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        <title>Deutschlands Volkswohlstand</title>
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            <forname>Karl</forname>
            <surname>Helfferich</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>1009138227</idno>
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DEUTSCHLANDS
VOLKSWOHLSTAND
1888—1913

von

DE.  KARL  HELFFERICH
Direktor  der  Deutschen  Bank.

Zweite  Auflage

VERLAG  VON  GEORG  ST1LKE,  BERLIN  NW.  7
HOFBUCHHÄNDLER  SR.  KAISERL.  U.  KÖNIGL.  HOHEIT  DES  KRONPRINZEN

1913

Preis  1  Mark
        <pb n="2" />
        DEUTSCHLANDS
VOLKSWOHLSTAND
1888—1913

von

Di  KARL  HELFFERICH
Direktor  der  Deutschen  Bank.

VERLAG  VON  GEORG  ST1LKE,  BERLIN  NW.  7
HOFBUCHHÄNDLER  SR.  KAISERL.  U.  KÖNIGL.  HOHEIT  DES  KRONPRINZEN

1913
        <pb n="3" />
        Vorwort,

Die  nachstehende  Darstellung  der  Entwicklung  des
deutschen  Volkswohlstandes  in  den  letzten  25  Jahren  wurde
ursprünglich  geschrieben  als  Beitrag  zu  dem  von  den  Herren
Dr.  von  Behr-Pinnow,  Prof.  Dietrich  und  Prof.  Kayserling
im  Verlage  von  Georg  Stilke  herausgegebenen  Jubiläumswerke ­
  „Soziale  Kultur  und  Volkswohlfahrt  während  der
ersten  25  Regierungsjahre  Kaiser  Wilhelm  II.“
Ich  entspreche  vielfach  geäusserten  Wünschen,  indem
ich  durch  diese  Sonderausgabe,  mit  der  sich  Herausgeber
und  Verleger  des  Jubiläumswerkes  bereitwilligst  einverstanden
erklärt  haben,  meinen  Beitrag  einer  weiteren  Oeffentlichkeit
unterbreite.
Aenderungen  an  der  ursprünglichen  Fassung  sind  im
wesentlichen  nur  insoweit  vorgenommen  worden,  als  bei
den  statistischen  Angaben  die  seither  neu  veröffentlichten
Zahlen  Berücksichtigung  gefunden  haben.
Berlin,  im  September  1913.

Karl  Helfferich.
        <pb n="4" />
        Vorwort  zur  2.  Auflage.

Die  Studie  über  die  Entwicklung  des  deutschen  Volkswohlstandes ­
  hat  im  In-  und  Auslande  ein  unerwartet  grosses
Interesse  gefunden.  Wenige  Wochen  nach  dem  Erscheinen
im  Buchhandel  ist  eine  zweite  Auflage  erforderlich  geworden.
Uebersetzungen  in  die  englische,  französische  und  spanische
Sprache  sind  in  Vorbereitung.
Die  vorliegende  zweite  Auflage  ist,  abgesehen  von  kleinen
Aenderungen  im  Text  und  Ergänzungen  durch  neueres  Zahlenmaterial, ­
  ein  unveränderter  Abdruck  der  ersten  Ausgabe.
Berlin,  November  1913.

Karl  Helfferich,
        <pb n="5" />
        Inhalt.

Seite

Einleitung  3
Programm  11

Erster  Abschnitt.
Bevölkerung,  Technik  und  Organisation.
1.  Die  Bevölkerung.  Bevölkerung  und  Nahrungsspielraum. ­
  Deutschlands  Bevölkerungszunahme.  Geburtenüberschuss. ­
  Auswanderungsrückgang  und  Einwanderungszunahme. ­
  Steigende  Arbeitsintensität  der  deutschen
Bevölkerung.  Verschiebung  in  der  berufsständigen
Schichtung  zugunsten  von  Industrie  und  Handel  .  .  13
2.  Die  Technik.  Die  Naturwissenschaft  als  Grundlage
der  modernen  Technik.  Vervollkommnung  der  Dampfmaschine ­
  und  Zunahme  der  Dampfmaschinen-Pferdekräfte ­
  in  Deutschland.  Elektrizität  in  Schwachstromund
  Starkstromtechnik.  Die  Kraftübertragung  und  ihre
Einwirkung  auf  die  Nutzbarmachung  von  Kraftquellen.
Die  Gaskraftmaschine.  Die  modernen  Verbrennungsmotoren. ­
  Die  Entwicklung  der  Maschinenindustrie  bis
zum  Automobil  und  Luftschiff.  Chemie  und  Technik.
Agrikulturchemie.  Verbesserungen  in  der  Eisengewinnung ­
  und  Stahlbereitung.  Die  Erforschung  der  Kohle
und  die  Kohlenprodukte.  Chemische  Industrie.  Zusammenfassung ­
  20
        <pb n="6" />
        VI

Seite
3.  Die  wirtschaftliche  Organisation.  Wesen  der  wirtschaftlichen ­
  Organisation:  Arbeitsteilung  und  Arbeitsvereinigung, ­
  Schulung  und  Arbeitsdisziplin,  Zusammenfassung ­
  von  Kapital  und  Arbeit.  Die  Entwicklung  der
Arbeitsteilung  in  der  inneren  Volkswirtschaft  und  in
den  weltwirtschaftlichen  Beziehungen.  Die  Entwicklung ­
  der  Arbeitsvereinigung  in  den  Betriebsgrössen  und
der  Betriebs-Zusammenfassung.  Die  Mobilisierung  und
Konzentration  der  Kapitalien  durch  die  Ausgestaltung
der  gesellschaftlichen  Form  der  Kapitalorganisation  und
durch  die  Entwicklung  des  Kredits.  Syndikate,  Interessengemeinschaften ­
  u.s.w.  Die  Vervollkommnung  der
wirtschaftlichen  Organisation  und  die  neuen  Probleme
unserer  Volksentwicklung  34

Zweiter  Abschnitt.
Produktion,  Verkehr  und  Konsum.
1.  Die  Produktion.  Produktionsstatistik.  Entwicklung  der
landwirtschaftlichen  Produktion:  Nährfrüchte,  Zuckerrüben, ­
  Viehzucht.  Entwicklung  der  industriellen  Produkte: ­
  Kohlengewinnung,  Eisen-  und  Stahlerzeugung,
sonstige  Industrien  nach  der  Zahl  der  beschäftigten
Personen,  der  verwendeten  Dampfmaschinen-Pferdekräfte ­
  und  der  Ausfuhr  50
2.  Der  Verkehr.  Vermehrung  der  im  Handelsgewerbe  erwerbstätigen ­
  Personen.  Entwicklung  des  Nachrichtenwesens ­
  und  des  Zahlungsverkehrs.  Entwicklung  des
inneren  Transportverkehrs:  Eisenbahnen  und  Binnenwasserstrassen. ­
  Entwicklung  des  Verkehrs  mit  dem  Ausland: ­
  Auswärtiger  Handel  und  Seeschiffahrt.  Sicherung ­
  unserer  auswärtigen  Wirtschaftsbeziehungen:
Handelspolitik,  Kolonialpolitik,  deutsche  Unternehmungen ­
  im  Ausland,  die  Kriegsflotte  67
        <pb n="7" />
        VII

Seite
3.  Der  Konsum.  Entwicklung  des  Verbrauchs  der  wichtigsten ­
  Nährfrüchte.  Fleischkonsum.  Verbrauch  von
alkoholischen  Getränken,  von  Tabak,  Salz,  Zucker,
Kolonialwaren,  Baumwolle  85

Dritter  Abschnitt.
Volkseinkommen  und  Volks  vermögen  92
1.  Das  deutsche  Volkseinkommen.  Ergebnisse  der
preussischen  Einkommensteuer.  Ergänzende  Schätzungen. ­
  Durchschnittliches  Einkommen  pro  Kopf  =
600  M.,  gesamtes  Volkseinkommen  =  40  Milliarden  M.
Vergleichung  mit  französischen  und  englischen  Schätzungen. ­
  Verteilung  des  Volkseinkommens  auf  die  einzelnen ­
  Einkommensstufen  und  Entwicklung  dieser  Verteilung: ­
  Starke  Abnahme  der  Zensiten  mit  weniger  als
900  M.,  starke  Zunahme  der  Einkommen  von  900  bis
3000  M.  und  von  3000  bis  6500  M.,  also  keine  Plutokratisierung,
  sondern  Hebung  der  breiten  Schichten.
Lohnverhältnisse  in  England  und  Deutschland  ...  93
2.  Das  deutsche  Volksvermögen.  Ergebnisse  der
preussischen  Vermögenssteuer.  Erforderliche  Zuschläge.
Ergebnisse  der  Feuerversicherung  und  ergänzende
Schätzungen.  Summe  des  deutschen  Volksvermögens
mindestens  300  Milliarden  M.  gegen  200  Milliarden  M.
im  Jahre  1895.  Vergleichungen  mit  französischen,  englischen ­
  und  amerikanischen  Schätzungen  105
3.  Der  Jahreszuwachs  des  deutschen  Volkswohlstandes. ­
  Der  jährliche  Verbrauch  des  Reichs,  der
Bundesstaaten  und  sonstigen  öffentlichen  Körperschaften.
Der  sichtbare  Zuwachs  des  Volksvermögens  in  der
Statistik  der  Emissionen,  Bank-  und  Sparkassengut-
        <pb n="8" />
        haben  etc.  Veranschlagung  des  gesamten  jährlichen
Vermögenszuwachses  nach  der  Veranlagung  zur  Ergänzungssteuer ­
  und  nach  der  Entwicklung  der  gegen
Feuer  versicherten  Werte:  Durchschnittlicher  Zuwachs
in  den  letzten  15  Jahren  etwa  6  bis  7  Milliarden,  in
den  letzten  drei  Jahren  etwa  10  Milliarden  M.  .  .  .

115

Schluss

.  124
        <pb n="9" />
        Einleitung.
Im  Pendelschlag  der  Weltenuhr,  die  den  Völkern  die
Zeiten  schlägt,  sind  fünfundzwanzig  Jahre  eine  kurze  Spanne.
Die  Völkergeschichte  misst  sich  in  Jahrhunderten  und  Jahrtausenden. ­
  Aber  die  Bedeutung  der  sich  folgenden  Epochen
wird  nicht  gemessen  an  der  zeitlichen  Erstreckung,  sondern
gewogen  an  ihrem  Entwicklungsinhalt,  und  dieser  ist  ungleich ­
  verteilt.  Im  Leben  der  Völker  wechseln,  wie  im  Leben
des  Einzelnen,  Zeiten  der  Kraftentfaltung  und  Zeiten  der
Ruhe;  es  liegt  tief  begründet  in  der  Psychologie  und  Physiologie ­
  des  Menschen  und  der  menschlichen  Gemeinschaften,
dass  stärkstes  Schaffen  und  höchstes  Vollbringen  sich  in
kurze  Epochen  zusammendrängen,  während  das  Ausruhen
und  die  langsam  vorbereitende  Arbeit  den  breiten  Zeitenstrom
füllen.  Glücklich  die  Geschlechter,  denen  der  Aufstieg  zu
höheren  Daseinswerten  Erlebnis  wird,  und  doppelt  glücklich
die  Auserwählten,  denen  es  vergönnt  ist,  in  solchen  gesegneten ­
  Zeiten  auf  der  Menschheit  Höhen  zu  stehen  und
Führer  zu  sein.
Die  jetzt  ablaufenden  25  Jahre  der  Regierungszeit  unseres
Kaisers  wird  die  Geschichte  einreihen  in  die  hohen  Zeiten
unserer  Volksentwicklung.  Wenn  der  Blick  in  die  Vergangenheit ­
  schweift,  zurück  bis  in  das  Halbdunkel  der  Anfänge ­
  deutschen  Volkstums,  so  begegnet  er  manchem  Zeit ­
        <pb n="10" />
        4

alter  heldenhafter  Grösse  und  glänzender  Machtentfaltung,
mancher  Epoche  herrlicher  Geistesblüte  und  künstlerischer
Hochkultur;  aber  er  findet  nur  eine  Periode,  in  der  die  gesamten ­
  Lebensverhältnisse  sich  in  ähnlicher  Weise,  wenn
auch  in  viel  bescheidenerem  Massstabe,  geweitet  haben  wie
in  dem  Zeitalter,  in  dem  wir  leben:  die  Blütezeit  der  Renaissance ­
  und  Reformation.  Damals  wie  heute  reiften  in
der  materiellen  und  geistigen  Kultur  die  Früchte  der  Arbeit
und  der  Kämpfe  von  Jahrhunderten,  damals  wie  heute  schien
der  Geist  eines  ungestümen  Vorwärtsdrängens  sich  lange
und  schwer  lastender  Fesseln  zu  entledigen,  das  ganze  Volk
in  seinen  Tiefen  zu  durchdringen  und  es  unaufhaltsam  zu
höheren  Lebensstufen  zu  führen.
Wo  Licht  ist,  da  ist  auch  Schatten.  Wer  sich  an  den
Schatten  hält,  der  mag  zweifelnd  und  absprechend  beiseite
stehen.  Wer  aber  unserer  Zeit  in  der  Gesamtheit  ihrer
vielgestaltigen  Erscheinung  gerecht  werden  will,  der  reihe
sie  ein  in  den  grossen  Zusammenhang  unserer  Geschichte,
der  blicke  vor  allem  zurück  auf  die  Niederung,  die  unser
Zeitalter  von  der  Höhe  des  15.  und  16.  Jahrhunderts  trennt.
Wir  sehen,  um  die  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  beginnend,
einen  betrübenden  Verfall:  innere  Zwistigkeiten  zwischen
Kaiser,  Fürsten,  Ritterschaft  und  Städten,  verschärft  durch
den  Hader  der  beiden  Konfessionen,  verzehren  die  Kraft  des
Reiches.  Gewaltige  Ereignisse  von  universeller  Bedeutung,
die  Auffindung  des  Seeweges  nach  Indien  und  die  Entdeckung ­
  Amerikas,  lenken  die  Bahnen  des  grossen  Handels
von  Deutschland  ab  und  führen  anderen  Staaten  die  gewaltigen, ­
  aus  den  neuen  Welten  erwachsenden  Vorteile  zu.
Deutschland  verliert  politisch  und  wirtschaftlich  die  Kraft,
sich  der  Nachbarvölker  zu  erwehren,  und  wird  das  Schlachtfeld ­
  fremder  Heere.  Auf  den  tiefsten  Jammer  des  dreissigjährigen
  Krieges,  der  Deutschland  entvölkert,  verelendet  und
        <pb n="11" />
        5

in  seiner  geistigen  und  sittlichen  Kultur  tief  herabdrückt,
folgt  ein  allmähliches,  oft  unterbrochenes  Wiederaufleben.
Unter  dem  Grossen  Kurfürsten,  und  noch  mehr  unter  Friedrich
dem  Grossen,  bildet  sich  im  Norden  der  gesunde  Kern  der
künftigen  politischen  Neugestaltung.  Gleichzeitig  wächst
aus  den  Trümmern  und  Schlacken  der  unsagbaren  Verheerung ­
  eine  neue  wunderbare  Blüte  in  Dichtung,  Kunst
und  Wissenschaft,  eine  neue  Kultur,  die  das  geistige  Band
des  wiederauflebenden  deutschen  Volkes  wird.  Wie  das
Eisen  durch  das  Feuer  geht,  um  Stahl  zu  werden,  so  geht
das  werdende  Deutschland  durch  die  Not  der  napoleonischen
  Kriege.  Die  schwere  Prüfung  wird  zur  Wiedergeburt.
In  dem  Ringen  auf  Leben  und  Tod  erwächst  die  Erkenntnis
der  militärischen,  politischen  und  wirtschaftlichen  Notwendigkeiten ­
  einer  neuen  Zeit.  Die  Organisation  des  Volksheeres ­
  ermöglicht  die  Abschüttelung  des  Jochs  der  Fremdherrschaft ­
  und  bereitet  die  Grundlage  für  die  späteren
Waffenerfolge.  Die  Bauernbefreiung  und  die  Gewerbefreiheit, ­
  die  kommunale  Selbstverwaltung  und  die  Verfassung
lösen  die  soziale,  wirtschaftliche  und  politische  Gebundenheit ­
  und  erschliessen  den  wachsenden  Kräften  des  deutschen
Volkstums  ein  neues  weites  Feld  freier  Betätigung.  Der
Zollverein  beseitigt  die  Schlagbäume  im  Innern  Deutschlands ­
  und  schafft  ein  einheitliches  deutsches  Wirtschaftsgebiet. ­
  Das  Gefühl  der  geistigen,  wirtschaftlichen  und
politischen  Zusammengehörigkeit  verschmilzt  die  deutschen
Stämme  zu  einer  Nation.  Das  jahrhundertelange  Ringen
findet  seine  Vollendung,  als  aus  der  in  dem  glorreichen
Volkskriege  erneuerten  Blutsbrüderschaft  das  Deutsche
Reich  ersteht.
Aber  diese  Krönung  der  Entwicklung  ist  kein  Abschluss,
sie  ist  ein  neuer  Anfang.  Die  Kräfte,  die  sich  früher  in
gegenseitigem  Kampf  und  Streit  verzehrten,  die  sich  später
        <pb n="12" />
        6

in  dem  Ringen  um  die  nationale  Freiheit  und  Einheit  auslebten, ­
  waren  nach  der  Wiederherstellung  des  Reichs  und
der  Neubegründung  der  deutschen  Machtstellung  frei  geworden ­
  für  eine  das  ganze  Volksleben  erfassende  und
durchdringende  Kulturarbeit.  Die  achtunggebietende  Wehr
unseres  Heeres,  der  unser  Kaiser  eine  mächtige  Flotte  zur
Seite  stellte,  hat  uns  mehr  als  vierzig  Friedensjahre  gesichert ­
  und  hat  dem  Deutschen  nicht  nur  im  Binnenlande,
sondern,  wo  immer  draussen  in  der  Welt  er  sich  niederliess,
  Schutz  und  Förderung  gewährt.  Im  Schatten  dieses
Friedensschutzes  hat  das  deutsche  Volk  in  rastloser,  nie  ermüdender ­
  Arbeit  von  Kopf  und  Hand  die  in  Ohnmacht  und
Selbstzerstörung  verlorenen  Jahrhunderte  wieder  eingebracht,
es  hat  seine  gesamten  Daseinsbedingungen  aus  beschränkter
Enge  zu  ungeahnter  Entfaltung  ausgeweitet  und  —  alles  in
allem  genommen  —  einen  Aufstieg  vollzogen,  wie  er,  zusammengedrängt ­
  in  eine  so  kurze  Zeitspanne,  in  der  Völkergeschichte ­
  kaum  seinesgleichen  hat.  In  dem  ersten  Vierteljahrhundert ­
  nach  der  Reichsgründung  vollzog  sich  diese
Entwicklung,  nachdem  auf  die  riesenhafte  Anspannung  aller
Kräfte  der  naturgemässe  Rückschlag  gefolgt  war,  zögernd
und  stockend;  noch  war  die  Zeit  der  Sammlung  und  vorbereitenden ­
  Arbeit.  Der  in  der  ersten  Hälfte  der  90er  Jahre
beginnende  stürmische  und  sieghafte  Aufschwung  fällt  in
seiner  ganzen  Ausdehnung  in  die  Regierungszeit  unseres
Kaisers.  Auf  die  Zeit  der  von  wirtschaftlich-sozialen  und
politischen  Voraussetzungen  nahezu  unabhängigen  Entwicklung ­
  der  reinen  Geisteskultur,  auf  die  Zeit  der  grossen  politischen ­
  Evolution  ist  eine  Zeit  wirtschaftlichen  Schaffens
und  sozialer  Fortbildung  gefolgt.
Man  hat  unserer  Zeit  dieses  Hervortreten  der  wirtschaftlichen ­
  Entwicklung  zum  Vorwurf  gemacht  und  den
materiellen  Fortschritt  in  Gegensatz  gestellt  zu  der  Entwick-
        <pb n="13" />
        7

lung  der  geistigen,  ästhetischen  und  ethischen  Kultur  und
zu  den  Zeiten  grossen  politischen  Vollbringens.  Mit  Unrecht! ­
  Die  wirtschaftliche  und  soziale  Entwicklung  will
nicht  für  sich  allein,  sondern  aus  der  Gesamtheit  der  Volksentwicklung ­
  heraus  begriffen  werden,  und  in  dieser  ist  sie
ein  durchaus  gleichwertiger  Faktor.  All  die  verschiedenen
Lebensäusserungen  eines  grossen  Volkes  bedingen  und
durchdringen  sich  gegenseitig  und  streben  dem  Ideal  eines
gesunden  Gleichgewichts  zu.  Der  Satz  „mens  sana  in
corpore  sano“  gilt  nicht  nur  für  den  einzelnen  Menschen,
er  gilt  als  gleichstarke  Wahrheit  auch  für  die  Völker.  Der
gesunde  Körper  ist  hier  die  gesunde,  sich  kraftvoll  entwickelnde ­
  wirtschaftliche  und  soziale  Struktur  des  Volksganzen. ­

Deutschland  hatte  in  der  wirtschaftlichen  Entwicklung
am  meisten  nachzuholen.  An  sittlicher  Gesundheit  und  Kraft
hat  das  deutsche  Volk,  seitdem  es  in  die  Weltgeschichte
eingetreten  ist,  keinem  anderen  Volke  nachgestanden.  An
der  Entwicklung  der  Natur-  und  Geisteswissenschaften  hatte
Deutschland  seit  Jahrhunderten  den  hervorragendsten
Anteil  genommen;  in  der  Weltliteratur  und  in  den  schönen
Künsten  hatte  es  sich  seinen  Platz  in  der  ersten  Reihe  erobert, ­
  so  dass  die  Deutschen  für  die  anderen  Nationen  das
„Volk  der  Denker  und  Dichter“  waren.  Auch  militärisch
und  politisch  hatte  sich  Deutschland  seinen  Rang  unter  den
Völkern  wieder  erkämpft.  Der  wirtschaftlichen  und  sozialen
Arbeit  aber  blieb  die  grosse  Aufgabe,  die  materiellen  Lebensbedingungen ­
  des  deutschen  Volkes  auf  die  Höhe  der  geistigen ­
  und  politischen  Errungenschaften  zu  bringen.
„Wie  alles  sich  zum  Ganzen  webt,  eins  in  dem  andern
wirkt  und  lebt“  —  das  offenbart  sich  in  wundervoller  Klarheit ­
  in  der  Entwicklung,  deren  Ergebnis  das  heutige  Deutschland ­
  ist.  Die  politische  Wiedergeburt  Deutschlands  und  die
        <pb n="14" />
        8

Wiederherstellung  unserer  Wehrmacht,  die  uns  Freiheit  und
Frieden  gesichert  haben,  sind  die  Grundlagen  für  die  Entfaltung ­
  unserer  wirtschaftlichen  Kräfte.  Und  rückwirkend
trägt  und  stärkt  die  Mehrung  unserer  wirtschaftlichen  Kraft
unsere  politische  und  militärische  Machtstellung;  die  wirtschaftliche ­
  Entwicklung  hat  uns  in  den  Stand  gesetzt  und
wird  uns  weiter  in  den  Stand  setzen,  die  gewaltigen  Mittel
aufzubringen,  die  erforderlich  sind,  um  unsere  Wehr  zu
Lande  und  zu  Wasser  an  Zahl  und  Ausrüstung  auf  eine
Höhe  zu  bringen,  die  uns  erlaubt,  jedem  Gegner  ruhig  in
die  Augen  zu  sehen.  Die  geistige  Schulung  und  die  wissenschaftlichen ­
  Fortschritte  von  Jahrhunderten  haben  das  Rüstzeug ­
  geschaffen,  dem  die  wirtschaftliche  Arbeit  der  letzten
Jahrzehnte  ihre  Erfolge  verdankt;  und  wiederum  ist  es  das
Ergebnis  unserer  wirtschaftlichen  Arbeit,  nämlich  die  Mehrung ­
  des  Volkswohlstandes,  das  den  grossen  Massen  unseres ­
  Volkes  erst  die  Möglichkeit  gibt,  der  Errungenschaft
und  Segnungen  der  geistigen  und  künstlerischen  Kultur  teilhaftig ­
  zu  werden.  Wo  die  breiten  Schichten  des  Volkes
den  ganzen  Lebensinhalt  in  der  harten  Sorge  um  das  tägliche ­
  Brot  aufzehren,  da  bleibt  auch  die  feinste  Blüte  von
Wissenschaft  und  Kunst  auf  einen  engen  Kreis  weniger  Auserwählter ­
  beschränkt.  Nur  wenn  die  wirtschaftliche  Arbeit
auch  der  grossen  Masse  reichlichen  Ertrag  liefert,  wenn  die
Fristung  des  blossen  Daseins  nicht  die  ganze  Kraft  der
handarbeitenden  Klassen  in  Anspruch  nimmt,  vermag  die
Kultur  zum  Gemeingut  zu  werden.  Und  Gemeingut  zu
werden,  ist  der  letzte  und  höchste  Zweck  jeden  kulturellen
Fortschritts.
Nur  aus  dieser  Verkettung  lässt  sich  der  volle  Wert
der  wirtschaftlichen  Entwicklung  erfassen.  Es  ist  gewiss
nicht  wenig,  wenn  die  Vervollkommnung  der  technischen
Hilfsmittel  und  die  Verbesserung  der  Organisation  der  wirt-
        <pb n="15" />
        9

*
schaftlichen  Arbeit  Millionen  aus  dem  materiellen  Elend  zu
einer  auskömmlichen  und  menschenwürdigen  Lebensweise
emporheben.  Aber  es  ist  noch  unendlich  viel  mehr,  wenn
die  also  gesteigerte  Ergiebigkeit  der  wirtschaftlichen  Arbeit
Millionen  und  aber  Millionen  den  Zugang  zu  den  höchsten
Gütern  des  Lebens  erschliesst.
In  diesem  Sinne  will  die  nachstehende  Darstellung  der
Entwicklung  des  deutschen  Volkswohlstandes  in  den  ersten
25  Regierungsjahren  unseres  Kaisers  verstanden  werden.
        <pb n="16" />
        Programm.
Die  Kraft,  die  den  Volkswohlstand  schafft  und  mehrt,
ist  die  Arbeit,  von  der  reinen  Handarbeit  des  Tagelöhners
bis  zur  reinen  Kopfarbeit  des  Gelehrten.
Der  Träger  der  Arbeit  ist  der  Mensch,  oder  —  bezogen
auf  das  Ganze  eines  Staates  —  die  Bevölkerung.
Das  Ergebnis  der  Arbeit  ist  die  Gütererzeugung.
Die  Ergiebigkeit  der  Arbeit  wird  gesteigert  durch  die
Vervollkommnung  der  technischen  Hilfsmittel  und  der  Organisation. ­

Für  das  Volksganze  findet  die  gesteigerte  Nutzwirkung
der  Arbeit  ihren  Ausdruck  in  den  Ziffern  der  Produktion
und  des  Verkehrs.
Der  Endzweck  der  wirtschaftlichen  Arbeit  ist  der  Konsum.
Der  Ueberschuss  der  Gütererzeugung  über  den  für  die
Produktion  erforderlichen  Aufwand  ist  das  Volkseinkommen.
Der  Ueberschuss  des  Volkseinkommens  über  den  Verbrauch ­
  bildet  den  Zuwachs  des  Volkswohlstandes.
Das  sind  die  Elemente,  mit  denen  sich  unsere  Darstellung ­
  zu  beschäftigen  hat.
Das  Ideal  volkswirtschaftlicher  Entwicklung  ist,  dass
eine  wachsende  Bevölkerung  die  Nutzwirkung  ihrer  Arbeit,
und  damit  ihr  „Einkommen“,  in  einem  Masse  zu  steigern
vermag,  dass  gleichzeitig  eine  verbesserte  Lebenshaltung,
also  eine  ausgiebigere  Befriedigung  der  materiellen  und
geistigen  Bedürfnisse,  und  eine  Vermehrung  des  Volkswohlstandes ­
  erzielt  wird.
        <pb n="17" />
        ERSTER  ABSCHNITT.

Bevölkerung,  Technik  und  Organisation.
1.  Die  Bevölkerung.
Die  Bewegung  der  Bevölkerung  eines  Landes  ist
das  grundlegende  Element  jeder  wirtschaftlichen,  sozialen,  politischen ­
  und  kulturellen  Entwicklung.  Die  Zunahme  der
Volkszahl  ist  Zunahme  an  Arbeitskraft  und  an  politischer
Macht,  ist  Erweiterung  der  sozialen  und  der  kulturellen
Probleme.  Die  Zunahme  der  Bevölkerung  hat  umgekehrt  zur
Voraussetzung,  dass  die  erhöhte  Ergiebigkeit  der  wirtschaftlichen ­
  Arbeit  der  vermehrten  Bevölkerung  die  materielle
Daseinsmöglichkeit  schafft.
Eine  bekannte  sozialökonomische  Theorie  behauptet,
dass  die  Bevölkerung  die  natürliche  Tendenz  habe,  stärker
zu  wachsen,  als  der  Nahrungsspielraum  erweitert  werden
könne;  hieraus  ergebe  sich  die  Not  der  grossen  Masse  geradezu ­
  als  ein  Naturgesetz.  Wir  wissen  heute,  dass  dieses
vermeintliche  Naturgesetz  keine  unbedingte  Geltung  hat,
dass  der  Nahrungspielraum  eines  Landes  keine  unabänderliche ­
  oder  nur  nach  festen  Regeln  veränderliche  Gegebenheit ­
  ist,  sondern  durch  gesteigerte  Arbeitsintensität,  durch
Verbesserung  der  technischen  Zurüstung  und  der  Arbeitsmethoden, ­
  durch  Vervollkommnung  der  Arbeitsorganisation,
durch  Erweiterung  des  nationalen  und  internationalen  Güteraustausches ­
  in  einem  Masse  erweitert  werden  kann,  das
        <pb n="18" />
        14

dem  natürlichem  Wachstum  der  Bevölkerung  nicht  nur  entspricht, ­
  sondern  sogar  vorauseilt.  Einzig  und  allein  in
dieser  Möglichkeit  liegt  die  Hoffnung  auf  einen  dauernden
Fortschritt  in  der  Völkerentwicklung,  und  —  um  es  gleich
zu  sagen  —  diese  Hoffnung  ist  in  dem  Zeitalter,  dem  wir
angehören,  und  in  dem  Lande,  das  wir  mit  Stolz  unser
Vaterland  nennen,  Ereignis  geworden.
Auf  dem  Gebiet  des  heutigen  Deutschen  Reiches  wohnten
im  Jahre  1816  nur  etwa  25  Millionen  Menschen.  Im  Jahre  der
Reichsgründung  war  die  Bevölkerungszahl  auf  41  Millionen
Menschen  gestiegen.  Im  Jahre  des  Regierungsantritts  unseres
Kaisers  zählte  das  Reich  eine  Bevölkerung  von  48  Millionen,
In  den  seither  verflossenen  25  Jahren  hat  sich  die  Reichsbevölkerung ­
  weiter  um  mehr  als  ein  Drittel,  auf  66  Millionen,
vermehrt.
Der  jährliche  Geburtenüberschuss  beträgt  seit  langem ­
  etwa  800000  Köpfe;  er  ist,  im  Verhältnis  zur  Bevölkerung ­
  gerechnet,  stärker  als  in  allen  anderen  grossen
europäischen  Staaten,  Russland  ausgenommen,  ja  selbst
grösser  als  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Amerika.  Im
Jahre  1911  betrug  der  Ueberschuss  der  Geburten  über  die
Todesfälle,  auf  je  1000  Einwohner  gerechnet:

in  Deutschland  11,3
in  Russland  17,0*)
in  Oesterreich  9,5
in  Ungarn  9,9
in  England  und  Wales  ...  9,8
in  Italien  10,1
in  Frankreich  —0,9
in  denVereinigten  Staaten,  soweit
Erhebungen  für  die  einzelnen
Staaten  vorliegen  ....  5,4—  9,9

')  1906.
        <pb n="19" />
        15

Es  soll  hier  nicht  verschwiegen  werden,  dass  die  Entwicklung ­
  des  Geburtenüberschusses  in  Deutschland  in  den
letzten  Jahren  einen  viel  bemerkten  Rückgang  aufweist.  Im
Jahrzehnt  1881/90  stellte  sich  der  Geburtenüberschuss  auf
je  1000  Einwohner  auf  11,7,  im  folgenden  Jahrzehnt  auf
13,9  und  das  Jahrzehnt  1901/10  brachte  im  Durchschnitt  sogar ­
  einen  weiteren  Fortschritt  auf  14,3.  Aber  der  Höhepunkt
lag  im  Jahre  1902  mit  15,6,  während  das  Jahr  1911,  wie
bereits  erwähnt,  nur  einen  Ueberschuss  von  11,3  aufweist.
Auf  die  schwierige  Frage  nach  den  Ursachen  dieser  Bewegung ­
  kann  hier  nicht  eingegangen  werden.  Es  sei  zugegeben, ­
  dass  die  Tatsache  des  Rückganges  Anlass  zu
ernstem  Nachdenken  über  manche  Verhältnisse  und  Missverhältnisse ­
  unserer  Zeit  gibt.
Von  besonderem  Interesse  für  die  Beurteilung  unserer
wirtschaftlichen  und  sozialen  Gesamtentwicklung  ist  die  vergleichende ­
  Betrachtung  der  beiden  Reihen,  deren  Differenz
der  Geburtenüberschuss  ist:  der  Geburten  und  der  Todesfälle.

Jahres-Absolute

  Zahlen

Auf  1000  Einwohner

durchschnitt
der
Jahrzehnte

Geborene

Gestorbene

Geburtenüber ­
 ­


geboren ­


gestor ­
 ­


Überschuss ­


1871/1880

1  743  888

1  232  854

511034

40,7

28,8

11,9

1881/1890

1  798  778

1  247  470

551  308

38,2

26,5

11,7

1891/1900

1  964  108

1  233  843

730265

37,3

23,5

13,9

1901/1910

2  061  482

1  195  144

866338

33,9

19,7

14,3

1911

1  927  039

1  187  094

739945

29,5

18,2

11,3

Diese  Vergleichung  ergibt,  dass  die  bis  vor  wenigen
Jahren  festzustellende  Zunahme  des  Geburtenüberschusses
in  seinen  absoluten  Zahlen  nicht  ausschliesslich  in  einer
Vermehrung  der  Geburten  lag,  sondern  auch  in  einer  Abnahme ­
  der  Todesfälle,  die  bei  einer  so  stark  vermehrten
        <pb n="20" />
        16

Bevölkerung  doppelt  erstaunlich  ist.  Die  relativen  Zahlen,
in  denen  die  Geburten  und  Todesfälle  auf  je  1000  Einwohner ­
  berechnet  sind,  sind  noch  viel  schlagender:  Von
1871/80  auf  1901/10  ist  die  Zahl  der  Geburten  von  40,7  auf
33,9  zurückgegangen,  die  Zahl  der  Todesfälle  dagegen  von
28,8  auf  19,7,  mit  der  Wirkung,  dass  der  relative  Geburtenüberschuss ­
  von  11,9  auf  14,3  gestiegen  ist.  Also  steigender
Geburtenüberschuss  bei  abnehmender  Geburtenzahl  infolge
verminderter  Todesfälle.
Von  allen  Schlüssen,  die  sich  hieraus  ableiten  lassen,
seien  nur  folgende  festgestellt:
Zweifellos  spielen  bei  dem  Rückgänge  der  relativen
Geburtenzahl  wirtschaftliche  Erwägungen  mit,  vielleicht  sogar ­
  in  einem  stärkeren  Masse,  als  vom  Gesichtspunkt  der
Erhaltung  der  Rasse  erwünscht  ist.  Eine  ganz  unbestreitbar
günstige  Erscheinung  ist  jedoch  die  starke  Abnahme  der
relativen  Zahl  der  Todesfälle.  Der  Rückgang  dieser  Zahl
von  28,8  im  Jahrzehnt  1871/80  auf  19,7  im  letzten  Jahrzehnt
bedeutet  eine  entsprechende  Verlängerung  der  durchschnittlichen ­
  Lebensdauer,  und  diese  Verlängerung  ist  in  einem  so
ausgiebigen  Masse  nur  möglich  infolge  einer  durchgreifenden ­
  Verbesserung  der  gesamten  Lebenshaltung  der  grossen
Masse  der  Bevölkerung.  Von  besonderer  Bedeutung  ist  der
Rückgang  der  Kindersterblichkeit;  von  100  Lebendgeborenen
sind  im  ersten  Lebensjahre  gestorben:  1901  20,7,  1910  16,2.
Das  Jahr  1911  hat  allerdings  wieder  eine  Erhöhung  der
Kindersterblichkeit  auf  19,2%  gebracht;  aber  diese  Steigerung ­
  erklärt  sich  aus  der  ungewöhnlichen  Sommerhitze,
die  stets  ein  Anschwellen  der  Säuglingssterblichkeit  zur
Folge  hat.
Zu  dem  erheblichen  Rückgang  der  Sterblichkeit  im  allgemeinen ­
  müssen  bessere  Ernährung,  geringerer  Verbrauch
durch  übertriebene  Arbeitsbelastung  und  günstigere  sanitäre
        <pb n="21" />
        17

Helfferich:  Deutschlands  Volkswohlstand.

