78  II.  Die  Bestimmung  des  Wertes  nach  den  bisherigen  Theorien.

gezogen  werden  kann,  aber  selbst,  wenn  dies  immer  der  Fall  wäre,
so  wäre  doch  die  Grenze  einer  solchen  Steigerung  bald  erreicht.
Marx  hat  diese  Konsequenz  gesehen  und  auch  mutig  gezogen.
Er  stellt  zu  diesem  Zwecke  das  Gesetz  des  tendenziösen  Falles  der
Profitrate  aus,  welches  besagt,  daß  das  allmähliche  Anwachsen  des
konstanten  Kapitals  gegenüber  dem  variablen  notwendig  zu  einem
graduellen  Fall  der  allgemeinen  Profitrate  bei  gleichbleibender
Rate  des  Mehrwerts  führen  müsse.  Je  mehr  Kapital,  desto
weniger  Gewinn,  weil  das  Kapital  den  Gewinn  nicht  hervorbringt,
sondern  nur  aufißt;  so  denkt  Marx.  Das  steht  nun  in  offenkundigem ­
  Widerspruch  zu  der  modernen  Entwicklung,  denn  wenn
tatsächlich  die  Profitrate  „die  treibende  Macht  in  der  kapitalistischen
Produktion"  &lt;Bd.  III,  1,  S.  241)  ist,  so  könnte  man  sich  die
heutige  riesige  Kapitalskonzentration  nicht  erklären,  da  sie  doch  unter
Strafe  gestellt  wäre.  Marx  meint  nun,  daß  es  dem  Kapitalisten
nicht  aus  die  Profitrate,  sondern  aus  die  Prositmasse  ankomme;
letztere  aber  wachse  in  rascherer  Progression  als  die  Profitrate
fällt,  da  die  Arbeiterbevölkerung  aufgesogen  werden  muß,  so  daß
also  dieselben  Ursachen,  welche  die  Profitrate  fallen  machen,  auch
die  Bildung  von  neuem  Kapital  befördern.  Damit  wird  aber
plötzlich  die  Profitrate  als  „treibende  Macht"  ausgeschaltet,  wohl
nicht  mit  Recht.  Marx  sieht  auch  ein,  daß  sein  Gesetz  mit  der
Wirklichkeit  nicht  stimmt,  die  keineswegs  fallende  Kapitalsgewinne
zeigt,  und  sagt,  es  müsse  Wunder  nehmen,  warum  der  Fall  der
Profitrate  „nicht  größer  oder  rascher"  sei  (Bd.  III,  1,  S.  213).
Er  führt  zu  diesem  Zwecke  einige  entgegenwirkende  Ursachen  auf,
nämlich  den  Ausbeutungsgrad  der  Arbeit,  das  Herabdrücken  des
Arbeitslohnes,  die  Verbilligung  der  Elemente  des  konstanten
Kapitals,  die  relative  Übervölkerung  und  den  Einfluß  des  auswärtigen ­
  Handels.  Das  Gesetz  besteht,  gilt  aber  nicht,  will  er
sagen.  Wenn  man  nun  diese  entgegenwirkenden  Ursachen  untersucht, ­
  so  findet  man,  daß  sie  ein  so  elementares  Gesetz  wie  das
der  fallenden  Profitrate  nicht  aufhalten  könnten.  Eine  steigende
Ausbeutung  der  Arbeitskraft  und  eine  Herabdrückung  des  Lohnes
ist  bei  der  gegenwärtigen  Sozialgesetzgebung  und  Arbeiterorganisation
in  größerem  Maßstabe  kaum  mehr  möglich,  die  Verbilligung  des
konstanten  Kapitals  kann  nicht  zur  Geltung  kommen,  weil  das  fixe
Kapital  gegenüber  dein  zirkulierenden  zunimmt  und  immer  größere
Kapitalswerte  bindet,  der  auswärtige  Handel  könnte  aber  nur  bei
Freihandel  verbilligend  wirken,  der  heute  fast  nirgends  gilt.