81

3.  Kritik  der  Kostentheorien.
Die  hauptsächlich  durch  geistige  Tätigkeit  herbeigeführte  Steigerung
der  Produktivität  darf  man  auch  nicht  mit  Marx  für  eine  freie
Naturgabe  erklären,  denn  sie  erscheint  dort  am  frühsten,  wo  die  Natur
in  Boden  und  Klima  am  wenigsten  freigebig  ist.  Nicht  Natur  ist
ihre  Grundlage,  sondern  Kultur,  also  mühsames  Menfchenwerk.
Wenn  von  Mühe  und  Anstrengung  die  Rede  ist,  so  versteht
man  auch  nicht  bloß  die  Arbeit  im  technischen  Sinne  darunter,
sondern  alle  wirtschaftliche  Tätigkeit,  die  als  planmäßige  Befriedigung ­
  menschlicher  Bedürfnisse  zu  definieren  ist  und  sich  nach
zwei  Richtungen  äußert,  der  produktiven  und  konsumtiven,  auf  die
Herstellung  der  Güter  und  auf  die  Verwendung  derselben.  Der
Reichtum  im  privatwirtschastlichen  und  volkswirtschaftlichen  Sinne
wird  nicht  bloß  gemehrt  durch  Arbeit  in  der  produktiven,  sondern
auch  durch  Sparsamkeit  in  der  konsumtiven  Richtung.  Marx  und
seine  Anhänger  schütten  volle  Schalen  ihres  Spottes  über  die  Produktivität ­
  der  Sparsamkeit  aus,  weil  diese  früher  als  eine  rein
negative  Tätigkeit  aufgefaßt  und  das  Kapital  aus  der  Abstinenz
des  Kapitalisten  erklärt  wurde.  Der  Witz  über  kapitalistische
Asketiker  und  ersparte  Bergwerke  lag  da  sehr  nahe.  Tatsächlich  ist
aber  das  Sparen  eine  ebenso  positive  Tätigkeit  wie  das  Arbeiten  *).
Dadurch  wird  das  bekannte  wirtschaftliche  Prinzip,  demzufolge  man
immer  den  größten  Erfolg  mit  den:  kleinsten  Aufwand  zu  erzielen
trachtet,  auch  auf  die  konsumtive  Seite  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit
übertragen.  Dieselbe  Bedürfnisbefriedigung  läßt  sich  mit  einer
größeren  oder  geringeren  Menge  von  Gütern  bewerkstelligen,  denn
eine  Vergeudung  von  Gütern  ist  niemals  gänzlich,  sondern  nur  in
höherem  oder  geringerem  Grade  zu  vermeiden.  Dabei  tritt  die
geistige  Tätigkeit  in  den  Vordergrund,  weil  der  Schwerpunkt  auf
der  Planmäßigkeit  der  Bedürfnisbefriedigung  ruht.  Die  Güter
müssen  verwaltet,-  aufbewahrt  und  dem  Bedürfe  entsprechend  aufgeteilt ­
  werden.  Das  Sparen  ist  auch  nicht,  wie  Böhm-Bawerk
meint,  eine  bloß  abgeleitete,  sondern  eine  selbständige  und  im
Grunde  originäre  Tätigkeit,  wenn  sie  sich  auch  in  der  heutigen  Entwicklung ­
  nur  im  Anschluß  an  die  Produktion  entfalten  kann.  An
und  für  sich  notwendig  ist  dies  aber  nicht.  Die  Neger  am  Viktoria
Npanza  nähren  sich  von  Bananen,  die  in  den  wildwachsenden
Pflanzungen  so  reichlich  vorkommen,  daß  für  dieses  Nahrungsmittel
st  Eine  dieser  Ansicht  nahekommende  Auffassung  vgl.  bei  Robert  Liefmann,
  Theorie  des  Sparens  und  der  Kapitalbildung  in  „Jahrbuch  für  Gesetzgebung, ­
  Verwaltung  und  Volkswirtschaft".  Jahrg.  1912,  Heft  4.
Gruntzel,  Wert  und  Preis.  6