3.  Der  Tauschwert.

23

1  Krone  (oder  —^  kg  Gold)  =  4  kg  Brot  ändert  in  1  Krone  =
3  kg  Brot,  so  sind  theoretisch  zwei  Fälle  möglich:  es  kann  der
Geldwert  der  Ware  gestiegen,  es  kann  aber  auch  der  Warenwert
des  Geldes,  nämlich  das  Verhältnis  der  Krone  zu  allen  übrigen
Waren  außer  Brot,  gefallen  sein.  Im  täglichen  Leben  kommt  aber
diese  zweite  Eventualität  wegen  ihrer  privatwirtschaftlich  geringeren
Bedeutung  nicht  in  Betracht.
Der  Tauschwert  ist  also  eine  für  eine  größere  Zahl  von  Wirtschaftssubjekten ­
  einheitliche  Größe  und  demnach  ein  Ergebnis  gesellschaftlicher ­
  Entwicklung,  in  welchem  sich  die  individuellen  Einflüsse
verwischen.  Im  Tausche  begegnen  sich  zwar  nur  die  Einzelwillen
des  Käufers  und  Verkäufers,  aber  keineswegs  frei,  sondern  gebunden
durch  ihre  Stellung  zu  den  gegebenen  Grundlagen  der  Volkswirtschaft, ­
  nämlich  der  äußeren  Natur,  der  Bevölkerung  und  der  Gesellschaftsordnung. ­
  Während  das  Kapital  einen  Aufwand  des  Produzenten ­
  bildet  und  zweckbewußt  in  die  Produktion  eingestellt  wird,
können  die  genannten  Einflüsse  ganz  unabhängig  von  dem  Willen
des  Produzenten  bald  hemmend,  bald  fördernd  wirken.  Schönes
Wetter  begünstigt  die  Ernte,  eine  Elementarkatastrophe  schädigt
sie.  Die  Agglomeration  der  Bevölkerung  schafft  den  Grundstücken
in  großen  Städten  einen  „unverdienten  Wertzuwachs",  der  aber
auch  bei  vielen  anderen  Gegenständen  vorkommt,  so  daß  z.  B.  im
französischen  Parlament  ein  Antrag  über  die  Teilung  des  unverdienten ­
  Wertzuwachses  bei  Gemälden  eingebracht  wurde.  Änderung
in  der  Besiedlung  und  Besteuerung  durch  die  Staatsgewalt  können
wieder  eine  Wertverminderung  herbeiführen  usw.  Der  Tauschwert
ist  somit  eine  vom  Kostenwert  und  Gebrauchswert  beeinflußte,  aber
nicht  abhängige  Größe.  Er  ist  auf  jedem  Markt  bereits  vorhanden.
Ihm  wohnt  auch  ein  solches  Beharrungsvermögen  inne,  daß  die
Gegenwart  immer  im  Banne  der  Vergangenheit  steht.  Schon
John  Stuart  Mill  sah  sich  übrigens  genötigt,  im  Gegensatz  zu
seinen  Vorgängern  zu  betonen,  daß  nicht  bloß  der  Wettbewerb,
sondern  auch  die  Gewohnheit  die  Güterverteilung  regelt.  (Princips ­
  of  political  economy,  d.  II,  ch.  IV).  Los  rauertos
mandan  (die  Toten  befehlen),  so  betitelt  der  spanische  Dichter
Jb  anez  einen  seiner  sozialen  Rome.  Die  individuell  verschiedenen
Kostenwerte  münden  also  in  einen  gemeinschaftlichen  Tauschwert
ein,  mit  welchem  sie  in  lebhafter  Wechselwirkung  stehen,  der  sich
aber  in  einer  vollkommen  selbständigen  Sphäre  bildet,  in  der  nicht