  ist  heute  selten  mehr
der  feuchte  Keller,  der  vor  dem  Einzug  der  Stickerei  als
Webkeller  diente.  Häufig  steht  die  Maschine  in  einem
dem  Wohnhaus  augebauten  Raum,  dessen  große  und
zahlreiche  Fenster  schon  von  weitem  die  Bestimmung  erkennen ­
  lassen.  Im  nahen  Umkreis  der  Stadt  St.  Gallen
und  im  untern  Toggenburg  widmen  sich  die  Hausarbeiter
fast  ausschließlich  ihrer  Industrie.  In  den  übrigen  Landschaften ­
  verbinden  sie  die  Maschinenstickerei  meist  mit
dem  Landbau.  Die  Landwirtschaft  beschränkt  sich  dann
auf  Wiesenkultur  und  Biehzucht,  die  nicht  so  viel  Zeit
und  Arbeitskräfte  erfordern  wie  der  Fruchtbau,  der
übrigens  im  obern  Toggenburg  und  iin  Appenzell  wegen
der  hohen  Lage  kaum  lohnen  würde.  Landwirtschaft  und
Stickerei  lassen  sich  recht  wohl  vereinigen;  die  große
Nachfrage  nach  Stickereien  fällt  auf  den  Winter;  wenn
die  Launen  der  Mode  oder  die  Überproduktion  einen
schlechten  Geschäftsgang  Hervorrufen,  so  bewahrt  die  Landwirtschaft ­
  den  Sticker  vor  vollständiger  Verdienstlosigkeit.
Anderseits  mindert  die  bäuerliche  Hantierung  die  Fähigkeit, ­
  die  feinsten  Stickereien  auszuführen.  Das  Maschinensticken ­
  erfordert  eine  gewisse  körperliche  Kraft  und  ist  deshalb ­
  meist  Männerarbeit.  Den  Frauen  und  Kindern
bleibt  dann  als  Hilfsarbeit  das  Einziehen  des  Garns  in
die  Nadel,  das  „Fädeln",  überlassen.  Noch  heute  gilt
als  eine  der  bedenklichsten  Erscheinungen  in  der  ostschweizerischen ­
  Hansstickerei,  daß  die  Kinder  dabei  überanstrengt
und  dauernd  an  der  Gesundheit  geschädigt  werden.
8 +  D  n  irmwoUrnd  u  stri  e.
Aus  dem  mittelalterlichen  Leiuwandgewerbe  St.  Gallens
erwuchs  im  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  die  Baumwollindustrie;
  französische  Hugenotten  führten  sie  ein.
Bald  waren  in  weitem  Umkreis  um  die  Stadt  und
ostwärts  des  Rheins  viele  tausend  Hände  damit  beschäftigt, ­
  neben  den  gewöhnlichen  Baumwolltüchern  die
        <pb n="80" />
        75

feine  Musseline  anzufertigen  und  zu  besticken.  Zur
gleichen  Zeit  verschafften  Hugenotten  der  Musselinefabrikation ­
  -auch  in  Zürich  Eingang,  wo'man  schon  lange
Baumwolle  verarbeitet  hatte.  Auch  die  Bewohner  des
Glarnerlandes  begannen  damals  für  die  Geschäftshäuser
von  St.  Gallen  und  Zürich  Baumwolle  zu  spinnen,  zu
weben  und  zu  bedrucken.  Anfänglich  war  das  Spinnen
und  Weben  der  Baumwolle  Handarbeit.  Zu  Beginn  des
19.  Jahrhunderts  begann  die  Konkurrenz  des  englischen
Maschinengarns  und  der  maschinengewobenen  Tücher.
Sie  wurde  so  drückend,  daß  auch  in  der  Schweiz  die
Spiunmaschine  und  der  mechanische  Webstuhl  die  ursprüngliche ­
  Arbeitsweise  ganz  verdrängten.  Mit  dem
mechanischen  Betrieb  vermochte  die  ostschweizerische  Baumwollindustrie
  den  Rang  im  Wettbewerb  init  dein  Ausland
zu  behaupten.  Um  die  Mitte  des  letzten  Jahrhunderts
kam  eine  Reihe  der  besten  Geschäftsjahre.  Später  trat
infolge  wachsender  Konkurrenz  und  der  Zollerhöhungen
einzelner  Absatzgebiete  ein  Rückschlag  ein,  obwohl  die
Fabrikanten  bemüht  waren,  durch  die  Aufnahme  besonderer, ­
  vom  Ausland  vernachlässigter  Zweige  des  Baumwollfaches
  den  Niedergang  aufzuhalten.
Heute  umfaßt  das  Gebiet  der  Spinnerei  und  Weberei  Industriegebiet
die  Kantone  St.  Gallen,  Appenzell  A.-Rh.,  Thurgau  und
Glarus,  das  Zürcher  Oberland,  und  reicht  der  Aare
entlang  bis  in  den  bernischen  Oberaargau  hinauf.  Die
Hausindustrie  von  Appenzell  A.-Rh.  fertigt  Plattstichgewebe
  an.  Die  Glarner  Fabrikanten  betrieben  Jahrzehnte ­
  hindurch  mit  bestem  Erfolg  das  Färben  und  Bedrucken ­
  der  Baumwollstoffe.  Sie  lieferten  Tücher  in
bunten  Farben  nach  den  südeurvpäischen  Ländern,  Schleier
und  Kopftücher  (Türkenkappen)  nach  dem  Balkan  und
Vorderasien,  Sarongs,  die  Kleidung  für  die  Eingebornen,
nach  Java  und  Sumatra.  Eine  Glarner  Spezialität
sind  auch  die  „Nouclwirs",  für  die  im  Lande  selbst
noch  vielfach  die  Bezeichnung  „Fazzenettli"  gebraucht
wird  (nach  dem  italienischen  fazzoletto  =  Taschentuch).
        <pb n="81" />
        76

Ausfuhr

Anfänge  der
Industrie

Zürcher  Seide

In  den  letzten  Jahren  ist  für  die  Baumwolldruckerei
wegen  des  verminderten  Absatzes  eine  schlimme  Zeit  angebrochen; ­
  einige  Fabriken  sind  eingegangen.  Gegenwärtig ­
  verlegt  sich  die  Baumwollindustrie  wieder  mehr
aus  die  Herstellung  feiner  Gewebe,  vor  allein  Musseline
für  Ostasien.
Der  Wert  der  ins  Ausland  verkauften  Baumwollfabrikate
  (Garne  und  Gewebe)  belief  sich  1912  auf
59  Mill.  Fr.  Die  Ausfuhr  macht  etwa  2 /a  der  Gesamtproduktion ­
  aus;  der  Rest  findet  im  Lande  selbst  Absatz.
Die  Rohbaumwolle  kommt  zum  großem  Teil  aus  den
Südstaaten  der  Union;  daneben  liefert  auch  Ägypten  ein
durch  Qualität  ausgezeichnetes  Rohmaterial.
4.  Keidenindnjtine.
Für  die  Verarbeitung  der  Seide  'kommen  als
Mittelpunkte  die  Städte  Zürich  und  Basel  in  Betracht,
das  erste  für  die  Seidenstofsweberei,  dieses  für  die  Bandweberei. ­
  Schon  im  Mittelalter  war  das  Seidengewerbe
in  Zürich  heimisch;  1555  brachten  ihm  reformierte
Glaubensverfolgte  aus  Locarno  eine  neue  Anregung.
Seither  ist  die  Seidenindustrie  für  die  Stadt  und  einen
weilen  Umkreis  zur  Quelle  des  Reichtums  geworden.
Die  Seidenstoffweberei  umfaßt  außer  Zürich  hauptsächlich
die  beiden  Seeufer  und  das  obere  Glattal.  Weiterhin
tritt  sie  mehr  vereinzelt  auf  im  Knonaueramt,  im  Aargau ­
  und  in  der  Jnnerschweiz.  Die  letzten  Ausläufer
reichen  über  den  Brünig  ins  Haslital  und  im  Jura  bis
nach  Delsberg.  Im  Zürcher  Oberland  trifft  sie  mit  der
St.  Galler  Baumwvllindustrie  und  Stickerei  zusammen,
und  im  Aargau  begegnet  sie  bereits  den  Bandwebstühlen,
die  für  Basel  tätig  sind.  Die  althergebrachte  Hausweberei
mußte  immer  mehr  hinter  dem  Fabrikbetrieb  zurücktreten;
sie  hat  sich  nur  abseits  der  größern  Verkehrswege  und
der  Fabriken  meist  als  Nebenverdienst  zur  Landwirtschaft
erhalten.
        <pb n="82" />
        77

Italien  und  China  liefern  die  Rohseide.  Die  Seiden
raupenzucht  in  der  Südschweiz  vermag  infolge  der  ausländischen ­
  Konkurrenz  und  einer  weit  verbreiteten  Krankheit ­
  des  Maulbeerbaumes  eine  nur  geringe  Menge  von
Rohseide  beizusteuern,  die  zum  Teil  an  Ort  und  Stelle
gesponnen  wird.  Die  Hauptaussuhr  an  Zürcher  Seidenstoffen ­
  geht  nach  den  Vereinigten  Staaten  und  nach
England.  Was  an  diesen  Waren  in  der  Schweiz  bleibt,
beläuft  sich  auf  jährlich  8—10  Will.  Fr.  Immerhin  ist
der  Selbstverbrauch  nicht  so  hoch,  da  für  einen  ansehnlichen ­
  Betrag  Seide  an  den  Fremdenorten  verkauft  wird.
Die  Seidenindustrie  Basels  geht  auf  die  Mitte  des
16.  Jahrhunderts  zurück,  da  Locarner  und  französische
Hugenotten  in  der  Stadt  Aufnahme  fanden.  Reben  der
Spinnerei  und  der  Färberei  ist  das  Weben  von  Seidenbändern, ­
  die  „Posamenterie",  der  wichtigste  Zweig  der
Industrie  geworden.  Die  Bandweberei  ist  außerdem  im
höher  gelegenen  Teil  Basellands  und  in  den  angrenzenden
Bezirken  der  Kantone  Aargau  und  Solothurn  verbreitet,
wo  sie  meist  als  Hausarbeit  einen  Nebenverdienst  zur
Landwirtschaft  einbringt.  Es  bedeutet  für  die  Posamenterie
  einen  schweren  Nachteil,  daß  der  Verkauf  von  Jahr
zu  Jahr  stark  schwankt,  je  nachdem  die  launenhafte  Diode
die  Seidenbänder  begünstigt  oder  übergeht.  Die  ins
Ausland  verkauften  Bänder  machen  alljährlich  den  Wert
von  30—45  Mill.  Fr.  aus  (1918  41  Mill.  Fr.).  Mehr
als  die  Hälfte  davon  geht  nach  England.  Die  Florettspinnerei ­
  Basels  erzielt  überdies  einen  Absatz  von  nahezu
30  Mill.  Fr.
Inmitten  des  Stickerei-  und  Bamnwollbezirkes  an
der  Ostgrenze  des  Landes  trifft  man  einen  besonderen,
räumlich  beschränkten  Zweig  der  Seidenindustrie.  Die
Leute  im  appenzellischen  Wolfhaldcn  und  Lutzenberg  weben
die  Seidengaze,  die  unter  dem  Namen  Bcuteltuch  in  der
Müllerei  gebraucht  wird.  Hauptabnehmer  sind  die  Vereinigten ­
  Staaten  und  Deutschland.  Der  Jahresexport
hat  einen  Weit  von  5  Mill.  Fr.  (1912).  Die  Beutelluch-Ausfuhr



Basler  Seide

Ausfuhr

Beuteltuchweberei ­
  von
Lutzenberg
        <pb n="83" />
        78

Weberei  muß  in  einem  feuchten  Raum  betrieben  werden,
wo  die  Seide  geschmeidig  bleibt  und  beim  Weben  nicht
so  leicht  reißt;  meist  ist  ein  Keller  der  Arbeitsraum.
Die  feuchten,  ungeheizten  und  schlecht  gelüfteten  Webkeller
haben  den  schädlichsten  Einfluß  aus  die  Gesundheit  der
Arbeiter.
Im  Jahre  1912  wurde  Seide  (Fabrikate  und  Rohseide) ­
  im  Wert  von  273  Mill.  Fr.  ausgeführt.  An  dieser
Zahl  sind  die  Seidenstoffe  des  Zürcher  Industriegebietes
am  stärlsten  beteiligt.  Die  Gesamteinfuhr,  hauptsächlich
an  Rohstoff,  erreichte  den  Betrag  von  177  Mill.  Fr.
6.  Ula|\ijirrenltan.
Anfänge  Als  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  die  ostschweizerische ­
  Baum  Wollindustrie  unter  der  englischen  Konkurrenz
zum  Fabrikbetrieb  überging,  erstellten  Etablissemente  in
Zürich,  Winterthur  und  Rüti  die  Spinnmaschinen  und
mechanischen  Webstühle;  später  kamen  die  Stickmaschinen
hinzu.  Aus  diesen  Anfängen  im  Dienste  der  einheimischen
Textilindustrie  entstand  der  schweizerische  Maschinenbau.
Heute  liefert  er  Werke  aller  erdenklicher  Konstruktionen  und
Gebiet  und  für  die  verschiedensten  Arbeitsgebiete.  Mit  dem  Maschinendes
  ^  {, au  besassen  sich  zahlreiche  Orte  des  Mittellandes  von
' 1,1  '  '  "Arbon  bis  Genf,  und  nordwärts  des  Jura,  Schaffhausen
und  Basel.  Durch  die  Ausnutzung  der  Wasserkräfte
wurde  diese  Industrie  mächtig  angeregt  und  gefördert.
Die  Zahl  der  Elektrizitätswerke  an  den  Flußläufen  wächst
von  Jahr  zu  Jahr  und  bringt  den  Fabriken  für  elektrische ­
  Anlagen  überreiche  und  lohnende  Arbeit.  Dieser
Zweig  des  Maschinenbaus  wird  noch  mehr  an  Bedeutung
gewinnen,  da  die  Schweiz  bestrebt  sein  muß,  die  noch
brach  liegenden  Wasserkräfte  für  die  Industrie  und  für
den  Betrieb  der  Eisenbahnen  heranzuziehen,  um  von  der
ausländischen  Kohle  unabhängig  zu  werden.  Die  durch
teure  Fracht  erhöhten  Kohlenpreise  bedeuteten  in  unserem
Lande  einen  mächtigen  Antrieb  zum  Bau  von  Dynamos;
        <pb n="84" />
        79

sie  geben  aber  anderseits  auch  der  Konstruktion  von  Dampfmaschinen ­
  eine  bestimmte  Richtung.  Die  Ingenieure  wetteifern ­
  darin,  Werke  zu  erstellen,  die  bei  gleicher  Leistung
den  geringsten  Kohlenverbrauch  aufweisen.  Der  sparsame
Betrieb  ist  einer  der  großen  Vorzüge  der  schweizerischen
Dampfmaschinen  geworden.  In  ähnlicher  Weise  spornten
der  Arbeitermangel  und  die  hohen  Arbeitslöhne  in  Nordamerika ­
  die  Ingenieure  der  Union  an,  automatisch  arbeitende ­
  Maschinen  zu  konstruieren.
Unter  den  verschiedenartigen  Produkten  der  Maschinenindustrie ­
  seien-  als  einige  der  wichtigsten  genannt:
die  Webstühle,  Spinn-  und  Stickmaschinen  aus  den  oben
genannten  Zürcher  Fabrikorlen;  die  Lokomotiven  von
Winterthur;  die  Dampfmaschinen  für  Schisse  von  Zürich
und  Baden;  die  Dampfkessel  von  Winterthur;  die  Dynamos ­
  aus  den  Fabriken  von  Örlikon,  Baden  und
Mönchenstein  bei  Basel;  die  landwirtschaftlichen  Maschinen ­
  aus  Winterthur.  Mehr  als  die  Hälfte  der  Gesamtproduktion ­
  findet  im  eigenen  Lande  Absatz.  Die
Ausfuhr  hat  einen  Wert  von  92  Mill.  Fr.  (1912);  sie
geht  in  erster  Linie  nach  den  vier  Nachbarländern,  meist
nach  Deutschland  und  Frankreich.  Dampfturbinen  und
Dynamos  tragen  den  Ruhm  der  schweizerischen  Technik
bis  in  die  fernsten  Teile  der  Erde.  Die  Schweiz  selbst
hat  einen  ungewöhnlich  starken  Bedarf  an  Maschinen.
Zn  dem,  was  von  der  Eigenproduktion  im  Lande  bleibt,
gesellt  sich  eine  Einfuhr  im  Betrage  von  rund  55  Mill.
Franken,  zum  größten  Teil  aus  Deutschland;  an  erster
Stelle  stehen  die  landwirtschaftlichen  Maschinen.

6.  Ut^enirrdujlne.
Am  Ende  des  16.  Jahrhunderts  fand  die  Uhrenindustrie ­
  in  Genf  durch  französische  Hugenotten  Eingang.
Sie  wurde  vorerst  als  Zweig  der  Goldschmiedearbeit
betrieben  und  galt  als  vornehme,  nicht  jedermann  zu-Erzeugnisse



Ausfuhr

Einfuhr

Entwicklung
        <pb n="85" />
        80

gänzliche  Kunst;  noch  im  18.  Jahrhundert  war  sie  durch
strenge  Vorschriften  geregelt  und  eingeschränkt.  Da  fertigte
1681  Daniel  Jean  Richard  in  La  Sagne  die  erste  Uhr
in  den  Neuenburger  Bergen  an  und  wurde  der  Begründer
der  jurassischen  Uhrenindustrie.  Eine  Reihe  günstiger
Umstände  kamen  ihr  hier  zu  statten.  Der  magere,  trockene
Kalkboden  der  rauhen  Jurahöhen  brachte  von  jeher  einen
nur  dürftigen  Ertrag.  Die  langen  und  strengen  Winter
verdammten  die  Bewohner  zur  Untätigkeit;  Armut  oder
Auswanderung  war  ihr  Los.  In  solcher  Not  bedeutete
die  Uhrenindustrie  die  Rettung  des  Lands.  Der  Jurassier ­
  brachte  für  die  kunstvolle  Arbeit  eine  glückliche  Anlage ­
  mit,  und  keine  Berufsvorschriften  hemmten  hier  den
allgemeinen  Wetteifer,  iinmer  Vollkommeneres  zu  leisten.
Anfangs  war  die  Uhrenmacherei  winterlicher  Nebeuverdienst
  zur  Landwirtschaft;  eine  Hand  fertigte  damals
noch  das  vollständige  komplizierte  Werk  an.  Der  reichliche ­
  Verdienst  führte  dann  die  meisten  Arbeiter  ganz  zum
neuen  Beruf  hinüber,  und  die  Teilung  der  Arbeit  machte
es  einem  jeden  möglich,  auf  seinem  besonderen  Gebiet
eine  große  Fertigkeit  zu  erwerben.  Neben  der  Hausarbeit ­
  entstand  das  «atelier»,  in  dem  sich  eine  Anzahl
Arbeiter  unter  einein  Chef  zu  gemeinschaftlicher  Herstellung ­
  bestimmter  Urteile  vereinigten.  Die  70er  Jahre
des  letzten  Jahrhunderts  brachten  eine  bedeutende  Änderung. ­
  In  den  Vereinigten  Staaten  stellte  man  die
Uhren  fabrikmäßig  her.  Die  Konkurrenz  der  amerikanischen ­
  Fabrikate  schädigte  die  schweizerische  Industrie  derart, ­
  daß  sie  ebenfalls  den  mechanischen  Betrieb  einrichten
mußte.  Überall  entstanden  jetzt  Uhrenfabriken,  die  mit
unvergleichlich  genau  und  rasch  arbeitenden  Maschinen
die  Bestandteile  der  Uhr  herstellten.  Vollkommene  Maschinen ­
  und  die  aufs  Äußerste  getriebene  Arbeitsteilung
(es  gibt  etwa  150  verschiedene  „Branchen"  der  Uhrenindustrie) ­
  steigerten  Menge  und  Güte  der  Produktion
gewaltig.  War  die  Uhr  einst  ein  Luxnsgegenstand,  so
kann  sie  jetzt  durch  die  Massenproduktion  so  billig  ge-
        <pb n="86" />
        81

liefert  werden,  daß  sie  zum  selbstverständlichen  und  unentbehrlichen ­
  Besitz  auch  des  Unbemittelten  gehört.
Die  Uhrenmacherei  ist  die  wichtigste  Industrie  der  Industriegebiet
Westschweiz.  Ihr  Gebiet  umfaßt  Genf,  die  Juraland-  uub  F^rNate
schäften  der  Kantvne  Waadt,  Neuenburg,  Bern,  Solothurn, ­
  Baselland  und  reicht  bis  zur  Stadt  Schasfhausen.
In  Genf  hat  sich  die  althergebrachte  Verbindung  der
Goldschmiedeknnst  mit  der  Uhrenfabrikation  bis  heute  erhalten. ­
  Hier  entstehen  fast  ausschließlich  goldene  Uhren,
zum  Teil  reich  gravierte  und  edelsteingeschmückte  Prunkstücke. ­
  Die  Genfer  Uhren  genießen  infolge  der  sorgfältigen
Arbeit  als  Präzisionswerke  einen  Weltruf.  Chaux-de-Fonds,
  der  Mittelpunkt  des  Neuenburger  Judustriebezirkes,
  bringt  neben  den  goldenen  Uhren  und  den  auf
größte  Genauigkeit  gearbeiteten  Schisfschronometern  auch
billige  Ware  auf  den  Markt.  Die  Fabriken  der  Berner
Juratäler  endlich  fertigen  in  Massen  die  für  geringere
Ansprüche  berechnete  Uhr  in  einfacher  Metallschale  an.
Zahlreiche  Fabriken  an  verschiedenen  Orten  des  jurassischen ­
  Industriegebietes  befassen  sich  mit  der  Herstellung
der  für  die  Uhrenmacherei  notwendigen  Werkzeuge  und
Maschinen.
Die  Uhrenindustrie  ist  hauptsächlich  auf  den  Absatz  Absatzgebietins
  Ausland  angewiesen.  In  allen  Weltteilen  sind
Schweizer  Geschäftsleute  bemüht,  für  die  Uhren  neue
Absatzgebiete  zu  finden  und  die  alten  zu  sichern.  Was
von  den  Fabrikaten  in  der  Schweiz  bleibt,  wird  auf
rund  8  Milk.  Fr.  veranschlagt;  in  dieser  Zahl  sind  die
Uhren  inbegriffen,  die  vom  fremden  Reisepublikum
während  des  Aufenthaltes  in  unserem  Lande  gekauft
werden.  Der  Export  von  Uhren  und  Uhrenbestandteilen
belief  sich  im  Jahre  1912  auf  die  Summe  von  174  Will.
Franken.  La  Chaux-de-Fonds  allein  ist  mit  3 /s  an  der
Gesamtsumme  beteiligt.  Die  bedeutendsten  Abnehmer  sind
Deutschland,  England,  Österreich,  Rußland,  Italien  und
Ostasien.  Die  Vereinigten  Staaten,  die  einst  in  der
Reihe  der  Käufer  zuvorderst  standen,  suchen  jetzt  durch
Flückiger,  Schweiz

6
        <pb n="87" />
        82

Hausindustrie

Wirkungen
der  Industrie

hohe  Zölle  (60—80%)  die  Schweizer  Uhren  zum
Schutz  ihrer  eigenen  Fabrikation  fernzuhalten.
Heute  hat  beinahe  jedes  Juradorf  seine  Uhrenfabrik, ­
  die  «N8iu6».  Daneben  bestehen  auch  die  Ateliers
weiter,  als  Fabriken  im  kleinen.  Beide  nehmen  der
Hausindustrie  die  Arbeitskräfte  weg;  seit  Jahrzehnten
geht  sie  stark  zurück.  Die  Zahl  der  Hausarbeiter  ist  seit
1883  von  40000  auf  10000  gesunken,  während  doch
in  der  gleichen  Zeit  die  Zahl  der  Uhrenmacher  überhaupt
um  '/§  anwuchs.  Immerhin  wird  der  Fabrikbetrieb  die
Hansindustrie  nicht  ganz  zugrunde  richten,  weil  keine
Maschine  gewisse  Handarbeiten,  wie  das  Zusammensetzen,
Gravieren  und  Reglieren  ersetzen  kann.
Der  westschweizerische  Jura  verdankt  der  Uhrenindustrie ­
  den  Wohlstand,  der  in  dem  Bild  der  stattlich
gebauten,  volksreichen  Dörfer  zutage  tritt.  Die  kunstreiche,
den  Erfindergeist  anregende  Arbeit  steigerte  die  geistige
Beweglichkeit  und  die  Unternehmungslust  auf  allen  Gebieten. ­
  Der  große  Fortschritt  wird  besonders  auffällig
bei  einem  Vergleich  der  Jndustriegegend  mit  solchen
Juratälern,  wo  der  Bodenbau  den  einzigen  Erwerb  der
Bewohner  bildet.  Die  Uhrenindustrie  hat  ein  starkes
Wachstum  der  Volkszahl  im  Jura  bewirkt.  Sie  hat  in
der  Meereshöhe  von  1000  m  in  unwirtlicher  Lage
Städte  wie  Chaux-de-Fonds  mit  38000  und  Locle  mit
13000  Einwohnern  aufblühen  lassen.  Alle  die  jurassischen
Jndustrieorte  beziehen  einen  Teil  ihrer  Lebensmittel  aus
den  benachbarten  Gegenden  des  Mittellandes.  Auf  diesein
Weg  fließt  von  dem  im  Jura  erarbeiteten  Wohlstände
eine  beträchtliche  Summe  der  Landwirtschaft  im  Mittellande
  zu.  Wenn  auch  der  Verkauf  der  Uhren  nicht  so
den  Launen  der  Mode  unterworfen  ist,  wie  die  Stickereien
St.  Gallens  oder  die  Seidenbänder  Basels,  so  wird  doch
auch  die  jurassische  Industrie  von  Krisen  heimgesucht;  sie
entstehen  meist  durch  die  Überproduktion  des  modernen
Fabrikbetriebes.  Solche  Zeiten  der  verminderten  Arbeitsgelegenheit ­
  treffen  nicht  nur  die  Judustriebevölkerung  mit
        <pb n="88" />
        83

aller  Härte;  die  Folgen  werden  auch  im  benachbarten
Bauernland  verspürt.
Uvrige  Irrdirstrrren.
Die  oben  besprochenen  Hauptindustrien  der  Schweiz
lassen  sich  in  die  beiden  großen  Gruppen  der  Textilindustrie ­
  und  der  Metallverarbeitung  einreihen.  Daneben
werden  aber  noch  eine  Reihe  weiterer  Industrien  betrieben; ­
  zum  Teil  schließen  sie  sich  einer  der  beiden
Hauptgruppen  an;  andere  nehmen  eine  selbständige
Stellung  ein.
Die  Wollindustrie  ist  ohne  ausgesprochenes  Wollindustrie
Zentrum  an  zahlreichen  Orten  des  Mittellandes  ansässig. ­
  Wegen  des  starken  Niederganges  der  einheimischen
Schafzucht  ist  die  Schweiz  in  der  Lieferung  der  Nohwolle
  fast  ganz  auf  das  Ausland,  vor  allem  Australien,
angewiesen.  Gegenüber  der  Konkurrenz  des  Auslandes  hat
die  Wollindustrie  einen  schweren  Stand.  Für  den  Export ­
  stellt  sie  Kammgarne  und  Kammgarnstoffe  her.  Die
Militär-,  Post-  und  Bahnverwaltungen  des  Inlandes
versorgt  sie  mit  ganzwollenen  Tuchen  zur  Anfertigung
der  Uniformen.  Die  Fabrik-  und  Hausindustrie  des
beimischen  Emmeutals  und  Oberaargaus  liefert  den
braunen  Halbleiu,  der  vielfach  aus  einheimischer  Wolle
bereitet,  als  Kleidungsstoff  der  bäurischen  Bevölkerung
noch  heute  weit  verbreitet  ist.
Auf  einem  Gang  durch  das  Emmental  oder  den  s-inenmdustrie
Oberaargau  sieht  man  häufig  inmitten  des  grünen  Wieslandes
  schimmernd  weiße  Flächen,  die  aus  der  Ferne
einen  glänzenden  Wasserspiegel  vortäuschen,  in  der  Nähe
betrachtet  sich  als  Leinwand  erweisen,  die  in  vielen  langen
Streifen  nebeneinander  zum  Bleichen  an  die  Sonne  gebreitet ­
  wird.  Das  ist  das  Gebiet,  dessen  Bewohner  seit
alter  Zeit  zu  Hause  spinnen  und  weben  Sie  stellen
heute  meist  fabrikmäßig  die  bekannte  dauerhafte  Berner-Leinwand
  her.  In  frühern  Jahrhunderten  war  die
        <pb n="89" />
        84

Strohflechterei

Metallindustrie

Leinenweberei  in  der  Ostschweiz  weit  verbreitet.  Sie
schulte  die  Arbeiter  und  Unternehmer  für  den  technischen
und  kaufmännischen  Betrieb  der  nachfolgenden  Bamnwollfabrikation
  und  Stickerei.  Unter  dem  Übergewicht  der
beiden  Großindustrien  ist  das  Leinengewcrbe  hier  verschwunden. ­

Die  Strohflechterei  ist  hauptsächlich  im  aargauischen ­
  Freimut  zu  Hause;  sie  wird  auch  in  den
Kantonen  Freiburg  und  Luzern,  in  geringem  Maß  im
Tessin  betrieben.  Sie  verarbeitet  außer  dem  einheimischen
Weizen-  und  Roggenstroh  auch  Roßhaar  und  ostasiatisches
Flechtmaterial  und  erzeugt  Strohbordüren,  Strohstickereien
aus  Roßhaaruntcrlage  und  Hüte.  Die  Ausfuhr  macht
einen  Betrag  von  16  Mill.  Fr.  aus  (1912)  und  geht
zum  größten  Teil  nach  England.  Die  Strohflechlerei
war  früher  nur  Hausindustrie;  seitdem  mit  Webstühlen
komplizierte  Artikel  angefertigt  werden,  ist  sie  größtenteils
in  die  Fabriken  übergegangen.  Als  Hausarbeit  ist  sie
nieist  Nebenverdienst  zur  Landwirtschaft  und  wird  vorzugsweise ­
  im  Winter  ausgeübt.
Im  Anschluß  an  den  Maschinenbau  müssen  die
Herstellung  des  Roheisens  im  einzigen  Hochofen  der
Schweiz,  Choindez  (Berner  Jura),  und  die  Gießereien ­
  der  v.  Rollschen  Eisenwerke  erwähnt  werden.
Unter  den  Werkzeugfabriken  ist  die  von  Örlikon
am  bekanntesten  geworden.  Die  Alüminiumfabriken  von
Neuhausen,  Chippis  und  Orsieres  (beide  im  Wallis)
fabrizieren  Aluminium  in  so  großer  Menge,  daß  sie
nur  von  der  Produktion  der  Bereinigten  Staaten  und
Frankreichs  übertroffen  wird.  Verschiedene  Städte  des
Mittellandes  bringen  die  Erzeugnisse  der  Feinmechanik,
die  Präzisionsinstrumente,  auf  den  Markt,  so  Zürich,
Aarau,  Bern,  Neuenburg  und  Genf;  ihnen  schließen  sich
Basel  und  Schaffhausen  an.  In  der  Westschweiz  geht
die  Präzisionsmechanik  mit  der  Uhrenindustrie  zusammen,
und  ebenso  kann  die  Genfer  Bijouterie  als  wichtiger
Zweig  der  Uhrenmacherei  gelten.  Inmitten  des  großen
        <pb n="90" />
        85

jurassischen  Uhrenbezirkes  nimmt  Ste.  Croix  mit  seinen
Fabriken  für  Musikwerke  und  Phonographen
eine  Sonderstellung  ein.
Die  Erzeugnisse  der  Brienzer  Holzschnitzler  ei  Holzindustrie
gehen  teils  direkt  ins  Ausland,  teils  werden  sie  an  den
schweizerischen  Fremdenorten  verkauft.  In  neuerer  Zeit
hat  sich  die  Schnitzlerei  über  die  altgewohnten  Formen
hinaus  der  Innenausstattung  zugewendet  und  findet
in  der  Verzierung  von  Möbeln  eine  lohnende  Arbeit.
Chalet-,Parkette  rie-  und  Möbelfabriken  vertreten ­
  andere  Gebiete  der  Holzindustrie.  Die  Papierfabrffen
  der  Schweiz,  die  von  Biberist  bei  Solothurn
an  der  Spitze,  vermögen  trotz  ihrer  starken  Produktion
nicht,  die  beträchtliche  Einfuhr  von  Papierwaren  entbehrlich
zu  machen.
Die  Schuhfabrikativn,  mit  Schönenwerd  bei  Schuh-Olten
  als  Hauptsitz,  hat  es  bereits  zu  einem  Export  von  fahrn-mo»
14  Mill.  Fr.  gebracht,  dem  allerdings  ein  ungefähr  gleich
hoher  Import  gegenübersteht.  Die  schweizerischen  Fabriken ­
  beziehen  das  Leder  größtenteils  aus  dem  Ausland;
dafür  vermag  die  Schweiz  ihres  Viehreichtums  wegen
Häute  für  einen  um  wenig  geringeren  Betrag  auszuführen.
Die  chemische  Industrie  mit  dem  Mittelpunkt  Chemische
in  Basel  hat  sich  in  rascher  Entwicklung  mit  einer  Aus-  Industrie
fuhr  von  47  Mill.  Fr.  einen  hohen  Rang  unter  den
schweizerischen  Industrien  gesichert.  Sie  verlegt  sich
vorzugsweise  aus  die  Herstellung  von  Anilinfarben,
Säuren  und  Heilmitteln.  Eine  Reihe  von  Wasserkraftanlagen
  liefern  die  Erzeugnisse  der  Elektrochemie,
wie  Kalziumkarbid  (für  die  Azetylenbeleuchtunq)  und
chlorsaures  Kali.
Von  der  N  a  h  r  u  n  g  s  -  und  G  e  n  u  ß  m  i  t  t  e  l  i  n  -  Nahrung-  „&amp;gt;»&amp;gt;
du  st  rie  ist  hier  noch  die  Herstellung  von  Schokolade,
Konserven,  Bier  und  Tabak  zu  erwähnen.  Über  Käse
und  kondensierte  Milch  siehe  Milchproduktivn  Seite  68.
Die  Fabrikation  von  Schokolade  ist  aus  kleinen  Schokolade
Anfängen  der  80er  Jahre  zu  einer  Hauptindustrie  mit
        <pb n="91" />
        86

Konserven

Bierbrauerei

Tabakindustrie

-Rückgang  der
Hausindustrie

der  Jahresausfuhr  von  52  Mill.  Fr.  (1912)  angewachsen.
Sie  verdankt  ihr  Ansehen  in  erster  Linie  der  Güte  und
Mannigfaltigkeit  ihrer  Fabrikate;  besondere  Anerkennung
hat  die  Milchschokolade  gefunden.  Annähernd  halb  so
viel  Schokolade,  wie  ins  Ausland  geht,  wird  von  Einheimischen ­
  und  Fremden  im  Lande  selbst  verbraucht.
Der  Rohstoff,  Kakao,  muß  im  Wert  von  15  Mill.  Fr.
größtenteils  aus  Mittel-  und  Südamerika  bezogen  werden.
Non  der  Gesamteinfuhr  an  Zucker  mit  50  Mill.  Fr.  geht
ein  ansehnlicher  Teil  in  die  Schololadefabriken.  Der  dem
Lande  verbleibende  Gewinn  aus  der  Schokoladenindustrie
darf  auf  die  Hälfte  des  Ausfuhrwertes  geschätzt  «erden.
Eine  Reihe  von  Fabriken  im  Mittelland  und  im
Wallis  erzeugen  Obst-  und  Gemüsekonserven,
meist  für  den  Bedarf  des  eigenen  Landes.  Andere  Fabriken ­
  liefern  Suppen-  oder  Fleischkonserven.
Daneben  wird  viel  Büchsenfleisch  eingeführt.
Die  Bierbrauereien  arbeiten  fast  ausschließlich
für  den  einheimischen  Konsum.  Die  jährliche  Produktion
wird  auf  2  Mill.  hl  tut  Wert  von  40  Mill.  Fr.  geschätzt.
Dazu  kommt  die  Einfuhr  vorab  von  Münchner-  und
Pilsenerbier  im  Wert  von  über  3  Mill.  Fr.  Die  Schweiz
hat,  auf  die  Volkszahl  berechnet,  einen  sehr  starken  Verbrauch ­
  an  Bier  und  Wein.
Die  Tabak-  und  Zigarrenfabriken  verarbeiten ­
  zu  dem  im  Lande  gewachsenen  Rohtabak  die  siebenfache ­
  Menge  (88000  q  im  Wert  von  12  Mill.  Fr.)  ausländischer ­
  Blätter,  meist  wieder  für  den  sehr  bedeutenden
Verbrauch  im  Inland.  Die  bekanntesten  Fabrikate  stamnien
aus  Vevey,  Grandson,  Reinach  im  aargauischen  Wynental
  und  aus  Brissago.
8.  Favvrk  nnb  Heimarkveit.
In  nahezu  allen  Gebieten  der  Industrie  hat  während ­
  der  letzten  Jahrzehnte  die  Hausarbeit  ihre  frühere
Bedeutung  eingebüßt.  Die  Groß-  oder  Fabrikindustrie
        <pb n="92" />
        87

entzieht  ihr  mehr  und  mehr  die  Arbeitskräfte.  In  einzelnen ­
  Zweigen  ist  der  Ruin  der  Hausindustrie  bereits
eingetreten  oder  steht  nahe  bevor.  Nur  in  der  Stickerei
vermag  die  Fabrik  die  Hausarbeit  nicht  zu  verdrängen.
Hier  sind  im  Gegenteil  Fabriken  eingegangen,  und  die
sogenannten  Plattstich-Stickmaschinen  fanden  den  Weg  in
die  Wohnung  des  Einzelstickers  zurück.  Da  die  Plattstich-Stickmaschinen
  von  Hand  bewegt  werden  müssen,  so  konnte
der  fabrikmäßige  Betrieb  keinen  Vorsprung  gewinnen.  Er
war  wegen  der  vielen  bindenden  Vorschriften  der  Fabrik
gesetzgebung  (siehe  unten)  der  Hausstickerei  gegenüber
sogar  im  Nachteil.
Der  im  übrigen  allgemeine  Rückgang  der  Heim-  Vorzüge  und
arbeit  mag  beklagt  werden,  weil  der  Massenbetrieb  in  Nachteile
der  Fabrik  die  persönliche  Art  des  Arbeiters  verflacht,
sein  Selbstbestimmungsrecht  verkürzt  und  bisweilen  durch
einseitige  Beschäftigung  das  „Interesse  und  die  Freude
am  Beruf  abstumpft;  beim  Übergang  zur  Großindustrie
verliert  sich  auch  das  Idyllische,  das  von  jeher  mit  der
Heimarbeit  verbunden  schien.  Dem  gegenüber  ist  zu  beachten, ­
  daß  nur  der  Schritt  von  der  häuslichen  Kleinarbeit ­
  zur  raschen,  genauen  und  billigen  Fabrikproduktion
die  Industrie  vor  dem  Untergang  rettete,  der  infolge  der
Konkurrenz  des  Auslandes  drohte.  Das  zeigt  die  Geschichte ­
  der  Spinnerei  und  Weberei  und  der  Uhrenindustrie. ­
  Die  Arbeit  ist  in  den  Fabrikräumen  überdies
der  Gesundheit  zuträglicher,  als  in  den  meisten  Arbeitsräumen ­
  der  Hausindustrie.  Das  ist  vor  allem  der  eidgenössischen ­
  Fabrikgesetzgebung  seit  1876  zu  danken.  Sie  Fabriigesetz
enthält  zum  Wohl  der  Arbeiter  Vorschriften  über  Größe,
Beleuchtung,  Lüftung  und  Schutzeinrichtungen  der  Arbeitsräume ­
  ;  sie  gestattet  die  Nachtarbeit  und  die  Sonn
tagsarbeik  nur  in  Ausnahmefällen;  die  tägliche  Arbeitszeit ­
  darf  in  den  Geschäften,  die  der  Fabrikgesetzgebung
unterstellt  sind,  11  Stunden,  an  Vorabenden  von  Sonnund
  Feiertagen  10  Stunden  nicht  übersteigen;  Kinder
unter  14  Jahren  dürfen  nicht  zur  Fabrikarbeit  verwendet
        <pb n="93" />
        88

Kinderarbeit

Landflucht

Werden.  Für  die  Hausarbeit  gelten  diese  Schutzbestimmungen ­
  nicht  Da  wird  häufig  in  zu  kleinen,  schlecht
gelüfteten  und  ungenügend  hellen  Räumen  gearbeitet,
ganz  zu  schweigen  von  den  feuchten  Stickerei-  und  Webkellern
  des  St.  Galler  Industriegebietes.  Anhaltende
Nachtarbeit,  bei  dringenden  Aufträgen  üblich,  erschöpft
frühzeitig  die  Kräfte.  Wenn  die  Arbeitsstelle  gleichzeitig
als  Wohnraum  dienen  muß,  so  leidet  darunter  die  Gesundheit ­
  der  ganzen  Familie.
Die  Großindustrie  entzieht  den  Arbeiter  seiner  Familie ­
  und  mindert  so  das  Gefühl  der  engen  Zusammengehörigkeit. ­
  Es  gilt  als  größter  Vorzug  der  Heimarbeit,
daß  der  Vater  im  Familienkreis  bleibt  und  seinen  Einfluß
bei  der  Erziehung  der  Kinder  ausüben  kann.  Dem  steht
als  schwerer  Nachteil  gegenüber,  daß  gerade  in  der  Hausindustrie ­
  bei  dem  Mangel  an  Gesetzesvorschriften  die
kindliche  Arbeitskraft  ausgebeutet  wird;  die  Stickerei  ist
wegen  der  übermäßigen  Kinderarbeit  geradezu  berüchtigt.
Der  ständige  Aufenthalt  in  ungesunden  Räumen  und  die
Überarbeitung  schädigen  die  körperliche  und  geistige  Entwicklung ­
  der  Kinder;  das  ist  zweifellos  die  schlimmste
Begleiterscheinung  der  Hausindustrie.
9.  Industrie  rr.
Je  mächtiger  die  Industrie  anwuchs,  desto  stärker
war  ihre  Wirkung  auf  den  Landbau.  Mißmutig  sah  der
Bauer  die  Arbeiter  scharenweise  die  Scholle  verlassen  und
den  Städten,  und  Jndustrieorten  zueilen,  &amp;gt;vo  sie  bei  gesetzlich ­
  beschränkter  Arbeitszeit  und  höherem  Lohn  ihre
Lage  zu  verbessern  meinten.  Infolge  der  Landflucht  trat
im  Bauernstand  Arbeitermangel  ein,  der  die  Löhne  in
die  Höhe  trieb  und  die  landwirtschaftliche  Produktion
verteuerte.  Günstiger  war  die  Stimmung  des  Bauern
meist  gegenüber  solchen  Unternehmen,  an  denen  er  als
Lieferant  direkt  interessiert  ist,  wie  Konservenfabriken,
Milchsiedereien,  Zuckerfabrik  Aarberg.  Wie  der  Zug  nach
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        89

der  Stadt  den  Übergang  vom  Getreidebau  zu  Wiesenbau ­
  und  Viehzucht  beschleunigte,  ist  im  Abschnitt  über
die  Landwirtschaft  gesagt  worden.
Im  ganzen  genommen  hat  der  Aufschwung  der  Förderung  der
Jndustrie  auch  den  Landbau  mächtig  gefördert.  Mit  der  randwnijchaft
starken  Zunahme  der  industriellen  Bevölkerung  fanden
die  Lebensmittel  immer  besseren  Absatz  und  stiegen  im
Preise.  Die  verstärkte  Nachfrage  spornte  zu  einem  sorgfältigen, ­
  auf  größten  Ertrag  gerichteten  Bodenbau  an
und  steigerte  den  Wert  des  landwirtschaftlichen  Grundbesitzes. ­
  Will  der  Landwirt  seine  Erzeugnisse  vorteilhaft
verkaufen,  so  muß  die  Zufuhr  aus  dem  Ausland  zurückgedämmt ­
  werden;  ihm  ist  mit  hohen  Einfuhrzöllen  auf
die  Lebensrnittel  (z.  B.  Schlachtvieh.  Wein)  am  besten
gedient.  Die  Industrie  dagegen  hat  ein  Interesse  an
wohlfeilen  Nahrungsmitteln;  eine  teure  Lebenshaltung
treibt  die  Arbeitslöhne  und  damit  auch  den  Preis  der
Fabrikate  in  die  Höhe  und  erschwert  den  Wettbewerb
mit  der  ausländischen  Industrie.  Gleich  den  andern
Industrieländern  muß  auch  die  Schweiz  in  den  Zollverträgen ­
  die  einander  widersprechenden  Forderungen  der
Landwirtschaft  und  der  Industrie  berücksichtigen.
Die  Industrie  unseres  Landes  beschränkt  sich  nicht  Dezentralisation
auf  wenige,  große  Fabrikstädte.  Sie  hat  ihren  Weg  der  Industrie
auch  auf  das  Land  und  in  die  entlegenen  Gebirgstäler
hinein  gefunden.  Hier  sind  die  Bodenpreise  niedriger,
Lebenshaltung  und  Arbeitslöhne  meist  billiger  als  in  der
Stadt.  Nicht  selten  bestimmt  auch  die  Wasserkraft  eines
Baches  den  Ort  einer  Fabrikanlage.  In  einzelnen  Jndustriegegenden
  steht  beinahe  in  jedem  Dorf  eine  Fabrik,
so  im  Gebiet  der  jurassischen  Uhrenindustrie.  Eine  solche  Verbindung  von
Dezentralisation  macht  es  vielen  Arbeitern  möglich,  neben-  d-ndb-u  und
her  noch  Landwirtschaft  zu  treiben,  als  Nebenverdienst
und  als  Gegengewicht  zur  einseitigen  Berufstätigkeit.
Die  Verbindung  von  Landwirtschaft  und  Industrie  wird
zur  Regel  in  einzelnen  Hausindustrien,  wie  Stickerei,
Band-  und  Seidenweberei.  In  den  beiden  letztgenannten
        <pb n="96" />
        90

Verbreitung  der
Hausindustrie

Zweigen  kehrt  sich  das  Verhältnis  geradezu  um:  die
Landwirtschaft  ist  Hauptberuf,  die  Weberei  nur  Nebenverdienst, ­
  und  liegt  der  Frau  und  den  Töchtern  des
Hauses  ob.  Der  Bauer  sieht  diese  Hausindustrie  nicht
ungern;  die  Töchter  bleiben  in  der  Familie  und  sind
der  Notwendigkeit  enthoben,  ihren  Unterhalt  in  der
Stadt  zu  suchen.  In  den  Zeiten  der  dringenden  Landarbeit ­
  helfen  sie  als  billige  und  zuverlässige  Arbeitskräfte
aus  und  kehren  nachher  wieder  zum  Webstuhl  zurück.
Flauer  Geschäftsgang  macht  meist  zuerst  den  Hausindustrieüen
  arbeitslos.  Treibt  er  daneben  Landwirtschaft,
so  trifft  ihn  die  Not  nicht  so  hart,  wie  den  Arbeiter,
der  nur  auf  den  Fabriklohn  angewiesen  ist.  Von  einem
Weberelend,  wie  es  iin  schlesischen  Gebirge  in  der  Leinenweberei ­
  vorkommt,  ist  in  der  Schweiz  kaum  die  Rede.
Wenn  ein  Arbeiter  in  zwei  Berufsarten  tätig  ist,  so  liegt
allerdings  die  Gefahr  nahe,  daß  eine  oder  gar  beide  darunter ­
  leiden.  Die  bäuerlichen  Sticker  im  St.  Galler
Rheintal  und  im  Appenzell  vertauschen  häufig  den  feinen
Plattstich,  für  den  die  rauhen  Hände  nicht  recht  stanzen,-mit
  der  Kettenstich-  oder  Grobstickerei.  In  der  L-eiden-Hausweberei
  ist  die  Klage  fast  allgemein,  daß  kein  Fortschritt ­
  erzielt  wird;  die  Arbeiterinnen  betrachten  das
Weben  nur  als  Nebenverdienst  und  legen  keinen  großen
Lerneifer  an  den  Tag.
Die  Hausindustrie  ist  vorab  in  solchen  bäuerlichen
Gegenden  heimisch,  wo  Wiesenbau  und  Viehzucht  vorherrschen. ­
  Dagegen  fehlt  sie  meist  in  Landstrichen  mit
starkem  Ackerbau;  hier  sind  alle  Hände  und  mit  nur
geringer  Unterbrechung  in  der  Feldarbeit  beschäftigt.  So
besteht  folgendes  Verhältnis  zwischen  Industrie  und  Landbau: ­
  die  Flucht  der  Arbeitskräfte  nach  den  Industrieorten
  drängte  die  Landwirtschaft  zum  Futterbau  und  zur
Viehzucht;  diese  bewahrten  wiederum  einzelne  Hausindustrien ­
  vor  dem  Ruin.
        <pb n="97" />
        Handel

Nach  Bodengestalt,  Bodenart  und  Klima  zeigen  die  Binnenhandel
einzeln  Landschaften  der  Schweiz  die  größten  Unterschiede;
ebenso  ungleichartig  ist  ihre  Produktion.  Dieser  Umstand
nötigte  von  jeher  zu  einem  lebhaften  Güteraustausch  zwischen ­
  dem  Norden  und  Süden,  zwischen  Flachland  und
Gebirge,  zwischen  Land  und  Stadt.  In  günstiger  Verkehrslage ­
  entwickelten  sich  eine  Reihe  von  Orten  zu
Handelsmittelpunkten,  häufig  an  Stellen,  wo  Straßen
aus  verschiedener  Richtung  zusammenlaufen.  Solche
Straßenknoten  finden  sich  an  der  Eingangspforte  zu
reich  verzweigten  Talschaften  (Chur.  Thun),  an  altgewohnten ­
  Flußübergängen  (Brugg)  und  am  untern  Ende
der  Seen  (Genf,  Neuenburg,  Biel,  Thun,  Luzern,  Zürich;
ebenso  gilt  es  für  Konstanz).
Ungleich  wichtiger  als  der  Binnenhandel  ist  der
Güteraustausch  mit  dem  Ausland,  der  Spezialhandel,  Spezi«,Handel
dem  einzelne  Grenzorte  ihr  Aufblühen  verdanken;  so
leitet  Basel  den  Verkehr  aus  dem  Rheingebiet  und  von
der  Nordsee  her,  Genf  den  Verkehr  vom  Mittelländischen
Meere  durch  das  Rhonetal  in  die  Schweiz  hinein.  Einst
war  die  Schweiz  als  abgeschlossenes  Bergland  zum
guten  Teil  genötigt,  sich  selbst  mit  Lebensmitteln  und
andern  Bedürfnissen  zu  versorgen.  Das  Aufblühen  der
Industrie,  die  starke  Zunahme  der  industriellen  Bevölkerung ­
  und  der  gesteigerte  Verkehr  brachten  unserm  Land
ganz  andere  Verhältnisse.  Heute  ist  die  Schweiz  darauf
angewiesen,  die  Erzeugnisse  seiner  hochentwickelten  Industrie ­
  gegen  ausländische  Lebensmittel  und  Rohstoffe
        <pb n="98" />
        92

auszutauschen.  In  der  gleichen  Lage  befinden  sich  die
meisten  Länder  Westeuropas.  Dagegen  vermögen  die
verhältnismäßig  schwach  bevölkerten  Ackerbauländer  Osteuropas ­
  dem  industriellen  Westen  ihren  Überfluß  an
Lebensmitteln  abzugeben.
Einfuhr  und  Die  Gesamteinfuhr  der  Schweiz  erreichte  1912  den
Ausfuhr  sffieit  ßon  1979  UM.  Fr.,  die  Ausfuhr  1358  Mill.  Fr.
Mit  dieser  gewaltigen  Handelsbewegung  steht  die  Schweiz,
nach  der  Kopfzahl  der  Bevölkerung  berechnet,  weitaus
an  der  Spitze  aller  Länder.  Die  Mehreinfuhr  hat  nicht
notwendigerweise  die  Verarmung  des  Landes  zur  Folge;
denn  durch  den  Fremdenverkehr  und  durch  Geschäftsunternehmungen ­
  kommen  bedeutende  Summen  über  die  Grenze
herein,  die  den  Unterschied  im  Güteraustausch  mehr  als
aufwiegen.
Handel  mit  den  Die  Binnenlage  nötigt  die  Schweiz  zu  einem  starken
Grenzländern  Warenaustausch  mit  den  Grenzländern.  Vor  allem  lehnt
sie  sich  an  Deutschland  an,  wie  aus  der  hohen  deutschen
Einfuhr  hervorgeht;  Deutschland  sieht  in  der  Schweiz
einen  trotz  der  geringen  Größe  des  Landes  wichtigen
Abnehmer  seiner  Produkte.  Unter  den  vier  Grenzstaaten
hat  Österreich-Ungarn  die  schwächsten  Handelsbeziehungen
zur  Schweiz.  Der  Grund  liegt  wohl  darin,  daß  sich
das  schwach  bevölkerte  und  an  Hilfsmitteln  arme  österreichische ­
  Alpenland  als  breite  Schranke  zwischen  der
Schweiz  und  dem  Keruland  des  Donaustaates  aufrichtet.
Anteil  in  Die  folgenden  Zahlen  zeigen  den  Anteil  einzelner
Prozenten  Länder  an  der  Einfuhr  und  Ausfuhr  der  Schweiz  in
Prozenten  *.

