8.  Kritik  der  Kostentheorien.

83

Mensch  würde  sparen,  wenn  er  in  der  späteren  Produktion  nur
genau  das  ersetzt  bekäme,  was  er  erspart  hat.  Er  verlangt  und
bekommt  einen  besonderen  Ertrag  für  seine  im  Sparen  verwirklichte ­
  wirtschaftliche  Tätigkeit.  Die  Kapitalsgüter  entstehen  also
durch  eine  zweifache  wirtschaftliche  Tätigkeit,  durch  Arbeiten  und
Sparen,  die  beide  originär  sind,  wenn  auch  später  die  zweite  immer
der  ersten  zeitlich  zu  folgen  pflegt.  Den  Gütern  wird  die  Kapitalseigenschaft ­
  nur  durch  den  Besitzer  aufgeprägt,  entweder  schon  im
Momente  der  Herstellung,  wie  bei  Maschinen,  die  niemals  Genußgut ­
  sein  können,  oder  auch  erst  nach  der  Vollendung,  wie  bei
Nahrungsmitteln,  Kleidern  usw.,  wenn  diese  bestimmt  sind,  Arbeitskräfte ­
  zu  erhalten,  die  eine  für  die  Bedürfnisbefriedigung  nicht
unmittelbar  geeignete  Tätigkeit  entfalten.  Die  Ansicht  von
Rodbertus,  daß  Unterhaltsmittel  niemals  Kapital  sind,  weil  sie
nur  produziert  werden,  „damit  davon  gelebt  werde,  nicht,  damit
sie  die  Kraft  geben,  weiter  zu  produzieren",  ist  daher  unrichtig,
denn  die  Kapitalseigenschast  ersieht  man  nicht  aus  der  Güterart,
sondern  aus  der  Zweckbestimmung.
Damit  wird  gleichzeitig  auch  die  von  Böhm-Bawerk  begründete ­
  Agiotheorie  für  den  Kapitalszins  abgelehnt.  Böhm-Bawerk
  (Kapital  und  Kapitalszins,  Bd.  I,  S.  164)  gibt  zwar
die  technische  Produktivität  zu,  d.  h.  er  bestreitet  nicht,  daß  mit  Hilfe
eines  Kapitalsgutes,  eines  Werkzeugs  oder  einer  Maschine,  mehr
Güter  erzeugt  werden  können,  als  ohne  dasselbe.  Daraus  folgere
aber  keineswegs,  daß  der  Wert  dieser  größeren  Zahl  von  Gütern,
die  mit  Kapitals  Hilfe  erzeugt  worden  sind,  größer  sei  als  der  Wert
der  Kapitalsabnützung.  Es  könne  ja  sein,  daß  ein  Kapitalsgut,
welches  mehr  Güter  herstellt,  deshalb  auch  höher  bewertet  wird.
Der  Kapitalszins  sei  nur  darauf  zurückzuführen,  daß  gegenwärtige
Güter  höher  geschätzt  werden  als  zukünftige;  wer  Geld  leihe,  gebe
ein  gegenwärtiges  Gut  für  ein  zukünftiges,  müsse  also  bei  diesem
Tausche  ein  Agio,  nämlich  den  Zins  erzielen.  Diese  Agiotheorie
wird  aber  in  neuester  Zeit  auch  von  Anhängern  der  Grenznutzentheorie ­
  fallen  gelassen  Z.  Die  wertschaffende  Kraft  des  Kapitals
ist  eben  darauf  zurückzuführen,  daß  ein  Kapitalsgut  nicht  bloß
erarbeitet,  sondern  auch  erspart  werden  muß,  daher  auch  für  diese
zweite  wirtschaftliche  Tätigkeit  ein  Anreiz  vorhanden  sein  muß.
'I  Vgl.  Karl  Adler,  Kapitalzins  und  Preisbewegung.  München  und
Leipzig  1918.  —  Otto  Conrad,  Die  Lehre  vom  subjektiven  Wert.  Leipzig
und  Wien  1912.

6*