2

Verhältnisse  Zusammenwirken.  Der  Rückgang  der  relativen
Sterbezahl  beweist  also,  dass  Deutschlands  Bevölkerung,  die
heute  um  ein  Drittel  grösser  ist  als  vor  fünfundzwanzig
Jahren,  auch  um  vieles  kräftiger  ist  als  noch  vor  wenigen
Jahrzehnten.
Der  grosse  Bevölkerungszuwachs  hat  während  der
letzten  25  Jahre  mehr  und  mehr  innerhalb  des  deutschen
Reichsgebiets  selbst  Unterkunft  gefunden.  Die  Auswanderung, ­
  die  in  den  80er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts
noch  gewaltige  Ziffern  erreichte,  hat  fast  bis  zur  Bedeutungslosigkeit ­
  abgenommen.  Die  Entwicklung  wird  erst  in  vollem
Umfang  klar,  wenn  man  die  Anzahl  der  Auswanderer  dem
Geburtenüberschuss  gegenüberstellt.  Im  Jahrzehnt  1881/90
betrug  bei  einem  Geburtenüberschuss  von  insgesamt  5,5
Millionen  die  Zahl  der  deutschen  Auswanderer  1342000;
im  folgenden  Jahrzehnt  standen  einem  Geburtenüberschuss
von  7,3  Millionen  nur  noch  528  000  Auswanderer  gegenüber; ­
  im  Jahrzehnt  1901/10  betrug  der  Geburtenüberschuss
8 2 / 3  Millionen,  die  Zahl  der  Auswanderer  schrumpfte  auf
220000  zusammen.  Im  Jahre  1912  betrug  die  Zahl  der
deutschen  Auswanderer  nur  noch  18  500.  Berücksichtigt
man  gegenüber  der  Auswanderung  aus  Deutschland  auch
die  Einwanderung  nach  Deutschland,  so  wird  das  Bild  um
einen  weiteren  Zug  verstärkt;  während  Deutschland  früher
stets  einen  mehr  oder  weniger  erheblichen  Ueberschuss  der
Auswanderung  über  die  Zuwanderung  hatte,  überragt  seit  der
Mitte  der  neunziger  Jahre  die  Zuwanderung:  Deutschland
wird  aus  einem  Auswanderungsland  ein  Einwanderungsland.
Alles  dies  bestätigt,  dass  in  den  letzten  Jahrzehnten  die
wirtschaftlichen  Möglichkeiten  in  Deutschland  stärker  gewachsen ­
  sind  als  die  Bevölkerung.  Der  Bedarf  an  Arbeitskräften, ­
  die  lohnende  Arbeitsgelegenheit  ist  der  starken  Vermehrung ­
  der  Volkszahl  noch  vorausgeeilt.
        <pb n="22" />
        18

Dabei  ist  die  Arbeitsintensität  der  Bevölkerung
gewachsen.  Die  Arbeitsleistung  des  Einzelnen  ist  allerdings
kaum  messbar.  Man  ist  hierbei  wesentlich  auf  allgemeine
Wahrnehmungen  angewiesen.  Diese  bestätigen,  dass  —
trotz  der  aus  sozialen  Gründen  herbeigeführten,  durchaus
erfreulichen  Einschränkung  der  Arbeitszeit,  namentlich  in  den
gewerblichen  Berufen  —  die  Arbeitsleistung  des  Einzelnen
gewachsen  ist.  Auch  die  Vergleiche  mit  anderen  Ländern
lassen  Deutschland  als  das  Land  der  Arbeit  erscheinen.  In
einem  Punkte  jedoch  liegen  präzise  statistische  Daten  vor:
hinsichtlich  der  Anzahl  der  im  Haupt-  oder  Nebenberuf  Erwerbstätigen ­
  und  deren  Verhältnis  zur  Gesamtbevölkerung.
Die  Berufszählungen  der  Jahre  1882,  1895  und  1907  haben
folgendes  Ergebnis  geliefert:
Erwerbstätig  waren  in  Landwirtschaft,  Industrie,  Handel
und  Verkehr
1882:  16  203  300  Personen  =  35,4%  der  Gesamtbevölkerung
1895:  18  912  400  „  =36,4%  „
1907:24  617  200  „  =39,7%  .
Die  enorme  Zunahme  der  deutschen  Bevölkerung,  und
namentlich  ihres  erwerbstätigen  Teiles,  konnte  sich  nicht  vollziehen ­
  ohne  starke  Verschiebungen  in  der  berufsständigen
Schichtung.
Die  land-  und  forstwirtschaftlich  benutzbare  Fläche  ist
in  einem  Lande  von  alter  Kultur,  wie  Deutschland,  keiner
erheblichen  Erweiterung  fähig.  In  Deutschland  ist  allerdings ­
  noch  Neuland  in  grösserem  Umfange  zu  gewinnen,
wenn  es  gelingt,  die  in  manchen  Teilen  des  Reichs  weit
ausgedehnten  Moore  der  Kultur  zu  erschliessen.  Unser
Kaiser  hat  dieser  wichtigen  Frage  eine  ganz  besondere
Aufmerksamkeit  zugewendet  und  dieses  Interesse  am
        <pb n="23" />
        19

2«

17.  Februar  1911  in  einem  Vortrage  vor  dem  „Deutschen
Landwirtschaftsrat“  bekundet.
Die  stärkere  Intensität  der  landwirtschaftlichen  Nutzung
des  Bodens  hat  allerdings  die  Tendenz,  einen  grösseren
Bedarf  an  Arbeitskräften  zu  schaffen.  Aber  diese  Tendenz
wird  ausgeglichen  oder  gar  überwogen  von  der  entgegengesetzten, ­
  auf  die  Ersparung  menschlicher  Arbeitskräfte  gerichteten ­
  Tendenz,  die  von  der  Verbesserung  der  Wirtschaftsmethoden, ­
  insbesondere  der  stärkeren  Verwendung
von  Maschinen,  ausgeht.  Dagegen  bot  die  von  der  natürlichen ­
  Beschränktheit  der  Bodenfläche  weniger  abhängige
Industrie  und  der  in  dieser  Beziehung  nahezu  ganz  freie
Handel  dem  grossen  Bevölkerungszuwachs  eine  willkommene
Aufnahme.  Die  folgenden  Zahlen  geben  von  dieser  gewaltigen, ­
  auf  ein  Vierteljahrhundert  sich  zusammendrängenden
Verschiebung  ein  klares  Bild:

Berufsgruppen ­


Jahre

Erwerbstätige ­


Erwerbstätige ­

zuzügl.
Angehörige
und
Dienstboten

in  o/
Reichsbe\
Erwerbstätige ­


o  der
'ölkerung
Erwerbstätige ­

und  Angehörige ­


Land-  und

1882

8  236,5

19  225,5

18,0

42,0

Forstwirt-1895



8  292,7

18  501,3

15,9

35,6

schaft

1907

9  883,3

17  681,2

15,9

28,5

1882

6  396,5

16  058,1

14,0

35,1

Industrie

1895

8281,2

20  253,2

15,9

38,9

1907

11  256,3

26  386,5

18,2

42,5

Handel

1882

1  570,3

4  531,1

3,4

9,9

und

1895

2  338,5

5  966,9

4,5

11,5

Verkehr

1907

3  477,6

8  278,2

5,6

13,3
        <pb n="24" />
        20

Daraus  ergibt  sich  also  ein  Stillstand,  ja  sogar  ein
kleiner  Rückgang  des  landwirtschaftlichen  Teiles  der  Bevölkerung ­
  bei  einem  gleichzeitigen  starken  Anwachsen  der
auf  die  Industrie  (einschl.  Bergbau  und  Baugewerbe),  sowie
auf  Handel  und  Verkehr  entfallenden  Bevölkerung.
Im  Zusammenhang  mit  dieser  Entwicklung  steht  die
Verschiebung  in  den  Bevölkerungsverhältnissen  des  platten
Landes  und  der  Städte.  In  Städten  mit  mehr  als  20  000
Einwohnern  lebten
1885:  8,6  Mill.  Menschen  =  18,4%  der  Gesamtbevölkerung
1910:  22,4  Mill.  Menschen  =  34,5%  der  Gesamtbevölkerung
Die  Einwohnerzahl  der  Gressstädte  mit  mehr  als  100000
Einwohnern,  deren  Anzahl  von  21  im  Jahre  1885  auf  48
im  Jahre  1910  gestiegen  ist,  betrug
1885:  4,4  Mill.  Menschen  =  9,4%  der  Gesamtbevölkerung
1910:  13,8  Mill.  Menschen  =  21,1  %  der  Gesamtbevölkerung
Dass  das  Hinübergleiten  des  Schwerpunktes  der  Bevölkerung ­
  von  dem  Lande  nach  den  Städten,  von  der  Landwirtschaft ­
  nach  der  Industrie  und  dem  Handel  seine  Schattenseiten ­
  hat,  ist  allgemein  bekannt  und  wird  von  niemandem
bestritten.  Aber  ebensowenig  darf  man  übersehen,  dass
allein  die  Ausdehnungsfähigkeit  unserer  Industrie  und  unseres
Handels  die  Möglichkeit  bot,  dem  gewaltigen  Volkszuwachs
auf  deutscher  Erde  Arbeit  und  Brot  zu  verschaffen,  uns  vor
dem  Elend  der  Uebervölkerung  zu  bewahren  und  das  natürliche ­
  Wachstum  der  Bevölkerung  zu  einer  Quelle  wachsenden ­
  Wohlstandes  zu  machen.
2.  Die  Technik.
Die  gesamte  wirtschaftliche  Arbeit  geht  darauf  aus,  die
äussere  Natur  den  Bedürfnissen  des  Menschen  dienstbar  zu
machen.  Das  gilt  ebenso  von  der  primitivsten  „okkupato-
        <pb n="25" />
        21

rischen“  Tätigkeit,  etwa  dem  Sammeln  von  Wurzeln  und
Beeren  zur  Stillung  des  Hungers,  wie  von  der  mit  den
raffiniertesten  Hilfsmitteln  der  modernen  Technik  bewirkten
Produktion,  wie  z.  B.  der  Herstellung  von  Kalkstickstoff  aus
der  atmosphärischen  Luft,  der  als  Kunstdünger  in  der  Landwirtschaft, ­
  also  in  der  Nahrungsmittelgewinnung,  Verwendung
findet.
Die  Ergiebigkeit  der  wirtschaftlichen  Arbeit,  also  der
Erfolg  des  Ringens  mit  der  Natur,  wird  gesteigert  durch
Technik  und  Organisation.
Die  Technik  ist  der  Inbegriff  der  bewusst  entwickelten
Fertigkeiten  und  Methoden,  der  Kenntnisse  und  Hilfsmittel,
deren  sich  der  arbeitende  Mensch  bedient.
Die  wirtschaftliche  Technik  früherer  Perioden  beruhte
so  gut  wie  ausschliesslich  auf  Routine  und  Erfahrung.  Die
gewaltigen  Fortschritte  der  modernen  wirtschaftlichen  Technik
sind  der  glänzenden  Entwicklung  der  Naturwissenschaften
und  der  systematischen  Anwendung  der  wissenschaftlichen
Erkenntnisse  auf  das  Gebiet  der  wirtschaftlichen  Arbeit  zu
verdanken.  Physik,  Chemie  und  die  beiden  Gebieten  angehörende ­
  Elektrizitätslehre  haben  sich  in  ihrer  Einwirkung
auf  die  wirtschaftliche  Technik  überboten.  Deutsche  Forscher
und  Gelehrte  haben  in  diesen  Wissenschaften  bahnbrechende
Leistungen  vollbracht  und  die  Gesamtheit  der  Naturwissenschaften ­
  mit  der  Erkenntnis  des  Gesetzes  von  der  Erhaltung
der  Kraft  zur  höchsten  Stufe  emporgeführt.  Aber  der
Deutsche  hat  sich  nicht  mit  der  reinen  Wissenschaft  begnügt: ­
  die  weltfremden  Dichter  und  Denker  sind  im  Laufe
des  letzten  Jahrhunderts  mehr  und  mehr  zu  praktischen
Gestaltern  geworden;  zu  den  Fortschritten  der  reinen  und
der  angewandten  Naturwissenschaften  ist  eine  gewaltige
Entfaltung  wirtschaftlicher  Tatkraft  hinzugekommen.  Diese
Verbindung  von  Wissen,  Können  und  Wollen  ist  das  Zeichen,
        <pb n="26" />
        22

in  dem  Deutschland  gerade  in  den  letzten  fünfundzwanzig
Jahren  die  grössten  Erfolge  erzielt  hat.  Unser  Kaiser
hat  den  Wissenschaften,  denen  Deutschlands  wirtschaftliche
Entwicklung  so  unendlich  viel  verdankt,  stets  ein  hervorragendes ­
  Interesse  und  eine  tatkräftige  Förderung  zugewendet; ­
  zahlreiche  und  wichtige  Anregungen  im  einzelnen
entsprangen  seinem  ausgeprägten  Verständnis  für  den  in
dem  wissenschaftlichen  Urgrund  gegebenen  grossen  Zusammenhang ­
  der  technischen  Errungenschaften.  Ihre  vollkommenste ­
  Verkörperung  findet  diese  auf  das  Ganze  gerichtete ­
  verständnisvolle  Förderung  in  der  Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft,
  der  ein  besonderer  Abschnitt  dieses  Gedenkwerkes*) ­
  gewidmet  ist.  In  welchem  Masse  die  Entwicklung
der  Technik  in  dem  ersten  Vierteljahrhundert  der  Regierungszeit ­
  unseres  Kaisers  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  Deutschlands ­
  beeinflusst  und  umgestaltet  hat,  ist  in  einzelnen  Abschnitten ­
  des  Gedenkwerkes**)  eingehend  geschildert.  An
dieser  Stelle  soll  nur  versucht  werden,  in  gedrängter  Form
einen  zusammenfassenden  Ueberblick  zu  geben.
Die  Entwicklung  der  physikalischen  Wissenschaft,
insbesondere  die  Vervollkommnung  der  Kenntnisse  der  Bewegungsgesetze, ­
  hatte  die  bereits  im  18.  Jahrhundert  einsetzende ­
  Entwicklung  der  Arbeitsmaschinen  zur  Folge  gehabt ­
  (Spinnmaschinen,  mechanischer  Webstuhl,  Fördermaschine, ­
  Pumpen  etc.).  Aber  erst  durch  die  Nutzbarmachung ­
  neuer  motorischer  Kräfte,  zunächst  des  Dampfes,
dann  der  Elektrizität  und  schliesslich  der  Explosionskraft,
erhielt  die  Verwendbarkeit  der  Arbeitsmaschinen  und  ihre
weitere  Ausbildung  den  entscheidenden  Antrieb.  Die  Er*) ­

  v.  Simson,  Die  Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft  zur  Förderung  der
Wissenschaften  S.  79  ff.
**)  Raps,  Elektrizität  S.  95  ff.  —  Lepsius,  Chemie  S.  127  ff.
        <pb n="27" />
        23

findung  der  Dampfmaschine  gehört  noch  dem  18.  Jahrhundert ­
  an;  die  entscheidenden  Verbesserungen  und  die
grosse  Ausdehnung  ihrer  praktischen  Verwendung  fallen  jedoch ­
  in  das  19.  Jahrhundert.  Wichtige  Fortschritte  in  der
Ausnutzung  der  Dampfkraft,  so  z.  B.  die  Dampfüberhitzung
und  die  Dampfturbine,  sind  Errungenschaften  der  allerletzten
Jahrzehnte.
In  welchem  Masse  in  Deutschland  während  des  letzten
Vierteljahrhunderts  die  Verwendung  der  Dampfkraft  zugenommen ­
  hat,  und  dies,  obwohl  mehr  und  mehr  andere
Kraftquellen  mit  dem  Dampf  in  Wettbewerb  traten,  davon
geben  die  folgenden  Zahlen  eine  Vorstellung:
In  der  Industrie  Preussens  betrug  die  Leistungsfähigkeit
der  Dampfmaschinen  im  Jahre  1882  1  222  000  PS.,  im
Jahre  1895  2  358  000  PS.,  im  Jahre  1907  5  190  000  PS.  In
den  25  Jahren  1882  bis  1907  ist  also  die  Leistungsfähigkeit
auf  mehr  als  das  Vierfache  gestiegen,  in  den  12  Jahren  von
1895  bis  1907  auf  mehr  als  das  Doppelte.  Im  gesamten
Reichsgebiet,  für  das  vergleichbare  Zahlen  erst  seit  1895
vorliegen,  war  die  Entwicklung  eine  gleichartige.  Im  Jahre
1907  wurden  124000  Dampfmaschinen  mit  einer  Leistungsfähigkeit ­
  von  7587000  Pferdestärken  und  einer  tatsächlich
ausgeübten  Leistung  von  5185000  Pferdestärken  festgestellt.
Was  das  bedeutet,  wird  klar,  wenn  man  die  Maschinenleistung ­
  in  ein  Verhältnis  zur  menschlichen  Arbeitskraft
bringt.  Man  kann  die  effektive  Leistung  einer  maschinellen
Pferdekraft  ungefähr  der  physischen  Arbeitsleistung  von  zehn
Menschen  gleichsetzen.  Auf  dieser  Grundlage  entsprechen
die  im  Jahre  1907  tatsächlich  ausgeübten  Leistungen  der
Dampfmaschinen  der  Arbeitsleistung  von  rund  52  Millionen
Menschen,  und  die  Vermehrung  der  tatsächlich  ausgeübten
Dampfmaschinen-Pferdestärken  von  1895  bis  1907  ist  gleichzusetzen ­
  einer  Vermehrung  um  rund  28  Millionen  mensch-
        <pb n="28" />
        24

licher  Arbeitskräfte.  Diese  Ziffern  muss  man  den  oben
bereits  genannten  Ziffern  der  erwerbstätigen  Bevölkerung  des
Reiches  gegenüberstellen,  die  für  1895  18,9  Millionen,  für  1907
24,6  Millionen  ergab.  Im  Jahre  1895  kam  also  auf  jede
erwerbstätige  Person  nicht  viel  mehr  als  je  ein  durch  Dampfmaschinen ­
  dargestelltes  Aequivalent  menschlicher  Arbeitskraft; ­
  aber  während  von  1895  bis  1907  sich  die  erwerbstätigen ­
  Personen  um  5,7  Millionen  vermehrten,  erfuhren  die
Pferdekräfte  der  deutschen  Dampfmaschinen  einen  Zuwachs
von  2  800  000,  so  dass  im  Jahre  1907  auf  je  eine  erwerbstätige ­
  Person  etwas  mehr  als  zwei  durch  Dampfkraft  dargestellte ­
  Arbeitsäquivalente  entfielen.
In  Wirklichkeit  ist  die  Steigerung  der  maschinellen
Arbeitsleistung  eine  noch  wesentlich  stärkere,  als  in  diesen
Ziffern  zum  Ausdruck  kommt.  Denn  während  der  Dampf
bis  in  das  letzte  Viertel  des  19.  Jahrhunderts  hinein  neben
den  wenig  intensiv  ausgenutzten  Wasserkräften  so  gut
wie  ausschliesslich  die  Kraftquelle  für  motorische  Zwecke
darstellte,  hat  die  Entwicklung  der  elektrischen  Industrie  und
die  Erfindung  und  Vervollkommnung  der  Explosionsmotoren
in  den  fünfundzwanzig  Jahren,  die  uns  beschäftigen,  der
Dampfkraft  einen  neuen,  sich  rasch  entwickelnden  Wettbewerb ­
  zur  Seite  gestellt.
Der  elektrische  Strom,  von  dem  während  des  letzten
Vierteljahrhunderts  die  Umwälzung  der  motorischen  Technik
ausging,  fand  zuerst  und  lange  Zeit  hindurch  nur  in  der
Schwachstromtechnik  Verwendung.  Der  Anfang  wurde  gemacht ­
  mit  der  Erfindung  des  elektrischen  Telegraphen  in
den  30  er  Jahren  des  19.  Jahrhunderts,  der  erst  drei  Jahrzehnte ­
  später  die  Erfindung  des  Telephons  und  erst  in  der
allerjüngsten  Zeit  die  Erfindung  des  drahtlosen  Telegraphen
und  Telephons  folgte.  An  der  Erfindung,  der  Vervollkommnung ­
  und  praktischen  Anwendung  von  Telegraph  und
        <pb n="29" />
        25

Telephon  haben  bekanntlich  deutsche  Gelehrte  und  deutsche
Unternehmer  einen  hervorragenden  Anteil.
Die  Verwendung  des  elektrischen  Stromes  in  der  Starkstromtechnik, ­
  die  in  den  letzten  Jahrzehnten  geradezu  eine
Umwälzung  auf  dem  Gebiete  der  Kraft-  und  Arbeitsmaschinen
hervorgerufen  hat,  nahm  ihren  Ausgang  von  der  Erfindung
der  Dynamomaschine,  deren  Konstruktion  Werner  v.  Siemens
im  Jahre  1867  gelang,  und  von  der  im  unmittelbaren  Zusammenhang ­
  mit  dieser  Erfindung  stehenden  Lösung  des
Problems  der  Kraftübertragung.  Die  praktische  Anwendung
erforderte  noch  ein  gewaltiges  Mass  von  Einzelarbeit  in  der
Konstruktion  der  Drehstrom-  und  Gleichstrom-Generatoren,
der  Transformatoren,  Akkumulatoren,  Stromzähler  usw.  Das
volle  Gelingen  wurde  der  Welt  nachgewiesen,  als  im  Jahre
1891  die  etwa  300  Pferdestärken  betragende  Wasserkraft
des  Neckar  bei  Lauffen  mit  elektrischem  Drehstrom  über
eine  Entfernung  von  175  km  nach  der  elektrischen  Ausstellung ­
  in  Frankfurt  a.  M.  mit  einem  Stromverlust  von  nur
etwa  28  %  übertragen  wurde.  Mit  diesem  Zeitpunkte  kann
man  die  Einbürgerung  der  elektrischen  Energie  als  Betriebskraft ­
  datieren;  und  nicht  nur  als  Betriebskraft,  sondern  auch
als  Lichtquelle.  Die  Erfindung  des  Umsetzens  elektrischer
Energie  in  Licht,  sowohl  in  Bogen-  als  auch  in  Glühlampen,
reicht  allerdings  weiter  zurück,  aber  eine  praktische  Ausnutzung ­
  dieser  Erfindung  war  erst  möglich  nach  der  Entdeckung ­
  des  dynamo-elektrischen  Prinzips.
Die  enormen  Vorteile  der  Verwendung  elektrischer  Energie
liegen  in  der  durch  die  Kraftübertragung  ermöglichten  Nutzbarmachung ­
  von  Kraftquellen,  die  bisher  mangels  Verwendung
an  Ort  und  Stelle  wirtschaftlich  wertlos  waren;  ferner  in  der
nahezu  unbeschränkten  Verteilbarkeit  der  an  einer  Zentralstelle ­
  in  wirtschaftlich  rationeller  Weise  gewonnenen  Kraft
an  beliebige  Stellen  und  in  beliebigen  Mengen.
        <pb n="30" />
        26

Insbesondere  gewannen  neben  der  Dampfmaschine  die
Wasserkräfte  als  Kraftquelle  eine  neue  Bedeutung.  Die
Wasserkraft  ist  nicht  transportabel  wie  die  Kohle,  die  zum
Zweck  der  Erzeugung  von  Dampfkraft  von  der  Produktionsstätte ­
  aus  überall  hin  versandt  werden  kann,  wobei  einzig
und  allein  das  wirtschaftliche  Moment  der  Transportkosten
eine  Grenze  zieht.  Die  Wasserkräfte  müssen  also  an  Ort
und  Stelle  in  wirtschaftlich  verwertbare  Energie  umgesetzt
werden,  und  hierfür  liegt  über  die  an  Ort  und  Stelle  mögliche ­
  Verwertung  hinaus  eine  Möglichkeit  erst  vor,  seitdem
in  der  Form  des  elektrischen  Stromes  die  Energie  selbst
transportabel  geworden  ist.
Die  elektrische  Kraftübertragung  hat  ausserdem  die  intensive ­
  Ausnutzung  von  Brennstoffen  ermöglicht,  die  vorher
überhaupt  nicht  oder  nur  zu  einem  geringen  Teil  nutzbar
gemacht  werden  konnten.  Das  gilt  zunächst  von  geringwertigen ­
  Brennstoffen,  die  als  solche  den  Transport  über
grössere  Strecken  nicht  lohnen,  wohl  aber  an  Ort  und  Stelle
mit  Nutzen  zur  Herstellung  von  Dampf  verfeuert  werden
können,  seitdem  die  Möglichkeit  besteht,  die  auf  diesem
Wege  gewonnene  Kraft  mit  geringen  Kosten  auf  grössere
Entfernungen  zu  übertragen.
Vor  allem  aber  hat  die  Möglichkeit  der  elektrischen
Kraftübertragung  in  Verbindung  mit  der  Entwicklung  der
Gaskraftmaschine  ausserordentliche  Ergebnisse  gezeitigt.
Durch  die  Gasmotoren  ist  zunächst  das  bei  der  Kokserzeugung ­
  gewonnene  Gas,  das  zunächst  nur  als  Leuchtgas  Verwendung ­
  gefunden  hatte,  auch  zu  Kraftzwecken  nutzbar  gemacht ­
  worden.  Der  Gasmotor  hat  dann  die  Möglichkeit
gegeben,  auch  andere  Gase  von  geringerem  Heizwert,  wie
die  Abgase  von  Hochöfen,  in  rationeller  Weise  in  Energie
umzusetzen;  im  letztverflossenen  Jahrzehnt  hat  die  Aufstellung
von  Gross-Gaskraftmaschinen  bei  den  Eisenwerken  gewal-
        <pb n="31" />
        27

tige  Fortschritte  gemacht.  Die  auf  diesem  Wege  gewonnene
Kraft  reicht  meist  night  nur  aus,  um  den  eigenen  Bedarf
der  Werke  zu  decken,  sondern  liefert  einen  Ueberschuss,
der  an  grosse  Elektrizitätswerke  abgegeben  werden  kann.
Ein  vorzügliches  Beispiel  für  diese  Entwicklung  gibt  die
Verwendung  der  Hoch-  und  Koksofengase  in  dem  gewaltigen ­
  Kruppschen  Werk,  der  Friedrich  Alfred-Hütte.  Die
zum  100jährigen  Bestehen  der  Firma  herausgegebene  Festschrift ­
  sagt  hierüber:
„In  der  Zeit  zwischen  den  Anfängen  und  dem  endgültigen ­
  Ausbau  des  Werkes  hatte  die  Hochofengasmaschine
ihren  Siegeszug  durch  die  Welt  angetreten,  und  ihre  Verwendung ­
  erfolgte  für  die  Neuanlage  des  Hüttenwerkes  in
allen  dafür  geeigneten  Betrieben.  Zu  den  älteren  Dampfgebläsen ­
  kamen  jetzt  acht  stärkere  Gasgebläsemaschinen
für  je  1000  cbm  Leistung  in  der  Minute  hinzu.  Ferner
wurde  die  elektrische  Zentrale  von  etwa  5000  PS.  und  ein
Teil  der  Walzwerke  durch  Gaskraftmaschinen  betrieben.
Da  die  für  verschiedene  Zwecke  auch  jetzt  noch  bevorzugte
Dampfkraft  ebenfalls  durch  die  zum  Heizen  der  Kessel  benutzten ­
  Hoch-  und  Koksofengase  erzeugt  wird,  im  Martinofenbetrieb ­
  ein  Gemisch  beider  Gase  an  Stelle  von  Generatorgas ­
  Verwendung  findet,  und  endlich  auch  die  Wärmöfen ­
  des  Walzwerkes  mit  Hochofengasheizung  eingerichtet
wurden,  so  hat  die  unmittelbare  Steinkohlenverbrennung
in  allen  Betrieben  des  Hüttenwerkes  fast  vollkommen
aufgehört.  Diese  weitgehende  Ausnutzung  der  Hochofengase ­
  bedingt  natürlich  eine  vorherige  gründliche  Reinigung ­
  derselben,  wobei  die  in  den  Trockenreinigern
sich  absetzenden  Staubmassen,  die  noch  eine  erhebliche
Menge  Eisen  enthalten,  in  einer  Brikettanlage  in  eine  zur
Wiederverwertung  im  Hochofen  geeignete  Form  gebracht
werden.“
        <pb n="32" />
        28

Ein  neues  Feld  für  die  Verwendung  von  Grossgasmaschinen ­
  ist  in  den  allerletzten  Jahren  gerade  erst  in  Angriff ­
  genommen  worden;  es  ist  gelungen,  ein  brauchbares
Verfahren  zur  Vergasung  von  Torf,  Braunkohle  usw.  zu
finden.  Die  gewonnenen  Gase  werden  in  elektrische  Energie
umgesetzt,  die  durch  Ueberlandzentralen  verteilt  wird.
Bei  der  Torfvergasung  wird  Ammoniak  als  wertvolles  Nebenprodukt ­
  gewonnen.  Durch  diese  neuesten  Fortschritte  ist
insbesondere  in  den  ausgedehnten  Mooren  unseres  Vaterlandes ­
  eine  neue  Kraftquelle  gewaltigen  Umfanges  erschlossen ­
  worden,  deren  Ausnutzung  heute  noch  in  den
allerersten  Anfängen  steht.  Diese  Kraftquelle  ist  um  so
wichtiger,  als  durch  die  Aufarbeitung  des  Torfes  gleichzeitig
die  bisher  so  gut  wie  wertlosen  Moorflächen  in  nutzbares
Land  umgewandelt  werden.
Wenn  die  Entwicklung  der  Grossgasmaschinen,  in  der
Deutschland  allen  anderen  Ländern  weit  voraus  ist,  in  unmittelbarer ­
  Beziehung  zu  der  Elektrizität  steht,  so  hat  sich  die
Erfindung  undVervollkommnung  der  anderen  Verbrennungsmotoren, ­
  die  gleichfalls  zu  den  Errungenschaften  der  neuesten
Zeit  gehören,  unabhängig  und  selbständig  vollzogen.  Hierher
gehören  insbesondere  die  Kleinmotoren  für  Automobile  und
Luftschiffe,  die  bis  jetzt  so  gut  wie  ausschliesslich  das  Benzin
als  Brennstoff  benutzen.  Die  noch  jungen  Versuche,  das
Benzin  durch  das  Benzol  und  andere  Produkte  des  Steinkohlenteers ­
  zu  ersetzen,  berechtigen  zu  guten  Hoffnungen.
Grosse  Perspektiven  eröffnet  insbesondere  der  Diesel-Motor,
der  an  Stelle  des  teuren  Benzins  das  billige  Rohöl,  daneben
auch  Teeröl  und  neuerdings  sogar  direkt  den  Steinkohlenteer ­
  als  Brennstoff  verwertet.
Dieser  kurze  Ueberblick  möge  genügen,  um  zu  zeigen,
in  welchem  Masse  im  Laufe  des  letzten  Vierteljahrhunderts
bisher  ungenützte  Naturkräfte  in  den  Dienst  der  Menschheit
        <pb n="33" />
        29

gestellt  worden  sind.  Es  ist  klar,  dass  diese  gewaltige
Fülle  neu  gewonnener  motorischer  Kraft  eine  neue  Epoche
für  die  Entwicklung  der  Arbeitsmaschine  einleiten  musste.
Sowohl  die  Möglichkeit  ungeheurer  Kraftkonzentration,  wie
sie  in  der  Zusammenballung  von  Tausenden  von  Pferdekräften ­
  zu  einer  einheitlichen  Leistung  gegeben  ist,  als  auch
die  Möglichkeit  der  Verteilung  der  einheitlich  gewonnenen
Kraft  nach  einer  Unzahl  verschiedener  Stellen  und  für  eine
Unzahl  verschiedener  Zwecke,  wie  sie  insbesondere  für  die
elektrische  Energie  besteht,  haben  dem  Maschinenbau  einen
geradezu  unermesslichen  Spielraum  eröffnet.
Der  deutschen  Maschinenindustrie  sind  aus  dieser
ungemessen  erweiterten  Bewegungsfreiheit  neue  Aufgaben
gewaltigen  Umfangs  erwachsen,  und  gleichzeitig  hat  ihr  die
Bewältigung  der  Probleme  der  motorischen  Kraft  die  Mittel
gegeben,  diese  Aufgaben  in  glänzender  Weise  zu  lösen.  An
Maschinen  für  den  Bergwerksbetrieb,  für  die  Metallaufbereitung ­
  und  -Verarbeitung,  für  die  Textil-  und  Papierindustrie,
für  die  Landwirtschaft  und  die  mit  dieser  verwachsenen  Gewerbe, ­
  wie  Brennerei,  Brauerei,  Zuckerfabrikation,  für  die
chemischen  Industrien  und  andere  mehr  entwickelten  sich
grössere  und  vollkommenere  Typen.  Fast  noch  mehr  war  das
der  Fall  bei  den  Transportwerkzeugen  zu  Wasser  und  zu  Lande,
den  Lokomotiven,  den  elektrischen  Motorwagen,  den  Personen- ­
  und  Lastautomobilen,  vor  allem  auch  bei  den  Wasserfahrzeugen ­
  vom  Motorboot  bis  zu  den  gigantischen  Riesen
der  Handels-  und  Kriegsmarine.  Und  schliesslich  ist  in  der
allerjüngsten  Zeit  dem  menschlichen  Erfindungsgeist  durch
den  leichten  Verbrennungsmotor  die  Eroberung  der  Luft  gelungen; ­
  Luftschiff  und  Flugapparat  haben  sich  als  die  neuesten ­
  Werkzeuge  der  Raumüberwindung  zu  den  das  Land  und
das  Wasser  beherrschenden  mechanischen  Transportmitteln
hinzugesellt  und  so  einen  Traum  von  Jahrtausenden  erfüllt.
        <pb n="34" />
        30

Die  Entwicklung  der  Chemie  hat  die  Einwirkung  der
Errungenschaften  von  Physik  und  Elektrizitätslehre  auf  die
wirtschaftliche  Technik  in  der  wirksamsten  Weise  ergänzt.
Die  wissenschaftliche  Erforschung  der  stofflichen  Beschaffenheit ­
  und  der  stofflichen  Veränderungen  der  Körper
hat  zum  erstenmal  in  epochemachender  Weise  eine  Beziehung ­
  zur  Wirtschaft  gewonnen  durch  die  von  Justus  von
Liebig  begründete  Pflanzenphysiologie  und  Agrikulturchemie. ­
  Auf  diesem  Boden  beruht  die  moderne  Düngertheorie, ­
  der  die  Landwirtschaft  eine  geradezu  unermessliche
Ausweitung  ihrer  Produktionsmöglichkeiten  verdankt.  Obwohl ­
  die  Fundamente  in  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts ­
  gelegt  worden  sind,  so  haben  doch  auch  auf  diesem
Gebiete  erst  die  letztverflossenen  Jahrzehnte  die  grössten
Fortschritte  in  der  praktischen  Anwendung  gebracht.
Die  Erkenntnis  der  Bedeutung  von  Phosphorsäure,  Kali
und  Stickstoff  für  die  Erhaltung  und  Steigerung  der  Produktionskraft ­
  des  Bodens  hat  bisher  unbeachteten  Stoffen
einen  unermesslichen  Wert  verliehen.
In  seinen  ungeheueren  Kalilagern  hat  Deutschland
allen  anderen  Ländern  der  Erde  einen  gewaltigen  Schatz
voraus.  Die  Kaligewinnung  hat  sich  folgendermassen  entwickelt: ­
  Von  rund  1  Million  Tonnen  im  Werte  von  25  Millionen ­
  Mark  Ende  der  80er  Jahre  ist  sie  auf  etwa  3  Millionen
Tonnen  im  Werte  von  über  50  Millionen  Mark  um  die  Jahrhundertwende ­
  gestiegen,  und  sie  hat  im  Jahre  1910  die
Menge  von  8  Millionen  Tonnen  und  den  Wert  von  über
100  Millionen  Mark  überschritten.
Phosphorsäure  und  Stickstoff  in  einer  für  die  Düngung
geeigneten  Form  mussten  lange  so  gut  wie  ausschliesslich
aus  dem  Auslande  bezogen  werden,  als  Chilisalpeter  und
Guano.  Auch  hierin  ist  durch  neue  Fortschritte  der  Technik
eine  Aenderung  zu  unseren  Gunsten  eingetreten.  Die  aus-
        <pb n="35" />
        31

gedehnten  deutschen  Eisenerzvorkommen  sind  zu  einem
grossen  Teil  phosphorhaltig.  Diese  Eigenschaft  wurde  lange
als  ein  schwererNachte.il  empfunden;  denn  die  verschiedenen
Verfahren  zur  Aufbereitung  des  Eisens,  insbesondere  der  in
den  50er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  in  Aufnahme  gekommene ­
  Bessemerprozess,  gestatteten  nur  die  Verwertung
von  nahezu  phosphorfreiem  Material.  Durch  das  in  den  70er
Jahren  erfundene  Thomas-Gilchrist-Verfahren,  über  das  gleich
Näheres  zu  sagen  sein  wird,  wurde  die  Entphosphorung  des
Eisens  möglich  mit  der  Nebenwirkung,  dass  die  den  Phosphor ­
  aufnehmende  Schlacke,  die  „Thomasschlacke“,  das
Material  für  einen  ausgezeichneten  künstlichen  Dünger,  das
„Thomasmehl“,  lieferte.  Das  Thomasmehl  wird  seither  in
gewaltig  steigenden  Mengen  in  Deutschland  verwendet.
Auch  in  der  Zuführung  des  nötigen  Stickstoffes  an  den
Boden  sind  grosse  Fortschritte  erzielt  worden,  vornehmlich
durch  die  Gewinnung  von  Kalkstickstoff  aus  der  atmosphärischen ­
  Luft,  die  durch  die  Entwicklung  der  Elektrotechnik ­
  ermöglicht  worden  ist;  daneben  aber  durch  die  Gewinnung ­
  von  Ammoniak  als  Nebenprodukt  aus  dem  Koksofenprozess ­
  und  aus  der  Vergasung  von  Torf  und  Braunkohle.
Mindestens  im  gleichen  Masse  wie  die  Landwirtschaft
hat  die  Industrie  aus  den  Fortschritten  der  chemischen
Wissenschaft  Vorteil  gezogen.
Von  den  Verbesserungen  in  der  Aufbereitung  des  Eisens
war  schon  andeutungsweise  die  Rede.  Während  der  Aufbereitungsprozess ­
  bis  weit  in  das  19.  Jahrhundert  hinein
ausschliesslich  auf  Empirie  beruhte,  sind  die  grossen  und
entscheidenden  Verbesserungen,  die  seither  eingeführt  worden
sind,  so  gut  wie  ausschliesslich  der  erweiterten  wissenschaftlichen ­
  Einsicht  zu  verdanken,  insbesondere  der  Erforschung
der  Verbindungen  des  Eisens  mit  Kohlenstoff.  Der  Uebergang
  von  der  Holzkohle  zur  Steinkohle  und  zum  Koks  im
        <pb n="36" />
        32