Einfuhr

Aussuhr

Deutschland

330/0

230/0

Österreich-Ungarn

6°/o

6  0/0

Die  vier  Grenzländer

68O/0

46»/o

Europa

860/0

750/0

1  Alle  Zahlen  gelten  für  1912.
        <pb n="99" />
        93

Die  wichtigsten  Bezugs-  und  Absatzgebiete  sind  mit  Einfuhr  und
folgenden  Summen  beteiligt  (in  Mill.  Fr.  abgerundet);  ^ss-ch^nach

Total

Einfuhr
1979

Ausfuhr
1358

Deutschland

647

307

Österreich-Ungarn

122

89

Frankreich

376

138

Italien

193

91

Grenzländer

1338

624

Belgien

39

28

Großbritannien

117

230

Rußland

80

48

Spanien

30

27

Niederlande

22

12

Rumänien

43

10

Ägypten

25

6

Britisch  Indien

11

22

China

10

5

Japan

16

8

Kanada

14

32

Vereinigte  Staaten

84

136

Brasilien

21

22

Argentinien

36

30

Australien

15

19

Bezugsländer.  Die  Schweiz  bezieht  die  Lebens-  Be,»M°nder
mittel  zum  größten  Teil  ans  Rußland,  aus  den  vier  ?°bc»s»,ittcl
Nachbarländern,  Rumänien,  Spanien  und  Amerika.  Rußland ­
  und  Rumänien  liefern  den  Weizen,  Frankreich,
Italien  und  Spanien  Wein,  die  Nachbarländer,  mit
Frankreich  an  der  Spitze,  das  Schlachtvieh.  Den  Zuckerbedarf ­
  deckt  Österreich  mehr  als  zur  Hälfte.  Der  Kaffee
stammt  vorwiegend  aus  Brasilien  und  Zentralamerika,
Reis  aus  Italien  und  Britisch  Indien,  Speiseöl  aus
Südfrankreich.
        <pb n="100" />
        94

-&amp;lt;♦&amp;gt;*&amp;lt;♦&amp;gt;

Rohstoffe  Die  Rohstoffe  machen  mehr  als  1/3  der  Einfuhr
aus.  Deutschland  liefert  uns  Kohle  und  Eisen,  China,
Japan,  Italien  und  Frankreich  die  Rohseide;  die  Baumwolle ­
  stammt  zu  gleichen  Teilen  aus  Ägypten  und  den
Südstaaten.der  Union,  die  Wolle  aus  Australien.  Holz
wird  aus  Österreich,  Petrol  aus  der  Union  und  aus
Österreich  zugeführt.
Fabrikate  An  der  Einfuhr  fremder  Fabrikate  ist  Deutschland
in  hohem  Maße  beteiligt.  Von  der  Gesamteinfuhr  an  Industrie-Erzeugnissen ­
  (1912)  im  Wert  von  653  Mill.  Fr.
macht  der  deutsche  Anteil  363  Mill.  Fr.  aus.  Darin
nehmen  Maschinen,  Eisenwaren  und  Textilwaren  die  erste
Stelle  ein.  Ähnlich  ist  das  Verhältnis  bei  der  Einfuhr
aus  Frankreich,  deren  Betrag  allerdings  nur  1/4  der  deutschen ­
  ausmacht.  Die  Einfuhr  an  Fabrikaten  aus  England ­
  besteht  vorwiegend  aus  Woll-  und  Baumwollstoffen.
Absatz,,Inder  Absatzländer.  In  den  Ausfuhrziffern  der  Schweiz
tritt  klar  die  hohe  Bedeutung  der  Industrie  zutage,  machen
doch  die  Fabrikate  mit  rund  1  Milliarde  3 /4  des  gesamten
Exportwertes  aus.  Als  beste  Abnehmer  der  schweizerischen
Fabrikate  stehen  Deutschland  mit  194  und  England  mit
186  Mill.  Fr.  in  der  vordersten  Reihe;  die  Vereinigten
Staaten  folgen  mit  115  Mill.  Fr.  Vom  Export  schweizerischer ­
  Fabrikate  war  im  einzelnen  im  Abschnitt  über
die  Industrie  die  Rede  (Seite  70).
Einfuhr  und  Übersicht  der  Einfuhr  und  Ausfuhr  nach  Waren-W°?kngattuÄnSa"ungen
  im  Jahr  1912  (die  Zahlen  bedeuten  Mill.  Fr.):
Einfuhr:
Lebensmittel  629  —  31,77  °/o
Rohstoffe  697  =  35,240/o
Fabrikate  653  —  32,99  °/o
Ausfuhr:

Lebensmittel  198  —  14,59  0/0
Rohstoffe  149  —  11  °/o
Fabrikate  1010  —  74,410/0
Die  Zolleinnahmen  1912  ergaben  87  Mill.  Fr.
        <pb n="101" />
        Uehrkehvswege

1.  AUgemernes.
Alpen  und  Jura  umrahmen  die  Schweiz  als  mäch-  Einfluß  *&amp;gt;»-tige
  Grenzmauern.  An  ihnen  staut  sich  der  Verkehr.  Sie  Gebirge
scheinen  unserem  Land  eine  strenge  Abgeschlossenheit  von
den  Nachbarländern  im  Norden  und  Süden  aufzulegen.
Dagegen  leitet  die  Mulde  zwischen  den  beiden  Gebirgen,
das  Mittelland,  die  Verkehrswege  wie  in  einem  breiten
Kanal  in  west-östlicher  Richtung.  Das  Mittelland  wird
so  zum  natürlichen  Durchgang  zwischen  dem  französischen
Rhonegebiet  und  den  Ländern  an  der  obern  Donau.
Zwischen  Nord-  und  Südenropa  besteht  infolge  des
klimatischen  Gegensatzes  ein  viel  größerer  Unterschied  in
den  Landeserzeugnissen,  als  zwischen  den  Ländern,  die
westlich  und  östlich  der  Schweiz  liegen.  Das  führt  zu
einem  besonders  lebhaften  Güteraustausch  in  der  Nord-Rordsüd-Verteh
südrichtung,  quer  zu  den  Bergketten  des  Jura  und  der
Alpen,  die  somit  gerade  dem  Hauptverkehr  ein  Hindernis
in  den  Weg  legen.
Im  allgemeinen  passen  sich  die  Wege  den  Tallinien
an,  die  ihnen  den  Vorteil  der  geringsten  Steigung  gewähren. ­
  Der  Kleinverkehr  stockt  an  einem  Hindernis  oder
sucht  es  zu  umgehen.  Der  durchgehende  große  Verkehr
dagegen  überwindet  mit  den  reichen  Mitteln  der  Technik
die  Gebirgsschranken  und  bahnt  sich  den  kürzesten  und
bequemsten  Weg.  Von  jeher  führten  zahlreiche  Pässe  über  Pässe  und
Alpen  und  Jura  hinweg^  viele  davon  sind  im  letzten  Straßen
Jahrhundert  zu  breiten  Straßen  umgebaut  worden;  vor
        <pb n="102" />
        96

allem  aber  haben  die  Eisenbahnen,  dem  ungünstigen  Bau
des  Landes  zum  Trotz,  quer  durch  die  Gebirge  den  Weltverkehr ­
  mitten  durch  unser  Land  geleitet  1 .
Jura  Am  Steilabfall  des  Jura  gegen  das  Mittelland
liegt  ein  natürliches  Verkehrshindernis;  nur  vereinzelte
Lücken  öffnen  einen  Durchgang.  Häufig  folgen  die  Wege
den  Querdurchbrüchen  der  Flüsse.  Der  Rhonedurchbruch
unterhalb  Genf  ist  die  Eingangspforte  zur  Schweiz  vom
südwestlichen  Frankreich  her.  Die  großen  Verkehrswege
aus  dem  Norden  Frankreichs  dringen  bei  Vällorbe,  durch
das  Traverstal  und  bei  Locke  durch  das  St.  Jmmertal
in  das  Miltelland  ein.  Basel  sammelt  wie  ein  Brennpunkt ­
  des  Verkehrs  die  Wege  aus  dem  nordöstlichen
Frankreich  und  dem  Rheingebiet  und  leitet  sie  durch  drei
Flußtäler  quer  durch  den  Jura  in  die  innere  Schweiz:
der  Birs  entlang  über  die  Pierre  Pertuis  (Siehe  Karte  IV),
durch  das  Tal  der  Ergötz  zum  obern  und  untern  Hauenstein ­
  und  durch  das  Fricktal  über  den  Bötzberg.  Der
Durchbruch  der  Aare  von  Brugg  zum  Rhein  hinaus
wird  als  Verkehrsweg  durch  den  weniger  zugänglichen
und  verhältnismäßig  schwach  bevölkerten  Schwarzwald,
der  breit  vor  dem  Ausgang  liegt,  stark  beeinträchtigt.
Durch  die  Lücke  zwischen  dem  Schasfhauser  Randen  und
dem  Bodensee  dringen  dagegen  die  Wege  ungehindert  über
den  Rhein  hinweg  nach  Süddeutschland  ein.  Die  ausgedehnte ­
  Wasserfläche  des  Bodensees  ist  ein  weiteres
Hemmnis,  das  vom  Schnellverkehr  umgangen  werden  muß.
Alpen  Die  Alpen  sind  nicht  ihrer  Mächtigkeit  entsprechend
unwegsam.  Tiefgefurchte  und  geräumige  Täler  leiten  die
Wege  zu  den  innern  Landschaften  des  Gebirges  und  über
zahlreiche  Einsattelungen  hinweg.  Von  der  einzigartigen
Stellung  des  Gotthards  war  bereits  die  Rede  (Seite  8).
Als  zentraler  Alpenübergang  vermittelt  er  vor  allem  den
Verkehr  zwischen  den  Rheinlanden  und  Norditalien.  Die
Pässe  der  Berner  und  Glarner  Alpen  stehen  an  Bedeui

  Über  die  Flußschiffahrt  f.  Seite  42.
        <pb n="103" />
        97

tung  weit  hinter  dem  Gotthard  zurück.  Der  große  Verkehr ­
  unigeht  die  beiden  Flügel  der  Nordalpen  und  dringt
durch  die  Pforten  des  Rhone-  und  Nheintales  zu  den
Bergübergängen  der  Südalpen  vor;  seit  kurzem  öffnet
die  Lötschbergbahn  einen  direkten  Zugang  durch  die  Berner
Alpen  ins  Wallis  zum  Simplontunnel.  Die  reiche  Gliederung ­
  der  Bergketten  durch  Quertäler  und  Paßeinschnitte
erleichtert  den  Güteraustausch  querüber  in  solchem  Maße,
daß  die  Alpen  von  jeher  als  eines  der  meistbegangenen
Gebirge  gelten  konnten.  Über  den  Großen  St.  Bernhard,
Simplon,  Splügen,  Septimen  und  Julien  führten  vielbenutzte ­
  römische  Pässe  ins  Mittelland  und  zur  Rheinumbiegung ­
  bei  Basel  hinaus.
Die  Hügel  des  Mittellandes  sind  für  den  Verkehr
ein  viel  geringeres  Hemmnis  als  die  Alpen-  und  Juraketten; ­
  immerhin  folgen  die  Wege  auch  hier  sorgfältig
den  tiefsten  Stellen  und  weichen  den  Höhen  nach  Möglichkeit ­
  ans.  Ohne  Stufe  treten  die  Flußtäler  aus  den
Alpen  ins  Mittelland  ein  und  ziehen  zwischen  den  parallel
laufenden  Höhenrücken  zum  Jurafuß  hinüber.  Ungehindert
dringt  der  Verkehr  aus  bequemen  Wegen  aus  dem  Mittelland ­
  in  die  Alpentäler  ein  und  knüpft  zwischen  den  beiden ­
  ungleich  gearteten  Landschaften  bisweilen  engere  Beziehungen, ­
  als  sie  im  Mittelland  in  der  Westostrichtung
von  Abschnitt  zu  Abschnitt  bestehen.  Hier  drängen  die
quer  zum  Jura  hinüberziehenden  Hügel  und  Täler  den
Verkehr  aus  der  geraden  Richtung  ab.  So  umgeht  die
kürzeste  Verbindung  zwischen  Zürich  und  Bern  die  Hügelreihe, ­
  indem  sie  dem  Limmattal  und  dann  der  breiten
Senke  des  Aaretales  folgt.
In  der  Neuzeit  ist  der  Gütertransport  und  der
Personenverkehr  auf  größere  Entfernung  fast  gänzlich  auf
die  Eisenbahn  übergegangen.  Die  Straßen  haben  im
stark  anschwellenden,  örtlichen  Kleinverkehr  und  als  Zusahrtslinien
  zu  den  Bahnen  einen  Ersatz  gefunden.  Der
Bau  der  Alpenbahnen  nahm  den  Alpenstraßen  einen
großen  Teil  ihrer  frühern  Bedeutung;  insbesondere  gilt
Flückiger,  Schweiz

Mittelland

Eisenbahnen
nnd  Straßen

7
        <pb n="104" />
        98

dies  von  den  Übergängen,  die  von  Bahnlinien  untertunnelt ­
  worden  sind,  Simplon,  Gotthard,  Albula.  Finden ­
  engen  Zusammenschluß  benachbarter  Talschaften,  für
den  Touristen-  und  Lokalverkehr  bleibt  der  Wert  der
Alpenstraßen  ungeschmälert.
2.  Grsenvlrhnerr.
Wirkung  des  Der  Bau  von  Eisenbahnen  verschaffte  der  Schweiz
Bal,»Verkehrs  einen  bequemeren  Zugang  zu  den  Nachbarländern  und
einen  Ausgang  an  die  Nordsee  und  an  das  Mittelländische
Meer.  Schien  die  Schweiz  vor  der  Mitte  des  letzten
Jahrhunderts  eher  für  die  Weltabgeschiedenheit  eines
Berglandes  bestimmt,  so  rückten  die  durchgehenden  Eisenbahnlinien ­
  dieses  Bergland  mitten  in  den  Weltverkehr
hinein.  Die  Eisenbahnen  und  die  Industrie  förderten
einander  gegenseitig.  Wie  infolge  des  erleichterten  Verkehrs ­
  die  schweizerische  Landwirtschaft  den  Getreidebau
aufgab  und  sich  dem  Wiesenbau  und  der  Viehzucht  zuwandte, ­
  wurde  früher  besprochen.  Die  Eisenbahnen  erschlossen ­
  die  Schweiz  den  Scharen  des  internationalen
Reisepublikums;  sie  setzten  überdies  auch  das  einheimische
Volk  in  Bewegung,  ist  doch  die  zunehmende  Volksvermischung ­
  nach  Herkunft,  Sprache  und  Glaubensbekenntnis
zum  guten  Teil  dem  erleichteiten  und  gesteigerten  Verkehr
der  Neuzeit  zuzuschreiben.
Das  Berg-  und  Hügelland  der  Schweiz  schien  sich
anfänglich  zum  Bau  von  Eisenbahnen  nicht  zu  eignen;
nur  im  Flachland  glaubte  man,  den  natürlichen  Wegen
folgend,  den  Betrieb  durchführen  zu  können.  Der  fortschreitenden ­
  Technik  ist  es  gelungen,  die  Schranken  zu
überwinden  und  die  Eisenbahnen  mit  Hülfe  großartiger
Kunstbauten  quer  durch  das  Gebirge  hindurchzuführen.
Dichte  des  Heute  besitzen  die  schweizerischen  Bahnstrecken  eine  Ge-B-lhlmetzes
  samtlänge  von  rund  5000  km.  Weitaus  der  größte  Anteil ­
  fällt  auf  das  dichtbevölkerte  Mittelland  und  auf  den
Jura;  hier  ist  das  Eisenbahnnetz  so  engmaschig  wie  im
        <pb n="105" />
        99

industriellen  Nordfrankreich.  Die  Länge  des  Bahnnetzes,
auf  die  Gesamtfläche  berechnet,  ergibt  eine  Dichte  der
Eisenbahnlinien,  mit  der  sich  die  Schweiz  neben  Deutschland ­
  und  England  stellt  und  nur  hinter  dem  hochindustriellen ­
  Belgien  zurückbleibt.
Als  erste  Bahn  auf  dem  Boden  unseres  Landes  Entwicklung  des
entstand  1844  die  Linie  von  St.  Ludwig  .nach  Basel;  B-ihnneyes
sie  war  bestimmt,  die  Handelsstadt  am  Rhein  den  mitteleuropäischen ­
  Linien  anzuschließen.  1847  wurde  die  erste
Strecke  des  Mittellandes,  Zürich-Baden,  dem  Betrieb
übergeben,  ein  Teilstück  des  nachmaligen  Hauptstranges
vom  Bodensee  zum  Genfersee.  1857  trat  das  mittelschweizerische ­
  Eisenbahnnetz  durch  den  Hauenstein  über
Basel  mit  den  Linien  des  Rheingebietes  in  Verbindung.
Endlich  wurde  1882  mit  Unterstützung  Deutschlands  und
Italiens  die  Gotthardbahn  fertig  gestellt,  die  durch  den
Wall  der  Alpen  hindurch  das  Bahnnetz  Mittel-  und
Nordeuropas  mit  demjenigen  der  Poebene  verknüpfte  und
gleichzeitig  das  ennetbirgische  Land  enger  an  die  übrige
Schweiz  anschloß.  Sie  öffnete  als  neue  Hauptlinie  neben
dem  Brenner  in  den  Ostalpen  und  dem  Mont  Cenis  in
den  Westalpen  dem  Personenverkehr  und  Güteraustausch
zwischen  Nord-  und  Südeuropa  einen  Weg  mitten  durch
die  Schweiz.  Mit  1884  brachte  die  Arlbergbahu  eine
Verbindung  der  Schweiz  mit  dem  Herzen  der  österreichischen ­
  Monarchie  durch  die  Täler  der  Ostalpen  hindurch.
1906  erhielt  die  Schweiz  in  der  Simplonlinie  die  zweite
Zufahrt  nach  Italien.  Gemäß  der  Volksabstimmung  1898
sind  die  meisten  wichtigen  Linien  des  schweizerischen  Eisenbahnnetzes ­
  an  der  Jahrhundertwende  aus  den  Händen
der  Privatgesellschaften  an  den  Bund  übergegangen  und
tragen  nunmehr  den  Namen  „Schweizerische  Bundesbahnen". ­

Das  Eisenbahnkreuz  Genf-Bodensee  und  Basel-  Grundlage  de«
(oder  Schaffhausen-)Gotthard-Chiasso  bildet  die  Grund-  Eisenbahn,,eyes
läge  des  schweizerischen  Netzes;  die  erste  Linie  entspricht
der  Längsrichtung  des  Landes;  die  Gotthardbahn  ist  der
        <pb n="106" />
        100

Genf-Bodensee

Arlberg

Genf-Basel

Hauptstrang  quer  hindurch.  Dazu  gesellen  sich  einige
andere  Strecken,  die  als  Teilslücke  durchgehender  Linien
einen  starken  Verkehr  zu  bewältigen  haben  K
1.  Genf-Bodensee.  Genf  sammelt  als  südwestliches ­
  Eiugangstor  der  Schweiz  den  Verkehr  von
Spanien  und  dem  südlichen  Frankreich  her.  Die  Hauptlinie ­
  des  Mittellandes  zieht  sich  von  Genf  über  Lausanne,
Freiburg.  Bern,  Olten,  Aarau,  Brugg,  Zürich  und  Winterlhur
  nach  Romanshorn  oder  nach  St.  Gallen-Rorschach
und  leitet  nordostwärts  zu  den  Donauländern  über.  Ein
zweiter  Hauptarm  geht  von  Lausanne  durch  die  Senke
am  Jurafuße  über  Neuenburg,  Biel  uud  Solothurn  nach
Olten.  Diese  Strecke  liegt  tiefer  als  die  Linie  über  Bern
und  wird  besonders  für  den  Güterverkehr  bevorzugt.
Die  parallel  laufende  Broyetalbahn  übernimmt  in  neuerer
Zeit  einen  Teil  der  Güterzüge,  um  die  Hauptlinien  zu
entlasten.
2.  Arlberglinie.  Die  -  von  Frankreich  her  durch
den  Jura  ins  Miltelland  mündenden  Bahnen  laufen  in
Zürich  zusammen;  zu  der  Genf-Bodenseebahn  kommt  die
Linie,  die  von  Nordfrankreich  her  den  Verkehr  über
Basel  und  durch  den  Bötzbergtunnel  leitet.  Eine  natürliche ­
  Fortsetzung  geht  dem  Zürich-  und  Walensee  entlang
ins  Rheintal  hinüber  und  wendet  sich  von  Buchs  aus
dem  Arlbergtunnel  zu.  Die  Arlbergbahn  übernimmt  einen
Teil  des  Verkehrs  der  Orientlinie  Paris-München-Wien-Konstantinopel.
  In  Wien  trifft  sie  wieder  mit  der  Hauptlinie ­
  zusammen.
3.  Genf-Basel.  Das  französische  Rhonetal  und
Südwestdeutschland  stehen  durch  die  Bahn  Genf-Basel
miteinander  in  Verbindung.  Dem  Jurafuß  entlang  fällt
sie  mit  der  Längsbahn  des  Mittellandes  zusammen.  Von
Biel  aus  steigt  sie  durch  die  Klus  von  Reuchenette  zur
Pierre  Pertuis  empor  und  folgt  dann  durch  Längstäler
und  Klüsen  dem  gestaffelten  Lauf  der  Airs  nach  Basel.

1  Über  Tounstenbahnen  Seite  107.
        <pb n="107" />
        101

4.  Gotthard.  Die  Nordsüdbahn  der  Schweiz
*  dient  dem  Verkehr  aus  dem  industriereichen  Westdeutschland ­
  (Rheingebiet)  und  Belgien  nach  Italien.  Sie  geht
über  Basel,  Hauensteintunneh  Olten,  Luzern,  Gotthard,
Bellinzona,  Lugano  und  Chiasso  nach  dem  Mittelpunkt
der  Poebene,  Mailand.  Eine  zweite  wichtige  Zufahrt
zum  Gotthard  betritt  von  Stuttgart  her  die  Schweiz.
Sie  führt  über  Zürich,  schneidet  den  frühern  Umweg  um
den  Aldis  durch  den  Albistunnel  ab  und  erreicht  über
Zug  bei  Goldau  die  Luzerner  Linie.  Zürich  und  Mailand
dürfen  als  Endpunkte  der  Gotthardbahn  gelten.  Der
15  Km  lange  Gotthardtunnel  liegt  in  seiner  Mitte  bei
1154m  Meereshöhe;  dies  verleiht  der  Gotthardbahn
eine  größere  Leistungsfähigkeit  gegenüber  den  beiden  außerschweizerischen ­
  Alpenbahnen,  dem  Brenner  im  Osten,  mit
1367  m  und  dem  Mont  Cenis  im  Westen  mit  1295  m
Scheitelhöhe.  Um  dem  Gotthard  den  Vorsprung  zu
sichern,  kommen  die  Bundesbahnen  dem  französischen
Projekt  eines  Mont  Cenis-Baststunnels 1  zuvor  durch
den  Bau  eines  Hauenstein-Basistunnels,  der  die  gegenwärtige ­
  Scheitelhöhe  um  110  m  tiefer  legen  und  die
Zufahrt  zum  Gotthard  beschleunigen  soll.  Die  Gotlhardbahn
  öffnet  der  Schweiz  den  Zugang  zum  Nächstliegenden
Seehafen,  zu  Genua.  Auf  diesem  Weg  gelangt  ein  Teil
des  Weizens  aus  Südosteuropa  in  unser  Land.
5.  Simplon-Lötschberg.  Die  Simplonbahn
führt  aus  dem  östlichen  und  nördlichen  Frankreich  durch
die  Westschweiz  über  Vallorbe,  Lausanne  und  durch  den
Simplontunnel  nach  Norditalien;  hier  mündet  sie  in  den
Städten  Mailand  und  Turin.  Seit,  der  Eröffnung  der
Zusahrtslinie  Delle-Bern-Lötschberg,  deren  Einzugsgebiet
das  industrielle  Nordostfrankreich,  Belgien  und  England ­
  umfaßt,  zieht  sie  auch  einen  Teil  des  bisherigen
Gotthardverkehrs  an  sich.  Überdies  soll  der  Juradurch-*
  D.  h.  der  Tunnel  geht  durch  den  Fuß  oder  die  Basis  des
Gebirges.

Gotthard

Simplou-Lötschberg
        <pb n="108" />
        102

stich  Frasne-Vallorbe  für  die  Simplonlinie,  die  Kürzung
Münster-Grenchen  für  den  Lötschberg  eine  bessere  Zufahrt
schaffen.  Borläufig  ist  der  Gütertransport  durch  den
Simplon  noch  gering  und  steht  in  keinem  Verhältnis  zu
den  hohen  Baukosten;  von  den  neuen  Zufahrten  erwartet
inan  eine  starke  Steigerung  des  Verkehrs.  Gegenüber
allen  andern  Alpenbahnen  ist  der  Simplon  mit  einer
Scheitelhöhe  von  nur  705  in  in  dem  20  Irin  langen
Basistunnel  in  beträchtlichem  Vorteil.  Dagegen  hat  die
Lötschbergbahn  im  13  km  langen  Tunnel  die  Höhe  von
1249  m  zu  überwinden.  Sie  wird,  von  Spiez  bis  Brig,
elektrisch  betrieben.
Bahnprojekte  Bah  »Projekte.  Die  zwei  durchgehenden  Alpenbahnen
am  Gotthard  und  am  Simplon  leiten  den  Weltverkehr  hier  durch
die  Zentralschweiz  und  Las  Tessin,  dort  durch  das  Waadtland
und  das  Wallis.  Neuerdings  verschafft  sich  auch  Bern  durch  die
Simplonzusahrt  im  Lötschberg  und  im  Juradurchbruch  Münster-Grenchen
  eine  günstige  Berkehrslage.  Die  übrigen  Landesteile
liegen  mehr  oder  weniger  abseits  der  Alpenquerbahnen;  immer
energischer  dringen  sie  auf  den  Bau  eigener,  durchgehender  Linien.
Der  alles  beherrschende  Nordsüdverkehr  und  die  Querteilnng  des
Mittellandes  durch  die  Flnßtäler  und  Hügelzüge  zerlegen  die  ganze
Schweiz  von  Westen  nach  Osten  in  Verkehrsabschnitte;  jeder  derselben ­
  betreibt  mit  besonderem  Interesse  den  Alpen-  und  Juradurchstich,
  der  ihm  den  Verkehr  zuleiten  soll.  In  Graubünden
Splügen  Greina  kämpfen  vorläufig  noch  das  Splügen-  und  das  Greinaprojekt  um
den  Vorzug  bei  der  künftigen  Anlage  der  Ostalpenbahn.  Der
Splügen  gewährt  die  kürzeste  und  zugleich  selbständige  Zufahrt
Bllndens  zur  Poebene  hinaus;  dagegen  gereicht  ihm  der  Umstand
zum  Schaden,  daß  der  Südausgang  des  Scheiteltunnels  wie  beim
Simplon  auf  italienisches  Gebiet  zu  liegen  käme,  ferner,  daß  die
übrigen  Projekte  eine  längere.Strecke  auf  Schweizerboden  verlegen
und  so  der  Schweiz  einen  größer»  Anteil  an  den  Betriebseinnahmen ­
  bringen  würden.  Die  Greinabahn  wäre  ein  rein  schweizerisches ­
  Unternehmen,  könnte  aber  nur  als  Zusahrts-  und  Hilfslinie ­
  der  Gottharobahn  gelten.  Das  Splügenprojekt  sieht  eine
Scheitelhöhe  von  1033  m,  die  Greinabahn  eine  solche  von  918  m
        <pb n="109" />
        103

vor.  Die  letztere  müßte  in  einem  Töditnnncl  die  Fortsetzung  durch
das  Glarnerland,  über  Zürich  und  Schaffhausen  durch  den  Randen
hindurch  nach  Süddentschland  finden.  Der  Splügen  würde  dagegen ­
  den  Verkehr  vom  Comersee  her  über  Chur  zum  Bodensec
hinaus  leiten.  Genf,  im  Winkel  zwischen  Jura  und  Alpen  eingeengt, ­
  wünscht  durch  den  Faucille-Durchstich  einen  direkten  Zugang
ans  Nordfrankreich  zu  erhalten.  Nach  einem  französischen  Projekt
soll  einst  diese  Linie  durch  einen  Mont  Blanc  Basistunnel  zur
Poebene  weitergeführt  werden.  Für  einige  dieser  Alpenbahnen
sind  Tunnels  von  über  20  Km  Länge  vorgesehen.
Verkehrsmittelp  unkte.  Die  wichtigsten  Verkehrszentren ­
  liegen  im  Mittelland  an  den  Schniltpunkten
der  Nordsüdlinien  mit  der  Linie  Genf-Bodensee;  es  sind
die  Städte  Zürich,  Olten,  Bern  und  Lausanne.
Die  Gotthardzufahrt  und  der  Schienenstrang  vom  Genfersee
  zum  Bodensee  wird  in  Zürich  überdies  von  der  Linie
Paris-Basel-Arlberg  geschnitten;  die  unvergleichlich  günstige ­
  Verkehrslage  gibt  Zürich  ein  Übergewicht  gegenüber
den  andern  Eisenbahnknotenpunkten.  Unter  den  andern
wichtigen  Plätzen  im  Mittelland  sind  die  Eisenbahngabeln
Biel  und  Winterthur  zu  nennen.  An  der  Landesgrenze ­
  liegen  die  bedeutendsten  Verkehrsmittelpunkte  an
den  Eingangstoreu,  da  wo  das  schweizerische  Eisenbahnnetz ­
  den  Anschluß  an  die  ausländischen  Bahnen  findet.
Der  stärkste  Verkehr  mit  dem  Ausland  geht  über  Basel
zum  rheinischen  Tiefland  und  nach  Nordfrankreich;  Genf
ist  die  Pforte  vom  Rhonetiefland  her.  Unter  den  übrigen
Grenzorten  stehen  an  erster  Stelle  Pruntrut,  Verrieres,
  Vall  o  rbe  an  den  Juraeingängen,  Brig  am
Simplontunnel,  C  h  i  a  s  s  o  an  der  Gotthardbahn,  Buchs
an  der  Arlberglinie,  St.  Margarethen,  Romanshorn
  und  Schasfhausen  am  Zugang  nach  Süddeutschland. ­

Transitverkehr.  Die  Stellung  der  Schweiz
als  Durchgangsland  erhellt,  abgesehen  von  der  Personenbeförderung, ­
  aus  der  starken  Durchfuhr  an  fremden
Gütern  (Transit).  Der  Gütertransit  betrug  1912  ins-Faucille



Verkehrsmittelpunkte ­


Transitverkehr
        <pb n="110" />
        104

gesamt  12,6  Mill.  4;  1881  erreichte  er  noch  nicht  2  Mill.  q.
Die  verschiedenartige  Produktion  Deutschlands  und  Italiens
macht  zwischen  diesen  Ländern  den  stärksten  Austausch
notwendig;  vor  allem  gehen  deutsche  Kohlen-  und  Eisensendungen ­
  nach  dem  Süden.  Der  Gotthard  bewältigt
nahezu  den  gesamten  Nordsüdtransit,  da  der  Brenner
weniger  leistungsfähig  ist.  Der  Lötschberg  führt  einen
Teil  der  bisherigen  Gotthardfrachten  dem  Simplon  zu,
der  von  dem  französisch  italienischen  Warenaustausch  infolge ­
  der  Konkurrenz  des  Mt.  Cenis  nur  einen  bescheidenen
Teil  übernehmen  konnte.  Auf  die  Westostrichtung  fällt
ein  geringer  Transit,  weil  die  Produktion  der  Austauschländer
  nicht  so  verschiedenartig  ist,  wie  diejenige  Nordund
  Südeuropas.  Am  Arlberg  bilden  überdies  die  ungünstigen ­
  Betriebsverhältnisse,  wie  z.  B.  eine  Scheitelhöhe ­
  des  Tunnels  von  1311  rn,  ein  Hemmnis  für  den
Transport  der  Massengüter.  Die  Berteilung  der  schweizerischen ­
  Güterdurchfuhr  1912,  nach  den  Austauschländern
berechnet,  zeigt  den  gewaltigen  Vorrang  des  Gotthards:
Italien-Deutschland  und  umgekehrt  9091000
Italien-Belgien  „  „  770000q
Italien-Frankreich  „  „  669000  q
Deutschland-Frankreich  „  „  730000  q
Österreich-Ungarn-Frankreich  „  „  l  039000  q
Elektrischer  Bahnbetrieb.  Die  schweizerischen
Bahnen  verbrauchen  alljährlich  ausländische  Kohle  im
Wert  von  rund  2,6  Mill.  Fr.  Seit  Jahren  sind  die
Vorarbeiten  im  Gang,  um  die  fremde  Kohle  durch  die
einheimischen  Wasserkräfte  zu  ersetzen.  Für  das  gesamte
Bahnuetz  soll  der  elektrische  Betrieb  durchgeführt  werden;
in  erster  Linie  erfolgt  jetzt  der  Umbau  der  Gotthardbahn
auf  der  Strecke  Erstfeld-Bellinzona.  An  schon  bestehenden
elektrischen  Bahnen  mit  Normalgeleise  sind  zu  nennen  die
Linien  Burgdorf-Thun,  Spiez-Brig,  Freiburg-Murten-Jns,
  Orbe-Chavornay,  Martigny-Orsieres  und  die  Seetalbahn; ­
  ebenso  werden  die  Züge  durch  den  Simploutunnel
  zwischen  Brig  und  Jselle  zur  Vermeidung  der
        <pb n="111" />
        I
m

105

Rauchplage  mit  elektrischen  Lokomotiven  befördert.  Schmalspur- ­
  und  Bergbahnen  in  ansehnlicher  Zahl  sind  für
elektrischen  Betrieb  eingerichtet,  und  jedes  Jahr  werden
neue  Strecken  elektrifiziert.  Die  Kraftanlagen  und  der
Umbau  des  gesamten  Bahnnetzes  erfordern  einige  hundert ­
  Millionen  Franken.  Die  geeigneten  Wasserkräfte  Wasserkräfte
sind  ungleichmäßig  über  das  Land  verteilt.  Das  westliche ­
  Mittelland  und  die  Nordwest-Schweiz  verfügen
über  nur  ungenügende  Kräfte  und  machen  kostspielige
Zuleitungen  aus  den  von  der  Natur  begünstigten  Landesteilen ­
  notwendig.  Es  wird  geschätzt,  daß  sich  im  Anfang
die  Kosten  des  elektrischen  Betriebes  gegenüber  dem  Dampfbetrieb ­
  nur  mäßig  vermindern  (höchstens  um  1 /i).  Für
die  Zukunft  wird  die  Rechnung  um  vieles  günstiger,  schon
darum,  weil  die  Kohlenpreise  und  damit  auch  die  Betriebskosten ­
  der  Dampfbahuen  steigen.  Der  Übergang  zur  Elektrizität ­
  soll  die  schweizerischen  Bahnen  ans  der  drückenden
Abhängigkeit  von  den  ausländischen  Kohlengruben  lösen.
Sind  die  Wasserkräfte  auch  nicht  umsonst  zu  haben,  so
bleiben  doch  die  aufgewendeten  Summen  dem  Lande  erhalten. ­
  Sie  kommen  größtenteils  der  heimischen  elektrischen
Industrie  zugute,  die  durch  den  Umbau  auf  Jahre  hinaus
reiche  und  lohnende  Arbeit  erhält.  Für  den  elektrischen
Betrieb  der  Bundesbahnen  sind  bereits  die  Wasserkräfte
am  Tessin,  an  der  obern  Reuß  und  von  dem  projektierten
Stausee  der  Sihl  bei  Einsiedeln  (Etzelwerk)  gesichert.

:
        <pb n="112" />
        Fremdenverkehr

Fremdenverkehr  Alljährlich  besuchen  Hunderttausende  von  Fremden
die  Schweiz,  um  die  Schönheit  des  Landes  zu  genießen,
um  sich  in  der  Ruhe  und  in  der  reinen  Luft  der  Bergeshöhen ­
  von  der  Alltagsarbeit  zu  erholen,  oder  um  an  den
Heilquellen  Genesung  zu  finden.  Für  die  vom  Besuch
bevorzugten  Gegenden  ist  der  noch  beständig  anschwellende
Strom  der  Vergnügungsreisenden  und  Kurbedürftigen
längst  von  hoher  Bedeutung  geworden,  verdanken  sie  doch
dem  Fremdenverkehr  einen  großen  Teil  ihres  Wohlstandes.
Entwicklung  Der  gewaltige  Fremdenverkehr  der  Gegenwart  geht
auf  bescheidene  Anfänge  zu  Beginn  des  vorigen  Jahrhunderts ­
  zurück.  Die  ersten  Besuche  galten  dem  Rheinfall,
dem  Rigi,  dem  Vierwaldstätter-,  Genfer-  und  Zürichsee.
Allmählich  kamen  auch  die  Landschaften  der  Nordalpen,
vor  allen  das  Berner  Oberland  an  die  Reihe.  Erst  seit
wenigen  Jahrzehnten  sind  auch  die  inneren  Teile  der
Alpen,  Graubünden  mit  dem  Engadin  und  das  Wallis
im  vollen  Maß  dem  Fremdenstrom  erschlossen  worden.
Fremdengebiete  Heute  dürfen  als  die  von  Fremden  und  Einheimischen
meist  besuchten  Gegenden  gelten:  1.  Der  Genfersee
mit  den  Kurorten  Vevey,  Clärens,  Montreux,  Territet-Glion
  am  Ufersaum  des  Weingeländes  von  Lavaux;
ebenso  weisen  Lausanne  und  Genf  einen  regen  Fremdenbesuch ­
  auf,  das  letzte  auch  als  Ausgangspunkt  für  die
Reise  ins  Tal  von  Chamonix  am  Fuße  des  Mont  Blanc.
2.  Das  Wallis,  wo  inmitten  des  Hochgebirges  Zermatt
den  Mittelpunkt  für  die  Touristen  bildet.  3.  Das
Berner  Oberland  mit  dem  Brienzer-  und  Thunersee
        <pb n="113" />
        107

und  dem  Fremdenort  Jnterlaken.  Von  hier  aus  dringt
der  Verkehr  in  die  Täler  hinein  und  konzentriert  sich  in
Bleiringen,  Grindelwald,  Lauterbrunnen,  auf  der  Wengernalp ­
  und  in  Lenk.  4.  Der  Vierwaldstättersee  mit
den  Aussichtspunkten  Rigi,  Pilatus,  Bürgenstock  und
Stanserhorn  und  dem  als  Fremdenstadt  altberühmten
Luzern.  5.  Graubünden,  dessen  stärkst  besuchtes  Gebiet, ­
  das  Engadin  mit  dem  Fremdenplatze  St  Moritz,
Sommer  und  Winter  die  gleiche  Anziehungskraft  bewährt. ­
  6.  In  der  S  ü  d  s  ch  w  e  i  z  wetteifern  Lugano  und
Locarno  an  Bedeutung  als  Kurorte.  ■—  Mehr  und  mehr
wird  auch  das  wiesengrüne,  aussichtsreiche  Hügelland  des
Appenzell  als  Sommerfrische  bevorzugt.  Dagegen  treten
die  Uferlandschaften  des  Neuenburger-,  Vieler-  und
Murtensees  trotz  ihrer  Anmut  im  Fremdenbesuch  stark
in  den  Hintergrund.  Der  Strom  der  Reisenden  wendet
sich  an  ihnen  vorüber  dem  Genfersee  oder  dem  Berner
Oberland  zu.W
Dem  wachsenden  Verkehr  dienen  eine  Reihe  von
Touristenbahnen,  die  zum  Teil  die  wichtigen  Fremden-Tourift-nbahne»
bezirke  miteinander  verbinden.  Eine  elektrische  Bahn  verknüpft ­
  das  Chamonix  durch  das  Tal  des  Trient  mit  dem
inneren  Wallis  und  dem  Genfersee.  Ebenso  führt  eine
elektrische  Bahn  von  Montreux  nach  Zweisimmen  im
Berner  Oberland.  Die  Brünigbahn  bringt  den  Reisenden
aus  dein  Berner  Oberland  an  den  Vierwaldstättersee.
Die  Albulabahn  dient  in  besonderem  Maße  dem  Fremdenverkehr, ­
  da  sie  erst  eigentlich  dem  Engadin  die  Hochflut
von  Reisenden  zugeführt  hat  und  nun  auch  die  wichtige
Aufgabe  erfüllt,  die  Verproviantierung  der  großen
Menschenzahl  im  produktenarmen  Hochtale  sicher  zu
stellen.  Die  elektrische  Linie  von  Bevers  nach  Schuls-Tarasp
  erschließt  jetzt  auch  das  etwas  entlegene  Unterengadin.
  Die  Fortsetzung  der  Bahnlinie  im  Vorderrheintal
über  die  Oberalp  und  unter  der  Furka  durch  ins  Rhonetal
nach  Brig  schafft  die  erste  durchgehende  Längsverbiudung
in  den  Schweizer  Alpen.  Wie  die  Albulabahn  dem
        <pb n="114" />
        Heilquellen

Höhenklima

Wintersport

Engadin,  so  hat  erst  die  Gotthardbahn  den  Seen  und  Kurorten ­
  am  Südfuß  der  Alpen  den  Massenbesuch  zugeführt.
Infolge  des  Fremdenverkehrs  und  zu  dessen  Förderung
sind  viele  der  schönsten  Aussichtspunkte  des  Landes  durch
Bergbahnen  bequem  zugänglich  gemacht  worden.
Wo  heilkräftige  Quellen  zutage  treten,  da  sind,  von
Einheimischen  und  Fremden  stark  besucht,  stattliche  Kurorte, ­
  einzelne  Badehotels  oder  ganze  Hotelkolonien  entstanden, ­
  wie  z.  B.  Lenk  im  Wallis,  Lenk  im  Simmental,
Gurnigel,  Schinznach,  Baden,  Stachelberg  bei  Linthal,
Ragaz,  Tarasp  im  Unterengadin.
Hoch  über  den  Nebeln  des  Flachlandes  machen  sich
die  Lungenkurorte  Davos,  Arosa,  Leysin  u.  a.  die  Hauptvorzüge ­
  des  Höhenklimas  zu  nutze:  Die  trockene/  reine
Bergluft  und  das  starke  Licht.
Auf  dem  langen  Weg  durch  die  Lufthülle  bis  zum  Boden
werden  die  Sonnenstrahlen  geschwächt;  dies  trifft  besonders  in  den
untern  Luftschichten  zu,  deren  Dunst  und  Staub  sich  gleich  einem
Sonnenschirm  über  die  Erde  breitet.  In  der  Höhe  ist  die  Lichtund
  Wärmewirknng  der  Sonnenstrahlen  fühlbar  stärker.  Die  blendende ­
  Lichtfülle,  verstärkt  durch  die  Rückstrahlung  von  den  Schneefeldern, ­
  schwärzt  den  Holzban  der  Alphlitten,  verleiht  aber  auch
den  Alpenblumen  die  leuchtenden  Farben.  Die  kräftige  Strahlung
wirkt  tief  ans  den  menschlichen  Körper  ein;  sie  bräunt  die  Haut
und  trägt  zur  Heilung  der  Lungenkranken  in  hohem  Maße  bei.
Direkt  von  den  Sonnenstrahlen  getroffene  Körper  werden  stark
erwärmt;  die  Temperatur  der  Luft  selbst  wird  von  den  Strahlen
kaum  beeinflußt.  Das  ist  der  Grund  für  die  allen  Besuchern  der
Höhenkurorte  bekannte  Erscheinung,  daß  mitten  im  Winter  im
Sonnenlicht  eine  wohlige,  sommerliche  Wärme  herrscht,  während
gleichzeitig  im  Schatten  das  Thermometer  unter  0°  stehen  kann.
Der  Winter  ist  die  hellste  Jahreszeit  im  Gebirge.  Wochenlang ­
  wölbt  sich  ein  strahlender,  blauer  Himmel  über  der  Schneelandschaft. ­
  und  die  nilnuterbrochene  Reihe  sonniger  Tage  läßt  vergessen, ­
  daß  in  der  Tiefe  die  kalten,  grauen  Nebel  liegen.
Die  Borzüge  des  Höhenklimas,  die  immer  mehr
anerkannte  Schönheit  des  Gebirges  im  Winter  und  die
        <pb n="115" />
        109

mannigfaltige  Gelegenheit  zur  Ausübung  des  Schneennd
  Eissportes  führen  zur  Winterszeit  Scharen  von
einheimischen  und  fremden  Besuchern  in  die  Berge.  Außer
den  oben  genannten  Lungenkurorten  haben  sich  noch  viele
andere  Höheuorte  zu  bekannten  Wintersportplätzen  entwickelt; ­
  allen  voran  steht  St.  Moritz;  unter  den  übrigen
sind  zu  nennen:  Pontresina,  Andermatt,  Engelberg,  Rigi,
Grindelwald,  Wengen,  Kanderstcg,  Adelboden,  Zweisimmen,
Chateau  d'Oex,  Les  Avants,  Caux;  auf  den  sonnigen
Rücken  und  Hochflächen  des  Jura  u.  a.  Ste.  Croix,
Chaumont,  Sonnenberg  bei  St.  Jmier  und  Weißenstein.
Alle  diese  Plätze  sind  für  Sommer-  und  Wintersaison
eingerichtet.
Es  wird  geschätzt,  daß  jedes  Jahr  annähernd  500000
Reisende  die  vom  Fremdenverkehr  bevorzugten  Gebiete  der
Schweiz  besuchen.  Die  Deutschen  sind  mit  300/o  am
stärksten  vertreten.  Dann  folgen  die  Schweizer  selbst  mit
20°/o  aller  Reisenden,  die  Engländer  mit  14°/o  und  die
Franzosen  mit  12°/o.  Die  Engländer  gelten  als  besonders ­
  seßhafte  Gäste.  Bis  jetzt  gaben  sie  auch  den
Wintersportplätzen  ihr  besonderes  Gepräge;  neuerdings
überwiegt  auch  hier  die  Zahl  der  deutschen  Besucher.
Die  Hochsaison  fällt  auf  Juli  und  August.  Der
Juni  wird  zur  Vorsaison  gerechnet;  seine  unbeständige
Witterung  ist  für  das  Reisen  nicht  günstig.  Im  April
und  Mai  kommt  der  Strom  der  Ferienreisenden  nach
der  Südschweiz;  ebenso  werden  die  mildesten  Orte  am
Nordfuß  der  Alpen,  Gersau,  Vitznau,  Weggis  und
Montreux  für  den  Frühlingsaufenthalt  bevorzugt.  Dagegen ­
  tritt  für  Montreux  mit  der  Hitze  des  Hochsommers
die  stille  Zeit  ein.
In  der  schweizerischen  Hotelindustrie  ist  eine  Summe
von  rund  800  Mill.  Fr.  angelegt.  Stetsfort  werden  neue
Hotels  erstellt,  z.  T.  Prachtsbauten,  mit  allem  erdenklichen
großstädtischen  Luxus  ausgestaltet  (so  in  St.  Moritz,
Luzern,  Jnterlaken,  am  obern  Genfersee).  Der  Ertrag
des  Anlagekapitals  schwankt  ganz  bedeutend,  einerseits

Winterlurorte

Zahl  der
Fremden

Reisezeiten

Einnahmen
        <pb n="116" />
        110

nach  der  Witterung  und  anderseits  nach  den  wirtschaftlichen ­
  und  politischen  Verhältnißen  der  Länder,  die  uns
die  Hanptzahl  der  Besucher  senden.  Durchschnittlich  verzinst ­
  sich  das  Kapital  zu  4,7  o/o.  Überdies  kommen  dem
Land  die  beträchtlichen  Summen  zugute,  die  von  den
Fremden  außerhalb  des  Gasthofes  ausgelegt  werden,  wie
z.  B.  für  Benutzung  der  Eisenbahnen,  der  Dampfschiffe,
der  Fuhrwerke,  der  Tragtiere;  ferner  für  Post  und
Telegraphen,  als  Entlohnung  der  Führer  und  Träger,
sowie  für  Schmuck,  Kleidung,  Reiseandenken  usw.  Kommen
auch  die  Einnahmen  dem  ganzen  Lande  zu  gut,  so  ist
doch  vor  allem  das  Alpenland  daran  interessiert.  Hier
Wirkungen  des  ist  der  Fremdenverkehr  zu  einer  eigentlichen  Industrie
Fremdenverkehrsgx^gxd^  tzjx  an  Bedeutung  hinter  keinem  der  großen
Erwerbszweige  zurücksteht.  In  dem  an  Hülfsmitteln
armen  Bergland  ist  dank  des  Fremdenbesuchs  ein  gewisser
Wohlstand  eingezogen.  Er  begünstigt  überdies  die  landwirtschaftliche ­
  Produktion  und  einzelne  Industrien,  die
an  den  Fremdenplätzen  einen  Teil  ihrer  Fabrikate  absetzen, ­
  wie  Uhren,  Bijouterien,  Seide,  Stickereien,  Holzschnitzereien, ­
  Schokolade.
        <pb n="117" />
        Kerrölkevnng.

Manche  vorgeschichtlichen  Funde  bezeugen,  daß  unser
Land  seit  uralter  Zeit  von  Menschen  bewohnt  wird.  Ihre
ältesten  Spuren  finden  sich  in  der  Höhle  des  Wildkirchli
am  Säntis.  Zersplitterte  und  angebrannte  Knochen,  untermischt ­
  mit  rohzugeschlagenen  Steinwerkzeugen  lassen  erkennen, ­
  daß  der  Mensch  hier  neben  dem  Höhlenlöwen
und  Höhlenbären  lebte,  wahrscheinlich  während  einer
wärmeren  Zwischenperiode  in  der  Eiszeit,  als  die  Gletscher
vorübergehend  aus  dem  Vorland  verschwunden  waren.
Am  Ende  der  Eiszeit  findet  sich  der  Mensch  zusammen
mit  dem  nordischen  Renntier  im  Keßlerloch  bei  Thaingen
im  Schaffhauser  Randen;  seit  jener  Zeit  durften  weit
über  20000  Jahre  verstrichen  sein.  In  einer  viel  späteren
Zeit  wohnten  die  Menschen  in  Pfahlbauten  an  den  Seeufern. ­
  Sie  gebrauchten  vorerst  rohe,  dann  bearbeitete
Steinwerkzeuge  (ältere  und  jüngere  Steinzeit)  und  ersetzten ­
  sie  endlich  mit  steigender  Kultur  durch  Bronze
und  Eisen.  Die  Römerherrschaft  und  die  Züge  der  Völkerwanderung ­
  verpflanzten  wohl  fremde  Volksbestandteile
auf  den  keltischen  Boden  Helvetiens,  ohne  jedoch  die
Einheitlichkeit  der  ansässigen  Bevölkerung  ganz  zu  verdecken ­
  und  ohne  die  schroffen  Rassengegensätze  anderer
Länder  hervorzurufen.  Die  Alemannen  und  Burgunder
drangen  von  Norden  her  an  den  Alpenfuß  vor;  jene
brachten  in  der  Ost-  und  Mittelschweiz  die  deutsche
Sprache  zur  Geltung;  diese  ordneten  sich  in  der  Westschweiz ­
  der  gallisch-römischen  Kultur  ein,  und  die  bnrgundische
  Schweiz  wurde  zum  französischen  Sprachgebiet.
        <pb n="118" />
        112

Mischung

BoNsdichte

Wolmfläche
in  den  Alpe»

In  den  Tälern  Bündens  blieb  das  rätoromanische  Volk
vor  der  Alemannenüberflutung  verschont  und  bewahrte
seine  Sprache  bis  zur  Gegenwart.  Die  Bewohner  der
Südschweiz  lehnen  sich  in  Abstammung  und  Sprache  eng
an  ihre  Nachbarn  in  Norditalien  an.
Die  Schweiz  liegt  als  Übergangsgebiet  zwischen  den
Hellen  nordeuropäischen  und  den  dunklen  südenropäischen
Völkern.  Ungeachtet  der  Gebirgsschranke  hat  herüber  und
hinüber  eine  starke  Durchdringung  beider  Bestände  stattgefunden. ­
  Es  wird  geschätzt,  daß  zwei  Dritteile  der
heutigen  Bewohner  des  Landes  eine  Mischung  der  Körpermerkmale ­
  nordischer  und  südlicher  Völker  aufweisen,
Volksdichte.  Nach  den  Ergebnissen  der  Volkszählung ­
  hatte  die  Schweiz  am  1.  Dez.  1910  =  3753293
Einwohner.  Die  Volksdichte  berträgt  demnach  91  auf
den  km 2  der  Gesamtfläche;  ans  die  Fläche  des  produktiven ­
  Bodens  berechnet  steigt  der  Durchschnitt  ans  123
für  den  km 2 .  Infolge  der  starken  Gliederung  des  Landes
ist  die  Volksdichte  sehr  ungleich.  Auffällig  wirkt  besonders
der  Gegensatz  zwischen  Gebirge  und  Flachland.  Eine
Linie  vom  obern  Genfersee  dem  Alpenfuß  entlang  zum
obern  Ende  des  Bodensees  trennt  den  stärker  bevölkerten
Nordwesten  des  Landes  (Mittelland  und  Jura)  von  den
durchschnittlich  schwächer  bewohnten  Alpen.  Dichtbevölkerte
Gebiete  sind  die  Städte  mit  ihrer  Umgebung,  einzelne
Seeuferstrecken  (am  obern  Genfersee  und  am  untern
Zürichsee),  die  tiefgelegenen  Talschaften  des  Mittellandes
und  des  südlichen  Tessins,  dann  aber  auch  die  Industriebezirke
  der  Juratäler  und  des  Appenzeller  Hügellandes.
Im  Mittelland  zieht  sich  das  von  Menschen  bewohnte
und  bebaute  Gebiet  als  fast  ununterbrochene  Fläche  über
Täler  und  Höhen  hinweg.  In  den  Alpen  ist  der  Tal
gründ  mit  den  seitlichen  Halden  der  Schauplatz  des
menschlichen  Lebens.  Als  schmaler  Streifen  zieht  sich
das  von  Menschen  besiedelte  Gebiet  den  Talverästelungen
folgend  ins  Gebirge  hinein.  Die  kahlen  oder  vereisten
Bergkämme  überragen  und  umschließen  als  lebens-  und
        <pb n="119" />
        113

verkehrsfeindlicher  Saum  die  Wohnfläche  des  Tales.
Durch  den  Gebirgsrahmen  von  den  benachbarten  Landschaften ­
  getrennt  schließen  sich  die  Talbewohner  zu  gemeinschaftlicher ­
  Arbeit,  zu  eigener  Art  und  Geschichte
zusammen;  als  bekannteste  Beispiele  können  die  Täler
von  Glarus,  Uri  und  das  Wallis  gelten.
Wohl  erscheint  die  Volkszahl  des  Alpenlandes,  auf
die  ganze  Fläche  verteilt,  gering.  Berechnet  man  sie  aber,
wie  es  der  Wirklichkeit  entspricht,  auf  die  schmalen  bewohnten ­
  Zonen,  so  kommt  man  zu  einem  ganz  anderen
Ergebnis.  Die  Alpentäler  gehören  zu  den  dicht  bewohnten
Teilen  der  Schweiz.  In  Rücksicht  auf  die  geringen  Hilfsmittel, ­
  die  der  Boden  zu  bieten  vermag,  sind  einzelne
unter  ihnen  geradezu  übervölkert.
Volkszuwachs.  Seit  dem  Jahre  1850  ist  die  Boliszuwachs
Bevölkerung  der  Schweiz  von  2393000  auf  die  oben
genannte  Zahl  oder  um  560/o  angewachsen.  Seit  1888
beträgt  die  jährliche  Zunahme  über  l°/o,  was  vorher  nicht
vorgekommen  war.  Die  Zunahme  rührt  vorwiegend  vom
Überschuß  der  Geburten  über  die  Sterblichkeit,  zum  geringen ­
  Teil  auch  vom  Überwiegen  der  Einwanderung
gegenüber  der  Auswanderung  her.  Der  Bevölkerungszuwachs ­
  ist  in  den  Städten  und  den  industriellen  Bezirken ­
  am  größten;  in  den  landwirtschaftlichen  Bezirken
nimmt  die  Volkszahl  nur  langsam  zu,  besonders  in  Lagen
abseits  des  Verkehrs;  stellenweise  geht  sie  sogar  zurück.
So  ist  z.  B.  seit  1850  die  Bevölkerung  von  Schaffhausen
und  Neuhausen  von  8600  auf,23  500  Seelen  angewachsen,
während  sich  diejenige  des  [übrigen  Kantonsteiles  von
26700  auf  22400  Seelen  verminderte.  Im  Durchschnitt
beträgt  der  jährliche  Bevölkerungszuwachs  in  den  landwirtschaftlichen ­
  Bezirken  der  Schweiz  6  Promille,  in  den
industriellen  Gebieten  15  Promille,  in  den  Städten  von
über  10000  Einwohnern  dagegen  20  Promille.
Trotz  der  stark  entwickelten  Industrie  lebt  heute  noch  der  Stadt  und  Land
weit  überwiegende  Teil  der  Bevölkerung  auf  dem  Lande.  Während
in  manchem  Industriestaat  die  industrielle  Bevölkerung  sich  auf
Flückigcr,  Schweiz

8
        <pb n="120" />
        114

Innere
Wanderung

Auswanderung

einige  große  Fabrikstädte  konzentriert,  sind  in  der  Schweiz  die
Fabriken  und  die  Arbeiterschaft  viel  gleichmäßiger  über  die  verschiedenen ­
  Gebiete  des  Landes  verteilt,  wie  aus  dem  Beispiel  der
Uhrenindustrie  erhellt.  So  ist  es  einem  ansehnlichen  Teil  der
Fabrikbevölkerung  möglich,  die  Vorzüge  des  Landlebens  mit  ihrem
städtischen  Berus  zu  vereinigen.  Immerhin  fallen  bei  dem  ungleichmäßigen ­
  Volkszuwachs  die  Städte  und  großen  Orte  immer  mehr
ins  Gewicht.  Die  Orte  von  über  10  000  Einwohnern  beherbergten
1900  22v/o,  1910  aber  schon  24o/o  der  Gesamtbevölkerung;  für
die  Orte  von  über  5000  Einwohner  stieg  der  Anteil  im  gleichen
Zeitraum  sogar  von  260/o  aus  3l&amp;gt;o/o.  Unser  Volk  ist  auf  dem
Weg,  immer  städtischer  zu  werden.
Viele  Städte  haben  in  den  letzten  Jahrzehnten  einen  ungewöhnlich ­
  starken  Zuwachs  erfahren.  1850  zahlte  Zürich  (mit
Außengemeinden)  35000  Einwohner,  im  Jahre  1910  dagegen
190000,  also  mehr  als  das  Fünffache;  Basel  stieg  in  der  gleichen
Zeit  von  28000  aus  132000,  Bern  von  28000  auf  85000  Einwohner. ­
  Von  1900—1910  vermehrte  sich  die  Bewohnerzahl  von  Lausanne ­
  um  mehr  als  l /s,  die  von  Bern  um  1 /s,  die  von  Zürich  um  1 li.
Innere  Wanderung.  Nach  langen  Jahrhunderten ­
  der  Seßhaftigkeit  und  der  Anhänglichkeit  an  das
ererbte  Stück  heimatlichen  Bodens  ist  unser  Volk  in  eine
immer  lebhaftere  Bewegung  gekommen;  die  Industrie,
das  Wachstum  der  Volkszahl  und  Volksdichte  und  der
erleichterte  Verkehr  der  Neuzeit  haben__  an  dieser  Wandlung ­
  mitgewirkt.  Beständig  geht  der  Überschuß  der  ländlichen ­
  Bevölkerung  nach  den  ohnehin  volksreichen  Städten
und  Industriegebieten;  von  dieser  Aufsaugung  auf  Kosten
der  landwirtschaftlichen  Gegenden  war  schon  im  Abschnitt
über  Industrie  und  Landwirtschaft  die  Rede.  Infolge
des  Manderns  innerhalb  der  Landesgrenzen  kommt  eine
immer  stärkere  Mischung  des  Volkes  nach  Herkunft,
Sprache  und  religiösem  Bekenntnis  zustande.  1850  lebten
von  1000  Personen  noch  638  an  ihrem  Bürgerort;  1910
waren  es  nur  noch  336.
Auswanderung.  Wie  innerhalb  der  Landesgrenzen ­
  die  Volksbestandteile  ineinanderfließen,  so  geht
        <pb n="121" />
        115

auch  an  der  Grenze  selbst  eine  ansehnliche  Wanderung
herüber  und  hinüber.  Schon  längst  verlassen  alljährlich
Tausende  die  Heimat,  um  in  der  Fremde  ein  besseres
Auskommen  zu  finden.  Von  jeher  stellten  die  armen,
übervölkerten  Gebirgstäler  eine  starke  Schar  von  Auswanderern, ­
  sah  sich  doch  schon  um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts ­
  der  Rat  von  Bern  wiederholt  veranlaßt,  durch
besondere  Maßregeln  den  Auswandererstrom  zurückzudämmen ­
  und  der  Entvölkerung  im  besondern  der  Alpentäler ­
  zu  wehren.  Als  der  Fremdenverkehr  und  die  Industrie ­
  den  Alpenbewohnern  einen  sichern  Verdienst  zu
verschaffen  begann,  sank  die  Auswanderung.  Sie  hörte
z.  B.  im  St.  Galler  Oberland  fast  gänzlich  auf  von  dem
Zeitpunkt  an,  da  die  großen  Spinnereien  im  Seeztal
den  Betrieb  eröffneten.
Die  Statistik  verzeichnet  nur  die  Auswanderer,  die
nach  überseeischen  Ländern  ziehen  und  sich  zu  diesem
Zweck  an  eine  Auswanderungsagentur  wenden;  die  gewiß
nicht  geringe  Zahl  aller  übrigen  kann  nicht  festgestellt
werden.  Im  Jahre  1912  wanderten  5871  Personen
nach  überseeischen  Ländern  aus,  wovon  4 /s,  meist  als
Farmer,  nach  den  Vereinigten  Staaten;  die  andern
wandten  sich  nach  Argentinien  (besonders  aus  der  Südschweiz), ­
  Kanada,  Brasilien.  Die  letzten  Jahre  zeigen
ein  beständiges  Anschwellen  der  Auswanderung:
Jahr  .  1908  1909  1910  1911  1912
Personen  3656  4915  5178  5512  5871
Vor  20  Jahren  wurden  immerhin  noch  doppelt  so  viele
Auswanderer  gezählt  wie  heute.
Einwanderung.  Für  die  Ausgewanderten  findet  Einwanderung
sich  ein  der  Zahl  nach  mehr  als  ausreichender  Ersatz  in
den  zuwandernden  Ausländern.  Zum  weitaus  überwiegenden ­
  Teil  führt  sie  der  Erwerb  über  die  Grenze
herein;  andere  studieren  an  den  Hochschulen  oder  suchen
als  politische  Flüchtlinge  in  der  Schweiz  ein  Asyl.  Im
Jahrzent  1900—1910  überstieg  die  Zahl  der  Zuge-
        <pb n="122" />
        116

wanderten  die  der  Auswanderer  um  71500.  Nahezu
die  Hälfte  der  Fremden  sind  Angehörige  des  deutschen
Reichs;  auch  darin  machen  sich,  wie  beim  Handel,  die
engen  Beziehungen  der  Schweiz  zum  nördlichen  Nachbarland ­
  geltend.  Dann  folgen  der  Zahl  nach  Italiener,
Franzosen  und  Österreicher.  Die  Engländer  und  Russen
treten  gegenüber  den  Bürgern  der  Nachbarstaaten  zurück.
Nationalität  .  Den  Italienern  liegt  der  Eisenbahn-  und  Tunnelbau ­
  ob;  als  Erdarbeiter  und  Maurer  finden  sie  überall
Verdienst;  naturgemäß  suchen  sie  die  Orte  mit  reger
Bautätigkeit  auf.  Viele  Italiener  sind  Saisonarbeiter,
die  im  Winter  gleich  den  Tessiner  Arbeitern  in  die
Heimat  zurückkehren.  Die  Deutschen  bewohnen  als  Kaufleute, ­
  Dekorationsarbeiter,  Schriftsetzer,  als  Arbeiter  in
der  Seiden-  und  in  der  chemischen  Industrie  vorwiegend
die  Städte  der  Nordschweiz,  Basel  und  Zürich.  Die
Österreicher  bevorzugen  Zürich  und  St.  Gallen,  und  die
Franzosen  sind  in  den  westschweizerischen  Städten,  vor
allem  in  Genf,  stark  vertreten.  Die  einheimischen  Arbeiter
verlassen  mehr  und  mehr  gewisse  ihnen  nicht  zusagende
Gewerbe,  und  an  ihre  Stelle  treten  die  Zugewanderten.
Allsländerfrage  Kein  anderes  Land  Europas  beherbergt  im  Verhältnis ­
  zur  einheimischen  Bevölkerung  so  viele  Ausländer
wie  die  Schweiz;  erreichten  sie  doch  1910  die  Zahl  von
565300.  1850  machten  sie  noch  3°/o  der  Gesamtbevölkerung ­
  aus,  gegenüber  15°/o  nach  der  Zählung  von  1910.
Unter  den  Bewohnern  der  Städte  Basel  und  Zürich  ist
je  der  Dritte  ein  Ausländer;  schlimmer  noch  liegen  die
Verhältnisse  in  Genf  und  Lugano.  Diese  wachsende  Überflutung ­
  erweckt  Bedenken,  da  die  Zugewanderten  meist
Bürger  des  Heimatstaates  bleiben.
Dem  Mißstand  kann  in  der  Zukunft  durch  die
Zwangseinbürgerung  gesteuert  werden;  die  Schweiz
würde  damit  nur  dem  Beispiel  anderer  Staaten  folgen,
die  nach  Gesetzesbestimmung  die  auf  ihrem  Gebiete  geborenen ­
  Ausländer  als  Bürger  des  eigenen  Staatswesens
aufnehmen.  Zu  mehr  als  drei  Vierteln  sind  die  Aus-
        <pb n="123" />
        (anbei 1  der  Schweiz  aus  den  Nachbarstaaten  eingewandert.
Sie  stehen  uns  nach  Abstammung  und  Sprache  so  nahe,
daß  sie  sich  ohne  große  Schwierigkeiten  in  unser  Volk
einfügen;  das  gilt  besonders  für  solche  Ausländer,  die
in  der  Schweiz  in  unserer  Sprache  und  Art  aufwachsen,
so  daß  man  sie  für  Einheimische  halten  könnte.
Sprache.  Auf  dem  Boden  der  Schweiz  stoßen  Sprach-  .
die  großen  Gebiete  der  deutschen,  französischen  und  italienischen ­
  Sprache  zusammen.  In  einzelnen  Talschaften
Graubündens  gesellt  sich  das  Rätoromanische  als  vierte
Landessprache  hinzu.  Klima,  Gewässer,  Verkehrswege,
Abstammung  der  Bewohner  und  nun  auch,  nicht  zum
mindesten,  die  Vielsprachigkeit  verleihen  der  Schweiz  den
Charakter  eines  Übergangsgebietes.
Die  Grenze  zwischen  dem  deutschen  und  dem  fran-  Sprachgrenze»
zösischen  Sprachgebiet  verläuft  von  Lützel  bei  Pruntrut
über  Schelten  (oder  La  Schenkte,  an  der  bernisch-solothurnischen
  Grenze  im  Jura),  Twann,  Zihlkanal,  Broyekanal,
  Berra,  Oldenhorn,  Weißhorn  (in  den  Berner
Alpen),  quer  durch  das  Rhonetal  östlich  Sierre  zur
Deut  d'Herens.  Zum  italienischen  Sprachgebiet  gehören
außer  dem  Tessin  die  südlichen  Bündnertäler  Misox,
Bergell  und  Puschlav.  Trotz  der  starken  innern  Wanderung ­
  und  der  Sprachvermischung  bleiben  die  Sprachgrenzen ­
  selbst  fast  unverändert.  Die  auf  ein  anderes
Sprachgebiet  übergewanderten  geben  gewöhnlich  recht  bald
ihre  Muttersprache  auf;  im  besondern  gilt  dies  von  den
Deutschschweizern,  die  sich  in  großer  Zahl  in  der  Westschweiz ­
  niederlassen.  Das  Romanische  hat  gegenüber  der
deutschen  Sprache,  die  von  Norden  her,  und  dem  Italienischen, ­
  das  von  Süden  her  in  die  Täler  eindringt,
einen  schweren  Stand.  Doch  ist  man  neuerdings  mit
Erfolg  bemüht,  den  Rückgang  der  Sprache  aufzuhalten.
Der  Simplontunnel  hat  der  italienischen-Einwanderung
ins  Wallis  das  Tor  geöffnet  und  der  italienischen
Sprache  schon  in  den  wenigen  Jahren  seit  der  Eröffnung
der  Bahn  im  Wallis  eine  starke  Verbreitung  verschafft.
        <pb n="124" />
        118

