50  U.  Die  Bestimmung  des  Wertes  nach  den  bisherigen  Theorien.

unrichtig,  denn  er  sagt  (B.  I,  K.  5):  „Wenn  z.  B.  bei  einem
Jägerstamme  die  Erlegung  eines  Bibers  doppelt  soviel  Arbeit  erfordert, ­
  als  die  Erlegung  eines  Hirsches,  dann  müßte  sich  ein
Biber  naturgemäß  gegen  zwei  Hirsche  eintauschen  lassen,  d.  h.  er
müßte  ebenso  viel  wert  sein."  Ein  Jäger  kann  unter  sonst  gleichen
Umständen  mit  einem  Schuß,  also  mit  gleicher  Arbeitsleistung,  zwei
sehr  verschiedene  Tiere  erlegen,  doch  ist  es  unwahrscheinlich,  daß
die  größere  Menge  und  bessere  Qualität  des  Fleisches  und  Pelzwerks ­
  das  eine  Tier  nicht  wertvoller  macht  als  das  andere.  Die  Dauer
der  aufgewendeten  Arbeitszeit  hängt  nicht  von  der  Art  des  gejagten
Tieres  ab,  die  Art  des  gejagten  Tieres  wird  aber  auf  den  Wert
desselben  doch  nicht  ohne  Einfluß  bleiben.  Andrerseits  kann  der
Umstand,  daß  ein  Jäger  zur  Erlegung  eines  Hirsches  eine  Stunde
und  ein  anderer  zehn  Stunden  gebraucht  hat,  den  Wert  des  zweiten
Hirsches  nicht  auf  das  Zehnfache  des  ersten  erhöhen.  Überdies  mag
in  jenen  Zeiten  die  Vorliebe  für  die  Jagd  bestimmter  Tiere,  die
damit  verbundene  Gefahr,  die  überlieferte  Sitte  und  manches  andere
außerwirtschaftliche  Motiv  schwerer  ins  Gewicht  gefallen  sein  als
die  damals  noch  nicht  sehr  hoch  geschätzte  Arbeit  der  Männer,
da  die  produktive  Arbeit  in  der  Hauptsache  noch  in  den  Händen
der  Frauen  lag.
Die  Arbeit  als  wertbestimmendes  Moment  konnte  erst  in  einer
Zeit  regen  und  freien  Wettbewerbes  hervortreten.  Die  Bedürfnisse
mußten  sich  infolge  größerer  Bevölkerungsdichte  so  gesteigert  haben,
daß  der  einzelne  keine  Aussicht  mehr  hatte,  durch  eigene  Tätigkeit
volle  Befriedigung  derselben  zu  finden.  Dann  mußte  das  Stadium
der  Gebundenheit  der  Berufe,  die  in  Europa  im  Altertum  und
Mittelalter  geherrscht  hatte,  überwunden  sein,  weil  sonst  jeder  in
der  ihm  angeborenen  Stellung  ohne  Rücksicht  auf  den  Ertrag  Arbeit
leisten  mußte.  Erst  in  einer  Zeit,  in  der  jeder  tauschen  will,  weil
er  auf  diese  Weise  eine  reichere  Bedürfnisbefriedigung  erreicht,  und
tauschen  kann,  weil  in  der  fortwirkenden  Arbeitsteilung  der  einzelne
den  ihm  zusagenden  Produktionszweig  von  selbst  findet,  aber  nicht
tauschen  muß,  weil  jeder  volle  Freiheit  für  den  Abschluß  seiner
Tauschverträge  genießt,  wird  man  geneigt  sein,  die  Sache,  die  man
im  Tausche  hingibt,  nach  der  Arbeit  zu  schätzen,  die  man  auf  sie
verwendet  hat,  und  die  Sache,  die  man  im  Tausche  erhält,  nach
der  Arbeit,  die  man  sich  dadurch  selbst  erspart.  Mit  der  Arbeit
gewinnen  auch  die  Kapitalsgüter  an  Bedeutung,  welche  den  Produktionsprozeß ­
  verlängern,  aber  umso  ertragreicher  gestalten,  weil