Hochofenprozess,  ferner  die  gewaltigen  Verbesserungen  in
der  Stahlbereitung  —  vom  Herdfrischen  über  das  Puddeln
zum  Bessemerprozess  —  beruhen  auf  dieser  Grundlage.  Im
Bessemerprozess  wird  bekanntlich  die  Entziehung  des  Kohlenstoffs ­
  dadurch  bewirkt,  dass  heisse  Luft  mit  gewaltigem  Druck
durch  die  geschmolzene  Eisenmasse  gepresst  wird,  mit  der
Wirkung,  dass  auf  diesem  Wege  für  die  Stahlbereitung,  die
im  Wege  des  Herdfrischens  D/g  Wochen  und  im  Puddelprozess
  noch  IV2  Tage  erforderte,  20  Minuten  genügen.
Dass  der  Bessemerprozess,  der  durch  das  Siemens-Martinsche
Regenerativsystem  wirksamer  und  billiger  gestaltet  wurde,
für  Deutschland  erst  in  den  80er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts ­
  durch  das  Thomas-üilchrist-Verfahren,  das  durch
einen  basischen  Prozess  dem  Eisen  den  Phosphorgehalt  entzieht, ­
  in  grossem  Umfang  anwendbar  wurde,  ist  bereits  erwähnt. ­
  In  der  allerjüngsten  Zeit  wird  der  elektrische  Strom
mit  Vorteil  zur  Herstellung  von  Stahl  verwendet  (Elektrostahl).
  Die  Statistik  der  deutschen  Eisen-  und  Stahlproduktion, ­
  mit  der  wir  uns  weiter  unten  zu  beschäftigen  haben
werden,  gibt  ein  Bild  von  der  enormen  Bedeutung  dieser
auf  wissenschaftlicher  Grundlage  beruhenden  Fortschritte,
die  für  Deutschland  in  der  Hauptsache  erst  während  der
letzten  25  Jahre  in  Erscheinung  traten.  Da  Eisen  und  Stahl
die  wichtigsten  Stoffe  für  die  Herstellung  von  Maschinen,
Eisenbahnen  und  Fahrzeugen  sind,  stellen  diese  Fortschritte
gleichzeitig  eine  der  Voraussetzungen  der  gesamten  Entwicklung ­
  unserer  Produktion  und  unseres  Verkehrs  dar.
Der  Riesenentwicklung  der  Eisen-  und  Stahlbereitung
gleichwertig  sind  die  Triumphe  der  modernen  Chemie  auf
dem  Gebiete  der  Kohle.  Dass  die  Kohlenproduktion  überall
so  gewaltige  Dimensionen  annehmen  konnte,  wie  es  das
Maschinenzeitalter  mit  seinem  ungemessenen  Bedarf  an  Heizstoffen ­
  verlangte,  beruhte  auf  den  Fortschritten  der  mecha-
        <pb n="37" />
        33

nischen  Bergbautechnik;  dieser  Punkt  soll  hier  jedoch  nur
beiläufig  erwähnt  werden.  Was  in  vorliegendem  Zusammenhang ­
  in  erster  Linie  interessiert,  ist  die  Tatsache,  dass  es
gelungen  ist,  aus  der  Kohle,  insbesondere  der  Steinkohle,
unbeschadet  ihrer  Verwendung  zu  Heizzwecken,  eine  Reihe
bisher  grossenteils  unbekannter  Stoffe  von  erheblicher  wirtschaftlicher ­
  Brauchbarkeit  zu  gewinnen.  Die  Gewinnung
von  Leuchtgas  bei  der  Herstellung  von  Koks  aus  Steinkohle
gehört  bereits  einer  früheren  Zeit  an.  Dagegen  ist  die  Verwertung ­
  von  Steinkohlenteer,  der  bei  der  Kokserzeugung
entsteht,  ein  Erfolg  der  letzten  Jahrzehnte.  Die  Kohlenstoffverbindungen, ­
  die  aus  dem  Steinkohlenteer  hergestellt  werden
können,  sind  die  Grundlagen  neuer,  grosser  Industrien  geworden, ­
  in  denen  Deutschland,  entsprechend  seinen  wissenschaftlichen ­
  Verdiensten,  die  bisher  unbestrittene  Führung
hat.  Es  sei  nur  an  die  wichtigsten  Teerprodukte  erinnert:
an  die  Anilin-  und  Alizarinfarben,  an  die  pharmazeutischen
Präparate,  wie  Aspirin  und  Phenazetin,  an  das  Saccharin,
an  die  verschiedenen  Teeröle.
Die  gewaltigen  Fortschritte  auf  dem  Gebiete  der  Eisenverarbeitung ­
  und  der  Verwertung  der  Kohlenstoffe  sind  nur
Beispiele,  allerdings  solche  von  hervorragender  Wichtigkeit.
Aehnliche  Verbesserungen,  wie  sie  bei  der  Aufbereitung  der
Eisenerze  und  der  Verarbeitung  des  Eisens  zu  verzeichnen
sind,  hat  die  Entwicklung  und  die  fortschreitende  praktische
Anwendung  bei  allen  anderen  Metallen  zur  Folge  gehabt.
Bei  einigen  Metallen  hat  die  Anwendung  der  Elektrizität
eine  ganz  besondere  Bedeutung  erlangt;  es  sei  hier  besonders ­
  an  das  Aluminium  erinnert,  dessen  Gewinnung  aus
Tonerde  erst  durch  das  elektrische  Verfahren  aus  einem
kostspieligen  Laboratoriumsexperiment  zu  einer  grossen
Industrie  geworden  ist,  deren  Vervollkommnung  ihrerseits
wieder  für  den  modernen  Luftschiff-  und  Aeroplanbau  eine
        <pb n="38" />
        34

entscheidende  Bedeutung  erlangt  hat.  Die  glänzende  Entwicklung ­
  in  der  Verarbeitung  des  Steinkohlenteers  hat  ihr
Seitenstück  in  der  Synthese  organischer  Farbstoffe  (künstliches ­
  Indigo),  in  der  chemischen  Holzverarbeitung  (Zellulose), ­
  in  der  bereits  erwähnten  Herstellung  von  Kalkstickstoff ­
  aus  der  atmosphärischen  Luft,  in  den  auf  den  Fortschritten ­
  der  Biochemie  beruhenden  Verbesserungen  in  den
auf  Gärungsprozessen  beruhenden  Industrien  (Brauerei,  Hefefabrikation ­
  etc.).
So  ist  es  der  modernen  Technik  gelungen  —  und  dies
in  den  letzten  25  Jahren  in  stärkerem  Masse  als  je  zuvor  —,
neue  Kräfte  und  neue  Stoffe  unseren  wirtschaftlichen  Zwecken
dienstbar  zu  machen,  die  Nutzwirkung  der  Kräfte  durch  intensivere ­
  Ausnutzung  und  gesteigerte  Beschränkung  der
Kraftverluste  ausserordentlich  zu  steigern,  die  Herstellung
und  Verarbeitung  der  Stoffe  durch  vervollkommnetere  Verfahren, ­
  die  einen  geringen  Aufwand  von  Kraft,  von  Zeit,
von  Rohmaterial  erfordern  und  früher  wertlose  Nebenprodukte ­
  und  Abfälle  noch  zu  neuer  Brauchbarkeit  führen,
in  einem  ungeahnten  Masse  ökonomischer  zu  gestalten.  Alle
Gebiete  des  wirtschaftlichen  Lebens,  die  landwirtschaftliche
und  bergbauliche  Urproduktion,  die  stoffverarbeitenden  Gewerbe, ­
  der  Nachrichten-,  Personen-  und  Güterverkehr  haben
aus  diesen  Fortschritten  einen  gewaltigen  Nutzen  gezogen,
der  sich  in  seiner  Endwirkung  dahin  zusammenfassen  lässt,
dass  in  fortschreitendem  Masse  mit  einem  geringeren  Aufwand
menschlicher  Arbeit,  namentlich  körperlicher  Arbeit,  eine
gewaltig  gesteigerte  wirtschaftliche  Nutzwirkung  erzielt  wird.
3.  Die  wirtschaftliche  Organisation.
Hand  in  Hand  mit  den  Fortschritten  der  Technik,  von
ihr  gefördert  und  sie  fördernd,  ging  die  Entwicklung  der
wirtschaftlichen  Organisation.
        <pb n="39" />
        35

3*

Die  Organisation  der  wirtschaftlichen  Arbeit  ist  die
zweckmässige  Zusammenfassung  menschlicher  Arbeitskräfte
und  sachlicher  Arbeitsmittel  zur  Durchführung  eines  einheitlichen ­
  Wirtschaftszweckes.  Sie  beruht  in  erster  Linie  auf
den  beiden  in  sich  eng  zusammenhängenden  Prinzipien  der
Arbeitsteilung  und  Arbeitsvereinigung.
Die  Arbeitsteilung  ist  die  Zerlegung  des  Arbeitswerkes ­
  in  einzelne  Teiloperationen  und  die  Verteilung  dieser
Teiloperationen  auf  verschiedene  Arbeitskräfte.  Auf  der
Arbeitsteilung  beruhen  nicht  nur  die  innere  Organisation  eines
jeden  grösseren  wirtschaftlichen  Unternehmens,  sondern  auch
die  gesamte  in  der  Berufsgliederung  bestehende  Struktur
der  Volkwirtschaft,  ja  darüber  hinaus  die  in  der  Weltwirtschaft ­
  zusammenfliessenden  gegenseitigen  Beziehungen  der
einzelnen  Volkswirtschaften,  wie  sie  namentlich  durch  den
Welthandel  vermittelt  werden.  Wie  bei  den  organischen
Lebewesen  die  Stufenfolge  von  den  niedrigsten  zu  den  höchsten ­
  Arten  in  einer  gesteigerten  und  verfeinerten  Spezialisierung ­
  und  Differenzierung  der  Zellen  und  Organe  zutage
tritt,  so  auch  bei  dem  Massenorganismus,  den  wir  als  Volksgemeinschaft ­
  begreifen.
Die  Arbeitsvereinigung  ist  das  Gegenstück  der  Arbeitsteilung: ­
  die  Zusammenfassung  einer  kleineren  oder
grösseren  Anzahl  von  Arbeitskräften  zu  einem  einheitlichen
Wirtschaftszweck.  Die  gewaltigen  Leistungen  der  modernen
Industrie  und  des  modernen  Verkehrswesens  sind  nur  möglich ­
  auf  Grund  einer  planmässigen  Zusammenarbeit  grosser
Scharen,  ja  man  kann  sagen  ganzer  Armeen  von  Handund
  Kopfarbeitern.  Ein  Eisenwalzwerk  oder  ein  grosser
Ozeandampfer  sind  Wunderwerke,  deren  Herstellung  nicht
nur  die  Errungenschaft  der  modernen  Technik  zur  Voraussetzung ­
  hat,  sondern  auch  das  einheitliche  und  geordnete
        <pb n="40" />
        36
Zusammenwirken  ungezählter  geistiger  und  physischer  Arbeitskräfte. ­

Ein  solches  Zusammenwirken  in  einem  weitschichtigen
und  komplizierten  Organismus  hat  seinerseits  zur  Voraussetzung ­
  eine  weitgehende  Schulung  uud  Disziplinierung
der  lebendigen  Arbeitskräfte.  Schon  die  Entwicklung  der
Technik  für  sich  allein,  die  auf  einem  gewaltigen  Unterbau
wissenschaftlicher  Arbeit  beruht,  führt  notwendigerweise  zu
einer  fortschreitenden  Verdrängung  des  „ungelernten  Arbeiters“ ­
  durch  den  „gelernten  Arbeiter“.  Der  oft  gehörte
Satz,  dass  die  Entwicklung  der  Technik  die  Menschen  selbst
zu  Maschinen  machen  müsse,  ist  nicht  richtig.  Die  Maschine ­
  nimmt  dem  Menschen  ein  gewaltiges  Mass  von  körperlicher ­
  Arbeit  ab,  das  andernfalls  teils  von  den  Menschen
selbst  geleistet  werden  müsste,  zum  grössten  Teil  aber  überhaupt ­
  nicht  geleistet  werden  könnte.  Die  Herstellung  und
Bedienung  der  immer  feiner  und  komplizierter  werdenden
Maschinen  stellt  wachsende  Ansprüche  an  die  Ausbildung
des  Arbeiters.  Die  immer  mehr  zunehmende  Bedeutung  der
Technik  für  die  gesamte  Wirtschaft  hat  der  geistigen  Arbeit
neue  Berufe  erschlossen,  die  denjenigen  des  Gelehrten,  des
Rechtskundigen,  des  Arztes,  des  Literaten,  des  Künstlers
ebenbürtig  zur  Seite  treten:  die  Berufe  des  Technikers,  des
Ingenieurs,  des  wissenschaftlichen  Hilfsarbeiters  in  praktischen ­
  Betrieben.  Diese  grossen  Vorteile  müssen  billigerweise ­
  dem  Nachteil  gegenübergestellt  werden,  der  darin  besteht, ­
  dass  bei  der  vorgeschrittenen  Arbeitsteilung  dem
Einzelnen  mehr  und  mehr  bestimmte  Teilarbeiten  zufallen.
Alles  in  allem  genommen,  hat  die  Entwicklung  der  Technik
nicht  die  Tendenz,  die  wirtschaftliche  Arbeit  zu  entseelen,
sondern  die  Tendenz,  sie  zu  vergeistigen.
Was  in  Deutschland  während  der  letzten  Jahrzehnte  auf
dem  Gebiet  der  Fachschulen  geleistet  worden  ist,  soll  hier
        <pb n="41" />
        37

nur  angedeutet  werden.  Nach  dem  allgemeinen  Urte'l  hat
die  fachtechnische  Ausbildung  mit  der  Entwicklung  der
Technik  durchaus  Schritt  gehalten.  Das  Ausland  sieht  unser
Fachschulwesen  als  vorbildlich  an  und  bemüht  sich,  auf
gleichem  Wege  ähnliche  Erfolge  zu  erzielen.  Man  hat  dem
deutschen  Schulmeister  einen  hervorragenden  Anteil  an  unseren ­
  militärischen  Erfolgen  im  vorigen  Jahrhundert  zugeschrieben. ­
  Der  deutsche  Schulmeister  hat  auch  mitgeholfen
und  hilft  weiter  mit,  unsere  wirtschaftlichen  Schlachten  zu
schlagen.  Aber  nicht  nur  der  Schulmeister,  sondern  auch
—  der  Unteroffizier.  Denn  die  Schulung  allein  tut  es  nicht;
jede  grosse  Organisation  bedarf  ebensosehr  der  Disziplin.
Auch  in  diesem  Punkte  schneidet  Deutschland  bei  einem
Vergleich  mit  anderen  Ländern  vorteilhaft  ab.  Wer  Gelegenheit ­
  hat,  die  verschiedenen  Völker  in  der  wirtschaftlichen
Arbeit  kennen  zu  lernen,  der  kann  sich  des  Eindrucks  nicht
erwehren,  welchen  Einfluss  der  militärische  Dienst,  durch
den  die  ganz  überwiegende  Mehrzahl  des  mit  Kopf  und
Hand  arbeitenden  deutschen  Volkes  hindurchgeht,  mit  seiner
Gewöhnung  an  Ordnung,  Pünktlichkeit  und  Zucht  auf  das
Zusammenarbeiten  in  grossen  wirtschaftlichen  Verbänden
hat.  Namentlich  sind  es  die  aus  einer  gewissen  Distanz
beobachtenden  Ausländer,  denen  dieser  Zusammenhang
auffällt.
Die  wirtschaftliche  Organisation  erschöpft  sich  nicht
in  der  Zusammenfassung,  der  Schulung  und  Disziplinierung
von  Arbeitskräften.  Je  mehr  die  Technik  fortschreitet,  desto
grösser  wird  der  sachliche  Apparat,  dessen  sich  die  Arbeit
bedient.  Dieser  sachliche  Apparat  —  die  Rohstoffe,  Halbfabrikate, ­
  Hilfsstoffe,  Werkzeuge,  Maschinen,  Baulichkeiten
—  ist  im  volkswirtschaftlichen  Sinne  das  „Kapital“.  In
unserer,  auf  der  freien  Selbstbestimmung  der  Individuen  und
dem  Privateigentum,  auch  an  den  sachlichen  Produktions-
        <pb n="42" />
        38

mittein,  beruhenden  Gesellschaftsordnung  muss  sich  deshalb
die  Organisation  eines  jeden  einzelnen  wirtschaftlichen  Unternehmens, ­
  ebenso  wie  die  Organisation  des  gesamten  Körpers
der  Volkswirtschaft,  auch  auf  das  Kapital  erstrecken:  Arbeitskräfte ­
  und  sachliche  Produktionsmittel  müssen  in  einer  dem
Wirtschaftszweck  angepassten  Weise  zu  einer  „Unternehmung“ ­
  zusammengefasst,  die  Gesamtheit  des  vorhandenen
und  neugeschaffenen  Kapitals  muss  in  möglichst  intensiver
Weise  nutzbar  gemacht  werden.  Die  Organisation  des  Kapitals ­
  hat  in  diesem  Punkt  durchaus  ähnliche  Aufgaben  zu
lösen  wie  die  Technik,  die  darauf  hinstrebt,  die  Kräfte  und
Stoffe  der  Natur  in  möglichster  Ausgiebigkeit  in  den  Dienst
unserer  wirtschaftlichen  Zwecke  zu  stellen.
In  welchem  Masse  die  Organisation  unserer  Volkswirtschaft ­
  in  den  letzten  25  Jahren  sich  vervollkommnet  hat,  in
welchem  Masse  sie  die  Leistungsfähigkeit  unserer  wirtschaftlichen ­
  Arbeit  gesteigert  und  zur  Vermehrung  des  Volkwohlstandes ­
  beigetragen  hat,  kann  hier  nur  in  grossen  Zügen
angedeutet  werden.
Die  mit  der  Entwicklung  der  Technik  Schritt  haltende
Verfeinerung  der  Arbeitsteilung  innerhalb  der  einzelnen
wirtschaftlichen,  namentlich  der  industriellen  und  kommerziellen ­
  Betriebe,  ist  eine  Tatsache,  die  sich  jedem  Beobachter ­
  ohne  weiteres  auf  drängt;  desgleichen  die  Ausgestaltung ­
  der  beruflichen  Gliederung  des  deutschen  Volkes,  die
der  fortgesetzten  Arbeitsteilung  entspricht.  In  welchem
Masse  unsere  Volkswirtschaft  als  Ganzes  auf  dem  Wege
der  Arbeitsteilung  mit  anderen  Volkswirtschaften  in  eine
grössere  Einheit,  die  Weltwirtschaft,  hineingewachsen  ist,
zeigt  sich  schlagend  in  den  Ziffern  unseres  Warenaustausches ­
  mit  dem  Auslande.  Im  Jahre  1912  erreichte  unser
Aussenhandel  den  Betrag  von  19,6  Milliarden  Mark;  davon
entfielen  10,7  Milliarden  auf  die  Einfuhr,  8,9  Milliarden  auf
        <pb n="43" />
        39

die  Ausfuhr.  Von  unserer  Einfuhr  kamen  im  Jahre  1912
auf  Nahrungs-  und  Genussmittel,  Vieh,  industrielle  Rohstoffe
und  Halbfabrikate  nicht  weniger  als  9,1  Milliarden  Mark,
auf  fertige  Waren  dagegen  nur  1,6  Milliarden  Mark;  umgekehrt ­
  entfielen  von  den  8,9  Milliarden  Ausfuhrwert  auf
fertige  Waren  nicht  weniger  als  5,8  Milliarden  Mark.
Deutschland  tauscht  also  in  ganz  grossem  Umfang  die  Er*
Zeugnisse  seiner  gewerblichen  Arbeit  gegen  die  Erzeugnisse
der  land-  und  forstwirtschaftlichen,  sowie  der  bergbaulichen
Urproduktion,  die  es  auf  dem  im  Verhältnis  zur  Bevölkerung ­
  eng  begrenzten  und  in  seinen  klimatischen  Produktionsbedingungen ­
  beschränkten  eigenen  Boden  teils  nicht  in  genügender ­
  Menge,  teils  überhaupt  nicht  gewinnen  kann.  Die
im  Aussenhandel  zutage  tretende  internationale  Arbeitsteilung
hat  also  in  ihrer  Entwicklung  nicht  nur  dazu  beigetragen,
dem  deutschen  Volk  eine  reichlichere  und  vielgestaltigere
Befriedigung  seiner  Bedürfnisse  zu  ermöglichen,  sondern  sie
hat  geradezu  die  Voraussetzung  dafür  geliefert,  dass  der
grosse  Bevölkerungszuwachs  der  letzten  Jahrzehnte  auf  deutschem ­
  Boden  seine  Daseinsbedingungen  finden  konnte.
Die  Vorteile  der  Arbeitsvereinigung  haben,  gefördert
durch  die  Ausbildung  der  Organisation  des  Kapitals,  die
Wirkung  gehabt,  in  zahlreichen  und  wichtigen  Gebieten  des
Wirtschaftslebens,  namentlich  in  der  Industrie,  im  Handel
und  im  Verkekrswesen,  die  Entwicklung  zu  grösseren  Betriebseinheiten ­
  zu  erleichtern  und  ausserdem  die  Zusammenfassung ­
  verschiedener,  jedoch  im  Produktionsprozess ­
  sich  ergänzender  und  aufeinander  angewiesener  Betriebszweige ­
  zu  einer  einheitlichen  Betriebsorganisation  zu
begünstigen.
Von  der  Entwicklung  der  Betriebsgrössen  geben  die
umstehenden  Zahlen,  die  das  Ergebnis  der  Gewerbezählungen ­
  von  1882,  1895  und  1907  zusammenfassen,  ein  Bild.
        <pb n="44" />
        o

Zahl  der  Gewerbebetriebe  und  der  darin  beschäftigten  Personen.

lg
Betriebe

82
Personen

18
Betriebe

95
Personen

19(
Betriebe

71*)
Personen

Kleinbetriebe
(1—5  Personen)  .

2  882  768

4  335  822

2  934  723

4  770  669

3  124  198

5  353  576

Mittelbetriebe
(6—50  Personen)  .

112715

1  391  720

191  301

2  454  333

267  410

3  644  415

Grossbetriebe
(51  und  mehr  Personen ­


9  974

1  613  247

18  953

3  044  267

32  007

5  350  025

Davon  Riesenbetriebe ­
  (1000  und.
mehr  Personen)  .

127

213  160

255

448  731

506

954  645

Gewerbebetriebe
überhaupt  .  .  .

3  005  457

7  340  789

3  144  977

10269269

3  423  615

14  348  016

')  ohne  Musik-,  Theater-  und  Schaustellungsgewerbe.
        <pb n="45" />
        41

Im  Jahre  1882  waren  also  von  sämtlichen  gewerblich  tätigen
Personen  59°/ 0  in  Kleinbetrieben,  18,5%  in  Mittelbetrieben
und  22,5%  in  Grossbetrieben  beschäftigt.  Im  Jahre  1907
dagegen  kamen  auf  die  Kleinbetriebe  nur  noch  37,3%,  auf
die  Grossbetriebe  37,0%,  auf  die  Mittelbetriebe  25,7%.
Während  also  im  Jahre  1882  in  den  Kleinbetrieben  über
27 a  mal  soviel  Personen  beschäftigt  waren  als  in  den  Grossbetrieben, ­
  war  im  Jahre  1907  ein  nahezu  vollständiges
Gleichgewicht  vorhanden.  Von  1882  bis  1907  nahm  die
Anzahl  der  in  den  Kleinbetrieben  beschäftigten  Personen  nicht
einmal  ganz  um  ein  Viertel  zu,  dagegen  stieg  die  Zahl  der  in
den  Grossbetrieben  beschäftigten  Personen  auf  mehr  als  das
Dreifache,  in  den  Riesenbetrieben  sogar  auf  das  47 2 fache.
In  einzelnen  Gewerbegruppen  ist  diese  Entwicklung  noch
bedeutend  stärker  ausgeprägt  als  im  grossen  Durchschnitt,
so  in  der  Metallverarbeitung,  in  der  Industrie  der  Maschinen,
Instrumente  und  Apparate,  in  der  Industrie  der  Holz-  und
Schnitzstoffe,  im  Baugewerbe.  In  der  Metallverarbeitung
waren  im  Jahre  1882  im  Kleinbetrieb  288  000  Personen  beschäftigt, ­
  im  Grossbetrieb  nur  85  000.  Im  Jahre  1907  dagegen ­
  kamen  auf  den  Kleinbetrieb  nur  noch  272  000  Personen, ­
  auf  den  Grossbetrieb  440  000  Personen.  In  der
Maschinenindustrie  war  das  Verhältnis  im  Jahre  1882  123000
und  166000  Personen,  1907  dagegen  136  000  und  788  000
Personen;  im  Baugewerbe  1882  245  000  und  95  000  Personen, ­
  1907  315  000  und  633  000  Personen.  Im  Bergbau ­
  und  Hüttenwesen,  in  dem  schon  im  Jahre  1882  der
Kleinbetrieb  und  der  Mittelbetrieb  ganz  unbedeutend
gewesen  waren,  kamen  im  Jahre  1907  von  insgesamt
861  000  Personen  nicht  weniger  als  832000  auf  die  Grossbetriebe. ­

Hinter  dieser  Verschiebung  in  den  Betriebsgrössen  steht
die  Entwicklung  der  zweiten  Form  der  Arbeitsvereinigung,
        <pb n="46" />
        42

die  Zusammenfassung  verschiedener  Produktionsprozesse  zu
einem  einheitlichen  Unternehmen,  nicht  zurück.  Die  Gewinnung ­
  von  Roh-  und  Hilfsstoffen  wurde  in  grossem  Umfang ­
  mit  der  Verarbeitung  vereinigt;  Betriebe,  die  Halbzeug
herstellen,  fanden  in  wachsendem  Masse  ihren  Vorteil  darin,
auch  die  Herstellung  der  Fertigfabrikate  in  die  Hand  zu
nehmen;  Produktionsunternehmungen  gliederten  sich  Transportunternehmungen ­
  an,  soweit  diese  nicht  monopolisiert
sind.  Diese  Entwicklung  trat  nicht  nur  in  der  Industrie  in
Erscheinung,  sondern  auch  in  der  Landwirtschaft,  wo  Molkerei, ­
  Brennerei,  Brauerei,  Zuckerfabrikation  sich  in  wachsendem ­
  Masse  förmlich  zum  Zubehör  der  grossen  landwirtschaftlichen ­
  Betriebe  herausbildeten.  In  der  Industrie  springt
am  meisten  in  die  Augen  die  —  durch  das  Syndikatswesen
ganz  besonders  geförderte  —  Vereinigung  von  Zechen  und
Hüttenwerken;  die  „Hüttenzechen“  haben  die  reinen  Hütten
und  die  reinen  Zechen  gänzlich  in  den  Hintergrund  gedrängt.
Die  ganz  grossen  Unternehmungen,  wie  Krupp,  vereinigen
Kohlenzechen,  Kokereien,  Erzbergbau,  Hüttenwerke,  Eisenund
  Stahlverarbeitung  bis  zur  Fabrikation  von  Maschinen,
Geschützen  und  Munition,  Panzerplatten;  ausserdem  Elektrizitätswerke, ­
  daneben  Werften  und  für  ihre  Kohlen-  und
Erztransporte  Flussfahrzeuge  und  eine  Hochseeflotte.
Die  gewaltige  Entwicklung  der  „Arbeitsvereinigung“,
wie  sie  in  der  starken  Zunahme  der  Betriebsgrössen  und  in
der  einheitlichen  Zusammenfassung  verwandter  Betriebe  zum
Ausdruck  kommt,  hatte  ihre  Voraussetzung,  bis  zu  einem
gewissen  Grade  sogar  ihre  Ursache,  in  dem  Anwachsen
des  Kapitalreichtums  und  in  der  Mobilisierung  und
Konzentration  der  verfügbaren  Kapitalien.  Je  grösser
der  Betrieb  und  je  weitschichtiger  seine  technische  Zurüstung,
desto  grösser  ist  die  Kapitalsumme,  die  mit  den  Arbeitskräften ­
  in  diesem  Betrieb  vereinigt  werden  muss.  Je  grösser
        <pb n="47" />
        43

umgekehrt  die  verfügbaren  Kapitalien  und  je  ausgedehnter
die  Möglichkeit,  gewaltige  Kapitalbeträge  für  einen  einheitlichen ­
  Wirtschaftszweck  zu  konzentrieren,  um  so  stärker  die
Tendenz,  behufs  Erzielung  einer  möglichst  hohen  Rentabilität
die  Betriebe  in  rationeller  Weise  auszugestalten,  zu  vergrössern
  und  zu  vereinigen.
Auch  eine  noch  wesentlich  stärkere  Zunahme  des
Kapitalreichtums  hätte  an  sich  nicht  genügt,  um  die  Kapitalgrundlage ­
  für  die  sich  so  gewaltig  erweiternde  Arbeitsvereinigung ­
  zu  liefern,  wenn  es  nicht  gelungen  wäre,  die  Mittel
und  Formen  der  Vereinigung  der  im  Eigentum  zahlreicher
Personen  stehenden  Kapitalien  zu  einem  einheitlichen  Wirtschaftszweck ­
  in  ähnlicher  Weise  zu  entwickeln,  wie  die
Organisation  der  menschlichen  Arbeit  selbst.  Dies  geschah
auf  dem  Wege  der  Entwicklung  des  Gesellschafts-  und
Kreditwesens.
Die  gesellschaftliche  Form  der  Kapitalorganisation, ­
  vertreten  durch  die  Aktiengesellschaft  und  die
Kommanditgesellschaft  auf  Aktien,  die  Gesellschaft  mit  beschränkter ­
  Haftung  und  die  verschiedenen  genossenschaftlichen ­
  Bildungen,  gestattet  dem  einzelnen  Kapitalbesitzer,
sich  mit  dem  ihm  zur  Verfügung  stehenden  Kapital  oder
einem  Teil  davon  an  einem  grösseren  Betrieb  mit  den  Aussichten ­
  und  Risiken  eines  Unternehmers  zu  beteiligen.  In
der  Gesellschaftsform  können  also  Kapitalbeträge,  die  im
Eigentum  ungezählter  Personen  zersplittert  sind,  zu  einem
einheitlichen  Unternehmerkapital  zusammengefasst  werden;
die  Grösse  des  Unternehmerkapitals  ist  dadurch  unabhängig
geworden  von  der  Grösse  des  Kapitalbesitzes  irgendeines
einzelnen  Individuums  oder  einer  einzelnen  Familie;  der
kleinste  Kapitalist  kann  durch  Aktien-  oder  Anteilbesitz  Beteiligter ­
  des  grössten  Unternehmens  werden.
Die  Entwicklung  der  gesellschaftlichen  Kapitalorgani-
        <pb n="48" />
        44

sation  während  des  letzten  Vierteljahrhunderts  sei  an  einigen
Zahlen  erläutert.
Im  Jahre  1886/87  bestanden  in  Deutschland  2143  Aktiengesellschaften ­
  und  Kommanditgesellschaften  auf  Aktien  mit
einem  Kapital  von  insgesamt  4876  Millionen  Mark.  Im  Jahre
1907/8  war  die  Zahl  der  Gesellschaften  auf  4578,  ihr  Kapital
auf  12  788  Millionen  Mark  angewachsen.  1911/12  betrug
die  Zahl  der  Gesellschaften  4712,  das  Kapital  14  880  Millionen
Mark.  Innerhalb  dieser  Entwicklung  tritt  besonders  hervor
die  Zunahme  der  Gesellschaften  mit  grossem  Kapital.  Die
Aktiengesellschaften  und  Kommanditgesellschaften  auf  Aktien
mit  einem  Kapital  von  mehr  als  10  Millionen  Mark  haben
sich  wie  folgt  entwickelt:
Ende  1886/87  ...  74  Gesellschaften
„  1896  ...  108
„  1906  ...  208
30.  Septbr.  1909  ...  229
Die  Gesellschaften  mit  beschränkter  Haftung  haben  erst
durch  das  Reichsgesetz  vom  10.  April  1892  eine  Rechtsgrundlage ­
  erhalten.  Im  Jahre  1909  wurden  16  508  solche
Gesellschaften  mit  einem  Kapital  von  3538,5  Millionen  Mark
festgestellt.
In  der  Entwicklung  der  Erwerbs-  und  Wirtschaftsgenossenschaften ­
  hat  Deutschland  anerkanntermassen  die
Führung.  Zurzeit  hat  die  Anzahl  der  Genossenschaften  die
Ziffer  von  30  000  überschritten,  ihre  Mitgliederzahl  beträgt
mehr  als  5  Millionen.
Nicht  weniger  imponierend  sind  die  im  Wege  des
Kredits  mobilisierten  und  dem  Wirtschaftsleben  zugeführten
Kapitalbeträge.
        <pb n="49" />
        45