Stärke  der  Nach  der  Volkszählung  von  1910  sind  die  Sprachen
Sprachen  unseres  Landes  in  folgendem  Verhältnis  vertreten  *:
Deutsche  Sprache  =2599154  —  69  °/o
Französische  Sprache  =  796244  =  21,2o/o
Italienische  Sprache  =  301325=  8  °/o
Romanische  Sprache  =  39834  =  1,1  o/o
Andere  Sprachen  =  28445=  0,7°/o
Mundarten  Die  Welschschweizer  bedienen  sich  fast  durchwegs
der  Schriftsprache;  die  alte  Mundart,  das  patois,  ist
im  Neuenburgischen  nahezu  vergessen;  dagegen  ist  es  im
Gros  de  Vaud  und  im  Kanton  Freiburg  noch  verbreitet.
Die  Tessiner  sprechen  italienische  Dialekte.  Ebenso  sind
in  der  deutschen  Schweiz  die  verschiedenen  alemannischen
Mundarten  zu  Stadt  und  Land  die  Umgangssprache  geblieben. ­
  Infolge  der  Volksvermischung  und  der  wachsenden
Zahl  der  Ausländer  haben  die  heimischen  Mundarten,
besonders  in  den  Städten  und  den  verkehrsreichen  Gegenden, ­
  viel  von  ihrer  Kraft  und  Ursprünglichkeit  eingebüßt. ­
  Durch  Vorträge  und  literarische  Werke  sucht  man
jetzt  überall  den  Sinn  für  die  reichen  Schätze  der  Mundart
zu  wecken,  und  zu  retten,  was  davon  noch  vorhanden  ist.
Glaubens-  Glaubensbekenntnis.  Ist  unserem  Lande
bekenntnis  glücklicherweise  ein  Sprachenstreit  erspart  geblieben,  so
hat  es  Jahrhunderte  lang  umso  schwerer  unter  den
Glaubenskämpfen  gelitten.  Andere  Fragen  und  Aufgaben
haben  in  der  neuesten  Zeit  den  religiösen  Zwist  in  den
Hintergrund  gedrängt  und  die  Gegensätze  stark  gemildert;
immerhin  ist  die  Spannung  nicht  überall  ganz  gewichen.
Verhältnis  der  Die  Volkszählung  von  1910  unterscheidet  nach  dem
Konfessionen  Glaubensbekenntnis:

Protestanten
Katholiken
Juden
Andere  oder  keine  Konfession

2108590  =  56  o/o
1590792  =  42,20/0
19023=  0,5»/»
46597  =  1,3cho

1  Für  Einzelangaben  siehe  Sprachentabelle  im  Anhang.
        <pb n="125" />
        119

Die  Alpenkantone  sind  überwiegend  katholisch,  das
Mittelland  und  der  Jura  zur  Mehrheit  protestantisch.
Die  lebhafte  Volksvermischung  hat  auch  die  Glaubensbekenntnisse ­
  durcheinander  gemengt.  Heute  gibt  es  kaum
mehr  rein  protestantische  oder  katholische  Gegenden;  zur
herrschenden  Konfession  gesellt  sich  immer  eine  mehr  oder
weniger  ansehnliche  Minderheit  von  Andersgläubigen!
In  industrie-  und  verkehrsreichen  Gebieten  ist  die  Mischung
besonders  weit  vorgeschritten.  Die  protestantische  Stadt
Zürich  zählt  31  °/o  Katholiken;  ebenso  weist  Basel  eine
starke  katholische  Minderheit  auf.  Im  Lande  Calvins,
im  Kanton  Genf,  haben  infolge  der  Einwanderung  aus
Frankreich  die  Katholiken  sogar  die  Mehrheit  erlangt.
Dagegen  wohnen  viele  Protestanten  in  den  katholischen
Städten  Luzern  und  Solothurn.  Die  als  protestantisch
geltende  Westschweiz  beherbergt  heute  neben  525000  Protestanten ­
  460000  Katholiken.
Die  Juden  verlassen  mehr  und  mehr  die  ländlichen
Bezirke  und  suchen  als  Handelsleute  die  Städte  auf.
Die  Katholiken  nehmen  an  Zahl  etwas  stärker  zu
als  die  Protestanten;  der  Grund  dieser  Erscheinung  liegt
in  der  beträchtlichen  Einwanderung  aus  den  katholischen
Nachbarländern  Frankreich,  Italien,  Österreich  und  Süddeutschland. ­


Zuwachs

1  Vergleiche  die  Tabelle  der  Konfessionen  im  Anhang.
        <pb n="126" />
        Ginzelve  schveivung

WaMs.
Lage  d-s  Wallis  Vom  Gebirgsknoten  des  Gotthards  aus  umrahmen
die  Berner  und  Walliser  Alpen  die  südwestliche  Hälfte
der  großen  alpinen  Längstalfurche.  Zwischen  den  beiden
Stammketten  liegt,  als  einziges  großes  Talsystem,  das
Einzugsgebiet  der  Rhone,  das  Wallis  (lat.  vallis  =  Tal);
es  umfaßt  allein  mit  über  5000  km 2  rund  1 /s  der  Gesamtfläche ­
  der  Schweiz.  Bei  Martigny  biegt  das  Rhonetal
im  rechten  Winkel  aus  der  Längsrichtung  ab  und  geht
in  einem  gewaltigen,  breiten  Querdurchbruch  durch  die
Nordalpenkette  zum  Genfersee  hinaus.  Das  Längstal
liegt  im  mittleren  und  untern  Teil  bis  zum  Rhoueknie
bei  Martigny  hart  am  Hauptkamm  der  Berner  Alpen,
die  hier  mit  schroffen  Kalkwänden  zur  Rhone  abbrechen.
Der  Kamm  der  Walliser  Alpen  tritt  in  großem  Bogen
weit  nach  Süden  zurück.  Zahlreiche  Quertäler  senken  sich
zwischen  den  nordwärts  ziehenden  Seitenketten  zum  Haupttal ­
  hinaus,  während  die  Rhone  von  den  Berner  Alpen
her  aus  steilen,  schluchtartigen  Tälern  nur  kurze  und
unbedeutende  Zuflüsse  empfängt.  Von  den  16  bewohnten
Seitentälern  des  Wallis  gehören  nur  2  der  Nordseite
an.  Im  obern  Wallis  treten  die  Bergketten  näher  zusammen, ­
  und  zwischen  ihren  Urgesteinsmassen  hält  das
Rhonetal  ungefähr  die  Mitte  inne.
Taiform-N  Von  der  Rhone  aus  sind  die  schneebedeckten  Gipfel
des  Hochgebirges  nicht  sichtbar,  zumeist  auch  nicht  durch
die  Lücken  der  Seitentäler.  Das  Rhonetal  bildet  einen
        <pb n="127" />
        121

gewaltigen  Trog,  dessen  steile  Wände  den  Ausblick  absperren. ­
  Die  Seitentäler  münden  meist  hoch  über  dem
Haupttal  aus;  die  Stufe  zur  Rhone  herunter  wird  von
dem  Seitenbach  in  einer  Schluckt  zersägt.  Einzelne  Felsriegel ­
  zerlegen  das  obere  Rhonetal  selbst  in  eine  Reihe
langgestreckter,  flacher  Becken.  In  engem,  felsigem  Bett
braust  der  Talfluß  durch  die  Stufe  zum  nächsttieserliegenden
  Becken  hinab.  Die  flachen  Talstrecken  durchfließt ­
  er  auf  den  eigenen  Aufschüttungen,  Kies,  Sand
und  Schlamm;  er  wird  hier  durch  die  Schuttkegel  der
Seitenbäche  zu  gewundenem  Lauf  von  der  einen  Talseite
zur  anderen  gezwungen.  Das  Bild  der  aufgeschütteten,
breiten  Talebene  im  untern  Wallis  erinnert  an  die  eintönigen ­
  Deltalandschaften  am  obern  Ende  der  Seen.  In
fast  endloser  Reihe  stehen,  vom  Talwind  zerzaust,  die
Pappeln  am  Fluß;  ein  grüner  Streifen  von  Weidenund
  Erlengestrüpp  und  Schilf  säumt  die  Ufer  ein;  auf
lange  Strecken  ist  die  Rhone  kanalisiert,  die  früher  versumpfte ­
  Talebene  trocken  gelegt.
Wo  die  Bäche  mit  starkem  Gefälle  aus  den  Seiten-  Einfluß  auf  ditälern
  hervorbrechen,  hat  sich  die  Industrie  bereits  in  Bev°ii-rung
zahlreichen  Anlagen  der  Wasserkräfte  bemächtigt.  Die
Mündungsstufen  der  Seitentäler  und  die  Felsriegel  des
Haupttales  waren  von  jeher  ein  stark  fühlbares  Verkehrshindernis; ­
  sie  zerlegen  das  Wallis  in  eine  Reihe  gut
abgetrennter  Talschaften,  deren  jede  ihre  Bewohner  zu
einem  besonderen  Völklein  von  gleichen  Sitten  und  ähnlichem ­
  Erwerbsleben  zusammenschließt.
Der  Gebirgskranz  der  Berner  und  Walliser  Alpen  Klima
ist  entscheidend  für  das  Klima  des  Wallis.  Die  feuchten
Südwestwinde  geben  Regen  und  Schnee  am  Außenrand
und  in  den  hochliegenden  Teilen  des  Gebirges  ab.  Der
Talkessel  der  Rhone  dagegen  ist  trocken.  Die  Nieder-  Trockenheit
schlagsmenge  sinkt  im  mittleren  Wallis  bei  Siders  auf
57  om,  bei  Grächen  im  Nikolaital,  dem  trockensten  Ort
der  Schweiz,  auf  53  em  im  Durchschnitt.  Bei  der  geringen ­
  Bewölkung  und  der  Seltenheit  der  Nebel  ist  die
        <pb n="128" />
        122

Bewässerung

Landesprodukte

Sonnenstrahlung  so  wirksam  wie  in  den  südlichen  Alpentälern. ­
  In  den  Hochsommertagen  strahlen  die  sonnendurchglühten
  Felswände  noch  lange  nach  Sonnenuntergang
die  Wärme  zurück,  so  daß  oft  erst  um  Mitternacht  die
Kühle  eintritt.  Dem  landesunkundigen  Besucher  verrät
sich  die  Trockenheit  des  mittleren  Wallis  schon  durch  die
mächtige  Staubschicht  der  Landstraßen  und  durch  die
Kahlheit  der  ausgedörrten  Felshalden.  Unter  der  versengenden ­
  Glut  der  Sonne  wachsen  auf  dem  trockenen
Felsgrund  kleinblättrige  Gestrüppe  und  Pflanzen,  die
durch  ein  Haarkleid  die  Verdunstung  mindern  oder  in
fleischigen  Blättern  Feuchtigkeit  aufspeichern.  Die  Trockenheit ­
  macht  künstliche  Bewässerung  nötig.  Lange  Leitungen,
die  Wasserfuhren  oder  „dissss",  mit  staunenswerter
Kühnheit  den  Schutthalden  und  senkrechten  Felswänden
entlang  und  über  Schluchten  hinweg  angelegt,  führen
von  den  Gletschern  des  Talhintergrundes  oder  aus  Bergseelein ­
  das  Wasser  zu  den  Getreidefeldern  und  zu  den
Bergwiesen  hinaus.  Sogar  der  Weinstock,  der  in  der
übrigen  Schweiz  eher  unter  zu  großer  Feuchtigkeit  leidet,
muß  hier  bewässert  werden.  Der  gemeinschaftliche  Unterhalt ­
  und  die  gemeinschaftliche  Nutzung  der  Wasserfuhren
nach  den  genau  befolgten  Satzungen  des  Wasserrechtes
stärken  in  hohem  Maße  den  Zusammenhalt  der  Gemeindeglieder. ­

Bis  zur  Höhe  von  1000  in  über  Meer  sind  an
den  sonnigen  Halden  terrassenartig  ausgemauerte  Weinberge ­
  angelegt.  Der  heiße  Sommer  kocht  hier  jene  süßen
Trauben,  die  in  Menge  in  die  übrige  Schweiz  versandt
oder  zu  dem  vorzüglichen,  schweren  Walliserwein  gekeltert
werden.  Die  Obstgärten  des  untern  Wallis  versorgen
die  ganze  Schweiz  mit  einem  Reichtum  von  edlen  Früchten,
Aprikosen,  Pfirsichen,  Äpfeln  und  Birnen;  die  Gemüsefelder ­
  auf  der  Schlammerde  der  Rhoneebene  liefern  die
bekannten  Walliser  Spargeln.  Inmitten  des  Überflusses
an  Früchten  gewinnt  die  Konservenbereitung  einen  stets
wachsenden  Wert.  An  den  Halden  des  Rhonequertales
        <pb n="129" />
        123

vom  Genfersee  bis  nach  Martigny  bildet  die  schattige
Edelkastanie  ganze  Bestände.  Im  innern  Wallis  dehnen
sich  auf  der  bebauten  Talsohle  von  Martigny  bis  nach
Brig  hinauf  die  Maisfelder  aus.  Gegenüber  anderen
Landschaften  der  Alpen  hat  das  Wallis  einen  stark  verbreiteten ­
  Getreidebau,  der  neben  dem  Weinbau  an  den
Felshalden  und  auf  der  Sohle  des  untern  Rhonetales
vorherrscht,  aber  bis  zur  Meereshöhe  von  2000  m  vordringt. ­
  Die  höchstgelegenen  Weizen-  und  Roggenfelder
bringen  in  ärmlichem  Wuchs  nur  noch  kurze  Halme  und
magere  Ähren  hervor.  Oft  vermögen  die  Körner  vor
dem  Einwintern  kaum  zu  reifen;  das  Getreide  wird  dann
geschnitten  und  auf  Holzgerüsten  zum  völligen  Ausdörren
ausgebreitet.  —  Ebenso  sind  im  obersten  Tessintal  und
in  höhern  Lagen  Bündens  die  Dörfchen  und  einzelstehenden ­
  Hütten  mit  den  „Korngalgen"  umstellt,  an  denen
das  Korn  ausreifen  soll.  —  Der  Getreidebau  lohnt  hier
längst  nicht  mehr;  er  wird  hauptsächlich  noch  betrieben,
weil  die  Bevölkerung  von  alters  her  bestrebt  ist,  sich  mit
allem  Nötigen  selbst  zu  versorgen.  Wie  für  den  Weinstock
und  das  Getreide,  so  steigen  im  Bereich  der  Massenerhebung ­
  der  Walliser  Alpen  die  Höhengrenzen  überhaupt
zu  ungewöhnlicher  Höhe  an,  wie  dies  früher  für  die
Wald-  und  Schneegrenze  und  für  die  Lage  der  obersten
Alphütten  gezeigt  wurde.  Die  oberste  Sennhütte  steht
bei  2665  m  auf  der  Alp  de  Lona  im  Val  d'Hörens;  am
Abhang  des  Jllhorns,  nahe  der  Waldgrenze,  stehen  bis
1936  m  die  sonnengeschwärzten  Holzhäuschen  von  Chandolin,
  dem  höchstgelegenen  Kirchdorf  im  Wallis.
Die  Dörfer  des  Rhonetales  wurden,  zum  Schutz
vor  den  Verwüstungen  der  Rhone,  meist  am  Rande  der
Talebene  in  etwas  erhöhter  Lage  angelegt.  Die  größten
stehen  auf  den  Schuttkegeln  der  Seitenbäche,  wo  sie  zugleich ­
  den  Verkehr  ins  Seitental  hinein  beherrschen.  Die
sonnige  Talseite  wird,  eine  im  Gebirge  bekannte  Erscheinung, ­
  als  Wohnfläche  bevorzugt;  der  Wald  erscheint
hier  gegenüber  der  Schattseite  stark  zurückgedrängt.  Ein-Höhengrenzen.



Dörfer
        <pb n="130" />
        124

Wirtschaft  zelne  Gemeinden  besitzen  Kulturland  in  allen  Höhenlagen,
von  der  Sohle  des  Rhonetales  an  bis  zum  Gebirgskamm
hinauf.  So  wird  der  Walliser  Winzer,  Getreidebauer
und  Senne  in  einer  Person.  Die  Vereinigung  so  verschiedener ­
  Zweige  des  Bodenbaues  setzt  die  Bevölkerung
in  stand,  für  die  eigenen  Bedürfnisse  selbst  aufzukommen,
wie  denn  auch  in  den  konservativen  Landschaften  des  Goms
und  der  Seitentäler  die  Anfertigung  der  Geräte,  der
Kleider,  ja  sogar  der  Bau  der  einfachen  Häuser  noch
vielfach  den  Familiengliedern  selbst  obliegt.  Die  Abgeschlossenheit ­
  der  einzelnen  Talschaften  nötigte  die  Bewohner ­
  frühzeitig,  sich  auf  eigene  Füße  zu  stellen  und
jede  Abhängigkeit  von  der  Außenwelt  zu  vermeiden.
Dieser  Zug  beherrscht  die  Geschichte  des  ganzen  Landes,
das,  auch  als  zugewandter  Ort  der  Eidgenossenschaft,
stets  sorgfältig  bemüht  war,  seine  staatliche  Sonderstellung
zu  wahren.  Bei  der  Abgeschlossenheit  des  Landes  und
dem  geringen  Verkehr  über  die  Bergpässe  hinweg  hielt
sich  die  Bevölkerung  des  Wallis  mehr  als  irgend  ein
anderes  Bergvolk  der  Schweiz  von  den  neuzeitlichen
Kulturveränderungeu  fern  und  bewahrte  sich  bis  zur
Gegenwart  in  der  Art  des  Erwerbs,  in  Sitte  und
Tracht  einen  reichen  Schatz  ursprünglichen  Volkslebens.
Seitdem  der  Fremdenverkehr  die  südlichen  Wallisertäler
aufsucht  und  die  Talbewohner  selbst  zum  Hoteldienst
außer  Landes  gehen,  meist  in  Saisonstellen  nach  Genf
oder  an  die  Riviera,  tritt  eine  Änderung  in  den  patriarchalischen ­
  Verhältnissen  ein.  Dies  gilt  um  so  mehr,  als
das  Rhonetal  durch  die  Eröffnung  des  Simplontunnels
mitten  in  den  Weltverkehr  hineingerückt  worden  ist  und
nun  durch  den  Lötschbergtunnel  auch  noch  einen  direkten
Zugang  von  Norden  her  erhalten  hat.
Sprache  Alemannische  Einwanderer  haben  vom  9.  Jahrhundert ­
  an  das  Oberwallis  und  den  obersten  Teil  des
italienischen  Tosatales  besetzt.  Hier  herrscht  die  deutsche
Sprache.  Das  größere  und  volkreichere  Unterwallis  gehört, ­
  von  Sierre  (Siders)  an  abwärts,  zum  französischen
        <pb n="131" />
        125

Sprachgebiet.  Die  Simplonbahn  begünstigte  in  den  letzten
Jahren  eine  starke  italienische  Zuwanderung.  Der  sprachlichen ­
  Teilung  steht  die  Einheit  des  Glaubensbekenntnisses
gegenüber;  die  Walliser  sind  fast  ausschließlich  katholisch.
Vom  schweizerisch-savoyischen  Grenzort  St.  Gin-  Rhonetal
g  o  l  p  h  vom  Genfersee  her  zieht  sich  ein  Streifen  Wal-  M-rUgnyliser
  Boden  links  der  Rhone  talaufwärts.  Monthey
liegt  am  Ausgang  des  weidenreichen  Val  d'Jlliez,  das
sich  am  Nordfuß  der  Deut  du  Midi  ausbreitet.  In  der
Gegend  von  Champery,  im  Hintergrund  des  Val
d'Jlliez,  hat  sich  eine  sonderbare  Tracht  erhalten;  um  den
Herden  besser  in  die  schwer  zugänglichen  Teile  des  Gebirges ­
  folgen  zu  können,  sind  die  Frauen  vereinzelt  noch
heute  den  Männern  ähnlich  gekleidet;  sie  schmücken  sich
überdies  mit  einem  fremdartig  anmutenden,  grellroten
Kopftuch.  Bei  dem  alten  Städtchen  St.  Maurice
öffnet  sich  die  Türe  zum  eigentlichen  Wallis.  Die  Deut
du  Midi  und  die  Deut  de  Morcles  flankieren  hier  das
Rhonetal  und  bilden  mit  ihren  Felsausläufern  einen
jener  Talriegel,  durch  die  sich  der  Fluß  in  engem  Durchbruch ­
  einen  Weg  schafft.  Hier  laufen  die  Eisenbahnen
von  der  schweizerischen  und  der  französischen  Seite  des
Genfersees  zur  Simplonlinie  zusammen.  Über  St.  Maurice ­
  sperrt  eine  moderne  Befestigung  das  Wallis  ab.
Straße  und  Bahn  laufen  auf  der  eintönigen  Aufschültungsebene
  taleinwärts  und  biegen  bei  Martigny  in  die
Längstalrichtung  des  innern  Wallis  ein.  Am  Rhoneknie
mündet  die  Dranse,  die  das  Wasser  aus  den  drei  Dransetälern
  vor  dem  Austritt  aus  dem  Gebirge  sammelt.  Das
westliche,  Val  de  Ferret,  liegt  am  Fuße  des  vereisten
Dreiländersteins,  des  Mont  Dolent.  Das  wilde,  wenig
begangene  Val  de  Bagnes  reicht  zu  den  Gletschern  des
Grand  Combin  4317  m  und  des  Mont  Blanc  de  Seillon
3871  m  hinauf.  Durch  das  mittlere  Tal,  das  Val
d'Entremont,  führt  der  altberühmte  Weg  über  die  Paßhöhe ­
  des  Großen  St.  Bernhard  2472  m,  an  den
Taldörfern  Sembrancher,  Orsieres  und  St.  Pierre
        <pb n="132" />
        126

vorbei.  Alljährlich  werden  im  Hospiz  auf  der  Paßhöhe
an  20000  Reisende  verpflegt,  und  immer  noch  halten
die  Mönche  die  bekannten  Bernhardinerhunde,  die  den
in  Sturm  und  Nebel  irrenden  Wanderern  Hilfe  bringen.
Die  Römer  benutzten  den  Paß,  um  von  der  Poebene  über
Augusta  Praetoria  (Aosta)  ins  Rhonetal  und  ins  Mittelland
  hinaus  zur  Hauptstadt  Helvetiens,  Aventicum
(Avenches),  und  weiter  zum  Rhein  hinab  zu  gelangen.
Unterhalb  Martignh  setzt  das  Hochtal  des  Trient
die  Furche  des  Rhonelängstales  ins  Chamonix  hinüber,
an  den  Fuß  der  Mont  Blanc  Gruppe,  fort.  Bon  Vernayaz
  im  Rhonetal  klimmt  die  Straße  in  vielen  engen
Kehren  über  die  nahezu  500  m  hohe  Stufe  zum  Talcingaug
  von  Salvan  hinauf,  das  wie  Finhaut  zum
Luftkurort  geworden  ist.  Eine  elektrisch  betriebene  Touristenbahn ­
  verbindet  Martignh  durch  das  Trienttal  unter
dem  Col  des  Montets  1445  in  hindurch  mit  Chamonix.
Die  Landesgrenze  liegt  nicht  auf  der  Paßhöhe,  sondern
herwärts  an  einer  in  frühern  Zeiten  leicht  zu  beherrschenden
felsigen  Talenge.  Der  Trient  durchsägt  die  Mündungsstufe ­
  in  einer  großartigen  Schlucht,  während  etwas
weiter  rhonetalabwärts  ein  kleines  Flüßchen,  die  Salanfe,
im  Wasserfall  Pissevache  über  die  gleiche  Talwand  hinunterstürzt. ­

Das  Inmitten  der  Weinberge,  Obstgärten  und  Gemüsemitttereisajatciäselber
  am  Rande  der  Rhoneebene  liegt  Saxon  mit
Konservenfabrik  und  weiter  talaufwärts  Riddes  an
Kohlenlagern.  Die  malerische  Hauptstadt  des  Landes,
Sion  (Sitten)  mit  6500  Einwohnern,  gruppiert  sich
am  Fuße  von  zwei  Felshügeln,  dem  burggekrönten  Tourbillon
  und  Valeria.  Sie  beherrscht  den  gestuften  Eingang
zum  Val  l/Herens  (und  dem  Val  d'Heremence),  mit  dem
Hauptort  Evolena.  Die  Talhintergründe  ragen  in  die
Eisfelder  des  Mont  Collon,  der  Dent  d'Herens  und  der
Deut  Blanche  4365  m  hinein.  Die  Borgne  drängt  oberhalb ­
  Sitten  mit  ihrem  Schuttkegel  die  Rhone  in  weit
ausbiegendem  Lauf  an  die  nördliche  Talwand  hinüber.
        <pb n="133" />
        127

Von  Sitten  aus  führt  der  Sanetschpaß  ins  Saanental
und  der  Rawilpaß  ins  Simmental  hinüber.  Die  sommerliche ­
  Hitze  steigt  in  der  Hauptstadt  so  hoch,  daß  die
Bewohner  mit  Vorliebe  einen  Aufenthalt  auf  hochgelegener
Bergterrasse,  von  Saviese  bis  zum  Luft-  und  Lichtkurort ­
  Montana  hinüber,  suchen.  Sierre  (Siders)
steht  in  weinreicher  Umgebung  inmitten  der  Trümmer
eines  vorgeschichtlichen  Bergsturzes,  der  von  der  Wand
der  Berner  Alpen  herniederbrach.  Uber  eine  400  in  hohe
Stufe  gewinnt  der  Weg  den  Eingang  ins  Val  dÄnniviers
  (Eifischtal),  das  aus  der  vergletscherten  Weißhorngruppe ­
  45  &amp;gt;2  in  sich  zum  Rhonetal  hinaus  senkt.  Wie
das  Val  d^Herens  beherbergt  es  in  der  Gebirgsabgeschlossenheit
  eine  in  Sitten  und  Erwerbsleben  eigenartige
Bevölkerung.
Das  Anwachsen  der  Volkszahl  nötigt  die  Bewohner,  Val  d'Amiivters
den  Boden  aller  Höhenlagen  als  Acker-  oder  Weidland
auszunutzen,  von  den  Weinbergen  bei  Siders  in  550  m
Meereshöhe  bis  hinauf  zu  den  obersten  Alpstaffeln  bei
2700  in  am  Rande  der  Gletscher.  Der  zerstückelte  und
stundenweit  auseinanderliegende  Besitz  zwingt  die  Anniviarden
  zu  einem  komplizierten  Wanderleben,  um  die
Kulturflächen  der  verschiedenen  Höhenregionen  der  Reihe
nach  zu  bewirtschaften.  Einzig  durch  dieses  bewundernswerte ­
  System  der  genauesten  Ausnützung  einer  großen
und  weitläufigen  Wirtschaftsfläche  vermag  der  Anniviarde
sich  einen  genügenden  Unterhalt  zu  verschaffen,  um  nicht
auswandern  zu  müssen.
Chippis  im  Rhonetal  benutzt  die  Kraft  der  durch  Rhon-tal
die  Stufe  des  Val  d'Anniviers  hervorbrechenden  Navi-  Sierre-Bng
geuze  für  ein  Aluminiumwerk.  Bei  Leuk,  dem  ersten
größern  Ort  im  deutschen  Oberwallis,  mündet  vom
Balmhorn  her  die  Data;  in  ihrem  Tal  werden  die
Thermen  von  L  e  u  k  e  r  b  a  d  zur  Kur  gebraucht;  über  die
steile  Nordwand  klettert  der  Gemmipaß  zum  Kandertal
hinüber.  Am  Jllhorn  öffnet  sich  mit  schreckhaft  steilen
Wänden  der  berüchtigte  Jllgraben;  die  Schuttmassen  aus
        <pb n="134" />
        128

Simplon

seinen  Wildbachrunsen  legen  sich  als  mächtiger  Schuttkegel ­
  quer  über  das  Rhonetal,  verhüllt  durch  die  Föhrenwipfel ­
  des  ausgedehnten  Pfinwaldes.  Hier  lag,  verschärft
durch  die  Dalaschlucht,  von  jeher  ein  Verkehrshindernis;
an  dieser  Stelle  geht  die  Sprachgrenze  quer  durch  das
Rhonetal.  Durch  das  bisher  verkehrsarme  Lötschental
erreicht  jetzt  die  elektrische  Lötschbergbahn  das  Rhonetal
und  den  Simplonzugang.  Bei  V  i  sp  öffnet  sich  der  breite
Eingang  ins  Visp-Tal,  das  sich  bereits  bei  Stalden
in  Rikolaital  und  Saastal  gabelt;  das  sind  die  beiden
Pforten  zur  eindrucksvollen  Hochgebirgslandschaft  der
Monte  Rosa-Gruppe.  Zwischen  Mischabelhörnern  4554  m
und  Weißhorngruppe  4512  m  zieht  sich  das  Nikolaital
zum  Bergkessel  von  Zermatt  1620  m  hinauf,  um  den
sich  rings  die  höchsten  Gipfel  der  Walliser  Alpen  gruppieren ­
  :  Monte  Rosa  4638  m,  Breithorn,  die  kühne  Pyramide ­
  des  Matterhorns  4505  m,  Zinal  Rothorn  und
Weißhorn.  Das  ganze  majestätische  Gipfel-  und  Gletscherpanorama ­
  erschließt  sich  dem  Blicke  aus  dem  Gornergrat,
zu  dem  vou  Zermatt  aus  eine  Bergbahn  hinausführt.
Zermatt  ist  der  Sammelplatz  der  Bergsteiger  und  einer
internationalen  Fremdenwelt  überhaupt;  es  steht  durch
eine  Touristenbahn  mit  der  Hauptlinie  des  Rhonetales
in  Verbindung.  Das  geräumigere  Saastal  liegt  zwischen
den  Mischabelhörnern  und  Fletschhorn  4000  m  —  Weißmies ­
  4031  m  eingebettet;  seine  Fremdenmittelpunkte  sind
Saas  Fee  und  Saas  Grund.
Von  Brig  an  unterfährt  die  Bahn  im  20  km
langen  Simplontunnel  den  Monte  Leone  3561  m;  der
Südausgang  ist  bei  Jselle  auf  italienischem  Boden.
In  starkem  Gefälle  erreicht  die  Simplonbahn  Domodossola
  und  tritt  am  Südende  des  Langensees  vorbei  in
die  norditalienische  Tiefebene  hinaus.  Auf  der  Tunnelstrecke ­
  werden  die  Züge  durch  elektrische  Lokomotiven  befördert. ­
  In  Brig  beginnt  die  kunstvoll  angelegte  Simplonstraße,
  die  durch  das  Tal  der  Saltine  die  breite  Paßlücke ­
  bei  2009  m  Höhe  gewinnt;  vor  dem  Bau  des
        <pb n="135" />
        129

Tunnels  vermittelte  sie  einen  lebhaften  Verkehr.  Sie
wurde  1800—1806  auf  Befehl  Napoleons  I.  als  Militärstraße ­
  gebaut.  Jenseits  der  Paßhöhe  liegen  noch
Simpeln  und  Gondo  auf  schweizerischem  Gebiet.
Über  die  Talstufe  von  Grengiols  an  der  Mün-  Da»  obdüng
  der  Binn  aus  dem  Binnental  erreicht  die  Talstraße  Wams
F  i  e  s  ch,  den  Sammelplatz  der  Besucher  des  obern  Wallis.
Das  leicht  zu  besteigende  Eggishorn  2934  m  bietet  eine
umfassende  Rundsicht  in  die  Walliser  und  Berner  Alpen.
Von  den  Firnmulden  der  Jungfraugruppe  her  zieht  an
seinem  Fuß  der  gewaltige  Eisstrom  des  Aletschgletschers
zum  Rhonetal  hinaus  und  staut  an  seiner  Flanke  den
kleinen,  mit  Eistrümmern  erfüllten  Märjelensee.  Vom
Finsteraarhorn  senkt  sich  der  Fieschergletscher  gegen  das
Dorf  Fiesch  hinunter.
über  eine  neue  Stufe  von  400  m  Höhe,  durchbrochen ­
  vom  tosenden  Talfluß,  hier  „Rotten"  genannt,
erreichen  die  Straßenkehren  das  Goms,  den  obersten  ®»m«
größern  Talabschnitt.  Eng  gebaute  Dörfer  stehen  hier
an  der  sonnigen  Halde,  von  Wildbachverwüstungen  und
Lawinenbrüchen  bedroht.  Auf  dem  grünen  Talgrund
umzieht  die  junge  Rhone  in  schäumenden  Windungen
die  zahlreichen  Schuttkegel.  Die  letzten  kleinen  Riemen
von  magerem  Getreideland  nutzen  am  steilen  Hang  das
Sonnenlicht  aus.  Dem  lichtgeschwärzten  Gebälk  der
Häuser  verleihen  die  weißgestrichenen  Fensterrahmen  ein
etwas  freundlicheres  Aussehen.  Unter  den  zahlreichen
Dörfern  seien  nur  Münster  und  Ulrichen  genannt.
Von  O  b  e  r  w  a  l  d  aus  führt  die  Straße  in  steiler  Schlucht
durch  die  letzte  Felsenstufe  von  400  m  zur  Rhonequelle,
dem  rauhen  Talkessel  von  Gletsch  1761  m  hinauf.  In
seinem  Hintergrund  bricht  der  Rhonegletscher,  vom  Firngebiet ­
  des  Dammastockes  und  Galenstockes  her,  in  prachtvollem ­
  Eissturz  über  die  Felswand  zur  Talsohle  hernieder.
Die  Grimselstraße  aus  dem  Haslital  und  die  Furkastraße
aus  dem  Urserental  bringen  im  Sommer  in  die  Felseneinöde ­
  von  Gletsch  einen  lebhaften  Reisendenverkehr.
Flückiger,  Schweiz  S
        <pb n="136" />
        130

Tessin.
Lage  Zwischen  den  beiden  gewaltigen  Massenerhebungen
der  Walliser  und  der  Bündner  Alpen  liegt,  wie  eine
breite  Einsenkung,  eine  Berggruppe  von  geringerer  Kammund
  Gipfelhöhe.  Die  quer  zur  Hauplrichtung  der  Alpen
südwärts  laufenden  Täler  des  Tessins  und  seiner  Zuflüsse ­
  haben  hier  eine  tiefe  Scharte  in  das  Gebirge
hineingerissen  und  den  wasserscheidenden  Hauptkamin  der
Südalpen  in  einen  nordwärts  ausgreifenden  Bogen  zurückgedrängt. ­
  Der  Kanton  Tessin  ist  das  einzige  größere
Gebiet  der  Schweiz  auf  der  Südabdachung  der  Alpen.
Er  erstreckt  sich  von  den  Gipfeln  der  Gotlhardgruppe
bei  über  3000  in  Höhe  durch  die  verschiedensten  Klimaund
  Pflanzenregionen  hinunter  bis  zum  Langensee  bei
rund  200  m  Meereshöhe,  der  tiefsten  Stelle  der  Schweiz,
und  geht  in  einem  schmälern  Streifen  südwärts  über  den
Luganersee  hinaus  zu  den  welligen  Hügeln  am  Rande
der  Poebene.  Der  Anteil  an  so  verschiedenen  Höhenstufeu
verleiht  dem  Tessin  die  größte  Mannigfaltigkeit  des
Landschaftsbildes.
Höhen  und  Die  Täler  des  Tessins,  der  Verzasea  und  der
Tiesen  Maggia  und  ihre  reich  gegabelten  Seitentäler  senken
sich  in  starkem  Gefälle  zum  Alpenfuß  hinaus.  Sie  sind
in  dem  regenreichen  Klima  durch  das  reißende  Wasser
zu  schmalen  und  tiefen  Furchen  ausgenagt  worden.  Die
Bergketten  erinnern  mit  den  steilen  Wänden  und  scharfen
Gräten  trotz  der  verhältnisniäßig  geringen  Höhe  von
2000—3000  m  ganz  an  die  Formen  des  Hochgebirges.
Die  heftigen  Regengüsse  schwemmen  den  Berwitteruugsschutt
  der  Urgesteinsmasse  vorweg  zur  Tiefe;  so  erscheinen
die  obern  Berghalden  mit  ihren  magern  Wiesen  weithin
kahl  und  eintönig.  Die  Bäche  und  Flüsse  schwellen  unter
den  Föhnregen  zu  gefährlichen  Wildwassern  an,  die  wegen
des  großen  Schutttransportes  kostspielige  Bauten  nötig
machen.  Anderseits  verschaffen  der  rasche  Lauf  und  zahlreiche ­
  Gefällsstufen  dem  Land  einen  ungewöhnlichen
        <pb n="137" />
        131

Reichtum  an  Wasserkräften,  der  bis  heute  nur  zum
kleinen  Teil  ausgenutzt  ist.
Kein  anderer  Teil  der  Schweiz  weist  so  verschiedenartige ­
  Klimagebiete  auf  wie  das  Tessin;  von  den  eisigen
Höhen  des  Alpenkammes  bis  hinunter  zummittelmeerischen
Klima  am  Langen-  und  Luganesersee  sind  alle  Übergänge
vertreten.  Die  Südabdachnng  sichert  dem  Lande,  besonders
in  den  tief  liegenden  Teilen,  eine  verhältnismäßig  hohe
Wärme.  Anderseits  fängt  der  Südabfall  der  Alpen  die
starken  Föhnregen  auf,  die  hier  so  energisch  an  der  Talbildung ­
  arbeiten.  Die  jährliche  Regenhöhe  beträgt  150
bis  200  cm,  also  weit  mehr  als  am  Nordfuß  der  Alpen.
Der  Regen  fällt  meist  in  kurzen,  heftigen  Güssen;  dann
hellt  der  Himmel  rasch  wieder  auf.  Eine  ansehnliche
Niederschlagsmenge  bei  einer  großen  Zahl  sonniger  Tage:
darin  besteht  der  Hauptvorzug  des  Klimas,  der  mächtig
zur  Entwicklung  der  Kurorte  beigetragen  hat.  Die  Bewölkung ­
  ist  ebenso  gering  wie  im  mittlern  Wallis,  der
Nebel  fast  unbekannt.  In  den  südlichen,  tiefen  Tallandschaften ­
  ist  auch  der  Winter  ungewöhnlich  mild;  der
Schnee  schmilzt  meist  schon  nach  kurzer  Zeit.
Wer  von  Norden  her  das  Tal  des  Tessins  betritt,
darf  nicht  erwarteit,  gleich  südwärts  des  Gotthards  eine
südländische  Begetation  vorzufinden.  Die  höhern  Talschaften
  bieten  im  Schmuck  der  dunklen  Nadelholzwälder
ein  nordisches  Bild.  Erst  auf  tiefern  und  Würmern
Stufen  stellen  sich  die  Vertreter  einer  südlichen  Pflanzenwelt ­
  ein.  Die  Edelkastanie  bildet  an  den  schuttreichen
Talhalden  ausgedehnte  Wälder;  als  Fruchtbaum  ist  sie
für  die  Volksernährung  von  größtem  Wert  geworden.
Mll  der  Kastanie  wechseln  in  bunter  Mischung  Reben
und  Pfirsichbäume,  zu  denen  sich  im  südlichen  Tessin
auch  die  Maulbeerbäume  gesellen.  Der  Weinstock  klettert
aii  Mauern  und  Bäumen  empor  oder  kriecht  über  das
Sparrenwerk  von  Laubengängen  hinweg.  Im  Schallen
der  Rebe  wird  in  den  Weinbergen  Gemüse,  wohl  auch
Mais  gebaut.  In  den  Talsohlen  des  südlichen  Tessins

Klima

Pflanzenwuchs
        <pb n="138" />
        132

breiten  sich  die  Maisfelder  aus,  die  den  Landesbewohnern
die  Nationalspeise,  die  „potente,“,  liefern.  Überall  hat
der  Wald  stark  unter  Verwüstung  gelitten;  das  vermehrt
die  Wildbachgefahr.  Im  südlichen  Tessin  sind  die  Gehänge ­
  weithin  mit  Buschwald  verkleidet.  Auf  den  Höhen
wandert  man  stundenlang  durch  bunt  gemischtes  Niederholz ­
  von  Kastanien,  Eichen  und  Haselbüschen,  das  erst
am  Fuße  des  Berges  von  hochstämmigen,  knorrigen  Kastauienbäumen
  abgelöst  wird.  Der  Buschwald  überzieht
die  Berge  mit  einem  sammetartigen,  grünen  Schimmer,
der  die  zahllosen  Wasserrinnen  der  Gehänge  und  die
Bergumrisse  mit  aller  Schärfe  zeichnet,  während  der
Hochwald  als  dicker  Mantel  die  Formen  des  Untergrundes
verhüllt.
Ackerbau  Beim  Vorwiegen  steiler  Halden  und  eines  stark
zerstückelten  Bodens  ist  der  Ackerbau  erschwert;  er  gehört
fast  ausschließlich  in  den  südlichen,  tiefer  liegenden  Kantonsteil. ­
  Während  in  der  Ebene  der  Mais  in  ganzen  Feldern
reift,  können  am  terrassierten  Steilhang  nur  schmale,  ausgemauerte ­
  und  schwer  zugängliche  Riemen  bebaut  werden.
Vielfach  liegt  der  Ackerbau  den  Frauen  und  Kindern  ob,
da  die  Männer  scharenweise  als  Bauarbeiter  nach  den
Bauplätzen  der  Nordschweiz  wandern  und  nur  wenige
Wintermonate  bei  ihrer  Familie  zubringen.  Daneben
Auswanderung  besteht  eine  eigentliche  Auswanderung;  die  Tessiner  ziehen
als  Südfrüchtehändler  über  die  Alpen,  oder  sie  finden  in
Argentinien  oder  in  den  Vereinigten  Staaten  eine  neue
Heimat.
Granit-  und  Der  nördliche  und  größere  Kantonsteil  besteht  aus
Gneisindustrie  (grcmip  und  Gneisgebirgen,  die  seit  dem  Bau  der  Gotthardbahn ­
  in  zahlreichen  Steinbrüchen  einen  hochgeschätzten
Baustein  liefern.  Am  wichtigsten  sind  die  Brüche  an  der
Gotthardlinie  selbst.  Dem  Reichtum  an  Baustein  entsprechen ­
  die  massiv  gebauten  Häuser  mit  flachen,  gneisplattenbedeckten ­
  Dächern;  sie  drängen  sich  um  den  italienisch
Bauten  anmutenden  Campanile  (Glockenturm)  und  schließen  an
den  Berghalden  enge  und  holperige  Dorfgassen  ein.
        <pb n="139" />
        133

Im  obersten  Lauf  durchfließt  der  Tessin  das  Längstalstück ­
  des  Bedrettv,  das  den  Nufenenpaß  ins  Wallis
und  den  für  Gotthardbahn  und  -Festung  militärisch  wichtigen ­
  San  Giacomopaß  ins  italienische  Tosatal  nach
Domodossola  hinunter  sendet.  Bei  Airolo  erreichen  die
Gvtlhardstraße  von  Andermatt  her  und  der  Bahntunnel
das  Tessintal,  beschützt  durch  eine  moderne  Feftungsanlage
mit  Außenwerken.  Das  Livinental  (Leventina)  zeigt  einen
ähnlicheil  Stufenbau  wie  das  obere  Wallis;  es  wird
durch  die  Schluchten  des  Monte  Piottino  und  der  Biaschina ­
  in  langgestreckte  Talbecken  zerlegt.  Die  Gvtthardbahn
  überwindet  die  Stufen  in  se  einem  doppelten  Kehrtunnel. ­
  Die  Wasserkraft  des  800  m  über  dem  Hanpttal
  liegenden  Ritomsees  im  Val  Piora  und  der  Schlucht
am  Monte  Piottino  ist  bereits  für  den  elektrischen  Betrieb ­
  der  Gotthardbahn  gesichert.  Während  in  Quinto
noch  der  Tannenwald  herrscht,  treten  im  Becken  von
F  a  i  d  o  bereits  die  Kastanien  als  Vorboten  des  Südens
auf.  Sie  umspannen  im  Verein  mit  den  ersten  Weinlauben
  auch  die  Bergsturztrüminer  der  Talstufe  von
Giornico.  Bei  Biasca  mündet  das  Bleuivtal,  in
dessen  Hintergrund  Olivone  die  Lnkmanierstraße  und
den  Greinapaß  zuin  bündnerischen  Vorderrheintal  beherrscht. ­
  Biasca  liegt  mit  339  in  in  gleicher  Höhe  wie
der  tiefste  Ort  im  nördlichen  Mittelland  bei  Brugg.
Auf  seiner  grünen  Talsohle  bildet  die  Rebe  durch  Gneissäulen ­
  gestützte  Lauben.  An  der  steilen  Talhalde  von
Osvgna  ist  einer  der  größten  Steinbrüche  in  Betrieb.
Bei  Arbedo  nimmt  der  Tessin  die  Moesa  aus  dem
Misox  auf  und  wendet  sich  dann,  westwärts  umbiegend,
auf  immer  breiter  werdender  Talsohle  dem  Langensee
zu.  Von  Giornico  an  begleiten  Waldstreifen  von  Pappeln,
Weiden  und  Erlen  den  Fluß  auf  dem  verwilderten  und
oft  überschwemmten  Talboden  stundenweit  bis  zur  Mündung
  in  den  See.  Am  Ausgang  der  Talstreckc  der  Riviera ­
  zum  langgestreckten  Delta  des  Tessins  liegt  die
kleine  Hauptstadt  Bellinzona  10400  Einwohner,

Nördlicher
Tessin
        <pb n="140" />
        134

Verzasca-  und
Maggiagebiet

Sopra-  und
Sottoceneri

überragt  von  drei  Hügeln,  auf  denen  die  Burgen  „Uri",
„Schwyz"  und  „Unterwalden",  nach  der  ehemaligen
Herrschaft  der  drei  Orte  benannt,  einst  den  Zugang  zum
Gotthard  bewachten.  Die  vom  Tessin  früher  oft  verheerte, ­
  gestrüppbewachsene  Ebene  unterhalb  Bellinzona
kann  jetzt  nach  den  Korreklionsarbeiten  allmählich  zu
Kulturland  umgewandelt  werden.  Aus  den  Tessiner
Alpen  treten  die  reich  verästelten,  steilen  Täler  der
Verzasca  und  Maggia  durch  Schluchten  zum  Langensee
hinaus.  Als  reißende  Wildwasser  schleppen  sie  bei  Föhnregen ­
  gewaltige  Schuttmassen  talauswärts;  die  Maggia
hat  ein  halbkreisförmiges,  strauchbedecktes  Kiesdelta  in
den  See  vorgeschoben  und  wird  einst  den  obersten  Teil
des  Sees  abtrennen,  wie  es  durch  die  Adda  aus  dem
Veltlin  am  obern  Comersee  bereits  geschehen  ist.  Hauptorte ­
  des  landschaftlich  reizvollen  Maggiatales  sind  Cevio
und  Bignasco.  In  einem  engen,  felsigen  Seitental
liegt  der  deutsche  Ort  Bosco,  der  allmählich  der
Berwelschung  entgegengeht.  Durch  das  Tal  von  Centovalli
  führt  die  Straße  nach  Domodossola  hinüber.  In
milder,  nebelfreier  Lage  und  durch  die  größte  Zahl
sonniger  Tage  ausgezeichnet,  lehnt  sich  das  alle  Städtchen ­
  Locarno  an  das  Seeufer,  immer  mehr  als  Kurort
für  den  Winter-  oder  Frühlingsaufenthalt  bevorzugt.  Inmitten ­
  einer  üppigen,  südlichen  Vegetation  liegen  weiter
seeabwärts  Ascona  und  Brissago,  dessen  Bewohner
im  Tabakbau  und  in  der  Zigarrenfabrikalion  den  Haupterwerb ­
  finden.
Südlich  der  Mündungsebene  des  Tessins  trennt
der  niedrige  Zug  des  Monte  Ceneri  nach  Größe,  Bodengestalt,
  Volksdichte  und  Volksart  ungleiche  Gebiete  des
Kantons,  das  Sopra-  und  Sottoceneri  (ober-  und
unterhalb  des  Ceneri).  Im  Sottoceneri  erreichen  die
Berggipfel  eine  geringere  Höhe  und  machen  in  ihrem
Kleid  aus  Buschwald  einen  freundlicheren  Eindruck  als
das  Gebirgsland  am  Tessin;  immerhin  steigen  sie  mit
steilen  Halden  aus  den  breiten,  gut  bebauten  Tälern
        <pb n="141" />
        135

empor.  Täler  und  Bergzüge  gruppieren  sich  unter  dem
blauen  Himmel  des  Südens  zu  einem  reizvollen  Landschaftsbild ­
  um  das  vielarmige  Becken  des  Luganersees.
Die  eine  Bucht  zieht  sich  zum  italienischen  Porlezza
hinüber,  das  durch  eine  Talmulde  mit  den  Ufern  des
Comersees  in  Berbindung  steht.  Ein  anderer  Zipfel  des
Sees  dringt  am  Fuß  des  aussichtsreichen  Kalkgipfels  des
Monte  Generoso  1701  ui  nach  Süden  vor,  wo  Riva
und  Capolago  das  Ende  bezeichnen.  Ein  Arm  biegt
um  den  zypressengekrönten  Felsvorsprung  von  Morcote
und  umschließt  eine  halbinselförmige  Berggruppe,  aus
der  als  weitschauender  Punkt  der  San  Salvatore  aufragt. ­
  Am  Bergfuß  liegt  im  Kranz  um  die  nördliche
Seebucht  der  größte  Ort  des  Tessins,  Lugano,  mit
13000  Einwohnern;  die  Stadt  ist  rings  von  prächtig
gelegenen  Villen  und  Hotelkolonien  umgeben,  die  inmitten
der  Reblanben  und  Kastanienbäume  das  Landschaftsbild
mit  hellen,  reichen  Farben  beleben.  Lugano  ist  der  von
Fremden  meist  besuchte  Ort  der  Südschweiz;  granitene
Fahrbahn  in  den  Straßen,  Bogengänge  im  Erdgeschoß
und  offene  Werkstätten  erinnern  an  italienische  Bauart
und  Lebensweise.  Vororte  am  See  sind  das  hotelreiche
P  a  r  a  d  i  s  o  am  Fuße  des  San  Salvatore  und  C  a  -
stagnola  in  geschützter  Bucht;  durch  Olivenbestände
führt  ein  Felsensteig  zu  dem  au  steiler  Halde  am  Seeufer ­
  klebenden,  italienisch  gebauten  Fischerort  Gandria.
Von  Bellinzona  her  unterfährt  die  Gotthardbahn  den
Straßen  Übergang  des  Monte  Ceneri  und  erreicht  durch
die  Frnchtfelder  des  Agnotales  Lugano  auf  aussichtsreicher
Terrasse  über  der  Stadt.  Bei  M  e  l  i  d  e  gewinnt  sie  auf
einem  Damm  quer  durch  den  See  das  östliche  Ufer  und
tritt  über  M  e  n  d  r  i  s  i  o  und  die  Grenz-  und  Zoüstation
Chiasso  in  die  Poebene  hinaus.  Die  Umgebung  von
Mendrisio,  das  Mendrisiotto,  ist  mit  ihrem  Reichtum  an
Wein,  Mais,  Tabak  und  Früchten  der  Garten  des  Tessins
und  bietet  mit  den  zahlreichen  Maulbeerbäumen  die  Grundlage ­
  der  Seidenraupenzucht  und  Seidenspinnerei.  Inmitten

Luganersee

Mendrisiotto
        <pb n="142" />
        136

der  zur  Poebene  auslaufenden  Hügelwellen  des  Mendrisiotto
  liegt  der  Badeort  Stabio.
Die  Tresa  führt  das  Wasser  des  Luganersees  dem
78  in  tiefer  liegenden  Langensee  zu.  Über  den  Grenzort
Ponte  Tresa  leitet  das  Flußtal  den  Verkehr  zu  den
Fremdenorten  des  Langensees  hinüber.

