90  II-  Die  Bestimmung  des  Wertes  nach  den  bisherigen  Theorien.

gebots  verlegt.  Danach  müßte  der  Wert  jedes  alten,  nicht  mehr
reproduzierbaren  Gegenstandes  im  Laufe  der  Zeit  anwachsen,  was
durchaus  nicht  der  Fall  ist,  denn  mindestens  ebenso  einflußreich
sind  die  Momente  aus  der  Seite  der  Nachfrage,  wie  der  Ruf  des
Künstlers,  der  das  Gemälde  gemalt  hat,  die  jeweilige  Mode  in  der
Sammeltätigkeit  usw.  Es  handelt  sich  in  solchen  Fällen  nur  um
eine  relative  Seltenheit,  d.  h.  um  das  Verhältnis  einer  beschränkt
vorhandenen  Menge  zu  der  wechselnden  Nachfrage,  also  auch  um
nichts  anderes  als  Angebot  und  Nachfrage.  Der  Gegenstand  muß
daher  auch  nicht  alt  und  das  Angebot  nicht  absolut  unvermehrbar
sein.  Die  Briefmarken  erhalten  bei  der  herrschenden  Sammeltätigkeit ­
  einen  doppelten  Wert:  den  ersten  nach  der  Herstellung  im
Wege  der  behördlichen  Festsetzung,  der  durch  die  Verwendung  für
Postsendungen  vollständig  zerstört  wird,  den  zweiten  nach  dieser
Zerstörung  durch  die  Spartätigkeit  der  zufälligen  Besitzer  und  die
Nachfrage  der  Briefmarkensammler,  und  zwar  ganz  unabhängig
von  dem  ersten;  dabei  ermöglichen  es  die  Postverwaltungen,  den
ersten  Wert  durch  Abstempelung  sofort  in  den  zweiten  verwandeln
zu  lassen,  in  manchen  überseeischen  Ländern  werden  sogar  die
Emissionen  der  Briefmarken  nicht  selten  von  der  Rücksicht  auf  den
Sammlerwert  beeinflußt.  Ein  charakteristisches  Beispiel  liefert  auch
der  Handel  mit  Menschenhaaren.  Die  Mode  der  Perrücken  und
falschen  Locken  hat  Nachfrage  nach  einer  Sache  hervorgerufen,  die
nicht  produziert,  aber  auch  nicht  nach  der  Höhe  des  Opfers  bewertet ­
  wird,  denn  am  höchsten  im  Preise  stehen  die  weißen  Haare,
auf  die  ein  Verzicht  gewiß  nicht  so  schwer  fällt  als  auf  andere;
fchönes  goldblondes  Haar  kostet  l,20  Frcs.,  weißes  dagegen  von
60—80  ein  Länge  10—20  Frcs.  das  Gramm.  Sehr  deutlich  zeigt
sich  der  Wert  ohne  Kosten  bei  der  Bewertung  von  Unternehmungen,
die  niemals  nach  den  Produktionskosten,  sondern  nach  der  durch
die  Allgemeinheit  beeinflußten  Verdienstmöglichkeit  (earning  capacity)
  erfolgt.  Eine  Papierhandlung  gewinnt  durch  eine  in  der  Nähe
errichtete  Schule,  eine  Konditorei  durch  ein  Theater,  eine  Bäckerei
durch  ein  benachbartes  Selchwarengeschäft  usw.  Die  Beteiligungszisfer
  an  einem  Kartell  oder  Trust,  auch  an  einem  staatlichen  Kartell,
wie  es  das  Branntweinkontingent  in  Deutschland  und  Österreich
oder  das  Zuckerkontingent  in  Rußland  darstellt,  wird  wie  ein
Handelsartikel  gewertet.  Die  Baugründe  eines  Stadtteiles  können
durch  die  Schaffung  eines  Parkes,  eines  Amtsgebäudes  u.  dgl.  an
Wert  gewinnen,  durch  den  Bau  eines  Gefangenhauses,  einer  Heiz-