Bei  den  deutschen  Kreditbanken  betrug  die  Summe  der
Einlagen  (in  laufender  Rechnung  und  im  Depositenverkehr)
gegen  Ende  der  80er  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts  1300  bis
1400  Millionen  Mark,  Ende  1912  dagegen  9  360  Millionen ­
  Mark.
Die  Einlagen  bei  den  Erwerbs-  und  Wirtschaftsgenossenschaften ­
  stellten  sich  gegen  Ende  der  80er  Jahre  des  vorigen
Jahrhunderts  auf  kaum  mehr  als  600  Millionen  Mark;  dagegen ­
  haben  sie  im  Jahre  1912  die  Summe  von  3  Milliarden
Mark  überschritten.
Die  Gesamtheit  der  Einleger-Guthaben  bei  den  deutschen
Sparkassen  betrug  im  Jahre  1888  etwa  4550  Millionen  Mark;
im  Jahre  1912  dürfte  die  Summe  von  18  Milliarden  Mark
überschritten  worden  sein.
Insgesamt  bedeutet  das  eine  Zunahme  der  Einlagen  bei
Banken,  Genossenschaften  und  Sparkassen  von  etwa  6V2
auf  über  30  Milliarden  Mark  während  des  letzten  Vierteljahrhunderts. ­
  Zum  grossen  Teil  entfällt  diese  Zunahme  auf  die
Neubildung  von  Kapital.  Ein  immerhin  nicht  unerheblicher
Teil  der  Zunahme  ist  jedoch  darauf  zurückzuführen,  dass
es  durch  eine  verbesserte  Organisation  gelungen  ist,  der
Volkswirtschaft  früher  entzogene  Kapitalien  aus  ihren  Schlupfwinkeln ­
  herauszuholen.  Die  in  solcher  Weise  flüssig  gemachten ­
  Kapitalien  sind  im  Wege  des  Immobiliar-  und
Mobiliarkredits  dem  Wirtschaftsleben  zugeführt  worden;  sie
haben  zu  einem  wesentlichen  Teil  die  Mittel  geliefert,  um
den  gewaltigen  Aufschwung  der  deutschen  Volkswirtschaft
zu  „finanzieren“.  Die  ungeheuren  Summen,  die  insbesondere
der  die  technischen  Fortschritte  voll  verwertende  Ausbau
der  deutschen  Industrie  erforderte,  waren  bei  dem  verhältnismässig ­
  geringen  Kapitalreichtum,  mit  dem  Deutschland  in
diese  Entwicklung  eintrat,  nur  zu  beschaffen  durch  die
        <pb n="50" />
        46

intensivste  Heranziehung  und  Ausnutzung  der  vorhandenen
und  neu  erarbeiteten  Kapitalien.  Die  Gefahr  der  Ueberspannung
  des  Kredits  war  angesichts  des  gewaltig  wachsenden ­
  Kapitalbedarfs  der  deutschen  Volkswirtschaft  stets  naheliegend, ­
  und  die  Gefahrgrenze  ist  oft  genug  gestreift  worden.
Im  grossen  Ganzen  aber  ist  es  dem  deutschen  Kreditwesen
gelungen,  den  Grundsatz  der  intensivsten  Kapitalausnutzung
mit  dem  Grundsatz  der  Sicherheit  in  Einklang  zu  halten.
Die  Ausgestaltung  der  Kreditorganisation  hat  die  Wirkungen
der  gesellschaftlichen  Organisation  des  Kapitals  auf  die  Entwicklung ­
  der  Gesamtorganisation  unserer  Volkswirtschaft
noch  bedeutend  verstärkt.  Soweit  überhaupt  das  vorhandene
Kapital  ausreichte,  gab  es  für  die  den  Erfordernissen  der
Technik  und  der  Rentabilität  entsprechende  Kombination  von
Arbeit  und  Kapital  kaum  eine  Grenze  mehr.  Jetzt  konnten
Betriebe  und  Betriebskomplexe  entstehen,  die  viele  tausend
Arbeitskräfte  und  arbeitende  Kapitalien  im  Betrag  von
Hunderten  von  Millionen  Mark  in  sich  vereinigen.
Um  aber  das  Bild  der  Entwicklung  der  wirtschaftlichen
Organisation  zu  vervollständigen,  muss  noch  ein  weiterer  Zug
angefügt  werden.  Die  Entwicklung  machte  nicht  etwa  halt  bei
den  Riesenunternehmungen,  sie  führte  vielmehr  darüber  hinaus
zu  grösseren  Organisationen,  die  eine  Vielzahl  gleichartiger
oder  verwandter  Unternehmungen  umfassen:  zu  den  Syndikaten, ­
  Kartellen,  Interessengemeinschaften,  Konzernen  usw.
Im  Gegensatz  zu  den  amerikanischen  Trusts,  die  in  sich  die
Einzelunternehmungen  so  gut  wie  vollständig  aufsaugen,
lassen  diese  Vereinigungen  den  einzelnen  in  ihnen  zusammengeschlossenen ­
  Unternehmungen  ihre  Selbständigkeit
und  beschränken  sich  auf  die  Verwirklichung  gewisser
regelnder  Grundsätze  in  bezug  auf  Produktion,  Preisgestaltung, ­
  Konkurrenz.  Sie  wollen  nach  Möglichkeit  die
Reibungen  und  Verluste  beseitigen,  die  durch  ein  planloses
        <pb n="51" />
        47

und  ungeordnetes  Gegeneinanderarbeiten  notwendigerweise
entstehen  müssen,  und  sie  suchen  alle  Kräfte  durch  ein
planvolles  Leiten  zu  dem  Höchstmass  des  wirtschaftlichen
Erfolges  zu  vereinigen.  Sie  sind  in  dieser  Hinsicht  die
Krönung  der  Entwicklung,  die  unsere  Volkswirtschaft  in
ihrer  Organisation  im  Laufe  der  letzten  Jahrzehnte  zurückgelegt ­
  hat.
*  *
*
Vom  Standpunkt  der  reinen  organisatorischen  Zweckmässigkeit ­
  will  die  vorstehend  geschilderte  Entwicklung  im
Zusammenhang  dieser  Darstellung  gewürdigt  sein.  Von
diesem  Standpunkt  aus  stellt  sich  uns  die  Entwicklung  des
letzten  Vierteljahrhunderts  als  ein  gewaltiger  Aufstieg  zu
höheren  und  leistungsfähigeren  Lebensformen  des  volkswirtschaftlichen ­
  Körpers  dar.  Wenn  es  das  Ziel  unserer
wirtschaftlichen  Entwicklung  ist,  mit  einem  bestimmten
Quantum  menschlicher  Arbeit  ein  immer  grösser  werdendes
Mass  wirtschaftlichen  Nutzeffektes  hervorzubringen,  mit  dem
gleichen,  oder  besser  mit  geringerem  Arbeitsaufwand  eine
vollständigere,  vielgestaltigere  und  verfeinertere  Befriedigung
unserer  materiellen  Bedürfnisse  zu  erzielen,  dann  kann  man
sagen,  dass  uns  die  organisatorischen  Fortschritte  im  letzten
Vierteljahrhundert  diesem  Ziele  in  gleichem  Schritte  nähergebracht ­
  haben,  wie  die  Errungenschaften  der  wirtschaftlichen ­
  Technik.
Aber  niemand  kann  die  Augen  davor  verschliessen,  in
welchem  Masse  neue  Aufgaben  von  der  grössten  Bedeutung
durch  die  Umgestaltung,  die  nicht  etwa  nur  unsere  Volkswirtschaft, ­
  sondern  unser  Volk  in  seiner  ganzen  Struktur
erfahren  hat,  entstanden  sind.  Das  allmähliche  Hinübergleiten ­
  des  Schwergewichts  unserer  Bevölkerung  aus  der
Landwirtschaft  nach  den  gewerblichen  und  kommerziellen
        <pb n="52" />
        48

Berufen,  vom  platten  Lande  in  die  Städte;  das  Ueberhandnehmen
  der  grossen  Unternehmungen  gegenüber  den  mittleren ­
  und  kleinen  Betrieben;  in  Verbindung  damit  das  Zurücktreten ­
  der  wirtschaftlich  selbständigen  Existenzen  gegenüber ­
  der  immer  stärker  wachsenden  Schar  der  Angestellten
und  Lohnarbeiter;  die  Ausbildung  des  Gegensatzes  zwischen
Arbeit  und  Kapital,  zwischen  Besitzlosen  und  Besitzenden  —
das  alles  sind  Probleme,  die  aus  der  technischen  und  organisatorischen ­
  Entwicklung  unserer  Volkswirtschaft  während  der
letzten  Jahrzehnte  teils  neu  entstanden  sind,  teils  an  Bedeutung ­
  gewaltig  zugenommen  haben.  Die  Schnelligkeit
mit  der  sich  diese  Entwicklung  vollzogen  hat,  war  geeignet,
die  Schwierigkeit  der  neuen  Probleme  zu  verschärfen;  denn
es  fehlte  bei  der  Plötzlichkeit  der  Uebergänge  und  Wandlungen ­
  vielfach  an  der  notwendigen  Zeit,  während  der  sich
die  natürlichen  Gegengewichte  gegen  die  sich  aus  diesen
Uebergängen  und  Wandlungen  ergebenden  Gefahren  genügend ­
  hätten  entwickeln  können.
Von  der  glücklichen  Lösung  der  neuen  Aufgaben  wird
die  Zukunft  unseres  Volkes  zu  einem  wesentlichen  Teile
abhängen.
An  dem  Gelingen  brauchen  wir  nicht  zu  verzagen.
Die  neuen  Aufgaben,  die  vor  allem  auf  dem  Gebiete
der  Volkshygiene  und  der  Wohnungsfrage,  der  Sozialpolitik,
des  Erziehungs-  und  Bildungswesens  liegen,  sind  in  keinem
der  Länder,  die  sich  auf  Grund  einer  ähnlichen  Entwicklung
vor  dieselben  Probleme  gestellt  sehen,  mit  grösserem  sittlichen ­
  Ernst  und  stärkerer  Willenskraft  in  Angriff  genommen
worden  als  bei  uns.  In  keinem  Lande  betätigen  die  Leiter
der  grossen  Unternehmungen  ein  stärkeres  Gefühl  ihrer
Verantwortlichkeit  und  ihrer  sozialen  Verpflichtungen,  in
keinem  Lande  hat  der  Staat  früher  und  tatkräftiger  die
soziale  Frage  in  ihrem  ganzen  Umfang  erkannt  und  in  seinen
        <pb n="53" />
        H  elf!  er  ich:  Deutschlands  Volkswohlfahrt.

4

49
Pflichtenkreis  einbezogen.  Es  gehört  zu  den  ersten  Ruhmestiteln ­
  unseres  Herrscherhauses,  dass  Kaiser  und  Kaiserin  für
die  aus  den  Pflichten  der  Menschlichkeit  und  der  Verantwortlichkeit ­
  für  die  Zukunft  des  deutschen  Volkes  erwachsenen ­
  hohen  Aufgaben  stets  das  volle  Verständnis  gezeigt ­
  haben,  dass  ihrer  Initiative  und  tatkräftigen  Förderung
die  bisher  geleistete  Arbeit  und  der  bisher  erzielte  Erfolg
zum  grossen  Teil  zu  danken  sind.
        <pb n="54" />
        ZWEITER  ABSCHNITT.

Produktion,  Verkehr  und  Konsum.
1.  Die  Produktion.
Die  Vermehrung  der  Bevölkerung,  insbesondere  ihres
erwerbstätigen  Teiles,  die  Fortschritte  der  wirtschaftlichen
Technik  und  die  Entwicklung  der  wirtschaftlichen  Organisation ­
  haben  im  letzten  Vierteljahrhundert  zu  einer  gewaltigen ­
  Steigerung  der  Qütererzeugung,  des  Verkehrs  und  des
Konsums  in  Deutschland  geführt,  und  zwar  zu  einer  Steigerung ­
  nicht  nur  im  ganzen,  sondern  auch  auf  den  Kopf  der
Bevölkerung  gerechnet.
Es  ist  leider  heute  noch  nicht  möglich,  für  die  Entwicklung ­
  der  Produktion  in  ihrer  Gesamtheit  ein
statistisches  Bild  zu  geben.  Versuche  zu  allgemeinen
statistischen  Erhebungen  über  die  deutsche  Produktion  sind
in  den  Jahren  1897  und  1899  in  Vorbereitung  der  damals
bevorstehenden  Erneuerung  der  Handelsverträge  gemacht
worden;  veröffentlicht  sind  jedoch  davon  nur  die  Hauptergebnisse ­
  des  Jahres  1897.  Seit  dem  Jahre  1908  sind
produktionsstatistische  Erhebungen  auf  einer  erheblich  erweiterten ­
  Grundlage  im  Gange,  deren  Ergebnisse  jedoch
zurzeit  erst  teilweise  veröffentlicht  sind.  Aber  auch  abgesehen ­
  davon,  dass  die  Vergleichbarkeit  für  einen  grösseren
        <pb n="55" />
        51

4*

Zeitraum  fehlt,  gibt  die  aneinandergereihte  Produktionsstatistik ­
  für  die  sämtlichen  Zweige  der  Gütererzeugung
keineswegs  ein  zutreffendes  Bild  des  Wertes  der  nationalen
Gesamtproduktion.  Denn  in  den  Werten  der  produzierten
Fertigfabrikate  ist  der  Wert  der  verarbeiteten  Halbfabrikate,
im  Wert  der  Halbfabrikate  derjenige  der  Rohstoffe  enthalten, ­
  und  alle  Produktionswerte  begreifen  in  sich  den
Wert  der  verwendeten  Hilfsstoffe,  wie  Kohle,  Dünger  etc.,
sowie  den  Wert  der  Abnutzung  der  Produktionswerkzeuge  usw.
Ein  brauchbares  Gesamtergebnis  wäre  also  nur  zu  erreichen
auf  Grund  der  Anwendung  eines  komplizierten  Nettoprinzips
bei  den  produktionsstatistischen  Erhebungen,  während  unsere
bisherige  Produktionsstatistik  vorwiegend  auf  dem  Bruttoprinzip ­
  beruht.
Dagegen  reicht  unsere  Produktionsstatistik  aus,  um  ein
exaktes  Bild  von  der  Entwicklung  einzelner  wichtiger  Produktionszweige ­
  zu  geben.  So  haben  wir  eine  fortlaufende
amtliche  Erntestatistik  und  regelmässige  Viehzählungen,  aus
deren  Zahlen  sich  ein  zutreffendes  Bild  der  Entwicklung
der  landwirtschaftlichen  Erzeugung  gewinnen  lässt.  Ausserdem ­
  verfügen  wir  über  weit  zurückreichende  statistische  Anschreibungen ­
  der  bergbaulichen  Produktion  und  des  Hüttenbetriebs, ­
  sowie  der  inneren  Verbrauchsabgaben  unterworfenen
Produkte.
Die  technische  und  organisatorische  Entwicklung  der
Volkswirtschaft  während  der  letzten  Jahrzehnte  ist  naturgemäss
  in  erster  Linie  der  industriellen  Produktion  zugute  gekommen. ­
  Die  Landwirtschaft,  bei  der  die  nur  innerhalb
enger  Grenzen  ausdehnungsfähige  Anbaufläche  das  Grundelement ­
  der  Produktion  ist,  hat  gleichwohl  ihre  Leistungsfähigkeit ­
  ganz  erheblich  zu  steigern  vermocht.  Die  Verbesserung ­
  der  Bewirtschaftungsmethoden,  soweit  sie  auf  der
wissenschaftlichen  Agrikulturchemie  beruht,  hat  allerdings
        <pb n="56" />
        ihre  stärksten  Wirkungen  bereits  in  der  ersten  Hälfte  des
vorigen  Jahrhunderts  ausgeübt;  damals  ist  innerhalb  verhältnismässig ­
  kurzer  Zeit  der  Bodenertrag  auf  ein  Mehrfaches
gesteigert  worden.  Aber  die  Wirkungen  dieser  wissenschaftlichen ­
  Methoden  haben  sich  auch  im  letzten  Vierteljahrhundert ­
  noch  fortgesetzt,  und  neue  grosse  Erfolge  stehen
bevor,  wenn  es  gelingt,  die  ausgedehnten  Moorgebiete  in
grösserem  Umfang  in  kulturfähigen  Zustand  zu  bringen.  In
den  letzten  Jahrzehnten  hat  sich  die  auf  wissenschaftlicher
Grundlage  beruhende  Verbesserung  der  Betriebsweisen,  gefördert ­
  durch  Ackerbauschulen  und  Genossenschaften,  in
einer  Weise  ausgedehnt,  dass  diese  Betriebsmethoden  geradezu ­
  zum  Gemeingut  der  deutschen  Landwirtschaft  geworden ­
  sind.  Insbesondere  hat  die  rationelle  Bewässerung
und  Entwässerung,  die  Ausgestaltung  der  Fruchtfolge  und
die  Verwendung  künstlichen  Düngers  in  Zusammensetzungen,
die  der  Natur  des  Bodens  und  den  Erfordernissen  der  verschiedenen ­
  Bebauungsarten  angepasst  sind,  ausserordentliche
Fortschritte  gemacht.  Der  Verbrauch  an  Handelsdünger  in
der  deutschen  Landwirtschaft  ist  von  16  Millionen  Doppelzentner ­
  im  Jahre  1890  auf  nahezu  60  Millionen  Doppelzentner
im  Jahre  1910  gestiegen.  Im  letztgenannten  Jahre  belief  sich
der  Wert  des  verbrauchten  Handelsdüngers  auf  nahezu
400  Millionen  Mark.  Speziell  der  Verbrauch  von  Kali  hat
sieh  in  dem  zwanzigjährigen  Zeitraum  von  2,2  auf  22,2
Millionen  Doppelzentner  gehoben,  der  Verbrauch  von  Thomasmehl ­
  von  4,0  auf  14,3  Millionen  Doppelzentner,  dagegen
der  Verbrauch  des  aus  dem  Ausland  bezogenen  Chilisalpeters
nur  von  2,5  auf  5,4  Millionen  Doppelzentner.  Daneben  hat
die  Landwirtschaft  vor  allem  aus  der  gesteigerten  Verwendung ­
  maschineller  Kraft  Vorteil  gezogen;  die  Verwendung ­
  von  Maschinen  aller  Art  ist  ausserordentlich  stark
gestiegen,  namentlich  seitdem  die  Fortschritte  der  Elektrizi-
        <pb n="57" />
        53

tätsindustrie  auf  dem  Wege  der  Ueberlandzentralen  der
Landwirtschaft  billige  motorische  Kraft  in  Form  des  elektrischen ­
  Stroms  in  der  ausgiebigsten  Weise  zur  Verfügung
gestellt  haben.  Die  Zahl  der  landwirtschaftlichen  Betriebe,
die  Maschinen  benutzen,  hat  sich  folgendermassen  entwickelt:

1882

1895

1907

Gewöhnliche  Dreschmaschinen  .

268  367

596869

947  003

Dampfdreschmaschinen  ....

75  690

259  364

488  867

Drill-  und  Sämaschinen  .  .  .

63  842

169465

290039

Mähmaschinen

19  634

35  084

301  325

Düngerstreumaschinen  ....

—

18  649

—

Dampfpflüge

836

1  696

2995

Die  im  letzten  Vierteljahrhundert  eingetretene  Steigerung
der  Produktion  der  wichtigsten  Nährfrüchte  für  Mensch
und  Vieh  und  das  Verhältnis  der  Erntemengen  zu  den
Anbauflächen  ergibt  sich  aus  der  folgenden  Zusammenstellung. ­


Im  Durchsc
Anbaufläche
ha

rinitt  der  Jahn
Erntemenge
t

1883—87
Ertrag
pro  ha
dz

Roggen

5  830  200

5  867  800

10,0

Weizen

1  918  000

2  585  200

13,4

Sommergerste

1  737  700

2  232  800

12,8

Kartoffeln

2  912  800

25  459  200

87,4

Hafer

3  785  000

4  291  000

11,3

Wiesenheu

5  905  100

16  874  600

28,5
        <pb n="58" />
        54

Im  Durchschnitt  der  Jahre  1908—12

Anbaufläche
ha

Erntemenge
t

Ertrag
pro  ha
ha

Roggen

6  168  261

11012171

17,8

Weizen

1911768

3  962  390

20,7

Sommergerste

1604116

3  220  066

20,1

Kartoffeln

3315137

44  220  213

133,4

Hafer

4317753

8189062

19,0

Wiesenheu

5949  237

25024  865

42,1

Einer  allenthalben  nur  unerheblichen  Ausdehnung  der
Anbauflächen  und,  woran  hier  erinnert  sei,  einem  Stillstand
der  Zahl  der  in  der  Landwirtschaft  tätigen  Bevölkerung
stehen  also  sehr  ansehnliche  Steigerungen  der  Erntemengen
gegenüber;  am  meisten  beim  Roggen,  bei  dem  vom  Jahrfünft ­
  1883/87  bis  zum  Jahrfünft  1908/12  die  Steigerung  der
Anbaufläche  nur  5,8%,  dagegen  die  Steigerung  der  Erntemenge ­
  87,7%  und  die  Steigerung  des  Ertrages  pro  Hektar
77,7%  betragen  hat.
Das  Ergebnis  der  fortschreitenden  Verbesserung  der
Betriebsarten  ist  also  ausserordentlich  erfreulich;  Deutschland ­
  hat  in  der  Zeit  der  gewaltigen  industriellen  Entwicklung ­
  keine  Verkümmerung  seiner  Produktion  an  Nährfrüchten
erfahren,  sondern  diese  in  noch  stärkerem  Verhältnis  als
demjenigen  der  Zunahme  der  Bevölkerung  ausgedehnt.  Der
deutsche  Ackerbau  hat  hiermit  nicht  nur  die  ihm  zukommende
Stellung  in  der  deutschen  Volkswirtschaft  behauptet,  sondern ­
  auch  im  Vergleich  mit  den  übrigen  grossen  Ackerbauländern ­
  glänzend  abgeschnitten.  Nachstehend  die  wichtigsten
Vergleichsziffern:
        <pb n="59" />
        55

Ernteerträgnisse  im  Ganzen

(Millionen  t)

Erntejahr ­


Weizen  u.
Roggen

Gerste

Hafer

Kartoffeln

1912

Deutschland

15,9

3.5

8,5

50,2

1912

Russland

42,6

9,9

14,1

36,9

1912

Oesterreich-Ungarn  .  .  .

11,2

3,3

3,6

18,5

1911

Frankreich

10,4

1,1

5,1

11,5

1912

Canada

5,4

0,9

5,6

2,2

1912

Vereinigte  Staaten  .  .  .

20,8

4,9

20,6

11,4

1912/13

Argentinien

6,4

—

1,7

1911/12

Britisch-Indien  ....

8,4

—

—

—

Ernteerträgnisse  pro  Hektar

(in  dz  =  100  kg)

Erntejahr



c
&amp;lt;L&amp;gt;
N

n
&amp;lt;u

QJ

Ut
a&amp;gt;

'öS

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bß
o
CC

u.
d&amp;gt;
O

cd
£

O
t:
cs
*

1912

Deutschland  .  .  .

22,6

18,5

21,9

19,4

150,3

1912

Russland  ....

6,9

9,0

8,7

8,5

81,7

1912

Oesterreich-Ungarn.

fl  5,0
112,7

14.6
11.6

16,0
13,9

13,0
10,4

100,2
84,4

1911

Frankreich....

13,8

14,3

14,3

12,6

74,2

1912

Canada

13,7

12,0

16,7

15,0

115,8

1912

Vereinigte  Staaten  .

10,7

10,6

16,0

13,4

76,2

1912/13

Argentinien  .  .  .

9,3

—

—

14,1

—

1911/12

Britisch-Indien  .  .

8,7

—

—

—

—
        <pb n="60" />
        56

(

Was  die  Gesamtproduktion  anlangt,  so  hält  Deutschland ­
  bei  Weizen  und  Roggen  den  dritten  Platz  in  grossem
Abstand  nach  Russland,  in  kleinem  Abstand  nach  den  Vereinigten ­
  Staaten;  Oesterreich-Ungarn  und  Frankreich  folgen
mit  etwa  zwei  Dritteln  der  deutschen  Ernte.  Bei  der  Gerste
behauptet  Deutschland  nach  Russland  und  den  Vereinigten
Staaten  den  dritten  Platz  mit  einem  kleinen  Vorsprung  vor
Oesterreich-Ungarn.  Beim  Hafer  hat  Deutschland  unbestritten ­
  die  dritte  Stelle,  und  bei  den  Kartoffeln  steht
Deutschland  weitaus  an  der  Spitze.
Durchweg  schlägt  Deutschland  alle  anderen  Ackerbauländer ­
  hinsichtlich  des  Ertrages  pro  Hektar,  und  zwar  zumeist ­
  mit  sehr  beträchtlichem  Vorsprung.  Da  bei  einem
solchen  Vergleich  weder  die  Bodenbeschaffenheit  noch  die
klimatischen  Verhältnisse  zugunsten  Deutschlands  liegen,
so  kommt  in  diesen  Ziffern  die  grosse  betriebstechnische
Ueberlegenheit  der  deutschen  Landwirtschaft  zum  Ausdruck.
Die  deutsche  Landwirtschaft  kann  um  so  mehr  auf  ihre
glänzenden  Leistungen  stolz  sein,  als  diese  unter  zeitweise
sehr  schwierigen  Verhältnissen  im  Wettbewerb  mit  jüngeren
Ackerbauländern  erzielt  wurden,  die  mit  billigem  und  jungfräulichem ­
  Boden  und  billigen  Arbeitskräften  wirtschaften
und  zeitweise  —  namentlich  in  den  90er  Jahren  des  vorigen
Jahrhunderts  —  ihre  Produkte  in  gewaltigen  Massen  und
zu  ruinös  billigen  Preisen  auf  den  europäischen  Markt
warfen.  Die  Handelspolitik  des  Reichs  hat  zwar  durch  einen
weitgehenden  Zollschutz  den  deutschen  Ackerbau  kräftig
gestützt  und  ihm  über  die  schwierigsten  Zeiten  hinweggeholfen; ­
  aber  die  oben  wiedergegebenen  Ziffern  zeigen,  dass
der  deutsche  Ackerbau  sich  nicht  etwa  hinter  der  Zollmauer
in  der  Defensive  gehalten,  sondern  durch  Intelligenz  und
Ausdauer  seine  Produktionskraft  auf  eine  nirgends  erreichte
Höhe  gebracht  hat.
        <pb n="61" />
        57

In  noch  stärkerem  Masse  als  die  Kultur  der  Nährfrüchte
hat  sich  die  Produktion  der  Zuckerrübe  entwickelt.  Als
Rohstoff  für  eines  der  wichtigsten  Genussmittel  hat  diese
Kulturpflanze  im  Laufe  des  letzten  Jahrhunderts  auf  Grund
der  Fortschritte  der  chemischen  Technik  nicht  nur  für  unsere
innere  Produktion,  sondern  auch  für  den  gesamten  Weltmarkt
eine  ausserordentliche  Bedeutung  gewonnen.  Die  auf  einen
deutschen  Gelehrten  zurückgehende  Entdeckung  des  Zuckergehaltes ­
  der  Runkelrübe  und  die  technischen  Verbesserungen
in  dem  Anbau  und  der  Verarbeitung  der  Zuckerrüben
haben  einen  neuen  Produktionszweig  entstehen  lassen,  in
dem  Deutschland  heute  den  ersten  Rang  in  der  Welt  behauptet. ­
  Im  Jahre  1911/12  betrug  die  Produktion  an  Rübenzucker ­
  in  Deutschland  2  701  000  t,  in  Russland  1  374  000  t,
in  Oesterreich-Ungarn  1  902  000  t,  in  Frankreich  960  000  t;
die  anderen  Länder  folgten  in  grossen  Abständen.
Wie  sich  der  Anbau  von  Zuckerrüben  und  die  Zuckerindustrie ­
  in  Deutschland  während  der  letzten  25  Jahre  entwickelt ­
  haben,  ergibt  sich  aus  folgender  Zusammenstellung:

Zucker-Kampagne


Verarbeitete ­

Rüben
1000  t

Die  verarbeiteten ­
  Rüben
waren  gewonnen ­
  auf
ha

Also  auf
1  ha
Rüben
t

Gewonnener ­

Rohzucker ­

1000  t

Zur  Herstellung
von  1  kg  Rohzucker ­
  waren
durchschnittlich
erforderlich  an
Rüben
kg

1875/76

4161

96  724**)

29

358

11,62

1888/89

7  896

149  411**)

28

991

7,97

1910/11*)

15  749

477  909

33

2590

6,08

*)  Das  Jahr  1911/12  kann  wegen  seiner  ganz  abnormen  Temperaturverhältnisse, ­
  die  eine  kaum  jemals  dagewesene  Missernte  an  Zuckerrüben
in  Deutschland  herbeiführten,  nicht  zur  Vergleichung  herangezogen
werden.  Die  Ernte  in  Deutschland  betrug  nur  1  348  000  t  gegen
2  590  000  t  im  Vorjahre  und  etwa  2700000  t  im  Jahre  1912/13.
**)  Nur  die  Anbauflächen  der  von  den  Fabriken  selbst  gewonnenen ­
  Rüben.
        <pb n="62" />
        58

(

Es  ist  also  gerade  im  letzten  Vierteljahrhundert  nicht
nur  eine  erhebliche  Ausdehnung  der  Anbaufläche  von  Zuckerrüben ­
  eingetreten,  sondern  daneben  auch  infolge  der  rationelleren ­
  Kulturmethoden  eine  Steigerung  des  Bodenertrags,
so  dass  die  Produktion  von  Zuckerrüben  heute  etwa  doppelt
so  gross  ist,  wie  Ende  der  80er  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts. ­
  Ausserdem  aber  haben  die  Verbesserungen  sowohl ­
  in  der  Kultur  als  auch  in  der  Aufbereitung  der  Rüben
dazu  geführt,  das  Quantum  Rüben,  das  zur  Herstellung  eines
bestimmten  Gewichts  von  Rohzucker  erforderlich  ist,  trotz
der  erheblichen  Fortschritte,  die  in  diesem  Punkte  bis  zum
Ende  der  80er  Jahre  bereits  erzielt  worden  waren,  auch  im
letzten  Vierteljahrhundert  noch  weiter  um  nahezu  ein  Viertel
zu  verringern.  So  kommt  es,  dass  bei  einer  Steigerung  der
Rübenproduktion  auf  das  Doppelte  die  Gewinnung  von
Rohzucker  auf  mehr  als  das  Zweiundeinhalbfache  gewachsen ­
  ist.
Zu  dem  unmittelbaren  Gewinn  aus  der  gesteigerten
Produktion  an  Rübenzucker  kommen  für  die  deutsche
Landwirtschaft  grosse  mittelbare  Vorteile  aus  der  Ausdehnung ­
  der  Zuckerrübenkultur.  Die  intensive  und  rationelle ­
  Pflege,  welche  die  Zuckerrübe  erfordert,  kam  überall
auch  den  übrigen  Zweigen  der  Landwirtschaft  zugute.  Daneben ­
  liefert  die  Verarbeitung  der  Zuckerrübe  grosse  Massen
von  Rückständen,  die  insbesondere  als  Viehfutter  Verwendung ­
  finden  und  damit  eine  rationellere  Viehhaltung  ermöglichen. ­

Die  Entwicklung  der  deutschen  Viehzucht  sei  durch
folgende  Ziffern  beleuchtet:
        <pb n="63" />
        59

Zählungsfag

Pferde

Maulesel
und  Esel

Rindvieh

Schafe

10.  Januar  1883

3  522  545

9  795

15  786  764

19189715

1.  Dezb.  1892

3836273

6  703

17  555  834

13  589  662

1.  Dezb.  1900

4195  361

7  848

18939692

9692501

2.  Dezb.  1907

4345  047

11  291

20630544

7  703  710

2.  Dezb.  1912*

4516279

12  862

20158  738

5  787848

Zählungstag

Schweine

Ziegen

Federvieh

Bienenstöcke

10.  Januar  1883

9206195

2  640994

—

1911797

1.  Dezb.  1892

12174442

3  091  508

—

2034485

1.  Dezb.  1900

16  807  014

3  266997

64453  171

2  605  350

2.  Dezb.  1907

22146532

3  533  970

77103045

2  594  690

2.  Dezb.  1912*

21885073

3  383  971

82  474  317

2619891

Ein  Rückgang  ist  also,  wenn  man  den  Stand  in  den
Jahren  1883  und  1892  mit  demjenigen  in  den  Jahren  1907
und  1912  vergleicht,  nur  bei  der  Schafzucht  vorhanden,  hier
allerdings  in  beträchtlichem  Umfang;  dagegen  hat  sich  die
Pferdehaltung,  noch  mehr  der  Rindviehbestand  und  vor
allem  die  Schweinezucht  bis  zum  Jahre  1907  sehr  günstig
entwickelt.  Vom  Jahre  1907  bis  zum  Jahre  1912  ist  allerdings
im  Bestand  an  Rindvieh,  Schweinen  undZiegen  ein  leichter  Rückgang ­
  eingetreten,  der  hauptsächlich  auf  die  schlechte  Futterernte ­
  des  Jahres  1911  zurückzuführen  sein  dürfte.  Die  Schafzucht ­
  beruht  auf  extensiver  Weidewirtschaft,  während  die
Entwicklung  der  deutschen  Landwirtschaft  auf  eine  steigende
Intensität  gerichtet  ist.  Von  dieser  gesteigerten  Intensität

')  Vorläufige  Zahlen.
        <pb n="64" />
        60

t

haben  die  übrigen  Zweige  der  Viehzucht  bedeutend  mehr
Vorteil  gehabt,  als  dies  die  nach  der  Stückzahl  des  Viehstandes ­
  geführte  Statistik  erkennen  lässt.  Die  Fortschritte
in  der  Verbesserung  der  Schläge  und  damit  die  Erhöhung
der  Leistungsfähigkeit,  der  Fleisch-  und  Milchproduktion,
beruhend  auf  sachgemässer  Züchtung  und  Fütterung,  sind
ausserordentlich  gross.  Die  Aufbringung  der  höheren  Kosten
für  die  rationellere  und  intensivere  Viehwirtschaft  wurde
möglich  gemacht  durch  den  mit  der  an  Zahl  und  Kaufkraft
wachsenden  industriellen  Bevölkerung  sich  fortgesetzt  steigernden ­
  Bedarf  nach  den  Erzeugnissen  der  Viehzucht  und
durch  den  mit  der  Industrialisierung  des  Landes  sich
leichter  und  umfangreicher  gestaltenden  lokalen  Absatz.
Auf  diese  Weise  hat  auch  die  deutsche  Viehzucht  ihren
Teil  zur  Hebung  der  Produktivität  der  deutschen  Volkswirtschaft ­
  und  zur  Mehrung  des  deutschen  Volkswohlstandes
beigetragen.
Die  industrielle  Entwicklung  unserer  Zeit  ruht  auf
den  beiden  mächtigen  Pfeilern  Kohle  und  Eisen.  Deutschland ­
  gehört  mit  zu  denjenigen  Ländern,  welche  die  Natur
mit  einem  reichen  Schatz  dieser  beiden  industriellen  Grundstoffe ­
  bedacht  hat.  Auch  an  anderen  wichtigen  Mineralien,
namentlich  an  Salzen,  Zink-,  Blei-  und  Kupfererzen,  besitzt
Deutschland  ansehnliche  Vorräte.  Die  jüngsten  Geschlechter
haben  gelernt,  diese  Schätze  zu  heben  und  immer  vollkommener ­
  zu  nutzen.  In  den  letzten  25  Jahren  ist  der
Wert  der  unmittelbaren  Erzeugnisse  des  deutschen  Bergbaus
(Kohlen,  Erze,  Salze)  von  etwa  700  Millionen  Mark  auf
beträchtlich  mehr  als  2  Milliarden  Mark  gestiegen.
Der  Kohlenbergbau  allein  hat  sich  folgendermassen
entwickelt:
        <pb n="65" />
        61

Steinkohle

Braunkohle

Kohlenförderung

ins

gesamt

Mittlere

Förderung

Mittl.

Förderung

Mittlere

Förderung

Beleg-Men-





Beleg-Men-





Beleg-Men-





schaft

ge

schaft

ge

schaft

ge

Mill.  t

Mill.  M.

Mill.  t

Mill.  M.

Mill.  t

Mill.  M.

1887

217357

60.3

311.1

29408

15.9

40.2

246765

76.2

351.3

1911

628307

160.7

1572.6

72567

73.8

183.5

700874

234.5

1756.1

Zunahme

410950

100.4

1261.5

43159

57.9

143.3

454109

158.3

1404.8

in  o/o

189.1

166.5

405.5

146.8

364.1

356.5

184.0

207.7

399.9

Das  Jahr  1912  hat  einen  weiteren  Fortschritt  ergeben.
Die  Förderung  von  Kohlen  ist  auf  259,4  Millionen  Tonnen
(177,1  Millionen  Tonnen  Steinkohlen  und  82,3  Millionen
Tonnen  Braunkohlen)  gestiegen.
Die  deutsche  Kohlenproduktion  ist  also  in  den  letzten
25  Jahren  auf  mehr  als  den  dreifachen  Umfang  gebracht  worden.
Unter  den  Produktionsländern  nimmt  Deutschland  den
dritten  Platz  nach  den  Vereinigten  Staaten  und  England  ein.

Länder

Kohlengewinnung
(Stein-  und  Braunkohle)

Zunahme

Millionen  Tonnen

in  o/ 0

1886

1911

Vereinigte  Staaten  .  .  .

103.1

450.2

336.6

Grossbritannien  und  Irland

160.0

276.2

72.6

Deutschland

73.7

234.5

218.1

Österreich-Ungarn  .  .  .

20.8

49.2

136.5

Frankreich

19.9

39.3

97.5

Belgien

17.3

23.1

33.5

Die  Vereinigten  Staaten,  die  Mitte  der  achtziger  Jahre
des  vorigen  Jahrhunderts  noch  an  zweiter  Stelle  standen,
haben  demnach  heute  einen  gewaltigen  Vorsprung.  Aber
Deutschland  hat  England,  das  vor  25  Jahren  an  der  Spitze
stand  und  eine  mehr  als  doppelt  so  grosse  Produktion  hatte
        <pb n="66" />
        62

c

wie  wir,  nahezu  erreicht.  Im  Jahre  1912  ergab  die  Kohlengewinnung ­
  in  Deutschland  259,4  Millionen  t,  in  Grossbritannien ­
  und  Irland  264,7  Millionen  t  (vorläufige  Zahlen).
Der  Rückgang  im  Ertrage  Englands  ist  indessen  zum  Teil
auf  den  Streik  der  Kohlenarbeiter  zurückzuführen.
Von  der  gesamten  Weltproduktion  an  Kohle  entfällt
heute  etwa  ein  Fünftel  auf  Deutschland.
Eine  nicht  weniger  glänzende  Entfaltung  hat  die  Eisenindustrie ­
  genommen.
Die  Förderung  an  Eisenerzen  im  deutschen  Zollgebiet
betrug  im  Jahre  1887  .  .  .  10  664  000  t
„  „  1911.  .  .  29  879  000  t,
mithin  eine  Zunahme  auf  das  Dreifache.
Doch  die  eigene  Erzproduktion  genügte  nicht  entfernt
dem  Bedarf  der  Hüttenwerke,  erforderte  vielmehr  in  fortgesetzt ­
  steigendem  Umfange  eine  Ergänzung  durch  die  Einfuhr ­
  von  Erzen  aus  fremden  Gruben.
Eisenerz.

Einfuhr

Ausfuhr

Ueberschuss  der

in  1000  t

Ausfuhr

Einfuhr

1887

1  036,2

1  744,6

708,4

—

1912

12  120,1

2  309,6

—

9810,5

Die  Herstellung  von  Roheisen  entwickelte  sich  folgendermassen:

  Eisenhochofenbetrieb.

Hochöfen
in  Betrieb

Mittlere
Belegschaft ­


Verhüttete
Rohstoffe
in  1000  t

Gesamte
von  R
in  1000  t

rzeugung
oheisen
in  Mill.  M.

1887
1911

212
313

21  432
47  546

12  057
45  068

4  024
15  574*)

166.4
867,9

Zunahme  in  %

45,6

121,5

273,8  |  287,0

421,6

*)  Im  Jahre  1912  betrug  die  Roheisenerzeugung  17  853  000  t.
        <pb n="67" />
        63

Im  letzten  Vierteljahrhundert  ist  somit  die  deutsche  Roheisenerzeugung ­
  mehr  als  vervierfacht  worden.
Unter  den  Produktionsländern  steht  Deutschland  heute
an  der  zweiten  Stelle.