(ffrvanbünbexx*
zage  und  Graubünden  liegt  im  Südosten  der  Schweiz.  Es
Bedeutung  umfaßt,  in  mancher  Beziehung  ein  Gegenstück  zum
Wallis,  den  östlichen  Flügel  des  großen  Südalpenzuges, ­
  die  Bündner  Alpen,  und  überdies  die  Südabdachung ­
  der  Glarner  Alpen.  Graubünden  ist  mit  rund
7100  öm?  Fläche  der  größte  Kanton  der  Schweiz.  Er
kommt  aber  als  Gebirgsland  mit  geringer  Volksdichte
nicht  zu  einer  Geltung,  die  der  Größe  entspricht;  nahezu
die  Hälfte  des  Bodens  ist  unproduktiv,  der  Ertrag  infolge ­
  der  hohen  Lage  gering;  die  Bündner  Berge  sind
ein  armes  Land.
Gestalt  Die  Längstalfurche  der  Rhone  findet  über  das
Mittelstück  des  Urserentales  hinweg  ihre  Fortsetzung  im
bündnerischen  Vorderrheintal.  Der  Rhein  fließt  von  der
Oberalp  aus  am  Fuß  der  schroff  abstürzenden  Nordalpenkette ­
  entlang  bis  Chur  und  durchbricht  sie  dann,
nordwärts  umbiegend,  in  einer  breiten  Quertallücke,  ähnlich ­
  der  Rhone  unterhalb  Martigny.  Von  den  Bündner
Alpen  laufen  zahlreiche  Qnertäler  nordwärts  zum  Rhein
hinaus,  während  von  der  Nordwand  nur  unbedeutende
Bäche  in  kurzen,  steilen  Tälern  und  Nunsen  herunterstürzen. ­
  Die  Bündner  Alpen  zeigen  gegenüber  der  einfachen ­
  Stammkette  der  Walliser  Alpen  einen  recht  verwickelten ­
  Bau.  Vom  Gotthard  an  ostwärts  begegnen
sich  an  einem  Kamm  die  Hintergründe  der  Rhein-  und
der  Tessintäler.  Dann  aber  heben  sich  weiterhin  aus
dem  Gewirr  von  Bergkämmen  zwei  Hauptzüge  heraus,
die  das  Engadin  einschließen;  sie  ergeben  die  natürliche
        <pb n="143" />
        137

Einteilung  des  Landes  in  das  Einzugsgebiet  des  Rheins,
das  Jnntal  und  die  Täler  der  Südabdachung:  Misox,
Bergell,  Puschlav  und  Münstertal.
Die  Bündner  Alpen  können  sich  an  Höhe  der  einzelnen ­
  Gipfel  nicht  mit  den  Walliser  und  Berner  Alpen
messen;  die  Bernina  erreicht  als  höchster  Punkt  4052  m.
Dagegen  sind  sie  durch  eine  ungewöhnlich  hohe  Lage  der
Talsohlen  ausgezeichnet;  St  Moritz  auf  dem  Talgrnnd  des
Oberengadins  hat  die  gleiche  Meereshöhe  wie  Rigikulm
1800  m.  So  stellen  denn  die  Bündner  Alpen,  ungeachtet
der  geringeren  Gipfelhöhe,  eine  ähnliche  Massenerhebung
dar  wie  die  Walliser  Alpen.  Denkt  man  sich  das  Mittelland ­
  der  Schweiz  von  einem  Meer  überflutet,  dessen  Spiegel
1000  m  über  dem  heutigen  liegt,  so  würden  Meeresarme
durch  die  nördlichen  Alpentäler  bis  an  den  Haupttämm  der
Nordalpen  eindringen,  bis  in  die  Talhintergründe  von  Elm,
Göschenen,  Guttannen,  Grindeltvald,  Lenk  und  Saanen;
das  Prätigau,  Vorder-  und  Hinterrheintal,  und  Albulatal
müßten  weit  taleinwärts  unter  Wasser  stehen.  Dagegen
würden  die  Seitentäler  des  Vorderrheins,  das  Rheinwald,
Avers,  das  Oberhalbstein,  die  Talmulden  von  Davos  und
Bergün  und  das  ganze  Engadin  als  Gebiete  großer  Erhebung ­
  über  dem  Meeresspiegel  liegen.  Fehlt  es  auch
den  Bündner  Alpen  nicht  an  kühn  geformten  Gipfeln
und  stark  vergletscherten  Gruppen,  so  überwiegen  doch
im  Landschaftsbild  die  auf  breitem  Fuß  mit  geringerer
Böschung  ansteigenden  und  weit  hinauf  mit  Wald  und
Weiden  verkleideten  Gebirge;  sie  heben  sich  über  hochliegende ­
  Talmulden  hinaus  und  machen,  von  hier  ans  gesehen, ­
  naturgemäß  nicht  den  Eindruck  schreckhafter  Steilheit
und  Größe,  &amp;gt;vie  die  Walliser  Alpen  von  ihren  Nordtälern
oder  gar  von  der  Poebene  in  200  m  Meereshöhe  aus.
Im  Einzugsgebiet  des  Rheins  setzt  sich  auf  weite
Flächen  der  Untergrund  aus  dunkeln,  mürben  Tonschiefern,
dem  Bündner  Schiefer,  zusammen.  Auf  dem  zu
fruchtbarer  Erde  verwitterten  Schieferboden  steigen  üppig
grüne  Weiden  bis  zu  den  gerundeten  Bergkämmen  hin-Einteilung



Bündner  Alpen

Bündner
Schiefer
        <pb n="144" />
        138

Straßen
und  Pässe

Klima

aus.  Die  Halden  sind  aber  auch  beständig  von  Rutschungen ­
  und  von  der  Verwüstung  durch  Wildbäche  bedroht, ­
  die  bei  Regen  oder  Schneeschmelze  mit  schlammigen,
dunkeln  Fluten  aus  den  tief  in  den  Berg  gerissenen
Tobeln  hervorbrechen  und  den  offenen  Talboden  mit
Schutt  überführen;  hier  sind  überall  Verbauungen  nötig
geworden.  Für  Flußkorrektiouen,  Wildbach-  und  Lawinenverbauungen ­
  hat  Graubüuden  wie  kein  anderer  Alpenkanton ­
  schon  gewaltige  Opfer  gebracht.
Der  Verkehr  erreicht  von  Norden  her  den  Boden
Bündens  durch  die  Quertalpforte  unterhalb  Chur;  über
die  Kette  der  Glarner  Alpen  hinweg  setzen  nur  wenig
begangene,  mühsame  Pässe.  Durch  die  Täler  und  Paßlücken ­
  der  Bündner  Alpen  öffnen  sich  zahlreiche,  zum
Teil  von  prächtigen  Kunststraßen  benutzte  Übergänge  nach
Süden.  Vom  Gotthard  bis  zum  Septimer  leiten  sie
direkt  in  die  Täler  der  Südabdachung  über;  hier  ist
der  Splügen  als  kürzeste  Verbindung  zwischen  Chur
und  dem  Comersee  zu  hoher  Bedeutung  gelangt.  Ostwärts ­
  des  Septimer  münden  die  Übergänge  ins  Hochtal ­
  des  Engadin  und  müssen  durch  einen  zweiten  Paß
die  Fortsetzung  zu  den  außerschweizerischen  Talschaften
am  Südfuß  der  Bündner  Alpen  suchen.  Die  Täler  an
den  Südausgängen  des  Engadin  sind  von  großer  Steilheit; ­
  so  senkt  sich  das  Puschlav  von  der  Bernina  bis
zur  Landesgrenze  von  2300  auf  500  m.
Wie  in  der  Bodengestalt,  so  läßt  sich  Graubünden
auch  klimatisch  dem  Wallis  an  die  Seite  stellen.  Die
Gebirgsumrahmung  entzieht  sowohl  der  tiefen  Mulde
des  Rheiugebietes  als  dem  Jnntal  die  Feuchtigkeit.  Chur
hat  eine  Niederschlagshöhe  von  90  cm;  an  der  Maloja
beträgt  sie  140  cm,  nimmt  aber  durch  das  ganze  Engadin ­
  hinaus  beständig  ab  und  erreicht  im  Unterengadin
nur  noch  70  cm.  Die  abgeschlossenen  Täler  haben  an
den  Windströmungen  des  Vorlandes  nur  geringen  Anteil ­
  ;  so  ist  es  denn  nicht  selten,  daß  sie  auch  in  der  Gesamt-Witterung
  eine  Ausnahme  bilden.  Es  kommt  vor,  daß
        <pb n="145" />
        139

der  Zug  der  Albulalinie  aus  dem  sonnigen  Wetter  von
Bevers  im  Engadin  durch  den  Tunnel  in  den  Regen
des  Albulatales  hinaus  fährt.  Die  Massenerhebung  der
Bündner  Alpen  bewirkt  eine  hohe  Lage  der  Wald-,  Pflanzendecke
Weiden-  und  Schneegrenze;  im  Engadin  und  im  Münstertal
  steht  der  oberste  Wald  bei  2200  in;  an  der  Bernina
steigt  die  Schneegrenze  auf  3100  m.  Die  Gebirgstäler
Graubündens  erhalten  ihren  Landschaftscharakter  durch  die
Nadelholzwaldungen,  die  stundenweit  als  dunkles  Kleid
die  Gehänge  verhüllen,  und  durch  die  prächtigen,  blumigen
Alpweiden.  Durch  die  Föhnzasse  des  Rheinquertales
dringt  die  Rebe  bis  nach  Chur  hinauf  vor.  Getreide
wird  taleinwärts  bis  zu  großer  Höhe  angebaut;  so  steigen
in  sonniger  Lage  im  Engadin  die  Getreidefelder  neben
den  Obstbäumen  bis  zu  1700  rn,  an  der  Ofenstraße  bis
1800  na.  Immerhin  wird  der  Boden  meist  alpwirtschaft-  Alpwirtschaft
lich  benutzt.  Die  Alpweiden  unterhalten  einen  Viehstand,
der  zum  wichtigsten  Besitz  des  Landes  gehört.  Aus  den
Hochtälern  stammt  das  luftgekrocknele  Fleisch,  das  unter
dem  Namen  „Bündner  Fleisch",  meist  von  Chur  aus
versandt  wird.  Schott  längst  vermochte  die  Alpwirtschaft
nicht  mehr  allein  die  wachsende  Bevölkerung  zu  ernähren;
daher  der  Trieb  so  vieler  Bündner,  im  besondern  der  Wanderung
Engadiner,  nach  den  großen  Städten  Norditaliens  und
des  übrigen  Europa  auszuwandern,  um  als  Zuckerbäcker,
Wirte,  Hotelangestellte  oder  Geschäftsleute  sich  einen  gewissen ­
  Wohlstand  zu  verschaffen  und  in  späteren  Jahren
wieder  nach  der  Heimat  zurückzukehren.  Diese  Kräfte
werden  neuerdings  immer  mehr  im  Lande  zurückgehalten
durch  den  sichern  Verdienst  im  Fremdeubesuch,  der  Grau-  Fremdenverkehr
blinden  wegen  seiner  landschaftlichen  Schönheit  und  der
Heilwirkungen  seines  Höhenklimas  und  der  zahlreichen
Mineralquellen  bevorzugt.  Die  rätische  Bahn  und  die
Alpenstraßen  bewältigen  mid  fördern  einen  großen  Touristenverkehr. ­
  Im  Winter  wenden  sich  die  fremden  Besucher ­
  nach  den  bekannte»  Schnee-  und  Eissportplätzen
St.  Moritz,  Davos  und  Klosters.  Durch  den  Bau  einer
        <pb n="146" />
        140

Ostalpenbahn  (Seite  102)  sucht  Graubünden  seine  mittelalterliche ­
  Stellung  als  bevorzugtes  Durchgangsland  zwischen ­
  Nord-  und  Südeuropa  zurückzugewinnen.
Bo»  Graubünden  hat  eine  sprachlich  und  konfessionell  gemischte ­
  Bevölkerung  von  117100  Seelen,  die  sich  naturgemäß ­
  sehr  ungleich  über  die  gesamte  Fläche  verteilt.
Stark  bevölkert  sind  die  Talsohlen,  die  vielfach,  wie  im
Engadin,  nur  einen  langen  und  schmalen  Streifen  bewohnten ­
  Bodens  tragen.  Die  ansehnlichste  Volksdichte
findet  sich  im  untern  Rheintal  bis  über  Chur  hinauf,
im  Prätigau,  in  den  Kurlandschaften  des  Engadin  und
des  Davos  und  an  den  Ausgängen  der  Südtäler.  Die
rätoromanische  Sprache  wird  heute  noch  von  31  °/o  der
Gesamtbevölkerung  gesprochen  (gegenüber  40°/o  im
Jahre  1880).  Ihr  Gebiet  umfaßt  mehr  als  die  Hälfte
des  Kantons;  es  gehören  dazu  das  Vorderrheingebiet
bis  nach  Ems,  ausgenommen  das  Saften-  und  Valsertal,
  das  Domleschg  ohne  die  Gegend  von  Thusts,  Schams,
Oberhalbstein,  der  größere  Teil  des  Albulatales,  das
Engadin  ohne  Samnaun,  und  das  Münstertal.  Zwischen
den  beiden  Hauptgruppen  des  Oberländer  Romanisch  (im
Rheintal)  und  der  Engadiner  Mundart,  des  Ladinischen,
bildet  der  Dialekt  des  Oberhalbsteins  einen  Übergang.
Die  deutsche  und  romanische  Sprache  wechseln  stellenweise
von  Ort  zu  Ort.  Gegenüber  der  von  Norden  her  vordringenden ­
  deutschen  Sprache  hat  das  Romanische  beträchtlich ­
  an  Gebiet  eingebüßt,  gehörte  ihm  doch  einst
auch  das  Prätigau.  Italienisch  sind  die  Talschaften  des
Misox,  Bergell  und  Puschlav.  Katholiken  und  Protestanten ­
  verteilen  sich  auf  alle  drei  Sprachgebiete.
Lage  der  Dörfer  Es  ist  eine  in  allen  Alpentälern  bekannte,  auch  in
Graubünden  häufige  Erscheinung,  daß  die  Ortschaften
abseits  vom  gefahrdrohenden  Talfluß  auf  Schultkegeln
oder  auf  sonnigen  Terrassen  stehen.  Die  Bauart  der
Häuser  ist  nach  den  Talschaften  recht  verschieden;  im  allgemeinen ­
  bevorzugt  der  Romane  auch  für  einfache  Gebäude ­
  den  massiven,  halb  städtisch  anmutenden  Steinbau.
        <pb n="147" />
        Der  natürliche  Zugang  von  Norden  her  führt  durch
den  Rebbezirk  der  „Herrschaft"  im  Quertal  des  Rheins.
Hier  lehnt  das  Städtchen  Mayenfeld  an  einen  weit
ausladenden  Schuttkegel,  über  den  eine  früher  Diel  begangene ­
  Straße  zur  veralteten  Befestigung.Luziensteig
und  in  das  rechtsrheinische  Ländchen  Liechtenstein  hinüberführt. ­
  Bei  Malans  bricht  aus  enger  Mündungsklus
die  Landquart  aus  dem  breiten,  anmutigen  Tal  des
Prätigau.  Es  zeigt  überall  die  weichen  Formen  des
Bündnerschiefers,  im  Norden  überragt  von  den  Steilwänden ­
  der  Rätikonkette  mit  der  Scesaplana.  Über
Schiers  steigt  die  Straße  und  die  rätische  Bahn  nach
Klosters  hinauf,  das  neben  den  Bädern  von  Fideris
und  S  e  r  n  e  u  s  und  dem  St.  Antöniental  den  Fremdenbesuch ­
  an  sich  zieht.  In  steilem  Anstieg  gewinnen  die
„Stütz"straße  und  die  Bahn  das  Hochtal  des  Landwassers.
In  dieser  sonnigen  und  nebelfreien  Mulde  nützt  der  Kurort ­
  Davos  (11300  Einwohner)  in  zahlreichen  Sanatorien ­
  für  Lungenkranke  die  Heilwirkung  des  Höhenlichtes
aus.  Der  Ort  ist  überdies  zum  berühmten  Wintersportplatz ­
  geworden.  Von  hier  ans  zieht  die  Flüelastraße
nach  dem  Unterengadin.  An  der  sonnigen  Nordwand
geht  der  Strelapaß  am  Sanatorium  Schatz  alp  vorbei
ins  Schanfigg,  wo  der  Lungenkurort  Arosa,  in  1900in
Höhe,  mit  Davos  den  Wettbewerb  aufnimmt.  Aus  dem
Schanfigg  mündet  die  Plessur  zum  Rhein  hinaus.  Hier
lehnt  die  Hauptstadt  des  Kantons,  Chur,  14500  Einwohner, ­
  an  die  Talwand.  Sie  galt  zu  allen  Zeiten  als
wichtiger  Sammelpunkt  der  bündnerischen  Alpenübergänge.
In  einiger  Entfernung  von  der  Neustadt  an  der  Talsohle
zieht  der  eingedämmte  Rhein  inmitten  kahler  Kies-  und
Sandflächen  am  Fuß  des  Calanda  entlang.
Oberhalb  des  ersten  romanischen  Dorfes  Ems  liegt
beim  Schloß  Reichenau  die  Talgabel  des  Vorder-  und
Hinterrheins.  Den  Zugang  zum  Vorderrheintal  versperrt
der  gewaltige  Bergsturz  von  Flims,  der  nach  der  Eiszeit ­
  von  der  Nordwand  niederbrach.  Die  Trümmermasse

„Herrschaft"

Prätigau

Davos

Schanfigg

Borderrheingebiet ­
        <pb n="148" />
        142

ä

Hinterrheiiital

wird  auf  15kmZ  geschätzt.  Sie  bildet  heute  eine  wechselvolle, ­
  waldige  Hügellandschaft,  durchbrochen  vom  Tobel
des  Rheins  und  der  Rabiusa  aus  dem  Safiental.  Die
Straße  umgeht  sie  über  den  Kurort  Flims.  Das
Städtchen  Jlanz,  ein  Marktort,  sammelt  die  Wege
aus  den  weiden-  und  viehreichen  Seitentälern.  Auf
Schuttkegeln  und  Terrassen  reihen  sich  talaufwärts  die
Dörfer.  Vom  obersten  Talstück,  dem  Tavetsch  mit  Setz ­
  run,  führt  die  Straße  über  den  Oberalppaß,  90  Kur
von  Chur  entfernt,  ins  Urserental.  Bei  dem  Klosterort
D  i  s  e  n  t  i  s  zweigt  die  Lukmanierstraße  durch  das  Tal  Wiedels ­
  zum  Bleniotal  ab.  das  überdies  von  Somvix  her  auch
den  spärlichen  Touristenverkehr  über  den  Greinapaß  aufnimmt. ­
  Von  der  Berggruppe  des  Rheinwaldhorns  3398  m
senken  sich  das  breite,  stark  verzweigte  Lugnez  und  das
schmale  Safiental  zum  Rhein  hinaus.  Sie  find,  wie
das  Prätigau,  das  Schanfigg  und  das  benachbarte  Domleschg,
  in  den  Bündnerschiefer  eingeschnilten,  dessen  verwitterte ­
  und  rutschende  Halden  üppige  Wiesen  und  Weiden
tragen.  Im  Lugnez  liegen  in  den  Hintergründen  des
Glennertales  die  Orte  Vals  und  Vrin.
Der  unterste  Abschnitt  des  Hinterrheintales  ist  das
Domleschg;  in  seinem  Hintergrund  ist  Thusts  ein  Verkehrsmittelpunkt. ­
  Aus  dem  Schiefergestein  des  Heinzenberges ­
  bricht  hier  ein  gefürchtetes  Wildwasser,  die  „schwarze"
Nolla,  hervor,  dessen  Verheerungen  mit  einer  kostspieligen
Verbauung  Einhalt  getan  werden  mußte.  Durch  die  großartige ­
  Schlucht  der  Viamala,  hoch  über  dem  in  schwarzer
Tiefe  tosenden  Fluß,  erreicht  die  Straße  ein  höher  liegendes ­
  Talbecken  des  Hinterrheins,  das  Schams  mit
Andeer,  und  in  erneutem  Anstieg  durch  die  Rofnaschlucht
  das  Rheinwald,  den  obersten  Talabschnitt.  Vom
Dorfe  Splügen  zieht  die  gleichnamige  Straße  über
die  Paßhöhe  nach  dem  italienischen  Chiavenna  hinunter,
und  von  Hinterrhein  geht  die  Bernardino-Straße
ins  Misox  und  nach  Bellinzona.  Das  entwaldete,
weidenreiche  Aversertal  birgt  die  höchsten  ständig  be-
        <pb n="149" />
        143

wohnten  Ortschaften  der  Schweiz,  Cresta  und  Inf
2130  in,  der  Gipfelhöhe  des  Pilatus  gleich.
Bei  Thusis  bricht  die  Albula  aus  der  gewaltigen
Schynschlucht  hervor.  Die  Albulabahn,  von  Chur  herkommend,
  erzwingt  sich  an  den  Steilwänden  und  über
kühne  Brücken  hinweg  den  Zugang  zu  dem  Talkessel  und
Straßenkreuz  von  T  i  e  f  e  n  k  a  st  e  l.  Von  Chur  her  leitet
ein  alter  Verkehrsweg  durch  das  Tal  von  Churwalden
ins  Oberhalbstein  hinauf  und  gabelt  sich  in  die  beiden
schon  zur  Römerzeit  benutzten  Übergänge  des  Septimer
zum  Bergell  und  der  Juliei  straße  ins  obere  Engadin.
Von  Davos  führt  eine  Straße  dem  Landwasser  entlang
durch  die  Schlucht  der  „Züge"  über  den  Badeort  A  l  -
Venen,  begleitet  von  der  Bahn,  die  in  Filisur  mit
der  Albulabahn  zusammentrifft.  Diese  überwindet  in
Schleifen  und  Kehrtunnels  die  Stufen  des  Tales  von
B  e  r  g  ü  n  und  dringt  in  7  km  langem  Tunnel  unter
dem  Paßübergang  der  Albulaftraße  ins  Engadin  ein.
Eine  von  den  Straßenübergängen  des  Julier,  der
Albula  und  des  Flüela  durchquerte  Bergkette  trennt  das
bündnerische  Rheingebiet  von  dem  schmalen  Einzugsgebiet
des  Inn.  Sie  trägt  die  Gipfel  des  Piz  d'Err,  Piz  Kesch,
Piz  Vadred,  Piz  Linard  und  Piz  Buin,  alle  zwischen
3200  und  3000  m  hoch.
Das  Engadin  zählt  zu  den  höchsten  bewohnten  Alpentälern. ­
  Die  breite  Talsohle  des  Oberengadin  liegt  in
1800  rn  Meereshöhe,  am  Fuße  der  eisumhüllten,  schimmernden ­
  Berninagruppe,  von  der  die  prächtigen  Talgletscher
Rosegg  und  Morteratsch  herunterfließen.  Das  Jnntal
geht  ohne  Rückwand  an  der  Maloja  in  das  Bergell
über.  Der  junge  Inn  bildet  die  drei  kleinen,  durch  gerundete, ­
  waldige  Felskuppen  getrennten  Seen  von  Sils,
Silvaplana  und  St.  Moritz.  Das  anmutige  und
eindrucksvolle  Landschaftsbild  und  die  Vorzüge  des  Höhenklimas ­
  sichern  den  Orten  des  Oberengadins  einen  noch
stets  zunehmenden  Fremdenbesuch,  dessen  Hauptanteil  auf
St.  Moritz  fällt.  Als  Kurort  und  Wintersportplatz  zählt

Albulatal

Engadin
        <pb n="150" />
        144

es  zu  den  ersten  Fremdenzentren  der  Welt.  Seine  Heilquelle ­
  wurde  schon  zur  Römerzeit  geschätzt.  Der  alte
Mittelpunkt  des  Oberengadins  ist  Sam  ad  en.  Zwischen
der  Bernina  und  dem  berühmten  Aussichtspunkt  des  Piz
Languard  gehen  die  Berninastraße  und  neuerdings  die
elektrische  Bahn  an  Pontresina  vorüber  taleinwärts,
um  über  die  Bernina-Paßhöhe  2330  in  hinweg  das
Puschlav  und  das  Beltlin  zu  erreichen.  Weiter  innabwärts
  wird  das  Tal  nur  wenig  vom  großen  Fremdenstrom
berührt;  hier  liegen  die  Dörfer  Zuoz  und  Siranfs.
Bon  Zernez  führt  die  Straße  des  Ofenpasses  zum
Münstertal  hinüber,  und  in  S  ü  s  endet  die  Flüelastraße.
Während  im  obern  Engadin  der  Inn  auf  flacher  Talsohle ­
  dahinzieht,  fließt  er  im  Unterengadin,  bei  Zernez
durch  den  Spölbach  verstärkt,  in  enggeschnittenem,  bewaldetem ­
  Tal.  Die  Dörfer  stehen  'an  der  Nordhalde  auf
sonniger  Terrasse.  Die  Heilquellen  und  die  reine  Luft
der  waldreichen  Gegend  begründeten  den  Ruf  der  Kurorte ­
  Schuls  und  Tarasp,  die  nun  auch  durch  eine
elektrische  Bahn  in  bequemer  Verbindung  mit  dem  obern
Engadin  stehen.  Unterhalb  Martinsb  ruck  tritt  der
Inn  ins  Tirol  hinüber.  Das  auf  österreichischen  Boden
ausmündende  arme  Bergtal  des  Samnaun  erhält  jetzt
mit  Bundeshilfe  durch  eine  kunstvolle  Straße  den  engern
Anschluß  an  das  schweizerische  Engadin.
Naturschutz  Der  schweizerische  Bund  für  Naturschutz  hat  in  den  Bergen  des
Unterengadins  zwilchen  den  Gemeinden  Scanfs,  Zernez  und  Schuls
ein  Schutzgebiet  (totale  Reservation)  für  alle  Pflanzen  und  Tiere  an-^^ttonalpark"
  3^9^  das  hinfort  als  Schweizerischer  Nationalpark  gellen  soll.  Das
Schutzgebiet  ist  dazu  bestimmt,  in  seinem  Bereich  die  durch  Erwerbstätigkeit ­
  der  Anwohner  und  durch  den  Touristenverkehr  bedrohte
Natur  vor  Verarmung  zu  bewahren.  Hier  sollen  sich  die  Pflanzen
und  Tiere  wieder  so  einleben  und  entwickeln  können,  wie  vor  der
Zeit,  da  der  Mensch  in  rücksichtslosem  Eigennutz  anfing,  die  Natur
nach  seinen  Bedürfnissen  umzugestalten  und  zu  verwüsten.
Die  Gebirgswelt  des  Osenpasses  eignet  sich  vortrefflich  als
Nationalpark.  Sie  ist  von  großer  landschaftlicher  Schönheit,  reich
        <pb n="151" />
        145

bewaldet  und  einsam;  sie  beherbergt  eine  reiche  Pflanzen-  und
Tierwelt;  hier  hat  der  Bär  noch  zeitweilig  eine  Zufluchtsstätte
gefunden.  Das  Verbot  der  Jagd,  des  Weidganges  und  des  Holzschlages ­
  wird  die  sich  selbst  überlassene  Natur  vor  weiterer  Zerstörung ­
  bewahren.  Die  Reservation  umfaßt  bereits  das  linksseitige
Scarltal  und  die  Täler  am  Piz  Quater  Vals  und  Piz  d'Esen,
darunter  das  Val  Cluoza  bei  Zernez.  Das  große  Verbindungsstück ­
  zwischen  diesen  beiden  Gebieten  mit  den  prächtigen  Wäldern
an  der  Ofenbergstraße  soll  binnen  kurzem  hinzutreten.  Damit  erreicht ­
  der  Nationalpark  die  Größe  von  über  200  km 2 ,  nahezu  der
Fläche  des  Kantons  Zug  gleich.  In  Italien  besteht  die  Absicht,
den  obern  Teil  des  Livignotales  als  italienischen  Nationalpark
unserem  Schutzgebiet  anzuschließen.
Der  Bund  für  Naturschutz  hat  sich  überdies  bereits  mit
Erfolg  bemüht,  die  erratischen  Blöcke  als  ehrwürdige  Naturdenkmäler ­
  vor  der  Zerstörung  zu  retten  und  die  Alpenpflanzen  vor
der  Ausrottung  durch  die  Scharen  der  einheimischen  und  sremden
Besucher  zu  bewahren.
Die  Täler  am  Südabsall  der  Alpen  senken  sich
meist  stufenförmig  in  steilem  Absturz  von  den  Alpweiden
der  Paßhöhe  zu  den  Kastanienwäldern,  Weinbergen  und
Feigengärten  an  ihrem  Südausgang.  Im  Misox  (Mesocco)
  verknüpft  sich  der  überraschende  Übergang  vom
alpinen  zum  südländischen  Landschaftsbild  mit  einer  Talstufe ­
  unterhalb  Misox.  Die  Moesa,  verstärkt  durch
den  Abfluß  des  wilden  Calancatales,  fließt  an  Rover
  e  d  o  vorüber  zum  Tessin  und  leitet  an  ihrem  Talgrund
den  Verkehr  vom  Bernardino  nach  Bellinzona.  Von
Chiavenna  her  steigt  eine  vielbegangene  Straße  durch
das  Bergell  (Bregaglia)  über  die  schweizerischen  Orte
Castasegna  und  Vicosoprano  zur  Felskante  von
Maloja  hinauf,  wo  sich  das  Hochtal  der  Engadiner  Seen
öffnet.  Das  Puschlav  (Poschiavo)  tritt  an  seinem  Südausgang ­
  mit  der  Talenge  von  Campocologno  bei
Brusio  hart  an  die  Weinberge  und  Maisfelder  des
Veltlins  heran.  Das  Elektrizitätswerk  an  der  Landesgrenze ­
  versorgt  durch  eine  160  km  lange  Fernleitung
Flückiger,  Schweiz  10

Misox

Bevgell

Puschlav
        <pb n="152" />
        146

Münstertal

Lage

Gotthardverkehr

die  Spinnereien  und  Webereien  in  der  Umgebung  von
Mailand  mit  Kraft.  Den  Sommer  über  gehen  vom
Grenzort  Campocologno  beträchtliche  Sendungen  von
Beerenfrüchten  (Heidelbeeren)  aus  dem  Veltlin  in  die
innere  Schweiz.  Hauptort  der  Talschaft  ist  P  o  s  ch  i  a  v  o;
talauswärts  liegt  der  gleichnamige  See,  an  dessen  Ufer
entlang  Straße  und  Touristenbahn  Tirana  im  Veltlin
zustreben.  Das  Münstertal  wird  vom  Rambach  zur  Etsch
entwässert.  An  der  Landesgrenze  liegt,  vor  dem  Talausgang ­
  an  der  Calven,  Münster  1250  m  hoch.  Bon
Santa  Maria  steigt  die  neue  Umbrailstraße  zum
italienischen  Abschnitt  der  Stilfserjochstraße  hinüber,  die
hart  an  der  Schweizergrenze  in  2800  m  Höhe  die  wichtige ­
  Verbindung  zwischen  dem  italienischen  Veltlin  und
dem  österreichischen  Etschgebiet  herstellt.
Uni.
Aus  den  Flanken  der  Gotthardgruppe  bricht  die
Reuß  in  mächtigem  Quertal  durch  die  Bergmassen  des
Nordalpenzuges  zum  Vierwaldstättersee  hinaus.  Von
den  Quellen  bis  zum  See  durchfließt  sie  den  Kanton
Uri.  In  seinen  Tälern  beherbergt  er  nur  22100  Einwohner ­
  und  bleibt  damit  der  volksärmste  unter  allen
Kantonen.  Ein  imposanter  Gebirgsrahmen  und  die
Steilufer  des  Urnersees  scheinen  das  Land  zu  gänzlicher
Abgeschlossenheit  zu  bestimmen;  aber  längst  schon  leitet
der  Gotthardübergang  den  Weltverkehr  durch  das  einst
so  entlegene  Reußtal.
Im  Altertum  uni)  im  Frühmittelalter  kannte  man  den  am
zentralsten  gelegenen  Alpenpaß  nicht;  die  Reisenden  querten  das
Gebirge  über  die  Bündner  und  Walliser  Pässe.  Anfangs  des
13.  Jahrhunderts  wurde  durch  den  Ban  der  „stiebenden  Brücke"
in  der  Schöllenenschlucht  der  Gotthardweg  geöffnet,  der  den  großen
Verkehr  heranzog  und  der  vorher  wenig  beachteten  Talschaft  eine
hohe  Bedeutung  verlieh.  Durch  das  Reich  von  der  Herrschaft
des  Grafen  von  Habsburg  losgekauft  und  als  reichssrei  erklärt,
        <pb n="153" />
        147

wurde  der  kleine  Paßstaat  zum  Kern  der  Eidgenossenschaft.  Die
Neuzeit  ersetzte  den  alten  Saumweg  durch  die  Gotthardstraße  und
die  Gotthardbahn;  jene  wurde  1830.  diese  kurz  nach  dem  Durchschlag ­
  des  15  km  langen  Tunnels  zwischen  Göschenen  und  Airolo
im  Jahre  1882  fertiggestellt.  Diese  Bauten  erhöhten  die  Wichtigkeit ­
  des  Gotthards  für  das  Ländchen.  HNoch  heute  ist  Uri  ein
Paßstaat;  die  Gotthardbah»  ist  seine  Lebensader.
Die  Reuß  sammelt  in  dem  ringsum  geschlossenen  Urserental
Becken  des  Urserentales  die  Bäche  aus  dem  Gebirgskörper ­
  des  Gotthards  (Pizzo  Rotondo  3197  in  und
Pizzo  Centrale  3008  hi).  Über  die  Paßlücken  treten
die  Furkastraße  vom  Rhonetal,  die  Oberalpstraße  vom
Rheintal  und  die  Gotthardstraße  vom  Tessin  her  im
Verkehrsmittelpunkt  And  er  matt  zusammen  (Kartenbeilage ­
  II),  wo  einzelne  Werke  der  Gotthardbefestigung
den  Durchgang  beherrschen.  Hospental  und  Re  alp
liegen  da,  wo  die  Gotthard-  und  die  Furkastraße  die
Sohle  des  wiesengrünen,  entwaldeten  Urserentales  erreichen. ­
  Der  Talfluß  durchbricht  bei  Andermatt  die
Nordwaud  in  der  steilen,  wilden  Schöllenenschlucht,  in
der  die  Straße  sich  durch  den  Felsentunnel  des  Urnerloches ­
  und  über  die  kühngewölbte  Teufelsbrücke  nach
Göschenen,  am  Ausgang  des  Gotthardtunnels,  hin-  GSschemnunterwindet.
  Hier  mündet  das  Göschenental,  dessen
Verzweigungen  sich  zu  den  Eisfeldern  des  Dammastockes
3638  m  und  der  Sustenhörner  3511  in  hinauf  verlieren. ­
  Unterhalb  Göschenen  senkt  sich  das  tief  eingeschnittene ­
  Reußtal  wiederum  in  mächtiger  Stufe,  die
von  der  Gotthardbahn  bei  Massen  in  einer  kunstvollen
Doppelschleife  überwunden  wird.  An  dem  gestuften  Ausgang ­
  des  Meientales  bei  Massen  vereinigt  sich  der  Sustenpaß
  vom  beimischen  Haslital  her  mit  der  Gvtthardstraße.
Massen  und  Gurtuelleu  sind  die  Hauptplätze  der  Granitindustrie
  im  Reußtale.  Bei  Am  st  eg  tritt  die  Reuß  Amsteg  bis  @ee
auf  den  flachen  Talboden  hinaus,  der  mit  dem  eintönigen ­
  Delta  am  Südzipfel  des  Vierwaldstättersees
bei  Flüelen  abschließt.  Bei  Amsteg  öffnet  sich  das
        <pb n="154" />
        148

Vierwaldstättersee ­


Maderanertal,  dessen  Hintergründe  am  Oberalpstock
3330  m  und  am  Claridenstock  3264  m  liegen.  Die
prachtvoll  geformte  Pyramide  des  Bristenstockes  scheint,
vom  See  her  gesehen,  das  Reußtal  abzusperren.  Talauswärts ­
  folgen  Silenen,  Erstfeld  und,  dem  Fuß
des  Urirotstockes  2932  in  gegenüber,  der  Hauptvrt  A  l  t  -
dorf  mit  3800  Einwohnern.  Durch  das  Schächental
mit  Bürgten  gewinnt  die  Klansenstraße  die  Paßhöhe
von  1952  ni  und  über  den  Urnerboden  das  Glarner
Linthtal.  Die  Umgebung  von  Altdorf  steht  unter  der
Wirkung  des  Föhns,  der  weit  reußaufwärts  das  Obst
reifen  läßt,  aber  auch  auf  dem  Urnersee  gefährliche
Stürme  entfacht.  Die  steilen  Trogwände  des  Urnersees
sperrten  früher  den  Landweg  aus  dem  Reußtal  ab.
Heute  erzwingen  sich  am  Ostufer  die  berühmte  Axenstraße
  in  den  Felsgalerien  und  die  Gotthardbahn  in
einer  langen  Tunnelreihe  den  Durchgang.  Inmitten  der
Felsenwildnis  liegt,  Sisikon  in  einer  grünen,  windgeschützten ­
  Oase.  Über  den  See  hinweg  streift  der  Blick
die  stolzen  Hotelbauten  auf  der  Felskante  von  S  e  e  l  i  s  -
berg  und  sucht  am  Fuß  des  Steilhangs  die  waldumsäumte,
  stille  Wiese  des  Rütli.  Am  Seeufer  des
Axenbergs  erinnert  die  Tellskapelle  an  den  Helden  der
Nationalsage.
Der  Bierwaldstältersee  übertrifft  an  Großartigkeit
und  reizvollem,  überraschendem  Wechsel  des  Landschaftsbildes ­
  alle  andern  Seen  der  Schweiz.  Er  setzt  sich  aus
verschiedenen  Becken  zusammen,  die  den  merkwürdig
gekreuzten  Talzügen  folgen  und,  um  Bergvorsprünge
biegend,  durch  See-Engen  ineinander  übergehen.  Der
Urnersee  öffnet  sich  zum  Becken  von  Gersau  und  Buochs,
das  zwischen  den  scharfen  Felsrippen  am  Bürgenstock
und  Rigi  einen  schmalen  Ausgang  zum  Busen  von
Weggis  findet.  Am  untern  See  laufen  die  Becken  von
Küsnacht,  Stansstad  mit  dem  Alpnachersee  und  Luzern
im  Kreuztrichter  zusammen.  Die  Talschaften  des  innerschweizerischen ­
  Reußgebietes  senken  sich  von  allen  Seiten
        <pb n="155" />
        149

her  zum  Vierwaldstättersee;  sie  fanden  von  jeher  an
seinem  Ende  in  der  Stadt  Luzern  ihren  gemeinschaftlichen ­
  Marktort.
Unterwalden.
Die  zum  Vierwaldstättersee  ausmündenden  Täler
der  Sarner-  und  der  Engelberger  Aa  bilden  das  Gebiet
des  Kantons  Unterwalden,  30900  Einwohner.  Er
besteht  aus  weidenreichen,  nur  an  vereinzelten  Stellen
zur  Schneeregion  aufragenden  Landschaften.  An  den
Talsohlen  und  tief  in  die  Seitentäler  hinein  lieferte
einst  der  Ackerbau  Überschüsse  an  Korn.  Heute  ist  er
längst  zugunsten  des  Wiesenbaues  zurückgedrängt  und
fast  völlig  verschwunden;  Unterwalden  ist  der  grünste
Teil  der  Schweiz.  Die  prächtigen,  ertragreichen  Wiesen
und  die  Alpweiden  machen  den  ganzen  Reichtum  des
Landes  aus.  Die  hoch  entwickelte  Viehzucht  vermag
aber  nicht,  der  gesamten  Bevölkerung  einen  ausreichenden
Erwerb  zu  verschaffen;  viele  Unterwaldner  wandern  aus
und  finden  auf  den  Gütern  Ostpreußens  als  „Schweizer"
Anstellung.
Unterwalden  ist  politisch  geteilt.  Der  Halbkanton
Obwalden  umfaßt  das  «arnental  und  die  Landschaft
Engelberg;  zu  Nidwalden  gehören  der  untere  Teil  des
Eugelbergertales  und  das  Südufer  des  Gersauer  Beckens.
Obwalden  steht  durch  Brünigbahn  und  -straße  mit
dem  Berner  Oberland  fin  Verbindung.  Vom  breiten,
bequemen  Paßübergang  an  senkt  sich  das  Sarnental  in
Stufen  zum  Spiegel  des  Alpnachersees.  Im  obersten
Abschnitt  hat  sich  Lungern  am  gleichnamigen  Seelein
zu  einer  hekannten  Sommerfrische  entwickelt.  Um  der
Landnot  zu  steuern,  senkten  die  Anwohner  1836  den
Seespiegel  und  gewannen  damit  170  ha  Kulturboden.
In  der  gleichen  Absicht  wurde  bis  1850  der  Giswilersee
  entleert;  der  ehemalige  Seeboden  liefert  jetzt  dem
viehreichen  Land  Streuematerial.  Vom  schilfumsäumten

Gebiet

Produktion

Politische
Teilung

Obwalden
        <pb n="156" />
        150

Engelberg

Nidwalden

Gebiet

flachen  Ufer  des  Sarnersees  steigt  ein  Weg  ins  Melchtal
und  über  Melchsee  -  Frutt  zum  Jochpaß.  Vom  Hauptort ­
  Sarnen,  4600  Einwohner,  läuft  der  breite  und
flackie  Talboden  zum  Aadelta  aus.  Am  Rand  des  stellenweise ­
  sumpfigen  Wiesengrundes  liegt  der  Terrassenort
Kerns  und  nahe  dem  See  A  l  p  n  a  ch  mit  dem  Schifflandeplatz ­
  Alpnachstad.
Der  Klosterort  Engelberg,  von  der  breiten
Schueekuppe  des  Titlis  3239  m  überragt,  wird  zu
Luftkuren  und  als  Wintersportplatz  stark  besucht.  Die
elektrische  Bahn  Stansstad-Engelberg  schafft  eine  bequeme
Zufahrt,  und  über  die  Trübseealp  stellt  der  Jochpaß
die  Verbindung  mit  Meiringen  her.
Um  den  Alpnacherbusen  gruppieren  sich  die  aussichtsreichen ­
  Gipfel  des  Pilatus  2133  in,  Stanserhorn
und  Bürgenstock;  alle  sind  durch  Bergbahnen  dem
Fremdenstrom  erschlossen.  Der  inselartig  über  die  Umgebung ­
  aufsteigende  Bürgenstock  war  einst  am  Südfuß
vom  See  umgeben;  durch  das  Delta  der  Engelberger
Aa,  den  Stanserboden,  ist  er  jetzt  breit  mit  dem  einstigen
Seeufer  verwachsen.  Der  Hauptort  Nidwaldens,  Stans
2900  Einwohner,  steht  über  die  Seebrücke  von  Stansstad ­
  mit  Hergiswil  am  Fuß  des  Pilatus  in  bequemem ­
  Verkehr.  Auf  einer  hohen  Bergterrasse  über
Beckenried  liegt  Emmeten.  Der  Hafen  von  Buochs
an  der  gleichnamigen  Seebucht  verlandet  allmählich  durch
den  Schuttransport  der  Engelberger  Aa,  die  ihr  Delta
immer  weiter  in  den  See  hinausbaut.
Kchiriy;.
Der  Kanton  Schwyz  umfaßt  das  Bergland  zwischen
dem  Vierwaldstättersee,  dem  oberen  Zürichsee  und  dem
Westabfall  des  Glärnisch.  Seine  Voralpenhöhen  senken
sich  nach  Nordwesten  zu  den  waldgekrönten  und  gerundeten
Hügeln  des  Molasselandes.  Das  Land  ist  reich  au  Wald
und  Weiden;  in  den  tiefen  und  milden  Lagen  der  See-
        <pb n="157" />
        151

ufer  bilden  die  Obstbäume  ausgedehnte  Fruchtgärten.
Der  Kanton  Schwyz,  58400  Einwohner,  vereinigt  sich
mit  Uri,  Unterwalden,  Luzern,  Zug,  dem  aargauischen
Freiamt  und  dem  sanktgallischen  Gaster  zu  einem  abgerundeten ­
  Machtbereich  der  katholischen  Konfession,  der
sich  rückwärts  an  das  katholische  Wallis,  Tessin  und
Vorderrheintal  anlehnt.
Der  Hauptort  Schwyz,  8000  E.,  lagert  an  grüner  vaubwaft  am
Talhalde  am  Fuße  der  beiden  schroffen  Bergstöcke  der  »*«.  .
Mythen;  die  weiße  Häusermasse  ist  weithin  auf  dem  Vierwaldstättersee ­
  sichtbar.  Unfern  von  Schwyz  öffnet  sich  der
schmale  Ausgang  des  Muottatales,  dessen  oberste  Verzweigungen ­
  in  die  trostlos  öden,  vom  Wasser  zernagten
Kalksteinflächen  der  Silbernalp  und  Karrenalp  am  Westabhang ­
  der  Glärnischkette  eindringen.  Das  Dorf  Muottatal
  liegt  am  Fuß  zweier  Pässe,  des  Kinzig  aus  dem
Schächental  und  des  Pragel  aus  dem  Glarner  Linthtal.
In  einem  Winkel  des  Muotta-Deltas  beherrscht  der
Fremdenplatz  Brunnen  die  Axenstraße.  Darüber  erscheinen ­
  aus  hoher  Felskante  die  Hotelbanten  von  Axenstein
  und  Axenfels.  Weiter  zurück  lehnt  sich,  Seelisberg
  gegenüber,  der  Terrassenort  Morsch  ach  an  den
Fuß  des  Frohnalpstockes.  Die  Gotthardbahn  quert  die
Talebene  von  Schwyz  und  teilt  sich  südlich  des  Zugersees ­
  bei  Gold  au  in  die  Linien  nach  Zürich  und  Luzern.
Die  reichen  Obstbaumwälder  begleiten  sie  weit  über  Zug
hinaus;  es  ist  die  Landschaft,  wo  die  ansehnliche  Kirschenernte ­
  zur  Herstellung  des  berühmten  Kirschwassers  verwendet ­
  wird.  Am  Westufer  des  kleinen  Lowerzersees
dehnt  sich  das  gewaltige  Trümmerfeld  des  Goldauer
Bergsturzes  aus,  der  im  Jahr  1806  vom  Roßberg  her
vier  Ortschaften  mit  über  400  Menschen  verschüttete.
Inmitten  der  Nagelfluhblöcke  steht  der  neue  Ort  Goldau
als  wichtiger  Eisenbahnknoten.
Aus  den  Wasserflächen  und  Talmulden  erhebt  sich  Rigi
inselartig  der  Rigi  zu  1800  m  Meereshöhe.  Unter  der
gratartig  geschärften  Kalkmasse  der  Hvchfluh  ob  Gersau
        <pb n="158" />
        152

tauchen  die  Nagelfluhbänke  empor  und  steigen  zu  Rigikulm ­
  an.  Wegen  der  ungleichen  Härte  der  Schichten
wechseln  an  den  Rigiwänden  schwach  geböschte  Weidebänder ­
  mit  den  Waldstreifen  der  schroff  abbrechenden
Gesteinsbäuke;  die  Nordwand  fällt  steil  in  Stufen  zum
Seearm  von  Küsnacht  ab  („Riginen"  -----  Treppenstufen).
Der  Rigi  ist  mit  seinen  zahlreichen  Hotelbauten  ein  altberühmter ­
  Mittelpunkt  des  Fremdenverkehrs.  Als  letzter
hoher  Berg  am  Rande  des  Hügellandes  gewährt  er  eine
umfassende  Aussicht.  An  seinem  Südfuß  bergen  sich  in
geschützten  Buchten  das  föhnwarme  Gersau  und  auf
luzernischem  Boden  Weggis  und  Vitznau,  die  mit
Kastanienwäldchen  und  Feigen  am  Seeufer  eine  südliche
Landschaft  vortäuschen.  Von  Vitznau  und  Goldau  führen
Bergbahnen  nach  Rigikulm  hinauf.  An  die  Nordwand
des  Rigi  lehnt  sich  Küßnacht,  am  Ende  des  gleichnamigen ­
  Busens;  unweit  davon  steht  die  Tellskapelle
an  der  hohlen  Gasse.  In  der  Gabel  der  Gotthardbahn
am  Südende  des  Zugersees  liegt  Arth  inmitten  eines
Obstbaumwaldes.
Hochland  v°n  Der  Paß  zwischen  Roßberg  und  Mythen  erschließt
Einsiedeln  Sattel  und  die  düstern  Torfmoore  von  Rothenthurm ­
  das  rauhe  Hochtal  der  obern  Sihl.  Mittelpunkt
ist  der  berühmte  Wallfahrtsort  Einsiedeln,  8400
Einwohner,  überragt  von  den  Türmen  der  Klosterkirche.
Die  Häusermasse  steht  auf  kahlem,  baumlosem  Wiesengrund, ­
  am  Rande  der  Sumpffläche,  die  zum  Stausee
der  Sihl  für  das  koinmende  große  Elektrizitätswerk  bestimmt ­
  ist.  Die  Quellbäche  der  Sihl  entströmen  den
Felsschluchten  am  Drusberg  2281  m.  An  seinem  Absturz ­
  vorüber  windet  sich  die  Straße  von  Jberg  nach
Schwyz  hinab.  Der  Talfluß  verläßt  das  weite  Becken
von  Einsiedeln  in  einer  waldigen  Schlucht  durch  die
Lücke  zwischen  Etzel  1100  m  und  Hohe  Rone  1228  m.
In  dieser  Enge  vereinigt  die  Bahn  bei  Biberbrücke
die  Linien  von  Goldau-Rothenthurm  und  von  Einsiedeln
her  und  zieht  mit  der  Straße  über  Schindellegi
        <pb n="159" />
        153

zum  Zürichsee  hinunter.  Der  Etzel  beherrscht  als  Aussichtspunkt ­
  das  reiche  Ufergelände  des  Sees,  das  mit
dem  Kranz  stattlicher  Dörfer  inmitten  der  Weinberge
und  eines  Waldes  von  Obstbäumen  einen  überraschenden
Gegensatz  zur  Kahlheit  und  Armut  des  Schwyzer  Hochlandes ­
  bietet.  Am  obern  Zürichsee  besitzt  Schwyz  die
fruchtbaren  Landschaften  der  „Höfe"  und  der  March;
dem  Kloster  Einsiedeln  im  besondern  gehört  die  liebliche
Insel  Usenau.  Die  Halbinsel  von  Hürden,  eine  Endmoräne ­
  des  eiszeitlichen  Linthgletschers,  leitet  von  Pfäffik
  o  n  her  Straße  und  Bahn  auf  einer  Dammbrücke  quer
über  den  See  nach  dem  Städtchen  Rapperswil.  Am
Südufer  des  Oberstes  liegt  Lachen  nahe  der  Mündung
der  Wäggitaler  Aa,  die  aus  dem  gleichnamigen,  weidenreichen ­
  Tal  hervorbricht.

&amp;amp;lavn&amp;amp;*
Das  Glarnerland  ist,  gleich  Uri  und  Wallis,  ein
einziges  scharf  umgrenztes  Flußtal,  das  Einzugsgebiet
der  Linth.  Den  mauerartig  aus  der  Talsohle  aufsteigenden
Bergrahmen  überragen  der  Mürtschenstock  2442  m  im
Winkel  zwischen  Linth  und  Walensee,  der  Tödi  3623  m
im  Talhintergrund  und  der  Kalkklotz  der  Glärnischgruppe
2921  in.  Die  Linth  sammelt  bei  Schwanden  zu  den
Gewässern  aus  dem  Groß-  oder  Linthtal  den  Ablauf
des  Sernftales,  das  bogenförmig  die  Bergmasse  des
Kärpfstockes  2798  in  umfaßt.  Hoch  über  dem  Talgrund
auslaufende  Seitentäler  schmücken  das  Land  mit  Wasserfällen ­
  und  Schluchten;  an  ihren  Mündungsstufen  nutzt
die  Industrie  in  steigendem  Maß  die  Wasserkräfte  aus.
Als  Quertalfurche  von  ziemlich  genau  südnördlichem  Berlauf
  ist  der  Kanton  Glarus  heftigen  Föhnstürmen  ausgesetzt, ­
  die  das  ohnehin  durch  Wildbäche  und  Lawinen
bedrohte  Tal  bisweilen  noch  mit  den  gefürchteten  Föhnbräuden ­
  heimsuchen.

March

Bodengestalt
        <pb n="160" />
        154

Volk  und
Erwerb

Linthkorrektion

Die  regsame  und  unternehmende  Bevölkerung  des
Berglandes  hat  es  verstanden,  durch  die  Baumwollindustrie
einen  Wohlstand  zu  erarbeiten,  den  ihr  die  Alpwirtschaft
der  frühern  Zeiten  nie  hätte  verschaffen  können.  Taleinwärts
  erscheinen  überall  die  fenfterreichen  Fronten
und  die  qualmenden  Schlote  der  Baumwollspinnereien
und  -Webereien,  die  der  abgeschlossenen  idyllischen  Gegend
den  Charakter  einer  hochentwickelten  Industrielandschaft
verleihen.  Immerhin  hat  der  industrielle  Erwerb  die
Blütezeit  hinter  sich;  seit  1870  ist  die  Bolkszahl  zurückgegangen. ­
  Ein  altvererbter  Trieb  zum  Wandern  und
Handeln  führt  die  glarnerische  Jungmannschaft  in  die
Geschäftszentren  europäischer  und  überseeischer  Länder;
hier  suchen  die  Ausgewanderten  für  die  heimische  Industrie
neue  Absatzgebiete  und  tragen  ans  diesem  Wege  zur
Förderung  ihrer  engern  Heimat  bei.  Die  infolge  starker
Abwanderung  verwaisten  Arbeitsplätze  in  den  Glarner
Fabriken  werden  neuerdings  durch  ganze  Kolonien  italienischer ­
  Arbeiterinnen  besetzt.  Die  Zahl  der  Arbeiter
beläuft  sich  auf  rund  8000  bei  einer  Gesamtbevölkerung
von  33300  Seelen;  das  spricht  deutlich  für  die  hohe
Bedeutung  der  Industrie.  Die  Alpwirtschaft  und  Viehhaltung ­
  tritt  nur  in  einzelnen  Produkten  hervor;  so  kennt
man  überall  den  grünen  Glarner  Schabzieger,  der  im
Unterland  fabrikmäßig  hergestellt  wird.
Der  natürliche  Eingang  des  Landes  öffnet  sich  an
der  Linthebene  am  untern  Ende  des  Walensees.  Die
Ebene  wurde  aus  den  Geschiebemassen  des  wilden  Bergflusses ­
  aufgeschüttet;  das  Delta  trennte  den  einst  zusammenhängenden, ­
  langen  Talsee  in  die  beiden  Becken  des  Walenund
  Zürichsees.  Hier  fand  vor  einem  Jahrhundert  eine
der  bedeutendsten  Entsumpfungsarbeiten  statt.  Früher
wurde  die  Ebene  häufig  überschwemmt  und  mit  Kies
verschüttet;  man  leitete  nun  die  Linth  zur  Geschiebeablagerung ­
  in  den  Walensee  und  gab  dem  Abfluß  zum  Zürichsee ­
  in  geradlinigem  Kanalbett  ein  stärkeres  Gefälle.  Die
Korrektion,  angeregt  und  durchgeführt  von  Hans  Konrad
        <pb n="161" />
        155

Escher  von  der  Linth,  entriß  die  Ebene  dem  Elend  der
Versumpfung  und  gewann  dem  Land  eine  große  Fläche
kulturfähigen  Bodens.
Auf  dem  Kerenzerberg  am  Absturz  des  Mürtschenstockes
  schaut  von  hoher  Terrasse  O  b  st  a  l  d  e  n  auf  den
Walensee  hinaus.  Im  Talzuge  der  Linth  folgen  sich
an  den  Seitenhalden  die  Dörfer  Niederuruen,
Näfels,  Mollis  und  Netstal.  Hier  mündet  in
einer  Schlucht  der  Löutsch  aus  dem  Klöntal;  die  Gefällsstuse
  des  Baches  liefert  dem  Löntschwerk  die  Kraft  An
der  steilen,  terrassierten  Nordwand  des  Glärnisch  ruht
der  Klöntalersee;  an  feinem  Ufer  entlang  geht  der  Pragelpaß
  ins  Muottatal.  Inmitten  der  Trümmerhügel  vorgeschichtlicher ­
  Bergstürze  steht  am  Fuß  des  Vorderglärnisch
der  Hauptort  Glarus  5100  Einwohner;  nach  dem
großen  Föhubrand  von  1861  wurde  der  Flecken  städtisch
und  regelmäßig  wieder  aufgebaut.  Am  andern  Ufer  der
Linth  ist  das  reiche  Dorf  Ennenda  der  bevorzugte
Wohnort  der  Fabrikanten  und  Kaufleute.  Der  Fabrikort
Schwanden  beherrscht  den  Eingang  zum  Sernftal,
wo  im  Landesplattenbergwerk  Engi  Dachschiefer,  in
Elm  weicher  Schiefer  für  Tafeln  und  Griffel  abgebaut
wird.  Im  Jahre  1881  brach  eine  durch  das  Schieferbergwerk ­
  unterhöhlte  Bergmasse  über  Elm  herein  und
verschüttete  115  Menschen.  Aus  dem  Sernftal  klimmen
zwei  mühsame  Pässe,  der  Panixerpaß  am  Hausstock  und
der  Segnespaß  am  Saurenstock  vorbei,  nach  dem  Vorderrheintal ­
  hinüber.
Im  Haupttal  liegt  am  Ende  der  Eisenbahn,  in
einer  Sackgasse,  das  Jndustriedorf  Linthal.  Die  Linth
tritt  aus  dem  Felsenkessel  am  Fuß  des  Tödi  in  einer
großartigen  Schlucht  ins  Tal  hinaris,  überragt  vom  mächtigen ­
  Stock  des  Selbsanft.  Der  Sandalppaß  und  der
Kistenpaß  stellen  eine  beschwerliche  Verbindung  mit  dem
Rheintal  her.  Von  Linthal  ans  windet  sich  die  Klausenstraße ­
  über  die  Mündungsstufe  des  Fätschbachfalles  zum
Uruerboden  hinauf  und  verschafft  über  die  Paßhöhe

Einzelgebiete
        <pb n="162" />
        156

Landschaften

Volk

dem  Touristenverkehr  einen  Zugang  zum  Schächental  und
zur  Gotthardlinie.  Hoch  über  Linthal  steht  auf  sonniger
Bergterrasse  der  Kurort  Braunw  ald,  bei  Linthal  selbst
an  großen  Waldungen  das  Bad  Stachelberg.
St.  Gatten.
Gegenüber  der  Geschlossenheit  mancher  anderer
Kantone  umfaßt  St.  Gallen  eine  Reihe  von  Landschaften,
die  nach  Bodengestalt,  geschichtlicher  Entwicklung  und
Volksart  stark  von  einander  abweichen.  Es  reicht  südwärts ­
  in  die  Täler  und  zur  Hauptkette  des  Nordalpenzuges ­
  hinauf,  da  wo  dessen  Ende  vom  Rheinknie  umschlossen ­
  wird,  und  erstreckt  sich  über  die  vielgestaltigen
und  schroffen  Bergformen  der  Voralpengruppen  hinweg ­
  zu  den  Molassehügeln  am  Bodensee;  der  Ostabfall ­
  des  Gebietes  wird  auf  der  ganzen  Strecke  von
der  breiten  Talebene  des  Rheins  begleitet.  Der  Alpenanteil ­
  des  Kantons  St.  Gallen  gliedert  sich  durch  gut
ausgeprägte  Tiefenlinien  in  drei  Gruppen;  die  Talstrecke
Seez-Walensee  trennt  die  Bergketten  des  Saurenstockes
und  der  Grauen  Hörner  von  der  Churfisten-Alvierkette,
an  deren  Nordfuß  der  Paßübergang  von  Wildhaus  und
das  oberste  Talstück  der  Thur  den  Säntis  als  isoliertes,
ins  Hügelland  vorgeschobenes  Gebirge  erscheinen  lassen.
Diese  Hohenzüge  halten  eine  Anzahl  natürlich  umgrenzter
Landschaften  auseinander:  Das  Seez-Walenseetal  mit
den  vom  Nordalpenkamm  herabsteigenden  Seitentälern
(Sarganserland);  den  Anteil  an  der  Linthebene  (Gaster)
und  den  Seebezirk  von  Rapperswil;  das  Tal  der  Thur
oder  Toggenburg;  das  Hügelland  des  nördlichen  Kantonsteils ­
  in  der  Umgebung  der  Hauptstadt  (Fürstenland  oderalte
  Landschaft);  das  Rheintal.  Rings  von  St.  Galler
Boden  umschlossen  liegt  im  Säntis  und  an  dessen  Nordfuß
  der  Kanton  Appenzell.
Wie  nach  der  wechselvollen  Bodengestalt  zu  erwarten
ist,  besiedeln  die  302900  Einwohner  die  Fläche  des
        <pb n="163" />
        157

Landes  sehr  ungleich  dicht.  Stark  bewohnt  sind  die  Industrielandschaften ­
  im  Norden,  das  Toggenburg  und  die
Tiefenzone  Seez-Rheintal,  gegenüber  den  höher  gelegenen
Teilen  des  St.  Galler  Oberlandes  mit  einer  geringen
Volksdichte.  Die  Vielgestaltigkeit  des  Landes  spiegelt  sich
in  den  politischen  und  religiösen  Verhältnissen.  In  buntem
Wechsel  lösen  sich  die  Gebiete  der  beiden  Konfessionen  ab;
das  Sarganserland,  Gaster  und  das  Fürstenland  sind
vorwiegend  katholisch,  das  Rheintal  vorwiegend  protestantisch, ­
  und  in  den  übrigen  Teilen  halten  sich  die  beiden
religiösen  Parteien  ungefähr  die  Wage.
Die  tiefe,  geräumige  Talfurche  der  Seez  und  des  Seez-Walensees
  verbindet  in  ungefähr  ostwestlicher  Richtung  Waiense-iai
die  Täler  des  Rheins  und  der  Linlh.  Sie  leitet  vom
Zürichsee  her  die  Verkehrswege  rheinaufwärts  nach  Graubünden, ­
  rheiuabwärts  nach  Vorarlberg  hinein.  Am  Fuße
des  Gonzen,  der  als  gewaltiger  Bergsporn  in  der  Talgabelung ­
  steht,  liegt  ein  breiter  Flachboden  zwischen  Rhein
und  Seez,  das  seltene  Bild  einer  Talwasserscheide.  Hier
trat  in  der  Eiszeit  ein  Arm  des  Rheingletschers  in  das
benachbarte  Tal  über,  dessen  obere  Hälfte  jetzt  von  den
Aufschüttungen  der  Seez  und  dessen  westlicher  Teil  vom
Walensee  eingenommen  wird,  und  formte  es  zum  Trog
um,  über  dessen  Halden  weitschauende  Terrassen  liegen
und  die  Seitentäler  in  Stufenmündungen  auslaufen.
Rach  ihrem  Austritt  aus  dem  Weißtannental  wendet  sich
die  Seez  in  scharfer  Umbiegung  als  geradliniger  Kanal
westwärts  durch  den  ebenen  Talboden,  dessen  Riedflächen ­
  und  Pappelreihen  die  Deltalandschaft  kennzeichnen.
Ein  Seitenkanal  sainmelt  das  Wasser  der  Wildbäche,  die
aus  den  Runsen  der  Nordwand  herabstürzen,  und  leitet
es  parallel  zum  Talfluß  in  den  Walensee.  Die  Randdörfer ­
  sind  von  Obstgärten  und  Maisfeldern  umschlossen, ­
  die  unter  dem  an  der  Talgabel  abgezweigten
Föhnwind  reiche  Ernten  liefern.  Über  der  Tal-  und  Seelandschaft ­
  steigt  in  ungewöhnlicher  Schroffheit  die  Kalkmauer ­
  der  Churfirsteukette  empor.  Der  Kamm  ist  durch
        <pb n="164" />
        158

die  ausnagende  Arbeit  der  Bäche  tief  zerschartet  und  in
eine  Reihe  turmförmiger  Gipfel  aufgelöst,  wovon  der
höchste  zu  2303  m  ansteigt.  An  der  Talgabel  liegt
als  Straßen-  und  Eisenbahnknotenpunkt  das  Städtchen
Sargans  mit  weithin  sichtbarem  Schloß  am  Steilabfall ­
  des  Gonzen.  Am  Ausgang  des  Taminatales  zum
Rhein  nutzt  der  Kurort  Ragaz  die  Heilwirkung  der
Therme  ans,  die  in  der  wilden  Taminaschlucht  der  Felswand ­
  entquillt  und  in  langer  Leitung  dem  Badeort  zugeführt ­
  wird.  Südwärts  stellt  der  Kunkelspaß  die  Verbindung ­
  mit  dem  Vorderrheintal  her.  An  den  gestuften
Talausgängen  westlich  der  Tamina  haben  die  Industrieorte
  Mels  und  Flums  ihren  Platz  gefunden;  das
weidenreiche  Weißtannental  reicht  mit  seinen  Ausläufern
zum  Saurenstock  3056  m  und  in  die  Grauen  Hörner
2847  m  hinauf.  Von  Walenstadt  folgt  der  Verkehr
dem  Südufer  des  Walensees;  die  reizvolle  Bahnstrecke
erinnert  mit  der  Tunnelreihe  und  ihren  Ausblicken  auf
See  und  Gebirge  an  die  Gotthardbahn  am  Urnersee.
In  der  Mitte  des  linken  Seeufers  hat  die  Murg  aus
dem  steilen,  schön  gestuften  Murgtal  ein  Delta  in  den
See  vorgebaut,  auf  dem  das  Dorf  Murg  steht.  An
den  Felsabstürzen  des  rechten  Ufers  liegt,  nur  auf  mühsamen ­
  Zugängen  erreichbar,  Quinten,  dessen  Name
neben  Terzen  und  Quarten  jenseits  des  Sees  auf
Gasterland  römische  Stationen  hindeutet.  Am  untern  See-Ende  folgt
das  Städtchen  Wesen  am  Fuß  der  schräg  aufsteigenden
Nagelfluhbänke  des  Schänniserberges  und  des  aussichtsreichen ­
  Speer  1956  m,  gegenüber  dem  Talausgang  des
Glarnerlandes.  Eine  Bergstraße  führt  zum  Kurort  A  in  -
den  hinauf,  dessen  Häuser  in  grüner,  sonniger  Mulde
hoch  über  dem  See  sich  ausbreiten.  An  den  tnselförmig
aus  der  Linthebene  aufragenden  Sandsteinrippen  des
obern  und  untern  Buchberges  entlang  erreicht  man  über
Seebezirk  Uznach  das  Seestädtchen  Rapperswil,  das  von
grünumsponnenem  Schloß  auf  einem  Felssporn  überragt
wird.  Die  wichtige  Rickenstraße  verbindet  das  Gebiet
        <pb n="165" />
        159

am  obern  Zürichsee  mit  dem  Toggenburg;  sie  wird  vom
8,6  km  langen  Rickentunnel  unterfahren,  der  den  Verkehr ­
  vom  Bodensee  und  von  St.  Gallen  her,  unter  Vermeidung ­
  des  frühern  Umweges  über  Zürich,  zum  Kanton
Glarus  und  dem  obern  Zürichsee  entlang  in  die  Jnnerschweiz
  leitet.
Das  Toggenburg  ist  das  Flußtal  der  obern  Thur;
zwischen  den  wiesengrünen  Berghalden  der  Churfirstenkette ­
  und  des  Säntis  öffnet  sich  über  den  Paßübergang
von  Wildhaus  die  Verbindung  zum  Rheintal.  Die  Thur
nimmt  nach  wechselvollem  Lauf  durch  Flußengen  und
breite  Mulden  im  untern  Toggenburg  von  rechts  aus
waldiger  Schlucht  den  Necker  auf.  Nach  der  Umbiegung
bei  Wil  zieht  sie  auf  breitem,  oft  überschwemmtem  Kiesboden ­
  dahin.  Bei  Bischosszell  mündet  die  Sitter  (mit
Urnäsch),  deren  waldiges  Schluchttal  von  prächtigen
Brücken  überspannt  wird.  An  der  Sittermündung  biegt
die  Thur  nach  NW  ab,  um  durch  den  Thurgau  den
Rhein  zu  erreichen.  In  der  hochindustriellen  Thurlandschaft ­
  sind  die  Wasserkräfte  in  zahlreichen  Anlagen  verwertet. ­

Im  Toggenburg  wie  im  Zürcher  Oberland  und  im
Appenzell  haben  die  Flüsse  mit  ihren  Seitenbächen  und
deren  letzten  Verästelungen  ein  stark  gegliedertes  Hügelland ­
  von  sonnigen  Rücken,  bewaldeten  Steilabstürzen  und
schattigen  Tälchen  geschaffen;  in  den  Kleinbezirken  des
reich  zerschnittenen  Bodens  machten  sich  die  Bewohner
auf  Einzelhöfen  heimisch.  Sind  auch  an  der  Talsohle
unter  dem  Einfluß  des  Verkehrs  und  der  Industrie
Dörfer  aufgeblüht,  so  lebt  doch  die  Mehrzahl  der  Toggenburger
  in  einzelstehenden  Häusern,  die  wie  von  einer
Riesenhand  über  die  grüne  Wiesenlandschaft  hingesäet
erscheinen  und  noch  von  hoher  Berghalde  ins  Tal  Hinunterschauen. ­
  Überall  gehen  hier  Wiesenbau  und  Industrie
nebeneinander  her.  Eine  lange  Reihe  von  Ortschaften
folgt  dem  Lauf  der  Thur;  außer  dem  schon  genannten
Wildhaus  sind  es  Stein,  Neßlau,  Ebnat,

Toggenburg

Thnrgebiet

Einzelhöfe
        <pb n="166" />
        160

Wrstenland

Rheintal

Kappel,  Wattwil  am  Fuß  des  Ricken  und  an  einer
Flußverengerung  das  Städtchen  Lichten  steig,  ein  schon
früh  benutzter  Brückenübergang.
Von  Zürich-Winterthur  herkommend,  steigt  die
Hauptverkehrslinie  am  alten  Abtftädtchen  Wil  vorbei
und  durch  die  stattlichen  Jndustrieorte  Flawil  und
G  o  ß  a  u  über  das  Sittertobel  zum  Hochtal  von  St.  Gallen
in  650  m  Meereshöhe  hinauf,  um  gleich  nachher  sich  in
steilem  Abfall  auf  400  in  am  Bodenseeufer  zu  senken.
Obwohl  Mittelpunkt  der  ostschweizerisch-vorarlbergischen
Baumwollindustrie  und  Stickerei,  zeigt  St.  Gallen
(75000  Einwohner)  keineswegs  das  Bild  einer  an  Rauchschloten ­
  reichen  Fabrikstadt.  Es  besorgt  die  Fertigstellung
und  den  Versand  der  Jndustrieerzeugnisse  und  ist  der
Sitz  einer  wohlhabenden  Kaufmannschaft.  Die  Stadt
gruppiert  sich  um  das  mächtige,  altberühmte  Kloster  mit
der  Stiftskirche  und  steigt  mit  den  Villenquartieren  an
die  Halden  des  Rosenberges  und  Freudenberges  hinauf.
Am  Bodensee  liegt  der  Hafenvrt  Rorschach,  12700
Einwohner.
Von  der  Talgabel  bei  Sargans  fließt  der  Rhein
auf  breiter  Aufschüttungsebene  zwischen  den  immer  weiter
auseinandertretenden  Talwänden  nordwärts  dem  Bodensee ­
  zu.  Das  St.  Galler  Rheintal  durchfurcht  als  mächtiger ­
  Graben  in  schrägem  Schnitt  die  von  SW  nach
NO  verlaufenden  Höhenzüge  der  Alpen  und  des  vorgelagerten ­
  Molasselandes,  an  deren  Steilabsall  nur  wenige ­
  Straßen  den  Übergang  zu  den  St.  Galler  und  Appenzeller ­
  Hochtälern  finden.  Das  Rheinbett  wird  weithin
von  Buschwaldstreifen  und  Sumpfflächen  begleitet;  infolge ­
  des  geringen  Gefälles  überführte  der  Fluß  von
jeher  die  weite  Talebene  mit  Geschiebemassen.  Durch
Dammbauten  wurde  den  Überschwemmungen  nur  vorübergehend ­
  gewehrt;  der  Rhein  erhöhte  allmählich  sein
Bett  und  zieht  nun  auf  mächtigem  Damm  durch  die
Ebene;  im  untern  Rheintal  liegt  der  Wasserspiegel  in
gleicher  Höhe  wie  die  Hausdächer  der  benachbarten  Dörfer.
        <pb n="167" />
        7-’/

/fern

Massstab  1:1.00  000
3  4  ö  G

DUFOUR  -  KARTE
        <pb n="168" />
        161

Infolge  der  Rheinkorrektion,  ausgeführt  durch  die  Schweiz
und  Österreich,  ist  heute  die  Gefahr  weiterer  Überschwemmungen ­
  nahezu  beseitigt.  Der  Fußacher  Durchstich  leitet
in  verstärktem  Gefälle  den  Rhein  zur  Nächstliegenden  Bucht
des  Bodensees  hinaus,  und  flußaufwärts  arbeitet  man
bereits  am  Durchstich  von  Diepoldsau,  der  die  nach  Osten
ausbiegende  Schleife  des  Rheins  abschneiden  soll.  Die
beiden  Durchstiche  verkürzen  den  Rheinlauf  um  10  km.
Die  günstigen  Folgen  des  Entsumpfungswerkes  zeigen  sich
im  wachsenden  Wohlstand  der  Anwohner,  die  neben  der
Industrie  jetzt  auch  die  fruchtbaren,  aus  angeschwemmtem
Schieserschlamm  aufgebauten  Böden  der  ehemaligen  Riedflächen ­
  in  Kultur  nehmen.  An  der  föhnwarmen  Talsohle
reist  der  Mais,  das  Obst  und  der  Wein.  Die  von  8  W
her  schräg  ins  Rheintal  vorspringenden  Bergsporne  bieten
an  ihren  Südosthalden  dem  Weinstock  sonnige  und  windgeschützte ­
  Lagen,  so  in  den  Talwinkeln  von  Altstätten  und
Berneck.  Die  Ortschaften  des  Rheintales  liegen  meist
als  Randsiedelungen  an  der  vor  Überschwemmung  gesicherten ­
  Berghalde.  Bei  Buchs,  dem  Hauptort  der
Landschaft  Werdenberg,  verknüpft  sich  die  Arlbergbahn
mit  dem  schweizerischen  Bahnnetz.  Talabwärts  steht
Gams  durch  die  Bergstraße  von  Wildhaus  in  Verbindung ­
  mit  dem  obern  Toggenburg.  Über  Sennwald
und  O  b  e  r  r  i  e  d  am  Steilabfall  der  Säntisketten  gelangt
man  nach  dem  Markt-  und  Stickerort  Altstätten  an
der  Vereinigung  der  beiden  aus  dem  Appenzell  herabsteigenden ­
  Bergstraßen.  Diepoldsau  ist  im  Begriff,
durch  die  Flußkorrektion  zu  einem  rechtsrheinischen  Orte
zu  werden.  Am  Nordostfuß  des  weingesegneten  Bergvorsprungs ­
  von  Bern  eck  biegt  das  alte  Rheinbett  ab
und  windet  sich  an  der  Grenzstation  St.  Margrethe  n
und  an  dem  Städtchen  Rh  ein  eck  vorüber  zum  See
hinaus.  In  obst-  und  weinreicher  Gegend  ist  Thal
der  Mittelpunkt  für  die  appenzellische  Beuteltuchweberei
geworden.

Flückiger,  Schweiz

11
        <pb n="169" />
        162

Hügelland

Säntis

AppenzeU.
Rings  von  St.  Galler  Gebiet  umschlossen,  umfaßt
das  Land  Appenzell  das  Säntisgebirge  und  das  Hügelland ­
  an  seinem  Nordfuß.  Der  nördliche  Kantonsteil
gehört  zum  hochgelegenen,  dem  Alpenrand  benachbarten
Teil  des  ostschweizerischen  Mittellandes,  das  sich  in
scharfem  Abfall  zum  Rheintal  und  zum  Bodensee  senkt.
Die  in  der  Molassefalte  schief  gestellten  und  durch  die
Verwitterung  aufgeschnittenen  Nagelfluhbänke  streichen
als  weiden-  und  waldbedeckte  Parallelkämme  nordostwärts,
  von  den  Hauptflüssen  in  malerischen  Waldschluchten ­
  quer  durchbrochen.  Die  durch  Verzweigung
zahlloser  Tälchen  in  kleine  Einzelhöhen  aufgelöste  Hügellandschaft ­
  erscheint  wie  übersäet  mit  weißleuchtenden
Punkten,  den  Einzelhöfen,  die  in  den  schön  gebauten
Jndustriedörfern  der  Talmulden  ihr  gemeinschaftliches
Zentrum  finden.  Über  den  grünen  Weiden  und  den
dunklen  Tannenwäldern  der  Nagelfluhhöhen  türmen  sich
im  Süden  die  schroffen  und  kahlen  Wände  des  Säntisgebirges
  empor.  Der  Säntis  (oder  das  Alpsteingebirge)
besteht  aus  parallel  laufenden  Kalksteinkelten,  die  in
schönster  Weise  den  Bau  der  nordwärts  überschobenen
Falten  zutage  treten  lassen.  Die  jäh  zu  den  engen  Talsohlen ­
  abstürzenden  Felshänge  spiegeln  sich  in  stillen
Bergseelein;  der  Fählensee  und  der  Sämblisersee  entsenden ­
  ihr  Wasser  durch  den  zerklmteten  Fels  in  unterirdischem ­
  Abfluß,  während  der  Seealpsee  durch  den  Quellbach ­
  der  Sitter  entwässert  wird.  Der  wegen  seiner  umfassenden ­
  Fernsicht  viel  besuchte  Säntisgipfel  2504  m
trägt  die  höchste  Wetterwarte  der  Schweiz.  In  den
Mulden  seiner  Nordhalde  liegen  zwei  Schneeflecken,  die
eine  tiefste  Lage  der  Schneegrenze  in  den  Schweizer
Alpen  bezeichnen.  Der  Nachbargipfel  Altmaun  geht  in
die  östliche  Randketle  über,  die  hoch  über  der  Rheinebene
zum  Hohe»  Kasten  und  Kamor  ansteigt.  Die  Molasserücken
  des  Vorlandes  erheben  sich  im  Gäbris  zu  1250  in.
        <pb n="170" />
        163

Am  Ende  des  Reformationsjahrhunderts  vollzog
sich  im  Appenzell  die  religiöse  und  politische  Trennung
in  die  Halbkantone  Inner-  und  Außer  -  Rhoden,  jenes
mit  katholischer,  dieses  mit  protestantischer  Bevölkerung  Bon
(14700  und  58000  Einwohner).  Das  Appenzeller
Hügelland  gehört  zu  den  stärkst  bewohnten  Gebieten  der
Schweiz.  Der  selten  von  Äckern  unterbrochene  grüne
Wiesengrund  unterhält  einen  reichen  Vtehstand,  dessen
Besorgung  allenthalben  neben  der  Jndustriearbeit  einhergeht. ­
  Die  Maschinensticker  Außev  Rhodens  und  die  Handstickerinnen
  Inner-Rhodens  arbeiten  im  Dienste  St.
Gallens,  das  von  jeher  für  das  Appenzell  Marktort
und  wirtschaftlicher  Mittelpunkt  war.  Die  Appenzeller
sind  ein  geistig  regsames  Bolk  von  starkem  Unabhängigkeitssinn,
  das  auch  in  den  Zeiten  industrieller  Krisen
seinen  fröhlichen  Lebensmut  nicht  einbüßt.
Hanptort  und  einzige  größere  Siedlung  Inner-  J»,ier-Rhod-n
Rhodens  ist  Appenzell  (5100  Einwohner),  in  prächtig
grüner  Talmulde  an  der  Sitter,  der  Mittelpunkt  zahlreicher ­
  Kurorte,  wie  Gonteubad,  Jakobsbad  und  Weißbad. ­
  Hoch  über  dem  Seealpsee  steht  an  jäher  Felswand ­
  das  Wildkirchli,  in  dessen  Höhlengewölbe  die
ältesten  Spuren  der  Menschen  in  der  Schweiz  aufgedeckt
wurden;  durch  eine  Felskluft  im  Berginnern  steigt  man
zur  Ebenalp  empor.
Außer-Rhoden  ist  ungewöhnlich  reich  an  stattlichen  Außer-Rhod-n
Ortschaften.  Im  westlichen  Teil  des  Landes  liegt  der
Hauptort  Herisau  (15300  Einwohner),  an  der  Bahn,
die  über  Urnäsch  im  Hintergrund  des  gleichnamigen
Tales  nach  Appenzell  hinausführt.  Au  den  Abhang  der
Hnndwiler  Höhe  lehnt  der  Ort  Hundwil.  Östlich
des  Sitterrales  gruppieren  sich  um  die  Höhenzüge  am
Gäbris  die  z.  T.  als  Luftkurorte  bekannten  Dörfer
Gais  und  Trogen  an  den  Straßen  von  Altstätten
herauf,  Speicher  und  Teufen.  In  erhöhter  Lage
über  dein  Bodensee  und  durch  eine  Bahn  mit  seinem
Ufer  verbunden,  ist  auch  Heiden  ein  vielbesuchter
        <pb n="171" />
        164

Bodengestalt

Produktion

Luftkurort.  Westlich  von  Walzenhausen  liegt  das
kleine  Industriegebiet  der  Beuteltuchweber  vom  Lutzenberg.
Thurgau.
Zuni  Thurgau  gehört  das  fruchtbare  Hügelland
beidseits  der  untern  Thur  und  am  Ufer  des  Bodensees.
Von  der  Sittermündung  an  durchfließt  die  Thur  das
Land  in  vorwiegend  westlicher  Richtung  in  einer  breiten ­
  Mittelfurche.  Das  Thurtal  ist  im  untern  Teil
mit  einer  steilen  Nordhalde  ein  nicht  unbedeutendes
Hindernis  für  den  Querverkehr.  Um  die  früher  ständige ­
  Überschwemmungsgefahr  für  die  flache  Talsohle
zu  mindern,  wurde  der  gewundene  Flußlauf  vielerorts
zu  geradlinigen  Kanalstrecken  eingedämmt.  Zwischen  der
Thur  und  dem  Bodensee  erhebt  sich  der  breite  Seerücken
zu  Plateauflächen  und  einzelnen  Kuppen.  Die  Waldungen ­
  seiner  wasserscheidenden  Höhen  bilden  einen  natürlichen ­
  Grenzsaum  zwischen  den  Kulturflächen  und
volksreichen  Siedlungszonen  des  Seeufers  und  des  Thurtales. ­
  Das  Molasseland  südlich  der  Thur  wird  von
trockenen  oder  mit  bescheidenen  Wasserrinnen  belebten
Tälern  eiszeitlicher  Flüsse  nach  allen  Richtungen  durchzogen ­
  ;  es  erscheint  als  ein  Gewirr  von  gerundeten,  aus
flacher  Talsohle  aufsteigenden  Jnselbergen,  zwischen  denen
die  Verkehrswege  allenthalben  einen  bequemen  Durchgang ­
  finden.  In  einem  südwestlichen  Ausläufer  lehnt
sich  der  Kanton  Thurgau  an  die  Bergflanken  des  Hörnli.
Der  Thurgau  ist  das  obstreichste  Land  der  Schweiz;
seine  Fruchtbäume  bilden  in  den  besten  Lagen  ganze
Waldungen  über  die  Wiesenflächen  hin  und  stehen  häufig
auch  in  den  Äckern.  In  den  Jahren  reicher  Ernte
wird  eine  ansehnliche  Menge  Obst  nach  Süddeutschland
verkauft;  Äpfel-  und  Birnenmost  ist  das  allgemein  verbreitete ­
  Getränk.  Neben  dem  Obstbau  werden  die  übrigen ­
  Zweige  der  Landwirtschaft  nicht  vernachlässigt.  Der
Thurgau  ist  ein  Bauernland,  so  starke  Verbreitung  auch
        <pb n="172" />
        165

die  Industrie  im  Dienste  St.  Gallens,  Baumwollspinnerei
und  -Weberei,  sowie  die  Stickerei,  besonders  im  östlichen
Kantonsteil  gefunden  hat.  Dem  Verkehr  dienen  vor
allem  zwei  Eisenbahnstrecken,  das  Ostende  der  Linie
Genf-Romanshorn  und  die  Bodenseeuferlinie,  sowie  die
Schiffskurse  quer  über  den  Bodensee.  Der  Kanton  zählt
eine  konfessionell  gemischte  Bevölkerung  (zu  zwei  Dritteln
Protestanten)  von  134900  Seelen.
Im  obern  Thurgau  liegt  das  Städtchen  Bischofszell
  an  der  Vereinigung  der  Sitter  mit  der  Thur.
Weinfelden  im  Thurtal  lehnt  sich  an  die  weinreiche
Südhalde  des  Ottenberges.  Das  Dorf  Pfin  bezeichnet
die  Stelle,  wo  „an  der  Grenze"  (lat.  ad  fines)  der
Provinz  Raetien  eine  römische  Befestigung  stand,'  deren
Spuren  noch  erhalten  sind.  Von  links  mündet  weiter
flußabwärts  die  Murg;  sie  durcheilt  ein  malerisches,
bewaldetes  Engtal  und  muß  so  zahlreichen  Industrieanlagen ­
  ihre  Kraft  leihen,  daß  sie  geradezu  als  Fabrikkanal ­
  gelten  könnte.  Bei  ihrem  Austritt  ins  Thurtal
fließt  sie  am  Hauptort  Frauenfeld  8400  E.  vorüber.
Die  Thur  zieht  auf  kiesiger  Talsohle  der  Steilhalde  des
Nordufers  entlang  an  dem  zürcherischen  Audelsingen  vorüber ­
  zum  Rhein  hinaus.  Im  Quellgebiet  der  Murg
liegt  Fisch  in  gen  am  Fuß  des  Hörnli.
Der  Höhenzug  nördlich  der  Thur  senkt  sich  im
Osten  mit  sanfter  Abdachung,  im  Westen  mit  steilem
Abfall  zum  Bodenseeufer.  Der  Bodensee  bildet  auf  eine
lange  Strecke  die  natürliche  Grenze  des  Landes,  nur
unterbrochen  durch  das  einspringende  Gebiet  der  badischen ­
  Stadt  Konstanz  herwärts  des  Rheins,  da,  wo  er
den  Untersee  an  die  große  Wasserfläche  des  Bodensees
anschließt.  Der  See  erfüllt  den  tiefsten  Teil  einer  sehr
ausgedehnten  und  mit  Moränenhügeln  des  eiszeitlichen
Rheingletschers  besetzten  Mulde,  aus  der  von  allen
Seiten  her  die  Bäche  der  zentralen  Wasserfläche  zustreben. ­
  In  der  untern  Hälfte  spaltet  sich  der  Bodensee ­
  in  die  beiden  Becken  des  Überlingersees  und  des

Volk
Thurtal

Bodensee
        <pb n="173" />
        166

Untersees,  der  sich  allmählich  zum  Rheinausfluß  bei
Stein  verengert.  Fünf  Staaten  haben  sich  mehr  oderweniger
  bedeutende  Uferanteile  gesichert:  Außer  der
Schweiz  sind  es  Baden  mit  Konstanz,  Württemberg
mit  Friedrichshafen,  ein  schmaler  Streifen  bayrischen
Bodens  längs  der  alten  Handelsstraße  von  Augsburg
her  mit  der  Kopfstatiou  Lindau  und  endlich  das  österreichische ­
  Vorarlberg  mit  Bregenz.
An  der  großen  Wasserfläche  des  „schwäbischen  Meeres"
läßt  sich  bei  klarer  Fernsicht  bentlich  die  Wölbung  des  Seespiegels
infolge  der  Kugelgestalt  der  Erde  beobachten.  Aus  der  40  Ion
langen  Strecke  zwischen  Lindau  und  Konstanz  wölbt  sich  der
Wasserspiegel  31,4  m  hoch  über  der  Geraden  (über  der  Bogensehne). ­
  ’  Wer  vom  Ufer  von  Lindau  aus  mit  dem  Fernglas  die
Seefläche  absucht,  dem  scheint  die  Hänserinasse  von  Konstanz
hinter  der  Wasserwölbung  versunken  zu  sein;  nicht  einmal  die
Türme  tauchen  in  den  Gesichtskreis  empor.
Orte  am  See  Die  Ortschaften  am  Seeufer  sind  aus  ehemaligen
Fischersiedluugen  durch  günstige  Verkehrslage,  Industrie
und  Landwirtschaft  zu  ihrer  gegenwärtigen  Größe  und
Bedeutung  herangewachsen;  manche  unter  ihnen  haben
in  den  hart  am  Wasser  liegenden  Vierteln  den  Charaktervoll ­
  Fischerdörfern  gewahrt.  Der  Ertrag  der  Fischerei
wird  durch  den  Umstand  beeinträchtigt,  daß  die  Nachbarn ­
  am  rechten  Ufer  die  ganze  Seefläche  als  Gemeingut ­
  der  fünf  Uferstaaten  betrachten  und  mit  Vorliebe
auf  der  Schweizer  Seite  dem  Fang  nachgehen.
Das  einstige  Fischerstädtchen  Arbon  ist  durch  die
Stickerei  und  den  Maschinenbau  zum  volksreichsten  Ort
des  Thurgaus  geworden,  10300  E.  Rom  ans  Horn
ist  ein  bedeutender  Getreidemarkt;  als  Endpunkt  des
Hauptcisenbahnstranges  Genf-Bodensee  steht  es  in  lebhaftem ­
  Schiffsverkehr  mit  den  gegenüberliegenden  Uferorten ­
  Friedrichshafen,  Lindau  und  Bregenz.  1913  beförderten ­
  die  Trajektschiffe  85000  Güterwagen  über  den
See.  In  der  Nähe  des  wichtigsten  Bodenseehafens,  Konstanz, ­
  eröffnet  das  Dorf  G  o  t  t  l  i  e  b  e  n  die  Reihe  der  an
        <pb n="174" />
        167

die  Weinhalden  des  Untersees  lehnenden  Ortschaften.  Unfern ­
  Ermattn  gen  am  See  liegt  Sa  len  stein  mit
dem  geschichtlich  bekannten  Schloß  Arcnenberg.  Die  vielbesuchten ­
  Inseln  Reichenau  im  Unterste  und  Mainau
gehören  zum  Großherzogtum  Baden.  Westlich  von  Steckborn ­
  treten  die  Seeufer  allmählich  näher  zusammen
und  entlassen  beim  Schaffhauser  Städtchen  Stein  den
Rhein  durch  das  reizvolle  Flußtal,  in  dem  vor  Schaffhausen
  das  Städtchen  Dießenhofen  einen  alten
Brückenübergang  beherrscht.
KrhaMarrsen.
Der  Kanton  Schaffhausen  liegt  in  drei  ungleich
großen  Stücken  rechts  des  Rheins.  Das  Hauptgebiet
umfaßt  den  Randen  und  den  Klettgau.  Das  Plateau
des  Randen  ist  ein  Teil  des  Tafeljura;  es  fällt  im
Westen  schroff  zum  Tal  der  Wutach  ab,  in  dem  eine
Strecke  weit  die  Grenze  verläuft;  im  Süden  stößt  es
an  die  breite  Talmulde  des  Klettgaus  und  im  Osten  an
das  Senkungsfeld  des  Hegaus,  aus  dem  wie  Pfropfen  eine
Doppelreihe  verwitterter  Vulkane  (Hohentwiel)  auftauchen.
Der  ’  Randen  wird  durch  steilwandige  Flußtäler  und  ihre
Verzweigungen  in  zahlreiche  ebenflächige  Riemen  zerlegt.
Die  zerklüftete  Kalksteinunterlage  läßt  das  Wasser  rasch
einsickern  und  bietet  dem  Bodenbau  eine  magere  Ackererde ­
  ;  überdies  ist  das  Plateau,  in  rund  900  ru  Meereshöhe, ­
  windig  und  rauh.  So  bleibt  die  Hochfläche  besser
den  ausgedehnten  Waldungen  überlassen;  die  spärliche
Bevölkerung  hat  sich  hier  in  Einzelhöfen  und  kleinen
Dörfern  niedergelassen,  die  bei  der  allgemeinen  Trockenheit ­
  des  Kalkbodens  zum  Teil  in  kostspieligen  Anlagen
das  Trinkwasser  zuleiten  müssen.  Das  alte  Flußtal  des
Klettgaus  öffnet  sich  vom  Rhein  her  durch  eine  Enge
und  gewinnt  nach  Westen  zwischen  den  auseinandertretenden ­
  Gehängen  an  Breite.  In  den  windgeschützten,
sonnigen  Lagen  am  Fuß  des  Randen  reift  ein  vortresf-Randen



Klettgau
        <pb n="175" />
        168

Rheintal  licher  Wein.  Die  fruchtbaren  Niederungen  des  Klettgaus
  und  des  Rheintals  werden  von  dem  Hauptteil  der
Bevölkerung  bewohnt.  Der  Rhein  fließt  von  Osten  her
auf  den  Eingang  des  Klettgans  und  den  Abfall  der
Juratafel  zu  und  biegt  hier  nach  Süden  ab.  Er  fand
nach  der  Eiszeit  nicht  überall  das  verschüttete  Bett  wieder ­
  auf,  trat  unterhalb  der  Umbiegungsstelle  aus  eine
Kalkbank  und  stürzt  nun  in  dem  imposanten,  24  m
hohen  Rheinfall  zu  dem  ehemaligen  Flußlauf  hinunter.
Der  Rheinfall  gehörte  früher  mehr  als  heute  zu  den
berühmtesten  und  meist  besuchten  Naturwundern  unseres
Landes.  Flußabwärts  beschreibt  der  Rhein  eine  mächtige ­
  Schlinge  und  wendet  sich  hierauf  nach  Süden,  um
von  der  Tößmündung  an  wieder  die  ursprüngliche  Westrichtung ­
  einzuschlagen.
Orte  Die  Täler  aus  dem  Randen  treten  gegen  den
Rhein  hin  bei  Schaffhausen  fächerartig  zusammen.
Schaffhausen,  18000  Einwohner,  mit  seinen  erkergeschmückten ­
  Häusern  und  dem  massigen  Bau  der  Hügelfestung ­
  „Munot"  ein  mittelalterliches  Städtebild,  ist  der
Hauptort  des  46100  meist  protestantische  Bewohner
zählenden  Kantons.  Die  aufblühende  Industrie  des
Landes  hat  ihren  Sitz  weniger  in  der  Hauptstadt  selbst
(Spinnereien),  als  in  dem  rheinabwärts  gelegenen  Neuhausen, ­
  das  für  seine  Fabriken  (Aluminium,  Waffen,
Eisenbahnwagen)  einen  Teil  der  Wasserkraft  am  Falle
ausnutzt.  Bon  Schaffhausen  zum  Untersee  und  nach
Konstanz  besteht  eine  Dampfschiffverbindung.  Zum  Klettgau
  gehören  das  Städtchen  Neunkirch  und  die  weinberühmten ­
  Dörfer  Ober-  und  Unterhallau.  An
den  Westabfall  der  Randenhöhen  lehnt  sich  Schleitheim;
  nahe  der  Ostgrenze  liegt  an  dem  Flüßchen  Biber
und  an  der  Bahnlinie  Schaffhausen-Singen-Konstanz
das  durch  urgeschichtliche  Funde  bekannte  Th  a  in  gen.
Ein  kleines,  auf  drei  Seiten  von  deutschein  Boden  umschlossenes ­
  Gebiet  des  Kantons  hat  das  altertümliche
Städtchen  Stein  am  Rhein  zum  Mittelpunkt;  dazu
        <pb n="176" />
        169

gehört  auch  das  Dorf  Ramsen.  Das  dritte  und  kleinste
Stück  von  Schaffhausen  befindet  sich,  mit  dem  Dorf  Buchberg, ­
  in  dem  Rheinwinkel  an  der  Mündung  der  Töß.

Der  Bereich  des  Kantons  Zürich  geht  von  der
Hohen  Rone  über  dem  waldigen  Sihltal  bis  zum  Rhein
bei  der  Stadt  Schaffhausen  und  von  der  das  Toggenburg
  im  Westen  abschließenden  Hörnlikette  bis  zum  Grat
der  Lägern.  Er  umfaßt  ein  wechselvolles  Hügelland,
das  im  Südosten  die  bedeutendsten  Höhen  aufweist,  im
Nordwesten  gegen  die  Rheinlinie  dagegen  in  langgezogene
stäche  Rücken  ausläuft;  darin  sind  die  nordwestlich  oder
westlich  verlaufenden  Täler  der  Sihl,  des  Zürichsees
und  der  Limmat,  der  Glatt,  Töß  und  Thur  eingelagert.
Sind  die  höheren  und  rauhen  Lagen  meist  mit  Wald
verhüllt,  so  dient  das  Flachland  einer  intensiven  Landwirtschaft. ­
  Der  Reichtum  an  Wiesen  unterhält  einen
ansehnlichen  Viehstand;  allenthalben  sind  die  Dörfer  in
Obstbaumwäldern  fast  versteckt;  an  sonnigen  Halden
bleibt  der  Boden  dem  Weinbau  überlassen.  In  weitem
Umkreis  begünstigt  der  große  Bedarf  der  Stadt  Zürich
die  Gewinnung  von  Lebensmitteln.  Für  den  Volkswohlstand ­
  sind  aber  von  weit  größerer  Bedeutung  die  Industrien, ­
  die  in  der  Hauptstadt  und  in  einzelnen  Landschaften ­
  ihren  Sitz  aufgeschlagen  haben;  allen  voran  steht
die  Seidenspinnerei  und  -Weberei;  einzelne  Orte  blühen
durch  Maschinenbau,  und  im  Osten  greift  die  St.  Galler
Baumwollindustrie  in  die  Zürcher  Seidenbezirke  über.
Dank  der  starken  industriellen  Tätigkeit  und  der  zahlreichen ­
  Erwerbsgelegenheiten  überhaupt  gehört  der  Kanton
Zürich  mit  503900  Einwohnern  (vorwiegend  protestantischer ­
  Konfession)  zu  den  dichtest  bevölkerten  Teilen  der
Schweiz.
Das  Kernstück  des  Landes  besteht  aus  der  Talmulde ­
  des  Zürichsees  und  der  Limmat.  Der  Zürichsee

Gebiet

Erwerb

Bolk

Zürichsee  und
Limmattal
        <pb n="177" />
        170

Zürich

spiegelt  in  langgestreckter  und  verhältnismäßig  schmaler
Wasserfläche  eine  anmutige  Uferlandschaft;  das  oberste
Drittel,  der  Obersee,  wird  durch  einen  Moränenwall  des
eiszeitlichen  Linthgletschers  (Halbinsel  von  Hürden)  fast
ganz  vom  Hauptbecken  abgetrennt.  Die  Limmat  durchbricht ­
  bei  ihrem  Ausfluß  aus  dem  See  eine  andere,
das  See-Ende  umrandende  Endmoräne,  die  den  ältesten
Anlagen  der  Stadt  Zürich  eine  gefestigte  Stellung  verlieh, ­
  und  nimmt  noch  innerhalb  des  Stadtgebietes  die
Sihl  aus  dem  Bergland  von  Einsiedeln  auf.  In  gewundenem ­
  Lauf  durch  das  breite  Limmattal  geht  sie  noch
durch  zwei  Endmoränenzüge,  bevor  sie  den  Juradurchbruch ­
  bei  Baden  erreicht.
Zürich  ist  seit  der  Angliederung  von  11  Außengemeinden ­
  im  Jahre  1893  mit  189100  Einwohnern  die
größte  Stadt  der  Schweiz^);  sie  umrahmt  das  untere
Ende  des  Sees  mit  stattlichen  Quartieren  und  den  schönen
Quaianlagen,  die  das  Userbild  vollständig  umgestaltet
haben.  Die  aussichtsreichen  und  sonnigen  Halden  des
Zürichberges  bedecken  sich  allmählich  bis  zur  waldigen
Höhe  mit  gartenumschlossenen  Villen,  und  anderseits  wächst
die  Häusermasse  der  Stadt  immer  weiter  in  die  Ebene  des
Limmattales  hinaus.  Die  mächtigen  Bauten  der  Eidgenössischen ­
  technischen  Hochschule  und  der  Universität  schauen
vom  Zürichberg  auf  den  verkehrsbelebtesten  Stadtteil,  in
dem  neben  dem  großen  Bahnhof  das  schweizerische  Landesmuseum ­
  steht.  Aus  dem  Häusergewirr  der  alten  Stadt
erhebt  sich  das  doppeltürmige  Großmünster  auf  einer
Terrasse  über  der  Limmat.  Zürich  verdankt  seinen  Aufschwung ­
  der  ungemein  günstigen  Verkehrslage  am  Schnittpunkt ­
  der  drei  Hauptlinien  Geuf-Bodensee,  der  Gotthardund
  der  Arlbergbahn;  die  Seidenindustrie  und  der  Maschinenbau ­
  verschaffen  der  Stadt  einen  bedeutenden  Wohlstand. ­
  Von  jeher  unterhielt  Zürich  lebhafte  Beziehungen
zu  Norditalien;  unter  den  Ausländern,.sind  neben  den
an  Zahl  überwiegenden  Deutschen  und  Österreichern  die
Italiener  stark  vertreten.  Die  Villenquartiere  am  See-0
  1913  :  202,000  E.
        <pb n="178" />
        171

ufer  gehen  seeaufwärts  in  die  lange  Reihe  der  blühenden
Dörfer  über,  die  zusammen  mit  der  Stadt  als  dicht  bewohnte, ­
  reiche  Kulturlandschaft  nur  am  obern  Genfersee
ein  Gegenstück  finden.  Die  städtisch  gebauten,  von  Fabrikkaminen ­
  überragten  Ortschaften  am  linken  Seeuser  Thalw
  i  l,  H  o  r  g  e  n,  Wädeuswil  9000  Einwohner,  und
Richterswil  stehen  mit  ihren  Seidenwebereien  im
Dienste  des  hauptstädtischen  Seidenhandels;  Wädenswil
beherbergt  überdies  die  ostschweizerische  Obst-  und  Weinbauschule. ­
  Die  Orte  des  rechten  Seeufers  haben  an  der
Industrie  einen  geringern  Anteil;  die  Dörfer  Küsnacht,
Meilen,  Männedorf  und  Stäfa  nutzen  die  sonnige
Lage  im  althergebrachten  Weinbau  aus.  In  Uetikon
ist  eine  der  größten  Fabriken  für  chemische  Produkte  im
Betrieb.  Im  Limmattal  beschäftigt  die  Weberei  neben
der  Landwirtschaft  und  dem  Weinbau  zahlreiche  Hände,
so  in  Höngg  und  in  Dietikon.
Hinter  den  moränengekrönten  und  von  Obstbäumen
verhüllten  Höhen  des  linken  Seeufers  fließt  die  Sihl
dem  Fuß  der  Albiskette  entlang,  an  den  Dörfern  Langnau ­
  und  A  d  l  i  s  w  i  l  vorüber;  große  Fabrikgebäude  (für
Seidenweberei)  verleihen  auch  dem  Sihltal  den  Charakter
einer  Industrielandschaft.
Sihl  und  Reppisch  laufen  in  engen  Tälern  an  den
beiden  Flanken  der  Albiskette;  sie  untergraben  die  steilen
Hänge  und  verursachen  häufige  Rutschungen.  Mit  scharfem ­
  Grat  und  zahlreichen  Abrißnischen  unterscheidet  sich
der  Albis  auffällig  von  den  gerundeten  oder  flachen
Höhen  der  übrigen  Mittellandberge.  Bor  seinem  Abfall
zum  Limmattal  trägt  er  den  Gipfel  des  Ütlibergs,  873  in,
den  vielbesuchten  Aussichtspunkt  der  Stadt  Zürich.
Jenseits  der  Albiskette  geht  das  Bauernland  des
Knonaueramtes  bis  an  die  Lorze  und  die  Reuß.  Neben
der  Landwirtschaft  hat  in  Fabrik-  und  Hausindustrie
die  Seidenweberei  Eingang  gefunden.  Die  größten
Dörfer  sind  Affoltern,  Knonau  und  Kappel.
Am  Nordufer  des  Zürichsees  steigt  die  Halde  zu

Limmaltak

Sihltal

Albis

Knonaueramt
        <pb n="179" />
        172

dem  breiten  Rücken  des  Zürichberges  und  Pfannenstiels
an.  Die  Gehängeterrassen  sind  weithin  kenntlich  gemacht ­
  durch  die  Obstbaumreihen  aus  den  flachen  Böden
und  den  Rebbergen  an  den  steiler  geböschten  Stufen.
Gl-ittal  Jenseits  der  bewaldeten  Höhen  liegt  das  Glattal,  das
als  ungemein  breite,  flache  Mulde  in  nordwestlicher
Richtung  durch  die  Mitte  des  Landes  zieht.  Es  wurde
in  der  Eiszeit  von  einem  Arm  des  Linthgletschers  über
die  niedrige  Bodenschwelle  von  Rapperswil  hinweg  überflutet ­
  und  mit  einer  fruchtbaren  Grundmoränendecke  und
einem  Reichtum  von  Schuttwällen  ausgestattet.  Einzelne
der  Endmoränen  trugen  durch  den  Aufstau  des  Wassers
zur  Bildung  der  Seen  bei.  Der  von  Riedflächen  umschlossene ­
  Pfäffikersee  entsendet  die  Aa  zum  größer»
Greifensee,  dessen  Abfluß,  die  Glatt,  in  vielfach  korrigiertem ­
  Lauf  durch  eine  sumpfige  Talsohle  zieht;  erst
im  Unterlauf  erlangt  der  Fluß  in  engerem  Tal  ein
verstärktes  Gefälle.  Oberhalb  der  Glattmündung  überspannt ­
  die  Eisenbahnlinie  Zürich-Schaffhausen  in  mächtiger ­
  Brücke  die  Rebhalden  des  alten  Rheinstädtchens
Rafzerfeld  Eglisau.  Die  große  Ebene  am  Nordufer  des  Rheins,
das  Rafzerfeld  mit  dem  Dorfe  R  a  f  z,  ist  reich  an  Rübenund
  Kartoffelfeldern;  die  Ernte  findet  auf  dem  Markt
Nördliches  von  Zürich  guten  Absatz.  Mittelpunkt  des  Bauernlandes
Glattal  an  der  untern  Glatt  ist  Bülach.  Am  Nordfuß  der
Lägerukette  zieht  sich  das  abgelegene  Wehntal  hin,  an
dessen  Ostausgang  Dielsdorf  liegt.  Hier  findet  der
Faltenjura  sein  Ende  im  östlichen  Sporn  der  Lägern,
der  das  weitschauende  alte  Städtchen  Regensberg
Mittleres  trägt.  In  einem  seitlichen  Arm  des  Glattales  haben
Glattal  jj{ e  Dörfer  Affoltern  und  Regensdorf  in  der
Nähe  des  moränengestauten  Katzensees  noch  vorwiegend
bäuerlichen  Charakter  behalten,  während  S  e  e  b  a  ch  und
Örlikon  bereits  als  industrielle  Vororte  von  Zürich
gelten  können.  Die  Straßen  und  die  Bahn  von  Zürich
her  dringen  an  einer  Einsattelung  des  Zürichberges  bei
Örlikon  in  das  höher  gelegene  Glattal  ein  und  streben
        <pb n="180" />
        173

hier  nach  allen  Richtungen  auseinander;  Hauptlinien
führen  nordwärts  nach  Schaffhausen  und  nordöstlich  über
Winterthur  zum  Bodensee.  Das  verkehrsreiche  Örlikon
baut  in  berühmter  Fabrik  Werkzeugmaschinen,  Mühleneinrichtungen ­
  und  elektrische  Motoren.  Während  in  der
Umgebung  von  Kloten  und  Dübendorf  die  Landwirtschaft ­
  noch  durchaus  vorherrscht,  bietet  das  oberste
Glattal  urzd  die  Umgebung  des  Pfäffikersees  mit  zahlreichen ­
  blühenden  Orten  und  einem  außergewöhnlich
dichten  Straßennetz  das  Bild  einer  reichen  Kulturlandschaft, ­
  in  der  sich  ein  mit  höchster  Sorgfalt  betriebener
Bodenbau  mit  den  Zürcher  Industrien  Seidenweberei
und  Maschinenbau  vereinigt.  Ilster,  8600  Einwohner,
ist  der  Kern  des  dichtbevölkerten  Gebietes.  Nahe  der
Bodenschwelle  von  Rapperswil  liegen  Grüningen
und  Bubikon,  am  Pfäfsikersee  Psäffikon.
An  den  Fuß  des  Zürcher  Oberlandes  lehnen  sich
die  Fabrikorte  R  üt  i  an  der  Jona,  das  Webstühle  liefert,
Hinwil,  das  mit  der  Seidenweberei  die  Baumwollverarbeitung
  verbindet,  und  Wetzikon  mit  Spinnerei,
Weberei  und  Stickerei.  Im  Zürcher  Oberland  greifen
die  Zürcher  und  St.  Galler  Industrien  ineinander  über;
hier  hat  neben  der  Baumwollindustrie  im  besondern  die
Stickerei  Eingang  gefunden.  Ostwärts  der  Glattalmulde
steigen  die  Wald-  und  weidenreichen  Nagelfluhhöhen  des
Bachtel  1119  in,  des  Schnebelhorns  1295  m  und  des
Hörnli  1136  m  aus,  tief  durchfurcht  von  zahllosen
Waldtälchen,  die  einen  überraschenden  Reichtum  von
Kleinformen  in  das  Landschaftsbild  hineintragen.  Am
Fuß  des  Bachtel  liegt  Wald  mit  einem  Lungensanatorium.
Zwischen  den  langgestreckten  Höhen  windet  sich  die  Töß
durch  ein  enges  Tal  an  den  Dörfern  Fischental,
Bauma  und  Türkental  vorüber.  Fischental  steht
über  die  Hulftegg  mit  dem  Toggenburg  in  Verbindung.
Das  Tößtal  verrät  seine  Nachbarschaft  zum  Toggenburg
durch  eine  Reihe  von  Baumwollspinnereien.  Seinen
Nordausgang  beherrscht  die  zweite  Stadt  des  Kantons,

Oberes
Glattal

Oberland

Tößtal
        <pb n="181" />
        174
Winterthur  mit  25100  Einwohnern.  Winterthur
sammelt  als  belebter  Verkehrsmittelpunkt  Straßen  und
Bahnen  aus  allen  Himmelsrichtungen.  Zwei  Wellfirmen
begründen  seinen  Ruf  als  Industriestadt,  die  schweizerische
Lokomotivfabrik  und  eine  Maschinenfabrik,  die  vorzugsweise ­
  Dampfmaschinen,  Webstühle  und  Spinnmaschinen
baut.  Unter  den  Schulanstalten  ragt  das  Technikum
hervor.
Weinland  Zwischen  Töß  und  Rhein  steigt  nur  noch  die  einförmige ­
  Tafel  des  Jrchel,  690  in,  über  das  flachwellige
Hügelland  hinaus.  Diese  ganze  Gegend  wird  von  einer
Landwirtschaft  treibenden  Bevölkerung  bewohnt.  Allenthalben ­
  liefern  die  Weinberge  noch  gute  Ernten,  so  an
den  sonnigen  Halden  von  Elgg,  Neftenbach  (Kartenbeilage ­
  I),  Andelfingen  im  breiten  Thurtal,  Stammheim ­
  im  nordöstlichen,  rings  vom  Thurgau  umschlossenen
Zipfel  des  Kantons  Zürich,  in  Marthalen  und  bei
Rheinau  in  der  großen  Flußschlinge  unterher  des
Rheinfalls.  Der  Reichtum  an  Weinbergen  hat  dieser
Landschaft  den  Namen  des  Zürcher  Weinlaudes  eingetragen. ­


Zug.
Das  Bergland  zwischen  der  mittlern  Sihl  und
dem  Zugersee  und  die  Ebene  au  seinem  Nordufer  bilden
das  Gebiet  von  Zug,  des  kleinsten  Schweizer  Kantons.
Zuger-  Der  Nordabhang  des  Roßberges  und  die  Molassehöhen
Bergland  Zuger  und  Gottschalkenberges  halten  in  anmutiger
Mulde  den  Ägerisee  umschlossen.  Sein  Abfluß,  die  Lorze,
erreicht  nach  kurzem  Lauf  mit  einem  Gefälle  von  über
300  ni  durch  das  Lorzetobel  den  Zugersee;  unfern  der
Einmündung  verläßt  die  Lorze  den  See  wieder  und
wendet'sich  nach  Norden  der  Reuß  zu.  Auf  dem  stillen
Ägerisee  hat  sich  bis  zur  Gegenwart  das  primitive
Fahrzeug  der  Pfahlbauzeit,  der  Einbaum,  erhalten.  Bon
Ober-  und  U  n  t  e  r  ä  g  e  r  i  führt  die  Straße  dem  steilen
        <pb n="182" />
        175

Ostufer  entlang,  an  der  Schlachtkapelle  von  Morgarten
vorüber  nach  dem  schwyzerischen  Sattel.  Auf  dem  Plateau
zwischen  Lorze  und  Sihl  liegt  in  800  m  Höhe  der  aussichtsreiche ­
  Luftkurort  Menzingen.  Das  Bergland
von  Menzingen  trägt  auf  undurchlässiger  Molasseunterlage
mächtige  Decken  und  Wälle  von  Gletscherschutt,  der  das
Wasser  aufspeichert  und  es  besonders  in  den  Einschnitten
der  Flüsse  in  starken  Quellen  zutage  treten  läßt;  einige
dieser  Quellen  speisen  die  Trinkwasserversorgung  der
Stadt  Zürich.
Der  Zugersee  erstreckt  sich  mit  seinem  südlichen  Ende
in  die  Talmulde  zwischen  Rigi  und  Roßberg  hinein;
im  mittlern  Teil  wird  er  von  S.-W.  her  durch  zwei
bewaldete  Felssporne,  Rippen  der  gefalteten  Molasse,
eingeengt;  das  nördliche  Becken  liegt  mit  flachen,  schilfumkränzten
  Ufern  in  der  breiten  Ebene  des  Reuß-  und
Lorzelaufes.  Walchwil  am  Ostufer  des  Sees  verrät
durch  seine  Bestände  an  Edelkastanien  ähnliche  klimatische
Vorzüge  wie  die  Frühlingskurorte  am  Vierwaldstättersee, ­
  Gersau,  Vitznau  und  Weggis.  Es  wird  im  Nordosten
  durch  die  Wand  des  Zugerberges  geschützt,  dessen
Hochfläche  neuerdings  als  Sommerfrische  und  Wintersportplatz
  einen  lebhaften  Besuch  erhält.  Am  untern
Ende  des  Sees  erscheint  die  altertümliche  Hauptstadt
Zug  8000  Einwohner,  von  Rutschungen  des  Ufers
wiederholt,  das  letzte  Mal  im  Jahre  1887,  heimgesucht.
Wo  die  Lorze  aus  der  Vergschlucht  ins  Flachland  hinaustritt, ­
  steht  der  große  Ort  Baar  am  Rande  des
Baarer  Bodens,  den  ein  Wald  von  Obstbäumen  verhüllt. ­
  In  der  Ebene  und  poch  oben  au  den  Halden
des  Zugerberges  bringen  die  Kirschbäume  reiche  Ernten;
das  Zuger  Kirschwasser  gehört  zu  den  geschätztesten  Landesprodukten.
  Reich  an  Obst  ist  auch  die  Reußebene,  zumeist ­
  ein  fruchtbares  Acker-  und  Wieseuland,  strichweise
dagegen  von  Slreuewiesen  eingenommen.  Am  Ausfluß
der  Lorze  aus  dem  Zugersee  ist  Cham  durch  die  große
Milchsiederei  zu  einem  industriellen  Mittelpunkte  geworden.

Zugersee
und
Umgebung
        <pb n="183" />
        176

Erwerb

Gebiet

Entlebuch

War  früher  der  Kanton  Zug  ein  ausgesprochenes
Bauernland,  so  beschäftigt  heute  die  Industrie  schon
nahezu  die  Hälfte  der  Arbeitskräfte;  im  besondern  sind
die  Spinnereien  des  Lorzetales,  in  Baar  und  Ägeri,  zu
erwähnen.  Mit  28200  Einwohnern  vorwiegend  katholischer ­
  Konfession  steht  Zug  noch  über  der  Volkszahl
des  viereinhalbmal  so  großen  Alpenkantons  Uri.
Krrzern.
Neben  den  drei  Urkantonen  Uri,  Schwyz  und  Unterwalden ­
  umfaßt  Luzern,  als  letzte  der  vier  „Waldstätte",
einen  Teil  des  gleichnamigen  Sees.  Der  Bereich  des
Kantons  geht  von  den  Voralpengipfeln  des  Pilatus  und
des  Brienzergrates  nordwärts  in  die  Täler  des  Mittellandes ­
  hinaus,  stellenweise  bis  nahe  an  die  breite  Bodenfurche ­
  des  Aaretales  und  erstreckt  sich  anderseits  vom
Lindenberg  bis  auf  die  Höhen  des  Napf.
Zwischen  dem  untern  Ende  des  Vierwaldstättersees
und  dem  Brienzersee  erhebt  sich  als  Randzone  der  Alpen
die  kühn  geformte  Berggruppe  des  Pilatus,  des  Feuersteins, ­
  der  Schrattenfluh  und  des  Brienzer  Rothorns,
auf  der  die  Grenze  gegen  Obwalden  verläuft.  Vom
Rothorn  kommen  die  Quellbäche  der  Kleinen  Emme,  die
zuerst  nordöstlich  dem  Fuß  des  Napf  entlang  und  dann
mit  scharfer  Umbiegung  nach  Osten  das  stark  hügelige
Wiesenland  des  Entlebuch  durchfließt;  sie  mündet  in  die
Neuß  nahe  an  deren  Ausfluß  aus  dem  Vierwaldstättersee ­
  und  überträgt  dem  größern  Gewässer  ihre  bisherige
Richtung.  Das  Entlebuch  wird  als  gut  abgegrenzte
Landschaft  von  einer  in  Lebensweise  und  Sitte  eigenartigen ­
  Bauernbevölkerung  bewohnt.  Alljährlich  finden
noch  in  Flühli  zu  oberst  im  Tal  der  Kleinen  Emme
Schwing-  und  Älplerfeste  statt,  wo  sich  die  Entlebucher
mit  den  Schwingern  aus  Unterwalden,  dem  Berner
Oberland  und  dem  Emmental  messen.  Das  stattliche
Dorf  Escholzmatt  steht  in  850  m  Höhe  auf  der
        <pb n="184" />
        177

Talwasserscheide  zwischen  der  Kleinen  Emme  und  der
Jlsis,  die  der  Großen  Emme  zueilt.  Diese  Stelle  wird
von  der  Bahnlinie  Bern  -  Luzern  als  bequemer  Durchgang ­
  benutzt.  An  der  Talsohle  des  Enllebuchs  folgen
sich  die  Dörfer  Schüpfheim,  Entlebuch  und  Wolhusen,
  wo  die  Straßenzüge  vom  Aaretal  her  einmünden
und  über  Malters  und  Littau  nach  Luzern  weiterleiten. ­

Zwischen  der  Reuß,  die  von  der  Emmemündung
an  nordostwärts  der  breiten  Talfnrche  des  Zugersees  und
der  Lorze  zustrebt,  und  dem  Küßnachter  Arm  des  Vierwaldstättersees ­
  wechseln  parallel  streichende,  waldgekrönle
Molasserippen  mit  den  dazwischen  eingebetteten  Engtälchen;
  durch  eine  dieser  Tallinien  läuft  am  stillen,
kleinen  Rotsee  vorüber  die  Eisenbahn  von  Zug  nach
Luzern.
Eine  niedrige  Bodenschwelle  trennt  den  Talzug
Emme-Reuß  von  den  nordwärts  davon  liegenden  Landschaften ­
  des  Luzerner  Mittellandes.  Eine  Reihe  kleiner
Flüsse  ziehen  hier  in  parallelen  Furchen  zwischen  breiten,
schwach  geböschten  und  langgestreckten  Hügelrücken  zur
Aare  an  den  Jurafnß  hinüber.  In  der  Eiszeit  überflutete ­
  der  Reußgletscher  die  geringe  Bodenerhebung  im
Quellgebiet  dieser  Flüsse  und  drang  in  einzelnen  Armen
nordwärts  durch  die  Täler  hinaus.  Die  flachen  Talböden ­
  und  die  Gehänge  wurden  damals  mit  seinerdigem,
fruchtbarem  Gletscherschutt  verkleidet,  der  heute  die  Grundlage ­
  des  Ackerbaues  bildet.  Aus  dem  luzernischen  Bauernland ­
  fließen,  von  West  nach  Ost  genannt,  die  Wigger,
die  Suhr,  die  Wynen  und  die  Aa  der  Aare  zu;  der  untere
Teil  ihrer  Täler  gehört  zum  Kanton  Aargau.
Die  obersten  Verzweigungen  der  Wigger  reichen
an  den  Napf  hinauf,  der  hier  in  schroffen  Flühen  zu
den  Runsen  der  Quellbäche  abbricht.  In  dem  ausgedehnten ­
  Flachland,  das  sich  nördlich  davon  ausbreitet,
vereinigt  sich  das  Gewirr  von  Bachläufen  zum  einheitlichen ­
  Talfluß;  an  dieser  Stelle  öffnet  sich  ein  geräu-Flückiger,
  Schweiz  ir

Mittelland

Wiggertal
        <pb n="185" />
        178

Tal  der
Suhr

Whnental

Seetal

Luzern

miger  Durchgang  zum  Nachbartal  im  Osten,  den  die
Gotthardbahn  zur  kürzesten  Verbindung  zwischen  Hauenstein-Olten ­
  und  Luzern  benutzt.  In  einem  engen  Tal
der  Napfgruppe  liegt  das  Dorf  Lut  Hern  am  gleichnamigen ­
  Zufluß  der  Wigger.  Das  Städtchen  Willisau
ist  der  Marktort  und  Mittelpunkt  des  umliegenden  Bauernlandes; ­
  durch  die  Bahn  Langenthal  -  Wolhusen  steht  es
über  Menznan  mit  dem  Entlebuch  und  mit  der  Hauptstadt ­
  in  Verbindung.  In  einer  der  zahlreichen  Parallelsurchen
  des  obern  Wiggergebietes  reihen  sich  die  Dörfer
Ruswil,  Buttisholz  und  Groß  Wan  gen,  im
untern  Wiggertal  Dagmerseilen  und  Neiden.
Die  Suhr  entwässert  durch  eine  einfach  geformte,
flache  Talmulde  den  ihrem  obern  Teil  eingelagerten  anmutigen ­
  Sempachersee;  an  seinem  Ufer  stehen  die  alten
Städtchen  Sursee,  der  Hauptort  des  Tales,  und
Sempach.  Talauswärts  halten  sich  die  Dörfer  Knuttwil,
  Büron  und  Triengen  an  den  Rand  der
breiten  Talsohle.  Die  Hauptstraße  nach  Luzern  berührt
oberhalb  des  Sempachersees  Neuenkirch.
Das  Wynental  gehört  fast  in  seiner  gesamten  Länge
zum  Kanton  Aargan;  am  teilweise  sumpfigen  Oberlauf
liegt  der  luzernische  Ort  Münster.
Am  Fuß  des  Lindenbergs,  eines  langgestreckte»,
zu  900  m  ansteigenden  Molasserückens,  bildet  die  Aa
zwei  Talseen,  den  Baldegger-  und  Hallwilersee,  die  der
Landschaft  den  Namen  Seetal  eingetragen  haben.  Die
beiden  Mittelpunkte  des  Luzerner  Anteils  sind  Hochdorf
  und  Hitzkirch.
Aus  all  diesen  Tälern,  sowie  vom  Entlebuch  und
vom  Reuß-Zugergebict  her  laufen  die  Eisenbahnen  und
Straßen  zu  einem  Bündel  von  Verkehrswegen  in  der
Hauptstadt  zusammen;  als  Marktort  des  Vierwaldstättersees ­
  unterhält  sie  überdies  einen  lebhaften  Verkehr  mit
den  Talschaften  der  Jnnerschweiz  und  steht  als  Handelsplatz ­
  dank  der  Gotthardbahn  an  der  Pforte  zu  Italien.
Die  Stadt  Luzern,  39200  Einwohner,  umschließt  die
        <pb n="186" />
        179

enge  Nordbucht  des  Sees  und  die  ihm  entströmende
Reuß;  Stadt,  See  und  Gebirge  vereinigen  sich  zu  einem
Landschaftsbild  von  überraschender  Anmut  und  Großartigkeit. ­
  Hinter  der  stolzen  Hotelreihe  am  Quai  bleibt
dem  Blick  vom  See  her  die  Häusermasse  der  Stadt
teilweise  verborgen.  Im  Hintergrund  bilden  auf  steiler
Höhe  die  Museggtürme  der  mittelalterlichen  Stadtbefestigung ­
  einen  reizvollen  Abschluß.  Nach  Süden  öffnet  sich
ins  Gebirge  die  breite  Lücke  des  Sees,  flankiert  von
den  Bergmassen  des  Rigi  und  des  Pilatus.  Der  gesamte ­
  Fremdenverkehr  des  Vierwaldstättersees  findet  in
Luzern  seinen  belebten  Mittelpunkt.
Am  Südwestabfall  des  Rigi  liegen  auf  Luzerner  Rigi-Pilatus
Gebiet  die  schon  früher  genannten  Kurorte  Weggis
und  Vitznau;  nahe  bei  Luzern  am  Fuß  des  Pilatus
hat  sich  Kriens  durch  Maschinenbau  zu  einem  volksreichen ­
  Ort  entwickelt  (7100  Einwohner).
Der  Kanton  Luzern  zählt  167200  überwiegend  Bon
katholische  Bewohner.  Die  Landwirtschaft  nimmt  die
ineisten  Kräfte  in  Anspruch;  dazu  gesellt  sich,  außer  der
Metallindustrie,  die  Seidenspinnerei  in  der  Umgebung
von  Luzern,  im  Wigger-  und  Suhrtal.  Vom  aargauischen ­
  Freiamt  greift  die  Strohflechterei,  meist  als  winterliche ­
  Hausarbeit  neben  der  Landwirtschaft  betrieben,  ins
Seetal  und  ins  Entlebuch  hinüber.
Aarrgau.
Das  Kernstück  des  Landes  besteht,  wie  schon  der  Gebiet
Name  es  sagt,  aus  dem  Aaretal:  daran  schließen  sich
die  untern  Abschnitte  der  vom  luzernischen  Mittelland
her  zur  Aare  ausmündenden  Flußtäler,  von  der  Wigger
im  Westen  bis  zur  Limmat  im  Osten;  in  einem  dritten
Gebiet  greift  der  Kanton  über  den  östlichen  Jura  hinüber ­
  und  bildet  dem  Rhein  entlang  bis  nahe  vor  Basel
auf  eine  lange  Strecke  die  Landesgrenze.  Das  sind  nach
Bodengestalt  und  geschichtlicher  Entwicklung  recht  un-
        <pb n="187" />
        180