Roheisenproduktion  (in  1000  t).

Länder

1887

1911

Zunahme
in  o/o

Vereinigte  Staaten  .  .

6  520

24  028

368,5

Deutschland  ....

4  024

15  574

387,0

Grossbritannien  u.  Irland

7  681

10  033

30,6

Frankreich

1  568

4411

281,3

Russland

612

3  588

486,3

Belgien

756

2  106

178,6

Auch  hier  sind  die  Vereinigten  Staaten  auf  Grund  ihrer
gewaltigen  Vorkommen  allen  anderen  Ländern  weit  voraus.
Deutschland,  dessen  Produktion  vor  einem  Vierteljahrhundert ­
  nur  wenig  mehr  als  halb  so  gross  war,  wie  diejenige ­
  des  damals  an  erster  Stelle  stehenden  britischen  Königreiches, ­
  hat  im  Jahre  1903  eine  Roheisenproduktion  von
mehr  als  10  Millionen  t  zu  verzeichnen  gehabt  und  damit  die
englische  Produktion  zum  erstenmal  geschlagen;  in  den
seither  verflossenen  acht  Jahren  ist  die  deutsche  Produktion
weiter  in  steigender  Progression  gewachsen,  auf  15,6  Millionen ­
  t  im  Jahre  1911  und  17,9  Millionen  t  im  Jahre  1912,
während  die  englische  Produktion  bei  etwa  10  Millionen  t
stehen  blieb.
Die  Weltproduktion  von  Roheisen  beträgt  heute  ungefähr
75  Millionen  t,  wovon  auf  Deutschland  etwa  ein  Viertel
entfällt.
Von  der  Stahlerzeugung  in  den  wichtigsten  Ländern
gibt  die  umstehende  Tabelle  ein  Bild:
        <pb n="68" />
        I

64

Stahl-  (Flusseisen)  Produktion  (in  1000  t).

Länder

1886

1910

Zunahme  in  %

Vereinigte  Staaten.  .

2  604,4

26  512,4

910,3

Deutschland  ....

954,6

13  698,6*)

1  335,0

Grossbritannien  .  .

2  403,2

6  106,8

154,1

Frankreich  ....

427,6

3  390,3

692,9

Russland

241,8

2  350,0

871,2

Belgien

164,0

1  449,5

783,6

Die  Entwicklung  des  Kohlenbergbaus  und  der  Eisengewinnung ­
  ist  hier  in  grossen  Zügen  als  Grundlage  für  die
Gesamtentwicklung  der  deutschen  Industrie  gezeichnet  worden.
Ein  genaueres  Eingehen  auf  die  einzelnen  Industriezweige
und  die  Entwicklung  ihrer  Produktion  verbietet  sich  von
selbst,  teils  in  Rücksicht  auf  den  hier  zur  Verfügung  stehenden
Raum,  teils  mangels  genügender  statistischer  Grundlagen.
Um  aber  wenigstens  einen  allgemeinen  Ueberblick  über
die  Gestaltung  der  einzelnen  Industriezweige  zu  geben,  sei
nebenstehend  zusammengestellt,  wie  sich  in  den  einzelnen  Gewerbegruppen ­
  die  Ziffern  der  beschäftigten  Personen  und  der
verwendetenDampfmaschinen-Pferdestärken  entwickelt  haben:
Das  Baugewerbe,  das  für  den  gewaltigen  Zuwachs
unserer  Bevölkerung  die  Wohnungen  und  für  die  gewaltige
Ausdehnung  der  Gesamtindustrie  die  Fabrikräume  zu  schaffen
hatte,  steht  mit  einer  Zunahme  der  beschäftigten  Personen
von  533  000  auf  1  576  000  an  der  Spitze.  Mit  grossen
absoluten  und  relativen  Steigerungen  treten  weiter  die
Maschinenindustrie,  die  Metallverarbeitung,  das  Bergbau-  und
Hüttenwesen,  die  Industrien  der  Erden  und  Steine,  sowie
der  Holz-  und  Schnitzstoffe  hervor;  diese  Industrien  zeigen
gleichzeitig  auch  eine  erhebliche  Steigerung  in  der  Verwendung ­
  maschineller  Kraft.  Eine  sehr  stattliche  absolute  Zu-*)
  Im  Jahre  1911  betrug  die  Stahlproduktion  15  019300  t.
        <pb n="69" />
        Helfferich:  Deutschlands  Volkswohlstand.

Wl

Bergbau-,  Hütten-  u.  Salinenwesen ­
  (1882  einschl.
  Eisendrahtzieher)
Industr.d.Steine  u.Erden
Metallverarbeitung  .  .
Maschinen-lndustrie  .
Chemische  Industrie  .
Industrie  d.Leuchtstoffe
Seifen,  Fette,  Oele
Textilindustrie  .  .  .
Papierindustrie  .  .  .
Lederindustrie  .  .  .
Industrie  der  Holz-  und
Schnitzstoffe  ....
Industrie  der  Nahrungsund ­
  .Genussmittel  .  .
Bekleidungu.Reinigung  1
Baugewerbe  ....
Polygraphische  und
künstlerische  Gewerbe

E
1882

ieschäftigt
1895

ä  Persone
1907

n
Zunahme
1882-1907
%

Dam]
1895

rftnaschine
1907

n  PS.
Zunahme
1895—1907
%

Kilowatt
1907

430  134

536  289

879  600

104,5

995

069

2  332

968

134,5

422  782,3

349  196

558  286

747  057

111,1

197

796

503

682

154,7

88  570,3

459  713

639  755

905  868

97,1

142

141

443

224

211,8

128  909,9

356  089

582  672

1  171  783

229,1

184

821

1  215

512

557,7

225  026,7

71  777

115  231

167  670

133,6

83

587

192

905

118,9

42  288,6

42  705

57  909

95  957

124,7

29

942

77

265

158,1

13  368,5

910  089

993  257

1  094  955

20,3

515

583

886

373

71,7

75  126,3

100  156

152  909

225  046

124,7

201

422

412

908

104,9

54  966,5

121  532

160  343

206313

69,8

32

377

85

304

163,5

19  302,1

469  695

598  496

736424

56,8

203

235

346

024

70,3

56  325,9

743  881

1  021  490

1260580

69,5

686

263

1  185

819

72,8

152  763,8

259  791

1  390  604

1  562  382

24,0

19

235

54

852

185,2

18  999,8

533  511

1  045  516

1  576  804

195,6

46

274

189

117

308,7

21  497,3

85  394

147  746

243  262

184,9

18

793

35

974

91,4

40950,1

Oi
UT
        <pb n="70" />
        nähme  der  beschäftigten  Personen  zeigt  auch  die  Industrie
der  Nahrungs-  und  Genussmittel.  Relativ  stark,  aber  in  den
absoluten  Zahlen  kleiner,  ist  die  Entwicklung  bei  der
chemischen  Industrie,  dem  polygraphischen  und  künstlerischen
Gewerbe  und  der  Papierindustrie,  der  Industrie  der  Leuchtstoffeetc.
  und  der  Lederindustrie.  Verhältnismässig  am  wenigsten
gewachsen  ist  die  immerhin  sehr  stattliche  und  ansehnliche
Textilindustrie  und  das  Bekleidungs-  und  Reinigungsgewerbe.
Ein  ähnliches  Bild  geben  die  Zahlen  der  Ausfuhr
unserer  verschiedenen  Industrieerzeugnisse.
An  der  Spitze  der  Ausfuhrwaren  stehen  heute  (im  Jahre
1912)  die  Maschinen  mit  einem  Ausfuhrwert  von  630,3  Millionen ­
  Mark,  gegen  52,8  Millionen  Mark  im  Jahre  1887.
Die  verschiedenen  groben  und  feinen  Eisenwaren  stellen
heute  einen  Ausfuhrwert  von  580,9  Millionen  Mark  dar,
gegen  96  Millionen  Mark  im  Jahre  1887.  Stab-  und  Winkeleisen, ­
  Platten  und  Bleche,  Luppeneisen,  Eisenbahnschienen,
Träger,  Eisendraht  usw.  geben  in  ihrer  Gesamtheit  das  gleiche
Bild.  An  Personen-Motorwagen  wurde  ein  Wert  von  65,1
Millionen  Mark  ausgeführt,  eine  Ausfuhr,  die  vor  25  Jahren
überhaupt  noch  nicht  bestand.  Bei  den  Steinkohlen  beläuft
sich  der  Ausfuhrwert  heute  auf  436,6  Millionen  Mark,  gegen
79,9  Millionen  Mark  im  Jahre  1887,  beim  Koks  auf  126,4
Millionen  Mark,  gegen  9,4  Millionen  Mark.  Der  Ausfuhrwert ­
  von  Anilin-und  anderen  Teerfarbstoffen  stellt  sich  heute
auf  133,8  Millionen  Mark,  gegen  42,5  Millionen  Mark  im
Jahre  1887,  von  künstlichem  Indigo  auf  45,2  Millionen  Mark,
gegen  6,3  Millionen  Mark.  Aber  auch  die  Ausfuhr  der
Halbfabrikate  und  Fabrikate  der  Textilindustrie  ist  zum  Teil
in  den  letzten  25  Jahren  erheblich  gestiegen,  so
Baumwollwaren  von  67,3  Mill.  M.  auf  421,6  Mill.  M.
Wollwaren  .  ,  „  177,6  „  „  „  253,4  „  n
Seidenwaren  ,  „  16,1  „  „  „  190,9  „  „
        <pb n="71" />
        67

5*

Wollgarn.  .  .von  34,0  Mill.  M.  auf  84,2  Mill.  M.
Baumwollgarn  .  „  17,7  „  „  „  64,1  „  „
Diese  Ziffern  zeigen,  dass  die  Textilindustrie  —  ähnlich
wie  die  Landwirtschaft  —  es  verstanden  hat,  trotz  der
Stetigkeit  der  Anzahl  der  in  ihr  beschäftigten  Personen  ihre
Produktion  stark  zu  erhöhen.
Es  wäre  jedoch  falsch,  anzunehmen,  dass  die  Steigerung
unserer  industriellen  Produktionskraft  sich  in  der  Zunahme
unserer  Ausfuhr  erschöpfe.  Nicht  nur  allgemeine  Wahrnehmungen, ­
  sondern  auch  ins  Einzelne  gehende  wissenschaftliche ­
  Untersuchungen  zeigen,  dass  der  innere  Markt
für  unsere  Industrieerzeugnisse  sich  noch  in  stärkerem  Masse
entwickelt  hat,  als  unser  auswärtiger  Absatz.  Man  wird
eher  zu  niedrig  als  zu  hoch  greifen,  wenn  man  für  das  letzte
Vierteljahrhundert  eine  Verdreifachung  der  industriellen
Leistung  der  deutschen  Volkswirtschaft  veranschlagt.
2.  Der  Verkehr.
Leider  ist  es  nicht  möglich,  die  Entwicklung  des  inneren
Absatzes  in  ähnlich  präziser  Weise  statistisch  zu  erfassen,
wie  den  Aussenhandel.  Aber  immerhin  liegt  genügendes
Material  in  Ziffern  des  Verkehrs  vor,  das  zuverlässige  Rückschlüsse ­
  gestattet.
Da  ist  zunächst  die  Vermehrung  der  im  Handel
und  Verkehr  erwerbstätigen  Personen,  die  von
1  570  000  im  Jahre  1882  auf  3  477  600  im  Jahre  1907  zugenommen ­
  haben,  also  verhältnismässig  stärker  als  selbst
die  industrielle  Bevölkerung  gewachsen  sind.  Das  den
Eigentumswechsel  vermittelnde  Handelsgewerbe  und  das  die
örtlichen  Verschiebungen  der  Güter  besorgende  Transportgewerbe ­
  verdienen  ebensosehr  die  Bezeichnung  „produktiv“,
wie  die  der  Urproduktion  und  dem  stoffveredelnden  Gewerbe ­
  angehörigen  Berufe.  Ihre  Arbeit  ist  zwar  nicht  auf
        <pb n="72" />
        68

die  Veränderung  derSubstanz  der  Güter  gerichtet,  aber  sie  dient
ebenso  wie  eine  solche  Tätigkeit  der  Werterhöhung  der  Güter,
indem  sie  diese  dorthin  leitet,  wo  sie  —  sei  es  zur  Fortführung
des  Produktionsprozesses,  sei  es  für  den  Konsum  —  eine
erhöhte  Brauchbarkeit  besitzen.  Je  mehr  die  berufliche  Arbeitsteilung ­
  fortschreitet  und  über  je  grössere  Gebiete  sich  die  ineinandergreifenden
  wirtschaftlichen  Beziehungen  spannen,  desto
stärker  die  Bedeutung  des  Handels  und  Transportgewerbes.
Die  Steigerung  des  Verkehrs  in  seiner  Gesamtheit  lässt
sich  nicht  in  einheitliche  Ziffern  fassen.  Man  ist  auch  hier
darauf  angewiesen,  aus  gewissen  statistisch  erfassbaren  Entwicklungen ­
  Rückschlüsse  zu  ziehen.
Da  jeder  Handelsverkehr,  der  über  die  ersten  Anfänge
hinausreicht,  auf  dem  Nachrichtenwesen  beruht,  ist  die
Entwicklung  des  letzteren  ein  Massstab  für  die  steigende
Anspannung  des  ersteren.
Postverkehr  im  Reichsgebiet.
(Reichspostgebiet,  Kgl-  Bayrisches  Postgebiet,  Kgl.  Württembergisches
Postgebiet.)

Mittlere
Einwohnerzahl ­


Anzahl
der
Postanstalten ­


Eingegangene  Briefsendungen ­

(Millionen  Stück)

Eingegangene  Pakete
ohne  Wertangabe
(Millionen  Stück)

Eingegangene  Briefe
Pakete  etc.
mit  Wertangabe
(Millionen  Stück)

Eingegangene  Postanweisungen ­

(Millionen  Mark)

1887
1911

47540000
65390000

19  476
40  987

1303,4
5994,3

93,7
271,3

11,3
11,8

3947,5
9302,1*)

Zunahme°/o

37,5

110,4

359,9

189,5

4,4

135,6

*)  Die  höchste  Ziffer  wurde  im  Jahre  1908  mit  12  766,3  Millionen
Mark  erreicht;  seither  ist  der  Postanweisungsverkehr  infolge  der  Einführung ­
  des  Postscheckverkehrs  naturgemäss  zurückgegangen.
        <pb n="73" />
        69

T  elegraphenund

  Fernsprechverkehr  im  Reichsgebiet. ­


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t/3
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i-O

1887
1911

14565
46444

89,1
228,6

317,1
1907,2

17860
49643

188*)
37970

6,7*)
117,6

56,4*)
5022.8

155,6*)
2074

Zunahme
in  o/o

218,9

156,6

501,5

178,0

Die  Einnahmen  der  Postverwaltungen  aus  Porto-  und
Telegraphengebühren  betrugen  im  Jahre  1911  rund  784  Millionen ­
  Mark,  gegen  190  Millionen  Mark  im  Jahre  1887.
Der  beste  Einblick  in  die  Entwicklung  der  umgesetzten
Werte  lässt  sich  auf  dem  Gebiete  des  Geld-  und  Kreditwesens ­
  gewinnen,  denn  in  unserer  Wirtschaftsordnung  tritt
die  eine  Seite  der  Umsätze  stets  als  Geldsumme  in  Erscheinung. ­

Da  ein  grosser  Teil  der  geschäftlichen  Transaktionen
im  Wege  des  Wechselverkehrs  beglichen  wird,  geben  die
Zahlen  des  Wechselumlaufs  einen  wichtigen  Anhalt.  Der
Betrag  der  in  Deutschland  in  Umlauf  gesetzten  Wechsel  berechnet ­
  sich  für  1887  auf  rund  12  Milliarden,  für  1912  auf
34  Milliarden  Mark.

)  Ende  1888.
        <pb n="74" />
        70

Noch  viel  stärker  haben  die  Umsätze  im  bankmässigen
Zahlungsverkehr  (Giro-  und  Scheckverkehr)  zugenommen.
Die  Umsätze  im  Giroverkehr  der  Reichsbank  sind  innerhalb ­
  der  25  Jahre  von  58,8  auf  371,2  Milliarden  Mark  gestiegen. ­
  Die  Gesamtumsätze  der  Reichsbank  sind  von  79,8
auf  414,0  Milliarden  Mark,  diejenigen  des  grössten  privaten
Bankinstituts,  der  Deutschen  Bank,  von  18,1  auf  132,2  Milliarden ­
  Maik  angewachsen.
Was  die  umgesetzten  Massen  anlangt,  so  ergibt  die
Statistik  unserer  Verkehrseinrichtungen  ein  reiches  Material.
Das  deutsche  Eisenbahnnetz  ist,  um  dem  gewaltig
steigenden  Personen-  und  Güterverkehr  genügen  zu  können,
im  Laufe  der  letzten  25  Jahre  erheblich  weiter  ausgebaut
worden;  seine  Leistungen  haben  sich  vervielfacht.

Volispurige  Eisenbahnen  in  Deutschland.

1885

1911

Zunahme
%

Bahnlänge  km

37  190

59  763

60,7

Anlagekapital  (Mill.  Mark)  .  .

9  722

17  833

83,4

Beamte  und  Arbeiter  ....

333  439

713  187

113,9

Lokomotiven  und  Triebwagen  .

12  450

28  088

125,6

Personenwagen

22  735

59  857

163,3

Gepäck-  und  Güterwagen.  .  .

250  640

596  763

138,1

Betriebseinnahmen  (Mill.  Mark)  .

997

3  271

218,0

Beförderte  Tonnen-km  (in  Mill.)

16  600

61  870

272,7

„  Personen-km  (in  Mill.)

7  932

37  855

377,1

Wie  sehr  Deutschland  auch  im  Ausbau  des  Eisenbahnnetzes ­
  seine  westlichen  Nachbarn  übertroffen  hat,  ergibt  sich
aus  der  folgenden  Aufstellung:
        <pb n="75" />
        Entwicklung  der  Eisenbahnen.

Länge  der  in  Betrieb  befindlichen
Eisenbahnen  in  Kilometern

Bahnlänge  in  Kilometern
auf

Ende

Zunahme

100  qkm  Fläche

10  000  Einwohner

1890

1911

in  o/ 0

1890

1911

1890

1911

Deutschland  .  .  .

42  869

61936

42,6

7,9

11,4

8,7

9,5

England

32  297

37  649

16,4

10,3

12,0

8,5

8,3

Frankreich  ....

36  895

50232

33,9

7,0

9,3

9,6

12,8

Vereinigte  Staaten  .

268  409

396860

44,6

3,0

4,3

42,7

43,1

Anlagekapital
in  Millionen  Mark

Geleistete
Personenkilometer
Anzahl  in  Millionen

Geleistete  Tonnenkilometer ­

Anzahl  in  Millionen

Gesamteinnahme
in  Millionen  Mark

1895

1910

1895

1910

1895

1910

1895

1910

Deutschland

11  407

18  664

14  344,1

37  613,7

25  486,4

53  803,8

1  513,9

3  092,3

England

20  022

26  370

—

—

—

—

1  730,2

2  485,5

Frankreich

12  471

15  099

10  671,0

20  976,8

12914,1

27733,0

1  003,7

1  813,7

Vereinigt.  Staaten

46  595

77  352

19  940,4

54  846,0

139  379,6

425  076,7

5  217,1

13  211,5
        <pb n="76" />
        72

Neben  den  Eisenbahnen  haben  unter  der  Regierung  und
aus  der  eigensten  Anregung  unseres  Kaisers  die  Binnenwasserstrassen, ­
  die  berufen  sind,  unser  Eisenbahnnetz
zu  ergänzen  und  von  der  Ueberfülle  der  Massengüter  zu
entlasten,  eine  ganz  besondere  Förderung  erfahren.  Im
Jahre  1910  wurden  auf  den  deutschen  Binnenwasserstrassen
Güter  im  Gewicht  von  91  Millionen  t  befördert.  Der  Bestand ­
  der  deutschen  Binnenschiffe  hat  sich  von  20390  Stück
im  Jahre  1887  auf  26235  Stück  im  Jahre  1907  gehoben;
aber  gleichzeitig  ist  die  Tragfähigkeit  dieser  Fahrzeuge  erheblich ­
  mehr  gesteigert  worden:  im  Jahre  1887  hatten
19  989  Schiffe,  für  die  Nachweise  vorliegen,  eine  Tragfähigkeit ­
  von  2,1  Millionen  t,  im  Jahre  1907  dagegen  hatten
26  191  Schiffe  eine  Tragfähigkeit  von  5,9  Millionen  t.*)
Würdig  zur  Seite  steht  der  Entwicklung  des  durch  die
Eisenbahnen  und  die  Binnenschiffahrt  vermittelten  Inlandsverkehrs ­
  die  Entwicklung  des  Verkehrs  mit  dem  Auslande. ­

Ueber  den  Warenumsatz  mit  dem  Auslande  wurden
in  anderem  Zusammenhang  bereits  einige  Ziffern  gegeben.
In  seiner  Gesamtheit  hat  sich  der  auswärtige  Handel
des  deutschen  Zollgebiets  in  den  Jahren  von  1887  bis  1912,
wie  nebenstehende  Tabelle  I  zeigt,  entwickelt.
Der  Gesamtumsatz  in  Einfuhr  und  Ausfuhr  ist  innerhalb ­
  des  letzten  Vierteljahrhunderts  von  6246  Millionen  Mark
auf  19  648  Millionen  Mark,  wenn  man  den  Edelmetallverkehr ­
  mit  einrechnet,  von  6379  Millionen  Mark  auf
20117  Millionen  Mark  gestiegen.
Auch  hier  sei  das  Bild  durch  die  Vergleichung  mit
den  ersten  Welthandelsländern  ergänzt  (siehe  nebenstehende
Tabelle  II).
*)  Die  Ergebnisse  der  Erhebungen  vom  Jahre  1912  liegen  noch
nicht  vor.
        <pb n="77" />
        I.  Deutschlands  Aussenhandel.

Einfuhr

Ausfuhr

1887

%

1912

%

1887

|  %

1912

%

Rohstoffe  für  Industriezwecke

in

Millioi

len  Mark

(einschl.  halbfertige  Waren)  .

1310.3

42,1

5882,6

55,0

585,2

18,7

2370,6

26,5

Fertige  Waren

833,0

26,8

1608,2

15,0

2051,8

65,4

5787,5

64,6

Nahrungs-  und  Genussmitte!

1

2944,6

27,6

I

789,8

8,8

Vieh

j  965,7

31,1

256,0

2,4

499,9

15,9

8,9

0,1

Im  Ganzen

3109,0

100,0

10691,4

100,0

3136,9

100,0

8956,8

100,0

Dazu  Edelmetalle

77,4

325,7

56,1

142,7

II.  Aussenhandel  verschiedener  Länder  (in  Millionen  Mark).*)

Länder

1887

Einfuhr
1912

Zunahme ­

%

1887

\usfuhr
1912

Zunahme ­

0/o

Oes
1887

amthande
1912

Zunahme ­

°lo

Deutsches  Zollgebiet

3109,0

10691,4

243,8

3136,9

8956,8

185,4

6245,9

19648,2

214,7

Grossbritan.  u.  Irland

6187,8

12914,4

108,7

4533,7

9943,7

119,3

10721,5

22858,1

113,1

Vereinigte  Staaten  .

2870,4

6800,9

136,9

2952,7

9115,3

208,6

5823,1

15916,2

173,3

Frankreich  ....

3261,1

6360,7

95,0

2629,7

5309,1

101,8

5890,8

11669,8

98,1

')  z.  T.  vorläufige  Zahlen.
        <pb n="78" />
        74

Der  deutsche  Aussenhandel  ist  also  stärker  gewachsen
als  derjenige  der  anderen  Länder,  sogar  der  Vereinigten  Staaten
von  Amerika;  er  ist  auf  etwas  mehr  als  das  Dreifache  gestiegen, ­
  der  amerikanische  nur  auf  das  Zweidreiviertelfache,
der  englische  auf  etwas  mehr  als  das  Doppelte,  der  französische ­
  nicht  ganz  auf  das  Doppelte.  Während  der  deutsche
Aussenhandel  im  Jahre  1887  den  französischen  gerade  erst
um  eine  geringe  Summe  überholt  hatte,  ist  er  heute  um
weit  mehr  als  die  Hälfte  grösser;  während  er  nicht  viel  mehr
als  halb  so  gross  war  wie  der  englische,  stellt  er  heute
85  %  des  englischen  Aussenhandels  dar.
Die  gewaltige  Entwicklung  ist  nichts  anderes,  als  der
Ausdruck  und  infolgedessen  gleichzeitig  auch  ein  Gradmesser ­
  für  die  ausserordentliche  Entfaltung  unserer  industriellen ­
  Produktionskraft.  Während  die  Landwirtschaft
auf  Grund  der  natürlichen  Begrenztheit  ihrer  Produktionsbedingungen ­
  bei  Anspannung  aller  Kräfte  nicht  einmal  ganz
mit  dem  steigenden  Nahrungsbedarf  der  stark  wachsenden
Bevölkerung  Schritt  halten  konnte,  hat  es  die  deutsche  Industrie ­
  vermocht,  ihre  Produktion  weit  über  den  sich  erheblich ­
  ausdehnenden  Bedarf  des  Inlandes  hinaus  zu  steigern.
Sie  hat  es  verstanden,  für  ihre  Mehrerzeugung  durch  Güte
und  Billigkeit  ihrer  Produkte  in  wachsendem  Masse  sich
die  ausländischen  Absatzmärkte  zu  öffnen  und  dadurch  die
Mittel  für  die  Bezahlung  unserer  mit  Bevölkerung  und  Industrie ­
  wachsenden  Einfuhr  von  Nahrungsmitteln  und  Rohstoffen ­
  herbeizuschaffen.
Der  Warenaustausch  mit  dem  Ausland  wird  ganz  vorwiegend ­
  durch  die  Seeschiffahrt  vermittelt.
Der  gewaltige  Aufschwung  der  deutschen  Kauffahrteiflotte ­
  ergibt  sich  aus  den  folgenden  Ziffern:
        <pb n="79" />
        75

Bestand  der  deutschen  Seeschiffe
(Kauffahrteischiffe).

Zahl

Raumgehalt  V
Netto-  g
Registertons
00

88
Besatzung ­


Zahl

Raumgehalt  V
Netto-  |
Registertons  ’“ t
vO

13
Besatzung ­


Segelschiffe  .

3034

758  359

21  053

2420

396  904

12  980

Seeleichter  .

60

11459

167

332

101  324

1  053

Dampfschiffe

717

470  364

15  856

2098

2  655  496

63  713

Zusammen

3811

1  240  182

37  076

4850

3  153  724

77  746

Bei  einer  Steigerung  der  Schiffseinheiten  um  etwa  ein
Viertel  hat  sich  also  der  Raumgehalt  der  deutschen  Handelsflotte ­
  auf  das  Zweieinhalbfache  erhöht,  und  ihre  Besatzung
hat  sich  mehr  als  verdoppelt.  Dabei  ist  die  Leistungsfähigkeit ­
  qualitativ  dadurch  stark  gewachsen,  dass  die  Segelschiffe ­
  mehr  und  mehr  durch  Dampfschiffe  ersetzt  wurden:
Im  Jahre  1913  war  der  Raumgehalt  der  Dampfschiffe  sechsmal ­
  so  gross  wie  im  Jahre  1888;  und  während  damals
der  Raumgehalt  der  Dampfschiffe  nur  etwa  3 /s  so  gross
war,  wie  derjenige  der  Segelschiffe,  ist  er  heute  fast  siebenmal ­
  so  gross.
Von  den  Dampfschiffen  der  deutschen  Handelsflotte,
deren  Raumgehalt  in  Bruttoregistertons  am  1.  Januar  1913
rund  4,4  Millionen  betrug,  kam  etwa  ein  Viertel  auf  Schiffe,
die  weniger  als  5  Jahre  alt  waren,  und  mehr  als  die  Hälfte
auf  Schiffe  im  Alter  von  weniger  als  10  Jahren.
Der  Seeverkehr  in  den  deutschen  Häfen  hat  sich  wie
folgt  entwickelt:
        <pb n="80" />
        76

Beladene  Kauffahrteischiffe

angc
Zahl

:kommen
Regislertons

abg
Zahl

r egangen
Registertons

aus  und  nach
deutschen  Häfen

1887
1911

29  359
56  554

1  675  498
5  397  913

28  564
55  795

1  661  471
5  495  791

aus  und  nach
ausserdeutschen
europäischen
Häfen

1887
1911

18  891
41  443

5  917242
15  330  757

14  995
23  441

4  467353
8  975  655

aus  und  nach
aussereuropäischen
  Häfen

1887
1911

1  874
2  857

2  248  187
8  339  385

1  517
2  055

1  837  702
6  629  735

im  Ganzen

1887
1911

50  124
100854

9  840927
29  068  055

45  076
81  291

7  966526
21  101  181

Diese  Ziffern  bestätigen  das  Bild,  das  sich  aus  der
Statistik  unseres  Aussenhandels  ergibt.
Auch  hier  sei  die  deutsche  Entwicklung  derjenigen  der
wichtigsten  mit  uns  in  Wettbewerb  stehenden  Länder  gegenübergestellt ­
  (siehe  nebenstehende  Tabelle).
In  bezug  auf  den  Rauminhalt  der  Seeschiffe  im  Ganzen
hält  Deutschland  —  allerdings  in  gewaltigem  Abstand  nach
England  und  mit  einem  immer  noch  ansehnlichen  Abstand
nach  den  Vereinigten  Staaten  —  den  dritten  Platz.  In  bezug
auf  die  Dampfschiffe  allein  ist  Deutschland  mit  einem  kleinen
Vorsprung  über  die  Vereinigten  Staaten  an  die  zweite  Stelle
gerückt.
        <pb n="81" />
        -4

Bestand  der  Handelsmarinen.

Segelschiffe

Dampfschiffe

Zusammen

Zahl

1000
Registertons

Zahl

1000
Registertons

Zahl

1000
Registertons

Deutschland

1885

3  438

854,9

664

420,6

4  102

1  275,5

1911

2  723

510,0

2  009

2  513,7

4  732

3023,7

Grossbritannien  und

1885

17018

3  457,0

6  644

3  973,0

23  662

7  430,0

Irland

1911

8714

971,7

12  205

10711,4

20  919

11  683,2

Vereinigte  Staaten

1885

18  564

2  771,0

5  399

1  494,0

23  963

4265.0

1912

10  969

2  147,7*)

10  309

2  470,6*)

21  278

4  618,3*)

Norwegen

1890

6  760

1  503,0

672

203,0

7  432

1  706,0

1910

1  205

630,3

1  842

895,9

3  047

1  526,2

Frankreich

1885

15  266

1  000,0

937

492,0

16  203

1  492,0

1911

15  949

624,5

1  780

838,1

17  729

1  462,6

! )  brutto  Tons.
        <pb n="82" />
        78

Die  Aufstellung  sei  ergänzt  durch  einige  Angaben  über
den  Seeverkehr  der  wichtigsten  Welthäfen.  Die  Zahl  der
abgegangenen  Dampfschiffe  zeigt  die  folgende  Aufstellung:

1911

Gesamtverkehr ­


darunter
Auslandsverkehr



(in  1000  Netto-Registertons)

Hamburg

13  177

11  993

London

19516

11  172

Liverpool

14  563

10  445

Antwerpen*)

—

13  326

Rotterdam

10  599

Marseille

9  660

8  619

Genua

7  433

5  922

Triest

4  246

2  713

New  York  (1911/12)  .  .

13  549

Hamburg  wird  also,  soweit  der  Auslandsverkehr  in  Betracht ­
  kommt,  nur  von  dem  grossenteils  durch  den  deutschen
Export-  und  Importverkehr  unterstützten  Hafen  von  Antwerpen*) ­
  und  von  New  York  übertroffen.
So  hat  sich  Deutschland,  trotz  der  geringen  Ausdehnung ­
  und  der  im  Verhältnis  zu  anderen  Ländern  weniger
günstigen  Gestaltung  seiner  Seeküsten,  eine  herrschende
Stellung  auf  den  Weltmeeren  erobert,  durch  zähe  Tatkraft ­
  und  unablässige  Arbeit.  Die  natürlichen  Verhältnisse, ­
  die  vor  400  Jahren  nach  der  Entdeckung  der  neuen
Welt  und  des  Seewegs  nach  Indien  den  Welthandel  von
*)  Die  Feststellung  der  Tonnage  erfolgt  in  Antwerpen  nach  einem
etwas  anderen  System  als  in  Hamburg.  Bei  Berücksichtigung  der  sich
hieraus  ergebenden  Korrektur  würden  sich  die  Antwerpener  Ziffern
eher  niedriger  stellen  als  die  Hamburger.
        <pb n="83" />
        79

Deutschland  weg  in  andere  Bahnen  gelenkt  haben,  sind
dieselben  geblieben.  Aber  von  innen  heraus  hat  sich  die
Umwandluug  vollzogen,  die  uns  eine  alle  früheren  Begriffe
unendlich  übersteigende  Stellung  im  Welthandel  geschaffen
hat.  Früher  kam  die  Befruchtung  des  Verkehrs  von  aussen,
von  den  wirklichen  und  vermeintlichen  Reichtümern  der
überseeischen  Gebiete;  und  so  ging  uns  der  Platz  im  Weltverkehr ­
  verloren,  als  diese  Reichtümer  auf  neuen  Strassen
anderen  Ländern  zuflossen.  Heute  tragen  wir  die  Kraft,  auf
der  unser  Welthandel  beruht,  in  uns  selbst;  unser  Aussenhandel
  und  unsere  Seeschiffahrt  ist  aufgebaut  auf  der  sicheren ­
  Grundlage  unserer  heimischen  Arbeit  und  der  durch
diese  so  gewaltig  gesteigerten  Produktionskraft  unserer
heimischen  Volkswirtschaft.  Wie  mit  unserer  Produktionskraft ­
  Handel  und  Verkehr  gewachsen  sind,  so  hat  die  Entwicklung ­
  von  Handel  und  Verkehr  anregend  und  fördernd
auf  unsere  heimische  Produktionskraft  zurückgewirkt.  In
diesem  Sinne  hat  das  vor  zwei  Jahrzehnten  gesprochene
Kaiserwort:  „Die  Welt  steht  unter  dem  Zeichen  des  Verkehrs“ ­
  für  kein  Land  mehr,  als  für  unser  Vaterland,  seine
Geltung  erwiesen.
Aber  so  fest  begründet  unser  Welthandel  in  unserer
heimischen  Arbeit  ist,  so  wichtig  und  notwendig  hat  es
sich  gezeigt,  ihm  auch  jenseits  der  deutschen  Grenzpfähle
dauernde  und  fest  verankerte  Stützen  zu  schaffen.  Die  Beschränktheit ­
  des  deutschen  Territoriums  und  die  Einseitigkeiten ­
  der  klimatischen  Bedingungen  Deutschlands,  verbunden
mit  der  Zunahme  unserer  Bevölkerung  und  ihren  wachsenden ­
  und  sich  verfeinernden  Bedürfnissen,  nötigen  uns  zu
der  gewaltigen  Einfuhr  von  Rohstoffen,  Nahrungs-  und
Genussmitteln,  die  wir  mit  unserer  Arbeit  und  namentlich
durch  den  Export  von  Industrieerzeugnissen  bezahlen  müssen.
Hiermit  ist  die  Aufgabe  gegeben,  sowohl  den  Bezug  der
        <pb n="84" />
        80

benötigten  Rohprodukte  vom  Auslande,  wie  auch  den  Absatz ­
  unserer  Industrieerzeugnisse  im  Auslande  nach  Möglichkeit ­
  sicherzustellen.
Die  Aufgabe  liegt  zum  Teil  auf  dem  Felde  der  staatlichen
Wirtschaftspolitik,  insbesondere  der  Handelspolitik.
Das  Problem  ist,  die  Erhaltung  und  Förderung  der
heimischen  produktiven  Kräfte  mit  der  Erlangung  möglichst
günstiger  und  beständiger  Bedingungen  für  den  auswärtigen
Handel,  insbesondere  für  den  Absatz  unserer  Fabrikate  und
den  Bezug  der  unentbehrlichen  Rohprodukte,  zu  vereinigen.
Die  Lösung  des  Problems  ist  der  deutschen  Handelspolitik ­
  unter  der  Regierung  unseres  Kaisers  in  befriedigender ­
  Weise  gelungen.  Dies  kann  ohne  die  Gefahr  ernstlichen ­
  Widerspruchs  festgestellt  werden,  so  sehr  auch  gerade
in  den  handelspolitischen  Fragen  die  Meinungen  der  Interessenten ­
  und  Parteien  auseinanderzugehen  pflegen.  Die
Landwirtschaft  und  diejenigen  Teile  der  Industrie,  die  zur
Entwicklung  ihrer  produktiven  Kräfte  eines  Schutzes  vor  der
auswärtigen  Konkurrenz  bedürfen,  haben  diesen  Schutz  in
weitgehendem  Masse  erhalten  und  sich  unter  diesem  Schutze
kräftig  entwickelt.  Daneben  ist  es  durch  das  System  der
langfristigen  Handelsverträge  gelungen,  der  exportierenden
deutschen  Industrie  die  auswärtigen  Märkte,  der  deutschen
Schiffahrt  die  auswärtigen  Häfen  offen  zu  halten  und  dem
deutschen  Kaufmann  günstige  Bedingungen  für  Niederlassung
und  Betrieb  von  Gewerbe  und  Handel  zu  gewährleisten.
Der  Weg  zu  diesem  Ziel  führte  nicht  nur  durch  äusserst
schwierige  Verhandlungen  mit  den  fremden  Staaten,  sondern
auch  durch  schwere  Kämpfe  im  Innern,  bei  denen  die
Leidenschaften  von  rechts  und  links  oft  heftig  aufflammten.
Es  ist  ein  bleibendes  Verdienst  unseres  Kaisers,  der  gleich
in  den  ersten  Jahren  seiner  Regierung  vor  diese  wichtigen
und  durch  starke  Interessengegensätze  verwirrten  Fragen
        <pb n="85" />
        81

Helfferich:  Deutschlands  Volkswohlstand.