Südliche
Seitentäler

Aaretal

Jura

gleichartige  Landschaften.  Wegen  des  Reichtums  an  Gewässern, ­
  die  sich  mit  der  Aare  vereinigen,  kann  der
Aargau  als  der  Trichter  der  Schweiz  gelten;  insbesondere ­
  trifft  die  Bezeichnung  zu  für  den  Zusammenfluß
der  Aare,  der  Reuß  und  der  Limmat  unterhalb  Brugg,
deren  Einzugsgebiet  2/5  der  Schweiz  ausmacht.
Mit  der  Annäherung  an  das  Aaretal  werden  die
Hügelrücken,  die  durch  das  Mittelland  querüber  zum
Jura  ziehen,  immer  niedriger.  An  ihren  Gehängen  und
quer  durch  die  Flußtäler  bauten  einzelne  Lappen  des
eiszeitlichen  Reußgletschers  ansehnliche  Moränenwälle
auf.  Unterhalb  der  Endmoränen  treten  die  Flüsse  in
breiter  Talöffnung  zur  Aare  hinaus;  ihr  Bett  ist  an
diesen  Stellen  in  ausgedehnte,  mit  Wiesen  und  Ackern
bestellte  Kiesebenen  eingeschnitten,  die  ihre  Entstehung
dem  reichen  Geschiebetransport  der  eiszeitlichen  Flüsse
verdanken.
Zwischen  den  nördlichsten,  nur  wenig  über  die  Talsohle ­
  aufragenden  Molassehöhen  und  dem  Steilabfall
des  Jura  fließt  die  Aare  in  geräumiger  Ebene  dahin;
meist  hält  sie  sich  hart  an  die  Nordwand;  stellenweise
durchbricht  sie  in  engem  Querschnitt  niedrige  Kalkfalten,
die  als  Ausläufer  des  Jura  spornartig  ins  Mittelland
hineinragen.  In  einem  solchen  Durchbruch  verläuft  die
Aare  zwischen  Aarburg  und  Olten  und  wiederum  bei
Schinzuach,  wo  die  Schlösser  Wildegg  und  Habsburg
die  Jurahöhen  rechts  der  Aare  krönen.  Reuß  und
Limmat  queren  denselben  Juraausläufer  oberhalb  ihrer
Bereinigung  mit  der  Aare.  Unterhalb  Brugg  biegt  die
Aare  nach  Norden  um  und  erreicht  durch  das  große
Juraquertal  den  Rhein  bei  Koblenz.
Der  Aargauer  Jura  wird  am  Südrand  durch  eine
Zone  von  Ketten  gebildet,  deren  östlicher  Ausläufer,  die
Lägernkette,  jenseits  der  Limmat  ins  Zürcher  Mittelland
vordringt.  Gegenüber  dem  Jura  der  Westschweiz  sind
hier  die  Falten  so  niedrig  (Wasserfluh  bei  Aarau  869  in),
daß  der  Verkehr  über  ihre  Einsattelungen  hinweg  keinen
        <pb n="188" />
        181

großen  Schwierigkeiten  begegnet.  Nördlich  der  Ketten
setzt  sich  das  Gebirge  als  Taseljura  gegen  den  Rhein
hin  fort,  vom  Fricktal  und  seinen  Verzweigungen  in
einzelne  Rücken  und  Plateauflächen  zerteilt.  Wie  der
Schaffhauser  Randen,  so  ist  auch  der  Aarganer  Jura
mit  großen  Waldungen  bekleidet.
Neben  der  Landwirtschaft  und  dem  Obstbau,  der  V°n
in  den  tiefen  Lagen  der  Mittellandtäler  und  im  Fricktal ­
  vorzügliche  Bedingungen  findet,  sind  im  Aargau  verschiedene ­
  Industrien  verbreitet,  so  die  Strohflechterei,
die  Zigarrenfabrikation,  die  Seidenweberei  im  Dienste
von  Zürich  und  Basel,  vielfach  als  Hausarbeit  betrieben,
und  durch  das  ganze  Aaretal  hinauf  die  Baumwollindustrie ­
  ;  das  alles  sichert  den  Bewohnern  mannigfaltige
Erwerbsgelegenheiten.  Der  Kanton  Aargau  zählt  eine
zur  Mehrheit  protestantische  Bevölkerung  von  830600
Seelen;  größere  katholische  Gebiete  sind  das  Freiamt
(Täler  der  Reuß  und  der  Bünz)  und  das  Fricktal.
Im  Wiggertal  liegt  das  Städtchen  Zo  sin  gen  Orte  an
und  am  Talausgang  zur  Aare  Aarburg,  dessen  Alt-  ^'Uhr'"&amp;gt;^
stadt  und  Schloß  auf  weitschauendem,  untertunneltem
Felsen  am  Eingang  des  Aareguertales  durch  einen  abgeirrten ­
  Jurasporn  steht.  Zum  Tal  der  untern  Suhr
gehören  die  Dörfer  Schöftland,  Kölliken,  Entfelden ­
  und  Suhr,  nahe  der  Einmündung  der  Wynen
in  das  gleichnamige  Flüßchen.
Das  Wynental  ist  der  Sitz  der  aargauischen  Tabak-  Wynental
industrie.  Sie  ist  vielerorts  als  Hausindustrie  ein  Nebenverdienst ­
  zur  Landwirtschaft  und  nimmt  dabei  nicht  selten
über  Gebühr  die  Kinderarbeit  in  Anspruch.  Neuerdings
findet  ein  ansehnlicher  Zuzug  italienischer  Arbeiterinnen
nach  diesem  kleinen  Industriegebiet  statt.  Die  Hauptorte ­
  für  Tabak-  und  Zigarrenfabrikation  sind  R  e  i  n  a  ch
und  Kulm;  talauswärts  folgt  Gränichen.
Die  Landwirtschaft  des  untern  Aa-  oder  Seetales  Seetal
wurde  durch  die  beiden  Konservenfabriken  von  Lenzburg
  und  Seon  zum  Gemüsebau  im  Großen  an-
        <pb n="189" />
        182

Freiamt

Aaretal

Limmattal

geregt,  der  einzelne  Stellen  in  der  Umgebung  der  beiden
Orte  als  ausgedehntes  Gartenland  erscheinen  läßt.  Lenzburg, ­
  am  Fuß  eines  Felshügels,  der  das  alte  Schloß
der  Grafen  von  Lenzburg  trägt,  ist  zum  Eisenbahnknoten
geworden.  Hier  zieht  die  Seetalbahn  südwärts  nach
Luzern;  am  Ufer  des  Hallwilersees  berührt  sie  Beinwil,
  das  sich  an  der  Tabakindustrie  des  Wynentales
seinen  Anteil  gesichert  hat.
Jenseits  des  Lindenbergs  geht  das  Freiamt  der  Bünz
und  der  Reuß  entlang  weit  nach  Süden  bis  nahe  au  den
Zugersee.  Die  Neuß  fließt  auf  flachem,  zum  Teil  sumpfigem, ­
  an  Gräben  und  Hecken  reichem  Talboden  und  bildet
in  seinem  untern  Teil  eine  Reihe  von  Schlingen.  Im
Freiamt  beschäftigt  die  Strohflechterei  zahlreiche  Arbeitskräfte; ­
  ihr  Marktort  ist  das  große  Dorf  Wohlen;  an
der  obern  Bünz  liegt  Muri.  Die  Brückenstädtchen  an
der  Reuß,  Bremgarten  und  Mellingen,  haben
im  Zeitalter  der  Eisenbahnen  viel  von  ihrer  frühern
Bedeutung  verloren.
Im  Aaretal  ist  Aarau  mit  9500  Einwohnern
die  Hauptstadt;  ihre  Fabriken  liefern  u.  a.  Präzisionsinstrumente. ­
  Bei  Wild  egg  zweigt  die  elektrisch  betriebene ­
  Seetalbahn  ab.  Das  Schloß  Wildegg  beherrscht ­
  den  Eingang  zur  Talverengerung,  in  der  das
Bad  Schinznach  liegt,  überragt  vom  Schloß  Habsburg. ­
  Das  alte  Brückeustädtchen  Brugg  ist  heute  ein
Eisenbahnknotenpunkt;  hier  treffen  die  Aaretallinie  und
die  Bahn  von  Basel-Bötzbergtunnel  zusammen  und  führen
durch  das  Limmattal  nach  Zürich  weiter  (Kartenbeilage  III).
Unterher  Brugg  sind  die  Mündungsstellen  der  Reuß  und
der  Limmat,  da  wo  die  Aare  zum  Juradurchbruch  umbiegt. ­
  Beim  Dörfchen  Windisch  befand  sich  auf  talbeherrschender ­
  Terrasse  der  römische  Waffenplatz  Vindonissa,
  dessen  Amphitheater  heute  freigelegt  ist.
Die  Limmat  durchbricht  die  Lägernkette  in  einem
Engtal  und  schneidet  dabei  eine  wasserführende  Kalkschicht ­
  an;  hier  treten  im  Flußbett  und  am  Ufer  die
        <pb n="190" />
        183

Thermen  zutage,  denen  Baden  seit  der  Römerzeit  den
Ruhm  als  Badeort  verdankt.  Die  Stadt  (8200  Einwohner) ­
  beschäftigt  im  Maschinenbau  eine  zahlreiche
Arbeiterschaft,  die  teilweise  das  benachbarte  Wettin  gen
(6000  Einwohner)  bewohnt.  Am  windgeschützten  Südhang ­
  der  Lägern  und  im  Quertal  der  Limmat  finden
sich  vorzügliche  Rebhalden.
Vom  Nordfuß  der  Lägern  eilt  das  kleine  Flüßchen  Surbt-a
Surb  der  Aare  zu;  es  mündet  bei  dem  Städtchen
Klingnau.  Die  Dörfer  Lengnau  und  Endingen
im  Surbtal  waren  früher  stark  von  Juden  bewohnt;
neuerdings  wenden  sich  die  Juden  als  Geschäftsleute
mehr  den  großen  Städten  zu.  Oberhalb  des  Zusammenflusses ­
  von  Aare  und  Rhein  liegen  am  Rheinufer  Koblenz ­
  gegeuüber  der  Einmündung  der  badischen  Wutach,
der  einst  durch  seine  Messen  berühmte  Ort  Zur  zach
und  das  Städtchen  Kaiser  stuhl.  Bei  Zurzach  wurde
Ende  1913  ein  mächtiges  Steinsalzlager  erbohrt.
Das  Fricktal  leitet  Bahnlinie  und  Straße  von  Fri-ktal
Basel  her  zum  bequemen  Übergang  des  Bötzbergs  hinauf
und  ins  Aare-  und  Limmattal  hinüber.  In  der  Mitte
des  obstbaumreichen  Tales  ist  Frick  der  Hauptort,  durch
die  Bergstraße  der  Stafselegg  mit  Aarau  verbunden.
In  den  tiefen  Lagen  reift  das  Obst  etwas  früher  als
im  Mittelland;  so  findet  der  Hauptteil  der  ansehnlichen
Kirschenernte  auf  den  Märkten  des  Mittellandes  als
Frühobst  guten  Absatz;  eine  geringere  Menge  dient  zur
Herstellung  des  Kirschwassers.
Einst  bildeten  die  badischen  Städtchen  Säckingen  Rh-innu
gegenüber  dem  Ausgang  des  Fricktales  und  Waldshut
gegenüber  der  Aaremündung  mit  den  beiden  linksrheinischen
Städtchen  Laufenburg  und  Rh  eins  elden  den  Bund
der  „vier  Waldstätte  am  Rhein".  Der  Rhein  zieht  von
der  Aaremündung  an  in  einem  breiten  Tal  als  Grenzfluß ­
  westwärts,  bisweilen  durch  Felsbarrieren  eingeengt,
die  das  Wasser  in  Strudeln  und  Stromschnellen  durchbricht. ­
  Der  „Laufen"  von  Laufenburg,  die  schönste  dieser
        <pb n="191" />
        184

Bafel-Stadt

Stromschellen,  ist  jetzt  dem  modernen  Kraftwerk  dieses
Ortes  geopfert  worden,  wie  denn  überhaupt  Rhein  und
Aare  in  diesem  Gebiet  eine  starke  Ausbeutung  der  Wasserkräfte ­
  in  Elektrizitätswerken  erfahren  haben  (z.  B.  Beznau-Werk
  an  der  Aare  unterhalb  Brugg).  An  den  Schnellen  von
Laufenburg  und  Rheinfelden  waren  Haltepunkte  und  Umladestellen ­
  der  mittelalterlichen  Flußschiffahrt.  Von  jeher
lieferte  hier  die  Lachsfischerei  ansehnliche  Erträge.  In  der
flußumzogenen  Ebene  bei  Rheinfelden  liegt  das  Dorf  Möhlin, ­
  in  dessen  Nähe  die  Reihe  der  schweizerischen  Rheinsalinen ­
  beginnt.  Ri  bürg  und  Rheinfelden  liefern
jährlich  300000  ^  Salz.  Rheinfelden  nutzt  die  Salzsoole
  zu  den  heilkräftigen  Soolbädern  aus.  Die  Salinen
stehen  seit  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  im  Betrieb.
Beidseits  der  Ergolz  nehmen  Kaiseraugst  und  Baselaugst ­
  die  Stelle  der  Römerstadt  Augusta  Rauracorum
ein,  die  noch  in  ihren  Überresten  für  die  einstige  Größe
zeugt.
Sasel.
Westlich  des  Aargauer  Fricklales  bilden  der  Tafeljura ­
  im  Flußgebiet  der  Ergolz  und  das  Flachland  an
der  Einmündung  der  Airs  in  den  Rhein  das  Gebiet
des  Kantons  Basel;  seit  1833  ist  er  politisch  getrennt
in  jdie  beiden  Halbkantone  Baselstadt  und  Baselland
(136300  und  76600  Einwohner  überwiegend  protestantischer ­
  Konfession).
Die  Stadt  Basel  hält  die  für  den  Verkehr  ungewöhnlich ­
  wichtige  Stelle  inne,  wo  der  Rhein  nach
Norden  umbiegend  die  große  und  volksreiche  oberrheinische
Tiefebene  zwischen  Schwarzwald  und  Vogesen  betritt.
Von  Norden  her  führen  beidseits  des  Stromes  die  Verkehrswege ­
  in  Basel  zusammen  und  vereinigen  sich  hier,
nahe  der  burgundischen  Pforte  zwischen  Jura  und  Vogesen, ­
  mit  den  Linien  aus  dem  nordöstlichen  Frankreich;
die  drei  Jurafurchen  des  Birs-,  Ergolz-  und  Fricktales
        <pb n="192" />
        185

leiten  den  Verkehr  ins  Mittelland  weiter.  Neuerdings
ist  Basel  zur  Kopfstation  der  Oberrheinschisfahrt  geworden,
und  es  besteht  begründete  Aussicht,  daß  auch  die  Strecke  bis
zum  Bodensee  für  den  Schiffsverkehr  geöffnet  werden
kann.  Die  Stadt  ist  der  Sitz  einer  altberühmten  Universität; ­
  als  wichtiger  Industrie-  und  Handelsplatz  steht
sie  nach  der  Volkszahl  mit  132000  Einwohnern  unter
den  Schweizerstädten  an  zweiter  Stelle.')  Der  Hauptteil
der  Stadt,  Großbasel,  liegt  am  linken  Rheinufer,  überragt ­
  vom  doppeltürmigen  Münster  auf  hoher  Terrasse,
von  der  der  Blick  in  die  dunstige  Ferne  der  süddeutschen
Rheinebene  hinausreicht.  Das  Rheinknie  hält  am  rechten
Ufer  das  industrielle  Kleinbasel  umschlossen,  dessen  Seidenbandwebereien ­
  und  chemische  Fabriken  (für  Farbstoffe  und
Arzneimittel)  den  Ruhm  der  Basler  Industrie  begründen.
Der  gemeinnützige  Sinn  der  Bevölkerung  betätigt  sich  in
zahlreichen  Werken  der  Wohltätigkeit;  der  bekannte  Reichtum ­
  der  Stadt  stellt  dazu  die  Mittel  in  weitgehendem
Maße  zur  Verfügung.  Als  Mittelpunkt  des  Verkehrs,
der  Geschäftsunternehmungen  und  der  Industrie  übt  die
Grenzstadt  auf  die  Ausländer,  im  besondern  auf  die
Reichsdeutschen,  eine  starke  Anziehung  aus.
Zum  Gebiet  von  Basel-Stadt  gehören  noch  Riehen
und  Kleinhüningen  in  der  Nähe  des  Schwarzwaldflüßchens ­
  Wiese,  das  unterhalb  Kleinbasel  den  Rhein
erreicht.
Die  Ergolz  reicht  mit  zahlreichen  Quelltälern  südwärts ­
  in  den  Kettenjura  hinein  und  löst  den  Tafeljura
in  einzelne  flache  Bergrücken  ans.  In  den  rauhen,  Hähern
Lagen  hat  neben  dem  Ackerbau  überall  die  Hausindustrie
Eingang  gefunden,  und  zwar  sowohl  die  Bandweberei
für  die  Basler  Geschäftshäuser,  als  die  Uhrenmacherei
vom  Neuenburger  und  Berner  Jura  her.  Im  nördlichen
Teil  der  Basler  Landschaft  werden  dagegen  die  verfügbaren ­
  Arbeitskräfte  nach  den  Fabriken  der  Stadt  gezogen.
Gleich  dem  Fricktal  versorgt  hier  der  Obstbau  der  tiefen
und  warmen  Lagen  den  Markt  mit  frühen  Kirschen.
i)  1913;  139700  E.

Basel-Land
Gebiet
der  Ergolz
        <pb n="193" />
        186

Die  zahlreichen  Talfurchen  schaffen  bequeme  Übergänge ­
  nach  dem  Aaretal.  Über  Waldenburg  und
Langend  ruck  gewinnt  der  obere  Hauenstein  an  Balstal
  vorbei  und  durch  die  Klus  von  Anfingen  den  Ausgang
  zum  Mittelland.  Ein  anderes  Talstück  leitet  die
Bahnlinie  von  Basel  zum  untern  Hauenstein,  den  sie
von  L  äufelfin  gen  an  in  steil  abfallendem  Tunnel
unterfährt.  Bereits  haben  die  Arbeiten  begonnen,  um  durch
den  Hauenstein-Basistunnel  die  starke  Steigung  zwischen
Olten  und  dem  Ergolztal  zu  mindern.  An  der  Vereinigungsstelle ­
  der  beiden  Hauensteinstraßen  liegt  die  Hauptstadt ­
  von  Basel-Land  Liestal  mit  6000  Einwohnern.
Talaufwärts  folgen  an  der  Ergolz  die  Dörfer  S  iss  ach
und  Gelterkinden,  flußabwärts  Pratteln,  Basel-Augst
  und  Muttenz.  Das  Soolbad  Schweizerhall ­
  knüpft  sich  an  die  gleichnamige,  größte  Saline  der
Schweiz  mit  einem  Jahresertrag  von  rund  250000  q
Salz.
Birstal  Baselland  umfaßt  überdies  den  untersten  Talabschnitt ­
  der  Birs,  die  aus  den  Ketten  des  Berner  Jura
hervorbricht  und  oberhalb  Basel  in  den  Rhein  mündet;
•  die  größten  Orte  sind  hier  das  katholische  Dorf  Arlesheim ­
  und  das  durch  Maschinenbau  aufblühende  Mönch ­
  e  n  st  e  i  n.
Birsigtal  An  der  in  Basel  mündenden  Birsig  ist  B  i  n  n  i  n  g  e  n
hart  an  der  Stadtgrenze  zum  rasch  anwachsenden  Vorort
und  mit  seinen  6300  Einwohnern  zur  volksreichsten  Ortschaft ­
  des  Halbkantons  Basel-Land  geworden.
KolotlMün.
eandschaftcn  Im  weiten  Umkreis  um  den  Kern,  die  Hauptstadt
Solothurn  an  der  Aare,  schließen  sich  recht  verschieden
geartete  Landschaften  zum  Gebiet  des  Kantons  zusammen.
Er  umfaßt  ein  Stück  des  Flachlandes  am  Jurafuß,  von
den  Dörfern  oberhalb  Solothurn  an  bis  nahe  an  die
Stadt  Aarau,  nur  kurz  unterbrochen  durch  die  Ümgebung
        <pb n="194" />
        187

des  bernischen  Städtchens  Wangen,  dazu  die  über  dem
Aaretal  aufsteigenden  Juraketten  mit  den  Höhepunkten
der  Hasenmatte  1449  m,  des  nach  der  weißen  Gesteinsfarbe ­
  benannten  Weißeusteins  1294  m,  der  Röthifluh
1398  m  und  der  Schafmatte  963  in.  Außerdem  reicht
der  Kanton  mit  einem  breiten  Streifen  quer  über  den
Jura  hinweg  zum  untern  Birstal  und  dringt  anderseits
mit  der  Landschaft  des  Bucheggberges  südwestlich  in  das
flachwellige  Hügelland  zwischen  Aare  und  Emme  vor.
Der  wechselvollen  Bodengestalt  entsprechend  ist  die
Bevölkerung  von  117000  Einwohnern,  vorwiegend  katholischer ­
  Konfession,  sehr  ungleich  über  das  Land  verteilt.
Die  größte  Volksdichte  weist  das  Aaretal  auf,  in  dessen
westlichem  Abschnitt  die  Uhrenindustrie  neben  der  überall
verbreiteten  Landwirtschaft  viele  Hände  beschäftigt.  Ge
ringer  ist  die  Volkszahl  der  bäuerlichen  Dörfer  auf  der
Plateaufläche  des  Bucheggberges  und  noch  schwächer  sind
die  rauhen  Höhen  des  Jura  bewohnt,  wo  die  Seidenspinnerei ­
  und  -Weberei  einen  Nebenverdienst  zum  Ertrag
des  Ackerbaues  bringt.
Am  Fuß  des  Weißensteins,  der  wegen  seiner  umfassenden ­
  Aussicht  auf  das  Mittelland  und  die  Alpenkette ­
  viel  besucht  wird,  liegt  die  altertümliche  Aarestadt
Solothurn  mit  11700  Einwohnern.  Das  weite  Flachland ­
  östlich  des  Bncheggberges  im  Umkreis  der  Emmemündung ­
  wird  durch  hochragende,  rauchende  Fabrikschlote
als  Industriegebiet  gekennzeichnet.  Hier  hat  Biber  ist
die  bedeutendste  Papierfabrikation  der  Schweiz;  Derendingen ­
  treibt  Kammgarnspinnerei  und  Gerlafingen
besitzt  ein  großes  Hammerwerk.  Solothurn  steht  durch
eine  Jurabahn  unter  dem  Weißenstein  durch  in  Verbindung ­
  mit  Münster  an  der  Linie  Biel-Basel.  Bei
Oberdorf  tritt  die  Bahn  in  den  3,7  km  langen
Weißensteintunncl  ein.  Die  Haupteisenbahnlinie  dem
Jurafuß  entlang  berührt  zwischen  Solothurn  und  Biel
Selz  ach  und  das  dank  seiner  Uhrenindustrie  zum  blü-Voir



Oberes
Aaretal
        <pb n="195" />
        188

Unteres
Aaretal

Juragebiet

Schwarzbubenland


hendsten  und  volksreichsten  Dorf  angewachsene  Gr  en  ch  en
mit  7000  Einwohnern.
Unterhalb  des  beimischen  Aarebezirkes  von  Wangen
folgen  am  Fuße  des  Jura  Önsingen,  Kestenholz,
Neuendorf  und  Buch  fiten  im  Tal  der  Dünnern.
An  der  Mündung  dieses  Flusses  in  die  Aare  hat  sich
Olten  mit  9800  Einwohnern  zu  einem  Mittelpunkt
des  Verkehrs  und  der  Industrie  entwickelt.  Hier  schneidet,
vom  Hauensteintunnel  herkommend,  die  Gotthardlinie  den
Hauptschienenstrang  Bodensee-Genfersee,  der  weiterhin  in
zwei  Armen  über  Bern  und  über  Biel-Neuenburg  der
Westschweiz  zustrebt.  An  de»  ausgedehnten  Bahnhofanlagen ­
  liegt  die  Reparaturwerkstätte  der  Bundesbahnen.
Nahe  bei  Aarau  ist  Schönen  werd  durch  die  bedeutendste ­
  Schuhfabrik  Europas,  mit  zahlreichen  Filialen  in
der  übrigen  Schweiz,  aus  einem  bescheidenen  Bauerndorf ­
  zu  einem  wichtigen  Jndustrieort  geworden,  dem
alltäglich  aus  den  Dörfern  im  Umkreis  ein  kleines  Heer
von  Arbeitern  zuströmt.
Bei  Önsingen  öffnet  die  Klus  der  Dünnern  durch
die  vorderste  Jnrakette  einen  bequemen  Eingang  nach
Balsthal,  das  mit  488  in  Meereshöhe  nur  um  ein
geringes  über  die  Sohle  des  Mittellandes  hinausgeht.
Hier  fand  schon  zur  Römerzeit  die  Straße  des  obern  Hauensteins ­
  den  niedrigsten  Jnraübergang  (Langenbruck  an  der
Paßhöhe  713  in);  die  Bahn  durch  den  unternHanenstein
hat  dem  alten  Verkehrsweg  freilich  viel  von  seiner  frühern
Bedeutung  genommen.  Im  Längstal  der  Dünnern  hinter
der  Weißensteinkette,  abseits  vom  großen  Verkehr,  liegt
Welschenrohr,  das  neuerdings  über  Gänsbrunnen
am  Nordausgang  des  Weißensteintunnels  einen  kürzern
Zugang  zur  Hauptstadt  erlangt  hat.  Von  Balsthal
findet  eine  Straße  über  Mümliswil  den  Übergang
über  die  Paßwangkette  1207  in  in  den  nördlichsten  Kantonsteil, ­
  in  das  Schwarzbubenland.  Die  Täler  und  Höhen
dieser  Juralandschaft  richten  ihren  Hauptverkehr  nach  der
Stadt  Basel  hin:  sie  zeigen  im  Dialekt,  in  der  Sied ­
        <pb n="196" />
        189

lungsweise  und  in  den  Erwerbsverhältnissen  große  Übereinstimmung ­
  mit  dem  benachbarten  Baselland.  Im  Bergland ­
  liegen  die  Dörfer  Büsserach  undSeewen,  im
offenen  Birstal  Dornach.
Jenseits  der  Birs  besitzt  Solothurn  an  der  elsässischen
Grenze  zwei  kleine  abgetrennte  Bezirke  mit  den  Dörfern
Klein  -  Lützel  an  dem  Flüßchen  Lützel  und  H  o  f  st  e  t  t  e  n
an  der  Nordseite  der  Blauenkette  771  in.
Kevn.
Vermöge  seiner  Ausdehnung  über  die  drei  Hauptgebiete ­
  des  Landes  ist  der  Kanton  Bern  ein  Bild  der
Schweiz  im  Kleinen.  Er  reicht  vom  Hauptkamm  der
Nordalpenkette  über  Boralpen,  Mittelland  und  Jura
hinweg  und  dringt  mit  seinen  nördlichsten  Gebietsteilen
einerseits  bis  ins  untere  Birstal  in  die  Nähe  von  Basel,
anderseits  mit  der  Landschaft  von  Pruntrut  in  das  Flachland ­
  der  burgundischen  Pforte  zwischen  Jura  und  Vogesen ­
  vor.  Der  weitaus  größte  Teil  des  Landes,  von
den  Hochalpen  bis  zu  den  südlichen  Juratälern,  wird
durch  die  Aare  entwässert.  Die  Täler  des  nördlichen
Juragebietes  gehören  dagegen  überwiegend  zum  Flußgebiet ­
  der  Birs,  die  oberhalb  Basel  in  den  Rhein  mündet.
Mit  645900  Bewohnern  steht  Bern  unter  den
Schweizer  Kantonen  in  der  Volkszahl  an  erster  Stelle.
Dicht  bevölkert  sind  das  Landwirtschaft  treibende  Mittelland, ­
  die  höhern  rauhen  Lagen  ausgenommen,  und  die
durch  Uhrenindustrie  blühenden  Juratäler.  Das  Alpengebiet ­
  dagegen,  das  Berner  Oberland,  durch  den  starken
Anteil  des  unproduktiven  Bodens  gleich  ungünstig  gestellt
wie  .  das  benachbarte  Wallis  und  Uri,  hat  eine  durchschnittlich ­
  geringe  Einwohnerzahl;  eine  ansehnliche  Volksverdichtung ­
  besteht  nur  in  den  vom  Fremdenverkehr  bevorzugten ­
  Talschaften  am  Brienzer-  und  Thunersee  und
in  den  westlichen,  alpwirtschaftlich  bedeutenden  Tälern.
Von  einer  gewissen  Übereinstimmung  der  Berner

Abgetrennte"
Bezirke

Umfang

Volk

Berner  Alpe»
        <pb n="197" />
        190

Haslital

Alpen  mit  den  Walliser  Alpen  war  schon  einmal  die
Rede  (Seite  7).  Die  Hauptgipfel  der  stark  vergletscherten ­
  Stammkette  entsenden  seitliche  Ketten,  die  Voralpen,
nordwärts  zum  Brienzer-  und  Thunersee  in  der  Aaretalfurche; ­
  zwischen  den  Bergzügen  dringen  die  Seitentäler
der  Aare  an  den  Hauptkamm  des  Gebirges  heran.  Die
Gipfel  fallen  mit  gewaltiger  Steilwand  zu  den  Talhintergründen ­
  und  zu  den  Voralpen  ab,  die  meist  mit
einer  Einsattelung  an  die  Hauptkette  anschließen  und
nirgends  in  die  Schneeregion  hinausragen.  Die  Schneegrenze ­
  befindet  sich  in  den  Berner  Alpen  bei  2900  in.  Der
Nadelwald  verkleidet  die  Berghalden,  erreicht  aber  durchschnittlich ­
  bei  1800—1900  in  seine  obere  Grenze;  die
Kämme  der  Voralpen  liegen  in  der  Weidenregion.
Der  Oberlauf  der  Aare  liegt  im  östlichsten  der
zahlreichen  Quertäler  des  Berner  Oberlandes,  im  Haslital.
  Nahe  der  Grimselstraße,  die  über  eine  bequeme
Einsattelung  der  Hauptkette  hinweg  den  Zugang  zur
■  Nhonequelle  gewinnt,  entspringt  die  Aare  an  den  moränenbedeckten ­
  Eiszungen  des  obern  und  des  untern  Aaregletschers, ­
  die  vom  höchsten  Gipfel  der  Berner  Alpen,
dem  Finsteraarhorn,  4275  in,  herabsteigen.  Die  Umgebung ­
  des  Grimselhospizes  zeigt  in  den  geschrammten
und  zu  Rundbuckeln  niedergeschliffenen  Felspartien  in
schönster  Weise  die  Tätigkeit  der  eiszeitlichen  Gletscher.
Der  obere  Teil  des  in  seinem  ganzen  Verlauf  stufenförmig ­
  fallenden  Haslitals  ist  eine  öde  Felsenwildnis,
eingebettet  zwischen  den  vereisten  Bergmassen  des  Lauteraarhorns
  4043  ni,  der  Schreckhörner  4080  m  und  des
Wetterhorns  3703  in  im  Westen  und  der  Gruppe  des
Dammastockes  und  der  Tierberge  3446  in  im  Osten.
Das  starke  Gefälle  des  Talflusses  wird  künftig  einein
großen  Kraftwerk  dienstbar  gemacht,  das  die  wilde  Schönheit ­
  der  Landschaft,  im  besondern  den  Handeckfall,  zu
beeinträchtigen  droht.  Das  oberste  Dorf  ist  Guttannen.
In  der  Talweitung  von  Jnnertkirchen  mündet  der
Gadmenbach,  dessen  Quellen  an  den  Eisfeldern  des
        <pb n="198" />
        191

Titlis,  der  Sustenhörner  und  des  Triftgebietes  an  den
Tierbergen  liegen.  An  G  ad  men  vorüber  zieht  der
Sustenpaß  ins  Meiental,  am  Fuß  des  Titlis  vorbei
der  Jochpaß  nach  Engelberg  Unterhalb  Jnnertkirchen
sperrt  der  Kalksteinriegel  des  „Kirchet"  das  Tal  ab;
die  Aare  durchbricht  ihn  in  der  großartigen  Aareschlucht
und  betritt  in  geradlinigem  Kanalbett  die  Ebene,  die
sich  als  Deltalandschaft  bis  zum  Brienzersee  erstreckt.
Am  Ausgang  der  Aareschlucht  steht  das  nach  dem  Föhnbrand ­
  1891  in  massivem  Steinbau  wiedererstandene
Meiringen,  der  Hauptort  des  Haslitales,  überhöht
von  weitschaumden  Bergterrassen,  von  welchen  der  Alpbachfall ­
  und  der  Reichenbachfall  über  die  Trogwände
herunterstürzen.  Meiringen  liegt  am  Fuß  der  Brünigstraße
  und  -bahn  und  des  Weges  über  die  Große  Scheidegg, ­
  der  am  Rosenlauigletscher  und  an  der  Wand  des
Wetterhorns  vorbei  nach  Grindelwald  führt.  Die  grüne
Wasserfläche  des  Brienzersees  ist  zwischen  der  Faulhorngruppe ­
  2683  m  und  dem  Brienzergrat  in  ein  Längstal
eingelagert,  das  sich  zum  obern  Teil  des  Thunersees
fortsetzt.  Brienz  ist  neben  Meiringen  der  Hanptplatz
der  Holzschnitzlerei.  Eine  kühne  Bergbahn  erklimmt  den
aussichtsreichen  Gipfel  des  Brienzer  Rothorns  2351  in.
Brienz  gegenüber  stürzt  der  Gießbach  von  der  Axalp  in
sieben  weißschäumenden  Fällen  durch  den  dunklen  Tannenwald ­
  in  den  See.
Brienzer-  und  Thunersee  bildeten  einst  ein  einziges
8'förmig  gebogenes  Wasserbecken,  in  dessen  Mitte  in
der  Folge  der  Lombach  aus  dem  Habkerntal  und  die
Lütschine  das  Bödeli  aufschütteten.  Mitten  im  Bödeli  erscheinen ­
  die  stolzen  Hotelreihen  des  weltbekannten  Fremdenplatzes
  Jnterlaken  (lateinisch  inter  lacus  =  zwischen
den  Seen).  Von  der  durch  eine  Bergbahn  erschlossenen
Schinigen  Platte  2064  in  umfaßt  der  Blick  das  wunderbare ­
  Panorama  der  Berner  Alpenkette,  aus  der  in  überwältigender ­
  Schönheit  die  Jungfraugruppe  (Jungfrau,
Mönch  und  Eiger)  emporsteigt.  Von  Jnterlaken  ans

Brienzersee

Bödeli
        <pb n="199" />
        192

ist  durch  die  Lücke  des  Lütschinentales  nur  die  Jungfrau
sichtbar.
^ütsHinen-  Das  Lütschineutal  gabelt  sich  bei  Z  w  e  i  l  ü  t  s  ch  i  n  e  n
in  die  beiden  Äste  des  Lauterbrunuen-  und  des  Grindelwaldtales. ­
  Im  Winkel  zwischen  der  weißen  und  schwarzen
Lütschine  bietet  der  Männlichen  den  schönsten  Blick  aus
die  Jungfraugruppe.  Das  Lauterbrunnental  steigt  als
gewaltiger  Trog  zwischen  schroffen,  stellenweise  senkrechten
Felswänden  zu  den  Eisfeldern  des  Breithorns  3779  in
hinauf;  auf  hohen  Seitenterrassen  machen  sich  die  Kurorte ­
  Murren  und  Wengen  die  sonnige,  weitfchauende
Lage  zu  nutze.  Über  die  Felskante  stürzen  die  Seitenbäche ­
  in  schmalen  Silberbändern  zur  Tiefe;  darunter
ist  der  Staubbach  bei  Lauterbrunnen  mit  400  ra
Sturzhöhe  der  bekannteste.  Grindelwald  liegt  inmitten ­
  einer  wiesengrünen,  häuserbesäeten  Talmulde,  im
Süden  umschlossen  von  den  schreckhaft  steilen  Wänden
der  Hochgebirgsgipfel  des  Wetterhorns,  der  Schreckhörner, ­
  Fiescherhörner  4040  in  und  des  Eigers  3975  in.
Aus  ihren  Firnfeldern  senken  sich  die  schnttbedeckten  Eisströme
  des  obern  und  untern  Grindelwaldgletschers  bis
in  die  Obstbaumregion  des  Talgrundes  hinab.  Grindelwald ­
  ist  berühmter  Sommer-  und  Winterkurort.  Dicht
an  den  Felsabstürzen  und  Gletschern  der  Jungfraugruppe
verbindet  der  Weg  über  die  Kleine  Scheidegg  und  die
Wengernalp  Grindelwald  mit  Lanterbrunnen.  Mit  furchtbarer ­
  Steilheit  überragt  die  Eigerwaud  den  Aufstieg  zur
Kleinen  Scheidegg;  auf  2  km  Horizontalentfernung  besaeiigevmitp
  trägt  der  Höhenunterschied  2,3  km.  Der  Weg  über  die
Wengernalp  ist  wie  kein  anderer  Alpenpaß  mit  seinem
überaus  starken  Fremdenbesuch  zu  einer  eigentlichen
Völkerstraße  geworden.  Die  Wengernalpbahn  erleichtert
den  Verkehr.  Von  der  Kleinen  Scheidegg  2070  m
dringt  die  Jungfraubahn  durch  das  Berginnere  des
Eigers  zum  Felsenfenster  der  Eigerwand,  dann  zur
Station  Eismeer  auf  der  Südseite  des  Eigers  und
weiterhin  durch  die  Felsmassen  des  Mönchs  4105  m
        <pb n="200" />
        193

zum  Jungfraujoch,  mit  3450  m  der  höchsten  Bahnstation
Europas.  Vorläufig  bleibt  noch  unentschieden,  ob  später
der  Tunnel  bis  unter  den  Gipfel  der  Jungfrau  4166  m
weitergeführt  wird.
Am  sonnigen  Nordufer  des  Thunersees,  der  „Riviera
des  Oberlandes",  sind  im  Schutze  des  Sigriswilergrates
2053  m  und  der  Blume  1395  m  Sigriswil,  Oberhofen ­
  und  Hilterfingen,  von  reichen  Kirschbaumwäldern ­
  umgeben,  beliebte  Kurorte.  Über  dem  obern
See-Ende  hat  St.  Beatenberg  eine  hohe  Terrasse
angesichts  des  Gebirges  inne.  Die  Thunerseebahn  folgt
dem  Südufer  über  Leissigen  und  dem  am  Ausgang
zweier  Täler  rasch  aufblühenden  Bahnknvten  Spiez.
Das  Kandertal  wurzelt  mit  seinen  Talhintergründen
in  den  vereisten  Hochalpengipseln  Blümlisalp  3670  m,
Doldenhorn  3647  m,  Balmhorn  3698  m,  Altels  3634  m
und  Wildstrubel  3266  m.  Zwischen  der  prächtigen  Pyramide ­
  des  Niesen  2366  m  und  dem  Ausläufer  des
Morgenberghorns  2251  m  im  Plateau  von  Äschi  öffnet
sich  der  Taleingang.  Bei  Reichenbach  mündet  das
reizvolle  Kiental.  Frutigen,  der  Hauptort  des  Tales,
beherrscht  an  der  Talgabel  den  Zugang  zu  den  Fremdenorten ­
  Adelboden  und  Kan  der  st  eg.  Die  Bahn,
deren  Kopfstation  bisher  Frutigen  war,  findet  nun  ihre
wichtige  Fortsetzung  durch  den  Lötschberg  als  Zufahrtsliuie
  zum  Simplon.  In  einem  von  Blümlisalp  und
Doldenhorn  umrahmten  Felskessel  liegt  hoch  über  Kandersteg
  der  kleine  Öschinensee  eingebettet.  Das  Kandertal
steht  seit  alter  Zeit  durch  den  Gemmipaß  in  Verbindung
mit  dem  Wallis;  von  der  Paßhöhe  am  Daubensee  klettert ­
  der  Pfad  an  schwindlig  jäher  Wand  zum  Leukerbad
hinab.
Unterhalb  Wimmis  am  Fuß  des  Niesen  nimmt
die  Kander  von  links  her  die  Simme  aus  denr  Simmental ­
  auf  und  durchbricht  mit  starkem  Gefälle  den  moränengekrönten ­
  Uferrücken  zum  See;  hier  hat  sie  innert  zwei
Jahrhunderten  ein  großes,  gestrüppbewachsenes  Kiesdelta,
Flückiger,  Schweiz  &amp;gt;z

Kandertal

Kandermündung
        <pb n="201" />
        194

das  Kandergrien,  angelegt.  Bis  1714  umfloß  die  Kander,
bei  Hochwasser  mit  starken  Verheerungen,  den  Uferhügel
(gleich  wie  die  Sihl  bei  Zürich)  und  mündete  unterhalb
Thun  in  die  Aare;  dann  wurde  sie  durch  ein  künstliches,
nunmehr  durch  die  Flußarbeit  erweitertes  und  vertieftes
Felsbett  zum  See  geleitet.  Die  Gefällsstufe  liefert  dem
Kanderwerk  bei  Spiez  die  Wasserkraft.
Simmental  Bei  Wimmis  läuft  an  der  Burgfluh,  einer  natürlichen ­
  Talsperre,  das  Simmental  aus;  es  ist  zwischen
den  Ketten  des  Niesen  und  des  Stockhorns  2192  m
eingelagert.  Die  prächtigen  Wiesen  und  Weiden  unterhalten ­
  einen  großen  Viehstand;  besondere  Sorgfalt  wird
ans  die  Aufzucht  von  edelrassigen  Tieren,  dem  Simmentaler ­
  Fleckvieh,  verwendet;  die  Verwertung  der  Milch
in  Käsereien  hat  hier  geringere  Bedeutung  als  in  andern ­
  Landschaften  der  Alpen.  Oberhalb  der  Mündung
des  Diemtigentales  mit  Diemtigen  ist  Erlenbach
der  Viehmarlt  des  Landes.  Talaufwärts  folgen  Därstetten,
  Oberwil,  Boltigeu.  Zweisimmen  im
obern  Simmental,  ein  Sommer-  und  Winterkurort,  entsendet ­
  eine  Straße  über  die  Saanenmööser  nach  der  Talschaft ­
  von  Saane».  Hier  endigt  die  elektrische  Montreux-Berneroberland-Bahn
  und  findet  ihre  Fortsetzung  in  der
Bahn  zum  Thunersee.  Zu  oberst  im  Simmental  liegt
der  Badekurort  Lenk  am  Fuß  des  Rawilpasses,  der
durch  die  Einsattelung  zwischen  Wildstrnbel  und  Wildhorn ­
  3264  in  das  Rhonetal  mit  Sitten  erreicht.
Saanenlcind  Der  Oberlauf  der  Saane  vor  der  Umbiegung  zum
waadtländischeu  Pays  d'en  Haut  bildet  das  beruische
Saanenland,  durchwegs  über  1000  m  hoch  gelegen;
hier  werden  die  als  Rassetiere  geschätzten  Saanenziegen
gehalten.  Sa  anen  an  der  Montreux-Berueroberland-Bahn
  ist  der  Hauptort  der  Talschaft,  die  einst  zu  den
entlegensten  Gebieten  des  Kantons  gehörte,  neuerdings
aber  von  Knrbedürftige»  und  Vergnügungsreisenden  immer
stärker  besucht  wird.  Kurort  ist  nun  auch  das  idyllische
Lauenen.  Von  Gsteig  zweigt  die  Pillonstraße  zu
        <pb n="202" />
        195

den  Ormonttälern  und  der  Sanetschpaß  zwischen  Wildhorn ­
  und  Oldenhorn  3134  m  hindurch  zum  Rhonetal  ab.
Thun,  7400  Einwohner,  am  untern  Ende  des
Thunersees,  ist  die  Eingangspforte  zum  Berner  Oberland ­
  und  der  natürliche  Vereinigungspunkt  und  Marktort ­
  seiner  Täler.  Zwischen  der  Aare  und  der  einstigen
Kandermündung  breitet  sich  die  Thuner  Allmend  aus,
die  dem  Artilleriewaffenplatz  als  Übungsfeld  dient.
Das  Aaretal  unterhalb  des  Thunersees  bildet  den
östlichen  Teil  einer  ausgedehnten,  steif  verlaufenden
Bodenfurche,  die  in  die  hohen  Molassehügel  am  Alpenfuß ­
  eingeschnitten  ist.  Der  linksseitigen  Halde  folgt
durch  teilweise  versumpften  Boden  vom  Ganterist  her
die  Gürbe.  Sie  vereinigt  sich  nnt  der  Aare  unterher
des  Belpberges,  der  als  langgestreckter  Tafelberg,  ein
Überrest  der  ehemaligen  höhern  Landoberfläche,  die  beiden
Flußtäler  trennt.  Diese  Gegend  ist,  wie  das  gesamte
Land  zwischen  Alpen  und  Jura  überhaupt,  ein  bevorzugtes ­
  Gebiet  des  Ackerbaues  und  der  Viehhaltung.
Die  Umgebung  von  Thun  beleben  die  Dörfer
Thierachern,  Ütendorf,  Steffisburg  und
das  durch  die  Töpferei  bekannte  Heimberg.  Kirchdorf ­
  und  Gerzensee  halten  eine  niedrige  Stelle  des
Plateaus  zwischen  Aare  und  Gürbe  besetzt.  In  Müns
  in  gen  steht  die  kantonale  Irrenanstalt.  Die  obere
Gürbe  mit  Blumen  st  ein  und  Wattenwil  bildet
den  Westrand  einer  prächtigen  Moränenlandschaft,  deren
wellige  Kuppen  kleine  Seelein  einschließen.  Belp  steht
an  der  Vereinigungsstelle  der  beiden  Täler  am  Nordfuß
des  Belpberges.
An  den  Nordabfall  der  Stockhornkette  lehnt  ein
rauhes,  wenig  zugängliches  Molasse-Bergland.  Am
schroffen  Ostrand  führen  nur  wenige  Straßen  herauf.
Im  Westen  hemmt  die  Senseschlucht,  auf  lange  Strecke
die  bernisch-freiburgische  Grenze,  mit  stellenweise  senkrecht
abstürzenden  Wänden  den  Verkehr.  Das  Schwarzwasser
und  seine  Seitenbäche  zerlegen  durch  Waldschluchten  das

Thun

Aaretal

Sense-Bergland
        <pb n="203" />
        Emme

Napf

Erwerb  und
Orte  im
Emmental

Bergland  in  zahlreiche  Einzelhöhen,  wie  die  ganz  bewaldete ­
  Giebelegg  1131  m  und  die  Biitschelegg.  Nach
Norden  nehmen  die  Hügel  an  Höhe  ab,  bis  zum  Gurten,
dem  Aussichtsberg  von  Bern,  mit  62  l  in  Meereshöhe.
Der  Mittelpunkt  der  Landschaft,  Schwarzenburg,
ist  durch  eine  Bahn  von  der  Hauptstadt  aus  erschlossen;
in  seiner  Nähe  liegt  Wählern.  Die  andern  Dörfer
Guggisberg,  Nüschegg  und  Rüeggisberg  stehen
dagegen  abseits  vom  größern  Verkehr.
An  der  Ostflanke  des  Aaretales  öffnen  einige  Tallücken ­
  bequeme  Zugänge  zum  Tal  der  Emme,  über
Schwarzen  egg,  über  Linden  und  Röthenbach
und  durch  die  Mulde  zwischen  dem  Kurzenberg  und
Hundschüpfen  an  Zäziwil  und  Sign  au  vorüber.
Die  Große  Emme  bricht  zwischen  den  Kalkwänden  der
Schrattenfluh  2098  in  und  des  Hohgant  2202  m  in
das  wiesengrüne  Tal  von  Schangnau  und  Eggiwil
hervor.  Unterhalb  Sign  au  nimmt  sie  die  Jlfis  auf
und  durchfließt  in  einer  Mittelfurche  das  nach  ihr  benannte ­
  Emmental.  An  der  Talenge  von  Burgdorf  betritt ­
  sie  ein  breites  Flachland,  das  sie  bis  zur  Einmündung ­
  in  die  Aare  bei  Solothurn  durchzieht  und  bei
Hochwasser  mit  Ueberschwemmung  bedroht.  Zwischen
dem  Flußgebiet  der  Emme  uud  der  Wigger  erheben  sich
die  Nagelfluhhöhen  des  Napf  1411  m  auf  einer  nahezu
kreisrunden  Fläche.  Vom  höchsten  Punkt  strahlen  nach
allen  Seiten  die  engen,  bisweilen  schluchtartigen  Flußtäler ­
  aus,  die  mit  zahlreichen  ebenso  engen  Seitentälchen,
„Gräben"  genannt,  die  Bergmasse  in  ein  Gewirr  von
reich  verzweigten  Gräten  auflösen.  Diese  schmalen,  sonnigen ­
  Rücken,  von  bewaldeten  Gräben  umzogen,  heißen
„Egg".  Trotz  ihrer  hohen  Lage  sind  sie  auffällig  reich
an  Getreidefeldern,  die  im  Sommer  zusammen  mit  den
Wiesen  und  den  zerstückelten  Waldflächen  der  Napflandschaft ­
  ein  buntfarbiges  Aussehen  verleihen.  Die
Emmentaler  Bauern  haben  es  verstanden,  durch  sorgfältige ­
  Pflege  ihren  Boden  zu  einem  der  reichsten  Ge-
        <pb n="204" />
        197

biete  des  Acker-  und  Wiesenbaues  in  der  Schweiz  zu
machen.  Berühmt  ist  der  Emmentaler  Käse,  der  hauptsächlich ­
  von  den  großen  Handelshäusern  in  Langnau
und  Burgdorf  exportiert  wird.  Neben  den  Dörfern  aus
der  Talsohle  erscheint  das  Emmental  wie  übersäet  von
Einzelhöfen,  die  je  die  Mitte  eines  abgerundeten  Grundbesitzes ­
  einnehmen  und  die  natürlichste  Anpassung  an  die
zahllosen  Kleinformen  der  Landschaft  darstellen.  In
Dörfern  und  Einzelhöfen  wird  seit  alters  die  Leinwandindustrie ­
  betrieben.  Zum  Einzugsgebiet  der  Jlfis  gehören ­
  Trub  in  einem  Tal  des  Napf  und  der  stattliche
Marktort  Langnau  mit  8500  Einwohnern.  In  der
Mitte  des  Emmentales  sind  Lützelslüh  und  Hasle-Rüe
  gsau  Straßenvereinigungspunkte;  in  einem  Seitental ­
  breiten  sich  Sumiswald  und  Trachselwald
ans.  Das  Schloßstädtchen  Burgdorf,  9300  Einwohner, ­
  beherrscht  den  Zugang  von  Norden  her;  es  ist
der  natürliche  Marktort  der  Landschaft  an  der  untern
Emme.  Das  kantonale  Technikum  ist  seine  bekannteste
Schule.  Oberhalb  des  Städtchens  das  industrielle  Oberburg
  (Maschinenbau).  Den  westlichen  Teil  des  reich
gegliederten  Emmentaler  Hügellandes  halten  die  auch
durch  Industrie  und  Käsehandel  bedeutenden  Bauerndörfer
Worb,  Großhöchstetten  und  Biglen  besetzt.
Dem  Lauf  der  Emme  folgt  eine  Eisenbahnlinie
von  Solothurn  über  Burgdorf  nack  Langnau,  wo  sie
den  Anschluß  an  die  Linie  Bern-Luzern  findet.  Die
Bergmasse  des  Napf  bildet  für  den  Verkehr  ein  durch
seine  Ausdehnung  beträchtliches  Hindernis,  das  im  Kreis
von  Straßen  und  Bahnen  umgangen  werden  muß.
Die  Hauptlinie  des  Mittellandes  durchzieht  zwischen
Burgdorf  und  Olten  die  Landschaft  des  bernischcn  Oberaargaus, ­
  dessen  Bevölkerung  ihr  Auskommen  im  Ackerbau ­
  und  in  der  Leinen-  und  Baumwolliudustrie  findet.
Unter  den  zahlreichen  Ortschaften  ragen  durch  Größe
und  Wohlstand  Herzogenbuchsee  und  Langenthal ­
  hervor.  Langenthal  steht  durch  das  Tal  der

Verkehr

Oberaargau
        <pb n="205" />
        198

Untere
Emme

Bern

Langeteil  über  Madiswil,  Huttwil  und  am  luzernischen
  Willisau  vorüber  in  Bahnverbindung  mit  dem
Entlebuch  und  Luzern.  Im  Winkel  zwischen  Langeten
und  Rothbach  an  der  Aargauer  Grenze  liegt  R  o  g  g  w  i  l.
Wangen  und  Aarwangen  an  der  Aare  beherrschen
Flußübergänge  znm  Bipperamt  mit  BiPP,  das  von
Solothurner  Gebiet  umschlossen  an  den  Fuß  der  vordersten ­
  Jurakette  lehnt.
Den  untern  Teil  des  Emmegebietes  beleben  die  teilweise ­
  durch  den  wilden  Bergfluß  gefährdeten  Bauerndörfer ­
  Bätterlinden,  Utzenstorf  und  Kirchberg;
Koppigen,  Fraubrunnen  und  Jegenstorf  halten
sich  weiter  vom  Fluß  entfernt.
Auf  einer  von  dem  tiefen  Aaretal  umschlungenen
Sandsteinhalbinsel  steht  Bern,  85270  Einwohner,  die
Hauptstadt  des  Kantons  und  Bundesstadt  der  Schweiz  *);
ihre  Lage  verknüpft  sich  mit  den  Endmoränen  des  eiszeitlichen ­
  Aaregletschers.  Aus  den  an  parallel  laufenden
Laubengassen  eng  gedrängten  Häusern  der  Altstadt  steigt
der  mächtige  Bau  des  Münsters  empor;  von  der  Münsterterrasse ­
  hoch  über  der  Aare  schweift  der  Blick  über  die
bewaldeten  Hügel  zu  der  Alpenkette.  In  gleicher  Flucht
schaut  der  Kuppelbau  des  Bundeshauses  mit  breiter
Front  über  das  Aaretal  hinweg  nach  Süden.  Auf  stadtbeherrschender ­
  Anhöhe  erhebt  sich  das  Universitätsgebäude.
Hohe  Brücken  stellen  die  Verbindung  der  Altstadt  mit
den  volksreichen  Außenquartieren  her.  Als  Buudesstadt
weist  Bern  zahlreiche  Verwaltungsgebäude  und  eine  starke
Beamtenschaft  auf;  neuerdings  sind  auch  einzelne  Industrien ­
  im  Aufblühen  begriffen.  Mehr  als  in  den  übrigen
deutschschweizerischen  Städten  macht  sich  in  Bern  der
Einfluß  des  nahen  französischen  Sprachgebietes  bemerkbar. ­
  Zum  weitern  Umkreis  von  Bern  gehören  die
Dörfer  Münchenbuchsee  und  Schöpfen  an  der
Linie  nach  Biel,  Völligen  am  Fuße  des  Bantiger
mit  6100  Einwohnern,  Köniz  am  Gurten  mit  7700
Einwohnern,  Bümpliz  an  der  Linie  Bern-Freiburg
~  l)  1913:  94700  E.
        <pb n="206" />
        199

und  Wohlen  an  der  Aare.  Westlich  des  großen  „Forst"
stehen  das  Schloßstädtchcn  Lausten  und  das  Dorf
Neuenegg  an  Senseübergängen.
Von  Bern  windet  sich  die  Aare  in  vielen  Schlingen
westwärts  durch  ein  enges,  bewaldetes  Sandsteintal  zur
Saanemündung,  um  dann  mit  einer  Umbiegung  nach
Norden  in  die  Ebene  des  Seelandes  hinauszutreten.  Seeland
Früher  floß  sie  mit  geringem  Gefälle  in  nordöstlicher
Richtung  nach  Büren  und  verheerte  bei  Hochwasser  ihre
Umgebung;  gleichzeitig  überfluteten  die  drei  Juraseen
die  niedrig  gelegene  Ebene  des  Großen  Mooses,  das  jeweils ­
  nach  dem  Rückgang  des  Hochwassers  als  malariaversenchter
  Sumpf  zurückblieb.  Die  Juragewässerkorrektion
(1878)  senkte  die  drei  Seen  durch  einen  vertieften  Ab-  Korrektion
flnß  um  etwas  über  zwei  Meter  und  leitete  durch  den
Aarberg-Hagneckkanal  die  Aare  dem  Bielersee  zu.  Die
Überflutungen  hörten  damit  auf  und  für  den  Anbau  war
ein  Neuland  von  4500  Hektaren  gewonnen.  Der  Moosboden ­
  liefert  nun  Zuckerrüben  für  die  Zuckerfabrik  im
nahen  Brückenstädtchen  Aarberg  am  Austritt  der  Aare
aus  den  Molassehügeln  und  am  Beginn  des  Kanals
zum  See.  Über  die  Höhe  des  Frienisbergs  hinweg  zieht
die  alte  Bernstraße  an  Seedorf  und  Meikirch  vorbei. ­
  Lyß  ist  Verkehrsinittelpunkt  und  Jndustriedorf  an
der  Einmündung  der  Broyetalbahn  in  die  Bern-Biel-Linie;
  zum  Hügelland  östlich  davon  gehören  die  Bauerndörfer ­
  Großaffoltern  und  Rapperswil.
Der  grünliche  Wasserspiegel  des  Bielersees  scheidet  Bielersee
zwei  ganz  verschieden  geartete  Landschaften  (Kartenbeilage
IV).  Zum  Nordufer  senken  sich  die  sonnendurchglühten
Kalkwände  und  Weinberge  der  vordersten  Jurakette  mit
den  eng  gedrängten  Steinbauten  der  Weinbauorte  Tw  ann,
Ligerz  und  Neuenstadt.  Am  Südufer  liegen  breit
auf  schwach  gewellten  Molassehöhen  obstbaumumkränzte
Bauerndörfer,  wie  Täuffelen  und  Walperswil.
Eine  ehemalige  Untiefe  verbindet  seit  der  Korrektion  als
schilfbewachsener  Landstreifen  das  obere  See-Ende  mit  der
        <pb n="207" />
        200

St.  Petersinsel,  deren  prächtig  bewaldete  Kuppe  nun  als
das  Ende  dieser  flachen  Landzunge  erscheint.  Der  mit
Feldbefestigungen  verstärkte  Jolimont  sperrt  den  Durchgang ­
  zwischen  dem  Neuenburger-  und  Bielersee;  an  seinem ­
  Ostfuß  steht  das  Weinbauern-  und  Uhrenmacherstädtchen ­
  Erlach.  Das  große  Dorf  Ins  am  Rande
des  Mooses  ist  Kopsstation  der  elektrischen  Bahn  Freiburg ­
  -  Murten  -  Ins  an  der  Direkten  Bern-Neuenburg.
Nid  au  am  untern  See-Ende,  ein  gewerbreiches  Städt-Bo»
  chen,  verwächst  allmählich  mit  dem  nahen  Biel,  mit
23600  Einwohnern  der  zweiten  Stadt  des  Kantons;
das  durch  die  Uhrenindustrie  aufblühende,  zweisprachige
Biel  umfaßt  mit  volksreichen,  nüchtern  anmutenden  Quartieren ­
  in  der  Ebene  die  höher  gebaute,  durch  steile  und
enge  Gassen  malerische  Altstadt;  hier  steht  das  stark
besuchte  westschweizerische  Technikum.  Nach  ihrer  Lage
gehört  die  Stadt  zum  Seeland;  politisch  zählt  sie  zum
Jura,  zu  dem  der  Querdurchbruch  der  Schüß  (Klus  von
Reuchenette  und  Taubenlochschlucht,  s.  Kartenbeilage  IV)
beim  nahen  Bözingen  auf  lange  Strecke  den  einzigen
Zugang  öffnet.  Biel  ist  für  zahlreiche  Uhrenmacherdörfer
der  Umgebung  der  industrielle  Mittelpunkt,  so  für  Bözingen, ­
  Mett  und  Lengnau  an  der  Linie  nach  Solothurn. ­
  Das  altertümliche  Städtchen  Büren  steht  am
Rande  der  weiten  Aareebeue  unterher  der  Vereinigung
des  Nidau-Bürenkanals  mit  dem  alten  Aarelauf.
Berner  Jura  Der  Berner  Jura  liegt  ganz  im  Gebiet  der  von
SW  nach  NO  streichenden  Falten,  die  nach  Norden
allmählich  niedriger  werden.  Die  Talsohlen  sind  zumeist ­
  mit  langen  Reihen  stattlicher  Uhrenmacherdörfer
besetzt;  der  mühsame  Ackerbau  in  den  rauhen  und  trokkeuen
  Höhen  bleibt  immer  _  mehr  den  einwandernden
Deutschbernern  überlassen.  Über  dem  Ufergelände  des
Bielersees  breitet  sich  zwischen  dem  Chasseral  1610  in
und  einer  vorgelagerten  Seekette  die  versumpfte  Talmulde ­
  des  Tessenbergs  mit  den  Randdörfern  Di  esse,
Nods  und  dem  nenenbnrgischen  Lignieres  aus.  Der
        <pb n="208" />
        201

wegen  seiner  umfassenden  Rundsicht  viel  besuchte  Chasseral
steigt  mit  weideubedecktem  Grat  über  den  Waldgürtel  der
Tiefe  hinaus;  im  Westen  gabelt  er  sich  in  die  beiden
das  Val  de  Ruz  umfassenden  Ketten  des  Chaumont  und
der  Tßte  de  Ran.  Hinter  dem  Chasseral  bildet  das
von  der  Schüß  durchflossene  St.  Jmmertal  mit  den
Orten  Courtelary,  St.  Immer  (St.  Inner)  St.Jmmertai
mit  7400  Einwohnern  und  Sonvilier  einen  bequem
ansteigenden  Zugang  zur  Hochfläche  von  La  Chaux-de-Fonds.
  Über  der  nördlichen  Talwand  von  St.  Immer
entwickelt  sich  der  Sonnenberg  zu  einem  bekannten
Winter-  und  Sommerkurort.  Er  liegt  am  Rand  der
rund  1000  rn  hohen,  Industrie,  Ackerbau  und  Pferdezucht ­
  treibenden  Plateaufläche  der  Freiberge  (Franches  Fr-w-rge
Montagnes);  ihre  Dörfer  stehen  in  engen  Beziehungen
zum  neuenburgischen  Uhrenmarkt  von  La  Chaux-de-Fonds;
die  bedeutendsten  sind  Saignelegier  und  Noirmont.
Auf  den  schwachwelligen  Höhen  steht  der  Wald  häufig
so  licht,  daß  er  eher  den  Eindruck  einer  tannendurchsetzten
Weide  hervorruft.  Das  Plateau  fällt  im  Nordwesten
schroff  zum  Grenzfluß  Doubs  ab,  der  mit  schluchtartigem,
tiefem  Tal  eine  lange  Schleife  in  den  Berner  Jura
hineinzieht  und  auf  seiner  ganzen  Linie  ein  schwer  zu
überwindendes  Hindernis  bildet.
Von  der  Klus  von  Reuchenette  herkommend,
gewinnen  Straße  und  Bahn  bei  Sonceboz  über  die
schon  von  den  Römern  benutzte  Einsattelung  der  Pierre
Pertuis  in  der  Montozkette  das  obere  Birstal.  Die
Birs  leitet  in  zickzackförmigem  Lauf  durch  Längstalstrecken  MrStai
und  zahlreiche  Klüsen  die  Verkehrswege  von  Biel  quer
durch  den  Jura  nach  Basel.  Sie  tritt  am  Fuß  der
Pierre  Pertuis  als  Stromquelle  hervor,  durcheilt  mit
einem  Zufluß  von  Tramelan  her  die  lange  Talmulde
von  Tavannes  und  bricht  bei  Court  in  der  gleichnamigen ­
  Klus  durch  den  Mt.  Graitery  zum  Längstal
von  Münster  (Montier)  hinaus.  In  diesem  Industriedorf
  mündet  die  Weißensteinbahn  in  die  Linie  Biel-
        <pb n="209" />
        202

Pruntrut

Landschaften

Basel.  Die  Birs  quert  die  Talmulde  und  zwängt  sich
durch  die  prächtige  Klusenreihe  im  Mt.  Raimeup  zwischen
Münster  und  Courrendlin.  Kurz  vor  dem  Ausgang
der  Schlucht  steht  bei  Choindez  der  einzige  Hochofen
der  Schweiz  mit  großer  Gießerei.  Ein  Teil  des  verarbeiteten ­
  Bohnerzes  stammt  aus  der  5  km  breiten  Talebene ­
  von  Delsberg  (D  e  l  e  m  o  n  t).  Der  gewerbreiche
Hauptort,  6100  Einwohner,  vereinigt  die  Bahnlinie  aus
dem  oberen  Birstal  mit  der  Linie  von  Paris  her,  die
über  Pruntrut  nach  Basel  zieht.  Verstärkt  durch  die
Sorne,  windet  sich  die  Birs  unterhalb  Delsberg  schräg
durch  die  nördlichsten,  niedrigen  Juraketten  am  deutschsprachigen ­
  Städtchen  Laufen  und  an  Grellingen
vorüber  zum  Rhein  hinaus.  Zahlreiche  Fabriken  der
Zementindustrie  verleihen  auf  dieser  Strecke  dem.  Fluß
den  Charakter  eines  Fabrikkanals.  Die  Straßen  aus
der  Delsbergermulde  treten  an  dem  wichtigen  Übergang
Les  Rangiers  zusammen,  der  die  Verbindung  mit  Pruntrut ­
  und  dem  Flachland  der  burgnndischen  Pforte  herstellt. ­
  Die  Bahn  berührt  im  Sornetal  Bonconrt
und  Glovelier,  durchtunnelt  bei  St.  Ursänne  die
Mont  Terri-Kette  und  gelangt  durch  das  Tal  der  Allaine
  zur  französischen  Grenzstadt  Delle.  Pruntrut
(Porr  ent  ruh),  6600  Einwohner,  nimmt  die  Mitte
der  Landschaft  Ajoie  ein.  Der  Töpferort  Bonfol  nahe
der  Grenze  liefert  das  feuerfeste  Pruntrutergeschirr.