6

gestellt  wurde,  dass  er  von  Anfang  an  das  Ziel  klar  ins
Auge  gefasst  und  an  dem  eingenommenen  „-Standpunkt  mit
ruhiger  Sicherheit  festgehalten  hat.
Aber  mit  der  vertragsmässigen  Sicherung  unseres  Handels ­
  und  unserer  Schiffahrt  durften  und  dürfen  wir  uns
nicht  begnügen.  Die  Abhängigkeit  vom  Ausland,  die  den
grossen  Vorteilen  unseres  Hineinwachsens  in"die  Weltwirtschaft ­
  gegenübersteht,  braucht  eine  Verstärkung  der  Gegengewichte. ­
  Eine  solche  kann  geschaffen  werden  dadurch,
dass  heimischer  Unternehmungsgeist  und  heimisches  Kapital
sich  jenseits  der  Landesgrenzen  ein  Feld  der  Betätigung  begründen ­
  und  dadurch  einen  unmittelbaren  Einfluss  auf  die
für  unseren  Bezug  und  Absatz  wichtigen  ausländischen
Gebiete  gewinnen.  Das  geschieht  in  durchgreifender  Weise
durch  die  Erwerbung  überseeischen  Kolonialbesitzes;  denn
hier  wird  der  wirtschaftliche  Einfluss  durch  die  politische
Herrschaft  in  der  denkbar  wirksamsten  Weise  gesichert  und
verstärkt.  Soweit  aber  dieser  Weg  beschränkt  oder  gesperrt
ist  —  und  Deutschland  hat  leider,  als  es  nach  der  Wiederherstellung ­
  der  politischen  Einheit  die  Blicke  über  See
richtete,  die  koloniale  Welt  zum  grössten  Teil  bereits  vergeben ­
  gefunden  —,  muss  das  Ziel  auf  dem  Wege  weitausschauender ­
  finanzieller  und  wirtschaftlicher  Betätigung
verfolgt  werden.
Die  Politik  kolonialer  Erwerbungen  war  um  die
Mitte  der  80er  Jahre  des  vorigen  Jahrhunders  in  bescheidenem ­
  Rahmen,  aber  in  einer  für  die  spätere  Entwicklung
massgebenden  Weise  eingeleitet  worden.  Bis  zum  Regierungsantritt ­
  unseres  Kaisers  bestanden  die  Ergebnisse  lediglich ­
  in  der  Festsetzung  einiger  weniger  kaufmännischer  Unternehmungen ­
  und  in  der  Hissung  der  deutschen  Flagge  an
einzelnen  bisher  herrenlosen  Plätzen  der  afrikanischen
Küste  und  der  Südsee.  Die  von  diesen  Stützpunkten  aus ­
        <pb n="86" />
        82

gehende  territoriale  Ausgestaltung  des  deutschen  Kolonialreichs ­
  und  seine  Erweiterung  durch  wichtige  Neuerwerbungen,
die  geographische  Erforschung,  die  militärische  Unterwerfung
und  die  allmähliche  Einbeziehung  in  eine  geordnete  Verwaltung, ­
  die  wirtschaftliche  Erschliessung  und  die  kulturelle
Bearbeitung  —  alle  diese  Leistungen  fallen  in  die  Regierungszeit ­
  unseres  Kaisers,  zum  grössten  Teil  in  die  letzten  10  bis
15  Jahre.  Die  Leistungen  sind  nicht  gering.  Zu  den  natürlichen ­
  Schwierigkeiten  der  Gebiete,  die  wir  uns  noch  in
letzter  Stunde  sichern  konnten,  gesellte  sich  der  Widerstand
der  Eingeborenen;  die  furchtbaren  Opfer  an  Blut  und  die
grossen  Geldaufwendungen,  die  die  Niederwerfung  des  südwestafrikanischen ­
  Aufstandes  forderte,  sind  in  aller  Erinnerung. ­
  Zu  den  Schwierigkeiten  draussen  traten  hinzu  die
Schwierigkeiten  in  der  Heimat:  mangelndes  Verständnis,
Kleinmut  und  Zweifelsucht,  daraus  hervorgehend  mangelnde
Opferwilligkeit  und  mangelnder  Wagemut;  schliesslich  mangelnde ­
  Erfahrung,  mangelnde  Organisation  und  mangelnde
Tradition,  mit  dem  notwendigen  Ergebnis  wirtschaftlicher  und
administrativer  Fehlschläge.
Heute  sind  diese  Anfangsschwierigkeiten  im  wesentlichen
überwunden.
Das  deutsche  Kolonialreich  umfasst  jetzt  einen  Flächeninhalt ­
  von  2900000  qkm,  es  ist  also  etwa  fünfmal  so  gross
wie  das  Deutsche  Reich.  Die  eingeborene  Bevölkerung  ist
auf  mehr  als  11  Millionen  zu  veranschlagen;  die  weisse  Bevölkerung ­
  übersteigt  27000,  während  sie  noch  vor  10  Jahren
nicht  ganz  10000  betragen  hatte.  An  Eisenbahnen  waren
Ende  1912  in  den  afrikanischen  Kolonien  3867  km  im
Betrieb  und  696  km  im  Bau.  Der  Gesamthandel  der
Schutzgebiete  in  Afrika  und  der  Südsee  (Einfuhr  und  Ausfuhr) ­
  hatte  im  Jahre  1898  erst  46,6  Millionen  Mark  betragen,
im  Jahre  1912  stellte  er  sich  auf  263  Millionen  Mark;  er
        <pb n="87" />
        83

6*

hat  sich  also  in  einem  Zeitraum  von  14  Jahren  mehr  als  verfünffacht. ­
  Daneben  hat  sich  der  Handel  von  Kiautschou  von  34,5
Millionen  Mark  im  Jahre  1902  auf  260  Milionen  Mark  im  Jahre
1912  gehoben.  Der  direkte  Handel  Deutschlands  mit  seinen
Kolonien,  der  1896  erst  11  Millionen  Mark  betrug,  beläuft
sich  heute  auf  beträchtlich  mehr  als  100  Millionen  Mark.
Trotzdem  steht  die  Entwicklung  des  deutschen  Kolonialreichs ­
  auch  heute  noch  in  ihren  Anfängen.  Die  Zukunft
wird  die  vielversprechenden  Ansätze  in  der  Schaffung  eines
kolonialen  Absatzmarktes  für  unsere  Industrieprodukte  und
in  den  für  die  Erzeugung  unserer  heimischen  Volkswirtschaft
wichtigen  Kulturen  —  erwähnt  sei  vor  allem  die  Baumwollkultur
  —  zu  einer  für  unsere  Weltstellung  ins  Gewicht
fallenden  Entwicklung  zu  bringen  haben.
Die  Betätigung  in  den  deutschen  Kolonien  ist  nur  ein
Ausschnitt  aus  der  Betätigung  deutschen  Unternehmungsgeistes ­
  im  Auslande  und  namentlich  über
See.  Das  Leitwort  des  deutschen  Kaufmanns  ist:  „Mein
Feld  ist  die  Welt.“  Längst  bevor  das  Deutsche  Reich  an
die  Erwerbung  kolonialen  Besitzes  heranging,  ja  lange  vor
der  Gründung  des  Reichs  selbst,  waren  deutsche  Kaufleute
in  allen  wichtigen  Handelsplätzen  der  europäischen  und
aussereuropäischen  Welt  zu  finden.  Viele  haben  leider  ihre
Nationalität  verloren,  viele  andere  aber  haben  ihr  deutsches
Wesen  und  ihre  Beziehungen  zur  Heimat  gewahrt  und  gepflegt ­
  und  bilden  einen  wertvollen  Teil  des  grösseren  Deutschland. ­
  Ihre  kaufmännischen,  gewerblichen  und  landwirtschaftlichen ­
  Unternehmungen  sind,  wenn  auch  in  fremder  Erde
wurzelnd,  ein  wichtiger  Rückhalt  für  Deutschlands  Stellung
in  der  Weltwirtschaft.  Dies  gilt  in  ganz  besonderem  Masse
von  den  Kulturwerken  allergrössten  Stils,  die  deutscher
Unternehmungsgeist  und  deutsches  Kapital  in  aussereuropäischen ­
  Gebieten  im  Laufe  der  letzten  Jahrzehnte  geschaffen
        <pb n="88" />
        84

haben:  von  den  grossen  Elektrizitätsunternehmungen,  Bewässerungsanlagen ­
  und  vor  allem  von  den  Eisenbahnen,  die
—  wie  die  Bagdadbahn  und  die  Schantungbahn  —  weite
Gebiete  unter  deutscher  Führuug  neu  erschliessen  und  sie
ebenso  zu  Bezugsquellen  für  unseren  Einfuhrbedarf  wie  zu
Absatzmärkten  für  unsere  Ausfuhr  entwickeln.  Der  Kaiser
hat  diesen  grossen  Unternehmungen  stets  sein  besonderes
Wohlwollen  und  seine  besondere  Förderung  gewährt.
Der  gewaltige  Aufbau  ineinandergreifender  und  sich
gegenseitig  tragender  wirtschaftlicher  Betätigung  im  In-  und
Auslande  steht  nur  so  lange  auf  sicherem  Grund,  als  er
gegen  jeden  Gewaltstreich  geschützt  ist.  Im  friedlichen
Wettbewerb  weiss  sich  die  deutsche  Volkswirtschaft  stark
genug,  um  ihren  Platz  zu  behaupten  und  auszubauen.  Aber
die  Versuchung,  im  wirtschaftlichen  Konkurrenzkampf  von
der  Ueberlegenheit  der  politischen  und  militärischen  Machtmittel ­
  Gebrauch  zu  machen,  war  zu  allen  Zeiten  für  den
Stärkeren  gegenüber  dem  Schwächeren  sehr  gross.  Die
zahlreichen  Handelskriege  der  Weltgeschichte  geben  hiervon
Zeugnis.  Alle  Fortschritte  der  Kultur  und  Gesittung  im
Völkerleben  dürfen  nicht  darüber  hinwegtäuschen,  dass  jedes
allzustarke  Auseinandergehen  in  der  Entwicklung  der  wirtschaftlichen ­
  Stärke  und  der  politischen  Machtmittel  die
Tendenz  einer  gewaltsamen  Entladung  und  Ausgleichung
schafft.  In  dieser  Erkenntnis  musste  Deutschland,  das  durch
seine  geographische  Lage  und  seine  geschichtlichen  Erfahrungen ­
  sich  genötigt  sieht,  ein  allen  Möglichkeiten  gewachsenes
Landheer  zu  halten,  sich  dazu  entschliessen,  seine  immer
grösser  und  wichtiger  werdenden  überseeischen  Wirtschaftsbeziehungen ­
  durch  eine  Flotte  zu  schützen,  die  stark  genug
ist,  um  für  jeden  Gegner  die  Versuchung,  unseren  wirtschaftlichen ­
  Wettbewerb  durch  Gewaltmittel  zu  Boden  zu
schlagen,  im  Keime  zu  ersticken.  In  diesem  Sinne  ist  unsere
        <pb n="89" />
        85

Kriegsflotte,  die  eigenste  Schöpfung  unseres  Kaisers,  der
Schlussstein  in  dem  gewaltigen  System,  dem  die  ausserordentliche ­
  Entwicklung  des  deutschen  Volkswohlstandes  zu
danken  ist  und  auf  dem  heute  die  Lebensmöglichkeit  des
deutschen  Volkes  beruht.
3.  Der  Konsum.
Der  Endzweck  allen  wirtschaftlichen  Schaffens  ist  die
Befriedigung  der  materiellen  Bedürfnisse  der  Menschheit.
Die  intensivere  und  rationellere  Arbeit,  der  ganze  gewaltige
Apparat  von  Technik  und  Organisation,  die  sowohl  die
Produktion  als  den  Verkehr  in  den  letzten  25  Jahren  in  so
viel  stärkerem  Masse  in  die  Höhe  getrieben  haben,  als  dem
blossen  Wachstum  der  Bevölkerung  entspricht,  müssen  ihr
Gegenbild  in  einem  stärkeren  Verbrauch,  in  einer  gehobenen
Lebenshaltung  finden,  wenn  anders  nicht  über  all  dem  Schaffen
und  Wirken  das  eigentliche  Ziel  verloren  gegangen  sein  soll.
Aber  wenn  auch  der  Endzweck  die  quantitative  und
qualitative  Steigerung  in  der  Befriedigung  der  materiellen
Bedürfnisse  ist,  so  ist  doch  damit  keineswegs  gesagt,  dass
die  Vermehrung  des  Ergebnisses  der  wirtschaftlichen  Arbeit
in  vollem  Umfang  in  einer  entsprechenden  Steigerung  des
Konsums  ihren  Ausdruck  finden  muss.  Die  Gesamtheit  steht
in  diesem  Punkte  nicht  anders  als  der  Einzelne:  neben  dem
Verbrauch  steht  die  Ersparnis.  Ein  grosser  Teil  des  Ergebnisses ­
  der  wirtschaftlichen  Arbeit  des  Volkes  dient  seiner
Natur  nach  von  vornherein  nicht  dem  unmittelbaren  Verbrauch ­
  in  der  Bedürfnisbefriedigung,  sondern  der  Steigerung
unserer  Produktionskraft,  die  indirekt  späterhin  dem  Konsum
zugute  kommt.  Alles,  was  Deutschland  an  landwirtschaftlichen ­
  Meliorationen,  einschliesslich'  der  Verbesserung  und
Vermehrung  des  Viehbestandes,  an  Fabriken,  Magazinen  und
Arbeitsstätten  jeder  Art,  an  Eisenbahnen,  Schiffen,  Häfen  und
        <pb n="90" />
        86

sonstigen  Verkehrsmitteln  und  Verkehrseinrichtungen,  an
öffentlichen  Gebäuden,  an  ausländischen  Wertpapieren  und
anderen  produktiven  Vermögensobjekten  reicher  ist,  als  vor
25  Jahren,  stellt  denjenigen  Teil  des  Arbeitsergebnisses  der
deutschen  Volkswirtschaft  dar,  der  nicht  für  den  unmittelbaren ­
  Konsum  Verwendung  gefunden  hat.  Die  Summen,
die  hier  in  Betracht  kommen,  sind  —  wie  der  blosse  Augenschein ­
  lehrt  —  ungeheuer;  eine  ziffernmässige  Veranschlagung ­
  soll  weiter  unten,  bei  der  Behandlung  der  Frage  der
Zunahme  des  Nationalvermögens,  versucht  werden.
An  dieser  Stelle  soll  die  Entwicklung  des  Verbrauchs
einiger  wichtiger  Massengüter,  für  die  ausreichendes
statistisches  Material  vorliegt,  dargestellt  werden.  Dabei
scheiden  die  Verbrauchsberechnungen  solcher  Artikel  aus,
die  ihrer  Natur  nach  entweder  überhaupt  nicht,  oder  doch
nur  zu  einem  geringen  Teil  für  die  unmittelbare  Bedürfnisbefriedigung, ­
  vielmehr  ausschliesslich  oder  hauptsächlich  in
der  weiteren  Produktion  Verwendung  finden,  wie  Metalle
und  Brennstoffe.
Wir  beginnen  mit  dem  Brotgetreide  (Weizen  und  Roggen),
das  zwar  nicht  ausschliesslich,  aber  doch  ganz  vorwiegend
unmittelbar  als  menschliche  Nahrung  Verwendung  findet.

Es  betrug  der  Verbrauch  Deutschlands  an

Im

Roggen

Weizen  und  Spelz

Zusammen

Durchschnitt ­

der

im
Ganzen

pro
Kopf

im
Ganzen

pro
Kopf

im
Ganzen

pro
Kopf

Jahrfünfte

1000  t

kg

1000  t

kg

1000  t

kg

1886/90

5  519

114,5

3  063

63,6

8  582

178,1

1907/11

9  180

143,1

5  685

88,6

14  865

231,7

Zunahme
in  o/o

66,3

24,9

85,6

39,3

73,2

30,1
        <pb n="91" />
        87

Die  Zunahme  ist  also  beträchtlich,  und  sie  bleibt  auch
dann  noch  ansehnlich,  wenn  man  berücksichtigt,  dass  vor
1893  die  Erntestatistik  nach  einem  weniger  genauen  System
arbeitete  und  infolgedessen  etwa  15  °/o  der  Ernte  nicht  erfasste. ­
  Die  Ergebnisse  lassen  auf  eine  wesentlich  bessere
Ernährung  der  Bevölkerung  schliessen.  Die  Zunahme  des
Verbrauchs  pro  Kopf  der  Bevölkerung  ist  grösser  als  in  den
anderen  Ländern,  wie  die  folgende  Zusammenstellung  zeigt:
Verbrauch  an  Weizen  und  Roggen  pro  Kopf  der
Bevölkerung  (in  Kilogramm).

Deutsches ­

Reich

Oesterreich- ­



Grossbritannien ­

u  Irland

Frankreich ­


Italien

Vereinigte ­

Staaten

1886/90
1902/06

178,1
247,6

152,6
174,0

163,9
166,2

251,8
241,6

122,8
145,0

117,2
143,5

Zunahme
in  %

39,0

16,3

1,4

-4,2

18,0

28,3

Deutschland  hat  also  heute  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung ­
  den  stärksten  Konsum  an  Brotgetreide,  während
früher  Frankreich  den  ersten  Platz  einnahm.

Die  Entwicklung  des  deutschen  Verbrauchs  an
Gerste,  Hafer  und  Kartoffeln  ergibt  sich  aus  folgender
Uebersicht:

Gerste

Hafer

Kartoffeln

im

pro

im

pro

im

pro

Ganzen

Kopf

Ganzen

Kopf

Ganzen

Kopf

1000  t

kg

1000  t

kg

1000  t

kg

1886/90

2369

53,3

4142

85,9

18567

385,2

1907/12

5  836

90,8

7  708

120,2

36990

577,2

Zunahme  in  °/ 0

146,3

70,4

86,1

39,9

99,2

49,8
        <pb n="92" />
        V.

88

Auch  bei  diesen  Produkten  schliessen  die  Vergleiche
mit  den  anderen  Ländern  fast  ausnahmslos  zugunsten
Deutschlands  ab.
Ganz  besondere  Schwierigkeiten  bietet  die  Feststellung
des  Fleischkonsums.  Für  Deutschland  gibt  es  einigermassen
brauchbare  Grundlagen  für  eine  statistische  Berechnung  erst
seit  1904;  für  Grossbritannien  und  Irland  liegt  seit  längerer
Zeit  genaueres  Material  vor,  für  die  meisten  anderen  Länder
fehlen  genügende  Anhaltspunkte.  Für  Deutschland  ergibt
die  amtliche  Statistik  der  gewerblichen  Schlachtungen  für
1912  zusammen  mit  den  amtlichen  Erhebungen  über  die
Hausschlachtungen  aus  den  Jahren  1911  und  1912  folgendes
Bild  der  Fleischproduktion:

Geschlachtet
wurden

Gewerbliche ­

Schlachtungen ­

im  Jahre
1912  in
1000  Stck.

Hausschlach ­
 ­

v.  1.12.11
bis
30.11.12in
1000  Stck

Zusammen ­

in
1000  Stck

s-seis'S

o  x:  -r
C  o  £
&amp;lt;D  (/)  &amp;lt;L)
bl)  cn  of)
G
&amp;lt;  c
in  kg

Fleischp
im
Ganzen
in  1000  t

•oduktion
auf  d.  Kopf
der
Bevölkerung ­

in  kg

Ochsen  u.

Bullen  .

944,9

|

—

320

Kühe  .  .

1  727,6

[  159,9

—

240

934.21*)

14,13

Jungrinder

961,5

J

—

185

Kälber.  .

4  360,3

—

4  360,3

40

174,41

2,64

Schafe.  .

2  263,4

509,8

2  773,2

22

61,01

0,92

Schweine  .

18  196,3

5  780,9

23  977,2

85

2  038,06

30,83

Pferde.  .

179,0

—

179,0

235

42,07

0,63

Ziegen.  .

467,9

722,5

1  190,4

16

19,05

0,29

zus.:  49,44

*)  Das  Gewicht  der  hausgeschlachteten  Rinder  ist  auf  Grund  des
Durchschnittsgewichts  der  gewerblich  geschlachteten  Ochsen  und  Bullen,
Kühe  und  Jungrinder  mit  246  kg  angenommen.
        <pb n="93" />
        89

Zuzüglich  der  Mehreinfuhr  von  frischem  Fleisch,  zubereitetem ­
  Fleisch,  Schmalz  und  schmalzartigen  Fetten  —
nach  den  Ermittlungen  des  Kaiserlichen  Gesundheitsamtes
für  1912  2,5  kg  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  —  würde
also  der  durchschnittliche  Fleischverbrauch  pro  Kopf  der
Reichsbevölkerung  51,9  kg  betragen.
In  Grossbritannien  und  Irland  ist  folgender  Fleischverbrauch ­
  ermittelt  worden:

Konsum  von  Fleisch  in  Grossbritannien  und  Irland
pro  Kopf  der  Bevölkerung  (in  kg).

Rindfleisch ­


Kalbfleisch ­


Hammelfleisch ­


Schweinefleisch ­


zusammen

1890

21,2

0,9

8,1

15,3

45,5

1904

24,6

1,0

9,9

17,1

52,6

Der  deutsche  Fleischkonsum  pro  Kopf  der  Bevölkerung
war  also  im  Jahre  1912  ungefähr  ebenso  hoch  wie  derjenige ­
  Englands  im  Jahre  1904;  der  englische  Fleischkonsum
gilt  als  der  stärkste  von  allen  europäischen  Ländern.
Keine  wesentliche  Vermehrung  im  Verbrauch  auf  den
Kopf  der  Bevölkerung  ist  festzustellen  bei  den  alkoholischen
Getränken.  Der  Branntweinkonsum  hat  von  1887/88  bis
1911/12  von  4,4  auf  5,3  Liter  zugenommen,  der  Bierkonsum
von  98  Liter  auf  99  im  Jahre  1910/11  und  auf  106  in  dem
durch  seinen  heissen  Sommer  ungewöhnlichen  Jahre  1911/12.
Durchaus  gleich  geblieben  ist  auch  der  Verbrauch  von
Tabak,  der  im  Durchschnitt  der  Jahre  1907/11  pro  Kopf
der  Reichsbevölkerung  1,5  kg  betragen  hat,  genau  ebensoviel
wie  im  Durchschnitt  des  Jahrfünfts  1886/90.
Auch  der  Verbrauch  von  Speisesalz  hat  sich  nur  innerhalb ­
  ganz  enger  Grenzen  bewegt;  er  schwankt  zwischen
7,5  und  8  kg  pro  Jahr  und  Kopf.
        <pb n="94" />
        90

Anders  steht  es  mit  dem  Zuckerkonsum.  Nach  den
amtlichen  Feststellungen  betrug  der  Konsum  von  Verbrauchszucker ­

im  Jahresdurchschnitt:
1887/88  398000  t=  8,4  kg  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung
1901/02  669000  t  =  11,6  kg  „  „  „  „
1910/11  1242000  t  =  19.0  kg  „  „  „  „  „  *)
Trotz  dieser  beträchtlichen  Steigerung  und  trotzdem
Deutschland  heute  das  erste  Zuckerproduktionsland  ist,
bleibt  der  deutsche  Zuckerkonsum  auch  jetzt  noch  erbeblich
hinter  demjenigen  Englands  und  der  Vereinigten  Staaten  zurück, ­
  während  er  allerdings  den  Verbrauch  Frankreichs
nahezu  geschlagen  hat.

Rohzuckerverbrauch  pro  Kopf  der  Bevölkerung
(in  kg).

Deutsches ­


Oesterreich- ­


 ­


Frankreich ­


Russland

Vereinigte ­


Reich

Ungarn

und  Irland

Staaten

1885/86

6,8

5,1

31,9

11,8

3,7

22,4

1910/11

19,0

13,0

41,1

19,3

10,1

35,9

Bei  den  Kolonialwaren  und  Südfrüchten  ist  fast  durchweg ­
  eine  ansehnliche  Verbrauchssteigerung  zu  verzeichnen.

Kaffee

Kakaobohnen

Tee

Reis

im

pro

im

pro

im

pro

im

pro

Ganzen

Kopf

Ganzen

Kopf

Ganzen

K  opf

Ganzen

Kopf

t

kg

t

kg

t

kg

t

kg

1886.90

114263

2,38

4954

0,16

1912

0,04

84375

1,76

1911

181681

2,79

55100**)

0,83

3793

0,66

176553

2,71

*)  1911/12  1  112000  t  =  16,9  kg  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung
Vergl.  hierzu  die  Anmerkung  auf  Seite  57.
**)  1912.
        <pb n="95" />
        91

Eine  erhebliche  Verbrauchssteigerung  liegt  ferner  vor
bei  dem  wichtigsten  Rohstoff  für  die  Bekleidung,  der  Baumwolle. ­
  Im  Durchschnitt  der  Jahre  1886/90  betrug  der  Verbrauch ­
  Deutschlands  an  Baumwolle  201000  t  =  4,19  kg  pro
Kopf  der  Bevölkerung,  im  Jahre  1911/12  dagegen  393000  t
=  5,93  kg  pro  Kopf.
Alle  diese  Angaben  sind  Durschschnittszahlen.  Es  ist
aber  klar,  dass  sie  den  Ausdruck  von  Massenerscheinungen
bilden,  der  von  Verschiebungen,  die  nur  einen  kleinen  Ausschnitt ­
  der  Bevölkerung  betreffen,  nicht  wesentlich  beeinflusst ­
  sein  kann.  Die  Tatsache,  dass  in  den  letzten  25  Jahren
eine  starke  quantitative  und  qualitative  Verbesserung  in  der
Ernährung  und  —  wie  der  erheblich  gestiegene  Baumwollverbrauch
  zeigt  —  auch  in  der  Bekleidung  der  grossen  Massen
der  Bevölkerung  eingetreten  ist,  steht  mithin  ausser  Zweifel.
        <pb n="96" />
        DRITTER  ABSCHNITT.

Volkseinkommen  und  Volksvermögen.
Soweit  in  der  bisherigen  Darstellung  bestimmte  Ziffern
gegeben  wurden,  bezogen  sie  sich  auf  die  Entwicklung  einzelner ­
  Zweige  der  nationalen  Produktion,  auf  die  Zunahme
des  Verkehrs  und  der  Transportleistungen,  auf  die  Gestaltung ­
  des  Verbrauchs  einzelner  wichtiger  Artikel.
So  gut  wie  ausnahmslos  lassen  diese  Zahlen  einen  gewaltigen ­
  Aufschwung  unserer  wirtschaftlichen  Verhältnisse
erkennen;  sie  vereinigen  sich  zu  einem  lebensvollen  und
hocherfreulichen  Bilde  gesunder,  vorwärtsdrängender  Volkskraft ­
  und  Volksentwicklung.
Das  Bedürfnis,  die  vielgestaltigen  Züge  dieses  Bildes  in
einem  einheitlichen  Gesamtausdruck  zusammenzufassen,  ist
begreiflich.  Wir  sind  gewohnt,  in  den  wirtschaftlichen  Einzelunternehmungen ­
  das  Soll  und  das  Haben,  die  Zugänge  und
die  Abgänge  zu  grossen  Schlusssummen  zu  vereinigen  und
aus  diesen  in  einer  einheitlichen  Zahl  das  Fazit  des  Vermögensbestandes ­
  und  des  geschäftlichen  Erfolges  oder  Miss ­
        <pb n="97" />
        93

erfolges  zu  ziehen.  Sollte  die  gleiche  Methode  nicht  auch
auf  die  Gesamtheit  der  Volkswirtschaft  anwendbar  sein?
An  Versuchen  nach  dieser  Richtung  hat  es  nicht  gefehlt.
Aber  keiner  hat  bisher  zu  einem  befriedigenden  und  unbezweifelbaren
  Ergebnis  geführt.  Denn  es  fehlt,  trotz  der
grossen  Fortschritte  der  wirtschaftlichen  Statistik,  an  den
Voraussetzungen  für  die  Aufmachung  einer  korrekten  und
vollständigen  Bilanz:  an  der  genauen  Inventaraufnahme  und
an  der  die  Gesamtheit  der  Volkswirtschaft  umfassenden
Buchführung.  Die  Folge  ist,  dass  an  die  Stelle  der  exakten
zahlenmässigen  Feststellung  in  grossem  Umfang  die  Schätzung
treten  muss,  an  die  Stelle  der  genauen  Wertermittlung  die
aus  mehr  oder  weniger  unsicheren  Anhaltspunkten  abgeleitete
Berechnung;  dass  grosse  Lücken  durch  einen  Griff  aufs
Geratewohl  ausgefüllt  werden  müssen,  und  dass  wir  in  den
Endergebnissen  nur  Annäherungswerte  erzielen,  deren  Fehlergrenzen ­
  recht  weit  gezogen  werden  müssen.  Und  doch
lohnt  der  Versuch  der  Mühe,  wenigstens  zu  einer  ungefähren
Vorstellung  des  Gesamtumfanges  unseres  Volkswohlstandes
und  seiner  Entwicklung  zu  kommen.  Denn  die  einheitliche
Zahl  gibt,  auch  wenn  sie  innerhalb  eines  weiten  Spielraums
gerundet  ist,  wenigstens  für  den  Vergleich  mit  dem,  was
früher  war  oder  was  anderwärts  ist,  ein  sinnfälligeres  Bild,
als  eine  lange  Kette  noch  so  exakter  Einzelangaben.

1.  Das  deutsche  Volkseinkommen.
Eine  verhältnismässig  zuverlässige  Grundlage  bilden  die
Ergebnisse  der  Einkommensteuern.  Allerdings  sind
diese  in  den  einzelnen  Bundesstaaten  nach  verschiedenen
Systemen  durchgeführt,  so  dass  die  Ergebnisse  nicht  ohne
weiteres  miteinander  verglichen  oder  zur  Erzielung  eines
Gesamtergebnisses  einfach  zusammengerechnet  werden
        <pb n="98" />
        94

können.  In  einzelnen  Bundesstaaten  fehlt  es  überhaupt
an  einer  Besteuerung,  die  einen  bestimmten  Rückschluss
auf  das  Einkommen  zulässt.  Ueberall  ist  schliesslich
der  Vorbehalt  zu  machen,  dass  auch  die  strengsten  Vorschriften ­
  eine  korrekte  und  vollständige  Steuererklärung
nicht  unbedingt  sichern  können,  dass  vielmehr  nicht  unerhebliche ­
  Teile  des  Volkseinkommens  sich  der  Erfassung
durch  die  Steuer  entziehen,  ganz  abgesehen  davon,  dass
die  Steuerfreiheit  eines  Mindesteinkommens  überall  einen
erheblichen  Teil  der  Bevölkerung  ausserhalb  jeder  Veranlagung ­
  lässt.
Glücklicherweise  besteht  in  dem  grössten  Bundesstaat,
dessen  Bevölkerung  nahezu  drei  Fünftel  der  Reichsbevölkerung ­
  ausmacht,  seit  zwei  Jahrzehnten  ein  Einkommensteuerund
  Veranlagungssystem,  das  einigermassen  zuverlässige
Folgerungen  auf  die  Einkommenshöhe  und  ihre  Entwicklung
zulässt.
In  der  hier  gegebenen  Uebersicht  (S.  96/97)  sind  die  Ergebnisse ­
  der  Veranlagung  zur  Einkommensteuer  in  Preussen  in
einigen  Punkten  durch  Schätzungen  ergänzt.  Einmal  hinsichtlich ­
  der  von  dem  Einkommensteuergesetz  aus  besonderen
Gründen  freigestellten  Zensiten  mit  einem  Einkommen  von  900
bis  3000  Mark,  deren  durchschnittliches  Einkommen  mit  1500
Mark  eingesetzt  ist,  dann  hinsichtlich  der  steuerfreien  Personen ­
  mit  einem  Einkommen  bis  zu  900  Mark,  deren  durchschnittliches ­
  Einkommen  mit  750  Mark  angenommen  ist.
Das  Einkommen  der  juristischen  Personen  ist,  da  es  in  der
Hauptsache  in  dem  Einkommen  der  einzelnen  an  ihnen  beteiligten ­
  physischen  Personen  wiederkehrt,  nicht  in  Ansatz
gebracht.
Um  sofort  ein  Bild  nicht  nur  des  gegenwärtigen  Standes,
sondern  auch  der  Entwicklung  zu  geben,  sind  den  Ergeb-
        <pb n="99" />
        95

nissen  des  Jahres  1912  diejenigen  von  1896,  1901,  1906  und
1911  zur  Seite  gestellt.  Weiter  als  1896  zurückzugehen,
ist  nicht  zweckmässig,  da  das  im  Jahre  1892  zum  ersten
Male  in  Anwendung  gebrachte  System  einige  Zeit
brauchte,  bis  sich  die  Praxis  der  Veranlagung  hinreichend
gefestigt  hatte.
Das  Gesamtergebnis  der  Veranlagung  für  1912  ist  ein
Einkommen  der  steuerpflichtigen  Zensiten  von  15  240  Millionen ­
  Mark,  gegen  14  487  Millionen  Mark,  die  in  der  Veranlagung ­
  für  1911  ermittelt  wurden.  Nimmt  man  für  1912
das  Einkommen  der  steuerbefreiten  Zensiten  und  der
steuerfreien  Personen  (Ziffer  3  und  4  der  Tabelle  auf
Seite  96  und  97)  mit  rund  7070  Millionen  Mark  an,  gegen
7142  Millionen  Mark  im  Jahre  1911,  so  stellt  sich  das  Gesamteinkommen ­
  der  physischen  Personen  in  Preussen  auf
rund  22  310  Millionen  Mark.
’effiSÄSSsssss.
Um  aus  den  Zahlen  dieser  Zusammenstellung  zu  einer
möglichsten  Annäherung  an  das  tatsächliche  Einkommen
zu  gelangen,  erscheinen  folgende  Zuschläge  erforderlich:
Für  das  an  sich  steuerpflichtige,  durch  die  Veranlagung
aber  nicht  erfasste  Einkommen  ist  ein  nicht  unerheblicher
Zuschlag  zu  machen,  der  vorwiegend  auf  etwa  10%  geschätzt
wird.  Für  1912  würde  sich  also  das  veranlagte  Einkommen
von  zusammen  15  240  Millionen  Mark  um  etwa  1524  Millionen ­
  Mark  erhöhen.
Weiter  muss  aber  auch  ein  Teil  des  Einkommens  der
nichtphysischen  Personen  berücksichtigt  werden;  denn  nur
die  ausgeschütteten  Dividenden  kehren  in  den  Einzeleinkommen ­
  der  physischen  Personen  wieder,  nicht  aber  die
recht  erheblichen  Teile  der  erzielten  Geschäftsgewinne,  die
in  der  Form  von  offenen  und  stillen  Reserven  jeder  Art  den
        <pb n="100" />
        li

Helfferidi:  Deutschlands  Volkswohlstand.

Einkommen  der  physischen  Personen  in  Preussen.

Darstellungsgegenstände

1896

1901

In  den  Jahren
1906

1911

1912

1.  Gesamteinkommen  der
Zensiten  mit  einem  Einkommen ­
  von  mehr  als
3000  Mark

3371813202

4709360988

5621232580

7491937371

?

Hiervon  ab  die  gesetzlich ­
  gestatteten  Abzüge ­


482498767

661203935

840544486

1083123199

?

Bleibt  steuerpflichtiges
Einkommen  dieserZensiten


2889314435

4048157053

4780688094

6408814172

6656200000

2.  Steuerpflichtiges  Einkommen ­
  der  Zensiten
mit  einem  Einkommen
von  mehr  als  900  bis
3000  M.,  berechnet  aus
dem  arithmetischen  Mittel ­
  der  die  einzelnen
Steuerstufen  begrenzenden ­
  Einkommensbeträge ­


3196738200

4327900725

5551113675

8078444550

8583570000

3.  Einkommen  der  nach
§§  19  und  20  (früher
§§  18  und  19)  des  Gesetzes ­
  freigestellten
Zensiten  bei  Zugrundelegung ­
  eines  durchschnittlichen ­
  Mindesteinkommens ­
  von  1500
Mark  insgesamt*)  .  .

308713500

428730000

509683500

953611500

952786000

4.  Einkommen  der  steuerfreien ­
  Einzelsteuernden
und  Haushaitu  ngsvorstände
  bei  Zugrundelegung ­
  eines  durchschnittlichen ­
  Mindesteinkommens ­
  von  750
Mark*)

6460495500

6542760910

6626449500

6188780250

6119193000

5.  Einkommen  der  physischen ­
  Personen  überhaupt ­


12855261635

15347548688

17467934769

21629650472

22311749000

# )  Es  sei  bemerkt,  dass  in  der  Denkschrift  zur  Begründung  des  Entwurfs  eines  Gesetzes  betreffend  Aenderungen  im  Finanzwesen, ­
  Berlin  1908,  Band  III,  Materialien  zur  Beurteilung  der  Volkswohlstandsentwicklung  Deutschlands  im  letzten  Menschenalter,  S.  14,  ^
die  durchschnittlichen  Mindesteinkommen  zu  Ziffer  3  und  4  mit  900  Mark  und  450  Mark  angenommen  sind.
        <pb n="101" />
        98

Gesellschaften  verbleiben.  Da  keine  solid  ge  eitete  Gesellschaft ­
  sich  mit  der  gesetzlich  vorgeschriebenen  Reservestellung ­
  auch  nur  annähernd  begnügt,  so  scheint  die  Anrechnung ­
  eines  Viertels  des  veranlagten  Einkommens  der
juristischen  Personen  nicht  zu  hoch.  Das  gibt  für  1912
bei  einem  veranlagten  Einkommen  der  juristischen  Personen
von  890  Millionen  Mark  einen  weiteren  Zuschlag  von  rund
220  Millionen  Mark.
Für  Preussen  allein  lässt  sich  also  unter  Berücksichtigung ­
  dieser  Zuschläge  das  Gesamteinkommen  der  Privaten
auf  rund  24  Milliarden  Mark  beziffern.  Bei  einer  Bevölkerung ­
  von  etwas  über  40  Millionen  Einwohnern  ist  das  ein
durchschnittliches  Einkommen  von  nahezu  600  Mark  pro
Kopf.  Eine  Durchprüfung  der  Ergebnisse  der  Veranlagung
in  den  übrigen  Staaten  mit  einem  geeigneten  Einkommensteuersystem ­
  ergibt,  dass  dieser  Durchschnittssatz  für  das
ganze  Reichsgebiet  ein  ungefähr  zutreffendes  Mittel  bilden
dürfte.  In  Sachsen  liegt  der  Durchschnitt  eher  etwas  höher,
in  Württemberg  und  Baden  etwas  niedriger,  in  den  Hansastädten, ­
  wo  der  Durchschnitt  nahe  an  1000  Mark  herankommt, ­
  beträchtlich  höher,  in  den  verhältnismässig  armen
Thüringischen  Staaten  beträchtlich  niedriger.
Der  preussische  Durchschnitt  ergibt  in  seiner  Anwendung ­
  auf  das  Reich  mit  seiner  Einwohnerzahl  von  etwa
66  Millionen  eine  Summe  der  privaten  Einkommen  von
39  bis  40  Milliarden  Mark.  Den  privaten  Einkommen  hinzuzuschlagen ­
  ist  aber  das  von  keiner  Steuer  erfasste,  sehr  erhebliche ­
  Einkommen  der  öffentlichen  Korporationen,  insbesondere ­
  die  aus  solchen  Quellen  stammenden  Einnahmen
der  grossen  Bundesstaaten  und  des  Reichs,  natürlich  abzüglich ­
  der  persönlichen  und  sächlichen  Ausgaben  dieser
Betriebe;  die  sächlichen  Ausgaben  sind  jedoch  nur  insoweit
        <pb n="102" />
        99

7*

abzusetzen,  als  sie  nicht  eine  Vermehrung  und  Verbesserung
der  Substanz  der  betreffenden  Betriebe  bedeuten.  Ein  Ansatz ­
  von  mindestens  einer  Milliarde  Mark  erscheint  gerechtfertigt. ­

Das  jährliche  Gesamteinkommen  Deutschlands
würde  sich  hiernach  gegenwärtig  auf  etwas  mehr  als
40  Milliarden  Mark  beziffern.
Für  1896  würde  sich  auf  derselben  Grundlage  ein  Gesamteinkommen ­
  von  etwa  21  V a  Milliarden  Mark  (=  ca.  410
Mark  auf  den  Kopf)  ergeben.
ln  den  letzten  16  Jahren  würde  hiernach  die  Steigerung
des  Gesamteinkommens  rund  80%,  die  Steigerung  des
durchschnittlichen  Einkommens  pro  Kopf  der  Bevölkerung
rund  45%  betragen  haben.  Wie  mässig  die  hier  aufgemachte ­
  Berechnung  ist,  ergibt  der  Vergleich  mit  anderen
Schätzungen.  So  hat  Schmoller  das  Volkseinkommen
Deutschlands  für  das  Jahr  1895  auf  25  Milliarden  Mark
(statt  der  sich  nach  der  oben  befolgten  Methode  für  1896
ergebenden  21 1 / ' a  Milliarden  Mark)  errechnet.  Für  1911
würde  das  auf  Grundlage  des  oben  festgestellten  Zuwachses
rund  45  Milliarden  Mark  ergeben.
Mit  der  Schätzung  Steinmann-Buchers,  der  im  Jahre
1908  den  Betrag  von  35  Milliarden  Mark  als  „die  untere
Grenze  einer  Wahrscheinlichkeitsrechnung“  bezeichnete,  steht
die  hier  gegebene  Veranschlagung  in  ungefährer  Uebereinstimmung.

Für  das  Ausland  liegen  nur  spärliche  Berechnungen
vor,  die  eine  Gegenüberstellung  mit  Deutschland  ermöglichen.
Das  französische  Volkseinkommen  ist  vor  einer
Anzahl  von  Jahren  von  Leroy-Beaulieu  auf  25  Milliarden
Francs  =  20  Milliarden  Mark  geschätzt  worden;  da  zu
        <pb n="103" />
        100

jener  Zeit  das  deutsche  Volkseinkommen  bereits  auf  etwa
35  Milliarden  Mark  zu  veranschlagen  war,  würde  also
Frankreich  an  Volkseinkommen  beträchtlich  hinter  Deutschland ­
  zurückstehen.  Auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  gerechnet, ­
  ist  der  Unterschied  natürlich  geringer.  Wenn  man
das  Jahr  1908  als  massgebend  annimmt,  würde  damals
das  durchschnittliche  Einkommen  pro  Kopf  in  Deutschland
etwa  555,  in  Frankreich  etwa  514  Mark  betragen  haben.
Das  Ergebnis,  das  angesichts  der  verbreiteten  Vorstellung
von  dem  Reichtum  Frankreichs  überraschend  sein  mag,  hat
bei  näherer  Betrachtung  nichts  Unwahrscheinliches.  Soweit
eine  französische'Ueberlegenheit  an  Kapitalbesitz  pro  Kopf
der  Bevölkerung  vorhanden  sein  mag,  wird  dieser  Unterschied ­
  zweifellos  stark  überwogen  durch  die  ganz  bedeutend
stärkere  Intensität,  mit  der  in  Deutschland  gearbeitet  wird.
Frankreich  ist  das  Land  der  Rente,  Deutschland  das  Land
der  Arbeit.
Das  englische  Volkseinkommen  hat,  gleichfalls  vor
einigen  Jahren,  Chiozza  Money  auf  1710  Millionen  Lstl.  =
35  Milliarden  Mark  geschätzt,  also  genau  auf  den  Betrag,
auf  welchen  sich  nach  unseren  Annahmen  damals  das
deutsche  Volkseinkommen  stellte.  Auf  den  Kopf  der  Bevölkerung ­
  gerechnet,  ergibt  diese  Summe  für  England  ein
Einkommen  von  815  Mark,  gegen  gleichzeitig  555  Mark  in
Deutschland.
Von  ganz  besonderem  Interesse  ist  die  Verteilung  des
Volkseinkommens  auf  die  einzelnen  Einkommensstufen
und  die  Entwicklung  dieser  Verteilung.
Ueber  die  sich  für  Preussen  aus  der  Veranlagung  ergebende ­
  Verteilung  gibt  die  nachstehende  Uebersicht  Aufschluss: ­
        <pb n="104" />
        1896

Seelenzahl  nach  der  Personenstandsaufnahme
(1000  Personen)
Zahl  der  einkommensteuerfreien  physischen  Personen ­
  (Einkommen  bis  zu  900  M.)
mit  Angehörigen  „  ,  .  .  .  .
ohne  Angehörige  ( 100 °  Personen )  .  .  .  .
Zahl  der  einkommensteuerpflichtigen  physischen
Personen  (Einkommen  über  900  M.)
mit  Angehörigen  /1(W1  „  .  .  .  .  .
ohne  Angehörige  ( 100 °  Personen )  .  .  .  .
Physische  Zensiten  mit  Einkommen
von  900—3000  M.  (1000  Personen)  .  .
(Einkommen  in  Millionen  M.)
von  3000—6000  M.  (1000  Personen)  .
(Einkommen  in  Millionen  M.)
von  6000—9500  M.  (1000  Personen)  .
(Einkommen  in  Millionen  M.)
von  9500—30000  M.  (1000  Personen)  .
(Einkommen  in  Millionen  M.)
von  30000—100000  M.  (1000  Personen)
(Einkommen  in  Millionen  M.)
von  mehr  als  100000  M.  (1000  Pers.)  .
(Einkommen  in  Millionen  M.)

31  349

21  066
8  614

10  283
2  859
2  321
3197
215
874
57,5
427
47,3
727
9,3
462
1,7
399

1901

1906

1911

1912

34  056

36  839

39  773

40237

20  590

20  297

16383

16  005

8  724

8  835

8  253

8  159

13  466

16533

23  390

24  232

3  933

5  013

7192

7  542

3  211

4  146

5  806

6123

4  328

5  551

8  078

8  584

281

343

522

548

1  136

1  385

2  044

2144

75,2

89,4

106,3

111,

559

664

792

832

63,9

74,8

93,7

99

990

1  156

1  449

1  534

13,4

15,8

19,4

21

670

784

972

1  052

2,8

3,2

4,1

4,

694

792

1018

1  094
        <pb n="105" />
        102

Diese  Tabelle  ergibt  für  die  Zeit  von  1896  bis  1912
folgende  Veränderungen:
1.  Die  Zahl  der  Zensiten  mit  einem  Einkommen  bis  zu
900  Mark  ist  von  8  614  000  auf  8  159  000  zurückgegangen;
dagegen  ist  die  Zahl  der  steuerpflichtigen  Zensiten  mit  einem
Einkommen  von  mehr  als  900  Mark  von  2  859  000  auf
7  542  000  gestiegen.  Die  Zahl  der  steuerfreien  Zensiten  mit
Angehörigen  ist  von  21  066  000  auf  16  005  000  zurückgegangen; ­
  dagegen  ist  die  Zahl  der  steuerpflichtigen  Zensiten
mit  Angehörigen  von  10  283  000  auf  24  232  000  gewachsen.
Ein  grosser  Teil  der  Bevölkerung  hat  also  in  diesen  15  Jahren
die  Einkommenshöhe  von  900  Mark  überschritten.  Während
1896  noch  mehr  als  zwei  Drittel  der  Bevölkerung,  weil
hinter  dem  steuerpflichtigen  Mindesteinkommen  zurückbleibend, ­
  steuerfrei  war,  beträgt  der  Satz  der  aus  diesem
Grunde  steuerfreien  Personen  1912  nicht  mehr  ganz  zwei
Fünftel.
2.  Abgesehen  von  den  Einkommen  über  100  000  Mark,
für  die  besondere  Verhältnisse  obwalten,  haben  die  Anzahl
der  Steuerpflichtigen  und  das  Gesamteinkommen  in  den
Einkommensstufen  von  900  bis  3000  Mark  und  von  3000
bis  6000  Mark  die  stärkste  Erhöhung  —  auf  etwa  das
27 2 fache  —  erfahren,  ln  diesen  beiden  Stufen  zusammen
beträgt  die  Einkommenssteigerung  seit  1896  rund  6,8  Milliarden ­
  Mark  bei  einer  Steigerung  der  steuerpflichtigen  Einkommen ­
  von  insgesamt  9  Milliarden  Mark.
3.  Etwas  geringer  ist  die  Steigerung  der  Zensiten  und  der
Einkommen  in  der  Stufe  von  6000—9500  Mark;  immerhin
haben  sich  auch  hier  die  Zahl  der  Zensiten  und  die  Einkommenssumme ­
  fast  verdoppelt  (genaue  Zunahme  94%  bei
den  Zensiten,  95%  bei  der  Einkommenssumme).
4.  ln  den  folgenden  Stufen  von  9500  bis  100000  Mark
stellt  sich  die  Zunahme  auf  etwas  über  100°/o.
        <pb n="106" />
        103

5.  Eine  prozentual  ungefähr  ebenso  grosse  Zunahme
von  Zensiten  und  Einkommen,  wie  in  den  Stufen  von  900
bis  6000  Mark,  liegt  vor  bei  den  Einkommen  über  100000
Mark,  nämlich  eine  Vermehrung  um  ungefähr  das  Anderthalbfache. ­
  Diese  starke  Zunahme  ist  jedoch  nicht  ohne
weiteres  mit  derjenigen  der  übrigen  Stufen  vergleichbar.
Denn  während  dort  bei  einer  allgemeinen  Steigerung  der
Einkommensverhältnisse  den  aus  den  nächsttieferen  Einkommensstufen ­
  kommenden  Zugängen  die  Abgaben  an  die
nächsthöheren  Stufen  gegenüberstehen,  kommen  solche  Abgaben ­
  für  die  höchste  Einkommensstufe  naturgemäss  nicht
in  Betracht.
Das  Gesamtergebnis  ist  also  eine  allgemeine  Verschiebung ­
  der  Einkommen  nach  oben,  und  zwar  in  besonderer ­
  Stärke  aus  der  Klasse  der  Steuerfreien  in  die  Einkommensstufen ­
  von  900  bis  6000  Mark.  Die  oft  behauptete
„plutokratische  Entwicklung“  besteht  also  nicht.
Dass  die  bedeutende  Einkommenszunahme  gerade  in  den
unteren  Steuerstufen  nicht  etwa  nur  eine  scheinbare,  auf  einer
schärferen  Veranlagung  beruhende  ist,  sondern  eine  reale
Tatsache,  dafür  ist  vor  allem  die  Entwicklung  der  Lohnverhältnisse ­
  ein  Beweis.
Als  Beispiel  seien  die  Löhne  der  Bergarbeiter  im
Kohlenbergbau  herausgegriffen.  Es  betrugen  die  durchschnittlichen ­
  Nettolöhne  sämtlicher  Kohlenbergarbeiter  pro
Jahr

Im  Oberbergamtsbezirk
Dortmund  Oberschlesien
863  Mark  516  Mark
1586  „  1053  „

im  Jahre

1888
1912

Dabei  ist  zu  berücksichtigen,  dass  von  diesen  Löhnen
die  sämtlichen  Beiträge  zu  den  verschiedenen  Zweigen  der
        <pb n="107" />
        104

Arbeiterversicherung,  die  innerhalb  des  letzten  Vierteljahrhunderts ­
  stark  gewachsen  sind,  bereits  abgerechnet  sind.  Die
durchschnittlichen  Ausgaben  für  die  verschiedenen  Zweige  der
Arbeiterversicherung  stellten  sich  im  Ruhrbergbau  im  Jahre
1912  auf  204  Mark  pro  Kopf.
Die  Steigerung  des  Lohneinkommens  in  Deutschland
wird  noch  deutlicher  durch  einen  Vergleich  mit  England.
Der  durchschnittliche  Jahresverdienst  des  Kohlenbergarbeiters ­
  betrug  im  Jahre  1900  in  England  1732  Mark,  im
deutschen  Ruhrgebiet  1332  Mark;  im  Jahre  1912  dagegen  in
England  1622  Mark,  im  Ruhrgebiet  1586  Mark.  Dabei  sind
die  deutschen  Löhne  Nettolöhne,  während  der  britische  Bergarbeiter ­
  aus  seinem  Lohn  noch  alle  Beiträge  für  die  verschiedenenVersicherungen
  zu  tragen  hat,  mitAusnahme  von  20Mark
pro  Kopf,  die  dem  Unternehmer  im  Jahre  als  durchschnittlicher ­
  Beitrag  zur  Unfallversicherung  zur  Last  fielen.  Rechnet
man  für  1912  dem  durchschnittlichen  Lohn  des  englischen
Kohlenbergarbeiters  diese  20  Mark,  demjenigen  des  deutschen
die  oben  angegebenen  204  Mark  an  Versicherungsbeiträgen
hinzu,  so  ergibt  sich  für  England  ein  Durchschnittslohn  von
1642  Mark,  für  das  deutsche  Ruhrgebiet  von  1790  Mark.
Die  Differenz  zugunsten  des  deutschen  Arbeiters  betrug  also
1912  etwa  148  Mark,  während  sie  sich  noch  für  1900,
gleichfalls  unter  Berücksichtigung  der  damaligen  Versiche-'
  rungsbeiträge,  auf  etwa  278  Mark  zugunsten  des  englischen
Arbeiters  gestellt  hatte.
Diese  Entwicklung  beschränkt  sich  natürlich  nicht  auf
den  Kohlenbergbau,  sondern  kehrt  in  ähnlicher,  wenn  auch
nicht  überall  in  gleich  ausgeprägter  Weise,  in  den  übrigen
Zweigen  der  Volkswirtschaft  wieder.
Wenn  nun  das  gegenwärtige  Jahreseinkommen  des
deutschen  Volkes  auf  die  Summe  von  40  Milliarden  Mark
        <pb n="108" />
        105

geschätzt  wird,  so  bedeutet  diese  Zahl  natürlich  nur  den
Bruttoertrag  der  deutschen  Volkswirtschaft.  Der  grösste  Teil
dieses  Bruttoertrages  wird  im  Laufe  des  Jahres  verbraucht,
vorwiegend  durch  Verzehr  in  den  privaten  Haushaltungen,
daneben  aber  auch  durch  die  nicht  unbeträchtlichen  Ausgaben ­
  der  öffentlichen  Körperschaften.  Für  die  letzteren
ist  es  möglich,  aus  den  Haushaltsübersichten  des  Reichs,  der
Bundesstaaten  und  der  Kommunen  ein  zutreffendes  Bild  zu
gewinnen;  nicht  dagegen  für  den  privaten  Verbrauch.  Deshalb ­
  ist  man  für  die  Ermittlung  des  jährlichen  Ueberschusses
des  Ertrags  der  Volkswirtschaft  über  den  Verzehr  auf  die
indirekte  Methode  der  Berechnung  des  jährlichen  Zuwachses
des  Volksvermögens  angewiesen.
2.  Das  deutsche  Volksvermögen.
Die  Schwierigkeiten,  die  einer  einigermassen  genauen
Berechnung  des  Volksvermögens  entgegenstehen,  sind  noch
erheblich  grösser  als  diejenigen,  die  bei  der  Veranschlagung
des  jährlichen  Volkseinkommens  zu  überwinden  sind.
Allerdings  besteht  in  einigen  Bundesstaaten,  vor  allem
in  Preussen,  neben  der  Einkommensteuer  auch  eine  Vermögenssteuer. ­
  Aber  das  Veranlagungsverfahren  bleibt
an  Genauigkeit  wesentlich  hinter  dem  Verfahren  bei  der  Einkommensteuer ­
  zurück;  so  fehlt  vor  allem  meist  die  Deklarationspflicht. ­
  Bei  einer  auf  die  Ergebnisse  der  Veranlagung
zur  Vermögenssteuer  aufgebauten  Schätzung  des  Volksvermögens ­
  muss  man  sich  deshalb  darüber  klar  sein,  dass  die
Fehlergrenzen  recht  weit  sind.  Immerhin  liegt  hier  die  Möglichkeit ­
  einer  gewissen  Gegenprobe  vor  in  den  statistischen
Ziffern  der  gegen  Feuer  versicherten  beweglichen  und  unbeweglichen ­
  Werte.
Die  Veranlagung  zur  Ergänzungssteuer  in  Preussen  ergibt ­
  folgendes  Bild:
        <pb n="109" />
        106

Steuerpflichtiges  Vermögen

Zuw
im  Ganzen

achs
pro  Jahr

im  Jahre  1896

63578  Mill.  M

Mill.  M.

Mill.  M.

*  „  1899

70042  „  „

6464  „  „

2155  „  „

„  „  1902

75651  „  „

5609  „  „

1536  „  „

„  .  1905

82410  „  „

6759  „  „

2253  ,  „

*  „  1908

91653  „  „

9243  „  „

3081  „  „

„  „  1911

104057  „  „

12404  „  „

4468  „  „

Im  Jahre  1911  wurde  also  das  steuerpflichtige  Vermögen
in  Preussen  mit  rund  104  Milliarden  Mark  festgestellt.

Zu  dieser  Summe  müssen,  ebenso  wie  bei  dem  veranlagten ­
  Einkommen,  gewisse  Zuschläge  gemacht  werden.
1.  Zunächst  ein  Zuschlag  für  an  sich  steuerpflichtiges
Vermögen,  das  durch  die  Veranlagung  nicht  erfasst  wird.
Wenn  hierfür  ein  Satz  von  20%  gegen  10%  beim  Einkommen ­
  genommen  wird,  so  wird  dieser  um  so  weniger
als  zu  hoch  erscheinen  können,  als  bei  der  Ergänzungssteuer
eine  Deklarationspflicht  nicht  vorliegt  und  der  land-  und  forstwirtschaftlich ­
  genutzte  Grundbesitz,  der  —  im  Gegensatz  zu
den  anderen  Vermögensobjekten  —  nicht  nach  dem  gemeinen
Wert,  sondern  auf  Grundlage  des  Reinertrages  einzuschätzen
ist,  in  der  Veranlagung  mit  Beträgen  erscheint,  die  im  Ganzen
hinter  dem  gemeinen  Wert  zweifellos  Zurückbleiben.
2.  Weiter  ist  ein  Zuschlag  erforderlich  für  die  gesetzlich ­
  steuerfreien  Privatvermögen.  Frei  von  der  Ergänzungssteuer ­
  sind  alle  Vermögen  unter  6000  und  diejenigen  von
6000  bis  20000  Mark,  wenn  ihr  Besitzer  weniger  als  900
Mark  Jahreseinkommen  hat.
An  Zensiten  mit  weniger  als  6000  Mark  Vermögen
wurden  für  1911  rund  5,4  Millionen  festgestellt,  an  Zensiten
mit  steuerfreiem  Vermögen  von  6000  bis  20000  Mark  240000.
        <pb n="110" />
        107

Wenn  man  für  die  erste  Gruppe  ein  durchschnittliches  Vermögen ­
  von  nur  2500  Mark,  für  letztere  ein  solches  von  nur
8000  Mark  annimmt,  so  ergibt  sich  ein  Zuschlag  von  15,5
Milliarden  Mark.
3.  Nicht  ergänzungssteuerpfichtig  sind  weiter  Möbel,
Hausrat  und  andere  bewegliche  Sachen,  die  nicht  Zubehör ­
  von  Kapitalanlagen  und  Erwerbseinrichtungen  sind,
also  auch  Kleider,  Schmucksachen,  Kunstgegenstände  etc.
Der  hierfür  zu  machende  Ansatz  dürfte  mit  10°/ 0  des  veranlagten ­
  Vermögens,  einschliesslich  der  unter  1  und  2  gemachten ­
  Zuschläge,  als  mit  rund  15  Milliarden  =  375  Mark
auf  den  Kopf  der  preussischen  Bevölkerung,  sicher  nicht  zu
hoch  veranschlagt  sein.
Das  veranlagte  Vermögen  und  die  einzelnen  Zuschläge
ergeben  zusammen  einen  Betrag  von  155  Milliarden  Mark.
Eine  Aufrundung  nach  oben  um  einen  nicht  geringen  Betrag
ist  angesichts  des  nicht  unter  die  Ergänzungssteuer  fallenden
Vermögens  der  juristischen  Personen,  das  nicht  in  voller
Ausdehnung  in  dem  Vermögen  der  an  ihm  beteiligten  Privatpersonen ­
  zum  Ausdruck  kommt,  ohne  weiteres  statthaft,  so
dass  die  Summe  der  Privatvermögen  in  Preussen  sich  auf
160  Milliarden  Mark  stellen  würde.  Dies  ergibt  als  durchschnittliches ­
  Privatvermögen  pro  Kopf  der  Bevölkerung
einen  Satz  von  4000  Mark.  In  der  Anwendung  auf  die
Reichsbevölkerung  würde  das  ein  privates  Volksvermögen
von  rund  260  Milliarden  Mark  ergeben.
Dazu  kommt  nun  aber  das  grosse  Vermögen  der  öffentlichen ­
  Körperschaften.
Allein  das  in  den  staatlichen  Eisenbahnen  investierte
Kapital  beträgt  buchmässig  mehr  als  17  Milliarden  Mark.
Der  Buchwert  bleibt  jedoch  nicht  unerheblich  sowohl  hinter
dem  tatsächlich  investierten  Kapital,  als  auch  hinter  dem
        <pb n="111" />
        108

tatsächlichen  Jetztwerte  zurück.  Der  preussische  Finanzminister ­
  von  Rheinbaben  hat  vor  einigen  Jahren  den  wirklichen ­
  Wert  der  preussisch-hessischen  Eisenbahnen  auf
19  Milliarden  Mark  beziffert.  Ein  Ansatz  von  20  bis  25
Milliarden  Mark  für  die  gesamten  deutschen  Staatsbahnen
ist  also  sehr  mässig.
Ein  weiterer  Betrag  ist  anzusetzen  für  das  werbende
Staats-  und  Kommunalvermögen  ohne  Eisenbahnen:  Domänen ­
  und  Forsten,  Bergwerksbesitz,  Hafenanlagen,  Kanäle
und  Flussregulierungen,  die  Anlagen  der  Post-  und  Telegraphenverwaltungen, ­
  das  Vermögen  der  Reichsbank,  der
Staatsbanken  und  der  Privatnotenbanken,  die  kommunalen
Strassenbahnen,  Gas-  und  Elektrizitätswerke,  Schlachthäuser
und  Viehhöfe,  weiterhin  das  Vermögen  der  öffentlichen  Versicherungsanstalten, ­
  das  nach  dem  Stande  von  1911
2 1 / 2  Milliarden  Mark  betrug;  schliesslich  die  nichtwerbenden
Vermögensobjekte,  wie  Schulen,  die  Gebäude  und  der
sonstige  Besitz  der  religiösen  Gemeinschaften,  Museen  und
Sammlungen,  Verwaltungs-  und  Gerichtsgebäude,  öffentliche
Parks  und  Anlagen  und  nicht  zuletzt  das  gesamte  Inventar
des  Heeres  und  der  Flotte.  Ein  Betrag  von  weiteren  25  bis
30  Milliarden  Mark  für  die  Gesamtheit  dieser  Vermögensobjekte ­
  stellt  eine  Mindestschätzung  dar.
Insgesamt  würden  also  die  Aktiven  des  Reichs,  der
Bundesstaaten  und  der  kommunalen  Körperschaften  einen
Wert  von  rund  50  Milliarden  darstellen.  Diesen  Aktiven
stehen  etwa  25  Milliarden  öffentliche  Schulden  gegenüber,
so  dass  ein  Aktivsaldo  von  25  Milliarden  Mark  verbleibt.
Zu  dem  privaten  Vermögen  von  260  Milliarden  Mark
würde  also  ein  öffentliches  Vermögen  von  etwa  25  Milliarden
Mark  hinzutreten,  so  dass  sich  das  deutsche  Volksvermögen ­
  insgesamt  auf  285  Milliarden  Mark  berechnet.
        <pb n="112" />
        109

Die  auf  den  Ziffern  der  Feuerversicherung  beruhende ­
  Gegenprobe  ergibt,  dass  diese  Schätzung  eher  als
zu  niedrig  anzusehen  ist.  Die  Feuerversicherung  von  Immobilien ­
  und  Mobilien  in  Deutschland  zeigt  folgende  Entwicklung: ­


Versicherte  Werte  (in  Millionen  Mark).

bei
öffentlichen ­

Anstalten

bei
Aktien-Gesell-



bei
Gegenseitigkeits ­
 ­


zusammen

Zunah
im
Ganzen

me
pro
Jahr

1896

42  900

63  040

11  360

117  300

_

1902

54  065

80  657

12  290

148012

30  712

5119

1905

61  160

93  245

14  585

168  990

20  978

6993

1908

69  479

108  813

16  070

194  361

25  371

8457

1911

79  368

123  623

18  007

220  998

26  637

8879

Die  Zahlen  enthalten  auch  das  ausländische  Geschäft
der  deutschen  Versicherungsgesellschaften,  das  für  die  letzten
Jahre  auf  etwa  20  Milliarden  Mark  Versicherungswert  zu
taxieren  ist.  Dagegen  enthalten  sie  nicht  die  deutschen  Versicherungen ­
  ausländischer  Gesellschaften,  deren  Umfang  nicht
festzustellen  ist.  Jedenfalls  ist  für  1911  der  Wert  der  in  Deutschland ­
  selbst  von  in-  und  ausländischen  Versicherungsunternehmungen ­
  gegen  Feuer  versicherten  Mobilien  und  Immobilien
auf  mindestens  200  Milliarden  Mark  anzunehmen.  Dabei  ist
von  jedem  Zuschlag  für  nicht  versicherte  oder  ungenügend
versicherte  Werte  abgesehen.
In  der  Ziffer  von  200  Milliarden  ist  nicht  einbegriffen
der  Wert  des  städtischen  und  ländlichen  Bodens;  denn  der
Feuerversicherung  unterliegen  neben  dem  Inventar  nur  die
auf  dem  Grund  und  Boden  errichteten  Gebäude,  nicht  aber
der  Grund  und  Boden  selbst.
        <pb n="113" />
        110

Für  die  Schätzung  des  städtischen  Bodenwertes  fehlen
bei  der  Vielgestaltigkeit  der  städtischen  Bodenpreise  ausreichende ­
  Grundlagen.  Die  vorliegenden  Veranschlagungen
gehen  weit  auseinander;  sie  bewegen  sich  etwa  zwischen
20  und  50  Milliarden  Mark.  Auf  den  letzteren  Betrag  kommt
die  Schätzung  Steinmann-Buchers  hinaus,  der  für  die  Stadtgemeinde ­
  Berlin  allein  einen  Bodenwert  von  7—8  Milliarden
Mark  annimmt.  Von  der  Gesamtbodenfläche  Berlins  im
Ausmass  von  6350  ha  entfallen  auf  Wege,  Bahnen,  öffentliche ­
  Anlagen,  Wasserflächen  etc.  2574  ha,  die  also  für  eine
Berechnung  des  Bodenwertes  nicht  in  Betracht  kommen.
3776  ha  sind  bebaut  oder  Baugrund;  um  für  diese  Fläche
auf  einen  Wert  von  7—8  Milliarden  Mark  zu  kommen,  müsste
der  Wert  eines  Hektars  sich  durchschnittlich  auf  mehr  als
2  Millionen  Mark  stellen,  die  Quadratrute  also  mit  etwa
3000  Mark  auskommen.  Ein  solcher  Wert  ist,  trotz  der  um
ein  Vielfaches  höheren  Preise,  die  im  Innern  der  Stadt  und
in  besonders  bevorzugten  Lagen  gezahlt  werden,  zweifellos  zu
hoch.  Wenn  man  sicher  gehen  will,  wird  man  den  durchschnittlichen ­
  Wert  der  Quadratrute  Nettobauland  für  Berlin
auf  1600—2000  Mark  annehmen.  Lässt  man  im  übrigen
das  der  Steinmann-Bucherschen  Schätzung  zugrunde  liegende
Verhältnis  zwischen  dem  Wert  des  Berliner  Wohnbodens
und  dem  städtischen  Bodenwert  des  gesamten  Reichsgebiets
gelten,  so  kommt  man  für  letzteren  auf  einen  Betrag  von
etwa  30  Milliarden  Mark  (statt  50  Milliarden  Mark).
Die  land-  und  forstwirtschaftlich  benutzte  Bodenfläche
Deutschlands  beträgt  50  Millionen  Hektar.  Davon  entfallen
etwa  26,4  Millionen  Hektar  auf  Acker-  und  Gartenland  und
Weinberge,  rund  6,0  Millionen  Hektar  auf  Wiesen,  2,7  Millionen ­
  Hektar  auf  Weiden  und  Hütungen,  rund  14,0  Millionen
Hektar  auf  Forsten  und  Holzungen.  Bei  dieser  Verteilung
erscheint  ein  Ansatz  von  durchschnittlich  800  Mark  für  den
        <pb n="114" />
        111

Hektar  des  land-  und  forstwirtschaftlich  benutzten  Bodens,
einschliesslich  aller  nicht  gegen  Feuer  versicherten  Meliorationen, ­
  nicht  übertrieben.  Es  wären  also  im  ganzen
40  Milliarden  Mark  für  diesen  Teil  des  Volksvermögens
einzustellen.
Weiter  ist  zu  berücksichtigen  das  private  und  staatliche
Bergwerkseigentum,  das  nur  mit  seinen  Anlagen  über  Tage
gegen  Feuer  versichert  ist.  In  Anlehnung  an  andere
Schätzungen  seien  5—6  Milliarden  Mark  eingesetzt.
Ausserhalb  der  Feuerversicherung  stehen  ferner  die
Schiffe  der  Binnen-  und  Seeschiffahrt,  deren  Wert  1  Milliarde
Mark  übersteigt,  ferner  die  transportversicherten  Waren,
die  sich  jeweils  auf  dem  Land-  und  Seetransport  befinden
und  die  mit  gleichfalls  1  Milliarde  Mark  niedrig  veranschlagt ­
  sind.  Hierher  gehört  ferner  der  Bestand  an
metallischen  Umlaufsmitteln,  der  mit  4  Milliarden  niedrig
veranschlagt  ist.
Vor  allem  aber  befinden  sich  nicht  unter  dem  gegen
Feuer  versicherten  Vermögen  die  Staatseisenbahnen,  deren
Wert  allein  oben  auf  20-25  Milliarden  Mark  veranschlagt
worden  ist.  Das  Gleiche  gilt  von  den  Hafenanlagen  an  der
See  und  den  Binnengewässern  und  einem  gewissen  Teil  des
sonstigen  öffentlichen  Vermögens,  so  den  Anlagen  der  Postund
  Telegraphenverwaltung  und  den  Amtsgebäuden.  Wir
setzen  diese  Gruppe  von  Werten  mit  10  Milliarden  Mark  ein.
Schliesslich  sind  zu  erwähnen  die  verschiedenen  Formen
der  deutschen  Kapitalanlagen  im  Ausland:  der  Besitz  an
ausländischen  Staatspapieren,  an  Aktien  und  Obligationen
ausländischer  Gesellschaften,  sowie  an  Forderungen  an
das  Ausland,  ferner  landwirtschaftliche,  gewerbliche  und
kommerzielle  Unternehmungen  jeder  Art,  die  von  Deutschen
im  Auslande  betrieben  werden.
        <pb n="115" />
        112

Wenn  irgendwo  Schätzungen  unsicher  sind,  dann  sind
sie  es  auf  diesem  Gebiet.  Alle  Angaben,  die  vorliegen,  sind
nur  mit  den  grössten  Vorbehalten  hinzunehmen.
Die  deutschen  Kapitalanlagen  in  überseeischen  Ländern
wurden  in  einer  vom  Reichs-Marineamt  im  Jahre  1905
herausgegebenen  Denkschrift  auf  8—9  Milliarden  Mark  geschätzt. ­
  Der  deutsche  Besitz  an  ausländischen  Effekten
wurde  im  Jahre  1892  von  Schmoller  auf  10  Milliarden  Mark,
ein  Jahr  später  von  dem  damaligen  Reichsbankpräsidenten
Koch  auf  12  Milliarden  Mark  bewertet;  und  die  Denkschrift
des  Reichs-Marineamts  glaubte  im  Jahre  1905  unseren  ausländischen ­
  Effektenbesitz  „eher  ganz  erheblich  über  als
unter  16  Milliarden  Mark“  bewerten  zu  können.  Nun  darf
man  nicht,  wie  dies  mitunter  geschehen  ist,  den  geschätzten
Wert  der  überseeischen  Kapitalanlagen  und  des  ausländischen ­
  Effektenbesitzes  einfach  zusammenfassen,  womit  man
für  1905  nach  den  für  beide  Gruppen  vom  Reichs-Marineamt ­
  angenommenen  Zahlen  auf  24—25  Milliarden  Mark
käme.  Die  „überseeischen  Kapitalanlagen“  haben  vielmehr
zum  grossen,  ja  zum  überwiegenden  Teil  Effektenform.  Auf
Grund  der  Ziffern  des  Reichs-Marineamts  wird  man  deshalb ­
  für  1905  unsere  gesamte  Kapitalanlage  im  Ausland
nicht  höher  als  20  Milliarden  Mark  bewerten  können.  Auch
diese  Ziffer  erscheint  noch  zweifelhaft;  denn  den  Neu-Emissionen
  ausländischer  Werte  in  Deutschland  stehen  erhebliche ­
  Abgänge  infolge  von  Rückzahlungen  und  Rückkäufen ­
  des  Auslandes  gegenüber.  Speziell  in  den  letzten
Jahren  hat  der  gewaltige  inländische  Kapitalbedarf  für  industrielle ­
  und  öffentliche  Zwecke  die  Neuinvestierungen  im
Auslande  erheblich  beschränkt.  Bei  Würdigung  aller  Umstände ­
  erscheint  selbst  für  den  heutigen  Stand  die  Schätzung
aller  ausländischen  Kapitalanlagen  Deutschlands  auf  20  Milliarden ­
  Mark  eher  zu  hoch  als  zu  niedrig.  Da  aber  in  den
        <pb n="116" />
        113

übrigen  Posten  ein  ausreichender  Spielraum  liegt,  sei  hier
trotzdem  die  Ziffer  von  20  Milliarden  eingesetzt.
Die  Zusammenstellung  der  verschiedenen  Kategorien  von
Vermögenswerten  ergibt  folgendes  Bild:
Gegen  Feuer  versicherte  Mobilien  und
Immobilien  200  Milliarden  M.
Grund  und  Boden  in  Stadt  und  Land  70  „  „
Bergwerksbesitz  5—6  „  „
Schiffe,  auf  dem  Transport  befindliche
Waren  und  Metallgeld  ....  6  „  „
Nicht  gegen  Feuer  versichertes  öffentliches ­
  Vermögen,  einschl.  Eisenbahnen ­
  30  „  „
Kapitalanlagen  im  Ausland  ....  20
Summe  331-332  Milliarden  M.
Während  also  die  zuerst  angewandte,  im  wesentlichen
auf  der  Veranlagung  zur  Ergänzungssteuer  beruhende  Methode ­
  als  Wert  des  deutschen  Volksvermögens  einen  Betrag
von  rund  285  Milliarden  Mark  ergab,  führt  die  zweite,  im
wesentlichen  die  Statistik  der  Feuerversicherung  benutzende
Methode  zu  einem  Wert  von  330  Milliarden  Mark.
Zwischen  diesen  beiden  Grenzen,  also  nahe  bei  der
Ziffer  von  300  Milliarden  Mark,  wird  man  also  den
tatsächlichen  Wert  des  deutschen  Volksvermögens
suchen  dürfen.
Professor  von  Schmoller  hat  das  deutsche  Volksvermögen ­
  für  das  Jahr  1895  auf  200  Milliarden  Mark  geschätzt.
Bei  dieser  runden  Zahl  sind  auch  in  den  folgenden  Jahren
bis  in  die  jüngste  Zeit  eine  Anzahl  von  Schätzungen  stehen
geblieben.  Seit  1895  aber  hat  sich  das  zur  Ergänzungssteuer ­
  veranlagte  Vermögen  in  Preussen  von  63  578  Millionen ­
  Mark  auf  104  057  Millionen  Mark,  also  um  65%,

Helfferich:  Deutschlands  Volkswohlstand.