Uerrerrvrrvg.
Die  Ketten  und  Plateauflächen  des  Berner  Jura
finden  nach  Südwesten  ihre  natürliche  Fortsetzung  tut
Kanton  Neuenburg.  Es  ist  das  Gebiet  zwischen  dem
Neuenburgersee  und  dem  Grenzfluß  Doubs,  das  im
wesentlichen  vier  gut  gesonderte  Landschaften  umfaßt:
Das  Hochland  von  La  Chaux-de-Fonds;  das  Traverstal;
das  Val  de  Ruz;  das  Ufergelände  über  dem  See  am
        <pb n="210" />
        203

Südostabfall  des  Jura,  nach  seinen  Weinbergen  „Le
Vignoble"  genannt.
Das  Neuenburger  Hochland  zeigt,  ähnlich  dein
Plateau  der  bernischen  Freiberge,  einen  Wechsel  von
schwachwelligen  Höhen  und  breiten  Mulden,  die  zum  Teil
von  Torfmooren  erfüllt  sind.  Die  trockenen  Juramatten
sind  vielfach  unterbrochen  durch  einzelne  Exemplare  oder
durch  parkartige  Gruppen  prächtiger  Wettertannen,  zwischen
denen  die  Herdentiere  der  Weide  nachgehen.  Infolge  der
Meereshöhe  von  durchschnittlich  über  1000  m  hat  das
Bergland  ein  rauhes  Klima,  gekennzeichnet  durch  lang
dauernde,  schneereiche  und  kalte  Winter.  Da  überdies
der  Kalkboden  den  Ackerbau  wenig  begünstigt,  so  vermöchte ­
  er  nur  eine  wenig  zahlreiche  und  ärmliche  Hirtenbevölkerung ­
  zu  erhalten,  wenn  nicht  die  Uhrenindustrie
dem  Lande  eine  ansehnliche  Volksdichte  und  einen  blühenden ­
  Wohlstand  gesichert  hätte.  Das  breite,  niedrige
Jurahaus  der  Sennberge  tritt  nun  ganz  in  den  Hintergrund ­
  gegenüber  dem  stattlichen  Wohnhaus  der  Industrieorte,
  das  als  hoher  Bau  durch  große  und  zahlreiche
Fensterflächen  für  die  feine  und  kunstvolle  Arbeit  der
Uhrenmacherei  das  Tageslicht  auszunützen  sucht.  La
Chaux-de-Fonds,376OO  Einwohner,  ist  der  Mittelpunkt ­
  des  neuenbnrgischen  Industriegebietes  und  zugleich
der  größte  Uhrenmarkt  der  Welt;  sein  Uhrenexport  beläuft ­
  sich  auf  rund  90  Millionen  Franken,  d.  h.  mehr
als  die  Hälfte  der  schweizerischen  Gesamtansfuhr.  Die
Stadt  erinnert  mit  den  parallel  verlaufenden,  eintönigen
Straßenzügen  und  der  schachbrettartigen  Anlage  der
Häusermassen  an  nordamerikanische  Städtebilder.  In
der  gleichen  Mulde,  aber  tiefer  gelegen,  ist  Le  Locle
mit  12700  Einwohnern  ein  zweites  Industriezentrum,
zugleich  wichtiges  Eingangstor  an  einer  Bahn  von  Frankreich ­
  her.  An  der  Grenze  erweitert  sich  der  Doubs  zum
schmalen,  felsumschlossenen  Lac  des  Brenets;  der  Abfluß
speist  den  29  in  hohen  Saut  du  Doubs  und  bildet  dann
in  nordöstlichem  Lauf  vorerst  in  einer  halbkreisförmigen

Charakter
des
Hochlandes

Orte
        <pb n="211" />
        204

Traverstal

Schlucht  und  weiterhin  in  einem  tiefen,  waldigen  Tal
die  Landesgrenze.  Über  dem  gleichnamigen  See  steht
das  Dorf  Les  Brenets.  Am  Nordsuß  der  mit  einer
weidenbedeckten  Kuppe  aus  den  Fichtenwaldungen  aufsteigenden ­
  Tete  de  Ran  1425  iu  zieht  sich  die  kahle
Talmulde  von  La  Sagne  und  Les  Ponts  hin,  auf
weite  Flächen  ein  eintöniges,  düsteres  Torfmoor,  das
die  Städte  des  Berglandes  mit  Brennmaterial  versorgt.
Das  Talflüßchen  verliert  sich  durch  die  zerklüftete  Kalkunterlage ­
  des  Sumpfbodens.  Im  entlegenen  südwestlichen ­
  Teil  der  Neuenburger  „Montagnes"  darf  La
Brevine  mit  seiner  eisigen  Winterkälte  als  das  neuenbnrgische
  Sibirien  gelten.
Das  Traverstal  liegt  hinter  der  breiten,  stellenweise ­
  plateauflächigen  Kette  des  Creux  du  Ban  1465  m
und  dem  schroffer  geformten  Chasseron  1611  m.  Gegenüber ­
  den  geräumigen  Mulden  anderer  Längstäler,  wie
z.  B.  des  St.  Jmmertales,  erscheint  es  eng;  stellenweise ­
  wird  es  von  kühn  aufragenden  Kalkwänden  eingerahmt. ­
  Als  starke  Stromquelle  tritt  die  Areuse  in  der
Klus  von  St.  Sulpice  zu  Tage;  am  untern  Ende
des  Tales  durchbricht  sie  in  schrägem  Schnitt  die  vorgelagerte ­
  Kette  und  erreicht  mit  starkem  Fall  den  Neuenburgersee. ­
  Dieses  Quertal  ist  bekannt  als  die  Gorge
de  lÄreuse.  Ihren  Felswänden  entlang  gewinnt  die  Bahn
von  Nenenburg  die  hochgelegene  Sohle  des  Traverstales
und  leitet  durch  das  Trockental  von  Verlier  es  auf  französischen ­
  Boden  über.  Den  mittlern  Teil  des  Val  de  Travers
halten  eine  Reihe  von  Uhrenmacherdörfern  besetzt,  deren
größtes,  Flenrier,  in  einer  Talgabel  am  Fuße  der
Bergstraße  von  Ste.  Croix  liegt.  Talanswärts  folgen
Motiers,  Couvet  und  Travers,  wo  neben  der
Uhrenindustrie  die  Herstellung  von  Uhrmacherwerkzeug
und  die  Ausbeutung  der  Asphaltminen  Verdienst  bringen.
Roiraigue  (—  schwarzes  Wasser)  am  Beginn  der
Gorge  de  l'Areuse  trägt  seinen  Namen  von  dem  Wasser,
das  unterirdisch  aus  dem  Moorboden  des  Hochtales  von
        <pb n="212" />
        205

Les  Ponts  abfließt  und  mit  schwärzlicher  Schlammbeimischung ­
  als  mächtige  Stromquelle  aus  der  Seitenwand ­
  des  Val  de  Travers  hervorbricht.
Zwischen  dem  Bergland  von  La  Chaux-de-Fonds
und  dein  See  treten  die  Ketten  der  Tete  de  Ran-Mt.
d'Amin  und  des  Chaumont  auseinander  und  umrahmen
die  längliche  Mulde  des  Val  de  Ruz.  Hier  trägt  der
Kalkuntergrund  einen  Sandsteinmantel,  überlagert  von
mächtiger  Grundmoränendecke,  die  von  einem  über  die
tiefste  Einsattelung  des  Chaumont  eingedrungenen  Arm
des  Rhonegletschers  herrührt.  Dank  dieser  natürlichen
Ausstattung  ist  das  Val  de  Ruz,  ein  seltenes  Bild,  zur
iuselartigen  Fläche  einträglichen  Ackerbaues  mit  reichen
Kornfeldern  inmitten  der  weiden-  und  waldbedeckten
Kalklandschaft  des  Jura  geworden.  Der  Talfluß  bahnt
sich  in  den  nach  ihm  benannten  Gorges  du  Schon  in
starkem  Fall  durch  das  wohlerhaltene  flache  Gewölbe
des  Chaumont  den  Ausgang  zum  See;  ein  zweites,
unterirdisches  Flüßchen  entströmt  den  Kalkwänden  bei
Serrieres  und  erreicht  den  See  durch  einen  tiefen  Einschnitt. ­
  Am  obern  Ende  der  Klus  des  Seyon  beherrscht
das  Städtchen  Val  eng  in  mit  dem  geschichtlich  berühmten ­
  Schloß  den  Zugang  zum  dörfer-  und  volksreichen
Tal.  Fontaines  nimmt  die  Mitte  des  Flachbodens
ein.  Der  sonnigen  Halde  folgen  eine  Reihe  durch  Uhrenindustrie ­
  und  Landwirtschaft  blühende  Ortschaften,  darunter ­
  Cernier,  der  Hauptort  der  Talschaft,  und
Dombresson.  Das  Val  de  Ruz  leitet  die  Straße
von  Neuenburg  über  die  Einsattelung  der  „Vue  des
Alpes",  die  Eisenbahn  durch  den  Tunnel  von  Les  Loges
nach  Chaux-de-Fonds  hinauf.
Im  sonnendurchglühten  Rebgelände  am  Seeufer
ist  die  Hauptstadt  Neuenburg,  23500  Einwohner,
terrassenartig  an  die  Halden  des  bewaldeten  Chaumont
hinaufgebaut.  Enge,  alte  Quartiere  umlagern  einen
weitschauenden,  schloß-  und  kirchengekrönten  Felsrücken,
von  dem  der  Blick  die  prächtigen  Bauten  am  Quai

Val  de  R»z

Vignoble
        <pb n="213" />
        206

und  den  Kranz  von  Villen  in  den  Rebbergen  ob  der
Stadt  umfaßt.  Wenn  Nenenburg  auch  vom  großen
Strom  der  Vergnügungsreisenden  wenig  berührt  wird,
so  nützt  es  dafür  in  einer  besondern  Art  der  Fremdenindustrie ­
  die  französische  Sprache  aus.  Jahr  für  Jahr
werden  seine  Schulen  und  „Welschland"-Jnstitute  von
Scharen  junger  Leute  aus  dem  deutschen  Sprachgebiet,
vorab  aus  der  deutschen  Schweiz,  besucht;  die  Akademie
ist  neuerdings  zur  Universität  erweitert  worden.  Die
Welschlandgängerei  der  deulschschweizerischen  Jugend
kommt  ebenfalls  den  Weinbaudörfern  am  See,  in  geringerem ­
  Maße  den  höheren  Landschaften  zugute.  Seeaufwärts
  benützt  das  industrielle  Serrieres,  mit
bekannter  Schokoladefabrik,  die  Stromquelle  eines  unterirdischen ­
  Abflusses  aus  dem  Val  de  Ruz.  Den  Schluchtausgang ­
  des  Traverstales  umgeben  Colombier,  das
weiuberühmte  Cortaillod,  Bevaix  und  das  Städtchen ­
  Boudry;  an  den  Uferhalden  des  Creux  du  Vau
und  des  Mt.  Ändert  liegt  St.  Aubin.  Am  untern
See-Ende  sammelt  St.  Blaise  die  Verkehrswege,  die
vom  Bielersee  her  und  durch  die  Landenge  zwischen
Bieter-  und  Neuenburgersee  am  Jolimont  vorüber  nach
Neuenburg  ziehen.  Nahe  bei  St.  Blaise  beutet  Hauterive
  den  gelben  Kalkstein  aus,  den  die  öffentlichen
Zihlebene  Gebäude  der  Hauptstadt  zur  Schau  tragen.  Nahe  dem
Bielersee  steht  in  der  eintönigen  Ebene  des  Zihlkanals
das  altertümliche,  katholische  Städtchen  Landeron,
dessen  Kern  mit  einer  Doppelreihe  von  Häusern  zwischen
zwei  Toren  eine  kurze  Gasse  umschließt.  Die  Weinbaudörfer ­
  Cornaux  und  Cressier  breiten  sich  am  Rand
der  Zihlebene  aus.  Hoch  über  dem  obern  Ende  des
Bielersees  liegt  Li  girieres  am  Rande  der  schon  früher
erwähnten  Hochtalmulde  am  Südabhaug  des  Chasseral.
Bevölkerung  Der  Kanton  Neuenburg  zählt  1331OO  Einwohner,
weit  überwiegend  protestantischer  Konfession.  Während
die  einheimische,  französisch  sprechende  Bevölkerung  mit
Vorliebe  die  stattlichen  Jndustrieorte  und  die  Weinbau-
        <pb n="214" />
        207

dörfer  am  See  bewohnt,  leben  die  zugewanderten  Deutschberner, ­
  wie  im  Berner  Jura,  in  Dörfern  und  vereinzelten ­
  Höfen  des  Berglandes  der  Weidewirtschaft  und  Viehhaltung ­
  und  dem  wenig  einträglichen  Ackerbau.
Fveivurig.
Das  Gebiet  des  Kantons  Freiburg  umfaßt  eine  sage
breite  Zone  von  den  zu  äußerst  im  Südwesten  gelegenen
Voralpeuketten  über  das  westschweizerische  Mittelland
zum  Murten-  und  Neuenburgersee.  Drei  abgesonderte
Gebietsteile  sind  vom  Waadtland  umschlossen,  der  größte
als  ausgedehntes  Ufergelände  am  Neuenburgersee  mit
Estavayer  als  Mittelpunkt.  Die  Saaue  (französisch  ®nb'elnuf
Sarine)  hat  als  Landesfluß  für  Freiburg  eine  ähnliche
Bedeutung  wie  die  Aare  für  Bern  und  den  Aargau,
die  Rhone  für  das  Wallis  usw.  Ihr  Tal  durchfurcht
als  scharf  ausgeprägte  Mittellinie  das  Land  in  seiner
südnördlich  gerichteten  Längsausdehnung.  Vom  waadtländischen ­
  Paps  d'en  Haut  her  biegt  der  Fluß,  im  rechten ­
  Winkel  zur  freiburgischen  Talschaft  von  Greyerz  ab,
in  deren  unterem  Teil  ihm  von  rechts  der  Jaunbach
zufließt.  Unterhalb  des  Beckens  von  Bulle  durchzieht
die  Saane  das  Mittelland  in  zahlreichen  Schlingen  und
mündet  auf  bernischem  Gebiet  beiWilervltigen,  zur  Regenzeit ­
  ein  trübes,  reißendes  Hochwasser,  in  die  Aare.  Oberhalb ­
  Freiburg  nimmt  sie  von  links  die  Glane,  talabwärts
die  Sense  auf,  die  auf  lange  Strecke  die  Grenze  bildet.
Das  Gefälle  der  Saane  wird  an  verschiedenen  Stellen
durch  Kraftwerke  ausgebeutet,  deren  bedeutendste  bei  Montbovon
  und  bei  Tusy-Hanterive  liegen.
Die  Talschaft  von  Gruyeres  oder  Greyerz  ist  Greyerz
als  prächtig  grünes  Wiesen-  und  Weideland  zwischen
den  Voralpengipfeln  des  Moleson  2005  in,  der  Denk
de  Lys  2015  m,  des  Vanil  Noir  2386  in  und  der
Dent  de  Brenleire  2356  nr  eingebettet;  die  wald-  und
weidenbedeckten  Höhen  des  Moleson  werden  der  weiten
        <pb n="215" />
        208

Erwerb  und
Orte

Wcstschwetzerisches

Mittelland

Rundsicht  wegen  häufig  besucht.  Die  Matten  ernähren
ansehnliche  Herden  des  schwarz-weiß  gescheckten,  in  der
Westschweiz  stark  verbreiteten  Freiburger  Rindviehs.
Der  Milchreichtum  der  Talschaft  findet  Absatz  in
den  zahlreichen  Käsereien,  die  den  berühmten  Greyerzer
Käse  herstellen,  sowie  neuerdings  auch  in  der  großen
Milchschokolade-Fabrik  in  Broc.  Die  altertümlichen
Städtchen  Greyerz,  auf  einem  Felssporn  im  Talgrund ­
  gebaut,  und  Bulle,  der  Sammelpunkt  von
Straßen  aus  allen  Richtungen,  sind  die  Viehmärkte  des
Landes.  Als  Nebenverdienst  zur  Viehzucht  ist  im  Greyerz
und  in  den  andern  Tälern  des  südlichen  Kantonsteils
die  Strohflechterei  verbreitet,  der  die  Landwirtschaft  des
Alpenvorlandes  durch  den  Anbau  von  Roggen  das  Flechtmaterial ­
  verschafft.
Bei  Broc  öffnet  sich  von  rechts  das  Jauntal,  von
einer  Hirtenbevölkerung  bewohnt,  die  eine  einfache  Lebensweise ­
  und  die  altvererbten  Sitten  und  Bräuche  treu  bis
auf  die  Gegenwart  bewahrt  hat.  Im  Talhiutergrund
steht  Jaun  durch  eine  Bergstraße  in  Verbindung  mit
dem  Simmental;  Charmey  ist  ein  besuchter  Luftkurort.
In  Bulle  vereinigen  sich  die  Bahnlinien  von  Vevey
und  von  Romont  her  und  finden  über  Greyerz  talaufwärts ­
  in  Montbovon  Anschluß  an  die  Montreux-Berneroberland-Bahn.

Der  inittlere  und  nördliche  Teil  des  Kantons  Freiburg ­
  gehört  zum  schweizerischen  Mittelland  zwischen
Genfersee  und  Aare.  Seine  flachwelligen  Hügel  überragen ­
  meist  nur  unbedeutend  eine  weite  Hochebene.  Die
parallel  nach  Nordosten  ziehenden  Rücken  treten  am
Alpenrand  in  der  gefalteten  Molasse  stärker  hervor;
gegen  die  Juraseen  hin  verflacht  sich  die  Landschaft.
Überdies  besteht,  durch  den  Lauf  der  Gewässer  gekennzeichnet, ­
  eine  Neigung  des  Bodens  nach  Nordosten.  Die
ausgedehnte  Hochfläche,  mit  dem  einheimischen  Namen
als  „plateau  suisse“  bezeichnet,  liegt  durchweg  einige
hundert  Meter  höher  als  die  Talsohlen  des  ostschweize-
        <pb n="216" />
        209

rischen,  von  steiler  geböschten  Höhenzügen  gequerten  Mittellandes. ­
  Die  Saane  durchfließt  das  Molasseland  mit
vielen  Schlingen  in  tief  eingeschnittenem,  schluchtartigem
Waldtal,  an  dem  die  Plateaufläche  mit  Sandsteinwänden
jäh  abbricht.  Ein  ganz  ähnliches  Bild,  wenn  auch  ohne
die  weit  ausholenden  Schlingen,  zeigt  der  Lauf  der
Sense,  und  selbst  die  kleineren  Seitenbäche  der  Saane
und  Sense  streben  in  schwer  zugänglichen  Waldschluchten
dem  Hauptfluß  zu.  Die  von  hohen  Steilwänden  umschlossenen ­
  Talrinnen  hemmen  den  Verkehr,  vorab  in
der  Weftostrichtung;  hier  stockte  die  hin  und  her  flutende
Bewegung  der  Landesbewohner  zu  beiden  Seiten  der
Saanelinie.  In  dieser  verkehrsfeindlichen  Grenzzone
verläuft  denn  heute  auch  die  Sprachgrenze.  Dem  neuzeitlichen ­
  Verkehr  genügen  die  tief  unten  liegenden  Übergänge ­
  mit  den  mühsam  die  Höhe  erklimmenden  Wegen
nicht  mehr;  er  zieht  auf  einigen  kühn  gebauten  Hochbrücken ­
  über  das  Hindernis  hinweg.
Auf  dem  Sandsteinkopf  einer  Saaueschlinge  erhebt
sich,  in  ähnlicher  Lage  wie  Bern,  die  Hauptstadt  Freiburg,
  20300  Einwohner.  Die  altersgrauen  Häusermassen, ­
  aus  welchen  mittelalterliche  Festungsmauern  und
-türme  sich  abheben,  steigen  vom  Saaneufer  neben  schroff
abbrechenden  Felswänden  au  steilen  und  engen  Gassen
zu  den  Stadtteilen  des  Plateaus  hinauf,  über  die  der
stumpfe  Turm  des  Münsters  hinausragt.  Über  die
Saaneschlucht  gespannte  Drahtseile  tragen  die  berühmten
Hängebrücken;  die  Bahnlinie  Bern-Lausanne  quert  das
Tal  auf  der  mächtigen  Grandfey-Brücke  im  Norden  der
Stadt.  Freiburg  besitzt  eine  katholische  Universität.
An  der  Haupteiseubahnlinie,  die  das  Land  in
südwestlicher  Richtung  durchzieht,  liegt  das  Städtchen
Romont;  sein  altertümliches  Schloß  überschaut  von
hohem  Felsrücken  weithin  das  flache  Glanetal.  Am
Mittellauf  der  Broye  ist  Surpierre  mit  Umgebung
als  losgetrennter  Gebietsteil  rings  vom  Waadtland  umschlossen. ­
  Hoch  über  dem  Tal  der  oberen  Broye  steht
Flückiger,  Schweiz  14

Grenzzone
des  Saanegebieres


Freiburg

Südwestlicher
Kantonsreil
        <pb n="217" />
        210

Saanebezirk

Seebezirk

das  kleine  Schloßstädtchen  Rue.  Der  südwestliche  Teil
Freiburgs  wird  bereits  durch  die  Veveyse  zum  Genfersee
  entwässert;  Mittelpunkt  ist  hier  Chatel  St.  Denis,
das  den  Verkehr  vom  Genfersee  und  vom  obern  Broyetal
  über  Semsales  ins  Greyerzerland  hinaufleitet.
Im  weiten  Umkreis  um  die  Saanetalfurche  ist  das
Land  reich  an  Waldungen,  die  zumeist  die  flachwelligen
Höhen  verkleiden.  Die  mit  Gletscherschutt  bedeckten  fruchtbaren ­
  Mulden  dienen  vorwiegend  als  Wiesland  der
Viehhaltung  und  Milchproduktion.  Im  Bauernland  des
Saanebezirkes  lehnt  sich  das  Dorf  F  a  r  v  a  g  n  y  an  die
Nordhalde  des  Mt.  Gibloup,  dessen  dunkle,  waldverhüllte
Molassehöhe  mit  1212  m  weit  über  die  niedrigen  Bodenwellen ­
  des  Vorlandes  aufsteigt.  An  der  Bahnlinie  westlich ­
  der  Hauptstadt  liegt  Matran,  östlich  von  der
Saane  Marly  und  La  Roche  am  Fuß  des  äußersten
Voralpengipfels  La  Berra  1723  in.  In  entlegener  Berglandschaft ­
  über  der  Sense  gelangt  man  vom  Dorf  Plaffeien
  zum  Schwarzsee  hinauf.  Düdingen  an  der
Linie  Bern-Freiburg  macht  sich  den  Milchreichtum  des
Landes  in  einer  bedeutenden  Milchsiederei  zu  nutze;  südlich ­
  von  Düdingen  liegt  Täfers.  Freiburg  entsendet
quer  zur  Hauptrichtung  eine  Eisenbahnlinie  über  Belfaux
  und  das  waadtländische  Payerne  zu  dem  am
Neuenburgersee  gelagerten  Städtchen  Estavayer  und
zur  Hauptlinie  am  Jurafuß  bei  Iverdon.
In  der  Umgebung  des  Murtensees  und  weit  ins
Broyetal  hinauf  wird  in  den  mildesten  Lagen  und  auf
gutem  Boden  Tabak  angebaut;  die  Blätter  hangen  im
Herbst  dicht  gereiht  unter  dem  vorspringenden  Dach  der
Bauernhäuser  zum  Ausdörren.  Die  Sonnhalde  des  Mt.
Bully  (Wistenlach)  zwischen  Neuenburger-  und  Murtensee ­
  ist  ein  durch  gute  Erträge  ausgezeichnetes  Rebgelände;
im  weiten  Umkreis  um  den  steil  zum  Broyekanal  und
zum  Großen  Moos  abbrechenden,  plateauartigen  Molasserücken ­
  breiten  sich  die  Gemüsefelder  aus,  deren  Erzeugnisse ­
  in  den  volksreichen  Städten  der  Westschweiz  auf  den
        <pb n="218" />
        211

Markt  kommen.  Am  Südufer  des  Murtensees  ist  das
mit  Laubengängen  und  guterhaltenen  Ringmauern  gezierte ­
  Städtchen  Murten  der  Mittelpunkt  des  Seebezirkes ­
  und  Kreuzungsstelle  der  Broyetalbahn  und  der
elektrisch  betriebenen  Linie  Freiburg-Murten-Jns.  Weiterhin ­
  berührt  die  Broyetalbahn  das  Bauerndorf  Kerzers
am  Rande  des  Großen  Mooses.
Die  139  700  Einwohner  des  Kantons  Freiburg
sprechen  zu  mehr  als  zwei  Dritteln  französisch  und  bekennen ­
  sich,  mit  Ausnahme  des  protestantischen  Murtenbietes,
  zur  katholischen  Kirche.
Ulcradt.
Ähnlich  dem  Kanton  Bern  wiederholt  das  Waadtland ­
  im  kleinern  Maßstab  den  Aufbau  der  Schweiz.
Bon  den  Diablerets  in  der  Hauptkette  der  Nordalpen
reicht  es  über  die  Voralpen  zum  Mittelland  hinaus,
das  in  langgestrecktem  Ufersaum  im  Süden  zum  Becken
des  Genfersces  abfällt,  und  umfaßt  weiterhin  die  höchsten ­
  Ketten  im  südwestlichen  Abschnitt  des  Schweizer
Jura.
Über  dem  Südostabfall  des  Waadtländer  Jura
erheben  sich  als  schwach  anschwellende  Kuppen  die
Dole  1678  m,  die  wegen  ihrer  weiten  Rundsicht
viel  bestiegen  wird,  der  Noirmont  1560  in  und  der
Mt.  Tendre,  mit  1680  in  der  höchste  Punkt  des  Schweizer
Jura.  Hinter  dieser  vordersten  Kette  liegt  in  rund  1000  in
Meereshöhe  das  Längstal  der  Orbe,  die  Vallee  de  Joux,
nach  Nordwesten  abgeschlossen  durch  die  mit  prachtvollen
Waldungen  besetzte  Grenzkette  des  Mt.  Nisoux  1423  m.
Das  Hochtal  birgt  in  seinem  untern  Ende  den  Jouxsee,
dessen  Wasser  durch  Schlundlöcher  im  zerklüfteten  Kalkstein ­
  verschwindet  und  jenseits  des  unten  abgeriegelten
Tales  hinter  Ballorbe  als  mächtige  Stromquelle  wieder
zutage  tritt.  Das  rauhe,  durch  lange  und  strenge  Winterausgezeichnete
  Jouxtal  ist  mit  volksreichen  Dörfern  ein

Bo»

Landschaften

Waadttänder
Jura

Orte  und
Erwerb
        <pb n="219" />
        212

Mittelland

Erwerb

Hauptgebiet  der  Uhrenindustrie;  hier  entstehen  jene  komplizierten, ­
  mit  äußerster  Genauigkeit  gearbeiteten  Chronometer,
  die  entweder  für  Genfer  Firmen  hergestellt  werden ­
  oder  direkt  den  Weg  ins  Ausland  finden;  den  See
umschließen  die  Orte  Le  Pont,  Le  Lien  und  Le
Sentier.  Jenseits  der  Dent  de  Vauliou  nützt  Vallorbe,
  das  in  der  Fabrikation  von  Feilen  einen  besonderen ­
  Zweig  der  Metallindustrie  pflegt,  die  Wasserkraft ­
  der  Orbe  aus.  Es  beherrscht  einen  Querdurchbruch
des  Jura,  durch  den  die  Eisenbahnlinie  von  Paris  nach
Lausanne  und  zum  Simplon  zieht.  Bei  der  hohen  Lage
des  Überganges  kommen  im  Winter  durch  die  bedeutenden ­
  Schneemassen  recht  häufig  Verkehrsstockungen  vor.
In  einer  Hochtalmulde  am  Chasseron  über  dem  obern
Ende  des  Neuenburgersees  ist  Ste.  Croix  der  Mittelpunkt ­
  einer  Gruppe  von  Dörfern,  die  sich  außer  der
Uhrcnmacherei  hauptsächlich  mit  der  Fabrikation  von
Musikdosen  und  neuerdings  der  Phonographen  befassen.
Das  waadtländische  Mittelland  umfaßt  das  flachhügelige
  Plateau  der  Westschweiz  im  Winkel  zwischen
Jura  und  Genfersee.  Von  den  Jurarandseen  steigt  es
südwestwärts  allmählich  zu  den  wasserscheidenden  Höhen
an,  die  sich  mit  einem  Steilabfall  von  einigen  hundert
Metern  zum  Spiegel  des  Genfersees  in  nur  375  m
Meereshöhe  senken.  Hier  erhebt  sich  hart  über  dem
See  der  an  ausgedehnten  Forsten  reiche  Jorat  (von  gor,
S.  23)  zu  928  m,  Seine  Ausläufer  erstrecken  sich
dem  Südufer  des  Neuenburgersees  entlang  zum  Tafelberg ­
  des  Bully  und  trennen  die  nordostwärts  ziehende
Hauptfurche  Orbe-Thiele  (Zihl)  -  Neuenburgersee  vom
Broyetal.  Zum  Genfersee  steigen  zahlreiche  Bäche  in
kurzen,  steilen  Tälern  hinab.  Das  waadtländische  Mittelland ­
  ist  ein  Gebiet  hochentwickelten  Ackerbaues,  der  im
Erwerb  der  Bevölkerung  an  erster  Stelle  steht.  Im
besondern  bringt  der  westliche  Teil,  das  „Gros  de  Vaud",
als  Trockengebiet  im  Regenschatteu  des  Jura  gegenüber
dem  alles  beherrschenden  Wiesenbau  der  höhern  und
        <pb n="220" />
        213

feuchtem  Lagen  des  Mittellandes  noch  heute  reiche  Ernten
an  Getreide  hervor.  Am  Neuenburgersee  und  im  Orbetal.
  sowie  an  geschützten  Stellen  überall  im  Hügelland
wird  Wein  gebaut;  vor  allem  aber  ist  das  Nordufer
des  Genfersees  ein  einziger  riesiger  Weinbezirk.  Die
Tabakfelder  des  Broyetales  liefern  den  Zigarren-  und
Tabakfabriken  von  Grandson,  Uoerdorr,  Payerne  und
Vevey  einen  Teil  des  Rohmaterials.
Die  Broye  wurzelt  mit  malerischen  Waldtälchen  in
der  'Nordflanke  des  Jorat.  Die  Quellbäche  treten  bei
Mondon  zusammen;  in  immer  breiter  und  flacher
werdendem,  gefällsarmem  Tal  strebt  der  Fluß  dem
Murtensee  zu;  er  berührt  weiterhin  Lucens  und  Payerne, ­
  das  als  Eisenbahnknoten  und  durch  die  Tabakindustrie ­
  den  gewerbsamen  Mittelpunkt  des  Broyetales
bildet;  seine  Milcheindampfungsfabrik  bezieht  die  Milch
aus  der  ganzen  Talschafc  und  aus  weiterem  Umkreis.
Unfern  des  Murlensees  steht  Aveuches  auf  den  Trümmern ­
  der  römisch-helvetischen  Stadt  Aventicum;  sie  lag
au  der  noch  heute  streckenweise  erhaltenen  und  benutzten
Militärstraße,  die  vom  Großen  St.  Bernhard  her  über
Vevey,  das  Broyetal,  Solothurn  und  den  obern  Hauenstein
  zur  Rheinebeue  hinunterführle.  Gegenüber  der
Stadt  Neueuburg  besitzt  die  Waadt  den  Uferort  Cudre  -
sin.  Die  Broyetalbahn  und  die  Linie  Freiburg-Lausanne
treffen  bei  Palezieux  zusammen;  in  ihrem  Winkel
liegt  Oron-la-Ville.  An  der  bewaldeten  Nagelfluhkuppe ­
  des  Mont  Pelerin  entlang  zieht  die  Bahn  zum
Tunnel  von  Chexbres,  an  dessen  Südansgang  sich
dem  überraschten  Blick  das  wunderbare,  reiche  Bild  des
ganzen  Genferseebeckens  erschließt.  Die  Jurafnßliuie  erreicht ­
  Lausanne  über  die  alten  Städtchen  Grandson
und  Iverdorr  am  Neuenburgersee.  In  reizloser  Lage
am  Ende  des  versumpften  Tales  der  Orbe-  Thiele  ist
Iverdon  mit  8600  Einwohnern  an  der  Vereiniguugsstelle
  wichtiger  Verkehrswege  als  Industrie-  und  Badeort ­
  der  Mittelpunkt  des  nördlichen  Kauionsteils;  durch

Broyetal

Gros  de
Vaud
        <pb n="221" />
        214

Genfersee

eine  Bergbahn  steht  es  mit  Ste.  Croix  in  Verbindung.
Die  Orbe  tritt  bei  dem  Städtchen  Orbe  aus  dem
Jura  in  die  sumpfige  Ebene  hinaus;  hier  nimmt  sie
von  rechts  den  Talent  auf;  dieser  entsendet  den  zur
Schiffahrt  allerdings  untauglichen  Verbindungskanal  von
Entreroches  über  die  Rhein-Rhone-Wasserscheide  zur
Venoge,  die  südwärts  dem  Genfersee  zufließt.  Dieeuropäische
Wasserscheide  wird  bei  La  Sarraz  durch  einen  vom  Jura
abgeirrten  Kalksporn  gebildet,  den  die  Linie  Averdon-Lausanne
  in  einem  Tunnel  unterfährt.  Weiterhin  liegen
hoch  über  der  Venoge  und  der  Bahn  die  Städtchen
Cossonay  und  Vuff  lens.  Das  vom  Jorat  zum
Neuenburgersee  hinunterziehende  Tal  der  Mentue  wird
von  Lausanne  über  Echallens  durch  eine  Nebenbahn
erschlossen.
Die  Plateauflächen  des  in  runder  Zahl  700  m
hohen  westschweizerischen  Mittellandes  senken  sich  in
langem,  durch  die  Tälchen  der  Seiteubäche  nur  wenig
gegliedertem  Steilabfall  zum  Genfersee.  Die  80  km
lange  Wasserfläche  dringt  mit  ihrem  obern  Ende  in  Me
schroff  abbrechenden  Voralpen  hinein  und  zieht  in  sicky  -
förmiger  Umbiegung  mit  dem  schmalen  Südwestende  in
die  zwischen  Jura  und  Alpen  eingeengte  Landschaft  von
Genf.  Am  Südufer  des  obern  Sees  entsteigen  die  bewaldeten ­
  und  spärlich  bewohnten  Steilhalden  der  Savoyer
Alpen  den  tiefblauen  Fluten.  Im  denkbar  auffälligsten
Gegensatz  dazu  steht  die  reiche  Kulturlandschaft  der
Schweizer  Seite.  Das  windgeschützte,  sonnige  Usergelände, ­
  einem  riesigen  Spalier  vergleichbar,  prangt  bis
zu  den  dunstverschleierten  Fernen  in  dem  sammetartigen
Grün  der  terrassierten  Weinberge.  Ein  schimmernder
Kranz  von  Uferorten  spiegelt  sich  im  See,  dessen  Fläche
von  zahlreichen  Dampfern  belebt  ist.  Lastbarken  mit
der  charakteristischen  „voile  latine“,  zwei  hohen,  gekreuzten ­
  Dreiecksegeln,  verfrachten  den  Kalkstein  aus  den
Brüchen  des  savoyischen  Uferortes  Meillerie  nach  den
Bauplätzen  des  Nordufers.
        <pb n="222" />
        215

Lausanne,  63900  Einwohner,  die  Hauptstadt
des  317500  Seelen  zählenden  protestantischen  Kantons,
breitet  in  herrlicher  Lage  über  dein  See  am  Abhang  des
Jorat  seine  Billenquartiere  um  die  eng  gebaute,  vom
Munster  beherrschte  Altstadt  aus.  Der  hügelige  Boden
erforderte  zur  bequemen  Verbindung  der  hoher  gelegenen
Stadtteile  den  Bau  von  Brücken  über  die  Talmulden
hinweg.  Auf  der  Hügelterrasse  des  Montbenon  steht
der  Palast  des  schweizerischen  Bundesgerichtes.  Durch
die  Universität,  die  übrigen  Schulanstalten  und  die  wie
nirgends  sonst  so  zahlreichen  Welschlandinstitute  übt  Lausanne ­
  eine  starke  Anziehung  aus.  Dank  seiner  reizvollen
Umgebung  ist  es  ein  Hauptplatz  des  Fremdenverkehrs.
Hier  laufen  wie  in  einem  Brennpunkt  die  wichtigen  Bahnlinien ­
  aus  Frankreich  und  aus  dem  schweizerischen  Mittelland ­
  zusammen,  um  durch  das  Rhonetal  den  Simplon
zu  erreichen.  Seewärts  ist  die  Stadt  nahezu  verwachsen
mit  dem  Uferort  Ouchy,  der  quer  über  den  See  zum
savoyischen  Badeort  Evian  eine  Dampfschiffverbindung
unterhält.  Seeabwärts  werden  die  hinter  dem  Uferstreifen ­
  aufsteigenden  Höhen  allmählich  flacher;  hier  zieht
sich  in  geschützter  Lage  das  durch  vorzügliche  Weine  berühmte ­
  Rebgelände  von  La  Cöte  hin.  Uber  den  Weinbergen ­
  erscheint  hier  nahe  dem  Städtchen  Aubonne
das  „Signal  de  Bougy",  von  dem  aus  der  Blick  die
gesamte  Fläche  des  Sees  umfaßt.  Am  nahen  Jurafuß
stehen  Gimel  und  der  Artilleriewasfenplatz  Biere
durch  die  Bergstraße  von  Marcheiruz  in  Verbindung
mit  dem  Jouxtal.  Am  Seeufer  folgen  sich  die  altertümlichen ­
  Städtchen  Morges,  Rolle,  Nyon  und
Coppet.  Von  Nyon  steigt  in  vielen  Kehren  eine
Straße  zum  aufblühenden  Kurort  St.  Cergues  hinauf ­
  und  führt  durch  die  Einsattelung  zwischen  der  Dole
und  dem  Noirmont  nach  Frankreich.
In  der  Uferlandschaft  La  Vaux  oberhalb  Lausanne
unterbrechen  kleine,  auf  dem  kostbaren  Boden  eng  gedrängte ­
  Weinbaustädtchen  und  -dörfer  die  von  weiß

Lausanne

La  C6tc

La  Vaux
        <pb n="223" />
        216

Rhoncebene

leuchtenden  Stützmauern  durchzogenen  Weingärten.  In
dieser  Reihe  seien  Lutry  und  Cully  genannt.  Im
Schutz  der  Voralpenhöhen  ist  am  obern  Genfersee  in
mildester  Lage  Montreux  der  belebte  Mittelpunkt  der
waadtländischen  Riviera;  mit  den  benachbarten  Orten
Territet  und  Clärens  stellt  es  eine  einzige  glänzende
Folge  prunkvoller  Hotelbaulen  dar.  Die  Fremden-  und
Industriestadt  Vevey  (Bivis),  13600  Einwohner,
auf  dem  Deltavorsprung  t  er  Beveyse,  bildet  den  west-  .
lichen  Abschluß  der  Hotelkolonie  Vevey  ist  der  Schauplatz ­
  der  in  unregelmäßigen  Zeilabständen  gefeierten
Winzerfeste.  Montreux  veranstaltet  alljährlich  im  Frühling ­
  das  Narzissenfest,  wenn  die  Berghalden  im  Blütenschnee ­
  schimmern.  Über  Territet  breitet  sich  die  Bergterrasse ­
  von  Glion  aus,  die  selbst  wieder  von  den
weithin  sichtbaren  Hotelpalästen  von  Caux  überragt
wird.  Hinter  Caux  steigt  die  Wand  der  Rochers  de
Nahe  zu  2044  in  an,  wegen  ihrer  umfassenden  Rundsicht
  als  Rigi  des  Waadtlandes  bekannt.  Am  steilen
Felsufer  entsteigt  dem  See  das  Schloß  Chillon.
Bei  Villeueuve  weitet  sich  die  Üferebene  zu
dem  gewaltigen  Rhonedelta,  das  sich  talaufwärts  zu  der
Felsenpforte  von  St.  Maurice  verengt.  Mit  den  endlosen ­
  Pappelreihen  und  dem  Gestrüppwald  am  Seeufer
sticht  die  eintönige  Aufschüttungsebene  von  dem  reizvollen
und  formenreichen  Gebirgsrahmen  seltsam  ab.  Das
kalte  Rhonewasser  dringt  als  trüber  Strom  eine  kurze
Strecke  weit  in  die  blauen  Fluten  des  Sees  vor  und
sinkt  dann  als  Wasserfall  durch  das  wärmere  und  dess
halb  leichtere  Seewasser  auf  den  Grund.  Längs  der
scharf  gezeichneten  Grenze,  wo  die  Rhone  untertaucht,
entstehen  als  „bataillere“  bezeichnete  gefährliche  Wirbel.
Die  gleiche  Erscheinung  ist  an  der  Mündung  des  Rheins
in  den  Bodensee  unter  dem  Namen  „Brech"  bekannt.
Die  bedeutenden  Orte  des  Rhonetales  lehnen  sich  am
Rand  der  Ebene  an  die  rebengeschmückte  Berghalde,  am
Fuß  hoher  Bergterrassen.  Ivorne  hat  die  berühmtesten
        <pb n="224" />
        1

217

Weinlagen.  Aigle  an  der  Grande  Eau  ist  zum  großen
Teil  aus  dem  dunklen  Marmor  der  benachbarlen  Brüche
von  St.  Triphon  erbaut.  Nahe  der  Talenge  von  St.
Maurice  liegt  am  Avanxon  der  Kurort  Bex  mit  der
ältesten  Saline  der  Schweiz  (Jahresertrag  45000  q)
und  besuchten  Soolbätern.
Aus  den  Tälern  des  Waadtländer  Oberlandes  Obciian»
brechen  die  Alpenflüßchen  in  einer  Stufe  zum  Rhonetat
hinaus.  Das  einst  verlehrsentlegene  Hirtenland  entwickelt ­
  sich  neueidings  mit  zahlreichen  Fremdenorten  zur
Kurlandschaft.  Eine  elektrische  Bahn  von  Bex  nach  den
Scmmer-  und  Wintertu,orten  Billars  und  Ehesie
  res  erschließt  das  Tal  des  Avan^on,  dessen  Quellflüsse ­
  vom  Grand  Moeveran  3001  in  herabsteigen.  Der
Mittelpunlt  des  Tales  ist  Gryon.  Hoch  über  der
Grande  Eau  breitet  sich  der  sonnige  und  nebelsreie
Lungenknrort  Leysin  aus;  das  Tal  von  Ormont
dessus  wurzelt  in  der  von  mächtigen  Plateauglelschern
bedeckten  Bergmasse  der  Diablerets  3246  m  und  steht
durch  die  Pillonstraße  mit  dem  bernischen  Saanenland
in  Berbindung.  Aus  dem  untern  Ormonttal  führt  die
Straße  von  Les  Mosses  zum  eigentlichen  Pays  d'en  Haut,
dem  waadtländischen  Saanetal,  dessen  Mittelpunkt  Chateau ­
  d'Oex  an  der  Montreux-Berneroberland-Bahn
als  Sommer  und  Winterkurort  bekannt  ist.
Genf.
Das  zwischen  sanft  geböschten  Ufergeländen  ein-  Landschaft
geengte  Südwestende  des  Genfersees,  der  Petit  Lac,
dringt  tief  in  die  Landschaft  von  Genf  ein,  die  von
rechtwinklig  aufeinanderstoßenden  Bergzügen  umschlossen
wird.  Dein  Seeufer  parallel  verläuft  im  Hintergrund
die  bewaldete,  einförmige  Jurakette,  die  als  gelinge  Anschwellung ­
  den  Eiet  de  la  Neige  1723  in  trägt;  am
Grand  Credo  1624  m  fällt  sie  jäh  zum  Rhonedurchbruch ­
  von  Fort  de  l'Ecluse  ab.  Jenseits  der  Rhone
        <pb n="225" />
        218

grenzt  der  querüber  ziehende  Mont  Vuache  1111  m
die  Landschaft  nach  Südwesten  ab.  Parallel  zu  See  und
Jura  streicht  im  Südosten  mit  hellen  Gesteinsbändern
die  schroff  aufragende  Kalkmauer  des  Mont  Saleve
1379  in  dahin;  durch  eine  Einsattelung  gewinnt  die
Zahnradbahn  die  Plateauhöhe.  Der  Mont  Saleve  ist
der  vielbesuchte  Aussichtsberg  der  Genfer.  Wie  ein
Schmuckkästchen  liegt  zu  seinen  Füßen  die  reiche,  dicht
bewohnte  Mulde,  aus  der  einzelne  Flußstrecken  der
großen  Rhoneschlingen  Heraufschimmern.  Die  politischen
Grenzen  des  Kantons  sind  enger  gezogen  als  der  natürliche ­
  Bergrahmen  der  Genfer  Landschaft.  Allseitig  reicht
französisches  Gebiet  über  die  Wasserscheide  herüber.  Zusammen ­
  mit  dem  Arvetal,  das  vom  Mont  Blanc  heruntersteigt ­
  und  in  Genf  ausmündet,  bilden  diese  französischen
Gebietsteile  an  der  Innenseite  der  Bergzüge  eine  zollfreie ­
  Zone;  ihr  natürlicher  Marktort  und  ihre  wirtschaftliche ­
  Hauptstadt  ist  Genf.
Stadt  Genf  Die  Stadt  Genf  hält  mit  prächtigen  Quaianlagen
uud  einer  stolzen  Reihe  von  Hotelbanten  das  See-Ende
und  den  reißenden  Ausfluß  der  Rhone  umschlossen.  Aus
beherrschender  Höhe  thront  die  Altstadt;  ihre  um  steile
Gassen  gedrängten  hohen  Häuser  umgeben  die  Hauptkirche ­
  St.  Pierre.  Am  Fuße  des  Hügels  liegen  die
neueren  Quartiere;  in  ihren  stark  belebten  Straßen  bewundert ­
  man  die  glänzenden  Auslagen  der  Geschäfte,
die  den  Ruhm  der  Genfer  Uhrenindustrie,  Goldschmiedekunst ­
  und  Feinmechanik  in  der  Welt  verbreiten.  Die
an  zwei  Elektrizitätswerken  in  der  Stadt  und  unterhalb ­
  der  Arvemündung  gestaute  Rhone  liefert  der  Industrie
die  Kraft.  Genf  liegt  als  bedeutender  Handelsplatz  am
Südwesteingang  der  Schweiz;  es  unterhält  lebhafte  Beziehungen ­
  zu  Südfrankreich  und  Spanien.  Schon  vor
Jahrhunderten  bot  die  Rhonesladt  religiösen  und  politischen ­
  Flüchtlingen  ein  Asyl;  die  Zugewanderten  förderten
ihrerseits  Handel  und  Industrie  und  bereicherten  in  fühlbarer ­
  Weise  das  geistige  Leben.
        <pb n="226" />
        219

&amp;lt;♦&amp;gt;#&amp;lt;♦&amp;gt;

Die  122600  Einwohner  der  Stabt 1  sind  zum  überwiegenden ­
  Teil  aus  der  deutschen  Schweiz  und  aus
Frankreich  zugewandert.  Für  den  ganzen  Kanton  Genf
machen  die  Kantonsangehörigen  3  t  °/o,  die  Bürger  ausländischer ­
  Staaten  dagegen  41  °/o  der  154900  Seelen
zahlenden  Gesamtbevölkerung  aus.  Genf  besitzt  eine
Universität.  Die  Schönheit  der  Stadt,  ihr  reges  geistiges
Leben  und  die  reizvolle  Umgebung  mit  dem  schlössergeschmückten ­
  Ufergelände  machen  Genf  zum  weltbekannten
Sammelpunkt  des  Fremdenverkehrs.
Jura  und  Alpen  lreten  in  der  Landschaft  von  Genf  zu
einem  Trichter  zusammen,  in  dem  sich  der  Nordostwind,  die  Bise,  Bise
häufig  zu  sturmartiger  Heftigkeit  steigert.  Während  in  der  übrigen
Schweiz  die  Bise  den  Himmel  aufhellt,  liegt  manchmal  gleichzeitig
über  Genf  in  halber  Höhe  des  Mt.  Salevc  eine  dunkle  Wolkendecke; ­
  an  dem  geschlossenen  Bergrahmen  muß  die  Luftströmung
aufsteigen,  und  dabei  verdichtet  sich  der  Wasserdampf;  diese  Erscheinung ­
  bezeichnet  der  Genfer  als  „In  biss  npire“.
Unterher  der  großen  Flußschlingen  der  Arve  liegt  als  Orte  der
Vorstadt  Genfs  Carouge,  7900  Einwohner.  Überder  llm!,etm1 ' 3
Rhone  erhebt  sich  auf  eiilem  Plateau  das  große  Dorf
Bernex,  und  östlich  der  Hauptstadt  leitet  Chene
eine  Eisenbahnlinie  von  Genf  ins  Arvetal.  Von  der
Jmahöhe  her  dringt  die  französische  Landschaft  Gex  bis
nahe  an  den  Genfersee  heran;  eine  Bergstraße  erklimmt
in  langen  Kehren  von  Gex  aus  den  wichtigen  Col  de
la  Fancille.
11913:  127  600  E.
        <pb n="227" />
        Offizielle
Karten

Topographischer ­
  Atlas
oder  Siegfried-Atlas ­


Die  Karten  der  Hchrnen.

Die  vier  Kartenbeilagen  des  Buches  sind  Ausschnitte
aus  offiziellen  Karten  der  Schweiz.  I  und  II  geben
je  eine  Probe  des  Topographischen  Atlas  der  Schweiz
oder  des  Siegfried-Atlas  in  den  Maßstäben  I  :  25000
und  1  :  50000.  III  ist  der  Dufour-Karte  1  :100000
und  IV  der  Generalkarte  der  Schweiz  1  :  250000  entnommen. ­
  Das  Eidgenössische  topographische  Bureau
(jetzt  Schweizerische  Landestopographie)  hat  ferner  die
Ilbersichtslarte  der  Schweiz  mit  ihren  Grenzgebieten
I  :  1000000  und  die  Schulwandkarte  der  Schweiz
1  :  200000  herausgegeben.
&amp;gt;.  Der  Topograpische  Atlas  der  Schweiz  wird
kurzweg  Siegfried-Atlas  benannt,  nach  Oberst  Siegfried, ­
  einem  frühern  Leiter  des  eidgenössischen  topographischen ­
  Bureaus,  der  die  Beröffentlichung  der  Karte
anregte.  Der  Jura,  das  Mittelland  und  das  südliche
Tessin  sind  im  Maßstab  1  :  25000  dargestellt,  d.  h.
I  cm  auf  der  Karte  bedeutet  eine  Strecke  von  250  m
im  Gelände.  Für  das  Hochgebirge,  das  schwächer  bewohnt ­
  und  weniger  zugänglich  ist,  so  daß  bei  seiner  Darstellung ­
  eine  geringere  Zahl  von  Einzelheiten  berücksichtigt
werden  müssen,  beträgt  der  Maßstab  1  :  50000  ;  1  cm
der  Karte  entspricht  500  m  in  der  Natur.  Die  Blätter
der  Grenzgebiete  zwischen  Alpen  und  Alpenvorland  sind
in  beiden  Maßstäben  bearbeitet  worden.  Die  Größe
eines  Blattes  beträgt  35  cm  auf  24  cm,  was  im  Maßstab ­
  1  :  25000  einer  Länge  von  8750  m  und  einer
Breite  von  6000  m,  bei  1  :  50000  den  Strecken  von
17500  m  und  12000  m  entspricht.  Die  Horizoutalabstände
  können  mit  Hilfe  des  Maßstabes  ohne  weiteres
auf  der  Karte  abgelesen  werden.  Um  auch  die  dritte
        <pb n="228" />
        GENERAL  -  KARTE

IV

L.UE  XKUCHATEI.