S
        <pb n="117" />
        vermehrt,  die  im  Deutschen  Reich  gegen  Feuer  versicherten
Mobilien  und  Immobilien  sogar  von  117,3  auf  210,4  Millionen ­
  Mark,  also  um  nahezu  80%.  Setzt  man  etwa  ein
Viertel  dieser  Zunahme  auf  Rechnung  der  schärferen  Veranlagung ­
  und  der  vollständigeren  Versicherung,  so  würde
sich  die  aus  diesem  Gradmesser  ablesbare  Zunahme  des
Volksvermögens  von  1895/96  bis  1910/11  auf  50—60%
stellen.  Auf  der  Basis  von  200  Milliarden  Volksvermögen
im  Jahre  1895  ergibt  sich  also  für  1910/11  ein  Volksvermögen ­
  von  300  bis  320  Milliarden  Mark.  Dieses  Ergebnis
steht  in  guter  Uebereinstimmung  mit  dem  oben  auf  Grund
der  beiden  verschiedenen  Methoden  für  die  Jetztzeit  errechneten
  Betrage  von  290  bis  330  Milliarden  Mark.  Dagegen ­
  erscheint  die  Steinmann-Buchersche  Schätzung,  die
bereits  für  1908  auf  ein  Volksvermögen  von  350  Milliarden
Mark  hinauskam,  etwas  zu  hoch  gegriffen.
Unsere  Schätzung  des  deutschen  Volksvermögens  auf
290  bis  320  Milliarden  Mark  ergibt  einen  Durchschnittssatz ­
  für  den  Kopf  der  Bevölkerung  von  4500  bis
4900  Mark.
Die  letzte  methodische  Veranschlagung  für  Frankreich
(Edmond  Thery)  ergibt  für  das  Jahr  1908  287  Milliarden
Francs  =  232,5  Milliarden  Mark,  gegen  243  Milliarden
Francs  =  200,8  Milliarden  Mark  für  das  Jahr  1892.  Auf
den  Kopf  der  französischen  Bevölkerung  kam  hiernach
im  Jahre  1908  ein  durchschnittliches  Vermögen  von  7  314
Francs  =  5  924  Mark.  In  der  Summe  des  Volksvermögens
hat  also  Deutschland  seit  den  neunziger  Jahren  Frankreich
beträchtlich  überholt.  Dagegen  ist  Frankreich  an  durchschnittlichem ­
  Vermögen  pro  Kopf  der  Bevölkerung  uns  noch
überlegen.
Für  England  bewegen  sich  die  Veranschlagungen  um
230  bis  260  Milliarden  Mark  =  5100  bis  5800  Mark  pro  Kopf.
        <pb n="118" />
        115

8*

Für  die  Vereinigten  Staaten  veranschlagt  das  „Census
Office“  das  Volksvermögen  jetzt  auf  rund  500  Milliarden
Mark  =  5500  Mark  pro  Kopf.
Deutschland  würde  demnach  in  dem  durchschnittlichen
Vermögen  pro  Kopf  der  Bevölkerung  auch  heute  noch  hinter
Frankreich,  England  und  den  Vereinigten  Staaten  zurückstehen. ­
  Dagegen  wäre  es  in  der  Gesamtsumme  des  Volksvermögens ­
  Frankreich  und  England  um  ein  Viertel  bis  ein
Fünftel  überlegen,  während  die  Vereinigten  Staaten  Deutschland ­
  um  mehr  als  die  Hälfte  übertreffen.
Da  aber  die  Schätzungen  für  die  fremden  Länder  auf
einer  womöglich  noch  weniger  sicheren  Grundlage  beruhen
als  diejenigen  für  Deutschland,  muss  man  auch  für  diese
Vergleichungen  die  weitestgehenden  Vorbehalte  machen.
3.  Der  Jahreszuwachs  des  deutschen  Volkswohlstandes. ­

Der  jährliche  Bruttoertrag  der  deutschen  Volkswirtschaft
wurde  oben  für  die  Gegenwart  auf  rund  40  Milliarden  Mark
veranschlagt.  Dieses  Roheinkommen  wird  im  Laufe  des
Jahres  zu  einem  grossen,  zunächst  noch  unbestimmten  Teil
verbraucht.  Der  verbleibende  Ueberschuss  wächst  dem
deutschen  Volksvermögen  als  Reinertrag,  oder  —  wenn  man
so  will  —  als  „Ersparnis“  zu.
Ein  nicht  geringer  Teil  des  Verbrauchs  entfällt  auf  das
Reich,  die  Bundesstaaten  und  die  sonstigen  öffentlichen ­
  Körperschaften.  Die  ordentlichen  Ausgaben  des
Reichs  sind  zurzeit  auf  etwa  3  Milliarden  Mark  für  das  Jahr  zu
veranschlagen,  diejenigen  der  sämtlichen  Einzelstaaten  auf
rund  5,8  Milliarden  Mark,  zusammen  also  auf  8,8  Milliarden
Mark.  Von  diesen  Ausgaben  fallen  auf  staatliche  Erwerbsbetriebe, ­
  die  hier  nicht  mitzählen,  etwa  3,6  Milliarden  Mark,
so  dass  als  eigentlicher  staatlicher  Verbrauch  die  Summe
        <pb n="119" />
        116

von  5,2  Milliarden  Mark  jährlich  verbleibt.  Die  ausserordentlichen ­
  Ausgaben  des  Reichs  und  der  Einzelstaaten
sollen  ausser  Betracht  bleiben,  da  sie  zum  grössten  Teil
das  öffentliche  Vermögen  vermehren  helfen,  also  nicht  als
Verbrauch  im  eigentlichen  Sinne  anzusehen  sind.  Zu  den
staatlichen  Ausgaben  kommen  die  Ausgaben  der  kommunalen
und  sonstigen  öffentlichen  Körperschaften,  die  mit  2  Milliarden ­
  Mark  kaum  zu  hoch  veranschlagt  sind.  Die  Gesamtheit ­
  des  öffentlichen  Verbrauchs  würde  sich  mithin  auf
etwas  über  7  Milliarden  Mark,  also  auf  etwa  ein  Sechstel
des  jährlichen  Volkseinkommens,  stellen.  Dabei  sind  die
Leistungen  für  die  Arbeiterversicherung,  deren  Einnahmen
jetzt  den  Betrag  von  einer  Milliarde  Mark  im  Jahr  überschritten ­
  haben  und  damit  die  gesamten  ordentlichen  Ausgaben ­
  für  das  Landheer  und  die  Marine  übertreffen,  nicht
eingerechnet,  da  diese  Leistungen  zum  Teil  der  Vermögensansammlung ­
  der  Versicherungsanstalten  dienen,  zum  andern
Teil,  soweit  sie  zu  Entschädigungen  verwendet  werden,  bei  den
Rentenbeziehern  wieder  als  Einkommen  in  Erscheinung  treten.
Lediglich  die  Verwaltungskosten  im  Betrag  von  etwa  80  Millionen ­
  Mark  wären  dem  öffentlichen  Verbrauch  zuzuschlagen.
Der  Verbrauch  der  Privaten  lässt  sich  statistisch  nicht
erfassen.  Dagegen  gibt  es  einige  Anhaltspunkte  für  denjenigen ­
  Betrag,  der  als  nicht  verausgabt  dem  Volksvermögen
zuwächst.
Der  Zuwachs  des  Volksvermögens  tritt  unmittelbar
in  Erscheinung  in  den  Ziffern  der  Emission  von  neuen
Wertpapieren,  in  der  Statistik  der  Bankdepositen,  in  der
Entwicklung  der  Einlagen  bei  Sparkassen  und  Genossenschaften. ­

Die  Emissionen  von  neuen  Börsenwerten  auf  den
deutschen  Märkten  im  letzten  Vierteljahrhundert  zeigt  die
nebenstehende  Aufstellung.
        <pb n="120" />
        117

Emissionen  in  Deutschland  (nach  dem  Kurswert.)

Oeffentlicher  Kredit

Boden-Jahre



Staats-Kommunal-







anleihen

zusammen

Pfandbriefe

in  Millionen  Mark

1886—1890

1  508

274

1  782

1  248

1891—1895

1  356

409

1  765

2  189

1896-1900

838

841

1  679

1  879

1901—1905

2  125

1  195

3  320

2  262

1906—1910

4  131

1  942

6  073

2  588

1911

242

309

551

650

1912

642

366

1  008

309

Jahre

Indus
Industrieobligationen ­


trieller  und  k
Industrieaktien ­

in  Millioi

ommerzieller
Bankaktien
len  Mark

&amp;lt;redit
Zusammen

1886—1890

146

800

329

1  275

1891  —  1895

202

372

257

831

1896—1900

497

2  495

1  303

4  295

1901—1905

642

1  456

561

2  659

1906—1910

1  080

2  921

858

4  859

1911

294

536

177

1  007

1912

388

906

140

1434

Jahre

Inlandswerte
überhaupt

Auslandswerte ­

überhaupt
in  Millioi

zusammen
len  Mark

durchschnittlich ­

pro  Jahr

1886—1890

4360

2  322

6  682

1  336

1891—1895

4  833

1  462

6  295

1  259

1896-1900

8216

2  420

10636

2  127

1901-1905

8  339

2  147

10  486

2  097

1906-1910

12  615

1497

14112

2  822

1911

2  249

460

2  709

2  709

1912

2  751

270

3  021

3  021
        <pb n="121" />
        118

Der  Zuwachs  an  neuen  Börsenwerten  hat  also  in  den
27  Jahren  seit  1886  rund  53—54  Milliarden  Mark  betragen,
also  im  Jahresdurchschnitt  fast  genau  2  Milliarden  Mark.
In  den  letzten  sieben  Jahren  war  der  durchschnittliche  Zuwachs ­
  nahezu  3  Milliarden  Mark.  Der  Zugang  besteht
nicht  durchweg  aus  neu  gebildeter  Vermögenssubstanz;
unter  den  Neu-Emissionen  sind  zahlreiche  Werte  enthalten,
die  durch  die  Umwandlung  bestehender  Privatunternehmungen
in  Aktiengesellschaften  lediglich  die  Form  von  Effekten  angenommen ­
  haben.  Dem  Zugang  steht  auch  ein  nicht  unbeträchtlicher ­
  Abgang  gegenüber,  teils  infolge  von  Rückzahlungen ­
  und  Liquidationen,  teils  infolge  von  Abwanderungen ­
  nach  dem  Ausland.  Andererseits  hat  die  Anlage  in
Effekten  an  ausländischen  Plätzen  und  die  Anlage  in  nicht
börsenmässig  gehandelten  Wertpapieren  eine  starke  Zunahme ­
  erfahren,  ebenso  wie  die  Kurssteigerung  zahlreicher
industrieller  und  kommerzieller  Dividendenwerte  den  Kursrückgang ­
  der  festverzinslichen  Papiere  sicher  bedeutend
überwogen  hat.  Man  wird  also  im  grossen  ganzen  die
sich  aus  der  Emissionsstatistik  ergebenden  Ziffern  für  annähernd ­
  zutreffend  halten  können.
Die  Guthaben  bei  den  deutschen  Kreditbanken  haben
von  1895  bis  1912  um  mehr  als  7V 2  Milliarden  Mark  zugenommen, ­
  von  1770  Millionen  auf  9360  Millionen  Mark.
Der  durchschnittliche  Jahreszuwachs  beträgt  also  etwa
460  Millionen  Mark.
Die  deutschen  Sparkassen  haben  ihre  Einlagen  von
6,8  Milliarden  Mark  im  Jahre  1895  auf  8,8  Milliarden  Mark
im  Jahre  1900  und  auf  17,8  Milliarden  Mark  im  Jahre  1911
vermehrt,  also  im  ganzen  von  1895  bis  1911  um  11  Milliarden ­
  Mark  =  690  Millionen  Mark  im  Jahresdurchschnitt.
Das  Vermögen  der  Arbeiterversicherung  wächst  jetzt  um
mindestens  500  Millionen  Mark  pro  Jahr.  Allein  die  Summe  der
        <pb n="122" />
        119

jährlichen  Emissionen,  die  Zunahme  der  Bankdepositen,  der
Sparkasseneinlagen  und  des  Vermögens  der  Arbeiterversicherung ­
  ergibt  einen  Betrag  von  4 x / 2  Milliarden  Mark.
Es  ist  klar,  dass  diese  Ziffer  die  Zunahme  des  Volksvermögens ­
  nicht  entfernt  erschöpft.  Denn  nur  ein  Teil  des
jährlich  sich  neu  bildenden  Kapitals  kommt  in  der  Form
von  börsengängigen  Effekten  auf  den  Markt  oder  tritt  als
Bank-  oder  Sparkasseneinlage  in  Erscheinung;  ein  anderer
Teil  von  unbestimmter  und  kaum  bestimmbarer  Grösse
wächst,  ohne  in  einer  solchen  Weise  sichtbar  zu  werden,
den  privaten  Einzelunternehmungen  in  allen  Berufsgruppen
als  verdientes  und  erspartes  Betriebskapital  zu  und  vermehrt
das  Verbrauchsvermögen  der  einzelnen  Personen  und  der
einzelnen  Haushaltungen,  das  mit  dem  wachsenden  Wohlstand ­
  und  der  sich  verfeinernden  Kultur,  mit  den  steigenden
Ansprüchen  an  Gediegenheit,  an  Komfort  und  Luxus  immer
grösser  und  wertvoller  wird.  Da  es  jedoch  gänzlich  an
Anhaltspunkten  fehlt,  um  diesen  Teil  des  Vermögenszuwachses ­
  zu  erfassen,  so  bleibt,  um  zu  einer  ungefähren
Vorstellung  des  Gesamtzuwachses  zu  kommen,  nur  der
Rückgriff  auf  die  oben  gegebenen  Ziffern  der  Entwicklung
des  Volksvermögens  während  der  letzten  Jahrzehnte.
Nach  unseren  Berechnungen  macht  zurzeit  das  in
Preussen  zur  Ergänzungssteuer  veranlagte  Vermögen  mit
104  Milliarden  Mark  etwa  ein  Drittel,  das  im  Deutschen
Reich  gegen  Feuer  versicherte  Vermögen  mit  221  Milliarden
Mark  etwa  zwei  Drittel  des  gesamten  deutschen  Volksvermögens ­
  aus.  Wendet  man  dieses  Verhältnis  auf  die  Zunahme ­
  des  in  Preussen  veranlagten  Vermögens  und  des
gegen  Feuer  versicherten  Vermögens  an,  und  setzt  man  jeweils ­
  ein  Viertel  der  sich  so  ergebenden  Zunahme  auf
Rechnung  der  schärferen  Veranlagung  und  vollständigeren
        <pb n="123" />
        120

Versicherung,  so  kommt  man  zu  folgenden  Schlüssen  über
den  Zuwachs  des  gesamten  deutschen  Volksvermögens:
1.  Nach  der  Veranlagung  zur  Ergänzungssteuer.
Von  1896  —  1911  ist  das  veranlagte  Vermögen  von
63,6  auf  104,0  Milliarden  Mark,  also  um  rund  40  Milliarden
Mark,  gestiegen.  Die  Zunahme  des  gesamten  deutschen
Volksvermögens  ist  nach  dem  angenommenen  Verhältnis
dreimal  so  gross,  abzüglich  25%.  also  120-/.  30  =  90  Milliarden ­
  Mark  in  den  15  Jahren.  Daraus  ergibt  sich  ein
durchschnittlicher  Jahreszuwachs  von  6  Milliarden  Mark.
Der  Zuwachs  war  in  den  einzelnen  Perioden  von  je  drei
Jahren  verschieden  gross;  er  berechnet  sich  wie  folgt  (in
Milliarden  Mark):

Jährlicher  Zuwachs

des
veranlagten
Vermögens

des  gesamten
Volksvermögens

Im

Durchschnitt

1896—1899

2155

6,4  7.25%  =4,8

y&amp;gt;

1899-1902

1536

4,6  7.250/ 0 =3,6

JJ

n

1902—1905

2  253

6,77.25% = 5,0

V

1905-1908

3081

9,2  7.25%  =  6,9

y&amp;gt;

»

1908—1911

4468

13,4  7.25%=10,0

2.  Nach  den  gegen  Feuer  versicherten  Werten.
Die  Zunahme  dieser  Werte  von  1896  bis  1911  geht  von
117,3  auf  221  Milliarden  M.,beträgt  also  rund  104  Milliarden  M.
Danach  würde  sich  die  Zunahme  des  Volksvermögens  auf
|X  104  7-25%  =  117  Milliarden  Mark  stellen,  also  höher
als  auf  Grund  der  Veranlagung  zur  Vermögenssteuer.
Der  Zuwachs  in  den  einzelnen  Zeitabschnitten  würde
sich  wie  folgt  berechnen  (in  Milliarden  Mark):
        <pb n="124" />
        121

Jährlicher  Zuwachs

des  gegen
Feuer
versicherten
Vermögens

des  gesamten
Volksvermögens

Im

Durchschnitt

1896—1902

5119

7,77.25%=  5,8

V

1902—1905

6993

10,47.25%=  7,8

»

V

1905—1908

8457

12,67.25  %=  9,5

V

tr

1908—1911

8  879

13,3  7.25%  =10,0

Die  leidliche  Uebereinstimmung  im  Gesamtergebnis  der
beiden  Berechnungsarten  gestattet,  für  die  letzten  15Jahre  einen
jährlichen  Durchschnitt  des  Zuwachses  des  deutschen  Volksvermögens ­
  in  Höhe  von  6  bis  7  Milliarden  Mark  anzunehmen,
wovon  etwa  die  Hälfte  auf  die  sichtbare  Zunahme  an  Effektenbesitz
  und  Barguthaben  kommen  würde;  für  die  allerletzten
Jahre  stellt  sich  der  Zuwachs  an  Volksvermögen  auf
rund  10  Milliarden  Mark,  und  auch  hiervon  würde  nach
den  oben  gegebenen  Zahlen  die  ungefähre  Hälfte  auf  die  erwähnte ­
  sichtbare  Zunahme  entfallen.
In  den  Ziffern  der  jährlichenZunahme  des  Volksvermögens
ist  natürlich  auch  der  bei  der  Berechnung  des  Volkseinkommens
nicht  berücksichtigte  selbsttätigeWertzuwachs  des  vorhandenen
Besitzes,  namentlich  an  Grund  und  Boden,  enthalten.  Dieser
automatische  Wertzuwachs  ist  von  Schmoller  schon  für  das
Jahr  1886  in  Anlehnung  an  eine  Schätzung  Beckers  auf
2,5  Milliarden  Mark  beziffert  worden,  und  Steimann-Bucher
beziffert  diesen  Wertzuwachs  sogar  auf  3  bis  4  Milliarden
Mark,  nämlich  auf  4°/ 0  des  von  ihm  mit  90  bis  100  Milliarden ­
  Mark  angenommenen  Wertes  des  städtischen  und
ländlichen  Grundbesitzes.
Doch  schon  die  ältere  Veranschlagung  von  2,5  Milliarden
erscheint  zu  hoch.  Der  Wertzuwachs  des  Grundbesitzes
        <pb n="125" />
        122

ist  jedenfalls  bedeutend  überschätzt  worden,  indem  man
von  den  Ausnahmeverhältnissen  in  den  rasch  zunehmenden ­
  Grossstädten  ausging.  In  den  Mittel-  und  Kleinstädten
hat  ein  nennenswerter  „unverdienter  Wertzuwachs“  nur  in
ganz  beschränktem  Umfange  stattgefunden,  und  auf  dem
platten  Lande  ist  die  Wertsteigerung  des  Grundbesitzes,  wo
sie  eingetreten  ist,  zum  überwiegenden  Teil  auf  Meliorationen ­
  und  rationellere  Bewirtschaftung  zurückzuführen.
Ein  durchschnittlicher  Satz  von  \  l / z  bis  2°/ 0  auf  den  oben  auf
70  Milliarden  Mark  veranschlagten  Bodenwert,  also  etwa
1  bis  V/ 2  Milliarde  Mark,  die  in  Rücksicht  auf  den  automatischen
Wertzuwachs  sonstigen  Besitzes  vielleicht  um  eine  halbe
Milliarde  erhöht  werden  kann,  dürfte  besser  mit  den  Tatsachen ­
  im  Einklang  stehen.  Es  würden  dann  zurzeit  etwa
8—872  Milliarden  Mark  pro  Jahr  auf  die  erarbeitete  Zunahme ­
  des  Volkswohlstandes  kommen.
Es  erübrigt  sich  die  Bemerkung,  dass  der  zahlenmässige
  Ausdruck  der  Entwicklung  des  Volksvermögens  und
des  Volkseinkommens,  selbst  wenn  die  Grundlagen  für  die
Berechnungen  zuverlässiger  wären,  als  sie  leider  sind,  keine
mathematische  Genauigkeit  beanspruchen  kann.  Die  Werte
des  Vermögens  und  Einkommens  sind  in  diesen  Zahlen  auf
das  Geld  zurückgeführt,  auf  den  einzigen  einheitlichen  Nenner,
der  uns  für  wirtschaftliche  Werte  zur  Verfügung  steht.  Der
Wert  des  Geldes  selbst  aber  ist  bekanntlich  keine  unbedingt
gleichmässige  Grösse;  so  mag  vor  allem  die  Frage  offen
bleiben,  ob  nicht  der  Wert  des  Geldes  im  Laufe  der  Zeit,
die  dieser  Betrachtung  zugrunde  liegt,  eine  Verminderung
erfahren  hat,  eine  Annahme,  für  die  namentlich  die  allgemeine ­
  Steigerung  der  Preise  als  Argument  angeführt  wird.
Daraus  würde  sich  eventuell  eine  in  ihrem  Umfange  nicht
genau  festzustellende  Berichtigung  der  in  der  obigen  Darstellung ­
  enthaltenen  Zahlen  ergeben.  Diese  Berichtigung
        <pb n="126" />
        123

könnte  aber  jedenfalls  nur  bescheidener  Natur  sein  und  würde
die  wesentlichen  Züge  der  geschilderten  Entwicklung  nicht
zu  verwischen  vermögen..
Das  Ergebnis  der  vorstehenden  Untersuchung  lässt  sich
wie  folgt  zusammenfassen:
Das  deutsche  Volkseinkommen  beträgt  heute
rund  40Milliarden  jährlich,  gegen  22—25  Milliarden
Mark  um  das  Jahr  1895.
Von  den  40  Milliarden  werden  jährlich  etwa
7  Milliarden  Mark,  also  etwa  ein  Sechstel,  für
öffentliche  Zwecke  aufgewendet,  etwa  25  Milliarden
Mark  dienen  dem  privaten  Verbrauch  und  etwa
8—8V 2  Milliarden,  die  sich  durch  den  automatischen ­
  Wertzuwachs  des  vorhandenen  Vermögens
auf  10  Milliarden  Mark  erhöhen,  wachsen  als
Mehrung  dem  Volksvermögen  zu,  gegen  etwa
4 x /2—5  Milliarden  vor  15  Jahren.
Das  deutsche  Volksvermögen  beträgt  heute  mehr
als  300  Milliarden  Mark,  gegen  rund  200  Milliarden
Mark  um  die  Mitte  der  90er  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts. ­

Diese  lapidaren  Ziffern  fassen,  in  Geldeswert  ausgedrückt, ­
  das  Ergebnis  der  gewaltigen  wirtschaftlichen  Arbeit
zusammen,  die  Deutschland  unter  der  Regierung  unseres
Kaisers  geleistet  hat.
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        Schluss.

Wer  einen  weiten  Weg  gewandert  ist,  tut  gut,  einzuhalten ­
  und  sich  umzusehen
Unser  Rückblick  lässt  jedes  Herz  in  Stolz  und  Freude
höher  schlagen.  Das  deutsche  Volk  hat  in  den  fünfundzwanzig ­
  Jahren  der  Regierung  unseres  Kaisers  das  Pfund,
das  ihm  anvertraut  ist,  in  eiserner  Arbeit  genutzt  und  gemehrt. ­
  In  der  Ausbildung  der  wissenschaftlich-praktischen
Technik  und  der  alle  Kräfte  und  Mittel  wirksam  zusammenfassenden ­
  wirtschaftlichen  Organisation,  in  der  Steigerung
der  Qütererzeugung  und  des  Verkehrs,  in  der  Erweiterung
und  Festigung  unserer  wirtschaftlichen  Weltstellung,  in
der  Verbesserung  der  Einkommens-  und  Vermögensverhältnisse ­
  und  in  der  Hebung  der  gesamten  Lebenshaltung  unserer
in  gesundem  Wachstum  fortschreitenden  Bevölkerung  —  in
allen  diesen  Fortschritten  hat  Deutschland  sich  auf  eine  in
seiner  ganzen  Geschichte  niemals  erreichte  Stufe  emporgearbeitet ­
  und  im  friedlichen  Wettkampf  der  Nationen  den
ersten  und  mächtigsten  Mitbewerbern  sich  gleichwertig  erwiesen. ­
  Stärker  noch  als  die  in  grossen  Zahlen  klingenden
Erfolge  wirkt  auf  den  Beschauer  das  Gefühl  der  elementaren
Lebenskraft,  die  in  den  Adern  des  deutschen  Volkskörpers
schlägt  und  alle  seine  Glieder  dehnt  und  reckt.
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        125

Der  Stolz  über  die  gewaltige  Leistung,  die  unsere
Nation  unter  ihres  Kaisers  Führung  in  Zusammenfassung
aller  ihrer  wirtschaftlichen  Kräfte  im  letzten  Vierteljahrhundert
vollbracht  hat,  ist  unser  gutes  Recht,  und  dieses  guten
Rechtes  müssen  wir  uns  mehr  und  mehr  bewusst  werden.
Die  Zeiten  der  Not  und  Bedrückung  haben  tiefe  Spuren  im
Gefühlsleben  unseres  Volkes  hinterlassen.  Der  Deutsche
hatte  sich  daran  gewöhnt,  beiseite  zu  stehen  und  sich  vor
der  Ueberlegenheit  anderer  in  Demut  zu  beugen.  Als  dann
für  unser  Volk  die  grosse  Schicksalswende  kam,  die  uns
von  fremdem  Joch  erlöste  und  zur  nationalen  Einheit  führte,
da  sind  uns  die  Kräfte  schneller  gewachsen  als  das  Kraftbewusstsein. ­
  Auch  heute  ist  dieses  Gleichgewicht  für  das
Volk  als  Ganzes  noch  nicht  gewonnen.  Gerade  in  den
ernsten  Lagen  der  letzten  Jahre  ist  in  weiten  Kreisen  oft
genug  ein  Mangel  an  Selbstsicherheit,  beruhend  auf  der  ungenügenden ­
  Kenntnis  der  eigenen  Stärke,  zutage  getreten,
hat  die  Gegner  ermutigt  und  die  eigene  Stellung  geschwächt.
Die  Rückschau  auf  den  Weg,  den  unser  Volk  durchwandert
hat,  mag  dazu  beitragen,  das  deutsche  Selbstvertrauen  auf
die  Höhe  der  deutschen  Volkskraft  zu  bringen.
Aber  diese  Rückschau  soll  uns  auch  vor  eitler  Selbstüberschätzung ­
  und  flachem  Hochmut  bewahren.  Nur  der
Philister  kann,  ohne  dass  ernste  Untertöne  mitschwingen,
gedankenlos  sich  daran  ergötzen,  „wie  wir’s  dann  zuletzt  so
herrlich  weit  gebracht“.  Wer  die  Geschichte  der  Völker
kennt,  der  weiss,  dass  jeder  grosse  Aufstieg  neue  und  schwere
Probleme  schafft  und  Keime  in  sich  trägt,  die  seinen  eigenen
Wurzeln  gefährlich  werden.  Selbst  dem  oberflächlichsten
Beschauer  unserer  Zeit  drängen  sich  Erscheinungen  auf,  die
nicht  danach  angetan  sind,  eine  geruhsame  Befriedigung  aufkommen
  zu  lassen.  Die  grossen  Verschiebungen  im  inneren
Aufbau  unseres  Volkskörpers  —  im  Verhältnis  von  Stadt
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        126

und  Land,  in  der  beruflichen  und  sozialen  Gliederung,  in
den  Vermögensverhältnissen  —  haben  Spannungszustände
erzeugt,  die  in  der  gärenden  Unrast  unserer  Zeit  auf  allen
Gebieten  des  Gemeinschaftslebens  zutage  treten.  Während
unsere  Nation  als  Ganzes  in  wirtschaftlicher  Kraftentfaltung
das  Höchste  leistet,  sehen  wir  die  Grundlagen  der  sittlichen
und  körperlichen  Gesundheit  grosser  Volksteile  durch  eben
diese  Entwicklung  bedroht,  sehen  wir  das  einheitliche  Zusammenwirken, ­
  das  uns  gross  gemacht,  durch  Klassenkampf
und  Klassenhass  gefährdet,  sehen  wir  vielfach  an  Stelle  der
zähen  Arbeit  schlaffes  Wohlleben,  an  Stelle  der  strengen
Sparsamkeit  sinnlose  Verschwendung  und  herausfordernden
Luxus,  an  Stelle  der  Opferbereitschaft  und  Pflichterfüllung
Begehrlichkeit  und  Genusssucht.  Dies  alles,  während  unser
Aufstieg  uns  in  der  Aussenwelt  neben  Anerkennung  und
Bewunderung  auch  Neid  und  Eifersucht  geweckt  hat,  und
während  der  sich  verschärfende  Wettbewerb  mit  den  anderen
wirtschaftlichen  Grossmächten,  zusammen  mit  der  zunehmenden ­
  Verflechtung  unserer  Volkswirtschaft  in  der  Weltwirtschaft, ­
  uns  zwingt,  alle  Kräfte  anzuspannen,  um  das  Erreichte
zu  behaupten,  zu  schützen  und  weiter  auszubauen.
Es  ist  eine  Fülle  verantwortungsschwerer  Aufgaben,  die
wir  neben  all  den  grossen  Errungenschaften  an  dem  Gedenktage ­
  unseres  Kaisers  in  die  Zukunft  mit  hinübernehmen.
Es  gilt,  gegen  einseitige  Entwicklungen  Gegengewichte  zu
schaffen;  es  gilt,  eine  gewaltsame  und  zerstörende  Entladung
der  aus  einer  raschen  Ausdehnung  und  starken  inneren  Verschiebung ­
  unseres  Volksganzen  entstandenen  Spannungen  zu
vermeiden  und  die  tief  gewordenen  Gegensätze  aus  einem
klaren  Verständnis  ihrer  Ursachen  und  Folgen  mit  Vorsicht
und  Geduld,  aber  auch  mit  Festigkeit  und  Nachdruck  einem
Ausgleich  zuzuführen;  es  gilt  vor  allem,  die  sittliche  und
geistige  Weiterbildung  des  deutschen  Volkes  im  Einklang  zu
        <pb n="130" />
        127

halten  mit  den  glänzenden  Fortschritten  unserer  Wirtschaftsund ­
  Wohlstandsentwicklung.
Die  Aufgabe  reicht  weit  über  das  Gebiet  der  staatlichen
Betätigung  in  Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Politik  hinaus;
jeder  Einzelne  ist  als  Staatsbürger  und  Persönlichkeit  zur
Mitarbeit  berufen.  Wie  diese  Aufgabe  von  den  Besten  der
Nation,  wie  sie  vor  allem  von  unserem  Kaiser  in  ihrer  ganzen
Wucht  erkannt  und  gewürdigt  wird,  wieviel  ernste  Arbeit  in
den  vergangenen  Jahrzehnten  aus  der  Initiative  und  mit  der
Förderung  unseres  Kaiserpaares  ihrer  Lösung  gewidmet
worden  ist,  welche  grossen  und  verheissungsvollen  Erfolge
auf  wichtigen  Gebieten  bereits  errungen  sind,  dafür  sind  die
einzelnen  Abschnitte  des  Gedenkwerkes  ein  beredtes  Zeugnis.*)
Möchte  es  unserem  Kaiser  beschieden  sein,  in  den
kommenden  Jahren  die  Früchte  soviel  ernster  Arbeit  reifen
zu  sehen  und  zu  erleben,  dass  sein  Volk  jenem  harmonischen
Gleichgewicht  der  sittlichen,  geistigen  und  wirtschaftlichen
Kräfte  näher  kommt,  in  dem  allein  der  Zuwachs  an  materiellem ­
  Wohlstand  einen  Aufstieg  zu  höherer  sozialer  Kultur
bedeutet.

*)  Es  sei  insbesondere  auf  folgende  Abschnitte  hingewiesen:
III.  Abschnitt,  Entwicklung  der  Arbeiterversicherung,  S.  169  ff,  mit  Beiträgen ­
  von  Kaufmann,  Sarrasin,  Witowski.  IV.  Abschnitt,  Die  Hebung
der  gesundheitlichen  Verhältnisse  des  deutschen  Volkes,  S.  229  ff,  mit
Beiträgen  von  v.  Behr-Pinnow,  Bier,  Bumm,  Ehrlich,  His,  Heubner  u.  a.
V.  Abschnitt,  Entwicklui  5.  493  ff,  mit  Beiträgen
von  Dietrich  u.  a.
        <pb n="131" />
        Druck  von
J.  S.  Preuss,  Kgl.  Hofbuchdruckerei
Berlin  S.  14,  Dresdenerstr.  43.
        <pb n="132" />
        the  scale  towards  document

113

;n  Posten  ein  ausreichender  Spielraum  liegt,  sei  hier
Jlem  die  Ziffer  von  20  Milliarden  eingesetzt.
)ie  Zusammenstellung  der  verschiedenen  Kategorien  von
5genswerten  ergibt  folgendes  Bild:
r  Feuer  versicherte  Mobilien  und
mmobilien  200  Milliarden  M.
i  und  Boden  in  Stadt  und  Land
*%erksbesitz  5-e,
  auf  dem  Transport  befindliche
Varen  und  Metallgeld  ....
|  gegen  Feuer  versichertes  öffentches
  Vermögen,  einschl.  Eisenbahnen ­

ilanlagen  im  Ausland  ....

o
w

O
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DD
~*l
&amp;gt;
^1
o
CD
CD
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00
O
CO
DD
CO

70
-6

30
20

Summe  331-332  Milliarden  M.
Vährend  also  die  zuerst  angewandte,  im  wesentlichen
er  Veranlagung  zur  Ergänzungssteuer  beruhende  Meals
  Wert  des  deutschen  Volksvermögens  einen  Betrag
und  285  Milliarden  Mark  ergab,  führt  die  zweite,  im
itlichen  die  Statistik  der  Feuerversicherung  benutzende
&amp;gt;de  zu  einem  Wert  von  330  Milliarden  Mark.
Zwischen  diesen  beiden  Grenzen,  also  nahe  bei  der
von  300  Milliarden  Mark,  wird  man  also  den
xhlichen  Wert  des  deutschen  Volksvermögens
n  dürfen.
’rofessor  von  Schmoller  hat  das  deutsche  Volksverl
  für  das  Jahr  1895  auf  200  Milliarden  Mark  geschätzt,
ieser  runden  Zahl  sind  auch  in  den  folgenden  Jahren
die  jüngste  Zeit  eine  Anzahl  von  Schätzungen  stehen
ben.  Seit  1895  aber  hat  sich  das  zur  Ergänzungsveranlagte ­
  Vermögen  in  Preussen  von  63  578  Mil-Mark
  auf  104  057  Millionen  Mark,  also  um  65%,
Iferich:  Deutschlands  Volkswohlstand.

-  -
        <pb n="133" />
        ﻿
        <pb n="134" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