'maiffnp

’C/utttyl'

\  f'd.  tru&amp;gt;  ’Jft.mwfßffiriit'

’ ! cnu'ter'/  efisty&amp;amp;Su
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TrciUcti

xf"f

Massslab  1:250  000

Kl  Kilom  .

puojutpff
        <pb n="229" />
        221

Dimension,  die  Höhe,  darzustellen  und  ein  getreues
Bild  der  Bodenformen  des  Landes  zu  geben,  verwendet
der  Siegfried-Atlas  die  Horizontal  kurven.
Verbindet  man  im  Gelände  die  Punkte  von  gleicher  ab-  Horizontal
soluter  Höhe,  so  entstehen  den  Geländeformen  entsprechend  flimn
ein-  und  ausbiegende  Linien,  die  Horizontalkurven  oder  Isohypsen ­
  (=  Linien  gleicher  Höhe).  Die  Uferlinie  des  Meeres
oder  eines  Sees  ist  eine  solche  Isohypse.  Für  die  kartographische ­
  Darstellung  versieht  man  das  Relief  mit  Horizontalkurven ­
  von  je  gleichem  senkrechtem  Abstand.  Der  senkrechte ­
  Abstand  der  Kurven,  die  Äquidistanz,  beträgt  10  in
für  die  Karte  1:25000  und  30  IN  für  die  Karte  1:50000.
Je  die  zehnte  Kurve  ist  als  gestrichelte  Linie  kenntlich
gemacht  und  mit  der  Höhenzahl  in  gleicher  Farbe  versehen; ­
  in  Karte  I  betrifft  es  die  Höhenlinien  von  100
zu  100  in,  in  Karte  II  von  300  zu  300  in.  Unbewachsene, ­
  felsige  Partieen  erscheinen  in  schwarzen,  bewachsener ­
  Boden  und  Seen  in  braunen  und  Gletscher
und  Schneefelder  in  blauen  Kurven  (II).  Um  kleine
Bodenformen  darzustellen,  die  zwischen  den  Normalkurven ­
  liegen,  werden  bisweilen  punktierte  Zwischenkurven
in  halber  Äquidistanz  angebracht  (I  östlich  Punkt  512
aus  Taggenberg  am  rechten  Kartenrand;  11  bei  Punkt
1445,1  an  der  Reuß  unterhalb  Hospental).  Kleine
Böschungen,  z.  B.  an  Bahndämmen  und  -Einschnitten,
für  die  die  Kurven  nicht  ausreichen,  sind  durch  braune
Schraffen  kenntlich  gemacht  (I  Bahnlinie;  Ziegelhütte
südwestlich  Neftenbach  und  andere  Stellen).  An  sehr
steilen  und  zerrissenen  Felshängen  werden  die  Kurven
der  Anschaulichkeit  halber  durch  eine  schwarze  Felszeichnung ­
  ergänzt  oder  ersetzt  (II).  Außer  den  Zahlen
für  jede  zehnte  Kurve  bietet  die  Karte  eine  Menge  von
Höhenangaben  für  bemerkenswerte  einzelne  Punkte,  wie
Gipfel,  Straßengabeln,  Brücken.  Will  man  für  irgend
einen  Punkt  nach  der  Kurvenkarte  die  Höhe  bestimmen,
so  sucht  man  die  Nächstliegende  Höhenzahl  und  berechnet
nach  der  Zahl  der  Kurven  und  der  bekannten  Äquidistanz
        <pb n="230" />
        222

den  Höhenunterschied.  Je  höher  eine  Erhebung  ist,  desto
mehr  Kurven  sind  zu  ihrer  Darstellung  notwendig.  Bei
flachen  Böschungen  liegen  sie  weit  auseinander;  je  steiler
der  Hang,  desto  näher  treten  sie  zusammen.  Liegen  die
Kurven  mit  gleichen  Zwischenräumen  nebeneinander,  so
zeigen  sie  eine  gleichmäßige  Böschung  an.
Denkt  man  sich  für  Len  Geländeabschnitt  der  Karte  I
ein  Steigen  des  Meeresspiegels  um  500  in,  so  schneidet
der  Wasserspiegel  den  Beerenberg  in  der  gestrichelten  500  nx
Linie,  die  durch  die  Weinberge  des  Südabhangs  verläuft;
was  innerhalb  der  Kurve  liegt,  ragt  als  Insel  zu  94  in  Höhe
über  den  Meeresspiegel  hinauf.  Steigt  das  Wasser  nacheinander
je  um  weitere  10  w,  so  bezeichnet  stets  die  nächstinnere  Horizontalkuroe
  die  neue  Uferlinie  der  Insel.  In  590  in  Höhe  umschließt
der  Wasserspiegel  mit  der  innersten  und  kleinsten  Kurve  den  Punkt
594.  Am  Taggenberg  und  an  der  Höhe  Wald  bei  Punkt  504
liegen  ebenfalls  kleine  Gebiete  innerhalb  und  über  der  500  in
Kurve.  Beim  Anstieg  des  Wassers  auf  510  m  würde  die  zweite
der  beiden  Kuppen,  bei  einem  nochmaligen  Steigen  um  10  m
auch  die  erste  überflutet.  Ein  Wasserspiegel  von  490  m  Höhe
würde  den  Taggenberg  längs  der  Horizontalkurve  begrenzen,  die
durch  die  Hänsergruppe  von  Taggenberg  geht,  und  bei  einem
weitern  Sinken  um  10  m  müßten,  wie  der  Verlauf  der  nächsten
Kurve  zeigt,  die  beiden  Höhen  über  die  Einsattelung  Punkt  484
hinweg  miteinander  in  Verbindung  treten.
Borteil  lind  Die  Kurvenkarte  gibt  eine  genaue,  geometrische
Nachteil  Darstellung  des  Reliefs,  die  erlaubt,  die  absolute  und
relative  Höhe  aller  Punkte  rasch  und  sicher  zu  bestimmen;
dagegen  fehlt  es  dem  Kartenbild  an  der  Plastik,  und
es  bedarf  einer  gewissen  Überlegung,  um  die  Bodenformen ­
  klar  zu  erkennen.  Um  die  plastische  Wirkung
mit  der  mathematischen  Genauigkeit  zu  verbinden,  versieht ­
  man  bisweilen  die  Kurvenkarte  mit  einem  Reliefton..
Dusour-Karte  2.  Die  Dufour-Karte  ist  nach  ihrem  Schöpfer,
General  Dufour,  benannt,  der  die  Landesaufnahme  der
Schweiz  durchführte.  Der  Maßstab  ist  1  :  100000;
1  Lin  der  Karte  bedeutet  1  km  im  Gelände.  Die
        <pb n="231" />
        223

Karte  besteht  aus  25  Blättern  von  70/48  ein;  ihre
Gesamtgröße  beträgt  3,50  in  auf  2,40  in.  Sie  bildet
die  Bodenformen  durch  Schraffen  ab.
Die  Darstellung  der  Bodenformen  durch  Horizontal-  Schaffen
kurven  bildet  die  Grundlage  für  die  Schraffenkarte,
Zwischen  je  zwei  Kurven  werden  nebeneinander  Striche
oder  Schraffen  gezogen;  sie  folgen  der  Richtung  des
stärksten  Gefälles,  oder,  was  gleichviel  besagt,  der  Richtung ­
  des  rinnenden  Wassers  und  treffen  die  Horizontallinien ­
  stets  in  rechtem  Winkel.  Wenn  alle  Höhenschichten
mit  solchen  Schraffenreihen  ausgefüllt  sind,  so  werden
die  Kurven,  die  in  diesem  Fall  nur  Hilfslinien  waren,
entfernt.  Da  jede  Schraffenschicht  den  Raum  zwischen
zwei  Kurven  einnimmt,  so  kann  man  nach  der  Zahl  der
Schichten  die  Höhe  der  Erhebungen  beurteilen.  Je  nachdem ­
  die  Kurven  mit  größeren  oder  geringeren  Zwischenräumen ­
  verlaufen,  müssen  die  Schraffen  länger  oder
kürzer  werden.  Lange  Striche  bedeuten  eine  schwache,
kurze  dagegen  eine  starke  Neigung.  Je  kürzer  die  Schroffen, ­
  desto  dicker  werden  sie  ausgezogen  und  desto  schmaler
werden  die  weißen  Zwischenräume  zwischen  den  einzelnen
Strichen  belassen;  je  dunkler  der  Ton,  desto  steiler  die
Böschung.
Die  Schraffenkarte  bietet  ein  plastisches  und  über-  ^Nacht-n^
sichtliches  Bild  der  Bodenformen,  gestattet  aber  nicht,
mit  gleicher  Genauigkeit  und  Sicherheit  die  Neigungsverhältnisse ­
  abzulesen,  wie  das  Kurvensystem.
Die  Schraffenkarten  der  Nachbarländer  nehmen  für
die  Verteilung  von  Licht  und  Schatten  eine  senkrechte
Beleuchtung  an.  Die  Dufour-Karte  verwendet  die  schiefe  B-nuchtunj,
Beleuchtung,  bei  dev  man  sich  die  Sonnenstrahlen  unter
einem  Winkel  von  45  o  von  Nordwesten  her  einfallend
zu  denken  hat.  Für  unser  Gebirgsland,  dessen  Hauptzüge ­
  von  SW  nach  NO  quer  zu  der  Richtung  der
Strahlen  lausen,  schafft  die  Schraffenmanier  mit  schiefer
Beleuchtung  von  Nordwesten  her  ein  prachtvoll  plastisches
Bild.  Dem  Vorzug  der  starken  Reliefwirkung  stehen
        <pb n="232" />
        224

Generalkarte

Übersichtskarte ­


Schulwandkarte ­


zwei  Nachteile  gegenüber:  die  sonnigen  Südostabhänge
erscheinen  dunkel  und  unfreundlich,  die  schattigen  Nordwesthalden ­
  sind  beleuchtet;  infolge  der  Verteilung  von
Licht  und  Schatten  rufen  die  Böschungen  der  Südostseite ­
  den  Eindruck  größerer  Steilheit  hervor  als  die  der
Nordwestseite.
Die  Dufour-Karte  wurde  nach  den  Original-Aufnahmen ­
  des  Topographischen  Atlas  hergestellt,  der  ursprünglich ­
  nur  dazu  bestimmt  war,  mit  seinen  Horizontalkurven ­
  als  Grundlage  für  die  Schrafsenzeichnung  zu
dienen,  und  erst  später  als  selbständiges  Werk  erschien.
3.  Die  Generalkarte  der  Schweiz  1:250000
(1  cm  der  Karte  —  2,5  km  im  Gelände)  besteht  aus
vier  Blättern;  die  Gesamtgröße  beträgt  140/96  cm.
Sie  ist  eine  Reduktion  der  Dufour-Karte,  mit  der  sie
durch  die  Schraffenmanier  und  die  schiefe  Beleuchtung
die  starke  Reliefwirkung  gemein  hat  (IV  Juraketten).
4.  Die  Übersichtskarte  der  Schweiz  mit
ihren  Grenzgebieten  1  :  1000000  (1  cm  der
Karte  =  10  km  der  Natur)  ist  ebenfalls  in  Schrasfen
ausgeführt.  Als  strategische  Karte  hebt  sie  besonders
die  Straßenzüge  und  Eisenbahnlinien  der  Schweiz  und
ihrer  Grenzgebiete  hervor.
5.  Die  Schulwandkarte  der  Schweiz  im
Maßstab  1  :  200000  (1  cm  der  Karte  —  2  km  im
Gelände)  und  in  der  Größe  von  190  auf  120  cm
wurde  infolge  des  Beschlusses  der  eidgenössischen  Räte
vom  Jahre  1894  erstellt  und  vom  Bund  kostenlos  an
die  schweizerischen  Schulen  abgegeben.  Ein  System  von
Horizontalkurven  mit  der  Äquidistanz  100  m  bildet  die
Grundlage  der  Karte.  Die  wundervolle  Reliefwirkung
beruht  auf  der  Kartenmalerei,  die  unter  der  Annahme
schiefer  Beleuchtung  die  Bergkämme  mit  rötlichen  Farben
aus  den  bläulich  grünen  Tönen  der  Tiefe  hervortreten
läßt.  Die  Schulwandkarte  ist  ein  Meisterwerk  der  Terrainmalerei. ­
        <pb n="233" />
        Anhang.

Größe  und  Wohnbevölkerung  der  Kantone.

Kantone

Größe
in  km 2

Wohnbevölkerung ­


Hauptorte

Wohnbevölkerung ­


1910

1910

1.  Zürich
2.  Bern
3.  Luzern
4.  Uri
5  Schwyz
6.  Obwalden
7.  Nidwalden
8.  Glarus
9.  Zug
10.  Freiburg
11.  Sololhurn
12.  Basel-Sladt
13.  Basel-Land
14.  Schaffhausen
15.  Appenzell  A.-Rh.
16.  Appenzell  J.-Rh.
17.  St.  Gallen
18.  Graubünden
19.  Aargau
20.  Thurgau
21.  Tessin
22.  Waadt
23.  Wallis
24.  Neuenburg
25.  Genf
Schweiz

1  729,10

503

915

6  883,52

645

877

1  492,29

167

223

1  074,38

22

113

907,99

58

428

492,90

17

161

274,76

13

788

684,52

33

316

240,06

28

156

1671,09

139

654

791,40

117

040

37,07

135

918

426,98

76

488

298,12

46

097

242,49

67

973

172,58

14  659

2  013,68

302

896

7  113,49

117

069

1  403,43

230

634

1  005,78

134

917

2  813,43

156

166

3  212,38

317

457

5  235,20

128

381

799,52

133

061

282,11

154906

41298

3  753

293

Zürich

189  088

Bern

85  264

Luzern

39  152

Altdorf

3  837

Schwyz

7  993

Sarnen

4  640

Stans

2  936

Glarus

5  089

Zug

8  038

Freiburg

20  297

Solothurn

11659

Base!

131  914

Liestal

5  932

Schaffhausen

18  010

Herisau

15  273

Appenzell

5126

St.  Gallen

37  657

Chur

14  489

Aarau

9  536

Frauenseld

8  377

Bellinzona

10  416

Lausanne

63  926

Sitten

6  519

Neuenbnrg

23  505

Genf

122  583

Flückiger,  Schweiz

15
        <pb n="234" />
        Die  ortsanwesende  DevAkerung  der  Schweiz  nach  -er  Sprache.

(Vorläufige  Ergebnisse  der  Volkszählung  1910.)

Kantone

Deutsch

Französisch

Italienisch

Romanisch ­


Andere
Sprachen ­


1.  Zürich

472  990

5  714

19  696

634

4  601

2.  Bern

528  554

104  412

12  247

172

2198

3.  Luzern

161  083

1316

4  808

126

365

4.  Uri

20  937

80

1053

66

15

5.  Schwyz

56  311

258

1  612

64

60

6.  Obwalden

16  738

66

330

28

23

7.  Nidwalden

13  329

31

319

5

6

8.  Glarus

31  733

66

1306

69

120

9.  Zug

26  406

217

1454

26

.  71

10.  Freiburg

42  634

94  378

1911

42

586

!  11.  Solothurn

111373

2  818

2  570

21

179

12.  Basel-Stadt

127  491

3  601

4  021

138

1062

13.  Basel-Land

72  809

1124

2  548

27

114

14.  Schaffhansen

43  795

379

1712

18

193

15.  Appenzell  A.-Rh.

56  505

134

1285

27

68

I  16.  Appenzell  J.-Rh.

14  469

32

97

4

6

17.  St,  Gallen

282  722

1099

17  584

456

967

18.  Graubünden

58  465

838

20  963

37147

2  441

19.  Aarqau

222  571

1  532

6197

72

389

20.  Thurgau

125  876

593

8  328

.  89

291

21.  Tessin

5  829

1008

147  790

131

457

22.  Waadt

34  422

264  222

16  694

220

8194

23.  Wallis

37  351

80  316

10  412

16

165

24.  Neuenburq

17  305

111597

3  747

50

816i

25.  Genf

17  456

120  413

12  641

196

5058

Schweiz

2  599154

796  244

301  325

39  834

28  445

in  o/o

69  o/o

21,2  o/o

8  o/o

1,1  °/o

0,7  o/o
        <pb n="235" />
        227

Die  ortsanwrscnde  Bevölkerung  der  Schwei?
nach  dem  religiösen  Bekenntnis.

(Vorläufige  Ergebnisse  der  Volkszählung  1910.)

Kantone

Protestantisch

Katholisch

Israelitisch

Anderes
oder  kein
Bekenntnis

;  1.  Zürich

379  920

108  667

5  526

9  522

2.  Bern

547  612

92  278

2088

5  605

3.  Luzern

17  354

148  806

491

1047

4.  Uri

1243

20  822

9

67

5.  Schwyz

2  347

55  869

13

76

6.  Obwalden

535

16  631

1

18

7.  Nidwalden

233

13  448

1

8

8.  Glarus

23  951

9  272

14

57

9.  Zug

2  590

25  490

13

81

10.  Freiburg

19  206

119  929

196

220

11.  Solothurn

39  004

77  202

200

555

12.  Basel-Stadt

86  015

45  564

2  396

2338

13.  Basel-Land

57115

18  850

232

425

14.  Schaffhausen

35  616

10  054

45

382

15.  Appenzell  A.-Rh.

50  763

6  958

41

257

16.  Appenzell  J.-Rh.

985

13  615

2

6

17.  St.  Gallen

116  080

183  612

1010

2126

18.  Graubünden

61  087

57  552

390

825

19.  Aargau

128  065

100  362

902

1432

20.  Thurgau.

85  383

48  453

159

1182

21.  Tessin

4  109

145  270

109

5  727

22.  Waadt

263  720

52  979

1883

5170

23.  Wallis

3  093

124  212

77

878

24.  Neuenburg

112  185

18  605

1043

1682

25.  Genf

70  379

76  292

2182

6  911

Schweiz

2108  590

1  590.792

19  023

46  597

in  o/o

56  o/o

42,2  o/o

0,5  o/o

1,3  o/o
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        Register:.

Aarau
Aarberg
Aarburg
Aare
Aareschlucht
Aargau
Aarwangen
Absatzgebiete
Ackerbau
Adelbodeu
Adliswil
Adulagruppe
Affoltern  a.  Aldis
Affoltern  b.  Zürich
Ägeri
Aigle
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Aldis
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Alemannen
Aletschgletscher
Alkoholmonopol
Allaine
Alpbachfall
Alpen
„  Entstehung
„  Einteilung
„  Verkehr
Alpenflüsse
Alpenstraßen
Alpenrandseen
Alphiitten
Älpnach
Alpnachstad
Alpweiden

182

Alpwirtschaft

66

62,  199

Altdorf

29,  30,  118

181

Alteis

193

35,  190

Altmann

162

191

Altstälten

161

179

Aluminium

84

198

Alveneu

52,  143

93

Amden

158

60

Amsteg

147

109,  193

Andeer

142

171

Andelfingen

174

8

Andermatt

109,  147

171

Anthrazit

48

172

Appenzell

162,  163

174

Arbedo

133

53,  217

Arbon

166

202

Arenenberg

167

171

Areuse

23,  204

143

Arlbergbahn

99,  100

42

Arlesheim

186

111

Arosa

108,  141

12,  129

Arth

152

62

Ascona

131

202

Asphalt

50

191

Aubonne

215

3,  5

Augst

42

4

Ausfuhr

92

6

Ausländer

116

96

Außer-Rhoden

75,  163

36

Auswanderung

114

96

Abandon  i

217

14

Avants,  Les

109

10

Avenches

213

150  !

Avers

142

150

Axalp

16,  191

66

Axenfels

151
        <pb n="237" />
        Axen  st  ein
Axenstraße
Baar
Bachtel
Baden
Bahnnetz
Bahnprojekte
Balmhorn
Balsthal
Bandweberei
Basel
Baselland
Baselstadt
Basel-Augst
Bätterkinden
Bauma
Baumwollindustrie
Beatenderg
Beckenried
Beinwil
Belsaux
Bellinzona
Belp
Bergell
Bergün
Bergwind
Bern  (Kanton)
Bern  (Ort)
Bernardino
Bcrneck
Berncx
Bernina
Berra
Beuteltuchweberei
Bevaix
Bevölkerung
Bewölkung
Bex
Beznau
Bezugsgebiete
Biasca
Biaschina
Biber
Biderbrücke
Biberist

229

151

Biel

200

148

Bielersee

44,  199

Bienenzucht

69

175

Bierbrauerei

86

173

Biere

215

52,  108,  183

Biglen

197

9!)

Bignasco

134

102

Bijouterie

71,  84

193

Binn

129

22,  188

Binnenhandel

91

77

Binnenlage

70

25,  77,  184

Binningen

186

185

Bipp

198

184

Birmenstorf

52

186

Birs

186,  201

198

Birstg

186

173

Bischofszell

165

74

Bise

28&amp;gt;  219

16

Blauenkette

189

150

Bleniotal

133

182

Blume

193

210

Blumenstein

195

133

Bitmlisalp

193

195

Bödeli

45,  191

5,  145

Bodenart

54

143

Bodensee

44,  165

31

Bohnerz

47

189

Völligen

198

27,  198

Voltigen

194

142

Bouaduz

29

161

Boncourt

202

219

Bonfol

202

8,  137

Bötzberg

96,  182

117,  210

Boudry

206

77

Vözingen

200

206

Braunkohle

47

111

Braunvieh

67

28

Braunwald

16,  156

,  49,  52,  217

Breithorn

126,  192

42

Bremgarten

182

93

Brenets,  Les

204

53,  133

Brevine,  La

27,  204

42

Brienz

191

168

Brienzer  Rothorn

191

152

Brienzersee

44,  191

187

Brig

128
        <pb n="238" />
        230
Brissago

134

Charmey

208

Bristenstock

148

Chasseral

21,  200

Broc

208

Chasseron

204

Bronzezeit

111

Chateau  d'Oex

109,  217

Broyekanal

42

Chatel  St.  Denis

210

Broyetal

100,  213

Chaumont

109,  205

Brugg

96,  182

Chaux-de  Fonds,  La

81,  82.  203

Brünig

149

Chemische  Industrie

85

Brunnen

151

Chene

219

Brusio

42,  145

Ehesteres

217

Bubikon

173

Chexbres  "

213

Buchberg

158

Chiasso

135

Buchberg  (Ort)

169

Chillon

216

Bucheggberg

187

Chippis

127

Buchs

161

Choindez

47,  202

Buchsiten

188

Chur

141

Bulach

172

Churfirsten

157

Bulle

208

Churwalden

143

Bümpliz

198

Clärens

216

Bündner  Schiefer

137

Clariden

148

Buochs

150

Colombier

206

Büren

200

Coppet

215

Burgdorf

197

Cornaux

206

Bürgenstock

150

Cortaillod

206

Bürglcn

148

Cossonay

214

Burgunder

111

Cöte,  La

215

Büro»

178

Conrrendlin

202

Buschtvald

132

Court

22,  202

Büfferach

189

Courtelary

201

Butter

68

Couvet

204

Buttisholz

178

Cressier

206

Calancatal

145

Cresta
Crkt  de  la  Neige

143
21.  217

Calanda

47.  141

Creux  du  Ban

204

Campocologno

145

Cudrefin

213

Capolago

135

Cully

216

Castagnola

135

Castasegna

145

Dagmersellen

178

Carouge

219

Dala

127

Canx

109,  216

Dammastock

7.  147,  190

Centovalli

134

Dampfmaschinen

79

Cernier

205  j

Dampsschiffahrt

46

Cevio

134  |

Därstetten

194

Cham

68,  175

Davos

33,  108,  141
rw  i  rr  slAsi

Champery

125

Delcmont  &amp;gt;

Chandolin

123

Delsberg  /

21,  47,  202
        <pb n="239" />
        231

Deut  Blauche
Sem  de  Brenleire
Deut  de  Lys
Deut  de  Morcles
Den!  d'Hcrens
Deut  du  Midi
Deut  de  Vaulion
Depression
Derendingen
Diablerets
Sielsdorf
Siemtigen
Siepvldsau
Dieffe
Dießenhofen
Sietikon
Sisemis
Soldenhvrn
Döle
Sombresfon
Somleschg
Donau
Dörnach
Sonds
Dranse
Drusberg
D.übendorf
Dndingen
Dufoiirkarte
Dufourspitze
Sun  nern
Dürnten
Ebenalp
Ebnat
Echallens
Eggishorn
Eggiwil
Eglisan
Eiger
Einfuhr
Einsieüeln
Einwanderung
Einzelhöfe
Eisen
Eisenbahnen

7,  126

Eisenquellen

52

207

Eisenzeit

111

207

Eismeer  -

192

12b

Eiszeit

13

117

Eiszeitliche  Talformen

13

125

Eivischtal

127

212

Elektrischer  Bahnbetrieb

104

33

Elektrizitätswerke

42,  78

187

Elektrochemie

85

217

Elgg

174

172

Elm

49,  155

194

Emme,  Große

196

161

Emme,  Kleine

176

200

Emmenlal

68,  196

167

Emmeten

150

171

Ems

141

142

Endingen

183

193

Endmoränen

13

21,  211

Engadin

143

205

Engelberg

109,  150

142

Engi

49,  155

35,  38

Ennenda

155

189

Entfelden

181

201

Entlebnch

176

125

Entsumpfungen

39,  59

152

Epiingen

52

173

Ergolz

96,  185

68,  210

Erlach

200

223

Erlenbach

194

7

Ermatingen

167

188

Erratische  Blöcke

13,  19,  50

48

Erstseld

148

Escholzmatt

176

163

Estavayer

210

159

Etzel

153

214

Etzelwerk

42

129

196

Fabrikgesetz

87

52

Fählensee

162

192

Faido

133

92

Faltengebirge

4

42,  48,  152

Farvagny

210

115

Fälschdach

155

57.  159,  196

Faucille

103,  219

47

Faulhorn

191

98

Fayence

51
        <pb n="240" />
        232

Feinmechanik
Feuerstein
Fideris
Fiesch
Filisur
Findlinge
Finhaut
Finsteraarhorn
Fischental
Fischingen
Flawil
Fleckvieh
Flenrier
Flims
Flüela
Fistele»
Flühli
Flums
Flußkorrektionen
Flußschiffahrt
Flysch
Föhn
Foutaines
Forstwesen
Forstgesetz
Fraudrunnen
Frauenseld
Freiaint
Freiberge
Freiburg  (Kanton)
Frciburg  (Ort)
Freidurgerrasse
Fremdenverkehr
Frickral
Frohnalpstock
Frutigen
Frutt
Fnrka
Fstrsteuland
Fußach
Gäbris
Gadmen
Gais
Galeustock
Gampel

84

Gams

161

176

Gandria

135

52,  141

Gänsbrunnen

188

129

Gaster

158

143

Geflllgelzucht

69

13,  19,  50

Gelterkinden

186

126

Gemüsebau

62

190

Gemmipaß

127,  193

173

Geueralkarte

224

165

Genf  (Kanton)

217

160

Genf  (Ort)

27,  42,  218

67

Genfersee

44,  45,  214

204

Gerlastngen

187

141

Gersau

109,  152

141

Gerzensee

195

147

Gespinnstpflanzen

63

176

Getreidebau

60

158

Gewässer

35

40

Gex

2,  219

42

Gibloup

210

5

Giebelegg

196

29,  33

Gießbach

191

205

Gießerei

84

40,  65

Gimel

215

65

Gips

49

198

Giswilersee

45,  149

165

Glürnisch

153

182

Glarus  (Kanton)

153

22,  68,  201

Glarus  (Ort)

29,  75,  155

207

Glatt

172

209

Glaubensbekenntnis

118

67

Glenner

142

15,  106

Gletsch

128

96,  183

Gletscher

12

151

Gletscherbäche

36

193

Glimmerschiefer

5

150

Gliou

15,  216

8,  129

Glovelier

202

160

Gneis

5,  48

161

Goldan

151

GolLschmiedearbeit

79

162

Goms

129

191

Gondo

5,  47,  129

163

Gontenbad

163

7

Gonzen

157

42

Goßan

160
        <pb n="241" />
        Gotthard  8,  27,  35,

101,

146

Gottlieben

166

Gottschalkenberg

174

Gornergrat

128

Göschenen

147

Grächen

121

Graitery

201

Grand  Combin

125

Grand  Credo

217

Grand  Moeveran

217

Grandson

217

Gränichen

181

Granit

5,

48

Graubünden

136

Graue  Hörner

158

Greiiensee

172

Greina

133,

142

Grellingen

202

Grenchen

188

Grengiols

129

Greyerz

68,

207

Grimsel

129,

190

Grindelwald  29,

109,

192

Grindelwaldgletscher

12

Gros  de  Vaud

60,

212

Großaffoltern

199

Grobes  Moos

62

Großhöchstetten

197

Großwangen

178

Grundlawinen

11

Grundmoränen

12

Grllningen

173

Gryon

217

G  steig

194

Gnggisberg

196

Gürbe

195

Gurnigel

108

Gurten

195

Gurtnellen

147

Güterlransit

104

Guttannen

30,

190

Habsburg

182

Hagneck

42

Hallau

63,

168

Handel

91

Handstickerei

73

Hasenmatte

187

Haste

197

Haslikal

190

Hauenslein,  Oberer

186,  188

Haueustein,  Unterer

186

Hausindustrie

82,  86,  90

Hausstock

155

Hauterive  (Freiburq)

42

Hauterive  (Neuenburg)  49,  206

Heiden

163

Heilmittel

85

Heilquellen

108

Heimarbeit

82,  86,  90

Heimberg

51,  195

Herbstregen

32

Hergiswil

150

Herisau

163

Herzogenbuchsee

197

Hilterfingen

193

Hinterrheintal

142

Hinwil

173

Hitzkirch

178

Hochdorf

178

Hochebene

17

Höfe

153

Hofstetten

189

Höhengrenzen

10,  11,  123

Hohenkasten

162

Höhenklima

108

Hohe  Rone

152

Hohgant

196

Höhlenbewohner

110

Holz

65,  94

Holzindustrie

85

Höngg

171

Horgen

171

Hörnli

173

Hospenthal

147

Hugenotten

74,  79

Hulftegg

173

Hundwil

163

Hürden

153

Hnttwil

198

Jakobsbad

163
        <pb n="242" />
        234

Jann
Jberg
Jlanz
Jlfis
Jllgraben
Jllhorn
Industrie
Inn
Inner-Rhoden
Jnnertkirchen
Ins
Jnterlaken
Jochpaß
Jolimont
Jorat
Jouxtal
Jrchel
Juden
Inf
Julier
Jungfrau
Jura
„  ,  Entstehung
„  »  ,  Flüsse
Jura-Gewässerkorrektion
Kaiseraugst
Kaiserstuhl
Kalkstein
Kallnach
Kamor
Kander
Kanüersteg
Käpfnach
Kappel  (St.  G.)
Kappel  (Zch.)
Kärpfstock
Karrenalp
Kartvsselbau
Käse
Katholiken
Katzensee
Kerns
Kerzers
Keßlerloch
Kestenholz

208

Kinderarbeit

74,  88,  181

152

Kinzigpaß

151

142

Kilchberg

198

177,  196

Kirchdorf

195

127

Kirchet

191

123,  127

Kirschwasser

65,  175

70

Kistenpaß

155,  170

35,  143

Klausenstraße

148,  155

163

Kleinhüningen

185

190

Kleinllltzel

189

200

Klettgau

167

191

Klima

25

150

Klingnau

183

200

Klöntal

155

212

Klosters

141

211

Kloten

173

174

Klüsen  .

21

118,  119

Knonau

171

148

Knnttwil

178

143

Koblenz

183

191,  193

Kochsalz

48

20

Kohlen

41,  47

4

Kölliken

181

37

Kondensierte  Milch

68

40,  199

Konfession

118

Köniz

198

184

Konserven

62,  86

183

Konstanz

43,  91

5,  49

Koppigen

198

42

Kraftwerke

15,  42,  78

162

Kriens

179

40,  193

Kubelwerk

42

109,  193

Kulm

181

47

Kunkelspaß

158

160

Kurorte

15,  106

171

Küsnacht

171

153

Kllßnacht

152

151

61

Lachen

153

68

Ladinisch

140'

118

Lägern

21,  63,  182

172

Landeron

206

150

Landquart

141

211

Landwirtschaft

64,  88

111

Langenbruck

186

188  1

Langensee

44,  45,  134
        <pb n="243" />
        Langenthal

51,

197

Luganersee

44,

135

Langnau  (Zch.)

171

Lugano

26,  42.

135

Langnau  (Bern)

197

Lugnez

142

Lauenen

194

Lukmanier

133,

142

Läuselfingen

186

Lungern

149

Laufen

202

Lungernsee

45

Laufenburg

42,

183

Lnthern

178

Laupen

199

Lntry

216

Lausanne

215

Lntschine

191

Lauterbrnnnen  14,  16,

192

Lützel

189

Lavey

52

Lntzelflüh

197

Lawinen

11

Lutzenberg

77,

164

Lehm

51

Luzern  (Kanton)

176

Leinenindustrie

83

Luzern  (Ort)

178

Leißigen

193

Luziensteig

141

Lengnan  (Aargau)

183

Lyß

199

Lengnau  (Bern)

200

Lenk  52,

107,

194

Maderanertal

148

Lenzburg

181

Maüiswil

198

Lenk

127

Maggia

36,

134

Leukerbad  52,

108,

127

Maians

141

Leysin

108,

217

Maloja

143

Lichtensteig

160

Malters

177

Lichtwirkung

108

Männedorf

171

Liestal

186

March

153

Lien,  Le

212

Marcheiruz

215

Ligerz

199

Marmor

49

Lignieres

206

Marthalen

174

Limmat

169

Martigny

42,

125

Linden

196

Martinsbruck

144

Lindenberg

182

Maschinenbau

78

Linth

154

Maschinenstickerei

73

Linthal

155

Matlerhorn

128

Linthwerk'

40,

154

Matran

210

Littau

179

Maximum

33

Livigno

145

Mayenfeld

141

Locarno  26,  27,

107,

134

Medels

142

Lvcle,  Le

82,

203

Meiental

147

Lokalwinde

30

Meikirch

199

Löntlch

155

Meilen

171

Löntlchwerk

15,

42

Bieiringen

30,  45,

191

Lorze

174

Melchtal

58,

150

Lötschberg

102

Melide

135

Lütschental

128

Mellingen

182

Lowerzersee

151

Mels

158

Lucens

213

Mendrisio

135
        <pb n="244" />
        Mentue

214

Moudon

2,3

Menzingen

175

Montier

21,

201

Menznau

178

Mühlehorn

45

Mergel

18

Miimliswil

188

Metallindustrie

84

Mundarten

118

Mett

200

Münsingen

195

Milchproduktion

67

Münster  (Wallis)

129

Mineralien

47

„  (Graub.)

146

Mineralquellen

51

„  (Luzern)

178

Minimum

33

„  (Bern)

21,

201

Mischabelhörner

128

Münstertal  (Graub.)

146

Misox

145

Muotatal

151

Mittelland

3,  16,  97

Murg

45,

158

Mittelmoränen

12

Murg  (Fluß)

165

Moesa

133

Muri

182

Möhlin

184

Mürren

14,  15.

192

Molasse

18

Murten

211

Moleson

207

Murtensee

44

Mollis

155

Mürtschenstock

155

Mönch

192

Musikwerke

85

Mönchenstein

186

Musseline

76

Montana

127

Mutlenz

186

Mt.  Blanc  de  Seillon

125

Mythen

151

Montbovon

208

Mte.  Ceneri

134

Näfels

155

Mt.  Cenis

101

Naqclfluh

18

Mt.  Collon

126

Napf

18.

196

Mt.  Dolent

125

Nationalpark

144

Mte.  Generoso

135

Natronquellen

52

Monthey

62,  125

Naturschutz

144

Mte.  Leone

128

Naviqenze

127

Montoz

201

Nebel

28

Montreux

106,  216

Nebelineer

27

Mt.  Risoux

211

Necker

159

Mte.  Rosa

7,  10,  128

Neftenbach

174

Mi.  Saleve

218

Neßlau

159

Mt.  Tendre

211

Netstal

155

Ml.  Vuache

218

Neuenburg  (Kanton)

202

Moränen

12,  19

„  (Ort)

205

Marcote

135

„  (See)

44

Morgarten

175

Neuendors

188

Morges

215

Neuenegg

199

Morjchach

16,  151

Neuenkirch

178

Mörswil

48

Neuenstadt

199

Morleratsch

143

Neuhausen

168

Motiers

204

Neunkirch

168
        <pb n="245" />
        237

Nidau

200

Nidwalden

150

Niederschläge

31

Niederurnen

155

Niesen

194

Nikolaital

128

Nods

200

Noiraigue

23,  204

Noirmont  (Bern)

201

„  (Waadt)

211

Nolla

142

Nyon

51,  215

Oberaargau

197

Oberalp

141

Oberburg

197

Oberdorf

187

Oberhalbstein

143

Oberried

161

Oberwald

129

Obstalden

155

Obstbau

64

Obwalden

149

Osenstraße

144

Oldenhorn

117

Olivone

133

Olten

103,  188

Anfingen

188

Orbe

42,  214

Orlikon

172

Ormont

217

Oron

213

Orsieres

125

Osogna

133

Ostalpenbahn

102

Ottenberg

165

Ouchy

215

Palezienx

213

Panixerpaß

155

Papierfabriken

85

Paradiso

135

Pässe

95

Passugg

52

Payerne

68,  213

Pfäfers

52

Pfäsfikon

153

Pfannenstiel

172

Pferdezucht
Pfin

68

165

Pfinwald

128

Pierre  Pertuis

100,  201

Pilatus

179

Pissevache

126

Piz  Buin

143

„  d'Err

143

„  Languard

144

„  Linard

143

„  Kesch

143

„  Quatervals

145

„  Badred

143

Pizzo  Centrale

147

„  Rotondo

147

Plaffeien

210

Plateaujura

22

Plessur
Po

141

35

Pont,  Le

212

Ponte  Tresa

136

Pontresina

109,  144

Ponls,  Les

48,  204

Porzellan

51

Poschiavo
Pragelpaß
Präligau

145

151

141

Pratteln

186

Präzisionsinstrumente

84

Produktiver  Boden

54

Protestanten

118

Prunlrnt

202

Puschlav

145

Ouarten

158

Quinten

158

Quinto

133

Rabinsa

142

Rnsz

172

Ragaz

52,  108,  158

Raimeux

202

Rambach

146

Ramsen

169
        <pb n="246" />
        238

Randen  167
Randseen  14,  43
Rangiers,  Les  201
Rapperswil  (Zch.)  158
„  (Bern)  199
Rätikon  141
Rätoromanen  112,  140
Rawilpaß  127,  194
Realp  147
Reben  63
Regenmenge  31
Regensberg  172
Regensdorf  172
Regenverteilung  32
Reichenau  141
Reichenbach  193
Reichenbachfall  191
Neiden  178
Reinach  181
Reuchenette  201
Reuß  35,  146
Rhein  35,  136
Rheinau  174
Rheineck  161
Rheinfall  43,  168
Rheinfelden  42,  183
Rheinkorrektion  40
Rheintal,  St.  Galler  160
Rheinwald  142

»theinwaldhorn

142

Rhone

35,  37

Rhonegletscher

13

Riburg

48,  184

Richterswil

171

Ricken

159

Riddes

126

Riehen

185

Rigi

19,  106,  151

Ri'ndviehzucht

67

Riva

135

Rochers  de  Nahe

216

Rofna

142

Roqqwil

198

Rolle

215

Romanisch

140

Romanshorn

166

Romont
Rorschach
Rosegg
Roßberg
Röthenbach
Rothenthurm
Rothorn,  Brienzer
Rotsee
Roveredo
Rne
Rlleggisberg
Rüschegg
Ruswil
Rüti
Rütli

209
160
143
151
196
48,  152
191
177
145
210
196
196
178
173
148

Saane

207

Saanen

194

Saas  Fee

128

Saas  Grund

128

Saastal

128

Safiental

142

Sagne,  La

48,  204

Saignelegier

201

St.  Anbin

206

St.  Blaise

206

St.  Cergues

215

Sie.  Croix

109,  212

St.  Gingolph

125

St.  Inner

201

St.  Maurice

125

St.  Pierre

125

St.  Sulpice

22,  204

St.  Triphon

49

St.  Ursanne

202

Salanfe

126

Salenstein

167

Saleve

218

Salinen

48

Salvan

126

Salz

48

Samaden

144

Sämbtisersee

162

Samnaun

144

Sand

51

Sandalppaß

155
        <pb n="247" />
        239

Sandstein  18,  50
Saneischpaß  127,  195
St.  Beatenberg  193
St.  Bernhard  125
St.  Gallen  (Kanton)  156
„  (Ort)  73,  133,  160
St.  Immer  201
St.  Margrethen  161
St.  Moritz  52,  109,  143
St.  Petersinsel  200
St.  Stephan  29
St.  Sulpice  22,  204
San  Salvatore  135
Santa  Maria  146
Säntis  7,  10,  32,  162
Sargans  45,  158
Sarnen  150
Sarnental  150
Sarraz,  La  214
Sattel  152
Saurenstock  158
Saviese  127
Saxon  126
Scarltal  145
Scesaplana  141
Schächental  148
Schaffhausen  (Kanton)  167
„  (Ort)  168
Schasmatte  187
Schafzucht  69
Schams  142
Schanfigg  141
Schangnau  196
Schänniserberg  158
Schatzalp  141
Scheideqa,  Große  191
„  ,  Kleine  192
Schelten  117
Schiefer  49
Schieferkohle  48
Schiers  141
Schindellegi  152
Schinige  Platte  191
Schinznach  52,  108,  182
Schlachtvieh  68,  93
Schleitheim  168

Schnebelhorn

173

Schneedecke

33

Schneegrenze

11

Schöftland

181

Schokolade

85

Schöllenen

147

Schönenwerd

188

Schrattenfluh

196

Schreckhörner

190

Schuhfabriken

85

Schuls

52,  144

Schulwandkarte

224

Schüpsen

198

Schlipfheim

177

Schütz

37,  200

Schuttransport

38

Schutzzölle

71,  82

Schwanden

155

Schwarzbubenland

188

Schwarzenburg

196

Schwarzenegg

196

Schwarzwasser

196

Schwefelberg

52

Schwefelquellen

52

Schweinezucht

68

Schweizerhalle

48,

52,  186

Schwyz  (Kanton)

150

„  (Ort)

151

Schynschlucht

143

Sedrnn

142

Seealpsee

162

Seebach

172

Seedorf

199

Seelaffe

50

Seeland

48,  199

Seelisberg

16,  148

Seen

14,

37,  44

Seerncken

164

Seetal

178,  181

Seez

157

Segnespaß

155

Seidenindustrie

76

Seidenraupenzucht

77

Seitenmoranen

12

Selbsanft

155

Selzach

187
        <pb n="248" />
        240

Sembrancher

125

Splügen

102,  142

Sempach

178

Spölbach

144

Semsales

\

210

Sprache

117

Sennhütten

10

Stachelberg

52,  108,  156

Sennwald

161

Stäfa

171

Sense

195

Staffelegg

183

Sentier,  Le

212

Stalden

128

Seon

181

Stammheim

174

Septimen

143

Stans

150

Serneus

141

Stanserhorn

150

Sernslal

155

Stansstad

150

Serrieres

206

Staubbach

14,  192

Seyon

22,

205

Staublawinen

11

Siders  1

197

Steckborn

167

Sierre  /

dJ,  111

Slesfisburg

195

Siegfriedkarte

220

Stein  (St,  G.)

159

Signau

196

Stein  (a.  Rh.)

168

Siqriswil

193

Steinzeit

111

Sihl

152

Stickerei

72

Sihltal

171

Straßen

95

Silbernalp

151

Strelapaß

141

Silenen

148

Streuewiesen

67

Sils

143

Stroh

61

Silvaplana

143

Strohflechterei

84

Simme

194

Stromgebiete

35

Simpeln

5,

129

Stromquellen

23

Simplon

99,  101,

129

Stromschnellen

42

Sisikon

148

Stusenmündung

14

Sissach

186

Stützstraße

141

Sitten  (Sion)

126

Südfrüchte

65

Sitter

159

Snhr  (Fluß)

178

Solothurn  (Kanton)

186

(Ort)

18  l

„  (Ort)

187

Snmiswald

197

Somvix

142

Surbtal

183

Sonceboz

201

Surpierre

209

Sonnenberg

109,

201

Snrfee

178

Sonvilier

201

Süs

144

Sopraceneri

134

Sustenhörner

147

Sorne

202

Sustenpaß

147

Soltoceneri

134

Spätfröste

64

Tabakindustrie

86

Speer

17,

158

Tafeljura

22

Speicher

163

Täfers

210

Spezialhandel

90

Talbildung

6

Spiez

42,

193  1

Talstufen

14

Spinnerei

74

Talwind

31
        <pb n="249" />
        Sambia
Tarasp

52,  108,

Taubenloch

22,

Täuffelen
Tavannes
Tavetsch
Tellskapelle

148,

Temperaturen
Terrassen
Terrilec
Terzen
Tessin

35,  36,

Töte  Le  Ran
Tem'elsbrticke
Teufen
Textilindustrie
Thainqen

110,

Thal  '
Thalwil
Thermen
Thiele
Thierachern
Thun
Thunerfee

44,

Thur

159,

Thurgau

73,

Thusis
'Tiefenkastel
Titlis
Töoi

103,

Toggenburg
Töpferei
Torf
Löß
Trachselwald
Tramelan
Transitverkehr
Travers
Traverstal

96,

Trefa
Trienqen
Trieni

14,

Trogen
Trub
Turbental
Tusy

241

Twann

117,

199

Nberlingersee

165

Übersichtskarte

224

Mendorf

194

Ütikon

171

Usenau

153

Uhrenindustrie

79

Ulrichen

129

Umbrailstraße

146

Unproduktiver  Boden

54

Untersee

166

Unterwalden

149

Urgestein

5

Uri

146

Urirotstock

148

Urnäich  (Fluß)
(Ort)

159
163

Urnerboden

155

Urnerloch

147

Urnersee

148

Urserental

147

listn

173

Ütliberg

171

Utzenstorf

198

Uznach

48,

158

Bal  Cluoza

145

Val  d'Änniviers

127

Bal  de  Bagnes

125

Bal  d'Entremont

115

Val  de  Ferret

125

Bal  d'Heremence
Bal  L'Herens

126

126

Val  d'Jlliez

125

Val  de  Rnz

205

Balengin

205

Vallee  de  Joux

211

Vallorbe

42,  103,

212

Vals

142,

155

Vanil  Noir

207

Vaux,  La

215

Venoge

214

Verkehrsmittelpnnkte

103

Verkehrswege

95

Bernayaz

126

158
144
200
199
201
142
152
25
15
216
158
130
204
147
163
83
168
161
171
52
213
195
195
193
165
164
142
143
150
153
159
öl
48
173
197
201
103
204
204
136
178
126
163
197
173
42
        <pb n="250" />
        242

Verrieres

204

Weide

57,  66

Verwitterung

4,  e

Weinbau

63

Verzasca

134

|  Weinselden

165

Vevey

68,  216

|  Weißbad

163

Biamala

142

j  Weißenstein  21,

1(9  187

Vicosoprano

146

Wcißhorn

117,  128

Biege

42

Weißmies

128

Viehzucht

66

Weißtannental

158

Vierwaldstättersee

44,  148

Weizen

61,  93

Vignoble

205

!  Welschenrohr

188

Billars

217

Wengen  14,  15,

109,  192

Villeneuve

216

Wengernalv

192

Visp

128

Werdenberg

161

Vitznau

109,

152,  179

Wesen

158

Vivis

216

Wetterhörner

191

Bolksdichte

2,  112

Wetterlagen

33

Voralpen

7

Wetlingen

183

Vorderrheintal

141

Wetzikon

173

Vrin

142

Wiese  (Fluß)

185

Vusflens

214

Wiesen

57,  66

Bully

210

Wigger
Wil  ’

178,  181
160

Waadt

211

Wildbäche

38

Wädenswil

171

Wildbachverbauung

38,  40

Wäggital

153

Wildegg

182

Wählern

196

Wildhans

159

Walchwil

175

Wildhorn

194

Wald

57,  65

Wildkirchli

111,  163

Wald  (Ort)

27,  173

Wildstrubel

194

Waldenburg

186

Willisau

178

Waldgrenze

10

Wimmis

193

Walensee

44,  158

Winde

28

Walenstadt

158

Windisch

182

Wallis

120

Winterknrorte

109

Walperswil

199

Winterthur  79,

174,  190

Walzenhausen

164

Wistenlach

210

Wangen

42,  198

Wohlen  (Aarg)

182

Wärme

25

„  (Bern)

199

Waffen

147

Wohnfläche

112

Wasserflut)

21,  180

Wolfhalden

77

Wassersuhren
Wasserkräfte

122

Wolhusen

177

41

72,  105

Wolle

94

Wattenwil

195

Wollindustrie

83

Wattwil

160  !

Worb

197

Weberei

75  I

Wutach

167

Weggis

109,

152,  179

Wynen

178,  181
        <pb n="251" />
        3)  d  ertön
Dvorne
Zäziwil
Zement  50,
Zermatt  106,
Zernetz
Ziegenzucht
Zigarrenfabriken
Z-Hl
Zihlkanal  117,
Zinal  Rothorn
Zisternen
Zofingen
Zollfreie  Zone

243

Zollverträge

89

Zucker

62,  93

Zuckerrübenbau

57,  62

Zug  (Kanton)

174

(Ort)

175

Zugerberg

174

Zugersee

44,  175

Zuoz

144

Zürich  (Kanton)

169,  184

„  (Ort)

27,  76,  170

Zürichberg

170,  172

Zürichsee

44,  169

Zurzach
Zweilütschinen
Zweisimmen  '

183
192
109,  194

213
216
196
51
128
144
69
86
206
206
128
23
181
218
        <pb n="252" />
        Schuttheß  &amp;amp;  Co.,  Nerlagsbuchlsandlung,  Zürich

Jeste  und  Wrciuche
des  SchweizernoLkes
Meines  Landbuch  des  schweizerischen  Müisbrauches
der  Hegenwart  in  gemeinfaßlicher  Zarjteü'ung
Aer  schweizerischen  Lehrerschaft  gewidmet
von
Professor  Dr.  G.  Kofsrnunn  -Auuyeu
«reis  gcvunden  Jir.  3.  —

Sechstes  Tausend
Schweizer  Bürgerkunde
herausgegeben  von
Dr  Rudolf  Lzotz  (Bafel)
Abreis  gebunden  Ar.  2.  60.
Bei  einmaligem  Bezüge  von  50  und  mehr  Exemplaren:  Preis  des  Buches  Ar.  1.80
Die  Aargauer  Nachrichten  schreiben:  „Wir  haben  uns  durch  die  Lektüre  überzeugt,  daß  da
ein  sehr  praktisches  Handbuch  für  den  Schweizerbürger  geschaffen  wurde.  Der  Verfasser  hat  es
verstanden,  den  Stoff  prägnant  zu  behandeln  und  manches  Kapitel,  wie  z.  B.  dasjenige  über  die
politischen  Parteien  der  Schweiz,  zeugt  von  der  genauen  Kenntnis,  dem  treffenden  Urteil  und
der  gesunden  Objektivität  des  Autors.  Das  Buch  gehört  in  die  Bibliothek  jedes  gebildeten
Schweizerbürgers".

Staatsbürgerliches  Lexikon
-er  schweizerischen  Gi-genassenschast
von
Dr.  Gustav  A-vlf  Frey
Z'rcis  gcvuiideil  Kr.  4.80
Die  Neue  Zürcher  Zeitung  schreibt:  „Es  ist  ei»  gründliches,  ernsthaftes  und  aufschlußreiches ­
  Buch,  das  bei  jung  und  all  in  Helvetiens  Gauen  die  „staatsbürgerliche  Erziehung"
zu  fördern  und  zu  vertiefen  vermag".
        <pb n="253" />
        Kchulthtß  &amp;amp;  Co.,  Uerlagsbuchhandlnng.  Zürich

Daterlaudskimdc  der  Schweiz
Geographie,  Geschichte  und  Uersassungskunde
für  Fortliildungs-  und  Mittelschulen  von
Dr.  Ernst  Kcrch
Fweis  gekunden  Kr.  2.  60
Bei  einmaligem  Bezüge  von  50  und  mehr  Exemplaren  Preis  des  Buches  Fr.  1.80
Der  Samariter  schreibt:  ,.Da  der  Stil  vorbildlich  flott  ist,  so  liest  sich  das  Werl  stellenweise ­
  wie  eine  spannende  Erzählung;  eS  ist  das  eine  Eigenschaft,  die  man  einem  „Baterlands-Inndebuch"
  selten  nur  nachzurühmen  in  der  Lage  sein  dürste",

ttechtskuude
für  Kaufleute  und  Gewerbetreibende
Die  Grunchüge  des  Handels-  und  Wechselrechts
Gin  Kettfaden  für  den  Unterricht  an  schwel!.  Handels-  und  Gcwerdefchulen
von  Dr.  I.  Heuderger,  Rechtsanwalt  in  Aaran
D'reis  kartoniert  Kr.  3.20
Bei  einmaligem  Bezüge  von  50  und  mehr  Exemplaren  Preis  des  Buches  Fr,  2.20
Herr  Bundesrichter  Dr-  Theodor  Weiß  schreibt  in  Nr.  62  der  Neuen  Zürcher  Zeitung
(2.  März  1912)  u.  a.:  ,,Noch  ein  Vorzug  des  Buches  darf  besonders  ins  Licht  gerückt  werden:
£9  ist  prädestiniert,  als  ausgezeichneter  Aührer  für  Aandcl'sschulen  Verwendung  zu  finden".

Wirtschaftskunde  der  Schweiz
von
Dr.  T.  Geering
Sekretär  der  Basler  Handelskammer
und
Dr.  Rudolf  Hotz
Gymnasiallehrer  in  Basel
Fünfte,  neu  bearbeitete  Auflage  (1914)
        <pb n="254" />
        von  Dr.  K.  Dändliker
Verfasser  der  dreibändigen  Geschichte  der  Schweiz
Preis  gebunden  Fr.  2.—
Geschichtsunterricht
im  Landesmuseum

Im  Aufträge  der  pädagogischen  Vereinigung  des
Lehrervereins  Zürich  verfaßt  von
Dr.  H.  Gubler  und  Dr.  A.  Mantel.  Zürich

Preis  kartoniert  Fr.  I.  -

Die  Neue  Zürcher  Zeitung  schreibt:  „Dieses  billige  Büchlein  ist  zwar  in  erster
Linie  lür  die  Lehrer  geschrieben,  die  mit  ihren  Schülern  das  Landesmnseum  besuchen,
um  dort  den  Geschichtsunterricht  durch  Besichtigung  und  Erklärung  der  Sammlungen
zu  ergänzen;  es  wird  aber  auch  ältern  Schillern  und  Erwachsenen,  die  nicht  dem  Lehrerstande ­
  angehören,  gute  Dienste  leisten.  Das  Scliriftlein  mochte  durch  kleine  historische
Einleitungen  die  Vorbesprechungen  erleichtern  und  zugleich  Hinweise  aut  die  typischen
Exemplare  unter  den  Objekten  der  verschiedenen  Epochen  geben.  Es  will  natürlich  keine
Konkurrenz  zmn  offiziellen  Katalog  sein;  von  seiten  der  Direktion  des  Landesmuseums
dürsten  sich  die  Verfasser  wertvoller  Mithilfe  erfreuen“.

Quellenbuch  zur  Schweizergeschichte
bearbeitet  von  Wilhelm  Oechsli
Preis  gebunden  Fr.  10.—
Diese  kleine  einbändige  Ausgabe  von  Oechslis  Quellenbuch  zur  ,  Schweizergesohichte
enthält  einerseits  den  Inhalt  der  zweibändigen  Ausgabe  in  reduziertem  Maße,  berücksichtigt ­
  anderseits  abec  auch  das  18.  und  19.  Jahrhundert  reichlich.  Dem  Geschichtsfreunde
  erschließt  sich  an  Hand  des  Oechslischen  Quellenbuches  ein  Einblick  in  die  historische ­
  Vergangenheit  unseres  Landes  von  farbiger  Frische  und  lebendiger  Anschaulichkeit.
        <pb n="255" />
        Schultheß  Co..  Nerlagsbuchhandlung.  Zürich
Bei  uns  ist  soeben  erschienen:
per  Kleine  Merkur
Kleines  Handbuch  des  aus  dem  Gebiete  der
Kandetswissenschaften  Wissenswerten
von
W.  Wick
Rektor  der  kantonalen  Handelsschule  Basel
I?reis  gcöundeir  Kr.  3.80

Bei  uns  erscheint  Sommer  1914:
Allgemeine  Wirtschaftsund ­
  Handelsgeographie
für  detl  Gebrauch  an
kaufmännischen  und  gewerblichen  schulen
von
Dr,  Rudolf  Hotz  (Basel)
Herausgeber  der  „Schweizer-Bürgerkunde"  und  Mitherausgeber  der
„Wirtschaftskunde  der  Schweiz"  von  Geering  und  Hotz
        <pb n="256" />
        the  scale  towards

223

besteht  aus  25  Blättern  von  70/48  cm;  ihre
:  tgröße  beträgt  3,50  m  auf  2,40  m.  Sie  bildet
jbenformen  durch  Schroffen  ab.
)ie  Darstellung  der  Bodenformen  durch  Horizontalbildet
  die  Grundlage  für  die  Schraffenkarte,
'"&amp;gt;en  je  zwei  Kurven  werden  nebeneinander  Striche
schroffen  gezogen;  sie  folgen  der  Richtung  des
m  Gefälles,  oder,  was  gleichviel  besagt,  der  Rich-)es
  rinnenden  Wassers  und  treffen  die  Horizontalstets
  in  rechtem  Winkel.  Wenn  alle  Höhenschichten
»lchen  Schraffenreihen  ausgefüllt  sind,  so  werden
rrven,  die  in  diesem  Fall  nur  Hilfslinien  waren,
Pit.  Da  jede  Schrasfenschicht  den  Raum  zwischen
Kurven  einnimmt,  so  kann  man  nach  der  Zahl  der
ten  die  Höhe  der  Erhebungen  beurteilen.  Je  nach-&amp;gt;ie
  Kurven  mit  größeren  oder  geringeren  Zwischenn
  verlausen,  müssen  die  Schraffen  länger  oder
werden.  Lange  Striche  bedeuten  eine  schwache,
vagegen  eine  starke  Neigung.  Je  kürzer  die  Schraf-"esto
  dicker  werden  sie  ausgezogen  und  desto  schmaler
tt  die  weißen  Zwischenräume  zwischen  den  einzelnen
len  belassen;  je  dunkler  der  Ton,  desto  steiler  die
ing.
Oie  Schraffenkarte  bietet  ein  plastisches  und  überhes
  Bild  der  Bodenformen,  gestattet  aber  nicht,
ileicher  Genauigkeit  und  Sicherheit  ^die  Neigungs-'&amp;lt;tnisse
  abzulesen,  wie  das  Kurvensystem.
Oie  Schraffenkarten  der  Nachbarländer  nehmen  für
Verteilung  von  Licht  und  Schatten  eine  senkrechte
chtung  an.  Die  Dufour-Karte  verwendet  die  schiefe
chtung,  bei  der  man  sich  die  Sonnenstrahlen  unter
Winkel  von  45  0  von  Nordwesten  her  einfallend
nken  hat.  Für  unser  Gebirgsland,  dessen  Haupt-■-bon
  SW  nach  NO  quer  zu  der  Richtung  bersten ­
  laufen,  schafft  die  Schraffenmanier  mit  schiefer
chtung  von  Nordwesten  her  ein  prachtvoll  plastisches
Dem  Vorzug  der  starken  Relieswirkung  stehen

Schroffen

VorMg  und-Nachteil


Schiefe
Beleuchtung
        <pb n="257" />
        ﻿
        <pb n="258" />
        ﻿
        <pb n="259" />
        ﻿
        <pb n="260" />
        ﻿
      </div>
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</TEI>
